1867_Marlitt_Mamsell.html




        
                                Eugenie Marlitt
                        Das Geheimnis der alten Mamsell
                                        1
Na jetzt sag mir nur um Gotteswillen wo willst du eigentlich hin Hellwig«
    »Direkt nach X wenn du erlaubst« klang es halb trotzig halb spöttisch
zurück
    »Aber dahin geht es doch in seinem ganzen Leben nicht über eine Anhöhe 
Du bist nicht gescheit Hellwig  Heda ich will aussteigen Ich habe durchaus
keine Lust mich umwerfen zu lassen und meine heilen Knochen einzubüssen  wirst
du wohl halten«
    »Umwerfen Ich  I das wäre doch das erste Mal in meinem Leben«  wollte
er vermutlich sagen aber ein entsetzlicher Krach erfolgte und mit demselben
verstummten die Lippen des Sprechenden wie die eines Toten Das Schnauben und
Stampfen eines Pferdes wurde für einen Augenblick hörbar dann stand das Tier
auf seinen vier Hufen und jagte wie rasend querfeldein
    »Na da haben wir die Bescherung« brummte endlich der erste Sprecher indem
er sich auf dem nassen frisch gepflügten Ackerfelde aufsetzte »He Hellwig
Böhm seid ihr noch am Leben«
    »Ja« rief Hellwig nicht weit von ihm und tastete suchend auf den triefenden
Erdschollen nach seiner Perücke Alles Selbstvertrauen aller Spott waren wie
weggeblasen von dieser schwachen Stimme Auch das dritte Opfer versuchte es
zunächst mit einer Bewegung auf allen vieren wobei es entsetzlich fluchte und
stöhnte denn seine gewaltige Korpulenz fühlte sich unwiderstehlich zur Mutter
Erde hingezogen Endlich war die edle Stellung die den Menschen als die
bevorzugteste Kreatur in Gottes weiter Schöpfung kennzeichnet wiedergewonnen
die drei Gefallenen standen auf ihren Füßen und besannen sich was eigentlich
geschehen sei und was nun geschehen müsse
    Fürs erste lag die kleine Chaise in welcher die drei Herren heute morgen
ihr Vaterstädtchen X verlassen hatten um zu jagen umgestürzt neben der
unglückseligen Anhöhe und zeigte dem Himmel ihre vier Räder wie die drei
tastend bemerkten der Hufschlag des entfliehenden Rappen war längst verhallt
und eine stockfinstere Nacht bedeckte die traurigen Folgen des Hellwigschen
Selbstvertrauens
    »Na hier übernachten können wir nicht  das steht fest Machen wir dass wir
fortkommen« mahnte endlich Hellwig mit ermutigter Stimme
    »Ja nun kommandiere auch noch« grollte der Dicke indem er sich heimlich
überzeugte dass nicht eine seiner Rippen sondern die Scherben seines schönen
Pfeifenkopfes das beängstigende knirschende Geräusch an seiner Herzwand
verursachten »Kommandiere auch noch das steht dir gut an nachdem du um ein
Haar in deinem schandbaren Leichtsinn zwei Familienväter gemordet hättest 
Übernachten will ich freilich nicht in dieser Löwengrube aber nun siehe du
auch wie du Rat schaffst  Nicht zehn Pferde bringen mich ohne Licht von
dieser Stelle Ich versinke zwar im Ackerschlamme und von da drüben her kommt
eine Luft die mir für ein halbes Jahr meinen Rheumatismus in die Knochen jagt 
da drein ergebe ich mich du magst es verantworten Hellwig Aber ich werde
nicht so verrückt sein mir mutwillig in den tausend Löchern und Gräben die
diese gesegnete Gegend aufzuweisen hat Arme und Beine zu brechen oder die Augen
einzuschlagen«
    »Sei kein Narr Doktor« sagte der dritte »Du kannst nicht wie ein
Meilenzeiger abwechselnd auf einem Beine hier stehen und abwarten bis Hellwig
und ich in die Stadt tappen und Hilfe holen Ich hatte längst gemerkt dass
dieser ausgezeichnete Rosselenker zu viel nach links fuhr Wir gehen jetzt
schnurstracks über den Acker nach rechts und kommen an den Fahrweg dafür stehe
ich ein Und nun komm und mache keine Flausen denk an Weib und Kind die
vielleicht jetzt schon jammern und schreien weil du bei der Abendsuppe fehlst«
    Der Dicke brummte etwas von »heilloser Wirtschaft« in den Bart aber er
verließ seinen Posten und tappte mit den anderen vorwärts Das war ein
schreckliches Stück Arbeit Faustdick hingen sich Erdsohlen an die Jagdstiefeln
und hier und da sank ein unsicher tappender Fuß mit aller Vehemenz in eine
Pfütze deren alterierter Wasserspiegel sich sofort in Fontänenform über die
Köpfe und Flausröcke der drei Unglücklichen ergoss Sie erreichten aber doch ohne
ernstlichen Unfall den Fahrweg und nun wurde tapfer und wohlgemut drauf
losgeschritten Selbst der Doktor gewann allmählich seine gute Laune wieder er
brummte mit einem fürchterlichen Basse »Zu Fuß sind wir gar wohl bestellt
juchhe« etc
    In der Nähe der Stadt tauchte ein Licht aus der Finsternis auf es kam in
stürmischer Eile auf die Wandernden zu und Hellwig erkannte alsbald in dem
breiten fröhlich lachenden Gesicht das sich in greller Beleuchtung über die
Laterne erhob seinen Hausknecht Heinrich
    »Ja herrje Herr Hellwig sind Sies denn wirklich« schrie der Bursche
»Die Madame denkt Sie liegen mausetot da draußen«
    »Woher weiß denn meine Frau schon dass wir Unglück gehabt haben«
    »Ja sehen Sie Herr Hellwig da ist heute abend eine Kutsche mit Spielern
angekommen«  der ehrliche Bursche hatte für Schauspieler Taschenspieler
Seiltänzer und dergleichen nur diese eine Rubrik  »und wie die Kutsche in den
Löwen eingefahren ist da war das Beest unser Rappe hintendran als ob er dazu
gehörte Der Löwenwirt kennt ihn ja unseren Alten und hat ihn gleich selbst
gebracht  Na aber der Schreck von der Madame Sie hat mich gleich
fortgeschickt mit der Laterne und Friederike muss einen Kamillentee kochen«
    »Kamillentee  Hm ich meine ein Glas Glühwein oder wenigstens ein
Warmbier wäre vielleicht zweckmässiger gewesen«
    »Ja das meinte ich auch Herr Hellwig aber Sie wissen ja wie die Madame
«
    »Schon gut Heinrich schon gut Jetzt gehe du voran mit der Laterne Wir
wollen machen dass wir heimkommen«
    Auf dem Marktplatze trennten sich die drei Leidensgefährten mit stummem
Händedrucke der eine um pflichtschuldigst seinen Kamillentee zu trinken und
die anderen in dem niederschlagenden Bewusstsein dass ihrer eine Gardinenpredigt
daheim warte Denn die Frauen waren der »noblen Passion« ihrer Eheherren ohnehin
nicht hold und nun lag die Jagdbeute das einzige Beschwichtigungsmittel
zerquetscht draußen unter der umgestürzten Chaise und das mit zähem Schlamme
bedeckte Jagdkostüm verwandelte sicherlich schon die erste Umarmung in einen
jähen Zornausbruch
    Am anderen Morgen klebten an allen Strassenecken rote Zettel welche die
Ankunft des berühmten Eskamoteurs Orlowsky und seine ausgezeichneten
Kunstleistungen ankündigten und eine junge Frau ging von Haus zu Haus um
Billets zu den Vorstellungen anzubieten  Sie war sehr schön diese Frau mit
ihrem prächtigen blonden Haare und der imposanten Gestalt voll Adel und Anmut
aber das liebliche Gesicht war blass »blass wie der Tod« sagten die Leute und
wenn sie die goldig bewimperten Lider hob was nicht häufig geschah da brach
ein rührend sanfter aber tränenvoller Blick aus den dunkelgrauen Augensternen
    Sie kam auch in Hellwigs Haus das stattlichste am Marktplatz
    »Madame« rief Heinrich in das Zimmer im Erdgeschosse während er den
hellpolierten Messingknopf an der glänzend weißen Tür in der Hand behielt »die
Spielersfrau ist draußen«
    »Was will sie« rief eine weibliche Stimme streng zurück
    »Ihr Mann spielt morgen und da möchte sie gern eine Karte an die Madame
verkaufen«
    »Wir sind anständige Christen und haben kein Geld für solche Faxereien 
schick sie fort Heinrich«
    Der Bursche schloss die Tür wieder Er kratzte sich hinter den Ohren und
machte ein sehr verlegenes Gesicht denn die »Spielersfrau« musste ja jedes Wort
gehört haben Sie stand auch einen Augenblick wie zusammengebrochen vor ihm
eine fliegende Röte war in ihr bleiches Gesicht getreten und ein schwerer
Seufzer hob ihre Brust  Da wurde leise ein kleines Fenster geöffnet das in
die Hausflur mündete eine unterdrückte Männerstimme verlangte ein Billet  es
wurde in Empfang genommen und ein harter Taler glitt dafür in die Hand der
jungen Frau Ehe sie nur aufblicken konnte war der Fensterflügel wieder
geschlossen und ein grüner Vorhang hing in dichten undurchdringlichen Falten
hinter den Scheiben Heinrich öffnete mit einem linkischen Kratzfusse und
gutmütig lächelnd die Haustür und die Frau schwankte hinaus schwankte weiter
auf dem Wege voller Dornen und Stacheln
    Der Hausknecht nahm ein Paar blankgewichster Stiefel die er vorhin bei dem
Erscheinen der Frau niedergesetzt hatte wieder auf und trat in das Zimmer
seines Herrn der sich uns jetzt im vollen Tageslichte als einen kleinen
älteren Mann mit einem mageren blassen aber unendlich gutmütigen Gesicht
zeigt
    »Ach Herr Hellwig« meinte Heinrich nachdem er die Stiefel an den
gehörigen Platz gestellt hatte »das war wirklich recht schön dass Sie eine
Karte gekauft haben Die arme Frau sieht ja aus wie s Leiden Christi sie
dauert mich und wenn zehnmal ihr Mann sein Brot nicht ehrlich verdient  Er
hat hier so kein Glück  denken Sie einmal an mich Herr Hellwig«
    »Warum denn nicht Heinrich«
    »Ja weil der Racker unser Rappe sich wie eine Klette an den Wagen gehängt
hat wie er zum Tore hereingefahren ist  das bedeutet nicht Gutes  das
Unglücksvieh kam ja justament von einem Unglücksplatze  Passen Sie mal auf
Herr Hellwig was ich gesagt habe die Leute haben kein Glück«
    Er schüttelte seinen dicken Kopf und ging da sein Herr auf die Prophezeiung
hin weder ein Für noch Wider verlauten ließ wieder in die Hausflur um die
Strohmatte vor der Tür der strengen Madame regelrecht zu placieren die fremde
Frau hatte unbewusst mit dem Fuße daran gestoßen
 
                                       2
Der Rataussaal war gedrängt voll Zuschauer und immer noch strömten die
Menschen die Treppe herauf Heinrich stand im dichtesten Gedränge und suchte
sich schimpfend Luft zu machen mittels derber Püffe und heimlicher Attacken auf
die Hühneraugen seiner Nächsten »Herr Jesus wenn das die Madame wüsste das
gäb ein Donnerwetter  Der Herr müsste gleich morgen in aller Frühe zur
Beichte« flüsterte er vergnüglich schmunzelnd einem Nachbar zu indem er seinen
schwieligen Zeigefinger nach einem der erhöhten Sitze an der Seitenwand des
Saales ausstreckte Dort saß Herr Hellwig in Gesellschaft seines
Leidensgefährten des Doktor Böhm Es hatte dem ehrlichen Burschen Mühe genug
gekostet seinen schmächtigen Herrn herauszufinden denn die Honoratioren waren
stark vertreten Das Programm versprach aber auch lauter neue Wunderdinge und
der Schluss desselben lautete folgendermaßen
    Madame dOrlowska erscheint als Schildjungfrau Sechs Mann Militär werden
mit scharfgeladenem Gewehre auf sie schießen und sie wird mit einem Hiebe ihres
Schwertes die sechs Kugeln in der Luft zerhauen«
    Die Bewohner von X waren hauptsächlich gekommen um sich von der Wahrheit
dieses Wunders überzeugen zu lassen Die schöne junge Frau hatte das allgemeine
Interesse geweckt und jeder mochte gern wissen wie sie wohl aussehe wenn sie
die Feuerrohre auf sich gerichtet wüsste  Es gelang übrigens auch dem
Taschenspieler die Aufmerksamkeit des Publikums für seine Kunstleistungen zu
gewinnen Er war was die Frauen einen interessanten Mann zu nennen pflegen
Mittelgross von schlanker biegsamer Gestalt mit regelmäßigen aber bleichen
Zügen braunen Locken und ausdrucksvollen Augen zeigte er sehr elegante
Manieren und sein eigentümlich klingendes Deutsch das ihn als den Sohn jenes
unglücklichen auseinander gerissenen Volkes kennzeichnete machte ihn noch
anziehender  Das alles war aber sofort vergessen als die annoncierten sechs
Soldaten unter Kommando eines Unteroffiziers aufmarschierten Ein Geräusch
entstand im Publikum wie das Tosen einer Brandung  dann folgte plötzlich
bängliche Stille
    Der Pole trat an einen Tisch und machte die Patronen angesichts des
Publikums Mit einem Hammer klopfte er auf jede einzelne Kugel um die atemlosen
Zuschauer durch den Klang zu überzeugen dass es wirkliche zweilötige
Gewehrkugeln seien Dann gab er jedem der Soldaten eine Patrone und ließ vor den
Augen des Publikums laden  Der Taschenspieler klingelte
    Gleich darauf trat die Frau hinter einem breiten Schirme hervor Sie schritt
langsam seitwärts und stellte sich den Soldaten gegenüber Es war eine
wundervolle Erscheinung den linken Arm deckte der Schild und in der Rechten
hielt sie das Schwert Ein weißes Gewand floss in reichen Falten auf die Füße
nieder um die Hüften legten sich silberglänzende Schuppen und ein strahlender
Harnisch deckte die herrliche Büste  Was war aber all dieser Glanz gegen den
matten Goldschimmer der Haarwellen die unter dem Helme hervorquollen und fast
bis auf den Saum des Gewandes herabfielen
    Das bleiche schwermütige Gesicht richtete den traurigen Blick auf die
Mündungen der todbringenden Waffen die hinüber starrten Keine Wimper zuckte
Nicht die leiseste Bewegung war an dem leicht wallenden Gewande zu bemerken 
sie stand dort wie ein Steinbild  Das letzte Kommando schallte durch den
totenstillen Saal die sechs Schüsse krachten wie aus einem Rohre  sausend
durchschnitt das Schwert die Luft und zwölf halbe Kugeln rasselten auf den
Boden
    Einen Augenblick noch sah man die hohe Gestalt der Schildjungfrau
unbeweglich stehen  der Pulverdampf verwischte ihre Züge und nur matt
schimmerte die Rüstung durch die Wolke  dann schwankte sie plötzlich Schild
und Schwert sanken klirrend zu Boden mit der Rechten griff sie wie nach einem
Halt suchend krampfhaft zuckend in die Luft und taumelte mit dem
herzzerreissenden Schrei »O Gott ich bin getroffen« in die Arme ihres
herbeieilenden Mannes  Er trug sie hinter den Schirm und stürzte gleich
darauf wie ein Rasender auf die Soldaten zu
    Sie hatten sämtlich die Weisung erhalten beim Laden der Gewehre die Kugeln
abzubeissen und im Munde zu behalten das war das ganze Wunder Einer derselben
jedoch ein ungelenkes Bauernkind hatte völlig verwirrt durch den Anblick der
versammelten Menschenmenge in jenem verhängnisvollen Momente den Kopf verloren
 als die fünf anderen auf den leidenschaftlich herausgestossenen Befehl des
Taschenspielers die Kugeln sofort aus dem Munde holten da brachte er zu seinem
eigenen Entsetzen ein wenig Pulver zum Vorschein  seine Kugel hatte die
unglückliche Frau durchbohrt
    Die Züge des Polen verzerrten sich bei diesem Ergebnis in Schmerz und
Verzweiflung und er schlug ganz außer sich den unfreiwilligen Verbrecher ins
Gesicht
    Augenblicklich entstand eine unglaubliche Verwirrung im Saale Mehrere Damen
wurden ohnmächtig und zahllose Stimmen schrien nach einem Arzte Doktor Böhm
aber der den Vorfall schneller begriffen hatte als alle anderen war schon
längst hinter dem Schirme bei der Verwundeten Als er endlich mit erblasstem
Gesichte wieder hervortrat sagte er leise zu Hellwig »Muss ohne Gnade sterben
das arme prächtige Weib«
    Eine Stunde später lag die Frau des Taschenspielers auf einem Bette im
Gasthofe »zum Löwen« Man hatte sie auf einem Sofa aus dem Saale getragen
Heinrich war einer der Träger gewesen »Na Herr Hellwig habe ich recht oder
unrecht mit dem Unglücksvieh dem Rappen« hatte er seinen Herrn im Vorübergehen
gefragt und dabei waren ihm dicke Tränen über die Backen gelaufen
    Die Frau lag still mit geschlossenen Augen da Ihre entfesselten Haare
fielen in einzelnen Strähnen über die weißen Kissen und den Bettrand hinab und
die goldigen Spitzen ringelten sich auf dem dunklen Fussteppich  Vor dem Bette
kniete der Taschenspieler die Hand der Verwundeten ruhte auf seinem Kopfe den
er tief eingewühlt hatte in die Bettdecke
    »Schläft Fee« flüsterte die Frau fast unhörbar während sie mühsam die
Lider öffnete
    Der Taschenspieler hob den Kopf und nahm die bleiche Hand zwischen die
seinigen
    »Ja« murmelte er mit schmerzverzogenen Lippen »Die Tochter des Hauses hat
sie mitgenommen in ihr Schlafzimmer sie liegt dort in einem weißen Bettchen 
unser Kind ist gut aufgehoben Meta mein süßes Leben«
    Die Frau blickte mit einem unaussprechlichen Ausdrucke innerer Leiden auf
ihren Mann dem die Verzweiflung aus den Augen glühte
    »Jasko  ich sterbe« seufzte sie
    Der Taschenspieler sank auf den Teppich zurück und wand sich wie in den
heftigsten körperlichen Schmerzen
    »Meta Meta gehe nicht von mir« rief er außer sich »Du bist das Licht auf
meinem dunklen Wege Du bist der Engel der die Dornen meines verfemten Berufes
sich ins Herz gestoßen hat damit sie mich nicht berühren sollten  Meta wie
soll ich leben wenn du nicht mehr neben mir stehst mit dem behütenden Auge und
dem Herzen voll unsäglicher Liebe Wie soll ich leben wenn ich deine
berauschende Stimme nicht mehr höre dein himmlisches Lächeln nicht mehr sehe
Wie soll ich leben mit dem marternden Bewusstsein dass ich dich an mich gerissen
habe um dich namenlos elend zu machen  Gott Gott da droben du kannst
mich nicht in diese Hölle stoßen « Er weinte leise »Ich will erst sühnen
was ich an dir gefrevelt habe Meta Ich will für dich arbeiten ehrlich
arbeiten bis mir das Blut unter den Nägeln hervorspringt  ich will arbeiten
mit Hacke und Spaten Wir wollen uns still und zufrieden in einen Winkel der
Erde zurückziehen«  er riss das schwarze mit Goldflitter besäte Samtwamms von
den Schultern  »fort mit dem Plunder Er soll mich nie mehr berühren  Meta
bleibe bei mir wir wollen ein neues Leben anfangen«
    Ein schmerzliches Lächeln flog um die Lippen der Sterbenden Mühsam erhob
sie den Kopf er schob seinen Arm unter und presste mit der linken Hand ihr
Gesicht wie wahnsinnig an seine Brust
    »Jasko fasse dich  sei ein Mann« stöhnte sie ihr Haupt sank wie leblos
zurück aber sie öffnete die halb gebrochenen Augen wieder und es schien als
klammere sich die scheidende Seele noch einmal verzweiflungsvoll an die
zusammenbrechende Hülle  diese Lippen die in Staub zerfallen sollten mussten
noch einmal sprechen das Herz durfte nicht stillstehen und die Qualen
unausgesprochener Mutterangst mit unter die Erde nehmen
    »Du bist ungerecht gegen dich selbst Jasko« sagte sie nach einer Pause
während welcher sie noch einmal den Rest ihrer Kräfte zusammengerafft hatte
»ich bin nicht elend geworden durch dich  ich bin geliebt worden wie selten
ein Weib und diese Jahre des Liebesglückes wiegen wohl ein ganzes langes
Menschenleben auf  Ich habe gewusst dass ich dem Taschenspieler meine Hand
reiche  ich bin aus dem Vaterhause das mich um meiner Liebe willen verstiess
hellen Blickes gegangen um an deiner Seite zu leben  Wenn Schatten mein
Glück getrübt haben so trifft mich mich allein die Schuld die ich meine Kraft
überschätzt hatte und die kleinmütig zusammenbrach unter der Misere deiner
Stellung  Jasko« fuhr sie leiser fort »den Mann erhebt der Gedanke dass
seine Kunst gleichviel welche ihn adle über die engherzigen Ansichten der
Menschen  das Weib aber zuckt unter den Nadelstichen einer geringschätzenden
Behandlung  O Jasko die Sorge um Fee macht meine Sterbestunde zu einer
qualvollen schrecklichen Ich beschwöre dich halte das Kind fern von deinem
Berufe«
    Sie fasste nach seiner Hand und zog sie an sich Ihre ganze Seele drängte
sich noch einmal in diese schönen Augen die sich binnen kurzem verdunkeln
sollten im Todeskampfe
    »Ich fordre unsäglich Schweres von dir Jasko« fuhr sie flehentlich fort
»Trenne dich von Fee  gib sie unter die Obhut einfacher braver Menschen lasse
sie inmitten eines ruhigen stillen Familienlebens aufwachsen  versprich mir
das mein einzig geliebter Mann«
    Mit von Tränen erstickter Stimme gelobte es ihr der Mann Es folgte eine
schreckliche Nacht der Todeskampf wollte nicht enden Als aber das Frührot
durch die Fenster brach da warf es seine Rosen auf eine schöne Frauenleiche
deren verklärte Züge die Kämpfe der letzten Stunden nicht mehr ahnen ließ
Orlowsky hatte sich über die erkaltende Hülle geworfen und nur der Anstrengung
mehrerer Männer gelang es ihn hinwegzureissen und in ein anderes Zimmer zu
bringen
    Am dritten Tage gegen Abend wurde die »Spielersfrau« unter großem Zudrange
zur Erde bestattet Mitleidige Herzen hatten den Totenschrein mit Blumen
bedeckt und unter den angesehenen Männern der Stadt die im Leichenzuge
schritten war auch Hellwig  Der Taschenspieler brach zusammen als die
ersten Schollen auf den Sarg fielen aber Hellwig der neben ihm stand stützte
ihn und führte ihn in die Stadt zurück Er blieb mehrere Stunden allein bei dem
Tiefgebeugten der bis dahin jeden Zuspruch zurückgewiesen und sogar versucht
hatte Hand an sich zu legen  Die an der Tür des Sterbezimmers
vorübergingen hörten bisweilen ein heftiges Aufschluchzen des unglücklichen
Mannes oder Ausbrüche leidenschaftlicher Zärtlichkeit auf die süßes
Kindergeschwätz antwortete  sie klangen herzzerreissend zusammen jene
tränenerstickte Stimme und die lachenden Silbertöne des Kindes
 
                                       3
Der Abend war weit vorgerückt Ein scharfer Novemberwind fegte durch die
Straßen und die ersten Schneeflocken taumelten auf Dächer und Strassenpflaster
und auf die dunkle frisch aufgeworfene Erde des Grabhügels der sich über der
jungen Frau des Polen wölbte
    Inmitten des Hellwigschen Wohnzimmers stand ein gedeckter Tisch Es waren
massive silberne Bestecke die neben den Tellern lagen und das weiße
Damasttischtuch hatte Atlasglanz und zeigte ein prachtvolles Muster Die Lampe
stand auf dem kleinen runden Sofatische hinter welchem die Frau Hellwig saß
und an einem langen wollenen Strumpfe strickte Sie war eine große
breitschultrige Frau im Anfange der vierziger Jahre Vielleicht war dies
Gesicht im Schimmer der Jugend schön gewesen wenigstens hatte das Profil jene
klassische Linie welche die Gesetze der regelmäßigen Schönheit verlangen aber
hinreissenden Zauber hatte die Frau wohl nie besessen Und mochte ihr großes Auge
auch noch so schön geschnitten und glänzend ihr Teint noch so strahlend gewesen
sein sie hatten sicher nicht jenen Schmelz zu ersetzen vermocht den ein
reiches Seelenleben über die Züge haucht  wie hätte sich dies Gesicht so
versteinern können bei innerer Wärme Wie wäre es möglich gewesen nach einer
Jugend voll seligen Gebens und Nehmens nach den zahllosen Anregungen und
Empfindungen die das Leben in der empfänglichen Seele weckt noch so eisig zu
blicken wie diese starren grauen Augen blickten  Ein dunkler Scheitel
legte sich in einer strengen festen Linie um die noch immer weiße Stirn Das
übrige Haar dagegen verschwand unter einem Mullhäubchen von tadelloser Frische
Diese Kopfbedeckung und ein schwarzes Kleid von gesucht einfachem Schnitt mit
eng anliegenden Aermeln und schmalen weißen Manschettenstreifen am Handgelenke
gaben der gesamten Erscheinung etwas Puritanerhaftes
    Dann und wann wurde eine Seitentür geöffnet und das runzelvolle Gesicht
einer alten Köchin erschien forschend in der Spalte
    »Noch nicht Friederike« sagte Frau Hellwig jedesmal mit eintöniger Stimme
ohne aufzublicken aber die Nadeln flogen immer rascher durch die Finger und
ein eigentümlicher Zug von Verbissenheit lagerte um die schmalen Lippen Die
alte Köchin wusste genau dass »die Madame« ungeduldig sei sie liebte es zu
schüren und rief endlich in weinerlichem Tone in das Zimmer
    »Du lieber Gott wo aber auch nur der Herr bleibt Der Braten wird schlecht
und wann soll ich denn heute fertig werden«
    Diese Bemerkung trug ihr zwar eine Rüge ein denn Frau Hellwig litt es
nicht dass ihre Leute unaufgefordert ihre Meinung äußerten aber sie zog sich
vergnüglich samt ihrem Verweise in die Küche zurück hatte sie doch gesehen dass
die Madame nun auch eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen hatte
    Endlich wurde die Haustür aufgemacht Der volle tiefe Klang der Türglocke
scholl durch die Hausflur
    »Ach das hübsche Klingkling da oben« rief draußen eine klare Kinderstimme
    Frau Hellwig legte den Strickstrumpf in ein vor ihr stehendes Körbchen und
erhob sich Befremden und Erstaunen hatten den Ausdruck der Ungeduld verdrängt 
sie sah gespannt über die Lampe hinweg nach der Tür Draußen kratzte jemand
unzählige Male mit den Füßen über die Strohmatte das war ihr Mann Gleich
darauf trat er in das Zimmer und ging mit etwas unsicheren Schritten auf seine
Frau zu Er trug ein kleines Mädchen das ungefähr vier Jahre alt sein mochte
auf dem Arme
    »Ich bringe dir hier etwas mit nach Hause Brigittchen« sagte er bittend
aber er verstummte sogleich wieder als sein Auge das seiner Frau traf
    »Nun« fragte sie ohne sich zu bewegen
    »Ich bringe dir ein armes Kind «
    »Wem gehört es« unterbrach sie ihn kalt
    »Dem unglücklichen Polen der seine junge Frau auf eine so schreckliche
Weise verloren hat  Liebes Brigittchen nimm die Kleine gütig auf«
    »Doch wohl nur für diese Nacht«
    »Nein  ich habe dem Manne heilig versprochen dass das Kind in meinem Hause
aufwachsen soll«
    Er sprach diese Worte rasch und fest denn es musste ja doch einmal gesagt
werden
    Das weiße Gesicht der Frau war plötzlich mit einer hellen Röte übergossen
und ein schneidender Zug flog um ihre Lippen Sie verließ ihren bisherigen Platz
um einen Schritt und tippte mit einer unbeschreiblich maliziösen Bewegung den
Zeigefinger gegen die Stirn
    »Ich fürchte es ist nicht richtig bei dir Hellwig« sagte sie Ihre Stimme
hatte noch immer die kalte Ruhe was in diesem Augenblicke um so verletzender
klang »Mir mir eine solche Zumutung  Mir die ich mein Haus zu einem
Tempel des Herrn zu machen suche Komödiantenbrut unter das Dach zu bringen
dazu gehört mehr noch als  Einfalt«
    Hellwig fuhr zurück und ein Blitz zuckte aus seinen sonst so gutmütigen
Augen
    »Du hast dich gewaltig geirrt Hellwig« fuhr sie fort »Ich nehme dies Kind
der Sünde nicht in mein Haus  das Kind eines verlorenen Weibes das so sichtbar
vom Strafgerichte des Herrn ereilt worden ist«
    »So  ist das deine Meinung Brigitte Nun so frage ich dich welcher
Sünden hat sich dein Bruder schuldig gemacht als er auf der Jagd von einem
unvorsichtigen Schützen erschossen wurde Er war seinem Vergnügen nachgegangen 
das arme Weib aber starb in Erfüllung einer schweren Pflicht«
    Das Blut wich der Frau aus dem Gesicht sie wurde plötzlich kreideweiss
Einen Moment schwieg sie und richtete das Auge erstaunt und lauernd zugleich auf
ihren Mann der plötzlich eine solche Energie ihr gegenüber entwickelte
    Währenddem zog das kleine Mädchen das Hellwig auf den Boden gestellt hatte
die rosenfarbene Kapuze herunter und ein reizendes Köpfchen voll
kastanienbrauner Locken kam zum Vorschein auch das Mäntelchen flog zur Erde 
Wie verhärtet musste das Herz der Frau sein dass sie nicht sofort beide Arme
ausbreitete und das Kind kosend an die Brust drückte War sie völlig blind gegen
den unsäglichen Liebreiz der kleinen Gestalt die auf den zierlichsten Füßchen
die je in einem Kinderschuhe gesteckt durch das Zimmer trippelte und mit großen
Augen die neue Umgebung betrachtete  Das rosige Fleisch der runden Schultern
quoll aus einem hellblauen Wollkleidchen dessen Bändchen und Säume zierliche
Stickerei zeigten  vielleicht war dieser Schmuck des Lieblings die letzte
Arbeit der Hände gewesen die nun im Tode erstarrt waren
    Aber gerade der elegante Anzug der ungezwungene geniale Fall der Locken
auf Stirn und Hals die graziösen Bewegungen des Kindes empörten die Frau
    »Nicht zwei Stunden möchte ich diesen Irrwisch um mich leiden« sagte sie
plötzlich ohne auf die eklatante Zurechtweisung ihres Mannes auch nur eine
Silbe zu erwidern »Das zudringliche kleine Ding mit den wilden Haaren und der
entblößten Brust passt nicht in unseren ernstaften strengen Haushalt  das
hieße geradezu der Leichtfertigkeit und Liederlichkeit Tür und Tor öffnen
Hellwig du wirst diesen Zankapfel nicht zwischen uns werfen sondern dafür
sorgen dass die Kleine wieder dahin zurückgebracht wird wohin sie gehört«
    Sie öffnete die Tür die nach der Küche führte und rief die Köchin herein
    »Friederike ziehe dem Kinde die Sachen wieder an« befahl sie auf Kapuze
und Mantel der Kleinen deutend die noch am Boden lagen
    »Du gehst augenblicklich in die Küche zurück« gebot Hellwig mit lauter
zorniger Stimme und zeigte nach der Tür
    Die verblüffte Magd verschwand
    »Du treibst mich zum Äußersten durch deine Härte und Grausamkeit
Brigitte« rief der erbitterte Mann »Schreibe es daher dir und deinen
Vorurteilen zu wenn ich dir jetzt Dinge sage die sonst nie über meine Lippen
gekommen wären  Wem gehört das Haus das du wie du sehr irrigerweise
behauptest zu einem Tempel des Herrn gemacht haben willst  Mir  Brigitte
du bist auch als arme Waise in dies Haus gekommen  im Laufe der Jahre hast du
das vergessen und Gott sei es geklagt je eifriger du an diesem sogenannten
Tempel gebaut je mehr du dich befleissigt hast den Herrn und die christliche
Liebe und Demut auf den Lippen zu führen um so hochmütiger und harterziger
bist du geworden  Dies Haus ist mein Haus und das Brot welches wir essen
bezahle ich und so erkläre ich dir entschieden dass das Kind bleibt wo es ist
 Und ist dein Herz zu eng und liebeleer um mütterlich für die arme Waise zu
fühlen so verlange ich wenigstens von meiner Frau dass sie in Rücksicht auf
meinen Willen dem Kinde den nötigen weiblichen Schutz zu teil werden lässt 
Wenn du nicht dein Ansehen bei unseren Leuten verlieren willst so triff jetzt
die nötigen Anordnungen zur Aufnahme des Kindes  außerdem werde ich die Befehle
geben«
    Nicht ein Wort mehr kam über die weissgewordenen Lippen der Frau Jede andere
würde wohl in einem solchen Augenblicke der völligen Ohnmacht zu der letzten
Waffe den Tränen gegriffen haben aber diese kalten Augen schienen den süßen
erleichternden Quell nicht zu kennen Dieses völlige Verstummen diese eisige
Kälte mit der sich die ganze Frauengestalt förmlich panzerte hatte etwas
Beängstigendes und musste jedem anderen die Brust zuschnüren  Sie griff
schweigend nach einem Schlüsselbunde und ging hinaus
    Mit einem tiefen Seufzer nahm Hellwig die Kleine bei der Hand und ging mit
ihr im Zimmer auf und ab Er hatte einen furchtbaren Kampf gekämpft um diesem
verlassenen Wesen eine Heimat in seinem Hause zu sichern er hatte seine Frau
tödlich beleidigt nie nie  das wusste er  vergab sie ihm die bitteren
Wahrheiten die er ihr eben gesagt hatte denn sie war unversöhnlich
 
                                       4
Unterdes stellte Friederike einen kleinen Zinnteller mit einem KinderEssbesteck
und einer frischen Serviette auf den Tisch Zugleich klingelte es draußen und
gleich darauf öffnete Heinrich die Zimmertür und ließ einen kleinen ungefähr
siebenjährigen Knaben eintreten
    »Guten Abend Papa« rief der Kleine und schleuderte die Schneeflocken von
seiner Pelzmütze
    Hellwig nahm den blonden Kopf seines Kindes zärtlich zwischen seine Hände
und küsste es auf die Stirn
    »Guten Abend mein Junge« sagte er »nun war es hübsch bei deinem kleinen
Freunde«
    »Ja aber der dumme Heinrich hat mich viel zu früh geholt«
    »Das hat die Mama so gewünscht mein Kind  Komm her Nathanael sieh dir
einmal dies kleine Mädchen an  es heißt Fee «
    »Dummheit  wie kann sie denn Fee heißen  das ist ja gar kein Name«
    Hellwigs Auge streifte gerührt über das kleine Geschöpfchen das
Elternzärtlichkeit selbst mittels des Rufnamens poetisch zu verklären gesucht
hatte
    »Ihr Mütterchen hat sie so genannt Nathanael« sagte er weich »sie heißt
eigentlich Felicitas  Ist sie nicht ein armes armes Ding Ihre Mama ist
heute begraben worden sie wird nun bei uns wohnen und du wirst sie lieb haben
wie ein Schwesterchen gelt«
    »Nein Papa ich will kein Schwesterchen haben«
    Der Knabe war das treue Abbild seiner Mutter Er hatte schöne Züge und einen
merkwürdig klaren rosigen Teint aber er hatte auch die hässliche Gewohnheit das
Kinn auf die Brust zu drücken und mit seinen großen Augen unter der gewölbten
Stirn hervor nach oben zu schielen was ihm einen Ausdruck von Heimtücke und
Verschlagenheit gab In diesem Augenblicke bog er den Kopf noch tiefer als sonst
gegen die Brust hob den rechten Ellbogen wie zu trotziger Abwehr in die Höhe
und sah unter demselben mit einem bösartigen Ausdrucke nach dem Kinde hinüber
    Die Kleine stand dort und zog und zerrte verlegen an ihrem Röckchen der
bedeutend größere Junge imponierte ihr offenbar aber allmählich kam sie näher
und ohne sich durch seine gehässige Stellung abschrecken zu lassen griff sie
mit leuchtenden Augen nach dem Kindersäbel der an seinem Gürtel hing Er stieß
sie zornig zurück und lief seiner Mutter entgegen die eben wieder eintrat
    »Ich will aber kein Schwesterchen haben« wiederholte er weinerlich »Mama
schicke das ungezogene Mädchen fort ich will allein sein bei dir und dem Papa«
    Frau Hellwig zuckte schweigend die Achseln und trat hinter ihren Stuhl am
Esstische
    »Bete Nathanael« gebot sie eintönig und faltete die Hände Sofort fuhren
die zehn Finger des Knaben ineinander er senkte demütig den Kopf und sprach ein
langes Tischgebet  Unter den obwaltenden Umständen war dies Gebet die
abscheulichste Profanation einer schönen christlichen Sitte
    Der Hausherr rührte das Essen nicht an Auf seiner sonst so blassen Stirn
lag die Röte innerer Aufregung und während er mechanisch mit der Gabel spielte
flog sein getrübter Blick unruhig über die mürrischen Gesichter der Seinen Das
kleine Mädchen ließ es sich dagegen vortrefflich schmecken Sie steckte einige
Bonbons die er neben ihren Teller gelegt hatte gewissenhaft in ihr Täschchen
    »Das ist für Mama« sagte sie zutraulich »die isst Bonbons zu gern Papa
bringt ihr immer ganze große Düten voll mit«
    »Du hast gar keine Mama« rief Nathanael feindselig herüber
    »O das weißt du ja gar nicht« entgegnete die Kleine sehr aufgeregt »Ich
habe eine viel schönere Mama als du«
    Hellwig sah tieferschrocken und scheu nach seiner Frau und seine Hand hob
sich unwillkürlich als wollte sie sich auf den kleinen rosigen Mund legen der
das eigene Interesse so schlecht zu wahren verstand
    »Hast du für ein Bettchen gesorgt Brigittchen« fragte er hastig aber mit
sanfter bittender Stimme
    »Ja«
    »Und wo wird sie schlafen«
    »Bei Friederike«
    »Wäre nicht so viel Platz  wenigstens für die erste Zeit  in unserem
Schlafzimmer«
    »Wenn du Natanaels Bett hinausschaffen willst ja«
    Er wandte sich empört ab und rief das Dienstmädchen herein
    »Friederike« sagte er »du wirst des Nachts dies Kind unter deiner Obhut
haben  sei gut und freundlich mit ihm es ist eine arme Waise und an die
Zärtlichkeit einer guten sanften Mutter gewöhnt«
    »Ich werde dem Mädchen nichts in den Weg legen Herr Hellwig« entgegnete
die Alte die offenbar gehorcht hatte »aber ich bin ehrlicher Leute Kind und
hab in meinem ganzen Leben nichts mit Spielersleuten zu schaffen gehabt  wenn
man nur wenigstens wüsste ob die Menschen getraut gewesen sind«
    Sie schielte hinüber nach Frau Hellwig und erwartete ohne Zweifel einen
belobenden Blick für ihre »herzhafte« Antwort allein die Madame band eben
Nathanael die Serviette ab und sah überhaupt drein als sehe und höre sie von
dem ganzen Handel nichts
    »Das ist stark« rief Hellwig entrüstet »Muss ich denn erst heute erfahren
dass in meinem ganzen Hause weder Mitleiden noch Erbarmen zu finden ist Und Du
meinst du dürftest unbarmherzig sein weil du ehrlicher Leute Kind bist
Friederike  Nun zu deiner Beruhigung sollst du wissen dass die Leute in
rechtlicher Ehe gelebt haben aber ich sage dir auch hiermit dass ich von nun an
sehr streng mit dir verfahren werde sobald ich merke dass du dem Kinde
irgendwie zu nahe trittst«
    Es schien als sei er des Kampfes müde Er stand auf und trug die Kleine in
die Kammer der Köchin Sie ließ sich gutwillig zu Bett bringen und schlief bald
ein nachdem sie mit süßer Stimme für Papa und Mama für den guten Onkel der
sie morgen wieder zu Mama tragen werde und  für »die große Frau mit dem bösen
Gesichte« gebetet hatte
    Spät in der Nacht ging Friederike zu Bett Sie war zornig dass sie so lange
hatte aufbleiben müssen und rumorte rücksichtslos in der Kammer Die kleine
Felicitas fuhr jäh aus dem Schlafe empor sie setzte sich im Bette auf strich
die wirren Locken aus der Stirn und ihre Augen glitten angstvoll suchend über
die räucherigen Wände und dürftigen Möbel der engen schwach beleuchteten
Kammer
    »Mama Mama« rief sie mit lauter Stimme
    »Sei still Kind deine Mutter ist nicht da schlafe wieder ein« sagte die
Köchin mürrisch während sie sich entkleidete
    Die Kleine sah erschreckt zu ihr hinüber dann fing sie an leise zu weinen
 sie fürchtete sich offenbar in der fremden Umgebung
    »Na jetzt heult die Range auch noch das könnte mir fehlen  gleich bist du
still du Komödiantenbalg« Sie hob drohend die Hand Die Kleine steckte
erschrocken das Köpfchen unter die Decke
    »Ach Mama liebe Mama« flüsterte sie »wo bist du nur Nimm mich doch in
dein Bett  ich fürchte mich so  ich will auch ganz artig sein und gleich
einschlafen  Ich habe dir auch etwas aufgehoben ich habe nicht alles
gegessen  Fee bringt dir etwas mit liebe Mama  Oder gib mir nur deine Hand
dann will ich in meinem Bettchen bleiben und «
    »Bist du wohl still« rief Friederike und rannte wie wütend nach dem Bette
des Kindes  Es rührte sich nicht mehr  nur dann und wann drang ein
unterdrücktes Schluchzen unter der Decke hervor
    Die alte Köchin schlief längst den Schlaf des Gerechten als das arme Kind
die aufgeschreckte Sehnsucht im kleinen Herzen noch leise nach der toten Mutter
jammerte
 
                                       5
Hellwig war Kaufmann Erbe eines bedeutenden Vermögens hatte er dasselbe durch
verschiedene industrielle Unternehmungen noch vermehrt Er zog sich jedoch weil
er kränkelte ziemlich früh aus der Geschäftswelt zurück und privatisierte in
seiner kleinen Vaterstadt Der Name Hellwig hatte da einen gewichtigen Klang
Die Familie war seit undenklichen Zeiten eine der angesehensten und durch viele
Generationen hindurch hatte immer einer der Träger des geachteten Namens irgend
ein Ehrenamt der Stadt bekleidet Der schönste Garten vor den Toren des
Städtchens und das Haus am Markte waren seit Menschengedenken im Besitze der
Familie Das Haus bildete die Ecke des Marktplatzes und einer steil
bergaufsteigenden Straße und an dieser Ecke lief die stattliche Fronte des
Gebäudes in einen weit hervorspringenden Erker aus In den zwei oberen
Stockwerken hingen jahraus jahrein schneeweiße Rouleaus hinter den Scheiben
nur dreimal im Jahre und dann stets einige Tage vor den hohen Festen
verschwanden die Hüllen  es wurde gelüftet und gescheuert Die mächtigen
erzenen Drachenköpfe hoch oben am Dache die das Regenwasser aus der Dachrinne
hinunter auf das Pflaster spieen die Vögel welche vorüberflatterten sahen
dann die aufgespeicherten Schätze des alten Kaufmannshauses sahen die
altmodische Pracht der Zimmer  jene hohen Schränke von kostbarer eingelegter
Arbeit mit den blitzenden Schlössern und Handhaben die reichen seidendamastenen
Überzüge auf den strotzenden Daunenkissen der Kanapees und den hochgepolsterten
Stühlen die deckenhohen in die Wand eingefügten venezianischen Spiegel und in
den Kammern die hochaufgestapelten Gastbetten deren Leinenüberzügen ein starker
Lavendelduft entquoll
    Diese Räume wurden nicht bewohnt Es war niemals Sitte in der Familie
Hellwig gewesen einen Teil des geräumigen Hauses zu vermieten Durch alle
Zeiten hatte da droben vornehmes feierliches Schweigen geherrscht das nur
unterbrochen wurde durch eine glänzende Hochzeit oder Kindtaufe und im Laufe des
Jahres dann und wann durch den hallenden Schritt der Hausfrau die dort ihre
Leinenschätze ihr Silber und Porzellangeschirr verwahrt hielt
    Frau Hellwig war als zwölfjähriges Kind in dies Haus gekommen Die Hellwigs
waren ihr verwandt und nahmen sie auf als ihre Eltern rasch hintereinander
starben und sie und ihre Geschwister mittellos hinterliessen Das junge Mädchen
hatte einen schweren Stand der alten Tante gegenüber die eine strenge und
stolze Frau war Hellwig der einzige Sohn des Hauses empfand anfänglich
Mitleiden für sie später aber verwandelte sich die Teilnahme in Liebe Seine
Mutter war entschieden gegen seine Wahl und es kam deshalb zu schlimmen
Auftritten allein der Liebende setzte schließlich seinen Willen durch und
führte das Mädchen heim Er hatte die mürrische Schweigsamkeit der Geliebten für
mädchenhafte Schüchternheit ihre Herzenskälte für sittliche Strenge ihren
starren Sinn für Charakter gehalten und stürzte mit dem Eintritt in die Ehe aus
all seinen Himmeln Binnen kurzem fühlte der gutmütige Mann die eiserne Faust
einer despotischen Seele im Genicke und da wo er dankbare Hingebung gehofft
hatte trat ihm plötzlich der krasseste Egoismus entgegen
    Seine Frau schenkte ihm zwei Kinder den kleinen Nathanael und seinen um
acht Jahre älteren Bruder Johannes Den letzteren hatte Hellwig schon als
elfjähriges Kind zu einem Verwandten einem Gelehrten gebracht der am Rhein
lebte und Vorstand eines großen Knabeninstituts war
    Das waren Hellwigs Familienverhältnisse zu der Zeit wo er das Kind des
Taschenspielers in sein Haus nahm Das schreckliche Ereignis dessen Zeuge er
gewesen war hatte ihn tief erschüttert Er konnte den flehenden unsäglich
schmerzlichen Blick der Unglücklichen nicht vergessen als sie gedemütigt in
seiner Hausflur gestanden und seinen Taler in Empfang genommen hatte Sein
weiches Herz litt unter dem Gedanken dass es vielleicht sein Haus gewesen war
wo das arme Weib den letzten verwundenden Stachel ihrer unglückseligen
Lebensstellung hatte empfinden müssen Als daher der Pole ihm die letzte Bitte
der Verstorbenen mitteilte da erbot er sich rasch das Kind erziehen zu wollen
Erst als er auf die dunkle Straße hinaustrat wohin ihm der letzte
herzzerreissende Abschiedsruf des unglücklichen Mannes nachscholl und wo die
Kleine ihre Aermchen fester um seinen Hals schlingend nach der Mama frug erst
da dachte er an den Widerspruch der ihn voraussichtlich daheim erwartete
allein er rechnete auf den Liebreiz des Kindes und auf den Umstand dass seiner
eigenen Ehe ja ein Töchterchen versagt sei  er hatte trotz aller schlimmen
Erfahrungen noch immer keinen vollkommenen Begriff von dem Charakter seines
Weibes sonst hätte er sofort umkehren und das Kind in die Arme des Vaters
zurückbringen müssen
    War bis dahin das Verhältnis zwischen Hellwig und seiner Frau ein frostiges
gewesen so hatte es jetzt nach der Aufnahme der kleinen Waise den Anschein als
seien granitene Mauern zwischen dem Ehepaar aufgestiegen Im Hause ging zwar
alles seinen Gang unbeirrt fort Frau Hellwig wanderte täglich mehrere Male
durch die Haus und Wirtschaftsräume  sie hatte durchaus keinen schwebenden
Gang und für ein feines oder gar ein ängstliches Ohr hatten diese harten
festen Schritte etwas Nervenaufregendes Fortwährend glitt dabei ihre rechte
Hand über Möbel Fenstersimse und Treppengeländer  es war ein unbezwinglicher
Hang eine Manie dieser Frau die große weiße Hand mit den kolbigen
Fingerspitzen und den breiten Nägeln über alles hinstreifen zu lassen und dann
die innere Fläche sorgsam zu prüfen ob nicht Staubatome oder das verpönte
Fädchen eines Spinnewebenversuchs daran hänge  Es wurde gebetet nach wie vor
und die Stimmen die Gottes ewige Liebe und Barmherzigkeit priesen die sein
Gebot wiederholten nach welchem wir selbst unsere Feinde lieben sollen sie
klangen genau so eintönig und unbewegt wie vorher auch Man nahm die Mahlzeiten
gemeinschaftlich ein und Sonntags schritt das Ehepaar einträchtig nebeneinander
zur Kirche Aber Frau Hellwig vermied es mit eiserner Konsequenz ihren Mann
anzureden Sie fertigte seine Annäherungsversuche mit der knappesten Kürze ab
und machte es möglich stets neben oder über der kleinen Gestalt des Hausherrn
hinwegzusehen Ebensowenig existierte der kleine Eindringling für sie Sie hatte
an jenem stürmischen Abende der Köchin ein für allemal befohlen täglich eine
Portion Essen mehr anzurichten und in die Kammer derselben einige Bettstücke
nebst Leinzeug geworfen Den kleinen Koffer mit Felicitas Habseligkeiten den
unterdes der Hausknecht aus dem »Löwen« gebracht musste Friederike vor den Augen
der Hausfrau öffnen und die äußerst sauber gehaltene kleine Garderobe welcher
der Hauch eines sehr feinen Odeurs entquoll sofort auf einen offenen Gang zum
Auslüften hängen  Hiermit begann und beschloss sie die ihr aufgedrungene
Fürsorge für das »Spielerskind« und als sie danach wieder in das Zimmer trat
war sie mit diesem Kapitel innerlich fertig für alle Zeiten Nur ein einziges
Mal schien es als ob ein Funke Teilnahme in ihr aufglimme Eines Tages nämlich
saß eine Nähterin im Wohnzimmer und fertigte aus einem dunklen Stoffe zwei
Kleider für Felicitas genau nach dem strengen Schnitte wie die Frau des Hauses
sich trug Zu gleicher Zeit presste Frau Hellwig die widerstrebende Kleine
zwischen ihre Kniee und bearbeitete deren Kopf so lange mit Bürste Kamm und
Pomade bis das wundervolle Lockengeringel die erwünschte Glätte und
Nachgiebigkeit erhielt und sich in zwei hässliche steife Zöpfe am Hinterkopfe
zwängen ließ  Die Abneigung dieses Weibes gegen Grazie und Anmut gegen
alles was wider die Gebote ihrer verknöcherten Ansichten stritt und was seine
Linien und Formen aus dem Gebiete des Idealen entnahm  jener Widerwille war
stärker noch als ihr Starrsinn als der Vorsatz die Anwesenheit des Kindes im
Hause völlig zu ignorieren  Hellwig hätte weinen mögen als ihm sein kleiner
Liebling so entstellt entgegentrat während seine Frau nach der Sühne die ihr
schönheitsfeindlicher Sinn gebieterisch verlangt hatte womöglich noch
zurückweisender gegen das Kind war als vorher
    Noch war indes die Kleine nicht zu beklagen noch konnte sie aus dem
Bereiche jener Medusenaugen an ein warmes Herz flüchten  Hellwig liebte sie wie
seine eigenen Kinder Freilich fand er nicht den Mut dies offen auszusprechen
 seinen Fonds von Energie hatte er an jenem ereignisvollen Abende seiner Frau
gegenüber völlig erschöpft  aber sein Auge wachte unablässig über Felicitas
Gleich Nathanael hatte sie ihr Spielwinkelchen in ihres Pflegevaters Zimmer
dort durfte sie ungestört ihre Puppen herzen und sie einwiegen mit den Melodien
die sie noch gelernt hatte auf den Knieen der Mutter Nathanael ging nicht in
die öffentliche Schule er erhielt seinen Unterricht von Privatlehrern unter den
Augen des Vaters und als Felicitas ihr sechstes Jahr erreicht hatte begann
dieser Unterricht auch für sie Sobald aber der Schnee schmolz und Krokus und
Schneeglöckchen die noch leeren schwarzen Rabatten besäumten wanderte Hellwig
täglich mit den Kindern hinaus in seinen großen Garten da draußen wurde gelernt
und gespielt während man nur zur Essenszeit das Haus am Marktplatze aufsuchte
Frau Hellwig betrat sehr selten den Garten sie zog es vor mit dem
Strickstrumpfe in ihrer großen stillen Stube hinter dem makellos weißen in
regelrechte Fältchen gebrochenen Fenstervorhange zu sitzen und zu diesem
Vorzuge hatte sie einen ganz besonderen Grund Ein Vorfahr Hellwigs hatte den
Garten in altfranzösischem Stile angelegt Es war sicher eine Meisterhand
gewesen von welcher die rings verteilten lebensgrossen mytologischen Figuren
und Gruppen aus Sandstein herrührten Freilich hoben sich die hellen Gestalten
scharf ab von den düsteren steifen Taxuswänden Die reizenden aber ziemlich
unverhüllten Formen einer Flora die entblößten zarten Schultern und Arme der
sich sträubenden Proserpina und die muskulöse Nacktheit ihres gewaltigen
Entführers mussten den Blick des Eintretenden sogleich auf sich ziehen  und das
waren in der Tat Steine des Anstoßes für Frau Hellwig Sie hatte anfänglich die
Hinwegschaffung dieser »sündhaften Darstellung des menschlichen Leibes«
gebieterisch verlangt allein Hellwig rettete seine Lieblinge durch Vorzeigung
des väterlichen Testaments in welchem ausdrücklich die Entfernung der Statuen
untersagt wurde Hierauf hatte Frau Hellwig nichts Eiligeres zu tun als zu
Füßen der mytologischen Zankäpfel eine Wildnis von Schlingpflanzen anlegen zu
lassen und nicht lange dauerte es so erschien Herrn Plutos grimmiges Gesicht
unter einer ehrwürdigen grünen Allongeperücke Eines schönen Morgens aber riss
Heinrich auf Befehl seines Herrn mit einem wahren Wonnegefühl die grünen
Schmarotzer bis auf das kleinste Wurzelfäserchen aus der Erde und seit der Zeit
vermied es Frau Hellwig im Interesse ihres Seelenheils noch mehr aber darum
weil die Statuen hohnlächelnde Zeugen ihrer Niederlage waren den Garten zu
betreten Gerade deshalb wurde er aber auch die eigentliche Heimat der kleinen
Felicitas
    Hinter den großen Taxuswänden dehnte sich ein großer prächtiger Rasenfleck
Riesige Nussbäume senkten die Stämme tief ein in das blumengesprenkelte Gras und
ein rauschender Mühlbach durchschnitt zum Teil die grüne Fläche seine Borde
umsäumte dichtes Haselgesträuch und der kleine beraste Damm den man zum
Schutze gegen das im Frühling reissende Gewässer aufgeworfen hatte schimmerte im
Mai gelb von Schlüsselblumen und später lugten die rosenroten Aeuglein der
Feldnelken zwischen den wehenden Halmen
    Felicitas lernte unermüdlich und saß mit merkwürdig beherrschter Haltung in
den Lehrstunden Wenn aber Hellwig am späten Nachmittage den Unterricht für
beendet erklärte dann erschien sie plötzlich völlig umgewandelt Noch hochrot
vom Lerneifer war sie doch wie toll wie berauscht von der Freiheit sie konnte
immer und immer wieder mit hochgehobenen Armen wie ohne Zweck und Ziel über
den Rasenplatz jagen ungebändigt in wilder Grazie wie das junge Ross der
Steppe Dann glitt sie blitzschnell am Stamme eines Nussbaumes empor tauchte den
Kopf umwogt von aufgelösten Haarmassen jauchzend aus der höchsten Spitze des
Wipfels und lag dann plötzlich wieder drunten am Mühlbache die gefalteten Hände
unter den Kopf gelegt und in das grüne Düster der droben leise auf und ab
wehenden gefiederten Nussblätter schauend träumte sie träumte jene hellen
trügerischen Gebilde von Welt und Zukunft die sich wohl hinter jeder lebhaft
denkenden Kinderstirne aus gehörten goldenen Märchen und der eigenen
Einbildungskraft zusammenweben  Drunten rauschte das Wasser eintönig vorüber
die Sonnenstrahlen taumelten auf den Wellen und drangen gedämpft durch die
dunklen Haselbüsche wie halbverschleierte geheimnisvolle Glutaugen Bienen und
Hummeln summten vorüber und die Schmetterlinge die im Vordergarten
gelangweilt die sorgfältig gepflegten exotischen Gewächse umflattert hatten
fanden hier das gelobte Land und hingen sich furchtlos an die Blumenkelche dicht
neben der Wange des kleinen Mädchens 
    Es zogen wohl auch phantastisch geformte weiße leuchtende Wölkchen droben
über den Baumwipfel  dann stand plötzlich eine rätselhafte Vergangenheit vor
den Augen des tief sinnenden Kindes Weiß und leuchtend war ja auch das Gewand
der Mutter gewesen das Kerzenlicht hatte sich förmlich in dem milchweissen
Glanze des Stoffes gespiegelt der lang und mit Blumen bestreut über das
vermeintliche schmale Bett herabgeflossen war Felicitas wunderte sich noch
immer dass die Mutter Blumen in den Händen gehabt und ihr keine einzige
geschenkt hatte sie grübelte und sann weshalb man ihr damals nicht erlauben
wollte die Mama wach zu küssen was doch sonst jeden Morgen unter gegenseitiger
Schelmerei zum großen Jubel des Kindes hatte geschehen dürfen  sie wusste
nicht dass das bezaubernde Mutterantlitz welches sich stets in
leidenschaftlicher Zärtlichkeit über sie herabgeneigt längst unter der Erde
moderte Hellwig hatte nie gewagt ihr die Wahrheit zu sagen denn wenn sie auch
nach einem Zeitraume von fünf Jahren nicht mehr so bitterlich weinend und mit
stürmischer Heftigkeit nach den Eltern verlangte so sprach sie doch stets mit
rührender Zärtlichkeit von ihnen und hielt ihres Pflegevaters doppelsinniges
Versprechen dass sie die Ihrigen dereinst wiedersehen werde mit unzerstörbarer
Überzeugung fest Ebensowenig kannte sie den Beruf ihres Vaters er selbst
hatte es so gewünscht und deshalb sah Hellwig streng darauf dass niemand im
Hause mit der Kleinen von der Vergangenheit spreche Es fiel ihm nicht ein dass
der wohltätige Schleier den er vor ihren Augen festhielt vor der Zeit seiner
Hand entfallen könne  er dachte nicht an seinen eigenen Tod und doch schritt
dies furchtbare Gespenst längst unhörbar aber sicher neben ihm Er war
unheilbar brustleidend allein wie alle derartigen Kranken hatte er die
unerschütterlichsten Lebenshoffnungen Er musste bereits auf dem Rollstuhle in
seinen geliebten Garten gefahren werden  das nannte er vorübergehende Schwäche
die ihn durchaus nicht hinderte großartige Bau und Reisepläne zu entwerfen
    Eines Nachmittags trat Doktor Böhm in Hellwigs Zimmer Der Kranke saß an
seinem Schreibtische und schrieb emsig verschiedene Kissen die man hinter
seinem Rücken und zu beiden Seiten in den Lehnstuhl gesteckt hatte hielten die
abgezehrte gebrochene Gestalt aufrecht
    »Heda« rief der Doktor indem er mit dem Stocke drohte »Was sind denn das
für Extravaganzen  Wer ins Henkers Namen hat dir denn das Schreiben
erlaubt Willst du wohl gleich die Feder hinlegen«
    Hellwig drehte sich um  ein heiteres Lächeln spielte um seine Lippen »Da
hast du wieder einmal das Exempel« erwiderte er sarkastisch »Doktor und Tod
gehören zusammen  Ich schreibe da an den Jungen den Johannes über die
kleine Fee und da fällt mir der ich in meinem ganzen Leben nie weniger ans
Sterben gedacht hatte als gerade jetzt in dem Augenblicke wo du ins Haus
trittst der Satz da aus der Feder«
    Der Doktor bog sich nieder und las laut »Ich halte viel von Deinem
Charakter Johannes und würde deshalb auch unbedingt die Sorge um das mir
anvertraute Kind in Deine Hände legen falls ich früher aus der Welt gehen
sollte als «
    »Basta und nun für heute kein Wort weiter« sagte der Lesende während er
einen Kasten aufzog und den halbvollendeten Brief hineinlegte Dann griff er
rasch nach dem Pulse des Kranken und sein Blick glitt verstohlen über die zwei
zirkelrunden roten Flecken die auf den scharf hervortretenden Backenknochen
glühten
    »Du bist wie ein Kind Hellwig« schalt er »Ich darf nur den Rücken wenden
so machst du sicher dumme Streiche«
    »Und du tyrannisierst mich himmelschreiend Aber warte nur mit nächstem Mai
brenne ich dir durch und dann magst du mir meinetwegen bis in die Schweiz
nachlaufen«
    Tags darauf standen die Fenster des Krankenzimmers im Hellwigschen Hause
weit offen Ein durchdringender Moschusduft quoll hinaus in die Straße und ein
Mann in Trauerkleidung schritt durch die Stadt um den Honoratioren im Auftrage
der trauernden Witwe anzuzeigen dass Herr Hellwig vor einer Stunde das Zeitliche
gesegnet habe
                                       6
Unter dem grünverhangenen nach der Hausflur mündenden Fenster da wo vor fünf
Jahren die schöne unglückliche Frau des Taschenspielers die Pein tiefer
Demütigung erlitten hatte stand der Sarg mit Hellwigs sterblichen Überresten
Man hatte die Hülle des ehemaligen Kauf und Handelsherrn noch einmal mit allem
Glanze des Reichtums umgeben Massiv silberne Handhaben schimmerten am
Totenschreine und das Haupt des Heimgegangenen ruhte auf einem weißen
Atlaskissen  Schrecklicher Kontrast Neben dem eingefallenen Totengesichte
dufteten frisch abgeschnittene Blumen junges unschuldiges Leben bestimmt vor
der Zeit zu sterben zur Ehre des Toten
    Viele Leute kamen und gingen flüsternd und geräuschlos Der da lag war ein
reicher angesehener und sehr freigebiger Mann gewesen aber nun war er ja tot
Fast aller Augen huschten scheu und rasch über die bleichen zerstörten Züge und
konnten sich nicht satt sehen an dem Prunke dem letzten Aufflackern irdischer
Herrlichkeit
    Felicitas kauerte in einer dunklen Ecke hinter den Kübeln mehrerer Oleander
und Orangenbäume Zwei Tage hatte sie den Onkel nicht sehen dürfen das
Sterbezimmer war fest verschlossen gewesen und nun kniete sie da auf den kalten
Steinfliesen und starrte hinüber auf dies völlig fremde Haupt dem der Tod
selbst
    das Gepräge unbegrenzter Gutmütigkeit weggewischt hatte  Was hatte das
Kind vom Sterben gewusst Sie war in seinen letzten Augenblicken bei ihm gewesen
und hatte doch nicht verstanden dass mit dem Blutstrome der über seine Lippen
geflossen plötzlich alles enden müsse Er hatte die Augen mit einem
unbeschreiblichen Ausdrucke auf sie geheftet als sie aus dem Zimmer geschickt
worden Draußen in der Straße war sie tief besorgt und zornig vor den weit
offenen Fenstern des Krankenzimmers auf und ab gelaufen  sie wusste ja er
hütete sich ängstlich vor jedem Zuglüftchen und nun waren sie so rücksichtslos
da drinnen Sie hatte sich gewundert dass abends kein Feuer im Kamin gemacht
werde und auf ihre endliche Bitte dem Onkel die Lampe und den Tee
hineintragen zu dürfen hatte Friederike ärgerlich gerufen »Ja Kind ists
denn nicht richtig bei dir oder verstehst du kein Deutsch Er ist ja tot tot«
Nun sah sie ihn wieder bis zur Unkenntlichkeit entstellt und jetzt fing das
Kind an zu begreifen was Tod sei
    Sobald ein frischer Strom Neugieriger die Hausflur füllte kam Friederike
aus der Küche hielt den Schürzenzipfel vor die Augen und pries die Tugenden des
Mannes den sie zu ärgern gesucht hatte wo sie konnte
    
    »Da seh einer das Mädchen an« unterbrach sie sich zornig als sie
Felicitas blasses Gesichtchen mit den heißen trockenen Augen zwischen den
Orangenbäumen entdeckte »Ob sie auch nur eine einzige Träne vergisst 
Undankbares Ding Sie muss doch auch keinen Funken von Liebe in sich haben«
    »Du hast ihn nie lieb gehabt und weinst Friederike« entgegnete die Kleine
schlagend aber mit völlig tonloser Stimme und zog sich tiefer in ihre Ecke
zurück
    Die Hausflur leerte sich allmählich Statt der Schaulustigen aus den
niederen Ständen die sich jetzt draußen auf dem Markte postierten um den
Leichenzug mit anzusehen erschienen vornehme schwarzbefrackte Herren sie
gingen nach kurzem Aufenthalte am Sarge in das Wohnzimmer um der Witwe ihr
Beileid auszusprechen In der großen hochgewölbten Flur herrschte
augenblickliche Stille sie hätte eine feierliche genannt werden können wäre
sie nicht hier und da durch das Stimmengesurr drin im Zimmer unterbrochen
worden
    Da fuhr die kleine Felicitas jäh aus ihrem tiefen Sinnen auf und starrte
erschrocken nach der Glastür die in den Hofraum führte Dort hinter den
Scheiben erschien ein merkwürdiges Gesicht  er lag doch hier mit den tief
eingesunkenen Augen und den unbekannten Zügen um den festgeschlossenen Mund und
dort blickte er forschend in die menschenleere Flur wiedererstanden mit dem
gütevollen Ausdruck des Gesichts wenn auch der Kopf in fremdartiger Weise
umhüllt erschien  War es doch fast gespenstig als das Türschloss sich leise
bewegte und gleich darauf die Tür geräuschlos aufging  Die seltsame
Erscheinung trat auf die Schwelle Ja es waren Hellwigs Züge in frappanter
Ähnlichkeit aber sie gehörten einem weiblichen Wesen einer kleinen alten
Dame die in wunderlicher dem Reiche der Mode längst entrückter Tracht langsam
auf den Sarg zuschritt Ein sogenanntes Zwickelkleid von schwerem schwarzen
Seidenstoffe vollkommen faltenlos spannte sich förmlich über sehr eckige
magere Formen es war kurz und ließ ein Paar wunderkleiner Füßchen sehen die
jedoch ziemlich unsicher auftraten Über der Stirn kräuselte sich eine Fülle
schöngeordneter schneeweisser Locken und darüber lag ein klar durchsichtiges
schwarzes Spitzentuch das unter dem Kinne gebunden war
    Die alte Dame bemerkte das Kind nicht das unbeweglich und atemlos zu ihre
aufsah und trat an den Sarg heran Sie fuhr bei Erblicken des Totenantlitzes
sichtlich entsetzt zurück und ihre linke Hand ließ wie unbewusst ein Bouquet
köstlicher Blumen auf die Brust der Leiche fallen Einen Augenblick verbarg sie
ihre Augen im Taschentuche dann aber legte sie die Rechte tief erschüttert in
feierlich beschwörender Weise auf die kalte Stirn des Toten
    »Weißt du nun wie alles zusammenhing Fritz« flüsterte sie »Ja du weißt
es  du weißt es wie ja auch längst dein Vater und deine Mutter es wissen 
Ich habe dir verziehen Fritz  du wusstest ja nicht dass du unrecht tatest 
Schlaf wohl  schlaf wohl«
    Sie nahm die wachsbleiche Hand des Verstorbenen noch einmal zärtlich
zwischen ihre beiden Hände dann trat sie vom Sarge zurück und wollte sich
ebenso geräuschlos entfernen wie sie gekommen war In diesem Augenblicke
öffnete sich die Tür des Wohnzimmers und Frau Hellwig trat heraus Ihr Gesicht
erschien unter der schwarzen Krepphaube weißer als Marmor aber die
Unbeweglichkeit ihrer Züge trat auch schärfer hervor denn je  man suchte
vergebens nach der leisesten Spur vergossener Tränen an diesen Augen Sie hielt
einen plumpen Kranz von Dahlien in den Händen offenbar um ihn als letzte
»Liebesgabe« auf den Sarg zu legen
    Ihr überraschter Blick begegnete dem der alten Dame Beide blieben einen
Moment wie angewurzelt stehen aber in den Augen der Witwe begann es unheimlich
zu glühen ihre Oberlippe hob sich ein wenig und ließ einen der weißen
Vorderzähne sehen  es lag etwas wie von unauslöschlicher Rachsucht in diesem
Ausdrucke  Auch die Züge der alten Dame verrieten eine tiefe Erregung sie
schien mit einem unsäglichen Widerwillen zu kämpfen aber sie überwand ihn und
mit einem sanften feuchten Blicke auf den Verstorbenen hielt sie Frau Hellwig
die Rechte hin
    »Was wollen Sie hier Tante« fragte die Witwe kurz indem sie die Bewegung
der kleinen Dame völlig ignorierte
    »Ihn segnen« lautete die milde Antwort
    »Der Segen einer Ungläubigen hat keine Macht«
    »Gott hört ihn  Seine ewige Weisheit und Liebe wägt nicht zwischen der
armseligen Form  wenn er aus treuem Herzen kommt «
    »Und aus schuldbeladener Seele« ergänzte Frau Hellwig in beissendem Hohne
    Die alte Dame richtete sich hoch auf
    »Richtet nicht« begann sie und hob feierlich drohend den Zeigefinger 
»doch nein« unterbrach sie sich mit unbeschreiblicher Milde und blickte auf den
Toten »auch nicht ein Wort mehr soll deinen heiligen Frieden stören  Leb
wohl Fritz«
    Sie ging langsamen Schrittes zurück in den Hofraum und verschwand hinter
einer Tür die Felicitas bis dahin stets verschlossen gefunden hatte
    »Nun das war doch stark von der alten Mamsell« zischelte Friederike die
von der Küchentür aus den Vorgang beobachtet hatte
    Frau Hellwig zuckte schweigend die Achseln und legte den Kranz zu Füßen der
Leiche Noch war sie nicht Herr ihrer inneren Erregung So ungeübt die Züge
dieser Frau im Ausdrucke weiblicher Milde und Sanftmut waren so unbeweglich und
wandellos sie auch in ihrer eisernen Strenge erschienen in Hass und Verachtung
wurden sie unheimlich lebendig  wer einmal das schlimme Lächeln gesehen hatte
das in solchen Momenten ihre Mundwinkel tief herabzog der traute der Ruhe
dieses Gesichts nicht mehr Sie bog sich über den Verstorbenen anscheinend um
etwas an dem Arrangement zu ändern ihre Hand stieß dabei an das Bouquet der
alten Dame  es rollte über den Rand des Sarges und fiel zu Felicitas Füßen
nieder
    Draußen schlug es drei Mehrere Geistliche im Ornate traten in die Hausflur
auch die Herren kamen aus dem Wohnzimmer und ihnen folgte Nathanael neben einer
hochaufgeschossenen schmächtigen Jünglingsgestalt Die Witwe hatte ihrem Sohne
Johannes die Todesnachricht telegraphisch mitgeteilt und heute morgen war er
gekommen um der Begräbnisfeierlichkeit beizuwohnen Die kleine Felicitas vergaß
für einen Augenblick ihre Leid und sah mit der ganzen Neugier des neunjährigen
Kindes zu ihm empor welcher der Liebling des Vaters gewesen war  Weinte er
wohl hinter der schmalen mageren aber wohlgepflegten Hand die er beim Anblicke
des Dahingeschiedenen über seine Augen gelegt hatte  Nein es rollte keine
Träne herab und ein ungeübtes Auge wie das des Kindes konnte außer einer
ungewöhnlichen Blässe auch sonst kein Merkmal der Erschütterung an dem ernsten
Gesichte bemerken
    Nathanael stand neben ihm Er vergoss viele Tränen aber sein Kummer
hinderte ihn nicht den Bruder leise flüsternd anzustossen als er Felicitas in
ihrem Schlupfwinkel entdeckte Johannes Blick folgte der Richtung des
brüderlichen Zeigefingers Zum ersten Male hefteten sich diese Augen auf das
Gesicht des Kindes  es waren schreckliche Augen ernst finster ohne das Licht
des Wohlwollens und der inneren Wärme In der Bibel war ein Bild des
Evangelisten des Lieblingsschülers Jesu ein sanftes schönes Gesicht mit fast
weiblich weichen Linien  »das ist der Johannes am Rhein« hatte sie stets
behauptet und der Onkel hatte lächelnd dazu genickt  Sie hatten nichts
miteinander gemein jene lieblichen von hellem Gelock umrahmten Züge und dieser
Kopf mit den schlichten kurzgeschnittenen Haaren und dem tiefernsten blassen
unregelmässigen Profil
    »Geh fort Kind du bist hier im Wege« gebot er streng als er sah dass man
Anstalten machte den Sarg zu schließen Felicitas verließ beschämt und
erschrocken als habe sie Strafe verdient den Winkel und schlich ungesehen von
den anderen in ihres Pflegevaters ehemaliges Zimmer
    Jetzt weinte sie bitterlich  Ihm war sie nicht im Wege gewesen Sie
fühlte seine fieberhafte Hand wieder auf ihrem Scheitel und hörte seine gute
schwache Stimme wie in den letzten Tagen heiser flüstern »Komm Fee mein
Kind ich hab es so gern wenn du bei mir bist «
    Horch was war das für ein Hämmern draußen Es scholl misstönig durch den
hochgewölbten Raum wo doch die vielen Menschen kaum zu flüstern wagten
Felicitas hob verstohlen den grünen Vorhang und sah hinaus in die Flur 
Schrecklich die Gestalt des Onkels war verschwunden dort der schwarze Deckel
lag auf seinem lieben Gesichte und hielt ihn für immer unerbittlich fest in der
ausgestreckten Stellung Wenn er nur ein wenig die Hand hob stieß sie überall
an harte fest zusammengefügte Bretter  und dort klopfte der Mann abermals
und rüttelte an dem Deckel ob er auch fest säße ob ihn nicht die Hand da drin
zurückstossen könne  da drin in der tiefen Dunkelheit des engen Kastens da
drin wo man nicht atmen konnte wo man so furchtbar allein war  Die Kleine
schrie laut auf vor Entsetzen
    Aller Augen richteten sich verwundert auf das Fenster aber Felicitas sah
nur die großen grauen deren Blick sie vorhin so tief erschreckt hatte Er
blickte strafend herüber sie verließ das Fenster und flüchtete sich hinter den
großen dunklen Vorhang der das Zimmer in zwei Hälften teilte Dort kauerte sie
sich nieder und blickte furchtsam nach der Tür wo er gewiss eintreten und sie
scheltend hinausführen würde
    In ihrem Verstecke sah sie nicht wie draußen die Träger den Sarg auf die
Schultern nahmen wie der Onkel sein Haus verließ für immer Sie sah nicht den
langen schwarzen unheimlichen Zug der dem Verstorbenen folgte wie der letzte
Schatten auf dem nun vollendeten Lebenswege  Dort an der Ecke hob ein Luftzug
alle die prächtigen weißen Atlasbänder die am Sarge niederhingen  sie
flatterten hoch auf war es der letzte Gruß des Geschiedenen für das verlassene
Kind das eine zärtlich besorgte Mutter dem trüben Sumpfe der väterlichen
Laufbahn entrissen hatte um es unwissentlich an einen öden unwirtbaren Strand
zu werfen
 
