1861_Spielhagen_ProblNat1steAbh.html




        
                              Friedrich Spielhagen
                             Problematische Naturen
                                Erste Abteilung
                                  Erstes Kapitel
Es war an einem warmen Juniabend des Jahres 184 als ein mit zwei schwerfälligen
Braunen bespannter Stuhlwagen mühsam in dem tiefen Sandwege eines Tannenforstes
dahinfuhr
    Wird dieser Wald denn nie ein Ende nehmen rief der junge Mann der allein
in dem Hintersitze des Fuhrwerks saß und richtete sich ungeduldig in die Höhe
    Der schweigsame Kutscher vor ihm klatschte statt aller Antwort mit der
Peitsche Die schwerfälligen Braunen machten einen verzweifelten Versuch in
Trab zu fallen standen aber alsbald von einem Vorsatze ab den ihr Temperament
und der tiefe Sand so wenig begünstigten Der junge Mann legte sich mit einem
Seufzer in seine Ecke zurück und fing wieder an auf die einförmige Musik des
mühsam gleisenden Fuhrwerks zu horchen und ließ wieder die dunklen Stämme der
Tannen an sich vorübergleiten auf die hier und da ein Streifen von dem Licht
des Mondes fiel der so eben über den Forst heraufstieg Er begann von neuem
sich den Empfang der seiner auf dem Schloss harrte und die so neue Situation
in die er treten sollte auszumalen aber die überdies verschwommenen Bilder
einer unbekannten Zukunft wurden dunkler und dunkler die schlummermüden Augen
schlossen sich und der erste Ton den sein Ohr wieder vernahm war der dumpfe
Hufschlag der Pferde auf einer hölzernen Brücke die zu einem mächtigen
steinernen Torweg führte Endlich rief der junge Mann sich emporrichtend und
neugierig um sich schauend als der Wagen rascher durch eine dunkle Allee
riesiger Bäume fuhr auf einem mit Kies bestreuten offenen Platze einen halben
Bogen machte und jetzt vor dem Portale des Schlosses hielt auf dessen dunklen
Fenstern die Mondstrahlen glitzerten
    Der schweigsame Kutscher klatschte zum Zeichen der Ankunft mit der Peitsche
Die einzige Antwort war der helle Ton einer Glocke in der Nähe die langsam elf
Uhr schlug Als der letzte Ton verklungen war tat sich die Haustür auf ein
Diener trat heraus an den Wagen und hinter ihm wurde die Gestalt eines alten
Herrn sichtbar dessen runzliges Gesicht von dem Schein der Kerze die er mit
der einen Hand gegen den Luftzug zu schützen suchte hell beleuchtet wurde
    Der junge Mann sprang rasch aus dem Wagen auf den alten Herrn zu der ihm
die Rechte entgegenstreckte und mit einer Stimme deren Freundlichkeit das
Zittern des Alters und ein etwas ausländischer Accent nicht verhüllten sagte
    Seien der Herr Doctor bestens willkommen Der junge Mann erwiderte herzlich
den Druck der dargebotenen welken Hand Ich komme zwar etwas spät Herr Baron
sagte er aber 
    Das tut nichts das tut nichts unterbrach ihn der alte Herr Frau von
Grenwitz ist noch auf Johann tragen Sie die Sachen auf das Zimmer des Herrn
Doctor Wollen Sie hier eintreten
    Oswald hatte auf dem mit Steinfliesen ausgelegten Vorsaal seinen Anzug
flüchtig geordnet und folgte jetzt dem Baron in ein hohes schönes Zimmer
    Als er eintrat erhoben sich zwei Damen die an dem Tisch vor dem Sopha wie
es schien mit Lesen beschäftigt gewesen waren
    Meine Frau sagte der Baron Oswald der älteren von den beiden Damen
vorstellend einer hohen schlanken Frau von etwa vierzig Jahren die dem
Ankömmling ein paar Schritte entgegengegangen war und jetzt mit einiger
Förmlichkeit seine Begrüßung erwiderte und dann verbeugte er sich auch vor der
jüngeren einer zierlichen kleinen Gestalt mit einem etwas scharfen echt
französischen von langen Locken eingerahmten Gesicht da er in dem Umstande
dass sie ihm nicht besonders vorgestellt wurde keinen zwingenden Grund sah
diese Höflichkeit zu unterlassen
    Sie kommen spät Herr Doctor Stein sagte die Baronin mit einer tiefen
wohllautenden Stimme die mit dem kalten Licht ihrer großen grauen Augen nicht
ganz harmonirte
    So früh gnädige Frau antwortete der junge Mann heiter als es der widrige
Wind der heute Morgen das Fährboot um mehrere Stunden aufhielt und der
Kutscher des Herrn Baron dessen Geduld zu bewundern ich unterwegs reichlich
Gelegenheit hatte erlaubten
    Geduld ist eine schöne Tugend sagte die Baronin nachdem sie ihren Platz
auf dem Sopha wieder eingenommen und die Übrigen sich auf Stühlen um den Tisch
gereiht hatten eine Tugend die Sie vor Allen schätzen müssen da Sie dieselbe
in Ihrem Berufe so nötig haben Ich fürchte die beiden Knaben werden Ihnen nur
zu oft Veranlassung geben diese Tugend im vollsten Umfange zu üben
    Ich verspreche mir alles Gute von meinen zukünftigen Zöglingen und bin zum
voraus überzeugt dass die Probe auf die sie meine Geduld stellen werden keine
Feuerprobe sein wird
    Ich will es wünschen sagte die Baronin eine Arbeit die sie beim Eintritt
des jungen Mannes aus der Hand gelegt hatte wieder ergreifend indessen werden
Sie die Knaben gerade jetzt etwas verwildert finden da sich Ihre Ankunft leider
um einige Tage verzögert hat und Ihr Vorgänger uns nicht den Gefallen tun
konnte  oder wollte seine Abreise so lange aufzuschieben
    Es hieße gering von der guten Natur der Knaben denken erwiderte Oswald und
nicht besonders groß von dem Erziehertalente des Herrn Bauer das mir sehr
gerühmt wurde wenn ich wirklich fürchtete sein Einfluss auf dieselben sollte
ihn nicht einmal eine Woche überlebt haben
    Nun Herr Bauer hatte seine Tugenden und auch seine Schwächen sagte die
Baronin die Stiche auf ihrer Arbeit zählend
    Das ist so Menschenloos gnädige Frau erwiderte Oswald
    Will der Herr Doctor nicht eine Erfrischung zu sich nehmen liebe
AnnaMaria sagte hier der alte Herr Oswald konnte nicht unterscheiden ob aus
gastfreundlicher Fürsorge oder um dem Gespräch das er wusste selbst nicht wie
einen etwas lebhaften Charakter angenommen hatte eine andere Wendung zu geben
    Ich danke sagte Oswald trocken
    Sie haben fuhr die Baronin ohne diese Unterbrechung zu beobachten fort
wenn ich den Professor Berger der uns an Sie wies recht verstanden habe sich
bis jetzt noch nicht mit Unterrichten und Erziehen beschäftigt Herr Doctor
    Nein
    Sie werden mich außerordentlich verbinden wenn Sie mir gelegentlich Ihre
Grundsätze in dieser Beziehung ausführlicher darlegen wollten Ich bin zum
voraus überzeugt dass wir in den Hauptpunkten einerlei Meinung sein werden Auf
einige Differenzen in den Nebensachen müssen wir uns wohl Beide gefasst machen
Ich werde Ihnen meine etwaigen Wünsche und Ansichten stets unverhohlen äußern
und bitte Sie gegen mich dieselbe Rücksichtslosigkeit zu beobachten Was den
Umfang der Kenntnisse der Knaben anbelangt so werden Sie sich darüber bald
selbst ein Urteil bilden Auch Ihrem Urteil über den Charakter der Kinder
wünsche ich nicht vorzugreifen nur das glaube ich Ihnen sagen zu müssen dass
Sie in Malte unserm Sohn einen etwas verzogenen Knaben und in Bruno  Sie
wissen dass Bruno von Löwen ein entfernter Verwandter meines Mannes ist den wir
nach dem Tode seiner Eltern zu uns genommen haben  einen Knaben finden werden
der eben gar nicht erzogen und in Folge dessen auch zum Teil sehr ungezogen
ist
    Liebe AnnaMaria sagte der alte Herr
    Ich weiß was Du sagen willst lieber Grenwitz unterbrach ihn die Baronin
Bruno ist nun einmal Dein erklärter Liebling und unsere Ansichten über ihn
werden wohl noch lange verschieden bleiben Übrigens magst Du auch wohl Recht
haben wenn Du behauptest dass ich ihn nicht zu beurteilen vermag was übrigens
weniger meine als des Knaben Schuld ist dessen düsteres verschlossenes Wesen
alle Annäherung von unserer wollte sagen von meiner Seite beharrlich
zurückweist
    Aber liebe AnnaMaria 
    Nun lass es gut sein lieber Grenwitz wir wollen Herrn Doctor Stein nicht
gleich an dem ersten Abend den er unter unserm Dache ist das Schauspiel der
Uneinigkeit zweier Ehegatten geben Überdies wird Herr Doctor Stein der Ruhe
bedürfen Mademoiselle wollen Sie die Güte haben zu klingeln
    Diese letzten Worte wurden in französischer Sprache an die junge Dame
gerichtet welche während dieser ganzen Unterredung unbeweglich ohne auch nur
die Augen nach dem Ankömmling aufzuschlagen das Buch aus dem sie vorgelesen
haben mochte noch immer in der Hand haltend an dem Tische gesessen hatte
Jetzt erhob sie sich und schritt nach der Tür neben der sich der Klingelzug
befand Oswald kam ihr mit einem Erlauben Sie mein Fräulein zuvor Das
Mädchen sah ihn aus großen braunen Augen mit einem halb verwunderten und halb
erschrockenen Blick an der deutlich genug verriet wie wenig sie an
dergleichen Aufmerksamkeit gewöhnt war und ging dann die langen Wimpern
schnell wieder senkend zu ihrem Platz am Tische zurück
    Ein Diener trat ein und erhielt den Auftrag Oswald nach dem für ihn
bestimmten Zimmer zu bringen
    Ich hoffe dass Sie vorläufig Alles nach Wunsch finden werden sagte die
Baronin als Oswald sich mit einer stummen Verbeugung verabschiedete wenn Eines
oder das Andere vergessen oder weniger nach Ihrem Geschmacke sein sollte so
haben Sie ja die Güte dies auszusprechen ich wünsche dringend in unserm
eigenen Interesse dass Sie sich in unserm Hause behaglich fühlen
    Oswald verbeugte sich noch einmal und folgte dem Diener aus dem Gemache
    Dieser führte ihn über den Hausflur an dessen Wänden Oswald flüchtig im
Schein der Kerze dunkle Portraits von altertümlich gekleideten Herren und Damen
in Lebensgröße bemerkte eine steinerne Wendeltreppe hinauf durch lange
Korridore in eine Flucht von kleinen Zimmern und endlich in ein größeres Gemach
    Dies ist das Zimmer des Herrn Doctor sagte der Mann die beiden Kerzen die
auf dem mit einem grünen Teppich bedeckten großen runden Tisch in der Mitte des
Gemaches standen anzündend Die Tür dort führt in das Schlafgemach des Herrn
Doctor
    Und wo schlafen die Knaben fragte Oswald
    Der Herr Doctor gelangen aus Ihrem Schlafgemach in das der Herren Junker
Haben der Herr Doctor sonst noch etwas zu befehlen
    Nein ich danke
    Ich wünsche dem Herrn Doctor eine wohlschlafende Nacht
    Gute Nacht
    Oswald war allein Er war eine Hand auf den Tisch gestützt nachdenklich
stehen geblieben und hörte mechanisch zu wie die Schritte des Dieners allmälig
auf dem Korridor verhallten Jetzt ergriff er eine der beiden Kerzen ging durch
sein Schlafgemach nach der Tür von der ihm der Diener gesagt dass sie in das
Gemach der Knaben führe öffnete sie behutsam und trat das Licht mit der Hand
schirmend leise ein
    Die Betten der Knaben standen dicht neben einander Vor dem einen Bette lag
ein Teppich vor dem andern nicht Über dem Bette ohne Teppich hing an der Wand
eine kleine silberne über dem mit dem Teppich eine noch kleinere goldene Uhr
In dem Bette unter der goldenen Uhr lag ein Knabe von vielleicht vierzehn
Jahren mit blondem schlichtem Haar und einem schmalen feinen Gesicht das in
diesem Augenblick durch den halb geöffneten Mund etwas Albernes hatte in dem
Bette unter der silbernen Uhr ein Knabe der wohl nur ein Jahr älter sein
mochte als der erste aber mindestens um drei Jahre älter aussah und überhaupt
mit jenem den sonderbarsten Kontrast bildete Während die Arme Jenes schlaff auf
der Decke lagen hatte Dieser die seinen über der Brust verschränkt Der fest
geschlossene Mund und die in diesem Augenblick wo ihn ein Traumbild
herausfordern mochte leise zusammengezogenen dunklen Brauen gaben dem blassen
Gesicht mit den unregelmässigen aber nicht unschönen Zügen einen Ausdruck von
finsterem Trotz und Stolz der einem gefangenen Königssohn wohl angestanden
haben würde
    Armer Knabe sagte Oswald bei sich als er mit unendlichem Interesse in das
rätselhafte junge Antlitz sah Dir hat der Lenz des Lebens auch schon Tränen
gebracht wenn Du überhaupt von einem Lenze sprechen kannst
    Er fühlte sich seltsam ergriffen er wusste selbst kaum weshalb aber er
beugte sich über den Schlummernden und küsste ihn auf die Stirn Da regte sich
der Knabe im Schlaf die Arme lösten sich er schlug die großen tiefblauen
Augen auf und sah durch die Nebel des Traumes zu Oswald empor Und da zuckte es
wie ein sonniger Strahl über sein Gesicht alles Düstre war verschwunden und ein
warmes hinreißend freundliches Lächeln spielte in den lebensvollen Zügen
    Ich habe Dich lieb sagte der Knabe
    Und ich Dich antwortete Oswald
    Da wandte sich Bruno auf die Seite und Oswald hörte an den tiefen
regelmäßigen Atemzügen dass er wieder fest entschlafen sei Hat er Dich
wirklich gesehen oder bist Du ihm nur als Traumbild erschienen fragte sich der
junge Mann als er voll von dem Eindruck dieser kleinen Szene in sein Zimmer
zurückschritt Er stellte das Licht wieder auf den Tisch trat ans Fenster
öffnete es und lehnte sich hinaus
    Der Himmel hatte sich mit Wolkendunst bedeckt durch den der volle Mond der
schon tief am Himmel stand nur als dunkelrote Feuerkugel schien Im Osten
wetterleuchtete es Die Luft war schwül und drückend In dem Schlossgarten tief
unter dem Fenster schimmerten die weißen Blütenbäume Tiefer finsterer Schatten
lag auf den Buchen und Eichen die von dem hohen Wall der den Garten umgab
riesig in den Himmel wuchsen Nachtigallen schlugen in vollen langgezogenen
Tönen ein Brunnen plätscherte leise wie im Schlaf
    Oswald fühlte sich seltsam bewegt Seine Vergangenheit ging in dämmernden
Bildern an seinem Geiste vorüber wie die Wolkenschleier an dem Monde
vorüberwallten Ahnungen der Zukunft zuckten dazwischen wie das Wetterleuchten
gegen Aufgang Da rauschte es lauter in den Bäumen die helle Glocke die ihn
bei seiner Ankunft begrüßt hatte schlug langsam zwölf
    Er fuhr empor Du wolltest dir ja das Träumen abgewöhnen sprach er lächelnd
zu sich selbst So schlafe denn da du ohne zu träumen nicht mehr wachen
kannst
 
                                Zweites Kapitel
Oswald war jetzt eine Woche auf Schloss Grenwitz und die Woche war ihm vergangen
wie ein Tag Es lag in seiner Natur alles Neue mit Leidenschaft zu ergreifen
selbst das Alltägliche so lange es neu war und hier hatte er Neues vollauf
eine neue Situation neue Umgebung neue Menschen Das Alles versetzte ihn wie
es bei sanguinischen Temperamenten zu geschehen pflegt auf eine Zeit lang in
die heiterste Stimmung in welcher es ihm ein Leichtes war Dinge und Menschen
und Alles und Jedes womit er in Berührung kam selbst die Baronin mit ihren
strengen kalten Zügen selbst den schweigsamen Kutscher gegen den er gleich am
ersten Abend einen Hass gefasst hatte selbst den kriechenden zutulichen
Bedienten mit seinem ewigen Befehlen der Herr Doctor  ganz liebenswürdig zum
mindesten interessant zu finden Von dieser heiteren versönlichen Stimmung
gaben auch die Briefe Zeugnis die er um diese Zeit an seine Freunde schrieb Da
wäre ich denn nun heißt es in dem einen auf dieser neuen Station meines
wunderlichen Lebens angelangt und wahrlich ich glaube es hier bis Schwager
Kronos die Pferde gewechselt hat und wieder in sein ewiges Horn stößt trotz
meiner so oft von Ihnen gescholtenen Ungeduld wohl aushalten zu können Ja
wenn ich nicht fürchten müsste durch voreiligen Enthusiasmus ihren Spott
herauszufordern so hätte ich nicht übel Lust dem guten Stern der mich hierher
geführt ein Danklied zu singen Ich bin durchaus in der dazu nötigen Stimmung
Ich habe in diesen Tagen schon so viel Waldund Seeluft geatmet dass mein
armes vom Staube nichtsnutziger Folianten betäubtes Gehirn schier trunken ist
Wahrlich wenn die Menschen dieses paradiesischen Aufenthaltes nicht ganz
unwürdig sind so öffnet sich mir für die nächsten Jahre eine schöne Zukunft
    Verzeihen Sie mir mein Freund dass ich zu dem großen Schritte der mich
hierher geführt nicht Ihre specielle Erlaubnis eingeholt habe wie Sie nach dem
blinden Gehorsam mit dem ich Ihrer höheren Einsicht bis jetzt immer gefolgt
bin wohl erwarten konnten Ich war einmal entschlossen ihn zu tun Sie das
wusste ich würden mir Ihre Einwilligung versagen so wollte ich denn Ihren
geharnischten Gründen ein eben so geharnischtes fait accompli entgegenstellen
und Ihrem guten Rat das uralte Vorrecht zu spät zu kommen nicht rauben
Überdies kam mir die Sache so plötzlich und ich musste meinen Entschluss so
schnell fassen dass ich eben nur Zeit hatte Ihnen denselben mit wenigen Worten
anzukündigen und endlich ist es auch der Professor Berger der die ganze Schuld
trägt wenn überhaupt von Schuld die Rede sein kann und auf dessen Schultern
ich hiermit feierlich alle Verantwortung wälze
    Wir haben uns seitdem wir uns vor nun fast einem Jahre in der Residenz
trennten sehr selten und immer nur sehr flüchtig geschrieben So werde ich auch
wohl des Professors Berger kaum ein paar Mal Erwähnung getan haben und es ist
daher die höchste Zeit dass ich Sie mit diesem originellen Manne endlich bekannt
mache der in meiner jüngsten Vergangenheit eine so große Rolle gespielt hat
und dem ich es einzig und allein zu verdanken habe dass ich in der Haupt und
Staatsaction der TragiKomödie  Examen genannt  keine kläglichere Rolle
spielte
    Als ich damals von B nach Grünwald zog in der vagen Hoffnung ich werde in
dieser stillen Musenstadt in der wie ich mir hatte sagen lassen das Gras in
idyllischer Ruhe auf den Straßen wachse die nötige Sammlung finden an der es
mir in den literarischen Cirkeln ästhetischen Tees und singenden Butterbroden
der Residenz so gänzlich gebrach erschien mir unter den fürchterlichen Männern
die mich selig machen oder verdammen konnten Professor Berger bald als der
fürchterlichste Ich hörte von den paar Kommilitonen deren dreimal bedenkliche
Bekanntschaft zu machen ich nicht umhin konnte wahrhaft unheimliche Dinge von
seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit und allerlei Beunruhigendes über sein
excentrisches Wesen seine tolle Launenhaftigkeit und seinen großen Einfluss auf
die übrigen Mitglieder der Prüfungscommission denen er durch sein Wissen mehr
aber noch durch seinen Witz mit dessen beissender Lauge er Jeden ohne Ansehen
der Person überschüttete gründlich imponirte Leibhaftig hatte ich den
Entsetzlichen noch nicht gesehen Er hatte einen seiner hypochondrischen
Anfälle in welchen er sich wie man mir sagte bei Tage in seine Stube
einschlösse und des Nachts in den Wäldern der Nachbarschaft umherschweife
    Da werde ich eines Tages von einer reichen Familie an die ich empfohlen
war zu Mittag geladen Die Gesellschaft war sehr zahlreich ich führte eine der
jungen Damen vom Hause zu Tisch ein hübsches blondes Mädchen dessen Munterkeit
mich während des Anfangs der Mahlzeit hinreichend fesselte Als aber die
gewöhnlichen Temata die man mit jungen Damen die seit einem Jahre aus der
Schule sind abzuhandeln pflegt durchgesprochen waren wurde ich auf einen
Herrn aufmerksam der mir gegenüber saß Es war ein untersetzter schon
ältlicher Mann mit einer massiven wie aus Granit gahauenen Stirn unter der
ein paar kluge Augen hervorbljetzten Die etwas vollen Wangen verkündeten eine
Neigung zum Wohlleben die sich denn auch in dem Eifer mit welchem der Mann den
guten Gaben der Ceres und des Bacchus zusprach deutlich genug zu erkennen gab
Die Züge um den festen schönen Mund waren geradezu rätselhaft Sinnlichkeit
Witz Schalkheit und Melancholie  Dämonen und Genien  schienen dort zu
spielen
    Das Gespräch wurde an diesem Teile der Tafel bald ein allgemeines und ich
konnte mich ohne aufdringlich zu erscheinen hineinmischen Man sprach über
Kunst Literatur Politik Überall schien der merkwürdige Mann zu Hause
überall überraschte er uns durch die geistvollsten Aperçus durch blendende
Antitesen und wunderliche Paradoxen Ja er schien seine Freude daran zu haben
wenn er so ein Tröpfchen Fegefeuer hineingesprengt hatte und die höllischen
Flämmchen die guten Leute auf der Nase kitzelten So stellte er denn auch
gelegentlich die Behauptung auf dass Revolutionen der Menschheit nie etwas
genützt hätten nie und nimmer etwas nützen würden Sie kennen meine Ansicht
über diesen Punkt der oft der Gegenstand unserer Gespräche war Ich nahm den
Fehdehandschuh auf ich wurde warm bei meinem Lieblingstema um so wärmer als
der Mann mir gegenüber mich durch Kreuz und Quersprünge irrlichtergleich zu
verwirren suchte Ich vergaß Alles um mich her ich wurde pathetisch satyrisch
 ich fühlte dass ich gut sprach wenigstens in meinem Leben nicht besser
gesprochen hatte Der Mann hatte zuletzt das Gefecht das wie ich später zu
meiner Beschämung erfuhr das lustigste Scheingefecht von der Welt für ihn war
aufgegeben und hörte mir den großen Kopf ein wenig auf die rechte Schulter
geneigt und mich unter den buschigen Brauen mit seinen großen klugen Augen
anlächelnd und dabei ein Glas Hochheimer nach dem andern schlürfend behaglich
zu Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben Als ich meine Dame in das Teezimmer
führte fragte ich sie Und wer war denn der Herr mit dem ich mich in ein für
Sie ohne Zweifel sehr langweiliges Gespräch verwickeln ließ
    Wie Sie kennen Professor Berger nicht antwortete mir die Kleine
verwundert
    Das war Professor Berger
    Nun freilich soll ich Sie ihm vorstellen
    Um Himmelswillen nicht rief ich mit wahrhaftem Entsetzen o ich Kind des
Unglücks
    Was ist Ihnen fragte die hübsche Blondine was haben Sie
    Ich aber hatte schon ihren Arm aus dem meinen gleiten lassen und suchte das
entfernteste Zimmer Dort warf ich mich in einer einsamen Ecke auf einen
niedrigen Divan um über das Unglück das ich angerichtet hatte melancholische
Betrachtungen anzustellen Ich hatte mich also während ich mit einem
gutmütigen Pudel zu spielen glaubte mit einem grimmigen Bären gerauft Dieser
Mann war mir als eben so tückisch geschildert wie er gelehrt und witzig war
Würde er sich meiner Sarkasmen und Ausfälle nicht in jener schlimmen Stunde
erinnern wo ich hilflos auf dem Secirtisch des Examinationssaales vor ihm lag
Es war ein verzweifelter Fall
    Da hebe ich vor einem Geräusche neben mir den Kopf den ich nachdenklich in
die Hand gestützt hatte  vor mir steht der Professor Berger Ich fahre von
meinem Sitze auf
    Erlauben Sie dass ich mich zu Ihnen setze sagt der seltsame Mann indem er
auf dem Divan Platz nimmt und mich an seine Seite winkt Sie gefallen mir und
ich wünsche Ihre nähere Bekanntschaft zu machen Ich bin der Professor Berger
mit wem habe ich die Ehre
    Mein Name ist Stein
    Sie studieren oder vielmehr was haben Sie studiert
    Ich wollte Herr Professor ich könnte auf diese Frage einfach »Philologie«
antworten da dies aber eine grobe Unwahrheit wäre so kann ich nur sagen ich
wünsche ich hätte Philologie studiert
    Wie so
    Weil mir alsdann die Ehre Ihrer näheren Bekanntschaft weniger bedenklich
erscheinen möchte
    Ein Lächeln spielte um den Mund des Professors die Wange hinauf und verlor
sich im Winkel des rechten Auges
    Sie stehen vor dem Examen
    Ja wie  Sie kennen ja das Sprüchwort Herr Professor
    Das Lächeln zuckte vom Auge wieder herunter zum Munde
    Und da erschrecken Sie vor mir wie Hamlet vor seines Vaters Geist
    Wenigstens erscheinen Sie mir in sehr fragwürdiger Gestalt
    Nun wohl da sehen Sie selbst dass wir eben deshalb näher mit einander
bekannt werden müssen Wollen Sie morgen Abend oder wenn Sie sonst Zeit und
Lust haben ein Glas Teepunsch mit mir trinken
    Ich sagte natürlich nicht nein
    Und dies war der Anfang meiner Bekanntschaft ja ich darf wohl sagen
Freundschaft mit diesem außerordentlichen Manne Wir sind von dieser Zeit an so
lange ich in Grünwald war täglich zusammen gekommen und ich schlage die
praktischen Vorteile die für mich aus dem Verkehr mit dem Gelehrten sich
ergaben lange nicht so hoch an als die tiefen Blicke die ich in dem
vertraulichen Umgange mit dem Menschen in einen der rätselhaftesten Charaktere
tun durfte die mir vorgekommen sind Es muss fürchte ich eine
Wahlverwandtschaft zwischen seinem und meinem Wesen existieren oder wir hätten
uns nicht so schnell finden so rückhaltslos gegen einander aussprechen so auf
Wort und Wink verstehen können Ich fürchte sage ich denn Berger ist ein sehr
unglücklicher Mann Die Lichter seines glänzenden Humors spielen auf einem
gewitterschweren Hintergrunde Er steht allein in der Welt verkannt von Allen
gefürchtet von den Meisten geliebt von Niemand Warum dem so ist darüber
könnte ich mich selbst Ihnen gegenüber nicht auslassen denn jede Freundschaft
ist ein Tempel zu dem einem Dritten der Zutritt versagt bleiben muss Aber ich
schaudere so oft ich das Dunkel heraufbeschwöre das über ihn hereinbrechen
muss wenn einst das Alter die strahlende Fackel seines Genius die jetzt einzig
und allein die schauerliche Öde seiner Seele erhellt düstrer und düstrer
brennen macht Vielleicht  wer weiß es  mag das auch ein Glück für ihn sein
Vielleicht mag dann das Wort das er jetzt oft halb im grimmen Spotte und halb
voll wehmütigen Glaubens im Munde führt das alte Wort »Selig sind die
Einfältigen« an ihm zur Wahrheit werden
    Der vertraute Umgang mit dem gelehrten Manne hatte mich in den Augen aller
Andern in einen Nimbus gehüllt in welchem ich wie die homerischen Helden die
Gefahren der Schlacht die Schrecknisse des Examens ungefährdet durchwandeln
konnte Am Morgen des entscheidenden Tages sagte Berger zu mir Wissen Sie
lieber Oswald dass ich große Lust habe Sie durchfallen zu lassen
    Warum
    Weil ich Sie zu verlieren fürchte doppelt zu verlieren Du lieber Himmel
welche Wandlungen können nicht mit einem Menschen vorgehen dem man den
Grossvaterstuhl eines Amtes gibt und die Schlafmütze einer Würde aufsetzt
Vielleicht kommen auch Sie noch dahin den Horaz für einen großen Dichter zu
halten und den Cicero für einen eminenten Philosophen vielleicht werden Sie
gar in dieser engbrüstigen Zeit aus lieber langer Weile ein gelehrter Professor
wie ich
    Das Examen war vorüber ich hatte wie Berger sagte die Erlaubnis erhalten
das Stroh dreschen zu dürfen Da kommt er eines Tages mit einem Briefe in der
Hand zu mir und fragt
    Haben sie Lust in einer adeligen Familie Erzieher zu werden
    Das könnte ich eben nicht behaupten
    Glaubs wohl aber die Bedingungen sind so vorteilhaft dass es sich
mindestens der Mühe verlohnt die Sache in Überlegung zu ziehen Sie müssen
sich auf vier Jahre verbindlich machen
    Und das nennen Sie vorteilhafte Bedingungen Vier Jahre nicht vier Wochen
    Hören Sie nur Von den vier Jahren haben Sie nur zwei in dem Hause
zuzubringen die übrige Zeit reisen Sie mit Ihrem Zögling Sie wollen die Welt
sehen und Sie müssen die Welt sehen und wäre es auch nur um sich zu
überzeugen dass die Menschen überall mit Recht die Hunde so lieben Sie haben
kein Vermögen zum Vagabunden sind Sie zu civilisirt Eh bien hier haben Sie
die schönste Gelegenheit die Ihnen so vielleicht nicht zum zweiten Male im
Leben geboten wird
    Und wer ist mein Alexander
    Ein junger Majoratsherr wie der macedonische Pferdebändiger Ich habe die
noble Sippschaft im vorigen Jahre in Ostende kennen gelernt Der Mann ein Baron
Grenwitz ist eine Null die Frau Baronin ein X das ich noch nicht habe
herausrechnen können Jedenfalls ist sie eine gescheite Frau Ich weiß dass dies
für Sie keine geringe Empfehlung ist Sie spricht drei oder vier lebende
Sprachen gut ihre Muttersprache nicht mit gerechnet Ich habe sie sogar in
Verdacht dass sie mit ihrem jetzigen Hauslehrer einem gewissen Bauer der hier
studiert hat und ein grundgelehrter  Jüngling war in aller Stille Latein und
Griechisch treibt
    Und Sie der Sie mir selber sagten dass Sie ein Buch über den Adel und gegen
den Adel geschrieben haben das leider in Deutschland für das es berechnet ist
nirgends gedruckt werden kann  Sie raten mir der ich über die Braminenkaste
dieselben Pariasideen habe mich in das Lager unserer Erbfeinde zu begeben
    Das ist ja eben der Humor davon sagte Berger lachend Sie sollen hingehen
wie ein Mohicaner in das Lager der Irokesen und ich freue mich schon im voraus
auf die prächtigen Zöpfe die Sie zurückbringen werden Die hängen wir dann als
Trophäen in unserm Wigwam auf und haben unsere Freude daran
    Und wenn man mich selbst dort scalpirt wie dann
    Dann bin ich der letzte Mohicaner und rauche meine Friedenspfeife einsam und
melancholisch auf dem Grabe meines Uncas
    Er stützte den Kopf in die Hand und starrte düster vor sich nieder Ja ja
ich weiß es murmelte er die große Schlange wenn sie es endlich müde ist die
Menschen anzuzischen wird in einen Sumpf kriechen und da einsam verrecken
    Ich ergriff seine Hand Das wird nicht geschehen wenigstens nicht so lange
ich lebe
    Er schaute mich wehmütig an
    Aber Du wirst vor mir sterben sagte er die große Schlange hat ein zähes
Leben und Du bist weich viel zu weich für diese harte Welt Doch das bei
Seite Was sagen Sie zu meinem Vorschlag
    Dass er mir nur halb und weniger als halb gefällt
    So muss ich denn doch den letzten Trumpf ausspielen rief Berger
aufspringend So hören Sie denn Sie Ungläubiger dass jenes Haus in das ich Sie
senden will einen Engel in sich schließt in Gestalt eines wunderlieblichen
Mägdeleins Sie ist die Schwester Ihres Alexander und Gott sei Dank vorläufig
noch in Hamburg in Pension Ich hasse sie denn sie hat mir viel Qual bereitet
Alle wahnsinnigen Träume meiner Jugend lebten in mir auf bei ihrem Anblick und
ängstigten mich wie schöne Gespenster Zuletzt lief ich davon so oft ich sie
unter ihrem leichten Strohhute über den glatten Sand des Strandes herankommen
sah Ja ich will es nur gestehen ich habe die Sonette die ich Ihnen neulich
vorlas die Sie freundlich genug waren liebedurchglüht und Gott weiß was noch
sonst zu finden und die ich in der seligen Jugendzeit vor dreißig Jahren auf
Helgoland gedichtet zu haben vorgab im vorigen Jahre in Ostende vom Anblick
der schönen Teufelin berauscht mit meinem Herzblut geschrieben Das sagen Sie
aber Niemand wieder
    Weshalb nicht Es würde mir ja doch keine Menschenseele glauben
    Da haben Sie freilich Recht und nun
    Nun habe ich noch weniger Lust als vorhin Ich wünsche nicht die alberne
Geschichte der Liebschaft eines Hauslehrers mit der Tochter des hochadeligen
Hauses eine Geschichte die ich mir schon in so und so vielen Romanen zum Ekel
gelesen habe an mir selbst zu wiederholen Und wenn das Mädchen wirklich so
schön und liebenswürdig ist dass 
    Dass selbst das dürre Holz frische Blätter treibt was da am grünen geschehen
soll unterbrach mich lachend Berger Nun wohl verlieben Sie sich weshalb
nicht Lieber Freund das Buch des Lebens für Leute unseres Schlages führt
denselben Titel wie einer der Romane Balzacs »Illusions perdues« Jeder Tag
schreibt nur ein neues Kapitel hinein und je kürzer das Buch desto besser und
interessanter ist es Aber da es nun einmal geschrieben werden muss und nicht
anders geschrieben werden kann so ist es auch im Grunde gleichgültig ob wir
nach Westen gehen oder nach Osten Wir machen dieselben Erfahrungen hier wie
dort Darum sage ich noch einmal gehen Sie nach Grenwitz
    Was sollte ich tun Es erschien mir als eine Pflicht den Wunsch meines
Freundes dem ich so viel verdanke zu erfüllen Und dann hatte Berger nicht
Recht dass es gleichgültig sei ob ich nach Osten gehe oder nach Westen Genug
ich packte meine Sachen sagte meinem Mentor Lebewohl und fuhr hinüber nach
diesem Eiland   
 
                                Drittes Kapitel
Oswald hatte bis jetzt nur in Städten gelebt Seine Sitten seine Anschauungen
seine Neigungen waren die eines Städters So kam es denn dass als er sich jetzt
plötzlich wie mit einem Zauberschlage auf das Land versetzt sah der unsägliche
Reiz der ersten leuchtenden Sommertage in einem schönen ländlichen Aufenthalte
für ihn mehr als für die meisten Menschen etwas unsäglich Anziehendes ja
Hinreissendes und Berauschendes hatte Es war ihm Alles so neu und doch wieder so
seltsam bekannt wie wenn Jemand in eine Gegend kommt die er schon lange vorher
in seinen Träumen gesehen War dieser blaue Dom der sich immer tiefer und
tiefer wölbte derselbe Himmel der sich so trostlos bleiern über das Häusermeer
der Residenzstadt spannte waren diese funkelnden Lichter dieselben öden Sterne
zu denen er aus dem Theater oder einer Gesellschaft kommend kaum einmal
flüchtig emporgeblickt hatte Konnte ein Sommermorgen so reich an Glanz und
Pracht ein Sommerabend so weich und wollüstig sein Hatte er denn den Gesang
der Vögel nie vernommen dass er sich jetzt an ihren einfachen Liedern nicht satt
hören konnte Hatte er denn nie Blumen gesehen dass er jetzt nicht müde wurde
ihre schönen Farben und wundersamen Gestalten zu betrachten Es war ihm zu
Mute wie Einem der aus schwerer Krankheit wieder zum Leben erwacht Die
jüngste Vergangenheit lag wie hinter einem dichten Schleier aber weit
Entferntes im Meer der Vergessenheit seit langen Jahren Versunkenes tauchte wie
eine glänzende zauberische Spiegelung wieder über den Horizont der Erinnerung
empor Ei da ist ja auch Rittersporn rief er einst in diesen ersten Tagen
freudig überrascht als er träumend im Garten auf und ab wandelnd diese Blume
häufig auf den Beeten blühen sah
    Nun freilich sagte Bruno der bei ihm war haben Sie denn noch nie welchen
gesehen
    Es ist lange her murmelte der junge Mann sich niederbeugend und die
phantastische Blume mit Rührung betrachtend In seines Geistes Aug sah er sich
wieder in einem kleinen lauschigen Garten an der Stadtmauer herumspielen und
Steinchen Blumen und andere Seltenheiten die er auf seinen Entdeckungsreisen
fand auf den Schoss einer schönen jungen blassen Frau sammeln die ihm jedes
Mal wenn er zu ihr kam das lockige Haupt streichelte und mit jener Geduld die
nur eine Mutter hat nicht müde wurde seine unzähligen Fragen zu beantworten
Und da hatte er ihr auch diese Blume gebracht und die schöne Frau hatte gesagt
das ist Rittersporn Und dann hatte sie die Blume lange sinnend angesehen bis
ihr von dem langen Hinstarren die Tränen in die Augen kamen und hatte ihn auf
ihren Schoss genommen und sein Haupt stürmisch an ihre Brust gedrückt und da
mochte er denn wohl von dem vielen Spielen müde eingeschlafen sein denn in
diesem Augenblicke zerflatterte das Bild  Die junge schöne Frau das wusste
er war seine Mutter sie war gestorben als er noch nicht fünf Jahre alt war 
Wer hat nicht an sich selbst schon die traurige Erfahrung gemacht dass wir in
dem Gewirre des Lebens wo eine Erscheinung die andere verdrängt und wir stets
unter der tyrannischen Gewalt des Augenblickes stehen Alles selbst das
Teuerste selbst die Eltern die uns das Leben gaben vergessen lernen So
hatte auch Oswald fast schon vergessen dass er je eine liebe Mutter gehabt
jetzt rief eine einfache Blume die Erinnerung an die früh Verstorbene mächtig in
ihm wach Die erste Zeit die er in der Einsamkeit des Landlebens verbrachte
verknüpfte sich eng mit der ersten Zeit seines Lebens denn er hatte seitdem
nicht wieder der Natur so unbefangen und so tief in das holde bezaubernde
Antlitz geschaut Auch seines Vaters der nun gerade vor zwei Jahren einsam
wie er gelebt hatte gestorben war gedachte er jetzt mit jener dankbaren Liebe
die leider immer erst dann in voller Blüte steht wenn diejenigen denen sie
gebührt sich nicht mehr an ihrem Dufte laben können seines Vaters der
wunderlichen Pygmäengestalt die der Sohn schon als achtzehnjähriger Jüngling um
zwei Köpfe überragte des menschenscheuen Sonderlings der in der ganzen Stadt
der »alte Kandidat« genannt wurde und dessen schwarzen abgeschabten Frack in
dem er Sommer und Winter einherging jedes Kind auf der Straße kannte des
rätselhaften Mannes der den reichen Schatz seines Wissens und seiner Güte
gegen alle Welt verschloss nur nicht gegen den Sohn an dem er mit unsäglicher
Liebe hing den er mit der rührenden Zärtlichkeit einer Mutter hegte und
pflegte und für den ihm dem als Geizhals Verschrieenen nichts zu kostbar
gewesen war
    Diese lieben und doch auch wieder schmerzlichen Erinnerungen zogen durch
Oswalds Seele während er in seinen Freistunden allein oder mit seinen
Zöglingen im Garten Feld und Wald umherstreifte sich von Tage zu Tage mehr für
das Landleben begeisterte und wenn er des Morgens ehe die Unterrichtsstunden
begannen noch schnell einmal in den Schlossgarten geeilt in die taufrischen
Kelche der Blumen geschaut und sich am Gesang der Vögel entzückt hatte
schlechterdings nicht mehr begreifen konnte wie es die Menschen in den Städten
wie er selbst es nur jemals in der Stadt habe aushalten können
    Und in der Tat hätte Schloss Grenwitz und seine Umgebung auch wohl einem
durch landschaftliche Schönheiten verwöhnteren Auge das lebhafteste Interesse
abgewinnen müssen obgleich es von den Touristen die alljährlich die Insel
durchschwärmten niemals aufgesucht höchstens von Einem oder dem Andern
zufällig aufgefunden wurde der sich dann nicht genug wundern konnte wie ein so
lieblicher und in vieler Hinsicht so merkwürdiger Punkt in seinem
Reisehandbuche in welchem doch sonst jeder nichtsnutzige Gasthof verzeichnet
stand übergangen sein konnte bloß weil er eine Meile von der großen Landstraße
entfernt lag
    Das Schloss trägt noch bis auf den heutigen Tag die Spuren von dem Reichtum
und der Macht des alten ritterlichen Geschlechts derer von Grenwitz das seit
undenklichen Zeiten hier begütert gewesen ist und die Burg zu seinem Schutz und
den benachbarten Baronen zum Trutz in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts
erbaute Das untere Stockwerk des einen Flügels mit seinen riesigen
Quadersteinen stammt noch aus dieser Zeit ebenso wie der gewaltige runde Turm
in welchem jetzt das alte und das neue Schloss zusammenstossen Das neue Schloss
wurde gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts in dem bizarren Styl jener
Zeit gebaut und nimmt sich mit seinen verschnörkelten Säulen und wunderlichen
Ornamenten neben dem alten schmucklosen Turm mit welchem es jetzt in einer
Front liegt aus wie ein zierlicher Herr aus Louis XIV Zeit neben einem
eisengeharnischten Kämpen aus den Tagen von Crecy und Poitiers
    Ein zwanzig Fuß und darüber hoher Wall der in ein noch weit ehrwürdigeres
Alter hinaufragt als selbst der alte Turm umgibt das Schloss in einem so
weiten Kreise dass es samt den Nebengebäuden von dem eingeschlossenen Raume nur
den kleinsten Teil einnimmt Der Wall ist jetzt längst schon in eine friedliche
Promenade umgewandelt über der hohe Buchen Nussbäume und Linden ein dichtes
Laubdach bilden Der breite Graben der ihn in seiner ganzen Ausdehnung umzieht
ist jetzt zum Teil versumpft mit dichtem Röhricht angefüllt und wo das
Wasser sich noch einen Raum frei gehalten mit einem grünen Teppich von
Wasserpflanzen bedeckt in welchem halbwilde Enten lustig schnattern Offenbar
hatte dieser Wall den Zweck gehabt im Fall einer Fehde nicht nur die Hörigen
der fehdelustigen Barone mit ihren Weibern und Kindern sondern auch die Heerden
und die Vorräte zu schirmen auch hatten bis zur Zeit des Neubaues die
Wirtschaftsgebäude die jetzt ziemlich entfernt vom Schloss außerhalb des
Walles lagen innerhalb desselben gelegen Damals hatte der Wall nur einen
Durchgang gehabt ein festes mit einem Turm versehenes Tor aus dem eine
Zugbrücke über den Graben nach einem Brückenkopfe führte Jetzt war der Turm
abgetragen die Brücke konnte nicht mehr aufgezogen werden und aus dem
Brückenkopfe hatte man längst Backöfen und andere nützliche Dinge gebaut Von
diesem Haupttor führte eine Allee vielhundertjähriger prachtvoller Linden auf
das Portal des Schlosses zu Rechts von der Allee und vor der Front des
Schlosses war ein großer Rasenplatz in dessen Mitte ein steinernes Becken mit
einer Najade als Schutzpatronin stand die wahrscheinlich aus Schmerz dass
ihrem Brunnen schon seit einem halben Jahrhundert das Wasser fehlte den Kopf
verloren hatte
    Der ganze übrige Raum innerhalb des Walles war mit Gartenanlagen ausgefüllt
die aus der Zeit des Neubaues herrührten und mit ihren graden Gängen kunstvoll
verschnittenen Taxushecken Buchsbaumpyramiden und ihren Sandsteingöttern die
allen Regeln der Aestetik und allen Gesetzen der Anatomie so naiv Hohn
sprachen den Charakter dieser Zeit deutlich genug documentirten Hier und da
freilich war ein Geist der Neuerung in die Anlagen gefahren Der Buchs hatte
seine verkrüppelten Glieder so gut es gehen wollte in eine naturgemässe
Baumgestalt auszurecken versucht die beiden Seiten eines Heckenganges hatten
gemeinschaftliche Sache gemacht und sich zu einem undurchdringlichen Gestrüpp
vereinigt ein Gärtner der für die stumme Sprache von Taxuspyramiden kein
Verständnis mehr besaß und eine praktischere Richtung verfolgte hatte
unbekümmert um den ästhetischen Eindruck Äpfel Birnen Kirschen und
Pflaumenbäume gepflanzt wo er gerade Platz fand und hier und da seinen
Gemüsebeeten den Luxus der Blumenrabatten geopfert Eine Schwester der Najade im
Hof war von Himbeer und Stachelbeersträuchern fast überwuchert aber sie hatte
sich in ihr Schicksal zu finden gewusst ihren Kopf behalten und plauderte in
stiller Nacht geschwätzig von der guten alten Zeit
    So hatte von dem Riesenwalle der aus der grauen Heidenzeit stammte bis zu
den Spargelbeeten die gestern angelegt waren seit einem Jahrtausend jede
Generation etwas zur Befestigung Verschönerung oder Verbesserung dieses
Wohnsitzes beigetragen Vieles war spurlos verschwunden Vieles hatte sich
erhalten Altes hatte der Zeit gespottet Neues war mit der Zeit alt geworden
aber da selbst das Aelteste die Spuren des Lebens der fortdauernden Nutzbarkeit
trug so war nirgends ein Sprung ein Riss bemerkbar und das Ganze machte den
wohltuenden Eindruck als ob es eben nicht anders sein könnte Zwar seinen
primitiven Charakter hatte das Schloss Grenwitz gänzlich eingebüßt und wenn
Oswald des Abends von einem Spaziergang mit seinen Zöglingen zurückkommend auf
einer Stelle des Walles stehen blieb von der er den schattigen grasbewachsenen
Hof den blumenreichen Garten und das Schloss überblicken konnte um dessen graue
Mauern das Zwielicht wogte und die schnellen Schwalben zwitschernd kreisten da
glaubte er nicht die alte Stammburg fehdelustiger Barone sondern das stille
Klosterasyl beschaulicher Mönche vor sich zu sehen
 
                                Viertes Kapitel
Und ein stilles klösterlich stilles Leben war es denn auch  das Leben auf dem
Schloss Grenwitz Alle Unruhe aller Lärm waren aus dem Bereich verbannt den
der alte Wall wie eine epheuberankte Kirchhofsmauer umgab Hier ertönte kein
Hundegebell kein Pferdewiehern still glitten die Stunden dahin wie die
Schatten des Zeigers der Sonnenuhr über dem Portale still wie die Blumen im
Garten dufteten und blühten Hier schien selbst der Wind leiser in den Wipfeln
zu rauschen die Vögel leiser in den Zweigen zu singen und was die Bewohner
selbst betraf so konnte die Wanduhr auf dem Vorsaal in ihrem Eichenschrank
nicht freier von aller Neuerungssucht sein und ihr Tagewerk pünktlicher und
systematischer vollbringen Die Dienstboten taten ihre Obliegenheiten mit der
Regelmäßigkeit von Automaten Ja in die Möbel selbst schien dieser strenge Geist
der Ordnung gefahren so dass Oswald sich des Gedankens nicht erwehren konnte
sie rückten sich in aller Stille von selber zurecht falls einmal eines von
seiner ihm angewiesenen Stelle abgekommen sein sollte So wenig nun Oswald in
seinem bisherigen Leben an eine so peinliche Ordnung gewöhnt war und so sehr
sich auch im Grunde seine Natur dagegen sträubte so leicht wurde es ihm doch
bei der Geschmeidigkeit seines Wesens und bei der versöhnlichen milden
Stimmung in die ihn der tiefe Frieden rings umher versetzte sich in dieselbe
zu finden Er tat was er die Leute um sich her tun sah und erwiderte die
förmlichen Verbeugungen mit denen man sich hier begegnete mit demselben Grade
von Ernsthaftigkeit den er auf einer Maskerade in einer Menuet zur Schau
getragen haben würde
    Er hatte es in den ersten Tagen mit den Lehrstunden nicht allzu genau
genommen und sich desto eifriger mit seinen beiden Zöglingen draußen umher
getummelt Sie hatten den Buchwald der sich von Schloss Grenwitz eine halbe
Stunde bis hart an das Meer erstreckte nach allen Richtungen durchstreift
hatten ein Hünengrab und eine Höhle entdeckt und waren oft schon von den hohen
Kreideufern zum Strand hinabgeklettert hatten dort auf einem mächtigen
Rollsteine stehend die Flut heranbrausen sehen und gejubelt wenn der Donner
der Brandung ihre Stimmen übertönte
    Auf diesen Streifzügen die Oswald scherzend Vorstudien zum Homer nannte
hatte er vielfach Gelegenheit die Naturen seiner beiden Zöglinge zu beobachten
Ein größerer Gegensatz war kaum denkbar Bruno war groß für seine Jahre dabei
schlank und geschmeidig und schnell wie ein Hirsch Malte der junge
Majoratsherr sah neben seinem stolzen Gefährten zurückgeblieben und verkümmert
aus Seine Schultern waren schmal seine Brust eingesunken und seine eckigen
und unschönen Bewegungen stachen seltsam gegen die hinreissende wilde Anmut ab
mit der Bruno ging lief und sprang Malte scheute vor jeder Gefahr ja vor
jeder Anstrengung im Gefühl seiner Körperschwäche und aus angeborener oder
anerzogener Feigheit zurück für Bruno war kein Baum zu hoch kein Felsen zu
steil kein Graben zu breit ja es schien als ob er geflissentlich die Glut
seiner Seele durch körperliche Ermüdung dämpfen wollte Oswald flocht eine Krone
aus Buchenlaub und drückte sie dem Knaben auf die bläulichschwarzen Locken um
ihn einem jungen Bacchanten noch ähnlicher zu machen Aber wie in seinem
Heimatlande Schweden aus eisiger Winternacht urplötzlich der duftende
lächelnde Frühlingsmorgen hervorblüht so wechselten Sonnenschein und Sturm in
seinem Gemüte  übermütige Lust und an Schwermut grenzende
Niedergeschlagenheit herzliches fast kindisches Sichhingeben und düsterer
mehr als knabenhafter Trotz  schnell und unvermittelt wie Lichter und Schatten
auf den Hängen eines Gebirges an einem Tage wo der Wind die Wolken pfeilschnell
an der Sonne vorüberjagt So fand Oswald den Knaben eine Fremdling im Hause
seiner Verwandten von den Einen gehasst von den Andern gefürchtet ein
unergründliches Rätsel für Alle selbst für den alten guten Baron der dem
Knaben oft mehr aus angeborener Großmut als aus Überzeugung stets das Wort
redete Aber für Oswald hatte ein Blick in das traumumflorte dunkle Auge des
Knaben genügt den verwandten Dämon zu erkennen und den mystischen Bund den
sie in jenem Augenblick geschlossen hatte jede Stunde ihres Zusammenlebens nur
gefestigt Bruno hatte ihm an dem ersten Tage den düstern Trotz
entgegengebracht den er gegen Alle zu zeigen gewohnt war Er hatte ihn mit
scheuem durchdringendem Blick zwei drei weitere Tage beobachtet und dann war
vor Oswalds liebevollem freundlichem Wesen der Argwohn von ihm gewichen wie
die Nebel vor den Strahlen der Sonne sein dunkles Auge war größer und
glänzender geworden als ob das unverhoffte Glück einen Menschen zu finden der
ihn liebte und den er wieder lieben dürfe ihn blende und verwirre und dann war
all die stürmische Zärtlichkeit seiner Seele die er so lange und so sorgsam
hatte verschließen müssen hervorgebrochen mächtig  unwiderstehlich wie ein
Bergstrom der die Felsenschranken gesprengt hat und jauchzend in das Tal
hinunterstürmt
    Wissen Sie sagte der Knabe da zu Oswald dass ich schon im Voraus
entschlossen war Sie zu hassen
    Warum Bruno Ist der Hass für Dich so süß
    Ach nein aber ich glaubte es seien alle Erzieher wie unser erster und da
dachte ich was dem Einen recht ist ist dem Andern billig
    Und wie war denn Herr Bauer
    Nun er machte seinem Namen Ehre sagte der Knabe spöttisch
    Ei ei mein stolzer Junker willst Du mir den Bauer verachten
    Gewiss nicht rief der Knabe eifrig mein Vater war selbst ein Bauer
trotzdem dass er ein Edelmann war ich habe ihn oft genug hinter dem Pfluge
hergehen sehen  aber dieser Mann war roh und plump wie ein Bauer und feig dazu
Einmal nach Tische  ich weiß nicht was ich wieder verbrochen hatte  schlug
er mich ins Gesicht weil Tante zugegen war und er glaubte er tue ihr einen
Gefallen Ja er schlug mich  und das Auge des Knaben blitzte auf bei der
Erinnerung an diese Schmach und die Zornesader auf seiner bleichen Stirn
schwoll
    Und da Bruno
    Da nahm ich das Messer das vor mir auf dem Tische lag und sprang auf ihn
ein und der Elende lief vor mir um Hilfe schreiend zur Tür hinaus Und als
ich das sah und die bleichen Gesichter um mich her musste ich lachen und ging
unbelästigt aus dem Saale Und ich wäre am liebsten gleich in die weite Welt
gerannt aber Onkel kam hinter mir her und versprach mir der Mensch solle nun
und nimmer wieder Hand an mich legen dürfen Onkel ist gut Sie glauben nicht
wie gut er ist aber er fürchtet sich vor der Tante Alle fürchten sich vor ihr
aber ich habe sie doch lieb denn sie hat Mut wie ein Mann und ich hasse nur
die Feigen Malte ist ein Feigling
    Malte ist schwach und kränklich und Du musst Nachsicht mit ihm haben aber
wenn Du die Tante wirklich lieb hast warum bist Du so unfreundlich gegen sie
    Bin ich unfreundlich Der Knabe schwieg Eine Wolke zog über seine Stirn
seine Nasenflügel zuckten und sein dunkelblaues Auge war wie eine Gewitterwolke
als er jetzt hastig aufblickend sagte
    Ich bin unfreundlich ich weiß es Aber wie soll ich anders sein Ich esse
hier im Hause Gnadenbrod soll ich noch dafür danken Ich kann es nicht ich
will es nicht und wenn sie mich aus dem Hause jagten Sehen Sie Oswald ich
habe oft gewünscht man jagte mich fort ja ich habe es darauf angelegt dass
sie es doch ja täten dann ginge ich in die weite Welt und verdiente mir mein
tägliches Brod wie tausend und tausend andere Knaben die nicht so stark und so
mutig sind wie ich Heute noch als wir am Strande gingen und der Dreimaster
am Horizonte auftauchte und wieder verschwand da wünschte ich so heiß so heiß
ich hätte mitsegeln können als Schiffsjunge als Matrose  nur fort fort von
hier gleichviel wohin
    Wenn so der Knabe die geheimsten Wünsche seines Herzens rückhaltslos seinem
Freunde und Lehrer offenbarte da geschah es denn wohl dass diesen ein Zweifel
beschlich ob er der selbst den Weg den er zu gehen hatte so wenig deutlich
sah der rechte Mann sei den wilden leidenschaftlichen Knaben zu leiten Aber
je weniger er sich im Stande fühlte ausschweifende Wünsche chimärische
Hoffnungen zu bekämpfen die er selbst im Stillen teilte desto mehr verschwand
die Kluft zwischen Lehrer und Schüler desto brüderlicher wurde nur ihr
Verhältnis Noch hatte kein menschliches Wesen einen so tiefen Eindruck auf
Oswald gemacht wie dieser wundersame Knabe Er liebte ihn wie ein Künstler das
Werk an dem er schafft wie ein Vater den Sohn in welchem er zu verwirklichen
hofft was ihm selbst zu erreichen versagt war wie eine Mutter das Kind für
das sie wachen sorgen und schaffen muss Allnächtlich wenn er sich müde gelesen
und gearbeitet ging er ehe er selbst sein Lager suchte in das Gemach der
Knaben  er hätte nicht schlafen können ohne seinen Liebling noch einmal
gesehen zu haben Jenes Schamgefühl das edleren Naturen verbietet die ganze
Fülle ihrer Zärtlichkeit zu zeigen machte ihn den Tag über karg mit
Liebkosungen aber jetzt nahm er des Schlafenden Hände und streichelte sie und
küsste den Knaben zärtlich auf die Stirn
    Dich nennen sie lieblos Dich meinen Liebling dessen Herz nur nach Liebe
und abermals nach Liebe hungert Und wenn sie Alle Dich verkennen und hassen
ich verstehe Dich und will Dich lieben
 
                                Fünftes Kapitel
Die Wirtschaftsgebäude und Häuslerwohnungen die zu dem Gute Grenwitz gehörten
lagen außerhalb des Walles den man um die Verbindung mit dem Schloss und dem
Hofe zu erleichtern nach dieser Seite durchbrochen hatte Ein hölzernes
Gittertor das nicht einmal verschlossen und eine Brücke die nicht aufgezogen
werden konnte sprachen für den friedlichen Sinn der Nachkommen jener
kriegerischen Barone welche das massive Tor auf der andern Seite mit seiner in
schweren Eisenketten hängenden Zugbrücke erbaut hatten Der Verkehr zwischen dem
Schloss und dem Hofe beschränkte sich so ziemlich auf den Austausch oft höchst
energischer diplomatischer Noten zwischen der Wirtschafterin und dem Verwalter
die über das Quantum und die Qualität der Naturalien welche dieser oder jener
zu liefern hatte stets wesentlich verschiedener Meinung waren Das Gut war wie
die übrigen Besitzungen der Familie verpachtet der Pächter ein Herr Bader
wohnte auf einem der Nebengüter das er ebenfalls in Pacht hatte und kam selten
nach Grenwitz dessen Bewirtschaftung er seinem Inspector überließ
    Oswald für den die Landwirtschaft eben so neu war wie das Leben auf dem
Lande lenkte seine Schritte bald häufig nach dem Hofe um sich von dem
Inspector durch die Ställe und Scheunen führen und sich von demselben etwas in
die Mysterien des Ackerbaues und der Viehzucht einweihen zu lassen Der
Inspector Namens Wrampe war ein riesiger Mann der stets in gewaltigen
Stulpenstiefeln einherging und dem Aberglauben zu huldigen schien er werde
seine ungeheure Körperkraft verlieren wenn er seinen struppigen schwarzen Bart
schöre oder dem Regenwasser das ausschliessliche Privilegium sein
sonnverbranntes Gesicht zu waschen entzöge Das breite Platt jener Gegend war
seine Mutter und Vatersprache das Hochdeutsche hasste er und hielt Alle die es
sprachen in seinem Herzen für Schelme seine Stimme glich aus der Ferne
gehört wesentlich dem Gebrüll eines etwas heiseren Löwen Seine Feinde sagten
ihm nach dass er die üble Gewohnheit habe sich von Zeit zu Zeit zu betrinken
da er dies aber jeden Monat höchstens einmal und dann immer gleich auf mehrere
Tage tat um die übrige Zeit desto energischer zu sein so drückten seine
Freunde und zumal sein Brodherr über diese kleine Schwäche freundlich die Augen
zu Oswald unterhielt sich gern mit dem Manne der in seiner täppischen
Gutmütigkeit seinem derben oftmals freilich auch rohen Wesen seiner mit
Sprüchwörtern reichlich untermischten Rede ein nicht schlechter Repräsentant der
Landleute jener Gegend war
    So hatte er denn auch eines Nachmittags mit den Knaben einen Spaziergang
nach dem Hofe gemacht Sie fanden ihn fast ausgestorben Die Leute und die
Tiere waren auf dem Felde In dem Pferdestall standen nur die vier
schwerfälligen Braunen des Barons die vor lieber langer Weile mit den eisernen
Ketten ihrer Halfter ein melancholisches Quartett ausführten Vor der Tür des
Stalles saß der schweigsame Kutscher und starrte in den blauen Himmel da er
wenn er seine Pferde gefüttert auf Erden weiter nichts zu tun hatte Um seine
Füße strich spinnend ein großer schwarzer Kater der ihn als sein spiritus
familiaris überall hin begleitete und selbst auf dem Bocke zwischen seinen
Füßen unter dem Schurzfell saß In dem Kuhstall fanden sie nur eine Kuh die ihr
heute geborenes Kälbchen durch fleissiges Lecken in eine Verfassung zu bringen
suchte wie sie dem Ehrgeize einer respectablen Kuhmutter die etwas auf sich
und die Ihrigen hält wünschenswert scheinen mag Auf dem Dünger vor dem Stalle
scharrten die Hühner unbekümmert um den Streit zweier junger Hähne die über
einen unglücklichen kleinen Käfer der auf dem Rücken liegend in ruhiger
Ergebung sein Schicksal erwartete in Unfrieden geraten waren Ein alter Hahn
welcher der Vater der beiden feindlichen Brüder sein mochte war auf die
Wagendeichsel geflogen und krähte einmal über das andere entweder aus Freude
über den ritterlichen Sinn seiner Sprossen oder um eine Wolke zu signalisiren
die eben über das Scheunendach heraufkam Auf dem einen Ende des Daches saß eine
Störchin auf ihrem Nest Der Storch kam eben herbeigeflogen und brachte die
Beute seiner Jagd eine kleine Schlange mit nach Hause Die Störchin klapperte
bei diesem Anblick vor Vergnügen der Storch im Bewusstsein erfüllter Pflicht
blieb ihr die Antwort nicht schuldig Von dem kleinen Teiche neben dem
Pferdestalle hatten die Enten unter dem Vortritt eines vielerfahrenen Enterichs
einen Reihenmarsch quer über den Hof begonnen da sich ein ziemlich gut
verbürgtes Gerücht unter ihnen verbreitet hatte es sei hinter der einen Scheune
ein Sack Korn aufgegangen
    Oswald hatte mit vielem Vergnügen das Stillleben eines ländlichen Hofes an
einem warmen Sommernachmittag betrachtet Bruno den schweigsamen Kutscher über
die beiden einzigen Temata bei denen man es mit einiger Aussicht auf Erfolg
konnte über seine Pferde und seinen Kater in eine Unterhaltung zu verwickeln
gesucht Malte sich unterdessen gelangweilt da er überhaupt nur sehr wenigen
Dingen Geschmack abgewinnen konnte und zu diesen Dingen Enten und Hühner
wenigstens so lange sie im Licht der Sonne wandelten sicherlich nicht gehörten
Er drang deshalb darauf dem Spaziergang fortzusetzen und so gingen sie denn
von dem Hofe durch das Dörfchen jämmerlicher kleiner Katen um auf das Feld zu
gelangen In einiger Entfernung vor ihnen auf dem mit Weiden besetzten Wege
schien ein Knecht seinen Wagen im Graben umgeworfen oder festgefahren zu haben
Die Pferde standen quer über den Weg und er zerrte an ihnen herum und fluchte
und schimpfte wie das Leute seines Schlages bei solchen Gelegenheiten zu tun
pflegen Zuletzt schien dem Manne die geringe Geduld die ihm die Natur
verliehen und der wahrscheinlich reichlich genossene Schnaps noch übrig gelassen
hatte vollends auszugehen Er fasste das eine der Vorderpferde in den Zügel und
trat und stieß es unbarmherzig mit seinen plumpen Füßen Oswald wurde auf das
Alles eigentlich erst aufmerksam als Bruno mit dem Ausrufe der Barbar der
Unmensch wie ein Pfeil von ihm fort auf den Wagen zueilte
    Im Nu hatte er denselben erreicht und befahl dem Knecht mit einer mehr vor
Zorn als von der Aufregung des eiligen Laufes bebenden Stimme seine
Misshandlungen einzustellen
    Ich weiß was ich zu tun habe rief der Knecht und trat das Pferd das sich
vor Angst immer mehr in den Strängen verwickelte von Neuem
    Im Augenblick lässt Du das Tier oder 
    Oho rief der Knecht oder was
    Oder ich stoße Dir mein Messer in den Leib 
    Der Mann taumelte ein paar Schritte zurück und starrte Bruno voll Entsetzen
an Es war nicht Furcht vor dem Messer das der Knabe in seiner erhobenen
Rechten hielt  denn der Knecht war ein großer starker Mann der seinen Gegner
mit einem Schlage seiner schweren Faust hätte zu Boden schmettern können und er
war überdiess betrunken  es war Furcht vor dem Dämon der aus Brunos dunklen
Augen blitzte Furcht vor der gewaltigen Leidenschaft die dem Knaben das Blut
aus den Wangen zum Herzen trieb und seine Nasenflügel um die feinen Lippen
zucken machte
    Das Tier ist immer so tückisch stammelte der Mann wie zur Entschuldigung
    Aber Bruno würdigte ihn keiner Antwort Mit hastigen Händen und geschickt
als ob er im Leben nur mit Pferden umgegangen wäre löste er die Stränge in
denen sich das Tier verwickelt hatte wobei ihm Oswald der jetzt
herbeigekommen war eine mehr wegen ihrer guten Absicht löbliche als durch
praktischen Erfolg ausgezeichnete Hilfe leistete Dann sprang der Knabe nach dem
Graben schöpfte seinen mit Wachsleinen überzogenen Strohhut voll Wasser und
wusch dem Pferde die Wunden an den misshandelten Beinen
    In diesem Augenblicke setzte ein Reiter aus den Weiden an der Seite über den
Graben auf den Weg Es war der Inspector Wrampe der die Szene von fern gesehen
hatte und im Galopp über die Felder herbeigeritten war
    Nun komm ich sagte der Dachdecker und fiel vom Dach Was ist denn das für
ne Wirtschaft Warum fährst Du durch den Graben wenn Du zehn Schritte davon
über die Brücke fahren kannst Und die braune Lise maltraitirt  er sagte aber
maltraisirt  ich will Dir Deine Faulheit eintränken Du
Himmeltausendsappermenter
    Diese energische Rede halten von Pferde springen in die Hand speien um
den Griff seiner schweren Reitpeitsche fester fassen zu können und anfangen mit
derselben den breiten Rücken des Knechts nach allen Regeln zu bearbeiten war
für den diensteifrigen Inspector das Werk eines Augenblicks
    Ich lasse mich nicht schlagen Herr Inspector remonstrirte der Mensch
    Du lässt Dich nicht schlagen Du Lümmel antwortete der unverdrossen
weiterarbeitend glaubs wohl aber Deine Schläge kriegst Du doch
    Oswald dem diese Szene peinlich wurde so reichlich der Mensch seine
Züchtigung verdient hatte bat Herrn Wrampe es nun gut sein zu lassen Der
verstattete seinem Zorn noch einen letzten kräftigen Hieb und sagte dann wie
zum Schluss einer vernünftigen Auseinandersetzung
    Na nu komm Jochen wir wollen den Wagen wieder in Schick bringen
    Dann stämmte er seine mächtigen Schultern gegen das Fuhrwerk hob und schob
es zurecht als ob es ein Kinderwägelchen gewesen wäre die Pferde die wieder
ruhig geworden waren zogen an und der Knecht konnte jetzt seinen Weg
fortsetzen
    Fahr langsam nach Hause und vergiss nicht was ich Dir gesagt habe rief ihm
der Inspector nach
    Aber Sie haben ja nur durch Schläge zu ihm gesprochen sagte Oswald
lächelnd
    Ja verstehen es die Kerle denn wenn man vernünftig mit ihnen spricht
    Haben Sie denn je den Versuch gemacht
    Herr Wrampe schien durch diese Frage einigermaßen in Verlegenheit gesetzt
Er sagte zur Antwort Das hat mich warm gemacht
    Dann zog er eine Branntweinflasche die mindestens ein halbes Quart hielt
aus der Tasche setzte den Daumen an die Stelle bis zu welcher er den Inhalt zu
leeren gedachte trank hielt die Flasche abermals gegen das Licht und tat da
er zu finden schien dass er seine Aufgabe nicht vollständig gelöst hatte noch
einen herzhaften Schluck Dann bestieg er sein Pferd das an dergleichen Szenen
gewöhnt ruhig dagestanden hatte wünschte freundlich guten Abend setzte wieder
über den Graben und ritt im Galopp davon
    Bei Bruno wurde Alles zur Leidenschaft Die Glut seiner Einbildungskraft
verdichtete die Schemen der Poesie zu Menschen von Fleisch und Blut Der Tod
Hektors entlockte ihm Tränen des Mitleids und des Zornes und der moralische
Unwille der ihn erfasste wenn er vor seinen Augen eine Ungerechtigkeit eine
Grausamkeit verüben sah war so groß dass er in ihm ein physisches Unwohlsein zu
Wege brachte
    So fand Oswald als er in der Nacht nach diesem Vorfall an Brunos Bett
trat dass sein Liebling gegen seine Gewohnheit noch wach war Das mehr als sonst
blasse Gesicht des Knaben und der kalte Schweiß auf seiner Stirn machten ihn
besorgt und der Knabe gestand denn auch nach einigem Zögern dass er nur um
seinen Freund nicht zu ängstigen sein Unwohlsein verheimlicht habe und jetzt
große Schmerzen leide Oswald wollte sogleich die Leute im Hause wecken und nach
dem Doctor schicken aber Bruno bat ihn davon abzustehen da dergleichen im
Schloss immer sogleich zu einer Haupt und Staatsaction gemacht werde und ihn
die Umständlichkeit die man bei solchen Gelegenheiten beweise nur beängstige
und noch kränker mache
    Übrigens sagte er bin ich an diese Anfälle schon gewöhnt und wenn Sie die
Güte haben wollen mir etwas Tee zu bereiten und mir ein paar Tropfen von der
Essenz zu geben die der Doctor neulich für mich verschrieben hat  das
Fläschchen steht auf meinem Pult  so sollen Sie sehen geht es bald vorüber
    Oswald beeilte sich das Gewünschte herbeizuschaffen Er gab dem Knaben von
der Medizin er ließ ihn den Tee trinken er rückte ihm das Kopfkissen zurecht
er holte noch eine Decke herbei er tat Alles mit jener Umsicht und
Gewandtheit mit der feinfühlende Menschen auch wenn sie nicht daran gewöhnt
sind mit Kranken umzugehen die professionirten Krankenwärter beschämen
    Mit Ihnen als Pfleger ist es beinahe ein Vergnügen krank zu sein sagte
Bruno dankbar die Hand seines Freundes drückend
    Still still sagte der tue mir nur den Gefallen und habe keine Schmerzen
mehr
    Ich will mein Möglichstes tun sagte der Knabe lächelnd
    Wirklich ging Oswalds Wunsch bald in Erfüllung Die kalten Tropfen auf der
Stirn des Kranken wurden zu warmen und alsbald umhüllte ihn die gütige Natur
mit tiefem Schlaf um still und heimlich das gestörte Gleichgewicht des
Organismus wieder herzustellen Manchmal noch zuckte die feine schmale Hand
die Oswald in der seinen hielt dann ließ auch das nach und der Arzt aus dem
Stegreife gratulirte sich im Stillen zu dem guten Erfolge seiner Kur Aber er
musste doch wohl noch einige Besorgnis vor einem Rückfalle haben denn er entzog
leise seine Hand der des Knaben holte aus seinem Zimmer einen Lehnstuhl und
setzte sich zu Häupten des Bettes Die Lampe hatte er ausgelöscht damit die
ungewohnte Helle den Schläfer nicht belästige und so saß er denn im Dunkeln und
sah das Mondlicht das durch eine Spalte des Vorhangs fiel langsam an der Wand
hingleiten und horchte auf die regelmäßigen Atemzüge des Knaben bis ihn selbst
die Müdigkeit überwältigte
 
                                Sechstes Kapitel
Es war in den Abendstunden eines der nächsten Tage dass in dem Gartensaale des
Schlosses zwei Damen saßen von denen die eine die Baronin Grenwitz die andere
eine junge Frau war die vor ein paar Stunden zu Pferde von einem benachbarten
Gute auf Besuch gekommen Die Fenstertür die aus dem Gemache in den Garten und
zunächst auf einen großen von hohen Bäumen umgebenen Rasenplatz führte in
dessen Mitte eine Flora aus Sandstein schon seit anderthalb Jahrhunderten
steinerne Blumen aus ihrem Horne schüttete war weit geöffnet In dem Zimmer
welches nach Norden lag war es schon dämmerig draußen aber lag noch der
Abendschein warm auf dem Rasen und den prächtigen Buchen und Eichen und die
Gestalten der beiden Damen die an einem Tische saßen den man in die Tür
geschoben hatte zeichneten sich scharf auf dem hellen Hintergrunde ab
    Ein größerer Gegensatz war nicht leicht denkbar Die Baronin von Grenwitz
war kaum vierzig Jahre alt aber die Strenge ihrer männlich festen Züge die
großen kalten grauen Augen die sie so forschend und so lange auf den Sprecher
richtete die Gemessenheit ihrer Bewegungen ihre hohe weit über das
gewöhnliche Frauenmaass hinausreichende Gestalt vorzüglich aber ihre
eigentümliche Art sich zu kleiden ließ sie manchmal fast um zehn Jahre älter
erscheinen Sei es übergrosse Einfachheit sei es wie Andere wollten eine an
Geiz grenzende Sparsamkeit sie bevorzugte Stoffe die sich wie das
Hochzeitskleid der würdigen Pfarrerin von Wakefield mehr durch Dauerbarkeit
als durch irgend glänzende Eigenschaften empfahlen und sie liebte einen Schnitt
der Kleidung von dem man deshalb nicht behaupten konnte er sei nicht mehr
modisch weil er es eigentlich niemals gewesen war Wie die Erscheinung für den
ersten Augenblick auf Jeden den Eindruck der Würde machte so bemerkte auch der
aufmerksame Beobachter an ihrer in jedem Momente musterhaften Haltung und vor
Allem an dem stets ruhigen gleichmäßigen Ton ihrer etwas tiefen wohllautenden
Stimme und ihrer immer gewählten Sprache die jeden vulgären Ausdruck sorgfältig
vermied dass sie sich dieses Eindrucks wohl bewusst war und ihn auf jede Weise zu
erhalten suchte
    Ob die Dame welche sich bei der Baronin befand sich durch die stattliche
Erscheinung derselben imponiren ließ oder es für passend hielt wenigstens den
Anschein davon anzunehmen mochte zweifelhaft sein so viel schien sicher dass
sie sich in diesem Moment einer Haltung befleissigte die nicht mit dem Ausdruck
ihres Gesichts ja nicht einmal mit ihrem Anzuge übereinstimmte Sie trägt ein
Reitgewand von dunkelgrünem Samt das hinreichend in die Höhe gesteckt ist um
sie nicht beim Gehen zu hindern und ihre schmalen Füße die in eleganten
Stiefelchen stecken zu verhüllen Das enganschliessende Gewand hebt die schönen
Formen des jugendlichvollen Körpers vorteilhaft hervor und der kleine runde
Hut der nebst Handschuhen und Reitpeitsche auf einem kleinen Tische in ihrer
Nähe liegt muss diesem wohlgebildeten Kopfe mit den üppigen braunen Haaren
die einfach in der Mitte gescheitelt in reichen Wellen über Stirn und Ohren
fallen und hinten zu einem Kranze aufgebunden sind vortrefflich stehen Sie
sitzt der streng wirtschaftlichen und musterhaft fleißigen Baronin die an
einem Stück Leinwand das möglicherweise eine Serviette ist eifrig näht
gegenüber und scheint mit dem Sticken eines Namenszuges in einer schon gesäumten
Serviette beschäftigt Dies nimmt sich nun freilich bei ihrem Anzuge wunderlich
genug aus auch scheint diese Arbeit der Dame nicht eben zuzusagen wenigstens
hebt sie als jetzt die Baronin aufsteht um im Hintergrunde des Zimmers etwas
zu suchen schnell den Kopf in die Höhe und zeigt ein hübsches Gesicht mit
kindlichweichen Zügen und großen braunen in feuchtem Schimmer glänzenden
Augen und dies Gesicht hat jetzt genau den Ausdruck eines übermütigen
Schulmädchens dessen strenge Lehrerin auf einen Augenblick den Rücken wendet
    Was sagten Sie liebe AnnaMaria fragte die Dame indem sie sich als die
Baronin sich umwandte wieder über ihre Arbeit beugte
    Ich fragte Sie liebe Melitta ob Sie noch genug rotes Garn hätten
    Melitta machte eine Miene als ob sie sagen wollte mehr als zu viel sie
begnügte sich indes zu sagen ich denke es wird reichen
    Die Baronin hatte sich auf ihren Platz gesetzt und nahm die für einen
Augenblick abgebrochene Konversation wieder auf
    So scheint doch wenig Hoffnung auf eine vollkommene Genesung sagte sie
    Wenig oder keine antwortete Melitta besonders in der jüngsten Zeit wo die
Anfälle von Tobsucht gänzlich aufgehört haben Doctor Birkenhain schreibt mir
dass nur ein Wunder Karlo vom Blödsinn retten könnte das heißt wohl so viel
als er ist unrettbar verloren
    Es ist ein hartes Loos das der Allmächtige über Sie verhängt hat meine
arme Melitta sagte die Baronin
    Melitta antwortete nicht
    Es war in diesen selben Räumen fuhr die Baronin die nicht anzunehmen
schien dass das angeschlagene Thema Melitta irgendwie peinlich sein könne ruhig
fort dass ich Berkow zum letzten Mal gesehen habe Ich gestehe dass ich schon an
jenem Abend als er den so ärgerlichen Streit mit Ihrem Vetter Barnewitz anfing
 Baron Oldenburg suchte vergeblich die wirklich fatale Szene abzukürzen  mich
eines leisen Verdachtes nicht erwehren konnte
    Melitta von Berkow schienen diese Proben von dem vortrefflichen Gedächtnis
der Baronin nicht eben zu entzücken sie wurde unruhig und warf augenscheinlich
ohne recht zu wissen was sie sagte die Frage hin
    Haben Sie nichts von Oldenburg gehört
    Der Baron ist seit acht Tagen zurück
    O rief Melitta mit einem Ausdruck der Frau von Grenwitz von ihrer Arbeit
aufsehen machte
    Was haben Sie Melitta
    Ich bin so ungeschickt sagte diese und presste ein Tröpfchen Blut aus dem
Daumen der linken Hand also Oldenburg ist zurück was bringt ihn denn auf
einmal wieder her Hat er sich in Egypten ebenso gelangweilt wie hier
    Die Kontracte mit seinen Pächtern laufen nächsten Martini ab ebenso wie auf
einigen unserer Güter Ich vermute dass ihn dies zur Rückkehr bewogen hat Er
scheint noch menschenscheuer geworden zu sein als er es schon damals war
Griebenow unser Förster ist ihm im Walde begegnet bei uns hat er sich noch
nicht sehen lassen
    Nun diese Unaufmerksamkeit des Barons werden Sie ja leicht verschmerzen
liebe AnnaMaria Sie waren ja nie besonders gut auf ihn zu sprechen
    Ich wüsste auch nicht dass Oldenburg mir je Veranlassung gegeben hätte das
zu tun mir so wenig wie irgend Einem von uns Ein Mann welcher der Religion 
ich möchte beinahe sagen offen Hohn spricht der die Würde seines Standes die
Interessen seiner Standesgenossen so weit vergisst auf den Kreistagen auf den
Landtagen bei jeder Gelegenheit die Partei der Neuerer zu ergreifen der unsere
Societät nur aufzusuchen scheint um sich über uns lustig zu machen  ein
solcher Mann hat es sich selbst zuzuschreiben wenn wir unser Interesse und
unsere Teilnahme Anderen zuwenden die es besser verdienen
    Ei an Interesse von Seiten der Anderen hat es däucht mir Oldenburg schon
damals nicht gefehlt und wird es glaube ich ihm auch jetzt wieder nicht
fehlen Ich weiß eigentlich nicht weshalb sich alle Welt so viel um einen Mann
bekümmert der sich an die Welt im Großen und Kleinen so wenig kehrt
    Das ist wohl sehr erklärlich liebe Melitta Die Oldenburgs gehören zu
unseren ältesten Familien es kann uns nicht gleichgültig sein ob der letzte
Sprosse einer solchen Familie ein Plebejer wird oder nicht
    Oldenburg wird nie ein Plebejer werden sagte die jüngere Dame mit einiger
Wärme
    Ei ei liebe Melitta Sie nehmen sich ja des Barons recht lebhaft an
Wollen Sie auch etwa seinen moralischen Lebenswandel verteidigen seine
Liebesaffairen mit denen er die chronique scandaleuse nicht nur unserer Gegend
bereichert hat
    Ich habe nie so viel ich weiß etwas Unmoralisches getan oder gut
geheißen sagte Frau von Berkow noch lebhafter wie zuvor Und was Herrn von
Oldenburgs Privatleben betrifft so erlaube ich mir darüber gar kein Urteil
da es mir vollkommen fremd ist  Übrigens fuhr sie nach einer Pause und mit
wieder ruhiger Stimme fort sollte es mich doch wirklich wundern wenn Oldenburg
in der Tat der Don Juan wäre zu dem man ihn durchaus machen will Sie werden
mir zugeben liebe AnnaMaria dass er weder die Schönheit noch die Gewandtheit
besitzt welche die notwendigen Eigenschaften der Repräsentanten dieser Rolle
sind
    Darüber erlaube nun ich mir wieder kein Urteil sagte die Baronin nicht
ohne merkliche Ironie das müsst Ihr jungen Frauen unter Euch abmachen
    Junge Frauen rief Melitta lachend Sie ließ die Arbeit in den Schoss sinken
und lehnte sich bequem in den Stuhl zurück die Baronin die unverdrossen weiter
nähte mit einem Blick betrachtend in welchem sich ein gut Teil Schalkheit mit
einem ganz kleinen Teil Böswilligkeit mischte junge Frauen Wissen Sie liebe
AnnaMaria dass ich noch in diesem Jahre dreißig werde Mein Julius wird im
nächsten Monat zwölf nur viel Jahre jünger wie Ihre Helene Apropos wie geht
es denn dem lieben Kinde Soll sie denn ewig in dem Hamburger Pensionat bleiben
Wie lange ist sie nun schon da Zwei nein es sind ja bereits drei Jahre Und
nicht ein einziges Mal hier gewesen in der ganzen Zeit Sie werden Ihr eigenes
Kind nicht wieder erkennen liebe Grenwitz
    Das Hamburger Pensionat ist so ausgezeichnet wird von Allen so gerühmt dass
ich mir ein Gewissen daraus machen würde das Mädchen nicht so lange wie möglich
dort zu lassen Übrigens haben Sie wohl vergessen liebe Berkow dass wir mit
Helenen im vorigen Sommer in Ostende waren und da Sie so große Sehnsucht nach
der jungen Dame zu empfinden scheinen will ich Ihnen auch in allem Vertrauen
mitteilen dass Sie dieselbe noch in diesem Sommer auf Grenwitz werden begrüßen
können
    Noch in diesem Sommer ei sieh das hängt doch wohl nicht etwa mit
Oldenburgs Rückkehr zusammen Verzeihen Sie meine Indiscretion aber ich
erinnere mich dass Sie vor einigen Jahren als der Baron von seiner ersten
großen Reise zurückkehrte einmal äußerten wie Ihnen eine Verbindung mit
Oldenburg wohl conveniren würde
    Damals kannte ich den Baron nicht wie ich ihn leider seitdem kennen gelernt
habe Auch würde das Grenwitz Wünschen nicht entsprechen der Helenen glaube
ich nach einer andern Seite halb und halb versprochen hat
    Nach einer andern Seite doch nicht etwa an Ihren vortrefflichen Cousin
Felix
    Wie gesagt ich weiß nichts Bestimmtes darüber Grenwitz ist so
verschlossen aber ich vermute es fast daraus dass er Felix bestimmt hat auf
ein Jahr Urlaub zu nehmen und dieses Jahr bei uns zuzubringen Seine Gesundheit
soll sehr angegriffen sein
    Hoffentlich nicht so angegriffen wie sein Vermögen sagte Melitta trocken
    Sein Vermögen Was wissen Sie denn von Felix Privatverhältnissen
    Ich sage nur was alle Welt sagt Sie werden mir zugeben Liebe dass wenn
schon über Oldenburg die chronique scandaleuse nicht stumm ist sie über Felix
sehr viel zu sagen weiß und an Stoff hat es ihr der Herr Lieutenant doch
wahrlich nicht fehlen lassen
    Felix ist noch jung
    Nicht jünger als Oldenburg
    Fünf Jahre
    Das sieht man ihm wahrlich nicht an freilich er hat etwas schnell gelebt
der gute Felix
    Man sollte wirklich glauben liebe Melitta dass Felix Ihnen näher stände
als es der Fall ist. Aufrichtig ich möchte gern wissen was Sie von dieser
Heirat denken im Falle Grenwitz das Project nicht aufgeben sollte
    Nun denn aufrichtig ich würde sie für ein Unglück für ein um so größeres
Unglück halten je schöner und unschuldiger Helene ist Was um Alles in der
Welt kann den Baron zu dieser Heirat bestimmen Denn dass eine Mutter zu solch
einer Verbindung die ihre Tochter namenlos unglücklich machen müsste Ja sagen
sollte kann ich mir nimmermehr denken
    Melitta war aufgesprungen hatte ihre Reitpeitsche ergriffen und hieb damit
sausend durch die Luft als wollte sie sagen das verdient der welcher zu
diesem Bubenstück die Hand bietet In der schlanken hochaufgerichteten
Frauengestalt hätte man kaum dieselbe wieder erkannt die sich vorhin schüchtern
über ihre Arbeit beugte oder sich lässig in die Kissen des Stuhles schmiegte
Selbst die Züge des Gesichtes schienen anders zu werden schärfer älter das
Feuer in den großen Augen loderte düster auf Offenbar hatte die Erwähnung
dieser Heirat eine Seite in ihr angeschlagen die hässlich durch ihre Seele
schrillte Sie fuhr in demselben aufgeregten Tone fort
    Felix ist ein notorischer Wüstling Wie kann ein Wüstling Liebe fühlen Und
gesetzt Helenens Schönheit Unschuld und Jugend trügen für eine Zeit über seine
Blasierheit den Sieg davon so kann dies nicht von Dauer sein Ein gründlich
Blasirter wird niemals wieder ein ganzer Mann und kann Helene einen solchen
halben Mann lieben und ist das Leben ohne Liebe wert dass man es lebt und
können Sie das Unheil verantworten das aus einer so lieblosen Ehe wie Unkraut
aufschiesst Ich weiß 
    Die junge Frau schwieg plötzlich und ging mit schnellen Schritten in dem
Gemache auf und ab Dann nach einer kleinen Pause
    Und welch äußere Vorteile könnte diese Ehe gewähren Felix hat seiner
ungemessenen Eitelkeit sein Vermögen wie seine Gesundheit zum Opfer gebracht
Seine Güter sind verschuldet über und über und Aussichten hat er so viel ich
weiß auch nicht  Nur dass er wenn mein Malte stirbt was Gott verhüten wolle
das Grenwitzsche Majorat erbt sagte die Baronin
    Ja so sagte Melitta gedehnt Die letzte Bemerkung der Baronin hatte der
edelmütigen jungen Frau die Angelegenheit in einem ganz neuen Lichte gezeigt
dem unheimlichen Lichte vergleichbar das aus der Blendlaterne eines Diebes auf
das Schatzkästlein fällt das er stehlen will Sie hütete sich indessen wohl
die Baronin was in ihr vorging merken zu lassen sondern fuhr sich wieder in
ihren Schaukelstuhl werfend in unbefangenem Tone fort
    Ich hoffe Malte wird Felix Gläubigern nicht den Gefallen tun vor der
Zeit zu sterben er wird ja zusehends kräftiger und wenn Sie dem Jungen nur
mehr Freiheit lassen wollten 
    Freiheit sagte die Baronin muss ich das Wort schon wieder hören Ich lasse
ihm so viel Freiheit als ich mit einer vernünftigen Erziehung für verträglich
halte Ich meine dass wer wie Malte einst über ein bedeutendes Vermögen
gebieten wird nicht zeitig genug gehorchen sich einschränken sich Unnötiges
Überflüssiges versagen lernen kann Wir haben ja an unserm Neffen Felix das
lebendigste Beispiel wohin die allzugrosse Nachsicht führt
    Das ist Alles wahr sagte Melitta aber 
    Wir haben uns ja wohl über das Thema der Erziehung unserer Kinder ein für
alle Mal des Streites begeben sagte die Baronin mit dem Lächeln der
Überlegenheit Ich weiß was ich will und das werde ich mit Gottes Hilfe
durchführen
    Apropos habe ich Ihnen schon gesagt dass ich meinen Julius in diesen Tagen
nach Grünwald aufs Gymnasium schicken will sagte Melitta
    Wieder so ein Wagestück antwortete die Baronin Baron Oldenburg hat auch so
eine öffentliche Erziehung wie sie es nennen genossen und ich denke die
Resultate sind danach Freilich hat man mit den Hauslehrern auch seine liebe
Not
    Sie haben ja jetzt einen neuen nicht wahr sagte Melitta die aufgestanden
war und sich in die Tür lehnte wie ist er denn
    Die Baronin zuckte die Achseln
    Aber wie kann man das auch fragen sagte Melitta lachend Er wird sein wie
alle Andern entsetzlich gelehrt eckig pedantisch langweilig Bemperlein
Bauer  das ist Alles ein Genre Ich will einen Hauslehrer auf hundert Schritt
erkennen Ah wer ist der junge Mann der da mit Bruno über die Wiese kommt
    Die Frage blieb unbeantwortet da in diesem Augenblick Mademoiselle
Marguerite in das Zimmer getreten und die Baronin aufgestanden war ihr einige
Aufträge wegen der Abendmahlzeit zu geben Melitta wandte sich um aber die
Baronin hatte mit einem Entschuldigen Sie mich das Zimmer verlassen Die junge
Frau blieb allein und musste selbst die Antwort auf ihre Frage zu finden suchen
Sie zog sich ein wenig aus der Tür zurück und musterte mit ihren scharfen Augen
die Erscheinung des unbekannten jungen Mannes
 
                               Siebentes Kapitel
Oswald war mit Bruno aus den Bäumen die den Rasenplatz umsäumten dem Schloss
gegenüber herausgetreten Sein rechter Arm ruhte auf des Knaben Schulter der
wiederum seinen Arm um Oswalds Hüften geschlungen hatte und lächelnd in das
Gesicht des jungen Mannes aufschaute während dieser angelegentlich zu ihm
sprach Als sie ein paar Schritte auf die Wiese gemacht hatten blieben sie
stehen Oswald deutete mit der Hand nach der Richtung aus der sie gekommen
waren und Bruno sprang in das Gehölz zurück Der junge Mann stand die Rückkehr
seines Freundes erwartend und köpfte mit dem Stäbchen das er in der Hand trug
zum Zeitvertreib einige Gräser die allzulang emporgeschossen waren Er hatte
keine Ahnung davon dass fünfzig Schritte von ihm ein Paar eben so schöner wie
scharfer Augen jeden seiner Züge musterte jede seiner Bewegungen sorgfältig
beobachtete
    Wenn das der neue Hauslehrer istso ist er ein Beweis mehr für den alten
Satz dass es zu jeder Regel Ausnahmen gibt Der sieht wahrlich nicht aus als
ob er zu der Familie der Bemperleins gehörte Diesen eleganten Sommeranzug
haben Sie wohl mit aus der Residenz gebracht Sehr nett in der Tat, für einen
Hauslehrer fast zu nett Sie scheinen etwas eitel zu sein mein Herr und lange
Konferenzen mit ihrem Schneider zu halten Aber Sie sind hübsch gewachsen das
muss man Ihnen lassen und der kleine Schnurrbart steht Ihnen ausnehmend gut
Wollen Sie nicht gefälligst einmal den Kopf in die Höhe heben ich wünschte Ihre
Augen zu sehen So  sauve qui peut
    Melitta trat als Oswald jetzt zufällig die Augen aufschlug schnell zurück
so dass sie hinter der Tür verborgen war Sie warf einen flüchtigen Blick in
einen Spiegel der sich in der Nähe befand und glättete rasch ihr üppiges Haar
Dann näherte sie sich verstohlen wieder der Tür
    Bruno kam aus den Bäumen herbeigesprungen und zeigte Oswald ein Büchelchen
Hier ist es rief er aber Sie bekommen es nicht Oswald wollte den mutwilligen
Knaben haschen der ihn immer herankommen ließ um ihm dann jedesmal durch eine
blitzschnelle Wendung oder einen Satz dessen sich ein Uncas nicht hätte zu
schämen brauchen zu entgehen
    Melitta war durch das hübsche Schauspiel angelockt aus ihrem Versteck
getreten Sobald Bruno ihrer ansichtig wurde rannte er auf sie zu und Oswald
der über die unerwartete Erscheinung der Dame verwundert stehen geblieben war
sah wie der Knabe ihre Hände ergriff und mit stürmischer Zärtlichkeit an seine
Lippen drückte
    Da bist Du ja mein Wilder sagte die Dame und streichelte die dunklen
Locken des Knaben wo hast Du denn den ganzen Nachmittag gesteckt
    Ich bin spazieren gewesen  mit Oswald wollte sagen mit Herrn Doctor
Stein rief Bruno und dann zu Oswald sich wendend der grüßend näher getreten
war dies ist Frau von Berkow Oswald von der ich Ihnen nur noch heute Morgen
erzählte dies ist Herr Stein Tante Berkow den ich sehr sehr lieb habe und
den Sie auch ein wenig lieb haben sollen
    Man darf seine Ware nicht zu sehr anpreisen Bruno sagte Oswald sich
lächelnd vor der jungen Frau verbeugend oder der Käufer wird stutzig
    Nicht wenn der Verkäufer so gut accreditirt ist wie dieser Wildfang bei
mir sagte Melitta leicht errötend Wie lange sind Sie schon auf Grenwitz
Herr Doctor
    Seit vierzehn Tagen etwa gnädige Frau
    Sagte mir die Baronin nicht dass Sie aus der Residenz kämen fragte Melitta
die neugierig war zu erfahren ob sich ihre Vermutung wegen Oswalds Anzug
bestätigte
    Nicht direkt gnädige Frau ich lebte zuletzt in Grünwald
    In Grünwald das interessiert mich Da könnten Sie mir ja gleich die beste
Auskunft geben Die Sache ist nämlich die  aber ich langweile Sie gewiss mit
meinen indiscreten Fragen
    Bitte gnädige Frau ich würde mich glücklich schätzen Ihnen irgendwie
dienen zu können
    Sehr gütig Die Sache ist die Ich will meinen Sohn  er ist ungefähr in
Brunos Alter 
    Oho Tante drei Jahre jünger rief Bruno der sich jetzt in einiger
Entfernung auf einer Schaukelbank wiegte
    Welch scharfes Ohr der Junge hat sagte Melitta ihre Stimme senkend Also
ich will meinen Julius nach Grünwald aufs Gymnasium schicken Oder vielmehr
ich muss denn sein Lehrer ein Herr Bemperlein der schon sechs Jahre bei ihm
ist hat eine Predigerstelle bekommen und wird uns in diesen Tagen verlassen
Nun weiß ich nicht  aber da kommt die Baronin  ich muss meine tausend und eine
Frage über tausend und ein verschiedene Dinge die mir so vollkommen fremd sind
wie meinem guten Bemperlein der längst verlernt hat wie es in der Stadt
aussieht wenn er es überhaupt jemals wusste auf eine gelegenere Zeit versparen
Hier kommt man ja doch nicht dazu Wie wärs Herr Doctor wenn Sie mich in
diesen Tagen mit Ihrem Besuche beehrten morgen Nachmittag etwa
    Oswald verbeugte sich
    Ich habe den Herrn Doctor gebeten mir morgen seinen Besuch zu schenken
sagte Melitta zur Baronin gewandt die in diesem Augenblick mit Mademoiselle
Marguerite wieder ins Zimmer trat Es ist wegen der Grünwalder Angelegenheit
Ihr habt doch nicht morgen Nachmittag etwas Besonderes vor denn ich möchte
nicht dass der Herr Doctor Stein mir ein allzugrosses Opfer bringt
    Wir etwas vorhaben sagte die Baronin Sie kennen ja unser stilles Leben
liebe Melitta im Gegenteil ich denke eine kleine Zerstreuung der Art wird
Herrn Doctor Stein der die Einförmigkeit eines ländlichen Aufenthalts sicher
schon empfunden hat recht willkommen sein Ich selbst wollte Sie für morgen
schon zu einem Besuche zu bestimmen suchen Herr Stein bei unserm Pastor der
schon empfindlich sein wird dass Sie sich ihm noch nicht vorgestellt haben
    Nun das lässt sich ja ganz gut vereinigen sagte Melitta morgen ist
Sonntag der Pastor Jäger wird entzückt sein wenn Sie die nicht allzugrosse Zahl
seiner Zuhörer durch Ihre Person vermehren Berkow ist von Faschwitz durch den
Wald nur ein halbes Stündchen entfernt Ich würde Sie gleich zu Mittag einladen
aber ich weiß dass die Frau Pastorin Sie nicht sobald wieder fortlassen wird
Nun was sagen Sie Herr Doctor
    Ich kann den Damen nur meinen tiefgefühlten Dank aussprechen dass Sie die
Güte haben wollen über meine Zeit besser zu disponiren als ich es auf jeden
Fall im Stande wäre antwortete Oswald mit einer höflichen Verbeugung
    Das heißt der Weise schickt sich in das Unvermeidliche sagte Melitta
lachend Und hier kommt der Baron mit Malte und wir können zu Tische gehen
wonach ich offen gestanden großes Verlangen trage
    Die Tafel war auf dem niedrigen Perron der nach dem Garten zu dem Schloss
in seiner ganzen Länge angebaut war unter einem Zeltdache gedeckt Der Abend
war herrlich Die Sonne war im Untergehen Rosige Lichter spielten in den
Wipfeln der hohen Buchen die den schattigen Rasenplatz umgaben Schwalben
schossen zwitschernd und zirpend durch die klare Luft Ein Pfau kam durch das
wohlbekannte Klappern der Teller herbeigelockt aus dem Gebüsch eilig über die
Wiese geschritten und sammelte die Brocken auf die der alte Baron ihm über das
Steingeländer des Perrons zuwarf
    Die Unterhaltung war heute um Vieles lebhafter als es wohl sonst der Fall
war Die Baronin konnte wenn sie wollte eine sehr angenehme Wirtin machen
und sie war trotz ihrer zur Schau getragenen Abneigung gegen weltlichen Sinn
durchaus nicht so frei von Eitelkeit dass es ihr gleichgültig gewesen wäre
neben Melitta übersehen zu werden Melitta aber war in der liebenswürdigsten
Laune sie scherzte und lachte neckte und ließ necken unbefangen harmlos wie
ein Kind Es fiel Oswald während er sich dem Zauber von Melittas reizender
Erscheinung willig überließ nicht ein zu glauben seine Gegenwart könne etwas
zur Erhöhung ihrer Stimmung beitragen und doch war dies in einem hohen Grade
der Fall Es gibt wenige Frauen die vollkommen indifferent dagegen sind
welchen Eindruck sie auf ihre Umgebung hervorbringen und Melitta gehörte
durchaus nicht zu diesen wenigen Frauen wohl aber zu jenen Naturen von leicht
erreglicher Sinnlichkeit die sich durch gefällige und schöne Formen in einer
Weise bestechen lassen die kälteren Temperamenten unbegreiflich ist Nun war
Oswald ohne das zu sein was man einen schönen Mann nennt von der Mutter Natur
nichts weniger als stiefmütterlich ausgestattet und die gute Gesellschaft in
der er sich stets bewegt hatte die natürliche Grazie seiner Manieren noch
erhöht Das Alles überraschte Melitta um so angenehmer als sie es bei einem
Manne von einer nach ihren Begriffen so untergeordneten Stellung am wenigsten
erwartet hatte Oswald erschien ihr mit jedem Augenblick bedeutender sie fing
an ihre brüske Einladung von vorhin doch recht unpassend zu finden und
zugleich entzückte sie der Gedanke den liebenswürdigen jungen Mann so bald bei
sich zu sehen Es schmeichelte ihr wenn was über Tische mehrmals geschah
Oswalds Blicke den ihren begegneten und doch senkte sie jedesmal die Wimpern
vor einem Augenpaar das bei aller Unbefangenheit so beredt und forschend
blicken konnte
    Nach Beendigung der Mahlzeit brachte die Baronin da Melitta erklärte noch
ein Stündchen bleiben zu können ein Reifspiel in Vorschlag Bruno sprang fort
die Reifen zu holen die weder verlegt noch außer Stande waren ein Umstand
der gewiss für die musterhafte Ordnung die in dem Schloss Grenwitz herrschte
beredt genug spricht und bald hatte sich die Gesellschaft auf dem Rasen in
einem weiten Kreise aufgestellt und die bunten Reifen flogen lustig durch die
weiche warme Abendluft von Einem zum Anderen Alle selbst der alte Baron
legten eine größere oder geringere Geschicklichkeit an den Tag mit Ausnahme von
Malte der seinen Reif in den meisten Fällen wo er ihm nicht unmittelbar auf
den Stock geflogen kam fallen ließ eine Gelegenheit die Melitta seine
Nachbarin zum großen Ärger Brunos der die Spielregeln eingehalten wissen
wollte jedesmal benutzte ihren Reif aus der Reihe einem der Mitspieler
blitzschnell über den Kopf zu schleudern wobei Oswald nicht umhin konnte zu
bemerken dass Melitta ihn häufiger wie die Übrigen auf diese Weise
auszeichnete
    Unterdessen war der Abend tiefer herabgesunken der alte Baron hatte eine
schwache Spur von Tau auf dem Rasen bemerkt Abendtau aber war nach seiner
Meinung reines Gift für Malte der als kleines Kind eine Zeit lang viel an der
Bräune gelitten hatte und er mahnte deshalb dringend das Spiel einzustellen
Melitta fand dass es hohe Zeit für sie sei aufzubrechen und bat ihrem
Reitknecht Befehl zu geben die Pferde zu satteln Bruno war fortgesprungen den
Auftrag auszurichten die Baronin mit Mademoiselle in das Zimmer getreten der
Baron beschäftigt Malte der sich durchaus erkältet haben sollte ein dickes
Shawltuch um den Hals zu wickeln Oswald und Melitta waren zum ersten Male seit
ihrer unterbrochenen Konversation von vorhin allein geblieben Melitta hatte von
einem Rosenstrauch der zu den Füßen der Flora wuchs eine Rose gepflückt und
betrachtete sinnend die köstliche Blume
    Verzeihen Sie mein Herr sagte sie plötzlich leise und rasch aber ohne
die Augen aufzuschlagen dass ich vorhin die Unschicklichkeit beging Sie ohne
weiteres um einen Besuch zu bitten der Ihnen am Ende beschwerlich fällt aber 
    Kein Aber gnädige Frau ich wiederhole im Ernst was ich vorhin aus bloßer
Höflichkeit sagte dass ich mich glücklich schätzen würde Ihnen irgendwie dienen
zu können
    Sie kommen also morgen
    Wie Sie befehlen
    Nein wie ich wünsche  Sehen Sie nur wie wundervoll diese Rose ist
Lieben Sie auch die Rosen so
    Ich liebe Alles was schön ist sagte Oswald nicht auf die Rose sondern
auf Melitta blickend
    Sie hob die langen Wimpern und schaute dem jungen Mann tief und voll in die
leuchtenden Augen
    Da sagte sie plötzlich und hielt ihm die Rose entgegen als ob er ihren
Duft einatmen sollte er aber fühlte nur wie sich die schlanken Finger der
Dame leicht wie ein Hauch auf seine Lippen legten
    Die Pferde sind da Tante rief Bruno
    Ich komme antwortete Melitta und eilte von Oswald fort
    Die Rose lag zu seinen Füßen er bückte sich schnell hob sie auf und
verbarg sie an seiner Brust
    Mademoiselle Marguerite brachte Melitta Federhut Reitpeitsche und
Handschuh
    Ist die Baronin im Zimmer
    Ja
    So will ich gehen ihr Adieu zu sagen
    Der alte Baron Oswald und die Knaben gingen durch die Gittertür des Parks
nach dem Schlosshofe wo ein Reitknecht zwei Pferde am Zügel führte Oswald
bewunderte die Schönheit dieser Tiere besonders das mit dem Damensattel ein
herrliches Vollblut Melittas Lieblingspferd Bella
    Melitta trat von der Baronin und Mademoiselle gefolgt aus dem Portale
rasch auf ihr Pferd zu Der alte Baron hob sie in den Sattel
    Adieu adieu rief sie herunter Allez Bella und so sprengte sie aus dem
Schlosshof hinein in den dämmerigen Abend
    Die Anderen waren wieder ins Haus getreten Oswald stand die Augen nach
dem Tor gerichtet durch das Melitta verschwunden war in sich versunken da
    Wollen wir nicht hineingehen Oswald fragte Bruno seine Hand ergreifend
es ist dunkel geworden
    Es ist dunkel geworden wiederholte der junge Mann und folgte träumend dem
Knaben
 
                                 Achtes Kapitel
Der Baron hatte Oswald angeboten ihn nach der Kirche fahren zu lassen der
junge Mann aber der die schwerfälligen Braunen noch von dem Abend seiner
Ankunft her in bösem Angedenken hielt es abgelehnt Bruno und Malte erwarteten
heute die Knaben eines benachbarten Edelmannes zum Besuch Bruno wäre am
liebsten mit Oswald gegangen da dieser aber selbst ihn zu bleiben bat sagte
er
    Sie sind recht froh dass Sie mich auf ein paar Stunden los sind aber ich
weiß was ich tue Ich gehe in den Wald und komme vor Abend nicht nach Hause
    Das wirst Du nicht tun Bruno
    Und weshalb nicht fragte der Knabe trotzig
    Weil Du mich lieb hast
    Nun denn so will ich Ihnen zu Liebe hier bleiben den albernen Hans von
Plüggen nicht prügeln und mich überhaupt so musterhaft benehmen dass selbst
Tante zufrieden sein soll
    Tue das lieber Junge Leb wohl
    Leb wohl Lieber Bester reif der Knabe und warf sich stürmisch an die
Brust seines einzigen Freundes und eilte von ihm fort in den Garten dort mit
seinem wilden Herzen allein zu sein
    Oswald ging aus dem Schlosshofe den Weg von dem er wusste dass er nach dem
Pfarrhofe führte Die Sonne schien hell aus dem blauen Himmel an welchem weiße
Wolkenballen unbeweglich standen Es war nicht heiß denn der Atem des nahen
Meeres hauchte Kühlung durch die Sommerluft Lerchen jubelten hoch droben »im
blauen Raum verloren« An dem Rande des nahen Waldes von dem eine Ecke Oswald
zur Rechten weit in das bebaute Land hineinschoss zog ein Gabelweih seine
Kreise Auf den Feldern sah man keine Arbeiter die Ackergeräte lagen müßig In
einer Koppel an welcher der Weg vorüberführte lagen in satter Ruhe Kühe und
Kälber ein paar muntere Füllen kamen an den Zaun und sahen neugierig nach dem
Wanderer
    Oswald hatte schon den Hof des Gutes hinter sich Er kam auf dem mit Weiden
an beiden Seiten besetzten Wege an der Stelle vorüber wo der Streit zwischen
Bruno und dem Knechte stattgefunden hatte Unwillkürlich blieb er stehen die
ganze Szene wurde wieder lebendig vor seinem Auge er sah den schönen Knaben
zürnend und drohend wie ein jugendlicher Gott und den feigen zurücktaumelnden
Knecht Fast tat es ihm leid dass er seinen Liebling zum Zurückbleiben vermocht
hatte Er fühlte sich so leicht so froh an diesem schönen Morgen und es war
ihm schon zur lieben Gewohnheit geworden wenn seine Seele ein Fest feierte den
Knaben zu Gast zu haben Du wie Al Hafi Wilder Guter Edler sprach er bei
sich was willst Du in dieser Welt von weibischen Männern Fürchten sie sich
doch jetzt schon vor Dir da Du ein Knabe bist was werden sie tun wenn Du ein
Mann geworden Ein Mann tut uns not schreien die Gelehrten aller Arten Wie
wollt Ihr Männer haben wenn Haus und Schule und Leben sich gegenseitig
unterstützen die stolze Kraft im Keim zu brechen Da schnitzeln sie an dem
Bogen und schnitzeln immerfort und wundern sich wenn das feine Ding hernach
zerbricht Pygmäengeschlecht das den Riesen den ein glücklicher Zufall an
ihren öden Strand geworfen mit tausend und aber tausend Fäden regungslos an die
platte Erde fesselt
    Oswald war in dem besten Zuge sich in eine misantrophische Stimmung
hineinzureden aber der helle leuchtende Morgen duldete die Nachgedanken nicht
Ein Bild das Bild einer schönen Frau das gestern Abend bevor der Schlummer
seine Augen schloss noch zuletzt vor seiner Seele gestanden hatte das als ein
lieber Schatten durch seine Träume geglitten war und wie der Nachklang einer
köstlichen Musik ihn schon den ganzen Morgen umschwebt hatte trat wieder vor
seine Seele Aber vergebens suchte er es zu bannen  Während er nur an Melitta
dachte nur an sie denken wollte sah er die Baronin Mademoiselle Marguerite
diese oder jene Dame seiner Bekanntschaft aber die Amazone im grünen Reitkleide
zerflatterte ihm immer wie neckischer Nebel So flattre fort Du schöner Spuk
rief der junge Mann und suchte seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben
    Das Terrain war bis dahin wellenförmig gewesen jetzt wurde es eben wie die
Fläche des Meeres in der Windstille Eine weite Heide lag vor ihm jenseits
derselben das Kirchdorf welches das Ziel seiner Wanderung war Andere Gehöfte
bekränzten in weiter Ferne die Fläche Die Weiden die den Weg begleitet hatten
wurden spärlicher und verschwanden zuletzt ganz Hier und da hatte man auf der
Heide die Rasendecke entfernt um Torf zu gewinnen der nun in langen schwarzen
Reihen zum Trocknen aufgeschichtet da lag In den so entstandenen tiefen Gräben
blinkte das Wasser Kibitze und anderes Sumpfgevögel flatterte hin und wider In
der weiten öden Runde sah Oswald keinen Menschen außer einer Frau die ein
paar hundert Schritte vor ihm auf einem Grenzsteine saß Als er näher kam fand
er dass es eine alte sehr alte Frau in einem armseligen aber äußerst
reinlichen Anzuge war Sie musste wohl von dem Wege ermüdet auf dem Steine
eingenickt sein denn sie richtete den tief gesenkten Kopf schnell in die Höhe
als Oswald in ihre Nähe kam und betrachtete verwundert den jungen Mann
    Guten Morgen Mütterchen sagte dieser stehen bleibend ist das Dorf dort
gerade vor uns Faschwitz
    Ja sagte die Frau mit für ihr Alter auffallender Lebhaftigkeit der junge
Herr will wohl auch in die Kirche
    Ja Mütterchen wann fängt die Predigt an
    Die Alte warf einen Blick nach der Sonne und sagte
    Ich hab zu lang geschlafen für mich ist es nun schon zu spät meine alten
Beine tragen mich nicht mehr so schnell aber Sie sind ein junger Mensch Sie
kommen schon noch zur rechten Zeit Nichts für ungut wie ist Ihr Name junger
Herr
    Stein  Oswald Stein
    Stein den Namen muss ich schon gehört haben
    Wohl möglich er ist nicht eben selten
    Stein  hm hm nichts für ungut wo sind Sie her Herr Stein
    Oswald dem es Vergnügen machte sich so harmlos ausgefragt zu sehen und
dem die Art der alten Frau wohl gefiel setzte sich da es ihn eben nicht
drängte in die Kirche zu kommen der Matrone gegenüber die ihn die runzlichen
Hände auf die Kniee gestemmt aus ihren tief gesunkenen immer aber noch
ausdrucksvollen Augen forschend ansah auf den Stamm einer umgefallenen Weide
und sagte
    Aus Grenwitz Mütterchen
    Aus Grenwitz Sieh einmal Da bin ich auch her Mit Verlaub Sie sind wohl
zum Besuch auf dem Schloss
    Nicht so eigentlich ich bin der Hauslehrer der Knaben
    Das ist wohl nicht möglich
    Warum
    Nun die Herren Kandidaten sehen sonst ganz anders aus
    Oswald lachte
    Und Sie kommen den weiten Weg ganz allein Mütterchen
    Ich hab keinen Menschen der mit mir gehen könnte Mein Mann ist längst
tot und meine Jungens sind tot und meine Dirnens sind tot  Alles tot
    Die alte Frau strich sich die Falten ihres Rockes über den Knieen glatt als
wollte sie sagen Alle eingescharrt und die Erde glatt drüber gedeckt keine
Spur mehr von ihnen
    Oswald jammerte das einsame hülflose Alter der Frau Er sagte um doch
etwas zu sagen wovon er glaubte dass es der einfältigen Seele tröstlich sein
könnte
    In jenem Leben werden Sie alle Ihre Lieben wiederfinden
    In jenem Leben sagte die Alte und blickte zum blauen Himmel hinauf daran
glaube ich nicht
    Wie daran glauben Sie nicht fragte Oswald verwundert
    Die Alte schüttelte den Kopf
    Sie sind noch jung Herr  wie war Ihr Name Stein  ja  Sie sind noch
jung Herr Stein wenn Sie erst so viele Menschen haben sterben sehen wie ich
glauben Sie auch nicht mehr daran Wenn ein Mensch gestorben ist dann ist er
richtig tot  richtig tot Und dann wo sollten wohl all die Menschen hin bei
der Auferstehung wie sie es nennen In unserm Dorfe lebt kein Einziger mehr von
Allen mit denen ich jung gewesen bin Und die Anderen die nach mir geboren
sind sind alt geworden und auch gestorben Und so kommen immer Neue und immer
Neue Nein auf der ganzen weiten Welt wäre kein Platz für all die Menschen
    Aber vielleicht auf anderen Sternen warf Oswald ein
    Wie sollen sie dort hinkommen Nein von der Erde kommt Keiner aber unter
die Erde kommen sie Alle  Alle und die alte Frau strich die Falten ihres
Rockes wieder über den Knieen glatt
    Die Körper wohl aber die Seelen 
    Na ich weiß nicht sagte die Matrone den Kopf schüttelnd aber das weiß
ich dass wenn einer gestorben ist er richtig tot ist und wir sagen nun hat
die liebe Seele Ruhe Und etwas Besseres als Ruhe kann sich auch Keiner nicht
wünschen er mag ein Edelmann oder ein Bauersmann sein jung oder alt
    Weshalb aber gehen Sie denn noch den weiten Weg in die Kirche wenn Sie an
nichts mehr glauben fragte Oswald
    Wer sagt das sagte die Matrone fast entrüstet ich glaube an Gott wie
jeder Christenmensch und rechtschaffen und fromm muss man sein das hat mit der
Auferstehung nichts zu schaffen und seine Pflicht muss man tun das versteht
sich von selbst Und nun junger Herr machen Sie dass Sie fortkommen es wird
sonst gar zu spät Ich will nur wieder umkehren Adjes Damit stand sie auf
ergriff einen Eichenstock der neben ihr an dem Stein gelehnt hatte streckte
Oswald die welke zitternde Hand hin die dieser nicht ohne ein Gefühl der
Ehrfurcht drückte und begann den Weg den sie gekommen war langsam
zurückzuwandern
    Das ist eine merkwürdige Frau sprach der junge Mann bei sich während er
rascher weiter schritt ich muss mich näher nach ihr erkundigen Wer hätte
geglaubt dass die Sätze der Philosophen vom neuesten Schlage Sätze die
freilich nur uralte Münzen mit etwas anderem Gepräge sind selbst in diesen
Schichten des Volkes cursiren Nun nun wenn selbst die Einfältigen und
Friedfertigen anfangen sich zu besinnen dass sie Augen zum Sehen und Ohren zum
Hören haben so ist ja wohl der letzte Tag der Dunkelmänner gekommen
 
