Gustav Freitag
Die verlorene Handschrift
Erster Teil
Erstes Buch
1
Eine gelehrte Entdeckung
Es ist später Abend in unserm Stadtwald leise wispert das Laub in der lauen
Sommerluft und aus der Ferne tönt das Geschwirr der Feldgrillen bis unter die
Bäume
Durch die Gipfel fällt bleiches Licht auf den Waldweg und das undeutliche
Geäst des Unterholzes Der Mond besprengt den Pfad mit schimmernden Flecken er
zündet im Gewirr der Blätter und Zweige verlorene Lichter auf hier läuft es vom
Baumstamme bläulich herab wie brennender Spiritus dort im Grunde leuchten aus
tiefer Dunkelheit die Wedel eines Farnkrautes in grünlichem Golde und über dem
Wege ragt der dürre Ast als ungeheures weißes Geweih Dazwischen aber und
darunter schwarze greifbare Finsternis Runder Mond am Himmel deine Versuche
den Wald zu erleuchten sind unordentlich bleichsüchtig und launenhaft Bitte
beschränke deine Lichter auf den Damm der zur Stadt führt wirf deinen falben
Schein nicht allzuschräge über den Weg hinaus denn linker Hand geht es
abschüssig in Sumpf und Wasser
Pfui du Lügner da ist der Sumpf und der Schuh blieb darin stecken Aber
dir ist das gerade recht Täuschen und Betrügen ist deine liebste Arbeit du
Phantast unter den Sternen Man wundert sich allgemein dass die Menschen der
Vorzeit dich als Gott verehrten Einst hat das griechische Mädchen dich Selene
gerufen und sie hat dir die Schale mit purpurnem Mohn bekränzt um durch deinen
Zauber den treulosen Geliebten zu ihrer Türschwelle zu locken Damit ist es für
immer vorbei Wir haben die Wissenschaft und Photogen und du bist herabgekommen
zu einem armen alten Gaukler der fern von Menschen im Walde umherflackert Zu
einem Gaukler Man erweist dir noch allzuviel Ehre wenn man dich überhaupt als
lebendes Wesen behandelt Was bist du denn eigentlich eine Kugel ausgebrannter
blasiger Schlacke luftlos farbenlos wasserlos Bah eine Kugel Unsere
Gelehrten wissen dass du nicht einmal rund bist auch darin lügst du Wir von
der Erde haben dich nach unserer Seite in die Länge gezogen Du bist
gewissermaßen zugespitzt und deine Gestalt ist erbärmlich und unregelmäßig Du
bist nichts als eine Art großer Erdrübe welche sich in ewiger Sklaverei um uns
herumwälzt
Der Wald lichtet sich zwischen der Stadt und dem Wanderer liegt noch eine
weite Rasenfläche mit ihrem Weiher Sei gegrüßt du grüner Talgrund
wohlgepflegte Kieswege ziehen sich über die Waldwiese hier und da erhebt sich
lustiges Gebüsch und eine Gartenbank Auf der Bank rastet bei Tage der
wohlhäbige Bürger die Hände auf das spanische Rohr gestützt sieht er stolz
nach den Türmen seiner guten Stadt hinüber Ist heut auch die Flur verwandelt
Vor dem Wanderer breitet sichs wie eine wogende Wasserfläche und es wallt
brodelt und ballt sich um die Füße in endlosen Nebelmassen soweit das Auge
reicht Welches Geisterheer wäscht hier seine grauen Gewänder Sie flattern von
den Bäumen sie ziehen durch die Luft mattscheinend zerfliessend sich wieder
verwebend Und höher erheben sich die dämmrigen Gebilde Sie schweben dem
Wanderer über das Haupt die düstern Massen der Bäume verschwinden auch den
Himmel verbirgt die Dämmerung jeder Umriss löst sich auf in ein Chaos von
bleichem Licht und wogender Unform Noch dauert die feste Erde unter den Füßen
des Schreitenden und doch wandelt er geschieden von allen wirklichen Gestalten
der Erde unter leuchtenden körperlosen Schatten Hier sammelt sichs und dort
wieder zu schwebendem Scheine Langsam schweifen die Luftgebilde an dem Flor
der den Wanderer umhüllt Hier dringt eine gebeugte Gestalt heran einem
knieenden Weibe vergleichbar das vor Schmerz zusammenbricht dort ein Zug in
langen wallenden Gewändern wie römische Senatoren an ihrer Spitze ein Kaiser
mit der Strahlenkrone aber die Krone und das Haupt zerfließen kopflos und
gespenstig gleitet der große Schatten vorüber Dunst der feuchten Wiese wer
hat dich so verwandelt Wetter das tat wieder der Alte dort oben der
gaukelnde Mond
Weicht hinterwärts täuschende Bilder der Dämmerung Das Tal ist
durchschritten vor dem Wanderer schimmern erleuchtete Fenster hier ragen die
nächsten Häuser der Stadt zwei stattliche Häuser und zwei Hausbesitzer Hier
wohnen Menschen Steuerzahler rührig Schaffende sie hüllen sich zur Nacht in
warme Decken und nicht in deine wässrigen Gespinste o Mond welche als rollende
Tropfen von Haar und Bart träufeln sie haben ihre Launen und ihre Biederkeit
und schätzen deinen Wert Mond genau nach den Summen die du der Stadtkasse an
Gaslicht ersparst
In dem Hause zur linken Hand glänzt aus der oberen Fensterreihe eine Lampe
nahe den Scheiben Vergeblich mühst du dich bleiches Wolkenlicht deine
trügenden Strahlen auch dort hineinzuwerfen Denn ihn der dort wohnt sollst du
mit deinen Possen nicht kränken er ist ein Kind der Sonne und ein Held dieser
Geschichte Es ist der Professor Felix Werner ein gelehrter Philolog noch ein
junger Herr aber von wohlverdientem Ruf Da sitzt er an seinem Arbeitstisch und
blickt auf verblichene alte Schrift ein ansehnlicher Mann wenn er aufsteht
von guter Mittelgrösse dunkles gelocktes Haar umgibt ihm ein großes Antlitz von
kräftiger Bildung nichts Kleines darin helle treue Augen unter dunklen Brauen
die Nase leicht gebogen die Muskeln des Mundes stark entwickelt wie bei einem
beliebten Lehrer der studirenden Jugend natürlich ist Jetzt gerade fährt ein
feines Lächeln darüber und die Wangen sind ihm von der Arbeit oder geheimer
Aufregung gerötet Verschwinde hinter einer Wolke Mond die Gesellschaft
meines Professors ist mir lieber
Der Professor sprang von seinem Arbeitstisch auf und durchschritt einige
Male eifrig das Zimmer dann trat er an ein Fenster welches auf das Nachbarhaus
hinsah stellte zwei große Bücher auf das Fensterbrett legte ein kleineres
darüber und brachte dadurch eine Figur hervor welche einem griechischen P
ähnlich sah und durch den Lichtschein dahinter für die Augen im Nachbarhause
sichtbar wurde Nachdem er dies telegraphische Zeichen gezimmert hatte eilte er
wieder an den Tisch und beugte sich von neuem über sein Buch
Der Diener trat leise ein das Abendessen wegzuräumen welches auf einem
Seitentisch zurechtgestellt war Da er die Speisen unberührt fand blickte er
missbilligend auf den Professor und blieb lange hinter dem leeren Stuhl stehen
Endlich rückte er sich in militärische Haltung »Der Herr Professor haben das
Abendbrot vergessen«
»Räumen Sie ab Gabriel« befahl der Professor
Gabriel bewies keinen guten Willen »Der Herr Professor sollten wenigstens
ein Stück kalten Braten zu sich nehmen Aus Nichts wird Nichts« fügte er
wohlwollend hinzu
»Es ist nicht in der Ordnung dass Sie hereinkommen mich zu stören«
Gabriel nahm den Teller und trug ihn zum Professor »Nehmen der Herr
Professor wenigstens ein paar Bissen«
»So geben Sie« sagte der Professor und aß
Gabriel benutzte die Pause in welcher sein Herr widerstandslos bei
verständlicher Tätigkeit verweilte zu einer respectvollen Anmahnung »Mein
seliger Hauptmann hielt sehr auf ein gutes Abendessen«
»Jetzt aber sind Sie ins Civile übersetzt« versetzte der Professor
lächelnd
»Es ist aber auch nicht in der Ordnung« fuhr Gabriel hartnäckig fort »wenn
ich allein den Braten esse den ich für Sie hole«
»Ich hoffe Sie sind jetzt zufrieden« versetzte der Professor und schob ihm
den Teller zurück
Gabriel zuckte die Achseln »Es ist zum wenigsten guter Wille Der Herr
Doctor war nicht zu Hause«
»Ich sehe Sorgen Sie dafür dass die Haustür geöffnet bleibt«
Gabriel machte Kehrt und entfernte sich mit den Tellern
Wieder war der Gelehrte allein das goldene Licht der Lampe fiel auf sein
Antlitz und die Bücher welche um ihn lagen schneller rauschten die weißen
Blätter unter der Hand des Nachschlagenden und in starker Spannung arbeiteten
seine Züge
Da pochte es an die Tür der erwartete Besuch trat ein
»Guten Abend Fritz« rief der Professor dem Eintretenden entgegen »setze
dich auf meinen Platz und sieh hierher«
Der Gast eine zarte Gestalt mit feinen Zügen und einer Brille vor den
Augen rückte sich gehorsam zurecht und ergriff ein kleines Buch welches
Mittelpunkt eines Kreises von aufgeschlagenen Werken in jedem Alter und Format
war Mit Kennerblicken musterte er zuerst den Deckel geschwärztes Pergament mit
alten Noten und darunter geschriebenem Kirchentext er warf einen spähenden
Blick auf das Innere des Einbands und suchte nach den Pergamentstreifen durch
welche der übelerhaltene Rücken des Buches mit dem Deckel verbunden war Dann
erst sah er auf das erste Blatt des Inhalts auf die vergilbten Buchstaben des
geschriebenen Textes »Das Leben der heiligen Hildegard die Hand des
Schreibers aus dem fünfzehnten Jahrhundert« sprach er und sah den Freund
fragend an
»Nicht deshalb zeige ich dir das alte Buch« Sieh weiter Der
Lebensgeschichte folgen Gebete eine Anzahl Recepte und Wirtschaftsregeln von
verschiedenen Händen bis über die Zeit Luthers hinaus Ich hatte diese Blätter
für dich gekauft du konntest darin vielleicht etwas für deine Sagen oder
Volksaberglauben finden Bei der Durchsicht aber traf ich auf einer der letzten
Seiten diese Stelle und ich muss dir jetzt das Buch noch vorenthalten Es
scheint dass mehre Generationen eines Mönchsklosters das Buch benutzt haben um
Bemerkungen einzuzeichnen denn auf diesem Blatt ist ein Verzeichnis von
Kirchenschätzen des Klosters Rossau Es war ein dürftiges Kloster das
Verzeichnis ist nicht groß oder nicht vollständig Es wurde von einem
unwissenden Mönch soweit man aus seiner Schrift schließen kann etwa um 1500
gemacht Sieh hier Kirchengerät und wenige geistliche Gewänder und hier
einige teologische Handschriften des Klosters für uns gleichgültig darunter
aber zuletzt folgender Titel »Das alt ungehür puoch von ussfart des swigers«
Der Doctor prüfte neugierig die Worte »Das klingt wie Überschrift eines
Rittergedichts Und was bedeuten die Worte selbst Ist der Ausfahrende ein
Schwieger oder ein Schweigender«
»Versuchen wir das Rätsel zu lösen« fuhr der Professor mit glänzenden
Augen fort und wies mit dem Finger auf dasselbe Blatt »Eine spätere Hand hat
in lateinischer Sprache dazugeschrieben Dies Buch ist latein fast unlesbar
fängt an mit den Worten lacrimas et signa und endet mit den Worten Hier
schließt der Geschichten actorum dreissigstes Buch Jetzt rate«
Der Doctor sah in das erregte Gesicht des Freundes »Lass mich nicht warten
Die Anfangsworte klingen vielversprechend aber ein Titel sind sie nicht es
mögen im Anfange Blätter gefehlt haben«
»So ist es« versetzte der Professor vergnügt »Nehmen wir an ein zwei
Blätter haben gefehlt Im fünften Kapitel der Annalen des Tacitus stehen die
Worte lacrimas et signa hintereinander«
Der Doctor sprang auf auch ihm flog ein freudiges Rot über das Antlitz
»Setze dich« fuhr der Professor fort den Freund niederdrückend »Der alte
Titel vor den Annalen des Tacitus lautete wörtlich übersetzt Tacitus vom
Ausgange des göttlichen Augustus besser Deutsch Vom Hinscheiden des Augustus
ab Wohlan ein unwissender Mönch entzifferte auf irgendeinem Blatte die ersten
lateinischen Worte der Überschrift Taciti ab excessu und versuchte sie ins
Deutsche zu übersetzen Er war froh zu wissen dass tacitus schweigsam bedeutet
hatte aber nie etwas von dem römischen Geschichtschreiber gehört und übertrug
also wörtlich Vom Ausgange des Schweigenden«
»Vortrefflich« rief der Doctor »Und der Mönch schrieb seine gelungene
Übersetzung des Titels auf die Handschrift Triumph Die Handschrift war ein
Tacitus«
»Höre noch weiter« ermahnte der Professor »Im dritten und vierten
Jahrhundert unserer Zeitrechnung bestanden die beiden großen Werke des Tacitus
die Annalen und Historien in einer Sammlung vereint unter dem Titel Dreißig
Bücher Geschichten Wir haben dafür mehre alte Zeugnisse sieh her«
Der Professor schlug bekannte Stellen auf und legte sie vor den Freund »Und
wieder am Ende der verzeichneten Handschrift stand Hier schließt das dreissigste
Buch der Geschichten Dadurch schwindet wie mir scheint jeder Zweifel dass
diese Handschrift ein Tacitus war Und um das Ganze zusammenzufassen war das
Sachverhältniss folgendes Zur Zeit der Reformation befand sich eine Handschrift
des Tacitus im Kloster Rossau der Anfang fehlte Es war eine alte Handschrift
sie war durch die Zeit und ihre Schicksale für Mönchsaugen fast unlesbar
geworden«
»Es muss aber an dem Buch noch etwas Besonderes gehangen haben« unterbrach
der Doctor »denn der Mönch bezeichnet es mit dem Ausdruck ungeheuer welches
etwa unserm Wort unheimlich entspricht«
»So ist es« bestätigte der Professor »Man darf mutmaßen dass entweder
eine Klostersage die sich daran geheftet hatte oder ein altes Verbot das Buch
zu lesen oder wahrscheinlicher eine ungewöhnliche Beschaffenheit des Deckels
oder Formats diese Bezeichnung verursacht hat Die Handschrift enthielt beide
Geschichtswerke des Tacitus welche durch fortlaufende Bücherzahl verbunden
waren Und wir« fuhr er fort und warf in der Aufregung das Buch welches er in
der Hand hielt auf den Tisch »wir besitzen diese Handschrift nicht mehr
Keines von den beiden Geschichtswerken des großen Römers ist uns vollständig
erhalten uns fehlt wenn wir die Lücken zusammenrechnen wohl mehr als die
Hälfte«
Der Freund durchschritt hastig das Zimmer »Das ist eine von den
Entdeckungen die das Blut schneller in die Adern treibt Dahin und verloren
Aber es überläuft Einen heiß wenn man deutlich empfindet dass so wenig fehlte
einen kostbaren Schatz des Altertums für uns zu retten Er hat Völkermord
Brand und Zerstörung von anderthalb Jahrtausenden überdauert er liegt noch zu
der Zeit wo das Morgenrot der neuen Bildung bei uns hereinbricht glücklich
verborgen und unbeachtet in einem deutschen Kloster wenige Wegstunden von der
großen Völkerstrasse auf welcher die Humanisten hin und her wandern die Bilder
römischer Herrlichkeit im Haupte begierig nach jeder Überlieferung aus der
Römerzeit suchend Und kaum eine Tagreise entfernt erblühen Universitäten auf
denen die Jugend sich begeistert in lateinischen Versen und Prosa übt Es lag so
nahe dass irgendein Mönch aus Rossau einem Ordensbruder davon erzählte der die
Kunde nach Mainz oder Köln trug Es scheint unbegreiflich dass nicht einer von
den lateinischen Schullehrern die sich damals über das ganze Land verbreiteten
Nachricht von dem Buche erhielt und den Brüdern etwas von dem Wert eines
solchen Denkmals sagte Und wie natürlich war dass der geistliche Herr welcher
die Oberaufsicht über das Kloster übte von dem geheimnisvollen Bande erfuhr und
neugierig die verblichenen Blätter umschlug Selbst dann wäre doch eine Kunde in
die Welt gedrungen und die Handschrift uns wahrscheinlich irgendwo erhalten
Aber nichts von alledem Und im besten Fall hat ein Zeitgenosse von Erasmus und
Melanchton ein armer hungernder Mönch die Handschrift an den Buchbinder
verkauft und abgeschnittene Streifen kleben noch irgendwo an alten Einbänden
Sogar dafür ist diese Nachricht wichtig Das war eine schmerzliche Freude die
dir das kleine Buch bereitet hat«
Der Professor fasste die Hand des Freundes die beiden Männer sahen einer dem
andern in das treue Gesicht »Nehmen wir an der alte Erbfeind erhaltener
Schätze das Feuer habe auch diese Handschrift verzehrt« schloss der Doctor
traurig »Wir sind Kinder dass wir den Verlust empfinden als hätten wir ihn
heut erlitten«
»Wer sagt uns dass die Handschrift unwiederbringlich verloren ist«
entgegnete der Professor in unterdrückter Bewegung »Noch einmal setze dich vor
das Buch es weiß uns auch von den Schicksalen der Handschrift zu erzählen«
Der Doctor sprang an den Tisch und ergriff das Büchlein von der heiligen
Hildegard
»Hier hinter dem Verzeichnis« sprach der Professor und wies auf die letzte
Seite des Buches »steht noch mehr«
Der Doctor starrte auf das Blatt lateinische Buchstaben ohne Sinn und
Wortabsatz waren in sieben Zeilen zusammengeschrieben darunter stand ein Name
F Tobias Bachhuber
»Vergleiche diese Buchstaben mit jener lateinischen Bemerkung neben dem
Titel der unheimlichen Handschrift Es ist unzweifelhaft dieselbe Hand feste
Züge des siebzehnten Jahrhunderts hier das s r das f«
»Es ist dieselbe Hand« rief der Doctor vergnügt
»Die Buchstaben ohne Sinn sind kindliche Geheimschrift wie man sie im
siebzehnten Jahrhundert übte Diese hier ist leicht zu lösen jeder Buchstabe
ist mit seinem folgenden vertauscht Auf einen Zettel habe ich die lateinischen
Worte des Textes zusammengestellt Die Worte lauten auf Deutsch Beim Herannahen
des wütenden Schweden habe ich um den verzeichneten Schatz unseres Klosters
den Nachstellungen des brüllenden Teufels zu entziehen dies alles an einer
trocknen und hohlen Stelle des Hauses Bielstein niedergelegt Am Tage
Quasimodogeniti 37 Also am 19 April 1637 Was sagst du nun Fritz Es
scheint doch die Handschrift war bis in den dreissigjährigen Krieg nicht
verbrannt denn Frater Tobias Bachhuber sein Andenken sei gesegnet hat sie
in dieser Zeit noch einer Betrachtung gewürdigt und da er ihr in dem
Verzeichnis eine besondere Anmerkung gönnt wird er sie zuverlässig bei der
Flucht nicht zurückgelassen haben Die geheimnisvolle Handschrift war also bis
zum Jahre 1637 im Kloster Rossau und der Frater hat sie im April dieses Jahres
mit anderer Habe in der hohlen und trocknen Stelle des Schlosses Bielstein vor
Baners Schweden verborgen«
»Jetzt wird die Sache Ernst« rief der Doctor
»Ja es ist Ernst mein Freund nicht unmöglich dass die Handschrift noch
irgendwo verborgen dauert«
»Und Schloss Bielstein«
»Es liegt nahe bei dem Städtchen Rossau Das Kloster hat unter dem Schutze
des geistlichen Schirmherrn bis zum dreissigjährigen Kriege in dürftigen
Verhältnissen fortbestanden im Jahre 1637 wurde Stadt und Kloster durch die
Schweden verwüstet Die letzten Mönche verloren sich das Kloster wurde nicht
wieder eingerichtet Das ist alles was ich zur Zeit erfahren konnte Für das
Weitere erbitte ich deine Hilfe«
»Die nächste Frage ist ob das Schloss den Krieg überdauert hat« versetzte
der Doctor »und was bis jetzt daraus geworden Schwerer wird zu ermitteln sein
wo Bruder Tobias Bachhuber geendet hat und am schwersten durch welche Hände
sein kleines Buch auf uns gekommen ist«
»Das Buch fand ich heut bei einem hiesigen Antiquar es war neuer Erwerb und
noch nicht in sein Verzeichnis aufgenommen Die weitere Auskunft welche der
Verkäufer etwa geben kann werde ich morgen holen Es lohnt doch nachzufragen«
fuhr er kühler fort bemüht einen Strom verständiger Erwägung über die
aufbrennende Glut seiner Hoffnungen zu leiten »Seit jener geheimen Notiz des
Fraters sind mehr als zweihundert Jahre verflossen die zerstörenden Kräfte
waren in dieser Zeit nicht weniger tätig als früher vor andern Krieg und Raub
der Jahre in denen das Kloster zu Grunde ging So sind wir zuletzt nicht
weiter als wenn die Handschrift einige hundert Jahre früher verloren wäre«
»Und doch steigt mit jedem Jahrhundert die Wahrscheinlichkeit dass die
Handschrift bis zur Gegenwart erhalten ist« warf der Doctor ein »selbst wenn
man für jedes Jahrhundert eine gleiche Zahl von Angriffen auf das Bestehende
annimmt Aber die Zahl der Menschen welche das Merkwürdige eines solchen Fundes
ahnen ist seit jenem Kriege so groß geworden dass wenigstens eine Zerstörung
durch rohe Unwissenheit fast undenkbar wird«
»Wir dürfen darin auch dem Wissen der Gegenwart nicht zu viel vertrauen«
warf der Professor ein »Wenn es aber wäre« fuhr er auf und seine Augen
strahlten »wenn uns die Kaisergeschichte des ersten Jahrhunderts wie sie
Tacitus geschrieben durch ein günstiges Geschick zurückgegeben würde es wäre
ein Geschenk so groß dass der Gedanke an die Möglichkeit einen ehrlichen Mann
wohl berauschen darf wie römischer Wein«
»Unschätzbar« bestätigte der Doctor »für unsre Kenntnis der Sprache für
hundert Einzelheiten römischer Geschichte«
»Für die älteste Geschichte deiner Germanen« rief der Professor
Beide maßen wieder mit schnellen Schritten die Stube schüttelten einander
die Hände und sahen einer den andern fröhlich an
»Und wenn ein günstiger Zufall auf dieser Spur zu der Handschrift leitete«
begann Fritz »wenn sie durch dich dem Tageslicht zurückgegeben würde du mein
Freund du bist auch der beste Mann sie herauszugeben Der Gedanke dass deinem
Leben eine solche Freude und so ruhmvolle Arbeit werden könnte macht mich
glücklicher als ich sagen kann«
»Finden wir die Handschrift« versetzte der Professor »so kann sie nur von
uns beiden zusammen herausgegeben werden«
»Von uns« frug Fritz verwundert
»Von dir mit mir« entschied der Professor »das soll deine Tüchtigkeit in
weiteren Kreisen bekanntmachen«
Fritz trat zurück »Wie kannst du glauben dass ich so etwas annehmen würde«
»Widersprich mir nicht« rief der Professor »du bist vollkommen dafür
geeignet«
»Das bin ich nicht« versetzte Fritz fest »und ich bin zu stolz etwas zu
unternehmen wobei ich deiner Güte mehr verdankte als meiner Kraft«
»Das ist ungeschickte Bescheidenheit« rief der Professor wieder
»Ich werde es nie tun« entgegnete Fritz »Du verleugnest dein Zartgefühl
wenn du nur einen Augenblick daran denkst dass ich mich vor dem Publicum mit
fremden Federn schmücken könnte«
»Ich weiß besser als du« rief unwillig der Professor »was du vermagst und
was dir frommt«
»Jedenfalls frommt mir nicht dir der du bei der Arbeit selbst den
Löwenanteil haben würdest den Lohn dafür heimlich abzunagen Nicht meine
Bescheidenheit sondern meine Selbstschätzung verbietet das Und dies Gefühl
sollst du ehren« schloss Fritz mit großer Energie
»Nun« lenkte der Professor ein die auflodernde Empfindung bändigend
»vorläufig geberden wir uns wie der Mann welcher Haus und Acker vom Erlös eines
Kalbes kaufte das ihm noch nicht geboren war Sei ruhig Fritz nicht du nicht
ich werden die Handschrift herausgeben«
»Und niemals werden wir erfahren was römische Kaiser an Tusnelda und
Tumelicus gefrevelt haben« sagte Fritz und trat wieder teilnehmend zu dem
Freunde
»Aber es sind doch nicht Einzelheiten welche uns den größten Gewinn
brächten« begann der Professor ruhiger »und nicht dass wir diese missen macht
uns den Verlust der Handschrift empfindlich Denn für die Hauptsachen versagen
andere Quellen nicht Das Wichtigste wäre immer dass Tacitus der erste und in
mancher Hinsicht der einzige Geschichtschreiber ist der höchst auffallende
unheimliche Seiten der menschlichen Natur dargestellt hat Seine Werke sind uns
zwei geschichtliche Tragödien Szenen des Julischen und des Flavischen
Kaiserhauses markerschütternde Bilder der ungeheuren Umwandlung welche durch
ein Jahrhundert der größte Staat des Altertums die Seelen der Gehorchenden
die Charaktere der Herrscher erfahren die Geschichte einer Tyrannenherrschaft
welche die edlen Geschlechter vertilgt eine hohe und reiche Bildung
heraustreibt und verdirbt vor allem die Herrschenden selbst mit wenigen
Ausnahmen entmenschlicht Wir haben bis zur Gegenwart kaum ein anderes Werk
dessen Verfasser so spähend in die Seelen einer ganzen Reihe von Fürsten blickt
so scharf und genau die Verwüstungen schildert welche die dämonische Krankheit
der Könige in den verschiedensten Naturen hervorgebracht hat«
»Mich hat immer geärgert« sagte der Doctor »wenn man ihm vorwarf dass er
zumeist Kaiser und Hofgeschichte geschrieben Wer darf Trauben von einer
Cypresse verlangen und behagliche Freude an dem großartigen Staatsleben von
einem Manne der durch einen großen Teil seines Mannesalters täglich Messer und
Giftbecher eines wahnsinnigen Despoten vor seinen Augen sah«
»Ja« fuhr der Professor beistimmend fort »er gehörte zu den Aristokraten
deren Häupter hoch über die Menge herausragen eine Körperschaft unfähig zum
Regieren unwillig im Gehorsam In dem Gefühl einer bevorzugten Stellung waren
sie die unentbehrlichen Diener die stillen Feinde und Rivalen der Fürsten in
ihnen bildeten sich die Tugenden und Laster einer gewaltigen Zeit zu ungeheuren
Erscheinungen Wer sollte die Geschichte römischer Fürsten schreiben als ein
Mann aus diesem Kreise Durch Palastintriguen und stillen Einfluss dunkler
Nebengestalten entwickeln sich die Tatsachen die schwärzeste Missetat
verbirgt sich hinter den steinernen Wänden des Palastes das Gerücht das leise
Gemurmel des Vorzimmers der lauernde Blick versteckten Hasses sind oft die
einzigen Quellen des Geschichtschreibers Uns bleibt vor solcher Zeit nichts
übrig als bescheiden das Urteil des Mannes zu schätzen der uns von diesen
fremdartigen Zuständen Kunde überliefert hat Wer die erhaltenen Bruchstücke des
Tacitus ehrlich und gescheidt betrachtet der wird seinen sichern Blick in die
tiefsten Falten eines römischen Gemütes bewundernd ehren Es ist ein erfahrener
Staatsmann ein kräftiger und wahrhafter Geist der uns die geheime Geschichte
seiner Zeit so erzählt dass wir die Menschen und all ihr Tun verstehen als ob
wir selbst Gelegenheit hätten ihnen in das Herz zu sehen Wer das vermag für
spätere Jahrtausende der ist nicht nur ein großer Geschichtschreiber er ist
auch ein bedeutender Mensch Und vor solcher Gestalt habe ich immer eine
tiefherzliche Ehrfurcht empfunden und ich halte für eine Pflicht ernster
Kritik das Mäkeln der Kleinen von solchem Bilde fern zu halten«
»Schwerlich hat einer seiner Zeitgenossen« bestätigte der Doctor »so tief
die Schwächen der eigenen Zeitbildung gefühlt als er Immer hat mich gerührt
wie er das Schwerflüssige seiner Sprache das Vieldeutige des Ausdrucks mit der
Scheu und Vorsicht entschuldigt welche unter der Herrschaft des Scheusals
Domitian auch in die Seelen der Besten geschlagen wurden«
»Ja« schloss der Professor »er ist ein Mann soweit das in seiner Zeit noch
möglich war und das ist zuletzt die Hauptsache Denn was uns am meisten
fördert ist doch nicht die Summe des Wissens die wir einem großen Manne
verdanken sondern seine eigene Persönlichkeit die durch das was er für uns
geschaffen ein Teil unseres eigenen Wesens wird Der Geist des Aristoteles ist
für uns noch etwas Anderes als die Summe seiner Lehren welche wir aus den
erhaltenen Büchern zusammensuchen Und Sophokles bedeutet uns etwas ganz Anderes
als sieben erhaltene Tragödien Die Art wie er dachte fühlte das Schöne
empfand das Gute wollte die soll ein Stück von unserm Leben werden Dadurch
vor allem wirkt das Wissen aus vergangener Zeit befruchtend auf unser Sein und
Wollen In diesem Sinne ist auch die schwermütige trauervolle Seele des
Tacitus für mich weit mehr als selbst seine Schilderungen des Kaiserwahnsinns
Sieh Fritz und deshalb sind mir dein Sanskrit und deine Inder nicht recht
ihnen fehlen die Männer«
»Sie sind wenigstens für uns schwer erkennbar« erwiderte der Freund »Aber
wer wie du die homerischen Gesänge den Studenten erklärt der darf nicht
verkennen welcher Reiz darin liegt in die geheimnissvollsten Tiefen des
menschlichen Schaffens hinabzusteigen in die Periode der Menschheit wo noch
die junge Volkskraft den Einzelnen welcher in ihr arbeitet unserm Blicke
verdeckt und das Volk selbst in Poesie Sage Recht wie ein Einzelwesen
Lebendiges gestaltend vor uns tritt«
»Wer sich nur damit beschäftigt« versetzte der Professor eifrig »der wird
leicht phantastisch und weich Das Studium solcher Urzeiten wirkt wie
orientalischer Mohnsaft Die Arbeit unter diesen schillernden undeutlichen
Gebilden welche im Dunkel aufleuchten und wieder verschwinden verführt zu
ungeregeltem Kombiniern wer sein Lebtag darüber verweilt wird auch in den
Gesichtspunkten durch die er sein eigenes Leben bestimmt schwerlich Willkür
fernhalten«
Fritz stand auf »Das ist unser alter Streit Ich weiß du willst mir nichts
Hartes sagen aber ich empfinde dass du dabei an mich denkst«
»Und habe ich Unrecht« fuhr der Professor fort »wahrlich ich habe Respekt
vor jeder geistigen Arbeit aber meinem Freund möchte ich die gönnen welche für
ihn am segensreichsten ist Dein Suchen im indischen Götterglauben und deutscher
Mythologie lockt dich von einem Rätsel zu dem andern in dem endlosen Gebiet
von unklaren Anschauungen und Bildern unter wesenlosen Schatten soll eine junge
Kraft nicht immer weilen Zwinge dich zu einem Abschluss Auch aus äußern
Gründen Es taugt dir nicht Privatgelehrter zu sein das Leben ist zu bequem
der äußere Zwang ein bestimmtes Gebiet von Pflichten fehlen dir Du hast mehre
von den besten Eigenschaften eines Lehrers Sitze nicht im Hause der Eltern du
musst Universitätslehrer werden«
Dem Freunde stieg eine dunkle Röte langsam über die Wangen »Es ist genug«
rief er gekränkt »wenn ich zu wenig an meine Zukunft gedacht habe du sollst
mir darüber keine Vorwürfe machen Es war mir vielleicht zu große Freude an
deiner Seite zu leben und der stille Vertraute deiner kräftigen Arbeit zu sein
Etwas von dem Segen den das Leben eines Mannes allen mitteilt die an seinem
geistigen Schaffen teilnehmen habe ich in deiner Nähe doch auch empfunden
Gute Nacht«
Der Professor ging auf ihn zu und fasste seine beiden Hände »Bleibe« rief
er »bist du mir böse«
»Nein« erwiderte Fritz »aber ich gehe« Er schloss leise die Tür
Der Professor ging mit starken Schritten auf und ab machte sich Vorwürfe
über seine Heftigkeit und sorgte um die Stimmung des Freundes Endlich warf er
die Bücher welche Telegraphendienste verrichtet hatten heftig auf die Bretter
zurück und trat wieder an den Arbeitstisch
Gabriel leuchtete dem Doctor die Treppe hinab öffnete die Haustür und
schüttelte den Kopf als sein Nachtgruss bei dem Herrn nur kurze Erwiderung
fand Er löschte das Licht und horchte nach dem Zimmer seines Herrn Als er die
Schritte des Professors hörte entschloss er sich noch einige Züge lauer
Abendluft zu schöpfen und stieg in den kleinen Hausgarten Dort stieß er auf den
Hausbesitzer Herrn Hummel welcher wahrscheinlich in derselben Absicht unter den
Fenstern des Professors spazierte Herr Hummel war ein breitschultriger Mann mit
einem großen Kopfe und eigensinnigem Gesicht wohlhäbig und gut erhalten von
ehrbarem und altfränkischem Anstrich Er rauchte aus seiner langen Pfeife mit
einer sehr dicken Spitze an welcher eine Reihe kleiner Kirchturmsknöpfe hinter
einander stand
»Ein schöner Abend Gabriel« begann Herr Hummel »ein gutes Jahr das wird
eine Ernte« Er stieß den Diener vertraulich an »Da oben hats heut etwas
gegeben das Fenster stand offen Nicht dass ich horchen wollte aber ich musste
so manches vernehmen Gabriel« schloss er bedeutsam und bewegte missbilligend
seinen Hausbesitzerkopf
»Er hat wieder das Fenster aufgemacht« versetzte Gabriel ausweichend »Die
Fledermaus und die Motte werden bei der freien Aussicht zudringlich und wenn er
mit dem Doctor discurrirt sind beide manchmal so laut dass die Leute auf der
Straße stehen bleiben und zuhören«
»Verschluss ist immer gut« bestätigte Herr Hummel »Was hats denn
eigentlich gegeben Der Doctor ist der Sohn von da drüben und Sie kennen meine
Meinung Gabriel ich traue nicht Ich will Niemandem zu nahe treten aber was
von jenem Hause kommt darüber habe ich so meine Ansichten«
»Worüber es ging« antwortete Gabriel »ich habs nicht gehört aber das
kann ich Ihnen genau sagen es ging über die alten Römer Sehen Sie Herr
Hummel wenn wir die alten Römer hätten so wäre Vieles bei uns anders Das
waren Eisenbeisser die verstanden zu fuuragiren Sie führten Krieg sie
eroberten hier und dort«
»Sie sprechen ja wie ein Mordbrenner« sagte Herr Hummel missbilligend
»Ja sie taten es nicht anders« erwiderte Gabriel selbstzufrieden »sie
waren ein eigennütziges Volk und hatten Haare auf den Zähnen wie die Igel Und
was am wunderbarsten ist wieviel Bücher diese Römer bei alledem geschrieben
haben Kleine und große viele auch in Folio Wenn ich die Bibliothek abstäube
nimmt es mit den Römern kein Ende jede Art von Kaliber und manche sind dicker
als die Bibel Nur sind alle schwer zu lesen wer aber die Sprache versteht
erfährt Vieles«
»Die Römer sind ein abgestorbenes Volk« versetzte Herr Hummel »als es mit
ihnen zu Ende ging kamen die Deutschen Der Römer würde es bei uns niemalen
tun Das Einzige was uns helfen kann ist die Hansa Das ist die Einrichtung
Mächtig zur See Gabriel« rief er und schüttelte den Rock desselben an einem
Knopfe »die Städte müssen es unternehmen Bündnisse Kapitalaufnahme denn
Handel ist da Kredit ist da an Menschen fehlts nicht Schiffe bauen Flaggen
aufhissen«
»Und wollen Sie mit Ihrem Kahne auf das große Meer« frug Gabriel und wies
mit der Hand auf einen kleinen Kahn der an der hinteren Seite des Gartens
umgestülpt auf zwei Hölzern lag »Soll ich mit meinem Professor auf die See
gehen«
»Davon ist nicht die Rede« versetzte Herr Hummel »aber die jungen Leute
welche zuvörderst unnütz sind Mancher könnte etwas Besseres tun als bei
seinen Eltern zu Hause sitzen Warum soll Ihr Doctor von drüben nicht als
Matrose fürs Vaterland mitgehen«
»Ich bitte Sie Herr Hummel« rief Gabriel erschrocken »der junge Herr Er
hat ja ein kurzes Gesicht«
»Tut nichts« brummte Hummel »dafür gibts auf der See Fernröhre und er
kanns ja meinetwegen bis zum Kapitän bringen Ich bin nicht der Mann der
seinem Nächsten etwas Böses wünscht«
»Er ist ein Gelehrter« entgegnete Gabriel »und dieser Stand ist auch
nötig Ich versichere Sie Herr Hummel ich habe über das gelehrte Wesen
nachgedacht ich kenne meinen Professor genau und zuweilen den Doctor und ich
muss sagen es ist etwas an der Sache es ist viel daran Manchmal bin ich
zweifelhaft Wenn der Schneider den neuen Rock bringt merkt so Einer nicht was
Jedermann weiß ob ihm der Rock sitzt oder ob auf dem Rücken Falten sind Wenn
er auf den Einfall kommt von einem Bauer eine Fuhre Holz zu kaufen die
vielleicht doch nur gestohlen ist so bezahlt er hinter meinem Rücken das Holz
viel teurer als jeder Mensch Und wenn er unversehens ärgerlich wird und sich
streitet über Dinge die wir beide ruhig miteinander besprechen so wird mir die
Sache zweifelhaft Wenn ich aber dann sehe wie er sonst ist barmherzig und
freundlich sogar gegen die Fliegen die um seine Nase tanzen denn er holt sie
mit dem Löffel aus dem Kaffe und setzt sie draußen aufs Fensterbrett und wie
er aller Welt das Beste gönnen möchte und wie er sich selber gar nichts gönnt
und noch tief in der Nacht liest und schreibt so wird mir seine ganze
Geschichte gewaltig Und ich sage Ihnen ich lasse nichts auf die Gelehrten
kommen Sie sind anders als wir sie verstehen nicht was unsereiner versteht
Aber wir verstehen nicht was sie verstehen«
»Nun man hat auch seine Bildung« versetzte Herr Hummel »Was Sie sagen
Gabriel haben Sie als ein achtbarer Mensch gesprochen aber das Eine will ich
Ihnen anvertrauen man kann eine große Wissenschaft haben und ein recht
harterziges Subject vorstellen das sein Geld auf Wucherzinsen gibt und seinen
guten Freunden die Ehre abschneidet Und deswegen meine ich die Hauptsache ist
Ordnung und Grenze und seinen Nachkommen etwas hinterlassen Ordnung hier« er
wies auf seine Brust »und Grenze dort« er wies auf seinen Zaun »dass man
sicher weiß was einem selbst gebührt und was dem Andern gehört Und für die
Kinder ein festes Eigentum auf dem sie sitzen dann mögen diese wieder für
ihre Kinder sorgen Das ist was ich unter Menschenleben verstehe«
Der Hausherr verschloss die Tür des Zaunes und die Tür des Hauses auch
Gabriel suchte sein Lager aber noch lange brannte die Lampe in der Arbeitsstube
des Professors und ihre Strahlen kreuzten sich an der Fensterbrüstung mit dem
bleichen Schein des Mondes Endlich verlosch die Leuchte des Gelehrten das
Zimmer stand leer draußen am Himmel fuhren kleine Wolken an der Mondscheibe
vorüber und dämmrige Lichter tanzten jetzt als Beherrscher der Stube über den
Schreibtisch über die Werke der alten Römer und über das Büchlein des seligen
Frater Tobias
2
Die feindlichen Nachbarn
In künftigen Zeiten wird wie man hört auf dem Erdball eitel Freude und Liebe
sein Die Menschheit wird in wassergrünem und himmelblauem Gewande einhergehen
Sandalen an den Füßen und Palmzweige in der Hand um dem letzten Hass und der
letzten Bosheit Salz auf den Schwanz zu streuen und diese Nachtvögel für das
große Museum der Zukunft auszustopfen Bei solcher Jagd wird man finden dass das
letzte Nest der Unholde zwischen den Wänden zweier Nachbarhäuser hängt Denn
zwischen Nachbar und Nachbar nisten sie seit der Regen vom Dach des einen
Hauses in den Hof des andern rieselt seit der Sonnenstrahl durch eine Hausmauer
der andern vorenthalten wird seit Kinder die Hände durch den Zaun stecken um
Beeren zu naschen seit der Hausherr nicht abgeneigt ist sich selbst für besser
zu halten als seine Mitmenschen Und es gab zu unsern Tagen wenig Gebäude im
Lande zwischen denen Widerwille und feindliche Kritik so arg wirtschafteten als
zwischen den beiden Häusern am großen Stadtpark
Viele erinnern sich der Zeit wo die Häuser der Stadt noch gar nicht bis an
den waldigen Talgrund reichten Damals hatte die Talgasse nur wenige kleine
Menschenwohnungen dahinter lag ein wüster Raum Frau Knips die Wäscherin
trocknete dort Bürgerhemden und ihre beiden unartigen Jungen warfen einander mit
den Holzklammern Da hatte Herr Hummel einen Trockenplatz am letzten Ende der
Straße gekauft und hatte darauf sein schönes Haus gebaut in zwei Stockwerken mit
steinernen Stufen und eisernem Gitter und dahinter ein einfaches Arbeitshaus
für sein Geschäft denn er war Hutfabrikant und trieb die Sache sehr ins Große
Und wenn er aus seinem Hause trat und die Vorsprünge des Daches und die
Gipsarabesken unter den Fenstern musternd überschaute so sah er von allen
Seiten Licht und Luft und freie Natur und empfand sich als den vordersten
Pfeiler der Zivilisation gegen den Urwald
Da begegnete ihm was manchem Pionier der Wildnis die Ruhe stört sein
Beispiel fand Nachahmung An einem finsteren Morgen des März kam ein Wagen mit
alten Brettern an den Wäschplatz gefahren der ihm gegenüber lag schnell wurde
ein Plankenzaun zusammengeschlagen Tagelöhner mit Haue und Handkarren begannen
Grund zu graben Das war ein harter Schlag für Herrn Hummel Aber sein Leid
wurde größer Als er zornig über die Straße schritt und den Maurermeister nach
dem Namen des Mannes frug der gegen Licht und Ruhm seines Hauses feindlich
arbeiten ließ da erfuhr er dass sein künftiger Nachbar der Fabrikant Hahn sein
sollte Von allen Menschen auf der Welt war dieser der größte Tort den ihm das
Schicksal antun konnte Nicht eigentlich als Bürger betrachtet er war nicht
unreputirlich es ließ sich gegen die Familie nichts Schweres einwenden aber er
war Hummels natürlicher Gegner denn das Geschäft des neuen Ansiedlers bewegte
sich auch um Hüte und zwar um Strohhüte Diesen leichten Plunder zu verfertigen
ist nie für eine ernste Männerarbeit gehalten worden es war nie ein zünftiges
Handwerk es hat nie das Recht gehabt Lehrlinge frei zu sprechen es ist sonst
nur von italienischen Bauern betrieben worden es hat sich als eine Neuerung mit
andern schlechten Sitten erst spät in der Welt verbreitet es ist im Grunde gar
kein Geschäft man kauft Strohbänder und lässt sie durch zusammengelaufene
Mädchen im Wochenlohn aneinandernähen Und es besteht eine alte Feindschaft
zwischen Filzhut und Strohhut Der Filzhut ist eine historische Macht durch
Jahrtausende geheiligt nur die Mütze duldete er neben sich als gemeine
Einrichtung für Werkeltage Da erhob der Strohhut seine Anmassungen gegen
verbrieftes Recht und beanspruchte frech die Hälfte des Jahres Seit der Zeit
schwanken die Wagschalen des irdischen Beifalls zwischen diesen beiden
Attributen des Menschengeschlechts Wenn der unstäte Sinn der Sterblichen nach
dem Stroh zuschwankt bleibt der schönste Filz Felbel Seide und Pappe
unbeachtet stehen von der Luft ausgezogen von Motten zerbissen Hinwiederum
wenn die Neigungen der Menschen nach dem Filz hinfluten trägt alles Geborne
Frauen Kinder und Kindermädchen kleine Männerhüte dann liegt das Stroh
kläglich kein Herz schlägt dafür und die Hausmaus nistet in dem schönsten
Geflecht
Das war für Herrn Hummel ein starker Grund zum Zorn Aber es wurde noch
ärger Er sah täglich wie das feindliche Haus aus dem Boden wuchs er
beobachtete die Gerüste die aufsteigenden Mauern die Zieraten der Gesimse die
Fensterreihen es war zwei Fenster länger als sein Haus Das Erdgeschoss hob
sich in die Höhe ein zweiter Stock zuletzt gar ein dritter alle Fabrikräume
des Strohmanns wurden dem Wohnhaus einverleibt Das Haus des Herrn Hummel war zu
einem unbedeutenden Dinge herabgedrückt Da schritt er zu seinem Advokaten und
forderte Rache wegen entzogenem Licht und verschlechterter Aussicht Natürlich
zuckte dieser die Achseln Das Recht Häuser zu bauen gehörte zu den Grundrechten
der Menschheit es war auch gemeines deutsches Herkommen in Häusern zu leben
und es war voraussichtlich hoffnungslos zu beantragen dass Hahn auf seinem
Grundstück nur ein Leinwandzelt errichten dürfe So war durchaus nichts zu tun
als sich mit Geduld zu fügen und Herr Hummel hätte sich das selbst sagen
sollen
Seitdem waren Jahre vergangen Zu derselben Stunde vergoldete das
Sonnenlicht die Parkseite der beiden Häuser stattlich und bewohnt standen sie
da beide gefüllt mit Menschen welche täglich aneinander vorbeigingen Zu
derselben Stunde trat der Briefträger über beide Türschwellen die Tauben
flogen von dem einen Dach auf das andere die Sperlinge an den beiden Hausrinnen
traten in die gemütlichsten Beziehungen um das eine Haus roch es zuweilen ein
wenig nach Schwefel um das andere nach versengten Haaren aber derselbe
Sommerwind trieb vom Walde den Harzgeruch und den Duft der Lindenblüten durch
beide Haustüren Und doch die tiefe Abneigung der beiden Häuser hatte sich
nicht verringert Das Haus Hahn empfand einen Widerwillen gegen versengte Haare
und die Familie Hummel hustete in ihrem Garten zornig sooft eine Spur von
Schwefel in dem Sauerstoff der Luft geargwöhnt wurde
Zwar wurde das anständige Verhalten zu der Nachbarschaft nicht ganz mit
Füßen getreten wenn auch der Filz eine Neigung zu bärbeissigem Verhalten hatte
das Stroh war biegsamer und bewies in mehren Fällen seine Nachgiebigkeit Beide
Hausherren hatten eine bekannte Familie in welcher sie zuweilen zusammentrafen
ja beide hatten einmal vor demselben Täufling gestanden und darauf geachtet dass
einer nicht weniger Patengeld gab als der andere Deshalb entstand ein
unvermeidliches Grüssen so oft man ihm nicht aus dem Wege gehen konnte Aber
dabei blieb es Zwischen dem Marktelfer welcher die Strohhüte schwefelte und
den Arbeitern welche über den Hasenhaaren walteten bestand glühender Hass Und
die kleinen Leute welche in den nächsten Häusern der Straße wohnten wussten das
und taten redlich das Ihre um das bestehende Verhältnis aufrecht zu erhalten
Auch konnte in der Tat das Wesen der beiden Hausherren schwerlich
zusammenstimmen Der Dialekt war verschieden die Bildung hatte einen anderen
Strich was der eine an Leibgerichten und andern Einrichtungen des Lebens lobte
missfiel dem andern Hummel war aus einem Baumstamm des nördlichen Deutschland an
das Licht geflogen Hahn aus einer kleinen Stadt in der Nähe herzugeflattert
Wenn Herr Hummel von seinem Nachbar Hahn sprach so nannte er ihn das
Strohfeuer und den Phantasten Herr Hahn war ein sinniger Mann still und
fleißig über seinem Geschäft in den Freistunden aber ergab er sich ausfallenden
Liebhabereien Unleugbar waren diese darauf berechnet dem wandelnden Publicum
welches zwischen den beiden Häusern nach der Waldwiese und den grünen Bäumen
hinauszog einen guten Eindruck zu machen In dem kleinen Garten hatte er
nacheinander die meisten Erfindungen gehäuft durch welche moderne Gartenkunst
die Erde verschönert Zwischen den drei Fliederbüschen erhob sich ein Felsen aus
Tuffstein gemauert mit schmalem und steilem Pfade zur Höhe dass nur feste
Bergsteiger ohne Alpenstock die Expedition nach dem Gipfel wagen konnten auch
sie in Gefahr mit der Nase in den zackigen Tuffstein zu fallen Im nächsten
Jahre wurden nahe am Gitterzaun in kurzen Entfernungen Stangen errichtet an
denen Schlinggewächse hinaufliefen zwischen je zwei Stangen hing eine bunte
Glaslampe Wenn die Lampenreihe an festlichen Abenden angezündet war warf sie
einen magischen Glanz auf die Strohhüte welche unter dem Fliederbusch
zusammensassen und die Urteile der Vorübergehenden einsammelten Den Glaskugeln
folgte das Jahr der Papierlaternen Wieder im nächsten Jahre erhielt der Garten
ein antikes Aussehen denn eine weiße Muse glänzte von Epheu und blühendem Lack
umgeben bis weit in den Wald hinein
Gegenüber solcher Neuerungssucht hielt Herr Hummel fest an seiner Vorliebe
fürs Wasser An der Hinterseite seines Hauses zog sich eine schmale Wasserader
nach der Stadt Alljährlich wurde sein Kahn mit derselben grünen Oelfarbe
angestrichen er setzte sich in seinen Freistunden am liebsten allein in den
Kahn und ruderte sich ein wenig auf den Häusern in den Park nahm seine Angel
zur Hand und ergab sich dem Vergnügen Weissfische und anderes kleines Wasservolk
zu fangen
Ohne Zweifel war das Haus Hummel legitimer das heißt eigensinniger
wunderlicher schwerer zu behandeln Von allen Hausfrauen der Straße erhob Frau
Hummel die größten Ansprüche durch seidene Kleider durch eine goldene Uhr an
goldener Kette Sie war eine kleine Dame mit blonden Locken immer noch recht
hübsch sie war im Theater abonnirt gebildet und zartfühlend und konnte sehr
böse werden Sie sah aus als wenn sie sich aus nichts etwas mache aber sie
wusste Alles was auf der Straße vorging Nur den eigenen Gatten vermochte ihre
Regierungskunst nicht immer zu bewältigen Doch bewies Herr Hummel tyrannisch
gegen alle Welt seiner Frau große Rücksicht Wenn sie ihm im Hause zu stark
wurde ging er stillschweigend in den Garten und wenn sie ihm auch dahin
folgte verschanzte er sich in der Fabrik hinter einem Bollwerk von Haaren
Aber auch Frau Hummel war einer höheren Gewalt unterworfen und diese Macht
übte ihr Töchterchen Laura Von mehren Kindern war ihr nur dies eine geblieben
alle Zärtlichkeit und weiche Empfindung der Mutter war ihm zu Teil geworden
Und es war ein prächtiger kleiner Balg die ganze Stadtgegend kannte sie seit
sie die ersten roten Schuhe trug schon auf dem Arm der Wärterin war sie oft
angehalten und beschenkt worden Lustig wuchs es auf ein dralles Mädchen mit
zwei großen blauen Augen und roten Bäckchen mit dunklem Kraushaar und einem
schlauen Gesicht Wenn die kleine Hummel die Straße entlang spazierte ihre
Händchen in den Taschen der Schürze war sie die Freude der ganzen
Nachbarschaft Keck und kurzab wusste sie sich in alle zu schicken und blieb mit
dem kleinen Mäulchen Niemandem etwas schuldig Sie gab dem Holzhacker vor der
Tür ihre Buttersemmel und trank mit ihm aus seiner Schale den dünnen Kaffe sie
begleitete den Postboten die ganze Straße entlang und ihr größtes Vergnügen
war mit ihm die Treppen hinaufzulaufen zu klingeln und seine Briefe zu
übergeben ja sie hatte sich einst am späten Abend aus der Stube geschlichen
saß neben dem Nachtwächter auf einem Ecksteine und hielt sein großes Horn in
ungeduldiger Erwartung des Stundenschlages zu welchem das Horn ertönen würde
Frau Hummel schwebte in einer unaufhörlichen Angst dass ihre Tochter einmal
gestohlen werden müsse denn mehr als einmal war sie auf viele Stunden
verschwunden dann war sie mit fremden Kindern in ihre Wohnung gegangen und
hatte mit ihnen gespielt sie war die Vertraute vieler kleiner Strassenjungen
wusste sich bei ihnen in Respekt zu setzen gab ihnen Pfennige und empfing als
Zeichen der Achtung Brummteufel und kleine Schornsteinfeger die aus gebackenen
Pflaumen und Holzstäbchen zusammengesetzt waren Sie war ein guterziges Kind
das lieber lachte als weinte und ihr lustiges Gesicht machte das Haus des Herrn
Hummel wohnlicher als die Efeulaube der Hausfrau und das mächtige Brustbild des
Herrn Hummel selbst welches recht eigensinnig auf Lauras Puppenstube
heruntersah
»Das Kind wird unerträglich« rief Frau Hummel zornig und trat die betrübte
Laura an der Hand in das Wohnzimmer »Sie quirlt den ganzen Tag auf der Straße
umher Jetzt als ich vom Markte kam saß sie neben der Brücke auf dem Stuhl der
Obstfrau und verkaufte ihr die Zwiebeln Jedermann blieb stehen und ich musste
mein Kind aus dem Gedränge herausholen«
»Das Wurm wird gut« versetzte Herr Hummel lachend »warum willst du ihr die
Jugend nicht gönnen«
»Sie muss aus dem ordinären Verkehr heraus Es fehlt ihr aller Sinn für das
Feinere sie kennt noch kaum die Buchstaben und sie hat einen Abscheu vor dem
Lesen Auch ist Zeit dass mit den französischen Vocabeln ein Anfang gemacht
wird Die Betty der Regierungsrätin ist nicht älter und sie weiß ihre Mutter
schon so zierlich chère mère zu nennen«
»Die Mutter Schere und Möhre und den Vater Kohlrabi« versetzte Herr Hummel
»Die Franzosen sind ein artiges Volk Wenn du so besorgt bist deine Tochter für
den Markt abzurichten dann ist das Türkische immer noch besser als das
Französische Der Türke bezahlt dir Geld wenn du ihm das Kind verhandelst die
Andern wollen alle noch etwas dazu haben«
»Sprich nicht so ruchlos Heinrich« rief die Gattin
»Und du bleib mir mit deinen verdammten Vocabeln vom Leibe sonst verspreche
ich dir ich lehre das Kind alle französischen Redensarten die ich kenne es
sind ihrer nicht viele aber sie sind kräftig Baisez moi Madame Ümmel« Damit
ging er trotzig aus dem Zimmer
Das Ergebniss dieser Beratung war aber doch dass Laura in die Schule ging
Es wurde ihr sehr schwer zu schweigen und zu hören und längere Zeit waren die
Fortschritte wenig befriedigend Endlich kam auch in die kleine Seele der
Ehrgeiz sie klomm die unteren Staffeln der Bildung bei Fräulein Johanne heran
dann wurde sie in das berühmte Institut von Fräulein Jeannette befördert wo die
Töchter anspruchsvoller Familien das höhere Wissen erhielten Dort lernte sie
die Nebenflüsse des Amazonenstromes viel eghyptische Geschichte tippte auf den
Deckel eines Elektrophors sprach Französisch über das Wetter las Englisch in
einer kunstvollen Weise welche sogar dem geborenen Briten die Anerkennung
abnötigte dass in dem Institut eine neue Sprache erfunden werde und wurde
endlich in allen Feinheiten eines deutschen Aufsatzes gebildet Sie schrieb
kleine Abhandlungen über den Unterschied zwischen Wachen und Schlafen über die
Gefühle der berühmten Kornelia Mutter der Gracchen über die Schrecken eines
Schiffsbruchs und die wüste Insel auf welche sie sich gerettet hatte Zuletzt
erwarb sie Kenntnisse in der Abfassung von Strophen und Sonetten Bald stellte
sich heraus dass Lauras Hauptstärke nicht in der französischen sondern in der
deutschen Sprache lag ihr Stil wurde die Freude der Anstalt ja sie begann ihre
Lehrerinnen und die liebsten Mädchen in Gedichten anzusingen welche den
schwierigen Versbau des großen Schiller vom Kranze aus goldenen Ähren bis zur
Form aus Lehm gebrannt sehr glücklich nachahmten Jetzt war sie mit achtzehn
Jahren ein hübsches rosiges Fräulein immer noch rund und lustig immer noch die
Gebieterin des Hauses und bei allen Leuten auf der Straße beliebt
Die Mutter stolz auf die Bildung der Tochter hatte ihr nach der
Konfirmation ein Oberstübchen geräumt das auf die Bäume des Parkes hinaussah
und Laura richtete sich ihr kleines Heimwesen zu einem Feenschloss ein mit Efeu
mit einem kleinen Blumentisch mit einem allerliebsten Schreibzeug aus
Porzellan auf welchem Schäfer und Schäferin nebeneinander saßen Dort oben
verlebte sie ihre schönsten Stunden bei Feder und Löschblatt denn sie schrieb
vor jedermann verborgen ihre Memoiren
Aber auch sie teilte die Abneigung ihrer Familie gegen das Nachbarhaus
Schon als kleines Ding war sie bei dieser Haustür schmollend vorübergegangen
noch nie hatte ihr Fuß den Hausflur betreten und wenn die gute Frau Hahn einmal
einen Handschlag von ihr forderte so dauerte es lange bevor sie die kleine
Hand aus der Schürze zog Von den Bewohnern des Nachbarhauses war ihr aber der
junge Fritz Hahn am peinlichsten Sie traf selten mit ihm zusammen und dann
wollte das Unglück dass sie immer in einer Verlegenheit war und Fritz Hahn ihren
Gönner spielen konnte Als sie noch gar nicht in die Schule ging hatte der
älteste Sohn der Frau Knips schon ein erwachsener Schlingel welcher hübsche
Bilder und Geburtstagswünsche malte und an die Leute in der Nachbarschaft
verkaufte sie einmal zwingen wollen das Geld das sie in der Hand hielt für
einen Teufelskopf auszugeben den er gemalt hatte und den Niemand auf der Straße
haben wollte Recht widerwärtig und boshaft behandelte er sie und sie geriet
gegen ihre Gewohnheit in Angst gab ihre Groschen hin und hielt weinend das
greuliche Bild zwischen den Fingern Da kam Fritz Hahn seines Weges fragte nach
dem Handel und als sie ihm die Gewalttat des Knips klagte entbrannte er von
einem so heftigen Zorn dass sie wieder über den Fritz erschrak Er fuhr auf den
Burschen los der sein Mitschüler war und schon eine Klasse höher saß und
begann auf der Stelle eine Prügelei welcher der jüngere Knips die Hände in der
Tasche lachend zusah Und Fritz drängte den garstigen Buben an die Wand und
zwang ihn das kleine Geldstück herauszugeben und seinen Teufel wieder zu
nehmen Aber diese Begegnung half gar nicht dazu ihr den Fritz lieb zu machen
Sie konnte nicht leiden dass er schon als Primaner eine Brille trug und dass er
immer so ernst vor sich hinsah Wenn sie aus der Schule kam und er mit seiner
Mappe in die Vorlesung ging suchte sie ihm jedesmal aus dem Wege zu gehen
Noch später einmal stieß sie mit ihm zusammen sie saß unter den ersten
Mädchen im Institut der älteste Knips war bereits Magister und der jüngere
Lehrling im Geschäft ihres Vaters und Fritz Hahn sollte gerade Doctor werden
da hatte sie sich auf dem Kahn zwischen die Bäume des Parkes gerudert bis der
Kahn an eine Wurzel stieß und ihr Ruder in das Wasser fiel Und als sie sich
danach bückte gingen Hut und Sonnenschirm denselben Weg und Laura sah
verlegen um Hilfe nach dem Ufer Da kam wieder Fritz Hahn in tiefen Gedanken
daher er hörte den leisen Schrei welchen Laura bei dem Unfall außstieß sprang
sofort in das schlammige Wasser fischte Hut und Sonnenschirm und zog den Kahn
an das Ufer Hier bot er Laura die Hand und half ihr auf festen Grund Laura war
ihm wohl Dank schuldig auch hatte er sie mit Achtung behandelt und Fräulein
genannt Aber er sah doch sehr lächerlich aus die hagere Gestalt verbeugte sich
ungeschickt und die Gläser waren starr auf sie gerichtet Und als sie darauf
erfuhr dass er von dem Sprung in den Sumpf einen schrecklichen Katarrh
davongetragen hatte da wurde sie heisszornig auf sich selbst und auf ihn weil
sie geschrien hatte wo gar keine Gefahr war und weil er zu so unnötigem
Ritterdienst gestürmt war sie würde sich schon allein geholfen haben und jetzt
dächten die Hahns sie sei ihnen wer weiß welchen Dank schuldig
Darüber hätte sie ruhig sein können denn Fritz hatte sich still umgezogen
und die Kleider in seiner Stube getrocknet
Freilich dass die beiden feindlichen Kinder einander mieden war natürlich
denn Fritz war eine ganz andere Natur Auch er war das einzige Kind und auch er
war von einem gutherzigen Vater und einer übersorglichen Mutter weich erzogen
Von klein auf ein stiller in sich gekehrter Knabe anspruchslos fleißig in den
Büchern hatte er sich neben dem Haushalt der Eltern seine eigene Welt in der
Wissenschaft ausgebaut welche von der großen Heerstraße seitab lag Während um
ihn das Leben lustig summte saß er über die Grundstriche und Haken des Sanskrit
gebeugt und untersuchte die Familienverwandtschaft zwischen dem wilden
Geisterheer das über der Teutoburger Schlacht dahinfuhr und zwischen den
Göttern der Veda welche über Palmenwälder und Bambusrohr in das heiße
Gangestal hinabschwebten Auch er war Freude und Stolz seines Hauses die
Mutter ließ sich nicht nehmen jeden Morgen selbst den Kaffe hinaufzutragen
dann setzte sie sich mit ihrem Schlüsselbund ihm gegenüber und sah schweigend
zu während er sein Frühstück verzehrte schalt leise über sein Nachtarbeiten am
letzten Abend und sagte ihm dass sie nicht ruhig einschlafe bis sie über sich
den Stuhl rücken höre und die Stiefeln klappern die er zum Reinigen vor die
Tür stellte Nach dem Frühstück bot Fritz dem Vater Gutenmorgen und er wusste
dass dem Vater Freude war wenn er einige Minuten mit ihm durch den Garten
schritt das Wachstum der Lieblingsblumen betrachtete und vor allem wenn er
dem Vater zu einer Verschönerung seine Zustimmung geben konnte Das war der
einzige Punkt wo Herr Hahn mit seinem Sohne zuweilen in Gegensatz geriet Und
da er den Gründen des Sohnes nicht zu widerstehen vermochte und den eigenen
starken Verschönerungstrieb auch nicht bändigen konnte so schlug er gern den
Weg ein der selbst von größeren Politikern für nützlich erachtet wird er
bereitete seine Pläne heimlich vor und überraschte durch Tatsachen
Bei solchem Stillleben war dem jungen Gelehrten der Verkehr mit dem
Professor das beste Vergnügen des Tages seine Erhebung sein Stolz Er hatte
noch als Student die ersten Vorlesungen gehört welche Felix Werner an der
Universität hielt Allmählich war eine Freundschaft entstanden wie sie
vielleicht nur unter hochgebildeten und wackeren Gelehrten möglich ist Er wurde
der hingebende Vertraute für die umfangreiche Tätigkeit seines Freundes Jede
Untersuchung des Professors und ihre Erfolge wurden bis auf Einzelheiten
besprochen jede Freude die ein neuer Fund machte teilten die Nachbarn
Täglich sahen sie einander viele Abende vergingen ihnen in der schönen Art der
Unterhaltung welche den Deutschen eigentümlich ist in einem Gespräch das
zwischen Erörterung und Geplauder schwebt wo zwei Geister welche beide die
Wahrheit suchen sich im Austausch ihrer Ansichten gegenseitig fördern Dann
rührte in Jedem angeregt durch das feine Verständnis und die Einwürfe des
Andern eine schöpferische Kraft kräftig die Schwingen und blitzschnell und
ungeahnt öffneten sich dem Sprechenden und dem Hörer neue Gesichtspunkte ein
tieferes Verständnis Mit dem besten Teil ihres Lebens wuchsen Beide zusammen
Freilich war Fritz als der jüngere auch der welcher sich am meisten der
feurigen Natur des Freundes bequemte er war mehr Empfänger als Gebender Aber
gerade deshalb wurde das Verhältnis so fest und innig Nicht ohne kleine
Störungen wie das bei Gelehrten natürlich ist denn beide waren von schnellem
Urteil beide hochgespannt in den Forderungen die sie an sich selbst und an
die Menschen machten beide von seiner leicht erregter Empfindung Aber solche
Gegensätze wurden bald überwunden sie trugen nur dazu bei die liebevolle
Rücksicht mit welcher die Freunde einander behandelten zu vergrößern
Durch diese Freundschaft wurde das schwierige Verhältnis der beiden Häuser
ein wenig gemildert Auch Herr Hummel konnte nicht umhin dem Doctor eine kleine
Rücksicht zu gönnen da sein hochverehrter Mieter den Sohn der Feinde
auffallend auszeichnete Denn auf seinen Mieter ließ Herr Hummel nichts kommen
Durch dunkles Gerücht war ihm verkündet dass der Professor in seiner Art ein
berühmter Mann sei und er war geneigt irdischen Ruhm besonders hochzuachten
wenn dieser bei ihm zur Miete wohnte Auch war der Professor ein vortrefflicher
Mieter er protestirte nie gegen eine Maßregel welche Herr Hummel als oberste
Polizeibehörde des Hauses verfügte er hatte Herrn Hummel einst wegen Anlage
eines Kapitals um Rat gefragt er hielt nicht Hund nicht Katze gab keine
Tanzgesellschaften sang nicht zum Fenster hinaus und spielte auf keinem Flügel
Bravourstücke Und was die Hauptsache war er bewies gegen Frau Hummel und
Laura wenn er ihnen einmal begegnete eine ritterliche Artigkeit welche dem
gelehrten Herrn sehr wohl stand Frau Hummel war von ihrem Mieter begeistert
und Hummel hatte gut befunden die letzte notwendige Erhöhung der Miete nicht
vorher im Familienkreise zu besprechen weil er einen Widerspruch seiner
gesammten weiblichen Bevölkerung voraussah
Jetzt hatte der Kobold welcher zwischen beiden Häusern hin und her lief
Steine in den Weg werfend und den Menschen Eselsohren bohrend auch die beiden
freien Seelen seines Reviers gegeneinander aufgeregt Aber sein Versuch blieb
kümmerlich die wackeren Männer waren nicht fügsam nach seiner misstönenden
Pfeife zu tanzen
Früh am nächsten Morgen trug Gabriel einen Brief seines Herrn zum Doctor
hinüber Als er in den feindlichen Hausflur trat kam ihm eilig Dorchen das
Dienstmädchen der Familie Hahn entgegen einen Brief ihres jungen Herrn an den
Professor in der Hand Die Boten tauschten die Briefe und zu gleicher Zeit lasen
die Freunde ihre Zuschriften
Der Professor schrieb »Mein lieber Freund zürne mir nicht dass ich wieder
einmal heftig wurde die Veranlassung war so abgeschmackt als möglich Was mich
verstimmte war ehrlich gesagt dass du so unbedingt verweigertest einen
Lateiner mit mir herauszugeben Denn die Möglichkeit Verlorenes zu finden
welche wir im gefälligen Traume durch einige Augenblicke annahmen war mir doch
auch darum so lockend weil sie uns beiden eine gemeinsame Tätigkeit in
Aussicht stellte Wenn ich versuche dich in den engeren Kreis meiner
Wissenschaft zu ziehen so wirst du voraussetzen dass ich dabei nicht nur durch
persönliche Empfindungen sondern weit mehr durch den naheliegenden Wunsch
bestimmt werde für die Wissenschaft auf welche ich mich beschränken muss deine
Kraft zu gewinnen«
Fritz dagegen schrieb »Lieber teurer Freund ich trage das peinliche
Gefühl mit mir herum dass meine Empfindlichkeit von gestern uns beiden einen
schönen Abend verdorben hat Meine nur nicht dass ich dir das Recht bestreiten
will mir die Weitschweifigkeit und Systemlosigkeit meiner Arbeiten vorzuhalten
Gerade weil deine Äußerungen eine Saite berührten deren stillen Missklang ich
selbst zuweilen empfinde verlor ich für einen Augenblick die Unbefangenheit Du
hast sicher in Vielem Recht nur das Eine bitte ich dich zu glauben dass meine
Weigerung mit dir eine große Arbeit zu übernehmen weder selbstsüchtig noch
unfreundschaftlich war Ich bin mir bewusst dass ich ein wenn auch für meine
Kraft zu umfangreiches Gebiet nicht verlassen am wenigsten aber mit einem
neuen Kreis von Interessen vertauschen darf in welchem mein mangelhaftes Können
dir nur zur Last sein würde«
Beide waren nach Empfang dieser Briefe doch etwas beruhigt Da aber einzelne
Äußerungen derselben jedem von ihnen eine weitere Auseinandersetzung notwendig
machten so setzten sich beide hin und schrieben einander wieder kurz und
gedrungen wie gedankenvollen Männern ziemt Der Professor antwortete »Für
deinen Brief mein teurer Fritz danke ich dir von Herzen Nur das Eine muss ich
wiederholen du hast von je deinen eigenen Wert zu niedrig angeschlagen und
wenn ich dir einen Vorwurf machen darf so ist es nur dieser«
Fritz endlich antwortete »Wie tief und gerührt empfinde ich in diesem
Augenblick deine Freundschaft für mich Nur das will ich dir noch sagen unter
Vielem was ich von dir zu lernen habe ist mir nichts nötiger als deine
bescheidene Beschränkung Und wenn du mit diesem Worte deine umfassende und
resultatvolle Tätigkeit bezeichnest so zürne nicht dass auch ich für meine
Arbeit danach ringe«
Der Professor ging nach Absendung seines Briefes unruhig in die Vorlesung
und hatte das Bewusstsein dass er zerstreut vortrage Fritz eilte auf die
Bibliothek und suchte emsig alle Notizen zusammen welche über Schloss Bielstein
aufzutreiben waren Am Mittag nach der Heimkehr las jeder den zweiten Brief des
Freundes dann sah der Professor oft nach der Uhr und als es drei schlug
setzte er schnell seinen Hut auf und ging mit großen Schritten über die Straße
in das feindliche Haus Während er den Türgriff an der Stube des Doctors fasste
fühlte er von innen einen Gegendruck kräftig riss er die Tür auf Fritz stand
vor ihm ebenfalls den Hut auf dem Kopf im Begriff zu ihm hinüberzugehen Ohne
ein Wort zu sagen umarmten einander die beiden Freunde
»Ich bringe gute Nachricht vom Antiquar« begann der Professor
»Und ich vom alten Schloss« rief Fritz
»Höre zu« sagte der Professor »der Antiquar hat das Buch des Fraters von
einem Kleinhändler gekauft der im Lande umherzieht Gerät und alte Bücher zu
sammeln Der Mann wurde in meiner Gegenwart herbeigeholt er hat das Büchlein in
der Stadt Rossau selbst aus dem Nachlass eines Tuchmachers erstanden mit einem
alten Schrank und einigen geschnitzten Schemeln Es ist also wenigstens möglich
dass die handschriftlichen Bemerkungen am Ende die sich ohnedies ungeübtem Blick
entziehen seit dem Tode des Fraters niemals Aufmerksamkeit erregt und niemals
Nachforschungen veranlasst haben Vielleicht gewährt noch ein Kirchenbuch in
Rossau Nachricht über Leben und Tod des Mönches Tobias Bachhuber«
»Wohl« bestätigte Fritz vergnügt »es besteht dort eine Gemeinde seiner
Konfession Schloss Bielstein aber liegt eine halbe Stunde von der Stadt Rossau
auf einer waldigen Anhöhe sieh hier die Karte Es war früher Eigentum des
Landesherrn im vorigen Jahrhundert ist es in Privatbesitz übergegangen Das
Gebäude aber dauert noch es wird in dieser Landeskunde als altes Schloss
aufgeführt welches gegenwärtig Wohnhaus eines Herrn Bauer ist Auch mein
Vater weiß von dem Hause er hat es auf einer Geschäftsreise von der Landstraße
gesehen und schildert es als ein langgestrecktes Gebäude mit Erkern und hohem
Dach«
»Die Fäden verflechten sich zu einem guten Gewebe« sagte der Professor
sich behaglich zurechtsetzend
»Halt noch eins« rief der Doctor geschäftig »Die Sagen dieser Landschaft
sind von einem unserer Freunde gesammelt Der Wackere ist zuverlässig Lass
sehen ob er eine Erinnerung aus der Umgebung von Rossau ausgezeichnet hat« Er
schlug eilig nach sah in das Buch und blickte den Freund sprachlos an
Der Professor ergriff den Band und las die kurze Notiz »In der Umgegend von
Bielstein erzählt man dass vor alten Zeiten die Mönche einen großen Schatz im
Schloss vermauert haben«
Wieder stieg die alte unheimliche Handschrift vor den Freunden aus dem
Boden deutlich sichtbar mit den Händen zu greifen
»Unmöglich ist ja nicht dass die Handschrift dort noch versteckt liegt«
bemerkte endlich der Professor mit künstlicher Ruhe »An Beispielen für
dergleichen Funde fehlt es nicht Es ist noch nicht lange her da wurde in dem
alten Hause eines Gutsbesitzers meiner Heimat eine Zimmerdecke durchgeschlagen
es war eine Doppeldecke der leere Raum dazwischen enthielt eine Anzahl Urkunden
und Papiere über Eigentumsrechte daneben einigen alten Schmuck Der Schatz war
auch zur Zeit des großen Krieges versteckt worden und durch Jahrhunderte hatte
Niemand auf die niedrige Decke der kleinen Stube geachtet«
»Natürlich« rief Fritz sich die Hände reibend »auch in den Bekleidungen
der alten Rauchfänge sind zuweilen leere Räume ein Bruder meiner Mutter fand
beim Umbau seines Hauses an solcher Stelle einen Topf mit Münzen« Er zog seinen
Beutel »Hier ist eine davon ein schöner Schwedentaler Der Oheim gab mir ihn
bei der Einsegnung als Heckgroschen und ich trage ihn seit der Zeit in der
Börse Ich habe manchmal harte Versuchung ihn auszugeben bekämpft«
Der Professor untersuchte genau den Kopf Gustav Adolphs als ob dieser ein
Nachbar des versteckten Tacitus gewesen wäre und in seiner Umschrift eine Kunde
von dem verlorenen Buch brächte »Es ist richtig« sagte er nachdenkend »wenn
das Haus auf einer Anhöhe liegt könnten selbst die Kellerräume trocken sein«
»Allerdings« erwiderte der Doctor »Häufig wurden auch die dicken Wände
doppelt gemauert und der Zwischenraum mit Schutt ausgefüllt Es ist in solchem
Fall leicht durch kleine Öffnung einen hohlen Raum im Innern der Mauer
hervorzubringen«
»Für uns aber« begann der Professor sich aufrichtend »erwächst jetzt die
Frage Was haben wir zu tun Denn eine solche Kunde wie groß oder gering ihre
Bedeutung auch werden möge legt dem Finder doch die Pflicht auf alles Mögliche
zu tun was die Entdeckung fördern kann Und diese Pflicht haben wir ungesäumt
und vollständig zu erfüllen«
»Wenn du öffentliche Mitteilung von dieser Überlieferung machst so gibst
du die Aussicht die Handschrift selbst zu entdecken und Alles was sich daran
knüpfen mag aus den Händen«
»In dieser Sache muss jede persönliche Rücksicht schwinden« entschied der
Professor
»Und wenn du jetzt die gefundenen Klosternotizen bekanntmachst« fuhr der
Doctor fort »wer steht dir dafür dass nicht die behende Tätigkeit eines
Antiquars oder eines Ausländers allen weiteren Nachforschungen zuvorkommt In
solchem Falle mag der Schatz selbst wenn er gefunden wird nicht allein für
dich auch für unser Land ja für die Wissenschaft verloren gehen«
»Das letzte wenigstens darf nicht geschehen« rief der Professor »Und
auch wenn du dich an die Staatsregierung jener Landschaft wendest ist sehr
zweifelhaft ob dir Verständnis und guter Wille entgegenkommt« erörterte der
Doctor siegreich
»Es fällt mir nicht ein die Angelegenheit fremden Beamten zu überlassen«
erwiderte der Professor »Wir haben aber ganz in der Nähe Jemand dessen Glück
und Scharfsinn im Aufspüren von Seltenheiten wunderbar sind Ich habe Lust dem
Magister Knips von der Handschrift zu sagen er mag seine Korrecturen auf einige
Tage bei Seite legen für uns nach Rossau reisen und dort das Terrain
untersuchen«
Der Doctor fuhr in die Höhe »Das darf niemals geschehen Knips ist nicht
der Mann dem man ein solches Geheimnis anvertrauen darf«
»Ich habe ihn doch stets zuverlässig gefunden« entgegnete der Professor
»Er ist bei vieler Wunderlichkeit geschickt und wohlunterrichtet«
»Mir wäre eine Entweihung deines schönen Fundes den trödelhaften Mann dafür
zu verwenden«versetzte Fritz »und ich werde es nie billigen«
»Dann also« rief der Professor »bin ich entschlossen Die Ferien sind vor
der Tür ich gehe selbst in das alte Haus Du aber mein Freund auch du
wolltest dir einige Reisetage gönnen du musst mich begleiten wir reisen
zusammen schlag ein«
»Von Herzen« rief der Doctor die Hand des Freundes fassend »Wir dringen
in das Schloss und citiren die Geister welche über dem Schatze schweben«
»Wir sprechen zuerst ein verständiges Wort mit dem Eigentümer des Hauses
Was dann zu tun ist wird sich finden Unterdes bewahren wir die Angelegenheit
als Geheimnis«
»So ist es recht« stimmte Fritz bei die Freunde stiegen vergnügt in den
Garten des Herrn Hahn hinab und berieten um die weiße Muse gelagert die
Eröffnung des Feldzuges
Fest eingedämmt durch metodisches Denken war die Phantasie des Gelehrten
aber in der Tiefe seiner Seele strömte doch reichlich und stark dieser
geheimnisvolle Quell aller Schönheit und Tatkraft Jetzt war in den Damm ein
Loch gerissen lustig ergoss sich die Flut über seine Saaten Immer wieder flog
ihm der Wunsch zu der rätselhaften Handschrift Er sah die Maueröffnung vor
sich und den ersten Schein der Leuchte der auf die grauen Bücher in der Höhlung
fiel er sah den Schatz in seinen Händen wie er ihn heraustrug und nicht mehr
von sich ließ bis er die unleserlichen Seiten entziffert hatte Seliger Geist
des Frater Tobias Bachhuber wenn du etwa deine Ferienzeit im Himmel dazu
verwendest auf unsere arme Erde zurückzukehren und wenn du dann bei Nacht
durch die Räume des alten Schlosses gleitest deinen Schatz hütend und
unberufene Neugierige schreckend o so winke freundlich dem Manne zu der jetzt
naht dein Geheimnis ins Sonnenlicht zu tragen denn er sucht wahrhaftig nicht
für sich Gewinn und Ehren sondern er beschwört dich als ein Redlicher im Dienst
guter Gewalten
3
Die Reise ins Blaue
Wer aus höheren Regionen auf die Gegend von Rossau herniederblickte der konnte
an einem sonnigen Erntemorgen des August zwischen den Weiden der Landstraße eine
Bewegung wahrnehmen welche den Toren der Stadt zustrebte Für nähere
Betrachtung wurden zwei wandelnde Männer erkennbar ein größerer und ein
kleinerer beide in hellen Sommerkleidern welchen durch die Gewitterregen des
letzten Tages aller Glanz abgespült war beide mit ledernen Reisetaschen welche
am Riemen von der Schulter hingen der größere trug einen breitkrempigen
Filzhut der kleinere einen Strohhut
Die Wanderer waren Fremdlinge denn sie hielten zuweilen an und beobachteten
Tal und Hügel mit Genuss was den Eingeborenen des Landes selten einfiel Die
Gegend war von Vergnügungsreisenden noch nicht entdeckt in den Wäldern waren
nirgend glatte Pfade für die Zeugstiefeln der Städter gebahnt selbst der
Fahrweg war keine Kunststrasse in den ausgefahrenen Wasserlöchern stand das
Regenwasser die Glöckchen der Schafherde und die Axt des Holzfällers wurden nur
von den Bewohnern der Umgegend gehört welche auf dem Felde arbeiteten oder
zwischen zwei Orten ihrem Geschäft nachgingen Und doch war die Landschaft nicht
ohne Anmut die Umrisse der waldigen Hügel schwangen sich in kräftigen Linien
hier und da ragte Gestein zu Tage ein Steinbruch zwischen Ackerflächen ein
Felshaupt zwischen den Bäumen des Waldes Von den Bergen am Horizont zog ein
kleiner Bach in gewundenem Lauf dem fernen Fluße zu umsäumt von
Wiesenstreifen hinter denen sich die Ackerbeete bis zu den belaubten Höhen
hinaufzogen Fröhlich lag die einsame Landschaft im Morgenlicht seitab von der
großen Völkerstrasse
In der Niederung vor den Reisenden erhob sich rings von Hügeln umgeben der
Ort Rossau ein Landstädtchen mit zwei plumpen Kirchtürmen und dunklen
Ziegeldächern welche über die Stadtmauer ragten wie Rücken einer Rinderherde
die sich gegen ein Rudel Wölfe zusammengedrängt hat
Die Fremden schauten von der Höhe mit warmer Teilnahme auf Schornsteine und
Türme hinter der alten Mauer welche missfarbig geborsten und geflickt vor
ihnen lag Dort war einst ein Schatz bewahrt worden der wiedergefunden die
ganze civilisirte Welt beschäftigen und Hunderte zu begeisterter Arbeit aufregen
würde Die Landschaft sah durchweg aus wie andere deutsche Landschaften der Ort
durchweg wie andere arme Städtchen Und doch war irgendein kleiner Zug in der
Gegend der den Reisenden eine fröhliche Hoffnung nährte War es der lustige
Zwiebelaufsatz welcher die dicken alten Türme krönte oder war es das
Torgewölbe welches gerade vor den Reisenden den Eingang zur Stadt in lockendes
Dunkel hüllte oder die Stille des leeren Talgrundes in welchem der Ort ohne
Vorstadt und Aussenhäuser lag wie auf alten Karten die Städte abgebildet werden
oder die Viehherde welche aus dem Tore ins Freie zog und aus dem Anger
leichtfertige Sprünge machte oder war es vielleicht die kräftige Morgenluft
welche den Wanderern um die Schläfe wehte Beide empfanden dass etwas
Merkwürdiges und Vielverheissendes in dem Tale schwebte welches sie als
Suchende betraten
»Denke die Landschaft wie sie sich einst dem Auge bot« begann der
Professor »der Laubwald schloss sich in alter Zeit enger um den Ort er formte
die Hügel höher das Tal tiefer wie in einem Kessel lag damals das Kloster mit
den Hütten seiner abhängigen Landleute Hier im Süden wo das Gelände sich steil
hinabsenkt haben die Mönche sicher einst ihren Klosterwein gebaut Um das
Kloster schlossen sich allmählich die Häuser der Stadt Nimm den Türmen die
Mütze welche ihnen vor hundert Jahren aufgesetzt wurde und gib ihnen die alten
Spitzen zurück an die Mauern setze hier und da einen Turm und du hast einen
hübschen Steinkasten der ein geheimnisvolles Stück Mittelalter einschloss«
»Und auf demselben Weg der uns hierher geführt zog einst ein gelehrter
Mönch mit seinen Handschriften in das stille Tal um hier die Brüder zu lehren
oder sich vor mächtigen Feinden zu verbergen« sagte hoffnungsvoll der Doctor
Die Reisenden schritten am Anger vorüber der Hirt sah gleichgültig nach den
Fremden aber die Kühe stellten sich an dem Grabenrand auf und starrten auf die
Wanderer und das halbwüchsige Volk der Herde brummte ihnen fragend zu Sie
traten durch die dunkle Torwölbung und sahen neugierig die Gassen entlang
welche hier zusammenliefen Es war eine kleine ärmliche Stadt nur die
Hauptstraße war mit schlechten Feldsteinen gepflastert Unweit des Tores ragte
hoch der schräge Balken eines Ziehbrunnens daran hing eine lange Stange mit dem
Eimer Von Menschen war wenig zu sehen wer nicht in den Häusern arbeitete war
auf dem Feld beschäftigt Denn die Halme welche in den Steinritzen der
Torwölbung hingen verrieten dass Erntewagen die Feldfrucht zu den Höfen der
Bürger fuhren neben vielen Häusern waren hölzerne Tore geöffnet dann sah man
in die Hofräume in die Scheuern und über Düngerstätten aus denen kleines
Federvieh pickte Die letzten Jahrhunderte hatten so wenig als möglich an dem
Orte geändert noch standen die niedrigen Häuser mit dem Giebel gegen die
Straße zuweilen streckte sich eine hölzerne Dachrinne über den Weg statt der
Schilder reichten noch die Zeichen der Handwerker aus Blech und Holz
geschnitten farbig bemalt in die Straße hinein ein großer hölzerner Stiefel
ein Greif welcher eine ungeheure Schere in der Hand hielt ein schreitender
Löwe der eine Brezel anbot und als schönstes Stück ein regelmässiges Sechseck
aus bunten Glasrauten zusammengesetzt
»Hier hat sich Vieles erhalten« sagte der Professor
Die Freunde kamen auf den Marktplatz einen unregelmässigen Raum dessen
kleine Häuser sich durch bunten Anstrich herausgeputzt hatten Dort starrte von
einem unansehnlichen Gebäude ein rotbemalter Drache mit geringeltem Schwanz
aus einem Bret geschnitten von einer Eisenstange gehalten in die Luft Darauf
stand mit übelgeschwungenen Buchstaben Gasthof zum Lindwurm
»Sieh« sagte Fritz auf den Lindwurm weisend »die Phantasie des Künstlers
hat ihm einen Hechtkopf mit dicken Zähnen ausgeschnitten Der Wurm ist der
älteste Schätzehüter unserer Sage Es ist merkwürdig wie fest die Erinnerung an
dies Sagentier überall im Volke haftet wahrscheinlich stammt auch dieses
Schild aus einer Überlieferung des Ortes«
So stiegen sie auf ausgetretener Steintreppe in das Haus ohne zu ahnen dass
sie schon längst von scharfen Augen beobachtet wurden »Wer mögen die sein«
frug den dicken Wirt ein Bürger der seinen Morgentrunk einnahm »wie
Geschäftsreisende sehen sie nicht aus vielleicht ist einer der neue Pastor vom
Kirchdorfe«
»So sieht kein Pastor aus« entschied der Wirt welcher Menschen besser
kannte »Es sind Fremde zu Fuß kein Wagen und keine Sachen«
Die Fremden traten ein setzten sich an einen rotgestrichenen Tisch und
bestellten das Frühstück »Eine hübsche Gegend Herr Wirt« begann der
Professor »kräftige Bäume im Walde«
»Bäume genug« versetzte der Wirt
»Die Umgegend scheint wohlhabend« fuhr der Professor fort
»Die Leute klagen dass sie nicht genug verdienen« antwortete der Wirt
»Wieviele Geistliche haben Sie am Orte«
»Zwei« sagte der Wirt höflicher »Der alte Pastor ist aber gestorben Es
ist unterdes ein Kandidat hier«
»Ob der andere Pfarrer zu Haus ist«
»Ist mir unbekannt« sagte der Wirt
»Sie haben doch ein Gericht hier«
»Einen Ortsrichter er ist jetzt auf dem Amt es ist heut Gerichtstag«
»Hat nicht vor Zeiten ein Kloster in der Stadt gestanden« nahm der Doctor
das Verhör auf
Der Bürger und der Wirt sahen einander an »Das ist lange her« versetzte
der Herr der Schenke
»Hier in der Nähe liegt das Schloss Bielstein« frug Fritz weiter Wieder
sahen der Bürger und der Wirt einander bedeutungsvoll an
»Es liegt so etwas hier in der Nähe« erwiderte der Wirt zurückhaltend
»Wie lange geht man bis zum Schloss« frug der Professor geärgert durch die
kurzen Antworten des Mannes
»Wollen Sie dorthin« entgegnete der Wirt »kennen Sie den Gutsbesitzer«
»Nein« antwortete der Professor
»Haben Sie denn etwas bei ihm zu tun«
»Das ist unsere Sache Herr Wirt« versetzte der Professor kurz
»Der Weg geht eine halbe Stunde durch den Wald er ist nicht zu fehlen«
schloss der Wirt die ungemütliche Unterhaltung und verließ die Stube Der
Bürger folgte ihm
»Viel haben wir nicht erfahren« sagte der Doctor lächelnd »ich hoffe der
Pfarrer und Richter sind redseliger«
»Wir gehen geradezu nach dem Gute« entschied der Professor
Draußen steckten der Wirt und der Bürger die Köpfe zusammen »Wer die
Fremden sein mögen« wiederholte der Bürger »geistlich sind sie nicht und an
dem Richter war ihnen auch nicht viel gelegen Hast du gemerkt wie sie nach dem
Kloster und dem Schloss frugen« Der Wirt nickte »Ich will dir meinen
Verdacht sagen« fuhr der Bürger eifrig fort »sie kommen nicht umsonst her sie
suchen etwas«
»Was sollen sie suchen« frug der Wirt nachdenkend
»Es sind verkleidete Jesuiten sie sehen mir sehr apropos aus«
»Nun wenn sie mit den Leuten auf dem Gute anbinden wollen die sind Manns
genug mit ihnen fertig zu werden«
»Ich habe mit dem Inspector zu tun ich will ihm doch einen Wink geben«
»Menge dich nur nicht in Geschichten die dich nichts angehen« warnte der
Wirt Der Bürger aber drückte die Stiefeln fester die er unter dem Arm trug
und fuhr um die Ecke
Schweigend schritten die Freunde aus der gemeinen Nüchternheit des Lindwurms
auf die Straße Sie erfrugen von einem Mütterchen am entgegengesetzten Stadttor
den Weg nach dem Schloss Hinter der Stadt erhob sich der Pfad vom Kiesbett des
Baches zu einer waldigen Höhe Sie traten an einen Schlag Buschholz aus dem
einzelne hohe Eichen emporragten Der Regen des letzten Abends lag noch in
Tropfen auf den Blättern das dunkle Grün des Sommers glänzte im Sonnenstrahl
einzelne Vögelstimmen das Hämmern des Spechts unterbrachen die Stille
»Das gibt eine andere Stimmung« rief der Doctor erfreut
»Es gehört wenig dazu ein gut besaitetes Menschenherz in neuer Melodie
klingen zu machen wenn nicht gerade das Schicksal mit rauer Hand darauf
spielt Etwas Baumrinde mit grauem Flechtenbart eine Handvoll Blüten im Grunde
und wenige Noten aus der Kehle eines Vogels« versetzte der Professor weise
»Horch das ist kein Gruß den die Natur dem Wanderer gönnt« unterbrach er sich
lauschend Von fern klangen menschliche Stimmen ein leiser Choral tönte wie aus
den Baumgipfeln in ihr Ohr
»Höher hinauf« rief der Doctor »zu der geheimnisvollen Stätte wo alte
Kirchenlieder aus den Eichen rauschen«
Sie stiegen noch einige hundert Schritt in die Höhe und standen auf einer
Terrasse des Waldhügels die an der Seite von Bäumen umschlossen in der Mitte
gelichtet war In der Lichtung stand eine kleine hölzerne Kirche von einem
Friedhof umgeben dahinter erhob sich auf einem massigen Felsblock ein langes
altes Gebäude das Dach durch viele spitze Giebel gebrochen
»Das fügt sich gut zusammen« rief der Professor und sah neugierig über die
Waldkirche nach dem Schloss hinauf
Aus der Kirche scholl ein Trauergesang stärker in das Ohr »Lass uns
hineingehen« sagte der Doctor auf die geöffnete Pforte des Friedhofs weisend
»Mir ist gottseliger hier draußen zu Mute« erwiderte der Professor »und
mir widerstehts unberufen in Freude und Leid Fremder einzudringen Das Lied
ist zu Ende jetzt kommt des Pfarrers Sprüchlein«
Fritz aber war auf die Steine der niedrigen Mauer geklettert und betrachtete
die Kirche »Sieh die massiven Strebepfeiler Es ist der Rest eines alten Baues
sie haben ihn durch Tannenholz ergänzt Turm und Holzdach blau vor Alter es
lohnt das Innere zu sehen«
Der Professor hielt die lange Ranke eines Brombeerstrauches welche über die
Mauer herabhing in der Hand und sah bewundernd auf weiße Blüten grüne und
gebräunte Beeren welche in dicken Büscheln beieinander standen Undeutlich
drangen die Laute einer Männerstimme an sein Ohr und unwillkürlich neigte er
das Haupt den Sinn aufzufassen
»Lass uns doch hören« sagte er endlich und betrat mit dem Freunde den
Friedhof Sie zogen die Hüte und öffneten leise die Kirchtür Es war ein sehr
kleiner Raum der Ziegelbau des alten Chores von innen weiß getüncht das übrige
von gebräuntem Holz die Kanzel eine Galerie wenige Bänke Vor dem Altar stand
ein offener Kindersarg die Gestalt darin ganz mit Blumen bedeckt wenige
Landleute in schmuckloser Tracht daneben auf den Stufen des Altars ein alter
Geistlicher mit weißem Haar und treuherzigem Gesicht am Haupt des Sarges aber
die schluchzende Frau eines Arbeiters die Mutter des Kleinen Und neben ihr
eine kräftige Frauengestalt in städtischer Tracht sie hatte den Hut abgenommen
hielt die Hände gefaltet und sah auf das Kind unter den Blumen hernieder So
stand sie regungslos die Sonne fiel schräge auf das gelockte Haar und die
regelmäßigen Züge des jungen Gesichts Fesselnder aber als der hohe Wuchs und
das schöne Haupt war der Ausdruck tiefer Andacht welche über sie ausgegossen
war Unwillkürlich fasste der Professor den Arm des Freundes ihn zurückzuhalten
Der Geistliche sprach sein Schlussgebet die stattliche Frau neigte das Haupt
tiefer dann beugte sie sich noch einmal zu dem Kleinen herab und legte einen
Arm um die Mutter welche sich weinend an die Trösterin lehnte So stand die
Fremde und sprach leise über dem Haupte der Mutter während ihr selbst die
Tränen aus den Augen herabrollten Wie Geisterlaut klang das Murmeln der tiefen
Frauenstimme in das Ohr der Freunde Dann hoben die Männer den Sarg vom Boden
und folgten dem Geistlichen der auf den Friedhof führte Hinter dem Sarge ging
die Mutter das Haupt an der Schulter ihrer Führerin Die Frau schritt bei den
Fremden vorüber verklärt vor sich hinschauend sie flüsterte ihrer Gefährtin
Bibelworte zu »Der Herr hats gegeben der Herr hats genommen Lasst die
Kindlein zu mir kommen« vernahmen die Freunde Die Mutter hing gebrochen am
Arme der Fremden und wie durch den leisen Ton fortgeführt wankte sie zu dem
Grabe Ehrfürchtig schlossen sich die Freunde dem Zuge an Der Sarg wurde in das
Grab gelassen der Geistliche sprach den Segen jeder der Anwesenden warf drei
Hände voll Erde auf das geschwundene Leben Dann traten die Landleute
auseinander und machten der Mutter und ihrer Begleiterin den Weg frei Die
Fremde reichte dem Geistlichen die Hand und geleitete die Mutter langsam über
den Friedhof auf den Weg der zum Schloss führte
In einiger Entfernung folgten die Freunde ohne einander anzusehen Der
Professor fuhr sich über die Augen »Dergleichen macht immer weich« sagte er
traurig
»Wie sie am Altare stand« rief der Doctor »eine Seherin der Vorzeit als
trüge sie einen Eichenkranz auf dem Haupt Sie zog das arme Weib sich nach durch
ihr Murmeln Es waren zwar unsere ehrlichen Bibelsprüche aber jetzt verstehe
ich was das Wort raunen in alter Zeit bedeutete wo man auch den Worten eine
zauberische Kraft zuschrieb Sie beherrschte der Trauernden Seele und Leib und
ihre Stimme regte auch mir das Herz auf Wer war dieses Weib war es Mädchen
oder Frau«
»Es ist ein Mädchen« erwiderte der Professor nachdrücklich »Sie wohnt im
Schloss und wir werden sie dort treffen Lass sie voraus und uns am Fuß des
Felsens warten«
Sie saßen lange auf einem vorspringenden Stein der Professor wurde nicht
müde ein Büschel Moos zu betrachten er bürstete es mit der Hand und legte es
bald nach der einen bald nach der andern Seite Endlich stand er schnell auf
»Was auch kommen möge jetzt gehen wir«
Sie stiegen einige hundert Schritt bis zur Höhe Die Landschaft vor ihnen
war plötzlich verwandelt Zur Seite lag das Schloss mit einem gemauerten Hoftor
und großen Wirtschaftsgebäuden vor ihnen neigte sich eine weite Fläche
Ackerlandes von der Höhe hinab in ein flaches Tal Das einsame Waldbild war
verschwunden um die Wanderer rührte sich kräftig das Leben des Tages der Wind
trieb Wellen durch das Aehrenmeer Erntewagen fuhren auf den Feldwegen heran
Menschenstimmen riefen die Peitsche knallte und die Garben flogen von starker
Hand geschwungen über die hohen Leiterbäume
»Holla was suchen Sie hier« frug hinter den Fremden eine tiefe Bassstimme
in befehlendem Ton Die Freunde wandten sich schnell um Vor dem Hoftor stand
ein mächtiger breitschultriger Mann mit kurzgeschorenem Haar und sehr
energischem Ausdruck im sonnenbraunen Gesicht Hinter ihm steckten
Wirtschaftsbeamte und Knechte neugierig die Köpfe durch das Tor und ein großer
Hund fuhr bellend gegen die Fremden »Zurück Nero« rief der Landwirt und
pfiff den Hund zu sich dabei sah er mit kaltem Polizeiblick auf die Fremden
»Herr Gutsbesitzer Bauer« frug der Professor grüßend
»Der bin ich und wer sind Sie« gab der Gutsherr die Frage zurück
Der Professor nannte die Namen und den Ort von dem sie kamen Der Wirt
trat einen Schritt näher und prüfte das Aussehen der Beiden von oben herab
»Dort wohnen ja wohl keine Jesuiten« sagte er »wenn Sie aber hierher
kommen Verborgenes zu finden so war die Reise unnütz hier finden Sie nichts«
Die Freunde sahen einander an sie standen nahe am Hause aber fern vom
Ziel
»Sie machen uns fühlbar« erwiderte der Professor »dass wir ohne
Vermittlung eines Dritten an Ihre Wohnung treten Obgleich Sie aber über den
Zweck unseres Herkommens bereits eine Vermutung ausgesprochen haben ersuche
ich Sie doch uns deshalb eine Erklärung vor weniger Zeugen zu gestatten«
Die feste Haltung des Professors verfehlte nicht ganz die Wirkung »Wenn Sie
in der Tat ein Geschäft zu mir führt so werden wir das allerdings besser im
Haus abmachen Folgen Sie mir meine Herren« Er lüftete ein wenig seine Mütze
wies mit der Hand nach dem Tor und schritt voraus »Nero Teufelshund kannst
du nicht Ruhe halten«
Der Professor und der Doctor folgten an sie schlossen sich
Wirtschaftsbeamte und Knechte und der knurrende Hund So wurden die Fremden in
einem ungemütlichen Zuge nach dem Wohnhaus geführt Trotz ihrer misslichen Lage
sahen sie doch mit Neugierde auf den großen Hof auf die Arbeit des
Einscheuerns auf einen Trupp Gänse welcher durch den Zug gestört breitbeinig
und schnatternd über den Weg schritt Dann überflog ihr Auge das Wohnhaus die
breiten steinernen Stufen mit Bänken an beiden Seiten die gewölbte Tür das
übertünchte Wappen am Schlussstein Sie traten in einen geräumigen Hausflur der
Gutsherr hing seine Mütze auf einen Kleiderrechen drückte mit schwerer Hand die
Klinke der Wohnstube und machte wieder eine Handbewegung welche höflich sein
sollte und die Fremden zum Vortritt einlud »Jetzt sind wir allein« begann er
»womit kann ich Ihnen dienen Sie sind mir bereits als zwei Schätzesucher
angekündigt Wenn Sie das sind so muss ich Ihnen rundheraus erklären dass ich
von solchen Torheiten nichts wissen will Im übrigen bin ich bereit mich Ihrer
Bekanntschaft zu freuen«
»Nun Schatzgräber sind wir nicht« entgegnete der Professor »und da wir
den Zweck unserer Reise überall als Geheimnis bewahrt haben so begreifen wir
nicht wie Sie etwas Entstelltes über die Veranlassung unseres Kommens hören
konnten«
»Der Schuster meines Hofverwalters hat ihm die Nachricht mit zwei versohlten
Stiefeln zugetragen er hat Sie im Gasthofe der Stadt gesehen und aus Ihren
Fragen Verdacht geschöpft«
»Er hat mehr Scharfsinn angewandt« erwiderte der Professor »als bei
unsern harmlosen Fragen nötig war Und doch hat er nicht ganz Unrecht gehabt«
»Also ist etwas daran« unterbrach der Landwirt finster »in diesem Fall
muss ich die Herren bitten sich selbst und mich nicht weiter zu bemühen Ich
habe keine Zeit für dergleichen Narrheiten«
»Vor Allem haben Sie die Güte uns anzuhören ehe Sie uns in so kurzer Weise
das Gastrecht aufkündigen« versetzte der Professor ruhig »Unser Kommen hat
keinen andern Zweck als Ihnen eine Mitteilung zu machen über deren Wert Sie
dann selbst entscheiden mögen Und nicht nur wir auch Andere könnten Ihnen
einen Vorwurf daraus machen wenn Sie unser Gesuch ohne Prüfung abweisen Die
Sache geht Sie mehr an als uns«
»Natürlich« sagte der Wirt »diese Redensarten kennt man«
»Doch nicht ganz« entgegnete der Professor »es ist ein Unterschied wer
sie braucht und welchem Zweck sie dienen«
»Nun denn in des Teufels Namen sprechen Sie aber verständlich« rief der
Landwirt ungeduldig
»Nicht eher« fuhr der Professor fort »als bis Sie sich bereit zeigen eine
ernste Angelegenheit so anzuhören wie sie verdient Es ist eine kurze
Auseinandersetzung nötig und Sie haben uns noch nicht einmal zum Sitzen
eingeladen«
»So nehmen Sie Platz« versetzte der Landwirt und rückte einen Stuhl
Der Professor begann »Durch Zufall habe ich vor kurzem in einem
geschriebenen Buche unter andern handschriftlichen Aufzeichnungen der Mönche von
Rossau einige Bemerkungen gefunden welche für die Wissenschaft der ich diene
möglicherweise wichtig sind«
»Und welches ist Ihre Wissenschaft« unterbrach ihn der Landwirt ungerührt
»Ich bin Philologe«
»Das bedeutet alte Sprachen« frug der Landwirt
»So ist es« fuhr der Professor fort »Die Notiz eines Mönches in dem
erwähnten Bande meldet dass um das Jahr 1500 eine wertvolle Handschrift welche
die Geschichtserzählung des Römers Tacitus enthielt in dem Kloster vorhanden
war Das Werk des berühmten Geschichtschreibers ist uns in einigen andern
wohlbekannten Handschriften nur sehr trümmerhaft erhalten es scheint dass die
damals in dem Kloster vorhandene Handschrift sein Werk vollständiger enthielt
Eine zweite Notiz desselben Buches meldet aus dem April des Jahres 1637 dass
damals die letzten Mönche des Klosters in schwerer Kriegszeit Kirchengerät und
die Handschriften des Klosters an einer hohlen und trocknen Stelle des Hauses
Bielstein vor den Schweden verborgen haben Das sind die Worte die ich
gefunden weitere Tatsachen habe ich Ihnen nicht mitzuteilen Die Echteit der
beiden Bemerkungen ist für uns zweifellos ich habe Ihnen eine Abschrift der
betreffenden Stelle mitgebracht das Original bin ich bereit Ihrer eigenen
Einsicht zu unterwerfen oder der eines sachverständigen Beurteilers den Sie
wählen wollen Ich füge nur noch hinzu dass wir beide mein Freund und ich sehr
gut wissen wie ungenügend die Mitteilungen sind welche wir Ihnen machen und
wie unsicher die Aussicht dass sich jetzt nach zwei Jahrhunderten noch etwas von
dem damals vergrabenen Eigentum des Klosters vorfinde Und doch haben wir eine
Ferienreise dazu benutzt Ihnen Nachricht von dieser Entdeckung zu geben selbst
auf die naheliegende Gefahr einer vergeblichen Untersuchung Wir haben uns aber
zu dieser Reise verpflichtet gefühlt Nicht vorzugsweise um Ihretwillen
obgleich die Handschrift wenn sie sich fände von sehr hohem Wert sein würde
sondern zunächst im Interesse der Wissenschaft denn nach dieser Richtung wäre
ein solcher Fund in der Tat unschätzbar«
Der Landwirt hatte aufmerksam zugehört das Papier welches der Professor
vor ihn auf den Tisch legte ließ er unberührt Jetzt begann er »Dass Sie mich
nicht täuschen wollen und dass Sie die Wahrheit nach allen Seiten mit guter
Meinung sprechen sehe ich ein Ihre Auseinandersetzung ist mir verständlich
Ihr Latein vermag ich nicht zu lesen und das ist auch nicht nötig denn was
die Tatsachen betrifft so glaube ich Ihnen Aber« fuhr er lächelnd fort »die
Herren Gelehrten haben in der Ferne eines nicht gewusst dass dieses Haus das
Unglück hat in der ganzen Gegend für den Ort zu gelten an welchem alte Mönche
ihre Schätze vermauert haben«
»Das war uns allerdings nicht unbekannt« fiel der Doctor ein »und es
konnte uns die Bedeutung der schriftlichen Notizen nicht verringern«
»Da waren Sie in großem Irrtum Es liegt doch auf der Hand dass ein solches
Gerücht welches durch mehre Menschenalter in einer Gegend geglaubt wird
fortwährend abergläubische und gewinnsüchtige Personen in Bewegung gesetzt hat
diese vermeinten Schätze aufzuspüren Wie können Sie annehmen dass Sie die
ersten sind welche auf den Gedanken kommen nachzusuchen Dies ist ein altes
festes Haus aber es würde fester sein wenn es nicht vom Keller bis unter das
Dach Spuren zeigte dass man in früherer Zeit Löcher hineingeschlagen und die
Schäden nachlässig ausgebessert hat Erst vor wenigen Jahren habe ich Kosten und
Mühe gehabt einen neuen Dachbalken einzuziehen weil Dach und Decke sich
senkte und die Untersuchung ergab dass gewissenlose Menschen ein Stück des
Balkens ausgesägt hatten jedenfalls um in einen Winkel des Daches
hineinzugreifen Und ich sage Ihnen geradeheraus wenn mir etwas das alte Haus
verleidet in dem ich seit zwanzig Jahren Glück und Unglück erfahren habe so
ist es dies widerwärtige Gerücht Gerade jetzt wird in der Stadt die
Untersuchung gegen einen Schatzgräber geführt der Narren durch das Vorgeben
betrogen hat er könne aus diesem Berge einen Schatz beschwören Noch wird
seinen Mitschuldigen nachgespürt Ihren Fragen in der Stadt haben Sie
zuzuschreiben dass die Leute dort welche viel von dem Betruge reden Sie für
Helfer des eingezogenen Gauners gehalten haben Daher auch mein rauer Gruß Ich
mache Ihnen deshalb meine Entschuldigung«
»Und Sie wollen sich nicht dazu verstehen« frug der Professor unzufrieden
»unsere Mitteilung zu weiterer Nachforschung zu benützen«
»Nein« versetzte der Landwirt »ich will mich nicht selbst zum Narren
machen Wenn Ihr Buch nichts weiter meldet als was Sie mir gesagt haben so
dient diese Nachricht zu gar nichts Haben die Mönche hierherum irgend etwas
versteckt so ist Hundert gegen Eins zu wetten sie haben es in ruhiger Zeit
selbst wieder herausgeholt Wäre aber gegen alle Wahrscheinlichkeit das
Versteckte damals an seiner Stelle geblieben es sind seitdem einige hundert
Jahre vergangen so hätten es längst andere hungrige Leute herausgegraben Das
sind verzeihen Sie mir Ammengeschichten nur gut für Spinnstuben Ich habe
einen Widerwillen gegen solches Gelüst das an den Mauern wühlt Der Landwirt
soll im Acker schaufeln und nicht in seinem Hause Unter Gottes Sonne liegen
seine Schätze«
Dem Professor wallte das Blut über die kalte Art des Mannes er bezwang mit
Mühe den ausbrechenden Zorn indem er an das Fenster trat und einem Haufen
Sperlinge zusah die heftig gegeneinander schrien Endlich begann er sich
umwendend »Ihre Weigerung ist ein Recht des Hauseigentümers Wenn Sie darauf
bestehen so werden wir Sie allerdings mit dem Bedauern verlassen dass Sie die
mögliche Bedeutung unserer Mitteilung nicht zu würdigen wissen Ich habe diese
Begegnung nicht vermieden obgleich mir wohlbekannt war wie zufällig die
Eindrücke sind welche bei einer ersten Unterredung mit Fremden den Entschluss
bestimmen Sie würden vielleicht mehr Rücksicht auf unsre Nachricht genommen
haben wenn sie Ihnen durch Vermittlung Ihrer Regierung zugleich mit der
Forderung genaue Nachsuchung anzustellen zugegangen wäre«
»Reut Sie dass Sie diesen Weg nicht eingeschlagen haben« frug lächelnd der
Landwirt
»Offen gesagt nein Ich habe in solcher Angelegenheit kein Vertrauen zu
einem Beamtenprotokoll«
»Ich auch nicht« versetzte der Landwirt trocken »Wir stehen unter einem
kleinen Landesherrn aber er ist fern wir sind von fremdem Gebiet umschlossen
Bei Hofe habe ich nichts zu tun es vergehen Jahre ehe ich nach unsrer
Residenz komme die Regierung plagt uns nicht übermäßig und in meinem Bezirk
leite ich die Polizei Wenn meine Regierung Ihren Wünschen Wichtigkeit beilegte
so würde sie wahrscheinlich von mir einen Bericht einfordern und das würde mir
einen Bogen Papier und eine Stunde Schreiberei kosten Vielleicht wenn Sie laut
zu trommeln verstehen sendet sie mir auch eine Kommission in das Haus Die
meldet sich bei mir zum Mittagsessen und ich führe sie nach Tisch in die Keller
sie pocht der Form wegen ein wenig an die Wände und ich lasse unterdes einige
Flaschen aufkorken Zuletzt wird schnell ein Papier beschrieben und die Sache
ist wieder abgemacht Ich bin Ihnen dankbar dass Sie diesen Weg nicht
eingeschlagen haben im übrigen vertrete ich mein Hausrecht auch gegen den
Landesherrn«
»Es ist so scheint mir vergeblich zu Ihnen von dem Wert zu sprechen den
die Handschrift haben würde« warf der Professor ihm finster entgegen
»Es wäre verlorene Mühe« sagte der Landwirt »Ob eine solche Seltenheit
auch wenn sie in meinem Eigentume zu Tage käme für mich selbst einen
wesentlichen Wert hätte ist fraglich Und den Wert für Ihre Wissenschaft
kenne ich nur aus Ihrer Versicherung Aber für mich und für Sie rühre ich keinen
Finger weil ich nicht glaube dass ein solcher Schatz auf meinem Eigentum
verborgen ist und weil ich nicht den Willen habe um etwas Unwahrscheinliches
ein Opfer zu bringen Dies Herr Professor ist meine Antwort«
Der Professor trat wieder schweigend an das Fenster Fritz der sich in
stiller Empörung zurückgehalten hatte empfand dass es Zeit war dieser
Unterredung ein Ende zu machen er erhob sich zum Aufbruch »Und Sie haben uns
wirklich Ihre letzte Meinung gesagt«
»Ich bedaure Ihnen keinen andern Bescheid geben zu können« versetzte der
Landwirt und sah mit einer Art Mitleid auf die beiden Fremden »Es tut mir in
der Tat leid dass Sie den Umweg zu mir gemacht haben Verlangen Sie meine
Wirtschaft zu sehen jede Tür soll Ihnen geöffnet sein Die Mauern meines
Hauses öffne ich Niemandem Ich bin übrigens bereit Ihre Mitteilung als
Geheimnis zu bewahren um so lieber da dies auch in meinem Interesse liegt«
»Ihre Weigerung irgendwelche Nachforschungen auf Ihrem Eigentume
anzustellen macht ein ferneres Geheimhalten dieser Nachricht unnötig«
entgegnete der Doctor »meinem Freunde bleibt jetzt nichts übrig als seine
Entdeckung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu berichten er hat dann
seine Pflicht getan vielleicht dass Andere Ihnen gegenüber glücklicher sind als
wir«
Der Landwirt fuhr auf »Donnerwetter Herr sind Sie des Teufels Sie
wollen die Geschichte in der Zeitung Ihren Kollegen erzählen Wahrscheinlich
werden diese ebenso denken wie Sie«
»Zuverlässig werden Hunderte die Sache genau so ansehen wie wir und Ihre
Weigerung ebenso verurteilen wie wir« rief der Doctor
»Herr wie Sie mich beurteilen ist mir ganz gleichgültig ich muss Sie
bitten mich so schwarz zu schildern als Ihre Wahrheitsliebe irgend zulässt«
rief der Landwirt unwillig »Aber ich sehe voraus dass das alles nichts helfen
wird Verwünscht seien die Mönche und ihr Schatz Jetzt habe ich jeden Sonntag
und jede Stunde Ihrer Ferien einen Besuch wie den Ihren zu erwarten fremde
Gesichter mit Brillen und Regenschirmen welche den Anspruch erheben unter das
Holzgestell meines Milchkellers zu kriechen und in der Schlafstube meiner Kinder
an der Decke herumzuklettern Zum Teufel mit diesem Tacitus«
Der Professor ergriff seinen Hut »Wir empfehlen uns Ihnen« und ging nach
der Tür
»Halt meine Herren« rief der Wirt unruhig »nicht so schnell Lieber will
ich noch mit Ihnen beiden zu tun haben als mit einer unablässigen Wallfahrt
Ihrer Kollegen Weilen Sie noch einen Augenblick ich mache Ihnen einen
Vorschlag Sie selbst sollen durch mein Haus gehen Sie mögen den alten Bau vom
Boden bis zum Keller untersuchen Es ist eine harte Zumutung für mich und meine
Hausgenossen ich will das Opfer bringen Finden Sie eine Stelle die Ihnen
Verdacht einflößt so reden wir darüber Dagegen versprechen Sie mir dass Sie
gegen meine Hausleute von dem Zweck Ihres Hierseins schweigen Meine Arbeiter
sind ohnedies aufgeregt wenn Sie dem unseligen Gerücht neue Nahrung geben so
kann ich nicht dafür stehen dass nicht meine eigenen Leute auf den Einfall
kommen mir an einer Ecke des Hauses die Grundmauer durchzustossen Mein Haus ist
Ihnen den ganzen Tag geöffnet so lange sind Sie meine Gäste Dann aber wenn
Sie mündlich oder schriftlich über die Sache reden fordere ich den Zusatz es
sei von Ihnen das Mögliche geschehen mein Haus durchsucht aber nichts gefunden
worden Wollen Sie diesen Vertrag mit mir eingehen«
Der Doctor sah zweifelnd auf den Professor ob der Stolz des Freundes sich
solcher Bedingung beugen werde Wider Erwarten flog ein Strahl von Freude über
das Antlitz des Gelehrten und er erwiderte artig »Sie haben uns in einem
Punkt missverstanden Nicht wir beanspruchen die verborgene Handschrift aus Ihrem
Eigentum herauszuholen sondern wir sind nur gekommen um Sie selbst für den
Versuch zu gewinnen Dass wir in einem fremden Hause unbekannt mit den Räumen
und ungeübt in dieser Art Nachforschung nichts finden werden ist uns sehr
deutlich Wenn wir dennoch die lächerliche Lage in welche Sie uns versetzen
nicht vermeiden und Ihr Anerbieten annehmen so tun wir dies nur in der
Hoffnung dass uns in den Stunden unseres Hierseins gelingen wird Ihnen selbst
ein größeres Interesse an dem möglichen Funde beizubringen«
Der Landwirt bewegte abweisend das Haupt auf den hohen Schultern »Ich habe
nur das Interesse die Sache so schnell als möglich in Vergessenheit zu bringen
Sie mögen tun was Sie für Pflicht halten Meine Geschäfte verhindern mich
Sie zu begleiten ich übergebe Sie meiner Tochter«
Er öffnete die Tür des Nebenzimmers und rief »Ilse«
»Hier Vater« antwortete eine klangvolle Altstimme Der Landwirt ging in
das Nebenzimmer »Komm hervor Ilse ich habe heut einen besonderen Auftrag für
dich Da drin sind zwei fremde Herren von einer Universität Sie suchen ein
Buch das vor alten Zeiten in unserm Hause versteckt sein soll Führe sie durch
das Haus schliess ihnen alle Räume auf«
»Aber Vater « unterbrach ihn die Tochter
»Tut nichts« fuhr der Landwirt fort »es muss sein« Er trat näher an sie
und sprach leiser »Es sind zwei Gelehrte sie haben einen Sparren « er wies
nach dem Kopfe »Was sie sich einbilden ist verrückt und ich gebe ihnen nur
nach um in Zukunft Ruhe zu haben Sei vorsichtig Ilse ich kenne die Leute
nicht Ich muss aufs Vorwerk dem Hofverwalter will ich sagen dass er sich in
der Nähe des Hauses hält Sie scheinen mir zwei ehrliche Narren aber der Teufel
mag trauen«
»Ich fürchte mich nicht Vater« erwiderte die Tochter »das Haus ist voll
Menschen wir werden schon mit ihnen fertig werden«
»Sorge dafür dass die Mägde nicht herumstehen während die Fremden an den
Wänden klopfen und messen Sie sehen mir übrigens nicht aus als ob sie viel
finden würden wenn auch alle Wände aus Büchern gemauert wären Aber dass sie
irgendwo einschlagen oder die Wand beschädigen das leidest du nicht«
»Recht Vater« sagte die Tochter »Bleiben sie über Mittag«
»Jawohl dein Dienst geht bis zum Abend In der Molkerei wird dich die
Mamsell vertreten«
Durch die Tür hörten die Freunde Bruchstücke der Unterredung sie gingen
nach den ersten Worten der Anweisung schnell an das Fenster und sprachen laut
miteinander über eine große Strohanhäufung am First der Scheuer die nach der
Behauptung des Doctors ein Storchnest war während der Professor die Ansicht
vertrat dass Störche nicht auf solchen Höhen nisteten Dazwischen sagte der
Professor leise »Es ist unbequem in dieser demütigen Lage auszudauern Aber
wir vermögen nur durch unser Beharren den Hauswirt zu überzeugen«
»Vielleicht entdecken wir doch etwas« antwortete der Doctor »Ich habe
einige Erfahrung in Maurerarbeit als Knabe fand ich beim Bau unseres Hauses
Gelegenheit schöne Kenntnisse in Statik und Balkenklettern zu erwerben Gut
dass der Tyrann uns allein lässt Unterhalte du die Tochter ich will derweile an
den Wänden klopfen«
Wer jemals einer undeutlichen Spur nachgegangen ist der weiß wie schwierig
in der Nähe erscheint was in der Ferne so leicht dünkt Während zuerst die
trügende Göttin Hoffnung alle guten Möglichkeiten mit hellen Farben malt regt
die Arbeit des Suchens selbst jeden Zweifel auf Die lockenden Bilder
verbleichen Kleinmut und Ermüdung werfen ihre Schatten Zuletzt wird
pflichtmässige Ausdauer was im Anfange ein frisches Wagen war
4
Das alte Haus
Der Landwirt trat ein die Reitgerte in der Hand hinter ihm die hohe Gestalt
vom Friedhof »Hier meine Tochter Elise sie wird meine Stelle vertreten«
Die Freunde verneigten sich Es war dasselbe schöne Antlitz aber statt der
hohen Rührung lag jetzt eine geschäftliche Würde in ihren Zügen sie grüßte
ruhig und lud die Herren zum Frühstück in das Nebenzimmer Was sie sprach waren
einfache Worte aber wieder lauschten die Freunde verwundert auf die tiefen Töne
ihrer melodischen Stimme
»Bevor Sie sich hier umsehen müssen Sie an meinem Tisch niedersitzen das
ist bei uns Brauch« sagte der Landwirt in besserer Laune als er bis dahin
gezeigt auch auf ihn übte die Gegenwart der Tochter besänftigenden Einfluss
»Wiedersehen zu Mittag« Damit ging er zur Tür hinaus
Die Freunde folgten in den Nebenraum ein großes Speisezimmer Stühle
standen längs der Wand in der Mitte eine lange Tafel an deren oberem Ende drei
Plätze gedeckt waren Das Mädchen setzte sich zwischen die Herren und bot die
kalten Speisen »Als ich Sie auf dem Friedhof sah dachte ich dass Sie den Vater
besuchen würden der Tisch wartet schon eine Weile auf Sie« Die Freunde aßen
ein wenig und dankten für mehr
»Ich bedaure dass unser Kommen auch Ihre Zeit in Anspruch nehmen soll«
sagte der Professor ernst
»Meine Aufgabe ist leicht« antwortete das Mädchen »ich fürchte die Ihre
wird Ihnen mehr Mühe machen Das Haus hat viele Stuben und dann die Kammern und
die Verschläge auf dem Boden«
»Ich habe bereits Ihrem Herrn Vater gesagt« erwiderte der Professor
lächelnd »dass wir keinen Wert darauf legen wie Maurer das Gebäude zu
untersuchen Betrachten Sie uns als Neugierige welche das merkwürdige Haus nur
soweit sehen wollen als es sich sonst einem Gaste öffnet«
»Das Haus mag wohl für Fremde merkwürdig sein« sagte Ilse »uns ist es
lieb denn es ist warm und geräumig Als der Vater das Gut einige Jahr besaß und
zu Kräften gekommen war hat er meiner seligen Mutter zu Liebe Alles bequem
eingerichtet denn wir brauchen großen Raum es sind sechs jüngere Geschwister
und es ist ein großes Gut die Herren von der Wirtschaft essen bei uns dann
der Hauslehrer und die Mamsell und in der Gesindestube auch zwanzig Leute«
Der Doctor sah seine Nachbarin enttäuscht an Wo war die Seherin geblieben
Sie sprach verständig und sehr bürgerlich mit ihr konnte man wohl auskommen
»Da wir nun einmal auf hohle Räume ausgehen« begann er schlau »so würden wir
uns am liebsten Ihrer Leitung anvertrauen wenn Sie uns sagen wollten ob man in
der Wand oder auf dem Boden oder irgendwo hier im Hause von Stellen weiß welche
beim Klopfen eine Höhlung verraten«
»O daran fehlt es nicht« erwiderte Ilse »Wenn man in meiner Stube an die
Hinterwand des kleinen Wandschrankes pocht so merkt man dass dahinter ein
leerer Raum ist und dann ist die Steinplatte unter der Treppe und mehre Platten
in der Küche und noch viele andere Stellen im Hause Und bei allen haben die
Leute ihre Vermutung«
Der Doctor hatte seine Brieftafel herausgezogen und schrieb die verdächtigen
Orte nieder
Die Betrachtung des Hauses begann Es war ein prachtvolles altes Haus die
Mauer des Unterstocks so dick dass der Doctor mit gespannten Armen nicht die
ganze Tiefe der Fensternischen einfassen konnte Eifrig übernahm er das Klopfen
und Messen der Wände Die Keller waren zum Teil in den Felsen gesprengt an
einzelnen Stellen ragte das ungeglättete Gestein noch in die Räume und man
erkannte wo die Mauer auf dem Stein gelagert war Es waren mächtige Gewölbe
die kleinen Fenster in der Höhe durch starke Eisenstäbe geschützt in alter Zeit
bei feindlichem Anlauf eine feste Zuflucht wider Geschosse und Feuer Und Alles
war schön trocken und hohl Denn das Haus war ganz nach den Ansichten gebaut
welche der Doctor schon früher über alte Gebäude so verständig ausgesprochen
hatte Mauer von außen und von innen dazwischen Schutt und Steinbrocken
Natürlich klangen die Wände deshalb an vielen Orten hohl wie ein Kürbis Der
Doctor pochte und notirte fleißig die Knöchel seiner Hand wurden weiß und
aufgetrieben aber die Fülle guter Möglichkeiten machte ihn kleinlaut
Aus dem Keller traten sie in den Unterstock In der Küche brodelten große
Kessel und Töpfe und neugierig sahen die arbeitenden Frauen auf das Benehmen
der Fremden denn der Doctor klopfte wieder mit den Absätzen auf den steinernen
Fußboden und fasste die geschwärzte Seitenwand des Herdes mit den Händen an
Dahinter kamen Wirtschaftsräume und die Gaststuben In einer derselben fanden
sie eine Frau in Trauerkleidung beschäftigt die Betten in ein neues Gewand zu
hüllen Es war die Mutter vom Friedhofe Sie trat an die fremden Herren und
bedankte sich weil sie geholfen hätten ihrem Kinde die letzte Ehre zu
erweisen Die Freunde sprachen ihr freundlich zu sie wischte mit der Schürze
die Augen und ging wieder an ihre Arbeit
»Ich bat sie heut zu Haus zu bleiben« sagte Ilse »aber sie wollte nicht
Ihr wäre gut wenn sie etwas zu schaffen hätte und wir würden ihre Arbeit
brauchen weil Sie doch zu uns kämen« Es tat den Gelehrten wohl dass sie
wenigstens von den weiblichen Mitgliedern des Hauses als berechtigte Gäste
aufgefasst wurden
Sie betraten die andere Seite des Unterstocks und betrachteten noch einmal
die einfachen Zimmer die sich zuerst den Ankommenden geöffnet hatten Dahinter
lag das Arbeitszimmer des Gutsherrn ein kleiner schmuckloser Raum darin ein
Schrank mit Jagdgerät und Reitzeug ein Bretergestell für Acten und einige
Bücher über dem Bett Säbel und Pistolen auf dem Schreibtisch das kleine Modell
einer Maschine und Proben von Getreide und Sämerei in kleinen Säckchen an der
Wand aber standen in militärischer Ordnung der riesige Wasserstiefel der
Juchtenstiefel der Reitstiefel mit Stulpen an der äußersten Ecke auch Zwerge
von Kalbleder wie sie gewöhnliche Menschen tragen In dem Nebenzimmer hörten
sie eine Männerstimme und kindliche Antworten in regelmässigem Wechsel »Das ist
die Schulstube« sagte Ilse lächelnd Als die Tür geöffnet ward schwiegen Solo
und Chorstimmen dem Gruß der Eintretenden antwortete aufstehend der Lehrer ein
Seminarist von verständigem Gesicht Verwundert starrten die Kinder in die
unerwartete Störung An zwei Tischen saßen drei Knaben und drei Mädchen ein
kräftiges blondhaariges Geschlecht »Das ist Klara Luise Riekchen Hans Ernst
und Franz« Die vierzehnjährige Klara fast erwachsen und ein verjüngtes Abbild
der Schwester erhob sich mit einem Knix Hans ein derber Bursch von zwölf
Jahren machte den unbedeutenden Versuch eines Bücklings die andern blieben
stramm stehen sahen unverwandt auf die Fremden und tauchten nachdem sie einer
lästigen Pflicht genügt hatten wieder auf ihre Plätze nieder Nur der kleine
Franz ein rotbäckiger Krauskopf von sieben Jahren blieb in der Pein seiner
Aufgabe grimmig sitzen und benutzte die Unterbrechung um für die nächsten
Antworten noch schnell etwas aus seinem Buche einzusammeln Ilse strich ihm über
das Haar und frug den Lehrer »Wie gehts heut mit ihm« »Er hat gelernt«
»Es ist zu schwer« rief Franz erbittert Der Professor bat den Lehrer sich
nicht stören zu lassen und die Reise ging weiter Schlafzimmer der Knaben
Zimmer des Lehrers und wieder Wirtschaftsräume Plättstube Kleiderkammer der
Doctor hatte seine Brieftafel bereits eingesteckt
Sie kehrten in den Hausflur zurück an der Treppe wies Ilse auf die
Steinplatte der Doctor kniete nieder versuchte und sagte kleinlaut »Wieder
hohl« Ilse betrat die Treppe
»Hier oben wohne ich und die Mädchen«
»Unsere Neugierde hat vorläufig hier ein Ende« erwiderte rücksichtsvoll
der Professor »Sie sehen auch mein Freund verzichtet«
»Man hat aber von oben eine Aussicht« sagte die Führerin »diese wenigstens
müssen Sie betrachten« Sie öffnete eine Tür
»Dies ist mein Zimmer« Die Freunde blieben vor der Schwelle stehen »Kommen
Sie herein« sagte Ilse unbefangen »Von diesem Fenster sieht man die Straße
auf der Sie zu uns kamen« Zögernd traten die Zartfühlenden näher Es war wieder
ein bescheidener Raum nicht einmal ein Sopha darin die Wände mit blauer Farbe
gestrichen am Fenster ein Nähtisch und einige Blumenstöcke in einer Ecke das
Bett mit weißer Gardine verhüllt
Die Freunde traten an das Fenster und schauten von der Höhe auf den kleinen
Friedhof und die Gipfel der Eichen auf das Städtchen im Tale und auf die
Baumreihe dahinter welche in gekrümmter Linie bis zu der Höhe lief wo sich die
Aussicht in die Ferne schloss Der Blick des Professors haftete an der alten
Holzkirche Wie hatten sich in wenig Stunden die Stimmungen geändert Auf die
frohe Erwartung war gefolgt was beinahe wie Entsagung aussah und doch wieder
auf die Ungeduld eine wohltuende Ruhe
»Das ist unser Weg in die Fremde« wies Ilse »wir sehen oft nach der
Richtung aus wenn der Vater verreist ist und wir ihn erwarten oder wenn wir
von dem Postboten etwas Gutes hoffen Und so oft Bruder Franz erzählt dass er
einst in die Welt gehen werde fort von dem Vater und von uns Geschwistern dann
denkt er sich die Straßen in der Welt immer wie diese aussieht als einen
Fußsteig mit dicken Weidenköpfen«
»Franz ist der Liebling« frug der Professor
»Er ist mein Nestäkchen wir verloren die gute Mutter als er noch die
Kindermütze trug Das arme Kind kennt die Mutter gar nicht und als er einmal
von ihr geträumt hatte da brachten die andern Kinder heraus dass er sie im
Schlafe mit mir verwechselte denn sie trug mein Kleid und meinen Strohhut
Dies ist der Wandschrank« sagte sie traurig auf eine Holztür in der Wand
deutend Die Freunde folgten schweigend ohne bei dem Schranke anzuhalten Vor
der gegenüberliegenden Stube blieb sie stehen die Tür öffnend »Dies war das
Zimmer der Mutter es ist unverändert wie sie es verließ nur der Vater bleibt
des Sonntags einige Zeit darin«
»Wir geben nicht zu dass Sie uns weiter führen« sagte der Professor »Ich
kann Ihnen nicht sagen wie peinlich ich unsere Lage Ihnen gegenüber empfinde
Verzeihen Sie uns das unzarte Eintreten in Ihre Häuslichkeit«
»Wenn Sie das Haus nicht weiter sehen wollen« erwiderte Ilse mit dankendem
Blick »so geleite ich Sie gern in unsern Garten und durch den Hof Der Vater
wird nicht loben wenn ich Ihnen etwas vorentalte«
Eine Hintertür des Flurs führte in den Garten die Beete durch Buchsbaum
eingefasst waren mit Sommerblumen besetzt mit den alteimischen Bewohnern
unsrer Gärten Am Hause liefen Weinreben bis unter die Fenster des Oberstocks
und die grünen Trauben blickten überall aus dem hellen Laub Eine lebendige
Hecke schied die Blumenbeete vom Gemüsegarten wo auch der Hopfen an großen
Stangen hinaufkletterte Weiter ab senkte sich ein großer Obstgarten mit
frischem Rasengrund einem Seitental zu Es war auch hier nichts Merkwürdiges zu
sehen geradlinig waren die Blumenbeete in Reihen standen die Obstbäume der
ehrwürdige Buchsbaum und die Hecke waren nach der Schnur geschnitten und ohne
Lücken Die Freunde schauten von Beet und Blumen immer wieder auf das Haus
zurück und freuten sich über die braunen Mauern hinter dem saftigen Weinlaub und
über die Arbeit des Steinmetzen an den Fenstern und am Giebel
»Es war zur Zeit unserer Vorfahren ein Haus der Fürsten« erklärte Ilse
»und sie kamen damals alle Jahre zur Jagd hierher Jetzt aber ist nur der dunkle
Wald dort hinten noch herrschaftlich dort steht auch noch ein Jagdhaus und der
Oberförster wohnt darin Und selten kommt unser Fürst in die Gegend Es ist
lange Zeit her dass wir unsern lieben Landesherrn nicht gesehen haben und wir
leben wie arme Waisen«
»Gilt er hier im Lande für einen gütigen Herrn« frug der Professor
»Wir wissen nicht viel von ihm aber wir denken uns dass er gut ist Vor
vielen Jahren als ich noch Kind war hat er einmal in unserm Haus gefrühstückt
weil es in Rossau keine Gelegenheit gab Damals war ich erstaunt dass er keinen
roten Mantel trug und er strich mir über den Kopf und gab mir den guten Rat
zu wachsen Das habe ich seitdem redlich abgemacht Und es heißt schon er wird
in diesem Jahre wieder zur Jagd kommen Kehrt er wieder bei uns ein dann muss
das alte Haus seinen besten Staat antun und in der Küche gibts heiße Wangen«
Während sie friedlich unter den Obstbäumen dahinschritten tönte vom Hofe
her eine helle Glocke »Das ist der Ruf zum Essen« sagte Ilse »ich führe die
Herren zu ihrem Zimmer das Hausmädchen wird sie abholen«
Die Freunde fanden in der Gaststube ihre Ledertaschen und wurden kurz darauf
durch ein leises Klopfen an der Tür geladen und in das Speisezimmer geführt
Dort wartete ihrer der Gutsherr ein halbes Dutzend sonnengebräunte Beamte der
Wirtschaft die Mamsell der Hauslehrer und die Kinder Als sie eintraten
sprach der Landwirt mit der Tochter in einer Fensternische wahrscheinlich
hatte die Tochter günstig über die Fremden berichtet denn er kam ihnen mit
unumwölkter Miene entgegen und sagte in seiner kurzen Weise »Nehmen Sie an
unserm Tische vorlieb« Dann stellte er die Fremden den Anwesenden vor indem er
ihre Namen nannte und hinzufügte »Zwei gelehrte Herren von der Universität«
Jedermann stand hinter seinem Stuhl nach Würde und Alter gereiht obenan der
Wirt neben ihm Ilse auf der andern Seite der Professor und der Doctor dann
zu beiden Seiten die Herren von der Wirtschaft dahinter die Mamsell und die
Mädchen der Lehrer und die Knaben Der kleine Franz am unteren Ende des Tisches
trat an seinen Teller faltete über dem Brot die Hände und sprach eintönig ein
kurzes Tischgebet Darauf rückten zu gleicher Zeit alle Stühle zwei Mädchen in
der Tracht der Landschaft trugen die Speisen Es war ein einfaches Mittagsmahl
nur zwischen den Fremden stand eine Flasche Wein die Eingebornen gossen
goldbraunes Bier in die Gläser
Schweigend und eifrig verrichtete Jeder sein Werk am oberen Ende des
Tisches wurde Unterhaltung geführt Die Freunde sprachen dem Landwirt ihre
Freude über Haus und Umgebung aus und der Hausherr lachte spöttisch als der
Doctor die dicken Wände des Hauses rühmend hervorhob Dann schweifte das
Gespräch auf die Umgegend hinaus auf den Dialekt und die Art des Landvolks
»Wieder ist mir in diesen Tagen aufgefallen« sagte der Professor »wie
fremd und misstrauisch die Landleute hier uns Städter beobachten Unsere Sprache
Sitte Gewohnheit betrachten sie wie die eines anderen Volkes Und wenn ich
zusehe was der Feldarbeiter mit den sogenannten Gebildeten gemein hat so
empfinde ich schmerzlich dass es viel zu wenig ist«
»Wer ist daran schuld« entgegnete der Landwirt »als die Gebildeten
selbst Nehmen Sie mir nicht übel wenn ich Ihnen als einfacher Mann sage dass
mir diese Bildung ebensowenig gefällt als die Unwissenheit und Störrigkeit
welche Sie an unsern Landleuten in Erstaunen setzt Sie selbst zB machen eine
weite Reise um alte vergessene Schriften zu finden die einst ein gebildeter
Mann in einem untergegangenen Volke geschrieben hat Ich aber frage was haben
Millionen Menschen die mit Ihnen eine Sprache sprechen Ihres Stammes sind und
neben Ihnen leben von all der Gelehrsamkeit die Sie für sich und eine kleine
Zahl wohlhabender und müßiger Leute erwerben Wenn Sie zu meinen Arbeitern
reden die Leute verstehen Sie nicht Wenn Sie von Ihrer Wissenschaft etwas
erzählen wollten meine Knechte würden vor Ihnen stehen wie Neger Ist das ein
gesunder Zustand Und ich sage Ihnen solange dieser Zustand dauert sind wir
noch kein rechtes Volk«
»Wenn Ihre Worte einen Vorwurf gegen meinen Beruf enthalten« erwiderte der
Professor »so sind sie ungerecht Gerade jetzt ist man eifrig bemüht was in
der Arbeitstube der Gelehrten gefunden wird auch dem Volke zugänglich zu
machen Dass dafür nach mancher Richtung noch mehr geschehen sollte leugne ich
nicht Aber zu allen Zeiten hat ernste wissenschaftliche Forschung selbst wenn
sie zunächst nur einem sehr kleinen Kreise verständlich ist ganz unsichtbar und
in der Stille Seele und Leben des gesammten Volkes beherrscht Sie bildet die
Sprache sie richtet die Gedanken sie formt allmählich Sitte Rechtsgefühl und
Gesetz nach den Bedürfnissen jeder Zeit Nicht nur die praktischen Erfindungen
und der steigende Wohlstand werden durch sie möglich auch was Ihnen nicht
weniger wichtig erscheinen wird die Gedanken des Menschen über sein eigenes
Leben die Art wie er seine Pflichten gegen Andere übt der Sinn in welchem er
Wahrheit und Lüge auffasst das alles verdankt jeder von uns der Gelehrsamkeit
seines Volkes wie wenig er sich auch um die einzelnen Forschungen kümmern möge
Und lassen Sie mich einen alten Vergleich gebrauchen Die Wissenschaft ist wie
ein großes Feuer das in einem Volke unablässig unterhalten werden muss weil ihm
Stahl und Stein unbekannt sind Ich gehöre zu denen welche die Pflicht haben
immer neue Scheite in das große Feuer zu werfen Andere haben die Aufgabe die
heilige Flamme durch das Land in Dörfer und Hütten zu tragen Jeder der an der
Verbreitung des Lichtes arbeitet hat sein Recht und keiner soll von dem Andern
gering denken«
»Darin liegt Wahrheit« sagte der Landwirt aufmerksam
»Wenn das große Feuer nicht brennt« fuhr der Professor fort »werden die
einzelnen Flammen sich auch nicht verbreiten können Und glauben Sie mir was
einen ehrlichen Gelehrten bei den schwierigsten Untersuchungen unter denen ihm
das Leben dahinschwindet immer erhebt und stärkt das ist gerade die
unerschütterliche Überzeugung welche durch lange Erfahrung tausendfach
bestätigt ist dass seine Arbeit zuletzt doch der ganzen Menschheit zu Gute
kommt sie hilft nicht immer neue Maschinen erfinden und neue Culturpflanzen
entdecken sie ist deshalb nicht weniger wirksam für Alle auch wo sie lehrt
was wahr und unwahr was schön und hässlich was gut und schlecht ist In diesem
Sinne macht sie Millionen freier und dadurch besser«
»Ich sehe wenigstens aus Ihren Worten« sprach der Landwirt »dass Sie Ihren
Beruf hoch halten Und das freut mich überall denn das ist die Art eines
tüchtigen Mannes«
Bei dieser Unterredung wurde beiden Männern behaglicher zu Mute Der
Inspector erhob sich und im Nu rückten sämtliche Stühle der Würdenträger und
der Kinder die Mehrzahl der Tischgäste verließ das Zimmer Nur der Wirt Ilse
und die Gäste saßen noch einige Minuten beieinander jetzt in ruhiger
fortrollender Unterhaltung Dann ging man in das Nebenzimmer zu dem
angerichteten Kaffetisch Ilse schenkte ein und der Landwirt betrachtete von
seinem Sitze die unerwarteten Gäste
Der Professor setzte die leere Tasse hin und begann »Unsere Aufgabe hier
ist beendigt wir haben Ihnen für die gastliche Aufnahme zu danken Ich möchte
aber nicht scheiden ohne Sie noch einmal an das zu erinnern «
»Warum wollen Sie jetzt fort« unterbrach ihn der Landwirt »Sie haben heut
schon einen längeren Weg gemacht Sie finden weder in der Stadt noch in den
Dörfern dahinter ein erträgliches Unterkommen und in dem Drang der Ernte
vielleicht nicht einmal eine Fuhre Lassen Sie sichs zur Nacht hier gefallen
wir haben ohnedies noch unser Gespräch von heut Morgen aufzunehmen« fügte er
mit Laune hinzu »und mir liegt daran dass wir in gutem Einvernehmen scheiden
Sie begleiten mich ein Stück in das Feld wo ich allerdings nötig bin Wenn ich
auf das Vorwerk reite mag Ilse wieder meine Stelle vertreten Am Abend sprechen
wir dann ein verständiges Wort miteinander«
Die Freunde waren bereit auf diesen Vorschlag einzugehen In gutem
Einvernehmen schritten die Männer durch das Erntefeld Der Professor freute sich
über die großen Ähren einer neuen Art Gerste welche noch ungemäht dicht wie
Rohr vor ihnen stand und der Landwirt sprach bedächtige Worte über diese
anspruchsvolle Halmfrucht des deutschen Landmanns Sie blieben stehen wo gerade
die Arbeiter beschäftigt waren Dann trat zuerst der Beamte der die Aufsicht
führte dem Gutsherrn entgegen und berichtete darauf schritten sie über die
Stoppeln zu den Garben der schnelle Blick des Landwirts übersah die
zusammengelegten Mandeln die emsigen Leute und die harrenden Rosse am
Erntewagen die Freunde aber betrachteten mit Anteil wie der Herr des Gutes
mit seinen Beamten und Arbeitern verkehrte kurze Befehle und beflissene
Antworten Eifer der schaffenden Leute und frohe Mienen wenn sie die Zahl der
Garben meldeten überall ein wohlgefügtes Wesen sichere Kraft ein wackeres
Zusammengreifen Sie kehrten zurück mit Achtung vor dem Manne der in seinem
kleinen Reiche so fest herrschte Auf dem Rückwege blieben sie bei den Füllen
stehen welche sich hinter der Scheuer auf eingezäuntem Raum tummelten und als
der Doctor vor andern zwei galoppirende Braune rühmte fand sichs dass er
richtig die besten Pferde gelobt hatte und der Landwirt lächelte ihm
wohlwollend zu Am Eingang des Hofes führte ein Knecht das Reitpferd einen
mächtigen Rappen von starken Gliedern und breiter Brust der Doctor klopfte den
Hals des Tieres der Landwirt sah nach dem Riemzeug »Ich bin ein schwerer
Reiter« sagte er »und habe Not ein dauerhaftes Tier zu finden« Er schwang
sich wuchtig in den Sattel und griff an seine Mütze »Auf Wiedersehen heut
Abend« Und sehr stattlich sahen Ross und Reiter aus als sie den Feldweg entlang
trabten
»Das Fräulein erwartet Sie« sagte der Reitknecht »ich soll Sie zu ihr
führen«
»Haben wir Fortschritte gemacht oder nicht« frug der Doctor lachend den
Arm des Freundes fassend
»Ein Kampf hat begonnen« erwiderte der Freund ernstaft »wer mag sagen
wie der Ausgang sein wird«
Ilse saß von den Kindern umgeben in einer Gaisblattlaube des Gartens Es war
ein herzerfreuender Anblick das junge blondhaarige Geschlecht beieinander zu
sehen Die Mädchen saßen neben der Schwester die Knaben trieben spielend um die
Laube große Vesperbrote in der Hand Sieben frische wohlgeformte Gesichter
einander ähnlich wie Blüten desselben Baumes und doch jedes Leben in einem
andern Zeitraum seiner Entfaltung von Franz dessen runder Kinderkopf einer
lustigen Knospe glich bis zu der schönen Fülle in Antlitz und Gliedern welche
in der Mitte saß am hellsten durch das gebrochene Licht der Sonne beleuchtet
Wieder erregte den Freunden das Aussehen des Mädchens der Klang ihrer Worte das
Herz als sie den kleinen Franz zärtlich schalt weil er dem Bruder das
Butterbrot aus der Hand geschlagen hatte Wieder starrten die Kinder misstrauisch
auf die Fremden aber der Doctor beseitigte das Ceremoniel der ersten
Bekanntschaft indem er Franz bei den Beinen nahm auf seine Schultern setzte
und sich mit seinem Reiter in der Laube niederließ Der kleine Bursch saß einige
Augenblicke betroffen auf seiner Höhe und die Kinder lachten laut dass er so
erschrocken aus runden Augen auf den fremden Kopf zwischen seinen Beinchen
herabsah Aber das Gelächter der Andern machte ihm Mut er begann lustig mit
den Beinen zu baumeln und schwenkte sein Vesperbrot triumphierend um die Locken
des Fremden So war die Bekanntschaft gemacht wenige Minuten darauf fuhr der
Doctor mit den Kindern durch den Garten ließ sich jagen und suchte die
Jauchzenden zwischen den Beeten zu fangen
»Ists Ihnen recht so möchte ich Sie an eine Stelle führen wo wir am
liebsten auf unser Haus hinsehen« sagte Ilse zum Professor Von den Kindern
umschwärmt schritten die Großen den Weg hinab der zur Kirche führte und bogen
um den Friedhof herum Der Fels auf welchem die Gebäude des Gutes lagen senkte
sich hier steil in ein schmales Tal das von der andern Seite durch einen
höheren Bergrücken eingeengt wurde Ein gewundener Fußpfad lief in den Grund
hinab dort umsäumte ein Wiesenstreif das strudelnde Wasser des Baches Aus
dieser Tiefe zog sich der Pfad auf der andern Seite wieder in den Laubwald
hinein unter Goldweiden und Erlen stiegen sie einige hundert Schritt hinan Vor
ihnen erhob sich aus dem Geröll und Gebüsch ein Felsblock sie traten um die
Ecke und standen an einer Steingrotte Der Felsen bildete Portal und Wände einer
Höhle welche etwa zehn Schritt in den Berg hineinreichte Der Boden war eben
mit weißem Sand bedeckt Brombeeren und wilde Rosen hingen von oben über den
Eingang herab gerade in der Mitte hatte sich ein großer Busch Weidenröschen
angesiedelt er stand mit seinen dichten Blütenrispen wie ein roter
Federschmuck über dem Felsbogen der Grotte Die Spur einer alten Mauer an der
Seite verriet dass die Höhle wohl einmal in arger Zeit die Zuflucht Bedrängter
oder Gesetzloser gewesen war am Eingange lag ein Stein dessen Oberfläche zu
einem Sitze geebnet war in der Dämmerung des Hintergrundes stand eine steinerne
Bank
»Dort ist unser Haus« sagte Ilse und zeigte über das Tal nach der Höhe wo
hinter den Obstbäumen des Gartens das Giebelhaus emporstieg »Hier sind wir im
Gebirge Sie sehen der Hof ist so nahe dass man einen lauten Ruf von drüben bei
stiller Luft hören kann«
Aus dem Dämmerlicht der Höhle sahen die Freunde in das helle Licht des
Tages auf das Steinhaus und auf die Bäume welche seinen Fuß umgrenzten »Jetzt
ist es still im Walde« fuhr Ilse fort »die Vögel sind fast alle verstummt die
kleinen fliegen am Rande des Holzes und suchen reifen Samen denn ihr Hauswesen
ist zu Ende sie leben jetzt in der großen Gesellschaft Auch die im Garten zahm
waren werden ausgelassen und kümmern sich wenig um den Menschen und sein
Futter«
»Dort rauscht es leise wie gurgelndes Wasser«sagte der Professor
»Ein Quell fließt nebenbei über Steine herab« erklärte Ilse »Jetzt ist er
schwach aber im Frühjahr strömt vieles Wasser von dem Berge zusammen Dann ist
das Rauschen laut und der Bach im Tale fährt wild über die Steine dann
überdeckt er auch die Wiesen dort unten er füllt den ganzen Grund und steigt
bis an das Gebüsch Hier aber ist für uns alle in warmen Tagen ein lieber
Aufenthalt Als der Vater das Gut kaufte war die Höhle verwachsen der Eingang
mit Steinen und Erde verschüttet und die Eulen wohnten darin Und der Vater hat
den Platz gesäubert«
Der Professor trat neugierig in den Raum und schlug mit dem Stock an den
rötlichen Felsen Ilse sah ihn von der Seite an Jetzt bekommt auch er das
Suchen dachte sie bekümmert »Es ist alles altes Gestein« sagte sie
beruhigend
Der Doctor war mit den Kindern um die Höhle herumgeklettert er machte sich
von Hans los der ihm gerade anvertraute dass er weiter unten in dichtem
Erlengestrüpp das leere Nest einer Beutelmeise wisse
»Das ist ein wundervoller Ort für die Sagen der Gegend« rief er bewundernd
»es gibt keine schönere Heimat für die Geister des Tales«
»Die Leute reden dummes Zeug davon« entgegnete Ilse abweisend »Hier sollen
kleine Zwerge wohnen und sie sagen man kann ihre Fusstapfen im Sande erkennen
und Vater hat den Sand doch erst hineinfahren lassen Aber die Leute fürchten
sich doch und wenn der Abend kommt gehen die Frauen und Kinder der Arbeiter
nicht gern vorüber Uns aber verbergen sies denn der Vater leidet den
Aberglauben nicht«
»Ich sehe die Zwerge stehen hier nicht in Gunst« erwiderte der Doctor
»Da es keine gibt soll man nicht daran glauben« versetzte Ilse eifrig
»Unsre Leute möchten es wohl noch gern tun Der Mensch soll an das glauben was
die Bibel lehrt nicht an wildes Zeug das wie sie im Dorfe sagen durch den
Wald und die Nacht dahinfährt Neulich war eine alte Frau im nächsten Dorfe
krank kein Mensch trug ihr Essen recht hässlich haben sie sich über ihre
Niederlage gefreut weil sie meinten das arme Weib könne sich in eine schwarze
Katze verwandeln und dem Vieh schaden Als wir es erfuhren drohte der Frau die
Gefahr in Einsamkeit umzukommen Und deshalb ist es hässliches Geschwätz«
Der Doctor hatte sich unterdes die Zwerge in der Brieftasche angemerkt sah
aber jetzt ohne Freude auf Ilse die aus dem Hintergrund der Höhle sprach in
dem gebrochenen Scheine zwischen Fels und Licht selbst einem Sagenbilde ähnlich
»Der alte Scheich Abraham und der Gauner Jacob der seinen blinden Vater mit dem
Bocksfell an den Aermeln betrügt sind ihr ganz recht aber unser Schneewittchen
gilt ihr für hässliches Zeug« Er steckte die Brieftafel ein und ging mit Hans
zur Behausung der Beutelmeise
Der Professor hatte mit Ergötzen den stillen Ärger des Freundes beobachtet
aber Ilse wandte sich auch zu ihm »Mich wundert dass Ihr Freund solche
Geschichten aufschreibt das ist nicht gut dergleichen muss in Vergessenheit
kommen«
»Sie wissen dass er selbst nicht daran glaubt« erwiderte der Professor
entschuldigend »was er aber darin findet das sind nur alte Überlieferungen
des Volkes Denn diese Sagen sind in einer Zeit entstanden wo noch unser ganzes
Volk an diese Geister ebenso glaubte wie jetzt an die Lehren der Bibel Er
sammelt solche Erinnerungen um zu erkennen wie Glaube und Poesie unserer
Vorfahren war«
Das Mädchen schwieg »Das gehört also auch zu dem was Sie heut Mittag von
Ihrer Arbeit sagten« begann sie nach einer Weile
»Es gehört auch dazu«
»Es hörte sich gut an« fuhr Ilse fort »denn Sie sprechen anders als wir
Sonst wenn man von Einem sagte er spricht wie gedruckt meinte ich immer es
sei ein Vorwurf aber es ist das richtige Wort« setzte sie leiser hinzu »und
es macht Freude zu hören« dabei sah sie aus der Tiefe der Grotte mit ihren
großen Augen auf den Gelehrten der am Eingange stand an den Stein gelehnt
hell von den Strahlen der Sonne beschienen
»Es gibt aber auch sehr viele Bücher welche schlecht schwatzen« antwortete
der Professor lachend »und nichts ermüdet so sehr als lange Buchweisheit aus
lebendigem Munde«
»Ja ja« bestätigte Ilse »wir haben auch eine Bekannte welche eine
gelehrte Frau ist Wenn die Frau Oberamtmann Rollmaus uns des Sonntags besucht
so setzt sie sich auf dem Sopha zurecht und greift mit einem Gespräch den Vater
an Der Vater mag sich winden wie er will um ihr zu entgehen sie weiß ihn
fest zu halten über Engländer und Tscherkessen über Kometen und die Dichter
Aber die Kinder sind dahinter gekommen dass sie ein Lexikon für Konversation
hat daraus nimmt sie Alles Und wenn sich in einem Lande etwas ereignet oder
die Zeitung von etwas Lärm macht so liest sie im Lexikon darüber nach Wir
haben dasselbe Buch angeschafft und wenn ihr Besuch bevorsteht so wird
überlegt welcher Name gerade an der Zeit ist Dann schlagen die Kinder vorher
am Sonnabend Abend diese Sache auf und lesen vor was nicht gar zu lang ist Und
auch der Vater hört zu und sieht auch wohl noch selbst in das Buch Und am
andern Tage haben die Kinder ihre Freude daran wenn der Vater die Frau
Oberamtmann mit ihrem eigenen Buche überwindet Denn unser Buch ist neuer ihres
ist schon alt und die neuen Begebenheiten stehen nicht darin von diesen weiß
sie wenig«
»Also der Sonntag ist die Zeit wo man hier Ehre einlegen könnte« sagte der
Professor
»Im Winter sieht man sich auch manchmal in der Woche« fuhr Ilse fort »Aber
es ist nicht viel Verkehr in der Umgegend Und wenn einmal ein Besuch kommt der
uns gute Gedanken zurücklässt so sind wir dankbar und wir bewahren sie in treuem
Herzen«
»Die besten Gedanken sind doch welche dem Menschen aus seiner eigenen
Tätigkeit aufsteigen« sagte der Professor rücksichtsvoll »Das Wenige was ich
von dem Gute hier gesehen mahnt wie schön das Leben gedeihen kann auch wenn
es weit von dem lauten Geräusch des Tages abliegt«
»Das war ein freundliches Wort« rief Ilse »Und einsam ist es hier auch
nicht und wir kümmern uns auch um die Landsleute draußen und um die große Welt
Wenn die Herren Landwirte zum Besuch kommen wird nicht immer von der
Wirtschaft gesprochen und es fällt wohl etwas für uns jüngere ab Und dann ist
unser lieber Herr Pastor der uns auch zuweilen aus der Fremde erzählt und mit
uns zusammen die Zeitungen liest welche der Vater hält Und wenn darin zu
Beiträgen für einen guten Zweck aufgefordert wird dann sind die Kinder am
schnellsten bei der Hand und jedes gibt sein Scherflein vom Ersparten der Vater
aber reichlich Und Hans als der älteste sammelt und hat das Recht solches Geld
einzupacken und in den Brief setzt er die Anfangsbuchstaben eines Jeden der
dazu gegeben hat Kommt dann später im Gedruckten eine Quittung so sucht jedes
zuerst seinen Buchstaben Mehrmals war einer falsch gedruckt dann sind die
Kinder ärgerlich«
Aus der Ferne hörte man Ruf und Lachen der Kinder welche mit dem Doctor von
ihrem Ausflug zurückkehrten Das Mädchen erhob sich der Professor trat zu ihr
und sagte mit warmer Empfindung »Sooft mir einst die Bilder dieses Tages
lebendig werden wird mein Herz voll Dank dieser Stunde gedenken wo Sie zu
einem Fremden so ehrlich über Ihr glückliches Leben gesprochen haben«
Ilse sah ihn mit unschuldigem Vertrauen an »Sie sind mir nicht fremd ich
sah Sie ja am Grabe des Kindes«
Der fröhliche Schwarm schloss beide in die Mitte und zog weiter das Tal
hinauf
Es war Abend als sie zum Hause zurückkehrten wo der Landwirt sie bereits
erwartete Nach dem Abendbrot saßen die Erwachsenen noch eine Stunde zusammen
Die Fremden erzählten von ihrer Stadt und Neuigkeiten aus der Welt dann wurde
wie Männern ziemt auch über Politik gesprochen und Ilse freute sich dass ihr
Vater und die Fremden sich darin vortrefflich verstanden Als der Kuckuck über
der Hausuhr die zehnte Stunde ausrief trennte man sich mit freundlichem
Nachtgruss
Das Hausmädchen hatte den Fremden zur Ruhe geleuchtet Ilse saß auf dem
Stuhl die Hände im Schoss gefaltet und sah schweigend vor sich hin Der
Gutsherr kam aus seinem Zimmer und nahm den Nachtleuchter vom Tisch »Bist noch
wach Ilse Nun wie gefallen dir die Fremden«
»Gut Vater« sagte das Mädchen leise
»Sie sind nicht so dumm als sie aussehen« sagte der Wirt auf und abgehend
»Das von dem großen Feuer war recht« wiederholte er »und das über unsere
kleinen Regierungen war auch recht Der Jüngere wäre ein guter Schullehrer
geworden und der Große es ist beim Himmel schade dass er nicht ein vier Jahr
Wasserstiefeln getragen hat er wäre ein gescheidter Inspektor Gute Nacht
Ilse«
»Gute Nacht Vater«
Die Tochter erhob sich und folgte dem Vater an die Tür »Bleiben die
Fremden morgen hier Vater«
»Hm« sagte der Wirt nachdenkend »Über Mittag bleiben sie jedenfalls ich
will ihnen doch das Vorwerk zeigen Sorge für etwas Ordentliches zum Essen«
»Vater der Professor hat noch nie in seinem Leben ein Spanferkel gegessen«
sagte die Tochter
»Ilse wo denkst du hin meine Ferkel wegen des Tacitus« rief der
Landwirt »Nein damit komm mir nicht bleibe bei deinem Federvieh Halt noch
eins reiche mir den Band T aus dem Schranke ich will doch einmal über den
Burschen nachlesen«
»Hier Vater ich weiß wo es steht«
»Sieh doch« sagte der Vater »Frau Oberamtmann Rollmaus gute Nacht«
Der Doctor sah durch das Fenster in den dunklen Hof Schlaf und Frieden lag
über dem weiten Raum aus der Ferne klang der Schritt des Wächters der die
Hofstätte umkreiste dann bellte halblaut der Hofhund »Da stehen wir« sagte er
endlich »zwei echte Abenteurer in der feindlichen Burg Ob wir etwas daraus
forttragen ist sehr zweifelhaft« fügte er hinzu seinen Freund bedenklich
anlächelnd
»Es ist zweifelhaft« sagte der Professor mit großen Schritten die Stube
durchmessend
»Was hast du Felix« frug Fritz besorgt nach einer Pause »du bist
zerstreut das ist sonst nicht deine Art«
Der Professor blieb stehen »Ich habe dir nichts zu sagen Es sind starke
aber unklare Empfindungen welche ich zu bewältigen suche Ich fürchte dieser
Tag hat eine Bedeutung gewonnen gegen welche ein vernünftiger Mann sich zu
wehren hat Frage mich nicht weiter Fritz« fuhr er fort und drückte diesem
kräftig die Hand »ich fühle mich nicht unglücklich«
Fritz versank in Bekümmernis setzte sich zu seinem Bett und spähte nach
einem Stiefelknecht »Wie gefällt dir unser Wirt« fragte er kleinlaut und
ließ um sorglos zu erscheinen den Stiefel im Holze knarren
»Ein tüchtiger Mann« erwiderte der Professor wieder stehenbleibend
»seine Art ist anders als wirs gewöhnt sind«
»Es ist altsächsischer Stamm« setzte der Doctor das Gespräch fort »breite
Schultern Hünenwuchs offene Züge Wucht in jeder Bewegung Auch die Kinder
sind von derselben Art« fuhr er fort »die Tochter hat etwas von einer
Tusnelda«
»Der Vergleich passt nicht« entgegnete der Professor rau und setzte seinen
Marsch fort
Fritz spannte den zweiten Stiefel in das Joch und knarrte in den leisen
Missklang hinein »Wie gefällt dir der älteste Knabe Er hat ganz das helle Haar
seiner Schwester«
»Das ist gar nicht zu vergleichen« sagte der Professor wieder kurz
Fritz setzte die beiden Stiefeln vor das Bett sich selbst auf den Bettrand
und begann entschlossen »Ich bin bereit deine Stimmung zu achten auch wenn
sie mir nicht ganz verständlich ist aber ich bitte dich doch daran zu denken
dass wir diese Gastfreundschaft uns eigentlich erzwungen haben und dass wir sie
nicht über die Frühstunden des nächsten Tages in Anspruch nehmen dürfen«
»Fritz« rief der Professor mit tiefer Empfindung »du bist mein
zartfühlender lieber Freund habe heut Geduld mit mir« und dabei wandte er sich
wieder um und trat das Gespräch abbrechend an das Fenster
Fritz geriet vor Sorgen ganz außer sich dieser großartige Mann sicher in
allem was er schrieb voll von Rat und festem Entschluss vor den dunkelsten
Textstellen und jetzt arbeitete in ihm was sein ganzes Wesen erschütterte
Wie durfte dieser Mann so gestört werden Er sah mit majestätischer Klarheit in
eine Vergangenheit von mehren tausend Jahren zurück und jetzt stand er am
Fenster einem Kuhstall gegenüber und ein Ton klang durch das Zimmer wie
Seufzen Was sollte daraus werden Diesen Gedanken wälzte der Doctor unablässig
hin und her
Lange ging der Professor mit großen Schritten auf und ab Fritz stellte sich
schlafend sah aber unter der Bettdecke hervor immer wieder auf den kämpfenden
Freund Endlich löschte der Professor das Licht und warf sich auf das Lager
Bald verrieten seine tiefen Atemzüge dass die wohltätige Natur auch dies
pochende Herz für einige Stunden zu leisem Schlage gebändigt hatte Aber der
Kummer des Doctors hielt hartnäckiger Stand Von Zeit zu Zeit erhob er den
Oberleib aus den Kissen suchte tastend seine Brille vom nächsten Stuhle ohne
die er den Professor nicht ersehen konnte und spähte durch die runden Gläser
nach dem andern Bette hinüber nahm die Brille wieder in leisem Seufzen ab und
legte sich in die Kissen zurück Diesen Act der Freundschaft wiederholte er
mehre Male bis auch er in festen Schlaf verfiel kurz bevor die Sperlinge im
Rebenlaub ihren Morgengesang anstimmten
5
Zwischen Herden und Garben
Die Hofuhr schlug Wagen rollten vor dem Fenster die Glöckchen der Herde
läuteten als die Freunde erwachten Einen Augenblick sahen sie erstaunt auf die
Wände des fremden Zimmers und durch das Fenster in den sonnigen Garten Während
der Doctor Notizen einschrieb und das Bündel schnürte trat der Professor hinaus
in das Freie Draußen hatte längst das Tagewerk begonnen Beamte und Gespanne
waren auf das Feld gezogen geschäftig eilte der Hofverwalter um die offenen
Scheuern die Schafe drängten sich blökend vor dem Stall zusammen von den
Hunden umkreist
Die Landschaft glänzte im Licht eines wolkenlosen Himmels Über dem Boden
schwebte noch der Dämmer welcher das Licht der deutschen Sonne auch an hellen
Morgen bändigt und mit seinem Grau versetzt Noch warfen Häuser und Bäume lange
Schatten die Kühle der tauigen Nacht haftete an den schattigen Stellen und die
kleinen Luftwellen trieben bald die Wärme des jungen Tageslichts bald den
erfrischenden Hauch der Nacht dem Gelehrten an die Wange
Er schritt um die Gebäude und den Hofraum um sich die Stätte zu begrenzen
die er von jetzt als eine fremdartige Erinnerung in der Seele tragen sollte Die
Menschen welche hier wohnten hatten ihm zögernd ihr Wesen aufgeschlossen
Manches in diesem einfachen Leben zwischen Haus und Flur erschien ihm lieb und
begehrenswert Was hier Tätigkeit gab Eindrücke und Willen das konnte er zum
größten Teil mit seinen Augen übersehen denn die Aufgaben für jedes Leben die
Pflichten des Tages wuchsen aus dem Hofe und den Beeten der Landschaft nach der
Ackerscholle formten sich die Ansichten über das Fremde beschränkte sich das
Urteil Und lebhaft empfand er wie tüchtig und glücklich die Menschen leben
konnten denen das eigene Sein so fest verwachsen war mit der Natur und den
uralten Bedürfnissen der Menschen Er selbst aber welch andere Gewalten
regierten sein Leben Er wurde geführt durch tausend Einwirkungen alter und
neuer Zeit nicht selten durch Gestalten und Zustände der fernsten
Vergangenheit Denn was der Mensch treibt ist ihm mehr als vergängliche Arbeit
des Tages und Alles was er getan wirkt als ein Lebendiges in ihm fort der
Naturforscher welchen die Sehnsucht nach einer seltenen Pflanze auf die steile
Höhe führt von der er den Rückweg nicht findet der Soldat den die Erinnerung
an alte Kampfaufregung in neue Schlachten wirft sie werden geleitet durch die
Gewalt der Gedanken welche ihre Vergangenheit in ihnen lebendig gemacht hat
Natürlich der Mensch ist kein Sklave dessen was er gelebt hat wenn er sich
nicht dazu erniedrigt sein Wille ist frei er wählt was er mag und zerwirft
was er nicht bewahren will Aber die Gestalten und Bilder welche einmal in
seine Seele gefallen sind arbeiten doch unablässig ihn zu leiten oft hat er
sich gegen ihre Herrschsucht zu wehren in tausend Fällen folgt er fröhlich
ihrem leisen Zuge Alles was war und Alles was ist das lebt über seine
Erdentage hinaus fort in jedem neuen Dasein worein es zu dringen vermag es
wirkt vielleicht in Millionen durch lange Zeiten die Einzelnen und die Völker
bildend erhebend verderbend So werden die Geister der Vergangenheit die
Gewalten der Natur auch was man selbst geschaffen und erdacht hat ein
unveräusserlicher Leben wirkender Bestandteil der eigenen Seele Und lächelnd
sah der Gelehrte wie fremde tausend Jahr alte Erinnerungen ihn selbst hierher
unter Landsleute geführt hatten und wie dem Manne der hier herrschte so sehr
verschiedene Tätigkeit den Sinn und das Urteil weit anders gestaltete
Zwischen seine Gedanken tönte behaglich aus dem Stall das Brummen der
Rinder Aufblickend sah er eine Reihe geschürzter Mägde welche die vollen
Milcheimer nach dem Gewölbe trugen Hinter ihnen ging Ilse im einfachen
Morgenkleid das blonde Haar glänzte gegen die Sonne wie gesponnenes Gold
frisch und kräftig schritt sie dahin wie der junge Tag Der Gelehrte empfand
Scheu an sie zu treten er sah ihr sinnend nach auch sie war eine der
Gestalten welche fortan in seinem Innern fortleben sollten ein Bild seiner
Träume vielleicht seines Wunsches Wie lange wie mächtig Er ahnte nicht
dass seine römischen Kaiser schon in der nächsten Stunde tätig sein sollten
diese Frage zu beantworten
Quer über den Hof kam der Landwirt er rief ihm den Morgengruß zu und frug
ob der Professor ihn auf einem kurzen Gange ins Feld begleiten wolle Als die
Beiden nebeneinander der Sonne entgegen schritten beide tüchtige Männer und
doch so verschieden an Haupt und Gliedern in Haltung und Inhalt da hätte wohl
Mancher den Gegensatz mit warmem Anteil betrachtet und nicht zuletzt Ilse
aber wer nicht die Augen eines Schatzgräbers oder Geisterbanners hatte der
konnte doch nicht bemerken wie verschiedenartig das unsichtbare Gefolge kleiner
Geister war welches beiden um Schläfe und Schultern flatterte Schwärmen
unzählbarer Vögel oder Bienen vergleichbar Die Geister des Landwirts waren in
heimischer Wirtschaftstracht blaue Kittel oder flatternde Kopftücher darunter
wenige Gestalten in den unbestimmten Gewändern von Glaube Liebe Hoffnung
Hingegen um den Professor schwärmte ein unabsehbares Gewühl fremder Gebilde mit
Toga und antiken Helmen in Purpurgewand und griechischer Chlamys auch nacktes
Volk in Atletentracht und solche mit Rutenbündeln und mit zwei Flederwischen
an den Hüten Das kleine Gefolge des Landwirts flog unablässig auf die
Ackerbeete und wieder zurück der Schwarm des Gelehrten achtete nicht sehr
darauf und hielt sich gesammelt Endlich blieb der Landwirt vor einem Flurstück
stehen sah liebevoll darauf und erzählte dass er dies Stück durch Unterpflügen
grüner Lupinen einer damals neu eingeführten Kultur gedüngt habe Der
Professor hielt überrascht an In seinem Gefolge entstand ein
Durcheinanderschwärmen ein kleiner antiker Geist flog an die nächste Erdscholle
und zog vom Haupt des Professors ein zartes Gespinnst das er dort anhing
Unterdes erzählte der Professor dem Landwirt wie das Unterackern der grünen
Hülsenfrucht einst bei den Römern bräuchlich gewesen und wie er erfreut sei
dass jetzt nach anderthalb Jahrtausenden dieser alte Fund in unsern Wirtschaften
wiederum entdeckt sei dabei kam man auf die Veränderungen im Landbau und der
Professor erwähnte wie auffallend ihm gewesen sei dass dreihundert Jahre nach
Beginn unserer Zeitrechnung die Getreidebörse in den Häfen des schwarzen Meeres
und Kleinasiens so große Ähnlichkeit mit der modernen von Hamburg und London
gehabt habe während jetzt dort im Osten auch viele andere Culturpflanzen gebaut
würden Und endlich berichtete er ihm gar von einem Waarentarif den ein
römischer Kaiser aufgestellt hatte und dass gerade die Preise des Weizens und
der Gerste der beiden Früchte von denen damals die übrigen Preise und Löhne
abgehangen hätten auf dem erhaltenen Steine zerstört wären Und er setzte
hübsch auseinander weshalb dieser Verlust so sehr zu bedauern sei Da ging
wieder dem Landwirt das Herz auf und er versicherte dem Professor das sei gar
nicht übermäßig zu beklagen denn man könne diese verlorenen Werte aus den
Preisen der übrigen Früchte mit Halm und Hülse sicher bestimmen weil alle
Früchte untereinander im Großen betrachtet ein festes und altes Wertverhältniss
haben Er gab diese Verhältnisse ihres Nahrungswertes in Zahlen an und der
Professor erkannte mit freudigem Erstaunen dass sie wohl auf den Tarif seines
alten Kaisers Diocletian passen könnten
Während die Männer diese anscheinend gleichgültige Unterhaltung führten
flog ein bösartig aussehender Genius wahrscheinlich Kaiser Diocletianus selber
vom Professor hinüber unter die bäuerliche Genossenschaft des Landwirts
stellte sich in seinem Purpurgewand mitten auf den Kopf des Herrn stampfte mit
den Beinchen an die Hirnschale und veranlasste dem Landwirt die Empfindung dass
der Professor ein verständiger und gediegener Mann sei und dass diesem Mann
nützlich sein werde weitere Belehrungen über Wert und Preise der Früchte zu
erhalten Denn es tat dem Landwirt doch sehr wohl dass er dem Gelehrten auf
dessen eigenem Gebiet Bescheid sagen konnte
Als nach einer Stunde die beiden Wanderer zum Hause zurückkehrten blieb der
Landwirt an der Tür stehen und sagte mit einiger Feierlichkeit zum Professor
»Als ich Sie gestern hier einführte wusste ich wenig wen ich vor mir hatte Es
ist mir peinlich dass ich einen Mann wie Sie so unwirsch begrüßt habe Ihre
Bekanntschaft ist mir eine Freude geworden man findet hier selten Jemanden mit
dem man sich über allerlei so aussprechen kann wie mit Ihnen Lassen Sie sichs
da Sie doch eine Erholungsreise machen wollen auf einige Zeit bei uns einfachen
Leuten gefallen Je länger desto besser Es sind freilich jetzt nicht die
Wochen wo der Landwirt seinen Gästen das Haus bequem machen kann Sie würden
vorlieb nehmen müssen Wollen Sie arbeiten und brauchen Sie Bücher wir lassen
sie hierher kommen Und sehen Sie nach ob das bei den Römern nicht etwa
Wintergerste war die ist leichter als unsere Schlagen Sie ein und machen Sie
mir die Freude« Er hielt dem Gelehrten treuherzig die Hand hin
Über das Antlitz des Professors fuhr es wie ein helles Licht Er ergriff
lebhaft die Hand des Gastfreundes »Wenn Sie meinen Freund und mich noch einige
Tage behalten wollen ich nehme Ihre Einladung von ganzem Herzen an Ich darf
Ihnen sagen dass mir der Einblick in einen neuen Kreis menschlicher Interessen
wertvoll ist noch weit mehr aber das Wohlwollen welches uns hier
entgegenkommt«
»Abgemacht« rief der Landwirt heiter »jetzt rufen wir Ihren Freund«
Der Doctor öffnete seine Tür Als der Landwirt mit warmen Worten die
Einladung gegen ihn wiederholte sah er einen Augenblick ernstaft nach dem
Freund hinüber Da dieser ihm freundlich zunickte nahm auch er für die Tage an
welche ihm vor dem beschlossenen Besuch bei Verwandten noch frei waren So
geschah es dass Kaiser Diocletianus fünfzehnhundert Jahre nachdem er die Erde
unfreiwillig verlassen hatte seine tyrannische Macht an dem Professor und dem
Landwirte ausübte Ob noch andere geheime Arbeit antiker Gewalten dabei tätig
war ist nicht erforscht
Ilse hörte schweigend den Bericht des Vaters dass die Herren noch einige
Zeit ihre Gäste sein wollten aber ihr Blick fiel so klar und warm auf die
Fremden dass diese freudig fühlten sie seien auch hier willkommen
Sie waren von dieser Stunde wie alte Bekannte eingeführt in das Leben des
Hauses und beiden die nie auf dem Lande gelebt war als müsste das sein und
als wären sie selbst zurückgekehrt in eine Heimat in der sie sich schon einmal
vor Jahren getummelt hatten Es war ein geschäftiges Treiben und doch lag auch
jetzt wo die Arbeit heiß drängte so heitere Ruhe darüber Ohne viele Worte
sicher verbunden wirkten die Menschen in Haus und Hof nebeneinander Das
Tageslicht war der oberste Schirmvoigt der aufgehend zur Arbeit trieb
erlöschend die Spannung der Glieder löste Wie die Arbeiter nach dem Himmel
sahen um ihre Werkstunden zu ermessen so richteten Sonne und Wolke auch die
Stimmungen des Tages nach ihrem Zuge bald Behagen bald Sorge darnieder
sendend Und langsam und leise wie die Natur die Blüten aus dem Boden treibt
und die Früchte zeitigt wuchsen auch die Empfindungen der Menschen dort zu
Blüte und Frucht Im friedlichen Zusammenleben aus kleinen Eindrücken setzt
sich das Verhältnis der Tätigen zueinander zurecht Wenige warme Worte ein
freundlicher Blick der kurze Anschlag einer Saite welche im Innern lange
nachtönt genügen zwischen Garben und Herden zwischen Auszug und Heimfahrt vom
Felde ein festes Band um verschiedenartige Naturen zu schlingen ein Band
gewebt aus unscheinbaren Fäden aber es erhält dennoch leicht eine Stärke die
durch das ganze Erdenleben dauert
Auch die Freunde umgab der Frieden die alltägliche Tüchtigkeit die kleinen
Bilder des Landes Nur wenn sie das alte Haus betrachteten und der Hoffnung
gedachten welche sie hierher geführt kam ihnen etwas von der Unruhe welche
Kinder vor einer Weihnachtsbescherung empfinden Die still arbeitende Phantasie
warf ihren bunten Schein über Alles was dem Hause angehörte bis herab auf den
Beller Nero der schon am zweiten Tage durch heftiges Schwenken des Schwanzes
den Wunsch ausdrückte auch von ihnen in die Tischgenossenschaft aufgenommen zu
werden
Es war dem Doctor sehr der Beachtung wert wie stark sein Freund durch dies
ruhige Leben angezogen wurde und wie fügsam er sich in die Bewohner des Hauses
schickte Der Gutsherr brachte ihm bevor er auf das Vorwerk ritt einige
landwirtschaftliche Bücher und sprach zu ihm über Getreidesorten der Professor
antwortete so bescheiden wie ein junger Herr in Stulpstiefeln und vertiefte sich
sogleich ernstaft in diese fremden Interessen Auch zwischen Ilse und dem
Professor offenbarte sich ein Einvernehmen über dessen Ursache der Doctor
unruhig nachsann Wenn der Professor zu ihr sprach geschah es mit inniger
Verehrung in Stimme und Blick und auch Ilse wandte sich am liebsten zu ihm und
war in der Stille unablässig um sein Behagen bemüht Als er ihr bei Tische ein
Tuch aufhob überreichte er es mit ehrfurchtsvoller Verbeugung wie einer
Fürstin als sie ihm seine Tasse in die Hand gab sah er so glücklich aus als
hätte er den geheimen Sinn einer schwierigen Schriftstelle gefunden Dann am
Abend als er mit dem Vater im Garten saß und Ilse hinter seinem Rücken aus dem
Hause trat verklärte sich sein Angesicht und er hatte sie doch gar nicht
gesehen Und da sie den Kindern das Abendbrot austeilte und den kleinen Franz
wieder schelten musste weil er unartig war sah der Professor plötzlich so
finster drein als ob er selbst ein Knabe wäre den der Unwille der Schwester
bessern sollte Diese Beobachtungen gaben dem Doctor zu denken
Weiter als kurz darauf der wackere Hans dem Doctor den Vorschlag machte
bei einem freundschaftlichen Blindekuhspiel mitzuwirken da nahm Fritz als
selbstverständlich an dass der Professor unterdes den Vater in der Laube
unterhalten werde Er selbst hätte sichs kaum getraut seinen gelehrten Freund
zu dieser Ausschweifung aufzufordern Wie erstaunte er aber als Ilse das Tuch
zusammenlegte zu dem Professor trat und ihn aufforderte sich zuerst als
Blindekuh umbinden zu lassen Und der Professor sah auf dieses Ansinnen ganz
glücklich aus bot Haupt und Hals sanft wie ein Opferlamm der Verhüllung und
ließ sich von Ilse in den Kreis der kleinen Wilden führen Lärmend umringte der
Schwarm den Professor die dreisten Kinder zupften ihn am Rockschoss sogar Ilse
wusste einen Knopf seines Rockes zu fassen und zog leise daran er aber geriet
über dieses Zucken in Aufregung fuhr mit den Händen umher und achtete keinen
Angriff der schwärmenden Jugend nur um die Frevlerin zu ergreifen Als ihm dies
nicht gelang schlug er mit dem Stocke auf und ging wie der blinde Sänger
Demodokus tastend umher um einen Phäaken mit der Stockspitze zu fassen Jetzt
traf er richtig auf Ilse sie aber hielt das Stockende ihrer Schwester hin und
Klara pfiff daran der Professor aber rief »Fräulein Ilse« Und Ilse freute
sich herzlich dass er falsch geraten und der Professor sah darüber sehr
betreten aus
Aber dabei blieb es nicht Dies Landgeschlecht mutete dem Professor ferner
zu den Dritten abzuschlagen als schwarzer Mann zu kommen und ähnliche
anstrengende Übungen bei denen ein Umherhuschen Umwenden Laufen und ein
Hüpfen über die Grenze unvermeidlich war Alles dies machte der Professor recht
lüderlich mit Ja er bewies darin eine Kunstfertigkeit welche die Kinder
bezauberte Er sprang wie ein Knabe über die Buchsbaumbeete unternahm das
Kunststück mit jeder Hand eines zu fangen schlug mit dem zusammengedrehten
Taschentuch kräftigst auf die Rückseite der Knaben und traf Ilsens Hände mit
einem so achtungsvollen Schlag dass Bruder Franz erzürnt ausrief »Das gilt
nicht das war zu wenig« Ilse aber bekannte sich getroffen nahm das Tuch und
schenkte es jetzt dem Professor gar nicht sondern schlug ihn damit herzhaft auf
die Schultern und als er sich erstaunt umdrehte lächelte sie ihm ein wenig zu
und übergab ihm das Tuch wieder
Es war unleugbar die laute Fröhlichkeit der wohlgebildeten Kinder war
ansteckend auch der Doctor wurde bald von einer derben ländlichen Lustigkeit
erfasst Auch er sprang und klatschte in die Hände und boxte während des
gemeinsamen Spiels noch zum Privatvergnügen mit Hans dem ältesten so oft sie
nebeneinander zu stehen kamen Während er selbst lachte und auf einem Beine
herumsprang freute er sich als beobachtender Weiser über die großen und kleinen
Mädchen wie gut ihnen die kräftigen Bewegungen des wilden Spiels standen Denn
es war unverkünstelte Natur und volle Hingabe an das Spiel Wenn Klara die
zweite dem Bruder entlief oder im Kreise umherfuhr so war sie bis auf ihr
bescheidenes Röckchen einer spartanischen Wettläuferin wohl zu vergleichen Als
Ilse darauf am Baum stand und mit der Hand einen Ast über sich fasste um sich zu
stützen so sah ihr gerötetes Antlitz von den Blättern des Nussbaums bekränzt
so schön und glücklich in die Welt dass auch der Doctor ganz davon hingerissen
wurde
Bei solcher Bacchantenstimmung war es nicht zu verwundern dass der Professor
zuletzt Hansen zum Wettlauf herausforderte zweimal im Viereck längs dem Zaune
Unter dem Jubel der Kinder verlor Hans seine Wette wie er selbst behauptete
weil er die innere Seite des Vierecks gehabt hatte aber die allgemeine Stimme
verwarf durchaus diese Entschuldigung Als die Wettläufer wieder bei der Laube
ankamen reichte Ilse dem Professor seinen Überziehrock den sie unterdes vom
Kleiderrechen des Hausflurs geholt hatte »Es wird spät Sie dürfen sich bei uns
nicht erkälten« Und es war gar nicht kalt er aber zog den Rock auf der Stelle
an knöpfte ihn von oben bis unten zu und schüttelte seinen Mitstreiter Hans
vergnügt an den Schultern Darauf setzten sich alle in der Laube nieder um
abzukühlen Hier musste auf die stürmische Forderung der Kleinen unter
allgemeinem Chorgesange ein Taler wandern und von dem strengen Teil der
Familie wurde laut gerügt dass der Taler zweimal zwischen Ilse und dem
Professor auf die Erde fiel weil sie einander den geheimen Läufer nicht fest
genug in die Hand gegeben hatten Durch dies Spiel war die Gesangeslust der
Jugend erweckt worden Klein und Groß sang zusammen aus voller Kehle solche
Lieder welche sich als gemeinsames Gut erwiesen »An der Saale kühlem Strande«
das Mantellied und »die Glocke von Kapernaum« dieses als Kanon Darauf sangen
Ilse und Klara von dem Doctor ersucht zweistimmig ein Volkslied sehr einfach
und schmucklos und vielleicht traf eben deshalb die melancholische Weise das
Herz so dass es nach dem Lied still wurde und die fremden Herren gewissermaßen
gerührt vor sich hinsahn bis der Landwirt die Gäste aufforderte auch etwas
zum Besten zu geben Sogleich stimmte der Professor aus seiner Bewegung
auftauchend mit wohltönendem Basse an »Im kühlen Keller sitz ich hier« dass
die Knaben begeistert die Reste aller Milch austranken und mit den Gläsern auf
den Tisch stampften Wieder äußerte sich die Gesellschaft als Chor sie
unternahmen das liebe alte Fragezeichenlied »des Deutschen Vaterland« soweit
die Kenntnis der Verse reichte und zum Schluss versuchte sich Alles zusammen an
Lützows verwegener Jagd Der Doctor hielt als fester Chorsänger die Melodie bei
den schwierigen Noten schön zusammen und der Refrain klang wundervoll in der
stillen Abendluft die Töne zogen das Weinlaub der Mauer entlang und über die
Gipfel der Obstbäume bis an das Gehölz des nächsten Hügels und kamen von dort
als Echo zurück
Nach diesem Hauptstück trieb Ilse die Kinder zum Aufbruch und geleitete die
Unzufriedenen in das Haus die Männer aber saßen noch lange im Gespräch
zusammen sie hatten miteinander gelacht und gesungen und ihre Herzen waren
geöffnet Der Landwirt erzählte aus seinen früheren Tagen wie er sich da und
dort versucht hatte und endlich hier festgesetzt Der Kampf um das Leben war
auch ihm schwer und langwierig gewesen er erinnerte sich in dieser Stunde gern
daran und sprach darüber in der guten Weise eines tätigen Mannes
So verlief der zweite Tag auf dem Gute zwischen Sonne und Sternen zwischen
Garben und Herden
Am nächsten Morgen weckte den Professor ein lauter Gesang der geflügelten
Hofgenossen Der Hahn flog auf einen Stein unter dem Fenster der Gaststube und
ließ gebieterisch seinen Morgenruf erschallen die Hennen und junges Hühnervolk
standen im Kreise um ihn her und versuchten dieselbe Gesangskunst zu üben
Dazwischen schrien die Sperlinge welche im Weinlaub geschlafen hatten aus
vollem Halse aber sie drangen nicht durch dann flogen die Tauben heran und
gurrten die Triller Zuletzt kam noch eine Herde Enten zu dem Sängerbund und
begann schnatternd den zweiten Chor Der Professor sah sich genötigt das Lager
zu räumen und der Doctor rief unwillig im Bett »Das kommt von dem gestrigen
Singsang Jetzt lärmt der Brotneid aller zünftigen Hofmusikanten« Darin aber
war er im Irrtum das kleine Volk des Hofes sang nur aus Amtseifer es meldete
zuerst dem Gute dass ein unruhiger Tag bevorstehe
Als der Professor in das Freie trat glühte noch die Morgenröte mit
feurigem Schein am Himmels und der erste Lichtstrahl fuhr über die Felder
gebrochen und zitternd wie in Wellen Der Grund war trocken an Blatt und Rasen
hing kein Tautropfen Auch die Luft war schwül und matt nickten die
Blumenköpfe an den Stielen Hatte in der Nacht eine zweite Sonne geschienen Vom
Gipfel eines alten Kirschbaumes aber klang unaufhörlich das helle Pfeifen der
Golddrossel Der alte Gartenarbeiter Jacob sah kopfschüttelnd nach dem Baume
»Ich dachte der Spitzbub wäre fortgezogen er hat unter den Kirschen arg
gewirtschaftet jetzt gibt er vor seiner Reise noch eine Nachricht heut kommt
etwas«
Schnell rollten die Wagen auf das Erntefeld die Pferde waren unruhig
schüttelten die Köpfe und schlugen mit dem Schweife die Flanken und die Knechte
klatschten ohne Aufhören mit der Peitsche »Heut stechen die Fliegen« sagte im
Vorbeifahren grüßend der Grossknecht »es kommt ein Wetter« Der Landwirt trat
aus dem Hause statt des Morgengrusses rief er dem Professor zu »Das Wetterglas
ist gefallen es ist etwas im Anzuge« Ilse kam von der Molkerei »Die Kühe sind
unruhig sie brüllen und arbeiten gegen einander«
Rot hob sich die Sonne aus trockenem Qualm die Arbeiter im Felde fühlten
die Mattigkeit in den Gliedern und hielten immer wiederbei der Arbeit an das
Antlitz zu trocknen Der Schäfer war heut mit der Herde unzufrieden seine
Hammel waren auf Kraftübungen versessen statt zu fressen stießen sie mit den
Köpfen zusammen und das Jungvieh hüpfte und tänzelte wie an Drähten in die Höhe
gezogen Unordnung und Widersetzlichkeit waren nicht zu bändigen der Hund
umkreiste die Aufgeregten unaufhörlich mit hängendem Schwanze und wenn er heut
ein Schaf in das Bein zwickte so merkte es lange den Schaden
Höher stieg der Sonnenball am wolkenlosen Himmel heißer wurde der Tag ein
leichter Dunst hob sich vom Boden und machte die Ferne undeutlich die Sperlinge
flogen unruhig um die Baumgipfel die Schwalben fuhren längs dem Boden und zogen
ihre Kreise um die Menschen Die Freunde suchten ihr Zimmer auf auch hier
empfand man die ermattende Schwüle der Doctor welcher einen Plan des Hauses
entwarf legte den Bleistift hin der Professor las von Ackerbau und Viehzucht
aber er sah oft über sein Buch nach dem Himmel öffnete das Fenster und schloss
es wieder Das Mittagsmahl war stiller als sonst der Landwirt sah ernst drein
seine Beamten nahmen sich kaum Zeit ihre Teller zu leeren »Es kommt heut
ungelegen« sagte der Hausherr beim Aufstehen zu der Tochter »ich reite an die
Grenze bin ich nicht vor dem Wetter zurück so sieh nach Haus und Hof« Und
wieder zogen die Menschen und Rosse auf das Feld aber heut war ihnen der Weg
zur Arbeit sauer
Die Hitze wurde unerträglich die Nachmittagssonne brannte auf die Haut
Fels und Mauer fühlten sich heiß an den Himmel überzog ein weißes Gewölk das
sich zusehends verdichtete und zusammenfuhr Eifrig trieb der Knecht die Pferde
zur Scheuer die Arbeiter hasteten die Garben abzuladen im schnellen Trabe
fuhren die Wagen noch eine Ladung unter das schützende Dach zu retten
Die Freunde standen vor der Hoftür und blickten auf die schweren Wolken
welche vom Himmelsrande heraufzogen Das gelbe Sonnenlicht kämpfte kurze Zeit
gegen die dunkeln Schatten der Höhe endlich verschwand auch der letzte grelle
Schein glanzlos und trauernd lag die Erde Ilse trat zu ihnen »Seine Zeit ist
gekommen gegen vier Uhr steigt es herauf selten zieht es aus dem Morgen über
das ebene Land dann aber wird es jedesmal schwer für uns denn die Leute sagen
es kann nicht über die Berghöhe auf die Sie vom Garten aus sehen Dann hängt es
lange über unserm Felde Und der Donner sagt man rollt bei uns stärker als
anderswo«
Die ersten Stöße des Windes fuhren heulend an das Haus »Ich muss durch den
Hof zum Rechten sehen« rief Ilse band schnell ein Tuch um das Haupt und
drang von den Männern begleitet gegen den Sturm vorwärts zu dem Hofgebäude in
welchem die Spritze stand sie sah zu ob die Tür geöffnet und Wasser in den
Tonnen war Dann eilte sie vorwärts nach den Ställen während die Strohhalme im
Wirbel um sie herumfuhren mahnte die Mägde noch einmal durch munteren Zuruf
sprach schnell einige Worte mit den Beamten und kehrte nach dem Hause zurück
Sie warf einen Blick in die Küche und nach dem Herde und öffnete die Tür des
Kinderzimmers ob alle Geschwister beim Lehrer versammelt waren Zuletzt ließ
sie noch den Hund herein der an der geschlossenen Hoftür ängstlich bellte und
trat dann wieder zu den Freunden welche vom Fenster der Wohnstube in den
Aufruhr der Elemente blickten »Das Haus ist verwahrt so gut die Hand des
Menschen vermag wir aber vertrauen auf stärkeren Schutz«
Langsam wälzte sich das Wetter näher eine schwarze Masse nach der andern
schob sich heran unter ihnen stieg ein fahler Dunstschleier wie ein ungeheurer
Vorhang höher und höher der Donner rollte kürzer die Pausen wilder sein
Dröhnen der Sturm heulte um das Haus jagte zornig dicke Staubwolken um die
Mauern Blätter und Halme flogen in wildem Tanze dahin
»Der Löwe brüllt« sagte Ilse die Hände faltend Sie neigte auf einige
Augenblicke das Haupt Dann sah sie schweigend zum Fenster hinaus »Der Vater
ist auf dem Vorwerk unter Dach« begann sie wieder einer Frage des Professors
zuvorkommend
Ein tüchtiges Wetter tobte um das alte Haus Die es zum erstenmal an dieser
Stelle hörten auf freier Höhe an der Seite des Bergrückens von dem das
wirbelnde Getöse des Donners zurückschallte meinten solche Gewalt der Natur
noch nicht erlebt zu haben Während der Donner tobte ward es plötzlich finster
in der Stube wie bei einbrechender Nacht und immer wieder wurde die unheimliche
Dämmerung durch den Schein der feurigen Schlangen zerrissen welche über den Hof
dahinfuhren
In der Kinderstube war es laut geworden man hörte das Weinen der Kleinen
Ilse ging an die Tür und öffnete »Kommt zu mir« rief sie Aengstlich liefen
die Kinder herein und drängten sich um die Schwester sie fassten ihre Hände die
jüngsten klammerten sich an ihr Gewand Ilse nahm die kleine Schwester und legte
sie in die Hände des Professors der neben ihr stand »Seid still und sagt leise
euren Spruch« mahnte sie »jetzt ist keine Zeit zu weinen und zu klagen«
Plötzlich ein Licht so blendend dass es zwang die Augen zu schließen ein
kurzer markerschütternder Krach der in misstönendem Knattern endete Als der
Professor die Augen öffnete sah er in dem Schein eines neuen Blitzes Ilse neben
sich stehen das Haupt ihm zugewendet mit strahlendem Blick »Das hat
eingeschlagen« rief er besorgt
»Nicht in den Hof« versetzte das Mädchen unbeweglich
Wieder ein Schlag und wieder ein Feuerschein und ein Schlag wilder kürzer
schärfer »Es schwebt über uns« sagte Ilse ruhig und drückte das Haupt des
kleinen Bruders an sich als wollte sie ihn schützen
Der Professor konnte den Blick nicht abwenden von der Gruppe in der
Zimmermitte Die edle Gestalt des Weibes vor ihm hoch aufgerichtet
unbeweglich umringt von den angstvollen Geschwistern gehoben das Antlitz und
um den Mund ein stolzes Lächeln Sie hatte in unwillkürlicher Empfindung eines
der teuren Leben seiner Obhut anvertraut er stand in der Not der Entscheidung
neben ihr als einer der Ihrigen Auch er hielt das Kind fest das ihn ängstlich
umschlang Es waren kurze Augenblicke aber zwischen Blitz und Schlag loderte
die Glut in ihm zu hellen Flammen auf Die neben ihm stand im Wetterschein von
blendendem Licht umgossen sie war es die er sich forderte für sein Leben
Länger dröhnte der Donner der Regen schlug an das Fenster ein Wasserguss
rasselte und klatschte um das Haus die Fenster zitterten in einem wütenden
Anprall des Sturmes
»Es ist vorüber« sagte die Jungfrau leise Die Kinder fuhren auseinander
und liefen an das Fenster »Nach oben Hans« rief die Schwester und eilte mit
dem Bruder aus dem Zimmer um zu sehen ob das Wasser doch irgendwo Eingang
gefunden Der Professor sah sinnend nach der Tür aus der sie geschwunden war
der Doctor aber der unterdes das Knie in den Händen ruhig auf dem Stuhl
gesessen begann kopfschüttelnd »Diese Naturerscheinung ist für uns
ungemütlich Seit die Blitzableiter in Misscredit gekommen sind hat man nicht
einmal den Trost dass solche Stange dem Kodex Sicherheit gegen die
Zudringlichkeit von oben gewährt Das ist ein schlechter Aufenthalt mein
Freund für unser armes altes Manuskript und es ist wahrlich Christenpflicht
das Buch so schnell als möglich aus diesem Donnerwinkel zu retten Wie kann man
ferner noch mit Gemütsruhe eine Wolke am Himmel sehen Wir werden immer daran
denken müssen was hier alles möglich ist«
»Das Haus hat doch bis jetzt vorgehalten« erwiderte der Professor
lächelnd »überlassen wir die Handschrift unterdes den guten Gewalten denen die
Menschen selbst hier so fest vertrauen Sieh schon bricht der Sonnenstrahl
durch den Dunst«
Eine halbe Stunde später war Alles vorüber über den Bergen lag noch die
dunkle Wolke und aus der Ferne tönte gefahrlos der Donner In dem leeren Hofe
regte sich wieder das Leben Zuerst zog in fröhlichem Eifer der Entenchor aus
seinem Versteck putzte die Federn untersuchte die Wasserlachen und schnatterte
längs den Wagengleisen Dann kam der Hahn mit seinen Hühnern vorsichtig
schreitend und die quellenden Körner pickend die Tauben flogen an Vorsprünge
der Fenster wünschten einander mit Verbeugungen Glück und breiteten die Federn
im neuen Sonnenlicht Nero fuhr in kühnem Sprunge aus dem Hause trottete durch
den Hof und bellte herausfordernd in die Luft um die feindliche Wolke vollends
zu verscheuchen Dann schritten die Mägde und Arbeiter wieder rührig über den
Platz und atmeten erfrischt den Balsam der feuchten Luft Der Hofverwalter kam
und berichtete dass es zweimal in den Berg nebenan geschlagen Auch der
Landwirt ritt in starkem Trabe herein tüchtig durchnässt um zu sehen ob Haus
und Hof ihm unversehrt geblieben Er sprang fröhlich vom Pferde und rief »Es
hat draußen eingeweicht aber Gottlob dass es so vorübergegangen Solch Wetter
ist hier seit Jahren nicht erlebt« Die Leute hörten noch eine Weile wie der
Grossknecht erzählte dass er eine Wassersäule gesehen die als ein großer Sack
vom Himmel bis zur Erde hing und dass es jenseit der Grenze stark gehagelt Dann
traten sie gleichmütig in die Ställe und genossen die Ruhestunde die ihnen das
Unwetter vor der Zeit verschafte Und während der Landwirt zu seinen Beamten
sprach rüstete sich der Doctor mit den Knaben und dem Lehrer in das Tal
hinabzusteigen und dort die Überschwemmung des Baches zu betrachten
Der Professor aber und Ilse blieben im Obstgarten und der Professor
erstaunte über die Menge der braunen Hausträgerinnen der Schnecken welche
jetzt überall hervorkamen und langsam über den Weg zogen er nahm eine nach der
andern und setzte sie vorsichtig aus dem Wege aber die Unverständigen kehrten
immer wieder auf den festen Kies zurück und erhoben den Anspruch dass die
Fußgänger ihnen auswichen Dann sahen die beiden nach wie die Fruchtbäume das
Unwetter ertragen hatten Sie waren arg zerzaust beugten ihre Zweige tief
herab und viel unreifes Obst lag abgeschlagen im Grase Der Professor
schüttelte vorsichtig an den regenschweren Ästen um sie von der fremden Bürde
zu befreien er holte einige Stangen und unterstützte einen alten Apfelbaum der
unter seiner Last zu erliegen drohte und beide lachten herzlich als ihm bei
der Arbeit das Wasser aus den Blättern wie aus kleinen Rinnen auf Haar und
Rock hinablief
Ilse schlug bedauernd die Hände zusammen über die vielen gefallenen Früchte
es hing aber doch noch viel an den Bäumen und es war immer noch eine reiche
Ernte zu hoffen Der Professor gab ihr teilnehmend den Rat das gefallene Obst
zu backen und Ilse lachte wieder darüber weil das meiste noch zu unreif sei
Da gestand ihr der Professor dass auch er als Knabe geholfen habe wenn seine
liebe Mutter das Obst auf dem Trockenbret ordnete Denn seine Eltern hatten auch
einen großen Garten an der Stadt gehabt in welcher sein Vater Beamter gewesen
Und Ilse hörte mit leidenschaftlichem Anteil zu als er weiter erzählte dass er
als Knabe den Vater verloren und wie lieb und gescheidt seine Mutter um ihn
gesorgt und wie innig sein Verhältnis zu ihr gewesen und dass ihr Verlust der
größte Schmerz seines Lebens sei dabei schritten sie den langen Kiesweg auf und
ab und in beiden klang durch die heitere Stimmung der Gegenwart ein Ton des
Leides aus vergangenen Tagen gerade wie in der Natur die Bewegung des heftigen
Unwetters leise nachzitterte und das reine Licht des Tages von unzähligen
blitzenden Edelsteinen auf Laub und Halm erglänzte
Ilse öffnete eine Pforte welche aus dem unteren Teil des Obstgartens ins
Freie führte sie stand still und begann mit zögernder Bitte »Ich habe einen
Gang vor in das Dorf um zu sehen wie der Herr Pfarrer das Wetter überstanden
hat Wird Ihnen recht sein unsern guten Freund kennen zu lernen«
»Wenn er Ihnen lieb ist so bin ich dankbar dass Sie mich zu ihm führen«
antwortete der Professor
Auf feuchtem Fusspfade schritten sie in die gewundene Verlängerung des Tals
welche sich an der Seite des Friedhofs hinzog Dort lag mit zusammengedrängten
Häusern ein kleines Dorf meist von Arbeitern des Gutes bewohnt Das erste
Gebäude unter der Kirche war das Pfarrhaus mit Holzdach und kleinen Fenstern
wenig von den Wohnungen der Landleute verschieden Ilse öffnete die Tür eine
alte Magd eilte mit vertraulichem Gruß entgegen »Ach Fräulein« rief sie »das
war heut schlimm ich dachte der jüngste Tag wäre vor der Tür Der Herr hat
immer an dem Kammerfenster gestanden und nach dem Schloss hinaufgesehen und für
Sie die Hände in die Höhe gehoben Jetzt ist er im Garten« Durch die
Hintertür traten die Gäste in einen kleinen Raum zwischen Giebeln und Scheuern
der Nachbarhöfe wenige niedrige Fruchtbäume ragten über die Blumenbeete Der
alte Herr in dunklem Hausrock stand vor einem Spalier und arbeitete emsig »Mein
liebes Kind« rief er aufsehend und sein guterziges Angesicht lachte vor
Freude unter dem weißen Haar »ich wusste dass Sie heut kommen würden« Er
verneigte sich vor dem fremden Gast und wandte sich nach den Begrüssungsworten
wieder zu Ilse »Denken Sie das Unglück der Sturm hat unsern Pfirsichbaum
geknickt das Geländer ist abgerissen die Zweige zerschlagen der Schaden ist
unersetzlich« Er beugte sich zu seinem kranken Baume herab dem er gerade mit
Baumwachs und Bast einen Verband aufgelegt hatte »Es ist der einzige Pfirsich
hier« klagte er dem Professor »auf dem ganzen Gute haben sie keinen und in
der Stadt vollends nicht Aber ich darf Sie nicht mit meinen kleinen Leiden
belästigen« fuhr er mutiger fort »bitte kommen Sie mit mir in die Stube«
Ilse trat in eine Seitentür neben dem Hause »Was macht Flavia« frug sie die
Magd welche den Besuch erwartend an der Pforte stand
»Munter« antwortete Susanne »und der Kleine auch«
»Es ist die gelbe Kuh und ein junges Ochsenkalb« erklärte der Pastor dem
Professor während Ilse mit der Magd in den engen Hofraum trat »Ich sehe nicht
gern wenn die Leute dem Vieh christliche Namen geben da muss unser Latein
aushelfen«
Ilse kehrte zurück »Es ist Zeit dass das Kalb fortkommt es ist ein
unnützer Brotesser«
»Das hab ich auch gesagt« schaltete Susanne ein »aber der Herr Pfarrer
will sich nicht dazu entschließen«
»Sie haben Recht mein liebes Kind« erwiderte der Pfarrer »nach
menschlicher Weisheit wäre es ratsam das Oechslein dem Schlächter zu
überliefern Aber das Oechslein sieht die Sache ganz anders an und es ist eine
muntere Kreatur«
»Wenn mans aber darum fragt erhält man keine Antwort« sagte Ilse »und
deswegen muss sichs gefallen lassen was wir wollen Erlauben Sie Herr Pfarrer
dass ich das mit Susanne hinter Ihrem Rücken abmache Unterdes holst du die Milch
von oben«
Der Pfarrer führte in seine Stube Es war ein kleiner Raum weiß getüncht
spärlich möblirt darin ein alter Schreibtisch ein schwarzbestrichenes
Bücherbret mit einer kleinen Anzahl ältlicher Bücher Sopha und Stühle mit
buntem Kattun überzogen »Hier ist seit vierzig Jahren mein Tusculum« sagte der
Pastor vergnügt zum Professor der verwundert auf den dürftigen Hausrat
blickte »Es würde größer sein wenn der Anbau zu Stande gekommen wäre es waren
auch schon Pläne gemacht und mein Herr Nachbar hat sich sehr darum bemüht aber
seit meine selige Frau dort hinaufgezogen ist« er sah nach der Höhe des
Friedhofs »will ich nichts mehr davon hören«
Der Professor sah zum Fenster hinaus Vierzig Jahre in dem engen Bau dem
schmalen Tal zwischen dem Friedhof den Hütten dem Wald Ihm wurde gedrückt
zu Mut »Es scheint die Gemeinde ist arm« sagte er »zwischen den Bergen
liegt nur wenig Feld Und wie ists im Winter«
»Ei die Füße tragen noch« erwiderte der geistliche Herr »man besucht
dann auch gute Freunde nur der Schnee wird zuweilen lästig einmal waren wir
ganz eingeschneit und Herr Bauer hat uns herausschaufeln müssen« Er lächelte
behaglich bei der Erinnerung »Es ist nicht einsam wenn man lange Jahre an
einem Orte gelebt hat man hat die Grossväter gekannt die Väter aufgezogen man
lehrt die Kinder und hier und da schon die Enkel man sieht wie die Menschen
sich von der Erde erheben und wieder hinabsinken gleich den Blättern der Bäume
Und man merkt dass Alles eitel ist und eine kurze Vorbereitung Liebes Kind«
sagte er zu Ilse welche jetzt eintrat »setzen Sie sich zu uns ich habe Ihr
liebes Gesicht seit drei Tagen nicht gesehen und wollte nicht hinaufkommen
weil ich hörte dass Besuch bei Ihnen ist Ich habe auch etwas für Sie« setzte
er hinzu und holte einen beschriebenen Bogen vom Pult »es ist Poesie dabei«
»Denn auch der Musengesang fehlt uns nicht« fuhr er gegen den Professor
fort »Freilich ist er demütig und von der bukolischen Art Aber glauben Sie
mir für Einen der sein Dorf kennt gibt es wenig Neues unter der Sonne Es ist
im Kleinen hier Alles wie in der übrigen Welt im Großen der Schmied ist ein
heftiger Politikus und der Schultheiß möchte gern ein Dionysius von Syrakus
sein Auch den reichen Mann der Schrift haben wir freilich auch mehre
Lazarusse zu welchen dieser Dichter gehört und unser Tüncher ist im Winter ein
Musikus er spielt gar nicht schlecht auf der Zither Das alles arbeitet
durcheinander und möchte gern oben hinaus und es macht zuweilen Mühe die gute
Nachbarschaft unter ihnen zu erhalten«
»Er will seine grüne Wand wieder haben soviel ich verstehe« sagte Ilse
von dem Blatt aufsehend
»Seit sieben Jahren liegt er in seiner Kammer zur Hälfte gelähmt mit
heftigen Schmerzen und unheilbar« erklärte der Pfarrer dem Gast »er sieht
durch ein kleines Fensterloch in die Welt auf die Lehmwand gegenüber und die
Menschen welche davor sichtbar werden Und die Wand gehört dem Nachbar sie war
durch mein liebes Kind mit wildem Wein bezogen In diesem Jahr aber hatder
Nachbar unser reicher Mann daran gebaut und das Grüne abgerissen Das ärgert
den Kranken Ihm ist schwer zu helfen denn jetzt ist nicht die Zeit Neues zu
pflanzen«
»Es muss doch Rat werden« warf Ilse ein »Ich will mit ihm darüber reden
Verzeihen Sie es soll nicht lange dauern«
Sie verließ das Zimmer »Ists Ihnen recht« sagte der Pfarrer geheimnisvoll
zu seinem Gast »so zeige ich Ihnen diese Wand denn ich habe mir die Sache viel
überlegt aber ich finde keine Abhilfe« Schweigend stimmte der Professor bei
Die Männer schritten die Dorfgasse entlang an der Ecke fasste der Pfarrer den
Arm seines Begleiters »Hier liegt der Kranke« begann er halblaut »er hört
schwer in seiner Schwäche aber wir müssen doch leise auftreten dass er uns
nicht merkt denn das stört ihn«
Der Professor sah dichtbei am dürftigen Hause ein kleines Schiebfenster
geöffnet und Ilse davorstehen von ihnen abgewandt Während der Pfarrer ihm die
Lehmwand zeigte und die Höhe welche für die Laubumkleidung nötig sei hörte er
auf das Gespräch am Fenster Ilse sprach laut hinein und von dem Lager
antwortete eine schrille Stimme Erstaunt vernahm er dass nicht vom Weinlaub die
Rede war »Und hat der Herr ein gutes Gemüt« frug die Stimme »Er ist ein
gelehrter Mann und ein guter Mann« antwortete Ilse »Wie lange bleibt er bei
Ihnen« frug der Kranke »Ich weiß nicht« war Ilsens zögernde Antwort »Er soll
ganz bei Ihnen bleiben denn er ist Ihnen lieb« sagte der Kranke »Ach das
dürfen wir gar nicht hoffen lieber Benz Aber dies Gespräch hilft nicht zu
guter Aussicht auf gegenüber« fuhr Ilse fort »Mit dem Nachbar rede ich aber
zwischen heut und morgen wächst doch nichts Da habe ich mir ausgedacht der
Gärtner schlägt hier draußen unter dem Fenster ein kleines Bret fest und wir
setzen unterdes die Blumenstöcke aus meiner Stube darauf« »Das benimmt mir
die Aussicht« entgegnete die Stimme unzufrieden »ich kann dann die Schwalben
nicht mehr sehen wenn sie vorbeifliegen und ich sehe wenig von den Köpfen der
Leute die vorbeigehen« »Das ist richtig« versetzte Ilse »aber wir machen das
Bret so niedrig dass nur die Blumen durchs Fenster gucken« »Was sinds für
Blumen« frug Benz »Ein Myrtenstock« sagte Ilse »Der blüht nicht« versetzte
Benz mürrisch »Aber zwei Rosen blühen und ein Vanillestrauch« »Den kenne
ich nicht« warf der Kranke ein »Er riecht wundergut« sagte Ilse empfehlend
»Dann kann er kommen« bewilligte Benz »aber Basilikum muss auch dabei sein«
»Wir wollen sehen obs zu haben ist« erwiderte Ilse »und um das Fensterholz
zieht euch der Gärtner eine Epheuranke« »Der ist mir zu schwarz« widersprach
der ungenügsame Benz »Ei was« entschied Ilse »wir probirens Ists euch
nicht recht so wirds geändert« Damit war der Kranke einverstanden »Aber der
Gärtner soll mich nicht warten lassen« rief er »ich möchte es morgen haben«
»Gut« sagte Ilse »am frühen Morgen« »Und meinen Vers zeigen Sie Niemand«
bat Benz »auch dem fremden Herrn nicht er ist nur für Sie« »Das bleibt unter
uns« sagte Ilse »Ruft eure Tochter Anna lieber Benz«
Sie rüstete sich zum Aufbruch der Pfarrer zog seinen Gast leise zurück
»Wenn der Kranke solches Gespräch gehabt hat« erklärte er »ist er für den
nächsten Tag zufrieden Und morgen macht er ihr wieder einen Vers Er schreibt
unter uns gesagt manchmal Nonsens aber es ist gut gemeint und ihm ist es die
beste Unterhaltung Nämlich die Leute im Dorfe scheuen sich an sein Fenster zu
treten und sie gehen auch nicht gern vorüber Für mein Amt aber ist dies die
härteste Arbeit Denn die Leute sind in dem Aberglauben verstockt dass Krankheit
und Erdenleid von bösen Mächten stammen und dass sie durch Hass angetan werden
oder zur Strafe für begangenes Unrecht Wenn ich ihnen predige ohne Aufhören
dass Alles nur eine Prüfung ist für das Jenseits die Lehre ist ihnen zu groß und
hoch nur die Schwachen glauben sie wer aber gesund und trotzig dasteht der
sträubt sich gegen die Wahrheit und das Heil«
Der Gelehrte sah nach dem kleinen Fenster aus dem der Kranke auf eine
Lehmwand blickte und er sah wieder nach dem geistlichen Herrn der in dem Tal
seit vierzig Jahren für die heilbringende Wahrheit kämpfte Ihm wurde das Herz
schwer und sein Auge flog aus der dämmernden Tiefe zu den Berggipfeln welche
noch im frohen Licht der Abendsonne glänzten Da trat sie wieder zu ihm sie
welche herabgestiegen war die Hilflosen und Armen zu bewachen und als er neben
ihr der Höhe zuschritt da war ihm als ob sie beide aus dumpfer Erdennot
emportauchten in leichtere Luft Aber auch die jugendliche Gestalt das schöne
ruhige Antlitz neben ihm glänzte vom Abendlicht umsäumt so fremdartig seinem
irdischen Wesen ungleich ähnlich einem der Boten welche einst Jehova in die
Zelte seiner Getreuen sandte Und er freute sich als sie über die lustigen
Sprünge des Hundes lachte der ihnen bellend entgegenfuhr
So schwand wieder ein Tag dahin zwischen Sonnenlicht und Wolkenschatten in
kleinen Erlebnissen in stillem Sein Wenn die Feder davon erzählt ist es
gering wenn aber ein Mensch darin lebt treibt es ihm den Strom des Blutes
kräftig durch die Adern
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Eine gelehrte Frau vom Lande
Es war Sonntag und auch das Gut trug sein Festgewand Auf dem Hof standen die
Scheuern geschlossen Knechte und Mägde schritten in ihrem besten Staat daher
nicht wie geschäftige Arbeiter sondern in der behaglichen Musse welche dem
deutschen Landmann die Poesie des mühevollen Lebens ist Von dem Kirchturm rief
das Glöckchen zum Gottesdienst Ilse ging mit den Schwestern das Gesangbuch in
der Hand langsam den Fels hinunter in kleinen Gruppen folgten die Mägde und
Männer Heut blieb der Gutsherr in seiner Arbeitsstube um die aufgelaufene
Schreiberei zu erledigen Vorher aber klopfte er an das Zimmer der Freunde und
machte ihnen einen kurzen Morgenbesuch »Heut kommen Gäste Oberamtmann Rollmaus
mit seiner Frau er ist ein tüchtiger Wirt die Frau ist sehr auf Bildung
versessen Nehmen Sie sich in Acht sie wird Ihnen zusetzen«
Schlag zwölf Uhr fuhren zwei wohlgenährte Braune einen halbgedeckten Wagen
vor das Haus Die Kinder eilten an das Fenster »Die Frau Oberamtmann kommt«
riefen aufgeregt die jüngsten Ein stämmiger Mann in dunkelgrünem Rock stieg aus
dem Wagen eine kleine Dame in schwarzer Seide folgte mit Sonnenschirm und einer
großen Schachtel Der Hausherr und Ilse traten ihnen in der Haustür entgegen
der Wirt rief lachend seinen Willkomm zu und führte den Oberamtmann in das
Familienzimmer Der Herr Oberamtmann trug unter seinem schwarzen Haar ein rundes
Angesicht das durch Luft und Sonne mit gleichmässigem Rotbraun dauerhaft
übermalt war dazu kleine scharfe Augen Nase und Lippen reichlich und rötlich
hervorstehend Als er Stand und Namen der beiden Fremden erfuhr verbeugte er
sich zwar ein wenig sah aber missfällig dass diese beiden Städter in den
anspruchsvollen schwarzen Frack gekleidet waren und da er eine unbestimmte
aber kräftige Abneigung gegen alle unnützen Schreiber und Hungerleider hatte
welche so hier und da die Güter besuchen etwa um Bücher zu schreiben oder auch
weil sie sonst keinen rechten Aufenthalt haben so nahm er gegen beide eine
mürrische und beobachtende Haltung an Erst nach einer Weile erschien die Frau
Oberamtmann sie hatte unterdes mit Ilses Hilfe ihre gute Haube ein Kunstwerk
mit zwei dunkelroten Rosen aus der Schachtel geholt und sie drang jetzt mit
ihrem spitzen Näschen in die Gesellschaft vom Kopf bis zum Fuß geglättet
rauschend knixend lächelnd Schnell fuhr sie von einem zum andern küsste die
Mädchen auf den Mund erklärte den Knaben dass sie in den letzten Wochen sehr
gewachsen seien und hielt endlich erwartungsvoll vor den beiden Fremden Der
Landwirt stellte vor und verfehlte nicht wieder beizufügen »Zwei Herren von
der Universität« Die kleine Dame spitzte gleichsam die Ohren und ihre grauen
Augen erglänzten »Von der Universität« rief sie »ei welche Überraschung
Diese Herren sind seltene Gäste in unserer Gegend Es ist freilich auch bei uns
für gelehrte Herren wenig zu holen denn der Materialismus herrscht bei uns und
die Lesebibliotek in Rossau ist wirklich nicht in den besten Händen neue
Sachen sind niemals zu haben Darf ich mir noch die Frage erlauben welches
Studium die Herren haben Wissenschaft im Allgemeinen oder etwas Besonderes«
»Mein Freund mehr das Allgemeine ich das Besondere« erwiderte der
Professor »außerdem etwas alte Sprachen dieser Herr Indisch«
»Wollen Sie nicht die Güte haben auf dem Sopha Platz zu nehmen« begann
Ilse dazwischentretend Die Frau Oberamtmann folgte mit Widerstreben
»Also Indisch« rief sie niedersitzend und ihr Gewand zurechtstreichend
»Das ist eine seltene Sprache Sie tragen ja wohl Federbüschel und ihre Kleidung
ist mangelhaft und die Beinkleider wenn man das erwähnen darf hängen
herunter wie bei manchen Tauben welche auch lange Federn an den Beinen haben
Man sieht sie zuweilen abgebildet in dem Bilderbuch meines Karl vom letzten
Weihnachten sind diese wilden Männer deutlich zu sehen Sie haben barbarische
Sitten liebe Ilse«
»Warum ist aber Karl nicht mitgekommen« frug Ilse um die Herren von der
Unterhaltung zu lösen
»Es war nur wegen der Rückfahrt im Finsteren Denn der Wagen ist zweisitzig
und neben Rollmaus kann kein Drittes eingeschachtelt werden Da muss Karl beim
Kutscher sitzen und das arme Kind wird Abends immer so schläfrig dass ich Sorge
habe es fällt herunter«
Als die Oberamtmann die Aussicht eröffnete bei finsterer Nacht
heimzufahren sah der Doctor den Freund mitleidig an aber der Professor hörte
so aufmerksam nach der Unterhaltung dass er das Bedauern gar nicht bemerkte
Ilse frug weiter und die Frau Oberamtmann stand ihr allerdings Rede sah aber
zuweilen begehrlich nach dem Doctor dessen Verhältnis zu den Indianern in Karls
Bilderbuch ihr lehrreich erschien Unterdes waren die Landwirte sogleich in ein
Gespräch über die Eigenschaften eines Rosses gesunken das irgendwo in der Nähe
zu gemeinnütziger Tätigkeit aufgestellt war so dass der Doctor sich zuletzt an
die Kinder wandte und mit Klara und Luise plauderte
Nachdem eine halbe Stunde ruhiger Vorbereitung vergangen war erschien das
Dienstmädchen an der Tür des Speisezimmers Der Landwirt lud ein zu Tische zu
gehen und bot ritterlich der Frau Oberamtmann seinen Arm über die Sophalehne
Die Dame knixte und fuhr neben ihm durch die Tür der Professor führte Ilse
der Doctor aber Schwester Klara welche errötete und sich sträubte bis er
Luise und Riekchen an seinen andern Arm hing worauf auch noch Franz seinen
Rockzipfel fasste und ihm auf dem Wege hinter seinem Rücken zuraunte »Heut
gibts einen Trutahn« Der Oberamtmann aber welcher das Führen der Damen als
eine lästige Erfindung betrachtete machte einsam den Schluss und begrüßte im
Saale die aufgestellten Herren von der Wirtschaft mit den Worten »Ist das Korn
herein« »Versteht sich« grüßte der Inspector dagegen Wieder nahm Alles nach
Rang und Würden Platz auf dem Ehrensitz die Frau Oberamtmann zwischen ihr und
Ilse der Professor
Es war für diesen kein ruhiger Mittag zwar Ilse war stiller als gewöhnlich
aber seine neue Nachbarin stellte ihm wissenschaftliche Aufgaben Sie zwang ihn
von der Einrichtung seiner Universität zu erzählen und in welcher Weise die
Studenten belehrt würden Der Professor tat das ausführlich und mit guter
Laune Es gelang ihm aber nur kurze Zeit sich und Andern die peinliche
Empfindung fern zu halten welche die Reden der Frau Oberamtmann wohl
verursachten »Also philosophisch sind Sie« sagte die Rollmaus »Das ist ja
sehr interessant Ich habe es auch mit der Philosophie versucht aber der Stil
ist zu unverständlich Was enthält denn eigentlich die Philosophie«
»Sie gibt sich Mühe die Menschen über das Leben ihres eigenen Geistes zu
belehren und dadurch fester und vielleicht besser zu machen« beantwortete der
Professor geduldig die missliche Frage
»Das Leben des Geistes« rief die Oberamtmann aufgeregt »aber glauben Sie
denn auch dass die Geister nach dem Tode der Menschen erscheinen können«
»Haben Sie Beispiele davon« frug der Professor »Es würde gewiss Allen
willkommen sein darüber zu hören Ist dergleichen hier in der Gegend
vorgekommen«
»Weniger mit Geistern« erwiderte Frau Oberamtmann misstrauisch nach dem
Hausherrn blickend »aber mit Ahnungsvermögen und was man Sympatie nennt
Denken Sie einmal in unserm Hause diente ein Mädchen sie hätte es nicht nötig
gehabt aber die Eltern wollten sie auf einige Zeit von sich tun Denn im Dorfe
war ein armer Bursch der aber ein großer Geiger war der strich Morgens und
Abends mit der Violine um ihr Haus und wenn das Mädchen hinauskommen konnte
saßen sie miteinander hinter einem Busch er spielte auf der Geige und sie hörte
zu Deswegen konnte sie nicht von ihm lassen Sie war ein sauberes Mädchen und
schickte sich im Hause zu Allem nur dass sie immer traurig war Und der Geiger
wurde zu den Husaren genommen wozu er auch passte weil er sehr entschlossen und
unterminirt war Nach einem Jahre kommt die Köchin zu mir und sagt Frau
Oberamtmann ich halte es nicht länger aus die Jette treibt Nachtwandel Sie
steigt aus dem Bette und singt das Lied von einem Soldaten den der Hauptmann
erschießen lässt weil es nicht anders sein konnte und stöhnt dazu dass es einen
Stein erbarmen möchte und am Morgen weiß sie nichts von ihrem Singen aber sie
weint immer still fort Das war die Wahrheit Ich rufe sie und frage sie
ernstaft Was hast du Ich kann das mysterielle Wesen nicht ausstehen du bist
mir eine Charade Darauf jammerte sie sehr und meinte ich solle sie doch nicht
für so etwas halten sie sei ein ehrliches Mädchen aber sie hätte eine
Erscheinung gehabt Und nun kam Alles heraus Der Gottlob war in der Nacht an
ihrer Kammertür erschienen ganz hager und traurig und hatte gesagt Jette es
ist vorbei mit mir morgen muss ich dran glauben Ich suchte ihr das Zeug
auszureden aber ihre Angst steckte mich an ich schrieb an einen Offizier den
Rollmaus von der Hasenjagd kannte und fragte ob das eine Dummheit wäre oder
von dem sogenannten Ahnungsvermögen herkäme Da schrieb er mir ganz erstaunt
zurück es wäre richtig Ahnungsvermögen an demselben Tage war der Geiger vom
Pferde gestürzt hatte ein Bein gebrochen und lag in dem Lazaret zum Tode
Jetzt bitte ich Sie ob das nicht eine Naturerscheinung war«
»Was wurde aus den armen Leuten« frug der Professor
»Ach die« erwiderte die Frau Oberamtmann »es ließ sich helfen Denn ein
Kamerad von dem Gebrochenen war aus unserm Dorf welcher eine kranke Mutter
hatte dem schrieb ich die Forderung dass er jeden dritten Tag einen Brief an
mich schickte wie es dem Kranken ging und es konnte mit Speck und Mehl
gutgemacht werden Da schrieb er und die Sache dauerte viele Wochen Endlich