                                       7
Das Stimmengemurmel in der Flur war plötzlich verstummt  und es folgte tiefe
Stille Felicitas hörte wie die Haustür geschlossen wurde aber sie wusste
nicht dass damit das Drama in der Hausflur zu Ende sei Noch wagte sie sich
nicht aus ihrem Winkel hervor Sie saß auf dem kleinen gepolsterten Lehnstuhle
den der Onkel ihr am letzten Weihnachtsabend geschenkt und das Köpfchen ruhte
auf ihren beiden Händen die sich auf dem Tische kreuzten Ihr Herz klopfte
nicht mehr so ängstlich aber hinter der kleinen gesenkten Stirn hämmerte es
und die Gedanken reihten sich in fieberhafter Schnelligkeit aneinander Sie
dachte auch an die kleine alte Dame deren Bouquet draußen auf den Steinfliesen
lag und wahrscheinlich von den unachtsamen Leuten zertreten wurde  Das war
also die »alte Mamsell« gewesen jene Einsame hoch droben unter dem Dache des
Hinterhauses der stete Zankapfel zwischen der Köchin und Heinrich Nach
Friederikes Aussage hatte die alte Mamsell Furchtbares auf dem Gewissen  sie
sollte schuld sein an ihres Vaters Tode Die haarsträubende Geschichte hatte der
kleinen Felicitas stets Furcht und Entsetzen eingeflößt aber jetzt war das
vorbei  Die kleine Dame mit dem guten Gesichte und den Augen voll sanfter
Tränen eine Vatermörderin Da hatte Heinrich sicher recht wenn er beharrlich
den dicken Kopf schüttelte und ebenso konsequent den geistreichen Satz
aufstellte das müsse anders zusammenhängen
    Vor Jahren hatte die alte Mamsell auch hier unten im Vorderhause gewohnt
aber wie sich die alte Köchin mit immer neu aufloderndem Zorne ausdrückte  sie
war nicht davon abzubringen gewesen Sonntagnachmittags unheilige Lieder und
lustige Weisen zu spielen Die »Madame« hatte ihr Himmel und Hölle vorgestellt
aber das war alles umsonst gewesen bis kein Mensch im Hause den Greuel mehr mit
anhören konnte  da hatte Herr Hellwig seiner Frau den Willen getan und die
alte Mamsell hatte hinauf gemusst unters Dach  Dort wäre sie unschädlich
meinte Friederike stets und man musste ihr recht geben denn man hörte nie auch
nur einen Laut des verpönten Klavierspiels im Hause  Der Onkel musste
jedenfalls sehr böse auf die alte Mamsell gewesen sein denn er hatte nie von
ihr gesprochen und doch war sie seines Vaters Schwester und sah ihm so ähnlich
 Eine heiße Sehnsucht erfasste die kleine Felicitas bei dem Gedanken an diese
Ähnlichkeit  sie wollte hinauf in die Dachwohnung aber da stand ja der
finstere Johannes  das Kind schüttelte sich vor Angst  und die alte Mamsell
steckte jahraus jahrein hinter Riegeln und Schlössern
    Am Ende eines langen abgelegenen Korridors dicht an der Treppe die aus den
unteren Stockwerken herauf führte war eine Tür Nathanael hatte einmal als
sie da droben spielten leise zu ihr gesagt »Du da droben wohnt sie« dann
hatte er mit beiden Fäusten auf die Tür schlagend laut geschrien »Alte
Dachhexe komm herunter« und war in schleuniger Flucht die Treppe
hinabgelaufen Wie hatte da das Herz der kleinen Felicitas vor Angst und
Schrecken geklopft denn sie war keinen Augenblick im Zweifel gewesen es müsse
ein schreckliches Weib mit einem großen Messer in der Hand hervorstürzen und sie
bei den Haaren fassen 
    Es fing an leise zu dämmern Drüben am Ratause huschte der letzte goldene
Schein der Herbstsonne um das Giebelkreuz und auf der großen Wanduhr drin im
Zimmer schlug es langsam und rasselnd fünf  sie hatte genau so eintönig und
langsam jene drei Schläge herabgerasselt nach welchen ihr ehemaliger Besitzer
der sie lange Jahre hindurch pünktlich und mit liebevoller Vorsicht bedient
hinausgetragen worden war
    Bis dahin war es ziemlich still im ganzen Hause geblieben aber jetzt wurde
die Tür des Wohnzimmers plötzlich geöffnet und harte feste Schritte schollen
durch die Flur Felicitas zog ängstlich den Vorhang an sich heran denn Frau
Hellwig näherte sich dem Zimmer des Onkels Das erschien dem Kinde wunderbar
neu es war nie vorgekommen dass die große Frau bei Lebzeiten ihres Mannes je
diese Schwelle betreten hatte  Sie kam ungewöhnlich rasch herein schob leise
den Nachtriegel vor und blieb dann einen Augenblick mitten im Zimmer stehen Es
war ein Ausdruck unsäglichen Triumphes mit welchem diese Frau ihre Blicke
langsam durch den so lange streng gemiedenen Raum gleiten ließ
    Über Hellwigs Schreibtisch hingen zwei schöngemalte Oelbilder ein Herr und
eine Dame Die letztere ein stolzes Gesicht aus dessen Augen aber Geist und
Lebenslust sprühte war in jener Tracht welche so unschön die altgriechische
nachzuahmen sucht Die kurze Taille die ein weißer leuchtender Seidenstoff
umschloss wurde noch verkürzt durch einen roten golddurchwirkten Gürtel Brust
und Oberarme fast zu üppig geformt und nur sehr wenig bedeckt harmonierten in
ihrer herausfordernden Schönheit durchaus nicht mit dem anspruchslosen
züchtigen Veilchenstrausse der im Gürtel steckte  Es war Hellwigs Mutter
    Vor dieses Bild trat die Witwe jetzt sie schien sich einen Moment daran zu
weiden Dann stieg sie auf einen Stuhl hob es von seiner gewohnten
langjährigen Stell und schlug vorsichtig ohne großes Geräusch einen neuen Nagel
inmitten der zwei alten an welchen sie das männliche Brustbild Hellwigs Vater
hing Es blickte jetzt einsam hernieder während die Witwe den Stuhl verließ
und das weibliche Porträt in der Hand aus dem Zimmer ging  Felicitas
gespanntes Ohr folgte ihren Schritten durch die Hausflur über die erste Treppe
 sie stieg immer höher in dem widerhallenden Treppenhause  wahrscheinlich bis
in den Bodenraum
    Sie hatte die Tür nicht völlig hinter sich geschlossen und als ihr letzter
Schritt droben verhallt war da erschien Heinrichs scheues Gesicht in der
Spalte
    »Na da haben wirs Friederike« rief er mit gedämpfter Stimme der man
aber den Schrecken anhörte in die Flur zurück »Es war richtig der selgen Frau
Kommerzienrätin ihr Bild«
    Die alte Köchin riss die Tür weit auf und sah herein
    »Ach du meine Güte wirklich« rief sie die Hände zusammenschlagend »Herr
Je wenn das die stolze Frau wüsste die drehte sich in der Erde um  und der
selge Herr erst  Na sie war aber auch zu schrecklich angezogen  so bloß
auf der Brust  ein Christenmensch musste sich schämen«
    »Meinst du« entgegnete Heinrich schlau mit den Augen blinzelnd »Ich will
dir was sagen Friederike« fuhr er fort und legte abzählend den Zeigefinger der
Rechten gegen den linken Daumen »Die alte Frau Kommerzienrätin hats durchaus
nicht leiden wollen dass unser Herr die Madame genommen hat  das kann ihr die
Madame zum ersten nicht vergessen Zum zweiten war sie eine fidele Frau die
gern was mitmachte und am liebsten da war wo lustig aufgespielt wurde und zum
dritten  hat sie unsere Madame einmal eine herzlose Betschwester geschimpft 
Merkst du was«
    Während Heinrichs Beweisführung war Felicitas aus ihrem Verstecke
hervorgekommen Das Kind fühlte instinktmässig dass es an dem rauen aber
grundgutmütigen alten Burschen von nun an die einzige Stütze im Hause haben
werde Er hatte sie sehr lieb und seinen stets wachsamen Augen dankte es die
Kleine hauptsächlich dass sie bis dahin in glücklicher Unwissenheit über ihre
Vergangenheit geblieben war
    »Na Feechen da bist du ja« sagte er freundlich und nahm ihre kleine Hand
fest in seine schwielige Rechte »Ich hab dich schon in allen Ecken gesucht 
Komm mit nüber in die Gesindestube denn hier wirst du ja doch nicht mehr
gelitten armes Ding  wenn gar die alten Bilder fort müssen nachher «
    Er seufzte und drückte die Tür zu Friederike war bereits eilig in die
Küche zurückgekehrt denn man hörte die Schritte der herabsteigenden Frau
Hellwig
    Felicitas sah sich scheu um in der Hausflur  sie war leer da wo der Sarg
gestanden hatte lagen zertretene Blumen und Blätter am Boden
    »Wo ist der Onkel« fragte sie flüsternd indem sie sich widerstandslos von
Heinrich nach der Gesindestube führen ließ
    »Nu sie haben ihn fortgetragen aber du weißt ja doch Kindchen er ist nun
im Himmel  da hat ers gut besser als auf der Erde« antwortete Heinrich
wehmütig
    Er nahm seine Mütze vom Nagel und ging fort um einen Auftrag in der Stadt
zu besorgen
    In der Gesindestube herrschte bereits starke Dämmerung Seit Heinrichs
Weggange kniete Felicitas auf der Holzbank die unter den eng vergitterten
Fenstern weglief und blickte unablässig in das Stückchen dunkelnden Himmels
droben über den Giebelhäusern der schmalen steilen Gasse wo ja der Onkel nun
sein sollte  Sie fuhr erschrocken zusammen als Friederike mit der
Küchenlampe eintrat Die alte Köchin stellte einen Teller mit Butterbrot auf den
Tisch
    »Komm her Kind und iss  da ist dein Abendbrot« sagte sie
    Die Kleine kam näher aber sie rührte das Essen nicht an sie griff nach
ihrer Schiefertafel die Heinrich aus des Onkels Zimmer herübergebracht und
fing an zu schreiben Da kamen hastige Schritte durch die anstossende Küche und
gleich darauf steckte Nathanael seinen blonden Kopf durch die offenen Tür
Felicitas zitterte denn er war stets sehr ungezogen wenn er sich mit ihr
allein sah
    »Ah da sitzt ja Jungfer Fee« rief er in einem Tone den Felicitas so sehr
an ihm fürchtete »Hör mal du ungezogenes Ding wo hast du denn die ganze Zeit
über gesteckt«
    »In der grünen Stube« antwortete sie ohne aufzublicken
    »Du das probiere nicht noch einmal« sagte er drohend »Da hinein gehörst
du jetzt nicht mehr hat die Mama gesagt  Was schreibst du denn da«
    »Meine Arbeit für Herrn Richter«
    »So  für Herrn Richter« wiederholte er und wischte dabei mit einer raschen
Bewegung das Geschriebene von der Tafel »Also du bildest dir ein Mama wäre so
dumm die teuren Privatstunden noch für dich zu bezahlen  Sie wird sich
hüten Das ist alles vorbei hat sie gesagt  Du kannst nun wieder dahin
gehen wo du hergekommen bist  nachher wirst du das was deine Mutter war und
dann machen sie es mit dir auch so«  er legte die Hände gegen die Wange machte
die Pantomime des Schiessens und schrie »Puff«
    Die Kleine sah ihn mit weitgeöffneten Augen an Er sprach von ihrem
Mütterchen  das war ja noch nicht geschehen aber was er sagte klang so
unverständlich
    »Du kennst doch meine Mama gar nicht« sagte sie halb fragend und ungewiss
es schien als ob sie den Atem anhielt
    »O ich weiß viel mehr von ihr als du« erwiderte er und setzte nach einer
Pause hinzu während sein Blick heimtückisch unter der gesenkten Stirn
hervorschielte »Gelt du weißt noch nicht einmal was deine Eltern waren«
    Die Kleine schüttelte das Köpfchen mit einer lieblich unschuldigen Bewegung
aber zugleich hefteten sich ihre Augen wie ängstlich flehend an seine Lippen 
sie kannte die Art und Weise des Knaben viel zu gut um nicht zu wissen dass
jetzt etwas kommen müsse was ihr wehe tun sollte
    »Spielersleute waren sie« schrie er mit hämischer Betonung »Weißt du
solche Leute wie wir sie auf dem Vogelschiessen gesehen haben  sie machen
Kunststücke Purzelbäume und solches Zeug und gehen nachher mit dem Teller herum
und betteln«
    Die Schiefertafel fiel auf den Boden und zerbrach in kleine Stücke
Felicitas war aufgesprungen und stürzte wie toll an dem verblüfften Knaben
vorüber hinaus in die Küche
    »Er lügt gelt er lügt Friederike« rief sie in schneidenden Tönen und
fasste den Arm der Köchin
    »Das kann ich gerade nicht sagen aber übertrieben hat er« entgegnete
Friederike deren hartes Herz beim Anblick des furchtbar aufgeregten Kindes ein
menschliches Rühren empfand »Gebettelt haben sie nicht freilich  das ist wahr
 Spielersleute sind sie gewesen «
    »Und sehr schlechte Kunststücke haben sie gemacht« ergänzte Nathanael
indem er an den Herd trat und forschend in Felicitas Gesicht sah  sie weinte
ja noch nicht ja sie sah ihn so »unverschämt wild« an mit ihren heißen
funkelnden Augen dass er in eine förmliche Wut geriet
    »Greuliche Kunststücke haben sie gemacht« wiederholte er »Deine Mutter hat
Gott den Herrn versucht und deshalb kommt sie auch nie in den Himmel sagte
die Mama«
    »Sie ist ja gar nicht gestorben« stieß Felicitas hervor Ihr kleiner
blasser Mund zuckte fieberisch und ihre Hand umschloss krampfhaft die Rockfalten
der Köchin
    »O freilich du dummes Ding längst längst  der selge Papa hat dirs nur
nicht gesagt  Drüben im Rataussaale ist sie bei einem Kunststücke von den
Soldaten erschossen worden«
    Das gequälte Kind stieß ein herzzerreissendes Jammergeschrei aus Friederike
hatte bei Natanaels letzten Worten bestätigend mit dem Kopfe genickt  er hatte
also nicht gelogen
    In diesem Augenblicke kehrte Heinrich von seinem Ausgange zurück Nathanael
machte sich aus dem Staube als die breitschultrige Gestalt des Hausknechts auf
der Schwelle erschien  Heimtückische Naturen haben stets eine unüberwindliche
Scheu vor einem geraden ehrlichen Gesichte Auch der Köchin schlug das Gewissen
 sie hantierte emsig bei ihrem Herde
    Felicitas schrie nicht mehr Sie hatte die hochgehobenen verschränkten Arme
gegen die Wand geworfen und ihre Stirn darauf gepresst aber man hörte wie sie
gegen ein heftiges Schluchzen ankämpfte
    Der durchdringende Schrei des Kindes war bis in die Hausflur gedrungen
Heinrich hatte ihn gehört er sah noch wie Nathanael hinter der Zimmertür
verschwand und wusste sogleich dass hier irgend eine Bosheit verübt worden war
Ohne ein Wort zu sagen drehte er die Kleine von der Wand weg und hob das
Gesichtchen empor  es war furchtbar entstellt Bei seinem Anblicke brach das
Kind abermals in ein lautes Weinen aus und stieß schluchzend die Worte hervor
»Sie haben mein armes Mütterchen totgeschossen  meine liebe gute Mama«
    Heinrichs breites gutmütiges Gesicht wurde ganz blass vor innerem Grimme 
er schien einen Fluch zu unterdrücken
    »Wer hat dir denn das gesagt« fragte er und sah drohend nach Friederike
hinüber
    Das Kind schwieg aber die Köchin begann den Hergang zu erzählen wobei sie
das Feuer schürte den eben begossenen Braten noch einmal begoss und allerlei
unnötige Dinge verrichtete um nicht in Heinrichs Gesicht blicken zu müssen
    »Na ich meine auch Nathanael hätte es ihr just heute noch nicht zu sagen
gebraucht« schloss sie endlich »aber morgen oder übermorgen nimmt sie die
Madame doch ins Gebet und da wird sie ganz gewiss nicht mit Handschuhen angefasst
 darauf kannst du dich verlassen«
    Heinrich führte Felicitas in die Gesindestube setzte sich neben sie auf die
Holzbank und suchte sie zu beruhigen soweit er es in seiner ungelenken Redeweise
vermochte Er erzählte ihr schonend den schrecklichen Vorfall im Rataussaale
und sagte schließlich dass ja die Mama von der die Leute schon damals gesagt
hätten sie sähe aus wie ein Engel nun auch droben im Himmel sei und jeden
Augenblick ihre kleine Fee sehen könne Dann streichelte er zärtlich das
Köpfchen des Kindes das aufs neue in krampfhaftes Weinen ausbrach
 
                                       8
Am anderen Morgen hallte das Ausläuten der Glocken feierlich über die Stadt Die
schmale steile Gasse hinauf strömten die Andächtigen nach der hochgelegenen
Barfüsserkirche Samt und Seide und auch minder kostbare aber doch sonntägige
Stoffe wurden in die Kirche getragen nicht allein zur Ehre Gottes sondern auch
um der Augen des lieben Nächsten willen
    Aus dem stattlichen Eckhause am Marktplatze schlüpfte eine kleine schwarz
umhüllte Gestalt Niemand hätte unter dem großen plumpen Umhängetuche das eine
Nadel unter dem Kinne zusammenhielt die feinen graziösen Formen der kleinen
Felicitas zu entdecken vermocht Friederike hatte der Kleinen das hässliche
grobe Gewebe mit den wichtig betonten Worten umgelegt dass die Madame ihr das
schöne Tuch zur Trauer schenke dann hatte sie die Haustür geöffnet und dem
hinauseilenden Kinde streng anbefohlen ja nicht etwa wie sonst in den
Familienkirchenstuhl zu gehen  es sei Platz für sie auf den Bänkchen der
Schulkinder
    Felicitas drückte das Gesangbuch unter den Arm und schritt hastig um die
Ecke Es war unverkennbar sie strebte ungeduldig vorwärts zu kommen aber da
drüben schritten feierlich gemessenen Ganges drei schwarzgekleidete Gestalten
deren Anblick sofort ihre Schritte verlangsamte  Ja dort ging sie die große
Frau inmitten ihrer zwei Söhne und alle Menschen die vorüberkamen neigten
sich tief und respektvoll Sie hatte zwar das ganze Jahr über fast für niemand
einen guten Blick und der Mund sprach oft unbarmherzig zu denen die Hilfe
suchten und dort der kleinere Knabe an ihrer Linken schlug die Bettelkinder
die sich ins Haus wagten und trat mit Füßen nach ihnen Er log auch abscheulich
und schwur dann heilig und teuer dass er nicht gelogen habe  aber das schadete
alles nicht Sie gingen jetzt in die Kirche setzten sich in den streng
abgeschlossenen Kirchenstuhl hinter vornehme Glasscheiben und beteten zum
lieben Gott und er hatte sie lieb und sie kamen in seinen Himmel denn  sie
waren ja keine Spielersleute
    Die drei Gestalten verschwanden in der Kirchentür Das Kind folgte ihnen
mit den ängstlichen Augen dann huschte es vorüber vorüber an all den offenen
Türen aus denen bereits der Orgelklang scholl und die einen Blick gewährten
in das magische Düster der Kirchenhalle über die dichtgedrängten Reihen der
Andächtigen An das trotzig empörte heftig pochende Kinderherz aber das da
draußen vorübereilte schlug der Orgelton vergeblich Es konnte heute nicht zum
lieben Gott beten er wollte ja nichts wissen von dem armen erschossenen
Mütterchen er litt es nicht in seinem großen blauen Himmel  es lag einsam
draußen auf dem Gottesacker und da musste das Kind hin und musste es besuchen
    Felicitas bog ein in eine zweite Gasse die noch steiler den Berg
hinauflief als die drunten neben dem Hause Dann kam das hässliche Stadttor mit
dem noch viel hässlicheren Turme der auf seinem Rücken dräute aber durch die
Torwölbung leuchtete es grün Da schlangen sich die prächtigen wohlgepflegten
Lindenalleen in wunderlichem Kontraste um alte geschwärzte Stadtmauern wie ein
frischer Myrtenkranz um einen ergrauten Scheitel  Wie war es so feierlich
still hier oben Das Kind erschrak vor seinen eigenen Schritten unter denen der
Kies knirschte  es ging ja auf verbotenem Wege Aber es lief immer rascher und
stand endlich tief Atem schöpfend vor dem Eingangstore des Gottesackers
    Noch nie hatte Felicitas diesen stillen Ort betreten  sie kannte jene
kleinen gleichförmig nebeneinander liegenden Felder noch nicht jene
Schlusssteine unter denen das vielgestaltige Leben urplötzlich verbraust und
verklingt Neben dem schwarzen Eisengitter der Tür streckten zwei große
Holunderbüsche die Zweige hervor gebeugt von der Last ihrer schwarzen
glänzenden Beerendolden und da seitwärts erhob sich das graue Gemäuer einer
alten Kirche  das sah düster aus aber dort hinüber dehnte sich ein weiter
Plan bunt besät mit Blumen und Büschen auf denen das Gold der milden
Herbstsonne lag
    »Wenn willst du denn besuchen Kleine« fragte ein Mann der in Hemdärmeln
an der Tür des Leichenhauses lehnte und blaue Wolken aus seiner Tabakspfeife in
die klare Luft blies
    »Meine Mama« entgegnete Felicitas hastig und ließ ihre Augen suchend über
das große Blumenfeld gleiten
    »So  ist die schon hier  Wer war sie denn«
    »Sie war eine Spielersfrau«
    »Ah die vor fünf Jahren auf dem Ratause umgekommen ist  Die liegt da
drüben gleich neben der Kirchenecke«
    Da stand nun das kleine verlassene Wesen vor dem Fleckchen Erde das den
Gegenstand all seiner süßen sehnsüchtigen Kindesträume deckte  Ringsum
lagen geschmückte Gräber die meisten waren mit buntfarbigen Astern so völlig
bedeckt als habe der liebe Gott alle seine Sterne vom Himmel schneien lassen
Nur der schmale Streifen zu des Kindes Füßen zeigte dürres verbranntes Gras
gemischt mit üppig wuchernden Queckenranken Unachtsame Füße hatten bereits
einen Weg darüber gebahnt die anfangs lockere von Regengüssen durchwühlte Erde
war tief eingesunken und mit ihr der weiße schmucklose Stein zu Füßen des
vernachlässigten Grabes  »Meta dOrlowska« stand in großen schwarzen Lettern
dicht am Erdrande  An diesem Steine kauerte sich Felicitas nieder und ihre
kleinen Hände wühlten in eienr von Gras entblößten Stelle  Erde nichts als
Erde Diese schwere fühllose Masse lag auf dem zärtlichen Gesichte auf der
lieben Gestalt im lichtglänzenden Atlasgewande auf den Blumen in den
lilienweissen erstarrten Händen Jetzt wusste das Kind dass die Mutter damals
nicht bloß geschlafen habe
    »Liebe Mama« flüsterte sie »du kannst mich nicht sehen aber ich bin da
bei dir Und wenn auch der liebe Gott nichts von dir wissen will  er hat dir ja
nicht ein einziges Blümchen geschenkt  und kein Mensch kümmert sich um dich
ich hab dich lieb und will immer zu dir kommen  Ich will auch nur dich
allein lieb haben nicht einmal den lieben Gott denn er ist so streng und
schlimm gegen dich«
    Das war das erste Gebet des Kindes am Grabe der verfemten Mutter  Ein
leichtes Lüftchen strich vorüber weich und kühlend wie sich die
beschwichtigende Mutterhand um die klopfenden Schläfe des fieberkranken
Lieblings legt Die Astern nickten herüber zu dem tieftraurigen Kinde und auch
durch die dürren Blütenrispen der Gräser zog es leise flüsternd und droben
dehnte sich der Himmel in durchsichtiger Klarheit  der ewige wandellose
Himmel den Menschenbegriffe zu einem Tummelplatze irdischer Leidenschaften
machen
    Als Felicitas später in das düstere Haus am Marktplatze zurückkehrte  das
Kind wusste nicht wie lange es träumend da draußen auf dem weiten stillen
Totenfelde gesessen hatte  fand sie die Haustür nur angelehnt Sie schlüpfte
hinein blieb aber sofort erschrocken in der nächsten Ecke stehen denn die Tür
zu des Onkels Zimmer stand ziemlich weit offen Johannes Stimme klang heraus
und Felicitas hörte wie er mit festen langsamen Schritten auf und ab ging
    Ein so eigentümlich wilder Trotz auch seit gestern über die Kleine gekommen
war die Furcht vor jener unbewegten grausam kalten Stimme und den
unerbittlichen grauen Augen war doch noch größer Sie konnte unmöglich in das
Bereich der halboffenen Tür treten  ihre kleinen Füße standen wie eingewurzelt
auf den Steinplatten
    »Ich gebe dir vollkommen recht Mama« sagte Johannes drinnen indem er
stehen blieb »das kleine lästige Geschöpf wäre am besten in irgend einer
braven Handwerkerfamilie aufgehoben Aber dieser unvollendete Brief hier ist für
mich so massgebend wie ein rechtskräftiges Testament  Einmal sagt der Papa
dass er das Kind um keinen Preis aus dem Schutze seines Hauses entlassen werden 
es sei denn dass es der Vater selbst zurückfordere  und hier mit den Worten 
ich würde deshalb auch unbedingt die Sorge um das mir anvertraute Kind in deine
Hände legen  macht er mich unwiderleglich zum Vollstrecker seines Willens 
Es kommt mir durchaus nicht zu an der Handlungsweise meines Vaters irgendwie zu
mäkeln aber wenn er gewusst hätte wie unsagbar zuwider mir die Menschenklasse
ist aus der das Kind stammt  er würde mich mit dieser Vormundschaft verschont
haben«
    »Du weißt nicht was du von mir verlangst Johannes« entgegnete die Witwe
im Tone tiefsten Verdrusses »Fünf lange Jahre habe ich diesen Auswürfling dies
gottverlassene Wesen stillschweigend neben mir dulden müssen  ich kann es nicht
länger«
    »Nun dann bleibt uns kein anderer Ausweg als ein Aufruf an den Vater des
Kindes«
    »Ja da kannst du rufen« erwiderte Frau Hellwig mit einem kurzen
höhnischen Auflachen »Der dankt Gott dass er den Brotesser los ist Doktor Böhm
sagt mir soviel er wisse habe der Mann zu Anfang ein einziges Mal von Hamburg
aus geschrieben  seit der Zeit nicht wieder«
    »Als gute Christin wirst du übrigens auch nicht zugeben liebe Mama dass das
Kind dahin zurückkehrt wo seine Seele verloren geht «
    »Sie ist so wie so verloren«
    »Nein Mama Wenn ich auch nicht leugnen will dass der Leichtsinn in diesem
Blute stecken muss so glaube ich doch auch fest an den Segen einer guten
Erziehung«
    »Du meinst also wir bezahlen das schwere Geld noch so und so viel Jahre
länger für ein Geschöpf das uns auf der Gotteswelt nichts angeht  Sie hat
Unterricht im Französischen im Zeichnen «
    »Ei behüte das fällt mir nicht ein« unterbrach Johannes die Aufzählung 
zum erstenmal erhielt diese monotone Stimme eine etwas lebhaftere Klangfarbe
»Das fällt mir nicht ein« wiederholte er »Mir ist diese moderne weibliche
Erziehung ohnehin ein Greuel  Solche Frauen wie dich die echt christlichen
Sinnes und in wahrhafter Weiblichkeit nie die ihnen gesteckten Grenzen
überschreiten die wird man in kurzem suchen müssen  Nein das alles hat von
jetzt ab ein Ende Erziehe das Mädchen häuslich zu dem was einst seine
Bestimmung sein wird  zur Dienstbarkeit  Ich lege die Angelegenheit völlig
und unbesorgt in deine Hände Mit deinem starken Willen deinem Christentum «
    Hier wurde die Tür plötzlich weiter aufgerissen und Nathanael der sich
bei dem Zwiegespräche langweilen mochte sprang heraus Felicitas drückte sich
gegen die Wand aber er sah sie doch und stürzte wie ein Stossvogel auf die
Zitternde zu
    »Ja verstecke dich nur das hilft dir nichts« rief er und presste ihr
zartes Handgelenk beim Weiterzerren so heftig dass sie aufschrie »Jetzt kommst
du mit und sagst der Mama gleich den Text der Predigt Gelt das kannst du
nicht Du warst nicht auf den Schulbänkchen ich hab genau aufgepasst  Und
wie siehst du denn aus  Nein Mama sieh dir nur einmal dies Kleid an«
    Mit diesen Worten zog er die widerstrebende Kleine an die Tür
    »Komm herein Kind« gebot Johannes der mitten im Zimmer stand und den
Brief seines Vaters noch in der Hand hielt
    Felicitas trat zögernd über die Schwelle Sie sah einen Moment an der hohen
schmalen Gestalt empor die vor ihr stand Da lag kein Stäubchen auf dem
ausgesucht feinen schwarzen Anzuge das Weißzeug leuchtete in blendender
Frische nicht ein Härchen auf der Stirn krümmte sich gegen die Hand die
unablässig fast ängstlich darüber hinstrich  da war alles peinlich geordnet
und sauber Er blickte mit einer Art von Abscheu auf den Kleidersaum des Kindes
    »Wo hast du dir das geholt« fragte er und zeigte nach der Stelle die
seinen Blick auf sich zog
    Die Kleine sah scheu hinab  das sah freilich schlimm aus Gras und Wege
draußen waren noch taunass gewesen sie hatte beim Niederwerfen am Grabe nicht
daran gedacht dass solche auffallende Spuren an dem schwarzen Kleide
zurückbleiben könnten  Sie stand schweigend mit gesenkten Augen da
    »Nun keine Antwort  Du siehst aus wie das böse Gewissen selbst  du
warst nicht in der Kirche wie«
    »Nein« sagte die Kleine aufrichtig
    »Und wo warst du«
    Sie schwieg Sie hätte sich lieber totschlagen lassen ehe der Muttername
vor diesen Ohren über ihre Lippen gekommen wäre
    »Ich will dirs sagen Johannes« entgegnete Nathanael an ihrer Stelle »sie
war draußen in unserem Garten und hat Obst genascht  so macht sies immer«
    Felicitas warf ihm einen funkelnden Blick zu aber sie öffnete die Lippen
nicht
    »Antworte« gebot Johannes »hat Nathanael recht«
    »Nein er hat gelogen wie er immer lügt« entgegnete das Kind fest
    Johannes streckte in diesem Augenblicke ruhig den Arm aus um Nathanael
zurückzuhalten der wütend auf seine Anklägerin losstürzen wollte
    »Rühr sie nicht an Nathanael« gebot auch Frau Hellwig dem Knaben Sie
hatte bis dahin schweigend im Lehnstuhle des Onkels am Fenster gesessen Jetzt
erhob sie sich  hu was warf die große Frau für einen düstern Schatten in das
Zimmer
    »Du wirst mir glauben Johannes« wendete sie sich an ihren Sohn »wenn ich
dir versichere dass Nathanael niemals die Unwahrheit sagt Er ist fromm und lebt
in der Furcht des Herrn wie selten ein Kind  ich habe ihn behütet und
geleitet das wird dir genügen  Es hat noch gefehlt dass sich dies
erbärmliche Geschöpf zwischen die Geschwister stellt wie es bereits zwischen
den Eltern der Fall gewesen ist  Ist es nicht an sich unverzeihlich dass sie
statt in die Kirche zu gehen sich an anderen Orten herumtreibt  mag sie nun
gewesen sein wo sie will«
    Ihre Augen glitten mit tödlicher Kälte über die kleine Gestalt
    »Wo ist das neue Tuch dass du heute Morgen bekommen hast« fragte sie
plötzlich
    Felicitas fuhr erschreckt mit den Händen nach den Schultern  o Himmel es
war verschwunden es lag sicher draußen auf dem Gottesacker Sie fühlte recht
gut dass sie sich einer großen Unachtsamkeit schuldig gemacht habe  sie war
tief beschämt ihre gesenkten Augen füllten sich mit Tränen und die Bitte um
Verzeihung drängte sich auf ihre Lippen
    »Nun was sagst du dazu Johannes« fragte Frau Hellwig mit schneidender
Stimme »Ich schenke ihr das Tuch vor wenig Stunden und an ihrem Gesicht wirst
du sehen dass es bereits verloren ist  Ich möchte wissen wieviel diese
Garderobe deinem seligen Vater das Jahr über gekostet hat  Gib sie auf sag
ich dir Da ist Hopfen und Malz verloren  du wirst nie ausrotten können was
von einer leichtfertigen liederlichen Mutter aufgeerbt ist«
    In diesem Augenblicke ging eine schreckliche Veränderung in Felicitas
Aeusserem vor Eine tiefe Scharlachröte ergoss sich über das ganze Gesicht und den
lilienweissen Hals bis unter den Ausschnitt des groben schwarzen Wollkleides
Ihre dunklen Augen in denen noch die Tränen der Reue funkelten blickten
sprühend empor zu dem Gesichte der Frau Hellwig Jene ängstliche Scheu vor der
Frau die fünf Jahre lang auf dem kleinen Herzen gelastet und ihr stets die
Lippen verschlossen hatte war verschwunden Alles was seit gestern ihre
kindlichen Nerven in die furchtbarste Spannung versetzt hatte es trat plötzlich
überwältigend in den Vordergrund und nahm ihr den letzten Rest von
Selbstbeherrschung  sie war außer sich
    »Sagen Sie nichts über mein armes Mütterchen ich leide es nicht« rief sie
ihre sonst so weiche Stimme klang fast gellend »Es hat Ihnen nichts zuleide
getan  Wir sollen nie Böses von den Toten sprechen  hat der Onkel immer
gesagt denn sie können sich nicht verteidigen  Sie tun es aber doch und das
ist schlecht ganz schlecht«
    »Siehst du die kleine Furie Johannes« rief Frau Hellwig höhnisch »Das ist
das Resultat der freisinnigen Erziehung deines Vaters Das ist das feenhafte
Geschöpfchen wie er das Mädchen in dem Briefe da nennt«
    »Sie hat recht wenn sie ihre Mutter verteidigt« sagte Johannes halblaut
mit ernstem Blicke »aber die Art und Weise wie sie es tut ist eine
ungebärdige abscheuliche  Wie kannst du dich unterstehen in so
ungebührlicher Weise zu dieser Dame zu reden« wandte er sich zu Felicitas und
ein schwacher Schimmer von Rot flog über sein bleiches Gesicht »Weißt du nicht
dass du verhungern musst wenn sie dir kein Brot gibt und dass draußen das
Strassenpflaster dein Kopfkissen sein wird wenn sie dich aus dem Hause stößt«
    »Ich will ihr Brot nicht« presste das Kind hervor »Sie ist eine böse böse
Frau  sie hat so schreckliche Augen  Ich will nicht hier bleiben in euerem
Hause wo gelogen wird und wo man sich den ganzen Tag fürchten muss vor der
schlechten Behandlung  lieber will ich gleich unter die dunkle Erde zu meiner
Mutter lieber will ich verhungern «
    Sie konnte nicht weiter sprechen Johannes hatte ihren Arm gefasst seine
mageren Finger drückten sich wie eiserne Klammern in das Fleisch  er schüttelte
sie einige Male heftig
    »Komm zu dir komm zur Besinnung abscheuliches Kind« rief er »Pfui ein
Mädchen und so zügellos Bei dem unverzeihlichen Hange zu Leichtsinn und
Liederlichkeit auch noch diese masslose Heftigkeit  Ich sehe ein hier ist
viel versehen worden« wandte er sich an seine Mutter »aber unter deiner Zucht
Mama wird das anders werden«
    Er ließ den Arm der Kleinen nicht los und führte sie unsanft aus dem Zimmer
hinüber in die Gesindestube
    »Von heute an habe ich über dich zu gebieten  merke dir das« sagte er
rau »und wenn ich auch fern bin ich werde dich doch exemplarisch zu strafen
wissen sobald ich erfahre dass du meiner Mutter nicht in allen Stücken ohne
Widerrede gehorchst  Für dein heutiges Benehmen hast du auf längere Zeit
Hausarrest um so mehr als du von der Freiheit einen so schlechten Gebrauch
machst Du betrittst den Garten ohne ganz spezielle Erlaubnis meiner Mutter
nicht wieder ebensowenig gehst du auf die Straße die Wege nach der
Bürgerschule ausgenommen die du von nun an besuchen wirst und hier in der
Gesindestube magst du essen und dich tagüber aufhalten bis du bessere Sitten
zeigst  Hast du mich verstanden«
    Die Kleine wandte schweigend das Gesicht ab und er verließ die Stube
 
                                       9
Nachmittags trank die Familie Hellwig den Kaffee draußen im Garten Friederike
hatte ihren kattunenen flanellgefütterten Sonntagsmantel über die Schultern
geworfen die schwarzseidene wattierte Staatsmütze aufgesetzt und war zuerst in
die Kirche und dann zu einer »Frau Muhme« auf Besuch gegangen Heinrich und
Felicitas waren allein in dem großen kirchenstillen Hause Ersterer war längst
heimlicherweise draußen auf dem Gottesacker gewesen und hatte das
verhängnisvolle Tuch heimgeholt  es lag nun gesäubert und regelrecht
zusammengelegt im Kasten
    Der ehrliche Bursche hatte die vormittägige Szene von der Küche aus mit
angehört und zum Teil auch gesehen er war sehr in Versuchung gewesen
hervorzuspringen und mit seinen derben Fäusten den Sohn des Hauses ebenso zu
schütteln wie die zarte Gestalt des aufrührerischen Kindes hin und her
geschüttelt wurde Jetzt saß er da in der Gesindestube und schnitzelte an seinem
defekten Ausgehstock herum wobei er leise und zwar sehr ungeschickt und
unmelodisch pfiff Er war ja aber auch gar nicht bei der Sache seine Blicke
huschten rastlos und verstohlen hinüber nach dem schweigenden Kinde  Das war
gar nicht mehr das Gesicht der kleinen Felicitas Sie saß dort wie ein
gefangener Vogel aber wie ein Vogel dem die Wildheit in der Brust brennt und
der voll unversöhnlichen Grolles der Hände denkt die ihn gefesselt haben 
Auf ihren Knieen lag der Robinson den Heinrich auf eigene Gefahr hin von
Natanaels Bücherbrett geholt hatte aber sie warf keinen Blick hinein Der
Einsame hatte es gut auf seiner Insel da gab es doch keine bösen Menschen die
seine Mutter leichtsinnig und liederlich schalten da lag der funkelnde
Sonnenschein auf den Palmenkronen auf den grünen Wogen des fetten Wiesengrases
 und hier brach das Gotteslicht gedämpft als trübe Dämmerung durch die
engvergitterten Fenster und nirgends weder draußen in der schmalen Gasse noch
hier im ganzen Hause erquickte ein grünes Blatt das Auge  Ja drin im
Wohnzimmer da stand freilich ein Asklepiasstock im Fenster  die einzige Blume
die Frau Hellwig pflegte aber Felicitas konnte diese regelmäßigen wie aus
kaltem Porzellan geformten Blütenbüschel die starren harten Blätter nicht
leiden die stocksteif und ungerührt dahingen mochte auch der Luftzug
durchstreichen soviel er wollte  was gab es denn Schöneres als draußen die
leichtbeweglichen grünen Zungen an Büschen und Bäumen mit ihrem unaufhörlichen
Rauschen und Flüstern
    Die Kleine sprang plötzlich auf Droben auf dem Dachboden da konnte man
weit hinaus in die Gegend sehen da war sonnige Luft  wie ein Schatten glitt
sie die gewundene steinerne Haupttreppe hinauf
    Das alte Kaufmannshaus war eigentlich nach gewissen Begriffen degradiert
worden Vor langen Zeiten war es ein Edelsitz gewesen Es hatte auch noch etwas
Ehrgeiziges in seiner Physiognomie  wenn auch nicht in dem Masse wie die Türme
die alles unter sich lassen und wenn es ginge am liebsten auch den Himmel als
alleiniges Eigentum auf ihre Spitze spiessen möchten  aber es zeigte doch hier
und da dies Emporstreben in dem Turmansatze des Erkers und vor allem in den
mächtigen Schornsteinen die sich in jenen Zeiten so nötig machten wo noch die
Wildbraten in ihrer natürlichen Größe und Urwüchsigkeit auf den Bratspiessen
adeliger Küchen steckten  Das blaue Blut das die Herzen der ehemaligen
ritterlichen Bewohner klopfen gemacht war längst versiegt ja in den letzten
Stadien war es ihm ergangen wie dem alten Hause auch  es war degradiert
worden
    Die vordere nach dem Marktplatz gewendete Front des Hauses hatte sich
allmählich in etwas modernisiert die Hintergebäude dagegen drei gewaltige
Flügel standen noch in keuscher Unberührteit wie sie aus der Hand ihres
Schöpfers hervorgegangen waren Da gab es noch jene langen hallenden Gänge mit
schiefen Wänden und tief ausgetretenem Estrich in denen selbst bei strahlendem
Mittagssonnenscheine eine traumähnliche Dämmerung webt und die es einer
sagenhaften Ahnfrau so leicht machen in grauer Schleppe mit verblichenem
Antlitz und schattenhaft gekreuzten Händen umherzuspuken Da waren noch jene
unvorhergesehenen unter dem leisesten Tritte kreischenden Hintertreppchen die
plötzlich am Ende eines Korridors auftauchen um drunten vor irgend einer
unheimlichen siebenfach verriegelten Tür zu münden  jene abgelegenen
scheinbar zwecklosen Ecken mit einem einsamen Fenster durch dessen runde
bleigefasste Scheiben fahle Lichtsäulen auf den zerbröckelnden Backsteinfussboden
fallen Der Staub der hier auf die Köpfe der Vorüberwandelnden herabrieselte
war historisch er hatte als jugendliche Holzfaser irgend eines Balkens oder als
neuer Mörtel die hochgehenden Wogen des blauen Blutes mit angesehen
    Wo es irgend möglich gewesen hatte der Steinmetz das Wappen des Erbauers
des Hauses eines Ritters von Hirschsprung angebracht Die steinernen Türund
Fenstereinfassungen ja selbst einzelne Quadern des Fussbodens zeigten den
majestätischen Hirsch wie er die Vorderläufe hochhebend zum grausigen Sprunge
über einen Abgrund ansetzte Auf den Türpfosten einer der großen Staatsstuben
im Vorderhause befanden sich auch die Bildnisse des Erbauers und seiner
Ehegesponsin langgestreckte Gestalten in Barett und Schneppenhaube Der
ehrenfeste Ritter blickte mit unvergänglich herausforderndem Stolze in die Welt
aus der längst sein Staub und seine »für ewig« besiegelten und verbrieften
Ansprüche hinweggeweht waren
    Felicitas stand droben an der Mündung der Treppe und sah mit großen
verwunderten Augen in eine halboffene Tür die sie nicht anders als
verschlossen kannte  Wie sehr musste die Ausführung ihres Racheaktes alles
Denken der sonst so peinlich pünktlichen Hausfrau in Anspruch genommen haben
dass sie darüber Schloss und Riegel vergessen konnte  Hinter der Tür lag ein
scheinbar endloser Korridor der über eines der Hintergebäude hinlief und in
welchen verschiedene Türen mündeten Eine derselben stand offen und ließ in
eine Rumpelkammer mit einem sehr hochliegenden Mansardenfenster sehen Sie war
vollgepfropft mit altem Gerümpel und da seitwärts an einem Rokokoarmsessel
lehnte auch das Bild der Frau Kommerzienrätin Es war nicht einmal gegen eine
schützende Wand gekehrt Staub und Spinnen durften sich nun ungestört des
Gesichts bemächtigen das dem Maler in der stolzen Überzeugung gesessen hatte
es werde für Kind und Kindeskinder bis in die fernste Zeit ein Gegenstand hoher
Verehrung sein
    Die großen hervortretenden etwas lüsternen Augen hatten so nahe gesehen
etwas Furchterregendes für das Kind  es wandte sich ängstlich ab aber in dem
Momente fuhr es wie ein Stich durch das kleine Herz und das Blut brauste nach
dem Kopfe  den mit Seehundsfell überzogenen Koffer dort am Boden kannte ja die
kleine Felicitas ganz genau  Scheu mit angehaltenem Atem  schlug sie den
Deckel zurück  da lag obenauf ein hellblaues Wollkleidchen dessen Säume und
Bündchen zierliche Stickerei zeigten Ach ja das hatte ihr Friederike eines
Abends ausgezogen und dann war es verschwunden und die kleine Felicitas musste
dafür ein abscheuliches dunkles Kleid anlegen
    Immer tiefer und heftiger wühlten die kleinen Hände  was kam da alles zum
Vorschein und wie stürmte es in der Kinderseele bei diesem Wiedersehen  All
diese Gegenstände so elegant als sollten sie den vornehmen Körper einer
kleinen Prinzessin umhüllen hatte die tote Mutter in den Händen gehabt
Felicitas erinnerte sich mit peinlicher Schärfe des süßen Gefühls wenn die Mama
sie angekleidet und mit ihren samtweichen zarten Fingern berührt hatte  Ach
hier tauchte auch das buntscheckige Kätzchen auf das einst der ganze Stolz des
Kindes gewesen Es war auf eine kleine Tasche gestickt  Halt da steckte auch
etwas drin aber es war kein Spielzeug wie das Kind anfänglich meinte es war
ein hübsches Petschaft von Achat auf dessen silberner Platte derselbe
majestätische Hirsch sich bäumte den das Mauerwerk des Hellwigschen Hauses bis
zum Überdruss zeigte Unter dem Wappen stand in feinen flüchtigen Zügen M v
H Das hatte gewiss der Mama gehört und das Kind hatte einst die räuberische
kleine Hand danach ausgestreckt 
    Höher und höher wuchs die Flut der Erinnerungen und auf manche fiel ein
Strahl des gereiften Verständnisses Jetzt begriff sie jene Momente wo sie aus
dem ersten Schlafe aufschreckend den Vater im goldblitzenden Wams und die
Mutter mit den aufgelösten blonden Locken an ihrem Bettchen stehen sah  sie
waren aus der Vorstellung heimgekommen  und da war auch jedesmal auf die arme
Mama geschossen worden und das Kind hatte so ahnungslos in das totenbleiche
Gesicht gesehen es wusste aber noch dass es an solchen Abenden stets stürmisch
wie in atemloser Hast an das Mutterherz emporgerissen worden war 
    Stück um Stück der neuentdeckten Schätze wurde gestreichelt und geliebkost
und dann sorgsam in den Koffer zurückgelegt und als der Deckel alles wieder
verschloss da schlang das Kind seine Arme um den kleinen vielgereisten Kasten
und legte das Köpfchen darauf  sie waren ja alte Kameraden zwei die
zusammengehörten in der weiten Welt welche nicht so viel Heimatboden für das
Spielerskind hatte als auch nur sein kleiner Fuß bedeckte  Jetzt sah das erst
so wildtrotzige Gesichtchen mild und versöhnt aus als es die zarte Wange auf
die von den Motten halbzerfressene Decke des Koffers gepresst mit geschlossenen
Augen regungslos dalag
    Durch das Fenster zog die laue Luft aus und ein und hauchte einen Strom
balsamischer Düfte in den abgelegenen stillen Bodenwinkel  wie konnte sich
dies berauschende Aroma das ganzen Resedabeeten entquellen musste so hoch in
die Lüfte versteigen Und was waren das für Töne die jetzt von fern herüber mit
ihm herein strömten  Felicitas öffnete die Augen und setzte sich horchend
auf Das konnte nicht die Orgel der nahen Barfüsserkirche sein  der Gottesdienst
war ja längst aus Ein gebildeteres Ohr als das des harmlosen unwissenden
Kindes würde auch eher alles andere als diese Harmonien mit der Orgel in
Verbindung gebracht haben  die Ouvertüre zum Don Juan wurde meisterhaft auf dem
Klavier gespielt
    Felicitas schob einen wackeligen Tisch unter das Fenster und stieg hinauf
Ah was war das  Freilich mit der geträumten Ausschau in die weite
Gotteswelt war es hier nichts vier Dächer bildeten ein festgeschlossenes
Quadrat von denen das gegenüberliegende die anderen überragte und dem Blicke
jede Fernsicht verwehrte aber gerade dies DachVisavis war für die zwei
erstaunten weitgeöffneten Kinderaugen ein Wunder wie es die schönsten
Märchenbücher nicht wunderbarer erzählen konnten Dort auf der hohen doch sanft
geneigten Schrägseite gab es nicht etwa Ziegel wie sie die anderen Dächer
schwarzbraun schmutzig und bemoost zeigten  nein es war förmlich überschüttet
mit Blumen mit Astern und Dahlien welche ihre bunten Häupter hoch droben in
den Lüften mit derselben Sicherheit wiegten wie drunten dicht an der starken
Muttererde Soweit ein pflegender menschlicher Arm von der am unteren Rande des
Daches hängenden Galerie aus reichen konnte stiegen Blumenreihen empor dann
aber schloss sich ihnen ein in allen Nüancen des Rot spielendes Blättergewirr an
fast wie ein Mantel der sich um die Schultern einer glänzenden Schönheit legt 
die wilde Weinrebe reckte und streckte sich bis hinauf zum First selbst auf die
Nachbardächer krochen die Ranken noch mit ihren leuchtenden gefingerten
Blättern und den schwarzblauen Trauben Die Galerie hatte die ganze Länge des
Daches und hing so luftig und leicht da als sei sie hingeweht und doch trug
die Brüstung ihres Geländers schwere Kasten voll Erde aus denen dicke
Resedabüsche quollen und Hunderte von Monatsrosen ihre lachenden Köpfchen
steckten
    Ein weißer ziemlich plumper Gartenstuhl neben einem runden Tischchen auf
welchem ein Porzellankaffeegeschirr stand bewies unwiderleglich dass Geschöpfe
von Fleisch und Blut hier oben hausten gleichwohl behielt die ursprüngliche
Vermutung des Kindes etwas für sich nach welcher dort der kleine Vorbau den
eine Glastür von der Galerie abschloss das Hüttchen der Blumenfee sein musste
Man sah weder Dach noch Mauern es war alles überwuchert von grossblätterigem
schottischem Epheu die Kapuzinerkresse rankte sich hinauf verstreute droben
über die grüne Kuppel ihre gespornten Blütenkelche mit den feurig orangegelben
Samtblättern und hing sie mutwillig schaukelnd über die Glastür Diese Tür
klaffte ein wenig und aus ihr quollen die Töne die das Kind ans Fenster
gelockt hatten
    Ein Blick hinunter in den Raum den die vier Hintergebäude umschlossen ließ
plötzlich eine Ahnung in der kleinen Felicitas aufdämmern Da drunten krakeelte
und krähte es um die Wette  es war der Geflügelhof Felicitas hatte ihn noch
nie gesehen denn aus Furcht dass eines der schnarrenden Geschöpfe in den
Vorderhof oder wohl gar in die Hausflur dringen könne trug Friederike den
Türschlüssel stets in der Tasche Wie oft aber war sie mit zornigem Gesichte in
die Küche gekommen und hatte zu Heinrich hinübergescholten »Die Alte da oben
gießt wieder einmal ihr nichtsnutziges Gras dass die Rinnen überlaufen «
Ach das nichtsnutzige Gras waren die Tausende süßer Blumengesichtchen da
drüben und das Wesen das sie pflegte und behütete war  die alte Mamsell die
ja auch in diesem Augenblicke wieder den Sonntagnachmittag »enteiligte durch
unheilige und lustige Weisen«
    Diese Gedanken waren kaum in dem Köpfchen aufgetaucht als auch schon die
kleinen Füße auf der Fensterbrüstung standen Die ganze Elastizität der
Kinderseele die Leid und Kummer über etwas Neuem für einen Moment völlig
vergessen kann machte sich auch hier geltend  Das Kind konnte ja klettern
wie ein Eichhörnchen und über die Dächer hinzulaufen war eine Kleinigkeit Da
unten auf den zwei an den Dächern hängenden Rinnen ließ es sich jedenfalls
prächtig marschieren sie sahen zwar etwas bemoost und wackelig aus und dort in
der Ecke wo sie zusammenstiessen hingen beide schief allein sie zerbrachen
jedenfalls noch lange lange nicht und ließ sich ja gar nicht vergleichen mit
dem dünnen Seile auf welchem Felicitas noch viel kleinere Mädchen als sie
selbst war hatte tanzen sehen Sie schlüpfte zum Fenster hinaus und nach zwei
Schritten über das abschüssige Dach stand sie in der Rinne Es ächzte und
knackte widerwillig unter den Füßchen die tapfer vorwärts trippelten  rechts
nicht der mindeste Halt und links eine gähnende Tiefe von vier Stockwerken 
wenn das die Mutteraugen gesehen hätten  aber es ging vortrefflich Noch ein
Hinaufklettern auf das bedeutend höhere Dach dann ein Sprung über das Geländer
und das Kind stand mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen mitten unter den
Blumen und sah über die anderen Gebäude hinaus in die weite weite Welt auf die
ein purpurglühender Abendhimmel niederstrahlte
    Auf dem runden Tischchen lagen auch verschiedene Zeitungen und auf einer
derselben las das Kind im Vorüberschreiten lächelnd den Titel »Die
Gartenlaube« Eine Gartenlaube ja die passte freilich prächtig hierher wo es
hell und sonnig war und wo eine so reine frische Luft wehte
    Und nun stand das kleine Mädchen da und blickte schüchtern durch die
Glasscheiben die vielleicht noch nie ein Kindergesicht widergespiegelt hatten
 Wuchsen denn die Epheuzweige durch das Dach und rankten sich da drinnen in
dem großen Zimmer weiter Von der Wandbekleidung konnte man nichts sehen sie
war völlig überstrickt von Gezweig aber in kleinen Zwischenräumen traten
Postamente aus der Wand hervor auf denen große Gipsbüsten standen  eine
merkwürdige Versammlung ernster bewegungsloser Köpfe die sich leuchtend und
geisterhaft abhoben von dem kräftigen Grün der Blätterwand Sie ließ es sich
schweigend gefallen dass die Epheuranken Allotria trieben und sich hier quer um
die Brust des einen und dort als Kranz um eines anderen ernste Stirn schlangen
Die Mutwilligen machten es ja mit den Fenstern nicht besser sie hingen wie eine
grüne Wolke verdunkelnd über den Vorhängen und doch waren diese zwei Fenster
zwei prächtige Landschaftsbilder sie ließ draußen die Strassendächer weit
unter sich und fassten da drüben den herbstlichen bunten Wald auf dem Bergrücken
und die fahlen Streifen der Stoppelfelder in ihren Rahmen
    Unter den Fenstern stand ein Flügel Die alte Mamsell genau so gekleidet
wie gestern saß davor und ihre zarten Hände griffen mit gewaltiger Kraft in
die Tasten Das Gesicht sah etwas verändert aus sie trug eine Brille und ihre
gestern so schneebleichen Wangen waren gerötet
    Die kleine Felicitas war leise eingetreten und stand in dem Bogen welchen
der Vorbau bildete  Fühlte die alte Dame die Nähe eines menschlichen Wesens
oder hatte sie ein Geräusch gehört  sie brach plötzlich mitten in einem
rauschenden Akkorde ab und ihre großen Augen richteten sich sofort über die
Brille hinweg auf das Kind Wie ein elektrischer Schlag fuhr es durch die
schwächliche Gestalt der Einsamen ein leiser Schrei entfloh ihren Lippen sie
nahm mit der zitternden Rechten die Brille ab und erhob sich während sie sich
auf das Instrument stützte
    »Wie kommst du hierher mein Kind« fragte sie endlich mit unsicherer
Stimme die jedoch trotz des Schreckens sanft und mild blieb
    »Über die Dächer« versetzte das ängstlich gewordene kleine Mädchen
beklommen und zeigte mit der Hand zurück nach dem Hofe
    »Über die Dächer  Das ist unmöglich Komm her zeige mir wie du gegangen
bist« Sie fasste die Hand des Kindes und trat mit ihm auf die Galerie Felicitas
deutete auf das Mansardenfenster und nach den Rinnen Die alte Dame schlug
entsetzt die Hände vor das Gesicht
    »Ach erschrecken Sie ja nicht« sagte Felicitas mit ihrer lieblich
unschuldigen Stimme »Es ging wirklich ganz gut Ich kann klettern wie ein
Junge und Doktor Böhm sagt immer ich sei ein Flederwisch und hätte keine
Knochen«
    Die alte Mamsell ließ die Hände vom Gesicht fallen und lächelte  es lag
noch so viel Anmut in diesem Lächeln das zwei Reihen sehr schöner weißer Zähne
sehen ließ Sie führte die Kleine in das Zimmer zurück und setzte sich in einen
Lehnstuhl
    »Du bist die kleine Fee gelt« sagte sie indem sie Felicitas an ihre Kniee
heranzog »Ich weiß es wenn du auch nicht auf rosa Gazewolken zu mir
hereingeflogen bist  Dein alter Freund Heinrich hat mir heute mittag von dir
erzählt«
    Bei Heinrichs Namen kam die ganze Wucht des Leides wieder über das Kind Wie
heute morgen stieg eine glühende Röte in die Wangen und Groll und Weh zogen
jene herben Linien um den kleinen Mund die über Nacht den Ausdruck des
Kindergesichts zu einem völlig anderen gemacht hatten  Den Augen der alten
Mamsell entging diese plötzliche Veränderung nicht Sie nahm schmeichelnd das
Gesicht des kleinen Mädchens zwischen ihre Hände und bog es zu sich herab
    »Siehst du mein Töchterchen« fuhr sie fort »seit vielen Jahren kommt der
Heinrich allsonntäglich herauf zu mir um Verschiedenes für mich zu besorgen 
Er weiß dass er nie gegen mich erwähnen darf was sich drunten im Vorderhause
ereignet und bisher hat er auch nie das Gebot überschritten  Wie lieb muss er
die kleine Fee haben dass er plötzlich gegen meinen so streng ausgesprochenen
Wunsch handeln konnte«
    Die trotzigen Augen des Kindes schmolzen
    »Ja er hat mich lieb  sonst niemand« sagte sie und ihre Stimme brach
    »Sonst niemand« wiederholte die alte Dame während ihr unaussprechlich
sanfter Blick ernst liebevoll auf dem Gesichte der Kleinen ruhte »Weißt du denn
nicht dass einer da ist der dich immer lieb haben wird auch wenn sich alle
Menschen von dir abwenden sollten  Der liebe Gott «
    »O der will mich ja gar nicht weil ich ein Spielerskind bin« unterbrach
Felicitas die Sprecherin mit ausbrechender Heftigkeit »Frau Hellwig hat heute
morgen gesagt meine Seele sei so wie so verloren und alle drunten im
Vorderhause sagen er habe meine arme Mama verstoßen sie sei nicht bei ihm 
Ich habe ihn aber auch nicht mehr lieb  ganz und gar nicht und ich will auch
nicht zu ihm wenn ich gestorben bin  was soll ich denn dort wo meine Mama
nicht ist«
    »Gerechter Gott was haben diese Grausamen mit ihrem sogenannten
christlichen Glauben aus dir gemacht armes Kind«
    Die alte Dame erhob sich hastig und öffnete eine Seitentür Es war dem
Kinde als umflatterten hier weiße Wölkchen des Himmels sein Haupt Über das in
einer Ecke stehende Bett über Türen und Fenster flossen weiße Mullvorhänge
herab Die blassgrüne Wand des kleinen Gemachs tauchte nur in einzelnen schmalen
Streifen zwischen dem wolkigen Gewebe auf  Welch ein Kontrast zwischen diesem
kleinen Raume so frisch und makellos rein wie der Gedanke der aus einer
gesunden unbefleckten Seele kommt und jenem düsteren Boudoir drunten im
Vorderhause in welchem Frau Hellwig während der frühen Morgenstunden auf dem
Betstuhle kniete auf jenem Betstuhle dessen gestickte Polster wohl für die
grausigen Marterwerkzeuge nirgends aber für ein Symbol des Friedens und der
Versöhnung Raum hatten
    Auf dem Nachttische neben dem Bette lag eine große vielgebrauchte Bibel
Die alte Dame schlug sie mit sicherer kundiger Hand auf und las laut und
tiefbewegt »Wenn ich mit Menschen und Engelszungen redete und hätte der Liebe
nicht so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle« Und sie las
weiter und weiter und schloss mit dem Verse »Die Liebe hört nimmer auf so doch
die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und das
Erkenntnis aufhören wird«
    »Und diese Liebe kommt von ihm ja Gott ist diese Liebe selbst« sagte sie
und legte ihren Arm um die Schultern des Kindes »Deine Mama ist sein Kind wie
wir alle und sie ist eingegangen zu ihm denn die Liebe hört nimmer auf 
Suche sie getrost da droben und wenn du nachts aufblickst zum Himmel mit seinen
Millionen wundervoller Sterne so denke du fest und sicher Neben einem solchen
Himmel gibt es keine Hölle  Und nun hast du ihn auch wieder lieb gelt
recht von Herzen lieb meine kleine Fee«
    Das Kind antwortete nicht aber es schlug leidenschaftlich beide Arme um die
milde Trösterin und ein heißer Tränenstrom stürzte aus seinen Augen 
    Zwei Tage darauf hielt ein Wagen vor dem Hellwigschen Hause Die Witwe stieg
ein mit ihren zwei Söhnen um ihnen das Geleit bis zur nächsten Stadt zu geben
Johannes ging nach Bonn um Medizin zu studieren zuvor aber sollte er Nathanael
demselben Institut übergeben in welchem er erzogen worden war
    Heinrich stand breitspurig und behaglich in der offenen Haustür neben
Friederike und sah dem Wagen nach der langsam und schwerfällig über das
holprige Pflaster des Marktplatzes hinschwankte Es zog etwas wie ein leiser
Pfiff über seine gespitzten Lippen  bei ihm stets das Anzeichen einer wohligen
Stimmung  und beide Daumen steckten fest eingeklemmt in den gewaltigen Fäusten
was der Volksmund ungefähr in die Worte übersetzt »Herr behüte uns dass das
Unheil nicht wiederkehre«
    »Da können nun so ein halb Mandel Jährchen vergehen bis wir den einen oder
den anderen wieder ins Haus kriegen« sagte er seelenvergnügt zu Friederike die
sich pflichtschuldigst mit dem Schürzenzipfel über die Augen fuhr
    »Und das ist dir wohl ganz recht du Dickkopf« fuhr sie ihn an »Ein
schöner Dank für das Trinkgeld das du vom jungen Herrn gekriegt hast«
    »Geh in deine Küche  auf dem Herde liegt das Zeug noch ich rührs mit
keinem Finger an Kannst dir meinetwegen einen roten Rock und gelbe Schuhe zum
Vogelschiessen dafür kaufen«
    »Ach du gotteilloser Mensch  Einen roten Rock und gelbe Schuhe wie
eine die auf dem Seile tanzt« rief die alte Köchin erbittert »Na es ist nur
gut dass man weiß warum du so wütend bist  der junge Herr hat dirs heute
morgen gut gegeigt«
    »I was du nicht alles weißt« warf der Hausknecht gleichmütig ein Er
steckte die Hände in die Seitentaschen seines Rockes zog die Schultern in die
Höhe und pflanzte sich noch breiter auf die Schwelle als bisher Diese Haltung
empörte Friederikes Gemüt stets bis zur Leidenschaft denn es lag die äußerste
Verachtung dessen drin was sie sagte
    »Hat der Mensch da zwanzig Taler Lohn und höchstens fünfzig Taler in der
Sparkasse« fuhr sie giftig fort »und stellt sich vor seine reiche Herrschaft
hin wie der Grossmogul und spricht Geben Sie mir das fremde Kind ich bringe es
bei meiner Schwester unter es soll Ihnen keinen Heller kosten und «
    »Und da hat der junge Herr geantwortet« ergänzte Heinrich indem er das
Gesicht langsam der Erzürnten zuwendete »Das Kind ist in den besten Händen
Heinrich es bleibt bis zu seinem achtzehnten Lebensjahre unter allen Umständen
hier im Hause und du wirst dich nicht unterstehen es je zu bestärken wenn es
widerspenstig gegen meine Mutter ist und  solltest du einmal wieder die alte
Küchenhexe draußen beim Horchen ertappen so nagle sie ohne Gnade am Ohrläppchen
auf der Tür fest Was meinst du denn Friederike wenn ich jetzt « er hob den
Arm und die alte Köchin floh schimpfend in die Küche
 
                                       10
Neun Jahre waren an dem stattlichen Hause auf dem Marktplatze vorübergestrichen
aber weder auf die eisenfesten Mauern noch in das Frauenprofil am wohlbekannten
Fenster des Erdgeschosses hatten sie einen Zug des Verfalles zu zeichnen
vermocht  Vielleicht sahen die Drachenköpfe hoch oben am Dache für den
aufmerksamen Beschauer etwas mitgenommen aus  kein Wunder wenn auch
Drachenköpfe weinten sie doch jahraus jahrein mit dem Himmel und gossen seine
Tränenströme auf das Pflaster nachher kam wieder die Sonne und durchglühte
sie solcher Wechsel verändert die Physiognomie Die Frau da drunten aber stand
auf dem Boden der starren Überzeugung auf dem hohen Piedestal der eigenen
Unfehlbarkeit  in dieser wandellosen eisigkalten Region gibt es keinen
Zweifel keine Kämpfe kein inneres Ringen daher die äußere Versteinerung die
man eine gute Konservation zu nennen pflegt
    Eine auffallende Veränderung zeigte das alte Haus aber doch die Rouleaux in
der großen Erkerstube des ersten Stockes waren seit einigen Wochen stets
aufgerollt und Blumentöpfe standen auf den Fenstersimsen Der Blick der
Vorübergehenden suchte pflichtschuldigst nach wie vor zuerst das Fenster mit dem
Asklepiasstocke und Frau Hellwig konnte der ehrerbietigen Grüße stets sicher
sein aber dann huschten die Augen verstohlen hinauf nach dem Erker Dort
inmitten der steinernen Fenstereinfassung erschien häufig ein reizendes
Frauengesicht von förmlich blendender Frische ein Kopf voll aschblonder Locken
mit blauen Taubenaugen die fast kinderhaft groß und rund in die Welt schauten
und dieser Kopf saß auf einem blühenden Leibe vom schönsten Ebenmasse den meist
ein weißes Mullkleid umhüllte Manchmal freilich nicht oft erhielt das
liebliche Bild im Fensterrahmen aber auch eine entstellende Zugabe  eine
Kindergestalt war dann auf einen Stuhl geklettert und sah neugierig über die
Schultern der Dame hinunter auf den Marktplatz es war ein armes durch die
Skrofelkrankheit furchtbar entstelltes Köpfchen die Hand welche das spärliche
weissblonde Haar so sorgfältig in zierliche Ringel kräuselte machte sich
vergebliche Mühe  unter dem künstlichen Lockenbau trat die Hässlichkeit des
fahlen aufgedunsenen Gesichtchens nur um so grotesker hervor und der stets
höchst elegante Anzug war auch selten geeignet die unförmliche Taille und die
aufgetriebenen Gelenke des Kindes zu verbergen Allein bei allem Kontraste in
der äußeren Erscheinung waren beide doch Mutter und Kind und um des letzteren
willen waren sie nach Thüringen gekommen
    Innerhalb der letztverflossenen neun Jahre nämlich hatte ein Ingenieur seine
Wünschelrute ziemlich nahe dem Weichbilde der Stadt X spielen lassen der
moderne Mosesstab hatte dem Boden einen bitteren Quell entlockt der an der
Luft wenn auch nicht zu Gold und Silber so doch zu sehr schätzenswerten
Salzkrystallen erhärtete Das war ein Fingerzeig für die Bewohner von X Sie
etablierten ein Soolbad das im Vereine mit dem ausgezeichneten Renommee der
Thüringer Luft sehr bald Hilfesuchende aus aller Herren Länder herbeizog
    Die junge Dame war auch in die Stadt gekommen um ihr Kind in der Salzflut
zu baden und zwar auf Anraten des Professors Johannes Hellwig in Bonn  Ja
die Frau da drunten hinter dem Asklepiasstocke hatte viel für ihren Sohn getan
Sie hatte es durchgesetzt dass er frühzeitig unter das Regiment des
strenggläubigen Verwandten am Rhein gekommen war sie hatte es nie geduldet dass
er während seines siebenjährigen Fernseins auch nur ein einziges Mal auf Ferien
nach Hause kommen durfte sie hatte jeden Morgen pünktlich und regelrecht seinen
Namen auf dem Betstuhle genannt und war nie müde geworden die Zahl und
Beschaffenheit seiner Hemden von der Ferne aus streng zu kontrollieren  und da
war er nun auch ein berühmter Mann geworden
    Es würde übrigens dem jungen Professor bei all seiner Berühmteit und
Wohlerzogenheit schwerlich gelungen sein einen seiner Patienten in der
geschonten Erkerstube seiner Mutter unterzubringen wären nicht seine beiden
Schützlinge Tochter und Enkelin jenes strenggläubigen Verwandten am Rhein
gewesen auf welchen Frau Hellwig große Stücke hielt Nebenbei hatte auch die
schöne junge Frau den Vorzug eines hübschen Titels  sie war die Witwe eines
Regierungsrates in Bonn Es konnte der Welt gegenüber ganz und gar nichts
schaden wenigstens eine kleine Regierungsrätin in der Familie zu haben da Herr
Hellwig sich stets starrköpfig geweigert hatte seine Gattin zu einer Frau
Kommissionsrätin oder dergleichen zu machen
    Frau Hellwig saß am Fenster auf der Estrade Man hätte meinen können die
Zeit sei auch spurlos an dem feinen schwarzen Wollkleide an Kragen und
Manschetten vorübergegangen bis auf die kleine Nadel die den Kragen unter dem
Kinne zusammenhielt war der Anzug genau derselbe wie wir ihn am ersten Abend
an der großen Frau kennen gelernt haben Nur erschien die Büste voller die
engen Ärmel umschlossen drall die starken Oberarme und der Schneider hatte
vielleicht heimlicherweise den Rock faltenreicher um die plumpe sehr
ungraziöse Taille gereiht  Ihre großen weißen Hände lagen mit dem Strickzeuge
feiernd im Schoße  sie hatte in diesem Augenblicke Wichtigeres zu tun
    An der Tür in sehr ehrerbietiger Entfernung stand ein Mann seine schmale
Gestalt steckte in einem abgeschabten Rocke und die Hand die er öfter beim
Sprechen hob war voller Schwielen Er sprach leise und stockend  war es doch
so unheimlich still im Zimmer nur das Ticken der Wanduhr begleitete seinen
Vortrag Aus dem Munde der gestrengen Frau kam kein ermutigendes Wort ja es
schien als fehle dieser regungslosen Gestalt sogar der Atemzug als könne der
starre unbewegliche Blick stets und immer nur das eine Ziel haben  das
ängstliche blasse Gesicht des Mannes der endlich erschöpft schwieg und sich
mit seinem kattunenen Taschentuche den Schweiß von der Stirn wischte
    »Sie sind an die Unrechte gekommen Meister Tienemann« sagte Frau Hellwig
nach einer abermaligen Pause kalt »Ich zersplittere mein Geld nicht in so
kleine Kapitalien«
    »Ach Madame Hellwig so ists ja auch gar nicht gemeint ich werde doch
nicht so unbescheiden sein« entgegnete der Mann lebhaft und trat einen Schritt
näher »Aber Sie sind bekannt als eine wohltätige Dame denn Sie sammeln
jahraus jahrein für die Armen und stehen so oft im Wochenblatte mit Lotterien
und dergleichen und da wollte ich nur bitten mir für ein halbes Jahr gegen
Zinsen das Kapitälchen von fünfundzwanzig Talern aus dem Gesammelten
vorzustrecken«
    
    Frau Hellwig lächelte  der Mann wusste nicht dass dies ein Todesurteil für
seine Hoffnung war
    »Ich könnte beinahe denken es sei nicht ganz richtig bei Ihnen Meister
Tienemann  diese Zumutung ist wirklich neu« sagte sie beissend »Allein ich
weiß ja dass Sie sich um die Bestrebungen der Gläubigen für die heilige Kirche
nicht kümmern und deshalb will ich Ihnen sagen dass von den dreihundert
Talern die gegenwärtig disponibel in meinen Händen sind nicht ein Heller hier
in der Stadt bleibt Ich habe es für die Mission gesammelt  es ist heiliges
Geld  bestimmt zu einem Gott wohlgefälligen Werke nicht aber um Leute zu
unterstützen die arbeiten können«
    »Madame Hellwig an Fleiß lass ichs nicht fehlen« rief der Mann mit
halberstickter Stimme »Aber die Krankheit hat mich ins Elend gebracht  Du
lieber Gott wie noch bessere Zeiten für mich waren da hab ich über Feierabend
Kleinigkeiten gearbeitet und hab sie in Ihre Lotterien gegeben weil ich
dachte sie kämen unseren Armen zu gute und nun geht das Geld hinaus in die
weite Welt und bei uns gibts doch auch viele die keinen Schuh an den Füßen
und im Winter kein Scheit Holz auf dem Boden haben«
    »Ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten  Wir tun übrigens hier auch
Gutes aber mit Auswahl Meister Tienemann  Solche Männer die im
Handwerkervereine Vorträge voller Irrlehren mit anhören bekommen natürlich
nichts Sie täten auch besser bei Ihrer Hobelbank zu stehen als dass Sie in
die Sterne und in die Steine gucken und behaupten es sei da auch vieles anders
als die heilige Schrift aussage  Ja ja dergleichen gotteslästerliche Reden
kommen uns schon zu Ohren und wir merken sie uns fleißig für vorkommende Fälle
 Sie kennen nun meine Ansicht und haben bei mir gar nichts zu hoffen«
    Frau Hellwig wandte sich ab und sah zum Fenster hinaus
    »Lieber Gott was muss man sich doch alles sagen lassen wenn man in Not
ist« seufzte der Mann »Das verdanke ich meiner Frau sie hat nicht geruht bis
ich in dies Haus gegangen bin«
    Er sah noch einmal nach dem zweiten Fenster des Zimmers und als ihm auch
von dort her weder Hilfe noch ein tröstendes Wort kam ging er zur Tür hinaus
Der letzte Blick des armen Handwerkers hatte der Regierungsrätin gegolten die
Frau Hellwig gegenüber saß War je eine weibliche Erscheinung geeignet eine
frohe Hoffnung in dem Herzen Hilfsbedürftiger zu erwecken so war es jene rosige
Gestalt im duftigen fleckenlos weißen Kleide Die weichen Linien des Profils
der Glorienschein der hellen Locken über der Stirne die blauen Augen  das
alles machte den Gesamteindruck eines Engelkopfes  für den aufmerksamen
Beobachter jedoch den eines gemeisselten denn während mehr als einmal das Rot
der Entrüstung über Frau Hellwigs Stirne geflogen war und der Bittende so
beweglich in Stimme und Gebärden seine sorgenvolle Angst an den Tag gelegt
hatte war von jenem lieblichen Oval auch nicht einen Augenblick der Ausdruck
lächelnder Ruhe gewichen Der schöne Busen hob und senkte sich in gleichmäßigen
Atemzügen die halbgestickte Rose unter ihren Fingern hatte sich während der
kleinen Szene um ein Blatt vermehrt und das strengste Auge würde an den
sorgfältig abgezählten Kreuzstichen auch nicht den geringsten Makel entdeckt
haben
    »Du hast dich doch nicht geärgert Tantchen« fragte sie aufblickend mit
lieblich schmeichelnder Stimme als der Meister das Zimmer verlassen hatte
»Mein seliger Mann stand auch mit diesen Fortschrittlern stets auf sehr
gespanntem Fuße und das Vereinswesen war ihm ein Greuel  Ah sieh da
Karoline«
    Bei diesem Ausrufe winkte sie nach der Küchentür Dort war schon längst
noch während der Anwesenheit des Tischlermeisters ein junges Mädchen leise und
geräuschlos eingetreten  Wer vor vierzehn Jahren die schöne junge Frau des
Taschenspielers vor den Gewehrläufen der Soldaten hatte stehen sehen der musste
unwillkürlich erschrecken bei dieser wiedererstandenen Erscheinung Es waren
dieselben Körperformen wenn auch zarter und mädchenhafter und hier in einen
groben dunklen Stoff gehüllt während jenes unglückliche Weib der gleissende
Schimmer theatralischen Pompes umgeben hatte Es waren dieselben tadellosen
Linien des Kopfes mit der perlmutterweissen schmalen Stirne und den unmerklich
herabgesenkten Mundwinkeln die dem Gesicht einen hinreissenden Ausdruck leiser
Schwermut verliehen Bei jener Unglücklichen hatte der tränenvolle Blick aus
dunkelgrauen Augensternen diesen Ausdruck vollendet das junge Mädchen dagegen
hob in diesem Momente die schwarzbewimperten Lider und ein Paar brauner
leuchtender Augen wurden sichtbar Sie zeugten von einer Seele die sich nicht
überwunden gab die sich nicht hatte beugen lassen zu widerstandsloser Duldung
es lag Kraft und Opposition in diesem Blicke  rollte doch auch polnisches Blut
in den Adern dieses jungen Geschöpfes ein versprengter Tropfen jenes edlen
heißen Stromes der sich immer wieder erhebt zu erfolglosem Kampfe gegen die
Übermacht
    Wir wissen jetzt dass das an der Tür stehende junge Mädchen Felicitas ist
wenn sie auch notgedrungen auf den simplen Namen Karoline hört  den
»Komödiantennamen« hatte Frau Hellwig sofort bei Beginn ihrer Selbsterrschaft
zu dem »Teaterplunder« in die Dachkammer geworfen
    Felicitas näherte sich der Herrin des Hauses und legte ein
bewunderungswürdig gesticktes Batisttaschentuch auf den Nähtisch derselben Die
Regierungsrätin griff hastig danach
    »Soll das auch verkauft werden zum Besten der Missionskasse Tante« fragte
sie während sie das Tuch entfaltete und die Stickerei prüfte
    »Je nun freilich« versetzte Frau Hellwig »Karoline hat es ja zu diesem
Zwecke arbeiten müssen  sie hat lange genug damit getrödelt Ich denke drei
Taler wird es doch wohl wert sein«
    »Vielleicht« meinte die Regierungsrätin achselzuckend »Woher haben Sie
denn die Zeichnung zu den Ecken liebes Kind«
    Ein leises Rot stieg in Felicitas Gesicht »Ich habe sie selbst entworfen«
antwortete sie mit leiser Stimme
    Die junge Witwe sah rasch auf Ihr blaues Auge veränderte sich für einen
Moment  es schillerte fast ins Grünliche
    »So selbst entworfen« wiederholte sie langsam »Nehmen Sie mirs nicht
übel Kindchen aber das ist eine Kühnheit die ich mit dem besten Willen nicht
fasse Wie kann man nur so etwas wagen ohne die erforderlichen Kenntnisse 
Das ist echter Batist der Tante kostet dies Stück mindestens einen Taler  es
ist verdorben durch die stümperhafte Zeichnung«
    Frau Hellwig fuhr heftig empor
    »Ach sei nicht böse auf Karoline liebe Tante sie hat es gewiss nur gut
gemeint« bat begütigend mit sanfter Stimme die junge Dame »Vielleicht lässt es
sich doch noch verwerten  Sehen Sie liebes Kind ich habe mich grundsätzlich
nie mit Zeichnen abgegeben der Stift in der weiblichen Hand gefällt mir nicht
aber nichtsdestoweniger habe ich ein sehr sehr scharfes Auge für eine
fehlerhafte Zeichnung  Gott im Himmel was ist das für ein monströses Blatt
hier«
    Sie zeigte auf ein längliches Blatt dessen Spitze umgebogen war und das
sich in täuschenden Umrissen abhob von dem durchsichtigen Gewebe Felicitas
erwiderte kein Wort doch sie presste die zarten Lippen aufeinander und sah fest
in das Gesicht der Tadlerin  Die Regierungsrätin wandte sich hastig ab und
legte die rechte Hand über die Augen
    »Ach liebes Kind jetzt hatten Sie wieder einmal Ihren stechenden Blick«
klagte sie »Es schickt sich wirklich nicht für ein junges Mädchen in Ihren
Verhältnissen andere so herausfordernd anzusehen Denken Sie nur an das was
Ihnen Ihr wahrer Freund unser guter Sekretär Wellner immer sagt Hübsch
demütig liebe Karoline  Sehen Sie da haben Sie nun gleich wieder einen
verächtlichen Zug um den Mund  das könnte einen beinahe ärgern  Wollen Sie
sich denn wirklich auf das Romantische spielen und das Anerbieten dieses
Ehrenmannes hartnäckig zurückweisen weil  Sie ihn nicht lieben 
Lächerlich Da wird schließlich mein Vetter Johannes doch einen Machtspruch tun
müssen«
    Wie musste sich das junge Mädchen in der Selbstbeherrschung geübt haben Bei
den letzten Worten der Regierungsrätin fuhr sie empor man sah wie ihr das
rebellische Blut nach dem Kopfe stürmte das plötzlich hoch empor gerichtete
Haupt erhielt einen Augenblick etwas Dämonisches durch den Ausdruck des Hasses
und der Verachtung Dennoch sagte sie gleich darauf ruhig und kalt »Ich werde
es darauf ankommen lassen«
    »Wie oft soll ich denn noch bitten Adele diesen widerwärtigen Handel nicht
mehr zu berühren« sagte Frau Hellwig erbittert »Bildest du dir denn ein in
wenig Wochen diesen Starrkopf dieses Stück Holz zu brechen nachdem ichs neun
Jahre umsonst versucht habe Sobald Johannes kommt wird die Sache ein Ende
nehmen und ich mache meine drei Kreuze  Jetzt geh und hole mir Hut und
Mantille« herrschte sie Felicitas zu »Ich hoffe zu Gott dass diese Stümperei«
sie warf das Taschentuch verächtlich beiseite »die letzte ist die du dir in
meinem Dienste hast zu schulden kommen lassen«
    Felicitas ging schweigend hinaus Bald darauf schritten Frau Hellwig und ihr
Gast über den Marktplatz Die schöne Frau führte ihr krankes Kind mütterlich
zärtlich an der Hand Verschiedene Köpfe fuhren aus den Fenstern und sahen der
reizenden Erscheinung nach die für alle ein sanftes kinderfrohes Lächeln
hatte Rosa ihr Dienstmädchen und Friederike folgten mit Körben am Arme das
Abendbrot sollte draußen im Garten gegessen werden zugleich wollte man Kränze
und Guirlanden binden Morgen wurde der junge Professor nach neunjähriger
Abwesenheit im Elternhause erwartet und obgleich Frau Hellwig über die
»Alfanzereien« brummte ließ es sich die Regierungsrätin doch nicht nehmen das
Zimmer des Ankömmlings zum Willkommen zu schmücken
 
                                       11
Heinrich schloss die Haustür und Felicitas stieg die Treppe hinauf Der schmale
Gang mit seiner dumpfen eingeschlossenen Luft der sich da oben seitwärts
abzweigte wie lieb und traut umfing er das junge Mädchen das eilig hindurch
schlüpfte Dann kam ein stiller abgelegener Vorplatz auf schiefe Wände ein
plumpes wurmzerfressenes Treppengeländer das unten aus unheimlicher Dämmerung
emporstieg und auf eine uralte mit steifgemalten Tulpen und ziegelroten Rosen
bedeckte Tür fiel hier ein falber Lichtschein den bouteillengrüne Gläser
hineinwarfen Felicitas zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete
geräuschlos die Tür hinter welcher eine schmale dunkle Treppe nach der
Mansarde führte
    Das junge Mädchen hatte den halsbrechenden Weg über die Dächer nur ein
einziges Mal machen müssen von jenem Momente an war ihr der Eintritt in die
abgeschiedene Klause der alten Mamsell unverwehrt Während der ersten Jahre
hatten sich ihre Besuche auf den Sonntag beschränkt sie war dann in Heinrichs
Begleitung hinaufgegangen Nach ihrer Konfirmation jedoch hatte ihr die alte
Mamsell den Schlüssel zu der gemalten Tür übergeben und seitdem benutzte sie
jeden freien Augenblick um hinaufzuschlüpfen  sie führte sonach ein
Doppelleben Es war nicht nur äußerlich dass sie dabei Höhe und Tiefe berührte
zwischen trüber Dämmerung und klarem Sonnenlichte wechselte  ihre Seele machte
dieselbe Wandelung durch und allmählich war sie so erstarkt dass zuletzt alle
Schatten alles Trübe der unteren Region hinter ihr blieben sobald sie die
schmale dunkle Treppe hinaufstieg  Unten handhabte sie Bügeleisen und
Kochlöffel ihre sogenannte Erholungszeit musste sie ausfüllen mit Stickereien
deren Ertrag zu wohltätigen Zwecken bestimmt war wie wir bereits gesehen
haben und außer der Bibel und einem Gebetbuche wurde ihr jede Lektüre streng
verweigert In der Mansarde dagegen erschlossen sich ihr die Wunder des
menschlichen Geistes Sie lernte mit wahrer Begierde und das Wissen der
rätselhaften Einsamen da droben war wie ein unerschöpflicher Quell wie ein
geschliffener Diamant dem nach jeder Richtung hin Funken entsprühen  Außer
Heinrich wusste niemand im Hause um diesen Verkehr die leiseste Ahnung seitens
der Frau Hellwig würde ihm natürlicherweise sofort den Todesstoss versetzt haben
Trotzdem hatte die alte Mamsell dem Kinde stets eingeschärft streng die
Wahrheit zu sagen wenn es jemals darum befragt werden sollte Dazu kam es indes
niemals Heinrich wachte treulich er stand auf der Lauer und hatte Augen und
Ohren offen
    Die dunkle Treppe war erklommen Felicitas blieb horchend vor einer Tür
stehen schob einen kleinen Schieber an derselben seitwärts und blickte lächelnd
hinein Da drin ging es toll zu  es war ein seltsames Gemengsel von Singen
Piepen und Schreien Inmitten des Raumes erhoben sich zwei Tannen die Wände
entlang liefen Boskette wie sie ein Garten nicht frischer aufweisen konnte und
auf dem Gezweige hauste ein lustiges Vogelgesindel Das war das Lebendige das
sich die alte Mamsell in ihre stille Einsiedelei heraufgeholt hatte Die kleinen
melodischen Kehlen sangen zwar immer die nämlichen Weisen aber dafür hatten sie
auch nicht jene unselige Wandelung der Menschenzunge die heute »hosianna« und
morgen »kreuzige« ruft
    Felicitas schloss den Schieber und öffnete eine zweite Tür Der Leser hat
bereits vor Jahren einen Blick in diesen epheuumsponnenen Raum geworfen er
kennt die Versammlung ernster Köpfe die sich an den Wänden hinreiht aber er
weiß nicht dass sie in innigem Zusammenhange stehen mit jenen großen in roten
Maroquin gebundenen Büchern welche dort in einem altväterischen Glasschranke
aufgeschichtet liegen  Es ist eine gewaltige Flut die von jenen Stirnen
ausgegangen  wer sie zu entfesseln versteht der kennt keine Einsamkeit kein
Verlassensein  Die großen Tonmeister verschiedener Zeiten waren es welche in
Bild und Werken das Asyl der alten Mamsell teilten und wie sich die Epheuranken
vermittelnd und unparteiisch um alle Büsten schlangen ebenso vorurteilslos
begeisterte sich die einsame Klavierspielerin an der altitalienischen wie an
der deutschen Musik Der Glasschrank barg aber auch noch Schätze die einen
Autographensammler in Ekstase hätten versetzen können Manuskripte und
Handschriften jener gewaltigen Männer die meisten von seltenem Werte lagen in
Mappen hinter den Scheiben Diese Sammlung war in früheren Jahren
zusammengetragen worden wo wie die alte Mamsell lächelnd meinte ihr Blut noch
feurig durch die Adern gerollt sei und hinter den Wünschen noch die Energie
gestanden habe  manches vergilbte Blatt war mit bedeutenden Opfern und seltener
Ausdauer errungen worden
    Felicitas fand die alte Mamsell in einem Zimmer hinter der Schlafstube Sie
kauerte auf einem Fussbänkchen vor einem geöffneten Schranke und um sie her auf
Stühlen und Fußboden lagen Rollen weißer Leinwand Flanell und eine Menge jener
kleinen Gegenstände die das Menschenkind sofort nach seinem ersten Schrei
beansprucht Die alte Dame wandte den Kopf nach der Eintretenden Ihre feinen
Züge hatten sich merkwürdig verändert und wenn sie auch jetzt eben lebhafte
Freude ausdrückten so konnten doch damit die Spuren des Verfalles nicht
verwischt werden
    