                                Neuntes Kapitel
Das Dorf Faschwitz ist ein Experiment der Regierung Das Gut eines der größten
der Gegend war wie fast alle in diesem Teil des Landes ursprünglich im
Besitz einer adeligen Familie gewesen und beim Aussterben derselben als
erledigtes Lehen an die Krone zurückgefallen Diese hatte um sich einen Stamm
kleinerer Grundbesitzer oder freier Bauern zu schaffen an denen es dort fast
ganz gebricht hier und an anderen Orten förmliche Bauerncolonien gegründet
indem sie große Lehengüter parcellirte und die einzelnen Parcellen zu
Spottpreisen an Liebhaber verkaufte Der Faschwitzer Gemeinde hatte sie eine
Kirche gebaut einen Prediger in den Ort geschickt es war nicht die Schuld der
Regierung wenn die Faschwitzer nicht gediehen
    Indessen stand zu wünschen dass die Faschwitzer von den übrigen ihnen
gewährten Vorteilen und Vorzügen einen besseren Gebrauch machten als von der
Gelegenheit sich allsonntäglich geistige Nahrung zu verschaffen denn Oswald
fand als er sich durch eine Seitentür  die Haupttür war verschlossen 
Eingang verschafft hatte dass die »andächtigen Zuhörer« aus einigen Kindern die
wohl zum Konfirmandenunterricht gingen und also ex officio da waren einigen
alten Frauen die der langen Gewohnheit bis ans Ende treu bleiben und aus
einigen Gutsbesitzerfamilien der Nachbarschaft die ihren Hörigen ein gutes
Beispiel geben wollten bestand Das Innere der Kirche bildete einen mäßig
großen wohl erhellten nicht gewölbten Saal in welchem Kanzel Altar und Bänke
schicklich verteilt waren  Alles sehr neu sehr zweckmäßige  und sehr
nüchtern Da gab es keine kleinen buntgemalten Fensterscheiben kein Altarbild
keine pausbäckigen Engel in Bronce oder Holz keine Votivtafeln keine
halbverwelkten Kränze und wodurch noch sonst der Katholik seinen gemütlichen
Beziehungen zu der überirdischen Welt zu welcher ihm die Kirche eine Vorhalle
ist einen Ausdruck zu verschaffen sucht Das einzige Poetische in der Kirche
waren die Schatten der Linden vor den Fenstern die auf der hellen
gegenüberstehenden Wand hin und her wogten und die breiten Lichtstreifen die
schräg durch den Raum fielen und der Phantasie eine goldene Brücke bauten aus
dieser nüchternen Atmosphäre zu entrinnen in den Sommermorgen der draußen warm
und duftig auf Wiesen Feldern und Wäldern lag Von der Zuhörerschaft schien
indessen Niemand dieses Weges zu bedürfen oder ihn praktikabel zu finden mit
Ausnahme etwa eines hübschen zehnjährigen Mädchens mit langen blonden Locken
die wohl ein lebhaftes Verlangen nach den bunten Blumen und weißen
Schmetterlingen im Garten ihres Vaters eines dicken Gutsbesitzers der neben
ihr andächtig nickte empfinden mochte und deswegen von der hageren Gouvernante
oft zur Ruhe ermahnt werden musste Im Übrigen trugen die Gesichter aller
Anwesenden entschieden das Gepräge von Leuten die ihre Gedanken zu Hause
gelassen haben und im besten Falle von Menschen die sich mit Anstand
langweilen
    Und in der Tat, es wäre ein Wunder gewesen wenn diese Gemeinde sich von
dieser Predigt hätte erbauen lassen und von diesem Prediger Oswald der der
Kanzel gegenüber hinter der Gutsbesitzerfamilie zu sitzen gekommen war erkannte
auf den ersten Blick den er auf den Prediger richtete und nach den ersten
Worten die er aus des Mannes Munde vernahm dass hier zwischen Geistlichem und
Gemeinde ungefähr so viel Sympatie bestehe wie zwischen einem schriftgelehrten
Missionär und einem Stamme gutmütiger wilder Menschen Auch schien der Prediger
selbst ein kleiner schmächtiger Mann von etwa vierzig Jahren mit einem durch
trockene Studien ausgetrockneten Gesicht dies recht wohl zu empfinden denn er
war Oswalds in welchem er natürlich sofort den vielbesprochenen neuen
Hauslehrer von Grenwitz erkannte kaum ansichtig geworden als er seinen Vortrag
hauptsächlich an ihn zu richten begann als an den Einzigen der im Stande sei
den Wert der gelehrten Perlen zu würdigen die ihn hier vor ungebildetes
Rüsselvieh zu werfen ein unverständiges Konsistorium nötigte
    O meine andächtigen Zuhörer rief er die bebrillten Augen auf Oswald
richtend der sich so gut es gehen wollte hinter den blonden Lockenkopf
versteckte o meine andächtigen Zuhörer Ihr seht ein wie schwaches Ding
diesen ungeheuren Fragen gegenüber die menschliche Vernunft ist Und dennoch
dennoch Vielgeliebte gibt es irrende Brüder und Schwestern die noch immer
dem Nachtlicht ihrer eitlen Vernunft vertrauen nachdem schon längst auch für
sie die Sonne aufgegangen ist O ja dieses Stümpfchen ihrer Unschlittkerze mag
ihnen hell genug erscheinen in den Tagen des Festes der Herrlichkeit und der
Freude aber nicht also in den Tagen des kummervollen und gedankenschweren
Alters Darum gebet auf das stolze Vertrauen auf die Vernunft und haltet fest
an dem Glauben Gebet auf die törichte Zuversicht auf Euren gesunden
Menschenverstand wie Ihr ihn nennt O meine andächtigen Zuhörer dieser
gesunde Menschenverstand ist ein kranker ein sehr kranker Menschenverstand ist
ein Teufelsspuk und ein Irrlicht das Euch unaufhaltsam in den Sündenpfuhl der
Verderbnis lockt
    Oswald wurde durch diese Rede die sich mit Citaten aus der heiligen
Schrift reichlich untermischt noch eine halbe Stunde fortspann auf eine
eigentümliche aber keineswegs angenehme Weise berührt Der Gegensatz zwischen
der stillen demütigen Unterwerfung unter die großen ewigen Gesetze der Natur
die aus den Worten der alten Frau und noch mehr aus ihrem ernsten bescheidenen
Wesen gesprochen hatte und der anmasslichen Zuversicht mit welcher der Mann auf
der Kanzel über so tief verborgene Dinge sprach und jedes gesunde Gefühl und
jede natürliche Regung der Menschenbrust als eitel Lug und Trug und Sünde
verdammte schien doch gar zu groß Die schmucklose Weisheit der Matrone war
frisch und duftig wie ein Blümchen auf der Heide die prunkende Klugheit des
Predigers wie eine Pflanze in der dumpfigen schwülen Luft eines Zimmers üppig
emporgeschossen in Stiel und Blätter aber ohne Saft und Kraft und Blüten
Oswald war froh als endlich der gelehrte Herr nachdem er noch ein letztes
kräftiges Anatema gegen alle Andersdenkende geschleudert und ihre Moralität
gehörig verdächtigt hatte bis zum Amen kam
    Es ist gewisslich nicht wahr sagte der junge Mann bei sich als er auf den
Fußspitzen nach der kleinen Seitentür schlich durch die er eingetreten war
Und als da draußen der blaue Himmel sich wieder über ihm wölbte und der Duft der
Linden ihn umwehte da atmete er tief auf wie Jemand der aus der heißen
erstickenden Atmosphäre eines Krankenzimmers in die balsamische Luft eines
Gartens kommt
    Ich werde die Bekanntschaft dieses Mannes nicht machen wenn ich es
vermeiden kann monologisirte er weiter während er den kleinen Hügel auf dem
die Kirche lag hinunter an mehreren herrschaftlichen Wagen die unterdessen
vorgefahren waren vorüber ins Dorf hineinging was habe ich mit ihm zu
schaffen Seine Gedanken sind nicht meine Gedanken und seine Sprache ist nicht
meine Sprache wir würden uns in Ewigkeit nicht verstehen Ich halte nichts von
jener verwaschenen Humanität die mit Jedermann gut Freund ist und Niemanden
zurückweist weil es doch vielleicht ein fester Punkt ist um den sich
möglicherweise etwas krystallisiren könnte nichts von jener Käferphilosophie
die jeden Fremden höflich umsummt in der Hoffnung die verborgene Blüte zu
finden aus der sich eine Nahrung saugen ließe Der kluge Kaufmann schifft der
Küste vorüber die zu arm zum Tauschhandel ist und kommen doch die Worte wer
nicht für mich ist der ist wider mich  aus dem erhabenen Munde der die Liebe
gepredigt hat
    Oswald war Dies und Ähnliches bei sich überdenkend aufs Geratewohl wie
es seine Gewohnheit war wenn ihn etwas lebhaft beschäftigte in dem ihm
unbekannten Dorfe wo Häuser und Scheunen und Ställe Mauern und Gärten dem
Fremden unentwirrbar durcheinander lagen umhergewandert und wollte eben aus
einem schmalen Gange an der Seite eines stattlichen Hauses auf eine breitere
Straße einbiegen als ihm der Pfarrer der aus der Kirche kam gegenüberstand
An ein Ausweichen war nicht zu denken und Oswalds Versuch höflich grüßend
vorbeizukommen misslang gänzlich denn der Pfarrer hatte ihn kaum erblickt als
er ihm im eigentlichsten Sinne den Weg vertrat
    Ach ich habe gewiss die Ehre und das Vergnügen Herrn Doctor Stein vor mir
zu sehen sagte er Wie freundlich von Ihnen dass Sie mich zu besuchen kommen
Aufrichtig ich habe Sie schon seit einigen Tagen bei mir erwartet Als ich
neulich in Grenwitz war der gnädigen Baronin meine Aufwartung zu machen erfuhr
ich leider dass Sie mit Ihren Zöglingen einen längeren Spaziergang unternommen
hätten sonst würde ich mir die Freude nicht versagt haben Sie auf Ihrem Zimmer
aufzusuchen Meine Frau wird sich glücklich schätzen Sie unter unserem
bescheidenen Dache zu begrüßen Wollen Sie gefälligst näher treten Bitte
bitte keine Umstände
    Hier ist kein Entrinnen möglich dachte Oswald und ließ sich unter dem
bescheidenen Dache das nebenbei ein ganz stattliches Haus bedeckte eine
Gastfreundschaft aufnötigen der auszuweichen er noch eine Minute vorher
entschlossen gewesen war
    Gustava Gustave Gustchen rief der Pfarrer auf dem Hausflur öffnete aber
da die Gerufene die sichere Position hinter dem mit einem Vorhang versehenen
Guckfensterchen der Küchentür nicht aufgeben mochte bevor sie über den
Charakter des Fremden und den Zweck seines Besuches genauer unterrichtet sein
würde sein Studirzimmer und bat Oswald einzutreten bis er sich seiner
Amtstracht entledigt und seine Gustava von dem werten Besuch benachrichtigt
hätte
    Das Studirzimmer des geistlichen Herrn war ein großes zweifenstriges
Gemach in welchem einige Bücherschränke einige Heiligenbilder an der Wand ein
hartes mit schwarzem glänzendem Zeuge überzogenes Sopha ein runder mit
Büchern bedeckter Tisch in der Mitte ein Stehpult mit einem Drehsessel davor in
einem der Fenster und eine mit Tabacksduft reichlich geschwängerte Atmosphäre
das dem Eintretenden zuerst in die Sinne Fallende war Die letztgenannte
Eigentümlichkeit war so ausgesprochen dass Oswald einen Fensterflügel öffnen
musste wobei er eine starke Anwandlung verspürte über die niedrige Brüstung auf
die sonnenbeschienene Dorfgasse zu springen und das Weite zu suchen
    Dieser Fluchtversuch wurde indessen durch die Zurückkunft des Pfarrers
vereitelt Der geistliche Herr präsentirte sich jetzt in einem Anzuge aus
schwarzem wie Fett glänzenden Sommerzeuge Er bat Oswald einige Augenblicke in
seiner Klause verziehen zu wollen da Gustava noch in den Küchenräumen schalte
Oswald der alle Hoffnung zu entrinnen aufgegeben hatte machte jetzt nicht
einmal den Versuch die Einladung des Pfarrers zum Mittagessen dazubleiben
auszuschlagen
    Sie werden freilich nur paternum mensa tenui salinum finden Urväter
Hausrat auf dürftigem Tische sagte der Pastor der seinem Gaste zeigen wollte
dass er sein Latein noch nicht vergessen habe aber Sie wissen vivitur parvo
bene auch mit Wenigem lebt sichs gut Darf ich Ihnen bis die Mahlzeit
angerichtet ist eine Zigarre offeriren
    Oswald dankte da er kein Raucher sei
    O eine vortreffliche Eigenschaft das eine klassische Eigenschaft sagte
der Pastor seinen eigenen Witz belächelnd die Alten rauchten nicht und
Goethe den ein frivoler aber witziger Schriftsteller den großen Heiden nennt
war ein abgesagter Feind der Pfeife und Zigarre Sie erlauben dass ich meiner
Gewohnheit nach der Predigt ein leichtes Cigarrchen zu rauchen getreu bleibe
    Bitte dringend Herr Pastor
    Finden Sie nicht  paff paff  dass das Rauchen  paff paff  so recht
eigentlich ein germanisches ja um mich so auszudrücken ein
christlichgermanisches Element ist sagte der Pfarrer der heute auf alle Fälle
geistreich sein wollte
    Sie würden durch diese Bemerkung den Spöttern der Religion eine Waffe in die
Hände geben antwortete Oswald trocken
    Wie das Wertgeschätztester
    Besagte Spötter könnten behaupten dass sich selbst und Anderen einen
romantischen blauen Dunst vorzumachen allerdings ein wesentlicher Zug
germanischer besonders christlichgermanischer Natur sei
    Der Pfarrer sah Oswald mit einem schnellen lauernden Blick halb über die
Brillengläser hinweg an als hätte er gern auf einmal heraus gebracht wie weit
er seinem Gaste trauen dürfe Da er es aber für einen Mann von klassischer
Bildung unschicklich fand auf einen Scherz auch wenn derselbe ans Frivole
streifte nicht einzugehen so antwortete er mit sauersüssem Lächeln Nicht übel
nicht übel Aber was wäre vor den Spöttern sicher Freilich wir können
antworten ex fumo lucem ex fumo lucem Licht aus dem Rauche  Aber setzen wir
uns lieber Freund setzen wir uns Wie befindet sich denn der gute liebe Baron
und die gnädige Baronin Ach Sie können sich glücklich schätzen lieber Freund
in solchem Hause leben zu dürfen unter so vortrefflichen Menschen die mit dem
Geburtsadel den wahren Adel der Seele verbinden  vor Allem die Baroness eine
fromme und sehr gebildete Dame die Alles ex fundamento kennen lernen will Sie
liest jetzt Schleiermachers Reden über die Religion 
    Sollte sie wohl im Stande sein die zu verstehen bemerkte Oswald
    Der Pfarrer sah Oswald wieder mit jenem eigentümlichen Blick über die
Brillengläser an als müsse er sich den Mann genauer betrachten der den Mut
hatte eine Ansicht welcher er im Stillen vollkommen beipflichtete so ungenirt
laut werden zu lassen Er begnügte sich indessen damit die Mundwinkel herunter
und Schultern und Augenbrauen in die Höhe zu ziehen eine Geberdensprache die
sich sein Besuch nach Belieben in Alles Schwindel lieber Freund oder die
Fähigkeiten dieser Frau sind incommensurabel übersetzen konnte
    Freilich fuhr er fort Grünwald werden Sie vermissen zumal den Umgang
eines Mannes von einer so umfassenden Gelehrsamkeit wie der Professor Berger
Aber geht es mir denn anders Auch ich kann sagen Barbarus hic ego sum quia
non intelligor ulli Ich gelte hier für einen Sonderling weil Niemand mich
versteht Unsere Gutsbesitzer sind ohne Zweifel treffliche würdige
gottesfürchtige und treuköniglich gesinnte Männer aber im Vertrauen die
Bildung ich meine natürlich nur die gelehrte ist arg vernachlässigt Ja wenn
die Herren sich in ihrer Jugend des unschätzbaren Glückes einer wahrhaft
rationellen Erziehung zu erfreuen gehabt hätten wie Junker Malte 
    Sehr gütig Herr Pastor obgleich von diesem Kompliment nur ein verzweifelt
kleiner Teil auf meine Rechnung kommen dürfte Ich wünsche nur bei Malte käme
die ratio nächstens mehr zum Durchbruch denn bis jetzt ist er wahrlich eine
höchst irrationelle kleine Größe
    Sie sollten Ursache haben mit dem jungen Baron unzufrieden zu sein sagte
der Pastor im Tone Jemandes der etwas ganz Unerhörtes Unglaubliches vernommen
hat Ach verstehe verstehe Freilich der junge Bruno ist vielleicht in
mancher Hinsicht die begabtere Natur obgleich er wie ich in dem
Konfirmandenunterricht welchen ich den Junkern zu erteilen die Ehre hatte
wohl bemerkte für die Wahrheiten der christlichen Religion nicht eben sehr
zugänglich ist indessen non omnes possunt omnia  omnia wiederholte der
Pfarrer der nicht wusste wie er fortfahren sollte Ja was ich sagen wollte
dafür ist aber auch Malte wieder der Erbe eines so großen Vermögens
    Um so mehr scheint es mir wünschenswert dass er dereinst ein ganzer Mann
wird Ist denn übrigens das Grenwitzsche Vermögen wirklich so bedeutend
    Ei mein lieber Freund rief der Pastor im Tone sanften Vorwurfs dass Oswald
eine so beklagenswerte Unwissenheit in Betreff so hochwichtiger Dinge an den
Tag legen konnte ob es bedeutend ist Da sind in dieser Nachbarschaft allein
fünf nein  mit Stantow und Bärwalde die allerdings nicht zum Majorat gehören
sind es eben sieben Güter Und in den andern Teilen der Insel  lassen Sie mich
sehen  liegen noch ein zwei drei Güter Das ist ein Kapital von mindestens
anderthalb Millionen Andertalb Millionen wiederholte er als könne sich sein
Geist von einer so erhabenen Vorstellung nicht gleich wieder losmachen
    Und das Vermögen ist ein Majorat
    Ei gewiss Mit Ausnahme wie gesagt von zwei der schönsten Güter welche dem
verstorbenen Baron dem Vetter des jetzigen durch Erbschaft von der Mutter
Seite zufielen und in dem Testamente auf eine gar besondere Weise verclausulirt
sind Denken Sie sich nur lieber Freund dass der verstorbene Baron der ganz
unter uns gesagt eine überaus wüste unbändige Natur war diese Güter dem Sohne
einer seiner Maitreffen vermacht hat
    Aber Sie rechneten doch vorhin die beiden Güter mit zu dem Vermögen der
Familie sagte Oswald
    Nun unter uns kann man es immerhin sagte der Pfarrer Oswald näher
rückend in leiserem Ton Denn kein Mensch weiß wo dieser Knabe lebt ja ob er
überhaupt lebt ja nicht einmal ob es wirklich ein Knabe oder ein Mädchen ist
    Das ist ja eine curiose Geschichte sagte Oswald lachend
    Eine äußerst curiose Geschichte sagte der geistliche Herr eine lächerliche
Geschichte wenn Sie wollen Denken Sie nur der Baron Harald  sie haben Alle
sonderbare Namen in der Familie  jener unbändige Mann der zur Zeit der
heiligen Vehme hätte leben müssen entbrennt in heißer Liebe zu einem armen
Bürgermädchen  ein Fall der in seinem Leben freilich oft vorgekommen sein mag
aber niemals solche üblen Folgen hatte Er entführt sie halb mit Gewalt
hierher auf sein Schloss Nach einem halben Jahre entflieht sie bei Nacht und
Nebel Ob sie ihre Schande auf dem Grunde eines unserer tiefen Moore verborgen
hat ob sie wirklich nur entflohen ist Niemand weiß es Der Baron ist außer
sich rasend Er durchsucht vergebens die ganze Insel Um seinen Gram und seine
Gewissensbisse zu betäuben trinkt und spielt und lebt er noch wilder wie
gewöhnlich so dass er denn ein paar Wochen später im Delirium stirbt Als man
das Testament eröffnet findet man nun dass er in einer Anwandlung von Reue
oder aus Kaprice wie Sie wollen dem Kinde jener seiner Geliebten gleichviel
ob Knabe oder Mädchen falls es nur bis zu dem und dem bestimmten Datum geboren
ist die beiden herrlichen Güter der Dirne selbst aber den Niessbrauch des
Vermögens auf Lebenszeit vermacht hatte Wie finden Sie das
    Jedenfalls eignet sich die Geschichte mehr zu einer Tragödie als zu einer
Komödie sagte Oswald Und hat man nie eine Spur von Mutter und Kind entdeckt
    Nie obgleich testamentarisch  es ist wahrhaftig ein wahrer Skandal und
ich bedaure die gnädige Baronin von ganzem Herzen  alljährlich die Verschollene
in sämtlichen Blättern der Provinz aufgefordert wird ihre Ansprüche geltend zu
machen
    Wie lange spielt die Geschichte nun
    So ein zwanzig Jahre und darüber
    Da ist doch wohl kaum denkbar dass die Arme noch am Leben ist
    Es denkt auch Niemand mehr daran sagte der Pastor Grenwitzens würden auch
nicht wenig verwundert sein wenn plötzlich so ein junger Landstreicher sich als
ergebenster Neffe vorstellte und die beiden Güter und die Zinsen seit zwanzig
Jahren für sich beanspruchte um so mehr als die gnädige Baronin die von Hause
aus  ganz unter uns gesagt  keinen roten Pfennig Vermögen hat nach dem Tode
des Barons da die Grenwitzschen Besitzungen Gott sei Dank Majorat sind
samt ihrer Tochter so arm sein würde als sie vor ihrer Vermählung war
    Sie sind ein großer Freund der Majorate
    Ei gewiss Ich halte es für ein Glück dass so bedeutende Vermögen nicht durch
Erbteilung zersplittert werden können und so eine Aristokratie reicher
Grundbesitzer möglich wird die gleichsam ein Ballast sein kann für das
Staatsschiff in Zeiten der Gefahr die Gott noch lange abwenden möge von unserm
teuren Vaterlande
    Nun sagte Oswald das Ding hat wie alle andern seine zwei Seiten
    Wer wollte sich das verhehlen sagte der geschmeidige Pastor Aber ich für
meinen Teil habe zu lange die Ehre und das Glück gehabt mit reichen und in
der schönsten Bedeutung des Wortes adeligen Familien zu verkehren als dass ich
nicht gewissermaßen ein Anhänger der Aristokratie sein sollte und überdies habe
ich neuerdings nur zu trübe Erfahrungen darüber gemacht wie sehr der Besitz in
den Händen des Plebejers um mich dieses historischen Ausdruckes zu bedienen
Eitelkeit Hoffart und weltlichen Sinn hervorruft und begünstigt
    Es tut mir leid von meinen Freunden so etwas hören zu müssen sagte
Oswald
    Von Ihren Freunden sagte der Pastor verwundert
    Von meinen Freunden allerdings Denn ich fand mich stets ohne es zu wollen
und manchmal ohne es zu wissen wo immer in der Geschichte der große Gegensatz
zwischen Aristokraten und Plebejern hervortrat auf Seite der letzteren Ich war
ein geschworner Anhänger der Gracchen und anderer römischer Demagogen ich
schlug mich mit den Independenten gegen die Kavaliere und ich gestehe dass ich
in den Bauernkriegen viel mehr Sympatie gehabt habe für die armen
unterdrückten gehudelten geknechteten und in Folge dieser brutalen Behandlung
meinetwegen auch brutalen Bauern als für die hochmögenden reichsfreiherrlichen
und trotz und vielmehr wegen all der Freiheit und Herrlichkeit nicht minder
brutalen Grafen und Barone
    Der Pfarrer hörte diese Rede mit jenem ungläubigen Lächeln an mit dem man
dem Bramarbasiren junger Gelbschnäbel zuhört die sich gern den Anstrich von
vollendeten Wüstlingen geben möchten
    Sehr gut sehr gut sagte er Ja ja wir geistreichen Leute gefallen uns in
Paradoxen Das klebt uns noch von den ästhetischen Tees der Residenz an und
da wollen wir hübsch in der Übung bleiben wenn uns zur Zeit auch nur ein armer
Landpfarrer hört
    Ich versichere Sie Herr Pastor 
    Weiß schon weiß schon Aber leben Sie erst einmal wie ich fünf Jahre lang
unter Bauern Glauben Sie dass ich in der ganzen Zeit die Leute habe bewegen
können eine Glocke für unser Gotteshaus zu kaufen die anzuschaffen sie noch
dazu verpflichtet sind Aber wenn es darauf ankommt einen Schmaus herzurichten
und andere weltliche Zwecke ins Werk zu setzen fehlt es nie an Geld
    Nun sagte Oswald der Adel hiesiger Gegend ist auch nicht eben wegen seiner
Nüchternheit berühmt
    Der Adel lieber Freund das ist etwas ganz Anderes Seine Devise ist und
muss sein leben und leben lassen Aber Sie wissen Eines schickt sich nicht für
Alle
    Und Manches schickt sich für Keinen fügte Oswald hinzu
    Ach hier kommt meine Gustava rief der Pfarrer froh ein Gespräch
abbrechen zu können das ihm von Augenblick zu Augenblick weniger gefiel
    Die Frau Pastorin welche soeben in das Zimmer trat war eine Dame in dem
Anfang der vierziger Jahre mit semmelblonden Haaren sehr hellblauen Augen und
einem Gesicht das in diesem Augenblick von dem Küchenfeuer und der Eile mit
welcher sie ihre Toilette gemacht hatte noch von etwas lebhafter Farbe war
sonst aber kränklich bleich verwelkt und altjüngferlich aussah Sie trug ein
Kleid von gelber ungefärbter Seide an dessen Gürtel eine goldene Uhr hing und
eine Haube mit gelben Bändern so dass sie Alles in Allem auf Oswald den Eindruck
eines etwas verblichenen und nicht mehr ganz gefunden Kanarienvogels dessen
Besitzer nach Norden wohnt machte Auch sie konnte kaum Worte an denen es ihr
übrigens nicht gebrach finden welche ihre Freude ausdrückten den Freund eines
so hochmögenden Hauses unter ihrem niedrigen Dache diese Phrase schien bei
beiden Gatten stereotyp zu erblicken um so mehr als es ihrem armen Jäger das
war der Name des Pastors ganz und gar an einem wissenschaftlichen und
gebildeten Umgange gebrach ein Mangel dem durch Oswalds Ankunft in hiesiger
Gegend auf die erfreulichste Weise davon sei sie überzeugt abgeholfen wäre
    Mein armer Jäger wird mir hier noch zum Hypochonder werden rief sie ihre
wasserblauen Augen zärtlich auf den Gegenstand ihrer Besorgnis richtend ich
tue was in meinen schwachen Kräften steht dass er die Gesellschaft
geistreicher und gelehrter Männer so wenig wie möglich vermisst aber was kann
eine arme unwissende Frau denn in dieser Hinsicht Großes tun
    Sie werden mich zwingen Ihnen zu widersprechen sagte Oswald bei welchem
der Humor über den Unmut mit dem ihn bisher die Heuchelei und Gleissnerei der
Gatten erfüllt hatte endlich den Sieg davon trug Ich möchte behaupten dass
Unwissenheit und Frau Pastor Jäger niemals Freundinnen gewesen sind und jetzt
schon seit Jahren auch nicht einmal die entfernteste Bekanntschaft zwischen
ihnen existiert
    Sie sind zu gütig wahrlich zu gütig sagte die hocherfreute Pastorin Ich
will nicht leugnen dass ich mich von jeher bemühte den Vorwurf der Unfähigkeit
für die Sphären höherer Bildung welchen man uns armen Frauen 
    Es ist angerichtet rief das Dienstmädchen zur Türe herein
    Sehen Sie so macht das irdische Leben immer seine Rechte geltend so oft
wir versuchen einen kühneren Flug zu nehmen rief die Pastorin während ihr
Oswald galant den Arm bot und der Pastor das Ende seiner Zigarre so legte dass
er es nach Tische wiederfinden konnte
 
                                Zehntes Kapitel
Die Unterhaltung an der Mittagstafel die in einem kühlen schattigen Zimmer
das auf einen etwas kahlen und sehr sonnigen Garten sah angerichtet war wurde
bald sehr lebhaft Oswalds längerer Aufenthalt in Grünwald erwies sich als
unerschöpfliches Thema Die Pastorin war selbst eine Grünwalderin eine der
vielen Töchter des dort vor mehreren Jahren verstorbenen Superintendenten
Gabriel Dunkelmann der gerade noch lange genug lebte seinem Schwiegersohn die
einträgliche Pfarre von Faschwitz zu verschaffen und dann das Zeitliche segnete
Oswald machte im Stillen die Bemerkung dass die Frau Doctor  denn der Pastor
hatte sich die academische Würde durch eine grundgelehrte Dissertation über die
möglicherweise vorhanden gewesenen Schriften eines bis auf den Namen
verschollenen Kirchenvaters erworben  schon damals durch Jugendreiz sich nicht
ausgezeichnet haben könne und wunderte sich auch nun nicht länger darüber dass
der Tisch so klein und das Haus so still war Die Frau Doctor kannte den
Professor Berger sie kannte mehrere Familien in denen Oswald eingeführt war
Das gab denn überreichen Stoff zu dem landesüblichen Familienklatsch bei
welchem einige Damen die ihrer Zeit der verblühten Superintendententochter zu
nahe getreten sein mochten erfahren konnten welche zweischneidige Waffe die
Zunge einer Landpastorin unter Umständen ist
    Unterdessen war der Nachtisch aufgetragen und der Pastor hatte nicht ohne
eine gewisse Feierlichkeit eine zweite Flasche entkorkt die Pastorin aber den
Tisch verlassen um anzuordnen dass der Kaffee heute in der Gartenlaube servirt
werde Der Pastor hatte sich eine Zigarre angezündet einen Knopf an seiner
schwarzen Weste aufgemacht augenscheinlich nur in der Absicht sich in der
Illusion ein sybaritisches Mahl eingenommen zu haben zu bestärken  denn die
Weste saß schon schlotterig genug auf seinem hageren Leibe Er forderte Oswald
auf mit ihm auf das Wohl der hochmögenden Familie in welcher er sich zu
befinden das Glück habe anzustossen eine Höflichkeit die Oswald mit einem
Toast auf die liebenswürdige ebenso gelehrte wie bescheidene Wirtin
erwiderte
    Danke danke lieber junger Freund sagte der geschmeichelte Pastor
Oswalds Hand zu wiederholten Malen drückend Ja Sie haben recht eine
gelehrte bescheidene Frau Haben Sie ihr angemerkt dass sie mit mehr als einer
literarischen Größe im lebhaftesten Briefwechsel steht ja unter dem Pseudonym
Primula eine der eifrigsten Mitarbeiterinnen der NovellenZeitung ist
    Unmöglich rief Oswald
    Ich versichere Sie lieber Freund und Sie können nicht glauben welche
Freude es mir gewährt wenn ich wieder und immer wieder im Briefkasten lese
Faschwitz und PV Primula Veris Gustavas Chiffre Tausend Dank für Ihre
liebenswürdige Sendung oder Sie haben uns durch Ihr reizendes Gedicht hoch
erfreut es wird schon in der nächsten Nummer zum Abdruck kommen x
    Ich kann es mir denken sagte Oswald zerstreut Aber wollen wir nicht der
liebenswürdigen Dichterin in den Garten folgen
    Festina lente rief der Pfarrer dem der Wein schon zu Kopfe stieg Wir
kommen so jung nicht wieder zusammen Ein gutes Glas Wein ist ein gutes
geselliges Ding und Gustava ist zu liberal gesinnt uns die Freuden des Mahles
zu verkürzen Aller guten Dinge sind drei lassen Sie uns noch eine Flasche 
    Aber Jäger der Kaffee wird ja kalt tönte die scharfe Stimme der Primula
Veris aus dem Garten durch das offene Fenster
    Wir kommen wir kommen Gustchen rief der gehorsame Gatte Gesegnete
Mahlzeit mein lieber junger Freund bei diesen Worten umarmte er Oswald mein
teurer Freund abermalige Umarmung 
    Aber wir vergessen dass der Kaffee auf uns wartet rief Oswald mit Mühe
einer dritten Umarmung entgehend und den Weg nach dem Garten einschlagend
während der Pastor ehe er seinem Gaste folgte noch schnell den letzten Rest
aus der Flasche in sein Glas schenkte und dasselbe eiligst diesmal
wahrscheinlich auf sein eigenes Wohl austrank
    Der Garten gewährte um diese Tageszeit gerade nicht den angenehmsten
Aufenthalt denn die Anlagen waren noch sehr ung die Bäumchen meist erst in
Manneshöhe und in Folge dessen das Ganze eine schattenlose prosaische
nüchterne Stätte die auffallend an die Theologie des gelehrten Herrn erinnerte
auch insofern als hier wie dort das Nützlichkeitsprincip das oberste zu sein
schien Die Gemüsebeete waren sorgsam gepflegt Blumen aber sah man wenig nur
einige Sonnenblumen mahnten durch ihre Farbe flüchtig an die Erscheinung der
Primula Veris und durch ihre Eigenschaft sich der Sonne zuzuwenden aus welchem
Teile des Himmels sie auch strahlen mochte an die Lebensphilosophie ihres
ausgezeichneten Gatten
    In der Laube die glücklicherweise von Jasmin dicht bedeckt gegen die
Sonne welche jetzt heiß genug brannte einen erträglichen Schutz gewährte
fanden sie die Frau Pastorin Sie hatte neben sich auf der Bank ein
Arbeitskörbchen stehen in welchem zwischen bunten Läppchen Docken Seide und
andern Dingen ein zierliches Büchelchen lag dessen Vorhandensein Oswald
einigermaßen beunruhigte
    Weh dir dachte er wenn dieses Buch eine Sammlung von Primulas in der
NovellenZeitung und sonst erschienenen Gedichten ist
    Er suchte den Pastor bei den Gemüsebeeten festzuhalten er musste sich mit
eigenen Augen überzeugen wie die vom Pastor selbst erfundene Verbesserung an
den Bienenkörben denn eigentlich beschaffen sei er sprach endlich von der
Notwendigkeit sich baldigst verabschieden zu müssen  kurz er tat was ein
Mann in seiner kritischen Lage tun kann  vergebens
    Wir sollen Sie fortlassen bei der Hitze rief Primula und ließ ihre Hand
von Oswald nicht unbemerkt auf das Arbeitskörbchen gleiten Wir sitzen hier
zwar nicht im Schatten der gewaltigen Fichte und der weißen Pappel aber doch im
Schatten und den wollten Sie vertauschen mit der Glut und dem Staub der
Landstraße Unmöglich Noch eine Tasse werter Gast Es ist kein Falerner wie
ihn der glückliche Römer in der eben citirten Ode trinkt aber doch ein Getränk
das einigen Anspruch auf Klassicität machen darf seitdem unser lieber Voss in
seiner Louise es so verherrlicht hat Sagen Sie lieber Gastfreund hat Ihnen
nicht der Aufenthalt unter unserem niedrigen Dache manche Reminiscenzen an die
liebliche Idylle erweckt Haben Sie nicht empfunden dass in diesen von dem
Treiben der Menschen weit entfernten Stätten die sanfte Stimme der Poesie die
auf dem lauten Markte des Lebens ungehört verhallt deutlich zu uns spricht
    Jetzt geschieht das Entsetzliche dachte Oswald
    Ich bewundere sagte er wie Sie so sinnig Altes und Neues Wirklichkeit und
Poesie zu einem duftigen Kranze zu flechten verstehen Mir selbst ist leider in
jüngster Zeit die Prosa des Alltagslebens nah und näher getreten ja aufrichtig
gestanden ich habe mich was ich früher für unmöglich hielt mehr und mehr mit
ihr ausgesöhnt obgleich ich sehr wohl weiß dass ich dabei die Empfänglichkeit
für die Reize der Dichtkunst vollständig eingebüßt habe
    O glauben Sie doch das nicht rief Primula Der Quell der Poesie in uns
kann wohl zu Zeiten weniger voll strömen aber gänzlich versiegt er nie Sie
klagen sich der Unempfänglichkeit für die Reize der Dichtkunst an Das sollte
mich eigentlich von meinem Vorhaben hier legte sie die Hand offen an das
Büchelchen in schwarzem Einband mit Goldschnitt abbringen Ihnen eine kleine
Probe der Gedichte mitzuteilen die ich wie Ihnen wohl bekannt sein wird
unter dem Pseudonym Primula in der NovellenZeitung veröffentlicht habe Aber
mein Glaube an die Macht der Poesie vor Allem der latenten Poesie in Ihrem
Herzen ist zu groß als dass mich Ihre Selbstverleumdung vom Gegenteil
überzeugen könnte Darf ich einen Versuch wagen die Richtigkeit meiner Ansicht
auf die Probe zu stellen
    Wodurch habe ich so viel Güte verdient murmelte Oswald sich voll
Resignation in die Ecke seiner Bank zurücklehnend und die Augen bis zu dem
Winkel schließend der glücklicherweise den Augen halb schlummernder und
verzückter Zuhörer gemeinsam ist
    Ich habe mein Büchelchen Kornblumen betitelt sagte Primula hold verschämt
in dem Buche blätternd weil die meisten dieser Poesie auf den Spaziergängen
durch die Kornfelder auf alle Fälle in einer ländlichen Umgebung erblüht sind
    Wie sinnig flüsterte Oswald
    Nach den Regeln der besten Aestetiker und nach dem Beispiele der Griechen
welche die Tragödie der Komödie voranschickten oder richtiger die Komödie auf
die Tragödie folgen ließ werde ich mir erlauben Ihnen erst ein ernstes dann
ein launiges dann wieder 
    Gewiss gewiss das wird den Reiz der einzelnen Gedichte erhöhen sagte
Oswald den vor dieser endlosen Perspective schauderte
    Willst Du nicht liebe Gustava  sagte der Pastor
    Lass mich meine eigene Wahl treffen Jäger sagte die Dichterin in einem
sanften aber entschiedenen Tone und dann sich räuspernd
    Auf einen toten Maulwurf 
    Auf was rief Oswald erschrocken in die Höhe fahrend
    Nun sehen Sie werter Freund sagte Primula wie schon die Überschrift
allein Sie elektrisirt
    Freilich freilich murmelte Oswald in seine Ecke zurücksinkend
    Auf einen toten Maulwurf wiederholte die Dichterin den ich am Wege fand
Wie liegst Du jetzt so ruhig da
Mit Deinem glatten Fell
Dein Schicksal ach es geht mir nah
Du schwärzlicher Gesell
Sie schmähten Dich Sie höhnten Dich
Sie sagten Du bist blind
Das waren solche sicherlich
Die selber Blinde sind
Am Tage zeigtest Du Dich nicht
Gleich eitler Toren Schaar
Doch wars in Deiner Zelle licht
In Deinem Busen klar
Und zu der Sterne hohem Lauf
Am nächtgen Himmelsdom
Sahst Du von Deinem Hügel auf
Du kleiner Astronom
Wie lebtest still und harmlos Du
Ein dunkler Ehrenmann
Bei Tag nicht Rast bei Nacht nicht Ruh
Wer sieht Dir das nun an
Nun liegst Du ach so ruhig da
Mit Deinem glatten Fell
Dein Schicksal o es geht mir nah
Du schwärzlicher Gesell
Das ist schön sagte Oswald Das ist die echte Lyrik wie wir sie heute leider
nur zu selten finden Nicht die Treibhauslyrik jener Dichter die mit Anklängen
an Heine beginnen in der Mitte einige Lenausche Accorde anschlagen und mit
einer Freiligratschen Fanfare schließen Welch ein wahres inniges Gefühl
erwärmt diese Verse und dabei diese kernige Kraft der Sprache Ein dunkler
Ehrenmann das ist einfach aber schön das haben Sie Ihrem Goethe abgelauscht
    Sie sind wahrlich zu gütig lieber Gastfreund sagte Primula hocherfreut In
der Tat, Sie beschämen mich durch Ihr freigebiges Lob Aber seien Sie ehrlich
finden Sie nicht dass wenigstens für den modernen Geschmack das Ganze doch ein
wenig zu ideal gehalten ist
    Vielleicht für unsere Realisten die allerdings in ihren Anforderungen etwas
weit gehen und in ihrem Bestreben Alles recht natürlich zu machen im Faust
nächstens den Pudel auf die Bühne bringen und durch Kneifen in den Schwanz zum
Bellen und Heulen veranlassen werden Aber ich bin überzeugt dass wenn Sie nur
wollen Sie auch diesen Herren gerecht werden können
    Was halten Sie von diesem Gedichte fragte die Dichterin An meinen Haushahn
 Oswald lehnte sich wieder in seine Ecke
Gleich Richard von der Normandie
Fürchtt sich mein Held im Leben nie
Wem bangte nicht sobald er schrie
Kikriki
Das ist naiv sagte Oswald
Nicht wahr sagte Primula
Am späten Abend schwärmt er nie
Doch munter ist er Morgens früh
Drum hasst ihn auch das faule Vieh
Kikriki
Fürs Liebchen scheut er keine Müh
Bald kratzt er dort bald kratzt er hie
Und fand er was so ruft er sie
Kikriki
Und ist mein Held auch kein Genie
Und sein Gesang nicht Poesie
So stimmt mich doch ich weiß nicht wie
Sein Kikriki
Nun was sagen Sie lieber Freund
    Was soll ich sagen erwiderte Oswald als dass Sie Ihre Absicht vollkommen
erreicht haben Der Hörer glaubt sich auf den Hühnerhof versetzt Die Töne die
Sie hier anschlagen sind wahre Naturtöne aus dem Herzen der Dinge heraus Das
Gedicht ist ein kleines Meisterstück im modern realistischen Geschmack Aber
jetzt verehrte Frau eine Bitte Wie sehr es den Wert der Gedichte auch
erhöht sie aus dem wohllautenden Munde der Dichterin zu hören  ich möchte mir
den Eindruck dieses letzten Gedichtes nicht gern verwischen lassen Was auch
noch kommen mag dies war die Grenze des Erreichbaren
    Nur dieses Eine müssen sie mir noch erlauben Es bildet mit den beiden
andern gleichsam eine Trilogie ein Summarium dessen was ich den Tieren
abgelauscht Darf ich beginnen
    Bitte
                   An einen Maikäfer der auf dem Rücken lag
O Du Bacchant der lustgen Maiennacht
Hast Du geschwelget in den Blütendüften
Hast Du gebadet in den weichen Lüften
Vom Abend bis der neue Tag erwacht
Und hast des Lebens Kürze nicht bedacht
Nicht wie so bald in dunklen Grabesgrüften
Ruhn zarte Knöchel ach und üppge Hüften
Und Lippen die nur eben keck gelacht
Jetzt liegst Du matt auf Deinem Flügelschild
Ich lese stumm in Deinen ernsten Zügen
Und dunkle Runen seh ich dort geschrieben
Ach nur ein Taumel war Dein bestes Lieben
Drum die Du liebtest mussten Dich betrügen
Des Maies Käfer falscher Liebe Bild
Die schöne Vorleserin war zu Ende Da tönte in das entzückte Schweigen in
welches Oswald versunken schien und Primula jedenfalls versunken war das
Rollen eines Wagens der denn auch alsbald vor dem Hause still hielt
    Frau Pastorin Frau Pastorin schrie das Dienstmädchen mit ängstlichen Tönen
in den Garten hinein
    Oswald atmete auf Hier kam Besuch und mit dem Vorlesen war es auf alle
Fälle vorbei Vielleicht konnte er auch seinem Besuch bei dieser Gelegenheit ein
Ende machen
    Es sind Plüggens liebe Gustava sagte der Pastor der durch die Gartenhecke
den Wagen recognoscirt hatte Die gnädige Frau und zwei Fräulein Töchter Willst
Du nicht eilen 
    Entschuldigen Sie mich werter Gastfreund sagte die Dichterin eiligst das
Buch schließend aber Sie wissen so oft wir versuchen einen kühneren Flug zu
nehmen 
    Frau Pastorin Frau Pastorin schrie es immer ängstlicher von der Gartentür
her
    Ich komme rief die verstörte Primula und eilte den sonnebeschienenen
Gartenweg entlang dem Hause zu
    Wollen wir nicht ebenfalls  sagte der Pastor
    Entschuldigen Sie mich wenn ich bitte mich jetzt entfernen zu dürfen
unterbrach ihn Oswald
    Aber weshalb lieber Freund Frau von Plüggen ist eine höchst vortreffliche
Dame und die Töchter wenn auch nicht schön 
    Und wären sie schön wie die Engelein ich müsste auf das Vergnügen
verzichten sie jetzt zu sehen Adieu adieu Entschuldigen Sie mich bei Ihrer
Gemahlin Nicht wahr die Pforte dort ist nicht verschlossen
    Und damit eilte Oswald von dem Pfarrer der viel zu gut von sich und seiner
Primula dachte als dass er den eiligen Rückzug des Gastfreundes nicht einzig aus
dessen Scheu mit der unbekannten hochadeligen Familie zusammenzutreffen hätte
erklären sollen fort aus dem Garten durch die Pforte auf die Dorfstraße von
der Dorfstraße hinaus auf die Felder und gönnte sich nicht eher Rast als bis
die Bäume des Waldes hinter welchem wie er wusste das Gut Melittas lag über
seinem Haupte sich wölbten
 
                                 Elftes Kapitel
Der Waldweg auf dem jetzt Oswald leicht und fröhlich dahinschritt schien wenig
betreten und noch weniger befahren Im Winter mochte es ein verzweifelter Weg
sein desto schöner und poetischer war er nun im Sommer Hier und da wucherten
Gras und Lattig von einem der schlecht gehaltenen Gräben bis zum andern quer
drüber hin an manchen Stellen überwölbten ihn die hohen Buchen und Eichen mit
ihren breiten Kronen Je tiefer Oswald in die grüne Wildnis drang desto
heimlicher und stiller wurde es um ihn her  so heimlich und still dass er in
dem Liede welches er vorhin lustig angestimmt hatte plötzlich abbrach als
fürchtete er den Wald im Schlaf zu stören
    Denn in dieser heißen Nachmittagssonne schläft der Wald Das grüne
Blättermeer rauscht nicht in schwellenden Wogen still und unbeweglich trinkt es
die Glut der Sonne Kaum dass es hier oder dort leise in einem der Bäume
raschelt Das erweckt dann wohl einen oder den anderen der schlafenden Nachbarn
oder sie raunen nur dem Störenfried zu dass jetzt keine Zeit zum Plaudern sei
und träumen weiter Die Vögel harren im dichtesten Laube versteckt der
Abendkühle Das Weibchen schlummert auf dem Nest über den halbflüggen Jungen
das Männchen sitzt auf dem Zweige daneben hat das Köpfchen unter den Flügel
gesteckt und schlummert müde von dem frühen Aufstehen dem jubelnden Gesang den
lieben langen Morgen hindurch und der eifrigen Jagd auf Mücken und Würmchen Die
wissen dass es jetzt gute Zeit für sie ist und tanzen lustig in den roten
Sonnenstrahlen die heimlich durch die Zweige schlüpfen und kriechen und
krabbeln und hasten sich durch das warme weiche Moos Tiefe Ruhe da tönt ein
sonderbarer heiserer Schrei in kurzen wie in Ärger schnell hintereinander
ausgestossenen Tönen Das ist der Falk des Waldes Förster Er ist ein schlimmer
Gesell den sein böses Gewissen nicht schlafen lässt und deshalb klingt auch
sein Ruf so grell und schrill wie er jetzt stolz und einsam hoch droben in der
blauen Luft über dem stillen Blättermeer seinem Revier die wunderlichen
mystischen Kreise zieht
    Ein blondköpfiger Junge der am Rande des Waldes ein paar Gänse hütete
hatte Oswald gesagt dass der Weg nach Berkow durch das Holz kaum eine halbe
Stunde und nicht zu verfehlen sei Dass er dabei die schweigende Voraussetzung
gemacht hatte der Wanderer werde auf dem Wege bleiben und des Weges achten war
natürlich Da Oswald aber wie es seine Gewohnheit war weder das Eine noch das
Andere getan hatte alle Augenblicke über den Graben gesprungen und in den Wald
hineingelaufen war wo das Unterholz weniger dicht wucherte und die hohen
Hallen zwischen den mächtigen Stämmen gar zu verführerisch lockten und auf
Alles geachtet hatte nur nicht auf den Weg  so mochte er es sich denn auch nun
selbst zuschreiben als er aus dem Dickicht heraus statt auf den Weg den er
bisher gegangen war zu gelangen auf einen schmalen Waldpfad kam und
denselben in falscher Richtung weiter gehend immer tiefer in den Forst geriet
    Oswald stand still und lauschte ob er nicht die Stimme eines Menschen das
Pochen einer Axt vernehmen werde aber er hörte nichts als den Schrei des Falken
und das Klopfen seines eigenen Herzens Lustig rief er in den Weg hinein Wo
geht der Weg nach Berkow Falk  Falk hallte das Echo zurück
    Endlich wurde es lichter zwischen den Bäumen Schon glaubte er den Saum des
Holzes erreicht zu haben Statt dessen trat er auf eine Lichtung heraus die
fast ganz von einem kleinen zum Teil mit hohen Binsen bedeckten See
eingenommen wurde An dem Rande entlang schreitend scheuchte er ein
SommerEntenpaar auf das aus dem Röhricht hervorbrach und mit wunderbarer Hast
über den Sumpf fort in den Wald flog Dann wieder lautlose Stille
    Kommt Zeit kommt Rat sagte Oswald bei sich Vorläufig will ich mich aber
ein wenig ausruhen denn ich finde dass ich nachgerade müde werde
    Er hing seinen Strohhut an einen Zweig breitete sein Taschentuch über eine
der mit dichtem Moos bewachsenen Wurzeln einer vielhundertjährigen Buche und
streckte sich behaglich in das Haidekraut
    Der Platz ist wie zum Schlafen gemacht sprach er bei sich träumerisch den
Libellen zuschauend die über dem dunklen Wasser des Sumpfes bald stillstehend
bald pfeilschnell fortschiessend ihr wunderliches Wesen trieben Wer weiß
Vielleicht ist dies ein Zauberwald so ein von der Kultur übersehenes Stück
Romantik ein kleiner stehen gebliebener Rest von den großen großen Wäldern
die in Musäus Märchen rauschen von dem Walde etwa drin der Graf wohnte der
seine Töchter verkaufte wenn er die Wechsel am Verfalltage nicht einlösen
konnte  eine Manier seine Schulden zu bezahlen die selbst noch heutzutage in
Schwung sein soll Und wer nun in diesem Walde einschläft wozu ich große Lust
verspüre schläft so ein paar hundert Jährchen ehe ers sich versieht und wenn
er aufwacht wallt ihm ein schneeweisser Bart bis zum Gürtel Darob gerät er
denn in gerechtes Erstaunen und er fragt den ersten Bauer der ihm begegnet ob
er ihm nicht den Weg nach Berkow zeigen könne Berkow antwortet der Angeredete
höflich Habe nie von einem solchen Orte gehört Ich meine das Schloss im Walde
wo Melitta wohnt Melitta aber guter Herr das ist ja nur ein altes Märchen
Ein Märchen Nun gewiss meine alte Großmutter hat es mir wer weiß wie oft
erzählt  Vor vielen vielen hundert Jahren stand in dieser Gegend ein großer
Wald und in dem Walde hauste eine Fee die hieß Melitta Sie hatte so
wunderschöne lichtbraune Augen wie ein Menschenkind gar nicht haben kann und
eine honigsüsse Stimme und deswegen nannten die Leute sie Melitta Sie war die
beste und schönste Fee von der Welt und hatte nur die eine kleine Schwäche von
Zeit zu Zeit Jemand in ihren Wald zu locken damit er sich unter den hohen
Buchen und Eichen von denen die eine immer aussah wie die andere verirrte
Darüber hatte sie dann ihre Freude Wenn sie aber so einen armen Schelm
verlocken wollte setzte sie sich auf ihr Pferd Bella denn an dieser Fee war
Alles schön selbst ihr Pferd ritt ins Land hinein und suchte unter Männern
bis sie den dümmsten fand Die hatte sie am liebsten Den bezauberte sie dann
mit ihrer Schönheit ihrem lieben holden neckischen Wesen und ihrer honigsüssen
Stimme und um den Zauber fest zu machen schenkte sie ihm etwas  eine Rose
etwa Nahm er die nun in seiner Dummheit so musste er am nächsten Tage in den
Wald er mochte wollen oder nicht Da kommt er denn natürlich bald vom Wege ab
und läuft die Kreuz und Quer herum bis er sich endlich am Fuße einer uralten
Buche schlafen legt Und wenn er nun so daliegt und sieht wie die roten
Sonnenstrahlen in den grünen Zweigen Versteckens spielen und die blauen Libellen
Haschens auf dem schwarzen Wasser und hört wie es in dem Röhricht flüstert und
droben in den Wipfeln der Bäume rauscht und weht und rauscht    Melitta
kommst Du endlich Steige herab von Deiner Bella Du siehst ja dass ich hier
festgewachsen bin O Du Liebe Holde Angebetete Melitta Süße einen Kuss
einen einzigen Kuss Und Du willst fort jetzt fort  aber was ist das was will
die braune Hexe Nein nein  Du bist nicht Melitta
    Oswald stützte sich auf den Ellbogen und starrte schlaftrunken in das braune
Gesicht das sich über ihn beugte Was willst Du von mir
    Nichts Schlimmes schmucker junger Herr Sah den jungen Herrn liegen wusste
nicht ob schlafend oder tot ist gefährlich zu schlafen in dem Wald am
Sumpfesrand wenn mans nicht gewohnt ist von Kindesbeinen
    Oswald der sich wieder vollkommen zurechtgefunden hatte betrachtete jetzt
das Weib das vor ihm stand genauer und erkannte denn alsbald in ihr eine jener
Zigeunerinnen wie sie hier zu Lande nicht selten wahrsagend hausirend
musicirend bettelnd gelegentlich auch stehlend von Dorf zu Dorf und von
Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehen Diese hier mochte nach dem Feuer ihrer dunklen
Augen den runden halbnackten Armen und der straffen Haltung des schlanken hohen
Leibes zu schließen zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahre zählen aber Wind
und Wetter Hunger und Kummer vielleicht auch schlimme Leidenschaften hatten
arge Verwüstungen in dem einstmals schönen Gesichte angerichtet den Zügen eine
unangenehme Schärfe gegeben die Augenhöhlen übermäßig vertieft ja schon hier
und da einzelne graue Streifchen in das üppige blauschwarze Haar gestreut das
mit seinen dicken Flechten ein besserer Schutz für den edelgeformten Kopf war
als der Lappen roten Zeuges den sie turbanartig herumgewunden hatte Ihre
Kleidung war sehr ärmlich und vielfach geflickt ihre Füße nackt Oswald sah
jetzt auch dass an einem der nächsten Bäume ein wunderlich geformtes Instrument
hing und allerlei Gerät umherlag Ein mit einem roten Federbusch und einer
bunten Decke geschmückter Esel strich langsam durch die Stämme und ließ sich das
harte Waldgras vortrefflich schmecken
    Sind Sie ganz allein gute Frau fragte Oswald
    Nein mein Bub ist bei mir der Cziko er ist in den Wald gangen Wasser zu
holen dies taugt nur für Frösch und Kröten
    Und wie kommen Sie hierher an diesen abgelegenen Ort
    Kenne den Platz schon seit vielen Jahren Mache stets hier Rast wenn ich in
diese Gegend komme Schläft sich billiger im Walde als in der Dorfschenke
guter Herr
    Da können Sie mir gewiss auch den Weg nach Berkow zeigen Ist es noch weit
von hier
    Gar nit weit der Bub der Cziko soll Sie führen
    Das Weib legte die Hände an den Mund und ahmte den Ruf der Holztaube auf das
täuschendste nach Alsbald antwortete aus dem Walde ein heller Falkenschrei und
nicht lange darauf kam ein Kind herbeigesprungen das wie es den Fremden
erblickte scheu und misstrauisch unter den Bäumen stehen blieb Einige Worte
indessen ihm von seiner Mutter in einer Oswald unbekannten Sprache zugerufen
machten ihm Mut Es trat Oswald das Blechgefäss mit Wasser das es in der Hand
trug hinhaltend furchtlos heran und sagte Willst Du trinken Herr
    Das Gefäß war nicht besonders reinlich aber der es anbot viel zu schön
als dass Oswald es hätte zurückweisen können selbst wenn er weniger durstig
gewesen wäre wie er es war Cziko war vielleicht zehn Jahre alt aber auch er
sah älter aus Der feuchte Nebelwind der über die herbstlichen Felder fegt und
der Schneesturm der durch den Hagedorn saust hatten alle Jugendfrische von des
Kindes wunderbar schönem Gesicht gewischt und den tiefdunklen Gazellenaugen
einen Ausdruck halb des Kummers und halb des Trotzes gegeben dass man nicht ohne
Wehmut hineinschauen konnte
    Mit dem doppelt scharfen Blick der Bettlerin und der Mutter sah das Weib
wohl welch tiefen Eindruck ihr Kind auf den Fremden machte
    Ja er ist ein braver Bub der Cziko sagte sie flink wie ein Eichhorn und
tapfer wie eine wilde Katz und das Cymbal schlägt er wie Keiner
    Ist das ein Cymbal was dort am Baum hängt fragte Oswald einigermaßen
erstaunt dass dies Instrument noch anderswo als in Lenauschen Gedichten
existire
    Geh Cziko zeig dem Herrn was Du kannst sagte die Frau
    Das Kind nahm das Instrument herab legte es auf einen Baumstamm zurecht und
die Klöpfel ergreifend begann es erst langsam dann schneller und immer
schneller hämmernd eine wunderliche Musik Sein Herz schien voll von Musik
seine mageren braunen Wangen röteten sich die dunklen Augen die es manchmal
träumend zu den Wipfeln erhob leuchteten Dann fiel es in ein anderes Tempo und
eine andere Melodie und nach den ersten Tacten begann die Frau die während
dessen unter einem Kessel ein Reisigfeuer entfacht hatte in tiefer
wohllautender Stimme an dem Kessel schaffend und ab und zugehend eines jener
slavischen Volkslieder deren süßmelodische Klage uns Wehmut ins Herz und
Tränen in die Augen lockt Oswald saß da den Kopf in die Hand gestützt und
hörte und schaute zu wie im Traum Es war als ob die nie zuvor gehörten
melancholischen Töne ganz neue Gefühle in ihm wach riefen ein tiefes Mitleid
mit seiner mit aller Wesen Existenz und doch auch ein Sehnen und Schmachten
nach einem unendlichen namenlosen Glück
    Das Lied war zu Ende Oswald fuhr empor Er sah auf seine Uhr Schon drei
Stunden waren vergangen seitdem er den Wald betreten er durfte wollte er noch
heute Melitta sehen keinen Augenblick zögern
    Kann mich der Cziko den Weg nach Berkow führen sagte er auf die Frau
zutretend und ihr ein paar Geldstücke bietend Die Zigeunerin strich das Geld
aus der flachen Hand als ob es ihr nur darauf ankomme die Linien derselben
genauer zu sehen und sie an den Fingerspitzen festhaltend schien sie eifrig
darin zu lesen
    Nun sagte Oswald lächelnd da steht wohl nicht viel Gutes
    Viel Gutes viel Schlimmes sagte die Zigeunerin den Kopf schüttelnd
    Das ist meistens so im Leben sagte Oswald und worin bestände denn das
Gute
    Viel Gutes viel Schlimmes wiederholte die Zigeunerin Jede gute Linie von
einer schlimmen durchkreuzt kann das Gute nicht nennen ohne das Schlimme
    Nun so nenne es wie es kommt sagte Oswald der anfing ungeduldig zu
werden
    Viel zum Glück und doch nicht glücklich murmelte die Zigeunerin Männern
Feind und Frauen Freund rasch im Hassen rasch im Lieben buntes Leben früher
Tod
    Nun sagte Oswald das lässt sich ja noch hören Aber wie war das mit den
Frauen das interessiert mich
    Viel Gutes viel Schlimmes wiederholte das Weib den Kopf noch tiefer
beugend als sollte ihr auch die feinste Linie nicht entgehen viel sehr viel
Liebe und doch wenig ach so wenig Glück
    Liebe ich jetzt
    Ja
    Und wen
    Eine sehr vornehme sehr schöne und sehr reiche Dame
    Hm und liebt sie mich auch
    Mehr viel mehr als Du sie
    Und wo steckt denn das Schlimme
    Viel viel Schlimmes denn Du kannst nicht treu sein
    Woher weißt Du das
    Die Wahrsagerin zuckte mit den Achseln Hier steht noch eine Dame und hier
noch eine  Du liebst sie alle das sollte nicht sein bringt Dir kein Glück
    Aber mit dem bunten Leben und dem frühen Tode hat es doch seine Richtigkeit
Nun denn so kann ja auch das Unglück so groß nicht sein Und hier hast Du noch
etwas zum Lohn für die gute Kunde
    Danke nehme nur für das Glück das ich verkünde nichts für das Unglück
    Da wundert es mich freilich nicht dass Sie so arm sind gute Frau So nehmen
Sies als Botenlohn für den Cziko
    Die Zigeunerin nahm mit wirklichem oder nur geheucheltem Widerstreben das
Geld und rief dem Kinde das während dieser Zeit fortwährend in sich versunken
auf seinem Instrument leise phantasirt hatte in ihrer Sprache ein paar Worte
zu Das Kind sprang auf trat vor Oswald und sagte Willst Du kommen Herr
    Adieu liebe Frau sagte Oswald nicht ohne Teilnahme dem Zigeunerweib in
die dunklen glänzenden Augen schauend wenn Sie nach Grenwitz kommen vergessen
Sie nicht nach dem Doctor Stein zu fragen
    Die Frau kreuzte die Arme über dem vollen Busen und neigte sich tief Oswald
ergriff seinen Hut und folgte dem Kinde das schon hinter den Bäumen fast
verschwunden war
 
                                Zwölftes Kapitel
Nicht so schnell Cziko rief Oswald den Schoss seines Rockes von den Dornen
eines Busches los machend nimm Rücksicht auf meinen civilisirten Zustand
    Das Kind ging langsamer hielt sich aber immer in scheuer Entfernung von dem
Fremden Vergebens suchte es Oswald in ein Gespräch zu verwickeln während er
mühsam die Büsche auseinander drückte durch die der kleine Zigeuner wie eine
wilde Katze schlüpfte So waren sie vielleicht eine Viertelstunde gegangen als
sie plötzlich aus dem dichten Wald in ein Gehölz gelangten das schon zu dem
Parke von Berkow gehören musste Reinlich gehaltene Wege hier und da eine grüne
Bank oder eine verwitterte Hermensäule überall die Spuren ordnender
Menschenhand Dann traten sie auf einen breiteren Fahrweg der wohl die
Fortsetzung desselben Weges sein mochte von welchem Oswald abgekommen war und
der mit einem eisernen Gittertor endigte das unmittelbar auf den Hof des Gutes
führte Cziko blieb stehen deutete stumm auf das Tor dann nachdem er sich
vor Oswald mit verschränkten Armen verneigt hatte sprang er in die Büsche
zurück und war im nächsten Augenblicke verschwunden
    Ein geheimnisvoller Anfang sprach der junge Mann bei sich während er
langsam fast zögernd auf das Tor zuschritt Ist es die Nachwirkung der
seltsamen Zigeunerwirtschaft oder die Vorahnung dessen was mir hier in diesem
Schloss der Zauberin begegnen soll  aber mir ist wunderlich zu Mute Ich hätte
am Ende doch besser getan den Wagen welchen mir gestern der alte Baron anbot
nicht auszuschlagen Ich wäre dann vielleicht dem Pastor und seiner Primula
entgangen und auf jeden Fall käme ich jetzt in stattlicher Würde von den
schwerfälligen Braunen gezogen angefahren und nicht zu Fuß in bedeutend
derangirter Toilette wie ein reisender Handwerksbursch Ei nun Kleider machen
wohl Leute aber keine Männer und Melitta wenn mich nicht Alles trügt
verkehrt mit Männern lieber als mit  Leuten
    Er klinkte das unverschlossene Gittertor auf und trat in den Hof Ein
mächtiger Neufundländer Hund der im Grase gelegen hatte richtete sich langsam
empor als er die Tür in den Angeln kreischen hörte und kam Oswald wedelnd
entgegen Nun das ist wenigstens ein freundlicher Willkommen sprach der junge
Mann bei sich während er das prachtvolle Tier streichelnd weiter schritt
Rechts blickte er über ein niedriges Stacket in einen blühenden Garten Mit dem
Stacket in einer Linie war die Front des Herrenhauses eines zweistöckigen
schmucklosen Gebäudes das sich indessen mit seiner altersgrauen Farbe dem
großen steinernen Balcon über der Tür und den zwei gewaltigen Linden davor
recht stattlich ausnahm Die drei anderen Seiten des geräumigen Platzes waren
von den Wirtschaftsgebäuden eingenommen Ein Stacket und eine Reihe junger
Obstbäume war parallel mit dem Wohnhause quer über den Platz gezogen als
Schranke zwischen dem Hofe und dem Rasenplatz vor dem Hause Oswald blickte an
der Front des letzteren hinschreitend durch die offenen Fenster in schöne
Zimmer Es war Niemand darin Er blickte durch die ebenfalls offenstehende
Haustür auf den mit Steinfliesen ausgelegten Flur Eine große Wanduhr schwatzte
in der lautlosen Stille Auch auf dem Hofe regte sich nichts Der ganze Platz
war wie ausgestorben nur die Spatzen zwitscherten und lärmten in den Linden
und die Schwalben schossen an den Mauern hin zu ihren Nestern unter dem Dache
die Jungen zu füttern und schossen ebenso eilig wieder davon
    Es wird Niemand zu Hause sein dachte Oswald Du hast den langen Weg
vergebens gemacht Oder kannst Du mir sagen wo Deine Herrin ist Neufundländer
Sollen wir einmal im Garten nachsehen
    Der Hund als ob er es verstanden was man von ihm wolle trabte von Oswald
fort nach einer Tür die rechts neben dem Hause in den Garten führte und
blickte dort stehend sich nach dem Fremden um
    Also wirklich im Garten
    Oswald drückte die Tür auf Der Hund lief vor ihm her an Blumenbeeten
vorüber in einen schmalen Heckengang bis zu ein paar Stufen die rechts durch
die Hecke auf eine Art Terrasse führten Dort sah er sich noch einmal nach
Oswald um Dann sprang er die Stufen hinauf Oswald folgte
    Zwischen hohen blühenden Sträuchen war das Tier verschwunden Indessen
hatte der junge Mann kaum einige Schritte getan als sich seinen Blicken ein
Bild zeigte das ihn regungslos an seine Stelle bannte Er sah auf einen kleinen
offenen Platz der auf beiden Seiten von den hohen Hecken welche die ganze
Terrasse umschlossen eingerahmt war In der Mitte schoss ein hochstämmiger
breitästiger Tannenbaum wie eine Lanze machtvoll in die Höhe An dem Fuße des
Baumes auf dem Teppich brauner Nadeln stand ein runder Gartentisch und ein paar
Stühle In einem der Stühle umflossen von dem weichen träumerischen Licht des
Sommernachmittags saß Melitta den Kopf in die eine Hand gestützt während die
andere mechanisch die treue Dogge streichelte die sich dicht an die Herrin
drängte Sie trug ein weißes Kleid das in anmutigen Linien den schlanken Leib
umfloss und Busen und Schultern nur zu verhüllen schien um die schönen Formen
desto reizender zu umschreiben Auf dem Tisch lagen Handschuh ein
breiträndriger Strohhut und ein aufgeschlagenes Buch
    Sie saß so in sich versunken da dass sie den leichten Schritt Oswalds nicht
vernahm bis er vor ihr stand Da hob sie schnell den Kopf empor und
unterdrückte nur mit Mühe einen Ruf freudigster Überraschung den Mann
leibhaftig vor sich zu sehen mit dem ihre Gedanken soeben beschäftigt gewesen
waren Für einen Augenblick stockte ihr das Blut im Herzen und dann mit Macht
hervorbrechend übergoss es die bleichen Wangen mit hoher Purpurglut
    Sieh da sagte sie sich rasch erhebend und Oswald die Hand
entgegenstreckend
    Verzeihen Sie gnädige Frau sagte der junge Mann die schöne zitternde
Hand die jetzt in der seinen ruhte ehrfurchtsvoll an die Lippen führend wenn
ich unangemeldet 
    Aber nicht unerwartet Ihr dolce far niente störe  und so weiter und so
weiter  unterbrach ihn Melitta Kommen Sie von Ihnen will ich keine
Redensarten hören Überlassen Sie das unsern hohlköpfigen Junkern Setzen Sie
sich und bedanken Sie sich zuvörderst dass Sie mich überhaupt noch finden
Bemperlein und Julius sind an Ihrem Kommen verzweifelnd vor einer halben
Stunde auf Besuch in die Nachbarschaft gefahren So müssen Sie denn mit mir
allein vorlieb nehmen Das ist Ihre gerechte Strafe
    Wenn die Strafe gerecht istso ist sie auch auf alle Fälle sehr mild
antwortete Oswald heiter und ich unterwerfe mich ihr mit der Demut die dem
reuigen Sünder ziemt
    Sie sehen auch wahrhaftig wie ein reuiger Sünder aus Aber warum kommen Sie
so spät und 
    Und in so derangirter Toilette Im Ernst gnädige Frau ich konnte nicht
früher und nicht anders erscheinen Wenn man wie ich den weiten unbekannten
Weg zu Fuß zurücklegt 
    Wie kommen Sie aber auch auf diesen närrischen Einfall
    Ich leide sehr an närrischen Einfällen gnädige Frau
    Da teilen Sie mit mir dasselbe Schicksal Weiter
    Und wenn man sich unterwegs von einer alten Frau eine Vorlesung über
Unsterblichkeit von einem Landpastor eine Predigt über dasselbe Thema und von
dessen geistreicher Gemahlin erzählen lassen soll was sie den Tieren
abgelauscht 
    Ach Sie Unglücklicher rief Melitta die Hände zusammenschagend
    Wenn man sich darauf im Walde verirren am Rand eines Sumpfes einschlafen
bei der Gelegenheit allerlei süßes närrisches Zeug träumen beim Erwachen sich
von einer Zigeunerin wahrsagen sich von deren Buben auf den rechten Weg
bringen und bei der Ankunft in diesem verzauberten Schloss Niemanden finden
soll der den Fremden zur Chatelaine führt als diesen liebenswürdigen Hund der
so aufmerksam zuhört dass man glauben möchte er verstände unsere Unterhaltung
so werden Sie mir zugeben dass man mindestens eben so viel Zeit braucht dies
Alles zu tun als zu erzählen
    Der Hund legte vertraulich den ungeheuren Kopf auf der Herrin Schoss und
blinzelte zu ihr empor Bist mein braver Boncoeur sagte sie den Liebling
tätschelnd machst Deinem Namen Ehre Siehst in Haus und Hof hübsch nach dem
Rechten weißt wohl dass es außer Dir und dem Baumann doch Niemand tut 
Wissen Sie dass mich Ihr Zusammentreffen mit der braunen Gräfin ich meine der
Zigeunerin und der Czika denn es ist ein Mädchen wie ich Ihnen zum Ruhme
Ihres Scharfsinnes nur sagen muss sehr interessiert
    Ein Mädchen der Cziko
    Die Czika ein Mädchen  verlassen Sie sich darauf aber wo trafen Sie die
Beiden
    Eine Viertelstunde von hier im Walde bei demselben Zaubersee an dessen
Rande ich eingeschlafen war
    Also doch auf dem Berkower Gebiet  das freut mich
    Sie scheinen sich in der Tat für die schöne Mutter und die schönere Tochter
 ich finde jetzt allerdings dass das Kind für einen Knaben viel zu schön war 
sehr zu interessieren gnädige Frau Wie kommt die Zigeunerin zu dem Namen die
braune Gräfin
    Ach sagte Melitta das ist eine lange Geschichte und ein Beispiel jener
närrischen Einfälle von denen ich wie Sie heimgesucht werde und die freilich
bei mir meistens an das Gebiet der dummen Einfälle streifen Vor sechs Jahren
kam die Isabell zum ersten Male in unsere Gegend Sie war damals vielleicht
zwanzig Jahre  vielleicht denn genau weiß sie es selbst nicht Ihr Kind die
Czika war vier Jahre alt das wusste sie denn es war wirklich ihr eigenes Kind
und keine gestohlene Prinzessin oder dergleichen
    Woher wissen Sie das
    Aus der frappanten Ähnlichkeit zwischen Mutter und Kind die Ihnen doch
auch aufgefallen sein muss Beide waren damals bildschön so schön wie ich nie
wieder etwas gesehen habe Ich glaube kein Mensch hätte ungerührt bleiben
können bei dem Anblick dieser jugendlichen Mutter mit ihrem prächtigen Kinde
das in seiner wunderlichen Tracht und in seinen üppigen dunklen Locken so gut
für einen Knaben wie für ein Mädchen gelten konnte Ich habe nur auf Murillos
sonnegetränkten leidenschaftdurchglühten Bildern später etwas Ähnliches
gesehen Ich die ich die Schwäche habe mich auf malerische Schönheit verstehen
zu wollen und selbst ein wenig in dieser herrlichen Kunst pfusche zeichnete
und malte damals vom Morgen bis in den Abend Zigeunerköpfe Ich vergaß nämlich
zu sagen dass ich die Beiden ein paar Tage lang hier in Berkow festhielt
Zufällig musste ich damals eine große Gesellschaft geben Und  jetzt kommt der
dumme Einfall  um unserer albernen Sippe einen Possen zu spielen denn das war
doch der eigentliche Grund kleide ich die Isabell in das prächtigste Kleid das
ich in meiner Garderobe auffinden kann lasse die Czika von meiner Kammerfrau
herausputzen und präsentire sie der Gesellschaft als Gräfin von Kryvan mit
ihrem Töchterchen Czika die ich im vorigen Jahre in Marienbad kennen gelernt
habe und die so eben aus dem fernen Ungarland mich zu besuchen gekommen sei
    Und was sagte die Gesellschaft
    Sie war entzückt Ich hatte ihr vorher angekündigt dass Isabella von dem
streng nationalen ungarischen Adel sei der sich das Wort gegeben habe nie
etwas Anderes wie die Nationalsprache und außerdem nur noch Lateinisch zu
sprechen
    Glaubte die Gesellschaft denn das und versuchten die Herren nicht eine
lateinische Konversation zu beginnen
    Unserer Gesellschaft kann man Alles aufbinden und was unsere Herren
betrifft so ist lateinisch ihnen spanisch Isabella das muss man ihr lassen
füllte ihren Platz auf dem Sopha mit wahrhaft königlichem Anstande aus und die
Griebens die Trantows die Bülows überschütteten die Standesgenossin mit
Aufmerksamkeiten und bedauerten einmal über das andere ihre Unkenntnis der
lateinischen Sprache die es ihnen unmöglich mache sich mit der fremden Dame in
eine jedenfalls höchst geistreiche und interessante Konversation einzulassen
Die kleine Czika wanderte von einem Schoss auf den andern und wurde mit
Leckerbissen und Küssen bald erstickt  Kurz die Komödie spielte zu meiner
größten Zufriedenheit bis zu Ende und in den nächsten Tagen war die ganze
Nachbarschaft voll von der braunen Gräfin wie man die Freundin Melittas von
Berkow kurzweg zu nennen beliebte Nun wie gefällt Ihnen die Geschichte
    Offen gestanden nur halb gnädige Frau Ihrer vornehmen Gesellschaft gönne
ich diese Mystification von ganzem Herzen aber es tut mir weh wenn ich sehe
wie der Arme und Hülflose eben weil er arm und hilflos ist sich zum Spielding
der Reichen und Mächtigen hergeben muss
    Melitta sah Oswald voll in die Augen und antwortete ohne die mindeste Spur
von Empfindlichkeit
    Sehen Sie das ist hübsch dass Sie so denken und noch hübscher finde ich
es dass Sie es mir so geradezu sagen Aber ich habe Ihnen ja von vornherein
zugestanden es war ein dummer Streich den ich nachher aufrichtig bereute und
dessen böse Folgen ich soweit ich vermochte wieder gut zu machen mich bemühte
Denn hören Sie nur wie die Sache weiter verlief Der braunen Gräfin hatte ich
natürlich die Sachen geschenkt die sie und die Czika bei der Komödie getragen
Das arme Weib das mit dem Plunder nichts anfangen konnte wollte ihn in der
nächsten Stadt verkaufen Man glaubte sie habe die Sachen gestohlen und
verlangte sie solle sich über den ehrlichen Erwerb derselben ausweisen Sie
vermochte es nicht denn sie hatte meinen Namen und den Namen meines Gutes
vergessen und überdies konnte kein Mensch aus ihrem Kauderwelsch klug werden
Die Herren vom Gericht beschlossen deshalb in ihrer Weisheit die braune Gräfin
als Landstreicherin und Diebin einzusperren bis sich die Sache auf eine oder
die andere Weise aufklären würde Unglücklicherweise war ich ein paar Tage zuvor
in ein benachbartes Bad gereist und während ich dort die frische Seeluft in
vollen Zügen einsog musste die Aermste wochenlang in dem dumpfen Gefängnisse
schmachten Ach und diesen Leuten ist die Freiheit Alles Sehen Sie das werde
ich mir nie vergeben  Erst nach meiner Rückkehr erfuhr ich durch einen Zufall
das Unglück welches ich angerichtet hatte Natürlich tat ich sofort die
nötigen Schritte Ich fuhr selbst nach B und öffnete den Kerker meiner armen
braunen Gräfin Aber wie fand ich sie wieder Bleich abgemagert verhärmt um
so viele Jahre gealtert als sie Wochen gefangen gesessen hatte Die kleine
Czika sah womöglich noch schlimmer aus Ich nahm sie mit hierher nach Berkow
ich pflegte sie ich tröstete sie ich beschenkte sie ich tat was ich konnte
Aber die Reue kam hier wie überall zu spät Der kleinen Czika war die
Kerkerluft bis ins Herz gedrungen Sie verfiel kaum hier angekommen in ein
hitziges Fieber und ich danke Gott noch heute dass sie mit dem Leben davon kam
Was hätte ich anfangen sollen wenn sie gestorben wäre
    Melitta schwieg und in ihrem Auge glänzte etwas wie eine Träne Aber im
nächsten Momente lachte sie schon wieder und sagte
    Nun sie starb ja nicht sondern wurde wieder munter und frisch wie vorher
und spielte sich mit meinem Julius hier wieder helle Augen und rote Backen Die
Kinder hatten sich sehr lieb gewonnen und ich hätte die Kleine gar zu gern hier
behalten sie mit Julius zusammen erziehen zu lassen Das Kind zeigte die
köstlichsten Anlagen besonders ein überraschendes Talent für Musik Die braune
Gräfin wollte ich zu meiner Kammerfrau machen oder wozu sie wollte Ich stellte
ihr frei ihr Leben nach Belieben einzurichten und bat sie nur zu bleiben
Aber es war die alte Geschichte von dem Frosch und dem goldenen Stuhl Ein paar
Wochen hielt sie das zahme Leben aus und eines schönen Morgens war sie
verschwunden  sie und die Czika Später sind sie wiederholt in diese Gegend
gekommen aber hierher zu mir kommen sie nicht mehr Die Isabell grollt mir
entweder noch oder sie ist eifersüchtig auf mich und fürchtet ich werde ihr
die Czika stehlen Und doch muss sie einsehen dass ich es gut mit ihr meine Die
Leute im Dorf haben Befehl ihr wenn sie vorspricht jede Gefälligkeit zu
erweisen der Förster hat den Auftrag sie unbelästigt im Walde zu lassen und
ich versage mir das Vergnügen sie aufzusuchen weil ich fürchte sie ganz zu
verscheuchen Das ist meine Geschichte von der braunen Gräfin Sind Sie mir noch
bös
    Welches Recht hätte ich dazu
    Nun Sie machten vorhin ein so finsteres Gesicht dass ich mich ganz als arme
Sünderin fühlte
    Sie belieben zu scherzen Was kann Ihnen an meinem Urteil gelegen sein
    Mehr als Ihre jedenfalls halb erkünstelte Bescheidenheit zu glauben
vorgibt Eine Frau hält stets große Stücke auf eines Mannes Urteil weil sie
instinctiv fühlt dass des Mannes Kopf besser das heißt nicht schneller aber
gründlicher sicherer denkt als ihr leichtsinniges Frauengehirn Und vor Euch
gelehrten Herren haben wir noch einen ganz besonderen Respekt Ihr habt Alle um
die Augen und um die Mundwinkel herum so etwas Mystisches Unergründliches so
etwas 
    Oswald musste laut auflachen
    Ja lachen Sie nur Ihnen mag das nicht so erscheinen aber wir fürchten uns
vor Eurem Wissen auch wenn wir Einen oder den Andern unter Euch der gutmütig
genug ist sich dazu herzugeben zur Zielscheibe unseres Spottes machen Da ist
mein Bemperlein mein guter treuer Bemperlein Nun er ist wahrhaftig kein
Genie und kennt die Welt gerade so gut wie ich das Griechische und dennoch
ziehe ich wenn wir uns streiten jedesmal den Kürzeren Das ist doch ärgerlich
Nehme ich dagegen unsere Landjunker Es sind hübsche sehr hübsche Männer
darunter die in LandwehrlieutenantsUniform sich mit ihren blonden
Schnurrbärten sonnengebräunten Gesichtern und hellen blauen Augen prächtig
ausnehmen aber in Civil sehen sie dumm aus Sie haben das Stupide Leblose von
schönen Pferde und Hundegesichtern Der einzige von ihnen der studiert hat
sieht aus als wäre er aus einer andern Welt
    Wer ist dieser Phönix
    Baron Oldenburg
    Ein Schatten fiel über Melittas lebensvolles Antlitz wie wenn eine Wolke
über eine sonnenhelle Landschaft jagt Sie starrte auf ein paar Augenblicke vor
sich hin wie wenn sie den Faden des Gesprächs verloren hätte Dann wie aus
einem Traum erwachend
    Ja was ich sagen wollte  und darum will ich dass mein Julius studiert Aber
ich schwatze und schwatze und frage nicht einmal ob Sie nicht hungrig und
durstig und müde sind wozu Sie doch nach Ihren Kreuzund Querfahrten das
vollkommenste Recht haben Kommen Sie wir wollen hineingehen und sehen ob wir
nicht Jemand auftreiben können der uns einige Erfrischungen besorgt Mich
verlangt ebenfalls danach denn es fällt mir ein dass ich eigentlich nichts zu
Mittag gegessen habe Sind Sie noch gar nicht in dem Hause gewesen
    Doch wenigstens in dem Hausflur Ich fragte eine große Wanduhr ob ich Frau
von Berkow meine Aufwartung machen könne aber sie antwortete SchnickSchnack
SchnickSchnack Da ging ich wieder fort
    Melitta hatte sich erhoben und ihren Strohhut aufgesetzt ohne sich weiter
um die Bänder zu kümmern von denen das eine über den Busen das andere über den
Rücken lief und sagte lächelnd während Oswald im Aufstehen das Buch ergriffen
und nach dem Titel gesehen hatte
    Für Sie spricht auch wohl jedes Ding seine Sprache
    So ziemlich Dies Buch zum Beispiel sagt mir Frau von Berkow könnte mich
auch ungelesen lassen da es so viel bessere Bücher zu lesen gibt
    Ja du lieber Himmel wir auf dem Lande lesen was uns die Leihbibliotekare
und die Buchhändler zu schicken belieben Aber was haben Sie gegen diese
Mystères
    Erstens ärgere ich mich dass ich auf das Buch stoße wo ich gehe und stehe
In Grünwald lag es auf jedem Tisch kaum war ich zwei Tage in Grenwitz
verfolgte es mich auch dahin und nun muss ich es auch gar bei Ihnen finden Ich
habe es nicht bis über den zweiten Band hinaus bringen können und Sie sind zu
meinem Erstaunen schon im vierten Wie können Sie sich für diesen Chourineur
diesen Maître décole diese Chouette und wie das Gesindel sonst noch heißt
interessieren Wahrlich doch kaum so viel wie für Bestien in der Menagerie
Denn diese sind doch wenigstens Gottes Geschöpfe während jene nur die
Ausgeburten der wüsten Phantasie eines verbrannten Dichtergehirns sind
    Sie mögen recht haben sagte Melitta während sie jetzt von der Terrasse in
den Garten hinabstiegen Es ist vielleicht ein Unglück dass solche Bücher
geschrieben werden und ein noch größeres Unglück dass wir und besonders wir
Frauen in unserer Erziehung und Bildung so verwahrlost sind um an diesen
Büchern doch eine Art von Geschmack zu finden Übrigens nehme ich Alles was
Sue von jenem Gesindel erzählt auf Treu und Glauben hin wie die Berichte eines
überseeischen Reisenden von den Wundern die er zu Wasser und zu Land erlebte
um so mehr als er die Sphären der Gesellschaft die ich kenne zum Teil sehr
wahr sehr treu schildert
    Ist etwa Rudolphe Grand Duc régnant de Gerolstein auch nach dem Leben
    Das weiß ich nicht aber so viel weiß ich dass Geschichten wie die des
Marquis dHarville und seiner Frau so oder ähnlich alle Tage im Leben vorkommen
    Oswald antwortete nicht es fiel ihm ein was er über das Verhältnis
Melittas zu ihrem Gemahl gehört hatte wie Herr von Berkow nun schon seit
sieben Jahren in unheilbarem Wahnsinn lag Eine Ahnung der trauervollen Szenen
bis zum Hereinbrechen der furchtbaren Katastrophe überkam ihn es tat ihm weh
dass unversehens an den Vorhang eines so dunkeln Familiendramas gerührt hatte
Aber zugleich erfasste ihn eine unendliche Teilnahme für die reizende Frau die
hier in dieser grünen Wildnis die schönsten Jahre ihres Lebens einsam vertrauern
sollte Was hilft ihr Jugend Schönheit und Reichtum ohne Liebe und wird sie
wohl so geliebt wie sie geliebt zu werden verdient und sie geliebt zu werden
wünscht sie durch deren sanfte schmachtende Augen man in unergründliche
Tiefen von Zärtlichkeit und Leidenschaft blickt
    Während Oswald so das Schicksal der schönen Frau beklagte fühlte er wie
ein Quell schmerzlich süßer Gefühle warm aus seinem Herzen hervorbrach und es
bald bis zum Zerspringen füllte Mit tiefen Atemzügen sog er die weiche
blumenduftgetränkte warme Luft des üppig blühenden Gartens ein Wollüstige
Schatten erfüllten die lauschigen Boskets träumerisch lag der
Nachmittagssonnenschein auf den grünen Rasenplätzen in den dichten Kronen der
Bäume jubelten die Vögel Schmetterlinge wiegten sich über den sonnentrunkenen
Blumenwäldern der Beete
    Langsam wandelten die schlanken Gestalten durch das grüne Revier oft still
stehend hier einen Rosenbusch zu bewundern der in noch üppigerem Schmucke
prangte als seine Nachbarn dort einem Eichhörnchen zuzuschauen das sich lustig
von Ast zu Ast und von Zweig zu Zweig schwang Immer mehr überkam Oswald das
Gefühl als wandele er in einem herrlichen Traum als träume er nur diesen
Sonnenschein diesen Blumenduft diesen Vogelgesang als träume er nur Melittas
süße Stimme Melittas liebestiefe Augen  und auch Melitta war es als ob sie
heute mit ganz anderen Augen sehe mit ganz anderen Ohren höre Der fremde Mann
den sie durch ihre Besitzung führte war ihr so vertraut als kenne sie ihn
schon seit vielen vielen Jahren als habe sie ihn immer gekannt und was sie
seit Jahren tagtäglich gesehen erschien ihr jetzt beinahe fremd Ihr Herz das
seit Jahren nur mit oberflächlichen Neigungen mit leeren Koquetterien
hingehalten war schmachtete nach einer wahren tiefen Leidenschaft und sie
fand die halb erfurchtsvollen halb kühnen aber immer aufrichtig bewundernden
zärtlich liebkosenden Blicke mit denen der junge Mann an ihr hing und sie wie
mit einem unsichtbaren Zaubernetz dessen Maschen sich dichter und immer dichter
woben umspann viel zu süß als dass sie dem der ihr dies süße Glück gewährte
nicht von Herzen hätte dankbar sein sollen
    Sie fühlte sich unsäglich glücklich und dennoch ernster gestimmt als es
wohl sonst ihre Gewohnheit war Der Sturm der Leidenschaft der in ihrer Seele
langsam heraufzog warf schon seine dunkeln Schatten über ihr sonnenhelles
Gemüt und sein erster Anhauch zerriss den leichten Schleier den die Zeit
mühsam über so manches düstere Bild vergangener Tage gewebt hatte Während Oswald
den Bildungsgang den er für Julius am geeignetsten hielt entwarf dabei auf
sein eigenes Leben zu sprechen kam und die schöne Frau gleichsam als ein
Zeichen seiner Liebe und Verehrung so manchen Blick in das tiefgeheimste Leben
seiner Seele tun ließ fühlte sie sich mehr wie einmal auf das sonderbarste
ergriffen Manche Gedanken die der junge Mann in seiner lebhaften Weise mit
gefälliger Beredtsamkeit vortrug hatte sie oft fast in denselben Worten schon
früher einmal gehört von einem Manne der ihr sehr teuer gewesen war dessen
dämonische Natur ihren regen Geist angelockt und gefesselt und dessen raue
Schroffheit ihren weichen Sinn abgestoßen und beleidigt hatte Hier fand sie die
Rosen wieder an deren üppigem Duft sie sich damals berauscht aber ohne die
Dornen hier fand sie was sie dort so schmerzlich vermisst hatte Schönheit der
Formen Grazie der Bewegung und Anmut der Rede
 
                              Dreizehntes Kapitel
Im eifrigen Gespräch in den Gängen zwischen den Beeten auf und abwandelnd
wurden sie an ihre Absicht in das Haus zu gehen erst erinnert als sie sich
demselben zum zweiten Male näherten Sie traten durch die offene Tür in einen
Saal dessen harmonische Verhältnisse und einfache geschmackvolle Decoration
auf Oswald sofort den angenehmsten Eindruck machten Die hohen Kastanienbäume
unmittelbar vor den Fenstern hielten den Raum kühl und schattig Das gedämpfte
Licht tat dem Auge wohl nach dem verschwenderischen Sonnenschein draußen im
Garten Bequeme Sessel in mancherlei Formen und Größen amerikanische
Rockingchairs französische Kauseusen ein großer Flügel Tische mit Büchern
und Bilderwerken bedeckt hier und da in dem weiten Gemache schicklich
verteilt gaben demselben bei allem Reichtum etwas ungemein Wohnliches das
auf das liebenswürdigste mit der steifstelligen Ordnung die in dem Innern des
Schlosses Grenwitz herrschte contrastirte
    Ich bin doch neugierig ob Jemand auf mein Klingeln kommen wird sagte
Melitta ihren Hut auf den Tisch werfend und nach der Klingelschnur gehend
Unmöglich ist es gar nicht dass wir uns höchstselbst in die Speisekammer werden
verfügen müssen notabene wenn wir den Schlüssel auftreiben können
    Sie klingelte und wandte sich wieder zu Oswald der eines der Marmorbilder
welche die Wände des Saales schmückten betrachtete
    Wie finden Sie diese Maske
    Sehr schön es ist die Rondaninische Meduse
    Ah ich sehe Sie sind ein Kenner
    Höchstens ein Liebhaber Ich habe in der Residenz oder sonst wo manches
gesehen meistens freilich nur Gypse Seit meinen Knabenjahren war es mein
sehnlichster Wunsch einmal in das gelobte Land Italien zu wallfahren um dem
hohen Gott Apollo von Belvedere persönlich meine Huldigung darbringen zu können
    Nun das ist doch kein so unbescheidener Wunsch
    Wenn es unbescheiden ist zu wünschen was uns nicht beschieden  doch
    So wäre es unbescheiden dass wir etwas zu vespern wünschen denn das scheint
uns auch nicht beschieden sagte Melitta mit komischklagendem Ton Aber wird
uns nicht oft gerade etwas beschieden weil wir es lebhaft heiß unbescheiden
wünschen Das Schicksal gewährt uns unsern Wunsch wie eine Mutter dem
bettelnden Kinde das Stückchen Kuchen nur um uns los zu werden
    Das Schicksal ist kein launisches Weib sondern ein harter felsenherziger
Gott und wenn wir etwas von ihm haben wollen müssen wir es ihm abtrotzen
    Das ist es für Euch Männer und vielleicht ist es gut dass dem so ist  Ihr
würdet sonst zu übermütig Wir Frauen aber  Du lieber Himmel was sollte aus
uns werden wenn wir uns das bisschen Glück ertrotzen sollten Wir legen uns
lieber aufs Bitten und Betteln und wenn wir eben alle Hoffnung aufgeben wollen
und ganz am Glück verzweifeln  dann gerade dann  sehen Sie da kommt der
Baumann und mit ihm die Aussicht auf unser Vesperbrod
    Die Tür öffnete sich und die Gestalt eines langen hageren Mannes dessen
altem runzligen Gesichte mit den buschigen Augenbrauen eine tiefe Narbe die
über die kahle Stirn am Auge vorbei bis tief in die Wange lief und ein langer
eisgrauer Schnurrbart etwas ungemein Martialisches gaben erschien auf der
Schwelle
    Gnädige Frau sagte er mit einer Stimme die aus einer tiefen Höhle zu
kommen schien
    Ach Baumann es sind wohl außer Ihm Alle ausgegangen
    Zu Befehl
    Das habe ich aber gar nicht befohlen Wo ist die Mamsell
    Drüben in Faschwitz
    Und der Johann
    Bei Försters
    Und die Mädchen
    Im Dorf
    Bester Baumann wir möchten gern etwas Abendbrot haben
    Zu Befehl
    Kann Er uns denn etwas verschaffen
    Schwerlich
    Oder wenigstens den Speisekammerschlüssel auftreiben
    Wird sich kaum bewerkstelligen lassen
    Lieber guter Baumann seh Er doch einmal zu was sich tun lässt
    Zu Befehl
    Damit machte die seltsame Gestalt Kehrt und marschirte wieder zur Tür
hinaus
    Nun was sagen Sie zu meinem maître dhôtel
    Dass der Mann auf jeden Fall ein Original ist aber weshalb hat er mich so
unverwandt mit seinen alten klugen Augen angesehen
    Melitta lachte
    Sie müssen wissen dass der alte Baumann schon Diener bei meinem Vater war
in dessen Regiment er die Feldzüge gegen Napoleon mitmachte Er hat mich als
ich ein Kind war auf seinen Knieen geschaukelt mich nimmer seitdem verlassen
und wird mich nicht verlassen bis ich sterbe oder er stirbt
    Zweimal hat er mir das Leben gerettet und ohne dass ich es wollte oder
wusste im Stillen jeden Schmerz mit mir geteilt ich möchte sagen auch jede
Freude Wenn ich zu ihm spräche Baumann Er muss morgen für mich nach Australien
reisen so würde er sagen zu Befehl würde über Nacht seine Sachen packen und
vor Sonnenaufgang schon unterwegs sein und wenn ich sagte es ist nicht anders
Baumann Er muss für mich sterben so und so  er würde sagen zu Befehl und
nicht mit den grauen Wimpern zucken aber wenn ich zu ihm sagte hören Sie
Baumann statt höre Er Baumann  so würde er das für eine Aufkündigung unserer
Freundschaft halten Jetzt ist er böse dass ich ihm nicht gesagt habe wer Sie
sind Weiß er das und weiß er dass ich Sie gern bei mir sehe dann ist er
zufrieden Nun passen Sie auf was geschieht Er kommt zurück und sagt uns dass
er schlechterdings nichts für uns tun könne Darauf gebe ich ihm die gewünschte
Auskunft und mache Miene selber zu gehen Dann wird Friede geschlossen Sie
müssen ihn aber gütig ansehen wenn ich von Ihnen zu ihm spreche
    Keine Sorge gnädige Frau ich will so freundlich und mild lächeln wie ein
Engel von Guido Reni
    Abermals öffnete sich die Tür Der alte Diener erschien marschirte in das
Gemach blieb genau auf demselben Platze wie das erste Mal stehen und sagte
wiederum Oswald fixirend
    Keine Menschenmöglickeit nicht gnädige Frau
    Aber Baumann das ist ja jammerschade Der Herr Doctor Stein ist eigens aus
Grenwitz und noch dazu zu Fuß herübergekommen um mit Herrn Bemperlein über
Julius zu sprechen Und nun sind die Beiden fortgefahren und wir können ihm
nicht einen Bissen nicht ein Glas Wein vorsetzen und ich selbst habe heute
Mittag wie Er selbst gesehen hat gar nichts gegessen und komme nun bald um vor
Hunger
    Oswald musste sich sehr zusammennehmen dass sich das ihm anbefohlene Lächeln
nicht in ein schallendes Gelächter verwandelte als er sah wie die Miene des
alten Mannes bei jedem Worte das Melitta sprach heller und heller wurde wie
er den vorher auf den Gast fixirten Blick von diesem zu jener von jener zu
diesem wandte als wollte er sagen Na seht Ihr junges Volk dass Ihr ohne den
alten Baumann nicht fertig werden könnt und zuletzt sagte
    Nun was den Kellerschlüssel anbetrifft so habe ich selbigen wie immer in
meiner Tasche gnädige Frau
    Ja das ist ja auch wahr und wie ist es mit dem Speisekammerschlüssel
    Eine Menschenmöglichkeit ist es noch dass Mamsell ihn wieder unter den
Abstreicher gelegt hat trotzdem ich sie schon oft dieserhalb verwarnt habe
    Will Er denn einmal nachsehen Baumann
    Zu Befehl
    Sobald sich die Tür hinter dem alten Manne geschlossen hatte warf sich
Melitta lachend in einen Schaukelstuhl
    Habe ich es nicht gesagt rief sie sich hin und herwiegend lustig wie ein
Kind das seinen Willen durchgesetzt hat habe ich es nicht gesagt
    Oswald hatte sich ihr gegenüber an den großen runden Tisch gesetzt auf dem
ein aufgeschlagenes Album und allerlei Zeichenmaterialien lagen Seine Hand
spielte mit einer Bleifeder während er Melitta in Gedanken verloren
anschaute
    Wollen Sie mich zeichnen
    Ich wollte ich könnte
    Warum nicht da liegt mein Album
    Das hilft mir nichts Lehren Sie mich erst die Kunst unmittelbar mit den
Augen malen zu können
    Sehen Sie das ist gerade was ich immer wünsche Wie oft wenn mich eine
Landschaft eine Gestalt ein Gesicht interessieren denke ich jetzt musst dus
treffen und will ich nun auf das Papier bannen was mir so klar vor den Augen
steht wirds eine Stümperei
    Ich bin überzeugt Ihr Album wird das Gegenteil beweisen darf man es
besehen
    Nein man darf es nicht aber Sie dürfen es Im Grunde hat es nur Wert für
mich denn für mich steht nicht nur das darin was ich gezeichnet habe sondern
auch was ich habe zeichnen wollen Überdies ist mir mein Album eine Art von
Tagebuch Dieses hier werde ich kurz vor meiner italienischen Reise angefangen
haben
    So waren Sie in Italien
    Vor zwei Jahren mit meinem Vetter Barnewitz und seiner Frau Ich wollte Sie
wären auch von der Partie gewesen einmal Ihretalben denn Sie sind es wert
Italien zu sehen und sodann meinethalben die ich dann hoffentlich nicht
allein oder in Begleitung von Wachspuppen durch die herrlichsten Gegenden und
die reichsten Galerien hätte wandern müssen Damals wie stets war es das
Album dessen geduldigem Papier ich Alles sagte was sonst Niemand hören wollte
    Melitta hatte sich erhoben und sich neben Oswald gestellt der aufstehen
wollte ihr einen Stuhl heranzurücken Sie aber ihn daran zu verhindern legte
die Hand leicht auf seinen Arm und ließ sie dort ein paar Augenblicke ruhen 
ein paar Augenblicke und doch lange genug dass Oswalds Hand zitterte und seine
Stimme bebte als er jetzt die ersten Blätter umwendend sagte
    Diese Skizzen sind noch vor der italienischen Reise gezeichnet Hier ist der
geheimnisvolle Teich an dessen Rand ich heute Nachmittag geschlafen und
geträumt habe
    Sie haben mir noch nicht erzählt was Sie geträumt haben
    Doch ich sagte Ihnen ja süßes närrisches Zeug
    Von einer Dame natürlich
    Ja
    So wäre es indiscret mehr wissen zu wollen
    Ach wie reizend rief Oswald als er das nächste Blatt umschlug Wie
heimlich versteckt liegt dieses Häuschen im Walde Gleich treuen Riesenwächtern
umstehen es die alten Fichten Wie eine schützende Gottheit breitet die Buche
ihre mächtigen Äste darüber hin Als wollten sie sagen Du bist unser klettern
die Schlingpflanzen daran hinauf und schaukeln sich vor den niedrigen Fenstern
Und wie träumerisch schleicht der Bach zwischen hohen Binsen und Farrenkräutern
hier durch die saftige Wiese im Vordergrund  das ist wunderschön gedacht
sagte Oswald von dem Blatt zu Melitta emporblickend
    Und weil Sie Alles so hübsch nachempfunden haben so will sich Sie noch
heute an Ort und Stelle führen
    Wie so ist dies keine Phantasie
    Bewahre höchstens die Enten hier die sich vor dem Habicht in die Binsen
ducken Das Bächlein ist der Abfluss Ihres geheimnisvollen Sees im Walde
    Also nur eine Fortsetzung meines Traumes sagte Oswald weiterblätternd
    Ein loses Blatt kam ihm zunächst in die Hände Der Kopf eines Mannes im
Profil war in schönen kühnen Linien darauf gezeichnet In einer Ecke standen
die Buchstaben AvO und ein Datum
    Das Blatt wird verloren gehen sagte Oswald
    Mag es antwortete Melitta
    Der Ton in welchem sie diese beiden Worte sprach war so eigentümlich so
ganz ohne die gewöhnliche Süßigkeit ihrer Stimme dass Oswald unwillkürlich zu
ihr aufschaute Er sah dass ihre schönen Brauen wie im Schmerz zusammengezogen
waren und ihre Lippen zuckten Er senkte sogleich seinen Blick und wollte das
Blatt umschlagen Melitta legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte leise
    Wie finden Sie den Kopf
    Ein Sturm brauste durch Oswalds Seele Er hätte sich von dem Sessel zu
Melittas Füßen werfen und ausrufen mögen ich liebe Dich ja Melitta Wie
kannst Du mein Urteil hören wollen über den Mann den Du geliebt hast
vielleicht noch liebst  Aber er bezwang sich und sagte mit scheinbarer Ruhe
    Es ist der Kopf eines Mannes auf den mir Tassos Worte zu passen scheinen
Und haben alle Götter sich vereinigt
An seiner Wiege Gaben darzubringen
Die Grazien sind leider ausgeblieben 
Dieser Mann wird niemals glücklich sein weil er niemals wird glücklich sein
wollen
    Und darum sagte Melitta ist dieser Mann aus meinem Leben losgelöst wie
dies Blatt aus dem Album Wenn man die Erinnerung töten könnte wie man ein
Blatt vernichten kann so läge es nicht mehr hier Da das aber nicht geht so
mag es bleiben wo es ist Weiter
    Der Sturm in Oswalds Seele war vorübergebraust Wie lindes Wehen des
Frühlings überkam ihn der Gedanke Sie könnte und würde dir das nicht sagen
wenn sie dich nicht ihres Vertrauens und ihrer Freundschaft für würdig
erachtete Und ein Gefühl unsäglichen Glücks durchbebte ihn bei diesem Gedanken
    In dieser seligen Stimmung durchmusterte er die folgenden Blätter die
Melitta auf ihrer italienischen Reise gezeichnet hatte Landschaften mit
heiteren klaren Linien Skizzen aus Städten Paläste Straßen Ruinen
zwischendurch ein keckes Lazzaronigesicht oder ein träumerisches Mädchenantlitz
Dann folgten Studien nach der Antike zum Teil sehr fleißige Studien denn
Manches war wieder und wieder gezeichnet bevor es dem regen Schönheitssinn
Melittas genügt hatte Besonders schön war der Kopf der Venus von Milo Auf
einem der nächsten Blätter war die ganze Gestalt
    Wo haben Sie das gezeichnet fragte Oswald doch unmöglich nach einer Kopie
    Nein nach dem Original selbst Ich war damals in Italien eine halbe
Katolikin geworden und als ich in Paris im Louvre die hohe Gestalt sah da
sagte ich zu mir diese oder keine ist deine Heilige O Sie glauben nicht wie
schön sie ist wie schön und wie gut und dieser Ausdruck himmlischer Güte den
die Milonische Venus nicht nur vor allen anderen Venusbildern sondern auch vor
sämtlichen antiken Köpfen voraus hat rührte mich fast noch mehr als ihre
göttliche Schönheit Vor der Milonischen Venus habe ich es zum ersten Male
begriffen wie es möglich sei vor einem Bilde das Menschenhand geschaffen zu
beten aufrichtig inbrünstig zu beten Warum stützen Sie den Kopf so
nachdenklich in die Hand Hier nehmen Sie diesen Bleistift und schreiben Sie
mir unter das Bild was Sie eben gedichtet haben denn ich habe es Ihnen
angesehen dass Sie Verse machten
    Oswald nahm den Griffel den ihm Melitta halb im Scherz und halb im Ernst
bot und schrieb während die schöne Frau ihm über die Schulter blickte mit
zitternder Hand
Fern zu Paris im hohen Louvresaale
Inmitten all der göttlichen Gestalten
Der marmorschönen ach und marmorkalten
Da tront sie hoch auf dem Piedestale
Sie die im stillverschwiegnen Bergestale
Als träumerisch die duftgen Nebel wallten
Anchises einst in seinem Arm gehalten
Bis sie entschwand im ersten Morgenstrahle
Die Göttin starb Man fand die schöne Leiche
Und trug sie still in heilge Tempelhallen
So herrscht die Tote nun im Todtenreiche
Und keinem keinem von den Gläubgen allen
Neigt gütig sie das Angesicht das bleiche
Taub bleibt ihr Ohr für frommer Beter Lallen
Oswald legte den Griffel aus der Hand und schaute zu Melitta empor Sein Blick
begegnete dem ihrigen Für ein paar Momente ruhten ihre Augen in einander als
ob sie Eines in des Andern Seele lesen wollten
    Da erschien in der Tür zum Nebenzimmer aus dem man schon seit einiger Zeit
das Klappern von Tellern gehört hatte der alte Baumann mit einer Serviette
unter dem Arm und sagte feierlich wie der Komtur im Don Juan
    Gnädige Frau es ist angerichtet
    Schnell kommen Sie ehe unser Habermus kalt wird rief Melitta
    Nur noch die paar Blätter erlauben Sie sagte Oswald ich sehe es ist
gleich zu Ende
    Es ist nichts von Bedeutung mehr darin sagte Melitta fast ungeduldig
    Ei da ist ja der Park von Grenwitz rief Oswald indem er vom Sessel sich
erhebend das letzte Blatt aufschlug Der Rasenplatz hinter dem Schloss Hier
die Flora dort Bruno im vollen Lauf 
    Und hier sind Sie
    Wo
    Dort
    Dieser Nebelstreif sagte Oswald auf eine Stelle rechts neben der Flora
deutend wo man von einer Figur die mit Gummi wieder weggewischt war noch eben
die Umrisse erkennen konnte
    Dieser Nebelstreif antwortete Melitta lachend Ich wollte Sie erst in Ihrer
wirklichen Gestalt zeichnen konnte aber nicht damit zu Stande kommen Jetzt
sollen Sie als Erlkönig figuriren der den Knaben Bruno hascht das heißt
Brunos Leib denn seine Seele gehört Ihnen schon Wie haben Sie es nur
angefangen den jungen Leoparden in den paar Tagen vollständig zu zähmen
    Durch ein Bischen aufrichtige Liebe Shakespeare nennt als untrügliches
Mittel die Menschen zu fangen die Schmeichelei ich finde dass die Liebe ein
noch viel sicheres und dabei viel edleres ist
    Und ist nicht die Liebe die größte Schmeichelei
    So sprachen Oswald und Melitta während sie in das Nebenzimmer gingen ein
hohes schönes mit altertümlichen Möbeln ausgestattetes Gemach in dessen
Mitte auf einem runden Tischchen allerlei Erfrischungen gar einladend servirt
waren Hinter dem einen der reichgeschnjetzten hochlehnigen Stühle stand
kerzengerade die Serviette unter dem Arm der alte Baumann einer Anerkennung
seiner ausgezeichneten Verdienste und fernerer Befehle gewärtig
    Nun was bietet uns denn unser Tischleindeckedich sagte Melitta sich
setzend und Oswald mit einer Handbewegung einladend ihrem Beispiele zu folgen
    Kalten Braten  Eingemachtes  ganz charmant Baumann Mamsell wird sich
ärgern dass wir ohne sie fertig geworden sind
    Mamsell ist vor einigen Minuten von Faschwitz retournirt sagte Baumann der
an einem Nebentisch eine Flasche entkorkte
    Ich wette sie ist gar nicht fortgewesen flüsterte Melitta lächelnd Oswald
zu Was haben wir denn für unsern Gast zum Trinken Baumann
    Steinberger Kabinet zweiundvierziger sagte Baumann Oswalds Glas mit dem
goldigen Weine füllend
    Und für mich
    Frisches Brunnenwasser etwa mit Himbeersaft antwortete Baumann kaltblütig
die Flasche mit dem Stöpfel darauf vor Oswald hinstellend
    Damit bin ich heute schlechterdings nicht zufrieden Baumann Wie steht es
denn mit unserm Champagner
    Rein alle gnädige Frau
    Aber wir haben ja doch neulich erst eine Kiste bekommen
    Steht noch nietennagelfest im Keller
    Ach das ist ja jammerschade klagte Melitta Und ich komme fast um vor
Durst und muss nun gerade heute ein solches Verlangen nach Champagner haben
    Nu nu tröstete Baumann wird sich ja noch bewerkstelligen lassen
    Damit schritt er zur Tür hinaus
    Sehen Sie so muss ich mir in meinem eigenen Hause Alles zusammenbetteln
sagte Melitta aber Sie essen ja nicht Und was für ein Stück Sie sich da
genommen haben Das schlechteste auf dem ganzen Teller Gott was seid Ihr
Männer doch für hülflose unpraktische Geschöpfe Ich merke schon dass ich für
Sie sorgen muss
    Und sie begann trotz Oswalds Versicherung dass er gar keinen Hunger habe
seinen Teller mit dem Besten was sie auf dem Tisch entdecken konnte zu füllen
    Es schmeckt Ihnen nicht sagte sie endlich fast traurig als sie sah dass
der junge Mann selbst jetzt die Speisen kaum berührte Sie sind krank
    Ich befand mich im Leben nicht wohler Aber sind Sie nie in der Stimmung
gewesen wo man Essen und Trinken für das Überflüssigste von der Welt und die
himmlischen Götter selbst die doch noch des Nektars und der Ambrosia bedurften
für sehr armselige Götter hält
    O gewiss kenne ich solche Stimmungen antwortete Melitta genau so war mir zu
Mute als ich von meiner Tante zum ersten Mal auf den Ball geführt wurde Aber
das ist lange undenkbar lange her seitdem hat meine Stimmung so viel ich
weiß mit meinem Appetit nie wieder etwas zu tun gehabt
    Trotz dieser Prahlerei indessen blieb auch für Melitta außer ein paar
eingemachten Früchten Alles auf der Tafel Schaugericht Das süße Feuer das
ihren Busen höher wallen und ihre schönen Augen in noch zärtlicherem Lichte
strahlen machte bedurfte zu seiner Nahrung nicht der Gaben der Ceres Zum
ersten Male an diesem Nachmittage geriet das Gespräch ins Stocken Von dem
was ihre Herzen zum Zerspringen füllte wagte Keiner zu sprechen und Alles
sonst erschien so gleichgültig so nüchtern Eine Verlegenheit die sie
vergebens hinter dem Anschein der Unbefangenheit zu verbergen sich bemühten
überkam sie Beide fühlten wie eine starke unsichtbare Hand ihnen die Masken
mit denen wir auf dem Karneval des Lebens unsere wahren Gesichter vor einander
verhüllen langsam langsam abstreifte
    Aus dieser wunderlichen Lage erlöste sie der alte Baumann der jetzt das
närrische Kind der Champagne in seiner silbernen mit Eis gefüllten Wiege
herbeibrachte und vor Oswald auf den Tisch stellte Wie er es in den wenigen
Minuten bewerkstelligen konnte aus dem tiefen Keller und der nietennagelfesten
Kiste das Gewünschte herbeizuschaffen war eines der Rätsel in die sich der
gute alte Mann zu hüllen liebte und die er für jedes sterbliche Auge
undurchdringlich hielt Mit kunstgerechter Hand die Flasche entkorkend füllte
er den perlenden Wein in die langen zierlichen Kelche die er vom Büffet
genommen und schaute wohlgefällig lächelnd zu wie seine Herrin fast gierig
den süßen Trank schlürfte und ihm das geleerte Glas hinhaltend rief Encore
Baumann und schenke Er sich auch ein Glas ein und trinke Er es auf das Wohl
unseres Gastes
    Der alte Diener tat wie ihm geheißen füllte sich am Büffet ein Glas und
dann auf zwei Schritt an den Tisch herantretend rief er
    Zuerst auf Ihr Wohl gnädige Frau denn das geht mir doch über Alles Und
möge der liebe Gott Ihre Augen allezeit so fröhlich blicken lassen wie zu
dieser Stunde Und sodann auf Ihr Wohl junger Herr und möge der Himmel Ihren
Eingang in dies Haus gesegnen dass nichts als Frieden und Freude daraus komme
Und das wünscht Ihnen der alte Baumann
    So sprach er und leerte langsam das Glas den Kopf zurückbiegend bis sein
Auge auf den bausbackigen Engelskopf in der Stuckatur der Decke gerade über
seinem Scheitel traf und das geleerte Glas dann wieder auf das Büffet setzend
trat er ans Fenster dem Paar am Tisch den Rücken zuwendend wie um die
Unterhaltung nicht weiter zu stören
    Die Gegenwart des alten Dieners und der belebende Wein hatten ihre Zungen
wieder gelöst und ihre Blicke kühner gemacht Sie schwatzten scheinbar
unbefangen über allerlei gleichgültige Dinge bis Oswald Melitta an ihr
Versprechen ihn noch heute nach dem Häuschen im Walde zu führen erinnerte
    Habe ich Ihnen das versprochen sagte Melitta Nun so muss ich es auch wohl
tun obgleich es mir beinahe jetzt leid ist denn Sie glauben nicht an meine
Heilige und sind deshalb nicht würdig ihre Kapelle zu betreten
    Ihre Heilige
    Die hohe Frau von Milo Ich muss Ihnen jetzt auch nur erzählen wie weit
meine Schwärmerei für die Göttliche ging Nach meiner Rückkehr verfolgte mich
die Erinnerung an das schöne Bild im Louvre so dass ich nicht ruhte bis ich mir
von Paris mit nicht geringen Kosten eine ausgezeichnete Kopie verschafft hatte
Weil ich aber nicht wagte meine Heilige hier im Hause aufzustellen brachte ich
sie nach dem Häuschen im Walde das so meine Waldkapelle wurde zu der ich jedes
Mal wenn Besuch in Berkow ist den Schlüssel verloren habe und wo ich oft
ganze Tage und Nächte zubringe wenn die dummen Menschen mich einmal mehr als
gewöhnlich geärgert haben und ich da ich keine Gesellschaft haben kann wie
ich sie wünsche wenigstens ganz einsam sein will
    Und da machen Sie dann mit dem Harfner im Wilhelm Meister die traurige
Erfahrung dass wer sich der Einsamkeit ergibt bald allein ist aber Ihnen
hätte ich solche hypochondrische Grillen am wenigsten zugetraut
    Warum nicht mir
    Weil Sie so gut und so heiter blicken  blicken können
    Und wissen Sie nicht dass gerade die heitern Augen am leichtesten weinen
    Ich möchte Sie um Alles in der Welt nicht weinen sehen ich glaube das
könnte mir das Leben auf immerdar verleiden
    Und wieder ruhten ihre Blicke in einander und ihre Seelen küssten sich
    Nun denn so kommen Sie sagte Melitta
    Es zieht ein Gewitter herauf bemerkte der alte Baumann vom Fenster her
ohne sich umzuwenden
    Bis es herauf ist sind wir längst drüben sagte Melitta die sich schon
erhoben hatte Und wenn Sie sich vor einem Gewitter nicht mehr fürchten als ich
 oder fürchten Sie sich vor einem Gewitter 
    Oswald lächelte
    So soll uns das wahrlich nicht abhalten Übrigens sehe ich vom Gewitter
keine Spur sagte sie schon an der Tür des Gartensaales
    In diesem Augenblick zog ein blauer Schatten über den Garten und eine
Schaar Schwalben schoss zirpend und schreiend dicht über die Erde streifend an
der Tür vorbei
    Wollen wir doch lieber bleiben sagte Melitta die schon den Fuß über die
Schwelle gesetzt hatte zu Oswald zurückgewandt
    Ich fürchte mich nicht vor dem Gewitter antwortete Oswald nicht nach dem
Himmel sondern in ihre Augen blickend
    Und im Walde ist es gerade am schönsten im Sturm und Gewitter rief Melitta
Adieu Baumann Wenn der Wagen von Grenwitz kommt schicke Er ihn nach der
Försterei Der Kutscher soll sich im Waldhäuschen melden Baumann schaute den
Enteilenden nach bis Melittas weißes Kleid zwischen den Büschen verschwunden
war
    Wer ihn so auf der Schwelle des Hauses stehen sah den alten hohen Mann mit
dem weißen Bart und dem narbenvollen Gesicht die noch immer starken Arme über
der treuen Brust verschränkt und die klugen treuen Augen nachdenklich in die
Ferne gerichtet  der mochte wohl denken dass ein besserer Wächter nicht könnte
gefunden werden Aber ach das Haus war leer die geliebte Herrin war davon
geeilt hinein in den gewitterschwülen Abend mit dem Fremden dem Manne den sie
seit gestern kannte Und er der treue Diener seufzte tief während er mit
gesenktem Haupte durch den Saal in das Esszimmer zurückschritt und langsam den
Tisch aufzuräumen begann Die guten Gottesgaben kaum berührt murmelte er das
gefällt mir nicht Wenn junges Volk keinen Hunger im Magen hat hat es
Narrenspossen im Kopf Und an dem Wein haben sie auch nur genippt Da steht die
Flasche noch halb voll  und morgen ist er nicht mehr zu trinken  morgen 
Der alte Mann setzte sich an den Tisch und stützte sein sorgenvolles graues
Haupt auf die runzlige Hand Aber an Morgen denkt das junge Volk nicht Morgen
ist der junge Mann mit seiner weichen Stimme und seinen großen blauen Augen
wieder in Grenwitz und wer weiß wo er übermorgen ist Aber der alte Baumann
ist hier  morgen und übermorgen und wenn die Gäste fort sind sieht das Haus
ganz anders aus und beim Auskehren da findet es sich  Ja ja der alte
Baumann sieht was die Andern nicht sehen und hört was die Andern nicht hören
 Ach Baumann ich wollte ich wäre tot ach Baumann warum hat Er mich
damals aus dem Feuer getragen  Jetzt sagt sie ich fürchte mich nicht vor dem
Gewitter und schicke Er uns nur den Wagen nach Baumann Hm hm ich hätte es
eigentlich nicht zugeben sollen ich hätte sie bei Seite nehmen sollen und zu
ihr sagen Höre Kind so und so denke an das und das  Aber wenn ich die
Kleine so glücklich sehe so fröhlich wie damals als ich sie zuerst auf dem
Pony reiten sah ein zwölfjähriges Ding und sie sagte bitte bitte lieber
Baumann nun lass Er uns einmal ordentlich jagen da konnte ich auch nicht nein
sagen und fort ging es was die Tiere laufen wollten Gerade so große
strahlende Augen hatte sie heute Abend wieder und gerade so rosig und frisch sah
sie wieder aus Das arme arme Kind  Ja so du wolltest ja nachsehen ob oben
die Fenster alle ordentlich schließen es ist von wegen des Gewitters
 
                              Vierzehntes Kapitel
Fröhlich wie Kinder aus der Schule eilten Oswald und Melitta aus dem Hause durch
die grünen Laubgänge des Gartens nach der Pforte die aus diesem heraus auf die
Wiese führte Hinter der allmälig aufsteigenden Wiese ragte der Wald Gleich
neben der Pforte und ein Stück am Garten hin lag ein halb versumpfter hie und
da am Rande mit Weiden besetzter Teich da sich das Wasser des Waldbaches an
dieser tiefer gelegenen Stelle abermals staute um dann an dem Gutshof vorüber
und hernach durch das Dorf lustig hinabzuplätschern Auch die Wiese war schon
zum Teil versumpft mochte auch wohl im Frühjahr ganz unter Wasser stehen
jetzt dienten große Steine als rohe Brücken über gar zu nasse Stellen
    Der Weg ist für Stadterrn ein wenig sehr ländlich nicht wahr Herr Doctor
sagte Melitta leicht wie eine Gazelle von Stein zu Stein hüpfend wir
Naturkinder freilich sind an dergleichen gewöhnt Ich hätte Sie auch den längeren
Weg durch den Park und den Wald führen können aber Sie müssen Berkow auch von
seiner Schattenseite kennen lernen
    Nun wahrlich gnädige Frau wenn dies eine Schattenseite von Berkow ist so
verlangt mich nicht nach den Sonnenseiten sagte Oswald lächelnd indem er auf
einem der Blöcke stehen blieb und seinen Hut abnahm um sich den Schweiß von der
Stirn zu wischen denn die Luft war schwül der blaue Schatten war vorüber
gezogen die am Rande des Holzes stehende Sonne schoss glühende Strahlen und sie
waren schnell gegangen
    Schon müde sagte Melitta ebenfalls stehen bleibend und sich den Hut
abnehmend um ihr reiches braunes Haar nach hinten zu schütteln kommen Sie je
schneller wir laufen desto früher kommen wir in den schattigen Wald Ich zähle
eins zwei drei  und wer zuerst ankommt 
    Nun
    Das wird sich finden Eins zwei drei  o
    Melitta war von dem Stein auf welchem sie stand auf einen anderen
niedrigeren gesprungen und sank mit einem Ausruf des Schmerzes in die Kniee Im
Nu war Oswald an ihrer Seite
    Mein Gott was ist Ihnen gnädige Frau
    O nichts nichts Ich habe mir im Springen den Fuß etwas vertreten es wird
gleich besser sein
    Sie stützte sich auf Oswalds Arm blass und vor Schmerz die Unterlippe
zwischen den Zähnen pressend Aber die Farbe kam ihr wieder als sie zu Oswald
aufschaute
    Seien Sie unbesorgt sagte sie  und ihre Stimme klang süßer als je  Ihre
Wette haben Sie doch gewonnen So jetzt wird es schon wieder gehen
    Sie wollte ihren Arm aus Oswalds Arme ziehen aber er mochte die schöne
Beute nicht so bald wieder fahren lassen
    Sie können ohne sich zu stützen noch nicht gehen und missgönnen Sie mir
die Freude Ihnen diesen geringen Dienst leisten zu dürfen
    Ich fürchte nur der Weg ist bei der Sonnenglut für Sie selbst beschwerlich
genug O
    Ein falscher Tritt ließ Melitta abermals zusammensinken
    Wir werden stehen bleiben müssen sagte sie
    Ich will Sie die paar Schritte bis an den Wald hinauftragen Sie können sich
da wenigstens im Schatten ausruhen
    Melitta lächelte Ich bin nicht so leicht wie eine Puppe
    Und ich nicht so schwach wie ein zehnjähriges Mädchen rief Oswald umfasste
Melittas schlanken Leib und sie emporhebend trug er sie sicher wie die Mutter
ihr Kind über die letzten Steine hinauf bis an den Waldrand wo die breiten
Kronen der Buchen Schatten und Kühlung spendeten Dort ließ er sie sanft aus
seinen Armen auf das dichte Moos gleiten indem er selbst vor ihr stehen blieb
Melitta hatte sich von dem Augenblicke an wo der kühne junge Mann sie emporhob
nicht weiter gesträubt sie fühlte alsbald dass er stark genug sei sie zu
tragen aber sie hielt es für töricht ihm die Last nicht so viel wie möglich
zu erleichtern und hatte sich dicht in seine Arme geschmiegt
    Wie stark Sie sind sagte sie jetzt bewundernd zu ihm aufschauend
    Oswalds Herz hämmerte und seine Brust wogte mehr vor innerer Erregung als
in Folge der Anstrengung Er fühlte noch immer die elastischen Glieder die er
in seine Arme gepresst das weiche Haar das sein Gesicht umspielt den süßen
Atem der seine Stirn umweht hatte
    Unter solchen Umständen wäre es eine Kunst nicht stark zu sein antwortete
er
    Aber angegriffen hat es Sie doch gestehen Sie es nur Kommen Sie und setzen
Sie sich zu mir auf diesem Moossopha ist Platz für mehr als zwei
    Oswald ließ sich neben Melitta die sich an den Stamm der Buche lehnte in
das weiche Moos sinken stützte den Kopf auf den Arm und schaute sinnend empor
in ihr heiteres Antlitz  Nahte sich der Traum am Sumpfesrand der Erfüllung
wird sich das liebe holde Gesicht zu ihm niederbeugen und ihn küssen wie die
Traumgestalt Oder ist dies wieder ein Traum  Es überkam Oswald das
wunderliche Gefühl als habe er dies Alles schon einmal erlebt als kenne er
diesen Platz hier den dunklen Hochwald aus dem das Klopfen eines Spechtes
ertönte  vor ihm die Wiese über deren langes Gras rote Abendlichter wogten 
drüben den stillen Garten aus dessen grünem Revier Melittas graues Schloss
hervorragte  seit vielen vielen Jahren  als habe er Melitta selbst in seinem
früheren Leben oft gesehen als Knabe schon wenn er sich recht tief in ein
schönes lauschiges Märchen hineingelesen hatte so dass zuletzt die holde
Prinzessin ordentlich leibhaftig vor ihm stand  und auch Melitta musste
Ähnliches empfinden denn vollkommen unbefangen als wäre er ihr Bruder oder
Gatte nahm sie ihm den Hut vom Haupt und drückte ihm ihr feines duftendes
Taschentuch wiederholt auf die perlende Stirn und die blauen träumerischen
Augen
    Oswald ergriff die liebe Hand und presste sie an seine Lippen
    Die Hand muss ich Ihnen freilich lassen sagte er aber das Tuch kann ich
Ihnen wahrlich nicht wiedergeben
    So behalten Sie es als Andenken an diese Stunde Aber jetzt wollen wir
weiter Wir haben bis zur Waldkapelle doch noch eine ziemliche Strecke und der
Himmel sieht in der Tat drohend aus
    Melitta lehnte sich auf Oswalds Arm als sie jetzt den schmalen Pfad
einschlugen der erst durch Buchen dann zwischen einer Schonung jungen
Laubholzes auf der einen und hochstämmigem Nadelholze auf der andern Seite
tiefer in den Wald führte Die Sonne goss über die niedrigen Büsche fort ihre
letzten Strahlen purpurn auf die Wipfel der Tannen ein Vöglein strömte in
weichen klagenden Tönen als wenn es Abschied nähme von der Sonne und vom
Leben seine süßen Abendlieder aus  Dann erlosch die Purpurglut droben das
Vöglein verstummte und Schatten und Stille umfing die Liebenden Aber der
Schatten wurde düsterer und drohender und die Stille wurde seltsam unterbrochen
von dem Knarren und Stöhnen der Tannenriesen die ihre starken Glieder reckten
und dehnten als wollten sie prüfen ob ihre Kraft noch ausreiche dem
Gewittersturm der über den Wald heraufzog zu trotzen Und jetzt begann es in
den Büschen unheimlich zu zischeln und zu flüstern dürres Laub flog wie in
toller Angst her vor der Windesbraut die sausend in das Blättermeer schlug
die Kronen der Buchen wie wahnsinnig durcheinander peitschte die hohen Wipfel
der Tannen mächtig bog und den Wald bis in die tiefsten Gründe aus seiner Ruhe
schreckte Das fahle Licht eines Blitzes zuckte auf schon fielen große warme
Tropfen durch die Blätter
    Melitta hatte sich dicht an Oswald geschmiegt dessen Herz mit dem Sturm
aufjauchzte Die Geliebte mit dem einen Arm an sich drückend streckte er wie
zum Kampf den andern zum gewitterschwarzen Himmel auf Nur zu nur zu murmelte
er durch die zusammengepressten Zähne ich fürchte Dich nicht  Wie gnädige
Frau ist Ihr Mut schon zu Ende O es ist schön im stürmenden donnernden
Walde
    Melitta sprach kein Wort die Augen nicht vom Boden erhebend eilte sie
weiter schneller und immer schneller bis der Wald sich zu einer weiten
Lichtung öffnete und da lag vor ihnen in diesem Augenblick von dem rötlichen
Lichte eines Blitzes hell erleuchtet die Waldkapelle Nur ein paar Schritte
noch und sie langten unter dem weit vorspringenden Dache des im Schweizerstyl
allerliebst ausgeführten Häuschens an Rasch erstieg Melitta die Stufen die zu
der niedrigen Veranda hinaufführten sie nahm einen kleinen Schlüssel aus der
Tasche ihres Kleides drehte das Schloss auf aber anstatt die Tür zu öffnen
lehnte sie sich zitternd gegen die Pfosten Sie war bleich ihre Kraft schien
gänzlich erschöpft sie drückte die Hand auf das Herz So sah sie Oswald als er
den Blick von der im Regen dampfenden Wiese  ein Anblick der ihn stets mit
einer eigentümlichen Lust erfüllte  zu ihr wendete
    Mein Gott gnädige Frau was ist Ihnen was haben Sie
    O nichts nichts sagte sie beim ersten Ton seiner Stimme sich aufraffend
es ist der schnelle Lauf jetzt ist es schon wieder besser kommen Sie
    Sie öffnete die Tür und trat ein Oswald folgte Aber er fuhr entsetzt
zurück als er in dem mystischen Halbdunkel das in dem Gemache herrschte eine
hohe weiße Gestalt erblickte die aus der Wand hervorzuschweben schien
    Was ist das rief er im ersten Schrecken
    Was sagte Melitta welche die Fenster öffnete um die frische Luft in das
heiße blumendufterfüllte Gemach strömen zu lassen
    Die Venus von Milo rief Oswald und ein wollüstiger Schauder durchrieselte
ihn
    Meine Heilige ich sagte es Ihnen ja Nun wie finden Sie die Kapelle
    Es war ein nicht sehr großes aber verhältnismäßig hohes Gemach rechts und
links je ein Fenster das auf die Veranda führte der Tür gegenüber stand in
einer Nische auf einem niedrigen Piedestale das Bild der Göttin Bequeme
Gartenstühle eine Chaise longue ein Tisch auf dem Bücher Papiere
Zeichenmaterialien eine angefangene Stickerei Reitpeitsche und Handschuhe
durcheinander lagen  waren die einfache schickliche Ausstattung
    Sind Sie sehr nass geworden fragte Melitta ihren Hut auf den Tisch werfend
ohne die Antwort auf ihre vorige Frage abzuwarten Und dann
    Gehen Sie da vom Fenster fort Sie werden sich erkälten Kommen Sie hierher
oder nein setzen Sie sich auf die Chaise longue und erholen Sie sich
    Und wieder
    Wenn ich nur etwas für Sie herbeischaffen könnte  Aber es ist wahr ich
kann ja Tee bereiten Wo sind nur gleich die Sachen Hier  nein dort in dem
Schrank
    Das Alles sagte sie hastig wie gedrängt von einer in ihr wühlenden Unruhe
mit raschen ungleichen Schritten im Gemache hin und her schreitend
    Oswald ergriff ihre Hand
    Sorgen Sie nur erst für sich selbst liebe gnädige Frau mir schadet das
bisschen Regen wahrlich nichts Ihr Kleid ist feucht und ihre dünnen Stiefel sind
auch keine Fussbekleidung für das nasse Gras der Wiese
    O für mich ist leicht Rat geschafft Ich habe nebenan Alles was ich
brauche
    Nebenan
    Sagte ich Ihnen nicht dass ich hier oft selbst die Nächte zubringe Die Tür
dort führt in meine Garderobe
    So gehen Sie sogleich hinein und kleiden Sie sich um
    Melitta zog ihre Hand aus der des jungen Mannes und ging ohne ein Wort zu
erwidern von ihm fort und verschwand durch eine Tür die sich neben der Statue
befand und die Oswald jetzt zum ersten Male bemerkte
    Er warf sich in einen der Lehnstühle und stütze den Kopf in die Hand dann
sprang er wieder auf lehnte sich ins Fenster und starrte mit düsteren Augen
hinein in den Sturm und Regen dann ging er mit hastigen Schritten in dem
Gemache auf und ab endlich warf er sich vor dem Piedestale der Göttin nieder
und legte seine heiße Stirn auf ihre Marmorfüsse
    Das Rauschen eines Gewandes dicht neben ihm schreckte ihn aus seinem
Fiebertraum
    Melitta rief er mit Tränen der Wonne im Auge zu ihr aufschauend Melitta
    Sie beugte sich zu ihm nieder und küsste ihn zärtlich auf die Stirn dann
aber eilte sie von ihm fort warf sich in einen der Lehnstühle und schluchzte
als ob ihr das Herz brechen wollte
    Oswald fiel vor ihr nieder er umfasste ihre Kniee er drückte sein glühendes
Gesicht in ihren Schoss er küsste ihr Gewand ihre Hände Melitta süße holde
weine nicht Wie kannst Du weinen da Du mich so namenlos glücklich machst
Melitta liebe liebe Melitta Deine Tränen töten mich Nimm lieber mein
Herzblut Tropfen für Tropfen Mein Blut mein Leben meine Seele sind ja Dein
Melitta für diesen Augenblick will ich Dir ewig danken hörst Du Melitta ewig