aber wurde der Geiger geheilt und kam am Stock zurück Beide waren so blass wie
dieses Tuch als sie zusammentrafen und fielen einander vor meinen Augen ohne
Rücksicht um den Hals worauf ich mit den Eltern des Mädchens ein Wort sprach
welches wenig nutzte Dann aber mit Rollmaus dem unsere Dorfschenke gehört und
der gerade einen guten Pächter suchte Das brachte die Geschichte zum Ende oder
wie man zu sagen pflegt zum commencement du pain Denn Rollmaus war zwar mit
der Geige nicht zufrieden weil er meinte diese sei ein Anzeichen von leichtem
Geblüt aber die Leutchen halten sich ordentlich Dann zuerst war ich Pate
dann Rollmaus Es sind aber keine Erscheinungen mehr vorgekommen«
»Das war von Ihnen brav und liebevoll gehandelt« rief der Professor
kräftig
»Man ist ja bei alledem auch Mensch« entschuldigte sich die Frau
Oberamtmann
»Und ich hoffe ein guter Mensch« versetzte der Professor »Glauben Sie
mir verehrte Frau in der Philosophie und anderer Gelehrsamkeit gibt es
verschiedene Ansichten Man streitet sich über Vieles und leicht hält Einer den
Andern für unwissend Aber was Redlichkeit heißt und Menschenfreundlichkeit
darüber sind die Ansichten selten verschieden gewesen und wo man diese
Eigenschaften findet hat Jedermann Freude und Hochachtung und diese habe ich
jetzt vor Ihnen Frau Oberamtmann«
Das sagte er herzlich der gelehrten Frau An seiner andern Seite hörte er
ein leises Rauschen des Gewandes und als er sich zu Ilse wandte begegnete er
einem Blick so voll von demütiger Dankbarkeit dass er mit Mühe seine Haltung
bewahrte
Die Frau Oberamtmann aber saß lächelnd und zufrieden mit dem philosophischen
System ihres Nachbars Wieder kehrte sich der Professor zu ihr und sprach mit
ihr davon dass es gar nicht leicht sei Hilflosen auf die rechte Art wohlzutun
Die Frau Oberamtmann gab zu dass die Leute ohne Bildung ihre eigene Art hätten
aber »man kann leicht mit ihnen fertig werden wenn sie nur erkennen dass mans
gut meint« Und der Professor veranlasste allerdings noch ein kleines
Missverständnis als er der Oberamtmann achtungsvoll in seiner Sprache bemerkte
»Ganz recht zuletzt ist auch auf diesem Gebiet geduldige Liebe die
Voraussetzung einer fruchtbaren Tätigkeit«
»Ja« bestätigte die Rollmaus verlegen »allerdings diese gewisse
Tätigkeit welche Sie erwähnen fehlt bei uns gar nicht und sie heiraten meist
gerade noch zur rechten Zeit aber die geduldige Liebe welche Sie sehr richtig
Voraussetzung nennen ist bei unsern Landleuten nicht immer vorhanden denn sie
sorgen bei einer Heirat oft mehr um Geld als um Liebe«
Wenn aber auch einzelne Noten in dem Konzert am oberen Tisch nicht recht
zueinander stimmten so verging doch der Trutahn und die Sahnmehlspeise ein
Meisterwerk aus Ilses Küche ohne widerwärtigen Zusammenstoß des gelehrten
Wissens Und Alle erhoben sich wohl miteinander zufrieden Nur die Kinder deren
unschuldige Bosheit am dauerhaftesten ist empfanden ein Missfallen dass heut
Frau Oberamtmann in keinen Kampf eintrat in welchem das Konversationslexikon
als oberster Kampfrichter waltete Während nun die Männer im Nebenzimmer Kaffe
tranken saß Frau Rollmaus wieder auf dem guten Sopha und Ilse hatte einen
harten Stand die neugierigen Fragen zu beantworten mit denen sie jetzt wegen
der beiden Fremden angegriffen wurde Unterdes belagerten die Kinder das Sopha
und lauerten auf eine Gelegenheit um selbst einen kleinen Feldzug gegen die
ahnungslose Frau Oberamtmann zu unternehmen
»Also sie forschen nach und in unserer Gegend Nach Indianern kann es nicht
sein ich wüsste nicht dass hierherum welche aufgetreten wären Es müsste denn ein
Irrtum sein und sie müssten Zigeuner meinen solche kommen vor Denken Sie
liebe Ilse erst vor vierzehn Tagen ein Mann und zwei Weiber jede mit einem
Kinde Die Weiber sagten wahr was sie dem Hausmädchen prophezeit haben ist
wirklich merkwürdig und am Abend fehlten zwei Hühner Sollte es wegen der
Zigeuner sein aber das kann ich nicht glauben da dies bloß Kesselflicker sind
und nichtsnutzige Leute Nein deretwegen forschen sie nicht«
»Wer sind denn aber die Zigeuner« frug Klara
»Liebes Kind sie sind Vagabonden welche früher ein Volk waren und sich
verbreiteten Sie hatten einen König und Briefe und Jagdhunde obgleich sie
große Spitzbuben waren Ursprünglich aber sind sie Egypter eigentlich aber auch
Indianer«
»Wie können sie Indianer sein« rief Hans ohne alle Ehrerbietung »die
Indianer wohnen ja in Amerika Wir haben auch ein Konversationslexikon und wir
wollen gleich nachsehen«
»Ja ja« riefen die Kinder und liefen mit dem Bruder zum Bücherschrank
Triumphirend brachte jedes einen Band getragen und stellte die neuen Einbände
zwischen den Kaffetassen vor Frau Rollmaus auf Diese blickte keineswegs erfreut
auf die geheime Quelle ihrer Kraft welche hier vor Aller Augen blossgelegt
wurde
»Und unseres ist neuer als das Ihre« rief der kleine Franz die Hand
schwenkend Vergebens bemühte sich Ilse durch abweisende Winke diesen Ausbruch
des Familienstolzes zu unterdrücken Hans hielt das Wort Zigeuner suchend den
letzten Band fest in seinen Händen und eine Niederlage der Frau Oberamtmann war
nach menschlichem Dafürhalten nicht mehr abzuwehren Aber plötzlich sprang Hans
auf hielt den Band in die Höhe und rief »Hier steht der Herr Professor«
»Unser Herr Professor steht im Konversationslexikon« schrien die Kinder
Familienfehde und Zigeuner waren vergessen Ilse nahm dem Bruder das Buch aus
der Hand die Oberamtmann stand auf um die merkwürdige Stelle über Ilses
Schultern selbst zu lesen alle Kinderköpfe drängten sich um das Buch dass sie
wieder aussahen wie ein Bündel Knospen am Fruchtbaum und alle spähten neugierig
nach den Zeilen die für ihren Gast und sie selbst so ruhmvoll waren In dem
Artikel standen die gewöhnlichen kurzen Notizen welche über lebende Gelehrte
gegeben werden Ort und Tag seiner Geburt und die meist lateinischen Titel
seiner Schriften Alle diese Titel wurden trotz der unleserlichen Sprache mit
Jahreszahl und Format laut abgelesen Ilse sah lange in das Buch dann reichte
sie es der erstaunten Frau Oberamtmann dann zogen die Kinder den Band einander
aus den Händen Das Ereignis machte auf Groß und Klein einen Eindruck der in
literarischen Kreisen niemals erreicht werden konnte Am glücklichsten war die
Frau Oberamtmann sie hatte neben einem Manne gesessen der nicht nur selbst
nachschlug sondern auch nachgeschlagen werden konnte Er war jetzt für sie
berühmt im Allgemeinen ohne Einschränkung und sie empfand zum ersten Male in
ihrem Leben dass sich mit solchem gedruckten Mann recht behaglich verkehren
ließe »Welch ein ausgezeichneter Gelehrter« rief sie »Wie waren doch die
Titel seiner Schöpfungen liebe Ilse« Ilse wusste es nicht Auge und Gedanken
waren ihr an den kurzen Bemerkungen über seine Lebensverhältnisse festgeheftet
Diese Entdeckung hatte die gute Folge dass Frau Oberamtmann für heut
gänzlich die Waffen streckte und sich beschied keine Kenntnisse zu verraten
denn sie sah ein dass heut eine Koncurrenz mit dieser Familie unmöglich war und
sie ließ sich zu einer anspruchslosen Unterhaltung über Hausangelegenheiten
herab Die Kinder aber stellten sich in achtungsvoller Entfernung vor dem
Professor auf und betrachteten ihn neugierig noch einmal von oben bis unten und
Hans teilte dem Doctor leise die Neuigkeit mit und war sehr betroffen dass
dieser nichts daraus machte
Nach dem Kaffe schlug der Landwirt seinen Gästen vor den nahen Berg zu
besteigen und den Schaden zu betrachten welchen der Blitz angerichtet Ilse
belud eine Magd mit dem Abendbrot und einigen Flaschen Wein und der Zug setzte
sich in Bewegung Vom Felsen ging es in das Tal hinab über den Wiesenstreif und
den Bach dann die Berglehne hinauf durch Unterholz in den Schatten
hochstämmiger Fichten Der Regen hatte die steilen Wege ausgespült und
unregelmässige Wasserrinnen furchten den Kies Auch die Frauen schritten tapfer
über die feuchten Stellen Wer aber nicht aus Tracht und Haltung des Professors
erkannte dass er in sicherem Gefühl seiner Männlichkeit auftrat der hätte wohl
argwöhnen dürfen dass zwar die Frau Oberamtmann ein verkleideter Herr sei der
Herr Professor aber eine weichbeschuhte Dame Denn die Rollmaus umschwebte ihn
ehrerbietig und war nicht von seiner Seite zu bringen Sie machte ihn auf Steine
aufmerksam bezeichnete mit der Spitze ihres Schirmes die trockensten Stellen
blieb zuweilen stehen und sprach die Befürchtung aus dass ihn der Weg zu sehr
angreifen werde Der Professor ließ sich die Huldigung der kleinen Dame erstaunt
gefallen und sah nur einige Male fragend auf Ilse über deren Gesicht dann ein
schalkhaftes Lächeln flog Auf der Höhe wurde der Pfad bequemer einzelne
Laubbäume unterbrachen das dunkle Grün der Fichten Der Gipfel selbst war
gelichtet zwischen den Steinen breitete das Haidekraut seine dichten Büschel
an denen in üppiger Fülle die rötlichen Blüten hingen Ringsumher übersah man
die Landschaft mit ihren Höhen und Tälern in der Tiefe den Bach und seinen
grünen Saum das Gut mit seinen Feldern das Tal von Rossau Auf die sinkende
Sonne zu aber hob sich in langgeschwungenen Bogen eine Erdwelle hinter der
andern jede nach der Entfernung anders mit dämmerigem Blau gefärbt bis in das
helle Grau der Gebirgskette am Horizont Das war unter heiterem Himmel in
reiner Bergluft ein erfrischender Anblick und die Gesellschaft lagerte vergnügt
im Haidekraut wo es die weichsten Polster bot
Nach kurzer Rast brach die Gesellschaft von Hans geführt zu der Stelle
auf an welcher der Wetterstrahl den Baum gefällt hatte In einem Schlag hoher
Nadelbäume war der Ort der Verwüstung Eine starke gesunde Fichte war durch den
Strahl erschlagen und zerworfen ein wüstes Durcheinander von Zweigen und
riesigen Splittern des weißen Holzes lag im Umkreis des gebrochenen Stammes der
ohne Krone geschwärzt bis auf den Grund gespalten noch etwa haushoch über die
Trümmer hervorragte Aus dem Gewirr der Äste am Boden erkannte man dass auch
der Grund aufgewühlt war bis unter die Wurzeln der nächsten Bäume Ernstaft
sahen die Erwachsenen auf die Stätte wo ein Augenblick das kräftige Leben in
hässliche Unform verwandelt hatte Die Kinder aber drangen jauchzend in das
Dickicht griffen nach den schuppigen Zapfen des vergangenen Jahres und
schnitten Äste von dem Gipfel jeder bemüht das größte Gehänge der gelben
Schuppenfrüchte davon zu tragen
»Es ist nur einer von Hunderten« sagte der Landwirt finster »aber es tut
doch weh solche Verwüstung gegen die gewohnte Ordnung zu betrachten und an das
Verderben zu denken das so nahe über unsern Häuptern dahinfuhr«
»Macht diese Erinnerung nur Missbehagen« frug der Professor »ist sie nicht
auch erhebend«
»Die Hörner des Widders hängen an den Zweigen« sprach Ilse leise zum Vater
»er wurde das Opfer damit wir verschont blieben«
»Ich meine auch der Mensch der von solchem Strahl getroffen wird er
sollte wenn dieser Augenblick noch zu einem letzten Gedanken Zeit lässt sich
selbst sagen es ist ganz in der Ordnung«
Der Landwirt sah den Professor fragend an »Sprechen Sie darüber zu uns
einige Worte« begann er feierlich »Man hat an diesem Orte einen Wunsch nach
einem gemeinsamen Gedanken der von dem Missbehagen frei macht«
»Ich bin nicht geübt in der Sprache erbaulicher Betrachtung« sagte der
Gelehrte »und ich vermag nur weltliche Worte zu reden Wir vergessen leicht im
Behagen des Tages was wir immer im fröhlichen Herzen tragen sollten dass wir
nur unter Bedingungen leben wie alles Andere auf Erden und am Himmel Zahllose
Kräfte fremdartige Gewalten sind um uns in unaufhörlicher Arbeit jede nach
festen ihr eigenen Gesetzen wirkend auch unser Leben erhaltend tragend
beschädigend Die Kälte welche den Kreislauf des Blutes hemmt die einbrechende
Woge in welcher der menschliche Leib versinkt der schädliche Dampf des Bodens
der den Ahtem vergiftet sie sind keine zufälligen Erscheinungen die Gesetze
in deren Zwange sie auf uns eindringen sind ebenso uralt und ebenso heilig als
unser Bedürfnis nach Speise und Trank nach Schlaf und Licht Und wenn der
Mensch seine Stellung unter den Gewalten der Erde erwägt so heißt leben nichts
Anderes als tätig gegen sie kämpfen und denkend sie verstehen Wer das Brot
schafft das uns nährt und das Holz zieht das uns wärmt jede nützliche
Tätigkeit hat keinen anderen Zweck als uns zu verteidigen und stärker zu
machen durch freundliche Benutzung oder Überwindung dieser Mächte Schon bei
dieser Arbeit merken wir dass zwischen jeder lebendigen Regung in der Natur und
in unserem eigenen Geiste eine geheime Verbindung ist und dass alles Lebendige
wie feindlich es im Einzelnen sich befehde doch zusammen eine große
unermessliche Einheit bildet Und Ahnung und Gedanke dieser Einheit sind zu allen
Zeiten das Herrlichste gewesen was der Mensch in sich hervorzurufen vermochte
Deshalb ist dem Menschen die zweite Aufgabe geworden eine unwiderstehliche
Sehnsucht und ein unwiderstehlicher Trieb den innern Zusammenhang dieser
Lebensgewalten zu erfassen Und das ist es was uns fromm macht Nicht bei
jedem Menschen ist die Arbeit die gleiche aber das Ziel ist dasselbe Die warme
Empfindung des einen ahnt ewige Vernunft in Allem was ihm unbegreiflich
erscheint und er nennt diese in kindlichem Vertrauen mit dem ehrwürdigsten und
herzlichsten Namen Und wieder andere suchen emsig die einzelnen Gesetze und
Kräfte des Lebens zu beobachten und ihren großen Zusammenhang ehrfurchtsvoll zu
verstehen und diese sind es welche der Wissenschaft dienen Wer glaubt und wer
forscht beide tun im Grunde dasselbe sie üben die höchste Bescheidenheit
denn sie empfinden dass alles einzelne Leben eigenes und fremdes unendlich
klein ist gegen das große Ganze Und wer vom Blitzstrahl getroffen noch zu
glauben vermöchte ich gehe zum Vater und wer in solchem Augenblick mit
Interesse zu beobachten vermöchte wie sein Nervenleben aufhört sie haben beide
ein gottseliges Ende«
So sprach der Professor vor der geborstenen Fichte die letzte Äußerung
Ilses im Herzen Die Kinder hörten dem kräftigen Tonfall seiner Worte ein
Weilchen zu dann wurde ihnen die Sache lang Hans fuhr den Schwestern mit
seinem Nadelzweige in die Ärmel sie schlugen mit ihrer Fichtenrute nach ihm
die Brüder kamen zu Hilfe und ein Gefecht mit grünen Zweigen zog sich von dem
Stamme abwärts in das Dickicht Der Oberamtmann sah verwundert auf den Redner
und fasste den Verdacht dieser Mann gehöre zu einer neuen Klasse von
Volksaposteln die zur Zeit hier und da auftauchten Seine Frau stand die Hände
über dem Sonnenschirm gefaltet andächtig da und nickte zuweilen bestätigend mit
dem Kopfe bis sie endlich den Gutsherrn leise anstieß und flüsterte »Das
gehört zu der Philosophie von der wir sprachen« Der Landwirt jedoch
erwiderte nichts sondern hörte mit geneigtem Haupt um dem Sinn besser zu
folgen Ilse aber wandte die Augen nicht von dem Sprechenden ab fremdartig
klang seine Rede und Einiges regte ihr geheimes Bangen auf sie wusste nicht
weshalb Aber sie hätte nichts dagegen sagen können denn der Quell warmen
Lebens der aus dieser Menschenseele hervorbrach wirkte wie ein Zauber auf sie
Die Wahl der Worte die neuen Gedanken der edle Ausdruck seines festen
Antlitzes nahmen sie unwiderstehlich gefangen Es war nach der Ansicht des
Doctors eine seltsam zusammengeladene Gesellschaft für den schwerverständlichen
Vortrag eines Professors und der Redner hatte an eine einzige denkend als ein
sorgloser Säemann gesäet Aber wer vermag zu sagen wie das Saatkorn der Worte
in den Hörern haftet und aufblüht vielleicht verdorrte es auf dem Stein
vielleicht auch entwickelte sichs in einer Seele zu neuem Leben
Die Gesellschaft kehrte zu dem Lager auf dem Gipfel zurück Hinter den
Bergen sank die Sonne und von ihr her strich der Wind über die Höhen der milde
Abendschein vergoldete zuerst die Spitzen des Haidekrauts und die Gestalten der
Menschen dann stieg er hinauf über ihre Häupter bis zu den Gipfeln der Bäume
und bläulicher Schatten deckte den Boden die Baumstämme die Fernsicht Oben
aber am Himmel schwebten die kleinen Lichtwolken aus Gold und Purpur bis auch
dort die glühenden Farben in rosiger Dämmerung erblassten Der Nebel stieg aus
der Tiefe und im einförmigen Grau schwanden die Farben des Himmels und der Erde
Lange sah die Gesellschaft in die wechselnden Lichter des Abends endlich
rief der Gutsbesitzer nach dem Inhalt des Korbes die Kinder waren geschäftig
auszupacken und die kalten Speisen in der Runde zu bieten Der Landwirt goss den
Wein in die Gläser stieß kräftig mit seinen Gästen an und freute sich des guten
Abends Hans lief auf einen Wink des Vaters ins Gebüsch und holte einige
Kienfackeln hervor »Es ist heut keine Gefahr« sagte der Landwirt zum
Oberamtmann während er die Fackeln anzündete Die Kinder drängten sich zum
Fackeltragen aber nur Hans wurde mit diesem Ehrenamte betraut die Herren vom
Lande trugen die anderen selbst
Langsam wand sich der Zug den Bergpfad hinab die Fackeln warfen ihr grelles
Licht auf Nadelbüschel und Steine und auf die Gesichter der Menschen welche in
den Biegungen des Weges rot leuchteten wie der aufgehende Mond und wieder in
Finsternis verschwanden Die Frau Oberamtmann hatte schon einige Mal versucht
auch den zweiten der großen Fremden zum Gespräch heranzuziehen jetzt gelang es
ihr bei einer schlechten Wegstelle »Was Ihr Freund sprach« begann sie »war
sehr schön denn es war lehrreich Er hatte ganz Recht man soll gegen die
Gewalten kämpfen und man soll den Zusammenhang suchen Aber ich versichere Sie
einer Frau wird das schwer Denn Rollmaus der doch für mich die erste
Naturgewalt ist hat einen Hass gegen Gründe er ist immer dafür dass Alles nach
seinem Kopfe geht Und als ein rechtschaffner Mann hat er darin auch Recht aber
für Wissenschaft ist er nicht sehr und auch wegen eines Klaviers für die Kinder
habe ich meine Not mit ihm Und ich suche wohl die Gründe und Kräfte und was
man sonst Zusammenhang nennt und man liest was man kann denn man will doch
auch wissen was in der Welt vorgeht und sich aus dem Gewöhnlichen erheben
Aber manchmal versteht mans nicht und wenn mans auch zweimal liest Und wenn
mans hat dann ists vielleicht schon veraltet und es gilt nichts mehr und man
möchte gar alles Forschen aufgeben«
»Tun Sie das doch nicht« ermahnte der Doctor »es ist immer eine geheime
Freude wenn man etwas weiß«
»Nicht wahr« fuhr die Frau Oberamtmann fort »wenn ich in der Stadt lebte
ich würde mich ganz in die Wissenschaft vertiefen aber auf dem Lande ist man zu
allein und dann die große Wirtschaft und auch der Mann und man hat zu tun
dass mans dem recht macht Denn Sie glauben nicht was für ein tüchtiger Wirt
er ist Rollmaus halt deine Fackel zur Seite der ganze Rauch schlägt dem
Herrn Doctor ins Gesicht« Rollmaus wandte mit leisem Gebrumm die Fackel ab
Seine Frau drängte sich an ihn fasste seinen Arm und hob sich zu seinem Ohr
»Ehe wir wegfahren musst du die fremden Herren zu uns einladen damit die
Schicklichkeit beobachtet wird«
»Er ist ein freier Winkelprediger« antwortete der Oberamtmann mürrisch
»Um Gotteswillen Rollmaus begehe keine Ruchlosigkeit und blasvomire
nicht« fuhr sie fort ihm den Arm drückend »er steht ja im Lexikon«
»In deinem« frug der Gatte
»In dem hiesigen« versetzte die Frau »was auf eins herauskommt«
»Es stehen Viele in Büchern die weniger wert sind als Andere die nicht
darin stehen« sagte der Mann ungerührt
»Damit widerlegst du mich nicht« entschied die Frau »ich sage dir und
ichavertire dich er ist ein berühmter Mann und der Anstand verlangt dass wir
darauf Rücksicht nehmen Und du weißt was den Anstand betrifft «
»Sei nur ruhig« besänftigte Rollmaus »ich habe ja nichts dagegen wenn es
sein muss Ich habe deinetwegen schon in ganz andere saure Äpfel gebissen«
»Meinetwegen« frug die Oberamtmann gekränkt »Bin ich unvernünftig bin ich
ein Tyrann bin ich eine Eva welche mit ihrem Manne unter dem Baume steht mit
lüderlichem Haar und nicht einmal mit einem Hemde Willst du dich und mich mit
solchen alten Zuständen vergleichen«
»Na« sagte Rollmaus »gib dich zufrieden wir wissen ja wie wir
miteinander stehen«
»Siehst du wohl dass ich Recht habe« versetzte besänftigt die Frau
Oberamtmann »Und glaube mir ich weiß auch wie Andere miteinander stehen und
ich sage dir ich habe so eine Ahnung es spinnt sich etwas an«
»Wer spinnt« frug Rollmaus
»Es ist zwischen Ilse und dem Herrn Professor«
»Das wäre der Teufel« rief der Oberamtmann lebhafter als er den ganzen Tag
gewesen war
»Still Rollmaus man hört dich vernachlässige nicht die Diskretion«
Ilse war zurückgeblieben sie führte den jüngsten Bruder dem Ermüdung den
Schritt unsicher machte Ritterlich weilte der Professor neben ihr Er machte
sie aufmerksam wie gut sich der Zug ausnehme die Fackeln wie große Glühwürmer
an der Spitze dahinter die scharf beleuchteten Gestalten der wechselnde
Feuerschein an Baumstämmen und grünen Zweigen Ilse hörte längere Zeit
schweigend zu endlich begann sie »Und das Liebste am heutigen Tage war dass
Sie so gütig zu unserer Nachbarin sprachen Als sie neben Ihnen saß war mir weh
zu Mut Denn mir kam vor als wäre demütigend für Sie die ungeschickten
Fragen unserer Freundin zu hören und auf einmal war mir als ob Sie auch gegen
uns eine immerwährende Nachsicht üben müssten und das quälte mich Weil Sie aber
so freundlich das Gute anerkannten das unsere Frau Oberamtmann hat merkte ich
doch dass es Ihnen keine Überwindung kostet mit uns einfachen Leuten zu
verkehren«
»Liebes Fräulein« rief der Professor erschrocken »ich hoffe Sie sind
überzeugt dass ich der wackeren Dame nur sagte was wahre Herzensmeinung war«
»Ich weiß es« fuhr Ilse lebhaft fort »und die treue Seele vor uns fühlt es
auch Sie war heut den ganzen Tag ruhiger und heiterer als sie sonst ist Und
dafür muss ich Ihnen danken Ach von Herzen« fügte sie leise hinzu
Da Lob aus geliebtem Munde nicht die kleinste Freude des Menschen ist sah
der Professor glücklich auf seine Nachbarin welche jetzt im Dunkeln den Bruder
zu schnellerem Schritte trieb Er wagte das Schweigen nicht zu brechen beiden
waren die reinen Herzen geöffnet und ohne ein Wort zu reden fühlten sie den
Strom warmer Empfindungen der von einem zum andern zog »Wer aus seinen Büchern
unter andere Menschen tritt« begann endlich der Professor »dem macht die
pedantische Gewohnheit des Bücherlesens zuweilen leichter aus einem fremden
Leben heraus zu holen was ihm für das eigene dienlich sein kann Denn zuletzt
ist in jedem Leben etwas Ehrwürdiges wie oft es auch durch wunderliche Zutat
verdeckt ist«
»Uns ist geboten den Nächsten zu lieben« sagte Ilse »und wir mühen uns
das zu tun aber wenn man findet dass diese Liebe so heiter so hoch und sicher
gegeben wird ist es doch rührend Und wo man solche Gesinnung vor sich sieht
wird sie ein Beispiel und erhebt das Herz Komm Franz« sagte sie zum Bruder
gewandt »es ist nicht mehr weit nach Haus« Aber Franz stolperte und erklärte
schlaftrunken dass ihn seine Beine schmerzten »Auf kleiner Herr« rief der
Professor »lass dich tragen«
Aengstlich wehrte Ilse »Das kann ich nicht zugeben es ist nur der Schlaf
der ihn träge macht«
»Bis wir im Tale sind« sagte der Professor und hob den Knaben an seine
Schulter Franz schlug ihm den Arm um den Hals drückte sich an ihn und war bald
fest entschlafen Sie kamen an eine steile Biegung des Weges der Professor bot
seiner Gefährtin den freien Arm sie aber weigerte sich und stützte sich nur ein
wenig auf die dargebotene Hand Und ihre Hand glitt hinab und blieb in der des
Mannes liegen Hand in Hand schritten beide den letzten Teil des Berges abwärts
in das Tal keines sprach ein Wort Unten löste Ilse leise ihre Hand aus der
seinen er ließ sie los ohne Wort und Druck aber die wenigen Minuten umfassten
für beide eine Welt von seligen Gefühlen »Komm herab Franz« bat Ilse und
nahm den schlafenden Bruder vom Arm ihres Freundes Sie beugte sich zu dem
Kleinen nieder und sprach ihm Mut ein und weiter ging es zu der Gesellschaft
welche am Bach die Zurückgebliebenen erwartete
Der Wagen des Oberamtmanns fuhr vor Wortreich waren die Abschiedsgrüsse der
Frau Oberamtmann auch der Starrsinn des Gatten war durch die Vorstellungen
seiner Frau gemildert und als er die Mütze in der Hand hielt bequemte er sich
mit erträglichem Anstande zum Biss in den erwähnten sauren Apfel Er trat auf die
Schreiberleute aus der Stadt zu und ersuchte sie auch ihm das Vergnügen ihres
Besuches zu schenken und als er die freundlichen Worte sprach übte die
Einladung selbst auf sein ehrliches Gemüt eine weitere besänftigende Wirkung
er streckte auch noch die Hand aus und als diese ihm kräftig geschüttelt wurde
näherte er sich der Ansicht dass die Fremden im Grunde auch nicht so übel wären
Der Gutsherr begleitete die Gäste zu dem Wagen Hans reichte die Schachtel
hinein und beide Landwirte beobachteten unter dem letzten Gutnachtruf noch mit
Kennerblicken wie die Braunen anzogen
7
Neue Feindseligkeit
Während zwischen dem Professor und dem Doctor eine helle Frauengestalt aufstieg
wollte das Schicksal dass zwischen denbeiden Nachbarhäusern eine neue Fehde
entbrannte Und das ging so zu
Herr Hahn hatte die Abwesenheit seines Sohnes zu einer Verschönerung des
Grundstücks benutzt Sein Garten lief nach dem Parke spitz zu und er hatte viel
darüber nachgedacht wie diese Spitze zu einer guten Wirkung verwertet werden
könnte Denn die kleine Erhöhung die er dort aufgeworfen und mit Rosen besetzt
hatte erwies sich als ungenügend Er beschloss also ein hübsches wasserdichtes
Sommerhaus für solche Besucher des Gartens zu zimmern welche nicht geneigt
waren bei schlechtem Wetter nach der nahen Wohnstube zurückzugehen Alles war
schon vor der Abreise des Sohnes weislich überlegt den Tag darauf ließ er einen
schlanken Holzbau errichten mit kleinen Fenstern nach der Straße oben statt
des Daches eine Plattform mit lustigen Bänken deren Latten über die Holzwände
und den Gartenzaun kühn in die Luft der Straße vorsprangen Die Sache sah gut
aus Als aber Herr Hahn herzlich vergnügt seine Gattin eine kleine Seitentreppe
auf die Plattform hinaufführte und die wohlgerundete Frau Hahn nichts Arges
ahnend auf der Luftbank niedersass und von dort oben verwundert auf die Welt
herunterblickte da ergab sich dass die Spaziergänger gerade unter ihr
wegschritten und wer längs dem Zaun ging sah den Himmel über sich verdunkelt
durch das Gefieder des großen Vogels der auf seinem hohen Sitz der Strassenwelt
den Rücken kehrte Da klangen schon in der ersten Viertelstunde so spitze Reden
herauf dass die arglose Frau Hahn dem Weinen nahe war und ihrem Hausherrn mit
ungewohnter Energie erklärte sie werde sich nie wieder als Henne behandeln
lassen und die Plattform nicht wieder besteigen Die Familienstimmung wurde
dadurch nicht besser dass Herr Hummel während dieser Ausstellung der Frau Hahn
am Zaune des Nachbargartens gestanden und über die nichtswürdigen Redensarten
des Volkes recht höhnisch gelacht hatte
Hahn aber nach kurzem Kampfe zwischen Stolz und Rücksicht gab der besseren
Stimme seines Innern Gehör entfernte die Bänke und die Plattform und errichtete
über dem Sommerhause ein schönes chinesisches Dach An die Vorsprünge des Daches
aber hing er kleine Glocken Wenn sich der Wind erhob tönten die Glocken leise
Dieser Einfall wäre eine entschiedene Verbesserung gewesen Aber die
Schlechtigkeit der Menschen gönnte dem Kunstwerk keine Ruhe Denn die
Strassenjungen machten sich ein Vergnügen daraus einzelne Glocken durch lange
Gerten in Bewegung zu erhalten Und in einer der nächsten Nächte wurde die
Nachbarschaft sogar durch ein vielstimmiges Glockenconcert aus dem Schlummer
geweckt
Herrn Hahn däuchte im Schlafe dass der Winter gekommen sei und eine lustige
Gesellschaft Schlitten fahrend sein Haus umkreise er horchte auf und erkannte
mit Entrüstung die aufgeregte Tätigkeit seiner Glocken Im Nachtkleide eilte er
in den Garten und rief zornig in die Luft hinaus »Wer ist hier« Augenblicklich
verstummte das Geläut ringsum tiefes Schweigen friedliche Stille Er stieg zum
Gartenhaus hinauf und sah die unsicheren Umrisse seiner Glocken welche noch
unter dem Nachthimmel schwangen aber rundumher war Niemand zu entdecken Er
ging nach seinem Bett zurück aber kaum hatte er sich zurechtgelegt so fing der
Lärm wieder an hastig und rufend als sollte eine Weihnachtsbescherung
eingeläutet werden Und es wurde auch eine eingeläutet aber keine fröhliche
Wieder stürmte er ins Freie und wieder schwieg der Lärm aber als er sich über
das Gitter erhob und umherspähte sah er im Garten gegenüber die breite Gestalt
des Herrn Hummel am Zaun stehen und hörte eine dröhnende Stimme rufen »Was sind
das für verrückte Phantastereien«
»Es ist unerklärlich Herr Hummel« rief Herr Hahn begütigend über die
Straße hinüber
»Unerklärlich ist nichts« rief Herr Hummel »als der Unfug Glocken auf
offener Straße in die freie Luft zu hängen«
»Ich verbitte mir Ihre Ausfälle« rief Herr Hahn tief verletzt »ich habe
das Recht auf meinem Grundstück aufzuhängen was ich will«
Und nun begann ein Kampf der Ansichten über die Straße schrecklich und
kläglich zugleich Dort Hummels Bass hier Hahns scharfe Stimme welche in hohe
Tenorlagen hinüberhüpfte beide Nachtgestalten in langen Schlafröcken getrennt
durch Straße und Verschanzungen aber wie zwei antike Helden mit starken Worten
gegeneinander fechtend Wenn man auch nicht den wilden Anstrich erkennen konnte
den Herr Hahn durch die rote Farbe seines Schlafrocks erhielt so ragte er doch
auf der Höhe neben seinem chinesischen Tempel und seine Arme hoben sich
imponirend von dem dämmerigen Horizonte ab Herr Hummel aber stand im Finsteren
überschattet von wildem Wein »Ich werde Sie bei der Polizei belangen weil Sie
die bürgerliche Ruhe stören« rief Herr Hummel zuletzt und fühlte in seinem
Rücken die kleine Hand seiner Frau die ihn beim Schlafrock fasste und ihn
umdrehte und leise beschwor keine Szene zu geben
»Und ich werde vor Gericht fragen wer Ihnen das Recht gibt Ihre Injurien
über die Straße zu werfen« rief Herr Hahn ebenfalls auf dem Rückzuge denn
unter dem Getöse des Kampfes hatte er häufig die leisen Worte gehört »Komm
zurück Hahn« und seine Frau händeringend hinter sich gesehen Er war aber
nicht in der Stimmung das Schlachtfeld zu verlassen »Licht her und eine
Leiter« rief er »ich will diese Schändlichkeit ermitteln« Eilfertig
erschienen Leiter und Laterne von dem erschrockenen Dienstmädchen zugetragen
Herr Hahn stieg zu seinen Glocken hinauf und suchte lange vergeblich endlich
entdeckte er dass Jemand ein Geflecht von Pferdehaaren mit den einzelnen Glocken
in Verbindung gebracht und dieselben von außen wie an einem Strange geläutet
hatte
Auf diese wilde Nacht folgte ein wüster Morgen »Gehen Sie zu dem Manne
hinüber Gabriel« sagte Herr Hummel »und fragen Sie ihn um des lieben Friedens
willen ob er gutwillig sogleich die Glocken abnehmen will Ich fordere meinen
Schlaf Und ich leide nicht dass Nachtgesindel an mein Haus gelockt wird um den
Zaun streift in meinem Garten die Pflaumen stiehlt und in meine Fabrik
einbricht Dieser Mann läutet die Spitzbuben aus der ganzen Umgegend zusammen«
Gabriel versetzte »Um des lieben Friedens willen gehe ich hinüber aber nur
wenn ich mit Höflichkeit sagen darf was ich für gut halte«
»Mit Höflichkeit« wiederholte Hummel und blinzte dem Vertrauten schlau zu
»Sie verstehen Ihren Vorteil nicht Eine so schöne Gelegenheit deutlich zu
werden kommt Ihnen so bald nicht wieder Und es wäre jammerschade wenn man
sich das entgehen ließe Aber ich habe so meine Ahnungen Gabriel höflich oder
nicht mit dem Manne werden wir nicht fertig Er ist boshaft und störrig und
verbissen Er ist ein Bulldog Gabriel da haben Sie seinen Charakter«
Gabriel trat bei dem armen Herrn Hahn ein der noch leidend vor dem
unberührten Frühstück saß und misstrauisch auf den Bewohner des feindlichen
Hauses blickte »Ich komme nur zu fragen« begann Gabriel schlau »ob Sie
vielleicht durch Ihren Herrn Sohn Nachricht von meinem Professor bekommen
haben«
»Keine« versetzte Herr Hahn traurig »es gibt Zeiten wo Alles quer geht
lieber Gabriel«
»Ja das war heut Nacht ein schlechter Schabernack« bedauerte Gabriel
Herr Hahn sprang auf »Unsinnig hat er mich genannt einen Phantasten hat er
mich genannt Darf ich mir das gefallen lassen Als Geschäftsmann und in meinem
eigenen Garten Wegen dem Spielwerk mögen Sie Recht haben man muss nicht zu
viel Vertrauen auf die Menschen setzen Jetzt aber ist meine Ehre gekränkt und
ich sage Ihnen die Glocken bleiben und sollte ich alle Nächte einen Wächter
dazustellen«
Vergebens sprach Gabriel verständige Worte Herr Hahn blieb unerbittlich und
rief dem Abgehenden noch nach »Sagen Sie ihm vor Gericht sehen wir uns
wieder«
In der Tat ging er zu seinem Sachwalter und bestand auf einer Klage wegen
nächtlicher Injurien
»Gut« sagte Hummel als Gabriel von seiner fruchtlosen Gesandtschaft
zurückkehrte »Diese Leute zwingen mich Sicherheitsmassregeln für mich selbst zu
treffen ich will dafür sorgen dass keine fremden Pferdehaare an mein Haus
gebunden werden Wenn bei denen drüben die Spitzbuben mit den Schellen läuten
so sollen bei mir die Hunde bellen Wurst wider Wurst Gabriel«
Düster ging er in seine Fabrik und schnaubte wild umher Sein Buchhalter
der das Aussehen eines gedrückten Mannes hatte weil er neben Herrn Hummel nie
recht aufkommen konnte fühlte sich verpflichtet zeitgemäss zu reden und
bemerkte schüchtern »Die Einfälle von AC Hahn sind abgeschmackt alle Welt
hält sich darüber auf« Aber die Rede gedieh ihm nicht »Was kümmern Sie dieses
Mannes Einfälle« rief Hummel »sind Sie Hausbesitzer und sind Sie Prinzipal
dieses Geschäfts oder bin ich es Wenn ich mich ärgern will so ist das meine
Sache und geht Sie gar nichts an Sein neuer Kommis Knips trägt einen frisirten
Lockenkopf und riecht nach kölnischem Wasser Machen Sie sich doch über den
lustig das ist Ihre Gerechtsame Und was die übrige Welt betrifft so ist ihr
Schelten auf dieses Mannes Erfindungen gerade so viel wert als ob ein Sperling
vom Dache schreit Wenn er alle Tage ein Schellengeläut auf seine Schultern
hängt und damit in sein Komtoir geht so bleibt er für dieses Strassenvolk immer
ein reputirlicher Bürger Nur mir gegenüber ist das ein ander Ding Ich bin sein
Nachbar bei Tag und bei Nacht Und wenn er Suppen einbrockt so fällt auch mir
der Löffel hinein Im Übrigen verbitte ich mir alle Verläumdungen auf
Mitmenschen Was gesagt werden muss besorge ich allein ohne Associé Merken Sie
sich das«
An einem der nächsten Abende stand Gabriel vor der Tür sah auf den Himmel
und wartete ob eine kleine schwarze Wolke welche dort oben langsam
dahinschiffte das Bild des Mondes verdecken würde Gerade als dies Ereignis
eintrat und die Straße und die beiden Häuser im Dunkel lagen fuhr ein Wagen vor
das Haus und die Stimme des Hausbesitzers frug hinter dem Leder hervor »Alles
in Ordnung«
»Alles in Ordnung« erwiderte Gabriel und knöpfte den Schurz auf Herr
Hummel stieg schwerfällig herab hinter ihm klang ein unwilliges Knurren »Was
steckt da in der Finsternis« frug Gabriel neugierig und griff in den Wagen
aber er zog schnell die Hand zurück »Das Grobzeug will beißen«
»Ja das hoffe ich« versetzte Herr Hummel »es soll beißen Ich bringe
Wachhunde mit gegen die Glockenspieler« Er zerrte am Strick zwei undeutliche
Gestalten heraus welche auf dem Boden mit heiserem Gekläff umherfuhren
Gabriels Beine bösartig umkreisten und den Strick wie eine Schlinge um ihn
zogen »Die Menge muss es bringen« rief Gabriel »zwei Stück« Der Mond hatte
die Wolke überwunden und beleuchtete hell die beiden Hunde »Das sind seltsame
Tiere Herr Hummel es ist eine schwierige Race Zwei Köter« fuhr er
abschätzend fort »kaum von Mittelgrösse es ist dickes Format und ihr Haar ist
zottig über die Schnauze hängen die Borsten wie ein Schnurrbart Die Mutter war
eine Pudelin der Vater ein Affenpintsch auch ein Mops muss mit in der
Verwandtschaft gewesen sein und der Urgroßvater war ein Dachshund Ein schöner
Bau Herr Hummel so etwas ist selten Wie sind Sie zu diesen Mondkälbern
gekommen«
»Das war ein eigener Zufall Im Dorfe hatte ich für heut keinen Hund
erhalten als ich durch den Wald zurückfuhr scheuten die Pferde und wollten
nicht vorwärts Während der Kutscher mit ihnen hantirte sah ich auf einmal
neben dem Wagen einen großen schwarzen Mann stehen wie aus dem Boden
heraufgeschossen Er hielt die zwei Hunde am Stricke und lachte höhnisch über
die Schelte des Kutschers Was solls rief ich ihn an wohin führt ihr die
Hunde Dem der sie haben will rief der Schwarze«
»Hebt sie in den Wagen« sagte ich
»Ich reiche nichts« brummte der Fremde »ihr müsst sie euch holen« Ich
stieg ab und frug »Was verlangt ihr dafür«
»Nichts« sagte der Mann Die Sache wurde mir bedenklich aber ich dachte
man kanns doch probiren ich trug die Burschen in den Wagen sie waren
lammfromm »Wie heißen die Hunde« rief ich aus dem Wagen
»Bräuhahn und Gose« sagte der Mann und lachte wie ein Teufel
»Das sind keine Hundenamen Herr Hummel« warf Gabriel kopfschüttelnd ein
»Das sagte auch ich dem Manne und er versetzte Getauft sind sie nicht
Aber der Strick ist euer sagte ich und denken Sie Gabriel dieser schwarze
Kerl antwortete mir Behaltet ihn ihr könnt euch dran hängen Ich wollte ihm
die Hunde wieder aus dem Wagen werfen da war der Mann im Walde verschwunden wie
ein Irrwisch«
»Das ist eine niederträchtige Geschichte« rief Gabriel bekümmert »diese
Hunde sind in keinem christlichen Hause gewachsen Und wollen Sie wirklich
solche Gespenster behalten«
»Ich wills probiren« sagte Herr Hummel »Zuletzt ist ein Hund ein Hund«
»Nehmen Sie sich in Acht Herr Hummel in den Tieren steckt etwas«
»Dummes Zeug«
»Sie sind scheusälig« fuhr Gabriel fort und zählte an den Fingern »sie
haben keine menschlichen Hundenamen sie sind angeboten ohne Geld kein Mensch
weiß was diese Bestien fressen«
»Auf den Appetit werden Sie nicht lange zu warten haben« versetzte der
Hausherr Gabriel zog ein Stück Semmel aus der Tasche die Hunde schnappten
danach »In dieser Weise sind sie zuverlässig« sagte er ein wenig beruhigt
»Aber wie soll man sie in Ihrem Hause rufen«
»Der Bräuhahn mag bleiben was er ist« versetzte Herr Hummel »aber in
meiner Familie soll kein Hund Gose heißen Ich leide dieses Getränk nicht« Er
sah feindselig auf das Nachbarhaus hinüber »Andere Leute lassen sich das Zeug
täglich über die Straße holen das ist für mich kein Grund ein solches Wort in
meinem Haushalt zu dulden Der Schwarze heißt von jetzt ab Bräuhahn und der
Rote Speihahn Damit abgemacht«
»Aber Herr Hummel das sind lauter injuriöse Namen« rief Gabriel »damit
wird das Übel ärger«
»Das ist meine Sorge« sagte Herr Hummel entschlossen »Bei Nacht bleiben
sie im Hofe sie sollen das Haus bewachen«
»Wenn sie nur leibhaftig aushalten« wandte Gabriel ein »die Art kommt und
verschwindet wie sie will und nicht wie wir wollen«
»Sie werden doch nicht des Teufels sein« lachte Herr Hummel
»Wer spricht vom Teufel« versetzte Gabriel schnell »Einen Teufel gibt es
nicht das leidet der Professor nimmer aber von Hunden hat man Beispiele«
Damit zog Gabriel die Tiere in den Hausflur Herr Hummel rief in die Stube
»Guten Abend Philippine hier habe ich dir etwas mitgebracht«
Frau Hummel trat mit dem Lichte in die Tür und sah erstaunt auf das
Geschenk das zu ihren Füßen winselte Durch diese Demut wurde das stolze Herz
der Hausfrau zum Wohlwollen gestimmt »Aber sie sind hässlich« sagte sie
zweifelnd als der Rote und der Schwarze zu ihren beiden Seiten niedersassen
das Gesäss gesenkt mit dem Schwanze wedelnd und unter den langen Augenhaaren zu
ihr aufblickend »Und warum zwei«
»Sie sind nicht für die Ausstellung gearbeitet« entgegnete Herr Hummel
begütigend »es ist Landwaare Der eine ist nur Ersatzmann«
Nach dieser Vorstellung wurden sie in einen Verschlag getragen Gabriel
prüfte noch einmal ihre Fähigkeit im Fressen und Saufen sie erwiesen sich
durchaus als regelmäßige wenn auch nicht durch Leibesschönheit ausgezeichnete
Hunde und Gabriel stieg sorglos zu seiner Kammer hinauf
Als die Uhr zehn schlug und das Gittertor welches den Hof von der Straße
schied geschlossen wurde ging Herr Hummel selbst zum Hundezwinger hinab um
die neuen Wächter in ihren Beruf einzuweihen Aber er erstaunte sehr als er
ihnen die Tür öffnete Denn ohne sein ermunterndes Herrenwort abzuwarten
stürzten die beiden Kreaturen zwischen seinen Füßen in den Hof hinaus Wie von
einer unsichtbaren Peitsche getrieben fuhren sie um das Haus und die Fabrik
herum ohne Aufhören immer neben einander Und keineswegs stillschweigend Sie
waren bis dahin gedrückt und kleinlaut gewesen jetzt wurden sie entweder wegen
guter Leibesnahrung oder weil ihre nächtliche Stunde gekommen war so
geräuschvoll dass sogar Herr Hummel erstaunt zurücktrat ihr heiseres scharfes
Gebell übertönte das Horn des Nachtwächters und die Rufe des Hausherrn welcher
ihnen Mäßigung anempfehlen wollte Ohne Aufhören ging die wilde Jagd im Hofe
herum und ein unendliches Gekläff begleitete den Sturmlauf Die Fensterflügel
des Hauses öffneten sich »Das wird eine lebendige Nacht Herr Hummel« rief
Gabriel hinunter
»Aber Heinrich das ist ja unerträglich« rief die Gattin aus der
Schlafstube
»Es ist nur die erste Freude« tröstete Herr Hummel und zog sich in das Haus
zurück
Aber diese Ansicht erwies sich als ein Irrtum Durch die ganze Nacht klang
das Gebell der Hunde aus dem Hofe Auch in den Häusern der Nachbarschaft wurden
Läden aufgerissen und laute Scheltworte nach dem Hof des Herrn Hummel geworfen
Am nächsten Morgen stand Herr Hummel unsicher auf Selbst ihm war sein kräftiger
Bürgerschlaf durch die Vorwürfe der Gattin gestört worden welche jetzt zornig
und mit Kopfschmerzen behaftet beim Frühstück saß Und als er in den Hof trat
und die Beschwerden einsammelte welche ihm seine Leute von der Außenwelt
zutrugen da war auch er einen Augenblick schwankend ob er die Hunde für eine
Bereicherung seines Hausstandes halten dürfe
Das Unglück wollte dass gerade in dieser Stunde der Marktelfer des Herrn
Hahn mit herausfordernder Miene in den Hof trat und meldete Herr Hahn müsse
darauf bestehen dass Herr Hummel das unerhörte Gebell abschaffe er werde sich
sonst genötigt sehen sein Recht bei der Polizei zu suchen
Dieser Angriff des Gegners entschied den innern Kampf des Herrn Hummel
»Wenn ich das Bellen meiner Hunde ertrage so könnens andere Leute auch
ertragen Dort spielen die Glocken hier singen die Hunde und wenn Jemand vor
der Polizei meine Ansicht hören will so soll er genug zu hören bekommen« Er
ging in das Haus zurück und trat würdig vor seine leidende Hausfrau »Du bist
meine Frau Philippine du bist eine kluge Frau und ich gebe dir nach in jedem
Dinge worin du mir einen verständigen Willen zeigst«
»Sollen zwei Hunde zwischen dich und mich treten« frug mit schwacher Stimme
die Gattin
»Niemals« versetzte Hummel »Hausfriede muss sein und dein Kopfschmerz ist
mir nicht recht Und ich wollte dir zu Gefallen die Biester schon wieder
abschaffen Da begegnet mir dies mit diesen Phantasten Zum zweiten Mal bedrohen
sie mich mit Justiz und Polizei Jetzt steht meine Ehre auf dem Spiel und ich
kann nicht mehr nachgeben Sei mein gutes Weib Philippine versuchs einige
Nächte mit Baumwolle in den Ohren bis sich die Hunde an ihre Arbeit gewöhnt
haben«
»Heinrich« versetzte die Gattin matt »ich habe nie an deinem Herzen
gezweifelt aber dein Charakter ist rau Und die Hunde haben eine zu hässliche
Stimme Willst du um deinen Willen durchzusetzen deine Frau durch
Schlaflosigkeit leiden sehen und immer kränker werden sehen so sags Willst
du um deinen Charakter zu behaupten den Frieden mit der Nachbarschaft opfern
so sags«
»Ich will nicht dass du krank wirst und ich will die Hunde nicht weggeben«
versetzte Herr Hummel ergriff seinen Filzhut und ging mit starken Schritten
nach der Fabrik
Wenn sich aber Herr Hummel der Hoffnung hingab den schwersten Hauskampf als
Sieger beendet zu haben so wandelte er in großem Irrtum Noch war eine andere
Macht innerhalb seiner Grenzen übrig und diese eröffnete den Feldzug auf ihre
Weise Als Hummel in seinem kleinen Komtoir an das Pult trat sah er neben dem
Tintenfass einen Blumenstrauß An dem rosa Seidenband hing ein kleiner Brief
gesiegelt mit der Oblate Vergissmeinnicht überschrieben »Meinem lieben Papa«
»Das ist mein Blitzmädel« murmelte er öffnete das Billet und las folgende
Zeilen »Lieber Papa guten Morgen die Hunde machen uns große Sorgen sie sind
gar zu hässlich und ihr Gebell ist grässlich Was den Unfrieden mehrt und die
Nachbarn stört behalte nicht in Hof und Hut Sei edel Vater hilfreich und
gut«
Hummel lachte kräftig dass die Arbeit in der Fabrik stockte und Jedermann
über die gute Laune verwundert war Dann bezeichnete er den Zettel mit dem Datum
des Empfanges steckte ihn in die Brieftasche und begab sich nach Durchsicht der
eingelaufenen Briefe in den Garten Er sah seine kleine Hummel mit der Giesskanne
über die Beete fahren und Vaterstolz schwellte ihm das Herz Wie behend sie sich
drehte und beugte wie ihr die dunkeln Löckchen um das blühende Antlitz hingen
wie geschäftig sie die Kanne hob und schwenkte Und als sie ihn erblickte das
Gefäß hinsetzte und ihm mit dem Finger drohte da wurde er vollends bezaubert
»Wieder Verse« rief er ihr entgegen »es ist Numro neun die ich kriege«
»Und du wirst mein guter Papa sein« rief Laura auf ihn zueilend und
streichelte sein Kinn »Schaffe sie ab«
»Siehst du Kind« sagte der Vater behaglich »ich habe schon mit deiner
Mutter darüber gesprochen und ich habe ihr auseinandergesetzt weshalb ich sie
nicht abschaffen kann Jetzt darf ich doch nicht dir zu Gefallen tun was ich
deiner Mutter nicht zugeben konnte Das wäre gegen die Hausordnung Respectire
deine Mutter kleine Hummel«
»Du bist harterzig Vater« versetzte die Tochter schmollend »Und sieh du
hast in dieser Sache Unrecht«
»Oho« rief der Vater »kommst du mir so«
»Was tat uns das Glockenspiel drüben zu Leid Das Häuschen ist hübsch und
wenn wir Abends im Garten sitzen und der Wind geht und die Glocken leise
bimmeln das hört sich gut an es ist wie in der Zauberflöte«
»Hier ist keine Oper« rief Hummel ärgerlich »sondern offene Straße Und
wenn meine Hündlein bellen so kannst du ja auch deine Teaterideen haben und
denken dass du in der Wolfschlucht bist«
»Nein mein Vater« erwiderte die Tochter eifrig »Du hast Unrecht gegen
die Leute Denn du willst ihnen einen Possen tun Das kränkt mich in tiefstem
Herzen Und das leide ich nicht an meinem Vater«
»Du wirsts doch leiden müssen« entgegnete Hummel verstockt »Denn dies ist
ein Streit zwischen Männern hier finden Paragraphen der Polizeiordnung statt
da bleibe du mit deinen Versen hübsch davon Was die Namen angeht so ist wohl
möglich dass andere Wörter wie Adolar und Ingomar und Marquis Posa euch
Weibern besser klingen Dies aber ist für mich kein Grund meine Namen sind
praktisch In deinen Blumen und Büchern will ich dir Vieles zu Gefallen tun
aber Poesie bei Hunden beachte ich nicht« Damit kehrte er der Tochter den
Rücken bemüht dieses Streites ledig zu werden
Laura aber eilte in die Stube zur Mutter und die Frauen traten in
Beratung »Der Lärm war arg« klagte Laura »aber schrecklicher ist der Name
Mutter ich kann dieses Wort nicht aussprechen und du darfst nicht leiden dass
unsere Leute die Hunde so nennen«
»Liebes Kind« versetzte die erfahrene Frau »man erlebt auf Erden viel
Unbilliges aber am meisten schmerzt was gegen die Würde der Frauen im eigenen
Hause geübt wird Ich spreche mich darüber nicht weiter aus Was nun den Namen
Bräuhahn betrifft so hat dieser welcher wie ich höre ein benachbartes
Getränk ist Manches was zu seiner Entschuldigung gesagt werden kann und etwas
müssen wir darin dem Vater nachgeben Die andere Bezeichnung aber darin gebe
ich dir Recht wäre eine Beschimpfung der Nachbarn Doch wenn der Vater merkt
dass wir hinter seinem Rücken den roten Hund Phöbus oder Azor nennen so wird
das Übel ärger«
»Den bösen Namen wenigstens soll Niemand in den Mund nehmen dem an meiner
Freundschaft gelegen ist« entschied Laura und eilte in den Hof
Gabriel benutzte seine einsame Musse die neuen Ankömmlinge zu beobachten Es
zog ihn öfter nach dem Hundestall dort die irdische Beschaffenheit der
Fremdlinge festzustellen
»Was ist Ihre Meinung« frug Laura zu ihm tretend
»Ich habe so meine Meinung« antwortete der Diener in die Tiefe des Stalles
spähend »Nämlich in den da steckt doch etwas Haben Sie heut Nacht den Gesang
dieser Raben beachtet So bellt kein richtiger Hund Sie winseln und jammern
dazwischen krächzen sie und sprechen wie kleine Kinder Ihr Fressen ist
gewöhnlich aber ihre Lebensart ist unmenschlich Sehen Sie jetzt ducken sie
sich wie aufs Maul geschlagen weil die Sonne auf sie scheint Und dann
liebes Fräulein der Name«
Laura sah neugierig auf die Tiere »Wir ändern den Namen in der Stille
Gabriel dieser hier soll nur der Rote heißen«
»Das wäre schon besser es wäre wenigstens nicht injuriös für Herrn Hahn
sondern nur für die Kellerwohnung«
»Wie meinen Sie das«
»Da doch drüben der Marktelfer Rote heißt«
»Dann also« entschied Laura »wird das rote Untier von jetzt ab nur das
Andere genannt und so sollen ihn unsere Leute rufen Sagen Sie das auch den
Arbeitern in der Fabrik«
»Andres« versetzte Gabriel »Der Name wird ihm schon recht sein Dies
Gesindel hats nicht gern wenn es mit ordentlichem Zeichen gerufen wird Dieses
Andere wird am besten wissen woher das Eine stammt dem es zugehört Na die
Nachbarschaft wird meinen dass er Andreas heißt damit geschieht ihm immer noch
zu viel Ehre«
So war billiger Sinn geschäftig die böse Vorbedeutung des Namens
abzuwenden Vergebens Denn wie Laura richtig im Tagebuch bemerkte wenn der
Ball des Unheils unter die Menschen geworfen wird so trifft er erbarmungslos
die Guten wie die Bösen Der Hund wurde mit dem unscheinbarsten Namen versehen
der gar kein Name war Aber durch eine unbegreifliche Verbindung der Ereignisse
welche allen menschlichen Scharfsinn höhnte geschah es dass Herr Hahn selbst
den Vornamen Andreas führte So wurde der Doppelname des Geschöpfes eine
doppelte Kränkung des Nachbarhauses und Alles schlug zu schrecklichem Unglück
um Tort und gute Meinung kochten zusammen zu einer dicken schwarzen Suppe des
Hasses
Gleich in der Frühe als Herr Hummel vor die Tür trat und trotzig wie Ajax
die beiden Hunde mit ihren feindlichen Namen rief vernahm Marktelfer Rote im
Kellerstock den Ruf eilte in die Stube seines Hausherrn und meldete diese
hässliche Kränkung Frau Hahn versuchte die Sache nicht zu glauben und setzte
durch dass wenigstens eine Bestätigung abgewartet wurde Aber diese Bestätigung
blieb nicht aus Denn am Nachmittag öffnete Gabriel die Tür des Zwingers und
zwang die Geschöpfe sich auf eine Viertelstunde dem Sonnenlicht des Gartens
auszusetzen Laura welche unter ihren Blumen saß und gerade nach ihrem stillen
Ideal einem berühmten Sänger blickte der mit geölten schwarzen Locken und
einem Feldherrnblick vorüberschritt verzichtete als wackeres Mädchen darauf
ihrem Liebling durch das Weinlaub nachzuspähen und wendete sich zu den Hunden
Und um den Roten an seinen neuen Namen zu gewöhnen lockte sie ihn mit einem
Stückchen Kuchen und rief ihm einigemal das ungeschickte Wort »Andres« zu In
demselben Augenblick stürzte Dorchen zu Frau Hahn »Es ist richtig jetzt ruft
ihn gar Fräulein Laura mit dem Vornamen unseres Herrn« Frau Hahn fuhr
erschrocken an das Fenster und vernahm selbst den Namen ihres lieben Mannes Sie
trat ebenso schnell zurück denn diese Unmenschlichkeit der Nachbarn presste ihr
Tränen aus und sie suchte nach ihrem Taschentuch um diese heimlich vor dem
Mädchen abzuwischen Madame Hahn war eine gute Frau ruhig gleichmäßig mit
einer hübschen kleinen Anlage zur Beleibteit und einer unablässigen Neigung
den Staub der Erde mit weißen Läppchen geräuschlos zu beseitigen Aber diese
Herzlosigkeit auch der Tochter entflammte ihren Zorn Sie holte augenblicklich
ihre Mantille aus dem Schranke und ging zum Äußersten entschlossen über die
Straße in den feindlichen Garten
Erstaunt sah Laura von den garstigen Hunden auf den unerhörten Besuch
welcher mit starken Schritten gegen sie eindrang
»Ich komme mich bei Ihnen zu beklagen Fräulein« begann Frau Hahn ohne
Gruß »Was in diesem Hause meinem Manne zum Hohn getan wird ist unerträglich
Für das Benehmen Ihres Vaters können Sie nicht aber dass auch Sie sich auf
solche Beschimpfungen einlassen finde ich an einem jungen Mädchen doch zu
schrecklich«
»Was meinen Sie damit Madame Hahn« frug Laura mit flammendem Gesicht
»Die Beleidigung eines Menschen durch Hundenamen meine ich Sie rufen Ihren
Hund mit allen Namen meines Mannes«
»Das habe ich niemals getan« versetzte Laura
»Leugnen Sie nicht« rief Frau Hahn
»Ich spreche keine Unwahrheiten« sagte das Mädchen stolz
»Mein Mann heißt Andreas Hahn und wie Sie dieses Tier nennen das hört die
ganze Nachbarschaft aus Ihrem Munde«
Lauras Stolz bäumte auf »Dies ist ein Missverständnis und der Hund heißt
gar nicht so Was Sie mir sagen ist ungerecht vom Anfang bis zum Ende«
»Wie so ungerecht« frug Frau Hahn wieder »am Morgen ruft der Vater am
Nachmittag die Tochter«
Auf Lauras Herz sank eine Centnerlast sie fühlte sich hinabgedrückt in
einen Abgrund von Unrecht und Greuel Die Tat des Vaters lähmte ihre Kraft
auch ihr brachen die Tränen aus den Augen
»Ich sehe dass Sie wenigstens nicht ohne Gefühl für das Unrecht sind das
Sie begehen« fuhr Frau Hahn ruhiger fort »tun Sies nicht wieder Glauben Sie
mir es ist leicht Andere zu kränken aber es ist ein trauriges Geschäft Und
mein armer Mann und ich habens um Sie nicht verdient Denn wir haben Sie
aufwachsen sehen vor unsern Augen und wenn wir auch sonst nicht mit Ihren
Eltern in Verkehr stehen wir haben uns immer über Sie gefreut und in unserm
Hause ist Ihnen niemals etwas Böses gewünscht worden Sie wissen nicht was Hahn
für ein guter Mann ist aber so etwas durften Sie doch nicht tun Wir haben
seit wir hier wohnen aus diesem Hause viele Kränkung erfahren aber dass auch
Sie die Gesinnung Ihres Vaters teilen das tut mir am allermeisten weh«
Laura versuchte umsonst ihre Tränen zu trocknen »Ich wiederhole Ihnen
dass Sie mir Unrecht tun weiter kann ich nichts zu meiner Rechtfertigung sagen
und ich will es auch nicht Sie haben mich mehr gekränkt als Sie wissen Und
ich muss darauf vertrauen dass ich gegen Sie ein gutes Gewissen habe«
Mit diesen Worten eilte sie in das Haus Frau Hahn kehrte unsicher über den
Erfolg ihres Besuches dem feindlichen Bau den Rücken
In ihrem Dachstübchen schritt Laura auf und ab und rang die Hände
Unschuldig und doch schuldvoll trotz gutem Willen bis aufs Blut gekränkt
hineingezogen in einen Familienhass dessen Jammer noch gar nicht abzusehen war
so durchflog sie die Ereignisse der letzten Tage in empörter Seele Endlich
setzte sie sich an ihren kleinen Schreibtisch zog ihr Geheimbuch heraus und
vertraute ihre Schmerzen diesem verschwiegenen Freunde in violettem Leder Und
sie suchte Trost bei den Seelen Anderer die aus ähnlichem Weh sich edel erhoben
hatten und fand endlich eine Bestätigung ihrer Erlebnisse in der schönen Stelle
des Dichters »Vernunft wird Unsinn Wohltat Plage weh dir dass du ein Enkel
bist« Denn hatte sie nicht Verständiges und Wohltuendes gewollt und war nicht
Unsinn und Plage daraus geworden Und hatte das Unglück nicht auch sie ohne ihr
Verschulden getroffen weil sie Kind vom Hause war Mit diesem Satze schloss sie
einen leidenschaftlichen Erguss Um aber vor dem eigenen Gewissen nicht lieblos
zu erscheinen schrieb das arme Kind sogleich die Worte darunter Mein lieber
guter Vater Dann schob sie ein wenig getröstet das Buch zurück
Doch als ärgste Demütigung empfand sie dass sie von den fremden Leuten
drüben ungerecht beurteilt wurde und sie schlug die Arme übereinander und
sann ob ihr nicht dennoch eine Rechtfertigung möglich sei Sie selbst konnte
nichts tun Aber da war ein ehrlicher Mann der von Allen im Hause als
Vertrauter gebraucht wurde der ihren Kanarienvogel vom Pips geheilt hatte und
die kleine Büste Schillers von einem Spinnenfleck auf der Nase Sie beschloss
nur dem treuen Gabriel von den Reden der Frau Hahn zu erzählen ohne Not aber
auch nicht der Mutter
Es fügte sich dass gegen Abend Gabriel und Dorchen auf der Straße in ein
kleines Gespräch kamen Dorchen begann bittere Klage über die Bosheit der
Hummeln Gabriel aber mahnte herzlich »Lassen Sie sich durch diesen Krieg nicht
fortreißen Es muss auch solche geben welche neutral bleiben Seien Sie ein
Engel Dorchen welcher den Frieden und die Kränze in das Haus trägt Nämlich
die Tochter ist unschuldig« Darauf wurde die Namengebung noch einmal
durchgesprochen und Laura ehrenvoll gerechtfertigt Als Gabriel später im
Vorbeigehen sagte »diese Sache ist in Ordnung und Herr Hahn hat gesagt ihm
wäre gleich unwahrscheinlich gewesen dass Sie es so übel mit ihm meinten« da
fiel ihr zwar die schwerste Last vom Herzen und wieder klang ihr leiser Gesang
durch das Haus aber ruhig wurde sie deshalb doch nicht Denn immer noch blieb
ihr Haus gegen die Nachbarn im Unrecht die Menschen von jenseits wurden durch
den Zorn des Vaters schwer gekränkt Ach dies gewaltige Gemüt konnte sie nicht
bändigen aber sie musste versuchen in der Stille sein Unrecht zu sühnen
Darüber grübelte sie noch am späten Abend beim Auskleiden Und als sie bereits
im Bette lag und Vieles gefunden und verworfen hatte da kam ihr der rechte
Einfall und sie sprang noch einmal auf zündete das Licht an und lief im Hemde
nach dem Schreibtisch Dort schüttelte sie ihr Beutelchen aus und überzählte die
neuen Taler die ihr der Vater zu Weihnacht und am Geburtstage geschenkt hatte
Diese Taler beschloss sie zu einer geheimen Abbitte zu verwenden Vergnügt nahm
sie den Perlenbeutel zu sich ins Bett legte ihn unter das Kopfkissen und
schlief darüber in Frieden ein obgleich wieder die wilde Jagd der
Gespensterhunde um das Haus tobte greulich und unaufhörlich
Am nächsten Morgen schrieb Laura mit großen steifen Buchstaben Name und
Wohnung des Herrn Hahn auf einen Briefumschlag siegelte diesen mit einem
Veilchen welches die Umschrift trug »ich verberge mich« und steckte die
Adresse in ihre Tasche Als sie wegen eines Einkaufs nach der Stadt ging machte
sie auf eigene Gefahr einen Seitenweg zu einem Handelsgärtner mit dem sie
persönlich nicht bekannt war Dort kaufte sie den dicken Busch einer Zwergorange
voll von Blüten und goldenen Früchten ein Prachtstück des Glashauses sie fuhr
den Strauch mit pochendem Herzen in geschlossener Droschke bis sie einen
Lohnträger fand und empfahl mit einer außerordentlichen Vergütigung dem Träger
Strauch und Brief ohne Gruß und Wort im Hause des Herrn Hahn niederzusetzen
Redlich führte der Mann den Auftrag aus Dorchen entdeckte den Stock im
Hausflur und in der Familie Hahn begann eine kleine sehr behagliche Aufregung
fruchtloses Sinnen wiederholte Besichtigung eitles Vermuten Als Laura am
Mittag durch das Weinlaub in den Garten hinüberspähte hatte sie die Freude den
Orangenstrauch auf einem ausgezeichneten Platz vor der weißen Muse zu erblicken
Allerliebst leuchtete der Busch in Weiß und Gold über die Straße Und Laura
stand lange hinter den Ranken und faltete unwillkürlich die Hände Das Unrecht
war von ihrer Seele genommen Dann wandte sie sich in gehobener Stimmung ab von
dem feindlichen Hause
Unterdes hing eine Polizeibeschwerde und eine gerichtliche Klage zwischen
den beiden Häusern Die letztere wurde durch Einfügung des Namens Speihahn noch
an demselben Tage gefährlich verschärft
Und der Frieden im Hause und in der Nachbarschaft blieb gestört Zuerst
hatte das Glockenspiel die allgemeine Meinung gegen Herrn Hahn aufgeregt aber
durch die Hunde wurde die Stimmung gründlich geändert die ganze Straße zog sich
nach dem Stroh hinüber der Filz hatte alle Welt gegen sich Herrn Hummel
kümmerte das wenig Des Abends saß er im Garten auf dem umgestürzten Kahn und
sah stolz auf das Nachbarhaus während Bräuhahn und das Andere zu seinen Füßen
lagen und nach dem Mond blinzten der in seiner gewohnten Weise boshaft
herniederblickte auf Hummel auf Hahn auf die übrige Welt
Es geschah aber dass in einer der nächsten Nächte unter Hundegebell und
Mondschein am chinesischen Bau des Herrn Hahn alle Glocken abgerissen und
gestohlen wurden
8
Noch einmal Tacitus
Unser Volk weiß dass alle verlorenen Dinge unter den Krallen des Bösen liegen
Wer etwas sucht der hat zu rufen »Teufel nimm die Pratze weg« Dann liegts
plötzlich da vor den Augen der Menschen es war so leicht zu finden man ist
hundertmal herumgegangen man hat darüber und darunter gesehen das
Unwahrscheinlichste hat man durchsucht und an das Nächste nicht gedacht
Zuverlässig war es mit der Handschrift nicht anders sie lag unter der Tatze des
Bösen oder eines Kobolds ganz in der Nähe der Freunde wenn man die Hand
ausstreckte war sie zu fassen der Erwerb wurde nur noch durch ein Bedenken
aufgehalten durch die Frage wo Ob diese Verzögerung für beide Gelehrte die
große oder kleine Frage peinlicher Tortur werden sollte das allein war noch
zweifelhaft Indes auch über diese Unsicherheit konnte man hinwegkommen die
Hauptsache war dass die Handschrift selbst wirklich und vorhanden dalag Und
kurz die Sache stand im Ganzen so gut als irgend möglich es fehlte nur noch
eben die Handschrift
»Ich sehe« sagte der Doctor dem Freunde »du bist angestrengt beflissen
die Erwachsenen zu bilden ich senke den Kodex in die Seelen der nächsten
Generation Hans der älteste ist weit entfernt die Auffassung des Vaters und
der Schwester zu teilen er zeigt Gemüt für den alten Schatz Und wenn uns
selbst nicht gelingt die Entdeckung zu machen er wird einmal die Hausmauer
nicht schonen«
Im Einvernehmen mit Hans nahm der Doctor ganz in der Stille seine
Nachforschungen wieder auf In ruhigen Stunden wo der Landwirt arglos bei
seiner Ernte umherritt und der Professor im Zimmer arbeitete oder in der
Gaisblattlaube saß strich der Doctor spionirend im Innern des Hauses In dem
Kittel eines Arbeiters den Hans auf sein Zimmer gebracht hatte durchforschte
er die staubigen Höhen und Tiefen des Raumes Und mehr als einmal erschreckte er
die dienenden Frauen der Wirtschaft wenn er plötzlich hinter einer alten Tonne
des Kellers auftauchte oder wenn er rittlings auf einem Balken des Dachstuhls
dahinfuhr Bei dem Milchkeller war für Anbau einer Eisgrube ein Loch gegraben
die Arbeiter hatten sich in der Mittagstunde entfernt und die Mamsell ging
arglos in der Nähe der blossgelegten Mauer vorüber Da erblickte sie plötzlich
einen Kopf ohne Leib mit feurigen Augen und gesträubtem Haar welcher langsam
auf dem Erdboden dahinwandelte und hohnlachend das Gesicht auf sie zukehrte Sie
stieß einen gellenden Schrei aus und stürzte in die Küche wo sie auf einem
Schemel in Ohnmacht sank und erst durch vieles Zureden und Begiessen mit Wasser
zum Leben erweckt wurde Beim Mittagessen war sie so verstört dass sie jedermann
auffiel und da ergab sich endlich dass der teuflische Kopf auf den Schultern
ihres Tischnachbars saß der heimlich in das Loch gestiegen war um das
Mauerwerk zu untersuchen
Bei dieser Gelegenheit entdeckte der Doctor mit einiger Schadenfreude dass
das gastliche Dach welches ihn und den Kodex vor Regen schützte über einem
anerkannten Gespensterhause stand Es spukte heftig in dem alten Bau Geister
wurden häufig gesehen und die Berichte gingen nur darin auseinander ob es ein
Mann in grauer Kutte ein Kind in weißem Hemdchen oder ein Kater von der Größe
eines Esels sei Jedermann wusste dass ab und zu ein unerklärliches Klopfen
Rasseln Donnern und unsichtbares Steinwerfen stattfand zuweilen war das ganze
Ansehen des Landwirts und seiner Tochter nötig um den Ausbruch eines
panischen Schreckens unter den Dienstboten zu verhindern Auch die Freunde
hörten in stiller Nacht unberechtigte Töne Geächz Gepolter und
herausforderndes Geklopf an den Wänden Diese Unarten des Hauses erklärte der
Doctor zur Zufriedenheit des Landwirts aus seiner Theorie der alten Mauern Er
erläuterte dass viele Geschlechter von Wieseln Ratten und Mäusen den dicken
Steinbau canalisirt und ein System von bedeckten Gängen und Burgen angelegt
hatten Deshalb wurde jedes gesellige Vergnügen und jede Zänkerei welcher sich
die Insassen der Mauer ergaben durch dumpfes Getöse bemerkbar Aber in der
Stille horchte der Doctor doch ärgerlich auf das geheime Rumoren seiner
Wandnachbarn Denn wenn diese so aufgeregt um den Kodex herumtobten drohten sie
die spätere Arbeit der Wissenschaft sehr zu erschweren Sooft er heftig knabbern
hörte musste er denken sie fressen wieder eine Zeile weg jedenfalls wird eine
Menge Konjecturen nötig werden Und es war nicht das Nagen allein wodurch dies
Mausevolk den Kodex der unter ihnen lag verunzierte
Aber für die große Geduld welche in dieser Angelegenheit nötig war wurde
der Doctor durch andere Entdeckungen entschädigt Er beschränkte sich nicht auf
Haus und Hof sondern durchsuchte auch die Umgegend nach alten
Volkserinnerungen welche noch hie und da am Rocken der Spinnstuben hingen und
sich um den Kochtopf alter Mütterchen kräuselten Gleich am zweiten Tage machte
er durch geheime Vermittlung der Taglöhnerfrau die Bekanntschaft einer
Märchenerzählerin im nächsten Dorfe Nachdem die liebe alte Frau den ersten
Schreck vor dem Titel des Doctors und die Furcht überwunden hatte er wolle ihr
wegen unbefugter ärztlicher Praxis zu Leibe gehen sang sie ihm mit zitternder
Stimme die Liebeslieder ihrer Jugend und erzählte mehr als der Hörer
nachzuschreiben vermochte Jeden Abend brachte der Doctor beschriebene Blätter
nach Hause sehr bald fand er in seiner Sammlung alle bekannten Charaktere
unserer Volkssagen einen wilden Jäger einige Frau Hollen drei weiße Fräulein
mehre Mönche einen undeutlichen Nix der in der Geschichte zwar als
Handwerksbursche auftrat aber ganz unleugbar ursprünglich ein Wassermann
gewesen war und zuletzt viele kleine Zwerge Zuweilen begleitete ihn auf diesen
Ausflügen Hans der älteste der den Doctor bei den Landleuten einführte und
sich hütete dem Vater und der Schwester über diese Jagdzüge eine Mitteilung zu
gönnen Nun ist allerdings möglich dass hier und da ein Erdloch oder ein Brunnen
im Felde ohne Berechtigung mit einem Geiste versehen wurde Denn als die weisen
Frauen des Dorfes merkten wie sehr der Doctor sich über solche Mitteilungen
freute wurde in ihnen die uralte Erfindungskraft des Volkes aus langem
Schlummer geweckt und es kam ihnen so vor als ob noch hie und da etwas von dem
Geistervolk stecken müsse Im Ganzen aber bewiesen beide Teile einander
deutsche Treue und Gewissenhaftigkeit und zuletzt war der Doctor auch kein
Mann den man leicht hintergehen konnte
Als er einst von solchem Besuche nach dem Schloss zurückkehrte begegnete er
auf einsamem Fußpfad der Taglöhnerfrau Sie sah sich vorsichtig um und gestand
ihm endlich wenn er sie nicht dem Gutsherrn verraten wolle so könne sie ihm
wohl etwas mitteilen Der Doctor gelobte unverbrüchliche Verschwiegenheit
Darauf erzählte die Frau im Keller des Schlosses auf der Seite gegen Morgen in
der rechten Ecke sei ein Stein mit drei Kreuzen bezeichnet Dahinter liege der
Schatz Das habe sie von ihrem Großvater gehört und der habe es von seinem
Vater und dieser sei im Schloss in Diensten gewesen und zu dessen Zeit hätte
der damalige Oberamtmann den Schatz heben wollen als sie aber deshalb in den
Keller gingen habe es einen fürchterlichen Knall und ein solches Getöse
gegeben dass sie entsetzt zurückgelaufen seien Das aber mit dem Schatz sei
sicher denn sie habe den Stein selbst angefühlt die Zeichen seien deutlich
eingegraben Jetzt sei der Weinkeller dort der Stein durch ein Holzgestell
verdeckt
Der Doctor nahm diese Mitteilung mit Ruhe auf beschloss aber ganz für sich
Nachforschungen anzustellen Er sagte weder dem Professor noch seinem Hans ein
Wort lauerte aber auf eine Gelegenheit Seine Vertraute trug den Wein welcher
unabänderlich vor dem Platz der Gäste stand zuweilen selbst aus dem Keller und
wieder zurück Am nächsten Morgen folgte er ihr kühnlich die Frau sprach kein
Wort als er hinter ihr in den Verschlag trat sondern wies scheu in eine Ecke
der Wand Der Doctor ergriff die Lampe hob ein Dutzend Flaschen von ihrer
Stelle und tastete an dem Gestein es war ein großer behauener Stein mit drei
Kreuzen Er sah die Frau bedeutungsvoll an sie hat später im engsten
Vertrauen erzählt die gläsernen Schilde vor seinen Augen hätten in diesem
Augenblick so schrecklich gegen die Lampe geleuchtet dass ihr ganz angst
geworden sei er aber ging schweigend herauf entschlossen die Entdeckung bei
erster Gelegenheit gegen den Landwirt zu benutzen
Doch die größte Überraschung stand dem Doctor noch bevor seine stille
Arbeit wurde durch den seligen Frater Tobias selbst unterstützt ja durch das
Lebensende dieses frommen Märtyrers gleichsam geweiht Die Freunde stiegen
nämlich nach Rossau hinab von dem Landwirt den ein Geschäft zur Stadt führte
begleitet Der Landwirt führte die Freunde zum Bürgermeister und ersuchte
diesen den Herren als zuverlässigen Männern vorzulegen was etwa in dem
städtischen Bereich von alten Schriften vorhanden sei Der Bürgermeister ein
ehrlicher Gerber fuhr in seinen Rock und brachte die Gelehrten zunächst vor das
alte Klostergebäude Es war nicht viel daran zu sehen ein neues Dach innerer
Umbau nur die Mauern standen noch kleine Beamte des Landesherrn wohnten in den
Zellen Über das Ratsarchiv stellte der Bürgermeister die Mutmaßung auf dass
wohl nicht viel darin sein werde er empfahl die Herren in dieser Angelegenheit
dem Stadtschreiber und ging selbst nach dem Schiesshause um sich nach schwerem
Regierungsact eine Partie Solo anzutun Der Stadtschreiber neigte sich
respectvoll vor seinen Kollegen von der Feder ergriff ein rostiges
Schlüsselbund und öffnete das kleine Gewölbe des Rathauses wo alte Acten in
dicker Staubhülle die Zeit erwarteten in welcher ihr Stillleben unter dem
Stampfer einer Papiermühle enden würde Die Stadtschreiberei wusste ein wenig
unter den alten Papieren Bescheid begriff auch vollständig die Wichtigkeit der
Mitteilungen welche von ihr erwartet wurden versicherte aber der Wahrheit
gemäß dass durch zwei Stadtbrände sowie durch Unordnung in früherer Zeit jede
alte Nachricht verloren sei Man kannte auch keinerlei Aufzeichnung in einem
Privatause nur in der gedruckten Chronik einer Nachbarstadt waren einige
Notizen über das Schicksal Rossaus im dreissigjährigen Kriege erhalten Danach
war der Ort durch einige Jahre ein Trümmerhauf und fast unbewohnt gewesen Im
Übrigen lebte das Städtchen geschichtslos fort und der Stadtschreiber
beteuerte man wisse hier nichts von der alten Zeit und kümmere sich gar nicht
darum Vielleicht sei in der Residenz etwas über die Stadt zu erfahren
Die Freunde schritten unermüdlich von einem klugen Mann zum andern und
frugen wie im Märchen nach dem Vogel mit goldenen Federn Zwei Erdmännchen
hatten nichts gewusst jetzt blieb noch das dritte Sie ließ sich also zu dem
katholischen Pfarrer führen Ein kleiner alter Herr empfing sie mit tiefen
Bücklingen der Professor setzte ihm auseinander dass er über die letzten
Schicksale des Klosters Auskunft suche vor Allem was aus einem der letzten
Mönche dem ehrwürdigen Bruder Tobias Bachhuber in seinen Jahren geworden sei
»Aus so entlegener Zeit werden keine Totenscheine verlangt« versetzte der
Geistliche »ich kann den hochverehrten Herren deshalb kenerlei Bescheid
versprechen Dennoch wenn es Ihnen nur darum zu tun und Sie nichts der Kirche
Nachteiliges aus alten Schriften eruiren wollen bin ich gewillt denselben das
älteste der vorhandenen Bücher zu präsentiren« Er ging in eine Kammer und
brachte ein langes schmales Buch hervor dem der Moder des feuchten Raumes die
Ränder beschädigt hatte »Anhier sind einige Notata meiner im Herrn ruhenden
Vorgänger vielleicht dass den verehrten Herren dieses dienen kann Weiteres bin
ich nicht im Stande weil Ähnliches nicht mehr vorhanden«
Auf dem Vorsetzblatt stand ein Verzeichnis geistlicher Würdenträger des
Ortes in lateinischer Sprache Eine der ersten Notizen war »Im Jahre des Herrn
1637 im Monat Mai ist der verehrungswürdige Bruder Tobias Bachhuber der letzte
Mönch hiesigen Klosters an der Seuche der Pestilenz gestorben Der Herr sei ihm
gnädig« Der Professor wies dem Freunde schweigend die Stelle der Doctor
schrieb die lateinischen Worte ab sie gaben dankend das Buch zurück und
empfahlen sich
»Und die Handschrift liegt doch in dem Hause« rief der Professor auf der
Straße Der Doctor dachte an die drei Kreuze und lächelte vor sich hin Er war
keineswegs mit den taktischen Maßregeln einverstanden welche er seinen Freund
zur Rettung des Kodex ausführen sah Wenn der Professor behauptete dass ihre
einzige Hoffnung auf dem Anteil beruhe den sie nach und nach dem Hausherrn
beibringen könnten so hegte der Doctor den Verdacht dass sein Freund zu dieser
langsamen Kriegführung nicht durch reinen Eifer für die Handschrift gebracht
werde
Der Landwirt aber beobachtete über die Handschrift ein hartnäckiges
Schweigen warf der Doctor einmal eine Anspielung hin so verzog der Wirt
spöttisch das Gesicht und lenkte das Gespräch sogleich auf etwas Anderes Das
durfte so nicht bleiben Der Doctor beschloss jetzt wo seine Abreise
bevorstand eine Entscheidung zu erzwingen Als die Männer am Abend im Garten
zusammen saßen und der Landwirt in heiterer Ruhe auf seine Obstbäume sah
begann der Doctor den Angriff »Ich gehe nicht von hier mein Gastfreund ohne
Sie an unsern Kontract erinnert zu haben«
»An welchen Kontract« frug der Landwirt wie ein Mann der sich an nichts
erinnert
»Wegen der Handschrift« fuhr der Doctor entschlossen fort »die bei Ihnen
verborgen liegt«
»So Sie sagten ja selbst es sei Alles hohl Da wird uns nichts
übrigbleiben als das Haus vom Dach bis zum Keller nieder zu reißen ich dächte
damit warteten wir bis zum nächsten Frühjahr wo Sie wieder zu uns kommen
sollen Denn wir müssten in diesem Falle doch in den Scheunen wohnen und die
sind jetzt voll«
»Das Haus mag vorläufig stehen bleiben« sagte der Doctor »wenn Sie aber
immer noch meinen dass die Mönche ihr Klostergut wieder herausgeholt haben so
steht dieser Ansicht ein Umstand entgegen Wir haben in Rossau ermittelt dass
der wackere Bruder der im April die Sachen hier versteckt hatte schon im Mai
an der Pestilenz gestorben ist Laut Angabe des Kirchenbuches hier ist die
Stelle«
Der Landwirt sah in die Brieftafel des Doctors klappte sie wieder zu und
sagte »Dann haben seine Herren Mitbrüder das Eigentum herausgeholt«
»Das ist kaum möglich« versetzte der Doctor »denn er war der letzte seines
Klosters«
»Dann also habens andere Stadtleute geholt«
»Aber die Einwohner der Stadt haben sich damals verlaufen der Ort lag Jahre
lang verwüstet menschenleer in Trümmern«
»Hm« begann der Landwirt in guter Laune »die Herren Gelehrten sind
strenge Mahner und wissen auf ihrem Recht zu bestehen Sagen Sie also
geradeheraus was wollen Sie von mir Sie müssten mir doch vor allem eine
einzelne Stelle angeben können die nicht nur Ihnen verdächtig ist sondern die
auch nach gemeinem Urteil etwas zu verschließen scheint und das sind Sie
zuverlässig nicht im Stande«
»Ich weiß eine solche Stelle« erwiderte der Doctor dreist »und ich stelle
Ihnen gegenüber die Vermutung auf dass der Schatz dort liegt«
Der Professor und der Landwirt sahen erstaunt auf ihn »Folgen Sie mir in
den Keller« rief der Doctor
Ein Licht wurde angezündet der Doctor führte zu dem Verschlage in welchem
der Wein lag »Wie kommst du zu der siegesfrohen Zuversicht« frug ihn der
Professor leise auf dem Wege
»Ich argwöhne dass du deine Geheimnisse hast« versetzte der Doctor »lass
mir die meinen« Geschäftig räumte er die Flaschen aus einer Ecke leuchtete an
den Stein und schlug mit einem großen Schlüssel an die Mauer »die Stelle ist
hohl und der Stein bezeichnet«
»Es ist richtig« sagte der Landwirt »dahinter ist ein leerer Raum und er
ist jedenfalls nicht klein Aber der Stein ist einer von den Grundsteinen des
Hauses und nirgend ist sichtbar dass er einmal aus seiner Lage gerückt wurde«
»Nach so langer Zeit würde man das schwerlich erkennen« warf ihm der Doctor
entgegen
Der Landwirt untersuchte selbst die Mauer »Eine große Platte liegt
darüber es ist vielleicht möglich den bezeichneten Stein von der Stelle zu
heben« Er überlegte eine Weile und fuhr endlich fort »Ich sehe ich muss Ihnen
einen Preis zahlen Ich will damit die erste Stunde unserer Bekanntschaft
ausgleichen die mir immer noch auf der Seele liegt Und da wir drei hier wie
Verschwörer im Keller stehen so wollen wir uns auf das frühere Abkommen
verpflichten Ich will einmal tun was ich für sehr unnötig halte Dafür
werden Sie wenn Sie jemals über die Sache sprechen oder schreiben auch mir das
Zeugnis nicht versagen dass ich allen billigen Wünschen nachgegeben habe«
»Wir werden sehen was sich tun lässt« versetzte der Doctor
»Wohlan in einem Steinbruch an meiner Grenze sind fremde Arbeiter
beschäftigt sie sollen versuchen den Stein auszulösen und wieder in seine Lage
zu bringen Damit wird wie ich hoffe diese Sache für immer abgemacht Ilse
lass morgen in der Frühe das Holzgestell im Weinkeller ausräumen«
Am nächsten Tag kamen die Steinarbeiter mit ihnen stiegen die drei Herren
und Ilse in den Keller und sahen neugierig zu wie Spitzhacke und Brecheisen
ihre Gewalt an dem vierkantigen Stein versuchten Er war auf den Fels gesetzt
und tüchtige Anstrengung war nötig ihn zu lösen Aber auch die Leute
erklärten dass dahinter eine große Höhlung sei und arbeiteten mit einem Eifer
der durch den Ruf des gespenstigen Hauses sehr gesteigert wurde Endlich wich
der Stein eine dunkle Öffnung bot sich den Augen die Zuschauer traten näher
die beiden Gelehrten in lebhafter Spannung auch der Landwirt und seine Tochter
voll Erwartung Der Steinbrecher fasste schnell das Licht und hielt es vor die
Öffnung ein feiner Dunst zog heraus erschreckt fuhr der Mann mit dem Lichte
zurück »Da drin liegt etwas Weisses« rief er zwischen Angst und Hoffnung Ilse
sah auf den Professor der mit Mühe die Erregung beherrschte welche in seinem
Antlitze arbeitete Er griff nach dem Licht da wehrte sie ihm und rief
ängstlich »Nicht Sie« Sie eilte zu der Öffnung und fuhr mit der Hand in den
hohlen Raum Sie fasste Greifbares man hörte ein Rasseln sie zog schnell die
Hand zurück aber auch sie warf was sie festgehalten erschreckt auf den Boden
es war ein Stück Gebein
»Das ist eine ernste Antwort auf Ihre Frage« rief der Landwirt »wir
zahlen einen teuren Preis für den Scherz« Er nahm das Licht und suchte jetzt
selbst in der Öffnung ein Haufen zusammengefallener Knochen lag darin Die
Andern standen in unbehaglichem Schweigen herum Endlich warf der Landwirt
einen Schädel in den Keller und rief sich erhebend als ein Mann der von
peinlichem Gefühl befreit wurde »Es ist das Gebein eines Hundes«
»Es war ein kleiner Hund« bestätigte der Steinhauer und schlug mit dem
Eisen an einen Knochen das morsche Gebein brach in Stücke
»Ein Hund« rief der Doctor erfreut und vergaß für einen Augenblick seine
getäuschte Hoffnung »Das ist lehrreich Die Grundmauer dieses Hauses muss sehr
alt sein«
»Es freut mich dass Sie auch mit diesem Fund zufrieden sind« versetzte der
Landwirt ironisch
Der Doctor aber ließ sich nicht stören und erzählte wie im frühen
Mittelalter ein abergläubischer Brauch gewesen sei in die Grundmauer fester
Gebäude etwas Lebendes einzuschliessen Die Gewohnheit stamme aus uralter
Heidenzeit Die Fälle seien selten genug wo man dergleichen in alten Bauten
gefunden und das Gerippe des Tieres sei eine schöne Bestätigung
»Wenn es Ihre Ansicht bestätigt« sagte der Landwirt »meine bestätigt es
auch Eilt ihr Leute den Stein wieder fest zu machen«
Jetzt leuchtete und fühlte auch der Steinhauer in die Öffnung und erklärte
dass nichts mehr darin sei Die Arbeiter rückten den Stein an seine Stelle der
Wein wurde eingeräumt und die Sache war abgetan Der Doctor aber trug die
spöttischen Bemerkungen welche der Landwirt nicht sparte mit großer Ruhe und
sagte ihm »Was wir erreicht haben ist allerdings nicht viel aber wir wissen
doch jetzt mit Sicherheit dass die Handschrift nicht an dieser Stelle Ihres
Hauses liegt sondern an einer andern Ich nehme ein sorgfältiges Verzeichnis
aller hohlen Stellen mit und wir begeben uns unserer Ansprüche an Ihr Haus
wegen dieses Fundes durchaus nicht sondern wir betrachten Sie von jetzt ab als
einen Mann der den Kodex zu seinem Privatgebrauch auf unbestimmte Zeit geliehen
hat und ich versichere Sie Wunsch und Sorge werden uns unaufhörlich um dieses
Haus schweben«
»Lassen Sie den Menschen die darin wohnen auch etwas von den guten
Wünschen zu Teil werden« sagte lachend der Landwirt »und vergessen Sie
nicht dass Sie bei Ihrem Suchen nach der Handschrift in Wahrheit auf den Hund
gekommen sind Ich hoffe übrigens dass diese Entdeckung mein armes Haus von dem
üblen Rufe befreien wird Schätze zu enthalten Und um diesen Gewinn will ich
mir die unnötige Arbeit recht gern gefallen lassen«
»Das ist der größte Irrtum Ihres Lebens« erwiderte der Doctor überlegen
»gerade das Entgegengesetzte wird stattfinden Unsere Entdeckung wird von allen
Leuten welche ein Gemüt für Schätze haben so verstanden werden dass Ihnen nur
der Glaube fehlte und dass Sie nicht die nötige Feierlichkeit anwandten
deshalb ist der Schatz Ihren Augen entrückt und zur Strafe der Hund beigesetzt
worden Ich weiß besser wie Ihre Nachbarn dergleichen der Nachwelt überliefern
Harre in Frieden deiner Entdeckung Tacitus dein beharrlichster Freund
scheidet denn er den ich dir zurücklasse fängt an der Gleichgültigkeit
dieses Hauses unbillige Zugeständnisse zu machen«
Er sah ernstaft auf den Professor hinüber und rief seinen Begleiter Hans zu
einem letzten Besuche im Dorfe um dort noch von seinen weisen Frauen dankbaren
Abschied zu nehmen und ein schönes Volkslied einzuheimsen dem er auf die Spur
gekommen war
Er blieb lange aus denn nach dem Liede kam unvermutet noch eine
wundervolle Geschichte zum Vorschein von einem Herrn Dietrich und seinem Pferd
welches Feuer schnaubte
Als der Professor gegen Abend nach ihm aussah traf er auf Ilse welche
ihren Strohhut in der Hand zu einem Gang ins Freie gerüstet war »Ist Ihnen
recht« sagte sie »so gehen wir Ihrem Freunde entgegen« Sie schritten einen
Rain entlang zwischen abgeräumten Feldern auf denen hier und da wildes Grün
aus den Stoppeln herauftrieb
»Der Herbst naht« bemerkte der Professor »das ist die erste Mahnung«
»Wir in der Wirtschaft« erwiderte Ilse »sind wie Till Eulenspiegel gutes
Muts so oft wir im Winter durchmachen was Andern lästig scheint Wir denken
dann auf das nächste Frühjahr und wir freuen uns der Ruhe Wenn die Windsbraut
dahinfährt und den Schnee mannshoch in die Täler weht wir sitzen im Warmen«
»Uns in der Stadt aber vergeht der Winter fast ohne dass wir ihn merken Nur
die kurzen Tage die weißen Dächer erinnern daran unsere Arbeit aber verläuft
unabhängig vom Wechsel der Jahreszeiten Und doch hat mich der Blätterfall seit
meiner Kindheit betrübt und im Frühjahr habe ich immer Lust die Bücher bei
Seite zu werfen und durch das Land zu laufen wie ein Handwerksgesell«
Sie standen an einem Garbenhaufen Ilse bog einige Aehrenbündel zum Sitz
zurecht und sah über die Felder nach den fernen Bergen
»So ists mit uns gerade umgekehrt und anders als man denken sollte«
begann sie nach einer Weile »wir sind hier wie die Vögel die Jahr aus Jahr
ein lustig mit den Flügeln schlagen Sie aber denken und sorgen um andere Zeiten
und andere Menschen die lange vor uns waren Ihnen ist das Fremde so vertraut
wie uns der Aufgang der Sonne und die Sternbilder Und wie Ihnen wehmütig ist
dass der Sommer endet ebenso wird es mir schmerzlich wenn ich einmal von
vergangener Zeit höre und lese und am traurigsten machen mich die
Geschichtsbücher So viel Unglück auf Erden und gerade die Guten nehmen so oft
ein Ende mit Leid Ich werde dann vermessen und frage warum hat der liebe Gott
das so gewollt Und es ist wohl recht töricht wenn ich das sage ich lese
deshalb nicht gern in der Geschichte«
»Diese Stimmung begreife ich« erwiderte der Professor »Denn wo die
Menschen ihren Willen durchzusetzen streben gegen ihr Volk und gegen ihre Zeit
werden sie am Ende fast immer als die Schwächeren widerlegt auch was der
Stärkste etwa siegreich durchsetzt hat keinen ewigen Bestand Und wie die
Menschen und ihre Werke vergehen auch die Völker Aber wir sollen nicht an die
Schicksale eines einzelnen Mannes oder Volkes unser Herz hängen sondern wir
sollen verstehen wodurch sie groß wurden und untergingen und welches der
bleibende Gewinn war welcher dem Menschengeschlecht durch ihr Leben erhalten
wurde Dann wird der Bericht über ihre Schicksale nur wie eine Hülle hinter
welcher wir die Tätigkeit anderer lebendiger Kräfte erkennen Denn wir
erraten dass in den Menschen welche zerbrechen und in den Völkern welche
zerrinnen noch ein höheres geheimes Leben waltet welches nach ewigen Gesetzen
schaffend und zerstörend dauert Und einige Gesetze dieses höheren Lebens zu
erkennen und den Segen zu empfinden welchen dies Schaffen und Zerstören in
unser Dasein gebracht hat das ist Aufgabe und Stolz des Geschichtsforschers
Von diesem Standpunkt verwandelt sich Auflösung und Verderben in neues Leben
Und wer sich gewöhnt die Vergangenheit so zu betrachten dem vermehrt sie die
Sicherheit und sie erhebt ihm das Herz«
Ilse schüttelte das Haupt und sah vor sich nieder »Der römische Mann
dessen verlorenes Buch Sie zu uns geführt hat und von dem heut wieder die Rede
war ist er Ihnen deshalb lieb weil er die Welt ebenso freudig angesehen hat
wie Sie«
»Nein« versetzte der Professor »gerade das Gegenteil macht uns seine
Arbeit beweglich Sein ernster Geist wurde niemals durch fröhliche Zuversicht
gehoben Das Schicksal seines Volkes die Zukunft der Menschen liegt ihm als ein
unheimliches Rätsel schwer auf der Seele in der Vergangenheit erblickt er eine
bessere Zeit freieres Regieren stärkere Charaktere reinere Sitten er erkennt
an seinem Volke und im Staat einen Verfall der selbst durch gute Regenten nicht
mehr aufzuhalten ist Es ist ergreifend wie der besonnene Mann zweifelt ob
dies furchtbare Schicksal von Millionen eine Strafe der Gottheit ist oder die
Folge davon dass kein Gott sich um das Loos der Sterblichen kümmert Ahnungsvoll
und ironisch betrachtet er die Geschicke der Einzelnen die beste Weisheit ist
ihm das Unvermeidliche schweigend und duldend ertragen Dass er in eine
trostlose Öde starrt erkennt man auch dann wenn ihm einmal ein kurzes Lächeln
die Lippen bewegt man meint zu sehen dass um sein Auge doch die Furcht hängt
und der starre Ausdruck welcher dem Menschen bleibt den einmal tötliches
Grauen geschüttelt«
»Das ist traurig« rief Ilse
»Ja es ist fürchterlich Und wir begreifen schwer wie man bei solcher
Trostlosigkeit das Leben ertrug Die Freude unter einem Volke mit aufsteigender
Kraft zu leben hatte damals nicht der Heide nicht der Christ Denn das ist
doch das höchste und unzerstörbare Glück des Menschen wenn er vertrauend auf
das Werdende mit Hoffnung auf das Zukünftige blicken kann Und so leben wir
Viel Schwaches viel Verdorbenes und Absterbendes umgibt uns aber dazwischen
wächst eine unendliche Fülle von junger Kraft herauf Wurzeln und Stamm unseres
Volkslebens sind gesund Innigkeit in der Familie Ehrfurcht vor Sitte und
Recht harte aber tüchtige Arbeit kräftige Rührigkeit auf jedem Gebiet In
vielen Tausenden das Bewusstsein dass sie ihre Volkskraft steigern in Millionen
die noch zurückgeblieben sind die Empfindung dass auch sie zu ringen haben nach
unserer Bildung Das ist uns Modernen Freude und Ehre das hilft wacker und
stolz machen Und wir wissen wohl die frohe Empfindung dieses Besitzes kann
auch uns einmal getrübt werden denn jeder Nation kommen zeitweise Störungen
ihrer Entwicklung aber das Gedeihen ist nicht zu ertöten und nicht auf die
Dauer zurückzuhalten solange diese letzten Bürgschaften der Kraft und
Gesundheit vorhanden sind Deshalb ist jetzt auch glücklich wer den Beruf hat
längst Vergangenes zu durchsuchen denn er blickt von der gesunden Luft der Höhe
hinab in die dunkle Tiefe«
Ilse sah hingerissen in das Antlitz des Mannes er aber bog sich über die
Garbe welche zwischen ihm und ihr lehnte und fuhr begeistert fort »Jeder von
uns holt aus dem Kreise seiner persönlichen Erfahrungen Urteil und Stimmung
welche er bei Betrachtung großer Weltverhältnisse verwendet Blicken Sie um sich
her auf die lachende Sommerlandschaft dort in der Ferne auf die tätigen
Menschen und was Ihrem Herzen näher liegt auf Ihr eigenes Haus und den Kreis
in dem Sie aufgewachsen sind So mild das Licht so warm das Herz verständig
gut und treu der Sinn der Menschen die Sie umgeben Und denken Sie welchen
Wert auch für mich hat das zu sehen und an Ihrer Seite zu genießen Und wenn
ich über meinen Büchern recht innig empfinde wie wacker und tüchtig das Leben
meines Volkes ist welches mich umgibt so werde ich fortan auch Ihnen zu danken
haben« Er streckte seine Hand aus über die Garben Ilse fasste sie hielt sie
mit beiden Händen fest und eine warme Träne fiel darauf So sah sie mit
feuchten Augen zu ihm hin eine ganze Welt von Seligkeit lag in ihrem Antlitz
Allmählich ergoss sich ein helles Rot über ihre Wangen sie stand auf noch ein
Blick voll hingebender Zärtlichkeit fiel auf ihn dann schritt sie flüchtig von
ihm abwärts den Rain entlang
Der Professor blieb stehen an die Garben gelehnt Auf der Spitze der Aehre
über seinem Haupte zwitscherte fröhlich die Haidelerche er drückte seine Wange
an die Getreidebüschel welche ihn halb verbargen So sah er in seliger
Vergessenheit dem Mädchen nach das zu den fernen Arbeitern hinabstieg
Als er die Augen erhob stand ihm der Freund zur Seite er schaute ein
Antlitz in welchem inniges Mitgefühl zuckte und hörte die leise Frage »Und
was soll werden«
»Mann und Weib« sprach der Professor stark drückte dem Freunde die Hand
und schritt über das Feld dem Ruf der Lerche nach welche auf jeder Garbenspitze
anhielt ihn zu erwarten
Fritz war allein Das Wort war gesprochen ein neues ungeheures Schicksal
erhob sich über das Leben des Freundes Also dies sollte das Ende sein
Tusnelda statt des Tacitus Ach die sociale Erfindung der Ehe war sehr
ehrwürdig das empfand Fritz tief es war fast allen Menschen unvermeidlich die
aufwühlenden Kämpfe durchzumachen welche eine Veränderung der gesammten
Lebensordnung zur Folge haben Aber den Freund konnte er sich gar nicht denken
unter den Büchern mit den Kollegen und dazu diese Frau Schmerzlich fühlte er
dass auch sein Verhältnis zu dem Gelehrten dadurch geändert werden musste Aber
er dachte nicht lange an sich selbst, misstrauisch ängstlich sorgte er um den
Waghalsigen Und nicht weniger um sie die so gefährlich in die Seele des Andern
eingedrungen war Und der Treue sah zornig in die Runde auf Stoppeln und
Strohhalme und er ballte eine Faust gegen den seligen Bachhuber gegen das Tal
von Rossau ja auch gegen sie die letzte Ursache der heillosen Verwirrung
gegen die Handschrift des Tacitus
9
Ilse
Ilse hatte in großer Wirtschaft gleichmäßig dahingelebt seit dem Tod der Mutter
hatte sie kaum erwachsen dem Haushalt des Gutes vorgestanden angestrengt und
pflichtgetreu wie ein Beamter ihres Vaters der Frühling kam und der Herbst ein
Jahr rollte wie das andere über ihr Haupt der Vater die Geschwister das Gut
die Arbeiter und die Armen des Tales das war ihr Leben Mehr als einmal hatte
sich beim Vater ein Freier gemeldet ein derber tüchtiger Landwirt aus der
Umgegend sie aber hatte sich zufrieden gefühlt in dem Amt des Hauses und sie
wusste dass dem Vater lieb war wenn er sie bei sich behielt Des Abends wenn
der tätige Mann auf dem Sopha ausruhte und die Kinder zu Bett geschickt waren
saß sie still mit ihrer Stickerei neben ihm oder besprach die kleinen Vorgänge
des Tages die Krankheit eines Arbeiters den Schaden eines Hagelschauers den
Namen der neuen Milchkuh die angebunden wurde Es war eine einsame Gegend viel
Wald meist kleine Güter keine reiche Geselligkeit und der Vater der sich
durch angestrengte Tätigkeit zum wohlhabenden Manne heraufgearbeitet hatte war
kein Freund großer Gesellschaften die Tochter auch nicht Am Sonntage kam wohl
der Herr Pastor zu Tische die Beamten des Vaters blieben dann über den Kaffe
und erzählten kleine Geschichten aus der Umgegend die Kinder welche in der
Woche durch den Seminaristen gebändigt wurden lärmten durch Garten und Flur
Und wenn Ilse eine freie Stunde hatte setzte sie sich in ihr Stübchen mit einem
Buche aus der kleinen Sammlung des Vaters einem Roman von Walter Scott einer
Erzählung von Hauff einem Bande von Schiller
Jetzt aber war mit dem fremden Manne eine Fülle von Bildern Gedanken
Gefühlen in ihrer Seele aufgegangen Vieles was sie bis dahin gleichmütig aus
der Ferne betrachtet hatte wurde ihr auf einmal nah vor die Augen gerückt Wie
künstliches Feuer welches unerwartet aufsprühend einzelne Stellen der dunklen
Landschaft mit buntem Schein erleuchtet gab ihr seine Rede bald hier bald dort
einen fesselnden Blick auf fremdes Leben Wenn er sprach und die Worte so reich
gewählt und vornehm aus seinem Innern quollen dann neigte sie das Haupt
anfänglich vorwärts wie im Traum bis zuletzt ihr Blick an seinen Lippen und
Augen festing Denn sie fühlte eine Ehrfurcht bei welcher Schrecken war vor
einem Menschengeiste der so hoch und sicher über der Erde schwebte Von
vergangenen Zeiten sprach er wie von der Gegenwart die geheimen Gedanken der
Menschen welche vor Jahrtausenden lebendig gewesen waren wusste er zu erklären
Ach sie empfand die Herrlichkeit und Größe menschlicher Wissenschaft als
Verdienst und Größe des Einen der ihr gegenüber saß und die geistige Arbeit
vieler Jahrhunderte erschien ihr wie ein überirdisches Wesen das mit
menschlichem Munde in ihrem Hause Unerhörtes verkündete
Aber es war nicht das Wissen allein Wenn sie wie aus der Tiefe den Blick zu
ihm erhob sah sie ein strahlendes Auge den freundlichen Zug um die beredten
Lippen und sie fühlte sich unwiderstehlich zu dem warmen Leben des Mannes
gezogen Dann saß sie ihm als stille Hörerin gegenüber Wenn sie aber in ihr
Zimmer trat kniete sie nieder und verbarg das Antlitz in ihren Händen sie sah
ihn dann vor sich und brachte ihm in der Einsamkeit ihre Huldigung dar
So erwachte sie zum Leben Es war eine Zeit der reinen Begeisterung eines
selbstlosen Entzückens das der Mann nicht kennt und das nur dem Weibe wird
einem reinen unwissenden Herzen dem plötzlich bei gereifter Kraft das Größte
des Erdenlebens die empfängliche Seele einnimmt
Und sie sah dass ihr Vater in seiner Art unter dem Einfluss desselben Zaubers
stand Am Mittagstisch der sonst so schweigsam war floss jetzt die Unterhaltung
wie aus lebendigem Born an den Abenden wo er sonst müde über der Zeitung
gesessen hatte wurde das Gespräch zuweilen bis auf die erste Nachtstunde
hinausgezogen Vieles wurde erörtert oft wurde gestritten immer war der Vater
wenn er seinen Nachtleuchter vom Tische nahm in heiterer Stimmung mehr als
einmal wiederholte er auf und ab gehend noch sich selbst einzelne Reden des
Gastfreundes »Er ist in seiner Art ein ganzer Mann« sagte er »Alles sicher
und fest gefügt man weiß immer wie man mit ihm dran ist«
Einigemal ängstigte sie was er aussprach Zwar vermieden die Freunde was
die innige Gläubigkeit der Hörerin verletzen konnte aber aus den Reden des
Professors klang zuweilen eine fremdartige Auffassung ehrwürdiger Lehre und der
menschlichen Pflichten heraus Und doch war wieder so edel und gut was er
behauptete dass sie sich dagegen mit ihren Gedanken nicht zu wehren wusste
Er war oft heftig in seinen Ausdrücken wo er verurteilte tat er das mit
starken Worten auch im Gespräch brach er wohl heraus dass der Doctor und sogar
der Vater zurückwichen Und sie ahnte dass in seinem Haupte sich die Welt anders
darstellte als bei den meisten Menschen stolzer edler entschiedner Und wenn
er von Andern viel verlangte wie Einem natürlich ist der mehr mit
abgeschlossenen Bildungen als mit dem werdenden Leben verkehrt da wurde ihr
wohl bange wie man vor seinen Augen bestehen könne Aber derselbe Mann war
wieder so bereit alles Gute anzuerkennen und er freute sich wie ein Kind wenn
er erfuhr dass sich Jemand brav und stark erwiesen hatte
Er war ein ernster Mann und doch war er Liebling der Kinder geworden fast
noch mehr als der Doctor Sie vertrauten ihm ihre kleinen Geheimnisse er
besuchte sie in der Kinderstube und gab ihnen nach Jugenderinnerungen Anweisung
wie sie einen großen Papierdrachen machen sollten er malte selbst die Augen und
den Schnurrbart und schnitt die Quaste des Schwanzes und ein froher Tag wars
als der Drache das erste Mal auf dem neuen Stoppelfelde aufstieg Wenn der Abend
kam dann saß er von den Kindern umgeben wie ein Rebhuhn unter den Küchlein
Franz kletterte auf die Stuhllehne und zauste an seinem Haar an jedem Knie
lehnte eines der Grössern dann wurden Rätsel aufgegeben und Geschichten
erzählt und wenn Ilse zuhörte wie er mit den Kindern kleine Reime nachsprach
und lehrte dann schwoll ihr das Herz vor Freude dass ein solcher Geist so
zutraulich mit der Einfalt verkehren konnte dann spähte sie in sein Antlitz und
sah hinter den festen Zügen des Mannes ein Kindergesicht herausleuchten lachend
und glücklich und sie konnte sich ihn denken wie er selber ein kleiner Bube
gewesen war der auf dem Schoße seiner Mutter saß Glückliche Mutter
Da kam die Stunde unter den Garben die gelehrte Unterredung welche mit
Tacitus anfing und mit einem stummen Bekenntnis der Liebe endigte Die selige
Heiterkeit seines Angesichts der bebende Klang seiner Stimme hatten den dünnen
Schleier zerrissen der ihr das eigene wogende Gefühl barg Sie wusste jetzt dass
sie ihn liebte heiß und unendlich und sie ahnte dass er empfand wie sie
selbst Der ihr so groß gegenüberstand er hatte sich zu ihr herabgeneigt sie
hatte seinen warmen Atem den schnellen Druck seiner Hand gefühlt Als sie
dahinging durch das Feld strömte ihr die Glut in die Wangen und was sie umgab
Erde und Himmel Flur und sonniger Waldessaum das floss vor ihr in leuchtende
Wolken zusammen Mit beflügeltem Fuß eilte sie hinab in den Waldgrund wo das
Baumlaub sie umhüllte Jetzt erst fühlte sie sich allein und ohne es zu wissen
fasste sie einen schlanken Birkenstamm und schüttelte ihn mit voller Kraft dass
der Baum laut rauschte und seine Blätter auf sie herabstreute Und sie hob die
Hände zu dem goldenen Licht des Himmels und warf sich nieder auf den Moosgrund
In heftigen Atemzügen hob sich ihre Brust und die kräftigen Glieder zuckten von
der inneren Erregung Wie vom Himmel herab war die Leidenschaft in das junge
Weib gesunken und fasste ihr Leib und Seele mit unwiderstehlicher Gewalt
Lange lag sie so braune Sommerfalter spielten ihr um das Haar eine kleine
Eidechse fuhr ihr über die Hand weiße Dolden der Waldblumen und die Zweige der
Hasel neigten sich über sie als wollten die kleinen Kinder der Natur das heiße
Leben der Schwester verdecken welche zu ihnen gekommen war in dem seligsten
Schreck ihres Lebens
Endlich hob sie sich auf die Knie schlug die Hände zusammen sie dankte dem
lieben Gott für ihn und bat für ihn
Gesammelt trat sie in das offene Tal nicht mehr das ruhige Mädchen von
sonst ihr eigenes Leben und was sie umgab glänzte in neuen Farben und ein
neues Fühlen fand sie in der Welt Sie verstand die Sprache des Schwalbenpaares
welches um sie kreiste und mit zwitscherndem Ton pfeilschnell an ihr
vorüberfuhr Es war die wonnige Freude am Leben welche den kleinen Leib durch
die Luft schnellte und was die Vögel zu ihr sprachen war ein schwesterlicher
Jubelruf Sie antwortete auf den Gruß der Arbeiter welche vom Felde heimgingen
und sie sah auf eine der Frauen welche die Garben angelegt hatte und wusste
genau wie ihr zu Mute war Auch die Frau hatte als Mädchen einen fremden
Burschen geliebt es war eine lange unglückliche Neigung gewesen mit vielen
Schmerzen jetzt aber ging sie getröstet neben ihm nach Hause und als sie mit
ihrer Herrin sprach sah sie stolz auf ihren Begleiter Und Ilse fühlte wie
glücklich die arme ermüdete Frau war Und als Ilse in den Hof trat und die
Stimme der Mägde hörte welche vergebens auf sie gewartet hatten und das
ungeduldige Brummen der Rinder das wie ein Vorwurf an die säumige Herrin klang
da schüttelte sie leise das Haupt als wenn die Mahnung nicht mehr ihr gelte
sondern einer andern
Als sie wieder aus den Wirtschaftsräumen in das goldene Abendlicht trat
mit beflügeltem Schritt das Haupt gehoben sah sie erstaunt den Vater neben
seinem Reitpferd stehen bereit zum Aufsitzen und vor ihm in ruhigem Gespräch
den Doctor und den Mann welchem entgegenzutreten sie in diesem Augenblicke
verlegen scheute Sie näherte sich zögernd »Wo säumst du Ilse« rief der
Landwirt »ich muss fort« und in das bewegte Gesicht der Tochter blickend
setzte er hinzu »es ist nichts Großes Ein Brief des kranken Oberförsters ruft
mich in das Forstaus es ist einer von den Hofleuten angekommen und ich kann
mir denken was sie von mir wollen Ich hoffe zur Nacht zurück zu sein« Und dem
Doctor nickte er zu »Wir sehen uns noch vor Ihrer Abreise« Er trabte dahin und
Ilse dankte im Herzen der neuen Botschaft die ihr leichter machte ruhige Worte
mit den Freunden zu sprechen Sie folgte neben ihnen dem Wege auf dem der Vater
dahinritt und bemühte sich in gleichgültigem Gespräch die Unruhe zu verbergen
Und sie erzählte von dem Jagdschloss im Walde und von der Einsamkeit in welcher
der greise Oberförster unter den Buchen des Forstes hause Aber es war doch eine
spärliche Rede jedes der ehrlichen Herzen war mächtig bewegt der Professor und
Ilse vermieden einander in die Augen zu blicken auch dem Freunde gelang nicht
durch leichte Scherze die Leidenschaftlichen in das kleine Treiben dieser Welt
herab zu ziehen
Da wies Ilse plötzlich mit der Hand auf einen Hohlweg zur Seite aus welchem
mehre schwarze Köpfe auftauchten »Sehen Sie dort die Indianer der Frau
Oberamtmann« In schnellem Schritt zog eine Reihe wilder Gestalten eine hinter
der andern voran ein kräftiger Mann in braunem Kittel und verschossenem Hut
einen dicken Stab in der Hand hinter ihm zwei jüngere Männer ein bepacktes
kleines Pferd führend auf dem ein Affe in roter Jacke saß dann Weiber mit
Kindern auf dem Rücken um den Trupp liefen halbnackte Buben und Mädchen lange
schwarze Haare hingen ihnen um die braunen Gesichter und die wilden Augen
starrten schon aus der Ferne gierig auf die Spaziergänger
»Wenn der Herbst kommt streicht zuweilen das bettelnde Volk durch unser
Land es sind Gaukler die zu Kirmes und Vogelschiessen ziehen aber seit einigen
Jahren haben sie sich nicht in die Nähe des Guts gewagt«
Der Trupp nahte aus dem Trott wurde stürmisches Laufen im Augenblick waren
die Freunde von sechs bis acht dunklen Gestalten umringt welche mit
leidenschaftlicher Gebärde drängten und laut schreiend die Hände ausstreckten
Männer Weiber Kinder im Getümmel durcheinander Erstaunt sahen die Freunde in
die blitzenden Augen die heftigen Bewegungen und auf die Kinder welche mit den
Füßen stampften und mit ihren Händen den Leib der Fremden betasteten wie
Wahnsinnige
»Zurück ihr Wilden« rief Ilse drang durch die Bande und stellte sich vor
die Freunde »Zurück wer spricht für den Haufen« wiederholte sie unwillig und
hob gebietend den Arm Der Lärm verstummte ein braunes Weib nicht kleiner als
Ilse das glänzende Haar in Flechten gebunden und mit einem bunten Kopftuch
umschlungen trat aus der Schaar und streckte die Hand gegen Ilse aus »Meine
Kinder bitten« sagte sie »sie hungern und dürsten« Es war ein großes Antlitz
mit scharfen Zügen in denen noch die Spuren früherer Schönheit sichtbar waren
Mit vorgebeugtem Kopf stand sie der Jungfrau gegenüber und ihre funkelnden Augen
fuhren spähend von einem Antlitz auf das andere
»Geld haben wir nur für die Menschen welche uns arbeiten« antwortete Ilse
kalt »Für den Fremden der dürstet ist unser Quell und dem Hungernden geben
wir von unserm Brot Sie erhalten nichts weiter aus unserm Hause«
Wieder hob sich ein halbes Dutzend Arme und wieder drängte der wilde Haufe
heran Die Führerin trieb ihn durch einen Ruf in fremder Sprache zurück »Wir
wollen dir arbeiten Fräulein« sagte sie in geläufiger Phrase mit gebildetem
Accent »die Männer bessern altes Gerät wir scheuchen dir Maus und Ratte aus
den Mauern hast du ein krankes Pferd wir heilen es schnell«
Ilse bewegte verneinend das Haupt »Eurer Hilfe bedürfen wir nicht Sprechen
Sie zu mir ohne Gaukelei wie man zu ordentlichen Leuten redet ich weiß wohl
dass Sie das recht gut können wenn Sie wollen Wo ist euer Passierschein«
»Wir haben keinen« sagte die Frau »wir kommen weit aus der Fremde« Sie
wies nach der aufgehenden Sonne
»Und wo wollen Sie zur Nacht rasten« frug Ilse
»Wir wissen es nicht Die Sonne will untergehen und meine Leute sind müde
und barfuß« versetzte die Fremde
»Sie dürfen nicht nahe am Hofe und nicht nahe bei den Dorfhäusern lagern
Die Brote erhalten Sie am Hoftor dorthin schickt Jemanden der sie abholt Und
wenn ihr ein Feuer anzündet auf unserer Flur so hütet euch den Garben nahe zu
kommen wir werden auf euch Acht geben Und Niemand schleicht auf das Gut und in
das Dorf den Leuten wahrzusagen das leiden wir nicht«
»Wir sagen nicht wahr« antwortete die Frau und berührte mit der Hand ein
kleines schwarzes Kreuz welches sie am Halse trug »Die Zukunft kennt hier
unten Keiner auch wir wissen nichts davon«
Ilse neigte ehrerbietig das Haupt »Gut« sagte sie »wie auch der Sinn ist
welchen Sie hinter Ihren Worten bergen Sie sollen mich nicht umsonst an die
Gemeinschaft gemahnt haben die zwischen uns ist Kommen Sie selbst an das Tor
Mutter und erwarten Sie mich dort Brauchen Sie etwas für die Kleinen so will
ich zu helfen suchen«
»Wir haben ein krankes Kind schönes Fräulein und dem Buben fehlen die
Kleider« bat die Landfahrerin »ich komme und meine Leute werden tun wie Sie
wollen« Sie gab ein Zeichen und der wilde Zug trabte gehorsam einen Seitenweg
entlang der dem kleinen Dorfe zuführte Die Freunde sahen der Bande neugierig
nach
»Dass solche Szene in diesem Lande möglich wäre hätte ich nie geglaubt«
rief der Doctor
»Sie waren früher bei uns eine Landplage« versetzte Ilse gleichmütig »Sie
stammen von Zigeunerart Ein Landesherr in der Nähe hatte ihnen Unterschlupf
gegeben aber sie waren ein unartiges Gesinde Jetzt sind sie selten der Vater
hält streng auf Ordnung und sie wissen das recht gut Doch wir müssen zurück in
den Hof denn Vorsicht kann bei dem diebischen Volk nicht schaden«
Sie eilten nach dem Hofe Ilse rief den Inspector und die Kunde dass die
Landläufer in der Nähe waren flog wie ein Lauffeuer durch den Hof Die Ställe
wurden verwahrt das Federvieh und die Familien der fettumwachsenen Schweine der
Obhut von zwei handfesten Mägden übergeben der Schäfer und die Knechte
erhielten Befehl Nachtwache zu halten Ilse rief die Kinder sie gab ihnen das
Abendbrot und fand schwer die Aufgeregten zu bändigen Die Jüngsten wurden der
Mamsell unter starkem Protest und Tränen übergeben zu sicherer Aufbewahrung in
ihren Betten Dann suchte Ilse alte Röckchen und Linnen zusammen belud eine
Magd mit zwei Broten und schickte sich an zum Hoftor zu gehen wo die Frau sie
erwarten sollte Der Doctor hatte sich in seiner Freude über die Fremden aller
Sorge um den Freund entschlagen »Erlauben Sie uns die Verhandlung mit der
Sibylle anzuhören« bat er
Sie fanden die Landstreicherin in der Dämmerung vor dem Tor sitzend neben
ihr ein halbwüchsiges Mädchen mit prachtvollen Augen und langen Zöpfen aber
mangelhaftem Gewande Das Weib erhob sich und nahm mit vornehmer Haltung die
Spende in Empfang welche ihr Ilse reichte
»Segen über Sie Fräulein« rief sie »alles Glück das Sie sich jetzt
wünschen soll Ihnen zu Teil werden Und Sie haben ein Angesicht welches Glück
verheisst Segen über Ihr goldenes Haar und die blauen Augen Ihnen danke ich«
schloss sie sich verneigend »Wollen die Herren nicht auch meinem Mädchen ein
Andenken schenken« Die wilde Schöne hielt ihre Hand hin »Die Sonne hat ihr das
Gesicht verbrannt seien Sie freundlich gegen die arme Schwarze« bettelte die
Alte und dabei sah sie lauernd in der Runde umher Der Professor schüttelte
verneinend das Haupt der Doctor griff nach seiner Börse und legte der Alten ein
Geldstück in die Hand »Das Prophezeien habt ihr aufgegeben« frug er lachend
»Es bringt Unglück dem der wahrsagt und dem der fragt« versetzte die
Fremde »Hüte sich der Herr vor allem was bellt und kratzt denn ihm kommt
Unglück von Hunden und Katzen« Ilse und der Professor lachten die Augen der
Landstreicherin suchten unterdes unruhig in dem Gebüsch
»Wir können nicht wahrsagen« fuhr sie geläufig fort »wir haben keine Macht
über die Zukunft und wir irren wie ihr andern auch Aber Manches sehen wir doch
schönes Fräulein und ohne dass Sie es verlangen will ichs Ihnen sagen Der
Herr da neben Ihnen sucht einen Schatz und er wird ihn finden aber er soll
sich hüten dass er ihn nicht verliert und Sie stolzes Fräulein werden einem
Manne lieb sein der eine Krone trägt und Sie werden die Wahl haben ob Sie
eine Königin werden wollen die Wahl und die Qual« setzte sie leiser hinzu und
ihre Augen flogen wieder unruhig umher
»Hinweg mit euch« rief Ilse unwillig »solch Geschwätz stimmt schlecht zu
euren Worten«
»Wir wissen nichts« murmelte die Fremde demütig nach dem Zeichen an ihrem
Halse fassend »Wir haben nur unsere Gedanken Und unsere Gedanken sind eitel
oder wahr je nachdem ein Stärkerer will Leben Sie wohl schönes Fräulein«
rief sie mit Nachdruck und schritt mit ihrer Begleiterin in die Tiefe
»Wie stolz sie dahingeht« rief der Doctor »Respekt vor dem klugen Weibe
sie wollte nicht wahrsagen aber sie konnte doch nicht vermeiden sich durch
geheimes Wissen zu empfehlen«
»Sie hat sich längst bei den Feldarbeitern nach uns Allen erkundigt und sie
kennt den Hof« versetzte Ilse lachend
»Wo nur ihr Lager aufgeschlagen ist« frug der Doctor neugierig
»Wahrscheinlich hinter dem Dorfe« versetzte Ilse »Im Tal sehen wir wohl
die Feuer Die Fremden haben nicht gern wenn man ihrem Lager nahekommt und
zusieht was sie als Abendkost verzehren«
Sie stiegen langsam in das Tal hinab und blieben am Ufer des Baches unfern
dem Garten stehen Rings um sie lag das Dunkel des Abends auf Busch und Wiese
das alte Haus auf dem Steine ragte düster unter dem dämmrigen Grau des Himmels
Vor ihren Füßen murmelte das Wasser und die Blätter der Bäume rührten sich im
Nachtwind Schweigend blickten die Drei in die verschwimmenden Formen der
Landschaft hinaus das Seitental mit dem Dorf lag unsichtbar in dem tiefen
Schatten der Nacht nicht einmal ein erleuchtetes Fenster war zu sehen »Sie
sind lautlos verschwunden wie die Fledermäuse welche eben noch durch die Luft
flogen« sagte der Doctor Aber die Andern antworteten nicht sie dachten nicht
mehr an die Landläufer
Da klang es durch die Abendluft wie leises Wimmern Ilse fuhr zusammen und
lauschte Und noch einmal derselbe schwache Ton »Die Kinder« schrie Ilse
entsetzt und stürzte der Hecke zu welche den Obstgarten von der Wiese trennte
Sie rüttelte angstvoll an der verschlossenen Pforte dann brach sie das Geäst
der Hecke auseinander und sprang wie eine Löwin hindurch das Obstgelände
hinauf Die Freunde eilten ihr nach aber sie erreichten die Schnelle nicht Vor
ihr schimmerte es hell unter den Bäumen und es regte sich da sie heranflog
Zwei Männer hoben sich vom Boden eine Gestalt fuhr ihr entgegen Ilse aber
schlug den Arm zurück der zum Schlag gegen sie ausholte dass der Mann taumelte
und warf sich über die weinenden Kleinen welche im Rasen lagen Hinter Ilse
sprang Felix herzu und packte den Mann der Doctor rang im nächsten Augenblick
mit einem andern der wie ein Aal unter seinen Händen dahinglitt und in der
Dunkelheit verschwand Der erste Räuber aber hob sein Messer gegen den Arm des
Professors entrang sich der Hand welche ihn festhielt und war im nächsten
Augenblick durch die Hecke gebrochen Man hörte das Knarren im Geäst dann war
Alles wieder still
»Sie leben« rief Ilse am Boden knieend mit fliegendem Atem und umschlang
die Kleinen welche jetzt ein klägliches Geschrei ausstiessen Es war Riekchen im
bloßen Hemde und Franz auch halb ausgeschält Die Kinder waren den Augen der
Mamsell und dem Schutz der Schlafstube entschlüpft und in den Garten
geschlichen um die Feuer der Komödianten zu sehen von denen die Geschwister
erzählten Da waren sie den Genossen der Bande welche Greifbares suchten in
die Hände gefallen und der Kleider entledigt worden
Ilse nahm die schreienden Kinder auf ihre Arme vergebens wollten die
Freunde ihr die Last abnehmen Lautlos eilte sie mit den Geretteten nach dem
Hause sie stürzte in das Zimmer und beide festhaltend kniete sie vor dem Sopha
über ihnen und die Freunde hörten ihr unterdrücktes Schluchzen Aber nur auf
wenige Augenblicke verlor sie die Haltung Sie richtete sich auf und sah über
die Dienstleute welche in ängstlichem Gedränge die Stube füllten »Den Kindern
ist kein Leid geschehen« rief sie »geht wo ihr die Wache habt und holt mir
einen der Herren« Der Inspector trat aus dem Haufen »Das war ein Raub auf
unserem Grunde« sagte Ilse »und die ihn verübt soll das Gesetz erreichen Ich
bitte lassen Sie die Bande in ihrem Lager aufheben«
»In der Schlucht hinter dem Dorf ist ihr Feuer« erwiderte der Inspector
»man sieht den roten Rauch vom Oberstock Aber Fräulein ich sage es ungern
wäre nicht vorsichtiger man ließe die Schurken entlaufen Ein großer Teil
unserer Ernte liegt in Garben sie zünden uns in der Nacht aus Rache die Haufen
an oder wagen noch Aergeres um ihre Leute wieder frei zu machen«
»Nein« rief Ilse »bedenken Sie nicht zögern Sie nicht Ob die Argen uns
zu schaden vermögen oder nicht darüber entscheidet ein höherer Wille wir tun
was unsere Pflicht ist Der Frevel fordert Strafe und der Herr dieses Gutes ist
zum Wächter des Gesetzes gestellt«
»Lassen Sie uns eilen« mahnte der Professor den Beamten »wir begleiten
Sie«
»Nun mir ists nach dem Herzen« versetzte der Inspector überlegend »der
Hofverwalter bleibt hier wir Andern suchen die Bande am Feuer«
Er eilte hinaus Der Doctor fasste einen Knotenstock der in einer Zimmerecke
lehnte »Das wird genügen« sagte er lächelnd dem Freunde »Ich halte mich zu
einiger Schonung verpflichtet gegen diese lüderlichen Zigeunersöhne welche ihr
Indisch noch nicht ganz vergessen haben« Im Begriff das Zimmer zu verlassen
hielt er an »Du aber bleibst zurück denn du blutest«
Aus dem Ärmel des Professors fielen einzelne Blutstropfen zur Erde
Das Antlitz der Jungfrau wurde fahl wie die Tür bei welcher sie stand und
sie hielt sich zitternd an den Pfosten »Um unsertwillen« murmelte sie tonlos
Plötzlich eilte sie auf den Professor zu und neigte sich auf die Hand herab sie
zu küssen erschrocken hielt Felix die Leidenschaftliche zurück »Es ist nicht
der Rede wert Fräulein« rief er »ich bewege den Arm nach Gefallen« Der
Doctor zwang ihn den Rock auszuziehen und Ilse flog nach Verbandzeug Fritz
aber untersuchte mit der Ruhe eines alten Studenten die wunde Stelle »Es ist
ein kurzer Stich in die Muskeln des Unterarmes« tröstete er sachverständig das
Fräulein »etwas Heftpflaster wird genügen« Der Professor fuhr wieder in den
Rock und ergriff den Hut »Vorwärts« sagte er
»O nein bleiben Sie bei uns« flehte Ilse ihm nacheilend Der Professor sah
in das angsterfüllte Gesicht schüttelte ihr herzlich die Hand und verließ mit
dem Freunde das Zimmer
Der eilige Tritt der Männer verklang Ilse durchschritt allein die Räume des
Hauses Türen und Fensterläden waren geschlossen an der Tür nach dem Hofe
wachte Hans den Säbel des Vaters in der Hand vom Oberstock beobachteten die
Hausmädchen Hofraum und Garten Ilse trat in die Kinderstube wo die armen
Kleinen von der Mamsell und den Geschwistern umringt in ihren Betten saßen und
zwischen den letzten Tränen und dem Schlafe kämpften Ilse küsste die Müden und
drückte sie in die Kissen dann eilte sie hinaus in den Hof und lauschte
ängstlich bald nach der Richtung in welcher die Bande lagerte bald nach der
andern Seite wo Hufschlag die Ankunft des Vaters verkünden sollte Alles war
still Die Mägde von oben riefen ihr zu dass auch das Feuer der Fremden
verlöscht sei und wieder eilte sie auf und ab horchte erwartungsvoll und
richtete die Augen zum Sternenhimmel
Welch ein Tag Vor wenig Stunden hoch emporgehoben über die Not der Erde
und jetzt durch feindliche Faust zurückgerissen in Schrecken und Angst Sollte
das eine Vorbedeutung sein für die Tage der Zukunft War die goldene Pforte nur
geöffnet um sich misstönend wieder zu schließen und eine arme Seele
zurückzulassen in verzehrender Sehnsucht Die Betrügerin hatte prophezeit von
Einem der eine Krone tragen würde Ja in dem Reich wo er als ein König
herrschte da war selige Heiterkeit und beglückender Friede Ach wenn es
erlaubt ist Irdisches zu vergleichen mit den Freuden des Himmels solches
Wissen und Denken gab eine Vorahnung der ewigen Herrlichkeit Denn so schwebten
die Geister derer die hienieden gut und weise gewesen waren lichtumflossen in
reiner Klarheit und sie sprachen lächelnd und glücklich zueinander von Allem
was auf Erden gewesen war das Geheimste wurde ihnen offenbar und das
Tiefverhüllte durchsichtig und sie wussten dass alle Pein und aller Schmerz der
Erde ewige Weisheit und Güte war Und er der hier auf Erden dahinschritt den
heitern Himmel im Herzen ihn stach der wandernde Strolch in den Arm um
ihretwillen und um ihrer Lieben willen war er wieder ausgezogen in die
feindselige Nacht und unendliche Angst um ihn schnitt durch das Herz »Schütze
ihn Allerbarmer« rief sie »und mich heb aus dem Dunkel stärke mir die Kraft
und verkläre meinen Geist dass ich würdig werde des Mannes der dein Antlitz
schaut in vergangenen Zeiten und über geschwundenen Völkern«
Endlich hörte sie den schnellen Trab eines Reiters und das Schnauben des
ungeduldigen Rosses an dem verschlossenen Tor »Vater« rief sie riss den
Riegel zurück und flog an den Hals des Absteigenden Bestürzt vernahm der
Landwirt ihren schnellen Bericht er warf die Zügel des Pferdes dem Sohne zu
und eilte in die Kinderstube seine Kleinen zu herzen die beim Anblick des
Vaters ihres Unglücks gedachten und weinend neue Wehklage begannen
Als der Landwirt in den Hof trat zogen die Gutsleute vor das Haus und der
Inspector berichtete »Niemand war um das Feuer und in der Nähe zu sehen Am
Feuer keine Spur dass dabei gerastet worden es war zur Täuschung angezündet
sie haben hier nur stehlen wollen der größere Teil der Bande ist schon am
Abend weitergezogen Sie liegen irgendwo in den Wäldern versteckt und wenn die
Sonne aufgeht sind sie längst über die Grenze Das Gewürm kenne ich aus alter
Zeit«
»Er hat Recht« sagte der Landwirt zu den Freunden »und ich meine wir
haben nichts mehr zu fürchten Doch werden zuverlässige Augen diese Nacht
geöffnet bleiben Ihnen aber dankt ein armer Vater« fügte er bewegt hinzu »der
letzte Tag den Sie bei uns verlebten Herr Doctor sollte vom Morgen bis zum
Abend abenteuerlich sein Das ist sonst nicht unsere Art«
»Ich scheide allerdings in Sorge um das was ich hier zurücklasse«
versetzte der Doctor zwischen Ernst und Scherz »Dass jetzt gar noch verlorene
Kinder Asiens um die alten Mauern schleichen ist außer Spaß«
»Des Gesindels sind wir ledig wie ich hoffe« fuhr der Landwirt gegen
seine Tochter fort »aber auf einen andern Besuch magst du dich bei Zeiten
gefasst machen der Landesherr wird in einigen Wochen vor diesem Hause absteigen
Ich bin nur deshalb fortgesprengt worden um Geschwätz über seinen Besuch zu
hören und zu vernehmen dass noch nicht entschieden sei wo Serenissimus vor der
Jagd das Frühstück einnehmen werde Diesen Wink kenne ich es war vor fünfzehn
Jahren ebenso Da hilft nun nichts zu Rossau im Lindwurm kann er nicht bleiben
Auch diese Störung wird vorübergehen Und jetzt uns Allen eine gute Nacht und
ein Schlaf in Frieden«
Die beiden Freunde traten nachdenklich in ihr Schlafzimmer Der Professor
stand am Fenster und horchte auf den Tritt der Wächter die von außen und innen
den Hof umzogen auf das Zirpen der Grillen und auf die gebrochenen Laute
welche aus der schlummernden Flur in das Ohr drangen Und wieder hörte er ein
Geräusch neben sich und sah in das treue Gesicht seines Freundes der in seiner
Aufregung die Hände gefaltet hatte »Sie ist fromm« rief Fritz klagend
»Sind wirs nicht auch« erwiderte der Professor und richtete sich hoch
auf
»Sie ist dem Leben deines Geistes so fremd wie die heilige Elisabet«
»Sie hat Verstand« entgegnete der Professor
»Sie steht so sicher und abgeschlossen in ihrem Kreise sie wird in deiner
Welt nie heimisch werden«
»Sie ist tüchtig hier sie wird es überall sein«
»Du verblendest dich« rief Fritz händeringend »Willst du in den Frieden
deiner Tage einen Zwiespalt bringen dessen Ende du nicht absehen kannst Willst
du ihr selbst die ungeheure Umwandlung zumuten welche sie aus einer tüchtigen
Wirtin zur Vertrauten deiner rücksichtslosen Forschung machen soll Darfst du
ihr das sichere Selbstgefühl eines kräftigen Lebens rauben und in ihre Zukunft
den Kampf die Unsicherheit den Zweifel hineintragen Wenn du nicht an dich und
deine Ruhe denkst so hast du doch die Verpflichtung ihr Wesen zu ehren«
Der Professor legte das heiße Haupt an das Holz des Fensters Endlich fuhr
er auf »Wir aber sollen Diener der Wahrheit sein und ihre Verkünder Und wenn
wir diese Pflicht gegen tausend Fremde üben gegen Jeden der uns hören will
wächst nicht Recht und Pflicht da wo wir lieben«
»Täusche dich nicht« antwortete Fritz »du der feinfühlende Mann der
jedes Leben in seiner Berechtigung so willig anerkennt du wärst der Letzte die
Harmonie ihres Wesens zu stören wenn du sie nicht für dich begehrtest Was dich
treibt ist nicht Pflichtgefühl sondern Leidenschaft«
»Was ich der Fremden nicht zumuten darf das ziemt mir an dem Weibe zu
tun das ich für immer mit mir verbinde Und hat nicht jede Frau die unserm
Leben nahe tritt ähnliche Wandlung zu erfahren Wie hoch stellst du das Wissen
der Frauen in der Stadt welche in unseren Kreisen heraufkommen«
»Was sie wissen ist in der Regel unsicherer als ihnen und uns gut ist«
versetzte Fritz »aber von klein auf sind sie gewöhnt mit Teilnahme die
wissenschaftlichen Interessen der Männer zu begleiten Die besten Resultate des
geistigen Schaffens sind ihnen doch so leicht zugänglich dass sie überall
Anknüpfungspunkte für ein herzliches Verständnis finden Hier aber wie schön
wie liebenswert sich unsern Augen dies Leben darstellt es ist vielleicht
gerade darum so anziehend weil es uns zugleich so fremdartig gegenübersteht«
»Du übertreibst und wirst unwahr« rief der Professor »Gerade in diesen
Tagen habe ich tief gefühlt was wir über den Büchern leicht vergessen wie groß
die Rechte sind welche eine edle Leidenschaft in unserm Leben hat Wer kann
sagen was zwei Menschen einander so lieb macht dass sie sich nicht scheiden
können Es ist nicht nur die Freude am Dasein des Andern nicht das Bedürfnis
der Ergänzung des eigenen Wesens auch nicht Sinn und Phantasie allein welche
das Fremde uns so innig verbinden Ist denn nötig dass die Frau nur das feinere
Rohr wird welches eine Octave höher immer dieselben Noten tönt welche der Mann
spielt Die Sprache ist arm für den mächtigen Ausdruck der Freude und Erhebung
welche ich in ihrer Nähe empfinde und ich kann dir nur sagen mein Freund das
ist etwas Gutes und Großes und es fordert in meinem Leben sein Recht Was aber
jetzt aus dir spricht das ist nur der kalte Zweifler Verstand der allem
Werdenden abhold so lange seine Ansprüche erhebt bis er durch die vollendete
Tat widerlegt ist«
»Es ist nicht allein der Verstand« versetzte Fritz gekränkt »Dass du meine
Rede so verkennst habe ich nicht verdient War es anmassend dass ich mit dir
über Gefühle gesprochen habe welche dir jetzt für heilig gelten so darf ich zu
meiner Entschuldigung sagen dass ich nur die Rechte in Anspruch nahm welche mir
deine Freundschaft bis zu dieser Stunde eingeräumt hat Ich musste meine Pflicht
gegen dich tun bevor ich dich hier verlasse Kann ich dich nicht überzeugen
so suche diese Unterredung zu vergessen ich werde dies Thema nie wieder
berühren«
Er ließ den Professor am Fenster stehen und wandte sich zu seinem Lager
Diesmal zog er die Stiefeln leise aus und legte sich auf sein Bett den Kopf zu
der Wand gekehrt Nach einer Weile fühlte er seine Hand ergriffen der Professor
saß an seinem Lager und hielt die Hand des Freundes fest ohne ein Wort zu
sprechen Endlich entzog sie ihm Fritz mit herzlichem Druck und wandte sich
wieder zur Wand
Im ersten Morgengrau stand er auf trat leise an das Lager des schlummernden
Gelehrten und ging still zur Tür hinaus Im Wohnzimmer erwartete ihn der
Hausherr der Wagen fuhr vor ein kurzer freundlicher Abschied und Fritz fuhr
davon und ließ seinen Freund allein unter den Grillen des Feldes und unter den
Ähren deren schwere Häupter sich im Morgenwind hoben und senkten gleich den
Wellen des Meeres in diesem Jahr wie vor tausend und abertausend Jahren
Der Doctor sah zurück auf den Stein der das alte Haus trug auf die
Terrasse darunter mit dem Friedhofe und der Holzkirche und auf den Laubwald
welcher den Fuß der Anhöhe umzog Und alle Vergangenheit und Gegenwart der
gefährlichen Stätte waren ihm deutlich Das uralte Wesen aus der Sachsenzeit
hatte sich an diesem Orte nur wenig geändert Und er sah den Felsen und die
schöne Ilse von Bielstein wie sie vor Menschengedenken gewesen waren Damals
war der Stein einem Heidengotte heilig schon damals hatte ein Turm darauf
gestanden und die Ilse hatte darin gewohnt mit ihren gescheitelten blonden
Haaren im weißen Linnengewand einen Pelz von Otterfell darüber Damals war sie
Priesterin und Prophetin gewesen für einen Stamm wilden Sachsenvolks Wo jetzt
die Kirche stand war die Opferstätte gewesen und das Blut der gefangenen
Feinde war von dort heruntergerieselt in das Tal
Wieder später hatte ein christlicher Sachsenhäuptling dort sein Balkenhaus
gebaut und wieder hatte dieselbe Ilse darin gesessen zwischen den hölzernen
Pfosten auf dem erhöhten Raum der Frauen und sie hatte die Spindel gedreht
oder den Männern schwarzen Met in die Schale gegossen
Jahrhunderte später war das gemauerte Haus mit steinumfassten Fenstern und
einem Wartturm auf dem Felsen errichtet worden als Nest eines räuberischen
Junkers und die Ilse von Bielstein hatte wieder darin gehaust in einer sammtnen
Schaube die der Vater auf des Königs Heerstraße den Kaufherren geraubt hatte
und wenn das Haus von einem Feinde berannt wurde stand die Ilse unter den
Männern auf der Mauer und spannte die große Armbrust wie ein Reitersknecht
Und viele hundert Jahre später hatte sie in dem Jagdschloss eines Fürsten
gesessen bei ihrem Vater einem alten Kriegsmann aus der Schwedenzeit Damals
war sie spiessbürgerlich und fromm geworden sie kochte Beeren zu Muss und ging
hinunter zum Pfarrer in das Konventikel sie wollte keine Blumen tragen und
schlug mit dem Finger in der Bibel nach welchen Mann ihr der Himmel bescheren
würde
Jetzt aber stand dasselbe Sachsenkind seinem Freunde gegenüber hoch und
kräftig an Leib und Seele aber immer noch ein Kind des Mittelalters gefasst und
still mit gleichmässigem Ausdruck des schönen Angesichts der nur wechselte
wenn einmal plötzliche Leidenschaft durch das Herz fuhr ein Gemüt wie im
Halbschlaf ein so einfaches Gefüge des Geistes dass man zuweilen nicht wusste
war sie sehr klug oder einfältig An ihrem Wesen hing etwas von allem was die
Ilsen seit zwei Jahrtausenden gewesen ein Stück Alraune Metspenderin
Reiterstochter Pietistin Es war die altdeutsche Art und die altdeutsche
Schönheit aber dass sie jetzt mit einemmal auch noch das Weib eines Professors
werden sollte das dünkte dem bekümmerten Doctor zu sehr gegen alle Gesetze
ruhiger geschichtlicher Entwicklung
10
Die Werbung
Wenige Stunden nachdem der Freund das Gut verlassen trat der Professor in das
Arbeitszimmer des Landwirts »Die Landläufer sind verschwunden und mit ihnen
Ihr Freund Es tut uns Allen leid dass der Herr Doctor nicht länger bleiben
konnte« rief ihm der Landwirt von seiner Arbeit zu
»Bei Ihnen liegt die Entscheidung ob auch ich noch länger weilen darf«
entgegnete der Professor in so tiefem Ernst dass der Landwirt aufstand und
seinen Gast fragend anblickte »Ich komme von Ihnen ein großes Vertrauen zu
erbitten« fuhr der Professor fort »und ich muss von hier scheiden wenn Sie mir
dasselbe versagen«
»Sprechen Sie Herr Professor« entgegnete der Landwirt
»Es ist für uns beide nicht mehr möglich in dem unbefangenen Verhältnis als
Wirt und Gast fortzuleben Ich suche die Neigung Ihrer Tochter Elise für mich
zu gewinnen«
Der Landwirt fuhr zurück die Hand des starken Mannes klammerte sich an die
Tischplatte
»Ich weiß was ich von Ihnen fordere« rief der Gelehrte mit ausbrechender
Leidenschaft »Das Höchste nehme ich in Anspruch was Sie geben können ich
weiß dass ich Ihr Leben dadurch ärmer mache denn ich will von Ihnen abwenden
was Ihnen Freude Hilfe Stolz gewesen ist«
»Und doch« murmelte der Landwirt finster »Sie ersparen dem Vater das zu
sagen«
»Ich fürchte dass Sie mich in diesem Augenblicke für einen Einbrecher in den
Frieden Ihres Hauses halten« fuhr der Gelehrte fort »Aber wenn Ihnen auch
schwer wird gütig gegen mich zu sein Sie sollen Alles wissen Ich sah sie
zuerst in der Kirche und ihr inniges gottbegeistertes Wesen ergriff mich
mächtig Ich lebte um sie im Hause und fühlte jede Stunde mehr wie schön und
liebenswert sie ist Unwiderstehlich wurde die Gewalt welche sie auf mich
ausübt Die Leidenschaft in welcher ich lebe ist so groß geworden dass mir der
Gedanke Entsetzen bereitet sie könnte mir doch fern bleiben Für Leib und Seele
sehne ich mich sie zu meinem Weibe zu machen«
So sprach der Gelehrte offenherzig wie ein Kind
»Und wie weit sind Sie mit meiner Tochter« frug der Landwirt
»Ich habe zwei Mal in ausbrechendem Gefühl ihre Hand berührt« rief der
Professor
»Haben Sie über Ihre Liebe mit ihr gesprochen«
»Dann stände ich nicht so vor Ihnen« entgegnete der Professor »Ich bin
Ihnen gänzlich unbekannt durch einen besonderen Zufall zu Ihnen gekommen Und
ich bin nicht in der glücklichen Lage eines Freiwerbers der sich auf längere
Bekanntschaft berufen kann Sie haben mir ungewöhnliche Gastfreundschaft
erwiesen und ich bin verpflichtet Ihr Vertrauen nicht zu täuschen ich will
nicht hinter Ihrem Rücken ein Herz für mich gewinnen das mit Ihrem Leben so eng
verbunden ist«
Der Landwirt neigte beistimmend das Haupt »Und haben Sie die Zuversicht
ihre Liebe für sich zu gewinnen«
»Ich bin kein Knabe und sehe wohl dass sie mir herzlich zugetan ist Über
die Tiefe und Dauer eines jungfräulichen Gefühls haben wir beide kein Urteil
In einzelnen Stunden habe ich die beseligende Überzeugung gehabt dass die warme
Neigung des Weibes mir geworden ist aber gerade die unbefangene Unschuld ihres
Empfindens macht mich wieder unsicher Und wenn ich Ihnen das Schwerste gestehen
soll was mir zu sagen bleibt ich darf nicht leugnen dass für sie noch eine
Rückkehr zu ruhiger Empfindung möglich ist«
Der Landwirt sah auf den Mann der sich mühte unbefangen zu urteilen und
doch am ganzen Körper bebte »Ich habe die Pflicht auf einen Herzenswunsch
meines Kindes Rücksicht zu nehmen wenn er so mächtig wird dass er sie aus ihrer
Heimat fortzieht zu einem andern Manne Immer vorausgesetzt dass ich selbst
nicht die Überzeugung habe es werde ihr Unglück sein Ihr Verhältnis zu meiner
Tochter ist bei der kurzen Bekanntschaft und nach dem was Sie mir darüber
sagen schwerlich so dass mir nur die Wahl bleibt entweder einzuwilligen oder
mein Kind elend zu machen Und Ihr Geständnis gibt mir auch die Möglichkeit zu
verhüten was mir vielleicht in vieler Rücksicht unwillkommen ist Ja Sie sind
mir in diesem Augenblick ein Fremder und als ich Ihnen anbot bei mir zu
bleiben habe ich getan was für mich und die Meinen schwere Folgen haben mag«
Als der Landwirt in der Erregung des Augenblicks so sprach fiel sein Blick
auf den Arm der gestern geblutet hatte und wieder auf die mannhaften Züge des
bleichen Antlitzes vor ihm er unterbrach seine Rede und legte die Hand auf die
Schultern des Andern »Nein« rief er »das ist nicht meines Herzens Meinung
und nicht so darf ich Ihnen antworten« Er schritt durch das Zimmer bemüht
sich zu fassen »Aber hören auch Sie ein vertrauendes Wort und zürnen Sie mir
darum nicht« fuhr er ruhiger fort »Wohl weiß ich dass ich meine Tochter nicht
für mich erzogen habe und dass ich mich einmal gewöhnen muss sie zu entbehren
Aber unsere Bekanntschaft ist zu kurz als dass ich ein Urteil hätte ob mein
Kind an Ihrer Seite Frieden oder Unfrieden zu erwarten hat Wenn ich Ihnen sage
dass Sie mir sehr wert und angenehm geworden sind so hat das doch in dieser
Stunde keine Bedeutung Wären Sie ein Landwirt wie ich so würde ich Ihre
Mitteilung mit leichterem Herzen anhören denn ich hätte in der Zeit Ihres
Hierseins wohl über Ihre Tüchtigkeit eine feste Ansicht gewonnen Dass unser
Beruf so verschieden ist macht nicht nur mir schwer über Sie zu urteilen es
mag auch gefährlich werden für die Zukunft meines Kindes Wenn der Vater
wünscht dass die Tochter sich mit einem Manne verheiratet der in ähnlichem
Geschäfte arbeitet so hat das in jedem Lebenskreise seinen guten Grund für den
Landwirt von meinem Schlage noch einen besonderen Denn die Tüchtigkeit unserer
Kinder liegt zum Teil darin dass sie als Gehilfen der Eltern heranwachsen Was
Ilse in meinem Hause gelernt hat gibt mir die Sicherheit dass sie als Frau
eines Landwirts ihren Platz vollkommen ausfüllen wird ja sie vermöchte wohl
Schwächen ihres Mannes zu ergänzen Und das wird ihr ein gesundes Leben sichern
selbst wenn ihr Mann Manches zu wünschen übrigliesse Als Frau eines Gelehrten
hat sie wenig Nutzen von dem was sie weiß und sie wird als ein Unglück
empfinden dass sie vieles Andere nicht gelernt hat«
»Dass sie entbehren wird muss ich einräumen auf Alles was ihr nach Ihren
Worten fehlt gebe ich wenig« rief der Gelehrte »Ich bitte Sie darin mir und
der Zukunft zu vertrauen«
»Dann also antworte ich Ihnen Herr Professor ebenso offen wie Sie zu mir
gesprochen haben ich darf Ihre Forderung nicht kurz abweisen denn ich will
dem was vielleicht Sehnsucht und Glück meiner Tochter ist nicht feindlich in
den Weg treten und doch ich kann bei der unvollständigen Einsicht die ich
über Ihre Verhältnisse habe nicht darauf eingehen Und ich bin in diesem
Augenblicke in der schmerzlichen Lage dass ich nicht weiß wie ich überhaupt
diese Sicherheit gewinnen kann«
»Wohl fühle ich wie ungenügend und zufällig die Urteile sind welche Sie
von Fremden über mich einsammeln können es wird dennoch geschehen müssen«
antwortete mit Haltung der Gelehrte
Der Landwirt bejahte schweigend und der Professor fuhr fort
»Zunächst bitte ich um Erlaubnis Ihnen über meine äußeren Verhältnisse
Mitteilung zu machen« Er nannte seine Einnahmen gab getreulich an woher sie
flossen und legte ein Verzeichnis derselben auf den Arbeitstisch »Für diese
Angaben wird mein Rechtsfreund ein geachteter Anwalt der Universitätsstadt
Ihnen jede Bestätigung geben welche Sie wünschen Über meine Brauchbarkeit als
Lehrer und meine Stellung an der Universität muss ich Sie allerdings auf das
Urteil meiner Kollegen verweisen und auf die Ansicht die sich etwa in der
Stadt darüber gebildet hat«
Der Landwirt blickte in das Verzeichnis »Selbst die Bedeutung dieser
Summen für Ihre Verhältnisse ist mir nicht ganz deutlich für weitere Kunde habe
ich in Ihrer Heimat kaum eine Anknüpfung Aber Herr Professor ich werde ohne
Zögern mir selbst die Gewissheit zu verschaffen suchen welche ich erhalten kann
Ich werde morgen nach Ihrer Stadt abreisen«
»O wie danke ich Ihnen« rief der Professor und fasste die Hand des
Landwirts
»Noch nicht« antwortete dieser und zog seine Hand zurück
»Ich werde natürlich falls Sie das wünschen Sie begleiten« fuhr der
Professor fort
»Das wünsche ich nicht« versetzte der Landwirt »Schreiben Sie sogleich
die Briefe welche mich einigen Ihrer Bekannten empfehlen im Übrigen muss ich
mich auf meine Fragen und allerdings auf den Zufall verlassen Aber Herr
Professor diese Reise wird mir nur Ihre Angaben bestätigen die ich ohnedies
für wahr halte und vielleicht Urteile Anderer über Sie welche zu dem stimmen
was ich selbstvon Ihnen halte Setzen wir den Fall dass diese Auskunft mich
befriedigt was soll die Folge sein«
»Dass Sie mir gestatten noch länger in Ihrem Hause zu verweilen« rief der
Professor »dass Sie vertrauend meine Annäherung an Ihre Tochter dulden und dass
Sie mir Ihre Einwilligung zur Ehe geben sobald ich der Neigung Ihrer Tochter
sicher bin«
»Solche Vorbereitung zu einer Brautwerbung ist ungewöhnlich« sagte der
Landwirt mit trübem Lächeln »doch sie ist einem Landwirt nicht unwillkommen
Wir sind gewohnt die Früchte langsam reifen zu sehen Also Herr Professor
auch nach meiner Reise behalten wir alle drei Freiheit der Wahl und des letzten
Entschlusses Und diese Unterredung soll sie unser Geheimnis bleiben«
»Ich beschwöre Sie darum« flehte der Gelehrte Wieder flog ein leichtes
Lächeln über das ernste Antlitz des Wirtes
»Damit meine schnelle Abreise weniger auffalle bleiben Sie unterdes hier
Vermeiden Sie vor meiner Rückkehr sich meiner Tochter zu nähern Sie sehen ich
erweise Ihnen ein großes Vertrauen«
So hatte der Professor seinen Gastfreund gezwungen der Vertraute seiner
Liebe zu werden Es war ein schöner Vertrag zwischen Leidenschaft und Gewissen
den der Gelehrte durchgesetzt hatte und doch war in seiner Disposition ein
Irrtum und die Abhandlung an welcher er mit heißem Haupt und pochendem Herzen
arbeitete geriet ein wenig anders als er sich und dem Vater vorgestellt Denn
zwischen den drei Menschen welche jetzt die hochsinnig eingeleitete
Brautwerbung durchmachen sollten war plötzlich die Unbefangenheit verschwunden
Als Ilse am Morgen der verhängnisvollen Unterredung strahlend von Glück zu den
Männern trat fand sie den Himmel des Gutes lichtlos mit finsteren Wolken
umzogen Der Professor war unruhig und düster er arbeitete fast den ganzen Tag
auf seiner Stube und als die Kleinen ihn am Abend baten eine Geschichte zu
erzählen da lehnte ers ab fasste den Kopf der kleinen Schwester mit beiden
Händen küsste ihre Stirn und legte sein eigenes Haupt darauf als wollte er sich
auf das Kind stützen Gezwungen und spärlich waren die Worte die er an Ilse
richtete und doch haftete unablässig sein Blick an ihr aber fragend und
unsicher Und Ilse überraschte auch den Vater wie dieser sie gespannt und
schmerzlich ansah Auch zwischen den Vater und sie war ein Geheimnis getreten
das in seinem Innern arbeitete Ja sogar zwischen den beiden Männern war es
nicht wie sonst Der Vater sprach wohl einmal leise zu dem Freunde aber beiden
sah sie einen Zwang an wenn sie über Gleichgültiges redeten
Am nächsten Morgen gar die geheimnisvolle Reise des Vaters die er ihr durch
karge Worte über ein unwichtiges Geschäft anzeigte War seit jenem wüsten Abend
Alles um sie verwandelt Das Herz des Weibes zog sich ängstlich zusammen Die
Unsicherheit kam ihr die Furcht vor etwas Feindseligem das gegen sie
heranfuhr Schmerzvoll hielt sie sich zurück in ihrem Zimmer kämpfte sie mit
schweren Gedanken und sie vermied mit dem Manne ihrer Liebe allein zu sein
Natürlich wurde dem Professor die Veränderung an der Geliebten auf der
Stelle deutlich und sie quälte den tiefsinnigen Mann Wollte sie ihn fernhalten
um den Vater nicht zu verlassen war nur frohes Erstaunen gewesen was er für
herzliche Neigung hielt Diese Sorge machte seine Haltung gezwungen und
ungleichmässig und der Wechsel seiner Stimmung wirkte wieder auf Ilse zurück
Fröhlich hatte sich der Blütenkelch ihrer Seele dem aufsteigenden Lichte
geöffnet da war ein Tropfen Morgentau hineingefallen und die zarten Blätter
schlossen sich noch einmal unter der fremden Last
Ilse war bei Krankheiten und Verletzungen die weise Frau des Gutes Von
ihrer Mutter hatte sie dies Ehrenamt übernommen und ihr Ruhm in der Umgegend war
nicht gering auch war es nicht unnötige Beflissenheit denn Rossau besaß nicht
einmal einen ordentlichen Heilkünstler Ilse aber verstand ihre einfachen
Hausmittel vortrefflich anzuwenden sogar der Vater und die Herren der
Wirtschaft unterwarfen sich gehorsam ihrer Pflege Und sie war in den Beruf
einer barmherzigen Schwester so eingelebt dass ihr jungfräuliches Zartgefühl gar
nichts darin fand am Krankenbett eines Gutsgenossen zu sitzen und dass sie ohne
Ziererei in die Wunde blickte welche der Hufschlag eines Pferdes oder der
Schnitt einer Sense verursacht hatte Und jetzt stand er mit einer Wunde neben
ihr er hielt den Arm nicht einmal in der Binde und sie sorgte unaufhörlich
dass der Schaden ärger werden könne Wie gern hätte sie die Stelle gesehen ach
wie gern sie selbst verbunden und sie bat ihn am Morgen beim Frühstück auf den
Arm deutend »Wollen Sie nicht uns zu Liebe etwas dafür tun«
Der Professor zog befangen den Arm zurück und erwiderte »Es hat gar nichts
zu bedeuten« Sie schwieg verletzt Als er aber auf sein Zimmer ging wurde ihr
die Sorge übermächtig und sie sandte die Tagelöhnerfrau welche in solchen
Künsten ihre bewährte Gehilfin war mit einem Auftrage in das Gastzimmer und
schärfte ihr ein gewalttätig aufzutreten jeden Widerspruch des Herrn zu
bewältigen den Arm zu betrachten und ihr zu berichten Als nun die ehrliche
Frau sagte dass ihr Fräulein sie sende und dass sie darauf bestehen müsse den
Stich zu sehen da entschloss sich zwar der Professor zögernd die Stelle zu
zeigen aber als die Botin einen bedenklichen Bericht heraustrug und Ilse die
unruhig vor der Tür auf und ab ging durch die Vermittlerin wieder kalte
Umschläge befahl da wollte der Professor diese nicht anwenden Er hatte wohl
Ursache dazu denn wie schmerzlich er den Zwang fühlte der ihm im Verkehr mit
Ilse aufgelegt war so dünkte ihm doch unerträglich ihren Anblick ganz zu
missen und in seiner Stube allein bei dem Wassernapf zu sitzen Dass er aber den
guten Rat verwarf schmerzte Ilse noch mehr denn sie fürchtete die Folgen und
es tat ihr wieder weh dass er auf ihre Wünsche nichts gab Als sie vollends
erfuhr dass er heimlich zum Chirurgus nach Rossau geschickt hatte da kamen dem
Mädchen die Tränen in die Augen über das was sie für Nichtachtung hielt Denn
sie kannte die verkehrten Mittel des Trunkenbolds und sie wusste jetzt genau
dass es ein Unglück geben würde Sie kämpfte mit sich bis zum Abend endlich
besiegte die Sorge um den Geliebten alle Bedenken und als er neben den Kindern
in der Laube saß trat sie vor ihn und bat in ihrer Herzensangst leise mit
niedergeschlagenen Augen »Der fremde Mann macht Ihnen die Schmerzen größer
bitte lassen Sie mich die Wunde sehen« Und der Professor erschrocken über
diese Aussicht welche seine ganze mühsam erkämpfte Selbstbeherrschung zu
vernichten drohte erwiderte wie Ilse hörte mit rauer Stimme er war aber
in Wahrheit nur durch innere Bewegung ein wenig heiser »Ich danke das kann
ich gar nicht annehmen« Da ergriff Ilse die beiden jüngsten Geschwister welche
in den Händen der Zigeuner gewesen waren stellte sie vor ihn hin und rief
heftig »Bittet ihr wenn er auf mich nicht hört« Dem Professor war dieser
kleine Auftritt so beweglich und Ilse sah in ihrer Aufregung so unwiderstehlich
schön aus dass ihn die Rührung übermannte und dass er um gegen den Vater ehrlich
zu bleiben aufstand und schnell aus dem Garten ging
Ilse presste die Hände krampfhaft zusammen und sah starr vor sich hin Alles
war ein Traum gewesen Täuschung wars und törichte Einbildung dass sie in
seliger Stunde gehofft hatte er liebe sie Sie hatte ihm ihr Herz offenbart
und ihr heißes Gefühl war für ihn nichts als dreiste Zudringlichkeit einer
Fremden Sie war ihm ein ungeschicktes Weib vom Lande dem das städtische
Zartgefühl fehlte und die sich töricht etwas in den Kopf gesetzt weil er
einige Male gütig zu ihr gesprochen Sie stürzte in ihr Zimmer dort sank sie
vor ihrem Lager nieder und ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihre
Glieder
Sie war den ganzen Abend nicht mehr sichtbar am nächsten Tag trat sie dem
Geliebten stolz und kalt gegenüber sie sprach nur das Nötigste und rang in der
Stille mit Tränen und unendlichem Jammer
Alles war hochsinnig für eine feine und zarte Brautwerbung zurechtgelegt
aber wenn zwei Menschen einander lieb haben sollen sie das einer dem andern
auch frisch und einfältig sagen ohne Disposition und beim Styx auch ohne
Zartgefühl
Der Landwirt war abgereist Ein Geldgeschäft das er auf dem Wege erledigen
konnte gab den Vorwand Schon den Tag darauf fiel seine gewaltige Gestalt und
das sorgenvolle Antlitz in den Straßen der Universitätsstadt auf Gabriel war
sehr verwundert als ein riesiger Mann höher als sein alter Freund der
Wachtmeister bei den Kürassieren an der Tür schellte und einen Brief des Herrn
überbrachte worin Gabriel aufgefordert wurde sich und das Quartier dem Herrn
zur Verfügung zu stellen Der fremde Mann schritt durch die Zimmer saß am
Arbeitstisch des Professors nieder und begann mit Gabriel ein Gespräch in
Kreuzfragen aus denen der Diener nicht klug werden konnte Auch Herrn Hummel
begrüßte der Fremde dann ließ er sich nach der Universität führen hielt auf
der Straße Studenten an und frug sie aus verhandelte mit dem Rechtsanwalt
besuchte einen Kaufmann mit welchem er zuweilen Getreidegeschäfte machte ließ
sich von Gabriel zum Schneider des Professors führen dort einen Rock zu
bestellen und Gabriel musste lange vor der Tür stehen bis der geschwätzige
Schneider den Fremden entließ Auch zu Herrn Hahn ging er einen Strohhut zu
kaufen und am Abend sah man seine große Gestalt welche den chinesischen Tempel
unbillig beengte neben Herrn Hahn bei einer Flasche Wein sitzen Es war ein
armer Vater der sich bei gleichgültigen Leuten ängstlich erkundigte ob er sein
geliebtes Kind in die Arme eines Fremden legen müsse Ach was er erfuhr war
alles noch weit günstiger als er erwartet hatte Auch ihm wurde deutlich was
die Frau Oberamtmann Rollmaus längst wusste dass es nach der Meinung Anderer kein
gewöhnlicher Mann war den er bei sich aufgenommen hatte
Als der Heimkehrende am Abende des nächsten Tages zwischen den letzten
Häusern von Rossau dahinfuhr sah er eine Gestalt eilig auf sich zukommen Es
war der Professor den die ungeduldige Erwartung auf den Weg getrieben hatte und
der jetzt mit verstörtem Gesicht an den Wagen eilte Der Landwirt sprang von
seinem Sitze und sagte dem Professor leise »Bleiben Sie bei uns der Himmel
gebe zu allem weiteren seinen Segen« Und als die beiden Männer nebeneinander
den Fußpfad hinaufstiegen fuhr der Gutsherr mit einem Anflug von guter Laune
fort »Sie haben mich gezwungen um Ihre Wohnung zu spioniren lieber Herr
Professor Ich habe erfahren dass Sie still weg leben Sie bezahlen Ihre
Rechnungen pünktlich Ihr Diener spricht mit Ehrerbietung von Ihnen die
Nachbarn denken gut über Sie in der Stadt sind Sie ein angesehener Mann alles
was Sie sonst über sich gesagt haben ist bestätigt Ihr Quartier ist sehr
stattlich die Küche zu klein die Vorratskammer enger als bei uns ein Schrank
Durch die Fenster ist wenigstens Aussicht ins Grüne«
Sonst wurde kein Wort über den Zweck der Reise gesprochen aber
hoffnungsvoll vernahm der Professor was der Landwirt von anderen Beobachtungen
erzählte wie reichlich die Bürger lebten wie glänzend die Läden ausgestattet
waren dann von den hohen Häusern des Marktes dem Gedränge auf den Straßen und
von den Tauben welche nach altem Herkommen vom Rat gehalten werden und dreist
wie Stadtbeamte zwischen Wagen und Menschen umherlaufen
Es war früher Morgen auf dem Gute wieder sandte die Sonne ihre ersten
Strahlen heiß auf die Erde Nach einer schlummerlosen Nacht eilte Ilse durch den
Garten zu dem kleinen Badehause das der Vater zwischen Rohr und Gebüsch
angelegt hatte Dort tauchte sie die weißen Glieder in das Wasser hüllte sich
schnell wieder in ihr Gewand und stieg die Strahlen der Sonne suchend den Weg
hinauf welcher unweit der Grotte nach der Höhe führte Da sie wusste dass unter
den Steinen der Höhle noch die kühle Nachtluft lag stieg sie höher hinauf wo
die Berglehne steil nach der Grotte und dem Tal abfiel Dort oben auf dem
Abhange setzte sie sich zwischen den ersten Büschen nieder um fern von jedem
Menschenauge im Sonnenstrahl die Haare zu trocknen und ihren Anzug zu ordnen
Sie sah hinüber nach dem Vaterhause wo auf dem Freunde wohl noch der
Morgenschlummer lag und sah vor sich herunter auf die Steindecke der Grotte und
auf den großen Federbusch von Weidenröschen dem jetzt die weiße Wolle des
Samens aus den Schoten quoll Und sie stützte das Haupt in die Hand und dachte
an den letzten Abend wie wortkarg er wieder gewesen war und dass der Vater zu
ihr gar nicht von seiner Reise sprach Aber wie unruhig auch die Sorgen durch
ihr Haupt fuhren aus der klaren Flut hatte sie auch ihren Gedanken Erfrischung
geholt und jetzt warf der Morgen sein mildes Licht auch über ihr Herz
Dort saß das Kind des Gutes sie wand das Wasser aus dem Haar und stützte
die weißen Füße auf das Moos Neben ihr summten die Bienen über dem blühenden
Quendel und eine kleine Arbeiterin kreiste drohend um ihre Füße Ilse bewegte
sich und stieß an einen ihrer Schuhe der Schuh glitt hinab überschlug sich und
fiel in kleinen Sätzen über Moos und Stein er sprang beim Weidenröschen vorbei
und verschwand in der Tiefe Ilse fuhr in den Kameraden des Flüchtlings und
eilte auf dem Wege zur Grotte nach Sie bog um die Felsecke und trat erschrocken
zurück denn auf dem Platze vor der Grotte stand der Professor und betrachtete
sinnend die gestickten Arabesken des Schuhes Der zartfühlende Mann war über
diese plötzliche Begegnung kaum weniger betroffen als Ilse Es hatte auch ihn am
frühen Morgen hinausgetrieben zu der Stelle wo ihm zuerst das Herz des Mädchens
aufgegangen war auf dem Stein am Eingange hatte er gesessen und das Haupt an
den Felsen gelehnt in tiefem und schmerzlichem Grübeln Da horch ein leises
Rauschen Steinchen und Sand rollten herab ein kleines Meisterwerk bildender
Kunst fiel dicht vor seine Füße Er schnellte empor den er ahnte auf der
Stelle wem der springende Schuh gehörte Jetzt sah er die Geliebte vor sich
stehen in leichtem Morgengewand von dem langen blonden Haar umflossen einer
Wasserfee oder Bergnymphe vergleichbar
»Es ist mein Schuh« rief Ilse verlegen und verbarg den Fuß
»Ich weiß« sagte der Gelehrte ebenfalls verlegen und rückte den Schuh
ehrerbietig an den Saum ihres Kleides Schnell schlüpfte der Fuß hinein aber
die kurze Bewegung der weißen Zehen gab dem Professor plötzlich einen Heldenmut
den er an den letzten Tagen nicht gehabt hatte »Ich gehe nicht von der Stelle«
rief er entschlossen Ilse fuhr in die Grotte und barg ihre Haare in dem Netz
das sie in der Hand hielt Der Gelehrte stand am Eingange zu dem Heiligtum
neben ihm hingen die Ranken der Brombeeren die Bienen summten über dem Quendel
und ihm pochte das Herz Als Ilse mit geröteten Wangen aus der Grotte in das
Licht des Tages trat hörte sie wie eine Stimme in tiefer Bewegung ihren Namen
aussprach sie fühlte ihre Hände gefasst ein heißer Blick aus den treuen Augen
süße Worte in bebendem Tonfall der Arm des Mannes umschlang sie lautlos sank
sie an sein Herz
Denn wie der Professor selbst bei einer andern Gelegenheit
auseinandergesetzt hatte der Mensch vergisst zuweilen dass sein Leben auf einem
Kontract mit übermächtigen Naturgewalten beruht welche den kleinen Herrn der
Erde unversehens kreuzen Dergleichen unbeachtete Mächte zwangen jetzt auch den
Professor und Ilse Weiß nicht welche Naturgewalt die Biene sandte und den
Schuh warf waren es die Erdmännchen an welche Ilse nicht glaubte oder war es
Einer aus der antiken Bekanntschaft des Professors der gaissfüssige Pan der in
den Grotten auf der Rohrpfeife bläst
Die Brautwerbung war wissenschafttlich begonnen aber sie war ohne alle
Weisheit zur Vollendung gebracht Es waren zwei große und reine Herzen welche
jetzt an einander schlugen aber um Alles zu sagen der feinfühlende Professor
hatte zuletzt doch um die Geliebte geworben als sie gerade keinen Strumpf
anhatte
11
Speihahn
Über den feindlichen Häusern war rabenschwarze Nacht die Welt sah aus wie eine
große Kohlengrube in der die Leuchte erloschen ist Der Wind fuhr durch die
Bäume des Parkes man hörte ein Rauschen der Blätter Geknarr der Äste ein
tiefes zorniges Brummen in der Luft aber man sah nichts als einen ungeheuren
schwarzen Vorhang der den Stadtwald verhüllte und ein schwarzes Zeltdach das
über die Häuser gespannt war Die Straßen der Stadt waren leer wer ein
freundliches Verhältnis zu seinem Bett hatte lag längst darin wer eine
Schlafmütze besaß heut zog er sie über die Ohren Alles Menschliche barg sich
in tiefem Schweigen auch den Stundenschlag der Turmglocke zerriss der Sturmwind
und führte die einzelnen Töne hierhin und dorthin so dass Niemand die Schläge
der Mitternachtsstunde vollständig zusammenbringen konnte Nur um das Haus des
Herrn Hummel kläffte die wilde Jagd die Hunde fuhren im Hofe umher unbeirrt
durch Sturm und Finsternis und wenn der Wind wie ein Hiftorn zwischen den
Häusern blies bellte die Meute dem Schlafe der Menschen ein greuliches Halali
»Den ist heut wohl« dachte Gabriel in seiner Kammer »das ist ganz ihr
Wetter« Endlich entschlief auch er und hatte einen Traum als wenn die beiden
Hunde seine Kammertür aufmachten sich vor seinem Bett auf zwei Stühle setzten
und abwechselnd die Zündhütchen ihrer Taschenpistolen auf ihn abknipsten
Er lag noch in unruhigem Schlaf als es an seine Tür pochte
»Stehen Sie auf Gabriel« rief die Stimme des alten Schliessers aus der
Fabrik »es ist ein Unglück geschehen«
»Durch die Hunde« rief Gabriel mit beiden Beinen aus dem Bette springend
»Es muss Jemand eingebrochen sein« rief der Mann wieder durch die Tür »die
Hunde liegen auf der Erde«
Gabriel fuhr erschrocken in seine Stiefeln und eilte in den Hof der durch
die Morgendämmerung notdürftig erhellt wurde Da lagen die zwei armen
nächtlichen Geschöpfe auf dem Boden nur noch ein wenig zappelnd Gabriel lief
zu dem Waarenlager sah nach Tür und Fenstern dann untersuchte er das Haus
jeder Laden war geschlossen nirgend Verstörung zu entdecken Als er
zurückkehrte stand Herr Hummel vor den Liegenden
»Gabriel hier ist eine Missetat geschehen den Hunden ist etwas angetan
lassen Sie beide liegen es muss eine Beweisaufnahme stattfinden ich schicke zur
Polizei«
»Ei was« erwiderte Gabriel »erst kommt das Erbarmen dann die Polizei
vielleicht ist den Würmern noch zu helfen« Er nahm die beiden Tiere trug sie
ans Licht und untersuchte ihren Zustand »Der Schwarze ist dahin« sagte er
mitleidig »der Rote hat noch einigen guten Willen«
»Zum Tierarzt Klaus« rief Herr Hummel »und auf der Stelle er möchte mir
den Gefallen tun und sogleich aufstehen es soll sein Schade nicht sein Dieser
Fall muss ins Tageblatt Ich verlange Satisfaction vor Stadtverordneten und Rat
Gabriel« fuhr er in zorniger Bewegung fort »sie ermorden die Hunde von
Bürgern Damit fängt die niederträchtige Bosheit an aber ich bin nicht der
Mann der sich durch Meuchelmörder behandeln lässt es soll ein Exempel werden
Gabriel«
Gabriel streichelte unterdes das Fell des roten Hundes der die Augen wild
unter dem zottigen Stirnhaar rollte und kläglich mit den Pfoten schlug
Endlich kam der Tierarzt Er fand die ganze Familie im Hofe versammelt
Frau Hummel noch im Nachtgewande trug ihm eine Tasse Kaffe zu er bedauerte
trinkend und begann die Untersuchung Der Ausspruch des Sachverständigen lautete
auf Vergiftung Die Section ergab genossene Klösschen mit Arsenik und was Herrn
Hummel noch tiefer kränkte außerdem mit Glassplittern Der Rote gewährte bei
alledem eine unsichere Hoffnung gerettet zu werden
Das wurde der Familie Hummel ein finsterer Morgen Herr Hummel setzte sich
noch vor dem Frühstück an den Schreibtisch und verfasste eine Anzeige für das
Tageblatt worin er zehn Taler Belohnung für den Menschenfreund aussetzte der
ihm den tückischen Vergifter seiner Hunde angeben wollte Die zehn Taler
unterstrich er dreimal mit Klecksen Dann trat er an sein Fenster und sah
grimmig hinüber nach dem Schlupfwinkel seines Gegners und nach dem chinesischen
Tempel der die Veranlassung des neuen Unfriedens geworden war Und immer wieder
wandte er sich zu seiner Frau und brummte auf und abgehend »Mir ist der Fall
nicht zweifelhaft«
»Ich begreife dich nicht« erwiderte die Gattin welche an dem
anstrengenden Morgen zum zweiten Mal ihr Frühstück einnahm »und ich verstehe
nicht wie du deiner Sache sicher sein kannst Es ist wahr in den Leuten ist
eine Art welche uns immer wieder abstösst und es mag ein Unglück sein dass wir
diese Nachbarschaft haben Aber du kannst nicht behaupten dass sie Hunde
vergiften Und ich kann mir nicht denken dass die Hahn solche Einfälle hat Ich
gebe dir zu sie ist eine gewöhnliche Frau und der Doctor sagt dass es Klösschen
waren was auf eine weibliche Hand schließen lässt Aber als unser Roter bei den
Krammetsvögeln getroffen wurde die sie in der Küche hatte hat sie mir den Hund
nur mit einer Empfehlung zurückgeschickt und es wäre nicht schön von ihm er
hätte drei Vögel gefressen Das war in der Ordnung und ich kann darin keine
Mordlust finden Und er du lieber Gott er sieht mir auch nicht aus als ob er
in finsterer Mitternacht sich mit unseren Hunden zu tun machte«
»Er ist tückisch« grollte Herr Hummel »aber du hast immer deine eigene
Meinung von den Leuten gehabt Er ist scheinheilig gegen mich gewesen von dem
ersten Tage wo er sich vor diesen Fenstern bei seinen Ziegeln aufstellte und
mir den Rücken zukehrte Und ich habe mich immer wieder von euch Weibern bewegen
lassen ihn als Nachbar zu behandeln mit Grüssen und Redensarten und ich habe
stillgeschwiegen wenn ihr mit der Frau drüben euer Gewäsch getrieben habt«
»Unser Gewäsch Heinrich« rief die Gattin und setzte ihre Kaffetasse
klirrend hin »Ich muss dich bitten dass du nicht vergisst was du mir schuldig
bist«
»Nun es war nicht so böse gemeint« räumte Herr Hummel ein um den Sturm zu
beschwichtigen den er zur Unzeit heraufbeschworen hatte
»Wie es gemeint war musst du wissen ich halte mich an das was ich höre es
zeigt wenig Gefühl Hummel dass du um eines toten Hundes willen deine Gattin und
deine Tochter als Waschfrauen behandelst«
Diese Auseinandersetzung trug noch mehr widerwärtiges Grau in die Stimmung
des Morgens förderte aber keineswegs die Entdeckung des Verbrechers Es war
vergebens dass die Hausfrau um den stöbernden Verdacht des Gatten von der
Familie Hahn abzulenken viele andere Vermutungen aufstellte und mit Lauras
Hilfe wieder verwarf gegen die eigenen Arbeiter gegen den Nachtwächter und
dass sie zuletzt sogar den Marktelfer von drüben als möglichen Missetäter
einräumte Ach die bürgerliche Stellung der Hunde war so trübselig gewesen dass
die Familie Hummel viel leichter die wenigen Menschen herzählen konnte welche
den Hunden nichts Böses anwünschten als die vielen welche Wunsch und Interesse
hatten die Scheusale zum Kocytus wandeln zu sehen Denn wie Lauffeuer fuhr die
Nachricht über die Straße bei der Obstfrau an der Ecke war heut Versammlung wie
auf der Börse in den Kramläden standen die Leute und besprachen die Untat
überall mitleidlos feindselig schadenfroh Auch die äußeren Zeichen der
Teilnahme welche die Straße für schicklich hielt verhüllten schlecht die
herrschende Stimmung Allerdings kamen die Mitfühlenden zuerst Frau Knips die
Wäscherin mit wortreicher Entrüstung dann wagte sich sogar Knips der Jüngere
bedauernd in die Nähe des Hauses der Kommis im feindlichen Geschäft welcher zu
den Feinden übergegangen war aber nicht müde wurde seinem früheren Lehrherrn
gelegentliche Ehrfurcht und Fräulein Laura eine unbequeme Anbetung zu erweisen
Endlich kam ein Komiker der Stadtbühne der häufig des Sonntags eingeladen wurde
und dafür lustige Geschichten erzählte Aber selbst diese wenigen Getreuen
wurden von einzelnen Hausgenossen beargwöhnt Der Familie Knips misstraute
Gabriel den Kommis verabscheute Laura und der Komiker sonst ein willkommener
Gast hatte einige Abende zuvor im Vorbeigehen leichtsinnig gegen einen
Begleiter geäußert dass es verdienstlich sein würde diese Hunde von der
Weltbühne zu entfernen Heut war dieser unglückliche Einfall der Hausfrau
hinterbracht worden und er lag ihr schwer auf dem Herzen Fünfzehn Jahre hatte
sie gerade dieses Mannes Huldigung mit Wohlgefallen ertragen viele
Freundlichkeit begeistertes Klatschen im Theater war ihm zu Teil geworden der
Sonntagsbraten und eingesottenen Früchte gar nicht zu gedenken aber jetzt wo
der Mime bedauernd den Kopf senkte und sein Entsetzen aussprach da wurde ihm
sein Gesicht wegen langer Gewöhnung an komische Wirkungen so heuchlerisch
verzogen dass Frau Hummel aus den Zügen des geschätzten Mannes plötzlich einen
Teufel herausgrinsen sah Und ihre spitzen Bemerkungen über Judasse erschreckten
wieder den Mimen weil sie ihm die Gefahr offenbarten sein bestes Haus zu
verlieren und je kläglicher er sich fühlte desto zweideutiger wurde sein
Ausdruck
Während aller dieser Vorfälle hielt sich die Familie Hahn gänzlich zurück
Kein Zeichen von unschicklicher Freude keines von unnatürlichem Mitgefühl drang
ans den schweigenden Mauern Nur am Nachmittag als Frau Hummel um sich zu
erholen ein wenig in die Luft ging begegnete ihr die Nachbarin Und Frau Hahn
welche sich seit jener Gartenscene im Unrecht fühlte blieb stehen und sprach
freundlich ihr Bedauern aus dass Frau Hummel einen so unangenehmen Vorfall
erlebt habe Aber da klang doch die feindliche Stimmung und der Verdacht des
Mannes aus der Antwort heraus sehr kalt und abweisend sprach Frau Hummel und
auch die beiden Frauen schieden in feindseliger Stimmung
Unterdes saß Laura an ihrem Schreibtisch sie besprach die Ereignisse des
Tages in ihren geheimen Aufzeichnungen und dichtete mit leichtem Herzen die
Schlussverse »Sie sind dahin von uns genommen ist der Fluch und ausgetilgt der
Flecken in des Schicksals Buch« Diese Prophezeiung enthielt gerade soviel
Wahrheit als wenn sie nach dem ersten Scharmützel des trojanischen Krieges
durch Kassandra in Hektors Stammbuch eingezeichnet worden wäre Sie wurde durch
endlose Gräuel der Folgezeit widerlegt
Zunächst war Speihahn gar nicht dahin sondern blieb am Leben Aber der
nächtliche Verrat übte auf Leib und Seele des Geschöpfes einen betrübenden
Einfluss Er war nie schön gewesen jetzt wurde sein Leib mager der Kopf dick
und sein zottiges Fell struppig Die Glassplitter welche der kunstvolle Arzt
aus seinem Magen entfernte fuhren gewissermaßen in die Haare dass diese borstig
am ganzen Leibe starrten wie an einer Flaschenbürste das gewundene Schwänzchen
wurde kahl nur an der Spitze bestand eine Haarquaste dass es aussah wie ein
verbogener Korkzieher mit einem Kork am Ende Mit diesem Schwanze wedelte er
selten auch sein Kläffen hörte auf bei der Nacht wie am Tage wandelte er
schweigend nur ausnahmsweise vernahm man ein dumpfes Knurren das zu denken
gab Er kehrte in das Leben zurück aber die sanfteren Gefühle in ihm waren
erstorben sein Charakter wurde menschenscheu und schwarze Hintergedanken
sammelten sich in seinem Innern Anhänglichkeit und Berufstreue wurden vermisst
statt ihrer erwiesen sich lauernde Heimtücke und allgemeine Rachsucht Doch Herr
Hummel beachtete diese Umwandlung nicht Der Hund war das Opfer einer unerhörten
Bosheit welche ihn den Hausbesitzer schädigen wollte und wäre er zehnmal
hässlicher und menschenfeindlicher gewesen Herr Hummel hätte ihn doch zu seinem
Lieblinge gemacht Er streichelte ihn und nahm es dem Hunde gar nicht übel wenn
dieser zum Danke nach den Fingern seines Herrn schnappte
Während aus der neuen Brandstätte des Familienfriedens immer noch die
Flämmchen sittlicher Entrüstung emporzüngelten kehrte Fritz von seiner Reise
zurück In der ersten Stunde erzählte ihm die Mutter alle Vorgänge der jüngsten
Zeit das Glockenspiel die Hunde die neue Feindschaft »Es war recht gut dass
du nicht hier warst Hast du denn auch immer ein gutes Federbett gehabt In den
Gastöfen sind sie jetzt mit den Decken gegen Fremde sehr rücksichtslos Ich
hoffe auf dem Lande wo sie die Gänse selbst ziehen wird mehr Einsicht gewesen
sein Und wegen dieses neuen Zankes sprich mit dem Vater tu was du kannst
dass wieder Friede wird«
Fritz hörte schweigend den Bericht der Mutter und sagte endlich begütigend
»Du weißt es ist nicht das erste Mal es geht vorüber«
Diese Neuigkeiten trugen nicht dazu bei den Doctor heiter zu stimmen Er
sah aus seiner Stube bekümmert nach dem Nachbarhause und den Fenstern des
Freundes hinüber Dort wurde wohl in Kurzem ein neuer Haushalt eingerichtet
konnte dann auch seine Freundschaft zum Professor von den Störungen betroffen
werden welche seit alter Zeit die beiden Häuser beschäftigten Er ging daran
die Sammlungen seiner Reise zu ordnen aber die Fusstapfen in der Höhle machten
ihm heut eine unbehagliche Empfindung und beim Hufschlag des wilden Jägers
musste er an die altklugen Worte Ilses denken »es ist Alles Aberglaube« Er
legte die Hefte zusammen ergriff den Hut und ging grübelnd und nicht gerade
fröhlich gemutet in den Stadtpark Und als er wenige Schritte vor sich Laura
Hummel auf demselben Wege dahinschweben sah bog er seitwärts ab um Niemandem
aus diesem Hause zu begegnen
Laura trug ein Körbchen mit Früchten zu ihrer Frau Pate Die alte Dame
bewohnte eine Sommerwohnung im nahen Dorfe zu welchem ein schattiger Fußweg
durch den Park führte Es war zu dieser Stunde einsam im Stadtwald und nur die
Vögel beobachteten wie sorglos der kleine Mund des behenden Fräuleins lachte
und wie glücklich zwei schöne tiefblaue Augen in das Dickicht spähten Aber
obgleich Laura eilte sie hatte doch vielen Aufenthalt Zuerst fiel ihr ein dass
die Blätter einer Blutbuche ihrem braunen Filzhütchen gut stehen würden sie
brach einen Zweig nahm den Hut ab und steckte die Blätter auf und um sich
darüber zu freuen behielt sie den Hut in der Hand und legte zum Schutz gegen
einzelne verwegene Lichtstrahlen ein Flortuch über den Kopf Dann bewunderte sie
das Parket von Goldgelb und Grau welches die Sonne auf den Boden malte Dann
lief gar ein Eichhörnchen über den Weg fuhr blitzschnell an einem Baum hinauf
und duckte sich in die Zweige und Laura sah zu ihm empor und erkannte seine
reizenden Ohrbüschel hinter dem Laub und sie träumte sich selbst auf die Höhe
des Baumes mitten unter Laub und Früchte schaukelte auf den Zweigen schwang
sich von einem Ast auf den andern und machte zuletzt einen Spaziergang auf den
Gipfeln wie auf grünen Hügeln hoch in der Luft über die flatternden Blätter Als
sie dem Wasser nahekam das auf der andern Wegseite floss erlebte sie dass eine
große Gesellschaft Frösche welche am Uferrande in der Sonne saß wie auf
Kommando mit großem Satze ins Wasser sprang sie lief hinzu und sah mit
Erstaunen dass die Frösche im Wasser weit anders aussahen als auf dem Lande gar
nicht wie Klötze sondern dass sie dahinfuhren wie kleine Herren mit Bäuchlein
und dicken Hälsen aber langen Beinchen welche tapfer ausgreifen Und da ein
großer Frosch auf sie zusteuerte und seinen Kopf gegen sie aus dem Wasser hob
fuhr sie zurück schämte sich einen Augenblick dass sie seiner Schwimmkunst
zugesehen hatte und lachte dann über sich selbst So zog sie durch den Wald
selbst ein Sommervogel leicht beschwingt und in Frieden mit aller Welt
Aber hinter ihr schritt ihr Schicksal Speihahn nämlich hatte von seinem
gewöhnlichen Platz an der steinernen Freitreppe ihr Beginnen nicht unbemerkt
gelassen Unter den wilden Haaren die wie ein Schnurrbart über seine Augen
hingen war etwas aufgedämmert er hatte ihr nachgeschielt sich endlich
aufgemacht und trottete jetzt schweigend hinter ihr her ungerührt durch
Sonnenstrahl Fruchtkorb und das rote Kopftuch seiner jungen Herrin Mitten
zwischen Stadt und Dorf stieg der Weg aus dem Talgrunde und seinen Bäumen zu
einer kahlen Ebene auf welcher die Kriegsmacht der Stadt zuweilen ihre Übungen
hielt in den friedlichen Stunden ein Schäfer die Herde weidete der Pfad lief
schräg über die offene Fläche dem Dorfe zu Laura hielt auf der Höhe an und
bewunderte die fernen Wollträger und den braunen Schäfer der mit seinem großen
Hut und Hakenstock sehr hübsch aussah Schon war sie über die Herde
hinausgekommen da hörte sie hinter sich Gebell und drohendes Geschrei sie
wandte sich um und sah die friedliche Gemeinde in wildem Aufruhr Die Schafe
stoben auseinander einige rannten kopflos in die Weite andere lagen
zusammengeballt in einem Quergraben die Schäferhunde bellten der Schäfer und
sein Knabe liefen mit gehobenen Stöcken um den verstörten Haufen Aber während
Laura erstaunt in das Getümmel sah wurde sie selbst davon umringt der Schäfer
und sein Junge sprangen auf sie zu zwei große Schäferhunde folgten dem
hetzenden Zuruf sie fühlte sich von rauer Männerhand angepackt das zornige
Gesicht des Schäfers und sein Hakenstock bewegten sich dicht vor ihren Augen
»Ihr Hund hat mir die Herde auseinandergejagt ich fordere Strafe und Zahlung«
Erstarrt und leichenblass griff Laura nach ihrem Geldtäschchen kaum vermochte
sie zu bitten »ich habe ja keinen Hund lassen Sie mich los lieber Schäfer«
Doch der Mann schüttelte wild ihren Arm zwei riesige schwarze Tiere sprangen
an ihr hinauf und schnappten nach ihrem Tuche »Es ist Ihr Hund und ich kenne
das rote Biest« schrie der Schäfer
Das war kein Irrtum Speihahn hatte nämlich ebenfalls die Schafherde
beobachtet und seinen ruchlosen Plan geschmiedet Plötzlich war er mit heiserem
Gekläff auf ein Schaf zugesprungen und hatte es heftig ins Bein gebissen Darauf
Flucht der Herde Zusammenstürzen des Haufens Speihahn mitten darunter
kläffend kratzend beissend dann linksab einen trockenen Graben entlang den
Abhang zum Walde hinunter in das dichteste Gesträuch Jetzt trabte er in
Sicherheit nach Hause zurück die Zähne fletschend mit verworrenem Schnurrbart
und ließ sein Fräulein unter der Faust des Schäfers vergehen der seinen
Hakenstock noch immer über ihr schwenkte
»Lassen Sie das Fräulein los« rief die erzürnte Stimme eines Mannes Fritz
Hahn sprang herzu stieß den Arm des Schäfers zurück und fing Laura der die
Sinne schwanden in seinen Armen auf
Das Dazwischentreten eines Dritten zwang den Schäfer zu neuer Anklage deren
Schluss war dass er wieder in auflodernder Hitze das Mädchen anfassen wollte und
dass seine Hunde gegen den Doctor heranfuhren Aber tief empört gebot Fritz »Sie
halten die Hunde zurück und benehmen sich manierlicher oder ich veranlasse dass
Sie selbst bestraft werden Hat ein fremdes Tier Ihrer Herde Schaden getan so
soll eine billige Entschädigung gezahlt werden ich bin bereit Ihnen oder dem
Besitzer der Schafherde dafür zu bürgen«
So rief er und hielt Laura fest im Arme ihr Kopf lag auf seiner Schulter
und das rote Tuch hing über seine Weste bis auf das Herz hinab »Fassen Sie
sich liebes Fräulein« bat er herzlich besorgt Laura erhob ihr Haupt blickte
furchsam auf das Angesicht welches sich von Menschenliebe und Mitgefühl
gerötet über sie beugte und erkannte mit Schrecken ihre Lage Furchtbares
Schicksal Wieder er zum dritten Male er der unvermeidliche Beschützer und
Retter Sie entwand sich ihm und sagte mit schwacher Stimme »Ich danke Ihnen
Herr Doctor ich vermag allein zu gehen«
»Nein ich verlasse Sie nicht so« rief Fritz und verhandelte mit dem
Schäfer der unterdes die beiden Opfer des mörderischen Hundes herzugeholt und
als Beweise der verübten Missetat niedergelegt hatte Fritz griff in seine
Tasche reichte dem Schäfer ein Aufgeld zu der gebotenen Entschädigung nannte
seinen Namen und besprach mit dem Manne der nach Anblick des Geldes ruhiger
wurde eine Zusammenkunft
»Bitte geben Sie mir den Arm« wandte er sich ritterlich zu Laura
»Ich kann das nicht annehmen« erwiderte das betäubte Mädchen der großen
Feindschaft eingedenk
»Es ist nur Menschenpflicht« begütigte Fritz »Sie sind zu angegriffen um
allein zu gehen«
»Dann bitte ich Sie mich zu meiner Frau Pate zu geleiten es ist am
nächsten dorthin«
Fritz nahm ihr das Körbchen ab und las die herausgefallenen Früchte
zusammen darauf führte er sie dem Dorfe zu »Vor dem Manne hätte ich mich nicht
so sehr gefürchtet« klagte Laura »aber die schwarzen Tiere waren so
furchtbar« dabei hielt sie ihren Arm schwebend in dem seinen denn jetzt wo
der Schrecken verflog fühlte sie das Peinliche ihrer Lage ach mit
Gewissensbissen Denn sie hatte erst heute früh die Reisetoilette des
heimkehrenden Doctors unausstehlich gefunden Nun war allerdings Fritz kein
Mann dessen Unausstehlichkeit lange vorhielt Er war voll Zartgefühl und Sorge
um sie strebte ihr jede Unebenheit des Weges zu ersparen streckte im Gehen
seinen Fuß aus und stieß kleine Steine weg Er begann ein gleichgültiges
Gespräch über die Frau Pate wobei sie erzählen musste und auf andere Gedanken
kommen konnte Darüber ergab sich dass er selbst die Pate recht hochschätzte
ja sie hatte ihm einst als er noch Schulknabe war einen Kirschkuchen
geschenkt und er dafür an ihrem Geburtstage ein Gedicht verfertigt Über das
Wort Gedicht erstaunte Laura Also dort drüben konnte man das auch Allein der
Doctor sprach sehr rücksichtslos von den erhebenden Schöpfungen glücklicher
Stunden Und als sie ihn frug »Sie haben auch gedichtet« und er lachend
erwiderte »nur fürs Haus wie Jedermann« da fühlte sie sich durch seine
kalte Nichtachtung der Poesie recht gedrückt Es war jedenfalls ein Unterschied
zwischen Vers und Vers bei Hahns taten sie das um Kirschkuchen Aber gleich
darauf tadelte sie sich wegen unziemlicher Gedanken gegen ihren Wohltäter Und
sie wandte sich freundlich zu ihm und sprach von ihrer Freude über das heutige
Eichhorn im Walde Denn sie hatte früher einmal ein solches Tier von einem
Strassenjungen gekauft und ins Freie gesetzt das Tierchen war zweimal vom Baume
wieder auf ihre Schultern gesprungen sie war endlich mit Tränen weggelaufen
damit das Kleine in seinem Walde bleiben müsse Und wenn sie jetzt ein Eichhorn
sehe sei ihr immer als gehöre es ihr zu und sie täuschte sich gewiss aber die
Eichhörner schienen ihr dieselbe Ansicht zu hegen Diese Geschichte führte zu
der merkwürdigen Entdeckung dass der Doctor ganz ähnliche Erlebnisse mit einer
kleinen Eule gehabt hatte er machte der Eule nach wie sie immer mit dem Kopfe
nickte wenn er ihr das Fressen brachte und dabei sahen seine Brillengläser
ganz wie Eulenaugen aus und Laura konnte das Lachen nicht verbergen
In diesem Gespräch kamen sie vor der Tür der Pate an Fritz entließ
Lauras Arm und wollte sich verabschieden sie blieb an der Türschwelle stehen
die Hand am Griffe und sagte verlegen »Wollen Sie nicht wenigstens einen
Augenblick hereinkommen da Sie die Frau Pate kennen« »Mit Vergnügen«
erwiderte der Doctor
Die Pate saß in ihrer Sommerwohnung welche etwas kleiner feuchter und
ungemütlicher war als ihr Quartier in der Stadt Als aber die Kinder der
feindlichen Häuser miteinander eintraten erst Laura immer noch bleich und
feierlich und hinter ihr der Doctor ebenfalls mit sehr ernstaftem Gesicht da
erstaunte die gute Dame so dass sie starr auf dem Sopha sitzen blieb und nur die
Worte herausbrachte »Was muss ich erblicken Ist das möglich ihr Kinder bei
einander« Dieser Ausruf löste den Zauber welcher die jungen Seelen für einen
Augenblick zusammenband Laura ging erkältet auf die Pate zu und erzählte dass
der Herr Doctor zufällig bei ihrem Unfall herbeigekommen der Doctor aber
erklärte dass er nur das Fräulein ihr sicher habe übergeben wollen dann
erkundigte er sich nach dem Befinden der Pate und nahm seinen Abschied
Während die Pate stärkende Mittel herbeiholte und beschloss dass Laura unter
dem Schutze des Dienstmädchens auf einem anderen Wege heimkehren solle ging der
Doctor mit leichten Schritten nach dem Walde zurück Seine Stimmung war gänzlich
verwandelt häufig flog ihm ein Lächeln über das Antlitz Immer wieder musste er
daran zurückdenken wie fest ihm das Mädchen in dem Arm lag Er hatte ihre Brust
an der seinen gefühlt ihr Haar hatte seine Wange berührt und er hatte auf den
weißen Nacken und die Büste herabgesehen Der wackere Junge errötete bei dem
Gedanken und beschleunigte seinen Marsch Darin wenigstens hatte der Professor
nicht Unrecht ein Weib war immerhin noch etwas Anderes als die Summe der
Gedanken welche man über Menschenleben und Weltgeschichte aus ihr zu entwickeln
vermochte Dem Doctor schien allerdings als ob etwas sehr Anziehendes in
wallenden Locken roten Bäckchen und einem hübschen Halse liege Er gab zu dass
diese Entdeckung nicht neu war aber ihren Wert hatte er bis dahin noch nicht
mit solcher Deutlichkeit gefühlt Und es war so rührend gewesen wie sie aus der
Betäubung zu sich kam die Augen aufschlug und sich schamhaft aus seinen Armen
löste Auch dass er sie trotzig verteidigt hatte erfüllte ihn jetzt mit
heiterem Stolze er blieb auf dem Schlachtfelde stehen und lachte recht herzlich
vor sich hin Dann ging er in demselben Wege den Laura aus dem Walde gekommen
war er sah auf den Boden als wenn er die Spuren ihrer kleinen Füße auf dem
Kies zu erkennen vermöchte und er fühlte Glanz und Wärme der Luft den Lockruf
der Vögel das Flattern der Libellen mit ebenso beflügeltem Mut wie kurz vorher
seine hübsche Nachbarin dabei summte ihm die Erinnerung an den Freund durch den
Kopf behaglich dachte er auch an die Regungen dieses Gemütes und an die
Erschütterungen welche Tusnelda darin hervorgebracht Es hatte dem Professor
närrisch gestanden sein Freund war in dem Patos der aufgehenden Leidenschaft
sehr komisch gewesen Solch schwerflüssiges ernsthaftes Wesen stach seltsam ab
gegen die neckischen Angriffe welche der Zufall auf das Leben der Erdgeborenen
macht Und als auf dem letzten Busch eine von den kleinen Heuschrecken rasselte
deren Geschwirr er in sorgenvoller Zeit oft gehört hatte sagte er lustig vor
sich hin »auch die muss noch dabei sein erst die Schafe dann die Grillen« Und
er begann halblaut ein gewisses altes Lied worin die Grillen aufgefordert
wurden dahinzufahren und sein Gemüt nicht weiter zu belästigen So kam er von
seinem Spaziergange in recht leichter weltmännischer Stimmung nach Hause
»Heinrich« begann Frau Hummel am Nachmittage feierlich zu ihrem Gatten
»mache dich gefasst auf eine fatale Geschichte ich beschwöre dich bleibe ruhig
und vermeide eine Szene mühe dich deinen Widerwillen zu bezähmen und vor
allem achte auch unsere Gefühle« Und sie erzählte ihm das Unglück
»Was den Hund betrifft« versetzte Hummel nachdrücklich »so ist durchaus
noch nicht bewiesen dass es unser Hund war Das Zeugnis des Schäfers genügt mir
nicht ich kenne dieses Subject ich verlange einen unbescholtenen Zeugen Es
laufen jetzt so viele fremde Hunde um die Stadt dass die allgemeine Sicherheit
darunter leidet und ich habe schon oft gesagt es ist eine Schande für unsere
Polizei Sollte es aber doch unser Hund gewesen sein so kann ich kein
besonderes Unrecht darin finden Wenn das Schaf ihm ein Bein hinstreckt und er
ein wenig daran zwickt so ist das seine Sache und gar nichts dagegen zu sagen
Was ferner den Schäfer betrifft ich kenne seinen Herrn so ist das meine Sache
Was endlich den jungen Mann da drüben betrifft so ist das eure Sache Ich habe
nicht den Willen das Unrecht seiner Eltern an ihm heimzusuchen aber ich will
mit den Leuten nichts zu tun haben«
»Ich mache dich aufmerksam Hummel« warf die Gattin ein »dass der Doctor
dem Schäfer bereits Geld gegeben hat«
»Geld für mein Kind das leide ich nicht« rief Hummel »wieviel wars«
»Aber Vater « bat Laura »Wie kannst du verlangen« rief Frau Hummel
vorwurfsvoll »dass deine Tochter in Todesgefahr die Groschen zählt welche ihr
Retter auslegt«
»So seid ihr Weiber« grollte der Hausherr »für Geschäfte fehlt der Sinn
Konntest du ihn nicht nachträglich fragen Den Schäfer nehme ich auf mich der
Doctor kümmert mich nicht Nur das sage ich euch die Sache wird kurz abgemacht
und im übrigen bleibts bei unserm Verhältnis zu diesem Hause Ich fordere mir
glattes Geschäft und ich will diese Hähne nicht grüßen«
Nach diesem Entscheid überließ er die Frauenstube ihren Gefühlen »Der Vater
hat Recht« begann Frau Hummel »dass er uns die Hauptsache anvertraut Seinem
strengen Sinne würde der Dank zu schwer ankommen«
»Mutter« bat Laura »du bist geschickt in Artigkeiten könntest du nicht
hinübergehen«
»Mein Kind« erwiderte Frau Hummel sich räuspernd »das ist nicht leicht
Dieser unglückliche Vorfall mit den Hunden hat uns Frauen zu sehr
auseinandergebracht Nein da du die Hauptperson bei dem heutigen Vorfalle bist
musst du selbst hinübergehen«
»Ich kann doch nicht den Doctor besuchen« rief Laura erschrocken
»Das ist gar nicht nötig« begütigte Frau Hummel »Den einzigen Vorteil
hat diese Nachbarschaft dass wir von unserem Fenster sehen wenn die Männer
ausgehen Dann springst du zu der Mutter hinüber und richtest an sie noch einmal
deinen Dank für den Sohn Du bist mein kluges Kind und wirst dir zu helfen
wissen«
Darauf saß Laura am Fenster ohne Freude sah sie sich zur Wächterin der
Nachbarn gesetzt und recht widerwärtig erschien ihr das Auflauern Endlich trat
der Doctor auf die Türschwelle Sein Aussehen war wie gewöhnlich gar nichts
Ritterliches darin zu erkennen die Gestalt war zart und der Wuchs regelmäßig
Laura liebte das Hohe er hatte geistvolle Züge aber sie wurden versteckt durch
die große Brille welche ihm einen recht pedantischen Ausdruck gab wenn er
einmal lachte wurde sein Gesicht recht hübsch aber sein gewöhnlicher Ernst
kleidete ihn gar nicht Fritz verschwand um die Ecke und Laura setzte mit
schwerem Herzen ihr Hütchen auf und ging in das feindliche Haus dessen Räume
sie noch niemals betreten hatte Dorchen die nicht im Geheimnis war blickte
den Besuch erstaunt an brachte ihn aber scharfsinnig mit der Rückkehr des
Doctors in Verbindung und verkündete aus freien Stücken von den Herren sei
Niemand zu Hause Frau Hahn aber im Garten
Frau Hahn saß im chinesischen Tempel Verlegen standen die beiden Frauen
einander gegenüber beide dachten zugleich an ihr letztes Gespräch und beiden
war die Erinnerung peinlich Aber bei Frau Hahn überwog sogleich der menschliche
Schauder vor der Gefahr welche Laura umzingelt hatte »Ach Sie armes
Fräulein« begann sie Und während sie von Mitleid aufwallte fühlte sie dass
der chinesische Bau für diesen Besuch kein geeigneter Ort sei sie steuerte
zartfühlend davon ab und lud auf die kleine Bank vor der weißen Muse Das war
der glücklichste Platz des Hauses hier lachte der Orangenbaum seine Käuferin
an und Laura vermochte sich in dankbare Stimmung zu versetzen Sie sagte der
Nachbarin wie sehr sich sie dem Herrn Doctor verpflichtet fühle und dass sie
die Mutter bitte dem Sohne dies zu sagen weil sie selbst in der Verwirrung
diese Pflicht nicht gebührend erfüllt habe Dazu fügte sie das Geschäftliche
wegen des bösen Schäfers Der Dank vergnügte die gute Frau Hahn und mütterlich
bat sie Laura ihren Hut ein wenig abzunehmen weil es im Garten noch warm sei
Laura aber nahm den Hut nicht ab Sie sprach schickliche Freude aus wie hübsch
der Garten blühe und hörte mit Befriedigung dass das Prachtstück im Topfe dem
Herrn Hahn von einem Unbekannten geschenkt sei auch die Früchte seien süß denn
Herr Hahn habe die Rückkehr seines Sohnes durch ein künstliches Getränk gefeiert
und dazu die erste Frucht des kleinen Baumes genommen
Es war bei alledem ein diplomatischer Besuch er wurde nicht über die
notwendige Zeit ausgedehnt und Laura war froh als sie beim Abschied
Empfehlung und Dank an den Herrn Doctor wiederholt hatte
Auch in den stillen Aufzeichnungen Lauras wurde die Begebenheit des Tages
sehr kurz abgefertigt Sogar eine angefangene Betrachtung über das Glück
einsamer Waldbewohner blieb unvollendet Wie Laura Du schreibst ja Alles
nieder wenn ein Holzwurm tickt oder ein Sperling in dein Fenster schreit
hüpfen dir einige Versfüsse auf Hier wäre ein Erlebnis gewaltig für dein junges
Leben Gefahr Bewusstlosigkeit Arme eines Fremden der trotz seinem gelehrten
Aussehen doch ein hübscher Knabe ist Jetzt wäre Zeit zu schildern und zu
schwärmen Eigensinniges Kind warum liegt das Abenteuer als totes Gestein in
der phantastischen Landschaft welche dich umgibt Geht dirs wie dem Reisenden
der müde auf die Alpengegend zu seinen Füßen blickt und sich wundert dass die
fremdartige Natur ihn so wenig ergreift bis allmählich vielleicht nach Jahren
die Bilder ihn im Traum und Wachen verfolgen und von neuem in die Berge ziehen
Oder hat die Nähe des argen Wichtes der die Missetat verübt auch dir die
freien Schwingen gelähmt
Da liegt er vor deiner Türschwelle rot und ruppig und leckt seinen
Schnurrbart
12
Der Abschied vom Gute
Der Herbst war gekommen auf den Hügeln des Gutes trugen die Bäume ihr buntes
Trauerkleid zwischen den Stoppeln hing weißes Gespinst und die Tautropfen lagen
darauf bis der Wind das Gewebe zerriss und aus Flur und Tal entführte in die
blaue Ferne Auf dem Gute aber gingen Hand in Hand zwei Glückliche In diesem
Jahr war der Blätterfall dem Professor gar nicht empfindlich denn in seinem
eigenen Leben hatte ein neuer Frühling begonnen und die Seligkeit dieser Tage
war auf sein Antlitz in einer Schrift geschrieben da auch der Ungelehrteste zu
lesen vermochte
Ilse war Braut Demütig trug sie die unsichtbare Krone welche nach der
Meinung des Hauses und der Nachbarschaft jetzt auf ihrem Haupte saß Immer noch
hatte sie Stunden wo sie an das Glück kaum glauben konnte Wenn sie sich früh
vom Lager erhob und das Schleifen der ausziehenden Pflüge hörte oder wenn sie
im Keller stand und die Milcheimer klapperten war ihr die Zukunft wie ein
Traum Aber am Abend wenn sie neben dem geliebten Mann in der Laube saß seinen
Worten lauschte und die Rede über Großes und Kleines dahinflog dann fasste sie
ihn leise am Arm und versicherte sich dass er ihr gehörte und dass sie selbst
fortan in der Welt leben sollte in welcher sein Geist heimisch war
Noch vor dem Winter ehe die Vorlesungen der Universität begannen sollte
die Hochzeit sein Denn der Professor hatte flehentlich gegen langen Brautstand
Verwahrung eingelegt und der Landwirt gab ihm Recht »Gern hätte ich Ilse über
den Winter behalten denn Klara muss einen Teil ihrer Arbeit übernehmen und dem
Kinde wäre die Anweisung der Schwester sehr nötig Aber für euch ist es anders
besser Sie mein Sohn haben sich meine Tochter nach kurzer Bekanntschaft
gefordert je eher sich Ilse an Ihr Stadtleben gewöhnt desto besser wird es für
Sie beide sein und ich meine im Winter wird ihr das leichter werden«
Es war eine Zeit seliger Unruhe und es war gut dass die verständige Sorge
um den neuen Haushalt die hohe Empfindung der Verlobten ein wenig zu irdischen
Dingen hinabzwang
Der Professor reiste noch einmal nach der Universitätsstadt Sein erster
Gang war zum Freund »Wünsche mir Glück« rief er »vertraue ihr und mir« Der
Doctor fiel ihm um den Hals und ging ihm in den Tagen seines Aufenthalt nicht
von der Seite er begleitete ihn bei allen Einkäufen und überlegte mit ihm die
Einteilung der Zimmer Gabriel dem der Besuch des Landwirts ein Vorgefühl
kommender Ereignisse gegeben hatte und dem um die eigene Unentbehrlichkeit
bange geworden war fühlte sich stolz weil der Professor ihm sagte »Wir
bleiben die Alten tun Sie was in Ihren Kräften steht sich meiner Frau
nützlich zu machen« Dann kam Herr Hummel stattete im Namen der Familie seinen
Glückwunsch ab und erbot sich aus freien Stücken noch zwei Zimmer seines
Hauses die er entbehren konnte dem Professor zu überlassen Aber unruhiger als
alle Andern erwartete Laura die neue Hausgenossin Und sie brach in die
schriftlichen Worte aus »Wie wird sie sein erhaben oder niedlich voll
strenger Würde oder lachend friedlich mir pocht das Herz und die Gedanken
fliegen wird liebevolles Ahnen mich betrügen« Und als der Professor sie und
ihre Mutter bat seiner künftigen Frau entgegenzukommen und bei der Einrichtung
zu helfen und als er gegen Laura hinzusetzte er hoffe auf ein gutes Verhältnis
zwischen ihr und seiner Braut da ahnte er gar nicht wieviel Glück er in ein
junges Herz senkte welches das unruhige Bedürfnis hatte sich hingebend
anzuschließen Die unsicheren Angaben welche er über das Wesen seiner Verlobten
machte hüllten die Gestalt immer noch in Nebel aber sie wurden doch für Laura
ein Rahmen in welchen sie täglich neue Gesichter und Stellungen
hineinzeichnete
Unterdes saßen in den Nebenräumen des alten Hauses die Frauen emsig um
Truhen und Leinwand beschäftigt Klara war durch den Brautstand der Schwester
auf einmal zum erwachsenen Mädchen geworden sie half und gab guten Rat und
erwies sich in Allem brauchbar und verständig Und Ilse rühmte das am Abend
gegen den Vater und darauf schlang sie die Arme um seinen Hals und brach in
heiße Tränen aus Dem Vater zuckte der Mund er antwortete nicht aber er
hielte die Tochter mit beiden Händen fest an seinem Herzen Auch für diese
Trennung traf es sich günstig dass die letzten Wochen vor dem Abschied übervoll
von Arbeit und Zerstreuung waren In der Wirtschaft gab es noch viel zu
schaffen und der Vater erliess den Verlobten keinen Besuch bei seinen Bekannten
in der Nachbarschaft
Zu den nächsten gehörte die Familie Rollmaus Ilse hatte ihre Verlobung der
Frau Oberamtmann in besonderm Briefe angezeigt Darüber war große Erregung
entstanden Die Frau Oberamtmann triumphirte Rollmaus aber ließ sich sofort das
Pferd satteln und kam nach Bielstein geritten jedoch nicht vor das Haus er
frug am Hoftor nach dem Gutsherrn und ritt zu diesem auf das Feld Dort nahm er
den Landwirt bei Seite und begann seinen Glückwunsch mit der kurzen Frage »Was
hat er« Diese Frage konnte durch Zahlen beantwortet werden und die Antwort
beruhigte ihn einigermaßen Denn er wandte sein Pferd kurz um trabte vor das
Haus und brachte der Braut und dem Professor den er jetzt als ebenbürtig ansah
seinen Glückwunsch dar Und diesmal wiederholte er dringend seine Einladung
Nach der Rückkehr sagte er seiner Frau »Ich hätte der Ilse eine bessere Partie
gewünscht indes der Mann ist nicht ganz übel freilich auf einem großen Gute
müsste er sich mühsam durchschlagen«
»Rollmaus« erwiderte die Frau »ich hoffe du wirst dich bei dieser
Gelegenheit decent beweisen«
»Wie so« frug der Oberamtmann
»Du musst beim Essen die Gesundheit des Brautpaars ausbringen«
Der Gatte brummte »Jedoch ohne unnützes Zeug wie Redensarten und
Steckenbleiben Ich kenne das darauf lasse ich mich nicht ein«
»Die Redensarten müssen die Voraussetzung sein« rief die Oberamtmann »Und
wenn du nicht willst so werde ich selbst besorgen was vorgesetzt werden muss
und du sprichst die Gesundheit«
Das Haus Rollmaus hatte für den Brautbesuch sein feinstes Tischzeug
aufgedeckt und die Frau Oberamtmann erwies nicht nur ein gutes Herz auch gute
Küche Sie schlug beim Braten an das Glas und begann aufgeregt »Liebe Ilse da
Rollmaus in seiner Gesundheit das Kurze und Drakonische äußern wird so will ich
nur vorher erwähnen dass wir Ihnen aus einem ehrlichen Herzen Glück wünschen als
alte Freunde Ihrer Eltern und da wir immer gute Nachbarschaft miteinander
gehalten haben in allem Unglück und wenn ein angenehmer Zuwachs zur Familie
kam und ebenso durch Aushilfe in der Wirtschaft Es ist uns sehr wehmütig dass
Sie aus dieser Gegend ziehen obgleich wir uns freuen dass Sie in eine Stadt
kommen wo man das Geistige zu schätzen weiß und was ein höheres Streben
genannt wird Ich will nicht voluminös werden weshalb wir Sie beide bitten
auch in treuer Freundschaft an uns zu denken« Sie fuhr mit dem Tuche nach den
Augen und Rollmaus fasste die Familiengefühle kräftig in den vier Worten
zusammen »Das Brautpaar soll leben« Beim Abschied weinte die Frau Oberamtmann
ein wenig und bat den Hausherrn zu erlauben dass sie doch zur Trauung kommen
dürfe wenn auch die Hochzeit ohne Gäste sei
Und noch eine Störung brach herein Der Landwirt hatte um die Ehre gebeten
und sie war ihm gewährt auf dem Wege zum Jagdschloss wollte der Fürst anhalten
und im alten Hause das Frühstück einnehmen
»Es ist gut Ilse dass du noch bei uns bist« sagte der Landwirt
»Aber man weiß ja gar nicht wie so ein Herr das gewöhnt ist« wandte Ilse
zwischen Freude und Sorge ein
»Er bringt doch einen seiner Köche mit der in der Oberförsterei das
Jagdessen zurichtet der mag helfen sorge nur dafür dass er etwas in der Küche
findet«
Am Tage der emsigen Vorbereitung saßen die Kinder die Mamsell und
Arbeiterinnen zwischen Hügeln von Waldzweigen und Herbstblumen und wanden Kränze
und Festgehänge »Verschont nichts« befahl Ilse dem alten Gärtner »er ist
unser lieber Landesvater wir Kleinen bringen ihm unsere Blumen als Steuer dar«
Und Hans verfertigte mit Hilfe des Professors aus Georginen riesige Kokarden und
Namenszüge
Schon am Abend vor der Jagd hielten der Fourier und der Mundkoch ihren
Einzug Der Fourier bat die Tafel im Garten zu decken dem Fürsten folge die
nötige Dienerschaft bei der übrigen Aufwartung könnten die schmucken
Hausmädchen helfen dem Herrn sei das Ländliche gerade recht Am Morgen der Jagd
ritt der Landwirt in seinem besten Staat nach Rossau hinab den Fürsten zu
empfangen die Kinder drängten sich um die Fenster der oberen Stuben und spähten
wie Wegelagerer nach der Landstraße Kurz vor Mittag kamen die Wagen den Berg
herauf und fuhren an der alten Haustür vor der Landwirt und der Oberförster
welche zu beiden Seiten des fürstlichen Wagens ritten sprangen von den Pferden
Der Fürst stieg mit seinen Begleitern aus und betrat grüßend die Schwelle Ein
Herr in höherem Mannesalter von mäßiger Größe einem schmalen feinen Gesicht
dem man noch glaubte dass er in seiner Jugend den Ruf eines schönen Mannes
gehabt hatte mit zwei klugen Augen deren Umgebung nur durch zu viele kleine
Falten verknittert war Ilse trat in den Hausflur der Landwirt stellte in
seiner einfachen Weise die Tochter vor der Herr begrüßte Ilse huldreich mit
einigen Worten und gönnte dem Professor der ihm als Bräutigam der Tochter
genannt wurde einen Blick und eine Frage worauf der Professor vom
Oberjägermeisteraufgefordert wurde am Frühstück Teil zu nehmen Dann schritt
der Fürst sogleich in den Garten rühmte das Haus und die Landschaft und
erinnerte sich dass er zum ersten Mal als vierzehnjähriger Knabe mit seinem
Vater diese Gegend besucht habe
Das Frühstück verlief aufs Beste der Fürst tat dem Landwirt wohltuende
Fragen welche sein Interesse an den Zuständen der Landschaft erwiesen Als er
sich vom Tisch erhoben hatte trat er an den Professor und frug nach
Einzelheiten der Universität er kannte den Namen des einen und anderen
Kollegen Durch die sichern Antworten und die gute Haltung des Gelehrten wurde
er veranlasst das Gespräch zu verlängern Er erzählte dass er selbst ein wenig
Sammler sei antike Münzen und Gräberfunde aus Italien mitgebracht habe und dass
ihm die Vermehrung seiner Sammlungen viele Freude gemacht Und ihm war angenehm
dass der Professor bereits von einigem Bedeutenden darin wusste
Als nun der Fürst mit einer Wendung zum Schluße den Gelehrten frug ob er
in dieser Gegend heimisch sei und Felix antwortete dass ein Zufall ihn hierher
geführt da flog dem Gelehrten plötzlich der Gedanke durch das Haupt dass hier
eine Gelegenheit sei die wohl so nicht wiederkehren werde die höchste Gewalt
des Landes mit dem Schicksale der verlorenen Handschrift bekannt zu machen
vielleicht Förderung für weitere Nachforschungen in der Residenz zu gewinnen Er
begann seinen Bericht Der Fürst hörte mit sichtlicher Spannung zu führte ihn
während angelegener Querfragen weiter von der Gesellschaft ab und war so ganz
bei der Sache dass er darüber wie es schien die Jagd vergaß Der
Oberjägermeister wenigstens sah oft nach der Uhr und sagte dem Gutsherrn
Verbindliches über das Interesse welches der Herr an seinem Schwiegersohn
nehme Endlich schloss der Fürst die Unterhaltung »Ich danke Ihnen für Ihre
Mitteilung ich würdige das Vertrauen welches Sie mir damit erweisen kann ich
Ihnen darin selbst nützlich sein so wenden Sie sich direkt an mich führt Sie
der Weg einmal in meine Nähe so lassen Sie mich das wissen ich werde mich
freuen Sie wieder zu sehen«
Als der Fürst durch den Hausflur nach dem Wagen schritt blieb er einen
Augenblick stehen und sah sich um der Oberjägermeister gab dem Landwirt
schnell einen Wink Ilse wurde gerufen und verneigte sich wieder und der Fürst
dankte ihr in Kürze für die gastliche Aufnahme Ehe die Wagen zwischen den
Hofgebäuden verschwanden sah der Fürst sich noch einmal nach dem Hause um Auch
diese Artigkeit fiel auf fruchtbaren Boden »Ganz umgedreht hat er sich und ganz
eigen darauf gesehen« erzählte die Taglöhnerfrau die sich mit Arbeitern bei
dem Laubgewinde an der Scheuer aufgepflanzt hatte Alles war zufrieden und
freute sich der Huld welche mit gutem Anstand erwiesen und empfangen war Ilse
rühmte die Leute des Fürsten die ihr Alles so bequem gemacht dem Professor
hatten die gescheidten Fragen des Herrn sehr wohl gefallen und als der
Landwirt am späten Abend zurückkehrte erzählte auch er wie gut die Jagd
verlaufen und dass der Fürst ihm noch Freundliches gesagt und vor allen Leuten
zu seinem Schwiegersohn Glück gewünscht habe
Der letzte Tag kam den die Jungfrau im Hause des Vaters verlebte Sie ging
mit Schwester Klara hinab in das Dorf sie stand am Fenster des armen Lazarus
sie kehrte in jedem Hause ein und übergab die Armen und Kranken der Schwester
Dann saß sie lange bei dem Herrn Pfarrer in der Studierstube der alte Mann
hielt sein liebes Kind an den Händen fest und wollte sie nicht fortlassen Bei
der Trennung schenkte er ihr die alte Bibel in welcher seine Frau gelesen
hatte »Ich wollte sie mit mir nehmen in die letzte Behausung« sagte er »aber
sie ist besser aufgehoben in Ihren Händen« Als Ilse zurückkam setzte sie sich
in ihrer Stube nieder und die Mägde und Arbeiterinnen des Gutes traten eine
nach der andern ein von jeder nahm sie unter vier Augen Abschied sie sprach
noch einmal über das was jeder auf dem Herzen lag gab Trost und guten Rat ein
kleines Andenken aus ihrer Habe und zuletzt einen guten Spruch wie er auf das
Leben passte Am Abend saß sie zwischen dem Vater und dem geliebten Mann der
Lehrer hatte den Kindern einige Verse eingelernt Klara brachte den Brautkranz
und der kleine Bruder erschien als Genius aber als der Genius seinen Spruch
sagen sollte fing er an zu schluchzen verbarg seinen Kopf in Ilses Schoss und
war gar nicht wieder zu beruhigen
Zur Gutenachtzeit als sich Alles entfernt hatte saß Ilse noch einmal auf
ihrem Stuhl in der Wohnstube und als der Vater aufbrach reichte sie ihm den
Leuchter Der Vater setzte ihn wieder hin und ging auf und ab ohne zu sprechen
Endlich begann er »Deine Stube bleibt für dich unverändert und wenn du zu uns
zurückkehrst sollst du Alles so finden wie du es verlassen Dem Gute bist du