    »Gut dass du kommst meine liebe Fee« rief sie dem jungen Mädchen entgegen
»Bei Tischler Tienemann kann alle Augenblicke der Storch ins Haus fliegen wie
mir eben die Aufwartefrau sagte und die Leute haben auch nicht das kleinste
Stückchen Wäsche für das arme Kindchen  Unser Vorrat ist noch recht
anständig wir werden ein ganz hübsches Bündel zusammenbringen nur daran fehlt
es«  sie setzte ein Mützchen von rosa Kattun auf ihre kleine Faust und hielt
eine schmale weiße Spitze daran »Das könntest du gleich fertig machen Fee«
fuhr sie fort »die Sachen müssen auf jeden Fall heute abend noch hingeschaft
werden«
    »Ach Tante Kordula« sagte Felicitas indem sie Nadeln und Faden zur Hand
nahm »damit ist den Leuten nicht allein geholfen  ich weiß ganz genau Meister
Tienemann braucht auch Geld und zwar fünfundzwanzig blanke Taler«
    Die alte Mamsell überlegte
    »Hm es ist ein wenig viel für meine gegenwärtigen Finanzen« meinte sie
»aber es wird doch gehen«
    Sie erhob sich mühsam Felicitas reichte ihr den Arm und führte sie nach dem
Musikzimmer
    »Tante« sagte sie plötzlich stehen bleibend »die Frau Tienemann hat sich
vor kurzem geweigert deine Wäsche zu besorgen um es nicht mit Frau Hellwig zu
verderben  hast du nicht daran gedacht«
    »Ich glaube gar du willst deine alte Tante aufs Eis führen« rief die alte
Mamsell bitterböse aber der Schalk leuchtete aus ihren Augen Sie fuhr leicht
mit den Fingern über die Wange des jungen Mädchens Beide lachten und schritten
nach dem Glasschranke
    Dies schwerfällige altväterische Möbel hatte auch seine Geheimnisse Tante
Kordula drückte auf eine harmlos scheinende Verzierung und an der äußeren
Seitenwand sprang eine schmale Tür auf Der sichtbar werdende Raum war die Bank
der alten Mamsell und in früheren Zeiten hatte er für Felicitas Kinderaugen
den Nimbus einer Christbescherung gehabt denn nur selten durfte sie einen
scheuen halbbefriedigten Blick auf all die hier aufgespeicherten Kostbarkeiten
und Raritäten werfen Auf den schmalen Regalen lagen einige Geldrollen
Silberzeug und Schmucksachen
    Während die Tante eine Rolle anbrach und die Taler bedächtig zählte
ergriff Felicitas eine in der dunkelsten Ecke stehende Schachtel und öffnete sie
neugierig Es lag ein goldener Armring weich auf Watte gebettet darin kein
edler Stein blitzte an dem Reifen allein er wog schwer in der Hand und musste
wohl massiv von Gold sein Was aber ganz besonders an ihm auffiel das war sein
Umfang  einer Dame wäre er sicher über die Hand geglitten er schien somit weit
eher für das derbe Handgelenk eines kräftigen Mannes bestimmt zu sein Nach der
Mitte zu wurde er bedeutend breiter und hier hatte der Grabstichel in
wundervoller Weise Rosen und feines Gezweig zu einem Medaillon ineinander
geschlungen Der Kranz umfasste folgende Verse
»Swa zwei liep ein ander meinent
herzelichen âne wanc
Und sich beidiu sô vereinent«
Das junge Mädchen drehte den Ring nach allen Seiten und suchte eine Fortsetzung
denn wenn auch des Altdeutschen nicht mächtig übersetzte sie doch mit
Leichtigkeit den letzten Vers in die Worte »Und sich beide so vereinen«  das
war aber kein Schluss
    »Tante kennst du das weitere nicht« fragte sie immer noch eifrig suchend
    Die alte Mamsell hielt den Finger auf einen eben hingelegten Taler und sah
mitten im Zählen auf
    »O Kind über was bist du da geraten« rief sie heftig  es lagen Unmut
Schrecken und Trauer zugleich in ihrer Stimme Sie griff rasch nach dem
Armbande legte es mit bebender Hand in die Schachtel und drückte den Deckel
darauf Ein feiner roter Fleck brannte plötzlich auf der einen Wange und die
gerunzelten Augenbrauen gaben ihrem Blick etwas düster Brütendes  ein nie
gesehener Anblick für das junge Mädchen Ja es schien fast als versänke die
Gegenwart völlig vor einer gewaltsamen Flut plötzlich heraufbeschworener
Erinnerungen als wisse die alte Dame gar nicht mehr dass Felicitas neben ihr
stehe denn nachdem sie mit fieberhafter Hast die Schachtel in die Ecke gestoßen
hatte ergriff sie einen danebenstehenden mit grauem Papier beklebten Kasten
und fuhr streichelnd und liebkosend mit der Rechten über die abgestossenen Ecken
desselben ihre Züge wurden milder sie seufzte und murmelte vor sich hin
während sie ihn gegen ihre eingesunkene Brust drückte »Es muss vor mir sterben
 und ich kann es doch nicht sterben sehen«
    Felicitas schlang ängstlich die Arme um die kleine schwächliche Gestalt die
in diesem Augenblick wie hilf und haltlos vor ihr stand Es war zum erstenmal
seit ihrem neunjährigen Verkehr dass die Tante die Herrschaft über sich selbst
verlor So zart und hinfällig in der äußeren Erscheinung hatte sie doch unter
allen Umständen einen merkwürdig starken Geist eine unerschütterliche
Seelenruhe gezeigt die kein äußerer Anlass aus dem Gleichgewichte zu bringen
vermochte Sie hatte sich mit jeder Faser ihres Herzens liebend an Felicitas
angeschlossen und alle ihre Kenntnisse ihren ganzen Schatz kerngesunder
Lebensansichten in die junge Seele niedergelegt aber vor ihrer Vergangenheit
lagen heute noch wie vor neun Jahren Siegel und Riegel Und nun hatte Felicitas
in unvorsichtiger Hast an dies scheu verschlossene Stück Leben gerührt  sie
machte sich die bittersten Vorwürfe
    »Ach Tante verzeihe mir« bat sie flehentlich  wie kindlich rührend
konnte dies junge Mädchen bitten das Frau Hellwig einen Starrkopf ein Stück
Holz genannt hatte
    Die alte Mamsell fuhr sich mit der Hand über die Augen
    »Sei still Kind du hast nichts verbrochen aber ich ich schwatzte
kindisch wie das Alter« sagte sie mit erloschener Stimme »Ja ich bin alt alt
und gebrechlich geworden Früher da biss ich die Zähne zusammen die Zunge lag
still dahinter und ich stand stramm nach außen  das will nicht mehr gehen  es
ist Zeit dass ich mich hinlege«
    Sie hielt den kleinen schmalen Kasten noch immer zögernd in den Händen als
ringe sie nach Mut das ausgesprochene Todesurteil jetzt gleich zu vollziehen
Allein nach einigen Augenblicken legte sie ihn rasch an seine frühere Stelle und
schloss den Schrank Und damit schien auch die äußere Ruhe zurückzukehren Sie
trat an den runden Tisch der neben dem Schranke stand und auf welchem sie das
Geld hingezählt hatte Als sei nicht das mindeste Störende vorgefallen nahm sie
die Rolle wieder auf und legte noch zwei Taler zu den blanken Reihen
    »Das Geld wollen wir in ein sauberes Papier wickeln« sagte sie zu Felicitas
 an ihrer Stimme hörte man freilich noch den schwer bekämpften inneren Aufruhr
 »und das Päckchen in die kleine rote Mütze stecken da ist doch schon etwas
Segen darin gewesen ehe das junge Köpfchen hineinkommt  Und Heinrich soll
heute abend punkt neun Uhr auf seinem Posten sein  vergiss das ja nicht«
    Die alte Mamsell hatte nämlich auch ihre großen Eigenheiten  sie war
lichtscheu und zwar in ihren Taten Sie wurden wie die Fledermäuse erst mit
der Nacht lebendig und klopften an die Höhlen der Armut wenn die Straßen leer
und die Menschenaugen müde waren  Heinrich war seit langen Jahren die rechte
Hand von der die linke nicht wissen sollte was sie tue er trug die
Unterstützungen der alten Mamsell mit einer Schlauheit und Unsichtbarkeit in die
armen Wohnungen als könne er für dergleichen Wege seine schwerfällige
Hausknechtshülle völlig abstreifen  so kam es dass viele in der Stadt
unwissentlich das Brot der alten Mamsell aßen von der sie die ungeheuerlichsten
Dinge glaubten und nötigenfalls beschworen  Das war gewiss eine schwer
verständliche Eigenheit für jene frommen Seelen die mit Inbrunst das Bibelwort
festhalten das da heißt »Lasst euer Licht leuchten«
    Während Tante Kordula das Geld mit peinlicher Genauigkeit einpackte öffnete
Felicitas die Glastür die nach der Galerie führte Es war Ende Mai  O du
vielbesungener Frühling wie wenige wissen um dein Walten im Thüringer Lande Du
bist nicht jener blondlockige ausgelassene Knabe des Südens dem es wie
Champagner durch die Adern braust und dessen Fußstapfen mühelos Orangeblüten und
Myrten entspriessen Hoheit liegt auf deiner Stirn und um deine Lippen blüht das
ruhige Lächeln tiefsinnigen Schaffens Du mischest die Farben bedächtig und
untermalst deine Bilder in langsamer Behaglichkeit wir folgen deinen
Pinselzügen mit stiller Freude  sie sind nicht kühn und gewaltig aber lieblich
und voll sinniger Grazie Den bräunlich grünen Flaum der sich um die Brust der
waldigen Berge legt während droben noch unangetastet das Schneekrönchen auf
ihrem Scheitel sitzt das feine grüne Spitzengewebe junger Halme und Gräser
über braunen Erdschollen und auf dem verdorrten vorjährigen Graswuchse der
Wiesen und Abhänge  das wandelst du allmählich und leise zu jungen
Maienzweigen zu Schneeglöckchen und Veilchensträussen und nach ruhigem
Überlegen und Behüten holst du wie der sorgsame Gärtner endlich die
tausendfältige Farbenpracht aus den geschützten Gärten und legst sie auf Hecken
Wiesen und Raine  Und der Hauch deines Mundes ist jene herbkräftige Luft die
Nerven und Sehnen des Thüringer Menschenkindes stählt die sein Herz empfänglich
macht für das Lied und es zähe ausdauern lässt im Festalten poetischen
Aberglaubens die ihm erhält seinen Sinn für das Recht seine Neigung zur
Opposition sein naiv treues Gemüt und  seine himmlische Grobheit
    Weit da drüben lösten sich die grünen Streifen der Saatfelder wie breite
Bänder vom Waldessaume ab und liefen taleinwärts Das jüngste Kirschbäumchen
wie der wilde knorrige Birnbaum standen weissflockig und leuchtend an ihren
Grenzen auf verschiedenem Piedestal ein gleich jugendliches Haupt  eine
Unparteilichkeit der Natur die der Mensch vergeblich ersehnt  Auf der
Brüstung der Galerie blüten Hyacinten Maiblumen und Tulpen und zu beiden
Seiten der Glastür standen mächtige Syringen und Schneeballenbüsche in Kübeln
    Felicitas rückte den kleinen runden Tisch in den Vorbau und daneben den
bequemen Lehnsessel der alten Mamsell Sie legte eine frische Serviette auf und
machte die kleine Kaffeemaschine zurecht das noch zu vollendende Kinderzeug
wurde daneben gelegt und als es in der kleinen Messingkanne sang und zischte
und ein köstlicher Mokkaduft auf die Galerie hinausströmte da saß die alte
Mamsell behaglich in ihrem Lehnstuhle und blickte träumerisch hinaus in die
sonnenbeschienene Frühlingswelt
    Felicitas hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen
    »Tante« sagte sie nach einer kleinen Pause jedes ihrer Worte betonend »er
kommt morgen«
    »Ja mein Kind ich weiß es aus der Zeitung da steht die Notiz aus Bonn
Professor Hellwig geht zu seiner Erholung auf zwei Monate nach Thüringen  Er
ist ein berühmter Mann geworden Fee«
    »Ihm mag sein Ruhm leicht werden Er kennt nicht die Qual die das Mitleiden
der Pflicht gegenüber verursacht  Er schneidet in das Fleisch und in die
Seelen seiner Mitmenschen mit gleichem Behagen«
    Die alte Mamsell heftete erstaunt ihren Blick auf Felicitas Gesicht dieser
Ton voll unsäglicher Bitterkeit war ihr neu
    »Hüte dich ungerecht zu werden mein Kind« sagte sie nach einem momentanen
Schweigen langsam und mit unbeschreiblicher Milde
    Felicitas sah rasch auf  ihre braunen Augen erschienen in diesem
Augenblicke fast schwarz
    »Ich wüsste nicht wie ich es anfangen sollte nachsichtiger über ihn zu
denken« entgegnete sie »er hat sich schwer an mir versündigt und ich weiß 
ich würde es nie beklagen wenn ihm ein Leid widerführe und wenn ich ihm zu
einem Glücke verhelfen könnte ich würde keinen Finger bewegen «
    »Fee «
    »Ja Tante das ist die Wahrheit  Ich habe stets ein ruhiges Gesicht zu
dir heraufgebracht weil ich dir und mir die kargen Stunden unseres
Beisammenseins nicht vergällen wollte du hast oft an den Frieden meiner Seele
geglaubt während es in ihr stürmte  Lasse dich in den Staub treten täglich
stündlich  höre wie deine Eltern geschmäht werden wie man sie Gottverfluchte
nennt denen du alle dir angedichteten Fehler verdanken sollst  fühle das
Streben nach Höherem in dir und lasse dich unter Hohnlachen hinabstossen in die
ungebildete Sphäre weil du arm bist und kein Recht hast an höherer Bildung 
siehe wie diese deine Peiniger den Nimbus der Frömmigkeit tragen und dich
ungestraft im Namen des Herrn geistig vernichten dürfen und trägst du das alles
ruhig empört sich nicht jeder Blutstropfen in dir kannst du verzeihen so ist
das nicht die Duldsamkeit eines Engels sondern die feige sklavische
Unterwerfung einer schwachen Seele die es verdient dass man ihr den Fuß auf den
Nacken setzt«
    Felicitas sprach fest mit tiefer klangvoller Stimme Welche Gewalt hatte
dieses merkwürdige junge Geschöpf über sein Äußeres  kaum dass es die Hand
hob bei den leidenschaftlichen Worten die über seine Lippen strömten
    »Der Gedanke dass ich jenem Steingesichte wieder gegenüber stehen soll regt
mich mehr auf als ich dir sagen kann Tante« fuhr sie nach einem tiefen
Atemholen fort »Er wird mit der Stimme ohne Herz und Seele alles wiederholen
was er seit neun Jahren schriftlich an mir verbrochen hat  Wie der grausame
Knabe der ein armes geflügeltes Geschöpf am Faden flattern lässt so hat er
mich an dies schreckliche Haus gebunden und dadurch den letzten Willen des
Onkels in einen Fluch für mich verkehrt  Kann es etwas Grausameres geben als
seine Handlungsweise mir gegenüber Ich durfte keine geistigen Fähigkeiten kein
weiches Herz kein empfindliches Ehrgefühl haben  das alles war unstattaft bei
einem Spielerskinde seine schmachvolle Abkunft konnte nur gesühnt werden
dadurch dass es eine sogenannte Magd des Herrn werde eines jener armen
Geschöpfe mit möglichst engbegrenztem Gesichtskreise«
    »Nun darüber sind wir hinausgekommen mein Kind« sagte Tante Kordula mit
einem feinen Lächeln »Übrigens wird jedenfalls mit seiner Ankunft ein
Wendepunkt für dich eintreten« fügte sie ernst hinzu
    »Nach verschiedenen Kämpfen sicher  Frau Hellwig gab mir heute den Trost
es werde dann alles ein Ende haben«
    »Nun und dann werde ich dir nicht mehr zu wiederholen brauchen dass du
drunten ausharren müsstest um den letzten Willen dessen zu ehren der dich in
sein Haus genommen und wie ein eigenes Kind geliebt hat  Dann bist du völlig
frei und wirst die Pflegerin deiner alten Tante vor aller Welt und wir dürfen
nicht mehr fürchten auseinander gerissen zu werden denn die drunten haben sich
ihres Rechtes begeben«
    Felicitas sah mit leuchtenden Augen auf sie ergriff rasch die kleine welke
Hand der alten Mamsell und zog sie an ihre Lippen
    »Und denke nicht schlimmer von mir Tante seit du tiefer als bisher in mein
Inneres gesehen hast« bat sie mit weicher Stimme »Ich liebe die Menschen und
habe eine sehr hohe Meinung von ihnen und wenn ich mich so energisch gegen
geistigen Tod gewehrt habe so hat mich zum Teil auch der Gedanke angetrieben
in ihrem Kreise mehr zu sein als ein gewöhnliches Lasttier  Werde ich auch
durch einzelne misshandelt so bin ich doch weit entfernt meine Anklage über die
gesamte Menschheit auszudehnen  ich habe nicht einmal Misstrauen gegen sie 
Dagegen bin ich nicht im stande meine Feinde zu lieben und die zu segnen die
mir fluchen Ist das ein dunkler Punkt in meinem Charakter so kann ichs nicht
ändern und Tante  ich will auch nicht denn hier ist die haarscharfe Grenze
zwischen Milde und Charakterlosigkeit«
    Tante Kordula schwieg und heftete den trüben Blick auf den Boden  Hatte
sie auch einen Moment in ihrem Leben wo sie nicht oder nur mit unsäglicher
Überwindung verzeihen konnte  Sie ließ das Gespräch absichtlich fallen
nahm selbst Nadel und Faden zur Hand und nun wurde ununterbrochen gearbeitet
und als der Abend hereindämmerte war ein stattliches Bündel fertig Tief in
seinem Innern steckte der silberne Kern jenes kleine Kapital das der arme
Tischlermeister von den »Gottbegnadeten« vergebens erfleht hatte und welches er
nun unbewusst empfing aus den Händen der sogenannten Ungläubigen
    Als Felicitas die Wohnung der alten Mamsell verließ war es schon lebendig
im Vorderhause Sie hörte das Kind der Regierungsrätin die kleine Anna lachen
und plaudern und der Vorsaal im zweiten Stockwerke hallte wider von kräftigen
Hammerschlägen Das junge Mädchen flog durch den Korridor der in den Vorplatz
mündete Dort stand Heinrich auf einer Leiter und befestigte Guirlanden über
einer Tür Bei Felicitas Erblicken schnitt er eine urkomische Grimasse in
welcher Grimm Spott und Laune um die Oberhand stritten und schlug noch
einigemal heftig auf die unglücklichen Nägelköpfe als sollten sie zu Brei
zermalmt werden dann stieg er herunter
    Die kleine Anna hatte mit feierlichem Ernste die Leiter gehalten damit sie
nicht umfallen sollte als sie aber Felicitas erblickte da vergaß sie ihres
wichtigen Amtes wackelte schwerfällig auf sie zu und schlang zärtlich die
Aermchen um deren Knie Das junge Mädchen hob sie vom Boden auf und nahm sie auf
den Arm
    »Tun die Leute nicht als ob morgen eine Kopulation im Hause wäre« sagte
Heinrich halblaut und geärgert »und derweil kommt einer der nicht rechts noch
links sieht und den ganzen Tag ein Gesicht macht als ob er Essig verschluckt
hätte«  Er hob das eine Ende der Guirlande auf »Gucke da Blümelein
Vergissmeinnicht ist auch drin  na die das Dings da gebunden hat die wird
schon wissen warum  Aber Feechen« unterbrach er sich ärgerlich als er sah
dass das Kind seine Wange an Felicitas Gesicht legte »tue mir doch den
einzigen Gefallen und nimm das kleine Scheusälchen nicht immer auf den Arm  es
hat ja keinen gesunden Tropfen Blut im Leibe und vielleicht steckts doch an«
    Felicitas legte rasch die Linke um die kleine Gestalt und drückte sie voll
tiefen Erbarmens an ihre Brust Das Kind fürchtete sich vor Heinrichs
feindseligem Blicke und versteckte sein hässliches Gesichtchen man sah nur den
kleinen Lockenkopf und so war das junge Mädchen mitdem Kinde auf dem Arme in
diesem Augenblicke das schönste Madonnenbild
    Sie war eben im Begriff unwillig zu antworten als die bekränzte Tür
aufging sie mochte nur angelehnt gewesen sein denn langsam und allmählich fiel
sie zurück und ließ die Draussenstehenden ins Zimmer sehen Es war in der Tat,
als solle eine junge Braut ihren Einzug halten auf dem Sims des einzigen
Fensters da drin standen Vasen voll Blumen und die Regierungsrätin hatte eben
eine lange Guirlande in zierlichen Festons über den Schreibtisch gehangen Sie
trat zurück um das Werk ihrer Hände von fern zu betrachten dabei wandte sie
den Kopf und erblickte die draußen stehende Gruppe Vielleicht missfiel ihr die
Madonnenähnlichkeit sie runzelte missmutig die feinen Brauen rief ihr
Dienstmädchen herbei das mit dem Staubtuche über die Möbel fuhr und zeigte
nach der Tür
    »Wirst du denn gleich runtergehen Aennchen« schalt Rosa herauseilend »du
sollst dich ja von niemand auf den Arm nehmen lassen hat die Mama gesagt 
Die gnädige Frau sieht es gar nicht gern« sagte sie schnippisch zu Felicitas
während sie die Kleine nahm und auf den Boden stellte »wenn Aennchen zu allen
Leuten geht und sich küssen und hätscheln lässt  es sei nicht gesund meint
sie«
    Sie führte das bitterlich weinende Kind ins Zimmer und schloss die Tür
    »Ei du heiliges Kreuz ist das ein Volk« knirschte Heinrich indem er die
Treppe hinabstieg »Siehst du das hast du nun von deinem guten Willen Feechen
 Solche Leute denken ihre Krankheiten seien ebenso vornehm wie sie selber
und man müsse Gott danken wenn man mit seinen gesunden Händen ihre elenden
Leiber anrühren darf«
    Felicitas schritt schweigend neben ihm Als sie die Hausflur betraten
rollte draußen ein Wagen über den Marktplatz und hielt vor dem Hause Ehe
Heinrich die Tür erreichen konnte wurde sie mit einem kräftigen Rucke
geöffnet Es dämmerte bereits stark in der Flur man konnte nur an den Umrissen
erkennen dass es eine gedrungene Männergestalt war welche auf die Schwelle
trat Mit wenigen raschen Schritten stand der Herr vor der Tür des Wohnzimmers
die von innen aufgemacht wurde Den Ausruf der Überraschung von Frau Hellwigs
Lippen und die trockenen Worte »Ei du bist unpünktlich geworden Johannes wir
erwarteten dich erst morgen« schollen heraus dann wurde die Tür geschlossen
und nur der draußen harrende Wagen und das zurückgebliebene Aroma einer feinen
Zigarre bewiesen dass die Erscheinung wirklich gewesen war
    »Das war er« flüsterte Felicitas und legte die Hand auf ihr erschrockenes
Herz
    »Nun kanns losgehn« brummte Heinrich zu gleicher Zeit aber er schwieg
alsbald wieder und horchte lächelnd nach dem Treppenhause
    Da droben kam es herabgebraust wie die wilde Jagd Die Regierungsrätin flog
förmlich über die Stufen die blonden Locken flatterten und das weiße Kleid
umwogte die schwebende Gestalt wie eine Wolke Sie ließ Rosa und das langsam
herabpolternde Kind weit hinter sich und stand nach wenigen Augenblicken im
Wohnzimmer
    »Gelt Feechen nun wissen wir doch auch warum Blümelein Vergissmeinnicht in
der Guirlande steckt« lachte Heinrich und ging hinaus um die Effekten des
Ankömmlings in Empfang zu nehmen
 
                                       12
Um anderen Morgen  es war noch ziemlich früh  benutzte Felicitas einen freien
Augenblick und schlüpfte hinauf zur Tante Kordula um ihr mitzuteilen dass
Heinrichs Expedition bei der armen Tischlerfamilie geglückt sei Auf dem
Vorplatze des zweiten Stockes kam ihr Heinrich entgegen er schmunzelte
seelenvergnügt und deutete mit dem Daumen über die Schulter zurück nach der
Tür die er gestern bekränzt hatte Der Blumenschmuck war verschwunden ein
förmlicher Knäuel von Guirlanden lag am Boden und an der Wand hin reihten sich
verschiedene Blumenvasen
    »Hui das flog runter« flüsterte Heinrich »Eins zwei drei da lag das
Blümelein Vergissmeinnicht auf der Erde  ich kam gerade dazu wie er auf der
Leiter stand«
    »Wer«
    »Nun der Professor  Er machte ein schreckliches Gesicht ich hatte aber
auch das Dings für alle Ewigkeit festgenagelt  er hat fürchterlich reißen und
zerren müssen  Aber denke dir nur Feechen er gab mir die Hand wie ich ihm
guten Morgen wünschte  das hat mich doch gewundert«
    Felicitas Lippen kräuselten sich  sie war im Begriffe etwas Herbes zu
sagen aber plötzlich huschte sie um die Ecke in den dunklen Korridor drin im
Zimmer hatten sich rasche Schritte der Tür genähert
    Als sie später aus der Mansarde zurückkehrte und die Treppe hinabgehen
wollte da klang die Stimme der Regierungsrätin aus dem ersten Stock herauf sie
sprach in sanft klagenden Tönen  es gab wohl nicht leicht etwas Melodischeres
als das Organ dieser Frau
    »Die armen Blumen« klagte sie
    »Wie hast du mir aber auch das antun können Adele« antwortete eine
männliche Stimme »Du weißt doch dass mir dergleichen Verherrlichungen ein
Greuel sind«
    Es war dieselbe kalte Stimme die einst auf die kleine Fee einen so
unauslöschlich schlimmen Eindruck gemacht nur klang sie tiefer und hatte in
diesem Augenblicke eine Beimischung tadelnden Verdrusses Felicitas bog sich
über das Geländer und sah scheu mit angehaltenem Atem hinab Da schritt er
vorsichtig die kleine Anna an der Hand führend langsam Stufe um Stufe hinunter
Es lag nichts auch gar nichts in dieser Erscheinung was sich hätte in Einklang
bringen lassen mit dem Professortitel Diese Vertreter des Gesamtwissens hatten
für das junge Mädchen den Nimbus des Vornehmen und der Erhabenheit hier aber
suchte sie vergebens nach diesen Eigenschaften Eine kernige wie es schien
eisenfest zusammengefügte Gestalt mit eckigen Bewegungen und von wenn auch
sicherer doch nichts weniger als eleganter Haltung gerade in ihr lag etwas
Hartnäckiges Unverbindliches man hätte meinen können dieser Nacken habe sich
noch nie nicht einmal im Gruße gebeugt Und wie wenig war der Kopf geeignet
diese Meinung zu widerlegen Er bog einen Moment das Gesicht aufwärts dies
unschöne Gesicht das einst der Vorstellung des Kindes vom fernen Johanneskopfe
so wenig entsprochen es war nicht wohlwollender geworden in seinem Ausdrucke
Ein rötlich blonder sehr starker krauser Bart bedeckte das Kinn und den
unteren Teil der Wangen und fiel fast bis auf die Brust herab und zwischen den
buschigen Augenbrauen die in diesem Momente wohl auch noch finsterer
zusammengezogen wurden im Verdruss über die übel angebrachte Verherrlichung
lagerte eine tiefe Falte Allein diese nichts weniger als aristokratisch und
einnehmend gebildete Außenseite hatte trotzdem etwas Bedeutendes und zwar durch
den unwiderleglichen Ausdruck männlicher Kraft und eines starken Willens
    Und jetzt bog er sich nieder zu der mühsam hinabkletternden Kleinen und nahm
sie auf den Arm
    »Komm her mein Kind es will doch nicht so recht gehen mit den armen
Beinchen« sagte er Das klang überraschend mild und mitleidsvoll
    »Es ist aber auch kein Spielerskind zu dem er spricht« dachte Felicitas
und ihr Herz schwoll voll Bitterkeit
    Die Morgenstunden wurden sehr geräuschvoll für das stille Haus die Glocke
an der Haustür hörte fast nicht auf zu klingeln Es gab auch in dieser kleinen
Stadt so gut wie in jeder anderen Leute genug die ihre Alltagsgesichter gar
zu gern von der Glorie eines berühmten Mannes mit beglänzen lassen ohne zu
bedenken dass gerade dieser Strahl ihr armes Ich unerbittlich beleuchtet Diese
Besuche kamen übrigens für Felicitas sehr erwünscht denn obgleich sie nichts
sehnlicher erhoffte als eine rasche Entscheidung so bebte sie doch vor dem
ersten Zusammenstosse und plötzlich fühlte sie dass sie noch nicht gesammelt und
ruhig genug sei  jede Stunde Zeit schien ihr deshalb ein Gewinn Allein die
Machtaber in der Wohnstube hatten jedenfalls den Wunsch die Katastrophe
möglichst rasch in Szene zu setzen denn kaum nachdem das Mittagessen abgetragen
war kam Heinrich in die Küche er betrachtete Felicitas Anzug aufmerksam
klopfte ein wenig Mehlstaub von ihrem dunklen Ärmel und sagte mit einem etwas
unsicheren Blicke »Da am Ohre ist der Zopf ein wenig aufgegangen Feechen  das
steck erst fest der da drin darf so etwas nicht sehen das weißt du  Du
sollst nämlich gleich nüber in dem selgen Herrn sein Zimmer kommen  dort sind
sie  na na wer wird denn gleich so erschrecken  bist ja kreideweiss
geworden Tapfer Feechen  den Kopf kann er dir nicht abreißen«
    Felicitas öffnete die Tür und trat leise in das ehemalige Zimmer des
Onkels Noch lag es schneebleich auf ihren Lippen und Wangen dadurch erschien
aber auch ihr Gesicht für den Augenblick fast geisterhaft still und unbeweglich
    Genau wie vor neun Jahren an jenem stürmischen Morgen saß Frau Hellwig im
Lehnstuhle nahe dem Fenster Neben ihr den Rücken nach der Tür gewendet und
die gefalteten Hände rückwärts gekreuzt stand er der dies Geschöpf dort
eigenmächtig auf den Weg der Dienstbarkeit gedrängt und nie und nimmer geduldet
hatte dass diese dunkle Linie sich auch nur die kleinste Ausbiegung erlaube der
es stets von weiter Ferne unerbittlich gestraft hatte ohne je zu fragen »Bist
du auch schuldig«
    Felicitas hatte mit Recht vor dieser ersten Begegnung gezittert denn jetzt
bei seinem Anblicke fühlte sie wie Groll und Erbitterung übermächtig in ihr
wurden und doch war ihr Selbstbeherrschung nie nötiger gewesen als in diesem
entscheidenden Augenblicke
    »Da ist Karoline« sagte Frau Hellwig
    Der Professor drehte sich um und zeigte ein sehr erstauntes Gesicht
Wahrscheinlich hatte er nie daran gedacht dass das Spielerskind welches einst
auf derselben Stelle mit dem kleinen Fuße gestampft und sich wie unsinnig
gebärdet hatte auch wachsen und ruhig aussehen könne Jetzt stand die
Erwachsene da hoch und stolz aufgerichtet wenn auch ihr Blick am Boden hing
    Er schritt auf sie zu und machte eine Bewegung mit dem rechten Arme  wollte
er ihr auch etwa die Hand reichen wie er bei Heinrich getan Ihr Herz drehte
sich fast um bei dem Gedanken die feinen Finger bogen sich krampfhaft nach der
innern Handfläche und unbeweglich lagen die Arme am Körper aber die Wimpern
hoben sich und ein Blick voll tödlicher Kälte traf den ihr gegenüberstehenden
Mann  so misst ein erbitterter Gegner den anderen Das mochte dem Professor auch
sofort klar werden er wich unwillkürlich zurück und maß scharf die ganze
Gestalt vom Kopfe bis zu den Füßen
    In diesem Moment wurde an die Tür geklopft und gleich darauf steckte die
Regierungsrätin ihr blondes lachendes Köpfchen herein
    »Ists erlaubt« bat sie mit schmeichelnder Stimme und ehe geantwortet
werden konnte stand sie mitten im Zimmer
    »Ah ich komme wohl gerade recht zum peinlichen Verhör« fragte sie »Meine
liebe Karoline jetzt werden Sie wohl einsehen lernen dass es auch noch einen
andern Willen gibt als den Ihrigen und für den armen Wellner kommt endlich die
Entscheidung«
    »Ich bitte dich Adele lasse jetzt Johannes reden« rief Frau Hellwig
ziemlich kurz und ungnädig
    »Nun bleiben wir vorläufig bei diesem einen Punkte stehen« sagte der
Professor Er kreuzte die Arme über der Brust und lehnte sich an einen Tisch
»Wollen Sie mir sagen weshalb Sie den ehrenvollen Antrag des Mannes
zurückweisen«
    Sein ruhiges leidenschaftsloses Auge ruhte prüfend auf dem jungen Mädchen
    »Weil ich ihn verachte Er ist ein elender Heuchler der die Frömmigkeit als
Deckmantel für seine Habgier und seinen Geiz benutzt« entgegnete sie fest und
sicher es galt jetzt durch ruhige rücksichtslose Offenheit die Schläge zu
parieren
    »Gott welche Verleumdung« rief die Regierungsrätin Sie schlug in
schmerzlichem Unwillen die weißen Hände zusammen und ihre großen blauen Augen
suchten anklagend den Himmel Frau Hellwig aber stieß ein kurzes raues Lachen
aus
    »Da hast du ja gleich ein Pröbchen von der Art und Weise deiner sogenannten
Mündel Johannes« rief sie »Dies Mundwerk ist stets fertig mit Verachtung und
dergleichen  ich kenne das  Machs kurz Du kommst nicht um ein Haar breit
weiter mit ihr und ich habe keine Lust ehrbare Leute die in meinem Hause aus
und ein gehen lästern zu hören«
    Der Professor antwortete nicht Während er mit der Hand langsam über den
Bart strich  es war eine merkwürdig schöne schmale Hand  hing sein Blick an
der Regierungsrätin die noch wie ein betender Seraph dastand Es schien fast
als habe er nur ihren Ausruf gehört seine Lippen verzogen sich ein wenig  wer
vermochte in dieser eigenartigen Physiognomie zu lesen
    »Du hast ja gewaltige Charakterstudien in den wenigen Wochen deines
Hierseins gemacht Adele« sagte er »Wenn man in der Weise als Anwalt auftreten
kann «
    »Um Gott Johannes« unterbrach ihn die junge Witwe lebhaft »du wirst doch
nicht denken dass ein besonderes Interesse « sie schwieg plötzlich und ein
tiefes Rot schoss in ihre Wangen
    Jetzt blitzte es entschieden wie Spott aus dem Auge des Professors
    »Sämtliche Damen die bei der Tante aus und ein gehen stimmen darin
überein dass Wellner ein Ehrenmann ist« setzte sie nach einer Pause der
Sammlung entschuldigend hinzu »Die Missionsgelder gehen durch seine Hände und
die Gläubigen finden keinen Tadel an ihm «
    »Und darauf schwörst du nun natürlicherweise« ergänzte der Professor kurz
abbrechend »Ich kenne den Mann nicht« wandte er sich zu Felicitas »und kann
deshalb nicht wissen inwieweit Ihre Anklage gerechtfertigt ist«
    »Johannes« unterbrach ihn Frau Hellwig gereizt
    »Bitte Mutter wir wollen das später allein erörtern« sagte er ruhig und
beschwichtigend »Zwingen wird Sie natürlich niemand« fuhr er zu dem jungen
Mädchen gewendet fort »Ich habe Ihnen allerdings bis hierher nie das Recht
eingeräumt in irgend einer Angelegenheit selbst zu entscheiden einmal weil
ich Sie unter einer Führung wusste der ich mein unbedingtes Vertrauen schenke
und dann weil Sie ein Charakter sind der sich gern gefährlicher Übergriffe
schuldig macht und sich stets gegen das auflehnt was zu seinem wahren Wohl
geschieht  In dieser Frage jedoch hört meine Macht auf Ich kann Ihnen sogar
in mancher Beziehung nicht unrecht geben denn Sie sind jung und er steht wie
ich höre in vorgerücktem Alter  das taugt nicht Ein zweiter Stein des
Anstoßes ist die Standesverschiedenheit für den Augenblick wird er wohl über
Ihre Herkunft hinwegsehen  später tritt in solchen Dingen gewöhnlich ein
Rückschlag ein Störung des Gleichgewichts rächt sich stets«
    Wie klang das vernünftig und  herzlos Er war in diesem Momente genau der
Verfasser aller jener schriftlichen Maßregeln die nie den verfemten Boden aus
dem Auge verloren dem das Spielerskind entsprossen Er verließ seinen
bisherigen Platz und trat vor das junge Mädchen dessen Lippen in einem bitteren
Lächeln zuckten
    »Sie haben uns schwer zu schaffen gemacht« sagte er und hob den
Zeigefinger »Sie haben es durchaus nicht verstanden und wie ich annehmen muss
auch nicht gewollt die Zuneigung meiner Mutter zu gewinnen  So wie die
Sachen liegen werden Sie selbst nicht wünschen länger hier im Hause zu
bleiben«
    »Ich ginge am liebsten in dieser Stunde noch«
    »Das glaube ich Ihnen gern Sie haben ja stets deutlich genug gezeigt dass
Ihnen unsere strenge und gewissenhafte Fürsorge unerträglich ist« Sein Ton
hatte jetzt doch eine Beimischung von Ärger und Gereiztheit »Es ist eben eine
völlig verlorene Mühe unsererseits gewesen die Zugvogelnatur in Ihnen
unterdrücken zu wollen  Nun Sie sollen haben was Sie wünschen aber ich
halte meine Aufgabe noch nicht für beendet  ich will erst noch den Versuch
machen Ihre Angehörigen aufzufinden«
    »Du warst früher anderer Ansicht über diesen Punkt« warf Frau Hellwig
spöttisch ein
    »Die hat sich im Laufe der Dinge geändert wie du siehst Mutter« erwiderte
er ruhig
    Felicitas schwieg und sah vor sich nieder Sie wusste dass dieser Schritt
ohne Erfolg bleiben würde  Tante Kordula hatte ihn längst getan Vor vier
Jahren war durch die Redaktion einer der ersten Zeitungen ein Aufruf an den
Taschenspieler dOrlowsky und die Verwandten von dessen Ehefrau ergangen er
hatte alle namhaften Blätter durchlaufen aber bis zur Stunde war niemand
erschienen Das konnte das junge Mädchen freilich nicht sagen
    »Ich werde heute noch die nötigen Schritte tun« fuhr der Professor fort
»und glaube dass ein Zeitraum von zwei Monaten völlig genügt um Aufschluss zu
gewinnen  Bis dahin stehen Sie noch unter meiner Vormundschaft und im
dienstlichen Verhältnisse zu meiner Mutter Sollte sich jedoch wie ich fürchte
keines Ihrer Anverwandten auffinden lassen dann «
    »Dann bitte ich um meine sofortige Freiheit nach Ablauf der gestellten
Frist« unterbrach ihn Felicitas rasch
    »Nein das klingt denn doch zu abscheulich« rief die Regierungsrätin
entrüstet »Sie tun ja wirklich als hätte man Sie in diesem Hause des Friedens
und der christlichen Barmherzigkeit gemartert und gekreuzigt  Undank«
    »Sie meinen also umseren ferneren Beistand entbehren zu können« fragte der
Professor ohne den Zorneserguss der jungen Witwe zu beachten
    »Ich muss dafür danken«
    »Nun gut« sagte er nach einem Moment des Schweigens kurz »nach Verlauf von
zwei Monaten soll Ihnen freistehen zu tun und zu lassen was Sie wollen« Er
wandte sich ab und schritt nach dem Fenster
    »Du kannst gehen« gebot Frau Hellwig rau
    Felicitas verließ das Zimmer
    »Also noch ein achtwöchentlicher Kampf« flüsterte sie während sie durch
die Hausflur schritt »Es wird ein Kampf auf Leben und Tod werden«
 
                                       13
Drei Tage waren seit des Professors Ankunft vergangen sie hatten das einförmige
Leben in dem alten Kaufmannshause völlig verwandelt aber für Felicitas waren
sie wider alles Erwarten ruhig verflossen Der Professor hatte sich nicht wieder
um sie bekümmert er schien den Verkehr mit ihr auf die erste und einzige
Unterredung beschränken zu wollen Sie atmete auf und doch  seltsamerweise 
hatte sie sich nie mehr gedemütigt und verletzt gefühlt als jetzt  Er war
einigemal in der Hausflur an ihr vorübergegangen ohne sie zu sehen  freilich
war er da ärgerlich gewesen und hatte ein grimmiges Gesicht gemacht was ihn
durchaus nicht verschönte Frau Hellwig ließ es sich nämlich trotz aller seiner
Bitten und Vorstellungen nicht nehmen ihn hinunter in das Wohnzimmer zu
bescheiden wenn Besuchende aus ihrem Bekanntenkreise kamen die ihn zu sehen
wünschten Er erschien notgedrungen aber dann stets als sehr unliebenswürdiger
schroffer Gesellschafter  Es kamen aber auch viele andere täglich die von
Heinrich hinaufgewiesen wurden in das zweite Stockwerk  Hilfesuchende oft sehr
dürftige armselige Gestalten die Friederike zu jeder anderen Zeit ohne
weiteres an der Schwelle zurückgewiesen haben würde sie schritten jetzt zum
Ärger der alten Köchin und eigentlich auch gegen den Wunsch und Willen der Frau
Hellwig über die schneeweiß gehaltene förmlich gefeite Treppe des vornehmen
Hauses und fanden droben ohne Unterschied Einlass und Gehör Der Professor hatte
hauptsächlich Ruf als Augenarzt es waren ihm Kuren gelungen die andere
anerkannt tüchtige Fachmänner in das Bereich der Unmöglichkeiten verwiesen
hatten  der Name des noch sehr jungen Mannes war dadurch plötzlich ein
glänzender und gepriesener geworden
    Frau Hellwig hatte Felicitas das Abstäuben und Aufräumen im Zimmer ihres
Sohnes übertragen Der kleine Raum erschien völlig verwandelt seit er bewohnt
wurde vorher mit ziemlichem Komfort ausgestattet glich er jetzt weit eher
einer Kartäuserzelle Ein gleiches Schicksal wie den Guirlandenschmuck hatte
die bunten Kattunvorhänge ereilt  sie waren sofort unter den Händen des
Professors als lichtraubend gefallen ebenso hatten einige unkünstlerische mit
großer Farbenverschwendung illuminierte Schlachtenbilder an den Wänden weichen
müssen dagegen hing plötzlich ein sehr alter in eine dunkle Ecke des Vorsaales
verbannter Kupferstich trotz seines zerbröckelnden schwarzen Holzrahmens über
dem Schreibtische des Bewohners Es war ein wahres Meisterstück der
Kupferstecherkunst eine junge schöne Mutter vorstellend die ihr Kind zärtlich
in ihren pelzverbrämten Seidenmantel hüllt Die wollene Decke auf dem Sofatische
und mehrere gestickte Polster waren als »Staubhalter« entfernt worden und auf
einer Kommode standen statt der Meissner Porzellanfiguren die Bücher des
Professors dicht aneinander gedrängt und symmetrisch geordnet Da sah man kein
umgeknicktes Blatt keine abgestossene Ecke und doch wurden sie ohne Zweifel
viel gebraucht sie steckten in sehr unscheinbarem Gewande und waren je nach der
Sprache in der sie geschrieben uniformiert  das Latein grau Deutsch braun
etc  »Genau so versucht er die Menschenseelen zu ordnen« dachte Felicitas
bitter als sie zum erstenmal die Bücherreihen sah »und wehe wenn eine über
die ihr angewiesene Farbe hinaus will«
    Den Morgenkaffee trank der Professor in Gesellschaft seiner Mutter und der
Regierungsrätin dann aber ging er auf sein Zimmer und arbeitete bis zum
Mittage Er hatte gleich am ersten Morgen den Wein zurückgewiesen den Frau
Hellwig zu seiner Erquickung hinaufgeschickt dagegen musste stets neben ihm eine
Karaffe voll Wasser stehen Es schien als vermeide er geflissentlich sich
bedienen zu lassen  nie benutzte er die Klingel war ihm das Trinkwasser nicht
mehr frisch genug so stieg er selbst hinunter in den Hof und füllte die Karaffe
aufs neue
    Am Morgen des vierten Tages waren Briefe an den Professor eingelaufen
Heinrich war ausgegangen und so wurde Felicitas in das zweite Stockwerk
geschickt Sie blieb zögernd vor der Tür stehen drin wurde gesprochen es war
eine Frauenstimme die wie es schien eben eine längere Ansprache beendete
    »Doktor Böhm hat mit mir über das Augenleiden Ihres Sohnes gesprochen«
antwortete der Professor in gütigem Tone »ich will sehen was sich tun lässt«
    »Ach gnädger Herr Professor ein so berühmter Mann wie Sie «
    »Lassen Sie das Frau« unterbrach er die Sprechende so rau dass sie
erschrocken schwieg »Ich will morgen kommen und die Augen untersuchen« setzte
er milder hinzu
    »Aber wir sind arme Leute der Verdienst ist gering «
    »Das haben Sie mir bereits zweimal gesagt liebe Frau« unterbrach sie der
Professor abermals ungeduldig »Gehen Sie jetzt ich brauche meine Zeit nötiger
 Wenn ich Ihrem Sohne helfen kann so geschieht es  adieu«
    Die Frau kam heraus und Felicitas schritt über die Schwelle Der Professor
saß am Schreibtische seine Feder flog bereits wieder über das Papier Er hatte
aber doch das junge Mädchen eintreten sehen und ohne das Auge von seiner Arbeit
wegzuwenden streckte er die Linke nach den Briefen aus Er erbrach einen
derselben während Felicitas wieder nach der Tür zu schritt
    »Apropos« rief er schon halb und halb in den Brief vertieft »wer stäubt
denn hier im Zimmer ab«
    »Ich« antwortete das junge Mädchen stehen bleibend
    »Nun dann muss ich Sie ersuchen künftig meinen Schreibtisch mehr zu
respektieren Es ist mir sehr unangenehm wenn ein Buch auch nur von seiner
Stelle gerückt wird und hier fehlt mir sogar eines«
    Felicitas schritt gelassen nach dem Tische auf welchem mehrere Bücherstösse
lagen
    »Was hat das Buch für einen Titel« fragte sie ruhig
    Es zuckte etwas wie ein Lächeln durch das ernste Gesicht des Professors
Diese Frage aus einem Mädchenmunde klang aber auch eigentümlich naiv und
bedenklich im Studierzimmer des Arztes
    »Sie werden es schwerlich finden  es ist ein französisches Buch« erwiderte
er »Cruveilhier Anatomie du système nerveux steht auf der Rückseite« setzte
er hinzu  wieder zuckte es über sein Gesicht
    Felicitas zog sofort eines der Bücher hervor es lag zwischen mehreren
anderen französischen Werken
    »Hier ist es« sagte sie »Es lag jedenfalls noch auf der Stelle wo Sie es
selbst hingelegt hatten  ich nehme keines der Bücher in die Hand«
    Der Professor stützte seine Linke auf den Tisch drehte sich mit einem Rucke
nach dem jungen Mädchen um und sah ihm voll ins Gesicht
    »Sie verstehen Französisch« fragte er rasch und scharf
    Felicitas erschrak sie hatte sich verraten Freilich verstand sie nicht
allein Französisch sie sprach es auch leicht und fliessend  die alte Mamsell
hatte sie vortrefflich unterrichtet Jetzt sollte sie antworten und zwar
entschieden antworten Die stahlgrauen Augen mit dem unabweisbaren Blicke wichen
nicht von ihrem Gesichte sie hätten die Lüge jedenfalls sofort abgelesen  sie
musste die Wahrheit sagen
    »Ich habe Unterricht gehabt« entgegnete sie
    »Ach ja ich entsinne mich bis zu Ihrem neunten Lebensjahre  und da ist
etwas hängen geblieben« sagte er indem er sich mit der Hand die Stirne rieb
    Felicitas schwieg
    »Das ist ja auch der unglückliche Kasus an welchem wir mit unserem
Erziehungsplane gescheitert sind meine Mutter und ich« fuhr er fort »Es ist
Ihnen zu viel weisgemacht worden und weil wir darüber unsere eigene Ansicht
hatten so verabscheuen Sie uns als Ihre Peiniger und Gott weiß was alles nicht
wahr«
    Felicitas rang einen Augenblick mit sich aber die Erbitterung siegte Sie
öffnete die blassgewordenen Lippen und sagte kalt »Ich habe alle Ursache dazu«
    Einen Moment runzelten sich seine Augenbrauen wie in heftigem Unwillen
allein vielleicht erinnerte er sich so mancher trotzigen und unfreundlichen
Antwort die er oft als Arzt von ungeduldigen Patienten ruhig hinnehmen musste
 Das junge Mädchen da vor ihm krankte ja auch seiner Meinung nach an einem
Irrtume daraus entsprang jedenfalls die Gelassenheit mit der er sagte »Nun
von dem Ihnen gemachten Vorwurfe der Verstockteit spreche ich Sie hiermit frei
 Sie sind mehr als aufrichtig  Übrigens werden wir uns über Ihre schlechte
Meinung zu trösten wissen«
    Er nahm den Brief wieder auf und Felicitas entfernte sich Als sie auf die
Schwelle der offenen Tür trat da flog ein Blick des Lesenden ihr nach Der
Vorsaal war erfüllt von warmem Sonnenglanze die Mädchengestalt stand plastisch
da in dem dunkleren Zimmer wie ein Gemälde auf Goldgrund Noch fehlte den Formen
jene Rundung und Fülle die bei der vollkommen entwickelten Frauenschönheit
unerlässlich ist trotzdem erschienen die Linien weich und zeigten in der
Bewegung eine unbeschreibliche Grazie man möchte sagen jene Schmiegsamkeit
wie sie die Märchenpoesie ihren schwebenden und huschenden Gestalten andichtet
 Und was war das für ein merkwürdiges Haar Gewöhnlich erschien es
kastanienbraun wenn aber wie in diesem Augenblicke ein Sonnenstrahl darauf
fiel dann blinkte es rötlich golden Es erinnerte durchaus nicht an jenes
geschmeidige lang herabfliessende Frauenhaar wie es einst unter dem Helme der
schönen Spielersfrau hervorgequollen Ziemlich kurz aber von mächtiger Fülle
Welle an Welle bildend sträubte es sich noch sichtbar widerwillig in dem
dicken einfach geschlungenen Knoten am Hinterkopfe Einzelne starke Ringel
befreiten sich stets eigenmächtig und lagen wie eben jetzt auf dem weißen
Halse
    Der Professor bog sich wieder über seine Arbeit aber der Gedankenfluss den
vorhin die Bürgersfrau unterbrochen ließ sich nicht sofort wieder in die rechte
Bahn lenken Er rieb sich verdrießlich die Stirne und trank ein Glas Wasser 
vergebens Endlich warf er ärgerlich über die Störungen die Feder auf den
Tisch nahm den Hut vom Nagel und ging die Treppe hinab  Hätte der
Mohrenkopf der als Tintenwischer seinem gelehrten Herrn seit Jahren
gegenüberstand den großen grinsenden Mund noch weiter aufzureissen vermocht er
hätte es sicher getan und zwar vor Erstaunen  da lag die Feder dick
angefüllt mit frischer Tinte und der unglückliche Mohr lechzte vergeblich nach
dem Nass und dem gewohnten Vergnügen mit seinem Kleide ihre vielvermögende
Spitze blank zu putzen  unerhört Der peinlich pünktliche Mann war zerstreut
    »Mutter« sagte der Professor im Vorübergehen das Wohnzimmer betretend
»ich wünsche ferner nicht dass du mir das junge Mädchen mit Aufträgen
hinaufschickst  überlasse das Heinrich und ist er einmal nicht da so kann ich
schon warten«
    »Siehst du« entgegnete Frau Hellwig triumphierend »dir ist schon nach drei
Tagen diese Physiognomie unerträglich mich aber hast du verurteilt sie neun
Jahre lang um mich zu dulden«
    Ihr Sohn zuckte schweigend die Achseln und wollte sich entfernen
    »Der frühere Unterricht den sie bis zu des Vaters Tode erhalten hat völlig
aufgehört mit ihrem Eintritte in die Bürgerschule« fragte er sich nochmals
umwendend
    »Was das für närrische Fragen sind Johannes« rief Frau Hellwig ärgerlich
»Habe ich dir nicht ausführlich genug über diesen Punkt geschrieben und ich
dächte auch gesprochen bei meinem Besuche in Bonn  Die Schulbücher sind
verkauft worden und die Schreibehefte habe ich in derselben Stunde verbrannt«
    »Und was hat sie für Umgang gehabt«
    »Was für Umgang  Na eigentlich nur den mit Friederike und Heinrich sie
hat es ja selbst nicht anders gewollt« Jener grausam boshafte Zug erschien in
dem Gesicht der Frau infolgedessen sich die Oberlippe leicht hob und einen
ihrer Vorderzähne sehen ließ »Ich habe es natürlich nicht über mich gewinnen
können sie an meinem Tische essen zu lassen und in meiner Stube zu dulden«
fuhr sie fort »einmal war und blieb sie das Wesen das sich zwischen deinen
Vater und mich gedrängt hat und dann wurde sie ja immer unausstehlicher und
hoffärtiger Ich hatte ihr übrigens ein paar Töchter aus christlichen
Handwerkerfamilien ausgemacht mit denen sie umgehen sollte aber du weißt ja
dass sie mir erklärt hat sie wolle nichts mit den Leuten zu schaffen haben das
seien Wölfe in Schafskleidern und dergl Na du wirst in den acht Wochen die
du dir selbst aufgebürdet hast schon noch dein blaues Wunder sehen«
    Der Professor verließ das Haus um einen weiten Spaziergang zu machen
    Am Nachmittage desselben Tages erwartete Frau Hellwig mehrere Damen meist
fremde Badegäste zum Kaffee Er sollte im Garten getrunken werden und weil
Friederike plötzlich unwohl geworden war so wurde Felicitas allein
hinausgeschickt um alles vorzurichten Sie war bald fertig mit ihrem
Arrangement Auf dem großen Kiesplatze im Schutze einer hohen Taxuswand stand
der schön geordnete Kaffeetisch und in der Küche des Gartenhauses zischte und
brodelte das Wasser im Erwarten seiner Umwandlung zu dem allgeliebten
Mokkatranke Das junge Mädchen lehnte an einem offenen Fenster des Gartenhauses
und sah wehmütig sinnend hinaus  Da draußen duftete grünte und blühte es so
lustig und harmlos in die blaue stille Luft hinein als habe nie ein
verheerender Herbststurm an den Zweigen gerüttelt nie der Winterfrost seinen
tötenden Krystall um vergehende Blumenhäupter gesponnen Vor Jahren hatte es
ebenso farbig geleuchtet auf Büschen und Beeten für ihn dessen warmes weiches
Herz nun in Staub zerfiel für ihn der seine helfende stützende Hand überall
anlegte wo es galt  bei seinen emporsprossenden Blumen wie bei
Menschenhilflosigkeit und Elend  Die jungen Blumenaugen da allerorten
lächelten jetzt ebenso fröhlich in andere kalte Gesichter und die Menschen
sprachen nicht mehr von ihm 
    Hierher hatte er sich und die kleine Waise gerettet vor den vernichtenden
Blicken und der schneidenden Zunge da drin in der Stadt  nicht allein zur
lustigen Sommerzeit wenn draußen der Frühling noch mit dem Winter rang da
prasselte hier im weißen Porzellanofen ein tüchtiges Feuer ein dicker Teppich
auf dem Boden wärmte die Füße die Büsche drückten ihre Knospenansätze gegen die
erwärmten Scheiben auf denen einzelne verwegene Schneeflocken rettungslos
zerschmolzen und über den weiten noch wüsten Gartenplan guckte der
halbbeschneite Berg herein mit dem wohlbekannten Pappelkreise auf der Stirn 
traute liebe Erinnerungen Und da drüben standen die Nussbäume die kaum
entwickelten Blätterzungen hingen in diesem Augenblicke müßig und unbewegt wie
trunken vom goldenen Sonnenlichte überander  Was hatten sie einst dem Kinde
alles zugeflüstert Süße selige Verheißungen von Welt und Zukunft Träume so
klar und schattenlos wie der unbewölkte Himmel droben  und dann war es
plötzlich dunkel und dräuend über dem schuldlosen Haupte des Spielerskindes
geworden ein greller Blitz der Erkenntnis hatte die Blätterzungen zu Lügnern
gemacht
    Näher kommende Männerstimmen und das Knarren der Gartentür schreckte
Felicitas aus ihrem trüben Grübeln auf Durch das nördliche Eckfenster konnte
sie sehen wie der Professor in Begleitung eines anderen Herrn den Garten
betrat Sie schritten langsam dem Hause zu Jener Herr kam seit einiger Zeit
öfter zu Frau Hellwig er war der Sohn eines sehr angesehenen der Familie
Hellwig befreundeten Hauses Im Alter mit dem Professor gleichstehend hatte
auch er seine Erziehung in dem Institute des strenggläubigen Hellwigschen
Verwandten am Rhein erhalten Beide waren dann freilich nur für kurze Zeit
Studiengenossen auf der Universität gewesen und wenn auch völlig verschieden in
Charakter und Anschauungsweise hatten sie doch stets freundschaftlich zu
einander gestanden Während Johannes Hellwig fast sofort nach Beendigung seiner
Studienzeit den Lehrstuhl bestiegen war der junge Frank auf Reisen gegangen
Erst vor kurzem hatte er sich auf Wunsch seiner Eltern herbeigelassen sein
juristisches Examen zu machen er war nun Rechtsanwalt in seiner Vaterstadt und
harrte der Dinge und Klienten die da kommen sollten
    Wie er so näher schritt war er eine fast vollkommen schöngebildete
Männererscheinung  ein geistreiches Gesicht über schlank und edel geformten
Gliedern Vielleicht hätte dieser sehr zierliche Kopf mit der feinen etwas
weich verlaufenden Profillinie einen weiblichen Eindruck gemacht aber so wie
er getragen wurde fest und sicher auf den Schultern und unterstützt von
entschiedenen wenn auch sehr eleganten Bewegungen der gesamten Gestalt ließ er
diesen leisen Tadel nicht aufkommen
    Er nahm eben die Zigarre aus dem Munde betrachtete sie aufmerksam und
schleuderte sie dann verächtlich von sich Der Professor holte sein Etui hervor
und bot es ihm
    »Ei Gott bewahre« rief der Rechtsanwalt indem er mit komischer Gebärde
beide Hände abwehrend ausstreckte »Es könnte mir doch nicht einfallen die
armen Heidenkinder in China und Gott weiß wo noch zu bestehlen«
    Der Professor lächelte
    »Denn so wie ich dich kenne« fuhr der andere fort »hältst du jedenfalls
mit unbestreitbarem Heroismus dein Kasteiungswerk aus der Jugendzeit fest das
heißt du bestimmst dir täglich drei Zigarren rauchst aber konsequent nur eine
während das Geld für die beiden anderen in deine Missionssparbüchse fließt«
    »Ja die Gewohnheit habe ich noch« bestätigte mit ruhigem Lächeln der
Professor »aber das Geld hat eine andere Bestimmung  es gehört meinen armen
Patienten ohne Unterschied«
    »Nicht möglich  Du der starre Vorkämpfer pietistischen Strebens der
getreueste unter den Jüngern unseres rheinischen Institutsdespoten Befolgst du
so seine Lehren Abtrünniger«
    Der Professor zuckte die Achseln Er blieb stehen und streifte nachdenklich
die Asche von seiner Zigarre
    »Als Arzt lernt man anders denken über die Menschheit und die Pflichten des
einzelnen ihr gegenüber« sagte er »Ich habe stets das eine große Ziel im Auge
gehabt mich wahrhaft nützlich zu machen um das zu erreichen habe ich vieles
vergessen und verwerfen müssen«
    Sie schritten weiter und ihre Stimmen verhallten Allein auf dem Kieswege
den sie wandelten lag die Sonne träge und brütend sie kehrten in ihr Gespräch
vertieft fast instinktmässig zurück unter die Akaziengruppe die ihre Zweige
über den am Hause hinlaufenden mit breiten Steinplatten belegten Weg hing und
ihn kühl und schattig machte
    »Streite nicht« hörte Felicitas den Professor ein wenig lebhafter als
gewöhnlich sagen »Daran änderst du nichts  Genau wie vor so und so viel
Jahren langweile ich mich entweder entsetzlich oder ich ärgere mich in
weiblicher Gesellschaft und  das kann ich dir sagen  mein Verkehr als Arzt
mit dem sogenannten schönen Geschlechte ist auch durchaus nicht geeignet meine
Meinung zu erhöhen  Welch ein Gemisch von Gedankenlosigkeit und
Charakterschwäche«
    »Du langweilst dich in weiblicher Gesellschaft sehr begreiflich« eiferte
der junge Frank unter dem Eckfenster stehen bleibend »Suchst du doch
geflissentlich die geistig einfache um nicht zu sagen einfältige  Du
verabscheust die moderne weibliche Erziehung  in mancher Hinsicht freilich
nicht ohne Grund  ich bin auch kein Freund von geistlosem Klaviergeklimper und
gedankenloser französischer Plapperei aber man muss das Kind nicht mit dem Bade
verschütten  In unserer Zeit wo der menschliche Geist fast täglich neue
ungeahnte Bahnen betritt wo er mitwirkt schafft und genießt bei dem mächtigen
Aufschwunge den das Menschengeschlecht nimmt da wollt ihr das Weib womöglich
hinter die mittelalterliche Kunkel in den Kreis und zugleich in den engen
Ideengang ihrer Mägde zwingen  das ist nicht allein ungerecht es ist auch
töricht Das Weib hat die Seele eurer Söhne in den Händen in einem Stadium wo
sie am empfänglichsten ist wo sie die Eindrücke wie Wachs aufnimmt und gerade
so unverwischbar durchs ganze Leben trägt als wären sie in Eisen gegraben 
Regt die Frauen an zu ernstem Denken erweitert den Kreis den ihr Egoisten eng
genug um ihre Seelen zieht und welchen ihr weibliche Bestimmung nennt und ihr
werdet sehen dass Eitelkeit und Charakterschwäche verschwinden«
    »Lieber Freund den Weg betrete ich ganz sicher nicht« sagte der Professor
sarkastisch indem er langsam einige Schritte weiter ging
    »Ich weiß wohl dass du eine andere Überzeugung hast  du meinst das alles
erreiche man müheloser durch eine fromme Frau  Mein sehr verehrter Professor
auch ich möchte keine unfromme Lebensgefährtin  ein weibliches Gemüt ohne
Frömmigkeit ist eine Blume ohne Duft Aber seht euch wohl vor Ihr denkt sie
ist fromm mithin besorgt und wohl aufgehoben und während ihr sie vollkommen
und sorglos gewähren lasset erwächst euch eine Tyrannei in eurem Hause wie ihr
sie von einer weniger frommen Frau nun und nimmer ertragen würdet Unter dem
Deckmantel der Frömmigkeit schießen leicht alle im weiblichen Charakter
schlummernden schlimmen Neigungen auf Man darf grausam rachsüchtig und auch
ganz gehörig hochmütig sein und im blinden Zelotismus Schönes und Herrliches
verdammen und zerstören  alles im Namen des Herrn und im sogenannten Interesse
des Reiches Gottes«
    »Du gehst sehr weit«
    »Gar nicht  Du wirst schon noch einsehen lernen dass auch der erwägende
Verstand gehörig geklärt und ausgebildet und das Gemüt der Humanität zugänglich
gemacht sein muss wenn die Frömmigkeit der Frau wahrhaft beglückend für uns sein
soll«
    »Das sind Ziele auf die ich gar nicht Lust habe loszusteuern« erwiderte
der Professor kalt »Meine Wissenschaft beansprucht mich und mein Leben so
völlig «
    »Ei  und die dort« unterbrach ihn der Rechtsanwalt leiser während er nach
dem Eingange des Gartens zeigte Dort hinter der Gittertür erschien die
Regierungsrätin in Begleitung ihres Kindes und der Frau Hellwig »Ist sie nicht
vollkommen die Verwirklichung deines Ideals« fuhr er mit nicht zu verkennender
Ironie fort »Einfach  sie erscheint stets in weißem Mull der ihr nebenbei
gesagt vortrefflich steht  fromm wer wollte das bezweifeln der sie in der
Kirche mit den schwärmerisch emporgerichteten schönen Augen sieht Sie
verabscheut alles Wissen Denken und Grübeln weil es dem Wachstum ihres
Strickstrumpfes oder ihrer Stickerei hinderlich sein könnte  ist eine
standesgemässe Partie denn diese Gleichheit gilt dir ja auch als unerlässlich zu
einer guten Ehe  enfin man bezeichnet sie allgemein als diejenige welche dich
«
    »Du bist boshaft und hast Adele nie leiden mögen« unterbrach ihn der
Professor gereizt »ich fürchte lediglich aus dem Grunde weil sie die Tochter
des Mannes ist der dich sehr streng gehalten hat  Sie ist gutmütig harmlos
und eine vortreffliche Mutter«
    Er schritt auf die langsam näherkommenden Damen zu und begrüßte sie
freundlich
 
                                       14
Es dauerte nicht lange so war der Kiesplatz belebt von anmutigen
Frauengestalten die meist in hellen Musselin oder Gaze gehüllt wie weiße
Sommerwolken auf und ab schwebten Die dunklen steifen Taxuswände gaben einen
vortrefflichen Hintergrund für diese graziösen leichtbeschwingten Wesen
silberhelles Lachen und lebhaftes Geplauder schollen durch die weiche Luft dann
und wann unterbrochen durch eine der sonoren Männerstimmen Der geladene Kreis
war bald vollzählig man gruppierte sich um den Kaffeetisch und die
Arbeitskörbchen wurden hervorgeholt
    Auf einen Wink der Frau Hellwig schritt Felicitas mit dem Kaffeebrett über
den Kiesplatz
    »Mein Wahlspruch ist Einfach und billig« hörte sie die Regierungsrätin in
munterem Tone sagen als sie näher kam »Ich trage grundsätzlich im Sommer
keinen Stoff der mich über drei Taler kostet«
    »Sie vergessen aber meine liebe Regierungsrätin« widersprach eine andere
junge sehr geschmückte Dame während ihr boshafter Blick über die gerühmte
einfache Toilette glitt »dass Sie auf diesem billigen Stoffe eine Menge
gestickter mit Spitzen garnierter Einsätze tragen die den Wert der Robe selbst
mindestens um das Dreifache übersteigen«
    »Bah wer wird diesen Duft nach prosaischen Talern berechnen« rief der
junge Frank belustigt den feindlichen Blick auffangend den beide Damen
austauschten »Man sollte meinen er trüge die Damen himmelwärts wären nicht 
ja wären nicht zum Beispiel solche dicke goldene Armbänder die unzweifelhaft
wieder zur Erde niederziehen müssen«
    Sein Auge haftete mit sichtbarem Interesse auf dem Handgelenke der nicht
weit von ihm sitzenden Regierungsrätin es zuckte wie unwillkürlich zurück und
eine hohe Röte bedeckte für einen Moment Stirne und Wangen der jungen Witwe
    »Wissen Sie meine Gnädige« sagte er »dass mich dieses Armband seit einer
halben Stunde lebhaft beschäftigt  Es ist von prächtiger uralter Arbeit
Was aber meine Wissbegierde ganz besonders reizt das ist die mutmassliche
Inschrift dort inmitten des Kranzes«
    Das Gesicht der Regierungsrätin hatte bereits wieder seine zartrosige Farbe
ihre sanften Augen blickten ruhig auf während sie unbefangen die Armspange
löste und ihm hinreichte
    Felicitas stand in diesem Augenblicke hinter dem Rechtsanwalt Sie konnte
bequem den Schmuck in seinen Händen sehen  Seltsam es war bis in die
kleinsten Einzelheiten derselbe Armring der im Geheimfache der alten Mamsell
lag und ohne Zweifel eine geheimnisvolle Rolle im Leben der Einsamen spielte
nur war er hier von weit geringerem Umfang er umschloss ziemlich eng das feine
Handgelenk der jungen Frau
»daz ir liebe ist âne krane
Die hât got zesamme geben
ûf ein wünneclichez leben«
las der Rechtsanwalt geläufig »Merkwürdig« rief er »die Strophe hat keinen
Anfang  Ah es ist ja ein Bruchstück aus den Minnesängern und zwar aus dem
Gedicht Stete Liebe von Ulrich von Lichtenstein die ganze Strophe lautet in
der Übersetzung ungefähr
Wo zwei Lieb einander meinen
Herziglich in rechter Treu
Und sich beide so vereinen
Dass die Lieb ist immer neu
Die hat Gott zusammengeben
Auf ein wonnigliches Leben
Dieses Armband hat unzweifelhaft einen treuen Kameraden der ihm eng angefügt
ist durch den Anfang der Strophe« bemerkte er lebhaft angeregt »Ist das
Seitenstück nicht in Ihrem Besitze«
    »Nein« entgegnete die Regierungsrätin und bückte sich auf ihre Arbeit
während der Schmuck von Hand zu Hand ging
    »Und wie kommst du zu dem sehr merkwürdigen Stück Adele« fragte der
Professor herüber
    Wieder stieg eine leise Röte in das Gesicht der jungen Dame
    »Papa hat es mir vor kurzem geschenkt« antwortete sie »Gott weiß von
welchem Altertümler es stammt«
    Sie nahm den Schmuck wieder in Empfang legte ihn um den Arm und richtete
dabei eine Frage an eine der Damen wodurch das Gespräch sogleich eine andere
Wendung erhielt
    Während die Aufmerksamkeit aller auf das interessante Armband gerichtet
gewesen war hatte Felicitas die Runde um den Tisch gemacht man hatte sich
rasch bedient ohne die Trägerin des Kaffeebrettes weiter zu beachten Sie ging
ebenso unbemerkt wie sie gekommen nach der Küche zurück Auf Bitten der
kleinen Anna die sich auf dem schattigen Wege neben dem Hause tummelte blieb
sie einen Moment stehen griff Haupt und Oberkörper elastisch zurückbeugend
mit hochgehobenen Armen in die niederhängenden Äste der zunächststehenden
Akazie und versuchte einen Zweig für das Kind zu brechen  Für eine tadellos
gebaute weibliche Gestalt kann es nicht leicht eine vorteilhaftere Stellung
geben als die in welcher das junge Mädchen für einige Augenblicke verharrte 
der Rechtsanwalt nahm plötzlich seine Lorgnette er war ziemlich kurzsichtig
diese zwei dunklen Männeraugen die mit sichtlichem Erstaunen auf der
jugendlichen Gestalt unter der Akazie hafteten wurden scharf beobachtet und
zwar von der scheinbar sehr eifrig stickenden Regierungsrätin Nachdem Felicitas
ins Haus gegangen war ließ der junge Mann das Glas fallen  er hatte offenbar
eine hastige Frage auf den Lippen mit welcher er sich an Frau Hellwig wenden
wollte aber die junge Witwe schnitt ihm sofort das Wort ab sie verlangte
Aufklärung über einen Unfall der ihm auf einer seiner Reisen zugestoßen war
und brachte ihn somit geschickt auf ein Thema das er selbst sehr gern berührte
    Später erhob sie sich geräuschlos und schritt hinüber nach dem Gartenhause
    »Liebe Karoline« sagte sie in die Küche tretend »es ist nicht nötig dass
Sie drüben bedienen  Ah ich sehe da ist ja ein Kaffeewärmer das macht sich
vortrefflich  Füllen Sie die Kanne mit heißem Kaffee ich werde sie mitnehmen
und das Einschenken selbst besorgen  es ist so gemütlicher für die Gäste und 
aufrichtig gesagt  Sie sehen zu erbärmlich aus in dem verwaschenen
Kattunkleidchen Wie mögen Sie sich nur in diesem kurzen abscheulichen Rocke
vor Männeraugen sehen lassen Es ist geradezu unanständig  fühlen Sie das nicht
selbst Kind«
    Der geschmähte Rock war der beste des jungen Mädchens ihr sogenannter
Sonntagsrock Freilich war er verwachsen und bereits ziemlich missfarben aber er
war tadellos sauber gewaschen und gebügelt  Dass ihr nun auch das noch zum
Vorwurf gemacht wurde worein sie sich stets stillschweigend und klaglos gefügt
hatte machte sie bitter lächeln aber sie schwieg  war doch jedes
verteidigende Wort überflüssig und hier geradezu lächerlich
    Als die Regierungsrätin an den Kaffeetisch zurückkehrte war ein Gespräch
das sie vorhin zu vereiteln gesucht hatte bereits im vollen Gange
    »Auffallend schön« wiederholte Frau Hellwig rau auflachend »Pfui mein
lieber Frank was soll ich von Ihnen denken  Auffallend ja das gebe ich
Ihnen eher zu aber auffallend wie ein Mädchen nicht sein soll  Sehen Sie
sich doch dies blasse Gesicht mit den liederlichen Haaren genauer an Diese
herausfordernden Mienen und leichtfertigen Bewegungen diese Augen die
respektablen Leuten unverschämt und dreist ins Gesicht starren  das sind
Erbstücke einer elenden zuchtlosen Mutter Art lässt nicht von Art und was
hinterm Zaune geboren ist das wird sein Lebtag nicht ehrbar  Ich habs
erfahren neun Jahre lang hab ich mir keine Mühe verdrießen lassen dem Herrn
eine Seele zuzuführen  dies verstockte Geschöpf hat alle meine Sorgfalt zu
schanden gemacht«
    »Ach Tantchen das ist ja nun bald überstanden« begütigte die
Regierungsrätin während sie Kaffee einschenkte und herumreichte »Noch einige
Wochen und der böse Störenfried verlässt dein Haus für immer  Ich fürchte
leider auch dass der gute Same auf steinigen Boden gefallen ist  ein edler Zug
steckt ganz gewiss nicht in einer Seele die undankbar genug bisher nur danach
gestrebt hat die Fesseln der Moral und guten Sitten abzuwerfen  Übrigens
wollen wir die wir das Glück haben von gesitteten Eltern abzustammen nicht zu
streng mit ihr ins Gericht gehen  der Leichtsinn steckt ihr im Blut  Wenn
Sie in Jahr und Tag wieder auf Reisen gehen Herr Frank« wandte sie sich
scherzend an den Rechtsanwalt »so kann es sich schon ereignen dass Sie unter
einem fremden Himmelsstriche Tantchens ehemalige Hausgenossin als Grazie auf dem
Seile oder im Zirkus bewundern dürfen«
    »So sieht sie nicht aus« sagte plötzlich der Professor in seinem ruhig
entschiedenen Tone Er hatte bis dahin konsequent geschwiegen sein Widerspruch
der sehr missbilligend klang musste daher doppelt auffallen Frau Hellwig wandte
sich jäh und zornig nach ihrem Sohne und die Augen der jungen Witwe verloren
für einen Moment die stereotype Sanftmut gleich darauf schüttelte sie jedoch
gutmütig lächelnd den Lockenkopf und öffnete die Lippen ohne Zweifel um Liebes
und Freundliches zu sagen aber sie wurde verhindert  ein lautes Weinen
Aennchens scholl über den Kiesplatz und infolgedessen was die Regierungsrätin
im Umdrehen erblickte stieß sie selbst einen Schrei des Entsetzens aus Das
Kind lief so schnell es sein schwerfälliger Körper gestattete auf seine Mutter
zu in der angstvoll emporgestreckten Rechten hielt es krampfhaft ein Päckchen
Schwefelhölzer fest das Röckchen aber stand in hellen Flammen Wir sagten die
Mutter stieß einen Schrei des Entsetzens aus zugleich irrte ihr verstörter
Blick über die eigene leicht feuerfangende Toilette  wie geistesabwesend mit
tödlich erblasstem Gesichte streckte sie abwehrend ihre Hände dem Kinde entgegen
und war mit einem Sprunge hinter der schützenden Taxuswand verschwunden
    Die in »Duft« gekleidete Damengesellschaft zerstob wie eine aufgescheuchte
Taubenschar unter lauten Angstrufen nach allen Richtungen hin nur Frau Hellwig
erhob sich tapfer zur Rettung des Kindes und die beiden Herren sprangen sofort
hinüber allein sie kamen zu spät Felicitas stand bereits da sie breitete ihre
Kleider aus schlug sie eng um das brennende Kind und suchte die Flammen zu
ersticken  sie waren zu mächtig der dünne Kattunrock des jungen Mädchens fing
selbst Feuer es züngelte gierig an ihr empor Rasch entschlossen presste sie das
Kind in ihre Arme flog durch den Grasgarten den Damm hinauf und warf sich in
den vorüberrauschenden Mühlbach
    Todesgefahr und Rettung hatten sich in wenige Augenblicke zusammengedrängt
ehe die beiden Herren nur die Absicht des fortstürzenden Mädchens begriffen war
das Feuer bereits gelöscht Sie betraten den Damm in dem Augenblicke als
Felicitas wieder aufrechtstehend und das triefende Kind auf dem rechten Arme
haltend mit der Linken in die Zweige eines Haselstrauches griff um sich gegen
das hier mit großer Gewalt vorüberschiessende Wasser zu halten Mit den Herren
zugleich erschien die Regierungsrätin auf dem Damme
    »Mein Kind rettet mein Aennchen« rief sie in verzweiflungsvollen Tönen es
sah aus als wolle sie schnurstracks in das Wasser laufen
    »Mache dir die Schuhe nicht nass Adele du könntest leicht den Schnupfen
bekommen« sagte der Professor mit beissender Ironie während er rasch hinabstieg
und Felicitas beide Hände bot um sie zu stützen aber er ließ sie langsam
wieder sinken  das erst völlig ruhige Gesicht des jungen Mädchens hatte sich
plötzlich verwandelt eine tiefe Falte grub sich zwischen ihren Brauen und
jener tödlich kalte feindselige Blick den er bereits kannte traf sein Auge
Sie reichte ihm das Gesicht abwendend die kleine Anna hin und schwang sich
dann die Hand des Rechtsanwalts mit einem schwachen Lächeln der Dankbarkeit
ergreifend auf den Damm
    Der Professor trug das Kind in das Gartenhaus entkleidete es mit Hilfe der
jammernden Mutter und forschte nach den mutmasslichen Brandwunden aber es war
wunderbar genug fast unverletzt nur die linke Hand von welcher wie es selbst
weinend erzählte das Feuer ausgegangen war zeigte Brandspuren Die Kleine
hatte während die Regierungsrätin in der Küche gewesen unbemerkt die
Schwefelhölzchen vom Herde genommen beim Anzünden draußen im Garten war ein
Zeugstreifen den man infolge einer kleinen Schnittwunde um ihren Daumen
gewickelt in Brand geraten sie hatte die Flamme am Kleide abzustreifen gesucht
und dadurch das Unglück herbeigeführt
    Die geflüchteten Damen kehrten nun auch sämtlich zurück Ein Gemisch von
Wehklagen und Glückwünschen für die Mutter des geretteten Kindes strömte von all
den zarten Lippen und der »arme Engel« wurde mit Liebkosungen überschüttet
    »Aber beste Karoline« sagte die Regierungsrätin mit sanftem Vorwurfe zu
dem jungen Mädchen das bang auf das Ergebnis der Untersuchung harrend in
ihrer Nähe stand »konnten Sie denn Aennchen nicht ein wenig draußen im Garten
überwachen«
    Der Vorwurf war zu ungerecht
    »Sie hatten mir wenige Augenblicke zuvor verboten das Haus zu verlassen«
entgegnete Felicitas finster mit einem ihrer durchdringenden Blicke auf die
Frau während das Rot der Entrüstung in ihre Wangen stieg
    »So ei warum denn das Adele« fragte Frau Hellwig verwundert
    »Mein Gott Tantchen« antwortete die junge Witwe ohne jedwedes Zeichen der
Verlegenheit »das wirst du leicht begreifen wenn du dir dies Haar ansiehst 
Ich wollte ihr und uns den üblen Eindruck ersparen den Nachlässigkeit stets
hervorrufen muss«
    Felicitas griff bestürzt nach ihrem Kopfe sie war sich bewusst ihr Haar mit
ängstlicher Sorgfalt geordnet zu haben aber der Kamm der nie recht fest sitzen
wollte in den dicken widerspenstigen Wellen war entschlüpft  er lag
höchstwahrscheinlich im Mühlbache Das aufgelöste wundervolle Gelock wogte wie
ein Glorienschein um Wangen und Schultern noch bestreut mit einzelnen Perlen
des aufgepeitschten Wassers
    »Ist das alles der Gesamtausdruck Ihrer Dankgefühle für die rettende Hand
die Ihr Kind unversehrt durch Feuer und Wasser getragen hat meine Gnädige«
fragte der Rechtsanwalt scharf  sein Auge hatte bis dahin fast unverwandt auf
Felicitas geruht
    »Wie mögen Sie nur so ungerecht von mir denken Herr Frank« verteidigte
sich die junge Witwe tief gekränkt »Ein Mann wird freilich nie recht das
Mutterherz begreifen lernen es zürnt im ersten Augenblicke wider Willen denen
die ein Leiden des geliebten Kindes hätten verhüten können wenn es auch dankbar
anerkennt dass sie ihr Versehen durch die schliessliche Rettung gesühnt haben 
Meine teure Karoline« wandte sie sich an das junge Mädchen »ich werde Ihnen
den heutigen Tag nie vergessen  Könnte ich doch in diesem Augenblicke schon
beweisen wie dankbar ich Ihnen bin« Rasch als ob sie einer plötzlichen
Eingebung folgte löste sie das Armband und reichte es Felicitas hin »Da nehmen
Sie vorläufig  es ist mir sehr wert aber für die Rettung meines Aennchens
könnte ich das Liebste freudig opfern«
    Felicitas schob tief verletzt die Hände zurück die ihr den Schmuck um den
Arm legen wollten
    »Ich danke« sagte sie mit jenem stolzen Zurückwerfen des Kopfes welches
die demutsvollen Gläubigen an dem Spielerskinde stets so entsetzlich fanden
»ich werde mich nie für das Genügen der Nächstenliebe bezahlen lassen noch
weniger aber bin ich gesonnen irgend welches Opfer anzunehmen  Sie sagen
selbst dass ich einfach ein Versehen gesühnt habe und sind mir mithin nicht im
mindesten verpflichtet gnädige Frau«
    Frau Hellwig hatte der Regierungsrätin das Armband bereits weggenommen
    »Du bist nicht bei Trost Adele« schalt sie ärgerlich ohne Felicitas
stolze Antwort weiter zu beachten »Was soll denn das Mädchen mit dem Dings da
anfangen  Schenk ihr ein Kleid von derbem haltbarem Gingham das kann sie
besser brauchen  und damit ist die Sache abgemacht basta«
    Nach den letzten Worten ging der Rechtsanwalt hinaus Er holte seinen Hut
und trat unter das offene Fenster an welchem Felicitas stand
    »Ich finde dass wir samt und sonders sehr grausam gegen Sie sind« rief er
ihr zu »Zuerst werden Sie mit schnödem Golde verwundet und dann sehen wir Sie
ungerührt in durchnässten Kleidern dastehen  Ich werde in die Stadt laufen und
das Nötige für Sie und die kleine Brandstifterin herausschicken«
    Er grüßte und entfernte sich
    »Er ist ein Narr« sagte Frau Hellwig zornig zu den Damen die ihm
verdrießlich und mit schlecht verhehltem Bedauern über sein Gehen nachblickten
    Der Professor hatte mit dem Kinde beschäftigt kein Wort in die
Belohnungsdebatte fallen lassen wer ihm aber nahe gestanden der musste wissen
dass seit dem Moment wo die Regierungsrätin dem jungen Mädchen das Armband
angeboten hatte sein Gesicht stark gerötet war  Zum Frauenarzte oder wohl
gar zu einem jener feinen geheimen Medizinalräte die hohe und höchste
Krankheiten und Launen zu ihrem besonderen Studium machen war er sicher nicht
geschaffen Er hatte etwas entsetzlich Rücksichtsloses dem zarten Geschlechte
gegenüber Es war doch so natürlich dass man sich über den Unfall des Kindes zu
Tode erschreckt hatte und gar zu gern über die etwaigen Folgen beruhigt sein
mochte aber auf alle die teilnahmvollen Fragen der Damen hatte der Mann der
Wissenschaft nur kurze trockene Antworten ja einige etwas schuldlos klingende
Bemerkungen wurden sogar mit beissendem Sarkasmus gegeisselt
    Er überließ die in einen dicken wollenen Shawl gewickelte Kleine endlich
den zarten Händen und schritt auf die Tür zu Felicitas hatte sich in die
fernste Ecke des Salons zurückgezogen  dort glaubte sie sich völlig
unbeobachtet Mit schmerzhaft emporgezogenen Schultern lehnte sie an der Wand
ihr Gesicht hatte eine fahle Blässe angenommen das vor sich hinstarrende Auge
unter den gerunzelten Brauen und die fest aufeinander gepressten Lippen zeigten
unverkennbar dass sie physisch litt  sie hatte eine bedeutende Brandwunde am
Arme die ihr unsägliche Schmerzen verursachte
    Im Begriff die Tür zu schließen sah der Professor noch einmal forschend
in das Zimmer zurück sein Blick fiel auf das junge Mädchen er fixierte es
einen Moment scharf und stand plötzlich mit wenig Schritten vor ihr
    »Sie haben Schmerz« fragte er rasch
    »Er lässt sich ertragen« antwortete sie mit zitternden Lippen die sich
sofort krampfhaft wieder schlossen
    »Die Flamme hat Sie verletzt«
    »Ja  am Arm« Trotz ihrer Leiden nahm sie eine zurückweisende Haltung an
und wandte das Gesicht nach dem Fenster  sie konnte um alles nicht in diese
Augen sehen die sie seit ihrer Kindheit verabscheute Er zögerte einen
Augenblick aber die Pflicht des Arztes siegte
    »Wollen Sie nicht meine Hilfe annehmen« fragte er geflissentlich langsam
und in gütigem Tone
    »Ich will Sie nicht bemühen« entgegnete sie mit finsterem Blick »ich kann
mir selbst helfen sobald ich in der Stadt sein werde«
    »Nun wie Sie wollen« sagte er kalt »Übrigens gebe ich Ihnen doch zu
bedenken dass meine Mutter vorläufig noch Anspruch auf Ihre Zeit und Kraft hat
Sie dürfen sich schon aus dem Grunde nicht mutwillig krank machen« Bei den
letzten Worten vermied er Felicitas anzusehen
    »Ich vergesse das nicht« versetzte sie minder gereizt sie fühlte recht
gut dass dies Zurückführen auf ihre Pflicht nicht geschah um sie zu demütigen
er wollte sie offenbar bestimmen seine ärztliche Hilfe anzunehmen »Ich kenne
unser Übereinkommen genau« fügte sie hinzu »und Sie werden mich bis zu der
letzten Stunde auf dem mir angewiesenen Platze finden«
    »Nun ist auch hier deine ärztliche Hilfe nötig Johannes« fragte die
Regierungsrätin hinzutretend
    »Nein« sagte er kurz »Aber was tust du noch hier Adele« fuhr er
verweisend fort »Ich habe dir vorhin gesagt dass Anna sofort in die frische
Luft muss und begreife nicht weshalb du den Aufenthalt hier in dem schwülen
Zimmer für nötiger hältst«
    Er ging zur Tür hinaus und die Regierungsrätin beeilte sich ihr Kind auf
den Arm zu nehmen sämtliche Damen folgten ihr Drüben am Kaffeetische saß Frau
Hellwig längst in unerschütterter Gemütsruhe Zwischen der vorletzten
Maschentour und dem jetzt unter ihren Fingern wachsenden neuen Streifen des
Strickstrumpfes lag die Todesgefahr zweier Menschen aber das hatte jenes
Gleichgewicht welches auf stählernen Nerven und einer noch härteren Seele
beruhte nicht zu stören vermocht
    Endlich kam Heinrich mit den ersehnten Kleidern Er war so gelaufen dass ihm
der Schweiß von der Stirne rann
    Mit Heinrich zugleich war Rosa eingetroffen Felicitas erhielt deshalb von
Frau Hellwig die Erlaubnis in die Stadt zurückzukehren Sie wusste dass Tante
Kordula eine ausgezeichnete Brandsalbe in ihrem reichhaltigen Medizinkasten
hatte und eilte sofort indes Heinrich das Haus bewachte hinauf in die
Mansarde
    Während die alte Mamsell bestürzt die kühlende Salbe hervorholte und mit
sanfter Hand den verletzten Arm verband erzählte Felicitas den Vorfall Sie
sprach hastig in fliegenden Worten Physischer Schmerz und Gemütsbewegung
hatten sie in eine fieberhafte Aufregung versetzt Noch siegte indes der starke
Wille des Mädchens über die Leidenschaftlichkeit als aber Tante Kordula ruhig
einwarf sie hätte die ärztliche Hilfe nicht zurückweisen sollen da brach die
letzte mühsam behauptete Schranke
    »Nein Tante« rief sie hastig »die Hand soll mich nicht berühren und wenn
sie mich aus Todesnot erretten könnte  Die Menschenklasse aus der ich
stamme ist ihm unsäglich zuwider Dieser Ausspruch aus seinem Munde hat einst
mein Kinderherz bis in den Tod betrübt  ich werde ihn nie vergessen  Seine
Pflicht als Arzt ließ ihn heute für einen Moment den Abscheu überwinden den er
gegen die Paria fühlt ich will sein Opfer nicht«
    Sie schwieg erschöpft und ihr Gesicht verzog sich im Schmerze den die
Wunde verursachte
    »Er ist nicht mitleidlos« fuhr sie nach einer Pause fort »ich weiß es er
versagt sich Genüsse um seiner armen Patienten willen An jedem anderen würden
mich solche fortgesetzte Opfer solch stille Tugend zu Tränen rühren hier aber
empören sie mich wie an einer anderen Menschenseele das Laster  Ich bin
unedel Tante niedrig denkend  ich fühle es wohl aber ich kann mir nicht
helfen es verursacht mir heftige Pein Zorn und Groll an ihm etwas bewundern
zu sollen den ich bis in alle Ewigkeit verabscheue«
    Einmal vom Boden strenger Zurückhaltung und Verschlossenheit gewichen
beklagte sie sich auch heute zum erstenmal bitter über das herzlose Benehmen der
jungen Witwe Jener eigentümliche rote Fleck erschien wenn auch flüchtig unter
dem linken Auge der alten Mamsell
    »Kein Wunder  sie ist ja Paul Hellwigs Tochter« warf sie hin In diesen
wenigen mit schwacher aber schneidender Stimme gesprochenen Worten lag eine
strenge Verurteilung Felicitas horchte überrascht auf Nie hatte Tante Kordula
eine Beziehung zu irgend einem Hellwigschen Familiengliede berührt  die
Nachricht von der Ankunft der Regierungsrätin hatte sie damals schweigend und
scheinbar völlig teilnahmslos angehört so dass Felicitas annehmen musste die
Verwandten am Rhein haben ihr zeitlebens fern gestanden
    »Frau Hellwig nennt ihn den Auserwählten des Herrn den unermüdlichen
Streiter für den heiligen Glauben« sagte das junge Mädchen nach einer kurzen
Pause zögernd »Er muss ein glaubensstrenger Mann sein einer jener finsteren
Eiferer die zwar mit eiserner Konsequenz nach Gottes Geboten leben aber auch
eben deshalb unerbittlich und unnachsichtlich die Fehler und Schwächen anderer
richten«
    Ein leises heiseres Gelächter schlug an Felicitas Ohr Die alte Mamsell
hatte eine eigentümliche Art von Gesichtszügen bei welchen man nie fragt »sind
sie schön oder hässlich« Die herzerquickende Sprache weiblicher Sanftmut und
Güte eines tiefsinnigen Geistes vermittelt hier zwischen den strengen
Anforderungen der Schönheitsgesetze und der eigenwillig formenden Natur  wo die
Linie abweicht da ergänzt der Ausdruck aber eben deshalb kann uns auch diese
Gattung Gesichter plötzlich vollkommen fremd werden sobald ihre gewohnte
Harmonie gestört wird Tante Kordula erschien in diesem Augenblicke förmlich
unheimlich es war ein Hohngelächter wenn auch ein leises gedämpftes welches
sie außstieß ihr sonst so stilles liebes Gesicht hatte etwas Medusenhaftes
durch den plötzlichen Ausdruck unsäglicher Bitterkeit und einer namenlosen
Verachtung Jene Äußerung im Verein mit dem seltsamen Gebaren der alten Mamsell
warfen abermals einen schwachen Lichtreflex auf ihre geheimnisvolle
Vergangenheit aber nicht ein leitender Faden wurde sichtbar in dem dunklen
Gewebe und auch jetzt tat sie alles um den Eindruck ihres momentanen
Sichgehenlassens bei dem jungen Mädchen zu verwischen
    Auf dem großen runden Tische mitten im Zimmer lagen verschiedene Mappen
sie waren geöffnet Felicitas kannte die zerstreut umherliegenden Blätter und
Hefte sehr gut Da auf grobem vergilbtem Papiere mit verblichener Tinte und
oft in sehr verzwickten Hieroglyphen hingeworfen leuchteten Namen wie Händel
Gluck Haydn Mozart  es war Tante Kordulas Handschriftensammlung berühmter
Komponisten Bei Felicitas Eintritt in das Zimmer hatte die alte Dame in den
Papieren gekramt die jahrelang unausgelüftet hinter den Glasscheiben liegend
jetzt einen durchdringenden Modergeruch ausströmten Sie nahm schweigend die
Arbeit wieder auf indem sie die Papiere mit großer Vorsicht und Behutsamkeit in
die Mappe schob Der Tisch leerte sich allmählich und dadurch wurde auch ein
tiefer unten liegendes dickes geschriebenes Notenheft sichtbar »Musik zu der
Operette Die Klugheit der Obrigkeit in Anordnung des Bierbrauens von Johann
Sebastian Bach« stand auf dem Titelblatte
    Die alte Mamsell legte bedeutungsvoll den Finger auf den Namen des
Komponisten »Gelt das kennst du noch nicht« fragte sie mit einem wehmütigen
Lächeln »Das hat viele Jahre zusammengerollt im obersten Fache meines
Geheimschrankes gelegen  Heute morgen gingen allerlei Gedanken durch meinen
alten Kopf  sie meinten alle miteinander es sei Zeit Ordnung für die
Heimreise zu machen und nach dieser Ordnung gehört das Heft in die rote Mappe
 Es mag wohl das einzige Exemplar sein das existiert  es wird dereinst mit
Gold aufgewogen werden meine liebe Fee Das Textbuch ganz speziell für unsere
kleine Stadt X und meist im hiesigen Dialekt geschrieben ist vor beinahe zwei
Jahrzehnten hier aufgefunden worden und hat um seiner mutmasslichen Bachschen
Komposition willen in der musikalischen Welt Aufsehen erregt diese Komposition
die man noch sucht  hier ist sie Die Melodien die für die Welt weit über ein
Jahrhundert hier auf dem Papiere geschlafen haben sind für die Musiker eine Art
Nibelungenhort umsomehr als sie die einzigen eigentlichen Opernmelodien sind
die Bach je komponiert hat  Anno 1705 haben die Schüler der hiesigen
Landesschule und verschiedene Bürger drüben im alten Rataussaale damals der
Tuchboden genannt die Operette aufgeführt«
    Sie schlug das Titelblatt um da stand auf der Rückseite in zierlicher
Schrift »Johann Sebastian Bachs eigenhändig geschriebene Partitur von ihm
erhalten zum Andenken im Jahre 1707 Gottelf v Hirschsprung«  »Der da soll
mitgesungen haben« fuhr sie mit etwas vibrierender Stimme fort indem sie auf
den letzten Namen zeigte
    »Und wie kam das Heft in deine Hände Tante«
    »Durch Erbschaft« klang es kurz abweisend fast rau von Tante Kordulas
Lippen während sie die Partitur in die rote Mappe legte
    In solchen Momenten war es geradezu unmöglich ein Gespräch verlängern zu
wollen welches die alte Mamsell abzubrechen wünschte In Haltung und Gebärden
der kleinen hinfälligen Gestalt lag dann eine so entschiedene Zurückweisung
dass nur Taktlosigkeit und unverschämte Neugierde vorzugehen vermochten
Felicitas warf einen sehnsüchtigen Blick auf das verschwindende Manuskript die
Melodien die kein Lebender außer Tante Kordula kannte erregten ihr höchstes
Interesse aber sie wagte nicht um einen Einblick zu bitten wie sie ja auch
vorhin bei ihrer Mitteilung die Armbandgeschichte völlig unerwähnt gelassen
hatte  nie hätte sie eine schmerzlich klingende Saite im Innern ihrer
Beschützerin zum zweitenmal berühren mögen
    Die alte Mamsell schlug den Flügel auf und Felicitas zog sich in den Vorbau
zurück  Die Sonne war im Untergehen Dort drüben lag es noch wie ein
aufgewirbelter funkelnder Goldstaub der das Auge blendete und Himmel und Erde
formlos ineinander schwimmen ließ Wie aus der Hand des Sämanns die weithin
geschleuderten Körner so fielen von dort her Streiflichter purpurn und goldig
färbend auf die Wipfel des Bergwaldes und auf das blütenbeschneite Talgelände
Einzelne Partien der Gegend traten dadurch überraschend und fremdartig hervor
gleich einem neuen Gedanken in der sinnenden Menschenstirne  Das kleine Dorf
dort das seine letzten Hütten keck den Fuß des Berges ersteigen ließ erreichte
der Sonnenstrahl nicht mehr aber vom Kopfe des spitzen Kirchturms zuckten noch
Blitze und die weit offenen Türen der Häuser zeigten das rotglühende
Herdfeuer auf welchem die Abendkartoffeln kochten  Süsser Abendfrieden lag da
draußen und hier oben quoll der Blumenduft betäubend empor kein Lüftchen trug
ihn weiter noch rührte es an die sonnenmüden Blätter und Zweige Manchmal fiel
ein schwerfälliger Maikäfer klatschend auf die Galerie oder ein Schwalbenpaar
schwirrte von Elternsorgen getrieben vorüber  sonst war es still feierlich
still Um so ergreifender schwebten die Klänge des Beetovenschen Trauermarsches
heraus in den Vorbau aber schon nach wenigen Akkorden hob Felicitas erschreckt
den tiefgesenkten Kopf und blickte angstvoll in das Zimmer zurück  das war kein
Klavierspiel mehr ein Tongeflüster hinsterbend und geisterhaft schlug es doch
mit der ganzen Kraft einer unabweisbaren urplötzlich begriffenen Mahnung an das
Herz des jungen Mädchens die Hände die über die Tasten hinglitten waren müde
sterbensmüde und das was unter ihnen hervorklang waren die Flügelschläge
einer Seele die sich losreißen wollte für immer
 