    Um Gotteswillen schwöre nicht rief Melitta auffahrend und ihm die Hand
auf den Mund legend Dann ergriff sie seinen Kopf und küsste ihn leidenschaftlich
auf Stirn und Augen und Mund
    Und wieder sprang sie empor und eilte wie von Dämonen verfolgt in dem
Gemache auf und ab O mein Gott mein Gott rief sie die Hände ringend Sie
eilte auf die Tür zu als wollte sie entfliehen aber ehe sie dieselbe
erreichte brach sie zusammen Oswald fing sie in seinen Armen auf er trug sie
nach dem Sopha er bedeckte ihre kalten Hände ihre bebenden Lippen mit
glühenden Küssen ein Freudenschrei entrang sich seiner gepressten Brust als die
starre Gestalt sich endlich wieder zu regen begann
    Sie richtete sich halb empor und ihre Augen mit dem Ausdruck unendlicher
Liebe auf ihn heftend sagte sie leise  leise und fest wie ein Kranker der
seinen Arzt fragt ob Leben oder Tod das Ende sein wird 
    Oswald höre mich an liebst Du mich jetzt in diesem Augenblick so wie Du
glaubst dass Du ein Weib auf Erden lieben kannst
    Ja Melitta
    Nun denn Oswald so liebe ich Dich  jetzt und immerdar
    Das Gewitter war vorübergebraust schweigend ruhte der regenerquickte
duftende Wald und über dem Wald erglänzte aus dem purpurnen Abendhimmel der
Venus leuchtender Stern
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Als Oswald am nächsten Morgen nach einem kurzen unruhigen Schlaf erwachte war
es ihm als hätte sich ein trüber Letestrom über die Erinnerungen des
vergangenen Tages gewälzt Was sich ereignet hatte bis zu dem Augenblicke wo
ihm das Venusbild in der dämmrigen Waldkapelle entgegenschwebte  er hatte es
vergessen was nachher geschehen war als er Melitta die ihm bis in die Nähe
des Wagens durch den Wald das Geleit gegeben zum letzten Male in seine Arme
gepresst hatte  er wusste es nicht mehr Aber die Küsse die er gegeben und
empfangen brannten noch auf seinen Lippen aber der süße Atem der sich mit
dem seinen vermischt umkoste ihn noch aber die liebetiefen Augen die in den
seinen geruht sie strahlten ihm noch immer O diese Augen diese
zärtlichkosenden leidenschaftblitzenden Augen wie zwei helle Sterne die selbst
das Frührot nicht verlöschen kann schimmerten sie und leuchteten sie und
verfolgten ihn allüberall Er sah sie wenn er die eigenen Augen schloss er sah
sie wenn er aus dem Fenster in dem er lehnte in den hellen Morgenhimmel
schaute er sah sie wenn er den Blick in die blauen Schatten senkte die
zwischen den hohen Bäumen lagen unten in dem stillen taufrischen Garten Es
war ihm als ob er sich tot weinen könnte als ob er laut aufjauchzen müsste vor
seligem Schmerz und schmerzlicher Seligkeit als ob sein ganzes Wesen sich
auflösen wie ein Ton in der Harmonie des Alls verklingen müsste Dass er einen
Körper hatte erschien ihm wie Hohn
    Er schlich sich auf den Fußspitzen in die Kammer der Knaben er wollte
wenigstens ein liebes Antlitz Brunos Antlitz sehen Das erste Frührot drang
durch die geschlossenen Gardinen im Zimmer war es auffallend kühl Bruno hatte
wieder einmal nach seiner Gewohnheit das Fenster die ganze Nacht hindurch offen
gelassen Oswald schloss es denn die Morgenluft wehte herein und Brunos Gesicht
war von einem unruhigen Traum erhitzt  Wieder lag er da wie in jener Nacht
als Oswald ihn zum ersten Mal erblickte  mit über der Brust verschränkten
Armen düstern Trotz auf dem dämonischschönen Angesicht Aber als Oswald ihn
heute auf die Stirn küsste öffnete er nicht wie damals die Augen ihn voll
Traumseligkeit anzulächeln öffnete er nicht wie damals die Lippen ihm das
rührende Wort zuzuflüstern ich habe Dich lieb die dunklen Brauen zogen sich
nur noch finsterer zusammen und schmerzlich zuckte es um den stolzen Mund  Zu
jeder andern Zeit würde Oswald dies für einen Zufall angesehen haben aber jetzt
in seiner augenblicklichen weichen Stimmung schmerzte es ihn innig  Zürnt er
dir noch dachte er dass du ihn gestern zu Hause ließest Ahnt er dass seit
gestern ihm nicht mehr all deine Liebe gehört und doch liebe ich ihn jetzt
nicht nur noch mehr Er streichelte dem Knaben sanft das dunkle Haar aus der
finsteren Stirn er hüllte die leichte Decke fester um den schlanken Leib und
schlich wieder aus dem Gemach mit viel weniger leichtem Herzen als er es
betreten hatte Eine bange Ahnung von schwerem Leid das ihm selbst und Bruno
und auch ihr aus all der Himmelslust erwachsen werde durchbebte ihn Er eilte
in den Garten hinab um im Freien freier atmen zu können und schweifte umher
in den dunklen Laubengängen und zwischen den Beeten und schüttelte den Tau von
den Zweigen in sein heißes Gesicht und schaute mit den düstern verwachten Augen
in die frommen Kinderaugen der Blumen  An den Gemüsebeeten fand er den Gärtner
beschäftigt Es war doch wenigstens ein Mensch Oswald sehnte sich danach die
Stimme eines Menschen zu hören Er redete den Mann an er erkundigte sich was
er nie zuvor getan nach seinen Verhältnissen ob er verheiratet sei ob er
Kinder habe ob er die Kinder liebe Der Mann gab ihm schiefe halbe Antworten
redseliger wurde er als er auf seine Pflanzungen zu sprechen kam die bei dem
köstlichen Wetter wo herrlichster Sonnenschein mit warmem Gewitterregen
abwechselte gar üppig gediehen Aber Oswald hörte nur mit halbem Ohre hin und
verließ plötzlich mit einem flüchtigen Gruße den Alten der sich die Mütze aus
der Stirn rückend ihm verwundert nachschaute mit dem Kopfe schüttelte und
wieder zum Spaten griff  Oswald setzte seine rastlose Wanderung durch den
Garten fort dann aber wurde es ihm auch hier zu eng in dem von dem hohen Walle
rings eingeschlossenen Raum Er eilte aus dem Garten über den Hof in das Feld
aus dem Felde in den Wald weiter und weiter dem Brausen entgegen das zuerst
dumpf dann lauter und lauter an sein Ohr drang
    Da trat er heraus aus den Buchen deren breite Kronen sich über seinem
Haupte wölbten auf das hohe Kreideufer und weit unermesslich lag es vor ihm
da das heilige ewige Meer Dort in der Ferne blitzten die weißen Kämme der
Wogen auf die sich unaufhaltsam heranwälzend tief unter seinen Füßen zwischen
den gewaltigen Steinen des schmalen Strandes mit unaufhörlichem Donner brandeten
 Woge auf Woge immer neue und immer neue unzählig sinnverwirrend wunderbar
Kein Segel war zu sehen in der ungeheuren Runde nur ganz am Horizont zog eine
Rauchsäule von Osten nach Westen Sie kam aus dem Schlot eines Dampfers der
seine einsame Bahn wer weiß woher und wohin rastlos verfolgte  Über der
schäumenden Brandung unter ihm flatterten weiße Möwen und stürzten sich
kreischend in die Salzflut und schwangen sich wieder auf und flatterten wieder
hierin und dorthin Hoch oben in der blauen Luft zog ein Seeadler seine
majestätischen Kreise höher und immer höher bis er Oswalds Blicken nur noch
als ein schwarzer beweglicher Punkt erschien  Aber selbst das erhabene
Schauspiel des Meeres vermochte heute nicht seine Seele auszufüllen und wie
köstlich sie auch Oswald sonst dünkte die Musik der Wogen er hatte vor wenigen
Stunden eine köstlichere Musik gehört Nur den Adler droben beneidete er Ein
Schlag deiner mächtigen Schwingen und du schwebst über Wälder und Felder fort
bis zu Melittas Haus
    Er sprang empor er eilte zurück ins Schloss hinauf auf die Zinne des
Turmes vielleicht konnte er von dort Melittas Wohnung sehen und er jauchzte
laut auf vor freudiger Überraschung als er wirklich den spähenden Blick nach
jener Seite richtend den obersten Giebel ihres Hauses eben noch über den Rand
des Waldes emporragen sah Ein wonnevoller Schauer durchrieselte ihn es war
ihm als hätte er den Saum ihres Gewandes berührt 
    Die Zeit in der Oswald seine Unterrichtsstunden zu beginnen pflegte war
herbeigekommen er ging in sein Zimmer er fand die Knaben nicht die gegen die
Gewohnheit noch unten beim Frühstück waren Sein eigenes Frühstück stand auf dem
Tische
    Da klopfte es leise an die Tür und herein trat der alte Baron mit einem
Bündel Papiere in der Hand Nach den ersten Begrüßungen und nachdem er sich
wegen seines ungewöhnlichen Besuches entschuldigt hatte sprach er
    Sie könnten uns einen rechten Gefallen erweisen Herr Doctor
    Ich vermute Herr Baron dass es sich um die Papiere handelt die Sie dort
in der Hand haben
    Ja ja Sie wissen dass Grenwitz und Stantow zu Martini aus der Pacht
kommen Nun möchten wir gern dass die Güter neu vermessen würden da die
Flurkarten die vor fünfundzwanzig Jahren angefertigt wurden sehr schlecht
sind Der erste Brief also den wir Sie zu schreiben bitten würden wäre an
unseren Feldmesser Er heißt Albert Timm und wohnt in Grünwald Sie würden ihn
bitten zu einer vorläufigen Besprechung sofort herüberzukommen Der zweite
Brief ist an unseren Advokaten ebenfalls in Grünwald AnnaMaria wünscht seine
Revision der Pachtcontracte Hier ist eine Abschrift der jetzigen AnnaMaria
hat am Rande verzeichnet was wir in den neuen Entwurf aufgenommen wünschen
Wenn Sie auch dieses Schriftstück mundiren wollten  es ist freilich etwas viel

    Geben Sie nur Herr Baron Zu wann wünschen Sie die Sachen geschrieben
    Wenn es Ihnen bis Mittag möglich wäre Wir haben den Knaben schon vorläufig
angekündigt dass sie mich auf einer Fahrt nach Stantow begleiten sollen Sie
haben doch nichts dagegen
    Ich denke es wird wohl so das Beste sein
    Nun dann leben Sie wohl lieber Herr Doctor und entschuldigen Sie dass wir
Sie mit diesen Sachen belästigen Aber Sie wissen AnnaMaria 
    Keine Entschuldigung Herr Baron 
    Der alte Mann verließ das Zimmer Oswald warf sich auf das Sopha und schloss
die Augen um von Melitta zu träumen Aber je eifriger er sich ihr geliebtes
Bild vorzustellen suchte desto eigensinniger steckte sich das runzlige Gesicht
des alten Barons dazwischen Das verwandelte sich dann wieder in das Antlitz der
braunen Gräfin dann zog ihm der Pastor Jäger eine Fratze und plötzlich stand
Bruno im Zimmer gehüllt in lange wallende weiße Gewänder Oswald wollte
lachen über die tolle Maskerade aber als er einen Blick in das Gesicht des
Knaben warf erstarb das Lachen auf seinen Lippen Ein Schauer durchrieselte
ihn seine Haare bäumten sich  die wachsbleiche Farbe die so seltsam von den
blauschwarzen Haaren abstach die weiten starren Augen ein namenloses Etwas in
dem Ausdruck dieser glanzlosen gebrochenen und doch so wunderbar beredten Augen
 das war nicht Bruno das war der Tod der leibhaftige Tod in Brunos
vielgeliebter Gestalt  Mit einem wilden Schrei fuhr Oswald in die Höhe Das
schreckliche Bild war verschwunden aber es bedurfte mehrerer Minuten bis der
junge Mann sich überzeugen konnte dass es wirklich nur ein Bild gewesen So
deutlich hatte er mit geschlossenen Augen jedes Möbel im Zimmer den
Sonnenstrahl der durch das Fenster fiel die Staubatome die in dem Strahle
tanzten  Alles Alles gesehen
    Da hörte er das Knallen einer Peitsche und das Knirschen von Rädern in dem
Sande vor dem Portal des Schlosses Der Baron fuhr eben mit den Knaben fort
    Oswald ging mit hastigen Schritten in seinem Gemache auf und ab
    Warum heute gerade heute das fürchterliche Bild Muss Bruno sterben zuvor
mir sterben damit ich Melitta lieben kann Ist es nicht möglich einen Bruder
und eine Geliebte zu lieben zu gleicher Zeit mit gleicher Glut der Seele Ist
das Menschenherz so klein dass eine Empfindung um darin wohnen zu können die
andere verdrängen muss und ist die Treulosigkeit Naturgesetz
    Der junge Mann war wieder ruhiger geworden aber die ambrosische Schönheit
des Sommermorgens war verschwunden Die Sonne hatte keinen Glanz mehr für ihn
der Gesang der Vögel keine Süßigkeit der übermütig sprudelnde Quell der Lust
in seinem Busen war versiegt
    Du bist jetzt in der rechten Stimmung für die trockene Arbeit sagte er
bitter und holte das Packet wieder aus der Ecke hervor in die er es vorhin
geschleudert hatte Er setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben Zuerst
den Brief an den Geometer  das ging noch auch der Brief an den Advokaten kam
obgleich nicht ohne einige heimliche Verwünschungen glücklich zu Ende aber die
Abschrift der beiden Kontrakte zu fertigen musste er seine ganze Geduld
zusammennehmen Mehr noch als die Langweiligkeit der Arbeit selbst ärgerten ihn
die von der Hand der Baronin eingestreuten Bemerkungen in welchen sie die in
den Kontracten von ihr beliebten Veränderungen in den Augen des Advokaten
vielleicht auch in ihren eigenen zu motiviren suchte Die Höhe der Pacht war in
beiden Fällen fast um das Doppelte gesteigert was Oswald um so mehr Wunder
nahm als er den Inspector Wrampe wiederholt hatte sagen hören Herr Pate der
Pächter der beiden Güter ein außerordentlich fleißiger strebsamer und
ökonomischer Mann sei so gestellt dass ihn eine einzige Missernte ruiniren
müsste In einer Notiz der Baronin hieß es Herr P ist ein nachlässiger Monsieur
und sein sauberer Inspector W ist nicht besser Je humaner man gegen
dergleichen Menschen ist desto fauler werden sie In einer andern die dem
Schloss von dem Gute Grenwitz zu leistenden Naturallieferungen müssen auf jeden
Fall doublirt werden denn dass wir doch nur die Hälfte von dem bekommen was uns
zusteht und diese Hälfte unter den langen Fingern unserer Leute noch mehr
zusammenschrumpft ist von vornherein anzunehmen Durchstrichen aber nicht so
dass man sie nicht noch hätte lesen können waren die folgenden Worte Sollte ja
etwas übrig bleiben so können wir ja den Rest alle Sonnabende in B dem
nächsten Landstädtchen auf dem Wochenmarkte verkaufen An einer andern Stelle
Kann nicht contractlich ausgemacht werden dass die Verwalter Stattalter
Grossknechte Ausgeberinnen usw der Pächter jedesmal von dem Baron bestätigt
werden müssen Man wüsste dann doch mit was für Subjecten man es zu tun hat
und behielte den Griff fester in der Hand
    Und das Vermögen dieser Menschen beträgt Millionen rief Oswald und warf die
Feder zornig auf den Tisch Schreibe ein Anderer das Gewäsch Soll ich mich zum
ergebensten Werkzeug dieser egoistischen hochmütigen herzlosen
Aristokratenbrut hergeben
    Und trüber und trüber ward es in des jungen Mannes Seele Nicht zum ersten
Male wurde er heute daran gemahnt wie schief wie unhaltbar doch seine ganze
Stellung sei Und was hatte ihn in diese Stellung getrieben wenn nicht seine
Freundschaft zu dem Professor Berger dessen Rat er gegen seine bessere
Überzeugung gefolgt war Es fiel ihm ein dass er den letzten Brief seines
wunderlichen Freundes noch nicht beantwortet hatte So setzte er sich denn
wieder hin und schrieb
    Es gibt kein Unrecht als den Widerspruch  das ist wenn ich mich recht
erinnere eine Ihrer Lieblingsmaximen und die Kardinalregel nach der Sie das
Tun und Lassen der Menschen beurteilen Nun denn So hatten Sie doppelt und
dreifach unrecht mich in diese Situation hineinzureden und hineinzulachen denn
sie ist wie ich sie auch betrachten mag aus Widersprüchen zusammengesetzt Ich
ein Erzieher Anderer der ich mich selbst noch zu erziehen habe Ich der
Aristokratenfeind der Adelshasser in dem Schoss einer aristokratischen
Familie halb der Freund und halb der Diener dieser hochadeligen Sippe Und was
mich noch abscheulicher dünkt ist dass ich an den Genüssen dieses
aristokratischen Lebens so harmlos Anteil nehmen kann als hätte mich nie ein
Schauer der Ehrfurcht erfasst wenn ich in der Schrift an die Stelle kam Des
Menschen Sohn hat nicht da er sein Haupt hinlege Sind diese Worte denn nicht
auch für mich geschrieben für mich dem kein Kissen zu wollüstig kein Teppich
zu weich keine Speise zu lecker kein Wein zu kostbar dünkt für mich der ich
weit entfernt mich von diesem Luxus angeekelt zu finden ihn nicht gierig
verschwelge wie der Sklave seine kurzen Augenblicke der Freiheit sondern ruhig
und bedächtig durchkoste und genieße ihn hinnehme wie etwas was sich von
selbst versteht wie etwas zu dem man geboren und erzogen ist Soll die gnädige
Frau Baronin recht haben die neulich hochmütig behauptete von allen
sogenannten Volksfreunden früher und jetzt habe nur noch jeder seinen
persönlichen Vorteil im Auge gehabt Der Eine verkaufe seine Grundsätze ein
wenig teurer als der Andere  der Eine lasse sich seine Apostasie mit Geld ein
Zweiter mit Ehrenstellen ein Anderer wieder anders bezahlen  das sei aber auch
der ganze Unterschied Damals widersprach ich natürlich lebhaft  es war gleich
zu Anfang meines hiesigen Aufenthalts  ich weiß nicht ob ich noch heut dazu
den Mut hätte Denn mein Freund ich denke an Marie Antoinette und denke
wenn eine andere Frau so schön und so geistreich wie die unglückliche Königin
eine Frau mit den Augen und dem Schmelz der Stimme und dem Liebreiz wie  nun
wie mein Ideal die Frau die ich lieben könnte lieben müsste  zu mir spräche
Das Abschwören Deiner Grundsätze ist der Preis meiner Gunst  Gott sie wird es
nicht sagen sie kann es nicht sagen denn ich will glauben dass in dem
schönsten Körper die schönste Seele wohne aber wenn sie dennoch in den
Vorurteilen ihres Standes so befangen wäre  wie dann O ich fühle nein ich
weiß dass ich ihren Worten ihren Tränen nicht widerstehen könnte dass vor der
Glut ihrer Küsse dem Feuer ihrer Blicke die stolze Kraft hinschmelzen würde
wie Wachs dass wenn sie ihre weichen Arme um mich schlänge ich nicht im Stande
wäre mich loszureißen dass aus der gepressten Brust kein Wort des Zornes kein
Wort des Hohnes sich losringen würde nein nur das eine Wort ich liebe Dich
    Sie lächeln o mein Freund dass mich eine bloße Hypothese ein bloßes
Problema so in Aufregung versetzen kann Sie denken in der kühlen Luft der
Wirklichkeit gedeihen dergleichen phantastische Treibhauspflanzen nicht Nun
wohl das Ganze ist nur ein Problema und wollte Gott es bliebe problematisch

 
                              Sechszehntes Kapitel
Gott zum Gruß lieber Herr Kollege Viele Empfehlungen von Frau von Berkow und
hier schickt sie Ihnen den Bemperlein und den Julius zur gefälligen Ansicht
aufgeschnittene Exemplare werden nicht zurückgenommen
    So sprach lächelnd ein kleiner blasser schwarzhaariger Brille tragender
etwas unmodisch aber sehr sauber und nett gekleideter Herr von etwa dreißig
Jahren der am Nachmittag desselben Tages einen Knaben an der Hand führend in
Oswalds Zimmer trat
    Seien Sie bestens willkommen sprach dieser sich hastig aus der Sophaecke
erhebend in welcher er in Sinnen und Brüten versunken gesessen hatte und
reichte dem Eintretenden nicht ohne einige Verwirrung die Hand Mit unendlichem
Interesse blieb sein Blick auf dem Knaben haften dem Sohn der Frau die er
liebte Julius von Berkow war eine reizende Erscheinung Die Blouse von
dunkelgrünem Samt die er mit einem breiten Riemen um den schlanken Leib
gegürtet trug gab ihm das Aussehen eines allerliebsten kleinen Pagen Dunkle
Locken wallten in weichen Ringeln von dem edelgeformten Kopfe sein Gesicht war
mädchenhaft schön und zart und Oswald zuckte zusammen als er die warme weiche
Hand des Knaben für einen Augenblick in der seinen hielt und in die großen
lichtbraunen träumerischen Augen schaute Es war ihm als hätte er Melittas
Hand berührt als hätte er in Melittas Augen geschaut
    Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen Herr Bemperlein sagte er seine
Verwirrung bemeisternd dass Sie noch die Zeit gefunden haben herüber zu kommen
Aufrichtig ich habe Sie heute halb und halb erwartet um so mehr als Bruno es
für eine Unmöglichkeit hielt Julius könne abreisen ohne vorher von ihm
förmlichen Abschied genommen zu haben
    Da sprang die Tür auf und herein stürzte Bruno ein mächtiges Butterbrod in
der Hand Hurrah Julius Zuckerpuppe schrie er Dein Glück dass Du gekommen
bist Ich wäre Dir sonst nach Grünwald nachgelaufen Dich auf offener Straße
durchzuprügeln Hier beiss ab Das letzte Butterbrot das wir für lange Zeit mit
einander teilen Und nun komm wir wollen noch einmal durch den Garten in den
Wald laufen Sie bleiben doch zu Abend hier Herr Bemperlein
    Non Monseigneur erwiderte hier der sich auf einen Stuhl gesetzt hatte und
sich den Schweiß von der Stirn trocknete unsere Augenblicke sind gezählt Sie
würden mich verbinden wenn Sie Ihre Excursionen nicht über den Garten
ausdehnten und vor allem wenn Sie Julius nicht wieder in den Graben würfen wie
das letzte Mal
    Julius habe ich Dich in den Graben geworfen
    Nein aber herausgezogen nachdem ich hineingefallen war
    Nun so komm mein Zuckerpüppchen rief Bruno hob den schmächtigen Knaben in
seinen Armen empor und trug ihn zur Stube hinaus
    Ist das ein Junge sagte Herr Bemperlein Herr meines Lebens ist das ein
Junge Wahrlich Herr Kolega ich bewundere Sie
    Weshalb
    Weil ich Sie in einen leichten Sommerrock gekleidet sehe und nicht umhüllt
mit dreifachem Erz wie der erste Schiffer des Horaz und wie meiner Meinung
nach der Mann gepanzert sein muss der es mit solch einem Seeungeheuer so
einem Hayfisch so einem stachlichen Rochen  ich meine Bruno  zu tun hat
    Um Himmelswillen Herr Bemperlein sagen Sie mir nicht wenn wir Freunde
werden wollen dass Sie Bruno nicht leiden können
    Ich ihn nicht leiden können Ich liebe ihn wie einen Sturm auf der See den
ich vom Ufer aus beobachten kann wie ein wildes Pferd das mit einem Andern
durchgeht wie ein Gewitter das eine Meile von mir einschlägt  Apropos das
war gestern ein entsetzliches Gewitter Wir sind erst um elf Uhr nach Hause
gekommen Frau von Berkow sagte mir Sie seien vollständig eingeregnet gewesen
in dem Waldhäuschen
    Wollen Sie in der Tat schon morgen abreisen sagte Oswald dem Gespräch
eine andere Wendung zu geben
    Ob ich will sagte Herr Bemperlein in weinerlichem Tone ob ich will
durchaus nicht Wertgeschätzter aber muss Das ist es ja eben Ach wenn ich
könnte wie ich wollte ich ginge im Leben nicht weg von Berkow und auch im
Tode nicht denn ich würde mir als letzte Gunst erbitten dort begraben werden
zu dürfen  Und wie es mit mir werden soll wenn ich nun doch weggehe daran
lieber Kollege mag ich gar nicht denken Leben Sie einmal wie ich sieben
Jahre an einem und demselben Ort und lassen Sie diesen Ort Berkow sein und
wachsen Sie fest an diesem Ort mit allen Wurzeln Ihres Wesens dass Sie jeden
Spatz der über Ihrem Fenster nistet persönlich kennen und mit jedem Pferde in
dem Stalle auf Du und Du stehen und dann versuchen Sie sich loszureißen  und
Sie werden empfinden wie weh das tut
    Der gute Mann griff wieder nach seinem Taschentuche und fuhr sich unter dem
Vorwande den Schweiß von der Stirn abtrocknen zu wollen ein paar Mal über die
nassen Augen
    Ich begreife das vollkommen sagte Oswald mit ungeheuchelter Teilnahme
    Sie können das nicht begreifen lieber Kollega Sehen Sie da habe ich im
vorigen Frühjahr angefangen mir einen Epheu in meinem Fenster zu ziehen und
mich den ganzen Sommer und Winter darauf gefreut wie hübsch es in diesem Herbst
sich ausnehmen würde wenn das Fenster von unten bis oben berankt wäre und wir
das heißt ich mein Kanarienvogel und mein Laubfrosch uns hinter den breiten
Blättern verstecken könnten  denn Sie glauben nicht wie breite Blätter ich
gezogen habe  so groß wie Weinblätter  und in diesem Herbst wird mein Fenster
mit grünen Ranken ganz vergittert sein aber meine Stube wird leer stehen und
die Sonnenstrahlen werden durch die Blätter schimmern und die Regentropfen daran
herunterrinnen und keine Menschen und keine Tierseele wird sich darüber
freuen
    Ich glaube ich kann Ihnen das nachfühlen sagte Oswald
    Unmöglich lieber Kollega unmöglich seufzte der Andere Ich sage Ihnen so
ein Fenster gibt es auf der weiten Welt nicht mehr  In der tiefen Nische
steht ein Lehnstuhl mit schwarzem Leder überzogen den mir Frau von Berkow vor
zwei Jahren zu meinem Geburtstage geschenkt hat  eine Schlummerwalze die sie
mir zu meinem letzten Geburtstage selbst gehäkelt hat hängt an der Lehne  na
das lässt sich eben nicht beschreiben Aber da so zu sitzen an einem Sommerabend
wenn die Stimme von Frau von Berkow und Julius aus dem Garten zu mir herauf
tönen und der Rauch meiner Zigarre in blauen Streifen durch die Blätter
hinauszieht 
    Bei diesen Worten blies Herr Bemperlein zwei mächtige Rauchwolken aus seiner
Zigarre durch das geöffnete Fenster an dem er saß und schüttelte wehmütig den
Kopf als wollte er sagen das bringt hier nicht die mindeste Wirkung hervor
das sollten Sie einmal von meinem Lehnstuhle aus sehen
    Ja ja  schaltete Oswald ein
    Nein lieber Kollega Sie können sich unmöglich in meine Stimmung versetzen
Sie wissen nicht welch ein liebenswürdiger Knabe Julius ist Sieben Jahre bin
ich nun bei ihm aber wenn er mir in allen diesen Jahren auch nur eine böse
Stunde ja nur Minute gemacht hat so will ich nicht Anastasius Bemperlein
heißen Und nun die Frau von Berkow  Sie kennen Sie nicht lieber Kollega 
    Oswald wandte sich ab denn er fühlte wie ihm das Blut in die Wangen schoss

    Sie haben keine Ahnung welch ein Engel von Güte diese Frau ist Was
verdanke ich ihr nicht Bevor ich nach Berkow kam wusste ich von Luft und
Sonnenschein und allem Schönen auf der Welt gerade so viel wie ein Maulwurf 
ich war ein richtiger Bär ein vollständiges Nilpferd und dass ich jetzt
einigermaßen einem Menschen ähnlich sehe verdanke ich nur ihr Und wie hat sie
sich meiner in jeder andern Beziehung angenommen Einmal erinnere ich mich lag
ich viele Wochen lang am Typhus darnieder Die ersten Wesen die ich deutlich
erkannte als ich aus meinem Torpor erwachte waren die gnädige Frau und der
alte Baumann Es war ein Sommernachmittag wie heute Meine Bettvorhänge waren
halb zugezogen Baumann und die gnädige Frau standen ein paar Schritte entfernt
am Tisch Wenn ich nicht selbst krank werden will so muss ich heute Nachmittag
eine halbe Stunde spazieren reiten Baumann sagte Frau von Berkow dass Er mir
den Bemperlein unterdessen nicht sterben lässt Zu Befehl sagte der alte
Baumann Aber damit Sie nicht etwa glauben lieber Herr Kollega dass ich in
dieser Behandlung von Seiten der gnädigen Frau eine Bevorzugung erblicke die
meinen ganz besonderen Verdiensten zu Teil würde so setze ich hinzu dass ich
Frau von Berkow dieselbe Huld und Gnade an viele Andere zum Teil ganz
gleichgültige Personen habe verschwenden sehen so dass ich wahrlich glaube das
Herz dieser Frau ist aus durchaus edlerem Stoffe als sonst die Menschenherzen
sind und dass sie Gutes tun und Andere beglücken muss gerade wie ein
Kanarienvogel singt und ein Eichhörnchen springt weils eben so ihre schöne
Natur ist und sie nicht anders kann Verzeihen Sie lieber Kollega dass ich mit
diesen Dingen die Sie nicht interessieren und nicht interessieren können Ihre
Zeit in Anspruch nehme aber mein Herz ist wirklich zu voll als dass es nicht
überfliessen sollte und ich habe das Vertrauen zu Ihnen dass Sie mich deshalb
nicht für einen sentimentalen Gesellen halten werden
    Ich kann Sie nur versichern dass Sie Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen
schenken Herr Bemperlein auch wenn Sie mir nicht erlauben mit Ihnen zu
sympatisieren
    Ich Ihnen das nicht erlauben Es ist mein innigster Wunsch dass Sie das
vermöchten um so mehr als ich offen gestanden hauptsächlich in der ganz
egoistischen Absicht herübergekommen bin Sie in einer für mich hochwichtigen
Angelegenheit um Rat zu fragen
    Mich
    Ja Sie Ich will Ihnen auch ganz offen sagen wie Sie dazu kommen bei mir
die Stelle des weisen Einsiedlers im Walde zu dem sich die vom Zweifel geplagte
Kreatur flüchtet einzunehmen Sie sind zu diesem verantwortlichen Amte durch
eine Stimme erhoben gegen die für mich kein Appell existiert ich meine durch
die Stimme der Frau von Berkow Ich versuchte ihr heute Morgen
auseinanderzusetzen was ich Ihnen alsbald mit Ihrer gütigen Erlaubnis
mitteilen will sie hörte mich mit himmlischer Geduld von Anfang bis zu Ende an
und sagte dann ihre Hand für einen Augenblick auf die meinige legend Lieber
Bemperlein sagte sie wollen Sie meinen Rat hören Natürlich gnädige Frau
sagte ich Nun denn sagte sie lieber Bemperlein gehen Sie hinüber nach
Grenwitz bringen Sie Herrn Doctor Stein eine Empfehlung von mir und erzählen
Sie ihm ganz ausführlich was Sie mir eben gesagt haben und was er Ihnen dann
antwortet das nehmen Sie als meine Antwort
    Auf Oswalds Lippen schwebte ein stolzes Lächeln Er sah in dieser Demut
Melittas eine ihm dargebrachte Huldigung er fühlte dass sie ihrer Liebe keinen
reineren Ausdruck geben konnte als durch dieses Geständnis wie fortan ihre
Existenz in der ihres Geliebten aufgehe
    Wie Sie sich aus dieser Verlegenheit ziehen werden fuhr Herr Bemperlein
fort ist Ihre Sache die Rolle des Vertrauten ist Ihnen einmal zugeteilt und
Sie müssen dieselbe herunterspielen so gut Sie können Die Sache ist nämlich
einfach die oder vielmehr gar nicht einfach sondern sehr complicirter Weise
auf alle Fälle indessen ist die Sache die Ich bin nämlich  ich habe nämlich 
aber hier kann ich Ihnen das nicht erzählen ich muss dazu den Himmel über mir
haben denn unter dem blauen Himmel sind mir die Gedanken gekommen die eine
solche Revolution in meinem Innern hervorbrachten Sie täten mir also einen
Gefallen Herr Kollega wenn Sie mir nach Berkow das Geleit geben wollten
Unterwegs lege ich Ihnen meine Beichte ab Jetzt will ich gehen Julius zu
rufen und mich bei den Herrschaften zu empfehlen Machen Sie sich unterdessen
zurecht aber lassen Sie mich um Himmelswillen nicht lange warten Zehn Minuten
reichen vollkommen zu und länger halte ich auch ein têteàtête mit Ihrer
Baronin nicht aus Also à revoir in zehn Minuten es schadet nichts wenn es
auch nur neun sind
    Als Oswald nach unten kam complimentirte sich gerade Herr Bemperlein vor
dem alten Baron zur Tür der Wohnstube hinaus
    Keinen Schritt weiter Herr Baron Uff  Nun lassen Sie uns machen dass wir
wegkommen Herr Kollega Wo ist mein Julius
    Auf dem Hofe fanden sie die Knaben Bruno saß auf dem Rand des Brunnens der
kopflosen Najade und schlichtete Julius der zwischen seinen Knieen stand das
lange lockige Haar
    Wie willst Du denn ohne den Pony fertig werden Julius
    Ja ich will sehen vielleicht lasse ich mir ihn nachschicken
    Du Glücklicher ich glaube Du lässt Dir auch Deine Mama und Herrn Bemperlein
nachschicken wenns ohne sie nicht geht  Ich wollte ich könnte mit Dir nach
Grünwald und sähe dies verdammte Nest im Leben nicht wieder
    Mama sagte mir Du hättest Herrn Stein so lieb ist das wahr
    Ich ihn lieb sagte Bruno den Kopf trotzig in die Höhe werfend weshalb
sollte ich ihn lieb haben er ist mir ganz gleichgültig Er bekümmert sich viel
um mich Er Gestern ist er den ganzen Tag ohne mich umhergelaufen und heute
hat er mich noch keines Blickes gewürdigt  er ist mir ganz gleichgültig hörst
Du sag das nur Deiner Mama ganz gleichgültig  Und damit verbarg er sein
Gesicht in Julius Locken und schluchzte
    Was ist Dir Bruno
    Mir nichts was sollte mir sein
    Bruno ich begleite Herrn Bemperlein rief Oswald herüber
    Herr Doctor ich begleite Julius rief Bruno zurück
    Wo ist Malte
    Soll ich Maltes Hüter sein
    Malte ist auf dem Zimmer des Barons sagte Herr Bemperlein er ist von der
Fahrt sehr angegriffen die Baronin meint er fiebere etwas und der Baron hat
ihm auf dem Sopha ein Lager zurecht gemacht wie einer jungen Katze Welchen Weg
nehmen wir
    Ich denke wir gehen durch den Wald sagte Oswald
    Sie gingen über die Zugbrücke die seit zwei Jahrhunderten nicht mehr
aufgezogen werden konnte durch die Lindenallee in den Wald Herr Bemperlein und
Oswald voran Bruno und Julius folgten in einiger Entfernung Bruno hatte den
Arm um Julius Nacken geschlungen er hatte heute oder wollte heute für nichts
Interesse haben als für seinen Freund den er immer sehr geliebt und auf dessen
braune Augen er mehr als ein Gedicht gemacht hatte und den er jetzt in der
Trennungsstunde mit stürmischen Zärtlichkeiten überhäufte
    Du wirst fortreisen Julius klagte er und wenn Du drei Tage fort bist
wirst Du mich vergessen haben
    Ich werde Dich nie vergessen Bruno
    So weißt Du das gewiss Da hast Du ein besseres Gedächtnis als Oswald  ich
meine Herrn Doctor Stein Der hat mir auch gesagt dass er mich lieb hätte wie
einen Bruder und seit vorgestern Abend weiß er nicht mehr dass ich auf der Welt
bin Jetzt erzählt er wahrscheinlich Herrn Bemperlein dass er ihn wie seinen
Bruder liebt sieh nur wie er ihm vertraulich den Arm gibt Nach mir sieht er
sich nicht einmal um O ich hasse ihn ich hasse Alle Alle  nur Dich nicht
Julius
    Während so der unglückliche Knabe seine Liebe und seinen Kummer in den Busen
seines Freundes schüttete und wohl fühlte dass auch der ihn nicht verstände und
dass er allein ganz allein sei auf dieser für ihn so freudelosen Erde sprach
Herr Bemperlein also zu Oswald
 
                              Siebzehntes Kapitel
Wie gesagt lieber Kollega mein Vater war ein Pastor mein Großvater ja was
sage ich meine beiden Grossväter waren Pastoren denn meine Mutter war eine
Pfarrerstocher mein Urgroßvater väterlicher Seits war wenigstens ein Küster
der die Tochter eines Schäfers also auch eines Pastors heiratete Weiter habe
ich meinen Stammbaum nicht verfolgen können  aber ex ungue leonem Sie sehen
dass bis auf mich herab das eigentliche Geschäft meiner Vorfahren das Weiden von
Heerden  Menschen oder Schaafherden  gewesen ist Auch auf mir scheint der
Geist meiner Ahnen zu ruhen Tiere auf die Weide bringen war von jeher meine
Leidenschaft und noch jetzt kann ich Stunden lang an das Gatter einer Koppel
gelehnt stehen und den Kälbern und Füllen zusehen  es ist ohne Zweifel etwas
Paradiesisches in diesem Zustand behaglichen Genusses der uns an die Urzeit der
Menschen mich zum wenigsten sehr lebhaft an meine Jugendzeit erinnert Denn
mein erster Freund war ein Gänsejunge später war ein kleiner Schweinehirt mein
Pylades und der vertraute Umgang mit diesem Eumaeus postumus hat mich aus der
Lektüre gewisser Gesänge der Odyssee einen Genuss schöpfen lassen der Anderen
welche ohne meine gründliche Vorbildung daran gehen ganz unerklärlich sein muss
Als mein Pylades zum Rinderhirten avancirte verließ ich weinend mein
Heimatsdorf um nach Grünwald aufs Gymnasium zu gehen wo ich sogleich in die
Tertia eintrat und von Lehrern und Schülern als ein kleines Ungeheuer angestaunt
wurde von Letzteren in Anbetracht meiner fabelhaften Toilette in welcher ein
Paar Hosen die bis zum Knie hinauf aus gutem Rindsleder bestanden noch nicht
das merkwürdigste Stück war  von Ersteren wegen meiner nicht weniger
fabelhaften Gelehrsamkeit Ich wusste den halben Virgil auswendig las das neue
Testament in der Ursprache so fliessend wie meine Mitschüler Luthers
Übersetzung  und das Alles mit dreizehn Jahren Mir graut jetzt selbst wenn
ich daran denke Damals indessen kam mir das Alles sehr zu statten denn mein
Vater der eine zahlreiche Familie zu ernähren hatte und so arm war wie die
Mäuse in seiner Kirche konnte mir außer seinem Segen und sechs
Empfehlungsbriefen an eben so viele mitleidige Familien die sich jede zu einem
Freitisch wöchentlich verstanden  den siebenten Tag an welchem ich keinen
Freitisch hatte setzte ich notgedrungen zum Fasttage ein für alle Mal ein  so
gut wie nichts mit in die Stadt geben Ich war also gänzlich auf mich
angewiesen aber ich hatte durchaus keine kostbaren Gewohnheiten statt dessen
aber das Talent von einem Butterbrode satt zu werden bei einem Tranlämpchen
lesen und mit zugespitzten Schwefelhölzern schreiben meine sechs Schulstunden
absitzen und noch eben so viele Privatstunden geben zu können so dass ich nicht
nur die Miete für mein Dachstübchen und alles unumgänglich Notwendige
pünktlich bezahlte sondern auch schon nach zwei Monaten meine ledernen Hosen
mit einem Paar von städtischerem Stoff und Schnitt vertauschen durfte Den
Spitznamen Lederstrumpf indessen den meine Mitschüler mir gegeben hatten und
den bei dieser Gelegenheit los zu werden meine stille Hoffnung und die
eigentliche Veranlassung meines Luxus gewesen war behielt ich nach wie vor und
das war meine gerechte Strafe Dass mir es im Übrigen in der Schule gut ging
verdankte ich besonders einer nicht ungeschickten Politik die ich unausgesetzt
verfolgte Ich hatte nämlich bald herausgefunden dass die Stärksten und Grössten
in der Klasse auch zugleich immer die Dümmsten und Faulsten waren Ich verfehlte
also niemals mit ihnen ein Schutz und Trutzbündniss abzuschließen das
hauptsächlich auf folgende zwei Bedingungen basirt war ich mache Dir Deine
Arbeiten und dafür prügelst Du mich weder selbst noch gibst Du zu dass mich
ein Anderer prügelt und ich muss gestehen dass dieser Vertrag stets
unverbrüchlich gehalten wurde Als ich siebzehn Jahre alt war fand mein Lehrer
dass ich schon seit einem Jahre zur Universität reif sei wenn darunter nämlich
verstanden wird dass man mit Schulkenntnissen aller Art angefüllt ist wie ein
Ei voll Dotter im Übrigen aber so unwissend und hilflos wie ein Küchlein das
eben aus der Schale kroch Dass ich Theologie studierte stand natürlich für mich
so fest als dass ich einmal sterben müsste Söhne von pensionirten Hauptleuten
werden ins Kadettencorps gesteckt und Söhne von armen Landpastoren ins
teologische Seminar geschickt das ist so selbstredend wie irgend ein anderes
Stück der Naturgeschichte  Wohl ich studierte also Theologie das heißt ich
ging fleißig ins Kolleg und schrieb ganze Wagenladungen voll der abstrusesten
Gelehrsamkeit Im Übrigen setzte ich so ziemlich mein Leben so fort wie ich es
von der Schule gewohnt war selbst mein Dachstübchen hatte ich behalten und
Privatstundengeben war mein Erwerbsquell nach wie vor um so mehr als jetzt
einer meiner jüngeren Brüder bei mir lebte dem ich das kleine Stipendium das
ich von der Universität erhielt  Sie wissen dass in Grünberg ein Student ohne
Stipendium eine rara avis ist  überließ sowie die Freitische die ich jetzt
entbehren konnte da die Karavanserei des Konvicts mir ihre gastlichen Tore
geöffnet hatte So verging das Triennium in etwas monotoner aber nicht
unbehaglicher Weise Ein Tag sah so ziemlich aus wie der andere nur der
Mittwoch hatte für mich eine etwas finstere Physiognomie weil es an demselben
Erbsen mit Schweinefleisch im Konvict gab ein Gericht an das ich mich trotz
meiner liberalen Grundsätze in dieser Beziehung niemals haben gewöhnen können
Ich musste jedesmal wenn die Schüssel zu mir kam an die schönen Sommermorgen
denken die ich im Eichwalde zugebracht hatte wenn mein Eumaeus postumus seine
Heerde weidete und ich die Eclogen des Virgil dazu las und dann blieb mir der
Bissen im Munde stecken Sie werden das wahrscheinlich sehr sentimental finden
aber es hat ja Jeder seine Schwächen  Vom Leben sah ich während dieser Zeit
ungefähr so viel wie ein Kameel in der Menagerie von der Wüste Mein Umgang war
äußerst beschränkt er richtete sich wesentlich nach meinen Mitteln wie ich
denn überhaupt glaube dass zwischen diesen Beiden eine Art Wechselverhältniss
stattfindet wenigstens bemerkte ich dass die wohlhabenderen Studenten immer
heerdenweise angetroffen wurden während die ärmeren einzeln durch die Gassen
schlichen Ich weiß nicht ob das im Leben auch so ist Vor diesen
wohlhabenderen Studenten  denn es gibt deren selbst in Grünwald und in meinen
Augen war ein Jeder der einen sicheren Wechsel von fünfzig Talern jährlich
hatte ein Krösus  empfand ich übrigens allen möglichen Respekt Diese
schnurrbärtigen gestiefelten Kater erschienen mir als sehr absonderliche
Geschöpfe Gottes und ich konnte nie recht begreifen wie eine doch sonst auf
die Ruhe ihrer Untertanen so eifersüchtige Regierung sie in ihrer ganz
uncivilisirten Freiheit umher laufen lassen könne Ich muss gestehen dass ich die
drei Jahre hindurch in einer beständigen Furcht vor einer Herausforderung lebte
Nicht als ob es mir an persönlichem Mut gebräche Ich habe glücklicherweise
hernach ein paar Mal im Leben Gelegenheit gehabt mich vom Gegenteil zu
überzeugen ich fürchtete nur die Schiefheit der Lage in die ich mich bei einer
solchen Eventualität versetzt sehen würde Den ganzen sogenannten Komment hielt
ich nämlich von jeher für den abominabelsten Unsinn verderblich für die
Gesundheit viel verderblicher aber noch für die Moral denn er zwingt die
jungen Gemüter ihr eigenes Denken und Fühlen heroisch dem Moloch eines
barbarischen Ehrbegriffs der lächerlichsten Karricatur eines Kodex der Moral
der je erfunden ist zu opfern und gewöhnt sie auf diese Weise systematisch an
jenes blinde katholische Gehorchen welches mir die eigentliche Sünde gegen den
heiligen Geist zu sein scheint Ich weiß nicht ob wir hierin einer Ansicht
sind Herr Kollega
    Vollkommen antwortete Oswald Und nun rechnen Sie zu den Übelständen
dieses modernmittelalterlichen Studentenlebens dass die Jünglinge gerade in
einer Zeit wo der Mensch am empfänglichsten ist für die Eindrücke der
Außenwelt sich hermetisch in ihrer leidigen Kneipe abschließen anstatt die
gute Gesellschaft aufzusuchen die ihnen den Schliff geben könnte der ihnen
wahrhaftig so sehr fehlt dass sie in den Jahren wo selbst später sehr bornirte
Aristokraten für Freiheit schwärmen sich der exclusivesten Exclusivität
befleissigen und in dem Glanz ihrer bunten Kappen und kindischen Troddeln noch
verächtlicher auf den Philister herabsehen als der Gardelieutenant auf den
Civilisten dass sie in der Periode wo sie anfangen sollten sich als Mitglieder
eines großen Ganzen als angehende Bürger zu fühlen anfangen einen Staat im
Staate zu errichten so haben Sie wahrlich beisammen was einem nur halbwegs
verständigen Jüngling den Geschmack an solchem albernen Studentenleben gründlich
verleiden könnte
    Ja sagte Bemperlein und es ist ganz auffallend wie lange der Rausch den
sich die jungen Leute während ihrer glorreichen Studentenzeit trinken anhält
Da ist hier in der Nähe unser Landrat  ein Herr von Sylow ein Mann von
vierzig Jahren  der seit mindestens zehn Jahren verheiratet ist Gestern nun
als ich mit Julius dort meinen Abschiedsbesuch machte  die Kinder sind von
jeher sehr viel zusammen gewesen  kam der Landrat nach dem Abendessen auf
seine Universitätszeit zu sprechen und gab uns das heißt seinem Hauslehrer und
mir einen Abriss seiner studentischen Heldentaten Glücklicherweise war mein
Kollege seiner Zeit ein flotter Bursch in Halle gewesen und konnte dem Landrat
auf seine Fragen über den heutigen Stand des Komments die nötige Auskunft
geben Und nun hätten Sie den edlen Herrn sich sollen ereifern hören über die
Versunkenheit des heutigen Studentenlebens über die geringe Zahl der
Paukereien die unwürdig kleine Quantität Biers so während eines Abends
vertilgt würde und so weiter und so weiter dabei glänzten seine Augen bei der
bloßen Erinnerung an die versunkene Herrlichkeit und er sprach sich in solche
Rührung hinein dass er schließlich den sentimentalen Wunsch äußerte alle die
rheinischen Demokraten wie er sie nennt die auf dem letzten
ProvinzialLandtage wiederum die alten gotteslästerlichen Petitionen um
Pressfreiheit Freizügigkeit usw eingebracht hätten möchten nur einen Hals
haben damit  er machte eine bezeichnende Handbewegung  des Geschreies endlich
einmal ein Ende würde
    Natürlich sagte Oswald wenn die Herren jung sind singen sie »Freiheit
die ich meine« das klingt sehr poetisch wenn man es hört und sie selbst
singen sich dabei in eine gelinde Rührung hinein in welcher sie halb und halb
glauben sie hätten in der Tat eine Meinung Das ist aber eine reine
Einbildung oder im Falle ja einmal einer wirklich etwas meint so ist es die
Freiheit den Philister verhöhnen Fenster einwerfen die öffentlichen Locale
unsicher machen und andere Heldentaten ungestraft verrichten zu können und
dann die spätere Freiheit als ganz gehorsamster Endesunterzeichneter in
tiefuntertänigster Demut zu ersterben wenn man es nur bis zum
Subalternbeamten und die Subalternbeamten und die ganze übrige Menschheit en
canaille behandeln zu können wenn man es bis zum Verwaltungschef gebracht hat
Aber wir sind von unserem Thema abgekommen Die böse Alternative entweder gegen
Ihre persönliche Ehre oder gegen die Standesehre verstoßen zu müssen wurde
Ihnen hoffentlich erspart
    Ja Dank der Vorsicht die ich anwandte vor den gestiefelten Katern meine
Mauseexistenz möglichst geheim zu halten Als das Triennium vorbei war und ich
mein erstes teologisches Examen bestanden hatte war es mit meiner Besorgnis
ohnedies vorbei denn einem ehrsamen Kandidaten des Predigeramtes verdenkt es
schon Niemand wenn er nichts von Terzen und Quarten wissen will Ich hätte
jetzt am liebsten sogleich auf dem Lande eine Stelle als Hauslehrer angenommen
aber mein Bruder war erst nach Prima gekommen und ich wollte ihn die zwei
Jahre die er noch auf dem Gymnasium bleiben musste nicht allein lassen da ich
ihn in der Kunst mit Schwefelhölzern zu schreiben und in den übrigen
Geheimnissen des Lebens eines Dorfpfarrersohnes in der Stadt nicht so perfect
sah wie es im Interesse der Familie wünschenswert schien Denn dieser zweite
Bruder sollte an seinem jüngeren Bruder die Stelle vertreten die ich an ihm
vertreten hatte und dieser jüngere Bruder musste um dieselbe Zeit auf die Tertia
des Gymnasiums kommen wenn jener die Universität bezog ebenso wie ich anfing
zu studieren als er nach Tertia kam
    Aber wie ist denn das möglich sagte Oswald erstaunt
    Ja sehen Sie Wertgeschätzer antwortete Herr Bemperlein wie es möglich
ist kann ich Ihnen nicht sagen dass es aber der Fall ist, kann ich beschwören
Ich bin der Aelteste meiner Geschwister und am zweiundzwanzigsten März geboren
dann kommt eine Schwester genau zwei Jahre jünger denn sie ist am
einundzwanzigsten März geboren darauf ein Bruder darauf wieder eine Schwester
darauf wieder ein Bruder und wieder eine Schwester Wie viel sind das
    Ein halbes Dutzend sollte ich meinen sagte Oswald lächelnd
    Ganz richtig ein halbes Dutzend alle zwei Jahre auseinander und alle im
März geboren mit Ausnahme meiner jüngsten Schwester die am ersten April zur
Welt kam Sie ist aber auch eine kometenhafte Erscheinung in unserem
Planetensystem und so zu sagen das Wunderkind der Familie Denken Sie sich sie
ist erst achtzehn Jahre und schon verlobt
    Ich sehe bei der ohne Zweifel großen Liebenswürdigkeit Ihres Fräulein
Schwester nichts Außerordentliches darin bemerkte Oswald
    Nichts Außerordentliches rief Herr Bemperlein nichts Außerordentliches
Ein solches Kind Heiraten mit achtzehn Jahren Ich weiß wirklich nicht
einmal ob das überhaupt psychologisch und physiologisch zulässig ist  Sie
lachen Mag sein ich habe mich auf die Weiber nie verstanden und wüsste auch
nicht wie ich zu dieser Kenntnis gelangt sein sollte der Herr müsste sie mir
denn von wegen meiner absonderlichen Einfalt im Traum geschenkt haben Also
ich blieb noch fast zwei Jahre in Grünwald gab Privatstunden hielt
Repetitorien mit jungen Studenten die vor dem Examen standen und mit
Kommersbuche besser Bescheid wussten als in den Kirchenvätern und verdiente so
viel dass ich nicht nur selbst sehr gut leben konnte  den Fasttag hatte ich aus
reiner Gewohnheit beibehalten  sondern auch meinen Bruder pflichtschuldig
unterstützte Dieser Bruder machte mir damals einigermaßen Sorge  die sich
hernach als unnötig erwiesen hat denn er ist jetzt in seinem
vierundzwanzigsten Jahre schon wohlbestallter Hülfsprediger aber er lernte
etwas schwer hatte schwache Augen und war gegen Hunger und Kälte auf eine mir
unbegreifliche Weise empfindlich Ich sah deshalb ein dass es eine Barbarei sein
würde ihm die Sorge für meinen jüngsten Bruder der jetzt auf die Schule kam
zuzumuten zumal dieser ein sehr schwächlicher Knabe war  er ist jetzt ein
kräftiger Bursche von zwanzig Jahren ein braver fleißiger Junge der nächstens
sein erstes teologisches Examen machen wird  ja was wollte ich sagen
richtig er war damals ein schwächlicher kränklicher Knabe und bedurfte
größerer Pflege Für Beide aber das nötige herbeizuschaffen 
    Und für Sie selber schaltete Oswald ein
    Nun das war das wenigste aber ich sah ein dass es so nicht länger ging
und da kam mir denn die Hauslehrerstelle in Berkow die mir zu der Zeit
angeboten wurde gerade recht Vollkommen freie Station ein fabelhaftes Gehalt
 ich war überglücklich Jetzt hatte ich beide Arme frei und konnte endlich
einmal etwas für die Familie tun
    Ich dächte Sie hätten das stets nach Kräften oder über Ihre Kräfte getan
sagte Oswald
    Ach Spaß sagte der Andere die Lust war groß aber die Kraft gering und
jetzt war die Unterstützung nötiger als je Meine gute Mutter hatte schon
lange gekränkelt jetzt verfiel auch mein Vater in eine schwere Krankheit die
seine eiserne Natur so untergrub dass er sich nie wieder ganz vollständig
erholte so dass das Schlimmste zu befürchten stand dabei waren meine drei
Schwestern noch unversorgt Welches Glück also dass ich das prinzliche Einkommen
von Zweihundert Talern Gold hatte Ich gab die eine Hälfte meinen Brüdern 
    Und die andere Hälfte meinen Schwestern schaltete Oswald ein
    Und die andere Hälfte meinen Schwestern  fuhr Bemperlein fort und rieb sich
vergnügt die Hände
    Aber was behielten Sie denn für sich
    Für mich erwiderte Bemperlein erstaunt Sagte ich Ihnen nicht dass ich
vollkommen freie Station hatte Und nun hören Sie nur Ich war ein Jahr auf
Berkow gewesen da lässt mich eines Tages die gnädige Frau zu sich rufen und
nachdem wir über Dies und Jenes gesprochen sagte sie
    Sie sind nun ein Jahr bei uns lieber Bemperlein nun sagen Sie einmal
aufrichtig ob es Ihnen bei uns gefällt  Das bedarf wohl keiner Frage gnädige
Frau antwortete ich  Nun das freut mich sagte sie aber haben Sie nicht
noch irgend einen speciellen Wunsch  Das ich nicht wüsste sagte ich  Aber
Ihr Gehalt ist doch offenbar zu gering sagte sie mit dem freundlichsten
Lächeln Ich war so erstaunt über diese Worte dass ich keine Antwort zu finden
wusste
    Ich will Ihnen nur gestehen fuhr sie mit himmlischer Güte fort dass ich die
Zeit die Sie jetzt hier sind nur als Probezeit angesehen und Ihren Gehalt
danach berechnet habe Es ist mir niemals eingefallen zu glauben dass ein
Mann dem ich die Erziehung meines Kindes mit vollkommener Sicherheit
anvertrauen kann überhaupt mit Geld zu bezahlen sei und wenn ich Sie jetzt
bitte mir zu erlauben das geringe Gehalt das Sie bis jetzt bezogen haben zu
verdoppeln so bemerke ich dabei ausdrücklich dass ich mich nach wie vor als
Ihre Schuldnerin fühle
    War ich vorher noch nicht erstaunt gewesen so war ich es jetzt oder
vielmehr ich war so gerührt  weniger durch das großmütige Geschenk selbst 
als über die unbeschreibliche Liebenswürdigkeit mit der es mir von der edlen
Frau geboten wurde dass mir die Tränen über die Backen liefen Ich stammelte
etwas von unmöglich annehmen können und dergleichen da aber wurde sie
ordentlich zornig dass ich nur schnell einlenkte und sagte ich nähme das
Geschenk nicht für mich was unverantwortlich wäre sondern nur weil ich für
Andere sorgen müsste die für sich selber noch nicht sorgen könnten  Machen Sie
damit was Sie wollen sagte sie schon in der Tür aber bedenken Sie auch dass
Sie gegen sich selbst Verpflichtungen haben Damit war die Sache zu Ende aber
noch nicht Frau von Berkows Güte die grenzenlos ist Doch ich wollte Ihnen
eigentlich ganz etwas Anderes erzählen nämlich wie ich dazu kam den Fehler zu
entdecken der sich in die Rechnung meines Lebens eingeschlichen hat und
welches dieser Fehler ist
 
                              Achtzehntes Kapitel
In diesem Augenblicke kam ein Reiter der vor einigen Minuten aus einem
Seitenwege auf den Hauptweg gebogen war im Galopp an ihnen vorüber Ein großer
Neufundländer den Oswald zuerst für Melittas Dogge hielt galoppirte in langen
Sprüngen neben dem Pferde her einem herrlichen rabenschwarzen Vollblut dessen
Brust mit weißen Schaumflocken benetzt war Der Reiter so weit man es in der
Eile bemerken konnte war ein Mann von vielleicht dreißig Jahren lang und dürr
gegen die Gewohnheit der Gutsbesitzer hier zu Lande in langen Beinkleidern statt
der Stulpenstiefeln seine Haltung zu Pferde durchaus die Haltung der Herren
welche man lateinische Reiter zu nennen pflegt Aber es war das wohl mehr
Nachlässigkeit und die Gewohnheit sich gehen zu lassen als wirkliche
Ungeschicklichkeit denn als er fast unmittelbar vor den ihm Entgegenkommenden
war die er in Nachdenken oder Träumereien verloren jetzt erst bemerkte warf
er seinen Renner mit einer Kraft und Gewandtheit auf die Seite die den
tüchtigen Reiter bekundeten Excusez messieurs rief er flüchtig an den Hut
greifend und weiter galoppirend
    Kennen Sie den Herrn sagte Oswald stehen bleibend und dem Manne
nachschauend dessen Züge ihm fremd und bekannt zu gleicher Zeit erschienen
waren
    Tiens sagte Herr Bemperlein ebenfalls stehen bleibend das muss der Baron
Oldenburg gewesen sein Ja gewiss ists der Baron rief er als der Reiter jetzt
bei den Knaben die in der Entfernung von ein paar hundert Schritten folgten
angekommen still hielt und ihnen vom Pferde herab die Hand reichte Ich hätte
ihn kaum wieder erkannt mit seinem schwarzen Bart und seinem gelben Gesicht Er
sieht ja aus wie ein wahrer Kabyle Seit wann mag er denn wieder im Lande sein
    Ist er auf Reisen gewesen fragte Oswald mit angenommener Gleichgültigkeit
    Er ist seit zehn Jahren eigentlich fortwährend auf Reisen erwiderte Herr
Bemperlein vor drei Jahren trafen ihn Frau von Berkow und Herr von Barnewitz
und dessen Gemahlin in Rom und sie sind dann mit ihm durch SüdItalien gereist
In Sizilien haben sie sich getrennt Die Herrschaften traten die Rückkehr an
und der Baron ging weiter nach Ägypten Nubien und Gott weiß wohin ihn sein
unruhiger Geist noch sonst getrieben haben mag Aber wir sind schon wieder von
unserm Thema abgekommen
    Herr Bemperlein fing mit der ihm eigentümlichen Redseligkeit abermals zu
erzählen an aber wenn Oswald schon vorher nur mit halbem Ohr zugehört hatte so
schweiften seine Gedanken jetzt noch viel weiter ab  Das war also der Mann
der einst in Melittas Leben eine so große Rolle gespielt hatte Eine so große
Rolle Eine wie große Rolle Sie hatte ihn nie wahrhaft geliebt  vielleicht 
gewiss nie wahrhaft geliebt  aber ist denn wahre Liebe immer der letzte Preis
der höchsten Gunst einer Frau Gibt es nicht so dergleichen wie Begierde ohne
Liebe oder auch Liebe ohne Begierde oder der Wunsch den Geliebten auf jede
Weise an sich zu fesseln auch durch die Lust und die Erinnerung der Lust  
Und so hätte sie doch an der Seite des Mannes an dessen Wiege die Grazien
ausgeblieben waren geruht wohl ohne Ruhe ohne die tiefe Seligkeit zu finden
die sie hoffte  aber doch geruht O in dem Gedanken war Höllenqual 
    So raunte und flüsterte ihm der Dämon der Eifersucht wilde schlimme
Gedanken ins Ohr die sein Blut sieden machten und ihm kalte Tropfen auf die
Stirn trieben  was Wunder wenn er so Herrn Bemperleins Erzählung wie im
Traume hörte Nur so viel begriff er dass der wunderliche brave Mann erst jetzt
nachdem die Not des Lebens für ihn vorbei war und er in der grünen Einsamkeit
von Berkow frei von aller Sorge aufatmen durfte zum ersten Mal über seine
sogenannte Wissenschaft die zu prüfen ihm bis dahin die Zeit gefehlt hatte
nachzudenken begann dass er jetzt zum ersten Male mit den Heroen der neueren
Literatur vor allem mit Shakespeare Bekanntschaft machte dass er von den
Dichtern auf die Philosophen kam und wie ihm vor allem in Spinoza eine Welt
aufging von der er der Zögling teologischer Scholastik keine Ahnung hatte
dass er von Spinoza später von Schopenhauer angeregt sich auf das Studium der
Natur auf Botanik Mineralogie Physik geworfen sich mit Hilfe des alten
Baumann ein kleines Laboratorium eingerichtet und fleißig experimentirt habe
und dass auf seinen Retorten und Tiegeln der Glaube an die alleinselligmachende
Kraft der ProfessorenReligion den ihm die Lektüre der Philosophen noch etwa
gelassen hatte vollkommen verdampft sei
    Das ging nun so so lange es ging sage Herr Bemperlein allein es kam nicht
zum Sterben aber doch zu dem Augenblick wo ich mich entschließen musste ob ich
meinen heimlichen Abfall von dem Glauben meiner Väter offen erklären wollte oder
nicht Eine sehr einträgliche Pfarrstelle in hiesiger Gegend von der ein Onkel
der Frau von Berkow der ältere Herr von Barnewitz Patron ist wurde durch den
Tod des Inhabers erledigt Herr von Barnewitz glaubte seiner Nichte einen
Gefallen zu erweisen wenn er mir diese Stelle anbot ich hatte weiter nichts zu
tun als am nächsten Sonntag eine Predigt in dem Pfarrdorfe zu halten und die
Sache war abgemacht Nun müssen Sie wissen dass ich als mir Herr von Barnewitz
die Sache vorstellte im ersten Schrecken halb aus Überraschung halb um den
guten Mann nicht zu kränken und dann auch weil wir das heißt Frau von Berkow
und ich Julius Übersiedlung nach Grünwald beschlossen hatten und so meines
Bleibens in Berkow doch nicht länger sein konnte »Ja« gesagt und mich wirklich
hingesetzt habe eine Predigt auszuarbeiten Ich hatte mich seit ein paar Jahren
glücklich um jede Gelegenheit wo mein teologischdeclamatorisches Talent sich
hätte zeigen können herumzudrücken gewusst und jetzt fühlte ich zu meinem
Schrecken dass ich die Kanzelsprache und noch mehr als die Sprache die
Kanzellogik vollständig verlernt hatte Drei Abende hinter einander setzte ich
mich zu der Sisyphusarbeit hin aber nie kam ich auch nur über »meine
andächtigen Zuhörer« hinaus Die contradictio in adjecto peinigte mich ich
wusste aus eigener Erfahrung wie es mit der Andacht der Zuhörer bestellt ist
Andächtig kommt von Denken Da in der dritten Nacht als ich mich voller
Verzweiflung zu Bette gelegt hatte und voller Kummer eingeschlafen war
erwägend was wohl mein guter Vater und mein würdiger Großvater den ich auch
noch gekannt hatte sagen würden wenn sie den Unglauben ihres in so trefflichen
Grundsätzen erzogenen Sohnes und Enkels sähen hatte ich folgenden kuriosen
Traum zu dessen Erklärung ich vorher bemerken muss dass Frau von Berkow mir an
jenem Tage viel von den Museen des Louvre erzählt hatte
    Mir träumte also ich trat in einen gewaltigen hohen und weiten Saal an
dessen Wänden Sculpturen und Gemälde standen und hingen Da saß Gott Vater
selbst ein schöner bärtiger alter Mann und reckte die Hand aus und schuf
Himmel und Erde dann kamen Adam und Eva in weißem Marmor Eva ziemlich wohl
erhalten  Adam aber hatte den Kopf verloren darauf »Kains Brudermord« ein
großes Oelgemälde ebenso wie ein darauf folgendes »Adam und Eva finden die
Leiche des ermordeten Abel« auf welchem die Gestalt des todesblassen Jünglings
der wie eine gebrochene Lilie anzuschauen war mich fast zu Tränen rührte So
ging es weiter und weiter Statue an Statue Gemälde an Gemälde Ich war nicht
allein im Saale im Gegenteil viele Menschen bewegten sich an den Wänden und
durch den Wald von Statuen hin Vor einzelnen besonders hervorragenden Werken
zum Beispiel dem Durchzug der Kinder Israel durch das rote Meer  einer
riesengrossen Freske  standen ganze Gruppen  auch vor andern die sich weniger
durch historische Bedeutung als durch das Pikante der dargestellten Situation
auszeichneten So musste ich mich über das Betragen einer Schaar junger Mädchen
ärgern die vor einem Gemälde darstellend »Lot von seinen Töchtern trunken
gemacht« die Köpfe zusammensteckten und kicherten Überhaupt erschien mir das
Benehmen der Gesellschaft in hohem Grade anstößig Die Frauen lachten und
schwatzten und kokettirten die Herren schwatzten lachten und lorgnettirten
und einige mit langen Beinen und langen Zähnen  wahrscheinlich Engländer 
hatten gar den Hut auf dem Kopf Fast Alle hielten ein Buch in der Hand in
welches die Gewissenhafteren von Zeit zu Zeit hineinsahn wenn sie sich über
eins der Kunstwerke Auskunft holen wollten Dies Buch schien mir der Katalog des
Museums zu sein und da ich einen solchen ebenfalls zu haben wünschte weil ich
die Reihenfolge der Propheten vergessen hatte und nun nicht wusste ob der alte
bärtige Mann Nr 8 Habakuk und der Jüngling Nr 9 Zephanga oder umgekehrt
sei so wandte ich mich an einen alten Herrn den ich mit einem Fliegenwedel an
den Statuen beschäftigt gesehen hatte und den ich in Folge dessen für einen der
Custoden hielt Als ich näher trat wandte sich der Mann um und ich erschrak
nicht wenig als ich meinen eigenen Großvater erkannte Was wünschen Sie junger
Mann sagte er in strengem Ton Ich wiederholte schüchtern meine Frage Hier
haben Sie einen Katalog sagte er von einem Tische auf welchem eine große
Menge jener Bücher lag eins nehmend und mir reichend kostet fünfzehn
Silbergroschen   Ich schlug das Buch auf ich wünschte einen Katalog sagte
ich Sie haben mir  Ganz richtig sagte der alte Mann mit melancholischer
Stimme dies ist der Katalog für das alte Museum der Eingang in das neue
Museum in welchem die Kunstwerke von dem Jahre Eins christlicher Zeitrechnung
bis zum Jahre 1793 wo die christliche Religion abgeschafft und die Göttin
Vernunft auf den Thron gesetzt wurde aufgestellt sind  ist dort Er wies auf
eine schöne breite Treppe die aus dem Saale hinaufführte in andere Räume Sie
werden gut tun sich dort ebenfalls einen Katalog zu kaufen Er kostet zehn
Silbergroschen und Sie haben sich deshalb an Ihren Vater zu wenden welcher in
jenem Teile des Gebäudes dasselbe Amt versieht welches ich hier versehe Und
damit wandte mir der alte Mann den Rücken und fing wieder an mit seinem langen
Wedel die Statuen und Bilder abzustauben Entschuldigen Sie lieber Großvater
sagte ich  Ich bin Ihr Großvater nicht antwortete der alte Mann ruhig in
seiner Beschäftigung fortfahrend Nun Herr Custos fragte ich Ja wohl Custos
nichts weiter nichts weiter murmelte der Greis Wo haben denn Herr Custos
fuhr ich fort die Kunstwerke die seit jener Zeit entstanden sind ihre Stelle
gefunden Seit jenem denkwürdigen Jahre sagte der Alte hat nichts Gescheidtes
mehr zu Stande kommen wollen Zwar haben sich noch einige Künstlerschulen
gebildet aber es hat Alles kein rechtes Leben und ihre Productionen können auf
eigentlichen Kunstwert keinen Anspruch machen Den Künstlern selbst fehlte der
rechte Glaube und ohne den lässt sich nun einmal nichts Ordentliches malen oder
meisseln oder schreiben  bei diesen letzten Worten maß er mich mit einem
strengen Blicke  Oder schreiben wiederholte ich kleinlaut an meine
ungeschriebene Probepredigt denkend  Oder schreiben fuhr er fort  und dann
ist das Publikum selbst in neuester Zeit sehr gleichgültig geworden und die
Kritik sitzt den Künstlern zu unbarmherzig auf dem Nacken und das verdirbt
ihnen die naive Unbefangenheit und nachtwandlerische Sicherheit ohne welche nun
ein für alle Mal  aber jetzt muss ich Sie ersuchen sich zu entfernen die
Glocke hat schon lange geläutet Sie sind der Allerletzte Er begleitete mich
bis zum Ausgange des Saales öffnete mir die Tür und lud mich mit einer steifen
Verbeugung ein hinauszuspazieren  Ich tat es  die Tür fiel donnernd hinter
mir zu und  ich erwachte
    Seit jenem Traum fuhr Bemperlein fort machte ich keinen neuen Versuch
mehr Ohne Glauben lässt sich keine Predigt schreiben sagte ich zu mir und wenn
sich auch noch zur Not eine schreiben lässt so lässt sie sich doch nicht halten
wenigstens nicht von einem Manne der wie Du ein Stück Gewissen und weder Kind
noch Kegel hat die manchen ehrlichen Kerl schon Dinge haben schreiben und sagen
machen die er nur so und auch kaum so vor Gott und der Welt verantworten
kann Dass ich nicht mehr Pastor werden könnte stand bei mir fest und ich
schrieb also heute Morgen an Herrn von Barnewitz mich für die mir zugedachte
Ehre zu bedanken von der ich keinen Gebrauch machen könne  da  ich mich
entschlossen hätte Julius nach Grünwald zu begleiten Der Einfall kam mir
nämlich wie ich die Phrase schrieb und ich lief sogleich zu Frau von Berkow
und teilte ihr meinen Entschluss mit worüber sie eine lebhafte Freude zu
erkennen gab  Nun sagen Sie mir mein vortrefflicher Freund der Sie die Güte
gehabt haben diese lange Geschichte anzuhören was würden Sie tun wenn Sie in
meiner Lage wären Bedenken Sie dabei dass ich bereits achtundzwanzig Jahre alt
bin aber noch meine sämtlichen achtundzwanzig Zähne habe  Die Weisheitszähne
sind ausgeblieben sei es aus einer Vergesslichkeit der Natur sei es aus einer
weisen Vorsicht des Schicksals das daran dachte wie ich so manchmal im Leben
wenig genug zu beißen haben würde
    Was ich tun würde wenn ich an Ihrer Stelle wäre sagte Oswald wenn ich
wie Sie ein wackerer gewissenhafter fleißiger 
    Bitte bitte Herr Kollega sagte Bemperlein über und über rot werdend
    Ich sage gewissenhafter fleißiger Mann wäre Nun die Frage ist sehr
leicht zu beantworten Ich würde tun was Sie bereits getan haben ich würde
dem Paradies naiver Gedankenlosigkeit und harmlosen Glaubens wohlgemut den
Rücken kehren nachdem ich einmal vom Baum der Erkenntnis gekostet und mich so
wenig wie Sie in den Stall sperren lassen in welchem die Heuchler die
schnöden Hunde im Schafspelze der Demut so ohrenzerreissend und
markerschütternd winseln und heulen
    Ganz wohl ganz wohl sagte Herr Bemperlein sich vergnügt die Hände
reibend und was würden Sie dann tun Wertgeschätztester
    Dann sagte Oswald wenn ich Sie wäre würde ich mich erinnern welche
Mühsal ich schon als schwacher Knabe erduldet und welchen Fleiß und welche
Ausdauer ich bewiesen habe bloß um mir einen Wust von Kenntnissen anzueignen
den ich jetzt froh bin wieder vergessen zu können  dessen sage ich würde ich
mich erinnern und mir eine Wissenschaft zu eigen machen die ich nicht wieder
vergessen möchte weil ich ihr Jünger sein darf ohne vorher die freie Vernunft
zu knebeln und weil diese Wissenschaft fruchtbar für mich und fruchtbar für
meine Mitbrüder ist
    Vortrefflich vortrefflich sagte Herr Bemperlein weiter weiter
    Ich würde also mit einem Wort fuhr Oswald fort mich mit aller Macht auf
die Wissenschaften werfen in denen Sie sich ja schon versucht haben und würde
mich sobald als möglich nochmals in Grünwald inscribiren lassen diesmal aber
nicht um Theologie sondern etwa um Medizin zu studieren
    Die medicinische Facultät in Grünwald ist ausgezeichnet sagte Herr
Bemperlein
    Sie ist anerkanntermassen eine der besten in Deutschland fuhr Oswald fort
Dann würde ich noch ein paar andere Universitäten besuchen wenn das Geld reicht

    Geld wie Heu Geld wie Heu rief Herr Bemperlein sechs Jahre lang ein
prinzliches Einkommen und freie Station ich bitte Sie Teuerster ich habe für
ein halbes Jahrhundert zu leben
    Dann würde ich ein berühmter Arzt 
    Wissen Sie sagte Herr Bemperlein stehen bleibend und sich nach den Knaben
umsehend im Flüsterton Ich habe schon ein Paar von Julius Kaninchen heimlich
mit Blausäure vergiftet und hernach secirt und die Frösche in dem Sumpf hinter
unserm Park haben keine Ursache meine Freunde zu sein
    Bravo lachte Oswald und dann heiratete ich
    Wirklich fragte Bemperlein
    Nun natürlich und erzeugte ein halbes Dutzend kleiner Bemperleins die in
der Folge Alle große Bemperleins und Alle Leuchten und Fackeln der modernen
Wissenschaft würden
    Auch die Mädchen sagte Bemperlein lachend
    Die Mädchen heirateten wieder tüchtige wahrheitsliebende Männer und so
hilfe ich teoretisch und praktisch die Zeit herbeiführen wo die Freiheit
erscheinen wird die wir meinen
    Ja ja rief Herr Bemperlein so gehts so gehts Dank tausend Dank mein
trefflicher Freund dass Sie die letzten Wolken des Zweifels durch Ihre mutigen
Worte zerstreut haben Morgen reise ich mit Julius nach Grünwald
    Ich will Ihnen einen Empfehlungsbrief an Professor Berger mitgeben sagte
Oswald er steht mit allen naturwissenschaftlichen Größen in Verbindung
    Er riss ein Blatt aus seiner Brieftasche schrieb ein paar Worte an Berger
darauf und übergab es Bemperlein
    Dank besten Dank sagte dieser das Blatt einsteckend Die Bekanntschaft
dieses Mannes kann mir sehr nützlich werden
    Auf jeden Fall Sprechen Sie durchaus offen gegen ihn ohne allen und jeden
Rückhalt dann dürfen Sie aber auch versichert sein dass er mit seiner
Herzensmeinung nicht hinter dem Berge halten wird Vielleicht empfiehlt er
Ihnen sogleich auf eine größere Universität etwa nach der Residenz zu gehen
Folgen Sie dann seinem Rat
    Nous verrons nous verrons rief Herr Bemperlein Aber da sind wir bei
unserm Parktor angekommen Sie treten doch näher
    Nein nein sagte Oswald hastig ich möchte nicht gern so spät nach Grenwitz
zurückkommen
    Nun dann leben Sie wohl In ein paar Tagen wenn ich Julius in Grünwald
installirt und mich über mich selbst bei Berger ordentlich informirt habe bin
ich wieder hier um definitiv Abschied zu nehmen Leben Sie wohl so lange mein
wertgeschätzter Freund
    Adieu Adieu sagte Oswald hastig Bemperlein und Julius die Hand drückend
und Bruno mit sich zurück in den Wald ziehend als hielte ein Engel mit dem
flammenden Schwerte Wache über dem Parktore von Berkow
 