nicht zu ersetzen nicht den Geschwistern auch nicht deinem Vater Ich gebe
dich hin mit Schmerzen in ein Leben das uns beiden unbekannt ist Gute Nacht
mein braves Kind des Himmels Segen über dich Gott behüte dir dein ehrliches
Herz Sei tapfer Ilse das Leben ist schwer« Er zog sie an sich und sie weinte
still an seinem Herzen
Die Morgensonne des nächsten Tages schien durch die Fenster der alten
Holzkirche auf die Stätte vor dem Altar Wieder umsäumte sie Ilses Haupt wie
mit überirdischem Glanz und verklärte das glückliche Antlitz des Mannes in
dessen Hand der alte Pfarrer die Hand seines Lieblings legte Die Kinder des
Hauses und die Arbeiterinnen des Gutes streuten Blumen Über den letzten
Schmuck des Gartens schritt Ilse mit Kranz und Schleier das Auge zur Höhe
gerichtet Aus den Armen des Vaters und der Geschwister unter den lauten
Segenswünschen der Frau Oberamtmann und dem leisen Gebet des alten Pfarrers hob
der Gatte sie in den Wagen Noch ein Hoch der Gutsleute noch ein Blick nach dem
Vaterhause und Ilse fasste die Hand des Gatten und hielt sich an ihm fest
Zweites Buch
1
Die ersten Grüße der Stadt
Im Stadtwald fiel das Laub vor die Füße der Spaziergänger Ilse stand am Fenster
und dachte an die Heimat Die Kränze über der Tür waren verwelkt Linnen und
Kleider lagen eingestaut in den Schränken das eigene Leben rann so still und
draußen das fremde rauschte so überlaut Im Nebenzimmer saß der Gatte über
seiner Arbeit nur das Knittern der Blätter welche er umschlug drang durch die
Tür und dazwischen aus der nahen Küche ein Klappern der Teller Sehr schön war
die Wohnung aber enge eingehegt zur Seite die schmale Straße dahinter das
Nachbarhaus mit vielen neugierigen Fenstern auch nach dem Walde der Horizont
verbaut durch graue Stämme und ragende Äste Und aus der Ferne tönte vom Morgen
bis zum Abend das Summen Rasseln und Rufen der tätigen Stadt in das Ohr von
der Höhe die Klänge eines Flügels vom Bürgersteig ohne Aufhören die Tritte der
Vorübergehenden Wagen rollten heran laute Stimmen zankten Und wie lange man
aus dem Fenster schaute immer neue Menschen und unbekannte Gesichter viele
schöne Herrschaften und wieder sehr ärmliche Leute Ilse dachte bei jedem
Vorübergehenden der einen modischen Rock trug wie vornehm er sein müsse und
bei jedem dürftigen Anzug wie hart den Armen hier das Leben drücke Alle aber
waren ihr fremd die sie reden hörte auch die nahe bei ihr wohnten und von
allen Ecken auf ihr eigenes Treiben sehen konnten hatten wenig mit ihr zu
schaffen und wenn sie nach Einzelnen frug wussten ihre Hausgenossen nur
spärliche Nachricht zu geben Alles fremd und kalt und in endlosem Getümmel
Ilse stand in ihrer Wohnung wie auf einem winzigen Eiland in sturmbewegtem Meere
und ihr wurde bange vor dem fremden Leben
Aber die Stadt wie riesenhaft und toblustig sie sich gegen Ilse geberdete
war im Grunde ein freundliches Ungetüm ja sie hegte vielleicht vor andern eine
stille Neigung zu poetischen Gefühlen und zu heimlicher Artigkeit Zwar hatte
ein gestrenger Stadtrat den Brauch aufgegeben ansehnlichen Fremden den
Willkommen mit Wein und Fischen zu überreichen aber er sandte doch den ersten
Morgengruß durch seine geflügelten Schützlinge über welche sich schon Ilses
Vater gefreut hatte Die Tauben flogen um Ilses Fenster saßen gedrängt vor den
Scheiben und pickten an das Holz bis Ilse ihnen Futter hinausstreute Und
Gabriel der das Frühstück abräumte konnte nicht umhin sich selbst zu loben
»Ich habe sie seit einigen Wochen an diesem Fenster gefüttert weil ich mir
dachte dass sie Ihnen recht sein würden« Und als Ilse ihn dankbar ansah
gestand er offenherzig »Denn ich bin auch vom Dorfe und weil ich zuerst in die
Kaserne kam habe ich auch mein erstes Kommisbrot mit einem fremden Pudel
aufgegessen«
Aber die Stadt sorgte noch durch andere Vögel dafür dass die Frau vom Lande
heimisch wurde Gleich am ersten Tage wo Ilse allein ausging es war ein
schwerer Gang denn sie konnte sich mit Mühe enthalten vor den Schaufenstern
stehen zu bleiben und sie errötete sooft die Leute dreist in ihr Gesicht
sahen gleich damals hatte sie vor einer Konditorei arme Kinder getroffen
welche begehrlich durch die Fensterscheiben auf das Backwerk starrten die
sehnsuchtsvollen Blicke hatten sie gerührt sie war hineingetreten und hatte
Kuchen unter sie verteilt Seitdem machte sichs dass jeden Mittag leise an
Ilses Klingel gezogen wurde und kleine Jungen mit zerrissenen Höschen leere
Töpfe darboten und gefüllte heimtrugen zum Ärger des Herrn Hummel der ein
solches Anlocken von Spitzbuben nicht loben konnte
Als Ilse am Abend ihrer Ankunft von dem Gatten in ihr Zimmer geführt wurde
fand sie über den Tisch eine schöne Decke gebreitet ein Meisterstück
sorgfältiger Frauenarbeit daran einen Zettel mit dem Wort »Willkommen«
Gabriel bekannte dass Fräulein Laura dies Geschenk aufgelegt habe Deshalb wurde
am nächsten Morgen der erste Besuch im Unterstock gemacht Als Ilse in das
Wohnzimmer der Familie Hummel trat sprang Laura errötend auf und stand
verlegen der Frau Professorin gegenüber ihre ganze Seele flog der Fremden
entgegen aber Ilses Wesen flößte ihr Scheu ein Ach die Ersehnte war
allerdings erhaben und würdevoll weit mehr als Laura gedacht hatte Laura kam
sich auf der Stelle sehr klein und unreif vor sie empfing schüchtern den Dank
und zog sich einige Schritte zurück der Mutter die Pflicht der Worte
überlassend Aber sie wurde nicht müde die schöne Frau anzusehen und ihre
Gestalt in Gedanken mit dem edelsten Kostüm der tragischen Bühne zu schmücken
Laura erklärte der Mutter dass sie den Gegenbesuch allein machen wolle und
schlüpfte am nächsten schicklichen Tage in der Dämmerung hinauf mit pochendem
Herzen aber entschlossen eine gute Unterhaltung zu suchen Doch da wollte der
Zufall dass gleich nach ihr der Doctor als Störenfried eintrat und es gab
nichts als ein zerpflücktes Gespräch und verblichene Redensarten durch welche
gar nichts erreicht wurde Und sie empfahl sich wieder böse auf den Doctor und
unzufrieden mit sich selbst weil sie nichts Besseres zu sagen gewusst
Seit diesen Tagen war die Hausgenossin für Laura ein Gegenstand stiller
unablässiger Verehrung Sie setzte sich nach Tische an das Fenster und wartete
auf die Stunde in welcher Ilse am Arm des Gatten auszugehen pflegte Dann
lauschte sie hinter der Gardine hervor und sah ihr bewundernd nach Sie huschte
oft über den Hausflur und um die Entreetür der Mieter aber wenn Ilse einmal
von weitem sichtbar wurde verbarg sie sich oder wenn sie mit ihr zusammentraf
verneigte sie sich tief und wusste in der Schnelle nur Gewöhnliches zu reden Sie
war sehr bekümmert ob ihr Klavierspiel nicht stören würde und ließ
hinauffragen in welchen Stunden sie am wenigsten damit lästig sei und als er
der rote Kobold ohne Namen einst gegen Ilse geknurrt und ihr tückisch in das
Kleid gebissen hatte geriet sie in solchen Zorn dass sie ihren Sonnenschirm
holte und das Scheusal damit bis unter die Treppe verfolgte
Unter dem Namen der Mutter denn für sich selbst wagte sie es nicht
begann sie einen Feldzug von kleinen Aufmerksamkeiten gegen den Oberstock Wenn
Verkäufer gute Dinge für die Küche anboten wurde Laura den Mittagsfreuden des
Herrn Hummel verhängnisvoll denn sie fing junge Gänse und fette Hühner vor der
Kücheab und sandte sie regelmäßig nach der Höhe bis das Dienstmädchen Susanne
über das Vorkaufsrecht der Mieter in Erbitterung geriet und Frau Hummel zu
Hilfe holte Als durch eine Frage Gabriels offenbar wurde dass sich die Frau
Professorin nach einer bestimmten Art feiner Äpfel erkundigt hatte eilte Laura
auf den Markt suchte so lange bis sie ein Körbchen davon heimbrachte und
diesmal zwang sie sogar Herrn Hummel selbst den Korb mit vielen Empfehlungen
hinaufzusenden Ilse freute sich des artigen Hauswirts aber sie ahnte nicht
den geheimen Quell
»Vor einem Volk habe ich große Scheu« sagte Ilse zu ihrem Gatten »und das
sind die Studenten Ich war kaum flügge und zum Besuch bei unserer Tante da sah
ich eine ganze Gesellschaft zum Tore hereinziehen mit großen Degen mit
Federhüten und sammtenen Röcken Taten die wild Ich durfte den Tag nicht auf
die Straße gehen Wenn ich jetzt als deine Frau mit den wilden Männern verkehren
muss ich fürchte mich nicht gerade aber sie sind mir bangsam«
»Nicht alle sind so arg« tröstete der Professor »du wirst sie bald gewöhnt
werden«
Trotzdem erwartete Ilse mit Spannung den ersten Studenten Und es traf sich
dass an einem Morgen die Schelle gezogen wurde als gerade der Professor auf der
Bibliothek weilte Gabriel und das Mädchen ausgeschickt waren Ilse öffnete
selbst die Tür Betroffen prallte ein junger Mann zurück der durch die bunte
Mütze als Student deutlich wurde und außerdem eine schwarze Mappe unter dem Arme
trug Dieser sah freilich anders aus ohne Straussenfeder und Degen er war auch
bleich und schmächtig aber Ilse fühlte doch Respekt vor dem gelehrten jungen
Herrn und fürchtete nebenbei dass die Wildheit seines Standes plötzlich aus ihm
hervorbrechen könnte Indes sie war ein tapferes Mädchen gewesen und nahm den
Besuch von der praktischen Seite Das Unglück ist einmal da jetzt gilts artig
sein »Sie wünschen meinen Mann zu sprechen er ist im Augenblick nicht zu
Hause wollen Sie sich nicht gütigst hereinbemühen«
Der Student ein armer Philolog welcher als Bewerber um ein kleines
Stipendium anlief geriet solchem majestätischen Willen gegenüber in starke
Beklemmung Er machte viele Verbeugungen aber er wagte nicht zu widerstreben
Ilse führte ihn also in das Besuchzimmer nötigte ihn auf einem Lehnsessel
niederzusitzen und frug ob sie ihm mit irgend etwas dienen könne Der arme
Schelm wurde immer verlegener und auch Ilse wurde durch seine Unruhe ein wenig
angesteckt Sie fing aber entschlossen eine Unterhaltung an und erkundigte sich
ob er aus dieser Stadt stamme Dies war nicht der Fall Aus welcher Gegend er
zugezogen auch sie sei eine Fremde Da ergab sich dass er aus ihrer
Landschaft war zwar nicht aus der Nähe ihrer Heimat sondern wie beide
miteinander berechneten etwa zehn Meilen ab aus anderer Ecke indes er hatte
doch von klein auf dieselben Berge gesehen und kannte die Mundart ihres Landes
und die Sprache seiner Vögel Nun rückte sie ihm näher und machte ihn
gesprächig bis beide wie gute Gesellen miteinander plauderten Endlich sagte
Ilse »Mein Mann kommt vielleicht nicht so bald ich möchte ihn aber des
Vergnügens nicht berauben Sie zu sprechen wie wäre es Herr Landsmann wenn
Sie uns den nächsten Sonntag die Freude machten unser Mittagsgast zu sein«
Überrascht und unter vielen Danksagungen erhob sich der Student und entfernte
sich von Ilse bis an die Tür begleitet Er hatte aber umstrickt durch das
Abenteuer seine Mappe vergessen noch einmal tönte schüchtern die Schelle er
stand noch einmal verlegen an der Tür und bat mit vielen Entschuldigungen um
seine Mappe
Ilse freute sich der Begegnung und dass sie so gut die erste Schwierigkeit
überwunden hatte Froh rief sie ihrem Mann an der Tür zu »Felix der erste
Student war hier«
»So« erwiderte der Gatte durch die Nachricht keineswegs erschüttert »wie
hieß er«
»Den Namen weiß ich nicht er trug aber eine rote Mütze und sagte er sei
kein Fuchs Ich habe mich nicht gefürchtet ich habe ihn dir für Sonntag zum
Essen gebeten«
»Nun« versetzte der Professor »wenn du das bei Jedem tust so wird unser
Haus voll werden«
»Wars nicht recht« frug Ilse bekümmert »Ich sah wohl dass es keiner von
den großen war aber ich wollte um deinetwillen doch lieber zu viel als zu
wenig tun«
»Lass gut sein« sagte der Professor »es soll ihm nicht vergessen werden
dass er der erste war der in dein liebes Angesicht schaute«
Der Sonntag kam und in der Mittagstunde unter vielen Verbeugungen der
Studiosus Obwohl er sonst Freitische in Familien als eine zwar wertvolle aber
lästige Einrichtung leidend ertrug so hatte er doch diesmal in Weste und sogar
in Handschuhen eine außerordentliche Anstrengung gemacht Und Ilse erhielt durch
die Haltung des Gatten gegen den Studenten sogleich eine ruhig mütterliche
Würde In solcher Stimmung legte sie ihm ein zweites Bratenstück auf den Teller
und versah ihn mit gehäufter Zukost Die wohlwollende Behandlung und einige
Gläser Wein deren letztes Ilse eingoss stärkten dem Studenten das Herz und
hoben ihn über die Erbärmlichkeiten des irdischen Daseins Nach Tische besprach
der Professor mit dem Doctor etwas Gelehrtes Ilse aber setzte gütig die
Unterhaltung mit dem jungen Herrn fort und kam da dies am bequemsten war auf
seine Familienverhältnisse zu sprechen Da wurde der Student warm und weich und
begann Enthüllungen von sehr traurigem Inhalt Natürlich zunächst dass er kein
Geld hatte dann aber wagte er auch schmerzliche Offenbarungen über ein zartes
Verhältnis zu der Tochter eines Juristen mit welcher er in demselben Hause
gewohnt und die er ein Jahr lang innig verehrt hatte zuletzt mit Poesie
Endlich kam der Vater dahinter Dieser verbot mit einer Tyrannei wie sie
geheimen Justizräten eigen ist seiner Tochter die Annahme der Gedichte und
bewirkte sogar die Entfernung des Studiosus aus dem Hause Seitdem war das
Innere des Studenten ein Abgrund von Verzweiflung kein Gedicht es waren
Sonette drang mehr bis zu der umschlossenen Geliebten Ja er hatte Grund
anzunehmen dass auch sie ihn verachte Denn sie besuchte Bälle und er hatte sie
erst den Abend vorher gesehen wie sie mit Blumen im Haar aus dem Wagen des
Vaters in ein hell erleuchtetes Haus getreten war Traurig hatte er an der
Haustür unter dem zuschauenden Volk gestanden sie aber war rosig lächelnd
strahlend bei ihm vorübergeglitten Jetzt wandelte er mit seinem Abgrunde dahin
allein ohne eine menschliche Seele des Lebens müde und voll schwarzer
Gedanken über welche er sehr düstere Andeutungen machte Zuletzt bat er Ilse um
Erlaubnis ihr diejenigen Gedichte welche die Zustände seines Innern am
deutlichsten ausdrückten übersenden zu dürfen
Natürlich gab das Ilse in warmem Mitleid zu
Der Studiosus empfahl sich und Ilse erhielt am nächsten Morgen durch
Stadtpost ein ziemliches Päckchen mit einem ehrerbietigen Briefe worin der
Student sich entschuldigte dass er nicht alle poetischen Actenstücke welche
sein Unglück ins richtige Licht setzten übersende da er mit dem Abschreiben
nicht fertig geworden sei Beilage war ein Sonett an Ilse selbst sehr
hochachtungsvoll und zart doch war daraus allerdings die stille Neigung des
Studenten erkennbar Ilse an Stelle seiner Ungetreuen zur Herrin seiner Träume
zu machen
Ilse trug verlegen diese Sendung auf den Arbeitstisch ihres Gatten »Habe
ich etwas versehen Felix so sag mirs« Der Professor lachte »Ich schicke
ihm selbst seine Gedichte zurück das wird die Huldigung wohl bändigen du weißt
jetzt dass es nicht ohne Gefahr ist das Vertrauen eines Studenten zu gewinnen
Die Gedichte sind übrigens schlechter als nötig wäre«
»Das war also eine Lehre« sagte Ilse »die ich mir geholt In Zukunft
wollen wir vorsichtiger sein«
Aber so schnell wurde sie die Erinnerung an den Studenten nicht los
Jeden Nachmittag wenn das Wetter nicht gar unfreundlich war ging zu
derselben Stunde Ilse am Arm des Gatten in den Stadtwald Die Glücklichen
suchten einsame Nebenpfade wo das Astgeflecht dichter ragte und das Grün des
Grundes fröhlich gegen die gelben Blätter abstach Dann dachte Ilse an die Bäume
des Gutes und da machte sichs dass die Gatten immer wieder vom Vater und von
den Geschwistern sprachen und von den ersten Nachrichten die sie aus der Heimat
bekommen An dem Wiesengrund welcher sich von den letzten Gebäuden in den Wald
zog stand unter dichtem Gebüsch eine Bank dort übersah man im Vordergrund die
feindlichen Häuser dahinter Giebel und Türme der Stadt Als Ilse das erste Mal
aus dem Gebüsch an die Stelle trat freute sie sich des Anblicks ihrer Fenster
und der umdämmerten Türme dabei fiel ihr der Sitz in der Höhle ein von dem
sie sooft auf das Vaterhaus geblickt hatte sie saß auf der Bank nieder zog
Briefe ihrer Geschwister hervor die sie eben erhalten und las dem Gatten die
schmucklosen Sätze in denen die letzten Ereignisse des Gutes berichtet wurden
Seitdem war ihr die Ruhestelle lieb jedesmal lenkten sich die Schritte auf dem
Heimwege dorthin und sie schaute von der Bank nach der Wohnung den Dächern der
Stadt und dem Himmel darüber
Als sie nun am Tage nach jener Sendung des Studenten wieder aus dem Gehölz
zu der Bank trat sah sie einen kleinen Blumenstrauß darauf liegen neugierig
griff sie danach ein zierlich zusammengelegtes Briefchen aus Rosapapier hing
daran mit der Aufschrift »Ein Gruß aus B« Dahinter gerade so viel Punkte als
der Name des väterlichen Gutes Buchstaben enthielt Überrascht reichte sie den
Zettel dem Professor er öffnete und las die anspruchslosen Worte »Unterm Stein
die kleinen Zwerge senden dir den Blumenstrauß grüßend über Tal und Berge aus
dem lieben Vaterhaus« »Das gilt dir« sagte er verwundert
»Wie allerliebst« rief Ilse
»Die Zwerge sind jedenfalls ein Scherz des Doctors« entschied der
Professor »freilich hat er seine Hand gut verstellt«
Erfreut steckte Ilse den Strauss an »Wenn der Doctor heut Abend kommt soll
er nicht merken dass wir ihn erraten haben« Der Professor erzählte von den
neckischen Einfällen des Freundes und Ilse die sonst den Doctor mit einem
geheimen Zweifel betrachtete stimmte herzlich bei
Als aber der Doctor am Abend die größte Unbefangenheit heuchelte wurde
fröhlich seine Verstellungskunst gescholten und der Dank doch an ihn abgegeben
Da aber erklärte er fest dass Strauss und Gedicht nicht von ihm kämen es erhob
sich eine fruchtlose Erörterung über den Urheber und der Professor sah zuletzt
sehr ernstaft aus
Die Begrüßung im Walde wiederholte sich Wenige Tage darauf lag wieder ein
kleiner Strauss mit derselben Aufschrift und einem Verse auf der Bank Noch
einmal versuchte Ilse leise eine Mitwirkung des Doctors zu behaupten aber der
Professor wies das kurz ab und steckte den rosafarbenen Zettel ein Ilse nahm
den Strauss mit diesmal nicht im Gürtel Als der Doctor herüberkam wurde das
Abenteuer wieder in Erwägung gezogen
»Es kann Niemand sein als der kleine Student« gestand Ilse gedrückt
»Das fürchte auch ich« sagte der Professor und erzählte dem Doctor zu
Ilses Kummer von der vertraulichen Sendung des Musensohns »So harmlos die
Sache an sich ist, hat sie doch eine ernste Seite Das Auflegen dieser Adressen
setzt eine genaue Beobachtung voraus die nichts weniger als angenehm ist und
solche emsige Tätigkeit kann den Verehrer bis zu größerem Wagnis führen Dem
muss gesteuert werden Ich werde morgen versuchen ihn von seinem Unrecht zu
überzeugen«
»Und wenn er dir die Täterschaft ableugnet« warf der Doctor ein »Dies
wenigstens sollte man ihm vorher unmöglich machen Der Strauss kann wenn er
andern Vorübergehenden entgehen soll erst im letzten Augenblicke vor eurer
Ankunft hingelegt werden und es ist nicht schwer euer Kommen abzuwarten da
der Spaziergang in größter Regelmäßigkeit stattfindet Man muss den Dreisten zu
überraschen suchen«
»Ich werde also morgen allein gehen« sagte der Professor
»Du darfst einem Studenten nicht im Walde aufpassen« entschied der Doctor
»auch wird wenn Frau Professorin zu Hause bleibt der Strauss wahrscheinlich
nicht auf der Bank liegen Überlass mir die Sache Geht morgen und in den
nächsten Tagen aus wie gewöhnlich ich will von anderer Seite her die Stätte des
Frevels beobachten«
Das wurde beschlossen der Professor nahm die beiden kleinen Sträusse aus dem
Glase und warf sie zum Fenster hinaus
Den Tag darauf ging der Doctor als Spion verkleidet in grauem Rock und
dunklem Hut eine Viertelstunde vor den Freunden in den Stadtwald um aus einem
Versteck den vermessenen Versifex zu überfallen er nahm sich vor den Täter im
Gebüsch so zu zerknirschen dass seinem Professor jede persönliche Einmischung
gespart wurde Gerade gegenüber der Bank fand er eine gute Stelle wo
dauerhaftes Buchenlaub den Jäger vor dem Wilde verbarg Dort stellte er sich auf
dem Anstand zurecht zog einen großen Operngucker aus der Tasche zwang ihn
durch Drehen zu der schärfsten Wirkung und starrte unverwandt nach der
verhängnisvollen Bank Noch war die Bank leer wenige Spaziergänger gingen
gleichgültig an ihr vorüber die Zeit wurde lang der Doctor sah eine halbe
Stunde durch die Gläser dass ihm die Augen schmerzten aber er hielt aus sein
Stand war ausgezeichnet der Verbrecher konnte nicht entrinnen Da plötzlich
gerade als sein Auge zufällig nach Herrn Hummels Haus abschweifte sah er dort
die Gartentür nach dem Stadtpark geöffnet etwas Dunkles fuhr heraus zwischen
die Bäume kam bei der Bank aus dem Gehölz sah sich vorsichtig um strich längs
der Bank dahin und verschwand wieder hinter den Kulissen der Bäume und hinter
der feindlichen Gartenpforte Ein unendliches Erstaunen lagerte sich auf dem
Antlitz des Doctors er drückte das Opernglas zusammen und lachte still vor sich
hin richtete wieder die Gläser und spähte der verschwundenen Gestalt nach
schüttelte mit dem Kopf und verfiel in ein tiefes Sinnen Da horch der ruhige
Schritt zweier Lustwandelnden Der Professor und Ilse traten in seiner Nähe aus
dem Holz sie blieben einige Schritt von der Bank stehen und sahen auf einen
verhängnisvollen Strauss welcher recht unschuldig dalag Der Doctor brach
lachend aus dem Gebüsch er nahm den Strauss und bot ihn Ilse an »Es ist nicht
der Student« sagte er
»Wer also« frug der Professor unruhig
»Das darf ich nicht sagen« versetzte der Doctor »aber die Sache ist
harmlos der Strauss ist von einer Dame«
»Im Ernst« frug der Professor
»Verlass dich darauf« tröstete Fritz überzeugend »er ist von Jemand den
wir beide kennen Und deine Frau darf keinen Augenblick anstehen sich den Gruß
gefallen zu lassen er ist in bester Meinung gegeben«
»Sind die Städter so reich an Versen und Geheimnissen« frug Ilse neugierig
und nahm mit leichtem Herzen die Blumen Wieder wurde geraten leider fand sich
kein Mensch dem man dergleichen zutrauen konnte »Es ist mir lieb dass sich die
Sache so löst« sprach der Professor »doch sage deiner Dichterin dass solche
Sendung sehr leicht in falsche Hände kommen kann«
»Ich habe keinen Einfluss auf sie« erwiderte der Doctor »aber weshalb sie
sich diese Grüße auch in den Kopf gesetzt hat es wird euch nicht ewig Geheimnis
bleiben«
Endlich kam die heissersehnte Stunde in welcher Laura mit der hohen Fremden
so wurde Ilse bis zu diesem Tage in den Memoiren bezeichnet ohne Beobachter
zusammentraf Die Mutter war ausgegangen als Ilse mit einer häuslichen Frage in
das Wohnzimmer trat Laura gab Auskunft wurde im Reden herzhaft und wagte
endlich die Bitte dass Ilse mit ihr in den Hausgarten hinabsteigen möchte Dort
saßen beide nebeneinander in dem letzten Strahl der Octobersonne und
begutachteten mild den Kahn den chinesischen Tempel und die Vorübergehenden
Endlich fasste Laura mit den Fingerspitzen Ilses Hand und zog sie in die
Gartenecke um ihr die größte Seltenheit das verlassene Nest eines
Zaunschlüpfers zu zeigen Die Vögel waren längst entflogen das Gewebe hing an
halbentlaubten Ästen »Hier waren sie« rief Laura nachdrücklich »himmlische
kleine Wesen fünf gesprenkelte Eier lagen darin und sie haben die Kleinen
glücklich heraufgebracht Ich stand die ganze Zeit Todesangst aus wegen der
Katzen die hier sehr umherschleichen«
»Sie sind ein liebes Stadtkind« sagte Ilse »Ach die Menschen sind hier
glücklich wenn sie nur einen armen Plattmönch im Garten erhalten Zu Hause
schwirrte flog und sang das von allen Bäumen und wenns nicht etwas Besonderes
war konnte man sich gar nicht um das Einzelne kümmern Hier wird Einem jedes
Tierchen wertvoll und wehmütig Zuletzt auch die Sperlinge Ich bin am ersten
Morgen erschrocken über diese armen Geschöpfe Sie sind ihren Kameraden draußen
gar nicht zu vergleichen so struppig und abgestoßen sind ihre Federn und am
ganzen Leibe sind sie schwarz und russig wie Kohlenbrenner Ich hätte gern einen
Schwamm genommen und die ganze Bande abgewaschen«
»Es würde nichts helfen denn sie werden gleich wieder angemalt« sagte
Laura kleinlaut »das macht der Russ in den Dachrinnen«
»Wird man in der Stadt so verstäubt und von allen Seiten gestoßen Das ist
traurig Es ist doch schöner auf dem Lande« und als Ilse das leise gestand
wurden ihr bei dem Gedanken an den fernen Waldhügel wider Willen die Augen
feucht »Ich bin nur noch fremd hier« setzte sie mutiger hinzu »Die Stadt
wäre schon gut wenn nur nicht gar zu viel Menschen darin wären die kränken
mich noch mit ihrem Anstarren so oft ich allein auf der Straße gehe«
»Ich will Sie begleiten« rief Laura hingerissen »wenn Sie wollen ich will
immer bereit sein«
Das war ein freundliches Anerbieten und es wurde dankbar angenommen Und
Laura bat in ihrer Freude darüber dass Ilse sie jetzt auch in ihr Geheimzimmer
begleite Sie stiegen in den Oberstock hinauf Dort wurde das kleine Sopha der
Epheu Schäfer und Schäferin bewundert zuletzt das neue Fortepiano
»Spielen Sie mir etwas vor« bat Ilse »Ich kann nichts Wir hatten ein
altes Klavier da habe ich nur wenig Takte von meiner lieben Mutter gelernt
wenn die Kinder tanzten« Laura ergriff ein schönes Notenheft dessen erstes
Blatt kunstvoll mit vergoldeten Elfen und Lilien geziert war und spielte
innerlich bebend aber mit hübscher Fingerfertigkeit das Elfenstück herunter
Und sie erklärte lachend und ihre dunklen Löckchen schüttelnd die Stellen wo
die Geister angehuscht kamen und geheimnisvoll durcheinander schwatzten Ilse
war hoch erfreut »Wie schnell die kleinen Finger fliegen« sagte sie und
betrachtete mit Bewunderung die feine Hand Lauras »sehen Sie wie groß meine
Hand dagegen ist und wie hart die Haut das kommt vom Anfassen in der
Wirtschaft« Und Laura sah bittend zu ihr auf »Wenn ich nur Sie singen hörte«
»Ich vermag nichts als Gesangbuchlieder und ein paar alte Dorfmelodien«
»O singen Sie doch« bat Laura »ich will Sie zu begleiten suchen«
Ilse begann eine alte Weise und Laura suchte eine bescheidene Begleitung
und horchte hingerissen auf den kräftigen Klang der Stimme sie fühlte ihr Herz
in den Tonwellen zittern und wagte beim letzten Vers leise einzustimmen
Sofort suchte sie nach einem Liede das beide kannten und als der
gemeinsame Gesang so ziemlich gelungen war klatschte Laura begeistert in die
Hände und es wurde der Beschluss gefasst ein oder das andere leichte Lied
einzuüben und den Professor damit zu überraschen
dabei ergab sich dass Ilse nur selten ein kleines Konzert gehört und nur
einige Male auf Reisen in ihrer Umgegend ein Schauspiel gesehen hatte und nicht
mehr als eine Oper
»Das Stück hieß der Freischütz« sagte Ilse »Sie war des Oberförsters
Tochter und sie hatte eine Freundin geradeso lustig und mit solchen hübschen
Locken und treuen Augen wie Sie haben Und der Mann den sie liebte verlor
sein Vertrauen auf des Himmels gnadenvollen Schutz und um das Mädchen für sich
zu erhalten verleugnete er und gab sich dem Bösen Das war fürchterlich Ihr
wurde das Herz schwer und die Ahnung kam über sie aber sie verlor nicht die
Kraft und nicht das Vertrauen zu der Hilfe von oben Und ihr Glaube rettete den
Geliebten über den der Böse schon seine Hand hielt« Darauf schilderte sie
getreulich den ganzen Verlauf des Stückes »Es war hinreißend« sagte sie »ich
war damals noch jung und als ich in unser Quartier kam konnte ich mich nicht
fassen und der Vater musste mich schelten« Laura lauschte auf dem Fussbänkchen
zu Ilses Füßen hielt die Hand der Professorin fest ließ sich wie ein kleines
Kind das ein Märchen hört erzählen was sie doch so gut wusste und die Fremde
war ihr unendlich rührend »Wie warm Sie das schildern es ist als ob man ein
Gedicht liest«
»Ach nein« erwiderte Ilse kopfschüttelnd »gerade diese Artigkeit verdiene
ich am wenigsten ich habe in meinem ganzen Leben keinen Vers gemacht und ich
bin so prosaisch dass ich gar nicht weiß wie ich mit meinem ungeschickten Wesen
in der Stadt zurechtkommen werde Denn hier macht man Verse Sie summen um einen
in der Luft wie die Mücken im Sommer«
»Meinen Sie« frug Laura das Köpfchen senkend
»Denken Sie auch ich Fremde habe Verse erhalten«
»Das finde ich natürlich« sagte Laura und drückte ihr Taschentuch in
Falten um die Verwirrung zu verbergen
»Auf der Bank im Park habe ich kleine Sträusse gefunden mit lieben kleinen
Gedichten und den Namen meiner Heimat mit Buchstaben und Punkten Sehen Sie
erst ein großes B und dann «
Laura sah in ihrem Entzücken über den Bericht vom Taschentuch auf ihre
Wangen waren mit Purpur Üübergossen aber aus den Augen lachte der Schelm Ilse
blickte in das strahlende Gesicht und während sie sprach erriet sie die
Geberin Da beugte sich Laura auf Ilses Hand sie zu küssen Ilse aber hob ihr
den Lockenkopf in die Höhe drohte ihr mit dem Finger und küsste sie auf den
Mund
»Sie sind mir nicht böse« bat Laura »dass ich so dreist war«
»Es war lieb und schön Aber denken Sie es hat uns doch in Verwirrung
gesetzt der Doctor hat Sie wohl beobachtet aber er hat uns Ihren Namen nicht
genannt«
»Der Doctor« rief Laura aufspringend »muss der überall dazwischen kommen«
»Er hat Ihr Geheimnis treu bewahrt Nicht wahr jetzt darf ich meinem
Hausherrn Alles sagen Denn unter uns ihm wars eine Zeitlang gar nicht recht«
Das war nun für Laura ein Triumph Wieder flog sie zu Ilses Füßen und bat
schelmisch zu erzählen was der Herr Professor gesagt
»Das geht nicht an« entgegnete Ilse gravitätisch »denn das ist sein
Geheimnis«
So schwand eine Stunde in süßem Geplauder bis die Uhr schlug und Ilse
schnell aufstand »Mein Mann wird sich wundern wohin ich verschwunden bin«
sagte sie »Sie sind ein liebes Fräulein ists Ihnen recht so wollen wir treu
zusammenhalten«
Ach Laura war das sehr recht sie begleitete ihren Besuch bis zur Treppe
auf den Stufen fand Laura dass sie eine Hauptsache vergessen hatte ihre Stube
lag gerade über dem Zimmer der Frau Professorin und wenn Ilse das Fenster
öffnete konnte sie im Notfall der Hausgenossin schnelle Nachricht
hinaufwinken Und als Ilse an ihrer Tür schloss kam Laura noch einmal
herabgelaufen um ihre Freude auszusprechen dass Ilse ihr diese Stunde geschenkt
habe
Laura ging in ihrem Zimmer mit schnellen Schritten auf und ab und schnippte
mit den Fingern wie Einer der das große Loos gewonnen hat Sie vertraute dem
geheimen Werke die ganze Weihestunde an jedes Wort das Ilse gesprochen und
schloss mit den Versen »Ich fand dich Reine Leben wird mein Traum Dir schwebt
die Seele zwischen Freud und Schmerzen ich aber rühr an deines Kleides Saum
und trage liebend dich in meinem Herzen« Dann setzte sie sich an das Piano und
spielte noch einmal mit leidenschaftlichem Ausdruck die Melodie welche Ilse ihr
vorgesungen hatte Und Ilse hörte unten den innigen Dank für ihren Besuch
2
Ein Tag der Besuche
Der Wagen fuhr vor Ilse trat für die ersten Besuche gerüstet in das
Arbeitszimmer des Gatten »Sieh mich an« sagte sie »bin ich so recht«
»Alles in Ordnung« rief der Professor fröhlich seine Frau musternd Aber
es war gut dass auch ohne seine Hilfe Alles in Ordnung war denn in Toiletten
war des Professors kritischer Blick von zweifelhaftem Wert
»Jetzt fängt für mich ein neues Spiel an« fuhr Ilse fort »wie es zu Hause
die Kinder geübt Ich soll bei deinen Freunden anklopfen und rufen Hollo
holla und wenn die fremden Frauen fragen wer ist da dann werde ich antworten
wies im Spiele geht ein fremdes Bettelweib Was will sie denn Für mich
ein Stücklein Brot für meinen Mann nen Kuss weil er mit mir bitten muss«
»Nun was die Küsse betrifft welche ich den Frauen der Kollegen austeilen
soll« versetzte der Professor in die Handschuhe fahrend »so wäre ich dir im
Ganzen verbunden wenn du das Geschäft übernähmst«
»Ja ihr Männer seid darin sehr streng« sagte Ilse »auch mein Fränzchen
weigerte sich immer das Spiel zu spielen weil er den dummen Mädeln keinen Kuss
geben wollte Ach wenn ich dir nur keine Unehre mache«
Sie fuhren durch die Straßen Der Professor erzählte seiner Frau auf dem
Wege von Person und gelehrtem Wesen des Kollegen zu dem sie gerade fuhren
»Zuerst zu lieben Menschen« sagte er »der jetzt kommt ist Professor Raschke
unser Philosoph und mir ein werter Freund Ich hoffe seine Frau wird dir
gefallen«
»Ist er sehr berühmt« frug Ilse und legte die Hand auf das pochende Herz
Sie hielten am äußersten Ende der Vorstadt vor einem niedrigen Hause
Gabriel eilte in den Hausflur den Besuch anzukündigen Da er die Küche leer
fand klopfte er an die Stubentür und öffnete endlich in den Bräuchen des
Hauses erfahren den Eingang zum Hofe »Herr und Frau Professor sind im Garten«
Durch den engen Hof traten die Besuchenden in einen Gemüsegarten dessen
Luft der Hauswirt seinem Mieter zur vorsichtigen und schonenden Mitbenutzung
eingeräumt hatte Unter der Mittagsonne des Herbsttages schritt ein Ehepaar die
geraden Wege entlang Die Frau trug ein kleines Kind auf dem Arme der Mann
hielt ein Buch in der Hand aus dem er im Gehen seiner Begleiterin vorlas Um
aber auch seine andere zur Zeit wenig beschäftigte Körperseite für die Familie
zu verwerten hatte der Professor die Deichsel eines Kinderwagens an den Bund
seiner Beinkleider befestigt und fuhr auf solche Weise ein zweites Kind hinter
sich her Die Wandelnden kehrten den Gästen den Rücken zu und bewegten sich
langsam hörend und vorlesend tragend und fahrend abwärts
»Ein Zusammenstoß in dem engen Wege ist nicht wünschenswert« sagte Felix
»wir müssen warten bis sie um das Viereck lenken und uns das Gesicht zukehren«
Es dauerte eine gute Weile bevor der Zug die Hindernisse der Reise überwand
denn der Professor blieb im Eifer des Lesens zuweilen stehen und erklärte etwas
wie aus seinen Handbewegungen zu erkennen war Neugierig betrachtete Ilse das
Aussehen der seltsamen Spaziergänger Die Frau war bleich und zart man sah ihr
an dass sie vor Kurzem das Krankenlager verlassen hatte ihm hing um ein
edelgeformtes geistvolles Angesicht langes dunkeles Haar auf dem der graue
Reif lag Schon waren sie dicht an die Gäste gekommen da erst wandte die Frau
die Augen von dem Gatten ab und erblickte den Besuch
»Welche Freude« rief der Philosoph und senkte sein Buch in die große
Rocktasche »Guten Morgen Kollege Ha da ist ja unsere liebe Frau Professorin
Frau binde mir den Wagen ab die Familienbande hemmen« Das Ablösen dauerte
einige Zeit da die Hausfrau die Hände nicht frei hatte und Professor Raschke
keineswegs stillhielt sondern vorwärts strebte und bereits die Hände des
Kollegen und der neuen Professorin in seinen beiden Händen festhielt »Kommen
Sie in das Haus Sie liebe Gäste« rief er und ging während Felix seine Frau
der Professorin zuführte mit großen Schritten voran Darüber vergaß er seinen
Kinderwagen den Ilse über die Schwelle hob und in den Hausflur rollte Dort
nahm sie das verlassene Kind aus den Betten die beiden Frauen traten jede ein
kleines Werk der Weltweisheit auf dem Arme in das Zimmer und sagten dabei
einander die ersten freundlichen Worte während das Kleine auf Ilses Arm seine
Windmühle schwenkte und das jüngste gelehrte Kind auf dem Arme der Mutter zu
schreien begann Unterdes fuhr Kollege Raschke abräumend in der Stube umher
entfernte Bücher und Papiere vom Sopha rückte ein ausgebleichtes Sophakissen
durch kräftigen Schlag in seine Form dass der Staub herausfuhr und bat eifrig
»Nehmen Sie Platz Aber wie Sie bemühen sich selbst mit diesem Pupus Ists der
Säugling so kann ichs Ihrem schönen Kleide nicht empfehlen Doch es ist das
andere das gibt bessere Garantien« verbesserte er sich selbst Unterdes
befestigte sich die Gesellschaft auf den Sitzen Ilse spielte mit dem Kinde auf
ihrem Schoße während Frau Raschke auf einen Augenblick verschwand und ohne den
schreienden Säugling zurückkam Sie saß schüchtern da aber sie tat mit leiser
Stimme wohltuende Fragen Nur unterbrach der lebhafte Philosoph immer wieder
die Unterhaltung der Frauen indem er dem Professor die Hand streichelte und der
neuen Frau Kollega zunickte »So wars recht ich freue mich dass Sie sich in
blühender Jugend an unser Treiben gewöhnen denn unsere Frauen haben es nicht
leicht das äußere Leben ist enge das innere anspruchsvoll Wir sind oft
langweilige Gesellen schwer zu behandeln missmütig mürrisch und widerwärtig«
Und dabei schüttelte er missbilligend den Kopf über das gelehrte Wesen und aus
seinem Angesicht lachte ein inniges Behagen
Der Aufbruch des Besuches wurde durch den Pupus beschleunigt der in der
Nebenstube recht jämmerlich zu schreien begann »Sie wollen schon fort« klagte
der Philosoph gegen Ilse »dieser Besuch kann nicht gerechnet werden Sie
gefallen mir sehr Sie haben ein klares Auge und ich merke Sie haben ein
freundliches Gemüt und das ist alles Im Kopfe einen guten Spiegel der die
Bilder der Welt voll und rein zurückstrahlt und im Herzen eine dauerhafte
Flamme welche Andern von ihrer Wärme abgibt Wer das hat dem kanns nicht
fehlen selbst wenn ihm das Schicksal auferlegt Frau eines Stubengelehrten zu
sein wie Sie sind und diese arme Mutter von fünf Schreihälsen« Und wieder
strich er beflissen umher holte einen alten Hut aus dem Winkel und hielt ihn
der Frau Kollega hin Ilse lachte »Ja so« rief er »es ist ein Herrenhut er
gehört dem Gatten« »Auch ich bin versehen« entschuldigte sich der Professor
»Dann also ist es mein eigener« entschied Raschke setzte den Hut entschlossen
auf und schritt zur Tür hinaus die Gäste an den Wagen zu begleiten
Ilse saß im Wagen eine Weile stumm vor Erstaunen »Jetzt habe ich Mut
Felix die Professoren sind noch weniger schreckhaft als die Studenten«
»Nicht alle antworten so auf die erste Begrüßung« erwiderte der Professor
»Der jetzt kommt ist mein nächster Kollege Struvelius er lehrt wie ich
Griechisch und Latein gehört nicht zu meinen nähern Bekannten ist aber ein
tüchtiger Gelehrter«
Diesmal war es ein Haus der Stadt die Einrichtung des Quartiers ein wenig
ältlicher als in Ilses neuer Wohnung Diese Frau Professorin trug ein
schwarzseidenes Kleid und saß vor einem Schreibtisch der mit Büchern und
Papieren bedeckt war Zarte Dame in mittleren Jahren mit einem kleinen aber
gescheidten Gesicht und einer seltenen Frisur Denn ihr kurzes Haar war hinter
die Ohren in eine große eingerollte Locke gekämmt was ihr eine gewisse
Ähnlichkeit mit Sappho oder Korinna gab soweit nämlich ein Vergleich mit dem
keineswegs hinreichend ermittelten Haarwuchs der beiden antiken Damen gestattet
ist Frau Professor Struvelius erhob sich langsam und begrüßte die Eintretenden
mit steifer Haltung Sie sprach gegen Ilse ihre Freude aus und wandte sich dann
sogleich an den Professor »Ich habe heut das Werk des Kollegen Raschke
angefangen und bewundere den Tiefsinn des Mannes«
»Alles was er schreibt ist erfreulich« versetzte der Professor »weil bei
Allem ein ganzer und reiner Mensch sichtbar wird«
»Den Vordersatz und Nachsatz gebe ich für diesen Kollegen zu gegen die
Verallgemeinerung des Satzes möchte ich bemerken dass manches Epoche machende
Werk keine hohe Berechtigung haben würde wenn ein ganzer Mann dazu gehört um
ein gutes Buch zu schreiben«
Ilse sah scheu auf die gelehrte Frau welche ihrem Manne zu widersprechen
wagte
»Doch wir wollen uns vereinigen« fuhr die Professorin so geläufig fort als
ob sie ihre Worte aus einem Buche abläse »Nicht jedes tüchtige Werk fordert
dass sein Verfasser ein Mann von Charakter sei aber wer wirklich diese edle
Qualität hat wird schwerlich etwas schaffen was in seiner Wissenschaft
ungünstig wirkt Und allerdings wurzeln die Schwächen eines gelehrten Werkes
häufiger als man wohl annimmt in einer Charakterschwäche dessen der das Werk
schrieb«
Der Professor neigte beistimmend das Haupt
»Denn« fuhr sie fort »die Stellung welche ein Gelehrter zu den großen
Zeitfragen seiner Wissenschaft einnimmt ja selbst die Vorzüge und Mängel seiner
Methode sind doch in der Regel aus dem Charakter zu erklären Sie haben immer
auf dem Lande gelebt« wandte sie sich zu Ilse »es wäre mir belehrend zu
erfahren welche Eindrücke Ihnen das nahe Aneinandersein der Menschen in der
Stadt gemacht hat«
»Ich habe bis jetzt nur mit sehr Wenigen verkehrt« entgegnete Ilse
ängstlich
»Natürlich« fuhr Frau Professor Struvelius fort »Ich meine aber Sie
werden mit Überraschung bemerken dass die größere Nähe nicht immer ein inneres
Zusammenleben fördert Doch Struvelius muss erfahren dass Sie hier sind« Sie
stand auf öffnete das Nebenzimmer und rief lotrecht an der Tür stehend
hinein »Herr und Frau Professor Werner« Aus der Nebenstube wurde leises
Brummen gehört und eilfertiges Rauschen großer Blätter Die Professorin schloss
die Tür und fuhr fort »Denn zuletzt leben wir doch durch Viele und in Wenigen
In der Stadt wählt man aus einer Fülle von Persönlichkeiten mit einer gewissen
Willkür Man könnte reicher sein als man gerade ist Auch dieses Gefühl verleiht
eine Zuversicht Und solche Zuversicht gibt allerdings die Stadt leichter als
das Land«
Die Seitentür öffnete sich Professor Struvelius trat ein mit zerstreutem
Blick scharfer Nase schmalen Lippen leider auch mit ungewöhnlichem
Hauptschmuck Denn sein Haar stand so struwelig über den Schläfen dass die
Annahme wohl berechtigt war diese Kopftracht sei alter Familienbesitz eine
Erbperrücke welche in früheren naseweisen Jahrhunderten seinem Geschlecht den
Namen zugezogen hatte Er verbeugte sich ein wenig schob einen Stuhl heran und
setzte sich stumm nieder wahrscheinlich arbeitete er in Gedanken an seinem
griechischen Schriftsteller rührig fort Ilse litt unter der Überzeugung dass
ihm der Besuch eine ungelegene Störung sei und dass seine Frau sich unendlich
tief herablasse wenn sie ihr eine Anrede gönnte »Sind Sie musikalisch«
examinirte Frau Struvelius
»Ich darf kaum sagen ja« erwiderte Ilse
»Das freut mich« rief die Wirtin rückte sich ihr gegenüber und musterte
sie mit scharfem Blick »Wie ich Sie mir denke dürfen Sie nicht musikalisch
sein Diese Kunst macht uns weich und zieht nur zu häufig gebrochene
Existenzen«
Felix bemühte sich noch ohne sonderlichen Erfolg den Professor zur
Teilnahme an der Unterhaltung heranzuziehen bald erhoben sich die Besuchenden
Beim Abschiede streckte Frau Professor Struvelius die untere Hälfte des Armes
rechtwinklig nach Ilse aus und sagte mit feierlichem Händedruck »Werden Sie
heimisch bei uns« Und die Anrede ihres Gatten »Ich habe die Ehre mich zu
empfehlen« wurde durch die zuklappende Tür entzweigeschnitten
»Was sagst du jetzt« frug der Professor im Wagen
»Ach Felix ich bin recht klein geworden mein Mut ist dahin ich möchte
am liebsten nach Hause fahren«
»Sei ruhig« tröstete der Gatte »du fährst heut auf dem Jahrmarkt umher und
siehst über viele aufgeschlagene Tische Was dir nicht gefällt brauchst du
nicht zu kaufen Der nächste Besuch gilt unserm Historiker einem würdigen Mann
der zu den guten Geistern unserer Universität gehört Auch seine Tochter ist
eine liebenswürdige junge Dame«
Ein Diener öffnete den Vorsaal und führte in das Empfangzimmer An der Wand
hingen einige gute Landschaften ein Flügel ein zierlicher Blumentisch die
seltenen Pflanzen wohlgeordnet und gepflegt Die Tochter trat eilig herein eine
feine Gestalt mit zwei schönen dunklen Augen ihr folgte ein stattlicher Herr
von vornehmer Haltung der fast aussah wie ein hoher Beamter nur seine lebhafte
Weise zu sprechen ließ den Gelehrten erkennen Mit wohltuender Herzlichkeit
wurde Ilse aufgenommen Der alte Herr setzte sich neben sie begann eine
zwanglose Unterhaltung und Ilse fühlte sich bald behaglich wie bei guten
Bekannten Sie wurde auch an ihre Heimat erinnert denn der Gelehrte frug »Ist
von dem alten Kloster in Rossau noch etwas erhalten« Felix sah neugierig auf
und Ilse antwortete »Nur die Mauer auch das Innere ist umgebaut«
»Es war eine der ältesten geistlichen Stiftungen Ihrer Gegend hat viele
Jahrhunderte bestanden und sicher auf eine weite Umgegend Einfluss geübt Da ist
auffallend dass die Urkunden des Klosters fast ganz fehlen und die übrigen
Nachrichten soviel mir bekannt sehr dürftig sind Man muss vermuten dass dort
noch Manches in Verborgenheit liegt« Ilse sah wie sich das Angesicht ihres
Gatten verklärte aber er versetzte ruhig »Am Orte selbst waren meine Fragen
vergeblich«
»Das ist wohl möglich« gab der Historiker zu »vielleicht sind die
Documente nach Ihrer Residenz gebracht und liegen dort noch irgendwo unbenutzt«
So rollte ein Besuch nach dem andern ab Da war der Rector Mediciner ein
behaglicher Weltmann in glänzender Einrichtung seine Gattin eine runde
bewegliche Frau mit zwei herausfordernden Augen dann der große teologische
Konsistorialrat ein langer hagerer Herr mit süsslichem Lächeln auch bei seiner
Gattin Alles in übergrossen Verhältnissen Nase Mund und Freundlichkeit Der
letzte war der Mineraloge ein junger gewandter Mann mit einer sehr niedlichen
Frau auch erst seit wenigen Monaten verheiratet Während die jungen Frauen auf
dem Sopha schnell gute Bekanntschaft machten wurde Ilse zum zweiten Mal durch
eine Frage des Professors überrascht »Ihre Heimat ist für mein Fach nicht ohne
Interesse ist nicht eine Höhle in der Nähe« Ilse errötete und sah wieder nach
ihrem Felix »Sie gehört zum Gute meines Vaters«
»Ei dann habe ich jetzt gerade mit einem Funde zu tun der auf Ihrem Gute
gemacht ist« rief der Mineraloge Er holte einen Stein von auffallendem
strahligem Gefüge herbei »Dies ist ein sehr seltenes Mineral das in der Nähe
der Höhle entdeckt wurde ein Apotheker der Gegend hat es mir eingeschickt« Er
nannte ihr den Namen des Minerals sprach über das Gestein der Höhle und des
Felsens auf welchem das väterliche Haus stand gerade als wäre er selbst dort
gewesen und ließ sich von Ilse die Linien der Berge und die Steinbrüche der
Nähe beschreiben Er hörte achtungsvoll ihre sichern Antworten und fand die
Bodenbildung des Gutes sehr merkwürdig
Erfreut rief Ilse »Wir meinten man kümmere sich in der Welt gar nicht um
uns aber ich sehe die Herren Gelehrten wissen Einiges mehr von unserer Gegend
als wir selbst«
»Wir verstehen wenigstens Wertvolleres dort zu finden als Gesteintrümmer«
erwiderte der Professor artig
Nach der Heimfahrt trat Ilse in das Zimmer des Gatten der bereits an seiner
Arbeit saß »Dulde mich heute bei dir Felix mir summt der Kopf von all den
Menschen welche eingezogen sind Das war für mich viel Neues an einem Tage und
viele Freundlichkeit von so gelehrten und vornehmen Geistern Am gefährlichsten
wars bei der belesenen Frau Felix es ist wohl unrecht dass ich so etwas sage
und sie ist ja um sehr vieles feiner und gescheidter aber wenn ich dir eine
Ähnlichkeit nennen soll mit einer guten alten Bekannten «
»Rollmaus« bestätigte der Professor »Die hier aber ist in der Tat sehr
gescheidt«
»Gebe der Himmel« bat Ilse »dass sich ihr Herz ebenso treu erweist aber
vor ihrer Gelehrsamkeit fühle ich einen Schauder Sonst gefallen mir die Frauen
gut aber die Männer noch viel besser Etwas Großes haben sie fast alle sie
sprechen wunderschön sie sind ungezwungen und sehen recht innerlich froh und
seelenvergnügt aus Natürlich sie schweben über der Erde wie deine alten
Götter da können sie wohl lustig sein Ach und dabei das geflickte Hausröckel
welches der liebe Herr Professor Raschke anhatte Dem wird Motte und Rost das
Seine auch nicht fressen Und wenn ich mir denke dass diese vielen klugen Leute
mich aufmerksam und gut behandeln nur meines Hausherrn wegen so weiß ich
nicht wie ich dir danken soll Jetzt also bin ich unter die neuen Menschen
aufgenommen und ich darf bitten mein Eingang sei gesegnet«
Der Gatte reichte ihr die Hand und zog sie an sich Sie fasste sein Haupt mit
ihren Händen und neigte sich darüber
»Was ist es worüber du jetzt arbeitest« frug sie endlich leise
»Nichts Großes nur eine Abhandlung wie ich sie alljährlich für die
Universität zu machen habe« Er sprach ihr Einiges von dem Inhalt der Arbeit
»Und wenn sie fertig ist was dann«
»Dann ist für neue Aufgaben gesorgt«
»Und das geht immer so fort vom Morgen bis in den Abend alle Jahre bis
die Augen versagen und die Kraft zerbricht« klagte Ilse »Lass mich heut um
etwas Ernstes bitten Zeige mir die Bücher Felix die du geschrieben hast aber
Alles«
»Was ich etwa noch besitze« sagte der Professor und holte hier und da aus
den Winkeln Bücher und Abhandlungen zusammen Ilse schlug eine Schrift nach der
andern auf und es ergab sich dass sie einige von den lateinischen Titeln
bereits auswendig wusste Der Professor wurde darüber eifrig und ihm fielen
immer noch kleine Arbeiten ein die er vergessen hatte Ilse aber legte Alles
vor sich in einem Häufchen zusammen und begann feierlich »Jetzt kommt für mich
eine große Stunde Denn ich will jetzt von dir erfahren was in jeder Schrift
steht soweit du deinem Weibe das deutlich machen kannst Als ich dir schon im
Geheimen gut war da fanden die Kinder deinen Namen im Lexikon wir mühten uns
die fremden Namen deiner Bücher zu lesen und die Oberamtmann hatte in ihrer
Weise Mutmaßungen über den Inhalt Da fühlte ich einen Schmerz dass ich gar
nichts von dem verstand was du für die Menschheit gearbeitet hast Seiter habe
ich immer auf den Tag gehofft wo ich dich nach dem fragen könnte was du besser
gewusst hast als die Andern und worauf ich stolz sein darf da ich dir angehöre
Und heut ist die Stunde Denn du hast mich heut deinen Freunden als deine Frau
vorgestellt Und ich will dein Weib auch da sein wo dein Schatz ist und dein
Herz soweit ich vermag«
»Liebe Ilse« rief der Professor hingerissen von ihrer ehrbaren Würde
»Aber vergiss nicht« fuhr Ilse mit wichtiger Miene fort »dass ich sehr wenig
verstehe und verliere nicht die Geduld Ich habe mir ausgedacht wie ich es
haben will Schreibe du mir die Titel wie sie in fremder Sprache und wie sie
deutsch lauten in ein Büchel das ich mir dazu gekauft habe deine früheste
Arbeit zuerst und die jüngste zuletzt Und dahinter ob dir die Arbeit sehr lieb
ist oder weniger und welche Wichtigkeit sie für die Menschen hat Darunter will
ich mir bei jeder Schrift aufzeichnen was ich von deiner Erklärung verstehe
damit ich Alles in gutem Gedächtnis behalte«
Sie trug ein leeres Heft herzu der Professor suchte wieder noch einzelne
Abhandlungen hervor ordnete sie nach Jahren und schrieb jeden Titel auf eine
besondere Seite des Heftes Dann erklärte er seiner Frau in ihrer Sprache ein
wenig was jeder Schrift Inhalt war und half die kleinen Bemerkungen in das
Notizbuch schreiben »Was deutsch ist suche ich selbst zu lesen« sagte Ilse
So saßen Beide ernstaft über die Bücher geneigt und dem Professor pochte
das Herz vor Freude über den festen Bedacht mit welchem sein Weib das
Verständnis seiner Tätigkeit suchte Denn es ist das Loos des Gelehrten dass
Wenige mit herzlichem Anteil Mühe Kampf und Verdienst seines Schaffens
betrachten Der Welt gilt er für einen harten Baugehilfen Was er mit
ausdauernder Kraft gebildet das wird sofort als Baustein verwandt zu dem
unermesslichen Hause der Wissenschaft an welchem das Geschlecht der Erde seit
Jahrtausenden arbeitet Hundert Andere stellen sich darauf um die eigene Arbeit
zu fördern tausend neue Werkstücke werden darüber gewälzt nicht Viele sind
welche danach fragen wer den einzelnen Pfeiler gemeisselt noch seltener drückt
dem Arbeiter ein Fremder darum die Hand Dem leichten Werke des Dichters winkt
noch lange grüßend zu wer einmal davor heiteres Lächeln gefunden hat oder
gehobene Stimmung Der Gelehrte wird nur selten und fast zufällig durch einzelne
Werke ein werter Freund und Vertrauter seiner Leser Er stellt nicht der
Phantasie lockende Bilder er schmeichelt nicht zuvorkommend dem
sehnsuchtsvollen Gemüt er fordert strengen Ernst und nüchterne Sammlung vom
Leser und dieselbe Strenge und Nüchternheit wird ihm selbst zu Teil bei jedem
Urteil über seine Leistung Auch wo er Ehrfurcht einflößt bleibt er ein
Fremder
Und doch ist er kein Steinmetz der unförmliche Masse nach verständigen
Massen zurechtschlägt auch er schafft mit inneren Kämpfen mit seinem besten
Herzblut zuweilen unter schwerem Leid oft mit beglückender Freudigkeit Auch
ihm erblüht was er seiner Zeit darbringt aus den tiefsten Wurzeln seines
Lebens Deshalb ist dem Gelehrten die Seele welche das Wackere seiner Arbeit
herzlich empfindet und nicht nur nach dem letzten Gewinn der Wissenschaft
frägt sondern nach dem innern Kampf des Schaffenden ein kostbarer Fund ein
seltenes Glück Jetzt sah Felix mit Rührung wie sein Weib nach dieser
Stellung rang und dem kräftigen Manne wurde das Herz weich während er ihr den
Namen eines römischen Dichters nannte den er zu einem fast unbekannten Gedicht
ermittelt und während er ihr von römischen Tribus und von den Geschäften des
Senates erzählte
Als ein Jedes verzeichnet war faltete Ilse die Hände über den Büchern und
rief »Hier halte ich Alles Der Raum den es einnimmt ist so klein und doch
waren dafür viele arbeitvolle Tage nötig und manche Nacht der größte Teil
deines edlen Lebens Dies hat dir oft heiße Wangen gemacht wie du heute wieder
hast Dafür hast du gelernt dass dir dein armer Kopf brannte und dafür hast du
immer in der Stube und zwischen den engen Mauern gesessen Ich habe die Bücher
sonst auch gleichgültig angesehen jetzt erkenne ich erst was ein Buch ist
eine stille unendliche Arbeit«
»Nicht von jedem ist das zu rühmen« versetzte der Professor »aber die
besseren sind dafür auch mehr als eine Arbeit« Er sah liebevoll auf die Wände
an denen hohe Bücherschränke bis zur Decke reichten so dass die Stube aussah wie
mit Bücherrücken tapeziert
»Mir wird angst vor der Menge« sagte Ilse und half ihm seine eignen Werke
in eine dunkle Ecke tragen welche ihnen jetzt als Standquartier eingeräumt
wurde »Sie sehen so gleichgültig aus und doch mögen viele in Leidenschaft
geschrieben sein und auch die Leser aufgestört haben«
»Ja« sagte der Gatte »sie sind die großen Schätzehüter des
Menschengeschlechts Das Beste was je gedacht und erfunden wurde bewahren sie
aus einem Jahrhundert in das andere sie verkünden was nur einst auf Erden
lebendig war Hier steht was wohl tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung
geschaffen wurde und dicht daneben was erst vor wenig Wochen in die Welt
wanderte«
»Von den Röckchen die sie tragen seht fast eins aus wie das andere« sagte
Ilse »ich würde mich schwer darin zurechtfinden«
Der Professor erklärte ihr die Anordnung führte sie von einem Schrank zum
andern und wies ihr einzelne die ihm besonders lieb waren
»Und du brauchst sie alle«
»Gelegentlich wohl noch viele andere Die hier stehen sind doch nur ein
unendlich kleiner Teil der Bücher welche je gedruckt wurden Denn seit sie
erfunden sind liegt in ihnen fast Alles was wir wissen und Bildung nennen
Aber das ist es nicht allein« fuhr er geheimnisvoll fort »Wenige denken daran
dass ein Buch mehr ist als ein Werk des schaffenden Geistes das er von sich
absendet wie der Tischler einen bestellten Sessel Zwar an jedem Menschenwerk
bleibt etwas von der Seele des Menschen hängen der es gefertigt Das Buch aber
schließt zwischen seinen Deckeln in Wahrheit den Geist des Menschen ein Was ein
Mann für Andere bedeutet der beste Teil seines Lebens bleibt in dieser Form
für die nächsten Geschlechter vielleicht bis in die fernste Zukunft Sowohl
die welche ein gutes Buch schreiben als auch solche deren Leben und Tun im
Buche dargestellt wird sie beharren in der Tat lebendig unter uns Wir
verkehren mit ihnen als mit Freunden und Gegnern wir bewundern und bekämpfen
wir lieben und verabscheuen sie nicht weniger als wenn sie leibhaftig unter uns
weilten Der Menschengeist der zwischen solche Deckel eingeschlossen ist wird
dadurch auf Erden unvergänglich und deshalb dürfen wir sagen im Buche dauert
das geistige Leben des Einzelnen und nur der Geist welcher eingebucht wird
hat sichere Dauer auf Erden«
»Aber der Irrtum dauert auch« rief Ilse »und die Lügner und die unreinen
Geister wenn sie sich in ein Buch stecken«
»Auch sie sie werden durch andere Geister widerlegt Sehr verschieden
freilich ist Wert und Bedeutung dieser Unsterblichen Bei Wenigen bleibt das
Schöne und Große das sie gefunden für alle Zeiten Viele gelten späterer Zeit
nur weil wir erkennen wie in ihren Tagen das Wesen der Menschen beschaffen
war Andere endlich sind ganz nichtig und unnütz und solche schwinden schnell
dahin Aber alle Bücher die geschrieben wurden vom ältesten bis zum jüngsten
stehen in einem geheimnisvollen Zusammenhang Denn sieh Keiner der ein Buch
geschrieben ist durch sich selbst geworden was er uns ist jeder steht auf den
Schultern seiner Vorgänger Alles was vor ihm geschaffen wurde hat irgendwie
dazu geholfen ihm Leben und Geist zu bilden Und wieder was er geschaffen hat
irgendwie andre Menschen gebildet und aus seinem Geist ist in spätere
übergegangen So bildet der Inhalt aller Bücher ein großes Geisterreich auf
Erden von den vergangenen Seelen leben und nähren sich Alle welche jetzt
schaffen In diesem Sinne ist der Geist des Menschengeschlechts eine
unermessliche Einheit der jeder Einzelne angehört der einst lebte und schuf
und jetzt atmet und Neues wirkt Der Geist den die vergangenen Menschen als
ihren eigenen empfanden er ging und geht jeden Tag in Andere über Was heut
geschrieben ist wird morgen vielleicht die Habe von tausend Fremden wer längst
seinen Leib der Natur zurückgegeben hat lebt unaufhörlich in neuem irdischen
Dasein fort und wird täglich in Tausenden aufs Neue lebendig«
»Höre auf« rief Ilse ängstlich »mir schwindelt«
»Ich sage dir das heut weil auch ich mich als bescheidenen Arbeiter in
diesem irdischen Geisterreich fühle Diese Empfindung gibt mir eine Freude am
Leben die unzerstörbar ist und sie gibt mir beides Freiheit und Demut Denn
wer in solchem Sinne arbeitet der schafft ob seine Kraft sich groß ob klein
erweise nicht sich zur eigenen Ehre sondern für Alle Er lebt nicht für sich
sondern für Alle gleichwie Alle die gewesen sind für ihn fortleben«
So sprach er ernstaft von seinen Büchern umgeben und die scheidende Sonne
warf ihre Strahlen freundlich auf sein Haupt und auf die Behausungen seiner
Geister an der Wand Ilse aber sagte an seine Schulter gelehnt demütig »Ich
bin dein lehre mich bilde mich mache mich verstehen was du verstehst«
3
Unter den Gelehrten
Ilse steckte den Kopf in das Arbeitszimmer des Gatten
»Darf ich stören«
»Nur herein«
»Felix wie unterscheiden sich die Faune und Satyre Hier liest man die
Satyre haben Ziegenfüsse die Faune aber Menschenbeine nur hinten ein kleines
Schwänzchen«
»Wer sagt das« frug Felix entrüstet
»Es ist gedruckt« erwiderte Ilse »hier steht es bewiesen« Sie hielt dem
Gatten ein aufgeschlagenes Buch hin
»Es ist aber nicht wahr« versetzte der Professor und erklärte ihr das
Sachverhältniss »Bei den Griechen Satyre bei den Römern Faune der Herr mit dem
Bocksfuss aber hieß Pan Wie kommt der Bacchantenzug in deine Wirtschaft«
»Ihr sagtet gestern der Konsistorialrat hat ein Faungesicht Nun entstand
die Frage was ist ein Faungesicht und was ist ein Faun Laura erinnerte sich
aus der Schule sehr gut dass er ein altes römisches Fabelwesen war Und sie
brachte dies Buch worin die Geschöpfe abgebildet sind Was ist das für eine
ausgelassene Gesellschaft Warum haben sie spitze Ohren wie die Rehe und was
soll das heißen wenn man sich nicht einmal in solchen Dingen auf deine
unsterblichen Bücher verlassen kann«
»Komm her« sagte Felix »ich will dir schnell die ganze Sippschaft
vorstellen« Er holte ein Kupferwerk herzu und schlug ihr die Gestalten des
Bacchuskreises auf Eine Weile ging die Belehrung gut tvon Statten »Sie haben
alle sehr wenig Kleider« wandte Ilse bekümmert ein
»Der Kunst ist der Leib lieber als das Gewand« tröstete der Gatte
Aber Ilse wurde ängstlicher Endlich schlug sie errötend das Buch zu und
sagte »Ich muss fort Ich helfe heute in der Küche es wird eine neue Mehlspeise
gelehrt Dort ist meine hohe Schule Und das Mädchen ist noch ein Fuchs« Sie
eilte zur Tür hinaus »Sage deinen Satyren und Faunen dass ich eine bessere
Idee von ihnen gehabt habe sie sind sehr unanständig« rief sie den Kopf noch
einmal in das Zimmer steckend
»Das sind sie« antwortete Felix durch die Tür »und sie wollen auch nichts
Anderes sein«
Beim Essen als Felix die Mehlspeise nach Gebühr bewundert hatte legte Ilse
den Löffel weg und sagte ernstaft »Zeige mir nicht wieder solche Bilder ich
möchte deinen Heiden gut werden aber wie kann ich das wenn sie so sind«
»Sie sind nicht alle so arg« beruhigte der Gatte »Ist dirs recht so
machen wir heut Abend einigen von den alten Herrschaften unsern Besuch«
Mit diesem Tage begann für Ilse eine neue Zeit des Lernens Bald wurde den
Erläuterungen des Gatten eine feste Tagesstunde bestimmt für Ilse die
wertvollste Zeit des Tages Der Professor gab ihr zuerst eine kurze Schilderung
der großen Culturvölker des Altertums und des Mittelalters und schrieb ihr sehr
wenige Zahlen und Namen auf die sie auswendig lernte Er schilderte ihr wie
das ganze Leben der Menschen im letzten Grunde nichts sei als ein
uuaufhörliches Einnehmen Umschaffen und Ausgeben der Stoffe Bilder und
Eindrücke welche die umgebende Welt darbietet und wie die ganze geistige
Entwicklung der Menschheit nichts sei als ein ernstes und andächtiges Suchen
nach Wahrheit und wie die ganze politische Geschichte im letzten Grunde auch
nichts sei als ein allmähliches Bändigen des Egoismus welcher Menschen
Stämme Völker feindlich voneinander scheidet durch Steigerung der Bedürfnisse
durch Läuterung des Rechtsgefühls und durch die Zunahme der Liebe und Ehrfurcht
vor allem Lebendigen
Nach solcher Vorbereitung begann der Professor sogleich die Odyssee
vorzulesen kurze Erläuterung anfügend Noch nie hatte Poesie so groß und rein
auf die Seele der Frau gewirkt der heitere Märchenton des ersten Teils die
gewaltige Ausführung des zweiten nahmen ihr Herz ganzgefangen die Gestalten
erhielten ihr ein fast greifbares Leben sie wandelte litt und frohlockte mit
ihnen hinaufgehoben in eine neue Welt schöner Bildung und hoher Empfindungen
Als der Schluss herankam der Vielduldende seiner Gattin gegenübersass und die
Erkennungsscene Töne aus dem geheimsten Leben der jungen Frau anschlug da saß
auch Ilse die Wangen gerötet die tränenfeuchten Augen schamhaft
niedergeschlagen neben dem geliebten Manne und als er geendet schlang auch
sie die weißen Arme um den Geliebten und sank aufgelöst von Entzücken und
Rührung ihm an die Brust Ihrer Seele die nach langer Ruhe in einem großen
Gefühle erglüht war verklärte das unsterbliche Schöne dieser Dichtung alle
Stunden des Tages ja die Sprache und Haltung Gern versuchte sie sich selbst
mit Vorlesen und der Professor hörte mit inniger Freude wie die majestätischen
Verse klangvoll von ihren Lippen rollten und wie sie in Tonfall und Ausdruck
unbewusst seine Sprache nachahmte Wenn er früh in die Vorlesung ging und sie ihm
in seinen braunen Tüffelrock half da klangen ihm die herzerfreuenden Worte
nach »Purpurn ist und rau das Gewand des edlen Odysseus« wenn sie ihm in der
Lehrstunde gegenübersass und er einmal Pause machte dann brachen die
bewundernden Worte von ihren Lippen »So mit klugem Bedacht und verstandvoll
redest du Alles« Und wenn sie sich selbst loben wollte dann summte sie zuden
brodelnden Blasen des Teekessels »Selbst wohl hab ich im Herzen Verstand und
erkenne genugsam Gutes zugleich und Böses doch vormals war ich ein Kind noch«
Auch das Gut des lieben Vaters leuchtete ihr jetzt in dem goldenen Glanze der
Hellenensonne »Ich weiß nicht« sagte der Vater einmal des Abends zu Klara
»wie es möglich ist dass Ilse so schnell den Brauch unserer Wirtschaft
vergessen konnte Sie spricht in ihrem Briefe von der Zeit wo die Rinder wieder
in dem weitscholligen Blachfelde wandeln werden Sie meint jedenfalls die
Brache aber wir haben ja Stallfütterung«
Draußen heulte der Nordwind um die beiden Nachbarhäuser und legte Eispalmen
über die Fensterscheiben drinnen aber zog ein Tag nach dem andern lichtvoll und
buntfarbig und ein Abend herzerfreuender als der andere über die Häupter der
Glücklichen ob sie allein waren oder ob die Freunde des Gatten Führer des
Volkes zusammensassen und am gedeckten Teetisch die Hände nach dem einfach
bereiteten Mahle ausstreckten
Denn auch die Freunde des Gatten und kluges Wechselgespräch sind der
Hausfrau erfreulich Dann leuchtet die Lampe festlich in Ilses Stube die
Gardinen sind zugezogen der Tisch wohlgerüstet auch eine Flasche Wein ist
aufgesetzt wenn die Herren eintreten Manchmal beginnt das Gespräch mit
Kleinigkeiten die Freunde wollen auch der Professorin ihre Hochachtung
erweisen der Eine spricht ein wenig über Koncerte der Andere empfiehlt ein
neues Bild oder Buch Zuweilen aber treten sie schon aus der Arbeitstube in
eifriger Unterredung dann ist der Tritt fester und die Bäckchen sind etwas
gerötet dann dringt die Rede gleich auf das los was ihnen gerade aus ihrer
Wissenschaft auf der Seele liegt Nicht immer ist die Unterhaltung ganz
verständlich und wenn sie sich auf Einzelheiten heftet auch nicht in jedem
Moment sehr anziehend aber im Ganzen ist sie doch für die Hörerin Freude und
Erquickung Dann sitzt Ilse still da die Hände welche sich über der Arbeit
bewegten sinken ihr in den Schoss und andächtig hört sie zu Wer nicht
Professorfrau ist hat doch keine Vorstellung wie schön die Unterhaltung der
Gelehrten dahinfliesst Alle wissen gut zu reden Alle sind eifrig und haben
dabei ein gehaltenes Wesen das ihnen sehr wohlsteht Die Erörterung erhebt
sich ein Kampf gewichtiger Meinungen beginnt Diese kreuzen sich und fahren
durcheinander der Eine sagt zuerst schwarz der Andere weiß der erste beweist
dass er Recht hat der zweite widerlegt und engt den ersten ein Nun denkt die
Frau wie wird sich dieser herauswinden Aber keine Sorge es fehlt ihm nicht
mit einem Sprunge ist er über dem Andern dann kommt der Andere mit neuen
Gründen und treibt die Sache noch höher darauf reden die Übrigen auch hinein
sie werden feurig und ihre Stimmen ertönen lauter Und ob sie sich zuletzt
miteinander vergleichen oder ob jeder bei seiner Meinung bleibt was häufig
vorkommt immer ist eine Freude schwierige Fragen so von allen Seiten
beleuchtet zu sehen Wenn endlich der Eine etwas recht Großes sagt und auf den
Kern der Wahrheit kommt dann sind sie sämtlich in gehobener Stimmung dann
leuchtet es in dem heimlichen Raume wie von überirdischem Lichte und wer
spricht und wer hört fühlt sich frei sicher und leicht Ach aber der
gescheidteste von Allen und der dessen Meinung mit der größten Hochachtung
gehört wird das ist doch immer der Hausfrau lieber Mann
Freilich bemerkte Ilse auch dass nicht alle gelehrten Herren dasselbe gute
Wesen bewährten Mancher konnte Widerspruch nicht recht vertragen und es war ihm
in schwachen Augenblicken mehr um seine Geltung als um die Wahrheit zu tun
Wieder Einer wollte nur sprechen und nicht hören und beengte die Unterhaltung
indem er immer auf das zurückkam was die Andern überwunden hatten Ilse
entdeckte dass auch eine ungelehrte Frau aus dem Gespräche der weisen Männer
Einiges von ihrem Charakter erkennen konnte Und wenn sich die Gäste entfernt
hatten dann wagte sie wohl ein bescheidenes Urteil über Wissen und Wesen
Einzelner Und sie war stolz wenn Felix zugab dass ihr Urteil das Richtige
getroffen
Bei solcher Unterhaltung erfuhr die Frau des Gelehrten auch viele Sachen
ganz genau die jeder andern Frau schwierig bleiben Da war zB die römische
Plebs wenig bedeutet den meisten Frauen dieses Wort Die alte Plebs hat zu
ihrer Zeit nie Kaffegesellschaften gegeben nie auf dem Flügel gespielt nie
Reifröcke getragen und nie einen französischen Roman gelesen Sie ist eine im
Schutt des Altertums begrabene sehr ungemütliche Einrichtung Die Frau eines
Philologen aber weiß davon Was hörte nicht Ilse alles von Plebejern und
Patriciern ja sie nahm in ihrem Herzen Partei für die Plebejer sie verwarf
gänzlich die Ansicht dass sie nur aus kleinen Leuten und leichtfertigem Gesindel
zusammengeflossen seien und schätzte sie als tüchtige Landwirte trotzige
politische Männer die hartnäckig bis auf den Tod in einem großen Vereine gegen
ungerechte Patricier kämpften Und sie dachte dabei an ihren eigenen Vater und
hatte Tage wo sie ihre Bekannten darauf ansah ob sie auch zur Plebs gehören
würden wenn sie Römer wären
Auch ihr selbst waren die Herren freundlich und fast alle hatten eine
Eigenschaft die den Verkehr bequem machte sie erklärten gern Im Anfange
wollte Ilse ungern verraten dass sie von Vielem gar nichts wusste An einem
Abend aber setzte sie sich vor ihren Gatten und begann »Ich habe mir etwas
ausgedacht Bisher habe ich mich gescheut zu fragen nicht weil ich mich meiner
Unwissenheit schäme wo sollte ichs her haben nur um deinetwillen damit die
Leute nicht merken dass du eine einfältige Frau hast Aber wenn dirs recht ist
will ichs jetzt anders machen denn ich merke sie sprechen zumeist gern und
da werden sie wohl auch mir ein geflügeltes Wort gönnen«
»So ist es recht« sagte der Gatte »du wirst ihnen um so lieber werden je
mehr du ihnen Anteil zeigst«
»Wissen möchte ich Alles die ganze Welt um dir ähnlicher zu werden aber
es fehlt mir immer noch an Verständnis«
Die neue Politik bewährte sich vortrefflich Ilse erfuhr sogar dass es
zuweilen leichter war einen lieben Bekannten zum Reden als zum Aufhören zu
bringen Denn die Herren berichteten ihr gewissenhaft und in großen Zügen was
sie erfahren wollte aber sie vergaßen wohl einmal dass die Fähigkeit der Frau
das Neue aufzunehmen nicht so entwickelt war als ihnen die Kunst zu belehren
Ja sie schwebten wie Götter über der Erde Aber sie teilten auch darin das
Loos der ambrosischen Genossenschaft dass der heitere Friede welchen sie in die
Herzen der Sterblichen sandten unter ihnen selbst durchaus nicht immer waltete
und durch geworfene Erisäpfel leicht verscheucht wurde Es war Ilses Schicksal
dass sie unter heftiger Fehde der Unsterblichen im Olymp heimisch werden sollte
An einem finsteren Wintertage fuhr der Sturmwind übelgelaunt gegen die
Fenster und versteckte den Stadtwald hinter wirbelnden Schneewolken Da hörte
Ilse im Zimmer ihres Gatten die scharfen Laute des Professor Struvelius in
bedächtigem Fluss der Rede dazwischen langes und eingehendes Gespräch ihres
Felix Die Worte waren nicht zu unterscheiden der Tonfall aber war zwei Stimmen
schnellschwebender Vögel vergleichbar dem Wettgesange der Drossel und einer
Übles weissagenden Krähe Die Unterredung zog sich lange hin und Ilse wunderte
sich dass Struvelius so ausdauernden Gebrauch der Rede ertrug Als er sich
endlich entfernt hatte trat Felix zu ungewohnter Stunde in ihr Zimmer und ging
mit geheimen Gedanken beschäftigt einigemal schweigend auf und ab Zuletzt
brach er kurz heraus »Ich bin in die Lage gekommen dem Kollegen über unsere
Handschrift eine Mitteilung zu machen«
Ilse sah neugierig auf Seit ihrer Vermählung war von Tacitus noch nicht die
Rede gewesen »Du hattest doch die Absicht gegen Fremde nicht mehr davon zu
sprechen«
»Ich habe das Schweigen ungern gebrochen Mir blieb nichts übrig als gegen
meinen nächsten Kollegen offen zu sein Das Gebiet unserer Wissenschaft ist
umfangreich nicht häufig geschieht es dass Genossen derselben Universität jeder
für sich auf dieselbe Arbeit verfallen Ja aus naheliegenden Gründen vermeiden
sie einander darin eine gewisse Koncurrenz zu machen Fügt der Zufall nun doch
einmal solches Zusammentreffen so ist Mitgliedern derselben Anstalt jede zarte
Rücksicht geboten Heut nun sagte mir Struvelius er wisse dass ich mich ab und
zu mit Tacitus beschäftige und er bitte mich um einige Auskunft Er frug nach
den Handschriften die ich vor Jahren im Auslande eingesehen und verglichen und
nach der Durchzeichnung die ich von den Schriftzügen derselben für mich gemacht
habe«
»Du hast ihm mitgeteilt was du wusstest« frug Ilse
»Ich habe ihm gegeben was ich besaß das verstand sich von selbst«
erwiderte der Professor »Denn was er auch damit anfangen mag es wird nicht
ganz ohne Gewinn für die Wissenschaft sein«
»Er soll deine Arbeit benutzen um die seine möglich zu machen Jetzt wird
er vor der Welt in deinen Federn singen« klagte Ilse
»Ob er das Gegebene mit Anstand gebraucht ob er es missbraucht ist seine
Sache ich habe die Verpflichtung einem bewährten Amtsgenossen nur das
Ehrenhafte zuzutrauen Das war mir keinen Augenblick zweifelhaft wohl aber fiel
mir Anderes auf Er war nicht offen gegen mich Er gab an dass ihn die Kritik
einiger Stellen des Tacitus beschäftige aber er verbarg mir die Hauptsache das
empfand ich deutlich Da musste ich ihm geradeheraus sagen dass ich seit langer
Zeit für diesen Schriftsteller ein warmes Interesse herumtrage und dass ich seit
dem letzten Sommer an ihn gefesselt sei durch die wenn auch unsichere
Möglichkeit eines neuen Fundes Ich habe ihm die Nachricht gezeigt welche mich
zuerst in deine Nähe leitete Er ist Philolog wie ich und weiß jetzt welche
Bedeutung für mich dieser Autor gewonnen hat«
»Mein einziger Trost ist« sagte Ilse »dass der verständige Vater dem
Struvelius ein schweres Verhängnis bereiten wird wenn dieser auf unserm Gute
nach der Handschrift freien will«
Dem Professor war der Gedanke an den Trotz seines gewaltigen Schwiegervaters
heut tröstlich und er lächelte »Nach dieser Seite bin ich sicher Aber was will
der Andere mit Tacitus die Historiker lagen doch sonst nicht auf seinem Wege
Es ist kaum denkbar aber sollte das Unglaubliche geschehen sein ist die
geheimnisvolle Handschrift durch irgendeinen Zufall aufgefunden und in seinen
Händen Doch es ist Torheit darum zu sorgen« Er schritt heftig auf und ab
und rief endlich in starker Bewegung seiner Frau die Hand schüttelnd »Es ist
immer widerwärtig wenn man sich auf selbstsüchtigen Empfindungen ertappt«
Er ging wieder an seine Arbeit und als Ilse leise die Tür öffnete sah sie
seine Feder in gleichförmiger Bewegung Gegen Abend aber wo sie nach seiner
Lampe sah und die Ankunft des Doctors verkündigte saß er den Kopf auf die Hand
gestützt in finsterem Sinnen Sie strich ihm leise über das Haar und er merkte
es kaum
Der Doctor aber nahm die Sache nicht so innerlich er geriet in Ärger über
die Geheimnisskrämerei des Andern und über die Hochherzigkeit des Freundes und
es gab eine lebhafte Erörterung »Möchtest du diese Offenheit niemals bereuen«
rief der Doctor »der Mann wird aus deinem Silber seine Münzen schlagen Denke
an mich dir wird ein Possen gespielt«
»Zuletzt« so schloss der Professor bedachtsam »lohnt nicht sich darüber
aufzuregen Kam durch irgendeinen unwahrscheinlichen und unerhörten Zufall
wesentlich Neues in seinen Besitz so hat er ein Recht auf alles vorhandene
Material auf meine Sammlungen auf meine Unterstützung soweit ich sie zu geben
vermag Übt er seinen Scharfsinn nur an dem vorhandenen Text so ist unserer
kindlichen Hoffnung gegenüber Alles was er fördern mag unwesentlich«
In solcher Weise zog unscheinbar und harmlos ein akademisches Gewölk herauf
Vier Wochen waren vergangen der Professor war oft mit seinem Kollegen
zusammengetroffen Es konnte nicht auffallen dass Struvelius den Namen Tacitus
nicht über seine schweigsamen Lippen brachte der Professor aber blickte unruhig
auf den Pfad des Amtsgenossen denn er glaubte zu bemerken dass der Andere ihm
auswich An einem friedlichen Abend saß Felix Werner mit Ilse und dem Doctor am
Teetisch als Gabriel eintrat und eine kleine Broschüre in unscheinbarem
Zeitungspapier vor dem Professor niederlegte Der Professor riss die Hülle ab
warf einen Blick auf den Titel und reichte das Heft schweigend dem Doctor Der
lateinische Titel lautete in die Sprache dieses Buches übersetzt »Ein Fragment
des Tacitus als Spur einer verlorenen Handschrift mitgeteilt von Dr
Friedobald Struvelius Professor usw« Ohne ein Wort zu sagen standen die
Freunde auf und trugen die Abhandlung in das Arbeitszimmer des Professors Ilse
blieb erschrocken zurück sie hörte wie ihr Gatte den lateinischen Text vorlas
und erkannte dass er sich zwang durch langsames und festes Lesen seine
Aufregung zu überwältigen Was in dieser verhängnisvollen Schrift enthalten war
darf leider dem Leser nicht vorenthalten werden
Aeltere Zeitgenossen erinnern sich der Culturperiode in welcher der Tabak
aus Pfeifenköpfen geraucht wurde sie kennen die wohltätige Erfindung welche
mit einem noch durch keine Forschung hinreichend aufgehellten Worte Fidibus
benannt wird sie kennen auch die normale Länge und Breite eines solchen
Papierstreifens welchen unsere Väter aus verjährten Acten massenhaft
zusammenfalteten Ein solcher Streifen allerdings nicht von Papier sondern von
einem Pergamentblatt geschnitten war in die Hände des Herausgebers gefallen
Der Streifen hatte aber vorher schwere Schicksale erfahren Er war vor etwa
zweihundert Jahren von einem Buchbinder auf die Rückseite eines dicken Bandes
geklebt worden um die Dauer des Heftzwirns zu verstärken und er war für diesen
Zweck durch Leim übel zugerichtet Nach Entfernung des Leims erschienen die
Schriftzüge einer alten Mönchshand Das Wort Amen und einige heilige Namen
machten zweifellos dass das Geschriebene dazu gedient hatte christliche
Frömmigkeit zu fördern Unter dieser Mönchsschrift aber waren andere und größere
lateinische Buchstaben sichtbar sehr verblichen fast ganz geschwunden von
denen man einige mit mäßiger Anstrengung zu dem römischen Namen Piso
zusammendeuten konnte Da hatte nun Professor Struvelius durch Hartnäckigkeit
und durch Anwendung einiger chemischer Mittel möglich gemacht diese untere
Schrift zu lesen Sie war nach den Formen ihrer Buchstaben uralt Da der
Pergamentfidibus aber von einem ganzen Blatte abgeschnitten war enthielt er
natürlich nicht vollständige Sätze nur einzelne Wörter welche in die Seele des
Lesers fielen wie verlorene Noten einer fernen Musik die ein Wind ans Ohr
trägt es war daraus keine Melodie zu machen Gerade das hatte den Herausgeber
angezogen Er hatte die verschwundenen Buchstaben ermittelt die
durchschnittenen Worte ergänzt ja den gesammten fehlenden Teil des Blattes
gemutmasst Und er hatte durch bewundernswerte Anwendung der allergrössten
Gelehrsamkeit aus wenigen schattenhaften Flecken des Fidibus ziemlich die ganze
Seite einer Pergamentandschrift hergestellt wie sie etwa vor zwölfhundert
Jahren leibhaftig gewesen sein konnte Es war eine staunenswerte Arbeit
Daraus ergab sich Folgendes Noch am deutlichsten obgleich für gewöhnliche
Augen kaum lesbar war auf dem Pergamentstreif ein gewisser Pontifex Piso
gewesen in wortgetreuer Übersetzung Brückenmacher Erbs Dieser Erbs schien
den Pergamentstreif sehr zu beschäftigen denn der Name zeigte sich einigemal
Nun aber hatte der Herausgeber aus diesem Namen und aus den Ruinen zerstörter
Wörter bewiesen dass der Pergamentstreif letzter Überrest einer Handschrift des
Tacitus war und dass seine Worte einem uns verlorenen Abschnitt der Annalen
angehörten und er hatte endlich aus dem Charakter der schattenhaften Buchstaben
nachgewiesen dass der Pergamentstreif zu keiner der vorhandenen Handschriften
des Römers gehört habe sondern dass er durch Zerstörung einer ganz unbekannten
entstanden sei
Die Freunde saßen nachdem der Aufsatz vorgelesen war finster und sinnend
Endlich brach der Doctor aus »Wie unfreundlich dir dies zu verbergen und doch
deine Hilfe in Anspruch zu nehmen«
»Darauf kommt jetzt wenig an« erwiderte der Professor »die Arbeit selbst
kann ich nicht loben sie wendet auf unsichere Grundlage einen übergrossen
Scharfsinn und gegen Manches was er ergänzt und vermutet wird Einspruch zu
erheben sein Aber warum sprichst du nicht aus was uns beiden mehr am Herzen
liegt als das Ungeschick eines wunderlichen Mannes Wir sind einer Handschrift
des Tacitus auf der Spur und hier findet sich das Trümmerstück einer solchen
Handschrift welche nach dem dreissigjährigen Kriege von einem Buchbinder
zerschnitten ward Die Ausbeute welche dies kleine Fragment für unser Wissen
geben mag ist so unbedeutend dass der Gewinn den aufgewandten Fleiß gar nicht
lohnt gleichgültig für alle Welt nur nicht für uns Denn mein Freund wenn
wirklich eine Handschrift des Tacitus in solche Streifen zerschnitten wurde so
ist es mit großer Wahrscheinlichkeit dieselbe auf welche wir gehofft haben
Was weiter« schloss er bitter »wir werden ein Traumbild los das uns vielleicht
noch lange geäfft hätte«
»Wie kann dies Pergament von der Handschrift unseres Freundes Bachhuber
stammen« rief der Doctor »auf diesem hier ist der Text ja mit Gebeten
überschrieben«
»Wer steht uns dafür dass nicht auch die Mönche von Rossau wenigstens
einzelne verblichene Blätter mit ihrem geistlichen Hausbedarf übermalten
Dergleichen ist nicht gewöhnlich aber wohl denkbar«
»Vor allem musst du selbst das Pergamentblatt des Struvelius sehen«
entschied der Doctor »Genaue Betrachtung kann Manches aufhellen«
»Es ist mir nicht bequem deshalb mit ihm zu sprechen aber es soll morgen
geschehen«
Den Tag darauf trat der Professor ruhiger in das Zimmer des Kollegen
Struvelius »Sie mögen denken« begann er »dass ich mit besonderer Spannung Ihre
Abhandlung gelesen habe Nach dem was ich Ihnen von einem unbekannten Kodex des
Tacitus mitteilte wissen Sie dass unsere Aussicht diesen Kodex zu ermitteln
sehr verringert wird wenn der Pergamentstreif von Blättern des Tacitus
geschnitten ist welche noch vor zweihundert Jahren in Deutschland erhalten
waren«
»Wenn er geschnitten ist« erwiderte Struvelius scharf »Er ist davon
geschnitten Und was Sie mir über den Versteck von Rossau mitteilten war doch
unsicher und ich bin nicht der Meinung dass darauf Wert zu legen ist Wenn
dort in der Tat eine Handschrift des Tacitus vorhanden war so ist sie
allerdings zerschnitten und diese Frage erledigt«
»Wenn solche Handschrift vorhanden war« entgegnete Felix »Sie war
vorhanden Ich aber komme Sie zu bitten dass Sie mich das Pergamentblatt sehen
lassen Seit der Inhalt veröffentlicht ist wird das wohl keinem Bedenken
unterliegen«
Struvelius sah verlegen aus als er antwortete »Ich bedaure Ihren Wunsch
den ich übrigens ganz in der Ordnung finde nicht erfüllen zu können ich bin
nicht mehr im Besitz des Blattes«
»An wen habe ich mich deshalb zu wenden« frug der Professor befremdet
»Auch darüber bin ich vorläufig zum Schweigen verpflichtet«
»Das ist auffallend« brach Felix los »und verzeihen Sie mir das offene
Wort es ist schlimmer als unfreundlich Denn ob die Bedeutung dieses Fragments
groß oder gering ist es sollte nach dem Druck seines Inhaltes den Augen Anderer
nicht entzogen werden Ihnen selbst muss daran liegen dass Andere Ihre
Herstellung des Textes gründlich zu würdigen vermögen«
»Das gebe ich zu« erwiderte Struvelius »aber ich bin nicht im Stande
Ihnen die Einsicht dieses Blattes zu bewirken«
»Haben Sie daran gedacht« rief der Professor auflodernd »dass Sie durch
solche Weigerung Missdeutungen Fremder ausgesetzt werden Missdeutungen die
niemals mit Ihrem Namen in Verbindung gebracht werden sollten«
»Ich halte mich selbst für hinreichend befähigt Wächter meines guten Namens
zu sein und muss Sie bitten diese Sorge vollständig mir zu überlassen«
»Dann habe ich Ihnen nichts weiter zu sagen Herr Professor« erwiderte
Felix und ging nach der Tür
Im Gehen sah er noch dass sich die Mitteltür öffnete und die Frau
Professorin aufgeschreckt durch die lauten Worte der Sprechenden wie ein
Genius eintrat und die Hand flehend nach ihm ausstreckte Er aber schloss nach
flüchtiger Verbeugung die Tür und ging zornig nach Hause
Die Wolke war geballt der Himmel wurde finster Der Professor nahm jetzt
noch einmal die Abhandlung des unholden Kollegen zur Hand Und es war gerade
als wenn ein Luchs einen Hasen oder ein Zicklein zerrissen hat und sich des
Schmauses zu freuen bereit ist und der wilde Bergleu wirft sich die Mähne
schüttelnd gegen die Beute dass der andere entweicht die Schläge des Starken
im Nacken
Ilse rief heut den Gatten zweimal vergebens zu Tische als sie besorgt an
seinen Stuhl trat sah sie in ein verstörtes Antlitz »Ich kann nicht essen«
sagte er kurz »schicke hinüber ich lasse Fritz bitten sich sogleich her zu
bemühen«
Ilse sandte erschrocken in das Nachbarhaus setzte sich im Zimmer des
Professors nieder und folgte mit ihrem Blick dem auf und ab Schreitenden »Was
hat dich so erregt Felix« frug sie ängstlich
»Ich bitte dich liebes Weib iss heut ohne mich« rief er und setzte seine
Wanderung fort
Eilig trat der Doctor ein »Das Bruchstück ist nicht aus einer Handschrift
des Tacitus« rief der Professor dem Freunde entgegen
»Vivat Bachhuber« erwiderte dieser noch an der Tür und schwenkte den Hut
»Es ist kein Grund zur Freude« unterbrach ihn der Professor finster »das
Fragment soweit es überhaupt irgend wo her ist enthält eine Stelle des
Tacitus«
»Nun irgend wo her muss es doch sein« sagte der Doctor
»Nein« rief der Professor mit starker Stimme »das Ganze ist eine
Fälschung Die obere Hälfte des Textes scheinen wüst zusammengeschriebene Worte
auch sind die Versuche des Herausgebers diese in einen verständlichen
Zusammenhang zu bringen nicht glücklich Der untere Teil des sogenannten
Fragments ist aus einem Kirchenvater abgeschrieben welcher an einer bis jetzt
nicht beachteten Stelle einen Satz des Tacitus anführt Der Fälscher hat
einzelne Worte dieses Citats mit regelmässiger Auslassung der dazwischenliegenden
Wörter auf den Pergamentzettel untereinander geschrieben Das letzte ist
unzweifelhaft« Er führte den Doctor der jetzt fast so betroffen aussah wie er
selbst zu den Büchern und bewies ihm die Richtigkeit seiner Behauptung »Der
Fälscher hat aus diesem gedruckten Text des Kirchenvaters seine Weisheit geholt
denn er hat das Ungeschick gehabt einen Druckfehler des Setzers mit
abzuschreiben So sind wir mit dem Pergamentblatt fertig und mit einem deutschen
Gelehrten auch« Er zog das Tuch den Schweiß von seiner Stirn zu trocknen und
warf sich in einen Sessel
»Halt« rief der Doctor »hier handelt es sich um einen Gelehrten von Ruf
und Ehre Lass uns noch einmal kaltblütig untersuchen ob nicht ein zufälliges
Zusammenstimmen möglich ist«
»Suche« sagte der Professor »ich bin am Ende«
Der Doctor verglich lange und ängstlich den ergänzten Text des Struvelius
mit den gedruckten Worten des Kirchenvaters Endlich sagte er traurig »Was
Struvelius ergänzt hat trifft in Sinn und Wortlaut mit den Worten des
Kirchenvaters so merkwürdig überein dass man in Versuchung gerät die etwa
abweichenden Worte seiner Ergänzung für Schlauheiten zu halten durch welche
seine Bekanntschaft mit dem erhaltenen Citat versteckt werden sollte aber
unmöglich ist doch nicht dass Jemand durch Glück und Scharfsinn auf den
richtigen Zusammenhang kommen konnte wie er ihn gefunden hat«
»Ich zweifle keinen Augenblick dass Struvelius ehrlich und in gutem Glauben
seine Ergänzungen selbst gefunden« versetzte der Professor »Aber seine
Niederlage ist doch so widerwärtig als möglich Betrüger oder betrogen die
unselige Abhandlung ist nicht nur für ihn auch für unsere Universität eine
gräuliche Demütigung«
»Die Worte des Pergamentblattes selbst« fuhr der Doctor fort »sind
unzweifelhaft abgeschrieben und unzweifelhaft eine Fälschung Und dir liegt die
Pflicht ob das Sachverhältniss aufzudecken«
»Meinem Mann« frug Ilse aufstehend
»Dem der die Fälschung gefunden und wenn Struvelius der nächste Freund
wäre Felix müsste es tun«
»Sprich zuvor mit dem Andern« bat Ilse »handle nicht so an ihm wie er an
dir hat er geirrt lass es ihn selbst verbessern«
Der Professor dachte nach und nickte dem Freunde zu »Sie hat Recht« Er
eilte an den Tisch und schrieb dem Professor Struvelius seinen Wunsch ihn heut
noch in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen Gabriel empfing den Brief
und das Herz war dem Professor doch leichter geworden denn er war jetzt bereit
sich das Mittagessen gefallen zu lassen
Ilse ersuchte den Doctor bei ihrem Gatten zu bleiben und mühte sich am
Tisch die Herren ein wenig auf andere Gedanken zu bringen Sie zog einen Brief
der Rollmaus aus der Tasche worin diese bat ihr etwas Gelehrtes ganz nach Wahl
des Herrn Professors zum Lesen zu schicken Und Ilse sprach den Wunsch aus es
möchte durch solche Sendung eine schöne Kiste mit Rebhühnern und
Eingeschlachtetem gutgemacht werden welche die Frau Oberamtmann der städtischen
Wissenschaft gewidmet hatte Das half doch etwas die Mordgedanken der finsteren
Männer in den Hintergrund zu drängen Zuletzt brachte sie eine große runde Wurst
herbei welche die Rollmaus eigens dem Doctor bestimmt hatte und setzte sie als
Schaugericht auf den Tisch Wenn man die Wurst ansah wie sie so vergnügt dalag
in runder Fülle ohne innere Kämpfe mit blauem Band umwunden da war es
unmöglich zu verkennen dass auf dieser Erde trotz falschem Schein und leerer
Anmassung doch auch Gediegenes zu finden war Und als die Männer das gute dicke
Ding betrachteten erweichte sich ihr Herz zu einem leisen Lächeln und einer
mildern Auffassung menschlicher Schwäche
Aber da klingelte es und Struvelius erschien Der Professor rückte sich
heftig zusammen und ging mit starken Schritten in sein Zimmer der Doctor
entfernte sich heimlich und versprach in Kurzem wieder zu kommen
Zuverlässig empfand Struvelius beim ersten Blick auf den Kollegen dass die
letzte Unterredung ihre Schatten über diese neue Zusammenkunft zu werfen drohe
denn er sah betroffen aus und sein Haar stand chaotisch auf dem Haupte Der
Professor legte ihm die gedruckte Stelle des Kirchenvaters vor Augen und sagte
dazu nur die Worte »Diese Stelle ist Ihnen entgangen«
»In der Tat,« rief Struvelius und saß lange darübergebeugt »Ich kann mir
diese Bestätigung gefallen lassen« sprach er endlich von dem Folianten
aufsehend
Der Professor aber legte den Finger auf das Buch »In den Text des
Pergamentblattes welchen Sie ergänzt haben ist ein ungewöhnlicher Druckfehler
dieser Ausgabe aufgenommen ein Druckfehler welcher am Ende des Buches
verbessert wurde Die Worte des Pergamentblattes sind also zum Teil nach dieser
gedruckten Stelle zusammengesetzt und eine Fälschung«
Struvelius blieb stumm sitzen aber er war sehr erschrocken und sah
ängstlich in das zusammengezogene Gesicht des Kollegen
»Es wird jetzt zunächst Ihr Interesse sein dem Publicum darüber die
unvermeidliche Aufklärung zu geben«
»Eine Fälschung ist unmöglich« entgegnete Struvelius unbesonnen »ich
selbst habe das Pergamentblatt von dem alten Leim gereinigt der den Text
verdeckte«
»Und doch sagten Sie mir dass das Blatt nicht in Ihrem Besitz sei Sie
werden begreifen dass es mir keine Freude machen kann einem Amtsgenossen
gegenüber zu treten deshalb müssen Sie selbst unverzüglich das ganze
Sachverhältniss öffentlich darlegen Denn dass die Fälschung bekannt werden muss
ist selbstverständlich«
Struvelius dachte nach »Ich räume ein dass Sie in guter Meinung sprechen«
begann er endlich »aber ich habe die feste Überzeugung dass die Schrift des
Pergamentes echt ist und ich muss Ihnen überlassen zu tun was Sie für Pflicht
halten Wenn Sie Ihren Kollegen öffentlich angreifen so werde ich das zu
ertragen suchen«
Nach diesen Worten entfernte sich Struvelius widerspenstig aber in großer
Unruhe und die Angelegenheit wälzte sich auf der Bahn des Unheils weiter Ilse
sah mit Betrübnis wie heftig ihr Gatte unter der Störrigkeit seines Kollegen
litt die er als unreinliches Wesen verurteilte Jetzt schrieb der Professor in
die wissenschaftliche Zeitung für welche er arbeitete eine kurze Darstellung
des wirklichen Sachverhältnisses Er führte die verhängnisvolle Stelle des
Kirchenvaters an und sprach schonend sein Bedauern aus dass der scharfsinnige
Herausgeber irgendwie durch einen Betrüger hintergangen sei
Diese schlagende Beurteilung machte an der Universität ein ungeheures
Aufsehen Wie ein gestörter Bienenschwarm welcher hierhin und dorthin fliegt
summten die Kollegen durcheinander Struvelius hatte wenig warme Freunde aber
er hatte auch keine Gegner Zwar die ersten Tage nach jenem literarischen
Urteil galt er für einen aufzugebenden Mann aber er selbst hielt sich gar
nicht dafür sondern verfasste eine Entgegnung Darin betonte er nicht ohne
Selbstgefühl die schöne Bestätigung welche seine Ergänzungen durch die von ihm
allerdings übersehene Stelle des Kirchenvaters erhalten er behandelte das
Zusammentreffen des Druckfehlers mit dem Wortlaut seines Pergaments als einen
wunderlichen keineswegs aber unerhörten Zufall und versagte sich zuletzt nicht
einige scharfe Seitenblicke auf andere Gelehrte zu werfen welche gewisse
Autoren für ihre Domäne hielten und einen kleinen Fund missachteten während doch
kein unbefangenes Urteil auf einen größeren hoffen dürfe
Diese tactlose Anspielung auf den geheimen Kodex empörte den Professor in
tiefster Seele aber stolz verschmähte er jeden weitern Kampf vor der
Oeffentlichkeit Die Entgegnung des Struvelius war allerdings übel gelungen
indes hatte sie doch die Wirkung dass die Mitglieder der Universität welche
gegen Felix gestimmt waren den Mut gewannen auf Seite des Gegners zu treten
Die Sache sei immerhin zweifelhaft und es sei doch gegen die Bundespflicht des
Amtes seinen Kollegen öffentlich so groben Versehens zu bezichtigen Der
Angreifer hätte das auch einem Andern überlassen können Gegen diese Schwachen
kämpfte der bessere Teil der Amtsgenossen aus dem Lager unseres Professors
Einige der angesehensten unter ihnen alle von Ilses Teetisch beschlossen
dass die Angelegenheit nicht im Sande verlaufen dürfe In der Tat stand für
Struvelius der Streit ungünstig genug denn ihm wurde ernstlich vorgestellt dass
seine Ehre ihn verpflichte über das Pergament irgendeine Aufklärung zu geben
Er aber schwieg sich durch diese Verhaue hingeworfener Behauptungen durch so
wohl oder übel ihm möglich war
Auch die Abende in Ilses Zimmer erhielten durch dies Ereignis einen
kriegerischen Charakter immer wieder saßen die nächsten Freunde der Doctor
der Mineralog und nicht zuletzt Raschke wie Kriegstribunen in Beratung gegen
den Feind Raschke gestand an einem Abend dass er soeben bei dem verstockten
Gegner gewesen war und ihn flehentlich gebeten hatte wenigstens zu bewirken
dass irgend ein Dritter das unglückliche Pergament zur Ansicht erhalte Und
Struvelius war einigermaßen in Tauwärme gekommen und hatte bedauert dass er
Schweigen versprochen weil ihm noch andere Seltenheiten in Aussicht gestellt
seien Da hatte ihn Raschke beschworen auf solche unheimliche Schätze zu
verzichten und sich die Freiheit der Rede zurück zu kaufen Es war eine lebhafte
Erörterung gewesen denn Raschke fuhr sich mit der kleinen Teeserviette sie
hatte Fransen und war Ilses Freude über Nase und Augen und steckte sie dann
in seine Tasche Als Ilse ihm lachend seinen Raub zu Gemüt führte brachte er
nicht nur die Serviette hervor sondern mit ihr noch ein seidenes Taschentuch
von dem er behauptete dass es ebenfalls Ilsen gehören müsse obgleich es
offenbar Eigentum eines mit Schnupftabak umgehenden Herrn war Deshalb wurde
gegen ihn der Verdacht erhoben dass er das Tuch aus dem Zimmer des Struvelius
mitgebracht habe »Nicht unmöglich« sagte er »denn wir waren bewegt«
Das fremde Taschentuch lag auf einem Stuhle und wurde von den Anwesenden mit
kalten Blicken und feindlichen Empfindungen betrachtet
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Der Professorenball
In diese akademische Verstörung fiel der große Professorenball das einzige Fest
des Jahres welches sämtlichen Familien der Universität Gelegenheit gab in
fröhlicher Geselligkeit zusammenzutreffen Auch Studenten und andere Bekannte
wurden geladen der Ball war in der Stadt wohlangesehen und die Einladungen
begehrt
Ein akademischer Tanz ist etwas ganz Anderes als ein gewöhnlicher Ball Denn
außer allen guten Eigenschaften eines distinguirten Balles erweist er noch drei
Vorzüge deutscher Wissenschaft Fleiß Freiheit und Gleichgültigkeit Fleiß im
Tanzen auch bei den Herren Freiheit in anmutigem Verkehr zwischen Jung und
Alt und Gleichgültigkeit gegen Uniformen und lackirte Tanzstiefeln Zwar die
Jugend hat auch hier im Ganzen einen weltbürgerlichen Charakter denn dieselben
Tanzweisen Roben Sträusse und Verbeugungen grüssende Augen und gerötete
Bäckchen mag man bei tausend ähnlichen Festen von der Newa bis nach Kalifornien
erblicken Nur wer genauer zusah erkannte wohl an einem Mädchenkopf die
geistvollen Augen und beredten Lippen welche von dem gelehrten Vater auf sie
übergegangen waren und vielleicht in Locken und Bändern eine kleine akademische
Eigenheit Und der alte Satz welchen Tiefsinn vergangener Studenten gefunden
Professorentöchter sind entweder hübsch oder hässlich empfahl sich auch hier dem
betrachtenden Menschenfreund die landesübliche Mischung beider Eigenschaften
war selten Und unter den Tänzern waren neben einigen Offizieren und der Blüte
städtischer Jugend dem gewöhnlichen Ballgut hie und da junge
Gelehrtengesichter zu sehen hager und bleich umflossen von schlichtem Haar
welches mehr geeignet war sinnig auf die Bücher hinabzuhängen als im Tanz
durch den Saal zu schweifen Was aber diesem Fest seinen Wert gab war gar
nicht die Jugend sondern Herren und Frauen in gesetzten Jahren Unter den
älteren Herren mit grauem Haar und fröhlichem Antlitz welche in Gruppen
zusammenstanden oder behaglich zwischen den Damen umhertrieben viele bedeutende
Köpfe feine ausgearbeitete Züge ein frisches lebendiges unterhaltsames
Wesen Und unter den Frauen nicht wenige die sonst das ganze Jahr geräuschlos
zwischen dem Arbeitszimmer des Gatten und der Kinderstube einherschwebten und
die sich jetzt im ungewohnten Staatskleid dem Kerzenglanz ausgesetzt sahen
ebenso schüchtern und verschämt wie sie vor langer Zeit als Mädchen gewesen
waren
Diesmal aber war beim Beginn des Festes in einzelnen Gruppen doch eine
gewisse Spannung unverkennbar Der Teetisch Werners hatte angenommen dass
Struvelius nicht kommen werde Aber er war da Er stand still in sich gezogen
mit seinem gewöhnlichen zerstreuten Blick unweit des Eingangs und Ilse und ihr
Gatte mussten an ihm vorüber Als Ilse am Arm des Professors durch den Saal
schritt sah sie dass die Augen Vieler sich neugierig auf sie richteten und
hohe Röte stieg ihr in die Wangen Der Professor führte sie der Frau des
Kollegen Günter zu welche mit Ilse verabredet hatte dass sie am Abende
zusammenhalten wollten und Ilse war froh als sie auf einem der erhöhten Sitze
neben der munteren Frau Platz gefunden hatte und sie wagte im Anfange nur
schüchtern um sich zu blicken Aber der Schmuck des Saales die vielen
stattlichen Menschen welche suchend plaudernd grüßend den großen Raum
füllten dazwischen die ersten Klänge der Ouvertüre gaben ihr bald eine
gehobene Stimmung Sie getraute sich weiter umzuschauen und nach ihren Bekannten
zu spähen vor Allem nach dem lieben Manne Sie sah ihn unweit der einen
Saaltür stehen inmitten seiner Freunde und Genossen ragend an Haupt und
Gliedern Und sie sah unweit der andern Tür den Gegner Struvelius stehen mit
kleinem Gefolge fast nur von Studenten umgeben so standen die Männer zwiefach
geteilt den Groll in ihrem Busen ehrbar bändigend Aber zu Ilse kamen die
Bekannten des Gatten der Doctor kam und lachte sie aus weil sie vorher große
Sorge gehabt wie man in dem Gewirr fremder Menschen einander finden werde auch
der Mineraloge kam und erklärte seine Absicht sie um einen Tanz zu ersuchen
Doch Ilse machte ihm dagegen ernste Vorstellungen »Bitte tun Sie das nicht
ich bin in den neuen städtischen Tänzen nicht sicher und Sie möchten mit mir
nicht gut bestehen Da wollen wir einen Grundsatz daraus machen und ich werde
gar nicht tanzen Aber das ist auch nicht nötig denn mir ist sehr festlich zu
Mut und ich freue mich von Herzen über all die schmucken Leute« Bald traten
Fremde heran ließ sich ihr vorstellen und sie erlangte schnell größere
Gewandtheit Tänze abzuschlagen Darauf führte auch der Historiker seine Tochter
zu ihr der würdige Herr sprach längere Zeit mit Ilse und setzte sich endlich
sogar neben sie und Ilse fühlte freudig dass darin eine Auszeichnung lag
Endlich wagte sie sich selbst einige Schritte von ihrem Platz um Frau Professor
Raschke zu sich zu holen Und es dauerte nicht lange so bildete sie mit den
Bekannten eine hübsche kleine Gesellschaft die niedliche Frau Günter machte
allerliebste Scherze und erklärte ihr fremde Damen und Herren Auch die Frau
Rectorin kam herbei und sagte sie müsse sich zu ihnen setzen weil sie merke
dass es bei ihnen so lustig hergehe und die Magnificenz warf ihre Augen wie
Leuchtkugeln hin und her und zog einen Herrn nach dem andern zu der Gruppe und
wer der Magnificenz Hochachtung bewies der begrüßte auch die neue Frau
Kollegin Es wurde in ihrer Nähe ein Kommen und Gehen wie auf einem Jahrmarkt
und Ilse und die Magnificenz saßen da wie zwei Nachbarsterne von denen einer
den Glanz des andern vermehrt Alles war gut und schön Ilse war seelenvergnügt
und es fand in ihrer Nähe nur etwas mehr freundschaftliches Händeschütteln
statt als sich im Ganzen mit der Feierlichkeit eines Balles verträgt Und als
Felix auch einmal herzutrat und sie fragend ansah da drückte sie ihm leise die
Fingerspitze und lachte ihn so glücklich an dass er keiner weitern Antwort
bedurfte
Da in einer Pause als Ilse die Wände des Saales entlang sah erblickte sie
auf der entgegengesetzten Seite Frau Professor Struvelius Sie saß in auffallend
dunklem Kleide ihre eine sapphische Locke hing ernst und schwermütig von dem
feinen Haupt Die Gattin des Feindes sah bleich aus und blickte still vor sich
nieder In der Haltung der Frau war etwas was Ilsen das Herz bewegte und ihr
war als müsste sie hinübergehen Sie überlegte ob ihrem Felix das recht sein
werde und fürchtete sich auch vor einer kalten Abweisung Endlich aber fasste
sie ein Herz und schritt quer durch den Saal auf die gelehrte Frau zu
Sie wusste nicht was sie tat Sie selbst war viel mehr aufgefallen sie
wurde viel schärfer beobachtet und die Anwesenden beschäftigte der Zwist zweier
Häuptlinge viel angelegentlicher als sie ahnte Wie sie jetzt mit festem
Schritt auf die Andere zuging und schon einige Schritt vor ihr die Hand nach ihr
ausstreckte da entstand eine bemerkbare Stille im Saale und viele Augen
richteten sich auf die beiden Frauen Die Struvelius erhob sich geradlinig
stieg eine Stufe von ihrem Sitz hinab und sah so gefroren aus dass Ilse erschrak
und kaum eine alltägliche Frage nach ihrem Befinden über die Lippen brachte
»Ich danke Ihnen« antwortete die Struvelius »ich bin keine Freundin lauter
Geselligkeit wohl nur deshalb weil mir alle Eigenschaften dafür fehlen Denn
zuletzt ist dem Menschen nur da wohl wo er Gelegenheit hat irgendeine Anlage
tätig darzustellen«
»Mit meiner Anlage sieht es vollends schlecht aus« sagte Ilse schüchtern
»aber mir ist hier Alles neu und deshalb unterhalte ich mich sehr durch das
Zusehen und ich möchte meine Augen überall haben«
»Das ist bei Ihnen eine ganz andere Sache« versetzte die Struvelius mit
kalter Abfertigung
Zum Glück wurde die dürftige Unterhaltung im Beginn unterbrochen Denn die
Konsistorialrätin schoss neugierig wie eine Elster zu der Gruppe um
menschenfreundlich zu vermitteln oder in der auffallenden Szene mitzuwirken Sie
pickte in das Gespräch hinein und gleichgültige Reden wurden kurze Zeit
fortgesetzt Ilse kehrte erkältet auf ihren Platz zurück mit sich selbst ein
wenig unzufrieden Sie hatte keine Ursache dazu Die kleine Günter sagte ihr
leise »Das war recht und ich bin Ihnen jetzt noch einmal so gut« und
Professor Raschke kam zu ihr herangeschossen er erwähnte nichts aber nannte
sie einmal über das andere seine liebe Frau Kollega Er frug besorgt ob er ihr
nicht etwas Gutes wie Tee oder Limonade zutragen dürfe er nahm den
feingeschnjetzten Fächer den ihr Laura aufgenötigt hatte bewundernd aus ihrer
Hand und steckte ihn aus Vorsicht in die Brusttasche seines Fracks dabei kam er
auf eine lustige Geschichte wie er als Student sich in seiner kleinen Stube
selbst tanzen gelehrt hatte um seiner gegenwärtigen Frau zu gefallen und im
Feuer seiner Erzählung begann er vor Ilse die Methode darzustellen durch welche
er sich in der Stille die ersten Pas beigebracht Er bewegte sich gerade im
Schwunge und der Schwanenflaum des Fächers ragte wie eine große Feder aus
seinem Flügel hervor als ein neuer Tanz begann und der Professor durch die
wirbelnden Paare mit Lauras Fächer weggefegt wurde Es waren nur wenige
Schritte die Ilse durch den Saal getan hatte aber die kleine Äußerung eines
selbständigen Willens hatte ihr die gute Meinung der Universität gewonnen Denn
mancher Bemerkung welche wohl über ihr ländliches Wesen gemacht wurde klang
jetzt bei Männern und Frauen die Anerkennung entgegen sie hat Gemüt und
Charakter
Nach altem Brauch wurde der Ball in seiner Mitte durch ein
gemeinschaftliches Abendessen unterbrochen Würdige Professoren waren schon
einige Zeit vorher im Nebenzimmer spähend um gedeckte Tische gewandelt hatten
vorsorglich Zettel gelegt und mit wohlgekräuselten Kellnern eine Weinlieferung
verabredet Endlich lagerte sich die Gesellschaft nach Familien geordnet um
die Tafeln Als Ilse am Arm des Gatten nach ihrem Platze schritt frug sie
leise »Wars recht dass ich hinüberging« Und er erwiderte ernstaft »Es war
nicht unrecht« Damit musste sie sich vorläufig begnügen
Während der Tafel brachte Magnisiens den ersten Toast auf die akademische
Geselligkeit aus und die Herren vom Teetisch fanden dass seine leise
Anspielung auf ein freundliches Zusammenhalten der Kollegen in unzarter Weise an
die brennende Frage des Tages rühre Aber diese Wirkung ging sogleich in andern
Trinksprüchen unter und Ilse merkte dass die Tischreden hier anders betrieben
wurden als in der Familie Rollmaus denn ein Kollege nach dem andern schlug an
das Glas Wie zierlich und geistreich wussten sie leben zu lassen sie hielten
ihre Frackschösse und blickten kaltblütig in die Runde und gedachten in
herrlichen Worten der Gäste der Frauen und der übrigen Menschheit Als die
Pfropfen des Champagners knallten wurde die Beredtsamkeit übermächtig und es
schlugen sogar zwei Professoren zu gleicher Zeit an die Gläser Da erhob sich
noch einmal der Professor der Geschichte und Alles wurde still Er begrüßte die
neuen Mitglieder der Universität die Frauen und Männer und Ilse merkte dass
dieser Gruß auch auf sie selbst gehe und sah auf ihren Teller herab Aber sie
erschrak als er immer persönlicher wurde und zuletzt gar ihren Namen laut in
den Saal rief und den der Mineralogin welche auf der andern Seite ihres Felix
saß Die Gläser klangen ein Tusch wurde geblasen viele Kollegen und einige
Frauen erhoben sich und zogen mit ihren Gläsern heran es entstand hinter den
Stühlen eine kleine Völkerwanderung und Ilse und die Mineralogin mussten ohne
Aufhören anstossen danken und sich verneigen Als Ilse errötend aufstand um
mit den Grüssenden anzustossen streifte ihr Blick unwillkürlich die nächste
Tafel wo wieder die Struvelius gegenüber saß und sie sah wie diese nach dem
Glase zuckte aber schnell zurückfuhr und finster vor sich hinstarrte
Die Gesellschaft erhob sich und jetzt erst begann die rechte Festfreude
Denn auch die Professoren wurden regsam und gedachten ihrer alten Tüchtigkeit
Und der Saal erhielt ein verändertes Aussehen denn jetzt drehten sich auch
ehrwürdige Herren mit ihren eigenen Frauen im Kreise Ach es war für Ilse ein
herziger und rührender Anblick Mancher alte Frack und bequeme Wegstiefel
bewegte sich im Tacte Die Herren tanzten entschlossen mit allerlei Schleifung
des Fußes und kühner Bewegung der Kniee in dem Stil ihrer Jugendzeit und mit dem
Gefühl dass sie ihre Kunst auch noch verstanden Einige der Frauen hingen
schüchtern in den Armen der Tänzer manche auch etwas schwerfällig andern aber
sah man an wie gut sie das Regiment im Hause führten denn wenn die
Wissenschaft des Gemahls nicht ganz ausreichte wussten sie ihn durch ein
kräftiges Herumschwingen im Kreise fortzutreiben Und Magnificus tanzte mit
seiner runden Frau sehr zierlich und Raschke tanzte mit seiner Frau und sah
beim Anlauf der einige Zeit in Anspruch nahm triumphierend nach Ilse hinüber
Bei diesem Ball geschah was lange nicht vorgekommen war die Professoren wagten
auch eine SeniorenFrançaise Als aber Raschke dazu antrat entstand ein
besorgtes Kopfschütteln seiner Vertrauten Nicht ohne Grund denn er brachte
eine heillose Verwirrung in die Touren Er wollte seine Frau durchaus nicht mit
einer andern Dame vertauschen welche ihm gegenüberstand dann ergab sich dass
er keine feste Ansicht über seinen eigentlichen Platz gewinnen konnte und erst
am Ende als ein großer Stern gebildet wurde bei welchem die Herren an der
Außenseite als Strahlen herumkreisten da fand er sich an der Hand irgendeiner
Dame wieder zurecht und schwenkte lachend seine Beinchen gegen die Außenwelt
Lustiger wurde das Getümmel alle Nachbarinnen Ilsens waren durch den Taumel
ergriffen und tanzten Walzer Ilse stand unweit einer Säule und sah in das bunte
Treiben herab Da strich etwas hinter ihr herum ein seidenes Kleid rauschte
die Struvelius trat neben sie
Betroffen sah Ilse in die großen grauen Augen der Gegnerin welche langsam
begann »Ich halte Sie für edel und gemeiner Empfindung ganz unfähig«
Ilse verneigte sich ein wenig um ihren Dank für die unerwartete Erklärung
auszudrücken
»Ich gehe umher« fuhr die Struvelius in ihrer gemessenen Weise fort »wie
mit einem Fluche beladen Was ich in diesen Wochen gelitten habe ist
unaussprechlich heute in der lauten Freude komme ich mir vor wie eine
Ausgestossene« Das Tuch in ihrer Hand zitterte aber sie sprach eintönig fort
»Mein Mann ist unschuldig und in der Hauptsache von seinem Recht überzeugt Mir
als seiner Frau geziemt seine Auffassung und sein Schicksal zu teilen Aber
ich sehe auch ihn durch eine unselige Verwickelung innerlich verstört und ich
fühle mit Entsetzen dass ihm die gute Meinung seiner nächsten Bekannten verloren
sein mag wenn es nicht gelingt die Zweifel zu lösen welche sich um sein Haupt
sammeln Helfen Sie mir« rief sie in plötzlichem Ausbruch die Hände ringend
und zwei große Tränen rollten ihr über die Wangen
»Vermag ich das« frug Ilse
»Es ist ein Geheimnis bei der Sache« fuhr die Struvelius fort »mein Mann
hat die Unvorsichtigkeit gehabt unbedingtes Schweigen zu versprechen sein Wort
ist ihm heilig und er selbst ist wie ein Kind in Geschäften und weiß sich in
dieser Sache keinen Rat Ohne sein Wissen und Zutun muss versucht werden was
ihn rechtfertigt Ich bitte Sie mir dabei Ihren Beistand nicht zu versagen«
»Ich kann nichts tun was mein Mann missbilligen würde und ich habe bis
jetzt niemals ein Geheimnis vor ihm gehabt« versetzte Ilse ernst
»Ich will nichts was nicht vor dem strengsten Urteil bestehen könnte«
fuhr die Andere fort »Ihr Gemahl soll zuerst wissen was ich etwa ermitteln
kann gerade deshalb wende ich mich an Sie Ach nicht deshalb allein ich weiß
Niemanden dem ich vertrauen könnte Ihnen sage ich was ich nicht von
Struvelius erfahren habe er hat das unglückliche Pergamentblatt von Magister
Knips erhalten und an diesen wieder zurückgegeben«
»Das ist der kleine Magister auf unserer Straße« frug Ilse neugierig
»Derselbe Ich muss den Magister veranlassen dass er das Blatt wieder
herbeischaft oder mir sagt wo es zu finden ist Nicht hier ist der Ort dies
zu besprechen« rief sie als die Tanzmusik verstummte »Bei der Stellung
unserer Männer darf ich Sie nicht besuchen es würde mir zu schmerzlich sein
die veränderte Haltung Ihres Gemahls in einer Begegnung zu empfinden aber ich
wünsche Ihren Rat und bitte Sie eine Zusammenkunft am dritten Orte möglich zu
machen«
»Wenn Magister Knips im Spiel ist« erwiderte Ilse zögernd »so schlage ich
Ihnenvor sich zu Fräulein Laura Hummel meiner Hausgenossin zu bemühen wir
sind in ihrem Zimmer ungestört und sie weiß mehr von dem Magister und seiner
Familie als wir beide Aber Frau Professorin wir armen Frauen werden bei einem
fremden Manne schwerlich etwas durchsetzen«
»Ich bin entschlossen Alles zu wagen um meinen Gatten von dem unwürdigen
Verdacht zu befreien der sich gegen ihn zu erheben droht Beweisen Sie sich so
wie Sie mir erscheinen und ich will Ihnen auf Knieen danken« Sie rückte wieder
heftig mit der Hand und sah dabei sehr gleichgültig aus
»Wir treffen uns morgen« versetzte Ilse »darin wenigstens darf ich Ihrem
Vertrauen entsprechen« Und sie beredeten die Stunde
So trennten sich die Frauen Noch einmal sah die Struvelius hinter der Säule
hervor aus ihren großen Augen flehend nach Ilse dann umschloss beide der Schwarm
aufbrechender Ballgäste
Nach der Heimfahrt hörte Ilse im Traum noch lange die Tanzmusik und sah
fremde Männer und Frauen an ihr Lager kommen und sie lachte und wunderte sich
über die närrischen Leute die sich gerade eine Zeit aussuchten wo sie im Bette
lag ohne ihr schönes Kleid und den Fächer Aber in diese frohe Betrachtung fuhr
die heimliche Sorge dass sie ihrem Felix von all diesen Besuchen nichts sagen
dürfe Und da sie leise über solchen Zwang seufzte schwebte der Traum zurück
nach der elfenbeinenen Pforte aus welcher er herangezogen war und ein fester
Schlummer löste ihr die Glieder
Am nächsten Morgen ging Ilse zu Laura hinauf und vertraute ihr die
Ereignisse des Abends zuletzt die Bitte der Struvelius Die geheime
Zusammenkunft mit der Frau Professorin war ganz nach Lauras Sinn Sie hatte in
den letzten Wochen am Teetisch mehr als einmal von dem geheimnisvollen
Pergament gehört sie fand den Entschluss der Struvelius hochherzig und sprach
von allem was Magister Knips anzetteln könne mit Verachtung
Mit dem Stundenschlag traf Frau Struvelius ein Sie sah heut recht gedrückt
und leidend aus und man erkannte auch hinter ihren unbeweglichen Zügen die
ängstliche Spannung
Ilse kürzte die unvermeidliche Einleitung von Grüssen und Entschuldigungen
ab indem sie begann »Ich habe Fräulein Laura von Ihrem Wunsche gesagt das
Pergamentblatt zu erhalten sie ist bereit Herrn Magister Knips sogleich
herüber zu rufen«
»Das ist unendlich mehr als ich zu hoffen wagte« sagte die Struvelius
»ich war bereit mit Ihrer gütigen Hilfe ihn selbst aufzusuchen«
»Er soll herkommen« entschied Laura »und er soll sich hier verantworten
Er ist mir immer unausstehlich gewesen obgleich er mir manchmal für Geld
hübsche kleine Bilder gemalt hat Denn seine Demut ist so wie sie keinem Manne
geziemt und ich halte ihn im Grund seines Herzens für einen Schleicher«
Die Köchin Susanne wurde gerufen und von Laura in Gegenwart der Frauen als
Herold in die Burg der Knipse gesandt »Du sagst unter keinen Umständen dass
Jemand bei mir ist und wenn er kommt führst du ihn sogleich herauf« Susanne
kehrte mit schlauem Gesicht zurück und überbrachte den Gegengruss »Der Magister
lässt sagen er wird sich sogleich die hohe Ehre geben Er erstauntesich aber es
war ihm recht«
»Er soll sich wundern« rief Laura Die verbündeten Damen ließ sich um den
Sophatisch nieder und empfanden den Ernst der Stunde welche ihnen bevorstand
»Wenn ich mit ihm spreche« begann Frau Struvelius feierlich »haben Sie die
Güte genau auf seine Antworten zu achten damit Sie dieselben im Notfalle
wiederholen können seien Sie mir Beistand und Zeugen«
»Ich kann schnell schreiben« rief Laura »ich will aufzeichnen was er
antwortet nachher kann ers nicht ableugnen«
»Das wird zu sehr wie ein Verhör« warf Ilse ein »es macht ihn nur
misstrauisch«
Draußen scholl das wütende Gekläff eines Hundes »Er kommt« rief die
Struvelius und rückte sich entschlossen zurecht Ein polternder Schritt ließ
sich von der Treppe hören Susanne öffnete und Magister Knips trat ein
Gefährlich sah der nicht aus ein kleiner gekrümmter Mann von dem man
zweifeln konnte ob er jung oder alt war ein blasses Gesicht mit hervorragenden
Backenknochen auf denen zwei rote Flecke lagen zusammengedrückte Augen wie
Kurzsichtige zu haben pflegen von vieler Nachtarbeit bei trüber Lampe gerötet
so stand er den Kopf auf eine Seite geneigt in fadenscheinigem Rock ein
demütiger Diener vielleicht ein Opfer der Wissenschaft Als er drei Damen
sitzen sah wo er seinem Herzen nur für eine Fassung gegeben hatte alle streng
und feierlich darunter die Frauen gewaltiger Männer blieb er bestürzt an der
Tür stehen Doch fasste er sich und machte drei tiefe Verbeugungen
wahrscheinlich jeder Dame eine enthielt sich aber alles Gebrauchs der Worte
»Setzen Sie sich Herr Magister« begann Laura herablassend und wies auf einen
leeren Stuhl gegenüber dem Sopha Der Magister trat zögernd heran rückte den
Stuhl weiter aus dem Bereich der drei Schicksalsgöttinnen und schob sich mit
einer neuen Verbeugung auf eine Ecke des Rohrgeflechts
»Es wird Ihnen bekannt sein Herr Magister« begann Frau Struvelius »dass
die letzte Schrift meines Mannes Erörterungen veranlasst hat welche allen
Beteiligten und wie ich voraussetze auch Ihnen peinlich gewesen sind«
Knips machte ein sehr klägliches Gesicht und legte den Kopf ganz auf eine
Schulter
»Ich berufe mich jetzt auf das Interesse welches auch Sie für die Studien
meines Mannes haben und ich berufe mich auf Ihr Herz wenn ich Sie ersuche mir
offen und geradsinnig die Auskunft zu geben welche uns Allen wünschenswert
sein muss« Sie hielt an Knips sah mit gebeugtem Haupt von der Seite zu ihr
hinüber und schwieg ebenfalls »Ich bitte um eine Antwort« rief die Struvelius
nachdrücklich
»Ach sehr gern hochverehrte Frau Professorin« begann endlich Knips mit
feiner Stimme »ich weiß nur nicht worauf ich antworten soll«
»Aus Ihren Händen hat mein Mann das Pergament bekommen welches die
Veranlassung zu seiner letzten Abhandlung gewesen ist«
»Hat der Herr Professor der hochverehrten Frau Professorin das gesagt« frug
Knips noch kläglicher
»Nein« antwortete die Struvelius »aber ich habe durch die Tür gehört dass
Sie kamen und ich habe gehört dass er versprach über etwas zu schweigen und
da ich später bei ihm eintrat sah ich das Pergament auf seinem Tisch liegen
und als ich danach frug sagte er mir auch das ist ein Geheimnis«
Der Magister sah ängstlich in der Luft umher und senkte den Blick endlich
auf seine Kniespitzen welche in ungewöhnlicher Glätte und Abgestossenheit
glänzten
»Wenn der Herr Professor selbst meinten dass die Sache Geheimnis sei so
steht doch mir nicht zu darüber zu sprechen selbst wenn ich in der Tat etwas
wüsste«
»Sie verweigern also uns Auskunft zu geben«
»Ach hochverehrte und wohlgeneigte Frau Professorin ich würde Niemandem
lieber eine Mitteilung machen als den gütigen Damen welche ich hier zu sehen
die Ehre habe aber ich bin viel zu schwach Ihnen hierin zu dienen«
»Haben Sie auch überlegt was Ihre Weigerung für verwirrende Folgen haben
muss für meinen Gatten für die ganze Universität und was Ihnen mehr als dies
alles gelten muss wenn Sie im Dienst der Wahrheit stehen für die Wissenschaft«
Knips gab zu im Dienst der Wahrheit zu stehen
Laura merkte dass das Verhör sich in Seitenpfade schlängelte auf denen das
Pergament nicht zu finden war sie sprang auf und rief »Gehen Sie einmal
hinaus Magister Knips ich habe mit Frau Professorin etwas zu besprechen«
Knips erhob sich bereitwillig und machte eine Verbeugung »Sie dürfen aber nicht
fort treten Sie in das Zimmer nebenan Kommen Sie ich werde Sie sogleich
wieder einlassen« Knips folgte mit gesenktem Haupt und Laura kam auf den
Fußspitzen zurück und sagte leise »Ich habe ihn eingeschlossen damit er nicht
entläuft« Die Frauen neigten die Köpfe zu geheimer Beratung
»Sie behandeln ihn zu zartfühlend Frau Professorin« flüsterte Laura
»bieten Sie ihm Geld das wird ihn locken Es ist hart dass ich so etwas sagen
muss aber ich kenne die Familie Knips sie ist egoistisch«
»Auch ich habe für den äußersten Fall daran gedacht« versetzte die
Struvelius »ich wollte ihn nur nicht durch ein kaltes Angebot verletzen wenn
eine männliche Empfindung in ihm lebt«
»Ei was« rief Laura »es ist gar kein Mann es ist nur ein Hasenfuß Und
wenn er Ihnen widersteht so bieten Sie mehr Bitte hier ist meine Sparcasse«
Sie lief zum geheimen Schreibtisch und holte die Perlentasche hervor
»Ich bin Ihnen von Herzen dankbar« raunte die Struvelius und zog auch ihre
Börse aus dem Gewande »Wenn es nur reichen wird« sagte sie ängstlich an den
Schnüren ziehend »sehen wir schnell was wir haben«
»Behüte« rief Laura erschrocken »sie ist ja voll Gold«
»Ich habe zu Geld gemacht was ich gerade konnte« erwiderte hastig die
Struvelius »Das ist ja jetzt alles unwesentlich«
Ilse nahm beiden Frauen die Börsen aus der Hand und sagte fest »Das ist
vielzu viel Solche Summe dürfen wir ihm nicht anbieten wir wissen nicht ob
wir nicht den armen Mann in Versuchung führen ein Unrecht zu tun Überhaupt
wenn wir Geld bieten lassen wir uns auf einen Handel ein den wir gar nicht
verstehen« Das bestritten die Andern und im Flüsterton wurde eifrig darüber
verhandelt
Endlich entschied Laura »Zwei Goldstücke soll er haben und damit
abgemacht« Sie eilte hinaus den Gefangenen wieder einzuführen
Als der Magister eintrat sah die Struvelius so bittend auf Ilse dass diese
sich überwand die Verhandlung einzuleiten »Herr Magister wir Frauen haben uns
in den Kopf gesetzt das Schriftstück zu erhalten welches die Herren Gelehrten
so sehr beschäftigt und da Sie Bescheid wissen bitten wir Sie uns dabei zu
helfen« Magister Knips bewegte seine Lippen zu einem untertänigen Lächeln
»Wir wollen es kaufen« fiel die Struvelius ein »und wir bitten Sie den
Ankauf zu besorgen Sie sollen das Geld haben welches Sie dafür brauchen« Sie
fuhr in ihre Börse vergaß in innerer Angst die Verabredung und zählte einen
Louisdor nach dem andern auf den Tisch dass Laura erschrocken zu ihr sprang und
sie von hinten heftig an dem Tuch zupfte Knips trug sein bedrängtes Haupt
wieder auf der Schulter und wie ein Hündchen auf die Hand des Brotschneidenden
starrt blickte er auf die kleinen Finger der Frau Professorin aus denen ein
Goldstück nach dem andern fiel »Dies und noch mehr gehört Ihnen« rief die
Struvelius »wenn Sie mir das Pergament schaffen« Der Magister fuhr in die
Tasche nach seinem Tuch und trocknete sich die Stirne »Wohl wird Denenselben
bekannt sein« sagte er klagend »dass ich viele Korrecturen lesen muss und
manches Mal in die liebe Nacht arbeiten bevor ich nur den zehnten Teil von dem
verdiene was hier liegt Es ist eine große Verlockung für mich aber ich glaube
nicht dass ich das Pergamentblatt schaffen kann Und wenn es mir gelingen
sollte so fürchte ich es könnte nur unter der Bedingung sein dass den Streifen
keiner der Herren Professoren in die Hand bekommt sondern dass derselbe hier in
Gegenwart der hochverehrten Frauen und Fräulein vernichtet wird«
»Gehen Sie noch einmal hinaus Magister Knips« gebot Laura aufspringend
»lassen Sie aber Ihren Hut hier liegen damit Sie uns nicht entwischen«
Der Magister verschwand zum zweiten Male Wieder fuhren die Frauenköpfe
zusammen
»Er hat das Blatt und er kann es schaffen jetzt wissen wirs« rief Laura
»Auf sein Anerbieten können Sie nicht eingehen« sagte Ilse »denn es liegt
Ihnen doch nichts daran das Blatt zu behalten es soll nur noch einmal von
unsern Männern untersucht werden dann kann es ja der Herr Magister wieder
zurücknehmen«
»Bitte schaffen Sie alles Gold fort bis auf dies hier« riet Laura »und
erlauben Sie mir jetzt aus einem andern Tone mit ihm zu sprechen denn meine
Geduld ist am Ende« Sie öffnete die Tür »Kommen Sie herein Magister Knips
und hören Sie mich mit Überlegung an Sie haben sich geweigert das Geld ist
verschwunden bis auf zwei Stücke die liegen noch für Sie da Aber nur unter der
Bedingung dass Sie auf der Stelle schaffen was Frau Professorin von Ihnen
erbeten hat Denn wir haben Ihnen deutlich angesehen Sie besitzen das Blatt
und wenn Sie sich noch weigern so kommt uns der Verdacht dass Sie dabei etwas
Unehrliches verübt haben« Knips sah sie erschrocken an und winkte flehend mit
der Hand »Und ich gehe sogleich zu Ihrer Mutter und sage ihr dass es ein Ende
hat zwischen ihr und unserm Hause Ich gehe hinüber zu Herrn Hahn und erzähle
ihm von Ihrem Verhalten und dass er Ihnen Ihren Bruder auf den Hals schickt Ihr
Bruder ist in einem Geschäft und weiß was Redlichkeit heißt Und wenn er es
nicht einsieht so wird Herr Hahn daran denken und auch Ihrem Bruder wird es
nicht zum Heile gereichen Zuletzt will ich Ihnen noch etwas sagen Ich lasse
auf der Stelle Herrn Fritz Hahn herüber bitten und wir teilen ihm Alles mit
und dann soll er mit Ihnen verhandeln Denn dass Fritz Hahn mit Ihnen fertig
wird wissen Sie Und ich auch denn ich habe als kleines Mädchen
dabeigestanden Ich kenne Sie Herr Magister Wir auf unserer Straße sind nicht
von der Art dass wir uns hinters Licht führen lassen Und wir halten auf
Ordnung in der Nachbarschaft Deshalb schaffen Sie das Blatt oder Sie sollen
Laura Hummel kennenlernen« Das rief Laura mit blitzenden Augen und sie ballte
die kleine Hand gegen den Magister Und Ilse sah mit Erstaunen wie in der Rede
der Eifrigen auf einmal der Doctor als Ajax gegen den Magister heranstürmte
Wenn ein Vortrag nach seinen Wirkungen beurteilt werden darf so war
Lauras Anrede musterhaft denn sie bewirkte in dem Magister völlige Zerstörung
Er war unter den Menschen und Gewohnheiten der kleinen Straße aufgewachsen und
würdigte sehr wohl die Folgen welche Lauras Feindschaft für das geringe
Behagen seines eigenen Lebens haben konnte Er kämpfte deshalb eine Weile um die
Worte endlich begann er leise »Da es so weit gekommen ist dass Fräulein Laura
sogar gegen mich selbst etwas mutmasst so bin ich allerdings genötigt den
hochverehrten Frauen zu sagen wie die Sache zusammenhängt Ich kenne einen
kleinen reisenden Händler der allerlei Antiquitäten mit sich führt
Holzschnitte Miniaturen auch Bruchstücke alter Handschriften und was sonst in
dieser Art vorkommt ich habe ihm manchmal Kunden zugewiesen und wohl auch über
den Wert seltener Sachen Auskunft gegeben Dieser Mann zeigte mir bei seinem
Hiersein einen Haufen alter Pergamentblätter über welche er bereits wie er
sagte mit einem Auswärtigen im Handel war Und weil man jetzt auf die doppelt
beschriebenen Blätter sehr aufmerkt war ihm der Streifen aufgefallen und mir
auch Ich las Einiges darin soweit man es durch den Leim erkennen konnte der
noch darüber lag und ich bat ihn mir das Pergament wenigstens zu leihen damit
ich es einem unserer großen Herren Gelehrten zeigen könnte Ich trug es zu Herrn
Professor Struvelius Und als der Herr Professor meinten die Sache wäre
vielleicht der Mühe wert ging ich wieder zu dem Händler Dieser sagte mir
verkaufen könne er das Blatt vorläufig nicht aber es sei ihm recht wenn
darüber geschrieben würde denn dadurch könnte es größeren Wert erhaltenDer
Händler überließ ers mir bis zu seiner Zurückkunft In dieser Woche ist er
wieder angekommen um es mit fortzunehmen Jetzt weiß ich nicht ob es noch
vorhanden ist und ich kann gar nicht sagen ob er es für dieses Geld
herausgeben wird Ich besorge Nein«
Die Frauen sahen einander an »Sie Alle hörten diese Aussage« begann die
Struvelius »Aber weshalb haben Sie Herr Magister meinen Mann gebeten
Niemandem zu sagen dass das Pergament von Ihnen kommt«
Der Magister wand sich auf dem Stuhl und sah verlegen auf seine Kniee herab
»Ach die hochverehrten Damen werden mir zürnen wenn ich das ausspreche Herr
Professor Werner hat gegen mich immer viele Freundlichkeit gehabt und ich hatte
Angst derselbe könnte übel empfinden wenn ich einen solchen Fund nicht zuerst
ihm zeigte Und doch hatte auch Herr Professor Struvelius mich wieder zu Dank
verpflichtet denn derselbe hatte mir geneigtest Korrectur und
Inhaltsverzeichniss seiner neuen großen Ausgabe übertragen Deshalb stand ich
zwischen zwei schätzbaren Gönnern in Verlegenheit«
Das war so kläglich dass es leider nicht unwahrscheinlich war
»O bewirken Sie dass Ihr Gemahl ihn anhört« rief die Struvelius
»Wir hoffen Herr Magister Sie werden Ihre Worte vor Andern wiederholen
welche den Inhalt besser verstehen als wir« sagte Ilse und der Magister
erklärte furchtsam seine Bereitwilligkeit
»Aber das Pergament müssen Sie doch schaffen« warf Laura dazwischen
Knips zuckte die Achseln »Wenn es möglich ist« sagte er »und ob der Mann
für diesen Betrag mir das Blatt überlassen wird «
Die Struvelius griff wieder nach der Tasche aber Ilse hielt ihr die Hand
fest und Laura rief »Wir geben nicht mehr« »Dennoch aber« fuhr der Magister
gedrückt durch den Widerstand seiner Richterinnen fort »es sind Zweifel
erhoben an der Echteit und wie es bei solchen Leuten geht vielleicht hat das
Blatt dem Händler dadurch an Wert verloren Aber hochverehrte Frauen und
Fräulein wenn es mir gelingen sollte Ihnen zu dienen so flehe ich in
Ehrerbietung dass Dieselben mir nicht den unglückseligen Anteil nachtragen den
ich ohne mein Verschulden in dieser schwierigen Sache gehabt habe Sie hat mich
die ganze Zeit sehr bekümmert und seit die Worte des Herrn Professor Werner
gedruckt wurden habe ich jeden Tag gejammert dass ich je mit einem Auge auf das
Blatt gesehen Denn ich darf meine gewichtigen Gönner nicht verlieren wenn ich
nicht in den Abgrund des Elends sinken soll«
Diese Worte regten den Richterinnen das Mitleid auf und die Struvelius
sagte gütig »Wir glauben Ihnen denn es ist eine hässliche Empfindung auch
wider Willen Andere getäuscht zu haben« Aber Laura welche sich zur
Vorsitzenden des Rates aufgeworfen hatte entschied kurz »Ich bitte also dass
alle Beteiligten sich morgen um dieselbe Stunde hierher bemühen Ihnen
Magister Knips gebe ich bis dahin Zeit das Blatt in unsere Hände zu liefern
Nach Ablauf dieser Frist wird Wäsche entzogen das Haus verboten und der Familie
Hahn Anzeige gemacht Sehen Sie zu dass wir im Guten auseinander kommen«
Der Magister näherte sich dem Tisch schob mit einem Finger die Geldstücke
in die hohle Hand welche er bescheiden unter den Rand der Tischplatte hielt
machte geknickt drei tiefe Verbeugungen und empfahl sich den hochverehrten
Anwesenden
Ilse erzählte dem Gatten das Abenteuer und Felix hörte erstaunt von der
Rolle welche das gelehrte Factotum in der Tragödie gespielt hatte
Schon am nächsten Morgen erschien der Magister vor dem Gelehrten Atemlos
zog er das eingepackte Unglücksblatt aus der Tasche und trug es mit geneigtem
Haupt und ausgestreckter Hand immer kleiner werdend demütig und flehend von
der Tür bis zum Arbeitstisch des Professors »Dem Herrn Professor dies zu
bringen möchte ich immer noch eher wagen als zum zweiten Mal höherer
weiblicher Würde entgegentreten Wenn der Herr Professor geruhen wollten
dasselbe durch Dero Gemahlin geneigtest in die Hände der neuen Eigentümerin zu
befördern« Auf die strengen Fragen des Professors begann er Bericht und
Verteidigung Was er sagte war nicht unwahrscheinlich Dem Professor war der
Name des unsicheren Händlers bekannt er wusste dass der Mann sich in diesen
Wochen am Orte aufgehalten hatte und bei den zahlreichen Verbindungen welche
Knips im Interesse seiner Gönner unterhielt war seine Bekanntschaft mit diesem
Verkäufer nicht auffallend Der Professor untersuchte neugierig das Pergament
Hatte hier eine Fälschung stattgefunden so war sie meisterhaft ausgeführt aber
Knips selbst brachte eine Lupe aus der Westentasche und machte darauf
aufmerksam wie man unter dem Vergrösserungsglase erkenne dass einige Male die
schattenhaften Schriftzüge der scheinbar ältesten Hand über die Buchstaben des
Kirchengebets geführt also später aufgemalt seien »Des Herrn Professors
Einwürfe in der Literaturzeitung haben mich aufmerksam gemacht und heut früh
als ich das Pergament in die Hand bekam habe ich sorgenvoll untersucht was
vorher durch den aufgestrichenen Kleister undeutlich war Und soweit ich mir in
solchen Dingen überhaupt ein Urteil erlauben darf wage ich jetzt Dero Ansicht
zu teilen dass ein Falsarius an diesem Blatt Übles getan hat«
Der Professor warf das Blatt weit von sich »Ich bedaure dass Ihre Hand
jemals an dies gerührt hat Denn Sie haben wenn auch wider Willen eine
Verwüstung angerichtet deren Schmerzlichkeit Sie wohl nicht übersehen Auch um
Sie selbst tut es mir sehr leid Dieser unglückliche Vorfall wirft einen
Schatten auf Ihr Leben Ich würde viel darum geben wenn ich ihn hinwegwischen
könnte Denn wir kennen einander von mancher Arbeit Herr Magister ich habe für
Ihre opfervolle Tätigkeit zu Gunsten Anderer immer Teilnahme gefühlt Und
trotz Ihrem Bücherschacher den ich nicht lobe und trotz der Zersplitterung
Ihrer Zeit durch Arbeiten die auch Schwächere abmachen könnten habe ich Sie
stets für einen Mann gehalten dessen ungewöhnliche Kenntnisse Achtung
einflößen«
Der gebeugte Magister erhob das Haupt und über sein Gesicht flog ein
Lächeln »Und ich habe Herrn Professor immer für den einzigen unter meinen
vornehmen Gönnern gehalten welcher das Recht hätte mir zu sagen dass ich zu
wenig gelernt habe Der Herr Professor sind ebenso der einzige dem ich zu
gestehen wage dass ich mich in der Stille auch als einen Gelehrten zu ästimiren
nicht unterlassen kann Und ich verhoffe dass Sie mir nicht das Zeugnis versagen
werden Denenselben stets ein zuverlässiger und treuer Arbeiter gewesen zu
sein« Er fiel in sein gedrücktes Wesen zurück als er fortfuhr »Was geschehen
ist soll mir für die Zukunft eine Lehre sein«
»Ich muss mehr von Ihnen fordern Zuerst werden Sie sich Mühe geben durch
Ihre Bekanntschaft den Versteck zu ermitteln aus welchem diese Fälschung
hervorgegangen ist denn sie ist schwerlich der zufällige Einfall eines
gewissenlosen Mannes sondern Beginn einer unheimlichen Industrie welche noch
mehr Unheil anrichten kann Ferner ist Ihre Pflicht auf der Stelle Herrn
Professor Struvelius das Pergament zu überbringen und Ihre Entdeckung
mitzuteilen Sie selbst aber werden gut tun fortan vorsichtiger in der Wahl
der Geschäftsleute zu sein mit welchen Sie verkehren« Diese Ansichten teilte
Knips vollständig und schied indem er sich flehentlich für die Zukunft zu
hochgeneigter Berücksichtigung empfahl
»Er ist doch irgendwie bei der Schurkerei beteiligt« rief der Doctor
»Nein« entgegnete der Professor »Sein Unrecht ist dass ihm bis zum letzten
Augenblick mehr an einem Handel als an Ermittlung der Wahrheit lag« Und Frau
Professor Struvelius sprach am Nachmittag zu Ilse »Was wir erreicht haben ist
für meinen Gatten sehr schmerzlich Denn es gibt ihm die Überzeugung dass er
getäuscht wurde während Andere das wahre Sachverhältniss erkannt haben Es ist
für eine Frau grausame Qual wenn sie selbst zu solcher Demütigung des Liebsten
die Hand reichen muss Dieses Leid werde ich lange in mir herumtragen Auch
unsere Gatten sind einander so entfremdet dass für beide längere Zeit notwendig
sein wird bevor die verletzte Empfindung einer unbefangenen Würdigung des
Kollegen Raum gibt Mir aber liegt daran dass das Verhältnis zwischen Ihnen und
mir darunter nicht leidet Ich habe den Wert Ihres Herzens erkannt und ich
bitte Sie sich trotz meinem schwerfälligen Wesen das ich sehr wohl kenne die
Freundschaft gefallen zu lassen welche ich Ihnen entgegentrage«
Als sie in ihrem schwarzen Kleide langsam zur Tür hinausschritt wunderte
sich Ilse wie schnell der erste Eindruck den ihr die gelehrte Dame gemacht
durch andere Gefühle zurückgedrängt war
In der nächsten Nummer der Literaturzeitung erschien eine kurze Erklärung
des Professor Struvelius worin er ehrlich bekannte dass er durch einen
allerdings sehr geschickten Betrug getäuscht worden sei und dass er dem
Scharfsinn und der freundlichen Tätigkeit seines verehrten Kollegen dankbar
sein müsse welcher zur Aufklärung des Sachverhältnisses beigetragen
»Diese Erklärung hat die Frau geschrieben« sagte wieder der hartnäckige
Doctor
»Wir dürfen annehmen dass die unbehagliche Novelle dadurch für alle
Beteiligten zum Ende gebracht ist« schloss der Professor mit leichtem Herzen
Aber auch die Hoffnungen eines großen Gelehrten gehen nicht immer in
Erfüllung Dieser Streit der Szepter tragenden Fürsten an der Universität hatte
nicht nur Ilse in neuen Beruf eingeführt auch einen Andern
Magister Knips kauerte am Abend des entscheidenden Tages welcher die
Nichtigkeit des Pergaments enthüllt hatte in der ungeheizten Kammer seiner
dürftigen Wohnung auf dem Boden Auf den Bretern an der Wand und auf dem
Fußboden lagen die Bücher unordentlich gehäuft und er saß von ihnen ringsum
eingeschlossen wie ein Ameisenlöwe in seinem Trichter Er räumte eine alte
Cigarrenkiste seines Bruders die mit kleinen Flaschen und Farbentöpfchen
gefüllt war in eine dunkle Ecke und legte Bücher darüber Dann stellte er die
Lampe auf einen Schemel neben sich nahm mit innigem Behagen ein und das andere
alte Buch in die Hand betrachtete den Einband las den Titel und die letzte
Seite strich liebkosend mit der Hand darüber und legte es wieder zum Haufen
Endlich fasste er mit beiden Händen den alten italienischen Druck eines
griechischen Autors schob sich näher an die Lampe und untersuchte Blatt für
Blatt Die Mutter rief zur Tür herein »Höre auf mit deinen Büchern und komm
aus der kalten Kammer zu deinem Abendbrot«
»Seit zweihundert Jahren hat kein Gelehrter dies Buch gesehen Mutter sie
leugnen dass es überhaupt vorhanden ist ich aber halte es in meinen Händen und
es gehört mir Das ist ein Schatz Mutter«
»Was hilft dir der Schatz du armer Junge«
»Ich hab ihn Mutter« sagte der Magister zu den harten Zügen der Frau
aufblickend und seine zwinkernden Augen glänzten verklärt »Heut erst musste ich
eine Korrectur lesen in der ein berühmter Mann behauptet dieser Band den ich
hier halte sei nie vorhanden gewesen Er wollte das nie vorhanden mit
gesperrter Schrift gedruckt und ich habe es dem Setzer gezeichnet aber ich
wusste es besser«
»Kommst du wieder nicht los« rief die Mutter ärgerlich »dein Bier wird am
Ofen warm mach ein Ende«
Widerstrebend erhob sich der Magister fuhr mit seinen Filzschuhen aus der
Kammer und setzte sich zu seinem Butterbrot in der Stube nieder »Mutter« sagte
er der Frau die dem schnellen Essen zusah »ich habe einiges Geld übrig
brauchst du etwas so kaufe dirs Aber ich will wissen was es ist und ich
will es auch sehen dass nicht der Bruder dir das Geld wieder abborgt Denn es
ist mit Sorgen verdient«
»Dein Bruder wird mir jetzt Alles zurückzahlen denn Hahn hat ihm seine
Stelle gebessert und er hat sein gutes Auskommen«
»Das ist nicht wahr« versetzte der Magister die Mutter scharf ansehend
»er ist zu vornehm geworden um noch bei uns zu wohnen aber so oft er herkommt
will er etwas von dir Und du hast ihn immer lieber gehabt als mich«
»Rede nicht so mein Sohn« rief Frau Knips »er hat nur eine andere Art du
hast immer fleißig stillgesessen und gesammelt und schon als kleiner Junge hast
du zusammengetragen«
»Ich habe mir etwas gesucht das mir lieb war« sagte der Magister und sah
nach seiner Kammer »und ich habe Manches gefunden«
»Ach und wie sauer lässt du dirs werden mein armes Kind« schmeichelte die
Mutter
»Wies kommt« antwortete der Magister und verzog in heiterer Stimmung sein
Gesicht »Ich lese Korrecturen und ich mache Arbeiten für diese Gelehrten die
vornehm im Wagen fahren und wenn ich zu ihnen komme mich behandeln wie einen
römischen Sklaven Und kein Mensch weiß wie oft ich ihre Dummheiten ausbessere
und die groben Fehler aus ihrem Latein Ich tue es aber nicht Jedem nur dem
welchen ich mag und der es wohl um mich verdient hat Den Andern lasse ich
stehen was sie nicht gewusst haben und ich zucke in der Stille die Achseln über
die hohlen Köpfe Es ist nicht Alles Gold was glänzt« sagte er und hielt
behaglich sein Dünnbier gegen das Licht »ich allein weiß wie es in manchem
aussieht Ihre elenden Manuscripte immer wieder corrigirt und das Schlechteste
darin nicht corrigirt ich sehe wie sie sich abquälen und was sie etwa wissen
noch aus fremden Büchern mausen Man sieht das alle Tage Mutter und man
lächelt in der Stille über den Lauf der Welt«
Und Magister Knips lächelte über die Welt
5
Herr Hummel als Falsarius
In den Häusern der Parkstrasse waltete Friede Duldsamkeit heimliche Hoffnung
Seit Ilses Ankunft schien der alte Streit abgetan das Kriegsbeil begraben
Zwar Hummels Hund knurrte und schnappte nach Hahns Katze und wurde von ihr
geohrfeigt und der Marktelfer Rote von AC Hahn schlug im Kuchengarten vor
dem Schliesser der Fabrik von H Hummel auf den Tisch und erklärte ihm seine
Verachtung Aber diese kleinen Vorfälle glichen unschädlichen Wasserblasen
welche an der Stätte aufstiegen wo einst ein strudelnder Abgrund von
Feindschaft gewesen war das Leben zwischen den beiden Häusern floss dahin wie
ein klarer Bach und Vergissmeinnicht wuchs an seinem Ufer Wenn ein
menschenfeindlicher Zauber in den Boden gesteckt war zu jener Zeit wo Frau
Knips allein darauf herrschte so schien er jetzt durch weibliche Beschwörung
gänzlich beseitigt
An einem Morgen kurz vor der Messe stellte der Marktelfer einer
Buchhandlung einen Stoß neuer Bücher auf den Schreibtisch des Doctors Es waren
die Freiexemplare des ersten größeren Werkes das er geschrieben Fritz schlug
die ersten Seiten auf sah einen Augenblick in stillem Genuss auf den Titel noch
einmal flog die Hauptsache des Inhalts durch seine Seele Dann ergriff er
schnell die Feder schrieb in das Exemplar einige herzliche Worte und trug es zu
seinen Eltern hinab
Das Buch handelte um in der Weise Gabriels zu sprechen von den alten
Indern sowie von den alten Deutschen es besprach das Leben unserer Vorfahren
vor der Zeit in welcher diese den verständigen Entschluss fassten auf dem
Blocksberg artige Brockensträusse zu binden und im Vater Rhein ihre Trinkhörner
auszuspülen Es war ein sehr gelehrtes Buch und es enthüllte soweit der
Verfasser sich nicht geirrt hatte viele geheime Tiefen der Urzeit
Vater und Mutter denen Fritz das Buch hinuntertrug hatten nicht nötig
sich durch Fremde über die Bedeutung des Werkes belehren zu lassen Die Mutter
küsste dem Sohne die Stirn und konnte ihre Rührung nicht bekämpfen als sie
seinen Namen sogross und schön gedruckt auf dem Titel sah Herr Hahn aber nahm
ihr das Buch aus den Händen und trug es in den Garten Dort legte er es auf den
Tisch des chinesischen Tempels las mehre Mal die Widmung und umkreiste darauf
den Pavillon immer wieder hineinsehend um zu beobachten wie sich der Baustil
in Verbindung mit dem Buch ausnehme dabei begegnete auch ihm dass er sich
einige Mal herzhaft räusperte um seiner freudigen Bewegung Herr zu werden
Nicht geringer war die Freude im Arbeitszimmer des Professors Dieser ging
das Buch hastig vom Anfang bis zum Ende durch »Es ist merkwürdig« sagte er
dann vergnügt zu Ilse »wie kühn und fest Fritz auf die Sache losgeht dabei mit
einer Selbstbeherrschung die ich ihm nicht in dem Masse zugetraut habe Vieles
darin ist mir ganz neu mich wundert dass er so schnell und heimlich mit der
Arbeit abgeschlossen hat«
Wie die gelehrte Welt das Buch des Doctors betrachtete ist aus vielem
gedruckten Lobe ersichtlich Schwerer ist zu schätzen wie es auf die Parkgasse
wirkte Herr Hummel studierte in seiner Zeitung eine ausführliche Besprechung des
Werkes nicht ohne Geräusch er summte bei dem Wort Veda er brummte bei dem
Namen Humboldt und er pfiff durch die Zähne bei dem Lobe welches der tiefen
Gelehrsamkeit des Verfassers erteilt wurde Als endlich am Schluss Recensent
sich nicht enthalten konnte im Namen der Wissenschaft dem Doctor förmlich Dank
zu sagen und das Werk allen Lesern angelegentlichst zu empfehlen verstärkte
sich das Gesumm in Herrn Hummels Kopf bis zur Melodie des alten Dessauers und
er warf die Zeitung auf den Tisch »Ich denke nicht daran es zu kaufen« war
Alles was er den Frauen über seine Empfindungen gönnte Aber er sah im Laufe
des Tages einige Mal nach der feindlichen Hausecke hinüber wo das Zimmer des
Doctors lag und dann wieder nach dem eigenen Oberstock als wenn er die beiden
Gelehrten und ihre Behausungen gegeneinander abschätzen wollte
Als Ilse gegen Laura das Urteil des Gatten über das Buch wiederholte
errötete Laura ein wenig und erwiderte ihr Köpfchen zurückwerfend »Ich
hoffe es ist so gelehrt dass wir nicht nötig haben uns damit abzugeben« Aber
die Abneigung sich darauf einzulassen verhinderte sie doch nicht einige Tage
später den Professor um das Buch zu bitten weil sie es der Mutter zeigen wolle
Bei dieser Gelegenheit wurde es in das Geheimzimmer getragen und verweilte dort
längere Zeit
Auch unter den übrigen Anwohnern der Straße wurde die Bedeutung der Familie
Hahn welche so rühmlich in die Zeitung gekommen deren Fritz sogar im Tageblatt
gepriesen war sehr vermehrt Die Wagschale der Volksgunst senkte sich
entschieden auf Seite dieses Hauses sogar Hummel fand zweckmäßige sich nicht
dagegen aufzulehnen dass in seiner Familie mit kühler Anerkennung von dem
Nachbarsohn gesprochen wurde Und wenn Dorchen wie zuweilen geschah mit
Gabriel auf der Straße zusammentraf so wagte sie sogar für einige Augenblicke
in den Hofraum der Feinde zu treten trotz dem Geknurr des Hundes und dem
düstern Blick des Hausherrn
An einem warmen Abend des März hatte sie gerade wieder im Vorbeigehen mit
Gabriel Notwendiges besprochen und trippelte zierlich über die Straße nach
ihrer Haustür während Gabriel ihr voll Bewunderung nachsah Da trat Herr
Hummel ins Freie und erhaschte den letzten Gruß und Blick Gabriels
»Sie ist niedlich wie ein Rotschwänzchen« sagte Gabriel zu Herrn Hummel
Dieser schüttelte menschenfreundlich den Kopf »Ich merke wohl Gabriel wie
dieser Hase läuft Und ich sage nichts denn es würde nichts nutzen Aber Eines
will ich Ihnen als eine gute Lehre mitteilen Sie verstehen das weibliche
Geschlecht nicht zu behandeln Sie sind nicht borstig gegen das Frauenzimmer
Als ich jung war zitterten sie wenn ich mein Taschentuch schwenkte und liefen
doch um mich her wie die Ameisen Diese Nation will furchtsam sein Sie
verderben sich Alles durch Freundlichkeit Ich schätze Sie Gabriel und deshalb
gebe ich Ihnen diesen Rat wie man ihn gleichsam einem Freunde gibt Sehen Sie
da ist Madame Hummel Sie ist ziemlich kräftig ich zwinge sie doch wenn ich
nicht brummig wäre würde sie es sein Da nun gebrummt werden muss so ist mir
immer pläsirlicher dass ich derjenige bin«
»Jedes Tier hat seine Manier« versetzte Gabriel verbindlich »ich habe
kein Geschick zum Brummbär«
»Es will gelernt sein« sagte Herr Hummel wohlwollend Er zog die
Augenbrauen in die Höhe und machte ein schlaues Gesicht »Dort drüben schleicht
man auch schon im Garten herum wahrscheinlich speculiert man wieder mit einem
neuen Einfall den ich zu seiner Zeit mit dem richtigen Namen zu nennen mir
unter allen Umständen vorbehalte« Er dämpfte seine Stimme »Es ist bereits
etwas Anonymes abgeladen und in den Garten geschafft« Aergerlich über seine
eigene Vorsicht fuhr er fort »Glauben Sie mir Gabriel durch das viele
Erzeugen von Kindern wird die Welt feig die Menschen werden so
zusammengedrängt dass die Freiheit aufhört das Leben ist eine Sklaverei vom
ersten Kasten in den man gelegt wird bis zum letzten Ich stehe hierauf meinem
eigenen Grund und Boden Wenn ich an dieser Stelle ein Loch graben will bis zum
Mittelpunkt der Erde kein Mensch kann mirs verwehren Dennoch dürfen wir beide
auf meinem freien Eigentum nicht einmal mit gewöhnlicher Menschenstimme eine
Meinung aussprechen Warum Es könnte gehört werden und fremden Ohren missfallen
Soweit sind wir Man ist ein Knecht seiner Nachbarn Und nun bedenken Sie ich
habe nur Einen gegenüber auf der andern Seite schützt mich das Wasser und die
Fabrik und ich muss doch die Wahrheit hinunterschlucken die ich wenigstens zehn
Fuß von meiner Grenze aussprechen will Wer nun gar von allen Seiten mit
Nachbarn umgeben ist der führt ein erbärmliches Leben er kann sich nicht
einmal in seinem eigenen Garten den Kopf abschneiden ohne dass die ganze
Nachbarschaft ein Geschrei erhebt weil ihr der Anblick nicht gefällt« Er
deutete mit dem Daumen nach dem Nachbarhause und fuhr vertraulich fort »Heut
sind wir verglichen worden die Weiber haben nicht eher geruht Und ich
versichere Sie dort drüben fehlt die richtige Kourage zum Streit Die Sache
wurde langweilig da gab ich mich drein«
»Es ist doch gut dass Alles wieder in Ordnung kam« sagte Gabriel »Wenn die
Väter im Streit leben wie sollen die Kinder einander grüßen«
»Warum sollen sie einander nicht auch Gesichter schneiden« rief Hummel
ärgerlich »Ich bin nicht für die ewigen Knixe«
»Das weiß Jedermann« versetzte Gabriel »Wenn aber Fräulein Laura bei uns
mit dem Doctor zusammentrifft was ja oft geschieht so kann sie doch nicht
gegen ihn brummen«
»Sie treffen also oft zusammen« wiederholte Hummel bedachtsam »Da haben
Sie wieder die Überfüllung man kann einander nicht aus dem Wege gehen Nun
meiner Tochter bin ich sicher sie ist von meiner Art Gabriel«
»Das weiß ich doch nicht« erwiderte Gabriel lachend
»Ich versichere Sie es ist ganz mein Kopf« bestätigte Hummel mit
Überzeugung »Was aber diesen Frieden betrifft so freuen Sie sich nicht so
sehr darüber denn verlassen Sie sich auf mich zwischen hier und drüben hat er
keine Dauer Wenn das Eis auftaut und das Gartenvergnügen angeht dann gibts
wieder Händel Das ist hier immer so gewesen Und ich sehe nicht ein warum das
nicht so bleiben soll trotz Vergleich und trotz Ihrer neuen Herrschaft der ich
übrigens meinen Respekt nicht vorenthalten will«
Die Unterredung welche sich in den Garten hineingesponnen hatte wurde
durch einen schwarzen feierlichen Mann unterbrochen welcher einen großen Brief
in bunter Hülle darbot sich vor Herrn Hummel aufstellte und demselben für seine
abwesende Tochter die Aufforderung überbrachte Patenstelle bei einem Kinde zu
übernehmen welches vor Kurzem geboren war die Welt zu verengen Gegen die
Einladung war nichts einzuwenden die junge Mutter Frau eines Juristen war
Lauras Freundin und eine Tochter ihrer angesehenen Pate es war ein alter
Familienzusammenhang und Hummel nahm als Vater und Bürger das Ceremoniel der
Einladung mit Würde entgegen »Für wen ist der Brief den Sie noch in der Hand
halten« frug er den Lohndiener
»Für Herrn Doctor Hahn welcher mit Fräulein Laura zusammen stehen soll«
»So« sagte Hummel ironisch »das geht ja mit vier Kutschpferden Tragen Sie
Ihren Brief nur dort hinüber Habe ichs nicht gesagt Gabriel« wandte er
sich zu seinem Vertrauten »Kaum vor Gericht verglichen und auf der Stelle
Gevatter kein Mensch kann dafür stehen dass nicht morgen der Strohmann von
drüben zu mir kommt und mir Brüderschaft anbietet Da haben Sie die Folgen der
Überfüllung und des Christentums Diesmal ist gar mein armes Kind das Opfer«
Er trug den Brief in die Stube und warf ihn vor den heimkehrenden Frauen auf
den Tisch »Das kommt von eurem Vergleich ihr schwachen Weiber« rief er
grollend »hier hängen sich die Amme und die Hebamme und der Herr Gevatter an
euren Hals«
Die Frauen studirten den Brief und Laura fand rücksichtslos dass die Frau
Pate gerade den Doctor für sie zum Partner gewählt habe
»Es ist bequem für den Patenwagen« höhnte Hummel aus seiner Ecke »Er kann
in einer Fahrt Zwei abliefern Jetzt läuft der Humboldt von drüben in weißen
Glacéhandschuhen bis in dieses Zimmer um dich zur Kirche abzuholen und ich
traue ihm obendrein die Unverschämtheit zu dass er dir den Gevattergruss
schickt«
»Wenn er es nicht täte so wäre es eine Beleidigung« versetzte die Gattin
»das muss schon der Menschen wegen geschehen sonst gibt es ein Gerede Dagegen
dürfen wir nichts sagen er wird ihr den Blumenkorb schicken mit den
Patenhandschuhen und Laura sendet ihm dagegen das Taschentuch wie es in
unserer Bekanntschaft Brauch ist Du weißt ja dass Lauras Pate auf so etwas
hält«
»Seine Blumen in unserm Hause seine Handschuhe auf unsern Fingern und unser
Tuch in seiner Tasche« zankte der Hausherr »das wird ja recht lustig«
»Ich bitte dich Hummel« entgegnete seine Frau unwillig »verleide uns
nicht durch dein Schelten die Artigkeiten die bei solcher Gelegenheit nicht zu
vermeiden sind und hinter denen kein Mensch etwas sucht«
»Ich danke für eure Artigkeiten die man nicht vermeiden kann und an denen
Niemandem etwas gelegen ist Nichts ist mir unter den Leuten hier so
unausstehlich als ihre ewigen Artigkeiten durch die Vordertür und ihr Kratzen
durch die Hintertür« Er ging aus dem Zimmer und schloss die Tür nicht leise
Die Mutter aber begann »Im Grunde hat er nichts dagegen er will nur sein
strenges Wesen behaupten Dass du dem Doctor etwas für seinen Gevattergruss
sendest ist nicht gerade nötig aber du bist ihm noch eine Aufmerksamkeit von
dem Schäfer her schuldig«
Laura versöhnte sich mit dem Gedanken Gevatterin des Doctors zu werden und
sagte »Ich mache mir eine Zeichnung für die Zipfel des Tuches und ich sticke
sie«
Am nächsten Morgen ging sie aus Battist zu kaufen Aber auch Herr Hummel
ging aus Er besuchte einen Bekannten der Kürschner war zog ihn vertraulich
bei Seite und bestellte ein Paar Handschuhe ganz von weißem Katzenfell mit fünf
Fingern für eine kleine Hand Und er forderte dass an die Spitze jedes Fingers
eine Katzenkralle befestigt werde »Es muss aber etwas Zartes sein« verordnete
er »von ungeborenem Kater im Notfall auch Säugling von Kanin und dass mir die
Krallen groß und steif herausstehen« Dann trat er in einen andern Laden ließ
sich bunt gedruckte Taschentücher von Baumwolle zeigen wie man sie um einige
Groschen kauft und wählte ein schwarz und rotes mit einem abscheulichen
Porträt das gerade zu seiner Stimmung passte Diesen Erwerb senkte er in seine
Tasche
Der Morgen des Tauftags brach an in der Wohnung des Herrn Hummel klapperte
das Plätteisen die Mutter tat noch einige letzte Nadelstiche und Laura fuhr
die Treppe geschäftig auf und ab Unterdes wandelte Hummel zwischen Haustür und
Fabrik jeden Eintretenden beobachtend Speihahn saß auf der Schwelle und
knurrte sooft ein fremder Fuß an die Haustür rührte »Beweise dich Speihahn
wie du bist« brummte Hummel vor seinen Hund tretend »und fahre der Jungfer von
drüben an den Rock sie traut sich nicht herein wenn du Wache hältst« Der
rote Hund antwortete indem er seinem eigenen Herrn boshaft die Zähne wies »So
ists recht« sagte Hummel und setzte seinen Spaziergang fort Endlich erschien
Dorchen in ihrer Haustür und tänzelte einen verhüllten Korb in der Hand zur
Treppe des Herrn Hummel Speihahn erhob sich grimmig stieß ein heiseres Gestöhn
aus und seine Haare sträubten sich
»Rufen Sie den hässlichen Hund weg Herr Hummel« rief Dorchen schnippisch
»ich habe einen Auftrag an Fräulein Laura«
Hummel gab seinem Gesicht einen wohlwollenden Ausdruck und griff in die
Tasche »Die Frauen sind in Arbeit mein hübsches Kind« sagte er ein schweres
Geldstück herausholend »vielleicht kann ichs bestellen« Die Botin war über
die unerwartete Menschlichkeit des Tyrannen so betroffen dass sie einen stummen
Knix machte und das Körbchen in seine Hand gleiten ließ »Es wird Alles aufs
Beste besorgt werden« versicherte Herr Hummel mit einnehmendem Lächeln
Er trug den Korb in das Haus und rief Susanne ihn den Frauen zu bringen
darauf trat er wieder an die Tür und streichelte den Hund
Nicht lange und er hörte dass die Tür der Wohnstube aufflog und sein Name
laut in den Flur gerufen wurde Bedächtig schritt er in das Frauengemach und
fand hier arge Verstörung Ein zierlicher Korb stand auf dem Tisch zerstreute
Blumen lagen umher und zwei kleine Pelzhandschuhe mit großen Krallen an den
Fingerspitzen lagen wie abgeschlagene Tatzen eines Raubtiers auf dem Boden
Laura aber saß vor ihnen und schluchzte laut
»Holla« rief Hummel »gehört das auch zum Patenvergnügen«
»Heinrich« rief die Gattin heftig »deinem Kinde ist eine Beleidigung
widerfahren Der Doctor hat gewagt deiner Tochter dies zu senden«
»Ei« rief Hummel »Katzenpfoten und gar mit Krallen Warum nicht die
werden warm halten in der Kirche du kannst den Doctor ja damit anfassen«
»Es soll ein Scherz sein« rief Laura unter heißen Tränen »weil ich ihn
oben zuweilen geneckt habe Eine solche Unzarteit hätte ich ihm niemals
zugetraut«
»Kennst du ihn so gut« frug Hummel »Nun da es ein Spaß sein soll wie du
sagst so nimm es auch als einen Spaß Diese Feuchtigkeit ist unnötig«
»Was soll jetzt geschehen« rief die Mutter »kann sie nach dieser
Beleidigung noch mit ihm Pate stehen«
»Ich sollte meinen« versetzte Hummel ironisch »Diese Beleidigung ist eine
Kinderei gegen andere Beleidigungen gegen Hausmauern Glockenspiel und
Hundegift Wenn ihr das alles hinunterschlucken konntet warum nicht auch die
Katzenpfoten«
»Sie hat ihm selbst ein Taschentuch gesäumt und gestickt« rief die Mutter
wieder »und sie hatte sich die größte Mühe gegeben noch fertig zu werden«
»Das sende ich nicht hinüber« rief Laura
»Also sie hat es selber gesäumt und gestickt« wiederholte Herr Hummel »Es
ist doch hübsch wenn man mit seinen Nachbarn in Freundschaft lebt Ihr seid ein
weiches Völkchen und ihr nehmt die Sache zu ernstaft Das sind ja Artigkeiten
die man nicht vermeiden kann und bei denen man nichts denken soll So handelt
doch nach euren Worten Jetzt gerade müsst ihr das Zeug hinüberschicken und ihr
müsst euch gegen ihn und Jedermann gar nichts merken lassen Behaltet die
Verachtung innerlich«
»Der Vater hat Recht« rief Laura aufspringend »hinweg mit dem Tuch Und
meine Rechnung mit dem Doctor sei für immer geschlossen«
»So ists recht« bestätigte Hummel »wo ist der Lappen Fort damit«
Das Tuch lag bereits auf einer Platte in seines blaues Papier geschlagen
ebenfalls von Frühlingsblumen umgeben »Dies also ist das Gesäumte und
Gestickte wir schicken es sogleich hinüber« Er nahm die Platte vom Tisch und
trug sie eilig in die Fabrik von dort ging das blaue Packet mit vielen
Empfehlungen für den Herrn Gevatter in das Haus der Feinde
Frau Hahn brachte Gruß und Gabe in das Zimmer ihres Sohnes »Ah das ist
eine liebe Aufmerksamkeit« rief der Doctor und betrachtete angelegentlich die
Blumen
»Es kommt ab dass man auch den Herren etwas sendet« sprach die Mutter
behaglich »ich habs immer für eine hübsche Einrichtung gehalten man sollte an
so etwas nicht rütteln« Neugierig entfaltete sie das Papier und sah sehr
betroffen aus Ein bedrucktes baumwollenes Taschentuch lag darin lederartig
aus groben Fäden gewebt Es konnte noch eine Atrappe sein in dieser Hoffnung
breitete sie es auseinander aber nichts war daran zu sehen als ein grimmiger
Kopf in den Teufelsfarben Rot und Schwarz »Das ist kein hübscher Scherz« rief
die Mutter gekränkt
Der Doctor sah vor sich nieder »Ich habe Laura Hummel zuweilen geärgert
Dies hat wohl Bezug auf eine Neckerei die wir gehabt haben Bitte Mutter
setze die Blumen in ein Glas« Er nahm das Tuch verbarg es in einer Schublade
und beugte sich wieder über die Schrift »Das hätte ich Laura doch nicht
zugetraut« fuhr die Mutter bekümmert fort Da aber der Sohn weitere Klagen
nicht begünstigte stellte sie ihm die Blumen zurecht und verließ das Zimmer
die Kränkung ihres Kindes in mütterlichem Herzen umherwälzend
Der Wagen fuhr vor und der Doctor stieg ein die Gevatterin abzuholen »Er
kann nur gleich auf der andern Seite wieder herauskriechen« sagte Herr Hummel
am Fenster »die Haustüren sind nahe genug« Durch eine schwierige Wendung
gelangte der Festwagen an die Treppe des Herrn Hummel der Lohndiener öffnete
den Schlag aber bevor der Doctor die Stufen hinaufdringen konnte erschien
Susanne auf der Treppe und rief hinunter »Bemühen Sie sich nicht erst herein
das Fräulein wird sogleich kommen« Laura schwebte von den Stufen herab ganz in
Weiß wie in eine Schneewolke gehüllt Wie schön sah sie heut aus Zwar die
Wangen waren bleicher als gewöhnlich und die Augenbrauen finster
zusammengezogen aber der schwermütige Zug gab ihrem Antlitz eine bezaubernde
Würde Sie vermied den Doctor anzusehen bewegte ihr Haupt nur ein wenig auf
seinen Gruß und als er die Hand bot ihr Einsteigen zu unterstützen fuhr sie
an ihm vorüber und setzte sich auf ihren Platz als sei er gar nicht vorhanden
Mit Mühe fand er Raum an ihrer Seite sie nickte noch einmal über ihn weg nach
der Treppe auf welcher jetzt Herr Hummel stand der heut viel aufgeräumter
aussah als sein Kind Schwerfällig trabten die Rosse vorwärts die bleiche Laura
sah weder nach rechts noch links Es ist ihr erstes Patenamt dachte der
Doctor ist das feierliche Stimmung Oder ist es Reue über das bunte Tuch Er
sah nach ihren Händen die Handschuhe die er ihr gesandt waren nicht darauf zu
sehen Habe ich gegen die Mode gesündigt dachte er wieder oder waren sie zu
groß für die kleine Hand
Er schweigt dachte sie das ist sein böses Gewissen er denkt an die
Katzenkrallen und für mein Taschentuch hat er kein Wort des Dankes Ich habe
mich doch sehr in ihm geirrt Und die Betrachtung wurde ihr so wehmütig dass
ihr wieder eine Träne in die Augen stieg sie aber presste heftig die Lippen
aneinander drückte sich selbst den Daumen der rechten Hand und zählte in der
Stille von eins bis zehn ein altes Mittel das ihr schon früher heftige Gefühle
gebändigt hatte
So kann das nicht bleiben dachte der Doctor ich muss sie anreden »Sie
haben die Handschuhe die ich Ihnen zu senden wagte nicht brauchen können«
begann er bescheiden »ich habe gewiss recht ungeschickt gewählt«
Das war zu viel Laura wandte den Kopf mit heftiger Bewegung nach dem
Doctor er sah einen Augenblick in zwei rollende zornige Augen und hörte die
verächtlichen Worte »Ich bin keine Katze« Und wieder zuckten ihre Lippen und
sie drückte krampfhaft die Hand zusammen
Fritz sann erstaunt darüber nach ob Handschuhe welche Falten werfen
jemals ein charakteristisches Kennzeichen unserer Haustiere gewesen sein
könnten Er fand die Beziehung unergründlich Wie schade dass sie Launen hat
Nach einer Weile begann er von Neuem »Ich fürchte die Zugluft wird Ihnen
lästig soll ich das Fenster schließen«
»Ich danke« sagte Laura mit eisiger Kälte
»Wissen Sie etwas über den Namen des Täuflings« frug der Doctor weiter
»Er soll Fritz heißen« erwiderte Laura und zum zweiten Mal traf ein
flammender Zornesblick seine Brillengläser dann trat wieder Profilstellung mit
Ohrläppchen und Nasenspitze ein
Ach sie war trotz dem Gewitter das aus ihr blitzte in diesem Augenblick
wunderschön und der Doctor konnte sich das nicht verhehlen Sie aber fühlte
jetzt ebenfalls die Verpflichtung etwas zu reden und begann über die Schulter
»Ich finde den Namen sehr gewöhnlich«
»Da es mein eigener Name ist und ich ihn jeden Tag hören muss« versetzte der
Doctor »so darf ich Ihnen vor Andern Recht geben Es ist wenigstens ein
deutscher Name« fügte er gutmütig hinzu »es ist unrecht dass man diese so
sehr vernachlässigt«
»Da mein Name auch aus der Fremde stammt« entgegnete Laura wieder über die
Achsel »so habe ich ein Recht fremde Namen für gewählter zu halten«
Wenn sie den ganzen Tag so bleibt dachte Fritz entmutigt werden die
nächsten Stunden peinlich sein
Bei Tische muss ich auch neben ihm sitzen und den Hohn ertragen dachte sie
Ach das Leben legt Schreckliches auf
Sie fuhren am Taufhause vor beide froh dass sie wieder unter Menschen
kamen Als sie in die Zimmer traten stoben sie nach den entgegengesetzten
Seiten auseinander Aber natürlich mussten sie zuerst die junge Mutter begrüßen
und ihre Bahnen stießen hier wieder zusammen Als Laura sich zu der Pate
wandte trat auch der Doctor von der andern Seite dazu Und der guten Pate fiel
wieder jener Tag ein wo die Beiden ebenso feierlich in ihre Sommerwohnung
gekommen waren und sie konnte sich nicht enthalten zu rufen »Das hat etwas zu
bedeuten da seid ihr ja wieder zusammen ihr lieben Kinder« Laura erhob stolz
das Haupt und erwiderte »Nur weil Sie es durchaus so gewollt haben«
Man fuhr zur Kirche Der Geistliche tat alles Mögliche dem Täuflinge in
diesem und jenem Leben gute Freundschaft zu sichern und der kleine Fritz
umkreiste auf den Armen seiner Paten widerwillig den Taufstein Als er aber dem
großen Fritz überliefert wurde brach er in ein zorniges Geschrei aus und Laura
sah mit Verachtung wie der Doctor beunruhigt wurde und ungeschickte Versuche
machte durch Heben und Senken der Arme den Schreihals mit seinem Anblicke zu
versöhnen bis ihm zuletzt die Hebamme eine sehr entschlossene Frau aus der
Not half
Je weiter die Sonne herabsank desto unerträglicher wurde die Pflicht des
Tages Bei dem Taufessen gingen alle schwarzen Ahnungen Lauras in Erfüllung
sie saß neben dem Doctor Es war beiden ein ausgezeichnet behagliches Mahl Der
Doctor wagte noch einige Anläufe ihre unbegreifliche Stimmung zu durchbrechen
er hätte ebenso leicht mit einem Schwefelholz das Eis eines Gletschers
aufgetaut denn jetzt war Laura an die kalte Luft geselliger Nichtachtung
gewöhnt Sie sprach ausschließlich mit dem Taufvater der auf ihrer andern Seite
saß und fand in der Unterhaltung mit dem heitern Manne die Schwungkraft des
Geistes wieder während Fritz immer stiller wurde und seine Nachbarin zur
Linken eine freundliche junge Frau auffallend vernachlässigte Es wurde noch
ärger Denn als der Braten herannahte kam der Mitgevatter ein Stadtrat und
sonst ein Mann von Welt und Wort hinter den Stuhl des Doctors und erklärte dass
er den Toast auf den Täufling auszubringen keineswegs gesonnen sei weil ihm ein
Kopfschmerz alle Gedanken nehme und dass der Doctor an seiner Stelle zu reden
habe Dem Doctor aber war diese Möglichkeit gar nicht eingefallen und ihm war so
unbehaglich zu Mute dass er sich ebenfalls leise aber ernstaft gegen die
Zumutung auflehnte Laura hörte wieder mit tiefer Verachtung den Kampf der
beiden Herren um eine Stilübung die noch dazu nicht einmal schriftlich war
Auch der Hausherr wurde aufmerksam und über die Gesellschaft kam eine gewisse
peinliche Erwartung welche in der Regel nicht die Wirkung hat widerwilligen
Tischrednern ihre Geisteskräfte zu beflügeln sondern vielmehr zu banger
Gedankenlosigkeit herabzudrücken Eben war der Doctor im Begriff doch seine
Pflicht zu tun als Laura ihm noch einen kalten Blick gönnte dann aufstand und
an das Glas schlug Ein lautes Bravo begrüßte sie und sie sprach zu ihrem
eigenen Erstaunen und zur Freude aller Anwesenden »Da die Herren Paten ihrer
Pflicht so wenig eingedenk sind so bitte ich um Verzeihung dass ich unternehme
was sie hätten tun sollen« Darauf brachte sie tapfer ein Hoch aus Es war ein
sehr gewagtes Unternehmen aber es war gelungen und sie wurde mit Beifall
überschüttet Auf den Doctor dagegen richteten sich jetzt die Stachelreden
sämmtlicher Herren Es ist wahr er zog sich noch erträglich heraus denn die
verzweifelte Lage gab ihm seine Kraft wieder ja er hatte die Unverschämtheit
zu erklären dass er absichtlich gezögert um der Gesellschaft die Freude zu
bereiten welche Allen durch die Beredsamkeit seiner Nachbarin geworden sei
Darauf hielt er einen lustigen Vortrag über alles Mögliche und als Alle lachten
und Keiner mehr wusste wo er hinaus wollte machte er eine kühne Wendung auf die
Paten und brachte die Gesundheit dieser Menschenclasse aus und insbesondere
die seiner Nachbarin Für die Anwesenden war das gut genug für Laura war es ein
unleidlicher Hohn und Heuchelei Und als sie mit ihm anstossen musste sah sie ihn
wieder so feindselig an dass er sich schnell von ihr zurückzog
Jetzt aber begann er ihr in seiner Weise Gleichgültigkeit zu zeigen er
sprach laut mit seiner Nachbarin er trank mehre Gläser Wein Laura rückte ihren
Stuhl von ihm ab und dachte er trinkt am Ende gar zu viel er wurde ihr
unheimlich und jetzt wurde sie stiller Der Doctor aber achtete gar nicht mehr
darauf er schlug wieder an das Glas und hielt noch eine Rede und die war so
possirlich dass die Anwesenden dadurch in die glücklichste Stimmung versetzt
wurden Laura aber saß starr wie ein Steinbild und sah ihn nur manchmal
verstohlen von der Seite an Darauf verließ der Doctor ganz seine Nachbarin der
Stuhl neben ihr stand leer er hatte um bildlich zu sprechen das baumwollene
Taschentuch darauf gelegt sie aber die kleinen Pelzhandschuhe dass der leere
Stuhl unter seiner unsichtbaren Last recht unheimlich aussah und der Doctor
ging hinter der Tafel herum und machte kleine Besuche und wo er anhielt gab es
Lachen und Anstossen der Gläser Und als er die Runde um den Tisch geendet hatte
und zu Wirt und Wirtin trat hörte Laura wie diese ihm für den lustigen Abend
dankten und seine frohe Laune rühmten
So kehrte er zu seinem Platz zurück Und jetzt hatte er sogar die
Unverschämtheit sich an Laura zu wenden Mit einem Ausdruck in welchem Laura
deutlich den Hohn erkannte hielt er ihr unterm Tisch die Hand hin und sagte
»Machen wir Friede böse Frau Gevatterin reichen Sie mir Ihre Hand« Da empörte
sich Lauras ganzes Herz sie rief »Sogleich sollen Sie meine Hand haben« Sie
griff schnell in eine geheime Tasche fuhr in einen Katzenhandschuh und kratzte
ihn damit auf die Rückseite seiner Hand »Da nehmen Sie den Händedruck den Sie
verdienen«
Der Doctor fühlte einen scharfen Schmerz fuhr mit der Hand in die Höhe und
sah diese durch einige rote Striche tätowirt Laura aber warf ihm den Handschuh
in den Schoss und setzte dazu »Wäre ich ein Mann ich machte Ihnen auf andere
Weise fühlbar dass Sie mich beleidigt haben«
Der Doctor blickte um sich seine Nachbarin zur Linken war aufgestanden auf
der andern Seite bildete der Hausherr über den Tisch gebeugt harmlos einen
Wall gegen die Außenwelt Dann sah er erstaunt auf den Fehdehandschuh in seinem
Schoss Alles war ihm unbegreiflich nur das Eine empfand er dass Laura trotz
ihrer Leidenschaft von hinreissender Schönheit war
Auch er fuhr mit der Hand in seine Tasche und sagte »Glücklicherweise bin
ich in der Lage auf diese Risse Ihr Geschenk von heut Morgen legen zu können«
Er holte das rot und schwarze Tuch hervor und mühte sich dasselbe um die
verwundete Hand zu schlingen wobei nicht zu vermeiden war dass die Hand ein
unheimliches mörderisches Aussehen erhielt Als Laura die blutigen Schrammen
sah erschrak sie aber sie wusste ihre Reue tapfer zu verbergen und warf ihm nur
die kalten Worte zu »Wenigstens wird für Ihre Hand besser sein wenn Sie mein
Tuch zum Verband nehmen als dieses steife Leder«
»Es ist Ihr Tuch« versetzte der Doctor traurig
»Das ist noch schlimmer als alles Andere« rief Laura mit bebender Stimme
»Sie haben heut eine Art mit mir zu verkehren die für mich entwürdigend ist
und ich frage Sie was habe ich getan um solche Behandlung zu verdienen«
»Was habe denn ich getan dass Sie mir diese Vorhaltung machen« frug der
Doctor »Sie haben mir heut Morgen diesen Gevattergruss gesandt«
»Ich« rief Laura »Sie haben mir diese Katzenpfoten gesandt aber nicht ich
dies Tuch Mein Tuch hatte nichts von den Reizen dieses bunten Drucks es war
nur weiß«
»Ebenso darf ich von meinen Handschuhen sagen sie hatten nicht den Vorzug
Krallen zu besitzen es war gewöhnliches Leder«
Laura wandte sich zu ihm hin und starrte ihm ängstlich in das Gesicht »Ist
das wahr«
»Es ist wahr« versicherte der Doctor mit überzeugender Aufrichtigkeit »von
diesen Pelzhandschuhen weiß ich nichts«
»Dann sind wir beide Opfer einer Täuschung« rief Laura bestürzt »O
verzeihen Sie mir vergessen Sie was geschehen ist« Und den Zusammenhang
ahnend fuhr sie fort »Ich bitte Sie sprechen wir nicht mehr davon Erlauben
Sie mir dass ich Ihnen das Tuch umbinde« Er hielt ihr die Hand hin sie
trocknete ihm die Finger mit ihrem Tuche und schlang es hastig über die Risse
»Es ist zu klein zum Verbande« sagte sie traurig »wir müssen Ihr eigenes
darüberlegen Das war ein hässlicher Tag Herr Doctor o vergessen Sie und sein
Sie mir nicht böse«
Böse war der Doctor keineswegs und das war auch aus der eifrigen
Unterhaltung zu erkennen in welche beide jetzt versanken Denn beiden war das
Herz leicht geworden und sie waren bemüht einander das gegenseitig zu beweisen
Als der Wagen sie vor ihren Türen absetzte gab es einen herzlichen Nachtgruss
Am nächsten Morgen trat Herr Hummel in Lauras Geheimzimmer und legte ein
blaues Papier auf den Tisch »Da ist gestern ein Irrtum vorgefallen« sagte er
»hier hast du was dir gehört« Laura öffnete schnell das Papier ihr gesticktes
Tuch lag darin »Dem Doctor drüben habe ich seine Handschuhe auch
zurückgeschickt und eine Empfehlung dazu und ich habe ihm auch sagen lassen es
sei ein Versehen und ich der Vater Hummel sendete ihm was ihm gehörte«
»Vater« rief Laura ihm gegenübertretend »diese neue Kränkung war nicht
nötig Mir magst du antun was dir dein Hass gegen die Nachbarn eingibt aber
dass du nach Allem was gestern geschehen ist aufs Neue einen Dritten verletzen
kannst das ist grausam von dir Dies Tuch gehört dem Doctor Und da ich es
zurückerhalte werde ich es ihm bei erster Gelegenheit wiedergeben«
»Richtig« sagte Hummel »es ist von dir mit eigenen Händen gesäumt und
gestickt Tue jetzt was du vor deinem Kopfe verantworten kannst Du weißt
aber und auch er weiß was ich von diesen Artigkeiten zwischen hier und dort
halte Willst du gegen meinen entschiedenen Willen handeln so wage es Auf
einen Geschenkfuss mit den Hähnen möchte ich unsere Wirtschaft nicht einrichten
weder in Kleinem noch in Grösserem Da du wie ich höre bei den Mietern mit
dem Doctor oft zusammenkommst so wird es gut sein wenn du auch daran denkst
Dies sollte eine Erinnerung sein« Er ging gemütlich zur Tür hinaus und ließ
seine Tochter im Aufruhr gegen sein hartes Regiment zurück Sie hatte nicht
gewagt dem Vater zu widersprechen denn er war heut abweichend von seinem
polternden Wesen in ruhiger Haltung und sie fühlte aus seinen Worten einen
Sinn der ihr den Mund schloss und das Blut in die Wangen trieb Und es wurde für
das geheime Tagebuch ein stürmischer Vormittag
Herr Hummel war auf seinem Komtoir mit einer Lieferung von Soldatenkäppis
beschäftigt als ihn ein Klopfen störte und zu seiner Verwunderung Fritz Hahn
eintrat Hummel blieb würdig sitzen bis der achtungsvolle Gruß des Andern
vollzogen war dann erhob er sich langsam und begann im Geschäftston »Was steht
zu Ihren Diensten Herr Doctor Wenn Sie einen feinen Filzhut nötig haben wie
ich annehme so ist das Verkaufslokal eine Treppe tiefer«
»Ich weiß es« versetzte der Doctor artig »Ich komme zunächst Ihnen für
das Tuch zu danken das Ihre Güte mir ausgesucht und gestern zum Geschenk
gemacht hat«
»Nicht übel« sagte Hummel »Es ist der alte Blücher darauf gemalt er ist
ein Stück Landsmann von mir und ich dachte dass Ihnen das Tuch deswegen angenehm
sein würde«
»Ganz recht« antwortete Fritz »ich werde es mir als Andenken sorgfältig
aufheben Ich verbinde mit meinem Dank die Bitte dass Sie diese Handschuhe hier
Fräulein Laura überreichen Wenn gestern bei der Übergabe ein Versehen
vorgefallen ist wie Sie mir freundlich mitteilen ließ so habe ich daran
keine Schuld Da diese Handschuhe Ihrem Fräulein Tochter bereits gehören so bin
ich natürlich außer Stande dieselben zurückzunehmen«
»Wieder nicht übel« sagte Hummel »aber Sie sind im Irrtum Die Handschuhe
gehören meiner Tochter ganz und gar nicht sie sind von Ihnen gekauft und von
meiner Tochter mit keinem Auge gesehen worden Und sie sind heut früh zum
Eigentümer zurückgewandert«
»Verzeihung« erwiderte Fritz »wenn ich Sie selbst als Zeugen gegen Ihre
Worte in Anspruch nehme die Handschuhe sind gestern als ein landesübliches
Geschenk an Fräulein Laura geschickt worden Sie selbst haben dem Boten die
Sendung abgenommen und durch Ihre Worte die Annahme bestätigt Die Handschuhe
sind also durch Ihre eigene Mitwirkung Eigentum des Fräuleins geworden und ich
habe durchaus kein Anrecht darauf«
»Kein Advokat kann einen Fall besser ins Licht setzen« entgegnete Herr
Hummel mit Behagen »Es ist nur ein Übelstand dabei Diese Handschuhe waren
undeutlich denn sie lagen in Papier und Blumen versteckt wie ein Frosch im
Grase Hätten Sie mir die Handschuhe offen und mit der Bitte sie meiner Tochter
zu geben in dies Komtoir gebracht so würde ich Ihnen schon gestern gesagt
haben was ich Ihnen jetzt sage dass ich Sie nämlich für einen ganz wackeren
jungen Mann halte und dass ich nichts dawider habe wenn Sie jeden Tag Pate
stehen dass ich aber sehr viel dawider habe wenn Sie meiner Tochter irgend
etwas von dem beweisen was man hier zu Lande Artigkeit nennt Ich bin gegen Ihr
Haus nicht artig und ich will es nicht sein Deshalb kann ich auch nicht
zugeben dass Sie gegen meine Leute artig sind Denn was dem Einen recht ist ist
dem Andern billig«
»Ich bin wieder in der unangenehmen Lage« antwortete der Doctor »Sie durch
Ihre eigenen Taten widerlegen zu müssen Sie selbst haben mir gestern die Ehre
einer Artigkeit erwiesen Da Sie mir als persönliches Zeichen Ihres Wohlwollens
ein Tuch geschenkt haben worauf ich der ich nicht Ihr Mitgevatter bin gar
keinen Anspruch hatte so darf auch ich sagen was dem Einen recht ist ist dem
Andern billig Und gerade Sie werden gar nichts einwenden dürfen wenn ich diese
Handschuhe in Ihr Haus sende«
Hummel lachte »Alle Hochachtung Herr Doctor Sie haben nur vergessen dass
Vater und Tochter nicht ganz dasselbe sind Ich habe nichts dagegen dass Sie mir
gelegentlich ein Geschenk machen wenn Sie diesem Triebe nicht widerstehen
können Ich werde mir dann überlegen was ich Ihnen dagegen zuschicken kann
Wenn Sie also meinen dass diese Handschuhe für mich passend sind so will ich
sie als eine Ausgleichung zwischen uns beiden behalten Und wenn ich einmal mit
Ihnen zusammen Pate stehen sollte werde ich sie über meine Daumen ziehen und
Ihnen vorzeigen«
»Ich habe sie Ihnen als Eigentum Ihrer Tochter übergeben« erwiderte Fritz
mit Haltung »wie Sie weiter damit verfahren darüber steht mir keine
Entscheidung zu nur ein Wunsch«
»So ist es recht Herr Doctor« stimmte Hummel bei »die Sache ist zur
Zufriedenheit aller Beteiligten abgemacht und wir sind miteinander zu Ende«
»Noch nicht ganz« versetzte der Doctor »Was jetzt kommt ist allerdings
eine Forderung an Sie Auch Fräulein Laura hat als meine Gevatterin mir ein Tuch
bestimmt und übersandt Das Tuch ist nicht in meine Hände gekommen ich habe
unzweifelhaft das Recht auch dieses Tuch als mein Eigentum zu betrachten und
ich ersuche Sie ergebenst die Zusendung zu bewirken«
»Oho« rief Hummel und der Bär in ihm regte sich »Das sieht aus wie Trotz
und darauf gebührt eine andere Sprache Mit meinem Willen erhalten Sie das Tuch
nicht es ist meiner Tochter zurückgegeben und wenn sie es Ihnen noch
einhändigt handelt sie als ein ungehorsames Kind gegen das Gebot ihres Vaters«
»Dann also ist meine Absicht Sie zum Widerruf dieses Verbotes zu
veranlassen« antwortete der Doctor nachdrücklich »Sie haben wie ich gestern
zufällig bemerkte die übersandten Handschuhe mit anderen vertauscht welche bei
Fräulein Laura den Glauben anregen mussten dass ich ein unverschämter und schaler
Spassmacher sei Solche hinterlistige Kränkung eines Fremden selbst wenn er ein
Gegner wäre ziemt keinem redlichen Mann«
Hummels Augen wurden groß und er trat einen Schritt zurück »Alle Wetter«
brummte er »ist so etwas möglich sind Sie der Sohn Ihres Vaters sind Sie
Fritz Hahn der junge Humboldt Sie können ja grob sein wie ein Bürstenbinder«
»Nur wo es nötig ist« versetzte Fritz »Ich habe mir in meinem Verhalten
gegen Sie nie einen Mangel an Zartgefühl zu Schulden kommen lassen Sie aber
haben gegen mich ein Unrecht begangen und Sie sind mir eine Genugtuung
schuldig Als ehrlicher Mann werden Sie mir diese geben und meine Genugtuung
soll das Tuch sein«
»Es ist hinreichend« unterbrach ihn Hummel die Hand erhebend »das alles
nutzt Ihnen nichts Denn ich will Ihnen da wir unter uns sind geradezu sagen
ich habe das nicht was Sie Zartgefühl nennen Wenn Sie sich durch mich gekränkt
fühlen so wäre mir das in der Stille leid insofern ich Sie als einen mutigen
jungen Mann vor mir sehe der auch seine Grobheit hat Wenn ich mir aber wieder
bedenke dass Sie Fritz Hahn heißen so kommt mir die Meinung dass es mir ganz
recht ist wenn Sie sich durch mich gekränkt fühlen Und damit müssen Sie sich
begnügen«
»Was Sie mir sagen« entgegnete Fritz »ist zwar unhöflich aber redlich ist
es nicht Und ich gehe mit der Empfindung von Ihnen dass Sie gegen mich etwas
gut zu machen haben Dies Gefühl ist für mich jedenfalls angenehmer als wenn
ich in Ihrer Lage wäre«
»Ich sehe wir verstehen uns in allen Dingen« erwiderte Hummel »wie zwei
Geschäftsleute die beide ihren Vorteil gehabt haben Ihnen ist angenehm dass
ich ein Unrecht gegen Sie habe und mir macht es keinen Kummer So soll es
bleiben Herr Doctor Wir sind in unserm Herzen und vor der Welt Feinde im
Übrigen aber alle Hochachtung«
Der Doctor verneigte sich und schied aus dem Komtoir Herr Hummel sah
nachdenklich auf die Stelle wo er gestanden hatte
Er war den ganzen Tag in einer milden und menschenfreundlichen Stimmung die
er zunächst dadurch bewies dass er mit seinem Buchhalter philosophirte »Haben
Sie auch einmal Bienenzucht getrieben« frug er ihn über den Komtoirtisch
»Nein Herr Hummel« antwortete dieser »wie sollte ich dazu kommen«
»Es fehlt Ihnen an Unternehmungsgeist« fuhr Hummel tadelnd fort »warum
wollen Sie sich dieses Vergnügen nicht gönnen«
»Ich wohne ja in einer Dachstube Herr Hummel«
»Tut nichts die neuen Erfindungen erlauben den Bienengenuss in einem
Tabakskasten Sie setzen den Schwarm hinein öffnen das Fenster und schneiden
von Zeit zu Zeit Ihren Honig heraus Sie können dabei ein reicher Mann werden
Sie sagen dass dieses Geschmeiss Ihre Hausleute und Nachbarn stechen wird haben
Sie keine Sorge solche Rücksichten sind altfränkisch Folgen Sie doch dem
Beispiel gewisser anderer Leute die auch ihre Bienenstöcke an die Straße
setzen um die Ausgaben für Zucker zu ersparen«
Der Buchhalter wollte diesem Vorschlag zur Güte nicht widersprechen »Wenn
Sie meinen« versetzte er nachgiebig
»Den Teufel meine ich Herr« brach Hummel los »lassen Sie sich nicht
einfallen mit einem Bienenschwarm in der Tasche in mein Komtoir zu kommen ich
bin entschlossen dergleichen Unfug unter keinen Umständen zu dulden Für diese
Gasse bin ich Hummel genug und ich verbitte mir jede Art von Summen und
Schwärmen um Haus und Hof«
Als er am Nachmittag mit Frau und Tochter im Garten lustwandelte hielt er
plötzlich an »Was war es doch das hier durch die Luft flog«
»Es war ein Käfer« sagte seine Frau
»Es war eine Biene« sagte Herr Hummel »Sollte dieses Gesindel schon
ausfliegen Wenn es etwas gibt was ich nicht leiden kann so sind es Bienen
Richtig da ist wieder eine Sie belästigt dich Philippine«
»Ich kanns nicht sagen« antwortete diese
Aber wenige Augenblicke darauf flog eine Biene unleugbar um Lauras Locken
und Laura musste sich mit ihrem Sonnenschirme gegen die kleine Arbeiterin
verteidigen welche die Wangen des Mädchens mit einem Pfirsich verwechselte
»Es ist auffallend« sagte Hummel zu den Frauen »das war doch sonst nicht so
arg In einem hohlen Baum des Parks muss sich ein Bienenstock etablirt haben
dergleichen kommt vor Da draußen schläft der Parkwächter auf einer Bank froh
dass ihn selber Niemand stiehlt Du stehst ja gut mit dem Manne mache ihn doch
darauf aufmerksam Das Ungeziefer ist unleidlich«
Frau Hummel ließ sich zu einer Frage verleiten der Wächter versprach
aufzumerken kam nach einer Weile wieder an den Zaun und rief leise »Pst
Madame Hummel«
»Der Mann ruft dich« ermahnte Hummel
»Sie kommen aus dem Garten des Herrn Hahn« berichtete vorsichtig der
Parkwächter »dort steht jetzt ein Bienenstock«
»Wirklich« frug Hummel »ist es möglich sollte Hahn diese Liebhaberei
gewählt haben« Laura sah unruhig auf den Vater »Ich bin ein friedlicher Mann
Wächter und ich kann meinem Nachbar nicht zutrauen dass er uns solchen Tort
antut«
»Es ist sicher Herr Hummel« sagte der Parkwächter »sehen Sie dort das
gelbe Ding«
»Richtig« rief Hummel kopfschüttelnd »es ist gelb«
»Lass gut sein Heinrich vielleicht wird es nicht so arg« begütigte seine
Frau
»Nicht so arg« frug Hummel zornig »Soll ich zusehen wie sich die Bienen
auf deine Nasenspitze setzen soll ich dulden dass meine Frau den ganzen Sommer
eine Kugel vor sich herträgt so groß wie ein Apfel Lass nur gleich eine Stube
für den Chirurgus zurecht machen er wird doch die nächsten Monate nicht aus
unserm Hause kommen«
Laura trat an den Vater »Ich sehe dirs an du willst mit dem Nachbar
wieder Streit anfangen wenn du mich liebst tu es nicht Ich kann dir nicht
sagen Vater wie sehr mir dieses Gezänk zuwider ist Ich habe genug darunter
gelitten«
»Ich glaube dirs« erwiderte Hummel gemütlich »Aber gerade weil ich dich
liebe muss ich bei guter Zeit diesen Injurien von drüben ein Ende machen bevor
dieses beflügelte Zeug seinen Honig aus unserm Garten hinüberträgt Ich will
dich von keiner Nachbarbiene anfallen lassen verstehst du«
Laura wandte sich ab und sah finster in das Wasser auf welchem abgefallene
Kätzchen der Birken langsam der Stadt zuschwammen »Tun Sie etwas Übriges
Wächter um den Frieden zwischen Nachbarn zu erhalten« fuhr Hummel fort »und
richten Sie Herrn Hahn meine Empfehlung und die Bitte aus er möchte seine
Bienen anbinden damit ich nicht in die Lage komme wieder die Polizei zu Hilfe
zu rufen«
»Ich will ihm sagen Herr Hummel dass die Bienen der Nachbarschaft lästig
werden Denn es ist wahr die Gärten sind klein«
»Sie sind ja so enge dass man sie in einer Schachtel auf dem Weihnachtsmarkt
verkaufen kann« räumte Hummel bereitwillig ein »Tun Sies auch aus Erbarmen
mit den Bienen selbst Unsere drei Märzbecher werden als Futter nicht lange
vorhalten Und nachher bleibt ihnen nichts übrig als das eiserne Gitter zu
benagen« Er gab dem Wächter einige Groschen und fügte für seine Frau und
Tochter hinzu »Um des lieben Friedens willen ihr seht wie sehr ich den
Nachbar schone«
Die Frauen kehrten gedrückt nnd voll trüber Ahnung in das Haus zurück
Da der Wächter sich nicht wieder sehen ließ lauerte ihm Hummel am nächsten
Tage auf »Nun« frug er
»Herr Hahn meinte die Stöcke wären weit von der Straße hinter Gebüsch Sie
belästigten Niemanden Und er würde sich sein Recht nicht nehmen lassen«
»Da haben wirs« brach Hummel los »Sie sind mein Zeuge dass ich das
Menschenmögliche getan habe um Streit zu vermeiden Der Mann hat vergessen
dass es einen Paragraph 167 gibt Es tut mir leid Wächter aber jetzt muss die
Polizei das letzte Wort sprechen«
Herr Hummel besprach sich vertraulich mit einem Polizeidiener Herr Hahn
aber geriet wieder einmal in Aufregung und Zorn als er aufs Rathaus bestellt
wurde und Herr Hummel behielt gewissermaßen Recht denn die Polizei gab Herrn
Hahn den Rat einer Belästigung der Nachbarn und Vorübergehenden durch
Entfernung der Körbe zuvorzukommen Herr Hahn hatte sich so herzlich über seine
Bienen gefreut ihre Wohnungen waren mit allen neuen Erfindungen ausgestattet
auch waren es gar nicht unsere zornigen deutschen Bienen sondern italienische
welche nur stechen wenn sie aufs äußerste gereizt werden Das half jetzt alles
nichts denn auch der Doctor und Frau Hahn baten die Stöcke zu entfernen und
so wurden diese in einer dunkeln Nacht von Herrn Hahn unter bitteren und
niederbeugenden Empfindungen aufs Land geschafft An der Stätte die sie öde
zurückgelassen errichtete Herr Hahn wenigstens einige Starnester auf Stangen
Sie waren ein schwacher Trost Die Stare hatten bereits nach dem alten Brauch
ihres Stammes Boten durch das Land geschickt und ihre Sommerwohnungen gemietet
und nur Sperlinge nahmen frohlockend Besitz von den Kästen und ließ als
liederliche Haushalter lange Strohhalme zu den Löchern herabhängen Herr Hummel
aber zuckte verächtlich die Achseln und nannte die neue Erfindung mit lautem Bass
Spatztelegraphen
Das Gartenvergnügen begann schwermütige Ahnung war zur Wirklichkeit
geworden Argwohn und finstere Mienen schieden aufs Neue die Nachbarhäuser
6
Kleine Gegensätze
Eine Professorsfrau hat auch Not mit ihrem Mann Wenn Ilse einmal mit
wohlbekannten Frauen zusammensass mit der Raschke der Struvelius und der
kleinen Günter etwa bei einem vertraulichen Kaffe der nicht gänzlich
verachtet wurde dann kam so allerlei zutage
Es war doch eine hübsche Unterhaltung mit den gebildeten Frauen Allerdings
streifte das Gespräch zuweilen flüchtig über die Häupter der Dienstboten die
Sorgen der Wirtschaft wagten sich auch als quakende Frösche aus dem Weiher
gemütlicher Plauderei hervor und Ilse wunderte sich dass auch Flaminia
Struvelius ernstaft über das Aufbewahren kleiner Essiggurken zu sprechen wusste
und dass sie angelegentlich nach den Kennzeichen der Jugend an einer gerupften
Gans forschte Die lustige Günter aber erregte den Hausfrauen von größerer
Erfahrung Entsetzen und Gelächter als sie erklärte dass sie das Geschrei
kleiner Kinder gar nicht ertragen könne und dass sie das ihre das sie noch
nicht einmal hatte vom ersten Anfang durch Streiche zu ehrbarer Ruhe zwingen
werde Wie gesagt die Rede schweifte von Grösserem auch auf diese Gebiete Und
wenn so einmal Unbedeutendes darankam geschah es natürlich auch dass die Männer
einer ruhigen Besprechung gewürdigt wurden und da ergab sich dass jede der
Frauen wenn von Männern im Allgemeinen die Rede war doch an ihren eigenen
dachte und dass jede ohne dass sie es aussprach ein heimliches Bündel Sorgen
mit sich herumtrug und die Hörerinnen zu dem Schluss berechtigte auch dieser
Mann sei schwer zu behandeln Gar nicht zu verbergen waren die Schicksale der
Frau Raschke denn sie waren stadtkundig Man wusste sehr wohl dass er an einem
Markttage in seinem Schlafrock zur Universität gezogen war in einem leuchtenden
Schlafrock orange und blau mit türkischen Mustern Seine Studenten die ihn
zärtlich liebten und seine Gewohnheiten wohl kannten hatten doch ein lautes
Lachen nicht unterdrückt und Raschke hatte ruhig den Schlafrock über das
Katheder gehängt und in Hemdsärmeln gelesen und war im Überzieher eines
Studenten nach Hause gekommen Seitdem ließ Frau Raschke den Gatten niemals
ausgehen ohne ihn noch einmal zu untersuchen Ferner kam heraus dass er sich
nach zehn Jahren in den Straßen der Stadt noch immer nicht zurecht fand und dass
sie ihr Quartier nicht wechseln durfte weil sie überzeugt war dass ihr
Professor sich nicht daran kehren und doch immer wieder in die alte Wohnung
zurücklaufen würde Auch Struvelius machte Sorge Die letzte gewaltige hatte
Ilse persönlich kennengelernt aber es wurde auch ermittelt dass er von seiner
Frau forderte für ihn lateinische Korrecturen zu lesen weil sie ein wenig
diese Sprache gelernt hatte und dass er gänzlich außer Stande war freundlichen
Weinreisenden seine Aufträge zu versagen Denn die Struvelius hatte bei ihrer
Verheiratung einen ganzen Keller voll kleiner und großer Weinfässer gefunden
die noch gar nicht abgezogen waren während er selbst bitterlich klagte dass er
keinen Wein in den Keller bekomme Sogar die kleine Günter erzählte dass ihr
Gatte der Nachtarbeiten sich nicht entschlagen konnte und dass er bei einer
solchen Ausschweifung mit der Lampe unter den Büchern umherflackerte und einer
Gardine zu nahe kam die Gardine fing Feuer er riss sie ab verbrannte sich
dabei die Hände und drang mit kohlschwarzen Fingern in die Schlafstube verstört
und einem Otello ähnlicher als einem Mineralogen
Ilse erzählte nichts aus ihrer kurzen Laufbahn aber auch sie hatte
Gelegenheit Erfahrungen zu machen Zwar in später Arbeit war ihr Hausherr
mäßig auch mit dem Weine wusste er ziemlich Bescheid und trank bei Gelegenheit
wacker sein Glas wie einem deutschen Gelehrten ziemt Doch mit dem Essen wars
bei ihm traurig bestellt Es ist zwar nicht schön wenn man viel um den Magen
sorgt und vollends einem Professor nicht anständig aber wenn einer gar nicht
weiß was er isst und Entenbein und Gansbein verwechselt so ist das auch keine
Freude für die welche ihm etwas Gutes erweisen möchten Zum Tranchiren war er
vollends nicht zu brauchen Die zähen stymphalischen Vögel welche Herkules
erlegt hatte und den ungeniessbaren Vogel Phönix den sein Tacitus mit Achtung
erwähnte kannte er viel genauer als den Knochenbau einer Trutenne Ilse
gehörte zwar nicht zu den Hausfrauen denen Vergnügen ist den ganzen Tag in der
Küche zu stehen aber sie verstand das Geschäft und setzte eine Ehre darein für
den Mittagstisch ihr Herrscheramt würdig zu üben Das war alles vergebens Er
machte zuweilen einen Versuch seine Tafel zu loben aber Ilse kam dahinter dass
sein Herz gar nicht dabei war Denn als sie ihm einen prächtigen Fasan vorsetzte
und er an ihrer beobachtenden Miene merkte dass eine Äußerung erwartet werde
da lobte er die Köchin weil sie ein so stattliches Huhn eingekauft Ilse
seufzte und suchte ihm den Unterschied aus einander zu setzen und sie musste
erleben dass ihr Gabriel nach Tisch bedauernd sagte »Es ist umsonst ich kenne
den Herrn er hat kein Geschick zum Essen« Seitdem war Ilse auf die Anerkennung
angewiesen welche ihr einzelne Herren des Teetisches zollten Das war ihr kein
Ersatz Auch der Doctor hatte nach dieser Richtung nicht viel Achtungswertes
Und es war jämmerlich und niederbeugend die beiden Herren vor einem
Schnepfenpaar zu sehen das der Vater geschickt hatte
Der Professor aber hielt den Doctor für ausnehmend praktisch weil dieser
etwas Geschick im Kaufen und Einrichten hatte und er war gewöhnt bei vielen
Ereignissen des Tages den Freund zu Rate zu ziehen Der Schneider kam und
brachte Tuchproben zu einem neuen Rock Der Professor sah zerstreut auf die
farbigen Signale der aufgeklappten Mappe »Ilse schicke doch zum Doctor damit
er wählen hilft« Ilse schickte aber mit bösem Willen zum Rockkaufen
brauchte man den Doctor auch noch nicht und wenn ihr lieber Mann darin keinen
Entschluss hatte so war sie doch da Aber vorläufig half das nichts der Doctor
bestimmte gebietend Rock Weste und den übrigen Kleiderbedarf ihres Gatten Ilse
hörte der Verhandlung schweigend zu aber sie war recht herzlich böse auf den
Doctor und auch ein wenig auf ihren Hausherrn Sie beschloss in der Stille dass
das nicht so bleiben dürfe unternahm schnell eine Kopfrechnung mit ihrem
Wirtschaftsgeld ließ den Schneider in ihr Zimmer kommen und bestellte selbst
einen zweiten Anzug für ihren Mann mit dem Auftrage diesen zuerst zu machen
Als der Künstler sein Werk abgeliefert hatte rief sie den Gatten und frug wie
ihm die Prachtstücke gefielen Er lobte und sie sagte »Sie sind für dich Ich
mache mich so hübsch als ich kann um dir zu gefallen trage du auch einmal mir
zu Ehren was ich für dich ausgesucht habe Habe ichs getroffen so wähle ich
dir in Zukunft und ich übernehme die Verantwortung für deine Kleidung«
Aber der Doctor sah verwundert darein als der Professor in anderm Schmucke
erschien Es ergab sich jedoch dass er nichts daran auszusetzen vermochte Und
als Ilse dem Doctor allein gegenübersass begann sie »Beide lieben wir den Mann
da drinnen und wir wollen uns über ihn vereinigen Sie haben das größte Recht
der Vertraute seiner Arbeiten zu sein und ich darf nie daran denken mich darin
Ihnen gleich zu stellen Aber wo mein kleiner Hausverstand ausreicht da
wenigstens möchte ich ihm nützlich werden und was ich ihm darin sein kann
lieber Herr Doctor überlassen Sie mir«
Sie sagte das lächelnd der Doctor aber trat ernstaft vor sie hin »Sie
sprechen aus was ich lange empfunden Ich habe mehre Jahre mit ihm gelebt und
manchmal für ihn gelebt und diese Zeit war mir ein hohes Glück jetzt fühle ich
sehr wohl dass Sie den nächsten Anspruch auf ihn haben Ich werde versuchen
müssen mich in Manchem zu bescheiden es wird mir schwer aber es ist zuletzt
gut dass es so kommt«
»So waren meine Worte nicht gemeint« rief Ilse unruhig
»Ich verstehe wohl wie sie gemeint waren und ich verstehe auch dass Sie
Recht haben Ihre Aufgabe ist nicht nur ihm sein Leben bequem zu machen Denn
er sieht gleichgültig über Vieles weg was den Tag schmückt und behaglich
zurichtet Aber inniges Bedürfnis ist ihm mit seiner Umgebung bei Allem was
ihn und seine Zeit bewegt im Einklang zu leben Darin ist er weich und reizbar
Nicht dass ich ein Verständnis für Einzelheiten seiner Arbeit habe machte ihn zu
meinem Freund sondern weit mehr das gute Einvernehmen in den großen und kleinen
Fragen unseres Lebens Ich sehe jetzt wie eifrig Sie bemüht sind auch darin
ihm Vertraute zu werden Glauben Sie mir der wärmste Wunsch meines Herzens ist
dass Sie mit der Zeit dieses hohe Recht erhalten«
Er schied mit ernstem Gruß und Ilse sah ihm betroffen nach Der Doctor
hatte an eine Saite gerührt deren Schwirren sie in ihrem Glücke immer wieder
mit Schmerzen fühlte Ihr war das neue Hauswesen leicht und klein und Alles
schnurrte wie ein Kreisel und auch sie legte keinen großen Wert auf ihre
Tätigkeit Aber es tat ihr doch weh dass ihre Arbeit dem Gatten so wenig war
und sie dachte wieder »Was ich ihm sein kann das merkt er kaum und wo es mir
schwer wird seinem Geiste zu folgen da entbehrt er vielleicht eine Seele die
ein besseres Verständnis hat«
Das waren leichte Wolkenschatten welche über die sonnige Landschaft
dahinfuhren aber sie kamen oft wenn Ilse in ihrem Zimmer grübelnd allein saß
Einst in der Dunkelstunde war Professor Raschke angelangt er zeigte sich
willig über Abend zu bleiben und Felix sandte den Diener zur Frau Professorin
dieser die Sorge um den abwesenden Gatten zu nehmen Da Raschke unter den
gelehrten Herren Ilses Liebling war gab sie in der Not einen Küchenbefehl
der ihm wohltun sollte Dieser Befehl verurteilte einige junge Hühner welche
kurz vorher lebend angelangt waren zum Tode Die Herren waren bereits in Ilses
Zimmer als aus der Küche ein klägliches Geschrei ertönte und das Küchenmädchen
ihr bleiches Gesicht an der Tür zeigte und die Herrin herausrief Dort fand
sich dass das Gemüt des Mädchens das Schlachten nicht bewerkstelligen konnte
Da Gabriel die nötigen Meucheleien sonst still an entlegener Stätte besorgt
hatte wusste sie sich heut keinen Rat ein ängstlicher Versuch war schlecht
abgelaufen und Ilse musste das Unvermeidliche selbst tun Als sie wieder
eintrat frug unglücklicher Weise Felix nach dem Grunde der Aufregung und Ilse
erzählte kurz den Vorfall
Die Hähnchen kamen auf den Tisch sie machten der Küche keine Schande Ilse
schnitt und legte vor Aber ihr Gatte schob den Teller zurück und Raschke
arbeitete zwar aus Artigkeit ein wenig an seinem Bruststücke herum würgte aber
auch über den Bissen Ilse sah mit großen Augen auf die beiden Männer »Weshalb
essen Sie nicht Herr Professor« frug sie endlich den Gast mit mühsam
erkämpfter Ruhe
»Es ist nur eine Schwäche der Empfindung« antwortete Raschke »und Sie
haben ganz Recht es ist eine Torheit mich stört noch das Geschrei der armen
Gebratenen«
»Dich auch Felix« frug Ilse mit ausbrechendem Eifer
»Ja« erwiderte dieser »ist es nicht möglich das Umbringen unmerklich zu
machen«
»Nicht immer« entgegnete Ilse gekränkt »wenn der Raum so enge und die
Küche so nahe ist« Sie klingelte und ließ den unglücklichen Braten abtragen
»Da man in der Stadt das Schlachten so sehr bedauert sollte man kein Fleisch
essen«
»Sie haben ganz Recht« wiederholte Raschke versöhnend »und unsere
Empfindlichkeit hat nur geringe Berechtigung Wir finden die Zubereitungen
unbehaglich und lassen uns Bereitetes in der Regel sehr wohl gefallen Aber wer
gewöhnt ist das Tierleben mit Teilnahme zu betrachten den beunruhigt die
Zerstörung eines Organismus für egoistische Zwecke immer wenn sie in einer
Weise vollzogen wird an welche er zufällig nicht gewöhnt ist Denn das ganze
Leben der Tiere hat für uns etwas Geheimnisvolles Dieselbe Lebenskraft die
wir an uns beobachten ist im Grunde auch in ihnen tätig nur eingeengt durch
eine anders beschränkte und im Ganzen weit unvollkommenere Organisation«
»Wie kann man ihre Seele mit der des Menschen vergleichen« rief Ilse »das
Vernunftlose mit dem Vernünftigen das Vergängliche mit dem Ewigen«