                                       15
Die Feuer und Wassertaufe hatte für die zwei Beteiligten doch ihre Folgen Ein
starkes Schnupfenfieber brach während der Nacht bei dem Kinde aus und Felicitas
erwachte am anderen Morgen mit heftigem Kopfweh Sie besorgte trotzdem die ihr
übertragenen Geschäfte mit gewohnter Pünktlichkeit der verletzte Arm hinderte
sie wenig denn die vortreffliche Salbe hatte über Nacht bereits ihre
Schuldigkeit getan
    Nachmittags kehrte der Professor nach Hause zurück Er hatte eben eine
Augenoperation an die sich bis dahin kein Arzt gewagt glücklich ausgeführt In
Gang und Haltung offenbarte sich wie immer jenes ruhige rücksichtslose
Sichgehenlassen das scheinbar durch nichts aus dem Gleichgewicht gebracht
werden konnte auch die kräftige Hautfarbe seines Gesichts war nicht um eine
Nüance erhöhter  wer aber sein Auge kannte dem musste der ungewohnte Glanz
auffallen der unter den starken Brauen hervorleuchtete diese kalten
stahlgrauen Augen die nur gemacht schienen prüfend und kühl sondierend in das
Seelenleben anderer zu dringen hatten also doch auch Momente wo sie eigene
innere Befriedigung und Wärme ausstrahlten
    Er blieb an der Hoftür stehen und frug Friederike die mit einem Eimer voll
Wasser in die Hausflur trat nach ihrem Befinden
    »Mir geht es wieder gut Herr Professor« antwortete sie ihren Eimer
hinstellend »aber die da drüben« sie zeigte über den Hof hinweg nach einem
Fenster im Erdgeschoss »die Karoline hat gestern bei der Feuergeschichte eins
weggekriegt Ich hab fast kein Auge zutun können so hat sie die ganze Nacht
im Schlafe vor sich hingeschwatzt und heute geht sie mit einem Kopfe rum der
wie Scharlach und «
    »Das hätten Sie früher sagen sollen Friederike« unterbrach sie der
Professor streng
    »Ich habs auch der Madame gesagt aber sie meinte es würde sich schon
wieder geben Für die ist sein Lebtag kein Doktor geholt worden und sie ist
auch durchgekommen  Unkraut verdirbt nicht Herr Professor  Es hilft ja
auch gar nichts wenn man gut mit ihr sein will« setzte sie entschuldigend
hinzu als sie sah dass sich sein Gesicht auffallend verfinsterte »sie war von
klein auf ein verstocktes Ding und hat immer so apart getan wie ein Königskind
 dass Gott erbarm so ein Spielersmädchen  Manchmal wenn ich für die
Madame was Gutes gebacken oder gebraten hatte da hab ich ihr auch ein paar
Bissen hingestellt  lieber Gott man hat ja doch auch ein Herz Aber glauben
Sie denn sie hätte es angerührt Ja Gott bewahre  ich habs allemal wieder
forttragen müssen Sehen Sie Herr Professor so machte sies schon als Kind
Sie hat sich überhaupt immer nur halb sattgegessen von der Zeit an wo der
selge Herr gestorben ist  Das ist aber alles die pure Verstockteit und der
sündhafte Hochmut sie will nichts geschenkt haben partout nicht Ich habs mit
meinen eigenen Ohren gehört wie sie dem Heinrich gesagt hat wenn sie erst
einmal das schreckliche Haus im Rücken hätte da wollte sie arbeiten dass ihr
das Blut unter den Nägeln hervorkäme und jeden verdienten Groschen an die
Madame schicken bis jeder Bissen Brot den sie hier im Hause gegessen hätte
bezahlt wäre«
    Die alte Köchin bemerkte nicht dass ihrem Zuhörer während ihres
Herzensergusses das Blut immer mehr in das Gesicht stieg Sie hatte kaum den
letzten Satz beendet als er ohne ein Wort zu entgegnen sofort über den Hof
nach dem ihm bezeichneten Fenster schritt Es war ein großes Bogenfenster mit
steinerner Einfassung das sehr tief auf den Boden herabging und zu der Kammer
gehörte in welcher Friederike und Felicitas schliefen Die offenen Flügel
ließ nackte getünchte Wände und elende Gerätschaften sehen es war jener
enge abscheuliche Raum in welchem einst die kleine vierjährige Felicitas die
ersten Sehnsuchtsschmerzen hatte durchleiden müssen  Jetzt saß sie da am
Fenster die Ausgestossene die Verstockte die sich nicht satt aß in fremdem
Brote die arbeiten wollte bis ihr das Blut unter den Nägeln hervorkam um jede
Verpflichtung trotzig abschütteln zu können  ein Stolz der sich mit wahrhaft
männlicher Unbeugsamkeit inmitten der tiefsten Demütigungen aufrecht erhalten
hatte eine energische Seele voll unerschöpflicher Kraft und das alles in
diesem jungen Geschöpfe das sich da so kindlich lieblich scheinbar im Schlafe
zusammenschmiegte Ihr Kopf ruhte vom untergelegten Arme gestützt auf dem
Fenstersims die atlasweisse Haut des Gesichts und die schimmernde Pracht der
Haare hoben sich scharf ab von dem verwitterten grauen Gestein Unschuldig
still und leidvoll erschien das reine Profil mit den sanftgeschlossenen Lippen
und den schwermütig herabgeneigten Mundwinkeln  lagen doch die dunklen Wimpern
tief auf der bleichen Wange und bedeckten die Augen die so oft in Groll und
Erbitterung aufbljetzten
    Der Professor war geräuschlos herangetreten er betrachtete sie einen Moment
unbeweglich dann bog er sich zu ihr nieder
    »Felicitas« klang es weich und mitleidsvoll von seinen Lippen
    Sie fuhr empor und starrte wie ungläubig in die Augen die auf sie
niedersahn  ihr Name von ihm ausgesprochen hatte sie wie ein elektrischer
Schlag berührt Aber ihre Gestalt die eben noch wie ein harmloses Kind sich
elastisch zusammengeschmiegt hatte sie stand urplötzlich da in jedem Muskel
gespannt gleichsam aufhorchend als gelte es einen feindlichen Angriff
abzuwehren
    Der Professor ignorierte diese Umwandlung völlig
    »Ich höre von Friederike dass Sie leidend sind« sagte er in dem gewohnten
ruhig freundlichen Ton des Arztes
    »Ich fühle mich wieder wohl« antwortete sie gepresst »Ungestörte Ruhe
stellt mich stets rasch wieder her«
    »Hm  Ihr Aussehen jedoch« er vollendete den Satz nicht streckte aber ohne
weiteres den Arm herein und wollte ihr Handgelenk ergreifen Sie wich einige
Schritte tiefer ins Zimmer zurück
    »Seien Sie vernünftig Felicitas« ermahnte er immer noch freundlich ernst
aber seine Brauen runzelten sich finster als das Madchen bewegungslos stehen
blieb während sie die Arme beinahe krampfhaft fest um ihre Taille legte Trotz
des dichten Bartes konnte man sehen wie er zornig die Lippen zusammenkniff
    »Nun so werde ich nicht mehr als Arzt sondern als Vormund zu Ihnen
sprechen« sagte er in hartem Tone »und als solcher befehle ich Ihnen sofort
hierher zu kommen«
    Sie sah nicht auf ihre Wimpern legten sich vielmehr noch tiefer auf die
Wangen die eine glühende Röte bedeckte und ihre Brust hob und senkte sich im
schweren inneren Kampfe aber sie kam langsam heran und reichte ihm schweigend
mit weggewandtem Gesichte die Hand hin die er sanft in die seine nahm 
Diese außerordentlich schmale kleine aber hartgearbeitete Hand zitterte so
heftig dass es wie ein tiefes Erbarmen durch die ernsten Züge des Professors
ging
    »Törichtes eigensinniges Kind da haben Sie mich nun wieder einmal
gezwungen mit aller Strenge gegen Sie aufzutreten« sagte er mit mildem Ernste
»Und ich hätte gewünscht dass wir ohne weitere Feindseligkeiten auseinandergehen
sollten  Haben Sie denn gar keinen anderen Blick für mich und meine Mutter
als den eines unauslöschlichen Hasses«
    »Man kann nicht anders ernten wollen als man gesäet hat« entgegnete sie
mit halberstickter Stimme Sie strebte fortwährend sich loszuwinden und ihre
Augen hafteten mit einem so still entsetzten Ausdruck auf den Fingern die ihr
Handgelenk weich aber kräftig umschlossen als seien sie glühendes Eisen
    Jetzt ließ er ihre Hand rasch fallen Milde und Mitleid verschwanden aus
seinen Zügen er stieß mit der Spitze seines Stockes ärgerlich nach einigen
schuldlosen Grashalmen die zwischen dem Gefüge des Pflasters sprossten 
Felicitas atmete auf so sollte er sein rau hart sein mitleidsvoller Ton war
ihr entsetzlich
    »Immer derselbe Vorwurf« sagte er endlich kalt »Ihr übermässiger Stolz mag
freilich oft genug verwundet worden sein war es doch gerade unsere Aufgabe Sie
auf möglichst gemässigte Ansprüche zurückzuführen  Ich kann getrost Ihren Hass
auf mich nehmen denn ich habe nur Ihr Bestes gewollt und meine Mutter 
nun ihre Liebe mag schwer zu gewinnen sein das will ich nicht bestreiten aber
sie ist unbestechlich gerecht und schon ihre Gottesfurcht wird nicht zugelassen
haben dass Ihnen wirkliches Leid und Unrecht geschehe  Sie sind im Begriff
hinauszutreten in die Welt und sich auf eigene Füße zu stellen dazu bedarf es
in Ihrer Lage vor allem der Fügsamkeit  Wie soll Ihnen der Verkehr mit den
Menschen überhaupt möglich werden bei Ihren falschen Ansichten die Sie so
eigensinnig festhalten Wie wollen Sie je auch nur ein Herz gewinnen mit diesen
trotzigen Augen«
    Sie hob die Wimpern und sah ihn ruhig und fest an
    »Wenn man mir beweist dass meine Ansichten der Moral und der reinen Vernunft
gegenüber nicht Stich halten dann will ich sie gern fallen lassen« entgegnete
sie mit ihrer tiefen ausdrucksvollen Stimme »Aber ich weiß ich stehe nicht
allein mit der Überzeugung dass keinem Menschen und sei er wer er wolle das
Recht zukommt andere zu geistigem Tode zu verurteilen ich weiß dass tausend
andere mit mir fühlen wie ungerecht und strafbar es ist einer Menschenseele
die Berechtigung des Aufwärtsstrebens abzusprechen weil sie in einem niedrig
geborenen Leibe wohnt  Ich gehe getrost hinaus unter die Menschen denn ich
habe Vertrauen zu ihnen und hoffe zuversichtlich diejenigen zu finden denen
ich ganz gewiss nicht trotzig gegenüberstehen will  Ein unglückliches
Menschenkind wie ich das unter gemütlosen Seelen leben muss hat keine andere
Waffe als seinen Stolz keine andere Stütze als das Bewusstsein dass es auch
Gottes Kind Geist von seinem Geiste ist Ich weiß dass für ihn alle die Stufen
und Schranken in der menschlichen Gesellschaft nicht bestehen  sie sind
Menschenerfindung und je kleiner und erbärmlicher die Seele um so fester hält
sie an ihnen«
    Sie wandte sich langsam um und verschwand hinter der Tür die nach der
Gesindestube führte und er stand draußen und starrte ihr nach dann drückte er
den Hut tief in die Stirne und schritt dem Hause zu Was in diesem gesenkten
Kopfe vorging vermochte wohl niemand zu ergründen so viel aber war gewiss
jener Glanz seiner Augen den er vorhin mit heimgebracht war verflogen  es lag
wie ein finster brütender Geist auf den stark gefurchten Brauen
    In der Hausflur standen der Rechtsanwalt Frank und Heinrich beisammen Der
Professor sah rasch wie erwachend auf als ihre Stimmen sein Ohr berührten
    »Nun du hast Patienten im Hause Professor« fragte der Rechtsanwalt indem
er ihm die Hand reichte »Die Feuergeschichte hat fatale Folgen wie ich höre 
das Kind «
    »Hat ein tüchtiges Schnupfenfieber« ergänzte der Professor trocken Er
schien offenbar nicht in der Laune sich auf weitere Eröterungen einzulassen
    »Ach Herr Professor das hat ja wohl nicht viel zu bedeuten« meinte
Heinrich »Das Kind ist einmal eine arme kranke Kreatur und pimpelt den ganzen
Tag  wenn aber so ein Mädchen wie die Fee der das ganze Jahr keine Ader weh
tut den Kopf hängt da kommt einem die Angst«
    »Nun von der Kopfhängerei habe ich nicht viel bemerken können« sagte der
Professor mit auffallend scharfer Stimme  man sah wie unter dem Barte die
Mundwinkel ironisch zuckten »Der Kopf sitzt fest wie irgend einer darauf
kannst du dich verlassen Heinrich«
    Er schritt mit dem Rechtsanwalt die Treppe hinauf Auf den obersten Stufen
kam ihnen Aennchen entgegen sie war barfuß und im Nachtkleidchen auf dem
gedunsenen Gesichtchen glühten Fieberflecken und die Augen waren geschwollen vom
Weinen
    »Mama fort Rosa fort Aennchen will Wasser trinken« rief sie dem Professor
entgegen Er nahm sie erschrocken auf den Arm und trug sie in das Schlafzimmer
zurück  niemand war zu sehen Erzürnt rief er nach dem Mädchen Eine ferne Tür
ging auf und mit erhitztem Gesicht das Bügeleisen in der Hand kam Rosa
herbeigelaufen dort in dem Zimmer blähte sich eine ungeheure blütenweisse
Mullwolke auf dem Bügelbrette
    »Wo stecken Sie denn Wie können Sie das Kind allein lassen« fuhr er sie
an
    »Ach Herr Professor ich kann mich doch nicht in Stücke teilen«
verteidigte sich das junge Mädchen fast weinend vor Ärger »Die gnädige Frau
muss durchaus ein frischgewaschenes Kleid morgen früh haben  das Waschen und
Bügeln nimmt ja gar kein Ende mehr  wenn Sie nur wüssten solch ein Kleid ist
eine Heidenarbeit «
    Sie hielt inne der Rechtsanwalt brach in ein lautes Gelächter aus
    »O über die Frau im einfachen weißen Mullkleide« rief er und hielt sich
die Seiten denn das finster verlegene Gesicht des Professors erschien ihm
urkomisch
    »Die gnädige Frau meinten« nahm Rosa ihre Verteidigungsrede wieder auf »es
sei ja doch nur ein leichtes Schnupfenfieber bei Aennchen sie könnte ganz gut
einmal auf ein halbes Stündchen allein bleiben sie hat ihr allerhand Spielzeug
aufs Bettchen gegeben «
    »Und wo ist meine Kousine« unterbrach der Professor sie rau
    »Die gnädige Frau sind mit Madame Hellwig in den Missionsverein gegangen«
    »So« schnitt er ihren Bericht kurz ab  er sah grimmig aus »Jetzt gehen
Sie und machen Sie den Plunder fertig« befahl er nach der Tür zeigend aus
der sie gekommen war dann rief er nach Friederike aber die alte Köchin steckte
mit beiden Händen in einem eben angerührten Teige und schickte Felicitas
    Das junge Mädchen kam die Treppe herauf Noch lag die feine Röte innerer
Bewegung auf ihren Wangen doch ihr Auge streifte kühl und ernst das aufgeregte
Gesicht des Professors Sie blieb in ruhig fester Haltung stehen und erwartete
schweigend seine Befehle Es kostete ihm augenscheinlich große Überwindung sie
anzureden
    »Die kleine Anna ist ohne Aufsicht  wollen Sie bei ihr bleiben bis ihre
Mutter zurückkommt« fragte er endlich einem aufmerksamen Ohre konnte es nicht
entgehen dass er seine Stimme zu einem freundlichen Tone zwang
    »Sehr gern« antwortete sie unbefangen »aber ich habe ein Bedenken  die
Frau Regierungsrätin liebt es nicht das Kind mit mir zusammen zu sehen Wollen
Sie die Verantwortlichkeit übernehmen so bin ich bereit«
    »Ja wohl das will ich«
    Sie schritt ohne weiteres in das Schlafzimmer und schloss die Tür Der
Rechtsanwalt sah ihr mit aufleuchtenden Augen nach
    »Fee nennt sie Heinrich seltsamerweise« sagte er zu dem Professor während
er neben ihm die Treppe nach dem zweiten Stocke hinaufstieg »und so sonderbar
auch der Name auf seiner derben Zunge klingt auf die Erscheinung passt er
prächtig  Ich muss aufrichtig gestehen ich begreife nicht wo ihr du sowohl
wie deine Mutter den Mut hernehmt dies merkwürdige Mädchen eurer alten Köchin
und dem naseweisen Kammerkätzchen da unten gleichzustellen«
    »Ah  wir hätten sie in Samt und Seide wickeln sollen meinst du« rief der
Professor so heftig gereizt wie ihn sein Freund noch nie gesehen »Und weil dem
Hause Hellwig eine Tochter versagt ist so hätte deiner Ansicht nach der leere
Platz nicht vortrefflicher ausgefüllt werden können als mit dieser Fee oder
besser Sphinx wie ich sie nenne  du bist von jeher ein Schwärmer gewesen
 Übrigens steht es dir frei«  sein Ton vibrierte vor innerer Aufregung 
»die Tochter des Taschenspielers zur Frau Frank zu machen  meinen Segen als
Vormund hast du«
    Das feine Gesicht des Rechtsanwaltes errötete bis unter den lockigen
Haarstreifen über der Stirne Er sah einen Moment angelegentlich durch das
Fenster hinunter auf den Marktplatz  sie hatten im Gespräch das Zimmer des
Professors betreten  dann wandte er sich lächelnd um
    »So wie ich das innerste Wesen des Mädchens auffasse wird sie sich
schwerlich um deinen vormundlichen Segen kümmern ich würde mithin lediglich auf
ihre Entscheidung angewiesen sein« entgegnete er nicht ohne leisen Spott »und
wenn du meinst mein Ohr mit der Bezeichnung Taschenspielerstochter zu
erschrecken so irrst du dich gewaltig mein sehr verehrter Professor  Du
freilich bei deinen Grundsätzen würdest einen solchen Gedanken nicht ohne
gewaltige Nervenerschütterung ausdenken  ein Spielerskind mit warmem raschem
Herzschlag und das kühle Blut ehrenfester Kauf und Handelsherren das fein
gemessen durch deine Adern fließt  das ginge freilich nun und nimmer  die dort
müssten sich ja samt und sonders im Grabe umdrehen«
    Er zeigte durch die offene Tür in die anstossende große Erkerstube Dort an
der langen Wandseite hing eine Reihe vortrefflich gemalter männlicher Oelbilder
stattliche behäbige Gestalten mit funkelnden Diamanten an den Fingern und auf
dem zierlich gefältelten Busenstreifen Das waren verschiedene Bürgermeister und
Kommerzienräte die einst den Namen Hellwig getragen hatten
    Der Professor ging hinüber in das Zimmer  die Nadelstiche des Spottes
schienen an ihm abzugleiten Er kreuzte die Arme über der Brust und schritt
einigemal unter den Bildern auf und ab
    »Sie haben tadellos dagestanden im Leben« sagte er plötzlich stehen
bleibend »Ob jeder ohne innere Anfechtung und Kämpfe diese makellose äußere
Würde und Haltung behauptet hat  ich glaube es nicht Die menschliche Natur hat
viel Sprödes sie widerstrebt da meist am hartnäckigsten wo sie gehorchen muss
 Alle diese Opfer sind Steine zu einem soliden Bau gewesen und dieser Bau
heißt das Haus Hellwig Sollen sie gefordert und gebracht worden sein damit ein
Enkel kommt und sie mit einem Fußtritte wie ein Kartenhaus umstösst  Gott
soll mich bewahren«
    Es sah fast aus als habe er mit diesen Worten einen inneren Konflikt
gelöst denn die seltene Gereiztheit die Frank mit Verwunderung an ihm
beobachtet hatte war verschwunden als er in sein Zimmer zurückkehrte 
    Felicitas mochte vielleicht eine halbe Stunde am Bette des Kindes gesessen
haben als die Regierungsrätin nach Hause kam Ihr Gesicht verfinsterte sich
sofort beim Erblicken des jungen Mädchens
    »Wie kommen Sie hierher Karoline« fragte sie scharf indem sie ihren
Sonnenschirm auf das Sofa warf und hastig ihre feinen dänischen Handschuhe
abstreifte »Ich habe Sie doch sicher nicht um diese Dienstleistung ersucht«
    »Aber ich« sagte der Professor mit harter Stimme der plötzlich hinter ihr
auf der Schwelle der offenen Tür erschien »Dein Kind brauchte Aufsicht es kam
mir barfuß auf der Treppe entgegen«
    »Nicht möglich  Ja Aennchen wie konntest du denn so unfolgsam sein«
    »Bist du wirklich im Zweifel Adele wer hier den Vorwurf verdient« fragte
der Professor noch immer sich beherrschend aber es grollte bereits in seiner
Stimme
    »Mein Gott ich bin ja trostlos über dies pflichtvergessene Geschöpf die
Rosa  Sie hat auf der Gotteswelt nichts zu tun als das Kind zu
beaufsichtigen aber ich weiß schon man darf nur den Rücken wenden da gafft
sie zum Fenster hinaus steht vorm Spiegel «
    »Zufällig steht sie in diesem Augenblicke am Bügelbrette und richtet im
Schweiße ihres Angesichtes ein Kleid her das du à tout prix morgen anziehen
musst« unterbrach sie der Professor in schneidendem Hohne jedes Wort
markierend
    Sie erschrak heftig Die tödlichste Verlegenheit spiegelte sich momentan auf
ihrem Gesichte allein sie fasste sich rasch
    »Gott wie albern« rief sie unmutig die weiße Stirne runzelnd »da hat sie
mich wieder einmal völlig missverstanden  ich habe häufig das Unglück«
    »Gut« unterbrach er sie beharrlich »wir wollen dies Missverständnis gelten
lassen aber wie mochtest du ihr deren Unzuverlässigkeit du eben hervorhobst
dein krankes Kind allein anvertrauen«
    »Johannes mich rief eine heilige Pflicht« antwortete die junge Witwe
nachdrücklich mit einem schwärmerischen Aufschlag ihrer schönen Augen
    »Deine heiligste ist die Mutterpflicht« rief er  in diesem Augenblicke war
er sehr zornig »Ich habe dich nicht hierhergeschickt um in
Missionsangelegenheiten tätig zu sein sondern einzig und allein des Kindes
wegen«
    »Um Gottes willen Johannes wenn die Tante und mein Papa dich hörten 
Früher dachtest du anders«
    »Das gebe ich dir vollkommen zu Eigenes Denken aber wird uns stets auf den
unerschütterlich festen Satz der Moral zurückführen dass wir zunächst unsere
ganzen Kräfte dem Boden zuwenden sollen auf den uns die Vorsehung gestellt hat
 und wenn du dereinst hundert aus dem Heidentume gerettete Kinderseelen dem
Ewigen aufzählen kannst sie werden nicht um ein Jota den Vorwurf rechtfertigen
dass du dein eigenes darüber hast zu Grunde gehen lassen«
    Das Gesicht der Regierungsrätin glühte wie eine Päonie Sie rang nach
Fassung und der gewohnten Sanftmut und es gelang ihr
    »Sei nicht so streng gegen mich Johannes« bat sie »Bedenke dass ich ein
schwaches Weib bin aber gewiss immer nur das Beste will  Habe ich gefehlt so
ist es wohl auch hauptsächlich aus Liebe zu deiner guten Mutter geschehen die
meine Begleitung wünschte  es soll aber gewiss nicht wieder vorkommen«
    Die Regierungsrätin hatte mit dem weichsten Tone ihrer flötenartigen Stimme
gesprochen und bot dem Professor lieblich lächelnd die Hand Sonderbar der
ernste Mann errötete wie ein junges Mädchen  es war ihm wohl selbst unbewusst
dass ein scheuer Seitenblick rasch nach der hinüberstreifte die mit gesenkten
Lidern am Bette des Kindes saß  er erfasste zögernd die Hand mit zwei Fingern
und ließ sie sofort wieder fallen  Die zwei Taubenaugen welche bittend und
unverwandt auf seinem Gesichte geruht hatten funkelten auf und das Gesicht
erblasste aber die Sanftmut wurde tapfer behauptet Die junge Frau nahm den Kopf
ihres Kindes zwischen ihre Hände und hauchte einen Kuss auf die kleine
fieberglühende Stirne
    »Ich kann nun Aennchens Pflege wieder übernehmen und danke Ihnen herzlich
liebe Karoline dass Sie mich einstweilen vertreten haben« sagte sie freundlich
zu Felicitas
    Das junge Mädchen erhob sich rasch aber die Kleine brach in ein
bitterliches Weinen aus und umklammerte mit beiden Händchen fest ihren Arm
    Der Professor prüfte den Puls des Kindes
    »Sie hat starkes Fieber ich darf durchaus nicht zulassen dass sie sich noch
mehr aufregt« sagte er mit kalter Freundlichkeit zu Felicitas »Sie bringen
wohl das Opfer dazubleiben bis sie eingeschlafen sein wird«
    Sie nahm schweigend ihren Platz wieder ein und er ging hinaus Zu gleicher
Zeit eilte die Regierungsrätin in ihr Wohnzimmer und ließ die Tür hinter sich
ziemlich unsanft ins Schloss fallen Felicitas hörte wie sie drin mit raschen
Schritten auf und nieder lief Plötzlich klang ein scharfes Geräusch wie das
Zerreissen irgend eines Gewebes durch die Tür Aennchen richtete sich horchend
auf und fing an zu zittern das Geräusch wiederholte sich und folgte immer
rascher aufeinander
    »Mama Aennchen will artig sein wills nicht wieder tun Ach Mama
Aennchen nicht patschen« rief das Kind plötzlich wie außer sich
    In dem Augenblicke trat Rosa in das Zimmer Das frische Gesicht des Mädchens
sah blass und erschreckt aus
    »Sie zerreißt wieder einmal  ich hörte es auf dem Vorplatze« murmelte sie
mit einem unsäglich verächtlichen Ausdruck zu Felicitas hinüber »Still
Herzchen« flüsterte sie dem Kinde beschwichtigend zu »Mama tut dir nichts
sie kommt nicht heraus und wird bald wieder gut«
    Drüben wurde eine Tür zugeschlagen die Regierungsrätin hatte sich
entfernt Rosa ging in das Wohnzimmer und kam gleich darauf mit einem Bündel
weißer Fetzen in der Hand zurück  es waren die Überreste eines ehemaligen
Batisttaschentuches
    »Wenn sie in Wut kommt so kennt sie sich selbst nicht mehr« grollte das
Mädchen flüsternd »Da zerreißt sie was sie gerade unter den Händen hat und
schlägt auch ohne Gnade und Barmherzigkeit zu  das weiß der arme kleine Tropf
da recht gut«
    Felicitas drückte das Kind an ihre Brust als müsse sie es vor den
Zornausbrüchen der leidenschaftlichen Mutter schützen ihre Besorgnis war jedoch
ohne Grund Die Stimme der Regierungsrätin klang plötzlich in ihrer
Glockenreinheit vom Vorsaale her sie plauderte heiter mit dem die Treppe
herabkommenden Rechtsanwalt und als sie bald darauf das Schlafzimmer wieder
betrat war ihr Aussehen schöner und anmutiger denn je Die Zornröte lag noch
als zart hingehauchter Karmin auf den sanft gerundeten Wangen und wer hätte bei
dem ganzen lieblichen Gesichtsausdruck den auffallenden Glanz der Augen für
etwas anderes als die erhöhten Regungen einer schönen weiblichen Seele halten
mögen
 
                                       16
Als Felicitas auf das Ersuchen des Professors hin den Platz an Annas Bett wieder
einnahm hätte sie nicht gedacht dass sie ein vieltägiges Wärteramt antrete 
die Kleine wurde gefährlich krank und litt weder ihre Mutter noch Rosa in ihrer
Nähe nur der Professor und Felicitas durften sie berühren und ihr die Medizin
reichen In ihren Fieberphantasien spielte das zerrissene Batisttuch eine große
Rolle Der Professor hörte mit Verwunderung die Angst und Furchtäusserungen des
Kindes und jagte mehr als einmal durch seine eindringlichen forschenden Fragen
die Röte des Schreckens und der Verlegenheit in das Gesicht der Regierungsrätin
Sie blieb aber von Rosa unterstützt stets bei dem Ausspruche dass Aennchen
einen schlimmen Traum gehabt haben müsse
    Felicitas fand sich rasch in ihre Aufgabe als Pflegerin obgleich ihr
dieselbe anfänglich durch den stündlichen Verkehr mit dem Professor sehr
erschwert wurde aber die Sorge um das Leben des Kindes die sie mit ihm teilte
half ihr schneller über das Peinliche ihrer Situation als sie meinte Es kam
ihr selbst höchst wunderbar vor wie gut sie ihn in seinem Wesen als Arzt
verstand Während er den anderen selbst der Mutter des Kindes undurchdringlich
erschien wusste sie stets sofort ob er die Gefahr gesteigert fand oder Hoffnung
schöpfte Deshalb bedurfte es aber auch fast nie eines erklärenden Wortes
seinerseits um sie auf das eingehen zu machen was der Augenblick erheischte
Er wechselte mit ihr im Nachtwachen ab allein auch tagsüber war er sehr viel im
Krankenzimmer Stundenlang saß er geduldig neben dem Bettchen und legte seine
Hände abwechselnd auf die Stirne des Kindes  dann ruhte es still und
unbeweglich es musste eine eigentümlich beschwichtigende Kraft in diesen Händen
liegen
    Unwillig und tief erregt suchte das junge Mädchen die vergleichenden
Gedanken abzuschütteln die sie beschlichen wenn sie unfern von ihm sitzend
ihn schweigend beobachtete Das waren noch dieselben unregelmässigen harten
Linien des Gesichts dieselbe wuchtig hervortretende Stirne über welche das
dicke Haar peinlich sorgfältig zurückgeschlagen lag  es waren dieselben Augen
dieselbe Stimme alles in allem der Schrecken ihrer Kindheit aber den finster
asketischen Zug der einst den Jünglingskopf so unjugendlich und abstoßend hatte
erscheinen lassen suchte sie vergebens  Von jener nicht schön geformten
jedoch bedeutenden Stirne ging es aus wie ein mildes Licht und wenn sie hörte
wie er dem aufgeregten Kinde mit unaussprechlich sanfter Stimme beschwichtigend
zuredete so konnte sie sich nicht verhehlen dass er seinen Beruf in seiner
ganzen Heiligkeit erfasse Er stand nicht mit kaltgrausamem Achselzucken den
unvermeidlichen Schmerzen anderer gegenüber suchte nicht allein den Körper vor
der Vernichtung zu retten  die bangende Seele fand an ihm eine Stütze sie las
das Mitgefühl in seinen Augen und schöpfte Mut und Trost aus seiner Stimme Er
hatte die Sprache in seiner Gewalt wie selten ein Mensch Es standen ihm Klänge
und Worte zu Gebote die das Herz des jungen Mädchens wie elektrische Schläge
berührten  Wer dachte in solchen Augenblicken an seine unschönen eckigen
Bewegungen an sein abstossendes Wesen im geselligen Verkehr Da war er eine
sittlich schöne Erscheinung ein Mann im Bewusstsein großer moralischer Kraft
der rastlos denkende und kämpfende Vermittler zwischen den zwei erbitterten
Gegnern »Leben und Tod«  Aber mochten auch alle diese Gedanken versöhnend an
ihr vorüberziehen die Schlussbetrachtung war dieselbe »Er fühlt und denkt
menschlich er hat Erbarmen mit dem hilflosen Zustande des geringsten Nächsten 
das verfemte Spielerskind hat mithin doppelten Grund ihn zu verabscheuen denn
ihm war er ein mitleidsloser Unterdrücker ein vorurteilsvoller ungerechter
Richter«
    Er hatte bei dem jetzigen täglichen Verkehr nicht ein einziges Mal jenen
weichen Ton wieder angeschlagen der ihr schrecklich war und gegen welchen sie
stets mit den Waffen des Trotzes und der Zurückweisung kämpfte Er hielt die
kalt höfliche Freundschaft fest die er seit dem letzten Gespräch mit ihr
angenommen und auch diese lag mehr in seinem Gesichtsausdruck als in seinen
Worten denn die unerlässlichen Fragen ausgenommen sprach er fast nie mit ihr
Einen schweren Stand hatte er der Regierungsrätin gegenüber Sie gebärdete sich
anfänglich wie unsinnig und wollte es durchaus nicht zulassen dass Felicitas
ihre und Rosas Stelle am Krankenbett einnehme es bedurfte seiner ganzen
Entschiedenheit um sie zur Ruhe zu bringen Dagegen ließ sie es sich durchaus
nicht nehmen alle Augenblicke den von dem Kinde so sehr gefürchteten Lockenkopf
lauschend zur Tür hereinzustecken sonderbarerweise traf es sich dann stets
dass ihr Cousin und Felicitas zusammen im Krankenzimmer waren  Sie weinte und
rang die weißen Hände  es gibt kein menschlisches Gesicht das in wahrhaft
schmerzlicher und angstvoller Aufregung schön unter einem Tränenerguss bliebe
mögen die Dichter auch ihre Heldinnen hinreißend in ihren Tränen sein lassen 
hier aber auf diesem rosigen Ovale vertiefte sich kein Zug nicht ein krampfhaft
verzogenes Fältchen erschien die zarte Haut zeigte keinen einzigen
entstellenden roten Flecken leise rieselten die hellen Tränenperlen über die
Wangen  es war ein so vollendet künstlerisches Weinen wie es sich der Maler zu
einer Mater dolorosa nicht schöner denken kann  Welch ein Unterschied
zwischen ihr und jenem bleichen überwachten und angstvollen Mädchengesicht am
Bett des Kindes  Jeden Abend erschien sie pünktlich in elegantem Schlafrock
ein wunderfeines Spitzenhäubchen umschloss das bezaubernde Gesicht und die
feinen Hände hielten ein Andachtsbuch  sie wollte wachen Ein und dasselbe
Wortgefecht erhob sich jedesmal zwischen ihr und dem Professor sie wiederholte
stets ein und dieselbe Phrase der Verwahrung gegen Eingriffe in ihre
mütterlichen Rechte und ging dann sanft weinend und klagend um am anderen
Morgen frisch wie eine Mairose aufzustehen
    Es war der neunte Abend seit Aennchens Erkrankung Das Kind lag in dumpfer
Betäubung nur dann und wann rang sich ein unartikuliertes Lallen von seinen
Lippen Der Professor hatte lange die Stirne sorgenvoll in die verschlungenen
Hände gedrückt am Bettchen gesessen da stand er plötzlich auf und winkte
Felicitas in das Nebenzimmer
    »Sie haben die vergangene Nacht gewacht und sich auch gestern und heute
nicht einen Moment der Ruhe gönnen dürfen und doch verlange ich noch weitere
Opfer von Ihnen« sagte er »Diese Nacht wird entscheidend sein Ich könnte nun
zwar meine Kousine oder Rosa in die Nähe des Kindes lassen denn es ist
bewusstlos aber ich brauche wahrgemeinte Hingebung und Besonnenheit neben mir 
wollen Sie heute noch einmal wachen«
    »Ja«
    »Doch es werden voraussichtlich Stunden der Angst und Aufregung die Sie
durchmachen müssen  fühlen Sie sich noch stark genug«
    »O ja  ich habe das Kind lieb und schließlich  will ich«
    »Haben Sie ein so festes Vertrauen auf die Kraft Ihres Willens« Seine
Stimme nahm bereits wieder jene milde Färbung an
    »Er ist mir bis jetzt noch nicht treulos geworden« entgegnete sie ihr bis
dahin völlig ruhiger Blick wurde sofort eisig und abweisend
    Die Nacht brach herein  eine süße lautlos schweigende Frühlingsnacht Das
volle funkelnde Mondlicht schwebte über der schlafenden Stadt im Erkerzimmer
des alten Kaufmannshauses streifte es gleichsam mit silbernem Flügel die stillen
Bilder an den Wänden und hauchte ein fremdartiges Leben über die festgezauberten
Gestalten die Blumen im Fussteppich leuchteten auf unter dem bleichen Licht und
aus dem Krystallkronleuchter an der Decke sprühten Millionen Silberfunken 
Drin aber im dunklen Krankenzimmer kreiste eine furchtbare Gewalt über dem
schmalen Bett  die Kreise wurden enger und senkten sich tiefer und tiefer auf
den qualvoll ringenden kleinen Körper das Kind lag in den heftigsten Krämpfen
 Der Professor saß neben dem Bett sein Blick ruhte unverwandt auf den
zuckenden Gliedern und dem unkenntlich gewordenen verzerrten Gesichtchen Er
hatte alles getan was im Bereich ärztlicher Kunst und menschlichen Wissens
lag und nun musste er macht und tatlos verharren und die Naturkräfte ihren
erbitterten Streit allein auskämpfen lassen
    Draußen schlug es zwölf mit lang aushebenden Schlägen Felicitas die still
am Fussende des Bettes saß schauerte in sich hinein es war ihr als müsse eine
dieser mächtigen Schwingungen die Kinderseele mit hinwegnehmen  und wirklich
wurde der heftig arbeitende Körper plötzlich schlaffer die kleinen
festgeballten Hände lösten sich und fielen matt auf die Decke und nach wenig
Augenblicken lag auch das Köpfchen bewegungslos in den Kissen  Der Professor
hatte sich über das Bett geneigt  bange zehn Minuten verstrichen dann hob er
den Kopf und flüsterte bewegt »Ich halte sie für gerettet«
    Das junge Mädchen bog sich forschend über die Kranke sie hörte tiefe
ruhige Atemzüge und sah wie sich die kleinen todmüden Glieder behaglich in den
Kissen streckten Lautlos erhob sie sich und ging hinaus in das Nebenzimmer Sie
trat in eines der weit offenen Fenster Die würzige Nachtluft in die sich
bereits ein Hauch von herber Morgenröte mischte strich erquickend an ihr
vorüber sie lehnte das müde Haupt an die steinerne Fenstereinfassung während
ihre gefalteten Hände schlaff niedersanken Auf dem Simse stand ein
Teerosenstrauch er hatte eine einzige prachtvolle Blüte  doppelt bleich im
weißen Mondenglanz hing sie schaukelnd über der blassen Stirn dem flimmernden
Haar des Mädchens  Felicitas Pulse klopften fieberhaft  kein Wunder da
drin in dem dumpfen schwülen Raum war ja der Tod hart an einem Menschen
vorübergeschritten die Spannung ihrer Nerven während der letzten Stunden war
eine furchtbare gewesen  kein anderer Laut als das vereinzelte schrille
Aufkreischen des Kindes hatte ihr Ohr getroffen sie hatte nichts gesehen als
den zuckenden Körper der Kranken und das stumme bleiche Gesicht des Arztes der
nur durch Winke und Blicke ihre Hilfeleistungen forderte  vier enge Wände
umschlossen ihn und sie allein sie wirkten zusammen in Ausübung der
Nächstenpflicht und Barmherzigkeit während die tiefe Kluft des Hasses und des
Vorurteils zwischen ihnen lag
    Die heißen trockenen Augen des jungen Mädchens starrten durch das
gegenüberliegende Eckfenster nach der mondbeleuchteten Front des Ratauses Die
Statuen zu beiden Seiten der Uhr eine Muttergottes und der heilige Bonifacius
traten geisterhaft lebendig aus ihren Nischen hervor  was half es dass sie
schützend und segnend da droben standen Dicht unter ihnen war doch das Unglück
geschehen Die drei hohen Fenster dort die jetzt silbern glitzerten hatten an
jenem unglückseligen Abend die rote Glut einer feenhaften Beleuchtung
ausgestrahlt und da wo jetzt der Mondschein einsam und harmlos auf dem Boden
spielte war die wundervolle Frauengestalt unerschrocken vor die versammelte
Menschenmenge und die dräuenden Feuerwaffen hingetreten aber unter dem Panzer
hatte ein warmes banges Mutterherz geklopft  einsam im fremden Hause
schlummerte derweil ihr Kind für das sie erwerben musste für das sie immer
wieder hinaustrat bis die letzten sechs Schüsse krachten unter denen sie
sterbend zusammenbrach
    Der Professor trat aus dem Krankenzimmer und schloss die Tür geräuschlos
hinter sich Er ging auf Felicitas zu die unbeweglich im Fenster stehen blieb
    »Aennchen schläft sanft« sagte er »Ich werde den Rest der Nacht bei ihr
bleiben ruhen Sie nun auch«
    Felicitas verließ sofort ohne das Ende seiner Worte abzuwarten die
Fensternische und ging schweigend an ihm vorüber um das Zimmer zu verlassen
    »Ich meine heute sollten wir doch nicht so fremd auseinandergehen« rief er
ihr mit gedämpfter Stimme nach  fast klang es als streife er wider Willen den
Bann des ernsten Schweigens ab »Wir haben in den letzten Tagen treulich wie
zwei gute Kameraden zusammengehalten und gemeinschaftlich ein Menschenleben dem
Tode abzuringen gesucht  bedenken Sie das« fügte er warm hinzu »In wenigen
Wochen gehen wir ja ohnehin auseinander und jedenfalls auf Nimmerwiedersehen 
Ich will Ihnen die Genugtuung nicht versagen einzugestehen dass Sie durch
eigene Kraft vieles widerlegt haben was ich an Vorurteil und übler Meinung
Ihnen gegenüber neun Jahre hindurch festgehalten nur in einem dunklen Punkt in
Ihrem unseligen Hass und Starrsinn sind Sie das ungebärdige Kind geblieben das
einst meine ganze Härte und Strenge herausgefordert hat«
    Felicitas war ihm wieder einige Schritte näher getreten Der Mondschein
überstrahlte voll ihre Gestalt So wie sie dastand den Kopf stolz über die
Schulter nach ihm zurückbiegend während das Gesicht mit den strenggeschlossenen
Lippen noch tiefer erblasste lag etwas unerbittlich Feindseliges in der ganzen
Erscheinung
    »Bei den Krankheiten des menschlichen Körpers forschen Sie zuerst nach der
Ursache ehe Sie sich ein Urteil bilden « entgegnete sie »Aus was aber die
sogenannte Ungebärdigkeit der Menschenseele hervorging die Sie bessern wollten
das hielten Sie nicht der Mühe wert zu untersuchen  Sie urteilten blindlings
auf Einflüsterungen hin und haben sich damit einer ebenso großen Sünde schuldig
gemacht als wenn Sie durch ärztliche Nachlässigkeit einen Leidenden zu Grunde
gehen lassen  Entreissen Sie einem Menschen sein Ideal eine ganze erträumte
goldene Zukunft er wird und sei er der frömmste und tugendhafteste im ersten
Augenblick sicher nicht die Hände falten und ergeben in den Schoss legen wie
viel weniger aber ein neunjähriges Kind das sein Auge unablässig auf den Tag
gerichtet hielt an welchem es einst seine vergötterte Mutter wiedersehen
sollte durch dessen Seele kein Traum keine Hoffnung ging die nicht mit diesem
Wiedersehen verknüpft gewesen wäre«
    Sie hielt inne aber über die Lippen des Professors kam kein Wort nicht
einmal sein Auge war ihr zugewendet Er hatte anfänglich bei ihrer Beschuldigung
einmal rasch und heftig den Arm ausgestreckt als wolle er sie unterbrechen
allein je weiter sie sprach desto unbeweglicher und aufhorchender wurde seine
Haltung er hob nicht einmal die Hand um sie über den Bart gleiten zu lassen
eine Bewegung die er beim Zuhören unablässig zu wiederholen pflegte
    »Der Onkel hat mich in jener glückseligen Unwissenheit gelassen« fuhr sie
nach einer Pause fort »aber er starb und mit ihm das Erbarmen in diesem Hause
 An jenem Morgen war ich zum erstenmal am Grabe meiner Mutter gewesen ich
hatte abends zuvor ihr schreckliches Ende erfahren  man hatte mir zugleich
gesagt die Spielersfrau sei ein verlorenes Geschöpf das selbst der
allbarmherzige Gott nicht in seinem Himmel dulde «
    »Warum sagten Sie mir das alles damals nicht« unterbrach sie der Professor
dumpf
    Felicitas hatte in Rücksicht auf die nebenan schlummernde Kranke mit
unterdrückter Stimme gesprochen dadurch wurde der Ausdruck düsteren Grolles
noch verschärft Sie sprach auch jetzt in dem angenommenen Ton weiter während
sie ihrem Widersacher das schöne bitterlächelnde Gesicht zuwandte
    »Warum ich das damals nicht sagte« wiederholte sie »Weil Sie von
vornherein erklärt hatten die Menschenklasse aus der ich stamme sei Ihnen
unsäglich zuwider und der Leichtsinn müsse in meinem Blute stecken«  Der
Professor legte einen Moment die Hand über die Augen  »So jung ich war und
obwohl erst eine einzige große bittere Erfahrung hinter mir lag wusste ich doch
in jenem Augenblick genau dass ich kein Erbarmen kein Mitgefühl finden würde 
und haben Sie je Erbarmen Mitgefühl für das Spielerskind gehabt« fragte sie
rasch einen Schritt näher tretend und mit unsäglicher Bitterkeit jedes Wort
betonend »Ist Ihnen je eingefallen dass das Geschöpf welches Sie lediglich in
das Arbeitsjoch einspannen wollten doch vielleicht auch Gedanken haben könne
Haben Sie seine Seele nicht tausendfach gemartert indem Sie jede nach außen
dringende höhere Regung jeden Ausdruck einer sittlichen Selbständigkeit jeden
Trieb zu eigener Veredelung wie wilde Schösslinge erstickten  Glauben Sie ja
nicht dass ich mit Ihnen rechte weil Sie mich zur Arbeit erzogen haben 
Arbeit und sei es die strengste und härteste schändet nie  ich arbeite gern
und freudig aber dass Sie mich zur willenlosen dienenden Maschine machen und
das geistige Element in mir völlig vernichten wollten welches doch einzig und
allein ein arbeitsvolles Leben zu veredeln vermag  das ists was ich Ihnen nie
vergessen werde«
    »Nie Felicitas«
    Das junge Mädchen schüttelte energisch mit einer fast wilden Gebärde den
Kopf
    »Also darein muss ich mich unwiderruflich ergeben« sagte er mit einem
schwachen Lächeln das sich jedoch wahrscheinlicherweise sehr gegen seinen
Willen merkwürdig melancholisch gestaltete »Ich habe Sie tödlich beleidigt
und doch  ich wiederhole es  konnte und durfte ich nicht anders handeln «
Er ging einigemal im Zimmer auf und ab »Ich muss noch einmal eine schmerzende
Stelle in Ihrer Seele berühren indem ich meine Motive verteidige« fuhr er
rasch fort »Sie sind völlig mittellos und von  verfemter Herkunft Sie sind
darauf angewiesen Ihr Brot selbst zu verdienen Wenn ich Ihrer Erziehung eine
höhere Richtung gab dann erst wäre es grausam gewesen Sie in die niedere
Dienstbarkeit zurückzustossen und doch hätte ich nicht anders gekonnt oder
glauben Sie dass eine Familie sich dazu verstehen wird ihren Kindern die
Tochter eines Taschenspielers als Erzieherin zu geben  Wissen Sie nicht dass
ein Mann«  er hielt einen Augenblick inne tief Atem schöpfend während eine
fahle Blässe sein Gesicht bedeckte  »ja dass ein Mann aus den höheren Kreisen
der sein Leben vielleicht mit dem Ihrigen verknüpfen würde große innere und
äußere Opfer bringen müsste  Welch unausgesetzte Demütigung für Ihr stolzes
Herz  Das sind die sozialen Gesetze die Sie missachten welche aber die
Mehrzahl der Menschen oft mit unsäglich innerer Anstrengung und Aufopferung
aufrecht erhält aus Pietät vor dem Vergangenen und weil sie politisch
unbedingt notwendig sind  Auch ich muss mich ihnen unterwerfen  es steht ja
nicht jedem auf der Stirne geschrieben was er innerlich durchmacht  auch von
mir verlangen jene Gesetze Entsagung und  einen einsamen Lebensweg«
    Er schwieg Es durchschauerte Felicitas seltsam hier in stiller
Mitternachtsstunde in das Geheimnis eines streng verschlossenen Männerherzens
blicken zu können das in scheuer Hast fast widerwillig und mit bebenden Lippen
ausgesprochen wurde  Er liebte und ohne Zweifel ein weibliches Wesen das
nach sozialen Begriffen hoch über ihm stand Eben noch in Hass und Entrüstung ihm
gegenüberstehend beschlich sie jetzt ein ihr bis dahin völlig unbekanntes Weh
 War es möglich dass sie Mitleid fühlen konnte für ihn Hatte sie in der Tat
einen so unverzeihlich schwachen Charakter sie die neulich so entschieden
ausgesprochen »Wenn ihm ein Leid widerführe ich würde es nie beklagen« Und
schließlich war er ja gar nicht einmal zu bedauern  warum legte er die Hände
entsagend in den Schoss statt mit männlicher Tatkraft um den hohen Preis zu
ringen
    »Nun Felicitas haben Sie keine Entgegnung« fragte er »oder fühlen Sie
sich abermals gekränkt durch meine Erklärung die ich nicht umgehen konnte«
    »Nein« entgegnete sie kalt »Das ist Ihre spezielle Ansicht  es liegt mir
nichts ferner als der Wunsch sie geändert zu sehen  Sie werden hingegen
auch mir den Glauben nicht nehmen können dass es brave vorurteilslose Menschen
gibt die das ehrliche Herz und treue Wollen auch in einer
Taschenspielerstochter anerkennen  Was soll ich Ihnen noch antworten Wir
würden doch nie zu einem Ende kommen  Sie stehen auf dem Standpunkte der
sogenannten Vornehmen die sich selbst mit Ketten anbinden damit sie um Gottes
willen nicht herunterfallen und ich gehöre in die von Ihrer Kaste missachtete
Klasse der Freidenkenden  Sie selber sagen unsere Lebenswege gehen binnen
kurzem auseinander auf Nimmerwiedersehen  noch strenger geschieden aber sind
wir innen  Haben Sie noch einen Befehl in Bezug auf die Kranke für mich«
    Er schüttelte den Kopf und ehe er noch ein Wort zu sagen vermochte hatte
sie das Zimmer verlassen
 
                                       17
Aennchens Genesung schritt rasch vorwärts gleichwohl wurde Felicitas ihres
Wärteramtes noch nicht enthoben Die Kleine sonst ein stilles geduldiges Kind
wurde heftig und aufgeregt sobald das junge Mädchen das Zimmer verließ es
blieb mithin der Regierungsrätin nichts übrig als Felicitas zu bitten so lange
bei dem Kinde zu bleiben bis es vollkommen hergestellt sei Die junge Witwe
tat dies ohne Zweifel mit um so leichterem Herzen als der Professor sich im
Krankenzimmer fast gar nicht mehr aufhielt Er kam jeden Morgen um nach der
Kleinen zu sehen aber diese Besuche währten kaum drei Minuten Manchmal nahm er
das Kind auf den Arm und trug es einigemal drunten im sonnigen geschützten
Vorderhof auf und ab  sonst wurde er wenig im Hause gesehen Es war als habe
ihn plötzlich eine wahre Leidenschaft für den Garten erfasst seine
Tageseinteilung war eine ganz andere geworden er arbeitete früh nicht mehr in
seinem Zimmer  wer ihn sprechen wollte wurde hinaus in den Garten geschickt
Frau Hellwig fügte sich seltsamerweise der Marotte wie sie diesen Umschlag
nannte und richtete es zur großen Genugtuung der Regierungsrätin so ein dass
nun auch die Hauptmahlzeiten meist im Gartenhause gehalten wurden Das alte
Kaufmannshaus war dadurch zu Zeiten wieder stiller als je man kam oft vor zehn
Uhr abends nicht nach Hause Es geschah aber auch manchmal dass der Professor
allein und früher zurückkehrte Dann hörte ihn Felicitas langsam die Treppe
heraufkommen sonderbarerweise wiederholte sich dabei stets etwas Eigentümliches
 er ging nämlich konsequent einige Schritte wie mechanisch nach dem
Krankenzimmer hin dann blieb er plötzlich mitten im Vorsaale stehen als
besinne er sich und rascher als vorher stieg er schließlich in den zweiten
Stock hinauf Sein Zimmer lag über der Krankenstube  an solchen Abenden saß er
nicht über seinen Büchern  stundenlang ging er ruhelos droben auf und ab diese
einsame Wanderung hatte stets etwas Aufregendes für Felicitas  sie brachte
dieselbe in Einklang mit jenem nächtlichen Geständnis
    Um acht Uhr abends war Aennchen gewöhnlich eingeschlafen dann nahm Rosa
Felicitas Platz am Bette des Kindes ein und nun kamen auch Erholungsstunden
für das junge Mädchen  sie ging hinauf in die Mansarde Tante Kordulas neuliche
Körperschwäche und Todesahnung schien glücklich überwunden sie war heiterer als
je und konnte froh wie ein Kind von der nahen Zeit plaudern wo sie Felicitas
ganz bei sich haben würde Sie wartete gewöhnlich mit dem Abendbrote auf das
junge Mädchen Dann stand der sorgfältig arrangierte Teetisch im Vorbau für
irgend ein Lieblingsgebäck Felicitas war stets gesorgt und ein ganzes Paket
neu eingelaufener Zeitungen wartete auf die jugendliche Vorleserin In diesen
knapp zugemessenen gemütlichen Stunden versank alles was in jüngster Zeit
Felicitas Herz  oft zu ihrer eigenen Verwunderung  bedrückte und quälte Sie
sprach nie über ihre Begegnisse im Vorderhause die alte Mamsell ihrer
Gewohnheit treu regte sie auch durchaus nicht zu irgend einer Mitteilung an
und so traten leicht Felicitas augenblickliche ihr selbst rätselhafte innere
Zerwürfnisse in den Hintergrund
    An einem schönen sonnigen Nachmittage saß Felicitas allein bei Aennchen im
ganzen Hause herrschte förmliche Kirchenstille  Frau Hellwig und die
Regierungsrätin waren ausgegangen um Besuche zu machen und der Professor hielt
sich ohne Zweifel im Garten auf denn im zweiten Stock wurde nicht ein
Lebenszeichen laut  Die Kleine hatte lange gespielt nun legte sie sich müde
zurück und sagte bittend »Liedchen singen Karoline«
    Das Kind hörte Felicitas leidenschaftlich gern singen Das junge Mädchen
hatte eine Altstimme Ihre Stimme hatte jenen Klang der wie ein tiefer voller
Glockenschlag ohne hörbare Vorbereitung sich gleichsam aus der Brust löst  jene
Färbung wie sie auch dem Cello eigen der Ton der ohne irgendwelche fassbare
scharfe Kante in der Luft verschwimmt trägt einen Hauch leiser Schwermut den
Ausdruck unergründlicher Gedankentiefe Die alte Mamsell mit ihrem seltenen
musikalischen Verständnis und der großartigen Ausbildung die ihr eigenes Talent
einst durch tüchtige Meister erhalten hatte dieses köstliche Material
vortrefflich geschult  Felicitas sang namentlich deutsche Lieder in wahrhaft
klassischer Weise  Sie hatte gefunden dass sie die Aufregung des Kindes stets
beschwichtigte wenn sie in leisen Tönen irgend eine getragene Melodie anhob
später ließ sie ihre Stimme auch gewaltiger ausströmen  begreiflicherweise
jedoch nie wenn sie feindliche Ohren in der Nähe wusste
    »Du junges Grün du frisches Gras« dieses tiefsinnige Schumannsche Lied
klang jetzt durch das stille Krankenzimmer mit so keusch beherrschtem Ausdruck
wie er nur aus einer reinen Mädchenseele kommen kann Felicitas sang die erste
Strophe weich in ergreifender Einfachheit und mit zurückgehaltener Kraft aber
mit Beginn der Worte »Was treibt mich von den Menschen fort mein Leid das
hebt kein Menschenwort« da brauste die mächtige Stimme auf wie Orgelklang  in
diesem Augenblicke wurde droben im Zimmer des Professors ein Stuhl nicht
gerückt sondern fortgeschleudert  rasche Schritte eilten nach der Tür und
schrill und heftig wie Sturmläuten scholl plötzlich eine Klingel durch das
menschenleere Haus Es war das erste Mal dass im Studierzimmer des zweiten
Stockes der Glockenzug in Bewegung gesetzt wurde Friederike eilte atemlos die
zwei Treppen hinauf und Felicitas schwieg tödlich erschrocken Nach wenig
Augenblicken polterte die alte Köchin wieder herab und trat in das
Krankenzimmer
    »Der Herr Professor lässt dir sagen du solltest nicht mehr singen  er
könnte nicht arbeiten« rapportierte sie in ihrer rauen rücksichtslosen Weise
»Er war kreideweiss und konnte kaum sprechen vor Ärger  Was machst du denn
aber auch für dumme Sachen Hab ich doch mein Lebtage so was nicht gehört  du
singst ja akkurat wie ein Mannsbild und  dass Gott erbarm  das Lied  ein
reines Nachtwächterlied  Ich weiß nicht was du für ein Mädchen bist Ich
hab auch singen können wie ich noch jung war Und was gabs damals für Lieder
 schöne Lieder Freut Euch des Lebens und Guter Mond du gehst so stille 
Lass das ein andermal gut sein Karoline  das kannst du nicht  Ja und du
sollst das Kind ein bisschen in den Hof tragen und herumfahren hat der Herr
Professor gesagt«
    Felicitas verbarg ihr glühendes Gesicht in den Händen  es war ihr als habe
sie einen vernichtenden moralischen Schlag erhalten  wie tief beschämt und
gedemütigt fühlte sie sich in diesem Augenblicke So mutig sie sein konnte wenn
es galt ihre Überzeugung zu verteidigen und ihren Gegnern die Wahrheit
ungeschminkt ins Gesicht zu sagen so scheu und ängstlich war sie in Bezug auf
ihre Talente und Kenntnisse Schon der Gedanke dass ihre Stimme bis zu fremden
Ohren dringen könne schnürte ihr den Hals zu und machte sie sofort verstummen
irgend jemand aber gar lästig damit zu werden das hätte sie nicht einmal
auszudenken vermocht Und nun war es wirklich geschehen man hielt sie für
aufdringlich der Verdacht lastete auf ihr als habe sie sich bemerkbar machen
wollen und dafür war sie auf die schonungsloseste Weise gestraft und beschämt
worden  das war nicht zu ertragen Die gröbsten Ungerechtigkeiten und
Misshandlungen seitens der Frau Hellwig hatten ihr nie eine Träne zu entlocken
vermocht  jetzt aber weinte sie bitterlich
    Eine Viertelstunde später rollte Felicitas den Kinderwagen inmitten des
Hofes langsam und vorsichtig auf und ab Die fieberroten Flecken auf den Wangen
des jungen Mädchens erblichen allmählich unter dem erfrischenden Hauche der
Luft aber den Ausdruck finsteren Brütens auf der blassen Stirn vermochte er
nicht wegzuwischen  Es währte nicht lange so kam Frau Hellwig in Begleitung
der Regierungsrätin zurück zu gleicher Zeit stieg der Professor die Treppe
herab er war im Begriff auszugehen denn er hielt Hut und Stock in der Hand
Alle drei traten in den Hof Die Regierungsrätin trug ein großes Paket und
nachdem sie ihr Kind begrüßt und geliebkost hatte schob sie die Papierumhüllung
des Pakets ein wenig zurück und lächelte in reizend schalkhafter Weise nach
ihrem Cousin hinüber
    »Sieh mal her Johannes bin ich nicht eine recht leichtsinnige Frau«
scherzte sie »So sehr mein Herz gegen weiblichen Putz gestählt ist so wenig
widersteht es den Verlockungen einer Leinenhandlung Da sah ich in einer Auslage
dies wundervolle Tischzeug  glaubst du ich hätte vorübergehen können Nicht
möglich Ehe ich mich dessen versah hatte ich das Tischzeug im Arme und dies
Schock superfeine Leinwand dazu  Nun adieu Winterstaat Wenn ich
gewissenhaft sein will so muss ich diese Lücke in meinem Etat durch Weglassung
verschiedener Wintertoiletten wieder ausfüllen  seis drum  eine echte
deutsche Hausfrau kann nun einmal ihren Leinenschrank nicht voll genug haben«
    Der Professor antwortete nicht Er sah über die Sprechende hinweg nach der
Hoftür Dort trat eben die Bürgersfrau herein die Felicitas neulich im
Studierzimmer des zweiten Stockes gesehen hatte Sie schien unter ihrem großen
verhüllenden Mantel sehr bepackt zu sein und schritt in fast ehrfurchtsvoller
Haltung auf den Professor zu
    »Herr Professor mein Wilhelm sieht wieder  er sieht so gut wie ich und
alle gesunden Menschen« sagte sie ihre Stimme bebte und ein Tränenstrom
stürzte aus ihren Augen »Wer hätte das gedacht Ach was war das für ein
unglücklicher Mensch und wir alle mit  Nun kann er wieder sein Brot
verdienen und ich darf mich einmal ruhig hinlegen denn ich hinterlasse kein
blindes hilfloses Kind  Ach Herr Professor alle Schätze der Welt wären mir
nicht zu viel für Sie Aber wir sind ja so grundarme Leute  es ist ja gar nicht
daran zu denken dass wir Ihnen das je vergelten können was Sie an uns getan
haben  Seien Sie nicht böse Herr Professor ich meinte wenigstens eine
geringe Kleinigkeit «
    »Nun was solls werden« unterbrach sie der Professor barsch und trat einen
Schritt zurück
    Die Frau hatte während ihrer letzten Worte den Mantel zurückgeschlagen ein
großer Vogelbauer und eine Rolle Leinwand kamen zum Vorschein
    »Sie haben die Nachtigall da so gern gehört wenn Sie bei uns waren« hob
sie wieder an »wenn Sie das Tierchen in einen kleinen Bauer tun da können
Sies getrost mit nach Bonn nehmen  Und das Stück Leinwand  es ist nicht
fein aber fest ich habs selbst gesponnen  wenn es Madame Hellwig zu
Leintüchern gebrauchen wollte «
    »Sind Sie denn nicht recht gescheit Frau dass Sie Ihrem Mann den Vogel da
wegnehmen« fuhr sie der Professor grimmig an  man sah seine Augen fast nicht
so finster runzelten sich die überhängenden Brauen  »Ich kann Vögel gar nicht
leiden  absolut nicht leiden  und meinen Sie denn Sie seien berufen für
unsere Leibwäsche zu sorgen  Packen Sie auf der Stelle Ihre Sachen zusammen
und gehen Sie nach Hause«
    Die Frau stand bestürzt und wortlos vor ihm
    »Das hätten Sie sich und mir ersparen können Frau Walter« sagte er
milder »Ich haben Ihnen wiederholt erklärt dass Sie mir damit nicht kommen
sollen  Nun da gehen Sie jetzt und grüßen Sie mir Ihren Wilhelm morgen
werde ich noch einmal nach ihm sehen«
    Er reichte ihr die Hand und schlug den Mantel über die Gegenstände der
verunglückten Expedition Die Abgewiesene knixte mit niedergeschlagenen Augen
und entfernte sich  Frau Hellwig und die Regierungsrätin waren stumme Zeugen
gewesen das Gesicht der ersteren drückte jedoch entschiedene Missbilligung aus
und einmal hatte es sogar geschienen als wolle sie sich selbst in den Handel
mischen
    »Nun das verstehe ich aber nicht recht Johannes« sagte sie in
zurechtweisendem Ton nachdem die Frau das Haus verlassen »Wenn ich bedenke
was dein Studium gekostet hat so sollte ich meinen hättest du gar keine
Ursache irgend eine Entschädigung zurückzuweisen  Die Idee mit dem Vogel war
freilich dumm  das Gezwitscher könnte mir fehlen in meinem stillen Hause  aber
die Leinwand hätte die Frau hier lassen müssen wenn es auf mich angekommen wäre
 Leinen wirft man nicht so mir nichts dir nichts zum Fenster hinaus«
    »Ach Tantchen da wäre ich wohl sehr schlecht bei dir angekommen mit meinen
barmherzigen Gedanken die vorhin in mir aufstiegen« sprach die Regierungsrätin
leicht scherzend »Denke dir nur Johannes« fuhr sie ernster werdend mit einem
sanften Aufschlag ihrer Augen fort »da haben wir heute morgen von einer
unglücklichen aber braven Familie gehört  die armen Kinder haben nicht einmal
Wäsche unter ihren elenden Kleidern  das dauert mich unsäglich  Tantchen und
ich haben auch schon an eine Kollekte gedacht  Hättest du die Leinwand
angenommen da wäre ich als Bettlerin zu dir gekommen  du hättest sie mir wohl
oder übel schenken müssen sie hätte prächtige Hemden für die Kinder gegeben 
ich würde sie selbst genäht haben «
    »O über diesen Tiefsinn christlicher Barmherzigkeit« unterbrach sie der
Professor mit einem ingrimmigen Auflachen »Das letzte Scherflein einer armen
Familie muss her damit die Not anderer Bedürftiger gestillt werde  und über
diesem Liebeswerk steht die großmütige Vermittlerin und zeigt der zerknirschten
Welt den Glorienschein weiblicher Mildtätigkeit um ihre blonden Locken«
    »Du bist boshaft Johannes« rief gekränkt die junge Witwe »Ich gebe sehr
gern «
    »Aber es darf mich ums Himmelswillen nichts kosten nicht wahr Adele«
ergänzte er in bitterer Ironie »Warum greift denn die echte deutsche fromme
Hausfrau nicht in ihren vollen Leinenschrank  Hier dies völlig überflüssige
Stück zum Beispiel«  er griff nach der Leinwandrolle auf ihrem Arme Beide
Damen wehrten entsetzt seine Hand ab als beabsichtige sie ein Attentat auf das
Leben der jungen Witwe selbst
    »Nein das geht denn doch über den Spaß Johannes« klagte sie »dies
wunderfeine Linnen«
    »Ich habe vorhin den Vorwurf von dir hören müssen« wandte sich der
Professor an seine Mutter ohne den Kummer seiner tiefbeleidigten Kousine weiter
zu beachten »dass ich die Früchte meines sehr teuren Studiums nicht so verwerte
wie es nötig sei  Ich kann dir versichern dass ich auch praktisch bin und es
für eine Aufgabe des Mannes halte zu erwerben  aber nebenbei habe ich doch
auch noch eine etwas höhere Meinung von meinem Berufe er führt weit mehr als
jeder andere Wirkungskreis  der des Geistlichen nicht ausgenommen  auf das
weite Gebiet menschlicher Barmherzigkeit Ich werde nie zu den Aerzten gehören
die mit der einen Hand einem unbemittelten Kranken von seinem Schmerzenslager
aufhelfen um ihn auf der anderen Seite in die Sorge wie er wohl diese Hilfe
bezahle zu stürzen«
    Er hatte bis dahin Felicitas Anwesenheit völlig unbeachtet gelassen Auch
jetzt streifte sein Blick nur wie unbewusst nach ihr hinüber aber er blieb an
diesem in innerer Befriedigung förmlich leuchtenden Gesicht hangen  zum
erstenmal begegneten sich diese vier Augen mit dem Ausdruck innigen
Verständnisses  freilich nur mit der Schnelligkeit des Blitzes das junge
Mädchen senkte tödlich erschrocken die Lider und der Professor zog plötzlich
seinen Hut mit einer fast zornigen Bewegung so tief in die Stirn dass das stark
gerötete Gesicht unter der breiten Krempe beinahe verschwand
    »Nun meinetwegen das ist deine Sache Johannes das magst du halten wie du
willst« sagte Frau Hellwig eiskalt »Deinem Großvater hättest du übrigens mit
der Ansicht nicht kommen dürfen Die ärztliche Praxis ist dein Geschäft und im
Geschäft pflegte er zu sagen darf man keine sentimentalen Anwandlungen
dulden«
    Sie schob missgelaunt ihre schwerfällige Gestalt nach der Hoftür Die
Regierungsrätin drückte mit einer lieblich schmollenden Gebärde das Paket an ihr
Herz und folgte ihr neben dem Professor fortschreitend In der Hausflur wandte
der Letztere den Kopf noch einmal nach dem Hofe zurück Felicitas hob eben
Aennchen aus dem Wagen um sie auf ihre Bitten noch einigemal auf und ab zu
tragen Man hätte meinen mögen die zarte leichte Gestalt müsse zerbrechen in
dem Augenblick wo das Kind die Arme um den feinen Hals des Mädchens
schlingend in seiner ganzen Schwere emporgehoben wurde Der Professor kehrte
sofort in den Hof zurück
    »Ich habe Ihnen schon einigemal das Tragen des Kindes verboten  es ist zu
schwer für Sie« rief er ihr verweisend und ärgerlich zu »Hat Ihnen Friederike
nicht gesagt dass Sie Heinrich zu Hilfe nehmen sollen«
    »Das hat sie vergessen  Heinrich ist auch nicht zu Hause«
    Der Professor nahm ihr das Kind vom Arme und setzte es in den Wagen wobei
er ihm ernst zuredete Der Ausdruck seines Gesichts war strenger und finsterer
als je  zu jeder anderen Zeit würde ihm Felicitas trotzig den Rücken gekehrt
haben aber heute war sie schuld an dieser üblen Laune sie hatte das ernste
tiefe Studium des Arztes durch ihren Gesang unterbrochen und ihm möglicherweise
eine sich eben gestaltende neue Idee verscheucht Es half nichts und wenn er
auch noch so zornig und gereizt war sie musste um jeden Preis die Last
loswerden die ihre Seele bedrückte er musste erfahren dass sie unwissentlich
gefehlt hatte Der Moment war ihr insofern günstig als sie ihren Gegner nicht
anzusehen brauchte er neigte sich über den Wagen und sprach noch mit Aennchen
    »Ich habe Sie sehr um Verzeihung zu bitten dass Sie durch mein Lied
belästigt worden sind« sagte sie schüchtern Dieser ihm völlig neue lieblich
bittende Ton ihrer Stimme übte eine merkwürdige Wirkung auf ihn aus er fuhr
empor und warf einen durchdringenden Blick auf das Gesicht des Mädchens »Wenn
Sie mir doch glauben wollten« fuhr sie eindringlicher fort »dass ich nicht die
entfernteste Ahnung von Ihrer Anwesenheit im Hause gehabt habe«
    Das Wort »Lied« mochte die Erinnerung an Felicitas Tränen in Aennchen
wecken »Böser Onkel Arme Karoline hat geweint« schalt sie und hielt ihm
drohend die kleine geballte Faust entgegen
    »Hat das Kind recht Felicitas« fragte er rasch
    Sie vermied es diese Frage direkt zu beantworten
    »Ich war sehr unglücklich in dem Gedanken «
    »Dass man glauben könne Sie wollten sich hören lassen« unterbrach er sie
während ein flüchtiges Lächeln über sein Gesicht hinhuschte »Darüber mögen Sie
sich beruhigen  Für wie rachsüchtig und bösartig unversöhnlich ich Sie auch
halte  an Gefallsucht Ihrerseits denkt meine Seele nicht  das brächte ich mit
dem besten Willen nicht fertig  Ich habe Sie bitten lassen zu schweigen 
nicht eigentlich dass Sie mich gestört hätten  sondern weil ich  unfähig bin
Ihre Stimme zu hören  Das kränkt Sie wohl nun über die Massen«
    Felicitas schüttelte lächelnd den Kopf
    »Nun das ist vernünftig  Übrigens will ich Ihnen etwas sagen«  Er bog
den Kopf tief herab und sah ihr fest und aufmerksam forschend in die Augen »Ihr
heutiger Gesang hat mir ein strengverschlossenes Geheimnis verraten«
    Felicitas erschrak tödlich Er war ihrem Verkehr mit Tante Kordula auf die
Spur gekommen Sie fühlte wie sie flammendrot wurde und sah ihn ängstlich
verwirrt an
    »Ich weiß nun weshalb Sie sich jedweden ferneren Beistand unsererseits für
die Zukunft verbeten haben In die Sphäre in der Sie später leben und wirken
wollen reicht freilich unser Arm nicht  Sie werden auf die Bühne gehen«
    »Da irren Sie sich« antwortete sie entschieden und sichtlich erleichtert
»Wenn ich es auch für eine der herrlichsten Aufgaben halte seinen Mitmenschen
die Schöpfungen großer Geister vorführen zu dürfen so fehlt mir doch dazu
gänzlich der Mut Ich bin unsäglich feig der Oeffentlichkeit gegenüber und würde
es jedenfalls schon aus Mangel an Selbstvertrauen in meinen Leistungen nicht
über die Mittelmässigkeit hinausbringen  Weiter gehören zu diesem Berufe
gründliche musikalische Kenntnisse und die werde ich nie besitzen«
    »Das läge doch ganz und gar in Ihrer Macht«
    »Eben deshalb Ich habe mir als Kind eingebildet die Musik sei ein Ding
das man durchaus nicht wie Lesen und Schreiben lernen könne  ein Etwas das so
ungefähr wie die Lehre Jesu direkt vom Himmel gekommen sein müsse  und diese
kindische Vorstellung will ich behalten  Dass das was mich zu Tränen rühren
und mehr begeistern kann als viele andere Herrlichkeiten der Welt auf steifen
pedantischen Gesetzen beruhen und auf dem Papiere in einer Anzahl dicker
hässlicher Notenköpfe stehen soll die ängstlich nachgezählt werden müssen  der
Gedanke schon raubt mir allen Genuss er berührt mich so abstoßend wie die
Tatsache dass das Knochengerüst eines schöngebildeten Menschengesichts ein
Totenkopf ist  ich tue deshalb grundsätzlich keinen Blick in die leidige
Maschinerie«
    »Da haben wir ja gleich wieder den Grundton in Ihrer Natur der sich gegen
alles auflehnt was Gesetz und Regel heißt« sagte er sarkastisch obwohl er mit
sichtbarem Interesse ihrer eigentümlichen Definition der Musik gefolgt war
»Also mein Schluss war falsch und Ihre sehr auffallende Beklommenheit vorhin
überflüssig« fügte er nach einer Pause scharf hinzu »Es muss das ein
merkwürdiges Geheimnis sein  Ich hätte fast Lust schließlich doch noch
kraft meines Amtes als Vormund auf eine Darlegung Ihres Lebensplanes zu
dringen«
    »Das würde umsonst sein« erwiderte sie ruhig und entschieden »Ich werde
nicht sprechen  Sie haben es mir selbst freigestellt nach Verlauf von zwei
Monaten zu handeln wie ich wolle«
    »Ja ja der Fehler ist leider gemacht« versetzte er gereizt »Aber ich
finde es denn doch  gelinde gesagt  verwegen in Ihrem noch sehr jugendlichen
Alter Lebensfragen ganz nach eigenem Belieben ohne jedweden Rat und Beistand
eines Verständigen entscheiden zu wollen  Ich setze den Fall es handle sich
um den wichtigsten Schritt im Leben des Weibes  um ein Gebundensein für immer
«
    »In einem solchen Falle wäre mein Vormund der letzte den ich um Rat bitten
würde« unterbrach ihn Felicitas flammendrot im Gesicht »Ich wäre bereits
gebunden und zwar an einen verhassten charakterlosen Menschen besäße ich nicht
eben die Verwegenheit in meinen Lebensfragen selbst entscheiden zu wollen 
Sie hätten getrost Ja und Amen zu jenem sogenannten ehrenvollen Antrage Wellners
gesagt wenn ich schwach genug gewesen wäre mich durch vorhergehende schlechte
Behandlung und Drohungen einschüchtern zu lassen«
    Dieser Vorwurf traf wie ein zweischneidiges Schwert denn er war gerecht
Der Professor biss sich auf die Lippen  sein Blick irrte einen Moment unsicher
über die Steinplatten zu seinen Füßen
    »Ich habe freilich gemeint die mir von meinem Vater gewordene Aufgabe so am
besten zum Abschlusse zu bringen« sagte er nach einer peinlichen Pause  seine
Stimme hatte bei weitem nicht die gewohnte Festigkeit »Es war ein Irrtum aber
durchaus kein hartnäckig behaupteter wie Sie wissen Wenn ich auch auf den Rat
und das Zeugnis meiner Mutter hin ohne nähere Prüfung meine Einwilligung gegeben
habe so bin ich doch weit entfernt gewesen Ihren Entschluss durch Zureden oder
wohl gar Strenge beeinflussen zu wollen  Übrigens sollen meine Worte von
vorhin der letzte Versuch gewesen sein mein Vormundsrecht zu gebrauchen« fuhr
er nicht ohne Bitterkeit fort »Ich muss Sie Ihrem Schicksale überlassen  Sie
gehen ihm froh und hoffnungsvoll entgegen«
    »Ja« antwortete das junge Mädchen mit leuchtenden Augen
    »Und glauben in dem neuen Verhältnis glücklich zu werden«
    »So gewiss als ich an ein schöneres Jenseits glaube«
    