                              Neunzehntes Kapitel
Der Knabe und er gingen eine Zeit lang schweigend nebeneinander durch den Wald
Bruno war zu stolz als dass er eine Unterhaltung mit dem hätte beginnen sollen
der ihn ganz vergessen zu haben schien und Oswald war mit seinen eigenen
Gedanken vollauf beschäftigt In dem krystallhellen Spiegel von jenes Mannes
kindlich reiner Seele hatte er sein eigenes Gesicht erblickt  aber wie
erblickt von Leidenschaft zerrissen von Zweifel verdüstert so dass er vor sich
selbst erschrak Und dieser Mann sprach er bei sich kommt zu Dir sich von Dir
Rat zu holen der Sehende zu dem Blinden der Gesunde zu dem Kranken Er
entdeckt einen Fehler in der Rechnung seines Lebens und er setzt sich hin und
rechnet und rechnet und ruht nicht bis das Facit stimmt und Alles wieder
schier und glatt ist und Du taumelst durchs Leben wie ein leichtsinniger
Kaufmann Schuld auf Schuld häufend von einer tollen Spekulation in die andere
rennend unbekümmert darum wie es am Zahlungstage werden soll Jener Mann würde
sich eher die Hand abhauen als sie nach etwas ausstrecken das er nicht
verdient hätte im Schweiße seines Angesichts  Du nimmst die Gaben der goldigen
Aphrodite und was Dir sonst ein günstiges Geschick gewährt hin wie Dein gutes
Recht und murrest nur dass es nicht mehr ist Jetzt bist Du schon nicht mehr
zufrieden mit Melittas Liebe für die Du ihr auf den Knieen danken müsstest
jetzt verlangst Du sie sollte Dich geliebt haben ehe sie Dich kannte sie
sollte wenigstens mit ihrer Liebe auch die Erinnerung an diesen Mann verloren
haben Wenn ich die Erinnerung töten könnte sagte sie Nun was uns
gleichgültig ist vergisst man gar leicht und was man nicht vergisst und nicht
vergessen kann  das ist uns nicht gleichgültig Also hasst sie diesen Mann Aber
der Hass ist der wilde Bruder der holden Schwester Liebe Vielleicht liebt sie
ihn noch  Und woher kam er eben Von ihr ohne Zweifel  Bruno führt dieser
Seitenweg noch sonst wohin außer nach Berkow
    Nein und ich finde den Weg wirklich nicht interessant genug um ihn zweimal
an einem Tage zu gehen Hier ist ein anderer der uns aus dem Walde herausführt
und dann immer am Rande hin bis beinahe nach Hause wollen wir den nicht
einschlagen
    Meinetalben sagte Oswald sogleich wieder in seinen bösen Traum
zurückfallend Also wirklich von ihr Doch das ist ja nicht möglich »Ein
rollend Rad des Weibes Brust hat gedrechselt die Lilienhöhen decken was wankt
und wechselt«  das kann der Baron so gut wie Du in der Fritjofssage gelesen
haben Er ist ja auch ein Schriftgelehrter und dabei Baron und reich  Dem
Manne kann es gar nicht fehlen aber Melitta soll mir Rede stehen sie soll mir
sagen dass ich Ursache habe den Mann zu hassen wie ich ihn hasse
    Bruno war durch die Breite des Weges von ihm getrennt schweigend neben
Oswald hergegangen Er bemerkte wohl dessen Aufregung er sah wie sein Gesicht
sich immer mehr verdüsterte wie schmerzlich seine Lippen zuckten wie seine
Hand sich krampfig ballte er sah dass sein Freund nicht glücklich war Mehr
bedurfte es bei dem großmütigen Knaben nicht ihn alle seine persönliche
Empfindlichkeit seine eignen Klagen vergessen zu machen er kam leise an Oswald
heran und seine Hand ergreifend sagte er
    Was fehlt Dir Oswald Warum sprichst Du nicht Zürnst Du mir
    Ich Dir mehr antwortete der junge Mann nicht aber der Ton mit dem er
diese Worte sprach und der Blick mit dem er sie begleitete waren genug um
Bruno von der Grundlosigkeit seines Verdachtes zu überzeugen und sie so lange
zurückgestaute Flut seiner Liebe in wildem Ungestüm hervorbrechen zu machen Er
umschlang Oswald und drückte und herzte ihn unter Tränen und Schluchzen
    Bruno Bruno was ist Dir rief Oswald durch die stürmische Zärtlichkeit
des Knaben erschreckt
    Ich glaubte Du liebtest mich nicht mehr schluchzte Bruno und sieh
Oswald wenn auch Du mich nicht mehr lieben willst dann muss ich sterben
    Das bleiche Todtenbild das Oswald heute Morgen in seinem fieberhaft
erregten Zustande so entsetzlich deutlich geträumt hatte trat wieder vor seine
Seele und gab dem leidenschaftlichen Worte des Knaben eine fürchterliche
Bedeutung Sprachlos vor Rührung zog er den Weinenden an sein Herz und
wiederholte sich im Stillen das Gelöbnis diesem armen verlassenen Knaben ein
Bruder zu sein
    So standen sie sich eng umschlungen haltend Rote Abendlichter spielten in
den Wipfeln der Tannen aus dem Walde tönte der sanfte klagende Gesang eines
Vögeleins
    Da schlugen aus geringer Entfernung wüste hässliche Töne an ihr Ohr laute
drohende Stimmen von Männern die in einem heftigen Wortwechsel begriffen
schienen  Schelten Fluchen  dann auf einen Augenblick tiefe Stille und
plötzlich der laute Ruf Herr Gott Hilfe ist denn Niemand da Hierher
    Oswald und Bruno die einen Augenblick atemlos gelauscht hatten eilten
jetzt im vollen Lauf der Stelle zu von wo der Hülferuf ertönte Sie kamen auf
einen Platz hart am Rande des Waldes wo Holz gefällt wurde und zwischen den
einzelnen noch stehenden Bäumen hier und da Klafter aufgeschichtet waren Neben
einem halb beladenen mit vier Pferden bespannten Wagen lag ein Mann auf der
Erde mit Händen und Füßen um sich schlagend ein anderer hatte sich über ihn
gebeugt ihn misshandelnd oder beschwichtigend  man konnte es nicht
unterscheiden Als die Beiden herankamen erhob sich dieser Letztere  es war
der Inspector Wrampe  und schrie ihnen entgegen Schnell Herr Doctor um
Gotteswillen Der Kerl stirbt mir unter den Händen
    In der Tat, das Aussehen des Mannes auf der Erde war entsetzlich genug Das
Gesicht verzerrt die Augen verdreht dass man nur das Weiße sah Schaum vor dem
Munde die Fäuste geballt der Körper in Krämpfen zuckend  kaum dass Oswald den
riesigen Knecht wieder erkannte der damals durch seine Grausamkeit gegen seine
Pferde den Zorn Brunos herausgefordert hatte
    Oswald war an der Seite des Menschen niedergekniet er wischte ihm den
Schaum vom Munde er band ihm die steife Binde ab er suchte ihm eine bessere
Lage zu verschaffen
    Haben Sie nichts ihm unter den Kopf zu legen rief er dem Inspector zu
dessen rohes bärtiges Gesicht die hülflose Angst unaussprechlich albern machte
    Unter den Kopf unter den Kopf hier und dabei zog er seinen Rock aus und
stopfte ihn als Kissen unter den Kopf des Mannes
    Ist kein Wasser in der Nähe rief Oswald weiter
    Wasser in der Nähe Nein  aber in dem Rock steckt eine Flasche  da  das
mag auch wohl helfen  Herr Jesus  
    Oswald wusch mit dem Branntwein die Stirn des Kranken der allmälig etwas
ruhiger wurde
    Wie ist denn dies gekommen fragte er
    Ja ich weiß es nicht rief der Inspector mit kläglicher Stimme Ich komme
hierher geritten weil der Kerl mir zu lange im Holz trödelt um ihm ein bisschen
den Marsch zu machen Da sitzt er bei seinem Wagen auf dem Baumstamm und regt
sich nicht Was hast Du hier zu sitzen fragte ich Warum soll ich hier nicht
sitzen sagte er Bist Du wieder besoffen Jochen sagte ich denn ich sah dass
er ganz wässrige Augen hatte und seine Schnapsflasche leer neben ihm lag
Selber besoffen sagte er Du bist ein ganz infamer Schlingel sagte ich Selber
Schlingel sagte er Na Herr Doctor so was kann man sich doch nicht gefallen
lassen So ich runter vom Pferde und meinem Kerl ein paar aufgezählt Er in der
größten Wut auf mich los  mit einem Mal fällt er wie ein Ochs auf die Erde 
und fängt an  ach Herr Jesus da geht es wieder los So was hab ich mein
Lebtag nicht gesehen
    Der Knecht bekam wieder einen Krampfanfall Oswald selbst befürchtete das
Schlimmste Schnell schnell rief er das Holz vom Wagen herunter wir müssen
ihn langsam nach Hause fahren Unterdessen reitet einer nach dem Arzt
    Ja ja ich will nach dem Doctor reiten rief der Inspector froh
fortzukommen und schon mit einem Fuß im Bügel
    Hier geblieben herrschte ihn Oswald an wie kann ich ohne Sie den Mann
fortschaffen Schämen Sie sich nicht Herr Wrampe dass Sie ein solcher Hasenfuß
sind Nehmen Sie sich ein Beispiel an Bruno
    Bruno hatte Oswald nach Kräften unterstützt jetzt stand er auf dem Wagen
und warf mit vollen Armen das schon aufgeladene Holz herab Ich will zu dem
Doctor reiten Oswald rief er herabspringend
    Es wird wohl das Beste sein Bruno sagte dieser Du kennst den Weg und ich
kann hier nicht fort Schnallen Sie ihm die Bügel kürzer Herr Inspector
    Gleich gleich sagte dieser aber schon hatte Bruno es selbst getan mit
einem Satze ohne den Bügel zu berühren saß er im Sattel und hatte die Zügel
ergriffen Das feurige Tier die ungewohnte leichte Last fühlend bäumte sich
    Es wird Sie abwerfen Junker sagte der Inspector
    Keine Furcht rief der Knabe Ihre Peitsche her Hopp allez und damit hieb
er das Pferd über den Hals und sprengte im Galopp davon Oswald sah nur noch
wie er am Rande des Waldes angekommen über den breiten Graben setzte auf den
Weg von dem Weg über den andern Graben auf eine Wiese um über diese
weggaloppirend schneller die Landstraße zu gewinnen die nach Faschwitz und von
dort weiter nach dem Städtchen führte in welchem der Doctor wohnte
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Unterdessen hatte der Inspector und Oswald nicht ohne einige Schwierigkeit 
denn Herrn Wrampes Riesenkraft schien durch den Schreck vollkommen paralysiert
zu sein  den Kranken auf den Wagen geladen nachdem sie zuvor von dem Heu der
nahen Wiese und einigen Kleidungsstücken eine Art von Lager darauf bereitet
hatten Oswald stieg mit hinauf um den Kranken der sich jetzt in einem ganz
letargischen Zustande befand nötigenfalls zu stützten und der Inspector
lenkte die Pferde Glücklicherweise dauerte die Fahrt nicht lange da die
Häuslerwohnungen auf der ihnen zugekehrten Seite der Landstraße von Grenwitz
nach Faschwitz den Wirtschaftsgebäuden gegenüber also bedeutend näher als das
Schloss selbst lagen
    Sie wissen doch wo der Mann wohnt fragte Oswald als sie sich dem Dorfe
näherten
    Gleich in dem ersten Hause antwortete Herr Wrampe sich in dem Sattel
umdrehend und mit dem Peitschenstiel auf ein Häuschen zeigend das eher einem
großen Hundestall als einer kleinen Menschenwohnung glich
    Ist er verheiratet
    Gewesen antwortete Herr Wrampe er hat das arme Weib  hier unterbrach er
sich einen scheuen Blick auf das blasse Gesicht des Mannes werfend als wollte
er sagen von Toten und Todtkranken darf man nur das Beste sprechen
    Hat er Kinder
    Zwei da sind sie vor der Tür mit Mutter Klausen Mutter Klausen he der
Jochen hat das böse Wesen gehabt bringen Sie doch die Kinder ins Haus dass sie
sich nicht erschrecken So rief der Inspector den das Gefühl seines Unrechts
außerordentlich zartfühlend gemacht hatte einer alten Frau zu die im letzten
Abendsonnenschein vor der Tür der Hütte saß während zwei kleine Kinder zu
ihren Füßen im Sande spielten
    Als die alte Frau aufblickte erkannte Oswald dieselbe Alte mit welcher er
auf dem Wege zur Kirche gestern Morgen auf dem Moor die sonderbare Unterredung
über Unsterblichkeit gehabt hatte Die Alte warf einen Blick nach dem
herankommenden Fuhrwerk ergriff die Kinder führte sie ins Haus und kam
wieder heraus als der Wagen eben vor der Tür still hielt
    Ist er toht fragte sie an den Wagen tretend
    Nein Mütterchen sagte Oswald
    Ah sieh der junge Herr von gestern Na das gefällt mir von Ihnen dass Sie
Mitleid haben mit den armen Menschen  Tragt ihn nur hier herein ich habe die
Kinder in meine Kammer gebracht
    Der Inspektor und Oswald hoben den Mann der vollkommen regungslos war vom
Wagen trugen ihn nicht ohne sich zu bücken durch die Haustür über den
kleinen Flur in die niedrige Stube und legten ihn dort auf ein breites mit
blauem Kattun überzogenes Bett Die Alte folgte hieß den Inspektor ihr den
Mann entkleiden helfen und sagt ihm dann
    So Sie können nun gehen der Herr Stein und ich wollen schon mit dem Jochen
fertig werden
    Der Inspektor ließ sich diese Erlaubnis nicht zweimal sagen mit einigen
unverständlichen Worten drückte er sich aus dem Staube und Oswald sah nur durch
das Fenster wie er draußen eher er das Sattelpferd bestieg einen langen
langen Schluck aus seiner Flasche tat als ob er nach solcher geistigen und
körperlichen Anstrengung einer Erquickung ganz besonders bedurfte
    Oswald hatte sich am niedrigen offenen Fenster auf einen Schemel gesetzt
und schaute sich in dem Zimmerchen um Man erkannte auf den ersten Blick dass
hier in diesem Häuschen ein guter Geist waltete der aber sicherlich nicht in
dem rohen Trunkenbolde dort auf dem Bett seine Wohnung aufgeschlagen hatte Das
Bett war frisch überzogen die Zimmerdecke die Wände waren sorgfältig
gereinigt der Fußboden mit Sand bestreut Die Luft im Zimmer war frisch die
kleinen Fensterscheiben so klar wie es ihre grünliche Farbe und das Alter eben
zuliessen Mutter Klausen hatte am Bett gesessen und wie Oswald aus einigen
wunderlichen Manipulationen schloss irgend eine magnetische Kur mit dem Kranken
vorgenommen der jetzt in einen erquickenderen Schlaf zu fallen schien Sie
stand auf und sagte Ich will die Kinder zu Bett bringen Sie bleiben doch so
lange hier
    Auf Oswalds bejahende Antwort trippelte sie davon kam nach einer
Viertelstunde wieder und setzte sich zu dem jungen Mann an das Fenster Sie
hatte ein Strickzeug in der Hand und strickte mit einer für ihr Alter
unbegreiflichen Schnelligkeit an einem Kinderstrümpfchen So saß sie da halb
nach dem Kranken horchend bald die Maschen an ihrem Strumpfe zählend bald
Oswald aus ihren grauen tiefliegenden Augen forschend und freundlich ansehend
    Ich weiß nicht was das ist sagte sie plötzlich als ein roter Streifen
der untergehenden Sonne durch das Fenster auf Oswalds Gesicht fiel ich muss Sie
schon mal gesehen haben
    Nun ja sagte Oswald gestern Morgen auf der Heide
    Nein nein  nicht gestern vor einigen Jahren so vor vierzig  fünfzig
etwa und darüber
    Wie alt sind Sie denn Mütterchen fragte Oswald verwundert fünfzig Jahre
und darüber als einige Jahre verzeichnet zu hören
    Nächstes Christfest werde ich zwei und achtzig Jahr antwortete die Alte
wieder emsig strickend als erinnere sie diese Frage dass sie keine Zeit mehr zu
verlieren habe
    Zwei und achtzig Jahre rief Oswald erstaunt und haben Sie während der Zeit
hier stets im Dorfe gelebt
    Ja immer hier hier und auf dem Schloss Dort bin ich geboren am heiligen
Christabend im Jahre Eintausend Siebenhundert Vierundsechzig an demselben Tage
und zur selbigen Stunde wie der Vater von dem verstorbenen Baron 
    Wie lange ist der nun toht
    Nun es ist jetzt so ein vierzig Jahre her er wäre jetzt ebenso alt wie
ich zwei und achtzig Jahre hm hm zwei und achtzig Jahr  wie der wohl
aussähe  auch so verschrumpft und war ein schmucker Bursch  ei das war ein
schmucker Bursch
    Die Erinnerung an den drittletzten längst verstorbenen Baron von Grenwitz
schien der Alten eine besonders merkwürdige zu sein sie ließ die mageren
braunen Hände mit dem Strickzeug in den Schoss sinken und starrte gedankenvoll
vor sich hin Ein schmucker Bursch murmelte sie noch einmal und die
verschrumpften Züge erhellte ein freundliches Lächeln dann traten zwei große
Tränen aus den gesenkten Wimpern und rollten langsam über die runzligen braunen
Wangen auf die runzligen braunen Hände  Was mochte sie in diesem Augenblicke
erschauen die alte Frau Sah sie sich wieder wie sie vor fünfundsechzig Jahren
war ein schlankes bildhübsches Ding mit großen grauen blitzenden Augen und
prächtigem reichen dunkelblondem Haar so wie sie damals war als sie sich des
Nachts heruntergestohlen hatte in den Schlossgarten um dem Junker ein
Stelldichein zu geben dem wilden Junker mit dem sie zusammen aufgewachsen war
wie eine Schwester und den sie wie einen Bruder liebte und wie ihren
Herzallerliebsten und der ihr schwur er wolle sie zur gnädigen Frau machen so
bald er einmal der Herr sei in Grenwitz Damals war sie jung gewesen und er war
jung gewesen und die Sonne hatte in jener alten Zeit so warm und mild
geschienen in ihr junges morgenfrisches Herz und die Lerchen hatten so
lieblich ihr Triliri gesungen und der Mondschein war auf so leisen Füßen im Park
herumgeschlichen dass er nicht einmal die Nachtigall störte die in dem Gebüsche
so klagte und schluchzte als ob ihr das kleine volle Herz brechen wolle vor
Liebessehnsucht und Liebespein  denn ach der Junker war dann fortgereist
weit weit fort  übers Meer von seinen Eltern nach Schweden geschickt zu
seinen Verwandten damit die dumme Geschichte mit der Lise ein Ende nehme und
er sandte ihr kein Wort keinen Gruß ein zwei drei Jahre lang und als er
wieder kam von Schweden  da heiliger Gott war er nicht allein  eine schöne
junge Frau saß bei ihm im Wagen und die alten Herrschaften waren glücklich und
die Dienerschaft schrie Hurrah  und sie tanzten und jubelten  Aber in dem
dichtesten Gebüsch des Schlossgartens hatte sich ein Mädchen versteckt die
hübscheste von allen Dirnen weit und breit und die schluchzte leise leise vor
sich hin wie Träne auf Träne über ihre Wangen rollte und von den vielen
Tränen waren ihr die schönen Augen tief in den Kopf gesunken und die blonden
Haare waren grau geworden und  und da saß sie nun eine alte steinalte Frau 
und noch immer flossen ihr die Tränen über die runzligen braunen Wangen auf die
runzligen braunen Hände
    Ein schmucker Bursch sagte sie wie ich mein Lebtage keinen wieder so
schmuck gesehen habe bis gestern Morgen als Sie plötzlich auf der Heide vor
mir standen Da kamen Sie mir gleich so bekannt vor und nun weiß ich auch
warum Mit Verlaub Junker wie alt sind Sie jetzt
    Drei und zwanzig Jahr
    Drei und zwanzig Jahre ja ja ich wusste es wohl drei und zwanzig Jahre 
Du bist jung geblieben und bist noch immer so gut und schön
    Wieder sah sie Oswald an aber nicht mit dem spürenden suchenden Blick wie
vorher sondern klar und deutlich wie eine Ahne blickt die einen Enkel an
ihrem Lehnstuhle spielen sieht Auf einmal stand sie auf trat an Oswald heran
und ihm die welken zitternden Hände aufs Haupt legend sagte sie langsam und
feierlich mit einer Stimme die nicht ihr zu gehören die aus einer andern Welt
herüberzuschallen schien Der Herr segne und behüte Dich Oskar Dann setzte sie
sich wieder auf ihren niedrigen Schemel und strickte wieder emsig emsig dass
die Nadeln klapperten und dazu nickte sie mit dem grauen Haupte und lächelte
selig vor sich hin als erzählte ihr eine Stimme die nur sie allein hörte ein
altes längst verschollenes wunderherrliches Märchen von Jugend und Liebe und
Nachtigallengesang
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
In dem niedrigen Zimmer begann es zu dunkeln die Nadeln der Alten klapperten
immer hastiger die Schwarzwälder Uhr in der Ecke pickte lauter und lauter in
der tiefen Stille und Oswald saß noch immer am offenen Fenster den Kopf in die
Hand gestützt wie im Traum
    Das Geräusch eines Wagens der die Dorfgasse hergefahren kam erweckte ihn
Ein mit zwei Pferden bespannter leichter Holsteinerwagen hielt vor der Hütte
still ein Mann stieg rasch hinab und trat alsbald in die Stube
    Guten Abend sagte eine klare etwas scharfe Stimme Herr Doctor Stein 
freue mich Ihre Bekanntschaft zu machen  Mein Name ist Braun Bruno hat mir
schon erzählt dass ich hier einen barmherzigen Samariter finden würde  wo ist
denn unser Patient  ach dort im Bett  wie wärs liebe Alte wenn Sie uns
etwas Licht verschaften unterdessen ist Herr Doctor Stein so gut und erzählt
mir was er von dem Falle weiß nicht wahr
    Oswald gab so gut er es vermochte eine Schilderung dessen was er gesehen
hatte
    Ich dachte es mir schon sagte Doctor Braun es ist ein Anfall von
Epilepsie Hat Ihr Sohn sonst schon an diesen Zufällen gelitten fragte er die
Alte die jetzt ein dünnes Talglicht mit der Hand schützend so dass nur ein
schwacher Schimmer desselben auf ihr runzliges Gesicht fiel wieder in das
Stübchen trat
    Es ist nicht mein Sohn auch war seine Frau nicht meine Tochter sagte
Mutter Klausen das Licht auf einen Schemel vor das Bett setzend aber seine
Kinder sind meine lieben Enkelchen
    Der Doctor warf einen forschenden Blick in das Antlitz der alten Frau  und
dann schweifte sein Auge fragend zu Oswald hinüber  aber er hielt die
Bemerkung die er auf den Lippen hatte zurück nahm das Licht und leuchtete in
das Gesicht des Kranken
    Oswald nahm es ihm aus der Hand erlauben Sie dass ich Ihnen leuchte
    Danke sagte der Doctor den Kranken untersuchend
    Während dessen betrachtete Oswald sich den Ankömmling genauer Es war ein
Mann zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren schlank und etwas dürr in
einen einfachen bequemen aber eleganten Sommeranzug gekleidet Der Kopf war
außerordentlich wohlgeformt und mit sehr dunklem Haar bedeckt das zu dicht zu
sein schien um sich locken zu können und jetzt in einer eigentümlichen nicht
unschönen Weise wie ein niedriges Barret um die feste über die Augen etwas
vorspringende Stirn stand Die Nase war in keine bestimmte Kategorie zu bringen
aber fein und ausdrucksvoll ebenso wie der Mund dessen Lippen scharf und zart
zugleich geformt waren als ob sie sich zu einem hübschen geistreichen Wort
vollends öffnen würden Kinn und Wangen umzog ein dichter glänzender Bart der
mit dem Haupthaar harmonirte und den männlichschönen Ausdruck des Gesichts
vollendete Auch bemerkte Oswald während der Doctor die Augenlider des Kranken
hob dass seine Hände von einer fast frauenhaften Zartheit und Schönheit waren
    Es ist wie ich dachte sagte Doctor Braun sich emporrichtend ein
epileptischer Anfall Ich kann nichts verschreiben da die Natur sich hier
selbst hilft Für den Augenblick ist nur Ruhe nötig Morgen wird der Mann noch
etwas schwach sonst aber wieder ganz gesund sein
    So sind dergleichen Zufälle nicht gefährlich fragte Oswald
    Sie können letal werden antwortete der Doctor zumal wenn wie ich stark
vermute der Kranke ein Potator ist An eine radicale Heilung ist nicht zu
denken wenigstens nicht unter diesen Verhältnissen da die Kur eine sehr
langwierige ist
    Ich hatte mich schon darauf gefasst gemacht einen Teil der Nacht hier
bleiben zu müssen sagte Oswald das ist denn also wohl nicht nötig
    Gott bewahre Ruhe wie gesagt ist die einzige Erfordernis Der Mann ist
Wittwer sagte er sich in der Stube umsehend
    Die Anne ist tot sagte Mutter Klausen Aber ich will schon wachen über den
Jochen Alte Leute wie ich brauchen nicht viel Schlaf wir werden bald Zeit
vollauf dazu haben Gehen Sie nur ruhig nach Hause Junker Du bist brav das
hab ich ja immer gesagt Adjies Herr Doctor schönen Dank für den Jochen da
er sich nicht selber bedanken kann und sich vielleicht auch nicht einmal
bedankte selbst wenn er könnte Adjies Junker
    Damit leuchtete sie den Beiden zur Tür und zum Hause hinaus
    Wollen Sie mich nicht noch eine Strecke begleiten sagte der Doctor als sie
vor der Türe standen Ich fahre von hier über Berkow wo ich noch im Dorfe
einen Besuch machen muss nach Hause und Sie können ja absteigen wo Sie wollen
Der Abend ist wahrhaft ambrosisch und in Grenwitz kommen Sie zum Abendbrot doch
schon zu spät wie ich Ihnen aus bester Quelle berichten kann da ich selber
dort zu Abend gegessen habe
    Sie dort zu Abend gegessen sagte Oswald sich zu dem Doctor in den Wagen
setzend hat Sie denn Bruno nicht von B geholt
    Der arme Junge hat den Weg vergeblich gemacht denn während er ventre à
terre dorthin jagte saß ich schon ruhig in Grenwitz
    Und was führte Sie denn nach Grenwitz wenn man fragen darf
    Der Doctor lachte O tempora o mores  da sieht man es Der Mentor
beschützt und hütet anderer Leute Kinder und weiß nicht dass sein lieber
Telemach todtkrank zu Hause liegt
    Sie belieben zu scherzen
    Allerdings scherze ich Malte ist so gesund wie ein Junge der morgen die
Schule schwänzen will nur sein kann Aber da der Baron und die Baronin in der
Erschöpfung welche bei einem solchen Zuckerpüppchen nach einer längeren
Promenade sehr natürlich ist die Anzeichen eines heranziehenden Typhus zu
erkennen glaubten und keine Stimme im hohen Rate sich dagegen erhob so musste
denn natürlich schleunigst zu dem Unglücklichen geschickt werden der das wenig
beneidenswerte Vorrecht hat allen Unsinn der den Leuten durch den Kopf geht
ausbaden zu müssen  ich meine zum Arzt Und während ich nach dem Abendbrot 
welches wie Sie wissen oder wie die Baronin sagt wenigstens wissen müssten 
in Grenwitz stets pünktlich um acht Uhr servirt wird eben in den Wagen steigen
wollte kommt der Prachtjunge der Bruno wie der Georg in Götz von Berlichingen
in voller Karrière auf den Schlosshof gesprengt   Sie hätten das Entsetzen des
Barons und der Baronin sehen sollen  Die guten Leute hätten nicht mehr
erschrecken können wenn der Raugraf aus der Bürgerschen Ballade mit Holla und
Hussassa über den Hof geritten wäre  und verkündete in atemloser Hast der
Jochen läge auf den Tod und Doctor Stein wäre bei ihm und er bäte mich doch so
schnell wie möglich zu kommen  Aber Apropos wie ist das Die Alte nannte Sie
Junker ich vermute daraus dass ich in Zukunft Herr von Stein werde sagen
müssen
    Weshalb nicht gar Freiherr lachte Oswald dem die Weise seines neuen
Bekannten sehr gefiel Nein ich bin eben so wenig adelig wie Mutter Klausen
eine Königin ist und ich habe keine Ahnung weshalb die gute Alte die ich
übrigens gestern zum ersten Male gesehen habe durchaus einen Junker aus mir
machen will
    Das ist eine sonderbare alte Frau sagte der Doctor Sehen Sie wie schön
der Mond sich dort über den Waldrand erhebt und wie duftig der Nebel über den
Wiesen liegt  eine sonderbare Frau Ich erinnere mich jetzt dass sie mir auch
sonst schon aufgefallen ist sie sieht aus wie  nun wie nur gleich
    Wie eine alte alte Frau aus irgend einem Grimmschen Märchen die sich
gelegentlich in die allerschönste Prinzess von der Welt verwandelt
    Ja ganz recht sie hat ein wunderbares Feuer in ihren eingesunkenen Augen
Es ist einem als ob das alte Gesicht nur eine Maske für eine noch immer
jugendliche Psyche sei
    So ist es auch sagte Oswald und er erzählte dem Doctor die sonderbare
Unterhaltung die er mit Mutter Klausen gestern Morgen auf der Heide gehabt und
wie ihm die Rede der alten Frau so natürlich und wahr erschienen sei wie der
Gesang der Haidelerche und welchen widerwärtigen Eindruck hernach die Predigt
des eitlen Pastors auf ihn gemacht habe
    Ja ja sagte der Doctor Goethes Wort bleibt ewig wahr Es ärgert die
Menschen dass die Wahrheit so einfach ist Um den Leuten weiß zu machen sie sei
ein wunder wie großes Wunder behängen sie dieselbe mit allerlei bunten Fetzen
und Lappen und führen sie dann in Prozession umher Solche Menschen aber wie
unsere Alte da lesen nur ein Kapitel in dem großen Buche des Alls aber sie
lesen wieder und immer wieder sechzig siebzig Jahre lang bis sie es auswendig
wissen Und da das Ganze ja doch aus einem Geiste geschrieben ist so kommen sie
schließlich weiter wie die große Heerde der HalbViertel und
AchtelGebildeten die in unruhiger Hast das Buch von vorn bis hinten und wieder
zurück durchblättern überall etwas heraus klauben und am Ende denn doch so klug
oder so dumm bleiben wie sie im Anfang waren
    Ja wohl sagte Oswald ein lebendiger Beweis für die Richtigkeit Ihrer
Bemerkung ist zum Beispiel die Baronin von Grenwitz Was hat diese Frau nicht
alles gelesen deutsch französisch englisch schwedisch Heiliges und
Profanes die besten und die dümmsten Bücher Einmal treffe ich sie über
Rousseaus Konfessions das andere Mal über einem Romane von Van der Velde
heute liest sie Schleiermachers Reden über Religion und morgen die letzte
Schauergeschichte von Dumas oder Eugen Sue  sie urteilt in einzelnen Dingen
vollkommen richtig aber so wie die Rede auf die summa arcana die höchsten
Geheimnisse des menschlichen Denkens kommt oder so wie sie auch nur die Menge
einzelner richtiger Beobachtungen in einem allgemeinen Satze formuliren soll
beginnt sie zu faseln und bringt so alberne abgedroschene aristokratische
Gemeinplätze zu Tage dass einem Hören und Sehen vergeht
    Diese Disposition der gnädigen Frau kann deucht mir gerade nicht zur
Erhöhung der Annehmlichkeit Ihrer Stellung in Grenwitz beitragen bemerkte der
Doctor
    Allerdings sagte Oswald leichthin ich suche indessen diesen Zusatz von
Wermut dadurch abzuschwächen dass ich den philosophischen Expectorationen der
Dame so viel als möglich ausweiche und mich überhaupt in meinem Verhältnisse zu
der übrigen Familie auf das Notwendige beschränke
    Sollten Sie die Grenzen die Sie sich dabei im Interesse Ihrer Zeit und
Ihrer guten Laune ziehen zu müssen glaubten nicht etwas zu eng gesteckt haben
sagte der Doctor die Asche seiner Zigarre an der Lehne des Wagens abklopfend
    Wie das fragte Oswald nicht ohne einige Verwunderung
    Sie verzeihen meine Indiscretion sagte der Andere sich noch etwas mehr zu
Oswald herüber wendend und ihn mit seinen hellen klugen Augen voll ansehend
Sie wissen dass wir Ärzte wir mögen wollen oder nicht zu der leidigen Rolle
des Vertrauten in allen Familien wo wir ein und ausgehen verdammt werden Auf
einem oder dem anderen Punkte hängt schließlich alles mit der physischen Natur
die wir zu controliren haben zusammen und so kommt denn nach und nach auch
Alles vor unser Forum selbst solche Dinge die vor jedes andere eher zu gehören
scheinen als vor das ärztliche Und wenn die Sache schließlich in gar keinem
Zusammenhange mit der Diätetik des Leibes und der Seele steht so denken die
Leute hast du ihm so viel gesagt kannst du ihm das auch noch sagen So konnte
denn auch heute die Baronin die Bemerkung nicht unterdrücken  ich bin hier
nicht darauf aus Ihnen etwas Schmeichelhaftes oder Unangenehmes zu sagen
sondern einen Wink zu geben den Sie beachtet oder unbeachtet lassen mögen wie
es Ihnen gut erscheint  dass also Sie der Sie die Gabe angenehmer Unterhaltung
 ich brauche hier die Worte der Baronin  in einem so hohen Grade besässen und
sich in den Formen des Umgangs mit solcher Leichtigkeit bewegten es
verschmähten von diesen Gaben den rechten Gebrauch zu machen was um so mehr zu
bedauern wäre als durch diese Zurückhaltung  ich spreche immer noch in den
Worten der Baronin  Malte der nun einmal ein häuslicher Knabe sei und sich im
Schoss der Familie am wohlsten fühle um einen Teil der Vorteile käme die er
aus Ihrer Gesellschaft und aus dem intimen Verhältnisse mit Ihnen ziehen könnte
und ziehen würde
    Es ist doch sonderbar sagte Oswald nach einer kleinen Pause welch
sonderbare Käuze wir Adamskinder sind Das was Sie mir da sagen hab ich mir
schon mehr als einmal gesagt habe mir gesagt dass nachdem ich mich einmal dazu
verstanden habe dem Wohle einer Familie meine Zeit und meine Kraft zu
verkaufen ich mich auch wohl zu anderen Koncessionen würde verstehen müssen 
und jetzt da ich dasselbe von Ihnen höre berührt es mich doch unangenehm 
Aber seien Sie versichert dass ich wahrlich nicht Ihnen dass ich einzig und
allein mir zürne und zwar deshalb zürne weil mich ein in so freundlicher
Absicht erteilter Wink auch nur einen Augenblick stutzig machen konnte
    Ich war gewiss sagte der Doctor dass ich es mit einem Manne zu tun hatte
der die Spreu vom Weizen zu sondern weiß wäre ich das nicht gewesen seien Sie
überzeugt ich hätte geschwiegen
    Wiederum trat eine Pause in dem Gespräch der jungen Männer ein der Doctor
bereute im Stillen dass ihm seine Gutmütigkeit wie schon so oft das
undankbare Geschäft des ungebetenen Ratgebers aufgenötigt hatte Oswald
verfolgte den in ihm angeregten Gedanken und schien ganz vergessen zu haben dass
die hohen Stämme der Tannen sehr schnell an ihm vorüberglitten und die raschen
Pferde des Doctors den Weg zwischen Grenwitz und Berkow fast schon zurückgelegt
hatten Er fuhr erschrocken in die Höhe als er rechts vom Wege durch die Zweige
ein Licht schimmern sah Er wusste es kam aus dem Fenster der Försterwohnung von
Berkow Auf der entgegengesetzten Seite führte ein schmaler Pfad zu der Lichtung
im Walde auf der Melittas Eremitage stand An derselben Stelle des Weges an
der sie eben jetzt anlangten hatte ihn gestern der Wagen des Barons erwartet
    Bitte lassen Sie hier halten sagte er hastig zum Doctor Ich sehe zu
meinem Schrecken dass wir beinahe bis Berkow gekommen sind Es ist die höchste
Zeit dass ich zurückkehre
    Der Wagen hielt Oswald stieg aus
    Ich hoffe sagte er dem Doctor die Hand reichend dass dies nicht die
einzige und nicht die längste Strecke gewesen ist die wir auf unserem
Lebenswege zusammen fahren oder gehen werden
    Ich hoffe und wünsche dasselbe antwortete der Andere es scheint mir als
ob wir in unserm Denken und Fühlen manches Gemeinsame haben und einer
wahlverwandten Natur zu begegnen ist ein viel zu kostbares Glück als dass man
es leicht verscherzen dürfte Jedenfalls komme ich bald wieder in diese Gegend
Leben Sie wohl indessen
    Der Wagen rollte davon bald verhallte der Hufschlag in der Ferne das Licht
in der Försterwohnung erlosch  Oswald war allein mit der Nacht und dem
Schweigen
    Und alsbald trat das Bild Melittas vor seine Seele und glitt vor ihm her
den schmalen Waldpfad entlang auf dem er jetzt heimlich und leise wie ein
Wilddieb hinschritt Da trat er hinaus auf die Lichtung und blieb erschrocken
wie wenn ein Blitz an seiner Seite eingeschlagen hätte stehen  aus dem Fenster
der Eremitage schimmerte Licht Melitta die er auf dem Schloss glaubte war
hier hier  fünfzig Schritte von ihm entfernt  er brauchte nur über den
Wiesenteppich zu gehen und die paar Stufen der Treppe zu ersteigen   die Tür
zu öffnen  Oswald lehnte an dem Stamm der Buche sein wild schlagendes Herz ein
wenig zu beruhigen Und wenn ihn hier Jemand sähe wenn er Melittas Ruf
leichtsinnig aufs Spiel setzte Atemlos horchte er in die dunkle Nacht hinein
Nichts vernahm er als die wunderlichen geheimnisvollen Stimmen die man am Tage
niemals hört und die mit der Nacht geboren werden ein Raunen und Flüstern oben
in den Zweigen ein Rascheln und Knistern in dem trocknen Laub am Boden  das
dumpfe Gebell eines Hundes drüben aus dem nahen Dorfe Ein Nachtaar kam auf
seinem wirren Fluge bis dicht an sein Gesicht geflattert und schoss dann wieder
davon Sonst rings umher tiefe drückende Stille Da schlug ein dumpfer
drohender Laut an sein Ohr Er kam aus der breiten Brust von Melittas Dogge
die vor dem Eingange der Eremitage Wache hielt Der treue Wächter musste die Nähe
eines Fremden gespürt haben denn er erhob sich sprang die Treppe hinab und
umkreiste das Haus wie ein Schäferhund seine Hürde
    Bonceur rief Oswald leise als das Tier in seine Nähe kam ici
    Das kluge Tier stutzte bei dem wohlbekannten Ruf den es so oft aus seiner
Herrin Munde vernommen und kam Oswald erkennend in raschen Sprüngen auf ihn
zu und legte ihm als Willkomm die mächtigen Tatzen auf Brust und Schulter
    So sagte Oswald das schöne Tier streichelnd so Bonceur Du erlaubst
also dass ich zu Deiner Herrin gehe Komm
    Den Hund an den zottigen langen Haaren festhaltend schritt Oswald über die
Wiese Auf der Treppe übertönten die Tatzen Bonceurs den leichten Schritt
Oswalds so schlich er sich auf der Galerie die sich um das Häuschen zog hin
bis er an das Fenster kam Das Fenster stand auf durch den venetianischen Epheu
hindurch mit dem es dicht berankt war sah Oswald hinein in das Zimmer Auf dem
Tisch brannte eine Lampe deren Glocke mit einem roten Schleier bedeckt war so
dass der Venus heiliges Bild in dem warmen Licht wie lebend erschien Zu den
Füßen des Bildes saß Melitta Oswald halb das Gesicht zukehrend an dem Tische
Sie hatte ein Buch vor sich aufgeschlagen aber offenbar las sie nicht die
feine Hand auf die sie den Kopf stützte in dem dunklen reichen Haar begraben
schien sie in tiefe Träumereien versunken Ein unaussprechlich rührender
Ausdruck halb von tränenreicher Schwermut und halb von unaussprechlicher
Seligkeit lag auf ihren reinen kindlich weichen Zügen Oswald vermochte es kaum
über sich das einzig schöne Bild das sich ihm in dem Rahmen des kleinen
Fensters zeigte zu zerstören Endlich nannte er leise ihren Namen
    Melitta hob den Kopf in die Höhe und die großen Augen auf das Fenster
heftend lauschte sie einen Moment Aber dann lächelte sie wehmütig als wollte
sie sagen es war nur ein Traum und stützte das Haupt wieder in die Hand
    Melitta ich bins 
    Diesmal hatte sie es nicht geträumt Mit einem Freudenschrei fuhr sie empor
nach der Tür Oswald entgegen  sie schlang ihren Arm um seinen Hals presste
ihre glühenden Lippen wieder und wieder auf seinen Mund sie legte ihren Kopf an
seine Brust  sie schaute durch Tränen lächelnd zu ihm auf Sieh Oswald ich
dachte nur eben an Dich ich dachte wenn er Dich liebt so wird so muss er
heute kommen und kommt er nicht liebt er Dich nicht Oswald nicht wahr Du
liebst mich nicht wie ich Dich liebe aber doch ein wenig nicht wahr mein
Oswald
    Sprachlos vor Rührung und Seligkeit umschlang Oswald das geliebte Weib
    Melitta Du bist so grenzenlos gut und schön dass wer Dich liebt Dich
grenzenlos lieben muss
    Vor der Tür der Eremitage auf einer Strohdecke den riesigen Kopf zwischen
den Vordertatzen liegt Boncoeur Die schnelle Bewegung seiner Ohren sobald ein
Geräusch aus dem Walde herübertönt zeigt dass er gute Wache hält Er würde den
der es wagte in dies Heiligtum der Liebe zu dringen zerreißen
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
Es waren seit diesem Abend einige Tage verflossen
    Bemperlein war mit Julius nach Grünwald abgereist und hatte von dort aus
schon an Melitta und an Oswald geschrieben der Ersteren um zu melden dass sein
Zögling in der sehr liebenswürdigen Familie eines Beamten der zwei Söhne fast
in demselben Alter wie Julius habe glücklich untergebracht sei an Oswald dass
er eine höchst interessante Unterredung mit dem Professor Berger gehabt habe
deren Inhalt er seinem neuen Freunde mitteilen wolle wenn er in nächster Woche
nach Berkow zurückkäme um definitiv Abschied zu nehmen Nur so viel wolle er
sagen dass er in seinem Entschlusse fester als je sei und kaum die Zeit erwarten
könne sich Hals über Kopf in seine neuen Studien zu stürzen
    Den Tag nach Herrn Bemperleins Abreise war der Geometer von Grünwald in
Grenwitz angekommen aber nur ein paar Stunden geblieben um mit dem Baron und
der Baronin zu conferiren und dann nach dem zweiten Gute das vermessen werden
sollte gefahren wo er fürs Erste sein Wigwam aufschlagen müsste wie er zu
Oswald sagte Oswald hatte in dem Geometer einen sehr lebhaften witzigen und
wie es schien sehr belesenen und vielfach gebildeten noch jungen Mann kennen
gelernt und er freute sich diese Bekanntschaft fortsetzen zu können da Herr
Timm in kurzer Zeit nach Grenwitz kommen musste um die Karten und Pläne zu
zeichnen Schon waren von der stets weit vorausschauenden Baronin zwei Zimmer in
demselben Flügel des Schlosses in welchem Oswald wohnte für ihn bestimmt und
schicklich eingerichtet
    Auf den Sonntag waren die Herrschaften von Grenwitz nebst Herrn Doctor Stein
zu Herrn von Barnewitz dem Vetter Melittas eingeladen Oswald hatte große Lust
gehabt diese Einladung rundweg auszuschlagen und hatte sich nur auf Melittas
Zureden bewegen lassen von der Partie zu sein
    Was soll ich dort hatte er zu Melitta gesagt man ladet mich nur ein
entweder weil es an Tänzern fehlt oder um dem alten Baron eine Höflichkeit zu
erweisen in keinem Fall um meiner selbst willen Ich werde in der Gesellschaft
wie ein Mohikaner unter den Irokesen wie ein Spion im Lager angesehen werden
Ich kenne den Adel Der Adelige ist nur höflich und liebenswürdig gegen den
Bürgerlichen so lange er mit ihm allein ist sind mehrere Adelige bei einander
so fließen sie zusammen wie Quecksilber und kehren gegen den Bürgerlichen den
esprit de corps heraus Ich sage Dir Melitta ich kenne die Adeligen und hasse
die Adeligen
    Aber Du liebst doch mich Oswald und ich gehöre doch auch zu der verfehmten
Klasse
    Leider sagte Oswald und es ist das der einzige Fehler Du Holde den ich
an Dir habe entdecken können Aber dann bist Du so engelgut und lieb und da
gehst Du durch diesen Schwefelpfuhl ohne auch nur den Saum Deines Gewandes zu
beflecken Und so sehr Du auch im Vergleich mit diesen eitelen dummen Pfauen
gewinnen musst so fürchte ich doch dass von dem feurigen Hass den ich gegen die
ganze Sippschaft habe unversehens auch ein Funken auf Dich spritzen könnte
Jetzt bist Du mir eine Königin eine Chatelaine die aus ihrem Schloss sich
weggestohlen hat den Herzallerliebsten flüchtig zu umarmen und ich vergesse
Deinen Rang Deine Hoheit hier in dieser traulichen Waldeinsamkeit Du bist mir
nur das geliebte angebetete Weib die Krone der Schöpfung bist was Du mir
auch im Gewande der Bettlerin sein würdest  dort aber im kerzenhellen Saale
umgeben von Deinen Granden von Allen gehuldigt und gefeiert kann ich meine
Augen vor dem Glanze nicht verschließen und werde schmerzlich daran erinnert
werden dass ich aus meiner Niedrigkeit nicht hätte wagen sollen sie zu solcher
Höhe zu erheben
    Sieh Oswald sagte Melitta und ihre Augen ruhten fest in den seinen ist
das nun gut von Dir Spottest Du nicht meiner indem Du so sprichst Höre ich es
nicht in dem herben Ton Deiner Stimme sehe ich es nicht an dem unruhigen
Blitzen Deiner Augen das so seltsam mit ihrem sonstigen tiefen klaren Licht
contrastirt dass Du recht wohl fühlst wie Du kraft Deines Geistes kraft Deiner
stolzen männlichen Schönheit und Stärke unter uns Andern einherschreitest wie
der geborene Herrscher  Ich habe mich Dir ergeben mit Leib und Seele Du bist
mein Herr und Gebieter ich würde mich selbst Deiner tollsten Laune willig
fügen ich würde von Dir das Bitterste ertragen von Deiner Hand würde mir der
Tod nicht grausig sein  aber weshalb auch nur einen Tropfen Wermut in den
Kelch der Liebe mischen aus dem ich mit so vollen durstigen Zügen schlürfe
Oswald spotte meiner nicht
    Ich spotte Deiner nicht Melitta ich bin von Deiner Liebe überzeugt trotz
dem dass ich sie wenig genug verdiene ich weiß dass Deine Liebe demütig ist
wie es die Liebe ist die Alles duldet und Alles glaubt und nimmer aufhören
wird  aber sieh Du Teure das ist ja eben der Fluch dieser verruchten
Institutionen dass sie Hass und Zwietracht und Misstrauen säen in die Herzen der
Menschen selbst in solche Herzen die von Gott für einander geschaffen
scheinen Und dieser giftige Samen wuchert auf und überwuchert der Liebe rote
Rosen Ich schelte Dich nicht dass dem so ist ich schelte überhaupt keinen
Einzelnen der ja ohne es vielleicht zu wissen unter dieser naturwidrigen
Trennung ebenso leidet wie ich Aber dass dem so ist davon sei überzeugt Nie
wird der Katholik in dem Protestanten der Adelige in dem Bürgerlichen nie der
Christ in dem Juden und umgekehrt wahrhaft seines Gleichen sehen  seinen
Bruder Nathans frommer Wunsch dass es dem Menschen doch endlich genügen möge
ein Mensch zu sein ist noch lange nicht erfüllt Wer weiß ob er in
Jahrhunderten erfüllt sein ob er sich auch nur jemals erfüllen wird
    Und bis dahin sagte Melitta in ihrem gewöhnlichen schalkischen Ton Oswald
das Haar aus der Stirn streichend bis dahin Du träumerischer Träumer und
unverbesserlicher Weltverbesserer wollen wir die kurzen Augenblicke genießen
und deshalb musst Du morgen nach Barnewitz kommen Bitte bitte lieber Oswald
ich will auch nur mit Dir sprechen nur mit Dir tanzen  ich muss in diese eine
Gesellschaft gehen um das Recht zu gewinnen zehn andere auszuschlagen in
denen ich  mich weniger frei fühlen würde wie gerade in dieser Und ohne Dich
habe ich nicht den geringsten Genuss davon im Gegenteil ich werde traurig
sein wie ein Vögelchen das man der Freiheit beraubt und in ein enges Bauer
gesteckt hat Wenn Du aber da bist liebes Herz so will ich fröhlich sein und
tanzen und  singen  nein singen nicht aber hübsch will ich sein  sehr
hübsch und Alles Dir zu Ehren soll ich weiß gehen mit einer Kamelie im Haar
oder einer Rose Du hast mir noch gar nicht gesagt wie Du mich am liebsten
siehst Gott welch hölzerner Ritter Du bist
    Am nächsten Tage es war ein Sonntag Nachmittags um fünf Uhr hielt der
Staatswagen vor dem Portale des Schlosses in Grenwitz Die schwerfälligen
Braunen hatten das beste Geschirr mit den neusilbernen Beschlägen aufgelegt
bekommen der schweigsame Kutscher hatte sich seine Galalivrée angezogen der
Baron den schwarzen Frack in dessen Knopfloch das Band des Ordens den er bei
irgend einer geheimnisvollen Gelegenheit von irgend einem der deutschen
Duodezfürsten bekommen hatte und die Baronin selbst ausnahmsweise eine Toilette
gemacht die sie denn doch nur fünf Jahre älter erscheinen ließ als sie
wirklich war Nachdem der nötige Ballast von Mänteln und Shawls für die
Rückfahrt eingenommen war und die Baronin noch einmal vom Wagen aus
Mademoiselle Marguerite die wie es Oswald schien viel lieber mitgefahren
wäre feierlich mit der Würde einer Kastellanin belehnt und ein kurzes Examen
von zehn Minuten angestellt hatte um zu prüfen ob die hübsche kleine Französin
auch noch alle die Verhaltungsmassregeln für gewisse genau stipulierte Fälle
ordentlich im Kopfe habe  setzte sich das Fuhrwerk mit demjenigen Tempo in
Bewegung welches dieser feierlichen Gelegenheit dem Temperament der Braunen
und den Grundsätzen des schweigsamen Kutschers entsprach Als sie unter der
Brücke wegfuhren brachte Bruno der Malten und ein paar Bauernknaben die im
Garten Unkraut gäteten hier postirt hatte den Davonziehenden ein solennes
dreimaliges Hurrah ein Einfall der selbst die Lippen der Baronin zu einem
Lächeln zu bewegen vermochte Überhaupt war diese Dame wahrscheinlich um sich
auf die Gesellschaft vorzubereiten heute in der besten und mitteilsamsten
Stimmung Sie fand das Wetter herrlich nur ein wenig zu warm den Weg
vortrefflich nur ein wenig zu staubig sie freute sich schon auf die Abendkühle
beim Heimwege nur fürchtete sie dass sich bis zu der Zeit ein Gewitter
zusammengezogen haben würde da ihr eine Wolke am westlichen Horizont ein sehr
verdächtiges Aussehen zu haben schien Darauf wurde die Frage erörtert ob
Fräulein Marguerite wenn wirklich ein Gewitter ausbrechen sollte  ein Fall
für den sie keine Instructionen hatte  wohl die Fenster in den
Gesellschaftsräumen im oberen Stock schließen lassen und überhaupt ihre
Schuldigkeit tun würde Da es nicht möglich war eine Stimmenmehrheit zu
erzielen indem die Baronin die aufgeworfene Frage entschieden verneinte Oswald
sie eben so entschieden bejahte und der alte Baron sich keine bestimmte Ansicht
zu bilden vermochte so gab man die Debatte über diesen Punkt auf und ging zur
Erörterung des nicht weniger wichtigen Problems über ob sich der Graf Grieben
von seinem akuten Rheumatismus wohl so weit erholt haben würde um an dem
heutigen Zauberfest in Barnewitz Teil zu nehmen oder nicht Von dem
Rheumatismus des Grafen Grieben kam man dann auf die Gicht des Barons von
Trantow und von dieser ganz allmälig in jenen Familienklatsch von welchem
Oswald behauptete dass er unter dem hohen und höchsten Adel eben so im Schwunge
sei wie bei Gevatter Schneider und Handschuhmacher nur dass man dort über von
Hinz und von Kunz und hier schlechtweg über Hinz und Kunz spräche Oswald hatte
sonst die Gewohnheit sobald das Gespräch auf das beliebte Thema kam nicht
länger aufzumerken und er hatte es in dieser wichtigen Kunst zu hören und doch
nicht zu hören während der kurzen Zeit seines Aufenthalts in Grenwitz schon zu
einer bedeutenden Fertigkeit gebracht heute aber da er die Persönlichkeit von
denen er schon so oft vernommen hatte selber sehen sollte war die Sache nicht
mehr ganz so uninteressant für ihn wie sonst um so weniger als Melittas
Namen zu wiederholten Malen genannt wurde Er erfuhr bei dieser Gelegenheit dass
Herr von Barnewitz und Melitta Geschwisterkinder wären Melittas Vater der
Bruder des alten Herrn von Barnewitz welcher Herrn Bemperlein die Pfarre
zugedacht hatte Offizier in schwedischen Diensten gewesen als solcher die
Feldzüge gegen Napoleon mitgemacht und bald nach der Vermählung Melittas mit
Herrn von Berkow gestorben sei
    Übrigens weißt Du Grenwitz sagte die Baronin Melitta wird heute nicht da
sein
    Oswald horchte hoch auf
    Woher weißt Du das liebe AnnaMaria entgegnete der Baron
    Ich habe mir von dem Bedienten die Einladungsliste geben lassen wie ich das
immer tue um zu wissen wen man denn finden wird und sie sorgfältig
durchgelesen Frau von Berkow war nicht darauf verzeichnet
    Das wird ein Versehen gewesen sein
    Ich glaube nicht Du weißt Melitta und ihre Kousine sind gerade nicht die
größten Freundinnen es wäre nicht das erste Mal dass man Melitta übergangen
hätte aber dafür wird eine andere merkwürdige Persönlichkeit zu finden sein
rate einmal Grenwitz
    Der Fürst von P sagte der alte Baron halb erschrocken und bedauerte schon
heimlich nicht den Orden selbst und bloß das Ordensband angelegt zu haben doch
nicht der Fürst von P
    Nein Raten Sie einmal Herr Doctor
    Der Mann aus dem Monde
    Eine beinahe nicht weniger merkwürdige Person der Baron Oldenburg sein
Name stand wie es sich gehört auf der Liste gleich nach unserem Namen
    Die Oldenburgs sind ein alter Adel fragte Oswald der den Sinn jener
Reihenfolge schon vermutete
    Die Oldenburgs sind nach den Grenwitzens der älteste Adel hier im Lande
sagte die Baronin mit einem unendlichen Selbstgefühl Die Grenwitzens können
ihren Stammbaum bis in den Anfang des zwölften Jahrhunderts verfolgen die
Oldenburgs sind erst aus dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts wo Adalbert
der Stammvater des Geschlechts von dem Kaiser zum Reichsbaron erhoben wurde
    Woher der Name Oldenburg fragte Oswald
    Den Oldenburgs fehlt bloß die Legitimität um heut zu Tage so gut souverän
zu sein wie viele Andere die ursprünglich auch nur reichsfrei waren wie wir
    Und was macht den Baron abgesehen von seiner erlauchten Abstammung zu
einer so merkwürdigen Persönlichkeit fragte Oswald
    Die Baronin kam durch diese Frage einigermaßen in Verlegenheit Das was in
ihren Augen vor allem merkwürdig am Baron erschien nämlich seine souveräne
Verachtung gegen Rang und Stand sein sarkastisches höhnisches Wesen seinen
Standesgenossen gegenüber deren Verehrung vor seinem altehrwürdigen Adel
dadurch manchmal auf eine harte Probe gestellt wurde  dieser merkwürdige ja in
ihren Augen geradezu unnatürliche Zug eignete sich nicht zum Gegenstand der
Unterhaltung mit einem Bürgerlichen Sie begnügte sich also mit der vieldeutigen
Antwort
    Der Baron hat über die meisten Dinge die sonderbarsten Ansichten von der
Welt so dass man manchmal wirklich für seinen Verstand bange wird
    In diesem Augenblicke kam ein Reiter im Galopp aus einem Seitenwege heraus
und parirte sein Pferd vor dem vorbeifahrenden Wagen Es war ein junger Mann mit
hübschem braunem Gesicht dem ein blonder Schnurrbart sehr gut stand
    Ah gnädige Frau Herr Baron  freue mich unendlich rief er den Hut
ziehend und an den Wagenschlag heranreitend  habe in einer Ewigkeit nicht das
Vergnügen gehabt 
    Das kommt daher mon cher sagte die Barnnin mit holdestem Lächeln weil Sie
sich seit einer Ewigkeit nicht bei uns auf Grenwitz sehen ließ
    Ah sehr gütig gnäge Fra sehr gütig gnäge Fra hatten noch nicht die
Gnade mich mit dem Herrn bekannt zu machen  Baron Felix nicht wahr fuhr der
Dandy fort den Hut gegen Oswald lüftend
    Herr Doctor Stein sagte die Baronin der Erzieher meines Sohnes  Herr von
Kloten 
    Ah ah in der Tat, sagte Herr von Kloten freue mich außerordentlich  ja
ja was ich sagen wollte gnäge Fra wohin geht es wenn man fragen darf
    Nach Barnewitz 
    Ah wollte ebenfalls dorthin  ruhig Robin ruhig
    Aber Herr von Kloten es ist große Gesellschaft sagte die Baronin auf des
Junkers Stulpenstiefel und Jagdrock anspielend
    Unmöglich gnäge Fra Barnewitz sagte mir gestern als ich ihn zufällig
traf ich möchte zu einer Partie Boston hinüberkommen aber von einer
Gesellschaft hat er mir kein Wort gesagt
    Es ist ein Scherz von Barnewitz verlassen Sie sich darauf
    Ah ja sehr wahrscheinlich Barnewitz hat immer so tolle Einfälle ruhig
Robin  Teufelskerl der Barnewitz  sich schon gefreut mich in
Stulpenstiefeln in Salon treten zu sehen  Freude verderben  Beschwöre Sie
gnäge Fra meine Herren erzählen Sie Niemand dass Sie mich gesehen haben In
einer Viertelstunde in Barnewitz
    Damit warf der junge Mann sein Pferd herum und sprengte in voller Karrière
in der Richtung fort aus der er gekommen war
    Bald darauf fuhr der Wagen über einen etwas holperigen Steindamm der quer
über den Gutshof von Barnewitz bis zu dem kiesbestreuten Platze vor dem
Herrenhause führte
    Ein Diener trat an den Wagen den Schlag herunterzulassen in der Tür
erschien die Gestalt eines breitschulterigen bärtigen Mannes der schön zu
nennen gewesen wäre wenn nicht Wohlleben und Indolenz die Harmonie der
regelmäßigen Züge wesentlich beeinträchtigt hätte Es war Melittas Vetter Herr
von Barnewitz
    Sie sind die Allerersten wie Sie sehen sagte er die Gäste in einen
dreifenstrigen Saal rechts vom Flur führend wo sie von Frau von Barnewitz
einer hübschen Blondine begrüßt wurden
    Sie wissen dass ich die Pünktlichkeit über Alles liebe erwiderte die
Baronin den ihr angebotenen Platz auf dem Sopha einnehmend
    Vortreffliche Eigenschaft das antwortete Herr von Barnewitz ganz mein
Grundsatz  stets gewesen  im Leben und auf der Jagd die Hauptsache  Schnepfe
aufgestoßen  Baff  liegt  pünktlich  Hahaha
    Wie ist es sagte die Baronin zur Frau von Barnewitz gewendet werden wir
heute eine zahlreiche Gesellschaft haben
    Nun vierzig bis fünfzig höchstens
    Das heißt so ziemlich unser ganzer Zirkel
    So ziemlich ja
    Und  wir sprachen schon unterwegs darüber  wird Ihre liebe Kousine
erscheinen
    Da müssen Sie meinen Mann fragen der die Einladungen besorgt hat
    Ha ha ha lachte Herr von Barnewitz Köstlicher Spaß meine Herrschaften
muss Ihnen erzählen bevor die Andern kommen Sie wissen dass wir mit Melitta
durch Italien reisten und dass sich uns dort der Baron Oldenburg anschloss Wir
lebten sehr vergnügt zusammen  denn Oldenburg kann sehr liebenswürdig sein
wenn er will Auf einmal war das gute Einvernehmen zum Teufel  entschuldigen
gnädige Frau  der Eine ging hier hin der Andere dort hin Melitta und
Oldenburg sagten sich nur noch Malicen und eines schönen Morgens war Oldenburg
fort  verschwunden  Billet zurückgelassen er fände die Luft in Sizilien zu
drückend als angehender Schwindsüchtiger und wollte einen kleinen Abstecher
nach Ägypten machen Seit der Zeit sind drei Jahre verflossen jetzt ist
Oldenburg wieder hier ist aber nur bei mir gewesen um mir wie er sagte oder
meiner Frau wie ich sage 
    Aber Karl 
    Nun liebe Hortense unter Freunden muss ein Scherz erlaubt sein also um uns
Beiden seine Aufwartung zu machen Als ich ihn neulich vorläufig einlade sagt
er ja wenn Deine Kousine nicht kommt als ich vor ein paar Tagen Melitta
begegne und sie frage antwortet sie ja wenn Dein Freund Oldenburg nicht
kommt Natürlich versicherte ich Beiden dass sie ganz ruhig sein könnten sie
würden dem Gegenstande ihrer Abneigung nicht begegnen Um die Sache noch
glaublicher zu machen schicke ich zwei Kerls aus mit zwei verschiedenen Listen
auf deren einer Melitta und der anderen Oldenburg stand Und nun kommen sie alle
Beide  ist das nicht ein Hauptspass  Entschuldigen Sie meine Herrschaften
ich höre so eben einen Wagen vorfahren
    Allmälig füllte sich der Saal und die daran stossende Flucht hoher schöner
Zimmer die auf der Hinterseite des Hauses wieder in einem Saal endigte aus dem
zwei Flügeltüren ein paar Stufen hinab in den Garten führten
    Oswald hatte sich nachdem er einigen Herren und Damen vorgestellt war die
seine Verbeugung mit kühler Höflichkeit erwiderten in eine der Fensternischen
des Saales gestellt von wo aus er die Ankommenden draußen und die Gesellschaft
drinnen zugleich beobachten konnte Es wurde ihm trüb und trüber zu Sinn Er
fing an bitter zu bereuen dass er sich von Melitta hatte bereden lassen dieser
Gesellschaft beizuwohnen als ein junger Mann mit einnehmenden hübschen Zügen
und blauen freundlichen Augen sich zu ihm gesellte
    Ich habe das Vergnügen mit Herrn Doctor Stein zu sprechen Oswald verbeugte
sich
    Mein Name ist von Langen Ich höre dass Sie während der letzten Jahre in
Berlin studirten Haben Sie dort vielleicht die Bekanntschaft eines Herrn P
gemacht Er war Philolog und von der Schule her mein sehr intimer Freund es
interessiert mich zu erfahren was aus ihm geworden ist
    Zufällig kannte Oswald den Betreffenden und konnte so Herrn von Langen die
gewünschte Auskunft geben Die aufrichtige Teilnahme die dieser junge Mann für
einen Menschen an den Tag legte der wie Oswald wusste außer vortrefflichen
Anlagen und einem rastlosen Fleiß keine anderen Empfehlungen auf Erden hatte
machte auf Oswald einen sehr angenehmen Eindruck Es sah es daher trotz seiner
innern Unruhe nicht ungern dass Herr von Langen große Lust zu haben schien das
angefangene Gespräch fortzusetzen auch tat es ihm wohl in dieser Menge
unbekannter Menschen einen zu haben der seine Bekanntschaft gesucht hatte
    Wie wärs Herr von Langen sagte er nach einigem Hinund Herreden wenn Sie
mir für die Auskunft die ich Ihnen über einen Abwesenden geben konnte Auskunft
über einige Anwesende gäben Wer ist zum Beispiel der alte Herr dort im blauen
Frack mit den weißen Haaren und dem roten Gesicht der so entsetzlich schreit
als ob er sich Jemand der auf der anderen Seite eines tosenden Wildbaches
steht verständlich machen wollte
    Das ist Graf Grieben einer unserer reichsten Edelleute Sie kennen doch die
hübsche Anecdote die ihm vor einigen Jahren mit dem König passiert ist
    Nein wollen Sie sie mir erzählen
    Der König besucht auf einer Reise die nahe Hafenstadt An der
Landungsbrücke wo sich die Spitzen der Behörden der Adel und so weiter zu
seinem Empfange eingefunden haben hält des Grafen mit sechs herrlichen Braunen
bespannte Equipage auf jedem der Sattelpferde ein Jockei in der gräflichen
Livrée Der König bewundert die schönen Tiere Alles eigene Zucht Majestät
schreit der Graf mit einer kühnen Handbewegung Die Jockeis auch antwortete
der witzige Monarch
    Nicht übel sagte Oswald und wer ist die große starke Dame mit den
männlichkühnen Zügen die eben mit den drei schönen Mädchen in den Saal tritt
    Eine Baronin von Nadelitz mit ihren Töchtern Sie ist eine Katarina von
Russland im Kleinen Ursprünglich hütete sie die Gänse des Barons ihres
nachherigen Gemahls Sie soll so wunderbarer schön gewesen sein dass sich jeder
Mann in sie verlieben musste und dabei so guten Herzens dass nicht leicht
Jemand ohne gehört zu werden von ihr ging So soll die Ehe nicht die
glücklichste gewesen sein
    Die Töchter sind auf alle Fälle sehr hübsch sagte Oswald Der Baron ist
also tot
    Ja seitdem hat sie wie man zu sagen pflegt die Hosen angezogen das heißt
diesmal in des Wortes ernstester Bedeutung Ich selbst habe sie in
Stulpenstiefeln und Inexpressibeln mit ihrem Inspector auf einem Felde gehen
sehen auf dem man bei jedem Schritt bis über die Knöchel einsank
    Wer sind die beiden hübschen Mädchen die jetzt Arm in Arm durch den Saal
kommen
    Emilie von Breesen und Lisbeth von Meien sie sind erst letzte Ostern
eingesegnet und tragen so viel ich weiß heute zum ersten Mal lange Kleider
Soll ich Sie vorstellen
    Oswald antwortete nicht denn in diesem Augenblick ging die Tür auf und von
Herrn von Barnewitz begleitet dessen Gesicht in der Erwartung der von ihm so
fein eingefädelten Überraschung vor Freude glänzte trat ein Mann in den Saal
dessen Erscheinung offenbar einige Sensation erregte Die laute Stimme des
Grafen Grieben verstummte einzelne Herren steckten die Köpfe zusammen und in
dem Kreise der Damen um Frau von Barnewitz auf dem Sopha wurde es
verhältnismäßig still Der Ankömmling war ein Mann von hohem aber allzu
schlanken Wuchs dessen äußerst nachlässige Haltung das Missverhältnis zwischen
Höhe und Breite nur noch mehr hervortreten ließ Auf dem langen Leibe saß ein
kleiner Kopf dessen wohlgerundeter Schädel mit einem kurzen starken schwarzen
Haar bedeckt war Ein Bart von derselben Beschaffenheit zog sich um Kinn und
Wangen und Mund so dass nur die obere Hälfte seines Gesichts dem Physiognomen
zur ungehinderten Beobachtung blieb Aber auf dieser Hälfte stand schon des
Rätselhaften genug Die Stirn war eher hoch als breit aber von außerordentlich
zarten und zugleich kühnen Linien umschrieben Ein Paar wie mit dem Pinsel
gezeichnete Brauen zogen sich in einer leichten Krümmung über einem Paar grauer
Augen hin deren Ausdruck in diesem Momente wenigstens wo sie rasch über die
Versammlung flogen mindestens nicht angenehm war eben so wenig wie das
Lächeln das wie Wetterleuchten an der feinen geraden Nase mit den beweglichen
Flügeln hinzuckte und des Mannes ganze Antwort auf das lustige Geschwätz zu
sein schien mit dem Herr von Barnewitz ihn überschüttete während er ihn von
der Tür bis zu dem Platze der Dame vom Hause auf dem Sopha begleitete Frau von
Barnewitz erhob sich den Ankömmling zu begrüßen der ihr die Hand küsste und
nach einer leichten Verbeugung gegen die anderen Damen sich auf einen leeren
Stuhl neben ihr sinken ließ und alsbald ohne die Übrigen weiter zu beachten
eine lebhafte Unterhaltung mit ihr begann
    Oswald hatte den Ankömmling mit dem Auge des Indianers der den Spuren
seines Todfeindes nachspürt beobachtet denn er hatte auf den ersten Blick
jenen Reiter wieder erkannt der ihm und Bemperlein im Walde begegnete Es war
der Baron Oldenburg
    Nun geben Sie Acht sagte Herr von Barnewitz auf Oswald zutretend und sich
vergnügt die Hände reibend
    Ich bin ganz Auge sagte Oswald mit einem nicht eben sehr natürlichen
Lächeln
    Worauf sollen Sie Acht geben fragte Herr von Langen während Barnewitz sich
zu einer andern Gruppe wandte
    Herr von Barnewitz hatte die Güte gehabt mich auf Baron Oldenburg der eben
eintrat als auf einen höchst interessanten Mann aufmerksam zu machen
    Ah das ist Oldenburg sagte Herr von Langen ich kannte ihn noch nicht
    Da fuhr ein Wagen vor und Oswald erkannte in der Dame die ausstieg
Melitta Es war ein Glück für ihn dass Herr von Langen in diesem Augenblicke die
Sopharegion lorgnettirte denn er hätte unmöglich seine Aufregung verbergen
können Die paar Minuten die Melitta in dem Toilettenzimmer zubrachte
erschienen ihm wie eine Ewigkeit Endlich trat sie durch die offene Tür herein
und Oswald schien plötzlich der ganze Saal mit Licht und Rosen angefüllt
Melitta trug ein weißes Kleid das Busen und Schultern züchtig verhüllte und
den schlanken schönen Hals mit einer feinen Krause umschloss In weichen Wellen
fiel ihr dunkles Haar auf die runden Schultern Eine dunkelrote Kamelie das
war ihr ganzer Schmuck Aber welches Schmuckes bedarf Schönheit und Anmut  und
Melittas Erscheinung war so schön und anmutig dass ihr Eintreten eine noch
größere Sensation erregte als Oldenburgs Die älteren Herrn unterbrachen ihr
Gespräch sie mit Herzlichkeit zu begrüßen einige jüngere Herren eilten ihr
entgegen um womöglich den zweiten Walzer die erste Polka  nur einen Tanz
gleichviel welchen zu erbetteln und sie lächelte Alt und Jung freundlich zu
beantwortete hier eine Frage verwies dort einen Stürmischen zur Geduld 
während sie quer durch den Saal nach dem Sopha ging sich den anderen Damen
anzuschließen Baron Oldenburg war als Frau von Barnewitz aufstand ihrer
Kousine entgegenzugehen ruhig und ohne sich nach dem Gegenstand der
allgemeinen Sensation umzusehen den einen Arm über die Stuhllehne gelegt
sitzen geblieben Da musste Melittas Name von einer der Damen am Sopha
ausgesprochen sein Ohr getroffen haben denn er sprang in die Höhe wandte sich
um  und stand Melitta die von ihrer Kousine an der Hand geführt wurde
Angesicht gegen Angesicht gegenüber Oswald war wie von einer magnetischen Kraft
aus der Fensternische bis nahe an die Stelle gezogen worden so dass ihm kein
Wort kein Blick entging Er sah dass Melitta erblasste und ihre dunkeln Augen
wie im Zorn aufflammten als Oldenburg sich tief vor ihr verbeugte
    Ah gnädige Frau sagte er mit einem eigentümlichen Lächeln als wir uns
zuletzt sahen schien uns die Sonne Siciliens und jetzt 
    Scheint der Mond  wollen Sie sagen entgegnete Melitta und um ihre Züge
spielte ein höhnischbitterer Zug den Oswald noch nicht an ihr gesehen hatte 
umgekehrt lieber Baron als wir uns zuletzt sahen schien der Mond wissen Sie
wohl noch in dem Garten der Villa Serra di Falco bei Palermo  und da wir uns
wiedersehen scheint die Sonne mir wenigstens
    Der Sinn dieser letzten Worte musste wohl Jedem verborgen bleiben nur nicht
dem für welchen sie gesprochen waren Melitta hatte indem sie sich halb
umwandte Oswald bemerkt und ihm so freundlich zugelächelt dass Herr von
Barnewitz der neben ihm stand sich an der Überraschungsscene die er so
mühsam arrangirt hatte zu weiden ihn fragte Kennen Sie meine Kousine schon
    Ja sagte Oswald von ihm weg auf Melitta zutretend und sie ehrfurchtsvoll
begrüssend
    Ah Herr Doctor rief Melitta mit vortrefflich gespielter Überraschung das
ist ja köstlich dass ich Sie hier finde Denken Sie Bemperlein hat schon
geschrieben Julius befindet sich sehr wohl  aber setzen Sie sich doch zu mir
dass ich Ihnen in aller Musse erzählen kann  Julius befindet sich vortrefflich 
und ist in den fünf Tagen wie Bemperlein schreibt ein vollkommener Dandy
geworden Er hat schon einen großen Kinderball mitgemacht und mit der schönsten
Dame das heißt derjenigen die ihm am besten gefiel den Kotillon getanzt den
Kotillon  merken Sie wohl trotz des heftigen Widerspruchs von einem halben
Dutzend junger Herren
    Der Unglückliche sagte Oswald er wird sich dadurch eben so viele Duelle
zugezogen haben
    Möglich aber Sie wissen Julius ist tapfer wie ein Löwe und wird für die
Dame seines Herzens Alles wagen  Ah Herr von Kloten Sind Sie es wirklich
Ich hörte ja Sie und Robin hätten sich auf der letzten Fuchsjagd die Hälse
gebrochen
    Quelle idée gnäge Fra Jedenfalls wieder Erfindung von Barnewitz
Teufelskerl der Barnewitz Befinde mich vortrefflich Ah ja  wollte gnäge
Fra um einen Tanz bitten wo möglich Kotillon Muss noch einen Versuch machen
ob gnäge Fra nicht bewegen kann mir den Brownlock zu verkaufen
    Non mon cher zu diesem liebenswürdigen Zweck bekommen Sie keinen Tanz am
wenigsten den Kotillon Wenn Sie mir aber den Brownlock in Frieden lassen
wollen so sollen Sie den ersten Kontretanz haben Zum Kotillon bleibe ich so
wahrscheinlich nicht hier Sind Sie zufrieden
    Ah gnäge Fra  zufrieden quelle idée glücklich   selig
    Mein Gott Herr von Kloten beruhigen Sie sich nur Haben Sie schon ein
visàvis
    Nein gnäge Fra  gleich suchen
    Hier bitten Sie den Doctor Stein  erlauben die Herren dass ich Sie 
    Ah hatte schon das Vergnügen sagte der Dandy Oswald der einen Schritt
von ihm entfernt gestanden hatte scheinbar zum ersten Male bemerkend
    Desto besser sagte Melitta die Herren sind also einig
    Von Kloten und Oswald verbeugten sich gegen einander und dann vor Melitta
die sie mit einer graziösen Handbewegung verabschiedete um mit den zunächst
sitzenden Damen ein leichtes Geplauder über die neuesten Moden anzufangen
    Oswald war wieder zu Herrn von Langen getreten der ihm zu der Bekanntschaft
mit Melitta gratulirte Ich bewundere Sie sagte der junge Mann dass Sie so
ungenirt mit ihr sprechen können ich hätte nicht den Mut dazu
    Sie scherzen
    Auf Ehre nein Die Frau hat etwas in ihrem Blick und in ihrer Stimme was
einem um das Heil seiner Seele bange machen möchte Ich weiß es geht mir nicht
allein so
    Vielleicht bin ich um das Heil meiner Seele weniger bekümmert sagte Oswald
    Unterdessen hatte Oldenburg während er sich unbefangen mit einigen Herren
zu unterhalten schien in einem hohen Spiegel die Gruppe um Melitta genau
beobachtet
    Sieh da Kloten wie gehts mon brave sagte er sich schnell zu dem
Angerufenen umwendend als dieser in seine Nähe kam
    Baron Oldenburg Auf Ehre hätte Sie kaum erkannt mit dem horribeln Bart
    Horribel mon cher Machen Sie mich nicht unglücklich ich pflege ihn nun
schon drei Jahre und habe ihn mich wenigstens eine Million kosten lassen
    Ah Spaß sagte der Dandy seinen blonden Schnurrbart streichend
    Upon my word and honour sagte Oldenburg die Sache ist einfach die Ich
lernte in Kairo eine englische Familie kennen mit der ich noch mehrmals auf dem
Nil zusammentraf ich war so glücklich ihr einige nicht unwesentliche Dienste
leisten zu können Die Familie bestand aus Vater Mutter und einer einzigen
Tochter  aber welcher Tochter mon cher ich sage Ihnen 
    Ah ich verstehe sagte Herr von Kloten reines Vollblut Diese englischen
Misses jottvoll  schön  sah mal eine in BadenBaden werde mein Lebtag nicht
vergessen
    Gerade so sah meine Mary auch aus sagte Oswald
    Nicht möglich
    Verlassen Sie sich drauf Alle englischen Misses gleichen sich wie eine
Lilie der andern Eh bien Das Mädchen verliebt sich in den Retter ihres Lebens
Der Vater ist mir geneigt die Mutter günstig Ich war zwar kein Millionär wie
Mr Brown dafür war er aber auch nur ein in Ruhestand getretener Eisenhändler
und ich ein alter deutscher weiland reichsfreier Baron Genug wir werden
Handels einig Da sagt Mary eines Abends  es ist mir als wäre es heute  wir
saßen im Mondschein auf der Terrasse des Tempels von Philä und blickten träumend
über den stillen Fluss und leerten Tropfen um Tropfen den diamantgeränderten
Becher der Liebe Da sagte sie ihre weichen Arme um mich schlingend  o Gott
wie deutlich ich noch immer diese Stimme höre  Adalbert sagte sie  Was
Holde sagte ich  Adalbert pray dearest love cut off your horrible beard 
its so vulgar
    Ah ja jottvoll jottvoll  diese englischen Misses aber was heißts denn
eigentlich
    Es heißt Adalbert mein Junge lass Dir den Bart scheren Du siehst
schauderhaft gemein darin aus
    Verdammt
    Das sagte auch ich Sie bat sie beschwor mich endlich lag sie sogar vor
mir auf den Knieen Ich blieb fest wie der Koloss Memnons Da sprang sie empor
und sich bewaffnend mit dem ganzen Stolze Englands die Hand zum
sternengeschmückten Himmel erhebend rief sie Sir eiter you cut off your
beard or I musst cut your acquaintance
    Ten cut my acquaintance sagte ich
    Famos sagte von Kloten was sagte sie
    Mein lieber Herr sagte sie Sie scheren sich entweder den Bart oder Sie
scheren sich zum Teufel
    Verdammt und Sie
    Ich sagte Fräulein ich habe geschworen dass ich das Weib verachten und mit
dem Manne auf Leben und Tod kämpfen will der mir mit Worten oder in
Wirklichkeit an meinem Bart zupft
    Merkwürdig das Alles sagten Sie in den drei Worten
    Ja die englische Sprache wissen Sie ist wunderbar kurz Apropos wer ist
denn der junge Mann mit dem Sie vorhin sprachen er steht jetzt dort an der
Tür zum andern Zimmer mit dem alten Grenwitz
    Ja raten Sie einmal
    Wie kann ich das raten Ich vermute dass es Felix von Grenwitz sein
Neffe ist
    So dachte auch ich Und nun denken Sie cher Baron der Mensch ist ein
Bürgerlicher heißt Stein Doctor Stein glaube ich und ist nun raten Sie
einmal
    Nach dem Entsetzen das sich in Ihren Zügen malt zu schließen vermute
ich dass der junge Mann der Scharfrichter von Bergen ist
    Scharfrichter Quelle idée Welch sonderbare Einfälle Frau von Berkow und
Sie immer haben Nein  Hauslehrer bei Grenwitz  ist das nicht wunderbar
    Ich kann nicht besonders Wunderbares in der Sache finden Es muss auch
Hauslehrer geben wie es Arbeiter in den Arsenikgruben geben muss obgleich ich
für mein Teil weder das Eine noch das Andere sein möchte
    Aber der Mensch sieht beinahe genteel aus
    Beinahe genteel Lieber Freund er sieht nicht nur beinahe genteel aus
sondern ausnehmend genteel genteeler als irgend einer der Herren hier im
Saale Sie selbst und mich nicht ausgeschlossen
    Ah Baron Sie sind heute wieder einmal in einer jottvollen Laune
    Meinen Sie freut mich Das verhindert mich indessen nicht den Mann
ausnehmend genteel aussehend zu finden Ja was in Ihren Augen wohl noch mehr
ist er hat nicht nur das Characteristische welches die geborenen Vornehmen auf
der ganzen Erde auszeichnet sondern den speciellen Typus des Adels dieser
Gegend
    O in der Tat, ich denke Typus ist eine Krankheit
    Typhus mon cher Typus ist wenn mehrere Leute dieselben Nasen Stiefel
Augen und Handschuhe haben Nun sehen Sie selbst ob nicht Alles und noch mehr
bei dem Doctor Stein stimmt zum Beispiel im Vergleich mit Ihnen der Sie doch
gewiss alles Specifische des Adels in der höchsten Potenz in und an sich
entwickelten Er ist schlank und gut gewachsen wie Sie nur einen halben Kopf
höher und ein paar Zoll breiter in den Schultern er hat dasselbe hellbraune
gelockte Haar nur dass Sie sich Ihre Haare entschieden brennen lassen und die
seinen wie mir scheint natürlich gelockt sind er hat blaue Augen wie Sie
und Sie werden selbst zugeben dass diese Augen groß und ausdrucksvoll sind
    Ah ja  ich gebe zu dass er ein verdammt hübscher Kerl ist sagte der
ärgerliche Dandy einen scheelen Blick auf den Gegenstand seiner unfreiwilligen
Bewunderung werfend
    Nun und was sein Auftreten anbelangt fuhr Oldenburg fort so gäbe ich
meinesteils eines meiner Güter darum wenn ich mich mit diesem Anstande dieser
Grazie bewegen könnte
    Das ist stark weshalb
    Weil die Weibsen in einen schmalen Fuß ein wohlgeformtes Bein und so weiter
vernarrt sind Solche hübsche Puppen wie der Doctor sind geborene Alexander
sie fliegen von einer Eroberung zur andern und sterben auch meistens jung zu
Babylon
    Gott Baron welch liebenswürdiger Mensch Sie sein würden wenn Sie nur
nicht so schauderhaft gelehrt wären
    Meinen Sie Möglich Es ist ein Erbfehler meine selige Mutter hat während
ihrer Schwangerschaft außer dem Rennkalender des betreffenden Jahres auch noch
einen oder den anderen Roman gelesen So erklären sich die paar menschlichen
Züge in meiner Natur
    Wollt Ihr Herren meine neuen Pistolen mit einschiessen helfen fragte Herr
von Barnewitz der eben herantrat
    Ich denke es soll getanzt werden antwortete Kloten
    Später Du kommst doch mit Oldenburg
    Versteht sich Du kennst ja meinen Wahlspruch aux armes citoyens
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Die jetzt vollständig versammelte Gesellschaft hatte sich allmälig aus den
Zimmern in den Garten begeben da der herrliche Sommernachmittag unwiderstehlich
ins Freie lockte Die älteren Herren und Damen promenirten in den schattigen
Gängen oder besichtigten die schönen Gewächshäuser die jungen Leute suchten
auf einem schönen runden Rasenplatze der zum Teil von hohen breitkronigen
Bäumen überschattet war gesellschaftliche Spiele zu arrangieren aus einer Ecke
des Parkes wo ein Schiessstand eingerichtet war ertönte von Zeit zu Zeit der
scharfe Knall der neuen Pistolen Melitta hielt sich eingedenk der bewährten
Regel dass der Ruf junger Frauen in der Gesellschaft von den alten Damen gemacht
wird und wohl wissend dass sie die Freiheiten die sie sich während des Balles
zu nehmen gedachte durch einige vorhergehende Opfer erkaufen müsse in der
Gesellschaft der Gräfin Grieben der Baronin Trantow der Frau von Nadelitz der
Baronin Grenwitz und der andern älteren Damen Oswald hatte sich zuerst der
Jugend angeschlossen bei der ihn Herr von Langen einführte und hatte mit
einigen Reminiscenzen aus den Gesellschaften in der Residenz und einigen
geschickten Kombinationen verschiedene gesellschaftliche Spiele befürwortet und
arrangirt die mit allgemeinem Beifall angenommen und mit sichtlicher
Zufriedenheit der Teilnehmer ausgeführt wurden Als er aber sah dass Melitta
gegen seine Hoffnungen sich durchaus nicht in den Kreis der Spielenden mischen
wollte benutzte er eine schickliche Gelegenheit sich selbst aus demselben
zurückzuziehen Herr von Langen war ihm gefolgt und holte ihn in einem
Heckengange ein wo Oswald sich der harmlosen Beschäftigung des
Stachelbeerpflückens hingab
    Gott sei Dank sagte Herr von Langen Oswalds Beispiele folgend und einen
Johannisbeerbusch der voll dunkelroter Früchte hing plündernd Diesem Unheil
wären wir glücklich entronnen Fluch dem Ersten der gesellschaftliche Spiele
erfand Sind die Stachelbeeren reif
    Köstlich
    Sie müssen mich auf jeden Fall in nächster Zeit besuchen Mein Gut liegt nur
ein Stündchen von Grenwitz Meine Frau die mich erst vor ein paar Wochen mit
einem allerliebsten kleinen Mädchen beschenkt hat und sich noch nicht kräftig
genug fühlt so große Gesellschaften mitzumachen wird sich freuen Sie kennen
zu lernen Wenn Sie mir einen Tag bestimmen wollen schicke ich Ihnen meinen
Wagen
    Ich nehme Ihre Einladung mit Dank an sagte Oswald der sich einigermaßen
durch die liebenswürdige Freundlichkeit eines Mannes aus dem von ihm so sehr
gehassten Stande beschämt fühlte Sollen wir sagen nächsten Sonntag
    Sie sind jeder Zeit willkommen wenn Sie die Knaben mitbringen wollen tun
Sie es ja ich habe ein Paar Ponys die den Jungen besser gefallen werden als
Kornel und Ovid zusammen  Ach Herr des Himmels Incidit in Scyllam qui vult
vitare Charybdim Dort biegt die Gräfin Grieben an der Spitze ihrer Suite um die
Ecke Sauve qui peut
    Die jungen Männer schlugen einen andern Gang ein der den ersten
rechtwinklig durchschnitt und waren bald den herankommenden Damen aus den
Augen Oswald seinerseits wäre eben so gern geblieben denn er hatte in der
»Suite« auch Melitta bemerkt und gehofft wenigstens im Vorübergehen einen Blick
von ihr zu erhaschen aber er hielt es für seine Pflicht gute Kameradschaft mit
seinem neuen Freunde zu halten der ihm im Laufe des Nachmittags schon mehr als
eine Gefälligkeit erwiesen hatte
    Sie scheinen die Gesellschaft nicht besonders zu lieben Herr von Langen
sagte er lächelnd über die Eilfertigkeit des jungen Mannes
    Die große Gesellschaft  nein Ich bin in fast absoluter Einsamkeit
aufgewachsen Mein Vater der nicht eben reich ist schloss sich in dem Interesse
seiner Kinder von dem geselligen Leben des hiesigen Adels fast gänzlich ab
Hernach kam ich auf die Schule Ich hätte gern studiert aber der Vater bedurfte
meiner für die Wirtschaft welche er bei zunehmendem Alter nicht mit derselben
Rüstigkeit leiten konnte so musste ich denn von der Schule abgehen als ich ein
Jahr in Prima gesessen hatte Seitdem ist der gute Vater gestorben und ich habe
die paterna rura kaum verlassen Sind Sie Jäger
    Nein ich habe bis jetzt nicht die mindeste Gelegenheit gehabt die
Nimrodnatur die möglicherweise in mir schlummert zu cultiviren
    Ah das ist schade aber das findet sich  wir haben eine recht hübsche
Hühner und Hasenjagd Sie sollten vorläufig etwas mit der Pistole schießen Man
lernt dabei visiren und bekommt eine sichere Hand
    Nun mit Pistolenschiessen habe ich im Leben leider beinahe zu viel Zeit
verbracht antwortete Oswald Mein Vater ein Sprachlehrer und im Übrigen ein
sehr friedfertiger Mann hatte eine wahre Leidenschaft für das Pistolenschiessen
es war seine einzige Erholung Er schoss wie ich nie im Leben wieder Jemand habe
schießen sehen mit einer fast wunderbaren Geschicklichkeit Ich habe nie den
Grund dieser seltsamen Leidenschaft erfahren können Einmal fiel es mir ein ihn
zu fragen wie er dazu gekommen sei Ich werde den Ton nie vergessen in welchem
er mir antwortete Es gab eine Zeit wo ich hoffte mich durch eine Kugel an
einem Manne rächen zu können der mich tötlich beleidigt hatte Als ich meines
Zieles vollkommen sicher war  starb der Mann Seitdem schieße ich in Gedanken
auf ihn jedes Ass das meine Kugel trifft ist ein falsches grausames Herz Ich
drang in ihn mir den Mann zu nennen Das kann ich nicht antwortete er aber
wenn Du Dir auch etwas bei der Sache denken willst nimm an jedes Ass sei das
Herz irgend eines beliebigen Adeligen
    Mon Dieu sagte Herr von Langen und haben Sie diesen fanatischen Hass Ihres
Vaters gegen meinen Stand geerbt
    Nur zum Teil sagte Oswald ebenso wie ich auch nur einen Teil seiner
Fertigkeit mit der Pistole geerbt habe  Wollen wir einen Augenblick nach dem
Schiessstande gehen ich höre an dem Knall dass wir ganz in der Nähe sein müssen
    Bravo bravo erschallte es von dem Schiessstande herüber Kloten ich parire
auf Sie
    Ich parire auf Breesen rief eine andere Stimme
    Sie fanden auf dem Schiessstande ein halbes Dutzend Herren etwa alle in
größtem Eifer mit Ausnahme des Baron Oldenburg der die Hände in den Taschen
seiner Beinkleider an einen Baum gelehnt die Schützen betrachtete und
Strophen aus der Marseillaise dazu zwischen den Zähnen summte
    Bravo Kloten wieder Zentrum  der Kerl schießt verteufelt schallten die
Stimmen durcheinander
    Hat sonst Jemand von den Herren Lust zu pariren sagte Herr von Kloten mit
einem wunderbar selbstgefälligen Lächeln sich umsehend
    Ich wenn Sie erlauben sagte Oswald
    Sie erwiderte der Dandy mit einem Blick sprachlosen Erstaunens
    Ich parire einen Louis auf den Herrn sagte Baron Oldenburg grinsend Wer
hält
    Ich ich riefen mehrere Stimmen
    Ich halte Alles sagte Oldenburg dem die Sache einen köstlichen Spaß zu
machen schien
    Unser Einsatz ist bisher ein Taler gewesen es ist Ihnen doch recht sagte
Herr von Kloten zu Oswald
    Natürlich
    Aber Doctor Stein kennt die Pistolen nicht sagte von Langen und Kloten muss
sich bereits vollständig eingeschossen haben Die Partie ist ungleich
    Wenn nur mein Geld auf dem Spiele stände sagte Oswald so würde ich den
Versuch wagen Da aber auf mich gewettet ist so möchte ich bitten mir vorher
einen Schuss zu erlauben
    Natürlich rief Herr von Breesen das versteht sich von selbst Herr von
Barnewitz
    Wird nicht viel helfen sagte von Kloten leise zu einem Andern
    Sehen Sie den Tannenzapfen dort Herr von Langen sagte Oswald nachdem ihm
eine geladene Pistole gereicht war den an dem äußersten Ende des Zweiges
    Ja aber das sind mindestens fünfzig Fuß
    Tut nichts Diese Pistolen scheinen mir noch auf weitere Distancen einen
sichern Schuss zu erlauben
    Oswald hob die Pistole Aller Augen waren gespannt auf den Tannenzapfen
gerichtet
    Ja so sagte Oswald die erhobene Pistole sinken lassend Wollen Sie nicht
die Güte haben Herr von Barnewitz mich dem Herrn vorzustellen der ein so
günstiges Vorurteil für meine sehr fragliche Fertigkeit im Schießen an den Tag
gelegt hat
    Hatte ganz vergessen bitte um Entschuldigung Baron Oldenburg  Doctor
Stein
    Ah Baron Oldenburg sagte Oswald mit der linken Hand den Hut abnehmend
Sie sehen doch den Tannenzapfen Herr Baron
    Vollkommen deutlich sagte Oldenburg sich höflich verbeugend
    Oswald hob die Pistole wieder zielte eine Sekunde  der Tannenzapfen kam in
Stücken zur Erde
    Famos schrie Herr von Barnewitz Kloten Du findest Deinen Meister
    Nous verrons sagte Herr von Kloten Sie haben den ersten Schuss Herr
Doctor
    Oswald nahm die andere Pistole und schoss ohne scheinbar auch nur zu
zielen
    Zentrum schrie der Bediente an der Scheibe eine Reverenz nach dem Schützen
machend bevor er das Loch mit einem Pflaster verklebte
    Kloten zahlen Sie Reugeld rief Oldenburg mit dem Gelde in seiner Tasche
klappernd
    Zentrum ertönte es von der Scheibe
    Sehen Sie sagte von Kloten Herrn von Barnewitzens Jäger die Pistole zum
Laden gebend
    Ich denke wir nehmen eine größere Distance oder ein anderes Ziel sagte
Oswald bei diesem talergrossen Zentrum auf vierzig Schritt werden Herr von
Kloten und ich wohl noch lange ohne Entscheidung fortschiessen können Sind keine
Karten zur Hand
    Ich bins zufrieden sagte von Kloten
    Hast Du Karten mitgebracht Friedrich rief Herr von Barnewitz
    Ja Herr
    Nimm die Scheibe ab und nagle ein Ass an den Baum
    Natürlich gilt nur die Kugel die durch das Ass schlägt oder es wenigstens
berührt hat sagte Oswald
    Natürlich sagte von Kloten
    Jetzt kommt die Sache in Gang rief der junge Breesen und rieb sich vor
Vergnügen die Hände
    Kloten zahlen Sie Reugeld sagte Oldenburg wieder und durch die Zähne
murmelte er
Tannenzapfen  Herzenass 
Ei mein Schätzchen merkst Du was
Ist es Liebe ist es Hass
Von Kloten zielte lange aber sei es dass das neue Ziel ihn verwirrte sei es
dass seine Hand schon unruhig geworden war  seine Kugel traf nur den oberen Rand
der Karte Oswald trat vor sein Auge schweifte über die Schaar der Edelleute
die um ihn herum stand Denke Dir das Ass sei das Herz irgend eines beliebigen
Adeligen hörte er eine wohlbekannte Stimme flüstern  Sein Schluss krachte An
der Stelle des Asses war das Loch der Kugel in der Karte
    Trösten Sie sich Kloten sagte Oldenburg Non semper arcum tendit Apollo 
zu deutsch Vorbeischiessen muss auch sein
    Wirklich meisterhaft sagte von Barnewitz die Karte herum zeigend das Ass
rein herausgeschossen
    Wollen Sie Revanche haben Herr von Kloten
    Nein danke ein andermal Fühle dass meine Hand nicht mehr sicher 
    Warum haben Sie nicht Reugeld gezahlt Kloten sagte Oldenburg das
gewonnene Geld lachend in die Tasche steckend
    Hier sind sie hier sind sie riefen da auf einmal helle Mädchenstimmen und
um das Gebüsch herum das den Schiessstand vom Wege trennte kamen Emilie von
Breesen ihre Kousine Lisbeth von Meien und eine von den jungen Fräulein von
Nadelitz wie eben soviel weiße Schmetterlinge
    Sie sind allerliebste Herren  Spielverderber  im Augenblick kommen Sie
wieder zurück  so schallten die Stimmchen durcheinander
    Du könntest auch etwas Besseres tun Adolph als hier den ganzen Nachmittag
bei dem alten dummen Schießen zubringen sagte Emilie von Breesen zu ihrem
Bruder
    Er muss auch mit rief Lisbeth wir nehmen sie gefangen Du Emilie nimm den
Doctor Du bist die Stärkste und er ist der Rädelsführer  Natalie Natalie
halt Herrn von Langen fest er will davon laufen
    Meine Herren rief Oswald jeder Widerstand wäre Hochverrat  Meine Damen
wir ergeben uns auf Gnade und Ungnade und er bot Fräulein von Breesen den Arm
    Die beiden andern Herren folgten seinem Beispiele die drei hübschen Pärchen
eilten lachend und scherzend davon
    Eine Entführung in optima forma sagte Oldenburg
    Wir gehen auch wohl Ihr Herren rief Barnewitz denn ich fürchte wenn wir
warten wollen bis wir von den jungen Damen abgeholt werden so können wir lange
warten
    Allons enfants de la patrie sang Oldenburg in möglichst falschen Tönen mit
einer Stimme die wesentlich dem Krähen eines heisern Hahnes an einem
regnerischen Tage glich und fasste von Kloten unter den Arm
    Kloten mon brave wir werden alt sagte er während sie in einiger
Entfernung hinter den Andern dem Hause zuschritten Wenn wir nicht bald machen
dass wir unter die Haube kommen so ist uns jede Hoffnung auf eheliches Glück
legitime Vaterfreuden und ein seliges Ende Amen abgeschnitten
    Ah Spaß Baron Sie sind mindestens fünf Jahre älter als ich
    Das hindert nicht dass die jungen Damen einen wie den andern en canaille
behandelt haben
    Die kleine Emilie ist ein verdammt hübscher Backfisch
    Si Signore und was für ein Paar große graue verliebte Augen sie dem
Doctor machte Mit sechszehn Jahren wahrhaftig alles Mögliche
    Verdammte Puppe
    Wer  Fräulein Emilie
    Ah  der Mensch der Doctor
    Ja so Ich habs Ihnen ja gleich gesagt Die Mägdelein reißen sich um ihn
Und wie der Kerl schießt Kloten Möchte ihm nicht fünf Schritte Barrière und
zehn Distance gegenüberstehen
    Ah danke für ein Duell mit so einem Bürgerlichen Partie ist zu ungleich
Meinen Sie nicht auch Baron
    Vielleicht ist der Mann die Frucht einer Liaison zwischen einem Sohn des
Himmels und einer Tochter der Erde
    Was heißt das
    Wissen Sie nicht dass vor Abraham die Kinder von Adeligen mit Bürgermädchen
so bezeichnet wurden
    Nein habe nie gehört Sohn des Himmels  famos Übrigens traue Schrift
nicht Müssen doch selbst zugeben Baron diese Idee alle Menschen von einem
Paare abstammen zu lassen  Adelige und Bürgerliche  geradezu abgeschmackt
horribel  lächerlich Habe mir immer gedacht dass Schrift von diesen
Bürgerlichen in ihrem Interesse zurecht gemacht ist Hat mich stets geärgert
wenn Hauslehrer mir die alte Geschichte erklären wollte
    Kloten sagte Oldenburg stehen bleibend und seinem Begleiter die Hand auf
die Schulter legend Kloten Sie sind ein großer Mann Dieser Gedanke bringt Sie
in eine Reihe mit den tiefsinnigsten Denkern aller Jahrhunderte
    Ah wah  reden Sie nun im Ernst Baron oder scherzen Sie wie gewöhnlich
    Lieber Kloten sagte Oldenburg seinen Arm wieder unter den seines
Begleiters steckend und weiter gehend lassen Sie sich ein für alle Mal gesagt
sein dass es mir immer um das was ich sage fürchterlicher Ernst ist und der
Gegenstand von dem wir sprechen ist wahrlich von zu ungeheurer Bedeutung als
dass er eine scherzhafte Behandlung vertrüge So hören Sie denn  aber machen Sie
keinen ungeeigneten Gebrauch von der Sache Kloten 
    Gott bewahre  parole dhonneur
    So hören Sie denn dass dieselbe Frage deren richtige Beantwortung Sie mit
dem sichern Tacte des Genies sofort fanden mich jahrelang beschäftigt hat Auch
ich sagte mir der Unterschied des Namens des Standes  er ist ein Unterschied
des Blutes des Gemütes der Seele  enfin der ganzen Natur Wie können nun
zwei so verschiedene Wesen von demselben Menschenpaare abstammen Wo bleibt der
Unterschied wenn sie von einem Menschenpaare abstammen Der Geist verwirrt sich
in diesem schauderhaften Widerspruch
    Gott Baron endlich sprechen Sie doch einmal wie 
    Wie ein Baron Hören Sie weiter Diese Frage beschäftigte mich so
unausgesetzt dass ich endlich beschloss sie zu lösen es koste was es wolle
Ihr habt Alle über mein einsames Leben über mein Studiren und so weiter
gespottet Wissen Sie Kloten was ich studierte während Ihr Euch auf der Jagd
oder beim Pharao amüsirtet
    Nein  auf Ehre 
    Aramäisch chaldäisch syrisch mesopotamisch hindostanisch
gangobramaputraisch  sanscrit 
    Herr Gott des Himmels Das ist ja schauderhaft Wozu
    Weil ich die feste Überzeugung hatte dass sich in den Klöstern Armeniens
in den Katakomben Aegyptens oder sonst irgendwo im Orient eine alte
Handschrift welche die Sache aufklärte entdecken lassen müsse Als ich alle
jene Sprachen und Dialecte so fertig wie deutsch und französisch sprach trat
ich vor drei Jahren meine letzte große Reise nach dem Orient an Im Vorübergehen
durchstöberte ich die Bibliotheken Italiens In Rom traf ich Barnewitzens Dies
Zusammentreffen war mir im Grunde sehr unangenehm Aus Höflichkeit musste ich sie
bis Sizilien begleiten In Palermo aber machte ich dass ich davon kam
    Ah das erklärt Ihr plötzliches Verschwinden  das unterbrochene Opferfest
ha ha ha
    Unterbrochenes Opferfest  der Ausdruck stammt nicht von Ihnen Kloten
    Nein auf Ehre  ist ne Erfindung von Hortense wollte sagen von der
Barnewitz verbesserte sich der junge Edelmann Sie behauptet  entre nous
Baron  dass Euer Zusammentreffen in Rom gar nicht so absichtslos von Ihrer Seite
und die ganze Reise von Rom nach Palermo  heißt ja wohl Palermo  ein reiner
Triumphzug für die Berkow gewesen sei Opferfest  unterbrochenes Opferfest Ha
ha
    Aber ich verstehe Sie gar nicht Kloten
    Na entre nous Hortense weiß von der Reise allerlei Geschichten zu
erzählen So eine Szene auf der Überfahrt von Ciproda 
    Procida verbesserte Oldenburg 
    Procida meinetwegen der Teufel mag all die verrückten Namen behalten von
Procida nach Neapel
    Nun
    Aber zum Teufel Baron Sie fragen Einem auch die Seele aus dem Leibe  Sie
hatten einen kleinen Fischerkahn und es kam ein richtiger Sturm auf  die
Wellen gingen haushoch und Sie mussten jeden Augenblick erwarten dass das Boot
kenterte Da sollen Sie auf italienisch 
    Die Barnewitz versteht kein Wort italienisch so viel ich weiß sagte
Oldenburg
    Hortense nicht aber die Schiffer die sie hernach ausgefragt hat 
    Hm murmelte Oldenburg Nun
    Da sollen Sie zu der Berkow gesagt haben Liebe Seele mit Dir zusammen zu
ertrinken ist mehr wert als mit Deiner Kousine oder irgend einer andern Frau
hundert Jahr zusammen zu leben
    In der Tat? erzählt Hortense ihren guten Freunden so hübsche Geschichten
Nun Kloten ich will Ihnen einen guten Rat geben Glauben Sie jedem Kuss den
Sie von Hortenses Mund schon geküsst haben oder noch küssen werden 
    Ah dummes Zeug Baron sagte der Dandy mit jenem Lächeln das bescheiden
sein soll und doch so entsetzlich unverschämt ist
    Aber glauben Sie keinem Wort das aus ihrem Munde geht Können Sie wirklich
denken dass ich nichts Besseres zu tun hatte als Melitta von Berkow den Hof zu
machen während so ernste ja so zu sagen heilige Dinge meine Seele
beschäftigten Lassen Sie sich erzählen Ich reiste also von Sizilien nach
Ägypten hinauf bis Abu Simbul zurück nach Kairo von da nach Palästina
Persien Indien  durchsuchte jeden Tempel jede Ruine jede Felsenspalte  ich
fand nicht was ich suchte Endlich  als ich schon an dem Erfolge verzweifelte
als ich schon auf der Rückreise war da  in der Bibliothek des Klosters auf dem
Vorgebirge Atos 
    Wo ist das Baron
    Zwischen dem Indus und dem Oregon  dort in der KlosterBibliothek entdeckte
ich endlich das langgesuchte Manuskript Da stand denn die ganze Geschichte
    Was stand da
    Da stand im reinsten Hochbramaputraisch dass  ich übersetze Alles in
unsere modernen Begriffe und Ausdrücke 
    Ja machen Sies ums Himmelswillen so dass ich es verstehe
    Dass gleich von vornherein zwei Menschenpaare geschaffen wurden wie es auch
gar nicht anders sein kann ein adeliges und ein bürgerliches Der Name dieses
ersten adeligen Geschlechts ist aus dem Manuskript nicht zu ersehen Gerade an
der einen Stelle wo er ausgeschrieben gestanden hat ist ein großer Klecks So
viel ist sicher Oldenburg hat es nicht geheißen es war noch ganz deutlich ein
C zu erkennen und in der Mitte ein t
    Vielleicht Kloten sagte der Andere
    Es ist möglich aber beschwören kann ich es nicht Auch was für eine
Geborene seine Gemahlin gewesen ist die schlechtweg Fräulein genannt wird ist
nicht ersichtlich
    Aber ich denke sie ist aus der Rippe des Mannes gemacht und gar nicht
geboren
    Ah lassen Sie sich doch kein dummes Zeug einreden Kloten Sie wird
ausdrücklich Fräulein genannt dann muss sie doch auch ein Fräulein von so und so
gewesen sein
    Das ist ja aber eine verflucht verwickelte Geschichte
    Gar nicht so sehr wie Sie glauben Genug der Herr und das Fräulein das
bald genug zur gnädigen Frau wurde hatten ein Landgut welches Paradies hieß 
warum soll ein Landgut nicht Paradies heißen Kloten
    Verdammt schnurriger Name indessen
    Warum Nennt doch einer sein Gut Solitude der Andere Sanssouci der Dritte
Bellevue warum soll nicht einmal Einer das seine Paradies genannt haben Eh
bien Der Bediente des Herrn hieß Adam Vortrefflicher Name für einen Bedienten
Als er steif und lahm wurde schimpften sie ihn den alten Adam  haben Sie je
von einem Adeligen gehört der Adam geheißen hätte Kloten
    Im Leben nicht
    Sehen Sie da haben Sie wieder den schönsten Beweis
    Er rief also seinen Kerl Adam und die Zofe seiner Gemahlin Eva Evchen 
allerliebster Kammerzofenname das Meine Mutter hatte ein Kammermädchen
»Evchen« ein bildhübsches Ding Der Adam war aber ein großer Schlingel wie die
Bedienten das bekanntlich bis auf den heutigen Tag sind Das Ding die Eva war
auch nicht viel besser Zuletzt trieben es die Beiden zu arg Schließlich
ergriff der Herr denn einmal die Hetzpeitsche und jagte die Beiden vom Hofe In
das Gesindebuch schrieb er Entlassen wegen Unehrlichkeit Putzsucht und
Arbeitsscheu Das ist so in großen Umrissen der eigentliche Verlauf der
Geschichte
    Wirklich merkwürdig  ganz famos auf Ehre Haben Sie das Buch mitgebracht
Baron
    Nein aber eine von dem dortigen Landrat beglaubigte Abschrift
    Gibts denn dort auch Landräte
    Aber lieber Freund wie kann denn ein Land ohne Landräte bestehen
    Natürlich aber es wäre doch besser wenn wir das Buch selber hätten
    Vielleicht macht es sich Die Mönche sind entsetzlich obstinat ich hatte
schon vor sie alle mit Blausäure zu vergiften Wahrscheinlich tue ich das auch
noch wenn ich wieder in die Gegend komme Bis dahin müssen wir uns mit der
Kopie begnügen
    Hören Sie Baron können Sie mir nicht auch so eine Kopie geben ich meine
natürlich in deutscher Übersetzung nicht in bramaputraisch oder wie der
verdammte Jargon heißt
    Hm aber versprechen Sie mir es Niemand zu zeigen
    Verlassen Sie sich drauf
    Höchstens Einem oder dem Andern aus unserm Zirkel
    Das also darf ich
    Meinetwegen aber nennen Sie meinen Namen nicht Sagen Sie es wäre eine
bloße Hypothese von Ihnen 
    Eine was
    Eine bloße Vermutung die noch der Bestätigung bedürfe wenn wir dann
hernach das Original in die Hände bekommen so ist das Ihr Triumph und der
Triumph der guten Sache zu gleicher Zeit
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Die Sommersonne war bereits seit einer Stunde hinter den Bäumen des Parks
untergegangen dunkle Schatten lagerten sich in den dichteren Boskets hie und
da zirpte noch ein Vogel ehe er zur Ruhe das Köpfchen unter den Flügel steckte
sonst war es still geworden in dem vor kurzer Zeit noch so belebten Garten Aber
desto lauter war es jetzt in dem Schloss Das blendende Licht von hundert
Wachskerzen auf Kronleuchtern und Girandolen strahlte aus den Fenstern auf den
weiten Rasenplatz vor dem Gartensaale Musik erschallte aus den geöffneten
Flügeltüren und an Türen und Fenstern vorüber sahen die Dorfleute die sich
in ehrfurchtsvoller Ferne im Park hielten die Paare der Tanzenden schweben In
den Zimmern die an den Tanzsaal stießen waren für die älteren Herrschaften
Spieltische arrangirt und des Grafen von Grieben kreischende Stimme wurde mehr
als einmal vernommen wenn der alte Baron Grenwitz der nur ein sehr
mittelmässiger Bostonspieler war auf drei Asse zum Mitgang gepasst oder sonst
durch seine Zaghaftigkeit verleitet einen jener horribeln Fehler begangen
hatte die das Gemüt eines metodischen Spielers so schmerzlich berühren Herr
von Barnewitz und seine Gemahlin wechselten im Spiele ab damit stets eines von
ihnen entweder bei den Tanzenden oder Spielenden war und sich so jede Partei
gleicher Gunst erfreute Hortense hatte ursprünglich den ganzen Ball mitmachen
wollen aber schon nach den beiden ersten Tänzen ärgerte sie sich so über die
Huldigungen die ihrer schönen Kousine von allen Seiten gezollt wurden dass sie
ihrem Gemahl jenes Arrangement vorschlug in welches er sich um so williger
schickte als er trotz seiner Korpulenz gern und gut tanzte und auf alle Fälle
ein sehr eifriger Bewunderer hübscher Mädchen und Frauen in Balltoilette war
Und an solchen fehlte es in dem Saale wahrlich nicht Es war ein Kranz von
lieblichen und schönen Gestalten der auch wohl ein sinnigeres Auge als das des
wüsten Edelmannes entzückt haben würde Die lieblichste und schönste aber war
nach dem ausgesprochenen oder schweigenden Urteil der Herren wenigstens  die
Ansicht der Damen über diesen Punkt war allerdings sehr geteilt  Melitta Die
sonst etwas bleichen Wangen vom lebhaften Tanz gerötet die großen Augen
strahlend von Licht und Leben die schlanken elastischen Glieder der herrlichen
Gestalt mit wunderbarer Anmut in rhytmischem Schwunge bewegend  so schwebte
sie über den glatten Boden des Saals wie die Muse des Tanzes selbst Neben
dieser blendenden Erscheinung wurden die hübschen Frauen ihres Alters zu
Wachsfiguren und die jüngeren Mädchen zu allerliebsten Marionetten So dachte
wenigstens Oswald wenn er sie im Walzer an sich vorbeifliegen sah oder sie ihm
im Kontretanze entgegen schwebte Ein wunderbares Gemisch widersprechender
Empfindungen erfüllte seine Seele Seit jenem Augenblick wo er in Melittas
Album das Bild des Baron Oldenburg zum ersten Mal gesehen hatte war er
unablässig von dem Gedanken verfolgt worden in welchem Verhältnis stand sie zu
diesem Mann Aber so oft auch schon die Frage auf seinen Lippen geschwebt hatte
nie hatte er sie auszusprechen gewagt und je höher die Sonne seiner Liebe
stieg desto blasser war der drohende Schatten geworden Heute aber hatte
Barnewitzens Erzählung das Erscheinen des Mannes selbst Melittas Benehmen in
der ersten Begegnung  die halb entschlafenen Zweifel furchtbar geweckt Wieder
drängte sich das Wort auf seine Lippen und immer wieder kroch es scheu zum
Herzen zurück Er zürnte Melitta dass sie ihn diese Qualen dulden ließ er
zürnte sich selbst dass er sich von der Geliebten hatte bestimmen lassen ihr in
diese Gesellschaft zu folgen diese Junkerwelt in die er nicht gehörte in
welcher er sich nur geduldet wusste in diese Welt frivolen Genusses und
hochmütigen Dünkels diese lärmende blendende Welt die so grausam mit der
Romantik seiner Liebe contrastirte und der wonnigen liebeverklärten
Waldeinsamkeit von Melittas Kapelle Hohn zu sprechen schien Es kam ihm wie ein
halb verklungenes Märchen vor dass dies wunderbare Weib in seinen Armen geruht
dass er  wie oft schon  seinen Mund auf diese rosigen Lippen gedrückt hatte
Sie erschien ihm so fremd so ganz verwandelt er konnte sich nicht überreden
dass dies Melitta sei seine Melitta sie die hier mit dem jungen Breesen lachte
und schwatzte die dort die faden Komplimente von Klotens mit so huldvoller
Miene beantwortete  und dann wieder wenn ihr leuchtendes Auge das seine traf
wenn ihre Hand bei den Touren des Kontretanzes seine Hand so traulich drückte
wenn bei dieser Gelegenheit ein süßes Herz Du Lieber  nur ihm vernehmbar
geflüstert sein Ohr traf  ja dann war es doch wieder Melitta seine Melitta
 Und immer wieder jagten sich Zweifel die sich zu wahnsinniger Angst
steigerten und Gewissheit die ihn mit unsäglichem Entzücken erfüllte durch
seine Seele wie tiefdunkle Schatten und heller Sonnenschein über eine
Sommerlandschaft jagen und um dieser süßen Qual dieser bitteren Wonne zu
entgehen schlürfte er mit hastigen gierigen Zügen den berauschenden Trank
der aus blendenden Lichtern jubelnden Tönen und wollüstigen Düften so seltsam
gemischt in einem Ballsaal die Sinne der Tanzenden bis zum bacchantischen
Taumel aufregt und das Gehirn umnebelt
    Oswald lachte und scherzte wie von der tollsten Laune ergriffen hier ein
übermütiges keckes Wort dort eine feine Schmeichelei hier eine satyrische
Bemerkung dort eine Sentimentalität  Die Damen schienen vollkommen vergessen
zu haben dass ein so unermüdlicher und gewandter Tänzer ein so hübscher Mann
der ihnen so viele hübsche Sachen zu sagen wusste doch nur ein Bürgerlicher sei
der auf alle diese Vorzüge eigentlich gar keinen Anspruch machen durfte und
wenn ja eine der hochadeligen Mütter dem Töchterchen ihr unpassendes Benehmen
mit dem jungen Menschen dem Doctor Stein verwies so fiel das goldene Wort
diesmal auf ganz unfruchtbaren Boden und die hübsche Kleine beruhigte ihr
aufgeschrecktes adeliges Gewissen mit dem tröstlichen Gedanken es ist ja nur
für heute Abend  Es steht sehr zu vermuten dass das Glück welches Oswald an
diesem Abend bei den Damen machte mehr als ein junkerliches Gemüt auf das
Tiefste indignirte aber der Ausdruck dieser feindseligen Stimmung beschränkte
sich auf einige höhnische Worte von denen aber keins bis zu Oswalds Ohr drang
und auf einige ärgerliche Blicke die wenn er sie bemerkte nur zur Erhöhung
seiner tollen Laune beitrugen Dass er sich auf einem sehr glatten Boden bewegte
wusste er sehr gut aber die Nähe der Gefahr welche die schwachen Geister lähmt
lässt starke Herzen nur desto mutiger pochen und das Bewusstsein wie er sich
jeden Augenblick einer impertinenten Beleidigung versehen könne gab seinem
Benehmen den Junkern gegenüber eine Kühnheit seinem Auftreten eine Sicherheit
die wenn sie einerseits den Unwillen dieser Herren herausforderte andererseits
für sie die Kluft zwischen Wollen und Vollbringen geradezu unübersteiglich
machte Und übrigens muss zur Ehre dieser jungen Adeligen bemerkt werden dass
sich in einer Schaar von zwölf oder vierzehn denn doch zwei oder drei fanden
welche von Vorurteilen nicht so sehr befangen waren dass sie Oswalds
ritterliches Wesen nicht gern hätten gelten lassen So Herr von Langen welcher
seinen Arm vertraulich unter den Oswalds schob und in der Pause mit ihm im
Saale freundlich plaudernd auf und abschritt so der junge von Breesen der
hübscheste und gewandteste von der Schaar welcher Oswald bat ihm ein paar
Lectionen im Pistolenschiessen zu geben und als seine Schwester durch
Unachtsamkeit eine Verwirrung im Tanz angerichtet hatte zu ihm kam ihn im
Namen der jungen Dame um Entschuldigung bat und ihn zu ihr führte damit sie
sich selbst entschuldigen könne so endlich selbstredend Baron Oldenburg der
die Tugenden Oswalds als Tänzer und Schütze gegen mehr als Einen bis in den
Himmel erhob wobei es nur nicht ganz ersichtlich war ob er dies aus
aufrichtiger Überzeugung oder mehr in der Absicht tat seine jungen
Standesgenossen gründlich zu ärgern
    Dieser dankbaren Aufgabe konnte er sich mit um so größerem Behagen
unterziehen als er auf Herrn von Barnewitzens Frage ob er spielen wolle
geantwortet hatte ja wenn Pharao gespielt wird und auf Lisbets von Meien
Bemerkung ob er denn nicht zu tanzen gedenke geäußert hatte Meine Gnädige in
diesem Augenblicke bedaure ich zum ersten Male in meinem Leben dass mich mein
Tanzlehrer nie dahin bringen konnte die erste Position von der zweiten und
mein Musiklehrer eben so wenig einen Walzer von einem Choral zu unterscheiden
So trieb er sich denn bald zwischen den Spieltischen umher und weckte den
leicht erreglichen Zorn des Grafen von Grieben dadurch dass er in alle Karten
der Reihe nach sah und Jedem guten oder vielmehr möglichst schlechten Rat
erteilte bald war er im Tanzsaal und schaute mit den Augen eines gutgelaunten
Katers der weiße und schwarze Mäuschen auf der Scheundiele munter spielen
sieht auf die tanzenden Paare In dieser angenehmen Beschäftigung störte ihn
Herr von Barnewitz der eilfertig zur Tür des Tanzsaales hereinkam
    Oldenburg da Du ja doch hier nichts zu tun hast 
    Nein guter Freund ich habe in der Tat hier nichts zu tun
    So komm mit hinauf in den Speisesaal und hilf mir beim Arrangiren der
Plätze Willst Du
    Das Vertrauen welches Du zu meinem organisatorischen Talente hast ehrt
mich hoch mon ami sagte Oldenburg und folgte dem Voraneilenden über den Flur
die breite mit Teppichen belegte Treppe hinauf in den glänzend erleuchteten
Speisesaal wo die Bedienten eben mit der Herrichtung der Tafel fertig geworden
waren
    Hier Oldenburg sind die Zettel alle schon ausgeschrieben nun sage mir
sollen wir 
    Wertgeschätzter sagte der Baron zu einem Bedienten könnten Sie mir wohl
behufs der Entkorkung dieser Flasche das passende Instrument besorgen  So
danke  Festina lente Barnewitz auf deutsch Du sollst dem Ochsen der da
drischt das Maul nicht verbinden Auf Dein Wohl mein Junge dieser Knabe
Kliquot gehört zu den tugendhafteren seines weit verbreiteten Geschlechts
Wirklich geniessbar und dabei schlürfte er ein Glas nach dem andern So jetzt
stehe ich vorläufig zu Deinen Diensten  Stellen Sie die Flasche dort auf den
kleinen Tisch lieber Tressenrock es sind noch ein paar Gläser drin  Gräfin
von Grieben  Baron Oldenburg Baronin von Nadelitz  bist Du des Teufels
Barnewitz ich soll zwischen den alten Schachteln zwei Stunden lang eingeklemmt
sitzen lieber will ich mit aufwarten helfen Nein wir wollen die Sache so
machen Die ganze alte Litanei setzen wir an das eine Ende des Tisches und das
junge Deutschland an das andere Geh Du mit Deiner Heerde von Widdern und
Mutterschafen nach Osten und ich will mit den Böcklein und Zicklein nach Westen
gehen
    Das wird wohl auch das Beste sein sagte Barnewitz hier sind Deine Zettel
    Die Bedienten hatten den Saal verlassen die beiden Herren fingen jeder auf
seinem Ende an die Zettel zu verteilen
    Fräulein Klauss sagte Oldenburg einen Zettel in die Höhe haltend wer bei
allen Olympiern ist Fräulein Klauss
    Unsere Erzieherin Hast Du sie nicht bemerkt das hübsche kleine Ding mit
den hochverräterischen Augen sagte Barnewitz eifrig sortirend Wir konnten
sie nicht in ihrer Kinderstube lassen  Herr des Himmels da sitzen ja schon
wieder Mann und Frau zusammen  weil sonst eine Tänzerin zu wenig gewesen wäre
Du kannst sie mit dem Doctor Stein zusammen setzen Gleich und gleich gesellt
sich gern
    Schön sagte Oldenburg
    Wer soll denn die Berkow führen
    Zum Kukuk lass mich in Ruhe Du meinetwegen
    Bon sagte Oldenburg und trank ein Glas Champagner
    
    Nach einer kurzen Pause eifrigen Arrangirens
    Wer soll die Ehre haben bei Deiner Frau zu sitzen
    Heiliges Kreuz  ja freilich das ist wichtig Weißt Du was Oldenburg nimm
den Unbedeutendsten dagegen kann Niemand etwas einwenden
    Wills schon machen sagte Oldenburg und suchte unter den Zetteln bis er
den rechten gefunden hatte Dir will ich Deine unverbürgten Schiffernachrichten
eintränken murmelte er zwischen den Zähnen
    Bist Du fertig Oldenburg
    Gleich  So
    Nun weißt Du was Baron geh Du in den Tanzsaal und sage jedem Herrn
welche Dame er führen soll ich will dasselbe bei den Spielern tun
    Ainsi soitil sagte Oldenburg dem Davoneilenden folgend
    Als er in den Baalsaal trat fing man so eben einen Kontretanz zu arrangieren
an Unmittelbar nach diesem Tanze sollte gespeist werden
    Die Gelegenheit ist günstig murmelte er und ging einem schwarzgefiederten
langbeinigen Vogel zu vergleichen der sich auf der Wiese Frösche sucht mit
wunderbarer Gravität hinter der Linie der Tanzenden hin den schicklichen Moment
benutzend jedem der Herren den Namen der Dame die er ihm zugeteilt hatte
ins Ohr zu flüstern Oswald tanzte mit Frau von Barnewitz die in aller Eile
für Fräulein Klauss eingetreten war welche noch schnell eine Kommission in die
Küchenregion auszurichten hatte visàvis Melitta und Herrn von Kloten
Oldenburg hatte schon sämtlichen Herren ihr Schicksal verkündet das Allen mehr
oder weniger günstig zu sein schien denn Jeder nickte mit zufriedener Miene
Ganz zu allerletzt trat er zu Kloten und raunte ihm zu
    Kloten ich habe Ihnen die Barnewitz gegeben
    Dann zu Oswald Herr Doctor Sie werden Frau von Berkow führen
    Darauf entfernte er sich eiligst
    Hortense flüsterte der überglückliche Kloten dieser Dame zu Weißt Du wer
Dich führen wird
    Doch nicht Du Arthur rief diese erschreckend
    Ja mein Engel
    Unmöglich Arthur Du gehst gleich nachher zu Oldenburg und sagst dass Du
mich nicht haben willst
    Aber 
    St nicht so laut  Du bist ein Narr ich sage Dir dass Barnewitz unser
Verhältnis mehr als ahnt dies fehlte noch gerade
    Changez les dames
    Melitta ich werde Dich zu Tisch führen
    Unmöglich Oswald Du musst das zu redressiren suchen
    Weshalb flüsterte Oswald und seine Augenbrauen zogen sich zusammen
    Sieh nicht so finster aus liebes Herz ich will Dir Alles erklären
    Fräulein Klauss erschien in dem Nebenzimmer Sobald Oldenburg sie bemerkte
trat er auf sie zu und seine hohe Gestalt ehrfurchtsvoll neigend sagte er in
einem Ton dessen Milde sonderbar mit der sonstigen Herbheit seiner Rede
contrastirte
    Mein Fräulein ich werde das Vergnügen haben Sie zu Tisch zu führen
    Die arme Kleine stand wie vom Blitz getroffen Baron Oldenburg der stolze
unheimliche Baron sie zu Tische führen
    Mit einem wunderbar fragenden Gesicht blickte sie zu ihm auf
    Ich habe die Plätze selbst arrangirt mein Fräulein wenn Sie einen
besonderen Wunsch haben sprechen Sie ihn frank und frei aus ich würde mich
glücklich schätzen Ihnen gefällig sein zu können
    Gott bewahre Herr Baron 
    Eh bien so sind wir einig Wollen Sie mir Ihren Arm geben ich sehe die
Paare arrangieren sich
    In diesem Augenblicke kam Kloten atemlos herbei
    Auf ein Wort Oldenburg  Sie verzeihen Fräulein  Oldenburg Sie müssen
mir eine andere Dame verschaffen ich kann unmöglich Hortense führen
    Pourquoi pas mon cher
    Weil  zum Henker weil 
    Je suis au désespoir mon brave aber Barnewitz hat Sie selbst
vorgeschlagen
    Ist das gewiss
    Verlassen Sie sich darauf
    Mit vor Freude strahlendem Gesicht eilte der Andere zu seiner Dame zurück
    Oswald sagte Melitta ich hab mirs überlegt Es ist doch besser so  aber
mit der Aussicht auf den Kotillon ist es vorbei Nun komm gib mir Deinen Arm
und sei wieder gut
    Die älteren Herrschaften waren zuerst in den Speisesaal getreten und hatten
sich bereits hinter ihren Stühlen gereiht die Gesellschaft aus dem Tanzsaal kam
hinterdrein Herr von Barnewitz kam für einen Augenblick von jener Seite
herüber zu sehen ob Alles in Ordnung sei Seine Stirn verfinsterte sich als
er seine Frau an Klotens Arm Melitta neben Oswald stehend bemerkte und endlich
Oldenburg selbst seine kleine Dame wie eine Prinzess von Geblüt führend in den
Saal trat
    Oldenburg zum Teufel was hast Du denn da angerichtet flüsterte Barnewitz
heftig Ich will nicht dass Kloten meine Frau führt sie reden so schon genug
über die Beiden
    Ja lieber Freund Du sagtest ich sollte den Unbedeutendsten wählen da war
ja gar kein Zweifel möglich
    Und Melitta mit dem Doctor Du mit der Klauss  das ist geradezu lächerlich
    Ja Barnewitz das ist nun einmal geschehen und nun würdest Du mir einen
ausnehmenden Gefallen erweisen wenn Du nicht desavouirtest was ich in Deinem
Auftrage getan habe und Dich ruhig an Deinen Platz verfügtest die Gräfin
Grieben sucht Dich überall mit ihren großen Eulenaugen
    Ich wasche meine Hände in Unschuld grollte Barnewitz davoneilend
    Und ich will eine Flasche Champagner auf meinen gelungenen Staatsstreich
trinken murmelte Oldenburg an der Seite der kleinen Erzieherin gegenüber
Oswald und Melitta in unmittelbarer Nähe von Kloten und Hortense Platz
nehmend
    Meine Damen und Herren sagte er ich hoffe dass Sie mit mir in ein stilles
begeistertes Hoch auf das Wohl des Mannes einstimmen werden der Jedem von uns
seinen Platz anwies und der während er nur das Gemeinwohl vor Augen zu haben
schien doch die geheimen Wünsche jedes Einzelnen zu erfüllen wusste Ich gebe
Ihnen zu bedenken meine Damen und Herren dass ein Mangel an Enthusiasmus in
diesem feierlichen Augenblick nicht nur die Gefühle jenes Mannes schmerzlich
berühren sondern auch die Empfindungen eines Ihrer Nächsten aufs Tiefste
verletzen würde Ihres Nächsten den mindestens wie sich selbst zu lieben Sie
schon die Religion der Liebe verpflichtet zu der wir uns ja Alle ohne Ausnahme
bekennen Meine Damen und Herren trinken Sie mit mir auf das Wohl Ihres und
meines besten Freundes auf das Wohl Adalberts von Oldenburg
    Man kann sich denken dass so weit als des Barons mäßig erhobene Stimme
schallte Wenige Lust hatten und Niemand es wagte sich von diesem ironischen
Toast auszuschliessen Die krystallenen Gläser klangen aneinander und bald
flackerte eine lebhafte Unterhaltung um den ganzen Tisch herum auf wie das
Feuer in einem Haufen Stroh der an allen Ecken und Enden zugleich angezündet
ist jene schwirrende summende kichernde lachende lärmende flüsternde
Unterhaltung wo der geistreichste Einfall und die albernste Bemerkung zuletzt
als gleich wertvolle oder wertlose Münze coursiren
    Achte auf Deine Augen Oswald sagte Melitta in jener rapiden Weise wo die
Rede sich kaum vom Hauch unterscheidet und doch jede Sylbe deutlich gehört wird
 Deine holden Liebesbriefe werden von profanen Augen unterwegs aufgefangen
erbrochen und gelesen
    Von Kloten hatte Hortense vergeblich zu überreden gesucht es sei ihres
Gemahls eigener Wunsch gewesen dass er sie zu Tische führe
    Sei doch nicht so einfältig Arthur sagte die junge Frau Es ist eine
Intrigue von Oldenburg verlass Dich darauf Hast Du je mit Oldenburg über mich
gesprochen
    Nein Hortense  parole dhonneur
    Ich bin überzeugt Du hast es getan Du wirst mich noch unglücklich machen
mit Deiner albernen Schwatzhaftigkeit
    Aber Hortense 
    Still Oldenburg beobachtet uns fortwährend
    Kloten rief der Baron
    Was Baron
    Wollen Sie in diesem Herbst mit mir nach Italien reisen Sie wissen in der
bewussten Angelegenheit
    Ginge rasend gerne mit Baron aber Sie wissen tausend Gründe dagegen
erstens Jagd zweitens Pferderennen drittens hasse Reise viertens verstehe
kein Wort italienisch
    Nun das ist das Wenigste Was man notwendig wissen muss beschränkt sich
auf Si Signora Anima mia dolce das Andere lässt man sich von den Fischern
sagen
    Von Kloten errötete bis in die Stirn hinauf denn wie Oldenburg diese
Worte lachend sprach fühlte er Hortensens Fuß auf dem seinen und hörte ihre von
inneren Tränen fast erstickte Stimme Siehst Du Arthur habe ich es nicht
gesagt
    Auch Melitta die seitdem sie den Baron sich gerade gegenüber sah sehr
still geworden war schien über diese Bemerkung sichtlich betroffen Sie senkte
plötzlich die langen Wimpern wie wenn sie verbergen wollte was jetzt in ihrer
Seele vorging
    Ich rufe Sie zum Zeugen auf gnädige Frau rief Oldenburg Hat Ihnen Ihr
Italienisch viel genützt
    Im Gegenteil sagte Melitta und ihre dunklen Augen flammten auf ich habe
so nur manches falsche lügnerische Wort mit anhören müssen das mir sonst
unverständlich geblieben wäre
    Ja ja die Italiener lügen viel lachte der Baron
    Sagen wir lieber es wird in Italien viel gelogen replicirte Melitta
    Zum zweiten Male abgefallen murmelte der Baron Das Weib ist noch immer
schön wie ein Engel und klug wie die Schlange Ja sie ist schöner als
früher Ihre Augen sind noch größer und leuchtender ihre Schultern noch runder
ihre Stimme ist noch weicher und wohllautender  und das Alles in majorem Dei
Gloriam das heißt dem hübschen Fant an ihrer Seite zu Liebe Hm  Herr
Doctor wollen Sie mir die Ehre erweisen ein Glas Champagner mit mir zu
trinken Ich dächte es läge eine Wolke auf Ihrer Stirn Verscheuchen Sie
dieselbe Sie wissen dulce est decipere in loco
    Was für eine verzweifelte Sprache ist denn das nun wieder Baron rief von
Kloten
    Plattbramaputraisch mon cher Auf Ihr Wohl Kloten
    Je mehr sich die Mahlzeit ihrem Ende nahte und je schneller sich die von
den Bedienten stets wieder gefüllten Champagnergläser leerten desto lärmender
und wüster wurde die Unterhaltung so dass selbst die Stimme des Grafen Grieben
die man bisher wie das Kreischen eines großen Papageis in einer Menagerie immer
durchgehört hatte übertönt wurde Der dünne Firnis äusserlicher Kultur aus
welchem die ganze sogenannte Bildung dieser bevorrechtigten Klasse bestand
begann von den Strömen Weines die unaufhörlich flossen in einer erschreckenden
Weise heruntergespült zu werden und die nackte trostlos dürftige Natur kam
überall zum Vorschein Die jungen Herren erzählten den jungen Damen ihre
Abenteuer auf der Jagd bei den Pferderennen ihre Heldentaten während ihrer
militairischen Dienstzeit oder gefielen sich in Unterhaltungen die scherzhaft
und galant sein sollten und die für jedes feinere weibliche Gefühl einfach
plump und zweideutig waren Indessen schienen die jungen Damen leider an diese
Sorte Unterhaltung viel zu sehr gewöhnt zu sein als dass dieselbe irgend einen
unangenehmen Eindruck auf sie hätte hervorbringen können Im Gegenteil sie
ließ sich ein Glas Champagner nach dem andern aufnötigen sie wollten sich
todtlachen über die reizenden Einfälle der jungen Herren besonders des jungen
Grafen Grieben eines sehr langen sehr dünnen und sehr blonden Jünglings
dessen Erscheinung flüchtig an eine Giraffe erinnerte und der wenn er wie
diesmal nicht in unmittelbarer Nähe Oldenburgs sich befand gern den starken
Geist spielte und eine gewisse Autorität über seine Kameraden ausübte Oldenburg
selbst schien entweder ein feuriger Verehrer des Gottes Bacchus zu sein oder
ein ganz besonderes Vergnügen darin zu finden den bacchantischen Taumel um sich
her geflissentlich zu vermehren denn er trank und sprach unaufhörlich und
forderte die Andern unausgesetzt zum Trinken auf Besonders hatte er dabei von
Kloten im Auge der im Anfang der Mahlzeit durch Hortenses Vorwürfe
aufgeschreckt sehr still und verlegen gewesen war kaum aber eine Flasche
getrunken hatte als er die schönen Vorsichtsmassregeln die ihm seine Geliebte
in aller Eile für diesen kritischen Fall gegeben vergaß und ihre abwehrenden
Blicke mit desto feurigeren und ihr geflüstertes Aber Arthur nimm Dich doch
zusammen mit einem fast hörbaren Aber Kind was willst Du nur es achtet kein
Mensch auf uns beantwortete Ja der junge Edelmann trieb die Unvorsichtigkeit
so weit bei einer Gelegenheit unter dem Vorwande ein Tuch aufzuheben
Hortenses herabhängende Hand zu küssen ein andermal ihr Glas mit dem seinen zu
vertauschen mit einem Worte er benahm sich so dass wer das Verhältnis der
Beiden noch nicht kannte es heute Abend kennen lernen und wer es ahnte in
seinem Verdacht bestätigt werden musste
    Ich werde sogleich nach Tische fahren Oswald sagte Melitta zu diesem der
in der letzten Viertelstunde sich fast nur mit Emilie von Breesen seiner
Nachbarin auf der andern Seite unterhalten hatte
    Ich wollte Du wärst gar nicht gekommen oder hättest mich zu Hause
gelassen sagte der junge Mann bitter
    Schilt mich nur noch sagte Melitta und schmerzlich zuckte es um den
reizenden Mund Ach Oswald ich wollte ich könnte Dich mitnehmen  für jetzt
und für immer
    Hoffentlich erlaubt es Baron Oldenburg antwortete Oswald der bemerkte wie
die grauen Augen des Barons während er sich lebhaft mit dem kleinen Fräulein
Klauss unterhielt unausgesetzt Melitta und ihn selbst beobachteten
    Melitta antwortete nicht aber die Träne die plötzlich an ihren dunkeln
Wimpern erglänzte und die sie mit einer schnellen Bewegung ihres feinen
Taschentuchs sogleich trocknete war Antwort genug
    Verzeih mir Melitta murmelte Oswald aber ich bin sehr unglücklich
    Ich bin es nicht minder vielleicht noch mehr  und darum gerade möchte ich
dass Du ganz glücklich wärest wünschte ich ich könnte Dich ganz glücklich
machen
    Du kannst es durch ein Wort
    Was ist es Oswald
    Sage dass Du mich liebst
    Oswald so fragt die Liebe nicht so fragt die Eifersucht
    Gibt es eine Liebe ohne Eifersucht
    Ja die echte Liebe die nichts fürchtet und Alles glaubt
    So wäre meine Liebe nicht die echte Freilich wie können wir die wir nicht
von Adel sind auch Anspruch auf irgend etwas Echtes machen Unsere Mütter und
Schwestern tragen böhmisches Glas statt Diamanten wir selbst haben keine echte
Ehre keine echte Liebe  das ist sonnenklar
    Wenn Oswald indem er diese wahnsinnigen Worte sprach in Melittas Herz
hätte sehen können ja wenn er nur einen Blick in ihr Gesicht geworfen hätte
er würde vor Scham haben vergehen müssen Melitta antwortete nicht sie weinte
auch nicht sie blickte nur starr vor sich hin als könne sie das Ungeheure
nicht begreifen dass die Hand die zu küssen sie sich niederbeugte sie ins
Antlitz geschlagen dass der Fuß den mit Narden zu salben sie niedergekniet
war sie grausam zurückgestoßen habe  Wie hatte sie sich gefreut auf diesen
Abend wie schön hatte sie es sich gedacht mitten im Lärm der Gesellschaft
allein zu sein mit dem Geliebten seinen Worten zu lauschen seine Hand
verstohlen zu drücken und während hübsche Frauen und reizende Mädchen mit ihm
coquettirten in seinen Augen zu lesen Ich liebe doch nur Dich Melitta Und
über diesen Abend hinaus hatte eine rosige Zukunft vor ihren Blicken sich
aufgetan  ein Land der Hoffnung  nicht in deutlichen Umrissen aber voll Ruhe
und Liebe und Sonnenschein  Aber da hatte sich ihre Vergangenheit
herangewälzt wie ein grauer giftiger Nebel und hatte das sonnige Land der
Zukunft immer dichter und dichter verschleiert  Und jetzt erschien ihr durch
den giftigen Nebel das Antlitz des Geliebten wie von Hass verzerrt und seine
Stimme drang seltsam fremd zu ihrem Ohr War das sein Antlitz war das seine
Stimme die jetzt die Worte sprach Gnädige Frau man hebt die Tafel auf darf
ich um Ihren Arm bitten
    Während sie in den Reihen der Übrigen die Treppe hinunterschritten sagte
Melitta kein Wort auch Oswald nicht Als sie unten im Saale angekommen waren
verbeugte er sich tief vor ihr und als er den Kopf hob schaute er auf einen
Augenblick in ihr Antlitz Er sah wie schmerzlich es um ihre Lippen zuckte er
sah welch rührende Klage aus ihren großen dunklen Augen sprach  aber sein
Herz war verschlossen und er wandte sich zu einer Gruppe junger Mädchen und
Herren die das abgebrochene übermütige Tischgespräch noch eine Weile
fortsetzen zu wollen schien Melitta sah ihm noch für einen Moment nach sah
wie die hübsche Emilie von Breesen sich lebhaft zu ihm wandte wie er ihr mit
einem Scherze entgegentrat sie lachend etwas erwiderte und ihn mit ihrem
Fächer auf den Arm schlug Weiter sah sie nichts mehr als sie sich wiederfand
saß sie in der Ecke ihres Wagens Auf die Bäume und Hecken an der Wegseite die
an dem Fenster vorübertanzten fiel das helle Licht der Laternen aber Melitta
sah Alles nur wie durch einen Nebelflor denn ihr Herz und ihre Augen waren voll
Tränen
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
Mit Melitta schien der gute Genius aus der Gesellschaft gewichen und allen
Dämonen freies Spiel gegeben Immer lauter kreischten die Geigen immer feuriger
wurden die Blicke der Herren immer frivoler ihre Rede immer üppiger und
leidenschaftlicher die Bewegungen der Tänzerinnen Und noch immer floss der
Champagner in Strömen Frische Lichter waren während des Abendessens überall auf
den Kronleuchtern der Säle und rings in den Zimmern aufgesteckt  es schien als
ob die Lust kein Ende nehmen solle nehmen könne Auch die älteren Herrschaften
hatten sich wieder an die Spieltische begeben aus einem kleinen Nebenzimmer in
welches fünf oder sechs Herren sich zurückgezogen hatten hörte man das Klingen
von Goldstücken und ein gelegentliches Faites votre jeu messieurs
    Oswald hatte sich vor dem Beginn des zweiten Tanzes nach Herrn und Frau von
Grenwitz umgesehen denn er hatte nicht bemerkt und erfuhr erst jetzt dass diese
die Gesellschaft schon vor dem Abendessen verlassen hatten und dass der Wagen
wiederkommen würde ihn abzuholen Er hatte Melitta da sie nicht in dem
Ballsaal erschienen war in einem der andern Zimmer vermutet Ein Diener der
mit einem Präsentirbrette voll Weingläser an ihm vorübereilte antwortete auf
seine Frage ob er Frau von Berkow nicht gesehen habe die gnädige Frau ist
soeben fortgefahren Befehlen Limonade oder Champagner Oswald nahm ein Glas
Wein und leerte es auf einen Zug Fortgefahren  ohne Abschied Vortrefflich
murmelte er indem er sich in den Ballsaal zurückbegab
    Und immer nächtiger wurde es in seiner Seele Jetzt zürnte er nicht mit
sich dass er die Geliebte so schnöde gekränkt und sie so gekränkt hatte ziehen
lassen sondern ihr dass sie fortgegangen war ohne ihm Gelegenheit zu geben
sie um Verzeihung zu bitten Ihm war zu Mute wie einer Seele zu Mute sein
könnte die in ihren Sünden zur Hölle gefahren ist weil sie des Priesters
Absolution verschmähte und die nun gegen sich selbst und gegen den unschuldigen
Priester wütet Tolle Gedanken wirbelten durch sein überreiztes Gehirn  es
wäre ihm eine Wollust gewesen wenn einer von diesen jungen Adeligen durch
seinen Übermut beleidigt ihm feindlich entgegengetreten wäre Ja er legte es
darauf an er witzelte und spöttelte auf die übermütigste Weise aber entweder
verstanden die Halbberauschten ihn nicht oder sie hatten noch so viel Verstand
behalten einzusehen dass ein Duell mit einem Manne dessen Kugel unfehlbar war
eine Sache sei die wohl bedacht sein wolle Er suchte sich zu überreden dass
von den anwesenden Damen mehr als eine vollkommen so schön und liebenswürdig sei
wie Melitta  dass es lächerlich sei sich um die Abwesende zu grämen da ihn
hier mehr wie ein feuriges Auge zu entschädigen versprach  Warum sollte er
sich nicht in Emilie von Breesen verlieben Warum nicht Sie war eine Knospe
die zu einer wundervollen Rose aufblühen musste Warum sollte er nicht den ersten
Blick in dieses schwellende Knospenleben tun sich nicht zuerst an dem Duft
dieser frischen Blume berauschen Und war sie nicht schlank und geschmeidig wie
ein Reh und war ihr rosiger Mund nicht schon zu einem wollüstigen Kusse halb
geöffnet und blickte sie nicht mit so großen grauen halb scheuen halb
kecken halb neugierigen und halb verständnissklaren Augen zu ihm auf wie er
jetzt über die Lehne ihres Stuhles gebeugt mit ihr schwatzte
    Sie müssen uns ja besuchen Herr Stein Ich lade Lisbeth noch dazu und dann
reiten wir zusammen spazieren
    Lassen Sie Fräulein von Meien nur zu Hause Ich ziehe die Duetts den
Terzetts bei weitem vor
    Ist das wahr Aber meine Kousine ist ein sehr hübsches Mädchen Finden Sie
nicht
    Fräulein Lisbeth ist ein reizendes Wesen das nur den einen Fehler hat Sie
zur Kousine zu haben und nur den einen Fehler begeht sich zu häufig neben Sie
zu stellen
    Warten Sie das sage ich ihr wieder 
    Sie würden mich dadurch dem Hass der jungen Dame aussetzen und mir dafür eine
Entschädigung schuldig sein
    Und liegt diese Entschädigung in meiner Macht
    Nein in Ihren Augen
    Sie Spötter kommen Sie die Reihe ist an uns
    Oswald hatte sich in der folgenden Pause zwecklos in den Zimmern
umhergetrieben Als er in den Ballsaal zurückkam sah er sich vergeblich nach
Emilie von Breesen um Halb und halb sie suchend und auch wieder ohne Plan von
seinen bösen Gedanken gejagt weiter irrend gerret er in eine andere Flucht
von Zimmern die an der den Spielzimmern entgegengesetzten Seite an den Ballsaal
stieß und in welchen er bis jetzt noch nicht gewesen war Nur hie und da brannte
noch ein halb verlöschendes Licht auf einem Wandleuchter oder vor einem Spiegel
und zeigte ihm wie in einem bösen Traum ein altes gebräuntes Familienportrait
oder sein eigenes bleiches Gesicht Die Stühle standen wirr durcheinander Die
Fenster waren mit Vorhängen verhüllt Durch die Spalten schimmerte der Mond der
jetzt aufgegangen war herein und zeichnete hier und da einen hellen Streifen
auf die Teppiche des Fussbodens Oswald trat um frische Luft zu schöpfen an
eins dieser Fenster Als er den dunkelroten schweren Vorhang zurückschlug
fuhr eine weiße Gestalt die in der tiefen Nische des Fenster auf einem
niedrigen Rohrsessel gesessen und den Kopf in die Hand gestützt hatte scheu
empor und stieß einen leisen Schrei der Überraschung aus Oswald wollte den
Vorhang wieder fallen lassen und sich zurückziehen als die Gestalt einen
Schritt auf ihn zutrat und die Hand lebhaft nach ihm ausstreckte Und ein Paar
weiche Arme umschlangen ihn und ein knospender Busen wogte stürmisch an seiner
Brust zwei glühende Lippen pressten sich auf seinen Mund und eine leise Stimme
hauchte Oswald o mein Gott Oswald
    Ein Knabe der mit seinem Schwesterchen gespielt und aus Unachtsamkeit das
Kind schwer verletzt hat kann nicht bestürzter und erschrockener sein wenn er
das Blut der Kleinen fließen sieht wie es Oswald war als er die Tränen des
Mädchens auf seiner Wange fühlte Sein wahnsinniger Rausch von Liebe und
Eifersucht war in einem Augenblicke verflogen Was hatte er getan Er hatte die
schnöde Rolle des listigen Finklers gespielt er hatte das arme Vögelchen mit
Schmeichelworten und Liebesblicken gelockt bis es zu ihm herangeflattert kam
und sich an seinen Busen schmiegte
    Mein Fräulein flüsterte er indem er sanft den Kopf des Mädchens das jetzt
leise an seiner Brust schluchzte emporzuheben suchte Emilie teures Kind um
Gotteswillen beruhigen Sie sich Bedenken Sie wenn Jemand Sie hier sähe oder
hörte 
    Was gehen mich die Andern an ich liebe Dich murmelte das Mädchen
    Mein bestes Fräulein ich beschwöre Sie kommen Sie zu sich machen Sie sich
nicht unglücklich 
    So lieben Sie mich nicht sagte das leidenschaftliche Mädchen sich schnell
emporrichtend so lieben Sie mich nicht Gut ich gehe 
    Sie machte einen Schritt nach dem Vorhang hin aber die Leidenschaft hatte
ihre Kräfte aufgezehrt Sie schluchzte laut auf und wäre zu Boden gestürzt
hätte Oswald sie nicht in seinen Armen aufgefangen Seine Lage war so peinlich
wie möglich In jedem Augenblick fürchtete er Stimmen in dem Zimmer zu hören
den Vorhang zurückschlagen zu sehen  und wiederum die Aermste in diesem
Zustand halber Ohnmacht zu verlassen zumal da er ihr schicklicherweise Niemand
zu Hilfe senden konnte war ihm unmöglich Und doch musste er sich losreißen
denn er fühlte wie das für einen Augenblick zurückgedrängte Fieber seiner
Sinne je länger diese wunderliche Situation währte wieder heiß und immer
heißer durch seine Adern zu rieseln begann  Zärtliche liebevolle
leidenschaftliche Worte mischten sich er wusste selbst nicht wie in seine
leisen Bitten eine unwiderstehliche Gewalt drückte ihm den jugendlichen Leib
fester und fester in die Arme ließ seine Lippen flüchtig die Lippen die Augen
das Haar des holden Geschöpfes berühren Mehr als alle Worte es vermocht
hätten brachten diese Zeichen der Liebe das leidenschaftliche Kind wieder zu
sich
    So liebst Du mich also doch Oswald flüsterte sie sich innig an ihn
schmiegend
    Ja ja Holde wer könnte so grausam sein Dich nicht zu lieben Aber bei
Ihrer Liebe beschwöre ich Sie verlassen Sie mich jetzt ehe es zu spät ist Ich
sehe Sie im Saale wieder
    Das Mädchen legte noch einmal ihren Kopf an seine Brust als ahnte ihr dass
er da zum ersten und zum letzten Male geruht und hob noch einmal den Mund zum
Kusse zu ihm empor als wüsste sie dass so süße verstohlene Küsse sie nun und
nimmer wieder im Leben geben und empfangen würde  Die weiße schlanke Gestalt
war verschwunden und nur der Mondschein flimmerte auf dem dunkelroten Vorhang
der das Fenster von dem Zimmer trennte Und jetzt als Oswald die Hand an den
Vorhang legte sich womöglich auf einem Umwege wieder in den Ballsaal
zurückzubegeben hörte er die Stimme zweier Männer die soeben in das Gemach
traten
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
Wer zum Teufel war denn das sagte die eine Stimme  es war die Stimme des Baron
Oldenburg  war das nicht die schlanke Emilie Wonach hat denn die kleine
Menschenfischerin hier im Trüben geangelt  Aber jetzt Barnewitz sage ich mit
Hamlet Wo führst Du mich hin Red ich geh nicht weiter Zweimal habe ich
schon in dem verdammten Klairobscur das in diesen Räumen herrscht meine
freiherrlichen Schienbeine mit einem groben Schemelbeine in unangenehme
Berührung gebracht Gott sei Dank hier ist eine Kauseuse eh bien mon ami
causons
    Ich bitte Dich Oldenburg sei für einen Augenblick ernstaft sagte Herr
von Barnewitz und seine Stimme klang seltsam gepresst  mir ist wahrhaftig nicht
lächerlich zu Mute
    Ihr seid seltsame Menschen Du und Deines Gleichen Ihr glaubt ein
ehrlicher Kerl könne kein ernsthaftes Wort vorbringen ohne eine
Leichenbittermiene dabei zu machen Der Humor ist Euch ein unbekannter Luxus
Nun wohl mein ernsthafter Freund was hast Du
    Höre Oldenburg 
    Still wir sind doch hier unbelauscht Mir war als hörte ich eine Ratte
hinter den Tapeten
    Es war nichts
    Eh bien so verkünde mir in möglichst verständlichen Worten Deine
Trauermähr
    Die Stimmen der Redenden wurden leiser aber nicht so sehr dass Oswald nicht
jedes Wort deutlich hörte Er verwünschte seine Situation die ihm die Rolle des
Lauschers aufzwang aber er sah keine Möglichkeit zu entrinnen Da Oldenburg
Fräulein von Breesen erkannt hatte würde er die Ehre dieser jungen Dame
preisgegeben haben wäre er jetzt aus seinem Versteck hervorgekommen Er
versuchte ob er nicht geräuschlos das Fenster öffnen könne um mit einem kühnen
Sprunge über die Stachelbeerhecke fort die sich unter demselben hinzog in den
Garten und von dort durch die offene Tür des Ballsaales in diesen
zurückzugelangen aber er stand von diesem Vorhaben als zu gewagt ab und
ergab sich nicht ohne heimlich seinen Unstern zu verwünschen in die halb
lächerliche halb ärgerliche Situation
    Oldenburg sagte Barnewitz hat Dich Kloten gebeten ihn zu meiner Frau zu
setzen oder war es bloß ein Einfall von Dir
    Wie kommst Du auf diese seltsame Frage
    Gleichviel beantworte sie mir nur
    Nicht bevor ich weiß wo dies Alles hinaus soll
    Ich will eine Antwort und keine Ausflucht sagte der wütende Edelmann
    Euer Drohen hat keine Schrecken Kassius antwortete Oldenburg mit einem
Tone dessen königliche Ruhe sonderbar mit dem heisern leidenschaftlichen Ton
der Stimme des Andern contrastirte Ich sage Dir noch einmal Barnewitz
entweder Du sagst mir was meine Aussage in dieser Sache für eine Bedeutung hat
oder ich verweigere Dir Rede zu stehen
    Nun wohl die Sache ist kurz und bündig die Kloten liebt Hortense
    O und vice versa liebt Deine Frau auch diesen liebenswürdigen Jüngling
    Der Teufel soll ihn holen
    Ein höchst christlicher Wunsch dem ich mich von ganzem Herzen anschliesse
Seit wann spielt dieses romantische Verhältnis
    Seit wir von unserer Reise zurück sind
    Und welche Beweise hast Du
    Tausend
    Und was gedenkst Du zu tun
    Herr Gott des Himmels Oldenburg Du fragst als ob es sich um eine
Whistpartie handelte Umbringen will ich den Schuft mit der Hetzpeitsche will
ich ihn von meinem Hofe jagen ihn und seine Maitresse
    Bon Und willst Du mir einen dieser tausend Beweise nennen
    Nun ich dächte der heutige Abend wäre Beweis genug Erst lässt sie sich von
ihm zu Tische führen hernach coquettirt sie mit ihm auf eine unverschämte Weise