»Was das Unvernünftige betrifft liebe Frau Kollega so ist es ein Wort bei
dem man sich in diesem Falle nichts Genaues denkt Wie groß der Unterschied
zwischen Mensch und Tier auch sei er ist schwer festzustellen und auch nach
dieser Richtung ziemt uns Bescheidenheit Wir wissen sehr wenig von den Tieren
selbst von denen welche täglich mit uns leben Ich gestehe Ihnen dass mir der
gelegentliche Versuch dies Unverständliche meinem Verständnis näher zu rücken
eine Achtung und Scheu vor dem fremdartigen Leben eingeflößt hat bei welcher
zuweilen Schrecken war Ich leide nicht dass Jemand von meinen Leuten sein Herz
an ein Tier hängt Auch aus einer Weichheit des Gefühls die wie ich Ihnen
zugebe pedantisch ist Aber die Einwirkung des menschlichen Gemütes auf die
Tiere ist mir vollends rätselhaft und unheimlich erschienen es werden in den
fremden Kreaturen dadurch Seiten ihres Lebens entwickelt welche sie nach
einzelnen Richtungen dem Menschen sehr ähnlich machen Auch hat die liebevolle
Annäherung an unsere Art für uns soviel Rührendes dass wir leicht mehr Herz und
Empfindung auf ein Tier wenden als ihm und uns frommt«
»Aber das Tier bleibt doch wie es seit der Schöpfung war« rief Ilse
»unverändert in seinen Trieben und Neigungen Wir können einen Vogel abrichten
und einen Hund zwingen dass er überbringt was er selbst fressen möchte aber
das ist nur äußerer Zwang Sind sie sich selbst überlassen so bleibt ihnen Art
und Natur ungeändert und was wir Kultur nennen fehlt ihnen ganz«
»Auch darüber sind wir keineswegs sicher« versetzte Raschke »Wir wissen
gar nicht ob nicht jedes Geschlecht der Tiere auch eine Bildung und Geschichte
hat welche von der ersten Generation bis zur letzten reicht Es ist sehr
möglich dass Kenntnisse Virtuositäten und Verständnis der Welt soweit dies den
Tieren möglich ist sich in engerem Kreise ebenso wandelte als bei den
Menschen Es ist eine willkürliche Annahme dass die Vögel vor tausend Jahren
genau ebenso gesungen haben als jetzt Ich bin der Ansicht dass Wolf und Fuchs
auf cultivirtem Boden in ähnlicher Lage sind wie die letzten Trümmer der
Indianerstämme unter den Weißen während solche Tiere die in erträglichem
Frieden mit den Menschen leben wie die Sperlinge und anderes kleines Volk
sogar die Bienen in ihrer Art klüger werden und im Laufe der Zeit Fortschritte
machen Fortschritte die wir in einzelnen Fällen ahnen die unsere Wissenschaft
aber noch nicht darzustellen vermag«
»Damit wird unser Herr Oberförster sehr einverstanden sein« sagte Ilse
ruhiger »er klagt bitterlich dass die Finken unserer Gegend sich seit
Menschengedenken in ihrem Gesange erbärmlich verschlechtert haben weil alle
guten Sänger weggefangen sind und die jungen nichts Ordentliches mehr lernen«
»Vortrefflich« rief Raschke »Und wie es unter den Tieren derselben Art
kluge und unwissende gibt lässt sich auch annehmen dass den einzelnen eine
gewisse geistige Arbeit zugewiesen ist welche über ihr Leben hinausreicht Die
Erfahrung eines alten Raben oder die melodische Tonfolge einer schönsingenden
Nachtigall wäre für die späteren Geschlechter nicht verloren sondern wirkte
auch in ihnen mit einer gewissen Dauer Nach dieser Richtung darf man wohl von
Kultur und Fortbildung auch der Tiere sprechen Aber der Küche gegenüber
bekennen wir dass wir zum Nachteil für das gemeinsame Behagen an unrechter
Stelle gefühlvoll geworden sind und Sie zürnen uns deshalb nicht liebe
Freundin«
»Für diesmal wird es vergessen« erwiderte Ilse versöhnt »das nächste Mal
setze ich Ihnen gesottene Eier vor die werden doch kein Bedenken haben«
»Mit den Eiern ist es auch so ein eigen Ding« versetzte Raschke »doch
darüber enthalte ich mich billig einer näheren Betrachtung Was mich aber
hierhergeführt hat« fuhr er zu Felix gewandt fort »war nicht Huhn nicht Ei
sondern Kollege Struvelius Ich suche für ihn Versöhnung«
Felix setzte sich steif zurecht »Kommen Sie in seinem Auftrage«
»Noch nicht aber auf Wunsch einiger Kollegen Sie wissen dass für das
nächste Jahr ein energischer Rector nötig wird Es ist unter den Bekannten
wiederholt von Ihnen die Rede gewesen Struvelius wird wahrscheinlich Decan
schon deshalb wünschen wir dass Sie beide in ein freundliches Verhältnis treten
Noch mehr des akademischen Friedens wegen Ungern sehen wir unsere
Altertumswissenschaft auf gespanntem Fuße«
»Was der Mann etwa gegen mich versehen hat« antwortete der Professor stolz
»kann ich ihm leicht vergeben obgleich das kleinliche und versteckte Wesen mir
innerlich zuwider ist Dass er durch seine törichte Arbeit sich selbst und
dadurch unsere Universität blossgestellt hat ertrage ich schwerer Was mich aber
von ihm scheidet das ist die Unehrlichkeit seiner Empfindung«
»Der Ausdruck ist zu stark« rief Raschke
»Er entspricht genau seinem Tun« behauptete der Professor »Als der Beweis
einer Fälschung geführt war da noch war seine Furcht eine Niederlage zu
erleben stärker als sein Sinn für Wahrheit und er hat sich selbst belogen um
Andere zu täuschen Das ist eines deutschen Gelehrten unwürdig und für solches
Unrecht kenne ich keine Vergebung«
»Das ist wieder zu hart« versetzte Raschke »er hat offen und loyal seinen
Irrtum bekannt«
»Er hat es erst getan als durch Magister Knips ihm und Anderen die
Fälschung an der Schrift augenscheinlich nachgewiesen und dadurch die letzte
Ausflucht genommen war«
»Die Gefühle eines Menschen sind nicht so leicht wie Zahlen in ihre Elemente
zu zerfällen« entgegnete Raschke »und nur wer billig urteilt wird richtig
rechnen Er hat gekämpft mit verletztem Stolz vielleicht zu lange aber er hat
sich herausgehoben«
»Ich gestatte an der Sittlichkeit eines wissenschaftlichen Mannes keine
irrationalen Größen hier war die Frage schwarz oder weiß Wahrheit oder Lüge«
rief Felix
»Du hast doch dem Magister größere Nachsicht bewiesen« sagte Ilse bittend
»ich habe ihn seit der Zeit mehr als einmal bei dir gesehen«
»Der Magister hat in der Hauptsache geringere Schuld« antwortete der Gatte
»Als ihm die Frage ernstaft vor die Seele trat hat er sehr wohl seinen
Scharfsinn angewandt«
»Er hatte Geld dafür bekommen« sagte Ilse
»Er ist ein armer Teufel gewöhnt als Zwischenhändler bei
Antiquargeschäften einigen Vorteil zu haben und Niemand wird an ihn die
Forderung stellen dass er sich durchweg als Gentleman erweise Soweit seine
gedrückte Seele der Wissenschaft angehört ist sie nicht ohne männlichen Stolz
das weiß ich Für dergleichen Naturen habe ich das wärmste Mitgefühl Denn sein
Leben ist in der Hauptsache ein fortgesetztes Martyrium zum Besten Anderer Wenn
ich einen solchen Mann verwende so weiß ich sicher wo ich ihm vertrauen kann
wo nicht«
»Möchten Sie sich darin nicht täuschen« rief Raschke
»Ich übernehme Gefahr und Verantwortung« entgegnete der Professor »nichts
weiter von dem Magister er gehört nicht hierher Wenn ich aber seine Schuld mit
der des Struvelius vergleichen soll so ist mir nicht zweifelhaft wer Alles
eingerechnet den größeren Mangel an Ehrgefühl gezeigt hat«
»Das ist wieder so ungerecht« rief Raschke »dass ich eine solche Äußerung
über den abwesenden Kollegen nicht anhören kann Ich vermisse mit tiefem
Bedauern in Ihrer Auffassung die Unbefangenheit welche ich unter allen
Umständen geboten halte am meisten im Urteil über einen Amtsgenossen«
»Sie selbst haben mir gesagt« versetzte der Professor ruhiger »dass er dem
Verkäufer Schweigen versprochen hat weil ihm Aussicht auf noch andere
geheimnisvolle Pergamente gemacht wurde Wie können Sie für solches Preisgeben
des eigenen Selbstgefühls ein Wort der Entschuldigung finden«
»Es ist wahr« erwiderte Raschke »das hat er getan und das war seine
Schwäche«
»Das war seine Unsittlichkeit« rief der Professor wieder »und darüber
komme ich nicht weg Wer anders denkt mag ihm die Hand drücken«
Raschke stand auf »Wenn Ihre Worte meinen dass derjenige weniger Etos
besitzt der dem Struvelius noch die Hand drückt so entgegne ich Ihnen dass ich
dieser Mann bin und dass mich diese Handlung noch keinen Augenblick vor mir
selbst gedemütigt hat Ich habe vor Ihrem kräftigen und reinen Empfinden eine
recht innerliche Hochachtung und es ist mir manchmal ein Beispiel gewesen aber
heut muss ich Ihnen sagen dass ich mich Ihrer nicht freue Ist diese Härte doch
im Grunde deshalb in Sie gekommen weil Struvelius Sie persönlich verletzt hat
so geht sie über das Maß hinaus nach welchem wir nicht uns selbst aber Andere
beurteilen sollen«
»Sie gehe über das Maß hinaus« rief der Professor »ich kenne kein
bescheidenes Maß bei den Anforderungen die ich an das Rechts und
Anstandsgefühl meiner persönlichen Bekannten stelle Mir ist nicht gleichgültig
bei dieser Auffassung Sie zum Gegner zu haben aber wie ich bin selbst ein
unvollkommener und irrender Mensch ich kann mir diese Forderungen an meine
Umgebung nicht herabstimmen«
»So will ich wünschen« brach Raschke los »dass Sie selbst nie in den Fall
kommen Anderen bekennen zu müssen Sie seien durch einen Betrüger gerade da
getäuscht wo sich Ihr Selbstgefühl am kräftigsten erhob Denn wer so stolz über
Andere urteilt dem würde das Bekenntnis der eigenen Kurzsichtigkeit nicht
geringe Schmerzen bereiten«
»Ja es wäre furchtbar für mich« rief Felix »auch wider meinen Willen
Andere in Unwahrheit und Lüge zu verstricken Aber darauf vertrauen Sie ich
würde um solches Unrecht zu sühnen Alles was ich an Leben und Kraft noch
habe daran setzen Unterdes bleibt es zwischen jenem und mir wie bisher«
Raschke rückte seinen Stuhl unter den Tisch »Dann gehe ich heute denn ich
bin durch unsere Erörterung aus der Ruhe gekommen und ich würde ein schlechter
Gesellschafter sein Es ist das erste Mal Frau Kollega dass ich aus diesem
Hause mit unbehaglichem Gefühl scheide und nicht am wenigsten schmerzt mich
dass meine unzeitige Parteinahme für Hühnerseelen auch gegen Sie den Kamm
gesträubt hat«
Ilse sah betrübt in das erregte Antlitz des werten Mannes und um die
wogenden Gedanken zu glätten und an gute Freundschaft zu mahnen sagte sie
bittend »Aber das arme Huhn ist Ihnen nicht erlassen das müssen Sie doch noch
essen und ich sorge dafür dass es Ihnen morgen durch Ihre Frau zum Frühstück
vorgesetzt wird«
Raschke drückte ihr die Hand und eilte zur Tür hinaus der Professor ging
heftig im Zimmer auf und ab endlich trat er vor seine Frau und frug kurz »Habe
ich Unrecht«
»Ich weiß es nicht« erwiderte Ilse zögernd »aber als der Freund zu dir
sprach war meine ganze Empfindung auf seiner Seite und mir war als hätte er
Recht«
»Auch du« sagte der Professor finster wandte sich ab und schritt in seine
Arbeitsstube
Wieder saß Ilse allein das Herz war ihr schwer und sie grübelte »Er sieht
doch in vielen Dingen das Leben anders an als ich Gegen die Tiere ist er
weicher und gegen die Menschen zuweilen härter als ich sein kann Wie ich mich
auch mühe ich bleibe ihm gegenüber ein ungeschicktes Weib vom Lande Er ist
gütig gewesen gegen die Rollmaus er wird es auch gegen mich sein aber er wird
immer gegen mich Nachsicht üben müssen«
Sie sprang auf und ihr Antlitz flammte
Unterdes fuhr Raschke im Vorzimmer umher Auch dort herrschte Unordnung
Gabriel war noch nicht von seinem weiten Wege zurückgekehrt die Köchin hatte
das abgeräumte Mahl bis zu seiner Ankunft auf einen Seitentisch gestellt und
Raschke musste allein seinen Überrock suchen Er wühlte unter den Kleidern
griff einen Rock und einen Hut Da er heut nicht zerstreut war wie wohl sonst
fiel ihm bei einem Blick über die verschmähte Abendkost noch zu rechter Zeit
ein dass er ein Huhn essen musste Deshalb erfasste er die neuen Zeitungen welche
Gabriel für seinen Herrn zurechtgelegt hatte nahm schnell ein Huhn aus der
Schüssel wickelte es in die Blätter und versenkte es in die Tasche deren Tiefe
und Geräumigkeit ihn angenehm überraschte So eilte er bei der erstaunten Köchin
vorüber zur Wohnung hinaus Als er die Entreetür öffnete stieß er an etwas
das an der Schwelle wurzelte er hörte hinter sich ein hässliches Geknurr und
stürmte die Treppe hinab ins Freie
dabei flogen ihm die Reden des verlassenen Freundes durch den Kopf Das
ganze Verhalten Werners war sehr charakteristisch und es war ein tüchtiges
Wesen Merkwürdig dass in einem Augenblick des Zornes Werners Gesicht plötzliche
Ähnlichkeit mit dem einer Dogge erhalten hatte Hier wurde dem Philosophen die
geradlinige Kette seiner Betrachtungen gekreuzt durch die Erinnerung an das
Gespräch über Tierseelen »Es ist doch zu bedauern dass es immer noch schwer
wird den seelischen Ausdruck der Tiere zu fixiren Gelänge das so würde auch
die Wissenschaft davon Nutzen ziehen Wer Ausdruck und Gebärde der
Leidenschaften bei Menschen und höheren Tieren genau bis auf Einzelheiten
vergleichen könnte der vermöchte aus dem Gemeingültigen wie aus den einzelnen
Abweichungen Interessantes zu folgern Denn dadurch würde das Naturgemässe ihrer
dramatischen Bewegung und vielleicht einige neue Gesetze derselben gefunden
werden«
Während der Philosoph darüber dachte fühlte er ein wiederholtes Ziehen am
Rockschoss Da seine Frau die Gewohnheit hatte ihn leise zu zupfen wenn er
neben ihr in Gedanken wandelte und einem Bekannten begegnete so ließ er sich
dadurch nicht weiter stören er nahm freundlich seinen Hut ab und sagte gegen
das Brückengeländer gewendet »Guten Abend«
»Dies Gemeinsame und Ursprüngliche des mimischen Ausdrucks bei Menschen und
höheren Tieren würde aber genau erkannt vielleicht sogar neue Blicke in das
große Geheimnis des Lebens verstatten« Es zupfte wieder Raschke nahm
mechanisch den Hut ab es zupfte wieder »Ich danke liebe Aurelie ich habe
gegrüßt« Darüber entwickelte sich in ihm der Seitengedanke dass seine Frau
nicht so tief unten am Rock ziehen könnte Die zupfte war gar nicht sie
sondern seine kleine Tochter Berta die zuweilen altklug neben ihm ging und
ebenso wie die Mutter leise die Glocke zum Grüssen zog »Es ist gut mein Kind«
sagte er da Berta unaufhörlich an dem Rockschoss kratzte und läutete »Komm
hervor du Schelm« und er fasste in Gedanken hinter sich die Neckerin
heranzuziehen Er ergriff tief unten etwas Rundes Zottiges fühlte im
Augenblick scharfe Zähne an seinen Fingern und wandte sich erschrocken um Da
sah er im Laternenlicht ein rötlich schimmerndes Ungetüm mit dickem Kopf mit
gesträubtem Haar und einer Quaste statt des Schwanzes aus gehobener Stellung auf
die Vorderbeine zurückfallen Frau und Tochter waren ihm greulich verwandelt und
er blickte verwundert auf das undeutliche Geschöpf das sich ihm gegenübersetzte
und ihn ebenfalls schweigend anstarrte
»Eine merkwürdige Begegnung« rief Raschke »Was bist du unbekanntes Wesen
mutmasslich ein Hund hinweg mit dir« Die Kreatur wich einige Schritte zurück
Raschke eilte in seiner Untersuchung weiter »Wenn man den Gesichtsausdruck und
die Gebärde der Affecte in solcher Art auf Grundformen zurückführte so würde
sich jedenfalls als eins der tätigsten Gesetze das Bestreben erweisen Fremdes
anzuziehen und abzustossen Es wäre lehrreich bei diesen unwillkürlichen
Bewegungen der Menschen und Tiere zu unterscheiden was jeder Art
naturnotwendig und was ihr conventionell ist Hinweg Hund tu mir den
Gefallen und geh nach Haus Was will er von mir er gehört offenbar in Werners
Reich Das arme Geschöpf wird sich unter der Herrschaft einer fixen Idee in der
Stadt verlaufen«
Unterdes wurden die Angriffe Speihahns leidenschaftlicher zuletzt bewegte
er sich in ganz unnatürlichen und rein conventionellem Marsche nur auf den
Hinterbeinen vorwärts indem er sich mit den Vorderpfoten an die Rückseite des
Professors stemmte und mit dem Maul förmlich in den Rock einbiss
Ein später Schusterjunge blieb stehen und schlug an sein Schurzfell »Schämt
sich der Meister nicht dass er sich von dem armen Lehrjungen bockschieben lässt«
In Wahrheit sah der Hund hinter dem Manne aus wie ein Zwerg der auf der Eisbahn
einen Riesen stossend fortbewegt
Raschkes Interesse an den Gedanken des Hundes wurde größer Er blieb an
einer Laterne stehen besah und befühlte seinen Rock Dieser Rock war zu einem
Sammetkragen und sehr langen Aermeln gekommen zu Vorzügen welche der Philosoph
an seinem Überrocke niemals bemerkt hatte Jetzt war die Sache klar er selbst
hatte in Gedanken ein falsches Kleid gewählt und der wackere Hund bestand
darauf das Gewand seines Herrn zu retten und dem Räuber fühlbar zu machen dass
etwas nicht in Ordnung war Raschke freute sich so sehr über diese Klugheit dass
er sich umdrehte an Speihahn einige gütige Worte richtete und einen Versuch
machte das borstige Fell zu streicheln Der Hund schnappte wieder nach seiner
Hand »Du hast ganz Recht« entgegnete Raschke »dass du mir zürnst ich will dir
beweisen dass ich mein Unrecht einsehe« Er zog den Rock aus und hing ihn über
den Arm »Richtig er ist weit schwerer als mein eigener« So ging er in seinem
dünnen Leibrock frisch vorwärts und erkannte mit Befriedigung dass der Hund die
Angriffe auf den Rücken aufgab Dafür aber sprang Speihahn an der Rockseite
dahin und wieder biss er nach dem Rock und nach der Hand und knurrte
widerwärtig
Dem Professor wurde der Hund ärgerlich und als er auf der Promenade an eine
Bank kam legte er den Rock auf die Bank um den Hund in ernster Begegnung nach
Hause zu treiben Dadurch wurde er zwar den Hund los aber auch den Rock Denn
Speihahn sprang mit gewaltigem Satze auf die Bank stellte sich breitbeinig über
den Rock und erhob gegen den Professor der ihn vertreiben wollte ein grimmiges
Knurren und Fauchen »Es ist Werners Rock« sagte sichder Professor »und es ist
Werners Hund es wäre unrecht das arme Tier zu schlagen weil es in seiner
Treue leidenschaftlich wird und es wäre unrecht Hund und Rock zu verlassen«
So blieb er vor dem Hunde stehen und redete ihm freundschaftlich zu aber
Speihahn achtete gar nicht mehr auf den Professor er wandte sich gegen den Rock
selbst und kratzte wühlte biss hinein Raschke sah dass der Rock diese Wut
nicht lange ertragen konnte »Er ist verrückt oder toll« sagte er
sichmisstrauisch »zuletzt werde ich doch Gewalt gegen dich brauchen müssen arme
Kreatur« und dabei überlegte er ob er ebenfalls auf die Bank springen und den
Verrückten durch eine kräftige Fussbewegung in die Tiefe schleudern sollte oder
ob er den unvermeidlichen Angriff besser von unten eröffnen würde Er entschloss
sich zu letzterem und sah umher ob irgendwo ein Stein oder Pfahl gegen den
Wütenden erreichbar sei dabei blickte er auf die Bäume und den dunkeln Himmel
über sich und die Oertlichkeit erschien ihm ganz fremd »Ist hier Zauberei im
Spiel« rief er ergötzt »Bitte« wandte er sich grüßend an einen einsamen
Wanderer der seines Weges kam »in welcher Stadtgegend sind wir wohl Und
könnten Sie mir wohl auf einen Augenblick Ihren Stock leihen«
»Wirklich« entgegnete der Angeredete in unwilligem Ton »das sind ja sehr
verfängliche Fragen Meinen Stock brauche ich des Abends selbst Wer sind denn
Sie mein Herr« Der Fremde trat dem Professor drohend näher
»Ich bin friedlich« versetzte Raschke »und tätlichen Angriffen durchaus
abgeneigt Es hat sich nur zwischen jenem Tiere auf der Bank und mir ein Streit
um den Besitz eines Rockes erhoben und ich würde Ihnen verbunden sein wenn Sie
den Hund von dem Rocke verscheuchten Aber ich bitte Sie dem Tiere nicht mehr
weh zu tun als durchaus nötig ist«
»Ist denn das Ihr Rock« frug der Mann
»Das kann ich leider nicht bejahen« versetzte Raschke gewissenhaft
»Hier ist etwas nicht in Ordnung« rief der Fremde und sah wieder
argwöhnisch auf den Professor
»Allerdings nicht« versetzte Raschke »der Hund ist außer sich der Rock
ist vertauscht und ich weiß nicht wo wir sind«
»Nahe beim Taltor Herr Professor Raschke« antwortete die Stimme
Gabriels welcher eilig zu der Gruppe trat »Um Vergebung wie kommen Sie
hierher«
»Vortrefflich« rief Raschke vergnügt »ich bitte übernehmen Sie hier
diesen Rock und diesen Hund«
Erstaunt sah Gabriel auf Freund Speihahn der jetzt über dem Rocke saß und
gegen seinen Gönner das Haupt senkte Gabriel warf den Hund herab und riss den
Rock an sich »Das ist ja unser Überzieher« rief er
»Ja Gabriel« bestätigte der Professor »das war mein Irrtum und der Hund
hat dem Rock eine merkwürdige Treue bewiesen«
»Treue« rief Gabriel entrüstet und zog ein Packet aus der Tasche des
Rockes »Es war gefrässiger Eigennutz Herr Professor hierin muss etwas
Gebratenes sein«
»Ha« rief Raschke »richtig ich erinnere mich das Huhn ist an Allem
schuld Geben Sie mir das Packet Gabriel das Huhn muss ich selbst essen Und
wir könnten jetzt mit völliger Befriedigung einander Gute Nacht sagen wenn Sie
mir noch ein wenig meine Richtung durch diese Bäume angeben wollten«
»Aber Sie dürfen mir nicht in der Abendluft ohne Überrock nach Hause
gehen« bat Gabriel wohlmeinend »wir sind nicht weit von unserer Wohnung am
besten wäre wirklich der Herr Professor kehrte mit mir um«
Raschke überlegte und lachte »Sie haben Recht lieber Gabriel mein
Aufbruch war ungeschickt und die Tierseele hat heut eine Menschenseele zur
Ordnung gebracht«
»Wenn Sie diesen Hund meinen« versetzte Gabriel »so wärs zum ersten Mal
dass er etwas Ordentliches zu Stande bringt Ich merke er ist Ihnen von unserer
Tür nachgeschlichen denn dorthin stelle ich ihm des Abends die kleinen
Knochen«
»Er tat einmal als wäre er nicht ganz bei Sinnen« sagte der Professor
»Er ist schlau wo er will« versetzte Gabriel geheimnisvoll »aber wenn ich
von meinen Erfahrungen mit diesem Hunde reden sollte «
»Sprechen Sie Gabriel« rief der Philosoph wissbegierig »Nichts ist von
Tieren so wertvoll als wahrhafter Bericht solcher welche genau beobachtet
haben«
»Das darf ich von mir sagen« bestätigte Gabriel mit Selbstgefühl »und wenn
Sie genau wissen wollen wie er ist so versichre ich Sie er ist verwünscht er
ist unehrlich er ist vergiftet und er hat einen Grimm gegen die Menschheit«
»Hm so« versetzte der Philosoph kleinlaut »ich merke es ist viel
schwerer einem Hunde ins Herz zu sehen als einem Professor«
Speihahn schlich still und gedrückt und hörte auf das Lob das ihm erteilt
wurde während Professor Raschke von Gabriel geleitet in das Haus am Parke
zurückkehrte Gabriel öffnete die Tür des Wohnzimmers und rief hinein »Herr
Professor Raschke«
Ilse streckte ihm beide Hände entgegen »Willkommen willkommen lieber Herr
Professor« und führte ihn in das Arbeitszimmer des Gatten
»Da bin ich wieder« rief Raschke vergnügt »nach einer Irrfahrt wie im
Märchen was mich zurückgeführt hat waren zwei Tiere die mir den richtigen
Weg wiesen ein gebratnes Huhn und ein vergifteter Hund« Felix sprang auf die
Männer grüßten einander mit warmem Händedruck und es wurde nach aller Irrung
noch ein herzerfreuender Abend
Als Raschke sich spät entfernt hatte sagte Gabriel traurig zu seiner
Herrin »Dies war der neue Rock das Huhn und der Hund haben ihn verwüstet dass
es ein Jammer ist«
7
Die Erkrankung
Über dem Stadtwald und den Gärten rührte sich das junge Leben des Frühlings In
stillem Wintertraum hatten Knospen und Raupen nebeneinander geschlafen jetzt
schoss das Blatt aus seiner Hülle und der Wurm kroch über das junge Grün Unter
dem hellen Schein einer höheren Sonne begann der Kampf des Lebens das Blühen
und Welken die bunten Farben und der Spätfrost in dem sie erblichen das
lustige Laub und der Käfer der daran nagte Der uralte Streit erhob sich um
Knospen und Blüten wie im Herzen des Menschen
In Ilses Lehrstunden wurde jetzt Herodot gelesen Auch er ein Frühlingsbote
des Menschengeschlechts an der Grenze zwischen träumender Poesie und heller
Wirklichkeit der frohe Verkünder einer Zeit in welcher das Volk der Erde sich
der eigenen Schönheit freute und die Wahrheit mit Ernst zu suchen begann Wieder
las Ilse in leidenschaftlicher Spannung die Seiten welche ihr eine verschüttete
Welt so lebendig und herzlich vor Augen stellten Aber es war nicht mehr die
ungetrübte erhebende Freude an dem Erzählten wie bei dem Werk des großen
Dichters der Schicksal und Taten seiner Helden so lenkte dass sie dem Gemüt
auch da wohltaten wo sie Leid und Schrecken erregten Denn das ist ein Recht
der menschlichen Erfindung die Welt zu gestalten wie das weiche Herz des
Menschen sie ersehnt Wechsel und billiges Verhältnis in Glück und Leid jedem
Einzelnen nach seiner Kraft und seinem Tun Anerkennung und klug zugemessene
Vergeltung Der Geist aber welcher hier das geschwundene Leben regierte
waltete übermenschlich die Fülle des Lebendigen drängte sich eines verwüstete
das andere erbarmungslos brach die Zerstörung ein sie traf die Guten wie die
Bösen es war auch eine Vergeltung es war auch ein Fluch aber sie schlugen
unbegreiflich grausam herzzerm almend Das Gute blieb nicht gut und das Böse
behielt den Sieg Was erst zum Segen war wurde später zum Verderben was heut
wohltätig Größe und Herrschaft gab das wurde morgen eine Krankheit welche den
Staat zerstörte Wenig galt jetzt der einzelne Held wo sich eine große
Menschenkraft für Augenblicke herrschend erhob sah Ilse gleich darauf wie sie
dahinschwand in dem wirbelnden Strom der Ereignisse Krösus der übersichere
gutherzige König fiel der starke Cyrus verging und Xerxes wurde geschlagen
Aber auch die Völker versanken die große Wunderblume Egypten verdorrte das
goldene Reich der Lyder zerbrach die mächtigen Perser verdarben zuerst Andere
dann sich selbst Und in dem jungen Hellenenvolk das sich so heldenkräftig
erhob sah sie bereits den Zorn die Missetat und die feindlichen Gegensätze
geschäftig durch welche das schönste Gebilde des Altertums nach kurzem
Gedeihen vergehen sollte
Ilse und Laura saßen einander gegenüber zwischen ihnen lag das
aufgeschlagene Buch Zwar wurde Laura nicht bei dem geheimen Vortrag des
Professors zugelassen aber ihre Seele flog getreulich auf der Wildbahn
nebenher Ilse teilte ihr von dem Erwerb ihrer Stunden mit und genoss die süße
Freude neues Wissen in den Geist einer Vertrauten zu senken
»Auf diesen Xerxes habe ich einen großen Zorn« rief Laura »schon von der
Fibel her Der Perser Xerxes war ein reicher König Xantippe war ein Weib doch
taugten beide wenig Ich dachte lange Xantippe wäre seine Frau gewesen ich
hätte sie ihm gegönnt Sehen Sie dagegen die dreihundert Spartaner sie senden
die Andern nach Haus kränzen sich und salben sich und ziehen ihr Festkleid an
zum Tode Das erhebt das Herz Sie waren Männer Und könnte ich ihrem Gedächtnis
etwas Liebes erweisen durch meinen dummen Kopf und meine schwachen Hände ich
wollte dafür arbeiten bis mir die Finger schmerzten Aber was kann ich
Armselige tun Höchstens Reisetaschen sticken für ihren Weg in die Unterwelt
und die kämen zweitausend Jahre zu spät Wir Frauen sind erbärmlich dran« rief
sie ärgerlich
»Ich weiß andere aus der Schlacht« sagte Ilse »die mir rührender sind als
die dreihundert von Sparta Das sind die Tespier welche zugleich mit ihnen
kämpften und starben Die Spartaner zwang ihr stolzes Herz die strenge Zucht
und Befehl ihrer Obrigkeit Die Tespier aber starben freiwillig Sie waren
kleine Leute und sie wussten wohl dass die größte Ehre ihren vornehmen Nachbarn
bleiben würde Sie aber standen treu in bescheidenem Sinn und das war weit
selbstloser und edler Ach ihnen allen war es leicht« fuhr sie traurig fort
»aber die zurückblieben ihre armen Eltern die Frauen und Kinder das zerstörte
Glück und der unsägliche Jammer daheim«
»Jammer« rief Laura »wenn sie dachten wie ich waren sie stolz auf den Tod
ihrer Lieben und trugen wie diese Kränze in ihrem Schmerz Wozu ist unser
Leben wenn man sich nicht freuen darf es für Höheres hinzugeben«
»Für Höheres« frug Ilse »Was den Männern höher gilt als Weib und Kind ist
das höher auch für uns Unser Amt ist das ganze Herz auf sie die Kinder und
das Haus zu richten Wenn sie uns genommen werden uns ist das ganze Leben
verwüstet und nichts bleibt als unendliche Trübsal Das ist für uns wohl
natürlich wenn wir ihren Beruf anders ansehen als sie selbst«
»Ich will auch ein Mann sein« rief Laura »Sind wir denn so schwach an
Geist und Gemüt dass wir weniger Begeisterung und Ehrgefühl und Liebe zum
Vaterland haben müssen als sie Der Gedanke ist furchtbar durch das ganze Leben
nur Dienerin zu sein eines Gebieters der auch nicht stärker und besser ist als
ich der Gummischuhe trägt sich die Füße nicht nass zu machen und einen
wollenen Shawl sobald ein raues Lüftchen weht«
»Man trägt dergleichen hier in der Nachbarschaft« versetzte Ilse lächelnd
»Es tuns die Meisten« sagte Laura ausweichend »und glauben Sie mir Frau
Ilse dies Männervolk hat kein Recht darauf dass wir unser ganzes Herz und Leben
auf sie richten Gerade die tüchtigsten haben kein volles Herz für uns Wie
sollten sie auch Wir sind ihnen gut zur Unterhaltung und ihre Strümpfe zu
stopfen und vielleicht ihre Vertrauten zu werden wenn sie einmal nicht Rat
wissen aber die besten von ihnen sehen immer über uns weg auf das Ganze und
dort ist ihr eigentliches Leben Was ihnen Recht ist das sollte uns billig
sein«
»Haben wir nicht genug an dem was sie uns von ihrem Leben geben« frug
Ilse »Ists auch nur ein Teil er macht uns glücklich«
»Ist es ein Glück die größten Gefühle zu entbehren« rief Laura wieder
»können wir sterben wie Leonidas«
Ilse wies auf die Tür ihres Gatten »Mein Hellas sitzt dort drin und
arbeitet und mir pocht das Herz wenn ich seinen Tritt höre oder auch nur das
Knistern seiner Feder Für den einen Geliebten zu leben oder zu sterben ist
doch auch eine erhebende Idee und sie macht glücklich Ach nur glücklich wenn
man weiß dass man ihm ein Glück ist«
Laura flog zu den Füßen der Freundin sah ihr in das sorgenvolle Antlitz und
schmeichelte »Ich habe Sie ernstaft gemacht mit meinem Geschwätz und das war
unrecht denn ich möchte Ihnen jede Stunde ein Lächeln um die Lippen zaubern und
immer ein freundliches Licht in die sanften Augen Haben Sie Geduld mit mir ich
bin ein Querkopf und ein unwirsches Ding und oft unzufrieden mit mir und Andern
und ich weiß manchmal selbst nicht warum Aber Xerxes taugt nichts dabei
bleibe ich und wenn ich ihn hätte ich könnte ihn alle Tage ohrfeigen«
»Ihm wenigstens ist es vergolten worden« versetzte Ilse Laura sprang
wieder auf »Ist das eine Vergeltung für den Buben Hunderttausende hat er
umgebracht oder elend gemacht und er fährt mit heiler Haut nach Hause Es gibt
keine Strafe die hart genug ist für solchen frevelhaften König Ich weiß aber
recht gut wie er war er war ein verzogenes Muttersöhnchen er hatte immer in
seinem elterlichen Hause gelebt er war aufgewachsen im Überfluss und alle
Menschen waren ihm untertänig Deswegen behandelte er Alle mit Verachtung Es
würde Andern ebenso gehen wenn sie in die Lage kämen Ich kann mirs recht gut
denken dass ich selbst so ein Ungetüm sein würde und mancher Bekannte auch«
»Etwa mein Mann« frug Ilse
»Der ist mehr Cyrus oder Kambyses« versetzte Laura
Ilse lachte »Das ist nicht wahr Aber wie wäre es mit dem Doctor drüben«
Laura hob strafend die Hand gegen das Nachbarhaus »Der wäre Xerxes gerade
wie er im Buche steht Wenn Sie sich den Doctor denken ohne Brille in einem
goldenen Schlafrock mit einem Szepter in der Hand ohne sein gutes Herz was
Fritz Hahn allerdings hat und etwas weniger gescheidt als er ist und noch mehr
verzogen als er ist und als einen Menschen der kein Buch geschrieben hat und
nichts gelernt hat als Andere schlecht behandeln so ist er ganz Xerxes Ich
sehe ihn vor mir auf dem Throne sitzen hier am Bach und mit seiner Peitsche in
das Wasser schlagen weil es ihm die Stiefeln nass macht Der hätte wohl
gefährlich werden können wenn er nicht hier am Stadtpark geboren wäre«
»Das meine ich auch« versetzte Ilse
Aber am Abend in der Lehrstunde sprach Ilse zum Gatten »Als Leonidas mit
seinen Helden starb rettete er seine Landsleute vor der Herrschaft fremder
Barbaren aber nach ihm endeten viele Tausende des schönen Volkes im innern
Kampf der Städte und in solchem Streite verdarb das Volk und nicht lange
währte es da kamen andere Fremde und nahmen ihren Enkeln doch die Freiheit
Wozu sind die vielen Tausende gestorben was half der Hass und die Begeisterung
und der Parteieifer Alles war eitel und Alles ein Zeichen des Untergangs Der
Mensch ist hier wie ein Sandkorn das in den Boden getreten wird ich stehe vor
einem schrecklichen Rätsel und mir wird bange auf der Erde«
»Ich will versuchen dir eine Lösung zu geben« versetzte der Gatte ernst
»aber die Worte welche ich dir heut sagen darf sind wie die Schlüssel zu den
Gemächern des bösen Blaubart Oeffne nicht zu hastig jedes Zimmer denn in
einigen ist zu schauen was dir jetzt vorzeitig neue Unsicherheit aufregt«
»Ich bin dein Weib« rief Ilse »und hast du eine Antwort für die Fragen
welche mich peinigen so fordere ich sie«
»Es ist auch dir kein Geheimnis was ich dir antworte« sprach der
Professor »Du bist nicht nur wofür du dich hältst ein Mensch geschaffen zu
Leid und Freude durch Natur Liebe Glauben mit Einzelnen verbunden du bist
zugleich mit Leib und Seele einer irdischen Macht verpflichtet um die du nur
wenig sorgst und die doch vom ersten bis zum letzten Atemzuge dein Leben
leitet Wenn ich dir sage dass du ein Kind deines Volkes und dass du ein Kind des
Menschengeschlechts bist so ist dir dies Wort so geläufig dass du wohl nicht
mehr an die hohe Bedeutung denkst Und doch ist dies Verhältnis das höchste
irdische in dem du stehst Zu sehr werden wir von klein auf gewöhnt nur die
Einzelnen mit denen uns Natur oder freie Wahl verbindet in unser Herz zu
schließen und selten denken wir daran dass unser Volk der Ahnherr ist von dem
die Eltern stammen der uns Sprache Recht Sitte Erwerb und jede Möglichkeit
des Lebens fast Alles was unser Schicksal bestimmt unser Herz erhebt
geschaffen oder zugetragen hat Freilich nicht unser Volk allein denn auch die
Völker der Erde stehen wie Geschwister nebeneinander und ein Volk hilft Leben
und Schicksal der andern bestimmen Alle zusammen haben gelebt gelitten und
gearbeitet damit du lebst dich freust und schaffst«
Ilse lächelte »Auch der böse König Kambyses und seine Perser«
»Auch sie« versetzte der Professor »denn das große Netz in welchem dein
Leben einer Masche gleicht ist aus unendlich vielen Fäden zusammengewebt und
wenn einer gefehlt hätte wäre das Gewebe unvollständig Denke zuerst an
Kleines Der Tisch an welchem du sitzest die Nadel welche du in der Hand
hältst die Ringe an Finger und Ohr verdankst du Erfindungen einer Zeit aus
welcher jede Kunde fehlt damit dein Kleid gewebt werden konnte ist der
Webstuhl in einem unbekannten Volke erfunden und ähnliche Palmenmuster wie du
trägst sind in einer Fabrik der Phönicier erdacht worden«
»Gut« sagte Ilse »das lasse ich mir gefallen es ist ein hübscher Gedanke
dass die Vorzeit so artig für mein Behagen gesorgt hat«
»Nicht dafür allein« fuhr der Gelehrte fort »auch was du weißt und was du
glaubst und Vieles was dein Herz beschäftigt ist dir durch dein Volk aus
eigener und fremder Habe überliefert Jedes Wort das du sprichst ist durch
hunderte von Generationen fortgepflanzt und umgebildet worden damit es den
Klang und die Bedeutung bekam welche du jetzt spielend gebrauchst In diesem
Sinne sind unsere Ahnen aus Asien ins Land gezogen hat Armin mit den Römern für
Erhaltung unserer Sprache gekämpft damit du an Gabriel einen Befehl geben
kannst den ihr beide versteht Für dich haben die Dichter gelebt welche dir in
der Jugendzeit des Hellenenvolkes den kräftigen Klang des epischen Verses
erfanden den ich so gern von deinen Lippen höre Und ferner damit du glauben
kannst wie du glaubst war vor dreihundert Jahren in deinem Vaterlande der
grossartigste Kampf der Gedanken nötig und wieder andertalbtausend Jahre
früher in einem kleinen Volke Asiens noch machtvolleres Ringen der Seele und
wieder fünfzig Generationen früher ehrwürdige Gebote unter den Zelten eines
wandernden Wüstenvolkes Das Meiste was du hast und bist verdankst du einer
Vergangenheit die anfängt von dem ersten Menschenleben auf Erden In diesem
Sinne hat das ganze Menschengeschlecht gelebt damit du leben kannst«
Ilse sah mit Spannung auf den Gatten »Der Gedanke erhebt« rief sie »und
er kann den Menschen stolz machen Aber wie stimmt dazu dass derselbe Mensch
wieder ein Nichts ist und wie ein Wurm zertreten wird in dem großen Treiben
deiner Geschichte«
»Wie du ein Kind deines Volkes und des Menschengeschlechtes bist so ist es
zu jeder Zeit der Einzelne gewesen und wie er sein Leben und fast den ganzen
Inhalt desselben dem größeren Erdengebilde verdankt von dem er ein Teil ist,
so ist auch sein Schicksal an das größere Schicksal des Volkes an die Geschicke
der Menschheit gefesselt Dein Volk und dein Geschlecht haben dir Vieles
gegeben sie verlangen dafür ebensoviel von dir Sie haben dir den Leib behütet
den Geist geformt sie fordern auch deinen Leib und Geist für sich Wie frei du
als Einzelner die Flügel regst diesen Gläubigern bist du für den Gebrauch
deiner Freiheit verantwortlich Ob sie als milde Herren dein Leben friedlich
gewähren lassen ob sie es sichmit hoher Mahnung in einer Stunde fordern deine
Pflicht ist dieselbe indem du für dich zu leben und zu sterben meinst lebst
und stirbst du für sie Das einzelne Leben ist für solche Betrachtung
unermesslich klein gegen das Ganze Uns ist der einzelne verstorbene Mensch nur
erkennbar sofern er auf andere Menschen eingewirkt hat nur im Zusammenhange
mit denen die vor ihm waren und nach ihm kamen hat er Wert Wert hat aber in
diesem Sinne der Große und der Kleine Denn in solcher Pflicht gegen sein Volk
arbeitet Jeder von uns wer seine Kinder erzieht wer den Staat regiert wer
Wohlstand Behagen Bildung seines Geschlechtes mehrt Unzählige wirken dies
ohne dass von ihnen eine persönliche Kunde bleibt sie sind wie Wassertropfen
die mit andern eng verbunden als große Flut dahinrinnen für spätere Augen
nicht erkennbar Aber vergebens haben darum auch sie nicht gelebt Und wie die
zahllosen Kleinen Bewahrer der Bildung und Arbeiter für Fortdauer der Volkskraft
sind so stellt auch die höchste Kraft des Einzelnen der größte Held der
edelste Reformator durch sein Leben nur einen kleinen Teil der Volkskraft dar
Während er für sich und seine Zwecke kämpft arbeitet er zugleich umgestaltend
für seine Zeit vielleicht über seine Zeit und sein Volk hinaus für alle
Zukunft Auch er zahlt nur die Schuld seines Lebens indem er die Verpflichtung
späterer Menschen größer und edler macht Sieh Geliebte bei solcher Auffassung
schwindet der Tod aus der Geschichte Das Resultat des Lebens wird wichtiger als
das Leben selbst über dem Mann steht das Volk über dem Volk die Menschheit
Alles was sich menschlich auf Erden regte hat nicht nur für sich gelebt
sondern auch für alle anderen auch für uns denn es ist ein Gewinn geworden für
unser Leben Wie die Griechen in schöner Freiheit heraufwuchsen und vergingen
und wie ihre Gedanken und Arbeiten den späteren Menschen zu gut kamen so wird
auch unser Leben das in kleinem Kreise verläuft nicht vergeblich für die
Geschlechter der Zukunft«
»Ach« rief Ilse »das ist eine Ansicht über das Erdenleben die nur Solchen
möglich ist welche Großes tun und um die man sich in später Zeit immer wieder
kümmert Mich friert dabei Der Mensch ist hier nur wie Blume und Kraut und das
Volk wie eine Wiesenfläche und sind sie gemäht durch die Zeit so ist was
übrigbleibt nur nützliches Heu für die Spätern Alle die einst waren und die
jetzt sind sie haben doch auch für sich selbst gelebt und für die welche sie
sich mit freier Liebe suchten für Weib und Kind und ihre Freunde und sie waren
noch etwas Anderes als eine Ziffer unter Millionen und als ein Blatt am
ungeheuren Baume Und wenn ihr Dasein so klein ist und so unnütz dass euer Auge
keine Spur seines Schaffens erkennt das Leben des armen Bettlers meines
Kranken am Dorffenster ihre Seelen werden doch behütet von einer Macht welche
größer ist als dein großes Netz das aus Menschenseelen gewebt ist« Sie sprang
auf und starrte dem Gatten ängstlich in das Anlitz »Beugt euren Menschenstolz
vor einer Gewalt die ihr nicht versteht«
Der Gelehrte sah besorgt auf sein Weib »Auch ich beuge mich in Demut vor
dem Gedanken dass die große Einheit des Lebendigen auf dieser Erde nicht die
höchste Macht des Lebens ist Nur der Unterschied ist zwischen dir und mir dass
ich gewöhnt bin in meinem Geist mit den hohen Gewalten der Erde zu verkehren
Auch mir sind die Offenbarungen so ehrwürdig und heilig dass ich dem Ewigen und
Unbegreiflichen am liebsten auf diesem Wege zu nahen suche Du bist gewohnt das
Unerforschliche im Bilde zu schauen welches fromme Überlieferung in dein
Gemüt gelegt hat und ich wiederhole die Worte welche ich dir früher sagte
Dein Suchen und Vertrauen und das meinige entspringen aus derselben Quelle und
es ist dasselbe Licht zu dem wir aufblicken wenn auch auf verschiedene Weise
Was dem Glauben früherer Geschlechter die Götter und wieder die Engel und
Erzengel waren höhere Gewalten welche als Boten des Höchsten das Leben der
Einzelnen umschweben das sind in anderem Sinne für uns die großen geistigen
Einheiten der Völker und der Menschheit Persönlichkeiten welche dauern und
vergehen aber nach andern Gesetzen als die einzelnen Menschen Und dass ich
dieses Gesetz zu verstehen suche das ist ein Teil meiner Frömmigkeit Du
selbst wirst allmählich die bescheidene und erhebende Auffassung des Heiligen
in welcher ich lebe kennenlernen Auch du wirst allmählich erfahren dass dein
und mein Glaube im Grunde derselbe ist«
»Nein« rief Ilse »ich sehe nur Eines eine tiefe Kluft welche meine
Gedanken von deinen scheidet O nimm mir die Angst welche mich jetzt um deine
Seele peinigt«
»Nicht ich kann das tun und nicht ein Tag kann das tun nur unser Leben
selbst tausend Eindrücke tausend Tage an denen du dich gewöhnst die Welt so
anzusehen wie ich«
Er zog die Gattin welche starr vor ihm stand näher an sich und sagte
ihrleise »Gedenke an den Spruch im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen
Auch er der so gesprochen wusste dass Mann und Weib Eines sind durch das
stärkste Gefühl der Erde welches Alles trägt und Alles duldet«
»Was kann ich dir sein dem der Einzelne so wenig und klein ist« frug Ilse
tonlos
»Das Höchste und Liebste auf Erden die Blüte meines Volkes ein Kind
meines Geschlechts in dem ich ehre und liebe was vor uns war und was uns
überleben wird« rief der Professor
Ilse stand allein unter den fremden Büchern draußen schlug der Wind an die
Mauern er jagte die Wolken an dem Monde vorüber bald wurde die Stube dunkel
bald füllte sie sich mit fahlem Scheine Und in dem wechselnden Lichte der
Dämmerung dehnten sich ihr die Wände zu einem unabsehbaren Raum aus den Büchern
stiegen fremde Gestalten sie hingen an den Wänden und schwebten von der Höhe
ein Heer von grauen Schatten die bei Tage in die geradlinigen Gehäuse der
Bücher gebannt waren zogen gegen das Weib heran und die Toten die gespenstig
fortlebten auf der Erde streckten die Arme nach ihr und forderten ihre Seele
für sich
Ilse richtete sich hoch auf sie hob die Hände nach oben und rief sich die
hellen Bilder zu Hilfe die von klein auf ihre Tage segnend umgeben hatten
weiße Gestalten mit leuchtendem Antlitz Sie neigte das Haupt und bat »Schützet
mir den Frieden meiner Seele«
Als Ilse in ihr Zimmer trat lag ein Brief ihres Vaters auf dem Tisch sie
öffnete hastig und sank nachdem sie die ersten Zeilen gelesen schluchzend
darüber hin
Der Vater zeigte der Tochter den Tod eines alten Freundes an Der gute Herr
Pfarrer war aus dem engen Tal hinaufgetragen zu der Ruhestätte die er sich auf
dem Friedhof neben seiner Frau erwählt Von der Aufregung die ihm Ilses
Scheiden verursacht hatte er sich nicht wieder erholt der Winter war in langem
Siechtum vergangen an einem warmen Frühlingsabend überraschte ihn im Garten
vor seinem Pfirsichbaume das schnelle Ende Dort fand ihn die treue Magd und
lief mit der Schreckensbotschaft nach dem Schloss Er hatte wenige Stunden
vorher Klara gebeten seinem lieben Kinde in der Stadt zu schreiben dass es ihm
jetzt wohl gehe
Ilse hatte oft im Winter um das Leben des Freundes gesorgt und die
Nachricht kam ihr nicht überraschend Und doch fühlte sie gerade jetzt seinen
Verlust als entsetzliches Unglück Das war ein Leben welches fest und treu an
dem ihren hing sie wusste wohl in den letzten Jahren war sie der Mittelpunkt
seiner Gedanken und fast ausschließlich der Inhalt seines Herzens gewesen Sie
hatte dies Leben das ganz ihr gehörte um eine stärkere Neigung verlassen und
ihr schien jetzt ein Unrecht dass sie von ihm geschieden war Sie sah den Stab
zerbrochen der sie festband an die Gefühle ihrer Kindheit Und ihr war als
wankte der Boden und als sei Alles unsicher geworden das Herz des Gatten die
eigene Zukunft
So fand sie der Professor über den Brief gebeugt in Tränen aufgelöst ihr
Schmerz erschütterte auch ihm das Herz und er bat sie ängstlich ihrer selbst zu
gedenken Lange redete er zärtlich in sie hinein Endlich sah sie ihn wieder mit
treuen Augen an und versprach ruhig zu sein
Aber es gelang ihr nicht Nach wenigen Stunden musste er sie zu ihrem Lager
führen
Es wurde eine gefährliche Krankheit Ilse hatte Tage wo sie in tötlicher
Schwäche bewusstlos lag Wenn sie einmal die müden Augen aufschlug sah sie in
das abgehärmte Antlitz ihres Gatten und sie sah Lauras Lockenkopf zärtlich
über ihr Lager geneigt dann schwand wieder Alles in dumpfer Betäubung
Es war ein langes Ringen zwischen Leben und Vergehen aber sie überwand Der
erste Eindruck den sie empfing als sie schmerzlos wie aus einem Schlummer
erwachte war das Rauschen eines schwarzen Kleides und die große Locke der
Struvelius welche ihren Kopf durch die geschlossenen Vorhänge gesteckt hatte
und kummervoll aus den grauen Augen auf sie herabsah Leise rief sie den Namen
ihres Gatten und im nächsten Augenblick kniete er selbst an ihrem Lager und
bedeckte ihre Hand mit Küssen und der starke Mann war so außer Fassung dass
sein Leib in krampfhaftem Weinen bebte Sie legte ihm die Hand auf das Haupt
strich ihm das verworrene Haar zurück und sagte ihm leise »Felix Geliebter
ich will leben«
Jetzt kam eine Zeit großer Schwäche und zögernder Genesung noch manche
Stunde kraftloser Schwermut aber auch ein leises Lächeln flog zuweilen über
ihre bleichen Lippen
Draußen grünte der Frühling nicht alle Knospen hatte der Nachtreif
vernichtet und die Stadtvögel zwitscherten vor ihren Fenstern Mit Rührung sah
Ilse welch guter Krankenpfleger ihr Mann war wie geschickt er ihr die Arznei
reichte und die Tasse mit Brühe herzutrug wie er kaum dulden wollte dass einmal
Andere seine Stelle an ihrem Lager einnahmen und wie er auch jetzt noch trotzig
verweigerte sich in der Nacht einige Stunden Schlaf zu gönnen aber als sie
selbst bat ganz widerstandslos und mit feuchten Augen nachgab Von Laura erfuhr
Ilse dass dieser Mann sehr große Not gemacht hatte er war in der argen Zeit
ganz verstört gewesen finster und heftig gegen Jedermann er hatte bei Tag und
Nacht an dem Lager gesessen dass man gar nicht begriff wie er selbst den
Zustand ausgehalten hatte »Der Arzt konnte ihn nicht zwingen« sagte Laura
»ich aber fand das rechte Wort denn ich drohte ihm ernstaft dass ich Ihnen
seine Widersetzlichkeit klagen würde Da überließ er mir endlich auf einzelne
Stunden den Platz und zuletzt auch der Struvelius aber ungern weil er
behauptete dass diese zu viel raschele«
Laura selbst bewies jetzt prächtig ihre Liebe sie war stets zur Stelle
schwebte geräuschlos wie ein Vogel um das Krankenbett saß stundenlang
unbeweglich und wenn Ilse die Augen aufschlug und ein wenig bei Kräften war
hatte sie immer eine hübsche Geschichte bei der Hand Wie sie erzählte war die
Struvelius gleich am zweiten Tage herzugekommen hatte dem Professor eine kleine
Rede gehalten worin sie feierlich die Rechte einer Freundin in Anspruch nahm
und sich dann auf die andere Seite des Bettes gesetzt Er aber hatte gar nichts
von ihren Perioden gehört war plötzlich aufgefahren und hatte sie gefragt wer
sie sei und was sie hier wolle Da antwortete die Frau Professorin ihm ruhig
sie heiße Flaminia Struvelius und sie habe ebenfalls ein Recht hier zu sein
durch ihr Herz und darauf hielt sie ihm die Rede noch einmal bis er sichs
endlich gefallen ließ »Sogar ihr Mann war hier« setzte Laura vorsichtig hinzu
»als es gerade am schlimmsten war und er stieß auf den Gemahl und ich sah wie
dieser ihm die Hand reichte aber unter uns ich glaube er kannte ihn gar
nicht Und dann« erzählte Laura »kam auch der törichte Mensch der Doctor
gleich am ersten Abend mit seiner Schlafdecke und einer Kaffemaschine von Blech
und erklärte er werde hier wachen Da er nicht in die Krankenstube gelassen
werden konnte setzte er sich mit seinem Blech in des Professors Stube und es
war wie bei der Geschichte mit dem Jokel den sein Herr ausschickt der
Professor pflegte Sie und der Doctor pflegte den Professor« Ilse zog Lauras
Kopf zu sich nieder und sagte ihr ins Ohr »Und Schwester Laura pflegte den
Doctor« Worauf Laura sie auf den Mund küsste aber heftig mit dem Kopf
schüttelte »Wenigstens lästig war er nicht« fuhr sie fort »er verhielt sich
still und wir haben ihn als Cerberus gebraucht der die Besuche und die Vielen
welche anfrugen abfertigte Das hat er treulich getan Wenn es möglich wäre
ihn zu sehen so glaube ich es würde ihm große Freude sein«
Ilse nickte »Lasst ihn herein« Der Doctor kam Ilse streckte ihm den Arm
entgegen und empfand aus dem treuen Händedruck und dem bewegten Gesicht des
Nachbars dass auch der gelehrte Vertraute des Geliebten auf dessen Beifall sie
nicht immer rechnete als ein wackerer Freund an ihrem Lager saß Und Ilse
erlebte dass noch andere fremde Herren an ihr Bett drangen »Wenn die Frau
Kollega Audienz gibt so bitte ich mich zu melden« sprach eine fröhliche Stimme
draußen
»Herein Herr Professor Raschke« rief Ilse von ihrem Lager
»Da ist sie« rief er lauter als in einem Krankenzimmer üblich ist »Zum
frohen Licht entronnen dem schweren Verhängnis«
»Was machen die Tierseelen lieber Herr Professor« frug Ilse
»Sie fressen im Stadtwald die Blätter ab« versetzte Raschke »es hat in
diesem Jahr zahllose Maikäfer gegeben Siehe da fliegt einer um die
Arzneiflasche ich fürchte er hat mich als Omnibus benutzt um zu Ihnen zu
dringen Die Bäume stehen wie Besen und das Federvieh ist so gemästet dass alle
Vorurteile gegen den Genuss dieser Mitlebenden gänzlich beseitigt sind Ich
zähle die Tage bis zu dem frohen Augenblick wo die Freundin mir erlauben wird
einen Beweis meiner Besserung abzulegen«
Es war eine langsame Genesung aber sie war reich an tröstender Empfindung
Denn das Schicksal gönnt dem Genesenden gern als Entschädigung für Gefahr und
Schmerz dass er seine Umgebung frei von dem Staub der Werktage schaut in reinen
Umrissen und frischem Glanz Diese milde Poesie des Krankenlagers fühlte jetzt
Ilse als sie dem ehrlichen Gabriel die Hand entgegenhielt die der Bursch
küsste sein Schnupftuch in der Hand während der Professor rühmte wie sorglich
er seinen Dienst getan Sie fühlte dies Behagen als sie an Lauras Arm in den
Garten hinabstieg und Herr Hummel in seinem besten Rocke ehrbar auf sie
zuschritt das Haar glattgebürstet und die trotzigen Augen in milder Stimmung
halb zusammengedrückt und hinter ihm langsam sein Hund Speihahn der den Kopf
ebenfalls in widerwilliger Achtung senkte Als Herr Hummel seine Huldigung
dargebracht hatte sagte er in seinem Mitgefühl sogar »Wenn Sie sich einmal
eine ruhige Bewegung antun wollen so bitte ich sich meines Kahns ganz nach
Belieben zu bedienen« Das war die höchste Gunst die Herr Hummel erweisen
konnte denn er traute den Bewohnern des Landes in welchem er lebte keine von
den Fähigkeiten zu welche für das Wasser notwendig sind Und er hatte
allerdings Recht wenn er eine Reise auf einem Kahn ein ruhiges Vergnügen
nannte denn der Kahn blieb bei dem niedrigen Wasserstand dieses Jahres häufig
auf dem Grunde sitzen und die größte Aufregung welche er gestattete war dass
man die Hände nach beiden Ufern ausstreckte und mit jeder ein Grasbüschel abriss
Als Ilse wieder in ihrem Zimmer saß geschah es oft dass sich die Tür leise
öffnete der Gatte eintrat ihr Stirn und Mund küsste und dann vergnügt unter
seine Bücher zurückging Wenn sie die zärtliche Sorge aus seinen Augen las und
sein Glück dass er sie wieder genesen und in seiner Nähe wusste da zweifelte sie
nicht mehr an seiner Liebe und ihr war als dürfe sie auch nicht mehr um das
sorgen was er über Leben und Untergang der Einzelnen und der Völker dachte
8
Eine Frage der Residenz
Unter den Fragen nach der Frau Professorin welche während der Krankheit kamen
war auch die eines Fremden Gabriel erregte im Haushalt ein kleines Erstaunen
als er erzählte »Da ich einmal nach der Apotheke lief stand ein Mann von
feinem Aussehen auf der Straße im Gespräch mit Dorchen Dorchen rief mich hinzu
der Mann erkundigte sich nach Allerlei und es schien ihm sehr ungelegen dass Sie
erkrankt waren«
»Haben Sie nach seinem Namen gefragt«
»Den wollte er nicht nennen Er wäre aus Ihrer Gegend und hätte sich nur auf
der Durchreise erkundigen wollen«
»Vielleicht wars Jemand aus Rossau« klagte Ilse »wenn er nur nicht den
Vater durch seine Reden geängstigt hat«
Gabriel schüttelte den Kopf »Er meinte etwas dabei er spionirte nach dem
ganzen Haushalt und tat dreiste Fragen die ich ihm gar nicht beantworten
wollte Weil er ein schlaues Aussehen hatte ging ich ihm nach bis zum nächsten
Gasthof und da sagte mir der Hausknecht dass es der Kammerdiener eines Fürsten
wäre« Gabriel nannte den Namen
»Das ist unser Landesherr« rief Ilse »was kann der an mir für Teil
nehmen«
»Der Mann wollte eine Neuigkeit nach Hause bringen« versetzte der Gatte
»Er war wohl damals mit im Jagdgefolge und es war gute Meinung«
Mit diesem Bescheid wurde Gabriel beruhigt und Ilse sagte vergnügt »Es ist
doch hübsch wenn ein Landesvater sich auch um die Kinder in der Fremde kümmert
denen es gerade schlecht geht«
Indes Gabriels Kopfschütteln war nicht ohne Grund die Nachfrage hatte
etwas zu bedeuten
Hinter der Scheuer eines Bauerhofes saß eine junge Dame auf dem Rasen und
band Wiesenblumen zu einem dicken Strauss ein Knäuel blauer Wolle rollte in
ihren Schoss so oft sie ein neues Büschel Blumen einfügte Auf der Wiese vor ihr
lief ein junger Herr geschäftig durch das tiefe Gras suchte die Blüten
zusammen und legte sie nach den Farben geordnet vor die Strausswinderin Dass der
Jüngling und das Fräulein Geschwister waren ließ ein stark ausgeprägter
Familienzug ihres Angesichts erkennen und das gewählte Promenadenkleid machte
Jedem zweifellos dass Beide nicht unter Klee und Kamillen des Grundes aufgeblüht
waren auch wer nicht durch eine Lücke zwischen den Scheuern sah wie sich auf
der andern Seite Pferdeköpfe und die Tressenhüte ihrer Dienerschaft bewegten
»Du bringst den Strauss nicht zu Stande Siddy« sagte der junge Herr
zweifelnd zu dem Fräulein als dieses ungeschickt an dem zerrissenen Wollfaden
knüpfte
»Wenn nur der Faden besser hielte« rief die Emsige »mach mir den Knoten«
Es erwies sich dass der junge Herr damit auch nicht leicht zu Stande kam »Gib
Acht Benno wie schön der Strauss wird das ist meine Kunst«
»Es ist ja Alles viel zu locker« wandte der junge Herr ein
»Fürs erste Mal ists gut genug« versetzte Siddy »Da schau meine Hände
an und wie sie riechen« Sie zeigte die blauen Spitzen der kleinen Finger
hielt sie ihm an das Gesicht und als er gutmütig daran roch gab sie ihm einen
kleinen Nasenstüber »Von den roten Blumen habe ich genug« fuhr sie wieder
über dem Strausse fort »jetzt kommen nur weiße im Kreise herum«
»Was für weiße«
»Ja wer die Namen wüsste« versetzte Siddy bedenklich »ich meine
Margueriten Wie nennen Sie diese weiße Blume« frug sie nach rückwärts gewandt
die Bäuerin welche respectvoll einige Schritt hinter dem beschäftigten Paare
stand und mit vergnügtem Lächeln dem Treiben der Beiden zusah
»Wir nennen sie Gänseblume« sagte die Bäuerin
»Ah richtig« rief Siddy »aber lange Stiele Benno«
»Sie haben aber gar keine langen Stiele« klagte dieser und trug herzu was
er in der Nähe abrupfen konnte »Weißt du was mich wundert« begann er neben
der Schwester im Grase sitzend »Diese Wiese ist voll Blumen wenn man sie mäht
wird Heu daraus und im Heu sieht man von all den Blumen nichts«
»Nicht« frug Siddy und knüpfte wieder an der Wolle »Sie mögen auch
vertrocknet sein«
Benno schüttelte den Kopf »Sieh dir einmal ein Bündel Heu an du wirst
wenig darin merken Ich denke die Leute pflücken sie vorher heraus und
verkaufen sie in der Stadt«
Siddy lachte und wies über die grüne Fläche »Da schau um dich sie sind
zahllos und die Leute kaufen auch nur die ewigen Gartenblumen Und diese hier
sind doch weit zierlicher Wie reizend ist das Sternchen an der Blume unserer
Frau Marguerite« Sie hielt den Strauss ihrem Bruder hin und sah liebevoll auf
ihr Kunstwerk
»Du hast es doch durchgesetzt« sagte der junge Herr bewundernd »du bist
immer ein kluges Weibchen gewesen Mir tuts leid Siddy dass du von uns
gehst« setzte er traurig hinzu
Die Schwester sah ihn ernstaft an »Ist das wahr Erhalte mir immer deine
Freundschaft mein Bruder du bist der Einzige hier der mir den Abschied schwer
machen wird Benno wir sind wiezwei Waisenkinder die in einer kalten
Winternacht im Schnee sitzen«
Die so sprach war Prinzessin Sidonie und die Sonne schien warm auf die
blühende Wiese vor ihr
»Wie gefällt dir mein Bräutigam« frug sie nach einer Pause den blauen
Faden häufig um den fertigen Strauss windend
»Er ist ein schöner Mann und er war sehr freundlich zu mir« sagte Benno
nachdenklich »Ob er gescheidt ist«
Siddy nickte »Er ist darin ordentlich Er schreibt auch liebe Briefe
Willst du so sollst du einen lesen«
»Das möchte ich gern« rief Benno
»Und weißt du« fuhr Siddy geheimnisvoll fort »auch ich schreibe ihm alle
Tage Denn ich merke eine Frau soll ihrem Manne Großes und Kleines vertrauen
und da will ich mich und ihn daran gewöhnen Ich schreibe ihm der Sicherheit
wegen unter fremder Adresse und meine Kammerfrau besorgt die Briefe zur Post
denn ich fürchte meine dummen Zeilen werden sonst gelesen bevor sie abgehen«
Sie sagte das gleichmütig und betrachtete ihren Strauss »Auch diesen Besuch bei
Frau Marguerite erfährt er haarklein und dass er dir gut gefallen hat Und jetzt
ist der Strauss fertig« rief sie fröhlich »ich schlage ein Tuch darum wir
nehmen ihn in den Wagen und ich setze ihn auf meinen Schreibtisch«
Benno lachte »Er sieht aus wie eine Keule du kannst ihn heut Abend im
Ballet den Wilden borgen«
»Er ist doch besser als die flachen Teller die man nicht einmal ins Wasser
setzen darf« antwortete die Schwester aufspringend »Vorwärts wir tragen ihn
zum Brunnen«
Sie eilten von der Bäuerin gefolgt nach dem Hofe Benno ergriff einen
Eimer und trug ihn nach der Pumpe »Ich will pumpen« rief Siddy sie fasste den
Schwengel und versuchte zu drücken aber es gelang ihr schlecht nur einzelne
Tropfen rannen in den Eimer Benno tadelte »Du bist ungeschickt lass mich
daran« Jetzt trat er an das Holz und Siddy fasste den Eimer er drückte kräftig
und der Strahl fuhr über den Eimer auf die Hände und das Kleid der Prinzessin
Sie stieß einen leisen Schrei aus ließ den Eimer fallen und Beide lachten
laut »Du hast mich schön zugerichtet unartiger Bonbon« rief Siddy »Ei das
tut nichts Mutter« tröstete sie die Bäuerin welche herzulief und erschrocken
die Hände zusammenschlug »Du mir fällt etwas ein ich ziehe mir den Rock
unserer Dame Marguerite an und du einen Kittel ihres Mannes und wenn der Vetter
kommt soll er uns nicht erkennen und wir überfallen ihn«
»Wenn nur Alles gut abläuft« wandte Benno bedenklich ein
»Es sieht uns ja Niemand« überredete Siddy »Mütterchen« schmeichelte sie
der Bäuerin »kommt in eure Kammer und helft mir beim Anziehen« Die jungen
Herrschaften ergriffen die Hände der Frau und zogen sie in das Haus Benno legte
im Hausflur seinen Sommerrock ab besah misstrauisch den neuen Kittel welchen
eine stämmige Magd zutrug und fuhr mit ihrer Hilfe hinein Der zierliche
Bauernbursch setzte sich geduldig auf eine Bank seine Gefährtin zu erwarten
und benützte die Musse einen Schleifstein zu drehen und neugierig die
Fingerspitze ein wenig daran zu halten Während dieser Untersuchung fühlte er
einen Schlag auf den Rücken und sah erstaunt eine kleine Bäuerin in blauem Rock
und schwarzer Jacke die landesübliche Mütze auf dem Kopf hinter sich stehen
»Wie gefalle ich dir« frug Siddy die Arme in einander legend
»Allerliebst« rief Benno überrascht »ich hätte nicht gedacht dass ich eine
so hübsche Schwester habe« Siddy machte einen bäurischen Knix »Wo hast du bis
heut die Augen gehabt du törichter Bonbon Und jetzt helfen wir in der
Wirtschaft Was haben Sie für Ihre neuen Dienstleute zu tun Frau Marguerite«
Die Bäuerin schmunzelte »Dort ist das Futter für die Kühe mit Schrotwasser
abzubrühen« sagte sie
»Nichts mehr mit Wasser wir haben genug davon Komm Benno wir decken
unterdes den Tisch im Garten unter den Obstbäumen und tragen die saure Milch
herzu« Sie drangen in die Stube trugen zusammen eine kleine Bank heraus und
setzten sie in den Grasgarten unter einen Apfelbaum dann flogen sie nach
Tellern und Löffeln zurück die Bäuerin und die Magd brachten den Tisch einen
großen Milchnapf und Schwarzbrot Siddy fuhr behende umher deckte die Serviette
über strich sie eifrig zurecht und setzte die buntbemalten Tonteller auf
»Sieh dies an« flüsterte Benno und wies betrübt auf die abgenutzten
Blechlöffel
»Wir waschen sie noch einmal ab und trocknen sie mit grünen Blättern« riet
die Schwester Wieder liefen sie mit den Löffeln zu dem Brunnen und rieben
kräftig mit Blättern daran aber sie vermochten keinen weißen Glanz
hervorzubringen »Es ist ihre Art so« tröstete Benno »das gehört mit zum
ländlichen Fest«
Der Tisch war gedeckt Siddy rückte an den Schemeln und wischte mit ihrem
Battisttuch herum »Du bist der Erbprinz« sagte Siddy »du musst auf die Bank
und wir andern zu deinen Seiten Das Schwarzbrot muss zerkrümelt werden das kann
sich Jeder selbst machen Der Zucker fehlt es kommt nicht darauf an« Sie saßen
erwartungsvoll vor dem Milchnapf und klapperten im Tact mit den Löffeln Ein
kleiner grüner Apfel fiel vom Baum mitten in die Milchschüssel und verursachte
ein Spritzen Beide lachten laut sprangen wieder auf lasen die unreifen Äpfel
und Pflaumen aus dem Grase und spähten über die Hecke auf einen Feldweg der zur
Stadt führte »Er kommt« rief Benno »verstecke dich«
Ein Reiter ritt im Galopp heran von dem schnaubenden Pferde schwang sich
ein junger Offizier er band das Pferd an einen Pfahl und sprang mit einem Satz
über die Hecke Aber er hielt erstaunt an denn er wurde aus den Winkeln mit
einem Kreuzfeuer von unreifen Aepfeln und Pflaumen überschüttet schnell ergriff
er einige der grünen Geschosse und verteidigte sich so gut er konnte gegen
den Angriff Die kleinen Bauerleute sprangen hervor »Endlich« rief Benno »du
hast lange warten lassen« Und Siddy verneigte sich vor ihm »Prinz die saure
Milch ist servirt« Prinz Victor sah mit unverhohlener Verwunderung auf die
junge Bäuerin »Ei« sagte er gutmütig »jetzt sieht man doch endlich einmal
wie klein die Füße sind vor die man seine Huldigungen niederlegt So wars
recht ihr Kinder Aber vor allem muss ich Satisfaction haben für den Überfall«
Er drehte sein Taschentuch zusammen die Geschwister lachten und baten »Sei
gut Vetter wir tuns nicht wieder Ach lieber Herr Oger Gnade Erbarmen«
flehte Siddy und fuhr mit dem Zipfel ihrer Schürze nach den Augen
»Nichts da« rief Victor »ich erhalte euretwegen doch wieder Arrest da
will ich euch wenigstens vorher abstrafen« So trieb er die Andern um den Tisch
»Das tut weh Vetter« rief Siddy »lass die Torheiten und komm zu Tisch Ich
lege vor Oben ist der Rahm Da wird Gerechtigkeit nötig wenn Victor dabei
ist«
Victor musterte den Tisch »Das ist alles sehr schön aber der Zucker
fehlt«
»Es war keiner zu haben« riefen die Geschwister im Chor Victor griff in
seine Tasche und setzte eine silberne Büchse auf den Tisch »Was würde aus euch
wenn ihr mich nicht hättet Hier ist der Zucker« Und er griff wieder in den
Rock und brachte eine Lederflasche mit kleinem Trinkglas zu Tage »Und hier ist
eine andere Hauptsache der Kognac«
»Wozu« frug Siddy
»Zum Trinken gnädigste Kousine Willst du dies kalte Gelee ohne Kognac mit
deinem Innern vermählen so wage ich nicht zu widersprechen dir aber Benno
rate ich als Mann sorge für dein Heil«
Die beiden hielten verlegen ihre Löffel beim Stiele
»Das wäre notwendig« frug Benno argwöhnisch
»Es calmirt wie unser Doctor sagt« erklärte Victor »es pacificirt und
zwingt die rebellische Masse zu ruhiger Submission welche in Frieden tiefer und
tiefer wird Verweigerst du den Kognac so gehts wie auf dem Weg zur Hölle Der
Pfad ist anfangs leicht aber was dahinter kommt ist Chaos Jedenfalls würde
dir das heutige Ballet erspart werden Ist euch die Sache klar«
»Sehr klar« rief Siddy »dass du uns zum Besten hast wie immer Gib ihm eins
auf die Finger Benno«
Benno tippte ihm mit dem Löffel auf die Hand Victor sprang auf und parirte
in Fechterstellung mit seinem Löffel und die Geschwister jagten den Vetter
wieder lustig um die Bäume
Da störte ein eiliger Tritt ein Lakai erschien auf einen Augenblick an der
Gartentür »Der durchlauchtigste Herr kommt geritten« rief er
Alle drei standen still die Löffel sanken ins Gras »Wir sind verraten«
rief Siddy erbleichend »mache dich fort Victor«
»Ich bin Offizier und darf nicht entlaufen« entgegnete dieser
achselzuckend ergriff seinen Säbel und hakte ihn eilig ein
»Du nimmst Alles auf dich Benno« rief die Schwester
»Ich möchte wohl« versetzte dieser kleinlaut »ich habe nur zum Erfinden
niemals Geschick gehabt«
Vor dem Hofe stieg der Fürst mit Hilfe des Stallmeisters ab der Lakai eilte
voran die Pforte zu öffnen langsam nahte das Schicksal Der Fürst trat in den
Garten und sein scharfer Blick flog über die jungen Herrschaften welche steif
auf ihrem Platz stehen blieben und sich vor ihm verneigten Ein spöttisches
Lächeln zuckte um seinen Mund als er die Zurüstungen des Tisches sah »Wer von
euch hat den ländlichen Karneval arrangirt« frug er Alle schwiegen »Antworte
Benno« wandte er sich finster an den jungen Herrn im blauen Kittel
»Siddy und ich wollten einmal auf einer Wiese sitzen bevor die Schwester
unser Land verlässt Ich habe aus Ungeschick die Schwester mit Wasser beschüttet
sie musste sich umziehen«
»Wo ist dein Fräulein Sidonie« frug er die Tochter
»Ich bat sie auf das nahe Gut ihrer Tante zu fahren und mich in einer
Stunde von hier abzuholen« versetzte Prinzessin Sidonie
»Sie hat nicht gut getan meine Befehle zu vergessen um die deinen zu
erfüllen und sie hat ihre Pflicht verletzt als sie die Prinzessin einem
solchen Abenteuer überließ Es ziemt nicht dass Prinzessinnen allein und
verkleidet in Dorfhäusern einkehren«
Die Prinzessin presste die Lippen zusammen »Mein gnädigster Herr und Vater
möge verzeihen ich war nicht allein ich hatte den besten Schützer bei mir den
eine Fürstin unseres Hauses haben kann und der war Ew Hoheit Sohn mein
erlauchter Bruder«
Der Fürst trat einen Schritt näher und sah ihr schweigend ins Gesicht und
so stark war in seinem Antlitz der Ausdruck von Zorn und Abneigung dass die
Prinzessin erbleichte und die Augen niederschlug »Gehört Prinz Victor auch zu
den Beschützern welche sich die Prinzessin in den Bauerhof bestellt« frug er
»Hat der Lieutenant er nannte den Namen seines Geschlechts Urlaub sich aus
der Garnison zu entfernen«
»Ich bin ohne Urlaub herausgeritten« versetzte der Prinz in militärischer
Haltung
»Melde dich als Arrestant« befahl der Fürst
Victor salutirte und machte Kehrt er band sein Pferd ab und nickte hinter
dem Rücken des Fürsten über die Hecke seinem Vetter zu bevor er der Stadt
zutrabte
»Ihr aber eilt diese Mummerei los zu werden« befahl der Fürst »die
Prinzessin fährt im Wagen des Erbprinzen nach Haus« Er winkte die jungen
Herrschaften verneigten sich und eilten aus dem Garten
»Mir hat das Unglück geahnt« sagte der Erbprinz im Wagen zu seiner
Schwester »Arme Siddy«
»Ich will lieber eine Magd dieser Bäuerin sein und Holzpantoffeln an den
Füßen tragen als dies Sklavenleben noch lange erdulden« rief die zornige
Prinzessin
»Lass dir nur heut beim Diner nichts merken« bat Benno
Der Strauss von Wiesenblumen stand im Eimer und am Abend zerrupften ihn die
Kühe der Bäuerin
Den Tag darauf trat der Obersthofmeister von Ottenberg ein alter Herr mit
weißem Haar bei dem Fürsten ein »Ich bemühe Ew Excellenz« begann der Fürst
zuvorkommend »weil ich in einer Familienangelegenheit Ihre Ansicht zu vernehmen
wünsche Der Tag naht wo die Prinzessin uns verlässt Haben Sie meine Tochter
heut gesprochen« unterbrach er sich
»Ich komme von Ihrer Hoheit« antwortete ehrerbietig der alte Herr
Der Fürst lächelte »Ich habe ihr gestern einige ernste Worte gesagt Die
Kinder spielten auf eigene Hand eine Idylle und ich traf sie in Bauerkleidern
und ausgelassener Stimmung Unsere liebe Siddy hatte vergessen dass solches
Spiel Missdeutungen ausgesetzt ist die sie zu vermeiden jede Ursache hat«
Der Obersthofmeister verbeugte sich schweigend
»Doch nicht um die Prinzess handelt es sich Die Zeit ist gekommen wo über
die nächsten Jahre des Erbprinzen ein Entschluss gefasst werden muss Ich habe
daran gedacht ihn trotz der Bedenken welche seine zarte Gesundheit nahelegt
in eine größere Armee eintreten zu lassen Sie wissen dass dies uns nur in Einem
Staate möglich ist Auch dort hat sich eine unerwartete Schwierigkeit gefunden
Es sind dort zwei Regimenter welche Sicherheit gewähren dass der Prinz nur mit
Offizieren von Familie in ein kameradschaftliches Verhältnis treten würde Aber
das eine Regiment hat jetzt zum Kommandeur denselben Kobell erhalten der vor
Jahren unsern Dienst quittirt hat es ist untunlich den Prinzen zu seinem
Untergebenen zu machen Bei dem andern Regiment aber ist in den letzten Monaten
das Unerwartete geschehen und trotz dem Widerstande des Offizierscorps ein Herr
Müller eingeschoben worden So ist dem Erbprinzen unmöglich gemacht in die
einzige Armee zu treten welche uns offensteht«
»Darf ich mir die Frage erlauben ob nicht das zweite Hindernis zu
beseitigen wäre« frug der Obersthofmeister
»Man möchte uns gern gefällig sein« versetzte der Fürst »weiß aber selbst
keinen Rat denn das Einreihen des bürgerlichen Lieutenants war ein
Zugeständnis welches man aus politischen Gründen gemacht hatte«
»Und es würde nicht viel helfen wenn an Name und Familie des Lieutenant
Müller selbst das Störende geändert würde« warf der Obersthofmeister ein
»Auch das ist vorsichtig versucht worden es hat sich ergeben dass in dem
Vater des Menschen keine Bereitwilligkeit war Und Excellenz zuletzt bliebe die
Inconvenienz doch dieselbe Sie wissen dass ich in diesen Dingen keineswegs
Purist bin aber für den kameradschaftlichen Verkehr des Tages wäre dem
Erbprinzen solche Nähe doch gar zu unbehaglich Müller oder von Müller der
Mehlstaub bleibt«
Es entstand eine Pause Endlich begann der Obersthofmeister »Für jüngere
Prinzen ohne Vermögen und die Möglichkeit sich selbst eine kräftige Tätigkeit
zu finden sind die Vorteile einer militärischen Karriere allerdings unleugbar
Ob sie auch für einen Fürsten unzweifelhaft sind der die Vorbildung für einen
großen Beruf sucht Ich erinnere mich dass in früherer Zeit Ew Hoheit das
Soldatenspiel an den Höfen als eine Modelaune ohne Vorliebe betrachteten«
»Das leugne ich nicht« versetzte der Fürst »und Ihnen gegenüber darf ich
mich wohl zu dieser Ansicht bekennen Der gewöhnliche Zustand der menschlichen
Gesellschaft ist jetzt nicht der Krieg sondern der Friede Die angelegentliche
Vorbildung eines jungen Fürsten für den Krieg wird allerdings in seinem Wesen
einige männliche Seiten entwickeln überliefert ihn aber in allen Hauptsachen
hilflos den Händen seiner Beamten Und im Vertrauen Excellenz die Freude an
Epauletten ist gerade während der Friedenszeit in die Höfe gedrungen und im
Fall eines großen Krieges wo nur bei wirklichem Feldherrntalent Hilfe zu finden
ist wird das militärische Dilettiren der Fürsten sich mit wenigen Ausnahmen als
durchaus unnütz erweisen Das alles ist unleugbar Leider ist es gegenwärtig
nicht mehr Modelaune wenn an den meisten Höfen dieser Bildungsweg für junge
Fürsten gewählt wird sondern ernste Notwendigkeit Die Zeit in welcher wir zu
leben verurteilt sind hat eine engere Verbindung der Höfe mit den Heeren
unvermeidlich gemacht und was einst besser unterblieb ist jetzt eine Stütze
fürstlicher Stellung geworden«
»Ich sehe die Stellung erlauchter Herren nicht dadurch verstärkt dass sie
schlechte Generäle sind« erwiderte der Obersthofmeister »Ja man darf
behaupten dass viele von den Schwierigkeiten welche die Gegenwart zwischen
Fürsten und Völkern aufgehäuft hat gerade daher rühren dass unsere Prinzen
neben vortrefflichen Ansichten über den Hufbeschlag der Pferde und Ausarbeiten
der Recruten auch einige Vorurteile und Unarten der Garnison zu ihrem hohen
Beruf mitbringen und viel zu wenig von der Sicherheit dem edlen Stolz und dem
fürstlichen Sinn welchen die Übung in den großen Geschäften zu entwickeln
vermag«
Der Fürst lächelte »Excellenz sind also der Ansicht dass der Erbprinz eine
Universität besuchen soll Denn eine andere Schule gibt es doch nicht wenn er
einmal diesen Hof verlässt Der Prinz ist schwach und bestimmbar die Gefahren
welche für ihn auf diesem Wege liegen sind doch noch größer als der Verkehr mit
einem ungeeigneten Offizier«
»Es ist wahr« warf der Obersthofmeister ein »dass während dieser Jahre der
Erbprinz gewisse Zugeständnisse an den Brauch einer Akademie zu machen hat für
den persönlichen Umgang finden sich aber doch auf jeder Universität Söhne alter
Familien welche die Ehre den Prinzen zu entouriren wohl würdigen Es wird
vielleicht dort leichter sein den jungen Herrn von unpassender Kameradschaft
frei zu halten als beim Regiment«
»Nicht diese Gefahr fürchte ich« versetzte der Fürst »sondern unpraktische
Theorie und zerstörende Ideen welche dort verkündet werden«
»Was man bekämpfen muss sollte man doch vorher kennenlernen« entgegnete der
Obersthofmeister »Erachten Ew Hoheit bei der vielseitigen Erfahrung welche
Höchstdenselben ein reiches Leben verlieh die Bekanntschaft mit diesen Ideen so
gefährlich«
»Wer geht in die Hölle um fromm zu werden« frug der Fürst in guter Laune
»Als ein großer Dichter dies gewagt hatte« versetzte der Obersthofmeister
»schrieb er sein göttliches Gedicht Und mein gnädigster Herr der selbst warmes
Interesse für wissenschaftliche Tätigkeit vielfach bewährt hat wird doch
unsere Akademien höchstens für Orte eines milden Fegfeuers halten Sollte an den
Seelen unserer erlauchten Herren nach der Rückkehr von dieser Stätte hie und da
ein infernalisches Flämmchen hängen es wird durch die hohen Interessen des
fürstlichen Berufes sehr bald getilgt«
»Ja« bestätigte der Fürst mit devoter Miene »es liegt eine Weihe auf dem
Amt des Fürsten welche das Wesen auch des schwachen Mannes für die großen
Interessen umbildet welche er durch sein Leben darzustellen hat Aber
Excellenz es ist schwer ohne verächtliches Mitleid auf die sentimentale
Gefühlsseligkeit neuer Regenten zu sehen und aus Fürstenmunde immer wieder die
alten Phrasen von Liebe und Vertrauen gläubig nachgesprochen zu hören
Allerdings sind diese populären Aufwallungen vergänglich und auch mancher von
uns älteren hat einst geschwärmt und da grünes Moos zu pflanzen versucht wo es
von der Sonne versengt wird aber die furchtbaren Gefahren unserer argen Zeit
machen solches Schwanken neuer Regenten immer gefährlicher und falsche Schritte
der ersten Regierungswochen mögen oft die ganze spätere Stellung verderben«
Der Obersthofmeister erwiderte entschuldigend »Es ist vielleicht gut
weiser zu sein als Andere aber nüchterner zu sein als alle Andere bringt doch
nicht zu jeder Zeit Vorteil Ein wenig Poesie und jugendliche Begeisterung mag
man unsern Fürsten auch gönnen Wenn ich deshalb für des Erbprinzen Hoheit den
Besuch einer Universität zu empfehlen wage so tue ich dies mit der
willkommenen Empfindung dass ich damit auch Ew Hoheit eigentliche Meinung
ausspreche«
Der Fürst sah scharf nach dem Obersthofmeister und auf seiner Stirn zog
sich ein schnelles Gewölk zusammen »Wie wollen Sie wissen was meine geheimen
Gedanken sind«
»Das wäre Ew Hoheit gegenüber ein ganz vergeblicher Versuch« versetzte der
alte Herr ruhig »und es würde einem alten Diener wenig anstehen nach den
geheimen Gedanken seines Herrn zu spähen Aber Höchstdieselben haben bis jetzt
dem Erbprinzen immer solche Gouverneure und Begleiter gegeben welche nicht
Militärs waren Das legte einen Schluss auf Ew Hoheit Willensmeinung für
Jedermann nahe«
»Sie haben Recht wie immer« sagte der Fürst versöhnt »Und es war mir
Freude Ihre Auffassung in Übereinstimmung mit der meinigen zu finden Denn es
ist immerhin ein ernster Entschluss er raubt mir auf längere Zeit die Nähe
meines lieben Benno«
Der Obersthofmeister bewies sein Mitgefühl durch eine stumme Verbeugung
»Der Höchste Entscheid wird allerdings große Veränderungen hervorbringen denn
er entfernt zu gleicher Zeit alle jungen Herrschaften vom Hofe«
»Alle« frug der Fürst überrascht »Der Erbprinz würde kurz nach der
Vermählung seiner Schwester abreisen aber da ist ja noch Prinz Victor welcher
zurückbleibt«
»Dann bitte ich untertänigst um Verzeihung« entgegnete der
Obersthofmeister »ich hatte vorausgesetzt dass die Abreise des Erbprinzen auch
den Übertritt des Prinzen Victor in eine fremde Armee zur Folge haben würde«
»Wie kommen Sie dazu« frug der Fürst überrascht »Ich habe durchaus nicht
die Absicht den Prinzen Victor in der Fremde zu fourniren er mag seine
Reitkunst bei unsern Schwadronen üben«
»In diesem Falle würde seine Stellung am Hofe geändert« sagte der
Obersthofmeister nachdenklich »er erhält den Rang und wird für diese Jahre dem
Hofe bei Gelegenheit der stellvertretende Prinz des erlauchten Hauses«
»Was fällt Ihnen ein Obersthofmeister« versetzte der Fürst unwillig
»Hoheit wollen gnädigst angeben wie das vermieden werden soll Das Recht
des Blutes kann nie gegeben und nie genommen werden Der Prinz ist der nächste
Anverwandte die Ordnung des Hofes fordert die entsprechende Stellung und der
Hof wird in tiefster Ehrfurcht darauf bestehen dass sie dem Prinzen nicht
versagt werde«
»Der Hof« rief der Fürst verächtlich »sagen Sie gerade heraus der
Obersthofmeister«
»Der Obersthofmeister ist von Ew Hoheit dazu bestellt über die Ordnung des
Hofes zu wachen« versetzte der alte Herr mit Festigkeit »Als persönliche
Meinung wage ich noch anzufügen dass für den lebendigen und tatkräftigen Geist
des Prinzen Victor der Dienst in dieser Residenz und die Nähe des Hofes nicht
vorteilhaft sind es ist vorauszusehen dass er öfter Ew Hoheit Veranlassung zur
Unzufriedenheit geben wird und dass der Verlust Höchster Gnade bei dem
aufgeweckten und volkstümlichen Wesen des Prinzen eine dauernde Veranlassung zu
Medisance und böswilligem Geschwätz sein würde Deshalb wagte ich anzunehmen
dass die Bedenken welche eine militärische Karriere des Erbprinzen in fremder
Armee hindern bei Prinz Victor ohne Gewicht sein würden«
Der Fürst sah finster vor sich hin Endlich begann er mit Überwindung »Ich
muss Ihnen dankbar sein dass Sie mich auf dieses Bedenken geführt haben Ich
werde nach reiflicher Überlegung meinen Entschluss fassen Seien Excellenz
überzeugt dass ich den warmen Anteil wohl zu schätzen weiß den sie mir und den
Meinen bewahren« Er neigte das Haupt der Obersthofmeister verließ das Zimmer
und die Falten im Antlitz des Fürsten zogen sich drohend zusammen als er dem
Alten nachsah
Die Folge dieser Unterredung war dass der Erbprinz auf eine Universität
gesandt wurde Dies Ereignis ward an der Universität im Schein der höllischen
Flämmchen welche hie und da loderten nicht ganz so aufgefasst als am Hofe
Der Magnificus trat eines Abends bei Professor Werner ein und begann Ilse
begrüssend »Sie haben Ihrem Lande ein gutes Beispiel gegeben als Sie zu uns
kamen von oben ist der Universität die Mitteilung geworden dass im nächsten
Semester Ihr Erbprinz bei uns seine Studien beginnen will« Zum Professor
gewandt fuhr er fort »Man erwartet dass wir Alles tun werden den jungen Herrn
zu fördern was mit den Pflichten unseres Amtes verträglich ist Ihnen habe ich
den Hohen Wunsch auszudrücken dass auch Sie dem Erbprinzen auf seinem Zimmer
eine Vorlesung halten«
»Ich lese kein Prinzencollegium« erwiderte der Professor »dazu ist meine
Wissenschaft zu umfangreich sie lässt sich nicht in eine Nussschale packen«
»Vielleicht würde sich doch irgendein populäres Thema ergeben« mahnte der
kluge Magnificus »Mir scheint fast höherer Wert als auf den Inhalt der
Vorlesung darauf gelegt zu werden dass Ihre Person mit dem Erbprinzen in
wohltuende Verbindung tritt«
»Wenn der Prinz sich in meinem Hause wohlfühlen und unserm Brauch fügen
kann so bin ich zu jeder anständigen Aufmerksamkeit erbötig In meinen
Vorträgen führe ich seinetwegen keine Änderung ein Besucht er als Student
eines meiner Kollegien gut Auf seinem Zimmer lese ich weder ihm noch jemand
Anderem«
»Wird man die Weigerung nicht als eine Unfreundlichkeit empfinden« wandte
der Rector ein
»Wohl möglich« versetzte der Professor »und ich gestehe Ihnen dass mir
dies im vorliegenden Fall besonders peinlich ist Aber keine persönliche
Rücksicht soll mich bestimmen von einem Grundsatz abzuweichen Ich habe früher
einmal die Erfahrung gemacht wie demütigend es ist einem Knaben dem die
nötige Vorbildung dem Verständnis und inneres Interesse fehlte ernste
Männerarbeit zurechtzuschneiden Ich tue es nie wieder Dann aber handle ich im
Interesse dieser jungen Herren selbst soviel ich als Einzelner vermag dessen
Studien von der Heerstraße fürstlicher Bildung weitab liegen Wollen sie von uns
etwas lernen was für ihr Leben fruchtbar ist so sollen sie es ordentlich
lernen und sie sollen mit den Vorkenntnissen zu uns kommen welche ihnen
möglich machen von der Wissenschaft Nutzen zu ziehen Ich habe hie und da aus
der Ferne gesehen wie traurig es mit der innern Bildung der Mehrzahl bestellt
ist Das flache zerstreuende Wesen ihrer Erziehung welches ihnen fast die
Möglichkeit nimmt an irgendeinem Gebiete geistiger Arbeit ein warmes Interesse
zu nehmen macht sie auch später für das Leben und für ihre Regentenpflichten
wenig brauchbar Und wir nehmen Teil an diesem Unrecht wenn wir Jünglinge die
in Wahrheit nicht die Kenntnisse eines Tertianers haben mit dem Schein und
Firnis wissenschaftlicher Kultur überziehen Denn darauf ist es doch in der
Regel abgesehen Man braucht sicher nicht die Universität zu besuchen um ein
tüchtiger Mann zu werden wenn man aber diesen schwierigen Weg einschlägt und
ich meine allerdings jeder künftige Regent sollte das so darf es nur in
einer Weise geschehen welche auch tüchtige Resultate sichert Ich verurteile
nicht die Lehrer welche anders denken« schloss der Professor »es gibt ohne
Zweifel Disciplinen bei denen gedrängte Darstellung einiger Hauptsätze möglich
und nützlich ist Die Altertumswissenschaft wenigstens gehört nicht dazu Und
deshalb bitte ich zu entschuldigen wenn ich mich dem jungen Herrn für
Privatstunden versage«
Der Rector zuckte die Achseln und sprach diesen Grundsätzen seine
Anerkennung aus
»Mein armer Erbprinz« rief Ilse bedauernd als der Rector sich entfernt
hatte
»Mein armer Kodex« parodirte der Professor lachend
»Aber eine Ausnahme hast du doch gemacht« wandte Ilse ein »bei deinem
Weibe«
»Hier ist die Lehrstunde nur der Leitfaden unser ganzes Leben die
Erläuterung« versetzte der Professor »Den künftigen Landesherrn von Bielstein
aber wirst du unter diesen Umständen wohl nur aus der Ferne als dein stilles
Eigentum betrachten können und auch mir schwindet eine gewisse unsichere
Hoffnung welche ich auf das flüchtige Begegnen mit seinem Vater baute Denn es
ist allerdings wahrscheinlich dass man dort meine Weigerung als launischen
Hochmut auffasst«
Darüber hätte der Professor ruhig sein können Es wird dafür gesorgt dass
solche Auffassung nicht zu rechter Zeit an die Adresse gelangt für welche sie
bestimmt ist Die Schärfe wird umgebogen die Spitze abgebrochen und zuletzt
hält man in hoher Luft dergleichen Gesinnung für so ungeheuerlich dass man sie
nur den verworfensten Menschen zutraut Dafür galt der Professor keineswegs
Schon der Rector war vorsichtig genug die Weigerung Werners durch Gründe zu
verdecken und in der Residenz des Fürsten hatte man einmal beschlossen dass der
Erbprinz ein Zuhörer des Professors werden sollte Aus dem eingesandten
Verzeichnis der Vorlesungen wurde ein kleines Kollegium Werners ausgesucht
Besichtigung und Erklärung antiker Bildwerke in Gipsabgüssen bei welchen der
Erbprinz mit seinem Begleiter wenigstens nicht unter allerlei bunten Mützen zu
sitzen nötig hatte sondern in fürstlicher Isolirung umherwandelnd gedacht
werden konnte
Wieder wogten die Wellen der reifen Ähren als Ilse mit ihrem Gatten dem
Gute des Vaters zufuhr Ein Jahr reich an Freuden nicht frei von Schmerzen
lag hinter ihr auch sie hatte jetzt eine kleine Geschichte Frieden mit Streit
Wachstum und Vergehen am eigenen Leben erfahren Wer in ihr Antlitz sah der
konnte an der bleichen Wange das Leid erkennen welches sie getroffen und an
dem sinnenden Blick dass ernste Gedanken durch ihr Haupt gezogen waren Aber als
sie auf der Höhe das dunkle Dach des Vaterhauses erblickte und an der
wetterblauen Holzkirche vorbeifuhr da war Großes und Kleines vergessen und sie
empfand sich wieder als Kind in dem Frieden der Heimat der ihr jetzt so
wohltuend und trostbringend erschien Als sich die Gutsleute um die Tür
drängten als die Geschwister heranstürmten und der Vater alle überragend den
Gatten und sie selbst aus dem Wagen hob da hielt sie Jeden in stummem Gruß
umfangen aber als der kleine Franz an ihr aufsprang drückte sie ihn so lange
an ihr Herz bis sie die Haltung verlor und in Tränen ausbrach so dass ihr der
Vater das Kind vom Arme nehmen musste
Es konnte nur ein kurzer Besuch sein den die Gatten auf dem Gut machten
Amtsgeschäfte zwangen den Professor zu schneller Heimkehr er hatte Ilse den
Vorschlag gemacht sie länger beim Vater zu lassen und abzuholen sie aber
wollte nicht
Prüfend sah der Vater auf Haltung und Antlitz der Tochter und ließ sich von
dem Professor immer wieder erzählen wie schnell und gut sie in der Stadt
heimisch geworden war
Unterdes flog Ilse durch Hof und Garten hinaus in die Landschaft wieder
leichtbeflügelt wie die kleinen Geschwister die ihre Hand nicht loslassen
wollten »Alle seid ihr gewachsen« rief sie »mein Krauskopf aber am meisten
der wird werden wie der Vater Ein Landwirt Franz«
»Nein ein Professor« erwiderte der Knabe
»Ach du armes Kind« sagte Ilse
Die Feldarbeiter verließen die Garben und eilten ihr entgegen es gab viel
zu grüßen und zu fragen der Grossknecht hielt seine Pferde an das Sattelpferd
der Schimmel rückte heftig mit dem Kopfe »Er kennt Sie recht gut« sagte der
Knecht und klatschte lustig mit der Peitsche Ilse ging in das Dorf und trug
ihren Gruß zu den Toten und den Lebendigen und als der kranke Benz sie endlich
losgelassen hatte rief er nach seiner Tafel und verfertigte mit zitternder Hand
ein Freudengedicht Bedächtiger wandelte die Frau Professorin durch den Hof Vom
Zuge der Mägde geleitet schritt sie den Gang zwischen den Rindern entlang
trotz ihrem modischen Kleide der sagenhaften Frau Berchta ähnlich welche Segen
streuend durch Stall und Haus des Landmanns gleitet Vor jedem gehörnten Haupte
hielt sie an die Kühe hoben die Mäuler zu ihr auf und brummten bei jeder war
eine wichtige Neuigkeit zu berichten Die Mägde wiesen ihr stolz die
angebundenen Kälber und baten um Namen für die erwachsenen Fersen denn der Herr
hatte befohlen dass Ilse das Jungvieh mit Namen versehen sollte und die Mägde
freuten sich über die vornehmen Stadtnamen Kalypso und Xantippe Alles
vertraut und Alles wie sonst und doch bei jedem Schritt Neues für Auge und Ohr
Klara gab ihr Rechenschaft über die Wirtschaft das Mädchen hatte sich
trefflich gehalten ihr Lob welches die Mamsell und was wichtiger war die
Grossmagd in vertraulicher Unterredung erteilten tat Ilse sehr wohl und sie
sagte »Jetzt erst bin ich ganz beruhigt ich kann hier entbehrt werden«
Gegen Abend suchte der Professor seine Frau die seit Stunden verschwunden
war Er hörte den Lärm der Kinder am Bach und dachte sich wo Ilse jetzt sein
müsse Als er um den Stein der Höhle bog sah er sie im Halbdunkel sitzen das
Auge nach dem Vaterhause gewandt Er rief ihren Namen und streckte die Arme nach
ihr aus sie flog ihm an die Brust und sagte leise »Ich weiß dass an deinem
Herzen meine Heimat ist habe Nachsicht wenn die alte Zeit mir jetzt mächtig
wird«
Am späten Abend als der Vater den Professor in das Schlafzimmer führte und
mit ihm noch Geschäfte und Politik besprach schickte Ilse ihre Schwester Klara
zu Bett und sie setzte sich auf den Stuhl Da der Vater hereinkam das Licht vom
Tische zu holen fand er die Ilse wieder an ihrer alten Stelle zum Nachtgruss und
sie hielt ihm den Leuchter hin Er setzte das Licht auf den Tisch ging wie er
pflegte vor ihr auf und ab und begann »Du bist bleicher und ernster als du
warst Wird das vorübergehen«
»Ich hoffe es wird vorübergehen« wiederholte die Tochter Nach einer
Weile fuhr sie fort »Man denkt über Vieles anders in der Stadt und man glaubt
anders Vater«
Der Vater nickte mit dem Kopf »Das wars« sagte er »und deshalb habe ich
um dich gesorgt«
»Es wird mir unmöglich schwere Gedanken los zu werden« sprach Ilse leise
»Armes Kind« rief der Landwirt »dabei dir zu helfen geht über meinen
Verstand Denn bei uns auf dem Lande ist es leicht an Vatersorge zu glauben
wenn man über das Feld geht und sich des Wachstums freut Aber lass dir von
einem Landmann ein vertrauliches Wort sagen Es ist in allen Dingen auf Erden
Bescheidenheit nötig und Entsagung Wir auf dem Lande sind nicht besser und
gescheidter weil wir wenig um das sorgen was dem Menschen rätselhaft ist Wir
haben keine Zeit zu grübeln das ist bequem und wenn uns ein Gedanke
erschreckt hilft die Arbeit darüber weg Aber manchmal kommt doch die
Ungewissheit Auch ich habe Tage gehabt und ich habe sie noch wo ich mir meinen
Kopf zerbreche obgleich ich weiß dass ich nicht aufs Reine kommen kann und
deshalb suche ich mir jetztsolche Gedanken fern zu halten Das ist Vorsicht
aber es ist nicht Tapferkeit Du bist hineingesetzt in ein Leben wo dir das
Hören und Nachdenken unvermeidlich wird Du musst dich durchkämpfen Ilse Vergiss
dazu zweierlei nicht Die Menschen haben von je sehr verschieden angesehen was
ihnen nicht ganz verständlich war und sie haben einander deshalb seit alter
Zeit gehasst und wie Kannibalen geschlachtet nur weil Jeder gegen den Andern
Recht haben wollte Darin liegt eine Warnung Aber Eines hat sich immer bewährt
gegenüber dem Zweifel seine Pflicht tun alle Tage das Nächste tun und im
Übrigen vertrauen dass man nicht deshalb verloren ist weil man Eines und das
Andere denkt Bist du der Liebe deines Mannes sicher«
»Ja« versetzte Ilse
»Und hast du eine aufrichtige Achtung vor dem was er tut für dich und für
alle Andern«
»Ja« rief Ilse
»Dann ist Alles in Ordnung« sagte der Vater »denn an seinen Früchten
erkennen wir den Acker Um das Übrige grämen wir uns nicht heut nicht in der
Zukunft Gib mir das Licht und geh zu deinem Mann Gute Nacht Frau
Professorin«
Zweiter Teil
Drittes Buch
1
Die Buttermaschine
Im großen Saale der Universität war ein gewähltes Publicum versammelt
Würdenträger der Regierung und Stadt Männer der Wissenschaft hinter ihnen die
Studenten welche ab und zuströmend die Tür des großen Portals in Bewegung
erhielten Oben aber auf der Gallerie saßen die Frauen der Professoren in der
Mitte der ersten Reihe Ilse mit Laura auf dem Ehrenplatz Heut war für Ilse ein
großer Tag denn der Glanz der höchsten akademischen Würde sank auf das Haupt
ihres Gatten Felix Werner war zum Rector Magnificus gewählt und sollte hier
sein Amt antreten
In langem Zuge schritten die Lehrer der Universität in den Saal vor ihnen
die Pedelle in altertümlicher Amtstracht große Szepter in der Hand die Herren
selbst nach den Facultäten geordnet Die Theologie begann den Zug und die
Philosophie schloss den Reigen diese an Zahl der Männer und Bedeutung die
stärkste Abteilung alle zusammen aber bildeten eine stattliche Genossenschaft
neben einzelnen Nullen gingen hochberühmte Herren auf welche das Land stolz
sein durfte und es war eine Freude für Jedermann soviel gelehrtes Wissen
körperlich versammelt zu sehen Nur die würdige Darstellung im Zuge gelang den
großen Geistern nicht sie hielten schlecht Reihe mancher sah aus als ob er
mehr an seine Bücher denke als an den Eindruck welchen seine Gestalt dem
Publicum machen sollte einer hatte sich gar verspätet er hieß Raschke und
kam sorglos und vertraulich grüßend hinter den jüngsten Privatdocenten
hergelaufen Den Zug empfing ein lateinischer Gesang des akademischen
Sängerchors nicht verständlich aber festlich Die Professoren ordneten sich
auf ihren Sitzen der bisherige Rector betrat ein hohes mit Blumen verziertes
Katheder hielt zuerst eine gelehrte Rede über den Nutzen welchen vor längerer
Zeit das unruhige Volk der Araber der medicinischen Wissenschaft gebracht hat
und berichtete dann über die akademischen Ereignisse des letzten Jahres Der
Vortrag war schön und Alles warsehr feierlich die Ehrengäste der Stadt und
Regierung saßen unbeweglich die Professoren hörten ergeben zu die Studenten
knarrten nur wenig an der Tür und wenn von dem gemalten Plafond der Aula
zuweilen die Langeweile ihre großen Fledermausflügel gegen die Augen der Zuhörer
herabbewegte wie bei akademischen Schaustellungen unvermeidlich ist Ilse
merkte heut nichts davon Als Magnificus den Vortrag beendet hatte bat er mit
einer zierlichen Handbewegung und den verbindlichsten Worten seinen Nachfolger
zu ihm auf die Erhöhung zu steigen Ilse errötete als ihr Felix das Katheder
betrat Der Rector nahm sein Barett ab die goldene Kette und den Mantel der
wie ein alter Fürstenmantel aussah und Alles setzte und hing er um seinen
Nachfolger mit warmen Wünschen und Äußerungen der Hochachtung Laura flüsterte
ihrer Nachbarin zu »Wenn unser Herr Professor ein Schwert an der Seite trüge
wäre er ganz wie ein Kurfürst auf den Bildern draußen« und Ilse nickte freudig
es war genau ihre Ansicht Jetzt aber trat Werner in Purpurmantel und Kette vor
Die Pedelle kreuzten ihre Szepter zu beiden Seiten des Kateders und der neue
Rector hielt majestätisch eine Ansprache an Professoren und Studenten worin er
Günstiges erbat und gutes Regiment verhieß Wieder begann der akademische Chor
ein lateinisches Triumphlied und der Zug der Universitätslehrer bewegte sich in
das Nebenzimmer zurück wo die Professoren ihren Rector händeschüttelnd
umstanden und die Pedelle Purpurmantel und Kette in Kästen packten zur Schonung
für spätere Zeiten Auch Ilse empfing die Glückwünsche der Frauen und des
Teetisches welcher sich an der Gallerietreppe aufstellte und sie lustig mit
»Magnificenz« begrüßte
Zu Haus fiel Ilse dem Gatten um den Hals und sagte ihm wie stattlich er in
seinem Ornate ausgesehen habe »Was die Zigeunerin sprach« rief sie »heut ist
es erfüllt heut trug der Mann den ich liebe den Fürstenhut sei gegrüßt du
mein Fürst und Herr«
Für den Nachmittag dieses großen Tages war der Besuch des Erbprinzen
angemeldet Ilse sah noch einmal in die Winkel der blanken Wohnung damit sie
als Hausfrau keine Unehre erlebe und ließ sich von dem Gatten über die Form
unterrichten in der man mit vornehmen Herren spricht »Damit ich Bescheid weiß
wenn er sich auch um mich kümmert Ich bin unruhig Felix denn es ist doch
etwas Großes den künftigen Herrn der Heimat kennen zu lernen«
Mit dem Stundenschlag fuhr der Wagen vor Gabriel in seinem besten Frack
führte die Herren an das Zimmer des Rectors Unterdes ging Ilse erwartungsvoll
in ihrer Stube auf und ab Nicht lange und ihre Tür wurde geöffnet zwei
Herren traten von dem Gatten geleitet ihr entgegen Da war der Prinz eine
zarte Gestalt unter Mittelgrösse schwarzes Haar ein kleines Gesicht mit weichen
Zügen über den feinen Lippen ein dunkler Streif welcher den beginnenden Bart
andeutete die Haltung etwas schlottrig und verlegen so machte er den Eindruck
eines zarten und schwächlichen Menschenkindes Befangen trat er auf Ilse zu und
sagte ihr so leise dass sie kaum die Worte verstand wie sehr er sich freue in
ihr eine Landsmännin zu begrüßen
Ilse erhielt durch sein schüchternes Wesen ihren Mut zurück und da sie in
dem Anblick ihres jungen Prinzen ein wenig bewegt war so begegnete ihr dass sie
ihm eine kleine Rede hielt »Wir aus unserm Lande hängen an der Heimat und da
ich jetzt Ew Hoheit so nahe vor mir sehe wage ich auch zu sagen dass ich Ew
Hoheit sehr gut wiedererkenne Sie waren noch ein ganz junger Herr und ich war
ein halbwüchsiges Mädchen da sah ich Sie zuerst neben Ihrem Herrn Vater in der
Residenz Ew Hoheit saßen auf einem sehr kleinen Pferde während mein Vater und
ich grüßten stand das Pferd still und wollte nicht weitergehen Sie sahen mich
freundlich an ganz mit denselben Augen wie jetzt Ich hielt ein Paar Rosen in
der Hand und weil Sie unser junger Prinz waren bot ich Ihnen die Rosen an
Aber Sie schüttelten den Kopf und Sie konnten auch nichts nehmen weil Sie den
Zügel halten mussten und ich glaube Sie waren etwas ängstlich auf dem Pferde
Nur das Pferd fuhr mit seinem Kopfe nach den Blumen Da kam ein Großer in
Uniform herangeritten fasste das Pferd und wir traten zurück Sie sehen ich
weiß noch Alles denn für ein Mädchen vom Lande ist so etwas eine wichtige
Erinnerung Aber erweisen Hoheit mir doch die Ehre Platz zu nehmen«
Der Begleiter des Prinzen Kammerherr von Weidegg begrüßte Ilse
verbindlich er war ein Mann in mittlen Jahren groß von guter Haltung und
keinem üblen Gesicht Er übernahm die Leitung der Wechselreden und ein kleines
Gespräch lustwandelte über die Berge und Wälder des Heimatlandes Es blieb ein
anständiger Austausch von Worten welcher sich ungewöhnlicher Gedanken gänzlich
enthielt Der Prinz war schweigsam spielte mit einem Augenglase und sah
befremdet und vorsichtig auf die stattliche Professorsfrau welche ihm gegenüber
saß Zuletzt frug der Kammerherr nach den Stunden wo dies Zimmer sich Fremden
öffne und drückte den Wunsch aus dem Prinzen und ihm möge gestattet sein
zuweilen einzutreten »Von den wenigen Beziehungen welche die fremde Stadt
bietet ist uns dies Haus besonders wertvoll in welchem mein durchlauchtigster
Prinz das Recht beanspruchen darf nicht ganz als Fremder behandelt zu werden«
Das alles war recht sauber und verbindlich und als der Professor die Fremden
bis an die Entréetüre geleitet hatte sagte er zu seiner Frau »Nun sie sehen
ja menschlich genug aus«
»Ich habe mir Prinzen ganz anders gedacht Felix keck und übermütig
dieser hatte nicht einmal einen Stern auf der Brust«
»Der war nur in die Tasche gesteckt« tröstete der Professor
»Aber er sieht aus wie ein guter Junge« schloss Ilse »und da er mein
Landsmann ist soll er auch gut behandelt werden«
»So ist es recht« versetzte der Professor lachend
Es machte sich in den nächsten Wochen allmählich dass der Erbprinz und sein
Kammerherr die gute Behandlung behaglich fanden Der Kammerherr bewährte sich
als angenehmer Mann er hatte größere Reisen gemacht hatte Einiges erlebt
Vieles gesehen und allerlei gelesen auch was nicht gerade am Wege liegt er
sammelte Autographen und war dem menschlichen Geschlecht durch kein Laster und
keine üble Gewohnheit lästig Während einem längeren Aufenthalte in Rom hatte er
mit alten Bekannten des Professors in Verbindung gestanden er war durch die
Ruinen Pompejis gewandelt und zeigte ein wohltuendes Interesse an der
Einrichtung altrömischer Häuser Außerdem verstand er gut zu hören und zu fragen
und erzählte zuweilen mit anständiger Medisance Anekdoten von vielgenannten
Personen So geschah es dass der Professor gern mit ihm verkehrte und dass er am
Teetisch Ilses den Wirten willkommen den Gästen nicht unbequem war Auch ihm
selbst schien der Verkehr mit den gelehrten Herren Freude zu machen er besuchte
den Doctor und betrachtete bei diesem alte Holzschnitte er behandelte den
Professor Raschke mit rücksichtsvoller Artigkeit und begleitete nebst seinem
Prinzen den Philosophen an einem klaren Winterabend bis zu der entlegenen
Wohnung während Raschke sehr interessante Beobachtungen über den Schlaf der
Pflanzen mitteilte
Dass der Erbprinz sich ebenso gut unter den Professoren zurechtfand konnte
man nicht behaupten er hörte dem Gespräch der Männer leidend zu wie einem
akademischen Hörer ziemte und sprach durchaus und zu rechter Zeit das
Schickliche Nur zuweilen deutete er durch leises Knipsen seiner Lorgnette an
sein Gemüt werde wohl eine andere Art von Unterhaltung nicht ungern ertragen
Ilse war unzufrieden wenn er mit der Lorgnette knackte und wenn sie zu ihm
hinübersah hörte das Knipsen auf
Denn Ilse wollte dass er sich unter den andern Männern recht stattlich
hervortun sollte und ihr war als könnten die Herren ihr selbst einen Vorwurf
daraus machen dass ihr Prinz für Männergeschäfte kein rechtes Herz erwies Sie
war deshalb als Hausfrau mit zarter Aufmerksamkeit um ihn bemüht sie wagte den
Rat dass er den Tee nicht zu stark trinken möchte und bereitete ihm selbst
die Mischung Der Prinz ließ sich das gern gefallen er saß am liebsten auf dem
Stuhl neben ihr und sah ihr freundlich zu wie sie um den Tisch wirtschaftete
Nur ihr gegenüber ging er ein wenig aus seiner vorsichtigen Zurückhaltung
heraus er erzählte ihr was er von Merkwürdigkeiten der Stadt gesehen und wenn
er gerade nichts zu sprechen hatte machte er wenigstens ihr Amt leicht er
stellte den Sahntopf vor sie hin und hatte ein scharfes Auge auf die
Zuckerbüchse wenn er meinte dass Ilse für sich davon Gebrauch machen könne
Einst als er wieder schweigsam neben ihr saß und die Herren gerade zornig
über der Bibliotekverwaltung des Vaticans zu Gericht saßen machte Ilse den
Vorschlag ein Werk anzusehen das ihr der Gatte gekauft hatte gutgestochene
Bildnisse berühmter Gelehrten und Künstler Sie gingen zu der Lampe des
Nebenzimmers der Prinz betrachtete mit matter Teilnahme die Köpfe »Von
manchem weiß ich nichts« begann Ilse »als einige Worte die mir mein Mann über
sie erzählt hat Ihre Bücher habe ich nicht gelesen und von den schönen Werken
die sie gemalt und componirt haben kenne ich auch gar wenig«
»Mir geht es gerade so« versetzte der Prinz ehrlich »nur die Musiker kenne
ich etwas«
»Und doch ist es eine Freude die Gesichter anzusehen« fuhr Ilse fort »man
denkt bei Jedem wie der Charakter und die Vorzüge dieses Mannes sein möchten
und wenn man Jemand fragt der mehr weiß ergibt sich manchmal eine Bestätigung
und manchmal ein Irrtum Das hilft Einem die Männer lieb und vertraulich zu
machen und man sucht Gelegenheit auch mit ihrer Kunst und Weisheit bekannt zu
werden Ich mühe mich jetzt von einem nach dem andern mehr zu erfahren Wenn
man aber etwas von einem großen Manne gelesen hat und sein Bild nach einiger
Zeit wieder ansieht dann ist es als schaute man in das Gesicht eines guten
Freundes«
»Lesen Sie gern« frug der Prinz aufblickend
»Langsam« erwiderte Ilse »denn von ernsten Dingen geht nicht viel auf
einmal in den ungelehrten Kopf besonders wenn es schwere Gedanken erregt«
»Ich lese nicht gern« versetzte der Prinz »am wenigsten was einem so
vorgelegt wird Und mir ist es langweilig denn ich habe nichts Ordentliches
gelernt und ich weiß nirgends recht Bescheid«
Das sagte er mit Bitterkeit Ilse erschrak über das Geständnis »Dem werden
Ew Hoheit jetzt abhelfen es ist ja hier so schöne Gelegenheit«
»Ja« versetzte der Prinz »vom Morgen bis zum Abend und Alles
durcheinander ich bin jedesmal froh wenn die Stunden zu Ende sind«
Ilse betrachtete den jungen Herrn mit großer Betrübnis »Das ist ja für Ew
Hoheit ein rechtes Unglück Haben Sie denn nichts was Ihnen zu wissen oder zu
besitzen recht lieb ist Eine Sammlung von Steinen oder Schmetterlingen oder von
seltenen Büchern oder Kupferstichen wie der Doctor drüben dabei hat man das
ganze Jahr sein Vergnügen und man lernt auch allerlei wenn man sich diese
werten Sachen zusammenträgt«
»Wenn ich dergleichen haben will kann ich Alles in Haufen gesammelt haben«
versetzte der Prinz »Aber wozu es steht schon soviel Zeug um mich herum Wenn
ich heut Steine suchen wollte gerieten alle Leute um mich in Aufregung und es
würde mir entweder verwehrt oder eine ganze Sammlung ins Haus getragen«
»Das hilft freilich nichts« bedauerte Ilse »man muss selbst um das Einzelne
sorgen dann kommt die Freude Ein Mensch kann nicht Alles wissen aber etwas
muss jeder haben was er ordentlich versteht Wenn ich mein kleines Leben
vergleichen dürfte mit dem großen das Ew Hoheit erwartet so könnte ich Ihnen
wohl etwas erzählen Als meine gute Mutter sich zu ihrer letzten Krankheit
einlegte war ich ein ganz junges Ding aber ich wollte durchaus an ihrer Stelle
die Wirtschaft führen Da fand sich dass ich mir nicht Rat wusste Ich verstand
nicht einmal ob die Leute fleißig oder träge waren ich kannte auch nicht die
Handgriffe und wenn Jemand etwas schlecht machte konnte ichs nicht lehren
Deshalb saß ich an einem Abend mutlos und ärgerlich über mich selbst und ich
glaube ich weinte Da sagte mein guter Vater du durftest nicht soviel auf
einmal übernehmen du sollst erst etwas genau lernen Und er wies mich in die
Molkerei Wissen Ew Hoheit was das ist«
»Nicht so recht« versetzte der Prinz
»Das ist ja die Milchwirtschaft des Gutes ich will Ew Hoheit sagen was
dabei zu tun ist«
Sie erzählte ihm die ganze Tagesarbeit des Milchkellers »Und jetzt machte
sichs so Ich griff selbst mit an wurde fest in der Arbeit und bekam ein
Urteil über die Mägde Ich lernte jede Kuh genau kennen und lernte auch welche
Art für uns am besten war und warum Denn nicht jede Race passt überallhin Bald
bekam ich den Ehrgeiz Butter und Käse recht fein zu machen Ich erkundigte mich
bei den Klugen und las auch zuweilen in einem Buch darüber Dann besprach ich
mit dem Vater Verbesserungen Und gerade als ich wegkam war die Rede davon
statt unseres großen Butterfasses von Holz eine neue Maschine anzuschaffen Sie
ist jetzt aufgestellt soll sehr gut sein und schöne Butter machen ich habe sie
aber noch nicht gesehen Denn Ew Hoheit kennen doch das Buttern«
»Nein« versetzte der Prinz
Ilse beschrieb es ihm ein wenig »Wenn aber der Vater um Johanni die große
Rechnung machte da war mein Stolz dass die Kühwirtschaft in jedem Jahr höheren
Ertrag gab Mich ärgerte nur dass der Vater über meinen kleinen Gewinn lachte
denn der eigentliche Wert der Kühe lag für ihn in ganz andern Dingen« Auch
darüber machte Ilse eine leise Andeutung »Und sehen Hoheit« fuhr sie fort
»erst von dieser Zeit ab fühlte ich mich in der Welt recht zu Hause Noch jetzt
wenn ich einmal in eine Fabrik gehe ertappe ich mich darüber dass ich sie wie
eine andere Art Molkerei ansehe und wenn von Staatseinnahmen und Regierung die
Rede ist vergleiche ich sie noch heut mit unserer Wirtschaft Aber es ist wohl
töricht dass ich Ew Hoheit von Butter und Käse unterhalte«
Der Prinz sah ihr treuherzig in die Augen »Ach gnädige Frau« sagte er
»Sie sind glücklich daran gewesen mir aber ist es nie so gut geworden dass ich
bei dem was mir lieb war recht ruhig beharren konnte Vom Morgen bis zum Abend
bin ich erzogen worden und von Einem zum Andern geschleppt Wenn ich als Kind in
den Garten ging war immer die Gouvernante dabei oder der Erzieher und wenn ich
im Grase sprang wurde darauf gehalten dass meine kleinen Sprünge auch für
andere Leute gut aussahen niederkauern durfte ich nicht und als ich mich
einmal auf den Kopf stellen wollte wie ich bei andern Knaben gesehen hatte gab
es Entsetzen wegen der Unschicklichkeit und Arrest Jeden Augenblick hieß es
das passt nicht für einen Prinzen oder das ist jetzt nicht an der Zeit Sooft
ich aus der Stube kam starrten mich die fremden Leute an auch ich musste immer
auf sie sehen und grüßen mir wurde gesagt wem ich die Hand geben durfte und
wem nicht wen ich anreden durfte und wen nicht So ging es alle Tage Immer
waren es leere Redensarten in drei Sprachen und jeden Tag war der Gedanke
obenan dass man sich nur gut präsentire Einmal wollte ich mir mit der Schwester
einen kleinen Garten anlegen sogleich wurde der Hofgärtner gerufen der uns
graben und pflanzen musste Da wars uns vom ersten Tage verleidet Dann wollten
wir Theater spielen und hatten uns schon selbst ein Stück ausgedacht wieder
wurde uns gesagt das sei dummes Zeug und wir mussten ein Spiel auswendig lernen
mit französischen Redensarten wo die Kinder immer riefen wie lieb sie Papa und
Mama hätten und wir hatten gar keine Mutter Über diesem Zurichten für den
Schein ist meine Kinderzeit vergangen Ich versichere Sie ich weiß nichts
gründlich und wenn ich jetzt hier in dem ewigen Lernen bleibe so habe ich das
Gefühl dass es mir gar nichts helfen wird und ich komme mir sehr unnütz vor in
der Welt«
»Ach das ist traurig« rief Ilse in tiefem Mitgefühl »Aber ich flehe Ew
Hoheit an verlieren Sie nur nicht den Mut Es ist unmöglich dass das Leben
unter so vielen tüchtigen und gescheidten Männern die Sie hier finden ohne
Segen für Sie sein sollte«
Der Prinz schüttelte den Kopf
»Denken doch Ew Hoheit an Ihre Zukunft« fuhr Ilse leise fort »Ach Sie
haben alle Ursache zuversichtlich und tapfer zu sein Ihr Amt ist doch das
höchste auf Erden Wir andern arbeiten und sind glücklich wenn wir ein
einzelnes Menschenleben vor dem Untergange bewahren und wenn es noch so klein
und elend ist Ihnen aber wird einmal Wohlsein und Leben von vielen Tausenden in
die Hand gegeben Was Sie für Schule und Bildung tun durch gute oder schlechte
Lehrer der Seelen und ob Sie für Krieg oder Frieden stimmen das kann ein
ganzes Land glücklich machen oder verderben Wenn ich an diesen erhabenen Beruf
denke kommt mir die Ehrfurcht vor Ihnen und ich möchte Sie auf meinen Knieen
anflehen dass Sie tun was möglich ist um sich zu einem tüchtigen Fürsten zu
machen Dafür ist jetzt der beste Rat dass Sie guten Willen zeigen auch das zu
lernen was Ihnen langweilig ist Und im Übrigen vertrauen Sie der Zukunft
auch Ihnen wird die Freude am Leben und das Gefühl der Tüchtigkeit kommen«
Der Prinz schwieg denn die Erwähnung seines künftigen Fürstennamtes gehörte
zu den Anspielungen welche bei Hofe verpönt sind und die im stillen Geiste zu
verfolgen einem Tronerben noch weniger als Andern erlaubt ist
»Gelehrte Vorlesungen höre ich genug« sagte endlich der Prinz »ich wollte
aber lieber ich wäre bei einem Landwirt in der Lehre gewesen wie Sie«
Sie kehrten zu den Herren zurück und der Prinz nahm den Rest des Abends
aufmerksam an der Unterhaltung Teil Als er sich entfernt hatte sagte Ilse zu
ihrem Gatten »Da geht er hin er hat was Tausende froh machen würde und doch
ist er unglücklich denn sie haben ihm sein ehrliches Herz in Leder eingenäht
wie einer Gliederpuppe O sei gütig gegen ihn Felix und gönne ihm manchmal
etwas von deiner Seele damit ein Teil deiner Sicherheit und Kraft auf ihn
übergehe«
Der Gatte küsste sie auf das Haupt und sagte »Dir wird das leichter möglich
sein als mir Aber er selbst hat sich das Rechte gesagt drei Jahre bei deinem
Vater in der Wirtschaft wären für ihn und sein Land die beste Hilfe«
Beim Frühstück des nächsten Morgens nahm der Kammerherr die Zeitungen aus
der Hand des Lakaien der Prinz saß schweigend am Tisch spielte mit dem
Kaffelöffel und beobachtete eine Fliege welche vom Rande des Sahntopfes
unehrerbietige Versuche machte in die fürstliche Milch zu sinken Da die
schriftliche Instruktion dem Kammerherrn die Pflicht auferlegte den Prinzen vor
jeder gefährlichen Lektüre zu behüten es waren damit unzufriedene Zeitungen
und schmutzige Romane gemeint so bot er seinem Herrn zuerst das unter allen
Umständen gefahrlose Tageblatt während er selbst eine wohlgesinnte Zeitung
ergriff um dort die Hofnachrichten Beförderungen und Ordensverleihungen zu
mustern Er war längst mit seiner Lektüre zu Ende der Prinz aber studierte noch
immer über den frischen Schellfischen und Austern Betrübt sah der Kammerherr
wie die junge Hoheit wieder einmal für den Lauf der Welt so geringe Teilnahme
zeigte Ein Bekannter des Kammerherrn war zum Rittmeister ernannt ein anderer
kündigte seine Verlobung an er verfehlte nicht den Prinzen aufmerksam zu
machen dieser aber lächelte nur in seiner zerstreuten Weise
Der Kammerherr ging also zu seiner nächsten Pflicht über er überlegte das
Programm des Tages Und da ihm oblag den Prinzen mit den Neuigkeiten der Kunst
Literatur und der Stadt in geziemender Auswahl bekannt zu machen so wartete er
ungeduldig auf die Befreiung des Tageblattes um sich aus diesem Rat zu holen
Endlich unterbrach der Prinz diese Erwägungen durch die Frage »Hier finde ich
eine permanente Ausstellung landwirtschaftlicher Geräte was ist in solcher
Ausstellung zu sehen«
Der Kammerherr versuchte das zu erklären und knüpfte vergnügt den Vorschlag
an auch einmal diese Ausstellung zu besuchen Der Prinz gab durch ein schwaches
Kopfnicken seine Einwilligung zu erkennen sah nach der Uhr und ging auf sein
Zimmer den dreistündigen Morgencursus durchzumachen eine Stunde
Staatswissenschaft eine Stunde Mythologie und Aestetik und eine Stunde Taktik
und Strategie Dann trat er mit seinem Begleiter den Weg nach der Ausstellung
an
Selbst dem Kammerherrn wurde langweilig zu Mut als er hinter seinem jungen
Herrn die großen Räume betrat in denen unverständliche Maschinen zahlreich
durcheinander standen Der Geschäftsführer des Fabrikanten begann die Erklärung
der Kammerherr tat die Fragen welche eine geziemende Wissbegierde andeuten
sollten der Prinz ging geduldig von einem rätselhaften Körper zum andern und
hörte etwas von Pflug Exstirpator und Walze Endlich veranlasste die große
Dreschmaschine den Erklärer einen Arbeiter mit einer Treppenleiter zu Hilfe zu
rufen Der Prinz überließ dem Kammerherrn die Mühe hinauf zu steigen und die
innere Einrichtung zu bewundern er spielte unterdes mit seiner Lorgnette und
frug den Geschäftsführer in dem leisen Ton in dem er zu sprechen gewöhnt war
»Haben Sie nicht auch eine Buttermaschine«
»Ja wohl« war die Antwort »mehre von verschiedener Konstruction« Der
Prinz gab sich wieder ruhig der Betrachtung des großen Dreschmechanismus hin und
lernte die schöne Vorrichtung schätzen welche das ausgedroschene Stroh das er
sich zu denken aufgefordert wurde auf einen unsichtbaren Futterboden
hinaufbeförderte Endlich kamen die Geräte an die Reihe welche ihm am Herzen
lagen moderne Nachfolger des alten ehrlichen Butterfasses Da standen sie
nebeneinander das kleine Handgefäss durch welches wenn der Versicherung des
Führers zu trauen war jede Hausfrau in unglaublich kurzer Zeit ihre Butter
selbst bereiten konnte und die gewaltige Erfindung welche den Bedürfnissen der
größten Milchwirtschaft spielend genügte Der Prinz ließ sich beschreiben wie
der Rahm hineingegossen in eine gewisse kreisende Bewegung gesetzt und durch
diese Aufregung gezwungen wird sich mit sich selbst zu entzweien Das alles
hatte er schon viel schöner gehört aber es machte ihm Spaß die Vorzüge des
modernen Baues einzusehen und er wurde innig von seiner Vortrefflichkeit
überzeugt Er tat zum Erstaunen seines Begleiters Fragen ergriff die Kurbel
und versuchte ein wenig zu drehen zog aber mit verlegenem Lächeln die Hand
wieder zurück Zuletzt frug er sogar nach dem Preise Der Kammerherr freute sich
über die anständige Wissbegierde welche sein junger Herr bewies aber er wurde
wieder gedemütigt als der Prinz sich zu ihm wandte und französisch sagte »Was
meinen Sie Ich habe Lust die kleine Maschine zu kaufen« Des Drehens wegen
dachte der Kammerherr mit innerem Achselzucken »Wie kommt es dass Hoheit sich
gerade dafür interessieren« »Sie gefällt mir« erwiderte der Prinz »und man
möchte dem Mann doch etwas abkaufen«
Die niedliche Erfindung wurde erstanden in das Quartier des Prinzen
getragen und in seiner Arbeitsstube aufgestellt Gegen Abend während der Prinz
seine Musikstunde am Flügel verlebte musste die Maschine sogar in dem Rapport
erscheinen welchen der Kammerherr für den regierenden Herrn verfasste Rühmend
hob der Berichterstatter das Interesse hervor welches sein Prinz den nützlichen
Werkzeugen deutscher Bodencultur erwiesen hatte Allein selten war dem armen
Kammerherrn so schwer geworden die Pflicht eines getreuen Hofmanns zu üben
welchem ziemt persönliches Empfinden zurück zu drängen und Peinliches mit
Anmut zu umziehen Denn in Wahrheit fühlte er tiefe Scham über die unnütze
Spielerei seines Prinzen Aber man lernt bei Hofe nie aus wie sehr man auch den
Faltenwurf eines fürstlichen Gemütes studire selbst dem weisesten Hofmarschall
bleiben einzelne Tiefen unerforschlich
Der Erbprinz aber bedeckte die Buttermaschine mit einem seidenen Tuch und
wenn er allein war trat er vorsichtig heran drehte an der Kurbel und
beobachtete den Mechanismus
Einige Tage darauf hatte der Kammerlakai den Prinzen ausgekleidet die
Schlafschuhe zurechtgestellt und seine Nachtverbeugung gemacht da blieb der
kleine ausgehülste Prinz gegen Gewohnheit auf dem Stuhle sitzen und hemmte den
Abschied des Dieners durch die Anrede »Krüger Sie müssen mir einen Gefallen
tun« »Hoheit haben zu befehlen« »Besorgen Sie mir zumorgen früh ohne dass
es Jemand sieht einen großen Topf Milch aber Sie setzen die Milch nicht auf
Rechnung« »Befehlen Hoheit gekochte oder ungekochte«
Das war eine schwierige Frage Der Prinz drehte schweigend am Schnurrbart
und sah seinen Krüger hilflos an »Ich weiß nicht« brach er endlich heraus
»ich möchte gern einmal buttern«
Krüger begriff scharfsinnig dass dieser Wunsch mit der neuen Maschine
zusammenhing und längst gewöhnt an vornehmen Herren nichts erstaunlich zu
finden erwiderte er »Dann muss aber die Maschine erst ausgebrüht werden sonst
schmeckt die Butter schlecht und den Rahm dazu muss ich bestellen So möchten
Ew Hoheit sich noch einen Tag gedulden«
»Ich überlasse Ihnen Alles« sagte der Prinz vergnügt »nehmen Sie die
Maschine und sorgen Sie dass Niemand etwas erfährt«
Als Krüger am Morgen des zweiten Tages beim Prinzen eintrat fand er den
jungen Herrn bereits angekleidet und meldete stolz auf seine vertraute
Stellung »Der Herr Kammerherr schläft noch es ist Alles bereit«
Der Prinz eilte auf den Zehen in die Stube ein großer Topf Rahm wurde in
den Leib der Maschine gegossen erwartungsvoll setzte sich der Prinz an den
Tisch und sagte »Ich will selbst drehen« Er drehte und Krüger sah zu »Aber
gleichmäßig Hoheit« ermahnte Krüger Der Prinz konnte sich nicht versagen den
Deckel zu öffnen und hineinzublicken »Es will noch nicht werden Krüger« sagte
er kleinlaut »Nur immer munter Hoheit« riet Krüger »bitte um gnädigste
Erlaubnis weiter zu drehen« Darauf drehte Krüger und der Prinz sah zu »Es
wird« rief der Prinz vergnügt als er hineingesehen
»Ja es ist geworden« antwortete Krüger »Jetzt aber kommt die andere
Arbeit Die Butter muss herausgenommen und ausgewaschen werden Befehlen Ew
Hoheit«
»Nein« sagte der Prinz misstrauisch »das geht nicht Aber die Maschine ist
gut Bringen Sie mir einen Löffel und das Weissbrot ich fische heraus was ich
finde man muss sich zu helfen wissen« Der Prinz fuhr mit dem Löffel in das
Getümmel holte in der Bildung begriffene Butter heraus und strich sie mit einem
Gefühl von Behagen das ihm ganz neu war auf sein Weissbrot »Sie schmeckt
säuerlich Krüger« sagte er »Das kann nicht anders sein« versetzte Krüger
belehrend »es ist ja noch die Buttermilch drin« »Das tut nichts« tröstete
sich der Prinz »Krüger ich hätte nicht gedacht dass beim Buttern soviel zu
beobachten ist« »Ja aller Anfang ist schwer« ermutigte Krüger »Es ist
gut« schloss der Prinz gnädig »nehmen Sie die Maschine heraus und dass sie mir
recht rein wird«
Seitdem stand die Buttermaschine friedlich unter seidenem Tuche der Prinz
stellte sich in einsamen Stunden zuweilen davor und überlegte wie er sie in die
Hände liefern könne denen er sie heimlich bestimmt hatte
Die Sterne selbst schienen das zu begünstigen Denn der rollende Erdball
wälzte sich dem letzten Himmelszeichen zu welches die Seelen unseres Volkes mit
magischer Gewalt auf das schönste Fest des Jahres richtet Weihnachten war nahe
und die Frauenwelt der Parkstrasse fuhr in geheimnisvoller Tätigkeit einher Der
Verkehr mit guten Bekannten wurde unterbrochen angefangene Bücher lagen im
Winkel Theater und Koncertsaal wiesen leere Plätze die Accorde des Flügels und
die neuen Bravourarien klangen selten in die rasselnden Wagen der Straße innere
Kämpfe wurden beschwichtigt und böser Nachbarn ward wenig gedacht Was eine
Hausfrau oder Tochter zu leisten vermochte das wurde auch in diesem Jahr
auffällig Vom Morgen bis zum Abend flogen kleine Finger zwischen Perlen Wolle
Seide Pinsel und Palette umher der Tag wurde zu acht und vierzig Stunden
ausgeweitet selbst in den Minuten eines unruhigen Morgenschlummers arbeiteten
dienstfertige Heimchen und andere unsichtbare Geister im Solde der Frauen Je
näher das Fest rückte desto zahlreicher wurden die Geheimnisse in jedem
Schrank steckten Dinge die Niemand sehen sollte von allen Seiten wurden
Packete in das Haus getragen deren Berührung verpönt war Aber während die
Hausgenossen geheimnisvoll an einander vorüberschlüpften ist die Hausfrau
stille Herrscherin in dem unsichtbaren Reich der Geschenke Vertraute und kluge
Ratgeberin Aller Sie kennt in dieser Zeit keine Ermüdung sie denkt und sorgt
für Jedermann die Welt ist ihr ein großer Schrank geworden mit zahllosen
Fächern aus denen sie unablässig herausholt in die sie Verhülltes nach weisem
Plane einstaut Wenn am Weihnachtsabend der Flitterstern blitzt der Wachsstock
träufelt und die goldene Kugel am Christbaum schimmert da feiert die Phantasie
der Kinder ihre große Stunde aber die Poesie der Hausfrauen und Töchter füllt
schon Monate vorher die Zimmer mit fröhlichem Glanz
Wenn man das Urteil des Herrn Hummel als gemeingültig betrachten darf ist
leider auch den Männern welche die Ehre eines Hauses zu vertreten haben die
Begeisterung dieser Wochen nicht vollständig entwickelt »Glauben Sie mir
Gabriel« sagte Herr Hummel an einem Decemberabend während er einem Jungen
nachblickte der mit Brummteufeln umging »in dieser Zeit verliert der Mann
seine Bedeutung er ist nichts als ein Geldspint in dem sich der Schlüsselbart
vom Morgen bis zum Abend dreht Die beste Frau wird unverschämt und
phantastisch alles Familienvertrauen schwindet Eines geht scheu an dem Andern
vorüber die Hausordnung wird mit Füßen getreten die Nachtruhe gewissenlos
ruinirt wenn gegessen werden soll läuft die Frau auf den Markt wenn die Lampe
ausgelöscht werden soll fängt die Tochter eine neue Stickerei an Und ist die
lange Not ausgestanden dann soll man sich gar noch freuen über neue
Schlafschuhe welche einen Zoll zu klein sind und bei denen man später die
grobe Schusterrechnung zu bezahlen hat und über eine Cigarrentasche von Perlen
die platt und hart ist wie eine gedörrte Flunder Endlich zu allerletzt nachdem
man goldene Funken gespuckt hat wie eine Rakete fordern die Frauen noch dass
man auch ihnen selbst durch eine Schenkung sein Gemüt erweist Nun die
meinigen habe ich mir gezogen«
»Ich habe doch auch Sie selbst gesehen« wandte Gabriel ein »mit Packet und
Schachtel unter dem Arm«
»Dies ist wahr« versetzte Herr Hummel »eine Schachtel ist unvermeidlich«
Aber Gabriel das Denken habe ich mir abgeschafft Denn das war das
Niederträchtige bei der Geschichte Ich gehe jedes Jahr zu derselben
Putzmacherin und sage »eine Haube für Madame Hummel« Und die Person sagt »Zu
dienen Herr Hummel« und die Architektur steht reisefertig vor mir Ich gehe
ferner jedes Jahr zu demselben Kaufmann und sage »ein Kleid für meine Tochter
Laura so und so teuer ein Taler Spielraum nach oben und unten« und das
Kleid liegt preiswürdig vor mir »Im Vertrauen ich habe den Verdacht dass die
Frauen hinter meine Schliche gekommen sind und sich die Sachen vorher selbst
aussuchen denn es ist immer Alles sehr nach ihrem Geschmack während in
früheren Jahren Widersetzlichkeit stattfand Jetzt haben sie die Mühe den
Plunder auszuwählen und am Abend müssen sie noch heucheln wie die Katzen
auseinanderfalten und anprobiren sich erstaunt stellen und mein ausgezeichnetes
Geschick loben Das ist meine einzige Genugtuung bei dem ganzen
Kindervergnügen Aber sie ist dürftig Gabriel«
So knarrte misstönend die Prosa des Hausherrn doch die Parkstrasse achtete
wenig darauf und sie wird solchen Sinn immer mit gebührender Missachtung
betrachten solange süßer ist für Andere sorgen als für sich selbst und Freude
zu machen seliger als Freudiges zu empfangen
Auch für Ilse wurde in diesem Jahr das Fest eine große Angelegenheit sie
trug wie eine Biene zusammen und nicht nur für die Lieben in der Heimat Denn
auch in der Stadt hatten sich viele große und kleine Kinder an ihr Herz
genestelt von den fünf unmündigen Raschkes bis zu den kleinen Barfüsslern mit
dem Suppentopf Auch bei ihr wurden die Sophawinkel unheimlich für den Gatten
für Laura und den Doctor wenn diese einmal unerwartet eintraten
Als der Kammerherr einige Zeit vor dem Feste einen Besuch seines Prinzen bei
dem neuen Rector schicklich erachtete fanden die Herren Ilse und Laura in
eifriger Arbeit und den Salon der Frau Rectorin in eine große Marktbude
verwandelt Auf langem Tisch standen Weihnachtsbäumchen und gefüllte Säcke
lehnten ihren schweren Leib an die Tischbeine die Frauen aber arbeiteten mit
Elle und Schere zerteilten große Wollzöpfe und wickelten Linnenstücke
auseinander wie Kaufleute Als Ilse den Herren entgegentrat und ihre Umgebung
entschuldigte bat der Kammerherr dringend sich nicht stören zu lassen »Wir
dürfen nur hierbleiben wenn wir das Recht erhalten uns nützlich zu machen«
Auch der Prinz sagte »Ich bitte um die Erlaubnis zu helfen wenn Sie etwas für
mich zu tun haben«
»Das ist freundlich« versetzte Ilse »denn bis zum Abend ist noch Vieles zu
verteilen Erlauben Ew Hoheit dass ich Sie anstelle Nehmen Sie den Sack mit
Nüssen Sie Herr Kammerherr haben Sie die Güte die Äpfel unter Ihre Obhut zu
nehmen du Felix erhältst den Pfefferkuchen Und ich bitte die Herren kleine
Häufchen zu machen zu jedem zwanzig Nüsse sechs Äpfel ein Packet Kuchen«
Die Herren gingen mit Feuer an die Arbeit Der Prinz zählte gewissenhaft die
Nüsse und ärgerte sich dass sie immer wieder unter einanderfuhren machte aber
die Erfindung durch zusammengefaltete Papierstreifen die Portionen beisammen zu
halten die Herren lachten und erzählten wie sie sich einst in fremdem Lande
die deutsche Festfreude verschafft hatten Der Duft der Fichtennadeln und Äpfel
erfüllte die Stube und zog wie eine Festahnung in die Seelen aller Anwesenden
»Dürfen wir die gnädige Frau fragen wem unsere angestrengte Tätigkeit zu
gut kommt« sagte der Kammerherr »ich halte hier einen ungewöhnlich großen
Apfel durch den ich gern einen Ihrer Lieblinge bevorzugen möchte Jedenfalls
tun wir was armen Kindern Freude machen soll«
»Zuletzt wohl« versetzte Ilse »aber das geht uns nichts an wir geben
schon heut ihren Müttern Denn die größte Freude einer Mutter ist doch ihren
Kindern selbst einzubescheren das Christbäumchen zu putzen und zu arbeiten was
die Kleinen gerade bedürfen Diese Freude soll man ihr nicht nehmen und deshalb
wird ihnen der Stoff unverarbeitet geschenkt Auch die Weihnachtsbäumchen kaufen
sie am liebsten allein jede nach ihrem Geschmack die hier stehen sind nur für
solche Kinder denen die Mutter fehlt Und diese Bäumchen werden auch von uns
ausgeputzt Heut zum Feierabend wird Alles aus dem Haus getragen damit die
Leutchen zu guter Zeit das Ihre erhalten und sich danach einrichten«
Der Prinz sah auf den Kammerherrn »Würden Sie uns erlauben« begann er
zögernd »auch etwas für die Bescherung zu kaufen«
»Sehr gern« erwiderte Ilse freudig »Wenn Hoheit befehlen kann unser
Diener das sogleich besorgen Er weiß Bescheid und ist zuverlässig«
»Ich möchte selbst mit ihm gehen« sagte der Prinz Der Kammerherr hörte
verwundert auf diesen Einfall seines jungen Herrn da der Einfall aber löblich
und nicht gegen die Instruktion war so lächelte er respectvoll Gabriel wurde
gerufen Der Prinz ergriff freudig seinen Hut »Was sollen wir kaufen« frug er
aufbrechend
»Kleine Wachsstöcke fehlen uns« versetzte Ilse »dann von Spielzeug Puppen
für die Knaben Bleisoldaten und für die Mädchen ein Kochgeschirr aber Alles
hübsch handfest und sparsam« Gabriel verließ mit einem großen Korbe hinter dem
Prinzen das Haus
»Sie haben gehört was die gnädige Frau befohlen hat« sagte der Prinz auf
der Straße zu Gabriel »Zuerst die Wachsstöcke Sie suchen aus und ich bezahle
wir sollen sparsam einkaufen geben Sie Achtung dass wir nicht betrogen werden«
»Das haben wir nicht zu fürchten Ew Hoheit« versetzte Gabriel tröstend
»Und wenn wir ja einmal einige Pfennige zu viel bezahlen das kommt wieder
andern Kindern zu gut«
Nach einer Stunde kehrte der Prinz zurück Gabriel mit hochbeladenem Korb
auch der Prinz trug unter beiden Armen Puppen und große Düten mit Naschwerk Als
der junge Herr so belastet eintrat mit geröteten Wangen selbst glücklich wie
ein Kind sah er so gut und liebenswert aus dass sich Alle über ihn freuten
Emsig packte er seine Schätze vor der Frau Professorin aus und schüttete zuletzt
die Zuckerdüten auf den Tisch
Seine Befangenheit war verschwunden er spielte in kindlichem Behagen mit
den hübschen Dingen wies den Andern die kunstvolle Arbeit an Marzipanpflaumen
bat Laura einen Tempelherrn aus Zucker für sich zu behalten und wirtschaftete
zierlich und behend um den Tisch bis die Andern ihm bewundernd zusahn und in
seine Kinderscherze einstimmten Als die Frauen den Ausputz der Fichtenbäumchen
begannen erklärte der Prinz auch er werde dabei helfen Er setzte sich vor die
Untertasse mit Eiweiss ließ sich die Handgriffe zeigen und wälzte die
bestrichenen Früchte in Gold und Silberblättchen Ilse setzte als Preis für den
Herrn der am meisten und besten arbeiten würde eine große Dame von
Pfefferkuchen mit Reifrock und Glasaugen und es entstand ein löblicher
Wetteifer unter den Herren die besten Stücke zu liefern Der Professor und der
Kammerherr wussten alte Kunstfertigkeit zu verwenden der Prinz aber arbeitete
als Neuling etwas lüderlich es blieben einzelne leere Stellen und an andern
bauschte das Schaumgold Er war mit sich unzufrieden aber Ilse ermunterte ihn
»Nur müssen Ew Hoheit sparsamer mit dem Golde sein sonst reichen wir nicht«
Zuletzt erhielt der Kammerherr die Dame im Reifrock und der Prinz als
außerordentliche Belohnung für seine Strebsamkeit ein Wickelkind das aber auch
durch zwei Glaskorallen in die Welt starrte
Draußen auf dem Weihnachtsmarkt standen die kleinen Kinder um die
Tannenbäumchen und Weihnachtsbuden und schauten ahnungsvoll und begehrlich auf
die Schätze und in Ilses Zimmer saßen die großen Kinder am Tische spielend
und glücklich auch hier kam kein kluges Wort zu Tage und der Prinz malte
sichzuletzt mit Eiweiss die Umrisse eines Gesichtes auf die Handfläche und
vergoldete sie mit den Metallblättchen
Als der Erbprinz aufbrach frug der Professor »Darf ich fragen wo Ew
Hoheit den Weihnachtsabend verbringen«
»Wir bleiben hier« versetzte der Prinz
»Da seltene Musikaufführungen in Aussicht stehen« fügte der Kammerherr
hinzu »hat des Fürsten Hoheit auf die Freude verzichtet den Prinzen zum Fest
in seiner Nähe zu haben wir werden also stille Weihnacht im Quartier halten«
»Wir wagen nicht einzuladen« fuhr der Professor fort »falls aber Ew
Hoheit an diesem Abend nicht in anderer Gesellschaft verweilen würde uns große
Freude sein wenn die Herren bei uns vorliebnähmen«
Ilse sah dankbar auf den Gatten und der Prinz überließ diesmal nicht dem
Kammerherrn die Antwort sondern nahm mit Wärme die Einladung an Als er mit
seinem Begleiter durch die gefüllten Straßen schritt begann er vorsichtig
»Irgend etwas werden wir doch auch zu dem Weihnachtstisch beisteuern«
»Ich habe soeben daran gedacht« versetzte der Kammerherr »wenn Ew Hoheit
den wackeren Leuten die Ehre erweisen und den Abend bei ihnen zubringen so bin
ich nicht sicher wie der Fürst eine Beisteuer meines gnädigsten Prinzen zu
diesem Weihnachtsbaum auffassen wird«
»Nur nichts von Broschen oder Ohrringen aus dem langweiligen Kasten des
Hofjuweliers« rief der Prinz mit ungewohnter Energie »es darf nur eine
Kleinigkeit sein am liebsten ein Scherz«
»Das ist auch meine Ansicht« bestätigte der Kammerherr »Aber es ist doch
ratsam den Entscheid darüber dem durchlauchtigsten Herrn anheim zu geben«
»Dann bleibe ich lieber zu Hause« versetzte der Prinz erbittert »ich will
nicht mit einem dummen Kadeau in der Hand eintreten Lässt sich nicht machen dass
der Besuch ganz zwanglos erscheint wie auch die Einladung war«
Der Kammerherr zuckte die Achseln »Wenige Tage nach dem Fest wird der
ganzen Stadt bekannt sein dass Ew Hoheit dem Professor Werner diese
ungewöhnliche Ehre erwiesen haben Ohne Zweifel wird das Ereignis von
irgendeinem Unberufenen nach der Residenz geschrieben Hoheit wissen besser als
ich wie der Fürst eine solche Nachricht aufnehmen mag die ihm zuerst von
Fremden kommt«
Dem Prinzen war die Freude verdorben »So schreiben Sie meinem Vater« rief
er zornig »aber stellen Sie die Einladung dar wie sie vorgebracht wurde und
sprechen Sie sich gegen jedes gnädige Geschenk aus Es würde diese Familie nur
verletzen«
Der Kammerherr freute sich über den Tact seines jungen Herrn und versprach
den Brief nach Wunsch einzurichten Das versöhnte den Prinzen und er begann
nach einer Weile »Ich habe mir ausgedacht Weidegg was wir geben dürfen Frau
Professorin ist vom Lande ihr schenke ich als Attrape die Maschine die ich
neulich gekauft habe und ich lege hübsche Bonbons oder so etwas hinein«
Jetzt will er die unnütze Spielerei wieder loswerden dachte der Kammerherr
»Das geht unmöglich« erwiderte er laut »Ew Hoheit sind gar nicht sicher dass
Frau Professorin den Scherz so auffassen wird wie er gemeint war Und verzeihen
Ew Hoheit die Bemerkung es ist sehr misslich in solche Geschenke etwas zu
legen was Missdeutungen unterliegen kann Ew Hoheit vollends dürfen dergleichen
niemals wagen Wenn auch die liebenswürdige Frau selbst nichts darin findet in
ihrem Kreise wird viel besprochen werden dass ein solcher Scherz von Ew Hoheit
gemacht ist und man würde darin leicht eine ironische Anspielung auf ein
gewisses ländliches Benehmen finden welches der Dame unleugbar recht gut steht
aber doch hier und da Veranlassung zu leisem Lächeln sein kann«
Dem Prinzen fror das Herz er war wütend auf den Kammerherrn und erschrak
auch wieder bei dem Gedanken dass er Frau Ilse verletzen könnte die Poesie des
Festes war ihm gründlich verdorben er ging stumm in sein Quartier
Auf den Brief des Kammerherrn kam die Antwort dass der Fürst gegen einen
gelegentlichen Besuch des Erbprinzen trotz der nahe liegenden Inconvenienz
nichts einwenden wolle und dass wenn eine Aufmerksamkeit überhaupt
unvermeidlich sei dieselbe von einem Gärtner und Konditor beschafft werden
müsse Es wurde also eine Menge von Blumen und Konfitüren durch den Kammerherrn
eingekauft und vor dem Prinzen aufgesetzt Dieser aber sah kalt und schweigend
über den fröhlichen Farbenglanz Zwei Lakaien trugen die Sachen gegen Abend zum
Rector mit einem kleinen Billet des Kammerherrn welcher im Namen seines
durchlauchtigsten Prinzen bat die Sendung zum Ausputz des Weihnachtstisches zu
verwenden Unterdes stand der Prinz finster vor dem landwirtschaftlichen
Mechanismus und haderte bitter mit seiner fürstlichen Würde
Als er zur geziemenden Stunde bei Werners eintrat war die Bescherung
vorüber der Christbaum ausgelöscht Ilse hatte das so gewollt »es ist nicht
nötig dass die fremden Herrschaften sehen wie wir uns über die Geschenke
freuen« Der Prinz empfing den Dank Ilses über den prächtigen Schmuck ihres
Tisches mit Zurückhaltung und saß schweigend und zerstreut vor dem Teekessel
Ilse dachte Ihm tut esweh dass er keinen frohen Weihnachtsabend hat das
ärmste Kind ist lustig vor seinem Fichtenbäumchen und er sitzt wie
ausgeschlossen von den Freuden der Christenheit Sie winkte Laura und sagte dem
Prinzen »Wollen Ew Hoheit nicht unsern Christbaum ansehen Die Lichter mussten
gelöscht werden sonst brannten sie auf einmal herunter Ists aber Ew Hoheit
recht so zünden wir die ganze Herrlichkeit noch einmal an und es wäre sehr
gütig wenn Hoheit uns dabei helfen wollten«
Das war dem Prinzen doch willkommen und er ging mit den Frauen in das
Weihnachtzimmer Dort erbot er sich den Stock zu nehmen an dessen Spitze ein
Wachsstockende befestigt war um die höchsten Lichter des mächtigen Baumes zu
erreichen Während er geschäftig an dem Baum arbeitete wurde ihm das Herz etwas
leichter und er sah mit Anteil auf die Geschenke welche unter dem Baume
lagen »Jetzt aber haben Ew Hoheit die Güte hinauszugehen« sagte Ilse
»undwenn ich klingle so gilt es Ihnen und Herrn von Weidegg das kann Ew
Hoheit nicht erspart werden« Der Prinz eilte hinaus die Schelle tönte Als die
Herren eintraten fanden sie zwei kleine Tische gedeckt darauf angezündete
Bäumchen und unter jedem eine große Schüssel mit Backwerk das man nur in der
Landschaft zu backen verstand welcher sie angehörten »Das soll eine Erinnerung
an unsere Heimat sein« sagte Ilse »und auf den Bäumchen sind die Äpfel und
Nüsse welche die Herren selbst vergoldet haben die mit den roten Flecken sind
Ew Hoheit Arbeit Und dies ist eine respectvolle Sendung aus der Wirtschaft
meines lieben Vaters Ich bitte die Herren die geräucherte Gänsebrust mit gutem
Appetit zu verzehren wir sind ein wenig stolz auf diese Leistung Hier aber
mein gnädigster Prinz ist zur Erinnerung an mich ein kleines Modell von unserm
Butterfass denn dabei habe ich als ein Kind vom Lande meine hohe Schule
durchgemacht wie ich neulich Ew Hoheit erzählte« Und auf dem Platze des
Prinzen stand wohlhäbig dies nützliche Werkzeug aus Marzipan gefertigt »Unten
auf dem Boden habe ich Ew Hoheit mein Sprüchel von damals aufgeschrieben Und
so nehmen die Herrschaften mit dem guten Willen vorlieb«
Sie sagte das mit so inniger Fröhlichkeit und bot dem Kammerherrn dabei so
gutherzig die Hand dass diesem seine Anstandsbedenken schwanden und er ihr recht
wacker die Rechte schüttelte Der Prinz aber stand vor seinem Fässchen und
dachte Jetzt ist der Augenblick oder er kommt nie Er las unten die
anspruchslosen Worte »Hat man sich mit Einem rechte Müh gegeben so bleibt es
Segen für das ganze Leben« Da bat er ohne alle Rücksicht auf die dräuenden
Folgen seines Wagnisses »Darf ich Ihnen einen Tausch vorschlagen Ich habe auch
eine kleine Buttermaschine gekauft sie ist mit einem Rade und einer Scheibe zum
Drehen und man kann sich darin jeden Morgen seinen Bedarf selbst machen Es
wäre mir große Freude wenn auch Sie diese annehmen wollten«
Ilse verneigte sich dankend der Prinz bat den Diener sogleich in sein
Quartier zu senden Während der Kammerherr noch erstaunt den Zusammenhang
überdachte wurde der Mechanismus in das Zimmer getragen der Prinz setzte ihn
mit eigenen Händen auf eine Ecke des Tisches erklärte der Gesellschaft die
innere Einrichtung und war sehr erfreut als Ilse sagte dass sie Zutrauen zu der
Erfindung habe Wieder wurde er das fröhliche Kind von neulich trank lustig
sein Glas Wein und brachte mit gefälligem Anstand die Gesundheit des Hausherrn
und der Hausfrau aus so dass der Kammerherr seinen Telemach gar nicht
wiedererkannte Und beim Abschiede packte er sich selbst den Marzipan ein und
trug ihn in der Tasche nach Hause
2
Aus drei Kabinetten
Das Jahr des Rectorats hatte auch Ilses Haushalt und den Kreis ihrer Gedanken
so umgeformt dass sie dem Gatten erstaunt sagte »Ich bin jetzt wie aus der
Schule in das Getümmel der Welt versetzt« Die Tage ihres Felix waren mit
zerstreuenden Geschäften belastet schwierige Verhandlungen der Universität mit
der Regierung ärgerliche Vorfälle in der Studentenschaft nahmen einen großen
Teil seiner Zeit in Anspruch
Auch die Abende verliefen nicht wie im ersten Jahr wo Ilse der stillen
Arbeit des Gatten zusah oder den Worten der Männer lauschte denn viele Abende
waren dem Professor durch Sitzungen des Senats in Anspruch genommen und viele
durch größere Gesellschaften denen er als Rector sich nicht entziehen wollte
Wenn die Freunde zum Teetisch kamen fehlte zuweilen der Hausherr
Ilse hatte die Lehre des Vaters beherzigt Sie lebte frisch darauf los und
mied verwirrende Gedanken Der Gatte selbst war ängstlich bemüht Alles von ihr
fern zu halten was ihre Ruhe stören konnte und die geistige Diät welche ihr
zu Teil wurde tat ihr sehr wohl Wenn er sie in Gesellschaft sich gegenüber
sah wieder in voller Kraft und Gesundheit die Wange leicht gerötet um Augen
und Lippen heiteres Leben da war ihm als sei seine Pflicht diese Seele für
immer zu behüten vor dem übermächtigen Einbruch kämpfender Gewalten und ihm war
ganz recht dass sie auch durch häufigen Verkehr mit verschiedenartigen Manschen
und durch die leichten Bande einer reichen Geselligkeit heimisch wurde in seinem
Kreise Freudig sah er dass ihre unbefangene Art Anerkennung fand und dass sie
nicht nur von den Männern mit Auszeichnung behandelt wurde auch den Frauen
gefiel
Doch das Privatissimum wie Ilse nach Universitätsgebrauch die Stunde
nannte wo sie die lehrenden Worte des Gatten vernahm wurde unter allen
Störungen fortgesetzt darauf hielt die Hausfrau mit eiserner Strenge und wenn
ein Tag versäumt war musste das Verlorene am nächsten eingebracht werden Aber
auch in diese Stunden war ein anderer Inhalt gekommen Der Professor las jetzt
mit ihr kleine Stücke alter Schriftsteller welche in Vers und Prosa die
graziöse Schönheit des antiken Lebens abspiegelten Die unschuldige Seele der
Frau fand sich in der heitern Sinnlichkeit dieser fremden Welt arglos zurecht
und die Eindrücke welche sie erhielt stimmten vortrefflich zu der Weise in
der sie sich jetzt das eigene Leben zurechtlegte Der Professor erklärte ihr
einzelne Gedichte der griechischen Antologie und des Teokrit Weniges aus der
Lyrik der Römer dazwischen aber zum Vergleich Gedichte des großen Deutschen
der in einziger Weise griechische Schönheit mit deutscher Empfindung zu
vermählen gewusst Wieder klangen in das Tagesleben der jungen Frau leise die
Melodien des hellenischen Saitenspiels und der Rohrpfeife wenn Laura über ihrem
toten Kanarienvogel trauerte oder wenn Ilse selbst mit Frau Günter traulich
schwatzend nach dem städtischen Museum ging dem syrakusischen Weibe gleich
welches die Nachbarin abholt um die reiche Ausstellung der Königin auf der Burg
zu betrachten Und als der Gatte sich einmal in später Stunde über ihr Antlitz
beugte um zu sehen ob sie entschlummert war da schlug sie die Augen zu ihm
auf und frug ihn ob er etwa auf ihrer Schulter seine Versfüsse abzählen wollte
und sie wand ihm ihre langen Haare um den Hals und lachte als er darüber seine
große Abhandlung von den Gladiatoren im Stich ließ über welcher er in der
Stille arbeitete
Auch die Würde der Magnificenz erwies Ilse in großer Abendgesellschaft alle
Zimmer waren geöffnet die schmucke Wohnung strahlte im Kerzenglanz die Häupter
der Universität und Stadt mit ihren Frauen waren zahlreich erschienen der Prinz
und sein Kammerherr fehlten nicht Laura half anmutig die Honneurs machen und
in der Stille die fremden Diener anweisen Küche und Wein taten geschmackvoll
ihre Pflicht die Gäste geberdeten sich artig und schieden fröhlich angeregt
Jetzt war der große Abend glücklich vergangen auch der Doctor und Laura hatten
sich entfernt Ilse gab die letzten Aufträge an Gabriel und schritt noch einmal
durch die Zimmer in dem frohen Gefühl dass sie ihrem Felix und sich Ehre
eingelegt hatte Im Ankleidezimmer warf sie einen Blick in den Spiegel »Du hast
nicht nötig dich prüfend zu betrachten« sagte der Gatte »es war Alles sehr
schön aber das Schönste war die Frau Rectorin«
»Damon mein Schäfer« versetzte Ilse »wie bist du verblendet Doch sagst
dus auch nicht zum ersten Mal ich höre solche Worte sehr gern du kannst
dasselbe mir noch recht oft erzählen Aber Felix« fuhr sie fort indem sie ihr
Haar auflöste »es ist immer etwas Festliches selbst bei solcher Gesellschaft
wo die Menschen nichts tun als sich unterhalten Man trägt von Keinem viel
davon und doch ists ein hübsches Vergnügen unter ihnen umherzutreiben Alle
wollen artig sein und suchen sich aufs Beste zu erweisen und Jeder ist bemüht
sich den Andern ein wenig anzupassen«
»Nicht Jedem gelingt bei solcher Gelegenheit seinen Inhalt gut
darzustellen am wenigsten uns Büchermenschen« antwortete Felix »Aber es ist
wahr diese Gesellschaften geben Solchen die in ähnlichen Lebenskreisen stehen
eine gewisse Gemeinsamkeit der Sprache und Haltung zuletzt auch der Ideen Und
das ist sehr nötig denn im Grunde sind auch die welche nahe an einander
leben in einem weiten Gebiet ihres Empfindens und Denkens oft so verschieden
als ob sie aus verschiedenen Jahrhunderten stammten Wie hat dir der Kammerherr
gefallen«
Ilse schüttelte den Kopf »Er ist der artigste und aufgeweckteste von Allen
und weiß Jedem etwas Verbindliches zu sagen aber man möchte ihm doch nicht
trauen denn man hat wie bei einem Aal gar keinen Anhalt und keinen Augenblick
wo man in sein Herz sieht Da war mir unser Prinz mit seinem steifen Wesen
lieber Er hat mir heut von seiner Schwester erzählt die muss sehr gescheidt und
liebenswürdig sein Aus welchem deiner Jahrhunderte stammt denn er«
»Aus der Mitte des vorigen« erklärte der Gatte lachend »er ist gute
hundert Jahre älter als wir aus der Zeit wo die Menschheit in zwei Klassen
zerfiel in Hoffähige und in Sklaven Aber wenn du dich in unserer Nähe umsehen
willst kannst du größere Unterschiede erkennen Da ist unser Gabriel eine
Menschenseele die in ihren Vorurteilen und ihrer Poesie um dreihundert Jahre
hinter der Gegenwart zurückgeblieben ist Seine Weise zu empfinden erinnert an
die Zeit in welcher die großen Reformatoren unser Volk zuerst zum Denken
heranzogen Dagegen die feindlichen Nachbarn sind in mancher Hinsicht
Repräsentanten von zwei entgegengesetzten Richtungen welche am Ende des vorigen
Jahrhunderts neben einander liefen in unserm Hause eigensinniger Rationalismus
bei den Alten drüben eine weiche Gefühlsseligkeit«
»Und welcher Zeit gehöre ich an« frug Ilse sich vor den Gatten stellend
»Du bist mein liebes Weib« rief er und wollte sie an sich ziehen
»Ich will dirs sagen« fuhr Ilse zurückweichend fort »nach eurer Meinung
bin ich auch aus einer vergangenen Zeit und das hat mich mehr geängstigt als
ich jetzt aussprechen will Aber ich mache mir nichts mehr daraus Denn wenn ich
dich zwingen kann meine Hand zu küssen so oft ich dirs befehle« der
Professor war sehr willig dazu »wenn ich sehe wie es dich auch keine
Überwindung kostet mich einmal auf den Mund zu küssen es ist nicht nötig
dass du es jetzt versuchst ich glaube dir ferner wenn ich merke dass der
gelehrte Herr nicht abgeneigt ist mir die Schlafschuhe zu reichen und
vielleicht gar mein Nachtkleid gut ich will nicht dass du dich weiter
bemühst Hier häkele mir die Ohrringe auf und mache das Kästchen hübsch zu und
wenn ich außerdem merke dass dir viel daran gelegen ist mir zu gefallen dass du
auf meinen Wunsch die Konsistorialrätin zu Tische geführt hast die du gar nicht
leiden kannst und dass du mir dies prächtige Kleid gekauft hast obgleich du vom
Kaufen gar nichts verstehst wenn ich ferner sehe dass Magnificenz ganz in
meiner Botmässigkeit sind dass ich die Schlüssel zum Brote habe und sogar deine
Geldrechnung führe und wenn ich mir endlich in das Gedächtnis zurückrufe dass
du guter lieber Büchermann neben deinen Griechen und Römern auch Frau Ilse
kleiner Abhandlungen würdigst und dass dir eine Freude ist wenn ich ein wenig
von deiner gelehrten Schreiberei verstehe so kommt mir die Meinung dass du ganz
mir angehörst du und deine Zeit und dass es mir ganz gleichgültig ist aus
welcher Periode der Weltgeschichte meine Gemütsart stammt Denn wenn ich
zurückgebliebenes Kind aus entlegener Zeit dich in das Ohrläppchen zwicke wie
ich jetzt tue so wird mir der große Herr der Gegenwart und Zukunft und sein
Philosophieren über verschiedene Menschen nur lächerlich Nachdem ich dir diesen
Vortrag gehalten habe kannst du ruhig einschlafen«
»Das wird schwer halten« versetzte der Professor »wenn die gelehrte Frau
um das Lager herumwandelt und im Nachtkleide Reden hält die langstieliger sind
als die eines römischen Philosophen Und wenn sie darauf mit den Schranktüren
klappert und in dem Zimmer umherfährt«
»Mein Tyrann fordert morgen früh seinen Kaffe der muss heut herausgegeben
werden und ich kann nicht einschlafen wenn ich nicht alle Schlüssel neben mir
habe«
»Da hilft nichts« sagte der Professor »als ernsthafte Beschwörung« und
einen Vers des Teokrit parodierend rief er »Drehhals wende dich um und ziehe
das Weib in die Kammer«
»Ich muss nachsehen ob noch irgendein Licht brennt« rief Ilse hinein
Aber gleich darauf kniete sie an seinem Lager nieder und umschlang ihn mit ihren
Armen »Es ist so schön auf der Welt Felix« rief sie »bitten wir demütig dass
unser Glück dauere«
Ja du bist glücklich Frau Ilse aber wie dein Vater gesagt hat du
verdankst dein Glück der Vorsicht nicht der Tapferkeit
Als Ilse ihrem Vater schrieb wie die große Abendgesellschaft verlaufen war
vergaß sie nicht beizufügen dass auch ihr künftiger Landesherr wieder unter den
Gästen gewesen war und dass sie sich mit ihm recht verständig unterhalten habe
Der Vater schien ihr die letzte Mitteilung nicht recht zu würdigen denn er
antwortete ärgerlich »Wenn du so einflussreiche Ratgeberin geworden bist sorge
lieber dafür dass wir einen Anschluss an die große Chaussee erhalten die Sache
wird seit zehn Jahren von den Behörden hingezogen es ist eine Schande dass wir
von aller Welt so abgeschnitten sind Der Schimmel hat das Bein gebrochen Unser
Gut wäre an die zehntausend Taler mehr wert wenn die Regierung nicht so
saumselig wäre«
Ilse las den Brief ihrem Gatten vor und fügte hinzu »Das mit der Chaussee
wollen wir dem Prinzen sagen der kann es bei seinem Vater durchsetzen« Der
Gatte lachte »Ich übernehme diesen Auftrag nicht der Prinz sieht mir nicht
aus als ob er großen Einfluss auf die Regierung hätte«
»Das wollen wir doch sehen« versetzte Ilse fröhlich »bei nächster
Gelegenheit spreche ich ihn darauf an«
Diese Gelegenheit blieb nicht aus Der Konsistorialrat welcher jetzt
teologischer Decan war lud zu einem Tee Es war eine vornehme und ehrwürdige
Gesellschaft für Ilse gar nicht behaglich die Frömmigkeit des Decans war ihr
längst verdächtig aus dem Frack des süsslichen Herrn sah sie oben deutlich einen
eingeknöpften Fuchsschwanz herausragen in den Reden der Frau Decanin war eine
unbequeme Mischung von Honig und Galle die Räume waren enge und heiß und die
Gäste gelangweilt Aber der Erbprinz mit seinem Kammerherrn hatte zugesagt Als
er eintrat strebten der Hausherr und einige Gäste welche den Brauch der Höfe
kannten nach einer Aufstellung mit Front aber der Erfolg wurde durch die
Unachtsamkeit oder aufsässiges Wesen der Mehrzahl vereitelt Der Prinz musste
sich vom Hausherrn geleitet durch die Gruppen bis zur Frau Decanin
vdurchkämpfen Sein Blick prallte von ihren scharfen Zügen ab und irrte in ihrer
Nähe umher wo Ilse stand wie aus einem andern Planeten herabgestiegen Sie war
heut sehr majestätisch der kleine Bandschmuck saß wie ein Krönchen auf den
lockigen Haaren deren Fülle ihr Haupt mächtig umgab Der Prinz sah scheu auf
sie und konnte kaum die Worte finden welche er ihr gönnen musste Als er sich
nach kurzem Gruß wieder zur Gesellschaft wandte war Ilse unzufrieden sie hatte
als gute Bekannte artigere Behandlung erwartet Sie überlegte nicht dass seine
Aufgabe in der Gesellschaft nicht die eines Privatmannes war und dass er
fürstliche Pflichten zu erfüllen hatte bevor er als Mensch unter den Andern
umherlaufen konnte Während er aber mit innerem Unwillen tat was seine
Stellung erheischte zuerst langsam umherging zu Ilses Gatten dann zu den
übrigen Würdenträgern darauf feste Stellung nahm sich Einzelne vorstellen ließ
und Fragen tat wie sie für solche Fälle überlegt waren wartete auch er
ungeduldig auf den Zeitpunkt wo ihm das Schicksal gestatten würde mit der
Landsmännin ein wenig zu reden Er hielt aber wacker Stand der Professor der
Geschichte sprach ihm seine Freude aus dass jetzt ältere Chroniken seiner
Landschaft herausgegeben würden und suchte halb erzählend halb belehrend die
Bedeutung derselben klar zu machen Unterdes bedachte der Prinz dass die Frau
Rectorin wenigstens zu seiner linken Seite sitzen werde denn der Kammerherr
hatte ihn aufmerksam gemacht dass die Decanin seine rechte Seite erhalten müsse
Die Sache war zweifelhaft Denn die Decanin war zwar Wirtin aber der Abend
hatte einen gewissermaßen officiellenoffiziellen Universitätsstrich und Ilse
war ohne Widerrede unter den gelehrten Damen die vornehmste Jedoch dieser
Zweifel wurde deshalb unwesentlich weil der Decan für zahlreiche Zusendung
teologischer Werke und bewundernde Huldigungsbriefe von dem Fürsten bereits das
Komturkreuz seines Ordens erhalten hatte Dass er bis zu diesem emporgeklettert
glich wie der Kammerherr auseinandersetzte den Würdenunterschied zwischen
Magnificus und Decan so vollständig aus dass die Decanin doch schließlich das
beste Recht hatte Nun war allerdings wie der Kammerherr zugab im Grunde
gleichgültig wie man hier durcheinander saß denn von einem Recht auf Rang
konnte in dieser Gesellschaft überhaupt nicht die Rede sein Doch war es
angemessen wenn der Prinz nicht ganz versäumte zu distinguiren
Also an seiner linken Seite wenigstens hoffte der Prinz Frau Ilse zu finden
Allein auch diese Erwartung wurde durch die Tücke der Decanin vereitelt Denn in
der Gesellschaft erschien die Frau eines Obersten Mann und Frau von alter
Familie erst an den Ort versetzt Beflissen führte die Decanin den Kammerherrn
der eintretenden Frau Oberst zu und bei der Begrüßung ergab sich zum Überfluss
dass beide gemeinsame Verwandte hatten Dadurch wurde die Rangordnung des Soupers
zerrüttet Die Dame forderte ihr Recht der Vorstellung Der Kammerherr führte
sie dem Prinzen entgegen der Prinz aber kam artig zuvor und sprach seinen
Wunsch aus der Dame genannt zu werden »Sie lässt sich einem Studenten
vorstellen« sagte erstaunt die kleine Günter »Das ist eine Beeinträchtigung
der socialen Vorrechte welche die Frau dem Mann gegenüber zu behaupten hat«
versetzte unwillig die Struvelius
»Sie macht es doch recht hübsch« erwiderte Ilse »und wie sie sich mit ihm
unterhält gefällt mir« Die Frauen wussten nicht dass der Gegenstand ihrer
Bemerkungen in diesem Augenblick scheinbarer Erniedrigung den Triumph einer
höheren Stellung freudig empfand Der Prinz die Oberstin und der Kammerherr
bildeten für kurze Zeit eine Gruppe von welcher das Licht des Abends
ausstrahlte alle drei in dem Bewusstsein dass sie unter Fremden
zusammengehörten
Die Folge dieser Vorstellung war dass die Frau Oberst an der linken Seite
des Prinzen zu sitzen kam und Ilse von zwei Decanen eingefasst ihm gegenüber
Für den Prinzen wurde die Bewahrung fürstlicher Würde dadurch nicht leichter
dass er die Augen und das Lockenhaar seiner Landsmännin vor sich erblickte sooft
er die Augen erhob Langsam schlich ihm die Abendstunde dahin erst kurz vor dem
Aufbruch fand er Gelegenheit ungezwungen mit Frau Ilse zusammen zu treffen
Warte dachte Ilse die Chaussee soll dir nicht geschenkt sein
»Haben Sie Nachricht von Ihrem Herrn Vater und dem Gut« begann der Prinz
mit einer Frage welche die Unterhaltung schon öfter eingeleitet hatte »Es
ist keine gute Nachricht« entgegnete Ilse »denken Ew Hoheit eines unserer
Arbeitspferde hat den Fuß gebrochen Es war ein Schimmel den wir selbst
gezogen ein gutes frommes Tier ich bin manchmal auf ihm geritten obgleich
der Vater das nicht gern sah Denn sehen Ew Hoheit der Weg bei uns bis zu der
größeren Marktstadt wohin der Vater jedes Jahr das Getreide abliefern muss ist
unverantwortlich schlecht es geschieht durch die Regierung gar nichts dafür
Seit zehn Jahren hängt die Sache aber es kommt zu nichts Wenn Ew Hoheit etwas
dazu tun könnten dass uns eine Chaussee gebaut wird so bitte ich sehr Sie
helfen der ganzen Gegend auf« Der Prinz sah ihr treuherzig in die Augen und
sagte verlegen »Das ist Sache der Regierung ich glaube mein Vater weiß davon
nichts«
»Das glaube ich auch« versicherte Ilse siegreich »die Herren von der
Regierung haben immer Gründe nichts zu tun Schwierigkeiten machen und kein
Geld haben das verstehen sie am besten« Der Kammerherr trat in die Nähe und
da die Unterhaltung einen unheimlichen politischen Anstrich erhalten nahm der
Prinz schnell seinen Rückzug mit den Worten »Hoffen wir das Beste« lächelnd
und sich verbeugend Ilse flüsterte beim Herausgehen ihrem Manne zu »Felix ich
habs ihm gesagt er ist ein gutes Kind aber in Gesellschaft hat er nichts als
Redensarten«
Der Zufall wollte dass einige Wochen darauf der fürstliche Rat welcher die
oberste Verwaltung von Rossau hatte nach der Universitätsstadt kam den
Kammerherrn besuchte und von diesem zum Prinzen geführt ward Er wurde zum
Mittagessen geladen der Prinz zeigte ungewöhnlichen Anteil an den
Verhältnissen der abgelegenen Gegend erkundigte sich nach den Gütern und deren
Besitzern und sagte endlich beim Kaffe als er allein mit dem Rat am Fenster
stand »Wie kommt es dass noch keine Chaussee in der Gegend ist Könnten Sie
nicht etwas dafür tun« Der Beamte setzte die Schwierigkeiten gebührend
auseinander Der Prinz erwiderte endlich »Ja ich weiß an Gründen fehlt es
nicht Sie würden mich aber verbinden wenn Sie sich Mühe geben wollten die
Sache doch durchzusetzen«
Mit diesen Worten im Herzen reiste der Beamte nach Hause höchlich aufgeregt
durch diese Lebensäusserung seines zukünftigen Herrn Er wälzte die Worte drei
Tage lang im bekümmerten Gemüt ihre Bedeutung wurde ihm immer größer seine
eigene Zukunft mochte davon abhängen Endlich kam er zu der Ansicht dass dies
ein Fall sei der einen außerordentlichen Entschluss nötig mache er setzte sich
auf fuhr nach der Residenz und legte die ganze Unterredung und ein dickes
verstäubtes Actenbündel Chausseeangelegenheiten vor seinem Minister nieder
Der Minister dankte ihm für die Nachricht und kam wieder zu der Ansicht dass
hier ein Inzidentpunkt vorliege bei dem es klug sei Serenissimo Mitteilung zu
machen Am Ende eines Vortrags über Staatsangelegenheiten erwähnte er dass im
Distrikt von Rossau die Klagen über die schlechten Wege und das Verlangen nach
einer Chaussee lebhaft würden und erzählte bei welcher Gelegenheit der
Erbprinz selbst seinen Anteil an dem Bau ausgesprochen habe Der Fürst erhob
sich schnell von seinem Sessel »Der Erbprinz Was bedeutet das Es ist mir
lieb dass mein Sohn Teilnahme für Landesangelegenheiten beweist« fügte er
hinzu »ich werde mir die Sache überlegen« Denselben Tag ging ein eigenhändiger
Brief des Fürsten an den Kammerherrn ab »Woher kommt das Wohlwollen des
Erbprinzen für den Chausseebau bei Rossau Ich fordere genauen Bericht« Der
Kammerherr geriet in Verlegenheit auch er fühlte seine Stellung durch ein
Geheimnis gefährdet Endlich wählte er zwischen Vater und Sohn gestellt den
Weg offener Entfaltung vor der künftigen Sonne und teilte dem Prinzen die Frage
des Fürsten mit
»Sie sehen welche Wichtigkeit der Herr auf die Sache legt es wird
unvermeidlich sein ihm Näheres mitzuteilen«
Der Prinz war ebenfalls betroffen »Es war ja nichts als ein hingeworfenes
Wort« entgegnete er zögernd
»Um so besser« sagte der Kammerherr »es kommt nur darauf an zu sagen wie
in Ew Hoheit der Wunsch entstand Dem Fürsten könnte auffallend sein wenn sich
Untertanen oder Behörden an Ew Hoheit statt an ihn selbst gewandt hätten Das
war soviel ich weiß nicht der Fall«
»Nein« versetzte der Prinz »ich habe bei dem Rector magnificus davon
gehört ich habe ja nichts getan als den Rat als er hier war deshalb
gefragt Ich wollte doch eine Antwort geben können« fügte er klug hinzu
Beruhigt setzte sich der Kammerherr hin rühmte in seinem Bericht den
Professor und Ilse welche ein angenehmes Haus machten und verfehlte nicht zu
bemerken dass der Erbprinz gern dort sei Er war erfreut als wenige Tage darauf
einer geschäftlichen Mitteilung des Kabinetssecretärs eine eigenhändige
Nachschrift seines Gebieters zugefügt war in welcher dieser seine besondere
Zufriedenheit mit dem Erbprinzen und dem Kammerherrn aussprach
Nicht weniger erfreut war Ilse als ihr der Vater schrieb »Ilse kannst du
hexen Es ist Befehl gegeben die Chaussee sofort in Angriff zu nehmen der
Wegebaumeister ist bereits hier die Straße abzustecken« Ilse brachte am Mittag
den Brief vergnügt aus ihrer Rocktasche »Lies ungläubiger Mann und sieh was
unser kleiner Prinz durchzusetzen vermag wir haben dem guten Herrn doch Unrecht
getan Mein armer Schimmel hat ihn gedauert und er hat seinem lieben Vater
Alles geschrieben«
Als der Erbprinz wieder einmal in größerer Gesellschaft an Ilse trat begann
sie nach der ersten Begrüßung leise »Meine Heimat ist Ew Hoheit zu warmem Dank
verpflichtet Hoheit haben die Güte gehabt sich für die Chaussee zu verwenden«
»Wird sie gebaut« frug der Prinz überrascht
»Und das wissen Ew Hoheit nicht Ihre Verwendung hat es doch bei Ihrem
durchlauchtigsten Herrn Vater durchgesetzt«
»Das würde wenig genutzt haben« fuhr der Prinz heraus »nein nein« setzte
er eifrig ablehnend hinzu »Ich habe deshalb meinem Vater nicht geschrieben Es
ist ganz sein eigener Entschluss«
Ilse schwieg ihr war unbegreiflich was den Sohn eines Fürsten verhindern
könne dem Vater offen eine geschäftliche Bitte vorzutragen deren Erfüllung
wohltätig für Viele war Und dass er jeden Anteil ablehnte den er doch
offenbar hatte dünkte ihr eine sehr ungeschickte Bescheidenheit
Der Kammerherr aber hatte in dem letzten Kabinetsschreiben eine Bestätigung
seiner Ansicht gefunden dass der Fürst den Verkehr des Erbprinzen im Hause des
Rectors nicht ungern sehe Er dachte zuweilen über den Grund dieser hohen
Teilnahme an Menschen nach welche so sehr außerhalb des Gesichtskreises
fürstlicher Beachtung standen Er kam darüber nicht recht aufs Reine In jedem
Fall war seine eigene Aufgabe den Prinzen von diesem Hause nicht zurückzuhalten
und sich selbst dem Rector und seiner Hausfrau angenehm zu erweisen Dies
Letztere tat er gern und ehrlich nicht nur weil der Rector ein angesehenes
Haus machte Er fand sich zuweilen ohne den Prinzen bei dem Professor ein ließ
sich von ihm Bücher empfehlen achtete sehr auf sein Urteil über Menschen
wählte soweit ihn die Anweisung des Fürsten nichtband auch die Lehrer des
Prinzen nach seinem Rat Die energische Wucht und das stolze wahrhafte Wesen
des Gelehrten zogen den Hofherrn an und Werner wurde ihm bald eine wertvolle
Bekanntschaft Auch Frau Ilse war er aufrichtig zugetan und auch sie erlebte
einige Augenblicke wo etwas von dem Herzen des Kammerherrn zu sehen war
Aber obgleich der Kammerherr alle Fügsamkeit eines Hofmanns hatte und wusste
dass dem Fürsten und seinem jungen Herrn die Besuche im Hause des Rectors
willkommen waren bewies er doch an seinem Prinzen wenig Zuvorkommenheit gegen
höchste Wünsche Ja er war geneigt Schwierigkeiten aufzufinden wenn einmal
was freilich selten geschah sein Prinz eine Teestunde bei Werners vorschlug
Er kam in schicklichen Zwischenräumen mit dem Prinzen an aber er vermied seit
der Chausseeangelegenheit für den Erbprinzen größere Annäherung Dagegen suchte
der Kammerherr den Prinzen in geeigneter Weise unter den Studenten einzubürgern
Von den Genossenschaften welche sich durch Farben Bräuche und Statuten
unterschieden war damals das Korps der Markomannen vor andern ansehnlich Es
war die aristokratische Verbindung enthielt viele Söhne alter Familien einige
der besten Schläger seine Mitglieder trugen die bunte Mütze am stolzesten sie
waren vielbesprochen nicht gerade beliebt Der Kammerherr fand in diesem Korps
einen Verwandten und unter den Häuptern das wünschenswerte Verständnis für die
sociale Stellung des jungen Herrn
So machte sichs dass der Prinz mit dieser Verbindung näher bekannt wurde
er lud die Studenten in sein Quartier besuchte zuweilen ihre kleinen
Trinkabende und wurde von ihnen in die Gewohnheiten des akademischen Lebens
behaglich eingeführt Er nahm Fechtstunde erwies darin trotz seinem zarten und
wenig gestählten Körper einiges Geschick und die sausende Klinge des Rappiers
gefährdete in seiner Wohnung alltäglich Spiegel und Kronleuchter
Ilse aber sprach gegen den Gatten ihre Verwunderung aus dass der Prinz sich
zuerst so schnell und rückhaltlos aufgeschlossen hatte und sich seit dem großen
Erfolg in Chausseesachen so vorsichtig zurückhielt »Bin ich ihm zu anmassend
erschienen« frug sie bekümmert »es war doch nur in guter Meinung gesagt Aber
ich merke Felix bei diesen Herrschaften ist es nicht wie bei Unsereinem Wo
wir einmal gutes Zutrauen haben da richten wir uns häuslich ein sie aber sind
wie die Vögel sie singen dicht beim Ohr ihr Lied und husch fliegen sie auf
und suchen in der Ferne einen andern Ruheplatz«
»Im nächsten Jahr kommen sie vielleicht wieder« erwiderte der Gatte »wer
sie sich ans Haus zähmen will hat das Nachsehen Wenn ihr lustiger Pfad sie in
die Nähe führt mag man sich ihrer freuen aber um die Sorglosen soll man sich
nicht das Herz beschweren«
Und Ilse nickte und versetzte »Honig erfülle dir Tyrsis den Mund ich
höre und lerne«
Aber in der Stille ärgerte sich Ilse doch über die Untreue ihres kleinen
Singvogels
»Heut treibt mich mein Pflichtgefühl zu Ihnen« begann der eintretende
Kammerherr zum Professor »Unter den Vorträgen welche für den Erbprinzen
gewünscht werden ist auch einer über Heraldik Ich bitte Magnificenz mir einen
Lehrer dafür nachzuweisen der wenigstens einige Stunden zu geben vermöchte In
der Residenz war keine geeignete Persönlichkeit und ich gestehe ohne Erröten
dass meine eigenen Kenntnisse viel zu dürftig sind als dass ich dem Prinzen davon
etwas ablassen könnte«
Der Professor dachte nach »Unter meinen Kollegen weiß ich Niemand den ich
dafür empfehlen konnte Es ist möglich dass Magister Knips auch darin Bescheid
weiß Er ist auf allen diesen Seitenpfaden der Wissenschaft gut bewandert er
ist aber in engen Verhältnissen aufgewachsen und die Formen seiner Ergebenheit
sind ein wenig altfränkisch«
Dem Kammerherrn erschien altfränkische Ergebenheit nicht als Hindernis und
da er selbst die Gelegenheit benutzen wollte über die Bedeutung einer
rätselhaften Figur in seinem Wappen klar zu werden welche einer Ofengabel sehr
ähnlich sah eigentlich aber ein keltischer Druidenstab war so versetzte er
»Es würden doch nur wenige Stunden werden und ich könnte selbst dabei anwesend
sein«
Magister Knips wurde gerufen fand sich wie immer auf der Stelle ein und
wurde dem Kammerherrn vorgestellt Diesem erschien die groteske Gestalt
allerdings in anderer Weise komisch als mancher von den Herren Professoren
aber keineswegs ungeeignet Die Bescheidenheit war unverkennbar die Devotion
konnte nicht größer sein und wenn man seine Gestalt in einen erträglichen Frack
einband so durfte sie für den Notfall neben dem Erbprinzen und dem Kammerherrn
am Tische sitzend gedacht werden Der Kammerherr frug also ob Herr Knips im
Stande sei einige Vorträge über Heraldik zu halten
»Falls Ew Hoch und Wohlgeboren gnädigst vorliebnehmen wollten mit
deutschem und französischem Blason so glaube ich Denenselben mein allerdings
ungenügendes Wissen anbieten zu dürfen In den englischen Wappen und Figuren
dagegen ist meine Kenntnis wegen mangelnder Gelegenheit nicht ausreichend
Dagegen würde ich Denenselben über die neueren Untersuchungen wegen der
Ehrenstücke Auskunft zu geben mich befleissigen«
»Das wird nicht einmal nötig sein« versetzte der Kammerherr und zum
Professor gewandt bat er »Würden Magnificenz mir erlauben mit dem Herrn
Magister das Nähere zu besprechen«
Der Professor überließ die Beiden der geschäftlichen Verhandlung und der
Kammerherr fuhr freier fort »Ich will im Vertrauen auf die Empfehlung des Herrn
Rector einen Versuch machen ob des Erbprinzen Hoheit Ihre Vorträge benutzen
kann«
Knips wurde zusehends kleiner und schwand fast ganz in den Erdboden Nur
sein Haupt neigte sich von der Schulter andächtig nach dem Auge des Kammerherrn
Dieser bestimmte freigebig den Preis der Stunden Knips lächelte und drückte die
Augen zusammen »Dagegen muss ich die Forderung stellen Herr Magister dass auch
Sie nicht verschmähen sich in Ihrem Äußern ein wenig den beabsichtigten
Vorträgen anzupassen Schwarzer Frack und ebensolche Beinkleider«
»Sie sind vorhanden« erwiderte Knips in seinen höchsten Tönen
»Weiße Weste und weiße Cravatte« fuhr der Kammerherr fort
»Ebenfalls vorhanden« flötete Knips wieder
Der Kammerherr hielt doch für wünschenswert sich von dieser Befähigung des
Kandidaten durch eigene Anschauung zu überzeugen »Ich ersuche Sie also sich
auf geeignete Weise in der Wohnung des Erbprinzen einzufinden Dort besprechen
wir das Nähere«
Knips erschien am nächsten Morgen in seinem Staatskleid das Haar durch
starke Bürstenstriche geglättet mit Handschuhen und rundem Hut und der
Kammerherr fand dass der Mann gar nicht so übel aussah Er machte ihn also noch
aufmerksam dass es hier nicht auf wissenschaftliche Erörterung sondern vielmehr
auf einen schnellen Überblick ankomme und übergab um Knipsens Luftschicht zu
weihen beim Abschiede noch eine Flasche wohlriechendes Wasser für ein weißes
Taschentuch
Knips bereitet sich für seine ersten Stunden vor indem er zuerst seinen
Farbekasten dann einige Briefsteller und alte Komplimentirbücher hervorzog Mit
Hilfe des Farbekastens malte er einige Wappen aus den Büchern schrieb er die
ehrfurchtsvollen Redewendungen ab welche unsere demütige Kanzleisprache im
Verkehr mit den Großen eingeführt hat und lernte alle auswendig Zur Stunde
stellte er sich dem Kammerherrn vor glatt und duftend einer Blume gleich
welcher durch den Strahl hoher Sonne die Kraft des Stengels genommen ist So
wurde er vor die Augen des Prinzen geführt welkte auch vor diesem eine Weile
dahin bis er durch einen Stuhl Halt erhielt und begann seinen Vortrag indem
er das fürstliche Hauswappen und das Wappen des Kammerherrn aus einer kleinen
Mappe zog in tiefster Ehrfurcht zu Füßen legte und daran die ersten Erklärungen
knüpfte
Sein Vortrag war nach den eigenen Worten des Kammerherrn ganz magnifique
seine untertänigen Arabesken drehten sich zwar wunderlich und weitschweifig
aber durchaus nicht unangenehm sie waren possierlich und sie passten sehr zu dem
schnörkelhaften Inhalt seiner Vorträge Er brachte häufig kleine Zeichnungen
Wappenbücher und Kupferwerke von der Bibliothek zum Ansehen und erwies sich
gründlicher unterrichtet als vielleicht notwendig gewesen wäre Wenn er sich ja
einmal auf geschichtliche Erörterungen einließ die ihm anmutiger waren als
seinen Zuhörern so hob der Kammerherr nur den Finger und Knips flatterte
ehrerbietig auf die Fahrstrasse zurück Die Herren fanden mehr Gefallen an seinem
Vortrage als an manchem andern den des Magisters hohe Gönner hielten Die
Stunden wurden über das ganze Halbjahr ausgedehnt denn zufällig fand sich dass
Knips auch in Turnieren Ringelrennen Faquins und anderen ritterlichen
Ergötzlichkeiten Bescheid wusste Er erzählte dem Prinzen von alten Schaufesten
des eigenen hohen Hauses beschrieb genau das Ceremoniell und wusste sogar die
Namen der mitwirkenden Kavaliere anzugeben Den Zuhörern erschien dies Wissen
staunenswert ihn kostete wenig Mühe die Notizen aus Büchern zusammen zu
tragen Und als er am Ende reichlich belohnt von dannen schied war seinen
Hörern leid dass die lustige Gestalt nicht mehr ihre altfränkische und
verkrauste Weisheit vortragen sollte
»Mutter sieh her« rief Knips in seine Stube tretend und holte eine
kleine Geldrolle aus der Tasche »das ist die größte Summe die ich je bei einem
Geschäft verdient« Die Mutter schlug mit den Händen auf die Schürze »Da lobe
ich mir die vornehmen Leute die wissen meinen Sohn doch zu schätzen«
»Zu schätzen« versetzte Knips verächtlich »die wissen gar nichts von mir
und von dem was ich verstehe Und je weniger man ihnen beibringt desto lieber
ist es ihnen Es macht ihnen Mühe das nur aufzuschlagen was schon für alle
Welt zugerichtet ist und was in hundert Folianten steht war ihnen noch neu
Ich habe sie behandelt wie kleine Jungen und sie haben es nicht gemerkt Nein
Mutter sie verstehen noch schlechter mich zu benutzen als hier das
Professorenvolk Mich ehren nach meinem Wissen tut Niemand«
»Einer weiß es« murmelte er vor sich hin »aber der ist hochmütiger als
der Kammerherr Der Kammerherr tut als wollte er über die alten Karrousels und
Maskeraden sich selbst unterrichten Ich will ihm den kleinen Rohr zum Andenken
schenken Es steht gerade so wenig darin dass es für ihn gut genug ist Ich habe
das Buch um vier Groschen gekauft das Schweinsleder ist noch ziemlich weiß ich
wasche es mit Salmiak und klebe sein Wappen hinein Wer weiß wozu es nützen
kann«
Er wusch ab und fuhr mit dem Pinsel in seinen Muscheln umher »Die Welt ist
voll Schwindel Mutter Wer hätte gedacht dass ich mit dem alten schlottrigen
Unsinn dieser Wappenzeichen ein Kapital verdienen würde« Und er zeichnete und
tuschte über dem Wappen »Ich habe selten Gold in das Haus getragen und dann
war es immer für schlechtes Zeug das mir keine Ehre gemacht hat« Hier brach
er ab »Noch einmal ziehe ich meine Lohndienerkleidung an wenn ich ihnen das
Buch überreiche dann schaff sie mir aus den Augen«
In der Gegend von Rossau steckten Wegebauer Messstangen auf und in der
Universitätsstadt legte Magister Knips den weißen Schweinslederband in die Hände
seines hochgeneigten Gönners Ilse freute sich dass der Weg zum Gut ihres Vaters
für Jedermann leicht fahrbar sein würde und der Professor hörte mit Anteil
dass der Mann den er empfohlen sich gut anschickte und er lächelte wohlwollend
über die Danksagungen des Magisters Aber für den Kunstbau der neuen Straße und
für die erprobte Kunstfertigkeit des kleinen Mannes sollte den beiden
Glücklichen welche die Empfehlung an die rechte Stelle gebracht noch Dank
werden den sie sich nicht begehrten
3
Vielliebchen
Ilse stellte eines Abends die letzten Süßigkeiten der Weihnachtszeit auf den
Tisch Laura klapperte mit einer Knackmandel und frug den Doctor ernstaft
woher der ehrwürdige Gebrauch der Vielliebchen komme Der Doctor bestritt das
Ehrwürdige wusste aber im Augenblick den Ursprung des Spiels nicht anzugeben und
war über diese Unsicherheit sichtlich betroffen Er vergaß deshalb seine
Pflicht zum gemeinsamen Genuss der Doppelmandel aufzufordern Laura öffnete die
Schale und legte nachlässig zwei Mandeln zwischen ihn und sich »Da sind sie«
»Solls gelten« rief der Doctor erheitert
»Meinetwegen« erwiderte Laura »mit Geben und Nehmen wie recht ist Aber
es darf nur Scherz sein« fügte sie des Vaters gedenkend hinzu »und kein
Geschenk« Beide aßen mit dem rühmlichen Entschluss das Spiel zu verlieren Die
Folge war dass das Geschäft nicht vorwärts gehen wollte Laura überreichte dem
Doctor in den nächsten Wochen Bücher Teetassen Teller mit aufgeschnittenem
Braten er war wie ein Stock niemals sagte er »Ich denke dran« Hatte er den
Vertrag vergessen oder wars gewöhnliche Ritterlichkeit Laura aber durfte ihm
seine Vergesslichkeit gar nicht zu Gemüt führen sonst gewann sie das
Vielliebchen Sie wurde wieder einmal zornig auf ihn »Mir reicht der gelehrte
Herr gar nichts« sagte sie zu Ilse »er behandelt mich als wäre ich eine
Nessel«
»Das ist Zufall« versetzte Ilse »er hats längst vergessen«
»Natürlich« rief Laura »für einen hübschen Scherz mit einer unbedeutenden
Person hat er kein Gedächtnis«
»Mach ein Ende« mahnte Ilse »erinnere du ihn daran«
Es fügte sich dass der Doctor einmal nicht vermeiden konnte ihr eine Schere
aufzuheben und in die Hand zu reichen »Ich denke dran« sagte Laura
schnippisch »besser als Sie«
Darauf bot sie dem Doctor die Zuckerbüchse der Doctor holte sich ehrbar ein
Stück Zucker heraus und schwieg »Guten Morgen Vielliebchen« rief sie
verächtlich Der Doctor lachte und erklärte sich für überwunden »Es ist gar
nicht schön« fuhr Laura eifrig fort »dass Sie sich so wenig um Ihr Vielliebchen
bekümmert haben ich werde nie wieder eines mit Ihnen essen gegen Herren die
so zerstreut sind ist es keine Ehre zu gewinnen«
Kurz darauf überreichte ihr der Doctor ein winziges gedrucktes Büchel in
zierlichem Einband Auf dem ersten Blatte stand »Für Fräulein Laura« und auf
dem zweiten »Die Entstehung der Vielliebchen ein Märchen« Es war die
Geschichte der schönen Königstochter welche sehr gern Knackmandeln aß aber
nicht heiraten wollte Deshalb erfand sie Folgendes Sie ließ jedem Prinzen der
um ihre Hand warb und es waren unzählige die Hälfte einer Doppelmandel
darbieten und sie speiste den andern Zwilling »Und wenn Ew Liebden mich von
jetzt ab zwingen können dass ich etwas aus Dero Hand nehme ohne die Worte zu
sprechen ich denke dran so bin ich zu jeder Vermählung bereit wenn ich aber
Ew Liebden verleiten kann etwas aus meiner Hand zu nehmen ohne dass Ihnen die
klugen Worte einfallen so werden Dieselben an Dero fürstlichem Haupte unbedingt
kahl geschoren und verlassen sofort meine Länder« Es war aber eine Tücke bei
diesem Vertrage Nämlich der schönen Prinzessin durfte nach Hofsitte überhaupt
Niemand etwas in die Hand reichen bei Todesstrafe sondern er reichte es der
Staatsdame und diese reichte es der Königstochter Wenn aber die Königstochter
selbst etwas wegnehmen oder überreichen wollte wer konnte ihr das wehren Es
war also für die Freiwerber ein bitteres Vergnügen Denn wie sie sich auch
mühten die Prinzessin zu verleiten dass sie ohne Angebot etwas aus ihrer Hand
nahm immer fuhr die Staatsdame dazwischen und verdarb die besten Pläne Wenn
aber die Königstochter einen Freier abschaffen wollte tat sie einen Tag
holdselig gegen ihn bis er ganz bezaubert war und sobald er neben ihr saß und
bereits vor Freude taumelte dann ergriff sie wie von ungefähr etwas in ihrer
Nähe einen Granatapfel oder ein Ei und sagte leise »Behalten Sie dies zu
meinem Angedenken« Sobald nun der Prinz das Stück in die Hand nahm und
vielleicht noch der rettenden Worte ein wenig gedachte sprang das Ding
auseinander und ein Frosch eine Hornisse oder Fledermaus fuhr gegen seine
Locken dass er zurückschreckte und im Schrecken die Worte vergaß Und dann auf
der Stelle geschoren und fort mit ihm
Das war durch Jahre gegangen und in allen Königshäusern trugen die Prinzen
Perücken auch diese sind seitdem bräuchlich geworden da traf sichs dass
ein fremder Königssohn zugereist kam in eigenen Geschäften und aus Zufall die
Mandelkönigin sah Er fand sie schön und er merkte die Tücke Aber ihm hatte
ein befreundetes graues Männchen einen Apfel geschenkt an den durfte er alle
Jahre einmal riechen dann kam ihm ein kluger Einfall Und er war wegen der
klugen Einfälle schon unter allen Königen sehr berühmt geworden Jetzt war
gerade die Zeit des Apfels gekommen er roch und da fiel ihm ein wenn du das
Spiel mit Nehmen und Geben gewinnen willst darfst du ihr niemals und unter
keinen Umständen etwas geben oder nehmen Er ließ sich also die Hände fest in
den Gürtel binden ging mit seinem Marschall zu Hofe und sagte er wollte auch
gern seine Mandel essen Der Prinzessin gefiel er sehr und sie ließ ihm die
Mandel reichen Die nahm sein Marschall und steckte sie ihm in den Mund Da
fragte die Königstochter was denn das vorstelle und überhaupt warum er die
Hände immer im Gürtel trage Und er antwortete bei seinem Hofe sei der Brauch
noch viel strenger als bei ihrem er dürfe mit seinen Händen gar nichts nehmen
und geben höchstens mit den Füßen oder dem Kopfe Da lachte die Prinzessin und
sagte »Auf die Weise können wir ja niemals in unserm Spiel zusammenkommen« Er
zuckte die Achseln und antwortete »Nur wenn Sie geruhen wollten etwas von
meinen Stiefeln zu nehmen« »Das kann nie geschehen« rief der ganze Hofstaat
»Wozu sind Sie hergekommen« frug die Prinzessin ärgerlich »wenn Sie so dumme
Gewohnheiten haben« »Weil Sie sehr schön sind« sagte der Prinz »wenn ich Sie
auch nicht gewinnen kann ich will Sie doch ansehen« »Dagegen kann ich nichts
haben« versetzte die Königstochter Der Prinz blieb also am Hofe und gefiel ihr
immer besser Weil sie aber auch ihre Bosheit hatte suchte sie ihn auf alle Art
zu verführen dass er die Hand aus dem Gürtel zog und doch etwas von ihr nahm
Sie unterhielt sich immer mit ihm und schenkte ihm Blumen Bonbons und
Riechfläschchen und zuletzt gar ihr Armband auch zuckte es ihm mehrmals in den
Händen aber da fühlte er die Bande und kam zur Besinnung nickte dem Marschall
und der sammelte ein und sagte »Wir denken schon dran« dabei wurde endlich die
Prinzessin ungeduldig und sie begann »Mir ist mein Taschentuch
heruntergefallen Ew Liebden könnten mir es aufheben« Der Prinz fasste das Tuch
mit der Fussspitze und schwenkte es gleichgültig und die Prinzessin beugte sich
nieder nahm das Tuch von seinem Fuß und rief zornig »Ich denke dran« Darüber
war ein Jahr vergangen und die Königstochter sagte zu sich selbst So kann das
nicht bleiben hier muss Schicht gemacht werden so oder so Sie begann also zum
Prinzen »Ich habe den besten Garten der Welt den will ich morgen Euer Liebden
zeigen« Aber der Prinz roch wieder an seinem Apfel Und als sie in den Garten
kamen fing der Prinz an »Hier ists wunderschön Damit wir aber in rechtem
Frieden neben einander gehen und durchaus nicht durch unser Spiel gestört
werden bitte ich meine Herrin dass dieselbe nur auf eine Stunde meine Hofsitte
annehme und sich auch die Hände festbinden lasse Dann sind wir eines des andern
sicher und uns kann nichts Aergerliches begegnen« Der Prinzessin war dies nicht
recht aber er bat und sie wollte ihm doch die Kleinigkeit nicht abschlagen So
gingen sie allein mit einander die Hände im Gürtel gebunden Die Vögel sangen
die Sonne schien warm und vom Baum hingen die roten Kirschen bis auf die Wangen
herunter Die Prinzessin sah auf die Kirschen und rief »Wie schade dass Ew
Liebden mir keine davon pflücken können« Der Prinz antwortete »Not kennt kein
Gebot« er nahm eine Kirsche mit dem Munde und bot sie der Königstochter Der
Prinzessin blieb nichts übrig sie musste ihren Mund an den seinigen bringen um
die Kirsche zu fassen und da sie die Frucht zwischen den Lippen hatte und
seinen Kuss dazu vermochte sie nicht im Augenblick zu sprechen »Ich denke
dran« Da rief er laut »Guten Morgen Vielliebchen« zog die Hände aus dem
Gürtel und fiel ihr um den Hals Und wenn sie nicht gestorben sind usw Diese
Geschichte hatte der Doctor lustig ausgeführt und eigens für Laura drucken
lassen so dass Niemand dies Büchel haben konnte als sie allein
Laura trug das Märchen in ihr Geheimzimmer sah mit Stolz auf ihren
gedruckten Namen und las immer wieder die kleine dumme Geschichte Und sie ging
nachdenkend auf und ab Wenn sie sich so den ganzen Fritz Hahn überlegte konnte
sie doch kein recht gutes Gewissen haben Von klein auf hatte er sie zu Dank
verpflichtet er war stets lieb und gut gegen sie gewesen und sie und ach noch
mehr der Vater hatten ihm immer wieder weh getan Reuevoll überdachte sie alle
Vergangenheit bis zu den Katzenpfoten was ihr schon bei dem Vielliebchen in der
Seele gelegen hatte das wurde ihr jetzt deutlich sie konnte nicht unbefangen
sein wie sie doch sollte und nicht gleichgültig wie ihr ganz recht gewesen
wäre weil sie immer von ihm in den eisernen Banden einer Verpflichtung lag
»Ich muss mit ihm aufs Reine kommen« Ach aber zwischen ihm und ihr stand als
trennende Mauer das Verbot des Vaters Sie überlegte wie sie ohne jenem Befehl
entgegen zu handeln doch dem Doctor etwas Angenehmes erweisen könne Ähnliches
hatte sie schon einmal mit der Orange gewagt wenn drüben Niemand wusste dass der
Scherz von ihr kam dann war keine Gefahr es entstand kein zartes Verhältnis
und keine Freundschaft die der Vater doch nur vermeiden wollte Sie eilte zu
Ilse hinunter »Die Verpflichtungen gegen den Doctor drücken mich mehr als ich
sagen kann es ist unerträglich immer in seiner Schuld zu sein Jetzt habe ich
etwas ausgedacht was dies Verhältnis zum Ende bringt«
»Nimm dich nur in Acht« versetzte Ilse »dass die Sache auch gründlich
abgemacht wird«
Darauf schlüpfte Laura in das Arbeitszimmer des Professors und bat »Helfen
Sie mir zu einem Scherz gegen den Mann von drüben er sammelt ja allerlei alte
Sachen ich möchte etwas Seltenes für ihn erwerben was ihm lieb wäre Aber
keine Seele darf wissen dass ich dabei im Spiele bin und er am wenigsten«
Der Professor versprach auf etwas zu denken
Einige Zeit darauf legte er in Lauras Hände einen kleinen zerrissenen Band
der jämmerlich herabgekommen aussah »Es sind Einzeldrucke alter Volkslieder«
sagte er »die irgend einmal zusammengebunden sind ich stieß durch einen
glücklichen Zufall darauf Das Büchlein ist teuer für den Liebhaber ist sein
Wert unverhältnissmässig größer als der Preis Nehmen Sie keinen Anstoß an dem
schlechten Kleide Fritz wird doch die einzelnen Lieder voneinander lösen und in
seine Sammlung ordnen Ich bin überzeugt Sie können ihm kein lieberes Geschenk
machen«
»Er soll es erhalten« sagte Laura vergnügt »aber er soll gequält werden«
Es war eine schöne Sammlung sehr seltene Stücke darunter ein ganz
unbekannter Druck des Liedes vom Ritter Tanhäuser das Lied vom Räuber
Stürzebecher und andere erfreuliche Blätter Laura trug das Buch herauf und
schnitt die gebundenen Bogen sorgfältig von dem Bindfaden der sie locker
zusammenhielt Darauf setzte sie sich an den Schreibtisch und fuhr in der
anonymen Briefstellerei fort welche ihr die Tyrannei des Vaters aufgenötigt
hatte indem sie mit verstellter Hand Folgendes schrieb »Lieber Herr Doctor
ein Unbekannter sendet Ihnen dies Lied für Ihre Sammlung er hat noch dreißig
ähnliche welche Ihnen bestimmt sind doch unter Bedingungen Erstens Sie
bewahren gegen Jedermann wer es auch sei unverbrüchliches Schweigen Zweitens
Sie senden für jedes Gedicht ein anderes das Sie selbst gemacht haben worüber
es auch sei unter Adresse OW auf die Stadtpost Drittens Wenn Sie bereit
sind in diesen Vertrag zu willigen so gehen Sie an einem der drei nächsten
Tage Nachmittags um drei Uhr an No zehn der Parkstrasse vorüber etwas Blühendes
am Knopfloch Der Absender wird sich innig freuen wenn Sie auf diesen kleinen
Scherz eingehen Ihr ergebener NN« Diesem Briefe lag das Lied vom Stürzebecher
bei
Die Taschenuhr des Doctors zeigte wie durch spätere Nachforschungen
festgestellt wurde neun Uhr fünf Minuten als dieser Brief in sein Zimmer
gebracht wurde das Barometer war im Steigen am Himmel leichtes Federgewölk
dazwischen die bleiche Mondsichel erkennbar Der Doctor öffnete ein alter
Druckbogen stach gelblich vom grünen Postpapier eines Briefes ab Er entfaltete
hastig die gelben Blätter und las »Stortebecker und Godeke Michael de rowten
alle beede« Kein Zweifel der niederdeutsche Urext des berühmten Liedes den
die Welt bis dahin vermisst hatte lag leibhaftig vor ihm Ihm wurde so wohl zu
Mute wie dem Kinde vor der Einbescherung Darauf las er den Brief und als er
am Ende angekommen war las er ihn noch einmal Er lachte Offenbar war das
Ganze eine Schelmerei Aber von wem Seine Gedanken flogen um Laura aber sie
hatte ihn erst gestern Abend durch kalte Nichtachtung verletzt An Ilse war gar
nicht zu denken und dem Professor sah solch spielender Unfug vollends nicht
ähnlich Und was sollte das Haus No zehn Die junge Schauspielerin welche dort
wohnte galt sehr dafür eine liebenswürdige und unternehmende Dame zu sein War
es möglich dass sie ein Verständnis für Volkslieder hatte und das konnte der
Doctor sich nicht verbergen auch ein zartes Verständnis für ihn selbst Dem
ehrlichen Fritz begegnete dass er einen Augenblick vor den Spiegel trat aber er
widersprach sogleich innerlich und zog sich lachend zu dem Schreibtische und dem
Volksliede zurück Er konnte auf den Scherz nicht eingehen das war klar aber
es war sehr schade Er legte den Stürzebecher bei Seite und ergriff seine
Arbeit Aber nach einer Weile nahm er ihn wieder zur Hand Dieses Prachtstück
wenigstens war ihm ohne demütigende Bedingung gesandt vielleicht mochte er
doch dies eine behalten Er öffnete eine Mappe seiner alten Volkslieder und
suchte die Stelle wo das Gedicht eingereiht werden musste wenn es in der Tat
sein Eigentum wurde Er legte den Schatz in die Reihe stellte die Mappe wieder
in den Bücherschrank und dachte es ist ja gleichgültig wo der Bogen liegt
In dieser Weise kämpfte der Doctor bis nach dem Mittagessen Kurz vor drei
Uhr war er zu einer ruhigen Auffassung gelangt War es nur ein Scherz eines
nahen Bekannten so wollte er kein Spassverderber sein hatte die Sendung
irgendeinen anderen Grund so musste auch das zu Tage kommen Unterdes mochte er
die seltenen Drucke wohl aufbewahren aber er durfte sie nicht als sein
Eigentum behandeln bis das Recht des Absenders daran und der Zweck der Sendung
deutlich war Dies Bedenken musste er dem Unbekannten zuerst mitteilen Nachdem
er diesen notdürftigen Vergleich zwischen seinem Gewissen und seinem
Sammeltrieb zu Stande gebracht holte er aus der Blumenstube des Vaters etwas
Blühendes steckte es in sein Knopfloch und trat auf die Straße Unsicher
blickte er nach den Fenstern des feindlichen Hauses aber Laura war nirgend zu
finden denn sie lauschte hinter der Gardine und schnippte als sie die Blumen
im Knopfloch sah mit den Fingern über den gelungenen Scherz Der Doctor wurde
verlegen als er in die Nähe der vorgeschriebenen Hausnummer kam Die Lage war
doch demütigend und ihn reute seine Begehrlichkeit Er sah in die Fenster des
Unterstocks und sieh die junge Schauspielerin stand gerade an den Scheiben Er
blickte auf ein gescheidtes Gesicht mit einnehmenden Zügen zog verbindlich
seinen Hut nicht ohne schwaches Erröten und das Fräulein dankte artig dem
wohlbekannten Sohn des Nachbarhauses Der Doctor ging noch ein wenig auf der
Promenade umher ihm erschien dies Abenteuer unheimlich Es war doch nicht
zufällig dass die Künstlerin am Fenster stand und grüßte Er wurde mit seinen
Quergedanken nicht fertig nur Eines war ihm ganz klar geworden er behielt
vorläufig den Stürzebecher
Da seine Gewissensbisse nicht aufhörten so rang er zwei Tage mit sich
selbst ob er sich auf weiteren Briefwechsel einlassen dürfe Am dritten waren
die letzten Bedenken zum Schweigen gebracht Dreißig Volkslieder sehr alte
Drucke die Versuchung war übermächtig Er holte seine eigenen Verse heraus
Ergüsse seiner lyrischen Periode musterte und verwarf endlich fand er eine
unschuldige Romanze welche ihn in keiner Weise blossstellte sie wurde
abgeschrieben und von einigen Zeilen begleitet worin auch er seine Bedingung
aussprach dass er sich nur als Bewahrer der Lieder betrachten könne
Einige Tage darauf erhielt er eine zweite Sendung es war ein wertes
Mönchslied worin die gebratene Martinsgans gefeiert wurde dabei lag ein
Zettel welcher die ermunternden Worte enthielt »Nicht übel fahren Sie fort«
Und wieder erhob sich Lauras Gestalt vor seinen Augen und er lachte die
Martinsgans recht herzlich an Das war auch ein alter Druck der noch nirgend
verzeichnet war Er zog also diesmal eine Ode auf den Frühling aus seinen
Poesien und gab diese mit den befohlenen Buchstaben OW zur Post
Der Professor wunderte sich dass der Doctor über das Liederbuch schwieg und
äußerte dies gegen Ilse welche ein wenig im Geheimnis war »Er darf nicht
sprechen« sagte diese »sie behandelt ihn schlecht Da er es ist hat der
Scherz für das kecke Mädchen keine Gefahr«
Laura aber war selig über dies Schachspiel mit verdeckten Zügen Sie hob die
Gedichte des Doctors sorgfältig in ihrem Geheimbuch auf und sie fand dass die
Poesie der Hahns gar nicht so schlecht war ja sie war ausgezeichnet Aber fast
noch lockender als der Schriftwechsel wurde ihrem Übermut der Gedanke dem
Doctor ein kleines artiges Verhältnis zu der Schauspielerin aufzuzwingen Als
sie wieder mit ihm bei Ilse zusammentraf und einer der Anwesenden das Talent der
jungen Dame rühmte erzählte sie unbefangen und gar nicht zum Doctor gewandt
was die Straße von bizarren Einfällen der Schauspielerin wusste dass sie einst
ihr Hündchen mit einer Nachtaube ans Fenster gesetzt als ihr ein widerwärtiger
Verehrer ein Ständchen angekündigt hatte und dass sie eine Vorliebe für
bettelnde Handwerksburschen habe und sich mit ihnen meisterhaft in der Mundart
ihrer Landschaft zu unterhalten wisse
Der arglose Doctor wurde nachdenklich Sollte in der Tat die Schauspielerin
mit ihm in brieflichem Verkehr stehen ohne dass er es wusste Und Fritz begann
der Dame eine gewisse ruhige Beachtung zu gönnen
Als Laura einst auf dem abonnirten Platz ihrer Mutter saß und einer Rolle
der Künstlerin zusah erkannte sie in der Loge gegenüber Fritz Hahn sie
beobachtete dass er durch sein Opernglas angestrengt auf die Bühne starrte und
einige Mal lebhaften Beifall zu erkennen gab Nun der war glücklich auf
falsche Fährte gebracht
Indes er musste doch auch erfahren dass der unbekannte Briefsender mehr
verstand als Adressen zu schreiben Laura durchsuchte die Lieder dachte lange
nach über den Text des alten Gedichtes vom Ritter Tanhäuser der bei Frau Venus
im Berge verweilt und sandte das Lied mit folgenden Zeilen
»Während ich das Gedicht durchlese überkommt mich Rührung und Schreck vor
dem Sinn dieser alten Poesie Was wird nach der Meinung des Dichters aus der
Seele des armen Tanhäuser Er hat sich von Frau Venus losgerissen und kehrt
reuig zum Christenglauben zurück und als ihm der harte Papst sagt so wenig der
Stock den ich in der Hand halte grün werden kann so wenig kannst du noch
selig werden da wankt er aus trotziger Verzweiflung zur Venus in den Berg
zurück Darauf erst ergrünt der Stab in der Hand des Papstes und vergebens
sendet dieser seine Boten den Ritter zurückzuholen Wie versteht der Sänger den
Rückfall des Tanhäuser Wird die ewige Liebe und Barmherzigkeit dem Armen auch
jetzt noch verzeihen obgleich er sich der Teufelin zum zweiten Mal ergibt Ist
also dieser alte Dichter so frei und groß gesinnt dass er auch noch die Rückkehr
zur Heidenfrau für verzeihlich hält Oder ist Tanhäuser jetzt in seinen Augen
für ewig verloren und soll der grünende Stab nur anzeigen dass der Papst die
Schuld trägt Es würde mich freuen darüber von Ihnen Aufklärung zu erhalten
Das Gedicht finde ich sehr schön und ergreifend und in den einfachen Worten
wenn man sich erst hineingelesen hat gewaltige Poesie Aber ich habe Angst um
das Schicksal des Tanhäuser Ihr NN«
Der Doctor antwortete sogleich »Es ist zuweilen schwer aus der tiefen
Empfindung und dem knappen Ausdruck alter Gedichte die Grundidee des Dichters zu
verstehen Am schwersten vor einem Gedichte welches durch Jahrhunderte vom
Volksmunde fortgetragen zuverlässig in Wortlaut und Inhalt Aenderungen erfahren
hat Das erste Motiv des Liedes dass Sterbliche bei den alten Heidengöttern im
Innern der Berge weilen beruht auf einer Anschauung die noch aus der
Heidenzeit stammt Die Idee dass der Christengott milder ist als sein
Stellvertreter auf Erden wurde seit der Hohenstaufenzeit in Deutschland
heimisch Man darf den Ursprung des Gedichtes wohl auf diese Zeit zurückführen
In den uns überlieferten Formen mag es etwa aus der Mitte des fünfzehnten
Jahrhunderts stammen wo die Unzufriedenheit mit der Hierarchie in Deutschland
bei hoch und Niedrig allgemein war Der hohe Gedanke dieser Auflehnung gegen die
Macht der Geistlichen war nicht der Priester kann die Sünden vergeben nur
Reue Busse Erhebung des eigenen Herzens Der Druck welchen Ihre Güte mir
übersandt hat stammt aus der ersten Zeit Luthers aber wir wissen dass das Lied
älter ist und wir besitzen verschiedene Texte von denen einige noch stärker
hervorheben dass Tanhäuser auch nach seinem Rückfall der göttlichen Gnade
vertrauen dürfe Zuverlässig hielt der Sänger des übersandten Textes den armen
Tanhäuser für verloren wenn dieser sich nicht wieder von Frau Venus freimachte
In diesem Fall nicht Der Volkssage nach ist Tanhäuser bei ihr geblieben Aber
den großen Gedanken der auch unser Leben adelt dass der Mensch solange Geist
und Gemüt ihm nicht ausgebrannt sind in sich selbst die Kraft zur Erhebung
über begangenes Unrecht trage dürfen wir auch in diesem Gedicht erkennen
dessen poetischen Wert ich würdige wie Sie«
Als Laura diese Antwort erhielt Gabriel war auch hier der vertraute Bote
sprang sie vor Freude von ihrem Arbeitstisch hoch auf Sie hatte mit Ilse die
Leiden Tanhäusers beklagt und der Freundin eine Abschrift des Gedichtes gegeben
jetzt lief sie mit den Zeilen des Doctors hinunter stolz dass sie durch den
kindischen Scherz über welchen Ilse den Kopf geschüttelt hatte zu einer
geheimen wissenschaftlichen Erörterung gekommen war Von diesem Tage erhielt der
geheime Briefwechsel für Laura und Fritz eine Bedeutung an welche keines von
beiden im Anfang gedacht hatte Denn Laura wagte jetzt wenn sie über etwas
nicht mit sich aufs Reine kommen konnte oder wenn ein stilles Interesse sie
beschäftigte ihre Gedanken die bis dahin im Schreibtisch verschlossen wurden
dem Nachbar mitzuteilen und der Doctor sah mit Erstaunen und Freude ein
weibliches Gemüt von kräftigem und eigenartigem Empfinden das bei ihm Klarheit
suchte und mit ungewöhnlichem Vertrauen sich aufschloss Diese Stimmung war auch
aus seinen Gedichten zu erkennen sie waren nicht mehr aus der Mappe
herausgeholt sondern erhielten einen gewissermaßen persönlichen Charakter Und
Laura wurden die Augen feucht als sie ein Blatt in der Hand hielt welches in
Versen seine Spannung und Ungeduld aussprach den unbekannten Briefsteller
kennen zu lernen Es war so reine Empfindung in den Zeilen und man sah daraus
so deutlich den guten und feinen Mann dass man ein recht herzliches Zurtrauen zu
ihm haben musste Die alten Volkslieder zuerst die Hauptsache wurden allmählich
nur die Begleiter des stillen Briefwechsels und Lauras begeisterte Seele
schwebte beflügelt über goldumsäumte Wolken während unten Herr Hummel grollte
und Herr Hahn misstrauisch neue Angriffe des Feindes erwartete
Aber dies poetische Verhältnis zum Nachbarsohn welches Lauras
Unternehmungsgeist geschaffen hatte litt an derselben Gefahr welche allen
poetischen Stimmungen droht die raue Wirklichkeit konnte es jeden Augenblick
zerstören Niemals durfte der Doctor wissen dass sie es war die Tochter der
Feinde sein alltäglicher Anblick das kindische Mädchen das in Ilses Zimmer
mit ihm um Butterbrote und Knackmandeln zankte Wenn sie mit ihm Auge gegen Auge
zusammentraf war er ihr der Doctor mit der Brille von sonst und sie die kleine
borstige Hummel welche mehr von der Unart ihres Vaters hatte als Gabriel
zugeben wollte Das Schmollen und die Neckerei des Tages lief zwischen beiden
fort wie früher Dennoch war unvermeidlich dass zuweilen aus Lauras Augen ein
Strahl warmer Empfindung brach und dass sich der freundliche Humor mit dem sie