    Er hatte bei seiner letzten Frage einen jener durchdringenden prüfenden
Blicke auf ihr ruhen lassen wie er sie wohl bei seinen verstocktesten Patienten
anzuwenden pflegte als aber ihr Gesichtsausdruck immer strahlender wurde
wandte er wie verletzt oder geärgert den Kopf weg Er sagte kein Wort mehr
Zerstreut reichte er Aennchen die Hand griff leicht grüßend an seinen Hut und
ging langsam nach dem Hause zurück 
    An demselben Abende saß Rosa in der Gesindestube Ein zartblauer duftiger
Stoff bauschte sich auf ihrem Schoße und ihre Finger handhabten die Nähnadel mit
beinahe fieberhafter Geschwindigkeit Friederike leistete ihr Gesellschaft Das
Kammermädchen sah sich genötigt bis nach Mitternacht zu arbeiten und da hatte
die alte Köchin den vortrefflichen Einfall gehabt einen »steifen« Kaffee zu
kochen »nur von wegen des Munterbleibens«
    Es hatte längst zehn geschlagen Felicitas war in die Schlafkammer gegangen
um sich zur Ruhe zu begeben aber das unaufhörliche Geplauder der
nebenansitzenden Kaffeetrinkerinnen machte ihr den Aufenthalt in dem dumpfen
schwülen Raume unerträglich Sie öffnete das Fenster weit setzte sich auf den
Sims die gefalteten Hände um die Kniee legend und sah hinaus in den Hof Er war
nicht ganz dunkel Auf den Vorsälen des ersten und zweiten Stockes brannten noch
die Astrallampen Durch die hohen Fenster fielen lange Lichtsäulen auf das
Steinpflaster sie streiften den silbern aufblitzenden Wasserstrahl des
rauschenden Röhrenbrunnens ließ in unheimlichen Ecken trübe Glasscheiben
aufglühen und warfen schließlich noch einen falben Schein auf die ziemlich weit
entfernte Fassade des Hinterhauses Über das große Viereck der Gebäude aber
spannte sich der flimmernde Nachthimmel Unverändert wie vor längst
verrauschten Zeiten sahen seine Sternbilder herein in den Hofraum den die Sage
mit haarsträubenden Gespenstergeschichten bevölkerte  sie hatten diejenigen
die jetzt als wehklagende Schemen hier angstvoll umherschweben sollten in
blühender Leibesgestalt gesehen edle Ritter und stattliche Handelsherren
vornehme Damen in seidener Schleppe und die ehrbar im Leinenkleide
einherschreitende bürgerliche Hausfrau zu ihnen hatten Augen aufgeblickt aus
denen Weltlust glühend begehrlich sprühte auch solche die im aufgeblasenen
Eigendünkel kalt und teilnahmlos an Gottes wundervollster Schöpfung
vorüberstreiften scheue Augen hinter denen das Verbrechen lauerte und in
Tränen schwimmende bang blickende Kinderaugen  der Glanz war verlöscht sie
alle moderten aber die große Lehre der Natur dass alles vergehen müsse bleibt
unbegriffen Geschlecht nach Geschlecht tat die Augen auf und schloss sie
wieder und was zwischen diesen zwei Momenten lag das war Kampf und Ringen um
ein Stück Erde Titel und Würden volle Kästen und Kleiderpracht gewesen Und
ein die Welt bewegender Zug im Menschencharakter er trat auch hier hervor die
Herrschsucht der unheimliche Trieb andere Menschenkinder hinabzudrängen und
ihnen den Fuß auf den Nacken zu stellen und wo äußeres Ansehen und eigenes
Geistesvermögen nicht ausreichte da hüllte man sich in die Weihrauchswolke des
Glaubens  Nichts ist mehr verdreht und ausgebeutet worden im Interesse
weltlicher Zwecke als Gottes Wort nie ist mehr gesündigt worden als in Gottes
Namen
    Während diese Gedanken hinter der Stirn des jungen Mädchens kreisten
wechselten drüben in der Gesindestube Friederikens blecherne Stimme und der
schneidend hohe Sopran der Zofe unaufhörlich im Zwiegespräche
    »Ja« sagte Rosa plötzlich auflachend »meine Gnädige fiel aus den Wolken
als der Professor heute gegen Abend zurückkam und erzählte dass er mit
verschiedenen Herren und Damen übermorgen eine Partie auf den Thüringer Wald
machen wolle  der und eine Partie Gott im Himmel In Bonn hockt er jahraus
jahrein hinter den Büchern geht zu seinen Patienten und auf die Universität 
das ist alles Kein Ball keine Soiree  Greulich An den Männern kann ich nun
einmal das Frommtun nicht ausstehen«
    »Pfui schämen Sie sich Rosa« schalt Friederike entrüstet »Wenn das Ihre
gnädige Frau hörte«
    »Na ja alles hat seine Grenzen  Im Institut ist er so gewesen dass er am
liebsten nicht mehr gegessen und getrunken hätte um heilig und selig zu werden
 damals hat ihn kein Mitschüler ausstehen können«
    »Die Menschen sind zu schlecht  Da können sie ihn wohl jetzt auch noch
nicht leiden«
    »Ach nein  jetzt wird er vergöttert  Wie ers angefangen hat weiß ich
nicht aber seine Studenten hätscheln ihn wie ein Wickelkind und die Damen 
na das ist geradezu schauderhaft  die küssen ihm womöglich die Hände wenn er
ihnen ein Rezept verschreibt Meine Gnädige machts ja nicht besser  ich möchte
mich manchmal grün ärgern Ja wenn er noch hübsch wäre Aber so ein hässlicher
Mann mit dem roten Bart und den ungeleckten Manieren Mir sollte er kommen der
ungeschliffene Bär  Der kuriert alles mit Grobheit Meine Gnädige liegt zum
Beispiel in Krämpfen da tritt er an das Bett sieht sie an als ob er sie mit
den Augen spiessen wollte und spricht Nimm dich zusammen Adele Auf der Stelle
stehst du auf Ich werde einen Augenblick hinausgehen und wenn ich zurückkomme
wirst du angekleidet dort auf dem Stuhle sitzen  hast du mich verstanden Und
er kam wieder herein und sie saß richtig da  die Krämpfe sind auch
weggeblieben aber sagen Sie selbst ob das nicht scheusslich ist eine Dame von
Stande so zu behandeln«
    »Er hätte es höflicher machen können freilich« meinte die alte Köchin
    »Er tyrannisiert sie überhaupt fürchterlich  Ihre ganze Freude ist sich
gut anzuziehen Ich sage Ihnen Friederike wir haben in Bonn Schränke voll
Kleider dass man sich nicht satt sehen kann und was die Mode bringt das wird
mitgemacht Weil aber der Herr Brummbär immer salbungsvoll von der Einfachheit
predigt da lässt sich meine Gnädige nie in einem eleganten Anzug vor ihm sehen 
Mull nichts als Mull  Wenn er nur wüsste wie teuer die weißen Fähnchen
kommen  Er wollte ja auch durchaus die arme Frau sollte übermorgen zu Hause
bleiben Aennchens wegen aber da kam die andere Reisegesellschaft und hat
vorgebeten  was konnte er da machen  Dies blaue Kleid wird ihr hübsch
anstehen zur Reise meinen Sie nicht Friederike«
    Die Enthüllungen der leichtsinnigen Kammerjungfer machten auf Felicitas
einen peinlichen Eindruck Sie glitt vom Simse herab um noch einmal in die
Gesindestube zurückzukehren vielleicht verhinderte ihre Anwesenheit weitere
Mitteilungen über Verhältnisse die doch sicher nicht zu fremden Ohren dringen
sollten Ohne eigentliches Ziel streifte ihr Auge noch einmal das ihr
gegenüberliegende Seitengebäude  sie stutzte Die Astrallampe im Vorsaal des
zweiten Stockes warf ihren Schein auch in den langen Korridor der nach Tante
Kordulas Wohnung führte Die ersten zwei Fenster waren ziemlich hell erleuchtet
man konnte die schlechtgetünchte Hinterwand sehen aus welcher die alten Balken
braun heraustraten An dieser Wand hin glitt eine Gestalt aber nicht als
durchsichtiger spukhafter Schatten  Er wars den die Kammerjungfer so hässlich
nannte Felicitas sah deutlich die kräftigen Linien seines Kopfes die starken
Wellen des mächtigen Bartes den hünenhaften Oberkörper der in seinen Formen
seinen Bewegungen freilich jeden Begriff von Eleganz ausschloss Er durchschritt
mechanisch und unablässig mit der Hand über den Bart gleitend die ganze Länge
des Korridors bis an das letzte Fenster das an den Vorplatz mit der gemalten
Tür stieß und hinter welchem der sehr entfernte Lampenschein nur noch matt und
unheimlich aufdämmerte dann kehrte er zurück Er machte ohne Zweifel seine
nächtliche Promenade und weil unter seinem Zimmer die Regierungsrätin und das
Kind schliefen so durchwandelte er ungehört den einsamen abgelegenen Gang 
Was trieb ihn wohl so rastlos auf und ab Grübelte er über einem medizinischen
Problem oder umflatterte ihn das Bild der Entfernten um deren willen er einen
»einsamen Lebensweg« gehen musste
    Sinnend schloss Felicitas das Fenster und zog die alten verblichenen
grünwollenen Vorhänge dicht zusammen welche seit Menschengedenken die Träume
der Köchinnen im alten Kaufmannshause behüteten
 
                                       18
Draußen im Garten auf dem großen Wiesenflecke den die Nussbäume beschatteten
war vor wenigen Tagen das Gras gemäht worden Ein herzerquickender kräftiger
Duft entstieg dem Heuhaufen auf deren einem Aennchen behaglich die armen
kleinen Glieder ausstreckte Felicitas lehnte am Stamme des größten der
Nussbäume er war immer ihr Liebling gewesen Da droben hatten einst ihre
leichten Kinderfüsse gestanden und nicht allein das Rasenstück unten sondern
die ganze weite himmlische Welt war ihr blumenbestreut erschienen Ihr Auge
glitt an dem Riesenstamm empor bis in das dunkle Herz von wo aus das gewaltige
Geäst sich weit und verwegen in die Lüfte hinausreckte Da drin hinter der
rauen Rinde pulsierte auch Leben es stieg hinauf und flutete bis in das zarte
Geäder der Blätter die wie Fühlfäden hinaustrieben in die Welt und dem alten
Stamm wohl schwer zu schaffen machten  sie zitterten in jedem Luftauch
brausten jäh auf wenn der raue Wind über sie hinstrich und sanken schlaff
nieder unter dem sengenden Strahl der Sonne aber mochte es droben auch zittern
seufzen und rauschen der Stamm stand unbewegt  und das Menschenkind Wie
leicht brach es zusammen wenn der Sturm des Schicksals über sein Empfinden
hinbrauste
    Dieser ernste Gedanke  so oft er sich auch bewahrheitet  hinter der weißen
Mädchenstirn die sich leuchtend abhob von der dunklen Baumrinde war er wohl
nicht ganz gerechtfertigt Gerade dies junge Geschöpf so eigenartig so zart
und tief in seinen Empfindungen angelegt hatte Stürmen getrotzt die tausend
andere seines Geschlechts in den Staub niedergeworfen haben würden Vielleicht
entsprang jene trübe Reflexion der unbewussten Furcht der plötzlichen Ahnung
einer unbekannten Gefahr unter welcher der gestählte Wille des jungen Mädchens
doch dereinst zusammenbrechen konnte Wie wenig vermögen wir selbst die
Vorgänge in unserem Seelenleben zu begreifen  wir fassen sie so verkehrt und
ungeschickt auf wie es einem fremden unparteiischen Blick gar nicht einmal
möglich sein würde und erst wenn hereinbrechende Katastrophen vorüber sind
erkennen wir dass wir ihr Eintreten vorher gefühlt und gewusst haben
    Seit der Abreise des Professors und der Regierungsrätin waren bereits zwei
Tage verstrichen Der erstere war mit einem Gesichtsausdruck und einer Bewegung
in den Reisewagen gestiegen als schüttle er eine schwere Last ab die er gern
und freudig der guten kleinen Stadt X hinterlasse In der Hausflur hatte er
Rosa Heinrich und der alten Köchin abschiednehmend die Hand gereicht an
Felicitas aber war er die Hutkrempe leicht berührend vorübergeschritten fremd
und so ruhig als habe dieser Mädchenmund nie ein herbes Wort zu ihm gesprochen
als kenne er die Augen nicht die ihn so oft durch ihren trotzigen Ausdruck
geärgert hatten Nun das war ja recht und vernünftig meinte Felicitas mit
zusammengepressten Lippen nun war er doch wie er sein sollte  Ihm gegenüber
hatte die junge Witwe Platz genommen Sie war wie eine Fee inmitten bläulicher
Wolken an den Abschiednehmenden vorübergeschwebt und unter dem italienischen
Strohhütchen hatte das Gesicht so hoffnungsvoll gestrahlt als sei sie gewillt
von dieser Reise ein langersehntes Glück mit heimzubringen
    Es war der zweite Nachmittag den Felicitas mit Aennchen allein im Garten
verbringen durfte  das waren nicht bloß friedliche Stunden sie hatten ihr auch
Angenehmes  Wunderbares wie sie es nannte  von außen her gebracht Der
Nachbargarten den nur ein lebendiger Zaun von dem Hellwigschen Grundstück
trennte war vor einigen Tagen in den Besitz der Frankschen Familie gekommen
Gestern hatte der Rechtsanwalt über den Zaun hinweg in seiner liebenswürdigen
vertrauenerweckenden Weise freundliche Worte mit ihr gewechselt und heute hatte
plötzlich eine alte Dame in schwarzem Seidenkleide das liebe gütevolle Gesicht
von einem weißen Häubchen umrahmt dort gestanden und sie angeredet Es war die
Mutter des jungen Frank gewesen Sie lebte äußerst zurückgezogen nur für ihren
Mann und den einzigen Sohn und war eine in der Stadt hochgeachtete
Persönlichkeit Sie hatte im Hinblick auf Felicitas baldiges Scheiden aus dem
Hellwigschen Hause dem jungen Mädchen Rat und Beistand angeboten  ein
ungeahnter Sonnenstrahl im Leben des missachteten Spielerskindes  Und dennoch
lehnte Felicitas jetzt in ernstes Sinnen verloren da am alten Nussbaume Über
ihr zog es leise durch den dunklen Wipfel  sie lächelte trübe  in dem
Geflüster hörte sie Nachklänge eines versunkenen Paradieses  Ihre
halbzertretene erste Jugend zog an ihr vorüber und jetzt klang ihr das leise
Rauschen anders in der finsteren Prophezeiung sie sei berufen zu kämpfen zu
leiden bis zum letzten Atemzug  Dass aber das Verhängnis in diesem Augenblick
bereits über ihre schwachen Lebenshoffnungen zermalmend hinschreite  das hörte
sie doch nicht
    Heinrich war vor wenigen Augenblicken zur Gartentür hereingekommen es
hatte ausgesehen als wolle er auf Felicitas in stürmischer Eile zulaufen dann
aber war er hinter einer Taxuswand verschwunden Jetzt kam er langsam hervor
Mit dem ersten Blick auf dies breite ehrliche aber furchtbar verstörte Gesicht
wusste das junge Mädchen dass er Unheil bringe  von welcher Seite kam es Sie
sprang ihm entgegen und fasste angstvoll seine Hand
    »Ja Feechen ich kann dir nicht helfen  erfahren musst dus doch einmal«
sagte er tonlos während er sich mit der verkehrten schwieligen Hand über die
erhitzte Stirn strich und die Augen wegwandte »Siehst du armes Ding das ist
ja nun einmal so der Welt Lauf «
    »Weiter« unterbrach sie ihn rau fast aufschreiend dann biss sie
krampfhaft die Zähne zusammen
    »Ja doch  dass Gott erbarm wenn du so bist wie soll ich dirs denn da
beibringen  Die alte Mamsell «
    »Ist tot« vollendete sie in gellenden Tönen
    »Noch nicht Feechen noch nicht aber freilich  so gut als wärs schon
vorbei sie kennt schon niemand mehr  der Schlag hat sie gerührt  Ach du
lieber Gott und so mutterseelenallein ist sie gewesen Die Aufwartefrau hat sie
gefunden in der Vogelstube auf dem Boden hat sie gelegen  hat erst noch für
die armen Kreaturen gesorgt « Die Stimme versagte ihm er weinte wie ein Kind
    Felicitas stand im ersten Augenblick erstarrt der letzte Blutstropfen war
aus ihrem weißen Gesichte entwichen mechanisch presste sie die schmalen Hände
gegen die klopfenden Schläfen aber keine Träne kam aus ihrem Auge Nur einen
Moment irrte ein unsäglich bitteres Lächeln um ihre Lippen dann griff sie mit
unheimlicher Ruhe nach ihrem Hute der auf einem Heuhaufen lag rief Rosa
herbei die arbeitend unter den Akazien saß und übergab ihr das Kind
    »Sind Sie unwohl« fragte das Kammermädchen Das bildsäulenartige Aussehen
die unheimliche Starrheit in dem aschbleichen Gesichte des jungen Mädchens
erschreckte sie
    »Ja sie ist krank« antwortete Heinrich an Felicitas Stelle die rasch
nach der Gartentür zuschritt
    »Feechen nimm dich zusammen« mahnte er ein Stück Weges neben ihr
herschreitend »die Madame ist bei ihr  gut dass das die arme Mamsell nicht
weiß  Doktor Böhm ist schon wieder fort  er kann nichts mehr tun  Ach
und gerade heute gerade heute Du bist nun einmal ein Unglückskind«
    Felicitas hörte nicht was er sagte die Worte schwirrten unverstanden an
ihren Ohren vorüber wie sie auch die Menschen auf den Straßen nicht sah die
ihr begegneten Von Friederike ungesehen betrat sie das Haus und stieg die
Treppe hinauf Auf dem Vorplatze der Mansarde warf sie ihren Hut in eine Ecke
Die Tür der Vogelstube klaffte ein wildes Geschrei scholl heraus Wie war
diese Tür sonst gehütet worden damit kein Flüchtling entschlüpfe Jetzt ging
das junge Mädchen vorüber ohne die Hand zu bewegen  mochten diese verlassenen
Geschöpfe ihre Nahrung unter Gottes freiem Himmel suchen sie hatten ja keine
Pflegerin mehr
    Sie trat in die große Wohnstube aus dem anstoßenden Schlafkabinett scholl
das unbiegsame eintönige Organ der Frau Hellwig herein in den Raum der seit
vielen Jahren nur die Sprache der Musik oder den seltenen Wohllaut einer
unsäglich milden seelenvollen Frauenstimme gehört hatte Die große Frau las
eines jener sogenannten alten Kernlieder welche für die Anschauungen eines
noch auf niederer Bildungsstufe verharrenden Volksgeistes gedichtet in ihrem
leitenden Gedanken ihrer Ausdrucksweise den Zweck als Vermittler zwischen dem
Himmel und der Menschenseele für unsere Zeit völlig verloren haben Diese grob
zugehauenen von gemein sinnlichen Ausdrücken strotzenden Verse vor den Ohren
einer Sterbenden die ihr ganzes Leben lang dem wahrhaft Schönen gehuldigt die
ihrer Gottverehrung nur Ausdruck gegeben hatte in dem was von seinem Geiste
ausgegangen in der Poesie in den himmlischen Melodien gottbegnadeter Meister
    Geräuschlos wie ein Schatten glitt Felicitas in das Sterbezimmer Frau
Hellwig las weiter ohne sie zu bemerken  Dort unter den weißen Gardinen des
Bettes die sich leise wie Flügel in dem Luftzuge des geöffneten Fensters hoben
und senkten als seien sie bereit die scheidende Seele zu empfangen und
hinaufzutragen lag ein aschgraues Gesicht  O wie grausam ist der Tod dass
er das was wir auf Erden nicht wiedersehen sollen vor unseren Augen erst noch
so furchtbar entstellt dass wir mit unwillkürlichem Grauen und Entsetzen in Züge
blicken müssen in denen wir gewohnt waren die traute Sprache der Liebe eines
uns innig verwandten Geistes zu lesen
    Festgeschlossen waren die tief herabgesunkenen Lider dort noch nicht Die
Augäpfel irrten rastlos hin und her ein leises Röcheln begleitete die schweren
Atemzüge in kurzen Unterbrechungen hob sich wie zum Schlage ausholend der
rechte Arm und ließ dann die wachsbleichen gekrümmten Finger kraftlos auf die
Decke niedersinken  Welch ein furchtbarer Anblick für das junge Mädchen dem
dort der letzte Liebesstrahl in seinem armen Leben erlosch  Felicitas trat an
das Bett Mit masslosem Erstaunen hob Frau Hellwig die Augen von ihrem
Gesangbuche und starrte in das totenbleiche tränenlose Gesicht das sich über
das Bett neigte
    »Was willst denn du hier unverschämtes Geschöpf« fragte sie laut und
rücksichtslos ihre große Hand hob sich und deutete gebieterisch nach der Tür
    Felicitas antwortete nicht aber die Unterbrechung der eintönigen Vorlesung
schien Eindruck auf die Sterbende zu machen Sie suchte ihren Blick zu fixieren
 er fiel auf Felicitas In diesem Strahle lag ein freudiges Erkennen ihre
Lippen bewegten sich anfänglich freilich ohne Erfolg  es lag eine namenlose
Angst in diesem Streben sich verständlich zu machen und siehe die
willenskräftige Seele siegte in der Tat und zwang den halbverstorbenen
Mechanismus des Körpers noch einmal zum Dienste »Gericht holen« klang es
eigentümlich gurgelnd aber deutlich von ihren Lippen
    
    Das junge Mädchen verließ sofort das Zimmer  hier war keine Minute zu
verlieren Sie flog durch den Vorsaal allein in diesem Augenblick als sie an
der Vogelstube vorüberkam wurde die Tür derselben weiter aufgerissen 
Felicitas fühlte sich rückwärts von gewaltigen Fäusten gepackt ein furchtbarer
Stoß schleuderte sie mitten in die Stube während hinter ihr die Tür
zugeschlagen und von außen verschlossen wurde Ein wahrhaft höllischer Lärm
umtobte sie drinnen die Vögel flatterten erschreckt mit sinnverwirrendem
Gekreische durcheinander Felicitas war zu Boden gestürzt im Vorwärtstaumeln
hatte sie eine der inmitten des Raumes stehenden Tannen ergriffen und mit
niedergerissen  Was war geschehen  Sie richtete sich empor und warf das
in vollen Strähnen über ihr Gesicht fallende Haar zurück Sie hatte niemand
gesehen keinen Schritt gehört und doch hatte ein Mensch hinter ihr gestanden
und sich mit dämonischer Gewalt ihrer bemächtigt in einem Moment wo es galt
den letzten Willen einer Sterbenden auszuführen wo sie mit jeder Minute Verzug
die schrecklichste Verantwortung auf ihre Seele nahm
    Sie stürzte nach der Tür aber die war fest verschlossen ihr Pochen und
Rütteln ging unter in dem entsetzlichen Geschrei das sich abermals erhob Die
aufgeregten Tiere kreisten über ihrem Haupte fuhren wie sinnlos gegen die Wände
und beruhigten sich auch dann noch nicht als das Mädchen in stiller
Verzweiflung die Arme sinken ließ  Wer sollte ihr denn auch öffnen Die
Hände die sie hier hineingestossen hatten sicher nicht  Sie kannte diesen
eisernen Griff nur zu gut  es waren dieselben Hände die eben noch das
Gesangbuch gehalten sie hatten es fortgeworfen um einen Gewaltstreich
auszuführen und nun saß das schreckliche Weib wieder am Sterbebett und las mit
eintöniger unbewegter Stimme weiter sie ließ es erbarmungslos geschehen dass
die Sterbende mit übermenschlicher Willenskraft den Todeskampf verlängerte in
dem Wahne noch einmal und sei es auch nur für Sekunden hienieden nötig zu
sein  Arme Tante Kordula Sie schied aus der Welt die sie einsam
durchwandelt hatte mit einer bitteren Täuschung  die letzten Eindrücke die
ihre Seele mit hinwegnahm waren der religiöse Fanatismus in Gestalt jener
verabscheuten Frau und die sprichwörtlich gewordene menschliche Undankbarkeit
deren sich Felicitas scheinbar schuldig machte Dieser Gedanke trieb dem jungen
Mädchen das Blut siedend nach dem Kopfe Sie lief außer sich auf und ab und
pochte mit erneuerter Kraft abermals an die Tür  vergebens  Warum war sie
eingesperrt Sie sollte das Gericht holen hatte Tante Kordula geboten  galt es
ein letztes Bekenntnis Nein nein die alte Mamsell hatte nichts zu bekennen
Wenn sie die Last einer Schuld durchs Leben hatte tragen müssen so war es eine
fremde gewesen die sie erst da droben abwerfen durfte denn das war Felicitas
allmählich klar geworden sie war unschuldige Mitwisserin niemals aber
Mitschuldige irgend eines verbrecherischen Geheimnisses gewesen  Sie hatte
vielleicht über ihr Eigentum verfügen wollen und das war nun durch die
Gewalttätigkeit der großen Frau vereitelt Wenn Tante Kordula ohne Testament
starb so fiel ihr ganzes Vermögen an das Haus Hellwig  wer weiß wie viele
Arme und Unglückliche in diesem Augenblick einer Unterstützung beraubt wurden
die sie vielleicht glücklich gemacht hätte für ihr ganzes Leben während die
Kaufmannsfamilie deren Reichtum für sehr groß galt durch die List einer Frau
aufs neue ihre Kisten und Kästen füllte
    Felicitas trat an das Fenster und sah hinab auf die Nachbarhäuser Sie
spähte angstvoll nach einem Menschengesicht das sie um Hilfe anrufen konnte
aber die Wohnungen lagen so tief drunten sie wurde weder gehört noch gesehen
 Wie klopften ihre Pulse in Seelenqual und fieberischer Aufregung Sie warf
sich auf den einzigen Stuhl der im Zimmer stand und brach in Tränen der
Verzweiflung aus  Jetzt war es auf alle Fälle zu spät auch wenn sie in
diesem Augenblick noch frei wurde Vielleicht waren die lieben Augen da drüben
bereits gebrochen und das Herz stand still das in seinen letzten Augenblicken
mit gesteigerter Angst vergebens auf Felicitas Wiedererscheinen gehofft hatte
 Den allgemeinen Trost dass die verklärte Seele nun wisse woran ihr letzter
Wunsch gescheitert sei hatte dies junge sehr scharf und logisch erwägende
Mädchen nicht  es ist schwer zu denken dass der menschliche Geist der wie
alles Geschaffene dem großen Gottesgedanken gemäß zahllose Phasen bis zu
seiner höchsten Vollkommenheit allmählich durchlaufen muss nach der beschränkten
irdischen Kurzsichtigkeit sofort die göttliche Eigenschaft der Allwissenheit
annehmen und aus dem Jenseits herüber in das Handeln und Treiben der
Erdbewohner in die geheimsten Motive der Menschenbrust wie in ein
aufgeschlagenes Buch blicken könne
    Sie mochte weit über zwei Stunden abwechselnd in dumpfem Hinbrüten und
verzweiflungsvollen Anstrengungen sich zu befreien in ihrer Haft zugebracht
haben Ihre Umgebung war ihr geradezu entsetzlich geworden Diese unvernünftigen
Geschöpfe einst ihre Lieblinge die bei jeder rascheren Armbewegung ihr
furienhaftes Gekreisch erhoben und umhertobten wurden für ihre überreizte
Phantasie zu wahren Spukgestalten  sie zitterte vor ihren eigenen Bewegungen
Dazu brach der Abend herein es wurde dämmrig in dem unheimlichen Raum der
erste wilde Schmerz um die Verlorene brannte in ihrer Brust  es war eine
Situation zum Wahnsinnigwerden Noch einmal lief sie nach der Tür  wie betäubt
vor Überraschung blieb sie stehen das Schloss wich ohne den geringsten
Widerstand unter ihren Händen  Draußen auf dem Vorsaal war es totenstill
Felicitas hätte meinen können ein schrecklicher Traum habe sie gequält wäre
nicht das Wohnzimmer fest verschlossen gewesen Sie sah durch das Schlüsselloch
ein heftiger Zugwind brauste ihr entgegen die losen Epheuranken drin an den
Wänden bewegten sich schaukelnd hin und her man hatte die Fenster geöffnet  
ja es war alles vorüber vorüber 
    Drunten im Vorderhause saß die Köchin strickend an der offenen Haustür wie
sie an schönen Sommerabenden zu tun pflegte Aus der Küche quoll der Duft
frischen Gebäckes sie hatte kaum erst ein Kuchenblech voll kleiner Brezeln wie
sie Frau Hellwig stets zum Kaffee genoss aus der Röhre gezogen  es war also
hier unten alles in seinem Geleise fortgegangen während droben ein Glied der
Familie aus der Welt geschieden war
    Felicitas ging in die Gesindestube Gleich darauf trat auch Heinrich herein
Er hing still seine Mütze an den Nagel dann schritt er auf Felilitas zu und
reichte ihr wortlos die Hand Der wehmütige Blick der rotgeweinten Augen in
diesem alten wetterharten Gesicht drang wie erlösend in das schmerzerstarrte
Innere des jungen Mädchens  sie sprang auf schlang ihren Arm um seinen Hals
und brach in ein leidenschaftliches Weinen aus
    »Du hast sie nicht noch einmal gesehen Feechen« fragte er nach einer Pause
leise »Friederike sagt die Madame habe ihr die Augen zugedrückt  ach gerade
die Hände  Von dir ist nicht die Rede gewesen und das kann man sich doch an
allen zehn Fingern abzählen die Madame wäre wütend geworden wenn sie dich da
oben gesehen hätte  Wo hast du denn gesteckt«
    Felicitas Tränen hörten sofort auf zu fließen Mit sprühenden Augen
erzählte sie ihm was geschehen war Er rannte wie besessen in der Stube auf und
ab
    »Ist denn das menschenmöglich« rief er einmal um das andere und fuhr sich
mit beiden Händen in seinen dichten grauen Haarwust »Und das hat der liebe Gott
so mit ansehen können  Ei du heiliges Kreuz  Ei du heiliges Kreuz 
Und nun gehe du hin und klage und erzähls Bei Gericht schicken sie dich heim
weil du keine Zeugen hast und in der ganzen Stadt glaubt dirs kein Mensch
denn das ist die gerechte fromme Frau Hellwig und du  Und wie hinterrücks
sies gemacht hat« unterbrach er sich grimmig auflachend »Just in einem
Moment wo die Vögel recht geschrien haben hat sie die Tür sachte wieder
aufgeschlossen  Ja ja ich sags ja immer  s ist eine von den Schlimmsten
 Feechen du armes Unglückskind dich hat sie bestohlen Ich hab heute
morgen die Herren vom Gericht zur alten Mamsell bestellen müssen  morgen
nachmittag um zwei Uhr wollte sie ihr Testament machen  deinetwegen  Ja ja
wer weiß wie nahe mir mein Ende Sie war so erstaunlich weltpolitisch
unsereiner hat sich ordentlich gegraut vor so viel Gescheiteit in einem
Weiberkopfe aber den schönen Vers hat sie doch nicht ordentlich gekonnt sonst
hätte sie nicht so lange gewartet«
 
                                       19
Es war noch sehr früh am Morgen als Frau Hellwig im Vorderhof erschien Statt
der wohlbekannten in ihrer Form seit vielen Jahren fast unverändert gebliebenen
weißen Haube legten sich schwarze Spitzen um die blassen fleischigen Wangen
Das unselige Geschöpf das so oft den Sabbat des Herrn enteiligt hatte durch
unheilige »Lieder und lustige Weisen« war ja nun tot auch die letzte Spur
seines geächteten Daseins war aus dem alten Kaufmannshause bereits verwischt 
man hatte den Leichnam gestern abend noch in das Leichenhaus geschafft  Trotz
alledem hatte die Verstorbene den Namen Hellwig getragen  ihm galten die
schwarzen Spitzen und der Kreppstreifen der heute den wohlgestärkten
Leinwandkragen am Halse der großen Frau verdrängt hatte
    Sie schloss die Tür auf in welcher einst Felicitas die alte Mamsell hatte
verschwinden sehen Außer der bekannten Treppe welche hinter der gemalten Tür
lag führte noch ein zweiter Aufgang eine enge gewundene Stiege in die
Mansarde und zwar direkt von der schmalen steilen Straße aus das war der Weg
den Heinrich und die Aufwartefrau benutzt hatten und zu welchem auch die
Hoftür führte
    Wohl sahen die Gipsbüsten noch unangetastet von ihren hohen Postamenten
herab allein der Genius war entflohen aus dem Raume den die große Frau jetzt
mit der sichern unanfechtbaren Haltung der Besitzergreifenden betrat  Ein
kaltes verächtliches Lächeln umspielte ihre Lippen während sie die Reihe der
Zimmer durchschritt deren jedes einzelne in seiner Einrichtung das poesievolle
Gemüt den feinempfindenden Geist seiner ehemaligen Herrin bezeichnete aber sie
runzelte auch mit einem hasserfüllten Ausdruck die Brauen als ihr Auge über die
Bücherreihen hinter den Scheiben eines Glasschrankes streifte die auf ihren
zierlich gepressten Saffianeinbänden gefeierte Dichter und Schriftstellernamen
trugen
    Sie ergriff einen starken Schlüsselbund der auf dem Nachttisch lag und
öffnete einen Sekretär  das offenbar interessanteste Möbel für sie Eine
musterhafte Ordnung herrschte in all den Kästen einer nach dem andern wurde
aufgezogen  vergilbte mit verblassten Bändern zusammengebundene Briefpakete
Schreibehefte kamen zum Vorschein Die plumpen weißen Hände stopften sie
ungeduldig wieder hinein  was interessierte sie das Geschreibsel die große
Frau war nicht neugierig  Desto wohlwollender wurde ein Kästchen behandelt
das sich bis an den Rand mit Dokumenten gefüllt erwies Mit großer
Aufmerksamkeit und dem Ausdruck innerer Befriedigung entfaltete Frau Hellwig
Blatt um Blatt sie verstand ausgezeichnet zu rechnen im Nu hatte sie die sehr
bedeutende Totalsumme dieser einzelnen sicher und vorteilhaft angelegten
Kapitalien überschlagen  sie übertraf ihre Erwartung
    Damit hatte jedoch die Forschung keineswegs ein Ende es kamen die
verschiedenen Kommoden und Schränke an die Reihe und je länger Frau Hellwig
suchte desto ungeduldiger und hastiger wurde sie Allmählich rötete sich ihr
Gesicht mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit schritt ihre schwerfällige Gestalt von
Zimmer zu Zimmer rücksichtslos durchwühlten ihre Hände die Wäschekästen warfen
die zierlich gefältelten Krausen und Hauben der Verstorbenen durcheinander
stießen Glas und Porzellan in den Schränken zusammen dass es klang und klirrte 
das was sie suchte war nicht zu finden Sie trat endlich aufgeregt hinaus auf
die Galerie Dass sie verschiedene Blumentöpfe umstiess und mittelst ihrer
schwerfälligen Bewegungen nach allen Seiten hin Blüten und Zweige abknickte war
ihr sehr gleichgültig  sie hatte in diesem Augenblicke nicht einmal ihr
stereotypes verächtliches Lächeln für diesen »Quark« diese »Alfanzereien«
    Friederike fütterte gerade das Geflügel drunten im Hofe Frau Hellwig befahl
ihr sofort den Hausknecht heraufzuschicken und trat wieder zurück um ihr
Suchen von neuem zu beginnen
    »Weißt du nicht wo die verstorbene Tante ihr Silberzeug aufbewahrt hat«
rief sie dem bald darauf eintretenden Heinrich entgegen »Es muss viel da sein
ich weiß es von meiner Schwiegermutter Sie hat mindestens zwei Dutzend schwere
silberne Esslöffel eine gleiche Anzahl schöner vergoldeter Kaffeelöffel
desgleichen silberne Leuchter Kaffee und Milchkanne gehabt«  dieses mit
verwunderungswürdiger Gedächtnistreue festgehaltene Verzeichnis rollte von den
Lippen als werde es abgelesen  »ich kann nichts von alledem finden  wo steckt
es«
    »Das weiß ich nicht Madame« versetzte Heinrich ruhig Er schritt auf einen
Tisch zu zog dessen Kasten auf und nahm zwei silberne Essbestecke heraus »Das
ist alles was ich je von Silber bei der seligen Mamsell gesehen habe« sagte
er »ich musste es öfters putzen weil es die Aufwartefrau nicht recht machte«
    Frau Hellwig schritt hin und her und biss sich zornig auf die Lippen Die
strenge Zurückhaltung die sie dem Gesinde gegenüber stets beobachtete verließ
sie für einen Augenblick
    »Es wäre eine schöne Geschichte ein wahrer Skandal wenn die Alte diese
wertvollen alten Familienstücke verkauft oder wohl gar  verschenkt hätte
ähnlich sähe es ihr schon« sagte sie freilich mehr wie für sich »Es muss
wieder her ich ruhe nicht eher  Sie hat auch Brillanten gehabt sehr
schönen Schmuck es ist alles was von solchen Sachen der Familie Hellwig je
gehört hat zwischen ihr und meiner Schwiegermutter geteilt worden« sie
unterbrach sich ihr Blick fiel in dem Momente auf den Glasschrank der die
Noten enthielt Ihn hatte sie noch nicht untersucht
    Der Schrank selbst stand auf einem schwerfälligen Kasten den sehr schön
geschnitzte Holztüren umschlossen sie riss dieselben auf  hohe Stöße
sorgfältig geordneter Zeitschriften füllten die zwei Regale aus Jener grausam
boshafte Zug erschien verstärkt in dem ungewöhnlich aufgeregten Gesichte die
Oberlippe krümmte sich nach innen und ließ fast die ganze obere Reihe ihrer
schöngepflegten festen Zähne sehen  Sie zog ein Paket um das andere hervor
und schleuderte es auf die Erde dass die einzelnen Hefte weit umherflogen
    In dem alten Manne kochte der Ingrimm Er ballte die Fäuste und sah mit
einem fast wilden Blick auf die Vandalin Diese Blätter er hatte sie alle
selbst von der Post geholt sie waren eine wahre Erquickung und Freude für die
Einsame gewesen noch sah er ihre freundlichen Augen aufstrahlen wenn er ein
neuangekommenes Heft auf ihren Tisch legte
    »Da haben wir ja gleich die Erbfeinde der heiligen Kirche beisammen«
murmelte sie »Diese Schandblätter diese höllischen Sudeleien Ja ja sie
hats arg getrieben die gottvergessene alte Jungfer und ich bin gezwungen
gewesen so viele Jahre lang den unsauberen Geist unter meinem Dache zu dulden«
    Sie richtete sich empor und sah hinter die Glasscheiben Bei dem Anblick der
Noten klang eine Art kurzen rauen Gelächters von ihren Lippen Sie schloss den
Schrank auf und befahl Heinrich einen Waschkorb zu holen Was von Büchern und
Notenheften auf den Regalen lag musste er in den Korb räumen Er zerbrach sich
den Kopf was wohl das Schicksal dieser schönen Bücher sein würde die so oft
dort auf dem Flügel gelegen und von denen die alte Mamsell so köstliche Musik
abgelesen hatte Die große Frau stand neben ihm und sah streng darauf dass kein
Blättchen zurückblieb sie selbst rührte nichts an es sah fast aus als fürchte
sie ihre Finger daran zu verbrennen
    Schließlich befahl sie dem Hausknecht den Korb in das Vorderhaus zu tragen
Sie verschloss alle Türen der Mansardenwohnung sorgfältig und folgte ihm Zu
Friederikens Ärger der solche Besuche ein Greuel waren trat sie in die Küche
Heinrich musste seine Last niedersetzen und eine Papierschere aus dem Wohnzimmer
bringen Die alte Köchin hatte gerade starkes Bratfeuer
    »Heute kannst du das Holz sparen Friederike« sagte Frau Hellwig ergriff
ein loses Heft und warf es in die Flammen Die zierlichen Mappen mit der
kostbaren Handschriftensammlung der alten Mamsell lagen obenauf in dem Korbe
Die seidenen Bandschleifen mit denen sie zusammengebunden waren lösten sich
eine nach der andern unter den ruhig und beharrlich manipulierenden Fingern der
großen Frau  Hei wie das loderte und frass Hier strahlte noch einmal der
Name »Gluck« im roten Glanze dort glühten die Notenköpfe einer brillanten
Schlusskadenz Cimarosas wie feurige Perlen um dann in ein und demselben
Flammenmantel unterzugehen der Italiener Deutsche und Franzosen parteilos
umfasste
    Heinrich hatte im ersten Augenblick fassungslos dabeigestanden  der Grimm
schnürte ihm die Kehle zu Noch lag die Leiche der armen Einsamen über der Erde
und dieses gefühllose Weib da hauste bereits in der Hinterlassenschaft und
plünderte und zerstörte wie kaum der roheste Kriegsknecht in Feindesland
    »Aber Madame« sagte er endlich »es könnte doch ein Testament da sein«
    Frau Hellwig erhob ihr von dem Feuer rot angestrahltes Gesicht es zeigte
ein Gemisch von Hohn und Unwillen
    »Seit wann habe ich dir denn erlaubt mir gegenüber deine weisen Bemerkungen
zu machen« fragte sie beissend Sie hatte eben das Bachsche Opernmanuskript in
den Händen von welchem die alte Mamsell neulich gesagt dass es als nur in
diesem einzigen Exemplare vorhanden dereinst mit Gold aufgewogen werden würde
Energischer als vorher und mit einem ganz besonderen Nachdrucke zerriss und
zerschnitt sie die Blätter in Atome und stopfte sie unter die Bratröhre
    In diesem Augenblick wurde draußen die Hausglocke stark angezogen Heinrich
ging zu öffnen Ein Justizbeamter in Begleitung eines Gerichtsdieners trat ein
Er verbeugte sich vor der verwundert aus der Küche kommenden Frau des Hauses und
stellte sich in seiner Eigenschaft als Amtskommissär vor der beauftragt sei
den Nachlass der verstorbenen Fräulein Kordula Hellwig zu versiegeln
    Vielleicht zum erstenmale in ihrem Leben verlor Frau Hellwig ihre eiserne
Ruhe und Kaltblütigkeit
    »Versiegeln« stotterte sie
    »Es liegt ein Testament bei der Justizbehörde«
    »Das ist ein Irrtum« fuhr sie heraus »Ich weiß ganz genau dass sie nach
dem Willen ihres Vaters kein Testament machen durfte  es fällt alles an das
Haus Hellwig zurück«
    »Tut mir leid« sagte der Beamte achselzuckend »Das Testament existiert
und so sehr ich auch bedaure inkommodieren zu müssen meine Pflicht zwingt
mich die Versiegelung sofort vorzunehmen«
    Frau Hellwig bis sich auf die Lippen ergriff den Schlüssel zur
Mansardenwohnung und schritt dem Herrn voran Heinrich aber lief triumphierend
hinauf zu Felicitas die bereits ihr Amt als Kinderwärterin wieder verwaltete
heute jedoch zu Aennchens Verwunderung starr und stumm wie eine Statue neben der
plaudernden Kleinen saß Heinrich teilte ihr das Vorgefallene mit Bei der
Beschreibung des Autodafé fuhr sie empor
    »Einzelne Blätter waren es die sie verbrannte« fragte sie mit erstickter
Stimme
    »Ja einzelne Blätter Sie lagen in roten Mappen schöne Bänder hingen dran
«
    Sie hörte nicht mehr auf ihn und eilte hinab in die Küche Da stand der
Korb er enthielt noch verschiedene Klavierauszüge und Notenhefte aber die
Mappen lagen geöffnet und zerstreut auf dem Ziegelfussboden auch nicht ein
einziges Blättchen lag mehr darin Der Zugwind hatte einen kleinen zerrissenen
Papierfetzen in die Herdecke geweht Felicitas hob ihn auf »Johann Sebastian
Bachs eigenhändig geschriebene Partitur von ihm erhalten zum Andenken im Jahre
1707 Gottelf von Hirschsprung« las sie mit überströmenden Augen  Das war
das letzte Überbleibsel des geheimnisvollen Manuskriptes  die Melodien waren
verstummt für ewig
    Allem Anscheine nach hatte Frau Hellwig anfänglich nicht die Absicht gehabt
um des Todesfalles willen die Vergnügungsreise ihres Sohnes zu unterbrechen
aber nach der Versiegelung von der sie sehr echauffiert mit einem unglaublich
grimmigen Gesichte zurückgekehrt war warf sie hastig einige zurückrufende
Zeilen auf das Papier Bereits am Tage nach der Beerdigung sollte dem letzten
Willen der Verstorbenen gemäß das Testament eröffnet werden Zu diesem Akte
brauchte Frau Hellwig eine Stütze sie war überhaupt fassungslos wie noch nie
in ihrem Leben Der mögliche Verlust eines bedeutenden Vermögens das sie stets
für unverlierbar gehalten wirkte in seiner Schreckgestalt selbst deprimierend
auf ihre eisernen Nerven
    Ein eigentliches Ziel hatte sich die Reisegesellschaft nicht gesteckt »Eine
Reise ins Blaue hinein und wo es uns gefällt wollen wir Hütten bauen« hatte
das Programm gelautet Frau Hellwig musste demnach ihren Brief auch ziemlich ins
Blaue hineinschicken  Das Suchen mit welchem sie in der Mansardenwohnung den
Tag begonnen hatte wurde nun im Zimmer ihres verstorbenen Mannes fortgesetzt
Unter den Familienpapieren mussten sich Beweise finden dass der alten Mamsell
nicht das Recht zugestanden habe eigenmächtig über ihren Nachlass zu verfügen
Sie hatte möglicherweise Ersparnisse von ihren Zinsen gemacht das war bereits
gestern abend Frau Hellwigs Vermutung gewesen  das Türschloss der Vogelstube
hatte wacker seine Schuldigkeit getan und auch dieses Kapital der Familie
erhalten  Wie die große Frau auch sann und grübelte sie wusste sich selbst
nicht mehr zu sagen woher ihr jene Überzeugung die sie viele Jahre hindurch
unumstösslich festgehalten gekommen war Hatte sie die Verfügung von Kordula
Hellwigs Vater einst selbst gelesen oder war es die mündliche Überlieferung
irgend einer glaubwürdigen Person  genug überzeugt war sie noch und die
Papiere mussten sich finden  Sie suchte und las bis ihr leichte Schweissperlen
auf die blasse Stirn traten  es war heute ein wahrer Unglückstag  ihre
Forschungen waren ebenso erfolglos wie die von heute morgen  Das Glück
schüttet am liebsten kalterzigen berechnenden phantasielosen Menschen seine
Rosen vor die Füße  scheint es doch als wähne es bei reich angelegten Naturen
seine Schätze minder sicher als bei solchen die nicht allein am Geldkasten
sondern auch vor der Seele eiserne Riegel haben  Die große Frau war eines
jener verwöhnten Glückskinder  sie war daher sehr verwundert über den heutigen
Unglückstag
    Zwei Tage waren vergangen der abgesandte Brief irrte wahrscheinlicherweise
noch wohlverpackt in der Postkutsche durch die grünen Täler des Thüringer
Waldes und die alte Mamsell wurde zur Erde bestattet ohne dass ein Träger des
Hellwigschen Namens hinter ihrem Sarge geschritten wäre
    Felicitas trug ihren tiefen Schmerz schweigend mit jener
Selbstbeherrschung die groß angelegten Charakteren eigen Die Schwäche welche
Trost im Zureden anderer sucht kannte sie nicht  seit ihrer Kindheit war sie
gewöhnt alles Schwere mit sich allein auszukämpfen und ihre Seelenwunden
ausbluten zu lassen ohne dass ihre nächste Umgebung das Vorhandensein derselben
ahnte Sie hatte es grundsätzlich vermieden die Tote noch einmal zu sehen Der
letzte bewusste Blick der Sterbenden der noch einmal auf ihr geruht war für sie
der Abschied gewesen  sie wollte das liebe Gesicht unbeseelt nicht in ihre
Erinnerung aufnehmen  Aber am Nachmittag des Begräbnistages als Frau Hellwig
ausgegangen war nahm sie einen der Schlüssel die in der Gesindestube hingen
er schloss den Korridor in welchen die dem Leser bekannte Rumpelkammer mündete
Die mit den Jahren so bedeutend zunehmende Korpulenz der Hausfrau ließ sie alles
Treppensteigen möglichst vermeiden aus dem Grunde hatte die alte Köchin schon
seit länger ungehindert Zutritt in die am höchsten gelegenen Räume
    Tante Kordula sollte und musste heute noch frische Blumen auf ihrem Grabhügel
haben aber nur solche die sie selbst gepflanzt hatte Die Mansardenwohnung
war mit Ausnahme der Vogelstube versiegelt  auf diesem Wege konnte man mithin
nicht zu dem hängenden Garten gelangen den die Nachlässigkeit des Justizbeamten
von aller menschlichen Pflege abgeschnitten hatte  Nach neun Jahren zum
erstenmale wieder stand Felicitas am Fenster der Dachkammer und sah hinüber nach
dem blumenbedeckten Dach  Was alles lag zwischen jenem unglückseligen Tage
wo ihre gemisshandelte Kinderseele sich gegen Gott und die Menschen empörte und
heute Dort drüben war ihr Heim  dort hatte die Einsame das geächtete
Spielerskind beruhigend an ihr großes edles Frauenherz genommen und mit allen
Waffen ihres Geistes den Mordversuch auf seine Seele abgewehrt Dort hatte das
Kind unermüdlich gelernt und infolge dieses Lernens erst wahrhaft gelebt  Er
der in diesem Augenblick in schöner Damengesellschaft geniessend die prächtigen
Thüringer Wälder durchstreifte  er ahnte nicht dass sein einstiger auf
Vorurteil und finster zelotischer Anschauungsweise basierter Erziehungsplan
einzig an einigen wagehalsigen Schritten über die zwei schlanken Rinnen da unten
gescheitert war
    Und jetzt sollte dieser Weg noch einmal zurückgelegt werden Felicitas stieg
aus dem Fenster und schritt über die Dächer sie kam rasch und leicht hinüber
und hatte bald den ebenen Boden der Galerie unter ihren Füßen  Die armen
Dinger da die so harmlos mit den Köpfchen im leisen Zugwind nickten waren weit
schlimmer dran als die Lilie auf dem Felde Wie durch ein Zauberwort hoch in
den Lüften festgehalten wussten sie nichts von der süßen warmen Muttererde
nichts von dem starken Heimatboden der die Grundfesten mächtiger Bäume wie das
zarte Wurzelgefaser der kleinsten Blume sich fest in das Herz drückt  ihr Wohl
und Wehe hatte in den zwei kleinen weißen welken Händen gelegen die jetzt
selbst still in dem Heimatboden ruhten und zu Erde wurden Noch fühlten indes
die Herausgesperrten ihre Verwaisung nicht es hatte mehreremal zur Nachtzeit
stark geregnet  in diesem Augenblick blühten und dufteten sie um die Wette
    Felicitas drückte ihr Gesicht gegen die Scheiben der Glastür und sah hinein
in den Vorbau Da stand der kleine runde Tisch das Strickzeug mit einer halb
abgestrickten Nadel lag neben dem Knäuelbecher als sei es eben nur aus der Hand
gelegt worden um im nächsten Augenblick wieder aufgenommen zu werden Quer über
einem aufgeschlagenen Buche lag die Brille das junge Mädchen las tiefbewegt
einige Zeilen  der letzte geistige Genuss den die alte Mamsell auf Erden gehabt
hatte war die Rede des Antonius in Shakespeares Julius Cäsar gewesen  Da
drüben im Wohnzimmer stand der geliebte Flügel und seitwärts blinkten die
Scheiben des großen Glasschrankes  sie zeigten die leere Fläche der Regale das
alte Möbel hatte sich treuloserweise seine musikalischen Kostbarkeiten entreißen
lassen sie waren zu Asche zerstiebt andere dagegen hielt es um so fester 
Frau Hellwig hatte vergebens nach den Silberschätzen der alten Mamsell gesucht
 in diesem Augenblick erschrak Felicitas heftig Das Geheimfach des Schrankes
enthielt nicht allein Schmuck und Silber in einer Ecke stand auch ein kleiner
grauer Pappkasten »Er muss vor mir sterben« hatte Tante Kordula gesagt  war
er vernichtet  Um keinen Preis sollte er in die Hände der Erben fallen und
doch war die alte Mamsell stets zu feig gewesen Hand an ihn zu legen Es war
mehr als warscheinlich dass er noch existierte Wenn das Testament den Ort
bezeichnete wo das Silber lag dann wurde möglicherweise auch ein Geheimnis
offenbar das die Einsame mit allen Kräften der Welt zu entziehen gesucht hatte
 das durfte nun und nimmer geschehen
    Die Glastür des Vorbaues war von innen verriegelt Rasch entschlossen
drückte Felicitas eine Scheibe ein und griff nach dem Riegel  er lag nicht vor
wohl aber hatte man zugeschlossen und den Schlüssel abgenommen  eine trostlose
Entdeckung  Ein leidenschaftlicher Grimm bemächtigte sich des jungen
Mädchens gegen das Verhängnis das ihr konsequent in den Weg trat wenn sie
hoffte für Tante Kordula wirken zu können In den Schmerz um die Verstorbene
mischte sich nun auch die schwere Frage um das was wohl nun kommen werde War
der Inhalt des kleinen grauen Kastens geeignet das Gerücht bezüglich einer
Schuld der alten Mamsell zu widerlegen Oder warf er vielleicht mystisch und
unlösbar einen noch tieferen Schatten auf die Heimgegangene
    Sie schnitt rasch ein schönes Bouquet ab steckte zwei Töpfe mit Aurikeln 
Tante Kordulas Lieblinge  in ihren Korb und legte den Weg über die Dächer mit
weit schwererem Herzen zurück als sie gekommen war
    Nun hatte dies junge Mädchen bereits drei Gräber da draußen auf dem weiten
stillen Totenfelde Die liebsten Menschen die ihr warmes Herz mit Inbrunst
umfasste deckte die Erde Sie warf einen unsäglich bitteren Blick gen Himmel
als sie die Blumen auf Tante Kordulas frisches Grab streute  er konnte ihr nun
nichts mehr nehmen Ihr Vater war seit vielen Jahren verschollen  er moderte
wohl längst in fremder Erde dort drüben auf einem kostbaren Marmorblock
leuchtete in Goldschrift der Name Friedrich Hellwig und hier  sie schritt auf
das Grab ihrer Mutter zu es war dank der Fürsorge der alten Mamsell seit neun
Jahren zur schönen Jahreszeit stets mit köstlichen Blumen bedeckt Aber heute
lag der Grabstein herausgerissen neben dem Hügel Heinrich hatte erst vor
einigen Tagen erklärt die Inschrift müsse endlich einmal erneuert werden sie
sei am Erlöschen  wahrscheinlicherweise war auf seinen Betrieb der Stein
herausgenommen worden Er war bis dicht an den Namen der Verstorbenen
eingesunken gewesen heute nun zeigte er sich in seiner ganzen Länge »Meta
dOrlowska« las Felicitas mit verdunkeltem Blick aber da stand ja weiter
drunten noch ein Name den die Erde bis jetzt vollkommen verdeckt hatte Von der
schwarzen Farbe zeigte sich freilich nur noch hier und da ein schwacher Rest an
den Schriftzügen allein sie waren in den Sandstein vertieft  »Geborne von
Hirschsprung aus Kiel« ließ sich ohne Mühe entziffern
    Felicitas versank in tiefes Sinnen  Dieser Name hatte auf dem Bachschen
Opernmanuskript gestanden er hatte ferner dem uralten türingischen
Rittergeschlecht gehört dessen Wappen noch auf allen Wänden des alten
Kaufmannshauses prunkte  das kleine silberne Petschaft in Felicitas
Kindertäschchen zeigte aber auch denselben springenden Hirsch  wunderbares
Rätsel Das stolze Geschlecht das in seinen letzten Generationen zu Hobel und
Pfrieme hatte greifen müssen war ja längst erloschen Heinrich hatte als Kind
den letzten Träger des alten Namens noch gekannt  er war jung und unverheiratet
als Student in Leipzig verstorben  und doch war vor vierzehn Jahren aus dem
fernen Norden eine junge Frau gekommen die im Elternhause den Namen getragen
und das Wappen geführt hatte  War einst ein Zweig vom alten Thüringer Stamme
losgerissen und in die Ferne geschleudert worden  Du stolzer Ritter der du
deine Gestalt auf der Steinplatte im alten Kaufmannshause verewigen ließest
tritt heraus aus deinem Zinnsarge und wandle über dies Gräberfeld Verschiedene
Steine tragen deinen Namen und unter ihnen ruhen Männer mit schwieligen
Arbeiterhänden Männer die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot essen mussten
während du die Ansprüche und Vorrechte deines Geschlechts bis in alle Ewigkeit
verbrieft und besiegelt hinterliessest während du in dem unzerstörbaren Wahne
die Augen schlossest dein bevorzugtes Blut die aristokratischen Hände deiner
Nachkommen seien gefeit gegen die Befleckung der Arbeit Tritt her an dies Grab
das den Staub einer weiter gewanderten Tochter deines Hauses deckt Das Brot
das sie aß war ein ungleich härteres ein verachtetes  sie musste im
Gaukelspiel vor die Menschen treten und dies Gaukelspiel zerstörte ihren
blühenden Leib  Du hast nicht an den Wechsel gedacht der in der Welt und
Menschengeschichte dort eine Woge gen Himmel trägt und hier einen Abgrund
öffnet um beide dann für einen Augenblick trügerisch wieder zu ebnen und
auszugleichen
    Ob noch Verwandte von Felicitas Mutter existierten Das junge Mädchen
beantwortete sich diese Frage selbst mit einem bitteren Lächeln auf alle Fälle
existierten sie nicht für die Tochter der Meta von Hirschsprung Sie waren
zweimal öffentlich aufgerufen worden und hatten konsequent geschwiegen
Vielleicht hatte diese Linie des alten Geschlechts seine ursprüngliche Reinheit
behalten bis zu dem Augenblick wo eine Tochter derselben dem Taschenspieler
Herz und Hand schenkte  sie wurde verstoßen aus dem Paradiese adeligen Glanzes
aus dem Kreise der Ihrigen auf Nimmerwiederkehr  So viel war gewiss ihr Kind
beschritt die Schwelle derer niemals die ihre Familienbeziehung zu der Ehefrau
des Taschenspielers öffentlich verleugneten
 