    Halt wer hat Dir das gesagt
    Der junge Grieben
    Dann sage dem jungen Grieben dass er sein Spatzengehirn zu etwas Besserem
verwenden könnte als so alberne Geschichten zu erfinden und sie Dir zuzutragen
Ich habe näher gesessen als er und bin mindestens kein schlechterer
Beobachter und ich sage Dir dass Deine Frau und Kloten sich über Tische so
anständig benommen haben wie  man es nur von einem Edelmann und einer Edelfrau
erwarten kann Und dann bedenke doch gefälligst dass das ganze Arrangement nur
ein Einfall und wie ich jetzt sehe ein schlechter Einfall von mir war
    Ich kann mich darauf verlassen Oldenburg
    Ich meine gewöhnlich was ich sage
    Aber es ist doch wahr knirschte von Barnewitz
    Lieber Freund ich kann darüber gar nicht urteilen und Du würdest mich
also ausnehmend verbinden wenn Du mich aus dem Handel ließest Willst Du aber
meinen freundschaftlichen Rat so steht er Dir gern zu Diensten
    Was soll ich tun
    Deine Hetzpeitsche an der Wand hängen lassen und auf jede Weise einen
Scandal vermeiden in welchem sich derjenige immer am meisten blamirt auf
dessen Kosten der ganze Spectakel schließlich aufgeführt wird cest à dire der
Ehemann Sodann rate ich Dir zu bedenken dass unsere chronique scandaleuse
überreich ist an dergleichen Geschichten und dass wenn alle gekrönten Häupter
unter uns bei jedem neuen Ende das ihrem Schmucke angesetzt wird zur
Hetzpeitsche greifen wollten schließlich keine Seiler und Riemer im Lande mehr
aufzutreiben sein würden Drittens erlaube ich mir Dir den unmassgeblichen Rat
zu erteilen schaffe die Hälfte von Deinen Jagdhunden und Deine sämtlichen
Maitressen ab Lasse die Hasen ihren Kohl in Ruhe fressen und die Bauerbengel
ihre Schätze in Frieden küssen bekümmere Dich mehr um Hortense die wie alle
Frauen nichts Besseres verlangt als geliebt zu werden und die eine viel zu
kluge Dame ist als dass ihr wenn sie die Wahl zwischen Dir und Kloten hat
Deine Vorzüge nur einen Augenblick verbogen bleiben könnten Und schließlich
lass uns wieder unter Menschen gehen denn dieses philosophische Gespräch in dem
mystischen Halbdunkel hat mich außerordentlich angegriffen und mich verlangt
herzinnig nach einem Glase Champagner
    Ja das ist wahr sagte der halb betrunkene Barnewitz ich bin ein ganz
anderer Kerl als dieser verdammte Hasenfuß dieser Kloten Und Hortense weiß
das auch recht gut ha ha ha Sist auch wahr ich habe in der letzten Zeit
ein bisschen flott gelebt Weißt Du unsere italienische Reise hat mich
eigentlich so liederlich gemacht Die verdammten Weibsen mit ihren schwarzen
glänzenden Augen  Ja und à propos glänzende Augen Was ich Dich immer fragen
wollte ist es denn jetzt ganz vorbei mit Dir und der Berkow
    Mit mir und Frau von Berkow Welch tolle Blasen treibt denn Dein Gehirn nun
schon wieder Was soll vorbei sein zwischen ihr und mir
    Aber Oldenburg Du wirst einem alten Fuchs wie mir doch nicht einreden
wollen dass Du die süßen Trauben nur immer fein säuberlich aus der Ferne
bewundert hast
    Höre mein Schatz sagte Oldenburg und seine Stimme klang scharf wie ein
zweischneidiges Messer Du weißt ich verstehe Scherz wie Einer wer es aber
wagt Melittas Ehre zu begeifern beim allmächtigen Gott er stirbt von meiner
Hand
    Nun sieh wie heftig Du gleich wieder wirst
    Ich heftig Ich bin so kühl wie Champagner in Eis  Ja was ich sagen
wollte versprich mir Barnewitz dass Du weder heute noch morgen überhaupt
nicht bevor Du mit mir Rücksprache genommen etwas in dieser Angelegenheit
tust vor allem Dir gegen Deine Frau nicht das Mindeste merken lässt hörst Du
Barnewitz nicht das Mindeste
    Ja der gute Rat kommt nur zu spät sagte Barnewitz ich habe schon im
Vorübergehen ein paar Worte gegen Hortense fallen lassen ich sage Dir sie
wurde bleich wie die Wand Der verdammte Hallunke
    Das war sehr unrecht und sehr unritterlich mein Ritter von der traurigen
Gestalt sagte Oldenburg alte Weiber schwatzen Männer handeln solche Szenen
zwischen einem heulenden Weibe und einem polternden Ehemanne finde ich über alle
Begriffe plebejisch und gemein und das Bewusstsein dass wir im Rechte der
andere im Unrechte ist sollte uns doppelt mild zartfühlend und nachsichtig
machen Im Unrecht sein und es noch dazu eingestehen müssen ist an sich schon
Unglück genug
    Ach Oldenburg das ist Alles für mich zu hoch Und dann Du kennst die
Weiber nicht wenn Du glaubst sie nehmen sich dergleichen so sehr zu Gemüt
Zum einen Ohr hinein zum andern wieder heraus Komm Oldenburg und überzeuge
Dich ob Du Hortense ansehen kannst dass ich ihr vor zehn Minuten gesagt habe
ich würde Kloten die Knochen im Leibe entzwei schlagen wenn die verdammte
Geschichte nicht sofort ein Ende nähme
    Ja ja Du bist der wahre Otello Und ich in meiner gutmütigen Dummheit
versuche diesen brutalen Mohren zu einem civilisirten Europäer zu waschen
Quelle bêtise
    Als Oswald die Stimmen der Redenden nicht mehr vernahm und die Musik die
aus dem Saale herübertönte zeigte dass der Tanz wieder begonnen hatte kam er
aus seinem Versteck hervor Er vermutete dass diese Flucht von Zimmern auf
einem langen Korridor enden müsse den er beim Hinaufgehen in den Speisesaal
bemerkt hatte Er hatte sich nicht getäuscht Schon aus dem nächsten Zimmer
führte eine Tür auf den Korridor Aus demselben gelangte er auf den Hausflur
und von dort ohne irgend Aufsehen zu erregen in den Empfangsaal und die
Gesellschaftszimmer Hier und da wurde noch gespielt aber die meisten
Herrschaften hatten sich nach dem Ballsaale begeben wo demnächst der Kotillon
getanzt werden sollte Dahin begab sich denn auch Oswald Sein Auge suchte und
fand alsbald Emilie von Breesen Er traute seinen Augen kaum so ganz schien sie
ihm verwandelt aus dem wilden Mädchen von heute Nachmittag war eine Jungfrau
geworden Sie erschien ihm größer und bedeutender ihr vorher rosiges Antlitz
war jetzt bleich aber ihre Augen leuchteten mit einem ganz ungewöhnlichen
Feuer und für die Scherze ihres Tänzers hatte sie kein Lächeln mehr Sobald sie
Oswald ansichtig wurde zuckte ein Freudenblitz über ihr Gesicht Eifrig wandte
sie sich zu ihm als er in ihre Nähe trat
    Auf ein Wort Herr Doctor  und dann im leisen Ton Ich tanze den Kotillon
mit Ihnen ich weiß Sie sind noch nicht engagirt ich habe den Grafen Grieben
so zur Verzweiflung gebracht dass er soeben mit seinen Eltern fortgefahren ist
Er vermutet wahrscheinlich das werde großen Eindruck auf mich machen der
Narr Entschuldigen Sie Herr von Sylow ich bin noch zu angegriffen Tanzen Sie
eine Extratour mit meiner Kousine Sie schmachtet nach Ihnen  Gott sei Dank
dass er fort ist  Oswald liebst Du mich liebst Du mich wirklich Ich kann es
kaum glauben Mir schwindelt der Kopf ich möchte laut aufjauchzen vor Wonne O
bitte bitte sieh mich nicht so an ich muss  muss Dir sonst um den Hals fallen
und Dich küssen wie vorhin Bist Du mir bös Oswald Es war wohl recht schlecht
von mir Aber sieh ich konnte nicht anders Warum sprichst Du nicht Oswald
    Weil es so süß ist Ihrem Geplauder zuzuhören
    Ich bin wohl ein rechtes Kind nicht wahr Aber warum nennen Sie mich nicht
Du
    Glaubst Du denn Holde dass man nur die liebt die man Du nennt
    Nein aber dass man die Du nennt die man liebt O ich finde dies Du so
himmlisch Gott sei Dank der Tanz ist zu Ende Komm wir wollen uns einen guten
Platz suchen den dort in der Ecke am Fenster
    Die Herren waren eifrig beschäftigt nach den vorher von ihren Damen
eingeholten Instructionen die Stühle zu arrangieren schon war der Kreis fast
geschlossen als plötzlich durch das Plaudern und Lachen der übermütigen
Jugend und das Quinquiliren der armen gequälten Musiker auf ihren seit einiger
Zeit sehr widerspänstigen Instrumenten und das Klappern der Gläser und Tassen
auf Präsentirtellern und in den Händen der Durstenden  Stimmen aus dem
Nebenzimmer ertönten die nichts weniger als festlich klangen  laute von Wein
und Wut heisere Stimmen drohende Worte hinüber und herüber  nur ein paar
Worte aber gerade genug um wenigstens alle die sich auf dieser Seite des
Saales befanden für einen Moment aus ihrem Freudentaumel aufzuschrecken
Freilich auch nur für einen Moment denn ein mit unfeinen Worten geführter
Streit war der hier versammelten Gesellschaft nichts Unerhörtes und dauerte
nicht immer so kurze Zeit wie diesmal Auch dieser Vorfall würde wie so viele
andere ähnliche kein weiteres Aufsehen erregt haben wenn nicht ein zweiter
Vorfall der sich in dem Ballsaale ereignete dem ersteren eine eigentümliche
und für die Scharfsinnigeren wenigstens keineswegs rätselhafte Bedeutung
gegeben hätte Kaum waren nämlich die drohenden heiseren Stimmen nebenan von
einer dritten die eine große Autorität über die trunkenen Lapiten ausüben
musste zum Schweigen gebracht als Hortense von Barnewitz die mit dem jungen
Herrn von Süllitz den Kotillon tanzen sollte den Arm dieses Herrn fasste der
ihre Blässe bemerkend schnell einen Stuhl herbeizog auf welchen sie ohnmächtig
niedersank Die Bestürzung der Gesellschaft war natürlich sehr groß Trotzdem
dass ein Dutzend Riechfläschchen sofort zur Hand waren und mit dem Inhalt
derselben die Stirn die Augen die Schläfe der schönen Ohnmächtigen reichlich
benetzt wurden dauerte es doch einige Minuten bis Hortense nur so weit zu sich
kam um mit blassen Lippen den sie umgebenden Damen ihren Dank zuzulächeln und
sie mehr mit Blicken als mit Worten zu bitten sie aus dem Ballsaale zu führen
was denn auch alsbald geschah Die Zurückbleibenden sahen einander an als wenn
sie fragen wollten was hatte denn das zu bedeuten
    Mit dem Balle ist es nun wohl vorbei fragte Adolf von Breesen der mit
seiner jungen Kousine Lisbeth welche er anbetete zum Kotillon engagirt war
kleinlaut Oswald der neben ihm stand
    Ich fürchte ja antwortete dieser
    Wir tanzen doch weiter fragte eine dritte Stimme
    Unmöglich sagte Herr von Langen ich habe schon anspannen lassen
    Was war denn das eigentlich vorhin für eine Geschichte zwischen Barnewitz
und Kloten fragte ein Anderer
    Was wirds sein Sie haben Beide ein Glas über den Durst getrunken Das ist
Alles sagte von Langen
    Es sollte mich sehr freuen wenn das Alles wäre sagte von Breesen aber ich
fürchte dahinter steckt mehr Ich hörte dass Kloten über Hals und Kopf davon
gefahren ist
    Herr von Barnewitz erschien an Oldenburgs Seite in dem Ballsaal Das Gesicht
des Barons war so ruhig wie immer aber das des andern Edelmanns war von
Aufregung Zorn und allzureichlich genossenem Wein purpurrot seine Augen
schwammen und seine Stimme war etwas lallend als er jetzt den Herren die ihm
in den Weg kamen zuredete den Ball fortzusetzen
    Aufhören nach Hause fahren  dummes Zeug  lasse keinen Menschen vom Hofe 
Heda Champagner hierher  Nach Hause Warum meine Frau wird alle Augenblicke
ohnmächtig mit und ohne Grund  da könnte ich gar keine Gesellschaft geben
Musik anfangen
    Aber trotz dieser gastfreundlichen Worte deren Wirkung durch das
allzusichtlich aufgeregte Wesen des Sprechenden wesentlich beeinträchtigt wurde
und trotz der ersten Töne der Instrumente die mit einem schauerlichen Accord
einsetzten waren nur sehr Wenige bereit den unterbrochenen Ball wieder
aufzunehmen Alle Übrigen fanden plötzlich dass es schon sehr spät sei dass man
zu lange bei Tisch gesessen habe dass es unverantwortlich wäre ein Fest nicht
zu beenden an welchem die Wirtin selbst nicht mehr teilnehmen könnte  und
was dergleichen Phrasen denn mehr sind durch die eine Gesellschaft die einmal
aufbrechen will ihren Rückzug zu motiviren sucht Schon hörte man einen Wagen
nach dem andern vorfahren Mütter suchten ihre Töchter diese ihrer Shawls und
Tücher  überall ein Aufbrechen Abschiednehmen hier ein übermütiger Scherz
dort eine böswillige Bemerkung hier ein verstohlenes Liebeswort  Oswald sah
nicht viel Anderes als die Gestalt des hübschen leidenschaftlichen Kindes das
ihm so schnell so teuer geworden war
    Hatte er doch noch vor wenigen Minuten ihre Lippen geküsst sah er doch ihre
jungen strahlenden Augen voller Seligkeit zu sich aufgeschlagen vernahm er
doch ihre leise liebedurchglühte Rede Was Wunder wenn er in der kurzen Frist
die ihm mit dem süßen Kinde noch beisammen zu sein vergönnt war Liebe für Liebe
gab wenn er dem Augenblicke der sie trennen würde mit kaum geringerer Angst
entgegensah als das Mädchen selbst welches bei der Ankündigung der Wagen sei
vorgefahren fast in Tränen ausbrach Emilie hatte den Augenblick wo Oswald
sie nach dem Tanze zu ihrer Tante zurückführte wahrgenommen ihn dieser Dame
die bei ihr Mutterstelle vertrat vorzustellen Ein paar gewandte witzige Worte
hatten ihn schnell bei der Matrone die mit dem besten Herzen von der Welt gern
auf Kosten Anderer lachte in Gunst gesetzt Auch sie lud Oswald ein doch ja
recht bald einmal nach Kandelin dem Gute von Emiliens Vater der Vater litt für
den Augenblick an der Gicht und hatte deshalb zu Hause bleiben müssen herüber
zu kommen
    Ja und dann wollen wir etwas nach der Scheibe schießen sagte Adolf von
Breesen der herantrat um den Damen anzukündigen dass der Wagen da sei Ich
lade noch ein paar Herren dazu damit Sie sich nicht allzusehr bei uns
langweilen
    Ich besitze das Talent mich zu langweilen nur in einem sehr bescheidenen
Masse und überdies glaube ich dass die Gegenwart dieser Damen und Ihre eigene
Herr von Breesen ein besseres Präservativ gegen diese Krankheit ist als eine
Gesellschaft von hundert Personen sagte Oswald mit höflicher Verbeugung
    Siehst Du Adolf rief die lebhafte alte Dame Herr Stein sagt dasselbe was
ich Dir schon tausendmal gesagt habe nur langweilige Menschen langweilen sich
zum Beispiel Du und Deine Schwester die Ihr jeden Tag hundertmal vor langer
Weile sterben wollt
    Ich langweile mich nie Tante rief Fräulein Emilie eifrig
    Kind Du beginnst irre zu reden es ist die höchste Zeit dass wir nach Hause
kommen Also à revoir Monsieur
    Ich bitte um die Gnade Sie bis zum Wagen begleiten zu dürfen sagte Oswald
der alten Dame den Arm bietend
    Vous êtes bien aimable Monsieur erwiderte sie den dargebotenen Arm
annehmend Sind Sie überzeugt Herr Stein dass Sie nicht von Adel sind
    Wie von meinem Dasein gnädige Frau Weshalb
    Hm Sie haben in Ihrem ganzen Wesen etwas Chevalereskes das man heut zu
Tage nur selten und nur bei unsern jungen Leuten aus den besten Familien findet
Adolf kann in dieser Hinsicht noch sehr viel lernen Hörst Du Adolf
    Ich höre stets auf das was Sie sagen liebe Tante antwortete der junge
Mann der mit seiner Schwester folgte auch wenn ich was Sie sagen schon ein
oder das andere Mal von Ihnen gehört haben sollte Emilie Kind wo hast Du denn
die Augen Du wärst um ein Haar unter das Rad gekommen
    Die Damen waren eingestiegen Adolf von Breesen gab dem Kutscher auf dem
Bocke noch eine Instruction über den einzuschlagenden Weg Oswald stand an der
geöffneten Tür die Tante hatte sich schon bequem in ihrer dunkeln Ecke zurecht
gesetzt Emilie hatte sich etwas nach vorn gebeugt Das Licht von den Laternen
auf dem Bocke und vor der Haustür fiel auf ihr Gesicht Ihre Blicke hingen
unverwandt an Oswald aber sie sah ihn wohl kaum denn ihre großen Augen waren
von Tränen verschleiert sie wagte nicht zu sprechen aber ihr leise zuckender
Mund war beredt genug Ihr Bruder sprang in den Wagen und zog die Tür hinter
sich zu Fort die Pferde zogen an Eine kleine Hand in weißem Handschuh winkte
aus dem Fenster Das war das letzte Liebeszeichen Im nächsten Augenblick stand
ein anderer Wagen auf dem Platze
    Oswald kehrte in das Haus zurück Die Gesellschaft war schon sehr
zusammengeschmolzen unter den Wenigen die noch da waren und in Mäntel und
Shawls gehüllt auf ihre Equipagen warteten war Niemand von denen welche
Oswald im Lauf des Tages näher kennen gelernt hatte Herr von Langen war der
Erste gewesen der aufgebrochen war nachdem er seinen neuen Freund auf das
dringendste wiederholt zu einem Besuche aufgefordert hatte Oswald hatte sich
draußen erkundigt ob der Wagen von Grenwitz wieder da sei aber eine
verneinende Antwort erhalten Je mehr die Gesellschaft sich lichtete desto
unangenehmer wurde ihm dies ganz unbegreifliche Ausbleiben Er sah schon im
Geiste wie er der letzte von Allen sein würde und hatte schon beschlossen
lieber vorher zu Fuß aufzubrechen als schließlich auf die Gastfreundschaft des
Herrn von Barnewitz angewiesen zu sein Da kam der Baron Oldenburg aus dem
Nebenzimmer und schien Jemand mit den Augen zu suchen Sobald er Oswald
bemerkte lenkte er seine Schritte auf diesen zu
    Wie ist es Herr Doctor sagte er ich dächte es wäre Zeit nun abzufahren
    Ich wäre schon auf und davon antwortete Oswald nur fehlt es mir vorläufig
noch an Ross und Wagen ich vermute dass des Barons Kutscher und Pferde die
mich abholen sollen unterwegs eingeschlafen sind
    Ich mache mir ein besonderes Vergnügen daraus Ihnen einen Platz in meinem
Wagen anzubieten sagte der Baron Der kleine Umweg den ich machen muss um Sie
vor dem Tore in Grenwitz abzusetzen wird mir durch das Vergnügen Ihrer
Gesellschaft doppelt und dreifach entschädigt
    Ich nehme Ihr freundliches Anerbieten mit Dank an
    Eh bien partons
    Auf dem Flure trafen sie Herrn von Barnewitz der augenscheinlich seinen
Pflichten als Wirt nur noch mit der größten Mühe nachkam Seine Augen waren
blutunterlaufen seine Stimme war auf eine unangenehme Weise rau und heiser Er
schwatzte allerlei tolles Zeug durcheinander während er den einzelnen Gästen
die er bis an den Wagen begleitete eine höfliche Phrase mit auf den Weg zu
geben bemüht war Wollen schon fort  na bleiben Sie gut nach Hause  Johann
Deinen Wagen für Frau von Poggendorf  gnädige Frau müssen noch einen Augenblick
anspannen lassen Empfehle mich Ihrem Herrn Gemahl Ah Poggendorf alter Junge
hatte Dich gar nicht gesehen lass Deine Frau in Teufels Namen allein fahren
wollen Glas Champagner  Oldenburg Doctor auch schon fort  Unsinn freue
mich Ihre Bekanntschaft zu machen  schießen wie der Teufel  ist recht dass Sie
den Kloten blamirt haben  ist ganz recht bist ein famoser Kerl Doctor
zärtliche Umarmung bist mein Herzensfreund Schluchzen mein bester Freund
neue Umarmung hättest ihn todtschiessen sollen den Hallunken
    Komm Barnewitz ich habe Dir etwas mitzuteilen sagte der Baron Herrn von
Barnewitz ziemlich derb auf die Schulter schlagend und ihn ein paar Schritte von
dem Wagen fortführend Entschuldigen Sie auf eine Minute Herr Doctor Karl
Platz machen dass die andern Wagen vorfahren können
    Die Beiden gingen eine Weile im Gespräch auf und ab bald in dem Dunkel des
Hofes fast verschwindend bald in den lichten Kreis der das Haus umgab
tretend Oswald konnte sich wohl denken wovon zwischen den Beiden die Rede war
Ein paar Mal erhob Herr von Barnewitz seine Stimme aber er senkte sie auch
alsbald wieder vor einem St oder bist Du nicht gescheut Oldenburgs wie eine
wilde Bestie in der Menagerie aufbrüllt und sofort schweigt wenn der Blick oder
die Peitsche des Herrn sie trifft Dieser Mann übt eine magische Gewalt über die
Andern aus sagte Oswald bei sich während er die lange Gestalt des Barons neben
dem um einen Kopf kleineren Barnewitz wie das personificirte Gewissen neben
einem armen Sünder hin und herschreiten sah  ich selbst verspüre schon seine
Einwirkung Es ist ein Dämon in dem Manne ein Dämon den man entweder lieben
oder hassen oder vielmehr lieben und hassen muss denn ich möchte diesen
Menschen gern hassen und kann es nicht Und was hat er dir denn auch schließlich
getan Wenn er Melitta noch immer liebt wie ich glaube so bin ich für ihn ein
schlimmerer Feind als er für mich Aber warum hat mir Melitta nicht gesagt wie
ihr Verhältnis mit dem langen Gespenst dort war und ist ich hätte sie heute
nicht gekränkt Arme Melitta wie sie mich ansah  und was würde sie sagen wenn
sie die Szene in der Fensternische gesehen hätte  Das süße herzige Mädchen 
und auch ihre Augen waren voll Tränen als sie im Wagen saß und mich so
unverwandt anblickte O wer könnte so grausam sein die Liebe dieses holden
Geschöpfes zurückzuweisen Und dennoch
All dies Neigen von Herzen zu Herzen 
Ach wie so eigen schaffet es Schmerzen
Heiliger Goethe bitt für mich Du hast ja auch die Lilie nicht verschmäht
weil die Rose so schön ist und deshalb umgibt nun ein Kranz von Rosen und
Lilien Dein ambrosisches Haupt Du hättest die kleine Emilie an Dein großes Herz
genommen und hättest ihr sanft die üppigen Haare aus der Stirn gestreichelt und
hättest sie zärtlich auf die zärtlichen Augen geküsst O ihr ewigen Sterne wie
reizend das Kind in dem Augenblicke war Denn Alles in Allem ist es doch nur ein
Kind und morgen wird sie in ihrem Daunenbettchen erwachen und glauben dass sie
die Szene in dem Erker geträumt hat
    So suchte Oswald sein Gewissen zu beschwichtigen  für den Augenblick gelang
es ihm auch
    Darf ich jetzt bitten einzusteigen Herr Doctor rief der Baron der mit
Herrn von Barnewitz herantrat Es bleibt also dabei Barnewitz
    Verlass Dich darauf sagte dieser dem die Unterredung mit seinem Mentor und
die kühle Nachtluft sehr wohl getan zu haben schienen Verlass Dich drauf Ich
gebe Dir mein Ehrenwort dass ich 
    St sitzen Sie bequem Herr Doctor Adieu Barnewitz fort Karl
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
Die Pferde zogen im Galopp an der leichte HolsteinerWagen rasselte über den
etwas holprigen Damm des Hofes Im Nu lag das Schloss mit seinen noch immer
lichterhellten Fenstern die dunklen Scheunen und Ställe die kleinen
Häuslerwohnungen hinter ihnen und sie befanden sich draußen zwischen den
nickenden Kornfeldern und den nebelverhüllten Wiesen Die kurze Sommernacht ging
zu Ende Im Osten verkündete ein hellerer Streifen den neuen Tag die Dämmerung
breitete über Alles gleichmäßig ihren grauen Schleier Gerade vor ihnen nach
Norden wetterleuchtete es von Zeit zu Zeit aus den trüben dichten Dunstmassen
Alles war noch still auf den weiten Feldern selbst die Lerche die
Tagverkünderin säumte noch Oswald hatte sich in eine Ecke zurückgelehnt und
sah träumend in die Dämmerung hinaus nur manchmal wenn der Dampf von des
Barons Zigarre an ihm vorbeifuhr wandte sich sein Blick auf diesen der den Hut
etwas in den Nacken gesetzt den Kragen seines Rockes in die Höhe geschlagen
die langen Beine von sich streckend in Nachdenken versunken schien So mochten
sie wohl eine Viertelstunde lang schweigend neben einander gesessen haben als
der Baron plötzlich sagte
    Sie rauchen ja nicht
    Nein
    Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten
    Ich danke ich bin kein Raucher
    Das ist wunderbar
    Weshalb
    Weil ich nicht begreifen kann wie es ein Mensch im neunzehnten Jahrhundert
aushalten kann ohne Tabak oder Opium zu rauchen Haschisch zu kauen oder sonst
auf irgend eine Weise das katzenjämmerliche Gefühl seiner elenden Existenz in
etwas abzuschwächen Und gerade von Ihnen begreife ich es am wenigsten
    Warum gerade von mir
    Weil wenn mich nicht Alles täuscht Sie vor Sehnsucht nach der blauen Blume
tötlich erkrankt sind und in dieser unbefriedigten Sehnsucht auch eines
schönen Tages sterben werden Sie erinnern sich doch der blauen Blume in
Novalis Erzählung der Blume nach der Heinrich von Ofterdingens armes Herz
verschmachtete Die blaue Blume Wissen Sie was das ist das ist die Blume die
noch keines Sterblichen Auge erschaute und deren Duft doch die ganze Welt
erfüllt Nicht alle Kreatur ist fein genug organisirt diesen Duft zu empfinden
aber die Nachtigall ist von ihm berauscht wenn sie beim Mondenschein oder in
der Dämmerung des Morgens singt und klagt und schluchzt und all die närrischen
Menschen waren es und sind es die früher und jetzt in Prosa und Versen dem
Himmel ihr Weh und Ach klagten und klagen und noch Millionen dazu denen kein
Gott gab zu sagen was sie leiden und die in ihrer stummen Qual zum Himmel
blicken der kein Erbarmen mit ihnen hat Ach und aus dieser Krankheit ist
keine Rettung  keine als der Tod Wer nur einmal den Duft der blauen Blume
eingezogen für den kommt keine ruhige Stunde mehr in diesem Leben Als wäre er
ein verruchter Mörder als hätte er den Herrn von seiner Schwelle gestoßen so
treibt es ihn weiter und immer weiter wie sehr ihn auch seine wunden Füße
schmerzen und es ihn verlangt das müde Haupt endlich einmal zur Ruhe zu legen
Wohl bittet er von Durst gequält in dieser oder jener Hütte um einen
Labetrunk aber er gibt den leeren Krug ohne Dank zurück denn es schwamm eine
Fliege in dem Wasser oder das Gefäß und wäre es von Asbest war nicht
reinlich und so oder so  Erquickung hatte er sich nicht getrunken Erquickung
Wo ist das Auge in das wir einmal geschaut haben um nie wieder in ein anderes
glänzenderes feurigeres schauen zu wollen wo ist der Busen an dem wir einmal
ruhten um nie wieder das Pochen eines anderen wärmeren liebedurchglühteren
Herzen hören zu wollen wo ich frage Sie wo
    Der Baron schwieg Oswald fühlte sich auf die seltsamste Weise bewegt Was
der sonderbare Mann an seiner Seite in einem fast elegischen Tone der
auffallend mit seiner sonstigen herben rauen Weise contrastirte wie träumend
wie mit sich selbst redend sprach das waren so ganz seine eigenen Gedanken
die er oft und oft als Knabe schon und immer wieder im Leben gehabt dass ihm
fast ein Grauen ankam vor dieser geistigen Doppelgängerei Er fand keine Antwort
auf eine Frage die er selbst aufgeworfen zu haben schien
    Es hat mir immer viel zu denken gegeben hub der Baron wieder an dass der
Mensch sich selbst seine Existenz erst mehr oder weniger vergessen muss bevor
er in den Zustand kommt den wir in Ermangelung eines andern Wortes mit
glücklich bezeichnen und dass wir ihn um so glücklicher nennen müssen je tiefer
diese Vergessenheit ist Te best of life is but intoxication sagt Lord Byron
ja wohl die Liebe die Romeo und Julieliebe für die man in den Tod geht wie
zu einem heitern Fest ist auch nur ein Rausch Schlafen ist besser als wachen
sagt die Weisheit der Inder das Beste von Allem aber ist der Tod
    Und doch töten sich im Verhältnis so wenig Menschen  warf Oswald ein
    Ja das ist merkwürdig genug sagte der Baron besonders heut zu Tage wo
die Meisten sich selbst vor den HamletTräumen die uns in jenem ewigen Schlafe
kommen möchten nicht mehr fürchten
    Sollte dies nicht ein Beweis dafür sein dass es mit dem vielgeklagten
Unglück dieser Leute so sehr arg nicht sein kann
    Vielleicht vielleicht beweist es aber auch nur wie schwer es dem Menschen
wird die letzte Hoffnung schwinden zu lassen Warum schleppt sich der verirrte
Wanderer mechanisch weiter durch den tiefen Schnee warum späht der arme
Schiffbrüchige auf Salas y Gomez ein halbes Jahrhundert über die öde Wasserwüste
nach dem rettenden Segel warum zerschellt sich der auf Lebenszeit Eingekerkerte
nicht den Kopf an der Wand seines Kerkers warum erhängt sich der arme Schelm
der morgen früh hingerichtet werden soll nicht heute Nacht schon in seinen
Ketten  weil ihr Unglück so groß nicht ist Pah glauben Sie doch das nicht 
einzig und allein weil noch immer ein schwacher Schimmer von Hoffnung von
Rettung durch die Hölle ihrer Leiden dämmert wie dort der blasse Streifen im
Osten Wenn auch dieser matte Schimmer einmal verlöschte dann ja dann muss die
alte Mutter Nacht ihr armes verirrtes Kind wiedernehmen die milde gute
liebevolle Todesnacht
    Nach einer kurzen Pause während welcher der Baron mächtige Dampfwolken aus
seiner Zigarre geblasen hatte fuhr er in etwas ruhigerem Tone fort
    Ich bin ein paar Jahre älter als Sie und das Geschick verstattete mir in
kürzerer Zeit ein größeres Stück vom Leben zu sehen als es sonst wohl dem
Menschen gegeben ist Ich habe das wovon der graue Freund dem jungen Wolfgang
in Leipzig eine möglichst große Portion wünschte Erfahrung Ich könnte müsste
wenigstens mittlerweile erfahren haben dass für mich und meinesgleichen keine
Hoffnung mehr im Leben ist und dennoch trotzdem dass ich sage ich habe keine
Hoffnung mehr hoffe ich im Stillen doch immer auf ein mögliches Glück wie der
Schwindsüchtige auf Genesung Nehmen Sie zum Beispiel eine Gesellschaft wie
die aus der wir eben kommen Ich weiß wie hohl die Freuden dieser Menschen
sind ich weiß wie kummervolle Gesichter welch erbärmliche Armensündermienen
sich hinter den lachenden Gesellschaftsmasken verstecken  ich weiß dass dieses
hübsche Mädchen in zehn Jahren eine unglückliche Frau oder eine Idiotin ist dass
dieser prächtige Junge der den Kopf so hoch trägt und aussieht als ob er
sämtliche zwölf Arbeiten des Herkules an einem Tage verrichten könne ein
plumper Landjunker sein wird der gegen die Bauern das jus primae noctis geltend
macht und nebenbei seine Frau womöglich prügelt  das weiß ich und weiß noch
mehr und habe es tausend und aber tausendmal im Leben gesehen und doch bin
ich noch so wenig blasirt dass diese trügerische Fata Morgana eine zauberische
Wirkung auf mich hat bin so wenig ernüchtert dass jede hübsche Mädchenblume die
Hoffnung in mir erweckt ich könnte wirklich einmal im Leben lieben oder geliebt
werden dass jede jugendlich schöne männliche Erscheinung mich wieder an
Freundschaft glauben macht Hätten Sie mir solchen Unsinn zugetraut
    Ich hätte nicht geglaubt dass Sie so denken so fühlen könnten
    Und darin hatten Sie vollkommen Recht sagte der Baron ich denke und fühle
so auch nur wenn ich wie jetzt complet betrunken bin  Was war das
    Ein greller Schrei tönte aus geringer Entfernung durch den stillen Morgen zu
ihnen herüber  und noch einmal schriller verzweifelnder wie wenn ein Weib 
denn es war eines Weibes Stimme das Messer in des Mörders Hand blinken sieht
Vor ihnen in geringer Entfernung lag ein Stück Waldland der Weg führte daran
herum das Geschrei musste von der andern Seite kommen die jetzt noch durch ein
paar einzeln stehende Eichen und durch dichtes Unterholz verdeckt war
    Zu Karl zu schrie der Baron
    Der Kutscher hieb kräftig in die Pferde Die edlen Tiere wie voll
Entsetzen über eine so unwürdige Behandlung stürmten mit einer Schnelligkeit
dahin die den Insassen des Wagens leicht hätte gefährlich werden können Im Nu
war die Waldecke erreicht Sobald sie einen Blick auf die andere Seite werfen
konnten bot sich ihnen das befremdendste Schauspiel dar  Ein seltsam
gekleidetes braunes Weib um deren bläulich schwarze Haare ein Stück rotes
Zeug turbanartig gewunden war lief kreischend her hinter drei Reitern die ihre
Rosse zur größten Eile spornend im nächsten Augenblick schon in einer neuen
Biegung des Weges hinter den Bäumen verschwunden waren Als der Wagen des Barons
herandonnerte sprang das Weib auf die Seite und rief mit gellender Stimme die
Hände flehend erhebend Mein Kind  mein Kind sie haben mir mein Kind geraubt
    Nur mit Mühe konnte der Kutscher die Pferde zum Stehen bringen Oswald der
in dem Weibe sofort die braune Gräfin erkannt hatte war vom Wagen
herabgesprungen
    Rette mein Kind Herr rette mein Kind schrie die Zigeunerin sich vor ihm
niederwerfend und seine Kniee umklammernd
    Der Baron lachte
    Eine ungeheuer romantische Situation Herr Doctor rief er vom Wagen herab
Morgendämmerung Wälderrauschen Zigeuner des Königs Hochstrasse  wahrhaftig
reiner Eichendorff Unterdessen dass Sie die schöne Beraubte trösten will ich
den Räubern nachsetzen die übrigens nur Schafe in Wolfskleidern das heißt ein
paar unserer hohlköpfigen Junker sein werden die das Ganze für einen genialen
Spaß halten
    Der auf dem Schimmel war der junge Herr von Nadelitz sagte der Kutscher
der die wilden Pferde kaum halten konnte über die Schulter gewandt
    Zu rief der Baron wir wollen die Junker Mores lehren Der Wagen donnerte
weiter
    Die Zigeunerin hatte sich wieder erhoben Sie sah dem Wagen nach der in
rasender Schnelligkeit auf dem höckrigen Waldweg dahinfuhr und jetzt hinter der
vorspringenden Ecke verschwand Ein seltsames Lächeln flog über ihr Gesicht
während sie in atemloser Aufmerksamkeit lauschend dastand Dann als ihr
scharfes Ohr das Rollen des Wagens nicht mehr vernahm kreuzte sie die nackten
Arme über der vollen Brust deren unruhiges Wogen einzig von dem Sturm der eben
noch ihren ganzen Organismus erschüttert hatte zeugte und starrte in tiefes
Nachdenken versunken düster vor sich nieder Plötzlich hob sie den Kopf und
sagte die großen glänzenden Augen auf Oswald heftend
    Kennst Du den schwarzen Mann der mir die Czika wiederbringt
    Ja Isabell
    Ist er Dein Freund
    Nein
    Aber er wird es einst sein
    Vielleicht
    Ist er gut
    Ich halte ihn dafür
    Gedenkst Du noch des Nachmittags am Sumpfesrand Herr
    Ja Isabell
    Kannst Du die Stelle wiederfinden
    Ich glaube ja  weshalb
    Willst Du wenn wiederum der volle Mond wie heute Nacht am Himmel steht
den schwarzen Mann an diese Stelle führen O sage ja bei Deiner Liebe zu der
schönen guten Frau bei den Gebeinen Deiner Mutter beschwöre ich Dich sage
ja
    Die Zigeunerin hatte sich abermals vor Oswald auf die Kniee geworfen und
blickte die Hände über den Busen kreuzend flehend zu ihm empor
    Steh auf Isabell sagte der junge Mann ich will Deinen Wunsch erfüllen
wenn ich kann
    Die Zigeunerin ergriff seine Hände die er nach ihr ausstreckte sie vom
Boden zu heben und küsste sie mit leidenschaftlicher Dankbarkeit Dann sprang
sie empor eilte über die Breite des Weges dem Walde zu und war im nächsten
Augenblicke schon in dem dichten Gestrüpp durch das sie mit der Kraft und
Schnelligkeit des Hirsches sprang verschwunden
    Ehe sich Oswald von dem sprachlosen Erstaunen in welches ihn das
rätselhafte Betragen der braunen Gräfin versetzt hatte erholen konnte vernahm
er schon das Rollen des Wagens der in derselben Eile mit der er sich vorhin
entfernt hatte zurückkam Aber bevor das Fuhrwerk die vorspringende Waldecke
hinter der es verschwunden war erreicht hatte hielt es plötzlich und um die
Büsche herum kam der Baron im bloßen Kopf die kleine Czika auf dem Arm
tragend
    Wir haben gejagt wir haben gefangen rief er schon von Weitem Die feigen
Wölfe ließ sobald sie sahen dass sie verfolgt wurden die schöne Beute
fahren und machten dass sie davon kamen  So Du kleiner Ganymed nun sieh
zu ob Dich Deine Füße wieder tragen 
    Der Baron ließ das Kind aus seinen Armen auf den Boden gleiten Aber wo ist
denn die Mutter geblieben oder wer sonst das braune Weib war fragte er
erstaunt Oswald allein zu finden
    Oswald teilte ihm in kurzen Worten mit was sich während seiner Abwesenheit
zugetragen hatte
    Nun das ist nicht übel sagte der Baron ein Sache wird immer romantischer
Vollmond Sumpfesrand ein schlaues ägyptisches Weib und zwei gute deutsche
Jungen die sich nasführen lassen  was sollen wir denn mit der Czika wie Sie
die kleine Prinzessin nennen  denn ich wette es ist ein gestohlenes Königskind
 unterdessen anfangen
    Wenn wir sie nicht auf der offenen Landstraße zurücklassen wollen werden
wir uns wohl entschließen müssen sie mit uns zu nehmen
    Aber das Kind wird nicht mit uns gehen wollen Höre kleine Czika willst Du
mit mir gehen
    Ja Herr sagte das Kind das bis jetzt ohne eine Spur von Besorgnis
Furcht oder Angst zu verraten ruhig da gestanden hatte
    Hm sagte der Baron da komme ich ja zu einem Adoptivkinde ich weiß nicht
wie
    Er war mit einem Male sehr ernst geworden Er streichelte der Czika die
blauschwarzen seidenen Locken von der feinen Stirn und betrachtete sie lange
unverwand
    Wie schön das Kind ist murmelte er wie wunderschön Und wie groß es
geworden ist  komm mit mir kleine Czika Du sollst es gut sehr gut bei mir
haben ich will Dich mehr lieben als Deine Mutter die Dich so schnöde
verlassen Dich je geliebt hat
    Mutter verlässt die Czika nicht sagte das Kind ruhig zum Baron
emporblickend Mutter ist wo Czika ist Mutter ist überall
    Sich von den Männern abwendend legte es die Händchen an den Mund und in
den stillen Wald hinein gellte ein Schrei dem Ruf des jungen hungrigen Falken
täuschend ähnlich
    Das Kind neigte den Kopf und lauschte der Baron und Oswald hielten
unwillkürlich den Atem an
    Da tönte aus dem Walde aber offenbar schon aus größerer Entfernung die
Antwort der helle wilde Schrei des alten Falken wenn er aus seiner luftigen
Höhe tief unter sich die sichere Beute erspäht hat
    Siehst Du Herr sagte das Kind Mutter verlässt die Czika nicht wenn Du die
Czika mit Dir nehmen willst die Czika will mit Dir gehen
    Nun denn so komm Du junge Falkenbrut sagte der Baron das Kind bei der
Hand ergreifend Kommen Sie Doctor Ich glaube dass Karl den Riemen der vorhin
riss wohl wieder zusammengeflickt haben wird Da kommt er schon Alles in
Ordnung Karl
    Ja Herr
    Die Herren stiegen ein und nahmen das Kind zwischen sich
    Fort rief der Baron scharfen Trab
    Bald kamen sie aus dem Walde auf die weite Heide die sich zwischen
Faschwitz nach Grenwitz hinzieht dieselbe Heide auf der Oswald die alte Frau
aus dem Dorfe getroffen hatte  Es war noch eine halbe Stunde vor
Sonnenaufgang Am östlichen Himmel legte sich ein Purpurstreifen über den
andern Die Luft wehte vom Meer kühl her über das feuchte Moor
    Die kleine Czika hatte sich dicht an den Baron geschmiegt und war fest
eingeschlafen
    Wie leicht das Kind gekleidet ist sagte dieser es wird sich erkälten in
der scharfen Morgenluft
    Er richtete sich in die Höhe zog seinen Überrock aus hüllte die Kleine
hinein nahm sie auf den Schoss und legte ihren Kopf an seine Brust
    So so sagte er gütig so so und dann zu Oswald der in Nachdenken über
den rätselhaften Charakter des Mannes an seiner Seite versunken schweigend
dagesessen hatte Ich komme Ihnen ein ganz klein wenig toll vor nicht wahr
Doctor
    Nein sagte dieser den Kopf emporhebend nicht im mindesten
    Das kommt weil Sie an derselben Krankheit laboriren
    Was Andere vor Erstaunen sprachlos macht erscheint uns ganz natürlich und
was die guten Leute und schlechten Musikanten für ganz selbstverständlich
halten kommt uns oft geradezu fabelhaft vor Ihnen wird es wohl nicht
unglaublich erscheinen wenn ich Ihnen sage dass mir dieses Kind hier nun schon
zum dritten Male im Leben begegnet und dass ich so abergläubisch bin in dieser
dreimaligen Begegnung viel mehr zu sehen als einen bloßen Zufall wie ich denn
überhaupt mit Wallenstein der Meinung bin dass es keinen Zufall gibt
    Und wo und wann glauben Sie die Czika gesehen zu haben
    Das erste Mal vor vier Jahren in England Ich ritt mit einem paar meiner
englischen Freunde in dem abgelegensten Teile eines Parks Als wir im Galopp um
eine Ecke auf die Landstraße biegen steht ein Kind da  ein braunes Kind mit
großen glänzenden schwarzen Augen  und hebt die Händchen bittend empor Ich
achtete seiner in lebhaftem Gespräch begriffen kaum Als wir ein paar hundert
Schritte weiter geritten sind packt es mich plötzlich wie mit Geisterhand Ich
kann die Empfindung die mich überkam nicht beschreiben Mir war als hätte
ich an diesem holden hülflosen Geschöpf gleichgültig vorüberreitend einen
Frevel begangen der mich zu dem erbärmlichsten aller Menschen machte Ich warf
mein Pferd herum und jagte wie wahnsinnig nach dem Orte zurück Das Kind war
verschwunden Ich rief nach ihm ich stieg ab ich durchsuchte die nächsten
Gebüsche die Freunde halfen trotzdem sie über meine Tollheit wie sie es
nannten lachten Vergebens
    Das zweite Mal sah ich das Kind in Ägypten Es sind jetzt gerade zwei
Jahre Wir das heißt eine kleine Karavane von Nilfahrern die sich zufällig
zusammengefunden hatten durchzogen auf Eseln reitend die engen winkligen
Straßen Asyuts Neben einer offenen Tür durch die wir auf den stillen
schattigen Hof einer Moschee blickten stand in der Nische der Mauer ein Kind
älter wie das Kind aus dem Park und jünger wie das welches hier in meinen
Armen ruht aber dasselbe braune Kind mit den blauschwarzen Locken und den
leuchtenden Gazellenaugen Wieder streckte es die Händchen bittend nach den
Vorübergehenden aus und rief den Ruf den Sie überall in Ägypten hören
Backschisch Howadji Almosen o Kaufleute Ich sah das Kind und sah es auch
wieder nicht denn ich war in einer jener verzweifelten Stimmungen wie sie mich
manchmal überkommen wo ich Ohren und Augen offen habe und dennoch weder sehe
noch höre Als wir um eine Ecke in die nächste Straße biegen erfasst mich genau
dasselbe Gefühl wie damals im englischen Park ich springe vom Esel herab
laufe was ich kann nach der Stelle zurück  Die Nische war leer Die Tür zum
Hofe der Moschee stand wie gesagt offen Der Hof hatte auf der andern Seite
eine zweite ebenfalls nicht verschlossene Tür die auf eine der Hauptstrassen
führte in der sich um diese Stunde  es war in der Abenddämmerung  Menschen
Kameele und Esel durcheinander drängten Das Kind war und blieb verschwunden
und mit schwerem Herzen kehrte ich zu meiner Gesellschaft zurück die sich mein
Davonlaufen menschenfreundlichst durch die Annahme ich sei urplötzlich toll
geworden erklärt hatte  Halten Sie es für möglich dass dieses Kind das ich
zuerst im englischen Nebel und das zweite Mal unter dem warmen Himmel Aegyptens
gesehen habe mir jetzt in dem deutschen Buchenwalde zum dritten Male begegnet
    Und wäre es nicht dasselbe Kind und  offen gestanden ich halte es für
äußerst unwahrscheinlich dass es dasselbe ist antwortete Oswald es müsste Ihnen
dasselbe sein Ich glaube an den Weltgeist den ewig gleichen der sich hinter
den Dingen verbirgt den ewig wechselnden ich glaube dass jene Lerche die dort
aus dem Haidekraut aufsteigt und singend zum Himmel schwebt dieselbe Lerche
ist zu der ich als Kind entzückt emporschaute bis sie den scharfen Augen im
blauen Raum verloren war ich glaube dass alle Helden Brüder sind und dass jeder
Unglückliche eben derselbe Nächste ist den wie uns selbst zu lieben Vernunft
und Herz gleich gebieterisch von uns heischen  Ob dieses Kind dasselbe ist
nach dem Sie nun schon zweimal vergeblich suchten  darauf kommt es nicht an
wohl aber darauf dass Sie nach ihm suchten dass der Ruf des armen verlassenen
Geschöpfes jedesmal durch das Erz mit dem Sie geflissentlich ihre Brust
umpanzern bis zu Ihrem Herzen drang  Verzeihen Sie einem Manne den Sie an
Erfahrung und an Geist so weit überragen diese Sprache zu der ihn nichts
berechtigt als die Hochachtung die er halb gegen seinen Willen vor Ihnen
empfindet Und verstatten Sie mir noch das eine Wort Wenn Sie sich entschließen
könnten dies Kind zu lieben so wäre es für Sie ein Geschenk köstlicher und
reicher als Aladins Wunderlampe Liebe ist allenthalben außer in der Hölle
lautet ein tiefsinniges Wort Wolframs von Eschenbach das heißt wo keine Liebe
ist da ist die Hölle Die Liebe ist der Duft der blauen Blume der wie Sie
vorhin sagten die ganze Welt erfüllt und in jedem Wesen das Sie von ganzem
Herzen lieben haben Sie die blaue Blume gefunden nach der Sie Ihr Leben lang
vergeblich suchten
    Ein unsäglich wehmütiges Lächeln umspielte des Barons Lippen während
Oswald diese Worte sprach
    Sie lösen so doch das Rätsel nicht sagte er leise und traurig denn eben
die Bedingung dass wir von ganzem Herzen lieben müssen wollen wir die Qual los
werden die uns das Leben zur Hölle macht können wir ja nicht erfüllen Wer von
uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben Wir Alle sind so abgehetzt und
müde dass wir weder die Kraft noch den Mut haben die zu einer wahren ernsten
Liebe gehören zu jener Liebe die nicht ruht und rastet bis sie jeden Gedanken
unseres Geistes jedes Gefühl unseres Herzens jeden Blutstropfen unserer Adern
sich zu eigen gemacht hat Wenn Sie noch jung und gut und gläubig genug zu einer
solchen Liebe sind  wohl Ihnen Von mir kann ich nur wiederholen was ich
vorhin schon sagte ich habe es aufgegeben die blaue Blume zu finden die
wunderholde Blume die nur dem Glücklichen blüht der noch mit ganzem Herzen
lieben kann  Doch hier sind wir vor dem Tore von Grenwitz und wir müssen ein
Gespräch abbrechen dass ich in allernächster Zeit und Ihnen fortsetzen zu können
hoffe und wünsche Leben Sie wohl und erkundigen Sie sich recht bald persönlich
nach dem Befinden des kleinen Wesens das ja Ihr Schützling fast noch mehr ist
als der meine
    Der Wagen entfernte sich rasch Oswald schaute ihm noch lange nach dann
schritt er gesenkten Hauptes über die Brücke und über den Hof dem Schloss zu
Die Sonne war aufgegangen und badete die grauen Mauern in Frührotlicht in dem
taufrischen Garten jubelten die Vögel  aber für Oswald lag ein grauer
Schleier über dem köstlichen Morgen denn in seinem Ohr klangen die Worte des
Barons Wer von uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben wer von uns hat
denn noch ein ganzes Herz
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
Hat Dir das Schläfchen gut getan lieber Grenwitz fragte die Baronin
    Ich danke liebe AnnaMaria recht gut erwiderte der alte Baron
    Es war in der Nachmittagsstunde des Tages nach dem ereignungsreichen Balle
in Barnewitz die Redenden befanden sich in demselben nach dem Garten hinaus
liegenden Zimmer des Schlosses in welchem vor ungefähr acht Tagen die
Unterredung zwischen der Baronin und Melitta stattgefunden hatte Die Baronin
saß wieder wie damals in der Nähe der geöffneten Flügeltür die nach dem
großen Rasenplatz führte auf welchem Melittas Augen Oswald zum ersten Male
erblickten und wieder nähte die musterhaft fleißige Frau emsig und
unverdrossen als müsste sie sich ihr tägliches Brod mit der Nadel verdienen Der
Baron saß ihr gegenüber in demselben Schaukelstuhl in welchem sich Melitta
gewiegt hatte Er erwachte soeben aus einem erquickenden Nachmittagsschlaf und
schaute mit den alten glanzlosen Augen freundlich durch die offene Tür auf den
Rasenplatz wo sein Liebling der Pfau das prächtige Gefieder im Sonnenschein
erglänzen ließ
    Recht gut wiederholte er die Glieder streckend
    Aber Du siehst doch sehr angegriffen aus sagte die Baronin die großen
kalten grauen Augen forschend auf die verwitterten Züge des Barons heftend
diese anspruchsvollen lärmenden Gesellschaften sind wahres Gift für Dich und
ich habe mir schon während Du schliefst im Stillen rechte Vorwürfe gemacht
dass ich gestern nicht früher zum Aufbruch mahnte
    Aber ich versichere Dich liebe AnnaMaria ich befinde mich vortrefflich
das heißt nicht schlechter als gewöhnlich ober doch nicht viel schlechter
sagte kleinlaut der gute alte Mann
    Du musst Dich in dieser Zeit noch recht in Acht nehmen sagte die Baronin
wieder emsig nähend heute über acht Tage spätestens müssen wir reisen und Du
wirst zu den Strapazen einer so großen Tour Deine ganze Kraft nötig haben
Wollte Gott wir wären Alle schon glücklich wieder hier Ich entschliesse mich
wahrlich höchst ungern dazu Deine angegriffene Gesundheit  die Gefahren einer
Seereise  und dann wird Dir das Bad in Helgoland auch wirklich gut tun
Doctor Braun versichert es freilich aber wer kann den Aerzten trauen Schlägt
eine Kur an triumphiren sie und schlägt sie nicht an sind nicht sie daran
Schuld sondern der Patient der sich nicht ordentlich gehalten hat Und was
kümmert es den Herrn Doctor ob Du gesund oder krank zurückkommst ob Du lebst
oder stirbst  aber ich aber wir  o Grenwitz was sollte wohl aus uns werden
wenn Du uns genommen würdest
    Die Baronin blickte von ihrer Arbeit empor und in ihren Augen blinkte
etwas das man bei einer andern Frau für eine Träne gehalten haben würde
    Der alte Baron erhob sich von seinem Stuhl trat auf seine Frau zu und küsste
sie zärtlich auf die Stirn
    Du musst Dir nicht solche Gedanken machen liebe AnnaMaria sagte er gütig
Der liebe Gott wird mich noch nicht so bald sterben lassen ich bete jeden
Morgen zu ihm und danke ihm für jeden neuen Tag den er mir schenkt nicht
meinethalben denn ich bin ein alter Mann und sterben müssen wir ja Alle einmal
 sondern Deinetalben weil ich weiß wie sehr Dich mein Tod schmerzen würde
und auch weil ich noch gern bevor ich sterbe Deine und Helenens Zukunft
gesichert sehen möchte
    Der alte Mann hatte sich wieder gesetzt und aus einer goldenen Dose die
neben ihm auf einem runden Tischchen stand eine Prise genommen um die Rührung
in die er sich hineingesprochen hatte schneller zu überkommen die Baronin
nähte wieder eifrig an ihrer Arbeit
    Du bist so gut sagte sie viel zu gut denn Du bist es selbst gegen die
welche Deine Güte in keiner Weise verdienen und Du hast Dir dadurch manche
schwere Sorge bereitet deren Du mit ein wenig mehr  ich will nicht sagen
Egoismus denn ich hasse das Wort  aber mit etwas mehr Diskretion überhoben
gewesen wärest Du bist jetzt für meine und Helenens Zukunft besorgt mit Recht
besorgt Diese Sorge wäre unnötig hättest Du nicht als Du vor vierundzwanzig
Jahren das Majorat erbtest die Güter zu wahren Spottsummen an Leute verpachtet
die jetzt auf Deine Kosten reich geworden sind und noch dazu die Unverschämtheit
haben uns als habsüchtig zu verschreien weil wir im nächsten Jahre die
Kontracte nicht unter den alten Bedingungen erneuern wollen und hättest Du
nicht  was ich nie habe begreifen können und nie begreifen werde  damals ohne
alle Not die enormen Schulden Haralds übernommen deren Abtragung Alles
verschlang was Deine und später unsere Sparsamkeit von unsern Renten erübrigen
konnte
    Dem alten Baron schien das von seiner Gemahlin angeschlagene Thema nicht
besonders angenehm er nahm während sie sprach eine Prise über die andere und
antwortete als sie jetzt schwieg nicht ohne einige Lebhaftigkeit
    Ich kann Dir nicht ganz Unrecht geben liebe AnnaMaria aber auch nicht
ganz Recht Die alten Kontracte sind allerdings den Pächtern sehr günstig aber
die Zeiten waren damals auch andere das Geld war nach dem Kriege äußerst knapp
die Güter im Allgemeinen standen sehr niedrig im Wert und unsere Güter waren
allerdings durch Haralds Schuld in Grund und Boden gewirtschaftet Die
Pächter hatten wahrlich im Anfang ihre liebe Not und wenn sie jetzt mit der
Zeit reich und unverschämt geworden sind so bin ich an dem einen so wenig
Schuld als an dem andern Ich habe es gut mit ihnen gemeint das weiß der liebe
Gott Was aber mein Benehmen Haralds Gläubigern gegenüber anbetrifft so weiß
ich wirklich noch heute nicht wie ich es hätte anders einrichten sollen Die
Ehre meiner Familie erforderte dass ich seine Schulden übernahm denn nicht dem
Baron Harald von Grenwitz der das wussten die Leute recht gut bei der
Unantastbarkeit des Majorats niemals seine Schulden bezahlen konnte hatten sie
creditirt sondern der Familie Grenwitz die nicht zugeben würde dass einer aus
der Familie ehrlos werde Und dann hatte ich gegen meinen Vetter Pflichten der
Dankbarkeit Als er und ich junge Officiere im Regimente waren und auch im
späteren Leben hat er stets wie ein Bruder gegen mich gehandelt Es ist wahr
ich habe seine Güte nie gemissbraucht und für jedes Hundert Taler Schulden die
er für mich bezahlt hat habe ich Tausend für ihn bezahlt aber er würde mich
davon bin ich überzeugt aus jeder Verlegenheit gerissen haben denn seine
Freigebigkeit kannte keine Grenzen
    Du ereiferst Dich ohne Not lieber Grenwitz ganz ohne Not sagte die
Baronin ruhig während der alte Mann von der ungewohnt langen und lebhaften Rede
erschöpft in den Stuhl zurückgesunken war es fällt mir nicht ein Dir Vorwürfe
machen zu wollen Du weißt wie wenig Wert ich selbst auf Reichtum lege wie
gering meine persönlichen Bedürfnisse sind und dass wenn ich mir über die
Zukunft Sorgen mache es nicht meinethalben sondern der Kinder wegen ist
    Ich weiß es liebe AnnaMaria sagte der Baron ich weiß es Ich habe Dir
nicht weh tun wollen und ich bitte Dich wegen meiner Heftigkeit um Verzeihung
    Eine Pause in dem Gespräche der Gatten erfolgte Die Baronin nähte emsiger
denn je der Baron hatte sich seine Brille aufgesetzt ein Zeitungsblatt
ergriffen das der Postbote vor einer Stunde gebracht hatte und begann die
Lippen leise bewegend  denn Lesen und Schreiben war des guten Mannes Sache nie
gewesen  sich in die Lecture desselben zu vertiefen
    Personalveränderung in der Armee murmelte er der Oberst von  der Major
von  lauter alte Bekannte Der junge Grieben schon Premierlieutenant  das
geht schnell Dem Secondelieutenant Felix von Grenwitz  Ersuchen  Abschied 
ei der Tausend ich dachte Felix wollte nur um Urlaub einkommen und hier lese
ich dass er seinen Abschied genommen hat
    In der Tat! sagte die Baronin die betreffende Stelle in dem Blatte das
ihr der Baron hinreichte lesend nun das freut mich freut mich sehr Ich will
nur gestehen lieber Grenwitz dass ich Felix selbst diesen Rat erteilt und
seinen Austritt aus der Armee mit zu den Bedingungen gerechnet habe die er
erfüllen müsste bevor wir ihm unsere Helene geben könnten
    Aber warum das fragte der Baron erstaunt
    Warum antwortete die Baronin Nun ich dächte lieber Grenwitz der Grund
wäre doch klar genug Ich dächte es wäre die allerhöchste Zeit dass Felix ein
anderes Leben beginnt und darauf möchten wir wohl lange vergeblich warten so
lange er in denselben Kreisen und denselben Verhältnissen bleibt wo er seine
Lebensweise nicht ändern könnte selbst wenn er wollte Ich sehe aus diesem
Schritt der auch mich überrascht  denn ich glaubte nicht dass er sich so
schnell dazu entschließen würde  dass es ihm wirklich ernstlich um die Hand
Helenens zu tun ist und wie gesagt ich freue mich freue mich sehr darüber
    Aber liebe AnnaMaria sagte der Baron sich hinter dem Ohr reibend fast
verdrießlich wir laden uns auf diese Weise Verpflichtungen auf die wir am Ende
gar nicht erfüllen können Wenn unser Kind wenn Helene nun 
    Nicht will  meinst Du unterbrach ihn die Baronin sich in ihrem Stuhl in
die Höhe richtend und die Augenbrauen zusammenziehend o ich denke sie wird
wollen ich denke sie wird nicht vergeblich gelernt haben dass ein Kind den
Eltern Gehorsam schuldig ist
    Aber wenn sie den Felix nun nicht lieben kann sagte der alte Mann
bekümmert
    Aber Grenwitz ich begreife Dich nicht erwiderte die Baronin diese
Heirat ist seit langer Zeit unser liebster Wunsch gewesen Helene hat die paar
tausend Taler die wir bis jetzt zurückgelegt haben und die Ersparnisse die
wir in den kommenden Jahren etwa noch machen können abgerechnet kein Vermögen
denn Stantow und Bärwalde gehören vorläufig noch nicht uns sondern  Dank der
Freigebigkeit des freigebigen Barons Harald  jedem beliebigen Abenteurer der
unverschämt genug ist mit ein paar gefälschten Zeugnissen in der Hand die
Güter für sich zu beanspruchen Felix Güter sind allerdings sehr verschuldet
ich gebe es zu aber er kann wenn er nur will und ich bin überzeugt dass er
jetzt zur Vernunft gekommen ist sich mit unserer Hilfe wieder herausreissen und
wenn Malte was der Allgütige verhüten wolle  aber in solchen Dingen muss man
Alles selbst das Äußerste bedenken und Maltes Gesundheit macht mir
unbeschreibliche Sorge  wenn sage ich Malte ja vor der Zeit sterben sollte
so ist Felix Herr von Grenwitz und ich dächte es müsste Dir ein lieber Gedanke
sein Deine Tochter so gleichsam an Maltes Stelle treten zu sehen
    In diesem Augenblick öffnete sich langsam die Tür ein bebrilltes Gesicht
schaute vorsichtig herein und eine quäkende Stimme fragte
    Darf ich näher treten Gnädigste
    Ah sieh der Herr Pastor sagte der Baron aufstehend und dem Eintretenden
entgegengehend seien Sie bestens willkommen Wollen Sie nicht ablegen
    Bitte bitte Herr Baron  bemühen Sie sich doch ja nicht  ich kann ja
selbst  danke verbindlichst sagte Pastor Jäger Hut und Stock auf einen Stuhl
legend ich wollte mich gar nicht aufhalten  danke verbindlichst  ich würde
einen Rohrstuhl vorziehen  danke  ich wollte mich nach dem Befinden der
gnädigen Herrschaften erkundigen denn ich hörte heute Morgen dass Sie das
Zauberfest in Barnewitz gestern mit Ihrer Gegenwart beehrt haben Recht gut
bekommen Nicht sonderlich O die Frau Baronin sehen in der Tat etwas
angegriffen aus  und der Pastor blickte den Kopf wie ein kranker Papagei auf
die rechte Schulter neigend mit dem Ausdruck des innigsten Bedauerns auf die
Baronin
    Ich befinde mich leidlich sagte diese die Arbeit die einen Augenblick
geruht hatte wieder ergreifend aber Grenwitz scheint die Tour weniger gut
bekommen zu sein
    O in der Tat! sagte der Pastor den Kopf schnell auf die linke Schulter
neigend Darf ich Ihnen von meinen Tropfen offeriren Herr Baron sechs bis
zwölf auf Zucker
    Sie sind doch der wahre Arzt für Seele und Leib sagte die Baronin während
der Pastor auf eine abwehrende Bewegung des Barons sein Fläschchen wieder in das
Papier wickelte und in die Tasche steckte
    Ja ja mens sana in corpore sano ein gesunder das heißt ein frommer Geist
in einem gesunden Körper  das habe ich als Knabe in der Schule gelernt und
suche es jetzt als Mann zu üben  Wo sind denn aber die lieben Knaben Noch
beim Unterricht Ja ja der Herr Doctor Stein scheint ein recht strebsamer
fleißiger junger Mann unter dessen Anleitung die Junker es mit Gottes Hilfe
recht weit bringen werden
    Nun glaubte der Pastor Jäger mit diesen Oswald gespendeten Lobsprüchen
etwas dem Baron und mehr noch der Baronin besonders Wohlgefälliges gesagt zu
haben Oswald ruhiges sicheres Auftreten hatte ihm gewaltig imponirt Primula
Veris deren Urteile über Dinge und Menschen ihm Evangelien waren hatte seit
acht Tagen nur das Lob des jungen »Gastfreundes« gesungen der ihr in einer
Stunde mehr Verbindliches gesagt hatte als ihr sonst vielleicht in einem Jahr
gesagt wurde heute Morgen hatte Frau von Plüggen die Nachbarin und gute
Freundin Primulas dieser einen Besuch gemacht um ihr von dem gestrigen Balle
den pflichtschuldigen Bericht abzustatten Frau von Plüggen eine Dame die
schon erwachsene Töchter hatte aber noch immer gern die Jugendliche spielte
war entzückt von Oswald welcher ihr mit scheinheiliger Miene versichert hatte
sie könne sich getrost für ihre jüngste Tochter ausgeben Sie erzählte der
horchenden Primula welche Sensation Oswalds Geschicklichkeit im Schießen unter
den jungen Männern hervorgebracht welche Anerkennung seine schöne Gestalt
seine feinen Manieren in der Damenwelt gefunden wie er mit Hortense getanzt
Frau von Berkow zu Tische geführt habe und eigentlich Alles in Allem der Löwe
des Tages gewesen sei Schon dass Oswald an einer Gesellschaft deren exclusive
Tendenzen dem Pastor sehr wohl bekannt waren überhaupt hatte Teil nehmen
dürfen war in den Augen des Letzteren ein merkwürdiges tief bedeutungsvolles
Zeichen Und zu alle diesem kam noch ein Umstand welcher dem hochwürdigen Herrn
Oswalds Gunst und Freundschaft vorzüglich wünschenswert erscheinen ließ Der
Pastor war nicht ohne Ehrgeiz Er glaubte sich zu größeren Dingen berufen als
den Bauern von Faschwitz das Evangelium zu predigen Er wollte nicht umsonst
sich bei der Lektüre alter Manuscripte der Grünwalder Universität die Augen
verdorben nicht umsonst über die verschollenen Fragmente der verschollenen
Schriften eines verschollenen Kirchenvaters eine grundgelehrte Dissertation
geschrieben haben Er war Doctor er wollte Professor sein Professor in
derselben Musenstadt die ihn vor zwanzig Jahren als verkümmerten Studiosus der
Theologie in abgeschabtem Röckchen durch ihre Gassen hatte schleichen sehen
    Er wollte es um so mehr als seine Primula es wollte Primula welche die
ländlichen Gefilde in denen ihre »Kornblumen« erblüht waren herzlich satt
hatte und sich im Geiste als geniale Gemahlin des gelehrten Professors an den
ästhetischen Teetischen der Musenstadt glänzen sah  Zur Erreichung dieses
höchsten Ziels konnte dem Pastor der Professor Berger den er wegen seines offen
zur Schau getragenen Voltaireanismus Spinozismus Ateismus gründlich
verabscheute und dessen Protection er doch schon oft vergeblich erstrebt hatte
außerordentlich nützlich werden Oswald aber war der erklärte Günstling des
großen Mannes der erste Schüler des alten Meisters Eine Empfehlung Oswalds war
mehr wert als eine gelehrte Dissertation  folglich Oswalds Freundschaft ein
Ziel »aufs innigste zu wünschen« und ein gelegentliches Lob das ihm doch
wohl wieder zu Ohren kommen konnte gar »keine schlechte Theologie«
    So dachte so rechnete der Pastor
    Wie erstaunt war er daher als die Baronin mit einem Ton der Stimme der
nicht viel Gutes verhieß seine huldvolle Phrase mit der Frage beantwortete
    Sagen Sie einmal aufrichtig Pastor Jäger was halten Sie von dem jungen
Menschen
    Den Schüler Bergers den Günstling Primulas den Löwen vom gestrigen
Junkerfest schlechtweg als einen »jungen Menschen« bezeichnen zu hören der
Pastor traute seinen Ohren kaum Er schoss über die runden Brillengläser fort
einen forschenden Blick auf die Baronin ob ihr Gesicht etwa einen Kommentar zu
der rätselhaften Frage geben möchte Da er sich in dieser Hoffnung getäuscht
sah und schlechterdings nicht wusste was er antworten solle griff er zu dem
Mittel zu welchem er in solchen kritischen Fällen stets seine Zuflucht nahm er
zog die Schultern und die Augenbrauen möglichst in die Höhe und die Mundwinkel
möglichst tief herunter und überließ es dem indiscreten Frager aus der Miene
zu machen was er wollte und konnte
    Sie zögern mit Ihrer Antwort sagte die Baronin ich gebe zu es ist nicht
ganz leicht über Herrn Stein ins Klare zu kommen Er hat unleugbar manche
schätzenswerte Eigenschaften Seine Manieren sind für einen Menschen von so
niedriger Extraction wirklich überraschend gut noch gestern glaubte die Gräfin
Grieben im Anfang ich wollte sie mystificiren als ich ihr sagte der junge
Mann der mit uns gekommen sei unser Hauslehrer Aber mit einer erträglichen
Tournüre mit gewandter Rede und dergleichen ist es nur leider nicht getan und
ich bin heute noch immer nicht mit mir einig ob wir an dem jungen Manne eine
gute Acquisition gemacht haben oder nicht
    Aber liebe AnnaMaria sagte der Baron warum sollen wir uns nicht auf den
Professor Berger verlassen 
    Lieber Grenwitz ich verlasse mich auf Niemand als auf mich selbst Der
Professor kann sich durch Steins einnehmendes Wesen so gut haben bestechen
lassen wie Du und viele Andere und gesetzt auch seine wissenschaftliche
Bildung sei wirklich ausreichend 
    Nun darüber dürfte wohl kein Zweifel obwalten Gnädigste sagte der Pastor
der wenn er Oswald wie er jetzt wohl einsah fallen lassen musste sich
wenigstens nach dieser Seite sichern wollte Es ist durchaus nicht anzunehmen
dass der Professor dem Niemand man mag über seine  ich will nicht sagen
unchristliche aber wenig kirchliche Gesinnung denken wie man will einen
durchdringenden Scharfblick eine eminente Gelehrsamkeit absprechen kann sich
in dem intimen Umgange eines Ignoranten wohl gefühlt haben sollte
    Ich erlaube mir in wissenschaftlichen Dingen kein Urteil sagte die
Baronin und so mag meinetwegen Herr Stein neben dem Pistolenschiessen worin er
ja wie ich höre brilliren soll auch noch zu streng wissenschaftlichen Studien
Zeit gefunden haben aber es kann Jemand gute Manieren haben und Gelehrsamkeit
dazu und doch ein unmoralischer Mensch sein
    Aber liebe AnnaMaria sagte der alte Baron ganz erschrocken während der
Pastor die Mundwinkel herunterzog und beistimmend nickte
    Ich bleibe dabei fuhr die Baronin fort ein unmoralischer Mensch Hätte ich
gewusst was ich leider zu spät erfuhr dass der Professor bei aller seiner
vielgerühmten Gelehrsamkeit in dem Geruche eines Demokraten oder Ateisten  ich
weiß nicht welches von beiden das Schlimmere ist denn wer seinen Gott nicht
ehrt kann auch seinen König nicht ehren und umgekehrt  ich sage hätte ich
gewusst dass der Professor ein Freidenker und ein Mann der Umsturzpartei ist ich
würde ihm nimmermehr bei der Wahl eines Erziehers für meinen Sohn eine
entscheidende Stimme eingeräumt haben
    Aber liebe AnnaMaria sagte der Baron es ist doch möglich dass Du in
Betreff Steins ungegründeten Befürchtungen Raum gibst Ich erinnere mich nicht
je ein Wort von ihm gehört zu haben in welchem man mit Sicherheit die
Bestätigung eines so schrecklichen Verdachtes hätte finden können
    Nun Pastor Jäger sagte die Baronin sind Sie auch von der Unschuld des
jungen Mannes so fest überzeugt
    
    Ich würde nicht der Wahrheit die Ehre geben sagte dieser mit der Miene und
dem Ton herzinnigen Bedauerns wollte ich leugnen aus seinem Munde Äußerungen
vernommen zu haben die an das Gebiet des Frivolen ja ich möchte sagen
Unheiligen nahe genug streiften um mich ich darf wohl sagen  recht
schmerzlich zu berühren Aber ich tröstete mich mit dem Gedanken dass auch ein
späterhin trefflicher Wein in der Zeit der Gährung unschmackhaft und trübe ist
und vertraue der Allgüte dessen der aus dem Saulus einen Paulus machte
    Das ist sehr schön und christlich sagte die Baronin beruhigt mich aber
keineswegs Wenn die Seele meines Kindes einmal vergiftet ist kann es mir
gleichgültig sein ob der Vergifter später seinen Frevel bereut und ich
gestehe nach den Ereignissen des gestrigen Tages hat sich der Verdacht den
ich ohne Übertreibung von dem ersten Augenblicke an gegen Stein nährte fast
bis zur Gewissheit gesteigert
    Ist etwas Besonderes vorgefallen Gnädigste fragte der Pastor mit seinem
Stuhle einen halben Zoll näher rückend
    Ich spreche nicht gern darüber antwortete die Baronin und wenn ich es doch
tue so ist es weil ich Sie als einen langjährigen Freund unseres Hauses
kenne und zu Ihrer Diskretion 
    Meine Pflicht und Schuldigkeit Gnädigste rief der Pastor die Hand aufs
Herz legend und den Rücken krümmend
    Sie kennen den Baron Oldenburg fuhr die Baronin fort
    Nicht persönlich Gnädigste nur nach dem was ich in vertraulichen
Unterredungen der gnädigen Herrschaften denen ich beiwohnen zu dürfen gewürdigt
wurde über den Herrn Baron zu hören nicht umhin konnte
    Sie wissen also in welchem Ruf  Gott sei es geklagt  der Baron steht Sie
wissen dass wir den Kummer haben sehen zu müssen wie der letzte Spross einer
unserer ältesten berühmtesten Familien mit sehenden Augen  denn der Baron ist
ein außerordentlich begabter Mann  ins Verderben rennt
    Aber liebe AnnaMaria sagte der Baron der in seinem Stuhle hin und
herrückte ich dächte der Gegenstand dieses Gespräches eignete sich nicht
besonders 
    Ich kenne die Rücksichten die ich unserm Stande schuldig bin sagte die
Baronin und werde sie zu beobachten wissen Der Abfall des Barons von dem
Glauben seiner Väter ist leider zu notorisch als dass ich einem Freunde des
Adels der Pastor krümmte den Rücken einem Freunde unseres Hauses Se
Ehrwürden legte die Hand aufs Herz gegenüber mit dem schmerzlichen Geständnis
der Wahrheit zurückhalten sollte  Sie wissen Pastor Jäger dass der Baron
unsere Gesellschaft flieht um die von allerlei sonderbaren Menschen denen man
sonst geflissentlich ausweicht mit Vorliebe aufzusuchen dass er die gottlose
Phrase von den sogenannten Rittern vom Geist beständig im Munde führt und dass
von ihm ausgezeichnet zu werden  namentlich wenn diese Auszeichnung Jemanden
trifft dessen gesellschaftliche Stellung so himmelweit von der seinigen
verschieden ist  beinahe so viel heißt als ein verlorener Mensch sein Nun hat
der Baron gestern Abend Herrn Stein in einer ganz auffallenden um nicht zu
sagen anstössigen Weise ausgezeichnet er hat nicht nur sein Möglichstes getan
ihn bei der Gesellschaft zu introduciren sondern ihn vollkommen wie seines wie
unsers Gleichen behandelt und um diesem Benehmen für das ich keinen Ausdruck
suchen will die Krone aufzusetzen ihn als der Wagen von Grenwitz der Herrn
Stein von Barnewitz abholen sollte  wir waren schon vor dem Souper aufgebrochen
 nicht gleich zur Stelle war in seinem eigenen Wagen bis vor unser Hoftor
mitgenommen das heißt ihm zu Gefallen einen Umweg von fast einer Meile
gemacht
    Aber liebe AnnaMaria das würde auch jeder Andere 
    Verzeihe lieber Grenwitz das würde nicht jeder Andere getan haben und
vor Allem würde es der Baron dessen schroffes ungefälliges Wesen selbst den
Standesgenossen gegenüber sprüchwörtlich ist nicht getan haben wenn er nicht
in Herrn Stein auch so einen Ritter vom Geist das heißt einen
Gesinnungsgenossen einen Freidenker und Freiheitshelden enfin einen
unmoralischen Menschen um das Wort zu wiederholen das vorhin Deinen Unwillen
erregte lieber Grenwitz und von dem Du mir jetzt zugeben wirst dass es leider
das passende ist  gefunden zu haben glaubte
    Die Baronin schwieg in dem wohltuenden Bewusstsein ihre Ansicht siegreich
verfochten zu haben der Pastor schwieg die edle Gönnerin in diesem Genuße
nicht zu stören und der Baron schwieg weil er schlechterdings nichts zu sagen
wusste In dieses dreifache Schweigen hinein ertönte vom Hausflur her auf
welchen die Tür des Zimmers führte das Miauen einer Katze dem sofort das
laute zornige Kläffen eines Hundes folgte Diese Töne waren im Schloss
Grenwitz wo weder Hunde noch Katzen geduldet wurden etwas so Unerhörtes dass
die im Zimmer Befindlichen sich erstaunt ansahen
    Was bedeutet denn das sagte der Baron aufstehend und die Tür öffnend
    Ah sieh da Herr Baron ertönte eine helle klare Stimme
    Es ist Herr Timm sagte dieser zu den im Zimmer Befindlichen zurückgewandt
und dann zu dem draußen
    Wollen Sie nicht näher treten Herr Geometer
 
                           Neunundzwanzigstes Kapitel
Der welcher dieser Aufforderung des Barons sofort folgend in das Zimmer trat
war ein junger Mann von vielleicht fünfundzwanzig Jahren obgleich die frische
Farbe seines hübschen bartlosen Gesichtes ihn kaum dem Jünglingsalter entwachsen
scheinen ließ Der wohlgeformte Kopf war mit einem schlichten blonden Haar
bedeckt das lang genug war um nach hinten gestrichen zu werden und die weiße
Stirn frei zu lassen die keck und fest sich über einem Augenpaare wölbte
dessen Farbe so weit man es durch die Gläser der Brille die der junge Mann
trug erkennen konnte ein mattes Blau war Seine Gestalt war mittelgross aber
breitschultrig und sein gedrungener muskulöser Körper augenscheinlich zur
Ertragung von Strapazen aller Art ausnehmend geeignet Auf sein Äußeres schien
der junge Mann sehr wenig zu geben Seine Kleidung bestand aus einem hellen
Sommerrock von zweifelhafter Farbe der schon manchen Sturm erlebt zu haben
schien und aus Beinkleidern von demselben Stoff und derselben Farbe und
Beschaffenheit Seine Wäsche war als sie aus den Händen der Wäscherin kam
jedenfalls saubrer gewesen Seine Haltung entsprach seiner Kleidung das heißt
sie war weniger elegant als bequem und hatte noch das mit jener gemein dass
Herr Timm sie offenbar unter Umständen mit einer besseren vertauschen konnte
    Bitte tausendmal um Entschuldigung sagte er lachend indem er sich vor der
Baronin ohne alle Förmlichkeit verbeugte und dem Pastor vertraulich zunickte
dass ich die Unterhaltung der Herrschaften durch mein lyrisches Intermezzo stören
musste aber ich wusste mir wirklich nicht anders zu helfen da ich nicht die Ehre
habe Frau Baronin Ihre Bedienten namentlich zu kennen trotz alles Suchens
keinen Klingelzug auf dem Flur entdecken konnte und schon vergeblich in vier
Türen hineingesehen hatte Hätte ich ahnen können dass diese fünfte welche ich
übrigens gar nicht bemerkte von dem Herrn Baron selbst geöffnet werden sollte
so würde ich mir natürlich meinen musikalischen Vortrag erspart haben der
allerdings nur für das weniger empfindliche Ohr eines in der Nähe befindlichen
dienstbaren Geistes berechnet war  Wie befinden Sie sich Frau Baronin
Angegriffen von der Hitze Wäre kein Wunder  fünfundzwanzig Grad im Schatten 
reine TreibhausTemperatur  Ich soll Sie von Ihrer Frau Gemahlin grüßen Herr
Pastor sprach sie vor einer Stunde in Faschwitz Sie wird gegen Abend mit dem
Einspänner herüberkommen Sie abzuholen  Mit der Vermessung von Sassitz wären
wir fertig Herr Baron Wenn es Ihren recht ist will ich jetzt sogleich die
Karten zeichnen wenn die Frau Baronin die Güte haben will mir ein Zimmer des
Schlosses einzuräumen
    So sprach Herr Timm und griff in die Tasche nach seinem Taschentuche um
sich die von Schweißtropfen perlende Stirn abzutrocknen Da er sich aber noch
zur rechten Zeit darauf besann dass das betreffende so überaus nützliche Stück
der Toilette sich für den Augenblick bei ihm in einem keineswegs salonfähigen
Zustand befand so ließ er es wo es war fuhr mit der Hand über Stirn und Haar
und schaute so vergnügt um sich als ob ihm die Grenwitzer Besitzungen die er
im Schweiße seines Angesichts vermessen musste erb und eigentümlich gehörten
    Gewiss sagte die Baronin bei der Herr Timm wegen seiner auffallenden
Anspruchslosigkeit in großer Gunst stand und die unwillkürlich einen Mann
schätzen musste der sich durch nichts imponiren ließ und den nichts aus der
Fassung zu bringen vermochte gewiss Herr Timm Sie wissen dass Sie uns zu jeder
Zeit willkommen sind Sie werden hier wo Sie nichts stört besser arbeiten
können als in der Stadt und es ist ja zu unserm beiderseitigen Vorteil dass
die Arbeit möglichst schnell beendet wird Sie haben doch Ihre Sachen gleich
mitgebracht Herr Timm
    Steht Alles schon auf dem Hausflur wo es der ländliche Jüngling welcher
die Oeländer lenkte die mich im Hundetrab von Sassitz hierher kutschirten
deponirt hat sagte Herr Timm dessen »Sachen« aus einem kleinen melancholisch
aussehenden Koffer bestanden in welchem etwas reine und nicht viel schmutzige
Wäsche und die sonstigen Stücke seiner nicht eben luxuriösen Garderobe in
chaotischer Verwirrung durcheinander lagen und aus einer großen Mappe die
seine Zeichenmaterialien und Flurkarten enthielt Ich bedarf nur noch der
Anweisung auf einen Ihrer dienstbaren Geister der mich auf das mir von Ihnen
gütigst angewiesene oder anzuweisende Zimmer führt um mich sofort häuslich
einrichten zu können
    Wollen Sie die Güte haben jenen Klingelzug zweimal zu ziehen sagte
AnnaMaria mit huldvollem Lächeln
    Mit Vergnügen sagte Herr Timm diese instrumentale Methode des Beschwörens
dienstbarer Geister ist viel bequemer als meine vocale und auch viel
wirksamer wie ich sehe
    Der eintretende Bediente erhielt den Auftrag Herrn Timm auf sein Zimmer zu
führen
    Es steht schon seit Wochen für Sie bereit Herr Geometer sagte die Baronin
    Sie sind umsichtig und gütig wie die Vorsehung selbst gnädige Frau sagte
Herr Timm aufstehend und der Baronin ohne Umstände die Hand küssend auf
Wiedersehen meine Herrschaften bis zum Abendessen bei dem Sie hoffentlich wie
ich erscheinen werden das heißt mit guter Laune und noch besserem Appetit und
er folgte leichten Schrittes dem Bedienten aus dem Gemache
    Wirklich ein charmanter Mensch der Herr Timm sagte die Baronin so
harmlos unbefangen anspruchslos so ganz sich seiner Stellung in der
Gesellschaft bewusst und nicht stets oben hinauswollend wie gewisse andere
Leute
    Ei ja wohl bestätigte der Pastor ein äußerst charmanter bescheidener
junger Mann und der sowohl was seine Talente betrifft die wirklich
überraschend sind als auch wegen der angesehenen Familie aus welcher er
stammt Beachtung verdient Gustava kennt seine Familienverhältnisse genau auch
ich erinnere mich aus meiner Grünwalder Zeit her sehr wohl seines Herrn Vaters
eines ausgezeichneten Advokaten der sein bedeutendes Vermögen kurz vor seinem
Tode in einer unglücklichen Spekulation verlor Seine Verwandten befinden sich
zum Teil in ganz respektablen Stellungen Ein Onkel von ihm ist Major Auch
Herr Timm war anfangs einer militärischen Karrière bestimmt und war so viel
ich weiß schon Fähndrich als er in Folge der großen Verluste seines Vaters
diese Laufbahn aufgab um sich dem Baufach zu widmen Er wünscht sehnlichst die
Akademie in der Residenz beziehen zu können nur fehlt es ihm leider  der
Pastor machte mit dem Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand eine
bezeichnende Bewegung
    Das ist ja jammerschade sagte die Baronin wer doch dem armen Menschen
helfen könnte kann ihm denn sein Onkel der Major nicht ein paar hundert
Taler vorschiessen aber freilich die Herren vom Militär haben meistens genug
mit sich selbst zu tun  Ah mademoiselle vous arrivez bien à propos
Veuillez avoir la bontè  Die Baronin war aufgestanden um der eben entretenden
Mademoiselle Marguerite eine Instruction zu erteilen
    Wollen Sie meine Bienenstöcke einmal ansehen Pastor Jäger sagte der Baron
    Mit dem größten Vergnügen erwiderte dieser Hut und Stock ergreifend
    Bleiben die Herren nicht zu lange sagte die Baronin wir wollen heute etwas
früher soupiren  Que voulaisje dire Ah oui du chocolat mais pas si
énormement sucrè que la dernière fois et particulièrement prenez garde   
    Der Abend war gekommen mit ihm Frau Pastor Jäger auf dem Einspänner
Primula trug dasselbe Kleid von ungefärbter Seide in welchem sie Oswald an
jenem Sonntag Morgen erschien und sah von der übergrossen Hitze des Tages
angegriffen mehr denn je wie ein kranker Kanarienvogel aus Ihr Gatte hatte
sobald der langatmige Selam zwischen ihr und der Baronin vorüber war die erste
schickliche Gelegenheit ergriffen ihr zuzuraunen von dem »Gastfreunde« weniger
entzückt zu erscheinen als sie und er sich vorgenommen hatten da »der junge
Mensch« keineswegs in besonderer Gunst bei der Baronin zu stehen scheine  eine
Nachricht welche Primula in ein solches Erstaunen versetzte dass als Oswald
kurz vor dem Abendessen erschien sie seine höfliche Begrüßung nur mit einer
sehr förmlichen Verbeugung zu erwidern vermochte
    Dies wunderliche Benehmen der vorher für den »Gastfreund« so begeisterten
Dichterin würde wahrscheinlich nicht wenig zur Erhöhung von Oswald guter Laune
beigetragen haben wenn er es überhaupt bemerkt hätte Aber er befand sich heute
Abend in einer Stimmung in welcher man wie Oldenburg es ausdrückte Ohren und
Augen offen hat und doch weder sieht noch hört Die Schatten der Ereignisse des
letzten Tages und der letzten Nacht lagen noch auf seiner Seele und auf seiner
Stirn Seine gewöhnliche Lebhaftigkeit war einer melancholischen Ruhe gewichen
er sah bleich und nachdenklich aus aber so schön und vornehm dass Primulas
zart besaitete Seele alsbald den Zauber welchen die Erscheinung des jungen
Fremden bei der ersten Begegnung auf sie ausgeübt hatte wiederum zu fühlen
begann und sie die Warnung ihres vorsichtigen Gatten um so lieber vergaß als
sie sah mit welcher ausgesuchten Höflichkeit und Zuvorkommenheit die Baronin
und der Baron denselben Mann behandelten der ihr so eben als eine gefallene
Größe denuncirt war Sie bereitete sich schon im Stillen auf eine Strafpredigt
vor die sie auf der Heimfahrt ihrem Jäger halten wollte der »wieder einmal
nach seiner Gewohnheit den Wald vor Bäumen nicht gesehen hatte« Der würdige
Geistliche selbst war für den Augenblick durch den vollkommenen Widerspruch
zwischen den Worten und der Handlungsweise der Baronin aus der Fassung gebracht
Er wusste indessen besser als irgend Einer dass die Menschen nicht immer
scheinen was sie sind und nicht immer sind was sie scheinen und hielt es auf
alle Fälle für das Geratenste das Benehmen seiner Gönnerin möglichst treu zu
copiren was ihm gerade nicht schwer fiel
    Indessen würde trotz des scheinbaren guten Einvernehmens der Gesellschaft
die Unterhaltung bei der Abendmahlzeit die auf der Terrasse im Freien
eingenommen wurde sehr einsilbig gewesen sein hätte Herrn Timms Gemüt die
Eigenschaft gehabt die Farbe seiner Umgebung anzunehmen Dies war indessen
durchaus nicht der Fall
    Herr Timm hatte sein Versprechen bei Tische mit guter Laune und noch
besserem Appetit zu erscheinen wahr gemacht Er fand die Chocolade die diesmal
keineswegs énormement sucré war vortrefflich das Brot vortrefflich die Butter
vortrefflich Alles vortrefflich Und wie köstlich war der Einfall sich an
diesem lieblichen Abend nicht in die Stube einzuschliessen wie glücklich der
Gedanke die Tafel gerade auf diesem Punkte der Terrasse zu decken von dem man
einen so herrlichen Blick auf den Garten hatte wie wundervoll waren die
Schatten und Lichter in den hohen Bäumen drüben jenseits des Rasenplatzes
wirklich ein Gemälde von Klaude Lorraine Wahrhaftig Herr Baron wenn ich nicht
Diogenes wäre so möchte ich wohl Alexander sein Aber freilich wir können
nicht Alle in Schlössern hausen es muss auch Tonnenbewohner geben und wohl dem
Manne dem sein Schloss nicht wie eine Tonne oder dem seine Tonne wie ein Schloss
erscheint Sie sollten diesen Gedanken zu einem Epigramm verwerten Frau
Pastorin Sie haben ein ganz entschiedenes Talent für diese Gattung selbst in
Ihren hochlyrischen Gedichten findet sich oft eine epigrammatische Wendung So
in dem reizenden Sonett auf den Maikäfer Wie heißt doch noch der Schluss »Des
Maies Käfer falscher Liebe Bild « das ist an und für sich schon ein
tiefsinniges Epigramm Wissen Sie dass man in Grünwald Ihre Übersiedelung nach
Faschwitz noch immer nicht verschmerzen kann Erst neulich sagte Professor
Lichtscheu den ich in einer Gesellschaft beim Kanonikus Schwarz traf es sei
unverantwortlich dass ein gewisser Gelehrter den ich nicht nennen will den
reichen Schatz seines Wissens in der Einsamkeit eines Dorfes dessen Namen mir
entfallen ist vergraben solle worauf ich ihm erwiderte es sei nicht minder
unverantwortlich dass die Dichterin der »Kornblumen« noch immer unter Kornblumen
wandle
    So ging es mit unendlicher Zungenfertigkeit fort dabei war Alles was Timm
sprach so augenscheinlich ohne jegliche Absicht witzig und gestreich sein zu
wollen  trotzdem es manchmal geistreich und witzig genug war  gesagt dass man
ihm zuhören konnte wie einem lustigen und in seiner Lustigkeit freilich etwas
überlauten Kanarienvogel dem die Morgensonne in das Bauer scheint und der dabei
auf den Einfall kommt sich einmal ordentlich auszusingen Nur kam es Oswald
manchmal vor als ob Herrn Timms Humor durchaus nicht so natürlich sei als es
den Anschein hatte als ob Herr Timm nur eine wohleinstudirte und fein
berechnete Rolle allerdings mit vollendeter Naturwahrheit spiele und als ob
der gutmütige Bonvivant und anspruchslose Naturbursche bei Licht besehen die
ganze Gesellschaft die er mit dem Feuerwerk seines Witzes unterhielt gründlich
verhöhne und nasführe Er wurde in diesem Verdacht um so mehr bestärkt als Herr
Timm sobald er zu ihm sprach stets einen andern Ton anschlug als wollte er
sagen Dir darf ich mit solchen Narrenspossen nicht kommen aber für den andern
Pöbel sind sie gut genug
    Diesen Verdacht auf den Oswald übrigens um so leichter verfallen musste als
er selbst nur zu oft die Gesellschaft gegen die er eine so gründliche
Verachtung empfand zum Besten hatte schien von den Andern Niemand zu teilen
es hätte denn Bruno sein müssen der heute noch düsterer und verschlossener wie
gewöhnlich auf seinem Platze neben Oswald saß und seinen stolzen Mund nicht ein
einziges Mal zu einem Lächeln verzog obwohl er Alle um sich her  selbst Oswald
nicht ausgenommen  lachen sah zumal als gegen das Ende der Mahlzeit Herr
Albert Timm mit seiner Nachbarin Mademoiselle Marguerite eine Konversation
begann in welcher er französisch und deutsch auf die possirlichste Weise
durcheinander mischte Die hübsche scheue Genferin hatte sich die größte Mühe
gegeben Herrn Timms Kreuzund Quersprüngen in der Unterhaltung zu folgen und
sich alle Augenblicke mit einem rapiden quest ce quil dit que veut dire
cela an Malte ihren Nachbar auf der andern Seite gewandt der ihr die Antwort
um so häufiger bleiben musste als er selbst von Allem was der unerschöpfliche
Albert vorbrachte kaum die Hälfte begriff bis dieser mit ihr zu kauderwälschen
anfing um mit vielem Tacte den Scherz sofort abzubrechen als er merkte dass
die hübsche Kleine durch das Gelächter der Andern in Verlegenheit geriet
    Es war bereits dunkel geworden als die Baronin die Tafel aufhob und Herr
und Frau Pastor Jäger die sich jetzt unter vielen Danksagungen für den so
angenehm verbrachten Abend empfehlen wollten einlud mit ihr und dem Baron noch
ein gemütliches kleines Boston  in der alten Weise wissen Sie Pastor Jäger
wie es sich für solide Leute schickt  in dem Salon zu spielen
    Malte war zu Bett gegangen Oswald und Bruno Albert und Mademoiselle
Marguerite promenirten paarweise um den Rasenplatz und in den zunächst gelegenen
Gängen des Gartens
    Du hast mir noch gar nicht gesagt Oswald sagte Bruno  er nannte jetzt
seinen Freund wenn sie allein waren stets mit dem brüderlichen Du  ob Du
Tante Berkow gestern gesehen hast
    Ja Bruno
    Sah sie schön aus
    Wie immer
    Lässt sie mich grüßen
    Natürlich
    Weißt Du Oswald dass ich glaube Tante Berkow mag Dich sehr gern leiden
    Warum Du Närrchen
    Sie sah Dich an dem Abend als sie hier war immer mit so glänzenden Augen
an  so recht lieb und freundlich wie sie mich manchmal anblickt wenn sie mir
das Haar streichelt aber doch anders  so 
    Ach Du weißt ja nicht was Du sprichst Bruno
    Ich weiß es recht gut aber ich kann mich nur nicht so ausdrücken wie Ihr
klugen großen Leute Ich bin an dem Abend ordentlich eifersüchtig auf Dich
gewesen denn früher war sie gegen mich am freundlichsten Ich nicht wissen wie
Tante Berkow aussieht wenn sie Jemanden gern hat ich weiß es sehr wohl sagte
Bruno trotzig
    Und ich weiß auch noch mehr fuhr er nach einer Pause fort Ich sollte es
eigentlich nicht sagen denn Tante hat es mir verboten aber ich glaube jetzt
es ist ihr gar nicht Ernst mit dem Verbot gewesen
    Was war es fragte Oswald mit angenommener Gleichgültigkeit
    Das war es sagte Bruno Ich war am Sonnabend Nachmittag als Du Briefe
schriebst allein in den Wald gegangen nach Berkow zu weil das mein liebster
Weg ist Da kommt mir auf einmal Tante entgegen zu Pferde ganz allein nicht
einmal der Boncoeur war bei ihr Sie ritt den Brownlock den sie immer reitet
wenn sie schnell reiten will und schnell musste sie geritten sein denn
Brownlocks Brust und Hals und selbst Tantes Kleid waren voller weißer
Schaumflocken Sieh da Bruno sagte sie mir vom Pferde herab die Hand
reichend wo willst Du hin  Nirgends hin Tante wie gewöhnlich sagte ich
aber wo wollen Sie hin  Auch nirgends antwortete sie lachend da können wir
ja zusammen unsern Weg fortsetzen  Wenn Sie Schritt reiten wollen sagte ich
sonst nicht  Und da sind wir wohl eine halbe Stunde zusammen durch den Wald
gezogen und haben die ganze Zeit von nichts als von Dir gesprochen und Tante
fragte mich ob ich Dich lieb hätte worauf ich natürlich mit Nein antwortete
ob Du viel studirtest und noch hunderterlei was ich wieder vergessen habe
Zuletzt trug sie mir auf Dich zu grüßen und zu fragen ob Du die Kupferstiche
noch nicht hättest von denen Du ihr neulich gesprochen und ob Du sie ihr nicht
schicken wolltest  und dann rief sie mich wieder zurück und sagte ich solle
Dich lieber doch nicht daran erinnern Dir auch nicht sagen dass ich sie
gesprochen hätte  aber wie gesagt ich glaube jetzt nicht mehr dass es ihr
Ernst gewesen ist
    Warum jetzt nicht mehr Bruno
    Weil  der Knabe schwieg plötzlich sagte er in gedämpftem Ton als
fürchtete er die dunklen Gebüsche neben ihnen könnten es hören
    Sage mir Oswald wie ist das wenn man Jemand liebt
    Wie meinst Du das Bruno antwortete Oswald den die Frage in nicht geringe
Verlegenheit setzte
    Ich meine was ist das für eine Liebe von der so oft in den Büchern die
Rede ist Ich habe Dich lieb sehr lieb aber es ist mir als müsste es noch eine
andere Liebe geben So habe ich immer nicht verstanden warum der Marquis Posa
so bestürzt ist als Don Karlos sagt ich liebe meine Mutter 
    Weshalb soll er seine Mutter nicht lieben Ich habe meine Mutter nie
gekannt und so weiß ich gar nicht wie man seine Mutter liebt aber ich denke
sie mir immer so jung und schön wie Tante Berkow Für die könnte ich Alles
Alles tun Ich wünschte manchmal sie fiele vor meinen Augen ins Wasser und
ich könnte ihr nachspringen oder wie neulich Brownlock bäumte sich und ich
fasste ihm in den Zügel und kämpfte mit ihm und ließe nicht los und wenn er
mich auch mit seinen Hufen zerträte  Warum kommen mir solche Wünsche nie wenn
ich in Deiner Nähe bin Oswald oder wenn ich von Dir getrennt an Dich denke
    Weil ich ein Mann bin Bruno und Du weißt dass ich mir selbst helfen könnte
und helfen würde In die Liebe aber die wir für eine Frau empfinden mischt
sich noch das Gefühl dass wir sie die sich selbst nicht schützen kann mit
unserer größeren Kraft und unserm kühneren Mute schützen müssen und das macht
unsere Liebe zärtlicher inniger mitleidiger und dann noch ein Gefühl von dem
ich Dir jetzt nur so viel sagen will dass es ein Ausfluss der ewigen Kraft ist
welche das Weltall schafft und trägt ein Gefühl welches rein ist wie alle
Natur aber auch eben so keusch und das deshalb vor der Zeit wachgerufen dem
Voreiligen so verderblich werden kann wie seine Kühnheit dem Jüngling den des
Wissens Drang nach Sais und in den Tempel trieb wo sie in dichtem Schleier
verhüllt tronte Isis die heilige keusche Göttin der Natur
    Ich verstehe Dich nicht ganz Oswald
    Die Welt und das Leben sind voller Rätsel Bruno Das Leben ist die Sphinx
und wir sind der Oedipus Und es ist der Fluch des Oedipus dass er das Rätsel
lösen muss und ihn doch des Rätsels Lösung unglücklich macht
    Du bist mir nicht böse Oswald
    Ich Dir böse liebes Herz weshalb
    Dass ich Dir mit solchen wunderlichen Fragen komme
    Du sollst mich fragen Bruno nach Allem fragen was Dich in Erstaunen und
in Verwirrung setzt Deine Seele muss offen vor mir liegen wie ein Buch in dem
ich blättern und immer wieder blättern kann Wollte Gott ich möchte nur Weises
und Gutes auf die reinen Blätter schreiben
    Du bist stets so gut so unendlich gut gegen mich Oswald und ich vergelte
Dir all Deine Güte nur mit Undankbarkeit und Trotz
    Das tust Du nicht  und dann sind wir nicht Brüder Brüder müssen sich
untereinander lieben und tragen und stützen und dürfen nicht rechten um Mein
und Dein Sieh Bruno wenn der fromme Glaube der die Geister der Verstorbenen
die auf Erden zurückgelassenen Lieben umschweben lässt der meine wäre so würde
ich sagen dort oben von dem leuchtenden Sternenhimmel schauen unsere Mütter
auf uns hernieder und freuen sich der Vereinigung und Liebe ihrer Kinder Lass
uns zusammenstehen in diesem wirren Kampfe des Lebens zu Schutz und Trutz Wie
lange wird es dauern und Du bist ein Mann wie ich und wollte Gott ein
besserer Mann Dann wird auch der letzte Unterschied der Unterschied der Jahre
von uns nicht mehr empfunden werden wie ich ihn denn jetzt kaum noch empfinde
Dann werde ich vielleicht zu Dir aufschauen wie Du jetzt zu mir dann wirst Du
mir doppelt und dreifach das Wenige bezahlen das ich jetzt für Dich tun kann
dann werde ich  und wie gern  Dein Schuldner sein
    O das wird nie geschehen sagte Bruno Du wirst immer unerreichbar weit von
mir vorauseilen ich werde nie auch nur das werden was Du jetzt schon bist
    Du Närrchen sagte Oswald und streichelte liebevoll Brunos Haar Du sitzt
jetzt im Parterre vor der Bühne des Lebens und der Felsen von Pappe erscheint
Deinem begeisterten Auge ein Urgebirge und all die Trödlerwaare echt Wenn Du
erst selbst auf die Bühne trittst wird Dir der holde rosige Schleier der
Illusion von den Augen fallen und Du wirst Deinen Irrtum erkennen Aber wenn
auch Du wirst wenn Du von Deinem ersten schmerzlichen Erstaunen Dich erholt
hast begreifen dass es nicht anders sein kann und Deinen Bruder nicht
verachten weil Du siehst dass sein stolzer Rittermantel von verschossener Seide
und arg geflickt ist und seine Sporen eitel Messing  doch still da kommen uns
Herr Timm und Mademoiselle entgegen Es scheint Herr Timm will die gute
Gelegenheit seine Aussprache des Französischen zu cultiviren nicht unbenutzt
lassen Wir wollen ihn in diesem edelen Streben nicht stören Lass uns in diesen
Gang einbiegen
    Herr Timm der jetzt Arm in Arm mit Mademoiselle Marguerite ohne Oswald und
Bruno zu bemerken eifrig sprechend und seine helle Stimme dabei sorgfältig
dämpfend vorüberstrich hatte in der Tat »die gute Gelegenheit« obgleich in
etwas anderer als in der von Oswald abgedeuteten Weise zu nutzen verstanden
Auf seine Aussprache des Französischen legte der junge Mann sehr wenig Gewicht
desto mehr aber auf den soliden Vorteil den ihm die Gunst der jungen Dame
welche dem innern Hauswesen des Schlosses vorzustehen schien während eines
voraussichtlich mehrere Wochen lang dauernden Aufenthalts in Grenwitz gewähren
musste und sich diese Gunst die auch vielleicht in anderer Weise die Monotonie
des Landlebens in angemessener Weise mildern konnte möglichst schnell zu
erwerben war Herr Albert Timm in dem allerliebsten verschwiegenen têteàtête
mit der kleinen Französin eifrigst bedacht gewesen Die Unterhaltung war von
beiden Seiten ohne einem gelegentlichen französischen Worte das Dasein zu
verkümmern deutsch geführt worden da Mademoiselle das Deutsche ziemlich und
Herr Timm das Französische sehr schlecht sprach und dem jungen aufrichtigen
wahrheitsliebenden Mann nichts verhasster war als der Gedanke nicht verstanden
oder gar missverstanden zu werden
    Und sind Sie schon lange hier fragte er
    Drei Jahre
    Der Tausend und Sie sind vor langer Weile noch nicht gestorben Sie müssen
eine famose Natur haben
    Plaitil
    Ich meine das muss doch zum Verzweifeln langweilig sein Jahr aus Jahr ein
in diesem öden Nest zu hocken und noch dazu in so ausnehmend interessanter
Gesellschaft Aber Sie haben wohl viel zu tun
    Enormèment Ich muss arbeiten comme un forçat 
    Komme was
    Vous ne savez pas ce que cest quun forçat
    Nein  schadet aber nichts Wollen einmal sagen wie ein Pferd das wird
wohl auf dasselbe herauskommen Also Sie müssen arbeiten wie ein forçat
    Justement ich muss aufschließen und zuschliessen alle Schlösser 
    Hat auch sein Angenehmes bemerkte Herr Timm
    Ich muss hören den ganzen Tag Mademoiselle tu Sie dies Mademoiselle tu
Sie das Und des Abends wenn ich bin müde dass ich nicht kann offen halte die
Augen ich muss lesen aus die alte dumme Bücher bis Madame hat die Güte zu
sagen cest assez  Non madame ce nest pas assez cest trop  mille fois
trop sagte die lebhafte kleine Dame und stampfte mit dem Fuße
    Sie scheinen in einer allerliebsten Stimmung sagte Herr Timm doch das ist
recht sprechen Sie sich aus  das erleichtert das Herz  aber wenn die Baronin
Ihnen ein solches Vertrauen schenkt so müssen Sie doch auch in großer Gunst bei
ihr stehen
    Au contraire Sie mich braucht weil sie muss Sie würde mir heute geben mon
congé lieber als morgen Sie mich hat gern weil ich nicht nötig habe viel
Schlaf und weil ich esse wenig
    Na da werde ich nie ihr Liebling werden sagte Herr Timm Aber Sie armes
Kind da sind Sie ja in einer schauderhaften Situation Viel Arbeiten und keinen
Dank dafür früh aufstehen und dafür spät zu Bette gehen den ganzen Tag
dreschen müssen wie das gutmütige Tier in der Bibel ohne die demselben
verstattete Freiheit  das halte ein Anderer aus Sie sollten sich verheiraten
Mademoiselle
    Marguerite zuckte die Achseln wer wird wollen mich eiraten Je suis si
pauvre et si laide
    Was ist das
    Ich sage ich bin arm und ich bin ässlich
    Das Erstere will ich zugeben sagte Herr Timm das Zweite ist aber eine arge
Verleumdung Sie hässlich Au contraire Sie sind hübsch Mademoiselle très
hübsch belle sehr belle 
    Vous plaisantez Monsieur
    Ohne Spaß sagte Herr Timm Sie sind wirklich ein auffallend hübsches
Mädchen Erstens haben Sie eine reizende Gestalt 
    Trop petite sagte Marguerite
    Nicht die Spur versicherte Herr Timm zweitens haben Sie wunderhübsche
braune Augen eine reizende Hand einen entzückend niedlichen Fuß 
    Mais monsieur
    Was denn es ist ja wahr was wahr ist darf man sagen Ich wette dass
Monsieur le docteur Stein vollkommen meiner Meinung ist Lieben Sie den Doctor
    Ich ihn lieben sagte die kleine Französin mit großer Lebhaftigkeit ich ihn
lieben  ich ihn asse
    Na na sagte Herr Timm warum denn er ist doch ein sehr schöner Mann
    Cest un bel homme mais cest un fat
    Un was
    Er ist ein Narr oui ein Narr qui est monstrueusement amoureux de luimême
mais avec toute sa fierté je me moque de lui je me moque de sa fierté oui je
men moque moi
    Bitte ereifern Sie sich nicht und sprechen Sie vor allen Dingen deutsch
wenn Sie wünschen dass ich Sie verstehen soll Was hat Ihnen denn der
Unglückliche getan
    Lui malheureux Il nest pas malheureux ce monsieurlà Tout le monde le
flatte le cajole 
    Aber so sprechen Sie doch um Himmelswillen deutsch
    Glauben Sie dass er hat gesprochen zehn Worte mit mir seitdem dass er hier
ist
    Das ist freilich abscheulich Ah da habe ich mir schon wieder den Fuß an
eine so verdammte Baumwurzel gestoßen Ich bin im Dunkeln so blind wie ein
Maulwurf Sie täten wirklich ein Werk der Barmherzigkeit wenn Sie meinen Arm
annehmen und mich ein wenig führen wollten
    Très volontiers Monsieur
    Also so ein eitler Herr ist dieser Doctor Stein sagte Herr Timm den Arm
der hübschen Marguerite in den seinen legend und dabei ziemlich fest an seine
Brust drückend ei wer hätte das gedacht Na wissen Sie was liebe Marguerite
 welch ein reizender Name das ist Marguerite  ich darf Sie doch Marguerite
nennen  Ja was ich sagen wollte ärgern Sie sich nicht über den albernen
Menschen liebe Marguerite Wenn er nicht mit Ihnen sprechen will so ist das
sein eigener Schade und wenn er Sie nicht hübsch findet so finden Sie dafür
andere Leute desto hübscher ich zum Beispiel obgleich ich sehr kurzsichtig
bin besonders hier in diesem Baumgange wo es so dunkel ist dass man wahrhaftig
nicht die Hand vor den Augen sehen kann  Fürchten Sie sich kleine Marguerita
Nein warum klopft denn Ihr Herz so oder hätten Sie mich gar aus Versehen ein
bisschen lieb Haben Sie mich ein bisschen lieb Marguerite Geniren Sie sich gar
nicht mir kann man Alles sagen Oder sagen Sie lieber nichts und geben Sie mir
einen Kuss Sie wollen nicht  so das ist vernünftig Ihr Franzosen und
besonders Ihr Französinnen seid eine charmante Nation Aber warum weinst Du
denn kleiner Narr Ist es bei Euch denn ein Staatsverbrechen einem ehrlichen
Kerl einen Kuss gegeben zu haben und noch dazu im Dunkeln  Verdammt da kommt
der alberne Mensch der Doctor mit seinem Grasaffen  Bon soir meine Herren
wir können hier Begegnen spielen
    Oder Blindekuh sagte Oswald und noch dazu ohne Binde Ich dächte wir
gingen hinein Wenn ich nicht irre hat die Baronin schon nach Mademoiselle
gerufen
    Herr und Frau Pastor Jäger hatten sich unter vielen Danksagungen und
Freundschafts und Ergebenheitsversicherungen empfohlen um auf dem Einspänner
in die idyllische Ruhe von Faschwitz und unter »ihr niedriges Dach«
zurückzukehren Oswald und Herr Timm  Bruno hatte sich schon einige Minuten
vorher entfernt  stiegen die Wendeltreppe des Turms hinauf um sich auf ihr
Zimmer zu begeben
    Das ist Ihr Zimmer so viel ich weiß Herr Timm sagte Oswald vor einer der
vielen Türen stehen bleibend die auf denselben Korridor gingen welcher Stufen
auf Stufen ab in vielfachen Biegungen durch alten Teil des Schlosses wo
Oswald und die Knaben wohnten und mehrere der weniger stattlichen Gastzimmer
lagen führte
    Und wo ist denn Ihre Bude Herr Doctor
    Ein paar Türen weiter
    Sind Sie sehr müde
    Nicht besonders
    So erlauben Sie mir noch ein paar Minuten mit zu Ihnen zu kommen Ich
empfinde das sehr natürliche Bedürfnis nach all dem Unsinn den ich geschwatzt
und habe schwatzen hören in vernünftiger Gesellschaft eine gute Zigarre zu
rauchen
    So kommen Sie sagte Oswald der viel lieber allein geblieben wäre aber
eine zu hohe Meinung von der Pflicht der Gastfreundschaft hatte um eine so
indirecte Anrufung derselben zurückzuweisen ob Ihnen freilich meine Zigarren
gut und meine Gesellschaft vernünftig genug 
    Um Gotteswillen für heute nicht noch mehr Komplimente rief Herr Timm ich
bin mit dem bereits Genossenen vollkommen zufrieden Bitte spazieren Sie voran

    Eine reizende Bude sagte Herr Timm als sie in das Zimmer getreten waren
und Oswald die Lampe auf dem runden Tisch vor dem Sopha entzündet und ein
Kistchen mit Zigarren aus seinem Secretair geholt hatte eine allerliebste Tonne
für einen Cyniker der gelegentlich bei den Sybariten in die Schule geht
wirklich famos behaglich für meinen Geschmack fast zu behaglich Der große
Lehnstuhl in der tiefen Fensternische von dem man auf der einen Seite so bequem
in den Garten und auf der andern »still und bewegt« nach dem schönen
Apollokopfe dort auf dem Schranke blicken kann Natur und Kunst visàvis und
man selbst mitten dazwischen wie der Mann sagte als er aus dem Luftballon
fiel  Die Zigarre ist superb wirkliche Havannah und keine Stinkadores 
rauchen Sie nicht nein und halten sich für Ihre Freunde und Bekannten ein
solches Blatt  Edelster der Menschen der heilige Crispinus ist ja ein
Strassenräuber im Vergleich mit Ihnen Was haben Sie denn da in der höchst
verdächtig aussehenden Flasche oben auf dem Bücherbrett ich glaube gar Kognac 
    Und noch dazu alten echten sagte Oswald wenigstens versichert es mein
Freund der Inspector Wrampe der mir diese jedenfalls geschmuggelte Flasche
aufgenötigt hat 
    Und noch nicht einmal entkorkt  Me herculem Da müssen wir doch einmal
untersuchen ob der Inspector Sie nicht belogen hat Trinken Sie auch ein Glas
Grog
    Ich nicht aber lassen Sie sich dadurch nicht abhalten sagte Oswald
gutmütig die Flasche herabnehmend und entkorkend ich will auf meiner Maschine
Wasser heiß machen 
    Bewahre wozu die Umstände kaltes Wasser tut dieselben Dienste besonders
in geringer Quantität  das ist ja ein reizender Abend sagte Herr Timm sich
vergnügt die Hände reibend Nun setzen Sie sich gefälligst in die Sophaecke
damit ich die Überzeugung gewinne dass Sie sich so behaglich fühlen wie sich
Jemand der nicht raucht und trinkt überhaupt fühlen kann ich werde mir den
Lehnstuhl heranrücken  was der Kerl für eine Wucht hat  und nun lassen Sie
uns eins plaudern wie es sich für zwei ehrliche Kerle geziemt die dem ganzen
Blödsinne der sogenannten guten Gesellschaft ein Schnippchen schlagen
    So sprach Herr Timm zog mit dem Fuße noch einen Rohrstuhl herbei um seine
Beine darauf zu legen und streckte sich behaglich den Kopf etwas
hintenübergebogen um dem Rauch seiner Zigarre bequemer und länger nachschauen
zu können
    Der Schein der Lampe fiel ihm dabei voll ins Gesicht und Oswald bemerkte
jetzt zum ersten Male dass Herrn Timms Züge besonders im Profil gesehen wo die
kecken sauberen Linien zur vollen Geltung kamen wirklich überraschend hübsch
und interessant waren Diese Entdeckung war für Oswald durchaus nicht
gleichgültig Er ging noch einen Schritt weiter als Voltaire und hielt dafür
dass nicht nur von den Büchern sondern auch von den Menschen das genre ennuyeux
das schlimmste sei und bei einem überaus regen und durch Studien vielfach
gebildeten Formensinn ließ er sich von seiner leidenschaftlichen Liebe für
malerische und plastische Schönheit in einer Weise herrschen dass sein Gefühl
des Wahren und Guten dabei Gefahr lief nicht unterdrückt aber doch getrübt zu
werden So war es in diesem Falle Herrn Timms formenloses Wesen und nur dünn
verschleierter derber Realismus hatten ihn im Laufe des Abends ein paar mal
recht empfindlich beleidigt und er war schon entschlossen gewesen den Verkehr
mit dem übermütigen Gesellen während dessen Verweilen in Grenwitz auf das
Unvermeidliche zu beschränken aber während er jetzt die Umrisse des hübschen
Gesichtes im Geiste nachzeichnete hatte er den kaum gefassten Vorsatz schon halb
und halb vergessen
    Wollen Sie einmal ein paar Minuten so sitzen bleiben sagte er
unwillkürlich nach einem Bleistift greifend und auf dem ersten Blatte das ihm
auf den mit Büchern und Papieren bedeckten Tische in die Hände fiel anfangend
Alberts Profil zu skizziren
    Eine halbe Stunde wenn Sie wollen sagte dieser ich liege vortrefflich
wenn ich nur dabei rauchen sprechen und gelegentlich einen Schluck dieses
irdischen Nektars nehmen darf
    Lassen Sie sich gar nicht stören sagte Oswald eifrig zeichnend
    Es ist doch ein merkwürdiger alter Kasten dies Schloss phantasirte Albert
ich glaube ich habe verdammt wenig Sinn für Romantik aber ich brauche nur den
Fuß auf die Wendeltreppe zu setzen die in diesen Flügel führt und mich umwehen
Schauer des Mittelalters Selbst meine Sprache wird eine andere wie Sie hören
und kriegt einen Beigeschmack von van der Velde und Tromlitz Welche Mauern man
würde jetzt ein Dutzend daraus machen Wenn es damals wie zu vermuten steht
auch Leute gegeben hat mit denen man Türen und Wände einrennen konnte welche
dicken Schädel müssen die gehabt haben
    Wollen Sie gefälligst einmal die Brille abnehmen sagte Oswald
    Mit Vergnügen Hätte ich im Mittelalter gelebt würde ich mir nicht an der
Lektüre schlecht gedruckter Schmöker die Augen verdorben haben Wenn das
Mittelalter überhaupt einen Vorzug vor unserer Zeit hatte so ist es der dass
die Leute nichts zu lernen brauchten Denken Sie sich keine Schulen keinen
Kornelius Nepos keine Geschichte des Mittelalters keine Examina bloß ein paar
Fechtstunden bei einem alten Haudegen von Knappen der wie der Klosterbruder im
Nathan der Herren gar viel gehabt und von dem einen noch immer ein hübscheres
Schelmenstückchen zu erzählen weiß als von dem andern und dann etwa wenn man
Anspruch auf höhere Bildung machte ein paar Lectionen auf der Laute bei einem
lustigen fahrenden Gesellen der voller hübscher Lieder und toller Schwänke
steckt der vor tausend Türen gesungen und eben so viel schöne Mädchen geküsst
hat  das muss doch ein famoses Leben gewesen sein Und vor Allem diese
Leichtigkeit der Ortsveränderung diese unbedingte oder höchstens durch ein
paar handfeste Bursche die einem in dem ersten besten Hohlweg den Schädel ein
ganz klein wenig einschlagen bedingte Freizügigkeit George Sand hat einmal ein
hübsches Wort gesagt das einzige das ich aus allen ihren vielen Romanen
behalten habe wahrscheinlich weil es mir aus der Seele geschrieben war »Was
gibt es schöneres als eine Landstraße« Ist das nicht prächtig Ist das nicht
die ganze Poesie zum wenigstens die Poesie des Abenteuerlichen in einem Worte
Ich könnte die Frau küssen für das Wort obgleich sie ein Blaustrumpf ist und
ich die blauen Strümpfe hasse wie den Teufel oder vielmehr ärger als den
Teufel der doch im Grunde nur ein verkanntes Genie ist und als solches auf die
Sympatie jedes Gebildeten Anspruch machen kann Aber wenn Einen in unserer Zeit
der Teufel und seine Helfershelfer und Diener auf Erden die Gläubiger plagen
wo soll man hinfliehen vor ihrem Angesicht Damals in der guten alten Zeit
packte man eines schönen Morgens vor Sonnenaufgang sein Ränzel oder in
Ermangelung dessen sich selbst marschirte zum Tor hinaus und war wenn man
nach einer Stunde das Weichbild der Stadt hinter sich hatte in Sicherheit und
ehe der Abend kam musste einem schon so viel Abenteuerliches begegnet sein dass
man die alte Stadt und das hübsche braune Mädel darin für die man gestern noch
leben und sterben wollte bis auf die Erinnerung vergessen hatte  Sind Sie
fertig Na lassen Sie einmal sehen Hm Sie zeichnen wie der Maler Konti in
der Emilia Galotti nicht was die Natur geschaffen hat sondern was sie hätte
schaffen sollen wenn sie in dem betreffenden Augenblicke nicht
unglücklicherweise blind gewesen wäre Sehr hübsch in der Tat, aber das
Original ist mir doch lieber Und Dichter sind Sie auch wie ich sehe
    Wie so
    Nun die andere Seite des Blattes ist ja von oben bis unten mit Versen
beschrieben Und noch dazu Sonette die ich über Alles liebe Ich darf sie doch
lesen
    Es ist nicht des Lesens wert sagte Oswald den Alberts Frage sichtbar
verlegen machte  Die Verse waren an Melitta waren in der Erinnerung an die
erste köstliche Zusammenkunft im Waldhäuschen geschrieben Er glaubte das Blatt
sicher in seinem Pult verwahrt und bereute bitter seine Unvorsichtigkeit die
es jetzt seinem übermütigen und wie er fürchten musste keineswegs sehr
discreten Gast in die Hände gespielt hatte Glücklicherweise war Melittas Name
nicht genannt
    Nicht des Lesens wert sagte Albert das wollen wir gleich einmal sehen
Dichter haben kein objectives Urteil über ihre Producte Denken Sie einmal ich
hätte der Verse gemacht und fühlte mich gedrungen sie Ihnen verzulesen Hören
Sie zu
                                Sie liebt mich
Der Anfang ist weniger originell als wahr Aber Sie werden mir zugeben dass man
ein so uraltes Thema nicht immer wieder neu behandeln kann Also
Sie liebt mich Herz hör auf so wild zu schlagen
Halt aus mein Herz Du darfst nicht auch zerspringen
Weil er zersprang der erste von den Ringen
Die Du so lange Jahre hast getragen
Sie liebt mich wie die Wolken eilend jagen
Da droben auf des Nachtwinds feuchten Schwingen
Die Wälder rauschen und die Quellen klingen
Und Wolken Wälder Quellen  Alle sagen
Sie liebt mich O noch schwebt auf meinem Munde
Der süße Kuss den sie mir hat gegeben
In dieser holden gnadenreichen Stunde
Noch fühl ich ihre Brust an meiner beben 
Die stumme wunderbar beredte Kunde
Von ihres Herzens tiefgeheimstem Leben
Wie finden Sie das Ich dächte ich hätte das erste stürmische Entzücken eines
Liebenden in dem Augenblicke wo er sich der Gegenliebe des angebeteten Wesens
versichert hat gar nicht so übel gezeichnet Aber hören Sie weiter wie das
Allegro in ein Adagio verklingt
O sterngeschmückte milde heilge Nacht
Du grabesstiller tiefer Gottesfrieden
Du heilst die Kranken und erquickst die Müden
Nach ihrer wirren tollen Lebensjagd
Und Du hast mich so überreich bedacht
Du hast mir gnädiglich ein Glück beschieden
Wie es so groß und schön noch nie hienieden
Der Erdenkinder einem hat gelacht
O Mutter Nacht die Du uns hast geboren
Die Du uns trugst in Deinen weichen Armen
An deren Brust wir Kraft und Ruhe trinken 
O ginge einst mein holdes Glück verloren
Dann große gute Mutter üb Erbarmen
Dann lass zurück in Deinen Schoss mich sinken
Albert hatte die Verse ohne alle Affection klar und verständig ja mit einem
gewissen Anflug von Wärme vorgetragen Oswald wusste ihm Dank dafür Er hatte
schon gefürchtet die Gedichte auf die er freilich nur in sofern Wert legte
als sie ein treuer Ausdruck seiner Empfindungen waren von dem frechen Spötter
ihm gegenüber schonungslos profanirt zu sehen Er war froh so leichten Kaufs
davon gekommen zu sein
    Machen Sie nie Verse fragte er indem er das Blatt nahm und in ein Heft
legte das noch andere Poesien zu enthalten schien
    Ich sagte Herr Timm einen tiefen Schluck aus seinem Glase tuend bewahre
dazu bin ich viel zu praktisch Die praktische Weltanschauung und die poetische
vertragen sich wie Hund und Katze Wenn das Kätzchen Poesie gerade am
zärtlichsten miaut bellt der Hund Prosa mit seiner groben Stimme dazwischen und
die kleine Schwärmerin verstummt Warum wollen Sie zum Beispiel Knall und Fall
sterben wenn Ihnen das »holde Glück« wie Sie es nennen verloren geht Das ist
doch so unpraktisch wie möglich Warum sagen Sie nicht statt »Dann lass zurück
in Deinen Schoss mich sinken«  »Dann lass mich schnell in andere Arme sinken« 
oder dergleichen wodurch das Gemüt des Hörers beruhigt und vor seinem Auge
eine höchst angenehme Perspective aufgetan würde Was habt Ihr Poeten denn
überhaupt davon einem das bisschen Vergnügen das man sich noch allenfalls auf
diesem melancholischen Planeten verschaffen kann geflissentlich zu verkümmern
Aber freilich ich spreche davon wie ein Blinder von der Farbe Vielleicht
befindet Ihr Euch dort oben in Wolkenkukuksheim Alles in Allem doch besser
als wir auf der höckrigen Erde wo man von Hühneraugenschmerzen und anderen
irdischen Empfindungen die Euch luftigen Gesellen erspart sind gar viel zu
leiden hat Ich habe mir schon manchmal gewünscht ich hätte ein bestimmt
ausgesprochenes Talent für diese oder jene Kunst Poesie Musik
Hühneraugenoperiren Malerei Grimmassenschneiden Plastik Gliederverrenken 
gleichviel nur irgend einen Sparren an dem man sich halten kann wenn einem
die Wellen des Lebens über den Kopf zusammenschlagen Ich erinnere mich einmal
in einer Tierbude an einem Dachs gesehen zu haben welcher Segen im Unglück ein
solches Talent ist Die übrigen talentlosen Bestien liefen wie verrückt in ihren
Käfigen umher oder brüllten vor Wut und Hunger oder ergaben sich im besten
Falle einer stummen Verzweiflung Meister Dachs dagegen seinem angeborenen
künstlerischen Triebe folgend arbeitete unverdrossen an einer imaginären Höhle
in dem Boden seines Käfigs kratzend kratzend immer kratzend vom Morgen bis
zum Abend Er vergaß dabei augenscheinlich Hunger und Kälte vergaß dass er
gefangen war in der Ausübung seines Talents selbst unter so verzweifelt
ungünstigen Verhältnissen seine Seligkeit findend Ich wollte ich wäre so ein
Dachs  Der Kognac ist wirklich superb Sie sollten auch ein Glas trinken
Doctor um die Wolken von Ihrer Apollostirn zu verscheuchen  Aber ich habe zu
Allem Talent das heißt zu Nichts In meiner Jugend war ich weit und breit als
ein Wunderkind verschrieen weil ich wie ein Staarmatz Alles nachpfiff was mir
die Andern vorpfiffen Der Junge wirds einmal weit bringen sagten die albernen
Menschen wenn ich wieder einmal so eine erstaunliche Probe meines
Gedächtnisses in welchem alles Dumme und Kluge gleich fest haftete zum Besten
gab Ich wollte ich hätte sitzen und schwitzen müssen wie die andern armen
Jungen denen ich damals die Exercitien machte und die dafür jetzt gemachte
Leute sind während ich nicht viel Besseres bin wie ein Vagabund Aber vive la
joie et vive la bagatelle Es muss auch Vagabunden geben aus dem einfachen
Grunde weil es sonst keine soliden Leute gäbe Die Vagabunden sind das Salz der
Erde oder wenigstens der fliegende Same der die sonst fest am Boden klebende
und am Boden verrottende Kultur über die ganze Erde verbreitet Vagabunden
gründeten Kartago Vagabunden gründeten Rom Was soll ein ehrlicher Kerl der
in Europa nicht mit einer echten HavannahZigarre im Munde geboren ist anders
tun als nach Amerika auswandern wenn er das sehr natürliche Bedürfnis
empfindet einmal eine echte Zigarre zu rauchen und sie nicht gerade stehlen
will oder nicht das Glück hat einen so liebenswürdigen Menschen aufzutreiben
wie Sie der Sie sich echten Kognac und echte Zigarren für Ihre Bekannten halten
und dabei noch die Gutmütigkeit haben dem Geschwätze dieser Bekannten
zuzuhören obgleich Ihnen die Augen beinahe vor Müdigkeit zufallen Der Tausend
Der Inhalt der Flasche hat sich fast um den dritten Teil seines Volumens
verringert Wie vergänglich doch alles Irdische ist Buona notte Don Oswaldo
dormite bene und träumen Sie dolce von den bei occhi della donna bella amata
immaculata Ihrer Sonette Ich für mein Teil will wie Hamlet beten gehen denn
nicht einmal zum Schlafen habe ich Unglücklicher Talent geschweige denn zum
Träumen Gute Nacht Dottore
    Gute Nacht sagte Oswald sich schlaftrunken aus seiner Sophaecke erhebend
und Albert bis zur Tür begleitend
    Keinen Schritt weiter Dottore sagte dieser Alles hat seine Grenzen und
als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte blieb er noch einen Augenblick
stehen legte den Daumen seiner rechten Hand an die Nase die übrigen vier
Finger schnell bewegend  eine Geste die für Oswald weniger schmeichelhaft als
für das kindlichharmlose Gemüt des Herrn Timm bezeichnend war
 