den Doctor im Innern betrachtete einmal durch flüchtige Worte verriet Fritz
wandelte deshalb in einer Unsicherheit dahin über die er im Stillen lachte und
die ihn doch quälte Immer sah er Laura vor sich wenn er einige Zeilen der gut
verstellten Hand auf seinem Zimmer las doch sobald er die Nachbarin beim
Freunde traf sorgte sie durch eine spöttische Bemerkung und durch spröde
Zurückhaltung dafür dass er wieder unsicher wurde Sie zwang die Not zu solcher
Koketterie er aber wurde immer aufs Neue kühl davon angeweht und dann fiel
ihm aufs Herz sie ist es doch nicht kann es denn die Schauspielerin sein
Am Teetisch entstand allgemeines Erstaunen als der Doctor einst fallen
ließ er sei zu einem Maskenball eingeladen und nicht abgeneigt sich in das
Getümmel zu stürzen Der Ball wurde von einer großen Ressource ansehnlicher
Bürger gegeben zu welcher auch Herr Hummel gehörte die Gesellschaft war dafür
bekannt dass die ersten Schauspieler der Stadtbühne sich dort als willkommene
Gäste im Kreise ihrer Verehrer bewegten Da der Doctor sonst nie für diese Art
geselliger Unterhaltung ein Herz bewiesen hatte sah auch der Professor
verwundert auf den Freund nur Laura ahnte den Zusammenhang aber Alle ließ
sich schweigend die Ankündigung eines bevorstehenden Excesses gefallen
Herr Hummel war nicht der Ansicht dass ein Maskenball die Stätte sei wo die
Tüchtigkeit des deutschen Bürgers Triumphe feiert er hatte widerwillig den
schmeichelnden Bitten seiner Frauen nachgegeben und stand jetzt unter den Masken
im Saale Den kleinen schwarzen Domino hatte er wie ein Priestermäntelchen
nachlässig auf den Rücken geschoben den Hut in die Augen gedrückt sein breites
Gesicht überragte auf allen Seiten den Florbart der Seidenlarve und war so
unverkennbar wie ein Vollmond hinter dünnem Gewölke Spöttisch sah er in das
Gedränge der Masken welche beieinander vorbeistrichen etwas weniger behaglich
und etwas schweigsamer als sie ohne Larve und bunten Rock gewesen wären Und
vor Andern zuwider waren ihm die eingestreuten Harlekine welche beim Beginn des
Festes eine Ausgelassenheit heuchelten die ihnen nicht natürlich war Herr
Hummel hatte gute Augen nur ging es ihm wie Andern auch wenn Jemand maskirt
war vermochte er ihn nicht zu erkennen Aber alle Welt erkannte ihn Hinten
zupfte etwas »Was macht denn Ihr Hund Speihahn« frug mit einer Verbeugung ein
Herr in Rococco Hummel verneigte sich wieder »Danke für gütige Nachfrage ich
hätte ihn mitgebracht Sie in Ihre Waden zu beißen wenn Sie mit diesem Artikel
versehen wären« »Kann diese Hummel auch stechen« frug ein grüner Domino im
Falsett »Ersparen Sie sich Ihre Bemerkungen Fistulant« entgegnete Herr Hummel
grollend »Ihre Stimme ist ja ins Weibliche umgeschlagen sollte Ihnen etwas
fehlen so bedaure ich aufrichtig Ihre Familie« Er steuerte weiter »Kaufst du
eine Partie Hasenhaare Bruder Hummel« frug ein wandernder Tabuletkrämer »Ich
danke Bruder« versetzte Hummel grimmig »du kannst mir aber die Eselshaare
ablassen welche dir deine Frau beim letzten Zanke ausgerissen hat«
»Das ist der grobe Filz« rief naseweis ein kleiner Pierrot und schlug Herrn
Hummel mit der Pritsche über den Bauch Das war Herrn Hummel zu viel er fasste
den Pierrot beim Kragen nahm ihm die Pritsche weg und hielt den Widersetzlichen
an sein Knie »Warte mein Söhnchen« rief er »dir wäre jetzt gut den Filz
anderswo zu tragen als auf dem Kopfe« Aber ein beleibter Türke fiel ihm in den
Arm »Herr wie können Sie sich unterstehen meinen Sohn anzufallen« »Ist
dieses Besteck Ihre Arbeit« frug Herr Hummel zornig »schämen Sie sich Ihre
löschpapierne Physiognomie ist mir nicht bekannt Wenn Sie sich als Türke der
Anfertigung von ungezogenen Hanswürsten widmen so müssen Sie sich auch
türkischen Bambus auf dem Rücken Ihrer Producte gefallen lassen das ist
Völkerrecht Sollten Sie dieses nicht verstehen so melden Sie sich morgen auf
meinem Komtoir ich werde Sie darüber ins Klare setzen und Ihnen eine Rechnung
überreichen wegen des Uhrglases das mir das Subject aus Ihrem Harem in der
Tasche zerbrochen hat« Und damit warf er den Pierrot dem Türken in die Arme
die Pritsche auf die Erde und schritt schwerfällig durch die Masken welche ihn
umringten »Keine menschliche Seele« grollte er vor sich hin »man ist wie
Robinson unter den Wilden« Er bewegte sich in den Tanzsaal unbekümmert um die
weißen Schultern und blitzenden Augen welche neben ihm auftauchten und wieder
verschwanden Endlich erblickte er zwei graue Fledermäuse die er persönlich zu
kennen glaubte denn es schienen ihm die Masken seiner Frau und Tochter Er ging
auf sie zu sie aber wichen ihm scheu aus und verloren sich im Gedränge Es
waren allerdings die Frauen seines Hauses aber sie hatten die Absicht
unerkannt zu bleiben und sie wussten dass das neben Herrn Hummel unmöglich sei
So wandte sich der verlassene Hausherr kurz um ging in ein Nebenzimmer setzte
sich einsam an einen der leeren Tische nahm die Larve ab bestellte eine
Flasche Wein frug nach dem Tageblatt und zündete eine Zigarre an »Vergebung
Herr Hummel« rief ein kleiner Kellner »hier wird nicht geraucht«
»Auch du« versetzte Herr Hummel trübe »du siehst es wird geraucht Dies
ist auch ein Maskenscherz Denn heut wird alle Humanität und menschliche
Rücksicht aus Langeweile mit Füßen getreten und das ists gerade was man bal
masqué nennt«
Unterdes schlüpfte Laura unter den Masken umher sie suchte den Doctor Auch
Fritz Hahn war für scharfe Augen leicht erkennbar er trug über der Larve
gemütlich seine Brille Er stand als blauer Domino neben einer eleganten Dame
in rotem Mantel Laura drängte sich in die Nähe Fritz schrieb der Dame etwas
in die Hand jedenfalls ihren Namen denn sie nickte gleichgültig darauf
schrieb er wieder etwas in ihre Hand und wies auf sich selbst wahrscheinlich
war es sein eigener Name denn die Dame nickte und Laura glaubte zu erkennen
wie sie unter ihrem Flor lachte Und Laura hörte wie der Doctor die Dame mit
dem Namen der Rolle anredete in welcher er sie neulich auf der Bühne gesehen
hatte und außerdem mit du Das war zwar Maskenrecht aber nötig war es nicht
Der Doctor aber sprach seine Freude aus dass die Künstlerin bei der Balkonscene
so gut verstanden habe die aufglühende Empfindung in den schwierigen Versen
darzustellen Der rote Mantel wurde aufmerksam wandte sich ganz dem Doctor zu
und begann über die Rolle zu sprechen Die Dame redete eine Weile und dann
wieder Doctor Romeo und noch länger dabei trat die Schauspielerin einige
Schritte zurück an einen Pfeiler der Doctor folgte ihr dahin und Laura sah
wie der rote Mantel einige andere Herrenmasken kurz abfertigte und sich wieder
zum Doctor wandte Endlich setzte sich die Künstlerin gar hinter den Pfeiler wo
sie wenig von fremden Blicken gesehen wurde und der Doctor stand an den Stein
gelehnt neben ihr und setzte die Unterhaltung fort Laura schob sich zu dem
Pfeiler und hörte wie lebhaft die Unterhaltung von beiden geführt wurde Es war
von Leidenschaft die Rede Nun es war noch nicht die Leidenschaft welche
beide für einander entflammte sondern vorläufig die der Bühne aber auch das
war mehr als ein Freund des Doctors billigen konnte
Laura trat rasch hervor stellte sich neben Fritz Hahn und hob warnend den
Finger in die Höhe Der Doctor sah verwundert auf die Fledermaus und zuckte die
Achseln Da ergriff sie seine Hand und schrieb seinen Namen ein Der Doctor
machte eine Verbeugung darauf hielt sie ihre Hand hin Wie konnte er sie in der
entstellenden Hülle erkennen Er gab starke Zeichen seiner vollen Unwissenheit
und wandte sich wieder zu der Dame im roten Mantel Laura trat zurück und ihre
Schläfe röteten sich unter der Maske Auch im Zorn auf sich selbst Denn sie
hatte dem Unglücklichen diese Gefahr gebracht und sie hatte darauf bestanden
den Ball heimlich vor ihm und in einer Tracht zu besuchen welche das Erkennen
so schwer machte
Sie zog sich zu ihrer Mutter zurück welche endlich das Glück gehabt hatte
in der Frau Pate eine Gesellschafterin zu finden und eine Ecke des Maskensaales
benutzte um Beobachtungen über die körperliche Entwicklung des getauften
kleinen Fritz auszutauschen Laura setzte sich neben die Mutter und sah
teilnahmlos auf die tanzenden Masken Plötzlich sprang sie wie von Federn
geschnellt in die Höhe denn Fritz Hahn tanzte mit der Dame im roten Mantel
vorüber War das möglich Längst hatte er das Tanzen abgeschworen mehr als
einmal hatte er Laura wegen ihrer Freude daran verspottet auch sie selbst hatte
vor ihrem Geheimbuch Stunden gehabt wo ihr diese einförmige kreisende Bewegung
kindisch und mit einer edleren Auffassung des Lebens unverträglich erschien Und
jetzt drehte er sich wie ein Kreisel »Was sehe ich« rief auch ihre Mutter
»ist das nicht und die rote ist ja gar « »Es ist gleichgültig mit wem er
tanzt« unterbrach Laura um nicht die verhasste Bestätigung zu hören
Aber sie kannte Fritz Hahn und sie wusste dass dieser Walzer etwas zu
bedeuten hatte Julia gefiel ihm sehr sonst hätte ers nicht getan ihr selbst
war diese Auszeichnung nie zu Teil geworden Der alte Komiker der Stadtbühne
trat als Pantalon zu ihnen er hatte endlich die zwei einflussreichen Damen
aufgefunden er trippelte machte groteske Verbeugungen und fing an die Mama mit
kleinen Geklätsch zu unterhalten Und eine seiner ersten Bemerkungen war »Man
hört der junge Hahn wird zum Theater gehen er studiert mit unserer Primadonna
seine Liebhaberrolle ein« Laura wandte sich mit Widerwillen von der platten
Bemerkung ab
Ihre letzte Hoffnung war die Zeit des Demaskirens ungeduldig erwartete sie
den Augenblick Endlich trat eine Pause ein die Larven fielen Sie nahm den Arm
der Mutter mit ihr durch den Saal zu gehen und die Bekannten zu grüßen es
dauerte lange bis sie in die Nähe von Fritz Hahn kamen und er sah nicht einmal
nach ihnen hin Laura zuckte mit der Hand ihn leise anzurühren aber sie presste
die Finger fest und gingaus großen Augen auf ihn blickend vorüber Jetzt
endlich tat er was längst seine Schuldigkeit gewesen wäre er erkannte sie
Sie sah die Freude auf seinem Gesicht und ihr wurde leichter zu Mut Sie blieb
stehen während er sich vor der Mutter verbeugte und einige höfliche Worte mit
dieser wechselte und sie wartete dass er anerkennen werde wie sie ihn bereits
gegrüßt Er aber sprach kein Wort von der Begegnung Hatten ihm so Viele den
Namen in die Hand geschrieben dass er eine einzelne arme Fledermaus nicht im
Gedächtnis behalten konnte Und als er sich zu ihr wandte lobte er die
Ballmusik
Das war die Beachtung die er ihr gönnte Mit Julia hatte er gesprochen was
zwischen freien Seelen der Rede wert ist und ihr gegenüber schnurrte eine
gleichgültige Phrase Ihre Augen bekamen den düstern Hummelblick als sie
entgegnete »Sie hatten sonst wenig Wohlgefallen an dem großen Hackebrett dort
oben das die Puppen hüpfen macht« Der Doctor lächelte befangen und bat um den
nächsten Tanz Das war so ungeschickt als möglich Laura antwortete bitter »Die
graue Fledermaus war bereits so dreist an Romeo heran zu flattern damals hatte
er keinen Tanz für sie frei jetzt tun ihr von dem hellen Licht die Augen weh«
Sie neigte ihr Köpfchen wie eine Königin nahm den Arm ihrer Mutter und ließ ihn
hinter sich zurück
Was noch kam war eitel Herzeleid Noch einmal tanzte der Doctor mit der
Dame im Mantel und Laura sah jetzt wie freundlich die Verführerin ihn
anlachte und er tanzte sonst mit Niemandem Um sie aber kümmerte er sich nicht
weiter und es war ein Glück dass bald darauf Hummel zu den Seinen trat und
sagte »Es hielt schwer euch zu finden Erst als ich die Leute nach den zwei
hässlichsten Verputzungen frug wurde auf euch gewiesen Es wäre mir lieb wenn
ihr morgen ohne Kopfschmerz erwachtet wir haben heut des Vergnügens genug
ausgestanden« Laura war froh als der Wagen an der Hausschwelle hielt sie
stürzte in ihr Zimmer riss ihr Buch aus der Schublade und schrieb mit fliegender
Hast hinein »Fluch meiner Tat und Fluch dem frevelhaften Scherz Die
Drachenzähne hab ich mir ins Land gestreut In Waffen wächst ein Herr von
Feinden und bedräut mit scharfem Stahle mir das warme Herz« Und sie wischte
dabei über den Tränen die ihr auf das Papier rollten
Das klare Licht des nächsten Morgens übte auch auf ihre scheu flatternden
Gedanken seine beruhigende Macht Dort drüben lag Fritz Hahn wohl noch in seinem
Bett Der gute Junge war gestern müde geworden Es mochte doch noch mancher
Tropfen Wasser zum Meere fließen bevor Freund Fritz sich entschloss sein
Geschick mit dem einer tragischen Künstlerin zu verbinden Sie holte ihren
Vorrat von alten Druckbogen heraus und wählte Da war ja ein recht lustiges
Lied die Käferhochzeit worin der Käfer auf dem Zaune die Jungfer Fliege
auffordert ihn zu heiraten Viele kleine Vögel bemühen sich ernstaft um die
Hochzeit diese aber wird zuletzt durch ein unrühmliches Privatvergnügen des
Bräutigams verdorben »Gut« sagte Laura »mein Käfer Fritz ehe du die leichte
Fliege Juliette heiratest sollen noch andere Vögel ihr Stimmchen dazugeben«
Sie legte das Lied zusammen und schrieb dazu auf einen kleinen Zettel »Sie
vermuten falsch Der dies sendet war niemals Julia« Als sie den Brief schloss
sagte sie beruhigt zu sich selbst »Wenn er jetzt nicht merkt dass er im Irrtum
war so muss man an seinem Urteil verzweifeln«
Der Doctor saß noch ein wenig betäubt bei seinen Büchern als dieser Brief
bei ihm einfiel Er warf einen Blick auf die Käferhochzeit alte Einzeldrucke
davon waren ihm überhaupt noch nicht davon vorgekommen und er sah schon bei
schnellem Überfliegen dass manche Verse ganz anders lauteten als in unserm
landläufigen Text Dann nahm er den Zettel und suchte den Orakelspruch desselben
zu verstehen Allerdings jetzt war unzweifelhaft dass die Sendung von der
Schauspielerin kam denn wer sonst konnte wissen dass er sie mit Julia angeredet
hatte und dass lange von dieser Rolle die Rede gewesen war Aber was sollten die
Worte Sie vermuten falsch Auch darüber ging ihm ein blendendes Licht auf Er
hatte behauptet dass die Darstellung der Leidenschaft dem Künstler nur bis zu
einem gewissen Grade möglich sei wenn ihm nicht einmal das Leben selbst eine
ähnliche Kette von Empfindungen durch die Seele gezogen hätte Das hatte die
Schauspielerin geleugnet und sie hatten sich darüber zu vereinigen gesucht
Ihre Worte bedeuteten also offenbar dass sie die Julia gegeben ohne je eine
große Leidenschaft gefühlt zu haben Nun dies war ein Geständnis das wieder
viel Vertrauen zeigte ja vielleicht noch mehr Der Doctor saß lange vor dem
Blatt Aber er wurde jetzt ziemlich sicher mit wem er Briefwechsel führe und
die Entdeckung machte ihn nicht froh Denn wie er sich auch mit verständigen
Gründen gesträubt hatte es waren doch immer Lauras Augen gewesen die ihm von
dem Papier entgegenstrahlten freilich ein ganz anderer Blick als sie ihm
gestern vergönnt hatte Er legte die Käferhochzeit still zu den andern Liedern
und wieder frug er sich ob er den Briefwechsel jetzt noch fortsetzen dürfe
Endlich packte er als Antwort die fällige Abgabe ein etwas aus dem verblühten
Vorrat seiner Mappe und schrieb nichts weiter dazu
Einige Tage darauf ging der Professor mit Ilse durch die Straße und als sie
bei der Wohnung der Schauspielerin vorbeikamen sahen beide den Freund am
Fenster der Heldin stehen und Fritz nickte ihnen hinter den Scheiben zu
»Wie kommt er zu dieser Bekanntschaft« frug der Professor »gilt die junge
Dame nicht für sehr emancipirt« »Ich fürchte« antwortete Ilse bekümmert
Zu Madame Hummel aber kam Frau Knips welche der Schauspielerin gegenüber
wohnte mit noch feuchter Wäsche gelaufen und erzählte dass am Abend zuvor ein
ganzer Korb Champagner zu dem Fräulein geschafft worden sei und dass man in der
Nacht den lauten Gesang einer wilden Gesellschaft über die ganze Straße gehört
habe und der junge Herr Hahn sei mitten darunter gewesen
Am Sonntag war der Komiker zum Mittagsbraten des Herrn Hummel geladen und
eine seiner ersten Anekdoten war dass er von einer lustigen Gesellschaft
erzählte die bei der Schauspielerin gewesen war Mit der Bosheit welche auch
Genossen derselben Kunst einander zu Teil werden lassen setzte er hinzu »Sie
hat einen neuen Verehrer gefunden den Sohn von drüben Nun das Geld seines
Vaters wird doch auf diesem Wege der Kunst zu Hilfe kommen« Herr Hummel machte
große Augen und schüttelte den Kopf sagte aber weiter nichts als »Also auch
Fritz Hahn ist unter die Schauspieler gegangen und lüderlich geworden er wäre
der letzte gewesen dem ich so etwas zugetraut hätte« Frau Hummel aber suchte
ihre Erinnerungen vom Ball zusammen und fand darin traurige Bestätigung als
Laura welche heut sehr bleich und schweigsam dasaß gegen den Mimen heftig
herausfuhr »Ich leide nicht dass Sie an unserm Tische in solchem Ton vom Herrn
Doctor sprechen Wir kennen ihn gut genug um zu wissen dass er in Benehmen und
Grundsätzen ein edler Mensch ist Er ist Herr über sein Tun und wenn ihm das
Fräulein lieb geworden ist und er sie zuweilen besucht so geht das keinen
Dritten etwas an Und es ist boshafte Verleumdung zu sagen dass er dort etwas
Unehrenhaftes begehen wird und Geld ausgeben das ihm nicht gehört«
Dem Komiker kam vor Schrecken eine Brotkrume in die falsche Kehle er
versank in den heftigsten Bühnenhusten seines Lebens die Mutter aber versetzte
um den genialen Mann zu entschuldigen »Du selbst hast zuweilen gefühlt dass das
Benehmen des Doctors nicht das richtige war«
»Wenn ich in törichtem Unmut so etwas gesagt habe«rief Laura »war es ein
Unrecht und es schmerzt mich sehr ich habe nur die Entschuldigung dass es
niemals böse gemeint war Von Andern aber ertrage ich keine Kränkung unseres
Nachbars« Und sie stand vom Tische auf und verließ das Zimmer
Der Komiker rechtfertigte sich gegen die Mutter Herr Hummel aber fasste an
sein Weinglas und sagte mit zugedrückten Augen seiner Tochter nachsehend »Sie
ist bei trübem Tageslicht gar nicht von mir zu unterscheiden«
Die Missetaten des Doctors machten ihm selbst wenig Kummer Er hatte seiner
Tänzerin vom Ball einen Besuch gemacht denselben wobei er am Fenster gesehen
wurde Einer seiner Schulfreunde jetzt zweiter Tenor der Bühne war
dazugekommen und hatte mit der Künstlerin beschlossen an ihrem nahen
Geburtstage ein kleines Pickenick einzurichten so war Fritz aufgefordert
worden Teil zu nehmen Es war eine lustige Gesellschaft gewesen der Doctor
hatte sich unter den leichtbeschwingten Vögeln der Bühne sehr gut unterhalten
und mit der Ruhe eines Weisen über den guten Takt gefreut welcher in der
zwanglosen Weise ihres Verkehrs sichtbar wurde Auch manches verständige Wort
wurde den Abend gesprochen und er ging mit der Ansicht nach Hause dass es für
Seinesgleichen recht erfrischend sei sich einmal zu der lustigen Kunst zu
gesellen Aber er versuchte an demselben Abend auch durch eine Kriegslist seine
unbekannte Briefschreiberin zu ermitteln Als man kleine Lieder sang und mit
munterer Grazie komische Reime hersagte hatte er das Käferlied auf das Tapet
gebracht und ehrbar angefangen »Der Käfer auf dem Zaune saß brum brum die
Fliege die darunter saß sum sum« Einige hatten eingestimmt die Dame im
Mantel aber kannte das Lied gar nicht nur ein ähnliches aus einer alten Rolle
und als der Bassist dem Doctor die Melodie aus dem Munde nahm und bei den
folgenden Versen jeden der auftretenden Vögel durch Gebärde und komische
Veränderungen der Melodie zu porträtiren wusste da hatte die Wirtin so
unbefangen gelacht und sich vorgenommen das Lied zu lernen dass der Doctor
wieder sehr zweifelhaft wurde bei der Heimkehr auf seiner Hausschwelle
stehenblieb und bedeutsam nach dem Hause des Herrn Hummel hinübersah Und wer
genau untersucht hätte weshalb er nach diesem Käferlied selbst laut und
übermütig wurde wie die Andern der hätte vielleicht gefunden dass ihm durch
jene Unbefangenheit der Schauspielerin ein kleiner Stein vom Herzen geschnellt
war
Aber das alles half ihm wenig gegenüber Brumm und Summ der Nachbarn Die
Parkstrasse hatte ihrem Fritz Hahn in der letzten Zeit erhöhte Beachtung gegönnt
sein Bild war unter die ernsten Gelehrten ihres Albums eingereiht welche sie
täglich betrachtete und besprach Jetzt schien ein fremder Zug in das bekannte
Gesicht gekommen und die Straße wollte nicht dulden dass eines ihrer Kinder
einmal anders aussah als ihr geläufig war Deshalb fand viel Raunen und
Kopfschütteln statt Herr und Frau Hahn erfuhren das nicht zuletzt der Doctor
Er lachte darüber aber ganz recht war es ihm nicht
»Tanhäuser edler Rittersmann du liegst in Frau Venus Banden ich selbst
war der arge Papst Urban ich häufte dir Jammer und Schande« So klagte Laura in
ihrem Zimmer aber sie verbarg den großen Schmerz auch gegen Ilse sprach sie
kein Wort über die Gefahren des Doctors und als diese einmal eine leise
Anspielung auf die neue Verbindung des Freundes wagte zerriss Laura den Faden
ihrer Stickerei und sagte während ihr das Blut heiß zum Herzen drang »Warum
soll der Doctor nicht hinübergehen Er ist ein junger Mann dem es gut tut
verschiedene Menschen zu sehen er sitzt ohnedies zu viel in der Stube und bei
seinen Eltern wäre ich ein Mann wie er ich hätte längst mein Bündel geschnürt
und wäre in die Welt gelaufen denn diese engen Hausmauern machen kleinmütig
und pedantisch«
Am Teetisch brachte einer der Anwesenden das Gespräch auf die
Schauspielerin und zuckte die Achseln über ihr freies Wesen Laura empfand die
Pein des Doctors da saß der arme Fritz und musste das verwerfende Urteil
anhören die näheren Bekannten schwiegen und sahen bedeutsam auf ihn seine Lage
war schrecklich denn jeder Narr benutzte des Fräuleins schutzlose Stellung um
sich als Kato zu erweisen »Ich wundere mich« rief sie »dass die Herren so
strenge über kleine Streiche einer Künstlerin urteilen das sollten sie doch
uns überlassen Einer solchen Dame darf man noch viel mehr zu gut halten denn
ihr fehlt aller Schutz und alle Freude welche uns die Familie gibt Ich bin
überzeugt dass sie ein wackeres und feinfühlendes Mädchen ist«
Der Doctor sah dankbar zu ihr hinüber und bestätigte ihre Worte Er merkte
nichts aber es war gekommen wie in seinem Kindermärchen Laura bog sich
bereits zu seiner Fussspitze herab und hob das Taschentuch auf
Noch mehr wurde ihr zugemutet Der Monat März begann in der Welt seine
Teaterstreiche Erst hatte er eine Schneelandschaft aus grauen Wolkensoffitten
heruntergelassen Dächer mit Eiszapfen weiße Krystalle an den Bäumen und wildes
Sturmgeheul hinter der Szene plötzlich war Alles verwandelt ein lauer Südwind
wehte die Knospen der Bäume schwollen auf den Wiesen hob sich junges Grün über
die dürren Stiele die Kinder liefen in den Stadtwald und trugen große Bündel
der ersten Frühlingsblumen heim fröhliche Menschen zogen in unabsehbarer
Wallfahrt durch die Parkstrasse dem warmen Sonnenschein entgegen
Auch über Herrn Hummel kam das Frühlingsahnen Dies äußerte sich jährlich
dadurch dass er Farbe für den Kahn mischte und an einem kluggewählten Nachmittag
mit Frau und Tochter in einen entlegenen Kaffegarten lustwandelte Für Laura war
die festliche Reise ein mässiges Vergnügen denn Herr Hummel spazierte den Frauen
mit starken Schritten voraus er freute sich ganz in der Stille darüber wie
Alles in der alten Natur wieder in Stand kam und gönnte den Seinen nur dann eine
Bemerkung über die Schulter wenn ihn eine Veränderung im Pflanzenwuchs ärgerte
Aber Laura wusste dass der Vater auf diese Märzfreude hielt und eilte auch in
diesem Jahre neben der Mutter hinter ihm her einem einsamen Dorfe zu wo Herr
Hummel seine Pfeife rauchte die Hühner fütterte den Kellner abkanzelte mit
dem Wirt ein Gespräch über die Saaten führte und der Sonne gestattete sich
auch ihrerseits über das gute Aussehen ihres alten Bekannten Hummel zu freuen
Denn Herr Hummel sonst keineswegs menschenscheu liebte in der Natur allein zu
sein und hasste die Sammelplätze der Städter auf dem Lande wo der Duft von
frischem Kuchen und gebackenen Kräpfeln alle Natur wegräucherte
Als er mit seinen Frauen den Kaffegarten betrat sah er unzufrieden dass
bereits andere Gäste vorhanden waren Er warf einen zweiten tadelnden Blick auf
die lustige Gesellschaft welche seinen gewöhnlichen Platz in Besitz genommen
hatte und erkannte die junge Schauspielerin andere Mitglieder der Bühne
mitten unter ihnen den Sohn seines Gegners Da wandte er sich zu seiner Tochter
und sagte blinzelnd »Heut wirst du recht zufrieden sein hier hast du ja außer
dem Naturgenuss auch noch die Kunst zur Hand« Laura erschrak vor der harten
Zumutung welche ihrer Kraft gestellt wurde aber sie hob stolz das Haupt und
schritt mit den Eltern in eine andere Ecke des Gartens Dort setzte sie sich mit
dem Rücken gegen die Fremden Dennoch merkte sie mehr von ihrem Treiben als für
die Fassung gut war sie vernahm Lachen und lustiges Gebrumm der
Käferversammlung je weniger sie sah um so peinlicher wurde der Lärm und jedes
Geräusch wurde in der tiefen Stille fühlbar denn auch Ohr und Auge der Mutter
hing gespannt an der andern Gesellschaft Nach einer Weile brach die laute
Unterhaltung der Künstler ab aus den leisen Reden glaubte sie ihren Namen zu
hören Gleich darauf knirschte hinter ihr der Kies sie dachte sich dass der
Doctor in ihrem Rücken war
Er trat an den Tisch grüßte stumm den Vater machte der Mutter eine
freundliche Bemerkung über das Wetter und war gerade im Begriff sich an Laura zu
wenden mit einem Zwange den sie ihm wohl ansah als Herr Hummel der bis dahin
den Einbruch des Feindes schweigend ertragen hatte die Pfeife aus dem Munde
nahm und mit sanfter Stimme begann »Ist denn möglich was man über Sie hört
Herr Doctor Sie wollen sich verändern« Laura fuhr mit dem Sonnenschirm heftig
in den Kies
»Ich weiß nichts davon« versetzte der Doctor kühl
»Es geht das Gerücht« fuhr Herr Hummel fort »Sie wollen Ihren Büchern
Lebewohl sagen und dramatischer Künstler werden Sollte dieses doch der Fall
sein so bitte ich Sie freundlich auch meines kleinen Geschäftes zu gedenken
Jede Art von künstlerischer Kopftracht für Liebhaberrollen feiner Biber für
Lakaien mit Tressen und wenn Sie einmal den Bajazzo machen eine weiße
Filzmütze Aber Sie werden lieber Klown heißen wollen Es ist jetzt eine gute
Karriere geworden Hanswurst ist aus der Mode man wird Sie auch Herr Klown
anreden«
»Ich habe nicht die Absicht zur Bühne zu gehen« erwiderte der Doctor
»Wenn ich ja auf den Einfall käme würde ich Sie nicht um die Kunstwerke Ihrer
Fabrik bitten sondern um eine Unterweisung in dem was Sie für gute Lebensart
halten Ich würde dann auf der Bühne wenigstens wissen was sich unter Männern
von Anstandsgefühl nicht schickt« Er grüßte die Frauen und entfernte sich
»Immer Humboldt« sagte Herr Hummel ihm nachblickend
Laura rührte sich nicht aber ihre dunklen Augenbrauen zogen sich so drohend
zusammen dass auch Herr Hummel davon Kenntnis nahm »Ich bin ganz deiner
Meinung« sagte er behaglich zu seiner Tochter »es ist schade um ihn wäre er
nicht in dieser Strohhütte verdorben es hätte wohl etwas aus ihm werden können
Der ist nun auch dahin« dabei nahm er Kuchenbrocken und bot sie einem
Löwenhündchen welches vor ihm auf den Hinterbeinen saß und die Vorderpfoten
bittend auf und ab bewegte
»Billy« rief eine Frauenstimme durch den Garten Aber Hund Billy achtete
nicht darauf sondern fuhr fort Herrn Hummel seine Ergebenheit zu beweisen und
dieser der für Tiere ein weicheres Gemüt hatte als für Menschen fütterte den
Kleinen
Die Schauspielerin kam eilig heran »Bitte geben Sie dem unartigen Tiere
keinen Kuchen es sind Mandeln darin« bat die Künstlerin und wehrte dem
Hündchen
»Ein hübscher Hund« bemerkte Herr Hummel sitzend
»Wenn Sie erst wüssten wie gescheidt er ist« sagte das Fräulein »er
versteht alle Kunststücke Zeige dem Herrn was du gelernt hast« Sie hielt den
Sonnenschirm hin Billy sprang eifrig darüber weg und sofort mit einem Satze auf
den Schoss des Herrn Hummel dort wedelte er mit dem Schweif und versuchte ihm
das Gesicht zu lecken
»Er will Sie küssen« sagte die Schauspielerin »darauf dürfen Sie sich
etwas einbilden denn das tut er gar nicht Jedermann«
»Es ist auch nicht Jedermanns Sache« versetzte Herr Hummel und streichelte
den Kleinen
»Sei dem Herrn nicht lästig Billy« schalt das Fräulein
Herr Hummel stand auf und überreichte den Hund der auf seinen Kuss nicht
verzichten wollte und immer noch nach dem Gesicht des Hausbesitzers züngelte
»Er ist treuherzig« sagte Herr Hummel »und hat ganz die Farbe des meinigen«
Das Fräulein liebkoste den Kleinen »Der Schelm ist leider sehr verzogen er
kriecht in meinen Muff sooft ich in das Theater gehe und ich muss ihn
mitnehmen obgleich das nicht geschehen soll Erst neulich stand ich seinetwegen
Todesangst aus denn während ich als Klärchen unter den Bürgern jammerte war
Billy aus der Garderobe gelaufen wedelte zwischen den Kulissen und machte mir
Männchen«
»Es war ein ergreifendes Spiel« begann Frau Hummel
»Ich fuhr wohl mehr umher als sonst« entgegnete die Schauspielerin »denn
ich musste bei jeder Wendung in die Koulisse rufen Kusch Billy«
»Gut« nickte Herr Hummel »immer Besonnenheit«
»Heut bin ich dem Unartigen dankbar« fuhr das Fräulein fort »denn er
verschafft mir hier auf dem Lande die Freude meine Nachbarn zu begrüßen Herr
Hummel wie ich höre«
Herr Hummel verneigte sich schwerfällig Die Schauspielerin wandte sich mit
einer Verbeugung zu den Damen welche stumm ihren Gruß erwiederten
An der Dame war Manches was Herrn Hummel gefiel Sie war hübsch sah aus
klugen Augen fröhlich in die Welt und trug etwas auf dem Kopf was er persönlich
kannte Er ergriff also einen Stuhl und sagte mit einer zweiten Verbeugung
»Wollen Sie nicht die Güte haben Platz zu nehmen« Die Fremde nickte ihm zu und
wandte sich an Laura »Ich freue mich Sie endlich so nahe zu sehen Sie sind
mir keine Fremde mehr ich habe manchmal an Ihnen rechte Freude gehabt und es
ist mir lieb dass ich Ihnen heut dafür danken kann«
»Wo war das doch« frug Laura beklommen
»Wo Sie gewiss nicht daran dachten« versetzte die Andere »Ich habe ein
scharfes Auge und erkenne über die Lampen jedes Gesicht der Zuschauer Sie
glauben nicht wie sehr das zuweilen peinigt Da Sie einen festen Platz haben
ist mir oft Erholung gewesen auf Ihren Zügen auszuruhen und den lebendigen
Ausdruck zu betrachten Und mehr als einmal habe ich ohne dass Sie es wussten
für Sie allein gespielt«
»Ha« dachte Laura »das ist keine Fliege das ist Frau Venus« Aber sie
fühlte eine Saite anschlagen die reinen Ton gab Sie sagte der Schauspielerin
wie ungern sie eine ihrer Rollen versäume und dass in ihrem Hause die erste
Frage vor dem neuen Teaterzettel sei ob das Fräulein mitspiele
Dies gab der Mutter Gelegenheit sich an der Unterhaltung zu beteiligen
Dagegen rühmte die Schauspielerin wie gütig man ihr überall entgegengekommen
sei »Denn das Reizvollste unserer Kunst« fuhr sie fort »sind die stillen
Freunde welche wir in den Stunden des Spiels gewinnen Menschen die man sonst
vielleicht nie sieht deren Namen man nicht weiß und welche doch unser Leben
mit Teilnahme begleiten Lernt man bei Gelegenheit einmal dieses Wohlwollen
Fremder kennen so wird es reiche Entschädigung für die Leiden unseres Berufes
unter denen die zudringliche Huldigung gemeiner Menschen vielleicht das größte
ist«
Nun die Huldigung des Doctors durfte sie zu diesen Leiden sicher nicht
zählen
Während die Frauen in solcher Weise miteinander sprachen und Herr Hummel
beifällig zuhörte traten auch einzelne Herren dem Tisch näher Frau Hummel
begrüßte zuvorkommend den zweiten Tenor der im Hause der Frau Pate bisweilen
ein Lied sang und der würdige Vater der Bühne welcher Herrn Hummel aus der
Ressource kannte begann mit diesem ein Gespräch über den Bau eines neuen
Theaters Darüber hatte Hummel als Bürger sehr bestimmte Ansichten welche mit
denen des würdigen Vaters ganz übereinstimmten
So verschmolzen die beiden getrennten Gesellschaften und der Tisch des
Herrn Hummel wurde ein Mittelpunkt den die Kinder Talias umschwärmten
Während die Schauspielerin mit Frau Hummel recht ehrbar und hausmütterlich die
Übelstände ihrer Wohnung besprach sah Laura nach dem Doctor Er stand mehre
Schritte von der Gesellschaft an einem Baum und sah nachdenkend vor sich hin
Schnell trat Laura zu ihm und begann mit fliegender Eile »Mein Vater hat Sie
beleidigt ich bitte Sie um Verzeihung«
Der Doctor sah auf »Es tat nicht weh« sagte er gutherzig »ich kenne ja
seine Art«
»Ich habe sie gesprochen« fuhr Laura mit bebender Stimme fort »sie ist
gescheidt und liebenswürdig und hat eine unwiderstehliche Freundlichkeit«
»Wer« frug der Doctor »die Schauspielerin«
»Verstellen Sie sich nicht gegen mich« fuhr Laura fort »das ist zwischen
uns ubnötig es gibt Niemand auf Erden der Ihr Glück so von Herzen wünscht als
ich Betrüben Sie sich nicht über das Kopfschütteln Anderer wenn Sie der Liebe
des Fräuleins sicher sind ist alles Übrige Nebensache«
Der Doctor erstaunte immer mehr »Ich will ja aber das Fräulein gar nicht
heiraten«
»Leugnen Sie nicht Fritz Hahn das steht Ihrem wahrhaften Wesen schlecht«
rief die leidenschaftliche Laura wieder »Ich merke wohl wie sehr das Fräulein
zu Ihnen passt Seit ich sie gesehen bin ich überzeugt für alles Gute und Große
finden Sie bei ihr Verständnis Bedenken Sie sich nicht und wagen Sie mutig
Ihrem Herzen zu folgen Denn sehen Sie Fritz eine Sorge habe ich um Sie Ihr
Gefühl ist warm und Ihr Urteil ist sicher aber Sie hängen zu fest in den
Banden Ihrer Umgebung Ich zittere davor dass Sie darum unglücklich werden
können weil Sie vielleicht nicht in der rechten Stunde einen Entschluss fassen
der Ihrer Familie ungewöhnlich erscheint Ich kenne Sie von meiner ersten
Kindheit und weiß sehr gut dass Ihre Gefahr immer war sich selbst für Andere zu
vergessen Darüber können Sie zu einem opfervollen Dasein kommen und der
Gedanke ist mir schrecklich Denn ich möchte dass Ihnen alles Gute zu Teil
wird was ihr redliches Herz verdient« Die Tränen liefen ihr über die Wangen
als sie ihn liebevoll ansah
Jedes Wort das sie sprach klang dem Doctor wie Lerchentriller und
Geschwirr der Heimchen Leise sprach er »Ich liebe das Fräulein nicht ich habe
nie den Gedanken gehabt ihre Zukunft an die meine zu fesseln«
Laura trat zurück über ihr Antlitz zog hohe Röte
»Es ist eine flüchtige Bekanntschaft nichts weiter für jene und mich ihr
Leben gehört der Kunst und schwerlich jemals ruhiger Häuslichkeit Wenn ich für
mich ein Herz zu begehren wagte so wäre es nicht das ihre sondern ein
anderes« Er sah nach dem Tisch hinüber wo gerade ein lautes Lachen Herrn
Hummel andeutete und sprach die letzten Worte so leise dass sie kaum bis in
Lauras Ohr drangen dabei blickte er schmerzlich vor sich hin auf die Knospe
des Fliederstrauches in welcher noch die junge Blüte verborgen lag
Laura stand unbeweglich wie vom Stabe eines Zauberers berührt aber die
Tränen liefen noch immer von ihrer Wange herab Sie war nahe daran die Kirsche
ihres Vielliebchens mit den Lippen zu fassen
Da summten die lustigen Käfer heran die Schauspielerin winkte ihr lächelnd
zu der Vater rief das Märchen war zu Ende Laura hörte noch wie das Fräulein
siegreich zum Doctor sagte »Er hat mir doch einen Stuhl angeboten er ist gar
kein Brummbär er war sehr gut gegen Billy«
Als Fritz in seine Wohnung kam schleuderte er Hut und Überrock von sich
sprang an den Schreibtisch und holte die kleinen Briefe der unbekannten Hand
heraus »Sie ist es« rief er laut »ich Tor nur einen Augenblick zu
zweifeln« Er las jeden der Briefe wieder durch und nickte bei jedem mit dem
Kopfe Das war sein hochsinniges wackeres Mädchen wie sie sich sonst auch
stellte heut hatte sie ihm ihr wahres Antlitz gezeigt Er wartete ungeduldig
auf die Stunde wo er Laura bei den Freunden treffen würde Sie trat spät ein
grüßte ihn ruhig und war den Abend schweigsamer und weicher als sonst Wenn sie
sich an ihn wandte sprach sie zu ihm ernstaft wie zu einem bewährten Freunde
Sehr gut stand ihr die milde Ruhe Jetzt gab sie sich ihm wie sie war ein
begeistertes Fühlen ein reiches Gemüt Sprödigkeit und neckende Laune die
alten Schalen welche den süßen Kern verdeckt hatten waren zerbrochen Auch die
ruhige Vorsicht freute ihn mit der sie unter den Freunden ihre Empfindung barg
Wenn die nächste Liedersendung kam dann sprach sie zu ihm wie jetzt beiden
ums Herz war oder sie gab doch ihm das Recht offen an sie zu schreiben Der
Doctor zählte am nächsten Morgen die Minuten bis der Briefträger sein Haus
betrat Er riss die Tür auf und eilte dem Manne entgegen Fritz hielt einen
neuen Brief in der Hand er löste ungeduldig das Kouvert keine Zeile des
Absenders lag dabei er entfaltete den alten Druckbogen und las die Worte des
groben Liedes
»Hei ha ho Steck an den Schweinebraten darzu die Hühner jung darauf mag
uns geraten ein frischer freier Trunk Hol Wein schenk ein trink mein liebes
Brüderlein heute muss Alles verschlemmet sein« und der ehrliche einfältige
Doctor frug wieder ist sie es oder wäre möglich dass sie es nicht ist
4
Unter den Studenten
Wer dem Professor von Herzen gut werden wollte der musste ihn sehen wenn er im
Kreise seiner Zuhörer saß der gereifte Mann unter der aufblühenden Jugend der
mitteilende Lehrer vor bewundernden Schülern Denn des akademischen Lehrers
schönstes Vorrecht ist dass er nicht nur durch sein Wissen auch durch seine
Persönlichkeit die Seelen des nächsten Geschlechtes adelt Aus den Vielen
welche einzelne Vorträge hören schließt sich ein gewählter Kreis enger an den
Gelehrten im persönlichen Verkehr schlingt sich ein Band um Lehrer und Schüler
leicht gewebt aber dauerhaft denn was den Einen an den Andern fesselt oft den
Fremden nach wenig Stunden zum Vertrauten macht ist ihr frohes Bewusstsein dass
Beide dasselbe für wahr groß gut halten
Dieses Verhältnis reizvoll und fruchtbar für beide Teile ist die edle
Poesie welche die Wissenschaft ihren Bekennern gönnt Fremde und spätere
Menschen welche den Wert eines Mannes nur nach seinen Büchern beurteilen sie
erhalten wie hoch auch der Gelehrte selbst diese Art von Überlieferung
schätzen möge doch nur ein unvollständiges Bild des Entfernten weit anders
wird der lebendige Quell schöpferischer Kraft auf die Seelen solcher welche von
Lippe und Auge des Lehrers sein Wissen empfangen Nicht nur der Inhalt seiner
Lehre bildet sie mehr noch seine Art zu suchen und darzustellen am meisten
sein Charakter und die besondere Weise des Vortrags Denn diese erwärmen dem
Hörer das Herz und senken ihm Achtung und Neigung in das Gemüt Solcher Abdruck
eines menschlichen Lebens der in Vielen zurückbleibt ist für Arbeitsweise und
Charakter der Jüngeren oft wichtiger als der Inhalt empfangener Lehre In den
Schülern arbeitet das Wesen des Lehrers neues Leben schaffend fort seine
Vorzüge zuweilen auch Eigenheiten und Schwächen In jedem Hörer färbt sich
anders das charakteristische Bild seines starken Meisters und doch ist in jedem
Schüler der Lehrer der an dieser Seele formte vielleicht bis zur kleinen
Absonderlichkeit erkennbar
Die Lehrstunde welche Felix für seine Frau festgesetzt hatte war nicht die
einzige welche er in seinem Hause gab Ein Abend jeder Woche gehörte seinen
Studenten Da kamen zuerst Einzelne welche für ihre Arbeiten einen Wunsch
hatten mit Anfrage und Bitte Später sammelte sich eine größere Zahl auch
Ilses Zimmer wurde geöffnet Gabriel bot Tee und einfaches Abendbrot eine
Stunde verlief in zwanglosem Gespräch und einzelnen Gruppen bis sich allmählich
die Getreuen in das Arbeitszimmer des Lehrers zogen und den Kreis dichter um
sein geehrtes Haupt schlossen Dann saß der Professor inmitten seiner Schüler
und das Zimmer wurde zuweilen enge Auch hier formlose Unterhaltung bald ein
launiger Bericht über Erlebtes bald eingehende Erörterung wobei der Professor
seine jungen Freunde zu tätiger Teilnahme anzuregen wusste dazwischen schnelle
Urteile über Menschen und Bücher in schlagender Rede und Antwort wie solchen
natürlich ist die aus flüchtigem Anschlage eine lange Melodie erkennen Felix
erschloss in diesen Stunden sein Inneres mit einer Offenheit die er in seinen
Vorlesungen nicht zeigte er sprach über sich und Andere ohne Rückhalt und
verhandelte behaglich was ihm gerade auf der Seele lag Aber wie verschieden
die Unterhaltung dieser Abende dahinlief immer waren es Männer derselben
Wissenschaft welche einander im Großen und Kleinen verstanden und selbst im
Scherze ernster Geistesarbeit gedachten
Auch Frau Ilse blieb dieser vertrauten Gesellschaft keine fremde
Erscheinung Die Teilnehmer sämtlich ernsthafte Männer ältere Studenten oder
junge Doctoren freuten sich der ansehnlichen Hausfrau welche in ihrer
einfachen Weise gern mit den Einzelnen verkehrte Im Jahre vorher war einmal
ihre Freude an der Odyssee zu Tage gekommen als sie die Herren zum Genuss einer
Hinterkeule des erdaufwühlenden Ebers aufgefordert und den wohltuenden Wunsch
ausgesprochen hatte die Gesellschaft möge nicht verschmähen ihre Hände nach
dem bereiteten Mahle auszustrecken Seitdem hieß sie in dem Kränzchen Frau
Penelope und sie wusste dass dieser Beiname sich auch über die Wände des Hauses
in die Studentenschaft verbreitet hatte
Nun hatte Ilse auch unter den jungen Gelehrten ihre Lieblinge Zu diesen
gehörte ein wackerer Student nicht der bedeutendste von den Zuhörern des
Professors aber einer der fleissigsten Er war ihr Landsmann und Ilse hatte
zuerst an ihm erkannt dass auch zarte Empfindung in der Brust eines Studenten zu
finden sei Unser Student hatte in den letzten Jahren mit Erfolg daran
gearbeitet den Krater seines Innern durch Kollegienhefte auszufüllen Seiner
Lyrik aber hatte er ziemlich entsagt denn damals wo der Professor ihm seine
Gedichte zurückschickte war er sehr in sich gegangen und hatte demütig um
Entschuldigung gebeten war auch seitdem mit Hilfe eines guten Stipendiums das
ihm Felix verschafft zu einer weniger menschenfeindlichen Auffassung
bürgerlicher Verhältnisse durchgedrungen Er bewährte sich als ein treuer und
anhänglicher Bursch und trug jetzt würdig den Titel Doctorandus welcher nach
Angabe unsrer Grammatiker einen Mann bedeutet der zum Doctor gemacht werden
soll oder muss dabei hatte er auch bei der Studentenschaft eine gewisse Geltung
er bekleidete in der großen Verbindung Arminia ein Ehrenamt trug noch immer
ihre Farbenmütze und wurde dort zu den bevorzugten Weisen gerechnet welche an
Trinkabenden von lästiger Verpflichtung befreit sind und die Pausen in denen
stürmische Jugend Atem holt durch ernstes Gespräch über Menschentugend
ausfüllen
An einem Studentenabend brodelte die Unterhaltung schon in Ilses Zimmer
sehr laut und warf wissenschaftliche Blasen Eine interessante Handschrift war
in entlegener süddeutscher Bibliothek aufgefunden Über den Fund und den
Herausgeber wurde verhandelt und Felix zählte behaglich mit einigen
Auserwählten alle ähnlichen Entdeckungen auf welche in den letzten zwanzig
Jahren gemacht waren Da begann unser Student der gerade durch Frau Ilse eine
Tasse Tee erhalten hatte mit dem Löffel rührend recht gemütlich »Dürfte
nicht auch in der Nähe noch Manches zu finden sein So steht in meiner Heimat
eine alte Kiste welche Bücher und Papiere aus dem Kloster Rossau enthalten
soll Es ist nicht unmöglich dass darunter etwas Wertvolles steckt«
Das sprach der Student und rührte mit dem Löffel dem Knaben gleich welcher
den brennenden Span in einer gefüllten Bombe herumdreht
Der Professor fuhr von seinem Stuhl in die Höhe und warf dem Studenten einen
Flammenblick zu dass dieser erschrak und die Tasse schnell hinsetzte um bei
dem was kommen musste nichts zu beschütten »Wo soll die Kiste stehen«
»Wo weiß ich nicht« versetzte der Student betreten »vor einigen Jahren
hat mir ein Landsmann davon erzähl er war in der Gegend von Rossau geboren«
der Student nannte den Namen und Ilse kannte die Familie »Aber in unserm
Fürstentum muss es sein denn er hat dort als Hauslehrer an mehren Orten
gelebt«
»War er denn Philolog« frug ein älterer Hörer ebensosehr im Jagdeifer als
der Professor
»Er war Teolog« antwortete unser Student
Ein bedauerndes Geräusch ging durch das Zimmer »Dann ist die Nachricht doch
unsicher« schloss der Kritiker
»Hat der Mann die Kiste selbst gesehen« frug der Professor
»Auch darüber bin ich nicht sicher« erwiderte der Student »ich hatte
damals noch kein rechtes Verständnis für den Wert dieser Mitteilung Aber er
muss sie doch selbst gesehen haben denn ich erinnere mich er sagte sie wäre
dick mit Eisen beschlagen«
»Unglücksmann« rief der Professor »schaffen Sie uns Kunde von diesem
Kasten« Er ging heftig im Zimmer auf und ab die Studenten machten seiner
Aufregung ehrerbietig Platz »Die Nachricht ist wichtiger als ich Ihnen jetzt
sagen kann« begann der Professor vor dem Studenten anhaltend »Suchen Sie
zunächst Ihre Erinnerungen zu sammeln Hat Ihr Bekannter die Kiste offen
gesehen«
»Wenn ich mir Alles zusammenhalte« sagte der Student »möchte ich glauben
er hat selbst gesehen dass alte Klostersachen darin liegen«
»Dann war sie also nicht mehr verschlossen« frug der Professor weiter »Und
wo ist jetzt Ihr Freund«
»Er ist voriges Jahr mit einer Bauerstochter nach Amerika gegangen Wo er
sich aufhält weiß ich nicht das wird aber bei seinen Verwandten zu erfahren
sein«
Wieder ging ein missbilligendes Geräusch durch das Zimmer
»Ermitteln Sie den Aufenthalt des Mannes schreiben Sie ihm und fordern Sie
genaue Auskunft« rief der Professor »Sie können mir keinen größeren Dienst
erweisen«
Der Student versprach das Menschenmögliche Als die Herren sich entfernten
richtete Gabriel dem Studenten eine heimliche Einladung zu nächstem Mittag aus
Ilse wusste dass ihrem Felix jetzt die Nähe des Vertrauten wohltun werde der
einen Bekannten besaß der den Kasten gesehen hatte der die Bücher von Rossau
enthielt unter welchen allerdings die Handschrift des Tacitus liegen konnte
wenn sie nicht irgendwo anders war
Aber sie selbst hörte ohne Freude von der geheimnisvollen Kiste Denn Ilse
war leider in Sachen der Handschrift immer noch ungläubig sie hatte einigemal
den Gatten durch ihre Gleichgültigkeit verletzt und mied seit dem Unglück des
Struvelius jede Erwähnung der verlorenen Dazu hatte sie noch einen besonderen
Grund Sie wusste wie sehr der Gedanke und jede Erörterung ihren Felix aufregte
Er fuhr dann in die Höhe sprach in heftigen Worten und seine Augen blitzten wie
im Fieber Zwar bändigte er sich selbst nach wenigen Augenblicken und lachte
wohl über seinen Eifer aber der Hausfrau war solcher Ausbruch geheimer
Leidenschaft unbehaglich denn sie empfand bei dem plötzlichen Auflodern dass
der Gedanke an den Kodex die Seele des geliebten Mannes wund drückte und sie
argwöhnte dass er in der Stille oft darüber träumte und Feindseliges gegen die
Mauern des Vaterhauses sann
Auch heut hatte unser Student den Sturm aufgeregt Noch spät wurde der
Doctor gerufen lange wurde erörtert und gestritten Ilse war erfreut dass der
Doctor auf die Kiste nicht viel gab und durch verständige Einwürfe auch dem
Professor wieder eine launige Bemerkung über seine heiße Jagdlust abnötigte
Als der Student am nächsten Mittag die Briefe welche er geschrieben hatte
als Zeichen seines Eifers mitbrachte behandelte der Professor die Nachricht
ruhiger »Es ist eine unsichere Notiz« sagte er »selbst wenn der Erzähler
Wahrheit sprach mag noch jeder einzelne Umstand sogar der Name des Klosters
unrichtig sein« Als vollends aus der Heimat des Studenten die Kunde einlief
der Teolog habe sich irgendwo im Staate Wisconsin als Apotheker niedergelassen
und der Brief des Studenten in eine unsichere Ferne gesandt werden musste da
ermässigte sich der Strudel welchen die auftauchende Kiste erregt hatte zu
gefahrlosen kleinen Wellen
Der größte Vorteil erwuchs aus diesem Vorfall zunächst unserm Studenten
Denn der Professor teilte die Nachricht dem Kammerherrn mit und gönnte diesem
eine Andeutung dass in dem Kasten Sachen von hohem Wert verpackt sein könnten
Der Kammerherr hatte früher einmal durch mehre Jahre die Geschäfte eines
Schlosshauptmanns besorgt und war mit dem alten Hausgerät einiger fürstlichen
Schlösser bekannt wusste jedoch auf keinem Boden etwas Verdächtiges zu finden
Da ihm aber der Student als Günstling des Hauses vor Augen trat wollte er an
dem jungen Mann seine Geneigteit erweisen und forderte denselben auf sich als
Landeskind dem Erbprinzen vorzustellen Das geschah Eine Folge der Vorstellung
war dass unser Student zu einem Abend eingeladen wurde an welchem der Prinz
mehre akademische Bekannte bei sich empfing
Es war für den Studenten ein bangsamer Abend und der Armine hatte allerlei
Ursache argwöhnisch zu sein Denn in diesem Jahr gährte es heftig in der
Studentenschaft Gerade die Händel zwischen dem Korps der Markomannen und der
großen Genossenschaft Arminia hatten den Sturm aufgewirbelt Und die letzte
Veranlassung des Unwetters war seltsam und lehrreich für Jeden der die geheime
Verknotung irdischer Ereignisse beachtet Jener Zwist der Professoren welcher
die Vertreter der Altertumswissenschaft voneinander schied der Kampf zwischen
Werner und Struvelius hatte zu seiner Zeit die akademische Jugend durchaus
nicht aufgeregt Aber kurz darauf war unter den Studenten ein Lied aufgetaucht
in welchem die Abenteuer des Struvelius respectwidrig besungen wurden Dies Lied
war als Kunstwerk schwächlich es lief im Bänkeltone und war mit einem
wiederkehrenden Schlussreim geziert welcher lautete »Struvelius Struvelius
heraus mit deinem Fidibus wer sich verbrennt der hat Verdruss« Der Dichter ist
nie ermittelt worden Wenn man aber erwägt dass dieses Lied soweit sein
possenhafter Inhalt erkennen ließ feindselig gegen Struvelius und zu Werners
Ruhm gedichtet war und wenn man ferner erwägt dass es zuerst unter den Arminen
aufkam und dass unter den Kindern Armins einer mit lyrischer Vergangenheit war
dass dieser Eine zu Werners Kränzchen gehörte und dass im Kränzchen das Pergament
einigemal verächtlich als Fidibus behandelt wurde so kann man die vorsichtige
Vermutung nicht unterdrücken dass unser Student seine scheidende Muse als sie
gerade zur Tür hinausgehen wollte noch zu dieser niedrigen Leistung entwürdigt
habe
Das leichtfertige Lied war bei den Arminen heimisch sein Schlussreim wurde
zuweilen in stiller Nacht auf der Straße gehört es war den Professoren sehr
ärgerlich und nicht zuletzt dem Teetisch Werners aber mit Gewalt ließ sich
nicht dagegen ankämpfen Den Markomannen und ihren Bundesgenossen blieb das Lied
und seine Veranlassung gleichgültig aber sie sangen die Verse nicht weil diese
einem Trinkliede der Arminen nachgebildet waren Gerade da Werner sein Rectorat
antrat saßen in einer Gastwirtschaft Studenten aller Parteien durcheinander
Als ein Markomanne seine Pfeife an der Gasflamme anzündete und sich dabei das
Korpsband versenkte sangen einige Arminen höhnend den Schlussreim Die
Markomannen sprangen auf und geboten Schweigen Die natürliche Folge waren
zahlreiche Forderungen Leider blieb es dabei nicht Ein Haufe Arminen war vor
das Lager der Markomannen gezogen und hatte auf der Heerstraße dieselbe
unfreundliche Weise angestimmt es war zu bedauerlichen Zusammenstössen zwischen
den Parteien und der Stadtpolizei gekommen Untersuchungen und ernste Strafen
waren das Ende gewesen Werner selbst hatte in vertraulicher Besprechung mit
einzelnen Häuptern Alles getan das leidige Lied zu dämpfen und seinem Ansehen
war gelungen den Gesang wenigstens auf der Straße zu bändigen Aber der Groll
war in den Herzen zurückgeblieben Durch allerlei widerwärtige Vorfälle wurde
bemerkbar dass die akademischen Bürger uneiniger als gewöhnlich und in
widersetzlicher Stimmung waren
Dies alles wälzte der Armine in besorgtem Gemüt als er im Vorzimmer des
Prinzen seine Mütze neben die Kopfzierden großer Markomannenhäuptlinge hing
Indes verlief der Abend besser als er dachte Die Markomannen beobachteten in
dem geweihten Raume anständige Höflichkeit Ja das Zusammentreffen erhielt eine
Bedeutung Denn gerade in dieser Zeit war Veranlassung ein Fest der Universität
durch solennen Kommers zu feiern Aber wie häufig große Angelegenheiten unserer
Nation drohte auch dieses Trinkfest durch den Zwist der Stämme vereitelt zu
werden Jetzt wo der Armine unter den Markomannen Eispunsch trank äußerte der
Erbprinz dass er gern einmal einen feierlichen Kommers ansehen würde und Beppo
Führer der Markomannen sprach gegen den Arminen eine Ansicht aus wie der Zwist
beigelegt werden konnte Der Armine erbot sich diese Vorschläge seinem Stamme
zu überbringen Als der Kammerherr Bedenken gegen eine Teilnahme des Erbprinzen
am Kommers erhob versicherte der Sohn Armins von Punsch und Gespräch
begeistert dass auch sein Volk gemütvoll die Ehre empfinden werde die der
Erbprinz dem Fest durch seine Gegenwart erweise
Die Bemühungen unseres Studenten hatten Erfolg das Kriegsbeil wurde
begraben die akademische Jugend rüstete sich zu einem gemeinsamen Feste Ein
großer Saal reich verziert mit den Farben aller Genossenschaften welche an dem
Kommers Teil nahmen war mit langen Tafeln besetzt An den Enden standen im
Festschmuck die Präsiden mit ihren Schlägern auf den Stühlen saßen mehre
Hundert Studenten nach Verbindungen gereiht unter den Markomannen der Prinz und
sein Kammerherr und der Prinz trug heut der Verbindung zu Ehren ihre Abzeichen
Rauschende Musik trug den vollen Klang der Lieder weit in die Runde es war ein
guter Anblick so viele Männer Hoffnung und Kraft des nächsten Geschlechtes in
festlichem Gesange und den alten Bräuchen der Akademie bei einander zu sehen
Ohne Störung verlief das Fest bis gegen das Ende Als der Kammerherr bemerkte
dass die Wangen glühten der Gesang wilder dahinfuhr und die Musik dem
akademischen Pulsschlag nicht schnell genug tönte mahnte er in der Pause zum
Aufbruch Der Prinz erhob sich selbst erregt durch Gesang und Wein vor ihm
schritt der gesammte Adel der Markomannen das wogende Volk zu teilen Sie
mussten sich durch die Menge drängen welche von den Stühlen aufgestanden war und
durch einanderschwirrte So geschah es dass der Prinz von seinem akademischen
Hofstaat abgeschnitten wurde und mit einem trotzigen Arminen zusammenstiess der
durch Wein gestärkt und durch unsanfte Berührung der Vorausschreitenden
erbittert den Weg nicht räumte sondern mit den Ellbogen unbillig verengte und
den Rauch seiner Pfeife ruhig vor sich hinblies so dass der Dampf dem Prinzen um
den kleinen Bart fuhr Da hatte der Prinz die Unbesonnenheit den Studenten
anzustossen und zu sagen »Sie sind ein unverschämter Wicht« Und der Armine
sprach mit lauter Stimme das verhängnisvolle Wort aus welches nach akademischer
Sitte einen Zweikampf oder Ehrlosigkeit des Geschmähten zur Folge hat Er war im
Nu von den düstern Gestalten der Markomannen umdrängt und dasselbe Schmähwort
regnete von allen Seiten wie Hagel gegen seine dreiste Stirn Er aber zog
höhnend seine Schreibtafel und rief »Einer nach dem Andern dass keiner von dem
Hofstaat fehlt wie der Herr so das Gesinde« Und da der Andrang größer wurde
schrie er hinter sich »Hierher ihr Arminen« und begann im wilden Basse den
Schlachtruf seines Stammes »Struvelius Struvelius heraus mit deinem Fidibus«
Im Saale brach das Getümmel los über Stuhl und Tisch sprangen die Arminen ihrem
gefährdeten Krieger zu Hilfe nicht mehr einzeln sondern wie Heckenfeuer
flogen die schmähenden Worte und Forderungen hin und her Vergebens riefen die
Präsiden zu den Plätzen vergebens fiel die Musik ein zwischen das Geschmetter
der Fanfare klangen die zornigen Rufe der streitenden Parteien Zwar eilten die
Präsiden auf einen Hauf zusammen und trennten im Zuge dazwischenfahrend die
Zankenden Aber auf das wilde Toben folgten leidenschaftliche Erörterungen die
Verbindungen standen getrennt die einzelnen Haufen verhöhnten einander und
suchten nach altem Kriegsbrauch die Gegner allmählich bis zum äußersten Worte zu
treiben schon waren einige Ausdrücke gefallen welche durch den Sittencodex der
Akademie gänzlich verboten sind die Schläger blitzten in der Luft und mehr als
eine Faust packte statt der Waffe die Weinflasche Die Musik stimmte das
Vaterlandslied an doch die Weise klang den Empörten widerwärtig in ihren Zorn
von allen Seiten donnerte der Ruf »Aufhören« Die verschüchterten Musiker
schwiegen und der neue Ausbruch eines ungeheuren Tumultes schien unvermeidlich
Da sprang ein alter Häuptling der Teutonen der sein Volk kannte auf das
Orchester ergriff eine Geige stellte sich als Dirigent hoch auf einen Stuhl
und begann die kindische Melodie »Ach du lieber Augustin Alles ist hin« Die
Musik fiel in klagenden Tönen ein Jeder sah nach der Höhe man erkannte den
ansehnlichen Mann der angestrengt auf der Geige kratzte die Stimmung schlug
plötzlich um es entstand ein allgemeines Gelächter Die Präsiden schmetterten
mit ihren Klingen auf die Tische dass mehr als eine zersprang und geboten Ruhe
die Führer aller Verbindungen traten zusammen erklärten den Kommers für
aufgehoben und forderten ruhigen Heimgang der Stämme weil sie selbst alles
Weitere in die Hand nehmen würden Zornig drängte die Studentenschaft zum Saale
hinaus und zerstreute sich zu ihren Sammelplätzen Aber in jedem Haufen wurden
die Vorfälle mit leidenschaftlicher Erbitterung besprochen und eilige
Gesandtschaften schritten durch die Nacht von einem Lager zum andern
Den Prinzen hatte der Kammerherr nach dem ersten Zusammenstoß aus dem Gewühl
gerettet Der Prinz saß in seinem Zimmer bleich und entsetzt über den Unfall
und die Folgen die er zu haben drohte Auch der Kammerherr war bestürzt denn
auf sein Haupt fiel die Verantwortung für diesen Skandal dabei sah er mit
wirklicher Teilnahme auf den jungen Fürsten der die Kränkung seiner Ehre so
tief empfand und wie gebrochen vor sich hinstarrte unempfänglich für den Trost
dass der Plebejer seine fürstliche Ehre so wenig zu kränken vermöge wie der
Sperling auf dem Baum
Nach einer schlaflosen Nacht empfing der Prinz die Ältesten der
Markomannen welche kamen um den Beschluss ihres Stammes zu verkünden Sie
erklärten dass ihr erster Häuptling Beppo erwählt sei die Stelle des Prinzen
bei den weiteren Verhandlungen mit den Arminen zu vertreten und der Senior bat
ritterlich ihm diese Ehre zu bewilligen Er fügte hinzu nach der Meinung
seiner Genossenschaft habe der Armine überhaupt keine Ansprüche auf den Vorzug
dass dem verruchten Schmähwort eine Forderung folge und wenn der Prinz jedes
weitere Eingehen verweigere würden die Markomannen alle Folgen auf ihre
Genossenschaft nehmen Aber sie wollten nicht verbergen dass sie mit dieser
Ansicht allein stünden ja dass sie in ihrem eignen Korps Widerspruch gefunden
hätten Und Alles erwägend hielten sie für die beste Auskunft wenn der Prinz
dem akademischen Brauch ein Zugeständnis mache dessen Größe sie allerdings tief
empfänden
Der Prinz war noch fassungslos der Kammerherr bat die Herren Sr Hoheit
einige Stunden Zeit zur Erwägung zu lassen
Unterdes trug unser Student den die Rücksicht auf seine Dissertation
gebändigt und vor persönlichen Verwickelungen bewahrt hatte die Kunde des
Unheils bestürzt an den Doctor da er sich in dieser Angelegenheit vor den
Rector nicht traute Der Doctor eilte zum Freunde der bereits durch die Pedelle
und Berichte der Polizei von dem unerfreulichen Ereignis wusste Ȇber den
persönlichen Streitfall des Prinzen ist mir bis jetzt keine Anzeige geworden es
ist vielleicht für ihn selbst und für die Universität wünschenswert dass eine
solche nicht erfolgt Ich werde wachsam sein und weitere Ausschreitungen zu
verhüten suchen und ich werde meine Amtspflicht nach jeder Richtung auf das
Strengste tun sorgt aber dafür dass ich über diese Angelegenheit nur erfahre
was mir Grundlage zu amtlichem Eingreifen werden kann«
Fast in derselben Lage wie unser Student war der Kammerherr auch er stellte
sich sorgenvoll beim Doctor ein erzählte den Streit und frug was der Doctor
von der Verpflichtung des Prinzen halte sich durch seinen Stellvertreter aus
einen Zweikampf einzulassen Der Doctor erwiderte mit Zurückhaltung »Jedes
Duell ist Unsinn und Unrecht Wenn der Erbprinz von dieser Ansicht durchdrungen
ist und die Folgen derselben für sein Leben und dereinst für seine Regierung auf
sich nehmen will so werde ich der letzte sein der gegen dies Martyrium etwas
einwendet Steht aber Ihr junger Herr nicht so sicher und frei über den
Vorurteilen seines Kreises und ist auch ihm die stille Ansicht eingepflanzt
dass es für Kavaliere und Militärs eine bestimmte Ehre gibt welche noch etwas
Anderes bedeutet als die Ehre eines Ehrenmannes und welche in gewissen Fällen
ein Duell nötig macht sollte Ihr Prinz nach solchen Anschauungen urteilen und
dereinst regieren wollen so will ich Ihnen allerdings bekennen dass ich ihm das
Recht nicht zugestehe den Ehrbegriffen unserer akademischen Jugend
entgegenzutreten«
»Sie sind also der Meinung« frug der Kammerherr »dass der Prinz sich auf
die angebotene Stellvertretung einlassen müsse«
»Ich habe weder Recht noch Wunsch hier eine Meinung auszusprechen«
versetzte der Doctor »Ich kann nur sagen dass mir die Stellvertretung auch
nicht gefällt Mir scheint die Sache so zu liegen entweder Vernunft oder
wenigstens persönlicher Mut«
Der Kammerherr stand schnell auf »Das ist ganz unmöglich es wäre nicht nur
eine unerhörte Abweichung von dem Herkommen und würde für den Prinzen neue
peinliche Verwickelungen herbeiführen es ist auch so vollständig gegen meine
Überzeugung von dem was einem Fürsten erlaubt ist dass davon unter keinen
Umständen die Rede sein kann«
Der Kammerherr entfernte sich nicht angenehm von der radikalen Auffassung
des Doctors berührt Nach der Heimkehr sagte er dem Prinzen »Die Angelegenheit
muss schnell beendet werden bevor der Fürst davon erfährt Höchstderselbe wird
bei der Persönlichkeit des Gegners Ew Hoheit jede Nachgiebigkeit auf das
Strengste untersagen und doch sehe ich dass die Beziehungen meines gnädigsten
Prinzen zu der Studentenschaft und vielleicht sogar andere persönliche
Verhältnisse auf das Äußerste gefährdet sind wenn es nicht gelingt den hier
üblichen Ansichten einigermaßen zu entsprechen Darf ich deshalb Ew Hoheit
einen Rat geben so ist es immer der dass Höchstsie dem Kreise in welchem wir
einmal leben eine große Bewilligung machen und Herrn von Halling als Vertreter
annehmen«
Der Prinz sah gedrückt vor sich nieder und sagte endlich »Das wird wohl das
Beste sein«
Der große Häuptling Beppo eine der besten Klingen der Universität sollte
sich also für den Erbprinzen schlagen Nun erwies sich aber dass die Arminen mit
dieser Vertretung keineswegs zufrieden waren sondern den unverschämten Anspruch
erhoben den Prinzen selbst in Faustandschuhen und Batistemd vor sich zu
sehen Namentlich Ulf der Dicke Urheber des ganzen Skandals erklärte dass er
den Markomannenführer ohnedies in seiner Brieftasche finde und nicht auf die
fröhliche Aussicht verzichten wolle mit ihm in Privatangelegenheiten einen Gang
unter kleinen Mützen abzumachen
Das war nicht zu leugnen indes ein großer Rat aller Senioren welchen die
Markomannen schnell zusammenriefen entschied dafür dass der Stellvertreter
anzunehmen sei Dagegen wurde die listige Forderung der Markomannen abgelehnt
dass der Armine zuerst gegen ihre Korpsgenossen auf die Kreide trete Sie wollten
dadurch den Prinzen der ganzen Sache überheben da anzunehmen war dass auch die
stämmige Kraft des Arminen lange beseitigt sein würde bevor nur die Hälfte der
Namen in seiner Brieftafel getilgt war Es blieb also nichts übrig als dass die
beiden Kämpfer zu zwei verschiedenen Malen aufeinander loshieben der Markomanne
zuerst im Namen des Prinzen »Wir wollen uns beide Mühe geben dass das zweite
Mal nicht nötig wird« sagte der Markomanne beim Aufbruch bedeutsam zum
Vertreter des Arminen
Jede Vorkehrung war getroffen den verhängnisvollen Zweikampf geheim zu
halten nur die Beteiligten wussten die Stunde selbst den Stammgenossen wurde
von anderen Tagen gesprochen denn die Pedelle waren wachsam die Universität
bereits von der höchsten Behörde aufgefordert mit allen Mitteln weitere Folgen
zu verhindern
Am Mittag vor dem Zweikampf lud der Prinz die Markomannen zu Tische es war
dabei so viel von ähnlichen Geschäften die Rede dass selbst dem Kammerherrn
unheimlich wurde Kurz vor dem Aufbruch stand der Prinz mit dem Senior in einer
Fensternische plötzlich fasste er die Hand des jungen Mannes hielt sie fest und
ein heftiges Schluchzen erschütterte ihm die Glieder Bewegt sah der tapfere
Knabe auf den Prinzen »Es wird Alles gut gehen Hoheit« sagte er tröstend
»Für dich aber nicht für mich« erwiderte der Prinz und wandte sich ab
Als gegen Abend der Erbprinz unstät durch die Zimmer ging machte der
Kammerherr der selbst trübe Gedanken loswerden wollte den Vorschlag heut
abend das Haus des Rectors zu besuchen Dies war der einzige Ort wo er sicher
war nichts von der widerwärtigen Geschichte zu hören und er war scharfsinnig
genug zu ahnen dass auch dem Prinzen dieser Besuch am ersten wohltun werde
Ilse wusste Alles Unser Student der wider Willen die Elster gespielt hatte
welche Unheil stiftend zwischen den Parteien auf und ab lief umkreiste immer
noch ängstlich das Haus des Rectors er wagte an einem Studentenabend bei Frau
Penelope zurückzubleiben als sich die Anwesenden in das Zimmer des Rectors
zogen erzählte der Fragenden den ganzen Streit schilderte die gefährliche Lage
des Prinzen und flehte Sr Magnificenz nichts von dem Vorfall zu sagen Als
heut der Prinz eintrat war unter den Anwesenden eine Spannung bemerkbar welche
solchen die in gefährliche Geschäfte verstrickt sind die Unbefangenheit nicht
zu erhöhen pflegt Der Kammerherr war liebenswürdiger als je und erzählte
hübsche Hofgeschichten aber er machte keine Wirkung Der Prinz saß verlegen auf
seinem Platz neben Frau Ilse auch aus ihren freundlichen Worten fühlte er den
Ernst er sah wie ihr Blick traurig auf ihm ruhte und sich schnell abwandte
als er die Augen aufschlug Endlich begann er mit unsicherer Stimme »Sie haben
mir früher die Köpfe berühmter Männer gezeigt darf ich Sie bitten mir den Band
noch einmal zu weisen«
Ilse sah ihn an und stand auf Der Prinz folgte ihr wie neulich zu der Lampe
des Nebenzimmers Sie legte den Band vor ihn er sah teilnahmslos darüber weg
und begann endlich leise »Mir lag nichts an den Köpfen nur mit Ihnen allein zu
sein Ich bin hilflos und sehr unglücklich Ich habe keinen Menschen auf Erden
der mir ehrlich rät was ich tun soll Ich habe einen Studenten gekränkt und
bin schwer von ihm beleidigt Jetzt soll ein Anderer für mich den Streit
ausfechten«
»Arme Hoheit« rief Ilse
»Sprechen Sie nicht so zu mir gnädige Frau wie ein Weib das ansieht
sondern als ob Sie mein Freund wären Dass ich Ihnen mit meiner Angst zur Last
falle macht mich in diesem Augenblicke vor mir selbst verächtlich und ich
fürchte ich werde es auch Ihnen sein« Er sah finster vor sich nieder
Ilse sprach leise »Ich kann nur reden wie mir ums Herz ist haben Hoheit
ein Unrecht getan so bitten Sie es ab sind Sie beleidigt worden so verzeihen
Sie«
Der Prinz schüttelte das Haupt »Das würde nichts nutzen es würde mich
aufs Neue beschimpfen vor allen Andern und vor mir selbst Nicht darum frage
ich Sie Nur Eines will ich wissen darf ich einen Andern meinen Streit
auskämpfen lassen weil ich ein Prinz bin Alle sagen mir ich müsste es tun
ich habe zu Keinem Zutrauen nur zu Ihnen«
Ilse stieg das Blut in das Antlitz »Ew Hoheit legen eine Verantwortung auf
meine Seele vor der ich erschrecke«
»Sie haben einmal zu mir die Wahrheit gesprochen« sagte der Prinz finster
»wie noch niemals ein Mensch auf Erden und jedes Wort aus Ihrem Munde war gut
und herzlich Und deshalb fordere ich auch dass Sie mir heut Ihre wahre Meinung
sagen«
»Dann also« rief Ilse ihn groß ansehend und das alte Sachsenblut wallte
in ihr auf »wenn Ew Hoheit Streit angefangen so müssen Sie ihn auch selbst
als Mann zu Ende führen und Sie selbst müssen dafür sorgen dass es in
ehrenvoller Weise geschehe Ew Hoheit dürfen nicht zugeben dass ein Anderer um
Ihres Unrechts willen Ihrem Gegner trotzt und seine gesunden Glieder in Gefahr
setzt Denn einen Fremden zu Unrecht verleiten und in Gefahr stürzen und dabei
ruhig zusehen das ist das Schrecklichste von Allem«
Der Prinz versetzte kleinlaut »Er ist mutig und dem Gegner überlegen«
»Und wie dürfen Ew Hoheit Ihren Gegner einer fremden Kraft preisgeben die
stärker ist als die Ihre Wenn Ihr Stellvertreter gewinnt oder verliert Sie
werden ihm mehr schuldig als man einem Fremden schuldig sein darf und durch
Ihr ganzes Leben wird Sie der Gedanke drücken dass er Mut bewiesen hat wo Sie
ihn nicht gezeigt haben«
Der Prinz wurde bleich und schwieg »Ich fühle ebenso« sagte er endlich
»Furchtbar ist Alles was auf diesem Wege liegt« fuhr Ilse mit gerungenen
Händen fort »Frevel hier und dort und blutdürstige Rache Aber ist Ihnen
unmöglich ein Unrecht zu verhindern so besteht doch Ihre Pflicht zu sorgen
dass es nicht größer werde und dass seine Folgen nicht auf Anderer Haupt sinken
nur auf das Ihre Und Alles in mir ruft Sie selbst müssen tun wo nicht was
Recht ist doch was am wenigsten Unrecht ist«
Der Prinz nickte mit dem Kopfe und saß wieder schweigend »Ich darf keinem
von meiner Umgebung etwas sagen« begann er endlich »am wenigsten dem dort« er
wies auf den Kammerherrn »Wenn ich verhindern soll dass ein Anderer an meiner
Statt den Streit ausficht so muss das in den nächsten Stunden geschehen Wissen
Sie Jemand der mir dabei helfen würde«
»Meinem Mann verbietet sein Amt in dieser Sache etwas für Ew Hoheit zu
tun Der Doctor aber«
Der Prinz schüttelte den Kopf
»Unser Student« rief Ilse »er ist Ew Hoheit aufrichtig ergeben er ist
ein Landsmann und fühlt großen Kummer über die Sache«
Der Prinz überlegte »Wollen Sie mir Ihren Diener für einige Stunden dieses
Abends erlauben sobald Sie seiner nicht mehr bedürfen«
Ilse rief Gabriel der am Tische beschäftigt war in das Zimmer und sagte zu
ihm »Tun Sie was Se Hoheit aufträgt« Der Prinz trat an das Fenster und
sprach leise mit dem Diener
»Verlassen sich Ew Hoheit ganz auf mich« sagte Gabriel und ging zu seinen
Tassen zurück
Der Prinz trat zu Frau Ilse welche unbeweglich dasaß und auf das Buch
starrte »Ich habe die Köpfe angesehen« sagte er ruhiger als er noch den Abend
gewesen war »und ich habe gefunden was ich suchte Ich danke Ihnen«
Ilse erhob sich und kehrte mit ihm zur Gesellschaft zurück
Die Gäste hatten sich entfernt und Ilse saß allein in ihrem Zimmer Was
hatte sie getan Vertraute eines Mannes bei blutigem Beginnen geheime
Beraterin bei gesetzloser Tat Sie ein Weib war Verbündete eines Fremden
sie die Gattin des Mannes der jetzt ein Wächter des Gesetzes sein sollte war
Helferin bei einem Verbrechen geworden Welcher finstere Geist hatte ihr die
Sinne betört als sie vertraulich der Rede des Andern antwortete und flüsternd
mit ihm verhandelte was sie dem eigenen Mann nicht zu gestehen wagte
Nein der sie verlockt hatte ein Fremder war er nicht Seit ihrer Kindheit
hatte sie mit innigem Anteil von ihm gehört er war der künftige Gebieter ihrer
Heimat einst Herr über Leben und Tod auf dem Felsen von dem sie hinabgestiegen
war in die Fremde Seit er zuerst vor sie trat so rührend in seiner freudelosen
Jugend in der weichen Hilflosigkeit seines Standes hatte sie zärtlich um ihn
gesorgt und was er ihr erwiesen hatte seit demselben Tage war ein
liebenswertes lauteres Gemüt Jetzt fasste sie bebende Angst auch um ihn Sie
hatte ihn in sein Schicksal getrieben sie trug die Schuld eines Beginnens das
seinem Stande für ungeheuer galt Wenn ihm zum Unheil wurde was sie geraten
wenn der Gegner den armen schwachen Jüngling bis zum Tode traf wie wollte sie
das ertragen in ihrem Gewissen
Sie sprang auf und wiederrang sie die Hände Der Gatte rief ihren Namen sie
fuhr zusammen denn sie fühlte sich in einer Schuld gegen ihn Und wieder frug
sie bange »Welcher böse Geist hat mich verwirrt Bin ich nicht mehr die ich
war Wehe mir ich habe mich nicht gehalten wie einer Christin geziemt nicht
als eine bescheidene Frau die den Schrein ihrer Seele öffnen soll nur vor
Einem Dennoch aber« rief sie ihr Haupt erhebend »wenn er wieder vor mir
stände und noch einmal früge ob er als Mann handeln soll oder als ein
Schwächling ich würde ihm wieder dasselbe sagen und immer wieder Der Herr
schütze mich«
Als Krüger in das Schlafzimmer trat den Prinzen auszukleiden gab ihm
dieser in kurzem Ton Aufträge welche den Lakaien höchlich befremdeten Da er
aber dadurch seine vertraute Stellung befestigt sah versprach er Gehorsam und
Schweigen Er löschte die Lampen und ging auf seinen Posten Nach einer Stunde
führte er den Studenten welcher von Gabriel abgeliefert wurde durch eine
Seitentür in das Schlafzimmer des Prinzen Dort fand eine leise Unterredung
statt deren Folge war dass der Student in großer Aufregung aus dem Hause eilte
und dem harrenden Gabriel den Auftrag gab zu früher Morgenstunde eine Droschke
an die nächste Straßenecke zu bestellen
In dem Saale eines abgelegenen Kaffehauses vor der Stadt war beim ersten
Morgenlicht eine ernste Gesellschaft versammelt die Blüte der Korps und
Verbindungen erprobte Gesellen von verwegenem Aussehen für jedes Studentenherz
ein gewaltiger Anblick heut sollten nacheinander mehre von den vielen
Blutverträgen jenes Abends ausgeführt werden Das erste Geschäft sollte der
Studentenehre des Erbprinzen gelten Die Kämpfer waren ausgezogen und in ihre
Fechtertracht gekleidet Jeder stand mit seinem Secundanten und Zeugen in einer
Ecke des Saales der Doctor es war der alte Teutone von der Geige hatte in
einem Winkel sein Verbandzeug ausgebreitet und sah mit grimmigem Behagen auf die
bevorstehende Arbeit welche ihm neue lehrreiche Curen versprach Aber die
Arminen waren aufsässig noch einmal traten ihre Secundanten vor den
Unparteiischen und erhoben Beschwerde dass der Prinz nicht gegenwärtig sei um
wenigstens durch seine Anwesenheit den Vertreter zu bestätigen Sie forderten
deshalb dass der bevorstehende Gang nicht für ihn gerechnet werde sondern als
persönlicher Kampf der beiden Studenten welche miteinander in mehrfache zarte
Beziehungen getreten waren Da die Markomannen kein gutes Gewissen hatten denn
sie hatten bei den Verhandlungen diesen Punkt zweideutig zu umgehen gewusst
machten sie jetzt den Vorschlag dass der Prinz nachträglich mit dem Arminen oder
dessen Secundanten am dritten Ort zusammenkommen sollte damit zwischen beiden
die gebräuchliche Versöhnung stattfinde
Noch wurde darum gehandelt mit Erbitterung aber in kurzen Worten wie der
Zwang dieser Stunde gebot da pochte der Fuchs welcher die Wache an der Treppe
hatte es war ein junger Armine zweimal an die Tür Alle standen
unbeweglich Nur die Secundanten rafften die Schläger zusammen und warfen sie in
eine finstere Kammer und unser Student der als Zeuge seinem Stammgenossen noch
seidene Stränge über die Pulsadern der Hand legte sprang schnell an die Tür
und öffnete Eine kleine Gestalt im Mantel und runden Hut trat herein es war
der Erbprinz Er nahm den Hut ab sein Gesicht sah etwas bleicher aus
gewöhnlich aber er begann mit ruhiger Haltung »Ich bin heimlich hergekommen
ich bitte die Anwesenden mir zu erlauben dass ich mir selbst Genugtuung hole
und ich bitte Sie Nachsicht mit mir zu haben wenn ich mich in dem Brauch
ungeübt zeige denn es ist das erste Mal dass ich mich versuche«
Es entstand eine Stille so tief dass man das leise Schwirren des Rappiers
hörte welches in eine Ecke geschleudert war alle Anwesenden empfanden dass
dies ein wackeres Tun war Nur Beppo der Markomanne stand bestürzt und
begann »Schon deine Gegenwart genügt die letzten Schwierigkeiten zu
beseitigen ich bestehe darauf dass nicht umgeworfen wird was beschlossen ist«
und leiser fügte er hinzu »Ich beschwöre Ew Hoheit nicht das Unnötige zu
tun es ladet uns allen eine Verantwortung auf die wir nicht übernehmen
dürfen«
Der Prinz erwiderte fest »Du hast dein Versprechen erfüllt ich werde dir
für den Willen ebenso dankbar sein als für die Tat Aber ich bin
entschlossen« Er zog seinen Rock aus und sagte »Legt mir die Binden an«
Der Secundant des Arminen wandte sich zum Unparteiischen »Ich bitte den
Gegner zur Eile zu mahnen wir sind nicht hier um Artigkeiten zu wechseln will
sich der Prinz selbst Genugtuung holen wir sind bereit« Die Markomannen
rüsteten den Prinzen und man darf den tapfern Gesellen das Zeugnis nicht
versagen sie taten es mit so inniger Ehrerbietung und ängstlicher Sorgfalt
als ob sie in der Tat Krieger des Volksstammes wären dessen Namen sie trugen
und ihr junges Königskind zum tötlichen Einzelkampfe stellen sollten
Der Prinz trat auf den Kreidestrich seinem Secundanten einem harten
Balafré zitterte die Waffe in der Hand als er sich neben ihm auslegte
»Gebunden Los« Die Klingen sausten in der Luft Der Prinz hielt sich nicht
schlecht eine lange Gewöhnung sich vorsichtig zu beherrschen kam ihm zu gut
er vermied gefährliche Blössen zu geben und sein Secundant zog sich eine herbe
Warnung des Unparteiischen zu weil er ohne Rücksicht auf seine eigenen Glieder
im Bereich des feindlichen Stahles lag Der Armine war an Kraft und Kunst weit
überlegen aber er gestand später seinen nächsten Freunden es sei ihm doch
störend gewesen das Fürstenkind leibhaftig im Bereich seines Schlägers zu
sehen Nach dem vierten Gange strömte das Blut von Ulfs breiter Backe auf das
Hemd Sein Secundant forderte Fortsetzung des Kampfes der Unparteiische
erklärte den Streit für beendet Der Prinz stand still auf seinem Platze jetzt
entfiel der Schläger seiner Hand und ein leises Zittern bewegte die Finger
aber sein Mund lächelte und es war ein guter Ausdruck in den frohen Zügen Ein
Knabe hatte durch die ernste Viertelstunde das Selbstgefühl eines Mannes
gewonnen Bevor der Prinz sich zu seinem Gegner wandte fiel er dem Markomannen
um den Hals und sagte »Jetzt kann ich dir von Herzen danken« Der Unparteiische
führte ihn zum Gegner der unwillig vor dem Doctor stand und doch auch ein
Lächeln nicht unterdrücken konnte das ihm weh genug tat und Beide reichten
einander die Hände Nun traten auch die Arminen grüßend zu dem Prinzen während
der Unparteiische in den Saal rief »Zweiter Fall«
Aber der Prinz der seinen Mantel wieder umgetan hatte ging zu dem Leiter
des Zweikampfes und begann »Ich kann nicht fortgehen ohne eine große Bitte
auszusprechen Ich bin unglücklicher Weise die Veranlassung des peinlichen
Vorfalles gewesen welcher jetzt die Studentenschaft entzweit ich weiß wohl
dass ich gar kein Recht habe hier einen Wunsch zu äußern aber es wäre mir eine
freudige Erinnerung für immer wenn ich dazu beitragen könnte dass Versöhnung
und Friede beschlossen würde«
Von seinen Markomannen hätte er in diesem Augenblick das Schwerste fordern
dürfen aber auch die Andern standen unter dem Eindruck eines ungewöhnlichen
Erlebnisses Ein beifälliges Murmeln ging durch den Saal sogar der
Unparteiische rief mit lauter Stimme »Der Prinz hat ein gutes Wort gesprochen«
Die düstern Blicke Einzelner wurden nicht beachtet die Secundanten und Senioren
berieten in der Mitte des Saales das Ergebniss war dass die schwebenden
Forderungen zunächst zwischen den Anwesenden ausgeglichen und eine allgemeine
Versöhnung eingeleitet wurde
Der Prinz verließ von den Markomannen umdrängt das Haus und sprang in den
Wagen Krüger öffnete ihm die Tür des Schlafzimmers Der Kammerherr war über
die lange Ruhe seines jungen Herrn gerade an diesem Morgen sehr verwundert als
er nach der Meldung des Kammerlakaien zum Frühstück eintrat fand er seinen
Prinzen behaglich am Tisch sitzen Nachdem Krüger hinausgegangen war begann der
Prinz »Das Duell ist abgemacht Weidegg ich habe mich selbst geschlagen« Der
Kammerherr stand erschrocken auf »Ich sage Ihnen das weil es Ihnen doch kein
Geheimnis bleiben würde Ich hoffe der Streit unter den Studenten wird damit
abgemacht sein Sprechen Sie mir nichts dagegen und regen Sie sich selbst nicht
auf ich habe getan was ich für recht hielt oder doch für das kleinste
Unrecht und ich bin froher als ich seit langer Zeit war«
Die Häupter der Markomannen hatten von den übrigen Anwesenden das Wort
erbeten dass die einzelnen Vorgänge dieses Morgens nicht verbreitet werden
sollten und man muss annehmen dass Jedermann sein Wort gehalten habe Dennoch
flog durch Universität und Stadt blitzschnell die Kunde dass der Prinz selbst
durch wackeres Verhalten die Händel ausgeglichen habe Und der Kammerherr
erkannte aus frohen Andeutungen der Markomannen und aus den freundlichen Grüssen
welche sein junger Herr auf der Straße erhielt noch mehr aber aus der
veränderten Haltung des Prinzen selbst dass der heimliche Zweikampf doch eine
gute Seite gehabt hatte und das versöhnte ihn ein wenig mit dem ärgerlichen
Ereignis
Als der Prinz einige Zeit darauf das Haus des Rectors betrat wurde er in
das Arbeitszimmer geführt und Werner begrüßte ihn lächelnd »Ich war genötigt
meiner Regierung über die letzten Vorfälle zu berichten und gemäß der
übereinstimmenden Aussage der vorgeladenen Studenten beizufügen dass Ew Hoheit
Dazwischentreten wesentlich dazu beigetragen hat den Frieden wieder
herzustellen Mir ist der Auftrag geworden Ihnen dafür warme Anerkennung der
akademischen Behörde auszusprechen Persönlich erlaube ich mir dem Wunsch Worte
zu geben dass Alles was Ew Hoheit in diesen Tagen erlebt Ihnen immer eine
angenehme und fruchtbare Erinnerung sein möge«
Als der Prinz sich vor Frau Ilse verneigte sagte er leise »Es ist Alles
gut gegangen ich danke« Ilse sah stolz auf ihren jungen Herrn und doch war
die bange Unsicherheit der letzten Tage nicht ganz von ihr genommen sie war dem
Prinzen gegenüber stiller als gewöhnlich
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Alles gestört
Der Frühling flog lustig durch das Land Die Blütensträucher und die Beete der
Gärten prangten stolz in den Farben ihrer Verbindung in diesem Jahre sangen
wirklich Staare in den Kästen des Herrn Hahn und auf der Waldwiese vor dem
Garten des Herrn Hummel freuten sich Hahnenfuss und wilder Lauch der feuchten
Wärme Den akademischen Bürgern wurde es eine behagliche Zeit die Händel des
Winters waren abgetan die Pedelle zogen um zehn Uhr das Nachtcamisol an und
die Vorlesungen der Herren Professoren liefen gemütlich nebeneinander hin wie
Mühlräder bei hohem Stande des Wassers
Auch der Rector genoss die Ruhe und sie war ihm zu gönnen denn Ilse sah
besorgt dass seine Wange hagrer war als sonst und dass am Abend zuweilen eine
Ermüdung über ihn kam die er früher nicht gekannt »Er solle auf einige Monate
sein Arbeitszimmer verlassen« riet der Arzt »das würde ihm wieder für Jahre
die Spannung geben jedem Gelehrten tue zwei drei Mal im Leben solche
Erfrischung not eine Reise wäre die beste Cur«
Felix lachte dazu aber die Hausfrau bewahrte den Rat in treuem Gemüt und
suchte unterdes den Gatten so oft als möglich von seinen Büchern in das Freie zu
entführen Auch heut zog sie ihn am Arm durch Wald und grüne Wiesen Sie wies
ihm Schmetterlinge die über den Feldblumen flatterten und Vögelschwärme
welche in der warmen Luft dahinzogen »Jetzt ist die Zeit deiner Unruhe von der
du mir einst erzählt hast fühlst du nichts davon«
»Ja« sagte der Professor »und wenn du mit mir ziehen willst so machen wir
wenigstens in Gedanken eine gemeinsame Reise in die Ferne«
»Du willst mich mitnehmen« rief Ilse erfreut »Ich bin wie ein Murmeltier
ich kenne nur die Höhle aus welcher mein Herr mich geholt und den Deckel des
Kastens in dem er mich füttert Darf ich wünschen so fordere ich mir Eisberge
welche hoch über die Wolken ragen und Abgründe die steil ins Unermessliche
fallen Aber aus den Bergen steige ich hinab zum Oelbaum und Orange seit Jahren
habe ich von den Menschen gehört welche dort gelebt haben euch allen lacht das
Herz sooft ihr von dem blauen Meer und der Herrlichkeit alter Städte redet Das
möchte ich sehen deine Worte dazu hören und die Freude fühlen die du beim
Wiedersehen von Allem hast was dir dort liebgeworden ist«
»Gut« versetzte der Professor »also die Alpen dann bis Neapel Ich habe
nur zuerst einige Wochen in Florenz für den Tacitus zu arbeiten«
Hui dachte Ilse da ist der Kodex wieder
Sie saßen unter der großen Eiche nieder einem Riesen des Mittelalters der
das neue Baumgeschlecht im Stadtwald überragte wie die Kuppel Sanct Peters die
Dächer und Türme der heiligen Stadt Und unter dem hohen Laubgewölbe zu dem
Ilse gern die Schritte lenkte machten sie lustige Reisepläne zu Pinien und
Kactushecken
Als sie aus dem Gehölz in die nahe Lichtung traten sahen sie unter den
Wiesenblumen die Livree eines Lakaien sie erkannten den Prinzen mit seinem
Begleiter neben ihnen einen Wirt aus dem nächsten Dorfe Die Herren traten
grüßend heran »Hier wird ein Anschlag gegen einige Stunden Ihrer Musse gemacht«
rief der Kammerherr dem Professor zu und der Prinz begann »Ich habe den
Wunsch einige Herren und Damen von der Universität ins Freie zu bitten da ich
hier doch nicht die Freude haben kann sie in eigenem Hause zu sehen Es soll
keine große Gesellschaft sein und so ländlich als möglich Wir haben an diesen
Platz gedacht weil die gnädige Frau ihn öfter gerühmt hat Und ich werde Ihnen
dankbar sein wenn Sie mir noch mit gutem Rat aushelfen wollen wie die Sache am
besten einzurichten ist«
»Wenn Ew Hoheit den Frauen eine Freude machen will so laden Sie auch die
Kinder ein Ist es zugleich ein Kinderfest so sind Hoheit sicher dass es allen
eine gute Erinnerung hinterlässt«
Das wurde angenommen Es erschienen zierliche Einladungen durch welche
Rector und Decane und die Herren Professoren mit denen der Prinz persönlich
bekannt war nebst ihren Familien für ein Fest im Freien geworben wurden Der
Gedanke fand bei Großen und Kleinen Beifall und unter den Bekannten der Frau
Professorin regte sich frohe Erwartung
Auch Laura hatte eine Einladung erhalten und ihre Freude war groß Als sich
aber am Abend ergab dass der Doctor nicht eingeladen war wurde sie unwillig
»Mir fällt nicht ein seinen Anwalt zu machen« sagte sie zu Ilse »doch er
ist genau in meiner Lage wenn man mich um deinetwillen eingeladen hat so musste
man deines Mannes wegen auch ihn auffordern Dass man dies versäumt hat ist eine
Tactlosigkeit oder etwas Schlimmeres Und da er nicht gebeten ist bin ich
entschlossen auch nicht zu gehen Denn Fritz Hahn mag sonst sein wie er will
eine Nichtachtung hat er von diesen vornehmen Leuten nicht verdient«
Vergebens suchte ihr Ilse auseinander zu setzen dass der Doctor dem Prinzen
von dem doch die Einladung ausgehe keinen Besuch gemacht Laura blieb
eigensinnig und versetzte »Du bist ein beredter Verteidiger deines Prinzen und
in den Gebräuchen vornehmer Leute besser bewandert als ich dir zugetraut hätte
Ich aber werde zum Feste schulkrank darauf verlass dich Wenn nicht anging den
drüben zu laden so geht es bei mir auch nicht an Sag aber dem Doctor nichts
davon damit Fritzchen sich nicht etwa einbildet ich täte es ihm zu Liebe es
ist nicht Freundschaft für ihn sondern Bosheit gegen die Hofherren«
An einem Sonntag fuhr zuerst ein großer Vorratswagen mit Krüger und einem
Koch in die Nähe der großen Eiche Kutschen des Prinzen holten die Herren und
Damen ein Omnibus mit Laubgewinden und Kränzen verziert lud die Kinder der
Familien zusammen Auf der Wiese war ein Zelt errichtet seitwärts durch Gebüsch
verdeckt eine Breterhütte mit aufgestelltem Kochherd eine Musikbande saß
versteckt im Walde und empfing die ankommenden Familien Der Prinz und sein
Kammerherr begrüßten an der Waldecke und geleiteten zum Mittelpunkt des grünen
Festraumes wo ein ungeheures Werkstück höchster Bäckerkunst den Leuchtturm
bildete in dessen Nähe man sich vor Anker legte Bald verriet Geklirr der
Tassen dass man sich der unvermeidlichen Vorbereitung zu gemütvoller deutscher
Fröhlichkeit hingab Im Anfang waren die Geladenen feierlich das Ungewöhnliche
des Festes verursachte Erwägung Als aber Raschke seine Rockschösse fasste und
sich im Grase lagerte als die andern Herren ihm folgten und dargebotene
Zigarren anzündeten bekam die Wiese ein teokritisches Aussehen Da saß der
Rector auf dem Rasen die Beine wie ein Türke zusammengeschlagen daneben der
Konsistorialrat auf einem Stuhle und etwas entfernt auf einem abgeschlagenen
Baumstamm der immer noch feindliche Struvelius mit seinem starrenden Haar und
der schweigsamen Weise dem kummervollen Geist der alten Weide ähnlich Abseits
von ihnen aber tronte auf einem alten Ameisenhaufen über den er sein
Taschentuch gebreitet hatte Magister Knips er hielt seinen runden Hut
ehrerbietig unter dem Arm und stand auf sooft der Prinz in seine Nähe trat
Unterdes war der Prinz bemüht die Damen zu unterhalten seit den letzten
Vorfällen des Winters war er ohnedies Liebling der Frauen heut eroberte er
vollends durch verlegene Anmut die Herzen der Mütter und Töchter Er sprach
verbindlich mit jeder Einzelnen winkte den Lakaien wo es fehlte war um Alles
besorgt und lachte über sich selbst wenn er nicht Bescheid wusste Ilse und er
arbeiteten im stillen Einverständnis einander in die Hände der Frauenwelt
Liebenswürdiges zu erweisen Ilse gehoben von dem Gedanken dass ihr Prinz den
Leuten so gut gefalle und der Prinz im Herzen selig über die kleine gemeinsame
Arbeit die er mit der Frau Rectorin besorgte
Noch nie hatte er sich ihr so vertraulich nahe gefühlt als heut Er sah nur
sie er dachte nur an sie Im Geschwirr der Redenden unter den Klängen der
Musik lauschte er auf jedes Wort aus ihrem Munde Sooft er zu ihr trat empfand
er das warme Leben der schönen Frau wie einen wonnigen Zauber Sie fasste nach
einem Baumblatt ihr Spitzenärmel streifte sein Gesicht und von der Berührung
des feinen Gewebes rötete sich ihm die Wange Ihre Hand ruhte einen Augenblick
auf der seinen als sie ihm einen bunten Käfer darbot und er fühlte den
flüchtigen Druck wie einen Schlag im Herzen »Der Käfer weiß Ew Hoheit Zukunft
Sie dürfen ihn fragen Liebes Marienvögelein wie lange werd ich lustig sein
ein Jahr zwei Jahr und so fort bis er entfliegt« Der Prinz begann den Spruch
aber war noch nicht bis zum ersten Jahr gekommen als der Käfer davonflog »Das
gilt nicht Ihnen« tröstete Ilse lachend »der Kleine war noch böse auf mich«
»Lieber will ich das Unglück tragen« versetzte leise der Prinz »als dass es
Ihnen naht« Da nun Ilse betroffen durch den innigen Klang seiner Worte sich
zu den Frauen wendete hob er verstohlen das Tuch auf welches ihr von der
Schulter geglitten war und drückte es hinter dem Baum an seine Lippen
Lauter wurde die junge Welt als aus der Hütte hinter dem Busch zwei Männer
hervortraten mit rotem Rock und Trommel und die Jugend zu einem Vogelschiessen
einluden Der Kammerherr nahm die Aufsicht über die Knaben Ilse über die
Mädchen Jäger und Lakai halfen bei den Armbrüsten die Bolzen knallten ohne
Aufhören gegen den Leib der aufgerichteten Vögel denn das Treffen war bequem
gemacht und wer gerade nicht schoss konnte Preise bewundern welche auf zwei
Tischen ausgestellt waren Es ging Alles schnell wie bei einem Hoffest
schicklich ist die Lakaien durchwanderten unaufhörlich die Gesellschaft mit
jeder denkbaren Erfrischung die Splitter der Vögel fielen wie Hagel und der
Prinz verteilte die Preise an die Kinder die ihn umdrängten Berta Raschke
wurde Schützenkönigin ein kleiner Konsistorialrat ihr Mitregent Jauchzend
zogen die Kinder mit ihren Geschenken hinter den Trommlern bis zu einer langen
Tafel wo ihnen eine Mahlzeit bereitet war Sie mussten niedersitzen in der
Mitte König und Königin Jäger und Lakaien trugen die Gänge eines feinen Soupers
auf Der Kammerherr hätte nichts Besseres erfinden können die Eltern zu
verbinden auch die Väter traten hinter die Stühle und freuten sich innig wie
die Kleinen aus den Krystallgläsern unschädlichen Wein tranken und selig aus
rosigen Gesichtern die gemalten Teller und silbernen Aufsätze der Tafel
anstaunten Bald wurden sie lustig zuletzt erhob sich sogar der kleine
Konsistorialrat und brachte die Gesundheit des Prinzen aus alle Kinder
schrien hoch die Trommler trommelten die Musik fiel ein und die Eltern
umstanden dankend den Festgeber Ilse aberbrachte eine Schärpe getragen welche
die Frauen von Feldblumen geflochten hatten und bat den Prinzen um die
Erlaubnis ihm die Schärpe anzulegen Er stand unter den frohen Menschen selbst
gehoben durch die harmlose Freude welche die Andern erfüllte und durch die
achtungsvolle Neigung welche ihn aus allen Augen ansah Mit stummem Dank
blickte er zu Ilse herüber und ohne Veranlassung wurden ihm die Augen feucht
Und wieder schrien die Kinder ihr Hoch und die Trommler wirbelten
Da sprengte ein Reiter in fremder Dienertracht aus dem Walde heran der
Kammerherr trat bestürzt zu dem Prinzen und überreichte ihm einen Brief mit
schwarzem Siegel Der Prinz eilte in das Zelt der Kammerherr folgte ihm
Der junge Herr hatte bei Feldblumen kein Glück Die Festfreude war dahin
die Gesellschaft stand teilnehmend und unsicher in Gruppen um das Zelt Endlich
trat der Kammerherr heraus während er sich an den Rector wandte und die
Anwesenden ihn umdrängten sah Ilse den Prinzen an ihrer Seite tiefe Trauer im
Angesicht »Ich bitte Sie mich bei den Damen zu entschuldigen wenn ich mich
sogleich entferne Der Gemahl meiner Schwester ist nach kurzer Krankheit
gestorben und meine arme Schwester ist sehr unglücklich geworden« Der Schmerz
zuckte in seinem Gesicht als er fortfuhr »Ich selbst habe meinen Schwager
wenig gekannt aber er war gegen meine Schwester sehr gut und sie fühlte sich
bei ihm glücklicher als je in ihrem Leben Sie schreibt mir in Verzweiflung und
das Unglück ist für sie ganz unsäglich Wie die Verhältnisse sind wird sie an
ihrem jetzigen Wohnort nicht bleiben dürfen ich sehe voraus dass sie wieder zu
uns zurückkehren muss Das ist unser bitteres Schicksal nirgend ruhig zu
bleiben immer wieder gewaltsam herausgerissen zu werden Und ich weiß mich
wird ein ähnliches Unglück treffen Ich fühle mich jetzt hier wohl Ihnen darf
ich das gestehen auch mir macht dieser Todesfall Vieles unsicher ich ahne er
wird auch mich von hier fortziehen Ich reise morgen auf einige Tage zu meiner
Schwester denken Sie mit Teilnahme meiner« Er verneigte sich und trat in das
Zelt zurück in den nächsten Minuten rollte sein Wagen der Stadt zu
Ilse eilte zu ihrem Gatten dem vom Kammerherrn die Bitte ausgesprochen war
bei der Gesellschaft seine Stelle zu vertreten Man beschloss sogleich
aufzubrechen Die Kinder wurden in die Wagen gesetzt die Erwachsenen kehrten in
ernstem Gespräch zur Stadt zurück
Unterdes saß die schulkranke Laura in ihrem Stübchen und stöberte unter den
alten Liederdrucken Nach jener Begegnung im Dorfgarten war sie mit Schrecken zu
der Erkenntnis gekommen dass die Tage ängstlicher Sorge um den Doctor ihren
Schatz sehr vermindert hatten wohl ein Dutzend und nicht der schlechtesten
war leidenschaftlich hinübergeschleudert die Schnüre an welchen sie das
Sammlerherz drüben festhielt drohten dünn zu werden Deshalb war das Trinklied
für längere Zeit die letzte Spende geblieben Heut aber wo Fritz eine
Behandlung erfahren hatte welche ihr mehr Kummer machte als ihm selbst musste
sie auf einen kleinen Trost für ihn denken
Ein schwerer Tritt auf der Treppe störte die Wahl Laura hatte kaum Zeit
ihren Schatz in die geheime Schublade zu werfen als schon die schwere Hand des
Herrn Hummel auf die Klinke drückte Das war ein seltener Besuch und Laura
empfing ihn mit der Ahnung dass er auch heut nicht ohne ernste Veranlassung
erfolge Herr Hummel trat dicht vor seine Tochter und betrachtete sie
sorgfältig als wäre sie eine neue Pariser Erfindung »Du hast also Kopfschmerz
und konntest die Einladung nicht annehmen Das bin ich an meiner Tochter nicht
gewöhnt Bei deiner Mutter kann ich nicht verhindern dass ihr Gefühl zuweilen in
das Gehirn steigt von deinem Kopf fordere ich dass er unter allen Umständen
frei bleibe Weshalb bist du also der Einladung nicht gefolgt«
»Es wäre mir ein unerträglicher Zwang gewesen« sagte Laura
»Ich verstehe« versetzte Herr Hummel »Ich bin nicht sehr für Fürsten ich
bin auch nicht gegen sie Ich kann nicht finden dass sie einen größeren Kopf
haben als andere Leute und ich bin deshalb veranlasst sie als einfache Kunden
der bürgerlichen Gesellschaft zu betrachten welche nicht immer Numero Eins
weder sind noch tragen Jedoch wenn dich ein Prinz mit andern anständigen
Personen zu einem ehrbaren Sommervergnügen einladet und du dich weigerst so
frage ich als Vater nach dem Grund und zwischen dir und mir soll jetzt von
Kopfschmerz keine Rede sein«
Laura erkannte an dem unwirschen Blick des Vaters dass er noch Anderes im
Schilde führe »Wenn du die Wahrheit wissen willst ich mache dir kein Geheimnis
daraus Ich bin nicht meiner selbst wegen eingeladen denn was liegt den Leuten
an mir sondern als Tischzugabe unserer Hausgenossen«
»Das wusstest du doch auch als die Einladung ankam und damals fuhrst du vor
Freude in die Höhe«
»Mir ist der Gedanke erst nachher gekommen«
»Als du erfuhrst dass der Doctor von drüben nicht geladen war« sagte
Hummel »Deine Mutter ist eine sehr brave Frau vor der ich alle Hochachtung
habe aber ihr begegnet zuweilen dass man ihr ein Geheimnis abschrauben kann
Wenn du also etwas spintisirst was weder die Welt noch dein Vater erfahren
soll so wird es klug sein das Niemandem anzuvertrauen weder in unserm Hause
noch in einem andern«
»Gut also« rief Laura entschlossen »wenn du es gemerkt hast so höre es
noch einmal von mir Ich bin ein Bürgerkind wie Fritz Hahn drüben er ist öfter
als ich mit den Herren vom Hofe zusammengetroffen dass man auf ihn keine
Rücksicht nahm hat mir klar gemacht dass man meinesgleichen als eine
überflüssige Beigabe betrachtet«
»Also der drüben ist deinesgleichen« frug Herr Hummel »das gerade war es
was ich dir ausreden wollte Ich möchte nicht dass du deine Gefühle nach den
Wettergläsern von dort drüben einrichtest Ich möchte nicht dass Hahn junior auf
den Gedanken käme einmal einen Schwibbogen über die Gasse zu bauen und in
Schlafschuhen von einem Haus in das andere zu wandeln Der Gedanke gefällt mir
nicht Ich will dir nur einen Grund anführen der mit meinem alten Zorn gar
nichts zu tun hat Er ist seines Vaters Sohn und er hat keine rechte Kourage
für das Leben Wer aushalten kann Jahr für Jahr in dem Strohnest zu sitzen und
Bücher aufzuklappen der wäre wenn ich mich als Mädchen betrachte nicht mein
Mann Es ist möglich dass er sehr gelehrt ist und gerade die Dinge weiß um die
sich andere Menschen wenig kümmern ich habe aber noch nicht gehört dass er sich
dadurch etwas Ordentliches verdient hat Deshalb wenn geschehen könnte was
nicht geschehen wird solange das Grundstück drüben ein Hühnerhof ist wenn ich
Heinrich Hummel zugeben wollte dass mein einziges Kind vor der weißen Muse
Strümpfe strickte so wäre dies für mein Kind selbst ein Unglück Denn du bist
meine Tochter Du bist innerlich ebensosehr ein Dickkopf wie ich von außen und
wenn du unter solche schwachherzige Leut gerätst wirst du sie jämmerlich
unterbuttern und du selbst wirst darüber unglücklich werden Deshalb also bin
ich der Meinung dass dein Kopfschmerz eine Narrheit war und ich wünsche nie
wieder von Leiden dieser Art zu hören Guten Tag Fräulein Hummel« Er schritt
zur Tür hinaus und brummte auf der Treppe »Blühe liebes Veilchen das ich
selbst erzog«
Laura saß am Schreibtisch und stützte das schwere Haupt mit beiden Händen
Das war ein fürchterlicher Auftritt die Reden des gewaltigen Vaters rissen ihr
die Seele wund Aber in seiner höhnenden Betrachtung des Nachbarsohnes war doch
eine Wahrheit die ihr selbst schon wie eine feindliche Spinne über die bunten
Blätter ihrer Teilnahme gekrochen war Er musste hinaus in die Welt Unten die
Freunde dachten daran in die Ferne zu ziehen ach sie selbst war ein armer
Vogel der vergebens aufflatterte weil die Fessel am Fuß zurückhielt Er aber
konnte sich lösen Sie verlor ihn aus der Nähe sie verlor ihn vielleicht für
immer aber das durfte sie nicht hindern ihm die Wahrheit zu sagen Hastig fuhr
sie unter die alten Druckblätter mit Mühe fand sie ein Reiselied welches
allerdings nicht recht auf den Doctor passte insofern es die Gefühle eines recht
lüderlichen Landstreichers aussprach Das Lied war schlimm aber es gab nichts
Besseres unsre Vorfahren fanden sofern sie sich nicht gerade der Wegelagerei
befleissigten geringes Vergnügen auf der Landstraße Der Brief musste das Beste
tun Sie schrieb also »Die Sommervögel fliegen auch die sehnsüchtigen Träume
der Menschen suchen die Ferne Zürnen Sie nicht wenn der Absender Sie bittet
etwas von der Stimmung dieses losen Liedes in Ihr eigenes Leben aufzunehmen Für
Sie ist die Heimat zu enge Ihr Wert wird hier nicht erkannt wie Sie
verdienen Sie selbst entbehren in dem stillen Hause der Eltern die Erfahrungen
welche der Mann gewinnt wenn er sich durch eigene Tüchtigkeit ein neues Leben
formt Wohl weiß ich dass Ihre höchste Aufgabe immer sein wird durch
Schriftwerke Ihre Wissenschaft zu fördern Das vermögen Sie überall zu tun
Aber Sie sollten doch nicht verschmähen auch im persönlichen Verkehr auf
Jüngere lehrend zu wirken und sich selbst an den Kämpfen Ihrer Zeit tätig zu
beteiligen Auf Herr Doctor auch Ihnen singt hier der unbekannte Vogel sein
Wanderlied Mit Schmerz werden die Zurückbleibenden Sie missen«
Zu derselben Stunde saß Gabriel in seiner Kammer und bürstete die letzten
Stäubchen von dem Festgewand das er über den Stuhl gebreitet hatte zu seinen
Füßen leckte sich der rote Hund die Pfote und ließ zuweilen leises Geknurr
hören das fast wie ein Seufzer klang Gabriel betrachtete unzufrieden den Hund
»Schöner bist du im letzten Winter nicht geworden und besser auch nicht Dein
tückisches Dasein ist nur auf deine Schüssel und die Beine der Vorübergehenden
gerichtet Ich wüsste nicht dass einmal ein Hund der Menschheit so verhasst
gewesen wäre wie du und kein Hund hat diesen Hass so verdient Deine einzige
Freude ist zu verachten was wohlanständig ist Denn was ist dir der liebste
Festtag wenn es geregnet hat und die Pfützen auf dem Wege stehen und ein
Sonnenblick die Leute verführt in den Wald zu spazieren Dann lauerst du auf
der Steintreppe und kommt ein junges Mädchen vor deine Augen in recht hellem
Sommerkleide so springst du mit einem Satz vor ihr in die Pfütze wie ein
Frosch dass ihr Kleid bis an den Hals bespritzt wird und ich eine Droschke holen
muss worin die Person nach Hause fährt Was hat dir gestern der fliegende
Cigarrenhändler getan Sein Kasten stand auf einer Bank am Garten des Herrn
Hummel und das Geschäft versprach gut zu werden wegen der Mücken im Tale aber
da wurdest du Bösewicht hämisch Der Cigarrenmann tritt zwei Schritte von seinem
Kasten zu einem Bekannten du springst gegen das Butterbrot das auf dem Kasten
liegt dabei mit allen vier Beinen auf das Glas die Glasscheiben brechen die
Splitter mischen sich mit den Zigarren du trampelst Glas und Stinkadores zu
einem Brei und fährst in das Haus zurück Du hast es durchgesetzt Scheusal
dein Herr hat den Cigarrenmann angefahren als dieser gegen dich klagte und der
Mann hat seinen Kram aufgepackt und ist mit einem Fluch von unserm Hause
weggezogen Auf welchen Nachtwegen bist du seitdem dahingefahren Kein Auge hat
dich gesehen« Er beugte sich zu dem Hunde nieder »Also diesmal ist dirs
wirklich ins Fleisch gegangen es ist mir lieb zu merken dass du nicht nur
Andern schaden kannst sondern auch dir selbst« Gabriel sah nach der Pfote und
zog einen Glassplitter heraus Der Hund blickte ihn winselnd an
»Wenn ich nur wüsste« fuhr Gabriel kopfschüttelnd fort »was der Hund an mir
findet Sind es die Knöchel oder weiß er einen schlechten Streich von mir der
ihm Spaß macht Er hasst alle Welt knurrt auch gegen seinen Hauswirt nur zu
mir kommt er auf Besuch und benimmt sich wie ein guter Kamerad Und noch
verrückter ist er zu meinem Rector Ich glaube nicht dass Magnificenz viel von
dem Leben Speihahns weiß So oft dieser Unhold aber meinen Professor sieht
guckt er ihn aus seinem Haargebüsch schlau an und tut sein Aeusserstes er
wedelt mit der Quaste Und wenn der Herr nach der Universität geht läuft er
hinter ihm her wie ein Lamm hinter seiner Mutter Wie kommt er dazu seine
schwarze Seele gerade auf meinen Gelehrten zu richten Was will er von unserer
Wissenschaft Sie glauben doch nicht an dich Junker Speiteufel« Er sah sich
misstrauisch um und fuhr schnell in seinen Rock Im Sonntagsstaat trat er vor die
Haustür Bei Hahns war Niemand zu Hause denn Dorchens Gesicht sah aus dem
Fenster der Putzstube Sie lächelte und nickte Gabriel fasste ein Herz und
schritt in den feindlichen Hausflur Die Zimmertür öffnete sich Dorchen
knixste auf der Schwelle und Gabriel begann die Tür in der Hand feierlich
»Wenn ich an diesem schönen Tag das Vergnügen haben könnte mit Ihnen
auszugehen so würde er mir noch angenehmer«
Dorchen erwiderte an der Schürze zupfend »Ich muss als Hausunke hier
sitzen aber das darf ja Sie nicht hindern«
»Es fehlt mir dann die Heiterkeit« versetzte Gabriel mit einer Verbeugung
»denn ich muss doch immer an Sie denken und da ich Sie jetzt selbst vor mir
habe ist mir das viel lieber als das bloße Denken im Freien Wenn Sie mich also
ein wenig hier dulden wollen «
»Treten Sie doch näher Herr Gabriel«
»Nur auf die Türschwelle« sagte Gabriel eintretend und hielt die offene
Tür in der Hand »Ich wollte Ihnen nur bei dieser Gelegenheit sagen dass ich
die Nummer von welcher Sie neulich geträumt haben bei keinem Kollecteur finden
konnte ich habe jedoch eine andere genommen und ich habe sie von einem kleinen
Betteljungen ziehen lassen weil das Glück bringt Es würde mich erfreuen wenn
Sie diese Nummer mit mir zusammen spielen wollten Es ist viel denn es ist ein
ganzes Achtel«
»Aber das wird ja keine gute Vorbedeutung Gabriel« entgegnete Dorchen in
artiger Verlegenheit
»Warum nicht Fräulein es war ein richtiger Betteljunge«
»Nein ich meine wenn zwei zusammen spielen die einander lieb haben«
»Liebes Dorchen« rief Gabriel nähertretend und fasste nach ihrer Hand
Ein dumpfes Gegurgel unterbrach das Gespräch Dorchen fuhr erschrocken von
ihm fort »Das war wie ein Geist« rief sie
»Dies ist unmöglich« tröstete Gabriel »erstens bei Tage zweitens in einem
neuen Hause und drittens ist es mit Geistern überhaupt soso Es war nur auf der
Straße«
»Mir ist ein rechter Trost dass Sie hier sind« versicherte das furchtsame
Dorchen »Allein sein in einem großen Hause ist immer schreckhaft«
»Und zu zweien in einem kleinen ist immer lustig« ergänzte Gabriel
unternehmend »ach Dorchen wenn wir daran denken dürften«
Wieder hörte man leises Gekrächz »Es ist doch etwas hier« schrie Dorchen
»ich fürchte mich« Sie sprang von ihm weg in die Mitte der Stube Gabriel
ergriff eine Elle und suchte unter den Möbeln »Also du bists wieder« rief er
zornig und fuhr mit der Elle unter das Sopha In einem Satze und Schrei sprang
Speihahn hervor und auf den nächsten Stuhl vom Stuhle auf den Pfeilertisch
worauf die Stutzuhr stand er schleuderte die Uhr herunter stürzte mit einem
unförmlichen Sprunge nach und fuhr durch den Türritz ins Freie
Es war die Stutzuhr es war das Hochzeitsgeschenk Herr Hahn zog sie jeden
Abend auf bevor er zu Bett ging sie hatte zwei Alabastersäulen mit vergoldeten
Krönchen das Gehäuse war von amerikanischem Holz und stellte einen Triumphbogen
vor Jetzt lag das Kleinod in Trümmern die Säulen gebrochen das Holz
zerborsten das Zifferblatt zersplittert in dem offenen Werke wirbelte ein
einziges Rad mit fürchterlicher Schnelligkeit alles Übrige war regungslos und
tot Dorchen stand entsetztvor den Scherben und rang die Hände »Das Scheusal«
seufzte Gabriel bemühte sich vergebens um das verwüstete Kunstwerk und suchte
mit nicht besserem Erfolg sein armes Mädchen zu trösten welche vor den
Schrecken der nächsten Stunde zitterte
»Mir hat geahnt dass heut etwas passieren würde« rief Herr Hahn nach der
Heimkehr »ich hatte gestern zum ersten Mal vergessen die Uhr aufzuziehen Aber
jetzt ist meine Geduld zu Ende und es soll ein Krieg mit dem drüben werden auf
Leben und Tod« Drohend trat er auf das schluchzende Mädchen zu »Bezeuge die
Wahrheit« gebot er »das Gericht wird dein Zeugnis fordern suche deine Rettung
nicht in Heuchelei und Lüge War er es oder warst du es« Dorchen berichtete
noch einmal dramatisch die ganze Missetat Speihahns sie rückte an dem Sopha
als könnte sie den Hund leibhaftig hervorholen sie gab die geöffnete Tür
weinend zu und erklärte Gabriels Anwesenheit aus einer Anfrage die er getan
»Unglückliche« drohte der zürnende Hausherr »ich sehe deine Verlegenheit du
warst es selbst dein Gewissen peinigt dich Wie kannst du beweisen dass er
unter dem Sopha war Von deiner Seele fordere ich handgreiflichen Beweis«
»Hier ist er« rief Dorchen immer noch schluchzend und wies in tragischer
Stellung mit der Hand auf den Boden
Und ein Beweis war unter dem Sopha unverkennbar obgleich nicht gut
handgreiflich der Hund hatte zurückgelassen was seinen Namen so sicher
bestätigte als hätte er sein Petschaft auf den Boden gedrückt
Jetzt gab auch Frau Hahn zornig den Befehl welcher einer Hausfrau vor
solchem Greuel ziemte
»Untersteht euch nicht« rief Herr Hahn wieder »hinweg mit Lappen und
Tüchern dies bleibt«
»Aber Andreas« klagte seine Frau
»Dies bleibt sage ich es muss recognoscirt und vidimiert werden Holt
sogleich Rote und seine Frau und wen ihr von sicheren Zeugen auf der Straße
findet«
Die Zeugen kamen und umstanden empört die Stätte des Verbrechens Herr Hahn
aber eilte an seinen Schreibtisch und schrieb einen kräftigen Brief an Herrn
Hummel worin er die Untat berichtete die Zeugen nannte und drohend
Schadenersatz forderte Diesen Brief trug Rote mit einem Bret worauf die
Trümmer der Uhr lagen zu Herrn Hummel hinüber
Hummel las bedächtig den Brief und warf ihn auf den Tisch »Ich lasse Ihrem
Herrn zu dem neuen Sommervergnügen gratuliren« sagte er kalt »Tragen Sie
diesen Präsentirteller sogleich wieder zurück ich habe auf solchen Unsinn keine
Antwort Man mag tun was man nicht lassen kann«
Am nächsten Tage erhob wieder eine gerichtliche Klage ihr Medusenhaupt
zwischen den beiden Häusern Diesmal war auch Frau Hahn tief empört und als sie
am nächsten Tage Laura auf der Straße begegnete wandte sie ihr gutmütiges
Gesicht zur Seite die Tochter der Feinde nicht zu grüßen
Laura aber erhielt die Antwort des Doctors auf ihren Brief Ein hübsches
Gedicht rühmte das Glück des Elternhauses und als beste Freude des Nachbars
Töchterlein welche der Dichter im Garten unter ihren Blumen sah sooft er über
den hohen Zaun blickte Dann las sie folgende Worte »Die Mahnung welche so
herzlich aus Ihren Zeilen spricht hat auch in mir geklungen Ich weiß was
meinem Leben fehlt Meine Wissenschaft macht mir überhaupt unmöglich in
größeren Kreisen Anerkennung zu finden welche die Freunde eines Gelehrten ihm
zuweilen eifriger fordern als er selbst sie erschwert mir auch eine akademische
Laufbahn für welche ich jetzt auf einen zufälligen Ruf aus der Fremde
angewiesen bin Mit diesen Erwägungen bin ich leicht fertig Aber die
Beschaffenheit meiner Arbeiten nimmt mir auch alle Hoffnung dass jemals äußere
Erfolge das Hindernis bewältigen werden welches sich gegen die geheimen Wünsche
meiner Seele aufgetürmt hat Ich habe Stunden wo selbst der große Gedanke
seine Heilkraft verliert dass Entbehren und Entsagen eine unerlässliche Bedingung
für das Priesteramt ist welches ich zu verwalten habe«
»Armer Fritz« rief Laura »ärmer noch ich selbst Sein Priesteramt
Weshalb muss er entbehren weil er Sanskrit treibt Nicht Mut fehlt diesen
Gelehrten wie der Vater schmäht aber die Leidenschaft Sie sind selbst
staublos und blutlos wie die alten Götter von denen sie schreiben Das knistert
einmal in ihrem Leben und gibt einen Funken und man hofft auf eine mächtige
Feuerflamme aber sogleich ist wieder Alles gedämpft und durch kluge Erkenntnis
zerdrückt« Sie sprang auf »Ha könnte ich den Fritz beim Haar packen und
hineinwerfen in das wildeste Getümmel wo er sich blutig durchschlägt dem Vater
trotzt und etwas Großes aufs Spiel setzt um zu gewinnen was er wie er leise
klagt für sich begehrt Fluch dieser stillen klaren gelehrten Luft sie macht
langweilig die in ihr atmen Ihre stärkste Neigung ist ein schmerzliches
Achselzucken über uns andere Sterbliche oder über sich selbst« So zürnte die
leidenschaftliche Laura in ihrer Dachstube und wieder wurde ihr Papier von
bitteren Tränen befeuchtet als sie in dem heroischen Vers Beruhigung suchte und
die fremden Götter des Doctors in folgenden Zeilen ermahnte gegen die Tücke
Speihahns zu Felde zu ziehen
Leuchtender Indra und ihr glanzvolle Gewalten des Aeters
Welche dem Erdengeschlecht jemals segnend genaht
Eilt zur Rettung herbei denn arg umdrängt uns das Unheil
Schwarze Gestalten der Nacht füllen den friedlichen Hof
Scheiden vom Kinde den Vater und breit auf der Schwelle gelagert
Knurret betörenden Fluch tückisch der greuliche Mops
Der Friede blieb gestört nicht nur den Nachbarn der Parkstrasse auch dem
jungen Herrn an dessen Fest die Verwirrung eingebrochen war Der Prinz wurde
einige Wochen in der Fremde aufgehalten nach seiner Rückkehr lebte er in der
stillen Zurückgezogenheit welche ihm durch die Trauer auferlegt war Die
Vorträge auf seinem Zimmer wurden wieder aufgenommen aber sein Platz an Ilses
Teetisch blieb leer
Am Tage der akademischen Preisverteilung brachte die Studentenschaft ihrem
Rector einen großen Fackelzug Durch die alten Straßen wogte der flammende
Schein die Fanfare tönte kräftiger Männergesang brauste dahin Giebel und
Erker leuchteten in buntem Glanz die Präsiden schwenkten lustig ihre Waffen
die Fackelträger spritzten die Funken gegen das andrängende Volk der Straßen
Der Zug wand sich in die Gasse am Tal er hielt vor dem Hause des Herrn Hummel
wieder Musik und Gesang eine Deputation betrat feierlich die Hausschwelle
Hummel sah stolz auf den langen Strom roten Lichtes welcher heranflutete und
sich an der Masse seines Baues brach Die ganze Ehre galt nur seinem Hause wenn
er auch nicht verhindern konnte dass Dampf und Lohe sich gleich verteilten und
das feindliche Dachgesims verklärten
Oben beim Rector waren einige der nächsten Freunde versammelt er empfing in
seinem Zimmer die Führer der Studentenschaft zu Rede und Gegenrede Während die
Anwesenden nahe traten die feierlichen Worte anzuhören öffnete sich leise die
Tür von Ilses Zimmer der Prinz trat ein Ilse eilte ihm entgegen er aber
begann ohne Gruß »Ich komme heut Ihnen Lebewohl zu sagen Was ich ahnte ist
eingetroffen ich habe den Befehl erhalten zu meinem Vater zurückzukehren
Morgen werde ich mit meinem Begleiter von dem Herrn Rector und Ihnen förmlichen
Abschied nehmen ich wollte Sie vorher auf einen Augenblick sehen Und jetzt da
ich vor Ihnen stehe habe ich keine Worte für das was mich hertrieb Ich danke
Ihnen für alle Freundlichkeit Ich bitte Sie mich nicht zu vergessen Sie sind
es die mir diese Stadt liebgemacht hat Sie machen mir schwer von hier zu
scheiden« Er sprach die Worte so leise dass sie nur wie ein Hauch in Ilses Ohr
drangen und er wartete ihre Antwort nicht ab sondern verließ das Zimmer so
schnell wie er eingetreten war
Draußen auf dem freien Platze an der Parkwiese warfen die Studenten ihre
Fackeln zu einem großen Haufen hoch fuhr die rote Lohe in die Luft der Dampf
ballte sich bleigrau um die Wipfel der Bäume er rollte an den Häusern entlang
drang durch die geöffneten Fenster und beengte den Atem Niedriger wurde die
Flamme aus den verkohlten Bränden stieg dünner Rauch Es war ein schnelles
lustiges Rot ein flüchtiges Feuer verglommen zerweht nur Rauch und Asche
blieben zurück Aber Ilse stand noch immer am Fenster und sah traurig auf die
leere Stelle
6
Vor dem Drama
»Er war ein Tyrann« sagte Laura »und sie hatte Recht ihm nicht zu gehorchen«
»Er tat in harter Weise seine Pflicht und sie ebenso die ihrige« versetzte
Ilse
»Er war ein querköpfiger engherziger Bursch der zuletzt gedemütigt wurde
sie aber eine edle Heldin die Alles wegwarf was ihr auf Erden lieb war um mit
großem Herzen die höchste Pflicht zu üben« rief Laura
»Er hat gehandelt in dem Zwange seines Charakters wie sie nach dem ihren
Sie war stärker als er und ging siegreich in den Tod ihn zerbrach das Gewicht
seines Tuns da er lebte« entgegnete Ilse
Die Charaktere über welche die Frauen sprachen waren Antigone und Kreon
Der Professor hatte an einem Herbstabend die Tragödien des Sophokles auf den
Tisch seiner Frau gelegt »Es ist Zeit dass du die schönste Dichterkraft des
Altertums in ihren Werken verstehen lernst« Er las vor und erklärte In dem
stillen Frieden des deutschen Hauses schwebten die hohen Gebilde der attischen
Bühne Ilse hörte Fluch und herzerschütternde Klage um sich her sie sah ein
dunkles Verhängnis einbrechen über Menschen von höchstem Adel der Empfindung und
ehernem Willen sie fühlte den Sturm der Leidenschaft durch gewaltige Seelen
toben und hörte zwischen dem Schrei der Rache und Verzweiflung weich die Accorde
rührenden Gefühls in unwiderstehlichem Zauber ertönen
Wohl war für Ilse die Zeit gekommen wo sie Gestalt und Schicksal fremder
Menschen mit gutem Verständnis in sich aufzunehmen vermochte
Nicht immer liegt das Sonnenlicht auf dem Pfade des Menschen in täuschender
Nebelnacht sucht er seine Richtung nicht mit dem Auge allein er lauscht dann
auch auf geheime Stimmen in seiner Brust Aus dem Kampf entgegengesetzter
Pflichten aus dem Drange der Leidenschaft rettet den Menschen nicht zumeist der
kluge Gedanke nicht würdiges Lehrwort ihn befreit oder wirft in die Tiefe ein
kurzer Entschluss der wie eine Naturnotwendigkeit aus dem Innern bricht und
doch hervorgebracht wird durch den Zwang des ganzen früheren Lebens durch
Alles was der Mensch weiß und glaubt gedacht gelitten und getan hat Was in
der finsteren Stunde treibt zum guten Ziel oder in das Verderben das nennen die
Leute Charakter und wie der Wanderer den Weg sucht durch Hindernisse und
Schrecken das nennt der Zuschauer vor der Bühne dramatische Bewegung
Nur wer einmal unter den gaukelnden Bildern der Nacht dahingegangen ist und
ernstaft auf die geheime Mahnung seines Innern gelauscht hat nur der versteht
völlig wie Andern zu Mute war die in ähnlicher Lage den Ausweg aus beengendem
Irrsal suchten und sich Heil oder Verderben fanden
Auch um Ilses Haupt waren in einzelnen Stunden flüchtige Schreckbilder
dahingefahren auch sie hatte gebangt ob sie auf rechtem Wege war
Die siebente Tragödie des Griechen war gelesen die kühnste Darstellung
herber Leidenschaft und blutiger Rache Ilse saß noch stumm und erschrocken über
den fürchterlichen Ausbruch des Hasses aus dem Herzen der Elektra Da begann der
Gatte um ihr befreiende Gedanken herbeizurufen »Jetzt hast du Alles gehört
was uns von Kunst und Gewalt eines wundervollen Dichtergeistes geblieben ist Du
aber sollst mir berichten welcher unter seinen Charakteren dich am meisten
gefesselt hat«
»Meinst du wo mich die Gewalt seiner Poesie am meisten ergriffen hat so
ist mir immer die neueste Gestalt die größte gewesen und heut ist es das
ungeheure Bild der Elektra Fragst du aber welche Gestalt mir am meisten
wohlgetan hat «
»Die sanfte Ismene« unterbrach lächelnd der Professor Ilse schüttelte das
Haupt »Nein der mir am meisten gefällt ist der wackere Sohn des Achill Erst
will er dem listigen Anschlag des Genossen nachgeben und einem Unglücklichen
Gewalt antun aber nach längerem Kampf siegt die edle Natur Er erkennt dass er
ein Unrecht begehen will und ermannt sich«
Der Professor machte das Buch zu und sah seine Frau erstaunt an »Denn
sieh« fuhr Ilse fort »gerade in den größten Gestalten deines Griechen ist eine
Starrheit die mich erschreckt Allen fehlt etwas um Menschen zu sein wie wir
sie zweifeln nicht wie wir sie ringen nicht ob sie recht tun ihre Größe ist
unverrückt etwas Fürchterliches zu wollen oder den harten Nacken gegen ein
furchtbares Schicksal zu stemmen Wir aber fordern von dem starken Menschen dass
er zwar gewaltig tut was er nach seinem Wesen tun muss Gutes oder Arges aber
unsern vollen menschlichen Anteil gewinnt er doch nur dann wenn wir die
Sicherheit haben dass es in seinem Innern gerade so arbeitet wie vielleicht in
uns selbst«
»Wie vielleicht in uns selbst« frug der Professor ernst und legte das Buch
weg »Woher kommt dir diese Erkenntnis Ilse hast du ein Geheimnis vor deinem
Manne«
Ilse erhob sich und sah betroffen nach ihm hinüber
Doch der Professor fuhr heiter fort »Ich will dir erst sagen weshalb ich
frage und was ich von dir wissen möchte Als ich dich heimführte aus Hof und
Flur da warst du trotz deinem innigen deutschen Empfinden nach mancher
Rücksicht eine Gestalt wie wir uns Nausikaa und Frau Penelope behaglich in
ihrer Umgebung ausmalen Unbefangen nahmst du die Bilder der Welt in dich auf
du standest sicher und stark in festumgrenztem Kreis von Rechten und Pflichten
mit kindlichem Vertrauen holtest du von der Sitte deines Kreises und aus
heiligen Sprüchen die Richtschnur für Urteil und Handeln Deine Liebe zu mir
die Berührung mit anders geformten Seelen der Einblick in ein neues Gebiet des
Wissens erweckten in deinem Innern leidenschaftliche Klänge die Unsicherheit
kam und der Zweifel neue Gedanken arbeiteten heftig gegen alte Vorstellungen
die Forderungen deines gegenwärtigen Lebens gegen den Inhalt deiner
Mädchenjahre Du warst durch Monate unglücklicher als ich wusste Jetzt aber bist
du in einer Zeit wo ich mich deiner fröhlichen Ruhe und deines Gedeihens
freute zu einem Verständnis des Menschen vorgedrungen das mich überrascht Oft
habe ich in den letzten Abenden mit heimlicher Freude gesehen wie warm deine
Teilnahme und wie mild dein Urteil die Charaktere des Dramas begriff Ich
hatte erwartet dass das Herbe und Ungeheure ihres Schicksals dich zuweilen
abstossen würde und dass du behend sein würdest in Zuneigung und Abneigung du
aber hast dein Mitgefühl den dunklen Gestalten gegönnt wie den hellen als wenn
deine Seele selbst unter der Ahnung gezuckt hätte dass sich im eigenen Leben
Gutes in Böses verkehren kann und Segen in Fluch und als wenn du in dir selbst
erfahren hättest dass der Mensch nicht nur dem äussren Sittengesetze zu folgen
hat wie erhaben sein Ursprung sei sondern dass in Stunden der Not noch ein
anderes Gebot dazu kommen müsse welches aus der Tiefe der Menschenbrust
heraufgeholt wird Solche Einsicht aber wird dem Menschen wohl nur in Stunden
der eigenen Gefahr Es ist unwahrscheinlich dass du dazugekommen bist ohne
Erfahrungen die mir fremd geblieben sind Ich dränge mich nicht in dein
Vertrauen ich weiß wie sicher ich deiner bin aber ist dirs recht so gib mir
Auskunft wie ist dir die feine Empfindung für die geheimen Kämpfe solcher
Menschen aufgegangen welche ein tragisches Schicksal fortreisst«
Ilse fasste ihn an der Hand und zog ihn in ihr Zimmer »Auf dieser Stelle
wars« rief sie »Ein Fremder frug mich ob er sich tötlicher Gefahr aussetzen
solle um seiner Ehre willen oder ob er einen Andern der Gefahr preisgeben dürfe
Ich hatte ihm ein Recht zu solcher Frage gegeben denn ich hatte schon früher zu
ihm mit größerer Offenheit über sein Leben gesprochen als für eine vorsichtige
Frau klug war Ich stand und rang gegen die Frage die er mir stellte aber ich
konnte die Antwort nicht verweigern und Felix Alles gesagt ich wollte auch
nicht Ich gab einen Rat der ihm ein blutiges Ende hätte bereiten können ich
gab den Rat heimlich und ich war verstrickt in ein Verhängnis aus dem ich
mich nicht zu lösen wusste Ich sah mich um nach dir ich durfte dir nichts
sagen du wärest entweder untreu gegen deine Amtspflicht geworden oder du
hättest das Ehrgefühl eines Andern für immer schädigen müssen ich frug unsere
heilige Lehre sie rief mir nur zu dass mein Rat sündhaft sei Ich war
unglücklich Felix dass ich in diese Lage gekommen war noch unglücklicher dass
du mir versagen musstest und unsere Lehre mich nicht heraushob Aber ich habe in
dieser Sache geraten wie mir ums Herz war Es ist nicht mein Verdienst dass
Alles besser geworden ist als ich ängstlich gesorgt Seitdem weiß ich Felix
was Gewissenskampf ist Und du kennst das einzige Geheimnis das ich vor dir
hatte Tat ich ein Unrecht gegen dich so urteile mild denn bei Allem was
mir heilig ist ich konnte nicht anders«
»Und der Prinz« frug der Gatte leise
»Er ist ein gutes freundliches Herz ein unerzogener Mann ich aber bin
dein Weib Ihm gegenüber war kein Zweifelund kein Kampf«
»Ich weiß genug du ernsthaftes ehrbares Weib« sagte der Professor »ich
kann jetzt dir gegenüber meine Bücher zusammenpacken Wenig gilt die Lehre und
sei sie noch so gut gegen das Leben Ein törichtes Studentenduell in dem du
unsichtbarer Beirat warst hat für dein Inneres vielleicht mehr getan als
meine klugen Worte in Jahren durchgesetzt hätten Sei gutes Muts Frau Ilse von
Bielstein wie uns auch das Schicksal noch zausen mag ich weiß jetzt mit
inneren Kämpfen wirst du fertig und darum brauchen wir um die Gefahren die von
außen kommen nicht zu sorgen Denn was auch uns Menschen auf Erden störeund
aufrege wer sein eigenes Wesen einmal soweit kennengelernt hat dass er auch die
Geheimschrift anderer Seelen zu lesen vermag der hat eine gute Schutzwehr gegen
die Versuchungen der Welt«
Was der deutsche Gelehrte sagte der jetzt sein Weib so sicher in die Arme
schloss war nicht übel nur schade dass wir deshalb noch keine Sicherheit haben
die Geheimnisse anderer Seelen zu durchschauen weil wir etwas von der Arbeit
unserer eigenen belauscht haben und schade dass die größte Kenntnis fremder
Seelenschrift nicht Schutzwehr wird gegen den Sturm der eigenen Leidenschaften
Der Kammerherr welcher als Hofmarschall des Erbprinzen fungirte hatte beim
Fürsten Vortrag über Angelegenheiten des Dienstes Es galt unter Anderem den
Kammerlakai Krüger von der Buttermaschine in die Ehren und was nicht weniger
wichtig war in das vollen Gehalt eines erbprinzlichen Kammerdieners zu
befördern Wider Erwarten war der Fürst bereit auf die Vorschläge einzugehen
und der Kammerherr wollte bereits der gnädigen Laune des Herrn froh seinen
Rückzug nehmen als der Fürst ihm den Abgang durch die gütige Bemerkung hemmte
»Ihre Schwester Malwine sah leidend aus sie tanzt doch nicht zu viel Hüten Sie
ihre zarte Gesundheit nichts ist für solche Konstitution schädlicher als eine
frühe Heirat Ich wünsche ihr freundliches Gesicht noch lange am Hofe zu sehen«
Nun war aber Fräulein Malwine mit einem Offizier des Fürsten in der Stille
verlobt der Hof und die Stadt wussten es die Verlobten aber waren arm und zu
ihrer Verbindung eine Erlaubnis des Fürsten nötig Um diese zu erhalten wurde
eine günstige Stunde abgewartet Deshalb erschrak der Kammerherr über die Worte
seines Herrn er fand darin eine geheime Drohung und während er für die
huldvolle Teilnahme dankte war auf seinem Gesicht deutlich die Betroffenheit
zu lesen
Nachdem der Fürst durch diesen kurzen Ruck am Wirbel sein Instrument
gestimmt hatte fuhr er gleichgültig fort »Haben Sie eine Viertelstunde Zeit
so begleiten Sie mich in das Antikenkabinett« Der Kammerherr verneigte sich
Durch Korridor und Säle ging es in einen entfernten Teil des Schlosses wo
im obersten Stock eine große Sammlung von alten Münzen geschnittenen Steinen
und andern kleinen Überresten aus griechischer und römischer Zeit aufgestellt
waren Mehre Generationen regierender Herren hatten dazu beigetragen den
größten Teil hatte der Fürst selbst von seinen Reisen heimgebracht er selbst
hatte in früheren Jahren an Aufstellung der Sachen Anteil genommen und große
Summen auf Ankauf verwandt Allmählich war diese Liebhaberei geschwunden seit
Jahren hatte die Federbürste des Konservators den Staub nur für einzelne Fremde
abgewehrt welche zufälligin die fast unbekannte Sammlung gerieten
Deshalb folgte heut der Kammerherr seinem Herrn mit der Empfindung dass
dieser ungewöhnliche Einfall irgend etwas bedeute und obgleich er den sonnigen
Höhen des Erdenlebens nahestand neigte er sich doch zu der trüben Auffassung
dass das Bevorstehende nichts Gutes sein werde Der Fürst nickte der tiefen
Verbeugung des vernachlässigten Aufsehers zu durchschritt prüfend die lange
Zimmerreihe ließ sich einzelne Behältnisse aufschließen nahm das geschriebene
Verzeichnis zur Hand und betrachtete angelegentlich die Goldmünzen Alexanders
des Großen und seiner Nachfolger und eine Sammlung alter Glasgefässe und
angeschliffener Glasscherben an denen die kunstvolle Arbeit der alten Glaser
auffallend war Endlich frug er nach dem Fremdenbuch in welches die Besucher
ihre Namen einzeichneten Nachdem er den Mann durch einen Auftrag entfernt
hatte begann er zu seinem Begleiter »Die Sammlung wird weniger gesehen als sie
verdient ich habe längst daran gedacht sie durch eine bessere Aufstellung und
einen guten Katalog bekannt und für die Gelehrten nützlich zu machen Sie ist
eine von den kleinen Freuden meines Lebens gewesen ich habe Manches dabei
gelernt und Widriges auf Stunden vergessen Wissen Sie Jemand der geeignet
wäre die Leitung dieser großen und dankenswerten Arbeit zu übernehmen«
Der Kammerherr besann sich aber ihm fiel Niemand bei
»Am liebsten ein Fremder« fuhr der Fürst fort »Das gibt ein
vorübergehendes und ungezwungenes Verhältnis er müsste natürlich als Gelehrter
und als Mensch die besten Bürgschaften geben«
Der Kammerherr nannte einen und den andern Sachverständigen aus anderen
Residenzen der Fürst sah ihn mit scharfem Blick an und schüttelte das Haupt
»Denken Sie darüber nach« ermahnte er »vielleicht fällt Ihnen doch Jemand
ein«
Die Besichtigung ging fort bei einem antiken Gefäß erinnerte sich der Fürst
mit Interesse wie er dazu gekommen war Eine Römerin eine schöne große
Gestalt war plötzlich an ihn getreten und hatte ihm das Stück angeboten mit so
vornehmer Haltung dass er wie er lächelnd äußerte von der ungewöhnlichen Weise
der Frau und ihrer klangvollen Stimme überrascht mehr gezahlt hatte als sie
forderte Dem Kammerherrn fiel noch Niemand ein
Auf dem Rückwege nach seinen Zimmern blieb der Fürst in einem der einsamen
Säle stehen und frug den Kammerherrn »Ist Ihnen nicht aufgefallen dass die
Scarletti schlechte Toilette macht« Der Kammerherr verneinte denn die Tänzerin
galt dafür in Gunst zu stehen
»Sie trug gestern Abend an der Brust einen unförmlichen Blumenstrauß Wem
von unsrer Jugend galt diese ungeschickte Aufmerksamkeit«
Wieder erschrak der Kammerherr jetzt wusste er dass ein Hagelwetter gegen
seine Saaten zog »Da Sie heut in der Stimmung sind nichts zu wissen« fuhr der
Fürst in scharfem Tone fort »so bemerke ich Ihnen dass ich ungern sehe wenn
der Erbprinz mit den Damen vom Theater irgendwelche Verbindung unterhält Er ist
nicht alt genug um solche Verhältnisse mit dem nötigen Rückhalt durchzumachen
und die Eitelkeit der Erwählten trägt jede Gunst prahlend zur Schau«
Der Kammerherr beteuerte bei seiner Ehre dass er von dieser Artigkeit des
Erbprinzen nichts gewusst und dass auch wenn die Annahme seines gnädigsten Herrn
begründet sei nichts als ein flüchtiger Einfall des Prinzen diese Szene
veranlasst habe »Ew Hoheit werden überzeugt sein dass ich zu so etwas nicht die
Hand biete«
»Ich will aber auch nicht dass Sie die Augen schließen« fuhr der Fürst
bitter fort »Sie haben in der Loge hinter dem Erbprinzen gestanden und Sie
müssen die kokette Huldigung gesehen haben welche ihm die Person darbrachte
Die Sendung ist wahrscheinlich durch den neuen Kammerdiener befördert Machen
Sie diesem bemerkbar dass man in meinem Dienst nicht auf zwei Schultern trägt
Von Ihnen aber verlange ich« fügte er ruhiger hinzu »dass Sie Ihre
Aufmerksamkeit verdoppeln Die Gesundheit des Erbprinzen verlangt immer noch
Schonung Ich will nicht dass er sich durch solche Verhältnisse körperlich zu
Grunde richte Er ist müßig und weich Was beschäftigt ihn wohl jetzt«
»Er besucht regelmäßig die kleinen Abende der Frau Prinzessin«
»Und am Tage« setzte der Fürst das Examen fort
»Wie Ew Hoheit bekannt liebt er Musik er spielt mit dem Koncertmeister zu
vier Händen«
»Was liest er«
Der Kammerherr nannte einige französische Bücher »Darf ich mir einen
untertänigen Vorschlag erlauben Es würde Sr Hoheit gewiss nach jeder Richtung
nützlich sein wenn derselbe die Freude hätte etwas zu schaffen und
einzurichten vielleicht durch eine Parkanlage oder einen Bau Ich wage
anzuführen dass sich eine ähnliche Tätigkeit junger Herren an andern Höfen als
vorteilhaft bewährt hat Vielleicht würde eines von Ew Hoheit Schlössern für
solche Beschäftigung geeignet sein«
»Und der Erbprinz und Herr von Weidegg würden eigenen Hofhalt einrichten und
mehre Monate des Jahres fern vom Hofe ihre Villeggiatura halten« erwiderte der
Fürst
»Ich beteuere dass ich dabei nicht an mich gedacht habe« antwortete der
Kammerherr gekränkt
»Ich verdenke es Ihnen nicht« versetzte der Fürst mit zermalmender
Leutseligkeit »Die Rücksicht auf meine Kasse verbietet mir Ihrem Vorschlag
beizustimmen aber ich will für die Zukunft daran denken Dass der Prinz aus
seinem Universitätsjahr kein Interesse mitgebracht hat ist mir unlieb Hat ihm
denn diese Zeit auch kein persönliches Verhältnis zurückgelassen das eine
Bereicherung seines Lebens wäre«
»Im Kreise des Professor Werner hat er sich sehr wohlgefühlt« bemerkte
zögernd der gute Kammerherr
»Ich hoffe er bewahrt seinem Lehrer eine dankbare Erinnerung«
»Er spricht mit großer Teilnahme von ihm und seinem Hause« entgegnete der
Kammerherr
»Es ist gut« schloss der Fürst »Die Beschäftigung durch einen Bau werde ich
mir überlegen und Sie vergessen nicht ein wenig für meine Sammlungen zu
sorgen«
Diese neue Aufforderung brach die Kraft des Kammerherrn noch schwieg er
einige Augenblicke im inneren Kampf während der Fürst weiterschritt das Haupt
auf ihn zugeneigt wie Jemand der etwas Entscheidendes hören will
»Für die Antiken wüsste ich allerdings keinen bessern vorzuschlagen als den
Professor Werner selbst« sprach endlich der Kammerherr
Der Fürst blieb wieder stehen »Sie halten ihn für geeignet«
»Über seine wissenschaftliche Befähigung steht mir natürlich kein Urteil
zu« versetzte der Kammerherr vorsichtig
Geärgert durch diesen feigen Versuch des Rückzuges frug der Fürst
nachdrücklich »Würde er einen solchen Auftrag annehmen«
»Er hat dort eine angesehene Stellung und ist glücklich verheiratet er
würde sicher seine Häuslichkeit nicht für längere Zeit verlassen«
»Vielleicht ließe sich das einrichten« entgegnete der Fürst »Also Werner
Er hat mir bei flüchtiger Begegnung einen guten Eindruck gemacht Erinnern Sie
mich doch heut Abend daran dass wegen Bielstein etwas im Archiv nachzusehen
ist«
So bemühte sich ein Vater für das Gedeihen seines Sohnes
Der Kammerherr erinnerte am Abend dass wegen Bielstein etwas im Archiv
nachzusehen sei und der Fürst war dankbar dafür Am nächsten Morgen wurde durch
das Kabinet dem Archiv und einzelnen Zweigen der Hof und Staatsverwaltung
Befehl alle auf Schloss Bielstein und Kloster Rossau bezüglichen Acten von einem
gewissen Alter hervorzusuchen und einzusenden Dieser Befehl veranlasste ein
starkes Aufrühren von Staub fünf große Ledersäcke wurden mit Urkunden und alten
Papieren angefüllt Das Gesammelte wurde an den Professor gesandt in einem
Briefe sprach der Fürst seinen Dank für die Aufmerksamkeit aus welche der
Professor dem Erbprinzen erwiesen Einer früheren Unterredung gedenkend
übersende er ihm zur Einsicht was bei oberflächlichem Suchen über die
Vergangenheit eines Ortes aufzufinden gewesen an dem er Interesse nehme
Diese Sendung bewegte zwei Forschern das Haupt zu schwerem Sinnen Schon
damals als unser Student die unsichere Nachricht über eine erhaltene Kiste in
den Frieden des Hauses geschleudert hatte waren die Freunde wieder zu der
Aufzeichnung des seligen Bachhuber zurückgekehrt und hatten jedes Wort derselben
noch einmal sorgfältig erwogen »An einer hohlen und trockenen Stelle loco
cavo et sicco« Das Wort Stelle locus gab viel zu denken es war darüber
durchaus zu keiner Klarheit zu kommen »Des Hauses Bielstein domus Bielstein
« Hier war der Ausdruck Haus domus sehr merkwürdig Bedeutete er dass der
Kodex in dem Wohnhause selbst versteckt lag oder war das Wort Haus in der
veralteten Bedeutung Rittersitz Gut gebraucht Der Doctor verfocht das
Wohnhaus der Professor den Rittersitz Darauf aber kam sehr viel an Denn wenn
domus nur das Gut bedeutete so konnte die Handschrift auch an irgendeiner
andern Stelle auf dem Gutsgrund verborgen sein »Habe ich das alles
niedergelegt haec omnia deposui« Sehr tröstlich war das Wort Alles omnia
denn es gab Sicherheit dass der selige Bachhuber den Kodex nicht zurückgelassen
hatte Aber das Niederlegen war um so zweifelhafter Bezeichnete das Wort dass
der Kodex nur in Bielstein deponirt also den Bewohnern gewissermaßen anvertraut
war oder hatte Schreiber den Ausdruck gewählt weil er das Einsenken
indieTiefeBergen andeuten wollte Uns Laien im lateinischen Stil liegt
freilich die Auffassung nahe dass Bachhuber überhaupt froh war eine lateinische
Vocabel zu besitzen durch welche er das Verstecken seines Schatzes andeuten
konnte Dagegen aber sträubte sich die Empfindung der Gelehrten
Zuletzt vereinigten sich die Freunde in der Ansicht dass die Hausmauern
trotz jener Nachricht einer fortgesetzten Beachtung wert seien Die hohlen
Stellen welche der Doctor verzeichnet hatte wurden gemustert der Wandschrank
in Ilses Schlafstube schien eine nicht verächtliche Möglichkeit darzubieten
Der Professor beschloss in den nächsten Ferien wenigstens darüber Sicherheit zu
erhalten Zwar gestatteten die Geschäfte des Rectorats auch diesmal nur einen
kurzen Besuch auf dem Gute indes vertraute der Professor auf seine
gesellschaftliche Stellung welche ihm Ilses Zimmer und den Wandschrank
öffnete
Es war ein schöner Augusttag der Vater ritt auf den Feldern umher Ilse saß
mit Klara in häuslicher Beratung als sich in der Küche ein Aufstand erhob und
die Mamsell außer sich in das Wohnzimmer stürzte »Es spukt wieder« Und in der
Tat erschütterte ein lautes Pochen und Schlagen das Haus die Mägde liefen im
Flur zusammen der Lärm kam aus dem menschenleeren Oberstock Ilse eilte hinauf
und traf als sie die Tür ihres Zimmers aufriß ihren Gatten in Hemdsärmeln
wie er mit allerhand Werkzeug des Gutsböttchers im Wandschrank arbeitete
Lachend empfing er sie und rief zur Beruhigung hinab dass er die Breter am
Wandschrank festschlage Das war richtig aber er hatte sie vorher ausgebrochen
Die Handschrift lag nicht dahinter nichts war zu sehen als ein mäßiger leerer
Raum mit einigen Kalkbrocken Nur ein Unerklärliches hatte sich gefunden das
doch gewissermaßen an den Kodex erinnerte ein kleiner blauer Tuchlappen Wie
der in die Mauer gekommen war rätselhaft Spätere Prüfung ergab dass er nicht
mit Indigo gefärbt also wahrscheinlich schon vor Einführung dieser Farbe
entstanden war Ob ihn eine Maus in hausmütterlicher Sorge dort niedergelegt und
deponirt hatte zum Schmuck ihres Wochenbettes und zugleich als essbaren Vorrat
für verzweifelte Fälle konnte nicht ermittelt werden da gegenwärtig diesem
Gesindel jede Überlieferung aus der Vergangenheit zu fehlen scheint und die
Täterin selbst wahrscheinlich schon vor einigen hundert Jahren von einer
Ahnfrau unserer Katzen gefressen war
Diese Entdeckung hätte eigentlich den Freunden die Zuversicht steigern
sollen Denn es gab jetzt bereits zwei Stellen an welchen der Schatz
zuverlässig nicht war Aber in der Natur des Menschen ist viel Unlogisches Auch
der Doctor neigte sich jetzt der Auffassung des Professors zu dass die
Handschrift vielleicht gar nicht in dem Hause selbst stecke ja dass sie wohl gar
schon einmal aus ihrem Lager entfernt sei
So stand die Angelegenheit als die Sendung des Fürsten eintraf Die Freunde
saßen viele Stunden vor den Koffern und prüften sorglich die Acten Für die
Geschichte der Landschaft fand sich viel Wertvolles darin lange nichts was
zum Kodex verhelfen konnte Endlich hob der Professor vom Boden eines Koffers
ein dickes Bündel gehefteter Berichte welche durch Beamte von Bielstein der
fürstlichen Regierung übersandt waren Darunter war das Schreiben eines
Amtsverwalters aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts worin dieser anzeigte
dass er bei schwebenden gefährlichen Zeitläufen sich beeile Hohem Befehl gemäß
die an noch in seinem Verschluss befindlichen Truhen mit Jagdgerät und alten
Büchern nach dem fürstlichen Lustschloss Solitude abzuliefern
Zuverlässig hatte der Schreiber des Briefes nicht geahnt welche Aufregung
seine verblichene Schnörkelschrift unter späten Enkeln hervorbringen würde
»Hier ist die Kiste des Studenten« rief der Professor mit geröteten Wangen
und hielt dem Freunde das Actenstück hin
»Merkwürdig« sagte der Doctor »es ist unmöglich dass dies Zusammentreffen
zufällig ist«
»Die Kiste des Studenten war kein Nebelbild« rief der Professor seiner Frau
in ihr Zimmer »Hier ist die Bestätigung«
»Wo steht die Kiste« frug Ilse neugierig
»Das gerade ist es was wir noch nicht wissen« versetzte der Professor
lachend »Hier ist eine neue Fährte undeutlich von der alten Richtung weit
abspringend aber sie kann auf kurzem Wege zu dem verschwundenen Pergament
leiten« Die Freunde eilten in Weidmannseifer zu dem Actenbündel zurück »Alte
Bücher« rief der Doctor »Das Haus war ein Jagdschloss das Gut kam erst ein
Menschenalter vor Abfassung dieses Briefes in den Besitz dieses
Fürstengeschlechtes es ist nicht wahrscheinlich dass sie selbst bei ihren
kurzen Jagdbesuchen dort Bücher aufgesammelt haben«
»Alte Bücher« rief auch der Professor »Es können auch Jagdjournale und
Rechnungen gemeint sein aber unmöglich ist nicht dass die Truhen wenigstens
Einzelnes von dem alten Klostergut enthielten Ilse wo liegt das Schloss deines
Landesherrn welches Solitude heißt« Ilse wusste nichts von einem solchen
Schloss
»Es trifft sich gut dass der Fürst selbst uns eine Veranlassung gibt
darüber Näheres zu erkunden«
»Ach ihr armen Männer« klagte Ilse in der Tür »jetzt seid ihr viel
schlechter dran als früher solange der Schatz noch in unserm Hause lag hielt
wenigstens der Vater gute Wache jetzt ist er in einem Kasten in die weite Welt
gefahren und sogar von dem Hause in welches er getragen sein könnte weiß man
nichts mehr zu erzählen«
Die Freunde lachten wieder »Das Haus des Vaters bleibt deshalb noch
verdächtig« tröstete der Gatte
Der Professor sandte Koffer und Inhalt an das fürstliche Kabinet zurück
sprach in einem Briefe an den Fürsten seinen warmen Dank aus und erwähnte dass
eine unsichere Spur ihm den Wunsch nahelege die Erlaubnis zu persönlichen
Nachforschungen zu erhalten
Dieser Brief hatte für beide Teile die ersehnte Folge Der Fürst erhielt
die Genugtuung welche für irdische Hoheit wertvoll ist dass er eine Gunst zu
gewähren schien während er selbst eine suchte
Der Professor aber war freudig überrascht als umgehend ein Kabinetschreiben
des Fürsten eintraf in welchem dem Professor jede Förderung bei seinen
Untersuchungen verheißen und daran ein Vorschlag geknüpft wurde Der Fürst
wünsche die Prüfung seines Antikenkabinets durch eine wissenschaftliche Größe
und der Fürst würde Niemandem lieber diese Tätigkeit anvertrauen als dem
Professor Er wisse wohl wie wertvoll für Andere die Tätigkeit des Gelehrten
sei er hoffe aber die Sammlung würde auch ihm wichtig genug erscheinen um
einige Wochen darauf zu wenden
Zugleich schrieb der Kammerherr im Auftrage seines gnädigsten Herrn Der
Fürst werde sich freuen den Professor für die Zeit seines Besuches in der
Residenz gastlich aufzunehmen Ein Gartenpavillon der im ersten Frühjahr wohl
bewohnbar sei werde ihm zur Verfügung gestellt Das Quartier sei geräumig
genug um außerdem noch seine Familie aufzunehmen und es sei ihm befohlen
hervorzuheben dass der Professor mit Gemahlin und Dienerschaft darin vollkommen
Raum finde da der Fürst nicht wünsche dass der Gelehrte seine bequeme
Häuslichkeit unterdes ganz entbehre Die ersten Wochen des Frühjahrs dürften für
beide Teile die bequemste Zeit sein Er der Kammerherr freue sich darauf
seiner Landsmännin in der Hauptstadt die Honneurs zu machen
Der Professor eilte mit beflügeltem Schritt zu seiner Frau und legte den
Brief in ihren Schoss »Hier lies was unsere Reise in die Ferne gefährdet es
beansprucht einen Teil der besten Reisezeit Aber ich muss diese Einladung
annehmen denn jede Aussicht auch die entfernteste der Handschrift habhaft zu
werden zwingt mich Alles einzusetzen was der Mensch einer großen Hoffnung nur
opfern darf Willst du mit mir auf die Jagd ausziehen Du siehst die artigen
Leute haben für Alles gesorgt«
»Ich ein Gast unseres Landesherrn« rief Ilse in den Brief sehend »nie
hätte ich mir solche Ehre träumen lassen Was wird der Vater dazu sagen Das
ist für dich eine sehr ehrenvolle Einladung« fuhr sie ernst fort »und du musst
sie in jedem Fall annehmen Für mich wenn ich mirs recht überlege ist es doch
am besten ich bleibe hier«
»Wozu dich auf Wochen von mir trennen Es wäre das erste Mal«
»So schicke mich unterdes zum Vater« sagte Ilse
»Ist das nicht dasselbe« frug der Professor
»Was soll ich unter den fremden Menschen« fuhr Ilse ängstlich fort
»Torheit« rief der Professor »hast du einen Grund nicht mitzugehen« und
er sah ihr unruhig in das Angesicht
»Nicht dass ich einen sagen könnte« erwiderte Ilse
»Dann also entschliess dich kurz und komm mit Wir würden uns wahrscheinlich
freier fühlen wenn wir dort nach eigenem Gefallen leben könnten aber im
Gasthof einer fremden Stadt sehe ich dich zu wochenlangem Aufenthalt auch nicht
gern und nach anderer Rücksicht befreit diese Aufnahme beide Teile vor
Anbieten und Zurückweisen einer Entschädigung Wir bleiben dort solange ich
unumgänglich nötig bin und dann gehts doch nach dem Süden soweit wir kommen
Es ist zuletzt nur Aufschub der Reise von wenigen Wochen«
Als die zustimmende Antwort des Professors eintraf berichtete der
Kammerherr in Gegenwart des Hofmarschalls dem Fürsten »Sorgen Sie dafür dass
der Pavillon so bequem als möglich eingerichtet wird Zur Tafel aufgetragen wird
im Pavillon zu der Stunde welche der Herr Professor angibt«
»Und wie befehlen Ew Hoheit dass die Fremden zum Hofe gestellt werden«
frug der Hofmarschall
»Das ist selbstverständlich« versetzte der Fürst »er hat das Vorrecht
Fremder und wird gelegentlich zu kleiner Hoftafel eingeladen«
»Aber die Frau Professorin« frug der Hofmarschall
»Ah« sagte der Fürst »die Frau es ist wahr sie kommt mit«
»Also« fuhr der Hofmarschall fort »zwei Gedecke im Pavillon zwei
Logenplätze ein Lakai ohne Livree«
»Das genügt« entschied der Fürst »das Weitere wird sich finden Wenn die
Frau Professorin unsern Damen einen Besuch macht so werden diese wie ich
annehme die Artigkeit erwidern Im Übrigen wollen wir der Prinzessin nicht
vorgreifen«
»Was soll das mit der Fremden« frug der Hofmarschall vor dem Palais den
Kammerherrn »Sie kennen ja die Leute«
»Wie man sich in fremder Stadt kennenlernt« versetzte der Kammerherr
»Sie haben doch ihre Herkunft vermittelt«
»Ich habe nur nach dem Befehl des Fürsten geschrieben Der Professor ist ein
angesehener Gelehrter von Ruf und durchaus Gentleman«
»Aber was soll die Frau hier«
Der Kammerherr zuckte die Achseln »Er war wohl nicht ohne die Frau zu
haben« erwiderte er vorsichtig
»Und doch lag dem Fürsten an ihr«
»Ist Ihnen das aufgefallen« frug der Kammerherr »ich habe nichts davon
bemerkt«
»Er tat als ob sie ihm sehr gleichgültig sei Und sie ist gewissermaßen
ein Landeskind«
»Sie wissen dass der Fürst der letzte wäre welcher die Rechte des Hofes aus
den Augen lässt Es ist kein Grund zur Sorge«
»In jedem Fall muss die Prinzessin sogleich ihre Stellung nehmen Diese Frau
Professorin gilt wie ich höre für eine Schönheit«
»Ich glaube sie ist ebenfalls eine Frau von Charakter« entgegnete der
Kammerherr
Der Professor erhielt den erbetenen Urlaub Ilse traf die Vorbereitungen zur
Reise mit einem feierlichen Ernst der ihrer ganzen Umgebung auffiel Sie sollte
jetzt mit ihrem Gatten in die Nähe des Fürsten kommen den sie aus der Ferne mit
scheuer Ehrfurcht betrachtete Ihr fiel schwer auf das Herz dass der Sohn nie
von dem Vater gesprochen hatte und dass sie von dem erlauchten Herrn nichts
weiter kannte als Antlitz und Gebärde Sie suchte alle Erinnerungen und alle
Anekdoten zusammen aber sein Wesen blieb ihr undeutlich und sie frug sich
ängstlich wie wird er sein gegen Felix und mich Ist er ein Kreon oder ein
Odysseus oder Agamemnon der Völkergebieter Und sie setzte sich aus diesen
Gestalten ein Bild zusammen das ihr kein Vertrauen einflößte
Während Felix die Bücher und Aufzeichnungen welche ihm für die Reise
unentbehrlich waren zusammensuchte stand der Doctor kummervoll im Zimmer des
Freundes Er war innig überzeugt dass der Professor sich der Pflicht nicht
entziehen durfte die Handschrift zu suchen und doch war ihm diese Einladung
des Hofes nicht recht Der schnelle Aufbruch aus wohlbefestigtem Leben ängstigte
ihn und er sah zuweilen prüfend auf Frau Ilse
Laura saß am letzten Abend neben Ilse und lehnte sich weinend an ihre
Schulter »Mir ist als stünde mir Großes bevor« sagte Ilse »und ich gehe mit
Furcht Dich aber verlasse ich ohne Sorge um deine Zukunft obgleich dein
kleiner Trotzkopf mich zuweilen geängstigt hat Denn ein Anderer wird dir immer
der beste Berater bleiben auch wenn ihr euch wenig seht«
»Ich verliere ihn zugleich mit dir« rief Laura unter Tränen »Alles
entschwindet was meinem Leben Freude gewesen war In dem kleinen Garten den
ich mir in der Stille angelegt habe sind die Blüten mit der Wurzel
ausgerissen auch für mich kommt die bittere Zeit der Entsagung und der arme
Fritz der ohnedies mit stiller Resignation umherläuft wird jetzt ganz in
seiner Einsiedelei verkommen«
Sogar Gabriel der die Reisenden nach der Hauptstadt begleiten und ihre
Heimkehr aus der Ferne auf dem Gut des Vaters erwarten sollte war in diesen
Tagen aufgeregt und verschwand öfter während der Dunkelstunde im Hause des Herrn
Hahn Am letzten Tage brachte er vom Markt ein schönes Kunstblatt nach Hause
worauf ein Vogel von ungewöhnlichem Aussehen durch aufgeklebte bunte Federn
gebildet war mit der Unterschrift Prachtahn aus Madagascar Gabriel schrieb
dazu mit sauberer steifer Handschrift die freundlichen Worte »Getreu bis an den
Tod« und trug gegen Abend den Hahn in den Hausflur der Gegner Man konnte dort
ein Geflüster hören und ein Taschentuch sehen welches über zwei betrübte Augen
gewischt wurde
»Es soll keine Anspielung sein auf den Namen dieses Hauses« sagte Gabriel
und hielt den Vogel noch einmal gegen den Mond welcher durch das Treppenfenster
seine Strahlen auf zwei traurige Gesichter herniederwarf »aber es gefiel mir
als Erinnerung Denken Sie dabei an mich und die Worte die ich darauf
geschrieben habe Denn Scheiden muss sein aber es ist schwer« Der ehrliche
Junge fuhr nach seinem Tuche
Dorchen nahm ihm das Taschentuch weg sie hatte das ihre vergessen und
weinte sehr hinein »Es ist nicht auf lange« sagte Gabriel in seinem Schmerze
tröstend »Kleben Sie den Vogel in den Deckel Ihrer Truhe und wenn Sie die
Truhe öffnen und ein gutes Kleid herausholen denken Sie an mich«
»Immer« rief Dorchen weinend »ich brauche das nicht«
»Wenn ich wiederkomme Dorchen sprechen wir weiter wie es mit uns werden
soll und ich hoffe es soll gut werden Das Tuch in das Sie geweint haben
soll mein Andenken sein«
»Lassen Sie mirs« bat Dorchen schluchzend »Ich wills Ihnen nur sagen
ich habe Wolle gekauft und ich sticke eine Brieftasche Die sollen Sie tragen
und wenn ich Ihnen schreibe tun Sie meine Briefe hinein«
Gabriel sah trotz seinem Kummer sehr glücklich aus und der Mond blickte
spöttisch herab auf die Küsse und Gelübde welche gewechselt wurden
Viertes Buch
1
Der Fürst
Der Erbprinz ging mit dem Kammerherrn durch die Gartenanlagen welche drei
Seiten des fürstlichen Schlosses umgaben Er sah gleichgültig auf die
Farbenpracht der ersten Blumen und das junge Grün der Bäume welches wie ein
durchsichtiger Schleier um die Äste schwebte heut war er noch schweigsamer als
gewöhnlich während der Vogel aus den Zweigen über ihm seine Weise pfiff die
Wellen der Frühlingsluft würzig von den Baumwipfeln wehten und gelben
Blumenstaub auf seinen Hut streuten klapperte er mit der Lorgnette »Wer pfeift
dort« frug er endlich aus seiner Teilnahmlosigkeit erwachend Der Kammerherr
sagte ihm dass es eine Amsel sei Der Prinz suchte den schwarzen Vogel mit den
Gläsern und frug dabei nachlässig »Was tragen die Leute vor uns«
»Es sind Stühle für den Pavillon« versetzte der Kammerherr »er wird dem
Professor Werner eingerichtet Das Haus ist jetzt selten geöffnet früher
bewohnte es der gnädigste Herr zuweilen selbst auf einige Tage«
»Ich erinnere mich nie darin gewesen zu sein«
»Wollen Hoheit vielleicht die Räume betrachten«
»Wir können vorbeigehen«
Der Kammerherr lenkte auf den Pavillon zu bei der Tür stand der
Hofmarschall welcher gerade zum Rechten sehen wollte Der Erbprinz grüßte warf
einen flüchtigen Blick auf das Haus und wollte vorübergehen Es war ein kleiner
vergrauter Steinbau in verwegenem Zopfstil um Tür und Fenster muschelartige
Arabesken und dicke Gehänge von steinernen Blumen welche von kleinen
wassersüchtigen Engeln an Bändern gehalten wurden die Bänder waren wie aus
Elephantenleder geschnitzt die Genien sahen aus als wären sie aus schwarzem
Sumpf gekrochen und eben erst in der Sonne getrocknet Unter dem jungen Laub
stand der finstere Bau wie eine große Kommode in welcher alle gewelkten Blumen
die der Garten je getragen und alle Moosbärte die der Gärtner je von den
Bäumen gekratzt für spätere Geschlechter aufbewahrt werden
»Es ist ein plumpes Haus« sagte der Prinz
»Gerade das düstere Aussehen hat dem gnädigsten Herrn immer wohlgefallen«
versetzte der Hofmarschall »Wollen Ew Hoheit nicht das Innere ansehen«
Langsam ging der Prinz die Stufen hinauf und durchschritt die Zimmerreihe Noch
war der Modergeruch in den langverschlossenen Räumen nicht durch das Räucherwerk
gebändigt in allen Kaminen flammten die Scheite aber die Wärme welche sie
verbreiteten kämpfte noch gegen die feuchte Luft Die Einrichtung der Zimmer
war durchaus regelrecht und vollständig Schwere Türvorhänge mit großen Quasten
und geschweifte Möbel mit vieler Vergoldung und weißen Kappen zur Schonung der
seidenen Überzüge Spiegel mit breiten Barockrahmen um die Kamine Laubgewinde
aus grauem Marmor darüber geschnörkelte Vasen und Nippsachen aus gemaltem
Porcellan Im Ankleidezimmer stand auf einem Marmoruntersatz unter Glasglocke
eine große Uhr über dem Zifferblatt goss eine nackte vergoldete Nymphe aus ihrer
Urne Wasser welches zu gelbem Eis gefroren war Alles war reich ausgestattet
aber die ganze Einrichtung Möbel Porcellan Wände sahen aus als hätte nie ein
Auge mit Freude darauf geruht nie eine sorgliche Hausfrau sich des Besitzes
gefreut Die Uhr war einst ein Geburtstagsgeschenk für den regierenden Herrn von
einem gleichgültigen Verwandten gewesen sie war flüchtig betrachtet beim Kauf
und ebenso freudelos beim Empfange jetzt war sie mit einer Nummer eingetragen
worden in die große Liste sie hatte sich in den ersten Jahren bemüht durch
Ticken ihr Zimmer behaglich zu machen ihre Glasglocke hatte immer den Schall
gedämpft endlich hatte sie die unnützen Versuche aufgegeben und beharrte
darauf die zwölfte Stunde zu zeigen Jetzt wo der Kastellan sie von Neuem
aufgezogen tickte sie wieder müde und abgespannt aber man sah ihr den Wunsch
an auch diese Anstrengung zu beenden Es waren vornehme Allerweltssachen sie
hatten zuerst in den großen Gesellschaftsräumen gestanden welche bei Hoffesten
geöffnet werden sie hatten aufgehört modisch zu sein und waren in Seitenzimmer
gebracht worden Jetzt war ihre Bestimmung im Verzeichnis fortgeführt zu werden
von einem Zeitalter auf das andere und alljährlich einmal gezählt ob sie noch
vorhanden waren So lebten sie ein unsterbliches Dasein geschont und nicht
gebraucht bewahrt und nicht beachtet und dabei sollten sie immer höher hinauf
gefördert werden aus den Kavalierstuben in die Zimmer der Unterbeamten zuletzt
nach langer Ruhe auf den Boden
»Es ist feucht und kalt hier« sagte der Prinz an den Wänden umherblickend
und beeilte sich wieder ins Freie zu kommen
»Wie gefällt Ew Hoheit die Einrichtung« frug der Hofmarschall
»Sie geht an« versetzte der Prinz »bis auf die Bilder«
»Einige sind freilich etwas frei« gab der Marschall zu
»Meinem Vater wird lieb sein wenn Sie diese bei Seite stellen Wann wird
Herr Professor Werner erwartet«
»Heut gegen Abend« versetzte der Kammerherr »Haben Hoheit vielleicht den
Wunsch den Gast nach seiner Ankunft zu empfangen oder selbst zu begrüßen«
»Fragen Sie deshalb an« erwiderte der Prinz
Als der Prinz mit seinem Begleiter die Treppe zu seinen Zimmern im Schloss
hinaufstieg begann der Kammerherr »Die Frau Professorin hat sich früher einmal
über die Blumen gefreut welche Ew Hoheit ihr sandten darf ich dem Hofgärtner
den Auftrag geben die Zimmer damit zu versehen«
»Tun Sie was Ihnen passend dünkt« versetzte der Erbprinz kalt Er trat in
seine Wohnung sah hinter sich ob er allein war und ging mit schnellen
Schritten zu dem Fenster von welchem er über den geschorenen Rasenplatz und die
blühenden Gebüsche auf den Pavillon sehen konnte Er starrte lange zum Fenster
hinaus dann nahm er ein Buch vom Tisch und setzte sich in die Sophaecke zu
lesen aber er legte das Buch wieder auf den Tisch ging hastig auf und ab und
sah auf seine Uhr
Die Hoftafel war vorüber Die Damen warfen einen halben Blick hinter sich
ob ihr Hintergrund der Abschiedsverbeugung günstig sei die Herren fassten die
Hüte unter den Arm der Hofmarschall trat in die Nähe der Tür und hielt mit
gefälligem Anstand seinen Stock unter dem Goldknopf sichere Anzeichen dass die
höchsten Herrschaften an den Aufbruch dachten Die Prinzess welche noch in
Trauer war kreuzte den Weg des Bruders »Wann kommen sie Ich bin neugierig«
frug sie leise
»Sie sind vielleicht schon da« antwortete dieser vor sich niedersehend
»Ich fahre heut zum ersten Mal ins Theater« fuhr die Prinzessin fort
»kannst du so komm in die Loge«
Der Prinz nickte Dem Marschall kam eine Meldung er trug sie zu dem
Fürsten »Dein Lehrer Professor Werner ist angekommen« sagte der Fürst laut zum
Sohne »du wirst den Wunsch haben ihn zu begrüßen« Er neigte sich gegen den
Hof die jungen Herrschaften schwebten hinter ihm aus dem Saale
Der Kammerherr eilte dem Pavillon zu ruhiger folgte der Hofmarschall Ein
fürstlicher Wagen hatte die Reisenden von der letzten Station abgeholt die
Bäume des Parkes die Anlagen und die erleuchteten Fenster des Residenzschlosses
flogen an den Reisenden vorüber Der Pavillon war nicht mehr ein unförmlicher
Bau wie heut am Tage vor dem rücksichtslosen Strahl der Sonne und den
gleichgültigen Augen der Hofherren Der Mond beschien die Front er übermalte
mit schimmerndem Firnis die Mauern versilberte die Backen der Engel und die
dicken Tulpenblätter ihrer Blumengewinde und hob von der hellen Wandfläche die
Schatten der vorspringenden Gesimse kräftig ab Aus der geöffneten Tür drang
Kerzenglanz Lakaien in reichbetresster Livree hielten die schweren Armleuchter
Der Haushofmeister ein freundlicher Mann in Frack und Kniehosen stand im
Hausflur und begrüßte die Ankommenden mit verbindlichen Worten Hinter den
Lakaien stieg Ilse am Arm des Gatten über den Teppich der Stufen und als der
Diener den Türvorhang zurückschlug und die Zimmerreihe im Kerzenglanz strahlte
unterdrückte sie mit Mühe einen Ausruf des Erstaunens Der Haushofmeister führte
durch die Zimmer und erklärte kurz ihre Bedeutung Ilse erkannte mit schnellem
Blick wie stattlich und bequem auch die Nebenräume waren Bewundernd stand sie
vor der Blumenfülle die in Vasen und Schalen aufgestellt war sie dachte ob
ihr kleiner Prinz diese zarte Aufmerksamkeit gehabt und war einen Augenblick
enttäuscht als der Beamte erklärte der Herr Kammerherr habe dies gesandt
Während ihr ein artiges Mädchen vorgeführt wurde das ausschließlich für ihren
Dienst bestimmt war stand Gabriel noch im Vorzimmer und überlegte wohin er
sich und sein Rüstzeug tragen sollte damit die Stiefeln des Herrn Professors
morgen früh dem Glanz des Hauses keine Schande machten bis auch ihn einer der
Lakaien in seine höhere Behausung einführte und kameradschaftlich auf die
Laterne eines Gastauses aufmerksam machte das für ruhige Stunden vorzüglich
gelegen sei
Noch ging Ilse wie betäubt von der Herrlichkeit durch die Gemächer und
prüfte gerade den Verschluss der Fenster um frische Luft einzulassen denn der
starke Geruch der Hyacinten bedrohte mit Kopfschmerz da kam der Kammerherr und
hinter ihm der Hofmarschall auch ein artiger Herr von sehr feinem Wesen und
beide sprachen ihre Freude aus den Professor und seine Gemahlin hier zu
begrüßen sie erboten sich zu jedem guten Dienst und erklärten an den Fenstern
die Lage des Pavillons Plötzlich riss der Lakai die Flügeltüren auf »Des
Erbprinzen Hoheit«
Der junge Herr trat langsam über die Schwelle er verneigte sich stumm vor
Ilse und bot dem Professor die Hand »Mein Vater trug mir auf Ihnen seine
Freude auszusprechen dass Sie seinen Wunsch erfüllt haben« und zu Ilse gewandt
fuhr er fort »Möchte Ihnen die Wohnung so bequem sein dass Sie Ihr Quartier an
der Waldwiese nicht zu sehr vermissen«
Ilse sah mit inniger Freude auf ihren Prinzen er war wie ihr schien noch
ein wenig gewachsen seine Haltung war immer gedrückt aber die Wangen waren
doch etwas gerötet es ging ihm nicht schlecht das war wohl zu sehen Auch der
kleine Bart war stärker und stand ihm gut
Sie erwiderte »Ich wage mich noch kaum umzudrehen es ist wie in einem
Feenschloss man erwartet jeden Augenblick dass ein Geist aus der Wand springen
wird und fragen befehlen Sie vielleicht durch die Luft zu fahren vier Schwäne
halten mit einem goldenen Wagen am Fenster man braucht auch keinen Stuhl um
hinein zu steigen denn die Fenster reichen ja bis auf den Fußboden Die
Parkstrasse sendet ihre Huldigungen und für die Sendung welche mir der Herr
Kammerherr unter die letzten Christbäumchen machte sage ich Ew Hoheit noch von
Herzen Dank«
Der Professor trat zum Prinzen nannte ihm die Namen einiger Amtsgenossen
welche sich ihm zu geneigtem Andenken empfehlen ließ und bat dem Fürsten
seinen Dank für die gastliche Aufnahme auszusprechen bis ihm selbst die Ehre
werde sich dem hohen Herrn vorzustellen Alles kräuselte sich in runden und
zierlichen Schnörkeln die Lampen und silbernen Armleuchter glänzten die
Hyacinten sendeten aus allen Glöckchen süßen Wohlgeruch die geschlossenen
Vorhänge gaben den Zimmern ein trauliches Aussehen und an der gemalten Decke
hielt ein fliegender Amor ein rotes Mohnbüschel über die Häupter der Gäste
»Heut überlassen wir Sie der Ruhe Sie müssen ermüdet sein« schloss der
Prinz den Besuch und der Kammerherr versprach morgen bei guter Stunde dem
Professor mitzuteilen wann der Fürst ihn empfangen werde Kaum hatten die
Herren sich entfernt als ein Diener meldete dass zum Diner im Nebenzimmer
servirt sei »Jetzt am Abend« wandte Ilse schüchtern ein
»Das hilft nichts« versetzte der Professor »du hast den ersten Schritt
getan erweise auch ferner deine Tapferkeit« Er bot ihr in dieser ritterlichen
Luft den Arm der Mann mit den Tressen führte in das Nebenzimmer und rückte die
Stühle des reichgeschmückten Tisches Die Gänge wollten kein Ende nehmen trotz
Ilses Widerspruch schnurrte das volle Mahl ab und sie sagte endlich »Ich
lasse mir Alles gefallen diesen Geistern gegenüber hilft kein Sträuben wer in
einem Fürstenschlosse lebt muss auch seine Dreistigkeit haben«
Als die Mahlzeit endlich abgetragen und Ilse auch ihrer Sorge um Gabriel
enthoben war begann sie sogleich sich geschäftig einzurichten Während sie
auspackte und in Schränke und Schubkästen legen ließ sagte sie heimlich zum
Gatten »Das ist ein sehr schöner Willkommen Felix und ich habe jetzt ein
rechtes Vertrauen dass Alles gut gehen wird«
»Hast du denn je daran gezweifelt« frug der Professor
Ilse antwortete »Ich habe eine heimliche Angst gehabt bis zu dieser Stunde
weiß selbst nicht warum jetzt aber ist sie verschwunden denn die Menschen sind
hier alle freundlich und sehen gutherzig aus«
Der Prinz ging durch die Anlagen dem Schloss zu Hinter ihm unterhielten
sich die beiden Kavaliere
»Das ist ja eine aussergewöhnliche Erscheinung« sagte der Hofmarschall
»eine Schönheit ersten Ranges darin ist Race«
»Es ist eine in jeder Hinsicht ausgezeichnete Frau« versetzte der
Kammerherr laut
»Das haben Sie mir schon einmal gesagt« erwiderte der Hofmarschall »ich
wünsche Ihnen nachträglich Glück zu dieser Bekanntschaft von der Universität«
»Wie gefällt Ihnen der Professor« frug ablenkend der Kammerherr
»Er scheint ein gescheidter Mann« entgegnete der Hofmarschall gleichgültig
»Nun es ist lange her seit der Pavillon eine solche Schönheit bewahrt hat«
Der Prinz wandte sich um er sah beim Schein des großen Kandelabers am
Schloss dass die Herren einen schnellen Blick miteinander austauschten
Der Wagen des Prinzen hielt an der Treppe er stieg ein ohne Wort und Gruß
für seine Begleiter und fuhr in die Oper Dort trat er in den Salon der
fürstlichen Loge
»Wie gefallen sich die Fremden in ihrem Pavillon« frug der Fürst
freundlich
»Sie sind mit Allem zufrieden« versetzte der Erbprinz »aber die Räume sind
feucht und sie werden für längeren Aufenthalt ungesund sein«
»Sie waren das doch bis jetzt nicht soviel ich mich erinnere« versetzte
der Fürst kalt »ich hoffe auch du wirst dich davon überzeugen« Und zu dem
Kammerherrn gewandt befahl er »Morgen nach dem Frühstück wünsche ich Herrn
Werner zu sprechen«
Der Erbprinz ging in die Loge seiner Schwester und setzte sich stumm an ihre
Seite
»Wo sind die Plätze der Fremden« frug die Prinzessin
»Ich weiß nicht« erwiderte der Prinz Die Prinzessin sah fragend hinter
sich »Gegenüber die Fremdenloge« erklärte der Kammerherr »aber sie haben
heut wohl noch mit ihrer Einrichtung zu tun«
»Was ist dir Benno« frug die Schwester nach dem ersten Akt »du hustest«
»Ich habe mich ein wenig erkältet es geht vorüber«
Nach dem Theater zog sich der Prinz in sein Schlafzimmer zurück und klagte
gegen Krüger über Kopfschmerz und rauen Hals Als er allein war öffnete er das
Fenster und sah über die Anlagen nach dem Pavillon dessen Lichter wie Sterne
durch die Nacht schimmerten Der Prinz horchte ob er einen Ton von drüben
erlauschen könne Ihm war warm denn er nahm seine Halsbinde ab und stand lange
unbeweglich am Fenster bis die kühle Nachtluft sein Zimmer durchzogen hatte und
drüben das letzte Licht erloschen war Dann schloss er leise die Flügel und ging
zu Bett
Vorsichtig war das nicht denn der Prinz dessen Gesundheit ohnedies leicht
gestört wurde fühlte sich am nächsten Morgen stark erkältet der Leibarzt ward
eilig gerufen der Prinz musste das Bett hüten
Als dem Fürsten die Erkrankung des Erbprinzen gemeldet wurde geriet er in
sehr üble Laune »Gerade jetzt« rief er »er hat alles Unglück eines
kränklichen Menschen« Noch als der Professor gemeldet wurde war die Weise in
welcher der Fürst die Meldung annahm so kalt und wegwerfend dass der Kammerherr
um die nächste Stunde des Professors besorgt wurde Indes übten die lange
Gewöhnung sich huldreich darzustellen und die sichere Haltung des Professors
besänftigenden Einfluss nach wenigen einleitenden Worten versetzte der Fürst die
Unterhaltung nach Italien es fand sich dass der Professor in Briefwechsel mit
einem vornehmen Römer von ungewöhnlicher Gelehrsamkeit stand den der Fürst zu
seinen näheren Bekannten zählte und dass er in Italien auch in den Kreisen
gelebt welche dem Fürsten bei seiner letzten Reise wohlgetan hatten Dadurch
wurde der Professor dem Fürsten allmählich in ganz anderes Licht gestellt er
hatte ihn als ein gleichgültiges Werkzeug herzugeholt und sah jetzt in ihm einen
Mann der persönliche Beachtung zu fordern hatte weil er mit Andern bekannt
war deren Stellung der Fürst respectirte Darauf frug der Fürst wie es mit der
verlorenen Handschrift stehe und beobachtete lächelnd den leidenschaftlichen
Eifer des Professors als dieser ihm von der neuen Spur berichtete die er in
den Acten gefunden »Es wird gut sein wenn Sie mir in einer Denkschrift den
ganzen Stand der Angelegenheit auseinandersetzen das kommt meinem Gedächtnis am
besten zu Hilfe fügen Sie bei welche Förderung Sie von mir oder meinen Beamten
irgend wünschen« Der Professor war dafür sehr dankbar
»Ich lasse mir nicht nehmen Sie selbst in das Antikenkabinet zu führen«
fuhr der Fürst fort »ich will dabei erfahren wie ein Gelehrter der volles
Sachverständniss hat die stillen Freuden eines übel unterrichteten Sammlers
ansieht«
Die Türen flogen auseinander der Gelehrte betrat an der Seite des Fürsten
die weiten Säle »Wir gehen zuerst flüchtig durch die Zimmer damit ich Ihnen
kurz Inhalt und Anordnung vorführe« sagte der Fürst Er berichtete der
Professor blickte auf eine Fülle von hübschen und lehrreichen Überresten des
Altertums auf Vieles was ihm ganz neu war Bald überließ der Erklärer den
Gelehrten seinen eigenen Auge Und jetzt gab dieser die Erläuterung hier eine
Inschrift die wahrscheinlich noch Niemand abgeschrieben hatte dort ein
Tongefäss mit bedeutsamem Bilde dort eine Statuette merkwürdiges Nebenstück zu
einem berühmten antiken Bildwerk hier die unbekannte Münze eines römischen
Geschlechts mit einem Familienwappen dort wieder eine lange Reihe von Amuleten
mit rätselhaften Zeichen Es war dem Fürsten Freude Unscheinbares als bedeutend
zu erkennen und jeden Augenblick über Wert und Namen neue Aufschlüsse zu
erhalten der Professor aber hatte den Tact lange Erklärungen zu vermeiden Er
selbst blickte mit frischer Freude auf die Sammlung Gerade war für ihn eine
Zeit gekommen wo er nicht durch größere Arbeit beschäftigt eine heitere
Empfänglichkeit für Eindrücke mitbrachte und bei jedem Schritte empfand wie
reizvoll die neuen Anschauungen waren welche er erhielt Denn sehr Vieles stand
hier was zu näherer Untersuchung lockte Von dem schönen Behagen welches er
darüber fühlte ging etwas auf den Fürsten über Seine Fragen und die Antworten
des Professors nahmen kein Ende bei vielen Stücken freute den Fürsten zu
erzählen wie er dazu gekommen und der Professor wusste ihn immer mit kleinen
Geschichten ähnlicher Funde zu neuem Berichte zu veranlassen So vergingen
einige Stunden ohne dass der Fürst Ermüdung merkte und er war höchlich
erstaunt als ihm die Meldung wurde dass die Stunde des Diners nahe sei »Das
ist nicht möglich« rief er »Sie verstehen die schwerste aller Künste die Zeit
vergessen zu machen Ich erwarte Sie bei Tafel morgen sehen Sie ungestört
durch mein Dazwischenreden die Sammlung noch einmal an dann gönnen Sie mir
auch darüber schriftlichen Bericht was die Aufstellung zu wünschen lässt und
wie zu machen ist dass das Beachtungswerte auch der Wissenschaft zu Gute
kommt«
Bei Tafel es war Niemand anwesend als einige Kavaliere denen der
Professor nach dem Rat des Kammerherrn schon am Morgen seinen Besuch gemacht
wurde die Unterhaltung fortgesetzt Der Fürst erzählte viel von Italien und
verfehlte nicht im leisen Anschlag auch die persönlichen Beziehungen des
Professors zu Bekannten des Fürsten durchklingen zu lassen damit sein Hof über
den Mann der ihm gefiel unterrichtet werde Es war eine hübsche rollende
Unterhaltung und ehe der Fürst die Gesellschaft verließ wandte er sich noch
einmal zum Professor und sagte »Ich wünsche lebhaft dass Sie sich bei uns
wohlfühlen ich hoffe auf mehr als einen Tag der für mich so anmutig wird als
der heutige«
Auch dem Professor war der Tag eine rechte Erfrischung gewesen und in
gehobener Stimmung sagte er beim Herausgehen zu dem Obersthofmeister »Des
Fürsten Hoheit versteht gut Wohltuendes zu sagen« Der Obersthofmeister neigte
artig das weiße Haupt »Das ist Beruf der Fürsten«
»Wohl« fuhr der Professor freudig fort »aber so warmes Eingehen auf
Einzelheiten bei einem ziemlich entlegenen Gebiete wissenschaftlicher Forschung
war mehr als ich vorausgesetzt habe« Der Obersthofmeister machte eine höfliche
Bewegung welche andeuten sollte dass er nicht gesonnen sei zu widersprechen
ließ sich einen altfränkischen kleinen Mantel umhängen neigte sich schweigend
gegen die Herren welche in ähnlicher Tätigkeit begriffen waren und stieg in
seinen Wagen
Der Fürst war an Geist und Bildung der Mehrzahl seiner Standesgenossen
überlegen Er hatte viel von der Schwungkraft seiner Jugend in das höhere
Mannesalter gerettet sein körperliches Befinden war vortrefflich und er
pflegte seine Gesundheit sorgfältig er durfte sich im Notfall noch
Anstrengungen zumuten welche einem jüngeren Mann hart gewesen wären Als
junger Herr hatte er sich den Wallungen der damals modischen Poesie mit offener
Empfindung hingegeben höher und freier fühlen als andere Menschen war ihm eine
willkommene Lehre gewesen Er hatte damals in Briefwechsel mit namhaften
Gelehrten und Künstlern gestanden erzählte gern wie er einem hervorragenden
Geist da und dort nähergetreten war und eine berühmte Sängerin bewahrte noch in
alten Tagen ein besonders kostbares Armband das er ihr einst auf der Bühne in
leidenschaftlicher Begeisterung selbst um den Arm gelegt hatte Aber seine
Jugend und Manneszeit war in einen schwachen kränklichen Zeitraum unserer
Entwickelung gefallen In den Jahren wo ein fremder Eroberer die deutschen
Fürsten behandelt hatte wie die große Mehrzahl derselben verdiente hatte er
auch noch ein Jüngling sich vor dem Fremden gebeugt und den Sinkenden zu
rechter Zeit verlassen um sich die Aussicht auf sein Land zu retten Seitdem
hatte er über verkümmerte Menschen geherrscht denn er hatte sein Gebiet in
einer Zeit großer Erschöpfung übernommen er hatte wenig darin gefunden was er
zu ehren und zu scheuen gezwungen war selten ein Recht das von festen Männern
gegen ihn geltend gemacht wurde keine öffentliche Meinung welche stark genug
war seinen Übergriffen die geschlossene Faust eines einmütigen Entschlusses
entgegen zu halten Sein Land wurde durch die Beamten regiert die
Beamtenstellen immer wieder vermehrt über jeden verlorenen Schlüssel einer
Dorfkirche wurde ein Actenbündel angelegt er ließ dies weitläufige Formenwesen
in dem die Bevölkerung wie erstarrt dahinlebte ruhig gewähren und sorgte nur
dafür dass die Beamten wo einmal sein persönlicher Vorteil in das Spiel kam
gefügige Diener waren welche ihm Geld schafften und ein begangenes Unrecht
ihres Herrn behend der Oeffentlichkeit entzogen
Er selbst war wo er mit seinem Volk in Verbindung trat leutselig und von
bester Laune machte den Bittenden leicht ihm zu nahen hörte gefällig alle
Klagen und schob teilnehmend die Schuld auf die Beamten Er war nicht
unpopulär zuweilen murrten Unzufriedene über die hohen Steuern und über
kostspielige Ausgaben ihres Fürsten hier und da drang eine Anekdote aus seinem
Privatleben in die Oeffentlichkeit aber die neue Zeit welche sich auch in
seinem Lande regte kämpfte nur schwach in unbehilflichen Anläufen gegen die
Grundsätze seiner Regierung Und obgleich er als Regent keine Neigung zeigte
Übelstände aus eigenem Willen zu bessern erschien er den Fernstehenden doch
als ein humaner persönlich guterziger Mann Er hatte für Jeden einen
freundlichen Gruß ein gnädiges Wort bereit er wusste viel von den
Privatverhältnissen seiner Untertanen und erwies den Einzelnen bei Gelegenheit
seine persönliche Teilnahme er liebte die Kinder denn er blieb bisweilen auf
der Straße vor hübschen Knaben und Mädchen stehen und frug nach ihren Eltern
veranstaltete alljährlich den Schulkindern seiner Residenz ein Fest erschien
selbst dabei lachte und freute sich über ihre Spiele
Sein Hof war in vieler Beziehung ein Muster von Ordnung und gefälligem
Schein Auch gegen seine Umgebung blieb er der vornehme Mann und erreichte was
für einen Fürsten das Schwerste ist dass die welche ihn täglich umkreisten
fast immer ein Gefühl seiner Überlegenheit hatten Er war nie Militär gewesen
er enthielt sich nicht sarkastischer Bemerkungen über die kriegerischen
Neigungen anderer Friedensfürsten und sein Hof blieb lange Zeit frei von der
militärischen Umgebung welche an Nachbarhöfen den Dienst der alten Chargen in
den Hintergrund drängte und Übelstände der früheren Hofordnung mit neuen
vertauschte welche nicht geringer waren Doch allmählich machte er auch der
Mode einige Zugeständnisse auch seine Adjutanten wurden einflussreiche
Mitglieder des Hofhaltes Der Dienst bei ihm galt nicht für bequem und er war
trotz seiner Ruhe von den Herren seines Hofhaltes gefürchtet Denn es gab
Stunden wo wie es schien sein gehaltenes Wesen nicht nur mit Härte versetzt
war sondern mit einer ganz fremdartigen Zutat in solchen Augenblicken fiel
ein cynischer Scherz oder ein brüskes herausforderndes Urteil von seinen
Lippen und er verlor jede Rücksicht auf Stimmung und Ansprüche seiner Umgebung
Aber Kavaliere und Adjutanten ertrugen die geheimen Dornen ihrer Stellung ohne
die laute Kritik welche sonst wohl von der Umgebung hoher Herren ausgeht Denn
der Fürst verstand es sie vor Fremden zu heben Er hielt streng auf Etikette
auch zu ihren Gunsten vertrat geschickt ihren Vorteil bei den höflichen
Geschenken bei Orden und Brillanten welche fremde Herrschaften seinem Hofe zu
machen verbunden waren er mutete ihnen nie zu was gegen die Würde ihres Amtes
war Und er wusste Fremden gegenüber sich und seinen Hofstaat stets würdig zu
behaupten
Seine Gemahlin war früh gestorben der bleichen zarten Dame bewahrten die
Bewohner der Residenz immer noch ein dankbares Andenken Man erzählte dass die
Ehe keine glückliche gewesen sei doch die Trauer des Fürsten nach dem Verlust
war heftig und dauernd er sprach noch immer mit großer Zärtlichkeit von der
Geschiedenen und heftete selbst alljährlich am Todestage einen Kranz an ihr
Grabgewölbe
Er hatte zwei Kinder Das älteste die Prinzessin war nach dem Tode des
Gemahls an den Hof zurückgekehrt und der Fürst behandelte sie vor den Augen des
Hofes und des Volkes mit besonderer Rücksicht Dem Hofprediger hatte er
ihretwegen sein ganzes Herz aufgeschlossen »Ich sähe sie gern aufs Neue
vermählt sie hat das Recht Ansprüche an das Leben zu machen das Herz ist
warm die Natur kräftig und meinen Erfahrungen nach hat ein langer Witwenstand
für eine Fürstin viele Übelstände Aber ich fürchte sie wird widerstreben Ich
bin gegen dies Kind vielleicht immer ein schwacher Vater gewesen Sie wissen
hochwürdiger Herr wie sehr sie immer mein Liebling war« Darauf hatte der
fromme Herr mit gefalteten Händen ausgerufen »Ich weiß es und ich weiß wie
warm das Herz der durchlauchtigsten Prinzessin an ihrem geliebten Vater hängt«
Auch das Volk merkte dass der Fürst ein guter Vater war An jedem Geburtstage
der Tochter wurde großes Hoffest befohlen und als der Fürst einst in dieser
Zeit auf Reisen gewesen war erschien er doch wider Erwarten am Abend des
Geburtstages in der Loge der Prinzessin küsste noch in Reisekleidern die hohe
Dame vor allem Volk auf die Stirn und sagte dass er seine Rückkehr beeilt habe
um ihr zum Feste seinen Glückwunsch zu bringen Auch sonst versäumte er keine
Gelegenheit ihr kleine Artigkeiten zu erweisen die bei jedem Vater den
Eindruck liebenswürdiger Ritterlichkeit machen beim regierenden Herrn doppelt
wertvoll sind Vor jedem Ball sandte er selbst der Tochter einen Blumenstrauß
und jedesmal ließ er sich denselben vorher durch den Hofgärtner in das Schloss
bringen um ihn anzusehen Er hatte gern wenn angesehene Reisende auch vor den
Gemächern der Prinzessin ihre Ankunft meldeten und achtete genau darauf ob sie
sich während ihrer Tournée durch den Saal auch gut unterhielt Die Nebensterne
irdischer Hoheit haben bei ihrem Umkreisen in der Gesellschaft auf die
Bewegungen der Hauptsonne geheime Rücksicht zu nehmen die Prinzessin vergaß
wohl einmal vor einem angenehmen Gast diese Rücksicht dann verzögerte der Fürst
um ihretwillen seinen Aufbruch sah lächelnd nach ihr hin und hatte einen bequem
stehenden Kavalier noch etwas Scherzhaftes zu fragen Der Hof wusste freilich
dass in solchen Augenblicken die Scherze herber Natur waren und man beeiferte
sich dann gar nicht in seiner Nähe zu stehen Denn trotz der großen Mühe
welche sich der Fürst gab sein Verhältnis zur Prinzessin gut darzustellen
behauptete man doch dass er sie in der Stille mit Abneigung betrachtete Wohl
ist einem Fürsten möglich seiner täglichen Umgebung in wichtigen Dingen
undurchdringlich zu bleiben aber es ist fast unmöglich sie dauernd zu
täuschen
Anders war die Stellung des Vaters zum Sohn Dieser war als ein kränklicher
schüchterner Knabe durch die herrische Weise in welcher der Vater seine
Erziehung überwachte noch unsicherer geworden Der Knabe hatte keine Anlage
gehabt sich wirkungsvoll darzustellen noch jetzt wurde ihm schwer in der
Unterredung mit Fremden seine Schüchternheit zu überwinden Wenn ihm die Liste
der Eingeladenen überreicht wurde und er überlegte was er mit den Einzelnen
sprechen solle so fielen ihm selten gescheidte Fragen ein und was er dann etwa
vorbrachte kam noch so ungeschickt heraus dass man deutlich merkte er hatte
den Kram einstudirt Selbst dem Hofe gegenüber war der Prinz schweigsam und
teilnahmlos Damen und Herren waren deshalb geneigt anzunehmen dass er ein
wenig bête sei Der Vater behandelte ihn mit Nichtachtung und dem Sohne
gegenüber klang seine Stimme zuweilen kurz und hart als wenn es sich nicht der
Mühe lohne die Geringschätzung zu verbergen
Darin aber tat man dem Fürsten Unrecht Ein regierender Herr sieht in dem
Sohne leicht den jüngeren Mitbewerber Der Sohn wird sein Nachfolger er ist dazu
da schon in dem nächsten Geschlecht seinen Vater vor aller Welt zu widerlegen
seine Einrichtungen umzustossen die Unzufriedenen und Gegner zu versöhnen Es
ist unvermeidlich dass ihm einmal wenn er Herr geworden der Blick auf Vielem
haftet was unter der früheren Regierung nicht gut gewesen ist dass ihm Alles
zugetragen wird was sein Vater im Geheimen gefehlt und gesündigt hat Das war
auch für den Fürsten Grund genug den Erbprinzen fremd und kalt zu behandeln
Jetzt war er ein Nichts ein machtloser Sklave der jeden Taler nur durch die
Gnade des Vaters erhielt einst sollte er Alles sein Aber der Sohn war in
seinen Augen unbedeutend wie willenlos bewegte er sich in vorgeschriebenem
Gleise er hatte nie getrotzt war mit Allem zufrieden hatte sich schweigend
und ehrerbietig jedem Befehle gefügt es war nicht anzunehmen dass er in
Wahrheit selbst regieren würde er konnte den Vater schwerlich in Schatten
stellen So kam zu der ruhigen Nichtachtung welche in der Seele des Vaters
lebte allmählich ein kühles fast mitleidiges Wohlwollen Die furchtsame
Unterwürfigkeit des Prinzen war dem Fürsten sehr bequem es wurde ihm behaglich
das schwache Rohr welches die Zukunft seiner Familie tragen sollte für das
Leben mit den Stützen zu versehen welche der Fürst zu geben verstand Ihm
gegenüber gab er sich wie er war was er etwa für ihn tat geschah mit der
Empfindung dass er nicht sich sondern einem Andern Gutes erwies
Und gerade jetzt wo der Fürst sich bemüht hatte dem Erbprinzen eine Freude
zu machen wurde dieser krank
Ilse ging mit Gabriel durch die Zimmer und versuchte die Einrichtung nach
ihres Herzens Wunsch zu stimmen sie rückte über den Tischen prüfte den Zug an
den Vorhängen und betrachtete misstrauisch die Malerei der Porcellanvasen
»Kaufen Sie in der Stadt einen Lampenschleier den hängen wir über die große
Uhr«
»Es ist ohnedies noch eine andere da welche sich nicht weigert zu gehen«
versetzte Gabriel »Auch hört man die Uhr vom Schloss aber sie schlägt so
traurig dass man die Geduld darüber verliert Mich wundert dass in dieser
schönen Einrichtung Eines fehlt und das ist eine Uhr mit dem Kukuk Der würde
sehr passen er macht Leben wenn er seine Tür öffnet und tiefe Komplimente
schneidet es ist ganz wie bei Hofe Denn höflich sind sie hier wenn auch das
Gemüt hinterlistig ist Dem Lakaien traue ich nicht er fragt mich zu sehr aus
Wie wärs wenn man den abschafte Ich bin doch allein im Stande mit dem
Mädchen diese Wirtschaft zu besorgen Gekocht kann nicht werden es ist gar
keine Küche da man muss wegen jedem Topf warmen Wassers hinübergehen unter die
Weissjacken die im Keller wie Geister durcheinander wirtschaften«
»Da hilft nun nichts« entschied Ilse »wir müssen uns in die Ordnung
gewöhnen Hoffahrt will Not leiden Geheimnisse haben wir nicht und ich weiß
Sie werden vorsichtig sein«
»Die Gärtner haben auch einen Tisch und Stühle vor das Haus gestellt und
Blumen darum« sagte Gabriel »darf ich die Arbeit hinuntertragen Die Sonne
scheint warm«
Ilse trat vor das Haus neben der Tür war ein Raum durch aufgestellte
Topfgewächse abgegrenzt ein traulicher Platz im warmen Mittagslicht man
übersah aus dem grünen Versteck die Wege und den geschorenen Rasenteppich bis zu
den Mauern des Schlosses Ilse saß auf dem Gartenstuhl nieder hielt ihre
Stickerei in den Händen und blickte hinüber auf den großen Steinpalast der sich
mit seinem Turm und neuen Seitengebäuden einige hundert Schritt von ihr erhob
Dort wohnten die Großen der Erde denen sie plötzlich so nahegekommen war Sie
zählte die Reihe der Fenster und dachte dass viel mehr als hundert Stuben und
Säle darin sein müssten alle stattlich und vornehm eingerichtet und sie
überlegte wieviel Menschen wohl dazu gehörten ein solches Gebäude zu füllen
damit es nicht leer und öde aussehe Der Tritt eines Mannes störte ihre
Gedanken Ein Herr in gesetzten Jahren ging auf dem Kiesweg er näherte sich es
war der Fürst Ilse stand erschrocken auf der Fürst trat langsam auf sie zu
»Madame Werner« fragte er seinen Hut berührend Ilse verneigte sich tief ihr
pochte das Herz unvorbereitet stand sie dem Manne gegenüber der ihr in der
ganzen Mädchenzeit als der höchste Mensch auf Erden gegolten hatte Wenn sie ihn
einmal gesehen war es immer nur in vornehmem Vorüberschreiten gewesen und doch
hatten ihre Gedanken seit den Jahren wo sie ihn mit Krone und Szepter eines
Kartenkönigs schmückte in scheuer Ehrfurcht an ihm gehangen Oft wenn sie den
Erbprinzen ansah hatte sie versucht sich vorzustellen wie sein Vater sein
müsse was sie etwa über ihn gehört hatte nicht geholfen ihr die Bangigkeit zu
vermindern
Der Fürst sah mit Wohlgefallen auf das schöne Weib vor ihm welches in
stummer Betroffenheit den schmeichelhaftesten Gruß entgegenbrachte »Sie sind
mir nicht fremd« begann er »und Sie haben Ursache mit den Jahren zufrieden zu
sein welche seit meiner Fahrt über den Hof Ihres Vaters vergangen sind
Versuchen Sie jetzt wie sichs bei uns lebt Auch wir freuen uns des Frühlings
und ich sehe die Sonne blickt freundlich auf den Platz wo Sie sich ansiedeln«
Er setzte sich auf einen Gartenstuhl indem er auf einen andern wies »Lassen
Sie sich in Ihrer Arbeit nicht stören ich bin ein Spaziergänger der einen
Ihrer Stühle erbittet wenige Minuten zu rasten«
»Die Arbeit lag in müßiger Hand« antwortete Ilse »ich sah hinüber nach dem
Schloss und überdachte wie groß der Haushalt sein muss der so viel Raum
fordert«
»Es ist ein alter Bau« bemerkte der Fürst »manches Jahrhundert hat
gearbeitet ihn zu vergrößern und doch will nach der Meinung meiner Beamten der
Raum immer noch nicht reichen Man breitet sich leicht anspruchsvoll aus Aber
gerade dann erfreut es wieder einmal sich ganz ins Enge zu ziehen ich selbst
habe sonst diesen Pavillon bewohnt allein mit wenigen zuverlässigen Dienern
Solche Einsamkeit tat wohl«
»Das kann ich mir denken« versetzte Ilse teilnehmend »Uns kleinen Leuten
aber ist neu ein so großes Wesen so prächtig eingefasst zu sehen Schloss und
Hofraum stehen unter den blühenden Bäumen wie ein großer Edelstein im Golde
Mir ists von Herzen lieb dass ich Ew Hoheit Haus und Leben jetzt so in der
Nähe erblicke man hat doch einen Anhalt und weiß wie man sich die Umgebung des
gnädigsten Landesherrn denken soll«
»Sie betrachten sich also noch als Kind des Landes« sagte der Fürst
lächelnd
»Das ist natürlich« antwortete Ilse »Von klein auf habe ich von Ew Hoheit
als unserm Oberherrn gehört sooft ich in die Zeitung sah fand ich Ew Hoheit
Namen unter den Befehlen überall habe ich Ew Hoheit Bild gesehen und seit ich
in die Kirche ging habe ich für Ew Hoheit Glück und Gesundheit gebeten Das
gibt ein Verhältnis es ist freilich einseitig denn Ew Hoheit können sich
nicht um uns alle kümmern wir aber denken und sorgen viel um den Landesherrn«
»Und besprechen ihn auch zuweilen unzufrieden« versetzte der Fürst in guter
Laune
»Wies gerade kommt gnädigster Fürst« erwiderte Ilse ehrlich »man
spricht auch von seinen Nachbarn nicht immer das Beste Zuletzt in Ernst und
Not kommt doch das gute Herz zum Vorschein Ebenso ist es mit dem Landesherrn
Jeder macht sich von ihm ein Bild nach seinem Wissen und Meinen hofft auf ihn
und zürnt mit ihm zuletzt denkt er doch daran dass sein Fürst und er zueinander
gehören«
»Es wäre zu wünschen dass so billiger Sinn sich an jedem Untertan erwiese«
entgegnete der Fürst »Aber die Treue wankt die persönliche Zuneigung
schwindet«
»Viele wissen auch zu wenig von ihrem Landesherrn« entschuldigte Ilse »wie
soll man ihm gut werden wenn man wenig von ihm sieht Denn das Sehen tut viel
wir um Rossau haben selten die Ehre unsern Fürsten mit Augen zu erblicken«
»Die Gesinnung jener Gegend wird mir als unzuverlässig geschildert«
versetzte der Fürst
»Wir sitzen im Winkel aber wir haben auch unser Herz Ew Hoheit erinnern
sich kaum noch an die Mädchen von Rossau welche Ew Hoheit vor siebzehn Jahren
an der Ehrenpforte empfingen Es waren ihrer zwanzig mehr hatte die kleine
Stadt nicht aufgebracht Sie trugen aber Alle die Landesfarben an Mieder und
Rock die Kleider mussten sie sich natürlich selbst kaufen Eine der Mädchen war
blutarm sie war aber hübsch und sollte nicht wegbleiben da nähte sie
wochenlang vorher in der Nacht sich das Geld zum Kleide zu schaffen Noch in
ihrer letzten Krankheit denn sie ist jung gestorben bat sie man möchte ihr im
Sarge dasselbe Kleid anziehen denn der Tag war ihre größte Freude und Ehre
gewesen Ew Hoheit aber konnten sich damals gar nicht aufhalten fuhren schnell
durch die Ehrenpforte und haben vielleicht die Mädchen nicht einmal gesehen«
Während Ilse sprach warf sie verstohlen Semmelkrumen zur Seite Der Fürst
sah auf ihre Hand Ilse entschuldigte sich »Der Fink ruft seinem gnädigsten
Landesherrn zu Gib gib Die kleinen Brotesser hier sind gut gezähmt«
»Sie werden wahrscheinlich von der Dienerschaft gefüttert« sagte der Fürst
»Die Tiere zu lieben ist auch unsere Landesart« rief Ilse »und zahme
Vögel stehen einem Herrenschloss gut denn hier soll Alles ein fröhliches
Zutrauen haben«
Dem Fürsten fiel der Handschuh zur Erde die loyale Ilse bückte sich eilig
danach der Herr sah einen Augenblick sinnend auf Ilses Kopf und Büste Er
stand langsam auf »Ich hoffe Madame dass auch Sie unter die Fröhlichen
gehören welche gutes Vertrauen zu dem Besitzer dieses Grundstücks haben Als
Hauswirt der sich nach dem Befinden seiner neuen Mieter erkundigt hat
wünsche ich Ihnen dass Sie hier selbst etwas von dem Behagen empfinden mögen
welches Sie Andern mitzuteilen wissen« Er grüßte artig zu Ilses
ehrfurchtsvoller Verneigung und ging dem Schloss zu
Dort erwartete ihn der Kammerherr über das Befinden des Erbprinzen zu
berichten »Se Hoheit ist leider noch genötigt das Bett zu hüten«
»Er soll sich ruhig pflegen« versetzte der Fürst gnädig »und das Zimmer ja
nicht zu früh verlassen«
2
Im Pavillon
Die prächtigen Irisfarben womit Ilse in den ersten Tagen ihren neuen Aufenthalt
geschmückt hatte verblichen allmählich Wie an Stelle des Haushofmeisters und
der empfangenden Lakaien jetzt ein einzelner Diener in dunklem Rock neben
Gabriel trat so kleidete sich auch alles Andere was Ilse umgab Wohnung und
Menschen in die bescheidenen Farben gewöhnlicher Erdentage Das war in der
Ordnung und Ilse sagte das selbst ihrem Gatten Nur eines war ihr nicht recht
dass sie von ihrem Felix jetzt mehr getrennt war als in der Stadt Den Morgen und
einen Teil des Nachmittags arbeitete er im Antikenkabinet viele Stunden auch
für seine eigenen Zwecke im Archiv und unter den Acten des Marschallamtes deren
einfaches Zimmer ihm bereitwillig geöffnet wurde kam er nach Hause so hatte er
zuweilen Eile sich zur fürstlichen Tafel umzukleiden und Ilse speiste allein
Wie gewandt der fremde Diener die große Zahl der Schüsseln auftrug ihr war die
einsame Mahlzeit ungewohnt und traurig Nur die Mehrzahl der Abende verging ihr
in neuer Unterhaltung dann hielt ein fürstlicher Wagen vor dem Pavillon und
entführte sie mit ihrem Gatten in das Theater Als sie zum ersten Mal die
geschlossene Loge nahe der Bühne betrat freute sie sich des bequemen Platzes
der ihr erlaubte ungestört durch das Publikum der Vorstellung zu folgen Wenn
sie sich in ihrer Loge zurücklehnte sah sie nichts von dem Zuschauerraum nur
den Sitz des Fürsten gegenüber Das Theater war sehr stattlich Dekorationen und
Kostüme viel reicher als sie in der Universitätsstadt gesehen hatte bei der
Oper einige gute Sänger Hingerissen von der Aufführung merkte sie nicht wie
neugierig das Publikum nach ihr hinsah dass auch der Fürst sein Augenglas oft
auf sie richtete Bald kam sie zu der Ansicht dass das Theater noch das beste
Vergnügen der Residenz sei und der Gatte hielt darauf dass sie diese
Zerstreuung nicht entbehrte obgleich er selbst vielleicht vorgezogen hätte
über seinen Büchern zu bleiben oder ein Actenbündel des Archivs zu durchsuchen
In den Zwischenakten sah Ilse dann neugierig hinunter auf die Menschen die ihr
alle fremd waren und sagte zu Felix »Hier ist doch die einzige Gelegenheit wo
ich noch Frauen in meiner Nähe habe«
Denn in den Tagesstunden fühlte sie die Einsamkeit Der Vater hatte einen
Geschäftsfreund in der Stadt sie war gleich am ersten Tage hingegangen aber in
der Familie des kleinen Kaufmanns fand sie Niemand der ihr zusagte sie war
nach Anweisung des Kammerherrn mit Felix bei den Damen des Hofes umhergefahren
ihren Besuch zu machen in den meisten Häusern war Niemand zu Hause gewesen und
sie hatte Karten abgegeben Spärlich kamen die Gegenbesuche und es traf sich
immer dass Ilse wenn sie einmal in die Stadt oder den Schlossgarten gegangen
war bei der Heimkehr die Karte einer Dame auf dem Tisch fand Das war ihr gar
nicht lieb denn sie wollte doch wissen wie sich mit den Frauen hier umgehen
ließe Zwar einige Herren des Hofes stellten sich in den Morgenstunden ein der
Kammerherr und der Hofmarschall aber auch die Besuche des Kammerherrn wurden
kürzer er sah gedrückt aus und sprach fast nur von der anhaltenden
Unpässlichkeit des Erbprinzen
Sehr begierig war Ilse die Prinzessin kennen zu lernen Am zweiten Tage
nach der Ankunft brachte der Kammerherr die Kunde dass Ihre Hoheit Herrn und
Madame Werner zu festgesetzter Stunde sehen wolle Ilse stand neben dem Gatten
unter Seide und Vergoldung eines fürstlichen Zimmers die Tür flog auf eine
junge Dame in Halbtrauer schwebte herein Ilse erkannte auf den ersten Blick die
Schwester des Erbprinzen eine feine zierliche Gestalt dieselben Augen nur
kecker und glänzender um den feinen Mund ein reizendes Lächeln Die Prinzessin
neigte gegen sie ernst das kleine Haupt sprach einige artige Worte zu ihr und
wandte sich dann zu Felix mit dem sie sogleich in lebhaftes Gespräch kam Ilse
sah mit Bewunderung auf die leichten Bewegungen auf den Tact mit welchem die
Prinzess Freundliches zu sagen wusste sie merkte bald dass aus der schönen Hülle
ein lebhafter Geist hervorblickte den Antworten des Gatten folgten blitzschnell
gescheidte Einfälle der erlauchten Dame Zum Schluss wandte sich die Prinzessin
wieder an Ilse und sagte wie sehr ihr Bruder bedaure dass seine Krankheit ihn
des Vergnügens beraube sie hier zu sehen Worte und Ton waren sehr gütig und
doch lag etwas von Stolz und fürstlicher Würde darin was Ilse weh tat Als der
Professor bei der Rückfahrt mit Wärme von der liebenswürdigen Dame sprach und
ausrief »Das ist ein ungewöhnlich klarer Geist wie ihr Aussehen ist auch ihre
innere Arbeit von elfenhafter Anmut« da schwieg Ilse still sie fühlte dass
der Gatte Recht hatte aber ihr war als hätte die Prinzessin sie ausgeschlossen
von der Annäherung welche sie ihrem Felix gestattete
In dieser Stimmung war ihr eine Aufmerksamkeit überraschend und wertvoll
Seit jener Unterredung mit dem Fürsten überbrachte ihr der Hofgärtner jeden
Morgen zu derselben Stunde eine Schüssel der prächtigsten Blumen im Auftrage des
hohen Herrn dabei blieb es nicht wenige Tage darauf kam der Fürst wieder
heran als Ilse vor der Tür saß Er frug ob ein leiser Windzug nicht ratsam
mache in das Haus zu treten sie geleitete ihn in die Zimmer er saß dort
nieder forschte angelegentlich wie sie sich unterhalte ob sie Bekannte in der
Stadt gefunden und war so gütig um ihr Wohlbefinden bemüht dass Ilse dem Gatten
nach seiner Heimkehr sagte »Wie trügerisch ist doch die Ansicht die man sich
über fremde Menschen bildet Als ich hierher kam dachte ich mir den Herrn als
einen recht hinterhaltigen Mann und er ist so freundlich und sieht aus wie ein
recht guter Hausvater Nun Strenge mag bei der großen Wirtschaft hier wohl
manchmal nötig sein«
Das kurze Ansprechen des Fürsten wiederholte sich Beim nächsten Mal traf er
den Professor neben seiner Gattin Diesmal war der Fürst ernster als sonst »Wie
waren Sie mit dem Erbprinzen zufrieden« frug er den Professor
»Die Vortragenden rühmten seinen Fleiß unter den Studenten hatte er
Popularität gewonnen man sah ihn allgemein mit Bedauern scheiden«
Der Fürst horchte auf das Wort Popularität »Wie hat der Prinz verstanden
sich diese zu erwerben«
»Er hat Redlichkeit und entschiedenen Willen bewiesen man hatte Zutrauen zu
seinem Charakter«
Der Fürst sah prüfend auf den Professor und erkannte aus der ruhigen
Haltung dass dies nicht unwahre Höflichkeit war
»Die Zuneigung der Studenten hat sich auch beim Abgange des jungen Herrn
durch ein feierliches Ständchen bewiesen« fiel Ilse ein
»Ich weiß« versetzte der Fürst »ich nahm an dass Weidegg dabei etwas
reichlich das Seine getan habe«
»Es war freier Wille und warme Empfindung der Studentenschaft« versicherte
der Gelehrte
Der Fürst schwieg
»Auch uns Frauen ist der junge Herr lieb geworden« setzte Ilse das Lob
fort »und in unserm Hause sahen wir traurig den Stuhl leer auf dem Se Hoheit
an unsern Teeabenden gesessen hatte«
Immer noch schwieg der Fürst endlich begann er in herbem Ton »Was Sie mir
sagen überrascht mich Ich darf Sie als Lehrer des Prinzen betrachten und zu
Ihnen offener sprechen als gegen meine Umgebung Der Prinz ist eine schwache
Natur und ich habe kein Vertrauen zu seiner Zukunft«
»Bei uns machte er den Eindruck dass hinter schüchterner Zurückhaltung doch
Anlage zu einem wackeren und charakterfesten Wesen vorhanden sei« versetzte der
Professor ehrerbietig
Ilse dachte dass jetzt der Augenblick sei dem Prinzen etwas Gutes
durchzusetzen »Wenn ich wagen darf vor Ew Hoheit auszusprechen was auch mein
Gatte denkt der Prinz wünschte sich nähere Kenntnis der Landwirtschaft da ich
auch vom Lande bin so werden Ew Hoheit mir verzeihen wenn ich diese Schule
unserem teuren jungen Herrn am liebsten gönnen würde«