                                       20
Felicitas kehrte nachdem sie den Gottesacker verlassen nicht in das Haus am
Markte zurück Rosa und Aennchen erwarteten sie im Garten gegen Abend wollte
auch Frau Hellwig kommen um mit dem Kinde unter den Akazien zu essen  Die
große Frau hatte ihre äußere Ruhe scheinbar wiedergewonnen nur war es
auffallend dass sie viel mehr als sonst ausging es hatte fast den Anschein
als sei es ihr Bedürfnis sich bis zur Ankunft ihres Sohnes zu zerstreuen und
vielleicht auch ein wenig auszusprechen
    Die Begegnung mit Felicitas in der Mansarde schien sie völlig ignorieren zu
wollen Auf die Vermutung dass das Mädchen Verkehr mit der alten Mamsell gehabt
habe war sie augenscheinlich nicht gekommen sie hatte Felicitas Eindringen
einfach für Neugierde gehalten die sie unter anderen Umständen freilich nicht
straflos hätte hingehen lassen aber im Hinblick auf die weiteren Vorgänge jenes
Abends war es ihr ohne Zweifel wünschenswert dass das Vorgefallene möglichst
rasch vergessen werde
    Felicitas hatte eilig beinahe die ganze kleine Stadt umschritten und blieb
nun vor einer Gartentür stehen Sie schöpfte tief Atem dann legte sie rasch
entschlossen die Hand auf den Drücker und öffnete die Tür sie führte in den
Nachbargarten in das Besitztum der Frankschen Familie  Das junge Mädchen war
jetzt einzig und allein auf sich und seine eigenen Entschlüsse angewiesen So
schmerzzerrissen auch ihre Seele war auf die Energie ihres im Kampfe
hartgewordenen Charakters hatten diese inneren Leiden keinen Einfluss ihr
außerordentlich klarer Kopf stand auch nach dem härtesten Schlage sehr bald dem
Unvermeidlichen gegenüber und nie hatten die Nebel der Gefühlsseligkeit oder
Schwärmerei diesen scharfen logischen Gedankengang zu beeinflussen vermocht
    Die zarte sehr distinguiert aussehende Dame im weißen Häubchen die
Felicitas vor wenigen Tagen angeredet hatte saß zeichnend in einem schattigen
Laubengange Sie erkannte die Eintretende sofort und winkte ihr eifrig näher zu
kommen
    »Ah da kommt meine kleine junge Nachbarin und will einen guten Rat nicht
wahr« fragte sie mit herzgewinnender Freundlichkeit und ließ das junge Mädchen
neben sich niedersetzen Felicitas sagte ihr dass sie nach Verlauf von drei
Wochen das Hellwigsche Haus verlassen müsse und eine Stelle suche
    »Wollen Sie mir nicht ungefähr sagen was Sie leisten können mein Kind«
fragte die Frau und ließ ihre großen klugen Augen welche lebhaft an die ihres
Sohnes erinnerten auf Felicitas Gesicht ruhen es wurde flammend rot  Sie
sollte von ihren scheu verschwiegenen Kenntnissen sprechen und sie plötzlich
auskramen wie der Kaufmann seine Waren  es war ihr ein unsäglich peinliches
Gefühl und doch musste es sein
    »Ich glaube ganz leidlich im Französischen und Deutschen in Geographie und
Weltgeschichte unterrichten zu können« antwortete sie zögernd »auch im
Zeichnen habe ich mich geübt musikalisch ausgebildet bin ich nicht allein ich
weiß was zu einem tüchtigen schulgerechten Gesangsvortrage gehört«  die
Augen der Frau Hofrätin vergrösserten sich merklich im Erstaunen  »dann kann ich
auch kochen waschen bügeln und auf Verlangen auch scheuern« Die letzten
Artikel des Berichtes kamen ungleich rascher von den Lippen des jungen Mädchens
als die anfänglichen
    »Hier in unserem guten kleinen X möchten Sie wohl nicht bleiben« fragte
die Dame lebhaft
    »Wünschenswert wäre mir allerdings ein längerer Aufenthalt nicht aber ich
habe liebe Gräber hier allzu rasch möchte ich mich auch nicht von ihnen trennen
«
    »Nun dann will ich Ihnen etwas sagen Die Gesellschafterin meiner Schwester
in Dresden verheiratet sich diese Stelle wird in sechs Monaten frei ich werde
Sie dort empfehlen und bis dahin bleiben Sie bei mir Sind Sie damit
einverstanden«
    Felicitas küsste ihr überrascht und dankbar die Hand aber dann richtete sie
sich empor und sah die alte Dame mit einem beweglichen Blick an es war nicht zu
verkennen dass ihr noch ein Wunsch auf den Lippen schwebte Die Hofrätin
bemerkte es sofort
    »Sie haben noch etwas auf dem Herzen nicht wahr  Wenn wir eine Zeitlang
miteinander leben wollen dann müssen wir vor allem offen sein also heraus mit
der Sprache« sagte sie munter
    »Ich möchte Sie bitten meiner Stellung in Ihrem Hause sei sie auch die
untergeordnetste und von der kürzesten Dauer eine bestimmte Gestalt zu geben«
antwortete Felicitas rasch und fest
    »Ah ich verstehe Sie sind es müde ein Brot zu essen das Sie sauer genug
verdienen mussten und welches  sprechen wir es aus  trotzdem ein Gnadenbrot
genannt worden ist«
    Felicitas bejahte eifrig
    »Nun in diese drückende Lage sollen Sie bei mir nicht kommen mein liebes
stolzes Kind Ich engagiere Sie hiermit als meine Gesellschafterin Waschen
scheuern bügeln sollen Sie natürlich nicht wohl aber manchmal in der Küche
nachsehen denn ich und meine alte Dora werden nachgerade morsch und müde 
wollen Sie«
    »Ach und wie gern« Zum erstenmal nach Tante Kordulas Tode glitt es wieder
wie ein schwaches Lächeln über das ernste Gesicht des jungen Mädchens
    Ein feiner Sonnenstrahl der durch das wilde Weinlaub des schattigen Ganges
spielend auf und ab geglitten war erlosch plötzlich  es wurde Abend Felicitas
erinnerte sich dass sie auf ihrem Posten sein müsse bevor Frau Hellwig in den
Garten käme und bat deshalb um die Erlaubnis sich entfernen zu dürfen Die
Hofrätin entließ sie mit einem warmen Händedruck und nach wenigen Augenblicken
stand sie drüben im Garten und hatte die kleine Anna auf dem Arme Bald darauf
kam auch Friederike sie trug einen schweren Korb voll Geschirr und sah sehr
erhitzt aus
    »Vor einer Stunde sind sie angekommen« rief sie beinahe atemlos und
sichtbar ärgerlich indem sie ihre Last niedersetzte »s ist wahr so
kunterbunt wie jetzt ists noch nie bei uns zugegangen  Die Madame sagt mir
wie noch der Wagen über den Markt rüber kommt es solle nun in der Stadt
gegessen werden ich richte auch im guten Glauben alles vor  da heißts auf
einmal wieder der Professor wolle partout in den Garten und da bin ich nun so
gut packe die ganze Wirtschaft zusammen und schleppe sie da heraus«
    Damit rannte sie nach einem Beet und schnitt einige Salatköpfe ab
    »Es hat Spektakel drin gegeben einen gotteillosen Spektakel« sagte sie
leise während Felicitas in der Küche neben ihr stand und den Salat putzte »Die
Madame hatte noch nicht einmal recht Guten Tag gesagt da war auch ihr erstes
Wort die Testamentsgeschichte  Höre Karoline so fuchswild wie heute hab
ich unsre Madame in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen Der junge Herr
brachte aber auch närrisches Zeug aufs Tapet meinte er doch die alte Tante sei
eine Ausgestossene gewesen niemand in der Familie hätte sich um ihr Leben und
Sterben gekümmert und da sähe er gar nicht ein warum sie den Leuten die sie
verachtet hätten ihr Geld in die Tasche stecken solle  er hätte in seinem
ganzen Leben nicht an die Erbschaft gedacht  Und mitten hinein wenn die
Madame einen Augenblick verschnaufte da fragte er allemal ob auch alles im
Hause wohl gewesen sei  Er kam mir gar kurios vor und die arme gnädige Frau
die sah aus als wenn ihr die Hühner das Brot genommen hätten«
    Felicitas erwiderte wie sie es gewohnt war kein Wort auf die
Ausplaudereien der alten Köchin Sie zog sich später mit einer Handarbeit unter
den Nussbaum zurück während Aennchen auf der Wiese neben ihr spielte Von ihrem
Platze aus konnte sie durch eine schmale Spalte der kulissenartig sich
vorschiebenden Taxuswände gerade auf die Gartentür sehen Dieses feine
gusseiserne Gitter das auf beiden Seiten wildblühende Rosensträucher einfassten
während es hinter ihm in der vorüberlaufenden prächtigen Lindenallee dunkelgrün
dämmerte hatte stets für das junge Mädchen einen geheimnisvollen Reiz gehabt
 Sie hatte viele Menschen durch diese Tür kommen und gehen sehen
freundliche traute Gesichter denen sie einst jubelnd entgegengelaufen war
aber auch Gestalten die ihr das Herz beklemmt und hinter denen sie gern und
aufatmend das eigentümlich schnurrende Geräusch der zufallenden Tür gehört
hatte  Noch nie aber war ihr ein so jäher Schreck fast ein stechender
Schmerz durch die Glieder gefahren als in diesem Augenblick wo sich das
Gitter knarrend vorwärtsschob während Frau Hellwig am Arme ihres Sohnes und
gefolgt von der Regierungsrätin in den Garten trat  Was hatte sie von jenen
Menschen zu fürchten Frau Hellwig ignorierte möglichst ihre Existenz und jener
Mann dort hatte es ja auch aufgegeben die Taschenspielerstochter zu seinen
Ansichten zu bekehren nach welchen sie eine Ausgestossene Geächtete des
Menschengeschlechts war und blieb
    Friederike hatte gesagt er sei ihr »gar kurios« vorgekommen und Felicitas
musste ihr zum mindesten zugeben dass etwas Auffallendes in seinem Wesen liege
Der Begriff »Hast« ließ sich mit seinen nachlässigen Bewegungen und der
außerordentlich indifferenten Haltung im gewöhnlichen Leben eigentlich gar nicht
in Verbindung bringen und doch hätte das junge Mädchen in diesem Moment sein
Gebaren mit dem besten Willen nicht anders zu bezeichnen gewusst  Er strebte
sichtbar ungeduldig vorwärts zu kommen  bei Frau Hellwigs schwerfällig
gemessenem Gange ein Ding der Unmöglichkeit  und ließ mit hochgehobenem Kopfe
seine Augen suchend über den Garten gleiten  das galt jedenfalls seiner kleinen
Patientin
    Rosa kam über den Kiesplatz gesprungen um Aennchen zu holen und Felicitas
folgte den beiden bis hinter die erste Taxuswand um das Wiedersehen zwischen
Mutter und Kind zu beobachten Die Regierungsrätin schlang freilich ihre Arme um
das kleine Mädchen und tätschelte seine Wangen aber währenddem schalt sie Rosa
heftig aus dass sie die Schlüssel zur Wohnung mitgenommen und sie gezwungen
habe in dem »entsetzlichen Kleid« durch die Stadt zu gehen Die duftige
Reisetoilette hatte in der Tat zum Teil ihre zarte Bläue eingebüßt und hing
schlaff welk und mit einem sehr missfarbenen Saume über der Krinoline
    »Nun ich werde mir diese ganze Partie bis zum Schlussmoment zu den
unerquicklichsten Ereignissen meines Lebens notieren« sagte die junge Dame
verdrießlich und schmollend während sie sich einen Riss in dem verdorbenen
Kleide mit einer Nadel zusammensteckte »Wäre ich bei dir geblieben Tantchen
in deinem stillen Zimmer Tausend Unbequemlichkeiten sag ich dir  wohin wir
uns auch wenden mochten stets einen Gewitterregen auf den Fersen und dazu die
unglaublich schlechte Laune meines Herrn Cousin Isegrim  Du machst dir
keinen Begriff Tantchen wie rücksichtslos und  liebenswürdig er gewesen ist
Er hätte am liebsten gesehen wir wären schon am ersten Tage wieder umgekehrt
Und was für Mühe haben wir uns gegeben sein bösartig finsteres Gesicht
freundlicher zu machen Fräulein von Sterntal hatte sich mit solchem Eifer in
ihre Aufgabe versenkt dass ich jeden Augenblick erwartete sie werde eine
Liebeserklärung in Szene setzen  Nun sag selber Johannes war sie nicht die
Bereitwilligkeit und Zuvorkommenheit selbst«
    Was der Professor antwortete konnte Felicitas nicht verstehen Sie war
bereits unter den Nussbaum zurückgekehrt und arbeitete weiter in der Hoffnung
dass man sich nicht um sie kümmern werde  Das sah bös und drohend aus da
drüben Noch lag die grelle Röte einer heftigen Aufregung auf den Wangen der
Frau Hellwig und die schlechte Reiselaune ihrer Sohnes war keinesfalls
verbessert worden durch die Empfangsszene
    Eine Zeitlang schien es als sollte die einsame Näherin unter dem Nussbaume
in ihrer Zurückgezogenheit unangefochten bleiben aber einmal schlüpfte ihr
Blick durch die Lücke der Taxushecke und fiel zugleich auf die Gestalt des
Professors Er kam ruhig schlendernd die Hände auf dem Rücken zusammengelegt
über den Kiesplatz seine Züge hatten jedoch ganz im Gegensatze zu seiner
nachlässigen Haltung etwas Erregtes Gespanntes und sein Blick drang unruhig
in die verschiedenen Gänge zwischen den verschnittenen grünen Wänden
    Felicitas saß bewegunslos und beobachtete ihn unwillkürlich hatte sie die
Rechte auf ihr klopfendes Herz gelegt  ihr war fast unheimlich zu Mute  sie
fürchtete sich vor dem Moment wo sein Blick auf sie fallen musste  Noch
langsamer als zuvor schritt er auf dem schmalen Kieswege weiter der den großen
Wiesenfleck umfasste Sein Haupt war unbedeckt  war es der eigentümliche völlig
ungewohnte Ausdruck oder hatte seine Gesichtsfarbe den kräftigen Ton verloren 
der Kopf erschien dem jungen Mädchen verändert
    Er griff in die Zweige eines Apfelbaumes zog sie zu sich nieder und
betrachtete die sich ansetzenden Früchte scheinbar mit ungeteiltem Interesse 
er sah jedenfalls das Mädchen unter dem Nussbaume nicht Die Zweige schnellten
wieder empor und er setzte seinen Weg fort Jetzt stand er in gleicher Richtung
mit Felicitas er bückte sich rasch und pflückte irgend ein am Wiesenrande
befindliches Etwas
    »Ach sehen Sie doch Felicitas ein vierblätteriges Kleeblatt« rief er
hinüber ohne aufzublicken Das klang so ruhig und zuversichtlich als sei sein
Verkehr mit ihr noch nie unterbrochen oder getrübt gewesen als sei es
selbstverständlich dass sie da drüben unter dem Nussbaume sitze aber es lag auch
zugleich eine gebieterische Notwendigkeit in dieser Anrede er fesselte das
Mädchen gewissermaßen an die Stelle wo es sich jetzt erhob
    »Die Leute sagen diese vier Blättchen bringen dem Finder Glück« fuhr er
fort indem er rasch über die Wiese herkam »Nun ich werde ja gleich sehen
inwieweit es leidiger Aberglaube ist«
    Er stand vor ihr Jetzt lag auch etwas Straffes die ganze Energie des
willensstarken Mannes in seiner Haltung Das Kleeblatt entfiel seinen Händen er
streckte sie beide Felicitas entgegen
    »Guten Abend« sagte er  es waren bebende Laute in denen diese zwei
einfachen Worte gesprochen wurden Hätte er einst vor Jahren diesen Ton
angeschlagen dann wäre er dem neunjährigen Kinde gegenüber das mit aller
Heftigkeit eines leidenschaftlichen Herzens Liebe und Teilnahme verlangte
gerechtfertigt gewesen  für diese verfinsterte von ihm so lange gemisshandelte
Mädchenseele jedoch blieb der süssvertrauliche Gruß in welchem sich unverkennbar
die Wonne des Wiedersehens abspiegelte geradezu unverständlich Gleichwohl hob
sie die Hand  sie die Paria die seine Hand in der höchsten Todesnot
zurückstossen wollte sie legte von einer unerklärlichen Macht getrieben für
einen Moment leise ihre Rechte in die seine Es war das eine Art von Wunder und
er fasste es wohl selbst so auf  eine einzige unachtsame Bewegung konnte es
verscheuchen auf Nimmerwiederkehr  Mit der ganzen Selbstbeherrschung die der
Arzt sich errungen ging er sofort in einen anderen Ton über
    »Hat Ihnen Aennchen viel Last gemacht« fragte er freundlich und
teilnehmend
    »Im Gegenteil  die Anhänglichkeit des Kindes rührt mich  ich pflege es
gern«
    »Aber Sie sind bleicher als sonst  und da der bitter schwermütige Zug um
Ihren Mund ist schärfer ausgeprägt als je  Sie sagten vorhin die
Anhänglichkeit des Kindes rühre Sie  andere Leute sind auch anhänglich
Felicitas Ich werde Ihnen das sogleich beweisen Sie haben gewiss nicht ein
einziges Mal an die Menschen gedacht die der kleinen Stadt X entflohen waren
um sich Seele und Willen in der kräftigen Waldluft zu stählen«
    »Ich hatte weder Zeit noch Anknüpfungspunkte dazu« entgegnete sie stark
errötend aber mit finsterem Ausdruck
    »Das setzte ich voraus Ich aber bin menschenfreundlicher gewesen ich habe
an Sie gedacht  Sie sollen auch erfahren wann und wo  Ich sah eine
Edeltanne ganz allein auf einer Felsenzacke stehen  es sah aus als sei sie in
dem Nadelwalde zu ihren Füßen verwundet und gekränkt worden und sie habe sich
auf die einsame Höhe geflüchtet Dort stand sie fest und finster und meine
Phantasie lieh ihr ein Menschengesicht mit wohlbekanntem stolzverächtlichem
Ausdrucke Da kam ein Gewitter der Regen peitschte ihre Zweige und der Sturm
schüttelte sie unbarmherzig aber nach jedem Stosse richtete sie sich auf und
stand fester als zuvor«
    Felicitas hatte die Augen halb scheu halb trotzig zu ihm aufgeschlagen 
Wie seltsam verändert war er zurückgekehrt Der Mann mit den kalten stahlgrauen
Augen der ehemalige Pietist und Mystiker der eingefleischte Konservative dem
Gesetz und Regel jeden Funken poetischer Freiheit erstickt haben mussten er der
Pedant den der Gesang der menschlichen Stimme belästigte er erzählte ihr mit
seiner tiefen Stimme die der ernsten Wissenschaft mit so mächtigem Erfolge
diente eine Art Märchen ein selbsterfundenes dessen Sinn sie nicht
missverstehen konnte
    »Und denken Sie« fuhr er fort »da stand ich nun drunten im Tale und
meine Begleiter schalten den unpraktischen Professor weil er sich vollregnen
lasse während er doch unter Dach und Fach flüchten konnte Sie wussten ja nicht
dass ihn den trockenen nüchternen Doktor plötzlich eine Vision gepackt hatte
die sich weder durch kalte Regenschauer noch durch den Sturm verscheuchen ließ
 Er sah nämlich wie ein Mutiger den Wald verließ den Felsen
hinaufkletterte droben die Arme um die Tanne legte und sagte Du bist mein 
Und was geschah weiter« 
    »Ich weiß es« unterbrach ihn das Mädchen in tiefen grollenden Tönen »die
Einsame blieb sich selbst getreu und brauchte ihre Waffen«
    »Auch als sie einsah dass er sie fest und sicher an sein Herz nehmen werde
Felicitas Als sie erkannte dass sie an diesem Herzen getrost ausruhen könne von
allen Stürmen dass er sie zärtlich behüten werde wie seinen Augapfel sein
ganzes Leben lang«
    Der Erzähler hatte sich offenbar mit einer Art von Leidenschaft in das
Geschick seiner zwei Visionsgestalten versenkt denn er sprach mit zuckenden
Lippen und in seiner Stimme wurden alle jene Klänge wach die Felicitas Herz
am Krankenbett des Kindes erschüttert hatten  jetzt verhallten sie machtlos
    »Die Einsame wird erfahrungsreich genug gewesen sein zu wissen dass er ihr
ein Märchen erzählte« versetzte sie hart »Sie sagen selbst sie habe den
Sturmstössen getrotzt  nun wohl sie hatte sich selbst gestählt und brauchte
keine andere Stütze«
    Es war ihr nicht entgangen wie ihm allmählich die Farbe aus dem Gesicht
wich  er sah für wenige Sekunden erdfahl aus Es schien fast als wolle er sich
abwenden und gehen aber näherkommende Schritte wurden laut Er blieb dicht
neben Felicitas stehen und erwartete ruhig seine Mutter die am Arme der
Regierungsrätin zwischen den Taxuswänden hervortrat
    »Nun das nimm mir aber nicht übel Johannes« schalt sie »da stehst du
hältst die Karoline von der Arbeit ab und lässest uns unverantwortlich mit dem
Abendbrot warten Glaubst du denn ich liebe es wenn die Eierkuchen zu Leder
werden«
    Die Regierungsrätin ließ den Arm der Tante los und schritt über die Wiese
Sie sah bei weitem nicht so hübsch aus wie gewöhnlich die blonden Locken hingen
wild und aufgelöst an den Wangen herab welche in einem unschönen Rot glühten
aus den Taubenaugen aber sprühte es unheimlich
    »Ich habe Ihnen noch nicht einmal danken können Karoline dass Sie Aennchen
während meiner Abwesenheit beaufsichtigt haben« sagte sie Das sollte
freundlich klingen aber die sanfte Stimme verschärfte sich sie klang höher als
gewöhnlich und war dadurch schneidend »Sie stehen ja aber auch hier wie eine
Einsiedlerin unter dem abgelegenen Nussbaume  wie soll man Sie da finden« fuhr
sie fort »Haben Sie diese interessante zurückgezogene Rolle öfter gespielt
  Ich würde es dann freilich um so leichter begreifen dass ich Aennchen so
unverantwortlich vernachlässigt wiederfinden muss Ich habe Rosa bereits sehr
gescholten das Haar hat nicht die mindeste Pflege gehabt ihre Haut ist so
sonnenverbrannt dass man sie für ein Kaffernkind halten möchte und ich fürchte
sie ist überfüttert worden«
    »Hast du nicht noch einen Vorwurf für die Pflegerin Adele Besinne dich«
mahnte der Professor in vernichtendem Hohne »Vielleicht ist sie auch schuld
dass dein Kind an den Skropheln leidet möglicherweise hat sie die vielen
Gewitterregen über den Thüringer Wald geschickt die dir die Laune verdorben
haben wer weiß«  er hielt inne und wandte sich mit einer fast verächtlichen
Gebärde ab
    »Ja es ist besser du redest nicht aus Johannes« klagte die junge Witwe
mit einem krampfhaften Weinen kämpfend »Ich muss fast annehmen du weißt nicht
mehr was du mir gegenüber sprichst Ich habe Sie nicht beleidigen wollen
Karoline« wandte sie sich an das Mädchen »und damit Sie sehen dass ich nicht
den mindesten Groll gegen Sie hege oder Ihnen gar mein Vertrauen entzogen habe
will ich Sie bitten heute abend Aennchen noch einmal zu überwachen  ich fühle
mich sehr angegriffen und reisemüde«
    »Daraus wird nichts« entschied der Professor hart »Die Zeit der
grenzenlosen Aufopferung ist vorüber Du verstehst es vortrefflich Adele die
Kräfte anderer auszunützen von nun an wirst du dein Kind selbst wieder unter
deine Obhut nehmen«
    »Gut  ist mir auch recht« rief Frau Hellwig herüber »Dann mag das Mädchen
heute abend tüchtig jäten von Heinrich und Friederike kann ichs ohnehin
billigerweise nicht mehr verlangen  sie werden zu alt«
    Ein tiefes Rot lief wie eine Flamme über das Gesicht des Professors So
schwer auch seine eigenartigen Züge sich entziffern ließ in diesem Moment
zeigten sich unverkennbar Scham und Verlegenheit Vielleicht noch nie war in ihm
das Empörende der Stellung in die er selbst dies junge reichbegabte Wesen
gedrängt hatte so zum Bewusstsein gekommen wie jetzt Felicitas verließ sofort
ihren Platz unter dem Nussbaume sie wusste die wenigen Worte der Frau Hellwig
waren ein Befehl für sie dem sie ohne weiteres Folge leisten musste wenn sie
nicht eine Flut spitziger Bemerkungen hören wollte Aber der Professor trat ihr
in den Weg
    »Ich glaube ich habe hier auch noch ein Wort als Vormund mitzusprechen«
sagte er scheinbar sehr ruhig »und als solcher wünsche ich nicht dass Sie
dergleichen Arbeiten verrichten«
    »So  willst du sie etwa in den Glasschrank setzen« fragte Frau Hellwig
indem sie nun auch ihren großen Fuß auf die Wiese setzte und rascher als
gewöhnlich sich vorwärts bewegte »Sie ist genau nach deiner Vorschrift erzogen
ganz genau  Soll ich dir vielleicht deine Briefe vorzeigen in denen du
immer und immer wieder ja wirklich bis zum Überdruss wiederholst dass sie
dienen solle und müsse dass sie nicht streng und scharf genug in der Zucht
gehalten werden könne«
    »Es fällt mir nicht ein auch nur ein Jota von dem verleugnen zu wollen was
auf mein ausdrückliches Verlangen geschehen ist« entgegnete der Professor mit
dumpfer aber fester Stimme »ebensowenig kann ich mein Verfahren bereuen  es
ist damals aus reiner voller Überzeugung aus dem aufrichtigen Wunsch das
allein Zweckmässige und Vernünftige zu tun hervorgegangen aber ich werde mich
auch nie der Schwäche schuldig machen einen erkannten Irrtum eigensinnig
festzuhalten lediglich der Konsequenz halber und deshalb erkläre ich hiermit
dass ich jetzt anders denke und folglich auch anders handeln werde«
    Die Regierungsrätin bückte sich bei den letzten Worten Sie pflückte eine
einsame Kleeblume welche die Sichel verschont hatte und zerzupfte sie in
Atome Frau Hellwig aber lachte spöttisch auf
    »Mache dich nicht lächerlich Johannes« sagte sie in eisigem Hohne »In
deinen Jahren fängt man nicht noch einmal von vorn an mit seinen Grundsätzen da
müssen sie fest und hart sein sonst wirds eine Stümperei fürs ganze Leben 
Du hast übrigens nicht allein in der Sache gehandelt  ich war auch dabei und
ich sollte meinen mein ganzes Leben beweise es dass ich mit Gottes Gnade stets
das Richtige getan habe  Es sollte mir leid tun wenn jetzt noch die
Hellwigsche Schwäche auch in deinem Charakter zum Durchbruch käme dann  das
sage ich dir rundheraus  wären wir geschiedene Leute  Solange das Mädchen
noch in meinem Hause ist bleibt sie mein Dienstbote der nicht einen Augenblick
auf der faulen Bärenhaut liegen darf und damit basta  Nachher mag sie
meinetwegen nichtsnutzig werden die große Dame spielen und ihre Hände in den
Schoss legen«
    »Das wird sie nie Madame Hellwig« sagte Felicitas indem sie mit einem
flüchtigen Lächeln ihre schöngeformten aber braunen und hartgearbeiteten Hände
betrachtete »Arbeit gehört mit zu ihren Lebensbedingungen  Wollen Sie die
Güte haben mir die Beete zu bezeichnen damit ich anfangen kann«
    Der Professor welcher der herben Standrede seiner Mutter gegenüber seine
gelassene Haltung angenommen hatte wandte sich jäh um nach Felicitas und ein
tief erbitterter Blick traf ihr Auge
    »Ich verbiete es Ihnen hiermit nochmals« befahl er mit finster gerunzelten
Brauen rau und entschieden »Und wenn meine Einsprache als Vormund Ihren
unbezähmbaren Trotz nicht zu beugen vermag so appelliere ich jetzt als Arzt an
Ihre Vernunft  Sie haben sich bei Aennchens Pflege überangestrengt Ihr
ganzes Aussehen beweist es Binnen kurzem wollen Sie das Haus meiner Mutter
verlassen  es ist unsere Pflicht dafür zu sorgen dass Sie wenigstens einen
gesunden Körper in Ihren künftigen Wirkungskreis mitbringen«
    »Nun das ist doch noch ein Grund der sich hören lässt« meinte Frau
Hellwig Für ihr Ohr das bisher vergebens auf einen Tadel ihres Sohnes gewartet
hatte klangen die Worte »unbezähmbarer Trotz« offenbar wie Musik »Sie mag
meinetwegen für heute nach Hause gehen« setzte sie hinzu »obgleich ich
eigentlich nicht recht begreife wie das bisschen Pflege sie elend gemacht haben
soll Sie ist jung und hat ihr gutes Essen dabei gehabt  Da sieh dir andere
Mädchen in ihren Verhältnissen an Johannes die müssen Tag und Nacht arbeiten
und haben doch rote Backen«
    Sie nahm den Arm der jungen Witwe und ging über die Wiese zurück in der
Meinung dass ihr Sohn folge auch die Regierungsrätin vermied es offenbar aus
Trotz und Groll sich nach ihm umzusehen Anfänglich hatte es auch den Anschein
als wolle er mitgehen allein schon nach wenigen Schritten wandte er sich um
und während der letzte Schimmer des verunglückten blassblauen Reisekleides hinter
der nächsten Taxushecke verschwand schritt er langsam wieder auf den Nussbaum
zu Er blieb einige Sekunden lang schweigend neben Felicitas stehen die eben
die Bänder ihres runden Strohhutes unter dem Kinn zusammenband  Plötzlich bog
er sich nieder und sah unter die breite Hutkrempe welche Stirn und Augen des
Mädchens vollkommen bedeckte Noch war die Erbitterung in seinen Zügen
vorherrschend als jedoch ihr Auge dem seinen begegnete da schmolz sein Blick
    »Sie fühlen wohl gar nicht dass Sie mir heute sehr weh getan haben« fragte
er kopfschüttelnd und so weich als ob er zu einem Kinde spräche
    Sie schwieg
    »Felicitas es ist mir nicht möglich zu denken dass Sie zu jenen Frauen
gehören sollten denen die Bitte um Verzeihung aus einem Männermunde ein
ersehnter Genuss ist« sagte er jetzt sehr ernst und nicht ohne eine Beimischung
von Schärfe
    Sie fuhr empor Ihr weißes Gesicht mit dem wahrhaft keuschen mädchenhaft
reinen Ausdruck errötete bis über die Stirn
    »Eine solche Bitte hat in meinen Augen stets etwas Peinliches für den
Gekränkten« antwortete sie nach einer Pause in sanfterem Tone als sie gewohnt
war ihm gegenüber zu sprechen »von solchen aber denen in der Welteinrichtung
eine besondere Würde zugestanden ist möchte ich sie um keinen Preis hören 
Kinder sollen die Eltern um Verzeihung bitten aber ich kann mir den Fall nicht
umgekehrt denken Ebensowenig « sie schwieg während abermals die zarte Röte
über ihr Gesicht flog
    »Ebensowenig wollen Sie den Mann gedemütigt vor sich sehen nicht wahr
Felicitas« ergänzte er rasch den unterbrochenen Satz in seiner Stimme klang es
wie Frohlocken »Aber eine so hochherzige Anschauungsweise hat auch ihre
Konsequenzen« fuhr er nach einem momentanen Schweigen fort »Und nun seien Sie
einmal recht gut und ruhig und überlegen Sie ob es nicht die Pflicht des Weibes
ist dem Manne hilfreich die Hand zu bieten wenn er einen Irrtum ausgleichen
möchte  Halt jetzt will ich keine Antwort hören Ich sehe schon an Ihrem
Auge dass sie ganz anders ausfallen würde als ich wünsche  Ich will geduldig
warten  einmal kommt doch vielleicht eine Zeit wo die böse Tanne auf dem
Felsen ihre Waffen nicht braucht«
    Er ging Ihr Auge haftete auf dem Boden an dem Kleeblatte das seinen
Händen entglitten war und das er als Symbol des Glückes gepflückt hatte Es
lag die vier Blättchen sauber ausbreitend wie hingemalt auf den Stoppeln des
Wiesengrases  aufnehmen durfte sie es nicht  sie hatte ja nichts mit seinem
Glücke zu schaffen  aber  sie umschritt in einem weiten Bogen den kleinen
grünen Propheten  zertreten wollte sie es auch nicht
 
                                       21
Nach einer Reihe blauer Tage voll Sonnenglanz und Frühlingslust hing heute ein
bleifarbener Regenhimmel über der kleinen Stadt X er lag fest auf dem hohen
Turme der eine Art Wahrzeichen des kleinen Städtchens weiß rund und mit
einer leuchtend grünen Kuppel wie ein Spargelstengel in die Lüfte stieg Das
alte Kaufmannshaus am Markt nahm in solch trüber Beleuchtung stets den vornehm
düsteren verschlossenen Charakter jener Zeiten wieder an wo noch die Bilder
raubritterlicher Ahnen in seinen Sälen hingen und der vor einer neuen Zeit
geflüchtete Geist des Mittelalters finster und grollend in ihm hauste
    Heute hingen sämtliche Rouleaus herabgelassen hinter den Fenstern der großen
Vorderfront Die Regierungsrätin litt an einer heftigen Migräne und war
überhaupt in einer unbeschreiblichen Aufregung man hatte ihr Zimmer verdunkelt
und vermied jedes laute Geräusch Auch das Frauengesicht das jahraus jahrein
jeden Morgen pünktlich neben dem Asklepiasstocke am Fenster des Erdgeschosses
erschien ließ sich heute nicht sehen Der graue Himmel droben war eine schlimme
Vorbedeutung für den Tag der in der Tat einer der grauesten missfarbigsten im
Leben der großen Frau werden sollte  es war der Tag der Testamentseröffnung
Mit völliger Übergehung ihrer Person waren nur ihre beiden Söhne und der
Hausknecht Heinrich auf das Justizamt beschieden worden aber sie vertrat ihren
abwesenden Sohn Nathanael und musste deshalb der Eröffnung beiwohnen
    Gegen Mittag kehrte sie in Begleitung des Professors über den Markt zurück
Heinrich folgte in bescheidener Entfernung  Sterbefälle und gefährliche
Krankheiten im Kreis ihrer Angehörigen waren einflusslos auf die marmorharten
Züge der großen Frau geblieben ihr starker Geist der sich nicht beugen ließ
ihre tiefe Frömmigkeit die sich stets tränenlos dergleichen Heimsuchungen
gefügt hatte waren gar oft mancher schwachen verzagenden Frauen und
Mutterseele als erhebendes Vorbild hingestellt worden  Heute nun hatte die
kleine Stadt das ungewohnte Schauspiel dies Muster unerschütterlicher
Charakterstärke aus dem Geleise weichen zu sehen Auf den Wangen der stattlichen
Frau lag eine verräterische Glut innerer Aufregung ihr feierlich gemessener
stets im Kirchenstil gehaltener Gang zeigte Hast und Eile und wenn sie auch nur
leise in ihren schweigend neben ihr herschreitenden Sohn hineinsprach so ließ
sich doch nicht verkennen dass es heftige Worte waren die sie flüsterte
    Die Regierungsrätin hatte trotz ihrer Kopfschmerzen jedenfalls hinter einem
der Rouleaus auf der Lauer gestanden und die Zurückkehrenden erwartet denn als
sie die Hausflur betraten kam die junge Witwe zwar mit erdfahlen Wangen und
eingesunkenen Augen aber trotzdem in äußerst geschmackvoller Morgentoilette die
Treppe herab um nach dem Ergebnis zu fragen Sie traten zusammen in das
Wohnzimmer
    »Nun gratuliere uns doch Adele« rief die große Frau tief erbittert und
maliziös auflachend »Zweiundvierzigtausend Taler Barvermögen ist da und die
Familie Hellwig der das Geld von Gott und Rechts wegen gehört kriegt keinen
Groschen  Dies Testament ist das hirnverrückteste Machwerk das sich denken
lässt aber man darf um Gottes willen mit keinem Finger daran rühren und muss sich
dies himmelschreiende Unrecht ruhig gefallen lassen  Da sieht man wohin es
führt wenn die Männer Schlafmützen sind wäre ich Chef des Hauses gewesen mir
hätte das nun und nimmer passieren dürfen  Ich begreife nicht wie mein
seliger Mann ohne die mindeste Sicherheit in der Tasche die alte Person unter
dem Dache so ohne alle Aufsicht hat schalten und walten lassen«
    Der Professor war die Hände auf den Rücken gelegt schweigend hin und
wieder gegangen Auf seiner Stirne lag eine düstere Wolke und unter den
gefurchten Brauen hervor zuckten Blitze der Entrüstung nach seiner Mutter
hinüber Jetzt blieb er vor ihr stehen
    »Wer hat es denn durchgesetzt dass die alte Tante hinauf unter das Dach
verwiesen worden ist« fragte er ernst und nachdrücklich »Wer hat den damaligen
Chef des Hauses meinen Vater in seiner Abneigung gegen sie bestärkt und wer
ist unerbittlich streng gegen eine Annäherung der alten Verwandten an uns Kinder
gewesen  Das warst du Mutter  Wenn du erben wolltest dann musstest du
ganz anders handeln«
    »Nun du meinst doch nicht etwa ich hätte mich zu ihr auf einen guten Fuß
stellen sollen Ich die ich im Herrn gewandelt bin mein lebenlang und diese
schuldbeladene Person die den Sonntag enteiligte die nie im wahren Glauben
gelebt hat  sie wird jetzt wissen dass sie vor dem Angesicht des Herrn auf
ewig verstoßen ist  Nein dazu hätte mich keine Macht der Erde gebracht 
Aber sie musste für unzurechnungsfähig erklärt und unter Kuratel gestellt werden
und dazu hätten deinem Vater tausend Mittel und Wege zu Gebote gestanden«
    Das Gesicht des Professors wurde ganz blass er warf einen tief erschrockenen
Blick auf seine Mutter dann nahm er stillschweigend seinen Hut und ging hinaus
 Er hatte eben in einen Abgrund geblickt  Und dieser starre
Buchstabenglaube dieser entsetzliche christliche Hochmut unter welchem ein
bodenloser Egoismus mit dem Anschein vollster Berechtigung wuchern durfte sie
waren ihm viele Jahre lang ein Glorienschein gewesen der das Haupt seiner
Mutter umstrahlt hatte  Das war der Frauencharakter den er so lange als das
Urbild der Weiblichkeit festgehalten Er musste sich eingestehen dass er einst
auf demselben Boden gestanden wie seine Mutter und der Führer seiner Jugend
ja sie hatten ihm kaum genug getan in Unduldsamkeit und Glaubensstrenge auch
er war damals ein rastloser Kämpfer gewesen um diese Partei zu einer mächtigen
zu machen er hatte um Seelen geworben und sie in sein Bereich zu ziehen
gesucht in der starren Überzeugung dass er sie dem ewigen Heil zuführe  Und
jene arme schuldlose Waise mit dem Köpfchen voll klarer idealer Gedanken mit
dem stolzen rechtschaffenen tiefsinnigen Gemüt  er hatte sie mit harter Hand
gepackt und in jene lichtlose tödlich kalte Region gestoßen  Wie musste sie
gelitten haben die süße Nachtigall unter  den Raben  Er legte die Hand
über die Augen als ob ihm schwindle stieg langsam die Treppe hinauf und
verschloss sich in sein einsames Studierzimmer
    Während dieser Verhandlungen im Wohnzimmer spielte in der Gesindestube des
Hellwigschen Hauses eine ähnliche Szene der Aufregung und Entrüstung Die alte
Köchin lief mit fliegenden Haubenbändern auf und ab als werde sie gejagt
Heinrich aber stand vor dieser weiblichen Gemütsbewegung unerschütterlich wie
der Fels am Meere Er war im Sonntagsstaat und sein Gesicht zeigte ein
seltsames Gemisch von Freude Wehmut und Laune
    »Du musst nicht etwa denken dass ich neidisch bin Heinrich das wär ja
unchristlich« rief Friederike »Ich gönn dirs wirklich  Zweitausend
Taler« Sie schlug die Hände zusammen rang sie und ließ sie zusammengefaltet
wieder sinken »Du hast mehr Glück als Verstand Heinrich  Du lieber Gott
was hab ich mich geplagt mein lebenlang wie bin ich fleißig in die Kirche
gegangen im Winter in der strengsten Kälte wie hab ich zum lieben Gott
gebetet er solle mich doch auch einmal so glücklich machen  nichts gar nichts
hat mirs geholfen und dem Menschen da fällt so ein unmenschliches Glück zu
 Zweitausend Taler das ist ja ein Heidengeld Heinrich  Aber eines will
mir dabei noch nicht recht in den Kopf  kannst du denn das Geld auch mit gutem
Gewissenannehmen Eigentlich durfte dir die alte Mamsell keinen Pfennig
vermachen denn was da ist gehört von Gott und Rechts wegen unserer Herrschaft
 Wenn mans recht bei Licht besieht stiehlst du ja förmlich das Geld
Heinrich ich weiß doch nicht was ich an deiner Stelle täte «
    »Ich nehms ich nehms Friederike« sagte Heinrich in völliger Gemütsruhe
    Die alte Köchin lief in die Küche und schlug krachend die Tür hinter sich
zu
    Das Testament der alten Mamsell das so heftige Stürme im alten
Kaufmannshause hervorrief war bereits vor zehn Jahren auf dem Justizamte
niedergelegt worden Es lautete von der Testatorin selbst aufgesetzt nach dem
üblichen Eingange im wesentlichen folgendermaßen
    »1 Im Jahre 1633 hat Lutz von Hirschsprung ein Sohn des von schwedischen
Soldaten ermordeten Adrian von Hirschsprung die Stadt X verlassen um sich
anderweitig anzusiedeln Dieser Seitenlinie des hier erloschenen alten
türingischen Rittergeschlechts vermache ich
    a dreissigtausend Taler aus meinem Barvermögen
    b das goldene Armband in dessen Mitte einige altdeutsche Verse umgeben
von einem Blumenkranze eingraviert sind
    c das Bachsche Opernmanuskript es ist meiner Handschriftensammlung
berühmter Komponisten einverleibt liegt in der Mappe Nr 1 und trägt den Namen
Gottelf von Hirschsprung
    Ich ersuche hiermit die wohllöbliche Justizbehörde sofort einen
nötigenfalls wiederholten öffentlichen Aufruf an etwaig existierende Abkömmlinge
besagter Seitenlinie ergehen zu lassen Sollte sich jedoch binnen Jahresfrist
kein Ansprucherhebender melden so ist es mein Wunsch und Wille dass das Kapital
von dreissigtausend Talern nebst Erlös von dem zu verkaufenden Armbande und dem
ebenfalls zu veräussernden Opernmanuskripte dem wohllöblichen Magistrate der
Stadt X übergeben werde und stifte ich hiermit genanntes Kapital als Fonds zu
folgendem Zwecke
    2 Die Zinsen des sicher anzulegenden Kapitals sollen für alle Zeiten
alljährlich zu gleichen Teilen an acht Lehrer der gesamten öffentlichen
Unterrichtsanstalten in X verabfolgt werden und zwar in der Weise dass in
regelmässiger Abwechselung keiner der Herren bevorzugt oder übergangen werde
Direktoren und Professoren haben keinen Anspruch
    Ich gründe diese Stiftung in dem festen Glauben dass ich ebenso gemeinnützig
testiere als wenn ich eine öffentliche wohltätige Anstalt ins Leben rufe Noch
ist der Lehrerstand das Stiefkind des Staates noch sind die Männer deren
Wirken einen gewaltigen Stein in der Basis der Volkswohlfahrt bildet quälenden
pekuniären Sorgen ausgesetzt während an ihren geistigen Anstrengungen Millionen
sich bereichern Möchten auch andere ihre Augen auf diesen Schatten in unserer
hellen fortschreitenden Zeit richten und einen Beruf heben und stützen dessen
hohe Bedeutung noch von so vielen unterschätzt wird
    3 Mein sämtliches Silberzeug und alles was ich an Schmuck besitze mit
Ausnahme obigen Armbandes fällt an den derzeitigen Chef des Hauses Hellwig
zurück als alter Familienbesitz der nicht in fremde Hände kommen soll
desgleichen alles was ich an Betten Wäsche und Möbeln hinterlasse
    4 Meine Handschriftensammlung berühmter Komponisten mit Ausnahme des
berühmten Bachschen Opernmanuskriptes soll von Gerichts wegen verkauft werden
Den Betrag der Verkaufssumme bestimme ich meinen beiden Grossneffen Johannes und
Nathanael Hellwig in Anbetracht dass ich stets beklagt habe ihnen nie zu
Weihnachten etwas bescheren zu dürfen«
    Es folgten noch Legate an viele arme Handwerker und dergleichen mehr im
Betrage von zwölftausend Talern worunter Heinrich mit zweitausend und die
Aufwartefrau mit eintausend Talern bedacht waren
    Heinrich hatte Felicitas den Inhalt des Testamentes mitgeteilt so gut er es
eben vermochte Der Ort wo die alte Mamsell das Silber aufbewahrt hatte war
also nicht näher bezeichnet das ging aus seiner Mitteilung hervor Das junge
Mädchen frohlockte Wenn das Geheimfach nicht durch irgend einen Zufall entdeckt
wurde dann war es in ihre Hände gegeben den grauen Kasten zu vernichten ohne
dass ihn das Auge irgend eines anderen Sterblichen erblickte
    »Siehst du Feechen das verwinde ich in meinem ganzen Leben nicht« sagte
Heinrich traurig  sie saßen allein zusammen in der Gesindestube  »du sollst
nun einmal zu nichts kommen in der Welt Hätte die alte Mamsell nur noch
vierundzwanzig Stunden gelebt da war das alte Testament jetzt umgestossen und
du hättest das unmenschlich viele Geld gekriegt  sie hatte dich gar lieb«
    Felicitas lächelte Der ganze Jugendmut der sich seiner Kraft bewusst ist
dem nichts ferner liegt als das Ringen um schnöden Gelderwerb die Sorge um
hilflose alte Tage  lag in diesem Lächeln
    »Es ist ganz gut so Heinrich« entgegnete sie »Alle die Armen die bedacht
worden sind brauchen das Geld viel nötiger als ich und bei der Verfügung über
das Hauptkapital hat die Tante jedenfalls ihre sehr gewichtigen Gründe gehabt
die sie ohne Zweifel auch bei Abfassung eines späteren Testaments festgehalten
haben würde«
    »Ja ja mit den Hirschsprungs muss es doch sein eigenes Bewenden gehabt
haben« meinte Heinrich nachdenklich »Der alte Hirschsprung auf den kann ich
mich noch ganz gut besinnen er war ein Schuhmacher und hat mir meine
allerersten Stiefel gemacht  so was vergisst sich nicht Er wohnte oben in der
Gasse gleich neben unserem Hause und da hats denn die Nachbarschaft gemacht
dass sein Junge und die alte Mamsell als Kinder miteinander gespielt haben Der
Junge ist später ein Student geworden und soll der alten Mamsell ihr Liebster
gewesen sein  so sagen die Leute Sie erzählen auch noch immer  und das wurmt
mich am allermeisten  die Liebschaft eben wär dem alten Herrn Hellwig ihrem
Vater sein Grab gewesen Er hätte sie nicht leiden wollen und einmal wär er
mit der alten Mamsell so hart zusammengekommen und sie hätte ihn dermaßen
geärgert dass er auf der Stelle tot umgefallen sei  wenns wahr ist ich
glaubs nicht  Gleich nachher soll die alte Mamsell nach Leipzig gereist
sein der Student hat das Nervenfieber gehabt und sie ist bei ihm geblieben und
hat ihn gepflegt bis zum letzten Augenblick Darüber sind die Verwandten
vollends wütend geworden sie haben sie ein liederliches Weibsbild geschimpft
sie ist verstoßen worden und das haben die Leute in X gleich nachgemacht und
kein Mensch hat sie auch nur angesehen wie sie endlich wiedergekommen ist 
Mag das nun alles sein wies will  es kommt mir doch kurios vor dass da Leute
erben sollen die vor vielen vielen Jahren ausgewandert sind  die waren ja mit
dem Studenten schon längst gar nicht mehr verwandt  das mache mir einer klar«
    Am darauffolgenden Tage wurden in der Mansardenwohnung die Gerichtssiegel
abgenommen
    Es waren unheimliche Tage die auf den Akt der Entsiegelung folgten Die
einförmig graue unbewegliche Wolkenschicht am Himmel schien unerschöpflich Tag
und Nacht plätscherte es auf Dächer und Strassenpflaster und aus den
Drachenköpfen am alten Kaufmannshause schossen die Wasserstrahlen in mächtigen
Bogen hinunter auf den Marktplatz Sie sahen grimmiger aus als je diese
metallenen weit aufgerissenen Rachen am Dache der missfarbene Gischt der
drunten zwischen den Pflastersteinen zerschellend aufsprjetzte schien eitel Gift
und Galle sie hatten aber auch viele Jahre hindurch gesehen wie die Schätze im
alten Hause sich mehrten und aufspeicherten wie stets ein Geldstrom
hineingeflossen war von dem die Welt nur ein schwaches streng überwachtes
Bächlein zurückempfing und nun geschah das Unerhörte  ein bedeutendes Vermögen
ging aus diesem Hause hinaus ins Weite und weder die eisenfesten Mauern noch
die Frau mit den eisenharten Zügen neben dem Asklepiasstock vermochten es
zurückzuhalten
    Felicitas hatte sich während der Regentage in die Kammer neben der
Gesindestube zurückgezogen Sie war ohne Zweifel auf den ausdrücklichen Befehl
des Professors noch immer von den schweren Hausarbeiten dispensiert Dagegen
saß sie in hohe Stöße alten Leinenzeugs förmlich vergraben sie musste
ausbessern denn ganz umsonst sollte sie ihr Brot doch nicht essen
    Draußen im Hofe rauschte eintönig der ferne Brunnen der Regen fiel
unermüdlich in regelmäßigen Taktschlägen klatschend auf die breiten Blätter des
Huflattichs der in einer feuchten Ecke wucherte bisweilen scholl das Krähen
der Hähne aus dem Geflügelhof herüber oder der graue Ton den das farblose
matte Tageslicht über alle Gegenstände hauchte wurde unterbrochen durch
einzelne hereinfliegende Tauben die auf den triefenden Simsen ihr
hellleuchtendes Gefieder vollregnen ließ Licht Geräusch und Bewegung alles
erschien gedämpft und gedrückt und diese Apathie erstreckte sich scheinbar auch
über das bleiche Mädchen im Bogenfenster Zwar hob und senkte sich die Hand mit
dem Fingerhut unablässig und taktmässig aber das herrliche Profil neigte sich in
fast eherner Unbeweglichkeit über die Arbeit Das Leben mit seinen furchtbaren
Erschütterungen hatte bis jetzt vergebens versucht den Stempel des Leidens und
der Ergebung in diese Züge zu graben  sie waren nur immer bleicher geworden es
hatte den Anschein als wollten sie in dem Ausdruck eines ungebrochenen Geistes
einer zähen Widerstandsfähigkeit allmählich erstarren
    Allein unter dem groben dunklen Stoffe der die zarte Büste umschloss
klopfte ein tief beunruhigtes Herz und während die Hand mechanisch allerlei
Schäden zudeckte und ausglich zermarterte sich der Geist über die mögliche
Lösung schwerer Aufgaben und der damit verbundenen Konflikte  Auch die
Behörde hatte vergebens nach dem Silberzeug und dem Schmuck der alten Mamsell
gesucht Anfänglich war dies Ergebnis von beschwichtigender Wirkung auf das
angstvoll erregte Gemüt des jungen Mädchens gewesen seit jenem Augenblick
jedoch ging Heinrich verstört und in unbeschreiblicher Aufregung umher Frau
Hellwig hatte der Kommission gegenüber mit sehr zweideutigen Blicken nach dem
Hausknecht betont dass er und die Aufwartefrau seit vielen Jahren allein bei der
alten Mamsell aus und ein gegangen und auf diese einer Anklage sehr ähnliche
Aussage der gestrengen Frau hatte man den ehrlichen Burschen ohne weiteres und
in durchaus nicht schonungsvoller Weise ins Verhör genommen Er war außer sich
 Welche Qual für Felicitas den bitteren Jammer dieses alten treuen Freundes
mit ansehen zu müssen ohne dass auch nur eine Andeutung des Geheimnisses über
ihre Lippen schlüpfen durfte So ruhig und besonnen er sich sonst auch in allen
Lebenslagen erwiesen dieser Verdächtigung stand er geradezu fassungslos
gegenüber das junge Mädchen fürchtete mit Recht er werde in dem
unwiderstehlichen Drange die abscheuliche Beschuldigung abzuschütteln hastig
und unvorsichtig sein und hier war gerade die äußerste Vorsicht und
Beharrlichkeit nötig um das Geheimnis der alten Mamsell zu retten
    Es war jetzt doppelt schwierig in die Mansardenwohnung zu gelangen Der
Professor hatte am Tage der Entsiegelung aufs höchste überrascht die Zimmer der
geheimnisvollen alten Tante durchschritten und dieselben sofort als Chef des
Hauses förmlich mit Beschlag belegt Möglich dass ihm angesichts der originellen
und sinnigen Ausstattung der Räume plötzlich ein Licht aufgegangen war über den
Geist und das Wesen der einsamen Verbannten Nicht ein Möbel durfte von seiner
Stelle gerückt werden und er war zornig geworden als die Regierungsrätin vor
seinen Augen eine Nadel aus einem Stecknadelkissen gezogen hatte
    Es schien als wolle er den Rest seines Aufenthaltes im mütterlichen Hause
da oben unter dem Dache zubringen Er kam nur zur Essenszeit in das Wohnzimmer
des Erdgeschosses und dann stets mit einem »brummigen Gesicht« wie Friederike
sagte Aber auch die Regierungsrätin hatte eine Art Leidenschaft für das
»reizend stille Asyl« erfasst sie erbat es sich als eine besondere Gunst von
ihrem Vetter sich öfter in der Mansardenwohnung aufhalten zu dürfen Rosa musste
die Fussböden reinigen und die junge Witwe wischte mit höchsteigenen zarten
Händen den Staub von den Möbeln Tante Kordulas Zimmer standen somit nicht einen
Augenblick unbewacht zudem hatte der Professor das altväterische unbequeme
Schloss an der gemalten Tür entfernen und durch ein neues ersetzen lassen 
Felicitas Schlüssel war völlig unbrauchbar geworden  sie war jetzt lediglich
auf den Weg über die Dächer angewiesen
    Bei dem Gedanken dass sie gezwungen sei wie ein lichtscheuer Verbrecher in
festverschlossene Räume zu dringen schüttelte sie sich stets vor Abscheu und
Aufregung dies Lauern auf den ersten unbewachten Moment wo der ahnungslose
Bewohner sich entfernt haben würde war ihr entsetzlich Nichtsdestoweniger
behielt sie ihr Ziel fest im Auge und es konnte sie plötzlich ein heißer
Angstschauer überlaufen wenn ihr einfiel dass die Zeit welche ihr noch zur
Erfüllung ihrer Aufgabe verblieb bereits auf zwei Wochen zusammengeschmolzen
war
    Endlich waren die Regentage vorüber Ein Stück klaren blauen Himmels hing
über dem Viereck des Hofes der Lattich trocknete seine gründlich gewaschenen
Blätter in einem herbkräftigen frischen Luftauche emsig flogen die Schwalben
deren zahllose Nester an den Dächern und Fenstersimsen der Gebäude hingen aus
und ein und ihr kleiner blauer Rücken funkelte förmlich in dem neuen warmen
Sonnenlichte Das war ein Tag der ins Freie lockte Vielleicht wurde heute
draußen im Garten gegessen und dann  war der Weg über die Dächer frei Diese
Hoffnung Felicitas erfüllte sich jedoch nicht Gleich nach Tische kam Rosa an
das Bogenfenster und brachte ihr die Weisung mit Aennchen in den Garten zu
gehen der Herr Professor habe es dem Kinde versprochen Später werde die
Herrschaft nachfolgen und das Abendbrot draußen einnehmen
    Da schritt nun Felicitas die kleine Anna an der Hand »auf Befehl« durch
den einsamen Garten Statt der Dachziegel oder des Bretterfussbodens der luftigen
Galerie hatte sie den Kies der sonnenbeschienenen Gartenwege unter den Füßen 
Während der Regenzeit hatten Tausende von Rosen ihre Kelche geöffnet Auf dem
eleganten Rasenrunde des Vordergartens standen hohe Stockrosen der dunkle Samt
ihrer Blüten schwebte hoch und unnahbar über den demütigen Gräsern wie ein
Königspurpur über dem Volke aber im Gras und Gemüsegarten da war das niedrige
Zentifoliengesträuch minder vornehm die prachtvollen strotzenden Kelche mit
dem glühroten süßen Munde wiegten sich zutraulich neben dem dickköpfigen
Kohlrabi und ihr berauschender Duft floss mit dem kräftigen aber gemeinen
Geruch der Dill und Schnittlauchbeete ineinander
    Felicitas strich mit gesenktem Haupte an der Blütenpracht vorüber und das
gutmütige Kind schwankte schwerfällig nebenher der kleine Mund schwieg kein
Geplauder störte das Nachsinnen des jungen Mädchens Sie dachte mit einer Art
von wildem brennendem Schmerz an die Rosenzeit vergangener Jahre  da hatten
die Rosen doch anders geleuchtet und geduftet als Tante Kordulas klare
liebestrahlende Augen noch nicht erloschen waren als sie noch in stillen
Sonntagnachmittagsstunden neben der bebewegungslos aufhorchenden Schülerin im
Vorbau sitzend mit ihrer ausdrucksvollen Stimme begeistert aus den Klassikern
vorlas während von der Galerie die betäubenden Duftwogen hereinquollen und weit
draußen das grüne Thüringer Land sich hinstreckte  Da war auch allmählich das
süße Heimatgefühl in der Seele des jungen Mädchens gewachsen sie hatte sich zu
Hause gewusst in den friedlichen trauten Räumen beschützt und geleitet von
einer treumütterlichen Liebe sie war wenn auch nur auf einige Stunden frei
gewesen ungefesselt in ihren Bewegungen in den Anschauungen und Betrachtungen
die sich auf ihre Lippen drängten  darum wohl auch hatten die Rosen anders
geleuchtet und geduftet und die Welt war sonniger gewesen 
    Sie hob den Kopf und sah über den Zaun in den Nachbargarten Dort schimmerte
das weiße Häubchen der Hofrätin Frank Die alte Dame saß mit ihrem Sohne am
Kaffeetische er las ihr vor während sie behaglich in einen Fauteuil
zurückgelehnt die blitzenden Stricknadeln durch ihre Finger gleiten ließ Das
sah auch heimisch und friedlich aus Felicitas sagte sich selbst dass sie auch
unter jenen Menschen in einem gewissen Grade frei sein werde dass sie im Verkehr
mit ihnen die so human und hochgebildet geistig fortschreiten müsse auf
keinen Fall war sie in den neuen Verhältnissen der Automat der »auf Befehl«
gehen und die Hände rühren musste während Augen und Lippen nie das Vorhandensein
eines lebhaften selbständigen Geistes verraten durften
    Trotz dieser Gedanken wurde es nicht heller in ihr Es hatte schon vor Tante
Kordulas Tode ein Etwas in ihrer Seele gelegen über das sie selbst nicht klar
werden konnte  eine dunkle Qual die bei näherer Besichtigung zurückwich wie
ein Phantom  nur eines stand fest diese Stimmung hing mit der Anwesenheit
ihres einstigen Peinigers zusammen Wohl war sie vor seiner Ankunft der
Überzeugung gewesen seine persönliche Erscheinung werde ihren Groll ihre
Erbitterung noch verschärfen aber dass diese Empfindungen so mächtig und in fast
rätselhafter Weise verdunkelnd auf ihr ganzes übriges Seelenleben zurückwirken
würden das hatte sie nicht geahnt
    Dann und wann drang die erhobene Stimme des Vorlesers über den Zaun herüber
 es lag viel Wohllaut in den Klängen aber sie besaßen doch nicht das Markige
die Modulation welche das einst so eintönige Organ des Professors mit den
Jahren in so auffallender Weise angenommen hatte  Felicitas schüttelte
unwillig den Kopf und warf ihn zurück  woher kam ihr nur der Vergleich  Sie
zwang ihre Gedanken sofort in eine andere Bahn auf ein Thema das allerdings
nahe lag und welches seit der Testamentseröffnung sehr oft Gegenstand ihres
Nachdenkens war Das Gericht hatte den Rechtsanwalt Frank zum Kurator für die
mutmasslich existierenden Hirschsprungschen Erben ernannt Seit zwei Tagen
bereits durchlief ein Aufruf die Zeitungen Felicitas harrte mit einer fast
leidenschaftlichen Spannung auf den Erfolg  ihr brachte er möglicherweise
bittere Schmerzen Meldete sich die Familie Hirschsprung in Kiel auf diesen
Aufruf der eine reiche Erbschaft verhieß so bestätigte sich die Vermutung dass
die Spielersfrau eine Ausgestossene gewesen war  Was aber mussten das für
Menschen sein in deren Augen ein Familienglied selbst durch ein so tragisches
erschütterndes Ende nicht hatte entsühnt werden können Felicitas knüpfte
deshalb nicht einen einzigen hoffenden Gedanken an das mögliche Auftreten naher
Anverwandten sie wollte ihnen gegenüber auch nie das Dunkel der Verborgenheit
verlassen dennoch schlug ihr Herz heftig bei der Vorstellung dass ein Tag
kommen könne wo die grausamen Grosseltern ahnungslos dem schweigenden Enkelkinde
begegnen würden
    Die Hofrätin Frank hatte Felicitas am Zaune bemerkt Sie stand auf und kam
in Begleitung ihres Sohnes herüber Beide begrüßten das junge Mädchen sehr
herzlich und der Rechtsanwalt sprach seine Freude darüber aus demnächst als
Hausgenosse mit ihr verkehren zu dürfen Damit leitete er leicht und ungezwungen
ein längeres Gespräch ein Den formgewandten Weltmann überkam es fast wie eine
ungewohnte Verlegenheit dem tiefernsten Mädchen gegenüber das so ruhig und
unbefangen in sein Auge sah und in merkwürdig klarer und bestimmter Weise
ungewöhnliche Gedanken zum Ausdruck brachte Sie unterhielten sich lange und
eingehend und das Gespräch berührte die verschiedenartigsten Temen
Schließlich erkundigte sich die Hofrätin nach Aennchen Felicitas nahm das Kind
auf den Arm und deutete mit frohem Lächeln auf den Anhauch einer frischen
gesunden Röte welche die früher so fahlen Wangen der Kleinen bedeckte
    Beim Auseinandergehen reichte die alte Dame Felicitas die Hand auch ihr
Sohn streckte die Rechte über den Zaun herüber und das junge Mädchen legte
unbedenklich und freundlich die ihre hinein  In dem Augenblick knarrte die
Gartentür und der Professor trat auf die Schwelle Er blieb einige Sekunden wie
angewurzelt stehen dann griff er langsam nach dem Hute und grüßte herüber 
Felicitas sah wie ihm eine jähe tiefe Röte über das Gesicht flog  Der
Rechtsanwalt öffnete die Lippen um ihn anzurufen aber er wandte rasch den Kopf
nach der entgegengesetzten Seite und ging in das Gartenhaus
    »Nun das war wieder einmal ein echter zerstreuter Professorengruss« sagte
der junge Frank lachend zu seiner Mutter »Der gute Johannes hat offenbar irgend
einen unglücklichen Patienten in effigie unter dem Messer und in solchen
Augenblicken kennt er seine besten Freunde nicht«
    Mutter und Sohn kehrten an den Kaffeetisch zurück und Felicitas suchte
Schutz und Schatten im Grasgarten
 
                                       22
Die riesigen grünen Schirme des Taxus waren eine vortreffliche Schutzmauer gegen
die Sonne den Wind welcher seit kurzem ziemlich heftig über den weiten
Kiesplatz fegte  und gegen strafende Blicke die möglicherweise aus dem
Gartenhause herüberfliegen konnten  Felicitas kannte das Gesicht des
Professors viel zu gut um nicht zu wissen dass er vorhin ärgerlich und gereizt
nicht aber zerstreut gewesen war sie meinte sogar auch den Grund seines Unmuts
zu kennen Er verlangte bezüglich seiner ärztlichen Maßregeln stets einen
unbedingten Gehorsam und nach allem was Rosa über seine Bonner Praxis erzählt
hatte war er gewohnt seinen Wunsch und Willen stets streng respektiert zu
sehen  er hatte Felicitas mehrmals zuletzt sogar mit großer Ungeduld das
Tragen Aennchens untersagt und heute musste er abermals sehen dass sie sein
Verbot missachte  So nur konnte sie sich seinen Blick voll ärgerlicher
Überraschung erklären den er ihr beim Eintreten in den Garten zugeworfen
hatte
    Felicitas setzte sich auf eine Bank des weit abgelegenen Dammes Eine
einsame Hängebirke erhob hier ihren feinen weißen Stamm und ließ die elastischen
Zweige zum Teil laubenartig über die Bank fallen An dieser geschützten Stelle
strich der Wind fast unmerklich hin manchmal zitterten die Gräser auf wie im
tieferen Atemholen und die Birkenzweige schüttelten sich leise Der Mühlbach
aber durch die Regenfluten stark angeschwollen schoss brausend vorüber  ein
gurgelndes missfarbenes Gewässer das heimtückisch an den Haselbüschen des Ufers
riss und wühlte
    Das Kind pflückte mit unbeholfenen Fingerchen Wiesenblumen und Felicitas
musste die armen meist nahe am Kelch abgerissenen Dinger zu einem kurzstieligen
Sträusschen für »den Onkel Professor« zusammenbinden Dies mühsame Geschäft
erforderte Ausdauer und Aufmerksamkeit Felicitas heftete ihre Augen unablässig
auf das werdende Bouquet in ihren Händen  sie sah nicht wie der Professor
zwischen den Taxuswänden hervortrat und über den großen Rasenplatz rasch auf sie
zuschritt Ein Ausruf Aennchens schreckte sie endlich auf allein da stand er
auch schon neben ihr Sie wollte sich erheben er fasste jedoch sanft ihren Arm
und drückte sie auf die Bank nieder  dann setzte er sich ohne weiteres neben
sie
    Es geschah zum erstenmal dass sie ihm gegenüber einen Moment völlig
fassungslos war Noch vor vier Wochen würde sie entschieden voll Abscheu seine
Hand zurückgestoßen und sich sofort entfernt haben  jetzt saß sie wie gelähmt
da willenlos als stehe sie unter dem Banne eines Zaubers Es verdross sie dass
er seit kurzem einen so vertraulich unbefangenen Ton gegen sie annahm  sie
wünschte nichts sehnlicher als ihn zu überzeugen dass sie genau wie ehedem
ihn hasse verabscheue bis zum Sterben allein plötzlich fand sie weder Mut noch
Worte ihm dies auszusprechen Ihr scheuer Blick streifte seine Züge  sie sahen
nichts weniger als zornig oder verdrießlich aus die auffallende Röte war
verflogen  Felicitas grollte mit sich selbst weil sie sich eingestehen musste
dass ihr dies unschöne Gesicht in seiner Kraft und Entschlossenheit wider Willen
imponiere
    Er saß einige Sekunden ohne zu sprechen neben ihr sie fühlte mehr als
sie sehen konnte dass sein Blick unverwandt auf ihr ruhe
    »Tun Sie mir den Gefallen Felicitas und nehmen Sie das abscheuliche Ding
da vom Kopfe« unterbrach er endlich das Schweigen auch seine Stimme klang
ruhig fast heiter und ohne die Zustimmung des jungen Mädchens abzuwarten
fasste er leicht die Krempe ihres Hutes und schleuderte dies allerdings sehr
hässliche abgetragene Exemplar verächtlich auf den Rasen Ein Sonnenstrahl der
durch das leichtbewegliche Birkenlaub schlüpfend bisher über das schwarze
Strohgeflecht gegaukelt war lag jetzt auf dem kastanienfarbenen Haar des
Mädchens  ein Streifen flimmerte auf wie gesponnenes Gold
    »So  nun kann ich doch sehen wie Ihnen die bösen Gedanken hinter der
Stirne arbeiten« sagte er mit dem schwachen Anfluge eines Lächelns »Ein Kampf
im Dunkel hat für mich Unheimliches  ich muss meinen Gegner sehen können und
dass ichs hier«  er deutete auf ihre Stirne  »mit einem sehr schlimmen zu tun
haben werde weiß ich«
    Wo wollte er hinaus mit dieser seltsamen Einleitung Vielleicht erwartete er
irgend eine Antwort von ihr allein sie schwieg beharrlich Ihre Finger packten
ohne jedwede Symmetrie alle die Butterblumen Massliebchen und Grashalme
nebeneinander die das Kind unverdrossen immer wieder herbeitrug  Diese
kleinen Hände da die sich nicht stören ließ in der einmal begonnenen Aufgabe
hatten während der mehrtägigen Zurückgezogenheit im Zimmer viel von ihrer
braunen Farbe verloren sie sahen fast rosig aus Der Professor griff plötzlich
nach der Rechten des jungen Mädchens wandte sie um und betrachtete die innere
Fläche  da waren freilich Spuren die sich nicht so rasch verwischen ließ
harte Schwielen bedeckten die Haut Das Mädchen das auf den ausdrücklichen
Befehl seines unerbittlichen Vormunds zur Dienstbarkeit erzogen worden war
hatte sich wacker auf diese Lebensstellung vorbereitet das ließ sich nicht
ableugnen
    Obgleich bei dieser Prüfung eine tiefe Röte über Felicitas Gesicht flog 
auf sehr fein empfindende Naturen macht das aufmerksame Betrachten der inneren
Handfläche fast denselben Eindruck als wenn die Gesichtszüge stark fixiert
werden  fand sie doch gerade in diesem Augenblick ihre ganze frühere
geschlossene Haltung wieder Sie sah mit einer ruhigen Wendung des Kopfes empor
und er ließ langsam ihre Hand sinken  dann rieb er sich mehrmals die Stirne
als gälte es für einen schwierigen Gedanken den Ausdruck zu finden
    »Sie sind gern in die Schule gegangen nicht wahr« fragte er plötzlich
»Geistige Beschäftigung macht Ihnen Vergnügen«
    »Ja« entgegnete sie überrascht Die Frage klang eigentümlich  sie war
förmlich vom Zaune gebrochen Eigentlich diplomatische Wendungen lagen aber auch
durchaus nicht in der Natur dieses Mannes so sehr er auch sonst die Sprache in
seiner Gewalt hatte
    »Nun gut« fuhr er fort »Sie werden ohne Zweifel noch wissen was ich Ihnen
neulich zu bedenken gegeben habe«
    »Ich weiß es noch«
    »Und sind natürlich zu der Ansicht gekommen dass es die Pflicht des Weibes
ist den Mann treulich zu unterstützen wenn er einen Irrtum gut machen möchte«
Er stützte die Hand auf das Knie bog sich vor und sah gespannt in ihr Gesicht
    »So unbedingt nicht« versetzte sie fest während sie die Hände mit dem
Bouquet in den Schoss sinken ließ und den Fragenden voll ansah »Ich muss erst
wissen worin die Sühne besteht«
    »Ausflüchte« murmelte er und sein Gesicht verfinsterte sich auffallend Er
schien zu vergessen dass er bisher im allgemeinen gesprochen hatte und fügte
ziemlich gereizt hinzu »Sie brauchen sich nicht so entsetzlich zu verwahren 
ich kann Ihnen versichern dass schon Ihrem Gesichtsausdruck gegenüber es niemand
einfallen wird irgend etwas Übermenschliches von Ihnen zu verlangen  Es
handelt sich einfach darum dass Sie  mag nun Ihr geheimnisvoller Lebensplan
beschaffen sein wie er will  noch ein Jahr unter meiner Vormundschaft bleiben
und diese Zeit lediglich auf Ihre geistige Ausbildung verwenden  Lassen Sie
mich ausreden« fuhr er mit erhobener Stimme und gerunzelten Brauen fort als
sie versuchte ihn zu unterbrechen »Sehen Sie einmal ganz davon ab dass ich es
bin der Ihnen diesen Vorschlag macht und denken Sie dass ich einzig im Sinne
und nach den ausdrücklichen Worten meines Vaters handle indem ich für Ihre
höhere Ausbildung sorge«
    »Dazu ist es viel zu spät«
    »Zu spät Bei Ihrer Jugend«
    »Sie missverstehen mich Ich will damit sagen dass ich einst als
unzurechnungsfähiges hilfloses Kind gezwungen war Almosen anzunehmen  ich
musste das wohl oder übel über mich ergehen lassen Jetzt stehe ich auf eigenen
Füßen ich kann arbeiten und werde nie auch nur einen Groschen annehmen den ich
nicht verdient habe«
    Der Professor biss sich auf die Lippen und seine Brauen senkten sich so
tief dass die Augen fast verschwanden
    »Ich habe diesen Einwurf vorausgesetzt« entgegnete er kalt »denn ich kenne
ja Ihren unbezähmbaren Stolz bis auf den Grund  Mein Plan ist der Sie
besuchen ein Institut  ich leihe Ihnen die nötigen Mittel und Sie zahlen mir
später wenn Sie selbständig sind das Geld bei Heller und Pfennig zurück 
Ich kenne in Bonn eine ausgezeichnete Erziehungsanstalt und bin Hausarzt bei der
sehr würdigen Vorsteherin derselben Sie würden dort gut aufgehoben sein und «
fügte er mit leicht vibrierender Stimme hinzu  »das Scheiden auf
Nimmerwiedersehen wäre dann auch noch ein wenig hinausgeschoben  In vierzehn
Tagen gehen meine Ferien zu Ende ich reise in Begleitung meiner Kousine nach
Bonn zurück und Sie würden dann natürlicherweise gleich mit uns gehen 
Felicitas ich habe Sie neulich ersucht recht gut und ruhig zu sein  ich
wiederhole jetzt diese Bitte Folgen Sie einmal nicht den Einflüsterungen Ihres
verletzten Gefühls vergessen Sie  wenn auch nur für Augenblicke  die
Vergangenheit und lassen Sie mich gut machen was versäumt worden ist«
    Sie hatte beklommen zugehört Wie neulich bei Erzählung seiner sogenannten
Vision hatte seine Stimme etwas Bestrickendes Er war nicht so unerklärlich
erregt wie damals aber die wahr und aufrichtig gemeinte Reue die er ohne
seiner männlichen Würde irgend etwas zu vergeben mit einem so milden Ernst an
den Tag legte ergriff sie wider Willen
    »Dürfte ich noch über meine nächste Zukunft verfügen so würde ich unbedingt
und getrost Ihr Anerbieten annehmen« sagte sie weicher als sie je zu ihm
gesprochen »aber ich bin gebunden  an dem Tage wo ich Frau Hellwigs Haus
verlasse trete ich in einen neuen Wirkungskreis«
    »Unabänderlich«
    »Ja  mein einmal gegebenes Wort ist mir heilig ich ändere oder deutele
niemals daran sollte es mir in seiner Konsequenz auch die größten
Unannehmlichkeiten bringen«
    Er stand rasch auf und trat aus dem Bereiche der Birke
    »Und darf man auch jetzt noch nicht erfahren was Sie vorhaben« fragte er
ohne das Gesicht nach ihr zurückzuwenden
    »O ja« entgegnete sie gelassen »Frau Hellwig würde bereits darum wissen
wenn ich Gelegenheit hätte in ihre Nähe zu kommen  die Frau Hofrätin Frank hat
mich als Gesellschafterin engagiert«
    Diese wenigen letzten Worte hatten die Wirkung eines plötzlichen
Donnerschlags Der Professor wandte sich jäh um und über sein Gesicht schoss
eine dunkle Flamme
    »Die Frau da drüben« fragte er als traue er seinen Ohren nicht und
deutete mit der Hand nach dem Frankschen Garten Er kehrte rasch unter den Baum
zurück »Das schlagen Sie sich nur gleich aus dem Sinn« sagte er entschieden
und gebieterisch »dazu werde ich nie meine Einwilligung geben«
    Jetzt erhob sich das junge Mädchen mit einer unwilligen Bewegung  die
mühsam gepflückten Blumen fielen auf den Rasen »Ihre Einwilligung« fragte sie
stolz »Die brauche ich nicht In vierzehn Tagen bin ich völlig frei und kann
gehen wohin es mir beliebt«
    »Die Sache liegt jetzt anders Felicitas« entgegnete er sehr beherrscht
»Ich habe mehr Rechte über Sie als Sie denken Es können Jahre vergehen ehe
diese Rechte erlöschen und auch dann  ja auch dann fragt es sich noch ob ich
Sie freigebe«
    »Das werden wir sehen« sagte sie kalt mit entschlossener Haltung
    »Ja das sollen Sie sehen  Ich habe gestern mit Doktor Böhm dem
vertrautesten Freunde meines verstorbenen Vaters ausführlich und eingehend über
Ihre damalige Aufnahme in meinem elterlichen Hause gesprochen und es stellt
sich folgendes heraus Sie sind meinem Vater mit der ausdrücklichen Bedingung
übergeben worden dass er Sie unter seinem Schutz behalten müsse bis Ihr eigener
Vater Sie zurückfordere oder ein anderer braver Beschützer sich finde der 
Ihnen seinen Namen gebe Mein Vater hat mich für den Fall seines Todes
schriftlich als Stellvertreter in dieser Angelegenheit ernannt und ich bin fest
entschlossen die Bedingung aufrecht zu erhalten«
    Jetzt war es um die Fassung des jungen Mädchens geschehen
    »Gott im Himmel« rief sie außer sich und schlug die Hände zusammen »Soll
denn dies Elend nie aufhören  Ich soll gezwungen werden in dieser
entsetzlichen Abhängigkeit weiter zu leben Jahrelang hat mich der Gedanke
aufrecht erhalten dass ich mit meinem achtzehnten Lebensjahre erlöst sein würde
Nur in diesem Gedanken habe ich vermocht äußerlich ruhig und unverwundbar zu
scheinen während ich innerlich namenlos litt  Nein nein ich bin nicht
mehr das geduldige Geschöpf das sich aus Achtung vor dem Willen der Toten
knechten und treten lässt  Ich will nicht  Ich will nichts mehr mit den
Hellwigs zu schaffen haben  ich werde diese verhassten Fesseln abschütteln um
jeden Preis«
    Der Professor ergriff ihre beiden Hände seine Züge waren bei den letzten
Worten totenbleich geworden
    »Besinnen Sie sich Felicitas« sagte der Professor mit beschwichtigender
aber völlig erloschener Stimme »Wüten Sie nicht gegen sich selbst wie ein
kleiner ohnmächtiger Vogel der sich lieber den Kopf einstösst ehe er sich in
das Unabänderliche fügt  Verhasste Fesseln  Kommt es Ihnen denn gar nie
zum Bewusstsein dass Sie mir unsäglich weh tun mit Ihren harten rücksichtslosen
Worten  Sie sollen frei sein völlig frei in Ihrem Denken und Handeln nur
beschützt und behütet wie  ein zärtlich geliebtes Kind  Felicitas Sie
sollen jetzt erkennen lernen wie es ist wenn die Liebe für uns denkt und sorgt
 Nur noch dies eine Mal werde ich als gebietender Vormund auftreten
erschweren Sie mir die nötigen Schritte nicht durch Ihren Widerstand der Ihnen
ganz und gar nichts helfen wird  das erkläre ich Ihnen entschieden Ich werde
die Angelegenheit in meine Hände nehmen und Ihr Übereinkommen mit der Hofrätin
Frank rückgängig machen«
    »Tun Sie das« stieß Felicitas mit bebenden Lippen fast heiser hervor  aus
ihrem Gesicht schien der letzte Blutstropfen entwichen  »Aber auch ich werde
handeln und Sie können sicher sein dass ich mich bis zum letzten Atemzug wehren
werde«
    Nie in ihrem jungen schwergeprüften Leben hatte ein solcher Sturm ihr
Inneres durchtobt wie in diesem Augenblick Es tauchten plötzlich neue
unbekannte Stimmen in ihr auf die mächtig mitsprachen in diesem Aufruhr  es
war als seien sie nur der Widerhall seiner innigen beschwörenden Worte Wie
eine dunkle Gewitterwolke hing eine furchtbare Gefahr über ihrem Haupte und 
das fühlte sie instinktmässig  sie musste sich um jeden Preis von ihm losreißen
wenn sie nicht dieser Gefahr rettungslos verfallen wollte  War es doch jetzt
schon als habe er eine unbegreifliche Gewalt über ihr ganzes Wesen als schlüge
jedes harte Wort das sie ihm sagte schmerzend auf ihr eigenes Herz zurück
    Er hatte bis dahin ihre Hände festgehalten und während sie sprach ruhte
sein Blick durchdringend auf ihren Zügen die für einen Augenblick rückhaltslos
das leidenschaftlich erregte Innere des Mädchens widerspiegelten  den Augen
dieses Arztes und Menschenkenners hatten sich wohl schon ganz andere Geheimnisse
und Vorgänge der Menschenbrust offenbaren müssen als die einer wenn auch noch
so stolzen doch gerade vermöge ihrer Reinheit und Schuldlosigkeit unbewachten
Mädchenseele  »Sie werden nichts ausrichten« sagte er plötzlich gelassen
mit einer fast heiteren Ruhe »Ich habe die Augen offen und mein Arm reicht
ziemlich weit  Sie entgehen mir nicht Felicitas  Hier in X lasse ich
Sie auf keinen Fall und  ebensowenig werde ich ohne Sie nach Bonn
zurückreisen«
    Die Gartentür hatte längst geknarrt aber das Geräusch war den Sprechenden
entgangen Jetzt kam Rosa und meldete dem Professor dass Frau Hellwig im Salon
warte auch die Frau Regierungsrätin lasse ihn recht sehr bitten zu kommen
    »Ist sie unwohl« fragte der Professor rau ohne sich nach der
Kammerjungfer umzuwenden
    »Nein« entgegnete sie verwundert »aber die gnädige Frau wird bald fertig
sein mit dem Kaffee den sie selbst kocht  sie wünscht der Herr Professor
möchte ihn recht frisch trinken  der Herr Rechtsanwalt Frank ist auch im
Salon«
    »Nun gut ich werde kommen« sagte der Professor aber er machte keine
Anstalt zu gehen Vielleicht hoffte er Rosa solle sich wieder entfernen darin
irrte er sich jedoch Das Mädchen machte sich mit Aennchen zu schaffen die
jammernd und wehklagend die Händchen zusammenschlug über alle die »totgetretenen
Blümchen« auf dem Rasen Endlich schritt er missmutig den Damm hinab
    »Halten Sie sich nicht so lange hier auf« rief er nach Felicitas zurück
»Der Wind wird stärker er bringt uns möglicherweise ein Gewitter Kommen Sie
mit Aennchen in das Gartenhaus«
    Er verschwand hinter den Taxuswänden Felicitas aber durchschritt hastig die
ganze Länge des Dammes In ihrem sonst so klaren Kopf wirbelte es chaotisch
durcheinander Sie rang vergebens nach der nötigen Fassung und Ruhe um ihre
augenblickliche Lage übersehen und Herr derselben werden zu können  Also sie
sollte ihr Joch weiterschleppen und nicht genug dass man ihr jedwede
Selbständigkeit auf lange Zeit hinaus verweigerte sie sollte sogar in seiner
unmittelbaren Nähe leben jahrelang täglich mit ihm verkehren  als ob dies
nicht die furchtbarste Aufgabe wäre die ihr je gestellt werden konnte 
Hatte sie nicht alles getan ihm zu beweisen dass er ihr in tiefster Seele
verhasst sei dass sie unversöhnlich bleiben werde ihr lebenlang War es nicht
gerade deshalb die raffinierteste Grausamkeit sie in der Weise fesseln zu
wollen  Nein tausendmal lieber wollte sie sich noch auf Jahre hinaus von
Frau Hellwig misshandeln lassen als auch nur einen einzigen Monat länger mit ihm
zusammen sein der eine wahrhaft dämonische Macht ihr gegenüber entfaltete
Schon allein seine Stimme vermochte ihren sonst so geordneten Gedankengang zu
verwirren  der unbeschreiblich milde und warme Ton den er jetzt immer annahm
berührte jede Fiber ihres Herzens und machte es heftiger klopfen  das war
natürlicherweise der alte Hass der sich aufbäumte aber musste sie nicht
schließlich an diesem einen so furchtbar erregten und fortwährend genährten
Gefühle physisch und moralisch zu Grunde gehen  Die neulich erzählte Vision
hatte ihr viel zu denken gegeben jetzt wurde ihr die einzige mögliche Lösung
durch die Worte bestätigt »Felicitas Sie sollen jetzt erkennen lernen wie es
ist wenn die Liebe für uns denkt und sorgt«
    Er beabsichtigte jedenfalls trotz ihrer entschiedenen Erklärung in ihren
Lebensfragen selbst entscheiden zu wollen später eigenmächtig über ihre Hand zu
verfügen sie sollte an irgend einen Mann den er wählte gebunden werden 
damit war sie versorgt und das ihr widerfahrene Unrecht welches er allerdings
eingesehen hatte gut gemacht  das Herz drehte sich ihr um bei dieser
Vorstellung  Wie vermessen und unmoralisch war eine solche Absicht Konnte er
irgend einen Menschen zwingen sie zu lieben Er selbst hatte eine unglückliche
Neigung und ging deshalb einsam durch das Leben mit diesem Enschluss gestand er
seinem Herzen große Rechte zu  es durfte entscheiden über seine ganze Zukunft
 Er sollte sehen dass auch sie für sich selbst genau dasselbe Vorrecht
beanspruche dass sie sich nicht verhandeln ließe wie eine Ware  Was hielt sie
ab sofort zu der Hofrätin Frank zu gehen und sich unter deren Schutz zu
flüchten  Ach da war ja der kleine graue Kasten der kettete sie fester an
das unselige Haus als es irgend ein menschlicher Wille vermocht hätte  um
seinetwillen musste sie ausharren bis zum letzten Augenblick
    