                              Dreissigstes Kapitel
Der drückenden Hitze die in der letzten Zeit geherrscht hatte folgten einige
kühle regnerische Tage
    An solchen Tagen erschien Schloss Grenwitz noch öder und einsamer als
gewöhnlich Sonst kam wenn auch Niemand anders doch wenigstens der
Sonnenschein zum Besuch und blieb bis zum Abend und drang in alle Räume selbst
in die verschlossenen Gesellschaftszimmer des oberen Stocks wo er flüchtig über
die Stühle und Sophas mit den kostbaren obgleich ein wenig verblichenen
Damastüberzügen weghuschte und hier und da ein Bild an der Wand begrüßte das er
schon seit hundert Jahren und darüber kannte Sonst waren wenn weiter auch
Niemand doch wenigstens die Spatzen lustig und guter Dinge die in den Löchern
des alten Turmes und in den Stuckornamenten des Neubaues nisteten und schon vom
frühesten Morgen sich so ungenirt über ihre Angelegenheiten unterhielten und
zankten als ob das Baronenschloss ihnen nicht mehr Achtung abnötigte als eine
Bauernscheune Und wem es trotz alledem zu einsam und öde im Schloss wurde der
konnte in den Garten hinabgehen wo die Blumen in noch viel schöneren und vor
allem frischeren Farben prangten als die Tapeten und die Stühle und die Sophas
drinnen in den Prunkzimmern wo über den bunten Blumen sich bunte Schmetterlinge
wiegten wo die Vögel jubilirten die Bienen geschäftig summten und für den
welcher Augen hatte zu sehen und Ohren zu hören allüberall ein wundersames
still geschäftiges an Leiden und Freuden reiches Leben herrschte
    Das war nun Alles anders an Regentagen Da konnten sich die Bilder an der
Wand ohne Furcht vor dem neugierigen Sonnenschein mit den Stühlen und Sophas
alte gemeinsam erlebte Geschichten erzählen so viel sie wollten da ließ
selbst die Spatzen ihre ewigen Streitigkeiten für den Augenblick ruhen oder
bissen sich in aller Stille um die besten und trockensten Plätze und in dem
Garten ließ die Blumen die regenschweren Köpfchen hangen und all das bunte
reiche Leben schien erstorben In den nassen Gängen und über die Beete weg
spielten die Winde Haschens und zerzausten dabei mitleidslos die armen Blumen
und warfen die Bohnenstangen um und fuhren die Bäume hinauf und schüttelten und
rüttelten an den Ästen dass die schlanken Zweige hinüber und herüber rauschten
    Dies melancholische Wetter passte nur zu gut für Oswalds Stimmung Seit dem
Tage in Barnewitz war eine Veränderung mit ihm vorgegangen die er sich selbst
kaum zu erklären wusste Es war als ob ihm plötzlich ein dichter Schleier über
die Augen gefallen wäre durch den hindurch ihm Alles farblos und reizlos
erschien es war als ob ihm eine feindliche Hand Wermut in den Kelch des
Lebens gemischt hätte aus welchem er in der letzten Zeit mit so vollen
gierigen Zügen getrunken Selbst das Bild der schönen lieben Frau die in dem
Allerheiligsten seines Herzens tronte schien seine Wunderkraft verloren zu
haben Wo war all die Seligkeit geblieben die ihn sonst bei der Erinnerung an
sie und an die einzig wonnigen Stunden die er mit ihr verlebt hatte erfüllte
wo die ruhelose Sehnsucht nach ihrem Anblick nach dem Ton ihrer Stimme wo die
fieberhafte Ungeduld mit der er die Sonne in ihrem Lauf verfolgte und die Nacht
herbeiwünschte unter deren Schutz er sich die enge Treppe die dicht neben
seinem Zimmer in den Garten führte hinabstahl um zu ihr zu eilen die seiner
in der verschwiegenen Kapelle harrte ihm oft schon ohne Furcht vor den
Schauern der Nacht und der Einsamkeit in dem Walde unter den hohen ernsten
finsteren Bäumen entgegenkommen war  Und doch wusste er dass sie jetzt einsam um
ihn trauerte dass sie ihm längst vergeben hatte was sein knabenhafter Trotz und
seine kindische Laune an ihr gefrevelt dass kein strafendes Wort kein
vorwurfsvoller Blick ihn empfangen würden wenn er zu ihr zurück käme dass sie
freudig ihre Arme ausbreiten und ihn an ihr liebevolles Herz ziehen würde Ach
nicht an ihr zweifelte er nicht an ihrer Liebe aber an sich selbst, an seiner
Liebe Wie dumpfes Glockenläuten wie Grabgesang tönten ihm noch immer die
letzten Worte Oldenburgs Wer von uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben
wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz und eine Stimme die er nicht zum
Schweigen bringen konnte raunte ihm zu wo er auch ging und stand und selbst
des Nachts in seinen wirren Träumen Du nicht Du nicht  In den Linien Deiner
Hand steht es ja geschrieben Das braune Weib im Walde sah es ja auf den ersten
Blick Du kannst nicht treu sein Du nicht Du nicht  Und als Du zu Melittas
Füßen sankst und den Schwur der Liebe und Treue stammeltest schloss sie Dir den
Mund ängstlich hastig als wollte sie Dir das Verbrechen des Meineids
ersparen o schwöre nicht Ich kann Dir Liebe schwören nun und Treue auf
immerdar aber Du nicht Du nicht 
    Regenwetter wie der Wind die Tropfen gegen die Fensterscheiben jagt dass
sie trüb werden wie verweinte Augen wie schwer und tief die Wolken schleppen
die grauen Trauermäntel als würden sie mit dem Saum die Wipfel der Pappeln
drüben auf dem Schlosswalle streifen Wer doch da draußen läge in der schwarzen
nassen Erde überhoben aller Qual des Zweifels und der Reue Wer doch Teil
haben könnte an dem ewigen Frieden der Natur wer doch Eines sein könnte mit den
Elementen mit dem Winde über die Erde brausen mit der Flamme zum Himmel
lodern mit dem Wasser des Stromes im Ozean verrinnen könnte
    Hat die schwermütige Weisheit der Inder Recht und ist das ganze
Menschenleben nur ein ungeheurer Irrtum sind wir Alle Alle nur verlorne
Söhne die das Haus des guten alten Vaters verließen um uns von Träbern zu
nähren Und ist es wahr dass wir zu jeder Zeit zu ihm zurückkehren können dass
wir zurücksinken können in den Schoss der lieben Mutter Nirwana der
uranfänglichen Nacht wenn wir es nur von ganzem Herzen wünschen Von ganzem
Herzen Wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz zum Leben und zum Sterben Du
nicht Du nicht  O wer sich selbst vertrauen könnte Wie in eine Götterwolke
gehüllt würde er die Gefahren des Lebenskampfes unverletzt durchwandeln und
wenn er fällt als Held fallen mit der Todeswunde auf der stolzen Stirn in der
mutigen Brust So aber ringst du mit dem feigen Zweifel dem jähen Schwindel
der uns auf steiler Felsenhöhe packt unser Blut gerinnen macht die Kraft
unserer Sehnen löst und uns zuletzt rettungslos in den Abgrund schleudert
    Oswald hob seufzend den Kopf von dem Fensterkreuz und lauschte Eine helle
Tenorstimme sang ein lustiges Wanderlied
    Wohl Dir murmelte Oswald der Du singend die Straße des Lebens einherziehst
und der Gefahren des Weges spottest
    Er schwankte einen Augenblick dann ging er seinen munteren Stubennachbar
aufzusuchen
    Albert brauchte nicht mehr Zeit sich an einem fremden Orte einzurichten
wie ein Araber um sein Zelt aufzuschlagen Und von einer Einrichtung konnte
eigentlich bei ihm keine Rede sein Er überließ es jeder seiner Sachen deren
nicht viele waren sich in seinem Zimmer einen Platz zu suchen Wollte der eine
Stiefel lieber auf dem Stuhle stehen und der andere mit dem Absatz nach oben auf
der Erde liegen  er hatte nichts dagegen Fand es der Frack das einzige
einigermaßen respectable Kleidungsstück dessen er sich erfreute behaglich in
einer Ecke des kleinen melancholisch aussehenden Koffers zu einem unförmlichen
Bündel geballt zwischen schmutziger Wäsche sein Dasein zu vergessen  er
wollte ihn in seinem Vergnügen nicht stören Und er selbst der glückliche
Besitzer all dieser emancipirten Herrlichkeiten stand trotz des kühlen Wetters
in Hemdsärmeln über ein großes Reissbrett gebeugt und pfiff und sang und
zeichnete und lachte Oswald wegen seiner Leichenbittermiene wie er es nannte
aus
    Dottore Dottore rief er Sie sehen aus als ob Sie von dem Grog den ich
gestern Abend getrunken den wildesten Katzenjammer gehabt hätten Wahrhaftig
Sie beschämen das Wetter Die Wolken draußen sind ja verglichen mit denen auf
Ihrer Stirn in hundert bunten Farben schimmernde Seifenblasen Haben Sie je als
Junge an einem schönen hellen Sommermorgen in der Bodenluke gesessen und aus
einem kleinen Stummel von Tonpfeife bunte Seifenblasen in die blaue Luft
hinausgesandt während unten zwischen den bleiernen Soldaten auf dem großen
Tisch der Kinderstube ein angefangenes lateinisches Exercitium lag für dessen
fragmentarischen Zustand Sie ein paar Stunden darauf von Ihrem Lehrer die
schönsten Prügel besahen Sehen Sie das ist das Bild des Lebens Unser Wissen
ist Stückwerk und unsere besten Exercitien bleiben Stückwerk die buntesten
Seifenblasen zerplatzen und die derbsten Prügel fühlt man eine Stunde nachher
nicht mehr Es ist Alles eitel vor allem aber unser Grämen darüber dass Alles
eitel ist Zum Kukuk Ich habe die Welt nicht gemacht und Sie so viel ich weiß
auch nicht Weshalb sollten wir Beide uns also darüber den Kopf zerbrechen Ich
zerbreche mir über nichts den Kopf über gar nichts zum Beispiel auch nicht
über diese Linie die ich offenbar zu kurz gemessen habe und die ich nun nach
Gutdünken mit Grazie verlängern muss bis sie diese Ecke hier trifft  nebenbei
eine höchst romantische Waldecke wo ich eine allerliebste stumpfnäsige
rotbäckige hochgeschürzte Bauerndirne traf die jedenfalls diese ganze
Konfusion veranlasst hat Na schadet nicht Die Rechnung kann ja nicht immer
rein aufgehen wozu wären denn sonst die Brüche da und das Grenwitzsche
Majorat bleibt darum doch was es ist eine ausgezeichnet schöne Erfindung
besonders für den Spatzenkopf den Malte Ist der Junge wirklich so dumm wie er
aussieht
    Durchaus nicht sagte Oswald der mit einem Stiefelknecht und einer
Botanisirkapsel aus der ein Strumpf von blauem Garn schamhaft hervorlugte das
Sopha im Zimmer teilte Malte kann nicht bloß bis fünf sondern sehr viel
weiter zählen Er hat zu Manchem ein ganz entschiedenes Talent besonders zum
Rechnen worin er Bruno der sehr wenig Sinn dafür hat weit vorausgeeilt ist
    Ja die Vorsehung ist wunderbar weise sagte Albert in einem kleinen
Näpfchen schwarze Tusche anreibend wem sie die Schildkrötensuppe des Reichtums
zugedacht hat bescheert sie gleich den silbernen Löffel dazu und wem sie den
Schiffszwieback der Armut darreichte versieht sie freundlichst mit hohlen
Backenzähnen damit er sich nicht lange über die trockene Kost zu ärgern
braucht Ich für mein Teil habe aus Versehen vortreffliche Zähne bekommen und
so mundet mir mein Zwieback ausgezeichnet so ausgezeichnet dass ich mich nicht
einmal über die hohlköpfigen dickbäuchigen silberne Löffel führenden
Schildkrötensuppe essenden verzogenen rechten Kinder der Stiefmutter Natur
erbosen kann Aber eines sollte mich doch freuen und das wäre wenn sich zu dem
Kodicil im Testamente des vortrefflichen im Delirium verstorbenen und jetzt in
Abrahams Schoss seinen Rausch ausschlafenden Baron Harald ein Liebhaber fände
    So kennen Sie auch die traurige Geschichte sagte Oswald
    Wer sollte die nicht kennen erwiderte Albert sich eine Zigarre anzündend
und sich auf die Lehne eines Stuhles setzend so dass seine Füße auf dem Sessel
standen Wird doch die Geschichte durch die testamentarisch vorgeschriebene
Publication zum fürchterlichsten Ärger der hochmütigen und ebenso geizigen wie
hochmütigen AnnaMaria alljährlich in den Zeitungen aufgewärmt obgleich ich
glaube dass es in den letzten Jahren gar nicht einmal mehr geschehen ist
    Es wundert mich sagte Oswald dass ich von der Sache niemals hörte bis ich
hierher kam und auch in den Blättern nie davon gelesen habe
    Wer bekümmert sich denn um die Publikandas Steckbriefe und sonstigen
heitern Bekanntmachungen wenn man wie wir von denselben weder etwas zu
fürchten noch zu hoffen hat Ich wüsste wahrscheinlich von dem originellen
Streich den Vetter Lüderlich Kousine Gieremund gespielt hat auch nicht mehr
wie Sie wenn mein Vater den als Juristen die Sache interessierte und der
glaube ich irgendwie dabei beteiligt war  möglicherweise war er dem Vetter
Lüderlich bei der Abfassung des Testamentes behilflich gewesen  nicht manchmal
davon gesprochen hätte Übrigens war die Aufforderung in ziemlich vagen
Ausdrücken abgefasst und lief ungefähr darauf hinaus dass die betreffende junge
Dame oder ein von ihr bis zum Ende ich erinnere mich nicht mehr welchen
Jahres geborenes Kind gleichviel ob masculini oder feminini generis sich bei
den unterzeichneten Testamentsexecutoren  natürlich unter Beibringung der
nötigen LegitimationsUrkunden  schleunigst melden möchten da ihnen von dem
zu seinen Vätern  die jedenfalls ebenso saubere Kunden waren wie der würdige
Sohn  versammelten Baron Harald ein bedeutendes Legat vermacht sei Worin dies
Legat besteht ist nicht gesagt Ich aber weiß und es wissens auch noch Viele
dass damit nichts weniger als zwei der schönsten Güter hier auf der Insel
Stantow und Bärwalde die ich ganz genau kenne da ich sie im vorigen Sommer
vermessen habe gemeint sind
    Es müsste allerdings eine reizende Überraschung für unsere liebenswürdigen
Freunde sein wenn der im Testament vorgesehene Fall einträte sagte Oswald
    Na ob erwiderte Albert leider ist dazu nur noch sehr wenig Aussicht da
das Legat nur fünfundzwanzig Jahre in suspenso bleibt und dann an die Familie
zurückfällt Von den fünfundzwanzig müssen aber mindestens zwei oder gar schon
dreiundzwanzig verflossen sein denn ich bin jetzt sechsundzwanzig und erinnere
mich dass ich mich jedesmal ärgerte nicht das testamentarische Alter zu haben
    Warum
    Um mich wenigstens in der reizenden Ungewissheit wiegen zu können ob ich
nicht am Ende doch der Ivanhoe wäre der aus seinem väterlichen Erbe
vertrieben unbekannt im Lande umherirrt trotz seiner ritterlichen Abstammung
mit Schweinehirten Freundschaft schließen und von alten schmutzigen Juden borgen
muss bis er endlich das Incognito fallen lassen und die schöne Rowena als sein
eheliches Gemahl heimführen kann obgleich ich für mein Teil auf den letzten
Punkt weniger Gewicht legen würde
    Haben Sie Ihrem Herrn Vater wenn Sie sich mit ihm von der mysteriösen
Angelegenheit unterhielten auch diesen für denselben so äußerst
schmeichelhaften Wunsch mitgeteilt
    Ich erinnere mich nicht indessen wenn ich es getan habe so hat der Alte
meine kindliche Regung wahrscheinlich sehr natürlich gefunden denn er war ein
sehr aufgeklärter Mann Einen Vater muss doch nun einmal jeder Mensch haben
obgleich diese so äußerst weise Einrichtung der Natur auch manchmal zum
Beispiel wenn man einen dummen Streich ausgeführt hat oder auszuführen
gedenkt ziemlich unbequem ist und da sehe ich nicht ein weshalb ich einem
Vater der mir zwei prachtvolle Güter hinterlässt nicht einem andern der mich
in die Welt laufen lässt wie ein Krokodil sein Junges ins Wasser das heißt mit
zwei Reihen ausgezeichneter Zähne und nichts zum Beissen dazu nicht den Vorzug
geben sollte auch wenn der Erstere in Betreff gewisser bei christlichen
Nationen landesüblicher Gebräuche mehr orientalischmuhamedanischen Ansichten
huldigte
    Das ist Geschmackssache sagte Oswald
    Gewiss erwiderte Albert obgleich ich überzeugt bin dass von hundert
Menschen wenn ihnen die Alternative nicht bloß als Problem sondern in
greifbarer Wirklichkeit gestellt würde sich neunundneunzig versteht sich mit
obligatem schamhaften Erröten zu meiner Ansicht bekennen oder sich auch noch
immer zu Ihrer Ansicht bekennen jedenfalls aber mit beiden Händen zugreifen
würden Verspürte doch selbst der große Göte ähnliche Gelüste obgleich er
natürlich vermöge seiner Größe noch ein paar Zweige höher nach den goldenen
Aepfeln schielte und gern eines Kaisers Sohn gewesen wäre während ich schon
mit einem Papa Baron zufrieden bin
    Der große Göte war als er diese Gelüste verspürte eben noch nicht der
große sondern ein ganz kleiner Göte und hatte wie andere Kinder kindische
Einfälle
    Na ich weiß nicht ob dem alten Geheimerat die beiden Güter nicht auch
willkommen gewesen wären denn in gewisser Hinsicht zum Exempel darin dass uns
gebratene Äpfel besser schmecken als PellKartoffeln bleiben wir Alle Kinder
und wenn wir Metusalems Alter erreichten Indessen dem sei wie ihm wolle
Wenn Sie ein besonderes Gewicht darauf legen Ihres Herrn Vaters Sohn zu sein
so wäre es Unrecht von mir Ihnen dies kindliche Vergnügen zu verleiden  Wie
wärs Dottore wenn wir unser philosophisches Gespräch als Peripatetiker im
Freien fortsetzten Der Himmel sieht freilich noch immer aus wie ein nasser
Scheuerlappen aber es hat doch wenigstens für den Augenblick aufgehört zu
regnen und ich meinesteils will lieber in die Sündflut hineinschwimmen als
den ganzen Tag in dieser langweiligen Arche Noah sitzen wo man sogar gegen alle
Natur und biblische Geschichte gezwungen ist ohne das betreffende weibliche
Exemplar der Species die man selbst repräsentirt leben zu müssen Sie können
doch schwimmen
    O ja sagte Oswald lächelnd
    Nun dann setzen Sie sich eine Mütze auf und kommen Sie die Jungen sind
jetzt unten beim Vesperbrod und werden ihren Mentor wohl auf eine Stunde
entbehren können
    Die beiden neuen Freunde gingen die enge Treppe die dicht neben Oswalds
Zimmer durch die gewaltige Mauer des unteren Stocks in den Garten führte hinab
Es regnete nicht mehr auch der Wind hatte aufgehört zu wehen aber der ganze
Himmel war mit schweren trüben Wolken bedeckt die mit jedem Augenblick tiefer
zu sinken schienen Aus den Kelchen der Blumen tropften die Regenperlen wie
helle Tränen aus überströmenden Kinderaugen Dann und wann ertönten leise
klagende Vogellaute aus den breiten Kronen der Bäume sonst tiefe Stille
allüberall
    Eine unaussprechliche Wehmut bemächtigte sich Oswalds Herz Das Leben
erschien ihm wie ein dumpfer beängstigender Traum durch den geliebte Gestalten
mit verhülltem Antlitz glitten Er gedachte Melittas aber wie einer Toten
    Auch Albert war still geworden in dem stillen Garten Lassen Sie uns weiter
gehen sagte er es ist hier wie auf einem Friedhof
    Sie gingen aus dem alten verfallenen Tore über die Zugbrücke in den Wald
den Weg nach Berkow denselben Weg zwischen den hohen ernsten Tannen den Oswald
an dem Abend seiner Ankunft auf Schloss Grenwitz daher gefahren kam und den er
seitdem mit wie verschiedenen Empfindungen nun schon so oft zurückgelegt hatte
    Jener Abend hatte eine Kluft in sein Leben gerissen deren Tiefe er jetzt
erst inne ward Seit jenem Abend war die weite Welt draußen hinter den stillen
Wäldern für ihn versunken und eine neue Welt war für ihn emporgeblüht eine
paradiesische Welt voll Liebe und Sonnenschein und jetzt war es ihm als
versänke ihm auch diese Welt unter den Füßen und die alte Welt draußen jenseits
der stillen Wälder läge ihm weit unerreichbar weit Würde er je mit frischen
mutigen Sinnen in diese Welt zurückkehren nicht sich stets zurücksehnen nach
der blauen Blume die ihm hier nahe wie noch nie geblüht hatte so nahe dass ihm
der Duft bis ins Herz gedrungen war Was war aus den stolzen Ideen geworden
denen nachzudenken sonst die Freude seines Lebens gewesen aus den kühnen
Plänen mit denen er sich schon Jahre lang getragen war Alles nun dahin und
dahin um eines Weibes willen um der Liebe willen zu einer Frau die nie die
seine werden konnte
    Nein und tausendmal nein Er musste sich losreißen aus dieser
sinnverwirrenden Zauberwelt und sollte es ihm das Herz zerreißen Ihm was war
an ihm gelegen er hatte ja kein ganzes Herz mehr zu verlieren aber sie  was
sollte dann aus ihr werden
    Ich glaube Ihre Melancholie steckt an Dottore sagte Albert als sie eine
Zeit lang schweigend nebeneinander hergegangen waren wie kann sich nur ein so
geistreicher Mann wie Sie von den Einflüssen der Witterung oder was Ihnen sonst
in den Gliedern steckt so gänzlich beherrschen lassen Ihr melancholischen
Genies seid doch pudelnärrische Menschen Immer heißt es bei Euch hie Welf
oder hie Waiblingen Die aurea mediocritas des Horaz ist für Euch umsonst
gepredigt Ihr wollt nicht darauf hören weil Euch der Stolz nicht erlaubt
jemals mittelmäßig zu sein und doch müsstet Ihr einsehen dass wir mittelmäßigen
Kinder der Natur uns zehntausendmal wohler in unserer Haut fühlen als Ihr
Wahrhaftig Dottore Sie können sich porträtiren und unter die Familienbilder
der Grenwitze oben im Saale hängen lassen es findet Sie Keiner als einen
Fremden heraus Die haben auch Alle so verteufelt melancholische Gesichter Mir
däucht man sieht es der Race an dass Jeder von ihnen so oder so zum Teufel
gehen musste wie sie es denn auch so viel ich weiß bis jetzt ohne Ausnahme
getan haben Die Gesichter  ich habe sie heute nach Tische der Reihe nach
durchgemustert  können alle als Titelkupfer zu grauslichen Räuber und
Rittergeschichten gestochen werden Die Gesichter erzählen von tausend
übertollen Streichen von durchzechten Nächten und vor allem von vielen
vielen schönen Weibern die sich an ihnen den Tod küssten Denn für die Weiber
wie ich sie kenne müssen Kerle mit solchen Fratzen unwiderstehlich sein vor
allem wenn die Kerle wie in diesem Falle reiche Barone sind Besonders ist
mir der Harald dieser Rattenfänger von Hameln aufgefallen Er ist nicht so
schön wie sein Vater Oskar mit dem Sie nebenbei wenn Sie so finster aussehen
wie eben ohne Schmeichelei eine merkwürdige Ähnlichkeit haben  aber er
scheint mir mit seinen großen verführerischen blauen Augen seinen so feinen
und doch so wollüstigen Lippen der wahre Typus dieser hochadeligen und
hochgefährlichen Race
    Sie tun mir wahrlich eine unverdiente Ehre an wenn Sie mich so ohne
weiteres mit dieser noblen Sippschaft zusammenstellen sagte Oswald
    Nein Scherz bei Seite erwiderte Albert Sie haben wirklich in Ihrer
Physiognomie den verhängnisvollen Grenwitzer Zug ich will Ihnen damit nicht
etwas Angenehmes sagen denn Andere ich für mein Teil zum Beispiel ziehe es
bei weitem vor denselben nicht zu haben Ja ich gehe noch weiter Ich wette
meine Karten der Grenwitzer Güter gegen die Güter selbst dass Sie im erb und
eigentümlichen Besitz dieser Güter dasselbe Leben führen würden das den
Grenwitzern bis auf die jetzt regierende Seitenlinie die gänzlich aus der Art
geschlagen ist erb und eigentümlich war
    Sie verpflichten mich in der Tat durch die so überaus wohlwollende Meinung
die Sie zu meinen Fähigkeiten und Neigungen haben zu dem lebhaftesten Dank
    Ironisiren Sie so viel Sie wollen ich bleibe dabei Sie würden es gerade
so machen wie die tollen Barone gegen die Sie eine so gründliche Antipathie zu
haben vorgeben vielleicht auch wirklich haben etwa so wie eine Dogge die an
den Karren gespannt ist eine Antipathie gegen die andere hat die frei
umherläuft
    Aber was ums Himmelswillen bringt Sie  was berechtigt Sie zu diesen
wunderlichen Hypotesen
    Meine tiefsinnigen und eben so oberflächlichen wie tiefsinnigen Studien in
der Physiognomik erwiderte Albert Ich war ein Adept dieser Wissenschaft von
Kindesbeinen an ja ein Märtyrer derselben denn ich habe mir für den
allzugrossen Eifer mit dem ich ihr oblag oft sehr derbe Prügel geholt wenn ich
in den Schulstunden anstatt aufzupassen die geistreichsten Karricaturen von
den Spatzen Affen Schafsund anderen Köpfen um mich her zeichnete denn
Ihnen brauche ich natürlich nicht zu sagen dass man das Charakteristische eines
Gesichts einer Gestalt am Schnellsten fasst wenn man sie zu carrikiren
versucht Aus Ihrem Gesicht nun wenn ich das Charakteristische stark betone
wird das schwermütige und das bei aller Schwermut so verführerischsinnliche
GottseibeiunsGesicht der Grenwitzer  GottseibeiunsGesicht nämlich aus der
armen Seele oder für die arme Seele der Mägdelein gesprochen die sich darin
vergaffen Ich will mich hängen lassen wenn Sie nicht noch im Leben ein
rasendes Glück bei den Weibern machen  und schon gemacht haben
    Und wenn ich Ihnen nun das Gegenteil versicherte
    So ist der Baron Harald kein Rattensänger sondern ein Nachtwächter gewesen
und nicht an seiner allzugrossen Neigung für junge schöne Weiber und guten alten
Wein sondern von vielem Studiren gestorben so hat die kleine Marguerite  die
nebenbei ein bildhübsches und auch nicht allzusprödes Kind ist  gelogen die
mich gestern versicherte sie hasse Sie was doch auf deutsch so viel heißt
als sie sei sterblich in Sie verliebt und so hat die Fama gelogen die Ihren
Namen mit dem einer anderen und allerdings zu höheren Ansprüchen als die kleine
Marguerite berechtigten Dame in Verbindung bringt
    Was meinen Sie fragte Oswald welcher fühlte dass ihm das Blut in die
Schläfen schoss
    Nichts mein Prinz nichts erwiderte Albert lachend muss man denn immer
etwas meinen wenn man etwas sagt Ich wollte nur auf den Busch klopfen ob die
Vögel vielleicht herausflögen Denn dass an Ihrer Melancholie nicht bloß das
Wetter schuld ich das zu sehen braucht man nicht einmal wie ich eine Brille
zu tragen und ein Physiognom trotz Lavater und Lichtenberg zu sein Wenn unser
Einer melancholisch ist sind immer ein paar schwarze oder blaue Augen mit im
Spiele Die schwarzen Augen der kleinen Marguerite sind es aber nicht denn ich
habe selbst gesehen mit welcher souveränen Gleichgültigkeit Sie das arme Ding
behandeln folglich sind es ein paar andere Augen und folglich wenn es ein
paar andere Augen sind müssen diese Augen doch irgend wem gehören und wenn sie
irgend wem gehören 
    Genug genug sagte Oswald trotz seiner bösen Laune über das lustige
Geschwätz des wunderlichen Gesellen an seiner Seite lachend Sie werden mir noch
nächstens beweisen dass ich der Mann im Monde bin und vor Liebe zu einer schönen
Prinzessin die auf dem Sirius wohnt mich kopfüber in den Weltraum
hineinstürze
    Warum nicht sagte Albert ich bin Merlin der Weise Ich kenne alle Raupen
die ein Mensch im Kopf haben kann ich höre einen Bären besonders wenn ich ihn
selber angebunden habe schon von weitem brummen und prophezeie dass wenn wir
nicht in fünf Minuten unter Dach und Fach kommen wir so ausgewachsen werden
wie man es nur im Interesse seiner Reinlichkeit wünschen kann
    Die Beiden befanden sich jetzt nachdem sie aus dem Walde getreten waren
auf dem offenen Felde zwischen dem Walde und den Häuslerwohnungenn von Grenwitz
Alberts Prophezeihung schien in Erfüllung gehen zu sollen Die trüben schweren
Dunstmassen senkten sich tiefer und tiefer dass es trotz der nicht allzuspäten
Stunde beinahe Nacht wurde schon fielen einzelne große Tropfen
    Sauve qui peut rief Albert Wie wärs mit einem kleinen Dauerlauf Dottore
bis zu jenem Häuschen
    Nur zu sagte Oswald
    Na das war noch gerade vor Torschluss sagte Albert als sie unter dem
vorspringenden Dache der Hütte angelangt waren und schüttelte sich wie ein
Pudel Meinem Rock hätte die Wäsche freilich nichts geschadet aber ich bin hier
doch lieber Nein wie das regnet wollen wir nicht in das Innere dieses
Pallazzo dringen Dottore oder glauben Sie dass das alte Weib das da zum
Fensterchen hervorlugt dieselbe Hexe ist die dieses Hexenwetter gemacht hat
    Guten Tag Mutter Klausen sagte Oswald der seine alte Freundin vom
Kirchgang nach Faschwitz erkannte
    Schön Dank Junker sagte Mutter Klausen und nickte freundlich mit dem
grauen Haupte ich habe Dich schon erwartet Komm nur herein und der Andere
auch wenn er Dein Freund ist
    Na was bedeutet denn das fragte Albert verwundert
    Folgen Sie mir nur erwiderte Oswald Sie sollen eine merkwürdige alte Frau
kennen lernen
    Und sie traten nicht ohne sich zu bücken durch die niedrige Tür der
Hütte
 
                           Einunddreissigstes Kapitel
Nur hier herein sagte Mutter Klausen Oswald bei der Hand ergreifend und ihn
von dem dunklen Flur in ein einfenstriges Stübchen ziehend das der größeren
Stube auf der andern Seite welche Oswald mit dem Inspector Wrampe den kranken
Knecht an jenem Abend getragen hatte gegenüber lag während sie sich um Albert
nicht weiter bekümmerte als wüsste sie dass dieser junge Mann das Talent hatte
seinen Weg auch im Dunkeln zu finden ich habe schon nach Dir ausgeschaut denn
ich weiß von Alters her dass Du nur zu gern in solchem Wetter umherläufst das
heiße junge Blut ein bisschen abzukühlen Bist wohl wieder durchgeweicht wie
gewöhnlich Nun das geht ja heute noch Da setze Dich in den großen Stuhl Es
hat Niemand von Euch darauf gesessen seitdem Baran Oscar heute vor
dreiundvierzig Jahren darin gestorben ist
    Für abergläubische Gemüter keine besondere Empfehlung sagte Albert auf
einer großen hölzernen Lade im Hintergrunde des Stübchens Platz nehmend während
die alte Frau Oswald in den Lehnstuhl drängte und sich zu seinen Füßen auf
einen niedrigen Schemel setzte indessen Ehre wem Ehre gebührt Sie nehmen sich
auf dem einzigen Prunkmeubel in diesem sonst äußerst prunklosen Gemach ganz
famos aus Dottore besonders bei dieser Rembrandtschen Beleuchtung und mit der
alten Frau à la Murillo zu ihren Füßen wie ein vertriebener König der bei
einer alten Fee im Walde Schutz sucht und findet während sein getreuer Eckart
im Hintergrunde sitzt und nickt Ich glaube wirklich das Laufen hat mich müde
gemacht und ich könnte ein paar Minuten schlafen Wecken Se mich Dottore wenn
es aufgehört hat zu regnen  und Albert streckte sich der Länge nach auf der
Lade aus legte die Hände unter den Kopf und schien trotz der für jeden Andern
wenigstens höchst unbequemen Lage nach wenigen Minuten während dessen nur das
monotone Tiktak der alten SchwarzwälderUhr in der Ecke und das Rauschen des
noch immer in Strömen herabfallenden Regens die lautlose Stille in dem kleinen
Gemache unterbrachen alles Ernstes eingeschlafen zu sein
    Mutter Klausen hatte ihr Strickzeug zur Hand genommen und stricke wieder
wie neulich an einem winzigen Kinderstrümpfchen emsig emsig dass die Nadeln
klapperten Nur von Zeit zu Zeit schaute sie zu Oswald empor und nickte ihm
freundlich zu als freute sie sich dass er gar so bequem in dem alten weichen
Lehnstuhl säße hier in der trocknen Stube während es draußen so unbarmherzig
regnete
    Nicht wahr Junker es sitzt sich gut in dem Stuhl sagte sie für einen
Augenblick das Strickzeug in den Schoss und die rechte Hand auf Oswalds Knie
legend Die gnädige Frau hat ihn mir geschenkt als der Baron gestorben war Sie
konnte den Anblick nicht ertragen sagte sie denn sie müsse dabei stets an den
Augenblick denken wo die Leute ihn hereintrugen als er mit dem Wodan gestürzt
war und hier in diesen Stuhl setzen und Harald kam herbeigelaufen und schrie
als er den Vater so bleich und entstellt sah und sie selbst lief im Zimmer
umher und rang die Hände und ich stand neben dem Baron und wischte ihm den
Todesschweiss von der Stirn Ich hatte damals keine Zeit zum Weinen ich wusste es
wohl dass ich hernach Zeit genug dazu haben würde
    Und wie alt war Baron Harald als sein Vater starb fragte Oswald
    Zehn Jahre antwortete Mutter Klausen und ihm wäre besser gewesen er wäre
an dem Tage gestorben  ihm und manchem Andern
    Die Alte hatte das Strickzeug das in ihrem Schoss müßig gelegen hatte
wieder zur Hand genommen und strickte emsiger wie zuvor als müsse sie die
verlorene Zeit einholen
    Ja ja sagte sie es wäre besser gewesen Damals war er ein bildhübscher
unschuldiger Junge mit Augen blau wie Veilchen und rosenroten Wangen und als
er starb 
    Die Alte schwieg  die Nadeln klapperten und der Regen latschte gegen die
Scheiben
    Nun sagte Oswald und als er starb 
    Da starb ein böser Mann und es war ein böses böses Sterben Ich weiß es
allein denn ich war allein mit dem Unseligen als der Tod ihn packte mit seiner
eisernen Faust Da rangen sie Beide der starke Harald und der starke Tod und
grässlich genug war es anzusehen so grässlich dass die Andern davon liefen  aber
ich wollte ihn nicht verlassen in seiner letzten Not denn er war böse wie er
war doch Oscars Sohn und ich hatte ihn als er ein unschuldig Kind war auf
meinen Armen getragen und auf meinen Knieen gewiegt So hielt ich aus und
betete während er sich und Gott verfluchte bis der Tod ihm aufs Herz schlug
dass er laut aufschrie und auf sein Kissen zurückfiel Da war es aus mit ihm und
seine arme Seele hatte Ruhe
    Und hatte der Baron keinen Freund der ihm in seiner letzten Stunde hätte
beistehen können
    Freunde genug und es waren Männer dabei die sich vor einem Sterbebette
nicht fürchteten aber vor Harald fürchteten sie sich er hätte den erwürgt und
zerrissen der ihm in dieser Stunde vor die Augen getreten wäre Ja ich möchte
sie wären gekommen Einer nach dem Andern es verdiente Jeder von ihnen dass ihm
der Hals wäre umgedreht worden
    Und wer waren diese schlimmen Freunde
    Zuerst Herr von Barnewitz nicht der auf Süllitz der noch lebt der Vater
von dem jungen Herrn von Barnewitz  das ist ein guter Mensch dem Keiner nichts
Böses nachsagen kann  sondern der auf Schmittow der hernach all sein Geld an
Herrn von Berkow verspielte und ihm dafür seine Tochter verkaufte
    Melitta stöhnte Oswald und seine Hände griffen krampfig nach den Lehnen des
Stuhls
    Was hast Du Junker sagte die Alte
    Nichts nichts murmelte Oswald mit übernatürlicher Anstrengung das aus
Abscheu Mitleid Hass und Rachedurst grauenhaft gemischte Gefühl niederkämpfend
das in seiner Brust aufkochte als er der Geliebten heiliges Bild so in den
Schmutz gemeiner Leidenschaften geschleift sah  Melitta verkauft von ihrem
eigenen Vater einem Manne verkauft den sie nicht liebte dem sie sich nur
vermählte ihren Vater von der Schande zu retten  Oswald fühlte dass dieser
Gedanke ihn wahnsinnig machen würde wenn er ihn bis zu Ende verfolgte und
zugleich fürchtete er der scharfsinnige Albert von dessen festem Schlaf er
keineswegs überzeugt war obgleich ein gelegentliches leichtes Schnarchen von
der Lade her ertönte könne seine Aufregung bemerken So zwang er sich denn
sitzen zu bleiben und mit scheinbarer Ruhe zu fragen
    Gehörte Herr von Berkow auch zu den Freunden des Barons war er damals nicht
noch zu jung
    Er war der Jüngste sagte Mutter Klausen und auch der Beste Er tat was
er die Andern tun sah ohne weiter zu überlegen ob es Recht sei oder Unrecht
Auch hatte er nicht die mächtige Natur der Andern Wo er eine Flasche trank
trank Harald drei und dabei blieb Harald bei Besinnung und Berkow lag unter dem
Tisch
    War es ein hübscher Mann fragte Oswald
    Nicht so hübsch wie Harald und lange nicht so hübsch wie Du Junker Er war
kleiner und schwächlicher wie Ihr und Harald hätte es mit sechs solchen Männern
zugleich aufnehmen können Aber es war auch weit und breit Niemand so stark und
so kühn wie Harald Er konnte das wildeste Pferd im Lauf aufhalten und zahm und
folgsam machen wie einen Hund und in den Sattel sprang er ohne den Bügel zu
berühren Sie erzählten sich Wunderdinge von seiner Riesenkraft aber es war
just so wie sie sagten Wenn er zornig war und er war es nur zu oft zerbrach
er einen schweren eichenen Stuhl oder Tisch als wären sie von Glas Dann
schwollen ihm die Adern auf der Stirn an wie Äste und er presste die weißen
Zähne knurrend an einander dass es gräulich anzusehen und anzuhören war aber
wenn er lachte und freundlich tat da musste man ihn doch wieder lieb haben Da
konnte er so schön tun und so gute Worte geben dass kein Mensch nicht glauben
konnte wie böse er war Denn böse war er bei alledem was ihm gefiel das musste
er haben es mochte kosten was es wollte und wenn Alles darüber zu Grunde
ging
    Waren Sie denn während dieser ganzen Zeit noch auf dem Schloss
    Warum nennst Du mich Sie Junker Du hast es ja sonst nie getan  ja wohl
war ich auf dem Schloss Mein Mann war ja gestorben und die Jungen und die
Dirnen waren gestorben und ich war ja die einzige die nach dem Tode der
gnädigen Frau Mutter noch ein bisschen auf Ordnung sah Ich war nicht gern da
das weiß der Himmel denn im Schloss ging es zu wie zu Sodom und Gomorrha Alle
Tage die sauberen Freunde und oft noch ein halb Dutzend dazu und dann gespielt
und gezecht bis an den hellen Morgen
    Kamen denn nie Damen aufs Schloss
    Nein selbst die frechsten und übermütigsten fürchteten sich vor diesen
wilden Männern Und es waren die meisten von ihnen auch noch nicht verheiratet
wie Herr von Berkow oder ihre Frauen waren gestorben wie dem Herrn von
Barnewitz seine Frau so konnten sie denn ihr böses Leben ganz ungestört führen
Freilich an Weibern fehlte es nie auf dem Schloss aber sie blieben niemals
lange und es waren immer nur solche an denen nichts zu verderben war bis auf
Eine bis auf Eine 
    Und wer war diese Eine
    Die Letzte  ein schöner unschuldiger Engel der auch die Teufel hätte
bekehren können aber Harald und seine Gesellen waren schlimmer als die Teufel
    Wie hieß sie woher kam sie
    Wir nannten sie nur Fräulein Marie woher sie kam habe ich nie erfahren
und eben so wenig wohin sie ging
    So hat sie sich das Leben nicht genommen wie die Leute sagen
    Nein denn dazu war sie zu fromm und gut sie hätte ihr Kreuz bis Golgata
getragen O sie war so jung und schön und so sanft und so lieb wie meine alten
Augen nie weder vorher noch nachher etwas gesehen haben Wenn ich gewusst
hätte dass sie gemeint war als Baron Harald über dem Weine mit Herrn von
Barnewitz um ich weiß nicht wie viel Tausend Taler wettete das Mädchen solle
ihm freiwillig nach Grenwitz folgen und freiwillig auf dem Schloss bleiben 
ich hätte sie Alle wie sie da saßen mit Gift vergeben wie schnöde Ratten
    Und wie fing es der Baron Harald an seine Wette zu gewinnen
    Es ist eine lange Geschichte Junker und ich will sie Dir erzählen Ich
sage Dir wenn alle Tropfen die draußen fallen Tränen wären und alle um das
arme Kind geweint würden  ich würde sagen es sind eben nur genug
    Als Harald mit Herrn von Barnewitz die schlimme Wette machte war er vorher
zwei oder drei Wochen mit ihm zusammen verreist gewesen ich weiß nicht wohin
ich glaube in eine große Stadt weit von hier und da hatten sie denke ich das
arme Kind gesehen Bald darauf reiste er wieder fort und diesmal blieb er zwei
Monate aus Endlich schrieb er er komme zurück aber nicht allein Seine Tante
Grenwitz komme mit ich solle die Zimmer der verstorbenen gnädigen Frau
auslüften und die Möbel gut ausklopfen lassen und Alles zu ihrem Empfang
herrichten Nun wusste ich wohl dass der Baron eine Grosstante hatte die
Schwester seines Großvaters aber sie musste nach meiner Rechnung achtzig Jahre
und drüber sein sie war zu meinen Lebzeiten nie in Grenwitz gewesen und hatte
sich nie um Harald bekümmert so wenig wie er sich um sie Deshalb war ich
nicht wenig erstaunt über den sonderbaren Entschluss noch in so hohen Jahren
eine so weite Reise zu unternehmen denn sie wohnte viele viele Meilen von
hier aber ich tat was mich der Baron geheißen hatte Sie kamen auch an dem
von ihm bestimmten Tage ich empfing sie und wunderte mich wie rüstig die alte
Dame noch war trotzdem sie an einem Stock ging und silbergrane Haare und
Augenbrauen hatte Harald war voller Respekt gegen sie er führte sie an seinem
Arm durch alle Zimmer des Schlosses und zeigte ihr Alles ganz genau besonders
die Familienbilder im großen Saale wo auch ihr eigenes hing wie sie als
achtzehnjähriges Mädchen gewesen war Davor blieben sie stehen und wollten sich
todtlachen und die Alte kriegte den Husten und Harald klopfte sie derb auf den
Rücken Ich wusste nicht weshalb sie so lachten  ich glaubte weil aus dem
schönen Mädchen ein so hässliches Weib geworden war denn damals ahnte ich noch
nichts von dem schöndlichen Spiel
    Am Morgen de nächsten Tages ließ der Baron wieder anspannen und die Tante
setzte sich zu ihm in den Wagen Wir kommen heute Abend wieder sagte er wenn
es auch spät werden sollte Wir bringen noch eine junge Dame mit die
Gesellschafterin bei Tante Grenwitz ist Sie muss das Zimmer nebenan haben hörst
Du Alte Aber Herr sagte ich in der roten Stube ist die Baronin gestorben
und es liegt und steht noch Alles so darin wie an ihrem Todestage So lass Alles
ausräumen sagte er hörst Du Alles und schaffe es in ein anderes Zimmer und
setze dafür andere Möbel hinein Die junge Dame muss in Tante Grenwitzs Nähe
schlafen Was sagst Du lieber Harald fragte die Tante die auf dem einen Ohre
taub war und auf dem andern auch nicht besonders hörte so dass sie mich
durchaus nicht verstehen konnte so laut ich auch schrie Nichts nichts liebe
Tante sagte der Baron fort Jochen
    Es war spät in der Nacht als sie wieder kamen Ich hatte alle Leute zu Bett
gehen lassen mit Ausnahme des neuen Kammerdieners den der Herr von seiner Reise
mitgebracht hatte Die junge Dame war mit im Wagen Als sie auf den Flur traten
und der Schein des Lichtes das der Baptiste so hieß der Mensch in der Hand
trug auf das rosige Gesichtchen der jungen Dame fiel verzog sich sein Gesicht
zu einem recht widerlichen Lachen Aber ich sah dass Harald die Stirn runzelte
und mit den Augen winkte da war Baptiste gleich wieder ganz Ernst und
Diensteifer
    Führe die Damen auf ihre Zimmer Alte sagte Harald zu mir und dann
verbeugte er sich stattlich vor den Frauen und wünschte ihnen wohl zu schlafen
    Wollen Sie mir Ihren Arm geben liebe Marie sagte die Tante als ich mit
dem Licht vor ihnen her die Treppe hinaufging meine alten Glieder sind doch
etwas müde von der heutigen Fahrt Wie soll ich Ihnen Ihre Güte danken gnädige
Frau sagte das Mädchen mit einer so weichen süßen Stimme dass ich mich
unwillkürlich umsehen musste Die Alte und das Mädchen standen auf dem Absatz der
Treppe Der Schein von den Kerzen auf dem Armleuchter den ich trug fiel hell
auf die Beiden und ich werde den Anblick nie vergessen und sollte ich noch
einmal achtzig Jahre verleben So widerlich hässlich war mir die Tante noch nie
erschienen und so etwas Holdes und Schönes wie die junge Dame hatte ich im
Leben noch nicht gesehen Sie wissen es am Besten liebes Kind sagte die Alte
und dabei zog sie eine Fratze die sie wo möglich noch hässlicher machte Ich
habe nur noch einen Wunsch auf Erden es steht bei Ihnen ob mir dieser Wunsch
erfüllt werden soll oder nicht Das Mädchen antwortete nicht aber die hellen
Tränen traten ihr in die Augen und dann beugte sie die schlanke hohe Gestalt
nieder und küsste der alten Hexe die Hand Nun nun sagte die Sie sind ein
gutes Kind wir werden uns schon verstehen und mein Harald mein Augapfel wird
noch glücklich werden Lassen Sie sich den Leuchter geben liebe Marie ich
kenne das Schloss meiner Ahnen noch recht gut obgleich ich es nun seit sechzig
Jahren nicht gesehen habe Gehe Sie zu Bett liebe Klausen ich bemühe die Leute
nicht gern unnötiger Weise
    Und das musste man der Tante lassen wir bekamen nur sehr selten ihre Klingel
hören Sie zog sich selbst an und aus freilich brauchte sie mehrere Stunden
dazu aber Keiner von uns durfte ihr die geringste Hilfe leisten ja seitdem
eins der Mädchen einmal während sie sich anzog in ihre Stube gekommen war
schloss sie stets hinter sich ab Sie hatte sonderbare Gewohnheiten die alte
Frau So konnte sie des Abends nicht müde werden und ich sah sie manchmal noch
bis zum hellen Morgen in ihrem Zimmer umherwandern dafür schlief sie aber bis
in den Nachmittag hinein Bei Tische hatte sie nie Appetit aber auf ihrem
Zimmer konnte sie desto mehr essen und trinken manchmal zwei drei Flaschen
alten Wein an einem Tage Aber was das Merkwürdigste war sie schien heute
fünfzig und morgen achtzig Jahre alt zu sein sie konnte in dieser Minute das
leiseste Wort hören und in der nächsten war sie stocktaub sie schleppte sich
das eine Mal nur so an ihrem Stocke fort und das andere Mal kam sie die Treppen
schneller hinab als ich obgleich ich damals erst sechzig Jahre und noch
vollkommen rüstig war Mir war es ganz unheimlich bei der alten Frau und ich
war froh wenn ich ihr möglichst weit aus dem Wege gehen konnte
    Und wie lebte Fräulein Marie unterdessen
    Sie war fast immer in Haralds Gesellschaft Ich sah sie des Morgens
zusammen zwischen den taufrischen Beeten des Gartens unherschweifen Arm in
Arm sie die Augen verschämt niederschlagend und Harald eifrig und leise zu
ihr sprechend Ich sah sie des Nachmittags in den kühlen Zimmern die nach dem
Park hinausliegen sitzen sie mit einer Arbeit beschäftigt die aber oft müßig
in ihrem Schoss lag ihn aus einem Buche vorlesend noch öfter aber den Arm auf
die Lehne ihres Stuhles gestützt während sie selig lächelnd zu ihm
emporschaute sie mit glühenden Blicken verschlingend und ihr von Zeit zu Zeit
das seidenweiche braune Haar aus der schönen Stirn streichend Ich sah sie des
Abends wieder draußen herumschweifen oder in den hellerleuchteten Zimmern Arm
in Arm langsam auf und abwandeln während Tante Grenwitz auf dem Sopha saß und
las oder doch tat als ob sie läse  Ach es war eine köstliche Zeit für das
arme Kind und sie sah stets so glücklich und selig aus dass es einem angst und
bange wurde wie das enden solle und wenn sie mich traf hatte sie stets ein
freundliches Wort für mich Wie gehts liebe Frau Klausen oder kann ich Ihnen
nicht helfen liebe Frau Klausen Sie lassen es sich gar so sauer werden Ich
schäme mich dass ich hier so müßig gehe
    Eines Nachmittags begegnete sie mir im Garten Es war ein sonniger heißer
Tag sie hatte ein weißes Kleid an und ein Strohhut mit breitem Rande hing an
ihrem schönen runden Arm Der Baron war ausgeritten seit langer Zeit zum ersten
Male die Tante war noch nicht aufgestanden Ich hatte mir schon lange
vorgenommen wenn es die Gelegenheit erlaubte ein Wort mit dem Mädchen zu
sprechen und ihr die Augen zu öffnen So fasste ich mir denn ein Herz als sie
mit einem Guten Tag Mutter Klausen wie gehts an mir vorüber wollte und
sagte Schön Dank Fräulein Marie haben Sie einen Augenblick Zeit ich möchte
gern ein paar Worte mit Ihnen sprechen  Recht gern sagte sie und als sie in
mein Gesicht sah das wohl recht ernst und traurig sein mochte rief sie Um
Gotteswillen es ist doch kein Unglück passiert  Nein Fräulein Marie sagte
ich aber es könnte leicht eins passieren wenn Sie sich nicht besser vorsehen
und das sollte mir herzlich leid tun denn Sie sind so jung und sehen so gut
und rein und unschuldig aus  Was meinen Sie sagte das arme Kind und wurde
dunkelrot  Kommen Sie hierher Fräulein Marie sagte ich und zog sie in einen
Buchengang wo wir vom Schloss aus nicht gesehen werden konnten ich will Ihnen
Alles sagen was ich auf dem Herzen habe Ich bin eine alte Frau und Sie sind
ein junges Ding das viel weiß wies in der Welt aussieht und wie es hier in
Grenwitz zugeht Und nun schilderte ich ihr das Leben auf dem Schloss wie es
bis zu ihrer Ankunft gewesen war und welch ein wilder wüster Mensch Harald
sei und dass er falsch und grausam sei wie ein Tiger Sie hörte mir mit
glühenden Wangen und die langen dunkeln Wimpern nicht von den schönen blauen
Augen aufschlagend ohne mich nur einmal zu unterbrechen ruhig zu dann sagte
sie leise ich danke Ihnen liebe Frau Klausen  aber was Sie mir da sagen das
weiß ich Alles schon  Ich war wie vom Donner gerührt Sie wissen das rief
ich und haben gnädigen Tante hierher folgen können Sie wissen das und sind
noch hier Sie wissen das und fürchten sich nicht mit dem Baron stundenland
halbe Tage lang allein zu sein O Kind Kind was soll ich von Ihnen denken 
Denken Sie nichts Schlechtes von mir gute Frau sagte sie mir die Hand auf die
Schulter legend Und denken Sie auch nicht so schlecht vom Baron Er wird nie
wieder so wild und bös sein wie er vormals gewesen ist  Woher wissen Sie das
Fräulein sagte ich  Weil er es mir versprochen hat  Und glauben Sie dass er
dies Versprechen hält  O gewiss  Warum  Weil er mich liebt  O Kind
Kind rief ich um Gotteswillen es ist die höchste Zeit fliehen Sie oder Sie
sind rettungslos verloren Unglückliche die Sie seinen Schwüren glauben Er
schießt das Pferd tot das ihm nicht länger gefällt und er bricht den Schwur
der ihm lästig wird Was er Ihnen geschworen hat ist ein altes Lied er pfeift
es wie ein Staar sein Stückchen pfeift ohne etwas dabei zu denken Was er
Ihnen schwur hat er schon hundert Andern geschworen von denen freilich die
Meisten nicht viel besser waren als er selbst und sich einen Treubruch schon
gefallen ließ wenn er nur gut bezahlt wurde  Hören Sie auf rief Fräulein
Marie heftig ich kann und darf Sie nicht länger anhören Und dann setzte sie
lächelnd hinzu Sie werden bald einsehen gute Frau wie bitter Unrecht Sie
meinem Harald  wie sehr Sie dem Baron Unrecht getan haben  Ihrem Harald
sagte ich armes Kind er wird nie Ihr Harald Der nimmt was ihm der Zufall in
den Weg führt und weil Sie nun einmal zufällig hier sind  Und wenn ich nicht
zufällig hier wäre sagte sie schelmisch lachend wenn ich nun nicht der alten
Baronin sondern die alte Baronin meinethalben hier wäre und wenn ich nun gar
nicht wieder fort ginge und gar hier bliebe  In diesem Augenblick kam Harald
plötzlich in den Baumgang in welchem wir redend auf und ab gingen Er stutzte
als er mich mit dem Mädchen allein sah  Fräulein Marie sagte er ich glaube
die Tante wünscht Sie zu sprechen Und als das Mädchen fort war trat er an mich
heran und sagte leise durch die weißen Zähne Was hast Du ihr gesagt Alte 
Dass Du sie an der Nase führst Harald antwortete ich  Ich werde Dir dafür den
Hals umdrehen sagte er und die Zornesader auf seiner Stirn schwoll  Immer
noch besser als wenn Du dem armen Dinge das Herz brichst sagte ich  Höre
Alte sagte er und wenn ich es nun diesmal wirklich ehrlich meinte wenn ich
das wüste Leben bei dem man ja doch früher oder später zum Teufel gehen muss
herzlich satt hätte wenn ich nun das Mädchen heiratete wie dann  Ist sie
von Adel sagte ich  Harald lachte Eines Schneiders Tochter ist sie Ich
werde die Scheere und das Bügeleisen in unser Wappen zeichnen lassen müssen 
Wenn sie nicht von Adel ist sagte ich wirst Du sie nie heiraten und es wäre
auch nur eine Grausamkeit mehr Das arme Geschöpf würde unter Deinem Spott und
dem Hohn Deiner Freunde verbluten wie ein gehetzter Hirsch unter den Zähnen der
Hunde Schicke das Mädchen fort ich beschwöre Dich Harald heute lieber als
morgen Und die alte Baronin auch setzte ich hinzu  Er sah mich groß an und
dann lachte er und sagte Du bist doch dümmer als ich gedacht habe Alte 
Damit wandte er mir den Rücken und ging trällernd in das Schloss
    Ich wusste nicht was ich von dem Allen denken sollte Hatte Harald dem
Mädchen die Ehre versprochen glaubte sie alles Ernstes dass er  von dem sie
sagte dass sie sein früheres Leben kenne  dies Versprechen halten würde Sie
schaute so klug und verständig aus ihren großen blauen Augen wie konnte sie
sich ein solches Märchen aufbinden lassen Wie hatte es Harald angefangen ihre
Klugheit so ganz zu umnebeln Was meinte das Mädchen damit dass die Tante
ihretalben hier sei Mir ging das Tag und Nacht im Kopf herum dass ich fast
darüber wurde Ich hätte das arme unschuldige Lamm so gern gerettet und dem
Harald diese Sünde erspart  hatte er doch schon genug auf dem Gewissen Aber
ich wusste nicht wie ich es anfangen sollte Seit jener Unterredung im Garten
wich Fräulein Marie mir überall aus die Tante kam nur noch des Abends aus ihrem
Zimmer und hatte trotz des heißen Wetters den Kopf stets dicht in Tücher
eingewickelt Harald hatte schon seit Tagen kein Wort mehr mit mir gesprochen
Er schien wirklich ein ganz anderer Mensch geworden zu sein Er war so lange
Fräulein Marie auf dem Schloss war nicht ein einziges Mal betrunken gewesen
hatte keinen der Leute geprügelt kein Pferd zu Schanden geritten während doch
sonst kein Tag hinging wo er nicht diesen oder jenen verrückten Streich
ausführte Wenn er sonst bei der geringsten Veranlassung tobte und fluchte und
sich wie ein Rasender gebehrdete so war er jetzt gegen Alle mild und
freundlich nur nicht gegen mich weil er wusste dass er sich vor mir nicht
verstecken konnte die ihn von Kindesbeinen an kannte  und gegen den neuen
Kammerdiener Das war ein widerwärtiger Mensch der beständig lächelte und
immer hinter den Mädchen her war die ihn alle nicht leiden konnten Er hatte
den ganzen Tag nichts zu tun als mit den Händen in den Taschen
umherzuschlendern und Grimassen zu schneiden Für den Baron tat er gar nichts
im Gegenteil seitdem Harald ihm einmal einen Fußtritt gegeben dass er noch
vierzehn Tage nachher hinkte ging er ihm überall aus dem Wege Kein Mensch
konnte begreifen weshalb ihn der Baron nicht wieder fortjagte  Während dieser
ganzen Zeit war keiner von den Herren die sonst bei uns aus und eingingen zum
Besuch auf dem Schloss gewesen Ich hatte immer gehofft es sollten welche
kommen damit ich Gelegenheit bekäme mit Fräulein Marie zu sprechen der Harald
jetzt gar nicht mehr von der Seite ging Wenn sie vorher schön mit einander
getan hatten so war das jetzt noch viel schlimmer geworden So wie sie sich
unbeobachtet glaubten lagen sie einander in den Armen und das war ein Herzen
und ein Küssen  Du lieber Himmel das ist unter Liebesleuten so der Brauch
und ich hatte es nicht besser gemacht als ich ein so junges Ding war und ich
wusste am besten wie die Grenwitzer Barone einem armen hübschen Mädchen schön
tun und schmeicheln können aber ich wusste auch dass man jeden ihrer Küsse mit
tausend Tränen bezahlen muss  Und eines schönen Morgens als ich Fräulein
Marie wieder einmal begegnete und fragte wie gehts Fräulein Marie gut
geschlafen da wurde sie purpurrot und konnte vor Verlegenheit kein Wort
hervorbringen und stand da und zitterte wie ein Espenblatt Und als ich das
sah wusste ich auch was geschehen war und da wurde mir das Herz so
centnerschwer dass ich mich auf eine Bank setzte und weinte Als das Fräulein
Marie sah fing sie auch an zu weinen und setzte sich zu mir schlang ihren Arm
um meinen Hals und sagte schluchzend Weinen Sie nicht gute Mutter Klausen Es
wird noch Alles gut werden  Das gebe Gott Kind sagte ich aber ich glaube es
nicht  Aber sagte sie Sie sehen ja selbst wie gut und freundlich der Baron
jetzt ist und er ist doch nur so weil er mich liebt und wenn er mich nicht
heiraten wollte warum hätte er dann die Tante mitgebracht und wenn die Tante
nichts dagegen hat die so stolz und hoffärtig ist wie Harald sagt da können
ja die andern Verwandten doch auch nicht nein sagen  So sind Sie nicht
Gesellschafterin bei der alten Baronin fragte ich verwundert  Nein sagte
sie ich habe sie hier zum ersten Mal gesehen  Aber ums Himmelswillen Kind
rief ich wie kommen Sie denn hierher wenn Sie nicht der Baronin gekommen sind
 Die Kleine weinte noch stärker als zuvor Ich darf es Ihnen nicht sagen rief
sie ich habe dem Baron versprochen gegen Jedermann zu schweigen bis wir uns
öffentlich  sie schwieg als hätte sie schon zuviel gesagt Ich darf nicht
sprechen wiederholte sie aber glauben Sie mir ich bin kein so schlechtes
Mädchen wie Sie denken  Damit küsste sie mich auf die Stirn und eilte von mir
fort ins Schloss
    Seit diesem Tage sah ich Fräulein Marie oft mit verweinten Augen und wohl
mochte sie Ursache zum Weinen haben das arme Kind Harald tat was ich schon
längst gefürchtet hatte er fing sein altes Leben wieder an freilich nur
allmälig Die Freunde kamen noch immer nicht aufs Schloss aber er selbst ritt
aus und blieb halbe und manchmal ganze Tage lang fort Wenn er wieder kam war
er oft in seiner bösen Weinlaune in welcher er die Diener mit Fusstritten und
Stockschlägen tractirte und die armen unschuldigen Möbel zerschlug Doch war es
noch immer golden im Vergleich mit sonst und er war auch noch immer zärtlich
gegen Fräulein Marie besonders wenn er sah dass seine wütende Heftigkeit sie
bis zum Tode erschreckt hatte Mit der Tante verkehrte er beinahe gar nicht
mehr seitdem sie sich des Abends wenn Fräulein Marie zu Bett gegangen war ein
paar Mal im Salon gezankt hatten dass wir es draußen hörten Ich glaubte die
Alte setzte ihm den Kopf zurecht und da schickte ich ihr gern so viel Braten und
Wein auf ihr Zimmer wie sie haben wollte obgleich es unglaublich war was sie
verzehren konnte
    Da geschah es dass als ich einmal in der Nacht nachdem Alle zu Bett waren
die Runde durchs Haus machte wie ich es immer tat um zu sehen ob die Lichter
überall ausgelöscht waren mir auf einmal auf dem Korridor der von dem Turm
aus in das alte Schloss führt wo die Damen logirten ein heller Schein
entgegenleuchtete In dem ersten Schrecken und ohne noch zu wissen ob die
Gefahr groß oder klein war schrie ich Feuer Feuer so laut ich konnte
Zugleich lief ich den Korridor entlang nach der Stelle zu wo es brannte Auf
einmal war Harald an meiner Seite Ich wusste nur zu gut aus welcher Tür er
gekommen war obgleich ich ihn nicht hatte kommen sehen  Still Alte rief er
Du siehst ja es brennt nur die Gardine vor dem Fenster Und damit fing er an
die brennenden Fetzen herabzureissen und mit den Füßen auszutreten Plötzlich
öffnete sich die Tür die zu dem Zimmer der Baronin führte und die dem
brennenden Fenster gerade gegenüber lag und heraus stürzte die alte Hexe mit
einem großen Bündel unter dem Arm und der Kammerdiener mit einem noch größeren
Bündel auf der Schulter kam hinterher Sie hätten uns beinahe umgerannt aber
Harald packte den Kammerdiener und schleuderte ihn so gewaltig zurück dass der
Mensch samt seinem Packet zu Boden stürzte Steckt Ihr wieder einmal bei
einander Lumpenpack herrschte er die Alte an die als sie den Baron so
wütend sah am ganzen Leibe zitternd stehen geblieben war scheert Euch in die
Stube zurück oder ich will Euch auf den Marsch bringen Auf einmal fing er laut
zu lachen an denn er sah und ich bemerkte es auch erst jetzt dass die Alte in
der Eile vergessen hatte sich die Perrücke aufzusetzen und ihr eigenes rotes
Haar in nicht allzu kurzen Zöpfen aus der schmutzigen Haube herabhing Den Stock
hatte sie natürlich auch stehen lassen und sah überhaupt so verändert aus dass
ich meinen Augen kaum traute  Scheer Dich zum Teufel alte Hexe rief Harald
noch immer aus vollem Halse lachend und lass Dich erst wieder anstreichen sonst
sieht man doch gar zu deutlich woher Du stammst  Die Alte murmelte etwas das
ich nicht verstand und ging in das Zimmer zurück der Kammerdiener hatte sich
unterdessen wieder aufgerafft und war die kleine Treppe die von dem Korridor in
den Garten führte hinab davongeschlichen  Geh zu Bett Alte sagte der Baron
zu mir und denke Du hast dies Alles geträumt oder denke auch was Du willst
mir gilt es gleich Die Komödie kann ja doch ewig dauern
    Und die Komödie war denn nun auch vorbei Am nächsten Morgen waren die Alte
und der Kammerdiener verschwunden und Niemand von uns hat je wieder etwas von
ihnen gesehen oder gehört Keiner jemals erfahren woher sie kamen Nur das eine
war sicher dass die Alte so wenig des Barons Tante gewesen war wie ich seine
Mutter Die Leute lachten und der Baron lachte trotzdem die Beiden an
Silberzeug und Kostbarkeiten mitgenommen hatten was sie forttragen konnten
aber ich lachte nicht und da war noch eine Andere die auch nicht lachte Das
arme herzige Kind se wollte es zuerst gar nicht glauben dass der Baron sie so
schändlich habe betrügen können Sie ging mit weiten starren tränenlosen
Augen umher und wenn sie mir begegnete sah sie mich an so angstvoll so
kummervoll dass es mir ins Herz schnitt Ach ich konnte ihr ja nicht helfen
ich konnte nur mit ihr weinen und das tat ich denn redlich als das arme Kind
sich von ihrem ersten Entsetzen erholt und wieder Tränen gefunden hatte Wir
waren jetzt oft beisammen denn seit jener Nacht kümmerte sich Harald nicht mehr
viel um Fräulein Marie Er ritt alle Tage aus und nun kamen auch die Herren
wieder aufs Schloss wie sonst und das alte Leben fing wieder an Ob Harald
seine Gewissensbisse zum Schweigen bringen ob er die verlorene Zeit nachholen
wollte er war jetzt wilder und unbändiger als ich ihn je gesehen hatte und
die Leute gingen ihm aus dem Wege wo sie konnten
    Eines Abends als die Herren wieder einmal zu Besuch auf dem Schloss waren
 es war gegen sieben und sie hatten seit drei Uhr bei Tische gesessen 
Fräulein Marie war bei mir auf dem Zimmer wo sie jetzt die meiste Zeit
zubrachte  kam Harald plötzlich zur Tür herein Ich sah auf den ersten Blick
dass er betrunken war Sein Gesicht glühte und seine Augen funkelten wie die
einer wilden Katze Als er Marie erblickte die im Fenster gesessen hatte und
bei seinem Eintritt voller Schrecken aufgesprungen war lachte er und sagte
Treffe ich Dich hier ich habe das ganze Schloss nach Dir durchsucht Komm
Schatz ich will Dich den Herren vorstellen einen davon kennst Du schon  Du
musst aber hübsch artig und freundlich sein hörst Du
    Marie war bei diesen Worten bleich wie der Tod geworden und zitterte an
allen Gliedern ich sah wie sie die Lippen bewegte um etwas zu erwidern aber
sie brachte keinen Laut hervor Ich konnte es nicht länger mit ansehen
    Schämst Du Dich nicht Harald sagte ich das arme unschuldige Lamm so zu
quälen Pfui Harald  dass Du schlecht warst habe ich immer gewusst aber für
so schlecht hätte ich Dich nicht gehalten  Er sprang mit einem Satze auf mich
zu und packte mich mit seinen Eisenhänden an der Kehle  Sprich noch ein Wort
knirschte er zwischen den Zähnen und ich breche Dir das Genick verdammte Hexe
 Ich wusste dass er seine Drohung ausführen könnte aber ich fürchtete mich
nicht vor dem Tode  Tu was Du willst sagte ich ruhig aber so lange ich
noch einen Atemzug habe will ich es Dir ins Gesicht sagen Du bist ein
Elender  Ich sah ihm fest ins Auge ich sah wie der Zorn immer wütender in
ihm aufkochte und fühlte dass seine Finger sich wie eiserne Klammern um meine
Kehle schlossen Ich glaubte meine letzte Stunde gekommen  Da stand Marie
plötzlich neben uns sie legte ihre Hand auf Haralds Arm und sagte ganz leise
lass sie los Harald ich will mit Dir gehen  Weiter sagte sie nichts aber es
war genug selbst ein so wildes Herz wie Haralds zu rühren Er ließ die Arme
sinken und starrte Marie an als ob er aus einem schweren Traum erwachte
Plötzlich fiel er vor ihr auf die Kniee verbarg sein glühendes Gesicht in den
Falten ihres Kleides und schluchzte Vergieb mir Marie vergib mir Dann
sprang er auf und als er sah dass sie durch Tränen ihn anlächelte hob er sie
in seinen Armen empor wie ein Kind trug sie in der Stube auf und ab und herzte
und küsste sie Endlich setzte er sie hier in den Lehnstuhl auf dem Du jetzt
sitzt und kniete vor ihr nieder ihre Hände und ihre Kleider küssend und
wandte sich zu mir und rief Geh Alte und sage dem Karl er solle die Pferde
satteln lassen Ich sei krank geworden oder was sie wollen aber ich könnte sie
heute nicht mehr sehen und morgen auch nicht Ist es so gut lieb Herz nicht
wahr ich bin nicht so schlecht wie die Alte sagt  Ich ging vor Freude laut
weinend aus der Stube und dachte es kann doch vielleicht noch Alles gut
werden
    Aber das wurde es nicht Schon nach wenigen Tagen war Alles wieder beim
Alten Aehnliche Szenen kamen noch manchmal vor aber Haralds gute Vorsätze
hielten immer nur wenige Tage Stand und wir mussten jede Spottrede der Herren
mit bitteren Tränen bezahlen Ich sage wir denn ich hatte die süße Dirne so
lieb also ob sie mein eigen Kind gewesen wäre Und jetzt hatte die Aermste
Trost und Liebe nötiger als je Sie wusste schon seit Monaten dass sie die
Frucht ihrer Liebe zu Harald unter dem Herzen trüge und das Schicksal dieses
Kindes ihres und seines Kindes bekümmerte sie tausendmal mehr als ihr eigenes
 Was aus mir werden soll sagte sie was ist mir daran gelegen Ich stürbe
lieber heute als morgen aber meines Kindes halber muss ich leben und will ich
leben Und ich will auch nicht mehr weinen und klagen es hilft ja doch zu
nichts und Harald sagt ja dass ihm nichts so verhasst sei als verweinte Augen
 Ich fragte sie ob sie keine Eltern keine Verwandte keine Freunde hätte zu
denen sie ihre Zuflucht nehmen könnte  Sie schüttelte traurig den Kopf ich
habe Niemand auf der weiten Welt Niemand als Sie liebe Mutter Klausen und
noch Einen der Alles für mich tun würde wenn er wüsste wo ich wäre aber er
weiß es nicht und soll es auch nie erfahren  Über ihr früheres Leben sprach
sie nie ich habe dem Baron versprochen darüber zu schweigen bis er sich
öffentlich mit mir verlobe und setzte sie wehmütig lächelnd hinzu da sehen
Sie selbst dass ich wohl ewig werde schweigen müssen
    Sie kam fast nicht mehr von meiner Seite und was Harald betrifft so schien
er in der letzten Zeit ganz vergessen zu haben dass Marie noch auf dem Schloss
war Nur manchmal wenn ich mit ihm allein war erkundigte er sich in kurzen
abgerissenen Fragen nach ihr aus denen ich sah dass er über ihren Zustand
vollkommen unterrichtet war
    So standen die Sachen Der Sommer war zu Ende der Herbst kam mit Sturm und
Regen und die dürren Blätter wehten von den Bäumen Es war an einem
Nachmittage Harald war ein paar Tage verreist gewesen ich war mit Marie im
Garten und suchte ihr Trost zuzusprechen da sie heute ganz besonders traurig
war Da schaute plötzlich ein SchacherJude über das Stacket und schrie als er
uns erblickte in den Garten hinein nichts zu handeln nichts zu handeln Ich
rief ihn Er kam Es war ein alter schmutziger schlottriger Mensch mit einem
weißen Bart und einer Brille von blauen Gläsern über den Augen Er kramte seine
Waren aus und weil die Sachen hübscher waren wie sie diese Leute sonst wohl
führen so kauften Marie und ich ihm Verschiedenes ab Er forderte einen mäßigen
Preis aber es war doch mehr als wir bei uns hatten und so ging ich ins
Schloss das Übrige zu holen Zufällig konnte ich den Schlüssel zu meiner
Kommode nicht gleich finden und als ich ihn gefunden hatte fiel mir ein dass
ich in der Küche notwendig etwas besorgen musste so verging wohl eine halbe
Stunde bis ich wieder in den Garten kam Ich traf Marie allein Wo ist der
Jude sagte ich  Er will morgen wieder kommen antwortete sie  Was haben
Sie Kind sagte ich denn ich sah dass sie rotgeweinte Augen hatte und ganz
verstört aussah  Da fiel sie mir um den Hals und weinte aber so sehr ich sie
auch bat mir zu sagen was vorgefallen sei ich konnte nichts aus ihr
herausbringen
    Der Jude kam am nächsten Tage nicht aber Baron Harald kam Er brachte ein
paar Herren mit Sie waren auf der Jagd gewesen und tüchtig müde geworden So
gingen sie heute früher zu Bett nachdem sie ein paar Flaschen Wein getrunken
hatten
    Ich mochte wohl schon ein paar Stunden im Bett gelegen haben ohne
einschlafen zu können denn es regnete und stürmte in dieser Nacht gar heftig
und die Laden klappten und die Jagdhunde heulten  Da hörte ich einen leisen
Schritt auf dem Gange vor meiner Stube eine Hand suchte nach dem Drücker der
Tür und als ich mich erschreckt im Bett emporrichtete ging die Tür auf es
trat Jemand herein und kam auf mein Bett zu  Wer ist da rief ich  Ich
bins Mutter Klausen sagte eine leise Stimme Es war Marie  Sind Sie krank
geworden Kind sagte ich  Nein sagte sie sich zu mir aufs Bett setzend
ich wollte nur Abschied nehmen und Ihnen für all die Liebe und Güte danken
die Sie an mir getan haben  Ich glaubte sie wollte sich das Leben nehmen
und sagte voller Entsetzen Um Gotteswillen Kind was hast Du vor  Fürchten
Sie nichts Mutter Klausen sagte sie und dabei umarmte und küsste sie mich
unter vielen heißen Tränen ich will fort aber nur fort von hier Ich habe es
schon längst gewollt und jetzt ist die Stunde gekommen  Warum jetzt sagte
ich wo willst Du hin mitten in der Nacht und noch dazu in solcher Nacht Hörst
Du nicht wie Wind und Regen mit den Hunden um die Wette heulen Und Du kennst
weder Weg noch Steg  Du rennst ja gerade ins Verderben und wenn Du nicht an
Dich denkst so denke wenigstens an das Kind das Du unter dem Herzen trägst 
An das eben denke ich sagte sie Es soll nicht hier wo seine Mutter so
grenzenlos elend gewesen ist das Licht erblicken Es soll nie erfahren wer
sein Vater war Leben Sie wohl liebe Mutter möge der allgütige Gott Sie
behüten und fürchten Sie nichts für mich Ich gehe nicht allein es ist Jemand
bei mir der mich beschützen und über mich wachen wird und der sein Leben für
mich lassen würde  Weißt Du das auch gewiss Kind sagte ich ich dächte Du
hättest jetzt gelernt was den Männern ihre Schwüre wert sind Wer ist es 
Ich darf es nicht sagen antwortete sie und jetzt muss ich fort es ist die
höchste Zeit  Sie hatte sich von dem Bett erhoben Warte sagte ich ich will
Dir wenigstens das Geleit aus dem Schloss geben
    Sie bat mich inständig zu bleiben aber ich kehrte mich nicht daran
Schnell hatte ich ein paar Kleider übergeworfen ich war fest entschlossen sie
nicht eher fort zu lassen bis ich mich überzeugt hatte dass sie wusste was sie
tat Ich fürchtete noch immer sie wolle sich das Leben nehmen
    Als sie sah dass ich von meinem Vorsatz nicht abzubringen war half sie mir
mich vollends ankleiden und sagte So kommen Sie Mutter Klausen er sieht dann
doch dass ich auch hier nicht ganz verlassen gewesen
    Wir gingen uns an den Händen haltend auf den Zehen durch die Korridore
dann die Treppe hinab die aus dem alten Schloss in den Garten führt Es hatte
aufgehört zu regnen und der Mond schien auf Augenblicke durch die schwarzen
treibenden Wolken Ich hatte noch immer Mariens Hand in der meinigen sie eilte
mich mit sich ziehend durch die wohlbekannten Wege Als wir vor einer Bank
vorüberkamen in einem der dichteren Baumgänge wo ich sie oft mit Harald hatte
sitzen sehen blieb sie einen Augenblick stehen und ich fühlte wie ihre Hand
zuckte Aber sogleich raffte sie sich wieder auf Nein nein murmelte sie er
hat Recht Harald hat mich nie geliebt und darum darf ich auch nicht länger
bleiben
    Wir gingen aus dem Garten in den Hof aus dem Hof durch das große Tor in
den Wald hinein die Straße nach Berkow Als wir ein paar hundert Schritte
gegangen waren kam uns ein Mann entgegen Er ist es sagte Marie Sie müssen
mich jetzt verlassen Mutter Klausen ich habe ihm versprochen allein zu
kommen und keinem zu sagen dass ich fortgehe Du hättest das nicht versprechen
sollen Kind sagte ich ich glaube ich habe das Recht zu wissen wo Du
bleibst 
    Unterdessen war der Mann herangekommen Bist Dus Marie sagte er warum
kommst Du nicht allein  Weil ich sie nicht losgelassen habe sagte ich und
sie auch nicht loslassen will bis ich weiß wo sie bleibt  In Gottes Hut und
unter dem Schutz eines Freundes sagte der Mann Das klang so treu und gut dass
all meine Angst und Sorge in einem Augenblick verschwunden war
    Der Mond trat aus den Wolken hervor und ich konnte den Mann der jetzt
neben uns herging etwas deutlicher sehen Er war klein und nicht mehr jung und
hatte eine Brille auf der Habichtsnase wie der Jude von gestern Morgen Er
hatte einen langen Überrock an und als der Wind denselben auseinander wehte
sah ich beim Schein des Mondes den Lauf einer Pistole blinken die in einem
Gürtel steckte den er um den Leib geschnallt trug
    Einige Schritte weiter hielt eine mit zwei Pferden bespannte Kutsche Es ist
die höchste Zeit sagte der Mann auf dem Bocke Er sprach plattdeutsch und mir
war als ob ich die Stimme kannte Schnell schnell sagte der kleine Mann mit
der Brille und drängte Marie nach dem herabgelassenen Wagentritt Adieu Adieu
schluchzte Marie mich noch einmal umarmend und als ihr Kopf für einen
Augenblick auf meiner Schulter lag flüsterte sie mir ins Ohr Sagen Sie ihm
dass ich ihm Alles Alles vergeben habe Schnell schnell Marie rief der Mann
und stampfte ungeduldig mit dem Fuß Er hing ihr einen weiten Mantel um und half
ihr in den Wagen dann wandte er sich zu mir Wenn Sie das unglückliche Mädchen
wirklich so lieb haben sagte er schweigen Sie zweimal vierundzwanzig Stunden
Ich bin freilich auf Alles gefasst aber ich möchte um Mariens willen gern dass
es ohne diese hier abginge Er schlug mit der Hand an die Pistole  Verlassen
Sie sich auf mich sagte ich und ich will mich auf Sie verlassen  Tun Sie
das sagte er es sind ja nicht alle Menschen Schurken
    Er sprang in den Wagen und schlug die Tür zu Die Pferde zogen im Galopp
an und schon nach wenigen Minuten hörte ich nur noch das Sausen des Windes in
den Tannen
    Ich ging langsam in das Schloss zurück und gelangte auf mein Zimmer ohne
von Jemand gesehen zu werden Ich schloss hinter mir ab dann warf ich mich auf
mein Bett und weinte als ob mir ein liebes Kind gestorben wäre und doch war
ich glücklich und dankte Gott dass er sich des armen Kindes erbarmt und sie aus
dieser Hölle erlöst hatte
    Als ich am andern Morgen erwachte stand die Sonne schon hoch am Himmel Es
war ein heller kühler Morgen und Harald ging mit seinen Gästen auf die Jagd
Ich war froh darüber so konnte ihm doch Mariens Flucht bis zum Abend wenigstens
verschwiegen werden Den Leuten freilich musste ich schon gegen Mittag sagen dass
Fräulein Marie nirgends zu finden sei und ob sie sie nicht gesehen hätten Die
waren nicht wenig erschrocken denn da war Keiner der das sanfte schöne
Mädchen nicht gern gehabt hätte Sie durchsuchten das Haus die umliegende
Gegend den Wald bis zum Strande und selbst den Wallgraben denn dass sich die
Aermste das Leben genommen habe darüber waren sie Alle einig
    Spät am Abend kam Harald zurück Er war allein Als er in das Haus trat sah
er auf den ersten Blick an den verstören Gesichtern der Leute dass etwas
vorgefallen sein müsse Sein böses Gewissen sagte ihm gleich was Ist sie tot
fragte er und wurde weiß wie Kalk Wir wissen es nicht Herr sagte der alte
Jochen wir haben den ganzen Tag gesucht aber haben sie noch nicht gefunden
    Er ging ohne ein Wort zu erwidern an den Leuten vorbei nach seinem
Zimmer Als er in der Tür war drehte er sich um und winkte mir ihm zu
folgen
    Er schritt in dem Gemach auf und ab endlich blieb er vor mir stehen und
sagte mit dumpfer Stimme Hat Dir Marie je gesagt sie wolle sich das Leben
nehmen  Nein sagte ich War sie in der letzten Zeit besonders traurig  Ja
    Wieder ging er im Zimmer hin und her mit ungleichmässigen Schritten und
unverständliche Worte durch die Zähne murmelnd Dann blieb er abermals vor mir
stehen Und wenn sie sich das Leben genommen hätte so wäre ich ihr Mörder
murmelte er  Wer sonst antwortete ich
    Er zuckte zusammen als ob ihm ein Messer in die Brust gestoßen wäre Es
kann nicht sein sagte er mit bleichen Lippen es wäre zu grässlich
    Ich wusste welche Qualen er in diesem Augenblicke ausstand aber ich wusste
auch dass der stolze Mann sie doch noch lieber dem Tod als einem Andern gönnte
und überdies hatte ich zu schweigen versprochen So blieb ich still und wartete
ab was er beginnen würde
    Er hieß mich klingeln und die Leute hereinrufen Sie kamen
    Wer von Euch zu müde ist mag zu Bette gehen sagte er wer noch weiter mit
mir suchen will soll dafür haben was er verlangt
    Es meldeten sich Alle nicht des Lohnes wegen sondern weil doch Keiner vor
Angst und Aufregung hätte schlafen können
    Er ließ so viel Lichter anzünden als nur aufzutreiben waren und nun fing
das Suchen von Neuem an unten in den Kellern durch alle Zimmer Trepp auf
Trepp ab auf den Böden bis hinauf auf den Turm  Harald immer voran jeden
Winkel durchspähend überall die Augen habend mit fester Stimme Befehle
erteilend unermüdlich bis der Morgen kam
    Nun mussten sich die Frauen zu Bett legen aber von den Männern nahm er was
sich noch auf den Beinen halten konnte Mit denen durchsuchte er jedes Gebüsch
im Garten und den Wallgraben von der Zugbrücke an bis wieder zur Zugbrücke Es
regnete an dem Tage was nur vom Himmel wollte und die Leute fielen beinahe um
vor Müdigkeit aber Harald gab ihnen  wohl zum ersten Male in seinem Leben 
gute Worte und bat und beschwor sie nicht nachzulassen und versprach ihnen
Geld so viel sie wollten So hielten sie bis gegen Mittag aus da konnten sie
nicht mehr Nun nahm Harald die Anderen die sich ausgeruht hatten und mit denen
ging er auf das Moor von Faschwitz und in den Wald nach Berkow und bis an den
Strand
    Gegen Abend kamen sie wieder triefend von Regen und dem Moorwasser in
welchem sie stundenlang herumgewatet hatten Die Männer waren so müde dass sie
im Gehen schliefen aber Haralds Kraft war noch nicht gebrochen Er hieß mich
ein paar Flaschen Wein holen und während er sie hinuntergoss sagte er zu mir
Höre Alte ich glaube nicht dass sie sich ertränkt hat Es wäre zu grässlich
ich müsste verrückt werden über dem Gedanken So grausam hat sie sich nicht an
mir rächen können dazu war sie viel zu gut und hatte mich viel zu lieb Hat sie
nie gesagt sie wolle mich verlassen hat sie nie von einem Manne gesprochen
der alle Zeit bereit sei sie bei sich aufzunehmen
    Ich dachte dass ich Harald einen Funken Hoffnung lassen müsse und sagte
ja Marie hätte öfter und besonders in der letzten Zeit so geredet
    Siehst Du sagte er und stieß das Glas aus dem er getrunken hatte auf den
Tisch dass es zerbrach jetzt kommt die Meute endlich auf die Spur Nun wollen
wir eine richtige Hetzjagd machen
    Er riss an der Klingel dass ihm der Griff in der Hand blieb Anspannen
lassen schrie er dem alten Jochen der eintrat entgegen sofort
    Ich bat ihn ein paar Stunden wenigstens zu schlafen denn ich sah dass
seine Augen im Fieber glühten und seine Glieder flogen Pah sagte er schlafen
Ich habe mehr zu tun als zu schlafen Ich weiß nicht wie lange ich
fortbleibe Alte aber ich komme entweder mit ihr zurück oder  wirds bald
schrie er auf den Flur hinaus ich will Euch Beine machen Ihr verdammten
Hallunken
    So fuhr er ab ohne auch nur die Kleider gewechselt zu haben Er blieb vier
Wochen fort Keiner wusste wo er geblieben war Eines Abends spät kam er wieder
Die erste Frage die er an mich richtete war Hast Du Nachricht von ihr  Er
sah so bleich und verfallen aus dass ich ihn kaum wieder erkannte Seine Augen
waren tief in den Kopf gesunken und hatten das alte Feuer verloren und blitzten
dann wieder manchmal auf wie glühende Kohlen Ich habe sie nicht gefunden sagte
er als wir Beide in seinem Zimmer allein waren gib mir Wein Alte ich muss
das höllische Feuer das in mir brennt ersäufen
    Mich jammerte des unglücklichen Mannes denn jetzt erst fühlte ich wie sehr
ich ihn liebte Ich sagte ihm Alles was ich von der Flucht Mariens wusste Gegen
mein Erwarten blieb er ruhig Es kommt auf eins heraus sagte er ob sie
gestorben ist oder nicht für mich ist sie doch tot sie konnte nicht anders
als mich verlassen sie war zu stolz um sich wie einen Hund behandeln zu
lassen Ich habe sie behandelt wie einen Hund schlimmer wie einen Hund ich
Elender
    Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn dann warf er sich in
einen Lehnsessel legte den Kopf in die Hände und schluchzte Und doch habe ich
sie geliebt und doch liebe ich sie o mein Gott mein Gott
    Es war schrecklich den wilden Harald weinen zu sehen Ich hob seinen Kopf
in die Höhe er legte ihn an meine Brust und weinte wie er oft als Knabe in
meinen Armen geweint hatte Ich bat ihn sich zu beruhigen ich sagte ihm dass
Mariens letzte Worte gewesen seien ich vergebe ihm Alles
    Und wenn sie mir auch vergeben hat ich werde mir nie vergeben rief er
Geh zu Bett Alte Wir wollen morgen weiter darüber sprechen
    Aber als der alte Jochen am nächsten Morgen zu ihm kam lag Harald in
hitzigem Fieber Das währte neun Tage neun fürchterliche Tage und Nächte Da
war es aus mit Harald von Grenwitz
    Die alte Frau schwieg strich den Strumpf an dem sie gestrickt hatte über
den Knieen glatt legte ihn zusammen und sagte
    So Junker nun mach dass Du nach Hause kommst Ich muss nach den Kindern
sehen die drüben auf dem Jochen seinem Bette schlafen Es hat eben aufgehört zu
regnen aber es wird bald stärker anfangen Deshalb halte Dich nicht auf
unterwegs Adjies
    Kommen Sie sagte Oswald zu Albert der sich so eben gähnend und sich
reckend von seinem harten Lager erhoben hatte Es ist die höchste Zeit wenn
wir noch zum Abendessen auf dem Schloss sein wollen Adieu Mutter Klausen
    Adjies adjies Junker sagte die Alte schon in der Tür
    Als die beiden jungen Männer auf der schmutzigen Dorfgasse standen deutete
Albert mit dem Daumen über die Schulter nach dem Häuschen das sie soeben
verlassen und sagte Schnurrige alte Dame das War die Geschichte nicht famos
Dottore
    Haben Sie denn nicht geschlafen
    Nicht die Spur Ich wollte anfänglich aber Ihr liesst einen ja nicht dazu
kommen und hernach als die Geschichte von Baron Harald anfing war so an
Schlafen nicht mehr zu denken Aber ich blieb ruhig liegen und schnarchte von
Zeit zu Zeit um die Alte sicher zu machen die die Geschichte jedenfalls nur
ihrem »Junker« erzählen wollte Weshalb nennt die alte Dame Sie Junker Dottore
und Du
    Ich weiß es nicht sagte Oswald
    Oder wollen es nicht wissen erwiderte Albert na schadet nicht Man darf
auch nicht Alles wissen wollen Warum wollte Baron Harald wissen wo das hübsche
Ding die Marie geblieben war Ohne diese überflüssige Neugierde könnte er noch
heute seinen Burgunder trinken Merkwürdig dass ein so vernünftiger Mann solche
verrückte romantische Grillen im Kopf haben konnte Können Sie das begreifen
Dottore
    So ziemlich sagte Oswald aber sprechen wir von etwas Anderem
    Wie Sie wollen Teuerster Was halten Sie zum Beispiel von der
Unsterblichkeit
 
                           Zweiunddreissigstes Kapitel
Am nächsten Tage hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt Die Morgensonne war in
dichten Nebel verhüllt gewesen aber einige Stunden später zerriss sie den grauen
Schleier und goss ihr goldenes Licht verschwenderisch auf die regengetränkte
Erde In dem Schlossgarten war es so paradiesisch frisch und duftig wie am
ersten Schöpfungstage Die Blumen hoben die Köpfe wieder und wenn noch hier und
da Tropfen an den bunten Kelchen hingen so glichen sie jetzt in dem funkelnden
Sonnenschein hellen Freudentränen die Vögel jubilirten in den dichten
Laubkronen der Bäume und das kleine Gewürm das so ruhig in den Ritzen unter
den Blättern unter den Steinen auf Sonnenschein gewartet hatte regte sich
wieder in seiner ganzen geschäftigen Emsigkeit
    Und um die grauen Mauern des Schlosses die jetzt im rosigen Licht gebadet
waren schossen eilige Schwalben und auf den Dächern in den Dachrinnen in den
Stuckornamenten setzten die zanksüchtigen Spatzen die ununterbrochenen
Streitigkeiten wieder fort In dem großen Saal wo an den Wänden die Porträts
der Grenwitzer Barone und Baronessen hingen in langer Reihe von dem halb
fabelhaften Sven von Grenwitz bis hinab auf die Bilder der Grosstante Grenwitz
»wie sie als achtzehnjähriges Mädchen gewesen war« und Oskars »der mit dem
Wodan stürzte« und Haralds »dem es besser gewesen wäre er hätte sich am
Sarge seines Vaters tot geweint«  tanzten die Staubatome welche aus den alten
Prunkmeubeln mit den verblichenen Damastüberzügen aufstiegen in den schrägen
Lichtsäulen die durch die drei hohen Bogenfenster fielen
    Unten im Wohnzimmer nahmen der Baron und die Baronin ein frugales Frühstück
ein Sie sahen reisefertig aus und AnnaMaria hatte sogar schon einen Hut mit
weit vorspringenden Flügeln wie sie in den zwanziger Jahren Mode gewesen waren
auf dem Kopfe Denn der große Reisewagen hielt schon vor der Tür Die vier
schwerfälligen Braunen wedelten sich bedächtig mit den langen Schweifen die
Fliegen ab und der schweigsame Kutscher klatschte regelmäßig alle fünf Minuten
mit der Peitsche aus purer Gewohnheit und nicht etwa um die Reiselustigen zur
Eile zu ermahnen was dem seiner Herrschaft schuldigen Respekt ebenso sehr
widersprochen hätte wie seinem phlegmatischen Naturell
    Ich wusste es ja schon vorher sagte die Baronin ihrem Gemahl ein Glas halb
voll Moselwein schenkend  trink das lieber Grenwitz es wird Dich zu der
langen Fahrt stärken  ich wusste es ja vorher Er schlägt unsere
freundschaftliche Einladung aus weil er sich nicht ganz wohl fühle lächerlich
    Er sieht wirklich seitdem wir in Barnewitz waren recht angegriffen aus
liebe AnnaMaria sagte der alte Baron und dann ist es auch wohl nicht ganz in
der Ordnung dass wir ihn auffordern mitzufahren in dem Augenblicke wo der
Wagen schon vor der Türe steht Wir hätten das auch wohl früher tun müssen
    Ich begreife Dich nicht lieber Grenwitz sagte die Baronin Du tust doch
gerade als ob Herr Stein unsers Gleichen wäre Da ist es gar kein Wunder wenn
der junge Mann sich vor Hochmut nicht zu lassen weiß Zu einer Fahrt in die
Nachbarschaft ihn eine Woche vorher auffordern Das fehlte noch Haben wir doch
selbst über die Helgoländer Reise noch nicht einmal mit ihm gesprochen
    Ich hätte es längst getan wenn Du nur einen bestimmten Entschluss
hinsichtlich seiner fassen könntest sagte der alte Herr sich hinter dem Ohr
krauend
    Ich habe jetzt meinen Entschluss gefasst sagte die Baronin gereizt in diesem
Augenblick gefasst Wenn er uns nicht einmal auf einer dreitägigen Fahrt in die
Nachbarschaft begleiten will wenn es ihm zu umständlich ist bei unsern
Bekannten die ihm alle mit der größten Herablassung entgegengekommen sind mit
uns einen Abschiedsbesuch zu machen so zeigt er ja deutlich dass er gar nicht
Abschied zu nehmen gedenkt und so mag er denn bleiben wo er will
    Aber liebe AnnaMaria sagte der Baron das ist doch am Ende nicht ganz
dasselbe und dann wo soll er unterdessen bleiben und wie sollen wir mit den
beiden Knaben allein fertig werden
    Ich sage Dir ja lieber Grenwitz entgegnete die Baronin es ist mir ganz
gleich wo er bleibt ganz gleich Er geht ja im Allgemeinen so gern seine
eigenen Wege so mag er es auch in diesem Fall Er kann eine Fussreise durch die
Insel machen oder seinen Freund Oldenburg besuchen oder schlimmsten Falls hier
bleiben obgleich sein Hierbleiben allerdings Umstände machen würde Uns ist er
auf der Reise die so schon kostspielig genug ist eine ganz überflüssige Last
Er wird sich wie gewöhnlich nur um Bruno bekümmern und die Sorge um Malte
gütigst uns überlassen Bleibt er hier so muss Bruno schon notgedrungen sich
mehr an Malte anschließen und da es sich während dieser Zeit doch nur um die
Aufsicht der Knaben handelt so übergebe ich die unserm Johann eben so gern und
lieber noch als Herrn Stein Ja wir können auf der Rückreise wenn wir Helene
noch bei uns haben nicht einmal alle in einem Wagen fortkommen Nein nein er
bleibt hier ich bin jetzt mit mir darüber ganz im Reinen  vollkommen im
Reinen
    Ich weiß nicht  sagte der alte Herr verdrießlich
    Aber ich weiß es sagte die Baronin aufstehend das pflegte Dir ja sonst
genug zu sein lieber Grenwitz Komm es ist die höchste Zeit dass wir
aufbrechen wenn wir zu Mittag noch beim Grafen Grieben sein wollen Da kommt
Malte Bist Du auch warm angezogen lieber Junge Wo steckt denn der Bruno
    Oben beim Doctor Er will nicht mit wenn der Doctor zu Hause bleibt
    Siehst Du lieber Grenwitz da haben wirs eine vortreffliche Erziehung in
der Tat! Sogleich gehe hinauf Malte Bruno soll sich sofort fertig machen
hörst Du sofort
    Ich werde mich wohl hüten erwiderte Malte das magst Du ihm selber sagen
    Das werde ich sagte die Baronin und zog die Schelle Ich lasse Herrn Doctor
Stein bitten sagte sie zu dem eintretenden Bedienten auf einen Augenblick zu
mir zu kommen
    Der Bediente verschwand die Baronin ging mit schnellen Schritten in dem
Gemache auf und ab
    Nur um Himmelswillen keine Szene liebe AnnaMaria sagte der alte Herr der
ebenfalls aufgestanden war ängstlich
    Die Baronin antwortete nicht denn in diesem Augenblicke öffnete sich die
Tür und herein traten Oswald und Bruno Bruno mit düsterem trotzigen Gesicht
und die Spuren eben geweinter Tränen in dem dunklen Auge aber vollkommen
reisefertig den mit Wachsleinen überzogenen Strohhut in der Hand
    Sie befehlen gnädige Frau sagte Oswald sich vor der Baronin verbeugend
    Die Baronin war durch diese unerwartete Lösung der schwierigen Frage ein
wenig aus der Fassung gebracht
    Ich hörte Bruno weigere sich uns zu begleiten sagte sie und da wollte
ich 
    Verzeihen Sie gnädige Frau unterbrach sie Oswald von einer Weigerung
Brunos einem ausdrücklichen Wunsche Ihrerseits nachzukommen kann wohl
selbstverständlich nicht die Rede sein Bruno hätte mir gern Gesellschaft
geleistet das ist Alles Es bedurfte natürlich nur eines Wortes ihn daran zu
erinnern dass er meinethalben nicht die Rücksichten aus den Augen setzen dürfe
die er gegen Sie und den Herrn Baron zu nehmen hat
    Nun das dachte ich mir doch gleich sagte die Baronin die im Innern sehr
froh war der »Szene« mit Oswald vor dem sie ohne es sich selbst gestehen zu
wollen eine sie demütigende aber unüberwindliche Scheu empfand überhoben zu
sein Es wird ihn nicht gereuen sich unseren Wünschen accomodirt zu haben Das
Wetter ist herrlich und wir werden denke ich recht vergnügt sein Wie Schade
ist es lieber Herr Doctor dass Sie nicht von der Partie sein können Nun wir
hoffen Sie bei unserer Rückkehr die in zwei bis drei Tagen erfolgen wird
wieder in vollem Wohlsein zu treffen  Ah Mademoiselle ist Alles bereit Dann
lass uns aufbrechen lieber Grenwitz Adieu lieber Herr Doctor Adieu
mademoiselle noubliez pas  Ah Herr Timm wahrhaftig ich hätte Sie beinahe
vergessen 
    Eben so schmeichelhaft wie natürlich sagte Herr Timm der mit der
Reissfeder hinter dem Ohr und etwas stark derangirter Toilette so eben erschienen
war um sich den Herrschaften zu empfehlen und jetzt der Baronin in den Wagen
half Bon voyage grüßen Sie den alten Grafen Grieben bestens von mir famoser
alter Herr der einen capitalen Rheinwein führt All right Hott Brauner  und
Herr Timm versetzte dem ihn zunächst befindlichen Pferde einen derben Schlag mit
der flachen Hand und warf dann den Insassen des Wagens der sich jetzt in
Bewegung setzte eine Kusshand zu
    Gott sei Dank sagte er als die Kutsche vor dem Tor verschwunden war und
rieb sich vergnügt die Hände Nun sind wir doch einmal unter uns Mädchen Was
fangen wir nun vor Entzücken an Quen dites vous Monsieur le Docteur quen
ditesvous Mademoiselle
    Ich habe ein paar Briefe zu schreiben und werde mich deshalb auf mein
Zimmer begeben sagte Oswald in das Haus gehend
    So wollen wir eine französische Lection im Garten nehmen kleine Marguerite
sagte Herr Timm den Arm der jungen Dame ohne Umstände in den seinen legend
    Ich nicht abe den Zeit sagte die hübsche Französin und versuchte ihren
Arm loszumachen
    Dummes Zeug sagte Albert wenn Du nicht jetzt hast den Zeit wo die alte
Vogelscheuche fort ist wann wollen Sie denn Zeit haben Kommen Sie Venez komm
Du kleiner Zieraffe Wir haben schon so schöne Fortschritte gemacht in der
Konjugation von aimer Jaime tu aimes  nous aimons 
    Und Albert zog die sich nicht allzusehr sträubende Marguerite in den Garten
und wer sich für dies romantische Paar interessierte konnte es bis zum Mittag
daselbst Arm in Arm umherschweifen sehen und die Beobachtung machen dass es den
verschiedenen Boskets und den dichteren Baumgängen entschieden den Vorzug vor
den offenen Plätzen gab was bei der großen Hitze des Tages am Ende auch ganz
natürlich war
    Es war am Nachmittage und Oswald saß wieder an seinem Schreibtische den er
nur um mit Albert und Marguerite ein kurzes und von seiner Seite sehr
schweigsames Mittagsmahl einzunehmen verlassen hatte als ihm ein Billet
gebracht wurde Oswald war seitdem er auf Grenwitz lebte so wenig gewohnt
dergleichen zu empfangen dass er den Bedienten der es ihm einhändigte ganz
erstaunt fragte von wem
    Von Baron Oldenburg erwiderte dieser des Barons Wagen hält vor der Tür
    Oswald erbrach das Billet und las
    Lieber Freund Wenn Sie die lernbegierige Brut loswerden können und sonst
nichts Besseres zu tun haben wollen Sie nicht einem einsamen Hypochonder auf
ein paar Stunden Gesellschaft leisten und sich bei dieser Gelegenheit
überzeugen wie gut unserm Haideblümchen die Versetzung in das fremde Erdreich
bekommt Mein Kutscher ist der Überbringer dieses Er hat den Auftrag mit
Ihnen oder auf Ihnen zurückzukommen Also  wählen Sie Ihr Oldenburg
    Oswald schwankte was er tun sollte Mit dem Sonnenschein war die Sehnsucht
nach Melitta mächtig in seinem Herzen erwacht Er konnte es nicht begreifen dass
er drei volle Tage hatte vorüber gehen lassen ohne auch nur einen Versuch zu
machen sie zu sehen Und dennoch trotzdem er wusste dass die Wolke die sich in
dem Ballsaal zwischen sie und ihn gelagert hatte längst verschwunden war
trotzdem er ihr sein Unrecht tausend und tausendmal im Herzen abgebeten hatte
scheute er sich den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun
    Er nahm einen Briefbogen um dem Baron zu schreiben dass er seiner Einladung
nicht Folge leisten könne und schon im nächsten Augenblick hatte er seinen Hut
ergriffen und eilte hinab Derselbe elegante Holsteiner in welchem er von dem
Baron von Barnewitz zurückgekommen war hielt mit den zwei feurigen Rappen
bespannt vor dem Portale Der Kutscher ein hübscher Mann mit einem ungeheuren
Bart lächelte ihm in Erinnerung des neulich erhaltenen schweren Trinkgeldes
freundlich zu Als er einstieg rief Albert über die Gartenmauer
    Können Sie mich nicht mitnehmen Monsieur le docteur
    Nicht wohl sagte Oswald
    Nun dann fahren Sie allein rief Albert zum Teufel setzte er hinzu als
der Wagen davon rollte Du hast Recht Marguerite sagte er zu der kleinen
Französin die jetzt aus dem Gebüsch in welchem sie sich vor Oswald versteckt
hatte hervorkam Der Doctor ist wirklich ein fat wie Du sagst und ich werde
nächstens auch anfangen ihn zu aßen
    Unterdessen rollte der Wagen durch das kleinere Tor dem Waldweg zu der um
den Wall herum in den Buchwald führte welcher sich von hier bis den Strand zog
und den man passieren musste wenn man von Grenwitz nach Kona dem Stammgut der
Oldenburger wollte Es war eine köstliche Fahrt in den hohen kühlen
Buchenhallen wo durch die dichten grünen Baumkronen der blaue Himmel leuchtete
und links wenn zwischen den mächtigen Stämmen das Unterholz weniger üppig
wucherte von Zeit zu Zeit das blaue Meer herüberbljetzte im Anfang selten und
nur auf Augenblicke dann je näher sie dem Saum des Waldes kamen öfter und
länger bis es plötzlich bei dem Ausgang des Waldes da lag blau und
unermesslich blitzend im prächtigen Sonnenschein
    Der Weg führte auf der Höhe des Ufers hin manchmal sich so dem Rande
nähernd dass man das Branden der Wogen zwischen den großen Steinen des Strandes
deutlich vernahm dann wieder auf weitere Entfernungen zurückweichend Rechts
streifte das Auge über ungeheure Kornbreiten die den Rücken des Plateaus
bedeckten Die langen kräftigen Halme bogen sich unter der Last der Ähren und
wehten hinüber und herüber vor dem lauen Wind der von dem Meere über sie
dahinfuhr Hier und da flatterte eine Lerche deren Nest allzudicht am Wege war
empor und stieg singend in den blauen Himmel
    Dann senkte sich der Weg in ein muldenförmiges Tal durch das ein ziemlich
bedeutender Bach der Abfluss des Faschwitzer Moores dem Meere zueilte An dem
Bach entlang und bis hart ans Meer lag ein Dorf das von Fischern bewohnt
wurde die dem Baron Grenwitz zinspflichtig waren Der Wagen musste das Dorf
passieren das mit seinen kleinen sauberen Häuschen und den kleinen mit Muscheln
eingefassten Gärtchen vor den Türen einen freundlichen Eindruck machte Vor der
Tür eines der größeren Häuser das sich durch ein Schild auf welchem ein
Schiff mit vollen Segeln durch grasgrüne schaumgekrönte Wogen fuhr als
Wirtshaus ankündigte hielt ein Reiter auf einem wundervollen braunen
Vollblutpferde Er trug einen langen Überrock und Oswald konnte das Gesicht
nicht sehen da der Reiter sich eben niederbeugte ein Glas Branntwein
entgegenzunehmen das eine blauäugige blonde Schifferdirne mit einem
allerliebsten Stumpfnäschen ihm präsentirte
    Das Pferd ist unter Brüdern seine zweihundert Louisdor wert sagte der
Kutscher welcher ein Kenner war
    Wer ist der Herr fragte Oswald
    Weiß nicht ich konnte sein Gesicht nicht sehen
    Hinter dem Fischerdorfe stieg der Weg ziemlich schnell zu einer
bedeutenderen Höhe als von welcher er auf jener Seite herabgesunken war Auch
nahm die Landschaft hier einen anderen Charakter an Das Terrain war weniger
eben statt des gelben nickenden Kornes bedeckte braunes Haidekraut den Boden
der hier und da auf große Strecken eine mit kleinen und großen Steinen und
graugrünem kurzen Grase bedeckte Wüste war Auch die Luft schien weniger warm
und man hörte da sich der Weg näher am Rande des hohen steilen Ufers hinzog
deutlicher das Brausen des Meeres Ein Seeadler zog oben in der hellen Luft
seine Kreise einigemal schwebte sein schwarzer Schatten über den
sonnebeschienenen steinigen Weg
    Ist es noch weit bis Kona fragte Oswald
    Der Hof liegt dort hinaus sagte der Kutscher mit dem Peitschenstiel rechts
über die Heide deutend Sie können ihn von hier aus nicht sehen Ich fahre den
Herrn Doctor nach dem Schweizerhäuschen
    Und wo liegt das
    Gerade vor uns in den Tannen
    Ein Waldweg von hohen Tannen krönte den höchsten Punkt des Ufers zu dem
jetzt der Weg der immer steiler und steiniger wurde ziemlich rasch
hinaufführte Als Oswald sich um die zurückgelegte Strecke zu überschauen im
Wagen umwandte erblickte er in einiger Entfernung den Reiter der vorhin vor
dem Wirtshause gehalten hatte Er ritt mit derselben Geschwindigkeit in
welcher der Wagen fuhr und als dieser zufällig hielt weil eine Schnalle an dem
Riemzeug aufgegangen war hielt er ebenfalls sein Pferd an so lange bis das
Fuhrwerk sich wieder in Bewegung setzte Oswald dem dies Benehmen aufgefallen
war bat den Kutscher nach einigen Minuten abermals zu halten Er wandte sich
um der Reiter hielt ebenfalls Er ließ das Manöver noch ein paar Mal
wiederholen stets mit demselben Erfolg
    Das ist doch sonderbar sagte Oswald
    Ja sagte der Kutscher ich weiß auch nicht was das zu bedeuten hat
    In diesem Augenblick verließ der Reiter den Weg und trabte quer über die
Heide nach der Richtung fort in welcher wie der Kutscher sagte hinter dem
Kamm des Plateaus der Gutshof von Kona lag
    Der Wagen hatte jetzt die Tannen erreicht die so dicht standen dass man vom
Meere nichts mehr sehen und nur noch sein Brausen hören konnte das sich mit dem
Wehen des Windes in den hohen Bäumen vermischte Dann blitzte es bei einer
Wendung des Weges wieder auf und vor ihnen auf einem freien nach dem Meere zu
offenen Platze lag ein aus Holz im Schweizerstyl aufgeführtes Haus Oldenburgs
Sommerwohnung
 