»Auf dem Gut Ihres Vaters« frug der Fürst kurz
»Wo es auch sei« versetzte Ilse arglos
»Mir selbst hat er nie etwas von solchen Wünschen gesagt« schloss der Fürst
sich erhebend »In jedem Falle bin ich Ihnen für den Anteil dankbar den Sie an
seiner Zukunft nehmen«
Er entfernte sich mit gehaltenem Gruß zu den Geschäften des Tages Der Tag
wurde hart für Alle welche mit ihm zu tun hatten Er ritt mit seinem
Adjutanten weit hinaus in eine hügelige Waldlandschaft wo seine Soldaten nach
einem Nachtmarsch Felddienst übten Sonst kümmerte er sich wenig um militärische
Einzelheiten heut hetzte er die Leute und seine Adjutanten durch plötzliche
Aenderungen der Disposition weit umher Als die Soldaten ermattet heimzogen
besichtigte er noch ein entferntes Gestüt und eine Waldpflanzung und strich
stundenlang auf rauen Bergwegen einher Niemand machte es ihm zu Dank nur
Tadel und bittere Bemerkungen fielen von seinen Lippen Am Abend war Hofconcert
todmüde stand der Adjutant im Saale und zählte die Minuten bis zu seinem
Rückzuge Da forderte ihn der Fürst als er den Hof entließ noch in sein
Arbeitszimmer Hier setzte sich der Fürst auf einen Lehnsessel in die Nähe des
Kamins und sah in die Flamme legte zuweilen ein Scheit an hielt den silbernen
Griff des Feuerhakens in der Hand und schlug nach längeren Pausen mit dem
eisernen Haken an die metallene Einfassung des Feuerrahmens Unterdes stand der
Adjutant einige Schritt hinter ihm eine Stunde zwei Stunden einer Ohnmacht
nah erst mitten in der Nacht erhob sich der Fürst und sagte »Sie werden müde
sein ich will Sie nicht länger aufhalten« Er sprach das mit sanftem Tone aber
in seinen Augen glitzerte ein unheimlicher Schein und der Adjutant gestand
später seinen nächsten Freunden er werde den Blick nicht vergessen solange er
lebe
»Zum dritten Mal hat der Fürst den Pavillon besucht« berichtete der
Kammerherr dem Erbprinzen welcher mit verhülltem Hals in seinem Zimmer saß Der
Erbprinz sah auf das Buch nieder das er vor sich hingelegt hatte »Fühlen sich
die Gäste wohl in ihrer Umgebung«
»Von Frau Professorin möchte ich das nicht behaupten ich fürchte sie
gerät hier in eine schwierige Lage Die auffallende Auszeichnung welche des
Fürsten Hoheit ihr zu Teil werden lässt und gewisse alte Erinnerungen welche
sich an den Pavillon knüpfen «
Der Prinz stand auf und sah den Kammerherrn so finster an dass dieser
verstummte
»Der Fürst war heute sehr ungnädig« fuhr der Kammerherr gedrückt fort »Als
ich über Ew Hoheit Befinden berichtete fand ich eine Aufnahme welche nicht
ermutigend war«
Der Erbprinz trat an das Fenster »Die Luft ist mild Weidegg ich will
versuchen morgen auszugehen«
Der Kammerherr war sehr unsicher welche Aufnahme dieser Entschluss des
Erbprinzen finden werde er entfernte sich schweigend
Als der Prinz allein war riss er den Shawl von seiner Brust und warf ihn in
eine Ecke »Tor der ich war ich wollte sie vor dem Geschwätz bewahren und
habe Schlimmeres herbeigeführt Ich selbst sitze hier in der Kartause und der
Fürst macht ihr an meiner Statt seine Besuche Es war ein feiges Mittel Vermag
ich nicht abzuwenden was über die Arme heraufzieht so will auch ich meine
Rolle in dem Stück spielen das hier beginnt«
Als der Prinz am nächsten Morgen bei seinem Vater eintrat begann dieser mit
ruhiger Kälte »Ich höre von Fremden dass du dir Einblick in eine
Landwirtschaft ersehnt hast Der Wunsch ist verständig Ich will daran denken
wie du Gelegenheit erhältst diese Kenntnisse irgendwo auf dem Lande zu
erwerben Das wird auch für deine Gesundheit vorteilhaft sein und deiner Neigung
zu poetischem Stillleben entsprechen«
»Ich werde tun was mein lieber Vater mir befiehlt« antwortete der
Erbprinz und verließ das Zimmer
Der Fürst sah ihm nach und murmelte »Kein anderer Laut in seiner Kehle als
feige Ergebung stets dieselbe unterwürfige Geduld Ihm zuckte keine Miene
keine Wimper als ich das Unwillkommene befahl Ist möglich dass dieser schlaffe
Knabe in der Verstellung ein Meister ist der mich und uns alle hintergeht«
Wenn Ilse trotz der Auszeichnung welche der Fürst ihr zu Teil werden ließ
doch etwas von den dunklen Schatten ahnte welche über dem Pavillon lagen weit
anders war die Stimmung ihres Gatten Er lebte bereits mitten in kleinen
reizvollen Untersuchungen zu denen ihm das Antikenkabinet Veranlassung gab und
die Poesie seines ernsten Geistes arbeitete geschäftig ihm den Aufenthalt in
der Residenz mit glänzendem Schein zu umziehen Er war ein Jäger der reine
Bergluft atmend mit leichtem Schritt auf seinem Jagdgrund schreitet während
um ihn der Sonnenstrahl Moosgrund und Haidekraut vergoldet Jetzt war für ihn
die Zeit gekommen wo in den Bereich seiner Hand kam was er seit Jahren
geträumt hatte Zwar die neue Spur der Handschrift blieb undeutlich Was aus
jenen Truhen geworden war die in dem alten Briefe erwähnt wurden war noch
nicht zu ermitteln In der Bibliothek des Fürsten in einer Büchersammlung der
Stadt fanden sich weder Handschriften noch andere Bücher welche aus der Habe
des Klosters Rossau eingereiht sein konnten Er hatte die Bekanntschaft mit dem
Oberjägermeister erneuert auch dieser wusste keinen Raum zu nennen wo altes
Jagdgerät aufbewahrt werde Er durchlief alte Verzeichnisse des Marschallamtes
nirgend waren die Kisten zu erkennen Aber befremdlicher blieb dass der Name
eines fürstlichen Schlosses Solitude auch in der Residenz ganz unbekannt war
kein Druckwerk kein altes Papier enthielt den Namen Wenn auch durch einen
Brand in der Hofkanzlei viele Acten vernichtet waren aus dem Erhaltenen musste
sich doch eine Kunde auffinden lassen Doch das Schloss war wie aus einer alten
Sage verschwunden und versunken auch außerhalb des fürstlichen Gebietes in
angrenzender Landschaft haftete nirgend dieser Name Offenbar war er wenig
bekannt und bald mit einem andern vertauscht worden Wie seltsam aber auch
dieser Umstand war durch die Nachricht des Studenten hatte jener alte Brief des
Beamten eine Bedeutung gewonnen die dem Suchenden guten Erfolg wahrscheinlich
machte Denn erst vor wenig Jahren hatte Jemand der von dem Wert solcher
Nachrichten nichts wusste die Kiste von Nossau gesehen sie war nicht mehr ein
täuschendes Bild aus ferner Vergangenheit jeden Tag konnte ein glücklicher
Zufall daranf führen Vorläufig uur ein Zufall Aber wenn der Professor auf das
Schieferdach des fürstlichen Schlosses blickte und die großen Treppen
hinaufstieg kam ihm immer die frohe Ahnung dass er jetzt seinem Fund nahe sei
Mit Hilfe des Kastellans hatte er bereits den ganzen Schlossboden durchsucht er
war unter den mächtigen Balkenlagen des alten Baues herumgeklettert wie ein
Marder nnd hatte alte Dachkammern geöffnet deren Schlüsselbart vielleicht seit
einem Menschenalter nicht im Schloss gedreht war Er hatte nichts gefunden
Aber es gab noch andere Häuser des Fürsten in der Stadt und Umgegend und sein
Entschluss stand fest in der Stille eines nach dem andern zu durchsuchen
In dieser Zeit treibender Unruhe wo die Phantasie stets neue Aussichten
öffnete war ihm der Verkehr mit gefälligen Menschen sehr erfreulich Er selbst
innerlich angeregt zeigte sich als guter Gesellschafter und beobachtete mit
heiterem Anteil das Treiben seiner Umgebung Der Fürst zeichnete ihn auffallend
aus die Kavaliere waren zuvorkommend er schritt sicher und ohne Ansprüche
neben ihnen dahin
Der Kammerherr berichtete dem Professor wie gut er der Prinzessin gefallen
habe und Felix freute sich dass an einem Vormittage auch sie mit ihrer Hofdame
das Antikenkabinet besuchte und um seine Führung bat Als die Prinzessin sich
dankend entfernte bat sie ihn noch ihr Bücher anzuweisen aus denen sie sich
selbst ein wenig über den Teil des antiken Lebens unterrichten könne dessen
Trümmer er ihr gewiesen sie erzählte ihm von einer antiken Vase die sie
besitze und forderte ihn auf diese bei ihr anzusehen
Jetzt stand der Gelehrte neben der Prinzessin vor der aufgestellten Vase Er
erklärte ihr den Inhalt des Bildes und erzählte Einiges über altgriechische
Töpferarbeit Die Prinzessin führte ihn in ein anderes Zimmer und wies ihm
wertvolle Handzeichnungen »damit Sie Alles sehen was ich von Kunstsachen
besitze« Während er diese ansah begann sie plötzlich »Sie haben jetzt etwas
von uns kennen gelernt wie sind Sie mit uns zufrieden«
»Man ist mir sehr freundlich entgegengekommen« erwiderte der Professor
»das tut dem Selbstgefühl wohl mir macht Freude ein Tagesleben zu sehen das
von dem meines Kreises abweicht und Menschen welche anders geformt sind«
»Und worin finden Sie uns anders geformt« frug die Prinzessin
angelegentlich
»Die Gewöhnung sich in jedem Augenblick schicklich darzustellen und unter
Andern seine Stellung zu behaupten gibt den Personen eine leichte Sicherheit
welche sehr wohltuend wirkt«
»Das wäre ein Vorzug den wir mit jedem erträglichen Schauspieler teilen«
versetzte die Prinzessin
»In jedem Fall ist es ein Vorteil immer dieselbe Rolle zu spielen«
»Sie meinen es ist deshalb keine Kunst wenn wir Gewandtheit erwerben und
unsere Sache besser machen« fiel die Prinzessin lächelnd ein »aber darin liegt
anch eine Gefahr wir werden von klein so sehr daran gewöhnt uns angemessen zu
erweisen dass unsere Aufrichtigkeit zuweilen in Gefahr kommt wir beobachten die
Wirkung unserer Worte und wir denken leicht mehr an die gute Wirkung als den
wahrhaften Inhalt der Reden Ich selbst während ich mit Ihnen spreche bemerke
mit Vergnügen wie ich Ihnen gefalle ich bin auch nichts weiter als eine arme
Prinzessin Aber wenn Ihnen an uns die Meisterschaft im Darstellen der eigenen
Person gefällt uns zieht ebensosehr ein Wesen an das sicher in sich ruht ohne
auf Wirkung zu achten und wir finden vielleicht Mängel in der Form, einen
kräftigen Ausdruck und dergleichen gerade anziehend immer vorausgesetzt dass
man uns nicht verletzt denn darin sind wir empfindlich Wer uns auf die Dauer
gefallen will der tut gut unsere Ansprüche jeden Augenblick zu schonen Ich
will nicht dass Sie mich so behandeln« unterbrach sie sich »aber ich denke
dabei doch an Sie Gestern hörte ich wie Sie dem Fürsten geradezu
widersprachen Bitte schonen Sie unsere Schwäche ich möchte dass Sie sich
recht lange bei uns gefielen«
Der Professor verneigte sich »Wenn ich im Widerspruch wärmer wurde als
nötig war so bin ich einer Versuchung unterlegen welche Männern meines
Berufes gefährlich wird Disputiren ist die Schwäche der Gelehrten«
»Gut wir rechnen mit unseren Eigenheiten gegeneinander ab Sie aber sind in
der glücklichen Lage stets frischweg anzugreifen wir immer in der
entgegengesetzten uns vorsichtig zu verteidigen Die große Sorge welche uns
von Jugend auf jeden Augenblick am Kleide zieht ist die dass wir uns nichts
vergeben Bei Ihnen streitet man sich wahrscheinlich selten um den Vorrang ich
fürchte auch Ihnen ist sehr gleichgültig welche Stufe Sie in unserer
Rangordnung entnehmen uns ist dergleichen große Angelegenheit nicht nur unserm
Hofstaat noch mehr uns selbst Viele von uns sind Tage lang unglücklich weil
sie nicht bei Tafel den Platz erhalten den sie beanspruchen Mancher Besuch
unterbleibt deshalb alte Verbindungen werden abgebrochen und es gibt allerlei
unfreundliches Gezänk hinter der Szene Treten wir einmal klugen Leuten von
Ihrer Art gegenüber dann lachen wir wohl selbst über die Schwäche aber wenige
sind frei davon Auch ich habe schon um meinen Platz bei der Tafel gefochten und
mit dem Fächer Wind gemacht« setzte sie mit mutwilliger Offenheit hinzu
»Niemand mag sich in jedem Augenblick von den Anschauungen seiner Umgebung
frei erhalten« versetzte artig der Professor »Vor hundert Jahren war im Leben
des Bürgers derselbe peinliche Eifer um Rang und gesellige Bevorzugung Bei uns
ist das anders geworden seit unser Leben einen stärkeren geistigen Inhalt
erhielt In Zukunft wird man auch bei Hof über dergleichen als veralteten
Trödelkram lächeln«
Die Prinzess hob drohend den kleinen Finger »Herr Werner das sprach wieder
der Gelehrte verbindlich war das nicht Wir bewegen uns nicht so sehr im
Nachtrabe der Mode und guten Lebensart dass wir hinter den Menschen
zurückgeblieben sind von denen wir uns gesellschaftlich abschließen«
»Vielleicht gerade deshalb« sagte der Professor »weil man sich abschliesst
Der wärmste Herzschlag unserer Nation war von je in der Mitte zwischen oben und
unten von da aus verbreiten sich Bildung und neue Ideen allmählich zu den
Fürsten und in das Volk Sogar Eigentümlichkeiten und Schwächen einer
Zeitbildung steigen in der Regel ein halbes Menschenalter nachdem die
Gebildeten in der Mitte des Volkes darunter gelitten haben auf die Throne sie
erlangen dort erst Geltung wenn sie im Volke durch neue Zeitrichtung bereits
überwunden sind Auch deshalb wird es zuweilen schwer dass sich Fürst und Volk
in ernsten Dingen verstehen«
»O wie haben Sie Recht« rief die Prinzessin und trat näher an ihn »Das ist
Verhängnis der Fürsten unser aller Unglück dass die tüchtigste Bildung unserer
Zeit selten freundlich auf uns wirkt Die frische Luft fehlt dem Kreis in dem
wir leben wir alle sind weich und stubenkrank Was uns nahetritt muss sich
unsern Vorurteilen anbequemen und wir gewöhnen uns die Menschen nur nach der
künstlichen Ordnung zu schätzen die wir selbst für sie erdacht Haben Sie
früher einmal mit einem unserer großen Herren in Verbindung gestanden«
»Nein« entgegnete der Professor
»Haben Sie auch niemals was Sie geschrieben einem hohen Herrn übersandt«
»Ich hatte dazu keine Veranlassung« versetzte der Professor
»Dann sind Sie sogar unbekannt mit der Scala von Huldbezeigungen welche wir
den Herren Gelehrten gegenüber feststellen Jetzt mache ich die schöne Belehrung
über Tonvasen quitt die ich von Ihnen erhalten auch ich gebe Ihnen
Unterricht Setzen Sie sich mir gegenüber Sie sind jetzt mein Scholar« Die
Prinzess lehnte sich in dem Sessel zurück und zog ihr Gesicht in ernste Falten
»Wir nehmen an Sie sind fromm und gut und schauen ehrerbietig nach dem Stiele
des Reichsapfels hin den wir in der Hand halten Ihre erste Sendung kommt ein
ansehnliches Buch der Titel wird aufgeschlagen Über antike Tonvasen Hm
hm wer ist der Mann Man erkundigt sich ein wenig es ist gut wenn bereits
gedruckte Notizen über Sie zu haben sind Darauf anerkennende Antwort aus dem
Kabinet kurze Variation nach dem Formular Numero 1 Ihre zweite Sendung
erscheint ein hübscher Einband ein angenehmer Eindruck deshalb wärmere
Anerkennung in verbindlichen Ausdrücken nach Formular 2 Dritte Sendung wieder
dick der Goldschnitt ist untadelhaft das Kabinet nimmt das Buch in die Hand
und erwägt Ist der Verfasser eine kleine Leuchte so tritt er in das Stadium
der Busennadel ist er höherer Beachtung wert durch bekannten Namen oder was
uns sicherer ist durch einen Titel so gelangt er in den Gesichtskreis des
Ordens Ein Orden hat Klassen welche an Fremde genau nach ihrem Titel
ausgeteilt werden Aber wer beharrlich ist und nicht nachlässt immer aufs Neue
zu verpflichten der hüpft allmählich wie der Laubfrosch in Jahreszwischenräumen
nach der Höhe«
»Ehrerbietigen Dank für die Belehrung« erwiderte der Professor »es sei
mir gestattet in diesem Fall das Kabinet in Schutz zu nehmen Was sollen die
erlauchten Herren zuletzt auf gleichgültige Sendungen Anderes tun zumal wenn
sie in Menge einlaufen«
»Es war nur ein gutmütiges Beispiel« sagte die Prinzessin »wie hübsch wir
die Stufen zu unserer Gnade nach allen Richtungen gezimmert haben Übrigens
sind wir bei dem was wir den Männern austeilen nicht nur artig sondern auch
haushälterisch für uns selbst besorgt Wer nicht bunte Bänder zu verschenken
hat fühlt sich sehr genirt Aber« fuhr sie in verändertem Ton fort »in
derselben Weise ist ein großer Teil unserer Tätigkeit auf eitlen Schein und
leere Form gerichtet und weil Hunderte so schwach und abhängig sind dass sie
sich dadurch anziehen lassen meinen wir Millionen an uns fesseln zu können«
»Manch kleiner Vorteil wird damit erreicht« versetzte der Professor »nur
ein Irrtum ist in der Rechnung wer die Menschen durch ihre Schwächen
Eitelkeit und Hoffahrt an sich bindet der erwirbt den besten Teil ihres Lebens
doch nicht in ruhigen Zeiten ist dieses beflissene Anziehen unnötig in der
Gefahr erweist es nur die Stärke eines Strohseils«
Die Prinzess nickte eifrig mit dem Haupt »Man weiß das auch recht gut«
sagte sie vertraulich »und man fühlt sich gar nicht wohl und sicher trotz dem
massenhaften Ausstreuen von Huld Was ich zu Ihnen sage würde meinen erlauchten
Verwandten wie Hochverrat klingen nur weil ich es ausspreche nicht weil ich
so denke Halten Sie mich nicht für einen weißen Raben es gibt Klügere als ich
die in der Stille ebenso urteilen aber wir finden uns aus den Schranken nicht
heraus und wir klammern uns daran obgleich wir wissen dass die Stütze schwach
ist Denn wie der Kolibri die Schlange so betrachten wir das Antlitz welches
uns die neue Zeit entgegenhält mit Schauder und hilfloser Erwartung« Sie erhob
sich »Doch ich bin ein Weib und habe kein Recht über diese großen Verhältnisse
mitzusprechen Wenn mir einmal bange wird gebrauche ich das Vorrecht der
Frauen zu klagen das habe ich Ihnen gegenüber reichlich getan Denn mir liegt
ernstlich daran Ihnen zu gefallen Herr Werner Ich wünsche dass auch Sie mich
als ein Weib betrachten welches Besseres verdient als gefällige Worte und
höfliche Nichtigkeiten Gönnen Sie mir recht oft die Freude an Ihrem Urteil
das meine zu berichtigen«
Sie hielt dem Gelehrten mit herzlichem Vertrauen die Hand entgegen Werner
beugte sich tief herab und verließ das Zimmer Die Prinzess sah ihm fröhlich
nach
Der Professor trat warm von dem Gespräch in den Pavillon und erzählte seiner
Frau den ganzen Verlauf »Ich habe nicht für möglich gehalten« rief er »dass in
Frauen dieses Kreises ein so freies und hochsinniges Verständnis ihrer Stellung
zu finden sei Das Schönste war die heitere Unbefangenheit ihres Wesens ein
Liebreiz der sich jeden Augenblick in Accent und Bewegung aussprach Die kleine
Dame hat mich bezaubert Ich will ihr sogleich das Buch zurechtmachen das sie
sich gewünscht hat« Er setzte sich an den Tisch strich gedruckte Stellen an
und schrieb Bemerkungen auf kleine Zettel die er hineinlegte
Ilse saß am Fenster und sah mit großen Augen auf den Gatten Es war kein
Wunder dass die Prinzess ihm gefiel Ilse selbst hatte mit dem Scharfsinn einer
Frau erkannt wie fein sie zu gewinnen wusste Hier war eine Seele die sich
unter dem Zwang ihres Hofes nach dem Verkehr mit einem freigebildeten Mann
sehnte hier war ein kräftiger Geist der sich über die Vorurteile seines
Ranges erhob gewandt leicht beflügelt mit schnellem Verständnis Jetzt hatte
diese Frau einen Mann gefunden zu dem sie aufsehen musste und sie legte mit
ihrer kleinen Hand die Fesseln um seine Brust
Es wurde dunkel im Zimmer noch saß Felix machte Zeichen und schrieb Die
Strahlen der Abendsonne lagen auf seinem Haupt um Ilse schwebten die dunklen
Schatten des fremden Raumes Im Rücken des Gatten erhob sie sich von ihrem
Stuhl
»Er ist gut gegen mich« klang es in ihr »er liebt mich wie man an
Jemandem hängt den man sich gezogen und zum Vertrauten gemacht hat Er ist
nicht wie andere Männer dass er meine Rechte hinwerfen wird an eine Fremde er
ist arglos wie ein Kind und merkt nichts von der Gefahr die ihm und mir droht
Hüte dich Ilse dass du den Nachtwandler nicht weckst«
»Ich Törin welches Recht habe ich zu klagen wenn auch einer Andern seine
reiche Seele zu Gute kommt Bleibt nicht genug von dem Schatz seines Lebens noch
für mich Nein« rief sie und schlang die Hände um den Hals des Gatten »du
gehörst mir und ganz will ich dich haben«
Der Professor sah auf sein erstaunter Blick brachte Ilse zur Besinnung
»Verzeih« sagte sie tonlos »ich war in Gedanken«
»Was hast du Ilse« frug er gutherzig »Deine Wange ist heiß bist du
krank«
»Es wird vorübergehen habe Geduld mit mir«
Der Professor verließ sein Buch und beschäftigte sich ängstlich mit seiner
Frau »Oeffne das Fenster« bat sie leise »die Luft in dem verschlossenen Raume
legt sich schwer auf die Brust«
Er war so herzlich um sie bemüht dass sie wieder heiter auf ihn sah »Es war
eine törichte Schwäche Felix sie ist vorüber«
3
Zwei neue Gäste
Der Professor stand mit dem Kammerherrn im Arbeitszimmer des Fürsten Dieser
hielt in der Hand die Denkschrift welche Werner über das Antikenkabinet verfasst
hatte »Erst hierdurch erhalte ich ein Urteil über den Umfang des Katalogs
welchen Sie für nötig halten Ich bin bereit auf Ihre Vorschläge einzugehen
wenn Sie sich verpflichten wollen die oberste Leitung der neuen Aufstellung und
des Katalogs zu übernehmen Können Sie uns diesen Dienst nicht erweisen so
bleibt Alles wie bisher denn nur das große Vertrauen welches ich zu Ihnen
habe und der Wunsch Sie in meiner Nähe zu behalten würde mich veranlassen
die nötigen Opfer zu bringen Sie sehen ich mache das Unternehmen von dem
Grade der Zuneigung abhängig welchen Sie selbst für diese Arbeit hegen«
Der Professor entgegnete dass seine Anwesenheit für die erste Einrichtung
wünschenswert sein möge und dass er bereit sei einige Wochen darauf zu wenden
Später werde genügen wenn er ab und zu die Fortschritte der Arbeiten prüfe
»Damit bin ich vorläufig zufrieden« sagte der Fürst mit kurzem Bedacht
»unser Vertrag ist also geschlossen Ferner aber sehe ich dass es darauf
ankommt einen Arbeiter zu gewinnen welcher unter Ihrer Leitung die Aufnahme
der Kunstgegenstände bewältigt Der Konservator ist dafür nicht brauchbar«
Der Professor verneinte dies
»Und können Sie mir einen solchen Gehilfen vorschlagen«
Der Professor musterte in Gedanken die älteren Mitglieder seines Kränzchens
Diesmal fiel dem Kammerherrn sogleich der geeignete Mann ein »Würde nicht
Magister Knips für diese Arbeit passen«
»In der Tat,« sagte der Professor »Fleiß Kenntnisse seine ganze
Persönlichkeit machen ihn vortrefflich geeignet Ich glaube dass er auf der
Stelle zu haben wäre Auch für seine Zuverlässigkeit gegenüber den Wertstücken
könnte ich bürgen Aber ich darf diese Verantwortung doch nicht übernehmen ohne
Ew Hoheit mitzuteilen dass er einmal in seinem Leben durch Mangel an Vorsicht
in einen widerwärtigen Handel verwickelt wurde der nicht mir aber mehren
seiner Bekannten das Vertrauen zu ihm verringert hat«
Darauf erzählte der Professor schonend für alle Beteiligten die Geschichte
von dem gefälschten Pergamentblatt des Tacitus
Der Fürst hörte aufmerksam zu und erwog »Über den Bestand der Sammlungen
erlauben die alten Verzeichnisse augenblickliche Nachrechnung Sie halten den
Magister für unschuldig an jenem Betruge«
»Ich halte ihn dafür« sagte der Gelehrte
»Dann ersuche ich Sie dem Mann zu schreiben«
Wenige Tage darauf betrat Magister Knips die Residenz Er trug Reisetasche
und Hutschachtel in eine anspruchslose Herberge hüllte seinen Leib auf der
Stelle in die Gewänder welche er selbst gegen seine Mutter Lohndienertracht
nannte und suchte den Pavillon des Professors auf Gabriel sah die Gestalt von
Weitem durch blühendes Gesträuch heranziehen den Kopf auf der Schulter den Hut
in der Hand Denn Knips erachtete für anständig im Bann des fürstlichen
Schlosses das Haupt entblößt zu tragen und durchschritt wie eine wandelnde
Verbeugung den vornehmen Gesichtskreis Auch der Professor konnte ein Lächeln
nicht bergen als er den höfisch zugerichteten Magister glatt und duftend mit
zwei tiefen Verbeugungen vor sich sah »Der Kammerherr hat Sie für diese
Tätigkeit vorgeschlagen ich habe nicht widersprochen Denn unter der
Voraussetzung dass sie Ihnen in entsprechender Weise vergütet wird bietet sie
Gelegenheit zu einer großen Anstrengung welche Sie vielleicht für immer aus
kleiner Tagesarbeit heraushebt und welche bei pflichtgetreuer Ausführung nicht
nur Einzelne von uns sondern die ganze Wissenschaft zu lebhaftem Dank
verpflichten wird Ihre Leistung hier mag deshalb für Ihr späteres Leben
entscheidend sein Denken Sie jede Stunde daran Herr Magister dass Sie
Gewissenhaftigkeit und Treue nicht nur der Wissenschaft auch dem Eigentum des
Fürsten zu beweisen haben welcher Sie vertrauend hierherrief«
»Hochwohlgeborner und hochverehrter Herr Professor« erwiderte Knips »als
ich Dero Brief durchgelesen hatte war mir nicht zweifelhaft dass Dero gütiges
Wohlwollen mir Gelegenheit geben wollte einen neuen Menschen anzuziehen
Deshalb an die Pforte eines unbekannten Lebens tretend flehe ich tiefbewegt
vor Anderem um die Fortdauer von Dero guter Meinung welche ich in treustem
Gehorsam verdienen zu können vertraue«
»Gut also« schloss der Professor »melden Sie sich bei dem Kammerherrn«
Schon am Tage darauf saß Knips vor einer Reihe antiker Lampen den Frack
durch Überziehärmel geschützt die Feder am Ohr von Büchern der fürstlichen
Bibliothek umgeben Er schlug nach verglich schrieb auf und war rüstig in
seiner Arbeit als wenn er sein Lebtag Kommis in einem Nippesgeschäft des alten
Roms gewesen wäre Der Kammerherr meldete vor der Tafel heiter dem Prinzen
»Magister Knips ist da« und der Prinz wiederholte der Schwester »Der weise
Knips ist da« »Ah der Magister« sagte der Fürst ebenfalls mit Laune
In derselben Woche wurde der Fürst von dem Kammerherrn in die Sammlungen
begleitet damit Knips gelegentlich unter die Augen des Herrn gestellt werde
Der Fürst sah neugierig auf den tiefgekrümmten Mann dem der Angstschweiß
ausbrach und der jetzt völlig einer Maus glich welche durch starke Bezauberung
verhindert wird in ihrem Loche zu verschwinden Der Fürst erkannte sogleich
was er subalterne Natur nannte und das bleiche breitgedrückte Antlitz das
zurückgezogene Kinn und die wehmütige Miene schienen ihn zu ergötzen Im
Begriff weiter zu gehen wies er auf den Bücherwall aus welchem Knips
emporgeschossen war »Sie haben sich schnell heimisch gemacht ich hoffe dass
Sie bei uns fanden was Ihnen an Büchern unentbehrlich ist«
»Masslosen Wünschen entsagend« jammerte Knips in hohem Ton »habe ich aus
Allerhöchstdero Bibliothek vieles Brauchbare zu entleihen mir in tiefster
Untertänigkeit gestattet Fehlendes aber mit Beihilfe verehrter Gönner aus den
Büchersammlungen meiner Vaterstadt herbeizuschaffen gewagt«
Der Fürst ging mit kurzem Kopfnicken weiter Magister Knips blieb in der
Stellung demütiger Hingabe stehen bis der Fürst das Zimmer verlassen hatte
dann sank er auf den Stuhl zurück und schrieb ohne links und rechts zu sehen
an dem angefangenen Worte weiter Sooft der Fürst das Zimmer betrat und verließ
schnellte er auf und fiel zurück durch Ehrfurcht in einen Automaten verwandelt
»Sind Sie mit ihm zufrieden« frug der Fürst den Professor
»Noch über Erwarten« antwortete dieser
Der Kammerherr froh seiner Empfehlung erinnerte den Fürsten dass derselbe
Magister sich auch als vortrefflicher Wappenmaler erwiesen habe und merkwürdige
Kenntnisse in Brauch und Festordnung der alten Höfe besitze Als der Fürst den
Saal verließ streifte sein Auge vornehm über das gesenkte Haupt des Kleinen
aber Knips konnte mit dem Erfolge dieser Vorstellung zufrieden sein er war sehr
ehrerbietig und sehr bequem für fernere Verwendung befunden
Ihm wurde sogleich Gelegenheit seine Brauchbarkeit in einem
außerordentlichen Fall zu beweisen Die Ordnung des Hofes war in allen Stücken
musterhaft nicht am wenigsten wenn der Fürst eine Aufmerksamkeit zu erweisen
hatte Ein vertrauter Kabinetsrat zog vor jedem Geburtstag bei welchem der
Fürst durch sein Herz zu einem Geschenk verpflichtet war nicht weniger vor
Volksfesten welche die Stiftung eines silbernen Bechers oder andern Beweis
fürstlicher Teilnahme notwendig machten den Tag des Festes nebst der für das
Geschenk ausgesetzten Summe aus seinem Verzeichnis und sandte die Anzeige dem
Kammerherrn Denn dieser war mit dem ehrenvollen aber schwierigen Amte
bekleidet etwas Passendes zu wählen und anzukaufen Bei Geburtstagen der
fürstlichen Familie hatte der Kammerherr aber nur Vorschläge zu machen der
Fürst entschied selbst über Geschenke und Preise Jetzt nahte der Geburtstag der
Prinzessin Der Kavalier machte deshalb ihrer Kammerfrau einen Besuch und
erkundigte sich unter der Hand was die Prinzessin sich wohl wünsche Auf diesem
nicht ungewöhnlichen Wege wurde allerlei festgestellt der Kammerherr fügte aus
eigenem Antriebe modische Kleinigkeiten bei darunter Vorlegeblätter zu bunten
Anfangsbuchstaben welche gerade damals in Album und Briefbogen gemalt wurden
denn er wusste dass die Prinzessin dergleichen gewünscht hatte Der Fürst wählte
aus der Liste und blieb zuletzt an den Vorlegeblättern hängen »Diese Pariser
Fabrikzeichnungen werden der Prinzessin schwerlich gefallen Können Sie nicht
gemalte Buchstaben alter Pergamente von einem Zeichner nachbilden lassen Wer
hat mir doch Ihren Magister Knips gerühmt Er soll kleine Handzeichnungen recht
zierlich anfertigen«
Der Kammerherr freute sich ehrerbietig des hohen Einfalls und suchte den
Magister auf Knips versprach alle Buchstaben des Alphabets nach alten
Handschriften zu malen der Kammerherr besorgte unterdes die Kapsel Als die
Arbeit des Magisters dem Fürsten vorgelegt wurde war dieser in der Tat
überrascht »Das sind ja schöne alte Miniaturen« rief er »wie kommen Sie
dazu« Jeder Buchstabe stand auf altem Pergament so gemalt dass wer flüchtig
zusah nicht erkennen mochte ob die Arbeit alt oder neu war
Lange sah der Fürst auf die Blätter »Dies ist ein staunenswertes Talent
sorgen Sie dafür dass der Mann nach dem Wert seiner Leistung entschädigt wird«
Knips geriet in ehrfurchtsvolles Entzücken als ihm der Kammerherr die
Zufriedenheit des Fürsten in glänzendem Gepräge zu erkennen gab dabei aber
blieb es nicht Denn kurz darauf besuchte der Fürst das Antikenkabinet in einer
Stunde wo Knips darin arbeitete Der Fürst hielt wieder vor dem Magister an
»Ich habe mich über die Bilder gefreut« sagte er »Sie besitzen eine seltene
Meisterschaft Auge und Urteil durch den Schein des Altertums zu täuschen«
»Allerhöchste Gnade möge verzeihen wenn die Nachahmung wegen Kürze der Zeit
nur unvollkommen ausfiel« erwiderte der gebeugte Knips
»Ich bin sehr damit zufrieden« entgegnete der Fürst und musterte scharf
Antlitz und Haltung des kleinen Mannes Er fing an dem Magister Anteil zu
gönnen »Es kann Ihnen nicht an Gelegenheit gefehlt haben diese Kunst in
lohnender Weise auszuüben«
»Allerhöchster fürstlicher Huld blieb vorbehalten meine geringe Fertigkeit
für mich wertvoll zu machen« versetzte Knips »bis jetzt habe ich solche
Nachbildung nur zu meinem eigenen Vergnügen geübt oder hie und da als Scherz
um einmal Andere zu necken«
Der Fürst lächelte und entfernte sich mit einer wohlwollenden Bewegung des
Hauptes Magister Knips war sehr brauchbar befunden
Die Prinzessin saß an ihrem Schreibtisch die Feder flog in der kleinen
Hand sie blickte zuweilen in ein Buch von gelehrtem Aussehen und schrieb
Stellen ab welche ihr durch Striche bezeichnet waren Tritte im Vorzimmer
störten die Arbeit der Erbprinz trat ein neben ihm ein Offizier in fremder
Uniform »Setzt euch Kinder« rief die Prinzess »Lege deinen Sarras ab Victor
und komm zu mir Du bist ein hübscher Junge geworden man sieht dirs an dass du
dich unter fremden Leuten behauptet hast«
»Man schlägt sich durch« erwiderte Victor achselzuckend und stellte den
Säbel vorsichtig in die Nähe dass er ihn mit der Hand erreichen konnte
»Sei ruhig« tröstete die Prinzess »wir sind jetzt sicher er hat
Geschäfte«
»Wenn er das gesagt hat wollen wir uns nicht darauf verlassen« versetzte
Victor »Du bist ernster geworden Siddy auch das Zimmer ist verändert Bücher
und wieder Bücher« er schlug einen Titel auf »Archäologie der Kunst Sprich
was tust du mit dem Zeug«
»Man schlägt sich durch« wiederholte Siddy achselzuckend
»Siddy beschützt die Wissenschaft« erklärte der Erbprinz »Wir haben jetzt
gelehrte Teeabende sie lässt Stücke lesen mit verteilten Rollen Nimm dich in
Acht du wirst auch daran müssen«
»Ich lese nur Bösewichte« entschied Victor »und allenfalls Bediente«
»Das Beiwerk ist mein Teil« sagte der Erbprinz »das Beste was an mich
kommt ist ein gutmütiger Vater der zuletzt seinen Segen gibt«
»Er hat keinen andern Ton in seiner Kehle« entschuldigte die Prinzess »als
ruhigen Biedersinn er wehrt sich wenn er mehr als vier Verse hintereinander
vortragen soll dabei entsteht noch jedesmal eine Pause in der er sich die
Lorgnette zurechtrückt«
»Sein eigentlicher Beruf ist Pastor« spottete Victor »er würde seiner
Gemeinde den Genuss kurzer Predigten und eines tugendhaften Wandels verschaffen«
»Höre wenn er darin besser sein sollte als du so wäre das noch kein
Verdienst Victor du stehst bei uns in dem Ruf immer noch sehr unartige
Streiche zu machen und uns wird die Bekanntschaft mit deinen Torheiten nicht
erlassen«
»Verleumdung« rief Victor »Ich bin bei meinem Regiment übel angesehen
wegen allzu schroffer Grundsätze«
»Dann bewahre uns der Himmel vor einem Einbruch deiner Kameraden Mir ist
recht dass du deinen Urlaub in dieser Galeere zubringen willst aber ich wundere
mich darüber Du bist frei dir steht die Welt offen«
»Ja frei wie eine Dohle die aus dem Nest geworfen ist« versetzte Victor
»man hat doch Stunden wo Einem einfällt dass die Garnison nicht alle Reize
einer Heimat hat«
»Und die suchst du bei uns« frug die Prinzessin »Armer Vetter Aber du
warst unterdes im Feldzug ich wünsche Glück Wir hören du hast dich brav
gehalten«
»Ich hatte ein gutes Pferd« lachte Victor
»Und du hast die große Rundreise bei den Verwandten gemacht«
»Ich habe die Mysterien dreier Höfe durchgelesen« versetzte Victor »Zuerst
bei der Kousine unschuldiger Schäferhof und reizendes Stillleben Der
Hofmarschall trägt eine Stickerei in der Tasche an der er unter den Damen
arbeitet Die Hofdame kommt mit ihrem Bologneser zum Diner und lässt ihn von der
Küche füttern Jede Woche werden zweimal Leute aus der Stadt auf Tee und
Backwerk geladen Wenn die Familie den Tee allein nimmt wird um Haselnüsse
gespielt Ich glaube sie werden im Herbst vom ganzen Hofe gesammelt Dann
gings zum Grossonkel an den Hof der sechsfüssigen Grenadiere ich war der
kleinste unter der Gesellschaft den einen Tag waren Alle als Generäle
gekleidet den Tag darauf Alle als Nimrods in Jagdröcken und Gamaschen heut
wird exercirt morgen gejagt Pulver ist der größte Verbrauch des Hofes auch
das Ballet trägt wie man sagt unter dem Flor Uniformen Endlich kam der große
Hof der Tante Luise Alle in weißen Köpfen mit Puder hat Jemand jüngeres Haar
so sucht er es so schnell als möglich los zu werden Abends tugendhafte
Familienunterhaltung wer medisirt erhält am nächsten Morgen von der Fürstin
eine Aufforderung zu Beiträgen für milde Stiftungen Prinzess Minna frug mich ob
ich auch fleißig zur Kirche gehe und als ich ihr sagte dass ich wenigstens mit
unserm Feldprediger regelmäßig Whist spiele fiel ich in Verachtung sie tanzte
den ersten Kontretanz mit ihrem Bruder ich bekam erst den zweiten Die
Abendgesellschaft genau nach ihren Würden aus den vier Schachteln geholt jede
in gesonderter Aufstellung Saal der wirklichen Geheimen der Kammerherren des
Kleinviehes vom Hofe und außerdem eine Vorhölle für unvermeidliches Bürgervolk
worin Banquiers und Künstler der höchsten Beachtung harren«
»Dies steife Wesen macht uns vor aller Welt lächerlich« rief der Erbprinz
Die Prinzess und Victor lachten über den plötzlichen Eifer »Seit wann ist
Benno rot« frug Victor
»Ich höre dies von ihm zum ersten Male« sagte die Prinzess
»Ein Fürst soll nur Gentlemen in seine Gesellschaft laden wer darin ist
steht dem Andern gleich« belehrte der Erbprinz
Wieder lachten die Andern »Wir danken für den weisen Spruch Professor
Bonbon« rief Siddy
»In diesem Zimmer wars wo wir dich als Eule anzogen Bonbon und wo du
seufzend unter Siddys Mantel sassest als der Fürst uns überraschte«
»Und wo du Strafe erhieltest« versetzte Benno »weil du mich armen Kerl so
verunstaltet«
»Machs ihm noch einmal« bat Siddy
»Wie du befiehlst« Victor nahm ein buntes Seidentuch formte zwei Zipfel
durch Knoten zu Ohrbüscheln und verhüllte den Kopf des Erbprinzen der sich das
Manöver ruhig gefallen ließ Sein ernsthaftes Gesicht mit den dunklen
Augenbrauen blickte abenteuerlich aus der Hülle heraus »Jetzt fehlt der
Federrock« rief Siddy »den denken wir uns dazu Ich bin die Wachtel und Victor
macht den Hahn Ich kenne noch die Melodie die wir uns als Kinder erdacht
haben«
Sie flog zum Flügel und fuhr über die Tasten der Erbprinz drehte den
Teaterzettel welchen er in der Tasche trug zu einer spitzen Düte und stöhnte
hinein »Uhü uhü Frau Wachtel ich fresse Sie«
Die Wachtel sang »Pikwerwit alter Uhu s macht sich nit« Und der Hahn
krähte »Kikeriki allerliebste Wachtel ich liebe Sie«
»Das ist nie wahr gewesen Victor« sagte die Prinzessin unter dem Spiele
»Wer weiß« entgegnete er »Kikeriki«
Das Konzert war im besten Gange Victor sprang auf den Teppich schlug mit
den Händen und krähte der Erbprinz blies auf seinem Stuhle unermüdlich die
Klagelaute des Uhu Siddy bewegte ihr Köpfchen nach dem Tacte sang ihr
Pikwerwit und rief dazwischen »Ihr seid lächerliche kleine Jungen« Da klopfte
es leise schnell fuhren Alle auf der Säbel flog an seinen Riemen die Wachtel
war im Nu in eine vornehme Dame verwandelt
»Des Fürsten Hoheit lässt ersuchen Höchstdenselben allein zu erwarten«
meldete der eintretende Kammerdiener
»Ich wusste dass er uns stören würde« brummte Victor aufbrechend
»Hinweg ihr Kinder« rief Prinzess Sidonie »Noch einmal mich freuts
Vetter dass du wieder da bist wir Drei wollen zusammenhalten Benno ist brav
und mein einziger Trost Vermeide sooft der Fürst zugegen ist dich mit mir zu
beschäftigen ich nehme dir nicht übel wenn du dich gar nicht um mich kümmerst
Der Spion welcher mir gesetzt wurde ist jetzt mein Fräulein die Lossau jedes
Wort das du in ihrer Gegenwart sprichst wird zugetragen Die Herren kennst du
lustiger sind sie nicht geworden«
»Da ist Bennos Kammerherr heraufgekommen« forschte Victor »der Fürst
sprach heut lange mit ihm«
»Er ist gutmütig aber schwach« bemerkte der Erbprinz »und hängt ganz von
seiner Stelle ab Verlass ist nicht auf ihn«
»Sei diesmal hübsch artig Victor« fuhr die Prinzessin fort »sei ein guter
Chinese trage deinen Zopf regelrecht und benimm dich genau nach den
Privilegien des Knopfes den du auf deiner Mütze führst Jetzt macht fort dort
hinaus die Treppe meiner Kammerfrau hinab«
Prinzess Sidonie eilte dem Fürsten an die Tür des Empfangzimmers entgegen
Der Fürst durchschritt die Räume bis in ihre Arbeitsstube Er warf einen Blick
in das aufgeschlagene Buch »Wer hat diese Zeichen gemacht«
»Herr Werner hat mir die wichtigsten Stellen angestrichen« versetzte die
Prinzessin
»Er ist mir lieb dass du diese Gelegenheit benützest dich durch einen
ausgezeichneten Gelehrten fördern zu lassen Er ist wenn man von dem
doctrinären Wesen absieht welches an diesen Meistern der Bücher hängt ein
bedeutender Mensch Ich habe den Wunsch ihm für seine opfervolle Tätigkeit den
Aufenthalt so angenehm zu machen als die Verhältnisse erlauben und ich ersuche
dass du dabei das Deine tust«
Die Prinzess verneigte sich stumm die Finger ihrer Hand schlossen sich
krankhaft zusammen
»Da es unmöglich ist ihn und seine Frau dem Hofe näher zu stellen so
wünsche ich dass du die Fremden einmal zu deinen kleinen Teeabenden einladest«
»Mein gnädigster Vater wolle mir verzeihen wenn ich nicht sehe wie dies
geschehen kann Die Abendgesellschaft hat bis jetzt immer nur aus meinen Damen
und den ersten Mitgliedern des Hofes bestanden«
»So ändere das« sagte der Fürst kalt »es bleibt dir unbenommen noch einen
oder den andern von unsern Beamten mit ihren Frauen herbeizuziehen«
»Verzeihung mein Vater da dies bis jetzt niemals geschah würde Jedermann
bemerken dass die Änderung nur durch die beiden Fremden veranlasst ist Es muss
üble Nachrede verursachen wenn ein zufälliger Besuch umzuwerfen vermag was an
diesem Hofe bis zu diesem Tage für erlaubt gehalten wurde«
»Die Rücksicht auf unartiges Geschwätz soll dich nicht abhalten« antwortete
der Fürst gereizt
»Mein gnädigster Vater möge huldvoll die Rücksichten würdigen welche mich
verhindern etwas dergleichen zu tun Es würde doch mir der Frau nicht
ziemen mich über Sitte und Brauch wegzusetzen welche mein Fürst und Vater für
sich selbst bindend erachtet Du hast geruht Herrn Werner bei kleiner Hoftafel
den Zutritt zu gestatten ihn würde auch ich ohne ungewöhnlichen Anstoß zu
erregen an meinem Teetisch sehen dürfen Die Frau dagegen ist von meinem
gnädigsten Vater niemals mit dem Hofe in Verbindung gebracht Es würde der
Tochter schlecht anstehen zu wagen was der Vater selbst nicht getan«
»Dieser Grund ist ein schlechter Deckmantel für bösen Willen« erwiderte
der Fürst »dich hindert nichts den Hof ganz wegzulassen«
»Ich kann keine Abendgesellschaft und sei sie noch so klein ohne meine
Hofdamen laden« entgegnete die Prinzessin hartnäckig »ich darf von meinen
Damen nicht fordern an so rücksichtslos zusammengeladener Gesellschaft Teil zu
nehmen«
»Ich werde dafür sorgen dass Fräulein von Lossau erscheint« entschied der
Fürst in bitterem Tone »ich bestehe darauf dass du im Übrigen nach meinem
Willen tust«
»Verzeihung mein gnädigster Vater« versetzte die Prinzessin in großer
Aufregung »wenn ich in diesem Fall nicht gehorche«
»Du wagst mir zu trotzen« rief der Fürst in einem plötzlichen Ausbruch von
Zorn und kam der Prinzessin näher die Prinzessin erblich und trat wie zur
Abwehr hinter einen Stuhl
»Ich bin hier die einzige Dame unseres Hauses« sagte sie entschlossen »und
ich habe in dieser hohen Stellung Rücksichten zu nehmen von denen mich nicht
der Herr dieses Hofes nicht mein eigener Vater entbinden kann Führen Ew
Hoheit eine neue Hofordnung ein ich werde mich willig fügen was aber Ew
Hoheit heut von mir verlangen ist keine neue Ordnung es ist Unordnung
demütigend für mich und uns alle«
»Freche übermütige Törin« rief der Fürst seiner nicht mehr mächtig
»meinst du meinen Befehlen entwachsen zu sein weil ich dich einmal aus meiner
Hand ließ Ich habe dich wieder hergezogen um dich festzuhalten du bist in
meiner Gewalt keine Sklavin ist es mehr In diesen Mauern gilt kein Wille als
der meine und wenn du dich nicht beugst ich weiß verstockten Sinn zu brechen«
Er trat drohend auf sie zu Die Prinzess wich an die Wand ihres Zimmers zurück
»Ich weiß dass ich eine Gefangene bin« rief auch sie mit flammenden Blicken
»ich wusste seit ich hierher zurückkehrte dass ich in meinen Kerker trat ich
weiß dass kein Schrei der Angst aus diesen Mauern dringt und dass eine Sklavin
mehr Schutz findet unter den Menschen als das Kind eines Fürsten gegen den
eigenen Vater Aber in diesem Zimmer habe ich eine Helferin zu der ich oft
flehend aufsehe und wenn Ew Hoheit mir jede Möglichkeit nehmen bei Lebenden
Hilfe zu suchen ich rufe mir zum Schutz gegen Sie die Toten« Sie riss die
Schnur eines Vorhangs das lebensgrosse Bild einer Dame wurde sichtbar in dem
sanften Antlitz ein rührender Zug von Trauer Die Prinzessin wies auf das Bild
und sah nach dem Fürsten »Wagen Ew Hoheit die Tochter vor den Augen ihrer
Mutter zu beschimpfen«
Der Fürst fuhr zurück ein rauer Ton drang aus seiner Brust er wandte sich
ab und winkte mit der Hand »Verhülle das Bild« sprach er tonlos »Rege dich
und mich nicht unnötig auf« begann er mit verändertem Ton »willst du meinen
Wunsch nicht erfüllen es sei ich bestehe nicht darauf« Er nahm seinen Hut vom
Tisch und fuhr in sanfter Stimme fort »Du bist bei der Bürgerschaft beliebt
das Wetter ist sommerwarm und verspricht Dauer Ich werde an deinem Geburtstage
den Beamten und der Stadt ein Tagesconcert im Park veranstalten die Liste der
Einladungen werde ich dir durch den Obersthofmeister zuschicken Am Abend ist
Galatafel und Festoper« Der Fürst schritt durch die Tür ohne die Tochter
anzusehen die Prinzessin folgte ihm bis an das Vorzimmer wo die Dienerschaft
stand Die Prinzessin machte bei der Tür eine tiefe Verbeugung der Fürst
winkte ihr freundlich mit der Hand Dann flog die Prinzessin in ihr Zimmer
zurück warf sich vor dem Bild auf den Boden und rang die Hände
Die Prinzen gingen durch den Park die Spaziergänger grüßten und sahen ihnen
nach Ehrbar und altbärtig rückte der Erbprinz seinen großen Hut Victor fuhr
leicht an die Husarenmütze und nickte zuweilen einem hübschen Gesichte
vertraulich zu »Alles alte Bekannte« begann er »es freut Einen doch dass man
hier zu Hause ist«
»Du bist immer ein Liebling der Leute gewesen« sagte der Erbprinz
»Ich habe sie ergötzt und geärgert« versetzte Victor lachend »Ich fühle
wie Herkules den mütterlichen Boden unter mir und bin zu jeder Missetat
aufgelegt Benno sieh nicht so gelangweilt aus das leide ich nicht«
»Wenn du nur alle Tage zu derselben Stunde mit mir spazieren gingest
würdest du auch so aussehen« erwiderte Benno und blieb vor einem leeren
Wasserbassin stehen worin vier kleine Bären saßen und nach dem Publicum
schauten das ihnen Brot hinabwarf Der Erbprinz nahm aus den Händen des
Wärters der mit abgezogener Mütze zu ihm trat einige Brotstücke und warf sie
gleichgültig den Bären zu »Und wenn du auf höchsten Befehl dich alle Tage als
populären Freund des Volkes zeigen und die dummen Bären füttern müsstest so
würdest du die Bären auch langweilig finden«
»Bah« rief Victor »es steht ja nur bei dir diese Mondkälber unterhaltend
zu machen« Er sprang mit einem Satz in den gemauerten Raum unter die Tiere
packte den ersten Bär wie einen Hammel der zur Wollschur getragen wird und
warf ihn auf den zweiten ebenso den dritten auf den vierten Ein greuliches
Gebrumm und Ohrfeigen der Bären begann sie balgten heftig miteinander das
Publicum jauchzte vor Vergnügen »Ihre Hand Kamerad« rief der Prinz einem
Zuschauer welcher mit lauten Äußerungen des Beifalls dem Unfug zusah »Helfen
Sie heraus« Der Angerufene es war Freund Gabriel hielt beide Hände herunter
»Hier Excellenz schnell dass die Biester nicht in die Uniformhose beißen« Er
zog den Prinzen der sich mit seinen Füßen an die Mauer stemmte kräftig herauf
Victor sprang leichtfüssig auf den Mauerrand und gab seinem Beistand einen Schlag
auf die Schulter »Dank Kamerad wenn Sie einmal im Loch sitzen halte ich
Ihnen auch die Hand entgegen« Das Volk schrie Bravo es gab ein ehrerbietiges
Gelächter während unten das Fauchen Kratzen und Beissen nicht aufhörte
»Man muss Leben in die Verhältnisse bringen« sagte Victor »wenn mich dein
Vater nicht wegjagt soll es in acht Tagen an eurem Hofe zugehen wie hier in der
Bärengrube«
»Und ich habs unterdes weggekriegt« versetzte Benno bekümmert »Einer
sagte zum Andern wenn Der doch auch so viel Kourage hätte und damit meinte er
mich«
»Sei ruhig du bist der Weise vor einsichtsvollen Leuten setze ich deine
Tugend ins helle Licht Zunächst erbitte ich dein Vertrauen Welcher Dame vom
Theater gönnst du deine Aufmerksamkeit damit ich dir nicht in den Weg komme
Ich wünsche nicht meine Aussichten bei dir zu verderben«
»Man will an mir dergleichen durchaus nicht leiden« versetzte Benno
»Nicht leiden« frug Victor erstaunt »Was ist das wieder für eine Tyrannei
Ist hier guter Ton geworden tugendhaft zu sein Dann gönne mir wenigstens eine
Mitteilung welche andere Dame aus politischen Gründen von mir nur aus der
Ferne bewundert werden darf«
»Ich glaube dass du freie Wahl hast« entgegnete Prinz Benno gedrückt
»Heil mir dass ich nicht Erbprinz bin Was aber hat den Fürsten veranlasst
mich so gnädig hierher einzuladen«
»Wir wissen es nicht auch Siddy war überrascht«
»Und ich Narr glaubte sie hätte die Hand im Spiele gehabt«
»Hätte sie etwas dafür versucht so wäre dir sicher keine Einladung
geworden«
»Dass er mich nicht gern sieht ist klar es war ein kühler Empfang«
»Vielleicht will er dich verheiraten«
»Mit wem« frug Victor schnell
»Er hat dich doch veranlasst bei den Verwandten herumzureisen« erwiderte
der Prinz vorsichtig
»Er durchaus nicht Ich wurde aus einer Hand in die andere spedirt und
überall wie ein netter Junge behandelt Das Ganze war offenbar eine
Verabredung«
»Vielleicht steckt eine unserer großen Ehestifterinnen dahinter« sagte der
Erbprinz
»Bei mir nicht verlass dich darauf Ich bin bei sämtlichen geheimen Müttern
unseres Vaterlandes welche die allerhöchsten Familiengefühle unter Aussicht
genommen haben sehr schlecht angeschrieben die rühren meinetwegen keinen
Finger«
»Wenns also der Vater nicht war und Niemand anders so hats der
Obersthofmeister getan«
»Sei gesegnet für diesen Verdacht« rief Victor »Wenn er mich hierher haben
wollte dann steht Alles gut«
»Hast du ihn gesprochen«
»Ich war bei ihm er ließ sich sogleich vom Feldzug erzählen und sprach in
seiner Art freundlich nicht mehr als sonst«
»Dann war er es verlass dich darauf«
»Aber warum« frug Victor »was soll ich hier«
»Das musst du mich nicht fragen um mich kümmert er sich wenig«
»Warum lenkst du bei jedem Seitenweg vom Pavillon ab« frug Victor »habt
ihr dort Fussangeln aufgestellt Wetter welch prachtvolles Gesicht Sieh du
Duckmäuser Also ihr seid tugendhaft geworden«
Der Erbprinz errötete vor Zorn »Die Dame dort oben hat Anspruch auf die
rücksichtsvollste Behandlung« sagte er finster
»Das ist also die schöne Fremde« rief Victor »Sie liest Wenn sie nur
einen Blick herunterwerfen wollte damit man mehr als das Profil sähe Wir gehen
hinauf du führst mich ein«
»In keinem Fall« versetzte der Erbprinz »wenigstens jetzt nicht«
Victor sah ihn verwundert an »Du weigerst dich mich dieser Dame
vorzustellen Ich brauche dich nicht« Er machte sich von ihm los
»Du bist toll« rief der Erbprinz ihn zurückhaltend
»Ich war nie mehr bei Sinnen« entgegnete Victor Er eilte einem Baum zu
der seine niedrigen Äste in der Nähe des Fensters emporstreckte und kletterte
mit der Behendigkeit einer Katze in die Höhe Ilse sah auf erkannte den
Erbprinzen und einen aufsteigenden Offizier und trat vom Fenster zurück Victor
brach eine Gerte ab und berührte die Scheiben Man hörte im Hause schellen das
Fenster wurde geöffnet Gabriel sah heraus »Immer in der Luft Excellenz« rief
er »was befehlen Dieselben«
»Richten Sie Ihrer Herrin meine ehrerbietige Bitte aus sie in einer
dringenden Angelegenheit nur einen Augenblick zu sprechen«
Ilse erschien mit ernstem Gesicht am Fenster hinter ihr der Diener der
junge Herr hielt sich mit einer Hand fest und griff mit der andern grüßend an
seine Mütze »Ich erbitte Ihre Vergebung gnädige Frau dass ich diesen
ungewöhnlichen Weg wähle mich Ihnen vorzustellen mein Vetter dort unten hat
mich wider meinen Willen hier heraufgeschickt«
»Wenn Sie hinunterfallen mein Herr nehmen Sie die Überzeugung auf den
Erdboden mit dass das Klettern unnütz war die Tür des Hauses steht offen«
Ilse trat zurück Victor verneigte sich wieder »Die Dame ist ganz meiner
Meinung« rief er strafend dem Erbprinzen zu »dass du sehr Unrecht getan hast
mich von der Tür abzusperren«
»Es gibt nach dieser Etourderie keinen Ausweg als dass wir sogleich
hinaufgehen und um Entschuldigung bitten« entschied der Erbprinz zornig
»Das war ja gerade was ich wollte« rief Victor »man muss den Menschen nur
verständig zureden«
Der Erbprinz trat mit seinem Vetter ein Ilse empfing die Prinzen mit
stummer Verbeugung
»Dies ist derselbe Mann« begann der Erbprinz »von dem ich Ihnen gnädige
Frau bereits erzählt habe er hieß schon als Knabe bei denen welche sein Wesen
kannten Junker Eulenspiegel«
»Ew Hoheit hätte es doch nicht tun sollen« versetzte Ilse traurig »ich
bin hier fremd und einer Missdeutung mehr ausgesetzt als Andere« Sie wandte sich
an den Erbprinzen »Es ist das erste Mal dass ich Ew Hoheit seit Ihrer Genesung
sehe«
»Ich bin in Gefahr wieder aus Ihrer Nähe verbannt zu werden« entgegnete
der Erbprinz »und Sie haben das gewollt«
Ilse sah ihn befremdet an
»Sie haben meinem Vater den Inhalt einer Unterredung mitgeteilt die ich
einst mit Ihnen hatte« fuhr der Erbprinz bekümmert fort »Sie haben dadurch den
Fürsten veranlasst zu beschließen dass ich von hier auf das Land versetzt
werde«
»Ich möchte um Alles nicht dass Ew Hoheit von mir glaubten ich habe ein
Vertrauen verraten Waren die harmlosen Worte die ich zu Ihrem Herrn Vater
gesprochen gegen Ew Hoheit Wunsch so kann ich zu meiner Entschuldigung nur
sagen dass sie aus der wärmsten Empfindung für Ew Hoheit hervorgegangen sind«
Der Erbprinz verneigte sich schweigend
»Dies Terzett ist nur aus Dissonanzen zusammengesetzt« rief Victor »Alle
drei sind wir gekränkt Jeder durch die beiden Andern am tiefsten ich denn
mich hat mein ungefälliger Vetter in die Gefahr gesetzt gänzlich aus Ihrer
Gnade zu fallen bevor ich sie zu gewinnen Gelegenheit hatte Dennoch bitte ich
um die Erlaubnis mich Ihnen wieder vorzustellen in besserer Beleuchtung als
mir das Baumlaub dort draußen zukommen ließ«
Die Prinzen empfahlen sich im Freien sagte Victor »Ich wollte nur wissen
was die Frau Professorin zu bedeuten hat ich merke jetzt dass es für mich in
keinem Fall ratsam ist meine Ehrerbietung geräuschvoll zu Füßen zu legen Sei
mir nicht böse Benno ich bin kein Spielverderber kannst du mich brauchen so
befiehl über mich«
Der Erbprinz blieb stehen und sah seinen Vetter so schmerzlich an dass
dieser auch ernstaft wurde »Willst du mir einen Dienst erweisen für den ich
dir dankbar sein werde weil ich lebe so hilf dazu dass die Bewohner jenes
Hauses unsere Gegend so schnell als möglich verlassen Es bringt kein Glück uns
nahe zu sein«
»Sags ihnen doch geradeheraus dir werden sie mehr glauben als mir«
»Welchen Grund soll ich angeben« frug der Erbprinz »Es gibt nur einen und
ich bin der letzte der ihn aussprechen darf«
»Die Frau sieht wenigstens aus als wüsste sie recht gut sich selbst zu
beraten« tröstete Victor »Grössere Sorge habe ich um dich ich sehe du bist
in Gefahr diesmal mit dem Fürsten zu sehr einer Meinung zu sein Wirst du nicht
wenigstens Einwürfe wagen wenn er dich fortschicken will«
»Mit welchem Recht« frug der Erbprinz »Er ist mein Vater Victor und mein
Herr Ich bin der erste seiner Untertanen mir ziemt es der Gehorsamste zu
sein So lange er mir nichts befiehlt was gegen mein Gewissen ist bin ich
verbunden ihm auf der Stelle zu gehorchen Das ist die Richtschnur die ich für
mein Tun gezogen habe Aus innerer Überzeugung«
»Gesetzt aber« warf Victor entgegen »ein Vater wollte seinen Sohn
entfernen um Andern Unheil zu brauen denen der Sohn Anteil gönnt«
»Ich meine der Sohn müsste doch gehen« versetzte der Erbprinz »wie schwer
es ihm auch wird denn ihm ziemt nicht einmal einen Verdacht gegen den Vater in
seiner Seele zu dulden«
»Mehr Sohn als Prinz« rief Victor »und wir sind am Ende tugendhafter
Benno Ah Bergau wohin«
Der angeredete Hofmarschall erwiderte bedrängt »Nach dem Pavillon mein
Prinz«
»Haben Sie Näheres über den Schrecken gehört« frug Victor geheimnisvoll
»den man im Schloss des Grossonkels gehabt hat über eine Frau oder vielmehr
Erscheinung die in Wirklichkeit ein Geist war der als Gespenst auftrat mit
einem Getöse welches als Gepolter anfing und mit einem Trauermarsch endete
wobei die Türen zitterten und die Kronleuchter klirrten wie ein Schellengeläut
Nichts gehört«
»Nicht das Geringste welche Erscheinung wann und wie«
»Ich weiß durchaus nichts« antwortete Victor »Kommt Ihnen etwas zu Ohren
so bitte ich um Nachricht« Das versprach der Hofmarschall und eilte vorwärts
Der Hofmarschall war in seinem Dienst untadelhaft er kannte alle
Tafelgedecke und Gläser persönlich überflog gewissenhaft die Rechnungen sorgte
für einen guten Weinkeller und verstand gründlich die Repräsentation seines
Amtes Außerdem war er ein wackerer Edelmann fromm mit reichem Kindersegen
beglückt aber er war nicht was man einen großen Geist nennt Diese letzte
Eigenschaft machte ihn bisweilen zu einem wertvollen Kämpfer des Hoflagers
denn er verfocht mit der Sicherheit eines Fanatikers den geheiligten Brauch
seines Hofes gegen unberechtigte Ansprüche fremder Gäste und wurde vom Fürsten
wohl einmal als Sturmbock benutzt um eine Mauer anzurennen welche ein Anderer
vorsichtig umging Heut trat der Hofmarschall bei Ilse ein im Herzen unwillig
über den Auftrag den er geschickt auszuführen befehligt war Er traf die Frau
Professorin in ungünstiger Stimmung Die Dreistigkeit Victors der geheime
Vorwurf in den Worten des Erbprinzen hatten sie unzufrieden mit sich selbst
gemacht und misstrauisch gegen die unklaren Verhältnisse von welchen sie umgeben
war Der Hofmarschall rührte lange die Bowle um aus welcher er einzuschenken
hatte er drehte die Unterhaltung auf Ilses Heimat und ihren Vater den er nach
seiner Annahme einmal bei einer Tierschau gesehen hatte »Ein schönes Gut wie
man hört höchst achtungswerter Charakter« Ilse über jedes Lob ihrer Lieben
erfreut ging arglos auf dies Gespräch ein und erzählte von Gütern und Nachbarn
in ihrer Gegend Endlich begann der Hofmarschall »Herr Bauer ist jeder
Auszeichnung würdig verzeihen Sie mir deshalb eine Frage Hat Ihr Vater denn
niemals den Wunsch gehabt geadelt zu werden«
»Nein« versetzte Ilse und sah den Hofmarschall groß an »wie sollte er zu
diesem Wunsch kommen«
»Ich enthalte mich aller Bemerkungen über die günstigen Folgen welche eine
solche Erhebung für die Zukunft Ihrer Geschwister haben würde sie liegen auf
der Hand Es ist leicht zu begreifen dass bescheidenes Selbstgefühl einen Mann
verhindern kann sich um diesen Vorzug zu bewerben Ich bin aber überzeugt dass
des Fürsten Hoheit auch im eigenen Interesse eine solche Verleihung gern sehen
würde Denn die Stellung Ihres Herrn Vaters zu meinem gnädigsten Herrn würde
dadurch viel günstiger«
»Es ist eine recht günstige Stellung« sagte Ilse
»Ich darf wohl bei den persönlichen Beziehungen in welche Sie zu unsern
hohen Herrschaften getreten sind darüber offener sprechen« fuhr der
Hofmarschall sicherer fort »Für des Fürsten Hoheit und für uns alle würde
wertvoll sein wenn Höchstderselbe bei gelegentlicher Anwesenheit in jener
Gegend ein Haus fände in welchem eine gastliche Aufnahme möglich wäre«
Erstaunt unterbrach ihn Ilse »Ich bitte Herr von Bergau mir das näher
auseinanderzusetzen ich verstehe von diesen Dingen gar nichts Der Fürst hat
doch schon einigemal unser Haus mit seiner Anwesenheit beehrt«
Der Hofmarschall zuckte die Achseln »Man hat in der Not das freundliche
Anerbieten Ihres Herrn Vaters angenommen es musste immer ein kurzes wie
gelegentliches Absteigen bleiben denn wenn auch Ihr Vater selbst in seiner
amtlichen Stellung für diese Ehre nicht ganz ungeeignet war so fehlte doch die
Hausfrau welche die Honneurs des Hauses machen konnte«
»Ich vertrat diese Stelle so gut ich vermochte« sagte Ilse
Der Hofmarschall verneigte sich »Es hat Erwägungen gekostet wie das
Frühstück einzurichten wäre ohne die Frauen des Hauses zu beleidigen und es
war sehr willkommen dass Herr Bauer ganz davon absah für die Frauen eine
Teilnahme daran zu verlangen Gestatten Sie mir endlich noch die Bemerkung
eine Standeserhöhung Ihres Vaters würde sogar für Sie sehr wertvoll sein Denn
Ihr Herr Gemahl ist als Gelehrter von ausgezeichneten Verdiensten ebenfalls in
der Lage dass ein angedeuteter Wunsch desselben ihm Rang und Stand verschaffen
könnte welche ihn bei Hofe etabliren Unter diesen Voraussetzungen aber würde
sich auch für Sie ein Zutritt bei Hofe wenn auch mit Beschränkungen
durchsetzen lassen Dem Fürsten und der Prinzessin wäre durch unsere Hofordnung
Gelegenheit gegeben Ihnen bisweilen im Schloss bei Gegenwart der Chargen
Zutritt zu gestatten zu größerem Hofball und Hofconcert wären Einladungen
möglich«
Ilse stand auf »Es ist genug Herr Hofmarschall jetzt verstehe ich Was
mein Vater tut wenn ihm angeboten wird wovon Sie sprechen glaube ich zu
wissen er wird lachen und das Angebotene zurückweisen und er wird sagen wenn
unser bürgerliches Haus unserm Landesherrn nicht gut genug ist darin
einzukehren so verzichten wir auf diese Ehre Ich aber habe im Zurückweisen
nicht die Ruhe welche ich meinem Vater zutraue und ich sage Ihnen mein Herr
wenn ich eine Ahnung gehabt hätte dass ich als Frau der hiesigen Gesellschaft
nicht für vollberechtigt gelte ich würde keinen Fuß hierher gesetzt haben«
Mit Mühe bezwang Ilse den Zorn welcher in ihr arbeitete Der Hofmarschall
war bestürzt und versuchte sich in zudeckender Rede aber mit Frau Ilse war
nicht mehr zu verhandeln sie blieb stehen und zwang ihn dadurch zum Aufbruch
Der Professor fand seine Frau im dunklen Zimmer vor sich hinbrütend »Willst
du einen Adelsbrief haben« rief sie aufspringend »er wird auf der Stelle für
dich ausgefertigt und für den Vater auch damit wir alle den Vorzug erhalten
volle Menschen zu werden mit denen die Leute im Schloss verkehren können ohne
sich gedemütigt zu fühlen Es wird ihnen unbequem dass sie uns nur wie
Aegelegentlich sehen können Ich weiß jetzt weshalb ich allein speise und
weshalb der Fürst in Bielstein nicht unsere Wohnstube betrat Uns tut ein neuer
Name not damit wir die Bildung und den Anstand erhalten welche uns würdig
machen zu Hofe zu gehen Uns noch nicht einmal vielleicht unsere Kinder
Kannst du das anhören ohne vor Scham zu erröten dass wir hier sind Sie
füttern uns wie fremde Tiere die sie sich aus Neugierde anschaffen und wohl
wieder aus dem Pferch hinausjagen«
»Holla Ilse« rief Felix »du verwendest mehr Patos als nötig ist Was
kümmern uns die Vorurteile der Menschen hier Wir sind hergekommen weil sie
etwas von uns begehrten wir etwas bei ihnen suchten Hat der Fürst nicht Alles
getan uns den Aufenthalt in der Weise angenehm zu machen wie wir sie gewohnt
sind Wenn die Leute hier durch den Brauch in dem sie erzogen sind und durch
die Sitte ihres Kreises veranlasst werden den Verkehr mit uns durch bestimmte
Formen abzugrenzen was kümmert das uns Wollen wir ihre Vertrauten werden und
mit ihnen zusammen leben wie mit unsern Freunden daheim Solches Aufschliessen
unserer Seelen haben sie sich doch noch nicht verdient Als wir herkamen traten
wir in ein einfaches Kontractverhältniss wir übernahmen auch die Verpflichtung
uns in ihre Lebensordnung zu fügen«
»Und wir behielten die Freiheit von hier zu gehen sobald uns diese Ordnung
nicht mehr gefällt«
»Ganz recht« versetzte der Professor »sobald wir einen ausreichenden Grund
haben sie unerträglich zu finden Ich meine das ist nicht der Fall Man
verlangt von uns nichts Entwürdigendes ja man zeigt uns beflissene
Aufmerksamkeit was kümmert uns der Teil ihres Lebens den sie uns nicht geben
und den wir zu begehren weder Recht noch Veranlassung haben«
»Täusche uns beide nicht« rief Ilse »Wenn in unserer Stadt Jemand zu dir
sagte du darfst nur meine Schuhe ansehen aber den Blick nicht bis zu meinem
Gesicht erheben du darfst nur im Freien mit mir zusammenkommen aber nicht in
meinem Hause ich kann nur stehend bei dir essen aber an deinem Tisch
niederzusitzen verbietet mir meine Würde was wirst du der du so stolz in
deinem Kreise stehst einem solchen Toren antworten«
»Ich werde nach dem Grund seiner Befangenheit fragen vielleicht ihn
bedauern vielleicht mich von ihm wegwenden«
»So tus hier« rief Ilse »Denn wir sind geladene Gäste vor denen die
Hausleute die Tür zusperren«
»Ich wiederhole dir wir sind nicht Gäste welche geladen wurden mit den
Menschen hier gesellig zu verkehren Ich bin zur Arbeit hergerufen und ich habe
diesen Ruf angenommen weil ich für meine Wissenschaft so Großes suche dass ich
weit andere Übelstände ertragen müsste als etwa unbequeme Gewohnheiten des
Hofes Dies wichtige Interesse darf ich nicht aufs Spiel setzen durch ein
Auflehnen gegen gesellige Ansprüche die mir nicht gefallen Gerade weil ich
ohne besondere Ehrfurcht auf diese Ordnung sehe stört sie mir nicht die Laune«
»Es tut aber weh und macht zornig dass Menschen an deren Leben man Anteil
nimmt an so greulich veraltetem Trödel hängen« rief Ilse immer noch erbittert
»Das also ist es« frug Felix »Wir sorgen auch um das Seelenheil der
Anspruchsvollen selbst Das lässt sich eher hören Nun an jedem Privilegium
hängt ein alter Fluch der die Meisten trifft welche daran Teil haben Das mag
auch von den Vorrechten des Hofes gelten Das Leben unserer Fürsten ist in den
Bann bestimmter Kreise eingeschlossen Anschauung und Vorurteil einer Umgebung
die sie sich nicht frei wählen dürfen umgibt sie vom ersten Tage ihres Lebens
bis zum letzten Dass sie nicht stärker und freier sind rührt zum großen Teil
von der engen Atmosphäre in welche sie durch die Etikette gebannt sind Das ist
ein Unglück nicht nur für sie selbst ist für uns alle ein Leiden dass unsere
Fürsten so häufig die bürgerliche Gesellschaft mit den Augen eines Kammerjunkers
betrachten Diesen Übelstand mag man als Mitlebender schmerzlich fühlen Und
ich meine allerdings der Kampf welcher in unserm Vaterlande auf verschiedenen
Gebieten entbrannt ist wird nicht eher mit einem guten Frieden enden als bis
die Gefahren beseitigt sind welche die alte Hofordnung der Erziehung unserer
Fürsten bereitet Auch scheint mir in der Tat, dass diese starre Ordnung schon
an vielen Stellen durchlöchert ist die Zeit mag kommen wo das Unverständige
darin ein Stoff für gute Laune und Satire wird Denn die Etikette der Höfe ist
zuletzt ein Überrest aus vergangener Zeit wie unsere Zunftverfassung und
ähnlicher veralteter Brauch Darin hast du Recht Wer sich aber persönlich so
sehr reizen lässt wie du in dieser Stunde der setzt sich dem Argwohn aus dass
er nur deshalb zürnt weil er sich selbst den Zutritt zu abgeschlossenen Kreisen
begehrt«
Ilse sah schweigend vor sich nieder »Dir und mir« fuhr der Professor fort
»geziemt bei zufälliger persönlicher Berührung mit solchen Anschauungen nur
Eines kühle Nichtachtung Wir wünschen zum Vorteil unserer Fürsten die
Schranken beseitigt welche ihnen den Verkehr mit ihrem Volke einengen aber wir
haben durchaus nicht Wunsch und Drang uns an die Stelle derer zu setzen auf
welche die Gebieter unseres Landes jetzt ausschließlich angewiesen sind Denn im
Vertrauen wir alle deren Leben in angestrengter geschäftlicher Tätigkeit
verläuft wir würden in der Regel schlechte Gesellschafter der Fürsten sein uns
fehlt nicht nur die zierliche Sicherheit der Form die sich eher gewinnen ließe
auch die wohltuende Gefügigkeit im Tagesverkehr die Stärkeren werden leicht
durch Unabhängigkeit verletzen die Schwachen durch haltlose Unterwürfigkeit
verächtlich werden Nur die Freiheit der Wahl fordern wir für die Regierenden
Ein Gefühl dürfen wir aber ohne Überhebung bewahren dass Alle die sich
gesellig von unsern Kreisen scheiden mehr verlieren als wir Was die Herzen
erwärmt den Geist erhellt muss man aus dem Volke holen Wer sich das schwer
macht der entbehrt«
Ilse trat zu ihm und legte ihre Hand in die seine
»Deshalb Frau Ilse« fuhr der Gatte heiter fort »lass dir ruhig für diese
wenigen Wochen gefallen was um dich vorgeht Käme dir einmal die Aufforderung
in Wirklichkeit Gast für die Geselligkeit eines Hofes zu werden dann magst du
vorher über deine Ansprüche in Verhandlung treten und wenn du in solchem Falle
ablehnst dann tust dus mit Lachen«
»Sprichst du so aus sicherer Ruhe deiner Seele« frug Ilse und sah den
Gatten forschend an »oder weil dir jetzt sehr viel daran liegt hier zu
bleiben«
»Mir liegt Alles an meiner Handschrift« versetzte der Professor »im
Übrigen entbehre ich der Ruhe weniger als du Denn du hast in deiner Jugend und
vollends im letzten Jahr mit warmer Empfindung um Personen dieses
Fürstenschlosses gesorgt du hast dich in einzelnen Stunden ihnen vertraulich
nahe gefühlt und deshalb bist du jetzt mehr verletzt als nötig wäre«
Ilse nickte bestätigend mit dem Haupt
»Halt aus Ilse« mahnte der Gatte herzlich »denke daran dass du frei bist
und jeden Tag davon fliegen kannst Aber mir wäre lieb wenn du mich nicht
allein ließest«
»Ist dir das lieb Felix« frug Ilse weich
»Ungläubige« rief der Professor »Heut lassen wir das Theater und nehmen
unsere Leseabende auf Ich habe mitgebracht was dir die Grillen vertreiben
soll« Er trug die Lampe auf den Tisch schlug ein kleines Buch auf und begann
»Es war an einem Pfingstentag Nobel der König von allen Tieren hielt Hof«
und so fort
Frau Ilse saß die Arbeit in der Hand neben dem Gatten wie sonst fiel das
Licht der Lampe auf das Antlitz des Geliebten sie suchte spähend darin zu
lesen ob er noch gegen sie fühle wie ehemals bis endlich die Freveltaten des
Fuchses auch ihre Lippen zum Lächeln zogen und sie ihm das Buch aus der Hand
nahm um weiter zu lesen mit ruhigem Atem behaglich wie in der Heimat
»Wie geht es der kranken Frau von Bergau« frug am andern Morgen die Prinzess
ihr Hoffräulein die kleine Gotlinde Turn
»Schlecht Hoheit sie hat sich sehr aufgeregt über die plötzliche Abreise
ihres Gatten und ihre Entbindung wird jede Stunde erwartet«
»Bergau ist verreist warum jetzt« frug die Prinzess erstaunt
»Der Fürst hat ihm den Einkauf von Porzellan in einer fremden Stadt
befohlen«
Die Prinzessin sah bedeutsam auf die Vertraute »Verzeihen Hoheit dass ich
es auszusprechen wage« fuhr das Hoffräulein fort »wir alle sind empört Bergau
hat gestern wie man vernimmt einen Auftritt mit der fremden Dame im Pavillon
gehabt heut früh hat er von des Fürsten Hoheit den Befehl erhalten unter
Ausdrücken welche jede Einwendung unmöglich machten«
»Was hats denn im Pavillon gegeben« frug die Prinzessin
»Das weiß man nicht« erwiderte das erzürnte Fräulein »Aus den Andeutungen
Bergaus muss man schließen dass die Fremde Ansprüche erhoben hat Zutritt bei
Hofe gefordert und mit ihrer Abreise gedroht Die Anmassung der Fremden ist
unleidlich wir alle bitten dass Hoheit die Gnade haben unsere Rechte zu
vertreten«
»Gute Linda ich bin für euch ein gefährlicher Bundesgenosse« versetzte die
Prinzessin traurig
Der Geburtstag der Prinzessin wurde von Hof und Stadt gefeiert Viele Leute
trugen Festkleider lange Züge Glückwünschender bewegten sich nach dem Vorzimmer
des Fürstenkindes zwei Diener hatten vollauf zu tun Listen und Federn
darzubieten damit die Ankommenden ihre Namen einzeichneten Die Prinzess empfing
am Morgen den Hofstaat sie erschien zum ersten Mal in hellen Farben und sah
schöner aus als je In dem geöffneten Seitenzimmer standen die Tische welche
mit Geschenken bedeckt waren viel wurde von den Damen das prachtvolle Kleid
bewundert welches der Fürst seiner Tochter verschrieben hatte und von den
Weisen des Hofes kaum weniger die schöne Arbeit an den Miniaturen des Magisters
Um drei Uhr begann das Konzert im Schlossgarten Herren und Frauen des Adels
der Beamten und Bürgerschaft traten in den gedeckten Raum die Damen der
Prinzessin begrüßten und ordneten die Frauenwelt durch leise Winke zu einem
großen Kreis hinter welchen die Herren als dunkle Einfassung traten auf der
einen Seite die Familien des Hofes auf der andern die Stadt Die Gäste fügten
sich mit Behendigkeit dem Zwange der mathematischen Linie nur auf der
Stadtseite gabs kleine Unordnung Der neue Stadtrat Gottlieb ein ansehnlicher
Fleischermeister schob Frau und Tochter nach hinten und stellte sich
breitbeinig in die Vorderreihe und es bedurfte einer Aufforderung des
Hoffräuleins um die Zurückgestellten hervorzuziehen »Ich zahle die Steuern«
sagte der gebändigte Gottlieb mit verlegenem Trotz zu seiner Umgebung aber er
begegnete auch bei seinen Nachbarn einem verurteilenden Lächeln
Als Ilse neben dem Gatten in die fremde Gesellschaft trat fühlte sie sich
durch die kalten neugierigen Blicke erschreckt welche von allen Seiten gegen
sie stachen Der Kammerherr führte sie zu der ersten Hofdame und die Baroness
machte nach kühler Begrüßung eine gehaltene Handbewegung durch welche Ilse an
das Ende der Hofseite gegenüber dem Eingange gestellt wurde Pünktlich
erschienen unter Vortritt der Marschälle die Herrschaften am Arme des Fürsten
strahlend und lächelnd die Prinzess hinter ihr die Prinzen Die Kleider der
Damen rauschten wie Wellen bei dem ehrfürchtigen Niedertauchen hinter ihnen
beugte auch der Männerkreis seine Häupter in feierlichem Schwunge Die Prinzess
machte die tiefe Cercleverneigung ein Meisterstück höchster Hoftechnik und
begann ihren Rundgang Frau Sonne schien warm wie im Sommer Alles freute sich
des schönen Tages und des frohen Geburtstagskindes die Prinzess war wieder von
bezaubernder Liebenswürdigkeit und erwies heut ihre Begabung sich edel
darzustellen in der gehobenen Stimmung welche wie man sagt von der Ausübung
schöner Kunst unzertrennlich ist Vor ihr bewegte sich die Hofdame zog Einzelne
noch durch einen Wink zur Vorderreihe und nannte die Namen welche der Prinzess
etwa fremd waren Die Prinzessin hatte für Jeden ein herzliches Wort oder doch
ein Kopfnicken und süßes Lächeln welche das Gefühl gaben dass man wohl beachtet
sei Der Fürst aber stand heut unter seinen Bürgern mit aller Behäbigkeit eines
guten Hausvaters
»Eine große Zahl alter Freunde und Nachbarn« sagte er dem
Oberbürgermeister »Ich wusste dass dies ganz nach dem Herzen meines Kindes sein
würde Denn es ist für sie nach schwerer Prüfungszeit wieder das erste Mal dass
sie mit Vielen zusammentrifft welche freundlichen Anteil an ihrem Leben
nehmen«
Aber keine von allen geladenen Frauen sah mit solcher Spannung auf den
Cercle der Prinzessin als Ilse Sie vergaß ihren Zorn über Standesvorurteile
sie vergaß auch das Missbehagen welches ihr die eigene Einsamkeit unter den
fremden Frauen bereitete und blickte unverwandt auf die junge Fürstin Etwas
von dem Reiz den die Huld der vornehmen Dame für die Anwesenden hatte empfand
doch auch Ilse Diese Leichtigkeit in wenig Minuten so Vielen etwas
Wohltuendes von dem eigenen Wesen zu geben war ihr ganz neu Unruhig schaute
sie nach ihrem Felix zurück auch er beobachtete mit Freude die anmutsvollen
Bewegungen der Prinzessin Sie kam näher Ilse vernahm ihre Fragen und die
Antworten der Glücklichen denen sie nähere Beachtung zu Teil werden ließ Ilse
sah auch dass das Auge der Prinzessin flüchtig bis zu ihr hinabstreifte und dass
sein Ausdruck ernster wurde Die Prinzess hatte sich bei einem alten Fräulein
das vor Ilse stand verweilt und angelegentlich nach dem Befinden der kranken
Mutter erkundigt jetzt schritt sie langsam an Ilse vorüber neigte fast
unmerklich das Haupt und sagte leise »Ich höre Sie wollen uns verlassen«
Die unerwartete Frage und Kälte in Ton und Angesicht regten den Stolz der
Professorin auf unter dem Strahl ihrer großen Augen hob sich auch die Gestalt
der Prinzessin beide wechselten einen feindseligen Blick als Ilse antwortete
»Ich bitte Ew Hoheit um Verzeihung wenn ich bei meinem Gatten bleibe« Die
Prinzess sah auf den Professor wieder flog ein fröhliches Lachen über ihr
Gesicht sie setzte ihre Wanderung fort Auch Ilse wandte sich schnell zu ihrem
Mann er schaute durchaus harmlos und vergnügt in die Welt er hatte von dem
kleinen Auftritt gar nichts gemerkt
Wohl aber der Fürst Denn er schritt quer durch den Raum auf Ilse zu und
begann »Unter alten Bekannten begrüßen wir auch die neuen Doch für mich und
den Erbprinzen passt der Ausdruck nicht Denn wir sind der Gastlichkeit Ihres
Hauses oft zu Dank verpflichtet gewesen und es ist uns besonders wertvoll dass
wir Ihnen heut den Kreis zeigen in welchem wir heimisch sind Ich bedaure dass
Ihr Herr Vater nicht unter uns ist ich hege warme Achtung vor seiner gediegenen
Tüchtigkeit und ich weiß seine Verdienste um die Landschaft sehr wohl zu
schätzen Er hat bei der landwirtschaftlichen Ausstellung einen Preis erhalten
richten Sie ihm meine Glückwünsche aus Ich hoffe sein Beispiel wird für mein
Land nicht verloren sein«
Der Fürst verstand gut zu machen was sein Hof an Ilse versah Eine
Professorfrau hat starke Bedenken gegen Hofbrauch und vornehme Ansprüche Aber
wenn denen die sie liebt in feierlicher Versammlung ein wohlverdientes Lob aus
erlauchtem Munde zu Teil wird das freut sie doch trotz alledem Nach der
verletzenden Frage der Tochter war die glänzende Auszeichnung durch den Vater
eine schöne Genugtuung Ilse sah den Fürsten mit einem Blick inniger
Dankbarkeit an und dieser wandte sich jetzt freundlich zu ihrem Felix und blieb
lange vor ihm stehen Als er endlich zu Andern trat hatte die ungewöhnliche
Beachtung welche er den Fremden vor seinem versammelten Volke gönnte die
landesüblichen Folgen auch die Herren des Hofes schoben sich heran und erwiesen
Ilse und dem Professor von der Seite ihre Aufmerksamkeit Ilse sah jetzt ruhiger
in den Kreis und bemerkte wie der Erbprinz langsam durch die Reihen ging und
Herren und Damen nach einer geheimen wohlgeordneten Reihenfolge aussuchte
dabei mitunter auf dem Wege anhielt und sein Augenglas bewegte als ob er etwas
überlege während Prinz Victor als Komet eine durchaus unregelmässige Bahn
wandelte deren Punkte sich nur bestimmen ließ wenn man die hübschesten
Gesichter heraussuchte Er hatte lange mit der Tochter des Stadtrat Gottlieb
gesprochen und das Fräulein zu einem Lachen gebracht über das sie selbst so
erschrak dass sie rot wurde und ihr Taschentuch vor den Mund hielt als er
plötzlich neben Ilse stand »Eine solche Blumenausstellung ist lustig« begann
er nachlässig wie zu einem guten Kameraden »Man muss freilich auch manchen
stachligen Kactus in Kauf nehmen«
»Für die Herrschaften welche mit so Vielen zu sprechen haben mag sie doch
ermüdend sein« sagte Ilse
»Glauben Sie das ja nicht« versetzte Victor »Es ist süß soviel Leute vor
sich zu sehen welche nicht mucksen dürfen wenn mans ihnen nicht erlaubt für
diesen Genuss erträgt fürstliches Blut noch größere Strapazen Kennen Sie das
Spiel Dreh dich nicht um der Plumpsack geht um Dies hier ist eine Abart
welche zum Vergnügen hoher Herrschaften eingerichtet wurde Nur dass die Klapse
nicht auf den Rücken sondern vorn verabreicht werden«
Der Kreis geriet in Bewegung der Fürst bot der Prinzessin den Arm und
führte sie in ein großes buntverziertes Zelt die Gäste folgten eine Schaar
Lakaien bot Erfrischungen Darauf nahmen die Damen hinter den hohen Herrschaften
Platz die Herren standen in der Runde Das Konzert begann mit majestätischem
Paukenschlag und ging nach kurzem Verlauf unter rasenden Einfällen sämmtlicher
Geigen zu Ende Jetzt aber begrüßte die Prinzessin auch die Herren diese
allerdings mit minderer Regelmäßigkeit Ilse ward von Fräulein von Lossau in ein
Gespräch verflochten die Prinzess aber trat zu Felix Werner und tat eifrige
Fragen der Professor wurde warm und erklärte die Prinzess frug immer mehr
lachte und antwortete Der diensttuende Obermarschall blickte verstohlen nach
der Uhr es war höchste Zeit für die Damen des Hofes sich zum Diner
umzukleiden der Fürst aber winkte ihm zu sah zufrieden nach der Prinzessin und
sagte in bester Laune zu seinem Sohn »Heut regiert sie wir warten gern«
»Meine liebe Hoheit vergisst uns alle über den Fremden« flüsterte Fräulein
von Turn bekümmert dem Prinzen Victor zu
»Beruhigen Sie deshalb Ihr treues Herz Dame Gotlinde« tröstete der Prinz
»Unsre Herrin Bradamante hat ihre siegreichen Waffen ein langes Jahr nicht
gebraucht sie würde heut ihre Kraft versuchen und wenn sie einen Kohlkopf vor
sich hätte«
Am nächsten Morgen saß die Prinzessin unter ihren Hofdamen der vergangene
Tag wurde besprochen wie Brauch ist die Prinzessin bewundert über Abwesende
ein wenig geurteilt und über Kleidung und Haltung einiger Stadtmütter Erstaunen
ausgedrückt
»Aber mit der Stadtkämmerin haben Hoheit nicht gesprochen« rief Gotlinde
Turn »die arme Frau hat das als Zurücksetzung empfunden und nach dem Konzert
geweint«
»Wo stand sie« frug die Prinzess
»Nahe bei der Fremden« antwortete die Turn
»Ah deshalb« rief die Prinzess »Wie sieht sie denn aus«
»Ein rundes Frauchen mit braunen Augen und roten Backen Mein Bruder wohnt
in ihrem Hause daher kenne ich sie Sie versteht ausgezeichnete Obstkuchen zu
backen«
»Machs gut Linda« sagte die Prinzess »sage ihr etwas Freundliches von
mir«
»Darf ich ihr erzählen dass Hoheit von ihrem guten Kirschsafte gehört haben
und gern einige Flaschen davon erhalten würden Das macht sie überglücklich«
Die Prinzessin nickte »Die Tochter des Stadtrat Gottlieb wird eine
Schönheit« lobte die Baronin Hallstein
»Prinz Victor hat alle Andern über ihr vergessen« rief die Lossau gekränkt
»Wünschen Sie sich Glück liebe Betty« versetzte die Prinzessin scharf
»wenn Sie von meinem Vetter vergessen werden Die Aufmerksamkeiten des Prinzen
sind in der Regel beunruhigend für die Damen denen er sie zu Teil werden
lässt«
»Aber dankbar sind wir alle« rief die Hallstein eine Dame von Mut und
Charakter »dass Ew Hoheit gegenüber der Frau vom Pavillon den Hof vertreten
haben Die kühle Abfertigung hat allgemein gefreut«
»Meinst du Wally« sagte die Prinzess nachdenkend »Die Frau ist stolz und
hat mir getrotzt Aber ich hatte sie zuerst verletzt und an einem Tage wo ich
im Vorteil war«
4
Neckereien
Das Jahr ließ sich nach jeder Richtung leichtfertig an Die Schnepfen waren
häuslich eingerichtet bevor die Jäger ihre Wasserstiefeln angelegt hatten und
die Märzbecher hatten wirklich im März geblüht Der Mond lachte zwischen dem
ersten und letzten Viertel jeden Abend mit schiefgezogenem Mund an den Höfen
begannen Prinzessinnen mit Professoren nach verlorenen Handschriften zu suchen
und in den Städten zeigten die Bürger eine ungewöhnliche Neigung zu Maitrank und
zu gewagten Unternehmungen Auch ruhige Köpfe erfasste der Taumel Stroh und
Papier wurden mächtig Alle Welt trug nicht nur Hüte auch Mützen von Stroh
alle Welt beteiligte sich an Papiergeschäften und neuen Aktien Das Haus Hahn
kam obenauf Die Bestellungen der kleinen Kaufleute liefen so massenhaft ein
dass sie gar nicht mehr ausgeführt werden konnten in allen Winkeln des Hauses
saßen Mädchen und nähten Strohbänder zusammen der Schwefelgeruch wurde auf der
Straße und in den Nachbargärten unerträglich Herr Hummel saß des Abends auf
seinem umgestürzten Kahn wie Napoleon auf Helena als ein überwundener
Standpunkt und aufgegebener Mann Mit zorniger Verachtung schaute er auf den
Taumel der Menschheit Wiederholt forderten ihn seine Bekannten auf die große
Bewegung auf sich wirken zu lassen Mitglied zu werden von irgendeiner
Gesellschaft eine Bank zu gründen Kohlen zu graben Eisen zu schmelzen Er
wies alle diese Zumutungen kurz von sich ab Wenn er in seine tatlosen
Werkstätten ging welche sich fast nur durch den Kampf gegen Motten erhielten
und sein Buchhalter eine Vermutung über die nächsten Pariser Hutformen wagte
so lachte er wild und entgegnete »Ich verbitte mir jede Mutmaßung über die
Deckel welche die Leute brauchen werden wenn dieser Schwindel aufhört Wollen
Sie aber durchaus die nächste Mode wissen so will ich sie Ihnen andeuten
Pechkappen werden die Leute tragen Ich wundere mich dass Sie noch an Ihrem
Pulte sitzen Warum machen Sie es nicht wie andere Ihrer Kollegen welche jetzt
überall in den Weinhäusern liegen«
»Herr Hummel das erlauben mir meine Mittel nicht« versetzte der gedrückte
Mann
»Ihre Mittel« rief Hummel »wer fragt jetzt danach Schwefelhölzer sind so
gut wie baar Geld die Eckensteher machen Wechselgeschäfte und schenken einander
ihre Brustbilder Warum leben Sie nicht wie der Buchhalter Knips von drüben Als
ich meiner Frau beim Italiener eine Apfelsine kaufte sah ich ihn in der
Hinterstube sitzen mit einer Flasche Champagner in Eis Warum setzen Sie sich
nicht auch ins Eis in dieser hitzigen Zeit Es ist Alles ein greulicher
Schwindel geworden ein Sodom und Gomorrha das Strohfeuer brennt aber es wird
ein Ende mit Schrecken nehmen«
Herr Hummel schloss sein Komtoir und schritt im Zwielicht nach dem Stadtpark
wo er wie ein Geist an der Grenze seines Grundstücks auf und ab wandelte Aus
seinen Betrachtungen wurde er durch ein wildes Gekläff des roten Hundes
geweckt welcher an eine umschattete Bank des Parks stürzte und wütend in die
Stiefeln und Beinkleider eines Mannes biss Hummel trat näher ein Männlein und
ein Fräulein flogen auseinander Hummel war Weltmann genug sich nichts merken
zu lassen aber er zog sich eilig in seinen Garten zurück und setzte dort seine
Wanderung im Sturmschritt fort »Ich habs gewusst ich habs gesagt ich habe
gewarnt Der arme Teufel« dabei trat er zornig auf den eignen Buchsbaum und
vergaß die Stunde des Abendessens so dass seine Frau zweimal in den Garten rufen
musste Auch als er bei Tische saß finster und mit einem Wetter geladen äußerte
er eine so tiefe Menschenverachtung dass die Frauen bald verstummten Laura
machte noch einen Versuch das Gespräch auf die Frau Bürgermeisterin zu bringen
welcher Hummel große Verehrung bewies sooft sie vorbeiging aber er brach in
die entsetzlichen Worte aus »Sie ist auch nichts Besseres als ein Weib«
»Jetzt ists genug Hummel« rief seine Frau »dieses Benehmen ist sehr
unerfreulich und ich muss dich ersuchen deine üble Laune nicht so weit zu
treiben dass sie dich des Urteils über weiblichen Wert beraubt Ich kann
Vieles verzeihen aber niemals einen Frevel am Adel menschlicher Natur«
»Bleib mir vom Leibe mit deinem menschlichen Adel« versetzte Hummel stand
vom Tisch auf rückte heftig den Stuhl an seinen Platz und stürmte in die
Nebenstube wo er im Halbdunkel wieder zornig auf und ab schritt denn Gabriel
lag ihm sehr im Sinn Allerdings war die gesellschaftliche Stellung dieses
Mannes keine hervorragende er war nicht Verwandter nicht Hausbesitzer nicht
einmal Bürger Deshalb erwog Herr Hummel dass eine Einmischung in die geheimen
Gefühle desselben ihm selbst schwerlich anstehe Aber zu dieser Erkenntnis drang
er nicht ohne Kämpfe durch Und er vermochte die Stimme welche in einem Winkel
seines Herzens zu Gunsten Gabriels brummte durchaus nicht zum Schweigen zu
bringen
Unterdes saßen die Frauen an dem verstörten Tisch Laura sah finster vor
sich nieder ihr waren solche Auftritte nicht neu und sie wurden ihr immer
schmerzlicher Die Mutter aber war über den unverhohlenen Zorn gegen die
Frauenwelt sehr bestürzt und versank unter den Wogen sturmbewegter Gedanken Sie
kam endlich zu der Überzeugung dass Hummel eifersüchtig sei Das war sehr
lächerlich und es gab durchaus keine erträgliche Veranlassung zu solcher
Leidenschaft Aber die Einfälle der Männer waren von je unberechenbar Der Mime
war den Tag vorher auf ihren Wunsch erschienen er war sehr unterhaltend
gewesen Braten und Wein hatten ihm vortrefflich geschmeckt und er hatte ihr
beim Abschiede mit kühnem dramatischen Blick die Hand geküsst War es möglich
dass dieser Blick das Unheil angerichtet hatte Jetzt ging auch Frau Hummel auf
und ab sah im Vorbeigehen nach dem Spiegel und beschloss als tapfere Hausfrau
ihrem Mann noch heut Abend seine Torheit vorzuhalten »Geh hinauf Laura«
sagte sie leise zu ihrer Tochter »ich habe mit deinem Vater allein zu
sprechen«
Laura nahm schweigend den Leuchter und trug ihn auf ihren Geheimtisch sie
stellte sich an das Fenster und sah nach dem Nachbarhause hinüber wo die Lampe
des Doctors durch die Vorhänge schimmerte Sie rang die Hände und rief »Fort
fort von hier das ist die einzige Rettung für mich und ihn«
Unterdes hatte Frau Hummel das Nachtmahl abräumen lassen sie sammelte noch
einmal Mut zu der bevorstehenden schweren Stunde und trat endlich an die Tür
des Nebenzimmers in welchem Herr Hummel noch immer umhertobte »Heinrich«
begann sie feierlich »bist du jetzt im Stande den Fall welcher dir alle
Haltung geraubt hat ruhig zu betrachten«
»Nein« rief Hummel und warf einen Stiefel an die Tür
»Ich kenne die Veranlassung deines Zorns« fuhr Frau Hummel fort und blickte
verschämt vor sich nieder »Darüber bedarf es keiner Erklärung Es ist möglich
dass er sich zuweilen mit Blicken und kleinen Bemerkungen mehr herauswagt als
nötig wäre aber er ist doch ein talentvoller und liebenswürdiger Mann und man
muss seinem Beruf etwas zu Gute halten«
»Er ist ein elender Laffe« rief Herr Hummel und schleuderte den zweiten
Stiefel von sich
»Das ist nicht wahr« rief Frau Hummel eifrig »Aber wenn es wäre Heinrich
selbst wenn du ihm jede Unwürdigkeit zutrauen könntest vergiss nicht dass in dem
Herzen des Weibes Stolz und Pflichtgefühl wohnen und dass dein Verdacht eine
Beleidigung gegen diese schützenden Genien wird«
»Sie ist eine gefallsüchtige einfältige Gans« rief Hummel und riss seine
Schlafschuhe unter dem Bett hervor
Frau Hummel fuhr entsetzt zurück »Diese Behandlung hat dein Weib nicht
verdient Du trittst mit Füßen was dir heilig sein sollte Komm zu dir ich
beschwöre dich deine Eifersucht bringt dich dem Wahnsinn nahe«
»Ich eifersüchtig auf solche Person« rief Hummel verächtlich und klopfte
heftig die Asche seiner Pfeife aus »Dann müsste ich in der Tat verrückt sein
Lass mich mit all dem Unsinn in Ruhe«
Frau Hummel ergriff ihr Taschentuch und begann zu schluchzen »Er war mir
manchmal eine Erheiterung er erzählte Geschichten wie ich sie in meinem Leben
nie wieder hören werde aber wenn er dich so aufregt dass alle Vernunft deiner
Seele schwindet und du deine Frau durch die unwürdigsten Vögelnamen beschimpfst
ich habe manches Opfer gebracht in unserer Ehe auch er soll noch am Altar des
häuslichen Friedens fallen Nimm ihn hin er soll nie wieder eingeladen werden«
»Wer ist Er« frug Hummel
»Wer sonst als unser Komiker«
»Wer ist sie«
Frau Hummel sah ihn mit einem Blick an der unzweifelhaft machte dass sie
selbst die Dame war
»Ist es möglich« rief Hummel erstaunt »So schwimmen wir Äpfel Warum
willst du deinen Teaterhanswurst am häuslichen Altar schlachten Setze ihm
lieber etwas Geschlachtetes vor das wird für alle Teile bequemer sein Sei
ruhig Philippine Du bist manchmal undeutlich in deinen Reden und du machst zu
viel Geklatsch du hast deine Teatergespinste im Kopfe und du hast deine Launen
und verwirrten Einfälle aber im Übrigen bist du meine brave Frau auf die ich
nichts kommen lasse weder vor Andern noch in meinen Gedanken Und jetzt fahre
mir nicht mehr vor dem Lichte herum denn ich habe mich entschlossen und ich
will ihm einen Brief schreiben«
Während Frau Hummel sich betäubt auf das Sopha setzte und überlegte ob sie
durch das Lob ihres Gatten gekränkt oder beruhigt sein dürfe und ob sie sich
selbst närrisch getäuscht oder ob Heinrichs Wahnsinn nur die neue furchtbare
Form der Bonhommie angenommen habe schrieb Herr Hummel wie folgt
»Mein guter Gabriel gestern den 17 hujus Abends 734 Uhr sah ich auf
der Bank Numero 4 der Waldwiese die Dorotee von drüben und Knips junior
zusammensitzen Da Speihahn attakirte flohen sie auseinander Dies zur Warnung
und weitern Beschlussfassung Ich bin bereit nach Ihrer Ordre zu verfahren
Stroh Gabriel Ihr affectionirter H Hummel«
Zu gleicher Zeit mit diesem Schreiben flog ein Brief Lauras an Ilse in den
Pavillon Recht kummervoll schrieb die treue Seele Die kleinen Händel des
Hauses und der Nachbarschaft kränkten sie mehr als nötig war von dem Doctor
sah sie wenig und was ihr den bittersten Schmerz machte sie hatte das letzte
Lied ausgegeben sie wusste dem Doctor nichts mehr zu senden und wollte den
Briefwechsel ohne Beilage fortsetzen Verwundert las Ilse einen Satz dessen
Sinn ihr nicht recht verständlich war »Ich habe mir bei Fräulein Jeannette
Erlaubnis ausgewirkt einzelne Lehrstunden in ihrer Anstalt zu geben ich will
nicht länger ein unnützer Brotesser sein Seit ich Dich aus meiner Nähe
verloren ist es um mich kalt und öde mein einziger Trost bleibt dass ich
wenigstens vorbereitet bin auch in die Fremde zu fliegen und dort die Körnchen
einzusammeln welche ich zur Fristung meines Lebens brauche«
»Wo ist mein Mann« frug Ilse ihr Mädchen
»Der Herr Professor ist zu Ihrer Hoheit der Frau Prinzessin gegangen«
»Rufen Sie Gabriel«
»Er hat eine traurige Nachricht erhalten er sitzt auf seiner Stube«
Gleich darauf trat der Diener mit verstörtem Wesen ein »Was ist geschehen
Gabriel« frug Ilse erschrocken
»Es ist nur in meinen eigenen Sachen« versetzte Gabriel mit bebender
Stimme »es ist keine gute Nachricht welche mir dies Papier zugetragen hat« Er
griff in den Rock und holte Hummels zerknitterten Brief hervor wandte sich ab
und legte den Kopf auf das Holz des Fenster
»Armer Gabriel« rief Ilse »Aber noch ist eine Erklärung möglich welche
das Mädchen rechtfertigt«
»Ich danke Ihnen für den guten Glauben Frau Professorin« sagte Gabriel
feierlich »aber dieser Brief meldet mein Unglück Der ihn geschrieben hat ist
zuverlässig wie Gold Ich wusste Alles bevor ich ihn erhielt Sie hat mir auf
mein letztes Schreiben nicht geantwortet sie hat mir die Brieftasche nicht
geschickt und gestern gegen Abend als ich draußen umherging und gerade an sie
dachte flog neben mir eine Lerche in die Höhe und sang mir ein Lied das mir
Gewissheit gab«
»Das ist Torheit Gabriel Sie dürfen nicht dadurch Ihr Urteil bestimmen
lassen weil Ihnen zufällig bei einem Vogel trübe Gedanken kommen«
»Es war deutlich Frau Professorin« erwiderte Gabriel traurig »Gerade als
die Lerche aufflog und ich an die Dorotee dachte fielen mir Worte ein die ich
als Kind gehört hatte und seit der Zeit nicht wieder Es ist kein Aberglaube
dabei und ich kann Ihnen den Spruch erzählen Lerche liebe Lerche hoch über
dem Rauch was hast du mir Neues zu sagen Dieser Gedanke kam mir und darauf
vernahm ich so deutlich als wenn mir Jemand die Antwort ins Ohr spräche Zwei
Verliebte seh ich am Haselstrauch den dritten hör ich klagen zwei treten
über den Stein in das geweihte Haus der dritte sitzt allein und wischt sich die
Augen aus« Gabriel fuhr nach seinem Taschentuch »Das war eine sichere
Vorbedeutung die Dorotee verleugnet mich«
»Gabriel ich fürchte sie war immer ein Flattergeist« rief Ilse
»Sie hat selbst ein Herz wie ein Vogel« entschuldigte Gabriel »sie ist
keine ernste Person und hat die Art Alle freundlich anzulachen Das wusste ich
Aber dass sie fröhlich und sorglos war und angenehm scherzte hat sie mir lieb
gemacht Es war ein Unglück für mich und sie dass ich von ihr weggehen musste
gerade da sie ihr Gemüt auf mich richtete und die Andern abhielt welche hübsch
gegen sie taten Denn ich weiß der Buchhalter hatte schon lange ein Auge auf
sie er hatte ihr Aussicht gemacht sie zu heiraten und das war eine bessere
Versorgung als ich ihr geben konnte«
»Hier muss etwas geschehen« rief Ilse »Wollen Sie nach der Stadt zurück und
selbst zum Rechten sehen Mein Mann wird Ihnen sogleich die Erlaubnis geben
Vielleicht ist es doch nicht so schlimm«
»Für mich ist es so schlimm als es sein kann Frau Professorin Wollen Sie
die Güte haben und für die Dorotee sorgen dass sie nicht unglücklich wird so
danke ich Ihnen von Herzen Ich will sie nie wieder sehen Ja Frau Professorin
hat man Jemanden lieb soll man ihn nicht alleinlassen wenn er in Versuchung
ist«
Ilse versuchte zu trösten aber sie fühlte die Worte Gabriels tief in ihrem
Herzen »Der Dritte sitzt allein« klagte es in ihr fort
Sie stand wieder allein im Saal und sah scheu auf die fremden Wände Aller
Schmerz der je in diesem Raume eine Menschenseele bewegt hatte Eifersucht und
verletzter Stolz fieberhafte Erwartung und hoffnungsloses Sehnen Trauer um
zerstörtes Glück und Grauen vor der Zukunft Schrei der Angst und Stöhnen eines
gequälten Gewissens herbe Misstöne aus ferner Vergangenheit längst verhallt
zerflossen verweht sie sandten heut einen undeutlichen zitternden Nachklang in
das arglose Herz des Weibes »Es ist unheimlich hier und wenn ich in Worte
fassen will was mich ängstigt so versagen sie Ich bin keine Gefangene und
doch umgibt mich die Luft eines Kerkers Der Kammerherr ließ sich seit Tagen
nicht sehen und der Prinz der sonst zu mir sprach wie zu einer Freundin kommt
selten nur auf Minuten und dann ist es schlimmer als ob er nicht da wäre Er
ist gedrückt wie ich und sieht mich an als fühlte er dieselbe namenlose Angst
Und sein Vater Wenn er vor mich tritt ist er ein freundlicher Herr dem man
gut sein könnte und sobald er mir den Rücken wendet verzerren sich vor meiner
Seele die Züge seines Antlitzes Es tut nicht wohl den Großen der Erde nahe zu
sein sie neigen sich Einem zu öffnen ihre Seele wie gute Freunde und kaum
fühlt man die Erhebung dass das Höchste Einem so großes Anrecht gewährt dann
ziehen sich die neckenden Geister plötzlich wieder in ihr unsichtbares Reich
zurück und man kümmert sich denkt an sie und regt sich auf Solch Leben nimmt
den Frieden«
»Felix sagt man soll nicht sorgen um diese Sorglosen Wie kann man Anteil
und Sorge meiden wenn ihrer Seele Wohlfahrt ein Segen für Alle ist«
»Ist es nur darum Ilse« frug sie »dass die Gedanken ruhelos fliegen Oder
ist es Stolz bald verletzt und bald wieder geschmeichelt ist es Angst um
Geliebtes das sie mir in der Stille entreißen wollen«
»Weshalb bangt mir um dich mein Felix Warum zage ich weil er hier ein
Weib gefunden hat das seinem Geiste ebenbürtig ist Bin ich es nicht auch An
seinem Licht bin ich heraufgewachsen ich bin nicht mehr die unwissende
Landfrau die er sich einst von den Herden geholt hat Fehlt mir auch der
lockende Reiz der vornehmen Dame was kann sie ihm mehr geben als ich Er ist
kein Knabe und er weiß dass ich jede Stunde nur für ihn lebe Ich verachte euch
ihr kläglichen Bilder wie habt ihr Zugang zu meiner Seele gefunden Ich bin
keine Gefangene dieser Wände und wenn ich hier weile wo ihr Macht habt über
die Menschen ich bleibe um seinetwillen Man soll nicht verlassen den man
liebt das Wort ist auch für mich gesprochen Aber meines Vaters Kind steht
nicht kläglich in der Kammer und wischt sich die Augen wenn der Geliebte auch
einmal mit einer Prinzessin unter dem Haselstrauch sitzt«
Gabriel schlich in einem abgelegenen Teil der Anlagen dahin da fühlte er
einen Schlag auf der Schulter Prinz Victor stand hinter ihm »Freund Gabriel«
»Zu Befehl Hoheit« »Wo gedient« »Blaue Husaren« »Gut« nickte der Prinz
»wir sind von derselben Waffe Ich höre Sie sind ein zuverlässiger Bursch Wo
fehlts Ihnen« Er zog seine Börse heraus »Wir teilen nehmen Sie was Sie
brauchen«
Gabriel schüttelte den Kopf
»Dann sind die Weiber schuld« rief der Prinz »das ist schlimmer Ist sie
stolz« Gabriel verneinte »Ist sie ungetreu« Der arme Bursch wandte sich ab
»Bei den Eltern bin ich leider ein schlechter Fürsprecher« sagte der Prinz
teilnehmend »das Geschlecht der Väter gönnt mir wenig Zutrauen Wenns aber
gilt einem Mädchen ins Gewissen zu reden dann rufen Sie mich«
»Ich danke für den guten Willen Hoheit mir ist nicht zu helfen Das muss
hinuntergearbeitet werden« Er wandte sich wieder ab
»Pfui Kamerad haben Sie den Soldatenspruch vergessen Alle gern haben
Eine lieben sich um Keine grämen Wird ja einmal das Herz schwer so muss man
nicht allein umherlaufen wie Sie tun In Ermangelung eines andern Gefährten
nehmen Sie vorläufig mit mir vorlieb«
»Das ist zu viel Ehre« sagte der arme Gabriel nach der Mütze greifend
Der Prinz hatte ihn während dieser Reden von dem offenen Wege abgeführt in
ein dichtes Gebüsch er setzte sich jetzt auf die Wurzel eines alten Baumes und
wies mit einer Handbewegung Gabriel an den nächsten Stamm
»Hier liegen wir im Versteck Sie sehen dort hinaus ich hier auf den Weg
dass uns Niemand überrascht Wie sind Sie mit Ihrem Quartier zufrieden Haben Sie
gute Bekannte gefunden«
»Ich meine es ist klug hier Niemandem zu trauen« antwortete Gabriel
vorsichtig
»Nun« versetzte der Prinz »ich bin nicht von hier ich habe nichts
dagegen wenn Sie mit mir eine Ausnahme machen Nehmen Sie an wir säßen im
Felde an demselben Feuer und tränken aus einer Feldflasche Sie haben Recht es
ist hier nicht Alles so sicher wie es aussieht Das nächtliche Spuken im
Schloss gefällt mir auch nicht Sie haben davon gehört« Gabriel bestätigte
lebhaft »In solchem alten Schloss« fuhr der Prinz behaglich fort »sind manche
Türen die Wenige kennen vielleicht auch Gänge in der Wand Obs Geister sind
oder etwas Anderes wer weiß es Das schleicht daher und kommt auf einmal
hervor wo man nicht dran denkt und wenn man gerade sein Nachtemd angezogen
hat öffnet sich eine geheime Tür oder eine Diele des Fussbodens steigt in die
Höhe und eine verdammte Erscheinung schwebt herauf räumt ab was auf den
Tischen ist und ehe man sich besinnt ists wieder verschwunden«
»Wers leidet Hoheit« erwiderte Gabriel tapfer
»Ja wer sich zur Wehr setzen könnte« lachte der Prinz »es streckt die
Hand aus und man ist unbeweglich es hält dem Schlafenden einen Schwamm vor die
Nase und er erwacht nicht«
Gabriel horchte hoch auf
»Die Leute erzählen auch in Ihrem Pavillon solls nicht geheuer sein« fuhr
der Prinz fort »Es wäre doch gut wenn ein sicherer Mann einmal in der Stille
Alles durchsuchte Findet man einen Zugang der nicht in Ordnung ist so sperrt
man ihn mit einer Schraube oder mit einem Riegel zu Es ist freilich unsicher
ob man etwas findet Denn dergleichen Teufelswerk ist schlau angebracht«
Er winkte bedeutsam zu Gabriel der gespannt auf ihn starrte
»Das ist nur ein Gedanke von mir« sagte der Prinz »wenn aber ein Soldat in
fremdem Quartier liegt so sieht er sich nach einer Sicherheit um für die Zeit
wo seine Leute schlafen«
»Ich verstehe Alles« versetzte Gabriel leise
»Man muss Andern nicht unnötige Angst machen« fuhr der Prinz fort »Aber in
der Stille tut man seine Pflicht als braver Junge Ich sehe das sind Sie« Der
Prinz erhob sich von seiner Baumwurzel »Können Sie mich einmal brauchen oder
hätten Sie mir etwas zu sagen was Niemand sonst zu wissen braucht ich habe
einen Burschen den mit dem großen Schnauzbart einen guten stillen Menschen
machen Sie seine Bekanntschaft Im Übrigen pflegen Sie sich hier Da lungert ja
bei Ihnen noch ein Lakai herum ist ein Gang zu tun so kann der ihn abmachen
Es ist gut für eine Herrschaft wenn in fremdem Hause immer ein zuverlässiger
Mann zur Hand ist Guten Tag Kamerad Hoffe ich habe Sie auf andere Gedanken
gebracht«
Er entfernte sich Gabriel blieb in tiefem Nachdenken zurück Die Neckerei
des Prinzen hatte den treuen Mann aus seinem Schmerz aufgerüttelt er
wirtschaftete jetzt den ganzen Tag geschäftig im Hause nur des Abends wenn
seine Herrschaft im Theater war sah man ihn zuweilen neben dem Diener des
Prinzen in geräuschloser Unterhaltung auf einer Gartenbank
An die Wände des Pavillons heftete der Geist trüber Ahnung seine grauen
Schleier im Fürstenschloss aber wirtschaftete unterdes ein unsichtbarer Kobold
anderer Art Große und Kleine verstörend
Der Stall war in Bestürzung Das liebste Reitpferd des Fürsten war ein
weißer Ivenacker Als der Reitknecht am Morgen zu dem Pferde trat fand er ihm
auf der Brust ein großes schwarzes Herz gemalt Die schändende Farbe ließ sich
nicht abwaschen wahrscheinlich hatte der Bösewicht eine Tinctur welche für das
Haupthaar der Menschen ersonnen war zu diesem Frevel angewendet Die
Sachverständigen erklärten nur die Zeit könne den Schaden heilen Es war
unvermeidlich dem Fürsten Anzeige zu machen der Herr geriet in heftigen Zorn
strengste Untersuchung wurde angestellt Die Nachtwache des Stalles hatte
Niemand gesehen kein fremder Fuß hatte den Raum betreten nur der Reitknecht
des Prinzen ein schnauzbärtiger Kunde aus fremdem Volk hatte zugleich mit der
übrigen Stallbedienung ein Pferd seines Prinzen besorgt welches dieser vor
Kurzem von einem Verwandten zum Geschenk erhalten Der Mann wurde verhört er
sprach wenig Deutsch war nach der Aussage des übrigen Personals harmlos und
einfältig es war durchaus nichts auf ihn zu bringen Zuletzt wurde der
Stallknecht welcher die Wache gehabt aus dem Dienst gejagt Er verschwand aus
der Hauptstadt und wäre sehr ins Elend gekommen wenn nicht Prinz Victor den
armen Teufel in seiner Garnison untergebracht hätte
Das Ballet geriet in Aufruhr In dem neuen Ballo tragico »der Nix« hatte
die Prima Ballerina Giuseppa Scarletti eine glänzende Rolle in der sie
grünseidene Höschen mit reichem Silberbesatz tragen sollte Als sie vor der
ersten Aufführung dies Gewandstück welches für die Rolle bedeutsam war anlegen
wollte war die Helferin so ungeschickt ihr dasselbe verkehrt die Rückseite
nach vorn zu reichen Die Dame sprach kräftig ihre Ungeduld aus die
Garderobiere drehte das Stück um wieder war die Rückseite vorn Das Kunstwerk
wurde näherer Betrachtung unterworfen man fand mit Entsetzen dass es wie eine
geschlossene Muschel aus zwei Hohlseiten zusammengesetzt war Die Scarletti
geriet in Wut dann in Tränen und nervöse Zufälle der Regisseur der
Intendant wurden gerufen die Künstlerin erklärte nach dieser Schmach und
Aufregung nicht tanzen zu können Erst als Prinz Victor den sie hochschätzte
selbst in das Ankleidezimmer kam ihr seine tiefe Entrüstung auszusprechen und
erst als der Fürst ihr sagen ließ dass die Kränkung aufs Strengste bestraft
werden solle gewann sie den Mut zurück welchen die schwierige Rolle nötig
machte Unterdes hatte auch die elfenhafte Schnelligkeit des Teaterschneiders
den Schaden ihres Kleides gebessert Sie tanzte entzückend aber mit einem
schmerzlichen Ausdruck der ihr sehr gut stand Schon war der Intendant froh
dass das Unglück so vorübergegangen war schon wurde in der letzten Decoration
die ganze Tiefe der Bühne erschlossen da zeigten sich plötzlich in der
Nixengrotte unter bengalischem Feuer die ausgetauschten Beinkleider sie hingen
friedlich an zwei Zacken eines silbernen Felsens als wären sie von einem
Wassergeist zum Trocknen aufgehängt Darauf unruhige Bewegung lautes Gelächter
im Publicum der Vorhang musste fallen bevor das bengalische Feuer
niedergebrannt war Alles schnob Rache aber der Missetäter war wieder nicht zu
ermitteln
Der Dienerschaft sträubte sich das Haar Man wusste dass in schweren Zeiten
des fürstlichen Hauses eine schwarze Dame durch Gänge und Säle schritt und dass
diese Erscheinung der hohen Familie ein Unglück bedeute Der Glaube war
allgemein selbst der Hofmarschall teilte ihn seinem eigenen Großvater war die
schwarze Frau erschienen als dieser einst in einsamer Nacht auf die Rückkehr
seines gnädigsten Herrn wartete An einem Abend hatte sich der Hof entfernt und
der Hofmarschall schritt den Lakaien mit der Leuchte vor sich durch die leeren
Säle dem Flügel zu in welchem der Prinz Victor als Gast wohnte um nach
Verabredung bei diesem eine stille Zigarre zu rauchen Plötzlich fuhr der Lakai
zurück und wies zitternd in eine Ecke Dort stand die schwarze Gestalt das
Haupt mit dem Schleier verhüllt sie erhob drohend die Hand und verschwand durch
eine Tapetentür Dem Lakaien fiel die Leuchte aus der Hand der Hofmarschall
tappte im Finsteren bis zum Vorzimmer des Prinzen und sank dort auf das Sopha
Als der Prinz aus seinem Ankleidezimmer eintrat fand er den Herrn in einem
Zustand der höchsten Aufregung selbst ein Glas Punschessenz welches er ihm
eigenhändig eingoss vermochte den Gebeugten nicht aufzurichten Die Kunde dass
die schwarze Dame erschienen sei flog durch alle Räume des Schlosses die bange
Erwartung eines Unheils beschäftigte den Hofstaat und die Dienerschaft Die
Lakaien liefen des Abends im Schnellschritt durch die Korridore und erschraken
vor dem Wiederhall ihrer eigenen Tritte die Hofdamen wollten ihre Zimmer gar
nicht mehr ohne Begleitung verlassen Auch der Fürst erfuhr davon er zog die
Augen finster zusammen und sah bei der Tafel verächtlich nach dem Hofmarschall
hinüber
Sogar die Hofdamen blieben nicht verschont Fräulein von Lossau welche in
dem Damenschloss einem Flügel des Palastes über den Gemächern der Prinzessin
wohnte kam zur Nacht in der glücklichsten Stimmung nach ihren Zimmern Prinz
Victor hatte sie auffallend ausgezeichnet er war sehr drollig gewesen und hatte
ihr dabei einigemal Gefühl gezeigt das bei ihm selten durchbrach Sie ließ sich
von ihrem Mädchen entkleiden und legte sich unter anmutigen Gedanken auf ihrem
Lager zurecht Alles wurde still sie sank in den ersten Schlummer das Bild des
Prinzen gaukelte im Kontretanz vor ihr Da horch ein leises Geräusch es
knisterte Etwas strich langsam unter ihrem Bett dahin Sie fuhr in die Höhe
der unheimliche Ton hörte auf schon war sie im Begriff sich selbst zu belügen
dass Alles nur eine Einbildung des Schlafes sei da knisterte und fuhr es wieder
unter dem Bett es stieß an ihre Schlafschuhe es kam rasselnd hervor sie hörte
ein furchtbares Stöhnen und sah beim matten Schein der Nachtlampe dass sich eine
Kugel langsam hinter dem Stuhle heranschob und vor dem Bette Halt machte Halb
bewusstlos vor Entsetzen fuhr sie aus dem Bett berührte mit dem nackten Fuß
einen fremden Gegenstand fühlte an der Stelle einen scharfen Schmerz und sank
mit einem Schrei zurück Jetzt erhob sie im Bett gellenden Hilferuf bis ihr
Mädchen herbeistürzte und zitternd das Licht anzündete das Fräulein wies immer
noch schreiend in eine Ecke wo die stachlige Gespensterkugel jetzt in ruhiger
Furchtbarkeit verweilte und sich allmählich als ein großer Igel darstellte der
noch träumerisch von seinem Winterschlaf mit einer Träne an der Nase dasaß Das
Fräulein wurde vor Schrecken krank Als der Arzt am frühen Morgen zu ihr eilte
fand er Lakaien und Kammermädchen in geschlossenem Haufen vor ihrer Tür
versammelt An der Tür war ein weißes Schild von Pappe befestigt darauf mit
großen Buchstaben zu lesen Bettina von Lossau fürstliche Hofspionin Wieder
wurde strengste Untersuchung befohlen und wieder wurde der Missetäter nicht
ermittelt
Aber der neckende Geist welcher sich unter dem Schieferdache des Schlosses
einquartirt hatte trieb nicht nur mit Hof und Dienerschaft seine Possen er
wagte auch den Professor in gelehrter Arbeit zu stören
Ilse saß allein und betrachtete zerstreut die Bilder zu Reineke Fuchs als
der Lakai die Tür aufriß »Des Fürsten Hoheit«
Der Fürst sah über das aufgeschlagene Bild des Buches »Das ist also die
Laune mit welcher Sie unsere Zustände betrachten Die Satire der Blätter ist
bitter aber sie enthalten eine unvergängliche Wahrheit«
Ilse schloss errötend das Buch »Die unartigen Tiere sind rohe Egoisten
das ist bei Menschen doch anders«
»Meinen Sie« frug der Fürst »Wer darüber Erfahrungen gemacht hat wird
nicht so wohlwollend urteilen Die zweibeinigen Tiere welche ihre Zwecke in
der Nähe des Herrschers verfolgen sind in der Mehrzahl ebenso rücksichtslos in
ihrer Selbstsucht und ebenso geneigt ihre Anhänglichkeit zu beteuern Es ist
nicht leicht ihre Ansprüche zu bändigen«
»Neben einzelnen Argen bilden doch Bessere die Mehrzahl bei denen das
Tüchtige überwiegt« wandte Ilse mit bittender Stimme ein
Der Fürst neigte artig das Haupt »Wer Alle übersehen soll muss die
Beschränktheit jedes Einzelnen lebhaft empfinden denn er muss wissen wo und
wieweit er ihm vertrauen darf Solche Beobachtung fremder Natur welche stets
bemüht ist das Wesen von dem Schein zu trennen die Brauchbarkeit zu prüfen und
dem Beobachter ein überlegenes Urteil zu bewahren schärft den Blick für die
Mängel Anderer Es ist möglich dass wir bisweilen in der Stille streng
urteilen während Sie eine Frau mit warmem Gemüt in die liebenswertere
Schwäche verfallen und das Menschenvolk allzu günstig betrachten«
»Dann ist mein Loos doch glücklicher« rief Ilse und sah den Fürsten mit
ehrlichem Kummer an
»Es ist schöner und beglückender« sagte dieser mit Empfindung »sich ohne
Zwang seinem Gefühl hinzugeben arglos mit den Wenigen zu verkehren welche man
sich frei erwählt Unholdes durch eine leichte Wendung zu vermeiden den
Geliebten ein fröhliches Herz zwanglos zu öffnen Wer aber in der kalten Luft
der Geschäfte zu leben verurteilt ist im Kampf gegen zahllose Ansprüche
welche einander feindlich kreuzen der vermag dieses Dasein nur zu ertragen
wenn er sein Tagesleben mit einer Ordnung umgibt welche ihm wenigstens eine
gehäufte Last des Unwillkommenen fernhält und die Füchse und Wölfe zwingt ihre
harten Köpfe zu beugen Solche Ordnung des Hofes und der Regierung ist kein
vollkommenes Werk oft wird darüber geklagt vielleicht wurde Ihnen selbst
Gelegenheit zu bemerken dass Brauch und Etikette eines Hofes nicht ohne Härte
sind Dennoch sind sie notwendig Denn sie erleichtern uns den Rückzug und
erhalten uns in einer gewissen Absonderung dadurch aber helfen sie uns die
innere Freiheit bewahren« Ilse sah vor sich nieder
»Doch glauben Sie mir« fuhr der Fürst fort »auch wir bleiben Menschen wir
möchten uns gern der Stunde warm hingeben und mit Solchen die uns wert
geworden zwanglos zusammenleben Wir müssen uns oft bescheiden und wir erleben
Augenblicke wo solche Entsagung sehr schwer wird«
»Aber innerhalb der Hohen Familie fallen diese Rücksichten doch weg« rief
Ilse »Der Vater und seine Kinder die Geschwister untereinander diese heiligen
Verhältnisse dürfen niemals gestört werden«
Die Miene des Fürsten verfinsterte sich »Auch sie leiden in der
aussergewöhnlichen Stellung Man lebt nicht zusammen man sieht sich weniger
allein und häufig von Andern beobachtet Jeder kommt zum Andern aus seinem
besonderen Kreise von Interessen aus einer Umgebung die ihn beeinflusst und
die ihm vielleicht das Zutrauen zu seinen nächsten Verwandten mindert Mein Sohn
ist Ihnen bekannt Er hat alle Anlage zu einem gutherzigen offenen Menschen Sie
werden bemerkt haben wie argwöhnisch und versteckt er geworden ist«
Ilse vergaß kluge Gedanken und fühlte sich wieder ein wenig stolz als
Vertraute
»Verzeihung« rief sie »das habe ich nie gefunden er ist nur schüchtern
und zuweilen ein wenig ungelenk«
Der Fürst lächelte »Sie haben neulich eine Ansicht darüber ausgesprochen
was seiner Zukunft vorteilhaft sein würde Er soll einmal die Geschäftsführung
großer Familiengüter übersehen ihm wäre allerdings gut wenn er die Arbeit des
Landwirts aus eigener Anschauung kennenlernte Er fühlt sich ohnedies am Hofe
nicht wohl« Ilse nickte mit dem Kopfe »Auch das haben Sie schon bemerkt« frug
der Fürst heiter
Ich will meinem Prinzen doch Gutes raten dachte Ilse wenn es ihm auch
nicht ganz bequem ist »Dann wage ich zu sagen« rief sie »dass jetzt gerade die
beste Zeit gekommen ist Denn gnädigster Herr er muss doch die
Frühjahrsbestellung lernen und die ist in vollem Gange er kommt nur noch zur
Gerste zurecht da darf man nicht aufschieben«
Dem Fürsten gefiel dieser Eifer sehr »Nicht so leicht ist der Ort
gefunden« sagte er
»Wenn Ew Hoheit hier in der Nähe eine Domäne haben wobei ein Schlösschen
ist«
»Dann könnte er recht oft nach der Stadt kommen« bemerkte der Fürst mit
rauer Stimme
»Das taugt nicht« fuhr Ilse eifrig fort »Er muss zuerst die Arbeit der
Leute gründlich kennen und dazu regelmäßig auf dem Felde sein«
»Einen bessern Ratgeber konnte ich nicht finden« sagte der Fürst in
vortrefflicher Laune »In der Nähe fehlt die Gelegenheit Ich habe an das Gut
Ihres Vaters gedacht«
Ilse stand überrascht auf »Aber unser Hauswesen ist gar nicht eingerichtet
einen solchen Herrn aufzunehmen« erwiderte sie mit Zurückhaltung »Nein
gnädigster Herr die bürgerliche Ordnung unserer Familie würde nicht für die
Ansprüche eines jungen Fürsten passen Ich schweige von andern Bedenken die mir
früher unbekannt waren und die mir erst hier auf die Seele gefallen sind
Deshalb wenn ich nach meinem Gefühl sprechen darf bin ich der Meinung dass
dies aus vielen Gründen nicht gut angeht«
»Es war nur ein Gedanke« versetzte der Fürst in der glücklichsten Stimmung
»Der Zweck würde sich vielleicht erreichen lassen ohne Herrn Bauer unbillig zu
beengen Meine Absicht war« fuhr er mit ritterlicher Artigkeit fort »Ihnen und
Ihrem Vater einen offenkundigen Beweis meiner Achtung zu geben ich habe dazu
besondere Veranlassung« Er sah Ilse bedeutsam an sie dachte an den Geburtstag
der Prinzessin
»Ich weiß warum« sagte sie leise
Der Fürst rückte seinen Stuhl näher »Ihr Vater hat eine große Familie«
frug er »Ich erinnere mich dunkel einige rotbäckige Knaben gesehen zu haben«
»Das waren die Brüder« lachte Ilse »es sind prächtige Jungen gnädiger
Herr wenn ich als Schwester loben darf Sie werden einmal Ew Hoheit Freude
machen Noch sind sie etwas ungeleckt aber brav und gescheidt Mein Franz hat
mir erst gestern geschrieben ich möchte Ew Hoheit von ihm grüßen Das kleine
Kerlchen denkt dergleichen geht nur so Nun will ich doch weil es die
Gelegenheit gibt den Gruß an meinen lieben gnädigen Herrn ausgerichtet haben
es ist ein dummer Kindergruss aber er kommt aus gutem Herzen« Sie nestelte an
ihrer Tasche und brachte einen Brief hervor der mit schönen Buchstaben bemalt
war »Sehen Ew Hoheit so hübsch schreibt das Kind Ach aber ich darf den
Brief nicht zeigen denn Hoheit werden darin wieder eine Bestätigung finden dass
die Menschen immer eigennützige Wünsche im Hintergrund haben wenn sie an ihren
Fürsten denken Der unglückliche Junge hat auch einen Wunsch«
»Da haben wirs« sagte der Fürst
Ilse wies ihm den Brief der Fürst fasste gnädig das Papier mit ihr an und
seine Hand lag auf der ihren »Er ist so unverschämt Ew Hoheit um einen großen
Lederball zum Aufblasen zu bitten Der Ball ist bereits gekauft«
Sie sprang auf und trug einen riesigen bunten Ball herzu »Den schicke ich
noch heut und ich schreibe ihm dazu dass es sich gar nicht zieme einen so
großen Herrn um etwas anzubetteln Er ist schon neun Jahre aber er ist noch
sehr kindisch Ew Hoheit müssen ihm das zu Gute halten«
Ergriffen von der unbefangenen Herzlichkeit entgegnete der Fürst »Schreiben
Sie ihm zugleich dass ich ihm sagen lasse er soll sich den heiteren Sinn und
das loyale Gemüt seiner ältesten Schwester durch die Gefahren des Lebens
retten Auch ich fühle wie sehr Ihr Wesen denen zum Segen ist welche das Glück
haben in Ihrer Nähe zu atmen In einem Treiben welches mit aufreibenden
Eindrücken angefüllt ist wo Hass und Argwohn mehr von dem Frieden der Seele
nehmen als die Stunden der Ruhe zurückgeben können habe ich mir doch
Empfänglichkeit bewahrt für die unschuldige Frische eines Gemütes wie das Ihre
ist Ich freue mich Ihrer von Herzen«
Wieder legte er seine Hand leise auf die ihre Ilse sah beschämt durch das
Lob ihres lieben Landesherrn vor sich nieder
Da nahte ein eiliger Schritt der Fürst erhob sich der Professor trat ein
Er verneigte sich vor dem Fürsten und sah überrascht auf seine Frau »Du bist
nicht unwohl« rief er fröhlich »Verzeihung gnädigster Herr ich kam in Sorge
um meine Frau Ein fremder Knabe zog die Klingel am Antikenkabinet und brachte
die Botschaft der Fremde möge sogleich nach seiner Frau sehen sie sei
erkrankt Gut dass es eine Verwechslung war«
»Ich bin dem Irrtum dankbar« versetzte der Fürst »da er mir Gelegenheit
gibt Ihnen selbst zu sagen was ich vor Madame Werner niederlegen wollte der
Stall hat Befehl Ihnen zu jeder Stunde einen Wagen bereit zu halten wenn Sie
bei Ihren geheimnisvollen Nachforschungen eine Reise in die Umgegend wünschen«
Er empfahl sich gnädig
Der Fürst öffnete das Fenster seines Arbeitzimmers die Luft war schwül
lange hatte die Sonne über der frohen Erde geglänzt jetzt war sie verschwunden
schwere Wolken wälzten sich wie unförmliche Wasserschläuche über der Stadt und
dem Schloss Der Fürst holte tief Atem aber die Gewitterluft presste den Dampf
aus den Essen des Schlosses herab an sein Fenster und der Rauch fuhr wie ein
grauer Nebel um sein Haupt Er riss die Tür der Galerie auf welche zu seinen
Audienzzimmern führte und schritt hastig über den Teppich An den Wänden hing
eine Reihe Oelbilder Köpfe schöner Frauen denen der Fürst einmal Beachtung
geschenkt hatte Sein Blick irrte von der einen zur andern am Ende der Reihe
war noch ein leerer Platz er blieb davor stehen und seine Phantasie malte ein
Bild hin mit blonden Haaren und einem treuherzigen bürgerlichen Licht in den
Augen rührend wie keines der andern Gesichter
»So spät« klang es in ihm »Es ist die letzte Stelle und es ist das
stärkste Gefühl Toren die uns sagen dass die Jahre gleichgültig machen Wenn
sie mir begegnet wäre am anderen Ende« er sah die Galerie hinab »bei dem
Beginn meines Lebens als ich noch vor einem Rosenstrauch sehnsüchtig an die
Wangen des Mädchens dachte und durch den Gesang einer Grasmücke empfindsam
gerührt wurde hätte damals ein solches Weib mir schützend erhalten was ich für
immer verlor«
»Unnütze Frage die um Vergangenes sorgt Festalten muss ich für die
Gegenwart was in den Bereich meiner Hand gekommen ist Der schwache Jüngling
ist ihr gleichgültig aber sie selbst fühlt sich hier unheimisch und wenn sie
sich mir entwindet ich bin ohnmächtig sie zurück zu halten Ich bleibe allein
täglich dieselben gelangweilten Gesichter deren Gedanken man kennt bevor sie
ausgesprochen werden denen man ansieht bevor sie den Mund öffnen was sie für
sich wollen und wie sie sich vorbereiten eine Empfindung zu lügen Was sie von
Witz und Willen haben das arbeitet in der Stille gegen mich was ich von ihnen
erhalte ist nur der künstliche Schein des Lebens Es ist traurig ein Meister
zu sein vor dem sich lebendige Seelen in Maschinen verwandeln Jahr aus Jahr
ein die Klappen am Kopf zu öffnen und das Räderwerk zu betrachten Ich selbst
habe es ihnen eingesetzt« lächelte er »aber mich langweilt meine Arbeit«
»Ich weiß« murmelte er »dass unter diesen künstlichen Uhren der Zweifel
aufkommt ob meine unselige Kunst sie zu Lügen der Menschennatur gemacht hat
oder ob ich selbst nur ein Automat bin welcher aufgezogen nickt und gedankenlos
dieselben gnädigen Worte wiederholt Ich weiß es gibt Stunden wo ich über mich
selbst die Achseln zucke wenn ich als Pantalon oder Bramarbas auf der Bühne
stolzire ich merke den Draht der meine Gelenke bewegt ich fühle ein Gelüst
meinen eigenen Kopf in den Schraubstock zu stellen und zu bessern was in mir
schadhaft wurde und ich sehe einen großen Kasten geöffnet in den man mich
wirft wenn meine Rolle ausgespielt ist«
»Oh« stöhnte er aus tiefer Brust »ich weiß dass ich wirklich bin wenn
nicht bei Tage doch bei Nacht Keinen von meiner Umgebung quälen die einsamen
Stunden wie mich ihnen pochts nicht fieberheiss an die Schläfe wenn sie sich
in den Winkel legen nachdem ihr Tagewerk abgeschnurrt ist«
»Wo habe ich Freude zwischen den Ledertapeten dieser Räume oder unter den
alten Schildereien der Mutter Natur Lachen ohne Freude Zorn über
Nichtigkeiten Alles kalt gleichgültig seelenlos«
»Nur in den seltenen Augenblicken wo ich bei ihr bin fühle ich mich wie
ein anderer Mensch dann empfinde ich dass flüssiges Blut in meinen Adern rollt
Wenn sie in ihrer ehrlichen Einfalt von dem Vielen spricht was sie liebt und
worüber sie sich freuen kann die Frau mit dem Kinderherzen dann werde auch ich
wieder jung wie sie Sie erzählte von ihrem Bruder Krauskopf Ich sehe den
Knaben vor mir ein draller Bursch mit den Augen seiner Schwester ich sehe
wie der kleine Dummkopf in sein Butterbrot beißt und mir ist das so beweglich
als läse ich eine rührende Geschichte Ich möchte den Jungen zu mir heraufheben
als wenn ich sein guter Vetter wäre«
»Sie selbst ist wahr und geradsinnig es ist ein klares Gemüt und hinter
ruhiger Milde birgt sich die starke Leidenschaft Wie sie auffuhr gegen meinen
Boten den armen Widder Bellyn der ihr den Adelsbrief in der Tasche zutragen
sollte Sie ist ein Weib mit der zu leben der Mühe wert ist und für die ein
Mann viel tun kann sie zu erwerben«
»Doch was vermag ich ihr gegenüber Was ich ihr geben kann das gilt ihr
wenig was ich ihr nehmen muss wie wird sie das überwinden« Er sah scheu auf
die leere Stelle der Wand »Dort sollte einst ein anderes Bild hängen« rief er
»warum hängt es nicht da Warum liegt die Erinnerung an eine Verschwundene seit
alter Zeit in meinem Hirn wie ein Stein dessen Druck ich fühle bei Tage unter
den Menschen und bei Nacht wenn ich das müde Haupt mit meinen Händen presse
Das Weib von damals schlief in demselben Zimmer vor vielen vielen Jahren wo
jetzt die Fremde ruht und sie wachte nicht auf als es klug gewesen wäre Und
da sie erwachte und zur Besinnung kam zersprang in ihrem schwachen Geist eine
Feder und sie schwand dahin wo die Leiber fortleben ohne vernünftige Seelen«
Ein Fieberschauer fuhr ihm durch den Leib er schüttelte sich und sprang mit
einem Satz aus der Galerie blickte scheu hinter sich und schlug die Tür zu
»Die rohe Leidenschaft ist verglüht« fuhr er nach einer Weile fort »man
wird bedächtiger mit den Jahren Festalten will ich sie wie es auch sei Es
ist nicht mehr die sengende Glut der Jugend es ist das Herz eines gereiften
Mannes das ich ihr entgegentrage Mit fester Geduld will ich erwarten was die
Zeit mir bereitet langsam wird diese Frucht in der warmen Sonne reifen ich
harre aus Aber festhalten will ich sie Auch der Mann bei ihr wird aufmerksam
es war ein ungeschickter Vorwand den er log auch er entringt sich meiner Hand
Ich muss sie halten und für diese Kinderherzen gibt es nur ein kindisches
Mittel«
Die Schelle tönte der Diener trat ein und erhielt einen Auftrag
Magister Knips stand vor dem Fürsten seine Wangen waren gerötet in seinen
Zügen arbeitete heftige Erregung
»Haben Sie die Denkschrift gelesen welche Professor Werner über die
Handschrift abgefasst hat« frug der Fürst herablassend »Was ist Ihre Ansicht
darüber«
»Es ist eine ungeheure staunenswerte Nachricht Allerdurchlauchtigster
allergnädigster Fürst und Herr Wohl darf ich sagen dass ich diese Entdeckung in
allen Gliedern fühle Wenn es gelänge die Handschrift zu finden der Ruhm wäre
unvergänglich er würde bei jeder Ausgabe worin von Handschriften die Rede ist
bis an das letzte Ende der Welt im Vorwort erneuert werden er müsste den
Gelehrten welchem dieser größte irdische Glücksfall zu Teil wird auf einmal
hoch herausheben über seine Mitmenschen Auch der erhabene Fürst dem nach Titel
22 § 127 eines neuen Landesgesetzes unzweifelhaft das nächste Recht an dem
gefundenen Schatz zusteht Höchstderselbe würde als Schirmherr eines hohen
Zeitalters unserer Kenntnis des betreffenden Römers von den Zungen aller Völker
gefeiert werden«
Der Fürst hörte zufrieden diesen schwärmerischen Ausbruch des Magisters der
in der Begeisterung seine demütige Haltung vergaß und pathetisch den Arm nach
der Richtung ausstreckte wo er die Strahlenkrone über dem Haupte des Fürsten
schweben sah
»Dies alles würde geschehen wenn man den Schatz fände« sagte der Fürst
»noch ist er nicht gefunden«
Knips sank zusammen »Allerdings ist der Gedanke vermessen dass ein solches
Glück einem Lebenden beschieden sei dennoch wäre Frevel an der Möglichkeit zu
zweifeln«
»Dem Professor Werner scheint viel an dem Funde gelegen« warf der Fürst
gleichgültig hin
»Derselbe müsste nicht ein Gelehrter von gediegenem Urteil sein wenn er
nicht die Wichtigkeit dieses Gewinnstes ebenso tief empfände als Höchstdero
alleruntertänigster Diener und Knecht«
Der Fürst unterbrach den Redenden »Herr von Weidegg hat Ihnen den Antrag
gestellt in meinem Dienst zu bleiben Sie haben angenommen«
»Mit den Gefühlen eines geretteten Menschen« rief Knips »welcher Dank und
Segenswünsche in unbegrenzter Verehrung zu Ew Hoheit Füßen niederzulegen wagt«
»Haben Sie sich bereits verpflichtet«
»In feierlichster Weise«
»Gut« sagte der Fürst und hielt mit einer Handbewegung den Strom
ehrfurchtsvoller Beteuerung in den Lippen des Magisters zurück
»Man hat mir gerühmt Herr Magister dass Sie besonderes Glück haben
dergleichen Seltenheiten aufzufinden Glück« wiederholte der Fürst »oder was
dasselbe ist Geschick Halten Sie im Ernst für glaublich dass die undeutlichen
Spuren zu dem verlorenen Schatz führen«
»Wer darf noch behaupten dass ein solcher Fund unmöglich ist« rief der
Magister »Ja wäre mir erlaubt in tiefster Ehrfurcht meine Ansicht
auszusprechen welche wie ein Freudenschrei aus meinem Innern bricht es ist
sogar ich darf nicht sagen wahrscheinlich aber es ist doch nicht
unwahrscheinlich dass ein Zufall daraufführt Jedoch wenn ich mir gestatten
darf eine ehrfurchtsvolle Erfahrung in Worte zu fassen welche vielleicht nur
Aberglaube ist wenn sich die Handschrift findet so findet sie sich nicht da
wo man sie erwartet sondern irgendwo anders So oft mir bis jetzt in meinem
bescheidenen Dasein das Glück eines Fundes zu Teil geworden ist ich erwähne
nur den italienischen Homer von 1488 so war dies immer gegen alles Vermuten
und was Allerhöchste Huld meine Geschicklichkeit nannte das ist wenn ich das
Geheimnis meines Glückes zu offenbaren mich unterfange im letzten Grunde nichts
als der Umstand dass ich häufig da gesucht habe wo nach gemeiner menschlicher
Vermutung ein Schatz zu liegen keine Veranlassung hatte«
»Die Aussicht welche Sie eröffnen ist jedenfalls für einen Ungeduldigen
nicht tröstlich« versetzte der Fürst »denn das kann lange währen«
»Menschengeschlechter mögen schwinden« rief Knips »aber die Gegenwart und
Zukunft wird suchen bis der Kodex gefunden ist«
»Das ist mir ein schlechter Trost« lächelte der Fürst »und ich gestehe
Herr Magister Sie täuschen durch diese Worte die heitere Erwartung welche ich
hegte dass Ihre Spürkraft und Geschicklichkeit mir recht bald das Vergnügen
machen würde das Buch in den Händen des Professors zu sehen das Buch selbst
oder doch einen handgreiflichen Beweis seiner Existenz Ich bin Laie in all
diesen Sachen und ich habe durchaus kein Urteil über die Wichtigkeit welche
Sie der Entdeckung beilegen Mir ist es zur Zeit nur um einen Scherz zu tun
oder ich wiederhole die Worte welche Sie mir neulich vor den Miniaturen
sagten um eine Neckerei«
Ausdruck und Haltung des Magisters veränderten sich allmählich wie unter der
Beschwörung eines Zauberers er sank zusammen legte das Haupt auf die Achsel
und sah in ängstlicher Spannung auf den Fürsten
»Kurz gesagt ich wünsche dass Herr Werner recht bald auf eine sichere Spur
der Handschrift geleitet werde wenn es nicht möglich ist die Handschrift
selbst herbeizuschaffen«
Knips schwieg und starrte auf den Sprechenden
»Ich ersuche Sie« fuhr der Fürst nachdrücklich fort »Ihr bereits bewährtes
Talent für diesen Zweck in Tätigkeit zu setzen Ihre Hilfe dabei müsste
allerdings mein Geheimnis bleiben denn ich möchte Herrn Werner gönnen dass er
selbst das Vergnügen empfindet einen Fund zu machen So ist ja wohl der
Ausdruck«
»Es muss eine große Handschrift sein« stöhnte Knips
»Ich fürchte« versetzte der Fürst nachlässig »sie ist längst in Stücke
zerrissen Nicht unmöglich dass sich einige zerstreute Blätter irgendwo erhalten
haben«
Der Magister stand wie vom Donner gerührt »Es ist schwer den Herrn
Professor zu befriedigen«
»Um so größer wird Ihr Verdienst sein Verdienst und Lohn«
Knips blieb zusammengesunken stehen und schwieg
»Ist Ihre Zuversicht geschwunden Herr Magister« spottete der Fürst »Es
ist doch nicht das erste Mal dass Ihnen ein solcher Fund gelingt« Er trat dem
kleinen Mann näher »Ich weiß etwas von früheren Proben Ihrer Kunstfertigkeit
und ich bin über den Umfang Ihres Talentes durchaus nicht mehr im Zweifel«
Knips schreckte zusammen aber er fand noch keine Worte
»Im Übrigen bin ich mit Ihrer Tätigkeit zufrieden« fuhr der Fürst mit
veränderter Stimme fort »ich zweifle nicht dass Sie nach mehrfacher Richtung
verstehen werden sich den Beamten meines Hofes nützlich zu machen und dadurch
Ihre eigene Zukunft wohl zu beraten«
»Hohe Ehre« jammerte Knips und zog sein Taschentuch
»Was die verlorene Handschrift betrifft« fuhr der Fürst fort »so wird der
Aufenthalt des Herrn Werner wie ich fürchte nur vorübergehend sein Ihnen
würde die Aufgabe zufallen die Nachforschungen in unserem Lande fortzusetzen«
Knips erhob sein Haupt und ein Strahl von Freude zuckte über sein
verstörtes Gesicht
»Hat die Handschrift in der Tat so großen Wert wie die Herren Gelehrten
meinen so würde im Fall nach der Abreise des Professors noch etwas zu
entdecken bliebe für Sie bei uns gerade die Tätigkeit gefunden sein welche
Ihnen besonders zusagt«
»Diese Aussicht ist die höchste und gnädigste welche meinem Leben zu Teil
werden kann« erwiderte Knips mutiger
»Gut« sagte der Fürst »verdienen Sie sich jetzt dieses Anrecht und
versuchen Sie zunächst was Ihre Geschicklichkeit vermag«
»Ich werde mir Mühe geben Ew Hoheit zu dienen« versetzte der Magister
die Augen auf den Boden geheftet
Knips verließ das Kabinet Der kleine Mann welcher jetzt die Treppe
hinabschlich sah anders aus als jener glückliche Magister der vor wenig
Minuten hinaufgestiegen war Das bleiche Gesicht war nach vorn gebeugt und sein
Auge irrte scheu über die Mienen der Diener welche ihn neugierig betrachteten
Er griff in Verwirrung nach seinem Hut und er der Magister setzte ihn noch im
Fürstenschlosse auf sein Haupt Er trat hinaus auf den Platz der Sturm fegte
durch die Straßen trieb Staub in Wirbeln um ihn her und jagte ihm die
Rockschösse vorwärts »Er treibt« murmelte Knips »er treibt wie kann ich
widerstehen Soll ich zurückkehren in die kalte Kammer zu meinen Korrecturen
soll ich mein Lebtag von der Professorengnade abhängen und den stolzen Tröpfen
Bücklinge machen immer in Sorge dass ein Zufall diesen Gelehrten verrät wie
auch ich einmal ihr Meister war und sie höhnte«
»Hier aber ein gutes Leben und Gelegenheit unter Unwissenden der Klügste zu
sein und ihnen unentbehrlich zu werden Ich bin es schon jetzt der Fürst hat
sich zu mir gestellt wie ein Kamerad zum andern und er kann wenn ich seinen
Willen tue sich so wenig von mir scheiden wie das Pergament von der Schrift«
Er wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn »Ich selbst finde den
Kodex« fuhr er zuversichtlicher fort »Jacobi Knipsii sollertia inventum Ich
kenne das große Geheimnis und ich will suchen Tag für Tag wo nur ein
Kellerwurm kriecht und eine Spinne ihr Gewebe anhängt Bei mir steht es dann ob
ich den Professor zum Gehilfen nehme bei der Herausgabe oder einen Andern
Vielleicht nehme ich ihn und er soll mir dankbar sein Denn er findet schwerlich
den Schatz er ist viel zu vornehm um zu horchen und zu spioniren wo die
Truhen versteckt sind«
Der Magister beflügelte seine Schritte hinter ihm pfiff der Wind in
scharfen Tönen riss vertrocknete Zweige des letzten Jahres vom Baum und warf sie
an den Hut des kleinen Mannes Schneller kreisten die Staubwirbel um seinen
Leib sie bargen das schwarze Festkleid in fahlem Grau glitten fort mit dem
Schreitenden und hüllten ihn ein dass ihm das Grün der Bäume und die Gestalten
der Menschen entschwanden und er in einer Wolke dahinlief bedeckt mit
Erdenstaub und toten Blättern Er aber hob wieder sein Taschentuch seufzte und
wischte den Schweiß von seinen Schläfen
5
Hummels Triumph
Es wurde schwül in der Natur und unter den geschäftigen Menschen Der Barometer
fiel plötzlich Gewitter und Hagelschauer fuhren über das Land das Vertrauen
schwand die Aktien wurden wertloses Papier dem Übermut folgte Jammer auf
den Straßen stand Wasser die Strohhüte verschwanden wie vom Sturm zerweht
Wer in dieser wechselvollen Zeit die Gemütlichkeit des Herrn Hummel
beobachten wollte der musste die Nachmittagsstunde vor drei Uhr wählen wo er
seine Gartentür öffnete und sich an den Zaun setzte In dieser Stunde gab er
wohlwollenden Gedanken Audienz er hörte auf den Schlag der Stadtuhr und stellte
die eigene las etwas im Tageblatt zählte die regelmäßigen Spaziergänger
welche alltäglich zu derselben Stunde in den Wald und wieder zur Stadt zogen
und hielt darauf die Bekannten anzureden und ihren Gruß zu empfangen Diese
Bekannten waren meist Hausbesitzer starke Köpfe auch Mitglieder der
Stadtverordneten und des Rats
Heut saß er an der geöffneten Pforte sah stolz nach dem Haus gegenüber in
welchem eine innere Bewegung erkennbar war prüfte die Vorübergehenden und
empfing würdig die Grüße und kurzen Anreden der Stadt Der erste Bekannte war
Herr Wenzel Rentier und sein Gevatter der seit vielen Jahren jeden Tag des
Sommers und Winters denselben Weg durch die Parkwiese machte um in wohltätige
Wärme zu kommen Es war das einzige feste Geschäft seines Lebens und er sprach
deshalb auch von wenig Anderem »Guten Tag Hummel« »Guten Tag Wenzel«
»Ists geglückt« frug Herr Hummel »Es hat lange gedauert aber es ist
geworden« sagte der Rentier »Ich darf nicht stehenbleiben ich wollte nur
fragen wie gehts mit Dem drüben«
»Wie so« frug Hummel ärgerlich
»Du weißt nicht dass sein Buchhalter verschwunden ist«
»Warum nicht gar« rief Hummel
»Sie sagen er hat Börsengeschäfte gemacht und ist nach Amerika entwischt
Aber ich muss fort es zieht längs den Häusern Guten Tag« Der Rentier entfernte
sich eilig
Herr Hummel blieb in großem Erstaunen zurück »Guten Tag Herr Hummel«
weckte die Stimme des Stadtrats »Ein warmer Tag achtzehn Grad im Schatten Sie
haben doch gehört« er machte mit dem Stockknopf eine Bewegung nach dem
Nachbarhause
»Nichts« rief Hummel »man lebt an diesem Orte wie verraten und verkauft
Feuersbrunst Seuche und Ankunft hoher Personen es ist ein reiner Zufall wenn
man davon erfährt Wie ists mit dem entlaufenen Buchhalter«
»Es scheint dass Ihr Nachbar dem Manne zu viel Vertrauen geschenkt hat
dieser soll auf den Namen seines Prinzipals in der Stille tolle Aktiengeschäfte
gewagt haben und diese Nacht geflohen sein Man spricht von vierzigtausend«
»Dann ist Hahn verloren« sagte Hummel »Unrettbar Es sollte mich nicht
wundern Dieser Mann ist immer ein Phantast gewesen«
»Vielleicht ists nicht so arg« tröstete der Stadtrat sich losmachend
Herr Hummel blieb mit seinen Gedanken allein »Natürlich« sagte er zu sich
selbst »das musste so kommen Immer oben hinaus Häuser Fenster
Gartenspielerei keine Ruhe der Mann ist aus wie ein Licht«
Er vergaß die Vorübergehenden bewegte sich in seinem Hauptgange auf und ab
und sah zuweilen verwundert auf die feindlichen Mauern
»Aus wie ein Licht« wiederholte er mit dem Behagen eines tragischen
Schauspielers welcher den schrecklichsten Ausdruck für ein Kraftwort seiner
Rolle zu finden bemüht ist Ein halbes Menschenalter hatte er sich über den Mann
dort drüben geärgert ehe er noch den ersten Ansatz zu dem Bäuchlein erhielt
das er jetzt stattlich trug hatte er dieses Mannes Hauswesen und Geschäft
gehasst Dies Gefühl war seine tägliche Unterhaltung gewesen es gehörte zu
seinem Tagesbedarf wie sein Stiefelknecht und der grüne Kahn Jetzt kam die
Stunde wo das Schicksal Dem drüben heimzahlte dass er Herrn Hummel durch sein
Dasein gekränkt hatte Hummel sah auf das Haus und zuckte die Achseln der Mann
der ihm dieses unförmliche Ding vor die Augen gesetzt war jetzt in Gefahr
selbst hinausgeschleudert zu werden er sah auf den Tempel und die Muse dieses
Spielwerk eines armen Teufels wurde nächstens von irgendeinem Fremden
niedergerissen Hummel trat in die Wohnstube auch dort wandelte er auf und ab
und erzählte seinen Frauen in kurzen Sätzen das Unglück er beobachtete von der
Seite dass Frau Philippine erschrocken auf das Sopha eilte sich zurechtsetzte
und häufig die Hände zusammenschlug dass Laura in das Nebenzimmer stürzte und
ein lautes Weinen nicht bändigen konnte und er wiederholte mit schauderhaftem
Behagen die greulichen Worte »Er ist aus wie ein Licht«
Ebenso trieb ers in seiner Fabrik er ging langsam in der Niederlage auf
und ab sah majestätisch auf einen Haufen Hasenhaare nahm einen der feinsten
Hüte aus der Papierkapsel hielt ihn gegen das Fenster gab ihm mit der Bürste
einen Strich und brummte wieder »Auch er geht zu Ende« Sein Buchhalter kam
heut das erste Mal in seinem Leben zu spät an das Pult er hatte auf dem Wege
von dem Unglück vernommen berichtete aufgeregt seinem Prinzipal und wiederholte
zuletzt schadenfroh die Unglücksworte »Mit dem gehts zu Ende« Da sah ihn
Hummel mit durchbohrendem Blick an und schnaubte dass dem Mann das furchtsame
Schreiberherz tief hinabsank »Sie wollen wohl auch Procurist werden wie der
Ausgekratzte Ich danke Ihnen für diesen Beweis Ihres Vertrauens ich kann
solche Banditenwirtschaft nicht brauchen ich bin mein eigener Procurist Herr
und ich verbitte mir jede Art von Geheimnisskrämerei hinter meinem Rücken«
»Aber Herr Hummel ich habe ja keine Geheimnisskrämerei getrieben«
»Das danke Ihnen der Teufel« dröhnte Hummel in seinem wildesten Bass »es
ist kein Verlass mehr auf Erden nichts ist fest die heiligsten Verhältnisse
werden gewissenlos zerstört auf seine Freunde durfte man schon lange nicht mehr
vertrauen jetzt gehen sogar die Feinde durch die Lappen Heut legen Sie sich
ruhig als Deutscher schlafen morgen wachen Sie als Franzose auf und wenn Sie
nach Ihrem germanischen Kaffe seufzen bringt Ihnen die Wirtin eine Schüssel
Pariser Spinat ans Bett Es sollte mir lieb sein von Ihnen zu erfahren auf
welcher Stelle dieses Erdbodens wir uns jetzt befinden«
»In der Talgasse Herr Hummel«
»Das sprach aus Ihnen der letzte Rest des guten Genius den Sie noch auf
Lager haben Sehen Sie durch das Fenster was steht dort« Er wies auf das
Nachbarhaus
»Parkstrasse Herr Hummel«
»Wirklich« frug Hummel ironisch »Seit der grauen Vorzeit wo Ihre
Voreltern hier auf den Bäumen saßen und Bucheckern knabberten hieß diese Gegend
die Talgasse In dieses Tal habe ich den Grund meines Hauses gelegt und einen
Zettel eingemauert für spätere Ausgrabungen Heinrich Hummel Nummer 1 Jetzt
haben die Umtriebe jenes verbrannten Strohmanns auch diese Wahrheit umgeworfen
Trotz meinem Protest beim Rat sind wir polizeilich in Parkarbeiter
umgeschrieben Kaum ist das geschehen so schreibt sich auch der Buchhalter des
Mannes in einen Amerikaner um Glauben Sie dass Knips junior dieser Molch
seine Untat gewagt hätte wenn ihm nicht der eigene Prinzipal mit gutem
Beispiel vorangegangen wäre Da haben Sie die Folgen elender Neuerungen Zwanzig
Jahre habe ich an Ihnen herumgestrichen aber ich glaube sogar Sie sind jetzt
im Stande Ihren Stuhl umzuwerfen und sich in ein anderes Geschäft
umzuschreiben Pfui Herr schämen Sie sich Ihres Jahrhunderts«
Für die Familie Hahn war es ein Trauertag Der Hausherr war am Morgen zur
gewöhnlichen Stunde auf sein Komtoir in der Stadt gegangen und hatte vergebens
seinen Buchhalter erwartet Als er endlich in die Wohnung des jungen Mannes
sandte brachte der Marktelfer die Nachricht zurück dass derselbe verreist sei
und auf seinem Tisch einen Brief an Herrn Hahn zurückgelassen habe Hahn las den
Brief und brach an seinem Pult in jähem Schreck zusammen Er hatte seinem
Geschäft stets als treuer Arbeiter vorgestanden mit geringen Mitteln hatte er
begonnen durch eigene Kraft war er zum wohlhabenden Mann geworden aber er
hatte in Geldgeschäften seinem gewandten Kommis mehr überlassen als vorsichtig
war Der Mann war unter seinen Augen aufgewachsen hatte durch geschmeidigen
Diensteifer allmählich sein volles Vertrauen gewonnen und war vor Kurzem mit dem
Recht versehen worden den Namen der Firma unter geschäftliche Verpflichtungen
zu setzen Der neue Procurist war den Versuchungen einer aufgeregten Zeit
unterlegen er hatte hinter dem Rücken seines Prinzipals wilde Speculationen
gewagt In dem Briefe legte er ein offenes Geständnis ab Für seine Flucht hatte
er eine kleine Summe veruntreut seine Verluste aber hatte Herr Hahn am nächsten
Tage mit ungefähr zwanzigtausend Talern zu decken Der Blitzstrahl fuhr aus
heitrem Himmel in das friedliche Leben eines Bürgerhauses Herr Hahn sandte nach
seinem Sohn der Doctor eilte zur Polizei zum Rechtsanwalt zu
Geschäftsfreunden und immer wieder nach dem Komtoir zurück den Vater zu
trösten der wie gelähmt vor seinem Pulte saß und der Zukunft fassungslos
entgegensah
Der Mittag kam wo Herr Hahn seiner Frau das Unglück mitteilen musste und
der Jammer erhob sich in den Wänden des Hauses Frau Hahn ging verstört durch
die Zimmer vor dem Herde schrie Dorotee und rang die Hände In den Stunden des
Nachmittags eilte der Doctor wieder zu Bekannten und zu Geldleuten aber während
dieser Woche eines allgemeinen Schreckens wo Jeder dem Andern misstraute war
das Geld verschwunden der Doctor fand nichts als Mitleid und Klagen über die
furchtbare Zeit Die Flucht des Buchhalters machte auch zuverlässige Freunde
argwöhnisch gegen den Umfang der Verpflichtungen welche vielleicht auf der
Firma lasteten selbst auf das Haus war mit den größten Opfern keine
ausreichende Summe zu erhalten Die Gefahr wurde mit jeder Stunde drohender die
Angst größer Gegen Abend kehrte der Doctor von dem letzten vergeblichen Gange
in das Haus seiner Eltern zurück dem Vater hatte er ein heiteres Antlitz
gezeigt und tapfer getröstet aber in seinem Haupt hämmerte unablässig der
Gedanke dass dieses Unglück auch ihn vollends von der Geliebten scheide Jetzt
saß er müde und allein in der dunklen Wohnstube und sah nach den erleuchteten
Fenstern des Nachbars hinüber
Er wusste wohl dass ein Freund seinem Vater in dieser Not nicht fehlen
würde Aber der Professor war fern auch war die Hilfe welche dieser zu leisten
vermochte unzureichend sie kam im besten Fall zu spät Nur noch wenige
Stunden und die Entscheidung trat ein Was dazwischen lag eine Zeit der Ruhe
für Jedermann wurde dem Vater eine unendliche Qual wo er hundertfach das
Bittere des nächsten Tages durchmachen sollte mit starrem Auge und fieberhaftem
Pulsschlag und dem Sohn bangte um die Wirkung welche die furchtbare Spannung
auf den reizbaren Vater haben musste
Da schwebte es leise in das dunkle Zimmer eine helle Gestalt stand neben
dem Doctor Laura fasste seine Hand und hielt sie mit beiden Händen fest Sie
beugte sich zu ihm herab und blickte in das kummervolle Antlitz »Ich habe
drüben die Not dieser Stunden durchgefühlt ich kann die Einsamkeit nicht
länger ertragen« sagte sie leise »Ist keine Hilfe«
»Ich fürchte keine«
Sie berührte ihm mit der Hand das lockige Haar »Sie haben das Loos erwählt
gering zu achten was sich Andere so ängstlich begehren Das Licht der Sonne
welche Ihr Haupt verklärt soll niemals durch die Qualen dieser Erde getrübt
werden Seien Sie stolz Fritz nie dürfen Sie es mehr sein als in diesen
Stunden denn Ihnen kann solches Unglück nichts nehmen was einer Klage wert
ist«
»Mein armer Vater« rief Fritz
»Ihr Vater ist doch glücklich« fuhr Laura fort »denn er hat sich einen
Sohn erzogen dem kaum ein Opfer ist zu entbehren was anderen Menschen das
beste Glück erscheint Für wen haben Ihre lieben Eltern gesammelt als für Sie
Heut dürfen Sie ihnen zeigen wie frei und groß Sie stehen über diesen Sorgen um
totes Metall«
»Wenn ich auch für mein Leben das Unglück dieses Tages empfinde« sagte der
Doctor »so war es nur um einer Andern willen«
»Ist es Ihnen ein Trost mein Freund« rief Laura in ausbrechendem Gefühle
»so will ich Ihnen heut sagen dass ich treu zu Ihnen halte was auch geschehen
möge«
»Liebe Laura« rief der Doctor sie aber sang ihm weich wie ein Vogel in das
Ohr »Mir ists recht Fritz dass Sie mir gut sind« Fritz legte seine Wange
zärtlich auf ihre Hand »Ich mühe mich Ihrer nicht unwert zu sein« fuhr Laura
fort »Was ich armes Mädchen vermag versuche ich im Geheim schon lange um mich
frei zu machen von dem kleinen Tand der an unserm Leben hängt Ich habe mir
Alles überlegt wie man haushalten kann mit sehr wenig ich verwende nichts mehr
auf unnütze Kleider und solchen Kram Ich bin eifrig auch etwas zu verdienen
Ich gebe Stunden Fritz und man ist mit mir zufrieden Der Mensch braucht sehr
wenig zum Leben dahinter bin ich gekommen ich habe in meiner Stube keine
größere Freude als den Gedanken mich unabhängig zu machen Das wollte ich Ihnen
heut schnell sagen Und noch Eines Fritz wenn ich Sie auch nicht sehe ich
denke immer an Sie und ich sorge um Sie«
Fritz streckte die Arme nach ihr aus aber sie entzog sich ihm noch einmal
winkte sie an der Tür dann flog sie über die Straße zurück in ihre Dachstube
Dort stand sie im Dunkeln mit pochendem Herzen von außen fiel ein matter
Lichtstrahl durch die Scheiben und beleuchtete das Schäferpaar am Tintenfass dass
es verklärt in der Luft schwebte Heut dachte Laura nicht an ihr Geheimbuch sie
sah hinüber nach dem Fenster wo der Geliebte saß und wieder stürzten ihr die
Tränen aus den Augen Aber sie fasste sich mit kurzem Entschluss holte in der
Küche Licht und einen Topf mit Wasser suchte Spitzenärmel und Kragen zusammen
und weichte sie in einer Schüssel ein auch diesen Plunder konnte sie sich
allein zurecht machen Es war wieder eine kleine Ersparnis es konnte doch
einmal dem Fritz zu Gute kommen
Herr Hummel schloss sein Komtoir und setzte seine Wanderungen fort Die Tür
zu Lauras Stube öffnete sich die Tochter fuhr zusammen als sie den Vater auf
die Schwelle treten sah feierlich wie einen Boten der Vehme Hummel bewegte
sich auf seine Tochter zu und sah ihr scharf in die verweinten Augen »Also
wegen Dem drüben« Laura barg das Gesicht in den Händen wieder bewältigte sie
der Schmerz
»Da hast du deine Glöckchen« brummte er leise »Da hast du deine
Taschentücher und deine Inder Es ist dort drüben aus« Er klopfte ihr mit der
großen Hand auf die Schulter »Höre auf wir haben ihn nicht umgebracht eure
Schnupftücher beweisen gar nichts«
Es wurde dunkel Hummel ging auf der Straße zwischen den beiden Häusern auf
und ab sah das feindliche Haus von der Parkseite an wo es ihm weniger geläufig
war und sein breites Gesicht verzog sich zu einem siegesgewissen Lächeln
Endlich entdeckte er einen Bekannten der aus dem Nachbarhause eilte und ging
mit starken Schritten hinter ihm her »Wie stehts« frug er den Arm des Andern
fassend »kann er sich halten«
Der Geschäftsfreund zuckte die Achseln »es wird kein Geheimnis bleiben«
und berichtete über Lage und Gefahr des Gegners
»Wird er Deckung schaffen«
Der Andere zuckte wieder die Achseln »Bis morgen schwerlich Geld ist jetzt
unter Brüdern nicht zu haben Natürlich ist der Mann mehr wert das Geschäft
gut das Haus unverschuldet«
»Das Haus ist keine zwanzigtausend wert« unterbrach ihn Hummel
»Gleichviel bei gesundem Stande des Geldmarkts würde er den Schlag ohne
Gefahr aushalten Jetzt fürchte ich das Schlimmste«
»Ich habs ja gesagt er ist aus wie ein Licht« murrte Hummel und drehte
sich kurz ab nach seinem Hause
Im Zimmer des Doctors saßen Vater und Sohn über Briefen und Rechnungen an
den Wänden glänzten im Lampenlicht die goldenen Titel der Bücher und der
sauberen Mappen in denen der Doctor seine Schätze barg emsiger Sammelfleiss
hatte sie aus hundert Winkeln zusammengeholt und hier in stattlicher Ordnung
verbunden jetzt sollten auch sie auseinanderflattern in alle Welt Mutvoll
redete der Sohn in die Seele des verzweifelten Vaters »Ist das Unglück nicht zu
wenden das wie ein Orkan über uns einbrach wir ertragen es mannhaft deine
Ehre vermagst du zu wahren Der größte Schmerz den ich empfinde ist doch nur
dass ich dir jetzt so wenig nützen kann und dass der Rat jedes Geschäftsmannes
mehr Wert hat als die Hilfe des eigenen Sohnes«
Der Vater legte das Haupt auf den Tisch kraftlos und betäubt
Da ging die Tür auf aus dem dunkeln Vorsaal trat mit schweren Schritten
eine fremde Gestalt in das Zimmer Der Doctor sprang auf und starrte auf die
harten Züge eines wohlbekannten Gesichtes Herr Hahn aber stieß einen Schrei aus
und fuhr von dem Sopha um das Zimmer zu verlassen »Herr Hummel« rief der
Doctor erschrocken
»Natürlich« versetzte Hummel »ich bins wer sollte es auch sonst sein«
Er legte ein Packet auf den Tisch »Hier sind zwanzigtausend Taler in ehrlichen
Stadtschuldscheinen und hier ist eine Empfangsbescheinigung die Sie beide
unterschreiben Morgen lassen Sie mir dafür eine Hypothek ausstellen auf Ihr
Haus die Papiere werden mir in Natura zurückgezahlt denn ich will nicht zu
Schaden kommen der Curs ist zu schlecht Die Hypothek soll für mich auf zehn
Jahr unkündbar sein damit Sie nicht glauben ich will Ihnen Ihr Haus nehmen
Sie können zurückzahlen wann Sie wollen das Ganze oder in Teilen Ich kenne
Ihr Geschäft auf Ihr Stroh ist jetzt kein Geld zu erhalten aber in zehn Jahren
kann der Schade überwunden sein Ich mache nur eine Bedingung dass kein Mensch
von diesem Darlehn erfährt am wenigsten Ihre Frau und meine Frau und Tochter
Dazu habe ich meine guten Gründe Sehen Sie mich doch nicht an wie die Katze den
Kaiser« fuhr er zum Doctor gewendet fort »Setzen Sie sich hin zählen Sie die
Papiere und die Nummern Machen Sie keine Worte ich bin kein Mann von Gefühl
und Redensarten können mir nichts nützen Ich denke auch an meine Sicherheit
Das Haus ist schwerlich zwanzigtausend Taler wert aber es genügt mir Wenn
Sies wegtragen wollen werde ichs sehen Sie haben gesorgt dass es mir nahe
genug vor den Augen steht Zählen Sie und unterschreiben Sie Herr Doctor«
befahl er und drückte den Sohn auf einen Stuhl
»Herr Hummel« begann Hahn etwas undeutlich denn in seiner Gemütsbewegung
wurden ihm die Worte schwer »diese Stunde vergesse ich Ihnen nicht bis zu
meinem Ende« Er wollte auf ihn zugehen und ihm die Hand reichen aber es kam
ihm heiß aus den Augen und er arbeitete stark mit seinem Taschentuche
»Setzen auch Sie sich nieder« sagte Hummel und drückte ihn auf das Sopha
»Gesetzteit und kaltes Blut sind immer die Hauptsache sie sind besser als
chinesisches Zeug Ich sage Ihnen heut weiter nichts und Sie sagen mir auch
kein Wort über diese Angelegenheit Morgen wird Alles vor Notar und Gericht
glatt gemacht dann vierteljährlich pünktlich die Zinsen gezahlt und im
Übrigen bleibt es zwischen uns beim Alten Denn sehen Sie wir sind nicht bloß
Menschen wir sind auch Geschäftsleute Als Mensch weiß ich ganz genau was für
gute Seiten Sie haben auch wenn Sie mich verklagen Unsere Häuser aber und
unsere Geschäfte stimmen nicht Wir sind zwanzig Jahr Gegner gewesen mit Haar
und Stroh mit unsern Liebhabereien und unserm Gitterzaun Das soll so bleiben
Ihre Musen sind mir nicht recht und meine Hunde sind Ihnen nicht recht obgleich
ich jetzt glaube dass es dieser Schurke von Buchhalter auch hinter Ihrem Rücken
getan hat Es ist dieselbe Geschichte wie bei den Wechseln heimliche
Vergiftung mit Auskratzen Was also nicht stimmt das braucht nicht zu stimmen
Wenn Sie mich borstig nennen und einen groben Filz ich will grob gegen Sie sein
und ich will Sie für einen Strohkopf halten sooft mir der Ärger über Sie
kommt Demungeachtet kann daneben das ruhige Geschäft gehen welches wir jetzt
miteinander machen Und wenn einmal was ich nicht hoffen will mich die Räuber
ausplündern so werden Sie auch da sein soweit Sie vermögen Dies weiß ich und
ich habe es immer gewusst und deshalb bin ich heut gekommen«
Hahn sah mit einem Blicke warmer Dankbarkeit zu ihm auf und griff wieder
nach seinem Tuch
Hummel legte ihm die schwere Hand auf den Kopf wie einem kleinen Kinde und
sagte leise »Sie sind ein Phantast Hahn Der Doctor ist fertig jetzt
unterschreiben Sie und lassen Sie sich beide das Unglück nicht übermäßig zu
Herzen gehen So« fuhr er fort und bestreute das Papier sorgfältig »morgen um
neun Uhr schicke ich Ihnen meinen Anwalt aufs Komtoir Bleiben Sie hier die
Treppe hat schlechtes Licht aber ich finde mich schon zurecht Gute Nacht«
Er trat auf die Straße und sah sich geringschätzig nach den feindlichen
Mauern um »Keine Hypothek« brummte er »H Hummel erste und letzte
zwanzigtausend« In der Familienstube gönnte er seinen Frauen einige beruhigende
Worte »Ich habe mich erkundigt die Leute werden sich halten Ich verbitte mir
also jedes weitere Geseufz Wenn ihr wieder einmal der elenden Mode zu Gefallen
einen Strohhut braucht so könnt ihr das Geld eher zu den Hähnen tragen als zu
Andern ich gebe meine Erlaubnis«
Einige Tage darauf trat Fritz Hahn in das kleine Komtoir des Herrn Hummel
Dieser scheuchte den Buchhalter durch einen Wink mit dem Finger hinaus und
begann kühl von seinem Lehnstuhl »Was bringen Sie mir Herr Doctor«
»Mein Vater fühlt die Verpflichtung dem großen Vertrauen das Sie ihm
bewiesen dadurch zu entsprechen dass er Ihnen Einblick in den Stand seines
Geschäftes gibt und Sie bittet ihn in einzelnen Verwicklungen zu unterstützen
Er ist der Meinung dass er bis diese Erschütterung überwunden ist nichts
Wichtiges ohne Ihre Beistimmung tun darf«
Hummel lachte hell auf »Ich soll einen Rat geben und Ihrem Geschäft Sie
bringen mich in eine Lage welche ganz unnatürlich ist und gegen welche ich
mich wehre«
Der Doctor legte ihm schweigend die Übersicht über Activa und Passiva vor
die Augen
»Sie sind ein seiner Kunde« rief Hummel immer noch erstaunt »Aber für
einen alten Fuchs ist dieses Tellereisen nicht schlau genug« dabei blickte er
doch auf Kredit und Debet und nahm einen Bleistift in die Hand »Hier finde ich
unter den Activis fünfzehnhundert Taler für Bücher welche verkauft werden
sollen ich habe nicht gewusst dass Ihr Vater auch diese Liebhaberei hat«
»Es sind meine Bücher Herr Hummel ich habe in diesen Jahren weit mehr Geld
dafür ausgegeben als meinen Arbeiten unbedingt notwendig ist Ich bin
entschlossen zu verkaufen was ich entbehren kann ein Antiquar hat sich
bereits erboten diese Summe in zwei Raten zu zahlen«
»Handwerkszeug darf kein Executor pfänden« sagte Hummel und machte einen
dicken Strich durch den Posten »Ich glaube zwar dass es unleserliche Schmöker
sind aber die Welt hat viele dunkle Winkel und da Sie einmal eine Vorliebe
dafür haben als Kauz unter Ihren Mitmenschen zu sitzen so sollen Sie in Ihrem
Loch bleiben« Er betrachtete den Doctor mit einem ironischen Blinzen »Haben
Sie mir nichts weiter zu sagen Ich meine nicht über das Geschäft Ihres Vaters
das mich gar nichts angeht sondern über ein anderes Geschäft das Sie selbst zu
betreiben scheinen wobei Sie den Wunsch haben sich mit meiner Tochter Laura zu
associiren«
Der Doctor errötete »Ich hätte einen andern Tag für diese Erklärung
gewählt welche Sie jetzt von mir fordern Aber auch ich habe den heißen Wunsch
mich darüber mit Ihnen zu verständigen Ich habe mich lange mit der stillen
Hoffnung getragen dass es der Zeit gelingen könnte Ihre Abneigung gegen mich zu
vermindern«
»Der Zeit« unterbrach ihn Hummel »das ist mir lächerlich«
»Jetzt bin ich durch die hochherzige Hilfe welche Sie meinem Vater
geleistet Ihnen gegenüber in eine Stellung gekommen welche für mich so
schmerzvoll ist dass ich Sie anflehen muss mir Ihr Mitgefühl nicht zu versagen
Ich werde bei angestrengter Tätigkeit und glücklichen Zufällen erst nach Jahren
in der Lage sein eine Frau ernähren zu können«
»Brotlose Künste« unterbrach Herr Hummel brummend
»Ich liebe Ihre Tochter und ich kann dies Gefühl nicht opfern Aber ich habe
die Aussicht verloren ihr eine Zukunft zu bieten welche den Ansprüchen die
sie zu machen berechtigt ist einigermaßen entspricht und die rettende Hilfe
welche Sie meinem Vater gebracht macht auch mich so abhängig von Ihnen dass ich
meiden muss was Ihnen Unwillen erregen könnte Deshalb sehe ich für mich eine
öde Zukunft«
»Ganz wie ich erwartet habe« versetzte Hummel »miserabel«
Der Doctor trat zurück aber er legte gleich darauf seine Hand auf den
Ärmel des Nachbarn »Diese Sprache nutzt Ihnen nichts mehr Herr Hummel« sagte
er lächelnd
»Edel aber miserabel« wiederholte Hummel mit Genuss »Schämen Sie sich
Herr Sie wollen ein Liebhaber sein Sie wollen sich unterstehen meiner Tochter
Laura zu gefallen und Sie sind ein solcher schwachherziger Hase mit
Seitensprüngen Wollen Sie Ihre Gefühle nach meiner Hypothek reguliren Wenn Sie
verliebt sind so fordere ich von Ihnen dass Sie sich benehmen wie ein
springender Löwe jaloux und mordsüchtig Pfui Herr Sie sind mir ein schöner
Adonis oder wie dieser Nicodemus sonst heißt«
»Herr Hummel ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter« rief der Doctor
»Ich verweigere sie Ihnen« sagte Hummel entschieden »Sie verstehen meine
Worte falsch Mir fällt nicht ein auch noch mein Kind in diese Masse zu werfen
Aber dass ich meine Tochter Ihnen nicht geben will darf Sie gar nicht
irremachen Ihre verdammte Schuldigkeit ist wie das Wetter hinterher zu sein
Sie müssen mich angreifen und in mein Haus dringen wogegen ich mir allerdings
vorbehalte Sie hinaus zu weisen Aber ich habe es immer gesagt Ihnen fehlt die
Kourage«
»Herr Hummel« versetzte der Doctor mit Haltung »ich erlaube mir die
Bemerkung dass Sie jetzt nicht mehr ausfällig sein dürfen«
»Warum nicht« frug Hummel Der Doctor wies auf die Papiere »Was hier
geschehen macht mir schwer wieder grob zu werden es kann Ihnen kein Vergnügen
machen einen Wehrlosen anzugreifen«
»Diese Ansprüche sind mir nur lächerlich« erwiderte Hummel »Weil ich
Ihnen mein Geld gegeben habe soll ich aufhören Sie zu behandeln wie Sie
verdienen Weil Sie vielleicht nicht ganz abgeneigt wären meine Tochter zu
heiraten soll ich Sie mit einer Sammtbürste streicheln Hat man je solchen
Unsinn gehört«
»Sie irren« fuhr der Doctor artig fort »wenn Sie meinen dass ich ganz
außer Stande bin Ihre Sprache zu reden Ich gebe mir deshalb die Ehre Ihnen zu
bemerken Ihre höhnende Laune versteht so zu verletzen dass selbst die
empfangene Wohltat ihren Wert verliert«
»Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihrer Wohltat« unterbrach Hummel »ich war
nur wohltätig aus Rachsucht«
»Darauf will ich Ihnen ebenso ehrlich sagen« fuhr der Doctor fort »dass es
auch für mich eine schwere Stunde war als Sie auf mein Zimmer traten Ich
wusste wie drückend die Verpflichtung auf meinem Leben lasten würde die Sie uns
auferlegten Ich sah auf meinen armen Vater und der Gedanke an sein Unglück
schloss mir den Mund Ich für meinen Teil wäre lieber betteln gegangen als dass
ich von Ihnen Geld genommen hätte«
»Nur weiter« ermunterte Hummel
»Was Sie für meinen Vater getan gibt Ihnen noch nicht das Recht mich zu
misshandeln Dieses Gespräch stärkt mich in der Überzeugung die ich vom ersten
Augenblick hatte dass wir Alles aufbieten müssen Ihnen so schnell als möglich
die erhaltene Summe zurück zu zahlen Sie haben den Posten für meine Bücher
gestrichen ich werde sie doch verkaufen«
»Unsinn« rief Hummel
»Ich werde es tun wie unbedeutend auch die Summe im Vergleich zu unserer
Schuld ist weil die Tyrannei welche Sie über mich ausüben wollen mir
unerträglich zu werden droht Ich wenigstens will Ihnen nicht in dieser Weise
verpflichtet sein«
»Sie wollen es doch in einer andern Weise die Ihnen mehr zusagt«
»Ja« versetzte der Doctor »da Sie das größte Opfer welches ich Ihnen
bringen konnte so verächtlich zurückweisen so werde ich fortfahren um die
Liebe Ihrer Tochter zu werben auch gegen Ihren Willen Ich werde versuchen sie
zu sprechen sooft ich kann mich ihr so wert zu machen als ich im Stande bin
Sie selbst haben mir diesen Weg gezeigt Sie werden sich gefallen lassen dass
ich ihn betrete und wenn Sie nicht zufrieden sein sollten werde ich auf Ihren
Unwillen keine Rücksicht nehmen«
»Endlich« rief Hummel »es kommt zum Vorschein Ich sehe doch dass Sie
nicht ganz ohne Bosheit sind Darum lassen Sie uns ruhig diese Angelegenheit
besprechen Sie sind nicht der Mann den ich meiner Tochter wünsche Ich habe
Sie von meinem Hause ferngehalten und es hat nichts genützt Denn es hat sich
doch ein verdammtes Gefühl entsponnen Deshalb bin ich der Meinung dies
Geschäft jetzt anders zu betreiben Ich habe nichts dagegen wenn Sie manchmal
in mein Haus kommen Sie werden das mit Bescheidenheit tun ich sehe es Ihnen
an Ich werde Sie als nicht vorhanden betrachten meine Tochter wird Gelegenheit
haben Sie ruhig mit unsern vier Wänden zu vergleichen Was daraus wird warten
wir beide ab«
»Auf diesen Vorschlag gehe ich nicht ein« sagte der Doctor entschlossen
»Ich bestehe nicht darauf dass Sie mir in dieser Stunde die Hand Ihrer Tochter
bewilligen den Zutritt zu Ihrer Familie aber nehme ich nur unter der Bedingung
an dass Sie selbst sich gegen mich so verhalten wie gegen einen Gast Ihres
Hauses schicklich ist und dass Sie gegen mich die Pflichten eines Wirtes
freundlich erfüllen Ich werde nicht dulden dass Sie in der Weise zu mir
sprechen wie heut unter vier Augen Eine Kränkung durch Worte oder Nichtachtung
ertrage ich von Ihnen am wenigsten Es liegt mir nicht nur daran Ihrer Tochter
zu gefallen sondern auch Ihnen angenehmer zu werden Dazu fordere ich
Gelegenheit Können Sie auf diese Bedingung nicht eingehen so komme ich lieber
gar nicht«
»Humboldt unternehmen Sie nicht zu viel auf einmal« mahnte Herr Hummel
kopfschüttelnd »denn sehen Sie ich schätze Sie aber ich kann Sie wirklich
nicht recht leiden Deshalb will ich mir überlegen wieweit ich Ihnen gefällig
sein kann ich versichere Sie es wird mir sauer werden Unterdes nehmen Sie
diese Papiere mit sich Ihr Vater hat sich die Lehre gekauft dass er seine
Geldgeschäfte selbst besorgt Im uebrigen steht die Sache nicht schlecht und er
wird sich allein heraushelfen Sie brauchen dazu weder mich noch einen Andern
Guten Morgen Herr Doctor«
Der Doctor nahm die Papiere unter den Arm »Ich bitte um Ihre Hand Herr
Hummel«
»Nicht so hastig« wehrte Hummel
»Es tut mir leid« sagte der Doctor lächelnd »aber ich kann es Ihnen heut
nicht ersparen«
»Nur aus angeborner Höflichkeit« entgegnete Hummel »aber nicht aus guter
Meinung«
Er reichte ihm die große Hand und ließ sie sich kräftig schütteln »Ihre
Bücher behalten Sie« rief er dem Scheidenden nach »Den Schwindel kenne ich
Sie werden sich das Zeug doch wieder anschaffen und ich muss am Ende noch einmal
mein Geld dazu geben«
6
Ein Kapitel aus der verlorenen Handschrift
Tobias Bachhuber Als deine Taufpaten beschlossen dass du Tobias heißen
solltest haben sie deinem Leben und ihren eigenen Enkeln schlechte Dienste
geleistet Denn wer diesen Namen führt wird vom Schicksal genötigt zu erleben
was niemals günstiger benamten Menschen zugemutet werden darf Wann hat der
Vogel Schwalbe gegen Andere gewagt was er dem ersten Besitzer deines Namens
durch unwürdiges Beschmeissen antat Wer hat eine so elende Brautfahrt erlebt
als der arme Sohn des Blinden Tobias der jüngere Denn musste dieser nicht
fasten die Gebetschnüre halten und mit einem mörderischen Geist kämpfen gerade
in den Stunden in welchen sonst jedem Sterblichen geistiger Kampf höchlich
verübelt wird Auch an dir seliger Bachhuber hat sich das Unglück des Namens
greulich bewährt Ob vielleicht der ganze blutige Schwedenkrieg deshalb
entstand weil dem Schweden ein Gelüst nach deinem Kodex ankam soll hier nicht
erörtert werden man darf vertrauen dass neue Geschichtsforschung auch noch
diesen geheimen Beweggrund ans Licht ziehen wird Aber unleugbar bist du selbst
in dem Kriege jämmerlich draufgegangen ja sogar an deinem Schatz den du
verstecktest und gleichsam deponirtest hängt noch der Fluch deines Namens
Allen welche damit zu tun haben werden die Augen geblendet und ein böser
Geist würgt ihre Hoffnungen
Auch den Professor quälte die Blindheit und ängstigte der Dämon Er hatte
nichts gefunden Mancher wäre ermüdet und hätte abgelassen ihm wurde der Eifer
gemehrt Denn er suchte keineswegs kopflos er wusste sehr wohl dass der Fund an
einer langen Kette von Zufällen hing welche sich jeder Berechnung entzogen
Aber er wollte tun was in seinen Kräften stand seine Aufgabe war der
gelehrten Welt die Sicherheit zu geben dass Archive Sammlungen und
Wirtschaftsverzeichnisse des Fürsten gründlich durchsucht seien Diese
Gewissheit wenigstens vermochte er besser zu erlangen als jeder Andere und er
tat damit seine Pflicht gegen den Fürsten und seine Wissenschaft Aber die
innere Ungeduld wurde heftiger die heitere Spannung der ersten Zeit steigerte
sich zu unbehaglicher Aufregung die lange Erwartung immer getäuscht störte
ihm auch die Stimmung des Tages Wieder saß er oft in sich gesunken ja er
sprach täglich von dem Schatze und Ilse konnte es ihm nicht recht machen ihre
Einwürfe selbst ihr Trost verletzten ihn denn ihm war sehr ärgerlich dass sie
seinen Eifer gar nicht teilte Er wusste genau wie die Handschrift aussehen
würde dick großes Quadrat sehr alte Buchstaben vielleicht aus dem sechsten
Jahrhundert verblichen manche Blätter halb zerstört er verbarg sich durchaus
nicht dass die Bosheit der Zeit des Wassers und der Ratten arges Spiel damit
getrieben hatte
Heut trat der Professor mit geröteten Wangen in das Arbeitzimmer der
Prinzessin
»Endlich vermag ich gute Nachricht zu bringen In einem kleinen Actenbündel
des Marschallamtes das mir unbegreiflicherweise bis jetzt entgangen ist fand
ich auf einem einzelnen Blatt eine verlorene Notiz Die Truhen welche der
Beamte von Bielstein im Anfange des vorigen Jahrhunderts nach dem verschwundenen
Schloss sandte werden darin kurz als No 1 und 2 bezeichnet mit dem Vermerk
dass sie Manuscripte des Klosters von Rossau außerdem alte Armbruste Bolzen
usw enthalten Es waren also zwei Truhen und Handschriften des Klosters
lagen darin« Die Prinzessin sah neugierig auf das Blatt welches er vor sie
hinlegte
»Es war Zeit dass diese Nachricht kam« fuhr der Professor fröhlich fort
»denn ich gestehe Ew Hoheit das Gespenst verfolgte mich bei Tag und Nacht
Dies ist eine wertvolle Bestätigung dass ich auf richtigem Wege bin«
»Ja« rief die Prinzessin »ich bin überzeugt wir finden den Schatz Wenn
ich nur ein wenig dazu helfen könnte Wäre er durch Beschwörung zu gewinnen wie
gern wollte ich den Zaubergürtel umbinden und Frau Hekate anrufen Leider ist
dieser Weg Geister zu bezwingen veraltet und die geheime Kunst durch welche
die Herren Gelehrten ihre Schätze heben ist schwer zu erlernen«
»Auch ich bin jetzt wenig besser als ein unglücklicher Geisterbanner«
antwortete der Professor »Schlecht wäre ich empfohlen wenn Ew Hoheit meine
Arbeiten nach der Tätigkeit beurteilen wollten welche ich hier durch
Aufrühren des alten Staubes beweise Man freut sich und wird getäuscht wie ein
Kind Es ist ein Glück dass das Schicksal uns Bücherschreiber selten durch
solche Gaukeleien neckt was wir etwa für Andere gewinnen hängt nicht mehr
vorzugsweise von zufälligem Funde ab«
»Ich aber ahne etwas von dem Ernst der Arbeit welche ich nicht sehe« sagte
die Prinzessin »Ihre Güte hat mir wenigstens ein kleines Guckfenster geöffnet
durch welches ich in die Werkstatt der schaffenden Geister blicken kann Ich
begreife dass die Arbeit der Gelehrten für Jeden der zu ihrer stillen Gemeinde
gehört einen unwiderstehlichen Reiz ausüben muss Ich möchte die Frauen
beneiden denen das Glück wird solcher Tätigkeit durch ihr ganzes Leben nahe
zu sein«
»Wir sind kühne Eroberer am Schreibtisch« erwiderte der Professor »aber
dem Eroberer und seiner Umgebung wird oft das Missverhältnis zwischen innerer
Freiheit und äußerer Unbehilflichkeit fühlbar Wer das wirkliche Leben mit uns
durchmacht der wird uns leicht übersehen und unsere Einseitigkeit schwer
ertragen Denn Hoheit die Gelehrten sind selbst wie die Bücher welche sie
schreiben In der Mehrzahl stehen wir schlecht gerüstet in dem Wirrwarr der
Geschäfte zuweilen hilflos in der vielgestaltigen Tätigkeit unserer Zeit Wir
sind treue Freunde solcher Stunden in denen der Mensch neue Kraft sucht für den
Kampf des Lebens aber in dem Streit selbst sind wir häufig ungeübte Helfer«
»Dachten Sie bei Ihren Worten an sich selbst?« frug die Prinzessin schnell
»Nein« versetzte der Professor »ich trug ein Bild im Sinne das ich mir
aus den Zügen vieler Berufsgenossen zusammengesetzt hatte aber wenn Ew Hoheit
nach mir fragen auch ich bin nach dieser Richtung ein regelrechter Gelehrter
Denn ich habe oft Gelegenheit gehabt zu bemerken wie unfertig mein Urteil in
allen Fragen ist bei denen nicht mein Wissen oder meine sittlichen Empfindungen
mir Sicherheit geben«
»Das ist mir gar nicht recht Herr Werner« rief die Prinzessin und lehnte
sich würdevoll auf dem Sessel zurück »Meine Phantasie war im besten Fluge ich
saß als Gebieterin der Welt da bereit meine Völker zu beglücken und ich
machte Sie zu meinem Minister«
»Das Zutrauen tut mir wohl« entgegnete der Professor »aber wenn Hoheit
einmal in die Lage kommen einen Gehilfen der Herrschaft zu suchen so könnte
ich diese Würde nur dann mit gutem Gewissen annehmen wenn Ew Hoheit Insassen
vorher alle in der Presse des Buchbinders zurechtgeschnitten wären wenn sie ein
Röckchen aus Pappe trügen und auf ihrem Rücken einen Zettel der deutlich
besagt was jeder für einen Inhalt hat«
Die Prinzessin lachte aber ihr Auge ruhte innig auf dem ehrlichen Antlitz
des Mannes Sie sprang auf und trat vor ihn »Immer sind Sie wahrhaft und klar
und hoch das Haupt«
»Dank für die Beurteilung« versetzte der Professor fröhlich »Selbst Ew
Hoheit behandeln mich wie einen Geist der in einem Buche steckt Sie rühmen
mich so offen als ob ich die Worte nicht verstände die man über mich spricht
Ich bitte um Erlaubnis auch Ew Hoheit meine Gefühle in einer Recension
vorzutragen«
»Wie ich bin will ich von Ihnen nicht hören« rief die Prinzessin »denn
Sie würden trotz der Harmlosigkeit die Sie an sich loben am Ende soviel aus
mir herauslesen als wenn auch ich Goldschnitt und einen Saffianrücken trüge
Aber mir ist ernst zu Mut wenn ich Sie rühme Ja Herr Werner seit Sie bei
uns sind geht mir ein besseres Verständnis für den Wert des Lebens auf Sie
wissen nicht welcher Gewinn für mich ist einen Geist zu beobachten der
unbekümmert um das kleine Treiben seiner Umgebung nur seiner hohen Göttin der
Wahrheit dient Uns bedrängt der Lärm des Tages uns verwirrt die
Begehrlichkeit die Menschen von denen ich umgeben bin auch die guten sie
alle denken und sorgen behaglich um sich selbst und schließen bequeme Verträge
zwischen ihrem Pflichtgefühl und ihrem Egoismus Hier aber erkenne ich eine
Selbstlosigkeit und eine unablässige Hingabe des eigenen Daseins an die höchste
Arbeit des Menschen Dies ist etwas so Großes und Gewaltiges dass mich die
Bewunderung weich macht wenn ich Sie ansehe Ich fühle den Wert solches
Daseins wie ein neues Licht das in meine Seele fällt Nie habe ich bis jetzt
gewusst dass Andere neben mir einhergehen begeistert den Himmel im Herzen Das
ist meine Recension über Sie Herr Gelehrter sie ist vielleicht nicht gut
geschrieben aber sie kommt vom Herzen«
Das Auge des Gelehrten strahlte als er dem Fürstenkinde in das gerötete
Antlitz sah aber er schwieg Es war eine lange Pause Die Prinzessin wandte
sich ab und neigte sich über die Bücher Endlich begann sie mit leiser Stimme
»Sie gehen zu Ihrer Tagesarbeit ich will es auch Bevor Sie mich verlassen
bitte ich Sie mein Lehrer zu sein ich habe in der Kunstgeschichte die mir
Ihre Güte aus der Bibliothek brachte eine Stelle bezeichnet welche mir nicht
verständlich war«
Der Professor nahm das aufgeschlagene Buch zur Hand und lachte »Dies ist
die Theorie einer andern Kunst es ist nicht das rechte Buch« Die Prinzessin
las »Blancmanger zu machen« Sie schlug den Titel auf »Geistreiches Kochbuch
der alten Nürnberger Köchin« Erstaunt wandte sie das Buch um es war derselbe
einfache Bibliotekband »Wie kommt dies hierher« rief sie ärgerlich und
schellte ihrer Kammerfrau »Es ist Niemand hier gewesen« beteuerte diese »als
vorhin die Prinzen«
»Ja dann« rief die Prinzessin kleinlaut »da ist nichts zu hoffen Wir
stehen jetzt unter der Herrschaft eines schadenfrohen Kobolds und müssen warten
ob unser Buch sich findet Leben Sie wohl Herr Werner wenn der Kobold das Buch
herausgibt rufe ich Sie zurück«
Als der Professor entlassen war kam die Kammerfrau erschrocken und brachte
die verlorene Archäologie in trübseligem Zustande »Das Buch lag im Käfig des
Affen Jocko hat emsig darüber studiert er war wütend als ich ihm den Band
fortnahm«
Zu derselben Stunde stand der Kammerherr vor dem Fürsten »Ihre Freunde von
der Universität haben sich bei uns eingelebt ich setze voraus auch Sie tun
das Ihre ihnen unsere Stadt lieb zu erhalten«
»Professor Werner scheint sehr befriedigt« entgegnete der Kammerherr mit
Zurückhaltung
»Hat Ihre Schwester Malwine die Bekanntschaft der Frau Professorin gemacht«
»Leider ist meine Schwester genötigt unsere kranke Tante auf dem Lande zu
pflegen«
»Das ist schade« versetzte der Fürst »sie mag Ursache haben diesen Zufall
zu bedauern Vor einiger Zeit haben Sie gegen mich die Ansicht ausgesprochen
dass dem Erbprinzen eine praktische Tätigkeit wohltun werde der Gedanke hat
mich beschäftigt Es wird notwendig im Bezirk von Rossau die Möglichkeit eines
zeitweisen Aufenthalts zu schaffen Die alte Oberförsterei ist dafür nicht übel
geeignet Ich habe mich entschlossen das Haus durch einen Umbau in ein
wohnliches Jagdschloss zu verwandeln Der Erbprinz soll diesen Bau an Ort und
Stelle ganz in seinem Sinn anordnen Sie werden ihn begleiten Der Baudirector
hat Anweisung die Pläne nach den Befehlen des Erbprinzen zu zeichnen Nur bei
dem Kostenanschlag wünsche ich mitzusprechen Unterdes wird der Erbprinz sich
mit den Zimmern begnügen welche in der Oberförsterei mir vorbehalten sind Da
aber der Bau nicht die ganze Zeit in Anspruch nehmen wird so mag er seine Musse
benutzen in der Wirtschaft des Herrn Bauer einen Einblick in unsern Landbau zu
erwerben Er soll die Feldarbeiten und die Buchführung kennen Das Jahr ist
bereits vorgeschritten und macht schnellen Aufbruch wünschenswert Es ist
Befehl erteilt die Zimmer einzurichten rüsten Sie sich zur Reise Ich hoffe
dass diese Anordnung einen Wunsch erfüllt den Sie wohl längst gehegt haben Die
schöne Landschaft und der stille Wald werden auch Ihnen nach dem Treiben des
Winters eine Erfrischung sein«
Der Kammerherr verbeugte sich erschrocken vor seinem Herrn der so gnädig
die Verbannung vom Hofe aussprach er eilte zum Erbprinzen und berichtete das
Unheil »Es ist Exil« rief er außer sich
»Treffen Sie schnell Ihre Anstalten« antwortete der Erbprinz ruhig »ich
bin vorbereitet noch in dieser Stunde fortzugehen«
Der Erbprinz ging zu seinem Vater »Ich werde tun was du befiehlst und
mir Mühe geben deine Zufriedenheit zu verdienen Wenn du mein Vater diesen
Aufenthalt an entlegenem Ort für nützlich hältst so sage ich mir du verstehst
besser als ich was meiner Zukunft dient Aber« fuhr er zögernd fort »ich darf
nicht von hier scheiden ohne eine Bitte auszusprechen die mir sehr am Herzen
liegt«
»Sprich Benno« sagte der Fürst gnädig
»Ich flehe dich an entlass den Professor und seine Frau so schnell als
möglich aus der Nähe des Hofes«
»Was soll das« frug der Fürst rau
»Der Aufenthalt ist hier für Frau Werner nachteilig Ihr Ruf wird durch die
ungewöhnliche Lage in welche sie gekommen ist gefährdet Ich bin ihm und ihr
zu großem Dank verpflichtet ihr Glück ist mir teuer und mich quält der
Gedanke dass ihr Verweilen in unserer Gegend den Frieden ihrer Tage zu stören
droht«
»Und weshalb fürchtet deine Dankbarkeit eine Störung des Glückes das dir so
teuer ist« frug der Fürst
»Man nimmt an dass der Pavillon ein verhängnissvoller Aufenthalt für eine
ehrbare Frau sei« erwiderte der Erbprinz entschlossen
»Wenn durch die Wohnung gefährdet wird was du Ehrbarkeit nennst« sagte der
Fürst bitter »dann wird diese Tugend leicht verloren«
»Es ist nicht die Wohnung allein« fuhr der Erbprinz fort »Die Damen des
Hofes haben sich ganz zurückgehalten die Fremden werden viel besprochen
Geschwätz und Verleumdung sind tätig ihr schuldloses Leben falsch
darzustellen«
»Ich höre mit Erstaunen« entgegnete der Fürst »wie lebhaft deine Sorge für
die fremde Frau ist du selbst hast ihr doch wenn ich recht vernahm während
dieser Wochen nur wenig von ritterlicher Aufmerksamkeit gegönnt«
»Ich habe es nicht getan« rief der Erbprinz »weil ich mich verpflichtet
fühlte wenigstens für meine Person zu vermeiden was ihr schaden konnte Ich
sah die spöttischen Blicke unserer Herren als die Fremden ankamen ich hörte
geringschätzige Worte über die neue Schönheit die in jenem Hause eingeschlossen
sei und mir drehte sich vor Scham und Zorn das Herz um Deshalb habe ich mich
mit Schmerzen bezwungen ich habe vor meiner Umgebung Gleichgültigkeit
geheuchelt und habe ihr selbst eine kalte Miene gezeigt aber mein Vater es
ist mir schwer geworden und die letzten Wochen waren für mich voll bitterer
Sorge denn ich habe die glücklichsten Stunden meiner akademischen Zeit in ihrem
Kreise verlebt«
Der Fürst hatte sich abgewandt er zeigte jetzt dem Sohne ein lächelndes
Antlitz »Das also war der Grund deiner Zurückhaltung Ich hatte vergessen dass
du in den Jahren sanfter Regung stehst und geneigt bist in deinem Verhältnis zu
Frauen mehr schwärmerisches Gefühl aufzuwenden als für einen Mann gut ist Und
doch möchte ich dich darum beneiden Leider gönnt das Leben so weicher
Empfindung keine Dauer« Er trat vor den Prinzen und fuhr gütig fort »Ich
leugne nicht Benno dass ich die Ankunft dieser Fremden in deinem Interesse
anders ansah Für einen Prinzen von deiner Anlage ist vielleicht nichts so
bildend als zarte Neigung zu einer Frau welche keine Ansprüche an das äußere
Leben des Freundes macht und ihm doch den Reiz eines innigen Seelenbundes
gewährt Dir sind Liebeleien mit den Damen des Hofes oder mit anspruchsvollen
Intrigantinnen gefährlich du hast dich zu hüten dass nicht eine Frau der du
dich hingibst mit dir spielt und dich selbstsüchtig für ihre Zwecke benutzt
Nach Allem was ich wusste war dein Verhältnis zu der Dame im Pavillon gerade
was du für deine nächste Zukunft brauchtest Aus Grundsätzen denen ich die
volle Anerkennung nicht versage hast du vermieden diese idyllischen
Beziehungen wieder aufzunehmen Du selbst hast nicht gewollt was ich dir in
guter Meinung bereitete mir scheint deshalb du hast das Recht verloren in
dieser Angelegenheit noch überhaupt etwas zu wollen«
»Vater« rief der Erbprinz und rang erschreckt die Hände »dass du mir dies
sagst ist unbarmherzig Ich hatte die dunkle Ahnung dass die Einladung zu uns
in geheimer Absicht geschehen sei ich habe diesen Verdacht niedergekämpft und
mich darum gescholten Jetzt aber stehe ich entsetzt vor dem Gedanken dass ich
selbst die Schuld an dem Unglück guter Menschen trage Deine Worte geben mir das
Recht meine Bitte zu wiederholen entlass sie so schnell als möglich oder du
machst deinen Sohn unglücklich«
»Ich lerne dich von ganz neuer Seite kennen« versetzte der Fürst »und ich
bin dir dankbar für den Einblick den du mir endlich in dein schweigsames Wesen
gestattest Du bist entweder ein überspannter Träumer oder du bist mit einem
Talent für Diplomatie versehen das ich dir niemals zugetraut hätte«
»Ich bin dir gegenüber nichts als wahr« rief der Erbprinz
»Soll die Frau nach dem Hause Bielstein kommen um gerettet zu werden« frug
der Fürst höhnend
»Nein« erwiderte der Erbprinz leise
»Deine Forderung verdient kaum eine Antwort« fuhr der Fürst fort »Die
Fremden sind hergerufen für eine gewisse Zeit der Mann steht nicht in meinem
Dienst ich bin weder in der Lage sie fort zu schicken denn sie haben mir
keinen Grund zur Unzufriedenheit gegeben noch sie wider ihren Willen hier zu
halten«
»Verzeihung mein Vater« rief der Erbprinz »du selbst hast durch die
gnädige Aufmerksamkeit welche du der Frau täglich zu Teil werden lässt durch
artige Sendungen und öfteren Besuch dem Hof die Meinung erregt dass du ihr eine
besondere persönliche Beachtung zuwendest«
»Ist der Hof so beflissen dir vorzutragen was mir gegenüber dem
unziemlichen Benehmen Anderer schicklich erscheint« frug der Fürst
»Mir wird wenig von dem gesagt was unsere Umgebung spricht sei überzeugt
dass ich kein offenes Ohr für ihre Vermutungen habe aber es ist unvermeidlich
dass auch ich zuweilen hören muss was Alle beschäftigt und in Harnisch bringt
Denn man wagt sogar zu behaupten dass sich jeder deine Ungnade zuziehe der ihr
nicht Aufmerksamkeit beweist und man hält bereits für besonders achtungswert
und charakterfest ihr Artigkeiten zu versagen Dich wie sie bedroht die
Verleumdung Vergib mir mein Vater dass ich es geradeheraus sage du selbst
hast durch deine Gnade die Frau in die gefährliche Lage gebracht und deshalb
liegt dir ob sie daraus zu befreien«
»Der Hof wird immer tugendhaft wenn sein Herr eine Dame auszeichnet welche
nicht in die Hofkreise gehört auch du wirst lernen solche Sittenstrenge gering
zu achten« versetzte der Fürst »Es ist eine ungewöhnliche Neigung Benno die
dein furchtsames Wesen an die Grenzen der Redefreiheit treibt welche dem Sohn
gegen den Vater gestattet ist«
Dem Erbprinzen rötete sich das bleiche Antlitz »Ja mein Vater« rief er
»höre was jedem andern Ohr Geheimnis bleiben wird Ich liebe die Frau so warm
und von ganzem Herzen dass ich ihr mit Freude das größte Opfer bringen würde
Die Macht welche Schönheit und Unschuld des Weibes auf einen Mann ausübt habe
ich bei ihr gefühlt mehr als einmal habe ich mich an ihrem lauteren Gemüt
aufgerichtet Ich war selig in ihrer Nähe und unglücklich wenn ich nicht in
ihre Augen sah In dem ganzen Jahre habe ich in der Stille an sie gedacht in
diesem schmerzvollen Gefühl bin ich zum Mann herangewachsen Dass ich jetzt den
Mut habe vor dich zu treten verdanke ich dem Einfluss den sie auf mich geübt
Ich weiß mein Vater wie unglücklich solche Leidenschaft macht ich kenne die
Qual das geliebte Weib für immer zu entbehren Was mich erhoben hat in den
bittersten Stunden des sehnsüchtigen Verlangens das war allein der Gedanke an
den Frieden ihrer reinen Seele Jetzt weißt du Alles mein Geheimnis habe ich zu
deinen Füßen niedergelegt ich flehe mein Herr und Vater schone dies
Vertrauen Hast du bisher für mein Wohl gesorgt heut ist die Stunde wo du mir
den höchsten Beweis deiner Treue geben kannst Ehre die Frau welche dein
unglücklicher Sohn liebt«
Das Antlitz des Fürsten hatte sich unter den Worten des Sohnes verändert
der Prinz erschrak vor dem feindlichen Ausdruck »Suche dir für deine Poesien
das Ohr eines fahrenden Ritters der begierig das Wasser hinuntertrinkt in
welches seine Dame ein Tränchen geweint hat«
»Ja ich suche deine ritterliche Hilfe mein Fürst und Herr« rief der
Erbprinz außer sich »ich beschwöre dich lass mich nicht vergebens werben ich
rufe dich zu einem Dienst für mich und sie als Prinz unseres erlauchten Hauses
und als Mitglied derselben Genossenschaft deren Wahlspruch wir beide tragen
Versage nicht deinen Beistand in ihrer Gefahr«
»Wir stehen nicht im Ordenssaal« versetzte der Fürst kalt »und die Phrase
klingt widerwärtig in die Stimmung des Werkeltages Ich habe dein Vertrauen
nicht begehrt zu dreist hast du mirs aufgedrungen wundere dich nicht dass der
Vater über die vermessene Rede zürnt und der Fürst dich ungnädig entlässt«
Der Erbprinz erblich und trat zurück »Der Zorn des Vaters und die Ungnade
meines Herrn sind ein Unglück welches ich tief fühle aber noch furchtbarer ist
mir der Gedanke dass hier am Hofe ein Unrecht gegen eine Unschuldige verübt
wird ein Unrecht an welchem auch ich Teil haben soll Wie schwer dein Zorn
mich treffe ich sage dir doch du selbst hast die Frau der Missdeutung
ausgesetzt und solange ich dir gegenüberstehe werde ich dir das sagen und
nicht ablassen mit der Bitte entferne sie von hier um ihrer Ehre und um
unserer Ehre willen«
»Da deine Worte endlos um dasselbe Trugbild flattern« antwortete der Fürst
»so ist es Zeit dieser Unterredung ein Ende zu machen Du wirst auf der Stelle
abreisen du wirst der Zeit überlassen ob sie mich vergessen lässt was ich heut
von dir erfahren Bis dahin magst du in der Einsamkeit darüber nachsinnen dass
du ein Tor warst als du den Vormund Fremder spielen wolltest welche
vollständig in der Lage sind für ihr eigenes Heil zu sorgen«
Der Erbprinz verneigte sich »Hat mein durchlauchtigster Herr noch einen
Befehl für mich« frug er mit zuckenden Lippen
Finster entgegnete der Fürst »Dir bleibt nur noch übrig dass du selbst die
Fremden gegen deinen Vater aufregst«
»Ew Hoheit wissen dass mir dergleichen nicht geziemen würde«
Der Fürst winkte mit der Hand der Sohn schied mit stummer Verbeugung
Der Prinz rief nach seinem Wagen und eilte zu seiner Schwester Die Prinzess
sah ängstlich in sein verstörtes Gesicht »Du sollst fort«
»Lebe wohl« sagte er ihr die Hand reichend »ich gehe aufs Land uns noch
ein neues Schloss zu bauen wenn wir einmal die Szene wechseln wollen«
»Wann kehrst du zurück Benno«
Der Erbprinz zuckte die Achseln »Sobald der Fürst befiehlt Ich habe jetzt
den Auftrag ein wenig Baumeister und Landwirt zu werden auch dies ist eine
nützliche Tätigkeit Lebe wohl Sidonie Sollte der Zufall dich einmal mit Frau
Werner zusammenführen so würde ich dir verbunden sein wenn du nicht auf das
Geschwätz des Hofes achten sondern daran denken wolltest dass sie eine wackere
Frau ist und dass ich ihr von früher großen Dank schuldig bin«
»Bist du unzufrieden mit mir mein Bruder« frug die Prinzessin ängstlich
»Mache gut Siddy was du noch gutmachen kannst lebe wohl«
Prinz Victor begleitete ihn zum Wagen Der Erbprinz fasste ihn an der Hand
und sah bedeutungsvoll nach dem Pavillon hinüber Victor nickte »Es ist mein
eigener Vorteil« sagte er »Ehe ich nach der Garnison gehe besuche ich dich
im Lande des Farnkrauts ich erwarte dich als Bruder Klausner zu finden mit
langem Bart und einer Mütze von Baumrinde Lebe wohl Ritter Toggenburg und
lerne dort dass die beste Philosophie auf Erden ist jeden Tag für verloren zu
halten an dem man keinen dummen Streich gemacht hat Besorgt man dies Geschäft
nicht selbst so übernehmen Andere die Mühe Es ist immer lustiger Hammer zu
sein als Ambos«
Der Fürst war heut während der Hoftafel so finster und schweigsam dass es
den meisten Anwesenden auffiel nur kurze Bemerkungen fielen von seinem Munde
zuweilen ein herber Scherz dem man anmerkte dass die Seele des Fürsten nach
Fassung rang der Hof verstand dass diese unheimliche Stimmung mit der Abreise
des Erbprinzen zusammenhing und Jeder hütete sich den Verstörten zu reizen
Der Professor allein genoss den Vorzug dem Fürsten ein Lächeln abzunötigen als
er gutlaunig von dem verzauberten Schloss Solitude erzählte Nach der Tafel
sprach der Fürst neben dem Professor mit einem Adjutanten der Professor wandte
sich an den Obersthofmeister und obgleich er die unzugängliche Artigkeit des
Mannes sonst mied tat er heut doch eine gleichgültige Personenfrage Der
Obersthofmeister antwortete verbindlich dass der nahe Hofmarschall sicher die
beste Auskunft geben könne und veränderte seinen Platz Gleich darauf trat der
Fürst quer durch die Gesellschaft schreitend an den Obersthofmeister zog sich
mit diesem in eine Fensternische zurück und begann »Sie haben mich auf meiner
ersten Reise nach Italien begleitet und wenn mir recht ist ein wenig meine
Liebhaberei für Altertümer geteilt Unsere Sammlung wird neu geordnet an
einem Katalog fleißig gearbeitet«
Der Obersthofmeister sprach seine Anerkennung der fürstlichen
Opferwilligkeit aus
»Professor Werner ist sehr tätig« fuhr der Fürst fort »es ist erfreulich
wie schnell er einen Überblick zu geben versteht« Der Obersthofmeister blieb
stumm
»Sie erinnern sich Excellenz wie belustigend uns in Italien die Sammler
waren welche den Fremden durch Lohndiener in ihre Kabinette zogen und um eine
erloschene Inschrift endlos Mund und Arme bewegten Wie die meisten Menschen an
einer fixen Idee leiden so auch unser Gast Er argwöhnt dass in einem Hause
unseres Fürstentums eine alte Handschrift verborgen liege deshalb hat er die
Tochter des Hausbesitzers geheiratet und da er trotzdem seinen Schatz nicht
gefunden sucht er jetzt in der Stille dies Nebelbild auf allen Böden der
Residenz Hat er nie gegen Sie darüber gesprochen«
»Ich habe noch keine Veranlassung gehabt sein Vertrauen zu suchen«
erwiderte der Obersthofmeister
»Da haben Sie etwas verloren« fuhr der Fürst fort »er spricht in seiner
Weise gut und gern darüber es wird Sie unterhalten einmal diese Art von
Narrheit näher zu betrachten Kommen Sie nachher mit ihm in mein Arbeitszimmer«
Der Obersthofmeister verneigte sich und meldete beim Aufbruch dem Professor
dass der Fürst ihn noch zu sprechen wünsche
Die Herren traten bei dem Fürsten ein diesem eine erheiternde Unterhaltung
zu schaffen
»Ich habe Seiner Excellenz erzählt« begann der Fürst »dass Sie bei uns noch
ein besonderes Interesse als Jagdliebhaber verfolgen Wie stehts mit der
Handschrift«
Der Professor berichtete über seine neue Entdeckung und die beiden Truhen
»Der nächste Jagdgrund worauf ich hoffe sind die Böden und Kammern im
Sommerschloss der Frau Prinzessin weigern auch diese eine Beute so weiß ich mir
kaum noch eine undurchsuchte Stätte«
»Es soll mich freuen wenn Sie recht bald zum Ziele kommen« sagte der Fürst
und blickte zu dem Obersthofmeister hinüber »Ich nehme an dass es auch für Ihr
eigenes Leben von Wichtigkeit sein würde diese Handschrift zu finden Sie
werden sich ja wohl dazu verstehen dieselbe durch den Druck bekannt zu machen«
»Es wäre die höchste Aufgabe die mir werden könnte« versetzte der
Professor »vorausgesetzt dass Ew Hoheit Huld mir dies Werk anvertrauen
wollte«
»Sie sollen die Arbeit übernehmen und kein Anderer« erwiderte der Fürst
lächelnd »soweit ich ein Recht habe darüber zu bestimmen Also das unsichtbare
Buch würde für Ihre Wissenschaft in Wahrheit große Bedeutung haben«
»Die größte Bedeutung Aber der Inhalt wäre für jeden Gebildeten von hohem
Wert ich meine er würde auch Ew Hoheit fesseln« sagte der Professor arglos
und freudig »denn der Römer Tacitus ist in gewissem Sinne ein
Hofschriftsteller Mittelpunkt seiner Erzählung sind die Charaktere der Kaiser
welche in dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung die Geschicke der alten
Welt bestimmt haben Es ist freilich im Ganzen ein trübes Bild«
»Er ist ein Schriftsteller der Unzufriedenen« sagte der Fürst
»Er ist der große Berichterstatter Üüber eine eigentümliche Verbildung der
Charaktere welche bei den Herren der antiken Welt eintrat wir verdanken ihm
eine Reihe von psychologischen Schilderungen der Krankheit welche sich damals
auf dem Throne entwickelte«
»Das ist mir neu« versetzte der Fürst sich auf seinem Stuhl bewegend
»Ew Hoheit würden ich bin überzeugt mit dem größten Anteil die
verschiedenen Formen dieser Seelenkrankheit betrachten und Höchstdieselben
würden in andern Zeiträumen der Vergangenheit ja in früheren Zuständen unseres
eigenen Volkes viele bedeutsame Seitenbilder finden«
»Sie nehmen also eine besondere Krankheit an welche nur die Regenten
befällt« frug der Fürst »die Mediciner werden Ihnen für diese Entdeckung
besonderen Dank wissen«
»In der Tat,« rief der Professor eifrig »ist die furchtbare Bedeutung
dieser Erscheinung noch viel zu wenig gewürdigt keine andere hat auf das
Schicksal der Nationen so unermesslichen Einfluss geübt Was Pest und Krieg
verdarben ist wenig gegen die verhängnisvolle Verwüstung der Völker welche
durch dies besondere Leiden der Herrscher angerichtet wurde Denn diese
Krankheit welche noch lange nach Tacitus unter den römischen Imperatoren
wütete ist kein Leiden welches auf das alte Rom beschränkt war sie ist
zuverlässig so alt wie die Despotien des Menschengeschlechts sie befiel auch
später in den christlichen Staaten zahlreiche Herrscher sie brachte in jeder
Zeit anders geformte groteske Gestalten hervor sie war durch Jahrtausende der
Wurm welcher in der Hirnschale eingeschlossen das Mark des Hauptes verzehrte
das Urteil vernichtete die sittlichen Empfindungen zerfrass bis zuletzt nichts
übrig blieb als der hohle Schein des Lebens Zuweilen wurde es Wahnsinn den
auch der Arzt nachweisen kann aber in zahlreichen anderen Fällen hörte die
bürgerliche Zurechnungsfähigkeit nicht auf und der geheime Schaden barg sich
sorgfältig Es gab Zeiträume wo nur einzelne festgefügte Seelen sich völlige
Gesundheit bewahrten und wieder andere Jahrhunderte wo ein frischer Luftzug
aus dem Volke die Häupter welche das Diadem trugen frei erhielt Ich bin
überzeugt wer den Beruf hat die Zustände späterer Zeit genau zu untersuchen
wird im Grunde denselben Verlauf der Krankheit selbst noch in den milderen
Formen unserer Bildung erkennen Meinem Leben liegen diese Beobachtungen fern
auch zeigt der römische Staat allerdings die abenteuerlichsten Formen der
Krankheit denn dort sind die größten Verhältnisse und eine so mächtige
Entfaltung der Menschennatur in Tugend und Verkehrtheit wie seitdem selten in
der Geschichte«
»Den Herren Gelehrten aber macht es besondere Freude diese Leiden früherer
Herrscher ans Licht zu stellen« frug der Fürst
»Sie sind gewiss lehrreich für alle Zeiten« fuhr der Professor sicher fort
»denn sie prägen durch furchtbare Beispiele die Wahrheit ein dass der Mann je
höher er steht um so stärkere Schranken nötig hat welche die Willkür seines
Wesens bändigen Ew Hoheit freies Urteil und reiche Erfahrung werden schärfer
als Jemand aus meinem Lebenskreise beobachten dass diese Krankheitserscheinungen
sich stets da zeigen wo der Regierende weniger zu scheuen und zu ehren hat als
ein anderer Sterblicher Was den Menschen in gewöhnlicher Lage gesund erhält
ist doch nur dass ihm eine strenge und unablässige Kontrole seines Lebens in
jedem Augenblick fühlbar wird seine Freunde das Gesetz die Interessen Anderer
umgeben ihn von allen Seiten sie fordern gebieterisch dass er Denken und Wollen
der Ordnung füge durch welche Andere ihr Gedeihen sichern Zu jeder Zeit ist
die Gewalt dieser Fesseln bei dem Regenten minder stark was ihn einengt vermag
er leichter niederzuwerfen eine ungnädige Handbewegung scheucht den Warnenden
für immer von seiner Seite vom Morgen bis zum Abend ist er mit Personen
umgeben welche ihm bequem sind ihn mahnt kein Freund an seine Pflicht ihn
straft kein Gesetz Hundert Beispiele lehren dass frühere Herrscher selbst bei
großen äußeren Erfolgen an innerer Verwüstung litten wo nicht eine starke
öffentliche Meinung und kräftige Teilnahme des Volkes am Staat sie unablässig
zwang sich selbst zu behüten Es liegt nahe an die riesengrosse Kraft eines
Feldherrn und Eroberers zu denken den die Erfolge und Siege des eigenen Lebens
ins Wüste und Masslose getrieben haben er war ein furchtbarer Phantast geworden
Lügner gegen sich selbst Lügner gegen die Welt bevor er gestürzt wurde und
lange bevor er starb Doch dergleichen zu untersuchen ist wie gesagt nicht
mein Beruf«
»Nein« sagte der Fürst tonlos
»Die entfernte Zeit« begann der Obersthofmeister »welche Sie im Auge
haben war aber nicht nur für die Regenten auch für die Völker eine traurige
Epoche Wenn mir recht ist war das Gefühl des Absterbens allgemein auch
bewunderte Schriftsteller taugten nicht viel mir wenigstens sind solche Männer
wie Apulejus und Lucian als eitle und kläglich gemeine Menschen erschienen«
Der Professor sah überrascht auf den Hofmann
»In meiner Jugend las man dergleichen häufiger« fuhr dieser fort »Ich
verdenke den Besseren jener Zeit nicht wenn sie sich mit Widerwillen von
solchem Treiben abwandten und sich in das engste Privatleben oder in die
tebanische Wüste zurückzogen Deshalb wenn Sie von einer Krankheit der
römischen Imperatoren sprechen möchte ich entgegnen dass sie nur Folge einer
ungeheuren Erkrankung der Völker ist obgleich ich sehr wohl einsehe dass sich
während diesem Verderb der Einzelnen ein großer Fortschritt des
Menschengeschlechts vollzogen hat die Befreiung der Völker aus abschliessendem
Volkstum zu einer Cultureinheit und der neue Idealismus welcher durch das
Christentum auf die Erde kam«
»Zuverlässig ist die Form des Staates und die Form der Bildung welche die
einzelnen Kaiser vorfanden entscheidend für ihr Leben gewesen Jedermann ist in
diesem Sinne Kind seiner Zeit und wenn es gilt das Maß ihrer Schuld zu
bestimmen dann wird vorsichtiges Abwägen ziemen Aber was ich die Ehre hatte
Sr Hoheit als besonderen Vorzug des Tacitus anzuführen ist auch nur die
Meisterschaft mit welcher er die eigentümlichen Symptome und den Verlauf des
Cäsarenwahnsinns schildert«
»Sie waren alle wahnsinnig« unterbrach der Fürst mit heiserer Stimme
»Verzeihung gnädiger Herr« entgegnete der Professor arglos »Augustus
wurde auf dem Throne ein besserer Mann und nach der Zeit in welcher Tacitus
schrieb haben noch manche gute und massvolle Herrscher gelebt Etwas von dem
Fluch welchen übel beschränkte Macht auf die Seelen ausübte mag an der
Mehrheit der römischen Kaiser erkennbar sein In den besseren aber lag er wie
eine Kränklichkeit welche nur selten bemerkbar immer wieder durch Tüchtigkeit
oder gute Natur gebändigt wurde Eine Anzahl freilich verdarb durchaus und in
ihnen entwickelte sich die Krankheit nach einer bestimmten Stufenfolge deren
innere Gesetzlichkeit wir wohl begreifen«
»Sie wissen also auch wie den Leuten zu Mute war« fuhr der Fürst auf den
Professor scheu anblickend
Der Obersthofmeister trat in eine Fensternische
»Der Verlauf der Krankheit ist im Allgemeinen nicht schwer zu verfolgen«