 
                                       23
Aennchen unterbrach das qualvolle Sinnen und Grübeln des jungen Mädchens Sie
nahm schmeichelnd Felicitas Hand und zog sie den Damm hinab Der Wind sauste
bereits mit großer Gewalt durch die Baumwipfel er fuhr auch stossweise und
bissig in die geschützteren Regionen  erschrocken beugten sich die kleinen
schüchternen Grasblumen vor dem Störenfried Über die Sonne hin jagten einzelne
Wolkengebilde deren Schatten sich für Momente wie dunkle Riesenflügel über die
Kies und Rasenplätze hinstreckten Rosenblätter wirbelten hoch in den Lüften
und selbst die starren Taxuspyramiden neigten sich steif und gravitätisch wie
alte Hofdamen
    Da war es gemütlich im schützenden Hause Felicitas setzte sich auf einen
Gartenstuhl in der Hausflur und zog eine Handarbeit hervor Die Tür der kleinen
Küche und auch die des Salons standen weit offen Es ließ sich wohl nicht leicht
etwas Anmutigeres denken als die Regierungsrätin indem sie »das wirtliche
Hausmütterchen« repräsentierte Sie hatte eine reichgarnierte schwarzseidene
Latzschürze vorgebunden in dem blonden Lockengeringel nahe am Ohre wiegte
sich eine Rose mit dunkelpurpurnem Kelch  sie war offenbar im Vorübergehen vom
Strauche genommen und wie in absichtsloser Selbstvergessenheit placiert worden
das war von allerliebster Wirkung Unter dem festonartig aufgenommenen Kleide
bewegten sich die kleinen in zimtfarbenen Stiefelchen steckenden Füße mit
kinderhafter Leichtigkeit und Grazie auch der augenblickliche Ausdruck des
rosigen Gesichts war der eines glückseligen harmlosen Kindes das mit wichtigem
Eifer ein ihm anvertrautes Amt versieht  wer hätte bei diesem vollendeten
Gepräge unschuldvoller Naivetät an die Bezeichnung »Witwe und Mutter« denken
mögen
    Während sie am Küchenherd wirtschaftete war im Salon zwischen Frau Hellwig
und dem Rechtsanwalt ein lebhaftes Gespräch im Gange  es drehte sich um das
Testament der alten Mamsell Heinrich und Friederike hatten dem jungen Mädchen
bereits versichert dass die »Madame« nichts mehr spreche und denke was nicht
mit der unglücklichen Testamentsgeschichte zusammenhinge Felicitas sah für
einen Augenblick das Gesicht der großen Frau es erschien ihr merkwürdig grau
und gealtert auch in ihrer Art und Weise zu sprechen lag eine ungewohnte Hast
 Grimm und Groll hatten offenbar noch die Oberhand in dieser tief alterierten
Frauenseele
    Der Professor beteiligte sich nicht an der Unterhaltung ja es schien als
gleite sie völlig unverstanden an ihm ab Er durchschritt die Hände auf den
Rücken gelegt und wie in tiefen Gedanken verloren unausgesetzt die ganze Länge
des Salons nur wenn er an der offenen Tür vorüberkam hob er den Kopf und ein
prüfender Blick fiel auf das arbeitende Mädchen in der Hausflur
    »Ich beruhige mich mein lebenlang nicht mein lieber Frank« wiederholte
Frau Hellwig »Ja wenn nicht jeder Groschen von den Hellwigs sauer erworben
gewesen wäre Aber nun kommt da vielleicht irgend ein verkommenes Subjekt und
verjubelt in kurzem die Ersparnisse eines ehrbaren Hauses  zu welcher
Segensquelle hätte dies Geld in unseren Händen werden müssen«
    »Aber Tantchen« begütigte die junge Witwe die eben mit der dampfenden
Kaffeekanne eintrat und die Tassen füllte »da vertiefst du dich nun wieder in
die leidige Geschichte die dich so sichtbar angreift  du wirst dich noch krank
machen  Denke an deine Kinder und auch an mich Tantchen um unsertwillen
suche zu vergessen«
    »Vergessen« fuhr Frau Hellwig auf »Niemals Dafür hat man Charakter
welcher leider der jüngeren Welt immer mehr abhanden kommt«  ein vernichtender
Blick streifte ihren auf und ab wandelnden Sohn  »Die Schmach eines erlittenen
Unrechts geht mir in Blut und Nerven über  ich kanns nicht verwinden  Wie
magst du mir nur mit solchen abgedroschenen Phrasen kommen Du bist doch
manchmal entsetzlich oberflächlich Adele«
    Das Gesicht der Regierungsrätin verfärbte sich ein trotzig herber Zug
erschien um ihren Mund und die Tasse die sie Frau Hellwig hinreichte klirrte
in ihrer Hand aber sie besaß doch Selbstbeherrschung genug um die maliziöse
Antwort die sich unverkennbar auf ihre Lippen drängte zu unterdrücken
    »Den Vorwurf verdiene ich ganz gewiss nicht« sagte sie nach einem
augenblicklichen Schweigen sehr sanft »Niemand kann sich die Abscheulichkeit
mehr zu Herzen nehmen als ich Nicht allein dass ich für dich liebe Tante und
die beiden Vettern den pekuniären Verlust beklage  es ist für das weibliche
Gemüt auch stets ein bitterer Schmerz wenn es der moralischen Versunkenheit
begegnen muss  Da hat diese alte tückische Person unter dem Dache ihr halbes
Leben lang darüber nachgedacht wie sie wohl ihre nächsten Verwandten am
empfindlichsten kränkt Sie ist aus der Welt gegangen unversöhnt mit Gott und
den Menschen und ein Sündenregister auf der Seele das ihr den Himmel
verschließen muss auf ewig  schrecklich  Lieber Johannes darf ich dir eine
Tasse Kaffee einschenken«
    »Ich danke« antwortete der Professor kurz und setzte seinen Weg fort
    Felicitas Händen war die Arbeit entfallen Sie lauschte atemlos den Worten
des verleumderischen Mundes da drinnen Wohl wusste sie durch Heinrich dass die
Welt hart und verdammend über die alte Mamsell urteilte aber es geschah zum
erstenmal dass sie selbst Zeugin eines solchen Ausspruchs war  Wie schoss ihr
das Blut siedend nach den Schläfen Jedes Wort traf ihr Herz wie ein Messerstich
 das waren Schmerzen die sie um die Tote litt schneidender noch als das
Trennungsweh selbst
    »Inwiefern die alte Dame gesündigt hat weiß ich nicht« meinte der
Rechtsanwalt »Übrigens nach allem was ich höre kann ihr niemand etwas
Positives nachweisen  die Klatschchronik unserer guten Stadt begnügt sich mit
dunklen Überlieferungen  Ihr Nachlass dagegen beweist unzweifelhaft dass sie
eine originelle Frau von ungewöhnlichem Geist gewesen sein muss«
    Frau Hellwig lachte höhnisch auf und wandte dem kühnen Verteidiger
verachtungsvoll den Rücken
    »Mein bester Herr Rechtsanwalt es ist die Aufgabe Ihres Berufs die
schwärzesten Vergehen weiß zu waschen und da wo bereits die gesamte Welt mit
Recht verdammt hat noch Engelsunschuld zu finden  von dem Standpunkt aus lässt
sich Ihr Urteil begreifen« sagte die Regierungsrätin unbeschreiblich maliziös
»Ich kenne dagegen ein anderes das mir  verzeihen Sie  ungleich massgebender
ist  Papa hat sie gekannt Ein Starrkopf ohnegleichen hat sie ihren Vater
buchstäblich zu Tode geärgert Wie gleichgültig sie ferner gegen ihren guten Ruf
gewesen ist beweist ihr skandalöser Aufenthalt in Leipzig und mit dem
ungewöhnlichen Geist wie Sie ihn nennen ist sie auf die entsetzlichsten Abwege
geraten  sie war ein Freigeist eine Gottesleugnerin«
    In diesem Augenblick sprang Felicitas empor und trat auf die Schwelle der
Salontür Die Rechte gebieterisch ausgestreckt das sonst so bleiche Gesicht
mit einer glühenden Röte übergossen stand sie dort schön und zürnend wie ein
Racheengel Die rosigen Lippen die unbedenklich mit unglaublicher Sicherheit
so furchtbare Anklagen aussprachen verstummten unwillkürlich vor dieser
Erscheinung
    »Eine Gottesleugnerin ist sie nie gewesen« sagte das junge Mädchen
entschieden und ihre Augen hafteten flammend auf dem Gesichte der Verleumderin
»Ja sie war ein freier Geist Sie forschte ohne Angst um ihr Seelenheil oder
einen zerbrechlichen Glauben in Gottes Werken denn sie wusste dass da jeder Weg
auf ihn zurückführe Der Konflikt zwischen der Bibel und den Naturwissenschaften
beirrte sie niemals Ihre Überzeugung wurzelte nicht im Buchstaben sondern in
Gottes Schöpfung selbst in ihrem eigenen Dasein und der himmlischen Gabe zu
denken in dem selbständigen Wirken und Schaffen des unsterblichen
Menschengeistes  Sie ging nicht wie tausend andere in die Kirche um Gott im
eleganten Hut und Seidenkleid anzubeten aber wenn die Glocken läuteten da
stand auch sie in der Stille demütig vor dem Höchsten und ich zweifle dass ihm
das Gebet derer lieber ist die stündlich seinen Namen anrufen und mit denselben
Lippen den Namen des Nächsten ans Kreuz schlagen«
    Der junge Frank hatte sich unwillkürlich erhoben er stützte seine Hand auf
die Stuhllehne und blickte mit einem fast ungläubigen Ausdruck nach dem mutigen
Mädchen hinüber
    »Sie haben die rätselhafte Frau gekannt« fragte er wie mit zurückgehaltenem
Atem als Felicitas schwieg
    »Ich habe täglich mit ihr verkehrt«
    »Das sind ja allerliebste Neuigkeiten« sagte die Regierungsrätin Diese
Bemerkung sollte ironisch klingen aber die Stimme der jungen Frau hatte
bedeutend an Sicherheit verloren und eine auffallende Blässe bedeckte für einen
Augenblick das schöne Gesicht »Dann wissen Sie ohne Zweifel auch manches
pikante Geschichtchen aus der Vergangenheit Ihrer verehrungswürdigen
Bekanntschaft zu erzählen« fragte sie in studiert nachlässigem Tone während
ihre Hand mit dem Kaffeelöffel spielte
    »Die Dame hat nie über ihr vergangenes Leben mit mir gesprochen« entgegnete
Felicitas ruhig Sie wusste dass sie einen furchtbaren Sturm heraufbeschworen
hatte  es galt jetzt ihn besonnen mit kühlem Blute zu erwarten
    »Wie schade« bedauerte die junge Witwe ironisch den Lockenkopf hin und her
wiegend  die blühende Farbe war bereits in ihre Wangen zurückgekehrt »Ich
bewundere übrigens Ihr vortreffliches Schauspielertalent Karoline Sie haben ja
diese geheimen Zusammenkünfte reizend zu maskieren gewusst  Lieber Johannes
bereust du auch jetzt noch deine vermeintlich falsche Beurteilung dieses
Charakters«
    Der Professor war überrascht stehen geblieben als das junge Mädchen auf der
Schwelle erschien Ihre verteidigenden Worte herb geisselnd und doch
schwungvoll sprangen ihr förmlich von den Lippen  diesem scharf logischen
Geiste der sich offenbar unausgesetzt übte fehlte es doch nie am sofortigen
schlagenden Ausdruck Die letzte beissende Frage der Regierungsrätin blieb
unbeantwortet Der Blick des Professors hing unverwandt an Felicitas  er
lächelte als er sie bei aller Selbstbeherrschung doch unter jenen
Nadelstichen aufzucken sah
    »War das Ihr eigentliches Geheimnis« fragte er hinüber
    »Ja« antwortete das junge Mädchen und ihr ernstes Auge leuchtete auf  kam
ihr doch wunderbar genug bei dem Klange dieser Stimme urplötzlich die
Überzeugung dass sie nicht allein stehen werde in dem unausbleiblichen Kampfe
    »Sie wollten später mit der alten Tante zusammenleben und das war das
Glück das Sie erhofften« fragte er weiter
    »Ja«
    Wäre die Regierungsrätin nicht zu lebhaft mit der »entlarvten Heuchlerin«
auf der Türschwelle beschäftigt gewesen sie hätte erschrecken müssen über den
vollen Glücksstrahl der aus den Augen des Professors brach und sein tiefernstes
Gesicht in nie gesehener Weise verklärte
    Fragen und Antworten waren bisher mit Blitzschnelle erfolgt und hatten
Frau Hellwig keine Zeit gelassen sich von ihrer Überraschung zu erholen Starr
wie ein Steinbild lehnte sie in ihrem Stuhle der Strickstrumpf war ihren Händen
entglitten und das schneeweiße Knäuel rollte unbeachtet bis in die Mitte des
Salons
    »Das ist eine höchst interessante Entdeckung für mich« rief der
Rechtsanwalt indem er sich Felicitas rasch näherte »Fürchten Sie ja nicht dass
auch ich in die mutmasslichen Geheimnisse der Verstorbenen dringen will das sei
fern von mir Aber vielleicht sind Sie imstande mir Anhaltspunkte zu geben
bezüglich der unbegreiflichen Lücken im Nachlasse «
    Gott im Himmel sie sollte über das fehlende Silber verhört werden Sie
fühlte wie ein Beben ihren ganzen Körper durchlief ihr Gesicht wurde weißer
als Schnee  bestürzt schlug sie die Augen nieder in diesem Moment war sie
allerdings das vollendete Bild einer Schuldbewussten
    »Als leidenschaftlicher Musikfreund und Autographensammler bin ich
eigentlich seit der Testamentseröffnung in einer gelinden Aufregung« fuhr der
Rechtsanwalt fort nachdem er betroffen durch die auffallende Veränderung im
Äußeren des Mädchens momentan gezögert hatte »Das Testament erwähnt
ausdrücklich eine Handschriftensammlung berühmter Komponisten  wir suchen sie
jedoch vergebens Es wird von vielen Seiten behauptet die Verstorbene habe an
Geistesstörung gelitten dieser Teil der Hinterlassenschaft sei ein
Hirngespinst eine Chimäre Haben Sie je eine solche Sammlung im Besitz der
alten Dame gesehen«
    »Ja« sagte Felicitas aufatmend aber auch zugleich tief erbittert über
diese Behauptung »Ich habe jedes Blatt gekannt«
    »War sie reichhaltig«
    »Sie umfasste hauptsächlich alle Namen des vorigen Jahrhunderts«
    »Eine Bachsche Oper  ich halte diese Bezeichnung für einen Irrtum  wird
mehrfach in dem Testamente erwähnt können Sie sich nicht ungefähr auf den Titel
dieses Werkes besinnen« examinierte der Rechtsanwalt in höchster Spannung
weiter
    »O ja« versetzte das junge Mädchen rasch »Auch darin hat sich die
Verstorbene nicht geirrt Es war eine Operette Johann Sebastian Bach hat sie
für die Stadt X komponiert und sie ist im alten Rataussaale aufgeführt
worden Der Titel lautet Die Klugheit der Obrigkeit in Anordnung des
Bierbrauens«
    »Nicht möglich« rief der junge Mann er prallte förmlich zurück im Übermaß
des Erstaunens »Diese Komposition die für die musikalische Welt eine Art Myte
ist sollte in der Tat existieren«
    »Es war sogar die von Bach eigenhändig geschriebene Partitur« fuhr
Felicitas fort »Er hatte sie einem gewissen Gottelf von Hirschsprung
geschenkt und durch Erbschaft war sie später in die Hände der Verstorbenen
gekommen«
    »Das sind ja unschätzbare Enthüllungen  Und nun beschwöre ich Sie auch
mir zu sagen wo diese Sammlung sich befindet«
    Da stand sie plötzlich vor einer Klippe Empört darüber dass nun auch noch
Tante Kordulas klarer Geist angezweifelt wurde hatte sie alles aufgeboten die
abscheuliche Verleumdung zu widerlegen Im Verteidigungseifer war ihr nicht
eingefallen zu welchem Ausgangspunkte ihre Beweisführungen notwendig kommen
mussten  Jetzt musste sie auf diese peinliche Frage direkt antworten  sollte
sie geradezu lügen Das war unmöglich
    »Soviel ich weiß existiert sie nicht mehr« sagte sie leiser als sie
bisher gesprochen
    »Sie existiert nicht mehr Damit wollen Sie doch wohl nur sagen dass sie
nicht mehr im Zusammenhang vorhanden ist«
    Felicitas schwieg Sie wünschte sich meilenweit fort aus dem Bereiche dieses
leidenschaftlichen Drängers
    »Oder wie« fuhr er bestürzt fort »wäre sie in Wirklichkeit vernichtet
Dann müssen Sie mir auch erklären wie das geschehen konnte«
    Das war eine qualvolle Lage Dort saß die Frau die durch ihre Aussage
kompromittiert wurde  Wie oft war in Augenblicken leidenschaftlicher
Aufregung ein hässliches Rachegefühl gegen ihre herzlose Peinigerin in ihr
aufgeflammt Sie hatte dann gemeint es müsse süß sein dies abscheuliche Weib
auch einmal leiden zu sehen  Jetzt stand sie vor einem solchen Moment  sie
konnte die große Frau beschämen sie einer ungesetzlichen Tat überführen 
Wie wenig hatte sie sich selbst den Adel ihrer Natur gekannt  sie war
vollständig unfähig sich zu rächen  Verstohlen sah sie hinüber nach ihrer
Feindin ein wahrhaft tigerartiger Blick begegnete dem ihren  das beirrte sie
nicht
    »Ich war nicht zugegen als die Sammlung vernichtet worden ist und kann
deshalb auch nicht das Geringste aussagen« erklärte sie so fest und
entschieden dass man sofort erkennen musste sie werde sich nie zu irgend einer
Mitteilung herbeilassen  Diese Handlungsweise sollte ihr teuer zu stehen
kommen denn jetzt brach das Gewitter los das bis dahin dumpf grollend über
ihrem Haupte geschwebt hatte Frau Hellwig war aufgestanden sie stützte beide
Hände auf den Tisch und ihre Augen funkelten wahrhaft dämonisch aus dem
farblosen Gesichte
    »Elendes Geschöpf glaubst du mich schonen zu müssen« rief sie mit
zornbebender Stimme »Du unterstehst dich zu denken ich hätte Ursache irgend
eine meiner Handlungen vor der Welt zu verbergen und du müsstest die Hehlerin
machen du«  Sie wandte verachtungsvoll den Kopf weg und richtete ihre grauen
Augen mit der wiedergewonnenen Kälte und stolzen Überlegenheit auf den
Rechtsanwalt »Eigentlich bin ich gewohnt nur Gott meinem Herrn Rechenschaft
abzulegen von meinen Taten« sagte sie »Was ich tue geschieht in seinem
Namen zu seiner Ehre und zur Aufrechterhaltung seiner heiligen Kirche Aber Sie
sollen trotzdem erfahren mein lieber Frank was aus jenen unschätzbaren
Papieren geworden ist lediglich aus dem Grunde damit die Person dort nicht
einen Augenblick in dem Wahne bleibt ich hätte irgendwie Gemeinschaft mit ihr
 Die verstorbene Kordula Hellwig war eine Gottesleugnerin eine verlorene
Seele  wer sie verteidigt der beweist nur dass er denselben Weg wandelt Statt
zu beten um den verlorenen Frieden betäubte sie die Stimme ihres Gewissens mit
dem Gifte weltlicher Musik voll sträflicher Sinnenlust Selbst am Sonntag
entweihte sie mein stilles Haus mit ihrem sündhaften Treiben tagelang saß sie
vor den unseligen Büchern und je mehr sie sich hinein vertiefte desto
halsstarriger und unzugänglicher wurde sie für mein Bestreben sie zu retten 
Seit jener Zeit kenne ich keinen sehnlicheren Wunsch als diese nichtswürdige
Menschenerfindung an der Gott keinen Teil hat und welche die Seelen vom Wege
des wahren Heils verlockt von der Erde vertilgen zu können  ich habe die
Papiere verbrannt mein lieber Frank«
    Diese letzten Worte sprach sie mit erhobener Stimme und dem Ausdruck eines
unsäglichen Triumphes
    »Mutter« rief der Professor entsetzt und eilte auf sie zu
    »Nun mein Sohn« fragte sie zurück mit einer Gebärde der Unnahbarkeit Ihre
ganze Gestalt streckte sich  sie stand dort wie in Erz gepanzert »Du willst
mir offenbar den Vorwurf machen dass ich dich und Nathanael um dies kostbare
Erbteil gebracht habe« fuhr sie mit unbeschreiblichem Hohne fort »Beruhige
dich ich habe längst beschlossen die paar Taler aus meiner eigenen Kasse zu
ersetzen  ihr seid da jedenfalls im Vorteil«
    »Die paar Taler« wiederholte der Rechtsanwalt er bebte vor Zorn und
Entrüstung »Madame Hellwig Sie werden das Vergnügen haben Ihren Herren Söhnen
bare fünftausend Taler hinausbezahlen zu müssen«
    »Fünftausend Taler« lachte Frau Hellwig auf »Das ist lustig Diese
elenden beschmutzten Papiere  Machen Sie sich nicht lächerlich lieber
Frank«
    »Diese elenden beschmutzten Papiere werden Ihnen teuer zu stehen kommen
wiederhole ich« versetzte der junge Mann indem er sich zu beherrschen suchte
»Ich werde Ihnen morgen eine eigenhändige Notiz der Verstorbenen vorlegen die
den Wert der Handschriftensammlung auf volle fünftausend Taler angibt  das
Bachsche Manuskript nicht mitgerechnet verstehen Sie mich recht Madame Hellwig
 in welch bösen Handel Sie sich durch die Vernichtung dieses in der Tat
unschätzbaren Werkes den Hirschsprungschen Erben gegenüber verwickelt haben
das lässt sich noch gar nicht absehen« Er schlug sich im Übermaß der Empörung
mit der Hand gegen die Stirn »Unglaublich« rief er »Johannes in diesem
Augenblick erinnere ich dich an meine Behauptung die ich vor wenig Wochen
aufgestellt habe  schlagender konntest du nicht überführt werden«
    Der Professor antwortete nicht Er war an ein Fenster getreten und wandte
das Gesicht nach dem Garten Inwieweit ihn die Beweisführung seines tieferregten
Freundes traf das ließ sich nicht ermitteln
    Einen Moment schien es als ob Frau Hellwig begriffe dass sie mutwillig ein
unabsehbares Gefolge von Unannehmlichkeiten sich selbst heraufbeschworen habe
ihre Haltung verlor plötzlich das starre Gepräge der Unfehlbarkeit und
unerschütterlichen Zuversicht und das spöttische Lächeln das sie zu behaupten
suchte war nur noch eine Verzerrung der Lippen Aber wie hätte je der unerhörte
Fall eintreten können dass die große Frau in die Lage gekommen wäre irgend
einen Schritt zu bereuen Sie handelte ja stets im Namen des Herrn da war kein
Irrtum kein Fehlgehen möglich Sie fasste sich rasch
    »Ich erinnere Sie an Ihren eigenen Ausspruch von vorhin Herr Rechtsanwalt«
sagte sie kalt und förmlich »man bezichtigt die Verstorbene mit vollem Recht
der Geistesstörung  es dürfte mir nicht schwer werden genügende Beweise dafür
zu bringen  Wer will mich denn überführen dass jene geradezu lächerliche
Wertangabe nicht im Wahnsinn niedergeschrieben worden ist«
    »Ich« rief Felicitas rasch und entschieden wenn auch ihre Stimme im
Widerstreite der Empfindungen bebte »Diese Angriffe werde ich von der Toten
abzuwehren suchen solange ich kann Madame Hellwig Nie mag es wohl ein
gesünderes lichtvolleres Denkvermögen gegeben haben als sie besessen hat 
meine Aussage wird freilich nicht in Betracht kommen aber wenn es Ihnen auch
gelingt jeden Beweis für die ungetrübte Geistesklarheit der Verstorbenen
umzustossen so sind doch noch die Mappen da in denen die Sammlung gewesen ist 
ich habe sie gerettet Jede derselben enthält auf der inneren Seite das
vollständige Inhaltsverzeichnis bei jedem einzelnen Autographen ist mit
strenger Genauigkeit angegeben wann von wem und zu welchem Preise derselbe
angekauft worden ist«
    »Ei da habe ich mir ja einen vortrefflichen Gegenzeugen grossgefüttert«
stieß Frau Hellwig hervor »Aber jetzt werde ich mit dir ins Gericht gehen 
Also du hast es gewagt mich jahrelang mit beispielloser Frechheit zu
hintergehen Du hast mein Brot gegessen während du mich hinter meinem Rücken
verhöhntest Von Tür zu Tür hättest du betteln gehen müssen wenn ich nicht
war Fort aus meinen Augen du ehrlose Betrügerin«
    Felicitas wich nicht von der Schwelle Es sah aus als wachse die zarte
Gestalt unter den Vorwürfen die zu ihr hinübergeschleudert wurden ihr Gesicht
war totenbleich nie aber hatte es so entschieden den unbeugsamen furchtlosen
Geist des Mädchens ausgedrückt als in diesem Augenblick
    »Den Vorwurf dass ich Sie hintergangen habe verdiene ich« sagte sie mit
bewunderungswürdiger Fassung »Ich habe vorsätzlich geschwiegen und hätte mich
lieber zu Tode misshandeln lassen ehe auch nur eine Andeutung über meine Lippen
gekommen wäre  das ist wahr Trotzdem stand dieser Vorsatz auf sehr schwachen
Füßen  ein gutes herzliches Wort aus Ihrem Munde ein wohlwollender Blick
allein hätten ihn umzustossen vermocht denn nichts widerstrebt mir mehr als ein
scheues Verbergen meiner Handlungen  Ein sündhafter Betrug aber war es nicht
Wer würde wohl die ersten Christengemeinden Betrüger nennen weil sie in Zeiten
der Verfolgung heimlich und gegen das Verbot zusammenkamen  Auch ich musste
meine Seele retten« Sie schöpfte tief Atem und ihre braunen Augen richteten
sich mit einem energischen Ausdruck auf das Gesicht der großen Frau »Ich wäre
in bodenlose Nacht versunken ohne das Asyl und den Schutz den ich in der
Dachstube gefunden habe  An den ewig zürnenden und strafenden Gott zu
welchem Sie beten Madame Hellwig der eine Hölle neben sich duldet und welcher
seine Kinder zum Bösen verführt um sie zu prüfen und dann strafen zu können an
dieses unversöhnliche höchste Wesen konnte ich nicht glauben  Die Verstorbene
hat mich zu dem Einzigen hingeleitet der ganz Liebe und Erbarmen Weisheit und
Allmacht ist und der allein herrscht im Himmel und auf der Erde  Der Trieb
zum Lernen die Wissbegierde lag unbesiegbar in meiner Kinderseele  hätten Sie
mich verhungern lassen Madame Hellwig es wäre nicht so grausam gewesen als
Ihr unermüdliches Bestreben meinen Geist zu knebeln ja ihn systematisch zu
töten  Verhöhnt habe ich Sie nicht hinter Ihrem Rücken aber Ihre Absichten
habe ich vereitelt  ich bin die Schülerin der alten Mamsell gewesen«
    »Hinaus« rief Frau Hellwig ihrer nicht mehr mächtig und zeigte nach der
Tür
    »Noch nicht Tantchen« bat die Regierungsrätin dringend und erfasste den
ausgestreckten Arm der großen Frau »Du wirst doch einen so kostbaren Augenblick
nicht unbenutzt vorübergehen lassen  Herr Rechtsanwalt Sie haben vorhin
Ihrer Pflicht als leidenschaftlicher Musikfreund vortrefflich genügt hiermit
ersuche ich Sie mit demselben Eifer zu inquirieren wo die fehlenden Schmuck
und Silbergegenstände stecken  hat Eine die Hand dabei im Spiele gehabt so ist
es Jene dort«
    Der Rechtsanwalt näherte sich dem jungen Mädchen das sich krampfhaft mit
der Linken an die Türbekleidung festhielt er bot ihr mit einer Verbeugung den
Arm und sagte freundlich ernst »Wollen Sie mir erlauben Sie in das Haus meiner
Mutter zu führen«
    »Hier ist Ihr Platz« klang es plötzlich laut und entschieden von den Lippen
des bis dahin lautlos schweigenden Professors Er stand hochaufgerichtet neben
Felicitas und hielt ihre Rechte fest in seiner Hand
    Der junge Frank wich unwillkürlich zurück  beide Männer maßen sich einen
Augenblick schweigend in dem seltsamen Blick den sie austauschten lag
durchaus nichts mehr von dem Gefühl ruhiger Freundschaft
    »Ah bravo zwei Ritter auf einmal das ist ja ein reizendes Bild« rief die
Regierungsrätin auflachend  eine Tasse flog zerschmetternd auf den Boden in
jedem anderen Augenblicke würde Frau Hellwig diese »Unachtsamkeit« der jungen
Witwe bitter gerügt haben aber jetzt stand sie bewegungslos vor Grimm und
Überraschung
    »Es scheint ich komme heute oft in den Fall an die Vergangenheit
appellieren zu müssen« unterbrach der Rechtsanwalt bitter gereizt die
momentane Stille »Du wirst dich erinnern Johannes dass du dich deiner
Autorität mir gegenüber vollständig entäussert und mich zu dem jetzigen Schritte
ermächtigt hast«
    »Ich leugne nicht ein Jota davon« antwortete der Professor kalt »Wünschest
du eine bündige Erklärung für diese meine Inkonsequenz so stehe ich dir
jederzeit zu Diensten  nur hier nicht«
    Er zog Felicitas von der Schwelle fort und trat mit ihr in den Garten
    »Gehen Sie jetzt in die Stadt zurück Felicitas« sagte er und seine einst
so eisig kalten stahlgrauen Augen ruhten mit unbeschreiblicher Innigkeit auf
dem Gesicht des jungen Mädchens »Das soll Ihr letzter Kampf gewesen sein arme
kleine Fee  Nur noch eine einzige Nacht sollen Sie unter dem Dache meiner
Mutter zubringen  von morgen ab beginnt ein neues Leben für Sie«
    Er zog ihre Hand die er noch festhielt wie unbewusst näher an sich heran
dann ließ er sie fallen und trat in das Haus zurück
 
                                       24
Felicitas verließ mit geflügelten Schritten den Garten  der Professor irrte
sich nicht einmal der Abend geschweige denn die Nacht sollte sie noch im alten
Kaufmannshause finden  Jetzt war der Moment gekommen wo sie in Tante
Kordulas Zimmer dringen konnte In der Allee begegnete ihr die alte Köchin die
das Abendbrot in den Garten trug  es war mithin niemand zu Hause als Heinrich
 Wie das sauste und brauste durch die alten knorrigen Linden Der Wind trieb
das junge Mädchen unwiderstehlich vorwärts  das war auf dem ebenen festen
Boden unter dem Schutz dichter Baumkronen was aber stand ihr für ein Gang bevor
hoch droben in den brausenden Lüften über abschüssige Dächer hinweg
    Heinrich öffnete ihr die Haustür Felicitas glitt atemlos an ihm vorüber
trat in die Gesindestube und nahm den Dachkammerschlüssel von der Wand
    »Nun was solls denn werden Feechen« fragte der Alte verwundert
    »Ich will dir deine Ehre und mir die Freiheit wieder holen Sei hübsch
wachsam unterdes Heinrich« rief sie zurück und sprang die Treppe hinauf
    »Du wirst doch keinen dummen Streich machen Heda Feechen s ist doch
nichts Gefährliches« rief er ihr nach aber sie hörte nicht Er musste unten auf
seinem Posten bleiben und schritt aufgeregt in der Hausflur auf und ab
    Über Felicitas Haupt zog es bald seufzend bald in lang gezogenen leise
pfeifenden Tönen hin als sie den Korridor unter dem Dache betrat Das Sparrwerk
knarrte und durch die Oeffnungen der sonnenerhjetzten Hohlziegel fuhr stossweise
der schwüle heiße Atem des Gewitterwindes In diesem Augenblick hing eine grau
und weiß gemischte Hagelwolke über dem Dächerquadrat ein fahlgelbes Licht
zuckte schräg auf den blumenbedeckten First es glitzerte wie ein falscher Blick
in den Glasscheiben der Vorbautür über welche sich losgerissene Ranken des
Epheu und der Kapuzinerkresse haltlos bäumten und beleuchtete grell das
aufgepeitschte Blättergewirr des wilden Weines
    Als das junge Mädchen den Kopf aus dem Dachfenster steckte fuhr ihr ein
heftiger Windstoß über das Gesicht er raubte ihr den Atem und zwang sie
augenblicklich zurückzuweichen  sie ließ den Unhold vorüberbrausen dann aber
schwang sie sich hinaus  Wem es vergönnt gewesen wäre dies schöne bleiche
Gesicht mit den fest aufeinandergepressten Lippen und dem düster entschlossenen
Ausdruck aus dem dunklen Dachfenster auftauchen zu sehen der hätte erkennen
müssen dass das Mädchen einer entsetzlichen Gefahr sich vollkommen bewusst und
dass es bereit sei selbst den Tod zu erleiden um seiner Mission willen 
Welch ein wunderbares Gemisch war doch diese junge Seele Über einem heißen
Herzen das so glühend hassen konnte ein so kühler besonnener Kopf
    Sie lief leichten Fußes über die knirschenden Ziegel und nicht einen Moment
dunkelte es vor diesen klaren Augen ihr brausender Feind aber gönnte sich nicht
viel Zeit zum Ausschnaufen  ein greller Pfiff und er kam wieder daher mit
niederstürzender Wucht Die Vorbautür flog klirrend auf Blumentöpfe stürzten
zerschmetternd auf den Fußboden der Galerie und die uralten Sparren ächzten und
zitterten unter Felicitas Füßen Sie stand noch auf dem Nachbardache aber ihre
Hände umklammerten das Galeriegeländer das sie in demselben Augenblicke
erreicht hatte
    Wohl riss ihr der Sturm das Haar auseinander und peitschte die gewaltigen
Strähne als sollten sie in alle Lüfte zerstreut werden allein sie selbst stand
fest Nach einem Moment geduldigen Ausharrens konnte sie sich über das Geländer
schwingen und gleich darauf trat sie in den Vorbau  Hinter ihr brauste und
tobte es weiter  sie hörte es nicht mehr sie dachte auch nicht an den
todbringenden Rückweg  die gefalteten Hände schlaff niederhängend stand sie in
dem kühlen epheuumsponnenen Raume  sie sah ihn zum letztenmale  Die
stillen schneeweißen Gesichter an den Wänden schauten wohlbekannt und doch auch
wieder so verwundert fremdartig hernieder  einst hatten sie diesen Raum
beseelt denn ihre lebendigen Gedanken wurden heraufbeschworen und umflatterten
die kalten Stirnen jetzt waren sie nur noch ein Schmuck eine Dekoration der
Wände sie starrten ebenso gleichgültig auf die jugendstrahlende Gestalt der
koketten Regierungsrätin wie auf das blasse Mädchengesicht das sich
tränenüberströmt zu ihnen emporhob
    Im übrigen erschien das Zimmer so traut wohnlich wie zu Tante Kordulas
Lebzeiten Kein Stäubchen lag auf dem spiegelglatten Mahagonideckel des Flügels
der Epheu streckte als Zeichen dass es ihm wohlgehe zahllose junge hellgrüne
Triebe aus der dunkeln Blätterwand und in der einen Fensternische standen
sorgsam gepflegt der prachtvolle Gummibaum und die Palme zwei Lieblinge der
alten Mamsell Aber die andere Fensterecke war verändert das zierliche
Nähtischchen stand nicht mehr dort  der Professor hatte sich die Nische als
Studierwinkel eingerichtet
    Über Felicitas Gesicht ergoss sich eine brennende Schamröte  Also sie
stand doch wie ein Dieb in seinem Zimmer Wer weiß was dort auf dem
Schreibtisch für Briefe und Papiere lagen auf die kein fremder Blick fallen
durfte Er hatte sie sorglos ohne Arg offen liegen lassen denn er trug ja den
Zimmerschlüssel in der Tasche  das junge Mädchen flog wie gejagt nach dem
Glasschranke
    Auf der Seitenwand des alten Möbels inmitten einer geschnitzten seltsam
verschnörkelten Arabeske befand sich ein feiner für ein uneingeweihtes Auge
kaum erkennbarer Metallstift Felicitas berührte ihn mit festem Druck und die
Tür des Geheimfaches sprang auf Da standen und lagen die vermissten
Kostbarkeiten in wohlbekannter Ordnung Die weitgebauchten silbernen Kaffee und
Milchkannen die mit seidenen Bändern zusammengebundenen schweren Löffelpakete
die altmodischen Etuis mit dem Brillantschmuck alle diese Dinge befanden sich
genau auf demselben Platze den sie seit vielen Jahren im tiefen Dunkel der
Verborgenheit eingenommen hatten  und dort in der Ecke stand die Schachtel
mit dem Armring daneben aber  der kleine graue Kasten in schräger Stellung
wie ihn die alte Mamsell vor wenigen Wochen hastig hingeschoben  sie hatte ihn
offenbar nicht wieder berührt
    Felicitas nahm ihn mit bebenden Händen heraus  er war nicht leicht 
sterben sollte sein Inhalt aber auf welche Weise Wie war er beschaffen
    Sie hob vorsichtig den Deckel  ein plump gearbeitetes in Leder gebundenes
Buch lag darin  die starren Blätter klafften auseinander und der Einbanddeckel
hatte sich im Lauf der Zeit aufwärts gekrümmt Ein scheuer Blick belehrte das
junge Mädchen dass dies grobe Papier da drinnen nicht bedruckt sondern
vollgeschrieben sei
    Tante Kordula da ruhen zwei Augen auf deinem Geheimnisse  zwei Augen in
denen du unzähligemal treue kindliche Liebe und Hingebung gelesen hast und ein
junges Herz das nie an dir gezweifelt steht heftig klopfend vor dem Rätsel
deines Lebens Es ist von deiner Schuldlosigkeit so unerschütterlich fest
überzeugt wie von dem Dasein der leuchtenden Sonne aber es will wissen wofür
du littest es will die Größe deines lebenslänglichen Opfers in seinem ganzen
Umfange ermessen können  Dein Geheimnis soll sterben diese Blätter werden zu
Asche zerstieben und der Mund der schon in zarter Kindheit unverbrüchlich zu
schweigen verstand wird es so fest verschließen wie der deine
    Die zitternden Finger des jungen Mädchens schlugen den Deckel zurück
»Joseph von Hirschsprung Studiosus philosophiae« stand in kräftigen Zügen auf
dem ersten Blatte  Es war das Tagebuch des Studenten des adligen
Schustersohnes um dessenwillen Tante Kordula ihren Vater buchstäblich zu Tode
geärgert haben sollte Der Schreiber hatte stets nur die erste Seite eines jeden
Blattes beschrieben und die Rückseite desselben ohne Zweifel zu Anmerkungen
freigelassen Diese Blattseiten aber zeigten in dichtgedrängten Reihen die
feinen zierlichen Schriftzüge der alten Mamsell
    Felicitas las den Anfang Tiefe originelle Gedanken mit einer seltenen
Kraft und Knappheit zum Ausdruck gebracht fesselten sofort das flüchtige Auge
und zwangen zum Nachdenken Es musste ein wunderbarer Mensch gewesen sein dieser
junge Schustersohn mit der Phantasie voll grandioser Bilder mit dem
tiefeinschneidenden Urteil und dem feurigen Herzen voll leidenschaftlicher
Liebe  Und darum hatte ihn auch Kordula die Tochter des gestrengen Kaufund
Handelsherrn geliebt bis in den Tod Sie schrieb
    »Du schlossest die Augen für ewig Joseph und hast nicht gesehen wie ich
vor Deinem Lager kniete und mir die Hände wund rang im Gebet zu Gott dass er
Dich mir erhalten solle Du riefst meinen Namen in der Wut des Fiebers
unaufhörlich mit dem süßen Schmeichellaute der Liebe aber auch in zürnenden
Tönen eines tiefverwundeten Herzens mit dem Aufschrei einer wilden Rache und
wenn ich zu Dir sprach da starrtest Du mich fremd an und stiessest meine Hand
zurück
    »Du bist von hinnen gegangen in dem Wahn dass ich meinen Schwur gebrochen
habe  und als alles vorüber war und sie Dich hinweggenommen hatten von Deinem
Schmerzenslager da fand ich dies Buch unter Deinem Kopfkissen Es sagt mir wie
ich geliebt worden bin aber Du hast auch an mir gezweifelt Joseph  Nur
noch auf einen einzigen bewussten Blick wartete ich in Todesangst  er hätte Dich
überzeugen müssen dass ich schuldlos war und mein trostloses Geschick hätte
seinen schärfsten Stachel verloren  vergebens  Ein Auseinandergehen für
immer ohne Versöhnung zwischen den scheidenden Seelen  es gibt keine größere
Seelenmarter Und wenn ich die schwersten Verbrechen begangen hätte ich könnte
nicht grausamer gestraft werden als mit diesem Herzen das Tag und Nacht
aufschreit und mich ruhelos umherjagt wie den flüchtigen Kain
    »Dein großer Geist stürmt jetzt weiter auf ungemessenen Bahnen ich aber
wandere noch über die arme kleine Erde und weiß nicht ob Dir ein Zurückblicken
möglich  Ich darf mit niemand über meine inneren Stürme sprechen und ich
will auch nicht denn wo wäre ein Mensch der meinen Verlust begriffe Es hat
Dich keiner gekannt als ich  Aber einmal muss es noch ausgesprochen werden
wie alles kam In diesem Buche hast Du Deine Gedanken niedergelegt allein so
kühn und gewaltig sie sind nebenher geht ein süß erquickender Hauch tiefer
unsterblicher Liebe zu mir Joseph Das alles spricht zu mir wie mit lebendigem
Atem und Deiner sympatischen Stimme  ich will Dir antworten hier auf
denselben Blättern wo Deine Hand geruht hat und will denken Du stehest neben
mir und Deine tiefen Augen verfolgen die Feder wie sie Zug um Zug hinzeichnet
bis das Rätsel gelöst vor Dir liegt
    »Weißt Du noch wie die kleine Kordula Hellwig ihr weißes Lieblingshuhn das
der Jagdhund verscheucht hatte auf dem Hausboden suchte Es war dunkel da
droben aber durch eine Bretterritze floss es golden und die Sonnenstäubchen
spielten zu Milliarden in der Lichtsäule Das kleine Mädchen lugte durch die
Ritze Da drüben hatte Nachbar Hirschsprung eben die Frucht seines einzigen
Ackers eingeheimst und hoch auf den gelben Garben saß der wilde schwarze
Joseph und schaute durch die Dachluke
    »Such mich doch rief das Kind durch die Spalte Der Knabe sprang herab und
sah sich trotzig um Such mich doch klang es wieder Da geschah ein Krach und
eines der Bretter hinter welchen die kleine Kordula steckte fiel polternd
herein auf den Dachboden des vornehmen Nachbarhauses  Ja so warst Du
Joseph und ich weiß Du würdest späterhin genug der unwürdigen Schranken in der
Menschenwelt und manches mühsam erbaute falsche System genau so zertreten haben
wie das Brett hinter welchem Du geneckt wurdest
    »Ich weinte bitterlich vor Schreck und da warst Du plötzlich ganz sanft und
unsäglich gut und führtest mich hinunter in das enge räucherige
Schusterstübchen  Die Bretterwand wurde wieder hergestellt seit der Zeit
aber wanderte ich täglich über die Straße und besuchte Dich  Ach was waren
das für Winternachmittage Draußen stöberte und stürmte es um die Wette der
Rosmarinstock auf dem Fenstersims zitterte bei jedem Windstoß der an den
runden bleigefassten Scheiben vorüberbrauste und der sonst so beherzte
Stieglitz klammerte sich an die innere Wand seines Bauers Auf dem riesigen
Kachelofen brodelte der Kaffeetopf Deine ehrbare Mutter saß am schnurrenden
Spinnrade und spann Hanf und der Vater hämmerte tapfer auf seinem Schemel und
verdiente das tägliche Brot
    »Ich sehe noch sein edles melancholisches Gesicht vor mir wenn er erzählte
von vergangenen Zeiten Da waren die Hirschsprungs ein gewaltiges berühmtes
Geschlecht gewesen ein tapferes Hünengeschlecht von riesiger Körperkraft Welch
eine unabsehbare Reihe von Heldentaten hatte ihr starker Arm ausgeführt Aber
mir graute vor den Strömen edlen Menschenblutes das sie vergossen  ich hörte
viel lieber die Geschichte von dem Ritter der sein junges Weib so herzlich und
treu geliebt hatte Er ließ zwei Armringe machen und auf jedem stand die Hälfte
eines Liebesverses eingegraben den einen Ring trug er den anderen sein trautes
Gemahl  Und als er in der Schlacht todeswund zu Boden stürzte da kam ein
räuberischer Kriegsknecht und wollte ihm das kostbare Liebeszeichen entreißen
aber der Sterbende presste krampfhaft seine Linke auf das Kleinod  er ließ sich
die Hand verstümmeln und zerhauen bis sein Knappe zu Hilfe eilte und den Räuber
niederschlug  Die Armringe wurden in der Familie als Reliquien aufbewahrt
bis  ja bis die Schweden kamen  Wie hasstest Du damals diese Schweden
Joseph Sie sollten ja schuld sein an dem Untergange derer von Hirschsprung 
Das war eine tieftraurige Geschichte und ich mochte sie schon um deshalb nicht
hören als Dein Vater jedesmal sagte Siehst Du Joseph wenn das Unglück nicht
geschehen wäre da könntest Du studieren und ein großer Mann werden  so aber
bleibt Dir nichts als der Schusterschemel Ach diese Geschichte hat noch eine
ganz andere Kehrseite als der ehrliche Schuster meinte 
    »Die Hirschsprungs waren gut papistisch geblieben als auch das ganze Land
ringsum abfiel und sich zu der neuen lutherischen Lehre bekehrte Sie lebten von
da an streng zurückgezogen um ihres Glaubens willen aber dem alten Adrian von
Hirschsprung genügte das nicht denn er war ein wilder Fanatiker der lieber
Haus und Hof und die alte Thüringer Heimat verlassen als unter Ketzern leben
wollte Er hatte sein Besitztum bis auf das Haus am Markt um bare
sechzigtausend Taler in Gold verkauft und seine zwei Söhne ritten eines Tages
davon um in gut katholischen Landen eine neue Heimat zu suchen  Da geschah
es dass der Schwedenkönig Gustav Adolph mit einundzwanzigtausend Mann
Kriegsvolk durch das Thüringer Land zog Er rastete auch einen Tag in dem
kleinen Städchen X  das war am 22 Oktober 1632  und seine Leute besetzten
die Häuser Auch das Ritterhaus am Marktplatz steckte voll schwedischer Reiter
und das musste den alten Adrian mit Wut und Ingrimm erfüllt haben Es kam zu
einem heftigen Wortwechsel zwischen ihm und den Soldaten die halbtrunken im
Hofe Wein zechten und da geschah das Schreckliche  ein Kriegsknecht stieß dem
alten finsteren Eiferer das Schwert mitten durch die Brust er stürzte mit
ausgebreiteten Armen rücklings auf das Steinpflaster und verschied ohne einen
Laut auf der Stelle Die wütenden Schweden aber zerschlugen und zertrümmerten
alles im Hause was nicht niet und nagelfest war und als die Söhne
zurückkamen da lag der alte Adrian längst unter den Steinfliesen der
Liebfrauenkirche und sie suchten vergebens nach ihrem Erbe Die sechzigtausend
baren Taler hatten die Schweden fortgeschleppt Kisten und Kästen standen leer
ihr Inhalt lag zerfetzt und zerstampft am Boden und die Familienpapiere waren
in alle Winde zerstreut nicht ein Blättchen ließ sich mehr auffinden  So
erzählte Dein Vater Joseph Darauf kam das Haus um einen armseligen Preis in
die Hände des Bürgers Hellwig Die zwei Söhne des Adrian teilten den Erlös
Lutz der Aeltere zog von dannen und es hat nie wieder etwas von ihm
verlautet die andere Linie aber hing das Ritterschwert an den Nagel und die
Nachkommen derer die gegen die Saracenen gekämpft die einst wohlgelitten waren
an Kaiserhöfen um ihrer Tapferkeit und adligen Sitten willen sie griffen zu
Hobel und Pfrieme
    »Du aber nicht Joseph Wie die prächtigen Locken über Deiner Stirn sich
eigenwillig ringelten und aufbäumten so schweifte Dein Geist weit ab von der
engen Lebensbahn Deiner letzten Vorfahren Du gingst Deinen eigenen Weg ob Du
auch wusstest dass er dornenvoll und steinig war dass Mangel und Entbehrung an
Deiner Seite schreiten mussten Du sahst nur das Ziel das hohe leuchtende Ziel
und so viel Heldenmut endete schmählich in einer Dachkammer Der Geist entfloh
weil der Körper hungerte  Allmächtiger eine Deiner herrlichsten Schöpfungen
ging unter aus Mangel an Brot
    »Wer hätte an dies spurlose Verlöschen Deines Daseins gedacht wenn Du mit
überzeugender Gewalt Deine neuen kühnen ursprünglichen Ideen entwickeltest
Oder wenn Du am Klavier sassest und die wundervollen Harmonien unter Deinen
Fingern emporquollen  Es war ein armes kleines Spinett das in einer
dunklen Ecke Deiner elterlichen Stube stand seine Töne klangen stumpf und rau
aber Dein Genius beseelte sie sie erbrausten in Sturm und Gewitter und malten
den lachenden Himmel über einer strahlenden Welt  Weißt Du noch wie Dein
guter Vater Dich belohnte wenn er zufrieden mit Dir war Da schloss er mit
feierlicher Gebärde eine kleine uralte Spinde auf und legte Dir ein Notenheft
auf das Pult  es war die Operette von Johann Sebastian Bach sein Großvater
hatte sie von dem Komponisten selbst erhalten und sie wurde wie ein Heiligtum in
der Familie aufbewahrt  Sie fanden nicht einen Pfennig Geldes nicht einen
Bissen Brot bei Dir als Du heimgegangen warst aber das Bachsche
Opernmanuskript dessen materiellen Wert Du wohl kanntest lag unangerührt
unter meiner Adresse auf dem Tisch
    »Da drüben auf der Seite genau auf der Stelle wo ich jetzt schreibe da
steht Meine süße goldlockige Kordula kam herüber im weißen Kleide das war an
meinem Konfirmationstag Joseph Meine strenge Mutter hatte mir gesagt es
geschehe zum letztenmal von nun an sei ich die erwachsene Tochter des Kaufund
Handelsherrn und mein Verkehr mit der Schusterfamilie schicke sich nicht mehr
 Deine Eltern waren nicht in der Stube und ich teilte Dir das Verbot mit 
Wie wurde Dein Gesicht bleich unter den kohlschwarzen Locken Nun so gehe doch
sagtest Du trotzig und stampftest mit dem Fuße auf aber Deine Stimme brach und
in den zornigen Augen funkelten Tränen Ich ging nicht unsere zitternden Hände
schlangen sich plötzlich wie unbewusst und unauflöslich ineinander das war der
Uranfang unserer seligen Liebe
    »Ich sollte das je vergessen haben und nachdem ich jahrelang meinen
zürnenden und bittenden Eltern widerstanden plötzlich aus eigenem Antriebe
meineidig geworden sein Sie schalten Dich einen Hungerleider einen missachteten
Schustersohn der brotlose Künste treibe sie drohten mit Fluch und Enterbung 
ich blieb standhaft wie leicht war das damals Du standest ja neben mir Aber
als Deine Eltern starben und Du fortgingst nach Leipzig da kam eine furchtbare
Zeit  Da erschien eines Tages eine hohe schlanke Männergestalt im Hause
meines Vaters und auf dieser Gestalt saß ein Kopf mit fahlen Wangen an denen
dürftiges dunkles Haar lang und glatt niederhing und den Mund umzogen
unheimliche schlaffe Linien  Es gibt einen Seherblick Joseph und das ist
der Instinkt in einer reinen Menschenbrust  ich wusste sofort dass mit jenem
Menschen das Unheil über unsere Schwelle geschritten war Mein Vater dachte
anders über diesen Paul Hellwig Er war ja ein naher Anverwandter der Sohn
eines Mannes der sein Glück draußen in der Welt gemacht hatte und einen
ansehnlichen Posten bekleidete Da war der Besuch des jungen Vetters eine Ehre
für das Haus Und wie diese hohe Gestalt sich demutsvoll bücken konnte wie das
süß und salbungsvoll von den Lippen floss
    »Du weißt dass der Elende es wagte mir von Liebe zu sprechen Du weißt
auch dass ich ihn heftig und empört zurückwies er war erbärmlich und ehrlos
genug die Hilfe meines Vaters anzurufen der wünschte lebhaft diese Verbindung
und nun begannen entsetzliche Tage für mich  Deine Briefe blieben aus mein
Vater hatte sie unterschlagen ich fand sie nebst den meinigen in seinem
Nachlasse Ich wurde wie eine Gefangene behandelt aber es konnte mich doch
niemand zwingen im Zimmer zu bleiben sobald der Verhasste eintrat  Dann floh
ich wie gehetzt durch das Haus und die Geister Deiner Ahnen beschützten mich
Joseph Ich fand Schlupfwinkel genug wo ich vor meinem Verfolger sicher war
    »Ob es wohl auch der geheimnisvolle Finger einer unsichtbaren Ahnfrau
gewesen ist der eines Tages meinen Blick auf das Goldstück zu meinen Füßen
lenkte 
    »Eine Mauer im Geflügelhofe hatte sich gesenkt und nachmittags waren
Arbeiter dagewesen und hatten den schadhaften Teil niedergerissen Ich saß still
auf dem Trümmerwerke und dachte an die Zeit wo man diese Steine aufeinander
getürmt hatte  und da lag plötzlich das Goldstück vor mir im Grase es war
nicht das einzige auch zwischen den Mörtelbrocken schimmerte es golden Ohne
Zweifel war ein beträchtliches Mauerstück nachgestürzt als die Arbeiter den Hof
bereits verlassen hatten denn es lag alles wild und zerklüftet durcheinander
und zwischen den Bruchstücken hervor guckte die scharfe Ecke einer hölzernen
Truhe  sie war zum Teil geborsten dieser Spalt erschien förmlich gespickt mit
dem geränderten Gold
    »Joseph ich hatte den Fingerzeig Deiner Ahnmutter nicht begriffen  ich
holte meinen Vater und der Verhasste kam auch mit Sie hoben mühelos den Kasten
aus den Trümmern und schlossen ihn auf mit dem gewaltigen Schlüssel der noch im
Schloss steckte 
    »Die Schweden waren es nicht gewesen Joseph  Da lagen wohlbehalten die
zwei Armringe da lagen die sechzigtausend Taler in Gold und die vergilbten
Pergamente und Papiere Derer von Hirschsprung Der alte Adrian hatte alles
hierher gerettet vor den heranziehenden Schweden  Ich war wie trunken vor
Glück Vater jubelte ich auf nun ist der Joseph kein Hungerleider mehr
    »Ich sehe ihn noch wie er dastand Du weißt er hatte ein ernstes strenges
Gesicht das heitere Wort erstarb einem auf den Lippen wenn man in diese
wandellosen Züge sah aber seine ganze Erscheinung trug das Gepräge einer
unerschütterlichen Rechtschaffenheit  er war der geachtetste Mann in der Stadt
Jetzt stand er vorwärts gebeugt da und seine Hände wühlten in dem Golde Was
war das für ein eigentümlicher Blick der aus dem kalten Auge auf mich fiel Der
Schusterjunge wiederholte er was hat der damit zu schaffen
    »Nun das ist sein Erbe Vater Ich hatte das Testament des alten Adrian in
der Hand und deutete auf den Namen Hirschsprung
    »O wie entsetzlich veränderte sich plötzlich dies sonst so unbewegliche
Gesicht
    »Bist du wahnsinnig schrie er auf und schüttelte mich heftig am Arme Dies
Haus gehört mir mit allem was es enthält und ich will den sehen der mir auch
nur einen Pfennig Wert von meinem Grund und Boden wegholt
    »Sie sind vollkommen in Ihrem Recht lieber Vetter bestätigte Paul Hellwig
mit seiner sanftesten Stimme Aber vordem hat das Haus mit allem was es
enthalten meinem Großvater gehört
    »Schon gut Paul ich leugne deinen Anspruch nicht sagte mein Vater  Sie
trugen den Kasten vor in das Haus Niemand wusste um den Raub als ich und der
letzte Abendsonnenstrahl der neugierig über das funkelnde Gold hingeglitten
war Er erlosch um drüben neu aufzugehen und vielleicht auf ein glückseliges
Menschenangesicht zu fallen ich aber irrte umher und sah Nacht und Fluch und
Verbrechen wohin ich blickte
    »Noch an demselben Tage hörte ich wie Paul Hellwig zwanzigtausend Taler
und einen der Armringe beanspruchte und erhielt 
    »Weißt Du nun was ich litt während Du mich für treulos falsch und
leichtsinnig hieltest Ich stand allein meinen zwei Peinigern gegenüber  meine
strenge aber rechtschaffene Mutter war tot und mein einziger Bruder in fernen
Landen  Es handelte sich nicht allein mehr um meine Liebe zu Dir  ich sollte
auch schweigen unverbrüchlich schweigen vor Dir und der Welt und dazu verstand
ich mich nun und nimmer  Hat nie Dein Herz bang und ahnungsvoll geklopft in
jenen unseligen Momenten wo ich meinem zürnenden Vater unerschütterlich fest
gegenüberstand wo er die Hand hob um die starrsinnige entartete Tochter zu
Boden zu schleudern 
    »Ich hatte das Testament des alten Adrian zurückbehalten  das wussten sie
nicht und als eines Abends Paul Hellwig höhnisch fragte womit ich denn
eigentlich den Fund beweisen wolle da wies ich auf dies Papier hin  und da kam
das furchtbare Ende Mein Vater hatte nachmittags einer großen Gasterei
beigewohnt sein Gesicht war stark gerötet er hatte offenbar viel Wein
getrunken Bei meiner Erklärung stürzte er auf mich zu schüttelte mich mit
seinen gewaltigen Händen dass ich aufschrie vor Schmerz und fragte knirschend
ob mir denn seine Ehre und sein Ansehen nicht einen Pfifferling wert seien Noch
hatte er das letzte Wort nicht ausgesprochen als er mich zurückstiess  sein
Gesicht wurde dunkelbraun er fuhr mit beiden Händen nach dem Halse und brach
plötzlich wie niedergeschmettert vor mir zusammen  der große stattliche Mann
 Er atmete noch als wir ihn aufhoben ja er hatte sogar Bewusstsein denn
sein Blick ruhte unverwandt mit einem furchtbaren Ausdruck auf meinem Gesicht
und  da brach mein Widerstand Joseph Als der Arzt für einen Augenblick das
Zimmer verlassen hatte da zog ich das Papier hervor und hielt es an die Flamme
des Lichtes Ich konnte meinen Vater nicht ansehen aber ich gelobte ihm mit
weggewandtem Gesicht dass ich schweigen wolle für immer dass mit meinem Willen
kein Flecken auf seine Ehre fallen solle  Wie lächelte Paul Hellwig teuflisch
bei diesem Schwur  O Joseph das tat ich Ich sicherte meiner Familie das
Dir gestohlene Erbe in dem Augenblick wo Dich der Mangel auf das Sterbebett
warf«
 
                                       25
Felicitas schlug erschöpft das Buch zu  sie konnte nicht weiter lesen Draußen
pfiff und tobte es an den Fenstern vorüber dass sie klangen und klirrten  was
war dies Brauen gegen die Stürme in der Menschenbrust von denen das Buch
erzählte
    Tante Kordula du bist gemartert und gekreuzigt worden Die in dem
gestohlenen Gut schwelgten sie stellten sich auf den hohen Standpunkt
angestammter Familientugend und Rechtschaffenheit sie verstiessen dich als eine
Entartete und die blinde Welt bestätigte diesen Urteilsspruch Hoch droben in
den Lüften standest du verfemt und verlästert und hinter den festgeschlossenen
Lippen ruhte dein Geheimnis Du riefst nicht Wehe über die Blinden da drunten 
sie aßen gar oft dein Brot und erfassten unbewusst deine rettende Hand in Not und
Elend Dein starker Geist erbaute sich seine eigene Welt und das stille
versöhnliche Lächeln das im Alter deine Züge verschönte war der Sieg einer
erhabenen Seele
    Welch ein Unding ist die öffentliche Meinung Die Welt hat nichts
Haltloseres und doch darf sie tief und bestimmt eingreifen in das Schicksal der
einzelnen Leiden nicht Familien noch nach Jahren für ein einziges Glied das
die öffentliche Stimme gerichtet und verfemt hat und gibt es nicht
Geschlechter die den Nimbus angestammter Tugend und Ehrbarkeit mühelos tragen
bloß weil ihr Name dem Volksmunde als »gut« geläufig ist Wie viel unbestrafte
Schurkerei hat die öffentliche Meinung auf dem Gewissen und wie oft weint das
stille Verdienst unter ihren blinden Fussstössen
    Die Familie Hellwig gehörte auch zu jenen Unantastbaren Wenn einer gewagt
hätte den Finger aufzuheben gegen die stattlichste und stolzeste Erscheinung
unter den Oelbildern der Erkerstube und zu sagen »Das ist ein Dieb«  er wäre
gesteinigt worden vom großen Haufen Und doch hatte er den armen Schustersohn um
sein Erbe betrogen er war gestorben der Ehrenmann mit dem Diebstahl auf dem
Gewissen und seine Nachkommen waren stolz auf den »sauer und redlich
erworbenen« Reichtum des alten Handlungshauses  Wenn er das wüsste wenn er
einen Blick in dies Buch werfen könnte er der sein eigenes Wünschen derartigen
»geheiligten« Traditionen unterwarf der so lange den Satz festgehalten hatte
nach welchem Tugend und Laster hoher Sinn und Gemeinheit sich an die Familie
und deren Stellung nicht aber an das einzelne Individuum knüpfen sollten 
    Felicitas streckte unwillkürlich die Rechte mit dem Buche wie triumphierend
in die Höhe und ihre Augen funkelten  Was hinderte sie diesen kleinen
grauen Kasten mit seinem furchtbaren Inhalt dort auf dem Schreibtisch liegen zu
lassen  Dann kommt er herein und setzt sich arglos in die traute
epheuumhangene Nische Die wuchtige Stirne voll tiefer Gedanken nimmt er die
Feder auf um an dem dort liegenden Manuskript weiterzuarbeiten  Da steht das
kleine unbekannte Etwas vor ihm  er hebt den Deckel auf nimmt das Buch heraus
und liest  und liest bis er totenbleich zurücksinkt bis die stahlgrauen Augen
erlöschen unter der Wucht einer schreckensvollen Entdeckung  Dann ist sein
stolzes Bewusstsein lebenslänglich geknickt Er trägt im Verborgenen die Last der
Schande  Will er die Annehmlichkeiten seines reichen Erbes genießen  es sind
gestohlene Freuden liest er seinen so gepriesenen Namen  es ruht ein hässlicher
Flecken darauf  er ist innerlich gebrochen gemordet für alle Zeiten der
stolze Mann 
    Buch und Kasten fielen schallend zur Erde und ein heißer Tränenstrom
stürzte aus Felicitas Augen  »Nein tausendmal lieber sterben als ihm dies
Leid antun«  War der Mund der diese Worte bebend herausstiess derselbe
welcher einst hier zwischen diesen vier Wänden gesagt hatte »Ich würde es
nicht beklagen wenn ihm ein Leid widerführe und wenn ich ihm zu einem Glücke
verhelfen könnte ich würde keinen Finger bewegen« War das wirklich noch der
alte wilde Hass der sie weinen machte der ihr Herz mit unsäglichem Weh
erfüllte bei dem Gedanken er könne leiden War es Abscheu das süße Gefühl mit
welchem sie plötzlich seine kraftvolle männliche Gestalt vor sich
heraufbeschwor und hatte die glückselige Genugtuung dass sie berufen sei die
Hände schützend über seinem Haupte zu halten ihn vor einer niederschmetternden
Erfahrung zu bewahren noch etwas gemein mit dem hässlichen Gefühl der Rache 
Hass Abscheu und Rachedurst  sie waren spurlos verlöscht in ihrer Seele 
Wehe sie hatte ihr Steuer verloren  Sie taumelte zurück und schlug die
Hände vor das Gesicht  der geheimnisvolle Zwiespalt ihres Herzens lag gelöst
vor ihr aber nicht unter jenem Lichte einer himmlischen Erkenntnis das
plötzlich ungeahnte lachende Gefilde bestrahlt  es war ein grelles
Wetterleuchten in welchem ein Abgrund zu ihren Füßen sichtbar wurde 
    Fort fort  es hielt sie nichts mehr Noch einmal den Weg über die Dächer
zurück dann den letzten eilenden Schritt über die Schwelle des Hellwigschen
Hauses und sie war frei sie war entflohen auf Nimmerwiedersehen
    Sie raffte das Buch auf und schob es in ihre Tasche  aber da stand sie mit
zur Flucht gehobenem Fuße und zurückgehaltenem Atem einen Moment wie versteinert
 draußen im Vorsaal war eine Tür zugeschlagen worden und jetzt schritt es
rasch auf das Wohnzimmer zu Sie floh in den Vorbau und riss die Glastür auf 
der Sturm fuhr herein und schleuderte ihr einzelne große Regentropfen in das
Gesicht  Ihre Augen irrten über das Dächerquadrat da hinüber kam sie nicht
mehr dort musste sie gesehen werden  ihre einzige Rettung war ein
augenblickliches Versteck
    Zwischen der Vorbauwand und den Blumentöpfen lief ein schmaler unbesetzter
Raum empor Felicitas flüchtete hinauf und erfasste droben taumelnd und mit
versagenden Blicken die Eisenstange des Blitzableiters der sich über den First
hinzog Sie stand hoch über dem Vorbau  Hei wie der Sturm die zarte Gestalt
packte und schüttelte wie er in erneutem Ingrimm versuchte sie hinabzustossen
in die Straße die wie ein dunkler Spalt jenseits herauf klaffte  Über den
Himmel hin brausten die schwarzen Gewitterwolken  war kein Engel droben über
der kochenden gärenden Wetterwand der seine Hände schirmend herniederstreckte
auf die mit der furchtbarsten Gefahr Ringende
    Wer es auch sein mochte der in diesem Augenblick heraustrat auf die
Galerie das Mädchen da droben stand als Diebin gebrandmarkt vor ihm  Sie war
in verschlossene Räume eingedrungen  die ganze Welt nannte das Einbruch schon
hatte man die Anklage dass sie um den Silberdiebstahl wisse auf ihr Haupt
geschleudert  jetzt lag ihre Schuld sonnenklar am Tage Sie wanderte nicht mehr
freiwillig über die Schwelle des alten Kaufmannshauses sie wurde hinausgestossen
als Entehrte und wie Tante Kordula musste sie fortan mit festgeschlossenen
Lippen Schimpf und Schmach unverschuldet durchs Leben tragen  War es da so
schrecklich wenn sie sich dem Arme des Sturmes willig überließ und nach wenigen
qualvollen Augenblicken ihr junges Leben drunten auf dem Strassenpflaster
aushauchte 
    Mit wirren Blicken starrte sie hinab auf das vorspringende Dach des Vorbaues
 die Person unter blieb nicht vor der Glastür stehen  Felicitas letzte
verzweifelte Hoffnung  sie schritt trotz Sturm und Wetter weiter und weiter
auf der Galerie und jetzt wurde die Gestalt sichtbar  es war der Professor 
Hatte er die fliehenden Schritte des Mädchens gehört  Noch kehrte er ihr den
Rücken noch war es möglich dass er zurückging ohne sie gesehen zu haben  aber
da kam der Sturm der Verräter er zwang den Professor sich umzudrehen und
ließ in dem Augenblick Haar und Gewand der Flüchtigen wild aufflattern  und er
erblickte die Gestalt mit den krampfhaft um das Eisen geschlungenen Armen und
dem geisterhaften Gesicht das aus den wogenden Haarmassen verzweiflungsvoll auf
ihn niedersah
    Einen Augenblick war es als gerinne ihr unter dem entsetzten Blick der sie
traf das Blut in den Adern dann aber schoss es siedend nach dem Kopfe und
raubte ihr den letzten Rest von Besonnenheit
    »Ja da steht die Diebin Holen Sie das Gericht holen Sie Frau Hellwig Ich
bin überführt« rief sie unter bitterem Auflachen hinab Sie ließ mit der Linken
die Eisenstange los und warf das Haar zurück das ihr der Sturm über das Gesicht
peitschte
    »Um Gottes willen« schrie der Professor auf »fassen Sie die Stange  Sie
sind verloren«
    »Wohl mir wenns vorüber wäre« klang es schneidend durch das Brausen und
Pfeifen
    Er sah den schmalen Raum nicht auf welchem Felicitas emporgeklimmt war In
wenig Augenblicken hatte er die Blumentöpfe herabgeschleudert und sich einen Weg
gebahnt und da stand er plötzlich neben ihr Er umschlang mit unwiderstehlicher
Kraft die widerstrebende Gestalt und zog sie herab in den Vorbau  krachend fiel
die Tür hinter ihnen in das Schloss
    Der starke mutige Geist des Mädchens war gebrochen  völlig betäubt wusste
sie nicht dass ihr vermeintlicher Widersacher sie noch stützte sie hatte die
Augen geschlossen und sah nicht wie sein Blick tiefsinnig auf ihrem bleichen
Gesicht ruhte »Felicitas« flüsterte er mit tiefer bittender Stimme
    Sie fuhr empor und begriff sofort ihre Lage Aller Groll alle Bitterkeit
an denen sich ihre Seele jahrelang genährt kamen nochmals über sie  sie riss
sich heftig los und da war er wieder der dämonische Ausdruck der eine tiefe
Falte zwischen ihre Augenbrauen grub und die Mundwinkel in herben Linien umzog
    »Wie mögen Sie die Paria anrühren« rief sie schneidend Aber ihre
hochaufgerichtete Gestalt sank sofort wieder in sich zusammen sie vergrub ihr
Gesicht in den Händen und murmelte grollend »Nun so verhören Sie mich doch 
Sie werden zufrieden sein mit meinen Aussagen«
    Er nahm ihre Hände sanft zwischen die seinen
    »Vor allem werden Sie ruhiger Felicitas« sagte er in jenen weichen
beschwichtigenden Tönen die sie schon am Bette des kranken Kindes wider Willen
bewegt hatten »Nicht den wilden Trotz mit dem Sie mich geflissentlich zu
verletzen suchen  Sehen Sie sich um wo wir sind Hier haben Sie als Kind
gespielt nicht wahr  Hier hat Ihnen die Einsiedlerin für die Sie heute so
heiß gekämpft haben Schutz Belehrung und Liebe gewährt  Was Sie auch hier
getan oder gesucht haben mögen  es ist kein Unrecht gewesen ich weiß es
Felicitas Sie sind trotzig verbittert und über die Massen stolz und diese
Eigenschaften verleiten Sie oft zur Ungerechtigkeit und Härte  aber einer
gemeinen Handlung sind Sie nicht fähig  Ich weiß nicht wie es kam aber es
war mir als müsse ich Sie hier oben finden  Heinrichs scheues verlegenes
Gesicht sein unwillkürlicher Blick nach der Treppe als ich nach Ihnen fragte
bestärkten mich in meiner Annahme  Sagen Sie kein Wort« fuhr er mit
erhobener Stimme fort als sie ihre heißen Augen rasch zu ihm aufschlug und die
Lippen öffnete »Verhören will ich Sie freilich aber in einem ganz anderen
Sinne als Sie denken  und ich glaube ich habe ein Recht dazu nachdem ich
durch Sturm und Wetter geschritten bin um mir meine Tanne herabzuholen«
    Er zog sie tiefer in das Zimmer hinein  schien es doch als sei es ihm zu
hell im Vorbau als bedürfe er der halben Dämmerung des Wohnzimmers um weiter
sprechen zu können Felicitas fühlte wie ein leises Beben durch seine Hände
ging Sie standen genau auf der Stelle wo sie vorhin einen furchtbaren Kampf
mit sich selbst gekämpft hatte wo sie versucht gewesen war ihm einen Dolch in
das Herz zu stoßen ihn moralisch zu lähmen für seine ganze Lebenszeit  Sie
senkte den Kopf tief auf die Brust als eine Schuldbewusste unter den Augen
die sonst so tiefernst jetzt eine wunderbare Glut ausstrahlten
    »Felicitas wenn Sie hinabgestürzt wären« hob er wieder an und es war als
liefe noch bei dieser Vorstellung ein Schauder durch seine kräftige Gestalt
»Soll ich Ihnen sagen was Sie mir angetan haben durch diesen verzweifelten
Trotz der lieber zu Grunde geht als dass er an das vernünftige Urteil anderer
appelliert Und meinen Sie nicht dass ein Augenblick voll Todesangst und
namenloser Leiden ein jahrelanges Unrecht zu sühnen vermag«
    Er hielt erwartungsvoll inne aber die erblassten Lippen des jungen Mädchens
blieben geschlossen und ihre dunklen Wimpern lagen tief auf den Wangen
    »Sie haben sich in Ihre bittere Anschauungsweise förmlich verrannt« sagte
er nach vergeblichem Warten herb und mit sinkender Stimme der man die
Entmutigung anhörte »es ist Ihnen geradezu unmöglich eine Wandlung der Dinge
zu begreifen« Er hatte ihre Hände sinken lassen aber jetzt nahm er nochmals
ihre Rechte und zog sie heftig gegen seine Brust »Felicitas Sie sagten
neulich dass Sie Ihre Mutter vergöttert haben  diese Mutter hat Sie Fee
genannt ich weiß alle die Sie lieben geben Ihnen diesen Namen und so will
auch ich sagen Fee ich suche Versöhnung«
    »Ich habe keinen Groll mehr« stieß sie mit erstickter Stimme hervor
    »Das ist eine vielsagende Versicherung aus Ihrem Munde sie übertrifft meine
Erwartungen allein  sie genügt mir noch lange nicht  Was hilft es wenn
zwei sich versöhnen und dann auf Nimmerwiedersehen scheiden Was hilft es mir
dass ich weiß Sie grollen mir nicht mehr und ich kann mich nicht stündlich
davon überzeugen  Wenn zwei sich versöhnt haben die so getrennt gewesen
sind wie wir dann gehören sie zusammen  auch nicht eine Meile Raum dulde ich
ferner zwischen uns  gehen Sie mit mir Fee«
    »Ich habe Abscheu vor dem Aufenthalte in einem Institut  ich könnte mich
nie in die schablonenmässige Behandlung fügen« antwortete sie hastig und
gepresst
    Der Anflug eines Lächelns glitt über sein Gesicht
    »Ach das möchte ich Ihnen auch nicht antun  Die Idee mit dem Institut
war nur ein Notbehelf Fee Ich selbst wäre dann ziemlich ebenso übel daran 
Es könnte sich ereignen dass ich Sie einen auch zwei Tage nicht sehen dürfte
und dann stände ein Dutzend naseweiser Mitschülerinnen um uns her und finge
jedes Wort auf das zwischen uns fiel oder Frau von Berg die strenge
Vorsteherin säße daneben und duldete nicht dass ich auch nur einmal diese
kleine Hand in der meinigen behielt  Nein ich muss zu jeder Stunde in dies
liebe trotzige Gesicht da sehen dürfen  ich muss wissen dass da wohin ich nach
den Anstrengungen meines Berufes zurückkehre meine Fee auf mich wartet und an
mich denkt  ich muss am stillen trauten Abend inmitten meiner vier Wände bitten
dürfen Fee ein Lied Das alles aber kann nur geschehen wenn  Sie mein Weib
sind«
    Felicitas stieß einen Schrei aus und versuchte sich loszureißen aber er
hielt sie fest und zog sie näher an sich heran
    »Der Gedanke erschreckt Sie Felicitas« sagte er tief erregt »Ich will
hoffen dass es nur der Schreck des Unerwarteten ist und nichts Schlimmeres 
Ich sage ja mir selbst dass es vielleicht langer Zeit bedürfen wird ehe Sie mir
das sein können was ich ersehne  gerade bei Ihrem Charakter lässt sich eine so
rasche Wandlung schwer annehmen nach welcher der verabscheute Todfeind ein
Gegenstand inniger Neigung werden soll Aber ich will um Sie werben mit aller
Ausdauer einer unvergänglichen Liebe ich will warten  so schwer dies auch sein
mag  bis Sie mir einst aus eigenem Antriebe sagen Ich will Johannes  Ich
weiß ja welche Wunder im Menschenherzen vorgehen können Ich floh aus der
kleinen Stadt um mir selbst und meinen furchtbaren inneren Kämpfen zu
entrinnen und da vollzog sich das Wunder erst recht Der qualvollsten Sehnsucht
gegenüber zerfielen diese Kämpfe in nichts ich wusste nun dass das was ich
vermessen und trotzig abschütteln wollte meines Lebens Seligkeit werden würde
 Fee inmitten nichtssagenden Geschwätzes und koketter Gesichter schritt das
einsame Mädchen mit der energischen Haltung und der weißen Stirne voll
kraftvoller Gedanken unablässig neben mir her über Berg und Tal  sie gehörte
zu mir sie war die andere Hälfte meines Lebens ich sah ein dass ich mich nicht
von ihr losreißen könne ohne mich innerlich zu verbluten  Und nun ein
einziges Wort der Beruhigung Felicitas«
    Das junge Mädchen hatte allmählich ihre Hand aus der seinigen gezogen Wie
war es möglich dass ihm während er sprach die Veränderung in ihrem Äußeren
entgehen konnte Die Brauen wie in heftigem physischem Schmerz zusammengezogen
haftete ihr erloschener Blick längst am Boden und die eiskalten Finger
verschlangen sich krampfhaft ineinander
    »Beruhigung wollen Sie von mir« versetzte sie mit schwacher Stimme »Vor
einer Stunde haben Sie mir gesagt Das soll Ihr letzter Kampf gewesen sein und
jetzt schleudern Sie mich mit eigener Hand in den entsetzlichsten den die
Menschenseele durchzumachen hat  Was ist ein Kampf wider äußere Feinde gegen
das Ringen mit sich selbst und den eigenen Wünschen« Sie hob die
festverschlungenen Hände empor und warf wie in Verzweiflung den Kopf zurück
»Ich weiß nicht was ich verbrochen habe dass Gott mir diese unselige Liebe ins
Herz gelegt hat«
    »Fee«
    Der Professor breitete seine Arme aus um sie an seine Brust zu ziehen aber
sie streckte ihm abwehrend die Hände entgegen wenngleich ein Schimmer der
Verklärung über ihr Gesicht flog »Ja ich liebe Sie  das sollen Sie wissen«
wiederholte sie in Tönen die zwischen Jauchzen und Tränen schwankten »Ich
würde schon in diesem Augenblick sagen können Ich will Johannes aber diese
Worte werden nie ausgesprochen werden«
    Er wich zurück und Leichenblässe bedeckte sein Gesicht er kannte »das
Mädchen mit der energischen Haltung und der weißen Stirne voll kraftvoller
Gedanken« viel zu gut um nicht zu wissen dass sie mit diesem Ausspruch für ihn
verloren sei
    »Sie sind geflohen aus X und warum« hob sie fester an sie richtete sich
empor und einer ihrer durchdringendsten Blicke traf die Augen aus denen
plötzlich alles Leben entwichen schien »Ich will es Ihnen sagen Ihre Liebe zu
mir war ein Verbrechen gegen Ihre Familie sie stieß alle Ihre wohlgepflegten
Grundsätze um und musste deshalb wie ein Unkraut aus Ihrem Herzen gerissen
werden Dass Sie von Ihrer Flucht nicht geheilt zurückgekehrt sind ist nicht
Ihre Schuld  Sie unterlagen derselben Macht die auch mich zwingt Sie gegen
meine Grundsätze zu lieben  Wohl mag es ein erbitterter Kampf gewesen sein
bis alle die stolzen Kauf und Handelsherren dem verachteten Spielerskinde Platz
gemacht haben  nichts in der Welt wird mich glauben machen dass ich diesen
Platz für meine ganze Lebenszeit behaupten werde  Sie haben mir vor wenigen
Wochen die unerschütterliche Überzeugung ausgesprochen dass die
Standesverschiedenheit in der Ehe sich unausbleiblich räche  dieses Prinzip
haben Sie Gott weiß wie viele Jahre hindurch festgehalten es kann unmöglich in
den sechs Wochen sich spurlos verflüchtigt haben es ist nur übertüncht es wird
nur verleugnet  und selbst wenn es einer anderen Überzeugung gewichen wäre
was müsste alles geschehen um die Erinnerung an diesen Ausspruch in meiner Seele
zu verlöschen«
    Sie schwieg einen Augenblick erschöpft Der Professor hatte die Rechte auf
die Augen gepresst und um seine Lippen zuckte es wie ein leichter Krampf Jetzt
ließ er die Hand sinken und sagte tonlos »Ich habe die Vergangenheit gegen mich
 aber Sie sind doch im Irrtum Felicitas  O Gott wie soll ich Ihnen das
beweisen«
    »In den äußeren Verhältnissen hat sich nicht das mindeste geändert« fuhr
sie unerbittlich fort »Es ist weder ein Flecken auf Ihre Familie gefallen noch
bin ich irgendwie meinem verachteten Standpunkte entrückt  meine Persönlichkeit
ist es mithin allein welche diese Umkehr bewirkt hat  es wäre vermessen und
gewissenlos von mir wollte ich den Moment benutzen wo Sie die mit Ihnen
festverwachsenen Prinzipien mühsam niederhalten und nur Ihrer Liebe Gehör geben
 Ich frage Sie aufs Gewissen Nicht wahr Sie haben eine sehr hohe Meinung
von der Vergangenheit Ihrer Familie  Und haben Sie sich auch nur einen
Augenblick einzureden vermocht dass diese Vorfahren die sämtlich standesgemäss
gewählt hatten eine solche Missheirat ihres Enkels billigen würden«
    »Felicitas Sie sagen Sie lieben mich und sind fähig mich so systematisch
zu martern« rief er heftig
    Ihr Blick der unverwandt auf seinem Gesicht geruht hatte schmolz  wer
hätte in diesen stolzen zurückweisenden Augen den Ausdruck unbeschreiblicher
Zärtlichkeit gesucht der sie jetzt beseelte Sie nahm die Rechte des Professors
in ihre beiden Hände
    »Als Sie mir vorhin das Leben an Ihrer Seite schilderten da habe ich mehr
gelitten als sich aussprechen lässt« sagte sie in tiefster Bewegung »es würden
vielleicht hundert andere an meiner Stelle die Augen vor der Zukunft
verschließen und nach diesem augenblicklichen Glück greifen aber so wie ich
einmal bin kann ich das nicht  Das was lebenslänglich zwischen uns stehen
wird ist meine Furcht vor Ihrer Reue Bei jedem finsteren Blick bei jeder
Falte auf Ihrer Stirne würde ich denken Jetzt ist der Augenblick da wo er
bedauert wo er umkehrt zu seinen ursprünglichen Ansichten wo er dich innerlich
verstösst als die Ursache seines Abfalles Ich würde Sie unglücklich machen mit
diesem Misstrauen das ich nicht besiegen könnte«
    »Das ist eine furchtbare Wiedervergeltung« sagte er dumpf und schmerzlich
»Übrigens will ich dies Unglück getrost auf mich nehmen  Ich will Ihr
Misstrauen ohne Murren ertragen so tief verwundend es auch ist  es muss ja doch
einmal eine Zeit kommen wo es hell zwischen uns wird  Felicitas ich werde
Ihnen eine Häuslichkeit schaffen in der Ihnen so böse Gedanken gar nicht kommen
können Freilich wird es sich ereignen dass ich manche Falte auf der Stirne
manch finsteren Blick mit nach Hause bringe  die sind unausbleiblich in meinem
Wirkungskreise  aber dann ist ja eben meine Fee da die sofort die Falten
verwischt und den Blick aufhellt  Könnten Sie es wirklich über das Herz
bringen Ihre eigene Liebe zu zertreten und einen Mann dem Sie das höchste
Erdenglück zu geben vermögen elend zu machen«
    Felicitas war allmählich nach der Tür zugeschritten sie fühlte ihre
moralische Kraft treulos werden dieser angstvollen Beredsamkeit gegenüber und
doch musste sie fest bleiben gerade um seinetwillen
    »Wenn Sie mit mir in Abgeschiedenheit und Einsamkeit leben könnten dann
würde ich Ihnen willig folgen« entgegnete sie während sie hastig das
Türschloss ergriff als sei es ihr letzter Halt »Glauben Sie nicht dass ich die
Welt selbst und ihr Urteil scheue  sie urteilt meist blind und einsichtslos 
aber im Verkehr mit ihr fürchte ich eben den Feind in Ihnen selbst Dort gilt
eine respektable Herkunft sehr viel und ich weiß dass Sie darin mit der Welt
harmonieren  Sie haben einen bedeutenden Familienstolz  wenn Sie ihm auch in
diesem Augenblick kein Recht einräumen  im Umgange mit solchen Bevorzugten wird
und muss Ihnen früher oder später der bedauernde Gedanke kommen dass Sie viel
sehr viel für mich aufgegeben haben«
    »Das heißt also mit anderen Worten, wenn ich Sie besitzen will dann muss ich
entweder meinen Wirkungskreis aufgeben und in einer Einöde leben oder irgend
einen Flecken einen unwürdigen Moment aus der Vergangenheit meiner Familie
aufzufinden suchen« rief er gereizt und bitter
    Eine jähe Röte stieg bei seinen letzten Worten in das Gesicht des jungen
Mädchens Unwillkürlich glitt ihre Hand über die Falten ihres Kleides und
befühlte die scharfen Ecken des grauen Kastens ob er auch sicher sei in seinem
Versteck
    Der Professor durchmass in unbeschreiblicher Aufregung das Zimmer
    »Das trotzige unbeugsame Element in Ihrem Charakter hat mir bereits viel zu
schaffen gemacht« fuhr er in demselben Tone fort indem er vor Felicitas stehen
blieb »es zieht mich an und erbittert mich zugleich in diesem Augenblick
jedoch wo Sie mit rauer Konsequenz mir meine Liebe vor die Füße werfen und
sich selbst zu einem so unnützen Opfer verurteilen fühle ich geradezu eine Art
Hass einen wilden Ingrimm  ich könnte es zertreten  Ich sehe ein dass ich
für jetzt nicht um einen Schritt weiter mit Ihnen komme  aber Sie aufgeben
daran denkt meine Seele nicht  Ihre Versicherung dass Sie mich lieben ist
für mich ein unverbrüchlicher Schwur  Sie werden mir niemals treulos werden
Felicitas«
    »Nein« versetzte sie rasch und wohl gegen ihren Willen brach abermals ein
voller Strahl der Liebe aus ihren Augen
    Der Professor legte seine Hand auf den Scheitel des jungen Mädchens bog
ihren Kopf leicht zurück und sah ihr mit einem Gemisch von Schmerz Groll und
Leidenschaft in das Gesicht  Er schüttelte leise den Kopf als unter diesem
beschwärenden Blicke ihre Wimpern sich tief auf die Wangen legten und die Lippen
festgeschlossen blieben  ein tiefer Seufzer hob seine Brust
    »Nun da gehen Sie« sagte er gepresst und tonlos »Ich willige in eine
vorläufige Trennung aber nur unter der Bedingung dass ich Sie öfter sehen darf
wo Sie auch sein mögen und dass ein schriftlicher Verkehr zwischen uns bleibt«
    Sie schalt sich innerlich unsäglich schwach dass sie ihm zusagend die Hand
hinreichte doch ihm diesen Trost zu nehmen vermochte sie nicht  Er wandte
sich rasch ab und sie trat hinaus in den Vorsaal
 