                           Dreiunddreissigstes Kapitel
Als der Wagen auf dem von hohen Bäumen umragten und mit braunen Nadeln wie mit
einem Teppich überdeckten Platze vor der Tür hielt erschien Oldenburg oben auf
der Gallerie welche die zwei Stockwerke trennte und sich um das ganze Haus zog
und grüßte freundlich hinab Im nächsten Augenblick war er an der Tür und
schüttelte Oswald mit Herzlichkeit die Hand
    Also doch sagte er ich fürchtete schon es wäre Ihnen ergangen wie den
meisten Leuten die wenn sie einmal mit mir zusammen gewesen sind für alle
Ewigkeit genug haben
    Ich weiß nicht Herr Baron ob Sie sich den meisten Leuten so zeigen wie
Sie sich mir gezeigt haben sagte Oswald wäre dies der Fall so habe ich für
mein Teil nicht den Geschmack der meisten Leute
    Wahrlich ein Selam in optima forma sagte Oldenburg lächelnd ein paar alte
graubärtige Söhne Mohameds könnten es nicht besser Es fehlt bloß noch dass wir
zum Schluss unsere eigenen Fingerspitzen küssen Aber kommen Sie ins Haus da
können wir die Sache noch bequemer haben
    Sie betraten einen kleinen Flur von welchem man auf einer niedrigen breiten
Treppe in das obere Stockwerk zu einer Entrée gelangte die von oben Licht
empfing Aus dieser gingen sie in ein weites ziemlich hohes Gemach zwischen
dessen zwei Fenstern eine Glastür auf die breite Gallerie führte die eine
unbeschränkte Aussicht auf das Meer gewährte und obgleich noch ziemlich dreißig
Fuß zwischen dem Hause und dem scharf abfallenden Rande des Ufers lagen
unmittelbar über der Brandung welche tief unten zwischen den Rollsteinen und
auf den Kieseln des Strandes murmelte zu hangen schien
    Von diesem erhabenen Standpunkte schweifte der Blick auf das blaue
unermessliche Meer und auf das hohe weiße Kreideufer das sich nach links in
einen weiten Halbmond hinziehend zuletzt in einem Vorgebirge endigte welches
der Buchwald von Grenwitz krönte Oswald konnte einen lauten Ruf der Bewunderung
nicht unterdrücken
    Nicht wahr sagte Oldenburg sich neben ihm auf die Brüstung der Gallerie
lehnend es war ein gescheidter Einfall meines würdigen Großvaters an diesem
Punkte nebenbei einem der höchsten der ganzen Insel ein Haus zu bauen Ich
habe den alten Mann mit seinem langen eisgrauen Barte noch gekannt und sehe ihn
im Geiste noch hier auf dieser Gallerie sitzen und wie der König von Tule mit
seinen verlöschenden Augen auf das heilige Meer schauen das er verehrte wie
ein Enkel seine alte Großmutter ehrt und liebte wie ein Jüngling die Geliebte
seiner Seele liebt Ich wollte er hätte mir außer seiner Figur auch seine
unermessliche Fähigkeit für Naturschönheit schwärmen zu können vererbt Leider
bin ich in der letzten Beziehung in demselben Grade zu kurz gekommen wie in der
ersten zu lang
    Ist das Ihr Ernst sagte Oswald
    Wahrhaftig sagte Oldenburg und ich habe mich nicht auf meinen Reisen oft
genug deshalb geschämt und meine ästhetische Verstockteit verwünscht die mich
auf den schönsten Punkten wo Andere vor Vergnügen Purzelbäume schlugen oder
sentimentale Tränen weinten geradezu nichts empfinden ließ Vergebens dass
ich wie die englischen Misses an meiner Seite beautifully very fine indeed
seufzte vergebens dass ich Tag und Nacht die herrlichsten Naturschilderungen
von Byron und Lamartine las bis ich sie auswendig wusste  es half Alles nichts
Ich brachte es nicht weiter wie der arme Werter als ihm die ewige Natur wie
ein lackirtes Bildchen erschien und ein paar Bettelbuben die sich auf dem
Sande des Strandes balgten und ein armer Fellah der sein Wasserrad drehte
waren mir interessanter als der Golf von Neapel und der Nil Ich habe nur an
Menschen und Menschentreiben meine Freude  von der Natur verstehe ich ein für
alle Mal nichts
    Aber warum verbannen Sie sich denn in diese Einsamkeit warum wohnen Sie da
Sie es doch haben können anstatt hier an diesem nordischen Strande nicht
lieber an dem Boulevard des Kapucines oder in London auf dem PallMall
    Aus demselben Grunde aus welchem man den Falken bevor man ihn auf die
Gazellenjagd nimmt vierundzwanzig Stunden fasten lässt  um meinen Hunger nach
meiner Lieblingsspeise zu schärfen Wenn ich hier ein paar Wochen gehaust habe
sind meine Sinne wieder frisch und empfänglich und das Schauspiel des
Menschentreibens hat wieder seinen alten Reiz für mich
    Und wie lange gedenken Sie diesmal hier zu bleiben
    Ich weiß noch nicht Meine Solitude  so taufte nämlich mein Großvater
diesen seinen Lieblingsort  gefällt mir diesmal besser als sonst wohl Ich
habe in den letzten Jahren ein etwas buntes Leben geführt und unzählige
Adamskinder der verschiedensten Racen und Culturzustände durcheinander gesehen
Zuletzt sah einer genau so aus wie der andere meine Sinne waren vollkommen
abgestumpft und eine längere Hungercur nötig Dass ich nicht ganz verhungere
dafür sollen Sie und die Czika sorgen
    Und wo ist denn unser kleiner Findling
    Irgendwo auf der Heide wo sie sich in den blühenden Ginster legt und in den
Himmel starrt oder am Strande wo sie zwischen den Felsblöcken umherklettert
und vor Vergnügen in die Hände klatscht wenn eine höhere Welle ihre nackten
Füße benetzt Bis zu Schuhen hat sie es nämlich noch nicht gebracht das heißt
ich habe sie noch nicht dazu bringen können Ich lasse ihr überhaupt absolute
Freiheit seitdem sie mir gleich am zweiten Tage als ich sie bei dem
schauderhaften Wetter nicht herauslassen wollte sehr energisch erklärte Czika
stirbt wenn Czika nicht in den Regen darf
    Sehnt sie sich denn nicht nach ihrer Mutter zurück
    Glauben Sie wirklich dass das braune Weib das ich übrigens nur ganz
flüchtig gesehen habe des Kindes Mutter ist
    Unbedingt Die Ähnlichkeit zwischen Czika und der braunen Gräfin ist
unverkennbar
    Von wem habe ich doch diesen Ausdruck schon gehört sagte Oldenburg
nachdenklich von Ihnen neulich ohne Zweifel aber er kam mir gleich so bekannt
vor Stammt das Wort von Ihnen
    Nein von Frau von Berkow sagte Oswald den Blick fest auf Oldenburg
richtend
    So so sagte der Baron
    Es war das erste Mal dass Melittas unter den beiden Männern Erwähnung
geschah und es war bezeichnend genug dass sofort eine Pause in dem Gespräch
eintrat
    Bei welcher Gelegenheit hat denn Frau von Berkow die Bekanntschaft der
Zigeunerin gemacht fragte der Baron nach einiger Zeit
    Oswald erzählte in kurzen Zügen die Geschichte von der braunen Gräfin so
wie sie ihm Melitta mitgeteilt hatte
    Oldenburg lächelte Ja ja sagte er jetzt erinnere ich mich Frau von
Berkow hatte mir die Anekdote schon vor ein paar Jahren erzählt Die Geschichte
ist allerliebst besonders für den welcher sich für Frau von Berkow
interessiert weil sie den liebenswürdigen aus Mutwillen Schalkheit und
Gutmütigkeit wunderbar gemischten Charakter dieser Dame so vortrefflich
charakterisirt
    Der Baron sagte das einfach und ruhig als hätte es niemals eine Zeit
gegeben wo er für ein Lächeln dieser Dame sein Leben aufs Spiel gesetzt haben
würde
    Aber wollen wir nicht hineingehen fuhr er fort ich sehe Hermann mein
Rabe und Factotum hat einen Tisch mit allerlei Appetitlichem gar zierlich
gedeckt und dort kommt auch Tusnelda seine Gemahlin und meine Amme um uns
feierlich zum Vesperbrod zu laden
    Eine alte würdig aussehende Frau von stattlichem Umfange erschien in der
Glastüre machte einen tiefen Knix und sagte
    Herr Baron es ist servirt
    Schön sagte Oldenburg hast Du die Czika nicht gesehen
    Ich dachte sie wäre beim Herrn Baron antwortete die Matrone ängstlich
umherblickend
    Nein Bring sie doch herauf wenn sie unterdessen kommen sollte Du kannst
Dich einmal nach ihr umsehen Kommen Sie Doctor ich hoffe der weite Weg hat
Sie hungrig zum mindesten durstig gemacht Tusnelda hat für beide Fälle
gesorgt
    Während sie an dem mit Erfrischungen aller Art reichlich besetzten Tische
Platz nahmen schaute Oswald sich in dem Zimmer um Der weite Raum wurde durch
einen großen Schreibtisch von Eichenholz und durch Stühle und Sophas von
mancherlei Formen die den Platz häufig zu verändern schienen wesentlich
verringert An den Wänden standen Eichenschränke mit Büchern angefüllt Bücher
lagen auf dem Boden Einige Büsten nach der Antike und ein paar große
Kupferstiche waren der einzige Schmuck des Zimmers das im Übrigen offenbar auf
Eleganz nicht den mindesten Anspruch machte zwischen zwei der Schränke wo ein
Kupferstich hingehörte war eine grünseidene Gardine die entweder ein
ungeschickt angebrachtes Fenster oder ein Bild verdeckte welches der Besitzer
aus diesem oder jenem Grunde dem Blicke neugieriger Besucher nicht ausgesetzt
wünschte
    Sodann wurde seine Aufmerksamkeit wieder von dem Baron selbst in Anspruch
genommen der ihm heute in einem kurzen gelben leinenen Rock welcher seiner
langen hageren Figur gar seltsam stand ein ganz Anderer zu sein schien Mehr
aber noch als der veränderte Anzug war es der veränderte Ausdruck des
Gesichtes der Oswald auffiel Der höhnische Zug um den Mund den selbst der
dichte Bart nicht ganz verdecken konnte die scharfen kleinen Fältchen auf der
hohen Stirn um die Augen und die Nasenflügel  Alles war von einem freundlichen
Lächeln ausgelöscht das den grauen sonst so stechenden Augen einen Ausdruck
von Milde und Gutmütigkeit gab den Oswald soweit er auch von seinem
Vorurteil gegen den Baron zurückgekommen war niemals für möglich gehalten
haben würde Ja der Gedanke dass ein Weib diesen seltsamen Mann von ganzem
Herzen lieben könnte schien ihm nicht mehr so wunderlich wie auf dem Balle von
Barnewitz Er dachte an das Blatt in Melittas Album er dachte an seine eigenen
Worte Dieser Mann wird niemals glücklich sein weil er niemals wird glücklich
sein wollen und an Melittas Antwort Darum ist dieser Mann aus meinem Leben
losgelöst wie sein Bild aus diesem Album und er sagte jetzt er hätte
glücklich sein können wenn er gewollt hätte warum wollte er es nicht was
trennte diese Beiden wer von ihnen sprach das Wort das sie  wie es scheint 
auf ewig trennte
    Diese Gedanken erweckten heute in Oswald nicht mehr jene wilde Eifersucht
die sein Herz an dem Tage wo er dem Baron zuerst im Walde begegnete und
hernach auf dem Balle in Barnewitz zerfleischt hatte  aber das geheimnisvolle
Dunkel welches über diesen Vorgängen lag das er nicht lüften konnte und was
schlimmer war nicht einmal zu lüften wagte erfüllte seine Seele mit tiefer
Trauer
    Oswald suchte dieser trüben Stimmung Herr zu werden es war ihm als wenn
des Barons scharfe Augen lesen könnten was in seiner Seele vorging Indessen
schien dieser vollkommen unbefangen und ganz von dem Thema ihres Gesprächs in
Anspruch genommen das wie erklärlich sich hauptsächlich um Czika und die
braune Gräfin drehte Beide Männer versuchten ihren Scharfsinn vergeblich an der
Lösung der vielen Rätsel dieser wunderbaren Angelegenheit Was hatte die braune
Gräfin bestimmt ihr Kind an welchem sie doch mit so großer Liebe zu hängen
schien so ohne Weiteres fremden Männern zu überlassen Woher nahm sie zu dieser
Entsagung den Mut in dem Augenblicke wo sie durch die brutalen Scherze der
jungen Edelleute der Reitknecht des jungen Grafen Grieben hatte Oldenburgs
Kutscher die Sache erzählt und durch den allerdings bloß scherzhaft gemeinten
Raub der Kleinen so außer sich gebracht war Hatte sie das Kind Oswald oder dem
Baron oder hatte sie es Beiden geschenkt oder hatte sie es ihnen nicht
geschenkt sondern verkauft und hatte sie nur den Zahlungstermin einen Monat
hinausgeschoben in der Hoffnung dass die beiden Männer oder auch einer von
ihnen das schöne Kind während dieser Zeit lieb gewinnen und demnach gern einen
höheren Preis zahlen würde
    Meine größte Furcht sagte Oldenburg ist dass die braune Gräfin der noch
nicht einmal abgeschlossene Handel gereut und sie das Kind wieder raubt oder
auch die Czika selbst der Sehnsucht nach ihrem Wanderleben nicht widerstehen
kann und eines schönen Morgens verschwunden ist Ich gestehe dass es ein harter
Schlag für mich sein würde Ihre Prophezeiung dass ich in der süßen Dirn einen
Schatz gefunden habe köstlicher als Aladins Wunderlampe scheint in Erfüllung
zu gehen Ich sage mit dem weisen Nathan ich bliebe oder richtiger ich wäre
des Mädchens Vater doch so gern ich möchte so gern dieser bis jetzt stummen
Seele eine Sprache entlocken und in dieser Sprache meinen eigenen Gedanken
veredelt und verschönert wieder hören ich möchte sie an mich ketten mit allen
Banden durch die ein Vater an seine Tochter eine Tochter an ihren Vater
gefesselt sein kann  versteht sich um sie nachträglich alle diese Bande
zerreißen und sich dem ersten besten Gelbschnabel in die Arme werfen zu sehen
dem der Rock um einen Grad besser sitzt als seinen Nachbarn Aber bis dahin
möchte ich wenigstens dass sie mein wäre Ich stehe jetzt in den Jahren wo man
sich wenn man nicht zufällig ein Swift ist der bekanntlich die Kinder hätte
fressen mögen aber nicht aus Liebe  nach Kindern sehnt wie ein müder
Wanderer nach einem Stab die erschlaffenden Glieder zu stützen Wenn wir
fühlen dass wir den höchsten Punkt auf unserem Lebenswege erreicht haben und es
nun unaufhaltsam bergab geht und das Land unserer Jugend hinter dem Kamm des
Hügels allgemach verschwindet da möchten wir fröhliche Kinderstimmen von drüben
ertönen hören die uns unsere eigene selige Jugendzeit wieder in die Erinnerung
rufen Sie werden mich fragen weshalb ich denn dieser spiessbürgerlichen Tendenz
nicht nachgebe und heirate oder Sie werden mich das auch nicht fragen denn
Sie werden sich selber sagen dass für Jemand der sich die zehn besten Jahre
seines Lebens in allerlei liaisons dangereuses oder innocentes unausgesetzt
bewegt hat das Heiraten eine moralische Unmöglichkeit ist Ich will keine
Frau die so blasirt wäre nicht von mir hören zu wollen ich liebe Dich und
wie kann ich das ohne mir selbst lächerlich vorzukommen zu ihr sagen wenn ich
es schon so und so vielen anderen in allen mir bekannten Sprachen gesagt habe
Nein nein mit solchen Gesinnungen mag man Türke werden und sich einen Harem
anschaffen aber für die monogamische Ehe im höchsten reinsten Sinne wo sie
eine wunderbare Alchymie ist die aus den Zweien Eines macht für diese Ehe die
auch ich heilig halte ist man wahrlich zu schlecht
    Und doch sagte Oswald liegt in der wahren Liebe eine reinigende und
heiligende Macht vor der alle Zweifel an uns selbst verschwinden wie der Nebel
vor den Strahlen der Sonne Die wahre Liebe wischt wie der echte Hass »von der
Tafel der Erinnerung weg alle törichten Geschichten« und macht uns mit einem
Schlage aus wüsten Barbaren zu zartfühlenden feinsinnigen Helenen Die rohe
Kraft die vorher sich nur betätigen wollte gleichviel ob sie schaffte oder
zerstörte nimmt jetzt Form an und wo sie früher einen Siva schuf dessen
glühender Blick alle Kreatur verzehrt schafft sie jetzt einen olympischen Zeus
der Alles was ist mit Vateraugen segnet
    Sehr schön gesagt erwiderte der Baron wollen Sie nicht diese
Liebfrauenmilch versuchen der Wein macht seinem Namen Ehre  sehr schön gesagt
auch wohl wahr  nur nicht für problematische Naturen
    Was nennen Sie problematische Naturen
    Es ist ein Goethescher Ausdruck und kommt in einer Stelle vor die mir viel
zu denken gegeben hat Es gibt problematische Naturen sagt Goethe die keiner
Lage gewachsen sind in der sie sich befinden und denen keine genug tut
Daraus fügt er hinzu entsteht der ungeheure Widerstreit in dem sich das Leben
ohne Genuss verzehrt  Es ist ein grausiges Wort denn es spricht in olympischer
Ruhe das Todesurteil über eine besonders in unseren Tagen weit verbreitete
Gattung guter Menschen und schlechter Musikanten  Da ist Czika
    Wo
    Hinter Ihnen
    Oswald wandte sich um In der offenen Tür die auf den Balcon führte stand
das schöne Kind vom roten Licht der untergehenden Sonne umflossen Ihr
üppiges tiefschwarzes Haar fiel von beiden Seiten über die feine Stirn auf die
Schultern die aus einer blauen Blouse hervorschauten welche mit einem dünnen
rotseidenen Shawl um die schlanke Hüfte gegürtet war Weite seidene Beinkleider
reichten bis zu den mit Sandalen bekleideten sonst nackten Füßen Als sie einen
Fremden in dem Zimmer erblickte hatte sie sich leise wie sie gekommen war
wieder wegstehlen wollen bis der Ausruf des Barons sie bannte und Oswald sich
umgewandt hatte Bei seinem Erblicken flog ein freudiges Lächeln über ihr
ernstes dunkles Gesicht und die braunen Gazellenaugen schauten beinahe
zärtlich zu ihm empor als er ihr jetzt eine ihrer Hände in den seinen haltend
und mit der andern ihr das üppige Haar schlichtend vor ihr stand
    Czika kennt Dich sagte sie Du bist sehr gut Du hast die Armen lieb die
Armen haben Dich lieb
    Eine Liebeserklärung sagte Oldenburg der am Tische sitzen geblieben war
lachend die wievielste Doctor in den letzten acht Tagen Doctor Sie sind ein
gefährlicher Mensch und ich werde mich genötigt sehen Ihnen mein Haus zu
verbieten
    Warum bist Du nicht immer hier sagte Czika ihre großen Augen von dem Baron
wieder zu Oswald wendend Czika will mit Dir an dem großen Wasser sitzen Czika
will Dir Blumen auf der Heide pflücken Warum bist Du nicht immer hier
    Er kann nicht immer hier sein Czika sagte der Baron aber er wird recht
oft herkommen Nicht wahr Doctor
    Die Tür nach dem Vorsaal wurde geöffnet und Madame Müller oder Tusnelda
wie sie der Baron nannte schaute herein
    Ich kann sie nicht  ah da ist sie ja Wo bist Du denn gewesen mein
Herzenspüppchen komm ich will Dich ein wenig zurecht machen Wie Du wieder
aussiehst  ganz voll Haidekraut wie gewöhnlich was sollen die Herren von uns
denken
    So sprach die Matrone das Kind mit sanfter Gewalt an der Hand aus dem
Zimmer führend
    Sie müssen wissen dass eine große Liebe zwischen den Beiden besteht sagte
der Baron Meine alte Amme hat viel blühende Kinder gehabt die alle frühzeitig
gestorben sind Anderer Frauen Herz wird durch solches Unglück oft verhärtet
aber Tusneldas Herz ist weich geblieben und jetzt liebt sie die Czika als
wäre sie ihr Letztgeborenes Das ist aber nun gerade als wenn eine Taube einen
Falken ausgebrütet hätte Czikas Tendenzen zu einem möglichst ungebundenen
Dasein bringen die arme alte Dame alle Tage zehnmal in die größte Not und
Verzweiflung Und dann ist noch ein Umstand Tusnelda ist gut kirchenfromm 
und Czika hat  horribile dictu  gar keine Religion  es müsste denn irgend ein
geheimnisvoller Sterndienst sein den sie begeht wenn sie sich des Nachts von
ihrem Lager stiehlt und auf der Höhe des Strandes im Mondenscheine tanzt wie
Tusnelda es mit Grausen und Schaudern gesehen zu haben schwört Übrigens
glaube ich Tusnelda hat in diesem Falle Recht Ich habe wenigstens schon
früher die Beobachtung gemacht dass wenn die Zigeuner Gegenstände der Anbetung
haben es Sonne Mond und Sterne sind
    Haben Sie auf Ihren Reisen öfter Gelegenheit gehabt mit diesem
interessanten Volke in nähere Berührung zu kommen
    O ja sagte der Baron sogar in sehr nahe Berührung besonders einmal  in
Ungarn vor zwölf Jahren etwa
    Der Baron schwieg schenkte sich ein Glas Wein ein und trank es in mehreren
Absätzen langsam aus die Augen auf die Tischdecke geheftet wie Jemand dessen
Gedanken von einer Erinnerung ganz in Anspruch genommen sind
    Nun sagte Oswald wie war das
    Was sagte der Baron wie aus einem Traum erwachend ja so Sie wollen
wissen was ich in Ungarn mit den Zigeunern zu tun hatte
    Ich vermute es steckt dahinter eine romantische Geschichte
    Allerdings sagte der Baron ich selbst stand damals noch in den Jahren wo
jeder Mensch er müsste denn zufällig ein geborner Stockfisch sein ein
lebendiges Stück Romantik ist Ich schwärmte für Eichendorffs
mondscheindurchleuchtete Zaubernächte für Brunnen und Wälderrauschen und vor
allem schwärmte ich für schlanke Mägdelein mit und ohne Guitarre am blauen
Bande
    Meine ganze Weltanschauung war in einem eminenten Grade romantisch vor
allem meine Moral Das ganze Leben hatte für mich nicht mehr Bedeutung als ein
Schattenspiel an der Wand und das einzige Reelle was ich gelten ließ war die
souveräne Ironie Mit einem Worte ich war ein charmanter Kerl und wenn man
mich an den ersten besten Galgen gehangen hätte so wäre das nur »mir zur
gerechten Straff andern aber zum abscheulichen Exempul« gewesen
    Ich hatte damals das sogenannte Studiren in Bonn und Heidelberg gerade
herzlich statt Ich hatte in tausend Büchern vergeblich nach der Lösung des
Rätsels gesucht über dem sich schon so viel bessere Köpfe als ich den Kopf
zerbrochen haben und wollte es nun einmal auf andere Weise anfangen Ich
schrieb an meinen Vormund und drückte ihm den Wunsch aus ein paar Jahre zu
reisen Der Vormund billigte diesen Plan höchlichst wie er denn Alles billigte
was mein Spatzenkopf ausheckte  nur um mich loszuwerden  schickte mir Wechsel
und Empfehlungsbriefe und ich begab mich auf die Wanderschaft Ich reiste durch
SüdDeutschland die Schweiz OberItalien Wenn Sie einen aber auch nur
oberflächlichen Bericht dieser Reise von mir verlangten so käme ich in die
größte Verlegenheit Ich weiß von den Gegenden noch gerade so viel wie von den
Landschaften die man im Traume sieht Zuletzt war ich in Ungarn Der Zufall
der überhaupt mein Reisemarschall war hatte mich dort hingeführt Ich war in
Wien mit einem jungen ungarischen Edelmann bekannt geworden dessen Vater am
Fuße des Tetragebirges reich begütert war Er hatte mich eingeladen mit ihm zu
kommen ich war dieser Einladung gefolgt Wir führten ein sehr idyllisches
Leben dessen Hauptingredienzien Würfel Wein und Weiber waren Herr von Kryvan
hatte ein paar sehr schöne Schwestern in die ich mich der Reihe nach verliebte
Sodann begeisterte ich mich für die französische Gesellschafterin der alten Frau
von Kryvan die eben frisch von Paris gekommen war und die jungen Ungarinnen
durch die Grazie ihrer Manieren ihr Konversationstalent und ihren Geschmack in
Sachen der Toilette beschämte
    Als ich einst voll von dem Bilde dieser Huldin die ich nebenbei einige
Jahre darauf in Paris unter wesentlich anderen Verhältnissen wieder traf  für
den Augenblick glaubte ich an die Echteit ihrer Perlen und ihrer Tugend  als
ich einst sage ich träumend in dem Walde umherlief der sich von Kryvan weit
in das Gebirge hinauf erstreckte führte mich mein Reisemarschall der Zufall
auf eine Lichtung im Walde die sich eine Zigeunerbande zum temporären Wohnort
erwählt hatte Kleine Hütten aus Lehm und Reisig in archaischem Style
aufgeführt eine Feuerstelle an der ein altes Mütterchen einen Marder briet
Tierfelle und Lumpen an den Zweigen der Bäume zum Trocknen aufgehängt  das war
das Bild das sich meinen erstaunten Blicken darbot Die ganze Bande war
abwesend mit Ausnahme besagter alter Hexe einiger ganz kleiner Kinder die
sich in paradiesischer Nacktheit im Sande wälzten und eines Zigeunermädchens
von fünfzehn Jahren etwa 
    Der Baron schenkte sich ein Glas voll und trank es mit einem Zuge aus
    Von fünfzehn Jahren etwa  vielleicht war sie auch älter  es ist das Alter
von Zigeunermädchen schwer zu bestimmen Sie war schlank und geschmeidig wie
ein Reh und ihre dunklen Augen leuchteten in einem so magisch
sinnlichübersinnlichen Feuer dass mich ein Schauder des Entzückens packte als
ich tief und tiefer hineinschaute während sie unter allerlei Manipulationen mir
aus der flachen Hand mein Schicksal verkündete Mein Schicksal war in ihren
Augen viel deutlicher zu lesen als in meiner Hand Ich war entzückt berauscht
außer mir die Welt war für mich versunken  Sie erinnern sich dass ich damals
zwanzig Jahre und Romantiker von reinstem Wasser war  und dass ein Zigeuner
sein sich von Mardern nähren und sich in den Augen eines Zigeunermädchens
sonnen der Weisheit letzter Schluss und das höchste Ziel menschlichen Strebens
sei war für mich über allen Zweifel erhaben Ich blieb bei den Zigeunern  ich
weiß nicht wie viel Tage Meine Freunde im Schloss glaubten die Wölfe hätten
mich zerrissen  Da eines Abends  die Sonne war schon hinter die Bergwand
gesunken die unsern Lagerplatz nach Westen schirmte  die Bande war noch nicht
von ihrem Streifzuge zurück  ich saß mit der Zingarella am Fuß einer alten
Eiche und war selig in meiner jungen Liebe  da 
    Ich glaube gar wir bekommen noch Besuch  unterbrach sich der Baron war
das nicht eine fremde Stimme
    Ich hoffe nicht sagte Oswald
    Die Tür wurde geöffnet der alte Hermann schaute herein und sagte
    Herr von Kloten wünscht seine Aufwartung zu machen Herr Baron sind Sie zu
Hause
    Bewahre sagte der Baron aber freilich ich kann ihn nicht gut abweisen er
kommt um mich  hm hm
    Lassen Sie sich durch mich in der Ausübung Ihrer Gastfreundschaft nicht
stören sagte Oswald aufstehend
    Bleiben Sie bleiben Sie sagte der Baron er wird sich hoffentlich nicht
lange aufhalten Er kommt in einer gewissen Angelegenheit in welcher er meinen
Rat haben will Das ist Alles Führe ihn herauf Hermann
    Einen Augenblick darauf trat Herr von Kloten ein Er war in Reitfrack und
Stulpenstiefeln und schien einen weiten Ritt gemacht zu haben Wenigstens sah er
sehr erhitzt aus Oswalds Anwesenheit schien ihn zu ärgern oder verlegen zu
machen wenigstens begrüßte er ihn mit auffallender Förmlichkeit nachdem er dem
Baron die Hand geschüttelt hatte
    Sehr warm heute sagte er auf einem Stuhl den ihm der Baron anbot am
Tische Platz nehmend Robin trieft von Schweiß habe Ihrem Reitknecht gesagt
ihn mit Stroh abzureiben Konservirt die Pferde merkwürdig Angenehmer Wein 
Liebfrauenmilch  famoser Wein  hatten neulich auch welchen in Barnewitz 
nicht halb so gut Apropos Barnewitz  gut bekommen Baron War etwas vor der
Zeit fortgefahren  Hitze wirklich abominabel 
    Wollen Sie nicht ablegen Kloten
    Danke danke Will gleich wieder fort wollte nur einmal weil gerade in der
Nähe  war auf Grenwitz  Alles ausgeflogen dort  vorsprechen zu sehen wie es
steht
    Aber Sie werden doch ein paar Minuten Zeit haben
    Keinen Augenblick  auf Ehre sagte Herr von Kloten sein Glas leerend und
aufstehend spreche morgen vielleicht wieder vor Adieu Baron
    Von Kloten verbeugte sich wiederum sehr förmlich vor Oswald und schritt von
dem Baron begleitet nach der Tür
    Bitte bitte derangiren Sie sich nicht sagte Kloten
    Ich will mir nur Ihren Robin einmal ansehen sagte den Baron und dann zu
Oswald entschuldigen Sie mich für ein paar Augenblicke Herr Doctor
    Oswald war allein das auffallend kühle Benehmen des jungen Edelmanns hatte
wie sehr er denselben auch verachten zu dürfen glaubte doch seinen
verletzlichen Stolz beleidigt Er ging erregt in dem Gemache auf und ab Sein
Adelhass hatte wieder neue Nahrung bekommen auch Oldenburgs Benehmen schien ihm
während Klotens Visite weniger herzlich gewesen zu sein
    Ich sage es ja murmelte er durch die Zähne wo zwei zusammen sind ist der
Kastengeist mitten unter ihnen und sie fließen zusammen wie Quecksilber
    Sein Blick haftete auf den grünseidenen Vorhang zwischen den beiden
Bücherschränken der seine Aufmerksamkeit schon vorhin erregt hatte
    Welches ist denn dies verschleierte Bild irgend ein wollüstiger Korreggio
vermutlich auf jeden Fall ein Beitrag zur intimeren Kenntnis dieses
wunderlichen Mannes Sie entschuldigen meine Neugierde Monsieur le Baron
    Oswald zog mit einem Ruck der seidenen Schnur den Vorhang zurück und der
Jüngling zu Sais der den Schleier von dem heiligen Bilde der Isis hob kann
kaum mehr erschüttert gewesen sein als es Oswald war wie er jetzt anstatt
eines farbetrunkenen italienischen Gemäldes in einer Nische eine Büste aus
keuschem weißen Marmor erblickte die obgleich in antikem Haarschmuck und ein
wenig idealisirt nichts war als ein sprechend ähnliches Portrait Melittas
Das war ihr reiches welliges Haar das war ihre schöne zarte Stirn die feine
gerade Nase das waren die weichen selbst noch im Marmor taufrischen Lippen
    Ehe sich Oswald von seinem Erstaunen dem Bilde der Geliebten sich so
plötzlich gegenüber zu sehen nur so weit erholen konnte den Vorhang wieder
über das Bild zu ziehen trat der Baron in das Zimmer
    Entschuldigen Sie meine Indiscretion sagte Oswald sich schnell fassend
aber wer heißt Sie auch verschleierte Bilder in einem Sanctuarium aufstellen
zu dem Sie jedem Fremden den Zutritt gewähren
    Sie haben Recht sagte der Baron ohne eine Spur von Verwirrung dieser
grüne Schleier ist wie andere Schleier auch geradezu provocirend und nebenbei
ist es sehr töricht die Kopie zu verhüllen da Jedermann das Original
unverhüllt sehen kann wenn er sich die Mühe gibt nach Palermo zu reisen und
sich eine Erlaubnis verschafft die Villa Serra di Falco besuchen zu dürfen
    In der Tat! sagte Oswald den die unverwüstliche Ruhe mit welcher ihm der
Baron dies Märchen aufzuheften suchte ein wenig ärgerte also bei Palermo ich
war schon versucht das Original weniger weit zu suchen
    Sie meinen im Berliner Museum sagte der Baron es existiert dort allerdings
eine Muse die mit diesem Bilde große Ähnlichkeit hat aber der Unterschied ist
doch wenn Sie genauer vergleichen sehr bedeutend
    Allerdings sagte Oswald die Nase ist an jenem Bilde energischer auch ist
die Haltung des Kopfes eine andere und überhaupt die Ähnlichkeit mit Frau von
Berkow die an dieser Büste so frappant ist weniger auffallend
    Finden Sie sagte der Baron aufstehend und vor das Bild tretend
Wahrhaftig Sie haben Recht Es ist wirklich eine flüchtige Ähnlichkeit
zwischen diesem Bilde und Frau von Berkow Nun das macht mir das Bild nicht
schlechter denn ich gestehe dass es wenige Damen auf der Welt gibt an die ich
mich so gern erinnern ließe als an diese ebenso liebenswürdige wie geistreiche
Frau
    Der Baron zog den Vorhang wieder über das Bild als wünschte er jetzt das
Gespräch darüber abzubrechen
    Kommen Sie Doctor sagte er setzen Sie sich wieder und tun Sie als ob
Kloten dieser geistreichste Jüngling nicht hier gewesen wäre
    Ich glaube es ist die höchste Zeit dass ich aufbreche sagte Oswald die
Sonne ist im Untergehen  ich möchte gerade heute nicht spät nach Hause kommen
    Wie Sie wollen sagte der Baron man soll den kommenden Gast willkommen
heißen und den davoneilenden nicht halten Ich habe große Lust Sie eine Strecke
zu begleiten Sind Sie Reiter
    Ein wenig
    So wollen wir reiten wenn es Ihnen recht ist Ich nehme einen meiner Leute
mit Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick Ich will nur ein wenig
Toilette machen und die nötigen Befehle geben
    Sie sitzen gut zu Pferde Doctor sagte der Baron als sie eine
Viertelstunde später auf der Höhe des Strandes langsam dahinritten Es ist
wirklich merkwürdig welch wunderbares Talent Sie in diesen Dingen zeigen Ich
glaube es gibt keine körperliche Geschicklichkeit in der Sie es nicht in
kurzer Zeit zur Meisterschaft bringen könnten
    Es ist das um so merkwürdiger sagte Oswald weil ich doch eigentlich in
Folge meiner plebejischen Geburt und Erziehung gar keine Ansprüche auf diese
aristokratischen Vorzüge machen kann
    Schade dass ich nicht Kloten bin sagte der Baron
    Weshalb
    Weil ich dann die Ironie in Ihren Worten nicht im Entferntesten ahnen im
Gegenteil durch Ihre rührende Bescheidenheit von der an Hass grenzenden
Abneigung gegen Sie zurückkommen würde
    Ist Herr von Kloten so gegen mich gesinnt
    Denken Sie denn dass einem Dandy lieb ist wenn ein Anderer sich im
Pistolenschiessen Tanzen Kourmachen kurz in Allem überlegen zeigt was der
größte Stolz seiner kleinen Seele ist Weiber und weibische Männer verzeihen
dergleichen nie Ich habe mich an dem Abend in Barnewitz königlich über die
Gesichter amüsirt die natürlich hinter Ihrem Rücken von einigen dieser
geistreichen Jünglinge geschnitten wurden und mir leider den billigen Spaß
gemacht durch allerlei kleine Teufeleien diese Püppchen noch mehr in Harnisch
zu bringen
    Warum leider ich versichere Sie dass mir an der guten oder schlechten
Meinung dieser Herren sehr wenig gelegen ist
    Ohne Zweifel aber Sie sind so lange Sie in dieser Gegend bleiben
genötigt mit diesen Herren zu verkehren und es ist eine Regel der
allergewöhnlichsten Klugheit dass man seine Mitreisenden nicht geflissentlich
auf die Hühneraugen tritt  Wer zum Teufel kommt denn da querfeldein von Kona
her
    Dieser Ausruf des Barons galt dem geheimnisvollen Reiter welchen Oswald bei
seiner Ankunft bemerkt hatte und der jetzt wieder quer über die Heide
herantrabte und ungefähr tausend Schritte vor ihnen auf den Weg gelangte
    Oswald erzählte dem Baron was ihm mit dem Reiter begegnet war
    Das müssen wir doch untersuchen sagte der Baron lassen Sie uns einmal Trab
reiten
    Sie hatten kaum ein paar Schritte zurückgelegt als der Reiter vor ihnen
wie auf Verabredung sein Pferd ebenfalls in Trab setzte Es schien als ob er
sich einige Male verstohlen umschaute doch war dies bei dem Dämmerlichte das
jetzt herrschte nicht mehr deutlich zu erkennen
    Versuchen wir es einmal mit Galopp sagte Oswald ich sehe der
Geheimnisvolle macht es gerade so wie heute Nachmittag
    Sie befanden sich jetzt auf der weiten ebenen Fläche die sich allmälig zum
Fischerdorf senkend dem steinigen und weniger ebenen Terrain des Vorgebirges
auf welchem Oldenburgs Villa lag folgte Der mit einer nur dünnen Erdschichte
in welcher spärliches Haidekraut wuchs überkleidete felsige Boden erdröhnte vom
Hufschlag der Pferde die jetzt wacker ausgriffen
    Der Geheimnisvollen war so wie sein Ohr den schnelleren Hufschlag vernahm
dem Beispiele gefolgt und galoppirte jetzt immer in derselben Entfernung vor
seinen Verfolgern her
    Stern chase is a long chase sagte Oldenburg dem die Sache großes Vergnügen
zu machen schien Der Bursche ist übrigens ausgezeichnet beritten Sehen Sie
nur wie das Tier den Boden kaum mit den Hufen zu berühren scheint Weißt Du
nicht Karl wer es sein kann
    Nein Herr sagte der Reitknecht der jetzt in einer Linie mit den beiden
Herren ritt es kann Niemand aus unserer Gegend sein sonst müssten wir ihn schon
eingeholt haben
    Karl schmeichelt sich nämlich mit dem Gedanken dass er die besten und
schnellsten Pferde weit und breit unter seinem Kommando hat bemerkte der Baron
    Er hält es auch nicht lange mehr aus Herr sagte Karl
    Das müssen wir abwarten meinte der Baron
    Sollen wir nicht um dem Dinge ein Ende zu machen die Pferde einmal laufen
lassen sagte Oswald nach einigen Minuten es muss sich dann ja zeigen ob wir
ihn einholen können oder nicht
    Meinetwegen sagte Oldenburg en avant
    Die drei Reiter ließ ihren Pferden die Zügel Die edlen Tiere wie
entzückt über die ihnen gewährte Freiheit und als wüssten sie dass ihr Ruf als
beste Renner der ganzen Gegend heute auf dem Spiele stand stürmten mit
gewaltiger Geschwindigkeit dahin zuerst Brust an Brust bis Oldenburgs Rappe
die Spitze nahm und behauptete so oft auch eins der beiden andern Pferde ihm
den Rang streitig zu machen suchte
    Der Geheimnisvolle hatte als seine Verfolger ihre Pferde in Karriere
setzten sie bis auf fünfhundert Schritt herankommen lassen Schon glaubten sie
die Jagd ihrem Ende nahe und der Reitknecht seine und seiner Pferde Ehre
gerettet als plötzlich der Mann vor ihnen seinem Renner die Sporen gab und
seinen Kopf tief hinab bis fast auf die Mähne des Tieres beugend mit einer
Schnelligkeit dahinschoss die bald die Unmöglichkeit ihn einzuholen selbst dem
wütenden Reitknecht klar machte
    Ich glaube es ist der Teufel selber sagte er durch die Zähne
    Oldenburg lachte ich glaube es auch rief er wir wollen die Sache
aufgeben
    Es dauerte einige Zeit bis die aufgeregten Pferde sich beruhigen konnten
Der Geheimnisvolle stürmte mit unverminderter Geschwindigkeit weiter und war
schon nach wenigen Minuten in dem Hohlwege der nach dem Fischerdorfe
hinunterführte verschwunden
    Eine halbe Stunde später langten sie vor dem Tore von Grenwitz an Oswald
stieg ab und übergab die Zügel seines Pferdes dem Reitknecht um dem Baron die
Hand zu schütteln
    Wenn Sie sich nicht allzusehr gelangweilt haben sagte dieser so wollen wir
das Experiment in den nächsten Tagen wiederholen Leben Sie wohl
    Oswald gelangte auf seine Stube ohne auf dem stillen Hofe in dem stillen
Hause auch nur einem Menschen begegnet zu sein Als er sich an das offene
Fenster lehnte und in den schon vom Abenddunkel erfüllten Garten hinabsah
bemerkte er zwei Gestalten die flüsternd und kosend in den Gängen auf und
abschritten Es waren Albert und Marguerite Sie hatten offenbar die schöne
Gelegenheit in der Konjugation von aimer weiter zu kommen nicht unbenutzt
verstreichen lassen
 
                           Vierunddreissigstes Kapitel
Mein Herr Nach allen Seiten gleichmäßig zu reüssiren gelingt Keinem selbst
nicht dem vom Glück am meisten begünstigten Ritter Werden Sie es daher
begreiflich finden wenn Jemand der mit einigem Staunen die Fortschritte
beobachtet hat die Sie in der Gunst einer gewissen Dame machten das Geheimnis
des Zaubers Ihrer Persönlichkeit kennen zu lernen und zu dem Zwecke die Ehre
Ihrer näheren Bekanntschaft wünscht Und würden Sie wohl um ihm dies Vergnügen
zu gewähren die Güte haben heute Abend 11 Uhr einen Spaziergang aus dem kleinen
Tore von Grenwitz zu unternehmen Sie würden im Schatten der alten Buche auf
dem Wege nach Berkow einen Wagen treffen in den Sie nur zu steigen brauchten
um an den Ort des Rendezvous zu gelangen Dort sollen Sie Alles finden was zur
Anknüpfung eines intimeren Verhältnisses nötig ist
    Es ist wohl nicht besonders notwendig Sie daran zu erinnern dass diese
delicate Angelegenheit in Geheimnis gehüllt bleiben muss Der Lenker des Wagens
wird aus der Antwort Moi auf seinen Anruf qui vive hören dass Sie der Rechte
sind A revoir Monsieur
    So lautete der Inhalt eines expressen Briefes den der Postbote aus dem
nächsten Städtchen am Abend des folgenden Tages Oswald brachte
    Er las das sonderbare Schreiben mehrmals bevor er sich von seinem Erstaunen
erholen konnte Wer war der »Jemand« der seine nähere Bekanntschaft zu machen
wünschte wer die Dame um die es sich handelte War das Geheimnis der
Waldcapelle entweiht worden hatte Jemand die Szene in der Fensternische auf dem
Balle in Barnewitz belauscht Konnte Herr von Kloten der Herausforderer sein
Das auffallend kühle Benehmen dieses jungen Edelmannes bei der zufälligen
Begegnung gestern schien dafür zu sprechen Oder war diese Begegnung nicht
zufällig und stand der geheimnisvolle Reiter damit in Verbindung war es nur
ein Spion Klotens Aber war die Unterredung zwischen Herrn von Barnewitz und dem
Baron bei welcher Oswald ein so unfreiwilliger Zeuge gewesen war nicht Beweis
genug dass Kloten nach einer ganz andern Seite hin in Anspruch genommen und mit
seinen eigenen Angelegenheiten vollauf beschäftigt war
    Oswald ließ die Reihe der jungen Edelleute die er auf dem Balle in
Barnewitz kennen gelernt hatte an seinem Geiste vorübergehen und sein Verdacht
blieb schließlich auf dem jungen Grafen Grieben haften jenem langen blonden
Jüngling der so komische Anstrengungen machte den starken Geist zu spielen und
sich die Gunst der übermütigen Emilie zu erwerben und in beiden Bemühungen so
unglücklich gewesen war Er konnte am ersten der Erfinder der Phrase von dem
»vom Glück begünstigten Ritter« sein
    Was sollte er tun Sollte er sich der vielleicht nichts weniger als edlen
Rache der jungen Edelleute aussetzen sollte er in einen Kampf gehen in welchem
er die Wahl der Waffen der Zeugen des Ortes kurz Alles seinem Gegner zu
überlassen gezwungen war Konnte es ihm ein billig denkender Mann verargen wenn
er die Herausforderung eines Namenlosen unbeachtet ließ
    Aber hatte er es denn mit billig denkenden Männern zu tun hatte er nicht
längst erfahren bewies nicht Alles was er sah und hörte dass in diesen
bevorzugten Kreisen subjectives Belieben für Recht galt und die frivolste Laune
des Augenblicks die Richtschnur des Handelns war Fand sich dieser Zug nicht
selbst bei denen welche Geist und Charakter so hoch über den gewöhnlichen Tross
ihrer Standesgenossen erhob bei Oldenburg und Melitta
    Und würde ihm ein Ablehnen der Herausforderung nicht als Feigheit nicht als
ein Mangel jenes feinen Ehrgefühls ausgelegt werden auf welches sich dieser
Adel so viel zu Gute tat
    Nein nein er musste den Fehdehandschuh aufnehmen wie verächtlich auch die
Hand sein mochte die ihm denselben aus dem Dunkel heraus vor die Füße
geschleudert hatte Er musste den Junkern zeigen dass er sich nicht fürchtete
allein ohne Freunde waffenlos ihrer Rache gegenüber zu treten
    Sein Blut kochte Er ging erregt im Zimmer auf und ab
    Nur zu nur zu murmelte er durch die Zähne ich wollte sie stellten sich
mir gegenüber einer nach dem andern mein Hass würde mir die Kraft geben sie
Alle niederzuschmettern Es ist ganz recht so ganz recht Was habe ich hier zu
tun unter diesen Wölfen Zerrissen werden oder zerreißen  das hätte ich mir
von vornherein sagen können
    Oswald fühlte wie aus dem tiefsten Grunde seiner Seele in den sein Auge
noch nie gedrungen war es aufstieg mit dämonischer Gewalt Eine wilde
Leidenschaft ein heißer Durst nach Rache ein wahnsinniges Verlangen zu
zerstören zu vernichten erfasste ihn der ganze fanatische Hass gegen den Adel
den er als Knabe empfunden wenn er seinem Vater in dem Garten hinter der
Stadtmauer die Pistolen lud mit denen jener auf die Asse schoss die eben so
viele Herzen von Adeligen bedeuteten wenn er auf der Schulbank im Livius von
dem Übermut der Tarquinier las oder auf seiner Stube die tränenreiche
Geschichte der Emilia Galotti Und das waren keine Märchen Hier in diesem
Schloss vielleicht in denselben Zimmern die er jetzt bewohnte war ein Opfer
adeliger Grausamkeit verblutet hier hatte die arme unglückliche schöne Marie
mit tausend heißen Tränen die Torheit bezahlt den Worten des adeligen
Verführers geglaubt zu haben
    Sie war als Opfer gefallen denn sie war ein schwaches Weib und Tränen
waren ihre Waffen Tränen die kein Erbarmen fanden Diese Tränen waren noch
nicht gesühnt Wie wenn er als Rächer für sie aufstände wenn er diese Tränen
eines Bürgermädchens sühnte in dem Blut eines Adeligen
    Solche Gedanken wirbelten durch Oswalds Gehirn während er für den Fall
eines schlimmen Ausgangs  den er übrigens sonderbarer Weise kaum für möglich
hielt so schnell hatte er sich in die Rolle eines Rächers gefunden  einige
flüchtige Vorbereitungen traf das heißt die Briefe von denen er nicht
wünschte dass sie jemals in fremde Hände fielen verbrannte und überhaupt etwas
Ordnung in seine Papiere brachte schließlich auch ein paar Zeilen an Professor
Berger schrieb die er aber hernach wieder zerriss und in den Ofen warf
    Das Volk ist nicht wert dass man seinetalben so viel Umstände macht sagte
er bei sich
    Mit Ungeduld erwartete er die bezeichnete Stunde
    Es schlug zehn auf der Schlossuhr Er hörte dass die Leute zu Bette gingen
auch aus Alberts Zimmer schimmerte Licht in den dunklen Garten hinab Es schlug
halb elf Oswald machte sorgfältig Toilette nahm eine Rose aus einem
Blumenstrauß den er sich heute im Garten gepflückt hatte und steckte sie ins
Knopfloch
    Dann ging er leise aus seinem Zimmer die enge Treppe auf welcher Marie in
jener stürmischen Herbstnacht sich aus dem Schloss gestohlen hatte hinab in den
Garten durch den Garten nach dem Gittertor welches neben dem Schloss auf den
Hof führte und von dem man nur noch ein paar Schritte zu dem kleinen Tore
hatte vor welchem ihn der Wagen erwarten sollte
    Der nächtliche Himmel war mit Wolkendunst bedeckt durch welchen nur
spärliche Sterne leuchteten es war so finster dass Oswald bis sich sein Auge
an das Dunkel gewöhnt hatte den so bekannten Weg mit Vorsicht gehen musste um
nicht rechts oder links in den Graben zu geraten
    Plötzlich tauchte ein großer Gegenstand vor ihm auf und in demselben
Augenblick rief eine tiefe raue Stimme qui vive
    Moi antwortete Oswald
    Er sah die undeutlichen Umrisse einer langen Gestalt die ihm die Tür des
Wagens öffnete und den Schlag herabliess
    Sobald er eingestiegen war wurde die Tür hinter ihm geschlossen und sofort
zogen auch die Pferde an er konnte nicht erkennen ob die Gestalt neben dem
Kutscher Platz genommen hatte oder der Kutscher selbst war
    Kutscher und Pferde mussten den Weg sehr genau kennen oder in dunkler Nacht
so gut sehen können wie am hellen Tage denn der Wagen bewegte sich mit einer
Schnelligkeit gegen die selbst ein ungeduldiger Liebender nichts hätte
einwenden können Der Weg war gut und wenn auch hie und da ein Stein im Geleise
lag so hing der Wagen in so vortrefflichen Federn dass man den dadurch
verursachten Stoß kaum spürte
    Oswald lehnte sich in die schwellenden Kissen Der weiche Samt schien
einen feinen Wohlgeruch auszuströmen der den engen Raum erfüllte wie das
Boudoir einer hübschen Frau Ja es war Oswald als ob es dasselbe Parfüm sei
das Melitta immer benutzte Und plötzlich war es ihm als säße Melitta neben
ihm als berühre ihre warme weiche Hand seine Hand als fühlte er das Wehen
ihres Atems an seiner Stirn als legten sich ihre Lippen leicht wie ein Hauch
auf seinen Mund
    Und vor diesem wonnigen Traum sank die Wirklichkeit in Nichts Oswald
vergaß was er vorhatte er dachte nicht daran was seiner harrte er wusste
nicht mehr wo er war  und nur sie sie allein erfüllte seine Seele Wie eine
Sturmflut von Seligkeit überkam ihn die Erinnerung an ihren Liebreiz ihre
Güte ihre holde Rede und ihren süßen Kuss Mit wunderbarer Klarheit zogen die
köstlichen Bilder der einzig wonnigen Stunden die er an ihrer Seite zu ihren
Füßen verlebt hatte durch seine Erinnerung von jener ersten Begegnung auf dem
Rasenplatze hinter dem Schloss von Grenwitz bis zu dem Augenblick wo sie mit
Tränen in den lieben Augen sich von ihm wandte in jener Nacht unseligen
Angedenkens wo der Dämon der Eifersucht die scharfen Krallen in sein zuckendes
Herz schlug
    Vergieb mir Melitta vergib mir stöhnte er seinen Kopf in die Kissen
drückend
    Da plötzlich hielt der Wagen Die Tür wurde aufgerissen die lange Gestalt
die ihm den Schlag herabgelassen hatte half ihm aussteigen reichte ihm die
Hand führte ihn einige Stufen hinauf zu einer großen Fenstertür durch deren
rote Vorhänge ein mattes Licht schimmerte Die Tür tat sich auf und Oswald
sah sich in dem Gartensaal von Melittas Schloss und Melitta schlang ihre Arme um
seinen Hals und Melittas Stimme flüsterte vergib mir Oswald vergib mir
    Du Grausamer sagte Melitta als der erste wilde Sturm des Entzückens mit
seinen Tränenschauern der Wonne vorübergebraust war wie hast Du nur so viele
Tage Dein Herz vor mir verschließen können und wusstest doch dass ich da draußen
stand und um Einlass bettelte Aber ich will Dich nicht schelten Du bist ja hier
und nun ist Alles wieder gut
    Sie legte ihren Kopf an seine Brust und schaute durch Tränen lächelnd zu
ihm empor nicht wahr lieb Herz nun ist Alles wieder gut nun ist Melitta
wieder was sie Dir vorher war was sie Dir ewig sein wird trotz aller hübschen
sechszehnjährigen Mädchen sie mögen Emilie heißen oder 
    Melitta
    Oder Melitta denn es gibt nur eine Melitta und wenn tausend so hießen und
diese eine bin ich Und dass Du diesen wichtigen Umstand vergessen konntest
welche Umstände hast Du mir dadurch bereitet mir und dem alten armen Baumann
Ich will von mir nichts sagen denn Leid will Freud und Freud will Leid haben
und wenn man rechtschaffen liebt kommt es auf ein paar Tränen ein paar
durchwachte Nächte ein paar angefangene und wieder zerrissene Briefe mehr oder
weniger nicht an aber der arme Baumann Denke Dir nur ich war am ersten Tage
ganz ruhig denn ich dachte er wird schon kommen und Dich um Verzeihung
bitten als Du aber nicht kamst nicht am zweiten nicht am dritten Tage da
sank mir der Mut und ich mag wohl recht trostlos ausgesehen haben denn wie ich
hier den Kopf aufgestützt saß fühlte ich plötzlich eine Hand auf meiner
Schulter und als ich aufschaue steht der gute alte Baumann da und sagt soll
ich einmal nachsehen wo er so lange bleibt  Ach ja lieber Baumann sagte
ich Da ging die treue Seele ohne weiter ein Wort zu sagen fort und kam erst
spät am Abend wieder Hat Er ihn gesehen  Zu Befehl er ist wohl und munter
ich bin mit ihm in die Wette geritten
    So war der alte Baumann der geheimnisvolle Reiter
    Natürlich und er lachte in seiner stillen Weise wie er erzählte dass Ihr
ihn gejagt hättet als wollte er sagen diese Kinder dachten sie könnten mich
überholen auf dem Brownlock
    Das war der Brownlock von dem mir Bruno schon so viel vorgeschwärmt hat ja
freilich nun erklärt sich Alles
    Nicht wahr nun erklärt sich auch weshalb sich Baumann hinsetzte und nach
meinem Dictat den Brief schrieb Der Alte wollte nicht und sagte ein Duell ist
kein Kinderspiel und das heißt den Scherz zu weit treiben aber ich lachte und
weinte bis er es doch tat und heute Morgen noch einmal auf den Brownlock stieg
und in die Stadt ritt und heute Abend nach Grenwitz fuhr
    Und wenn ich nun der Herausforderung nicht gefolgt wäre
    Das deutete auch Baumann an und ich antwortete ihm schäme Er sich Baumann
so etwas zu sagen
    Oswald lachte Natürlich wir müssen uns jedesmal schämen so oft wir etwas
sagen oder tun was nicht in die Welt passt wie sie sich in Euren Köpfen malt
    Melitta antwortete nicht und Oswald sah dass ein Schatten über ihr Gesicht
flog Er ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und sagte ihre herabhängende
Hand ergreifend
    Habe ich Dich beleidigt Melitta
    Nein sagte sie aber diese Bemerkung hättest Du vor acht Tagen nicht
gemacht
    Wie meinst Du das
    Komm steh auf lass uns ein wenig in den Garten gehen Es ist so schwül in
den Zimmern mich verlangt nach der kühlen Nachtluft
    Sie gingen hinab in den Garten und wanderten Arm in Arm zwischen den Beeten
bis sie zu der niedrigen Erdterrasse gelangten wo Oswald als er an jenem
Sonntag Nachmittag den Besuch auf Berkow machte Melitta getroffen hatte Sie
setzten sich unter den Tannenbaum der seine Äste schützend über sie breitete
auf eine der Bänke Die Nacht war lautlos still die Bäume standen unbeweglich
wie in tiefem Schlaf würziger Blumenduft erfüllte die warme taulose Luft
Glühwürmchen irrten wie leuchtende Sterne durch das Dunkel
    Du hast mir auf meine Frage immer noch nicht geantwortet Melitta sagte
Oswald was haben denn die letzten acht Tage an mir verändert bin ich nicht
mehr derselbe der ich war nur dass die bittere Reue Dir weh getan zu haben
meine Liebe zu Dir noch tiefer und inniger gemacht hat
    Melitta antwortete nicht plötzlich sagte sie schnell und leise
    Bist Du seit dem Sonntag in Barnewitz oft mit ihm zusammengewesen
    Mit wem Melitta
    Nun mit  mit Baron Oldenburg Gott sei Dank endlich ist es heraus Es ist
recht kindisch und töricht dass ich mich bis jetzt stets gesträubt habe
Oldenburgs zu erwähnen und Dir zu sagen welches meine Beziehungen zu dem Manne
waren und doch fühlte ich dass Du ein Recht hattest es zu wissen und dass ich
die Pflicht habe von meiner Vergangenheit wo sie Dir dunkel scheinen muss den
Schleier zu heben Dies Gefühl wurde zuletzt besonders als ich seit gestern
wusste dass Du mit dem Baron auf einem intimen Fuße standest so stark dass ich
Dich um jeden Preis hier zu haben wünschte und da verfiel ich denn auf den
kindisch dummen Einfall
    Ich habe nicht wie Du sagst das Recht zu einer solchen Neugier Melitta
antwortete Oswald Für die Liebe die Du mir gewährst muss ich dankbar sein und
bin ich dankbar wie für eine holde Gnade des Himmels Ja ich gestehe es gab
eine Zeit wo meine Liebe noch den Zweifel kannte aber da war sie noch nicht
die echte Liebe Jetzt ist es mir nicht denkbar ich könnte je aufhören Dich zu
lieben und Deine Liebe könnte jemals aufhören Ja es ist mir als ob diese
Liebe wie sie ewig sein wird auch schon von Ewigkeit gewesen wäre Ob Du schon
früher geliebt hast ich weiß es nicht es ist möglich aber ich verstehe es
nicht und würde es nicht verstehen wenn Du es mich auch ausdrücklich
versichertest
    Und ich versichere Dich sagte Melitta sich zärtlich an den Geliebten
schmiegend ich habe nie geliebt bis ich Dich sah denn was ich früher Liebe
nannte war nur die unbefriedigte Sehnsucht nach einem Ideal das ich im
tiefsten Herzen trug das sich mir niemals zeigen wollte und das jemals zu
finden ich schon seit Jahren die Hoffnung aufgegeben hatte
    Und Du glaubst ich sei dies verkörperte Ideal Arme Melitta wie bald wirst
Du aus diesem Traum erwachen Erwache Melitta erwache  noch ist es Zeit
    Nein Oswald es ist zu spät Es gibt eine Liebe die stark ist wie der
Tod und aus ihr gibt es kein Erwachen Nein kein Erwachen Ich fühle es ich
weiß es Und wenn Du Dein Antlitz von mir wendetest und wenn Du mich von Dir
stiessest  Dir gegenüber habe ich keinen gekränkten Stolz keine verletzte
Eitelkeit   nur Liebe unergründliche unermessliche unerschöpfliche Liebe
Bis jetzt wusste ich nur dass ich lieben könne wie sehr ich lieben könne hast
Du mich erst gelehrt
    Und so kann ich auch ruhig über die Zeit sprechen in der ich Dich noch
nicht kannte  denn jenes Leben war nur ein Scheinleben  und Alles was ich
fühlte und dachte ein unbestimmtes Träumen ohne Zusammenhang und Sinn Jetzt
weiß ich es jetzt wo ich in dem Sonnenstrahl Deiner Liebe die Augen aufschlug
und nun das Leben so durchsichtig klar vor mir liegt dass mir die dichte Nacht
die uns umgibt heller dünkt wie sonst der lichteste Tag und die dunkelsten
Rätsel meines Herzens gelöst sind Jetzt kann ich von der Melitta der früheren
Zeit sprechen wie von einem fremden Wesen für dessen Tun und Lassen ich mich
nicht verantwortlich fühle jetzt kann und will ich Dir erzählen was es für
eine Bewandtnis mit dem Bilde in meinem Album hat dem losgelösten Blatt dessen
Vorhandensein Dich damals so erschreckte liebes Herz Ja ja ich hab es wohl
bemerkt  Du entfärbtest Dich und konntest nicht fassen wie ich Dich um Dein
Urteil über den Mann befragen konnte den Du für meinen Geliebten halten
musstest Und doch war das Oldenburg nie oder es müsste in der Liebe tausend
Grade geben von denen der niedrigste von dem höchsten so weit entfernt ist wie
die Erde von dem Himmel
    Ich kannte Oldenburg schon von meiner frühesten Kindheit an Salchow das
Gut meines Vaters grenzt an Kona wo Du gestern warst Meine Tante die nach
dem frühen Tode meiner Mutter meine Erziehung leitete und Oldenburgs Mutter
waren sehr gute Freundinnen und kamen fast täglich zusammen Natürlich auch wir
Kinder Oldenburg war ein paar Jahre älter als ich aber da die Mädchen den
Knaben stets in der Entwicklung voraus sind so wurde der Unterschied des Alters
von uns nicht empfunden wir spielten und arbeiteten zusammen und hielten gute
Kameradschaft  für gewöhnlich denn es kam auch manchmal zu heftigem
Wortwechsel und Zank und Tränen Ich gab selten Veranlassung dazu denn ich war
wenig rechtaberisch und stets zum Nachgeben bereit aber Adalbert war über die
Massen empfindlich störrisch und eigenwillig Die Doppelnatur seines Wesens
die er später auszugleichen sich bemühte und vor weniger Scharfsichtigen auch
meistens zu verbergen musste lag damals offen zu Tage Es war unmöglich sich
nicht für ihn zu interessieren aber ich glaube es gab Niemand der ihn wirklich
liebte Er fühlte das und dies Gefühl welches er wie eine geheime Wunde stets
mit sich herumtrug machte ihn schon sehr früh zu einem Hypochonder und
Menschenfeind Was half es ihm dass Jedermann seine eminenten Gaben bewunderte
dass Niemand an seinem Mut seiner Wahrheitsliebe zweifelte sein störrisches
eigensinniges Wesen stieß Alle zurück verletzte Alle ja selbst seine lange
unschöne Gestalt und seine täppischen linkischen Bewegungen trugen dazu bei
die Herzen der Menschen von ihm zu wenden Wenigstens war es so bei mir die ich
mich von Jugend auf zu Allem was schön und anmutig war unwiderstehlich
hingezogen fühlte und einen wahren Abscheu vor dem Hässlichen und Formlosen
hatte Ich konnte mich nicht überwinden Adalbert zu lieben obgleich er mit
großer aber freilich stets hinter Schroffheit und Kälte sorgsam versteckter
Zärtlichkeit an mir hing und manchmal wenn seine Leidenschaftlichkeit über die
künstliche Ruhe die er zur Schau trug siegte mir in den herbsten bittersten
Ausdrücken meine Lieblosigkeit meinen Leichtsinn meinen Wankelmut vorwarf
    Dies Verhältnis blieb bis Adalbert mit sechszehn Jahren das Gymnasium
bezog Er hatte es bei seinem Vormunde  seine Mutter war jetzt auch gestorben 
durchgesetzt dass er studieren durfte Nur selten noch kam er und immer nur auf
wenige Tage nach Kona Dann war ich zwei Jahre lang in Pension So kam es dass
wir uns bis er nach Heidelberg ging nur im Vorübergehen sahen Als er von der
Universität und seiner größeren Reise zurückkehrte war ich schon zwei Jahre
verheiratet gewesen
    Es dauerte eine geraume Zeit bis er einen Besuch auf Berkow machte Unser
Wiedersehen war eigentümlich genug Er schien den ganzen so veränderten
Zustand nur als ein fait accompli anzunehmen dem man sich beugt weil man muss
Er belästigte mich nicht mit Fragen er verlangte keine vertrauliche
Mitteilung auf die der einzige Freund meiner Kinderund Mädchenjahre doch wohl
Anspruch hatte Er machte mir auch keine Vorwürfe er sagte mir nicht dass er
mich geliebt dass er auf meine Hand gehofft hatte obgleich ich nachher erfuhr
dass dies doch der Fall gewesen und dass er als ihn die Nachricht von meiner
Verheiratung in Heidelberg traf fast in Raserei gefallen war und wochenlang
monatelang an einer unbesieglichen Schwermut gekrankt hatte Er suchte sich
durch eigene Beobachtung ein möglichst klares Bild meines jetzigen Verhältnisses
zu verschaffen Ich sah dass ihm nichts entging dass keine meiner Äußerungen
von ihm unberücksichtigt keine meiner Mienen von ihm unbeachtet blieb Das
Bewusstsein unter der Kontrole eines so scharfsichtigen Auges zu stehen war
nichts weniger als behaglich zumal wenn wie in diesem Falle so Vieles hätte
anders sein können anders sein müssen Es trat bald wieder dasselbe Verhältnis
ein welches früher zwischen uns geherrscht hatte nur dass die heftigen Szenen
wegblieben die damals durch seine Leidenschaft gelegentlich herbeigeführt
wurden Wie er mir früher alle hübsche Muscheln Steine und Blumen die er am
Strande zwischen den Klippen auf den Wiesen gefunden hatte zutrug so teilte
er mir jetzt alles mit was er Interessantes auf den vielen Feldern des Wissens
auf denen sich sein unersättlicher und unermüdlicher Geist umhertrieb entdecken
konnte bald ein schönes Gedicht bald eine tiefsinnige Sentenz  und er
empfand es jetzt nicht weniger schmerzlich dass ich mit diesen Schätzen nicht
haushälterischer umging als mit den Blumen die ich vertrocknen ließ und den
Steinen und Muscheln die ich wegwarf Ich wusste dass ich keinen treueren Freund
hatte als ihn und er dass sich in das Gefühl welches ich für ihn empfand
auch nicht die mindeste Liebe mischte um so uneigennütziger war seine
Freundschaft und um so unverantwortlicher der Wankelmut mit dem ich ihn
behandelte
    Seine Freundschaft sollte bald eine traurige Gelegenheit finden sich zu
betätigen Die Schwermut in die Karlo kurz nach Julius Geburt gefallen war
nahm einen immer krankhafteren Charakter an Ausbrüche einer unberechenbaren
Laune die Vorboten der letzten fürchterlichen Katastrophe wurden immer
häufiger Er wollte jetzt Niemand um sich haben als Adalbert was um so
auffallender war als er der Lebemann den tiefsinnigen melancholischen und
um so viel jüngeren Baron  den Jüngling von Sais nannte er ihn  früher stets
verlacht verspottet und eigentlich wohl gehasst hatte Jetzt begleitete er ihn
auf Tritt und Schritt jetzt war Oldenburgs Stimme die einzige welche die
finsteren Dämonen die um sein Haupt die Flügel schlugen auf Augenblicke
wenigstens verscheuchen konnte Und die Aufopferung mit der Oldenburg sich
diesem Liebesdienst unterzog ist nicht hoch genug anzuerkennen und ich müsste
sie ihm so lange ich lebe danken Dann kam die Katastrophe Oldenburg stand
mir in diesen Tagen treu zur Seite oder genauer er nahm alle Last und
Verantwortung so ganz auf sich und leitete Alles mit solcher Energie und
Umsicht dass ich nur immer Ja zu sagen hatte
    Karlo war in eine Anstalt in Thüringen gebracht und ich war allein hier auf
Berkow mich ganz der Erziehung meines Julius der damals fünf Jahre alt war
und dem ich auf Oldenburgs Rat schon jetzt in Bemperlein einen Freund und
Lehrer gegeben hatte widmend Oldenburg kam jetzt seltener als früher aber
doch noch immer sehr häufig wie mir schien Ich glaubte zu bemerken dass sich
ein Ton von Zärtlichkeit in die Freundschaft mischte die ich einzig von ihm
wünschte und erwartete und kaum hatte ich diese Bemerkung gemacht als ich mich
schon berechtigt glaubte ihn so schonend wie möglich freilich auf die
allzugrosse Häufigkeit seiner Besuche aufmerksam zu machen Es war dies
vielleicht sehr undankbar von mir aber uns Frauen wird es auch sehr schwer
gegen den dankbar zu sein den wir nicht lieben
    Den nächsten Tag schon war Oldenburg abgereist Niemand wusste wohin Dann
wollte ihn ein halbes Jahr später Einer in London gesehen haben ein Anderer sah
ihn ein Jahr darauf in Jerusalem Er war bald hier bald dort ruhelos
umhergetrieben von seinem wilden Herzen und seinem unersättlichen Wissensdurst
    So waren vier Jahre verflossen die in meinen Verhältnissen sehr wenig
geändert hatten Oldenburgs gedachte ich selten und immer wie eines
Verstorbenen Da  es ist nun drei Jahre her  ließ ich mich von meinem Vetter
und meiner Kousine bereden sie auf einer Reise nach Italien zu begleiten Als
wir eines Abends im Mondschein das Koliseum besuchten stand plötzlich Oldenburg
vor uns »Endlich« sagte er leise indem er mir die Hand drückte Er wollte uns
ganz zufällig getroffen haben hernach gestand er mir dass er ich weiß nicht
wie und durch wen unsern Reiseplan erfahren uns schon von München aus verfolgt
und immer verfehlt habe bis es ihm endlich hier gelang uns einzuholen Ich muss
gestehen ich freute mich aufrichtig über dies Zusammentreffen und empfand es
mit einiger Genugtuung dass es kein zufälliges war Es vereinigte sich Alles
um Oldenburg bei mir einen guten Empfang zu bereiten Man schließt sich auf
Reisen selbst an Fremde leicht an wie sollte uns der Freund unserer Jugend
wenn wir ihn plötzlich in fremden Landen treffen nicht willkommen sein
Oldenburg hatte Italien schon mehrmals bereist und kannte jeden Meister von
jedem Altargemälde in jeder Klosterkirche und Kapelle Seine lehrreiche
Unterhaltung stach gegen das banale Geschwätz meiner Verwandten gar sehr zu
seinem Vorteile ab und dazu kam dass Oldenburg durch die vielfache Berührung
mit der feinsten Gesellschaft jetzt die schroffen und rauen Seiten seines
Wesens bedeutend abgeschliffen hatte Sein Auftreten war wie Du es jetzt
siehst das heißt bei aller bis an Nachlässigkeit streifenden Ungezwungenheit
doch im schönsten Sinne des Wortes vornehm Mit einem Worte er machte jetzt
einen Eindruck auf mich den ich früher nie für möglich gehalten hätte Es war
nicht Liebe was ich für ihn empfand aber es war doch auch mehr als die kühle
Freundschaft welche ich ihm bis jetzt entgegengebracht hatte Aber seltsam in
demselben Masse in welchem ich die geheime Antipathie die ich schon von meinen
Kinderjahren her gegen ihn empfand einer beinahe herzlichen Zuneigung weichen
fühlte wurde sein Benehmen gegen mich schroffer und kälter Er richtete seine
Unterhaltung wenn wir beisammen waren fast ausschließlich an meine Kousine und
behandelte mich wie ein verzogenes Kind dem man den Willen tut nur damit es
nicht anfängt zu weinen Das verletzte meine Eitelkeit und dieser verletzten
Eitelkeit und der Eifersucht die ich gegen meine Kousine empfand zu Liebe
legte ich es ernstlich darauf an mir Oldenburgs Zuneigung die ich durch eine
unbekannte Ursache verloren zu haben glaubte wieder zu gewinnen Das bewirkte
alsbald eine völlige Umwandlung in Oldenburgs Betragen Er überschüttete mich
jetzt mit Aufmerksamkeiten er schien Hortense vollkommen vergessen zu haben
und sobald wir allein waren zeigte er eine Leidenschaft die mich zuerst in
Verwunderung und dann in Schrecken setzte dabei wusste er jeder eigentlichen
Erklärung sorgfältig auszuweichen und mich stets im Zweifel zu erhalten ob dies
nur eine seiner tollen Launen war die er gelegentlich annimmt und ablegt wie
ein Kleid oder der Ausdruck einer wirklich tiefgewurzelten Neigung Es war
unmöglich Oldenburg in dieser Zeit nicht zu bewundern Sein Genius zeigte sich
glänzender als je zuvor die Fülle von Geist die er verschwenderisch
entfaltete war in der Tat außerordentlich Er war die Seele jeder
Gesellschaft man riss sich förmlich um ihn und da er französisch englisch
italienisch und ich weiß nicht wie viele Sprachen außerdem so gut wie deutsch
spricht so schien jede Nation ihn als einen der Ihrigen ansehen zu dürfen und
zu wollen Wenn er mich nun zur Königin jedes Festes machte wenn er Alle zwang
mir zu huldigen wenn er alle Schätze seines reichen Geistes nur entfaltete um
sie mir zu Füßen zu legen so ist es wohl natürlich dass ich dagegen nicht
gleichgültig bleiben konnte dass ich mir eine kurze Zeit lang einbildete ihn zu
lieben Ohne ihn geradezu aufzumuntern ließ ich es mir doch gefallen dass er
mich in Augenblicken wo wir allein waren mit dem vertraulichen Du unserer
Kinderjahre anredete dass er in Gesellschaft mir jene Aufmerksamkeit erwies die
man sonst nur von einem erklärten Liebhaber entgegenzunehmen gewohnt ist
    Still Melitta mir war als hörte ich Jemand im Garten
    Ich hörte nichts
    Sind wir hier auch vor jeder Störung sicher
    Vollkommen Indessen lass uns ins Haus zurückkehren mir däucht der
Nachttau beginnt zu fallen
    Sie erhoben sich und gingen Arm in Arm nach der Treppe die von der Terrasse
in den Garten führte Als sie die letzte Stufe hinabstiegen stand plötzlich ein
Mann vor ihnen Das Zusammentreffen war für Oswald und Melitta so unerwartet
dass sie unwillkürlich zurückzuckten Indessen war an ein Ausweichen nicht mehr
zu denken und überdies hatte Herr Bemperlein sie schon erkannt denn die Sterne
leuchteten jetzt in voller Pracht und aus den Fenstern des Gartensaales fiel
ein Lichtschimmer den Gang hinab gerade in die Gesichter der Beiden
    Mein Gott gnädige Frau wie kommen Sie hierher rief Herr Bemperlein
    Ich gebe die Frage zurück sagte Melitta und dann zu Oswald dessen Arm sie
nicht losgelassen hatte Sei ruhig lieb Herz er verrät uns nicht
    Es ist doch Julius kein Unglück zugestoßen Sprechen Sie lieber Bemperlein
ich habe keine Geheimnisse vor  Oswald
    Herr Bemperlein ergriff Oswalds Hand und drückte sie als wollte er sagen
ich weiß jetzt Alles rechnet auf mich
    Nein sagte er Julius ist wohl und munter aber ich bekam heute einen Brief
von Doctor Birkenhain dem zufolge es mit dem Befinden Herrn von Berkows sehr
schlecht steht man erwartet täglich sein Ende Dass er vor seinem Ende noch
einmal zum Bewusstsein kommen könnte ist natürlich nicht anzunehmen aber Doctor
Birkenhain hielt es für seine Pflicht Ihnen diese Lage der Dinge mitzuteilen
Jedenfalls wird dies der Inhalt des eingelegten Briefes an Sie sein Ich habe
ihn selbst gebracht damit Sie sofort über meine Dienste verfügen könnten im
Falle Sie sich zu einer Reise entschließen sollten Der Wagen in welchem ich
gekommen bin wird jetzt wohl schon vor dem Hause halten ich hatte den kürzeren
Weg durch den Garten vorgezogen
    Die Drei waren in den Gartensaal getreten Melitta hatte Oswalds Arm
losgelassen und sich der Lampe genähert den Brief zu lesen welchen Bemperlein
ihr überbracht hatte Oswald sah dass sie sehr blass geworden war und dass ihre
Hand die den Brief hielt zitterte Bemperlein stand den Blick von Melitta auf
Oswald von Oswald auf Melitta wendend da wie Jemand der aus einem schweren
Schlaf erwachend sich noch nicht von der Wirklichkeit dessen was er vor seinen
Augen sieht überzeugen kann
    Melitta hatte den Brief gelesen Da Oswald sagte sie lies und sage was
soll ich tun
    Oswald durchflog das Schreiben welches wie Bemperlein schon gesagt hatte
Melitta aufforderte sich sofort auf den Weg zu machen falls sie den sterbenden
Gatten noch einmal zu sehen wünsche
    Du musst reisen Melitta ohne Frage sagte Oswald den Brief wieder
zusammenfaltend
    Melitta warf sich stürmisch in die Arme ihres Geliebten Es war von
vornherein mein Wille zu reisen ich wollte ihn nur von Dir bestätigt hören
sagte sie Ich reise noch in dieser Nacht noch in dieser Stunde  Wollen Sie
mich begleiten lieber Bemperlein
    Ich bin in dieser Absicht hierher gekommen gnädige Frau sagte Herr
Bemperlein und habe den Reiseplan schon entworfen Wenn wir in einer Stunde
etwa aufbrechen sind wir noch vor Sonnenaufgang an der Fähre Drüben nehmen wir
Extrapost bis Passow von da Eisenbahn So sind wir übermorgen spätestens an Ort
und Stelle
    Sie guter treuer Freund sagte Melitta Bemperleins beide Hände in die
ihren nehmend und herzlich drückend
    Bitte bitte gnädige Frau rief Herr Bemperlein ganz im Gegenteil wollte
sagen nur meine Pflicht und Schuldigkeit
    Ich will mich sogleich zur Reise fertig machen sagte Melitta ein Licht
ergreifend Bleibe ruhig hier Oswald Wenn Jemand von den Leuten Dich sehen
sollte bist Du mit Bemperlein gekommen es wird Dich aber Niemand sehen
    Melitta hatte das Zimmer verlassen Bald hörte man in dem eben noch so
stillen Hause das Geräusch von eiligen Schritten von Türen die hastig auf
und wieder zugemacht wurden von dumpfen Stimmen die durcheinander sprachen
    Von den beiden Männern wagte in den ersten Minuten keiner das Schweigen zu
brechen Beide fühlten das Wunderliche der Situation in die sie so urplötzlich
geraten waren vor allem Bemperlein der sich innerlich noch immer nicht von
seinem tiefen Erstaunen erholen konnte Melitta stand in seinen Augen so
unerreichbar hoch da dass er schlechterdings nicht zu begreifen vermochte wie
es irgend einem Sterblichen gelingen könnte sich zu dieser Höhe zu erheben und
auf der andern Seite war er seit vielen Jahren so daran gewöhnt Alles was sie
tat für gut und recht und unverbesserlich zu halten dass er von dieser Regel
selbst jetzt eine Ausnahme zu machen nicht den Mut hatte
    Wir sehen uns auf eine gar seltsame Weise wieder Herr Bemperlein sagte
Oswald endlich
    Ja wohl ja wohl sagte Herr Bemperlein Mein Kommen weder erwartet noch
erwünscht ich begreife das vollkommen  die arme gnädige Frau aber welchen
Mut sie hat welche Schnelligkeit des Entschlusses ich habe es ja immer
gesagt sie ist aus besserem Stoffe als wir anderen Menschenkinder Ein wahres
Glück dass der Doctor Birkenhain den gescheidten Einfall hatte nicht direkt an
sie zu schreiben So kann ich wenn auch nicht viel doch wenigstens etwas zu
ihrer Unterstützung tun
    Sie Glücklicher sagte Oswald Sie dürfen für sie wirken und schaffen und
ich kann nichts tun nichts als ihr eine glückliche Reise wünschen und sodann
die Hände müßig in den Schoss legen
    Ich bedauere Sie von ganzem Herzen wahrhaftig sagte Herr Bemperlein Es
ist eine schwere Aufgabe die Ihnen zugemutet wird aber wo viel Licht ist da
ist auch viel Schatten Wir werden fleißig schreiben  Sie sollen von jedem
Schritte den wir tun Nachricht erhalten Und dann hoffe ich dass unsere Reise
nicht lange dauert und vor allem dass Herr von Berkow schon gestorben ist wenn
wir in Fichtenau angekommen
    Das hoffen Sie und doch scheinen Sie diese Reise für notwendig zu halten
    Gewiss sagte Herr Bemperlein Es gibt gewisse traurige Pflichten die man
erfüllen muss nicht der Welt wegen die uns nicht schelten könnte und schelten
würden wollten wir sie unerfüllt lassen nicht des Andern wegen dem unsere
Opferfreudigkeit zugute kommt und den wir vielleicht weder lieben noch achten
sondern um der Achtung willen die wir vor uns selber haben Doch was
demonstrire ich Ihnen noch lange vor was Sie so gut und besser wissen als ich
Sie haben ja auch zu dieser Reise geraten obgleich Sie doch am meisten dabei
verlieren Es muss eine schauerliche Empfindung sein so plötzlich aus allen
seinen Himmeln gerissen zu werden Seltsam seltsam je länger ich über dies
Alles nachdenke desto begreiflicher wird es mir Ja ja  dass Sie die herrliche
Frau lieben das ist ja so natürlich so  ich möchte sagen logisch  das
Gegenteil würde baarer Unsinn sein Es muss sie Jeder lieben und um so mehr
lieben je edler sein Herz je empfänglicher seine Seele für das Gute und Schöne
ist Ihr Herz ist edel Ihre Seele klingt harmonisch mit allem Schönen zusammen
so müssen Sie auch die schönste und beste Frau von ganzem Herzen von ganzer
Seele lieben Und auf der anderen Seite ist sie nicht frei wenn auch nicht vor
den Menschen so doch vor dem Richter der ins Verborgene sieht hat sie ihren
Gemahl jemals geliebt konnte sie ihn lieben dem sie verkauft wurde um schnödes
Geld  verkauft von dem eigenen Vater als sie noch viel zu jung und zu
unschuldig war das Bubenstück auch nur zu ahnen geschweige denn zu
durchschauen O mein Blut kocht wenn ich daran denke nein nein sie durfte
Sie lieben sie musste Sie lieben sie deren Herz ganz Liebe und Güte ist Ich
freue mich dass es so gekommen ist ich wünsche Ihnen Glück von ganzem Herzen
Ich bin ein einfacher unbedeutender Mensch und würde im Gefühl dieser meiner
Unbedeutenheit nimmer den Blick zu solcher Höhe zu erheben wagen aber wenn ich
einen Andern kühn und stolz auf dieser Höhe wandeln sehe so erfüllt das meine
Brust mit Bewunderung die von Neid frei ganz frei ist und noch einmal ich
wünsche Ihnen Heil und Segen von ganzem Herzen
    Herr Bemperlein ergriff Oswalds beide Hände und drückte sie mit
Lebhaftigkeit Die Augen standen ihm voll Tränen er war innerlichst
erschüttert
    Und ich danke Ihnen von ganzem Herzen sagte Oswald gerührt Der Beifall
eines Mannes den ich so hoch achte ist mir tausendmal mehr wert als das
Urteil der dummen blinden Welt Die Welt wird unsere Liebe verketzern und
verdammen aber die Welt weiß nichts von Gerechtigkeit
    Nein sagte Herr Bemperlein und dennoch ist sie unsere Richterin deren
Ausspruch wir uns fügen müssen wir mögen wollen oder nicht Und dieser Gedanke
ist es welcher für meine Augen einen tiefen Schatten auf das sonnige Bild einer
so reinen uneigennützigen Liebe wirft Doch ich will Ihr Herz das in diesem
Augenblicke schon schwer genug ist nicht noch schwerer machen Dem Starken und
Mutigen hilft das Glück Sie sind ja stark und mutig und sind es doppelt und
dreifach weil Sie lieben Es soll ja der Glaube Berge versetzen können Was dem
Glauben gelingt kann der Liebe nicht unmöglich sein Doch still da kommt die
gnädige Frau
    Die Tür wurde geöffnet und Melitta erschien im Reiseanzug Der alte Baumann
war bei ihr
    Ich bin bereit lieber Bemperlein sagte sie zu diesem und dann sich in
Oswalds Arme werfend Leb wohl liebes Herz leb wohl
 
                           Fünfunddreissigstes Kapitel
Die Baronin Grenwitz war aus mehr denn einem Grunde fest entschlossen Oswald
auf der projectirten Badereise nach Helgoland nicht mitzunehmen und sie hatte
während der dreitägigen Visitentour vielfach bei sich überlegt wie sie ohne
sich doch selbst gar zu viel zu vergeben diesen Entschluss ausführen könnte Wie
erfreut war sie deshalb als Oswald bei ihrer Zurückkunft es war den Tag nach
Melittas Abreise ihre leiseste Anspielung ob es ihm nicht lieber wäre diese
Zeit ganz zu seiner Erholung zu verwenden begierig ergriff als er erklärte
während dieser Zeit nicht einmal auf dem Schloss bleiben sondern eine Reise
vielleicht durch die Insel die er noch nicht kannte vielleicht nach der
Residenz zu seinen Freunden machen zu wollen AnnaMaria freute sich so sehr
über dieses ganz unerwartete Entgegenkommen dass sie nicht einmal über die
Motive die Oswald dazu bestimmt haben mochten nachdachte eben so wenig wie
über sein düsteres zerstreutes Wesen und über die Gleichgültigkeit mit denen
er den Vorbereitungen zur Reise zusah und schließlich am Tage der Abreise von
Allen selbst von Bruno Abschied nahm Vielleicht ärgerte er sich dass man ihn
nicht mitnahm vielleicht wusste er nicht wo er bleiben sollte Gleichviel wenn
er nur nicht auf dem Schloss blieb wenn er nur wie er es wirklich tat in
demselben Augenblicke wo die Familienkutsche bespannt mit den vier
schwerfälligen von dem schweigsamen Kutscher gelenkten Braunen langsam und
würdevoll zu dem Haupttor hinausfuhr den leichten Ränzel auf dem Rücken durch
das andere Tor in die weite Welt hineinwanderte
    Aber Herr Albert Timm durfte bleiben Er machte nicht so lächerliche
Ansprüche wie der hochmütige Oswald er war mit Allem zufrieden und dann
konnte er in der Einsamkeit des Schlosses so ungestört arbeiten und die
schleunige Vollendung der Flurkarten war von so großer Wichtigkeit Mademoiselle
war angewiesen es Herrn Timm an nichts fehlen zu lassen Dass es vielleicht
nicht ganz schicklich sei ein junges Mädchen von zwanzig Jahren und einen
jungen Mann von sechsundzwanzig unter der Aufsicht einiger Dienstleute über
welche das junge Mädchen das Kommando führte auf einem einsamen Schloss
zurückzulassen war sonderbarer Weise der so überaus strengen Baronin gar nicht
in den Sinn gekommen Die tugendhafte Frau würde die Nase gerümpft würde es
unverantwortlich unverzeihlich gefunden haben wenn sie gehört hätte dass der
junge Graf Grieben mit Fräulein von Breesen fünf Minuten nur in einem Zimmer
allein gewesen sei aber der Geometer Timm und ihre Wirtschafterin Marguerite
Roger  du lieber Himmel sich um das Schicksal solcher Leute auch noch den Kopf
zu zerbrechen  das ist offenbar zu viel verlangt Und Marguerite hatte nicht
einmal Eltern denen man vielleicht verantwortlich gewesen wäre  sie hatte gar
keine Verwandte  wie kann man für Jemand verantwortlich sein der ganz allein
in der Welt dasteht Man hatte Frau Pastor Jäger gebeten sich von Zeit zu Zeit
zu überzeugen dass den Befehlen der Frau Baronin strenge Folge geleistet würde 
Frau Pastor Jäger war eine vortreffliche Frau die kleine Marguerite stand unter
vortrefflicher Aufsicht
    Die kleine Marguerite stand unter so vortrefflicher Aufsicht dass Albert die
weise Fürsorge welche die Baronin getroffen hatte nicht genug loben konnte
    Ich wollte sie kämen nicht wieder sagte er zu der hübschen Genferin
während sie Arm in Arm im Garten umherspazierten ich wollte sie kippten
zwischen Helgoland und der Düne wo es am tiefsten ist mit dem Boote um und
wir könnten hier wie jetzt herrlich und in Freuden leben bis an unser seliges
Ende Was meinst Du kleine Marguerite möchtest Du wohl Frau
Rittergutsbesitzerin Timm von Grenwitz auf Grenwitz sein Das wäre doch famos
Dann wollte ich Dir Wagen und Pferde halten ja und auch eine Wirtschafterin
die Du eben so quälen könntest wie Du jetzt gequält wirst
    Ich bin schon zufrieden mit Wenigem wenn ich es nur kann teilen mit Sie
    Sehr edel gedacht aber besser ist besser und übrigens heißt es in diesem
Falle nicht Sie sondern Ihnen oder vielmehr Dir denn bei uns zu Lande nennen
sich Leute die sich lieben Du besonders wenn sie die respectable Absicht
haben sich gelegentlich zu heiraten
    Und Sie mich wirklich wollen eiraten Ach ich kann es glauben kaum Was
will ein Mann comme vous dem die ganze Welt ist offen eiraten ein armes
Mädchen die nicht einmal ist übsch
    Das ist meine Sache Und nebenbei bist Du jedenfalls übscher und reicher
als ich Dreihundert Taler 
    Dreihundert fünfundzwanzig Taler sagte Mademoiselle Marguerite eifrig
    Desto besser  das ist immer schon etwas für den Anfang Wenn ich mein
baares Vermögen dazu rechne  Herr Timm griff in die Tasche und brachte einige
Münzen zum Vorschein  haben wir dreihundert fünfundzwanzig Taler siebenzehn
Silbergroschen und acht Pfennige Das ist ein ganzes Kapital
    Wir uns dafür werden kaufen ein kleines Haus
    Versteht sich
    Ich werde geben Unterricht im Französischen
    Natürlich
    Und Du wirst sein fleißig und arbeiten
    Komme un forçat  o es wird ein charmantes Leben werden und Herr Timm
fasste die kleine Französin um die Taille und walzte mit ihr in der Laube in
welcher sie sich befanden umher
    Ich nun muss hinein den Leuten zu geben Vesperbrod sagte Marguerite sich
losmachend
    So lauf Du kleiner Grasaff aber komm bald wieder sagte Herr Timm
    Herr Timm sah der Enteilenden nach Dummes kleines Frauenzimmer sagte er
glaubt wahrhaftig ich werde sie heiraten Das fehlte auch noch  für
dreihundert Taler die ich früher an ein paar Abenden verspielt habe Es ist
wirklich großartig was sich diese Mädchen nicht alles einbilden Und dabei ist
diese gar nicht so dumm wie sie aussieht und scheint trotz ihres
fürchterlichen Deutsch den Goethe gründlich studiert zu haben »tut keinem Dieb
nur nichts zu Lieb als mit dem Ring am Finger « hm hm ich werde ihr
wahrhaftig einen Ring kaufen müssen Die dreihundert Taler wären freilich so
übel nicht Diese verdammten Gläubiger nicht einmal in diesem Winkel lassen sie
einen ungeschoren
    Herr Timm fasste in die Brusttasche und holte einige Briefe von verdächtigem
Aussehen hervor die er nachdem er sich in die Ecke einer Bank gesetzt einen
nach dem andern entfaltete und eifrig studierte Sein sonst so lustiges Gesicht
verdüsterte sich dabei zusehends Verdammt murmelte er die Kerle werden
wirklich unverschämt Wenn ich den brummenden Bären doch nur so ein paar hundert
Taler in den Rachen werfen könnte so schweigen sie doch für eine Weile
wenigstens Die dreihundert welche die kleine Marguerite im Sparkassenbuche
hat kämen mir wirklich gelegen Es wäre am Ende nur zu ihrem Vorteil wenn ich
sie darum ärmer machte Denn dass ich mein Versprechen sie zu eiraten ohne
die dringendste Not nicht halten werde liegt doch für jeden Verständigen auf
der Hand Fühle ich mich nun ihr gegenüber nicht nur moralisch sondern auch
anderweitig verpflichtet so hat sie immerhin eine Chance mehr Ich kann ihr ja
sagen ich könne das Geld besser anlegen oder dergleichen Wenn die dummen
Dinger verliebt sind glauben sie ja Alles was man ihnen aufbindet Und kann
sie das Geld besser anlegen als wenn sie sich damit einen charmanten Kerl von
Mann erkauft der sie im andern Falle nicht eiraten würde Me herculem ich
fühle mich ordentlich gehoben durch den Gedanken auf diese Weise der Wohltäter
des Mädchens zu werden Ich will die Kleine doch einmal ins Gebet nehmen
Weigert sie sich so werde ich sie freilich ihrer Klugheit wegen achten müssen
aber mit unserer Liebe ist es aus
    Albert erhob sich und ging die Hände auf dem Rücken wie es seine
Gewohnheit war wenn sein scharfsinniger Kopf an der Lösung eines Problems
arbeitete langsam nach dem Schloss Marguerite schaltete noch in der
Küchenregion Albert verfügte sich auf sein Zimmer um noch einige Minuten
ungestört über seine Aufgabe nachzudenken
    Er beugte sich über die Karte die auf dem großen Reissbrett aufgespannt war
und an der er seit der Abreise der Familie nicht das Mindeste gearbeitet hatte
    Wenn das so fortgeht wird sich AnnaMaria über meine Fortschritte wundern
murmelte er Die kleine Marguerite ist doch nicht allein daran Schuld richtig
jetzt besinne ich mich  ich brauchte eine Karte aus der Registratur und ließ
mir schon vor acht Tagen den Schlüssel dazu geben Die muss ich mir wenigstens
holen sonst  bei meiner heißen Liebe zur kleinen Marguerite  bleibt diese
angefangene Karte ein Fragment in Ewigkeit
    Albert ging in die Registratur ein großes Gemach in dem Erdgeschoss des
alten Schlosses dessen Wände von oben bis unten mit Repositorien voll ganz oder
halb vergilbter Acten und Schriftstücke der verschiedensten Art bedeckt waren
deren gar manches für einen fleißigen Altertümler von hohem Interesse gewesen
wäre Während er in einem der Repositorien nach der alten Flurkarte kramte fiel
ihm ein kleines Bündel Briefe in die Hände das er wohl wie schon einige andere
ähnliche in das Versteck aus welchem er sie unversehens hervorgeholt hatte
zurückgeschleudert haben würde wenn nicht die Aufschrift »An den Baron Harald
von Grenwitz Hochgeboren auf Grenwitz« seine Neugierde erregt hätte Herr Timm
löste ohne weiteres den roten Faden mit welchem die Briefe zusammengebunden
waren und begann dieselben einen nach dem andern zu lesen  eine Beschäftigung
die ihn so ausnehmend interessierte dass er alles Andere darüber vergaß und
selbst das Rollen eines Wagens überhörte der vor dem Portale still hielt und
dessen höchst unerwartete Ankunft eine nicht geringe Sensation in dem Schloss
hervorrief
 
                          Sechsunddreissigstes Kapitel
Während der acht Tage die seit der Abreise der Familie verflossen waren hatte
Oswald in der Einsamkeit des Fischerdorfes Sassitz von allem Verkehr mit der
Welt abgeschlossen gelebt Wie er nach Sassitz gekommen war wusste er selbst
kaum
    Seit ihm Melitta so plötzlich geraubt war hatte ihn eine grenzenlose
Gleichgültigkeit gegen Alles ergriffen was nicht in irgend einer Beziehung zu
ihr stand die jetzt seine ganze Seele erfüllte In dieser Apathie hatte er sich
selbst von Bruno ohne Schmerz getrennt Auf die Wünsche der Baronin ging er um
so bereitwilliger ein als er sich in seiner augenblicklichen Stimmung nach
Einsamkeit sehnte wie ein Kranker nach Ruhe So sagte er denn zu Allem Ja und
als er den Wagen welcher die Familie entführte sich in Bewegung setzen sah
fiel es ihm wie eine schwere Last vom Herzen Er wünschte den Zurückbleibenden
Herrn Timm und Mademoiselle flüchtig Lebewohl und wanderte einen leichten
Ränzel der noch aus seiner Studentenzeit stammte auf dem Rücken zum andern
Tore hinaus wie der Held eines Märchens ohne eine Ahnung davon zu haben
wohin er seine Schritte lenken sollte und wo er heute Nacht sein Haupt zur Ruhe
legen würde
    Die Sonne brannte heiß es fiel ihm ein dass es im Walde frisch und kühl
sein müsse So bog er denn rechts vom Wege ab und bald rauschten über ihm die
Tannen des Forstes der halb zu Grenwitz und halb zu Berkow gehörte Das
Rauschen der hohen Bäume lullte ihn in süße Träume Träumend wanderte er weiter
bis er plötzlich auf die Lichtung heraustrat wo in dem Schutze der
vielhundertjährigen breitastigen Buche Melittas Kapelle lag
    Die Tür des Häuschens war verschlossen die grünen Jalousien vor den
Fenstern waren heruntergelassen die Treppe und die Veranda waren sorgsam
gefegt wie es die strenge Ordnungsliebe des alten Baumann der jetzt das
Regiment in Berkow führte erheischte Oswald setzte sich auf die Stufen der
Treppe und stützte den Kopf in die Hand So saß er in Nachdenken versunken
während in den Zweigen der Buche über ihm ein Waldvögelein sein eintöniges Lied
mit dem stets gleichen melancholischen Refrain ertönen ließ Wie einsam er sich
fühlte  wie einsam und wie verlassen Dem Kinde gleich das auf weitem öden
Moore den Weg zum Hause der lieben Eltern verloren hat Hier an dieser selben
Stelle hatte er in der Nacht vor der Gesellschaft in Barnewitz mit Melitta
gesessen  sie hatte den Kopf an seine Brust gelehnt gehabt und süßeste
köstlichste Worte der Liebe hatte ihr Mund geflüstert Jetzt war es still um ihn
her Sehnsüchtige Gedanken an die Entfernte glitten durch seine Seele wie Vögel
die den Süden suchen durch den weiten Himmelsraum
    Ein Sonnenstrahl der heiß und stechend durch das Laubdach auf ihn fiel
mahnte ihn dass es Zeit sei aufzubrechen Eile hatte er freilich nicht es war
noch früh am Nachmittage und irgend einen gleichviel welchen Ort wo er sein
Quartier für die Nacht aufschlagen konnte musste er immer noch erreichen So
schlenderte er durch den Wald auf einem Wege hin den er noch nicht betreten
hatte und der ihn ehe er sichs versah an den Strand des Meeres führte Nun
wanderte er am Strande fort bald auf der Höhe des Ufers wenn die See wie es
häufig geschah unmittelbar den Fuß der Kreidefelsen bespülte bald auf dem
festen körnigen Sande des schmalen Vorstrandes Hier und da hatte einer der
kurzen wasserreichen Bäche die aus dem Innern der Insel dem Meere zueilen das
Ufer durchbrochen und eine Schlucht gehöhlt die mit einer fast südlich üppigen
Vegetation bedeckt war Aber mit Ausnahme dieser wenigen grünen Oasen zeigte
sich dem Auge nichts als kahler Fels nackter Sand das eintönige blaue Meer
auf dem hier und da ein weißes Segel schwamm und der eintönige blaue Himmel an
dem hier und da eine weiße Sommerwolke unbeweglich stand Und zu diesem
eintönigen Bilde die einförmige Musik der brandenden Wellen und dann und wann
der grelle Schrei der Möve oder das melancholische Pfeifen der kleinen
Strandläufer
    Die Monotonie dieser Linien dieser Farben dieser Töne wäre für ein
glückliches lebensfrohes Gemüt unerträglich gewesen aber sie passte wunderbar
zu Oswalds Seelenzustand Seine Schwermut harmonirte mit dieser tiefernsten
Natur die von Glück und Freude nichts zu wissen schien desto mehr aber von dem
Jammer und der Qual des Lebens Klang der grelle Schrei das schrille Pfeifen
der Meeresvögel nicht wie Klaggesang war es nicht als ob das Meer in den
Wellen die sich in monotonen Kadenzen unaufhörlich am Strande brachen das
verworrene Rätsel der Existenz wie im halben Wahnsinn vor sich hinmurmelte Und
sein eigenes Leben kam ihm so ziel und zwecklos vor wie dies sein Umherirren
zwischen den Uferklippen Glich es nicht seinem Fußtritte auf dem harten Sande
wo die nächste Welle schon die leichte Spur gänzlich verwischte Warum geboren
werden Anderen und sich selbst Schmerzen und Sorgen ohne Zahl bereiten wenn
Alles doch zu nichts führt wenn die Vergangenheit sich hinter uns auftürmt wie
das steile unersteigliche Ufer die Zukunft uns angähnt wie das öde wüste Meer
und die Gegenwart ein schmaler Strand ist den die unbarmherzig glühende Sonne
nur deshalb so grell zu erleuchten scheint um ihn in seiner ganzen trostlos
dürftigen Nacktheit zu zeigen Und wenn wirklich einmal das Glück uns zu lächeln
scheint so scheint es eben nur so ist es eben nur eine trügerische Spiegelung
die eine schadenfrohe Fee aus dem unwohnlichen tückischen Meere aufsteigen lässt
damit sie in dem Augenblicke versinkt wo wir das palmengeschmückte
palastumsäumte Ufer zu berühren glauben
    Ein Dörfchen dem sich Oswald mit raschen Schritten näherte lag in dem
innersten Winkel einer tiefen von mäßig hohen Uferfelsen umschlossenen Bucht
wo das Wasser so still und glatt war wie in einem Gartenteich Einige der Hütten
lagen hart am Strande andere waren an den Ufern eines Baches der sich an
dieser Stelle ins Meer ergoss in der tiefen breiten Schlucht die er sich
gewühlt hatte erbaut Vor den Türen waren kleine mit Muscheln eingefasste
Gärtchen auf den mit weißem Sande ausgefüllten Gängen zwischen den Häusern
hingen Netze zum Trocknen an langen Stangen ein paar rothaarige Buben waren
eifrigst mit Anteeren eines umgestülpten Bootes beschäftigt vor einer der
größeren Hütten saßen ein paar Frauen Netze flickend
    Oswald näherte sich den Frauen die als sie seinen Schritt vernahmen
neugierig von ihrer Arbeit aufsahen und fragte sie begrüssend ob es ihm
verstattet sei sich hier etwas auszuruhen und ob er einen Trunk Wasser und ein
Stück Brod haben könne
    Stine sagte die ältere von den drei Frauen eine Matrone von stattlichem
Umfang und einem überaus gutmütigen wettergebräunten Gesicht zu einem der
beiden jungen Mädchen an ihrer Seite steh auf und lass den Herrn sitzen Siehst
Du nicht dass er müde und ausgehungert ist Geh ins Haus und bring was wir
haben Setzen Sie sich junger Herr Sie sind gewiss auch ein Maler
    Warum meinen Sie das fragte Oswald den angebotenen Platz annehmend
    Nun ein vernünftiger Mensch klettert nicht bei der Hitze am Strande herum
nichts für ungut Herr Maler Ich hab schon einen von Ihren Kameraden bei mir
wohnen gehabt der zwei Wochen hier geblieben ist und wenn Sie ein eben so
ordentlicher ehrlicher Mensch sind so können Sie auch bei Mutter Karsten
wohnen aber die Wände dürfen Sie nicht vollkritzeln das sage ich Ihnen gleich
im voraus
    Oswald musste lächeln als er so ohne Umstände zu einem auf einer
Studienreise begriffenen Landschafter gemacht wurde Wie wenn er sich die
harmlose Rolle die ihm aufgenötigt wurde gefallen ließ Es war ihm ja so
gleichgültig wo er blieb  Alles was er wollte war Einsamkeit  und konnte er
eine tiefere Einsamkeit finden als hier in dieser stillen Bucht unter diesen
gutmütigen kindlichen Menschen die nichts dagegen haben würden wenn er halbe
Tage lang zwischen den Felsen des Strandes umherirrte Und dann war er doch hier
in der Nähe von Berkow von dem er sich nicht allzuweit entfernen durfte Er
hatte mit Melitta verabredet dass im Fall sich ihre Abwesenheit in die Länge
zöge der alte Baumann der in Berkow zurückgeblieben war die Korrespondenz
zwischen ihnen übermitteln sollte
    So wollen Sie mich ein paar Tage hier behalten fragte er
    Ja aber die Wände dürfen Sie nicht vollkritzeln sagte Mutter Karsten
    Das verspreche ich sagte Oswald lächelnd
    Dann können Sie bleiben so lange Sie wollen Das ist recht Stine rücke
den Tisch näher an den Herrn und hörst Du hol auch von dem alten Kognac den
der Klas Jochen aus England mitgebracht hat das bloße Wasser tut nicht gut bei
der unvernünftigen Hitze
    Oswald war beinahe schon acht Tage in Sassitz und er bereute keinen
Augenblick der Einladung Mutter Karstens gefolgt zu sein Er stand in sehr
großer Gunst bei Mutter Karsten Er hatte stets ein freundliches Wort für Jeden
selbst für den steinalten halb blödsinnigen Vater von Mutter Karsten der den
ganzen Tag in seinem Lehnstuhle in der Sonne saß und unverwandt auf das Meer
hinausstarrte wenn ihm nicht was freilich oft geschah die alten noch immer
scharfen Augen vor Müdigkeit zufielen Mutter Karsten erklärte dass Oswald ein
eben so »ordentlicher ehrlicher« Mensch sei wie sein Vorgänger dass es aber
bei ihm hier mit einer bezeichnenden Bewegung des Fingers nach der Stirn noch
weniger richtig sei als bei jenem Was Mutter Karsten zu diesem Ausspruch
veranlasste war der allerdings verdächtige Umstand dass der junge Mensch
welcher doch nun einmal verrückt genug war eine in ihren Augen so überflüssige
Hantirung zu treiben nicht nur nicht die wieder übertünchten Wände seiner
Schlafkammer mit Kohlenskizzen von Schiffen unter vollem Segel einsamen
Klippen über denen Möven flatterten und originellen Matrosengesichtern
bedeckte wie sein Vorgänger weiland sondern überhaupt gar nicht zeichnete und
malte sondern den lieben langen Tag nichts tat als am Strande umherlaufen
oder auf einem der kleinen Ruderboote mutterseelenallein so weit aufs Meer
hinausfahren dass man ihn vom Strande aus kaum noch sehen konnte Wie und womit
er sich auf diesen stundenlangen Spaziergängen und Fahrten die Zeit vertrieb
war Mutter Karsten ein unergründliches Rätsel würde selbst dann für sie noch
immer ein Rätsel gewesen sein wenn sie gesehen hätte dass Oswald sobald er
sich allein wusste einen Brief den ihm vor ein paar Tagen ein alter sonderbar
aussehender Mann gebracht hatte aus der Tasche nahm und ihn wieder und immer
wieder studierte als ob er ihn nicht schon längst Buchstab für Buchstab und
Zeichen für Zeichen auswendig gewusst hätte Der sonderbar aussehende alte Mann
der »so ein hochbeiniges langhalsiges Pferd ritt wie sie der Klas Jochen in
England gesehen hatte« war nämlich Niemand anders gewesen als der alte Baumann
auf dem Brownlock Oswald hatte ihm gleich am nächsten Tage nach seiner Ankunft
in Sassitz mitgeteilt dass er sich entschlossen habe bis auf weiteres hier zu
bleiben auch nach Grenwitz hatte er dieselbe Botschaft geschickt mit der
Bitte ihm etwa ankommende Briefe nachzusenden und einen Tag später konnte die
treue Seele schon einen Brief der vielgeliebten Herrin in Oswalds Hände legen
Es waren wenige Worte nur auf der Reise in einer Stadt Mitteldeutschlands
kurz vor dem Schlafengehen in einem Hotel geschrieben  wenige Worte verwirrt
und traurig aber süß und köstlich wie Küsse von geliebten Lippen in dem
Augenblicke der Trauung Er hatte Baumann seine Antwort mitgegeben und erwartete
nun täglich einen zweiten ausführlicheren Brief mit einer Ungeduld die
keineswegs eine freudige war
    Er hatte an sich selbst die schlimme Entdeckung machen müssen wie tief
verborgen der Verrat in einem Herzen lauert dass sich bis in seine geheimsten
Tiefen ganz von Liebe erfüllt glaubt Zwar hatte er sich über die Szene in der
Fensternische auf dem Balle in Barnewitz mit der Entschuldigung zu trösten
gesucht ich war außer mir ich wusste nicht was ich tat aber kann Eifersucht
eine Entschuldigung für Treulosigkeit sein Und dann war diese Eifersucht denn
nun wenigstens tot war sie nicht als er Melittas Bild in dem Zimmer des
Barons hinter dem Vorhang entdeckte in hellen Flammen aufgeschlagen Hatte er
nicht der Erzählung Melittas mit atemloser Spannung gelauscht immer
fürchtend dass jetzt  jetzt ein Umstand erwähnt werden möchte der seinen
Verdacht dass sie den merkwürdigen Mann dennoch  vielleicht ohne es selbst zu
wissen  geliebt habe bestätigen würde hatte sie nicht gesagt ich glaubte ihn
zu lieben  und nun gerade in dem Augenblicke wo die Erzählung bis zu der
Katastrophe gekommen war die Alles und auch die Feindschaft die jetzt offenbar
zwischen ihr und dem Baron herrschte erklären musste  wird ihr eine Botschaft
gebracht so sonderbarer so unheimlicher Art so ganz geeignet Oswalds
ohnedies schon verstörtes Gemüt ganz und gar zu verwirren Nicht genug dass ihm
in Baron Oldenburg ein Nebenbuhler den zu verachten unmöglich war in Fleisch
und Blut gegenüber stand  hier kommt ein Gemahl das Gespenst eines Gemahls
aus einer sieben Jahre langen Wahnsinnsnacht emporgetaucht und winkt sie zu sich
an sein Sterbebett  sie seine Geliebte seine Melitta   Oswald fühlte dass
er selbst wahnsinnig werden würde wollte er diesen Gedanken zu Ende denken Er
hatte es so ganz und gar vergessen dass Melitta jemals vermählt gewesen war dass
sie jemals in den Armen eines andern Mannes gleichviel ob sie ihn geliebt 
und um so grässlicher wenn sie ihn nicht geliebt  geruht dass sie jemals die
Liebkosungen eines andern Mannes entgegengenommen hatte  er zerknitterte den
Brief Melittas er hätte laut aufschreien mögen vor wildem Schmerz er hätte
sein Haupt an den Felsblöcken zerschellen mögen Warum dieses Gift in den
köstlichen Trank seiner Liebe warum musste das leuchtende Gewand seines Engels
in dem Schmutz des Lebens schleifen warum musste die duftige Blüte vom schnöden
Wurm benagt werden  und wäre sie denn nur jetzt wenigstens frei  aber sie ist
es nicht  selbst dann nicht wenn jenes Gespenst aus der Nacht des Wahnsinns in
die Nacht des Todes sinkt Sie ist die Mutter ihres Kindes  seines Kindes und
diese Rücksicht die sie jetzt für einen Augenblick vergessen hat wird in den
Vordergrund treten und mich wird sie aufgeben  aufgeben müssen Und wozu soll
es auch führen so lange dies heimliche Verhältnis dauert das ein tückischer
Zufall seines Geheimnisses berauben kann steht ihr guter Ruf auf eines Messers
Schneide  und kann aus diesem Verhältnisse jemals ein anderes werden kann ich
der pfenniglose Abenteurer der Freiheitschwärmer jemals daran denken die
reiche Aristokratin zu heiraten daran denken mich in die Gesellschaft der
verhassten Menschen zu drängen die den Parvenü stets über die Achsel ansehen
würden nie nie Lieber leben wie die armen Fischer die täglich mit Gefahr
des Lebens dem grausamen Meer den kärglichen Unterhalt abringen müssen 
    So irrte Oswalds Geist in einem Labyrinth von schmerzlichen Zweifeln
ruhelos umher wie er selbst zwischen den Uferklippen auf dem öden Strande
ruhelos umherirrte als plötzlich ein Ereignis eintrat das ihn sehr gegen seine
Vermutung und seinen Wunsch zwang in die Gesellschaft die er jetzt so
gründlich hasste zurückzukehren
 
                          Siebenunddreissigstes Kapitel
Als er nämlich an einem der folgenden Tage gegen Abend nach einer Abwesenheit
von mehreren Stunden sich wieder dem Dorfe näherte sah er vor der Tür von
Mutter Karstens Wohnung einen mit zwei Pferden bespannten Wagen halten Dies
war etwas so ganz Außerordentliches in dem von allem Verkehr abgeschnittenen
Sassitz dass Oswald sich wohl denken konnte es müsse auch etwas Besonderes sich
unterdessen ereignet haben Um den Wagen und an die Tür des Häuschens drängten
sich Frauen und Kinder und die paar Männer die nicht mit auf dem Fischfang
waren Sie wollten wissen ob der alte Steffen Mutter Karstens Vater diesmal
wirklich sterben müsse oder ob es dem jungen Doctor nach dem Mutter Karsten
vor einigen Stunden die rasche Stina geschickt hatte gelingen werde ihn noch
einmal von seinem bösen Stickhusten zu curiren
    So erzählten sie Oswald mit verstörten Mienen und gegen die Gewohnheit
redselig als er fragend unter sie trat Denn Vater Steffen war der Patriarch
des Dorfes von Allen geehrt Oswald eilte auf diese Nachricht hin ohne sein
Incognito zu bedenken in das Haus und die Wohnstube Der silberhaarige Greis
saß in seinem Lehnstuhl matt und bleich aber wie es schien der Gefahr
entrissen  Dank der rechtzeitigen Hilfe des Doctor Braun der so eben von den
Danksagungen der tief gerührten Mutter Karsten ihrer Töchter und eines halben
Dutzend anderer Frauen nach der Tür retirirte
    Gut dass Sie kommen rief er dem eintretenden Oswald entgegen ich habe
einen Auftrag an Sie wollen Sie mir erlauben dass ich mich desselben da meine
Zeit kurz gemessen ist sogleich entledige
    Der Doctor ergriff Oswald ohne Umstände unter dem Arm ihn mit sich fort zum
Hause hinaus ziehend
    Entschuldigen Sie mein Ungestüm sagte er als sie Arm in Arm am Strande
hinschritten aber einmal treffen Sie mich in voller Flucht vor den Danksagungen
der guten Leute und zweitens betrachte ich Sie trotzdem wir uns leider bis
jetzt nur einmal gesehen als einen alten Bekannten denn ich habe mich seitdem
in Gedanken sehr viel mit Ihnen beschäftigt Aber nun zu meinem Auftrag Sie
wissen jedenfalls noch nicht dass die Familie Grenwitz von der großen Badereise
auf die ich sie vor ein paar Tagen geschickt hatte wohlbehalten wieder zurück
ist
    Nein sagte Oswald mit nicht geringer Verwunderung
    Wie sollten Sie auch in diesem von aller menschlichen Kultur abgeschnittenen
Dorfe der Ichtyophagen Genug die Familie ist wieder da Der Baron so erzählt
die glaubwürdige AnnaMaria hatte in Hamburg einen fürchterlichen Fieberanfall
Der herbeigerufene Arzt erklärte es für Wahnsinn unter diesen Umständen die
Reise übers Meer anzutreten und riet zur Umkehr Sein Rat wurde von
AnnaMaria die von vornherein gegen die Reise war höchlichst gebilligt  bref
sie packten sich samt und sonders und Fräulein Helene dazu die sie aus der
Pension abholten in die große Familienkutsche und sind wieder hier seit gestern
Abend Es wurde natürlich sofort nach mir geschickt Ich bin heute Nachmittag
dort gewesen und da ich zufälliger Weise erwähnte ich müsse noch nach Sassitz
bat mich die Baronin die von Ihrem hiesigen Aufenthalte unterrichtet war Ihnen
zu sagen dass man sich in Grenwitz ganz ausnehmend freuen würde Sie möglichst
bald wieder innerhalb des Schlosswalles zu sehen Ich erwiderte wie mir die
Ausführung dieses Auftrages zu ganz besonderem Vergnügen gereiche und dass ich
Ihnen zur Rückfahrt meinen Wagen und meine Gesellschaft anbieten würde  was ich
denn hochachtungsvoll und ergebenst hiermit getan haben will
    So sprach Doctor Braun freundlich und lebhaft wie es seine Gewohnheit war
die grauen Augen mit den braunen leuchtenden Sternen forschend auf Oswald
heftend Ich komme Ihnen recht ungelegen gestehen Sie es nur setzte er hinzu
    Durchaus nicht erwiderte Oswald das heißt ich weiß wie Achill als man
ihm die Brisäis raubte den Boten von seiner Botschaft wohl zu unterscheiden
    Und wer ist die schöne Brisäis die ich Ihnen oder der ich Sie entführe
fragte der Doctor
    Die Einsamkeit erwiderte Oswald
    Nun daraus mache ich mir kein großes Gewissen sagte der Andere lachend
die Einsamkeit ist wie der Duft mancher Giftpflanzen süß aber betäubend und
mit der Zeit geradezu verderblich selbst für die stärksten Konstitutionen
Wollen Sie meinem Rate folgen lassen Sie die schöne Brisäis Einsamkeit in
Gottes Namen ziehen zu wem sie will setzen Sie sich zu mir in den Wagen und
kutschiren Sie mit mir nach Grenwitz wo Sie überdies ein Mädchen finden sollen
bei deren Erblicken Sie ausrufen werden hier ist mehr denn Brisäis
    Fräulein Helene
    Fräulein Helene auch ein griechischer Name und der einen bessern Klang
hat wie der andere Aber die Sonne oder vielmehr Helios senkt seinen Wagen
und meine Pferde werden ungeduldig Sie kommen doch mit
    Ohne Zweifel sagte Oswald
    Eine Viertelstunde später rollte der Wagen mit den beiden jungen Männern
bereits auf der Höhe des Ufers nach Grenwitz zu das nur eine Stunde Weges
entfernt war Oswald hatte Mutter Karsten hoch und teuer versprechen müssen
bald wieder nach Sassitz zu kommen und die große Herzlichkeit mit der sich
beim Abschied Alt und Jung um ihn drängte und ihm ihr Adjies Herr Maler
nachrief zeigte dass er sich während seines kurzen Aufenthaltes ohne es darauf
anzulegen die Gunst des harmlosen Völkchens in einem hohen Grade erworben
hatte
    Der Abend war wunderschön Der rote Sonnenball hing am Horizonte und goss
einen Zauberschimmer über die öde Küstenlandschaft In dem hohen Haidekraut
rechts und links vom Wege zirpten die Cikaden Schwalben schossen hoch oben in
der überaus klaren weichen Luft Oswald fühlte sich zum ersten Male seit langer
Zeit beinahe heiter und er musste im Stillen dem klugen Manne an seiner Seite
recht geben dass man die Freuden der Einsamkeit doch zu teuer erkaufe
    Wie leid tut es mir sagte er dass wir unserem Vorsatz uns häufiger zu
sehen so wenig treu geblieben sind
    Lhomme propose et Dieu dispose erwiderte Doctor Braun Wir wollen es in
Zukunft besser zu machen suchen Sie bleiben ja wie ich höre noch lange in
dieser Gegend und ich werde auch wohl meinen Plan nach Grünwald überzusiedeln
noch so bald nicht ausführen können
    Sie wollen nach Grünwald
    Vorläufig wenigstens Ich concurrire hier mit einem trefflichen Mann der
jedenfalls ein viel gewiegterer Praktiker ist wie ich Gelbschnabel trotzdem
aber durch mich in den Schatten gestellt wird weil ich das Glück gehabt habe
ein paar gute Kuren zu machen wie sies nennen und weil die Leute immer nach
dem Neuen laufen auch wenn es nicht das Bessere ist Zwei Ärzte aber trägt die
Gegend nicht und mein Kollege ist alt und hat eine zahlreiche Familie zu
ernähren ich bin jung und vorläufig nur verlobt folglich werde ich ihm den
Platz räumen
    Das ist sehr edel
    So scheint es aber scheint auch nur Ich giesse das reine Wasser nur fort
weil ich noch reineres in Aussicht habe Mein Schwiegervater ist einer der
bedeutendsten Ärzte in Grünwald Die Hälfte seiner Praxis ist mir wenn er sich
zur Ruhe setzt wozu er sich noch immer trotz seiner wankenden Gesundheit
nicht entschließen kann gewiss und da meine Braut eine Grünwälderin ist jedes
Fischlein sich aber in seinem Teich am wohlsten fühlt ich überhaupt die
Gesellschaft der Cyklopen und Ichtyophagen mit denen ich hier verkehren muss
herzlich satt habe so  sehen Sie dass mein Edelmut die Grenzen des Erlaubten
noch keineswegs überschreitet
    Ist es indiscret nach dem Namen Ihrer Fräulein Braut zu fragen
    Bewahre Sophie Robran
    Ich hatte während meines Aufenthaltes in Grünwald leider nicht das
Vergnügen mit Fräulein Robran in Gesellschaft zusammenzutreffen Mein würdiger
Freund der Professor Berger nannte sie den einzigen Schwan in einer gewaltigen
Heerde von Gänsen
    Sie waren längere Zeit in Grünwald
    Ich komme eben von dort nachdem ich ein halbes Jahr in den schattigstillen
Straßen der trefflichen Stadt ein äußerst idyllisches Leben geführt und unter
Bergers Auspicien meine Examina absolvirt hatte
    Aber  Sie werden jetzt mit größeren Recht über meine Indiscretion klagen 
was bestimmte Sie wenn Sie diese Brücke der Lahmen und Blinden hinter sich
haben der Wirksamkeit in einem größeren Kreise für die Sie doch offenbar
vorzüglich befähigt sind das Stillleben eines Hauslehrers in einer adeligen
Familie vorzuziehen wo es Ihnen geradezu unmöglich wird Ihre Kräfte frei zu
entfalten
    Was mich dazu bestimmte antwortete Oswald ich weiß es selbst kaum Einmal
wohl der gründliche Abscheu vor dem was die Menschen mit jenem für ein
planetarisches Gemüt so äußerst bedenklichen Ausdruck eine feste Anstellung
bezeichnen sodann der Einfluss Bergers der mir dringend riet mich nicht vor
der Zeit zu binden sondern noch ein paar Jahre in der Welt herumzusinbadesiren
wozu ich jetzt wenn meinen Zöglingen die Flügel erst noch ein wenig gewachsen
sein werden sogar contractlich verpflichtet bin
    Wissen Sie dass ich fürchte oder vielmehr hoffe Sie werden nicht im Stande
sein diesem Rat Ihres wunderlichen Freundes bis zum Ende zu folgen
    Weshalb
    Weil  Sie erlauben dass ich ganz offen bin  weil Sie sich hier in einer
schiefen Stellung befinden die über kurz oder lang unleidlich für Sie werden
muss Eine solche Stellung ist nur gut für Jemand der weil er nicht auf eigenen
Füßen stehen kann gezwungen ist sich an Andere anzulehnen der von Jugend auf
gewohnt ist seinen Willen seine Meinung dem Willen Anderer unterzuordnen oder
besser noch der überhaupt gar keinen eigenen Willen und keine eigene Meinung
hat Von dem Allen ist bei Ihnen das Gegenteil der Fall Sie sind viel zu
bedeutend für diese unbedeutenden Menschen Sie ärgern sich über diese Menschen
und vice versa Das ist einmal nicht anders wo so heterogene Elemente eine
Verbindung eingehen sollen Sie halten die Baronin für das was sie ist für
eine dünkelhafte adelsstolze trotz ihrer Belesenheit bornirte engherzige
geizige Person die Baronin hält Sie für das was Sie nicht sind für einen
unendlich in sich verliebten hochmütigen Narren Sie leben in einem Hause Sie
essen an einem Tisch und haben doch so wenig Berührungspunkte als ob Sie durch
eine Welt getrennt wären Sie bleiben bei einander weil Keiner aus diesem oder
jenem Grunde das Wort der Trennung sprechen will bis ein Augenblick kommt der
den Einen und den Andern gebieterisch zur Entscheidung drängt Habe ich recht
    Ich kann es nicht in Abrede stellen
    Sehen Sie Und die Sache wird glaube ich jetzt noch schlimmer werden
    Warum jetzt
    Bis jetzt hatten Sie in diesem Narrenhause nur ein edles Geschöpf das Sie
lieben und bemitleiden konnten den köstlichen Bruno jetzt wenn Sie
zurückkehren werden Sie noch einen zweiten Klienten oder vielmehr eine zweite
Klientin finden Ich fürchte das arme Kind ist um die erste Rolle einer
Familientragödie zu übernehmen aus der Idylle ihres Hamburger Pensionats
hierher nach Grenwitz geschleppt worden Ich fürchte es steht eine schwere
Gewitterwolke über dem schönen Haupt des unglücklichen Mädchens Sie werden wie
ich Sie kenne versuchen wollen den Schlag abzuwenden und untröstlich sein
dass Sie es nicht vermögen Sie blicken mich mit großen Augen fragend an und ich
sehe dass Sie von den Geheimnissen der Familie in der Sie schon seit einem
Vierteljahr leben noch so gut wie gar nichts wissen Die Sache ist die
AnnaMaria lebt in beständiger Furcht vor dem Tode des alten Barons weil wenn
der Baron stirbt sie nicht nur einen alten Gemahl sondern auch die angenehme
Aussicht verliert sich aus dem Überschuss der Revenüen nach und nach ein
bedeutendes Vermögen zurücklegen zu können Deshalb ist ihr Malte lange nicht so
wichtig Dennoch fürchtet sie auch für den da bei seinem Tode das Majorat ganz
außer dieser Linie heraus an eine noch jüngere fallen würde die durch Felix von
Grenwitz einen ExLieutenant und notorischen Roué repräsentirt wird Und nun
kommt die Teufelei um wenn auch der Baron und selbst Malte vor der Zeit
sterben sollten doch immer noch so zu sagen die Hand im Spiele zu haben hat
AnnaMaria eine Heirat zwischen Fräulein Helene und dem ausgezeichneten Vetter
Felix projectirt Das arme Kind weiß nichts von diesem interessanten Plan desto
mehr aber fürchte ich der ausgezeichnete Felix der in wenigen Tagen nach
Grenwitz kommen wird um fern von dem aufregenden städtischen Treiben in der
Stille des Landlebens ganz seiner angegriffenen Gesundheit zu leben wie die
Baronin sagt Mit einem Worte es ist die alltägliche Misère von Soll und Haben
das ganz gemeine Brimborium durch welches ein unschuldiges Püppchen geknetet
und zugerichtet wird und Ihnen wird das Glück zu Teil werden diesem erhabenen
Schauspiel als unbefangener Beobachter beiwohnen zu dürfen
    Das wird nimmermehr geschehen rief Oswald
    Sie wollen also Ihre Stelle aufgeben
    Eine Sturmflut von Leidenschaft brauste durch Oswalds Seele Er dachte an
die unglückliche Marie die jetzt oft mit auf der Brust gefalteten Händen wie
eine schmerzensreiche Heilige durch seine Träume glitt er dachte an Melitta
die verkauft worden war von ihrem eigenen Vater Jetzt sollte sich das
Bubenstück wiederholen  vor seinen Augen 
    Nimmermehr nimmermehr rief er wenigstens nicht bevor ich so oder so
die Ausführung dieses schurkischen Planes vereitelt habe bevor ich getan habe
was ich konnte ihn zu vereiteln
    Aber was werden Sie tun können lieber Freund die Großmut ist eine
Tugend der wir genau auf die Finger sehen müssen damit sie uns nicht die
Heldenkrone von der wir träumen in eine klingende Schellenkappe verwandelt
Denken Sie an den edlen Junker aus der Mancha und wie sein ritterlicher Leib
geschunden und geprügelt wurde für die Wallungen seines guten Herzens  Und
dann wissen Sie denn ob die Andromeda deren Perseus Sie werden wollen
überhaupt befreit sein will Ich kenne den Baron Felix nicht  vielleicht ist er
besser als sein Ruf ich habe nicht drei Worte mit Fräulein Helene gesprochen 
 vielleicht ist sie keineswegs so lieb und gut wie sie schön ist
    Sie ist es sie ist es verlassen Sie sich darauf rief Oswald eifrig
    Gut dass Sie noch nicht dreißig Jahre alt sind sagte der Doctor lachend
    Weshalb
    Sie wissen was den Schwärmern nach Goethes Ausspruch in dem bezeichneten
Lebensalter zukommt der Tod  an demselben Kreuze welches sie bis dahin
keuchend durch das Leben schleppten  Aber da sind wir schon nahe am Tore
Wollen Sie mir erlauben dass ich Sie hier absetze Ich habe noch einen Besuch im
Dorfe zu machen und dieser Weg führt direkt hin während ich über den Schlosshof
einen langen Umweg machen muss Übermorgen komme ich wieder nach Grenwitz
Hoffentlich geht Ihr Puls dann ruhiger Ich sagte Ihnen ja gleich die
Einsamkeit ist reines Gift für Ihre Natur Adieu
 
                           Achtunddreissigstes Kapitel
Es war ein köstlicher Anblick den der Schlosshof von Grenwitz in dem Augenblick
gewährte als ihn Oswald durch das finstere Tor betrat ein Anblick wohl
geeignet ein schmerzlich zuckendes Herz zur Ruhe zu wiegen Während die
höchsten Kuppen der gewaltigen Linden die auf das Portal des Schlosses
zuführten und die Zinne des Turmes noch vom roten Abendlichte angestrahlt
waren lag schon tiefer Schatten unter den Bäumen neben dem Walle über dem
langen Grase das überall zwischen den Steinen des Pflasters emporwuchs Aus den
Kronen der Linden die mit weißem Blütenschnee überdeckt waren strömte ein
süßer Duft der die ganze Atmosphäre erfüllte Rings umher war es so still dass
man deutlich das geschäftige Summen der Insecten vernahm auf dem Rand des
Brunnens mit der kopflosen Najade saß ein Vöglein und sang der untergehenden
Sonne nach hoch oben in der rosigen Luft schossen noch immer einzelne
Schwalben als könnten sie sich heute wo es doch gar so wunderschön sei gar
nicht entschließen zur Erde zurückzukehren
    Langsam fast zögernd schritt Oswald dem Schloss zu Er fühlte tief den
Zauber dieser Abendstunde und wusste dass das erste Menschenwort denselben
zerstören würde Aber er begegnete Niemandem Der ganze Hof war wie
ausgestorben Er stieg die Wendeltreppe hinauf und ging durch die langen
Korridore die von seinem Fußtritt wiederhallten auf sein Zimmer
    Die Fenster waren geöffnet und der Lehnstuhl in der Nische hatte den
rechten Platz auf dem Tische vor dem Sopha stand eine Vase angefüllt mit
frischen Blumen der Kopf des Apollo von Belvedere hatte sich eine schmale Krone
von Epheu gefallen lassen müssen Es war aufgeräumt in dem Zimmer aber so wie
es nur von Jemand geschehen kann der die Eigenheiten des Bewohners ganz genau
kennt Offenbar hatte hier Brunos Hand gewaltet
    Oswald fühlte sich durch das stumme und doch so beredte Willkommen auf das
angenehmste berührt Es war wie eine warme Hand die freundlich die seine
drückte wie ein Hauch der liebevoll seinen Namen flüsterte Der Sturm in
seiner Seele welchen die Worte des Doctors erregt hatten war vorübergebraust
und an die Stelle des wilden Zornes eine schwermutsvolle Trauer getreten dass
die Menschen dieser herrlichen Erde nicht wert seien und in ihres Sinnes
Torheit sich gegen das Geschick Schmerzen und Qualen ohne Zahl bereiteten
    Er hatte den Kopf in die Hand gestützt am Fenster gesessen Dann erinnerte
er sich dass es wohl an der Zeit sei die Gesellschaft aufzusuchen und zu
begrüßen Er kleidete sich um nahm eine Nelke aus dem Blumenstrauß und ging
hinunter
    Als er die Tür des Wohnzimmers öffnete aus welchem die Fenstertür nach
dem Rasenplatze führte hörte er Stimmen und als er ein paar Schritte in das
leere Zimmer hinein getan hatte sah er auch schon einen Teil der
Gesellschaft die auf dem Rasen mit dem Lieblingsspiel der Baronin dem
Reifenspiel eifrigst beschäftigt war Er näherte sich leise der Tür und blieb
auf demselben Platze stehen von welchem aus Melitta an jenem Nachmittage ihn
zum ersten Male erblickt hatte als er Arm in Arm mit Bruno unter den Bäumen
hervortrat
    Die Gesellschaft bestand aus dem Baron und der Baronin Mademoiselle
Marguerite und Herrn Timm Malte und Bruno und einer jungen Dame die Oswald den
Rücken zugewandt hatte so dass er nur die schlanke leichte Gestalt deren
reizende Formen ein einfaches weißes Gewand gar anmutig hervortreten ließ und
das üppig dichte leicht gekräuselte blauschwarze Haar bemerken konnte welches
in der Mitte gescheitelt und hinten lose zusammengesteckt die Linien des
wundervoll schön geformten Kopfes in weichen Umrissen nachzeichnete
    Oswalds Blicke waren wie von einem Zauber an diese jugendliche Gestalt
gefesselt die ohne den Platz zu verlassen beinahe regungslos dastand und nur
in regelmäßigen Zwischenräumen die Arme hob um den Reif aufzufangen den Bruno
ihr Nachbar mit nie fehlender Sicherheit stets so schleuderte dass er in einem
Halbbogen unmittelbar auf ihren Stock herabschwebte oder den eben aufgefangenen
Reif weiter zu schicken an Malte der ihn ein jedes zweite Mal fallen ließ und
sich bitter beklagte Helene werfe so schlecht und Helene tue es ihm nur zum
Ärger und es müsse ein Anderer an Helenens Stelle treten
    So komm hierher Helene sagte die Baronin Du wirfst auch wirklich sehr
schlecht
    Mutter und Tochter tauschten mit den Plätzen und Oswald konnte jetzt voll
ins Antlitz sehen
    Es war eins der Gesichter die man nie wieder vergisst wenn man einmal mit
fühlenden Augen hineingeschaut an die sich noch der Greis über ein halbes
Jahrhundert weg mit wehmütiger Freude erinnert wie er sich an einen warmen
Sommerabend erinnert als er  ein kleiner Schulknabe  mit den Brüdern im
Garten spielte und aus der Laube das Lachen der großen Mädchen klang eins der
Gesichter die uns wenn wir noch so traurig sind anlächeln wie ein
Sonnenblick an einem düstern Herbsttage die wenn es in unserm Herzen noch so
öde ist uns wieder an Poesie und Alles was schön und göttlich ist glauben
machen
    Oswald stand in Bewunderung verloren wie man vor einem wunderherrlichen
Gemälde anbetend stehen bleibt Es war nicht das liebliche Oval des reizenden
Gesichtes es waren nicht die großen dunkeln träumerischen Augen die aus den
langen schwarzen Wimpern mit einem so zauberischen Lichte leuchteten es waren
nicht die vollen rosigen Lippen die so freundlich lächeln konnten es war nicht
das dunkle Incarnat des sammetweichen Teints  es war eben Alles in Allem Wer
kann die Sonnenstrahlen fangen wer die Töne der Nachtigall auf Noten bringen
wer die Schönheit zergliedern Oswald versuchte es auch nicht er fühlte nur
dass er etwas Schöneres nie im Leben gesehen habe nie wieder sehen werde und es
war ihm als ob ein holder Traum den er oft und oft geträumt nun endlich in
Erfüllung gegangen als ob die blaue Blume nach der er allüberall vergeblich
gesucht nun endlich gefunden sei
    Er wollte die Gesellschaft begrüßen aber es war als ob sein Fuß an den
Boden gefesselt wäre Eine ihm unerklärliche Angst ergriff ihn ein banges
Zagen als ob jetzt etwas Ungeheures geschehen müsse als werde in diesem
Augenblick von geheimen Mächten des Schicksals über das Wohl und Wehe seines
Lebens entschieden er hätte fliegen mögen weit weit fort in die tiefste
Einsamkeit
    Da bemerkte er dass der alte Baron dem es draußen zu kühl werden mochte
aus dem Kreise ausgeschieden war und sich dem Hause näherte Er raffte sich
gewaltsam empor und trat durch die Fenstertür dem Kommenden entgegen Sein
Erscheinen wurde natürlich sofort bemerkt und ein allgemeines ah Herr Stein
sieh da Herr Doctor bewillkommnete ihn während Bruno den Anderen voraus mit
ein paar mächtigen Sprüngen bei ihm war und ihn umarmt hatte ehe er an Jene
herangetreten und sie begrüßen konnte
    Das ist ja charmant Herr Doctor sagte die Baronin mit ihrem gnädigsten
Lächeln Wir waren schon untröstlich bei dem Gedanken Sie noch wochenlang
entbehren zu müssen und nun sind Sie schon wieder in unserer Mitte Was sagen
Sie denn dass wir so bald wieder umkehren mussten Der arme Grenwitz er ist
recht krank gewesen Geh hinein lieber Grenwitz es ist wirklich schon recht
kühl draußen Wir wollen Alle hineingehen  Und unser kleiner Kreis hat sich
unterdessen vergrößert Wo ist denn Helene  Hélène venez ici ma chère
    Lassen Sie mich Ihnen meine Tochter Helene vorstellen ich habe ihr Hoffnung
gemacht dass Sie die Güte haben wollen ihr zu helfen die vielen vielen Lücken
in ihren Kenntnissen etwas auszufüllen denn Sie glauben nicht welch eine
Stümperei eine solche PensionatsErziehung in wissenschaftlicher Hinsicht ist
Nicht wahr Sie werden die Kleine in die Zahl Ihrer Schüler aufnehmen Wollen
wir hineingehen Ich denke wir bleiben Alle etwas im Salon beisammen
    Ohne Zweifel sagte Herr Timm der gegen seine Gewohnheit bis jetzt sehr
still gewesen war saure Wochen frohe Feste Tages Arbeit und Abends eine
gemütliche Bowle wie der alte Geheimrat sagt Das soll keine Anspielung sein
gnädige Frau bei Leibe nicht
    Aber es wäre Ihnen doch nicht unlieb wenn ich es für eine Anspielung nähme
sagte die Baronin die heute Abend entschlossen schien Alle zu bezaubern
    Ich müsste lügen wollte ich das Gegenteil behaupten sagte Herr Timm die
Hand aufs Herz legend und Sie wissen gnädige Frau dass mir alle Lüge in den
Tod verhasst ist
    Eh bien sagte die Baronin und Sie sollen die Ingredienzien selbst
bestimmen wollen Sie sich darüber mit Mademoiselle in Einvernehmen setzen
    Famos sagte Herr Timm gnädige Frau ich muss Ihnen die Hand küssen und
nachdem er den Worten die Tat hatte folgen lassen zog er die kleine Französin
bei Seite ihr das Recept zu einer »famosen Bowle« mitzuteilen
    Man war vielleicht eine Stunde plaudernd im Salon beisammen gewesen Herr
Timm hatte einige komische Lieder eigener Komposition am Klavier recht hübsch
vorgetragen einige burleske Szenen in denen er zu gleicher Zeit als zwei oder
drei verschiedene Personen auftrat und mit zwei oder drei verschiedenen Stimmen
redete ausgeführt kurz er hatte Alles was in seinen Kräften stand getan
um die nach den ersten zehn Minuten ziemlich einsilbig gewordene Gesellschaft zu
unterhalten und trotz alledem die von ihm selbst gebraute Bowle auch ziemlich
allein ausgetrunken  als die Baronin zum Aufbruch mahnte Herr Timm erbat sich
als einzigen Ehrensold für seine Bemühungen am heutigen Abend die Erlaubnis den
Damen vom Hause die Hand küssen zu dürfen eine Erlaubnis die ihm von der
Baronin mit gnädiger Bereitwilligkeit von Fräulein Helene aber nicht
zugestanden wurde die kurz und trocken und die schönen Brauen ein wenig
zusammenziehend bemerkte der Künstler müsse seinen Lohn in sich selbst tragen
Herr Timm wollte dagegen Einwendungen erheben aber Oswald schnitt die weiteren
Auseinandersetzungen ab indem er »gute Nacht« wünschte und mit Bruno Malte
hatte sich schon früher entfernt das Zimmer verließ und so Herrn Timm der in
demselben Teile des Schlosses wohnte zwang sich ebenfalls zu empfehlen
Überhaupt hatte Oswald seinen neuen Freund heute Abend nicht gerade freundlich
behandelt wodurch sich dieser in keiner Weise stören ließ sondern in seinem
übermütigen Geschwätz fortfuhr bis sie sich vor ihren Türen angekommen
trennten
    Gott sei Dank sagte Oswald als er sich mit Bruno in seinem Zimmer allein
sah endlich sind wir den lästigen Schwätzer los Und ich habe Dich noch gar
nicht um Verzeihung bitten können dass ich neulich beim Abschied so kalt und
gleichgültig war Dir noch nicht danken können dass Du brüderlich Alles
vergessen hast  mir ein so freundliches Willkommen bereitet hast Nicht wahr
diese Blumen sind von Dir
    Ja 
    Und der Epheukranz dort um die Stirn des Apollo ist von Dir
    Ja 
    Und Du hast den Lehnstuhl an die rechte Stelle gerückt
    Ja 
    Du lieber lieber Junge komm wir wollen uns Beide hineinsetzen und nun
sollst Du mir von Deinen Irrfahrten erzählen von den Städten die Du gesehen
von den Cyklopen die Du geblendet von den Leiden die Du erduldet hast in
Deiner lieben Seele  Alles der Ordnung gemäß weißt Du wie Polyphem seine
Schafe melkt
    Oswald hatte sich in den Stuhl geworfen und Bruno zu sich gezogen So saßen
sie und der Knabe schmiegte sich innig an seinen einzigen Freund und fing an
zu erzählen erst mit satyrischer Laune die Hinfahrt schildernd wie bald der
Baron und bald Malte nicht hatten rückwärts fahren können wie zuletzt Beide auf
dem Bock gesessen hatten und der Diener im Wagen  und wie er Bruno vergnügt
gewesen sei als immer neue Städte und neue Dörfer vor seinen Blicken
auftauchten und nun zuletzt das große Hamburg
    Dann nahm seine Erzählung einen andern Ton an Er schilderte mit allem
Ernste den Eindruck welchen die Stadt auf ihn gemacht hatte die vielen
stattlichen Häuser das Gedränge in den Straßen das Treiben im Hafen die
vielen Schiffe das Alsterbassin in welchem sich die vielen Lichter spiegelten
und welche zauberische Wirkung das hervorbringe wenn man langsam am Rande
hinspaziere und wie er einmal beinahe ins Wasser gefallen wäre wenn ihn
Helene nicht gehalten hätte Und nun nachdem Helenens Namen erst einmal genannt
war tauchte er immer wieder auf wie ein leuchtender Stern aus treibenden
Wolken wie Helene geweint habe als sie von Hamburg abreisten wie sie auf das
Wort ihrer Mutter es scheint Dir nicht viele Freude zu machen zu Deinen Eltern
zurückzukehren die Tränen getrocknet aber auch auf der ganzen Reise kaum
einmal wieder gelächelt habe Denn sie sei sehr stolz aber auch sehr sehr gut
gegen Alle die sie lieb habe zum Beispiel gegen ihren Vater und auch gegen
ihn obgleich er durchaus nicht behaupten wolle dass sie ihn lieb habe  so
arrogant sei er durchaus nicht  aber so viel sei gewiss dass sie eines Abends
als es schon sehr spät war und er von dem vielen Fahren müde die Augen nicht
mehr aufhalten vor all dem Rütteln und Schütteln aber nicht zum Schlafen kommen
konnte es sich ruhig gefallen ließ als sein Kopf in der Schlaftrunkenheit auf
ihre Schulter sank und dort wohl eine halbe Stunde liegen blieb Das werde er
ihr nie vergessen und wenn er einmal Gelegenheit haben sollte ihr einen Dienst
zu leisten dann wünsche er nur dass es dabei um Hals und Kragen gehe sonst
hätte es doch keine rechte Art
    So sprach der Knabe und seine Worte fielen dicht wie Feuerfunken aus einem
Gebäude das in hellen Flammen steht und seine Wangen glühten Oswald bemerkte
wohl dass das schöne Mädchen einen großen Eindruck auf den wilden Knaben gemacht
hatte aber wie groß wie allmächtig dieser Eindruck war welche Revolution in
dieser frühreifen übermächtigen Natur eine erste wie ein Lavastrom
hereinbrechende Liebe hervorgebracht hatte  das ahnte er nicht Er scherzte
über seines Lieblings feurigen Enthusiasmus um so witziger und feiner als er
denselben in nicht geringem Grade teilte und Bruno der sich von Oswald Alles
gefallen ließ lachte mit und lächelnd und scherzend sagten sie sich gute Nacht
Bruno ging in seine Kammer Oswald setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl
    Auf dem Tisch vor dem Sopha brannte die Lampe dennoch bemerkte Oswald das
Flimmern des Mondes der eben über die Buchen des Walles heraufstieg ein
einzelner Stern in der Nähe der Mondsichel schimmerte aus dem tiefen Blau des
nächtlichen Himmels Durch das offene Fenster strömte die weiche balsamische
Nachtluft  es war so still dass man die fallenden Tautropfen hörte Und jetzt
während Oswald saß und lauschte klangen wie die Töne einer Aeolsharfe auf
einem Flügel mit kunstgeübter Hand angeschlagene Accorde zu ihm herüber erst
leise leise als fürchte man die Nacht aus dem Schlafe zu wecken dann ganz
allmälig lauter Die Accorde flossen zusammen zu der Melodie eines Liedes und
bald begann eine weiche Altstimme das Lied zu der Melodie zu singen Oswald
konnte die Worte nicht vernehmen aber sie schienen sanft und traurig zu sein
wie die Melodie deren einfache rührende Klage wunderbar zum Herzen sprach
    Diese Musik zu dieser Stunde würde Oswald entzückt haben auch wenn er nicht
hätte ahnen können wer die Sängerin war Jetzt aber wo er wusste dass es
Niemand sein konnte als das schöne Mädchen vor dem sich heute Abend wie vor
einer überirdischen Erscheinung seine Seele anbetend geneigt hatte bei dessen
Anblick es über ihn gekommen war wie die Offenbarung einer höheren Welt 
klangen die tiefsten Saiten seines Herzens mit und wie der Gläubige was in ihm
wogt und drängt in ein Gebet zu gießen versucht so fühlte Oswald den Drang in
Worten auszusprechen was seine Seele so mächtig erregte Er erhob sich wie
trunken aus dem Sitz am Fenster er schritt an den Tisch und schrieb kaum
wissend was er schrieb
Nie seit der wunderbaren heilgen Stunde
Die Miltons keuscher Dichtermund besang
Als von des ersten Menschen reinem Munde
Das erste süße Wort der Liebe klang 
Und alle Vöglein sangens in der Runde
Und jedes Blümlein aus der Knospe sprang 
Nie ist ein Weib auf Erden je erschienen
Dem so wie Dir die Engel sichtbar dienen
O Du bist lieb lieb wie der Gott der Träume
Der uns Vergessenheit der Schmerzen bringt
So hold wie Mondschein der durch Blütenbäume
In unser lauschig dunkles Zimmer dringt 
Süss wie Dein Sang der durch die stillen Räume
In tiefer Nacht zu mir herüberklingt 
Du bist so schön dass man wie sie Dich nannte
Für die der Krieg um Troja einst entbrannte
Doch Krieg und Wunden ziemen nicht dem Schönen
Als unser Heiland ist es uns gesandt
Es soll uns wieder mit uns selbst versöhnen
Die wir zu stürmisch durch die Welt gerannt
Und wie mit seiner Harfe goldnen Tönen
Isais Sohn des Saulus Weh gebannt
So wird aus Deinen liebetiefen Augen
Manch düstrer Blick sich Licht und Hoffnung saugen
Aus Deinen holden Augen wo sie strahlen
In ihrer dunklen märchenhaften Pracht
Da sind vergessen alle Erdenqualen
Da wird es hell in tiefster Leidensnacht
Wo sie erglänzen wird in kummerfahlen
Gesenkten Stirnen Leben neu entfacht
Tiefmüder Pilger die in allen Landen
Die blaue Blume suchten und nicht fanden
O Blume Mädchen nie leg ab die Krone
Die jetzt auf Deinem jungen Haupte ruht
Gib nimmer Raum dem frevelhaften Hohne
Dass was so engelschön nicht engelgut
Wie heute stets in heilger Unschuld wohne
In aller guten Geister treuer Hut
Auf dass getrost in trüber Erdenferne
Verirrte Wandrer folgen Deinem Sterne
Oswald trat wieder ans Fenster der Mond und der Stern waren von einer schweren
Wetterwolke bedeckt die hinter ihnen her über den Wall heraufgezogen war der
Gesang war verstummt lauter rauschte der Nachtwind in den Bäumen
    Er schloss das Fenster und suchte sein Lager auf aber es dauerte lange bis
der Schlaf das fieberhafte Wogen seines Blutes sänftigte
 