versetzte der Professor erfüllt von seinem Gegenstande »Die Übernahme der
Regierung wirkt zunächst erhebend Der höchste Erdenberuf steigert auch
beschränkte Menschen wie den Klaudius verdorbene Buben wie den Kaligula Nero
und Domitian während der ersten Wochen zu einem gewissen patetischen Adel
Lebhaft ist das Bestreben zu gefallen beflissen die Arbeit sich durch Gnade
festzusetzen die Scheu vor einflussreichen Persönlichkeiten oder vor dem
Widerstreben der Masse zwingt zur Vorsicht Die Herrschaft aber hat den Menschen
zum Sklaven gemacht und der Sklavensinn trägt eine Verehrung entgegen welche
den Kaiser äußerlich über andere Menschen hinausstellt er ist von den Göttern
besonders begnadigt ja seine Seele ein Ausfluss der göttlichen Kraft In dieser
knechtischen Unterwürfigkeit Aller und der Sicherheit der Herrschaft wuchert
bald der Egoismus Die zufälligen Forderungen eines ungebändigten Willens werden
rücksichtslos die Seele verliert allmählich das Urteil über Bös und Gut der
persönliche Wunsch erscheint dem Regierenden sofort als Bedürfnis des Staates
jede Laune des Augenblicks heischt Befriedigung Das Misstrauen gegen Unabhängige
führt zu kopflosem Argwohn wer sich nicht fügt wird als Feind beseitigt wer
sich geschmeidig anzupassen versteht ist sicher eine Herrschaft über den
Herrscher auszuüben Die Familienbande reißen die nächsten Verwandten werden
als geheime Feinde umlauert der gleissende Schein eines herzlichen Vertrauens
wird bewahrt plötzlich durchbricht eine Missetat den Schleier mit welchem
Heuchelei ein innerlich hohles Verhältnis umzogen hat«
Der Fürst rückte mühsam seinen Sessel von dem Kaminfeuer in das Dunkel
Der Professor fuhr eifrig fort »Die Idee des römischen Staates verliert
sich zuletzt ganz aus den Seelen ja sie wird als feindselig gehasst nur
persönliche Anhänglichkeit wird gefordert treue Hingabe an den Staat erscheint
als Verbrechen Diese Hilflosigkeit und das Schwinden des Urteils über die
Tüchtigkeit ja über die wirkliche Ergebenheit der Menschen bezeichnen einen
Fortschritt der Krankheit durch welchen bereits die Zurechnungsfähigkeit
beeinträchtigt wird In dieser Zeit werden die Bildungselemente immer
beschränkter und einseitiger das Wollen immer eitler und kleinlicher Ein
kindisches Wesen wird sichtbar Freude an elendem Tand und eitlen Possen
daneben eine bubenhafte Tücke welche zwecklos verdirbt es wird Genuss nicht
nur zu quälen auch die Qualen Anderer zu schauen unwiderstehlich wird das
Gelüst Hervorragendes in das Gemeine herab zu ziehen ja auch Gleichgültiges zu
vernichten Sehr merkwürdig ist wie mit dieser Abnahme der Denkkraft eine
unruhige und zerstörende Sinnlichkeit über Hand nimmt Ihre dunkle Gewalt wird
übermächtig Während sonst die Würde des höheren Alters auch dem Schwachen
Haltung gibt verletzt hier das widerliche Bild bejahrter Wüstlinge wie Tiberius
und Klaudius In einer schamlosen und raffinirten Hingabe an Lüste wird die
letzte Lebenskraft zerstört«
»Das ist sehr merkwürdig« wiederholte tonlos der Fürst
Der Professor schloss »So vollendet sich der Verderb in vier Stufen zuerst
masslose Selbstsucht dann Argwohn und Heuchelei dann knabenhafte Unvernunft
das Letzte tut widerwärtige Ausschweifung«
Der Fürst erhob sich langsam von seinem Sessel er strauchelte der
Obersthofmeister trat ängstlich näher aber der Fürst presste die Hand auf die
Lehne und wandte sich dem Professor zu ohne ihn anzusehen sagte er
verabschiedend »Ich danke den Herren für eine vergnügte Stunde« Man hörte den
Worten die Anstrengung an welche sie ihm kosteten Im Hinausgehen frug der
Professor leise den Obersthofmeister »Ich habe den Fürsten gewiss durch die
gedehnte Erörterung gelangweilt«
Der Obersthofmeister sah erstaunt in das freundliche Antlitz des Gelehrten
»Ich zweifle nicht der Fürst wird Ihnen sehr bald beweisen dass er aufmerksam
zugehört hat«
Als sie auf der Treppe waren klang ein heiserer Misston aus der Ferne der
alte Herr fuhr zusammen und lehnte sich an die Wand
Der Professor lauschte Alles war still »Das war wie der Schrei eines
wilden Tieres« sagte er
»Es klang von der Straße« versetzte der Obersthofmeister
7
Der Hummeln Cäsarenwahnsinn
Herr Hahn fuhr an seinem Gartenzaun dahin Seine Seele war mit Dankbarkeit
gefüllt da diese aber verhindert wurde durch das gewöhnliche Ventil
freundlicher Rede auszuströmen drang sie ihm in diejenige Kammer seines
Hauptes in welcher er die Pläne für Verschönerung des Gartens aufbewahrte Der
hochherzige Gegner von drüben feierte nächstens seinen Geburtstag das hatte
Herr Hahn auf weitem Umwege entdeckt An diesem Tage durfte ihm vielleicht ein
heimliches Zeichen der Achtung vor Augen gestellt werden Der größte Schatz im
Garten des Herrn Hahn waren seine Topfrosen Bäumchen und Sträuche von jeder
Größe und Farbe prachtvolle Rosen welche fast das ganze Jahr blühten und von
den Vorübergehenden sehr bewundert wurden Er trug sie eigenhändig im Garten hin
und her und benutzte sie zum Ausputz verschiedener Gruppen Diese Rosen beschloss
er in stiller Huldigung zu widmen Längst hatte er in der Mitte des feindlichen
Gartens ein wüstes Rondel bedauert das den ganzen Sommer tatlos dalag als
Lagerplatz für den roten Hund oder eine umherschweifende Katze Wenn Herr
Hummel an seinem Festtage in den Garten trat sollte das runde Beet in eine
blühende Rosengruppe verwandelt sein
Dieser Gedanke verschafte Herrn Hahn viele glückliche Stunden und erhob ihn
ein wenig aus der Tiefe seines Kummers Er trug also die Rosen in einen
versteckten Winkel stellte sie vor sich nach Größe und Farbe in Reihe und Glied
und schrieb mit Kreide Nummern auf die Töpfe Bei dem Hause des Parkwärters
welches jetzt als äußerster Vorposten der Stadt am Fluße stand schwamm ein
kleiner Kahn diesen entlieh Herr Hahn in vertraulichster Weise für einige
Nachtstunden Vor dem ersten Morgengrau des feindlichen Geburtstages schlüpfte
er aus seinem Hause trug die Töpfe über den Parkweg in den Kahn und fuhr mit
seiner Ladung bis zu der kleinen Treppe welche aus dem Wasser in den Garten des
Herrn Hummel führte Er schlich mit seinen geliebten Rosen an das runde Beet
ordnete sie geräuschlos nach der Nummer topfte jede einzelne aus und
verwandelte die öde Stätte in ein prachtvolles Rosengebüsch Als die Sperlinge
in der Dachrinne ihre ersten Schimpfreden auf ihn hinabschrieen hatte er die
Erde des Beetes wieder mit kleinem Rechen geebnet Noch einen vergnügten Blick
warf er auf sein Werk einen zweiten auf die dämmrige Hauswand hinter welcher
Herr Hummel der Überraschung des Morgens entgegenschlummerte dann schlich er
mit Grabeisen und leeren Scherben wieder in seinen Kahn ruderte bis zum Hause
des Parkwärters und barg sich und sein Gartengerät auf dem eigenen Grunde bevor
das erste Sonnenlicht seinen Schornstein rosig anmalte
Herr Hummel trat zur gewöhnlichen Stunde in die Wohnstube empfing in guter
Laune den Glückwunsch seiner Frauen blickte gnädig auf den Festkuchen welchen
Frau Philippine neben seinen Kaffe gestellt und auf die Reisetasche welche ihm
Laura gestickt nahm seine Zeitung zur Hand und weihte sich durch Teilnahme an
den politischen Angelegenheiten der Menschen für die Geschäfte seines eigenen
Lebens Alles ließ sich gut an er nahm in der Fabrik und im Komtoir die
Gratulationen auf wie ein Lamm er streichelte den knurrenden Hund und schrieb
Geschäftsbriefe voll Hochachtung an seine Kunden
Als er gegen Mittag zu seinen Frauen zurückkehrte trat auch der Doctor von
drüben in das Zimmer und brachte seinen Glückwunsch dar Auf der sonnigen Stirn
des Hausherrn lagerte sich eine dunkle Wolke und es wetterleuchtete unter seinen
ambrosischen Brauen »Sieh da auch Saul unter den Propheten Wollen Sie einen
verlorenen Esel nach dem Hause ihres Vaters holen Damit können wir nicht
aufwarten Oder wollen Sie einen Vortrag halten über die Sprache der Orangutangs
im Kokoslande«
»Meine Vorträge sind Ihnen noch nicht lästig geworden« erwiderte der
Doctor »Ich komme nicht dazu weil Ihre gastliche Zuvorkommenheit selbst die
Mühe übernimmt die Anwesenden durch Ergüsse Ihrer guten Laune zu unterhalten
Ich habe Ihnen bereits meinen Wunsch ausgedrückt niemals Zielpunkt derselben zu
sein«
»So verteidigen Sie sich doch wenn Sie können« rief Herr Hummel
»Nur die Rücksicht auf das Behagen der Anwesenden hindert mich« versicherte
der Doctor »Ihnen in Ihren vier Wänden die Antwort zu geben welche Sie zu
wünschen scheinen«
»Es würde mir leid tun wenn Sie durch meine vier Wände in Nachteil
gesetzt würden« bedauerte Hummel »Ich mache Ihnen den Vorschlag stellen Sie
sich mit mir auf gleichen Fuß bleiben Sie drüben und stecken Sie den Kopf zum
Fenster hinaus ich werde dasselbe tun wir können dann über die Straße
einander ansingen wie zwei Kanarienvögel«
»Jetzt aber bin ich hier« sagte der Doctor mit einer Verbeugung »und
erhebe den Anspruch dies Stück Geburtstagskuchen in Frieden und unter
freundlichen Gesichtern zu verzehren«
»Dann ersuche ich Sie ohne übergrossen Schmerz auf mein Gesicht zu
verzichten« brummte Hummel Er öffnete die Tür nach dem Garten und schritt
unzufrieden die Stufen hinab Schon von Weitem sah er die junge Rosengruppe im
Tageslicht unschuldig lächeln Er umkreiste die Stätte schüttelte den Kopf und
lud seine Frauen in den Garten »Wer von euch hat diesen Einfall gehabt« frug
er Die Frauen bezeugten so lebhaft ihre Überraschung dass er von ihrer
Unschuld überzeugt wurde er rief den alten Schliesser den Buchhalter Alle
bewiesen völlige Unwissenheit Die Miene des Herrn Hummel wurde finster »Was
heißt das Hier ist eingeschlichen worden während wir schliefen nächtlicher
Gartenbau ist nicht nach meinem Geschmack wer darf sich unterstehen mein
Grundstück ohne Erlaubnis zu betreten Wer hat diese Naturproducte eingeführt«
Er ging unruhig die Wasserseite entlang neben ihm schlich Speihahn Der
Hund kroch die Wassertreppe hinab roch an einem braunen Holz welches auf der
letzten Stufe lag stieg wieder zur Höhe wandte sich gegen das Haus des Herrn
Hahn und machte knurrend einen höhnischen Katzenbuckel Es war so deutlich als
hätte er die freundlichen Worte gesprochen »Wünsche wohl zu speisen«
»Richtig« rief Hummel »der Einbrecher hat den Griff des Steuerruders
zurückgelassen Der braune Griff gehört zu dem Kahn des Parkwärters Tragen Sie
ihn hinüber Klaus ich fordere Antwort wer gewagt hat diesen Kahn hier
anzulegen« Der Schliesser eilte mit dem Holze fort und brachte verlegen die
Antwort Herr Hahn habe sich in der Nacht den Kahn ausgebeten
»Wenn es Ahnungen gibt« zürnte Hummel »so war dies eine Nächtliche
Schleicherei Ihres Vaters verbitte ich mir unter allen Umständen« fuhr er den
Doctor an
»Ich weiß nichts davon« entgegnete der Doctor »Hat dies mein Vater getan
so ersuche ich Sie auch wenn Ihnen an den Rosen nichts liegt sich doch die
gute Meinung gefallen zu lassen«
»Ich protestire gegen jede Rose welche auf meinen Weg gestreut werden
soll« grollte Hummel »Zuerst hatten wir giftige Klösschen aus übler Meinung und
jetzt Rosenblätter aus guter Ihr Vater sollte an etwas Anderes denken als an
solche Possen Noch ist der Grund und Boden mein und dies Scharren der Hähne
gedenke ich zu verhindern« Er fuhr wild unter die Rosen packte Stämmchen und
Äste riss sie aus dem Boden und warf sie in einen wüsten Haufen
Der Doctor wandte sich finster ab Laura aber eilte zu dem Vater und sah ihm
zornig in das harte Gesicht »Was du herausreissest« sprach sie nachdrücklich
»ich setze es mit meinen Händen wieder ein dass dus nur weißt« Sie lief in
eine Ecke des Gartens trug Töpfe herzu kniete am Boden und presste die Stöcke
mit ihren kleinen Erdballen wieder in die Gefäße ebenso heftig als der Vater
ausrodete »Ich will sie pflegen« rief sie dem Doctor zu »sagen Sie Ihrem
lieben Vater dass nicht Alle in unserm Hause seine Freundlichkeit missachten«
»Tu was du nicht lassen kannst« versetzte Herr Hummel ruhiger »Klaus
was stehen Sie da und glotzen auf Ihren Hinterbeinen wie eine Schildkröte
Helfen Sie Fräulein Hummel bei ihrer freundlichen Erdarbeit Dann tragen Sie die
ganze Einbescherung wieder hinüber zu dem jugendlichen Blumenzüchter Eine
Empfehlung und er hätte im Dunkeln die Gärten verwechselt Die Rosen möchte er
selber begiessen bis wir jungen Mädchen miteinander zum Tanze gingen Dann würde
ich ihn um das Grünzeug zu einem Kranze bitten« Er drehte der Gesellschaft den
Rücken und ging mit starken Schritten nach seinem Komtoir Laura kauerte am
Boden und arbeitete an den gemisshandelten Rosen mit gerötetem Antlitz und
düsterer Entschlossenheit Der Doctor half schweigend Er hatte seinen Vater
wohl hinter dem Zaune gesehen und wusste wie tief der Arme den neuen Trotz des
Gegners empfinden werde Laura hörte nicht auf bis alle Blumen so gut als
möglich in den Töpfen geborgen waren dann tauchte sie die Hände in das
vorbeifliessende Wasser und ihre Tränen mischten sich mit der Flut Sie zog
den Doctor nach dem Zimmer Dort rang sie außer sich die Hände »Das Leben ist
schrecklich wir gehen beide unter in dem kleinlichen Hader Es gibt nur eine
Rettung für Sie und für mich sind Sie ein Mann so finden Sie was uns löst von
diesem Jammer« Sie stürzte aus dem Zimmer die Mutter winkte heftig dem Doctor
zurück zu bleiben als dieser folgen wollte
»Sie ist außer sich« rief Fritz »was meinen ihre Worte was fordert sie
von mir«
Die Mutter setzte sich verlegen auf ihren Sorgenstuhl räusperte sich und
zupfte an ihren Aermeln »Ich muss Ihnen etwas vertrauen Herr Doctor« begann
sie zögernd »was für uns beide sehr schmerzlich ist und doch weiß ich mir
keine Hilfe und alle Vorstellungen die ich meinem unglücklichen Kinde mache
sind vergebens Um Ihnen nichts zu verschweigen es ist eine große Verirrung
und ich hätte nie erwartet dass so etwas möglich wäre« Sie hielt an und suchte
Kraft in ihrem Taschentuche Fritz sah ängstlich auf die verstörte Frau Hummel
ein Geheimnis Lauras das er seit Wochen geahnt sollte jetzt vernichtend auf
seine Hoffnungen fallen
»Ich will Ihnen ja Alles gestehen lieber Herr Doctor« fuhr die Mutter mit
vielem Seufzen fort »Laura schätzt Sie unendlich und der Gedanke Ihre Frau zu
werden ist ihr ich darf es im Vertrauen sagen nicht fremdartig und auch nicht
gerade unangenehm Aber sie hat sich etwas in den Kopf gesetzt was fürchterlich
ist und was ich mich schäme über meine Lippen zu bringen«
»Sprechen Sie es aus« rief der Doctor in Verzweiflung
»Laura will von Ihnen entführt werden«
Fritz saß starr
»Es ist unmenschlich dass ich als Mutter diesen Wunsch gegen Sie aussprechen
muss aber ich weiß mir keinen Rat mehr«
»Aber wozu« frug der Doctor immer noch betäubt
»Das gerade ist das Schmerzlichste von Allem und das soll sie Ihnen selbst
bekennen Wie sie auf den Gedanken gekommen ist durch Dichtungen oder durch
Zeitungsberichte aus der großen Welt ich weiß es nicht Aber in ihrer Stimmung
welche immer aufgeregt und tragisch ist kann ich ihr keinen Widerstand leisten
Ich fürchte mich meinem Mann darüber eine Mitteilung zu machen ich beschwöre
Sie tun Sie das Ihrige mein Kind zu beruhigen Sie ist von Gefühlen zerrissen
und ich vermag den innern Kampf dieser jungfräulichen Brust nicht mehr
widerstrebend anzusehen«
»Ich bitte um Erlaubnis« versetzte der Doctor »darüber sogleich mit Laura
zu sprechen« Ohne die Antwort der Mutter abzuwarten eilte er die Treppe zu
Lauras Zimmer hinauf Er pochte Als ihm keine Antwort wurde riss er die Tür
auf Laura saß an ihrem Schreibtisch und schluchzte recht herzlich
»Liebe süße Laura« rief der Doctor an ihrer Seite »ich habe mit Ihrer
Mutter gesprochen lassen Sie mich Alles wissen«
Laura fuhr auf »Jede warme Empfindung wird mit Hohn beworfen jede Stunde
in der ich Sie sehe wird mir durch die Feindseligkeit des Vaters verbittert
Dem ärmsten Mädchen geht das Herz auf wenn sie die Stimme des geliebten Mannes
hört ich aber muss fragen ist das die Seligkeit der Liebe Wenn ich Sie nicht
sehe bangt mir nach Ihnen und wenn Sie zu uns kommen fühle ich mich gequält
und lausche ängstlich auf jedes Wort des Vaters Sie selbst sehe ich freudenlos
und niedergeschlagen Fritz Ihre Liebe zu mir macht Sie unglücklich«
»Geduld Laura« sagte der Doctor »halten wir aus Mein Vertrauen zu dem
Herzen des Vaters ist besser als das Ihre Allmählich wird er sich mit meinem
Anblick versöhnen«
»Nachdem uns beiden der Mut gebrochen ist eine große Neigung durch
zahllose kleine Widerwärtigkeiten zerdrückt ist Ich kann Ihre Frau nicht
werden Fritz auf diesem Wege zwischen den Händeln unserer feindlichen Häuser
mich verdirbt die enge Straße und der alte Hass Oft habe ich hier gesessen und
mich abgehärmt dass ich kein Mann bin der herauskann sich selbst sein Glück zu
suchen Hören Sie ein Geheimnis Fritz« rief sie vor ihn tretend und rang
wieder die Hände »ich werde hier hochmütig boshaft und schlecht«
»Davon habe ich noch wenig gemerkt« erwiderte Fritz erstaunt
»Ich verberge es Ihnen« rief Laura »aber ich kämpfe täglich mit unreinen
Gedanken ich bin gleichgültig gegen die Liebe der Eltern wenn der Vater mich
auf den Kopf drückt so schreit der Teufel in mir er könnt es auch lassen
wenn die Mutter mich in ihrer Weise zur Geduld ermahnt so ist mir ihre Rede in
der Stille ärgerlich weil sie vielleicht schönere Worte gebraucht als nötig
wäre Den Hund hasse ich so dass ich ihn manchmal ohne Veranlassung knuffe Das
Gespräch am Sonntagstisch die Geschichten des alten Schauspielers der ewige
kleine Klatsch der Straße erscheinen mir unerträglich Ich fühle dass ich ein
garstiges Kind bin und ich habe manchmal auf dieser Stelle über mich geweint und
mich selbst gehasst Aber die schlechten Anwandlungen kehren wieder und werden
mächtiger Das wird hier nicht besser wo wir beide im Banne leben als zwei
verwöhnte Kinder Wir versinken Fritz in dieser Umgebung Auch die liebende
Sorge der Eltern hört auf zu beglücken Was die Frau Base über Den und über Die
klagt und dass man sich nicht nasse Füße macht wollene Strümpfe und des
Sonntags Kuchen mit Zuckerguss das alle Jahre das ganze Leben hindurch« Sie
riss ihr Memoirenbuch auf und hielt ihm ein Bündel Gedichte und Briefe entgegen
»Hier sind Ihre Briefe durch diese habe ich Sie liebgewonnen denn hier sind
Sie wie ich Sie verehre So will ich Sie immer haben Wenn ich Sie dann
wiederfinde zwischen Ihrem und unserm Hause wie Sie die Schelte des Vaters
ertragen müssen wie Sie sich ängstlich mühen es allen Teilen recht zu machen
und wenn ich merke dass Sie bei jedem rauen Lüftchen doppelte Shawls tragen so
wird mir heiß und bange auch um Sie und ich sehe Sie als einen recht verwöhnten
Stubengelehrten vor mir und mich als eine kleine dicke Frau mit einer großen
Haube und einem nichtssagenden Gesicht welche bei der Kaffetasse sitzt und sich
über die täglichen Spaziergänger aufhält und dieser Gedanke schnürt mir das
Herz zusammen«
Fritz erkannte seine Briefe Längst war ihm zweifellos dass Laura die stille
Vertraute gewesen aber als er jetzt auf die Geliebte blickte welche den
geheimnisvollen Briefwechsel in die Höhe hielt da dachte er nicht mehr der
Laune welche ihm soeben wehe getan hatte er fühlte nur ihre Treue und die
Poesie des zarten Verhältnisses »Liebe liebe Laura« rief er sie
umschlingend »unruhig pochendes Herz Wo ist der fröhliche Übermut hin der
dir damals die Hand führte als du dem armen Sammler das Seil um den Nacken
legtest Mir sind zwei Seelen mit denen ich innig verkehrte zu einer geworden
du aber zerlegst mich und dich selbst jetzt klagend in Alltagsmenschen und in
höher berechtigte Naturen Was hat dir dein fröhliches Vertrauen genommen«
»Unsere Not Fritz und der Schmerz ohne Freude Sie zu sehen ohne
Erhebung Ihre Stimme zu hören Sie sind bei mir und Sie sind mir oft ferner als
in jenen Tagen wo ich Sie gar nicht sah oder nur in Gesellschaft der Freunde«
Sie löste sich aus seiner Umarmung »Liebst du mich und bist du der Mann der
dies geschrieben so wage mich aus dieser Enge hinauszuziehen Fange mit mir
ein neues Leben an ich will mit dir arbeiten und entbehren du sollst sehen
dass ich Kraft habe ich will Tag und Nacht darauf denken wie ich den
Tagesbedarf verdiene damit du ungestört durch die kleine Not in deiner
Wissenschaft weilen kannst Sei frisch und keck wirf die ewigen Bedenken von
dir wage einmal zu tun was Andere mit Achselzucken betrachten«
»Wenn ich es täte« antwortete Fritz ernst »für mich ist das Wagnis
gering Für dich steht auf dem Spiel woran du jetzt nicht denkst Wie magst du
wähnen dass ein gewagter Entschluss dir heilsam sei wenn er einen neuen Missklang
in deine Seele wirft und dich für dein ganzes Leben mit einer Schuld gegen
Andere belastet«
»Wenn ich ein Unrecht auf mich nehme« rief Laura finster »ich tue es
nicht nur für mich Ich fühle dass es ein Unrecht ist ach sehr Aber ich wage
es für unsere Liebe Niemals wird mein Vater mit gutem Willen Ihre Hand in meine
legen Er weiß wie ich an Ihnen hänge und ist nicht so hart mein Unglück zu
wollen aber er vermag seine Abneigung nicht zu bekämpfen Heut hat er sich zu
der Ansicht gezwungen dass Sie der Mann sind dem ich angehöre morgen kommt ihm
wieder die gallige Empfindung wie sehr ihm das verhasst ist Wagen Sie ihm zu
trotzen und Sie werden ihm selbst einen Gefallen tun beweisen Sie festen
Willen er wird zürnen aber er wird sich dem Mutigen leichter versöhnen Er
liebt mich« sagte sie leise »aber er ist fürchterlich hart gegen Andere«
»Ist er das immer« frug der Doctor »Nun so kennt die Tochter doch nicht
den ganzen Wert ihres Vaters Ich würde in dieser Stunde ein Unrecht gegen ihn
und dich begehen wenn ich dir verschwiege was nach seinem Willen für dich
Geheimnis bleiben soll Höre denn als mein armer Vater in Verzweiflung neben
mir saß da trat dein Vater in unser Haus und gab uns in einer großartigen Weise
die Mittel um den drohenden Sturz abzuhalten Weißt du nicht dass sein
Schmollen und Zanken oft Ausdruck eines rauen Humors ist«
Lauras Augen hingen an seinem Mund als wollte sie die Worte von seinen
Lippen stehlen »Das hat der Vater getan« rief sie außer sich hob die Arme
zum Himmel und warf sich zu ihrem Memoirentisch nieder Fritz wollte sie
aufheben »Lass mich« bat sie leidenschaftlich »es wird vorübergehn ich bin
glücklich lass mich jetzt allein Geliebter«
Der Doctor schloss leise die Tür und ging hinab zur Mutter welche immer
noch in Kummer versunken auf dem Sopha saß und alle aufregenden Szenen der
Entführung in mütterlicher Angst durchkostete »Ich bitte Sie Laura jetzt nicht
durch Vorstellungen zu ängstigen« sagte er »sie selbst wird die Ruhe
wiederfinden vertrauen wir ihrem wackeren Herzen« Mit diesen klugen Worten
suchte der Doctor sich selbst zu trösten
Unterdes lag Laura auf den Sessel gestützt und bat dem Vater in Gedanken
immer wieder ab wo sie ihm Unrecht getan Seit Jahren trug sie den Schmerz mit
sich herum der für das Herz eines Kindes am bittersten ist heut war der Druck
von der Seele genommen Endlich sprang sie auf zog ihr Tagebuch hervor riss ein
Blatt und wieder eins heraus ballte die Blätter zusammen und errichtete in dem
Ofen ein kleines Opferfeuer sie sah zu bis die letzten Funken am schwarzen
Zunder hin und herliefen dann schloss sie die Ofentür und eilte aus dem Zimmer
Herr Hummel saß in seinem Waarenlager vor einem Bataillon neuer Hüte mit
breiter Krempe und runder Kappe welche zur Musterung vor sein Feldherrnauge
gestellt waren und er sprach strafend zu seinem Buchhalter »Es ist das reine
Barbierbecken Der Mensch verliert seine Hoheit Allerdings bei diesen Deckeln
wird verdient Niemand merkt die Katzenhaare die darin sind aber sie rauben
dem Kopf des deutschen Bürgers den letzten Rest von freier Luft den er bis
jetzt in seinem Cylinder heimlich mit sich herumtrug In meiner Jugend erkannte
man einen Bürger an drei Stücken auf dem Leibe trug er einen Rock von blauem
Tuch auf dem Kopfe einen schwarzen Hut und in der Tasche einen großen
Hausschlüssel mit dessen Bart er bei nächtlichem Überfall die Nasen der
Meuchelmörder abdrehte Jetzt schießt er in grauer Joppe auf sein Bockbier los
die Haustüren öffnet man mit kleinen Korkziehern und die letzten Cylinder
werden nächstens für die Kunstsammlungen als Rarität aufgekauft Sie können nur
gleich eine Partie von unserm Fabrikat für die Altertumsforscher
zurückstellen«
Dies behagliche Gebrumm wurde durch Laura unterbrochen welche heftig
eintrat den Vater mit flehendem Blick bei der Hand fasste und aus dem
Waarenlager in sein kleines Komtoir zog Herr Hummel unterwarf sich dieser
Führung geduldig wie Lot den der Engel aus den brennbaren Stoffen des Tales
entführte Als Laura mit dem Vater allein war fiel sie ihm um den Hals küsste
und streichelte ihm die Wange und brachte lange nichts heraus als »mein guter
edler Vater« Herr Hummel ließ sich diese stürmischen Liebkosungen eine Weile
gefallen »Höre auf mit dem Edelmut Was willst du Diese Einleitung ist zu
großartig für einen neuen Sonnenschirm oder ein Koncertbillet«
»Vater« rief Laura »ich weiß Alles was du an unsern Nachbarn getan hast
ich bitte dich um Verzeihung ich Unglückliche habe dein Herz verkannt und in
vielen Stunden gegen deine Härte gegrollt« Sie küsste ihm unter Tränen die
Hände
»Hat dieser Duckmäuser von drüben geschwatzt« frug Hummel
»Er musste mirs sagen und es war eine selige Stunde für mich Jetzt will
ich dir Alles bekennen in Scham und Reue Vergib mir« sie sank an ihm nieder
»Vater ich bin krank geworden in diesen Jahren ich habe dich für lieblos
gehalten das ewige Gesumm und die Feindschaft mit den Nachbarn haben mich sehr
unglücklich gemacht und mir ist das Leben hier oft zur Qual geworden«
Herr Hummel setzte sich ernstaft zurecht doch ein wenig betroffen über das
Bekenntnis seines Kindes und ihm war dunkel als hätte er in Widerhaarigkeit
allerdings etwas zu viel geleistet »Jetzt ists genug« sagte er »Das ist
Alles aufgeregtes Zeug und Phantasterei Wenn ich mich durch diese Jahre
geärgert habe mir ist es nicht schlecht bekommen und ich denke Den drüben
auch nicht Was ist das für eine unpassende Schwermut dass du jetzt darüber
Lamento erregst«
»Habe Nachsicht mit mir« bat Laura »Es ist mir in die Seele gekommen als
unwiderstehliche Sehnsucht einmal hinaus zu springen aus dieser engen Straße
Vater ich möchte mit einem Satze hinein in die Welt«
»Nicht übel« meinte Herr Hummel »ich möchte auch einen Satz machen wenn
ich nur wüsste wo diese lustige Welt zu finden ist«
»Vater du hast mir oft erzählt dass du als Wanderbursch aus der kleinen
Stadt zogst wie leicht dir damals im Herzen war und dass du durch das Wandern
zu einem Mann geworden bist«
»Das ist richtig« bestätigte Hummel »es war ein schöner Morgen und es
waren acht Groschen in der Tasche Mir war zu Mute wie einem geflügelten
Spitz«
»Vater ich möchte auch wandern«
»Du« frug Hummel »Mein Ränzel habe ich aufgehoben es hat nur noch wenig
Haare aber du kannst dir die Stiefeln darüberbinden dann sieht mans nicht«
»Gut Vater auch ich will ausziehen und singen ich gehe unter fremde Leute
und suche die mir gefallen ich fange dort an mein Nest zu bauen ich prüfe
meine Kraft und schlage mich durch auf meine eigene Faust«
»Zieh dir Hosen an« sagte Hummel »du kannst doch nicht allein auf die
Wanderschaft gehen«
»Ich will mir auch Jemanden mitnehmen« antwortete Laura leise
»Unser Mädchen Susanne sie kann dir die Laterne tragen die Wege in dieser
Welt sind zuweilen kotig«
»Nein Vater ich meine den Doctor« Sie erhob sich zu seinem Ohr und
flüsterte hinein »Ich will mich vom Doctor entführen lassen«
»Pfui Spinne« rief Hummel verwundert »du vom Doctor Wenn du den Doctor
entführtest dann wäre noch eher Verstand darin«
»Das will ich auch« versicherte Laura
»Also Gegenseitigkeit« sagte Hummel »Höre die Sache wird ernst lass deine
Umarmungen unterwegs halt die Hände an den Leib und mache ein Gesicht wie
einer Bürgerstochter geziemt und nicht wie eine Komödiantin« Er drückte sie
auf ein Stühlchen in der Fensternische »Jetzt rede deutlich Also du willst den
Doctor entführen Ich frage womit Denn dein Taschengeld reicht nicht weit und
dort drüben ist auch nicht viel für solche Sonntagsvergnügen übrig Ich frage
warum Willst du ihn vorher heiraten so würde dir die Entführung sehr verdacht
werden denn ich habe noch nicht gehört dass eine Frau ihren angetrauten Mann
gewaltsam entführt hat Willst du ihn nicht heiraten so gibt es etwas was du
von deiner Mutter her kennen musst und was man Sittsamkeit nennt Also heraus«
»Ich will ihn zum Manne« bat Laura leise
»Ah so pfeift die Drossel Und war dein Doctor bereit dich vor einer
anständigen Hochzeit zu bewahren und mit dir weg zu laufen«
»Nein er sprach wie du und erinnerte mich dass ich dir den Schmerz nicht
machen dürfe«
»Er ist in einzelnen Stunden menschlich« versetzte Hummel »ich bin ihm für
die gute Meinung verbunden Endlich frage ich wohin willst du ihn entführen«
»Nach Bielstein Vater auf das Gut Dort ist die Kirche in welcher Ilse
getraut wurde«
»Ich verstehe« nickte Hummel »unsere sind zu geräumig und was nachher
wollt ihr auf dem Gute in Tagelohn arbeiten«
»Vater wenn wir reisen dürften« flehte Laura
»Warum nicht« entgegnete Hummel ironisch »etwa nach Amerika als Kollegen
des Knips junior Du bist toll wie ein Märzhase Die rechtmäßige und einzige
Tochter von H Hummel will mit dem Nachbarsohn der ebenfalls in seiner Art
rechtmäßig und einzig ist ins Schlaraffenland laufen von Vater und Mutter aus
einem massiven Hause und einem blühenden Geschäft Dass diese Stunde in meinem
Kalender stehen würde hätte ich niemals gedacht« Er ging bekümmert auf und ab
»Jetzt also höre deinen Vater Wärst du ein Junge ich hätte dich gestenzt und
getriezt nach meiner Art welche die Leute eine grobe Art nennen du aber bist
ein Mädchen geworden die Mutter hat dich nach ihren Grundsätzen gebildet Jetzt
sehe ich mit Schrecken dass wir dir zu viel Willen gelassen haben und dass du
recht unglücklich werden könntest für dein ganzes Leben Du hast dir den Doctor
in den Kopf gesetzt du hättest ebensogut auf einen lüderlichen tragischen
Helden oder auf einen Prinzen verfallen können und mir wird greulich wenn ich
daran denke«
»Ich bin aber nicht darauf verfallen« äußerte Laura kleinlaut »denn ich
bin meines Vaters Tochter«
Hummel packte ihre Haarflechten und betrachtete sie kritisch »Dickkopf«
sagte er »aber die Mischung ist anders es ist etwas von höherer Weiblichkeit
dabei Phantasie mit mimischen Einfällen Jetzt ist das Unglück da Und hier ist
ein kräftiger Bürstenstrich nötig« Diese Worte wiederholte er einigemal und
setzte sich nachdenkend auf seinen Stuhl »Also du willst meine Einwilligung zu
einer kleinen Entführung Ich gebe sie dir Unter einer Bedingung Die Sache
bleibt zwischen uns beiden du tust nichts ohne meinen Willen auch deine
Mutter darf nicht wissen dass du mit mir davon gesprochen Du sollst in die Welt
kutschiren aber wie ich haben will Im Übrigen danke ich dir für dies
Angebinde das du mir zu meinem Geburtstage machst Du bist ein schönes
Veilchen das ich mir gezogen habe Hat man je gehört dass ein solches Gewächs
sich selbst beim Kopfe packt und aus dem Boden reißt«
Laura umschlang ihn wieder und weinte »Setze dein Pumpwerk nicht in
Bewegung« rief Herr Hummel ungerührt »das kann uns beiden nichts mehr helfen
Glückliche Reise Fräulein Hummel«
Laura aber ging nicht sondern blieb an seinem Halse hängen Der Vater küsste
sie auf die Stirn »Mach dich fort ich muss mir überlegen mit welcher Bürste
ich dich glatt streiche«
Laura verließ das Zimmer Herr Hummel saß lange allein an seinem Pulte und
hielt seinen Kopf mit beiden Händen Endlich begann er wieder leise den alten
Dessauer zu pfeifen für den eintretenden Buchhalter ein Zeichen dass weiche
Gefühle in ihm über Hand nahmen »Springen Sie hinüber zu dem Doctor ich lasse
ihn ersuchen sich sogleich hierher zu bemühen«
Der Doctor trat in das Komtoir Herr Hummel griff in sein Pult und brachte
ein kleines Papier hervor »Hier gebe ich Ihnen das Geschenk zurück das Sie mir
einmal gemacht haben« Der Doctor öffnete zwei kleine Handschuhe lagen darin
»Sie können die Handschuhe meiner Tochter an dem Tage geben wo Sie mit ihr
getraut werden und können ihr sagen sie kämen von ihrem Vater dem sie
entlaufen wäre« Er wandte sich ab trat an das Fenster und trommelte auf den
Scheiben
»Ich habe Ihnen bereits früher gesagt Herr Hummel dass ich diese Handschuhe
nicht zurücknehme Am wenigsten tue ich es zu diesem Zwecke Wenn mir der
glückliche Tag heraufsteigt wo ich Laura heimführen darf so wird es nur so
geschehen dass Sie selbst die Hand der Tochter in die meine legen Ich bitte
lieber Herr Hummel heben Sie die Handschuhe bis zu diesem Tage auf«
»Sehr verbunden« versetzte Hummel »Sie sind ein erbärmlicher Don Juan Ich
bin verpflichtet« fuhr er in seinem gewöhnlichen Tone fort »Ihnen eine
Mitteilung zu machen welche Sie nahe genug angeht meine Tochter Laura wünscht
Sie zu entführen«
»Was jetzt in Laura stürmt« antwortete der Doctor »und ihr diesen wilden
Gedanken eingegeben hat ist wohl auch Ihnen kein Geheimnis Sie fühlt sich
gedrückt durch das schwierige Verhältnis in welchem wir beide zueinander
stehen Ich hoffe die Aufregung wird vorübergehen«
»Darf ich mir die bescheidene Frage erlauben« frug Hummel »ob Sie die
Absicht haben sich auf ihren Plan einzulassen«
»Ich werde es nicht tun« entgegnete der Doctor
»Warum nicht« frug Hummel kalt »ich für meinen Teil habe nichts dagegen«
»Das ist für mich ein Grund mehr Ihnen gegenüber keine Unbesonnenheit zu
begehen und keine zuzugeben«
»Ich könnte mein Geld dem Spital vermachen« spottete Herr Hummel
»Auf diese Bemerkung habe ich nur eine Antwort« erwiderte der Doctor »Sie
selbst glauben nicht dass dieser Umstand mein Tun bestimmt«
»Leider« versetzte Hummel »ihr seid beide unpraktisches Volk Sie hoffen
also dass ich Ihnen zuletzt auch ohne Entführung meinen Segen gebe«
»Ja ich hoffe darauf« rief der Doctor »wie Sie sich auch gegen mich
stellen ich vertraue dass die Güte Ihres Herzens größer sein wird als Ihre
Abneigung«
»Verlassen Sie sich nicht auf meine Nachgiebigkeit Herr Doctor ich glaube
nicht dass ich Ihnen jemals den Hochzeitsschmaus ausrichten werde Mein Kind
gibt sich mit Vertrauen in Ihre Hand greifen Sie zu«
»Nein Herr Hummel« sagte der Doctor entschieden »ich tue es dennoch
nicht«
»Ist meine Tochter im Preis gesunken weil sie so bereit ist Ihre Frau zu
werden« frug Herr Hummel bitter und seine Stimme klang rau »Das arme Mädchen
hat in der gelehrten Bekanntschaft allerlei Ideen bekommen die zu dem einfachen
Leben ihres Vaters nicht passen«
»Das ist ungerecht gegen uns alle auch gegen die abwesenden Freunde« rief
der Doctor unwillig »Was Laura jetzt stört ist nur ein wenig Schwärmerei noch
hängt etwas von der kindlichen Poesie der ersten Mädchenjahre in ihr Wer sie
liebt der mag ihrer lauteren Seele in Allem vertrauen Nur in Einem muss er ihr
gegenüber festes Urteil behaupten er wird hier und da milde Kritik ihrer
poetischen Einfälle ausüben müssen Ich aber wäre der Liebe ihres reinen Herzens
nicht wert wenn ich eine übereilte Handlung zugeben wollte die ihr später
Schmerzen bereiten muss Laura soll nichts tun was ihrer selbst unwürdig ist«
»Dies also ist indisch« bemerkte Herr Hummel »es ist ein Funke von
gesundem Menschenverstand in Ihren Botocuden und Braminen Wissen Ihre gelehrten
Bücher auch eine Entschuldigung dafür dass die Tochter sich im Hause ihrer
Eltern nicht wohlfühlt«
»Daran sind Sie allein schuld Herr Hummel« sagte der Doctor ernstaft
»Hoho« rief Herr Hummel »auch dieses noch«
»Verzeihen Sie mir eine offene Rede« fuhr der Doctor fort »Lauras Vater
hat die Art bei aller Liebe für die Seinen ein wenig zu sehr den Tyrannen des
Hauses zu spielen Laura ist von klein auf gewöhnt mit furchtsamer Scheu auf
Ihre kräftige Natur zu blicken deshalb fehlt ihr die unbefangene Auffassung
Ihres Wesens und die Freude an Ihrer närrischen Laune welche wohl Fernstehende
empfanden Hätten Sie Lauras Entzücken gesehen als ich ihr bekannte was Sie
an meinem Vater getan Sie würden niemals an ihrem Herzen zweifeln Jetzt ist
ihr die Angst um unsere Zukunft übermächtig geworden Seien Sie aber überzeugt
wenn Laura ihrer Phantasie nachgeben und sich von dem elterlichen Hause lösen
dürfte das nächste Gefühl würde ihr nagende Reue und Sehnsucht nach den Eltern
sein Auch deshalb handelt der Mann welchem sie jetzt ein Opfer bringen will
nicht nur ehrlich sondern auch klug wenn er sich dagegen auflehnt«
Herr Hummel sah grimmig auf den Doctor »Da steht der alte Petz an einen
Pfahl gebunden die jungen Hündlein zausen ihm das Fell und die Hähne krähen
über seinem Haupt Lassen Sie sich warnen durch mein Schicksal Vermeiden Sie
unter allen Umständen weibliche Nachkommenschaft« Er schlug mit der Faust auf
die Handschuh packte sie wieder ein strich das Papier glatt und verschloss das
Päckchen in seinen Schreibtisch »So sperre ich mein Rabenkind wieder ein im
Übrigen bleibe ich Ihr ergebener Diener Also Ihre alten Inder sagen Ihnen dass
ich ein drolliger Kauz bin und für fremde Leute ein lustiger Lebemann Ist das
Ihre Meinung von meinen natürlichen Gaben«
»Nun« entgegnete der Doctor mit einer Verbeugung »ganz so harmlos sind Sie
nicht Gegen mich waren Sie immer ausgezeichnet grob«
»Ich zanke mich mit Niemand lieber als mit Ihnen« warf Herr Hummel
anerkennend dazwischen
Der Doctor verneigte sich wieder »Wenn Sie mit andern Menschen spielen wie
mit Kätzchen so lassen sich die Andern solche Behandlung nur darum gefallen
weil sie im Grunde hinter Ihrem unwirschen Wesen die gute Meinung merken Ich
gerade kann Ihnen das sagen weil ich zu den wenigen Menschen gehöre denen Sie
wirkliche Abneigung gönnen Und da Sie nebenbei hartnäckig sind so weiß ich
sehr wohl dass ich noch manchen Strauss mit Ihnen ausfechten muss und ich bin gar
nicht sicher wie es zuletzt noch zwischen uns werden soll Das hindert mich
übrigens nicht die verbissene Liebenswürdigkeit Ihrer Natur anzuerkennen«
»Ich verbitte mir jede weitere Beleuchtung meiner Innerlichkeit« rief Herr
Hummel »Ich erhebe Widerspruch dagegen dass Sie mich wie einen Floh im
Schattenspiel an die Wand malen Sie haben eine nichtswürdige Weise Ihre
Mitmenschen mikroskopisch zu behandeln Was Ihre Tätigkeit als Liebhaber meiner
Tochter betrifft so bin ich damit zufrieden Sie wollen mein Kind nicht in der
Art haben wie sie zu haben ist Ich danke Ihnen für Ihre Bedenken Wir sind
darin ganz einer Meinung und Sie sollen sie jetzt gar nicht haben« Der Doctor
wollte ihn unterbrechen Hummel winkte mit der Hand »Jede weitere Rede ist
unnütz Sie verzichten auf die Tochter aber Sie haben die Achtung des Vaters
gerettet und Sie haben außerdem das Gefühl zu Lauras Bestem zu handeln Da Sie
ein so großer Biedermann sind werden Sie sich damit beruhigen Sie wollen sich
dem Kölibat ergeben ich würde Sie beneiden wenn mich nicht die Rücksicht auf
Madame Hummel daran hinderte«
»Das hilft Ihnen nichts Herr Hummel« versetzte der Doctor »ich bin
durchaus nicht gesonnen auf Lauras Hand zu verzichten«
»Ich verstehe« erwiderte Herr Hummel »Sie wollen fortfahren mein Kind
über die Straße anzuschwärmen Dies stille Vergnügen kann ich Ihnen leider nicht
mehr lange gestatten denn ich bin allerdings der Meinung dass Laura auf einige
Zeit aus meinem Hause gehen soll Und da Sie sich statt der Tochter die
Hochachtung des Vaters erwählt haben so wollen wir diesen Punkt in gutem
Einvernehmen besprechen Denn in Einem irren Sie wenn Sie meinen dass meine
Tochter Laura ihre Phantasien auf gutes Zureden unterdrückt Haben Sie nicht
auch mir zuweilen ins Gewissen geredet Es war wirklich für Ihre Jahre alles
Mögliche und es hat Ihnen bei mir gar nichts genützt Gerade so ists mit
diesem hartnäckigen Kinde Deswegen bin ich als Vater der Meinung dass wir
wenigstens in etwas dem Unsinn meines Wurms nachgeben Überlegen Sie wieweit
Sie uns gefällig sein können Sie will zu der Professorin Nach dieser Residenz
wo mein Mieter kein Hauswesen hat soll sie nicht aber nach Bielstein ist sie
mehrmals eingeladen«
Der Doctor antwortete »Ich habe dringende Veranlassung in den nächsten
Tagen meinen Freund aufzusuchen gern werde ich den Umweg über Bielstein wählen
wenn Sie mir gestatten für diese Fahrt Lauras Reisebegleiter zu sein Ein
Geheimnis aus der Reise mache ich nicht am wenigsten meinen Eltern«
»Diese Entführung ist so ruppig« unterbrach Hummel »dass ich als Mädchen
mich schämen würde dabei mitzuspielen Aber man darf von Ihnen nicht viel
verlangen Ich will nicht zu Hause sein wenn diese Abfahrt vor sich geht das
werden Sie natürlich finden Über die nächste Zukunft meines Kindes habe ich
bereits meinen Plan gemacht Für die Reise übergebe ich Ihnen mein Kind mit
Vertrauen«
»Herr Hummel« rief der Doctor unruhig »ich erbitte größeres Vertrauen Wie
haben Sie über Lauras nächste Zukunft bestimmt«
»Da Sie sich entschlossen haben mich hochzuachten so ersuche ich Sie mit
der vertraulichen Andeutung zufrieden zu sein dass ich gar nicht gesonnen bin
Ihnen darüber eine Mitteilung zu machen Sie behalten meine Wertschätzung und
ich behalte meine Tochter Unser Vertrag ist geschlossen«
»Der Vertrag ist mir aber durchaus nicht recht Herr Hummel« warf der
Doctor ein
»Schweigen Sie Wenn Sie in Folge dieses Vergleiches Ihre Teaterlaufbahn
wieder aufnehmen so gebe ich Ihnen nur den Rat spielen Sie niemals
Liebhaberrollen die Zuschauer laufen Ihnen zu allen Türen hinaus Also ich
behandle die Leute wie Kätzchen Dann wird also auch Ihr Vater der behandelte
Kater von heut früh wissen dass ich nur mit ihm gespielt habe Sie können ihm
darüber eine Andeutung machen Meine Frau hat heut zum Geburtstag einige Hähne
gerupft sollte dieser Braten Ihnen nicht peinliche Gefühle erregen so wird
mich freuen Sie zu Mittag bei mir zu sehen Sie werden nicht in die
Verlegenheit kommen mit meiner Tochter allein zu sprechen denn der Hausmime
ist eingeladen er besorgt die Unterhaltung Sie können stillsitzen Guten
Morgen Herr Doctor«
Wieder streckte ihm der Doctor die Hand entgegen Herr Hummel schüttelte sie
eine Weile und brummte dazu Als er wieder allein in seinem Komtoir saß klang
aufs Neue die Melodie des alten Dessauers in dem engen Raume und jetzt frisch
und herzhaft Nicht lange und die zweite der beiden Arien über deren Töne Herr
Hummel unbeschränkt verfügte brach aus seinem Innern er ließ auch das liebe
Veilchen blühen Endlich mischte er gar die Trommelschläge des Dessauers und das
Veilchen zu einem künstlerischen Mus Der Buchhalter welcher wusste dass dieses
Potpourri einen Zustand höchster Frühlingswärme bezeichnete steckte ehrerbietig
lächelnd seinen Kopf in das Komtoir
»Sie mögen heut auch zu Tische kommen« befahl Herr Hummel gnädig
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Alte Bekannte
Seit jener Unterredung über römische Kaiser hatte sich der Fürst durch einige
Tage seinem Hof entzogen Er war krank Seine nervöse Aufregung war wie der
Leibarzt erklärte die gewöhnliche Folge einer Verkältung Nur wenige Bevorzugte
erhielten in diesen Tagen Zutritt unter ihnen auch Magister Knips sie hatten
keine Veranlassung sich ihrer vertrauten Stellung zu freuen denn mit dem hohen
Kranken war schweres Auskommen
Heut saß der Fürst in seinem Arbeitzimmer vor ihm stand ein älterer Beamter
mit schlauem Gesicht welcher die Tagesereignisse der Residenz berichtete
Urteile die an öffentlichen Orten über den Fürsten und das hohe Haus gesummt
hatten kleine skandalöse Anekdoten aus Familien aber auch Beobachtungen
welche im fürstlichen Schloss gemacht waren wohin die Prinzessin am letzten Tage
ausgefahren sei und wen sie bei sich gesehen habe »Prinz Victor war von drei
bis vier Uhr bei der Baronin Hallstein die er jetzt täglich besucht am Abend
mit Offizieren seines früheren Regiments zusammen er ist erst gegen Morgen
zurückgekehrt Der Diener hatte Befehl ihn nicht zu erwarten«
»Wie wars im Pavillon« frug der Fürst
»Nach dem Bericht des Lakaien kein Besuch aus der Stadt auch keine Briefe
Alles wie gewöhnlich Als die Fremden am Nachmittag vor der Tür saßen sprach
die Frau von einer Reise in die Schweiz der Mann entgegnete dass davon nicht
die Rede sein könne bevor er nicht hier zu glücklichem Ende gekommen sei
Darauf verstimmtes Schweigen Am Abend waren beide im Theater«
Der Fürst nickte und verabschiedete den Beamten Als er allein saß rückte
er einen Stuhl an die Wand und lauschte auf den Ton eines Glöckchens welcher
kaum hörbar aus der Tiefe heraufzitterte schnell öffnete er die Tür einer
Wandnische und nahm die Papiere heraus welche ein vertrauter Secretär durch
eine Röhre in der Wand aus dem Unterstock heraufbefördert hatte Es waren
Schreiben von verschiedenen Händen er durchflog schnell den Inhalt behielt
endlich ein Bündel Kinderbriefe in der Hand Wieder lächelte er »Also der große
Ball zum Aufblasen hat bereits ein Loch« Die Miene wurde ernst »Ein echter
Bauer ihm fehlt jede Empfindung für die Ehre die Stulpstiefeln eines Prinzen
auf seinen Beeten zu sehen« Er nahm einen andern Brief »Der Erbprinz an seine
Schwester Es ist der erste Brief des frommen Johannes aus Patmos nichtssagend
als wäre er für mich geschrieben Das mag wohl auch sein Der Inhalt ist dürftig
und kalt aber der ihn geschrieben ist ein Gentleman Er drückt den Wunsch aus
auch die Schwester möge die schöne Zeit auf dem Lande verleben Wir sind darin
einer Meinung« setzte er in guter Laune hinzu »Blumen pflücken und mit
Gelehrten über die Tugend römischer Damen sprechen Dieser Wunsch soll allen
Teilen erfüllt werden« Er legte die Briefe in die Nische zurück und drückte
mit dem Fuß eine Feder am Boden leise rauschte es in der Wand die Sendung
schwebte hinab
Der Fürst erhob sich von seinem Stuhle und schritt durch das Zimmer »Meine
Gedanken fahren ruhelos um diesen Mann Ich habe ihn zuvorkommend aufgenommen
ich habe sogar seine verrückten Hoffnungen mit größter Aufmerksamkeit behandelt
und mir begegnet dass ein unpraktischer Träumer mich blasphemirt Weshalb dieser
tückische Angriff auf mich Er tat ihn mit dem boshaften Scharfsinn eines
Kranken der besser erkennt als die Gesunden wo es einem Andern fehlt Was er
schwatzte war halb leere Reflexion und halb blöde Schlauheit eines Toren der
auch den Wurm in der Hirnschale mit sich herumträgt Gleichviel wir kennen
einander wie der Augur den Genossen Zwischen uns ist ein Familienhass
aufgebrannt wie nur Verwandte gegeneinander fühlen ein dauerhafter
treuherziger Hass der sich hinter Lächeln und artigem Beugen des Kopfes
verbirgt Streich um Streich mein römischer Vetter du suchst eine Handschrift
die bei mir verborgen liegt ich aber etwas Anderes was du mir vorentältst«
Er sank in den Sessel zurück und sah scheu nach der Tür Dann fuhr er mit
der Hand in einen Stoß Bücher und zog eine Übersetzung des Tacitus heraus Mit
dem Finger tippte er auf das Buch »Der dies schrieb war auch krank Er
spionirt unablässig um die Seelen seiner Herren ihre Bilder füllen ihm die
Phantasie so sehr dass ihm das römische Volk und die Millionen anderer Menschen
unbedeutend geworden sind er beargwöhnt jeden Schritt seiner Gebieter und er
vermöchte sie doch nicht zu entbehren wie seine Zeit sie nicht entbehren
konnte Er starrt auf sie wie auf Sonnen über deren Verfinsterung er grübelt
und die auch ihm dem kleinen Planeten sein Licht geben Schon zweifelt er an
einer vernünftigen Ordnung der Welt das ist jedem Menschenhirn der Anfang vom
Ende Aber er hat noch Witz genug einzusehen dass seine Herren erkrankt sind
durch die Erbärmlichkeit von Seinesgleichen und seine beste Politik ist die des
alten Oberstofmeisters mit stummer Verbeugung zu ertragen«
Er schlug die Blätter auf »Nur Einer den er in sein Buch gesperrt hat«
begann er wieder »war ein Mann von dem zu lesen beweglich ist Das war die
finstere Majestät des Tiberius Der kannte das Gesindel und misshandelte es bis
die elenden Sklaven zuletzt auch ihn unter die Irren steckten Weißt du
Professor Tacitus weshalb der große Kaiser zu einem schwachen Narren wurde
Niemand weiß es Niemand auf Erden als ich und Meinesgleichen Er wurde
wahnsinnig weil er nicht aufhören konnte ein fühlender Mensch zu sein Viele
verachtete er und Viele hasste er und doch konnte er das kindliche Gefühl nicht
missen zu lieben und zu vertrauen An diesem Zipfel seines irdischen Lebens
fasste ihn ein gemeiner Bursch der ihm einmal persönliche Aufopferung gezeigt
und zog den starken Geist zu sich herab in den Schmutz Eine armselige Schwäche
des Herzens hat den harten Politiker des kaiserlichen Roms zum Toren gemacht
Uns alle verderben die weichen Gefühle welche in einsamer Stunde aufsteigen
untilgbar ist dies Verlangen nach reinem Herzen und treuem Gemüt unsterblich
die Sehnsucht nach den idealen Zuständen des Menschen welche der Dichter
schildert und der Pedant glaubt«
Er las mit halblauter Stimme eine Stelle »So schreibt der römische Kaiser
seinem Senat Die Götter und Göttinnen sollen mich ärger strafen als ich mich
täglich gestraft fühle wenn ich weiß was ich euch versammelte Väter
schreiben soll oder wie ich es schreiben soll oder was ich euch in diesem
Augenblicke durchaus nicht schreiben darf«
Er schlug auf das Buch »Der hats gefühlt Den Brief könnte noch mancher
Andere schreiben und er könnte weinen dass er so schreiben muss« Er seufzte
tief der Kopf sank ihm in die Hände und auf den Tisch
An der Tür regte sichs leise der Fürst fuhr in die Höhe Der Kammerdiener
meldete »Hofmarschall von Bergau«
Der Hofmarschall trat ein »Die Frau Prinzessin fragt an zu welcher Stunde
sie Ew Hoheit Lebewohl sagen darf«
»Lebewohl« frug der Fürst sich besinnend »Weshalb«
»Ew Hoheit haben anzuordnen geruht dass die Frau Prinzessin heut auf einige
Tage nach ihrem Sommerschloss abreist«
»In der Tat,« versetzte der Fürst »Mir ist heut recht wohl lieber Bergau
ich wünsche mit der Prinzessin beim Frühstück zusammen zu treffen Ist auch
Ihnen angenehm dass Sie dort den Dienst leiten« frug er freundlich
»Ich bin meinem gnädigsten Herrn dafür sehr dankbar« erwiderte aufrichtig
der Hofmarschall
»Welche Dame hat die Prinzessin zur Begleitung gewählt«
»Da Hoheit die Wahl freigestellt haben ist Fräulein Gotlinde bestimmt«
»Ich bin damit einverstanden« sagte der Fürst gnädig »Lassen Sie die gute
Gotlinde zum Frühstück laden und stellen Sie sich selbst dabei ein damit ich
Sie alle vor der Abreise noch einmal um mich sehe Noch Eins Herr Werner wird
Ihnen nachfolgen er wünscht für seine gelehrten Zwecke Gerät und Räume des
Schlosses zu durchsuchen Seien Sie ihm in jeder Weise behilflich und lassen Sie
es an keiner Aufmerksamkeit fehlen Ich habe dabei einen vertraulichen Auftrag
für Sie«
Der Hofmarschall machte eine klägliche Miene welche deutlich protestirte
»Ich wünsche diesen bedeutenden Mann ganz für uns zu gewinnen« fuhr der
Fürst fort »Sondiren Sie welche äußere Stellung oder Auszeichnung ihm
willkommen wäre Ich bemerke dass mir viel daran liegt ihn festzuhalten«
Der Hofmarschall antwortete bekümmert »Ew Hoheit beteuere ich dass ich das
hohe Vertrauen ehrfurchtsvoll zu schätzen weiß und doch consternirt mich dieser
Auftrag Denn er setzt mich wieder in Gefahr den Unwillen meines gnädigen Herrn
zu erregen Mir wurde hinreichende Gelegenheit zu bemerken dass bei diesen
Leuten auf ein dankbares Entgegenkommen nicht zu rechnen ist«
»Sie müssen nichts bieten nur aus ihm einen Wunsch herauslocken« versetzte
der Fürst trocken
»Wenn dieser Wunsch aber in das Masslose hinausschweifen sollte« frug der
Hofmarschall unsicher
»So hüten Sie sich zu widersprechen überlassen Sie mir die Entscheidung ob
ich ihn für maßlos halte Senden Sie mir sofort Nachricht« Der Fürst winkte
Entlassung beobachtete scharf Verbeugung und Abtreten des Hofmarschalls und sah
ihm kopfschüttelnd nach »Er ist noch nicht alt und schon trifft ihn der Fluch
er wird grotesk Hier ist auch ein Rätsel menschlicher Natur für euch ihr
Gelehrten dass Jemand der alle Stunden Miene und Haltung beherrschen muss der
im täglichen Verkehr mit Anspruchsvollen Feingefühl und gute Form sehr nötig
hat dass gerade der in alten Tagen leicht dem Schicksal verfällt diesen besten
Erwerb seines Lebens zu verlieren haltlos zu schwatzen und durch ungebändigten
Egoismus lästig zu werden Du weißt die Antwort darauf Kaiser Tiberius weshalb
der Dienst bei dir dem klugen Mann deine Diener allmählich zu Zerrbildern
ihres eigenen Wesens gemacht hat Nun sie haben sich an dir gerächt es ist
Alles in der Ordnung In dem Gefüge der Welt ist eine verzweifelte Vernunft
Jammer o Jammer dass wir beide geringe Veranlassung haben uns darüber zu
freuen« Er stöhnte und wieder verbarg er das Haupt in den Händen
Kurz darauf hielt Ilse im Pavillon neue Briefe aus der Heimat in der Hand
»Wie kann vierblättriger Klee aus gut geschlossenem Briefe verlorengehen« frug
sie den Gatten »Luise hat an ihrem Geburtstage einige Kleeblätter gefunden und
in dem vorletzten Briefe dir geschickt damit du Glück haben solltest Das Kind
kommt in die Jahre wo solches Spiel Freude macht Der getrocknete Klee lag
nicht in ihrem Briefe und da sie flüchtig ist schalt ich sie darum in meiner
Antwort Heut beteuert sie ihn ganz zuletzt in das Kouvert gesteckt zu haben«
»Er mag dir selbst beim Aufbrechen des Briefes herausgefallen sein«
tröstete der Professor
»Der Vater ist nicht mit uns zufrieden« fuhr Ilse bekümmert fort »ihm ist
nicht recht dass der Prinz in seine Nähe gekommen ist er fürchtet Störungen für
die Wirtschaft und das Geschwätz der Leute Worüber wollen die Leute schwatzen
Klara ist doch noch ein halbes Kind und der Prinz wohnt ja gar nicht auf unserm
Gute«
»Alles ist grau auf der Erde« klagte sie »das Licht der lieben Sonne fehlt
überall Auch hier die Verstörung der Fürst krank unser Prinz verschwunden
wie vom Sturm weggefegt Wie konnte der Prinz abreisen ohne guten Tag guten
Weg zu sagen Darüber kann ich mich nicht beruhigen Denn das haben wir nicht um
ihn verdient und nicht um seinen geschmeidigen Kammerherrn Ich fürchte er geht
nicht gern auf das Land und er zürnt mir Felix weil ich einige Worte darüber
gesagt Wenn er unzufrieden ist so wird er ganz schweigsam und gleichgültig
sein darauf kenne ich ihn und darüber wird sich wieder mein Vater ärgern Das
kann nicht gut tun und mir liegt die Sache schwer auf dem Herzen«
»Lässt dir dieser Kummer noch Raum für die Geschäfte anderer Leute« begann
der Professor fröhlich »so gönne auch mir einigen Anteil Ich meine das
einsame Schloss gefunden zu haben das ich so lange suchte aus dieser Chronik
sehe ich dass noch im vorigen Jahrhundert der Landsitz nach welchem die
Prinzessin abreist mitten im Walde lag Ich höre in den entlegenen Mauern wird
viel alter Hausrat aufbewahrt Mir ist zu Mute wie in meiner Kindheit am
Vorabend meines Geburtstages Ich habe dem Schicksal einen großen Wunschzettel
geschrieben und wenn ich an die Stunde denke wo diese Einbescherung mir werden
kann fühle ich dieselbe pochende Erwartung die dem Knaben den Schlaf
verscheuchte Es ist ja kindisch Ilse« fuhr er fort seiner Frau die Hand
reichend »Ich weiß es habe auch du Nachsicht mit mir ich habe dich oft mit
meinen Träumen gelangweilt das wird jetzt ein Ende nehmen Denn dort endet zwar
nicht die Hoffnung den Schatz einmal zu finden wohl aber ist dort die letzte
Stätte wo ich ihn zu suchen Veranlassung habe«
»Wie aber Felix wenn du das Buch wieder nicht findest« frug Ilse traurig
und hielt seine Hand fest
Die Stirne des Professors zog sich finster zusammen er wandte sich kurz ab
und sagte rau »Dann suche ich weiter Wäre doch Fritz gekommen«
»Sollte er denn kommen« frug Ilse verwundert
»Ich habe ihn darum ersucht« versetzte der Gatte »Er antwortete dass die
Geschäfte seines Vaters und sein Verhältnis mit Laura ihn noch zurückhalten
Auch für ihn scheint sich eine Krisis vorzubereiten Er erhebt gegen das
Verzeichnis das ich hier fand Bedenken die ich für unbegründet halte«
»O wäre er bei uns« rief Ilse »ich sehne mich nach einem befreundeten
Gesicht wie ein Reisender der Tage lang durch öde Wildnis fährt«
Der Professor wies zum Fenster hinaus »Diese Wildnis sieht doch menschlich
genug aus und ein Besuch den du dir forderst fährt bereits vor das Haus«
Ilse hörte das Rollen fremder Räder welche unsichere Gleise in den
fürstlichen Kies zogen Ein Wagen hielt vor dem Pavillon der ländliche Kutscher
klatschte mit der Peitsche Die Diener eilten vor die Tür Gabriel knöpfte an
der Lederdecke des Wagens eine kleine Dame fuhr heraus gab dem Lakaien ein
Packet und Gabriel eine Schachtel und rief dem Kutscher zu wegen des Anspannens
nachzufragen Eilig stieg sie die Treppe herauf und verschlang auf dem Wege die
Malerei und die Gipsschnörkel mit ihren Augen
»Das ist große Freude Frau Oberamtmann« rief Ilse erfreut an der
Stubentür Der Professor eilte der Fremden entgegen und bot ihr den Arm
»Meine teure Ilse« rief die kleine Dame »verehrter Herr Professor da bin
ich Denn Rollmaus hat für seine Geschwisterkinder die Aufsicht über ein Gut in
der Nähe erhalten und da er in diese Gegend reisen musste um zum Rechten zu
sehen und nur kurze Zeit verweilen wird so dachte ich wegen der Annehmlichkeit
des Wiedersehens Ihnen beiden einen Besuch zu machen Der Vater grüßt und die
Geschwister von denen Klara sich ausbildet wie Ihr jüngerer Zwilling«
»Herein herein« rief Ilse »Sie selbst sind der beste Gruß aus der
Heimat«
Die Rollmaus blieb an der Tür stehen »Ich bitte nur einen Augenblick«
rief sie auf die Schachtel zeigend
»Sie kommen zu alten Freunden«
»Ich bitte dennoch damit ich diesem decolletirten Hause keine Schande
mache«
Die Frau Oberamtmann wurde in ein Nebenzimmer geführt die Schachtel
geöffnet und nachdem die gute Haube aufgesetzt und weiße Randverzierungen um
Hals und Arme gesteckt waren flatterte die gelehrte Frau mit Ilse in die
Wohnstube »Prachtvoll« rief sie und sah bewundernd nach der Decke wo der
Liebesgott ihr sein Mohnbüschel entgegenstreckte »Man erkennt an dem Flitzbogen
auf der Stelle dass es ein Cupido ist welchen man sogar öfter auf
Pfefferkuchenbildern sieht wo er zwischen zwei brennenden Herzen steht
Verehrter Herr Professor das Glück uns wieder zu sehen und in solcher
Umgebung ist wirklich sehr groß Ich habe mich lange auf diese Stunde gefreut
wobei ich Ihnen zugleich meinen Dank sage für die letzten übersandten Werke in
denen ich bis zur Reformation vorgedrungen bin Rollmaus wäre gern mitgekommen
aber die Brennerei macht ihm zu tun wegen der alten Blase welche dort
herausgenommen werden muss«
Bei dieser Begrüßung fuhren die Augen der Frau Oberamtmann neugierig in alle
Winkel der Stube »Wer hätte gedacht liebe Ilse dass Sie und der Herr Professor
mit unseren fürstlichen Personen in ein freundschaftliches Verhältnis kommen
würden Ich muss Ihnen gestehen dass ich mich bereits beim Herfahren nach dem
fürstlichen Hof umgesehen habe welcher aber wahrscheinlich auf der andern Seite
liegt da ich hier nur Gartengewächse erblicke«
»Es ist keine Wirtschaft bei dem Schloss« erklärte Ilse »nur der Stall ist
geblieben und die große Küche«
»Man spricht von sechs Köchen« rief die Rollmaus »welche alle vorzugsweise
Mundköche sind obgleich ich nicht weiß für welchen andern Teil des
menschlichen Körpers sonst noch gekocht werden soll Aber die Originalitäten bei
einem Hofe sind überhaupt sehr groß wozu auch die Silberwäscherinnen gehören
von denen ich wirklich nicht glaube dass sie ihre Pflicht tun wenigstens ist
das kleine Kourant in unserm Lande sehr schmutzig und es wäre ein großes
Scheuerfest dafür notwendig Man sagt dass der junge Prinz jetzt auf die
Oberförsterei kommt unser Oberförster ist in voller Occupation er flucht über
die Einquartierung und hat sich neue Uniform bestellt« Sie wurde ernstaft
fiel in Gedanken und es entstand eine Pause aus welcher sie sich dadurch zog
dass sie ihre Nasenspitze fasste Ilse gutmütig ansah und dieser die Hand
drückte »Es scheint Regenwetter zu kommen« fuhr sie kleinlaut fort »und die
Landwirte klagen dass der Käfer im Frühjahr den Raps gefressen hat Hier
freilich ists wie im Paradiese obgleich ich hoffe dass keine wilden Tiere
herumspazieren und jetzt auch keine Zeit ist wo man Äpfel mit Vergnügen vom
Baume brechen kann Dagegen hat sich hier in der Residenz etwas aufgetan was
sehr merkwürdig sein soll Denn wie ich mit Rollmaus nach dem Gute kam erzählte
der Inspecktor von einer Wahrsagerin welche den Leuten dieser Stadt wunderbare
Dinge prophezeit Wissen Sie etwas Sicheres über ihre Qualität«
»Wir haben wenig Bekannte« antwortete Ilse »Neuigkeiten erfahren wir nur
aus den Blättern«
»Mir wäre wirklich lieb zu hören was an der Person ist Denn ich habe in
der letzten Zeit das Studium der Phrenologie angefangen und ich höre lieber
Herr Professor dass auch diese Forschung von mehren Seiten angefochten wird Ich
selbst bin darüber unsicher Ich habe den Kopf von Rollmaus untersucht und bin
erschrocken wie sehr an seinen Ohren der Zerstörungstrieb entwickelt ist
während er doch bei jedem Tassenhenkel den die Mädchen abbrechen unzufrieden
wird Wiewohl ich wieder lieber Herr Professor auf Ihrer Stirn das
Denkvermögen bestätigt finde Die Buckel sind sehr groß womit ich nicht sagen
will dass sie Ihnen schlecht stehen Um aber wieder auf die Wahrsagerin zu
kommen so hat sie dem Inspector gesagt dass er verheiratet war dass seine Frau
gestorben ist und dass er zwei Kinder hat und dass er noch eine Frau nehmen wird
welche ihm wieder einen Nachwuchs von zweien importiren wird Und das ist alles
richtig denn er geht bereits auf Freiersfüssen Nun frage ich Sie woher kann
die Person das wissen«
»Vielleicht kennt sie den Inspector« versetzte der Professor unter seinen
Papieren aufräumend »Ich rate nicht ihrer Kunst zu vertrauen und ich kann
Ihnen auch das Studium der Phrenologie nicht empfehlen Jetzt aber lassen Sie
uns wissen wie lange Sie bei uns bleiben ich bin genötigt in das Museum zu
gehen und will Sie bei meiner Rückkehr wiederfinden«
»Ich kann einige Stunden bleiben« tröstete die Rollmaus »ich habe drei
Meilen zu fahren aber die Wege hier sind besser als bei uns Obgleich auch
jetzt über unserer Chaussee gebaut wird die Wegebauer karren schon bei der
Stadt Rossau denken Sie liebe Ilse die steinerne Brücke zwischen der Stadt
und Ihrem Gute ist bereits abgebrochen sie haben eine Notbrücke gezimmert
Also auf einige Stunden bitte ich Sie mit mir in Ermangelung eines Besseren
vorlieb zu nehmen«
Der Professor entfernte sich die Frauen sprachen vertraulich über die
Familien der Heimat wobei die Rollmaus sich wissenschaftlicher Untersuchungen
nicht ganz begab denn sie fuhr mitten in der Unterhaltung mit dem Finger an
Ilses Schläfe und bat um Erlaubnis ihren Scheitel zu befühlen worauf sie
erfreut sagte »Es ist viel Aufrichtigkeit da wie ich immer vorausgesetzt
habe« dabei sah sie Ilse bedeutungsvoll an Sie war redselig und herzlich aber
sie verriet eine Befangenheit welche Ilse auf die ungewohnte Umgebung schob
Nachdem die Frau Oberamtmann die Wohnung bewundert hatte die Bilder
beurteilt und den Stoff der Möbelüberzüge befühlt wies Ilse auf das
Sonnenlicht welches aus den Regenwolken brach und machte den Vorschlag durch
die Parkanlagen zu gehen Erfreut stimmte die Frau Oberamtmann bei sie wandelte
mit festem Landschritt neben ihrer Führerin und Ilse hatte viel zu tun die
Fragen der aufgeregten Dame zu beantworten dabei kamen sie in einen Teil der
Anlagen welcher in dieser Stunde den vornehmen Leuten der Residenz zur
Promenade diente »Welche Überraschung« rief die Rollmaus plötzlich und fasste
Ilses Arm »Hochfürstliches Kostüm« Bei einer Biegung des Weges wurde der Hut
eines Lakaien sichtbar die Prinzessin begleitet von Fräulein Gotlinde und dem
Prinzen Victor kam gerade auf sie zu Unter ehrfurchtsvollen Grüssen der
Spaziergänger näherten sich die Herrschaften auch Ilse trat zur Seite und
verneigte sich Die Prinzessin blieb stehen »Wir sind im Begriff Sie
aufzusuchen« begann sie freundlich »mein Bruder war zu schneller Abreise
veranlasst er wird Ihrem Vater sagen wie leid ihm tat dass er Ihre Grüße nicht
in das väterliche Haus mitnehmen konnte« Ihre Augen streiften über die Frau
Oberamtmann welche sich mit beiden Händen auf ihren Schirm stützte und den Kopf
vorbeugte um keine Silbe von den Lippen der erlauchten Dame zu verlieren Ilse
nannte den Namen »Eine treue Nachbarin aus der Gegend von Rossau welche für
einige Tage hier in der Nähe weilt« Die Rollmaus tauchte tief herab und sagte
fast bewusstlos vor Schreck »Es ist nur drei Meilen von hier in Krötendorf
obwohl mit gnädigster Erlaubnis nicht mehr Kröten daselbst wohnen als an andern
anständigen Orten«
»Sie sind auf dem Spaziergange« sprach die Prinzessin zu Ilse »wollen Sie
mich nicht ein Stück begleiten« Sie winkte Ilse neben sich und setzte zwischen
ihr und dem Hoffräulein den Weg fort Prinz Victor blieb zurück und gesellte
sich zur Frau Oberamtmann
»Also die Kröten werden auf Ihrem Gut nicht gemästet« begann der Prinz die
Unterhaltung
»Nein mein Gnädiger« versetzte die Rollmaus verlegen an ihrem Schirm
nestelnd »Ich weiß wirklich nicht wie ich Sie durch eine richtige Titulatur
coordiniren soll«
»Prinz Victor« erwiderte der junge Herr nachlässig
»Ich bitte um Verzeihung dass mir dieser ehrenvolle Name noch keine
Befriedigung gewährt Darf ich noch um die sonstige Titulatur bitten welche bei
Pfarrern durch Hochehrwürden ausgedrückt wird Denn bei fürstlichen Personen
anzustossen ist nicht erfreulich und mir sind diese Adressen nicht geläufig«
»Nennen Hochwohlgeboren mich Hoheit so wird uns beiden Recht geschehen«
»Ganz wie Sie befehlen« rief die Rollmaus erfreut
»Sie sind näher mit der Frau Professorin bekannt«
»Seit ihrer Kindheit« erklärte die Frau Oberamtmann »ich war ihrer seligen
Mutter befreundet und ich darf wohl sagen ich habe Freude und Trauer mit
unserer lieben Ilse geteilt Prinz Victor Hoheit kann ihr treues Herz unmöglich
so gut kennen als Unsereiner Zuletzt ist sie durch die gelehrte Bekanntschaft
in andere Atmosphäre gekommen aber schon vor der Verlobung als die Fackeln
brannten und ihre Geschwister Fichtenäste trugen war mir deutlich dass daraus
eine Partie werden musste«
»Gut« sagte der Prinz »wie lange bleiben Sie in unserer Nähe«
»Nur bis Ende der Woche denn die Wirtschaft geht bei Rollmaus jeder
Residenz vor was auch gar nicht zu verwundern ist da er nicht Neigung zur
Wissenschaft hat welche mich beseelt Wozu in der Stadt bessere Gelegenheit
ist obgleich man auch auf dem Lande seine Beobachtungen macht an Köpfen und
andern Naturgegenständen«
»Das Wetter ist unsicher Ihr Wagen ist doch von allen Seiten geschlossen«
unterbrach sie der Prinz
»Es ist eine Britschka mit ledernem Verdeck« entgegnete die Rollmaus
»Wogegen ich offenherzig gestehen will dass es mir bei diesem Besuche ein ganz
unerwartetes Vergnügen ist Hoheit neben mir zu sehen denn ich habe schon von
Ihnen allerlei gehört«
»Ich werde Ihnen sehr dankbar sein« bemerkte der Prinz lächelnd »wenn Sie
mir ganz freundschaftlich sagen was Sie gehört haben Ich habe bis jetzt
geglaubt dass mein Ruf noch lange nicht so arg ist als er sein könnte«
»Es mag Jemand noch so edel sein er entgeht der Nachrede nicht« rief die
Rollmaus eifrig »Man spricht von Streichen Ich fürchte Hoheit werden mir
verübeln wenn ich diese Nichtswürdigkeiten in den Mund nehme«
»Sprechen Sie nur etwas« ermutigte der Prinz »was es auch sei«
»Man behauptet dass Hoheit debuschiren dass Hoheit als ein lustiger Vogel
leben und noch Anderes was ich zu wiederholen mich scheue«
»Nur heraus« ermunterte der Prinz
»Dass Hoheit andere Leute zum Narren haben«
»Das tut weh« bedauerte der Prinz »Ist Ihr Kutscher ein beherzter Mann«
»Er ist nur etwas grob sogar gegen Rollmaus der ihm Vieles nachsieht«
»Glauben Sie mir Frau Oberamtmann« fuhr der Prinz fort »es ist ein
trauriges Geschäft Prinz zu sein Unruhe vom Morgen bis zum Abend Jeder will
haben und Keiner bringt etwas außer Rechnungen Darüber geht die Heiterkeit
verloren man wird trübsinnig und schleicht durch die Büsche Meine liebste
Erholung ist am Abend ein friedliches Gespräch mit meiner guten alten Amme und
Erzieherin der verwitweten Kliquot und eine kleine Patience die ich mit
meinen vier königlichen Freunden lege Zuletzt zählt man die guten Werke
zusammen die man den Tag zu Stande gebracht hat seufzt dass ihrer so wenig
sind und sucht seinen Stiefelknecht Wir sind die Opfer unseres Standes Wenn
ich die Frau Professorin um etwas beneide so ist es ihr Diener Gabriel ein
zuverlässiger Mann den ich auch Ihrem Wohlwollen empfehle«
»Ich kenne ihn bereits« fiel die Rollmaus freudig ein »Wobei ich bekennen
muss dass die Selbstbiographie welche Sie von sich geben mit Allem
übereinstimmt was ich bei Hoheit an dem Organismus des Kopfes entdecke soweit
nicht der Hut die Aussicht benimmt was freilich sehr der Fall ist.«
»Ich wäre meiner Hirnschale dankbar« brummte der Prinz »wenn sie bei
Jedermann meinen Worten so leicht Glauben verschaffen wollte«
»Es wird mir solange ich lebe sowohl Plaisir als Souvenir sein« fuhr die
Rollmaus mit einem schreitenden Knixe fort »dass mir der Zufall diesen intimen
Kommers mit Ew Hoheit verschafft hat Die Erinnerung daran will ich mir wenn
ich dies sagen darf durch Ew Hoheit Bild vexiren von dem ich hoffe dass es in
den Handlungen zu haben sein wird Man stellt sich davor wenn man sich gerade
im Singularis befindet wie jetzt mein Sohn Karl vor seiner Grammatik und denkt
an die vergangenen Stunden«
Prinz Victor sah die Rollmaus mit einem Blicke innigen Wohlwollens an »Ich
werde nie dulden dass Sie mein Portrait kaufen ich bitte um die Erlaubnis
Ihnen ein Exemplar als Andenken zu übersenden Es ist leider nicht so getroffen
wie ich wünsche Der Maler hat mich stärker aufgefasst auch mit dem Anzug bin
ich nicht ganz zufrieden er sieht einem geistlichen Talar gar zu ähnlich Indes
bitte ich den Überfluss freundlich hinweg zu denken Hält Oberamtmann Rollmaus
auf gute Pferde Zieht er die Fohlen selbst«
»Immer Hoheit er ist deswegen bei den Nachbarn berühmt«
Der Prinz wandte sich in einem ganz neuen Interesse zu der kleinen Dame
»Könnte man vielleicht mit ihm ein Geschäft machen Ich suche einige dauerhafte
Reitpferde Wie ist er beim Handel« frug er treuherzig
»Er ist ein sehr guter Wirt« versetzte die Rollmaus zögernd und sah den
Prinzen mit heimlichem Bedauern an »In Pferden gilt er seinen Bekannten für
sehr erfahren und und wenn ich es sagen darf für frottirt«
»Was heißt das« frug der Prinz
»Ich bitte um Vergebung« rief die Rollmaus ängstlich »es würde für mich
als Gattin nicht wohlanständig sein wenn ich das unangenehme Wort gerieben
verwenden wollte«
Der Prinz zog die Lippen zu einem leisen Hauch zusammen welcher wie ein
unterdrücktes Pfeifen klang »Also er ist Hochwohlgeboren sehr unähnlich Dann
wird schwerlich etwas zu machen sein Hat Frau Professorin nicht Lust Sie auf
einige Tage im Dorf der Kröten zu besuchen«
»Es wäre uns die größte Freude« rief die Rollmaus »aber das Haus steht
leer und ist nicht eingerichtet wir müssen uns behelfen auch die Küche ist
kalt«
»Also nur für den äußersten Notfall« sagte der Prinz
Unterdes schritt Ilse an der Seite der Prinzessin durch die Gruppen der
grüssenden Städter ihr war das Herz nicht so leicht als ihrer Frau Oberamtmann
Die Prinzessin sprach gütig zu ihr aber über Gleichgültiges wandte sich auch
wohl nach der andern Seite zu ihrem Hoffräulein Es war offenbar nicht der
Wunsch sich mit Ilse zu unterhalten was die Aufforderung veranlasst hatte es
war eine Schaustellung der Huld vor den Leuten das empfand Ilse deutlich sie
fühlte die Absicht heraus frug sich in der Stille weshalb das nötig sei und
ihr Stolz bäumte gegen eine Huld auf die nicht vom Herzen kam In dem
belebtesten Teil der Promenade wurde Ilse noch eine Weile von der Prinzessin
festgehalten »Ich verlasse heut die Residenz« sagte die Prinzessin »und gehe
für Tage oder Wochen auf das Land vielleicht wird mir das Vergnügen Sie dort
zu sehen« Auch Prinz Victor rückte verbindlich an seinem Hut und sagte nichts
als die Worte »Die Luft wird schwül«
Ilse grübelte über den kleinen Vorfall als sie mit ihrer Begleiterin dem
Pavillon zuging sie antwortete zerstreut den begeisterten Reden der Frau
Oberamtmann und sah nur mit halbem Blick auf die Spaziergänger von denen jetzt
viele auch vor ihr den Hut zogen
Gabriel hatte der Frau Oberamtmann zu Ehren für Kaffe gesorgt und in dem
abgeschlossenen Raume vor der Tür den Tisch gedeckt Dort saßen die Frauen
nieder die Rollmaus sah entzückt auf blühende Azaleen rühmte den Kuchen der
Residenz und noch weit mehr die hohen Herrschaften und plauderte in ihrer
besten Laune fort während Ilse ernstaft vor sich niedersah »Einige
Fürstlichkeiten habe ich gesehen jetzt hätte ich noch Lust zur Wahrsagerin Es
ist merkwürdig liebe Ilse dass meine schätzbare Verbindung mit dem Herrn
Professor immer nach dem Ahnungsvermögen hinarbeitet Als ich ihn zuerst sah
kam das Gespräch auf meine Jette welche jetzt als Schenkwirtin recht dick
wird und heut wieder auf die Wahrsagerin Es ist wirklich kein Vorwitz wenn
ich den Wunsch habe diese Person zu befragen Mir liegt nichts daran meine
Zukunft zu erfahren da ich ohnedies genau weiß wie Alles geschehen wird Denn
wir leben gewissermaßen in natürlichen Verhältnissen zuerst kommen die Kinder
dann wachsen sie groß man wird älter und wenn man nicht stirbt bleibt man
noch eine Weile am Leben Das ist mir nie scrupulös gewesen und ich wüsste
nicht was mir die Person darin Neues entdecken könnte Es müsste denn ein
Unglück sein das uns passieren soll und das will ich gar nicht prophezeit
haben Mir ist es vielmehr nur um die Belehrung ob eine solche Person mehr weiß
als wir andern Denn in unserer Zeit wird auch das Ahnungsvermögen bezweifelt
und mir selbst hat nie etwas geahnt außer einmal bei Zahnschmerz wo mir
träumte dass ich eine Pfeife rauchte was denn auch geschah und garstige
Wirkungen hatte welche aber nicht wunderbar genannt werden können«
»Vielleicht weiß die Wahrsagerin zuweilen mehr als Andere« versetzte Ilse
zerstreut »weil sie irgendwo die Kenntnis fremder Verhältnisse erworben hat«
»Ich habe mir schon etwas ausgedacht« rief die Oberamtmann »ich würde sie
nur wegen der silbernen Suppenkelle fragen welche auf eine unerklärliche Weise
aus unserer Küche verschwunden ist«
»Was will die Frau daranwenden wenn ichs ihr sage« frug eine hohle
Stimme Die Rollmaus fuhr in die Höhe An der Hausecke stand ein großes Weib
hinter den Topfgewächsen von den Schultern hing ihr ein verschlissener Mantel
das Haupt war mit einem dunklen Tuche verhüllt hinter welchem zwei blitzende
Augen nach den Frauen stachen Die Rollmaus fasste Ilses Arm und rief
erschreckt »Das ist die Wahrsagerin selbst liebe Ilse ich erbitte Ihren Rat
soll ich sie fragen«
Das Weib trat vorsichtig hinter dem Strauchwerk hervor stellte sich vor
Ilse und lüftete das Kopftuch Ilse erhob sich und sah unruhig auf die scharfen
Züge eines verfallenen Gesichts »Die Zigeunerin« rief sie zurücktretend
»Eine Kesselflickerfrau« sagte die Rollmaus unwillig »dieses
Ahnungsvermögen kenne ich es hängt mit Hühnermausen zusammen und mit noch
schlimmeren Dingen Erst stehlen sie und verstecken und dann verkünden sie wo
das Gestohlene liegt«
Die Fremde achtete nicht auf den Angriff der Frau Oberamtmann »Meine Leute
sind gehetzt worden wie die Füchse im Wald der Frost hat sie getötet eure
Wächter haben sie gefangen die noch leben liegen zwischen Mauern und klirren
mit der Kette Ich ziehe allein durch das Land Schöne Frau denken Sie nicht
daran was in jener Nacht die Männer getan denken Sie nur an das was ich
Ihnen vorausgesagt Ist es nicht eingetroffen Jetzt sehen Sie auf das steinerne
Haus dort drüben und Sie sehen wie er langsam auf dem Kieswege herankommt bis
in die Stube in welcher der nackte Knabe an der Decke hängt«
Ilses Antlitz zog sich zusammen »Ich verstehe den Sinn eurer Rede nicht
nur Eines höre ich dass ihr hier Bescheid wisst«
»Manches Jahr sind meine Füße durch den Schnee geglitten« fuhr die
Landstreicherin fort »seit ich zum letzten Mal durch die Pforte dieser
schwarzen Tiere getreten bin« Sie wies auf die beiden Engel mit
Tulpengewinden »Jetzt hat die Krankheit auch mich geschlagen« Sie streckte
ihre Hand aus »Geben Sie junge Frau einer Kranken von der Landstraße die
einst denselben Weg gegangen ist den Sie jetzt schreiten«
Ilses Wange rötete sich sie sah starr auf die Bettlerin und schüttelte
verneinend das Haupt »Nicht Geld will ich von Ihnen« sagte das Weib
eindringlich »Bitten Sie für mich bei dem Geiste dieses Hauses wenn er Ihnen
einmal erscheint Ich bin müde und suche ein Lager für mein Haupt Sagen Sie
ihm die Fremde der er das Zeichen umgehangen hat« sie wies auf ihren Hals
»bittet um seine Hilfe«
Ilse stand unbeweglich ihre Wangen glühten und ihr Auge sah zornig auf das
unheimliche Weib
»Was wenden Sie daran Ihr Silber wieder zu finden« frug zur Rollmaus
gewandt die Bettlerin in verändertem Ton
»Ihr also seid die Wahrsagerin« fuhr die Rollmaus entrüstet auf sie ein
»nicht einen Kreuzer wende ich an euch Wer euren Kopf untersucht würde einen
schönen Organismus daraus finden Solche kauderwelsche Worte habe ich schon oft
gehört Macht euch fort bevor die Polizei kommt Eine von eurem Volk hat meiner
Grossmagd prophezeit sie würde einen Gutsbesitzer heiraten und ich musste das
Mädchen abschaffen welche sonst brauchbar war weil sie anfing gegen Rollmaus
selbst zu scharmuziren obgleich dieser nur darüber lachte Geht wir wollen
nichts mit euch zu tun haben«
»Denken Sie an meine Bitte« rief die Fremde Ilse zu »ich komme wieder«
Die Frau wandte sich ab und verschwand hinter dem Hause
»Es sind Bälger« erklärte die Oberamtmann in tiefem Ärger »glauben Sie
nichts von Allem was sie sagen Diese hier sprach noch ärgern Unsinn als die
andern Ich glaube gar liebe Ilse Sie lassen sich zu Herzen gehen was dieser
Betteltanz parlirte«
»Sie kennt dies Haus sie wusste wohl was sie sprach« sagte Ilse tonlos
»Natürlich« versetzte die Rollmaus »sie schweifen umher und gucken durch
alle Ritzen sie haben ein gutes Gedächtnis für anderer Leute Geschäfte nur an
ihre eigene Dieberei wollen sie nicht erinnert sein Dieses Object hier habe ich
sehr im Verdacht wegen meiner Suppenkelle Wenn das die berühmte Wahrsagerin
sein sollte dann ist mir alle Forschung verleidet Ach und ich sehe Ihnen
auch«
»Ich kenne das Weib« erwiderte Ilse »sie gehört zu der Bande die unsere
Kinder bestahl und den Arm meines Felix verwundete Jetzt tritt die unheimliche
Gestalt wie ein Gespenst vor meine Seele und ihre dunklen Worte erregen mir
Grauen Sie drohte wieder zu kommen mich fasst die Angst dass dieses Weib noch
einmal an mich heranschleicht Hinweg von hier«
Ilse eilte in das Haus die Oberamtmann folgte und riet wohlwollend »Kommt
sie wieder so wird sie weggejagt Für dieses Ahnungsvermögen gibt es kein
besseres Mittel als Gefängnis bei Wasser und Brot«
Ilse stand im Wohnzimmer auch dort sah sie sich scheu um »Der ihr das
Kreuz umhing war der Herr dieses Schlosses und als sie damals am Hoftor die
wüsten Worte zu mir sprach meinte sie nicht meinen Felix«
»Acht Groschen meinte sie und nichts weiter« tröstete die Rollmaus
»Wie darf sie wagen mein Leben mit dem ihren zu vergleichen Wie weiß sie
ob der Herr dieses Hauses auf meine Worte hört«
Die Oberamtmann mühte sich vergebens durch verständige Betrachtungen über
die Nichtswürdigkeit weiblicher Vagabonden zu beruhigen Ilse sah mit gefalteten
Händen vor sich hin die Trostsprüche der wackeren Freundin verhallten vor ihrem
Ohr
Im Hause sprachen fremde Stimmen Gabriel öffnete die Tür und meldete den
Hausmeister Der alte Mann trat diensteifrig ein und bat die Störung zu
entschuldigen »Mein gnädigster Herr befahl mir anzufragen ob vielleicht eine
fremde Landstreicherin hier bettelte Sie hat sich in das Schloss geschlichen
Zugang zu der Frau Prinzessin gesucht und diese erschreckt als Hochdieselbe
abreisen wollte Seine Hoheit lassen vor der Fremden warnen sie ist eine
gefährliche Person«
»Sie war hier« versetzte Ilse »und sprach wilde Reden sie ließ merken
dass sie im Hause bekannt sei«
Der Hausmeister sah bekümmert aus als er fortfuhr »Es ist lange her da
hatte die hochselige Fürstin sich einmal eines singenden Mädchens erbarmt dem
die Mutter an der Landstraße gestorben war Sie ließ das Geschöpf unterrichten
und weil es drollig war und sich gut anliess wurde es zuletzt ins Schloss
genommen und zu kleinen Diensten gebraucht aber es hat den Herrschaften
schlecht gelohnt In einer Zeit wo die hohe Familie schweres Unglück traf fiel
die Person in die Gewohnheit ihrer Kinderzeit zurück sie stahl und wurde
unsichtbar Heut will ein Diener in dem fremden Weibe das Mädchen wiedererkannt
haben Das hat der Kammerdiener Sr Hoheit zugetragen und der gnädige Herr
welcher ohnedies leidend ist hat sich darüber aufgeregt Bereits suchen die
Landreiter auf allen Straßen nach der Fremden«
Der Alte empfahl sich Ilse sah ihm finster nach aber sie sagte doch
ruhiger zur Oberamtmann »Daher also die Sprache der Landstreicherin welche
anders klang als sonst bei bettelndem Volk und daher ihr Wunsch die
Verzeihung des Fürsten zu erhalten«
Jetzt aber saß die Rollmaus gedrückt und kleinlaut »Ach liebe Ilse wenn
die Hexe wirklich hier unter den fürstlichen Personen gelebt hat dann mag sie
Vielerlei wissen was in diesem Hause geschehen ist denn die Leute sprechen
nichts Gutes davon und sie sagen dass in früherer Zeit hier fürstliche
Amoretten gewohnt haben Das Haus kann ja nichts dafür und wir andern auch
nicht es ist nur deshalb weil der Erbprinz jetzt zu Ihrem Vater kommt und Sie
ihn schon von der Universität kennen Darüber schütteln die Menschen ihre Köpfe
es ist dummes Geschwätz«
»Was für Geschwätz« rief Ilse mit rauer Stimme und fasste die Hand der
Oberamtmann
»Man redet Sie seien die Ursache dass der Prinz in unsere Gegend kommt Wir
würden uns alle sehr freuen wenn Sie vor Ihrer Reise noch den Vater besuchten
wie verabredet war aber ich glaube wirklich solange der Prinz dort ist wäre
besser wenn Sie hier blieben oder auch wo anders Es ist nur zur Vorsicht«
fügte sie beruhigend zu »und Sie müssen sich das nicht zu Herzen nehmen«
Ilse stand abgewandt lautlos unbeweglich die Oberamtmann fuhr in
tröstender Rede fort aber Ilse vernahm kaum noch ihre Worte
»Man lehrt nicht umsonst junge Prinzen landwirtschaftliche Maschinen drehen
und sich duelliren Frau Ilse das Lehrgeld wird dir bezahlt doppelt in neuem
Gepräge wie Hofbrauch ist«
Es war eine lange bangsame Stille im Zimmer Ilse sah wild umher dann nahm
sie einen Rohrstuhl setzte sich der Oberamtmann gegenüber ihre Finger flogen
über einer Handarbeit »Sprechen wir nicht mehr von solchen Verläumdungen«
sagte sie »Was macht Ihr Sohn Karl Sind Sie mit seinem Fleiß zufrieden Und
wie gehts mit dem Klavier Es ist immer gut wenn er etwas Musik versteht«
Die Oberamtmann kam über den Tänzen welche ihr Sohn Karl spielte wieder zu
guter Laune sie schwatzte fort Ilse hörte schweigend zu und zählte über den
Stichen welche sie mit bunten Wollfäden machte
Der Professor kehrte zurück kurz darauf fuhr der Kutscher vor Frau
Rollmaus verschwand in die Nebenstube ihren Kopfputz in die Schachtel zu
packen dann nahm sie wortreichen Abschied von ihrem lieben Herrn Professor Die
letzten Worte Ilses waren »Es mag lange dauern bis wir uns wiedersehen
erhalten Sie mir Ihre Freundschaft auch wenn ich fern bin«
»Was meinten deine feierlichen Worte beim Abschied der Nachbarin« frug der
Professor verwundert
»Sie meinen dass wir hier in einem Hause sind in welchem einer ehrlichen
Frau vor den Wänden graut« rief Ilse mit flammendem Blick »und sie meinen dass
ich fort will von hier und dass es für dich Zeit ist dein Weib wegzuführen aus
einem ungesunden Leben«
Sie erzählte ihm mit fliegendem Atem was ihr die Rollmaus geklagt die
Bettlerin zugeraunt
»Ich bin verstrickt Felix« rief sie »durch meine eigene Schuld ich klage
dirs Wie ich mich gehalten gegen den jungen Prinzen mein Gott weiß ich habe
keinen Gedanken gehabt der deinem Weibe Unehre machte aber ich bin
unvorsichtig gewesen und ich büsse dafür schrecklich schrecklich Jetzt verstehe
ich was mich wie eine Ahnung gequält hat in den letzten Wochen Liebst du mich
so führe mich schnell fort von hier denn der Boden brennt unter meinem Fuße«
Auch den Professor packte ein scharfes Weh als er sein Weib in Schmerzen
ringen sah die so bitter sind dass sie die stärkste Seele einer Frau betäuben
die edelste Kraft für Stunden zerbrechen »Mir ist widerwärtig und demütigend
wie dir dem Hässlichen in das nackte Angesicht zu sehen ich bin bereit Alles
zu tun was ich vermag um dich von diesem Leide zu lösen Lass uns ruhig
erwägen wie das geschehen kann Nicht in solcher Leidenschaft darfst du was
dir ziemt beschließen denn dir fehlt jetzt die Freiheit das Rechte zu wählen
An welchem alten Hause das ein Mieter bezieht das ein Gastwirt öffnet
hängen nicht peinliche Erinnerungen Müssiges Geschwätz vermag selbst der nicht
von seinem Haupte zu bannen der in ungewohnter Umgebung gleichförmig hinlebt
Wende den Blick ab von dem Gemeinen Um seinetwillen aufzubrechen wie
Flüchtlinge ziemt nicht dir und nicht mir Was haben wir getan Ilse dass wir
unser Selbstgefühl verlieren Gegen die feindselige Arbeit des törichten
Zufalls gibt es nur eine Weisheit sicher vorwärts gehen und wenig darum sorgen
Dann verhallt und verklingt der Misston von selbst im Geräusch der Straße Wer
sich davon stören lässt der vergrößert ihn durch seine eigenen Schmerzen
Gesetzt wir brechen plötzlich auf aus diesem Hause Du würdest in die Fremde
das Gefühl tragen dass du als Besiegte von hier gehst und unaufhörlich würde
dich die Sorge verfolgen dass ein misstönendes Gemurmel hinter uns nicht zum
Schweigen gebracht ist«
»Du sprichst sehr kalt und verständig« rief Ilse in innerer Empörung
»trotz deiner Worte fühlst du wenig die Kränkung deines Weibes«
»Wärest du in der Fassung die ich sonst an dir ehre du würdest so
ungerechte Klage nicht über deine Lippen bringen« versetzte der Gatte finster
»Wenn ich dich in Gefahr sähe ich würde noch diese Stunde mit dir fortziehen
habe ich erst nötig darüber gegen dich ein Wort zu verlieren Aber selbst
gegen das Geschwätz der Schwachen ist dir dieser Aufenthalt hier vorläufig der
beste Schutz denn der Prinz ist fern du aber weilst zurückgezogen bei deinem
Gatten«
»Ich weiß woher diese Gleichgültigkeit kommt« murmelte Ilse
»Du weißt was mich hier fesselt« erwiderte der Professor »und wärst du
mir was du sein solltest Verbündete bei meinen Hoffnungen und hättest du
dasselbe Gefühl für den Wert des Gutes das ich suche du würdest gleich mir
empfinden dass ich keinen ablenkenden Schritt tun darf wenn ich nicht erkenne
dass er nötig ist Ertrage nur noch für den nächsten Tag diesen Aufenthalt
liebe Ilse wie unbehaglich er dir heut erscheint« fuhr er herzlich fort »Ich
bin eingeladen in dem Landschloss der Prinzessin zu suchen dort wird sich wie
ich ahne finden was uns von hier frei macht«
»Gehe nicht« bat Ilse vor ihn tretend »lass mich nicht allein in dieser
fürchterlichen Unsicherheit in einer Angst die mich schaudern macht vor mir
selbst und vor jedem fremden Laut den ich in diesen Räumen höre«
»Angst« rief der Professor unwillig »eine Angst vor Gespenstern Selten
ist das Leben in der Fremde so leicht und bequem als uns dieser Aufenthalt
Missklänge gibt es überall und nur unser ist die Schuld wenn wir sie übermäßig
empfinden«
»Gehe nicht« flehte Ilse von Neuem »Ja es sind Gespenster die mich
verfolgen sie hängen bei Tag und Nacht über meinem Haupte Gehe nicht Felix«
rief sie die Hand erhebend »dich lockt nicht die Handschrift allein auch das
Weib das dich dort erwartet Das weiß ich seit den ersten Tagen in dieser
Stadt ich sehe wie der Zauber ihrer flüchtigen Seele dich umgarnt Ich habe
die Furcht bis heut in mir niedergekämpft mit dem Vertrauen das ich zu meinem
geliebten Manne haben muss Gehst du jetzt Felix wo ich mich an dich klammern
möchte wo ich jeden Augenblick bei deiner Stimme Trost suche so kommt mir der
Zweifel an dir und der furchtbare Gedanke dass meine Not dir gleichgültig ist
weil du selbst kalt gegen mich wurdest«
»Wohin bist du geraten Ilse« rief der Gelehrte erschrocken »ist mein
Weib das so spricht wann habe ich dir je meine Empfindungen verhüllt Und
vermagst du nicht in meiner Seele zu lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch
Das also war es was so schwer auf dir lag Gerade das hätte ich nicht für
möglich gehalten« sagte er treuherzig und bekümmert
»Nein nein« rief Ilse außer sich »ich habe Unrecht ich weiß es achte
nicht auf meine Worte ich vertraue dir ich halte mich an dich o Felix ich
müsste verzweifeln wenn dieser Halt mir bräche« Sie warf sich an seinen Hals
und schluchzte Der Gatte umschlang sie auch ihm wurden die Augen nass bei dem
Jammer seines Weibes »Bleibe bei mir mein Felix« fuhr Ilse weinend fort »nur
jetzt lass mich nicht allein ich bin immer noch ein kindisches einfältiges Herz
habe Geduld mit mir Ich bin hier krank ich weiß nicht woher das kommt ich
liege an deinem Herzen und ich zittere davor dass du mir fremd werden könntest
ich weiß dass du mein bist und ich ringe dabei mit der ängstlichen Ahnung dass
ich dich hier verlieren werde Wenn du zur Tür hinausgehst ist mir als müsste
ich einen Abschied von dir nehmen auf immer und wenn du zurückkehrst sehe ich
dich zweifelnd an als wärst du mir in wenig Stunden verwandelt Ich bin
unglücklich Felix und das Unglück macht misstrauisch ich bin schwach und klein
geworden und ich scheue mich dir es zu sagen weil ich fürchte dass du mich
deshalb gering achten könntest Bleibe hier Geliebter gehe nicht zu der
Prinzessin nur morgen nicht«
Der Gatte fasste ihr Haupt und sah ihr in die verweinten Augen »Wenn morgen
nicht« entgegnete er herzlich »dann doch übermorgen oder an anderem Tage
Ersparen kann ich uns die kurze Fahrt von wenigen Stunden nicht sie aufgeben
wäre ein Unrecht das wir beide nicht auf uns laden dürfen Je länger ich
zögere Ilse um so länger sehe ich dich festgehalten in diesen Wänden Ist
nicht klug schnell zu tun was uns frei macht auch in deinem Sinne«
Ilse löste sich aus seiner Umarmung »Du sprichst verständig in einer
Stunde wo ich einen andern Ton aus deiner Brust hoffte« versetzte sie ruhiger
»Ich weiß Felix du willst mir nicht wehe tun und ich hoffe du bist auch in
dieser Rede wahr gegen mich und verbirgst mir nichts Aber ich fühle mit tiefem
Herzen ein altes Weh das mich an trüben Tagen überfallen hat seit ich dich
kenne Du denkst anders als ich und du fühlst anders in manchen Dingen der
einzelne Mensch und sein Leiden gilt dir wenig gegen die großen Gedanken die du
mit dir herumträgst du stehst auf der Höhe in klarer Luft und hast keinen
Anteil an der Angst und Not im Tale zu deinen Füßen Klar ist die Luft aber
kalt und mich friert dabei«
»Das ist die Art des Mannes« sagte der Professor tiefer bewegt durch den
gehaltenen Schmerz seines Weibes als durch ihre laute Klage
»Nein« antwortete Ilse vor sich hinstarrend »das ist die Art des
Gelehrten«
In der Nacht als der Gelehrte längst im Schlummer lag da erhob sich das
Weib an seiner Seite vom Lager und spähte durch die Dämmerung auf das Antlitz
des geliebten Mannes Sie stand auf und ergriff die Nachtlampe dass der gelbe
Schein auf sein ruhiges Antlitz fiel und große Tränen sanken aus ihren Augen
auf sein Haupt Dann setzte sie sich vor ihn rang die Hände und bändigte mit
Anstrengung das Weinen und den Krampf welche ihr den Leib erschütterten
9
Im Turm der Prinzessin
Als die Prinzessin von ihrem drängenden Vater in die Heimat zurückgerufen wurde
hatte das erlauchte Haus dessen Namen sie jetzt trug nicht nur darauf
bestanden dass sie fortan einige Monate des Jahres an dem Wohnsitz ihres
verstorbenen Gemahls zubringe auch dass ihr in der Residenz des Vaters ein
gesonderter Hofhalt eingerichtet werde Darüber war ein Vertrag geschlossen
welcher allerdings den Zweck hatte der jungen Fürstin eine gewisse
Selbständigkeit zu wahren Um den Wortlaut des Vertrags zu erfüllen wurde der
Prinzessin ein fürstliches Schloss auf dem Lande als Wohnsitz überwiesen da in
der Residenz selbst kein geeignetes Gebäude vorhanden war Das Schloss lag eine
halbe Tagereise von der Stadt am Fuße belaubter Hügel zwischen Wäldern und
Dorffluren im Sommer ein anmutiger Ruhesitz die Prinzessin hatte dort bereits
einige Monate ihres Trauerjahrs zugebracht
Es war ein warmer Tag an welchem der Professor nach dem Schloss fuhr Die
Luft war durch das Gewitter der Nacht nicht abgekühlt der strömende Regenguss
hatte Furchen in die glatte Kunststrasse gerissen zwischen den Ackerbeeten stand
das Wasser an dem üppigen Grün des Rasens an den Blättern der Wegpflanzen
hingen die Tropfen eine feuchte Brutwärme lag über der Erde der Wasserdunst
färbte die entfernten Höhen mit dunklem Blau Am Himmel zogen die Wolken
flüchtig dahin bald verhüllten sie neckend die Sonne und warfen ihre Schatten
über die sprossende Flur bald öffneten sie den Lichtstrahlen ein Tor dann
flog ein feuriger Glanz über Baumgipfel Dächer und den fruchtbaren Grund
Schneller Schatten und heller Schein am Himmel und auf der Erde erst deckte das
Wolkenheer mit grauen Gewändern den geradlinigen Weg welchen der Gelehrte fuhr
wieder lag die Straße vor ihm als ein goldener Pfad der zum ersehnten Ziele
führt
Grelles Licht und dunkler Schatten flogen auch durch die Seele des
Gelehrten »Die Schrift wird gefunden sie bleibt uns verborgen« rief es in
ihm und sein Auge umwölkte sich »Wenn sie nicht gefunden wird Viele werden
dann mit Verwunderung lesen wie täuschend der Schein war wie nahe die
Möglichkeit mancher wird bedauernd auf seine Hoffnung verzichten die ihm über
den Worten des Klosterbruders aufgeht doch den Schmerz der Entsagung wird
Keiner fühlen wie ich Ein Gedanke der durch Jahre die Phantasie unterhalten
die Augen auf einen Punkt gerichtet hat ist mir übermächtig geworden Mit
tausend Eindrücken aus alter und neuer Zeit spielt des Mannes freier Geist er
bändigt ihre Gewalt durch abwägenden Verstand und Kraft des Willens Mir aber
ist ein kleines Bild aus verloschenen Zügen des alten Buches so tief in die
Seele gedrungen dass die Hoffnung zu erwerben das Blut in den Adern hüpfen macht
und die Furcht zu verlieren die Spannung der Muskeln lähmt Allzugross ist der
Eifer das weiß ich er hat mich hart gemacht gegen die kindliche Angst meines
Weibes auch ich bin nicht stärker geworden seit ich auf dem unsicheren Pfad
eines Wildschützen dahinfahre Jeder hüte sich dass ihm seine Träume nicht die
Herrenrechte des Geistes verringern auch der Traum guter Stunden wo die Seele
sich arglos einer großen Empfindung hingibt mag abwenden von dem geraden Wege
der nächsten Pflicht«
Das goldene Licht flog über sein Antlitz »Wenn sie aber gefunden wird Es
ist nur ein kleiner Teil unseres Wissens aus alter Zeit der in ihr verborgen
liegt Und doch würde gerade dieser Fund eine verdämmerte Landschaft mit hellem
Glanze füllen und einige Jahrzehnte des alten Lebens würden für unser Auge in
festen Umrissen sichtbar werden als ob sie in nächster Vergangenheit lägen Der
Fund könnte hundert Rätsel lösen und tausend neue aufregen jedes spätere
Geschlecht dürfte der größeren Habe sich freuen und mit besserer Kraft neuen
Aufschluss begehren Auch ihr wünsche ich die Freude eines Fundes welche dort im
Schloss so warmherzig meine Sorge teilt auch ihr wäre eine große Erinnerung
für immer dass sie wohltuenden Anteil gehabt an der ersten Arbeit des
Suchenden«
Höher stiegen die Berge farbiger wurden ihre Massen Die Linien der
Vorhügel schieden sich von der nebligen Ferne zwischen dem schwarzen Wald
öffneten sich blaue Mündungen der Täler Der Wagen rollte in einen wohlgehegten
Forst gedrängte Föhren und Fichten schlossen eine Weile die Aussicht als die
Straße wieder ins Freie führte durch Rasenflächen und Baumgruppen lag das
Schloss gerade vor den Augen des Gelehrten Ein mächtiger alter Turm mit Zinnen
gekrönt ragte aus niedrigem Gehölz über ihm stand die Sonne des Nachmittags und
malte lange Regenstreifen in den Dunst der Luft Das braune Mauerwerk hob sich
in der einsamen Landschaft wie der letzte Pfeiler eines zertrümmerten
Riesenbaues nur an der hellen Steinfassung der wohlgefügten Fenster erkannte
man dass es wohnliche Räume enthielt An den Turm gelehnt stieg das kleine
Schloss herauf mit steilem Dach und spitzbogigen Fenstern in seiner mäßigen
Größe ein seltsamer Genosse des gewaltigen Turmbaues Aber trotz dem
Missverhältnis der verbundenen Teile war das Ganze ein stattlicher Überrest des
Mittelalters vielen Geschlechtern hatten die festen Mauern zu Schutz und Wehr
gedient
Wilder Wein sandte seine Ranken bis auf das Dach des Hauses und um die
Fenster des Turmes welcher in sieben Stockwerken aufstieg durch starke
Strebepfeiler gestützt In der Höhe wuchs Quendel und Gras aus den Fugen des
verwitterten Steins aber die Grashalme welche noch vor wenig Tagen den Grund
bedeckt hatten waren ausgerissen Hofraum und Türen hatten sich für die neuen
Bewohner festlich geschmückt Blumentreppen und Topfgewächse waren reichlich
aufgestellt Nur an einer Ecke war die schnelle Arbeit nicht beendet der
grünliche Schimmer am Boden und ein Schwarm schwarzer Vögel der um die Zinne
des Turmes flatterte gaben Zeugnis dass der Bau leer von Menschen in einsamer
Landschaft gestanden hatte
Der Professor sprang aus dem Wagen der Marschall winkte ihm von der Rampe
Grüße zu und führte ihn selbst in das einfache Gastzimmer Kurz darauf leitete
er ihn durch einen gewölbten Gang des Schlosses in den Turm Die Prinzessin
stand von einem Spaziergang zurückgekehrt den Sommerhut in der Hand am
Eingang des Turmes »Willkommen in meiner Solitude« rief sie dem Gelehrten
entgegen »glücklich sei die Stunde in welcher dies alte Haus Ihnen die Türen
öffnet Hier stehen Sie an der Pforte meines Reiches ich habe mich fast in
jedem Stockwerk des Turmes angesiedelt er ist unser Frauenzwinger Wenn diese
feste Eichentür verschlossen wird können wir Frauen ein Amazonenreich gründen
und die ganze Männerwelt soweit sie hier sichtbar wird gefahrlos mit
Tannzapfen bewerfen Denn dies ist die Frucht welche hier am besten gedeiht
Kommen Sie Herr Werner ich führe Sie der Stätte zu auf welcher Ihre Gedanken
jetzt mehr verweilen als bei uns Kindern der Gegenwart«
Eine steinerne Wendeltreppe verband die Stockwerke des Turms jedes
enthielt Zimmer und Kabinette nur das höchste war Bodenraum Die Prinzessin
wies geheimnisvoll die Treppe hinauf »Dort oben unter der Plattform ist Alles
vollgestopft mit altem Hausrat Ich konnte schon gestern der Neugierde nicht
widerstehen einmal in die Kammern zu blicken es liegt in wirrem Haufen
durcheinander wir werden Arbeit haben«
Der Professor sah freudig auf das wohlerhaltene Steinwerk der bogigen Türen
und auf die kunstvolle Arbeit des alten Schlossers Es war in neuer Zeit wenig
getan um den alten Schmuck der Wände ansehnlich zu machen und kleine Schäden
zu bessern Aber wer Anteil nahm an Meissel und Schnitzmesser der alten
Bauherren der erkannte überall mit Behagen dass der Turm leicht zu einem
Prachtstück alten Stils geformt werden konnte Der Diener öffnete die Tür zu
den Zimmern der Prinzessin Auch diese waren einfach hergerichtet die
zerschlagene Glasmalerei der kleinen Fenster war durch bunte Scheiben kunstlos
ausgebessert nur Bruchstücke der alten Bilder hafteten in dem Blei
»Hier ist noch viel zu tun« erklärte die Prinzessin »das soll in den
nächsten Jahren allmählich geschehen«
Im Vorzimmer klirrten die Schlüssel des Kastellans der Professor wandte
sich nach der Tür »Einen Augenblick Geduld« rief die Prinzessin sie flog in
ein Nebenzimmer und kehrte in einem hellen Mantel mit Kappe zurück der sie
faltig umhüllte nur das feine Antlitz war sichtbar die großen strahlenden
Augen und der lächelnde Mund »Das ist die Gnomentracht in der ich den
staubigen Geistern des Bodens zu nahen wage«
Sie stiegen zu dem höchsten Stockwerk hinauf Während der Kastellan am
Gebund den Schlüssel suchte befühlte der Professor das Holz der Tür und
bemerkte gemessen »wieder schöne Schlosserarbeit« Aber sein Auge fuhr unruhig
an den Umrissen der Tür umher
»Ich hoffe« sagte die Prinzessin leise
»Alles sieht hoffnungsvoll aus« versetzte der Gelehrte
Die dicke Tür ächzte in ihren Angeln Ein großer Raum öffnete sich dem
suchenden Blick Durch enge Mauerluken fiel ein scharfes Licht auf die
geheimnisvolle Stätte in dem eindringenden Luftstrom wirbelten die Atome des
Staubes davor und dahinter dämmrige Dunkelheit Hochgetürmt
ineinandergeschoben lag hier alter Hausrat riesige Schränke mit ausgebrochenen
Türen plumpe Tische mit Kugeln am Ende der Beine Stühle mit geradliniger
Lehne und Lederpolstern aus denen das Rosshaar quoll dazwischen Bruchstücke
alter Waffen Hellebarden zerfressene Schienen verrostete Helme Undeutlich
ragten die Formen durcheinander Stuhlbeine Holzplatten mit eingelegter Arbeit
eine Rundung von altem Eisen Es war ein trödelhaftes Gewirr künstlicher Gebilde
aus mehren Jahrhunderten Die Hand berührte den Tisch an welchem ein
Zeitgenosse Luthers getrunken hatte der Fuß stieß an einen Schrein dem Kroaten
und Schweden die Tür ausgeschlagen auf dem weisslackirten Sessel mit dem
verschossenen Sammetpolster hatte einst ein Hoffräulein gesessen im Reifrock
mit gepudertem Haar jetzt ruhten sie zusammengeschichtet in wüstem Haufen die
abgetanen Hülsen früherer Geschlechter halbzerstört und ganz vergessen leere
Puppengehäuse aus denen die Schmetterlinge geflogen waren Alles lag mit
graulicher Leichendecke überzogen mit dem letzten Schutt des geschwundenen
Lebens Zu Pulver zerrieben kräuselte sich in der Luft was einst Form und
Körper war feindlich ballte der Staub seine Wolken gegen die Eintretenden
welche kamen an seinem Besitztum zu rühren das er mit dicken Lagen überzog
er hing sich an Haare und Kleider des neuen Lebens und quoll langsam durch die
geöffnete Tür hinab den Räumen zu wo bunte Farbe und glänzender Schmuck die
Menschen umgab um auch dort den endlosen Kampf der Vergangenheit gegen das Neue
zu führen den stillen Kampf der sich täglich erneut im Großen wie im Kleinen
der Neues alt macht und Altes auflöst um zuletzt die Keime jungen Lebens
hilfreich zu nähren
Der Professor sah wie ein Falk zwischen Tisch und Stuhlbeinen in den
dämmerigen Hintergrund »Hier ist vor Kurzem geräumt worden« sagte er »über
die vorderen Möbel ist gefegt«
»Ich habe gestern versucht ein wenig zu säubern« sagte der Kastellan
»weil Ihre Hoheit den Wunsch aussprach hier einzutreten aber wir sind nicht
weit gekommen«
»Haben Sie das Gerät des Raumes früher einmal durchsucht« frug der
Professor
»Nein« erwiderte der Mann »ich bin erst im vorigen Jahre durch des
Fürsten Hoheit hierher versetzt«
»Besteht ein Verzeichnis der Sachen«
Der Mann verneinte
»Wissen Sie dass Kisten oder Truhen hier stehen«
»Ich meine dergleichen bemerkt zu haben« antwortete der Kastellan
»Holen Sie die Arbeiter das Gerät hinauszuschaffen« befahl die
Prinzessin »Heut wird jedes Stück dieses Bodens betrachtet«
Der Kastellan eilte hinab der Professor suchte wieder durch die
aufgetürmten Massen zu spähen aber das grelle Licht in der Höhe blendete die
Augen Er sah auf das Fürstenkind sie stand im hellen Gewande an der Tür wie
die Fee des Schlosses welche in die Wohnung der altbärtigen Hausgeister
gestiegen ist ihre Huldigungen entgegen zu nehmen
»Es wird eine lange Arbeit und Ew Hoheit werden sich an dem Umherschleppen
der staubigen Möbel nicht erfreuen«
»Ich bleibe bei Ihnen« rief die Prinzessin »Ist der Anteil den ich an
dem Funde haben kann auch winzig klein ich will ihm doch nicht entsagen«
Beide schwiegen der Gelehrte rückte ungeduldig über den Stühlen In der
Staubwolke flatterten Motten auf und eine Mauerschwalbe flog aus dem Nest das
sie an der Fensterluke gebaut hatte Alles war still nur ein leises Klopfen
klang regelmäßig wie der Pendelschlag der Uhr in dem wüsten Raum
»Das ist die Totenuhr« flüsterte die Prinzessin
»Der Holzwurm tut seine Arbeit im Dienst der Natur er löst was abgelebt
ist in seine Elemente«
Es wurde still im Holz Nach einer Weile tickte der Wurm wieder darauf ein
zweiter sie hämmerten und nagten emsig dahin dahin hinab Über den Häuptern
der Suchenden aber krächzten die Dohlen und aus der Tiefe zog leise der Gesang
einer Nachtigall in das eifrige Schaffen der Totengräber
Die Arbeiter kamen sie trugen ein Stück des Gerätes nach dem andern auf
Vorraum und Treppe Dichter wirbelte der missfarbige Staub die Prinzessin
flüchtete sich in den Vorsaal der Professor aber verließ nicht seinen Posten
Er griff selbst zu hob und rückte in der vordersten Reihe Er trat einen
Augenblick an die Tür Atem zu holen lachend empfing ihn die Prinzessin »Sie
sind verwandelt als hätten auch Sie in der Kammer dieser Auferstehung geharrt
Und mir geht es wie ich merke nicht besser«
»Ich sehe eine Truhe« meldete der Professor und eilte zurück Noch ein
wirrer Knäuel von Stuhlbeinen und Lehnen wurde abgehoben dann fassten die
Arbeiter einen kleinen Kasten welcher im Dunkeln stand »Setzt hin« rief der
Kastellan und fuhr schnell mit dem großen Borstbesen darüber Das Gefäß wurde an
das Licht getragen es war eine Truhe von Kienholz mit gewölbtem Deckel die
Oelfarbe des Anstrichs an vielen Stellen geschwunden an den Ecken eiserne
Beschläge ein rostiges Schloss das den Schliesshaken festhielt aber locker im
Holze hing Auf dem Deckel der Kiste war verstäubt und abgerieben eine 2 in
schwarzer Farbe sichtbar Der Professor ließ die Kiste zu den Füßen der
Prinzessin niedersetzen Er wies auf die Ziffer »Dies ist wahrscheinlich eine
der Truhen die der Beamte von Rossau nach dem Schloss Solitude geschickt hat«
sagte er mit erkünstelter Ruhe aber seine Stimme bebte Die Prinzessin kauerte
neben ihm nieder und versuchte den Deckel zu heben das Schloss löste sich aus
dem Holz die Kiste ging auf
Oben lag ein dickes Buch in Pergament gebunden Schnell wie der Löwe nach
seiner Beute fuhr der Professor danach aber legte es sogleich wieder hin Es
war ein altes Messbuch auf Pergament geschrieben die Deckel schadhaft und
zerrissen die Lagen des Pergaments hingen locker am Bande Er griff wieder in
die Kiste ein zerrissenes Jagdnetz füllte den übrigen Raum außerdem einige
schadhafte Armbrüste ein Bündel Bolzen kleines Eisenwerk Er erhob sich seine
Wange war entfärbt aber sein Auge glühte »Das ist die zweite Nummer wo ist
die erste« rief er Er sprang in den Raum zurück die Prinzessin folgte
»Vorwärts ihr Männer« befahl er »holt die andere Truhe« Die Männer hoben und
räumten »Dort steht noch etwas« rief einer der Arbeiter der Professor eilte
vor ihm zur Stelle hob und zog es war nur ein leerer Kasten
Die Arbeit ging fort Auch den Hofmarschall hatte die Neugierde
herbeigetrieben er musterte eifrig die alten Möbel und ließ zusammenstellen
was nach seiner Ansicht noch ausgebessert und im Schloss aufgestellt werden
mochte Die Treppe füllte sich mit Hausrat auch ein Zimmer der Dienerinnen
wurde geöffnet und mit alten Sachen besetzt Eine Stunde war verronnen der Raum
wurde leerer die Sonne stand tief ihre Strahlen malten das Bild der Mauerluke
rot an die entgegenstehende Wand die andere Kiste fand sich nicht »schafft
Alles hinaus« rief der Professor »das letzte Holz« Ein Haufen alter Spieße
zerschlagene Gläser und Tonkrüge wurden aus dem Winkel hervorgeholt
abgefallene Tischbeine gesplitterte Fourniere in der Ecke noch ein großer
Zinnkrug der Raum war leer Auf dem Boden lagen zernagte Holzstückchen an
denen der Totenwurm sein Werk bereits getan
Der Professor trat wieder in die Tür »Diese Kammer ist geräumt« sagte er
mit künstlicher Ruhe dem Kastellan »Oeffnen Sie den Nebenraum«
»Ich glaube nicht dass sich darin etwas findet« versetzte der ermüdete
Mann »Dort liegen wohl nur alte Breter und Oefen die früher im Schloss
gestanden haben«
»Hinein« mahnte der Professor
Der Kastellan öffnete zögernd die Tür eine zweite Kammer noch größer
noch weniger einladend bot sich dem Blick russige Kacheln Ziegel und
Schieferplatten lagen berghoch am Eingange darüber hölzernes Rüstzeug das
wahrscheinlich bei der letzten Reparatur des Schlosses gebraucht war
»Mir ist lieb dass ich dies sehe« rief der Hofmarschall »solche Belastung
des Oberstocks ist ungehörig Dies Zeug muss ganz aus dem Turm geschafft
werden« Der Professor war auf einen Berg von Schieferplatten gestiegen und
suchte in der Finsternis nach der andern Truhe aber das Chaos war wieder zu
groß
»Ich lasse sogleich aufräumen« tröstete der Hofmarschall »aber das mag
längere Zeit dauern wir kommen heut schwerlich zu Ende«
Der Professor sah bittend auf die Prinzessin »Nehmen Sie mehr Leute« rief
sie
»Auch darüber vergeht die letzte Tageszeit« bemerkte der Hofmarschall
verständig »Wir sehen wieweit wir kommen In jedem Fall soll der Herr
Professor morgen bei guter Zeit den Zugang gebahnt finden«
»Unterdes schütteln wir den ersten Staub von unsren Gewändern« sagte die
Prinzessin »und treten in meinem Bibliotekzimmer ab es liegt gerade unter
uns Sie können von dort die Arbeit der räumenden Leute überwachen Die Truhe
schaffen wir zu meinen Büchern Ich nehme sie mit mir und ich erwarte Sie« Zwei
Männer trugen die gefundene Nummer 2 in die Bibliothek widerwillig ging der
Professor nach seiner Stube sich umzukleiden
Die Prinzessin schritt den Gelehrten erwartend über den Teppich auf
welchen die alte Truhe gestellt war Nicht mit freiem Herzen sah sie dieser
Zusammenkunft entgegen sie barg in ihrer Seele einen Wunsch und einen Auftrag
Ihr Abschied vom Fürsten war diesmal freundlicher gewesen als seit Jahren der
Herr hatte sie vor dem Aufbruch in ein Seitenzimmer geführt und zu ihr über
Werner gesprochen »Du weißt dass man dem ehrlichen Bergau nicht allzuviel
überlassen darf mir wäre lieb wenn auch du etwas dazu tätest den Gelehrten
in unserer Nähe zu halten Ich habe mich in dieser kurzen Zeit an ihn gewöhnt
und würde die anregenden Stunden ungern missen Aber ich denke nicht an mich
allein Ich werde älter deinem Bruder wäre gerade ein solcher Mann für sein
ganzes Leben von höchstem Wert ein Mann in voller Kraft der gegenüber unsrem
zerstreuenden Treiben immer gesammelt und sicher in seinen Interessen steht Das
Verständnis dafür wünsche ich euch beiden erhalten und gesteigert auch dir
Sidonie Ich habe mit besonderer Genugtuung gesehen wie warm die Empfindung
ist mit welcher du die Studien unserer gelehrten Männer begleitest Deine Seele
wird durch das Zwitschern der artigen Vögel welche uns umgeben nicht
hinreichend unterhalten gerade dir mag einige Nachhilfe von kundiger Seite eine
edlere Auffassung der Welt öffnen Suche diesen Mann zu gewinnen jede Art von
lästiger Verpflichtung soll ihm erspart bleiben was jetzt etwa seine Stellung
unsicher macht hebt sich von selbst sobald er bei uns eingebürgert ist Ich
fordere nicht dass du mit ihm sprichst ich wünsche es nur und ich möchte dir
den Glauben beibringen dass ich dabei auch an deine Zukunft denke«
Ohne Zweifel war das der Fall
Die Prinzessin hatte die Worte des Vaters mit der stillen Kritik gehört
welche diese beiden Blutsverwandten gegenseitig auszuüben gewöhnt waren Aber
der Ton den die feine Zunge des Fürsten in ihre Seele sandte klang diesmal so
voll in ihr wieder dass sie ihre Bereitwilligkeit aussprach mit Herrn Werner zu
reden
»Wenn du etwas dergleichen unternimmst« hatte der Fürst zuletzt gesagt »so
tue es nicht halb Benütze den milden Einfluss den du etwa auf ihn ausüben
kannst lass zu festem Wort und Versprechen werden was der Gelehrte uns zu
bewilligen geneigt ist«
Jetzt dachte die Prinzessin unruhig dieser Worte Ach sie hätte dem werten
Mann gern denselben Wunsch aus eigenem Herzen an das seine gelegt und sie
empfand ein Missbehagen darüber dass ihr geheimer Gedanke auch Wille eines Andern
war
Der Professor trat in die Bibliothek der Prinzessin er sah flüchtig auf die
Gipsabgüsse und Bücher welche frisch ausgepackt und ungeordnet umherstanden
»Schwer trägt sich die Erwartung« sagte er »wenn sie so heftig aufgeregt ist
Man könnte lachen über den höhnischen Zufall der uns einen Bruder
entgegengetragen an welchem nichts liegt und den andern vorentält der
unermesslich wichtig wäre«
Die Prinzessin wies mit der Hand nach der Tür draußen auf der Treppe klang
der Tritt tragender Leute »Nur noch kleine Geduld ists nicht mehr heut dann
morgen in der Frühe«
»Morgen« rief der Professor »dazwischen liegt eine Nacht Unterdes pocht
unablässig der Wurm arbeiten die Kräfte der Zerstörung Zahllos sind die
Möglichkeiten welche uns von einer Hoffnung scheiden sicher ist nur der
Erwerb den wir in der Hand halten« Er betrachtete die Truhe »Sie ist weit
kleiner als ich wähnte wie zufällig lag das Messbuch darin noch ist nicht
einmal ganz sicher woher sie stammt und noch ist sehr zweifelhaft was in der
andern Kiste verborgen liegt«
Die Prinzessin öffnete den Deckel »Unterdes halten wir uns an das Wenige
das wir gefunden« Sie hob den Pergamentband heraus und legte ihn in die Hand
des Gelehrten Einzelne Blätter glitten abwärts der Professor griff danach
sein Auge zog sich zusammen er sprang an das Fenster »Zwei Blätter welche
nicht hineingehören« Er las »Ein Stück der Handschrift ist gefunden« rief er
Er hielt der Prinzessin die Blätter hin seine Hand zitterte und die
Erschütterung arbeitete so heftig in seinem Antlitz dass er sich abwandte Er
eilte an den Tisch und suchte in dem Messbuch Seite für Seite schlug er heftig
um vom Anfang bis zum Ende Die Prinzessin hielt die Blätter erwartungsvoll in
der Hand sie trat zu ihm als er das Haupt erhob sah er zwei große Augen in
zärtlichem Mitgefühl auf sich geheftet Wieder ergriff er die beiden Blätter
»Was ich hier halte« rief er »ist zugleich wertvoll und trostlos man möchte
weinen dass es nicht mehr ist es ist ein Bruchstück aus dem sechsten Buch der
Annalen des Tacitus das wir bereits einmal in anderer Handschrift besitzen
Dies waren zwei Blätter einer Pergamentlage zwischen denen mehre verloren sind
Die Schrift ist wohlerhalten besser als ich gedacht hatte sie ist den Zügen
nach im zwölften Jahrhundert von einem Deutschen geschrieben« Er suchte im
Licht der Abendsonne schnell nach dem Inhalt Die Prinzessin blickte über seine
Schulter neugierig auf die dicken Buchstaben der Mönchshand »Es ist richtig«
fuhr er ruhiger fort »der Fund ist von hohem Interesse Es wird lehrreich sein
diese Handschrift mit der einzigen vorhandenen zu vergleichen« Er sah wieder
nach »Ob es eine Abschrift ist« murmelte er »vielleicht weisen beide auf
gemeinsame Quelle Also auch die Handschrift welche wir suchen muss zerrissen
sein diese Blätter sind herausgefallen und vielleicht während des Einpackens in
ein falsches Buch geschoben Noch ist Manches rätselhaft aber die Tatsache
scheint fest zu stehen wir halten hier einen Überrest der Handschrift von
Rossau und dieser Fund darf eine Bürgschaft sein dass auch das Übrige nahe
Wieviel« fuhr er finster aus »und in welchem Zustande« Wieder hörte er
unruhig auf den Tritt der Männer welche die Kammer räumten Er stürmte aus dem
Zimmer die Treppe hinan aber er kehrte nach wenigen Augenblicken zurück »Das
geht langsam« sagte er »noch ist nichts zu sehen«
»Ich weiß gar nicht ob ich wünschen darf dass es schnell gehe« rief die
Prinzessin munter aber ihr Auge strafte den lachenden Mund Lügen »Wissen Sie
auch dass ich uneigennützig bin wenn ich Ihnen helfe die Handschrift zu
finden Solange Sie suchen gehören Sie uns Haben Sie den Schatz gehoben dann
ziehen Sie sich in ihr unsichtbares Reich zurück und uns bleibt das Nachsehen
Ich habe Lust die übrigen Kammern des Hauses vor Ihnen zu verschließen und nur
Jahr um Jahr eine zu öffnen bis Sie sich ganz zu uns gewöhnt haben«
»Das wäre grausam nicht nur gegen mich« versetzte der Professor
Die Prinzessin trat ihm gegenüber »Ich spreche nicht eitle Worte« sprach
sie schnell in verändertem Tone »Der Fürst wünscht dass Sie sich bei uns
ansiedeln Bergau hat Auftrag über Äußerlichkeiten welche Ihren Entschluss
nicht bestimmen werden mit Ihnen zu verhandeln Wenn ich dieselbe Bitte
ausspreche so folge ich meinem eignen Herzen«
»Sehr unerwartet tritt diese Forderung an mich« entgegnete der Gelehrte
erstaunt »Mein Brauch ist dergleichen still und in verschiedenen Stimmungen zu
erwägen ich bitte Ew Hoheit in dieser Stunde keine Antwort zu fordern«
»Ich kann Sie Ihnen nicht ersparen« rief die Prinzessin »Denn ich möchte
in meiner Weise selbst um Sie werben Sie sollen Amt und Tätigkeit sich hier so
frei wählen als unsere Verhältnisse gestatten man will Sie in aller Weise
auszeichnen und jeden Wunsch dessen Befriedigung in der Macht des Fürsten
steht erfüllen«
»Ich bin Universitätslehrer« erwiderte der Professor »ich bin es mit
Freude nicht ohne Erfolg Mein ganzes Wesen der Gang meiner Bildung weisen
mich auf diesen Beruf Die Rechte und Pflichten welche mein Leben umschließen
halten mich mit festen Banden Ich habe Schüler ich stehe mitten in dem Werk
das ich in ihre Seelen schreibe«
»Sie werden nirgend Schüler finden die Ihnen treuer ergeben sind und wärmer
an Ihnen hängen als meinen Bruder und mich«
»Ich bin kein Lehrer der auf die Dauer einen Fürsten zu fördern vermag ich
bin gewöhnt an den strengen Gang meiner Wissenschaft und die stille Arbeit unter
meinen Büchern«
»Der letzte Teil Ihrer Tätigkeit wenigstens geht hier der Welt nicht
verloren Gerade hier sollen Sie Musse finden vielleicht mehr als unter Ihren
Studenten«
»Das neue Leben würde mir neue Pflichten bringen« antwortete der Professor
»und als Mann müsste ich sie mir fordern Es würde mir auch Zerstreuung bieten
an welche ich nicht gewöhnt bin Sie laden sich einen Mann den Sie für fest
halten wohl er steht fest in seinem Kreise es besteht keine Bürgschaft dafür
dass er Ihnen in anderm Leben ebenso erscheinen werde Vertrauen Sie nicht dass
ich Ruhe und Sammlung wie Sie der Arbeiter bedarf mir in veränderter Stellung
bewahrte und mein Missbehagen über innere Störungen würde auch meiner Umgebung
fühlbar sein Schmeichelnd tönt der neue Ruf mir in das Ohr Aber selbst wenn
ich hier für mein Haus und meine Privatverhältnisse Alles hoffen dürfte was dem
Leben Behagen gibt ich müsste doch da verharren wo ich meiner Persönlichkeit
nach am besten nütze Ich habe heut die Überzeugung nicht dass mir dies hier
gelingen würde«
Die Prinzessin sah betrübt vor sich hin Immer noch klangen von draußen die
Tritte der Männer welche die Handschrift von aufgehäuftem Schutt befreiten
»Und doch« fuhr der Professor fort »wenn uns das Glück wird die
Handschrift zu finden so werden viele Tage vielleicht viele Jahre meines
Lebens durch eine neue Aufgabe in Anspruch genommen welche so groß ist dass ich
dann meine Amtstätigkeit als eine Last empfinden dürfte Dann hätte ich das
Recht zu fragen in welcher Umgebung ich für dieses Werk am besten gefördert
werde Für diesen Fall würde mir auch das Recht zu Teil die Akademie für
längere Zeit zu verlassen Finde ich nicht so wird mir doch sehr schwer werden
von hier zu scheiden meine Seele wird noch lange ruhelos um diese Stätte
schweben«
»So lasse ich Sie nicht frei« rief die Prinzessin »ich höre nur die Worte
Pflicht und Pergament Gilt Ihnen denn gar nichts die Neigung welche wir Ihnen
entgegentragen Vergessen Sie in diesem Augenblick dass ich eine Frau bin und
betrachten Sie mich als einen warmherzigen Knaben der hingebend zu Ihnen
aufsieht und der nicht ganz unwert ist dass Sie an seiner Seele Anteil
nehmen«
Der Professor sah auf den Schüler der vor ihm stand und kein Weib sein
wollte Die Fürstin hatte nie verführerischer ausgesehen er blickte auf die
geröteten Wangen auf die Augen welche so herzlich an seinem Antlitz hingen
und auf die roten Lippen die vor innerer Bewegung zuckten »Meine Schüler
sehen sonst anders aus« sagte er leise »und sie sind gewöhnt strengere Kritik
auch an ihrem Lehrer zu üben«
»Ertragen Sie einmal« rief die Prinzessin »dass Sie in einem empfänglichen
Gemüt reine Bewunderung finden Ich habe Ihnen früher gesagt wie wertvoll mir
ist Sie zu kennen ich bin keine Kaiserin welche ein Reich regiert und ich
will Ihre Kraft nicht verwenden für meine Geschäfte Aber ich würde für ein
hohes Glück halten Ihrem Geiste nahe zu sein die edlen Worte aus Ihrem Munde
zu hören Ich fühle die Sehnsucht das Leben mit den klaren Augen eines Mannes
anzusehen Sie haben mir leicht wie spielend Rätsel gelöst die mich quälten
und Fragen beantwortet mit denen ich seit Jahren rang Herr Werner Sie haben
sich mir gütig zugeneigt wenn Sie von hier gehen werde ich da wo ich jetzt am
liebsten weile mich vereinsamt finden Wäre ich ein Mann ich zöge Ihrer Lehre
nach ich bin hier gefesselt und ich winke Sie zu mir«
Hingerissen lauschte der Gelehrte auf die weiche Stimme welche so innig zu
überreden wusste
»Ich bitte nicht für mich allein« fuhr die Prinzessin näher tretend fort
»auch mein Bruder bedarf eines Freundes Ihm wird einst die Aufgabe für Viele
zu sorgen Was Sie an seinem Geiste tun das gereicht Andern zum Heil Wenn ich
aus der Gegenwart mich träume in die Zukunft unseres Hauses dieses Landes so
fühle ich stolz dass wir Geschwister eine Ahnung von dem haben was unsere Zeit
von ihren Fürsten fordert und ich fühle den Ehrgeiz dass wir beide uns vor
Andern würdig dieses hohen Berufes erweisen Ich hoffe in meiner Heimat ein
neues Leben entfaltet den Bruder und mich umgeben von den besten Geistern
unseres Volkes was ein guter Fürst zu spenden vermag reiche Einfassung eines
wohlbefestigten Daseins das sehe ich tüchtiger Geisteskraft zugeteilt So
leben wir verständig und ernstaft wie unsere Zeit verlangt miteinander es
soll kein lustiger Hof werden in altem Stil aber es soll ein herzlicher Verkehr
sein zwischen dem Fürsten und dem Geist der Nation Das wird uns freier und
besser machen es mag auch dem Ganzen zu gut kommen es kann noch späteren
Zeiten eine frohe Erinnerung sein Wenn ich mir solche Zukunft denke dann Herr
Werner sehe ich Sie als lieben Gefährten unseres Lebens und der Gedanke macht
mich stolz und glücklich«
Die Sonne sank ihr letzter Strahl fiel glühend auf die Fürstin und das
Haupt des Mannes Süss tönte das Lied der Nachtigall im Fliederbusch der
Gelehrte stand schweigend der schönen Frau gegenüber welche ihm das Leben so
rosig malte ihm pochte das Herz und seine Kraft ward klein Wieder sah er nahe
vor sich zwei strahlende Augen und noch einmal tönten die bittenden Worte
»Bleiben Sie bei uns« ihm mit hinreissendem Zauber in das Ohr
Da rauschte es leise an der Prinzessin nieder die Blätter der Handschrift
welche sie berührt hatte fielen auf den Boden Der Professor bückte sich
danach und schnellte in die Höhe »Ew Hoheit sehen mit fröhlichem Blick in die
Zukunft« begann er weich »mein Auge ist gewöhnt die einzelnen Zeilen in der
Schrift vergangener Zeit zu lesen Hier liegt meine nächste Aufgabe um diese
Blätter flattern meine Träume Ich bin nur ein Mann der Schreibstube und ich
werde weniger wenn ich mehr zu sein fordere Ich weiß dass ich Vieles entbehre
in dieser Stunde wo das leichtbeschwingte Leben so schön vor mir glänzt fühle
ich dies tiefer als je Aber mein bestes Glück muss sein dass ich aus stillen
Wänden in andere Seelen senke was dort zur Blüte und Frucht wird Und meine
größte Belohnung muss sein dass ein Anderer in guten Stunden wo er sich der
eigenen Tüchtigkeit bewusst wird mit flüchtiger Erinnerung auch des entfernten
Lehrers denkt seines Lehrers der nur einer war unter Tausenden die ihn
gebildet haben nur ein einzelner Säemann auf den unabsehbaren Feldern unserer
Wissenschaft«
So sprach der Gelehrte Aber als er mit mühsam erkämpfter Haltung sagte was
wahrhaft und ehrlich war da dachte er nicht allein an die Wahrheit und nicht
allein an den Schatz den er suchte sondern an den größeren den er verlassen
um mit der schönen Fee des Turmschlosses auf die Jagd zu ziehen Er hörte die
flehenden Worte »Geh nicht Felix« und sie waren ihm eine Mahnung zu guter
Stunde »Wenn ich zu ihr kehre wird sie wohl mit mir zufrieden sein« sann der
Arglose Es wurde ihm erspart sie darum zu fragen
Unten rollte schnell ein Wagen heran der meldende Diener nahte dem Zimmer
»So starr Ihr Wille so fest Ihr Sinn« rief die Prinzessin leidenschaftlich
»Aber auch ich bin eine hartnäckige Mahnerin ich setze meine Werbung fort Herr
Werner Krieg zwischen uns beiden Auf Wiedersehen zum Abend« Sie eilte die
Stufen hinab Das Abendlicht schwand hinter einer finsteren Wolkenwand der
Wasserdampf schwebte in langen Streifen über die Wiesen und hing sich an die
Wipfel der Bäume und um die Mauern des Turmes flogen krächzend die Dohlen
Oben knarrte die Tür der Kammer der Kastellan rasselte mit den Schlüsseln
während der Gelehrte liebevoll auf die Blätter sah welche er in der Hand hielt
10
Ilses Flucht
Ilse war am Morgen dieses Tages von dem Abschiedsgruss des Gatten erwacht sie
saß an ihrem Lager und horchte auf die rollenden Räder »Das war eine bangsame
Nacht« sagte sie »nach den Tränen und der Angst kamen die Träume Ich hing
über einem Abgrund tief unten im Nebel rauschte ein Wassersturz Felix hielt
mich von oben an einem Tuch seine Kraft ließ nach ich fühlte das an dem Tuche
aber ich hatte im Traume keine Sorge es war mir lieb dass Felix mich losliess
und nicht mit mir hinabsank Schwebe in Frieden abwärts mein Traum zu deiner
Pforte von Elfenbein du warst ein guter Traum denn sonst habt ihr einen Hang
zum Schlechten und manchmal muss man sich euer schämen«
»Er fährt dahin und ich bin allein Nein mein Felix du weilst bei mir
auch wenn ich deine Stimme nicht höre Ich war gestern heftig gegen dich das
tut mir sehr leid Ich trage dich doch in mir herum ganz nach deiner Lehre vom
Geist des Menschen der in den Andern übergeht Das Stück Felix welches ich in
mir bewahre wollen wir heut in Ehren halten und still ausdauern in dem
hässlichen Hause«
Sie öffnete die Vorhänge »Es wird wieder ein trüber Tag die Finken sitzen
schon am Fenster und schreien nach der säumigen Frau die heut das Frühstück
ihrer Kleinen verschlief Draußen blüht es und die großen Blätter des
Rhabarbers blähen sich vor Behagen in der feuchten Luft Dem Vater aber muss des
Regens zu viel werden die Saat leidet Nicht Jedem kann es der liebe Gott
zugleich recht machen begehrlich sind wir alle«
»In der Heimat schwatzen sie über mich Die Nachbarin sagte nicht das
Aergste was sie wusste Dergleichen bin ich nicht gewohnt Als ich das Weib
meines Felix wurde da meinte ich enthoben zu sein über jede Niedrigkeit der
Erde jetzt aber fühle ich die Stiche in meiner Seele«
Sie hielt die Hand über die Augen »Keine Träne heut« rief sie
aufspringend »Wenn die Gedanken mir wild umherziehen ich will mir selbst
beweisen dass auch ich etwas von einem Gelehrten habe ich will ruhig auf mein
eigens Herz sehen und sein Pochen stillen durch kluges Nachdenken Als er zuerst
zu uns kam und der schöne Inhalt seiner Rede mich aufregte da verfolgte mich
sein Bild in meine Kammer ich nahm ein Buch aber ich wusste nicht was ich las
ich ergriff eine Rechnung aber ich konnte nicht mehr zusammenzählen ich
merkte dass es stürmisch in mir werden wollte Und es war doch ein Unrecht so
an einen Mann zu denken der mir derzeit noch ein Fremder war Da ging ich mit
meiner Angst in die Kinderstube räumte allen Geschwistern ihre Sachen auf und
sah nach ob die Knaben etwas zerrissen hatten Ich war damals ein sehr
hausbackenes Ding Ach ich bins immer geblieben ich hoffe heut soll es mir
helfen Ich suche den leichten Kram zusammen Denn mir ist doch als wäre mir
die Reise nahe dafür ist gut wenn Alles gerüstet ist« Sie öffnete Schrank und
Kommode zog ihren Koffer hervor und packte ein
»Wohin« frug sie leise »in die Weite Wie lange ists her da hatte ich
große Flügel wie eine Schwalbe und flog mit meinen Gedanken froh in die Fremde
und jetzt sind dem armen Schwälbchen die Schwingen gelähmt ich sitze allein auf
meinem Zweig ich möchte mich tief verstecken in die Blätter und ich fürchte
mich vor dem Flattern und Schwatzen der Nachbarn« Sie stützte das Haupt müde in
die Hand »Wo soll ich hin« seufzte sie »zum Vater soll ich nicht wie soll
ich jetzt Berge und alte Säulen mit Freude schauen wie kann man ein Herz haben
für die Bilder der Natur und für das Treiben vergangener Völker wenn das eigene
Leben nicht in Ordnung ist«
»Man soll sich immer betrachten als das Kind des ganzen Menschengeschlechts
sagt mein Felix und das Haupt frei halten für den hohen Gedanken dass die
Millionen Gestorbener und Lebender mit uns verbunden sind zu einer
unauflöslichen Einheit Wer aber nimmt mir ab von denen die waren und um mich
sind was mir durch die Seele stürmt und was stets aufs Neue quälend in mir
aufsteigt wer löst mich von der Unzufriedenheit mit mir selbst und von einer
heißen Angst um das Kommende Ach es ist eine Lehre für die großen Stunden des
Menschen wo er ruhig um sich schaut aber die Lehre ist zu hoch für den armen
Gequälten«
Sie nahm die kleine Bibel von dem Schrank welche ihr der gute Pfarrer auf
dem Stein beim Abschied geschenkt hatte und zog sie aus ihrer Kapsel »Ich habe
lange versäumt in dir zu lesen liebes Buch denn wenn ich deine Blätter
aufschlage so fühle ich mich wie ein doppeltes Wesen die alte Ilse wird
lebendig die einst deinen Worten ohne Grübeln vertraute und dazwischen sehe
ich wieder mit den Augen meines Mannes prüfend auf manche Blätter und ich frage
ob auch noch jeder Ausspruch den ich hier finde mein Gedanke sein darf Das
kindliche Vertrauen habe ich verloren und was ich dafür erhalten ich fühle
dass es vor Unsicherheit nicht schützt Auch wenn ich die Hände zusammenlege und
bitte wie ich als Kind gelernt so weiß ich dass ich um nichts bitten darf als
um die Kraft selbst zu überwinden was mir den Mut beschwert«
Der Gärtner trat in das Zimmer heut wie jeden Morgen und bot einen Korb
Blumen welchen der Herr des Schlosses ihr sandte Ilse fuhr auf und wies nach
dem Tisch »Setzen Sie hin« sagte sie kalt ohne den Korb zu berühren Sonst
hatte sie dem Mann oft ihre Freude gezeigt an dem schönen Blütenschmuck den er
gezogen und der Gärtner dem immer weh tat dass die vornehmen Herrschaften
über das Seltenste wegsahn hatte sich an den warmen Anteil der fremden Frau
so gewöhnt dass er jeden Morgen selbst die Blumen brachte und ihr die neuen
Lieblinge des Glashauses nannte Das Beste was er hatte schnitt er für sie ab
»Die Andern merken es doch nicht« sagte er »und sie behält auch die
lateinischen Namen«
Heut setzte er gekränkt den Blumenkorb hin »Es sind neue Pantoffelblumen
dabei« begann er vorwurfsvoll »es ist mein Sortiment Sie sehen diese Arten
nicht wieder« Ilse fühlte das Leid des Gärtners sie trat mit Überwindung an
den Tisch und sagte »Wohl sind sie sehr schön Aber die Blumen lieber Herr
verlangen auch ein leichtes Herz und das fehlt mir jetzt Ich verdiene heut
Ihre Freundlichkeit schlecht seien Sie mir darum nicht böse«
»Wenn Sie nur auf die graugefleckten achten wollen« rief der Gärtner in
Künstlerbegeisterung »diese sind mein Stolz und sonst nirgend in der Welt zu
haben«
Ilse rühmte die grauen »Manches Jahr habe ich mich gemüht« fuhr der
Gärtner fort »ich habe Alles getan um guten Samen zu erhalten immer kam
Gewöhnliches Als ich fast den Mut verloren hatte blühten in einem Jahre alle
die neuen Arten Nicht meine Kunst tat es« fügte er ehrlich hinzu »es ist ein
Geheimnis der Natur sie hat mir das Glück gegeben und die Sorge benommen ganz
auf einmal«
»Sie hatten sich doch darum bemüht und wacker das Ihre getan« antwortete
Ilse »handelt man so dann mag man auch dem guten Geiste des Lebens vertrauen«
Der Gärtner ging beruhigt von dannen Ilse sah auf die Blumen »Auch er der
euch zu mir sandte ist mir zur Angst geworden Und doch war er der Einzige
hier der mir gleichmäßige Freundlichkeit und eine gute Haltung gezeigt hat
Felix hat Recht es ist für uns kein Grund seinetwegen unruhig zu sein Wer
weiß ob er große Schuld hat an den hässlichen Reden die um dieses Haus fliegen
Ich darf ihm nicht Unrecht tun Aber wenn ich seine Blumen betrachte ist mir
jetzt als läge eine Natter darin denn ich weiß nicht ist seine Seele lauter
oder unrein ich verstehe seine Art nicht und das macht unsicher und
argwöhnisch« Sie stieß den Korb weg und wandte sich ab
Das Mädchen welches ihr zur Bedienung übergeben war kam betrübt in das
Zimmer und bat ihr bis morgen Urlaub zu geben weil ihre Mutter auf einem Dorf
in der Nähe schwer erkrankt sei Ilse erkundigte sich gütig nach der Krankheit
gab ihr mit Wünschen und gutem Rat die erbetene Freiheit Das Mädchen schlich
verstört aus der Tür Ilse sah ihr traurig nach »Auch ihr ist das Herz schwer
Es trifft sich gut dass Felix nicht zu Hause ist da kann ich mir allein helfen
Es wird ein stiller Tag werden nach dem Sturm von gestern ist mir das recht«
Wieder klopfte es der Kastellan vom Schloss brachte die Briefe welche ihm
der Postbote auch für den Pavillon abgab Es waren heut Briefe der Geschwister
die den regelmäßigen Verkehr zwischen dem Stein und seiner entfernten Tochter
unterhielten Über das ernste Gesicht von Frau Ilse flog ein Strahl der Freude
»Das ist ein guter Morgengruß« sagte sie »ich will heut meiner Bande
ausführlich antworten wer weiß ob in den nächsten Wochen Zeit dafür ist« Sie
eilte an den Schreibtisch las lachte und schrieb die Angst war von ihr
genommen sie plauderte als frohes Kind in den Redensarten und Gedanken der
Kinderstube Darüber verrannen die Stunden Gabriel trug das Mittagsmahl auf und
ab Als er sie am Nachmittag wieder über die Briefe geneigt fand blieb er
hinter ihr stehen und kämpfte mit sich ob er sie anreden sollte aber da Ilse
so tief in ihre Arbeit versenkt war nickte er vor sich hin und schloss die Tür
Zuletzt schrieb Ilse an den Vater Wieder wurde ihr das Haupt schwer und
aus der Tiefe stieg die Angst und legte sich brennend um ihre Brust Sie sprang
vom Schreibtisch auf und ging heftig durch das Zimmer Da als sie dem Fenster
nahe kam sah sie dass der Herr des Schlosses langsam auf dem Kieswege dem
Pavillon zuschritt
Ilse trat schnell zurück Nicht ungewohnt waren ihr die kurzen Besuche des
Fürsten heut aber blickte sie scheu auf die Wände das Blut schoss ihr zu dem
Herzen sie presste die Hände auf die Brust und rang nach Fassung
Die Tür flog auf »Ich komme zu hören« begann der Fürst »wie Sie die
Einsamkeit dieser Stunden ertragen Auch mein Haus ist geräumt die Kinder sind
von mir gezogen es ist leer unter dem Schiefer des großen Baues«
»Ich habe die Musse benützt mit entfernten Freunden zu verkehren«
antwortete Ilse Sie wollte heut die Namen der Kinder vor dem Fürsten nicht
nennen
»Gehört zu diesen Freunden auch das kleine Volk welches in der Ferne auf
dem Steine umherspringt« frug der Fürst lächelnd »haben die Kinder vom Gute
wieder ihre Wünsche ans Herz gelegt« Er ergriff einen Stuhl und lud Ilse zum
Sitzen ein
Seine Haltung gab auch ihr größere Ruhe er sah in diesem Augenblick aus wie
ein kluger und wohlwollender Mann
»Ja Hoheit« versetzte Ilse »Diesmal aber war meine jüngere Schwester
Luise die eifrigste Briefstellerin«
»Verspricht sie Ihnen ähnlich zu werden« frug der Fürst leutselig
»Sie ist jetzt zwölf Jahr« erwiderte Ilse gehalten »sie hat Gefühle über
Alles und ihre Phantasie fliegt um jeden Strohhalm Es sieht fast aus als ob
sie die Dichterin der Kinderstube sein wollte Ich weiß nicht wie dieser
phantastische Sinn in unsere Wirtschaft gekommen ist Sie erzählt mir in ihrem
Brief eine ganze lange Geschichte die ihr selbst begegnet sei und die doch
nichts ist als ein kleines Märchen das sie irgendwo gelesen hat Denn seit ich
in der Stadt bin sind mehr Märchenbücher auf den Stein gekommen als in meiner
Jugend«
»Wahrscheinlich ist es nur kindliche Eitelkeit« sagte der Fürst freundlich
»welche sie antreibt eine Erfindung für Wahrheit auszugeben«
»So ist es auch« antwortete Ilse lebhafter »Sie will sich im Walde verirrt
haben und als sie einsam unter den Pilzen saß kamen die kleinen Tiere unseres
Hofes die sie sonst füttert die weiße Maus im Käfig das Kätzchen und der
Schäferhund setzten sich um sie und liefen vor ihr her bis sie sich aus dem
Walde fand Die Katze neben der Maus Hoheit das war dumm Diese Geschichte
erzählt sie dreist als Wirklichkeit und fordert mich noch auf sie rührend zu
finden Das wurde doch zu arg ich habe ihr aber auch meine Meinung gesagt«
Der Fürst lachte er lachte von Herzen Es war ein seltener Klang der an
den Wänden des dunklen Zimmers dahinzog und verwundert schaute der Liebesgott
oben auf den lustigen Mann herab »Darf ich fragen welche Kritik dem poetischen
Gemüt zuerteilt wurde« frug der Fürst »In dem Märchen ist doch eine
poetische Idee dass Freundlichkeit welche man Andern erwiesen zur rechten
Stunde wieder vergolten wird Das ist leider nur Dichtereinfall die
Wirklichkeit kennt solche Dankbarkeit selten«
»Man soll auch im Leben nicht auf fremde Hilfe bauen« versetzte Ilse fest
»Und man soll Freundlichkeit Andern nicht erweisen damit sie vergolten wird Es
ist ja besondere Freude wenn ein Ton den man in die Welt gerufen hat als Echo
herzlich zu uns zurückklingt aber man soll nicht darauf vertrauen ein
verirrtes Kind soll tapfer seine fünf Sinne zusammennehmen damit es den Weg zur
Heimat selbst findet Vor Allem aber soll man nicht poetische Einfälle für ein
erlebtes Ereignis ausgeben Darüber gabs wieder Schelte denn Ew Hoheit
Mädchen in diesen Jahren muss man immer zu richtiger Besinnung zwingen sie
verlieren sich leicht in Träumerei«
Der Fürst lachte wieder Wo weilen die klugen Tiere Frau Ilse welche dir
freundlichen Rat geben in deiner Not
»Sie waren zu streng« sagte der Fürst »Auch uns Erwachsenen täuscht die
Hexe Phantasie ewig das Urteil man ängstigt sich ohne Grund und man hofft und
vertraut ohne Berechtigung Wer immer vermöchte das unbefangene Urteil über
die eigene Lage zu bewahren der wäre so frei dass er das Leben schwerlich noch
ertrüge«
»Die Phantasie verwirrt uns« antwortete Ilse umherblickend »aber sie warnt
uns auch«
»Was ist alle Wärme der Empfindung jede Hingabe an andere Menschen« fuhr
der Fürst traurig fort »nichts als ein feiner Selbstbetrug Wenn ich jetzt mir
mit der frohen Empfindung schmeichle dass es mir gelang einen Anteil auch an
Ihrem Herzen für mich zu gewinnen zuletzt ist auch das nur eine Täuschung aber
es ist ein Traum den ich mir sorgfältig erhalte denn er tut mir wohl Mit
einem Genuss den ich lange entbehrt höre ich auf die ehrlichen Worte Ihrer
Stimme und mich peinigt der Gedanke dass ich dies anmutige Behagen je wieder
missen soll Es hat für mich höheren Wert als Sie wohl meinen«
»Ew Hoheit sprechen zu mir wie zu einem recht guten Freunde« entgegnete
Ilse sich hoch aufrichtend »und wenn ich den Ausdruck womit Sie mir dies
Gütige sagen zu Herzen nehme so muss ich glauben dass Ihnen ganz so zu Mute
ist wie Sie reden Mir aber stört jetzt dieselbe Phantasie welche Sie tadeln
und loben auch das Vertrauen welches ich gern zu Ew Hoheit haben möchte Und
ich will darüber nicht schweigen denn mir tut weh nach solchem lieben Wort
etwas gegen Sie auf dem Herzen zu behalten« Sie stand schnell auf »Mir stört
meinen Frieden dass ich in einem Hause wohne welches der Fuß anderer Frauen
meidet«
Der Fürst blickte überrascht auf die Frau welche mit fester Haltung die
innere Unruhe beherrschte »Die Wahrsagerin« murmelte er
»Ew Hoheit wissen so gut welche Dienste die Phantasie tut« fuhr Ilse
schmerzlich fort »Mich hat sie gequält und mir wird schwer in diesem Raum an
die Achtung zu glauben deren Ew Hoheit mich versichern«
»Was hat man Ihnen zugetragen« frug der Fürst mit scharfem Ton
»Was Ew Hoheit aus meinem Munde zu hören nicht verlangen dürfen« versetzte
Ilse stolz »Es ist möglich dass ein Herr vom Hofe über dergleichen
gleichgültiger denkt Das sage ich mir selbst Mir aber hat Unglück gebracht
dass ich hier bin Es ist ein Fleck auf einem sauberen Gewande mein Auge haftet
starr darauf ich wasche ihn weg mit meiner Hand und doch liegt er immer wieder
vor mir denn es ist ein Schatten der von außen darüber fällt«
Der Fürst sah finster vor sich hin »Ich benütze die Ausreden nicht welche
Sie selbst dem Herrn eines Hofes in den Mund legen denn ich fühle in diesem
Augenblicke tief und leidenschaftlich wie Sie dass man Ihnen ein Unrecht getan
Ich habe nur eine Entschuldigung« fuhr er in gehobener Stimme fort »Sie kamen
her mir fremd und wenig ahnte ich welchen Schatz man in meiner Nähe barg
Seitdem haben Sie bei kurzem Gruß und Kommen für mich eine Bedeutung gewonnen
der ich mich widerstandslos hingebe Selten erlaubt mir das Schicksal unverhüllt
zu sagen was ich empfinde Ich scheue mich die hochtrabenden Worte eines
Jünglings zu gebrauchen denn ich will Sie nicht beunruhigen Glauben Sie aber
nicht dass ich gegen Sie weniger stark fühle weil ich meine Bewegung zu
verbergen weiß«
Ilse stand in der Mitte des Zimmers ein flammendes Rot fuhr ihr über die
Wangen »Ich bitte Ew Hoheit kein Wort weiter zu sprechen denn mir ziemt
nicht das zu hören«
Der Fürst lächelte bitter »Schon habe ich Sie verletzt und Sie machen mir
schnell deutlich dass eine Täuschung war wenn ich auf Ihre Neigung hoffte Und
doch bin ich Ihnen gegenüber so arm dass ich Sie bitte Ihr Mitgefühl einer
Leidenschaft nicht zu versagen die so heiß in mir glüht dass sie mir in dieser
Stunde die Herrschaft über mich selbst genommen hat«
Ilse flüsterte vor sich hin »Hinweg von hier«
»Entsagen Sie diesem Gedanken« rief der Fürst in höchster Aufregung »Ich
kann Ihren Anblick den Klang Ihrer Stimme nicht entbehren Wie spärlich er mich
erfreut er ist das Glück meiner Tage in einem Leben ohne Freude und Liebe das
einzige große Gefühl Dass ich Sie mir nahe weiß hält mich aufrecht im Kampfe
gegen Gedanken die mich in düsteren Stunden betäuben Wie der andächtige
Wanderer auf das Glöcklein des Eremiten lauscht so horche ich auf den leisen
Ton der aus Ihrem Leben in das meine klingt Lassen Sie sich die Hingabe des
einsamen Mannes gefallen« setzte er ruhiger bittend hinzu »Ich gelobe Ihr
Zartgefühl nicht mehr zu kränken ich gelobe mich mit dem Anrecht an Ihr Leben
zu begnügen das Sie mir in freier Wahl geben«
»Mich aber reut jedes Wort das ich zu Ew Hoheit gesprochen und mich reut
jede Stunde in der ich ehrfürchtig Ihrer gedacht« rief Ilse in aufloderndem
Zorn »Ich war ein armes gläubiges Kind« fuhr sie außer sich fort »und ich
habe für meinen Fürsten die Hände gefaltet ehe mein Auge ihn gesehen jetzt da
ich ihn kenne graut mir vor ihm und ich raffe mein Kleid zusammen und spreche
Hebe dich weg von mir«
Der Fürst fiel in einen Stuhl »Es ist ein alter Fluch der aus diesen
Wänden in mein Ohr braust es ist nicht Ihre Seele die mich von sich stößt Von
Ihren Lippen soll nur das Wort der Liebe und des Erbarmens kommen Nicht der
Versucher bin ich selbst ein Wanderer in der Wüste nichts um mich als öder
Sand und starrer Fels Und ich höre verschmachtend ein Kinderlachen ich sehe
die blondgelockte Schaar bei mir vorüberziehen ich sehe zwei Augen mit warmem
Gruß auf mich geheftet und eine Hand die dem Müden mit der gefüllten Schale
zuwinkt und wie ein Nebelbild ist Alles verschwunden ich bleibe allein und
ich verderbe« Er schlug die Hände vor die Augen Ilse erwiderte kein Wort sie
stand abgewandt und blickte durch das Fenster nach den Wolken welche flüchtig
am Himmel zogen
Es war still im Zimmer Keines regte sich und Keines sprach Langsam erhob
sich der Fürst er trat vor Ilse wie verglast waren seine Augen und seine
Bewegungen mühsam und gezwungen »Hat Sie verletzt was ich in überströmendem
Eifer sprach so vergessen Sie es Ich habe Ihnen gezeigt dass auch ich noch
nicht frei von der Schwäche lebe vergeblich auf einen verwandten Herzschlag zu
hoffen Denken Sie nur daran dass ich ein Irrender bin der bei Ihnen Trost
gesucht hat es war eine demütige Frage können Sie keine Antwort geben so
zürnen Sie doch dem armen Bittenden nicht« Ein langer Blick fiel auf sie heiße
Leidenschaft tötlich verletzter Stolz und etwas Anderes das der Frau Entsetzen
erregte lag in seinem Auge fest und starr sah auch sie ihm in das Antlitz er
hob warnend den Finger und schritt zur Tür hinaus
Sie lauschte auf die Tritte des Schreitenden sie merkte jede Treppenstufe
die er hinabstieg als sich die Haustür hinter ihm schloss riss sie an der
Klingel
Gabriel der im Vorzimmer gestanden trat schnell herein »Ich will fort von
hier« rief Ilse
»Wohin Frau Professorin« frug der erschrockene Diener
Wohin brauste es in Ilses Ohr
»Zu meinem Mann« rief sie aber als sie die eigenen Worte hörte fuhr sie
zusammen auch er war in einem Hause des Fürsten er war bei der Tochter des
argen Mannes er selbst nicht sicher dort sein Weib nicht sicher bei ihm
Wohin wirbelte ihr im Hirn Beim Vater auf dem Stein war der Sohn des argen
Mannes sie dürfe nicht hinkommen hatte die Nachbarin gesagt Sie senkte
betäubt das Haupt das Gefühl der Hilflosigkeit legte sich centnerschwer auf
sie Aber sie erhob sich wieder und trat nahe zu Gabriel »Ich will dies Haus
verlassen« sagte sie »ich will diese Stadt verlassen noch heut auf der
Stelle« Der Diener rang die Hände »Ich wusste dass es so kommen würde« rief
er
»Sie wussten es« frug Ilse finster »und ich nicht und mein Gatte nicht Lag
denn auf der Straße für Jedermann sichtbar was ihm und mir Geheimnis war«
»Ich merkte dass es hier sehr unheimlich ist« antwortete Gabriel »und dass
Niemand dem vornehmen Herrn traut welcher dort hinausging Wie durfte ich Ihnen
sagen was nur mein einfältiger Gedanke war«
»Es ist nicht gut wenn man sich zu wenig um die Reden der Leute kümmert«
versetzte Ilse »Ich will an einen Ort wo ich eine Frau finde Gabriel
Schaffen Sie mir sogleich einen Wagen und begleiten Sie mich zur Frau
Oberamtmann Wir lassen Alles hier Sie kehren in das Haus zurück damit Sie zur
Stelle sind wenn mein Mann eintrifft«
»Woher soll ich den Wagen nehmen« frug Gabriel zögernd
»Aus der Stadt und nicht aus dem Marstall«
Gabriel stand und überlegte endlich sagte er kurz »Ich gehe Frau
Professorin haben Sie die Güte zu verhindern dass der Lakai nicht zusieht wenn
Sie sich zur Reise bereiten«
»Niemand darf es wissen« rief Ilse heftig Gabriel eilte hinaus Ilse
verriegelte die Tür und flog in das Nebenzimmer Dort suchte sie das
Unentbehrliche für die Reise zusammen Hut und Hülle Sie schloss alle Behälter
und packte die Schlüssel in ein Bund »Wenn Felix kommt soll er nicht sagen
dass ich kopflos entlaufen sei« Sie ging auch an seinen Arbeitstisch und
versiegelte die Briefe in einem Packet »Damit kein neugieriges Auge auf euch
blickt« sagte sie Als sie die Briefe der Kinder und ihre eigenen Antworten
zusammenschloss überfiel sie ein Schauer und sie barg das Bündel schnell unter
den übrigen Schriften Sie war fertig Gabriel kehrte noch nicht zurück er
säumte lange Mit festem Schritt ging sie durch die Zimmer »Fremder seid ihr
mir geworden je länger ich hier weilte Die Pracht des ersten Abends wo ist
sie geblieben Es war ein kalter Glanz feindselig meinem Leben könnte ich jede
Erinnerung an euch aus der Seele reißen es wäre mir lieb« Sie setzte sich auf
die Stelle wo sie in der Nacht über den schlafenden Gatten geblickt »Das war
der letzte traurige Blick auf sein liebes Haupt wann sehe ich es wieder Ich
gehe von dir mein Felix Wer uns das gesagt hätte als wir nebeneinander vor
dem Altare standen Ich lasse dich zurück unter argdenkenden Menschen dich
auch dich in Gefahr und ich gehe allein in die Fremde Rettung für mich zu
suchen weit weg von dir Wer uns das gesagt noch vor wenigen Tagen ich hätte
ihn einen Lügner gescholten in sein Angesicht Ich gehe mein Felix um mich zu
retten für dich denke daran« bat sie vor dem Lager »und zürne mir nicht Um
Kleineres ginge ich nicht« Sie sank an den Kissen nieder und rang die Hände in
tränenlosem Schmerz Lange lag sie so endlich pochte es an der äußern Tür
sie sprang auf und öffnete aber sie fuhr zurück als sie in das bleiche Antlitz
des treuen Dieners sah
»Ich habe keinen Wagen bestellt« sagte Gabriel »denn es würde nichts
nützen«
»Was heißt das« frug Ilse finster
»Der Wagen welcher hier vorfährt würde die Frau Professorin nicht dahin
bringen wo Sie wollen nur dahin wo Andere wollen«
»So gehen wir selbst und nehmen in der Stadt ein Fuhrwerk wie es auch sei«
»Wohin wir gehen« erwiderte Gabriel »werden wir beobachtet wenn ich
einen Wagen rufe wird er wieder abbestellt«
»Sie sind selbst erschrocken Gabriel und Sie sehen Gefahren wo keine
sind« erwiderte Ilse unwillig
»Wenn auch ein ehrlicher Mann Sie zu der Frau Oberamtmann fährt« fuhr
Gabriel fort »so ist doch zweifelhaft ob Sie auf dem Gute ankommen Sehen Sie
den Mann dort unten am Schloss Er geht langsam wie ein Spaziergänger aber er
verwendet kein Auge von diesem Hause Das ist einer von unsern Wächtern und er
ist nicht der einzige«
»Wer hat Ihnen das gesagt« frug Ilse
»Ich habe einen guten Freund hier der zum Schloss gehört« antwortete
Gabriel zögernd »zürnen Sie nicht Frau Professorin dass ich bei ihm anfrug
denn er kennt alle Schliche Es ist ja möglich sagt mir dieser dass es glückt
Denn man kann die Leute in der Stadt doch nicht zu Räubern oder Betrügern
machen aber es ist unsicher und gefährlich«
Ilse ergriff ihren Hut und Mantel
»Ich gehe Gabriel« sagte sie ruhig »Wollen Sie mich auf meinem Gange
begleiten«
»Liebe Frau Professorin wohin Sie wollen« rief Gabriel »Hören Sie aber
erst auf meinen Vorschlag Der Bekannte meint das Sicherste ist wenn der Herr
Oberamtmann Sie selbst abholen kommt und zwar am Abend Die Abende sind finster
und Sie können dann vielleicht aus dem Hause gehen ohne dass der Lakai oder ein
Anderer es bemerkt«
»Eine Gefangene« rief Ilse »Wer ist Ihr Bekannter« frug sie Gabriel
scharf ansehend
»Er ist sicher wie Gold« beteuerte Gabriel »und ich werde es der Frau
Professorin später gern erzählen nur heut bitte ich mich nicht zu fragen denn
er hat wegen seiner eigenen Sicherheit gefordert dass kein Mensch von ihm
erfahre«
»Ihrer Treue vertraue ich« versetzte Ilse kalt »aber Sie selbst können
getäuscht werden Fremdem Rat folge ich nicht«
»Er hat mir ein Pferd angeboten« rief Gabriel »es steht bereits vor der
Stadt Wenn Sie mir eine Zeile an den Herrn Oberamtmann mitgeben ich reite
selbst und bringe den Wagen bei guter Zeit«
Ilse sah finster auf den Diener »Darüber vergehen viele Stunden ich will
nicht allein hier bleiben Ich gehe zu Fuß auf der Landstraße zu meinen
Freunden«
»Sehen doch Frau Professorin nach dem Himmel ein Wetter zieht herauf«
»Es ist mir recht« rief Ilse »ich gehe nicht zum ersten Mal durch den
Regen Wollen Sie mich nicht begleiten so erwarten Sie hier meinen Mann und
sagen ihm ich wäre hinausgegangen auf meine Heimat zu wenn ich bei guten
Leuten bin werde ich ihm schreiben«
Gabriel rang die Hände Ilse knüpfte Hut und Mantel um
Da erhob sich unten im Hausflur ein lauter Wortwechsel Gabriel riss die Tür
auf eine fremde Bassstimme zürnte heftig gegen den Lakaien »Ich aber sage
Ihnen Levkoi oder was für eine Pflanze Sie sonst sind ich bin nicht der Mann
der sich die Tür vor der Nase zuschlagen lässt sie ist zu Hause«
Ilse warf Hut und Mantel von sich sprang an die Treppe und rief hinunter
»Herr Hummel«
»Gehorsamster Diener Frau Professorin« rief Hummel herauf »Ich komme
sogleich ich will nur erst diesem Majordomus meine Hochachtung aussprechen Sie
sind ein Intrigant Herr und ein Subject dem ich diejenige Behandlung wünsche
welche es verdient dreijährige Hasel und stramm angezogen Ich komme Frau
Professorin« Er stieg schwerfällig die Treppe herauf Ilse flog ihm entgegen
führte ihn an der Hand in ihr Zimmer und so übermächtig wurde ihr jetzt die
Erschütterung dass sie ihr Haupt auf seine Schulter legte und weinte
Herr Hummel hielt still und sah teilnehmend auf Frau Ilse
»Also das ist Hofbrauch« frug er leise »und in diesem Tone wird hier
Konversation gemacht«
»Mein Gatte ist verreist ich will hinweg Herr Hummel helfen Sie mir ins
Freie«
»Das ist ganz mein Fall« versicherte Hummel »ich bin ohnedies mitten in
einem Entführungsgeschäft ich komme in diese Stadt um Ihnen wegen meiner
Tochter Laura eine Bitte vorzutragen und bei schwarzen Herren hierselbst Einiges
in Ordnung zu bringen Wohin wollen Sie reisen«
»Zu guten Freunden welche mich in das Haus meines Vaters bringen«
»Dies ist der rechte Weg« ermutigte Hummel »In verzweifeltem Fall wenn
Alles in der Welt wankt soll das Kind zum Vater zurück Diese Treue bleibt sie
ist zwanzig Jahr alt bevor die des Mannes anfängt Da Ihr Herr Vater nicht
vorhanden ist so erlauben Sie dass ein Anderer der auch weiß was Sorge um ein
Kind heißt bei Ihnen die Stelle des Vaters vertritt«
Ilse hielt sich an ihm fest Hummel drückte ihr in seiner Weise zart die
Hand es war doch ein kräftiger Druck
»Jetzt Ruhe und kaltes Blut Es kann keine geringe Sache sein welche Sie so
stark bewegt Ich verlasse Sie nicht eher bis ich Sie gut aufgehoben weiß« Er
sah auf Gabriel der ihm ein Zeichen machte »Sie also Frau Professorin
kümmern sich um gar nichts Setzen Sie sich ruhig hin und erlauben Sie dass ich
mich mit Gabriel bespreche Ich sorge Ihnen für Alles und ich stehe für Alles«
Ilse blickte ihn dankbar an und setzte sich gehorsam nieder Hummel winkte
Gabriel in das Nebenzimmer »Was ist hier vorgefallen« frug er
»Der Herr ist auf einige Tage verreist unterdes ist man unartig gegen die
Frau Professorin geworden hier gehen große Schlechtigkeiten vor man will sie
nicht abreisen lassen«
»Meine Mieter nicht abreisen lassen« rief Herr Hummel »lächerlich Ich
habe einen Reisepass bis Paris in der Tasche wir springen über dieses Land
hinweg wie Heupferde Ich hole sogleich eine Fuhre« Gabriel schüttelte den
Kopf Die Vertrauten handelten eine Weile miteinander Herr Hummel kam zurück
und sagte mit größerem Ernst zu Ilse »Jetzt bitte ich setzen Sie sich an den
Schreibtisch und verfassen Sie einige Zeilen an den Herrn Oberamtmann an den
Mann und nicht an die Frau sonst gibts Verwirrung er soll sogleich nach
Empfang dieses Schreibens mit einem geschlossenen Wagen hierherkommen er soll
in der Vorstadt beim schwarzen Bär mit dem Wagen halten er soll seinen Wagen
nicht verlassen es wäre ein großer Freundesdienst Weiter nichts Diesen Brief
schafft Gabriel an die Adresse Wie er ihn besorgt ist ganz seine Sache und
kümmert uns nicht will er fliegen wie dieser zweideutige Genius an der Decke
welcher seinen Paletot vergessen hat so wird das um so besser sein Also der
Brief ist fertig verzeihen Sie wenn ich ihn lese Alles richtig und genau
Schnell fort Gabriel Sobald Sie beim Schloss vorüber sind dann Karriere bis
dahin benehmen Sie sich als ruhiger Menschenfreund ich erlaube Ihnen meinen
Dessauer zu pfeifen wenn Sie das im Stande sind Sollte man Sie fragen so
besorgen Sie für mich Geschäfte«
Gabriel eilte zur Tür hinaus Hummel rückte sich einen Stuhl vor Frau Ilse
und sah auf seine Uhr »Sie werden fünf Stunden auf den Wagen warten wenn Alles
gut geht Unterdes müssen Sie mich bei sich ertragen ich verlasse dieses Haus
nicht ohne Sie Lassen Sie sich den Aufschub nicht leid sein mir ist er lieb
denn ich habe mit Ihnen als mit einer braven Frau vor welcher ich mit wahrem
Respekt den Hut abnehme auch über meine Angelegenheiten zu sprechen welche mir
sehr auf dem Herzen liegen Wir haben Zeit genug dafür Ich habe auch dem Herrn
Professor einige Papiere mitgebracht es kommt wenig darauf an sie werden aber
hier auf den Tisch gelegt damit wir als Geschäftsleute einander
gegenübersitzen Dann aber werde ich mich freuen wenn Sie dem Judas im
Bedientenzimmer meinetwegen einen Auftrag geben Haben Sie jedoch die Güte
vorher Alles wegzuräumen was daran erinnert dass Sie von mir entführt sein
wollen«
Ilse sah ihn unsicher an »Was darf ich dem Mann sagen Herr Hummel«
»Sie sind eine so gute Hausfrau« versetzte Hummel verbindlich »dass ich
Ihnen durchaus überlassen kann was Sie mir vorsetzen wollen Ich bin den ganzen
Tag gereist« Er machte eine kleine Handbewegung nach seiner Weste
Ilse sprang auf sie musste trotz ihrer Angst lächeln über das sorgliche
Wesen des Hauswirts »Verzeihen Sie mir Herr Hummel«
»Das ist die rechte Stimmung« bestätigte Hummel »es gibt kein besseres
Mittel gegen das Tragische als einen gedeckten Tisch Ich bitte deshalb nicht
um einen Teller sondern um zwei es würde mir nicht munden wenn Sie zusehen
wollten Glauben Sie mir Frau Professorin die edelsten Gefühle sind
unzuverlässig wenn nicht ein ehrliches Butterbrot gleichsam als Stempel
daraufgedrückt worden ist Das macht ruhig und fest Und Sie werden heut diese
Tugenden noch nötig haben«
Ilse schellte »Erscheint das Besteck« fuhr Hummel fort »so nennen Sie ihm
meinen Namen und Firma Ich reise überhaupt nicht incognito und ich wünsche
hier gar nicht mysteriös betrachtet zu werden«
Der Lakai erschien Ilse gab ihm Auftrag im Gasthof das Nötige zu holen
und frug wie er dazu gekommen sei ihre Anwesenheit vor ihrem lieben Hauswirt
zu verleugnen
Der Mann stotterte eine Entschuldigung und entfernte sich eilig
»Als ich in dies Haus kam wusste ich bereits dass hier nicht Alles in
Ordnung war Ich frug im Schloss nach Ihnen und erhielt keine genügende
Auskunft ich frug hinter dem Schloss einen Mann welcher umherstrich nach
Ihrer Behausung Er sah mich an wie ein Kreuzschnabel Sie wären verreist
behauptete er und versuchte meine Geheimnisse auszupumpen Darüber gab es eine
kurze Unterhaltung wobei Kreuzschnabel seine Bosheit kundgab weil ich ihn
wegen Unbekanntschaft mit seinem gewöhnlichen Titel einen Spion nannte Der
Wachtposten trat dazu und ich sah die Herren Konfratres hatten Lust mich
festzuhalten Da kam ein junger Herr des Weges frug die Andern nach dem Grund
des Lärms und sagte er wüsste dass Sie zu Hause wären Er begleitete mich bis
vor dieses Haus frug höflich nach meinem Namen nannte mir auch den seinen
Lieutenant Baumläufer und riet ich sollte mich ja nicht abschrecken lassen
das Dienervolk sei unverschämt Sie aber würden sich freuen einen alten Freund
zu sehen Er muss auch Ihnen bekannt sein«
Der Lakai deckte den Tisch Sooft er Herrn Hummel die Teller bot sah ihn
dieser mit vernichtendem Blick an und beeiferte sich nicht ihm sein Amt leicht
zu machen Dagegen bot er Frau Ilse ritterlich die Speisen und ermahnte sie
durch ein bedeutungsvolles Räuspern sich vorzusehen Während der Diener
abräumte begann Hummel sich zurechtrückend »Jetzt erlaube ich mir von unsern
Geschäften zu sprechen es wird ein langer Vortrag haben Sie Geduld«
Es war Abend geworden Finsternis lag über dem unheimlichen Hause das
Wetter zog herauf die Fenster klirrten im Winde und der Regen rauschte Ilse
saß wie im Traum Zwischen dem heftigen Sturm des versinkenden Tages und der
bangen Erwartung einer wilden Nacht lagerte sich vor ihr die behagliche Prosa
der Parkstrasse furchtlos sicher mit sich und der Welt zufrieden soweit diese
Welt nicht gerade ärgerlich wurde Aber sie fühlte wie wohltuend dieser
Gegensatz war sie vergaß sogar ihre eigene Lage und hörte mit inniger
Teilnahme auf den Bericht des Vaters »Ich spreche mit einer Tochter« sagte
Herr Hummel »die zu ihrem Vater zurückgeht ihr sage ich was ich Niemandem
sonst erzähle mir ists hart zu ertragen dass mein Kind mich verlassen will«
Er sprach über das Kind welches sie beide liebten und jeder von ihnen hatte
Freude an dem andern So verrannen einige Stunden
Der Lakai kam wieder und frug respectvoll die Frau Professorin ob sie
Gabriel weggeschickt
»Er ist in meinem Auftrage ausgegangen« brummte Herr Hummel gegen den
Fragenden »er besorgt für mich Geschäfte von Geldeswert mit denen ich Ihre
Ehrlichkeit nicht belästigen wollte Wenn sich noch Jemand aus der Stadt nach
mir erkundigt so bitte ich Sie zu befehlen Frau Professorin dass dieser Mann
nicht auch mich verleugnet«
Er sah wieder nach seiner Uhr »Vier Stunden« sagte er »War das Pferd gut
und hat Gabriel sich nicht in der Finsternis verirrt so können wir ihn jeden
Augenblick erwarten Ists ihm nicht geglückt so seien Sie immer ohne Sorgen
ich führe Sie doch aus dem Hause« Unten schellte es die Haustür wurde
geöffnet Gabriel trat ein Die Freude lachte aus seinem Gesicht »Punkt zehn
Uhr hält der Wagen vor der Herberge« sagte er vorsichtig »ich bin schnell
vorausgeritten«
Ilse sprang auf wieder flog der Schreck des Tages die Sorge um die Zukunft
durch ihr Haupt »Bleiben Sie sitzen« mahnte Hummel wieder »starkes Umhergehen
ist verdächtig ich halte unterdes mit Gabriel hier daneben noch einmal Rat«
Diese Beratung währte lange Zeit endlich kam Herr Hummel zurück und sagte
ernstaft »Jetzt Frau Professorin machen Sie sich bereit wir haben eine
Viertelstunde zu gehen lassen Sie sich unser Tun ruhig gefallen es ist Alles
sorgfältig bedacht«
Herr Hummel schellte Gabriel der zu dem Späher im Unterstock zurückgekehrt
war trat ein wie gewöhnlich er zog Schlüssel und einen Schraubenzieher aus der
Tasche »Ich habe die kleine Hintertreppe schon in den ersten Wochen
verschlossen und die Tür mit einer großen Schraube gesperrt die Leute wissen
nicht dass ich die Schlüssel habe« Er ging in einen Nebenraum der Hinterstube
und öffnete den Zugang einer verborgenen Treppe Herr Hummel schlich ihm nach
»Ich will wissen wo ich wieder eingelassen werden soll« sagte er zurückkehrend
zu Frau Ilse »Wenn ich Sie hinausgeführt habe muss hier Jemand als Ihr Geist
umherpoltern sonst dürfte die ganze Mühe vergeblich sein Gabriel führt Sie die
Hintertreppe hinab während ich zur Vordertür hinausgehe und den Lakaien
unterhalte Ich treffe Sie eine kurze Strecke von diesem Hause im Gebüsch
Gabriel führt Sie zu mir ich werde mich zurechtfinden« Ilse fasste ängstlich
seine Hand »Ich hoffe Alles soll gut gehen« sagte Herr Hummel bedächtig
»Sorgen Sie für einen Mantel der Sie so unkenntlich macht als möglich«
Ilse flog an den Schreibtisch und schrieb mit fliegender Eile die Worte
»Lebe wohl Geliebter ich gehe zum Vater« Noch einmal überkam sie der Schmerz
sie rang die Hände und weinte Hummel stand achtungsvoll zur Seite endlich
legte er die Hand auf ihre Schulter »Die Zeit verrinnt« Ilse sprang auf
schloss den Zettel in ein Cuvert reichte ihn Gabriel und verhüllte schnell ihr
Haupt »Jetzt vorwärts« mahnte Herr Hummel mit leisem Gebrumm »zu beiden
Türen hinaus Ich gehe zuerst Ich empfehle mich Ihnen Frau Professorin« rief
er laut durch die offene Tür zurück »wünsche wohl zu ruhen« Wuchtig schritt
er die Treppe hinab der Lakai stand auf den letzten Stufen »Kommen Sie einmal
her Jüngling« rief Hummel »ich wünsche Sie nach Ihrem Tode ausgestopft und
vor dem Rathause aufgestellt als ein Musterbild von Wahrheitsliebe für spätere
Zeiten Wenn ich wiederkomme und verlassen Sie sich darauf ich werde mir
wieder das Vergnügen machen Ihnen meine Hochachtung auszusprechen dann will
ich dem Herrn Professor die ganze Erbärmlichkeit Ihres Daseins enthüllen Ich
habe große Lust Ihre Nichtsnutzigkeit im hiesigen Tageblatte bekannt zu machen
damit Sie zur Vogelscheuche werden für Jedermann«
Der Diener hörte mit gesenkten Augen zu und verneigte sich spöttisch »Gute
Nacht Höfling« rief Herr Hummel hinausgehend und schlug die Tür hinter sich
zu
Herr Hummel wandelte im Geschäftsschritt vom Hause abwärts zur linken Seite
wo ein Pfad in das Dickicht führte dort verbarg er seine Gestalt dem trüben
Licht der Laternen Der Regen strömte und der Wind rauschte in den Gipfeln Herr
Hummel sah sich vorsichtig um als er in die dichte Finsternis des Platzes trat
an welchem einst Gabriel und der Prinz von den Gespenstern des Schlosses
zueinander gesprochen Ein leises Rascheln im Gebüsch eine hohe Gestalt trat zu
ihm und fasste seinen Arm »Gut« sagte Herr Hummel leise »vorläufig gerettet
Schnell zurück Gabriel und erwarten Sie mich zur Zeit Wir aber suchen dunkle
Wege und meiden die Laternen im Hellen verbergen Sie Ihr Gesicht unter dem
Schleier« Ilse schritt am Arm ihres Hauswirts hinein in die Nacht gedeckt
durch den großen Schirm welchen Herr Hummel über sie hielt
Im Rücken der Flüchtigen schlugen die Turmglocken die zehnte Abendstunde
als sich die Umrisse der letzten Herberge vor dem Tor von dem düstern Himmel
abhoben »Nicht früher nicht später« sagte Herr Hummel und hemmte den Schritt
der eilenden Begleiterin In demselben Augenblick kam ihnen ein Wagen langsam
aus der Finsternis entgegen Ilses Arm zuckte »Ruhig« bat Herr Hummel »sehen
Sie nach ob das Ihre Freunde sind«
»Ich erkenne die Blässe« flüsterte Ilse atemlos Herr Hummel trat an den
verdeckten Kutschersitz auf welchem zwei Männer saßen und frug mit schnell
erfundener Losung »Kröten«
»Dorf« antwortete eine feste Stimme Der Oberamtmann sprang zu Ilse herab
in dem Wagen rührte sichs ein Zipfel der Lederdecke wurde geöffnet eine
kleine Hand fuhr heraus Hummel ergriff und schüttelte sie »Als Zugabe
angenehm« sagte er Ohne ein Wort zu sprechen knöpfte der Oberamtmann die
Lederdecke auf »Meine liebe Freundin« rief von innen eine zitternde
Frauenstimme Ilse wandte sich zu Herrn Hummel »Keine Worte« sagte dieser
»gute Fahrt« Ilse wurde hineingeschoben die Frau Oberamtmann fasste Ilses Arm
und hielt ihn kräftig fest Während Oberamtmann Rollmaus das Leder wieder
zuknöpfte begrüßte ihn Herr Hummel »Ich freue mich« sagte er »Für Austausch
der Namen ist die Gelegenheit nicht günstig Auch ist unsere Klasse in der
Naturgeschichte nicht dieselbe aber die Pünktlichkeit zu rechter Stunde war
gegenseitig und der gute Wille« Der Oberamtmann schwang sich wieder auf den
Kutschersitz und ergriff die Zügel Er wendete den Wagen Herr Hummel klopfte
noch einmal an das nasse Leder gemächlich trabten die Pferde ins Freie dann
hörte Herr Hummel einen kurzen Zuruf mit gestrecktem Lauf ging es in die
Finsternis hinein
Hummel sah dem Wagen nach bis dieser durch den dichten Regenschleier
verdeckt war warf noch einen prüfenden Blick auf die leere Straße und eilte
wieder der Stadtgegend zu in welcher das Schloss lag Durch die entlegenen
Teile der Anlagen suchte er den Pavillon an derselben Stelle wo Gabriel die
Herrin ihm übergeben hatte tauchte er in den tiefen Schatten der Bäume und
tappte vorsichtig durch das nasse Gebüsch bis an die Hinterseite des Hauses Er
fühlte sich an der Wand entlang »Setzen Sie sich auf die Schwelle« flüsterte
Gabriel »ich ziehe Ihre Stiefeln aus«
»Kann diese Hoftoilette mir nicht erspart werden« summte Hummel
»Strumpfhosen sind gegen meine Natur«
»Alles ist umsonst wenn man Sie auf der Treppe hört«
Hummel schlich hinter Gabriel die Treppe hinauf in finstere Stuben »Hier
sind die Zimmer der Frau Professorin Sie müssen im Dunkeln auf und ab gehen und
zuweilen mit den Stühlen rücken bis ich Sie rufe Es ist jetzt noch ein anderer
Aufpasser gekommen sie sprechen unten miteinander ich fürchte sie haben einen
Argwohn dass wir etwas im Schilde führen sie sehen mich sehr von der Seite an
Der Lakai trägt jeden Tag die Lampen aus den Wohnzimmern daran darf nichts
geändert werden er schöpft Verdacht wenn er nicht hört dass Jemand in den
Nebenstuben umhergeht Ist Alles zur Ruhe dann verlässt der Lakai das Haus dann
können wir miteinander sprechen«
»Es ist gegen mein Gewissen Gabriel« brummte Hummel »in einem fremden
Hause ohne Erlaubnis des Eigentümers oder des Mieters zu verweilen«
»Still« mahnte Gabriel ängstlich »ich höre den Mann auf der Treppe
schließen Sie hinter mir die Tür«
Herr Hummel stand allein im Finsteren er setzte seine Stiefeln neben den
Lehnstuhl umkreiste beide und gab ihnen zuweilen einen Ruck »Immer zart«
dachte er »denn es ist der Tritt einer Professorsfrau Die Anforderungen die
in diesen Zeiten an einen Hausbesitzer gemacht werden übersteigen alle
Gedanken Entführung aus fremden Häusern und Damenrollen in nächtlicher
Finsternis« Draußen hörte man die Schritte der Männer er stieß an seine
Stiefeln »Dunkelheit in fremdem Hause ist mit nichten wünschenswert« fuhr er
bei sich fort »ich habe immer einen Hass gegen finstere Räume gehabt seit ich
einmal in ein Kellerloch fiel dieser Nebel ist nur gut für Katzen und
Spitzbuben Das Jämmerlichste aber für einen Bürger ist wenn man ihm seine
Stiefeln vorentält« Er hörte einen leisen Tritt im Nebenzimmer und wieder
rückte er an dem Stuhl
Endlich wurde es still im Hause Herr Hummel setzte sich in dem Lehnsessel
zurecht und sah sich müde in dem fremden Zimmer um Von draußen fiel durch einen
Ritz der Vorhänge ein matter Lichtschein an die Wand die Quaste eines
Vorhanges der vergoldete Knauf eines Sessels schimmerten in der Dunkelheit
Jetzt zog Herr Hummel unwiderruflich die Stiefeln an und ergab sich noch eine
Weile missfälliger Beurteilung der Welt Indes seine Bürgerstunde war gekommen
und heut hatte ihn die Reise ermüdet Er versank allmählich in träumerisches
Sinnen sein letzter deutlicher Gedanke war »nur in dieser fürstlichen
Finsternis nicht schnarchen« Mit diesem Vorsatz schloss er die Augen und sagte
den Sorgen der Welt Lebewohl
Im Schlafe war ihm als höre er ein leises Geräusch er öffnete die Augen
und blickte in dem Zimmer umher Undeutlich nahm er wahr dass eine Wand anders
aussah als sonst Der große Spiegel welcher in die Wandfläche gefügt war
schien verschwunden ihm kam vor als ob eine verhüllte Gestalt in der Wand
stehe und sich bewege Er war ein beherzter Mann aber der Schreck fuhr ihm
durch die Glieder Er verschanzte sich hinter dem Stuhl »Ist dies nur ein
Schattenspiel« begann er mit stockender Stimme »so bitte ich sich nicht
stören zu lassen ich bewundere die Kunst aber ich trage meine Geldbörse nicht
bei mir Behaupten Sie aber ein Mensch zu sein so fordere ich größere
Deutlichkeit ich fordere die landesüblichen Rundungen hinten und vorn Ich
selbst habe die Ehre mich Ihnen bei dieser mangelhaften Beleuchtung
vorzustellen Hutfabrikant Heinrich Hummel meine Legitimation ist in Ordnung
Reisepass nach Paris« Er fuhr mit der Hand nach der Brusttasche »Da ein
anständiger Bürger verpflichtet ist sich in diesen gefährlichen Zeiten zu
schützen so steht in meinem Pass polizeilich bemerkt avec un pistolet Bitte
dies freundlich zu berücksichtigen« Er zog ein Taschenpistol heraus und hielt
es vor sich Wieder sah er nach der Stelle nichts war zu sehen Der Spiegel
stand wie vorher Er rieb sich die Augen »Dummes Zeug« sagte er »es war am
Ende nur eine verschlafene Einbildung«
Draußen wurde die Haustür geschlossen Noch eine Weile stand er
argwöhnisch umherblickend und der Schweiß trat ihm auf die Stirn Endlich hörte
er das Klopfen Gabriels an der Tür Er öffnete nahm ihm schnell das Licht aus
der Hand trat zu dem Spiegel und beleuchtete Rahmen und Wand »Er steht
eisenfest« sagte er vor sich hin »es war nur eine Täuschung« Aber er ergriff
doch eilig seinen Hut und zog den Diener aus dem Zimmer »Für heut ists genug«
brummte er »ich wünsche schnell aus diesem Hause geschafft zu werden Mir ist
nicht recht dass Sie allein hier bleiben Gabriel Morgen früh suche ich Sie
auf ich habe den Tag über in der Stadt zu tun Versuchen Sie zu schlafen wir
werden beide in unserm Bette an diesen Streich denken und an sie welche noch
ein sicheres Dach sucht zum Schutz gegen Nachtwind und Gespenster«
Ilse fuhr durch die Nacht Um sie rauschte der Regen der Sturm tobte durch
die Bäume hoch spritzte das Wasser aus den Gleisen um Pferde und Wagen Nur
zwischen den Gestalten der Männer auf dem Vordersitz sah sie ein Stück des
Nachtimmels der schwer und schwarz über der Flüchtigen hing Zuweilen blickte
ein Lichtfunke aus dem Fenster eines Hauses dann wieder nichts als Regen Sturm
und schwarze Nacht Die Nachbarin hielt immer noch ihre Hand auch sie schwieg
ängstlich während der unheimlichen Fahrt Ilse fuhr hinein in die Welt in eine
lichtarme sturmgepeitschte tränenreiche Welt Unsicherheit und bange Sorge
überall wenn sie an den Geliebten dachte den sie in den Händen des Verfolgers
zurückließ wenn sie das bekümmerte Antlitz des Vaters vor sich sah und die
Fluren des Gutes wo der Jüngling weilte dessen Nähe ihr jetzt mit neuem
Schmerz drohte Aber sie saß hochaufgerichtet »Wenn er zurückkehrt zu der Tür
über welcher die schwarzen Engel schweben dann wird er vergebens nach seinem
Weibe fragen Ich aber habe getan was ich musste der Herr meines Lebens walte
über mir«
Hinter dem Wagen klang Hufschlag er kam näher wo sich der Feldweg zum Gute
schied von der großen Landstraße fuhr auf schäumendem Pferde ein Reiter heran
er rief denen auf dem Kutschersitz zu Wagen und Reiter stürmten einige
Augenblicke nebeneinander vorwärts dann hielt der Reiter sein Ross zurück Der
Oberamtmann warf einen Baumzweig in den Wagen »Den hat der Reiter für Frau Ilse
hergebracht er sei von dem Baum unter ihrem Fenster und die Rechnung sei
bezahlt«
11
Der Obersthofmeister
Zu derselben Stunde in welcher Ilse den tröstenden Worten ihres Hauswirts
lauschte fuhr der Wagen des Oberstofmeisters an das Turmschloss der
Prinzessin Erstaunt hörte die Prinzessin die Meldung des Dieners und flog in
ihr Empfangzimmer hinab Der Professor ließ die Truhe mit ihrem Inhalt in sein
Zimmer schaffen und hatte sich eben über die Handschrift gebeugt als der
Hofmarschall eintrat um seines Auftrags ledig zu werden
Unterdes erwartete die Prinzessin den alten Herrn
Das Amt des Oberstofmeisters teilte ihm den Ehrendienst bei der Prinzessin
zu es galt für eine achtungsvolle Entfernung von der Person des Fürsten An dem
Flügel des Schlosses den die Prinzessin bewohnte sah man seinen Wagen jeden
Morgen zu derselben Stunde vorfahren Sein persönliches Verhältnis zu der jungen
Herrin schien kühl in Hofgesellschaften wurde er von ihr nur soweit schicklich
war ausgezeichnet die Bittsteller erfuhren zuweilen dass ihre Gesuche ihm
mitgeteilt waren In der Stadt galt er für einen gutherzigen Mann er wurde
wegen seiner Wohltätigkeit von den Bürgern mit Achtung betrachtet und war der
einzige unter den Herren des Hofes über welchen nie ein abgeneigtes Urteil
laut wurde Er wohnte in einem altfränkischen Hause von Gärten umgeben war
unverheiratet und lebte als reicher Mann ohne nahe Verwandte still vor sich
hin Er war wie man annahm ohne regelmäßigen Einfluss er stand nicht in Gunst
und wurde deshalb von den jüngeren Kavalieren mit ritterlicher Achtung
behandelt Trotzdem war er dem Fürsten und Hofe unentbehrlich Er war der
Grosswürdenträger notwendig für die Repräsentation er war Ratgeber in
Familienangelegenheiten Gesandter und Begleiter bei feierlichen
Staatshandlungen Denn er war von früher an den meisten Höfen Europas wohl
bekannt hatte Verbindungen in der großen Diplomatie er genoss die besondere
Gnade einiger auswärtiger Herrscher an deren gutem Willen dem Fürsten gelegen
sein musste und da bei unseren Höfen die Meinung die ein Hofmann in der Fremde
genießt auch für das Urteil des Schlosses massgebend zu sein pflegt so machte
den Obersthofmeister der Briefwechsel in dem er mit den Leitern auswärtiger
Politik stehen sollte und die reiche Auswahl welche ihm unter breiten Bändern
freistand für den Fürsten selbst zu einer Autorität welche ebenso lästig als
schätzenswert war für den Hof aber zum stillen Berater und zur letzten
Zuflucht in schwierigen Fragen
Jetzt öffnete dem alten Herrn der Diener mit tiefer Verbeugung die Tür zum
Empfangraum der Prinzessin Gleichgültige Fragen und Antworten wurden
gewechselt dann trat die Prinzessin in das Nebenzimmer und forderte ihre treue
Kammerfrau durch einen Wink auf vorn Wache zu halten Als die Unterredung vor
dem Ohr jedes Lauschers gesichert war änderte sich die Haltung der Prinzessin
sie eilte auf den alten Herrn zu und sah ihm fragend in das ernste Gesicht »Ist
etwas vorgefallen Nichts Kleines hat Sie veranlasst sich hierher in die Wildnis
zu bemühen Was haben Sie Ihrem Töchterchen zu sagen ist es Lob oder sind es
Schelte«
»Ich erfülle nur meine Pflicht« versetzte der alte Herr »wenn ich mich
einstelle um Ew Hoheit Befehle entgegen zu nehmen und nachzusehen ob der
Aufenthalt meiner gnädigsten Herrin schicklich vorgerichtet ist«
»Excellenz kommen zu schelten« rief die Prinzessin zurücktretend »denn Sie
haben kein freundliches Wort für Ihr kleines Weibchen«
Der Obersthofmeister neigte entschuldigend das weiße Haupt »Wenn ich Ew
Hoheit ernster erscheine als sonst so sind es vielleicht nur die Grillen eines
alten Mannes welche sich zu ungelegener Zeit eingestellt haben Ich bitte um
Erlaubnis mich durch Ew Hoheit Anblick davon zu befreien Die leidende
Gesundheit des Fürsten legt uns allen Sorge auf sie mahnt an die
Vergänglichkeit jedes Lebens Selbst der guten Laune des Prinzen Victor gelang
nicht mich von trüben Gedanken zu lösen«
»Wie geht es dem Vetter« frug die Prinzessin leicht
»Er überwindet die Schwierigkeit ein Prinz zu sein in seiner wunderlichen
Weise« erwiderte der Obersthofmeister »aber es ist ein tüchtiger Kern in ihm
er vermag wohl ernste Sachen klug zu behandeln Mich freut« setzte der Hofmann
hinzu »dass meine gnädigste Herrin warm für einen Verwandten empfindet der
Höchstderselben treu ergeben ist«
»Er war gegen mich stets nett und zuverlässig« sagte die Prinzessin
obenhin »Jetzt aber haben Sie mich hart genug gestraft Was Sie mir zu sagen
haben darf zwischen uns beiden nicht so verhandelt werden« Sie fasste einen
Sessel und schob ihn in die Mitte der Stube »Hier sitzen Sie nieder mein
würdiger Herr und mir erlauben Sie dass ich die Hand des Freundes fasse wenn
er mir sagt was ihm um meinetwillen Sorge macht« Sie rückte sich ein niedriges
Tabouret herzu hielt mit beiden Händen die Rechte des alten Herrn und sah ihm
spähend in die Augen »Hoheit kennen das Mittel mir zu dreister Bitte Mut zu
machen« sagte der Hofmann lächelnd
»So ists besser« rief die Prinzessin erleichtert »ich höre die Stimme und
ich halte die Hand denen ich am liebsten vertraue«
»Ich aber wünsche Ew Hoheit eine stärkere und nähere Stütze als mich
selbst« begann der alte Herr ernstaft
Die Prinzessin fuhr in die Höhe »Das also wars was Excellenz zu dieser
Reise bestimmte« rief sie ängstlich
»Das war die Sorge welche mich beschäftigte Es ist nichts weiter als eine
Ansicht« entschuldigte der Obersthofmeister sein Haupt neigend
»Und das soll mich ruhiger machen« rief die Prinzessin »Was hat mir bis
jetzt die Möglichkeit geschafft zu leben als Ew Excellenz Ansichten«
»Da Ew Hoheit noch in der Witwentrauer zur Heimat gefordert wurden war
mir der Wunsch des Fürsten willkommen weil ich dadurch das Recht erhielt dies
Gespräch mit Ew Hoheit zu führen« Es wies mit seiner Handbewegung auf den
Sitz die Prinzessin eilte wieder an seine Seite »Auch jetzt wo ich Ew Hoheit
vor mir sehe in dem heitern Glanz der Jugend überreich ausgestattet Andere zu
beglücken und des besten Glückes teilhaftig zu werden vermag ich den Gedanken
nicht abzuwehren dass Ihnen Unrecht ist auf die Freuden des Hauses zu
verzichten«
»Ich habe dies Glück genossen und habe es verloren« rief die Prinzessin
»Jetzt bin ich vertraut mit dem Gedanken Manchem zu entsagen Ich suche mir
dafür eine Entschädigung welche auch Sie nicht für unwürdig halten«
»Es ist ein Unterschied zwischen uns von mehr als fünfzig Jahren« sagte der
alte Herr »Was mir dem unbedeutenden Manne freisteht das wird der Tochter
des hohen Geschlechtes nicht ebenso leicht gestattet Ich bitte meine geliebte
Herrin um Erlaubnis« fuhr er mit leiser Stimme fort »heut an den Vorhang zu
rühren welcher ein finsteres Bild aus Ihrer frühen Jugend verhüllt Sie waren
Zeugin der Szene welche den Fürsten von Ihrer erlauchten Mutter schied«
»Es ist eine dunkle Erinnerung« flüsterte die Prinzessin ängstlich zu dem
alten Herrn aufsehend »die Mutter machte dem Fürsten Vorwürfe es war etwas
über den unseligen Pavillon Der Fürst geriet in eine Aufregung die furchtbar
war Ich das kleine Mädchen lief herzu und umschlang das Knie der Mutter er
schleuderte mich fort « die Prinzess verhüllte die Augen Der alte Herr machte
eine abwehrende Bewegung und erwiderte ablenkend »Die Nachwirkung dieses
Ereignisses wurde verderblich für das Leben einer edlen Frau aber auch für Sie
selbst Damals äußerte sich zuerst die krankhafte Reizbarkeit des Fürsten
welche seitdem seine Stimmung verdüstert Von jener Stunde sieht der Fürst in
Ihnen eine lebendige Zeugin dessen was er selbst als seine Krankheit und seine
Schuld empfindet Er hat sich Jahre lang gemüht Ihnen durch Güte und
Aufmerksamkeiten jenen Eindruck zu verwischen er hat nie geglaubt dass ihm das
gelungen ist Scham Argwohn Furcht haben ihm stets wieder das Verhältnis zu
Ihnen verdorben Er will Sie nicht von sich lassen weil er fürchtet dass Ihr
Vertrauen einem andern Menschen verraten konnte was er selbst sich zu bergen
bemüht ist Er hat widerwillig der ersten Werbung nachgegeben er wird auch eine
zweite sehr unfreundlich empfangen denn er wünscht nicht Ew Hoheit
wiedervermählt zu sehen Wohl aber freut er sich in den Stunden wo über seinem
ungewöhnlichen Geist finstere Wolken liegen des Gedankens dass Ew Hoheit das
Recht verlieren könnten ihm in der Stille Vorwürfe zu machen In ihm nagt dass
er die fürstliche Würde seiner Gemahlin tötlich gekränkt hat ihn beschäftigt
jetzt der Gedanke dass auch Ew Hoheit über andern Verhältnissen vergessen
könnten was Beruf einer Fürstin ist«
»Er hofft vergebens« rief die Prinzessin außer sich »Nie wird eine
unwürdige Leidenschaft mich vor seine Füße werfen nicht umsonst bin ich das
Kind Ihrer Sorge gewesen«
»Was ist unwürdig für eine Fürstin« frug der Obersthofmeister nachdenkend
»Dass Ew Hoheit sich frei erhalten von den kleinen Passionen welche bei der
Quadrille eines Maskenballs aufflattern davon ist man überzeugt Aber auch das
geistvolle Spiel mit schönen und großen Interessen vermag einer Frau das Leben
zu stören Leicht hängt sich Schwärmerei an den feinsten geistigen Genuss mehr
als einmal ist ein Weib gerade da in der größten Gefahr gewesen wo sie von
außen kräftig angeregt sich höher freier edler fühlte als sonst Es ist
schwer eine entzückende Musik zu hören und dem Künstler der sie uns
geschaffen warme Teilnahme zu versagen«
Die Prinzessin sah vor sich nieder
»Gesetzt den Fall« fuhr der Obersthofmeister fort »dass ein Kranker in
galliger Laune so grübelte und für solchen Zweck handelte die Gesunde würde
sich wohl hüten ihm den Willen zu tun«
»Sie würde sich aber auch nicht stören lassen in dem was sie für Ehre und
Reichtum ihres Lebens hält« rief die Prinzessin zu dem Alten aufsehend
»Gewiss nicht« versetzte dieser »wenn solche Güter in der Tat durch die
spielende Hingabe einer Frau an Kunst oder Wissenschaft zu erwerben sind Am
schwersten wird eine Fürstin dabei Befriedigung finden Niemand verdenkt einer
Frau aus dem Volke wenn sie eine große Begabung zum Lebensberuf macht vermag
sie als Sängerin oder Malerin sich zu befriedigen und Anderen zu gefallen so
lacht ihr alle Welt freudig entgegen Wenn aber meine gnädigste Prinzessin ihre
schöne musikalische Anlage benutzen wollte öffentliche Koncerte zu geben
weshalb würden die Menschen darüber die Achseln zucken Nicht weil Ew Hoheit
Talent geringer ist als das einer andern Künstlerin sondern weil man Ihrem
Leben andere Aufgaben zuteilt Die Nation stellt an ihre Fürsten sehr bestimmte
ideale Forderungen Wenn leider den fürstlichen Herren unserer Zeit nicht leicht
wird diesen Idealen zu entsprechen für die Frauen der erlauchten Geschlechter
macht die ernste Richtung der Gegenwart dies eher möglich als in meiner Jugend
Eine Fürstin unseres Volkes soll das edle Vorbild einer guten Hausfrau sein
nichts mehr nichts Anderes Treu und wohltuend und fest gegen ihren Gatten
sorgfältig in den Pflichten des Tages warmherzig gegen Bedürftige gütig und
teilnehmend gegen Alle denen der Vorzug wird ihr zu nahen Hat sie Geist sie
soll sich hüten zu glänzen hat sie Talent für die Geschäfte sie soll sich
wahren eine Intrigantin zu werden Sogar die schöne Meisterschaft geselliger
Tugenden wird sie mit größter Bescheidenheit üben Wohlgewogenes Gleichgewicht
der weiblichen Vorzüge ist der beste Schmuck einer Fürstin ihre höchste Ehre
dass sie liebenswerter und besser ist als die Andern ohne dass man darüber
erstaunt in Allem gut und tüchtig nach keiner Richtung anspruchsvoll Denn sie
steht zu hoch um für sich zu begehren und zu erobern«
Die Prinzessin saß neben dem Sprechenden das Haupt auf den Arm gestützt
sie sah traurig vor sich hin
»Meine teure Fürstin hört dergleichen nicht zum ersten Mal aus meinem
Munde Oft habe ich um die Gefahr gesorgt welche Ihnen ein hochfliegender Geist
und die behende Einbildungskraft bereiten das Wiegengeschenk einer neidischen
Fee welche Ew Hoheit zu glänzend und verführerisch machte Denn diese
herrliche Begabung trägt die Schuld dass Sie keine vornehme Natur sind wie Ihr
erlauchter Bruder der Erbprinz Zu lebhaft ist das Bedürfnis sich geltend zu
machen und auf Andere zu wirken Den Bruder durfte man mit vollem Vertrauen
seiner guten Art überlassen jedes Einreden in seine Seele war bei dem
vielgeplagten Kinde vom Übel Die reiche Künstlernatur aber welche mit so
großen Augen auf mich sieht habe ich stets vor einer feinen Koketterie der
Empfindung zu schützen gesucht Ich bin jetzt ein harter Mahner an hohe
Pflichten weil ich Gefahren ahne welche diese eroberungslustige Seele über
sich und Andere heraufbeschwört«
»Ich höre aus liebevollen Worten einen harten Vorwurf« erwiderte die
Prinzessin gehalten »Ich soll mich vermählen um vornehm zu werden«
»Meiner lieben Hoheit wünsche ich dass sie dieses große Ziel erreiche als
Hausfrau eines Gemahls der Ihrer Hingabe nicht unwert ist Nur auf diesem Wege
darf eine Fürstin wahres Glück erwarten Auch dies Glück wird nicht ohne
Entsagung erworben ich weiß es Jedem ist schwer sich selbst zu beschränken
wer im Purpur geboren ist übt diese Tugend zehnmal schwerer als ein Anderer
Verzeihung« fuhr er fort »ich bin geschwätzig geworden wie uns Alten vom Hofe
zuweilen begegnet«
»Nicht zu viel hat mir mein Freund gesagt noch zuwenig« rief die
Prinzessin bewegt »Mir ist der Gedanke lieb geworden still vor mich
hinzuleben umgeben von Männern die mich das Höchste lehren was eine Frau zu
erwerben vermag Auch auf diesem Wege finde ich zarte Pflichten edle Bande
welche mich mit den Besten vereinen auch ein solches Leben ist einer Fürstin
nicht unwert mehr als eine hat in früherer Zeit dies Loos gewählt und die
Nachwelt denkt ihrer mit Achtung«
»Ew Hoheit meint nicht Königin Christine von Schweden« versetzte der
Obersthofmeister »Aber auch anderen war solche Wahl selten zum Heil Denn Ew
Hoheit erwäge wenn eine Fürstin sich mit weisen Männern umgibt sie meint dabei
immer einen Mann der ihr der weiseste ist«
Die Prinzessin schwieg und sah vor sich hin
»Wir haben lange der Fürstinnen gedacht« begann der alte Herr »man darf
auch das Schicksal der Männer beachten welche durch zarte Bande an das Leben
einer erlauchten Frau geschlossen werden Gesetzt es gelänge einen Freund zu
finden der ohne unziemliches Fordern mit Selbstverleugnung und völliger
Ergebenheit sein Leben den bewegten und wechselvollen Tagen einer Fürstin
widmet viel muss er aufopfern und entbehren Recht des Mannes ist dass das Weib
sich ihm hingibt hier soll ein Mann die Kraft ja auch die Leidenschaft seiner
Natur in Fesseln legen für eine Frau welche nicht ihm gehört der er nur
vorsichtig in einzelnen Stunden nahen darf wie der Freund dem Freunde die ihn
selbst betrachtet als eine gewiss sehr wertvolle Habe zuerst als schönen
Schmuck zuletzt im besten Fall als nützliches Hausgerät Am schlechtesten
steht auf diesem Posten der Künstler der Gelehrte ich habe immer vor solchem
wandelnden Konversationslexikon eines fürstlichen Haushalts Bedauern gefühlt
Auch große Talente gleichen dann den Philosophen des alten Roms welche mit
langem Bart und dem Mantel ihrer Schule im Schweif einer vornehmen Dame durch
die Straßen zogen«
Die Prinzessin stand auf und wandte sich ab
»Besser allerdings ist die Lage des Mannes« schloss der Obersthofmeister
»dem seine Persönlichkeit gestattet das ganze Leben seiner hohen Freundin durch
stille Arbeit zu leiten Aber auch er muss nicht nur selbst das Schönste missen
er wird auch seiner Herrin beim reinsten Willen nicht immer ein Glück sein Wer
mehr sein will als ein treuer Diener der vermindert die Sicherheit seiner
Herrin Wird solche ritterliche Hingabe angeboten so mag ein edles Weib zögern
sie anzunehmen sie hervorzulocken ziemt einer Fürstin nicht«
Der Prinzessin stürzten die Tränen aus den Augen sie wandte sich schnell
dem Alten zu »Ich kenne ein solches Leben« rief sie »das in unaufhörlicher
Selbstverleugnung drei Frauen unseres Hauses zum Segen war O mein Vater ich
weiß wohl was Sie uns gewesen sind haben Sie Geduld mit Ihrem armen
Pflegekinde ich ringe gegen Ihre Worte es wird mir schwer ihnen mein Ohr zu
öffnen und doch weiß ich Sie sind der einzige sichere Halt den ich bis jetzt
im Leben gehabt habe Ihre Mahnung der einzige Zuruf der meine Jugend vor dem
Verderben bewahrte« Wieder fasste sie seine Hand und ihr Haupt sank an seine
Schulter
»Ich habe Ihre Großmutter geliebt« erwiderte der alte Herr mit zitternder
Stimme »es war in einer Zeit wo dergleichen leichterzig aufgefasst wurde ein
reines Verhältnis ich habe für sie gelebt ich habe ihr täglich entsagt sie
war doch unglücklich denn sie war Gemahlin eines andern Mannes und gerade die
heiligsten Pflichten wurden ihr durch mein Leben erschwert Ich habe Ihre Mutter
als sorglicher Diener behütet ich habe doch nicht verhindert dass sie
unglücklich wurde und in dem Gefühl ihres Elends starb Jetzt halte ich das
dritte Geschlecht an meinem Herzen und ich möchte bevor ich von hier scheide
dass mein Leben und das Leiden der Mütter Ihnen zur Lehre sei Habe ich je für
Sie gesorgt so tue ich es jetzt hat mein liebes Kind je aus meinen Worten das
Herz eines väterlichen Freundes gefühlt so soll sie jetzt meinen Rat nicht
gering achten wie nüchtern er auch glänzende Träume störe«
»Ich will Ihrer Worte denken« rief die Prinzessin »ich will mich mühen zu
entsagen aber Vater mein gütiger Vater es wird mir schwer«
Der alte Herr rückte sich schnell zusammen und unterbrach ihre Worte »Es
ist genug« sagte er in der Haltung seines Amtes »Hoheit haben heut große
Nachsicht gegen mich geübt noch leben Andere welche auch ihren Anteil an
höchster Huld begehren«
Es klopfte an der Tür die Kammerfrau trat ein »Der Diener meldet dass
Fräulein Gotlinde und die Herren im Teezimmer harren«
»Ich habe mit Sr Excellenz noch über Geschäfte zu sprechen« antwortete die
Prinzessin leise »ich lasse Gotlinde bitten bei unserm Gast meine Stelle zu
vertreten«
Der Abend lag über dem Turmschloss die Fledermaus flatterte aus ihrem
Schlupfwinkel in der geräumten Kammer sie zog ihre Kreise im Hofraum des
Schlosses und schnalzte verwundert dass sie in einer leeren Behausung erwacht
war Die Eule flog in die Turmluke und suchte mit runden Augen nach der alten
Stuhllehne von der sie sonst auf die dummen Mäuse gelauert hatte und die
Totenuhr die der Gelehrte aus der einsamen Kammer unter die lebenden Menschen
hinabgetragen hatte nagte und tickte auf der Treppe und in den Zimmern des
Schlosses Der Regen schlug an die Mauern und der Sturmwind heulte um den Turm
Das Weib des Gelehrten fuhr durch die Nacht flüchtig wie ein gehetztes Wild er
aber schritt noch in seinem Zimmer auf und ab und formte träumend aus den
gefundenen Blättern die ganze verlorene Handschrift Und wieder wunderte er
sich dass sie ganz anders aussah als er seit Jahren gedacht hatte
Auch um das Fürstenschloss in der Residenz heulte der Wind und große
Regentropfen schlugen an die Fenster auch dort tobten die Gewalten der Natur
und forderten Zugang in die feste Burg der Menschen Säle und geschmückte Zimmer
füllte das Dunkel der Nacht wie ein finsterer Rauch nur die Laternen aus den
Anlagen warfen ihren bleichen Schein durch die Fenster er hing an den Hüllen
der Kronleuchter und dem goldenen Zierat der Wände und machte die Öde der
menschlichen Räume noch trauriger Die Schlossuhr rief in melancholischem Schlage
durch das Haus dass die erste Stunde des neuen Tages gekommen sei Dann wieder
Stille öde Stille überall Zuweilen knisterte es in dem Parket des Fussbodens
und durch eine geöffnete Scheibe blies der Zugwind in die Vorhänge welche
schwarz um die Fenster hingen wie Leichenschmuck der aufgesteckt wird beim
Begräbnis eines Hausgenossen Hier und da schien ein spärlicher Strahl aus der
Tiefe auf die Bilder an der Wand dort hingen in der fremden Tracht ihrer Zeit
die Ahnen des Fürstenhauses und wenn bei Tage der Kastellan die neugierigen
Fremden durch die Säle geleitete dann nannte er ihre Namen und sprach die Worte
des Lobes über sie welche er eingelernt hatte Viele Geschlechter hatten in
diesen Räumen gehaust stattliche Männer und schöne Frauen hatten sich hier im
Reigen geschwungen in goldenen Bechern war der Wein geflossen gnädige Worte
festliche Rede und das leise Gemurmel der Liebe waren hier gehört worden der
Glanz jeder früheren Zeit war überboten durch reicheren Zierat der späteren
Alles aber war verschwunden und verweht über den bunten Farben lag die Schwärze
der Nacht und des Todes Die sich einst hier verbeugt und des bunten Gewühls
geladener Gäste gefreut sie alle waren hinabgestiegen zur Tiefe nichts war
geblieben in dieser Stunde als traurige Leere und unheimliche Stille und eine
einzelne Gestalt welche geräuschlos wie ein Geist auf dem glatten Boden
dahinschlich Es war der Herr dieses Schlosses Das Haupt vorgebeugt wie im
Traume ging er bei den Bildern seiner Ahnen vorüber
»Das scheue Reh entlief« flüsterte er »der Panter sprang zu kurz heulend
schleicht er das Haupt gesenkt in seine Kluft zurück Die große Katze konnte
ihre Krallen nicht bergen Die Jagd ist aus es ist Zeit den Hammer dieser
Brust in Ruhe zu setzen«
»Es war nur ein Weib ein kleines unbekanntes Menschenleben aber die
Gaunerin Phantasie hat meine Sinne an ihren Leib gebunden ihr allein gehört
was ich von Wärme und Hingabe für das Menschenvolk übrig habe« Er blieb vor
einem Bilde stehen auf welches das trübe Licht einer gedämpften Lampe fiel »Du
Alter im Harnisch weißt wie Einem ums Herz ist der flüchtig von Haus und Hof
zieht und seinem Feind überlassen muss was ihm lieb war Als du aus dem Schloss
deiner Väter eiltest ein heimatloser Flüchtling verfolgt von der Meute fremder
Söldner da war dir elend zu Mut und du warfst einen wilden Fluch hinter dich
Aermer fühlt sich dein Enkel der jetzt flüchtig durch das Erbe gleitet das du
ihm hinterlassen dir blieb die Hoffnung im harten Herzen ich habe heut Alles
verloren wofür zu atmen der Mühe lohnt Sie ist meinen Wächtern entflohen
Wohin Auf den Stein zu ihrem Vater Fluch der Stunde wo ich selbst durch ihre
Worte getäuscht den Knaben in ihre Berge sandte«
Er schlich weiter »Die dritte Station auf dem Wege zum Ende« grübelte er
»ist eitles und nichtiges Spiel und bubenhafte Tücke So sagte der gelehrte
Pedant Es traf ein ich bin entstellt zu einem kindischen Zerrbild meiner
Natur Kläglich ist das Geflecht des Netzes welches ich um ihre Glieder legte
fester Wille vermochte es im Augenblick zu zerreißen Er hatte Recht knabenhaft
war das Spiel Durch einen Federbart wollte ich ihn festhalten und bevor noch
die Kunst des Magisters ihre Wirkung getan störte ich mir selbst den Erfolg
durch die zitternde Hast meiner Leidenschaft Wenn ihm die Kunde kommt dass sein
Weib entflohen dann schnürt auch er seine Bücher und höhnt mich in sicherer
Ferne Schlechter Spieler der an die Spielbank trat mit gutem Vorsatz Stück um
Stück auf das grüne Tuch zu setzen und der im Wahnsinn den Beutel hinwarf und
durch eine Kugel Alles verlor Fluch über ihn und mich Er darf nicht von mir
er darf sie nicht sehen Doch was nützt ihn zu halten wenn ich nicht seine
Glieder in Eisen schmiede oder seinen Leib da unten berge wo wir alle geborgen
werden wenn die Andern Macht erhalten sich unser zu entledigen Du lügst
Professor wenn du mich deinen alten Kaisern vergleichst Mir graut bei dem
Gedanken an Dinge die jene lachend taten und mein Hirn weigert sich zu
denken was einst ein kurzer Wink der Hand befahl«
»Eine Kugel und ein Würfel für zwei« fuhr er fort »das ist ein lustiges
Spiel von Meinesgleichen erfunden Wies trifft der Eine fällt der Andere
springt davon Wir würfeln Professor wer von uns beiden dem Gegner diesen
letzten Dienst erweist Und ich werde dir zunicken du Träumer wenn ich der
Glückliche bin der zur Ruhe gebracht wird«
»Reicht dein Witz aus Philosoph dein Schicksal vorauszusehen wie jenem
alten Sterndeuter gelang den dein Tiberius nach der eigenen Zukunft frug Lass
uns versuchen wie weise du bist«
Er stand wieder still und sah unruhig auf die dunklen Bilder »Ihr schüttelt
mit den Köpfen ihr Alten an der Wand mancher von euch hat getan was Anderen
leid wurde ihr seid alle ehrenvoll eingesargt mit Trauermarschall und
Leichenpferd man hat Lieder gesungen euch zu Ehren und die Gelehrten haben
lateinische Wehklagen geschmiedet und geseufzt dass der goldene Regen aufhörte
der aus eurer Hand auf sie herabfiel Dort steht einer von euch« rief er und
sah mit starrem Auge in einen Winkel »dort schwebt der Wehegeist heran der
schwarze Schatten der durch dieses Haus fährt wenn das Unglück naht die
Schuld und die Busse Es fährt dahin die Narren zu schrecken wesenlos ein Spuk
meiner kranken Laune Ich sehe wie es die Hand hebt es scheucht und mir graut
vor der Malerei meines Gehirns Hinweg« rief er laut »hinweg Ich bin der Herr
des Hauses« Er lief durch die Zimmer und strauchelte der schwarze Schatten
eilte hinter ihm Der Fürst stürzte auf den Fußboden
Er rief laut nach Hilfe in dem öden Raum Als der vertraute Diener aus dem
Vorzimmer des Fürsten herzueilte fand er seinen Herrn auf der Erde liegen »Ich
hörte einen gellenden Ruf« rief der Fürst sich wild erhebend »wer hat
geschrien über meinem Haupt«
Der Diener versetzte zitternd »Ich weiß nicht wer es war ich hörte den
Ruf und eilte herbei«
»Ich war es wohl selbst« sagte der Fürst tonlos »mich überkam die
Schwäche«
Am frühen Morgen rief der Professor den Kastellan und stürmte die
Turmtreppe hinauf er fuhr in der Kammer umher und rückte an Bohlen und
Bretern er fand manchen vergessenen Kasten nicht den welchen er suchte Er
ließ den Kastellan jeden Nebenraum des Schlosses öffnen schritt durch die Böden
und Keller nirgend eine Spur Er suchte bei dem Förster welcher in einem
Nebenhause wohnte auch dieser wusste keine Auskunft zu geben Als der Gelehrte
wieder in sein Zimmer trat legte er das Haupt auf seine Hände Aber er schalt
sich und bändigte sich »Zu sehr habe ich die kühle Umsicht verloren welche
Fritz die höchste Tugend des Sammlers nennt Gewöhne dich an den Gedanken zu
entsagen und prüfe ruhig die Hoffnung welche noch dauert Sei auch nicht
undankbar für das Wenige das du gewonnen« Aber ihm wurde schwer bei den
gefundenen Blättern zu verweilen und er ging wieder sinnend auf und ab Er
hörte Stimmen im Hofe eiliges Laufen in dem Gange endlich meldete ein Lakai
die Ankunft des Fürsten und dass dieser den Professor beim Frühstück zu sehen
wünsche