                                       26
Draußen streckte sie in namenloser Qual unwillkürlich die Arme gen Himmel Wie
hatte sie gelitten in den letzten Augenblicken die an Bitterkeit und Schmerzen
alles hinter sich ließ was dies junge schwergeprüfte Herz bereits hatte
durchkämpfen müssen
    Sie zog wie unbewusst den kleinen Kasten hervor  das Geheimnis da drinnen
zertrümmerte sofort die Schranke die sich zwischen ihr und dem geliebten Manne
auftürmte es fiel schwer in die Wagschale ihrer verachteten Herkunft gegenüber
 kam der Versucher nochmals über sie Nein Tante Kordula dein Wille soll
geschehen so glänzend auch dies Buch dich rechtfertigt Und er  Ihn wird
die Zeit heilen der Schmerz der Entsagung heiligt die Seele  die
Mitwissenschaft eines Verbrechens aber erniedrigt und lähmt sie für immer 
Noch in dieser Stunde sollte dies kleine unheilvolle Buch zu Asche werden
Felicitas sah noch einmal nach der Tür zurück hinter welcher sie den Professor
rastlos auf und ab gehen hörte dann glitt sie die Mansardentreppe hinab und
öffnete geräuschlos die gemalte Tür
    Den Wanderer der ahnungslos auf den grauenvollen Leib einer Schlange tritt
und plötzlich das furchtbare Haupt der Gereizten vor sich aufbäumen sieht ihn
kann kein größeres Entsetzen packen als Felicitas in dem Augenblick empfand wo
sie in den Korridor heraustrat Fünf Finger legten sich mit raschem Griff wie
Eisen um ihre Linke die noch den Kasten hielt und dicht neben ihrem Gesicht
funkelten zwei Augen in einem grünlichen Lichte  es waren die süßen sanften
Madonnenaugen der Regierungsrätin
    Das schöne Weib hatte in diesem Moment den bestrickenden Zauber weiblicher
Anmut und Zartheit völlig abgestreift  wie konnten diese rosigen im Gebet so
weich und graziös sich verschlingenden Hände derb und energisch zugreifen und
festhalten Welcher Ausdruck satanischer Bosheit lag in diesem Engelsangesicht
und verzerrte die kindlich weichen Linien bis zur Unkenntlichkeit
    »Das trifft sich ja scharmant schöne stolze Karoline dass ich Ihnen gerade
begegnen muss in dem Augenblick wo Sie dies allerliebste Schmuckkästchen in
Sicherheit bringen wollen« rief sie hohnlachend und legte rasch auch noch ihre
Linke wie einen Schraubstock auf die Hand des Mädchens das sich loszureißen
suchte »Haben Sie die Freundlichkeit diesen unglücklichen kleinen Verräter da
noch ein wenig in der Hand zu behalten  es liegt mir durchaus nichts daran dass
Sie ihn fallen lassen  Nur noch einen Moment Geduld ich brauche einen
Zeugen um vor Gericht beweisen zu können dass ich die Diebin auf frischer Tat
ertappt habe  Johannes Johannes«
    Wie klang es schrill und kreischend durch den Korridor das sonst so
silberreine in Erbarmen und christlicher Milde hinschmelzende Organ der jungen
Witwe
    »Ich bitte Sie um Gottes willen lassen Sie mich los gnädige Frau« bat
Felicitas in Todesangst während sie mit ihr rang
    »Nicht um die Welt Er soll sehen wen er heute an seine Seite gestellt hat
 Es war wohl recht süß zu hören Hier ist Ihr Platz Sie glaubten sich am
Ziele Sie ehrlose Kokette aber ich bin auch noch da«
    Sie wiederholte ihren Hilferuf  es war unnötig der Professor kam bereits
die Treppe herab und trat in die Tür zu gleicher Zeit erschien Heinrich am
anderen Ende des Korridors
    »Ach da oben warst du Johannes« rief die Regierungsrätin »Ich glaubte
dich hier unten im zweiten Stock In dem Falle ist ja die Kunst dieser jungen
Taschenspielerstochter um so mehr zu bewundern als sie dir das Erbteil der
seligen Tante sozusagen unter der Hand wegeskamotiert hat«
    »Bist du von Sinnen Adele« rief er rasch die letzte Stufe verlassend von
wo aus er erstaunt die unbegreifliche Szene überblickt hatte
    »Ganz und gar nicht« klang es ironisch zurück »Halte mich nicht für
gewalttätig lieber Vetter weil ich notgedrungen das Amt eines Häschers
übernehmen musste Aber der Herr Rechtsanwalt Frank verweigerte mir indigniert
seine Hilfe bei Entdeckung des Silberdiebes du selber nahmst diese Unschuld
hier unter deine Flügel  was blieb mir da anders übrig als eigenmächtig zu
handeln Du siehst diese fünf Finger hier sie umklammern den Kasten den sie
von da oben herabgetragen haben  diese Tatsache wäre konstatiert und nun
wollen wir sehen was die Elster in ihr Nest tragen wollte«
    Sie riss mit Blitzschnelle den Kasten aus Felicitas Hand Das junge
Mädchen stieß einen Schrei aus und haschte angstvoll nach dem entrissenen
Geheimnis allein die Regierungsrätin flog auflachend mit dem Raube einige
Schritte tiefer in den Korridor und hob in fieberhafter Hast den Deckel ab
    »Ein Buch« murmelte sie bestürzt  Kasten und Deckel fielen zur Erde Sie
nahm den Einband mit beiden Händen schüttelte das Buch heftig hin und her und
ließ die Blätter voneinander klaffen  es sollten und mussten doch wenigstens
Banknoten oder Dokumente oder irgend etwas Wertvolles herausfallen  nichts von
allem dem
    Unterdes hatte sich Felicitas von ihrem tödlichen Schrecken erholt Sie ging
der Dame nach und verlangte mit ernsten Worten das Buch zurück aber bei aller
scheinbaren Ruhe hörte man doch die innere Angst deutlich an ihrer Stimme
    »Ha  meinen Sie wirklich« rief die junge Witwe hämisch und drehte ihr das
Buch fest an ihre Brust drückend gewandt den Rücken zu »Sie sehen mir viel zu
ängstlich aus als dass ich meinen Verdacht sofort aufgeben sollte« fuhr sie
fort indem sie den Kopf verächtlich über die Schulter nach dem jungen Mädchen
zurückbog »Irgend eine Bewandtnis muss es mit dieser Geheimtuerei haben 
lassen Sie uns einmal sehen meine Kleine«
    Sie schlug das Buch auf  es waren keine Banknoten keine Kostbarkeiten die
auf dem gelb gewordenen Blatte dalagen  nur Worte zart und anmutig
geschriebene Worte aber wenn plötzlich aus diesem hässlichen Büchlein ein Dolch
nach der Brust der jungen Witwe gezückt worden wäre sie hätte nicht entsetzter
und fassungsloser zurückschrecken können als bei dem augenblicklichen
Überfliegen dieser so harmlos aussehenden über die aufgeschlagene Seite
hingestreuten kleinen Worte Das rosige Gesicht wurde weiß bis in die Lippen
sie legte instinktmässig die Hand bedeckend über die stieren Augen und die
üppige Gestalt sah für einen Moment aus als bedürfe sie einer Stütze um nicht
zusammenzubrechen
    Aber diese junge Frau hatte sich ja zeitlebens in der Selbstbeherrschung vor
Zeugen geübt um des Nimbus der Gottseligkeit willen Sie hatte gelernt die
Augen fromm und madonnenhaft zum Himmel aufzuschlagen ob auch ihr Herz in Groll
und Rache schwoll sie konnte mit tiefer Inbrunst einer Predigt zuhören während
ihre Seele bei einer neuen Toilette verweilte sie sprach wo sie konnte empört
und mit dem Rot der Entrüstung auf den Wangen über das sündhafte Treiben der
Welt über den nicht zu verzeihenden Mangel an Bibellesen und las heimlich die
schlüpfrigsten französischen Romane
    Diese unglaubliche Biegsamkeit und Elastizität ihres äußeren Menschen hatte
sich in entscheidenden Momenten stets bewährt und auch jetzt bedurfte es kaum
einiger Sekunden um ihr die vollständigste Fassung zurückzugeben Sie schlug
das Buch zu und ein vortrefflich gelungener Zug der Enttäuschung spielte um
ihre blassen Lippen
    »Es ist wirklich eine elende alte Scharteke« rief sie nach dem Professor
hinüber während sie wie in halber Zerstreutheit das Buch in ihre Tasche schob
»Ich finde es sehr albern von Ihnen Karoline dass Sie um dieser Lappalie willen
einen solchen Lärm veranlassen«
    »Sie hat diesen Lärm veranlasst« fragte der Professor rasch hinzutretend 
er bebte vor innerer Aufregung »Ich glaubte du habest mich zu Hilfe gerufen
um dieses junge Mädchen vor Zeugen des Silberdiebstahls zu überführen 
Willst du wohl die Gewogenheit haben deine nichtswürdige Anschuldigung hier auf
dieser Stelle zu motivieren«
    »Du siehst dass ich augenblicklich außer stande bin «
    »Augenblicklich« unterbrach er sie heftig »Du wirst dies kränkende Wort
zurücknehmen und der Beleidigten in meiner und Heinrichs Gegenwart sofort volle
Satisfaktion geben«
    »Mit tausend Freuden lieber Johannes Es ist ja Christenpflicht einen
Irrtum zu bekennen und gut zu machen  Meine beste Karoline verzeihen Sie
mir ich habe Ihnen unrecht getan«
    »Und nun gib das Buch zurück« befahl der Professor kurz und unerbittlich
weiter
    »Das Buch« fragte sie mit ihrer völlig wiedergewonnenen kindlich
unschuldigen Miene »Aber liebster Johannes es gehört ja gar nicht der
Karoline«
    »Wer sagt dir denn das«
    »Nun ich habe flüchtig den Namen der alten Tante Kordula darin gelesen 
Wenn jemand darüber zu verfügen hat so bist du es als Erbe ihrer Mobilien und
Bücher  Es hat an sich nicht den geringsten materiellen Wert  wie es
scheint ist es eine Abschrift alter Dichtungen  Was wolltest du mit dem
sentimentalen Zeuge da anfangen Aber ich bin eine Freundin solcher alten
vergilbten Bücher  für mich ist es trotz seiner Unsauberkeit und Plumpheit eine
Art Kabinettstück  Bitte schenke es mir«
    »Vielleicht nachdem ichs gesehen haben werde« versetzte er kalt und
achselzuckend und streckte die Hand aus um das Buch in Empfang zu nehmen
    »Aber es würde ja dadurch gerade einen erhöhten Wert für mich erhalten wenn
du es mir unbesehen überlassen wolltest« bat sie mit lieblich schmeichelnder
Stimme weiter »Müsste ich nicht denken du hättest materielle Rücksichten bei
diesem ersten und einzigen Geschenk um das ich dich bitte«
    Eine dicke Zornader schwoll auf der Stirn des Professors »Ich erkläre dir
hiermit dass es mir sehr gleichgültig ist wie du über dieses mein Verhalten
denkst« sagte er schneidend  »Ich verlange unter allen Umständen das buch
zurück  Du bist mir sehr verdächtig Die Abschrift irgend einer alten
sentimentalen Dichtung kann unmöglich die vollendete Weltdame plötzlich so
schreckensbleich gemacht haben«
    Mit diesen Worten vertrat er der Regierungsrätin den Weg ihr ungewisser
Blick der mit Blitzschnelle die Länge des Korridors durchmass und eine rasche
Bewegung verrieten unwiderleglich dass sie das Weite suchen wolle Der Professor
ergriff ihre Hand und hielt sie fest
    Felicitas geriet außer sich bei dem Gedanken dass er seine Absicht erreichen
werde Es war ihr schrecklich das Buch im Besitz der abscheulichen Heuchlerin
zu wissen aber sie musste sich selbst sagen dass es dort so sicher sei wie in
ihren Händen und jedenfalls heute noch für immer spurlos verschwinden werde
Sie stellte sich deshalb an die Seite der Regierungsrätin um ihr die Flucht zu
erleichtern
    »Ich bitte Herr Professor lassen Sie der gnädigen Frau das Buch« bat sie
so ernst und ruhig als es ihr in diesem kritischen Moment möglich war »Sie
wird sich beim Lesen desselben völlig überzeugen dass es voreilig war irgend
eine Kostbarkeit in dem kleinen Kasten zu vermuten«
    Der erste misstrauische Blick fiel aus den stahlgrauen Augen auf ihr Gesicht
 es war als träfe sie ein Messerstich sie wurde flammendrot und schlug die
Augen nieder
    »Also auch Sie lassen sich zu einer Bitte herbei« fragte er scharf und
sarkastisch »Da handelt es sich ganz gewiss um mehr als um sentimentales Zeug
 Zudem erinnere ich mich dass meine Kousine vorhin behauptete Sie sähen sehr
ängstlich aus und ich gestehe dass ich dieselbe Bemerkung gemacht habe  Ich
frage Sie jetzt auch aufs Gewissen Was enthält das Buch«
    Das war ein entsetzlicher Moment Felicitas rang mit sich selbst sie
öffnete die Lippen aber kein Laut wurde hörbar
    »Bemühen Sie sich nicht« sagte er ironisch lächelnd zu dem jungen Mädchen
während er die Hand der Regierungsrätin fester zusammenpresste da sie
verschiedene Manipulationen machte um sich allmählich loszuwinden »Sie können
mitleidslos rau und entsetzlich aufrichtig sein aber lügen können Sie nicht
 Das Buch enthält also keine Dichtungen sondern irgend eine Wahrheit eine
Tatsache die ich um keinen Preis wissen soll  Wirst du endlich die
Freundlichkeit haben Adele mir mein Eigentum wie du es selbst genannt hast
herauszugeben«
    »Mache mit mir was du willst aber bekommen wirst du es nie« rief mit
verzweiflungsvoller Entschiedenheit die Regierungsrätin die in ihrer Angst
gänzlich aus der Rolle des harmlos bittenden Kindes fiel Sie machte abermals
verzweifelte Anstrengungen sich loszureißen und es gelang  sie floh wie
gejagt aber da stand Heinrich mit ausgespreizten Armen und Beinen wie eine
Mauer und füllte den schmalen Korridor völlig aus Sie prallte zurück
»Unverschämter Mensch gehen Sie mir aus dem Wege« schrie sie auf und stampfte
außer sich mit dem Fuße
    »Ja wohl gleich gnädige Frau Regierungsrätin« entgegnete er ruhig und
höflich ohne jedoch im geringsten seine Stellung zu verändern »geben Sie nur
erst das Büchelchen her nachher will ich schon gern auf die Seite treten«
    »Heinrich« rief Felicitas herbeispringend sie rüttelte verzweiflungsvoll
an seinem Arme »Ach das hift dir nichts Feechen« schmunzelte er als seine
alten Knochen unter den ohnmächtigen Anstrengungen des jungen Mädchens eisenfest
verharrten »Ich bin nicht so auf den Kopf gefallen wie du denkst  du möchtest
aus purer Gutmütigkeit gern einen dummen Streich machen und das leide ich
nicht«
    »Lass die Dame vorüber Heinrich« gebot der Professor ernst »Aber hiermit
sollst du wissen Adele dass ich ohne weiteres den einzigen Weg einschlagen
werde der mir zu meinem Eigentum verhilft Es kann mir niemand verwehren
anzunehmen dass dies Buch wichtige Enthüllungen über den Nachlass der Tante
enthält  möglicherweise gibt es Aufschluss über verborgene Gelder «
    »Nein nein« beteuerte Felicitas ihn unterbrechend
    »Es ist meine Sache zu denken was ich will« versetzte er streng und
unerbittlich »und Sie sowohl wie Heinrich werden mir vor Gericht bezeugen dass
diese Dame hier ein vielleicht sehr bedeutendes Erbteil meiner Familie
unterschlagen hat«
    Die Regierungsrätin fuhr empor als habe sie eine Natter gebissen Sie warf
einen wilden Blick auf ihren unbeugsamen Peiniger und jetzt kam die rasende
Leidenschaftlichkeit über sie mit der sie Taschentücher zerriss und Tassen
zerschmetterte Sie riss das Buch aus der Tasche und warf es ihm unter gellendem
Hohngelächter vor die Füße
    »Da nimm es du eigensinniger Tor« rief sie und ihr ganzer Körper bebte
als schüttele sie ein Krampf »Ich gratuliere dir zu dem interessanten
Schriftstück  Trage die Schande von der es dir erzählen wird mit Würde«
    Sie flog durch den Korridor die Treppe hinab und warf unten die Zimmertür
schmetternd in das Schloss
    Der Professor sah der Regierungsrätin mit einem entschiedenen Ausdruck von
lächelndem Hohn und tiefer Verachtung nach dann betrachtete er einen Moment das
plumpe Äußere des Buches während Felicitas Blick in namenloser Angst an den
Fingern hing die sich zwischen die Blätter legten und sie jeden Augenblick
aufschlagen konnten Ein Gemisch von sorgenvollem Sinnen und peinlicher Spannung
lag in seinen Zügen  die letzten verhängnisvollen Worte der Regierungsrätin
hatten ihn nicht eigentlich frappiert er hatte offenbar diese Entwickelung des
widerwärtigen Vorganges vermutet es handelte sich für ihn jedenfalls nur noch
darum welcher Art die geweissagte Schande sei  Plötzlich sah er auf und in
die flehenden braunen Augen des jungen Mädchens  welche Gewalt hatten doch
diese Augen über den strengen Mann Es war als streiche sofort eine sanfte Hand
glättend über die finster gerunzelte Stirne und um die Lippen zuckte es wie ein
halbes Lächeln
    »Und nun werde ich über Sie Gericht halten« hob er an »Sie haben mich
schmählich hintergangen Während Sie mir da droben mit einer Aufrichtigkeit
gegenüberstehen auf die ich hätte schwören wollen tragen Sie ein Hellwigsches
Familiengeheimnis in der Tasche  Was soll ich von Ihnen denken Fee  Sie
können diese abscheuliche Falschheit nur wieder gut machen wenn Sie ohne
Rückhalt meine Fragen beanworten«
    »Ich will alles sagen was ich darf aber dann bitte ich Sie ach ich bitte
Sie inständigst geben Sie mir das Buch zurück«
    »Ist das wirklich meine stolze trotzige unbeugsame Fee die so süß bitten
kann«
    Bei diesen Worten des Professors entfernte sich Heinrich unbemerkt und
wohlweislich aber er setzte sich wie zum Tod erschrocken auf die erste
Treppenstufe nieder und griff an seinen grauen Kopf ob er nach dem Gehörten
wirklich noch an der alten Stelle sitze
    »Sie sind also heute lediglich in die Mansardenwohnung eingedrungen um dies
Buch zu holen« inquirierte der Professor
    »Ja«
    »Auf welchem Wege  Ich fand alle Türen fest verschlossen«
    »Ich bin über die Dächer gegangen« versetzte sie zögernd
    »Das heißt durch die Bodenräume«
    Sie wurde dunkelrot War sie auch befreit von dem Verdachte einer gemeinen
Handlung so trug dieselbe immerhin das tadelnswerte Gepräge des Einbruchs
    »Nein« sagte sie gedrückt »durch die Bodenräume führt kein Weg ich bin
aus einem der gegenüberliegenden Mansardenfenster gestiegen und über die Dächer
gegangen«
    »Bei diesem furchtbaren Sturm« fuhr er erbleichend auf »Felicitas Sie
sind entsetzlich in Ihren Konsequenzen«
    »Es blieb mir keine Wahl« erwiderte sie bitter lächelnd
    »Und warum suchten Sie um jeden Preis in den Besitz des Buches zu gelangen«
    »Ich betrachtete es als ein heiliges Vermächtnis meiner Tante Kordula Sie
hatte mir gesagt der kleine graue Kasten  seinen Inhalt kannte ich nicht 
müsse vor ihr sterben Der Tod überraschte sie und ich hatte die feste
Überzeugung dass der Kasten nicht vernichtet sei zudem stand er in dem
Geheimfach welches das sämtliche Silberzeug enthält ich konnte dieses Versteck
nicht angeben ohne das Buch unbefugten Händen mit zu überliefern«
    »Armes armes Kind wie mögen Sie sich geängstigt haben  Und nun ist all
diese heroische Selbstverleugnung umsonst gewesen das Buch ist doch in
unbefugten Händen«
    »O nein Sie werden es mir zurückgeben« bat sie in Todesangst
    »Felicitas« sagte er ernst und gebieterisch »Sie werden mir jetzt streng
der Wahrheit gemäß zwei Fragen beantworten Kennen Sie den Inhalt genau«
    »Zum Teil seit heute«
    »Und kompromittiert er Ihre alte Freundin«
    Sie schwieg unschlüssig Vielleicht gab er ihr bei Bejahung dieser Frage das
Buch behufs der Vernichtung zurück aber dann beschimpfte sie Tante Kordulas
Andenken und bestätigte die abscheulichen Gerüchte von ihrer vermeintlichen
Schuld
    »Es ist Ihrer unwürdig auf Ausflüchte zu sinnen mag Ihre Absicht auch noch
so gut und rein sein« unterbrach er das momentane Schweigen streng »Sagen Sie
einfach ja oder nein«
    »Nein«
    »Ich wusste es« murmelte er »Und nun seien Sie verständig« mahnte er »und
fügen Sie sich in das Unabänderliche ich werde das Buch lesen«
    »Sie wurde blass wie der Tod aber aufs Bitten verlegte sie sich nicht mehr
»Tun Sie das wenn es sich mit Ihrer Ehre verträgt« stieß sie hervor »Sie
legen Hand an ein Geheimnis das Sie nicht wissen sollen  In dem Augenblick
wo Sie das Buch aufschlagen nehmen Sie den furchtbarsten fortgesetzten Opfern
eines ganzen Frauenlebens allen Wert«
    »Sie kämpfen tapfer Felicitas« entgegnete er ruhig »und wären die letzten
Worte nicht die jene Frau«  er deutete nach der Richtung wo die
Regierungsrätin verschwunden war  »in ihrer Raserei mir hingeworfen hat so
gäbe ich Ihnen das schlimme Geheimnis unbesehen zurück So aber will und muss ich
die Schande kennen die auf meinem Namen liegt und ist die arme Einsame in der
Mansarde stark genug gewesen sie vor fremden Augen zu hüten so werde ich auch
wohl die Kraft finden sie zu ertragen  Ich bin doppelt gezwungen der Sache
auf den Grund zu gehen Die Linie Hellwig am Rhein ist offenbar im Mitbesitz des
Geheimnisses und möglicherweise an irgend einer Büberei beteiligt  wenn Sie
auch schweigen und die Augen niederschlagen ich sehe doch deutlich an Ihrem
Gesicht dass ich richtig vermute  meine Kousine wusste ohne Zweifel um die
Familienschande und war nur entsetzt sie plötzlich niedergeschrieben zu finden
 ich werde mit diesen Hehlern abrechnen  Trösten Sie sich Fee« fuhr er
weich und zärtlich fort und strich sanft mit der Hand über den Scheitel des
jungen Mädchens das in stummer Verzweiflung vor ihm stand »Ich kann nicht
anders handeln und wenn mir als Preis die Versicherung geboten würde dass Sie
sofort die Meine werden wollten  ich müsste Nein sagen«
    »Ich kann mich nie wieder beruhigen« rief sie in ausbrechender Klage »denn
ich habe Sie unglücklich gemacht durch meine Unvorsichtigkeit«
    »Sie werden ruhig werden« sagte er ernst und nachdrücklich »wenn Sie
einsehen lernen dass Ihre Liebe mir alles überwinden hilft was das Leben
Schweres auf meinen Weg wirft«
    Er drückte ihre kleine eiskalte Hand und ging in sein Zimmer Felicitas
aber presste die heiße Stirne an das Fensterkreuz und starrte hinab in den
Vorderhof wo ein furchtbarer Gewitterregen mit solchem Ungestüm
niederprasselte als gelte es das Blut des gemordeten Adrian Hirschsprung von
den Steinplatten wegzuwaschen und mit ihm den Schandflecken der auf dem Namen
Hellwig lastete
 
                                       27
Eine Stunde später trat der Professor in das Wohnzimmer seiner Mutter Seine
Hautfarbe war um einen Hauch bleicher als gewöhnlich aber Gesichtsausdruck und
Haltung ließ mehr als je die männliche Entschiedenheit und moralische Kraft
hervortreten die seine äußere Erscheinung zu einer bedeutenden machten
    Frau Hellwig saß hinter ihrem Asklepiasstock und strickte Masche um Masche
wurden unter diesen fleischigen weißen Händen zu Sprossen einer Leiter die
schnurstracks zum Himmel emporstieg  denn es war ein Missionsstrumpf an
welchem die große Frau strickte
    Der Professor legte ein aufgeschlagenes kleines Buch auf das Tischchen
hinter welchem sie saß
    »Ich habe in einer sehr ernsten Angelegenheit mit dir zu reden Mutter«
sagte er »zuvor aber muss ich dich bitten einen Blick in diese Blätter zu
werfen«
    Sie legte erstaunt den Strickstrumpf hin setzte die Brille auf und nahm das
Buch »Ei das sind ja der alten Kordula ihre Kritzeleien« meinte sie unwirsch
aber sie fing an zu lesen
    Der Professor legte die linke Hand auf den Rücken ließ die rechte
unablässig über den Bart gleiten und ging schweigend im Zimmer auf und ab
    »Ich sehe nicht ein inwiefern mich die kindische Liebesgeschichte mit dem
Schusterjungen interessieren soll« rief die große Frau unwillig nachdem sie
zwei Seiten überlesen hatte »Wie kommst du denn auf die Idee mir die alte
Scharteke zu bringen die mir die ganze Stube verpestet mit ihrem Modergeruch«
    »Ich bitte dich lies weiter Mutter« rief der Professor ungeduldig »Du
wirst sehr bald den Modergeruch vergessen über anderen schlimmen Seiten die das
Buch hat«
    Sie nahm es mit sichtbarem Widerwillen auf und überschlug einige Blätter
Aber allmählich kam Spannung in dies Steingesicht die knisternden Blätter
flogen immer rascher durch ihre Finger Ein feines Rot trat in die weißen
Wangen es lief über die Stirne und wurde plötzlich zu Purpur 
Merkwürdigerweise jedoch war es weder ein eigentlicher Schrecken noch gar
Entsetzen was die Frau erfasste  mit einem masslosen Erstaunen in das sich sehr
bald ein unsäglicher Hohn mischte ließ sie das Buch in den Schoss sinken
    »Das sind ja merkwürdige Dinge Ei sieh da wer hätte das gedacht Die
ehrenhafte hochangesehene Familie Hellwig« rief sie die Hände
zusammenschlagend  in ihrer Stimme stritten Hass Triumph und gesättigte
Bosheit  »Also die Geldsäcke auf denen die stolze Frau Kommerzienrätin meine
Frau Schwiegermutter stand waren zum Teil gestohlen  Ei ei da rauschte
man in Samt und Seide daher  da gab man Feste wo der Champagner in Strömen
floss und wo man sich von den Schmarotzern eine schöne und geistreiche Frau
nennen ließ  Und ich ich musste diese jubilierenden Gäste bedienen  niemand
beachtete neben der leichtfertigen üppigen Frau die arme junge Verwandte die
in ihrer Tugend und Gottesfurcht hoch stand über den sündhaften elenden
Schwelgern  Da hab ich oft die Zähne zusammengebissen und im Herzen zu
meinem Gott gebetet er möge dieses verruchte Treiben strafen nach seiner
Gerechtigkeit  Er hatte bereits gerichtet  O wie wunderbar sind seine
Wege  Es war gestohlenes Geld das sie verprassten  ihre Seelen sind zwiefach
verloren«
    Der Professor war regungslos mitten im Zimmer stehen geblieben Er hatte
diese Art Auffassung so wenig vorausgesehen dass er einen Augenblick fassungslos
schwieg
    »Wie du die Großmutter dafür verantwortlich machen kannst dass sie unbewusst
diese veruntreuten Gelder benutzt hat begreife ich nicht Mutter« sagte er
nach einer kurzen Pause entrüstet »Dann sind auch unsere Seelen verloren denn
wir sind bis auf den heutigen Tag im Genuss der Zinsen verblieben  Übrigens
wirst du bei dieser Ansicht um so mehr mit mir einverstanden sein dass wir uns
das sündhafte unehrliche Geld so bald wie möglich vom Halse schaffen und es bei
Heller und Pfennig zurück geben«
    Vorhin bei ihrem grenzenlosen Erstaunen war Frau Hellwig sitzen geblieben
und hatte einfach ihre Hände zusammengeschlagen jetzt stützte sie dieselben auf
die Armlehnen des Stuhles und fuhr mittels eines Ruckes empor
    »Zurückgeben« wiederholte sie als zweifle sie recht gehört zu haben »Wem
denn«
    »Nun selbstverständlich den möglicherweise existierenden Hirschsprungschen
Erben«
    »Wie an die ersten besten Strolche und Tagediebe die vielleicht daher
kommen und sich melden sollten wir eine so enorme Summe hinauszahlen 
Vierzigtausend Taler blieben ja wohl der Familie Hellwig nachdem «
    »Ja nachdem Paul Hellwig der Ehrenmann der echte und gerechte Streiter
Gottes der unleugbare Erbe des Himmelreiches zwanzigtausend Taler an sich
gerissen hatte« unterbrach sie der Professor bebend vor Entrüstung »Mutter
du lässest die Seele meiner Großmutter zur Hölle fahren weil sie unwissentlich
geraubtes Geld verwendet hat  was verdient der welcher mit teuflischer
Überlegung und Berechnung ein Vermögen stiehlt«
    »Ja er ist einen Moment der Versuchung erlegen« versetzte sie ohne auch
nur im mindesten ihre Fassung zu verlieren »Er war damals ein unbesonnener
junger Mensch der den rechten Weg noch nicht gefunden hatte  der Teufel wählt
ja gerade die besten und edelsten Seelen um sie dem Reiche Gottes abwendig zu
machen  aber er hat sich emporgerafft aus dem Pfuhle der Sünde und es steht
geschrieben Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder der
Busse tut Er kämpft unermüdlich für den heiligen Glauben  das Geld ist
entsühnt geheiligt in seinen Händen denn er benutzt es zu Gott wohlgefälligen
Zwecken«
    »Wir Protestanten haben auch unseren Jesuitenorden wie ich sehe« lachte
der Professor in unsäglicher Bitterkeit auf
    »Genau so verhält es sich mit dem was an unser Haus gekommen ist« fuhr die
große Frau unerschütterlich fort »Sieh dich um ob nicht auf allem was wir
tun und wirken Gottes Hand sichtbar ruht  Klebte die Sünde noch an dem
Gelde es könnte nicht so herrliche Früchte bringen  Wir du mein Sohn und
ich haben in Segen verwandelt was einst Verbrechen gewesen ist durch unseren
Eifer im Dienste des Herrn durch unseren gottseligen Wandel«
    »Ich bitte dich Mutter mich lasse unerwähnt« unterbrach er aufs tiefste
empört diese haarsträubende Beweisführung Er griff mit der Hand nach der Stirne
und presste sie als ob sie unsäglich schmerze
    Ein giftiger Blick flog hinüber nach dem protestierenden Sohne aber
nichtsdestoweniger fuhr die große Frau mit erhöhter Stimme fort »Wir sind nicht
ermächtigt Mittel mit denen wir einer heiligen Sache dienen mir nichts dir
nichts fortzuwerfen damit sie vielleicht in weltlichen Genüssen vergeudet
werden  Das ist der Hauptgrund aus welchem ich mich mit allen Kräften gegen
ein Aufrühren dieser verschollenen Geschichte sträuben werde  der zweite ist
dass du einen deiner Vorfahren beschimpfst«
    »Beschimpft hat er sich selber und uns alle mit« sagte der Professor rau
und finster »Aber wir können wenigstens unsere Ehre retten indem wir es
verschmähen die Hehler zu machen«
    Frau Hellwig verließ die Estrade und trat in ihrer ganzen Überlegenheit und
stattlichen Würde vor ihren Sohn
    »Gut  setzen wir den Fall ich gäbe dir nach in dem widerwärtigen Handel«
sagte sie kalt »Wir nähmen also diese vierzigtausend Taler  deren Verlust
uns nebenbei gesagt zu einer nur mäßig bemittelten Familie machen müsste aber
sehen wir einmal auch davon gänzlich ab  also wir nähmen dies Geld und gäben es
bei Heller und Pfennig zurück  wie nun wenn die lachenden Erben auch noch die
aufgelaufenen Zinsen und Zinseszinsen forderten  was dann«
    »Ich glaube nicht dass sie dazu berechtigt sind  wenn es aber der Fall
wäre dann müsstest du dich eben an das Wort halten Ich will die Sünden der
Väter heimsuchen an den Kindern«
    »Ich bin keine geborene Hellwig  vergiss das nicht mein Sohn« unterbrach
sie ihn schneidend »Einen völlig unbefleckten hochangesehenen Namen habe ich
mit in dies Haus gebracht  mein Vater war ein fürstlicher Rat  auf mich fällt
die Schande mithin nicht ebensowenig bin ich gesonnen irgend ein pekuniäres
Opfer zu bringen um den Flecken abzuwaschen  meinst du ich sollte in meinen
alten Tagen darben um dieser fremden Sünde willen«
    »Darben wo du einen Sohn hast der imstande ist für dich zu sorgen 
Mutter glaubst du nicht dass ich dir mit dem was ich gelernt habe ein
schönes völlig sorgenfreies Alter verschaffen kann«
    »Ich danke dir mein Sohn« sagte sie eisig »Aber ich ziehe es doch vor
von meinen Renten zu leben und mein eigener Herr zu bleiben Ich hasse die
Abhängigkeit  seit dem Tode deines Vaters habe ich keinen Willen gekannt als
den des Herrn meines Gottes und meinen eigenen  und so soll es bleiben 
Übrigens streiten wir nicht um des Kaisers Bart Ich erkläre dir hiermit dass
ich diese ganze Geschichte für eine Erdichtung der hirnverbrannten Person unter
dem Dache halte  Nichts in der Welt wird mich zwingen sie als wahr als
wirklich geschehen anzuerkennen«
    In diesem Augenblick wurde die Tür geräuschlos geöffnet und die
Regierungsrätin trat herein Die schöne Frau hatte geweint aber diesmal nicht
als Mater dolorosa  man sah die Spuren deutlich an den geröteten Augenlidern
und auf dem zarten Samt der Wangen glühten dunkle Flecken Es war unverkennbar
die Leidenschaft hatte eben noch diese Seele derb geschüttelt wenn auch von
s der Dame alles geschah die unwiderleglichen Zeugen zu einem Gesamtbilde
unverschuldeten Leidens umzustempeln  Sie hatte um ihr sehr derangiertes Haar
zu verstecken eine weiße duftige Tüllecharpe um den Kopf geschlungen das
ideale Haupt mit den einzelnen dicken blonden Locken die sich regellos unter
dem Tüllduft hervorstahlen erhielt dadurch etwas Verklärtes Jedenfalls hatte
man versucht den so lange festgehaltenen Nimbus des zart Mädchenhaften und der
naiven Kindlichkeit einstweilen durch die unschuldig weißen Tüllwogen zu
ersetzen
    Sie sah das verhängnisvolle Buch auf dem Tische liegen und zuckte zusammen
Langsam wie eine Büssende schritt sie auf den Professor zu und bot ihm mit
schamvoll abgewandtem Gesicht die Hand  er verweigerte ihr die seinige
    »Verzeihe mir Johannes« bat sie »Ach ich bin so ungestüm gewesen dass
ichs vor mir selbst nicht verantworten kann  Ich die ich sonst so still
und ruhig in meinem Gemüt bin wie konnte ich nur so heftig werden Aber die
unselige Geschichte sie trägt ganz allein die Schuld  Bedenke Johannes
mein lieber Papa ist durch dies abscheuliche Buch dort kompromittiert und dir
wollte ich doch auch um jeden Preis eine niederschlagende Entdeckung ersparen
 Ich kann mir nicht helfen aber ich muss immer denken Karoline habe diesen
entsetzlichen Zeugen aufgestöbert nur um uns vor ihrem Weggang noch einen recht
schlimmen Streich zu spielen «
    »Hüte deine verleumderische Zunge« rief er drohend und so heftig
auffahrend dass sie erschrocken schwieg »Übrigens will ich dir verzeihen«
setzte er nach einer Pause sich mühsam beherrschend hinzu »aber nur unter
einer Bedingung«
    Sie sah ihn fragend an
    »Dass du mir ohne jedweden Rückhalt mitteilst auf welche Weise du in den
Besitz des Geheimnisses gekommen bist«
    Einen Augenblick schwieg sie dann hob sie niedergeschlagen an »In Papas
letzter Krankheit die wie du weißt einen tödlichen Verlauf zu nehmen schien
forderte er mich auf ihm verschiedene Papiere aus seinem Sekretär zu bringen 
ich musste sie vor seinen Augen vernichten es waren Hirschsprungsche Dokumente
wahrscheinlich hatte er sie als Kuriositäten aufbewahrt  Machte ihn nun die
scheinbare Nähe des Todes mitteilsamer oder hatte er überhaupt das Bedürfnis
einmal über diesen Vorgang zu sprechen  genug  er weihte mich ein «
    »Und schenkte dir ein gewisses Armband nicht wahr« warf der Professor
ingrimmig ein
    Sie nickte schweigend und sah flehend und hilfsbedürftig zu ihm auf
    »Hältst du den Vorfall nach dieser Erklärung noch für die Erdichtung einer
Wahnsinnigen« wandte sich der Professor kalt lächelnd nach seiner Mutter um
    »Ich weiß nur dass diese Person« sie deutete zornbebend auf die junge Frau
»an Faselei und Unverstand alles übertrifft was mir bis jetzt vorgekommen ist
 Da ist aber der Eitelkeitsteufel der lässt einem keine Ruhe da muss man
solch ein seltenes Armband umlegen das bewundern die Leute und sehen auch so
nebenbei den schönen weißen Arm«
    Die Regierungsrätin fiel aus ihrer Rolle als schmerzlich Büssende und
schleuderte einen wilden Blick auf die Tante die plötzlich eine ihrer
schwächsten Seiten schonungslos an das Licht zog
    »Ich will nicht weitern erörtern Adele wie es dir bei deinem Gemüt dessen
Reinheit und Schuldlosigkeit du bei jeder Gelegenheit betonst möglich gewesen
ist gestohlenen Schmuck zu tragen« sagte der Professor scheinbar ruhig aber
in seiner Stimme grollte es dumpf wie vor dem Ausbruch eines heranziehenden
Gewitters »Es bleibt dir selbst überlassen zu entscheiden wer strafbarer ist
ob die arme Mutter die Brot für ihre hungernden Kindern stiehlt oder die
reiche elegante Frau die im Wohlleben schwimmt und den Diebstahl liebevoll
protegiert  Dass du aber die Stirne haben konntest diesen veruntreuten
Schmuck mit großer Ostentation um die reine Hand des Mädchens zu legen welches
dir dein Kind gerettet hatte  du sagtest dabei ausdrücklich das Armband sei
dir sehr wert aber für Aennchen könntest du das Liebste freudig opfern  dass
du es ferner gewagt hast im Hinblick auf die Abkunft jenes Mädchens dich auf
den hohen Standpunkt einer makellosen Abstammung zu stellen alle Tugenden des
reinen Blutes für dich beanspruchend und sie in die Sphäre der Verdorbenheit
hinabstossend während du um die Tat deines Vaters wusstest das ist eine
empörende Infamie die nicht streng genug gerichtet werden kann«
    Die Regierungsrätin wankte schloss die Augen und griff mit unsicher
tappender Hand nach der Tischecke um sich festzuhalten
    »Nun ganz unrecht hast du nicht Johannes« sagte die große Frau indem sie
die Wankende behufs der Erweckung derb am Arme schüttelte ohnmächtige Frauen
waren ihr ein Greuel »ganz unrecht hast du nicht aber dein letzter Ausspruch
klingt denn doch zu stark Eine grenzenlose Dummheit wars freilich allein
deshalb darfst du doch nicht vergessen was du Adelens Stellung schuldig bist
 Der Vergleich mit der armen Frau war  nimm mirs nicht übel  ein wenig
albern  Es ist ein bedeutender Unterschied ob man herrenloses Gut findet
oder mit allem Vorsatz anderen Brot stiehlt  Aber das ist auch wieder so eine
von den abscheulichen neumodischen Ideen dass man Vergleiche macht zwischen dem
gemeinen Volke und den Höhergestellten es befremdet mich höchlich solche Dinge
aus deinem Munde zu hören Ebenso ist es geradezu unverantwortlich ein Mädchen
wie die Karoline einer Frau vom Stande in der Weise gegenüber zu stellen solch
eine Dirne «
    »Mutter ich habe dir bereits heute nachmittag im Garten erklärt dass ich
die unverzeihlichen Angriffe auf die Ehre dieses Mädchens nicht mehr dulden
werde« rief der Professor und die gewaltige Zornader erschien auf seiner
Stirne
    »Oho mehr Beherrschung und Achtung mein Herr Sohn wenn ich bitten darf
Du stehst vor deiner Mutter« gebot sie während sie abwehrend die Hand gegen
ihn ausstreckte ein vernichtender Blick zuckte aus ihren kalten grauen Augen
»Du spielst dich ja vortrefflich auf als Ritter dieser hergelaufenen Prinzessin
da wird mir freilich nichts anderes übrig bleiben als ihr auch meinen Respekt
zu Füßen zu legen«
    »In den Fall wirst du allerdings kommen Mutter« antwortete er mit großer
Ruhe auf den beissenden Hohn und seine Augen hefteten sich fest und
durchdringend auf ihr Gesicht »Du wirst ihr die Achtung und den Respekt nicht
versagen dürfen denn  sie wird mein Weib werden«
    Und es geschah wirklich das Unerhörte  das alte Kaufmannshaus blieb stehen
nach dieser Erklärung die Erde öffnete sich nicht um die kleine Stadt samt dem
missratensten aller Hellwige zu verschlingen wie die große Frau in der ersten
entsetzensvollen Bestürzung vermutete  Er selbst stand dort kaltblütig und
unerschütterlich das Bild eines Mannes der mit sich abgeschlossen hat und an
dem Weibertränen Krämpfe und Zorneswüten machtlos abprallen wie die Wellen am
felsenharten Ufer
    Frau Hellwig war förmlich sprachlos zurückgetaumelt  die Regierungsrätin
aber erwachte aus ihrer halben Ohnmacht und stieß ein hysterisches Gelächter
aus Der verklärende Schleier fiel vom Haupte herab auf den Nacken und die
zerstörten Locken in welchen noch die halbverwelkte Purpurrose von heute
nachmittag hing ringelten sich wie Nattern um die gerötete Stirne
    »Da hast du deine vielgepriesene Weisheit Tante« rief sie gellend »Jetzt
triumphiere ich  Wer hat dich himmelhoch gebeten dies Mädchen um jeden
Preis zu verheiraten ehe Johannes käme  Mir sagte es eine untrügliche
Ahnung beim ersten Anblick dieser Person dass sie unser aller Unglück werden
würde  Nimm du nun auch die Schande auf dich gegen welche du dich
geflissentlich verblendet hast  Ich aber werde sofort nach Bonn abreisen um
den Professorenfrauen zu verkünden welcher Art die neue kleine Kollega ist
die nächstens in ihren exklusiven Kreis eintreten wird«
    Sie stürzte zur Tür hinaus
    Währenddem war die Erstarrung der großen Frau gewichen Sie umgürtete sich
mit ihrer ganzen eingebildeten Hoheit und äußeren Würde
    »Ich habe dich vorhin offenbar falsch verstanden Johannes« sagte sie
scheinbar sehr gelassen
    »Wenn du das glaubst so werde ich meine Erklärung wiederholen« versetzte
er kalt und unbeugsam »Ich werde mich mit Felicitas dOrlowska verheiraten«
    »Du wagst es mir gegenüber diese wahnsinnige Idee festzuhalten«
    »Statt aller Antwort frage ich dich Würdest du mir auch jetzt noch deinen
Segen zu einer Verheiratung mit Adele geben«
    »Ohne weiteres Sie ist eine standesgemässe Partie  ich kenne keinen
größeren Wunsch«
    Der Professor wurde dunkelrot im Gesicht man sah wie er die Zähne
zusammenbiss um eine Flut heftiger Worte zurückzuhalten
    »Mit dieser Erklärung hast du den letzten Rest von Berechtigung verloren in
einer meiner wichtigsten Lebensfragen mitzusprechen« presste er sich mühsam
bezwingend hervor »Dass dies moralisch durch und durch verdorbene Geschöpf
diese erbärmliche Heuchlerin mein ganzes Leben vergiften müsse kommt also
nicht in Betracht  Du sitzest ruhig hier in deinem stattlichen Hause und es
genügt dir vollkommen von deinem fernen Sohne sagen zu können Er hat sich
standesgemäss verheiratet  Diesem unbegrenzten Egoismus gegenüber erkläre ich
dir dass ich um jeden Preis glücklich werden will und das kann ich nur mit
jenem armen verachteten Waisenkinde das wir einst so grausam gemisshandelt
haben«
    Frau Hellwig stieß ein raues Hohngelächter aus
    »Noch halte ich an mich nicht das Schlimmste auszusprechen« rief sie mit
zuckenden Lippen »Vergiss nicht Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser aber
der Mutter Fluch reißt sie nieder«
    »Willst du behaupten dein Segen vermöge Adeles moralische Gebrechen
wegzuwaschen  Ebenso wenig kann dein Fluch wirken wenn er auf ein
schuldloses Haupt fällt  Du wirst ihn nicht aussprechen Mutter Gott nimmt
ihn nicht an  er fällt auf dich zurück und macht dein Alter einsam und
liebeleer«
    
    »Was frage ich danach  Ich kenne nur zwei Dinge an die ich mich halte
die meine Richtschnur sind Ehre und Schande  Du hast meinen Willen zu
ehren und kraft dieser Pflicht wirst du deinen unsinnigen Ausspruch
widerrufen«
    »Nie darein ergib dich Mutter« rief der Professor zurück und verließ das
Zimmer während sie mit ausgestreckten Armen wie eine Bildsäule stehen blieb Ob
diese verzerrten blutlosen Lippen den Fluch gesprochen Kein Laut drang heraus
in die Hausflur und wenn es geschehen er wäre spurlos verhallt  der Gott der
Liebe gibt nicht ein so furchtbares Werkzeug in die Hände der Bösen und
Rachsüchtigen
    Durch das große Viereck des Vorderhauses huschten bereits die Schatten der
hereindämmernden Nacht Sturm und Gewitter hatten ausgetobt aber noch
flatterten dunkle zerrissene Wolkengebilde über den Himmel wie zürnende
Verlassene die sich gegenseitig mit Riesenarmen zu erreichen suchten um als
vereinte Macht herabzustürzen 
    Droben im ersten Stock wurden Türen geschlagen Kasten geschoben und
schwerfällige und behende Füße liefen auf und nieder  es wurde eingepackt auf
Nimmerwiederkehr »Da hätten wir also das Ende vom Blümelein Vergissmeinnicht«
brummte Heinrich seelenvergnügt vor sich hin indem er einen großen Koffer über
den Vorsaal trug
    Wie ruhig und gelassen gegen das Hasten und Poltern im Vorderhause erschien
das blasse Mädchengesicht im großen Bogenfenster des Hofes Eine Küchenlampe
brannte auf dem Tische und daneben stand das Köfferchen mit Felicitas
Kindergarderobe Frau Hellwig hatte den Missionsstrumpf in der Hand von ihrer
Estrade aus vor einer Stunde den Befehl gegeben dem Mädchen ihren »Plunder«
auszuliefern »damit es keine Ursache habe die Nacht noch im Hause zu bleiben
 Felicitas hielt eben noch das kleine Petschaft mit dem Hirschsprungschen
Wappen gegen das Licht als das bleiche Gesicht des Professors im Bogenfenster
erschien
    »Kommen Sie Felicitas Nicht eine Sekunde länger sollen Sie in diesem Hause
des Verbrechens und der bodenlosen Selbstsucht bleiben« sagte er tief erregt
»Lassen Sie einstweilen diese Sachen hier Heinrich wird Ihnen morgen alles
bringen«
    Sie warf ihren Shawl über und traf gleich darauf mit dem Professor in der
Hausflur zusammen Er nahm ihre Hand fest in seine Rechte und führte sie durch
die Straßen Am Hause der Hofrätin Frank läutete er
    »Ich bringe Ihnen einen Schützling« sagte er zu der alten Dame die das
Paar im erleuchteten trauten Wohnzimmer freundlich aber erstaunt empfing Er
ergriff ihre Hand und legte die des jungen Mädchens hinein »Ich vertraute Ihnen
viel an Mama« fuhr er bedeutsam fort »hüten und beschützen Sie mir Felicitas
wie eine Tochter  bis ich sie von Ihnen zurückfordern werde«
 
                                       28
Das junge Mädchen war nur durch einige Straßen und über zwei Schwellen gegangen
aber welch äußeren und inneren Umschwung hatten diese wenigen Schritte bewirkt
 Die gewaltigen Steinmassen des alten Kaufmannshauses lagen hinter ihr und
mit ihnen der Druck einer unwürdigen Behandlung  Hell und sonnig war es
wohin sie blickte  nicht der leiseste Zug jenes finsteren Zelotentums trat ihr
entgegen das wie ein unheimlicher Nachtvogel über dem Hellwigschen Hause
kreiste und mit seinen Fängen jede arglos nahende Menschenseele zu packen suchte
 Eine freie gesunde Weltanschauung lebhaftes Interesse für alles was die
Welt Schönes und Herrliches hat und ein fröhliches inniges Familienleben das
waren die Eigenschaften die im Frankschen Hause vorwalteten Felicitas befand
sich somit in ihrem eigentlichen Lebenselemente Es war ihr ein süß wehmütiges
Gefühl sich plötzlich wieder mit all den Schmeichelnamen nennen zu hören die
Tante Kordula ihr gegeben hatte  sie war sofort das Schosskind des Frankschen
Ehepaares geworden
    So sah die äußere Wandlung aus die mit ihr vorgegangen  vor der inneren
tiefgehenden stand sie selbst in süßer Befangenheit  Sie hatte an jenem Abend
auf die Aufforderung des Professors hin ohne weiteres ihre wenigen
Habseligkeiten liegen lassen in der Hausflur hatte sie stumm ihre kleine Hand
in seine Rechte geschmiegt und war mit ihm gegangen ohne wissen zu wollen
wohin  Und wenn er sie weiter geführt hätte durch die dunklen Straßen zum
Tore hinaus  sie wäre mit ihm gepilgert über die ganze Erde ohne ein Wort des
Widerspruchs oder des Zweifels Sie war ein seltsames Geschöpf das bei aller
feurigen Phantasie bei einem entusiastischen hochauffliegenden Geiste doch
unerbittlich eine feste Basis für alles Tun und Lassen forderte Die innigen
Liebesbeteuerungen des Professors sein angstvolles Flehen hatten ihr das Herz
zerrissen aber sie waren weit davon entfernt gewesen ihren Entschluss zu
erschüttern eine innere Umkehr zu bewirken  es musste etwas ganz anderes
gesprochen werden um dies Mädchen zu gewinnen und er hatte es getan
jedenfalls ohne es zu wissen Er hatte ihr bei Verweigerung des Buches gesagt
»Ich kann nicht anders handeln und wenn mir als Preis die Versicherung geboten
würde dass Sie sofort die Meine werden wollten ich müsste nein sagen« Trotz der
angstvollen Situation in welcher sie sich damals befand hatte ihr Herz doch
aufgejubelt  die Kraft des männlichen Entschlusses der Nachdruck mit welchem
er zur Geltung gebracht wurde selbst um den höchsten Preis  sie waren die
einzige Lösung der Frage gewesen und da war es nun das Vertrauen ohne welches
sie sich ein Zusammenleben mit ihm nicht hatte möglich denken können
    Der Professor kam jeden Tag in das Franksche Haus Er war ernster und
verschlossener als je  es lastete viel auf ihm Der Aufenthalt in seinem
mütterlichen Hause war unerträglich Wahrscheinlicherweise hatte die
fortgesetzte ungewöhnliche innere Aufregung endlich doch die stählernen Nerven
der großen Frau erschüttert  sie wurde krank und musste das Bett hüten Sie
weigerte sich zwar konsequent ihren Sohn zu sehen  Doktor Böhm musste sie
ärztlich behandeln  aber der Professor war dadurch gezwungen in X zu bleiben
    Mittlerweile hatte er den Rechtsanwalt Frank als Kurator der
Hirschsprungschen Erben in das Familiengeheimnis eingeweiht und ihm den festen
Entschluss ausgesprochen das Unrecht sühnen zu wollen Alle Einwürfe die der
Freund vom juristischen Standpunkte aus versuchte diese Sühne wenigstens zu
beschränken entkräftete der Professor stets durch die entschiedene Frage ob er
das Geld für ein ehrlich erworbenes halte und das konnte selbst der Advokat
nicht mit »ja« beantworten Übrigens meinte der Rechtsanwalt genau wie Frau
Hellwig wenn auch von einem anderen Gesichtspunkte aus es sei dies ein
Streiten um des Kaisers Bart denn er glaube nicht an die Existenz der
Hirschsprungschen Familie Aber seiner Ansicht nach durfte dem strenggläubigen
Verwandten am Rhein dem hochangesehenen Herrn Paul Hellwig eine tüchtige
Nervenerschütterung nicht erspart werden und deshalb wurde der wehrhafte
Streiter Gottes zur Herausgabe der veruntreuten zwanzigtausend Taler
aufgefordert Der fromme Mann antwortete ruhig mit dem gewohnten salbungsvollen
Schwunge er habe allerdings diese Summe von seinem Onkel erhalten als Tilgung
einer alten Familienschuld denn sein Vater sei von der Hellwigschen Hauptlinie
übervorteilt worden Woher der Onkel das Geld genommen sei ihm völlig
gleichgültig gewesen und mache ihm auch jetzt nicht die mindesten Skrupel  das
sei nicht seine Sache Das Geld befände sich in den besten Händen er betrachte
sich überhaupt nicht als Besitzer seines Vermögens sondern als Verwalter und
zwar im Dienste des »Herrn« Er werde den Besitz der Summe aus diesem Grunde mit
allen Kräften zu verteidigen wissen und es getrost auf einen Prozess ankommen
lassen 
    Ziemlich ebenso antwortete Nathanael der Student Ihm war es »sehr egal«
was ein längst vermoderter Vorfahr vor so und so viel Jahren verschuldet hatte 
er hielt sich durchaus nicht für verpflichtet anderer Sünden weiß zu waschen
und wollte sein Erbteil auch nicht um einen Pfennig verkürzt sehen auch er
erwartete einen Prozess in aller Gemütsruhe wie er schrieb und freute sich
bereits auf den Moment wo die mutmasslichen Erben die Kosten und sein
»überspannter« Herr Bruder seinen hochangesehenen Namen hinterdrein werfen
würden
    »Da bleibt mir also nichts übrig« sagte bitter lächelnd der Professor
indem er diese schriftlichen Zeugen Hellwigscher Ehrenhaftigkeit auf den Tisch
warf »als alles zu opfern was ich an Erbteil und Ersparnissen besitze wenn
ich nicht auch Hehler und Mitwisser einer schlechten Sache sein will«
    So war allmählich das Ende der Ferien herangekommen Frau Hellwig war wieder
außer Bett hatte aber entschieden erklärt ihren Sohn vor seiner Abreise nur
unter der Bedingung noch einmal wiederzusehen dass er den ganzen »verrückten«
Hirschsprungschen Handel als niedergeschlagen betrachte und seinen Entschluss
Felicitas zu heiraten widerrufe  das genügte um Mutter und Sohn für immer zu
trennen
    Felicitas befand sich in einer schwer zu beschreibenden Stimmung Solange
sie im Frankschen Hause war saß sie jeden Nachmittag zur bestimmten Stunde mit
klopfendem Herzen am Fenster und sah verstohlen die Straße hinab  dann kam sie
endlich um die Ecke die kräftige männliche Gestalt mit dem mächtigen Vollbart
und der ruhigen Haltung Es bedurfte jedesmal der ungeheuersten
Selbstüberwindung dass das junge Mädchen nicht aufsprang und ihm bis auf die
Straße entgegenging  Dann kam er näher und näher er sah nicht rechts noch
links er grüßte die Vorübergehenden nicht  sein Blick haftete unverwandt auf
dem Fenster hinter welchem der Mädchenkopf sich scheinbar über die Arbeit
neigte endlich war der Moment gekommen wo man aufsehen durfte  die vier Augen
begegneten sich ach das Leben schloss doch ein Übermaß der Glückseligkeit in
sich von der das junge Herz bis dahin nicht einmal geträumt hatte  Der
Professor sprach zwar nie mit einer Silbe über seine Liebe Felicitas hätte
denken können dies Gefühl sei durch die letzten Ereignisse bei ihm völlig in
den Hintergrund gedrängt worden wären nicht eben seine Augen gewesen aber
diese stahlfarbenen Augen folgten ihr unablässig sobald sie durch das Zimmer
ging oder eine häusliche Verrichtung besorgte sie leuchteten auf wenn sie
eintrat wenn sie den Kopf von der Arbeit hob und ihm das Gesicht voll zuwandte
Sie wusste dass sie noch »seine Fee« war »die daheim auf ihn warten und an ihn
denken sollte« und in dem Sinne empfing sie ihn auch bei seinen nachmittägigen
Besuchen Das Mädchen mit dem einst so eisenharten Sinn mit dem hasserfüllten
Blick und der kalt zurückweisenden Haltung ahnte nicht welch ein Zauber und
Liebreiz ihrem ganzen Wesen jetzt entströmte alles Schroffe alle Härten dieses
vielgeprüften Charakters waren untergegangen in der süssinnigen demütigen Liebe
des Weibes
    Und da sollte nun morgen ein Tag werden wo sie vergebens da am Fenster
sitzen und ihn erwarten würde In der stets ersehnten Nachmittagsstunde war er
bereits weit weit von ihr entfernt zahllose fremde Gesichter hatten sich
zwischen ihn und seine Fee gedrängt  es verging vielleicht ein ganzes
unermesslich langes Jahr ehe sie ihn wiedersehen durfte was sollte das für eine
Zeit werden die nun kam  Felicitas blickte in einen öden leeren Raum in
welchem sie sich nicht mehr zurechtfinden konnte  sie hatte ja ihr Steuer
verloren
    Am Tage vor der Abreise des Professors saßen die Familie Frank und Felicitas
beim Mittagsessen als das Dienstmädchen eintrat und dem Rechtsanwalt eine Karte
übergab Ein jähes Rot der Überraschung schoss in sein Gesicht er warf die
Karte auf den Tisch und ging hinaus auf dem kleinen weissglänzenden Blättchen
stand »Lutz von Hirschsprung Rittergutsbesitzer aus Kiel«  Man hörte
draußen in der Hausflur eine männliche Stimme mit vornehmer Ruhe in elegantem
Deutsch sprechen dann gingen die zwei Herren hinauf in das Zimmer des
Rechtsanwaltes
    Während das Franksche Ehepaar sich über das Auftauchen dieses doch
gewissermaßen in das Reich der Fabel versetzten Erben in einen lebhaften
Gedankenaustausch vertiefte saß Felicitas in großer Gemütsbewegung schweigend
da  Das arme Spielerskind das losgelöst aus jeglicher Familienverbindung
bisher einsam inmitten Fremder gestanden hatte befand sich plötzlich unter
einem Dache mit einem unbekannten Blutsverwandten  War es ihr Großvater oder
ein Bruder ihrer Mutter Hatte diese ernst ruhige Stimme da draußen deren Klang
dem jungen Mädchen durch Mark und Bein gegangen einst den Fluch gesprochen über
die abtrünnige Tochter derer von Hirschsprung
    Der Ankömmling nannte sich genau wie sein ausgewanderter Vorfahr Dieser
fast antediluvianisch klingende Name lag sehr aristokratisch mit viel
Ostentationen auf der kleinen Karte Man liebt es die alten Kraftnamen aus dem
Schutte und Staube vergangener Jahrhunderte hervorzusuchen  sie lassen
unwillkürlich eine eisenklirrende Rittergestalt vor uns aufsteigen und
kennzeichnen doch das aristokratische Blut wenn sie auch unserem heutigen
Pygmäengeschlechte im schwarzen Fracke wunderlich genug anstehen  Diese Linie
der Hirschsprungs legte ersichtlich viel Gewicht auf ihre Ahnen es ließ sich
fast mit Gewissheit voraussehen dass die Taschenspielerstochter ihre
Verwandtschaft mit dem Herrn Rittergutsbesitzer nicht ungestraft würde geltend
machen können Bei dem Gedanken an eine Zurückweisung empörte sich jeder
Blutstropfen in Felicitas sie schloss die Lippen fester aufeinander als wolle
sie damit jedes rasche Wort zurückdrängen das ihr möglicherweise in der
Aufregung entschlüpfen konnte Dagegen ließ sich ihr lebhaftes Verlangen den
Mann zu sehen nicht unterdrücken und die Gelegenheit sollte ihr werden
    Bald nach der Ankunft des Fremden hatte der Rechtsanwalt den Professor zu
sich beschieden Die Konferenz der drei Herren dauerte weit über zwei Stunden
Während dieser Zeit der höchsten Spannung hörte Felicitas den Professor oft
aber mit ruhigem gemässigtem Schritte oben auf und ab gehen Sie sah im Geist
wie der Mann der Wissenschaft gelassen seine schöne schlanke Hand über den Bart
gleiten ließ und dem Aristokraten ruhig Geld und Gut bot um den Schandflecken
von der Ehre seines Namens zu vertilgen 
    Später ließ der junge Frank seine Mutter bitten Kaffee bereit zu halten er
werde mit seinem Besuche nach dem Schluss der Geschäfte in das Wohnzimmer kommen
Felicitas besorgte das Nötige und während sie noch in der Küche mit dem Ordnen
des Kaffeegeschirres beschäftigt war hörte sie die Herren bereits die Treppe
herabsteigen Fast wollte ihr der Mut sinken als sie den Fremden langsam und in
ein Gespräch mit dem Professor verwickelt durch die Hausflur schreiten sah Es
war eine fast übergrosse schmale Gestalt die in Haltung und Gebärden den
feinen formgewandten Weltmann aber auch den gebietenden Herrn den seiner
bevorzugten Stellung sich bewussten Aristokraten unleugbar verriet  Ihr
Großvater war der Fremde keinenfalls dazu sah der feingemeisselte sehr kleine
Kopf mit dem kurzgeschorenen braunen Haar zu jung aus In diesem Augenblick
spielte freilich um die schmalen dünnen Lippen ein verbindliches Lächeln mit
welchem er sich zu dem Professor hinüberneigte aber das schöne
scharfgeschnittene Gesicht mit dem gelblich bleichen Teint war offenbar mehr
geübt im Ausdruck herrischer Strenge als in dem der Güte und des Wohlwollens
    Felicitas strich mit bebenden Händen glättend über ihr Haar und trat in das
Zimmer nachdem die Köchin den Kaffee hereingetragen hatte Die Anwesenden
standen sämtlich in der einen großen Fensternische und wandten der leise
Eintretenden den Rücken Sie füllte geräuschlos die Tassen nahm das Kaffeebrett
und bot es mit einigen Worten dem Fremden  er drehte sich jäh um bei dem Klange
ihrer Stimme taumelte aber sofort zurück als habe ein heftiger Schlag sein
erbleichendes Gesicht getroffen während das entsetzte Auge über die
Mädchengestalt irrte
    »Meta« stieß er hervor
    »Meta von Hirschsprung war meine Mutter« sagte das junge Mädchen mit ihrer
tiefen melodischen Stimme scheinbar sehr ruhig setzte aber das Brett auf
einen Tisch weil die Tassen bedenklich zu klirren begannen
    »Ihre Mutter  Ich wusste nicht dass sie ein Kind hinter lassen hat«
murmelte Herr von Hirschsprung indem er Herr seines Schreckens zu werden
suchte
    Felicitas lächelte bitter und verächtlich  teilweise wohl über die eigene
Schwäche mit der sie sich trotz aller guten Vorsätze hatte hinreißen lassen
diesem Mann gegenüber ihre Abkunft einzugestehen In seine schreckensvolle
Überraschung mischte sich auch nicht ein Laut der Liebe oder des schmerzlichen
Mitleids  sie fühlte sofort dass sie eine Reihe von Demütigungen für sich
heraufbeschworen hatte sie musste sie nun erleiden und hinnehmen in Gegenwart
der Umstehenden die lautlos vor Erstaunen und Verwunderung der weiteren
Entwickelung des merkwürdigen Vorgangs harrten
    Mittlerweile wich die Bestürzung des Herrn von Hirschsprung aber nur um
einer peinlichen Verlegenheit Platz zu machen Er strich sich mit der Hand über
die Augen und sagte leise und stockend »Ja ja ganz recht diese kleine Stadt
X war es ja wo die Nemesis die Unglückliche ereilt hat  eine furchtbare aber
leider gerechte Nemesis«
    Es hatte den Anschein als kehre ihm mit diesem Ausruf die volle Gewalt über
sich selbst zurück Er richtete sich in seiner ganzen Länge auf und sagte mit
der vornehmen Leichtigkeit des vollendeten Kavaliers zu den Umstehenden »Ah
Pardon wenn ich mich durch einen augenblicklichen Eindruck hinreißen ließ zu
vergessen dass ich mich in Gesellschaft befinde  Aber ich glaubte ein
Familiendrama für alle Zeiten abgeschlossen und begraben und nun tritt mir hier
ein ungeahntes Nachspiel entgegen  Sie sind also eine Tochter des
Taschenspielers dOrlowska« wandte er sich an Felicitas sichtbar bemüht
seiner Stimme einen Anflug von Wohlwollen zu geben
    »Ja« versetzte sie kurz und stand ebenso hoch aufgerichtet ihm gegenüber
In diesem Moment trat die Familienähnlichkeit zwischen den beiden Gestalten
scharf und schlagend hervor Stolz war der vorherrschende Ausdruck in diesen
edelschönen Linien wenn er auch auf einer vielleicht grundverschiedenen
Anschauungsweise beruhte
    »Ihr Vater hat Sie nach dem Tode seiner Frau in X zurückgelassen Sie sind
hier aufgewachsen« frug er weiter unverkennbar betroffen durch die imposante
Haltung des Mädchens
    »Ja«
    »Dem Mann ist freilich nicht viel Zeit verblieben für Sie zu sorgen 
soviel ich mich erinnere ist er ja wohl vor acht oder neun Jahren in Hamburg am
Nervenfieber verstorben«
    »Ich erfahre erst in diesem Moment dass er nicht mehr lebt« entgegnete
Felicitas bebend während ihre Mundwinkel krampfhaft zuckten und eine Träne in
ihr heißes Auge trat Aber trotz der Gemütserschütterung die ihr die Nachricht
brachte fühlte sie doch eine Art von schmerzlicher Genugtuung Frau Hellwig
hatte ja oft genug gesagt ihr Vater ziehe als liederlicher Strolch in der Welt
umher und frage viel danach was es anderen Leuten koste sein Kind
aufzufüttern
    »Ah es tut mir leid dass ich dazu berufen war Ihnen diese
niederschlagende Mitteilung zu machen« rief Herr von Hirschsprung bedauernd
den Kopf hin und her wiegend »Mit ihm haben Sie freilich den einzigen
Verwandten verloren der Ihnen nach dem Tode Ihrer Mutter geblieben ist  Es
gab eine Zeit wo ich der Vergangenheit dieses Mannes nachforschte  er hat von
zarter Jugend an allein gestanden in der Welt  es ist beklagenswert aber Sie
haben niemand mehr von Ihrer Familie«
    »Und darf man fragen Herr von Hirschsprung in welcher Beziehung die Mutter
dieses jungen Mädchens zu Ihrer Familie gestanden hat« rief die Hofrätin
empört über die erbarmungslose Art und Weise wie er Felicitas aus dem Bereiche
seiner adeligen Sippe hinauswies
    Ein fahles Rot flackerte über sein Gesicht  So hinreißend das Erröten auf
den Wangen der Unschuld ist so widerwärtig berührt es uns in dem Gesicht eines
hochmütigen Mannes den wir im offenbaren Kampfe sehen ob er etwas ihn
Demütigendes vor uns verbergen soll oder nicht
    »Sie war einst meine Schwester« antwortete er mit klangloser Stimme aber
das Wort »einst« scharf markierend »ich habe es geflissentlich vermieden diese
Beziehung zu betonen« fuhr er nach einer ziemlichen Pause fest fort »so wie
die Sachen liegen bin ich zu Erörterungen gezwungen die mich möglicherweise
rücksichtslos erscheinen lassen  Ich muss dieser jungen Dame Mitteilungen über
ihre Mutter machen die ihr besser erspart geblieben wären  Frau dOrlowska
hat in dem Augenblick wo sie dem Polen die Hand reichte für alle Zeiten
aufgehört ein Glied der Familie von Hirschsprung zu sein  In unserem
Familienbuche steht nicht wie gebräuchlich hinter ihrem Namen mit wem diese
Tochter des Hauses vermählt war  in dem Moment wo sie zum letztenmal über
unsere Schwelle geschritten ist hat mein Vater mit eigener Hand ihren Namen
durchstrichen  das war tausendmal härter für ihn als wenn er das Totenkreuz
hätte hinzeichnen müssen  Seitdem ist der Name Meta von Hirschsprung spurlos
verschollen für uns  kein Freund des Hauses kein Diener hat je gewagt ihn
wieder laut werden zu lassen meine Kinder wissen nicht dass sie je eine Tante
gehabt haben  sie ist enterbt verstoßen und war längst für uns gestorben ehe
sie auf eine so schreckliche Weise endete«
    Er schwieg einen Augenblick Die Hofrätin hatte während dieser in wahrhaft
vernichtender Weise gegebenen Enthüllungen ihren Arm um Felicitas gelegt und sie
mütterlich liebevoll an sich herangezogen  Und dort stand der Professor  er
sprach nicht aber sein Auge ruhte unverwandt und innig auf dem blassen Gesicht
des Mädchens das abermals für seine tote »vergötterte« Mutter so schwer leiden
musste  Es entstand eine momentane peinvolle Stille In diesem Schweigen lag
unverkennbar eine strenge Verurteilung auch der Sprechende vermochte nicht
sich diesem Eindrucke zu entziehen  stockend mit unsicherer Stimme fuhr er
fort »Seien Sie versichert dass es für mich eine sehr schwere Aufgabe ist
Ihnen in der Weise weh tun zu müssen  ich erscheine mir selbst in einem so 
so unritterlichen Lichte aber mein Gott wie soll ich denn die Dinge anders
beim Namen nennen  Ich möchte gern etwas für Sie tun  In welcher
Eigenschaft sind Sie denn hier in diesem sehr ehrenwerten Hause«
    »Als mein liebes Töchterchen« antwortete die Hofrätin an Felicitas Stelle
und sah ihn fest und durchdringend an
    »Nun sehen Sie da haben Sie ja doch ein sehr glückliches Los gezogen«
sagte er zu dem jungen Mädchen während er sich vor der Hofrätin verbindlich
neigte »Leider ist es nicht in meine Hand gegeben mit Ihrer edlen Beschützerin
zu wetteifern  die Rechte einer Tochter des Hauses dürfte ich Ihnen schon um
deswillen nicht zugestehen als meine Eltern noch leben in ihren Augen würde
leider der Umstand dass Sie den Namen dOrlowska tragen vollkommen genügen um
Sie nie vor sich zu lassen«
    »Wie die leiblichen Grosseltern« rief die alte Dame entrüstet »Sie könnten
um das Dasein einer Enkelin wissen und sterben ohne sie gesehen zu haben  Das
machen Sie mir nicht weis«
    »Meine liebe Frau Hofrätin« entgegnete Herr von Hirschsprung kalt lächelnd
»das stark ausgeprägte aristokratische Gefühl ein hoher Sinn für die
unbefleckte Ehre des Hauses sind Familieneigentümlichkeiten der Hirschsprungs
denen auch ich mich nicht entziehen kann  die Liebe kommt bei uns erst in
zweiter Linie Ich begreife die Anschauungsweise meiner Eltern vollkommen und
würde genau so handeln wenn sich eine meiner Töchter je vergessen sollte«
    »Nun mögen die Männer Ihrer Familie über diesen Punkt denken wie sie
wollen« sagte die Hofrätin beharrlich »aber die Großmutter  sie müsste ja ein
Stein sein wenn sie von diesem Kinde hörte und «
    »Gerade sie verzeiht am wenigsten« unterbrach er die alte Dame in sicherer
Überlegenheit »Meine Mutter hat verschiedene Glieder alter Grafengeschlechter
auf ihrem Stammbaum und hütet den Glanz des Hauses wie selten eine Frau 
Übrigens steht es Ihnen frei meine sehr geehrte Frau Hofrätin« setzte er
nicht ohne einen leisen Anflug von Spott hinzu »einen Versuch für Ihren
Schützling zu wagen Ich gebe Ihnen die Versicherung dass ich Ihnen nicht nur
nicht entgegen sein sondern Ihr Vorhaben sogar möglichst unterstützen werde«
    »O bitte nicht ein Wort mehr« rief Felicitas in namenloser Qual während
sie sich aus den Armen der alten Dame loswand und die Hände derselben
beschwörend erfasste »Seien Sie überzeugt mein Herr« wendete sie sich nach
einer momentanen Pause ruhig und kühl wenn auch mit zuckenden Lippen an den
Herrn von Hirschsprung »dass es mir nie einfallen wird mich auf ehemalige
Rechte meiner Mutter zu stützen  sie hat sie hingeworfen um ihrer Liebe willen
und nach allem was Sie soeben ausgesprochen hat sie dabei nur gewonnen  Ich
bin in dem Glauben aufgewachsen dass ich allein stehe in der Welt und so sage
ich mir auch jetzt Ich habe keine Grosseltern«
    »Das klingt scharf und bitter« sagte er leicht verlegen »Aber« fügte er
mit einem Achselzucken hinzu »so wie die Verhältnisse nun einmal sind bin ich
genötigt Sie in dieser Art der Auffassung verharren zu lassen  Im übrigen
will ich für Sie tun was in meinen Kräften steht Ich zweifle keinen
Augenblick dass es mir gelingen wird von meinem Vater eine anständige
lebenslängliche Rente für Sie zu erwirken«
    »Ich danke« unterbrach sie ihn heftig »Ich habe Ihnen eben erklärt dass
ich keine Grosseltern habe wie können Sie denken dass ich von Fremden Almosen
annehmen werde«
    Er errötete abermals allein jetzt war es das dunkle Rot der Beschämung
welche vielleicht zum erstenmal im Leben diese hocharistokratische Seele
beschlich In offenbarer Verlegenheit griff er nach seinem Hute  niemand
hinderte ihn daran Er berührte sich gegen den Rechtsanwalt wendend mit
einigen fast geflüsterten Worten noch einmal das Geschäftliche dann bot er wie
von einem plötzlichen Impuls bewegt Felicitas die Hand allein das junge
Mädchen verneigte sich tief und zeremoniell vor ihm und ließ ihre beiden Hände
langsam an den Seiten niedersinken  Das war eine herbe Sühne die das
Spielerskind dem stolzen Herrn von Hirschsprung gegenüber für sich verlangte Er
wich bestürzt zurück neigte sich mit einem Achselzucken und für diesen
Augenblick aller aristokratischen Hoheit bar vor den übrigen und verließ vom
Rechtsanwalt begleitet das Zimmer
    Als die Tür hinter ihm in das Schloss fiel schlug Felicitas mit einer
heftigen Gebärde die Hände vor das Gesicht
    »Fee« rief der Professor und breitete seine Arme weit aus Sie sah empor
und  flüchtete hinein Die Arme um seinen Hals schlingend drückte sie ihren
Kopf fest an seine Brust  Der junge wilde Vogel ergab sich für alle Zeiten
er machte auch nicht den leisesten Versuch mehr aufzufliegen es war süß in
starken Armen geborgen zu rasten nachdem er im einsamen Fluge durch Sturm und
Wetter sich fast zu Tode gekämpft und geflattert hatte
    Bei diesem Anblick gab die Hofrätin ihrem vergnügt lächelnden Gemahl einen
Wink und beide gingen geräuschlos aus dem Zimmer
    »Ich will Johannes« rief das junge Mädchen und schlug die Wimpern auf an
denen noch die Tränen des kindlichen Schmerzes hingen
    »Endlich« sagte er und legte seine Arme fester um die zarte Gestalt sie
war ja mit diesem Ausspruche sein eigen Welch ein Gemisch von Glut und
Zärtlichkeit brach aus den strengen stahlgrauen Augen die auf das glückselig
lächelnde Mädchenantlitz niedersahn
    »Ich habe von Stunde zu Stunde auf dies erlösende Wort gewartet« fuhr er
fort »Gott sei Dank es ist aus eigenem Antriebe gesprochen worden Ich wäre
sonst heute abend noch gezwungen gewesen es zu veranlassen ob es mir dann so
süß geklungen hätte wie eben jetzt ich bezweifle es  Böse Fee mussten erst
so bittere Erfahrungen über mich kommen ehe du dich entschließen konntest mich
glücklich zu machen«
    »Nein« rief sie entschieden aus und wand sich los »Nicht der Gedanke dass
Ihre äußere Lage sich geändert habe hat mich besiegt in dem Augenblick wo Sie
mir konsequent und entschieden die Zurückgabe des Buches verweigerten kam
urplötzlich das Vertrauen «
    »Und wenige Augenblicke darauf als das Geheimnis mir offenbar wurde«
unterbrach er sie und zog sie abermals an sich »da erkannte ich dass du bei
aller Schroffheit bei allem Trotz und Stolz doch die echte beseligende Liebe
des Weibes im Herzen trägst Du wolltest lieber entsagen ehe du das Leiden
einer schmerzlichen Erfahrung über mich kommen ließest  Wir haben beide eine
harte Schule durchgemacht und  täusche dich nicht Fee über die Aufgabe die
dir wird Ich habe meine Mutter verloren mein Vertrauen auf die Menschheit hat
einen starken Stoß erlitten und  auch das muss gesagt sein  ich besitze in
diesem Augenblick fast nichts als meine Wissenschaft«
    »O ich Glückselige dass ich neben Ihnen stehen darf« unterbrach sie ihn
und legte die Hand leicht auf seinen Mund »Ich darf freilich nicht hoffen
Ihnen das alles ersetzen zu können aber was ein demütiges Weib irgend tun und
ersinnen kann um das Leben eines edlen Mannes zu erhellen das soll gewiss
geschehen«
    »Und wann wird dieser stolze Mund sich herablassen mich du zu nennen«
fragte er auf sie herablächelnd
    Ihr lilienweisses Gesicht errötete bis an die Haarwurzeln
    »Johannes bleibe nicht allzulange fern von mir« flüsterte sie bittend
    »Ach hast du im Ernst geglaubt dass ich ohne dich gehen würde« rief er
leise lachend »Wenn es sich in diesem Augenblick nicht so schön fügte so
würdest du heute abend erfahren haben dass du morgen früh um acht Uhr in
Begleitung unserer lieben Hofrätin mit mir nach Bonn abreisest Die liebe alte
Mama hat dir ein wenig Komödie vorgespielt mein Kind droben im Staatszimmer
stehen seit gestern die gepackten Koffer und ich habe unterstützt von ihrem
Rat selbst das Reisehütchen ausgesucht das ich auf der trotzigen Stirne da
sehen will  Du bleibst vier Wochen als meine erklärte Braut im Hause der Frau
von Berg und dann  zieht eine kleine Frau neben das Studierzimmer des
grimmigen Professors der Falten auf der Stirne und bitterböse Blicke mit nach
Hause bringt«
Herr von Hirschsprung legitimierte sich respektive seinen noch lebenden Vater
als einzigen Erben und das Vermächtnis der alten Mamsell wurde ihm
ausgehändigt Er erklärte die Ansprüche der Hirschsprungs an die Familie Hellwig
bezüglich der unterschlagenen sechzigtausend Taler für vollkommen getilgt
nachdem der Professor die dreissigtausend Taler der Tante Kordula aus seinem
eigenen Vermögen verdoppelt und somit das Kapital bis zu seiner vollen Höhe
ergänzt hatte
    Für das verbrannte Bachsche Opernmanuskript musste Frau Hellwig bare tausend
Taler erlegen sie fügte sich knirschend weil sie von allen Seiten die
Versicherung erhielt dass ein Prozess noch ganz andere Opfer von ihr fordern
dürfte
    »Warum soll ichs leugnen« sagte am Reisemorgen der Rechtsanwalt errötend
und lebhaft erregt zu dem Professor der reisefertig in der Fensternische neben
ihm stand und auf seine Begleiterinnen wartete »Ich gönne dir Felicitas nicht
 Ich habe im ersten Augenblick dies seltene Geschöpf erkannt und werde lange
Zeit brauchen um  zu vergessen  Aber einen Trost habe ich dabei sie hat
dich zu einem anderen Menschen gemacht und den sittlichen Rechten der
Menschheit ihrer unanfechtbaren guten Sache einen neuen Bekenner zugeführt 
Schlagender konnte meine freie und gewiss gesunde Ansicht über unsere sozialen
Missverhältnisse nicht motiviert werden als durch den Umstand dass  verzeihe
mir die bittere Wahrheit  die stolzen Hellwigs den Angehörigen des verachteten
Spielerskindes gegenüber Schwerschuldige waren  Da stehen die einen und sehen
hochmütig auf die anderen herab und die blinde Welt ahnt nicht dass es faul ist
unter ihren gerühmten Institutionen und dass der frische Luftzug der Freiheit
nötig ist um sie wegzufegen die den Hochmut die Herzlosigkeit und mit ihnen
eine ganze Reihe der schlimmsten Verbrechen begünstigen«
    »Du hast recht und ich nehme diese bittere Schlussfolgerung ruhig hin«
sagte der Professor ernst »denn ich habe in der Tat schwer geirrt Aber der
Weg den ich zurückzulegen hatte war steinig und deshalb gönne mir den Preis
den ich schwer erringen musste«
Der Professor hat seine junge Frau in den »exklusiven« Kreis der
Professorenfrauen eingeführt und das ideal schöne Wesen an seiner Hand ist
trotz der boshaften Einflüsterungen der Regierungsrätin mit Liebe und
Bewunderung aufgenommen worden  Es ist Wahrheit was er sich einst so
hinreißend gedacht hatte Felicitas schmeichelt ihm die medizinischen
Sorgenfalten von der Stirne und wenn er abends inmitten seiner gemütlichen vier
Wände bittet »Fee ein Lied« da braust sofort die prachtvolle Altstimme auf
die ihn einst hinausgetrieben hat aus dem mütterlichen Hause in die Thüringer
Wälder der er entflohen weil sie ihn unwiderstehlich hinüberriss nach dem
wunderbaren Spielerskinde
    Er hat sämtliche Möbel aus der Mansardenwohnung nach Bonn schaffen lassen
Der Flügel und die Büsten samt der üppigen Epheudraperie schmücken jetzt
Felicitas Zimmer Im Geheimfache des Glasschrankes bewahrt die junge Hausfrau
auch jetzt noch das kostbare altväterische Silberzeug auf den kleinen grauen
Kasten samt Inhalt aber hat der Professor an demselben Tage verbrannt wo die
Hirschsprungs das ausgleichende Kapital in Empfang genommen haben Das
Schuldbuch ist vernichtet das Unrecht gesühnt soweit menschliche Kräfte es
vermochten und Tante Kordulas Geist kann unbeirrt seinen hohen Flug weiter
verfolgen den er schon auf Erden angenommen
    Heinrich lebt in Bonn bei dem jungen Paare Er wird hoch in Ehren gehalten
und fühlt sich über die Massen wohl wenn er aber auf der Straße der in Samt und
Seide gehüllten jetzt ungeniert nach der neuesten Mode gekleideten
Regierungsrätin begegnet die stets den Kopf wegwendet als habe sie das
ehrliche Gesicht des alten Mannes nie gesehen da schmunzelt er vergnüglich in
sich hinein »Das Blümelein Vergissmeinnicht hat doch nichts geholfen gnädige
Frau Regierungsrätin«
    Die schöne Frau kann übrigens ihren tadellos geformten weißen Arm nicht mehr
mit dem Armringe schmücken ihr Vater hat ihn »gewissenhaft« mit dem Bemerken
dass er durch »Zufall und Irrtum« in seinen Besitz gekommen an die
Hirschsprungschen Erben ausgeliefert Er lebt auf sehr gespanntem Fuß mit seiner
Tochter weil sie die »grenzenlose Dummheit« begangen hat seinen Anteil an dem
Raube zu bestätigen  Sie hat längst den Nimbus der Frömmigkeit und sanften
Milde eingebüßt beteiligt sich aber noch immer mit großer Ostentation an
frommen Bestrebungen während ihr Aennchen unter fremder Pflege einem sicheren
Tode entgegenwelkt  Und er der strenggläubige Verwandte am Rhein  Es ist
nicht zu denken dass ihn die Nemesis auf Erden ereilt er wird mit frommer
Ergebenheit alles was über ihn kommen mag Prüfung nennen Wir übergeben ihn
deshalb dem öffentlichen Gerichte die empfindlichste Strafe für den Heuchler
ist dass ihm vor aller Augen die Maske vom Gesicht genommen wird 
    Frau Hellwig sitzt nach wie vor hinter ihrem Asklepiasstocke Das Unglück
ist endlich auch über ihre gefeite Schwelle geschritten sie hat zwei Kinder
verloren ihren Sohn Johannes hat sie verstoßen und eines Tages lief die
Nachricht ein dass Nathanael im Duell geblieben sei Er hat viele Schulden und
einen sehr befleckten Ruf hinterlassen  Die eisernen Züge der großen Frau
sind schlaffer geworden und manchem will es scheinen als neige sich der Kopf
mit dem einst so starren Gepräge des Hochmutes und der Unfehlbarkeit oft recht
müde auf die Brust  Der Professor hat ihr vor kurzem die Geburt seines
erstgeborenen Kindes angezeigt Seit der Zeit liegt in dem Strickkörbchen das
bis dahin nur derbe blaue und weiße Knäuel mit grobem Faden beherbergt hat ein
zartrosiges Strickzeug Frau Hellwig arbeitet nur verstohlen und ruckweise
daran Friederike schwört es sei kein Missionsstrumpf sondern ein
allerliebstes Kinderstrümpfchen Ob und wann diese zierlichen rosenroten Dinger
die strampelnden Beinchen des jüngsten Hellwigschen Familiengliedes umschließen
werden wir wissen es nicht aber zur Ehre des Menschengeschlechts soll es
gesagt sein Es ist keine Seele so verhärtet dass nicht ein weicher Punkt eine
edle Regung eine süssklingende Saite in ihr schliefen sie wird sich freilich
oft dieses inneren Schatzes nicht bewusst wenn die Erweckung von außen fehlt
Aber vielleicht ist die grossmütterliche Liebe solch ein ungeahnt warmer Punkt im
Herzen der großen Frau der plötzlich angefacht ein mildes Licht ausströmt und
das übrige Eis des Innern schmilzt
    Hoffen wir lieber Leser