An der Turmseite welche der Morgensonne entgegenlag war unter blühendem
Gesträuch die Tafel gedeckt Als der Professor unter das Dach trat welches die
Stelle vor Regen und Sonnenstrahlen schützte fand er neben der Dienerschaft
auch die Forstbeamten aufgestellt und außer dem Marschall den Obersthofmeister
welcher unruhiger als der Professor die plötzliche Ankunft des Fürsten bedachte
Der alte Herr näherte sich dem Gelehrten und sprach Gleichgültiges »Wie
lange gedenken Sie hier zu bleiben« frug er verbindlich
»Ich werde um Erlaubnis bitten in der nächsten Stunde nach der Stadt
abzureisen ich bin fertig«
Es währte lange bis die Herrschaften kamen Als der Fürst aus der Tür
trat fiel sein leidendes Aussehen allen Anwesenden auf seine Bewegungen waren
hastig die Züge verstört die Blicke fuhren unstät über die Gesellschaft Er
wandte sich zuerst mit harter Frage an den Förster »Wie durften Sie das widrige
Geschrei der Dohlen am Turme leiden Es ware Ihre Sache dort aufzuräumen«
»Ihre Hoheit die Frau Prinzessin hatte in vorigem Sommer für die Vögel
gebeten«
»Mir ist der Ton unerträglich« sagte der Fürst »bringen Sie Gewehre und
machen Sie sich bereit einigemal darunter zu schießen«
Da der Verbrauch von Jagdpulver zu den regelmäßigen Landfreuden des Hofes
gehörte und der Fürst auch in der Umgebung des Schlosses gern selbst einmal auf
einen Raubvogel oder ein anderes lockendes Ziel sein Gewehr richtete fand der
Hof diesen Auftrag weniger hart als der Gelehrte
Der Fürst wandte sich an den Obersthofmeister »Ich bin überrascht
Excellenz hier zu finden ich wusste nicht dass auch Sie sich für dies Stillleben
Urlaub erteilt haben«
»Mein gnädigster Herr dürfte überrascht sein wenn ich meine Pflicht nicht
getan hätte Es war meine Absicht Eurer Hoheit noch heute in der Residenz über
das Befinden der Frau Prinzessin zu berichten«
»Also darum« bemerkte der Fürst spöttisch »ich hatte vergessen dass mein
Obersthofmeister seines Wächteramtes nicht müde wird«
»Ein Amt das man fast ein halbes Jahrhundert im Dienst des erlauchten
Hauses geübt hat wird zur Gewohnheit« erwiderte der Obersthofmeister »Ew
Hoheit haben den Eifer eines Dieners der sich gern nützlich machen möchte
sonst mit Nachsicht beurteilt«
Der Fürst wandte sich an den Hofmarschall und frug mit gedämpfter Stimme
»Will er bleiben«
Der Hofmarschall versetzte gedrückt »Es war kein Versprechen nicht einmal
ein Wunsch aus ihm zu holen«
»Ich wusste es bereits« unterbrach der Fürst rau Er kehrte sich zu dem
Professor und zwang sich heftig zu freundlicher Miene als er sagte »Ich habe
von meiner Tochter gehört welchen Verlauf Ihr Feldzug gegen Stuhlbeine genommen
hat Ich wünsche darüber noch mit Ihnen allein zu sprechen«
Man nahm Platz Der Fürst starrte vor sich hin und trank einige Gläser Wein
auch die Prinzessin saß schweigend es war eine einsilbige Unterhaltung Nur der
Obersthofmeister wurde gesprächig er frug nach einer Büste Winckelmanns und
sprach von dem lebhaften Anteil welchen die Nation jedem ungewöhnlichen
Schicksal ihrer geistigen Führer zuwendet
»Es muss doch ein angenehmes Gefühl sein« sagte er verbindlich zum
Professor »gewissermaßen von der ganzen gebildeten Welt gehütet zu werden In
hundert Fällen vergeht das Privatleben unserer großen Gelehrten ohne besondere
Ereignisse und doch beschäftigt sich unser Volk so gern mit dem Lebenslauf der
Geschiedenen Wen ein günstiger Zufall mit Herren Ihresgleichen in Berührung
setzt der mag sich vorsehen dass er nicht unter den Händen später Biographen
für alle Ewigkeit mit einem entstellenden Strich versehen wird Ich gestehe«
fügte er lächelnd hinzu »dass diese Scheu mich mancher lehrreichen Bekanntschaft
beraubt hat«
Der Professor erwiderte ruhig »Das Volk ist sich bewusst dass es zuerst
durch die Arbeit der Studierstuben aus dem Elend heraufgekommen ist bei
längeren Erfolgen im politischen Leben wird auch die Teilnahme an den Trägern
unserer bisherigen Kultur auf ein bescheideneres Maß zurückgeführt werden«
»Ich habe dem Fürsten erzählt dass Sie hier doch etwas gefunden« bemerkte
die Prinzessin über den Tisch
»Da ist nahebei ein merkwürdiger Fund in altem Hünengrabe gemacht« knüpfte
der Obersthofmeister an und berichtete weitläufig über Totenurnen
Aber der Fürst selbst wandte sich an den Gelehrten »Jetzt ist doch
Hoffnung dass sich auch das Übrige finden wird«
»Leider weiß ich nicht mehr wo ich suchen soll« entgegnete der Professor
»Was Sie gefunden haben« fuhr der Fürst mit Selbstüberwindung fort »ist
also unbedeutend«
Dem Professor war nicht recht dass die Rede wieder auf die Handschrift kam
er empfand Missbehagen von seinem Römer zu erzählen »Es sind einige Kapitel aus
dem sechsten Buch der Annalen« versetzte er mit Haltung
»Als Ew Hoheit in Pompeji standen« fiel der Obersthofmeister ein
»erregten die eingekratzten Aufschriften der Wände Aufmerksamkeit In diesen
Tagen fiel mir eine hübsche Abhandlung darüber in die Hand Es ist fesselnd das
lebhafte Volk des alten Unteritaliens in den unbefangenen Äußerungen seiner
Liebe und seines Hasses zu beobachten Man fühlt sich bei den naiven Ausrufungen
der kleinen Leute fast ebenso lebhaft in die alte Zeit versetzt als wenn man
jetzt ein Zeitungsblatt in die Hand nimmt das vor mehren Jahren geschrieben
wurde Wer den Bürgern Pompejis gesagt hätte dass man nach achtzehn
Jahrhunderten noch wissen würde wen sie in zufälliger Verstimmung einmal
feindselig behandelt haben dem hätten sie es schwerlich geglaubt Wir freilich
sind vorsichtiger«
»Also das war der Hass kleiner Leute« bemerkte der Fürst zerstreut »Tacitus
weiß davon nichts ihn kümmert der Skandal des Hofes Wahrscheinlich hatte auch
er ein Hofamt«
Die Prinzessin sah unruhig auf den Fürsten »Ist von dem Inhalt der beiden
Pergamentblätter auch etwas für uns Frauen belehrend« frug sie wieder
ablenkend
»Nichts Neues« antwortete der Gelehrte »da wie ich die Ehre hatte Ew
Hoheit zu sagen uns dieselbe Stelle bereits aus einer italienischen Handschrift
bekannt ist Es sind kleine Ereignisse im römischen Senat«
»Zank der versammelten Väter« warf der Fürst nachlässig ein »es waren
elende Sklaven Ist das alles«
»Am Schluss stand noch eine Anekdote aus dem Privatleben des Tiberius Der
verstörte Geist des Fürsten klammert sich an die Astrologie er ruft Sterndeuter
zu sich und lässt in das Meer schleudern die er in Verdacht eines Betruges hat
Auch der kluge Trasyllus wird über den verhängnisvollen Felsenpfad zu ihm
geführt er verkündet die verborgenen Geheimnisse des kaiserlichen Lebens Da
forscht Tiberius lauernd ob er auch wisse was ihm selbst der gegenwärtige Tag
bringen werde«
»Der Philosoph fragt die Gestirne und ruft zitternd aus Bedenklich ist
meine Lage ich sehe mich in Todesgefahr An dieser Stelle bricht unser
Bruchstück ab Der Vorfall mag sich wiederholt haben dieselbe Anekdote haftet
an mehr als einem Fürstenleben«
Um die Zinne des Turmes flog die Schaar der Dohlen sie schwatzten und
schrien und erzählten einander dass unten der Weidmann stand der ein Wild
suchte
Der Fürst erhob sich schnell »Diesem Geschrei der schwarzen Vögel soll ein
Ende gemacht werden« er winkte dem Büchsenspanner Der Mann trat heran und
legte ein Gewehr in die Hand des Fürsten Der Fürst setzte den Kolben auf die
Erde und wandte sich zu dem Professor während die Prinzessin beunruhigt durch
die letzten Worte des Gelehrten mit ihrem Gefolge abseits stand und um Fassung
rang
»Die Prinzessin hat mir gesagt« begann der Fürst »dass Sie Bedenken tragen
einen Wunsch zu erfüllen der uns allen große Bedeutung gewonnen hat Ich hoffe
dass die Hindernisse nicht unüberwindlich sein werden«
»Mir ziemt« versetzte der Professor erfreut durch die gütigen Worte des
Fürsten »einen so ehrenvollen Antrag ruhig zu erwägen Ich habe nicht nur auf
meine Wissenschaft Rücksicht zu nehmen auch auf Anderes«
»Worauf« frug der Fürst
»Auf den Wunsch einer geliebten Frau« sagte der Professor Ein plötzliches
Zucken kam über die Glieder des Fürsten
»Und wie betrachten Sie Ihr Verhältnis zu mir« frug der Fürst mit heiserer
Stimme
Der Gelehrte sah den Fürsten an aus den Augen sprühte tötlicher Hass und der
glitzernde Schein des bösen Blickes er sah die Mündung des Gewehres gegen seine
Brust gerichtet und dass der gehobene Fuß des Fürsten um den Drücker fuhr
Der Wetterstrahl zuckte kein Raum zur Flucht keine Zeit zur Regung der
Gedanke des letzten Augenblicks fuhr ihm durch das Haupt Er erblickte vor sich
das verzerrte Antlitz des Kaisers Tiberius und er sagte leise »Ich stehe auf
dem Pfad des Todes«
»Der Fürst sinkt« schrie der Obersthofmeister Er warf sich mit
ausgestreckten Armen gegen den Herrn und ergriff seine Hände Der Fürst wankte
das Gewehr fiel zu Boden er selbst wurde von den Armen der Herbeieilenden
aufgefangen
Die Prinzessin flog herzu und sah fragend dem Gelehrten in das bleiche
Antlitz »Den Fürsten überkam ein plötzlicher Schwindel« antwortete dieser
ruhig
»Der Herr wird ohnmächtig« rief der Obersthofmeister »Wie geht es Ihnen
Herr Werner« Die Hände des alten Mannes zitterten
Gebrochen hing der Fürst in den Armen seiner Begleiter er wurde nach dem
Schloss getragen
Die Umstehenden sprachen in warmen Worten ihren Schreck über den Zufall aus
die Prinzessin eilte dem kranken Fürsten nach Ehe der Obersthofmeister folgte
sagte er noch zum Professor indem er ihm prüfend ins Auge sah »Nicht zum
ersten Mal erkrankt der Fürst an solchem Zufall Ihnen kam das überraschend Sie
wussten nicht dass der Fürst leidend ist«
»Ich weiß es seit heut« erwiderte kalt der Gelehrte
Wenige Minuten darauf trat der Obersthofmeister in das Zimmer des
Professors welcher sich zur Abreise bereitete
»Ich komme Ihre Nachsicht zu erbitten« begann der Obersthofmeister »Denn
ich muss Ihnen durch ein Bekenntnis lästig werden welches für mich peinlich ist
Sie haben neulich in meiner Gegenwart dem Fürsten von dem Cäsarenwahnsinn
römischer Kaiser berichtet Was Sie damals sagten war mir sehr lehrreich«
»Ich ahne jetzt« versetzte der Professor finster »dass der Ort dafür sehr
wenig geeignet war«
»Mehr als Sie annehmen« sagte der Hofmann trocken »Für mich war
vorzugsweise lehrreich nicht was Sie sagten sondern dass Sie es sagten Ich
hatte nicht für möglich gehalten dass Jemand so scharfsinnig Vergangenes
nachfühlen und so bereitwillig auf ein Urteil über seine Umgebung verzichten
könnte Sie haben damals einem Kranken seine eigene Krankheitsgeschichte
erzählt«
»Ich habe darüber soeben Beobachtungen gemacht« antwortete der Gelehrte
»Der Fürst ist gemütskrank Es ist jetzt notwendig dass Sie es wissen Ich
habe Ihnen noch ein zweites Bekenntnis abzulegen Mir ist begegnet dass ich Sie
falsch beurteilt habe«
»Es würde mir von Wert sein wenn Ihr gegenwärtiges Urteil günstiger wäre
als das frühere« entgegnete der Professor mit Haltung
»In Ihrem Sinne ja« fuhr der Obersthofmeister fort »Ich habe Sie in Ihren
hiesigen Beziehungen längere Zeit für einen vorsichtigen Mann gehalten der klug
seine Zwecke verfolgt ich habe erfahren dass Sie das nicht sind sondern etwas
Anderes«
»Ein ehrlicher Mann Excellenz«
»Wir haben einander nichts vorzuwerfen« antwortete der Hofmann das Haupt
neigend »wie Sie den Fürsten so habe ich Sie selbst unrichtig beurteilt Aber
mein Versehen ist das größere Denn ich bin der ältere und ich habe nicht wie
Sie die Entschuldigung eines besonders reichen Geistes welcher zuweilen
erschwert andere Naturen unbefangen aufzufassen Eine Entschuldigung aber haben
wir beide Es ist selten leicht solchen gerecht zu werden welche in andern
Kreisen aufgewachsen sind und in Tugenden und Schwächen fremdartige Mischung
zeigen Befriedigung oder Verletzung des eigenen Selbstgefühls irrt uns allen
das Urteil Wo die gemütlichen Neigungen abweichen entfremdet Missbehagen wo
kräftig Töne der eigenen Brust sympathisch wiederklingen gefährdet schnelle
Annäherung So habe ich Ihre ehrliche Unbefangenheit zu niedrig geschätzt ich
zahle in dieser Stunde die Busse denn ich übergebe Ihnen ein Geheimnis in dem
Vertrauen dass Sie es mit hohem Sinn aufnehmen werden«
»Ich nehme an dass Excellenz mir diese Mitteilung nicht ohne bestimmte
Veranlassung machen«
»Man geht damit um Sie in unserer Stadt festzuhalten« warf der
Obersthofmeister hin
»Mir sind seit gestern Anträge in dieser Richtung zugegangen« Der
Obersthofmeister fuhr fort »Ich habe nicht nötig um Ihre Antwort zu sorgen
Sie haben die Meinung kennengelernt welche sich hinter artiger Hülle verbarg
Wissen Sie weshalb der Fürst Ihnen den Antrag gemacht hat«
»Nein Bis zu diesem Morgen habe ich nicht gezweifelt dass ein gewisses
persönliches Wohlwollen und die Ansicht dass ich hier nützlich sein könnte der
Beweggrund war«
»Sie irren« entgegnete der Obersthofmeister »Man will Sie nicht bloß
deshalb festhalten um Sie für vergängliche Privatinteressen zu verwenden das
letzte Motiv sind wie ich annehme die Grillen eines Kranken welcher in Ihnen
bald einen Gegner sieht bald einen Scharfsinn fürchtet der schonungslos
krankhafte Stimmungen vor der Welt aufdecken könnte Sie sollen hier festgebannt
werden man will Sie streicheln kratzen beobachten verfolgen Sie sind ein
Gegenstand des Interesses der Scheu und Abneigung geworden«
Der Professor stand auf »Was ich erlebt und was Sie mir sagen zwingt mich
diese Stätte augenblicklich zu verlassen«
»Ich wünsche nicht« sagte der Obersthofmeister »dass Sie mit einem lauten
Misston von hier scheiden wenn dies vermieden werden kann um Ihretwillen nicht
und wegen manchem von uns nicht«
Der Professor trat an den Tisch auf welchem die Pergamentblätter lagen
»Ich erbitte Ihre Geduld wenn ich nicht sogleich ruhige Haltung wiederfinde
Die Lage in welche wir versetzt sind ist wie aus einem fremden Jahrhundert
sie steht in furchtbarem Gegensatz zu der heitern Sicherheit womit wir das
eigene Leben und die Seelen unserer Zeitgenossen betrachten«
»Heitere Sicherheit« frug der Obersthofmeister traurig »An Höfen
wenigstens dürfen Sie diese nicht suchen und nirgend wo der Einzelne aus dem
Privatleben heraustritt Heitere Sicherheit Auch ich möchte fragen ob wir aus
Einem Jahrhundert sind Schwerlich hat es eine Zeit gegeben wo so Vieles
unsicher das Alte so abgelebt und das Neue so schwach war«
Der Professor hob erstaunt das Haupt bei der lauten Klage des Greises
Der Obersthofmeister fuhr zürnend fort »Ich höre überall von den
Hoffnungen die man im Volke hat ich sehe häufig ein junges burschikoses
Vertrauen Es ist freilich noch weit von gereifter Kraft aber ich verarge einem
gemütvollen Manne nicht wenn er darauf Hoffnungen setzt Ja ich darf
einräumen dass dieser jugendliche Mut in der Tat die beste Hoffnung ist
welche wir haben Aber ich bin ein alter Mann ich vermag dies Neue nirgend wo
es über die Interessen des Privatlebens hinausstrebt bedeutend zu finden Ich
fühle die Abnahme der Lebenskraft in der Luft welche mich umgibt Meine Jugend
fällt in eine Zeit wo die beste Bildung der Nation den Höfen nahestand meine
eigenen Vorfahren haben durch sechs Jahrhunderte an den Torheiten und
Verbrechen aber auch an dem Stolz ihrer Zeit eifrig Teil genommen ich bin zum
Manne erwachsen in der Vorstellung dass Fürsten und Adel die geborenen Führer
der Nation sind Ich sehe mit Trauer dass sie auf lange vielleicht für immer
diese Führung verlieren Manches was Sie neulich erzählten passt genau auf die
letzten Jahrzehnte welche ich durchlebt Es war eine schmerzvolle Zeit Die
dumpfe Schwäche im Leben des Volkes hat am meisten auf den Höhen verwüstet Auch
da hat es nicht an einzelnen ehrenwerten und kräftigen Männern gefehlt Welche
Zeit hätte sie ganz entbehrt Aber was die edelste Blüte der Volkskraft sein
sollte das ist gerade in dieser leeren und schalen Zeit am tiefsten erkrankt«
Der Professor warf ein »Ist Grund zur Trauer wo vielleicht der Einzelne
verliert das Ganze gewonnen hat«
»Zuverlässig nicht« versetzte der Hofmann »wenn nur der Gewinn für das
Ganze so sicher stünde Aber mit Erstaunen sehe ich dass gerade die größten
Angelegenheiten der Nation von allen Seiten schülerhaft klein betrieben werden
Vieles Wertvolle ist verloren Besseres nicht gewonnen Die Feinheit der
Empfindung welche sich sonst in allen Formen des Verkehrs sehr wohltuend
ausdrückte vorsichtige Behandlung wichtiger Geschäfte werden selten Wenn
dieser Vorzug nicht ausreicht Charaktere zu bilden wie sie vielleicht die
Gegenwart braucht er machte doch das Leben gefällig und schön Was einst häufig
war an den Höfen und den Geschäften sicheres Gefühl der Überlegenheit
graziöse Herrschaft über Andere das müssen wir entbehren Die Diplomatie hat
aufgehört vornehm zu sein Man brüskirt man aventurirt nicht nur der Adel der
Gesinnung sogar der anmutige Schein desselben fehlen an den Höfen hat
unsichere Kleinlichkeit ein mürrisches gereiztes abschliessendes Wesen über
Hand genommen in der Diplomatie Ungezogenheiten und Leichtsinn ohne Kenntnisse
und ohne männlichen Willen Unsere Prinzen klirren als bewaffnete Müßiggänger
einher die alte Hofzucht ist verloren man fühlt sich haltlos auf der Defensive
und sucht in törichten Übergriffen sein Heil Es ist schwer sich die
Empfindung fern zu halten dass es mit diesem Treiben unaufhaltsam abwärts gehe«
Der Professor lächelte über die Trauer des alten Herrn
»Ich verdenke Ihnen nicht« fuhr der Obersthofmeister fort »wenn Sie das
Unglück dieser Verwandlung weniger schmerzlich empfinden als ich Es ist nur
schade dass es immer noch die höchsten irdischen Interessen sind mit welchen in
solcher Weise gespielt wird«
»Ist denn aber das Unglück so allgemein« versetzte der Professor
»Unserem vielgestaltigen Leben fehlt es nicht an glänzenden Ausnahmen«
sagte der Obersthofmeister »Es war uns auch in der Zeit wo wir vor der Welt
die größten Trauerspiele aufführten noch vergönnt hier und da eine heitere
Novelle ins Leben zu rufen Kaum jemals hat es uns ganz an einem Lande gefehlt
welches die fünf Charaktere eines guten Hofes in dauerndem Zusammenleben
vereinte einen geradsinnigen Herrn eine liebenswürdige Fürstin einen
hochgesinnten Staatsmann eine geistreiche Hofdame und unter den Kavalieren
einen überlegenen Geist Aber die Stätten sind selten geworden«
»Waren sie jemals häufig«
»Sie waren in der Zeit aus welcher meine ersten Erinnerungen stammen der
Stolz unserer Nation« versetzte der Obersthofmeister
»Gerade in jener Zeit haben wir auch Anderes gewonnen worauf wir noch jetzt
stolz sind« entgegnete der Gelehrte »Es waren kurze Jahrzehnte in welchen die
Höfe für Pflegestätten der freiesten Zeitbildung galten und nur durch die
seltsamen politischen Schicksale unseres Volkes ist diese Führerschaft möglich
geworden Jetzt ist sie auf andere Kreise übergegangen und für die vornehme
Bildung Einzelner haben wir die vermehrte Tüchtigkeit Vieler eingetauscht«
»Auch hierbei ist ein Verlust« rief der Obersthofmeister »dass vornehme
Naturen überhaupt selten geworden sind Ich bin bereit die großen Fortschritte
anzuerkennen welche das Bürgertum in den letzten fünfzig Jahren gemacht hat
Aber die Tüchtigkeit welche das Volk in Erwerb und Verkehr entwickelt ist zu
selten verbunden mit sicherem Selbstgefühl ja auch selten mit der
festgegründeten Stellung deren eine politische Kraft bedarf Zu häufig ist das
Schwanken zwischen unzufriedenem Trotz und übergrosser Fügsamkeit hoch fliegt
die Begehrlichkeit zu klein ist der Opfermut Überall hat der Wohlstand
zugenommen wer dürfte das leugnen Nicht in demselben Masse das Verständnis für
die höchsten Angelegenheiten der Nation«
»Die Lebenden kommen herauf« erwiderte der Gelehrte »die Söhne werden
sicherer und freier stehen auch auf diesem Gebiet gehört unsere Zukunft denen
welche emsig arbeiten«
»Vieles mag verloren gehen« sagte der Obersthofmeister »bevor die
Steigerung welche Sie erwarten so groß wird dass sie den Aufstrebenden Anteil
an der Herrschaft verschafft Ich bin zu alt mich von Hoffnungen zu nähren
deshalb vermag ich Ihre lichtvolle Auffassung unserer Lage mir nicht anzueignen
Ich wünsche unserer Nation Gutes woher es auch komme ich weiß sie hat
Aergeres überstanden als das gegenwärtige Hängen zwischen einer niedersteigenden
und einer aufsteigenden Bildung Aber ich fühle dass die Luft in der ich lebe
immer schwüler wird die Spannung der Gegensätze gefährlicher Wenn ich
zurücksehe auf ein langes Leben so graut mir zuweilen vor dem Siechtum das
ich geschaut Es war keine Zeit riesiger Laster wie Ihre Kaiserperiode aber es
war eine Zeit in welcher nach kurzem poetischen Traum die Schwäche dürftiger
Seelen herrschte und verdarb Die Gestalten welche in dieser Zeit verkommen
sind werden der Nachwelt nicht fürchterlich erscheinen aber grotesk und
verächtlich Sie Herr Professor leben in einem neuen Zeitalter wo sich ein
jüngeres Geschlecht unbehilflich müht heraufzukommen Mir fehlt Empfänglichkeit
für die neue Art und mir fehlt der Mut zu hoffen denn mir fehlt jede
Fähigkeit die Jüngern bildend zu fördern«
Er war aufgestanden Der Greis und der jugendfrische Mann der Diplomat und
der Gelehrte standen einander gegenüber der Eine Sprecher für die Welt welche
sich abwärts neigte der Andere Verkünder der Lehren welche unablässig die alte
Welt erneuen Auf dem ruhigen Antlitz des Alten lag stille Trauer in den
geistvollen Zügen des Jüngern arbeitete kräftig die Empfindung ein hoher Sinn
und ein feiner Geist schaute aus den treuen Augen Beider
»Was wir einander zu sagen hatten« fuhr der Obersthofmeister fort »ist
gesagt Ich habe versucht gut zu machen was ich gegen Sie versehen möge Ihnen
die geschwätzige Offenheit mit der ich mich Ihrem Urteil hingab eine kleine
Genugtuung dafür sein dass ich zu lange gegen Sie schwieg Es ist die beste
Genugtuung die ich einem Manne Ihrer Art zu geben weiß Was die krankhafte
Stimmung Anderer betrifft von welcher wir ausgingen so bedarf es darüber
zwischen uns keiner Worte beide werden wir besonnen tun was unsere Pflicht
ist um die Menschen welche unserer Sorge vertraut sind vor Gefahr zu hüten
auch uns selbst zu wahren Herr Werner Leben Sie wohl Möge die Tätigkeit
welche Sie gewählt haben Ihnen das freudige Vertrauen zu Ihrer Zeit und Ihrem
Geschlecht erhalten bis in die Jahre welche ich auf meinem Scheitel trage
Dies höchste Glück des Menschen habe ich der unbedeutende Mann zuweilen mit
Schmerzen entbehrt wie sie Ihr großer Römer gefühlt hat«
»Gestatten Excellenz auch mir Ihnen eine Bitte auszusprechen« versetzte
der Gelehrte mit warmer Empfindung »Noch oft mag die ungeübte Rührigkeit der
Jüngern Ihnen ein bitteres Lächeln abnötigen und nicht immer werden die
unfertigen Werke welche wir Pioniere der Wissenschaft aufwerfen den
Forderungen genügen welche Sie auch an uns stellen denken Sie wenn Sie uns
tadeln müssen auch nachsichtig daran dass unser Volk die Bürgschaft
schöpferischer Jugend so lange in sich trägt als die Ehrfurcht vor jeder
geistigen Arbeit und die einfache Ehrlichkeit in Liebe und Hass ihm nicht
verloren sind Solange die Nation sich selbst verjüngt vermag sie auch ihre
Fürsten und die Leiter ihrer Geschäfte mit neuem Leben zu erfüllen Denn wir
sind nicht Römer sondern warmherzige und dauerhafte Germanen«
»Nero wagt nicht mehr die Apostel einer neuen Lehre zu verbrennen«
erwiderte der Obersthofmeister mit trübem Lächeln »Darf ich dem Fürsten von
Ihnen das Herkömmliche sagen das Sie ihm aussprechen dürfen ohne Ihrer Würde
wehe zu tun«
»Ich bitte darum Excellenz« versicherte der Professor
Der Professor eilte sich bei der Prinzessin zu beurlauben sie empfing ihn
in Gegenwart ihres Fräuleins und des Hofmarschalls Wenige Worte wurden
gewechselt während sie die Hoffnung aussprach ihn recht bald in der Residenz
wiederzusehen wollte ihr die Sprache versagen Als er das Zimmer verlassen
flog sie hinauf in die Bibliothek und blickte hinab auf den Wagen in welchen
die Truhe geladen wurde Sie brach einige der Blumen ab welche der Gärtner in
ihr Zimmer gesetzt und schlang sie mit einem Bande zusammen »Sein Auge sah auf
euch und seine Stimme klang in dem Raum in dem ihr euer flüchtiges Leben
verbringt Es war ein kurzer Traum kein Traum ein schönes Bild wars aus neuer
Welt
Wie sich die Frau fügt dem stärkeren Geist in liebevoller Hingabe ihr Auge
auf das seine geheftet das Glück habe ich geahnt Nur einmal hat meine Hand die
seine berührt und doch habe ich an seinem Herzen gelegen unsichtbar
körperlos Niemand weiß es er selbst nicht ich allein empfand die Wonne
Leichtes luftiges Band gewebt aus den zartesten Fäden die sich von einer
Menschenseele zur andern ziehen du sollst zerreißen und verwehen nur das
Gefühl bleibt dass die Neigung welche zwei Freunde zueinander zog zum Segen
wurde für eines der beiden
Du ernster Mann gehst deinen Pfad und ich den meinen und wenn der Zufall
uns zusammenführt dann neigen wir uns artig voreinander und grüßen uns mit
höflicher Rede Lebe wohl Gelehrter sooft mir einer deiner Genossen
entgegentritt ich werde fortan wissen dass er zu einer stillen Gemeinde gehört
in deren Vorhof auch ich demütig mein Haupt geneigt«
Aus den Baumgipfeln auf die das Fürstenkind niedersah sangen die Vögel
Der Wagen rollte davon sie beugte sich herab und hielt den Strauss in der
ausgestreckten Hand dann warf sie die Blumen mit kräftigem Schwunge in den
Wipfel eines Baumes sie hingen unter den Blättern ein kleiner Vogel flog auf
doch er setzte sich im nächsten Augenblick wieder vor den Strauss und sang sein
Lied fort Die Prinzessin aber legte ihr Haupt an die Mauer des Turmes
Der Gelehrte fuhr der Stadt zu die Truhe welche er gefunden stand vor
ihm Schneller noch und stürmischer als auf der Herfahrt fuhren die wechselnden
Gedanken durch seine Seele er trieb den Kutscher zur Eile und eine unbestimmte
Angst heftete ihm den Blick an die Stelle wo die Türme der Hauptstadt
aufsteigen sollten Dazwischen aber sah er immer wieder die Gestalt des
Oberstofmeisters vor sich und hörte die traurigen Worte der leisen Stimme
»Unermesslich groß ist der Unterschied zwischen den engen Verhältnissen dieses
Hofes und der gewaltigen Größe des kaiserlichen Roms unermesslich groß auch der
Unterschied zwischen dem bekümmerten Hofherrn und der düstern Gestalt eines
römischen Senators Und doch ist etwas in dem Gefüge der Seele die sich mir
heut aufgetan was mich mahnt an ein Bild aus längst vergangener Zeit und was
er sprach klingt in meiner Seele wie ein schwacher Ton aus dem Herzen des
Mannes dessen Werk ich vergebens gesucht Denn wie wir Gegenwärtiges aus dem
Vergangenen zu erklären bemüht sind so deuten wir auch Zustände und Gestalten
entfernter Zeit nach dem Gemüt der Menschen welche uns lebend umgeben Das
Alte sendet unaufhörlich seine Geister in unsere Seelen und unaufhörlich legen
wir uns das Alte zurecht nach dem Bedürfnis unseres warmen Herzens«
Fünftes Buch
1
Des Magisters Ausgang
Professor Raschke saß auf dem Boden seiner Wohnstube Die Farbenpracht des
türkischen Schlafrocks war vermindert treues Beharren im Dienste
wissenschaftlicher Theorie hatte ihm einen Schimmer von fahlem Grau verliehen
aber er umhüllte doch würdig die Glieder seines Herrn Der Professor hatte sich
zu seinem ältesten Sohn Marcus niedergesetzt um diesem das Studium des ersten
ABCBuchs zu erleichtern als der Kleine ermüdet bei den Bildern ausruhte hatte
der Vater um diese Unterbrechung für sich zu nützen ein Handexemplar des
Aristoteles aus der Tasche gezogen Er las und machte mit einem Bleistift
Anmerkungen ohne zu beachten dass sein Sohn Marcus längst das Bilderbuch
weggeworfen hatte und mit den übrigen Kindern unter denen auch der Pupus
stolperte um den Vater einen Kringeltanz aufführte »Papa nimm die Beine weg
wir können nicht drum herum« rief Berta die älteste von der man wirklich
größere Klugheit hätte erwarten dürfen Raschke zog die Beine ein und da er
seinen Sitz seitdem unbequem fand ersuchte er die Kinder ihm einen Stuhl zu
bringen Sie trugen den Stuhl herzu er stützte sich mit dem Rücken dagegen
»Wir können wieder nicht herum« riefen die tanzenden Kinder Raschke sah auf
»Dann also werde ich mich auf den Stuhl setzen« Das war den Kindern recht und
der Höllenlärm ging weiter »Komm her Berta« sagte Raschke »du kannst mir
als Pult dienen« er legte das Buch auf ihre Zöpfe las und schrieb Die Kleine
stand mäuschenstill unter dem Buch und schalt die Andern weil sie Lärm machten
Es klopfte der Doctor trat ein
»Pfui Fritz« rief Raschke ihm entgegen »ich kenne Sie nicht mehr ich muss
mich wirklich auf Ihr Gesicht besinnen Ist das recht Ihre Freunde so hinten an
zu setzen in einer Zeit wo ein Freundesgruss Ihnen wohltun konnte Laura hat
mir erzählt was Ihren lieben Vater betroffen Ein schwerer Verlust« fuhr er
traurig fort »wenn ich nicht irre Zweimalhunderttausend«
»Gerade eine Null zu viel« sagte Fritz
»Es kommt wenig darauf an« versetzte Raschke »wie groß die Summe war nur
auf das Leid welches sie lieben Menschen bereitet hat Ich war bei Ihnen
Fritz in jenen Tagen ich habe mich sogleich aufgemacht es kam nur« fügte er
bekümmert zu »ein Umstand dazwischen Ich bin sonst gewöhnt des Abends auf
Ihre Straße zu gehen und es kurz zu sagen ich geriet in ein falsches Haus
und kam mit Mühe für die Vorlesung zurecht«
»Bedauern Sie mich nicht« entgegnete der Doctor »freuen Sie sich mit mir
ich bin ein glücklicher Mann gerade in dieser Zeit habe ich gefunden was ich
zu erreichen verzweifelte Lauras Herz und die Einwilligung des Vaters«
Raschke klopfte dem Doctor auf die Schulter und drückte ihm erst die eine
dann die andere Hand »Der Vater« rief er »er war das Hindernis ich kenne ihn
etwas und ich kenne auch seinen Hund Wenn ich von dem Hunde auf den Mann
schließen darf« fügte er zweifelnd hinzu »so ist er ein Original Ists nicht
so Freund«
Der Doctor lachte »Es ist alte Feindschaft über die Straße Meine arme
Seele wird von ihm misshandelt wie die Psyche im Märchen von Frau Venus Er lässt
seinen Zorn an mir aus und stellt mir unlösbare Aufgaben Aber hinter seinem
Trotze merke ich doch dass er sich mit meiner Neigung versöhnt Ich ahne Frohes
in diesen Tagen begleite ich Laura nach Bielstein Nur um des Freundes willen
habe ich gewünscht diese Reise eher anzutreten Ich werde eine Sorge nicht los
Mich beunruhigt dass der Magister in der Nähe Werners ist«
Raschke fuhr sich in die Haare »Freilich« rief er
»Ich habe dazu bestimmte Veranlassung« fuhr der Doctor fort »Der Händler
welcher den falschen Pergamentstreif des Struvelius in die Stadt gebracht haben
sollte wurde von der Mutter des Magisters zu mir gewiesen Ich behandelte ihn
wie natürlich war er aber beteuerte von jenem Pergament nichts zu wissen und
niemals ein solches Blatt durch den Magister verkauft zu haben Der Zorn des
Mannes über die unwahre Behauptung des Magisters hat mich ängstlich gemacht Er
bestätigt einen Verdacht den ich gegen die Echteit eines andern Schriftstücks
das mir Werner aus der Residenz mitteilte bereits in einem Briefe geäußert
Ich kann die Sorge nicht fernhalten dass der Magister selbst der Fälscher war
und Schrecken befällt mich bei dem Gedanken dass er jetzt seine Kunst gegen
unsern Freund zu üben versucht«
»Das ist eine sehr ernste Sache« rief Raschke unruhig auf und ab gehend
»Werner vertraut dem Magister unbedingt«
Auch der Doctor wandelte auf und ab »Denken Sie den Fall dass sein
grossartiges Vertrauen Opfer einer Gemeinheit würde Stellen Sie sich den bitteren
Schmerz vor den ihm das bereiten müsste Mit einem peinlichen Eindruck den wir
andern ohne großen Kampf verwischen wird er lange selbstquälerisch und hart
ringen«
»Sie haben ganz Recht« rief Raschke und fuhr sich wieder in die Haare »Ihm
ist nicht eigen sittliche Hässlichkeit ohne große Aufregung zu überwinden Sie
müssen ihn auf der Stelle warnen und zwar Aug in Auge«
»Leider vermag ich das erst in mehren Tagen unterdes bitte ich Sie
Professor Struvelius von der Aussage des Händlers in Kenntnis zu setzen«
Der Doctor entfernte sich Raschke vergaß den Aristoteles und bedachte
ängstlich die Untreue des Magisters Noch zürnte er mit dem kleinen Mann als es
klopfte und Struvelius mit Flaminia in der geöffneten Tür stand
Raschke begrüßte rief seine Frau bat niederzusitzen und vergaß darüber
dass er im türkischen Schlafrock stand
»Wir kommen mit einem Wunsch« begann Flaminia feierlich »Er gilt unserm
Kollegen Werner Mein Mann will Ihnen mitteilen was uns beide tief erschüttert
hat«
Raschke fuhr von seinem Stuhle in die Höhe Der Gatte dessen Erschütterung
nur an seinem gesträubten Haar sichtbar war erzählte »Mir wurde gestern eine
Einladung auf die Polizei Als ein Bruder des Magister Knips nach Amerika
entwich belegte man seine Sachen auf Ansuchen kleiner Gläubiger mit Beschlag
und weil er den größten Teil seines Eigentums in der Wohnung der Mutter
bewahrte wurde auch dort weggenommen Darunter einige Gefäße und Mappen welche
offenbar nicht dem Entwichenen gehörten sondern dessen Bruder Eine dieser
Mappen enthielt Durchzeichnungen nach Handschriften viele Versuche alte
Schrift nachzuahmen und beschriebene Pergamentblätter Den Beamten hatte dies
befremdet er forderte mich auf unter der Hand davon Einsicht zu nehmen Nähere
Betrachtung ergab dass der Magister selbst sich lange um die Fertigkeit bemüht
hat Schriftzüge des Mittelalters nachzuahmen Aus den Fragmenten aber welche
ich in der Mappe gefunden ist unzweifelhaft dass er noch andere Fälschungen im
Vorrat hat welche zum Teil jenem Pergamentstreif genau entsprechen«
»Dies genügt Struvelius« begann die Gattin »jetzt lass mich sprechen Sie
mögen denken Herr Kollege dass uns zunächst Werner einfiel und dass wir uns der
Angst nicht entschlugen auch der Gatte unserer Freundin werde durch den
Betrüger in eine Verlegenheit kommen Ich forderte Struvelius auf an Professor
Werner zu schreiben er aber zog vor die Nachricht durch Sie zu befördern
Dieser Weg schien auch mir sachgemäss«
Raschke zog ohne ein Wort zu sagen seinen Schlafrock aus lief in
Hemdärmeln durch das Zimmer und suchte in den Winkeln Endlich fand er
wenigstens seinen Hut den er aufsetzte
»Aber Raschke« rief Frau Aurelie »Wie so« frug er eilig »Hier gilt kein
Säumen Bitte sehr um Verzeihung Frau Kollega« rief er seinen Ärmel
betrachtend und fuhr wieder in den Schlafrock behielt aber in der Aufregung
seinen Hut und setzte sich so gerüstet den Freunden gegenüber Berta nahm ihm
auf einen Wink der Mutter leise den Hut ab »Hier ist ein schneller Entschluss
nötig« wiederholte er
»Man hat keinen Grund« fuhr Struvelius fort »die Habe des Magisters seiner
Mutter vorzuentalten indes würde man Ihnen bereitwillig eine Durchsicht der
Schriften gestatten«
»Das wünsche ich gar nicht« rief Raschke »es würde mir den Tag verderben
Ihr Urteil Struvelius genügt«
Noch ein aufgeregter Austausch der Ansichten und der Besuch entob sich
Wieder ging Raschke stürmisch einher dass die Flanken seines Schlafrocks über
die Stühle flogen »Liebe Aurelie erschrick nicht ich bin zu einem Entschluss
gekommen ich werde morgen verreisen«
Die Professorin schlug die Hände zusammen »Was fällt dir ein Raschke«
»Es ist notwendig« sagte er »Ich verzweifle durch einen Brief die festen
Ansichten Werners zu erschüttern Meine Pflicht ist zu versuchen ob
geflügeltes Wort und ausführliche Darstellung größere Wirkung haben Ich muss
wissen wie der Freund zum Magister steht nach Andeutungen des Doctors
befürchte ich von der Tätigkeit des Falsarius das Aergste Ich habe einige
freie Tage vor mir ich kann sie nicht besser verwenden«
»Aber Raschke du willst reisen« frug seine Frau vorwurfsvoll »Wie kannst
du dich auf so etwas einlassen«
»Du verkennst mich Aurelie in unserer Stadt bin ich allerdings zuweilen
unsicher aber in der Fremde finde ich mich überall sehr gut zurecht«
»Weil du noch niemals allein in der Fremde warst« versetzte die kluge Frau
Raschke trat vor sie und hob warnend die Hand »Aurelie es gilt dem Freund
auf Kleinigkeiten darf man keine Rücksicht nehmen«
»Du wirst nie hinkommen« entgegnete seine Frau mit trüben Ahnungen
»Es ist viel leichter auf sicherem Fahrzeug durch die halbe Welt zu
fliegen als auf zwei Beinen durch die Gasse halbe Bekannte sind am
unbequemsten«
»Und dann das Reisegeld Raschke« warnte Frau Aurelie leise wegen der
Kinder
»Du hast in deinem Wäschschrank eine alte schwarze Sparbüchse« mahnte
Raschke schlau »denkst du ich weiß nichts davon«
»Ich habe darin für einen neuen Frack gesammelt« sagte die Professorin
»Du willst mir meinen Frack nehmen« rief Raschke hitzig »gut dass ich
dahinterkomme Jetzt würde ich nach jener Residenz reisen wenn ich auch gar
keine Veranlassung hätte Heraus mit der Büchse«
Frau Aurelie ging langsam brachte die Sparbüchse und legte sie ihm mit
stummem Vorwurf in die Hand Der Professor zwängte das Geld samt der Büchse in
die Tasche seiner Beinkleider schlang den Arm um seine Frau und küsste sie auf
die Stirn »Du bist mein liebes Weib« rief er »jetzt aber nicht gesäumt
Bringt mir den Plato und Spinoza«
Plato war die seidene Mütze und Spinoza der dicke Mantel des Professors Die
Schätze des Hauses hießen so weil sie von dem Honorar zweier Bücher über die
beiden Philosophen gekauft waren Das Aufsehen welches die Werke in der
gelehrten Welt gemacht hatten war sehr groß das Honorar sehr klein gewesen
Unter den Kindern entstand eine Bewegung denn die schönen Stücke wurden nur
zuweilen im Winter für einen Sonntagsspaziergang herausgeholt Der kleine Haufe
lief mit der Mutter
»Bring Alles zurück Raschke ich habe Angst etwas geht verloren«
»Wie ich dir sage Aurelie auf Reisen kannst du mir sicher vertrauen«
»Ich will doch eine Zeile an Werner schreiben er soll darauf achten dass du
beides behältst den Brief stecke ich dir in die Rocktasche wenn du ihn nur
abgeben wolltest«
»Warum nicht« rief Raschke unternehmend
Am nächsten Morgen begleitete Frau Aurelie ihren Gatten zu der
Reisegelegenheit und achtete darauf dass er auf den richtigen Platz kam »Wenn
du nur erst wieder glücklich bei uns wärst« klagte sie Raschke küsste ihr
ritterlich die Hand und setzte sich auf seine Reisetasche »Die Sitze haben eine
merkwürdige Höhe« rief er und baumelte mit den Beinchen Die Mitreisenden
lachten er sagte freundlich »Ich bitte die Herren sehr um Entschuldigung«
Die Laternen brannten und der Mond schien aus weißem Dunst auf die Wand des
Pavillons als der Professor zurückkehrte Kein Lichtstrahl fiel aus den
Fenstern düster und verlassen stand das Haus von einem bläulichen
Phosphorschein überzogen Die Tür war verschlossen der Lakai verschwunden Der
Gelehrte zog die Glocke endlich kam Etwas die Treppe herab Gabriel öffnete und
stieß einen Freudenruf aus als er seinen Herrn vor sich sah »Wie geht es
meiner Frau« rief der Professor
»Frau Professorin ist nicht zu Hause« entgegnete Gabriel scheu Er winkte
seinen Herrn in das Zimmer dort holte er den Brief Ilses hervor Der Professor
las die Zeilen und hielt sie betäubt in der Hand Auch dies war eine
Handschrift die er gefunden sie meldete dass sein Weib von ihm gegangen war
jedes Wort fuhr wie ein Messerstich in seine Seele Als er zu Gabriel
aufblickte erkannte er dass er noch nicht Alles wusste Der Diener erzählte der
Gelehrte stieß den Sessel von sich seine Glieder zitterten im Fieber »Wir
verlassen sogleich dieses Haus« sagte er tonlos »räumen Sie zusammen«
Wie ein römischer Priester der in geheimer Andacht zu seinem Gotte betet
hatte er sein Haupt verhüllt gegen die Klänge welche von Außen in die Seele
dringen Ohr und Auge hatte er abgeschlossen von den Gestalten welche ihn
umwandelten jetzt riss das Schicksal die Hüllen von seinem Haupte
»Herr Hummel wollte nicht vor Ihrer Ankunft reisen« fuhr Gabriel fort »ihm
ist es eilig«
»Ich gehe nach seinem Gasthof folgen Sie mir« sagte der Professor »im
Schloss melden Sie dass ich ausgezogen sei« Er wandte sich ab und verließ das
Haus Als er bei dem Schloss vorüberkam warf er einen wilden Blick auf die
Fensterreihe der Zimmer welche der Fürst bewohnte »Noch ist er nicht zurück
Geduld« murmelte er dann ging er vor sich hinbrütend zum Gasthof Er forderte
Wohnung und frug nach seinem Hauswirt Gleich darauf trat Herr Hummel bei ihm
ein »Gute Botschaft« begann dieser in seinem sanftesten Ton »ein Bote des
Oberamtmanns trug mir soeben die Nachricht zu dass Alle glücklich fortgezogen
sind Es ist wohl aus Vorsicht geschehen dass kein Brief an Sie beilag«
»Es war wohl aus Vorsicht« wiederholte der Gelehrte und sein Haupt sank
ihm schwer auf die Brust
Herr Hummel setzte sich zu ihm und sprach ihm leise ins Ohr bei den letzten
Worten fuhr der Professor entsetzt auf und ein Stöhnen klang durch den Raum
»Der Mensch ist kein Uhu« erklärte Herr Hummel begütigend »und es ist eine
Ungerechtigkeit von ihm zu verlangen dass er in der Finsternis Kopf und Schwanz
einer Ratte unterscheiden soll Aber jeder Hausbesitzer weiß auch dass es
nichtswürdige Erfindungen der Architektur gibt Diese Andeutung widme ich nur
Ihnen sonst Niemandem Ich habe mich vor mehren Tagen bei Ihrem Herrn
Schwiegervater angemeldet Fritzchen Hahn ist in Ihrer Abwesenheit zu einem
Doctor Faustus geworden der mein armes Kind durchaus auf seinem Höllenmantel
nach Bielstein tragen will Darf ich auch Ihre Ankunft dort verkünden«
»Sagen Sie« versetzte der Gelehrte finster »ich werde in der ersten Stunde
kommen nachdem ich hier abgerechnet habe« Er hielt Herrn Hummel fest an der
Hand als wollte er den Vertrauten seines Weibes nicht von sich lassen und
geleitete ihn so hinab in den Hausflur Dort waren neue Reisende angekommen ein
kleiner Herr in Mantel und schöner seidener Reisemütze wandte sich ohne unter
dem großen Schirm aufzusehen an den Professor und sagte »Ich würde Ihnen sehr
verbunden sein wenn Sie mir ein Zimmer anweisen wollten Ich bin hier doch am
rechten Orte« Er nannte den Namen der Stadt Der Professor nahm dem Herrn die
Reisetasche ab fasste ihn ohne ein Wort zu sprechen unter den Arm und führte
ihn schnell die Treppe hinauf »Sehr artig« rief Raschke »ich danke Ihnen
aufrichtig ich bin durchaus nicht ermüdet mein einziger Wunsch ist Herrn
Professor Werner zu sprechen Können Sie das vermitteln«
Werner öffnete sein Zimmer nahm dem Andern die Mütze vom Kopf und schloss
ihn in die Arme
»Mein teurer Kollege« rief Raschke »ich bin der glücklichste Reisende der
Welt sonst ist ein Pilger auf der Landstraße zufrieden wenn ihm kein Unglück
begegnet ich aber habe im Wagen bescheidene denkende Menschen gefunden der
Konducteur hat mir beim Wagenwechsel meine Mütze nachgetragen man hat mich
gütig bis vor dieses Haus begleitet und jetzt wo ich zum ersten Mal auf meinen
eigenen Füßen stehe finde ich mich am Arme dessen nach dem ich ausgefahren
bin Es ist eine Freude zu reisen Kollege bei jeder Meile merkt man wie gut
und warmherzig das Volk ist in dem wir leben Wir sind Toren dass wir unsere
Vorträge nicht im Wagen halten Die Sorge unserer Frauen ist durchaus nicht
gerechtfertigt selbst ist der Mann«
So frohlockte Raschke »Wer wohnt in diesem Zimmer« frug er »ich oder
Sie«
»Hier oder daneben wie Sie wollen« versetzte Werner
»Dann neben Ihnen denn Freund ich wünsche Sie so wenig als möglich zu
entbehren«
»Sie kommen zu einem Mann dem warmer Zuspruch not tut« sagte der
Gelehrte »Meine Frau ist bei ihrem Vater ich bin allein« setzte er mit
stockendem Atem hinzu
»Sie sehen aus wie ein Wanderer der bei schlechtem Wetter den Mantel um
sich zieht« rief Raschke »deshalb wird Sie was ich zutrage wenigstens nicht
aus heiterer Ruhe stören Denn mein Botenamt ist eine Menschenseele in Ihren
Augen zu erniedrigen das ist hart für uns beide Ich habe heut erlebt was auch
einen festeren Bau aus allen Fugen treiben kann Wenig mag noch zurück sein was
mich erschüttert ich bin gefasst zu hören«
Raschke setzte sich neben ihn und begann seinen Bericht er fuhr dabei auf
dem Sopha hin und her klopfte dem Freund auf die Kniee streichelte ihm den Arm
und bat um Fassung
Wieder war eine Hülle von dem Haupt des Suchenden gezogen der allein mit
seinem Gott zu reden glaubte Der Gelehrte hielt still und zuckte nicht »Das
ist furchtbar Freund« sagte er am Ende Damit brach er kurz ab und den ganzen
Abend gedachte er mit keinem Wort des Magisters
Am nächsten Morgen saßen die Professoren wieder auf Werners Zimmer
beieinander Werner warf die beiden Pergamentblätter auf den Tisch »Dies
wenigstens hat mit dem Magister nichts zu tun ich selbst habe es aus altem
Geröll hervorgeholt Dort liegt das Messbuch auf der Truhe es kostet mich
Überwindung den teuer erkauften Erwerb anzusehen«
Raschke betrachtete das Pergament »Sehr bedeutend« erklärte er »wenn dies
wirklich ist was es scheint« Er eilte zu der Truhe und durchsuchte das
Messbuch »Wahrscheinlich würde auch das Missale einen Anhalt dafür gewähren ob
es in dem Mönchskloster von Rossau gebraucht worden« sagte er »ich bedaure
dass zu dieser Prüfung meine Kenntnis der Klostergewohnheiten nicht ausreicht«
Er öffnete den Kasten und hob den Inhalt heraus Von der Zerstreuung welche ihn
sonst wohl störte war nichts zu bemerken mit scharfen Augen sah er umher als
ob er die dunklen Worte eines alten Philosophen zusammensuche »Sehr
merkwürdig« rief er »nur Eines wundert mich Ist die Kiste ausgefegt worden«
»Nein« versetzte Werner auffahrend
»Die drei Begleiter einer hundertjährigen Ruhe fehlen Staub Spinngewebe
und Insektenschalen es müsste doch etwas im Innern des Deckels oder Bodens
hängen denn die Truhe hat Ritze welche den Geschlechtern der Kerbtiere Zugang
verstatten«
Er räumte weiter und untersuchte den Boden »Unter dem Holzsplitter hängt
etwas Papier« er zog einen winzigen Papierfetzen heraus und über die edlen
Züge seines Angesichts legte sich ein tiefer Schatten »Lieber Freund machen
Sie sich gefasst auf eine unwillkommene Beobachtung Auf diesem Fragment stehen
nur sechs gedruckte Wörter aber es sind Lettern unserer Zeit es ist unser
Zeitungspapier und eines der sechs Wörter ist ein Name der in der Politik
dieser Tage oft genannt wird« Er legte das Papierstückchen auf den Tisch
Werner starrte darauf ohne ein Wort zu sagen auch sein Angesicht verwandelte
sich als ob ein Augenblick die Arbeit von zwanzig sorgenvollen Jahren getan
hätte »Die Sachen sind von mir ausgepackt und wieder eingelegt worden möglich
dass das Papier dabei hineingefallen ist«
»Möglich« wiederholte Raschke
Der Professor sprang auf und suchte in fliegender Eile sein Handexemplar des
Tacitus hervor »Hier sind die Lesarten der Florentiner Handschrift ein
Vergleich mit den Pergamentblättern wird Licht geben« Er verglich einige Sätze
»Es scheint eine genaue Kopie« sagte er »zu genau ungeschickt genau« Er
hielt die Handschrift prüfend von der Seite gegen das Licht er goss einen
Tropfen Wasser auf eine Ecke des Pergaments und wischte mit einem weißen Tuch
im nächsten Augenblick schleuderte er Tuch und Pergament auf den Boden und
schlug die Hände heftig vor sein Gesicht Raschke ergriff die Blätter und sah
auf die geschädigte Ecke »Es ist richtig« bestätigte er traurig »eine
Schrift welche sechshundert Jahre auf dem Pergament gestanden hat lässt andere
Spuren in dem Stoff zurück« Heftig ging er auf und ab die Hände in den
Rocktaschen fuhr sich mit dem Tuch über das Gesicht und warf es den Irrtum
bemerkend weit von sich »Ich kenne dafür nur ein Wort« sagte er
nachdrücklich »ein Wort das der Mensch ungern über seine Lippen gehen lässt
und das Wort heißt Schurkerei«
»Es war ein Bubenstück« rief Werner mit starker Stimme
»Hier halten wir an Freund« bat Raschke »wir wissen dass eine Täuschung
beabsichtigt war wir wissen dass der Versuch vor Kurzem gemacht wurde wenn wir
den Ort des Fundes und Ihr Hiersein zusammenhalten so dürfen wir ohne gegen
Jemand ungerecht zu sein als Tatsache annehmen dass das Unrecht verübt wurde
Sie zu hintergehen Wer es verübt hat darüber haben wir nur Argwohn
starkbegründeten Argwohn keine Sicherheit«
»Diese Sicherheit soll uns werden« rief Werner »bevor der Tag um viele
Stunden älter wird«
»Allerdings« entgegnete Raschke »diese Sicherheit muss gewonnen werden
denn Argwohn darf in des Menschen Haupt nicht dauern er zerfrisst alle Bilder
und Gedanken welche ihm nahekommen Uns ist aber die letzte Frage zurück zu
welchem Zweck ward das Unrecht verübt War es der Mutwille eines Buben dann
wird der Frevel an Ehrwürdigem nicht geringer aber die ärgste Schändlichkeit
ist es nicht War es überlegte Bosheit um Sie zu schädigen dann das härteste
Urteil Wie stehen Sie zum Magister«
»Es war überlegte Bosheit einen Menschen zu schädigen an Leib und Seele«
betonte der Professor mit feierlichem Ernst »aber der Täter war nur das
Werkzeug den Gedanken gab ein Anderer«
»Halt« rief Raschke wieder »nicht weiter auch dies ist nur Argwohn«
»Es ist nur Argwohn« wiederholte der Professor »auch dafür suche ich
Sicherheit Man hat mich hingehalten als ich den Weg nach dem Landschloss machen
wollte von Tag zu Tag unter kleinem Vorwand der Magister fehlte vor kurzem
einen Tag bei der Arbeit die ihm zugewiesen war er entschuldigte sich mit
Krankheit als er wortreiche Entschuldigung aussprach fiel mir sein scheues
Wesen auf Man hatte den Wunsch mich hier zu fesseln aus Gründen für welche
Sie in dem Bereich Ihrer Empfindungen kaum ein Verständnis finden würden Man
hoffte diesen Zweck zu erreichen wenn man den fanatischen Eifer an dem ich
erkrankt war aufregte ohne ihn ganz zu befriedigen Das ist mein Argwohn
Freund und ich fühle mich elend so elend wie nie in meinem Leben« Er warf
sich auf das Sopha und verbarg wieder sein Gesicht
Raschke trat zu ihm und sprach leise »Kränkt Sie so sehr Werner dass man
Sie getäuscht«
»Ich habe vertraut und getäuschtes Vertrauen tut weh aber ich denke bei
dem Jammer den ich fühle nicht allein an mich auch an das Verderben eines
Andern der zu uns gehört«
Raschke nickte mit dem Haupt Wieder ging er heftig durch die Stube und sah
zornig auf die Truhe
Werner erhob sich und schellte »Ich wünsche Magister Knips zu sprechen«
sagte er dem eintretenden Gabriel »ich lasse ihn ersuchen sich so bald als
möglich hierher zu bemühen«
»Wie werden Sie zu ihm reden« frug Raschke besorgt vor dem Freund
anhaltend
»Ich bedarf selbst so sehr der Nachsicht« versetzte Werner »dass Sie meine
Heftigkeit nicht zu fürchten haben Auch ich bin ein Kranker und ich weiß dass
ich mit Einem sprechen soll der kränker ist als ich«
»Nicht krank« rief Raschke »nur erschreckt wie ich Sie werden ihm sagen
was notwendig ist im Übrigen überlassen Sie ihn seinem Gewissen«
»Ich werde nur sagen was notwendig ist« wiederholte der Professor vor
sich hinstarrend
Gabriel kehrte zurück und brachte die Nachricht der Magister wollte gegen
Abend wenn er das Kabinet verlasse beim Professor vorsprechen
»Wie nahm der Magister die Botschaft auf« frug Raschke
»Er schien erschrocken als ich ihm sagte dass der Herr Professor im Gasthof
wohnt«
Der Professor hatte sich in die Ecke gedrückt aber der Philosoph ließ ihm
keine Ruhe er sprach beharrlich von Angelegenheiten der Universität und zwang
ihn durch häufige Fragen zur Teilnahme Endlich äußerte er den Wunsch ins
Freie zu gehen ungern gab der Professor dem Drängenden nach
Werner geleitete vor das Stadttor auch auf dem Wege antwortete er spärlich
auf die lebhaften Reden des Freundes Als sie zu der Herberge kamen wo Ilse in
den Wagen des Oberamtmanns gestiegen war begann der Gelehrte mit rauer Stimme
»Dies ist der Weg auf dem mein Weib aus der Stadt entfloh ich bin schon heut
am frühen Morgen dieselbe Straße gegangen und ich habe bei jedem Schritt
gefühlt was einem Mann die ärgste Demütigung ist«
»Vor ihr war Licht und hinter ihr Finsternis« rief Raschke Er redete von
Frau Ilse und gedachte jetzt der Aufträge welche ihm seine Kinder an die Tante
mitgegeben hatten
So verging der Nachmittag wieder saß Werner vor sich hinbrütend auf seiner
Stube als Gabriel die Ankunft des Magisters meldete Bevor Raschke in das
Nebenzimmer eilte drückte er noch einmal die Hand des Andern und sah ihn
bittend an »Ruhe Freund«
»Ich bin ruhig« versetzte dieser
Magister Knips hatte sich dem bildenden Einfluss des Hofes nicht entzogen
sein schwarzes Kleid war von einem Schneider gefertigt der ein fürstliches
Wappen vor der Werkstatt führte seine Haare waren frei von Federn und seine
Sprache hatte neueren Ausdruck der Ehrerbietung angenommen Jetzt sah er lauernd
und trotzig aus Werner maß den Eintretenden mit langem Blick wenn ihm noch ein
Zweifel geblieben war an der Schuld des Magisters jetzt kannte er den Täter
Er wandte sich einen Augenblick ab um seinen Widerwillen zu bekämpfen
»Betrachten Sie dies« sagte er und wies mit dem Finger auf die
Pergamentblätter
Knips nahm das Blatt in die Hand und das Pergament zitterte als er sein
blödes Auge darüberneigte
»Es ist wieder eine Fälschung« sagte der Professor »die Lesarten des
ersten Florentiner Kodex sogar die Eigentümlichkeiten seiner Ortographie sind
mit einer ängstlichen Genauigkeit welche jedem alten Abschreiber unmöglich
gewesen wäre auf diese Blätter nachgezeichnet Auch die Schrift verrät sich
als neu«
Der Magister legte das Blatt nieder und erwiderte unsicher »Es scheint
allerdings eine Nachahmung alter Schrift wie bereits der Herr Professor
erkannte«
»Ich fand diese Arbeit« fuhr der Gelehrte fort »im Turm des
Landschlosses gepackt in jenes zerrissene Messbuch in jene Truhe gelegt unter
alte Möbel versteckt Sie aber Herr Magister haben dies Blatt verfertigt Sie
haben es an Ort und Stelle geborgen Das ist nicht alles Sie haben schon
vorher um mich auf falsche Fährte zu bringen das Verzeichnis der Truhen in
alte Rechnungen gesteckt Sie haben die Ziffern 1 und 2 für die Kisten erfunden
Auch die Schrift dieses Verzeichnisses ist von Ihnen gemacht mich zu täuschen«
Der Magister stand mit gesenktem Haupt und suchte die Antwort Er wusste
nicht auf welche Bekenntnisse Anderer sich die feste Behauptung gründete Hatte
der Kastellan ihn verraten hatte der Fürst selbst ihn preisgegeben Ihn
überkam die Angst aber er entgegnete verstockt »Ich habe es nicht getan«
»Vergebens suchen Sie aufs Neue zu täuschen« fuhr der Gelehrte fort »Wenn
ich nicht bereits Grund hätte Ihnen ins Gesicht zu sagen dass Sie dies taten
Ihr Benehmen vor diesem Blatt wäre vollgültiger Beweis Kein Laut des
Befremdens kein Wort des Abscheues gegen solchen Versuch einer Fälschung
Welcher Gelehrte kann dergleichen ansehen und stumm bleiben wenn ihm nicht das
eigene Gewissen den Mund schließt Was habe ich Ihnen getan Herr Magister dass
Sie mir diesen bitteren Schmerz bereiten Geben Sie mir eine Entschuldigung für
Ihr Tun Habe ich Sie je gekränkt Habe ich je in Ihnen finstere Leidenschaft
gegen mich aufgeregt Jeder Grund der mir das Widerwärtige begreiflich macht
wird mir willkommen sein Denn mit Entsetzen sehe ich auf diese Verirrung einer
Menschenseele«
»Der Herr Professor haben mir niemals Grund zur Klage gegeben« antwortete
Knips gedrückt
»Und dennoch« rief der Professor »mit ruhigem Blut gleichgültig in
frevelhaftem Spiel das Arge getan das war sehr schlecht Herr Magister«
»Vielleicht sollte es nur ein Scherz sein« seufzte der Magister
»vielleicht wurde so zu dem gesagt der die Schrift gefertigt Er hat nur
gehandelt nach dem Befehl eines Andern nicht in freier Wahl und nicht mit
eigenem Willen«
»Welche Macht der Erde durfte Ihnen befehlen gegen einen Andern so
überlegte Tücke zu üben« frug der Professor traurig »Sie selbst wussten doch
sehr gut welche Folge diese Täuschung für mich und Andere haben konnte«
Magister Knips schwieg
»Mit mir sind wir fertig« rief der Gelehrte »kein Wort über den Plan
welchem diese Fälschung dienen sollte und keinen weiteren Vorwurf über das
Unrecht das Sie gegen einen Mann geübt der Ihrer Ehrlichkeit vertraute«
Er warf das Pergament unter den Tisch Knips ergriff schweigend seinen Hut
das Zimmer zu verlassen
»Halt« gebot der Professor »nicht von der Stelle Was Sie gegen mich
persönlich versucht haben darüber darf ich schweigen Nicht vorzugsweise dieser
Handschrift wegen habe ich Sie herbeschieden Aber der Mann den ich vor mir
sehe auf den ich mit einem Grauen blicke das ich so noch nie gefühlt ist noch
etwas Anderes als ein gewissenloses Werkzeug im Dienste Fremder er ist ein
untreuer Philolog ein Verräter an seiner Wissenschaft Fälscher und Betrüger
da wo nur die Ehrlichkeit ein Recht hat zu leben ein Verdammter da wo es
keine Sühne und Gnade gibt«
Dem Magister fiel sein Hut zur Erde
»Sie haben den Pergamentstreif des Struvelius geschrieben jener Händler hat
gegen Sie ausgesagt Ihre Schreibübungen sind mit Beschlag belegt und in Ihrer
Vaterstadt unter den Händen der Polizei«
Immer noch schwieg der Magister er fuhr nach seinem Taschentuch und wischte
sich den kalten Schweiß von der Stirn
»Jetzt wenigstens sprechen Sie« rief Werner »Geben Sie mir eine Erklärung
des furchtbaren Rätsels wie Jemand der zu uns gehört sich mutwillig Alles
zerstören kann was seinem Leben Halt und Adel gibt Wie vermag ein Mann von
Ihren Kenntnissen in so roher Weise gegen seine Wissenschaft untreu zu werden«
»Ich war arm und mein Leben voll Plage« versetzte Knips leise
»Ja Sie waren arm seit Ihrer frühen Jugend haben Sie vom Morgen bis zum
Abend gearbeitet schon als Kind haben Sie auf Vieles verzichtet was Andere
gedankenlos genießen Sie haben dafür das stille Bewusstsein erworben dass Sie
sich heraufrangen zu innerer Freiheit und zu demütiger Freundschaft mit dem
großen Geist unseres Lebens Ja Sie wuchsen zum Mann unter zahllosen Opfern und
Entsagungen welche Andere fürchten Sie haben dafür gelernt und gelehrt was
der höchste Besitz des Menschen ist Vor jeder Korrectur die Sie hilfreich für
Andere lasen vor jedem Wörterverzeichnis das Sie zu einem Klassiker auszogen
haben Sie bei den Worten die Sie verbesserten bei den Zahlen die Sie
schrieben das Bedürfnis gehabt wahr zu sein Gerade Ihre Tagesarbeit war ein
unablässiger emsiger Kampf gegen das Falsche und Unrichtige Doch mehr als das
und schlimmer als das Sie sind kein gedankenloser Lohnarbeiter gewesen Sie
haben ganz und voll zu uns gehört Sie waren in der Tat ein Gelehrter bei
dessen Wissen sich oft Anspruchsvollere Rat erholten Sie bargen nicht nur eine
Masse einzelner Kenntnisse in Ihrem Geist Sie verstanden auch sehr wohl welche
Gedanken aus solchem Wissen aufsteigen Das alles waren Sie und doch ein
Fälscher Ganz treue Hingabe und Selbstverleugnung und dicht daneben frevelhafte
Willkür ein zuverlässiger und emsiger Gehilfe und dazwischen ein Betrüger
dreist und höhnend wie ein Teufel«
»Ich war ein gequälter Mann« begann Knips »wer anders gelebt hat weiß
nicht wie schwer es ist immer in seiner Wissenschaft zu dienen und fremden
Füßen nachzutreten Sie haben nie für Andere die weniger wissen als Sie
gearbeitet Sie verstehen nicht welches Gefühl es gibt wenn die Anderen
hochfahrend benutzen ohne Anerkennung und ohne Dank was man ihnen von seinem
Wissen gegeben hat Ich bin nicht unempfindlich gegen Freundlichkeit Der Herr
Professor war der erste welcher bei dem ersten Autor den Derselbe herausgab
in den letzten Zeilen der Einleitung meinen Namen genannt hat weil ich
Denenselben bei der Arbeit gedient Und doch habe ich weniger für Sie getan als
für jeden andern meiner alten Gönner Das Exemplar welches Sie mir damals
geschenkt habe ich unter meine Bücher auf den Ehrenplatz gestellt Sooft ich
müde wurde von der Nachtarbeit habe ich diese Zeilen gelesen Dergleichen
Freundlichkeit habe ich selten erfahren Aber ich habe die Qual gefühlt mehr zu
wissen als ich bedeute und mir hat die Gelegenheit gefehlt mich
herauszuarbeiten aus meiner Enge Da ists gekommen« Er stockte und brach ab
»Es war Stolz« sagte der Professor schmerzlich »es war Neid der aus einem
bedrängten Leben heraufquoll gegen Glücklichere die vielleicht nicht mehr
wussten es war das Gelüst nach Überlegenheit über Andere«
»Das wars« fuhr Knips klagend fort »Zuerst kam der Einfall auch über
Solche zu lachen die mich benutzen und verachten ich dachte wenn ich will
kann ich euch in meiner Hand haben ihr Herren Gelehrten Dann wurde es ein
Vorsatz und es hielt mich fest Ich habe manche Nacht gesessen und darüber
gearbeitet ehe ich soweit kam und manchmal habe ichs wieder weggeworfen Herr
Professor und unter meinen Büchern versteckt Aber es lockte mich fortzufahren
es wurde mir ein Stolz die Kunst zu gewinnen Als ich sie endlich hatte machte
mirs Spaß sie zu gebrauchen Es war mir weniger um den Gewinn als um die
Überlegenheit«
»Es ist leicht« versetzte der Professor »Männer von unserer Art da zu
täuschen wo sie gewöhnt sind sicher zu vertrauen Wo der Scharfsinn versagt
den wir bei unserer Arbeit gewinnen da sind Viele von uns wie die Kinder und
wer kälter ist und sie hintergehen will der mag leicht eine Weile mit ihnen
spielen Es war ein schwacher Ruhm die Kunst eines Satans gegen Arglose zu
üben«
»Ich wusste dass es ein Teufel war mit dem ich umging Ich wusste es vom
ersten Tage Herr Professor aber ich konnte mich nicht gegen ihn wehren So war
es« schloss Knips und setzte sich erschöpft auf die Truhe
»So war es Herr Magister« rief Werner sich aufrichtend »aber so darf es
ferner nicht bleiben Sie waren einer von uns Sie dürfen es nicht mehr sein
Sie haben ein Verbrechen begangen an dem höchsten Gut welches dem Geschlecht
der Menschen vergönnt ist an der Ehrlichkeit seiner Wissenschaft Sie selbst
wissen dass ein Todfeind unserer Seelen wird wer diese Ehrlichkeit gefährdet
In unserm Reiche wo der beschränkten Kraft des Einzelnen täglich der Irrtum
droht ist der Wille wahr zu sein eine Voraussetzung die Keiner entbehren
darf ohne Andere in sein Verderben zu ziehen«
»Ich war nur der Handlanger« seufzte Knips »und wenig hat man sich um mich
gekümmert Hätten mich Andere als einen Gelehrten geachtet es wäre nicht
geschehen«
»Sie selbst haben sich dafür gehalten« rief der Professor »und Sie hatten
ein Recht dazu Sie fühlten den Stolz Ihrer Wissenschaft und Sie kannten wohl
Ihren hohen Beruf Sie wussten sehr gut dass auch Sie der demütige Magister
Teil hatten an dem Priesteramt und an dem Fürstenamt in unserm Reich Kein
Purpur ist edler und keine Herrschaft ist machtvoller als die unsere wir führen
die Seelen unseres Volkes aus einem Jahrhundert in das andere unser ist die
Pflicht über seinem Lernen zu wachen und über seinen Gedanken Wir sind seine
Vorkämpfer gegen die Lüge und gegen die Gespenster aus vergangener Zeit welche
noch unter uns wandeln mit dem Schein des Lebens bekleidet Was wir zum Leben
weihen das lebt und was wir verdammen das vergeht Von uns werden jetzt die
alten Tugenden der Apostel gefordert gering zu achten was vergänglich ist und
die Wahrheit zu verkünden Sie waren in diesem Sinn geweiht wie Jeder von uns
Ihr Leben verpflichtet Ihrem Gott Auf Ihnen lag wie auf uns allen
Verantwortung für die Seelen unserer Nation Sie haben sich dieses Amtes unwert
gemacht und ich traure ich traure armer Mann dass ich Sie davon scheiden
muss«
Der Magister fuhr in die Höhe und sah flehend zu dem Gelehrten auf
Der Professor redete nachdrücklich »Mein ist die Pflicht dies
auszusprechen gegen Sie und gegen Andere Was Sie damals an meinem Amtsgenossen
getan was Sie noch von ähnlichen Versuchen bereitet haben das darf kein
Geheimnis bleiben Die Ehrlichen müssen gewarnt werden vor der Kunst welche zu
üben ein Dämon Sie getrieben hat Aber in der letzten Stunde wo Sie vor mir
stehen fühle auch ich dass ich zu wenig getan Ihnen Hilfe gegen die
Versuchung zu geben Ohne bösen Willen habe vielleicht auch ich zuweilen
missachtet was wertvoll in Ihnen war für Andere auch ich habe wohl vergessen
wie schwer die Arbeit des Tages auf Ihnen lag Hat meine Härte Sie je gedrückt
und verbittert so büsse ich heut dafür Denn als ich kurzsichtiger irrender
Mensch beförderte was Sie herausheben sollte aus äußerer Bedrängnis da lud ich
eine Mitschuld auf mich dass Sie hier der Versuchung aufs Neue verfielen Das
ängstigt mich schwer Herr Magister und ich fühle wie Sie die Qualen dieser
Stunde«
Magister Knips saß erschöpft und zusammengekauert auf der Truhe der
Gelehrte stand über ihm und seine Worte sanken wie Schläge auf des Magisters
Haupt »Ich darf nicht verschweigen Herr Magister dass Sie ein Fälscher sind
Sie dürfen nie wieder in unserm Kreise sich lebendig rühren Ihre Laufbahn als
Gelehrter ist durch Ihr Verbrechen geschlossen Sie sind unserer Wissenschaft
verloren verloren für Alle welche an Ihren Arbeiten einen Anteil nahmen Sie
sind geschwunden für uns auf der Stätte wo Sie unter uns gestanden haben ist
nichts geblieben als ein schwarzer Schatten Eine Menschenkraft mühsam
heraufgezogen ein Geist von ungewöhnlichem Scharfsinn und Inhalt ist uns
verloren und tot Und wie über einen Toten traure ich über Sie«
Der Gelehrte weinte Knips drückte sein Gesicht in die Hände Werner eilte
zum Schreibtisch »Brauchen Sie Mittel Ihr zerstörtes Leben in anderer Umgebung
zu erhalten hier sind sie Nehmen Sie was Sie bedürfen« Er warf Geld auf den
Tisch »Versuchen Sie Ihr Haupt zu bergen wo Ihnen Niemand aus unserer
Gemeinde begegnet Möge Ihnen jedes Gut zu Teil werden das auf der Erde noch
für Sie übrig ist Aber fliehen Sie Herr Magister meiden Sie die Stellen wo
man mit Trauer Ihrer denkt und mit dem Widerwillen den der ehrliche Arbeiter
gegen den untreuen empfindet«
Knips erhob sich sein Gesicht war noch bleicher als gewöhnlich er blickte
verstört umher »Ich brauche kein Geld« sagte er tonlos »ich habe genug zu
meiner Reise Ich bitte den Herrn Professor für meine Mutter zu sorgen«
Der Gelehrte stand abgewandt und der kräftige Mann schluchzte Magister
Knips ging an die Tür dort blieb er stehen »Ich habe den Homer von 1488
sagen Sie meiner Mutter dass Sie Ihnen das Buch gibt Wenn Ihnen auch der
Gedanke an mich traurig ist behalten Sie doch das Buch Es war mir ein Schatz«
Der Magister schloss die Tür und ging langsam aus dem Hause Der Wind fegte
durch die Straßen er stieß an den Rücken des Magisters und beschleunigte seinen
Schritt »Er treibt« murmelte Knips wieder »er treibt vorwärts« Auf dem
freien Platz blieb er im Winde stehen und sah nach den Wolken welche in eiligem
Fluge unter dem Monde dahinfuhren unförmliche Gebilde aus grauem Dunst
schwebten und glitten über seinem Haupte Er dachte an die letzte Korrectur
welche er in seiner Vaterstadt gelesen und sprach griechische Worte vor sich
hin es waren Verse aus den Eumeniden des Aeschylus »Packt an packt an packt
an ihr Götterhunde« Er ging hinauf zu dem Schloss und blieb vor den
erleuchteten Fenstern stehen die vier Rappen welche den Fürsten vom
Turmschloss nach der Stadt zurückführten flogen an ihm vorüber er ballte die
hagere Hand gegen den Wagen Dann lief er um das Schloss herum auf die Parkseite
Dort drückte er sich unter den Fenstern des Fürsten an einen Baum sah zum
Schloss hinauf hob wieder die Faust gegen den Schlossherrn und seufzte Er
blickte auf den dunklen Ast der über ihm ragte starrte auf den Himmel und die
grauen flatternden Schatten welcher unter dem Mond dahinzogen und verzweifelte
Gedanken fuhren ihm durch den Sinn »Wenn der Mond verschwindet so soll es auch
mir ein Zeichen sein«
Er sah lange auf den Mond dabei zog ihm leise unter wilden Gedanken ein
lateinischer Satz durch sein gequältes Hirn »Der Mond und die Erde verhalten
sich wie kleine Punkte zum Weltall das sagt schon Ammianus Marcellinus Ich
habe die Handschriften dieses Römers verglichen ich habe Konjecturen gemacht zu
jeder Seite seines verdorbenen Textes ich habe Jahre lang über ihm gesessen
Wenn ich hier tue um diesen unwissenden Fürsten zu ärgern was dem Haman
getan wurde so geht der Apparat zu meinem Römer verloren« Er tauchte unter
dem Baume hervor und lief in seine Wohnung Dort raffte er seine Habe zusammen
steckte sein Handexemplar des Ammianus in die Rocktasche und eilte mit seinem
Bündel dem Tor zu
Man sagt er sei in dasselbe Land das vor ihm sein Bruder gesucht tief
hinein gen Westen gezogen
Er entwich und barg sein Haupt ein untreuer Diener und ein Opfer der
Wissenschaft Sein Lebelang hatte er über geschriebenem Wort gesessen jetzt riss
ihn aus der Heimat das lebendige Wort welches von einer andern Seele in die
seine drang Bei Tag und Nacht hatten ihn die Buchstaben der Bücher umgeben und
gelehrte Schrift die aus dem Rohr auf das weiße Blatt geflossen war aber ihm
hatte zu rechter Zeit der Segen des Wortes gefehlt welches aus dem Munde in das
Ohr vom Herzen zum Herzen klingt Denn was wir als das Gemeinste gebrauchen
ist uns auch das Höchste Geheimnissvoll ist uns noch heut wie unsern Vorfahren
seine Gewalt Das Geschlecht unserer Schriftzeit geübt die Laute in ihrem Bilde
zu schauen gewöhnt die Kräfte der Natur durch Maß und Wage zu schätzen denkt
selten daran wie mächtig klangvolles Wort der Menschenbrust in uns waltet Es
ist Herrin und Dienerin es erhebt und zerstört es macht krank und schafft
Heilung Glücklich der Lebende dem es voll und rein in das Ohr tönt der den
weichen Laut der Liebe den herzhaften Ruf des Freundes unablässig empfängt Wer
den Segen der Rede entbehrt die aus warmem Herzen quillt der wandelt schon als
Lebender unter den Andern wie ein Geist der vom Leibe gelöst ist wie ein Buch
das man aufschlägt benützt von sich abtut nach Gefallen Der Magister hat
durch geschriebenes Wort gesündigt ihn hat der Schmerzensruf einer
Menschenstimme in die dämmrige Ferne gescheucht
2
Vor der Entscheidung
Die Rinder brüllten und die Glöckchen der Schafherde läuteten in den
schossenden Halmen der grünen Saat wogte der Wind Durch Haus und Garten schritt
wieder das älteste Kind des Gutes umgeben von den Geschwistern Wo ist der
frohe Glanz deiner Augen geblieben und dein herzliches Kinderlachen Frau Ilse
Ernst ist das Antlitz und gemessen die Gebärde prüfend misst dein Blick die
Menschen und die Wege auf denen du gehst und ruhiger Befehl tönt aus deinem
Munde Die Heimat hat dir das Herz nicht leicht gemacht und nicht
wiedergegeben was du in der Fremde verloren
Aber eifrig übt sie ihr Recht Liebe zu fordern und zu erweisen vertraute
Bilder sendet sie in deine Seele und alte Erinnerungen weckt sie bei jedem
Schritt Die Menschen die dich in ihrem Herzen treu gehegt Tiere die du
gezogen Bäume die du gepflanzt sie neigen sich grüßend vor dir und arbeiten
geschäftig mit heiteren Farben zu überdecken was dir finster im Innern liegt
Der erste Abend war schwer Als Ilse in das Haus trat geleitet von den
Nachbarn eine Flüchtige die zu verbergen sucht was sie quält da warfen bei
dem Schreck des Vaters unter den neugierigen Fragen der Geschwister noch einmal
Zorn und Angst schwarze Schatten über ihr Haupt Aber an der Brust des Vaters
unter dem Dach des festen Hauses drang mit dem Gefühl der Sicherheit wieder die
alte Kraft des Bodens in die Glieder der Landfrau und sie vermochte den Augen
ihrer Lieben zu verbergen was nicht allein ihr Geheimnis war
Noch eine schwere Stunde kam Ilse saß am späten Abend wie vor Jahren auf
ihrem Stuhl gegenüber dem Vater Nach ihrem Bericht sah der starke Mann
ängstlich vor sich hin sprach ein hartes Wort über ihren Gatten und Fluch gegen
einen Andern Als er ihr sagte dass auch im Vaterhaus noch Gefahr drohe als er
ihr Vorsicht befahl für Schritt und Tritt und als er erzählte wie in ihrer
Kindheit ein dunkles Gerücht gegangen dass schon einmal ein Mädchen vom Steine
ein Kind des früheren Besitzers das Opfer vornehmer Herren geworden sei da
rang sie noch einmal die Hände zum Himmel Aber der Vater hatte ihre Hände
gefasst und sie zu sich in die Höhe gezogen »Unrecht begehen wir dass wir über
unsicherer Zukunft vergessen wie gnadenvoll die Vorsehung dich behütet hat Ich
halte dich an der Hand du stehst auf dem Grunde deiner Heimat Wir tun was
der Tag fordert und stellen alles Andere größerer Macht an Heim Um die Reden
Fremder sorgen wir nicht schnell wechselt das Wetter Halte still und
vertraue«
Die jüngeren Kinder plaudern sorglos sie fragen nach dem schönen Leben in
der Residenz sie wollen genau wissen was die Schwester geschaut und vor
Allem wie der Herr des Landes gegen Ilse war er den sie sich denken wie den
heiligen Christ als den unermüdlichen Spender von Freude und beglückender
Gunst Aber die älteren wehren dieser Rede ohne selbst zu wissen warum mit dem
zarten Gefühl das Kinder für die Lage Solcher haben die sie lieben Ilse
begleitet die Schwester Klara durch den Oberstock sie richtet Zimmer ein für
die Gäste welche erwartet werden und stellt einen Riesenstrauss ihrer
Gartenblumen in die Stube welche Herr Hummel bewohnen soll Die Brüder ziehen
sie durch den Obstgarten in das enge Tal sie zeigen ihr den hohen Steg über
das Wasser welchen der Vater weiter oben zu der Grotte gelegt hat und der eine
Freude für Ilse sein soll weil er den Zugang zu ihrem Lieblingsplatz bequem
macht Ilse geht längs dem hochgeschwollenen Bach das Wasser zieht gelb und
trübe über die Felsblöcke es hat den schmalen Wiesenstreif an den Ufern
überschwemmt und fließt in starker Strömung talwärts auf die Stadt zu Ilse
sucht den Platz wo sie einst unter Laub und wilden Wegpflanzen verborgen lag
als sie in den Augen ihres Felix das Bekenntnis seiner Liebe gelesen Auch die
heimliche Stelle ist überflutet undurchsichtig rinnt der Strom darüber hin
die Blütendolden sind geknickt und übergossen die Erlenbüsche bis an die
oberen Zweige bedeckt Rohrhalme und missfarbiger Schaum hängen um die Blätter
nur der weiße Stamm einer Birke ragt aus der Zerstörung hervor und um die
tiefsten Äste wirbelt die Flut »Der Schwall verläuft« klagt Ilse »in wenig
Tagen taucht der Boden wieder an das Licht und wo das Grün verdorben ist
treibt der milde Sonnenstrahl ein neues hervor Wie aber soll es mit mir werden
Mir fehlt das Licht solange er nicht bei mir ist und wenn ich ihn wiedersehe
wie wird er gewandelt sein Wie wird er der ernste und eifrige ertragen was
feindlich in mein Leben gedrungen ist und in das seine«
Der Vater bewacht sorglich ihre Schritte er spricht öfter im Hause ein als
sonst sooft er vom Felde zurückkehrt erzählt er ihr von der Arbeit des Gutes
er denkt immer daran dass seine Rede nicht an einen Gedanken rühre der ihr
Schmerzen macht und die Tochter fühlt wie zart und liebevoll die
Aufmerksamkeit des Vielbeschäftigten um sie waltet Jetzt winkt er ihr schon von
weitem zu neben ihm schreitet eine untersetzte Gestalt mit großem Kopf und
wohlhäbigem Aussehen »Herr Hummel« ruft Ilse freudig und eilt mit beflügeltem
Fuß auf ihn zu »Wann kommt er« fragt sie ihm erwartungsvoll entgegen
»Sobald er frei ist« versetzt Hummel
»Wer hält ihn noch dort« sagt die Frau traurig vor sich hin
Herr Hummel erzählt Bei seinem Bericht glätten sich die Falten auf Ilses
Stirn und sie führt den lieben Gast in die alten Mauern Herr Hummel steht
erstaunt unter dem hohen Geschlecht das auf dem Steine wächst er sieht
bewundernd auf die Mädchen und achtungsvoll auf die Köpfe der Knaben Heut
vergisst Ilse nicht was einer guten Hausfrau gegen den willkommenen Gast ziemt
Herr Hummel aber wird fröhlich unter dem Landvolk er freut sich über den
Blumenstrauß in seiner Stube er zwingt den drallen Buben Franz sich auf seine
Kniee zu setzen und lässt ihn aus seinem Glase trinken bis zum Übermaß Dann
geht er mit dem Landwirt und Ilse durch die Wirtschaft klug ist sein Urteil
der Wirt und er jeder erkennt in dem Andern bedächtigen Verstand Zuletzt
fragt ihn Ilse herzlich wie ihm ihre Heimat gefalle »Alles großartig« erklärt
Hummel »Wuchs Kopf Strauss Viehstand und Häuslichkeit Es steht zu dem
Geschäft von H Hummel wie ein Kürbis zu einer Gurke Alles tüchtig und voll
nur für meinen Geschmack zu viel Stroh«
Der Landwirt ruft Ilse beiseit »Der Prinz will wieder abreisen er hat den
Wunsch geäußert dich vorher zu sprechen Willst du ihn sehen«
»Heut nicht Dieser Tag gehört euch und dem Gast Aber morgen« sagt Ilse
Am Morgen des nächsten Tages trat Professor Raschke zur Reise bereit in
das Zimmer des Freundes »Der Magister soll verschwunden sein« frug er
ängstlich
»Er hat getan was er musste« versetzte Werner finster »wie er auch lebe
wir haben ihn gestern bestattet«
Raschke sah unruhig in das gefurchte Antlitz des Andern »Gern sähe ich Sie
auf dem Wege zu Frau Ilse am liebsten mit ihr vereint auf dem Rückwege zu uns«
»Kein Zweifel Freund ich werde beide Wege suchen sobald ich Recht dazu
habe«
»Frau Ilse zählt die Stunden« mahnte Raschke in größerer Sorge »erst wenn
sie den Geliebten bei sich festhält wird sie ruhig sein«
»Mein Weib hat die Ruhe lange entbehrt während sie an meiner Seite war«
sprach der Gelehrte »Ich habe nicht verstanden sie zu schützen ich habe sie
den Krallen wilder Tiere überlassen bei Fremden hat sie den Trost gefunden
den ihr der eigene Mann verweigerte Die Nichtachtung des Gatten hat sie da
geschädigt wo die Frau am schwersten verzeiht Ich bin zu einem schwachen
Träumer geworden« rief er »unwert der Hingabe dieses reinen Lebens und ich
fühle was ein Mann nie fühlen sollte ich fühle Scham mein gutes Weib
wiederzusehen« Er wandte sein Angesicht ab
»Zu hoch gespannt ist dies Empfinden« entgegnete Raschke »zu hart der
Vorwurf den Sie jetzt zürnend gegen sich selbst erheben Sie wurden durch
listige Winkelzüge Weltkluger getäuscht Sie selbst haben ausgesprochen dass es
ruhmlos leicht ist uns da zu hintergehen wo wir nicht viel klüger sind als die
Kinder Werner noch einmal bitte ich reisen Sie mit mir zugleich ab wenn auch
auf anderem Wege«
»Nein« versetzte kurz der Gelehrte »Ich habe mein Lebelang die Beziehungen
zu anderen Menschen reinlich behandelt Halbheit in Neigung und Abneigung ist
mir unerträglich Fühle ich Neigung so soll mein Händedruck und das Vertrauen
das ich gebe den Andern keinen Augenblick in Zweifel lassen wie mir ums Herz
ist Muss ich ein Verhältnis lösen auch da habe ich die Rechnung stets ganz und
voll geschlossen Jetzt kann ich nicht aufbrechen wie ein Flüchtling«
»Wer fordert das« frug Raschke »nur wie ein Mann der die Augen abwendet
von hässlichem Gewürm das vor ihm auf dem Boden kriecht«
»Hat das Gewürm den Mann geschädigt so ist ihm Pflicht zu verhüten dass das
Schädliche auch Andern gefährlich wird und kann er Andere nicht behüten er
wird sich selbst genug tun wenn er seinen Weg säubert«
»Wenn ihm aber der Versuch neue Gefahr bringt«
»Er wird doch tun was er vermag sich selbst zu genügen« rief Werner
»Das Recht welches ich erhalten habe gegen Einen ich lasse mirs nicht rauben
Die Kränkung meines Weibes mahnt es mahnt das verlorene Leben eines Gelehrten
um welches wir beide trauern Sagen Sie mir nichts mehr Freund mein
Selbstgefühl hat in diesen Tagen große Schädigung erfahren und mit Recht Ich
fühle meine Schwäche mit einer Bitterkeit die gerechte Strafe ist für den
Stolz mit dem ich auf das Leben Anderer gesehen Ich habe an Struvelius
geschrieben ich habe ihn um Verzeihung gebeten dass ich die kleine
Unsicherheit die einst ihn störte so hochmütig empfand Hier ist der Brief an
den Kollegen ich bitte Sie die Zeilen abzugeben und ihm zu sagen wenn wir uns
wiedersehen dann soll kein Wort über das Vergangene von unsern Lippen fallen
nur er soll wissen wie schwer ich dafür gebüßt habe dass ich gegen ihn hart
war Aber wie sehr ich die Geduld und Nachsicht Anderer bedarf ich würde das
Letzte verlieren was mir den Mut gibt die Augen aufzuschlagen wenn ich von
hier gehen wollte bevor ich mit dem Schlossherrn dort oben abgerechnet habe Ich
bin kein Weltmann der gelernt hat seinen Zorn hinter einem höflichen Gruß zu
verbergen«
»Wer solche Abrechnung sucht« warnte Raschke »muss auch die Mittel haben
den Gegner dabei festzuhalten sonst mag eine neue Demütigung werden was
Genugtuung sein soll«
»Diese Genugtuung gesucht zu haben bis zum Äußersten« versetzte Werner
»auch das ist Befriedigung«
»Werner« rief der Kollege »ich will nicht hoffen dass Ihr erregter Zorn
Sie hinabzieht in die gedankenlose Rachsucht der Schwachen welche ein rohes
Spiel mit dem eigenen Leben und dem des Andern Genugtuung nennen«
»Er ist ein Fürst« sagte der Professor mit finsterem Lächeln »ich trage
keine Sporen und der letzte Versuch den ich mit meiner Kugelform anstellte
war Nüsse darin zu quetschen Wie mögen Sie mich so verkennen Aber es gibt
Forderungen welche deutlich ausgesprochen sein wollen damit sie zur Tat
werden Noch wohnt in dem Wort eine heilende Kraft wenn nicht für den der die
Rede hört doch für den der sie spricht Ihm sagen muss ich was ich von ihm
heische Er mag zusehen wie er das Wort hinunterwürgt in sein freudloses Herz«
»Er wird weigern Sie zu hören« warf Raschke ein
»Ich werde suchen ihn zu sprechen«
»Er hat der Mittel viele Sie zu hindern«
»Er gebraucht sie auf seine Gefahr denn er nimmt sich dadurch den Vorteil
den er hätte mich ohne Zeugen zu hören«
»Er wird das ganze Rüstzeug gegen Sie in Bewegung setzen das ihm seine hohe
Stellung gibt er wird seine Gewalt rücksichtslos gebrauchen Sie zu bändigen«
»Ich bin kein schreiender Wahrsager der den Cäsar auf offener Straße
anfällt um vor den Idus des März zu warnen Dass ich weiß was ihn demütigt vor
sich selbst und seinen Zeitgenossen das ist meine Waffe Und ich versichere
Sie er wird mir Gelegenheit geben sie zu gebrauchen wie ich will«
»Er verreist« rief Raschke ängstlicher
»Wohin kann er reisen wo ich ihm nicht nachkomme«
»Ihn wird die Besorgnis welche Sie in ihm erregen zu finsterer Tat
treiben«
»Er wage sein Aergstes ich will tun was mir Frieden gibt«
»Werner« rief Raschke die Hände erhebend »ich darf Sie in dieser Lage
nicht verlassen und doch machen Sie dem Freunde fühlbar wie ohnmächtig sein
ehrlicher Rat gegen Ihren starren Willen ist«
Der Professor ging auf ihn zu und küsste ihn »Leben Sie wohl Raschke So
hoch als ein Mann in der Achtung eines Andern stehen kann stehen Sie in meinem
Herzen Zürnen Sie nicht wenn ich in diesem Fall mehr dem Drang des eigenen
Wesens folge als der milden Weisheit des Ihren Grüssen Sie von mir Frau Aurelie
und die Kinder«
Raschke fuhr sich über die Augen zog seinen Rock an und steckte den Brief
an Struvelius in die Rocktasche dabei fühlte er einen andern Brief er zog ihn
heraus und las die Aufschrift »Ein Brief meiner Frau an Sie« sagte er »ich
weiß nicht wie er mir in die Tasche kommt«
Werner öffnete wieder flog ein kurzes Lächeln über sein Gesicht »Frau
Aurelie bittet mich für Ihr Wohlbefinden zu sorgen Der Auftrag kommt zu guter
Stunde ich begleite Sie zur Stelle Ihrer Abfahrt wir wollen auch Mütze und
Mantel nicht vergessen«
Der Professor führte den Freund zu der Reisegelegenheit die Männer sprachen
in der letzten Stunde über die Vorlesungen welche beide im nächsten Halbjahr zu
halten wünschten »Denken Sie des Briefes an Struvelius« war das letzte Wort
Werners als der Freund im Wagen saß
»Ich denke daran sooft ich Ihrer gedenke« rief Raschke die Hand zum Wagen
hinausstreckend
Der Professor ging nach dem Schloss zur großen Abrechnung mit dem Mann der
ihn in seine Hauptstadt gerufen Ihn empfing die Dienerschaft mit verlegenen
Blicken »Der Herr ist im Begriff zu verreisen und wird erst in einigen Tagen
zurückkehren Wohin er reist weiß man nicht« sagte der Hausmeister bekümmert
Der Professor forderte ihn doch bei dem Fürsten zu melden sein Anliegen sei
dringend der Diener brachte die Antwort der Fürst sei vor der Rückkehr nicht
zu sprechen der Gelehrte möge seine Wünsche einem der Adjutanten mitteilen
Werner eilte zu dem abgelegenen Hause des Oberstofmeisters Er wurde in die
Bücherstube geführt sah flüchtig auf den verschossenen Teppich des Bodens auf
die alte Tapete welche durch Kupferstiche in dunklen Rahmen verdeckt war auf
große Bücherschränke mit Glastüren von innen verhängt als wollte der
Eigentümer selbst was er las fremdem Auge entziehen Der Obersthofmeister trat
eilig herein
»Ich suche vor der Abreise des Fürsten eine Unterredung mit ihm« begann der
Professor »ich bitte Excellenz um gütige Vermittlung für die Audienz«
»Verzeihen Sie die Frage wozu« frug der Obersthofmeister »Wollen Sie mit
einem Leidenden noch einmal über seine Krankheit sprechen«
»Der Kranke versieht ein hohes Amt und hat Gewalt und Recht eines Gesunden
er ist seinen Mitlebenden verantwortlich für sein Tun Ich halte für Pflicht
nicht von hier zu gehen ohne ihm auszusprechen dass er nicht mehr in der Lage
ist die Pflichten seiner Stellung zu üben und ich halte für ein Gebot meiner
Ehre zu bewirken dass er aus dieser Stellung scheidet«
Der Obersthofmeister sah den Gelehrten erstaunt an »Und darum müssen Sie
auf dieser Unterredung bestehen«
»Die Erfahrungen welche ich seit meiner Rückkehr vom Lande hier gemacht
zwingen mich dazu ich muss vor Anderm die Unterredung suchen durch jedes Mittel
welches mir erlaubt ist was auch die Folge sei«
»Auch die Folge für Sie selbst«
»Auch diese Der Fürst kann mir nach Allem was geschehen ein persönliches
Zusammentreffen nicht versagen«
»Was er nicht sollte wird er doch versuchen«
»Er tut es auf seine Gefahr« versetzte der Professor
Der Obersthofmeister stellte sich vor den Professor und begann
nachdrücklich »Der Fürst will noch heut nach Rossau abreisen Der Plan ist
Geheimnis ich erfuhr zufällig die Befehle welche für den Marstall erteilt
wurden« Der Gelehrte fuhr zurück »Ich danke Ew Excellenz von Herzen Üfür
diese Mitteilung« sprach er mit erzwungener Fassung »ich werde versuchen
vorher eine schnelle Warnung hinzusenden Ich selbst reise ebenfalls dorthin
doch nicht eher bis Excellenz meinen Versuch unterstützt haben den Fürsten vor
seiner Abreise zu sprechen«
»Wenn Sie durch mich um eine Audienz nachsuchen« sagte der Obersthofmeister
überlegend »so will ich als Beamter des Hofes und aus persönlicher Hochachtung
für Sie Ihren Wunsch dem Fürsten sogleich vortragen Aber ich verberge Ihnen
nicht dass ich eine Kritik vergangener Ereignisse durch Sie Herr Professor
nach jeder Richtung für bedenklich erachte«
»Ich aber bin von der Überzeugung durchdrungen dass in diesem Fall nicht
nur die Kritik geübt auch eine Forderung gestellt werden muss« rief der
Professor
»Nur in das Ohr des Fürsten Oder auch vor andern Menschen« frug der
Obersthofmeister
»Wenn mir Ohr und Sinn des Fürsten verschlossen bleibt dann vor Jedermann
Ich erfülle damit eine ernste Pflicht gegen Alle welche unter den finsteren
Einfällen eines zerrütteten Geistes leiden könnten eine Pflicht der ich mich
als ehrlicher Mann nicht entziehen darf Ich werde sein Ankläger vor Fürsten und
Volk wenn stille Vorstellung ihn nicht bestimmt Denn es ist nicht zu dulden
dass die Zustände des alten Roms in unserer Nation gespenstig aufleben«
»Das ist entscheidend« versetzte der Obersthofmeister Er ging zu seinem
Schreibtisch hob ein Schriftstück hervor und bot es dem Gelehrten »Lesen Sie
Werden Sie auf eine persönliche Unterredung mit dem Fürsten verzichten wenn
dies Papier von seiner Hand unterzeichnet ist«
Der Professor las und neigte sein Haupt gegen den Obersthofmeister »Sobald
er aufhört zu sein was er bis jetzt war darf ich ihn als Kranken betrachten
In diesem Fall würde meine Unterredung mit ihm zwecklos Unterdes wiederhole ich
meine Bitte mir vor Abreise des Fürsten die erbetene Audienz zu erwirken«
Der Obersthofmeister nahm das Papier zurück »Ich werde versuchen Ihr
Anwalt zu sein Aber vergessen Sie nicht dass der Fürst in den nächsten Stunden
nach Rossau reist Sehen wir uns wieder Herr Werner« schloss feierlich der alte
Herr »so sei es an einem Tage wo unser beider Haupt frei ist von der Sorge um
etwas das man selbst zuweilen gering achtet wie Sie in diesem Augenblick tun
das man sich aber nicht gern durch den Einfall eines Dritten rauben lässt«
Der Professor eilte zu dem Gasthof und rief seinen Diener »Heut beweisen
Sie mir Ihre Treue Gabriel nur ein reitender Bote kann zu rechter Zeit in
Bielstein eintreffen Versuchen Sie das Mögliche nehmen Sie Kourierpferde
schaffen Sie einen Brief in die Hände meiner Frau bevor die Hofwagen dort
ankommen«
»Zu Befehl Herr Professor« sagte Gabriel in kriegerischer Haltung »es ist
auch für einen gedienten Husaren ein starker Ritt wenn der Pferdewechsel mich
nicht aufhält so traue ich mich wohl den Brief zu rechter Zeit zu besorgen«
Der Professor schrieb in fliegender Eile und fertigte Gabriel ab dann bestellte
er sich selbst Postpferde und eilte in die Wohnung des Oberstofmeisters zurück
Der Fürst lag in seinem Sessel die Wangen bleich die Augen erloschen ein
schwer erkrankter Mann müde hing ihm das Haupt vom Nacken »Ich hatte sonst
doch andere Gedanken und vermochte wenn ich auf die Tasten drückte mehr als
eine Melodie zu spielen jetzt wandelt sich Alles in eine misstönende Weise sie
ist fort sie ist in der Nähe des Knaben sie lacht des törichten Werbers
Nichts sehe ich vor mir als das Gleis der Landstraße welche zu ihr führt Eine
fremde Gewalt hämmert in mir ewig dieselben Noten ein schwarzer Schatten steht
neben mir und weist mit dem Finger unablässig auf denselben Pfad ich vermag
mich nicht zu wehren ich höre die Worte ich sehe den Weg ich fühle die dunkle
Hand über meinem Haupt«
Der Kammerdiener meldete den Obersthofmeister
»Ich will ihn nicht sehen« herrschte der Fürst den Diener an »Sagen Sie
Sr Excellenz ich sei im Begriff aufs Land zu reisen«
»Excellenz bitten es handle sich um eine dringende Unterschrift«
»Der alte Tor« murmelte der Fürst »Führen Sie ihn herein Ich bin
leider pressirt Excellenz« rief er dem Eintretenden zu
»Ich wünsche die Zeit meines Durchlauchtigsten Herrn nicht lange in Anspruch
zu nehmen« begann der Hofmann »Professor Werner bittet dass Ew Hoheit geruhe
ihn vor seiner Abreise zu empfangen«
»Was soll die Zudringlichkeit« rief der Fürst »er war bereits hier ich
habe ihn abweisen lassen«
»Ich erlaube mir die ehrfurchtsvolle Bemerkung dass nach Allem was
vorausgegangen ihm die Ehre einer persönlichen Verabschiedung nicht wohl
verweigert werden kann Ew Hoheit werden der Letzte sein welcher so
auffallende Verletzung schicklicher Rücksicht loben würde«
Der Fürst sah feindselig auf den Obersthofmeister »Gleichviel ich will ihn
nicht sprechen«
»Außerdem aber ist nicht ratsam demselben diese Unterredung zu
verweigern« fuhr der alte Herr nachdrücklich fort
»Darüber bin ich der beste Richter« versetzte nachlässig der Fürst
»Derselbe ist Mitwisser einiger Tatsachen geworden deren Bekanntwerden man
im Interesse fürstlicher Würde selbst mit schweren Opfern vermeiden muss denn
derselbe ist nicht verpflichtet das Geheimnis zu bewahren«
»Niemand wird auf den einzelnen Träumer achten«
»Desselben Aussage wird nicht nur Glauben finden auch gegen Ew Hoheit
einen Sturm erregen«
»Geschwätz aus den Bücherstuben reicht nicht bis zu meinem Haupt«
»Derselbe ist ein hochgeachteter Mann von Charakter und wird seine
Beobachtungen benutzen um vor der ganzen gebildeten Welt zu fordern dass am
hiesigen Hofe die Möglichkeit ähnlicher Beobachtungen aufhöre«
»Er tue was er wagt« rief der Fürst mit ausbrechendem Grimm »man wird
sich zu hüten wissen«
»Noch kann die Niederlage verhütet werden es gibt dagegen aber nur ein
letztes und gründliches Mittel«
»Sprechen Sie Excellenz ich habe Ihr Urteil stets geachtet«
»Was jenen Professor aufregte« fuhr der Hofmann bedächtig fort »das wird
zu allgemeiner Kenntnis gebracht allerdings Geräusch und gefährliche Nachrede
hervorbringen schwerlich mehr Es war eine persönliche Wahrnehmung die ihm am
Fuß des Turms aufgenötigt wurde es war eine Vermutung die er unter dem Dach
desselben Turms hervorgeholt hat Nach seiner Behauptung sind zwei Versuche
gemacht welche nicht zu folgenschwerer Tat wurden Auf solcher Grundlage ein
öffentliches Urteil der gesitteten Welt herauszufordern ist misslich Wie
redlich der Berichterstatter sei er mag sich selbst getäuscht haben Ew Hoheit
bemerkten richtig der Eifer eines einzelnen Gelehrten würde unliebsames
Geschwätz veranlassen nichts weiter«
»Vortrefflich Excellenz« unterbrach der Fürst
»Leider tritt ein bedenklicher Umstand hinzu Für jene persönliche
Wahrnehmung am Fuß des Turms hat derselbe Gelehrte einen Zeugen Und dieser
Zeuge bin ich Wenn er sich auf mein Zeugnis beruft will sagen auf meine
persönliche Wahrnehmung so werde ich erklären müssen er hat Recht denn ich
bin nicht gewohnt halbe Wahrheit für Wahrheit zu achten«
Der Fürst fuhr in die Höhe
»Ich war es der die Hand festhielt« bemerkte der Hofmann leise »Und weil
jener Gelehrte Recht hat und weil ich desselben Ansicht über das Befinden
meines gnädigen Herrn bestätigen müsste sage ich es gibt nur ein letztes und
gründliches Mittel« Der Obersthofmeister hob die Urkunde aus der Mappe »Mein
Mittel ist dass Ew Hoheit durch einen großen Entschluss dem Unwetter zuvorkomme
und hochgeneigt geruhe dies zur Willenserklärung zu machen«
Der Fürst warf einen Blick in das Papier und schleuderte es von sich »Sind
Sie unsinnig alter Mann«
»An mir ist diese Eigenschaft noch nicht bemerkt worden« versetzte der
Obersthofmeister traurig »Möge mein gnädigster Herr die Angelegenheit mit
gewohntem Scharfsinn erwägen Es ist leider unmöglich geworden dass Ew Hoheit
die Anstrengungen eines hohen Berufes in bisheriger Weise ertragen Selbst wenn
Ew Hoheit dazu bereit wären hat sich die Schwierigkeit erhoben dass getreue
Diener in der peinlichen Lage sind diese Auffassung nicht zu teilen«
»Diese treuen Diener sind mein Obersthofmeister«
»Ich bin einer davon Wenn Ew Hoheit nicht geruhen wollten jenem Entwurf
Höchstihren Beifall zu geben so würde mir die Rücksicht auf etwas das mir
teurer sein muss als Ew Hoheit Gnade verbieten ferner im Dienst zu bleiben«
»Ich wiederhole die Frage Sind Sie kindisch geworden Obersthofmeister«
»Nur bewegt ich meinte nicht jemals wählen zu müssen zwischen meiner Ehre
und meinem Dienst« Er holte ein anderes Document aus der Mappe
»Ihre Entlassung« rief der Fürst lesend »Sie hätten dazusetzen können in
Gnaden« Der Fürst ergriff die Feder »Hier Freiherr von Ottenberg Sie sind
Ihres Amtes quitt«
»Es ist kein freudiger Dank den ich Ew Hoheit dafür sage Demnach aber
spreche ich Hans von Ottenberg die ehrfurchtsvolle Bitte aus dass Ew Hoheit
noch in dieser Stunde auch das andere Schriftstück zu unterzeichnen geruhe Denn
falls Hochdieselben zögern wollten die flehende Bitte eines früheren Dieners zu
erfüllen so würde dieselbe Bitte von jetzt ab mehrfach Ew Hoheit Ohr
belästigen und von Seiten denen Hochdieselben nicht soviel Nachsicht zu
beweisen pflegen als seither mir Bis jetzt wars einer der bat ein
Professor jetzt sinds zwei er und ich in den nächsten Stunden wird die Zahl
Ew Hoheit lästig werden«
»Ein früherer Obersthofmeister als Aufwiegler«
»Nur als Bittender Ew Hoheit haben Recht dass der höchste Entschluss
welchen ich zu beeinflussen suche durchaus freiwillig sein muss Aber ich flehe
nochmals an zu erwägen dass er nicht mehr zu vermeiden ist Ew Hoheit Hofstaat
wird in der nächsten Stunde vor derselben Entscheidung stehen wie ich denn die
Rücksicht auf die Ehre dieser Herren und Damen wird mich zwingen sämtliche
Gründe welche mich bestimmten auch ihnen nicht zu verschweigen Ohne Zweifel
werden die Herren des Hofes gleich mir Ew Hoheit bittend nahen und gleich mir
um Entebung nachsuchen falls ihr Flehen erfolglos bleibt und ohne Zweifel
werden Ew Hoheit neue Diener finden Die Rücksicht auf Ehre und Amt Ihrer
Beamten wird mich verpflichten Ew Hoheit Ministern dieselbe Mitteilung zu
machen Auch diese mögen durch weniger bedenkliche Staatsdiener ersetzt werden
Ferner würde ich mich ans Ehrfurcht und Ergebenheit gegen dies Hohe Haus aus
Sorge um Leben und Wohlfahrt des Erbprinzen und seiner erlauchten Schwester
sowie aus Anhänglichkeit gegen dies Land in welchem ich ergraut bin genötigt
sehen verwandte Regierungen um eine energische Wiederholung dieser meiner Bitte
anzugehen Solange ich am Hofe diente zwang mich Eid und Pflicht zur
Verschwiegenheit und zur Rücksicht auf Ew Hoheit persönliche Interessen Dieser
Verpflichtung bin ich enthoben und ich würde von jetzt für das allgemeine Wohl
gegen Ew Hoheit stehen Ew Hoheit mögen selbst ermessen wohin das führen muss
Jene Unterschrift kann hinausgeschoben nicht mehr vermieden werden Jede
Zögerung verschlechtert die Lage die Unterschrift würde nicht mehr als
freiwillige Tat eines hohen Entschlusses erscheinen sondern als abgedrungene
Notwendigkeit Endlich erwägen Ew Hoheit der Professor hatte am Turmschloss
eine aufregende Beobachtung gemacht eine andere am Leben eines gewissen
Magisters mein Schicksal ist Mehres zu wissen was nicht Dienstgeheimniss war«
Der Fürst lag in seinem Sessel das Haupt abgewandt er schlug die Hände vor
das Antlitz Es wurde eine lange unheimliche Stille
»Sie waren mein persönlicher Feind vom ersten Tage meiner Regierung« fuhr
der Fürst endlich auf
»Ich war meines gnädigsten Herrn getreuer Diener persönliche Freundschaft
wurde mir nie zu Teil und ich habe sie nie geheuchelt«
»Sie haben von je gegen mich intriguirt«
»Ew Hoheit ist wohl bewusst dass ich als ein Mann von Ehre gedient«
versetzte der Freiherr stolz »Auch jetzt wenn ich noch einmal bitte dieses
Schriftstück in der gebotenen Form zu unterzeichnen stütze ich mich nicht auf
die Rechte welche mir Ew Hoheit vieljähriges Vertrauen gibt ich berufe mich
auch nicht um dieses wiederholte Drängen zu entschuldigen auf die Teilnahme
die ich an dem Ansehen und Wohlergehen dieses Hohen Hauses zu nehmen berechtigt
bin Ich habe noch einen andern Grund von Ew Hoheit Haupt die letzte
Demütigung das heißt ein öffentliches Besprechen Höchstihrer Gesundheit
fernzuhalten Ich bin ein loyaler und monarchisch gesinnter Mann Wer noch
Ehrfurcht vor dem hohen Amt eines Fürsten in sich bewahrt gerade dem ist
dringend geboten zu verhüten dass dies Amt in den Augen der Nation erniedrigt
werde Dies soll er verhüten nicht dadurch dass er Unzuträgliches verschleiert
sondern dadurch dass er es austilgt Deshalb steht seit jenem Ereignis am Turm
zwischen Ew Hoheit und mir der Streit so dass ich um Ew Hoheit erhabenes Amt
zu schützen Ew Hoheit Person opfern muss Ich bin dazu entschlossen und
deshalb bleibt Ew Hoheit nur die Wahl ob Höchstdieselben das Unvermeidliche
tun wollen freiwillig und vor den Augen der Welt in Ehren oder auf
übermächtiges Drängen Fremder in Unehren Die Worte sind gesprochen ich bitte
um kurzen Entscheid«
Der alte Herr stand dicht vor dem Fürsten fest und kalt blickte er in die
unsicheren Augen seines früheren Gebieters und wies mit dem Finger unverrückt
auf das Pergament Es war der Wächter der seinen Kranken bemeistert
»Nicht jetzt nicht hier« rief der Fürst außer sich »In Gegenwart des
Erbprinzen will ich beraten und mich entscheiden«
»Gegenwart und Unterschrift der Minister sind für das Document nötig nicht
die Gegenwart des Prinzen Da Ew Hoheit vorziehen vor den Augen des Erbprinzen
zu unterzeichnen so werde ich mir die Ehre geben Ew Hoheit nach Rossau zu
folgen und einen der Minister bitten zu diesem Zweck mich zu begleiten«
Der Fürst sah nachdenkend vor sich hin »Noch bin ich Fürst« rief er
aufspringend ergriff die unterschriebene Entlassung des Freiherrn und zerriss
sie »Obersthofmeister von Ottenberg Sie werden mich in meinem Wagen nach
Rossau begleiten«
»Dann wird der Minister in meinem Wagen Ew Hoheit folgen« sagte der alte
Herr ruhig »ich eile ihn davon zu benachrichtigen«
3
Auf dem Weg zum Steine
Zu der stillen Landstadt welche einst fromme Ansiedler um die Klosterglocke
betender Mönche erbaut zu dem Steine worauf einst die Heidenjungfrau ihrem
Stamm weissagende Worte geraunt stiegen jetzt auf verschiedenen Straßen Rosse
und Räder mit lebenden Menschen welche Entscheidung ihres Schicksals suchen
hier fröhlich aufsteigendes Hoffen dort abwärts geneigte Kraft hier holder
Traum einer schwärmerischen Jugend dort wüster Traum eines finsteren Geistes Im
Tal und über dem Stein schweben die Geister der Landschaft sie rüsten sich
die flüchtigen Fremden nach dem Gastrecht der Heimat zu empfangen
Das erste Morgengrau sandte seinen bleichen Schimmer in Lauras
Arbeitsstube sie stand an ihrem Memoirentisch und warf den letzten Blick nach
dem vertrauten Buch in welches sie mit flüchtiger Hand die Schlussworte
geschrieben hatte Sie schnürte das Buch und die Gedichte des Doctors zusammen
und barg sie unter dem Deckel ihres Reisekoffers Noch einen langen Blick warf
sie auf das Heiligtum ihrer Mädchenjahre dann flog sie die Treppe hinab in die
Arme der ängstlichen Mutter
Es war eine wundervolle Entführung ein stiller Sonntagmorgen
geheimnisvolle Dämmerung am Himmel düstere Regenwolken welche schauerlich von
einem dunkelroten Morgenschein abstachen Laura lag lange in den Armen der
weinenden Mutter bis Köchin Susanne zum Aufbruch drängte dann schlüpfte sie
aus dem Haus auf die Straße wo der Doctor sie erwartete und eilte neben ihm zu
dem Wagen Denn der Wagen war jenseit der Ecke an einen einsamen Platz bestellt
nicht vor das Haus darauf hatte Laura bestanden Es war eine wundervolle
Entführung ein bescheidener und wackerer Reisegenosse das Haus der geliebten
Freundin als Reiseziel zuletzt eine große Ledertasche mit kaltem Braten und
anderem Vorrat welchen Frau Hahn selbst in den Wagen trug um ihren Sohn und
Laura noch einmal zu küssen und mit Tränen zu segnen
Aber um in der Sprache des abwesenden Herrn Hummel zu reden wenn unser
Herrgott im Kutschwagen fährt sitzt der Teufel auf der Pechbüchse Hier setzte
sich der Teufel auf den kalten Braten Speihahn nämlich hatte in den letzten
Tagen sein vereinsamtes Dasein schwer ertragen Seit der Abreise des gelehrten
Oberstocks war er immer missvergnügt gewesen seit vollends der Hausherr
verschwunden war fehlte seinem Leben die Anerkennung welche auch ein Bösewicht
ungern entbehrt Heut sah er mit kaltem Blinzeln wie Laura um die trauernde
Mutter schwebte er sah mit einem Schielblick die heftigen Bewegungen der Köchin
Susanne welche den großen Reisekoffer zum Wagen trug dann trollte er auf die
Straße um dort seinem Hass gegen das Nachbarhaus Ausdruck zu geben Als aber
Frau Hahn mit der Ledertasche zum Wagen eilte merkte er ein Unheil und war bei
der Hand Er schlich der Nachbarin nach und während diese aus den Wagentritt
stieg um ihren Fritz vor der rauen Morgenluft zu warnen und Laura noch einmal
zu küssen benutzte Speihahn den Futtersack welchen der Kutscher an die
Vorderräder gestellt hatte sprang hinauf und fuhr unter die Lederschürze des
Kutschers entschlossen seine Zeit zu erwarten Der Kutscher setzte sich
fühlte mit seinem Fuß an das zweideutige Wesen er nahm an dass der Hund zur
Reisegesellschaft gehöre hob unternehmend seine Peitsche und setzte den
Entführungswagen in Bewegung Noch ein Blick und Zuruf an die Mutter und die
waghalsige Fahrt begann
Lauras Seele bebte unter dem Druck der leidenschaftlichen Gefühle welche
die langersehnte und gefürchtete Stunde hervorrief Die Häuser der Stadt
entschwanden die Pappeln der Landstraße tanzten vorüber Sie sah ängstlich auf
ihren Fritz und fasste mit den Fingerspitzen seine Hand Fritz lachte und drückte
die Hand kräftig
An seinem Mut richtete sie sich ein wenig auf Sie sah ihm zärtlich in das
treue Gesicht »Der Morgen ist kühl« begann Fritz »erlauben Sie dass ich Ihnen
den Mantel schließe«
»Mir ist sehr wohl« versicherte Laura und fuhr mit der zitternden Hand aus
dem Mantel um sich wieder mit ihren Fingerspitzen an dem Geliebten zu halten
So saßen sie schweigend nebeneinander die Sonne guckte verschämt aus ihrer
roten Gardine hervor und lachte Laura an dass diese die Augen schloss Ihr
ganzes Kinderleben flog in flüchtigen Bildern an ihr vorüber Zuletzt die
bedeutsamen Worte welche sie bei den jüngsten Besuchen von ihren Freundinnen
gehört Die Pate hatte zu ihr gesagt komm bald wieder Kind Laura hatte
bewegt gefühlt dass das Wiedersehen in einer unabsehbaren Ferne lag Ihre
Gevatterin hatte herzlich gefragt wann sehen wir uns wieder In Laura klang
rührend als Echo wer weiß wann Rings um sie aber regte sich der junge Tag
ein Taubenschwarm flog über das Feld ein Hase rannte längs dem Wege wie zum
Wettlauf ein prächtiges Büschel blauer Blumen stand am Grabenrand rund umher
glänzten die roten Dächer aus dem Kranz der Obstbäume Alles auf der Erde
hoffnungsgrün blühend und wogend im Morgenwind Landleute kamen ihnen entgegen
welche nach der Stadt zogen ein Bäuerlein saß aus seinem Wagen der Rauch aus
seiner Pfeife wirbelte lustig in der Luft er nickte zu Laura Guten Morgen und
Laura hielt ihre freie Hand hinaus als wollte sie der ganzen Mitwelt einen Gruß
senden Mit ihrem kleinen Wagen kam die Milchfrau welche an der Straßenecke
feilbot auch diese grüßte »Guten Morgen Fräulein« Laura fuhr zurück und sah
Fritz erschrocken an »Sie hat uns erkannt«
»Kein Zweifel« bestätigte der Doctor lustig
»Sie ist geschwätzig Fritz sie kanns nicht verschweigen sie erzählts
allen Dienstmädchen unserer Straße dass wir zusammen diesen Weg gefahren sind
Mir wird angst Fritz«
»Wir fahren spazieren« frohlockte der Doctor »wir fahren zum Besuch bei
irgend Jemandem wir sollen auf dem Lande miteinander Paten stehen machen Sie
sich um diese Kleinigkeiten keine Sorge«
»Bei dem Patenstehen fings an Fritz« versetzte Laura beruhigt »Die
Katzenpfoten haben Alles verschuldet«
»Ich weiß nicht« meinte Fritz schlau »ob das Unglück nicht schon weit
früher anfing Sie waren noch ein kleines Mädchen da erhielt ich schon einen
Kuss«
»Davon weiß ich nichts« sagte Laura
»Es war um einen Korb bunter Bohnen den ich Ihnen aus unserm Garten
brachte Ich forderte den Kuss Sie ließ sich den Preis gefallen aber Sie
fuhren sich gleich darauf mit der Hand über den Mund Sie gefielen mir seit
damals besser als alle Andern«
»Sprechen wir nicht von solchen Dingen Fritz« wehrte Laura ängstlich
»meine Erinnerungen aus der Urzeit sind nicht alle so harmlos«
»Ich bin immer kurz gehalten worden« rief Fritz »auch heut Es ist eine
Schande Das kann nicht so fortgehen es wird ein ernstes Aussprechen darüber
vor Allem nötig Wenn man zusammen reist wie wir beide will sich nicht
schicken dass man das steife Sie gegen einander gebraucht«
Laura sah ihn vorwurfsvoll an »Heut nicht« sagte sie leise
»Das hilft nun nichts« rief Fritz entschlossen »Ich lasse mich nicht
länger als Fremden behandeln Erst einmal habe ich das ehrliche Du gehört und
dann nicht wieder Mir tut es weh«
Das war nun Laura leid »Aber nur wenn wir ganz allein sind« bat sie
»Ich schlage Brüderschaft vor« fuhr Fritz ungerührt fort »ein für allemal
man verspricht sich sonst nur und es gibt Verwirrung« Er bot ihr seine Hand
die sie ein wenig schüttelte dabei machte sichs dass seine Wange der ihren
nahe kam und ehe sie sichs versah fühlte sie einen Kuss auf ihren Lippen
Sie sah ihn zärtlich an aber gleich darauf fuhr sie zurück und drückte sich
in ihre Wagenecke Fritz war heut weit anders als sonst er sah unternehmend und
trotzig aus Zu Hause war er immer bescheiden gewesen Laura hatte bei sich
schon mehr als einmal an die Brüderschaft gedacht »wenn zwei Menschen so mit
ganzer Seele einander gehören sollen sie sich das auch sagen« hatte sie in ihr
Buch geschrieben Jetzt machte er wenig Umstände Er legte sich kühn aus dem
Wagen Wenn Reisende entgegenkamen beugte er sich gar nicht zurück wie sie seit
der Milchfrau sondern sah herausfordernd auf die Leute und grüßte zuerst »Ich
muss von den Indern anfangen« dachte sie »damit ich ihn auf andere Gedanken
bringe« Sie frug ihn nach dem Inhalt der Veda
»Heut kann ich mich gar nicht darauf besinnen« rief Fritz ausgelassen »Mir
ist so glücklich zu Mut dass ich nicht an die alten Bücher denken mag Sie
haben vier Abteilungen in jeder finde ich nur einen Gedanken Laura das
geliebte Mädchen wird mein Ich möchte im Wagen tanzen vor Freude« Und er
hüpfte auf seinem Sitz in die Höhe wie ein kleiner Junge
Fürchterlich war Fritz verwandelt sie kannte ihn nicht wieder sie entzog
ihm ihre Hand wickelte sich in ihr Tuch und sah ihn misstrauisch von der Seite
an
»Der Himmel hüllt sich in Wolken« sagte sie mit trüben Ahnungen
»Oben drüber scheint die Sonne« versetzte Fritz behaglich »sie kommt in
wenig Augenblicken wieder hervor Ich schlage vor die große Ledertasche zu
untersuchen welche die Mutter mitgegeben hat ich hoffe es ist etwas Gutes
darin«
Die Prosa der Familie Hahn verriet sich Laura sah mit geheimem Kummer wie
eifrig der Doctor in der Tasche kramte Indes auch sie hatte in der Anfregung
wenig des Frühstücks gedacht und als Fritz ihr den Inhalt bot streckte sie
doch die kleine Hand danach aus und beide aßen herzhaft
Der Platz neben dem Kutscher verdunkelte sich ein umförmlicher Kopf fuhr um
das Fenster ein misstönendes Knurren wurde im Wagen gehört Laura wies
erschrocken auf den Kopf »Wehe uns da ist wieder der Hund« Auch der Doctor
sah zornig auf die feindliche Gestalt »Wir jagen ihn hinunter« rief Laura »er
mag nach Hause laufen«
»Er findet sich schwerlich nach Hause« wendete der Doctor bedenklich ein
»was wird dein Vater sagen wenn er ihm verloren geht«
»Er war der Feind meines Lebens« rief Laura empört »und jetzt sollen wir
ihn in die Welt mitnehmen Das ist unerträglich das ist eine schlimme
Vorbedeutung Fritz«
»Vielleicht begegnet uns ein Wagen der ihn zurücknimmt« tröstete der
Doctor »Unterdes kann er nicht verhungern« Er reichte ihm trotz des Abscheues
den er ihm redlich gönnte ein Frühstück hinaus der Hund verschwand wieder
unter der Wagendecke
Laura aber blieb verstört »Fritz lieber Fritz« rief sie plötzlich
»lassen Sie mich allein«
Der Doctor sah erstaunt zu ihr hinüber »Das Sie war ein ortographischer
Fehler und muss gebüßt werden« Er näherte sich wieder ihrem Munde Laura fuhr
zurück »Wenn Sie mich lieben Fritz so lassen Sie mich jetzt allein« rief sie
händeringend
»Wie kann ich das« frug Fritz »wir fahren ja miteinander in die Welt«
»Setze dich zum Kutscher auf den Bock« bat Laura flehentlich Sie sah so
ernst und gedrückt aus dass Fritz gehorsam halten ließ aus dem Wagen stieg und
zum Kutscher hinaufkletterte Laura holte tief Atem sie wurde ruhiger Ihr
Wort hatte Einfluss auf ihn Wie wild er auch war er tat doch Manches nach
ihrem Gefallen Sie saß allein ihre Gedanken flogen wieder mutiger in das Land
hinaus Der Doctor wandte sich häufig um klopfte an das Fenster und frug wie
es ihr gehe Er war doch sehr zartfühlend und liebevoll um sie besorgt
»Auf mir liegt die ganze Verantwortung für seine Gesundheit« dachte sie
»was bis jetzt seine liebe Mutter für ihn getan das wird meine Pflicht Eine
süße Pflicht geliebter Fritz Vor Nachtarbeiten werde ich ihn hüten denn seine
Gesundheit ist zart und alle Tage führe ich ihn spazieren auch bei rauhem
Wetter damit er sich daran gewöhnt« Sie sah zum Wagen hinaus der Wind
schüttelte die Baumblätter sie klopfte von innen an das Fenster »Fritz es ist
windig Sie haben keinen Shawl um«
»Ich soll ja keinen umhaben« rief der Doctor von außen »diese
Verweichlichung wird nicht mehr gestattet«
»Ich bitte Fritz seien Sie kein Kind nehmen Sie ihn um Sie werden sich
sicher erkälten«
»Mit Sie nehme ich ihn nun gar nicht«
»Nimm ihn Herzensfritz ich beschwöre dich« flehte Laura
»Das klingt anders« sagte Fritz Das Fenster wurde geöffnet der Shawl
wanderte hinaus
»Er ist eisenfest« sagte Laura sich wieder auf ihrem Sitz zurecht rückend
»Wie gefällig er aussieht er weiß sehr genau was er will und er wird mir
nicht nachgeben wo seine Überzeugung ihm das nicht erlaubt Das ist auch gut
so denn ich merke ich bin immer noch ein kindisches Ding und der Vater hat
Recht ich brauche einen Gatten der ruhiger in die Welt sieht als ich«
Es fing an zu regnen Der Kutscher zog seinen Mantel hervor Fritz breitete
seine Decke aus und hüllte sich hinein Ihr wurde angst um den Fritz wieder
klopfte sie an das Fenster »Es regnet Fritz« Das konnte der Doctor nicht
leugnen »Kommen Sie herein Sie werden nass und erkälten sich«
Der Wagen hielt Fritz kletterte wieder gehorsam in das Innere Laura
wischte die kleinen Tropfen auf dem Haar seiner Decke mit ihrem Taschentuch ab
»Viermal Sie gesagt« begann Fritz strafend »Wenn das so fort geht wirst
du eine große Rechnung zahlen«
»Sei ernstaft« bat Laura »mir ist feierlich zu Mut ich denke an unsere
Zukunft Ich will darauf sinnen Tag und Nacht Geliebter dass du die Mutter
nicht entbehrst Deine liebe Mutter hat dir bis jetzt den Kaffe hinaufgetragen
das ist ungemütlich du kommst zu mir herüber und nimmst dein Frühstück mit mir
ein Diese halbe Stunde muss mir Indien abtreten Um zehn Uhr schlage ich dir ein
Ei und schicke es dir hinüber am Mittag kommst du wieder zu mir herüber ich
sorge für gute Küche wir leben einfach wie wir beide gewohnt sind aber
kräftig Dann erzählst du mir schnell etwas aus deinen Büchern damit ich weiß
was mein Mann treibt denn dies ist das Recht der Frau Am Nachmittag treffen
wir uns auf der Straße«
»Wie so« frug Fritz »herüber hinüber und auf der Straße wir wohnen ja
doch zusammen«
Laura sah ihn mit großen Augen an langsam überzog die Röte ihr Gesicht bis
an die Schläfe
»Wir können als Mann und Frau doch nicht in verschiedenen Häusern wohnen«
Laura hielt die Hand vor die Augen und schwieg Da sie nicht antwortete zog
ihr Fritz leise die Hand vom Gesicht große Tränen liefen von ihrer Wange
herab »Meine Mutter« weinte sie leise So rührend war der Ausdruck ihres
Wehes dass Fritz mitfühlend sagte »Gräme dich nicht drum Laura wir wohnen
wie du willst und wir leben ganz wie dirs recht ist« Aber auch die
freundlichen Worte vermochten das arme Herz nicht zu trösten um welches sich
die mädchenhafte Angst vor der Zukunft legte Der bunte Nebel war zerflossen
mit welchem ihre kindliche Phantasie sich das freie Leben in der Nähe des
Geliebten verhüllt hatte
Sie saß schweigend und finster
Der Kutscher hielt vor einer Dorfherberge seine Pferde und sich selbst zu
erquicken Die junge Wirtin stand ihr Kind auf dem Arm in der Tür sie trat
an den Wagen und lud artig ein abzusteigen Laura sah unsicher den Doctor an
er winkte der Wagenschlag wurde geöffnet Laura setzte sich vor der Tür auf
eine Bank und tat um die Sicherheit einer Reisenden zu erweisen
Familienfragen an die junge Frau Die Frau antwortete zutraulich »Es ist das
erste Kind wir sind erst seit zwei Jahren verheiratet Um Vergebung Sie sind
auch junge Eheleute« Laura erhob sich schnell wieder glühte ihre Wange
feuriger als die aufgehende Sonne während sie ein leises Nein erwiderte
»Na dann sicher Brautleute« sagte die Frau »das sieht man auf zehn
Schritt«
»Woran wollen Sie das erkennen« frug Laura ohne die Augen aufzuschlagen
»Man hat so seine Zeichen« versetzte die Frau »wie Sie nach dem Herrn
ausschauten das war deutlich genug«
»Getroffen« rief der Doctor glücklich aber auch ihm war die Wange etwas
gerötet Laura wandte sich ab und kämpfte um Fassung Das Geheimnis ihrer Reise
lag offen vor Jedermanns Blick In der Stadt wussten sie es auf dem Dorfe
sprachen sie davon Sie war Braut geworden durch fremde Zungen Die Eltern
hatten ihr nicht die Hand in die des Geliebten gelegt keine ihrer Freundinnen
hatte ihr Glück gewünscht jetzt kam die Fremde auf der Landstraße und sagte ihr
auf den Kopf zu was sie war »Hätte die Frau erst Alles gewusst dass ich von
Fritz Hahn heimlich entführt bin ohne Verlobung und ohne Brautstand welches
Gesicht würde sie gemacht haben« Laura rang unter dem Mantel die Hände sie
stieg in den Wagen bevor der Kutscher die Krippe wegsetzte und wieder rannen
ihr die Tränen aus den Augen Der Doctor welcher von dieser Stimmung nichts
ahnte wollte einsteigen »Bitte« rief Laura außer sich »setzen Sie sich zum
Kutscher mir ist sehr traurig ums Herz«
»Weshalb« frug Fritz leise
»Ich habe ein frevelhaftes Spiel getrieben« rief Laura »Fritz ich möchte
wieder umkehren Was wird die Frau von mir denken Sie hat recht gut gesehen
dass wir nicht verlobt sind«
»Sind wirs denn nicht« frug der Doctor verwundert »ich betrachte mich
entschieden als Bräutigam und die Freunde zu denen wir reisen werden die
Sache genau so ansehen«
»Ich beschwöre Sie Fritz lassen Sie mich nur jetzt allein was ich fühle
kann ich keiner Menschenseele gestehen bin ich ruhiger so werde ich klopfen«
Fritz kletterte wieder auf den Kutscherbock Laura verlebte in der
Einsamkeit ihres Wagens eine trostlose Stunde
Sie fühlte etwas Fremdes an ihrem Mantel sah erschreckt auf den leeren Sitz
und fuhr zurück neben ihr saß der Dämon der Feind ihres Lebens der rote
Hund Er stemmte seine Vorderbeine breit auseinander und hob seinen Schnurrbart
hoch in die Luft als wollte er sagen Jetzt entführe ich Der Doctor ist auf
den Bock gesetzt und ich der alte Händelmacher der Menschenfeind ich der an
vielem Schmerz der Dichterseele neben mir schuld ist der in ihrem Tagebuch
durch Vers und Prosa verwünscht wurde ich die gemeine und unwürdige
Wirklichkeit welche vor ihren Füßen lag ich sitze hier neben der Entführten
ein düsteres Bild ihres Schicksals Gespenst ihrer Jugend und böses Omen für
ihre künftigen Tage ich lagere an der Stelle wo ihre kindische Poesie lange
einen Andern hinträumte und ich höhne ihre Tränen und ihre Not Er leckte
seinen Bart und blickte unter seinen langen Haaren verächtlich auf sie Und
Laura pochte an das Fenster um selbst den Wagen zu verlassen und sich auch auf
den Bock zu setzen
Unterdes saßen die Mütter sorgenvoll in den feindlichen Häusern Seit die
Tochter abgereist war zagte Frau Hummel vor dem Zorn ihres Gatten Von Laura
wusste sie dass ihr Mann gegen die Reise nach Bielstein nichts hatte und sich nur
unwissend stellte um sein trotziges Wesen gegen die Nachbarn zu behaupten Aber
was dahinter lag ahnte er nicht wenn zur Entscheidung kam was nun mit Laura
und dem Doctor werden sollte war von ihm noch Alles zu fürchten Frau Hummel
hatte die Reise befördert um den Haustyrannen zur Einwilligung zu zwingen
jetzt wurde sie misstrauisch gegen ihre eigene Klugheit In ihrer Not warf sie
die Mantille über ihr Morgenkleid und eilte aus dem Hause um bei der Nachbarin
Trost zu holen
Das Herz der Frau Hahn war durch ähnliche Sorgen bewegt auch sie war
bereit in Morgenkleid und Mantille bei Frau Hummel vorzusprechen Die Frauen
trafen außerhalb der Häuser zusammen ein Austausch mütterlicher Sorgen begann
Sie benützten den neutralen Boden der zwischen den feindlichen Gebieten lag zu
leisem Wechselverkehr und vergaßen darüber dass sie auf der Straße standen Die
Glocken läuteten die Kirchgänger kehrten nach Hause immer noch standen sie
beieinander und sorgten um Vergangenes und Künftiges Da näherte sich ihnen in
gewähltem Gewande der Mime Schon von weitem machte er eine dramatische
Handbewegung welche angelegentlichen Gruß ausdrückte Heut sah Frau Hummel mit
Sorge auf den geschätzten Gast sie fürchtete seine Vermutungen und noch mehr
die scharfe Zunge Das Gesicht des Künstlers glänzte vor Freude und seine
Bewegungen wurden gefühlvoll »Welche Überraschung« rief er im Ton eines
warmherzigen Onkels »welche anmutige Überraschung Der alte Streit ist
abgetan Blumengewinde ziehen sich von einem Hause zum andern was der Zwist
der Väter verschuldet sühnt die Liebe der Kinder Aus warmem Herzen bringe ich
meinen Glückwunsch dar«
»Wie meinen Sie das« frug Frau Hummel betroffen »und was bedeuten Ihre
Worte«
»Entführung« rief der Mime und hob seine Hand zum Segen
Die beiden Mütter sahen einander erschrocken an »Ich muss Sie bitten bei
Ihren Ausdrücken mehr die wirklichen Verhältnisse zu berücksichtigen« versetzte
Frau Hummel sich an den letzten Trümmern ihres Stolzes aufrichtend
»Entführung« rief der Mime wieder freudestrahlend »Ganz dem Humor dieses
Hauses angemessen es ist ein Meisterstreich«
»Dass Sie uns nicht beleidigen wollen« betonte Frau Hummel erregt »nehme
ich im Vertrauen auf alte Freundschaft an Aber ich muss Sie im Ernst bitten
Ihre Ausdrücke besser zu wählen«
Der Mime erstaunte über den Widerstand seiner Gönnerin »Ich wiederhole nur
was mir soeben die Stadtpost gemeldet hat« Es zog ein zierliches Briefchen aus
seinem Rock »Ich bitte die verehrten Damen sich selbst davon zu überzeugen«
Er wies das Billet hin und las mit lauter Stimme auf der Straße vor »Die
Verlobung des Doctor Fritz Hahn mit meiner Tochter Laura und die heut morgen ins
Werk gesetzte Entführung desselben aus seinem elterlichen Hause zeige ich
ergebenst an Hummel Dies entspricht ganz dem Charakter unseres launigen
Freundes«
Noch standen die Frauen fassungslos da rauschte ein seidenes Kleid von den
Granitplatten heran eilig kam die Frau Pate ihr Gesangbuch in der Hand und
begann schon von weitem »Was muss man erleben ihr bösen Leute Ist es recht
dass die Hausfreunde erst in der Kirche vom Prediger erfahren müssen was hier
vorgeht«
»Was meinen Sie« riefen beide Frauen völlig verwirrt
»Dass Ihre Kinder heut in der Kirche aufgeboten sind zum ersten zweiten und
dritten Mal Es gab ein allgemeines Erstaunen und wie unfreundlich Sie auch
gegen uns gehandelt haben dass Sie ein Geheimnis daraus machten es war bei
allen Bekannten eine innige Freude Jetzt ist die ganze Stadt voll davon«
Ohne ein Wort zu reden flogen die beiden Mütter einander in die Arme
Mitten auf dem Fahrweg der Parkstrasse welche früher Talgasse hieß gerade
zwischen den beiden Haustüren genau zwischen den beiden Gitterzäunen Der Mime
stand gerührt daneben und bewegte den Arm nach der Brusttasche und die Frau
Pate faltete die Hände
Auch denen vom Gut war es ein unruhiger Sonntag Während der letzten Nacht
war in den Bergen ein Wolkenbruch niedergestürzt und eine wilde Flut wälzte
sich über dem Wasserpfade dahin den sonst der Bach zwischen Wiesen durchlief
Die ältesten Leute erinnerten sich nicht solches Wogendrangs der Bach war
ohnedies hoch angeschwollen seit dem Regen der letzten Wochen jetzt brauste und
donnerte er durch das enge Tal zwischen dem Stein und der Berglehne und übergoss
die Felder wo ihm nicht steiles Land und Fels trotzten Jäh und zornig schoss
das Wasser durch die Enge es sprudelte über den Felsblöcken und um die Köpfe
der Weiden Auf seiner Oberfläche trug es gemähtes Gras der Wiesen alte
Rohrstengel abgerissene Baumäste aber auch Trümmer von Menschenwohnungen die
weiter oben von der Flut erreicht waren Die Leute vom Gute standen an der
Hecke des Obstgartens sahen schweigend nach dem Strom hinab und nach den
Überresten zerstörten Lebens die er auf seinem Rücken dahintrug Kam etwas
angeschwommen was von Menschenhand gemacht war ein Reisigbündel ein Bret
eine Haustür dann ging ein Summen durch die Zuschauer Aber die Kinder liefen
geschäftig am Wasserrand entlang und zogen mit Stangen an sich was sie zu
erreichen vermochten Sie erhoben lautes Geschrei als von fern ein lebendes
Tier heranschwamm es war ein Zicklein das auf dem Breterdach seines Stalles
stand Als das Kleine die Menschen sah schrie es kläglich und bat um Rettung
Hans legte einen Brunnenhaken aus und fasste das Bret das Zicklein sprang an das
Land wurde von den Kindern im großen Zuge nach dem Hofe geführt und dort
gefüttert
Ilse stand an dem neuen Steg zu der Grotte Vor wenig Wochen war er gebaut
jetzt drohte auch ihm die Zerstörung Schon neigten sich die Stützen zur Seite
Die Übermacht des Wassers arbeitete an den niedrigen Enden und lockerte die
Klammern Um den vorspringenden Fuß des Felsens welcher die Grotte wölbte
wirbelten die Wasserblasen die Gewalt des Staues zog tiefe Furchen in der
Flut
»Dort läuft Jemand vom Berge« riefen die Gutsleute Um die Grotte kam eilig
ein Mädchen ein großes Tuch mit frischgemähetem Berggras auf dem Rücken
ängstlich hielt sie auf der Felsplatte an und zagte über den gebogenen Steg zu
gehen
»Es ist die Anna des armen Benz« rief Ilse »sie darf nicht drüben in der
Wildnis bleiben wirf deine Last ab frisch Anna schnell herüber« Das Mädchen
kam flüchtig über den Steg »Sie soll die letzte sein« befahl Ilse »keines von
euch betritt das Holz es hält den Andrang nicht mehr lange aus«
Der Landwirt kam herzu »Die Flut verläuft noch diese Nacht wenn nicht
neuer Regen fällt aber des Schadens den sie tut werden die Leute lange
gedenken Unten um Rossau siehts noch ärger aus das Wasser übergiesst die
Felder Hummel ist hinabgeeilt er sorgt um die Brücke und den Weg den seine
Tochter kommen soll In unserm Dorf tritt das Wasser in die Stuben der letzten
Häuser die Leute schicken sich an nach unserm Hofe zu räumen Geht hinab zu
helfen« befahl er den Gutsleuten und halblaut fuhr er zu seiner Tochter fort
»Der Prinz ist nach dem Dorf gegangen dort den Schaden zu betrachten er will
dich sprechen ist dirs recht ihn jetzt zu sehen«
»Ich bin bereit« sagte Ilse
Sie ging mit dem Vater längs der Hecke dem Dorfe zu dort stieg sie zu dem
Friedhof hinauf »Ich bleibe in der Nähe wenn der Prinz zurückkommt lass mich
rufen«
Sie stand an dem Mauerrand und sah hinüber nach dem Grabe ihrer lieben
Mutter und vor sich auf die Stelle wo der alte Pfarrer neben seiner Frau ruhte
Die Äste der beiden Bäume welche sie daneben gepflanzt hingen ihr über das
Haupt Sie dachte wie gern ihr alter Freund darüber gesprochen dass es in der
großen Welt im Ganzen genau so sei wie in seinem Dorfe Natur und
Leidenschaften der Menschen überall gleich und dass man in dem kleinen Tal
dasselbe erleben könne wie im Getümmel der Gewaltigen
»Hier ist mein Vater der Herr« dachte sie »und wir die Herrenkinder die
Leute sind gewöhnt uns zu gehorchen und sich ebenso freundlich um uns zu
kümmern wie wir um jene dort im Lande Ihre Kinder könnten auch erleben wenn
ein arggesinnter Wirt auf dem Stein wohnte was Andere erfahren mussten Aber
sie dürfen ihr Recht suchen und sie finden Schutz zu jeder Stunde
Wie wird er der stolze Mann ertragen dass sein Weib nicht Recht findet und
nicht den Schutz einer stärkeren Macht gegen die Kränkung die man ihr angetan
und ihm Wir sollen wohltun unsern Beleidigern Wenn der böse Herr aus dem
Lande jetzt zu mir käme krank und hilflos darf ich ihn aufnehmen in meinem
Hause und darf ich mich an sein Lager setzen obgleich solcher Liebesbeweis mir
aufs Neue verderblich wird Ich habe einen weißen Mantel getragen den
Schmutzfleck den er darauf geworfen sehe ich jede Stunde und keine Träne
wäscht ihn weg Er hat mir meinen reinen Mantel genommen soll ich ihm wenn er
heischt auch noch meinen Rock geben Hohes ehrwürdiges Gebot das der tote
Freund mich lehrte ich stehe erschrocken vor dir Denn es ist ein Streit der
Pflichten und der Gedanke an meinen Felix sagt mir Nein
Ich bin fertig auch mit dem Erbprinzen wie schuldlos er ist Ich weiß er
hat sich einst den Zuspruch der einfachen Frau mit warmem Herzen begehrt und
meine Eitelkeit hat mir oft gesagt dass ich ihm wert bin als eine gute Freundin
in seinem vornehmen einsamen Leben Furchtbar habe ich gebüßt für diesen eitelen
Stolz Auch er ist mir von jetzt ab ein Fremder Was kann er noch von mir
wollen Ich ahne dass er geradeso denkt wie ich er will nichts als Abschied
nehmen auf immer Wohl ich bin dazu gerüstet«
Den Fußpfad vom Dorfe kam der Erbprinz herauf Ilse blieb an der
Kirchhofmauer stehen und neigte sich ruhig seinem Gruß »Nach der Residenz habe
ich den Wunsch gesandt mit meinem Vetter eine größere Reise zu machen« begann
der Prinz »ich hoffe meine Bitte wird gewährt Darum wollte ich auch Ihnen ein
Lebewohl sagen«
»Ich habe Ew Hoheit so beurteilt wie jetzt Ihre Rede Sie mir zeigt«
antwortete Ilse
»Mir wurde in der Stadt wenig Gelegenheit Sie zu sprechen« fuhr der
Erbprinz schüchtern fort »mir würde wehe tun wenn Sie mich des Undanks oder
kalter Gesinnung für fähig hielten«
»Ich kenne jetzt den Beweggrund der Ew Hoheit ferngehalten hat« versetzte
Ilse vor sich hinsehend »und ich bin dankbar für die gute Meinung«
»Heut will ich Ihnen zugleich für Ihren Gemahl sagen« fuhr der Prinz fort
»dass ich darüber arbeite für meine Zukunft nützlich zu machen was ich in Ihrer
Nähe gelernt Ich weiß dass dies der einzige Dank ist den ich Ihnen noch
abstatten darf Wenn Sie einst hören dass man mit mir zufrieden ist dann denken
Sie gnädige Frau in der Stille daran dass ich vor Allem Ihrem Hause die
Stärkung meines Rechtsgefühls verdanke ein unbefangenes Urteil über den Wert
der Menschen und ein höheres Maß für die Pflichten eines Mannes der das Wohl
Vieler besorgen soll Ich mühe mich der Teilnahme die Sie mir schenkten
nicht ganz unwert zu sein Erfahren Sie von Andern dass mir dies gelang dann
denken Sie an mich ohne Abneigung«
Ilse sah ihm in das aufgeregte Gesicht es waren die sanften ehrlichen
Züge die sie so oft mit ängstlichem Anteil geschaut sie sah wie tief er
fühlte dass etwas Fremdes zwischen ihn und sie getreten war und sie sah wie
bescheiden er sie zu schonen wusste Dennoch ermass sie nicht die ganze Gewalt des
Schmerzes welchen der junge Mann darum in sich trug weil ihm der Vater die
Poesie seiner Jugend gestört hatte Sie ahnte nicht dass die Strafe welche dem
Vater Gesetz und Urteil der Menschen nicht auflegen konnten an der schuldlosen
Seele des Sohnes vollzogen wurde Was ihr der Vater zu Leide getan das verdarb
seinem Kinde das glücklichste Gefühl des jungen Lebens die zarte Freundschaft
zu der Frau an der er mit schwärmerischer Neigung hing Aber die warmherzige
Ilse erkannte den wackeren Sinn des Mannes der ihr gegenüberstand ihre
vorsichtige Zurückhaltung schwand und mit der alten Offenheit sagte sie zu ihm
»Man soll nicht ungerecht sein gegen Unschuldige und in seinem Herzen nicht
untreu werden gegen Solche deren Vertrauen man gehabt hat wie ich das Ihre
Was ich Ew Hoheit jetzt wünsche das ist ein Freund ich habe wohl gesehen dass
er Ihrem Leben fehlt und ich habe gemerkt wie schwer man sich vor niedriger
Schätzung der Menschen bewahrt wenn man immer nur von Dienern umgeben ist«
An den freundlichen Worten Ilses brach die mühsam behauptete Fassung des
Prinzen »Ein Freund für mich« frug er bitter »Mich hat das Unglück früh in
die Lehre genommen mir ists vergällt Freundschaft zu suchen und mich daran zu
freuen Über die Liebe die ich gefühlt ist ein Gift gegossen Verzeihen Sie«
unterbrach er sich »ich bin so gewöhnt Ihnen zu klagen und bei Ihnen Trost zu
suchen dass ich mich selbst jetzt nicht enthalte von mir zu sprechen obgleich
ich weiß dass ich das Recht dazu verloren«
»Arme Hoheit« rief Ilse »wie wollen Sie für das Wohl Anderer sorgen wenn
Ihr eigenes Leben leer ist an Licht Wenn ich für Ew Hoheit Zukunft ein Glück
ersehne so meine ich als Frau die Freundschaft im Hause eine Seele die Sie
versteht eine Gattin welche auch eine Freundin Ihrer Gedanken ist«
Der Prinz wandte sich zur Seite ihr das Weh zu verbergen das er bei dieser
Rede empfand Ilse sah ihn traurig an sie war noch einmal die gute Beraterin
von sonst geworden
Um die Mauer des Kirchhofs schlich ein Bettelweib heran »Darf ich heut
bitten« begann eine heisere Stimme in Ilses Rücken »ists nicht der Vater so
ists doch der Sohn« Ilse wandte sich um wieder sah sie in die hohlen Augen
der Landfahrerin und rief entsetzt »Hinweg von hier«
»Die Frau kann mich nicht mehr fortscheuchen« sagte die Fremde
niederkauernd »denn ich bin müde und meine Kraft ist am Ende« Man sah dass sie
Wahrheit sprach
»Die Reiter haben mich gejagt von einem Grenzpfahl zum andern Wenn die
Übrigen kein Mitleid haben die Frau vom Steine sollte nicht so harterzig
sein denn zwischen der Bettlerin und ihr ist alte Kameradschaft Auch ich habe
einmal mit den Vornehmen verkehrt ich habe sie verlassen und doch hingen meine
Träume immer über den goldenen Häusern Wer den Zaubersaft getrunken hat wird
die Erinnerung nicht los Sie hat mich wieder in dieses Land getrieben und
wieder ich habe meine Leute hergeführt sie liegen eingefangen wegen der alten
Gedanken die mich verfolgten«
»Wer ist das Weib« frug der Prinz
Die Bettlerin hob die Hände in die Höhe »Auf diesem Arme habe ich den
Erbprinzen gehalten da er ein Kind war und nichts von sich wusste ich habe mit
ihm gesessen auf dem Samt in der Stube seiner Mutter jetzt liege ich am
Kirchhof der Landstraße und die Hand bleibt leer die ich nach ihm ausstrecke«
»Es ist das Zigeunermädchen« sagte leise der Prinz und kehrte sich ab
Die Bettlerin sah ihn höhnisch an und sprach zu Ilse »Sie spielen mit uns
sie verderben uns aber sie hassen die Erinnerung an alte Zeit und an ihr
Verschulden Lassen Sie sich warnen junge Frau ich kenne die Geheimnisse
dieses hohen Geschlechts und ich kann Ihnen erzählen was sie an Ihnen versucht
haben und was sie einer Andern getan die vor Ihnen in dem Hause auf jener Höhe
aufgeblüht war und die sie auch hineingesetzt hatten in den vergoldeten Kerker
an dem die schwarzen Engel schweben«
Ilse stand über die Bettlerin geneigt der Prinz trat zu ihr »Hören Sie
nicht auf das Weib« rief er
»Sprecht weiter« sagte Ilse tonlos »ich höre«
»Sie war jung und hochgewachsen wie du sie war eingefangen wie du und als
die Mutter dieses Mannes mich aus ihrer Nähe entfernt hatte weil ich dem
Fürsten gefiel da wurde ich zur Dienerin bestellt für die Fremde An einem
Morgen musste ich mich frei bitten bei der eingesetzten Frau von meinem Dienst
weil sie allein sein sollte«
»Ich flehe hören Sie nicht auf ihre Rede« bat der Prinz und trat abwehrend
hinzu
»Ich höre« sprach Ilse wieder über die Alte geneigt »sprecht leise«
»Als ich am nächsten Morgen zurückkam fand ich statt des blondhaarigen
Weibes eine Verrückte im Hause und ich floh mit Schrecken aus dem Schloss Willst
du wissen durch welche Tür der Wahnsinn bei der Frau einschlich« Sie fuhr
fort in leisem Gemurmel Ilse neigte das Ohr an ihren Mund aber sie sprang
plötzlich zurück stieß einen gellenden Schrei aus und schlug die Finger vor ihr
Antlitz Der Prinz lehnte sich an die Mauer und rang die Hände
Von dem Fahrwege klang ein lauter Ruf ein Mann stieg eilend herauf er
hielt einen Brief und winkte schon von weitem »Gabriel« schrie Ilse und eilte
ihm entgegen sie entriss ihm den Brief las und stützte sich zusammenbrechend an
die Steine des Friedhofs Der Prinz sprang herzu sie aber hielt den Brief wie
zur Abwehr gegen ihn und rief »Der Fürst kommt hierher«
Der Prinz sah erschrocken auf Gabriel »Es ist keine Meile von hier«
meldete der erschöpfte Diener »da überholte ich die fürstlichen Wagen erst
kamen sie mir zuvor dann wieder ich Die Pferde arbeiten noch auf der
unfertigen Straße die Brücke aber zwischen hier und Rossau ist kaum noch für
Reiter und Fuhrwerk zu überschreiten ich musste das Pferd mit dem Postillon
zurücklassen ich glaube nicht dass sie noch herüberkommen wenn nicht zu Fuß«
Der Prinz eilte ohne ein Wort zu sagen auf dem Wege nach Rossau hinab Ilse
flog den Brief in der Hand den Stein hinauf zu dem Vater der ihr mit dem
Herrn von Weidegg entgegenkam »Gehen Sie Ihren Fürsten zu begrüßen« rief sie
wild dem Kammerherrn zu »mein Felix kommt« rief sie dem Vater zu und warf sich
ihm an die Brust
Vor der Notbrücke welche nach der Flur von Rossau führte sammelten sich
die Leute Auch Gabriel eilte an das Wasser zurück er hatte dort Herrn Hummel
getroffen welcher am Uferrand auf und ab ging und unruhig über den Strom sah
»Die Welt ist erbärmlich klein« rief Herr Hummel seinem Vertrauten zu »man
trifft sich immer wieder Wer so gejagt ist wie Sie sollte sich pflegen Sie
sind erschöpft und sehen mir sehr verändert aus Setzen Sie sich auf diesen
Klotz und behandeln Sie sich mit Hochachtung« Er drückte Gabriel nieder
knöpfte ihm den Rock zu und klopfte ihm mit der großen Hand auf die Backe
»Ihnen tut eine Stärkung not aber das Beste was wir hier haben ist ein
ersoffener Kaulbarsch und ich möchte Sie nicht als einen scheußlichen
Neuseeländer behandeln der in der Messbude um einen Groschen Eintrittsgeld rohe
Weissfische verzehrt Nehmen Sie hier die letzte Hilfe eines alten Pariser
Reisenden« Er zwang ihm eine Tafel Chocolade auf
Wenige Schritte davon an der Brücke stand der Prinz er sah mit
verschränkten Armen in das Wasser welches auf der Seite von Rossau den Uferrand
erreicht hatte und sich schnell über den Weidegrund und die niedrigen Felder der
Stadt ausbreitete es rauschte vom Damme und spülte die Erde zur Tiefe Schnell
wurde der Riss größer weiter dehnte sich die Wasserfläche Auch auf der nächsten
Strecke des neuen Weges welche noch nicht gepflastert war schimmerten
Wasserlachen zwischen den Sandhäuschen und den Karren der Erdarbeiter der Weg
ragte als ein dunkler Streif aus der lehmigen Flut Noch kamen einzelne Leute
von Rossau herüber sie kneteten im Brei der Straße und hielten sich furchtsam
an die glatten Stangen welche das Brückengeländer ersetzten Denn das Wasser
stieß heftig an die Böcke es floss dicht unter den Bohlen entlang und der Ruf
der Zuschauer auf der Bielsteiner Seite mahnte zur Eile Von der Höhe eilte der
Kammerherr herzu und sah ängstlich in das Angesicht seines schweigenden Herrn
Ihm folgte der Landwirt »Dürfte ich tun wie ich wollte ich bräche diese
wankenden Breter mit meinen eigenen Händen ab« sagte er zornig zu Herrn Hummel
»Die Wagen kommen« schrien die Leute Aus dem Tor von Rossau fuhren in
gestrecktem Trabe vier Pferde den Wagen des Fürsten heran Neben dem Fürsten saß
der Obersthofmeister Finster hinbrütend hatte der Fürst die lange Fahrt
gemacht einzelne wilde Worte ein Blick voll von heißem Hass das war sein
Reiseverkehr mit dem Begleiter gewesen
Der Hofmann hatte vergebens den Fürsten zu ruhigem Gespräch veranlasst sogar
die Rücksicht auf die beiden Diener welche im offenen Wagen hinter den
Reisenden saßen hatte die Stimmung des Fürsten nicht gebändigt Erschöpft von
der stillen Anstrengung dieser Fahrt saß der alte Herr ein Wächter neben dem
Kranken aber sein scharfer Blick beobachtete jede Bewegung des Nachbars Als
sie aus der Stadt ins Freie fuhren begann der Fürst lauernd »Sie kannten den
Reiter der so hastig uns überholte«
»Er war mir fremd« sagte der Obersthofmeister
»Er trug die Botschaft unserer Ankunft in die Berge man hat sich gerüstet
uns zu empfangen«
»Dann hat er Ew Hoheit einen Dienst geleistet denn schwerlich hatte man im
Jagdhaus eine Ahnung von Ew Hoheit gewichtigen Entschlüssen«
»Noch sind wir nicht am Ende unseres Dramas Obersthofmeister« sagte der
Fürst lächelnd »und die Kunst das Kommende vorauszusehen ist verloren Auch
Excellenz verstehen diese Kunst nicht«
»Ich habe mich immer begnügt vorsichtig zu deuten was meine Gegenwart
umgibt ich habe dadurch zuweilen verhütet dass die Zukunft mich unangenehm
überraschte Wenn ich durch einen Zufall verhindert würde in dem Drama von
welchem Ew Hoheit sprachen meine Rolle bis zur letzten Szene durchzuführen so
ist dafür gesorgt dass Andere meine Partie übernehmen«
Der Fürst warf sich auf seinem Sitz zurück Der Wagen fuhr in dem
durchweichten Schutt Die Pferde stampften und bäumten der Kutscher sah
unsicher zurück »Vorwärts« rief der Fürst mit scharfer Stimme
»Der Erbprinz erwartet Ew Hoheit zu Fuß an der Brücke« sagte der
Obersthofmeister Im Schritt ging es vorwärts der Kutscher bändigte mit Mühe
die Pferde welche vor der glitzernden Wasserfläche und dem Geräusch der Flut
scheuten
»Vorwärts« befahl der Fürst von Neuem
»Erlauben Ew Hoheit dem Kutscher zu halten Der Wagen kann ohne Gefahr
nicht weiter«
»Fürchten Sie die Gefahr alter Mann« rief der Fürst und der Hass verzog
ihm das Gesicht »Hier sitzen wir beide im Wasser Gleiches Schicksal Herr
Hofmeister ein schlechter Diener der seinen Herrn verlässt«
»Ich wünsche auch Ew Hoheit zurückzuhalten« versetzte der
Obersthofmeister
»Vorwärts« rief der Fürst wieder
Der Kutscher hielt »Es ist unmöglich gnädigster Herr« sagte er »wir
kommen nicht mehr über die Brücke«
Der Fürst sprang im Wagen auf und hob den Stock gegen den Kutscher
Erschreckt peitschte der Mann auf die Pferde sie bäumten und sprangen zur
Seite
»Halt« rief der Obersthofmeister Die ängstlichen Lakaien sprangen
bereitwillig herab und hielten die Pferde Der Obersthofmeister öffnete den
Schlag und kletterte aus dem Wagen »Ich flehe Ew Hoheit an auszusteigen«
Der Fürst sprang heraus warf noch einen Blick finsteren Hasses auf ihn und
eilte zu Fuß vorwärts Er betrat die Brücke um ihn rauschte die Flut
»Bleibe zurück Vater« flehte der Erbprinz Der Fürst lächelte und ging
weiter auf den wankenden Bretern Er hatte die Mitte der Brücke und die tiefe
Strömung überschritten noch wenige Schritte und sein Fuß betrat das Ufer von
Bielstein Da hob sich neben der Brücke eine zusammengedrückte Gestalt vom Boden
und schrie ihm wild entgegen »Willkommen in diesem Lande durchlauchtiger Herr
Gnade für die arme Bettlerin Ich bringe Eurer Hoheit den Gruß der blonden
Frauen vom Steine«
»Hinweg mit der Verrückten« rief der Kammerherr
Der Fürst sah stier auf die wilde Gestalt er wankte und hielt sich an die
Stange des Geländers der Erbprinz flog ihm entgegen der Fürst trat mit
Widerwillen zurück sein Fuß verlor den Halt er glitt an der Seite des
schlüpfrigen Bretes hinab in die Flut Ein lauter Schrei der Umstehenden der
Sohn sprang ihm nach im nächsten Augenblick war ein halbes Dutzend Menschen im
Wasser unter den ersten Gabriel bedächtiger folgte Herr Hummel Die riesige
Gestalt des Landwirts ragte aus der Strömung er hielt den Fürsten Gabriel und
Hummel fassten den jungen Herrn »Dem Fürsten ist nichts geschehen« rief der
Landwirt dem Prinzen zu und setzte den Betäubten am Uferrand nieder Der
Erbprinz warf sich neben dem Vater auf den Boden Der Fürst saß auf dem Kies der
Straße die fremde Bettlerin hielt ihm das Haupt er sah mit verglasten Augen
vor sich hin und erkannte nicht den knieenden Sohn und nicht das gefurchte
Antlitz der Fremden welche sich über ihn beugte »Er lebt« versetzte der
Landwirt leise »aber die Glieder versagen ihm den Dienst« Auf der andern
Seite des Wassers stand der Obersthofmeister er rief dem Kammerherrn
französische Worte zu dann eilte er mit dem Wagen zurück befahl zu wenden und
nach Rossau zu fahren um von da den nächsten sichern Übergang zu erreichen
Mit Mühe wurden die Wagen zurückgeschaft
Unterdes war am Ufer von Bielstein ein Bret der halbzerstörten Brücke
abgerissen und der Fürst daraufgesetzt so gehalten und getragen wurde er dem
Gute zugeführt Die Kinder des Landwirts liefen voraus und öffneten die Tür
des alten Hauses Im Hausflur stand Ilse farblos wie ein Bild von Stein Der
Fürst war aus dem Wasser gerettet hatten die Brüder ihr zugerufen er nahte dem
Dach des Hauses dem er seit zwei Geschlechtern Fluch und Entsetzen war Sie
stand im Hausflur nicht mehr die Ilse von einst sondern ein wildes
Sachsenweib das dem Feind ihres Stammes den Götterfluch in das Gesicht
schleudert ihre Augen glühten und die Finger ihrer Hände schlossen sich
krampfhaft zusammen
Die Männer trugen den erschöpften Mann an die Stufen der Treppe Da trat
Ilse auf die Schwelle und rief »Nicht hier herein« So gellend war ihr Schrei
dass die Träger anhielten »Nicht in unser Haus« rief sie zum zweiten Mal und
hob die Hand drohend zur Abwehr
Der Fürst hörte die Stimme er lächelte und nickte gnädig mit dem Haupt
»Es ist Christenpflicht Ilse« rief der Landwirt
»Ich bin das Weib des Gelehrten« rief Ilse finster gegen ihn »Unser Dach
bricht über ihm zusammen«
»Entfernen Sie Ihre Tochter« sagte der Erbprinz leise »ich fordere Einlass
für den Fürsten dieses Landes«
Der Landwirt trat auf die Stufen und fasste Ilses Arm Sie riss sich los
»Du jagst deine Tochter aus dem Hause Vater« rief sie außer sich »Bist du ein
Diener dieses Herrn ich bin es nicht Hier ist nicht Raum zugleich für ihn und
meinen Gatten er kommt uns zu verderben seine Nähe bringt Fluch« Sie riss die
Tür des Gartens auf und flog unter den Bäumen dahin sie brach durch die Hecke
und eilte hinab nach der Tiefe Dort sprang sie auf den Steg von dem sie vor
Kurzem die Leute des Dorfes gescheucht hatte wild brauste unter ihr die Flut
das Holzwerk bog sich und stöhnte Ein Riss ein Krach mit starkem Schwunge hob
sie sich auf der andern Seite zum Felsen hinter ihr wirbelten die Trümmer der
Brücke talab Sie stand auf dem Felsvorsprung vor der Grotte und hob mit wildem
Blick die Hände zum Himmel Hinter ihr kam der älteste Bruder vom Garten
gelaufen und schrie laut auf als er die Bruchstücke der Brücke dahintreiben
sah
»Ich bin geschieden von euch« rief Ilse »sage dem Vater er soll nicht
sorgen um mich die Luft ist rein ich stehe im Schutz des Herrn dem ich diene
und mir ist leicht im Herzen«
4
In der Höhle
Das dunkle Wasser gurgelte und strömte zum Tale der Wiederschein des
Abendrots glänzte von den Erkerfenstern des alten Hauses unter dem Stein der
Höhle stand allein das Weib des Gelehrten Wo einst die Frauen der alten Sachsen
auf das Rauschen der Waldbäume gelauscht wo das Weib des gejagten Räubers die
Steine geschleudert auf die Verfolger stand wieder eine flüchtige Tochter des
Felsens und sah hinab auf das wilde Treiben der Gewässer und hinauf zu dem
Hause wo der Feind ihres Gatten im Lehnstuhl des Vaters lag Noch hob sich ihre
Brust in tiefen Atemzügen aber sie blickte freundlich auf den braunen Fels der
sich über ihr zum schützenden Obdach wölbte Unter ihr wälzte sich wilde Flut
und Zerstörung um sie herum spielte sorglos das kleine Leben der Natur Die
Libellen jagten einander über dem Wasser die Bienen summten um die Kräuter der
Berglehne die Waldvögel sangen ihr Abendlied Sie setzte sich auf die Steinbank
und rang nach friedlichen Gedanken sie legte die Hände zusammen und neigte das
Haupt das Wetter welches durch ihr Inneres gefahren schwand dahin in der
Träne welche ihr aus dem Auge floss »Ich will nicht an mich denken nur an
meine Lieben Die Kleinen werden nach mir verlangen wenn sie zu Bett gehen
heut hören sie nicht die Stadtgeschichten die ich ihnen zum Einschlafen
erzählen muss Sie waren alle nass von ihrer Fischerarbeit und in der Verwirrung
wird Niemand für trockne Strümpfchen sorgen ich habe über Anderem vergessen
was ihnen nötig war Der Jüngste besteht eigensinnig darauf ein Professor zu
werden Mein Knabe du weißt nicht was du willst Was musst du lernen und an dir
ändern denn die Arbeit die das Leben an uns tut ist unermesslich Als ich
hier neben dem Vater saß glaubte ich einfältig dass die Menschen um so edler
sind je höher ihr Amt ist die vornehmsten unter Allen die besten und dass
alles Gewichtige auf Erden groß und mit seinem Geiste gemacht wird Auch da die
beiden Gelehrten kamen und ich an dieser Stelle mit Felix zuerst über Bücher
sprach da wähnte ich noch was gedruckt zu lesen ist das müsse ungefälschte
Wahrheit sein und Jeder der schreibt ein grundgelehrter Mann So kindisch
denken noch Viele Aber ich bin ein Trotzkopf geworden der sich heftig auflehnt
gegen Andere sogar gegen die Worte meines Mannes der bei mir am höchsten
steht« Sie sah mit trübem Lächeln vor sich hin aber gleich darauf neigte sie
das Haupt und wieder rannen die Tränen in den Schoss
Vom Garten herüber erscholl der Zuruf des Bruders »Holla Ilse bist du da
Noch sind die Fremden im Hause sie binden einen Tragsessel für den Kranken
zusammen er soll nach der Oberförsterei geschafft werden Der Vater hat zu
tun Boten auszusenden Auch die Brücke nach Rossau ist mit dem Wasser
davongegangen wir können nicht nach der Stadt und Niemand aus der Stadt zu uns
Wir ängstigen uns wie du zu uns herüber kommen sollst«
»Sorge nicht um mich Hans sage den Mädchen sie sollen unsern lieben Gast
nicht vergessen über den Fremden und grüße mir die Kinder ich will nicht dass
sie zum Gutenachtgruss an den Wasserrand kommen denn das Ufer ist glatt«
Ilse setzte sich an den Eingang der Höhle und blickte in dem Raume umher
erst am Morgen hatte sie hier gesessen als das hohe Wasser heranfloss war sie
über den Steg geeilt die Geschwister zu warnen Noch lag ihre Arbeit auf der
Bank und ein Buch das ihr einst da sie noch Mädchen war der Pfarrer
geschenkt Es war das Leben der heiligen Elisabet von einem eifrigen
Geistlichen ihrer Kirche geschrieben »Als ich zuerst von dir erfuhr« dachte
sie »Frau Ilse von der Wartburg du vornehme Namensschwester war mir dein
Leben rührend und Alles was du getan und was die Sage von dir erzählt schien
mir ein Beispiel für mich selbst Du warst ein Weib fromm verstandvoll und
liebenswert und einem wackeren Herrn vermählt Da machte ihn die Sehnsucht in
seinem Ritterstand besondere Ehre und Kriegsruhm zu erwerben blind gegen die
nächste Pflicht seines Lebens er verließ dich und die Bauern seiner Heimat und
zog in die Fremde und das Land Italien Wohl zwei Jahre ritt er umher er kehrte
müde und nüchtern zurück Aber er fand sein liebes Weib nicht wie er sie
verlassen Du hattest dich in der Einsamkeit nach dem Manne gebangt und in
deiner Schwermut gegrübelt über die großen Geheimnisse des Lebens Dein eigenes
Dasein war voll Sehnsucht gewesen darüber warst du zu einer frommen Büsserin
geworden Du trugst das härene Hemd und schwangst die Geissel über deinem Rücken
du beugtest Stirn und Gedanken vor einem unduldsamen Priester Und du tatest
was nicht recht war und nicht schicklich du legtest den Aussätzigen um deinem
Gott zu gefallen in das Bett deines lieben Mannes In deiner überspannten
Frömmigkeit hast du dein warmes Herz und die schamhafte Weiblichkeit verloren
Du wurdest von den Geistlichen heilig gesprochen aber du arme Frau hattest in
deinem Ringen um das was sie die Gnade Gottes nannten menschliches Gefühl und
milde Sitte hingeopfert Es ist nicht gut Ilse wenn Mann und Frau sich ohne
zwingende Not voneinander scheiden
Wer gegen den Geliebten hart wird der begeht dies Unrecht doch nur weil er
selbst ihm Leides getan oder weil er sich von ihm gekränkt meint Woher kam es
doch dass du erkrankte Fremdlinge auf dem Lager pflegtest das dein Gatte
verlassen Ich fürchte heilige Elisabet es war der Trotz gekränkter Liebe und
es war die geheime Rache über die lange vergebliche Sehnsucht nach deinem
Gatten Dein Beispiel ist für uns keine Lehre es ist eine Warnung Meine alte
Freundin Penelope das arme heidnische Fabelweib war menschlicher und sie war
eine bessere Frau als du Sie weinte jede Nacht um den Geliebten und als er
endlich zu ihr zurückkam da schlang sie ihre Arme um ihn weil er die geheimen
Zeichen des Lagers noch kannte«
Wieder klang es von der andern Seite des Wassers »Hörst du mich Ilse«
rief der Landwirt am Uferrand
»Ich höre Vater« antwortete Ilse sich erhebend
»Die Fremden ziehen zum Hofe hinaus« sagte der Vater »der Kranke ist so
schwach dass er Andern schwerlich zu schaden vermag du aber bist in Wahrheit
von uns geschieden Es dunkelt und es ist keine Aussicht zur Nacht den Steg
über das Wasser zu zimmern Geh auf deiner Seite talab über die Hügel nach
Rossau dort bleibe bis morgen bei unsren Bekannten Es ist ein weiter Umweg
aber du kannst vor Nacht dort sein«
»Ich bleibe hier mein Vater« rief Ilse hinüber »der Abend ist mild es
sind nur wenige Stunden bis zum nächsten Morgen«
»Mir ists hart Ilse dass mein wildes Kind unter dem Felsen ruhen soll im
Angesicht ihres Hauses«
»Sorge nicht um mich Der Mond geht über mir und die Sterne du weißt ich
fürchte mich nicht vor den Zwergen der Höhle und auf meinen Bergen auch nicht
vor Gewalt der Menschen«
Die Dämmerung des Abends sank über das tiefe Tal aus dem Wasser hob sich
der Nebel er schwebte langsam von Baum zu Baum nach der Höhe er wogte und
ballte sich und zog zwischen Ilse und dem Vaterhaus seine dämmrigen langen
Schleier Die Stämme der Bäume das Schieferdach des Hauses verschwanden die
Höhle schwebte in Wolken und Luft gelöst von der übrigen Erde unter
undeutlichen Schatten sie hingen sich an das Tor des Felsens und flatterten an
Ilses Füßen dahin sie fuhren zusammen und zerflossen
Ilse saß am Stein des Einganges die Hände über das Knie gefaltet in ihrem
hellen Gewande selbst einem Fabelweibe aus alter Zeit einer Herrin der
schwebenden Schatten vergleichbar Sie blickte auf ihrer Uferseite entlang nach
dem Bergweg der von Rossau herführte
Da schallte dumpf durch den Nebel der ferne Schritt des Wanderers dem eine
hilfreiche Göttin seinen Pfad in dunklen Wolken verbarg Ilse fasste an den
feuchten Stein Neben ihr am Boden bewegte sichs undeutlich huschte etwas
vorüber vielleicht eine Nachtschwalbe oder Eule »Er ist es« sagte Ilse leise
sie stand langsam auf aber die kräftige Frau bebte und hielt sich an die
Felsen
Aus dem weißen Dunst trat die Gestalt eines Mannes auch er hemmte erstaunt
seinen Schritt als er das Weib an der Felswand stehen sah »Ilse« rief eine
helle Stimme
»Ich erwarte dich hier« rief sie leise »Halte dort still Felix Du
findest dein Weib nicht wie du sie verlassen Ein Andrer hat sich begehrt was
dir gehört ein giftiger Hauch hat mich getroffen man hat gewagt mir Worte zu
sagen welche ein ehrliches Weib nicht hören darf und man hat mich betrachtet
wie eine gekaufte Sklavin«
»Du hast dich dem Feinde entzogen«
»Ich habe es getan darum stehe ich hier Aber ich bin in den Augen der
Leute nicht mehr wie ich einst war Du hattest ein säuberliches Weib die jetzt
vor dir steht ist im Gerücht wegen Vater und Sohn«
»Geräusch der Zungen verklingt wie der Wasserschwall vor deinen Füßen Wenig
gilt was die Anderen meinen wenn wir getan haben was uns selbst befriedigt«
»Mir tut wohl dass dir die einzelnen Menschen so wenig sind gegen deine
Gedanken Aber ich bin nicht so stolz und frei Ich berge mein Leid aber ich
fühle es immer Ich bin erniedrigt vor mir und ich fürchte Felix auch vor dir
Denn ich habe mir mein Unglück selbst bereitet ich bin zu herzlich gewesen
gegen Fremde und ich habe ihnen ein Recht gegeben über mich«
»Du bist erzogen im Glauben an die Autorität Wer löst sich von frommer
Gläubigkeit ohne Schmerzen«
»Ich bin erwacht Felix Antworte mir noch einmal« fuhr sie mit stockendem
Atem fort »wie kommst du zu mir zurück«
»Als ein müder irrender Mann der das Herz und die Vergebung seines Weibes
sucht«
»Was hat dir dein Weib zu vergeben Felix« frug sie wieder
»Dass mir die Augen geblendet wurden bei meinem Suchen und dass ich der
nächsten Pflicht vergessen um ein Traumbild zu jagen«
»Ist das alles Felix Hast du mir dein Herz zurückgebracht wie es sonst
gegen mich war«
»Liebe Ilse« rief der Gatte sie umschlingend
»Ich höre den Ton deiner Liebe« rief sie leidenschaftlich und warf ihre
Arme um seinen Hals Sie zog ihn in die Grotte strich ihm mit den Händen die
Wassertropfen aus dem feuchten Haar und küsste ihn auf den Mund »Ich halte dich
geliebtes Leben ich klammere mich fest an dich und keine Gewalt soll mich mehr
von dir scheiden Hier sitze vielduldender Wanderer ich halte deine Schultern
und dein Haupt lass mich aus deinem Munde hören allen Kummer den du erlebt«
Der Gelehrte hielt sein Weib im Arm Er fühlte ihr Beben als er von seinen
Abenteuern berichtete »Mich hetzte heißer Zorn und Angst hinter dem Fürsten her
auf dem Wege nach Rossau« schloss er seinen Bericht »unerträglich schien mir
der Aufenthalt beim Wechsel der Pferde Unten in der Stadt traf ich ein
Wagengetümmel ärger wie am Markttag vor der Herberge Gewirr der Räder
Geschrei der Menschen Landleute und Lakaien des Hofes welche nicht über das
Wasser kamen In der Stadt erfuhr ich von Fremden dass der Feind unseres Glückes
durch die Hand des Schicksals getroffen ward die in dem Wasser nach seinem
Leben schlug Man rief mir entgegen dass die Brücke zu dir gebrochen sei ich
sprang aus dem Wagen um den Fußpfad über die Berge zu suchen und den Weg hinter
dem Garten Da fuhr mir der Hund unseres Hauswirts um die Beine ein Kutscher
unserer Stadt trat grüßend zu mir und erzählte dass er Fritz und Laura nach der
Stadt gebracht sie aber waren hinausgegangen weit unten stromab einen
Übergang zu finden Du magst denken dass ich zu warten nicht vermochte«
»Ich wusste dass du diesen Weg suchen würdest« rief Ilse »Heut bist du zu
mir gekommen zu mir allein nur mir gehörst du an heut bist du mir aufs Neue
geschenkt und zum zweiten Mal gelobst du dich mir Die Menschenwohnungen um uns
sind verschwunden wir beide stehen einsam in dem wilden Geklüft der Zwerge du
mein Felix dem die ganze Welt gehört der alle Geheimnisse des Lebens kennt
Vergangenes weiß und Künftiges ahnt du hast jetzt nichts als die Decke dieser
Felskluft und das Grastuch der armen Anna worein ich dir die müden Glieder
hülle Noch ist der Stein warm und ich streue dir das Gras unseres Berges zum
Lager Nichts hast du in der Wildnis mein Held als Fels und Kraut und die Ilse
an deiner Seite«
Jetzt ist stille Nacht leiser rauscht die Strömung um die Brombeerranken
über der Höhle hängt sich der weiße Nebeldunst zu dichtem Vorhange Dämmrige
Schemen gleiten das Tal entlang sie schweben in langem weißem Gewande am
Felstor vorüber hinab in das Freie wo sie ein frischer Luftzug zerweht Hoch
oben spannt der Mond sein weißes schimmerndes Zelt aus Lichtstrahlen und
Wasserdunst gewebt über das Tal und lustig lacht der alte Gaukler herab auf
die Felsgrotte Wie das täuschende Mondlicht die Sterblichen neckt durch
wesenlosen Schein so necken sie sich selbst durch die Bilder ihrer Phantasie
in Liebe und Hass in Laune und Zorn ihr Leben verrinnt indem sie ihrer Pflicht
gedenken und dabei irren die Wahrheit suchen und dabei träumen Der Geist
fliegt hoch und das Herz schlägt warm aber der Kobold Phantasie wirtschaftet
unablässig zwischen dem Ernst des Lebens der Klügste täuscht sich selbst und
den Besten betrügt sein Eifer
Schlummre in Frieden Frau Ilse Du sitzest auf der Steinbank und hältst das
Haupt deines Gatten im Schoss selbst in der Seligkeit dieser Stunde fühlst du
noch das Leid das dir und ihm geschehen und ein leiser Seufzer schwirrt wie
ein Nachtfalter an dem Gestein der Höhle Schlummre in Frieden Denn du hast in
diesen Wochen erlebt was dir Gewinn wird für alle Tage deiner Zukunft Du hast
gelernt aus der Tiefe deines eigenen Lebens Urteil zu holen und entscheidenden
Entschluss Sieh Ilse der leichtgebauten Erzählung von dem was du erlittest
wollte nicht geziemen die hohen Fragen über das Ewige die du erhobst den
Zweifel und deine Gewissenskämpfe einzeln aufzuzählen Das wäre zu schwere
Ladung für den flüchtigen Nachen Aber wie der rudernde Schiffer welcher das
Auge nach unten richtet doch die Himmelswolken im Wiederscheine der Flut
erkennt so wird deine innere Befreiung aus dem Wiederschein deiner Gedanken
sichtbar aus Antlitz und Gebärde und aus deinem Tun
Schlummert ruhig ihr Kinder des Lichtes manche Hoffnung ward euch
getäuscht und mancher holde Glaube ist durch raue Wirklichkeit zerstört
Gestalten vergangener Zeit Gestalten die ihr mit Ehrfurcht in eurem Herzen
getragen haben lebendig auch in euer Leben gegriffen Denn was der Mensch denkt
und was der Mensch träumt das gewinnt eine Gewalt über ihn was einmal in die
Seele gefallen das wirkt lebendig darin fort erhebend und treibend
herabziehend und zerstörend Auch um euch erhob sich ein Spiel phantastischer
Träume Tat es euch weh in einzelnen Stunden die Kraft eures Lebens hat es
doch nicht geschädigt denn die Wurzeln eures Glückes liegen so tief als dem
Menschen der vergänglichen Blüte der Erde im Boden zu haften vergönnt ist
Schlummert friedlich unter dem Dach des wilden Felsens Wärme haucht der Stein
um euer Lager und die uralte Wölbung der Decke spannt sich schützend über die
müden Augen Um euch ruht und träumt der Wald am Eingange der Höhle sitzen die
alten Bewohner des Felsens weiß nicht sind es die Erdmännchen an welche Ilse
nicht glaubt oder sind es alte Freunde des Gelehrten die kleinen gaissfüssigen
Pane welche ihr Waldlied auf der Rohrpfeife blasen Sie halten ihre Finger an
den Mund und hauchen zuweilen leise in ihr Rohr dass es zu dem Rauschen des
Wassers tönt wie der sanfte Laut eines schlafenden Vogels
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Tobias Bachhuber
Ilse berührte leise das Haupt des Gatten welches in ihrem Schoße lag Felix
schlug die Augen auf schlang den Arm um sein Weib und sah einen Augenblick
befremdet auf die wilde Umgebung Wie ein weißer Vorhang schwebte der Nebel vor
dem Bogen der Höhle der erste Schimmer des Morgens färbte in dem dunklen
Gewölbe einzelne vorspringende Zacken mit hellerem Braun das Rotkehlchen sang
und die Amsel pfiff das holde Licht des Tages war nahe »Hörst du nichts«
flüsterte Ilse
»Die Vögel singen und das Wasser rauscht«
»Aber unter uns im Berge arbeitet eine fremde Gewalt Es wühlt und stöhnt«
»Es ist ein Waldtier« sagte der Professor »ein Fuchs oder ein Kaninchen«
Lauter wurde das Geräusch um den Sitz der Beiden Etwas stieß an den Stein
der Bank arbeitete und seufzte wie ein Mann der eine schwere Last trägt
»Sieh« flüsterte Ilse »es kommt heraus es schleicht um unsere Füße dort
sitzt das fremde Ding es hat glänzende Augen es hat einen blitzenden Mantel
um«
Der Professor stützte sich auf seine Hand und schaute nach der dunklen
Stelle am Boden wo eine kleine Gestalt saß mit bärtigem Gesicht den Leib
verhüllt in steifem schimmerndem Gewande
Die beiden Gatten sahen regungslos auf die Erscheinung
»Glaubst du jetzt an die Geister des Ortes« frug leise der Gatte
»Ich fürchte mich Felix ich sehe deutlich das Gold des Kleides ich sehe
einen kleinen Bart und ein hässliches Gesicht« Sie erhob sich
»Bist du der Zwergkönig Alberich« frug der Professor »und liegt hier der
Nibelungenhort«
»Es ist der rote Hund« rief Ilse »er hat ein Röckchen an«
Der Professor sprang auf der Hund legte sich ihm winselnd vor die Füße der
Gelehrte beugte sich nieder fühlte einen fremden Stoff um den Leib des Hundes
und riss die Hülle ab Er trat in den Eingang und hielt sie gegen das
Dämmerlicht es war alter vermoderter Stoff mit Goldfäden durchwirkt Der Hund
fuhr befreit von seiner Last mit Geknurr aus der Höhle Der Professor sah lange
auf das zerschlissene Gewebe ließ den Lappen fallen und sagte ernstaft »Ilse
ich bin am Ziel meines Suchens Dies sind die Überreste eines geistlichen
Messgewandes Der Hund hat dies aus einem Loch gezogen in das er spürend
gekrochen war der Schatz der Mönche liegt hier in der Höhle Ich bin fertig mit
meinen Hoffnungen Vor wenig Tagen hätte mich diese Entdeckung schwindeln
gemacht jetzt liegt eine so finstere Erinnerung darüber dass mir die Freude an
Allem was die Tiefe bergen mag fast geschwunden ist«
Am andern Ufer wurden Stimmen laut Hans rief wieder durch den Nebel ein
Holla er grüßte die Schwester und Felix welche auf die Platte vor der Höhle
traten mit lautem Jubelruf »Das Wasser ist gefallen« Die andern Geschwister
stürmten nach traten dicht an das Wasser jauchzten und schrien Franz brachte
ein Butterbrod in Zeitungspapier und erklärte seine Absicht dies Frühstück
hinüberzuwerfen damit die Leute drüben nicht verhungerten Die Kinder
bekämpften diesen Entschluss und eifrig wurde über einen Plan gehandelt
Bindfaden an einem Ball überzuwerfen und das Butterbrot daran zu befestigen Das
Tagesleben des Gutes klang wieder in gewohnter Weise
»Ist Fritz angekommen« rief der Professor über den Strom
»Sie sind noch in Rossau« rief Hans »die Brücke ist erst gegen Morgen
fertig geworden Herr Hummel ist auf und hinab«
Auch der Vater kam gefolgt von einem Trupp Arbeiter welche Balken und
Breter herzutrugen Die Männer gingen ins Wasser und trieben dort eine Unterlage
in den weichen Boden auf der sie einige schlanke Baumstämme über das Wasser
legten Der Professor zog an dem zugeworfenen Seile nach stündiger Arbeit war
ein schmaler Steg errichtet Der Landwirt war der erste der zu seinen Kindern
herüberkam Die Männer wechselten ernsten Gruß »Haben die Leute am Tage eine
Stunde Zeit« sagte der Professor »so mögen sie hier noch ein letztes Werk
tun der Versteck des Mönches war in dieser Höhle«
Zu derselben Zeit stieg Herr Hummel mit schnellen Schritten zur Stadt Rossau
hinab Noch arbeiteten die Zimmerleute über der Brücke er warf einen
bedenklichen Blick auf die Stelle wo er im Wasser die Füße des jungen Prinzen
gefasst hatte und brummte »Er ging unter wie eine Kanonenkugel Tüchtigkeit zur
See fehlt diesem Volke oben und unten sie haben in der ganzen Gegend nicht
einmal einen Kahn Vor zwanzig Jahren soll einer hier gewesen sein wie das
Gerücht geht er ist zu Kaffeholz zerschlagen Der beste Dank an diesen
Bielstein für die Unruhe die wir ihm machen wird sein dass ich ihm einen Kahn
unter seine Strohbündel schicke«
Mit diesem Vorsatz trat er in die Tür des Lindwurms Dort traf er auf den
verschlafenen Wirt »Wo ist das junge Paar das gestern Abend hier ankam«
»Sie werden wohl noch oben sein« sagte dieser gleichgültig »die Rechnung
ist noch nicht bezahlt«
»Sie sind ein Gastwirt für reisende Faultiere aber nicht für Menschen«
rief Herr Hummel »ich habe längst gewünscht ein solches monströses Fossil
lebendig zu erblicken Natürlich Ihr Hotel ist zu groß als dass Sie sich um
jeden gemeinen Reisenden kümmern könnten Ihre Gäste putzen sich die Stiefeln
und Sie schreiben die Rechnung Haben Sie die Güte mir die Klingel zu Ihrem
Portier nachzuweisen« Als er zum Oberstock hinaufsteigen wollte hörte er einen
Freudenschrei »Vater mein Vater« rief Laura die Treppe hinabstürzend sie
warf sich ihm an den Hals und hielt ihn fest mit so warmem Ausdruck ihrer
Zärtlichkeit und Trauer dass Herr Hummel gnädig wurde »Gesindel« rief er
»habe ich euch erwischt Wartet ihr sollt mir die Entführung teuer bezahlen«
Der Doctor polterte ebenfalls von oben herab und begrüßte freudig Herrn
Hummel »Euer Wagen fährt mit den Sachen nach wir gehen voran« befahl Herr
Hummel »Wie war dein Don Juan« frug er die Tochter leise
»Vater er hat wie ein Engel für mich gesorgt und die ganze Nacht auf einem
Stuhl vor meiner Tür gesessen Es war schrecklich mein Vater«
»Und wie gefällt dir eine solche Entführung Sie ist poetisch sie gibt
große Gefühle man vermeidet dadurch den Baumkuchen und die ungesalzenen Scherze
des Mimen«
Laura aber drückte sich an den Vater und sah ihn flehend an bis Herr Hummel
sagte »Es war also eine Kur Dann will ich gern die Rechnung des Lindwurms
bezahlen«
Sie schritten miteinander zum Tor hinaus Hummel zwischen den beiden
Entführten »Wie war sie unterwegs« frug er den Doctor vertraulich
»Sehr liebenswürdig« rief dieser den Arm des Vaters drückend »aber
ängstlich ich wurde viermal auf den Kutschbock geschickt weil ihr die Reue
ankam«
»Warum sind Sie als Mann hinaufgeklettert« frug Hummel entrüstet
»Mir war lieb dass sie das Ungewöhnliche der Reise so tief empfand«
»Mir ist lieb dass mein Pudel ins Wasser geht sagte der Floh und ertrank«
spottete Herr Hummel »Weshalb sahen Sie die Angst meines Wurms nicht ruhig an
Es hätte Ihnen manchen Tanz mit ihr erspart wenn Sie gleich am ersten Tage fest
gewesen wären«
»Sie war noch nicht meine Frau Herr Hummel« sagte der Doctor
»Also geduldige Bosheit« versetzte der Vater »Sie mögen Ihr Schicksal
abwarten«
Als sie in die Nähe des Hofes kamen die Tochter am Arm des Vaters den sie
nicht mehr loslassen wollte begann dieser »Heut kein Wort über eure greuliche
Entführung Vor den Leuten hier habe ich deinen Unsinn vertuscht und einen
Mantel umgehangen damit du die Augen aufschlagen kannst Ihr seid angemeldet
und erwartet als ruhige Reisende Wir bleiben heut hier zusammen morgen spreche
ich als Vater ein letztes Wort mit deiner Poesie«
Vor dem Tore empfing die Wanderer fröhlicher Gruß der Hausgenossen Der
Professor und der Doctor lagen einander in den Armen »Du kommst zu guter
Stunde Fritz das Abenteuer welches wir vor Jahren hier begannen heut kommt
es zum Ende Der Schatz des Frater Tobias ist entdeckt«
Nach einigen Stunden brach die ganze Gesellschaft zur Höhle auf die
Werkleute folgten mit Eisen und Hebebäumen
Der Landwirt betrachtete den Steinblock im Hintergrunde der Höhle unten an
der Seite sah er ein Loch dasselbe aus welchem der Hund zur Oberwelt gestiegen
war »Diese Öffnung ist neu« rief er »sie war jedenfalls durch einen Stein
verschlossen der hinabgefallen ist«
Die große Steinbank wurde mit Anstrengung weggewälzt eine Öffnung so
weit dass ein Mann ohne Schwierigkeit einkriechen konnte zeigte sich dem Blick
Die Lichter wurden hineingehalten sie erhellten eine abwärts geneigte
Fortsetzung der Höhle die noch mehre Ellen tief in den Berg hineinging Es war
ein wüster Raum Sicher war er in der Mönchszeit trocken gewesen aber er war es
nicht mehr Baumwurzeln hatten den zerklüfteten Felsen auseinandergetrieben
oder Schichten des Gesteins hatten sich in nasser Zeit gesenkt es war vom Berge
her ein Zugang für Wasser und Tiere entstanden Waldstreu und Knochen bildeten
eine wirre Masse Die Arbeiter fuhren mit ihren Werkzeugen hinein und räumten
auf neugierig saßen und standen die Anwesenden umher der Professor trotz
seiner Ruhe dicht an dem Schatze Den Doctor aber litt es nicht lange
zuzusehen er zog seinen Rock aus und stieg in die Öffnung Vermoderte Stücke
eines dicken Tuches wurden heraufgebracht wahrscheinlich war der Schatz in
einem großen Sack zu seinem Versteck gefahren worden Dann kamen Altardecken und
geistlicher Ornat
Ein froher Ruf der Doctor reichte ein Buch hinauf das Antlitz des
Professors war hoch gerötet als er danach griff Es war ein Missale auf
Pergament Er gab es dem Landwirt der jetzt mit großem Anteil auf den lange
geleugneten Schatz blickte Der Doctor reichte das zweite Buch Alle drängten
sich herzu der Professor saß auf dem Boden und las es war eine jämmerlich
zugerichtete Handschrift des heiligen Augustinus »Zwei« sagte er seine Stimme
klang rau vor innerer Bewegung Der Doctor reichte das dritte Buch wieder
geistliche lateinische Hymnen mit Noten Das vierte ein lateinischer Psalter
Der Professor hielt die Hand hin und die Hand zitterte »gib her« rief er
Dumpf klang die Stimme des Doctors aus der Höhlung »Es ist nichts mehr
darin«
»Sieh genauer nach« sagte der Professor mit stockendem Atem
»Hier das letzte« rief der Doctor und reichte ein viereckiges Bretchen
heraus »und hier noch eins« Es waren zwei Bücherdeckel aus festem Holz die
Außenseite mit geschnitztem Elfenbein überzogen Der Professor erkannte beim
ersten Blick an der gebräunten Platte in den abgestossenen Figuren die
byzantinische Arbeit der letzten römischen Zeit eine Kaisergestalt auf dem
Throne über ihr Engel mit der Glorie Großes Quadrat Arbeit des fünften oder
sechsten Jahrhunderts »Es sind die Deckel der Handschrift Fritz wo ist der
Text«
»Kein Text vorhanden« tönte wieder die dumpfe Stimme des Doctors
»Nimm das Licht und leuchte« Der Doctor nahm auch die zweite Leuchte
hinein er fuhr mit Hand und Hacke an jedem Punkte des Felsens umher er warf
die letzte Nadel Waldstreu hinaus und den letzten Überrest des Sackes Es war
nichts von der Handschrift zu sehen kein Blatt kein Fidibus Der Professor sah
auf die Deckel »Man hat sie abgerissen« sagte er tonlos »wahrscheinlich
hielten die Mönche den römischen Kaiser in Elfenbein für einen Heiligen« Er
hielt die Deckel an das Licht auf der innern Seite des einen waren unter Staub
und Moder in alter Mönchschrift die Worte zu lesen
»Von Ausfahrt des Schweigenden«
Jetzt fuhr der Schweigende aus seiner Höhle aber er schwieg sein Mund
blieb stumm für immer
»Unser Traum ist zu Ende« sagte der Professor gefasst »die Mönche haben den
unleserlichen Text aus den Deckeln gerissen und zurückgelassen die Handschrift
ging wohl nicht mehr in den gefüllten Sack Der Schatz ist verloren für das
Wissen unseres Geschlechtes Die Hand berührt was einst Hülle der Handschrift
war und uns wird das schwere Gefühl nicht erspart um das Unwiederbringliche zu
trauern als wäre es vor unsern Augen untergegangen Wir aber kehren besonnen an
das Licht zurück und tun unsere Pflicht lebendig zu machen was erhalten
blieb für unser Geschlecht und für die welche nach uns sein werden«
»Bachhuber hieß dieser Genius« rief Herr Hummel »er war seinem Zeichen
nach ein Esel«
Der Landwirt aber legte die Hand auf die Schulter des Sohnes »Gegen den
Landwirt habt ihr Gelehrten zuletzt doch Recht behalten« sagte er »Schliesst
die Öffnung wieder mit der Steinbank« befahl er den Arbeitern »die Höhle soll
werden wie sie war«
Still kehrte die Gesellschaft zum alten Hause zurück die Knaben trugen die
Bücher die Mädchen die Bündel zerschlissener Mönchsgewänder sie machten Pläne
die Goldfäden für sich herauszuziehen der Professor hielt die Deckel der
verlorenen Handschrift
Als sie das Haus betraten klapperte von der andern Seite Hufschlag der
Landwirt trat in die Tür der alte Oberförster hielt auf seinem Rappen an
»Ich reite in Eile über den Hof Bescheid zu sagen bei uns gehts drunter und
drüber Hofbeamte Minister von allen Seiten werden Ärzte geholt meine Leute
sind sämtlich fortgeschickt ich muss selbst nach Rossau einen Kourier zu
bestellen Ich fürchte mit dem Herrn stehts schlecht er erkennt Niemanden
Jetzt erwartet der Erbprinz noch die Ankunft des Leibarztes sobald dieser die
Erlaubnis gibt wird die Gesellschaft nach der Residenz aufbrechen An allem
Schrecken ist dieser unglückliche Umbau meiner stillen Wohnung schuld Noch
Eins weil mirs gerade einfällt Ihr Schwiegersohn sucht ja alte Papiere und
Bücher Da stehen bei uns noch einige Kisten mit solchem Plunder aus uralter
Zeit wo die Oberförsterei noch fürstliches Pürschhaus war über der Tür ist
unter der Tünche ein fremdes Wort zu erkennen Solitudini welches in der
Einsamkeit bedeuten soll Die Kisten sind morsch beim Bau werden sie doch von
der Stelle geschafft Ists bei uns ruhiger dann könnte der Herr Professor
vielleicht einen Blick darauf werfen«
»Da ist auch das Lustschloss Solitude mit den echten Kisten der Beamten«
rief der Professor »Ich tue keinen Schritt mehr nach jenem Hause«
Der Doctor ergriff seinen Hut sprach leise mit Laura und dem Landwirt
»Ich bitte mich für heut zu beurlauben« sagte er hinausgehend
Erst am Abend kehrte er zurück »In den Kisten sind Baurechnungen vom Ende
des siebzehnten Jahrhunderts über Ausbesserungen am Klostergebäude und über
diesen Hof Außerdem einige Bände Korneille Der Kandidat welcher nach Amerika
ging ist mit dem Oberförster verwandt«
»Wir sind geneckt worden« sagte der Professor ruhig »Es ist gut dass jeder
Zweifel geschwunden ist«
»Nun« entgegnete der Doctor »dass die alte Handschrift zerstört sei dafür
haben wir doch keinen Beweis Es ist immer noch möglich dass sie ganz oder in
Trümmern irgendwo zum Vorschein kommt Wer weiß auf welchen Bücherrücken ihre
Streifen kleben«
»Auf den Büchern welche der Schwede mit Flammenschrift in Rossau
geschrieben hat« versetzte der Professor mit trübem Lächeln »Wir sind fertig
mit der Handschrift Fritz die Quälgeister sind uns gründlich gebannt«
In der frühen Morgenstunde des nächsten Tages fuhr eine Reihe Hofwagen von
der Oberförsterei ab der erste war dicht geschlossen in ihm lag der kranke
Fürst behütet von seinen Aerzten ein aufgegebener Mann Vor der Fahrt winkte
der Erbprinz den Oberförster an seinen Wagen »Gibt es einen andern Weg nach
Rossau als durch den Hof jenes Gutes«
»Über die lange Höhe durch den Wald es ist ein Umweg« erwiderte der
Oberförster
»Wir fahren den Waldweg« befahl der Erbprinz Unterwegs begann er zu seinem
Begleiter »Ich erwarte von Ihrem Charakter Weidegg dass Sie bei jeder
Gelegenheit den Menschen welche dort wohnen achtungsvolle Zuneigung beweisen
werden Ich bin der Sohn des kranken Fürsten welchem dort von einer Stimme die
Aufnahme versagt wurde Ich werde die Schwelle jenes Hauses nicht wieder
betreten und ich wünsche dass Sie den Namen der Frau in meiner Gegenwart
niemals erwähnen«
Der traurige Zug bewegte sich nahe bei der Stelle vorüber wo einst der
Blitzstrahl die Fichte zerschlagen Im Schritt fuhren die Wagen auf dem Holzwege
des Bergrückens »Fahren Sie voraus« sagte der Prinz »ich gehe eine Strecke zu
Fuß« Er trat auf den Gipfel des Berges das junge Tageslicht färbte die düstern
Büschel des Haidekrauts mit goldigem Grün Von derselben Höhe wo einst eine
frohe Gesellschaft gerastet hatte sah der Prinz hinab auf den Bielstein
welcher aus dem weißen Frühnebel ragte auf Dach und Erker des alten Hauses
Lange stand der Prinz regungslos von dem Turm der Dorfkirche klang das
Glöckchen in die Bergluft hinauf er neigte sein Haupt bis der leise Ton
verhallt war dann streckte er grüßend die Hand nach dem Steine aus wandte sich
schnell ab und schritt den Waldweg entlang
Auf dem Hofe des Bielsteins aber krähten zu derselben Stunde die Hähne die
Sperlinge schrien im Weinlaub die Leute rüsteten sich zur Arbeit des Tages Da
pochte die Faust des Herrn Hummel dreimal an die Stubentür hinter welcher
seine Tochter Laura schlief »Steh auf entführtes Wurm« brummte er »wenn dir
noch lohnt von deinem verlassenen Vater Abschied zu nehmen« Es fuhr im Zimmer
umher und klapperte mit den Pantoffeln Lauras Kopf guckte durch einen
Türritz
»Vater du willst uns doch nicht verlassen«
»Du hast mich verlassen« versetzte Hummel »wir wollen noch schnell die
letzten Redensarten miteinander abmachen Zieh dich ordentlich an du sollst
mich den Berg hinab begleiten ich warte unten im Hausflur« Er musste eine gute
Weile seiner Tochter harren ging ungeduldig auf und ab und sah nach der Uhr
»Glauben Sie mir Gabriel« versicherte er dem Diener der in seinem besten
Staat zu ihm trat »vieles Unglück kommt von den langen Haaren der Weiber
Deshalb können sie nie zu rechter Zeit fertig werden darin liegt ihr Vorrecht
womit sie uns vexiren und darum behaupten sie das schwächere Geschlecht zu
sein Ordnung und Pünktlichkeit werden nie erreicht wenn nicht dem ganzen
Frauenvolk an einem Tage der Zopf abgeschnitten wird«
Laura schwebte die Treppe herab hing sich an den Arm des Vaters und
streichelte ihm mit der kleinen Hand die Wange
»Komm in den Garten Teaterprinzessin« brummte er »ich habe mit dir noch
einige Augenblicke allein zu reden Entführt wärst du den Skandal hast du
durchgesetzt Wie ist dir zu Mut«
»Bangsam lieber Vater« sagte Laura kleinlaut »Ich weiß dass es eine
Torheit war und Ilse sagt es auch«
»Dann wirds schon richtig sein« bestätigte Hummel trocken »Und was soll
jetzt mit dir werden«
»Was du willst mein Vater« erwiderte Laura »Fritz und ich sind der
Meinung dass wir dir unbedingt zu folgen haben Ich habe durch meine Torheit
jedes Recht verloren dir einen Wunsch auszusprechen Wenn ich noch bitten
darf« setzte sie furchtsam hinzu »ich möchte einige Zeit hier bleiben«
»Also du willst deinen Entführer wieder loswerden«
»Er geht zu seinen Eltern zurück und wir warten mein Vater bis er einen
Ruf bekommt an eine Universität er hat Aussichten«
»So« sagte Hummel kopfschüttelnd »das alles wäre vor der Entführung
verständig gewesen jetzt ist es zu spät Ihr seid bereits miteinander in der
Kirche aufgeboten einmal für dreimal« Laura trat zurück »Das taten die Leute
nicht anders« fuhr Hummel fort »Als bekannt wurde dass ihr ausgerissen seid
hat sich die Geistlichkeit nicht nehmen lassen euch aufzubieten ihr wart noch
nicht lange zum Tor hinaus als dieses Unglück vor sich ging«
Laura stand erschrocken ein heißes Rot fuhr ihr über die Wangen In der
Waldkirche unten läutete das Glöckchen Herr Hummel zog ein Papier aus der
Tasche »Das sind diese verdammten alten Patenhandschuhe ich wünsche dies Zeug
endlich los zu werden Hier hast du deine Ausstattung weiter kann ich dir
nichts mitgeben Zieh sie schnell an damit die Leute wenigstens an deinen
Fingern merken dass für dich heut ein Festtag ist Bei der Geschichte mit dem
Trauringe kannst du sie schnell wieder abziehen«
»Vater« rief Laura und rang die Hände
»Du wolltest ja keinen Baumkuchen leiden« spottete Hummel »da muss das
Hochzeitskleid und manches Andere auch entbehrt werden Dieser Schrecken wäre
passender gewesen vor der Entführung jetzt wird unweigerlich geheiratet
entweder zur Stunde oder gar nicht Meinst du dass man nur zum Spaß in die Welt
zieht«
»Meine Mutter« rief Laura und die Tränen stürzten ihr aus den Augen
»Du hast ja deiner Mutter entlaufen wollen und wenn dein Vater nicht aus
guter Meinung zu den fremden Leuten gekommen wäre so hättest du das Geschäft
ganz allein abgemacht Unsern hausbackenen Bürgergefühlen wolltest du ja aus dem
Wege gehen«
Laura hielt sich mit zitternder Hand an einem Baum und sah den Vater flehend
an »Du bist doch nicht so kühn als ich dachte jetzt kommt der Banghase bei
dir zum Vorschein«
Laura warf sich an die Brust des Vaters und schluchzte an seinem Herzen er
streichelte ihr die Locken »Kleine Hummel« sagte er herzlich »Strafe muss
sein und es ist keine harte Strafe mir ist recht dass du ihn heiratest Er ist
ein braver Mann das habe ich gemerkt und wenn es dein Glück ist ich will
schon mit ihm auskommen du musst nur nicht gleich summen und schwärmen wenn ich
einmal auf meine Art bürste Es ist mir auch recht dass du ihn heut heiratest
das ist jetzt für alle Teile gut deine Brautgefühle kannst du später haben
mache nachher deine Rührung durch wie du willst Jetzt sei mein tapferes Kind
wir dürfen die Andern nicht warten lassen Bist du bereit«
Laura weinte aber es klang leise wie ein Ja
»Dann wollen wir den Bräutigam wecken« entschied Hummel »ich glaube dies
Opferlamm schläft noch ohne Ahnung seines Schicksals«
Er verließ seine Tochter eilte zur Tür des Doctors und sah in das Zimmer
Fritz lag in festem Schlummer Hummel ergriff die Stiefeln welche vor der Tür
standen und setzte sie hart vor das Bett
»Guten Morgen Don Juan« brummte er »Haben Sie die Güte sich sogleich in
dieses Leder hineinzubemühen Dies sind Ihre Brautstiefeln Meine Tochter Laura
lässt Sie ersuchen sich zu beeilen der Geistliche wird ungeduldig«
Der Doctor sprang mit beiden Beinen aus dem Bett »Ist das Ernst« frug er
»Greulicher Ernst« sagte Hummel
Auf den Doctor brauchte er nicht lange zu warten Er trat in den Garten wo
Laura noch immer allein in der Laube saß ängstlich wie ein eingesperrter Vogel
der sein Bauer nicht zu verlassen wagt Hummel führte den Doctor zu ihr »Da
habt ihr euch« begann er feierlich »Es ist ein schöner Morgen gerade wie
damals wo ich als Wanderbursch auszog Heut schicke ich mein Kind in die Welt
und das ist eine andere Sorte von Gefühlen Ich habe nichts dagegen wenn ihr
glücklich miteinander lebt bis zuerst eure Kinder von euch in die Welt laufen
dann die Enkel Denn der Mensch ist wie ein Vogel er müht sich und trägt die
Halme zusammen für sein Haus aber die junge Brut achtet das Nest der Eltern
nicht So wird der alte Rabe jetzt allein sitzen und Wenige finden die sich
über sein Krächzen ärgern Nehmen Sie meinen Dickkopf hin lieber Fritz lassen
Sie ihr nicht zu viel Willen Ich habe Sie mir einige Zeit angesehen und ich
will Ihnen jetzt etwas im Vertrauen sagen bei der Geschichte mit den
Katzenpfoten fiel mir ein dass Sie doch am Ende kein übler Mann für diese Hummel
wären Dass Sie Hahn heißen ist zuletzt auch nur ein Unglück« Er küsste Beide
recht herzlich »Jetzt kommt ihr Ausreisser denn die Andern warten« Hummel
schritt vor seinen Kindern nach dem Hause er öffnete die Tür der Wohnstube
die ganze Familie war versammelt Laura flog zu Ilse und verbarg ihr heißes
Gesicht an der Brust der Freundin Diese nahm den Brautkranz den die Schwestern
herzutrugen und setzte ihn auf Lauras Haupt Gabriel öffnete die Tür Vor
Jahren hatte der Doctor den Freund von den Brombeerranken an der Mauer in die
Kirche gezogen jetzt schritt auch er die Geliebte an der Hand in die kleine
Dorfkirche wieder streuten die Kinder Blumen Als der Geistliche die Hände des
Brautpaars zusammengab fasste auch Ilse die Hand ihres Gatten
»Die Mutter fehlt« sagte Hummel zu der Neuvermählten als diese ihm nach
der Trauung um den Hals fiel »Und des Doctors Wirtschaft auch Ihr aber seid
Bürgerkinder und wie erhaben eure Gefühle sind ihr werdet euch unserm Brauche
fügen Ihr reist von hier nach eurer Vaterstadt zurück Dort werden die Mütter
euch Nachhochzeit halten und du Landläuferin sollst den schlechten Gedichten
nicht entgehen Ihr werdet mich entschuldigen wenn ich an diesem Tage nicht zu
Hause bin ich mache meine Geschäftsreise und zweimal in einer Woche sein Kind
zu verheiraten schickt sich nicht« Leise erklärte er der Tochter »Unter uns
ich mag nicht mit der Hühnerfamilie zusammen in den bewussten Brautkuchen
picken«
»Ihr sollt nicht bei mir wohnen und nicht in dem Hause drüben das hat die
Freundin hier geraten und es ist mir ganz recht Nach dem Hochzeitessen mögt
ihr einige Wochen reisen dann aber kehrt ihr in die Heimat zurück«
»Die Brautreise macht ihr allein« sagte der Professor »nicht mit uns Ilse
und ich sind entschlossen nach kurzer Rast zur Stadt zurückzukehren Ich habe
noch einige Monate dieses Sommers vor mir ich will sie wenigstens für einen
engeren Kreis von Zuhörern nützlich machen Unter den Büchern finden wir wieder
was uns in der Fremde entschwand Frieden im Innern und Frieden mit unserer
Umgebung«
Es war um die Osterzeit des folgenden Jahres da standen Herr Hummel und
Gabriel beide in festliches Schwarz gekleidet vor der Tür des Hauses Nr 1 in
der Parkstrasse
»Ich war bei ihr« begann Herr Hummel vertraulich zu Gabriel »ich habe ihr
diesmal das Geld selbst gebracht weil Sie das wollten Bei den Wirtsleuten und
Nachbarn habe ich mich nach ihr erkundigt Sie hält sich ordentlich und das
Wesen ist verändert Viel Wasser Gabriel« er wies auf die Augen
»Sie waren doch freundlich zu ihr« frug Gabriel finster
»Wie ein Lamm« versetzte Hummel »und sie gleichfalls Die Stube war
dürftig ein einziges Bild hing darin ohne Rahmen Gabriel als eine Erinnerung
an ihren glücklichen Stand in jenem Hause Es war ein Hahn mit goldenen Federn«
Gabriel wandte sich ab
»Zuletzt wurde der Aufenthalt für meine trockene Konstitution zu feucht
Aber es wird für sie gesorgt Sie soll in ein anständiges Geschäft als
Verkäuferin und für den illegitimen Knips werden die Frauen sorgen Ich habe
mit Madame Hummel gesprochen und diese mit der Hahnfrau drüben die beiden
werden ihren wohltätigen Kohl zurecht kochen Denn was Sie betrifft Gabriel
allen Respekt aber was zu viel ist das ist zu viel«
Herr Hummel fasste achtungsvoll einen Westenknopf Gabriels und drehte das
abgewandte Antlitz mit dem Knopf wie durch eine Schraube auf sich zu Dann sah
er eine Weile in die trüben Augen ohne ein Wort zu sprechen Aber die beiden
verstanden einander »Es war eine schwere Zeit es war eine tolle Zeit Gabriel
in jeder Hinsicht« begann Herr Hummel endlich kopfschüttelnd »was wir mit
Souveränen ausgeführt haben war keine Kleinigkeit«
»Er hatte wenig Gewicht« sagte Gabriel »und trug sich wie eine Feder«
»Darauf kommts gar nicht an« erwiderte Herr Hummel »die Sache war
verdienstlich Denken Sie was das heißt einen jungen Fürsten retten das
machen uns Wenige nach Und mir kamen einen Augenblick ehrgeizige Gedanken
Nämlich der Kammerherr kein übler Mann und ein alter Bekannter von uns rührte
mich auf als er neulich vorsprach«
»Er hat auch mich rufen lassen« unterbrach ihn Gabriel mit Selbstgefühl
»Der Prinz Victor hatte ihm aufgetragen er sollte mir seine Grüße ausrichten
und sagen der Prinz würde jetzt die Prinzessin heiraten«
»Auch diese Art von Hofbesitzern wird häuslich« nickte Herr Hummel »das
ist doch wenigstens ein Anfang Also der Kammerherr versicherte mich höchster
Dankbarkeit machte so seine Redensarten und stichelte endlich auf ein Prädikat
wissen Sie was das ist«
»Hm« entgegnete Gabriel »wenn es etwas ist was man bei diesem Hofe
verschenkt so wird es sich wohl mit einer bunten Schweinsblase vergleichen in
welcher kein Tabak ist es wird wohl ein Titel sein«
»Getroffen« entschied Herr Hummel »Was meinen Sie zu Herr Hofhutfabrikant
und Hausbesitzer Heinrich Hummel«
»Schwindel« antwortete Gabriel
»Richtig es war eine Schwäche aber ich kam noch zu rechter Zeit dahinter
Denn ich fragte diesen Kammerherrn welche Zumutung würden Sie dafür an mich
richten Gar keine sagte er als dass Sie ein ansehnliches Geschäft darstellen
Das ist mein Fall sagte ich Aber was für Hüte wird man bei mir suchen Denn
wer Erfahrungen gemacht hat wie ich der wird misstrauisch Und sehen Sie
Gabriel da kam der Schwindel heraus Denn was war seine Ansicht und Zumutung
Ich war in seinen Augen ein Mann bei dem auch Strohhüte umgingen Da dankte ich
für die Ehre und drehte ihm den Rücken«
»Nun« wandte Gabriel ein »bei diesem Stoff muss eine Milderung eintreten
Wir sind ja jetzt gute Freunde mit Den drüben und wenn Sie Ihre Tochter dem
Hause verwilligt haben warum nicht auch einen Artikel in das Geschäft«
»Mengen Sie mir nicht diese Dinge durcheinander« wehrte Herr Hummel
ärgerlich »Es ist schlimm genug dass ich als Vater und gewissermaßen auch als
Nachbar meinen alten Zorn verloren habe Worüber soll man sich jetzt noch
ärgern wenn hier die Hand gedrückt und dort unter der verdammten Muse
Familienpunsch getrunken wird Nein ich war ein schwacher Vater ich war als
Nachbar ein unverantwortlich leichtsinniger Mann Aber Gabriel auch der Wurm
welcher getreten wird behält noch seinen Stachel Und mein Stachel ist das
Geschäft Darin bleibt die Feindschaft Jedes Frühjahr die Rachsucht und bei der
Winterkälte mein Triumph Mein Kind habe ich verloren mein Geld habe ich diesen
Phantasten hinübergetragen aber ich bin immer noch Manns genug um es mit Dem
da drüben aufzunehmen« Er sah auf die leere Stelle der Freitreppe wo sonst
sein Hund Speihahn zu sitzen pflegte »Dieser fehlt mir« fuhr Herr Hummel fort
nach der Tiefe zeigend
»Er ist dahin und aus der Menschheit ausgewischt« sagte Gabriel
»Er war ein Hund nach meinem Herzen« beteuerte Hummel »und ich habe daran
gedacht was meinen Sie Gabriel wenn ich ihm im Garten ein Denkmal setzte
Hier an der Straße nur ein niedriger Stein und darauf nur das eine Wort
Speihahn Wenn die Pforte offen steht würde mans über die Straße lesen können
Es wäre ein Gedächtnis für das arme Tier und außerdem an die gute Zeit wo man
einem Hahn noch die Federn rupfen konnte ohne wegen Kindesmord angeschrieen zu
werden«
»Es geht nicht« versetzte Gabriel »was würden die Schwägersleute drüben
dazu sagen«
»Pfui Teufel« rief Herr Hummel und wandte sich ab
Ja Speihahn war der Menschheit entwischt Seit jener Stunde wo er im
dämmerigen Morgengrauen den goldenen Chorrock des seligen Bachhuber als
Halskrause um sich geschlagen hatte war er verschwunden Keine Forschung kein
Geldgebot des Herrn Hummel vermochten seine Spur zu ermitteln vergebens wurden
die Schäfer und Gutsarbeiter der Umgegend sogar die Behörden von Rossau in
Bewegung gesetzt er war entwischt wie ein Geist Die Stelle an der Freitreppe
blieb leer Die Lücke welche er in der bürgerlichen Gesellschaft zurückließ
wurde durch jüngeres Hundegeschlecht der Parkstrasse ausgefüllt die
Nachbarschaft fühlte bei jedem Gange auf der Straße ein Behagen welches sie
lange entbehrt hatte der Cigarrenhändler stellte seine Bank wieder an Herrn
Hummels Garten und die weissgekleideten Fräulein welche nach dem Stadtpark
zogen entsagten allmählich der Gewohnheit vor dem Hause des Herrn Hummel
abzubiegen und auf die Strohseite hinüberzuflüchten Speihahn wurde von Vielen
ohne Bedauern vergessen nur bei alten Insassen der Straße blieb die Erinnerung
an ihn als finstere Sage Gabriel allein dachte jeden Abend an den Verlorenen
wenn er die kleinen Knochen für gleichgültige Nachbarhunde zurückstellte Aber
er wunderte sich über das Verschwinden des Hundes nicht Er hatte längst gewusst
dass es mit dieser Kreatur so oder so kommen müsse
Dieser Ansicht war eine Bestätigung geworden an welche Gabriel sein ganzes
Leben hindurch dachte Denn als er im Herbst mit seiner Herrschaft wieder den
Bielstein besuchte hatte er sich einmal einen freien Nachmittag erbeten und
war wie er jetzt öfter tat allein mit seinen Gedanken dahingeschritten Er
ging im Wald weit über die Oberförsterei hinaus zwischen dicken bemoosten
Buchenstämmen zwischen Farnkraut und Heidelbeeren Es wurde Abend graue
Dämmerung legte sich um den Wanderer er war über seine Richtung unsicher
geworden und suchte unruhig den Weg nach Hause Ganz in der Ferne rollte der
Donner und zuweilen fuhr ein gelber Schein über den Himmel und erhellte für
einen Augenblick die Baumstämme und den Moosgrund Bei solchem hellen Schein sah
er sich plötzlich an einem Kreuzweg er fuhr zurück denn wenige Schritte von
ihm schritt quer über den Pfad eine große dunkle Gestalt einen breitkrempigen
Filzhut auf dem Haupt ein Gewehr auf der Schulter ohne Gruß und lautlos glitt
sie vorüber Gabriel stand und staunte Wieder ein Schein und denselben Weg
liefen zwei Hunde ein schwarzer und ein rötlicher Köter mit dickem Kopf und
gesträubtem Haar plötzlich blieb der rote stehen wandte sich gegen Gabriel
und dieser sah deutlich an dem Ende des Hundes eine Quaste welche sich wedelnd
regte Im nächsten Augenblick tiefe Finsternis Gabriel hörte vor seinen Füßen
ein leises Winseln und ihm war als ob etwas seine Stiefeln lecke Noch ein
leises Rauschen dann war Alles still
Die auf dem Gute behaupteten es sei ein Wilddieb oder der große
Waldbelaufer jenseit der Grenze gewesen Gabriel aber wusste wer der Nachtjäger
war und wer der Hund war Der den Hund einst in Hummels Haus geschickt ohne
Geld und ohne Namen der hatte ihn auch abgerufen Der Hund bellte jetzt wieder
durch die Nacht wenn der Sturm wie ein Hiftorn blies wenn die Wolken unter
dem Monde dahinflogen und die Bäume ihre Gipfel ächzend zur Erde neigten Dann
lief er über die Berge von Rossau durch die Gründe des Bielsteins er heulte
und der Mond lachte spöttisch auf die Stelle herab an welcher Tobias Bachhuber
seinen Schatz deponirt hatte darunter die Deckel der verlorenen Handschrift
Aber wenn keinem Beobachter zweifelhaft sein konnte was es mit diesem Hunde
für ein Ende nehmen musste weit unsicherer ist das Urteil der Gegenwart über
eine andere Schattengestalt welche um die Höhle schwebt
Was kann dein Schicksal sein unseliger Frater Tobias Bachhuber Dein
Benehmen gegen die Handschrift war so dass es Alles übersteigt was man von
einem Tobias erwarten konnte Es stand sehr zu befürchten dass dein Leichtsinn
gegen die höchsten Angelegenheiten der Menschheit auch deiner gesellschaftlichen
Stellung im Jenseits geschadet habe Gegen deine Seligkeit Bachhuber mussten
schwere Zweifel entstehen Denn das Unrecht das du an uns begangen war so
groß dass es auch einem Engel Tränen auspressen musste Uns Sterblichen ist
unmöglich deiner noch mit dem Vertrauen zu denken zu dem uns deine
treuherzigen Worte verführten »haec omnia deposui« dies alles habe ich
niedergelegt Das war eine Unwahrheit Bachhuber und die Wunde getäuschter
Zuversicht wird stets aufs Neue brennen
Antworte auf die Frage Tobias was waren deine Ansichten über den
Zusammenhang des Menschengeschlechts über die Verbindung der vergangenen und
lebenden Geister oder über das große Netz der Menschheit in welchem du eine
Masche warst Deine Ansichten waren erbärmlich du stopftest die große
Handschrift die Sehnsucht unserer Tage in einen Sack und da der Sack zu voll
wurde rissest du den Text heraus und bewahrtest für spätere Geschlechter die
Deckel Dreimal pfui
Und dennoch schwebtest du ruhelos um die Höhle und dennoch poltertest du
seit der Schwedenzeit in den Kammern des alten Hauses umher Wozu diese
Geschäftigkeit törichter Mönch Solltest du vielleicht doch etwas bedacht und
behütet haben was zum Wohle der Enkel gereicht und dem erwähnten Zusammenhange
des Menschengeschlechtes dient
In der Tat, es wurde ein Schatz gehoben Er sieht freilich anders aus als
die Forscher vermuteten da ihr Auge zuerst auf den undeutlichen Buchstaben
deines Verzeichnisses ruhte Der Schatz den die beiden Gelehrten gehoben hat
kleine geballte Fäuste runde Wänglein und liebe Augen Er ist lebendig
geworden aber er verhält sich keineswegs schweigsam Bachhuber solltest du
deine Ordensregel leichtsinnig behandelt haben hast du diesen Schatz in zwei
Wohnungen an der hohlen und trocknen Stelle deponirt welche in unserer
Laiensprache Wiege heißt
Heut ist große Taufe in der Wohnung des Professors es ist eine Doppeltaufe
Des Professors Sohn heißt Felix und des Doctors junge Tochter Kornelia Die
Kinder haben fast zu gleicher Zeit den Entschluss gefasst durch ihr Erscheinen
diese überfüllte Welt zu verengen Die Paten des Knaben sind Raschke und Frau
Struvelius die Paten des Mädchens Struvelius und Frau Raschke Herr Hummel
aber ist Doppelpate und steht in der Mitte er schwenkt bald den einen bald
den andern Täufling
»Es ist mir lieb dass Ihres ein Sohn ist« sagt er zum Professor »er wird
blond und er wird lustig Denn das weibliche Geschlecht nimmt über Hand und
wird uns zu kräftig wir müssen uns durch Zuwachs stärken sonst findet ein
völliges Unterbuttern statt Es ist mir lieb dass deines ein Mädchen ist« sagt
er zu seiner Tochter »das Ding ist schwarz und borstig es wird kein Hahn
sondern eine Hummel«
Die Taufe ist vorüber und Professor Raschke erhebt das Glas »Zwei neue
Menschenseelen im Reich der Bücher zwei Gelehrtenkinder mehr in unserer
doctrinären wunderlichen pedantischen grilligen Zunft Ihr Kinder werdet eure
ersten Reitübungen auf Folianten anstellen euren ersten Helm und eure erste
Schürze werdet ihr aus Korrecturbogen eurer Väter anfertigen früher als Andere
werdet ihr mit heimlichem Bangen auf die Bücher schauen die eure rosige Jugend
umstehen Wir aber wünschen dass auch ihr dazu helft einem späteren Geschlecht
den stolzen Sinn zu bewahren mit welchem eure Väter das eigene Leben hingeben
als Suchende Denkende Gestaltende Auch ihr ob Mann ob Weib sollt treue
Bewahrer der idealen Habe unseres Volkes sein Ihr werdet ein Volkstum finden
das stärker die Flügel regt und höhere Forderungen an seine geistigen Führer
stellt Wie die Gegenwart uns wird auch euch eure Zeit zuweilen mit einem
Lächeln betrachten sorgt dafür dass es ein herzliches Lächeln sei Und sorgt
dafür dass dem Volke dies Amt wert bleibe das ihr von euren Vätern überkommt
und das auch ihr verwalten sollt als ehrliche Arbeiter im Reiche der
Wissenschaft treu im Glauben an den guten Geist unseres Lebens«
Raschke sprachs und schwenkte das Glas »Bitte es ist mein Glas« rief die
Struvelius »trinken Sie meine Handschuhe nicht sie liegen darin«
»Richtig« entschuldigte sich Raschke »es ist Leder« Er goss bedächtig den
Wein aus seiner Flasche über die Handschuhe und rief sein Hoch
Aber in der dämmrigen Ecke am Bücherschrank wo das kleine Notizbuch des
Fraters lag erschien von Jedermann unbeachtet die demütige Gestalt
Bachhubers einer Kindermuhme ähnlich sie grüßte und verneigte sich dankend
Als die Freunde geschieden waren saß Ilse am Lager das Kind vor sich auf
dem Schoss Felix kniete an ihrer Seite und beide sahen herab auf das junge
Leben das zwischen ihnen lag »Es ist so klein Felix« sagte Ilse »und doch
macht Alles was war und Alles was ist die Mutter nicht so glücklich als der
leise Herzschlag in seiner Brust«
»Ruhelos ringt der denkende Geist nach dem Ewigen« rief der Gelehrte »wer
aber Weib und Kind am Herzen hält der fühlt sich der hohen Gewalt unseres
Lebens einig verbunden in seligem Frieden«
Die Wiege schaukelte wie von Geisterhand berührt So also sieht der
Schatz aus verewigter Bachhuber den du einem späteren Geschlecht durch
hilfreiche Tätigkeit vermittelt hast Es ist wahr du hast an uns Übles
getan Jedoch wenn man wieder erwägt wie sorglich du in dem alten Hause und
anderswo bedacht warst als Ehestifter späteren Menschen gutherzige Dienste zu
leisten so kann man dir am heutigen Tauftage auch nicht böse sein Eins ins
Andere gerechnet darf man wohl sagen du warst ein Unglückspilz aber dein Herz
war nicht schlecht Und am Ende Tobias Bachhuber bist du doch nach vielen
Bedenken aus alter Barmherzigkeit unter die Seligen aufgenommen aber allerdings
mit einem Fragezeichen du trägst am Rücken deiner himmlischen Kutte als Nota
für ewige Zeiten ein höllisches Schwänzchen wegen der verlorenen Handschrift
des Tacitus
Ende