                           Neununddreissigstes Kapitel
Als Oswald am nächsten Morgen unter den Papieren auf seinem Schreibtisch kramte
fiel ihm ein Briefchen in die Hände das er gestern Abend übersehen hatte Er
erkannte sogleich die Handschrift welche mit ihren bald kühnen und großartigen
bald kritzlich verworrenen Zügen so problematisch war wie der Charakter des
Schreibers Das Billet war von Oldenburg und lautete
    So eben erhalte ich eine Nachricht die mich nötigt sofort eine größere
Reise anzutreten von der ich nicht zu bestimmen vermag wie lange sie dauern
wird Unter acht Tagen schwerlich Ich schreibe diesen Brief um ihn auf
Grenwitz abzugeben im Falle ich Sie nicht persönlich sprechen sollte was mir
sehr leid tun würde da ich Ihnen Vieles zu sagen hätte Unsere Czika nehme ich
mit da mir die Solitude während meiner Abwesenheit kein sicherer Aufenthalt für
das Kind scheint Bis zu dem Termin den uns die Zigeunerin gestellt hat bin
ich jedenfalls zurück Bis dahin leben Sie wohl
    In großer Eile und noch größerer Freundschaft
                                                                          AvO
Oswald fühlte sich durch diesen Brief eigentümlich berührt denn er ahnte
irgend einen Zusammenhang zwischen dieser plötzlichen Abreise Oldenburgs und
der Abreise Melittas War es dass er in der letzten Zeit wiederum so viel über
das Verhältnis der Beiden das ihm durch Melittas in der Mitte abgebrochene
Erzählung in einem ganz neuen Lichte erschienen und doch noch lange nicht
hinreichend aufgehellt war nachgedacht hatte war es nur der Umstand dass der
Brief Oldenburgs so dunkel gehalten war  genug Oswald empfand es als eine Art
Beleidigung dass er nach dieser Seite fort und fort auf Rätsel stieß Er nahm
sich vor noch heute nach Berkow hinüberzugehen und beim alten Baumann
anzufragen ob ein Brief Melittas an ihn da sei
    Dann nahmen seine Gedanken eine andere Richtung als sein Auge auf die Verse
fiel die er gestern Abend geschrieben hatte Er musste lächeln als er sie jetzt
durchlas Da hat Dir Deine leidige Phantasie wieder einmal einen dummen Streich
gespielt sprach er bei sich Es braucht Dir nur Jemand von einem hübschen
Mädchen zu erzählen das einen Andern als Deine Hoheit heiraten soll und Du
gerätst in einen Paroxysmus des Mitleidens mit dem jungen Mädchen und einen
Paroxysmus des Hasses gegen den jungen Mann Und hernach brauchst Du das Mädchen
nur selber zu sehen und zu finden dass sie große dunkle leuchtende Augen hat und
überhaupt interessanter aussieht als die Backfische im Allgemeinen und ein
Knabe braucht Dir nur eine halbe Stunde von besagtem Backfisch vorzuschwärmen
so fühlst Du Dich gemüssigt so überschwängliche Verse zu schreiben wie diese
hier die ich in das Feuer des Ofens stecken würde wenn wir uns nicht
unglücklicher Weise in den Hundstagen befänden
    Indessen stellte Oswald das Autodafé nicht an obgleich die Flamme eines
Lichtes dieselbe Wirkung getan haben würde wie das Feuer im Ofen sondern
legte das Blatt ganz sorgfälltig in sein Pult
    Der Morgen grüßte so freundlich aus dem taufrischen Garten herauf dass er
dem Verlangen ein wenig zwischen den blumenreichen Beeten und in den schattigen
Laubgängen umherzuschlendern nicht widerstehen konnte Überdies war es noch
sehr früh  noch beinahe zwei Stunden Zeit bis zum Beginn des Unterrichts  die
Knaben schliefen noch
    Oswald eilte und suchte seinen Lieblingsplatz auf den mächtigen Wall der
Schloss und Garten und Hof umfasste und auf welchem es sich unter den Buchen und
Nussbäumen gar anmutig promenirte besonders am Morgen wenn die roten
Sonnenstrahlen durch die wehenden Zweige blitzten und die halbwilden Enten noch
lustiger als sonst auf dem grün überwachsenen Graben ihr Wesen trieben
    Er schlenderte langsam dahin die reizenden Einzelnheiten des wonnigen
Morgens mit allen Sinnen geniessend heute um so mehr als die Lieblichkeit die
sanfte Schönheit die ihn hier rings umher anlächelte gar seltsam mit der öden
Monotonie der Meeresküste die er in der letzten Zeit beständig vor Augen gehabt
hatte contrastirte Heute Morgen war es ihm beinahe unbegreiflich wie er sich
von seiner düstern Laune so ganz habe beherrschen lassen können Der Doctor
hatte recht die Einsamkeit ist ein süßes berauschendes und zuletzt tödtliches
Gift Ich muss den Doctor öfter zu Rate ziehen Ein klarer Kopf der die Dinge
und Menschen und Verhältnisse stets in dem rechten Lichte sieht Aber in Betreff
der zwischen Fräulein Helene und ihrem Vetter projectirten Heirat irrt er sich
doch Erstens ist sie noch viel zu jung zweitens ist sie viel zu schön und
drittens will ich es nicht Hören Sie Madame la Baronne ich will es nicht Sie
werden Ihr sauberes Project nicht ausführen wenn Sie auch noch so sehr Ihre
großen herrschsüchtigen Augen rollen und sich zu Ihrer ganzen stattlichen Höhe
emporrichten
    Es war ein Glück dass Oswald diese Worte nur leise durch die Zähne murmelte
denn wie er eben um eine Ecke des Walles bog die durch ein dichtes weit
vorspringendes Gebüsch noch schärfer gemacht wurde fand er sich plötzlich
Fräulein Helene die von der andern Seite kam gegenüber Dies Zusammentreffen
war für beide Teile so überraschend dass das junge Mädchen nur mit Mühe einen
leisen Schrei unterdrückte und Oswald in seiner Verlegenheit nicht wusste ob er
die junge Dame anreden oder grüßend stumm vorübergehen solle
    Aus diesem Zweifel wurde er durch Fräulein Helene befreit die es ganz
begreiflich fand dass der junge Hauslehrer von dessen Unterhaltungsgabe sie
gestern Abend keine besonders große Meinung bekommen nicht die Geistesgegenwart
besitze aus dem Stegreife eine Konversation zu beginnen und deshalb glaubte
eine Bemerkung ihrerseits über den schönen Morgen dürfte das für die Situation
Passendste sein
    Der schöne Morgen hat Sie auch herausgelockt wie ich sehe
    Ja mein gnädiges Fräulein der Morgen ist in der Tat sehr schön
    Köstlich Haben Sie immer so herrliches Wetter in der letzten Zeit gehabt
    Immer das heißt einige Regentage ausgenommen
    Wenn man den Himmel so blau sieht sollte man schlechtes Wetter für ein
Märchen halten meinen Sie nicht auch
    Gewiss
    Fräulein Helene mochte glauben dass diese geistreiche Unterhaltung nun lange
genug gedauert habe und da sie zufällig an einer Stelle angelangt waren wo
eine schmale Treppe von dem Wall hinab in den Garten führte so hielt sie es in
ihrem und ihres einsilbigen Begleiters Interesse für geraten diese
Gelegenheit die Szene abzubrechen nicht unbenutzt zu lassen
    Haben Sie eine Ahnung welche Zeit wir haben
    Halb sieben
    Schon Da muss ich eilen ins Schloss zurückzukommen ehe Mama meine
Abwesenheit bemerkt
    Fräulein Helene nickte vornehm mit dem Kopfe stieg leicht die Treppe hinab
und ging langsam zwischen den Blumenbeeten dem Hause zu
    Dem Glücklichen schlägt keine Uhr sagte Oswald bei sich als er der
jugendlich schlanken Gestalt nachschaute glücklich habe ich sie also durch
meine meteorologische Bemerkungen nicht gemacht und ihre Eile ins Schloss zu
gelangen war weniger groß als die von mir fortzukommen Jedenfalls scheint sie
noch Zeit genug zu haben sich ein reizendes Bouquet zu pflücken Ohne Zweifel
für mich Ich habe augenscheinlich eine vollständige Eroberung gemacht Wie sie
mich mit ihren wunderbaren Augen so mitleidig halb und verächtlich anblickte
als wollte sie sagen ich tue Dir wohl einen großen Gefallen wenn ich Dich mit
Deiner Blödigkeit allein lasse Sie ist stolz sagte Bruno gewiss aber wie
köstlich steht ihr dieser Stolz wie kann ein Mädchen mit diesem Gesicht diesen
Augen diesem Haar anders als stolz sein Es ist die Atmosphäre in die sie so
notwendig gehört wie ein Adler in die höchsten Lüfte Der Adler ist auch stolz
und kein Mensch nimmt es ihm übel Wie schön das Mädchen ist eine prächtige
Schönheit die das helle Sonnenlicht nicht zu scheuen braucht die nur noch
schöner zu werden scheint je köstlicher der Rahmen ist der sie umgibt Eine
unheimliche Schönheit die uns fesselt und erstarren macht wie die der tötlich
schönen Muse Dies Mädchen eine Blume wo waren meine Augen gestern sie ist
kein lyrisches Gedicht voll Vogelsang und Sonnenschein sie ist eine
schwermütige Ballade in der Schwerter klirren und Herzen verbluten während
oben aus dem Turme ein weißes Tüchlein weht  Und halt jetzt weiß ichs es
ist das leibhaftige Gottseibeiunsgesicht der Grenwitz wie Albert vortrefflich
sagt  Zug für Zug es ist das Gesicht Haralds ins Weibliche übersetzt
dieselben dämonischen Augen derselbe berauschend sinnliche Zug in den vollen
fast zu vollen Lippen dieselbe Kraft in dem üppig dichten blauschwarzen Haar
das sich über der breiten festen Stirn aufkräuselt  Vortreffliche Frau Mama
Sie irren sich sehr wenn Sie glauben dass diese Stirn sich so gutwillig unter
Ihre Beschlüsse beugen wird ausgezeichneter Baron Felix Sie müssen Ihrem Namen
wahrhaftig Ehre machen wenn Sie in diesem Falle reüssiren wollen Der Morgen
ist in der Tat köstlich und man sollte wirklich wenn man den Himmel so blau
sieht schlechtes Wetter für ein Märchen halten
    Die Baronin war erstaunt über das Interesse mit welchem Oswald heute bei
Tisch und mehr noch in einer längeren Unterredung die sie nach der Mahlzeit
hatten auf ihre Gedanken einging und verschiedene von ihr aufgeworfene Fragen
betreffs des Unterrichts erörterte ob es nicht bei der großen Hitze
zweckmässiger sei die Lectionen um sieben statt wie bisher um acht zu beginnen
ob man die Nachmittagstunden nicht lieber ganz ausfallen lassen wolle ob die
Bücher aus welchen Helene bis jetzt Geschichte und Literatur studiert habe für
sie noch brauchbar seien ob zwei Lectionen wöchentlich für Helenens
Fortbildung hinreichen und ob er den Morgen oder den Abend für die geeignetere
Zeit halte
    Auch der alte Baron war auf das angenehmste überrascht als er an Oswald
einen aufmerksamen Zuhörer der langen Geschichte seiner kleinen Leiden fand Er
hatte Oswald der ihn stets mit vieler Höflichkeit behandelt hatte im Herzen
immer für einen braven und liebenswürdigen jungen Mann gehalten trotz des
entschiedenen Widerspruchs seiner AnnaMaria und der mindestens zweifelhaften
Zustimmung des Pastors Jäger und er war ordentlich froh dass er dieser
Gesinnung heute wo auch die Baronin sie zu teilen schien endlich einmal einen
Ausdruck geben konnte Überhaupt schien die Reise einen sehr günstigen Einfluss
auf die Baronin gehabt zu haben Mademoiselle Marguerite der man in dieser
Beziehung wohl ein Urteil zutrauen durfte behauptete gegen Albert sie ist
verändert totalement sie hat mich nicht gescholten ein einziges Mal den ganzen
Tag worauf Albert erwiderte ja ich finde selbst der alte Drache ist heute
beinahe geniessbar Mit einem Worte es herrschte heute ein so gutes
Einvernehmen wie noch nie in der Gesellschaft auf Schloss Grenwitz Jeder schien
die Gründe die er hatte mit Diesem oder Jenem weniger zufrieden zu sein
vergessen oder doch in den Hintergrund geschoben zu haben und da aus der
Stimmung ein für Alle angenehmes Resultat hervorging nahm man bereitwilligst
für baare Münze was der Andere dafür bot  natürlich um sich das Recht
zuzusprechen Jenen mit derselben Münze zu bezahlen
    Oswald hatte die Begegnung mit Fräulein Helene am Morgen nicht vergessen und
sich des Eindrucks den er dabei auf die stolze junge Dame gemacht haben musste
wohl bewusst sah er es nicht ungern dass ihm im Laufe des Tages mehr als eine
Gelegenheit wurde seine natürlichen Vorzüge geltend zu machen Bei Tische um
eine Erzählung dessen was ihm während der Abwesenheit der Familie begegnet war
gebeten gab er eine Schilderung seines einsamen Lebens in Sassitz wobei er
sich eine halb humoristische halb sentimentale Rolle zuteilte natürlich ohne
das romantische Dunkel welches über seinem dortigen Aufenthalte lag im
mindesten zu lüften Die derbe Mutter Karsten wurde zu einer Uhlandschen
MeeresKönigin ihre rothaarigen Töchter Stine und Line zu Heineschen
Wassernixen und der halb blödsinnige Vater Steffen zu einem weisen Merlin die
Kreidefelsen der Küste wuchsen ins Ungeheure und die Brandung donnerte zwischen
den Klippen des Strandes mit wahrhaft Ossianischer Majestät Die Gesellschaft
obgleich sie die Übertreibungen bald herausfühlte horchte mit Aufmerksamkeit
ja Spannung und Oswald empfand es als den schönsten Lohn seiner phantastischen
Improvisation dass die großen glänzenden Augen Helenes während seines
Vortrages mit einem Ausdruck halb der Verwunderung und halb des Zweifels
unverwandt auf ihn gerichtet waren
    Er war so ganz die Seele der Gesellschaft geworden dass man es ihm ernstlich
übel zu nehmen schien als er gleich nach der Abendmahlzeit erklärte den
verabredeten Spaziergang durch den Buchenwald nach dem Strande nicht mitmachen
zu können da morgen Posttag sei und er einige sehr wichtige Briefe zu schreiben
habe Indem Oswald sich so in dem Augenblicke aus der Gesellschaft zurückzog wo
er sich ihr unentbehrlich gemacht hatte durfte er mit der beabsichtigten
Wirkung zufrieden sein Fräulein Helene ließ sich herab ihn direkt zum Bleiben
aufzufordern und wandte sich als er bei seinem Vorhaben beharrte so kurz von
ihm weg dass ihr Unmut nur zu ersichtlich war
    Dennoch hatte der funkelnde Stern der soeben über seinem Horizonte
aufgegangen war ihn nicht so verblendet dass er das Gestirn welches nun schon
so lange mit nimmer verlöschendem stets gleichem treuem lieblichem Licht auf
ihn herabblickte darüber vergessen hätte Er hatte schon gestern in Sassitz mit
Bestimmtheit auf einen Brief gehofft er fürchtete dass der alte Baumann noch am
Abend als er mit dem Doctor weggefahren vergeblich nach ihm gefragt habe Wohl
hatte er Mutter Karsten gesagt dass er nach Grenwitz zurückgehe aber dorthin
konnte natürlich der alte Baumann einen Brief Melittas der so leicht in andere
Hände fallen konnte nicht bringen Und doch hatte er eine unendliche Sehnsucht
nach dem längst erwarteten Brief
    So stahl er sich denn gleich nachdem die Gesellschaft den Schlosshof
verlassen hatte durch den Garten nach dem großen Tor aus dem man fast
unmittelbar in den Tannenwald zwischen Grenwitz und Berkow gelangte Es dunkelte
schon unter den hohen Bäumen mit den weit überhangenden Ästen Das von der
Hitze des Tages durchwärmte Holz strömte jetzt am kühleren Abend würzigen Duft
aus In dem weiten Revier herrschte eine fast unheimliche Stille
    Und jetzt in dieser feierlichen Abendstunde in diesem hehren Waldestempel
überkam die Erinnerung an Melitta Oswalds Herz mit aller Macht Ihre hohe und
bei aller lieblichen Fülle so jungfräuliche Gestalt ihr reiches braunes Haar
das in weichen Wellen von dem Scheitel zum Nacken herabfloss ihre dunkeln
zärtlichen Augen ihre reizende Schalkhaftigkeit ihr liebliches neckisches
Wesen  und ach vor allem ihre unendliche Güte und Liebe  wie deutlich ihr
Bild vor seiner Seele stand wie heiß er sich gelobte der Lieben Guten Holden
nie auch nur in Gedanken untreu zu werden und komme was da wolle ihre Liebe
mit unendlicher Liebe zu erwidern
    Da ertönte Hufschlag durch den stillen Wald und bald tauchte aus dem
Halbdunkel ein Reiter auf der in raschem Trabe daher kam Oswald durchfuhr ein
freudiger Schrecken als er in dem Reiter den alten Baumann auf dem Brownlock
erkannte
    Ein Brief Haben Sie einen Brief rief er mit einer Heftigkeit die
Brownlock einen Schritt zur Seite springen machte
    Ruhig Brownlock ruhig sagte der Alte dem Pferde den schlanken Hals
klopfend guten Abend junger Herr Ich habe Sie schon in Sassitz gesucht allwo
ich erfahren dass Sie sich am gestrigen Abend nach Grenwitz begeben Nun wollte
ich soeben dorthin reiten 
    Aber wenn Sie mich nicht selbst getroffen hätten und unter welchem Vorwande
wollten Sie sich bei mir einführen lassen Doch gleichviel  wo ist der Brief
    Hier sagte der Alte der unterdessen vom Pferde gestiegen war ein nicht
unbedeutendes Packet aus der tiefen Tasche seines langen Überrocks ziehend
    Geben Sie
    Nur Geduld junger Herr Ich habe an Alles gedacht Dies Packet ist wie Sie
sehen wohl zugebunden und versiegelt und trägt die Aufschrift Hierbei die
bewussten Bücher mit bestem Dank zurück Die andern wird Ihnen Baumann zustellen
sobald ich sie durchgelesen habe  und die Unterschrift Ihr ergebenster B 
das kann ja wohl so gut Bemperlein als Baumann heißen nicht wahr
    Der alte Baumann hatte während er sprach die Schnur um das Packet gelöst
und aus einem der drei Bücher die es enthielt einen Brief genommen den Oswald
hastig erbrach und gegen das Licht hielt um ihn zu lesen aber das Dunkel unter
den hohen Bäumen war bereits zu dicht er vermochte nur noch die Überschrift
liebstes Herz mit Mühe zu entziffern
    Ich kann nichts mehr sehen sagte er traurig
    Wären Sie in Sassitz sitzen geblieben wie Sie neulich wollten oder hätten
Sie gestern dem alten Baumann ein Wort zukommen lassen so wären Sie noch bei
guter Tageszeit in Besitz dieses Briefes von meiner gnädigen Frau gewesen
    Oswald fühlte wohl den Vorwurf der in diesen sehr ruhig gesprochenen Worten
lag und es wurde ihm nicht schwer dem treuen Diener und Freunde Melittas sein
Unrecht einzugestehen
    Verzeihen Sie mir sagte er dass ich Ihnen die zweifache Mühe gemacht habe
ich habe meine Unbesonnenheit den ganzen Tag hindurch schon verwünscht und ich
bin schwer genug dafür bestraft denn hier halte ich den teuren Brief in den
Händen und kann doch nicht erfahren wie es ihr wie es Frau von Berkow geht ob
sie wohl ist ob sie glücklich in Fichtenau angekommen ist und tausenderlei
was ich Alles wissen möchte und was ohne Zweifel hier steht  und versuchte noch
einmal den Brief zu lesen
    Nu nu sagte der alte Baumann wegen meiner haben Sie nun schon keine Sorge
nicht so eine Meile oder zwei mehr oder weniger darauf kommt es mir und dem
Brownlock eben nicht an Und was die Nachrichten betrifft die Sie zu haben
wünschen so weiß ich davon auch eine oder die andere mitzuteilen sintemalen
Herr Bemperlein mir einen Schreibebrief übersandt hat in welchem die Reise und
was sich bei der Ankunft zugetragen Alles ausführlich berichtet ist Der alte
Mann hatte den Zügel über den Arm gehängt und ging neben Oswald her der seine
Schritte beeilte um möglichst bald nach Grenwitz und auf sein Zimmer zu kommen
    Die gnädige Frau  Gott behüte sie sagte der Alte ist mit Herrn Bemperlein
nach Verlauf von drei Tagen glücklich in Fichtenau angekommen Herr Bemperlein
hat sich sogleich mit Doctor Birkenhain in Vernehmen gesetzt und erkundet dass
Herr von Berkow noch lebe aber so schwach sei dass man stündlich seiner
Auflösung entgegensehe Das hat nun so gedauert bis zum Tage vor dem Abgang des
Briefes allwo die gnädige Frau in Begleitung des Herrn Bemperlein und des Herrn

    Der Alte unterbrach sich und hustete
    Nun wessen fragte Oswald dessen Verdacht in Betreff des Baron Oldenburg
wieder erwachte
    Nun des Herrn Doctors natürlich wessen sonst sagte der Alte ja was
wollte ich doch gleich sagen Sie haben mich durch Ihre Frage ganz aus dem
Kontext gebracht  richtig also in Begleitung des Herrn Bemperlein und  hm
hm des Herrn Doctors auf wenige Minuten nur bei dem Herrn Baron gewesen sind
Der gnädige Herr soll sich so verändert haben dass er der gnädigen Frau wie sie
selbst gesagt hat wie ein vollkommen fremder unglücklicher Mann erschienen ist
Gesprochen hat er auch ein paar Worte von denen aber kein einziges zu verstehen
gewesen ist Dann sind sie wieder fortgegangen und alsbald ist der gnädige Herr
wieder in sein Bett zurückgesunken und in tiefen Schlaf gefallen und der Doctor
meinte das werde wohl nun bis zu seinem Ende so fortgehen  welches denn der
Herr Gott in seiner Gnade recht bald möge eintreten lassen damit der arme Mann
von seiner Qual befreit ist und die arme gnädige Frau endlich einmal wieder frei
aufatmen kann
    Amen sagte Oswald
    Denn sehen Sie junger Herr fuhr der Alte fort  und seine tiefe Stimme
hatte einen eigentümlich erregten Klang  die gnädige Frau hat nicht viel
Freude gehabt ihr liebes Leben lang und das tut mir weh denn ich habe sie
lieb als wäre sie mein eigenes Kind und wohl noch lieber Denn ich habe
freilich selbst nie welche gehabt aber ich sehe doch wie es andere Väter mit
ihren Kindern machen und dass sie sich nicht schämen nicht bloß wie kein Vater
sondern nicht einmal wie kein Christenmensch nicht an ihren Kindern zu handeln
Und der Vater von der gnädigen Frau  nun es war mein gnädiger Herr und ich
habe unter ihm die Kampagne mitgemacht und von den Toten soll man nicht Übles
reden  aber zu Ihnen darf ich es schon sagen weil Sie uns doch nun nicht mehr
fremd sind  ja das war ein böser Herr oder auch eigentlich nicht böse aber
wild und leichtsinnig wie der jüngste Offizier in seinem Regiment Je toller
ein Streich war desto lieber war es ihm na und tolle Streiche und schlechte
Streiche die sehen sich manchmal zum Verwechseln ähnlich So dachte er sich
nichts Böses dabei wenn er noch als Verheirateter den Frauenzimmern gerade
so nachstellte wie er es sonst getan aber der armen gnädigen Frau welche
eine gar gute liebe Dame war brach darüber das Herz und sie starb als ihr
einziges Kind erst zwei Jahre alt war Da gab es nun eigentlich Niemand der für
das arme Ding sorgte als den alten Baumann Ich habs herumgetragen und habe
mit ihm gespielt und hernach als es größer wurde habe ich mit ihm schreiben
und lesen gelernt was ich damals noch nicht konnte und ein bisschen Französisch
und was noch sonst in meinen alten Kopf hineinwollte Und hernach habe ich sie
reiten gelehrt dass ihr nun wohl so leicht keine darin gleichkommt und so bin
ich wieder mit ihr jung gewesen und hab mich nie nach Kindern gesehnt denn sie
war ja mein liebes herziges Kind obgleich ich nur ein armer unwissender
Reitersmann und sie ein fürnehmes hochadeliges Fräulein war Und ich habe
manchmal so in meinem Sinn gedacht ob sie es nicht besser im Leben gehabt
hätte wenn sie wirklich mein Kind gewesen wäre Denn vornehm sein und reich
sein das ist Alles recht gut aber ich meine doch wen Gott lieb hat den lässt
er arm geboren werden Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen mein eigen
Fleisch und Blut um schnöden Mammon zu verkaufen ich hätte nie vor meinem Kinde
auf den Knieen gelegen und geflennt Dein Vater ist ehrlos wenn Du nicht den
und den heiratest von dem ich wohl weiß dass Du ihn nicht liebst der aber so
viel Geld hat dass er alle meine Schulden bezahlen kann und doch noch genug für
euch Beide behält Und es stand gar nicht einmal so schlimm mit Herrn von
Barnewitz Was er im Spiel verloren hatte konnte er auch im Spiel wieder
gewinnen und hats auch hernach zum Teil wiedergewonnen so dass er später
wenn er zu viel getrunken oft zu mir gesagt hat hätte ich gewusst Baumann dass
ich noch solch Glück im Pharao haben würde da hätte der  es war ein hässliches
Wort und ein ordentlicher Mensch bringt es nicht gern über die Lippen  da
hätte ich Herrn von Berkow auch etwas anderes gegeben als meine Tochter Mein
einziger Trost ist nur dass ers nicht lange mehr treibt und dann kann sie ja
noch immer einen andern heiraten Nun der gnädige Herr trieb es selbst nicht
lange mehr aber doch noch lange genug dass er das Unglück welches er
angerichtet hatte mit seinen leiblichen Augen sehen konnte Er hätte viel drum
gegeben um ungeschehen zu machen was geschehen war aber wer sich mit dem
Teufel einlässt darf sich nicht wundern wenn der liebe Gott nichts von ihm
wissen will So war die schöne junge Frau eine Wittwe und war es doch auch
wieder nicht Reichtum hatte sie nun die Hülle und Fülle aber mir däucht sie
wäre glücklicher gewesen wenn sie unter einem Strohdach mit einem braven Mann
gelebt hätte als so mutterseelenallein in dem großen öden Hause Nun war
freilich der Julius da aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und ein
Kind ist noch immer keine Familie Sehen Sie junger Herr das hat mein altes
Herz oft bluten machen und wenn ich die liebe gnädige Frau so des Abends allein
durch den einsamen Garten wandeln sah da habe ich oft den lieben Gott gebeten
er solle den armen Herrn von Berkow in Gnaden zu sich nehmen und verstatten
dass die arme gnädige Frau doch einmal in ihrem Leben glücklich wird wie andere
Frauen die nicht wert sind dass sie ihr die Schuhriemen lösen Reich braucht
der Mann nicht zu sein denn sie hat wenns doch ja Reichtum sein soll genug
für Beide  aber Kopf und Herz muss er auf dem rechten Fleck haben und lieb muss
er sie haben mehr als seinen Augapfel Und wenn ich einen solchen Mann wüsste
und ihr einen solchen Mann verschaffen könnte und ich sähe sie nun glücklich an
der Seite dieses Mannes da wollte ich auch beten Herr lasse Deinen Diener in
Frieden fahren  Aber da sind wir ja schon am Tore Nun wohlschlafende Nacht
junger Herr Wenn Sie morgen früh vielleicht eine Antwort auf den Brief von der
gnädigen Frau fertig haben so will ich einen Büchsenschuss weiter in den Wald
hinein zwischen fünf und sechs darauf warten Die gnädige Frau würde sich doch
freuen wenn Sie recht bald schrieben
    Ich werde pünktlich um fünf dort sein sagte Oswald
    Na auf eine halbe Stunde kommt es schon nicht an sagte der alte Baumann
sein Pferd besteigend Die Post geht nicht vor acht Uhr und bis dahin bin ich
mit dem Brownlock zweimal hin und zurück Ich wünsche nochmals wohlschlafende
Nacht
    Der alte Mann fasste salutirend an seine Mütze lenkte den Brownlock herum
und trabte durch die Tannen zurück nach Berkow
    Oswald eilte auf seine Stube ohne Jemand zu begegnen da die Gesellschaft
von ihrem Spaziergang noch nicht heimgekehrt war Mit zitternder Hand öffnete er
den Brief und durchflog ihn mit atemloser Hast um ihn dann langsam wieder und
wieder zu lesen wie man Briefe liest von denen jedes einzelne Wort uns
berührt wie ein Kuss von geliebten Lippen
    Als er sich spät am Abend hinsetzte die Antwort zu schreiben ertönte
derselbe Gesang der ihn gestern Abend in so überschwängliche Begeisterung
versetzt hatte heute aber schloss er das Fenster denn er fühlte dass seine
Bewunderung für das schöne Mädchen im Grunde ein Verrat seiner Liebe zu Melitta
sei obgleich er die anklagende Stimme seines Gewissens möglichst zu überhören
versuchte
 
                              Vierzigstes Kapitel
Oswald konnte es sich nicht versagen noch ein wenig im Garten zu promeniren
als er am nächsten Morgen aus dem Wald zurückkehrte wo Baumann den Brief
entgegengenommen hatte Er wollte eigentlich nur einige Minuten bleiben nur
eben einmal auf dem Wall die Runde um den Garten machen aber er hatte die
Promenade nun schon zweimal vom großen Tor bis wieder zum großen Tor gemacht 
und begann sie eben zum dritten Male denn der Morgen war allerdings köstlich
und wenn ihn seine Augen nicht täuschten so schimmerte durch die Büsche und
Bäume auf der andern Seite ein helles Gewand Ohne Zweifel eines der Mädchen aus
dem Dorfe die im Garten arbeiteten Wie erstaunt war er deshalb als er bald
darauf in der ihm Begegnenden Fräulein Helene erkannte An ein Ausweichen war
nicht zu denken Es führten von dem Wall nur sehr wenig schmale Treppen in den
Garten hinab So blieb ihm freilich nichts übrig als die Hände auf dem Rücken
und die Vögel die über ihm durch die Zweige flatterten und die Enten auf dem
Graben mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtend langsam weiter zu schlendern
und ein ganz klein wenig überrascht zu sein Fräulein Helene genau um dieselbe
Zeit und an derselben Stelle wie gestern zu begegnen
    Fräulein Helene erwiderte seinen Gruß mit jener vornehmen Ruhe die dem
etwas düstern Charakter ihrer Schönheit so gut stand obgleich sie für ein
Mädchen von diesem jugendlichen Alter fast zu kalt und vornehm schien Und doch
wäre ihr Gruß nicht ganz so förmlich gewesen wenn Oswald selbst nicht jede Spur
einer freudigen Erregung geflissentlich unterdrückt hätte Eine kurze nichts
weniger als geistreiche Unterhaltung über das Wetter ein paar gleichgiltige
Fragen Oswalds über den Spaziergang von gestern Abend und ein paar kurze
Antworten Helenes folgten Darauf abermalige höflich kühle Begrüßung von beiden
Seiten Fräulein Helene setzte ihren Spaziergang fort Oswald hatte seine
Promenade die er »regelmäßig zwischen sechs und sieben auf dem Walle mache« 
eine Angabe die mit der Wahrheit nicht besonders genau übereinstimmte  beendet
und begab sich auf sein Zimmer Schade dass diese prächtige Schönheit doch nur
die Hülle einer ziemlich alltäglichen Psyche zu sein scheint sprach er bei
sich Was Professor Berger wohl sagen würde wenn er seine liebliche Knospe
jetzt zu einer dunkelroten Rose entfaltet sähe ob er wieder einen
Sonettenkranz flechten und auf das üppige Haar drücken würde Edler Berger war
es ein Stück des guten oder bösen Engels die sich ewig in Deiner großen Seele
bekämpfen dass Du mich hierher ins Lager unserer Feinde schicktest Ich sollte
Dir viel ruhmreiche Trophäen zurückbringen Scalps erschlagener Irokesen die
wir in unserem Wigwam aufhängen wollten um unsere Freude daran zu haben  wie
würdest Du erstaunen wenn Du hörtest wie oft schon Dein Unkas nur mit genauer
Not dem Scalpirtwerden entgangen ist Aber das eine Versprechen will ich
halten ich werde mich nicht in diese frühbesungene Schönheit verlieben  nein
und wenn sie eben so geistreich wäre wie sie schön ist
    Als Oswald zur Mittagstafel nach unten kam wurde er aufs angenehmste durch
die Gegenwart des Doctor Braun überrascht der vor einigen Minuten angelangt war
und die Einladung der Baronin zu Mittag auf dem Schloss zu bleiben angenommen
hatte
    Der Doctor erwies sich in dem größeren Kreise als ein eben so bequem
geselliger feingebildeter Mann wie ihn Oswald bis dahin gekannt hatte ja
dieser hatte jetzt noch mehr Gelegenheit die ausgezeichnete Unterhaltungsgabe
und die sichere Haltung des jungen Arztes zu bewundern Und was ihn noch mehr
für Doctor Braun einnahm war dass jener sich seiner Vorzüge nicht bewusst zu
sein schien Nichts lag ihm offenbar ferner als ein Geltendmachen seiner Person
im Gegenteil es schien ihm nur darum zu tun Andere zur Entwickelung ihrer
Ansicht zu bringen und so zeigte er sich als ein ebenso geduldiger und guter
Zuhörer wie gewandter Sprecher
    Oswald sah mit einigem Erstaunen dass wenn der Doctor irgend Jemand in der
Gesellschaft auszeichnete es nur Fräulein Helene sein konnte und mit nicht
minder großer Verwunderung dass die junge Dame dem Doctor gegenüber einen Teil
ihrer vornehmen Kälte ablegte Sie hatten schon vor Tische eine Sonate à quatre
mains gespielt sodann hatte Helene einige Lieder gesungen die ihr der Doctor
begleitete Bei Tische saßen sie nebeneinander und unterhielten sich lebhaft
über die verschiedenen Style in der Musik wobei der Doctor eine sehr
detaillirte Kenntnis des Generalbasses und Fräulein Helene zum mindesten ein
lebhaftes Verständnis für musikalische Dinge entwickelte und als er sich gleich
nach Tisch empfahl bedauerte sie seine Eile so lebhaft bat sie ihn so
dringend ihr die versprochenen Noten recht bald zu schicken  nein lieber
selbst zu bringen damit sie dieselben gleich zusammen durchgehen könnten dass
der Doctor wenn er es darauf angelegt hatte einen möglichst günstigen Eindruck
auf die junge Dame zu machen mit seinem Erfolge ganz wohl zufrieden sein
durfte
    Sie sind nicht musikalisch fragte er Oswald dem er noch für ein paar
Minuten bis die Pferde angeschirrt wurden auf sein Zimmer gefolgt war
    Nein und die Eintracht süßer Töne lockt mich so wenig dass ich gestern
Abend als Fräulein Helene die Barcarole sang von der Sie so entzückt waren
sogar das Fenster schloss
    Das ist in der Tat merkwürdig Ich erinnere mich nicht eine so weiche 
ich möchte sagen  mystische Altstimme gehört zu haben
    Sollte die Schönheit der Sängerin nicht die Reinheit des Urteils in etwas
trüben
    Nein ich versichere Sie dass ich ganz objectiv urteile obgleich ich gern
zugebe dass eine so dämonische Schönheit mehr in das Reich der Träume als in
die reale Welt zu gehören scheint
    Der Doctor hatte sich in Oswalds Lehnstuhl gesetzt und blies den Rauch der
Zigarre die er sich eben angezündet in blauen Wolken durch das offene Fenster
    Es ist eine Schönheit sagte er die einen Maler zur Verzweiflung bringen
könnte weil sie sich gerade in ihrer duftigsten Blüte durch Linien und Farben
gar nicht mehr ausdrücken sondern nur durch Musik übersetzen lässt Ich wollte
Beethoven hätte sie gesehen oder Robert Schumann und dann sollten Sie die
geisterhafte dämonische Komposition hören zu welcher diese Erscheinung die
Beiden begeistert hätte
    Aber wer von uns Beiden ist denn nun der Schwärmer fragte Oswald lächelnd
Sie oder ich
    Sie sagte der Doctor denn der höchste Grad der Extase ist tiefes
Schweigen Wer Worte für seine Begeisterung findet hat die Zügel noch in der
Hand Und dann kann ich ein schönes Mädchenbild sehen und auch dafür schwärmen
ohne dass mir die Zigarre auch nur einen Grad weniger gut schmeckte Sie aber
sind im Stande darüber Essen und Trinken und Alles zu vergessen und sich Hals
über Kopf in die Charybdis Ihrer Begeisterung zu stürzen ohne auch nur daran
zu denken ob Sie im Stande sein werden jemals wieder zum rosigen Lichte
aufzutauchen
    Wissen Sie das so gewiss
    Ganz gewiss ich habe Ihnen in der letzten Zeit ein eingehendes Studium
gewidmet und gefunden dass Sie eines der vortrefflichsten Exemplare einer in
unseren Tagen ziemlich weit verbreiteten Species generis humani sind Nachkommen
des weiland vom Teufel geholten Doctor Faustus Faustuli postumi so zu sagen
die den langen Docentenbart abgeschnitten auch nicht im romantischen
Rittercostüm sondern einfach im modernen Frack einherspazieren im Übrigen
aber auf gut faustisch von Begierde zum Genuss taumeln und im Genuss nach
Begierde verschmachten
    Problematische Naturen nennt sie der Baron Oldenburg bemerkte Oswald
    Eine sehr gute Bezeichnung sagte der Doctor Freilich der Baron muss es
wissen der ist selbst von der Brüderschaft und ich vermute dass er einen
ziemlich hohen Grad einnimmt Wenigstens nach Allem was ich von ihm höre denn
gesprochen habe ich ihn nie und nur einmal flüchtig gesehen
    Es dürfte sehr schwer halten sich über den Baron ein richtiges Urteil zu
bilden
    Wäre er sonst eine problematische Natur Ich höre Sie sind einer seiner
speciellen Freunde einer von den wenigen die er wie es heißt besitzt Und
gerade deshalb spreche ich offen Ich kann es nicht billigen dass ein Mann von
den eminenten Gaben des Barons sein Leben in Müßiggang verdämmert  in einem
geschäftigen Müßiggang der schwerste Vorwurf der meiner Meinung nach einen
Mann in unserer Zeit treffen kann wo es wahrlich so viel so viel zu tun
gibt
    Was kann der arme Baron dafür dass ihm das Brod des Alltagslebens nicht
schmeckt
    Glauben Sie denn dass es mir schmeckt sagte Doctor Braun und seine Wangen
röteten sich und seine Augen leuchteten glauben Sie dass der herrliche Gott
Apollo als er die Rinder des Admet weidete und im Schatten der Eiche das
schnöde Sklavenmahl verzehrte sich nicht zurücklehnte nach der Ambrosia und dem
Nektar auf den goldenen Tischen im Hause des Vaters Dennoch trug er sein Loos
und duldete das Verhängnis wie der noch viel herrlichere Jesus von Nazaret das
seinige Und ich muss gestehen mir erschien es immer als eine grobe
Inconsequenz dass des Menschen Sohn von allen zum wenigsten von den stärksten
menschlichen Banden los und ledig dargestellt wird Sollte er den Leidenskelch
wirklich bis auf den letzten bittersten Tropfen leeren so musste er durch die
stille Nacht auf dem Oelberge die Stimmen eines angebeteten Weibes geliebter
Kinder zu hören glauben die ängstlich nach dem Gatten dem Vater riefen Denn
menschlich allem Menschlichen ergeben sein und dennoch die himmlische Abkunft
nicht vergessen und dennoch bis an den Tod mit den reißenden Wölfen der Tyrannei
und Lüge kämpfen und das schwere Kreuz des ganz Gemeinen und ewig Gestrigen das
auf uns lastet bis nach Golgata tragen  das erscheint mir als das eigentliche
Loos des Menschensohnes
    Der Doctor ging ein paar Mal mit raschen Schritten in dem Gemache auf und
ab dann blieb er vor Oswald stehen streckte ihm mit herzgewinnender
Freundlichkeit die Hand entgegen und sagte Verzeihen Sie mir wenn ich Sie
durch dies oder jenes Wort das vielleicht weniger überlegt war gekränkt haben
sollte Aber ich gerate jedesmal in Aufregung wenn ich eine hohe Intelligenz
feiern oder in einer falschen Richtung tätig sehe Das erste ist die Sünde
gegen den heiligen Geist die unserer Sünden größte ist die zweite ist nicht
ganz so groß aber kommt jener fast gleich Von jener spreche ich Sie los
dieser erkläre ich Sie für schuldig Sie wissen wie ich über Ihre Stellung hier
schon neulich dachte jetzt nachdem ich Sie zum ersten Male in dem Kreise
selbst gesehen habe finde ich das Verhältnis noch viel bedenklicher Geben Sie
es auf ehe es zu spät ist Es mag eine entsetzliche Indiscretion sein dass ich
mir erlaube so zu Ihnen zu sprechen aber Sie wissen wir Ärzte haben einmal
das Recht indiscret zu sein Sind Sie mir bös
    Ich wäre der lächerrlichste Narr wenn ich es wäre antwortete Oswald Im
Gegenteil ich bin Ihnen dankbar dass Sie mir eine Teilname zeigen die ich
sogar nicht verdient zu haben mir bewusst bin Aber ich glaube Sie sehen die
Dinge ein wenig zu schwarz 
    Blos zu schwarz sagte der Doctor lachend ich sehe sie weder grau noch
schwarz ich sehe sie gar nicht ich bin blind stockblind auf beiden Augen
Adieu mon cher adieu Wenn Sie sich über kurz oder lang nicht mehr so
kerngesund fühlen sollten wie zu dieser Stunde  so schicken Sie nur zu mir
Sie sollen sehen dass ich nicht nur ein Arzt für die Gesunden bin sondern auch
für die Kranken
    Mit diesen Worten eilte der Doctor zur Tür hinaus und einen Augenblick
später hörte Oswald das Knirschen der Räder seines Wagens auf dem Kies vor dem
Portale
 
                           Einundvierzigstes Kapitel
Dass der Rat des Doctors vortrefflich sei konnte Oswald um so weniger entgehen
als er noch vor kurzer Zeit über seine schiefe und ganz unhaltbare Situation in
der Grenwitzschen Familie nicht viel anders gedacht hatte Aber einen Ausweg
aus diesem Labyrinth vermochte er nicht zu entdecken wenigstens nicht für den
Augenblick Er hatte in der letzten Zeit über seine Liebe zu Melitta alles
Andere vergessen und an eine Veränderung die ihn sofort von der Geliebten
entfernen musste dachte er nicht ja die Möglichkeit einer solchen hatte er
immer als das größte Unglück angesehen Und auch jetzt wo durch Melittas Reise
und durch den wahrscheinlichen Tod des Herrn von Berkow die Gegenwart und die
Zukunft gleich dunkel und verworren schienen konnte er sich unmöglich über
einen Punkt entscheiden der für Melitta nicht weniger wichtig war als für ihn
selbst Und dann ganz abgesehen von seinem Verhältnis zu Melitta hatte er so
gar keinen stichhaltigen Grund die Stellung zu der er sich auf mehrere Jahre
verpflichtet hatte aufzugeben dass er einen Bruch hätte gewaltsam herbeiführen
müssen Ein solcher kecker Schritt aber würde zu jeder Zeit für Oswalds Natur
etwas Peinliches und Widerliches gehabt haben und jetzt wo die Baronin gegen
die er sich doch in einem solchen Falle wenden musste offenbar bemüht war mit
ihm ebenso wie mit aller Welt in Frieden und Freundschaft zu leben fehlte es
ihm sogar an dem Allerwichtigsten an einem Gegner welcher den von ihm
hingeschleuderten Fehdehandschuh hätte aufnehmen können und mögen
    Überdies hatte er noch ganz kürzlich der Baronin den Gang des Unterrichts
der Knaben bis zu der Zeit wo er mit ihnen die projectirte große Reise durch
England Frankreich die Schweiz Italien vielleicht auch Ägypten antreten
würde ausführlich geschildert mit einem warmen Interesse das wenn es seine
Absicht war die Ausführung dieses Planes einem Andern zu überlassen mindestens
unerklärlich schien Auch auf den Wunsch der Baronin mit Fräulein Helene die
durch ihren Fortgang von der Pension unterbrochenen Studien wieder aufzunehmen
war er bereitwilligst eingegangen und morgen schon sollten diese Lectionen an
denen auch die lernlustige Baronin manchmal teilzunehmen versprach ihren
Anfang nehmen
    Und abgesehen von dem Allen so hätte er doch ging er von Grenwitz fort
auch Bruno verlassen müssen Bruno den er brüderlich liebte dessen glänzende
Fähigkeiten zu entwickeln ihm eine so köstliche Aufgabe däuchte den in die
Wissenschaft und hernach in das Leben einzuführen bisher einer seiner liebsten
Wünsche gewesen war
    Die kurze Reise schien wie auf Alle so auch auf Bruno einen sehr
wohltätigen Einfluss gehabt zu haben Er hatte viel von seinem trotzig düstern
Wesen abgelegt er suchte jetzt die Gesellschaft die er früher im Verein mit
Oswald gemieden hatte und gab auch Oswald gute Worte an Spaziergängen und an
andern gemeinsamen Vergnügungen Teil zu nehmen Er ahnte nicht dass Oswald ihm
durchaus kein großes Opfer brachte wenn er diesen Bitten nachgab ja dass
dieser sich nur zum Schein bitten ließ um vor sich selbst die Inconsequenz
deren er sich in dieser Beziehung schuldig machte zu beschönigen Bruno von
Oswald mit seinem Interesse an Dingen und Personen die ihm sonst gleichgültig
oder verhasst gewesen waren geneckt sagte er wisse nicht was mit einem Male
über ihn gekommen sei ihm sei zu Mute wie einem Vogel der aus seinem Käfig
entflogen die Freiheit wieder erlangt habe wie einer Blume wenn nach Sturm
und Regen die Sonne wieder scheine Und wirklich Bruno war munter wie ein Vogel
und in dieser seiner Munterkeit schön wie eine Blume die eben dem Lichte den
vollen Kelch erschliesst Es war unmöglich den herrlichen Knaben nicht zu
bewundern seine Freundlichkeit war eben so hinreißend liebenswürdig wie sein
Trotz abstoßend und oft geradezu beleidigend war Alle waren miteinander darüber
einig dass eine merkwürdige Veränderung mit Bruno vorgegangen sei was aber
diese Veränderung hervorgebracht hatte  das wusste das ahnte Keiner
    Dennoch hätte der Grund derselben einem scharfsinnigen Beobachter nicht
entgehen können und würde auch wohl Oswald nicht entgangen sein wenn er mit
seinen eigenen Herzensangelegenheiten nicht so vollauf beschäftigt gewesen wäre
Schon die Unterhaltung mit Bruno am ersten Abend hätte ihm einen Aufschluss geben
müssen Wie Helenes Name dort wieder und immer wiederkehrte so ließ sich jetzt
Alles was der Knabe sagte und tat schließlich auf Helene zurückbeziehen
obgleich er allerdings dem Vogel gleich der durch Hin und Herflattern den
Verfolger von seinem Nest fortzulocken sucht sorgfältig darauf bedacht war
Andere vorzuschieben und sich für Helene gerade am wenigsten zu interessieren
schien Was ist nur mit dem Knaben fragten sich die Andern wenn sie sahen wie
seine dunkeln Augen leuchteten wie stolz und kühn seine Haltung wie elastisch
sein Schritt war wenn sie seine Stimme hörten die bald so weich war wie
ferner Gesang bald in der Aufregung des Spiels oder wenn sonst etwas seine
Energie herausforderte klar und scharf und machtvoll wie Drommetenton
    Und wenn es wirklich manchmal schien als ob Bruno nur seiner schönen
Kousine zu Liebe dem Einsiedlerleben entsagt habe so konnte dies um so weniger
auffallen als Alle mehr oder weniger seit der Reise sich verändert hatten und
Alle mehr oder weniger dem neu aufgegangenen glänzenden Stern huldigten Oder
weshalb war die Baronin jetzt ganz Freundlichkeit und Güte Weshalb erschien sie
bei Tisch jetzt stets mit einem lächelnden Gesicht und bemühte sich die
Unterhaltung während der Mahlzeit nicht ins Stocken geraten zu lassen weshalb
ließ der Baron zum großen Ärger des schweigsamen Kutschers sobald nur der
Wunsch ausgesprochen war diesen oder jenen weiter gelegenen Punkt zu besuchen
die schwerfälligen Braunen anspannen  während so Etwas vor der Reise geradezu
ein Ereignis hatte genannt werden müssen weshalb hatte Herr Timm jetzt zum
ersten Male seinen Frack aus der Ecke des melancholischen Koffers hervorgesucht
und mit dem Frack wie es schien eine etwas weniger nachlässige Haltung und
eine etwas weniger burschikose Sprache Weshalb klang der Ton von Mademoiselle
Marguerites Stimme jetzt etwas weniger scharf wie sonst und weshalb hatte sie
sich gerade jetzt darauf besonnen dass sie ein paar recht hübsche seidene
Schleifen besitze die schon seit Jahren in ihrer Kommode müßig gelegen hatten
weshalb gab sich jetzt selbst Malte beim Reifenspiel Mühe die Spielregeln zu
beobachten und den ihm zugeschleuderten Reifen womöglich aufzufangen
    Ob Fräulein Helene wusste dass sie die Ursache aller dieser großen und
kleinen Veränderungen war Es war sehr schwer zu sagen ob Fräulein Helene
etwas bemerkt hatte oder nicht ja ob sie sich über etwas freute oder nicht ob
sie heiter war oder nicht ob Jemand in der Gesellschaft für sie vorhanden war
oder nicht Ihre stolze ruhige Miene veränderte sich sehr selten und das
Lächeln zu dem sie sich gelegentlich herabliess war obgleich außerordentlich
reizend doch so flüchtig dass man nicht wohl den Anteil den ihr Herz etwa
dabei hatte bestimmen konnte Sie war gegen ihre Eltern ganz die gehorsame
aufmerksame Tochter gegen ihren Bruder die ältere Schwester die wenn sie die
Schwächen des Bruders schonen soll auch ihrerseits respectirt zu werden
wünscht gegen Mademoiselle Marguerite ganz die freundliche Herrin die sich in
jedem Augenblicke des Unterschiedes der Stellung bewusst bleibt gegen Oswald und
Albert ganz die vornehme junge Dame welche von der Pension her noch sehr gut
weiß wie tief die Verbeugung vor Herren in niedrigen Lebensstellungen sein muss
und nur für Bruno schien sie eine herzliche Zuneigung zu haben nur ihm
gegenüber ließ sie ein wenig von der ruhig vornehmen Haltung nach die sie im
Übrigen so wenig ablegen zu können schien wie die dunkle Farbe ihres reichen
Haares oder den tiefen Glanz ihrer großen grauschwarzen Augen
    Aber wenn selbst die Baronin sich gegen ihren Gemahl über Helenes fast
allzu schroffes Wesen beklagte wenn sie die Bemerkung machte die lange
Abwesenheit scheine denn doch Helene ihrer Familie etwas entfremdet zu haben so
war dies freilich nur zu wahr aber die Schuld daran traf weniger die junge
Dame als die Baronin selbst Sie war es gewesen auf deren Wunsch Helene so
lange Jahre fern von ihrem elterlichen Hause gewesen war sie hatte dem
schwachen Gemahl wenn er sich nach der geliebten Tochter sehnte
auseinandergesetzt wie vorteilhaft für die äußere und innere Bildung einer
jungen Dame es sei wenn sie so früh wie möglich in die strenge Schule eines
Musterpensionats komme und so lange wie möglich dort bleibe sie hatte schon
vorher wenn die Kleine sich liebevoll an sie schmiegen wollte nur eine kalte
Miene und ein paar kühle französische Redensarten für sie gehabt bis das Kind
größer geworden die Hoffnungslosigkeit des Versuchs einen Weg zum Mutterherzen
zu finden einsah und sie fortan mit Liebkosungen die nicht erwidert wurden
verschonte Die arme Kleine musste das Unrecht kein Knabe zu sein und nichts zur
Sicherung des Majorats in der Familie tun zu können schwer büßen und sie
hätte wohl noch lange von der Mutter halb vergessen in der Verbannung leben
können wenn diese nicht endlich auf den Gedanken gekommen wäre ob Helene durch
eine Heirat mit ihrem Cousin Felix dem Majoratserben der Grenwitzschen Güter
nach Maltes Tode nicht doch vielleicht mittelbar zur Erhaltung der Herrschaft
beitragen könne Dass dieser Gedanke sich würde ausführen lassen daran zweifelte
die energische Frau nicht Felix hatte nicht nur das Projekt höchlichst
gebilligt sondern schon alle Schritte getan die ihm die Baronin als
notwendige Vorbereitungen zum abzuschliessenden Heiratscontract bezeichnete Er
hatte seinen Abschied genommen er hatte die Garnisonsstadt den Schauplatz
seiner Heldentaten verlassen und sich auf seine Güter begeben vermutlich um
sich die Stellen anzusehen wo einst die schönen Waldungen standen die er
erbarmungslos hatte umhauen lassen die dringendsten Gläubiger zu befriedigen
Baron Felix hatte die Gewohnheit Jedem der ihm Geld lieh Alles zu
versprechen was man verlangte  warum sollte er nicht der Baronin versprechen
ihre Tochter zu heiraten wenn sie sich anheischig machte seine Schulden die
drückendsten wenigstens zu bezahlen und ihm zu helfen die in Grund und Boden
gewirtschafteten Güter wieder nutzbar zu machen Von dieser Seite sah die
Baronin also nicht das geringste Hindernis der Ausführung ihres Projects Von
Seiten Helenes erwartete sie eben so wenig einen ernstlichen Widerstand oder
genauer hatte sie bis zu diesem Augenblick einen solchen nicht erwartet Sie
hatte vergessen dass sie ihre Tochter drei Jahre lange nicht gesehen dass drei
Jahre viel zu ändern vermögen und aus einem trotzigen aber doch aus Furcht und
Gewohnheit gehorsamen vierzehnjährigen Mädchen eine siebenzehnjährige stolze
junge Dame machen können die unterdessen verlernt hat vor ihrer Mutter zu
zittern und unter Leitung einer strengen aber hochherzigen Erzieherin viel zu
selbstständig geworden ist um ihren Willen so ohne Weiteres dem eines Andern
er sei auch wer er sei unterzuordnen
    Dies erkannte die Baronin fast auf den ersten Blick als sie im
Empfangssaale der Pension ihre Tochter zur Tür hereintreten sah An der Haltung
der jungen Dame die ohne Hast aber auch nicht zu langsam auf die Mutter
zuschritt ihr die dargebotene Hand küsste und dann einen Schritt zurücktretend
wie weiterer Befehle gewärtig in ruhiger Haltung stehen blieb war sicher
nichts auszusetzen aber die großen Augen blickten so stolz und gelassen und
die Worte fielen so gemessen von den ausdrucksvollen Lippen dass die Mutter
fühlte bei dieser ihrer Tochter die ihr so fremd erschien könne sie auf
kindlichen Gehorsam auf einen Gehorsam aus Liebe mit Sicherheit nicht rechnen
Das große Project welches sie so ganz fertig im Kopfe trug erschien ihr
plötzlich in sehr ungewissem Lichte und die ersten Worte die sie nach der
Begegnung zu ihrem Gemahl sprach waren Ich glaube lieber Grenwitz wir werden
in der Heiratsangelegenheit sehr vorsichtig zu Werke gehen müssen Du würdest
mich verpflichten wenn Du mir die Sache vollkommen überliessest Eine
ungeschickte Einleitung ja nur eine Andeutung zur unrechten Zeit könnte leicht
Alles verderben  Der gute alte Mann kam dieser Aufforderung um so lieber nach
als selbst sein felsenfester Glaube an die Unfehlbarkeit seiner AnnaMaria nicht
im Stande gewesen war die Bedenken welche er gegen das Heiratsproject hatte
gänzlich zu beseitigen
    Die Baronin sah ein dass im Falle Cousin Felix vor Helenes Augen keine
Gnade finden sollte  und dieser Fall war zum mindesten nicht unmöglich  durch
Einschüchterung durch Gewaltmassregeln nichts ausgerichtet werden könnte und
dass Güte nicht nur der sicherste sondern auch der einzige Weg sei
    So war sie denn gütig nach ihren Begriffen äußerst gütig gegen die schöne
Tochter und damit die Andern nicht merkten worauf dies Alles hinausging oder
auch nur um in der Übung zu bleiben war sie es gegen diese auch
Seltsamerweise indessen schien gerade die für welche diese Gnadensonne
leuchtete am wenigsten dadurch erwärmt zu werden Helene veränderte ihre ruhig
abgemessene Haltung ihr höflich kühles Wesen auch nicht im mindesten die von
der Baronin stets so gerühmte Pension hatte in der Erziehung Fräulein Helenes
offenbar ein Meisterstück geliefert
    Und dennoch war dieses junge Herz das so kalt so unzugänglich schien
warmer Gefühle wohl fähig Sie hatte als sie von ihrer Freundinnen und der
hochverehrten Lehrerin Abschied nahm heiße Tränen geweint die sie freilich
als die Mutter eine Bemerkung darüber machte sofort trocknete sie erwies dem
Vater manche Aufmerksamkeiten auf welche die bloße Höflichkeit nie verfällt
sie konnte ein armes Kind nicht bloß beschenken sondern auch an die Hand nehmen
und freundlich mit ihm sprechen Ihre Freundinnen deren sie allerdings nur sehr
wenige besaß hatten niemals Ursache gehabt über Lieblosigkeit von Seiten
Helenes zu klagen und die Briefe die sie von Grenwitz aus nach Hamburg
schrieb waren der Beweis dass sie wenigstens gegen die welche sie liebte
weder kalt noch verschlossen war So schrieb sie unter Anderem an Mary Burton
eine junge schöne Engländerin die sie von allen Freundinnen am meisten liebte
und die einen großen Einfluss auf sie ausgeübt hatte
    Doch das sind tempi passati meine gute Mary Ich muss nun lernen mich an
der Musik zu ergötzen ohne sie zusammen mit Dir zu hören und eine Gesellschaft
erträglich zu finden in der ich nicht Deinen holden Augen begegne Bis jetzt
freilich fehlst Du mir überall und auch die Andern bis jetzt halte ich es nur
für eine Möglichkeit auch ohne Euch froh sein zu können Glaube indessen nicht
dass man mir hier unfreundlich begegnet im Gegenteil ich muss gestehen dass mir
die Meinigen über all mein Erwarten liebenswürdig entgegen gekommen sind Von
meinem Vater hatte ich es nicht anders erwartet aber  Du hast ja die Briefe
meiner Mama gelesen Du meintest sie glichen sich wie eine Schneeflocke der
anderen  auch sie ist viel weniger streng als ich sie von früher her kannte
und als sie in ihren Briefen erscheint Sie lässt mir alle nur möglichen
Freiheiten ich kann  was wir uns in der Pension immer als das Höchste dachten
 tun und lassen was ich will Meine Zimmer liegen im Erdgeschoss des alten
Schlosses dicht über dem Garten in welchen aus meinem Salon eine Tür mit ein
paar Stufen hinabführt So lebe ich ganz ungestört obgleich ich mit wenigen
Schritten über die Korridore in die Wohnzimmer gelangen kann Du weißt ich
fürchtete schon hier nicht meiner großen Leidenschaft des Abends spät wenn
Alles rings um mich her still ist zu musiciren folgen zu können So bin ich
dieser Sorge vollkommen überhoben und ich habe auch schon jeden Abend von
dieser Freiheit den ausgedehntesten Gebrauch gemacht Ich störe Niemand es
müssten denn einige Herren sein die ebenfalls in diesem Teile des Schlosses
irgendwo über mir hausen und glücklicherweise zur Kategorie derer gehören die
man in Eurer aufrichtigen Sprache mit dem Ausdruck Nobody bezeichnet Es sind
nämlich der Hauslehrer ein gewisser Herr Stein und ein Geometer der für Papa
arbeitet und den aristokratischen Namen Timm führt Sie können beide für
hübsche Männer gelten oder um ganz aufrichtig zu sein ich vermute fast dass
Du den Herrn Stein handsome and very gentlemanlike indeed finden würdest aber
Du brauchst deshalb nicht zu glauben dass sie oder einer von ihnen einen
besonderen Eindruck auf mich gemacht hätten Ich habe eine Antipathie gegen
Leute in dergleichen untergeordneten Stellungen wie etwa gegen Kattunkleider und
böhmische Diamanten Das mag recht gut sein für Bürgermädchen und Gouvernanten
aber für uns passt es nicht Ich sehe die Herren des Mittags des Abends  im
Übrigen existieren sie nicht für mich Herrn Stein begegne ich außerdem noch
jeden Morgen früh im Garten denn die Vögel singen hier so dicht unter meinen
Fenstern dass man aufstehen muss man mag wollen oder nicht Ich wäre diesen
Begegnungen gern überhoben aber was lässt sich tun Ich kann dem armen
Menschen der hernach von sieben bis elf den Knaben Unterricht erteilt nicht
wohl verbieten die einzige freie Morgenstunde die er hat zu benutzen und
wenn ich selbst später ginge so käme ich wieder um den schönsten Genuss also
ich muss es mir gefallen lassen  non son rose senza spine Übrigens ist dieser
Stein trotzdem er nur ein böhmischer Diamant ist so fein geschliffen dass ihn
ein weniger geübtes Auge leicht mit einem echten verwechseln könnte Er hat was
man bei Leuten aus den unteren Ständen so selten findet viel Haltung und
Selbstbeherrschung Er hat eine Weise mit der ruhigsten Miene von der Welt
Jemand er sei wer er sei eine Schmeichelei oder eine Malice zu sagen die
wirklich in Erstaunen setzt
    So sagte er gestern als wir uns zum dritten Male zur selben Zeit und an
demselben Orte auf dem Walle begegneten und dasselbe Gespräch über das Wetter
geführt hatten ob wir nicht in Zukunft bis eine Veränderung des Wetters
einträte ganz einfach wie gestern sagen wollten Wir wären denn doch nicht
ganz stumm an einander vorüber gegangen was für Hausgenossen immer etwas
Peinliches habe und dabei wären doch die Kosten der Konversation beinahe bis
auf Null reducirt eine Ersparnis die selbst für den Geistreichsten  hierbei
eine halb ironische Verbeugung  nicht ganz unbedeutend sei  Das war doch
ziemlich stark aber wie gesagt er bringt dergleichen mit so ruhigem Lächeln
vor dass man niemals weiß ob er es im Scherz oder im Ernst sagt Auch scheinen
Alle selbst Mama einen ziemlichen Respekt vor ihm zu haben Zwischen Bruno und
ihm existiert ein ganz eigentümliches Verhältnis gar nicht wie zwischen Lehrer
und Schüler sondern wie zwischen Freunden die innigst verbrüdert sind etwa
wie Orest und Pylades und wirklich es ist ein reizender Anblick wenn man sie
Arm in Arm zusammen durch den Garten schlendern sieht Diese rührende
Freundschaft hindert indessen Bruno nicht sich bei jeder Gelegenheit als mein
Ritter zu geriren Der Junge sieht mir wahrlich an den Augen ab was ich will
und wünsche oder vielmehr er ahnt und weiß es ohne dass er mich nur anzusehen
braucht Es ist mir manchmal ordentlich unheimlich dabei Wenn ich auf dem
Spaziergange denke Du könntest auch wohl ohne Tuch gehen sagt Bruno sicher
soll ich Dir das Tuch ein wenig tragen Helene Bei Tisch wo er neben mir
sitzt reicht er mir nur was ich gern habe anderes lässt er vorübergehen und
sagt das issest Du doch nicht Helene Er ist ein lieber Junge obgleich
eigentlich dieser Name nicht mehr recht auf ihn passt denn er wird nächstens
sechszehn Jahr und ist groß und stark und schön wie ein junger Achill Ich
glaube er würde für mich durchs Feuer gehen ins Wasser wenigstens ist er
gestern schon für mich gesprungen Wir gingen des Abends auf dem Wall spazieren
und ein plötzlicher Windstoß warf meinen runden Strohhut  Du kennst ihn ja  in
den Graben Mein armer Hut rief ich  Willst Du ihn wieder haben fragte
Bruno  Ei natürlich sagte ich  aber nur im Scherz denn ich weiß dass der
Graben sehr tief ist und an dieser Stelle war er noch dazu wohl zwanzig Schritt
breit und der Hut schwamm mitten drauf Aber Bruno war mit zwei Sprüngen den
Wall hinab und ins Wasser hinein Ich war wirklich erschrocken und ich glaube
ich stieß sogar einen leichten Schrei aus Beruhigen Sie sich sagte Herr Stein
 außerdem war glücklicherweise Niemand zugegen  Bruno schwimmt wie ein
Neufoundländer und selbst wenn er nicht wieder herauskäme so ist er ritterlich
im Dienste der Damen gestorben Das ist immer ein Trost  Glücklicherweise kam
Bruno nach ein oder zwei ängstlichen Minuten wieder ans Land geschwommen und
Herr Stein half ihm beim Heraussteigen dann gingen sie Beide lachend von dannen
und ließ mich mit dem nassen Hut in der Hand  ein rührendes Bild  ganz
allein stehen  Übrigens scheint mir Herr Stein doch übel genommen zu haben
dass ich seinen Liebling in diese Gefahr brachte Wenigstens ist er heute Morgen
nicht auf der Promenade erschienen bei Tische sehr einsilbig gewesen und hat
die Literaturstunde die er mir wöchentlich zweimal gibt absagen lassen »weil
er Kopfschmerz habe« was ihn freilich wie ich von meiner Stube aus beobachten
kann nicht hindert in der glühenden Nachmittagssonne draußen im Garten mit
unbedecktem Haupt eine halbe Stunde lang die Arme untereinander geschlagen auf
einem Fleck zu stehen und in das Wasserbecken eines Brunnens zu starren von dem
eine Najade aus Sandstein lächelnd auf ihn herabschaut  es ist ein wunderlicher
Heiliger
 
                           Zweiundvierzigstes Kapitel
Es war an dem Abend desselben Tages an welchem Helene von ihrem Schreibtische
aus Oswald am Brunnen der Najade beobachtete dass in einem Zimmer des
»Kurhauses« in Fichtenau berühmt durch Doctor Birkenhains große Heilanstalt
für Geisteskranke zwei Personen eine Dame und ein Herr in der Nähe der
geöffneten Balkontür saßen Es dämmerte bereits Kurgäste kamen bestäubt von
ihrer NachmittagsPromenade zurück von Zeit zu Zeit rollte eine elegante
Kutsche vorüber in welcher vornehm in die schwellenden Kissen gedrückt schön
geschmückte Frauen saßen Dann wurde es stiller auf der Straße drüben über den
Gärten schimmerte der Abendstern aus dem safranfarbenen Himmel Die Dame in der
Tür des Balkons hatte die Augen auf den Stern gerichtet der Herr der tiefer
im Zimmer saß die seinen auf das Antlitz der Dame Die Beiden hatten seit einer
halben Stunde kaum ein Wort gesprochen jetzt stand der Herr auf trat nahe an
den Stuhl der Dame und sagte leise
    Ich will fort Melitta
    Wann kommen Sie morgen wieder
    Ich komme morgen nicht wieder ich will fort von Fichtenau heute Abend
noch
    Melitta stand auf und blickte sich für einen Augenblick auf das Geländer
des Balkons lehnend in die schon dunkle Straße hinab Dann trat sie wieder in
das Zimmer zurück und sagte
    Reisen Sie direkt nach Kona zurück
    Nein ich will die Zeit die mir noch bleibt zu einer kleinen Reise
benutzen vielleicht komme ich wieder über Fichtenau
    So lassen Sie mir die Czika bis dahin es soll ein Pfand sein dass Sie
hierher zurückkommen
    Wünschen Sie es Melitta
    Sie sind wieder einmal sehr gut gegen mich gewesen
    Also bloße Dankbarkeit
    Und  Freundschaft
    Leben Sie wohl Melitta
    Reisen Sie glücklich Oldenburg
    Der Baron ging mit langsamen Schritten nach der Tür dort angelangt blieb
er stehen dann kam er noch einmal zurück und sagte
    Haben Sie immer geglaubt dass ich Ihr Freund sei Melitta
    Ja
    Haben Sie je geglaubt dass ich Sie liebe
    Melitta schwieg
    Nie zu keiner Zeit fragte der Baron mit dumpfer Stimme
    Lassen Sie das Vergangene vergangen sein
    Nein Melitta lassen Sie uns davon sprechen Ich finde ja eine Gelegenheit
wie diese vielleicht nicht zum zweiten Mal im Leben wieder nein nein Denn das
alte gute Verhältnis zwischen uns ist tot seitdem ich unsinnig genug war
Ihnen zu zeigen dass ich Sie liebte  und über diesen Schlund der da zwischen
uns aufklaffte gibt es keine Brücke Für den Augenblick hat uns die Not
zusammengeführt oder wenn Sie lieber wollen mein alter Aberglaube ich müsse
zu Ihnen eilen an Ihrer Seite stehen wo und wann Sie in Not in Bedrängnis
irgend welcher Art sind sobald ich aus diesem Zimmer gehe sind wir uns wieder
Fremde Melitta um unserer alten Freundschaft willen bei der Erinnerung an die
gemeinsam verlebte selige Jugendzeit sagen Sie mir haben Sie nie geglaubt dass
ich Sie liebe
    Ich weiß es nicht 
    Das ist hart sagte der Baron leise das ist hart Er ließ sich auf einen
Stuhl sinken stützte den Arm auf die Lehne und verbarg sein Gesicht in der
Hand
    Und wenn ich nicht an Ihre Liebe glaube sagte Melitta wer ist denn schuld
daran wer hatte die Szene im Garten der Villa Serra di Falco arrangirt ich
oder Sie
    Wie sagte der Baron sich emporrichtend sind Sie wirklich ein solcher
Neuling in der Liebe dass ich Ihnen in allem Ernst die Erklärung zu dieser Farce
geben muss Glauben Sie wirklich dass ich  dem doch sonst so leicht nichts
entgeht  Sie nicht schon länger hinter den Myrtengebüschen bemerkt hatte ehe
ich zu Hortenses Füßen sank und die Sonne obgleich sie untergegangen war und
der Mond obgleich er nicht schien und die Sterne die es besser wussten zu
Zeugen meiner heißen Liebe anrief das hätten Sie auch nur einen Augenblick für
Ernst gehalten
    Was war es denn
    Eine Allegorie Ich wollte Ihnen zeigen sieh dies bleibt mir übrig wenn
Du meine Liebe verschmähst Du zwingst mich der ich immerdar vor einer Heiligen
anbeten möchte in den Armen einer Buhlerin Vergessenheit zu suchen Melitta
Melitta gestehe es Du wusstest recht gut dass dies eine Farce war aber es war
Dir bequem sie für Ernst zu nehmen Du wolltest von mir befreit sein selbst um
den Preis  eines Missverständnisses
    Und wenn dies mein Wille gewesen wäre  und ich will annehmen es war mein
Wille  ist es nicht des Mannes Pflicht den Willen einer Frau noch dazu einer
Frau die er liebt zu ehren
    Habe ich es nicht getan bin ich nicht noch in derselben Nacht auf ein
Wort ja auf einen Wink hin abgereist bin ich nicht drei lange Jahre wie
Ahasver ruhelos durch alle Lande geirrt und habe ich als ich dann endlich
zurückkehrte  zurückkehrte weil mir eine Ahnung sagte dass Dir ein Unglück
bevorstände  nicht jede Gelegenheit mit Dir zusammenzutreffen sorgfältig
vermieden war es mein Wille dass ich Dich auf dem Balle in Barnewitz traf ist
es mein Wunsch gewesen der uns hier zusammenführte Nein Melitta Du kannst
nicht über mich klagen Ich habe meine Liebe zu Dir lange lange Jahre  denn
ich liebe Dich seitdem ich denken kann seitdem ich weiß dass
Nachtigallengesang und Sonnenschein und Wogenrauschen köstlich sind  tief
versteckt im Herzen getragen und wenn ich einen Augenblick töricht genug war
die Hoffnungslosigkeit dieser Leidenschaft zu vergessen so habe ich diese
Torheit schwer genug gebüßt Wusste ich doch schon als Knabe dass Du Dein Pferd
und Deinen Hund lieber hattest als mich und doch zwang ich den schwer
verletzten Stolz und doch demütigte ich mich wieder und immer wieder vor Dir
ich der ich nie in meinem Leben eine Bitte über die Lippen bringen konnte
    Der Baron war aufgesprungen und setzte seine ruhelose Wanderung durch das
Zimmer eine Zeit lang schweigend fort dann blieb er abermals vor Melitta stehen
und sagte
    Ich habe mich noch tiefer gedemütigt Ich habe gesehen dass das Weib nach
dem sich meine Seele sehnt wie der Gekräuzigte nach einem Labetrunk von einem
Andern geliebt wird habe gesehen dass sie diesen Andern wieder liebt mit jener
Liebe um die ich Gott auf meinen Knieen tausend und tausendmal mit heißen
Tränen gebeten habe  und habe nicht mit der Wimper gezuckt ich habe der
Schlange Eifersucht den Kopf zertreten  ja und mehr ich habe redlich
versucht diesen Glücklichen nicht zu hassen ich bin ihm entgegengekommen mit
Gruß und Handschlag ich habe mir sein Vertrauen seine Liebe zu erwerben
gesucht nicht um zum Verräter an ihm und an Dir zu werden sondern weil ich
fühlte dass mir Dein Glück teurer war als Alles und dass der welchen Du
liebtest auch von mir geliebt werden oder von meiner Hand sterben müsse
    Sie sind fürchterlich Oldenburg rief Melitta sich halb vom Stuhle
erhebend soll denn nicht der geheimste Winkel meines Herzens vor Ihnen
verborgen bleiben
    Ich bin nicht fürchterlich sagte der Baron ich bin nur unbequem das ist
das Recht des Freundes Glaube nicht dass ich mich auf krummem Wege in Dein
Geheimnis gestohlen habe Ich habe nur die Augen nicht geschlossen das ist
Alles Oder glaubst Du man lerne nicht zuletzt die leiseste Regung in einem
Gesicht verstehen das man stets im Wachen und ach wie oft im Traume vor sich
sieht Und dann wenn man die Hoffnung je geliebt zu werden aufgegeben hat so
will man wenigstens die Überzeugung haben dass derjenige welchem dieses Glück
zu Teil wird auch kein Unwürdiger ist
    Oldenburg
    Er ist kein Unwürdiger aber  ich bin Dein Freund Melitta Deiner würdig
ist er nicht Er hat viele große und schöne Eigenschaften ich weiß es wohl
aber sein Charakter ist noch nicht im dreimal heiligen Feuer des Unglücks
gestählt und so weiß er auch das Glück noch nicht zu schätzen Er hat eine
unendliche Empfänglichkeit für Alles was schön und anmutig ist und deshalb
betet er Dich an aber weil er seiner Natur nach eben für Alles empfänglich
ist wird es ihm unendlich schwer nicht über dem Anmutigeren und Schöneren das
Schöne und Anmutige zu vergessen das heißt treu zu sein Er ist ein Dichter
und des Dichters Liebe ist das Ideal Er wird das köstlichste Gefäß bei Seite
schieben weil sein feines Auge doch irgendwo einen Flecken daran bemerkt hat
er wird Alles was ihm die Erde bietet gierig ergreifen und verächtlich wieder
fortwerfen weil es eben irdisch weil es und wäre es noch so himmlisch doch
immer mit einem Erdenrest behaftet ist
    Sie sagen mir nichts Oldenburg was ich mir nicht schon hundert und
tausendmal selbst gesagt hätte
    Ich weiß es Die Beurteilung solcher Naturen kann Ihnen nicht schwer
werden denn auch Sie sind diesem Dämon untertan Aber Sie sind ein Weib und
über Euch hat der Dämon nicht wie über uns unbedingte Gewalt Ihr und wenn
ihr Euch auch noch so sehr sträubt lasst Euch zuletzt doch in der Liebe Fesseln
schlagen und seid stolz auf diese Fesseln der Mann und wenn er im Anfang noch
so sehr mit dem neuen Schmucke prunkt schleudert ihn zuletzt doch von sich Und
so wird es geschehen
    Nein nein
    Ja Melitta es wird geschehen und das ist das Unglück das ich über Deinem
teuren Haupte wie eine finstre Wetterwolke schweben sah Glaube es mir der
Schlag wird über kurz oder lang auf Dich niederschmettern und wenn Du dann
zerschmettert am Boden liegst und nicht mehr leben magst und doch nicht sterben
kannst  dann Melitta dann vielleicht wirst Du die Qualen begreifen die ich
erduldet dann wirst Du mir im Herzen das Unrecht abbitten das Du mir getan
Wollte Gott Du kämest nie zu dieser Erkenntnis Der Preis ist ungeheuer aber
Du wirst ihn bezahlen müssen Leb wohl Melitta verzeihe dass ich Dir weh
getan habe es wird nicht wieder geschehen es ist das erste und es ist das
letzte Mal dass ich so zu Dir geredet Leb wohl Melitta
    Melitta hatte das Gesicht in die Hände gedrückt bei der Dämmerung die in
dem Gemache herrschte waren nur noch eben die Umrisse ihrer Gestalt zu
erkennen   Sie wollte oder konnte nicht antworten
    Gott segne Dich Melitta sagte der Baron und die Stimme des stolzen Mannes
klang weich und mild wie eines Vaters Stimme
    Als Melitta die Tür sich hinter ihm schließen hörte sprang sie von dem
Stuhle auf und tat rasch einige Schritte als wollte sie ihn zurückrufen Aber
mitten im Zimmer blieb sie wieder stehen
    Nein nein murmelte sie es ist besser so ich darf ihm keinen Schimmer von
Hoffnung lassen
    Sie ging langsam zu ihrem Stuhl zurück Sie setzte sich wieder sie bedeckte
das Gesicht wieder mit den Händen Und nun brachen die lange zurückgehaltenen
Tränen in Strömen aus ihren Augen Ich weiß es ja dass es so kommen wird
murmelte sie aber weshalb den kurzen Traum des Glücks so grausam stören
 
                           Dreiundvierzigstes Kapitel
Der Postbote welcher am Abend den Brief Helenes nach der Stadt trug war am
Morgen desselben Tages schon einmal dagewesen Er hatte Oswald ein Schreiben aus
Grünwald von einem seiner dortigen Bekannten gebracht der auch zu gleicher
einer von den Wenigen war mit dem Professor Berger in einem intimiren
Verhältnisse stand Der Bekannte ein Docent an der Universität schrieb Oswald
dass er ihm die schleunige Nachricht von einem Ereignisse schuldig zu sein
glaubte das seit gestern Nachmittag die ganze Stadt in die größte Bestürzung
versetzt habe Professor Berger sei ganz plötzlich zum wenigsten ohne dass
irgend Jemand eine Ahnung von seiner Krankheit gehabt habe wahnsinnig geworden
Er sei um vier Uhr wie gewöhnlich in seine Vorlesung über Logik gekommen habe
angefangen zu dociren scharfsinnig geistreich wie immer Dann hätte seine
Rede begonnen verworren und immer verworrener zu werden so dass ein Student
nach dem andern die Feder niedergelegt und den Nachbar voll Verwunderung und
Schrecken angestarrt habe Wissen Sie meine Herren habe Berger gerufen was
der Jüngling von Sais erblickte als er den Schleier hob der das große
Geheimnis barg  das große Geheimnis welches der Schlüssel sein sollte zu den
verworrenen Rätseln des Lebens Sehen Sie meine Herren hier nehme ich meinen
Kopf auseinander die eine Hälfte in diese die andere in jene Hand  was
erblicken Sie in dem Kopfe des berühmten Professor Berger zu dessen Füßen Sie
sitzen seinen weisen Worten zu lauschen und sie mit abscheulich kritzelnden
Federn in Ihre langweiligen Hefte zu schreiben was erblicken Sie  genau
dasselbe was der Jüngling von Sais erblickte als er den Schleier von der
Wahrheit hob Nichts absolut nichts nichts für sich nichts an sich an und
für sich: nichts und dass dieses hohle öde Nichts des Pudels Kern sei dass all
unser bestes Streben nichts sei wir unser Herzblut an nichts und wieder nichts
setzen sehen Sie meine Herren das hat den Jüngling von Sais toll gemacht das
hat mich verrückt gemacht und wird auch Sie um den Verstand bringen wenn Sie
irgend welchen aus Ihren Spatzenköpfen zu verlieren haben Und nun meine
Herren machen Sie Ihre dummen Hefte zu damit das abscheuliche Kritzeln endlich
einmal aufhört und stimmen Sie mit mir in das tiefsinnige und erhebende Lied
ein O da sitzt ne Flieg an der Wand Berger habe darauf mit lauter Stimme
und das Katheder mit den Fäusten bearbeitend angefangen zu singen sei dann im
Auditorium an den Wänden entlang gelaufen nach imaginären Fliegen haschend
habe dann jedesmal die Hand geöffnet hineingeschaut und triumphierend gerufen
Nichts meine Herren sehen Sie nichts und wieder nichts
    Der Bekannte schloss den Brief mit der Mitteilung dass Professor Berger
sogleich am folgenden Tage auf den Rat seiner Ärzte nach Fichtenau in die
berühmte Heilanstalt des Doctor Birkenhain transportirt sei er habe Alles
gutwillig mit sich geschehen lassen nachdem man ihm vorgeredet man wolle ihm
das große UrNichts zeigen
    Oswald war durch den Inhalt dieses Briefes tief erschüttert Er hatte in
Berger seinen Freund geliebt und geehrt er hatte sich des wunderlichen Mannes
Liebe in hohem Grade erworben er hatte tiefere Blicke als wohl irgend Jemand
sonst in diesen reichen Geist getan Wie oft hatte er dem Ausserordentlichem
mit entzücktem Schweigen zugehört wenn dieser von einem scharfsinnigen und
genau formulirten Satze ausgehend plötzlich aus dem Gebiete der Logik in eine
Welt geriet die sich ihm nur durch eine höhere Intuition erschließen konnte
und nun Traum an Traum und Gesicht an Gesicht reihte so phantastisch so
märchenhaft aber auch so schön und rein dass Oswald alles Andere darüber vergaß
und leibhaftig in dieser Fata Morgana umherzuwandeln glaubte bis der Magier mit
einem Worte höhnenden Schmerzes und wilder Verzweiflung die köstliche Spiegelung
versinken ließ Und nun war dieser reiche Geist zerstört und diese hohe
Intelligenz in des Wahnsinns öde Nacht versunken  Oswald erschien dies so
ungeheuer so unfassbar dass ihm war als sei die Welt aus den Fugen gegangen
als müsse jetzt nachdem diese erhabene Säule gestürzt Alles in grause Trümmer
zerfallen Wenn dies geschehen konnte was war dann noch unmöglich Dann war ja
auch wohl Freundschaft ein Märchen und Liebe eine Fabel  dann mochte ja auch
wohl etwas mehr hinter dem Zufall zu suchen sein der ihn heute Morgen den
augenblicklichen Aufenthaltsort Oldenburgs verriet  Als Oswald nämlich einen
Blick auf die Aufschriften der Briefe warf welche der Postbote aus seiner
Tasche genommen hatte und durch die Hand laufen ließ um den für Oswald
bestimmten herauszusuchen fiel ihm einer auf auf welchem die Adresse offenbar
von Oldenburgs höchst eigentümlicher und schwer mit einer andern zu
verwechselnder Handschrift war Der Brief war an des Barons Verwalter in Kona
adressirt Weshalb sollte der Baron nicht an seinen Verwalter schreiben dürfen
Aber Oswald erfuhr zugleich durch den Poststempel den Ort von welchem aus
dieser Brief abgesandt war dieser Ort war derselbe wohin man Berger geschickt
hatte derselbe wo Herr von Berkow seit sieben Jahren  und wo Melitta seit
vierzehn Tagen war das heißt zwei Tage länger als die geheimnisvolle Reise
Oldenburgs gedauert hatte In dem ausführlichen Briefe Melittas den Oswald
vor einigen Tagen durch Baumann erhielt hatte sie des Barons Anwesenheit mit
keinem Worte erwähnt Baumann selbst aber musste durch Bemperlein davon
unterrichtet gewesen sein denn er war in Verlegenheit geraten als er die
Personen nannte die bei dem Besuche welchen Melitta ihrem sterbenden Gemahl
machte zugegen gewesen waren Warum dieses geheimnisvolle Wesen bei einem
Manne der die Gradheit und Offenheit selbst schien war er dazu beauftragt
oder hatte er der die Verhältnisse der Herrin so genau kannte seine
besonderen gewichtigen Gründe die Wahrheit zu verheimlichen
    Dies waren die schlimmen Gedanken die durch Oswalds Hirn zogen als er im
heißen Nachmittagssonnenschein barhaupt an dem Brunnen der Najade stand und
bewegungslos in das Wasser starrte während Fräulein Helene an ihrem
Schreibtisch Betrachtungen darüber anstellte ob sie selbst vielleicht die
Ursache dieser Verstimmung sei Ehe sie indessen darüber zu einem Resultat
gekommen war klopfte es an ihre Tür Das junge Mädchen schloss sofort ihre
Schreibmappe und schien ganz in Lamartines voyage en Orient vertieft als sich
auf ihr Herein die Tür öffnete und die Baronin ins Zimmer trat
    Störe ich Dich liebe Helene
    Durchaus nicht liebe Mama sagte das junge Mädchen aufstehend und ihrer
Mutter entgegengehend
    Du bleibst heut so aussergewöhnlich lange auf Deinem Zimmer dass ich doch
sehen wollte was Dich denn so lange fesselte Lamartines voyage nun ein
recht hübsches Buch aber ein wenig überspannt wie mir scheint Freilich in
meinen Jahren bekommt man eine etwas andere Ansicht von dem Leben und so auch
von den Büchern und Menschen Aber ich freue mich dass Du nicht müßig bist dass
Du das Talent hast Dich zweckmäßige zu beschäftigen Ich fürchtete schon die
Monotonie unseres Lebens hier würde doch gar zu sehr von dem munteren Treiben in
der Pension abstechen und Du würdest diesen Unterschied schmerzlich empfinden
Wir können Dir hier so wenig bieten das war immer mein Refrain wenn der gute
Vater darauf drang Dich endlich einmal aus der Pension zu nehmen
    Aber ich versichere Dich liebe Mama Du hast Dir ganz unnötige Sorge
meinethalben gemacht sagte Fräulein Helene die dargebotene Hand der Mutter an
die Lippen ziehend ich fühle mich hier sehr glücklich und wie wäre das auch
anders möglich Bin ich nicht im elterlichen Hause wo mir Alle mit Liebe oder
doch mit Freundlichkeit entgegen kommen habe ich nicht Alles was ich nur
wünschen kann Ich wäre wahrlich sehr sehr undankbar könnte ich das auch nur
einen Augenblick vergessen
    Du bist ein gutes verständiges Kind sagte die Baronin ihre schöne Tochter
auf die Stirn küssend ich werde noch recht viel Freude an Dir erleben Das ist
meine sichere Hoffnung wie es mein tägliches Gebet ist Ach meine liebe
Tochter glaube mir ich bedarf gar sehr dieses Trostes wenn ich nicht den
vielen Sorgen die auf mich einstürmen unterliegen soll
    Die Baronin hatte sich auf ein kleines Sopha gesetzt sie schien sehr erregt
und trocknete sich mit dem Taschentuche die nassen Augen
    Was hast Du liebe Mama sagte Fräulein Helene mit wirklicher Teilname ich
bin nur ein unerfahrenes Mädchen aber wenn Du Vertrauen zu mir haben kannst
teile Dich mir mit Wenn ich Dir auch nicht raten und helfen kann so vermag
ich doch vielleicht Dich zu trösten und das würde mir eine große Freude
bereiten
    Liebes Kind sagte die Baronin Du bist lange  komm setze Dich her zu mir
und lass uns einmal recht vertraulich mit einander reden  Du bist so lange vom
elterlichen Hause entfernt gewesen und warst noch so jung als Du es verliessest
dass Du notwendigerweise von unsern Verhältnissen so gut wie gänzlich
ununterrichtet bist Du glaubst wir seien reich sehr reich aber es ist
beinahe das Gegenteil der Fall für uns Frauen wenigstens Das ganze große
Vermögen fällt nach des Vaters Tode  den der allgütige Gott in seiner Gnade
noch recht lange verhüten möge  an Deinen Bruder Mir bleibt außer einer sehr
geringen Wittwenpension nichts  und Du mein armes Kind gehst gänzlich leer
aus
    Aber Mama ich hörte doch immer dass Stantow und Bärwalde dem Vater
gehörten und dass er darüber ganz frei verfügen könne
    Du irrst mein Kind die beiden Güter gehören nicht dem Vater Sie werden
ihm vielleicht einst gehören wenn sich der eigentliche Erde bis zu einer
gewissen Zeit nicht meldet Ich kann über diesen Punkt nicht ausführlich sein
liebes Kind weil ich dabei gewisse Verhältnisse Deines Onkels Harald berühren
müsste über die man mit einem jungen Mädchen lieber nicht spricht Genug auf
die Güter können wir nicht mit Bestimmtheit rechnen Alles was uns bleibt sind
einige tausend Taler die Dein Vater und ich bis jetzt von unserer Rente haben
erübrigen können
    Liebe Mama mache Dir meinethalben keine Sorge sagte Fräulein Helene ich
bin in Hamburg nicht verwöhnt und der Luxus mit dem mich hier Deine Liebe
umgeben hat ist mir etwas ganz Neues Ich werde auch mit Wenigem zufrieden und
glücklich sein können  und dann der gute Vater ist ja jetzt Gott sei Dank
wieder so munter und rüstig hat sich von dem Fieberanfall in Hamburg so
auffallend schnell erholt dass wir uns seiner Liebe und Fürsorge gewiss noch
recht lange werden erfreuen können
    Das gebe Gott sagte die Baronin aber ich fürchte wir müssen uns auf das
Schlimmste gefasst machen Der Vater ist keineswegs so rüstig wie Du glaubst Er
kränkelt fortwährend obgleich er es uns so wenig wie möglich merken lässt Der
Hamburger Arzt schilderte mir des Vaters Zustand als sehr bedenklich Sollte er
uns entrissen werden dann würdest Du leider Gelegenheit erhalten die
Stichhaltigkeit Deiner Grundsätze zu erproben Aber mein Kind Du kennst das
Leben nicht Es lässt sich leicht von Armut sprechen wenn man sie nur von
Hörensagen kennt Ich kenne sie aus Erfahrung ich war ein armes Mädchen als
mich Dein Vater heiratete ich weiß was es heißt ein Kleid wenden und wieder
wenden weil man kein Geld hat ein neues zu kaufen ich weiß welchen
tausendfachen Demütigungen ein armes Mädchen von Adel ausgesetzt ist
    Es wird anders und besser kommen als Du denkst teuerste Mama Ich weiß
nicht ist es meine Jugend oder ist es der schöne leuchtende Sommertag  ich
kann unsere Lage nicht in dem trüben Lichte sehen Ich werde  Mich mit einem
reichen und würdigen Mann verheiraten sagte die Baronin mit einem Lächeln das
ihr sehr sonderbar stand
    Aber Mama 
    Ich weiß es wohl dass Du etwas Anderes sagen wolltest meine Tochter Es ist
ein Scherz von mir aus dem hoffentlich ein recht erfreulicher Ernst wird Du
stehst in den Jahren wo es einem jungen Mädchen wohl erlaubt ist in Zucht und
Ehren einem solchen Gedanken in ihrem Herzen Raum zu geben Wohl ihr wenn sie
ihre Wahl auf einen Würdigen lenkt besser noch wenn sie dieselbe ihren Eltern
überlässt die nur ihr Glück wollen und durch die reiche Erfahrung eines langen
Lebens in diesem Bemühen unterstützt werden
    Aber Mama bis dahin hats noch lange Zeit
    Sehr wahrscheinlich mein Kind indessen man kann nicht wissen was der
Himmel über Dich beschlossen hat ihm muss man in diesen wie freilich auch in
den andern Dingen des Lebens Alles anheimstellen  Aber wer ist nur der Mann
welcher dort so lange unbeweglich am Baume steht ich habe meine Lorgnette in
meinem Zimmer gelassen
    Es ist Herr Stein Mama er steht dort schon seit einer halben Stunde
mindestens ich glaube er ist festgewachsen
    Ein wunderlicher Mensch dieser Stein sagte die Baronin Er hat für mich
geradezu etwas Unheimliches Es ist schlechterdings unmöglich aus ihm klug zu
werden Wie gefällt er Dir liebe Helene
    Aber Mama ich habe wirklich noch nicht darüber nachgedacht und bei
solchen Leuten kann doch von Gefallen oder Missfallen kaum die Rede sein Ich
dächte sie wären sich Alle gleich oder wenigstens sind die Unterschiede so
gering dass man sie nicht wohl bemerken kann  der Eine heißt Stein der andere
Timm  das ist doch im Grunde Alles
    Du hast Recht liebe Tochter sagte die Baronin Diese Leute sind Statisten
man sieht sie nur wenn die handelnden Personen einmal abgetreten sind
Glücklicherweise kann ich Dir in allernächster Zukunft eine andere und bessere
Gesellschaft versprechen
    Und die wäre
    Dein Cousin Felix Ich erhielt so eben einen Brief von ihm  der Postbote
ist noch draußen in der Küche Du kannst ihm einen Brief mitgeben wenn Du
vielleicht ein paar Zeilen nach Hamburg schreiben willst  er meldet uns seinen
Besuch auf morgen oder übermorgen an Aber war das nicht Deines Vaters Stimme
Adieu liebes Kind mache Dich zurecht wir wollen etwas früher essen und dann
noch eine Visite bei Plügens machen
    Die Baronin küsste ihre Tochter auf die Stirn und verließ das Zimmer
Fräulein Helene holte eilig den auf die Seite geschobenen Brief wieder hervor
um noch dazu zu schreiben Mama die mich soeben verlässt ist doch wirklich sehr
gut und freundlich zu mir Sie kündigte mir einen Besuch an Cousin Felix der
Lieutenant Es wird wohl durch ihn etwas mehr Leben nach Grenwitz kommen denn
auf Herrn Stein scheint man nicht mehr rechnen zu können Er steht noch immer am
Brunnen Adieu dearest dearest Mary
 
                           Vierundvierzigstes Kapitel
Wer sich für Albert Timm specieller interessierte konnte bemerken dass diesem
Herrn in den letzten Tagen irgend etwas Besonderes zugestoßen sein musste Zwar
ließ sich der schwarze Frack den er jetzt beständig trug die größere
Sorgfalt die er auf seine Toilette verwandte und andere mit seinem äußeren
Menschen geschehene Veränderungen füglich durch die Anwesenheit Fräulein
Helenes und die gehobenere Stimmung welche durch dieselbe in die Gesellschaft
auf Schloss Grenwitz gekommen war erklären aber wie sollte man den Ernst
deuten der jetzt häufig auf seiner weißen Stirn und in seinen hellen blauen
Augen lag wie die Schweigsamkeit zu der er der sonst keine Minute still sein
konnte sich oft auf Stunden verurteilte wie vor allen Dingen den rastlosen
Fleiß mit welchem er jetzt halbe Tage lang über sein Reissbrett gebeugt stand
und zeichnete und tuschte Allerdings hatte Herr Timm während der kurzen
Abwesenheit der Familie nur den harmlosen Freuden eines angenehmen ländlichen
Aufenthaltes gelebt bis zu dem Augenblicke wo er von einer plötzlichen
Anwandlung von Fleiß ergriffen in die Registratur ging die alten Flurkarten zu
holen und bei dieser Gelegenheit ein kleines mit einem rotseidenen Faden
zusammengebundenes Packet Briefe fand in deren Lektüre er durch das Rollen des
Wagens welcher die Familie Grenwitz so unverhofft zurückbrachte gestört wurde
Indessen es war ganz gegen Alberts Natur über einen Müßiggang dem er sich
längere oder kürzere Zeit hingegeben Reue zu empfinden und überdies arbeitete
er so schnell und gewandt dass es ihm ein Kleines war auch größere Versäumnisse
in sehr kurzer Zeit nachzuholen Die Flurkarten die neuen oder die alten waren
es sicher nicht über denen er sich den Kopf zerbrach Davon würde man sich
überzeugt haben wenn man an dem Nachmittage einen Blick in sein Zimmer geworfen
hätte das er sehr gegen seine Gewohnheit hinter sich abgeschlossen
    Herr Timm saß auf dem kleinen Sopha in seiner Stube ein Bein
untergeschlagen den Kopf in die Hand gestützt und aus seiner Zigarre mächtige
Wolken blasend offenbar in tiefes Nachdenken verloren Neben ihm auf dem Sopha
lagen die Briefe die er in dem Repositorium der Registratur gefunden Es waren
ihrer nicht viele alle von derselben zierlichen Hand auf ziemlich graues Papier
geschrieben wie man es noch vor einigen Jahrzehnten ganz allgemein selbst zu
Briefen benutzte Die Briefe mussten wohl dieses Alter haben denn die Tinte war
ganz vergilbt und konnte so einigermaßen das Datum ersetzen das in sämtlichen
Briefen fehlte
    Es muss sich etwas mit diesen Briefen anfangen lassen sagte Albert leise
mit sich selbst redend ich weiß nur nicht gleich was Wenn es mir gelänge die
Antworten dazu zu finden so müsste es doch mit dem Teufel zugehen wenn ein so
schlauer Kopf wie der meine dem großen Geheimnis nicht bis in seine
verborgenste Höhle nachspürte Auf der richtigen Spur denke ich bin ich schon
jetzt Dass Mutter und Kind gestorben sein sollten ist so unwahrscheinlich wie
möglich Die Marie war allem Anschein nach ein wahres Kernmädel und das bisschen
Jammer und Kummer wird ihr das Herz schon nicht gebrochen haben Das Kind aber
aus dieser wilden Ehe hat sich jedenfalls des legitimen Vorrechts aller
illegitimen Sprösslinge weniger hoch als wohlgeboren zu sein zu erfreuen
gehabt Die Mutter also oder das Kind oder Beide leben noch Leben sie aber 
und ich wünsche und hoffe es  so wissen sie entweder nichts von dem kostbaren
Kodicill zum Testamente des seligen Bruder Lüderlich oder sie sind davon
unterrichtet In dem letzteren Fall der nicht sehr wahrscheinlich ist  denn
vor einer so fetten gebratenen Taube den Mund zu verschließen überstiege doch
Alles was ich von menschlicher Dummheit bis jetzt gehört und gesehen habe und
das will sehr viel sagen  müsste man sie zu bestimmen suchen von ihrem guten
Rechte Gebrauch zu machen in dem ersten Fall dem bei weitem
wahrscheinlicheren müsste man ihrer erbarmungswürdigen Unwissenheit freundlichst
zu Hilfe kommen in jedem Falle  und da liegt der Hase im Pfeffer  müsste man
erst wissen wo sie denn überhaupt zur Zeit sich befinden Dass sie sich in
allzugrosser Nähe einen Zufluchtsort gesucht haben sollten ist nicht wohl
anzunehmen Denn einmal würde sie Harald der jedenfalls kein Mittel unbenutzt
ließ und das Geld nicht schonte nach der Flucht gefunden haben zweitens
pflegen die Leute bei solchen Gelegenheiten so weit zu laufen als es irgend
möglich ist und drittens scheint dieser Monsieur dEstein ein viel zu schlauer
Fuchs gewesen zu sein um sich vor dem Löwen der ihm auf der Fährte war nicht
sicher mit seinem Täubchen zu verstecken Überhaupt ist dieser Monsieur eine
sehr irrationale Größe die sich in meiner Rechnung als ein äußerst störender
Factor erweist Wenn er nicht bald nachher gestorben ist so hat er jedenfalls
noch viel Unsinn angerichtet vielleicht gar die kleine Marie geheiratet das
Kind adoptirt und die Beiden zurück nach Frankreich oder nach Amerika oder
sonst wohin geführt wo für mich die Welt mit Brettern zugenagelt ist und mir
so den ganzen Spaß verdorben Das wäre schändlich denn die Geschichte könnte
wirklich über alle Begriffe spaßhaft werden Ich möchte wohl die Gesichter von
den Beiden sehen wenn ich vor sie träte und sagte meine armen Schelme was
gebt Ihr mir wenn ich Euch zu einem hübschen Vermögen von einigen
hunderttausend Tälerchen verhelfe oder auch  und das wäre nicht minder
bequem ja vielleicht ein gut Teil bequemer  wenn ich mich eines schönen
Nachmittags bei der guten AnnaMaria introducirte und sagte Entschuldigen Sie
meine Gnädigste wenn ich störe aber ich habe  unter den Papieren meines
Vaters der wie Sie wissen mit Ihrem verstorbenen Vetter Harald in
Geschäftsverbindung stand gewisse Papiere aufgefunden die mich in den Stand
gesetzt haben die rechtmäßigen Besitzer von Stantow und Bärwalde mit Gewissheit
angeben zu können Mein Rechtlichkeitsgefühl und die specielle Verehrung die
ich für Sie und Ihr Fräulein Tochter empfinde liegen sich nun sehr bedeutend in
den Haaren Das erstere befiehlt mir von meiner Entdeckung den
pflichtschuldigen Gebrauch zu machen die letztere heißt mich die Sache zu
vertuschen Wie wär es hochverehrte Frau wenn Sie meiner vollkommen
uneigennützigen Verehrung mit einigen tausend Talern die ich auf Ehre sehr
notwendig brauche zu Hilfe kämen
    Dieser Gedanke schien für Herrn Timm etwas Begeisterndes zu haben Er sprang
vom Sopha auf und ging mit raschen Schritten lebhaft gesticulirend in seinem
Gemache auf und ab Das könnte eine wahre Schatzgrube für mich werden murmelte
er ich wollte das stolze Weib ängstigen dass ihre großen grauen Augen noch
einmal so groß würden ich wollte ihr Daumschrauben ansetzen und jedesmal wenn
ich Geld brauchte die Schraube etwas fester anziehen Sie würde Alles und Jedes
tun ehe sie es auf einen Prozess ankommen ließe Dann wäre ich so ein Stück von
Herr im Hause dann könnte ich die Narrenmaske fallen lassen und mich einmal in
meiner wahren Gestalt zeigen Dann könnte ich bestimmen wen Fräulein Helene
heiraten soll ja könnte sie selber heiraten wenn ich wollte und jedenfalls
der Ankunft meines guten Freundes Felix die mir die gute AnnaMaria in allem
Vertrauen mitteilte mit aller Ruhe entgegen sehen Zwar bin ich auch so nicht
besonders unruhig darüber denn Freund Felix war der würdige Schüler seines
Meisters und schlug die Bolte nicht schlechter als ich und wenn ihn sein alter
Adel nicht geschützt hätte so wäre es ihm wahrscheinlich nicht besser ergangen
So freilich kam der Fähndrich Baron Felix von Grenwitz mit einer Warnung davon
und der Fähndrich Albert Timm musste springen Ich bin doch neugierig auf unser
Wiedersehen Vielleicht kennt er mich nicht mehr vielleicht wird er versuchen
den unbequemen Gast möglichst bald aus dem Hause und sich aus den Augen zu
schaffen Ha wie sollte das Blatt sich wenden wenn diese verdammten Briefe
nicht so frauenzimmermässig gerade über die wichtigsten Punkte flüchtig
weghuschten
    Albert setzte sich wieder auf das Sopha und begann die Briefe obgleich er
sie jetzt schon so ziemlich auswendig wusste noch einmal der Reihe nach  er
hatte sie sorgfältig numerirt  zu lesen
Nr 1 Mein Herr Ich kenne Sie nicht und wenn Sie derselbe sind der sich vor
einigen Wochen im Tiergarten so unaufgefordert in die Unterhaltung mischte die
ich mit meinem Begleiter führte und sich von dem letzteren eine so derbe
Zurechtweisung zuzog derselbe der mich jetzt allabendlich wenn ich aus dem
Geschäft nach Hause gehe verfolgt  so werden Sie es begreiflich finden dass
ich sehr wenig Lust verspüre Sie kennen zu lernen Ich bitte verschonen Sie
mich mit Ihren Zudringlichkeiten zu welchen ich vor allem auch Ihre Briefe
rechne Ich würde diesen wie die andern unbeantwortet gelassen haben wenn ich
nicht fürchtete durch fortgesetztes Schweigen Ihre Kühnheit zu begünstigen
Sollte es wirklich Männer geben welche der directen Bitte einer Frau und noch
dazu einer unbeschützten und schutzlosen Frau wiederstehen können
                                                                 Marie Montbert
Nr 2 Mein Herr Sie scheinen allerdings die Wege zu kennen durch die man sich
die Verzeihung einer Frau die man beleidigt hat gewinnt  Welches auch die
Motive waren von denen Sie bei Ihrer Handlung geleitet wurden  Sie haben viel
Tränen getrocknet Sie haben eine ganze Familie von der Verzweiflung gerettet
Ich selbst konnte nichts mehr für meine armen Landsleute tun  als nur Gott
bitten ihnen einen Retter zu senden Er hat Sie gesandt Beweisen Sie sich
dieser Gnade würdig Bedenken Sie dass wer Lohn begehrt seinen Lohn dahin hat
und lassen Sie nicht Ihre Linke wissen was Ihre Rechte tat
                             Ihre ergebene Dienerin
                                                                 Marie Montbert
Nr 3 Was wissen Sie von dem Schicksal meines Vaters um Gotteswillen mein
Herr spielen Sie nicht mit dem Herzen eines Kindes Sie wollen von einem Obrist
der großen Armee in dessen Regiment er den Feldzug nach Russland mitmachte ganz
genaue Einzelnheiten über ihn während der Kampagne und die näheren Umstände bei
seinem Tode kurz vor dem Übergang über die Beresina erfahren haben Es klingt
dies Alles so unwahrscheinlich  und doch woher könnten Sie es wissen wenn
nicht aus sicherer Quelle  auch der Name des Obristen wie ich aus Briefen
meines Vaters an meine Mutter ersehe stimmt Ich weiß nicht was ich glauben
soll  aber weshalb mir diese Mitteilungen die ich gestehe es von
unendlichem Wert für mich sind nicht in meiner Wohnung  ich will sagen in
der Wohnung der guten Frau die bei mir seit langen Jahren Mutterstelle
vertritt Weshalb dieses geheimnisvolle Rendezvous Weshalb ein Kind das
Nachricht von dem Tode seines Vaters erwartet zwingen einen Schritt zu tun
den dieser Vater wenn er lebte niemals billigen würde Ich werde nicht umsonst
an Ihr Herz appeliren ich weiß dass es der Großmut fähig ist
    Meine Wohnung ist Marienstrasse 21 Wenn Sie die drei engen Treppen nicht
scheuen so werde ich morgen Sonntag zwischen 10 und 12 Uhr zu Ihrem Empfang
bereit sein
                            Ihre ergebenste Dienerin
                                                                 Marie Montbert
Nr 4 Sie bestehen auf dem Rendezvous das wie Sie sagen durchaus kein
geheimnisvolles sei denn es fände auf offener Straße an einem der lebhaftesten
Punkte der Stadt und zu einer Zeit wo die Straßen noch von Fussgängern
schwärmten statt Sie wollen mir die Gründe die Sie bestimmen meinen Wunsch
»so schmerzlich es Ihnen auch sei« nicht zu erfüllen selbst sagen und Sie
schwören mir ich werde diese Gründe wenn ich sie erfahren billigen Sind Sie
dessen so gewiss  Aber freilich Sie sind der Geber  ich die Empfängerin  ich
muss mich wohl Ihren Wünschen fügen dass Sie mich täuschen wollten will ich
kann ich nicht denken Sie sind einmal so großmütig gegen Arme und Hülflose
gewesen Sie können das andere Mal gegen ein armes hülfloses Mädchen nicht so
ungrossmütig sein
                                                                            MM
Nr 5 Herr Baron Nochmals meinen innigsten herzlichsten Dank Dank auch für
die Zartheit mit welcher Sie Alles eingeleitet hatten Wie bitter Unrecht habe
ich Ihnen getan Aber konnte ich ahnen dass Sie mich dem Herrn Obristen von St
Cyr selbst bekannt machen würden dass ich aus dem Munde dieses Veteranen in
meiner geliebten Muttersprache den Heldentod meines Vaters sollte erzählen
hören Sie wollten nicht dass der Obrist die Tochter eines Helden den letzten
Spross einer einst reich begüterten angesehenen Familie in so dürftigen
Verhältnissen fände Sie wollten mir die Verlegenheit ersparen den Grafen von
St Cyr und den Baron von Grenwitz in einer Dachkammer zu empfangen Sie zogen
es vor mich als Erzieherin in einer Ihnen nahe verwandten Familie vorzustellen
 und es war am Ende recht und billig dass ich in Ihrer Gesellschaft den kranken
und von der Reise angegriffenen alten Herrn in seinem Hotel aufsuchte Nochmals
vielen vielen Dank auch dafür dass Sie auf dem langen Rückweg vom Hotel bis zu
meiner Wohnung den frischen Schmerz durch ein Schweigen ehrten das Ihnen bei
Ihrem lebhaften Naturell gewiss nicht leicht geworden ist Wodurch habe ich denn
nur das Interesse welches Sie an meinem Schicksal nehmen verdient Ich bin
doch wahrlich recht unartig und unfreundlich gegen Sie gewesen Sie fragten mich
zuletzt ob ich jetzt glaube dass Sie es gut mit mir meinen Dieser Brief mag
Ihnen darauf Antwort geben Sie verlassen morgen die Stadt  reisen Sie
glücklich und lassen Sie sich durch die beifolgende kleine Arbeit  ich habe
sie in dieser Nacht gefertigt  manchmal erinnern an
Ihre
dankbare
Marie Montbert
Nun ist das Püppchen geknetet und zugerichtet sagte Albert der mit einem gar
seltsamen und unheimlichen Eifer  wie ein Beschwörer der die Recepte eines
Nebenbuhlers in der schwarzen Kunst studiert  die schon mehrmals gelesenen
Briefe wieder las Dieser Harald das muss man ihm lassen  war der richtige
Rattenfänger Ich möchte nur wissen was für eine Sorte von Obrist das gewesen
sein mag der dem dummen Dinge das Märchen von der Beresina aufband Vielleicht
der Teufel Oberster jedenfalls einer seiner Helfershelfer  die Sache muss dem
braven Harald ein schmähliches Geld gekostet haben Indessen es wurde
zweckmäßige vertan denn in Nr 6 hat er schon sehr bedeutende Progressen
gemacht
Nr 6 Kaum kann ich zu mir selbst kommen Sie wieder hier um meinetwillen
hier weil die Sehnsucht nach mir Ihnen keine Ruhe ließ Mein Gott mein Gott
wohin soll dies führen Sie sind ein reicher Edelmann  ich bin ein blutarmes
Mädchen das mögen meine Ahnen gewesen sein wer sie wollten  mit seiner Hände
Arbeit sich das tägliche Brod verdient Meine Vernunft sagt mir dass aus dem
Allen für mich nur Unglück über Unglück erfolgen kann dass ich Sie fliehen muss 
ich weiß nicht was ich Ihnen gestern gesagt was ich Ihnen versprochen habe 
geben Sie mir mein Wort zurück Ich kann Sie heute  ich darf Sie nie nie
wieder sehen Ich beschwöre Sie reisen Sie wieder ab Sie müssen es wenn Sie
mich wirklich lieben Leben Sie wohl viel tausendmal
Ihre
Marie
Was so ein acht Tage Abwesenheit nicht Alles bewirken können sagte Albert sich
die Zigarre die ihm in dem Eifer des Lesens ausgegangen war wieder anzündend
Ihre Marie ausgezeichnet wie sich der biedere Harald wohl ins Fäustchen
gelacht haben mag als er diese tränenreiche Epistel  denn hier sind noch die
Spuren davon  las Aber weiter
Nr 7 Nehmen Sie den köstlichen Schmuck den heute ein unbekannter Mann für
mich abgegeben hat wieder Womit habe ich es verdient dass Sie so niedrig von
mir denken Dass ich Sie liebe liebe trotzdem meine Vernunft mir deshalb die
entsetzlichsten Vorwürfe macht Sie wissen es ich habe es nicht länger vor
Ihnen verbergen können verbergen wollen aber weshalb mir nicht wenigstens den
Trost lassen dass diese meine Liebe rein von jedem unedlen Nebengedanken ist
Diese kostbaren Rubinen dieses rote Gold  es brennt in meiner Hand wie
glühende Kohlen  lassen Sie mich wie Sie mich fanden Wenn das arme
schmucklose Mädchen Ihre Liebe gewinnen konnte so sehen Sie ja selbst dass
Armut und Dürftigkeit sich recht gut mit Liebe verträgt
                                                                            MM
Sehr hübsch gesagt äußerte Albert diesen Brief zu den andern legend aber doch
sehr dumm Armut und Liebe vertragen sich gerade so gut wie Wasser und Feuer
Ich möchte die feurige Liebe kennen die nicht ausginge wenn ihr ein Eimer
Armut über den Kopf geschüttet wird Pah das muss ich besser wissen Ich
glaube ich wäre albern genug die kleine Marguerite zu heiraten wenn ich ein
Mann in Amt und Würden mit vom Staat garantirter guter Beköstigung wäre aber da
ich nichts weiter bin als ein armer Teufel mit einem famosen Appetit und
wahrem PatentMagen so wäre es doch reiner Selbstmord wollte ich die schon
knapp genug zugemessene tägliche Ration noch mit einem Andern teilen Liebe
Unsinn Liebe ist höchstens ein ganz wünschenswertes Dessert zum Diner des
Lebens Ein gutes Diner ohne Dessert  bon ein Diner mit Dessert  noch besser
aber ein Dessert ohne Diner  nun für Frauenzimmer mag auch das genügen aber
mit meiner Konstitution verträgt es sich nicht Ob die gute Marie wenn sie noch
lebt wie ich sehr stark hoffe jetzt nicht doch manchmal beklagt dass sie die
kostbaren Rubinen und das rote Gold anderen jungen Damen die es weniger
verdienten zugewandt hat Im nächsten Brief wird die tugendhafte kleine Person
sogar ganz übermütig
Nr 8 Sieh sieh mein Lieber also auch eifersüchtig können Sie sein wer
hätte dem Baron Harald von Grenwitz solche bürgerliche Schwäche zugetraut Ich
soll eine andere Wohnung beziehen weshalb Damit ich im Winter nicht vor Frost
und im Sommer vor Hitze umkomme nicht alle Tage ein paar Mal Gefahr laufe mir
auf den engen steilen Treppen den Hals zu brechen bewahre nur weil die Madame
Schwarz bei der ich wohne dem gnädigen Herrn nicht gefällt und weil der
gnädige Herr in Erfahrung gebracht hat dass ein junger Franzose ein Monsieur
dEstein mit mir auf demselben Flur wohnt dass ich mit besagtem Monsieur auf
einem vertrauten Fuße stehe ja mit demselben selbst des Abends spät Arm in
Arm auf der Straße gesehen worden bin Entsetzlich Aber im Ernst teuerster
Harald Sie haben wahrlich keine Ursache sich zu beklagen Die Madame Schwarz
ist eine sehr ehrbare ausgezeichnete Frau der ich unsäglich viel verdanke und
die so lange ich denken kann eine Mutter für mich gewesen ist und was
Monsieur dEstein anbetrifft so wird Ihre Eifersucht sich wohl wieder schlafen
legen wenn ich Ihnen sage dass es derselbe kleine ältliche Herr ist an dessen
Arm Sie mich zum ersten Mal im Tiergarten sahen Monsieur dEstein könnte den
Jahren nach mein Vater sein wie er denn auch der Freund meines Vaters war Er
stammt wie wir aus einer Familie französischer Refugiés und wäre wohl schon
längst in das geliebte Land seiner Väter zurückgekehrt da er hier gar keine
Verwandte ja nicht einmal Freunde hat wenn er nicht fürchten müsste dort wo
alle Welt die Sprache spricht in der er hier Unterricht erteilt Hungers zu
sterben Er ist sehr wunderlich aber das bravste Herz von der Welt Er würde
für mich durchs Feuer gehen und au désespoir sein wenn er nur die leiseste
Ahnung von unserem Verhältnisse hätte  Dies Alles würde ich Ihnen schon
gestern Abend gesagt haben aber ich wollte einmal sehen ob Sie auch
Widerspruch vertragen könnten Sind Sie jetzt zufrieden
                                                    A revoir monsieur le Baron
                                                    Votre trèsméchante Marie M
Dies ist die einzige Notiz über diesen Monsieur dEstein sagte Albert den
Brief auf den Schoss sinken lassend und nachdenkliche Wolken aus seiner Zigarre
blasend ohne Zweifel derselbe welcher in der Erzählung der Alten als
Schacherjude wieder auftritt um das Terrain vorläufig zu recognosciren und
hernach die Entführung der bedrängten Unschuld bewerkstelligt Ich fürchte es
sind hier einige Briefe verloren gegangen denn als der nächstfolgende
geschrieben wurde waren die Affairen schon sehr weit gediehen
Nr 9 So eben erhalte ich den  was soll ich es verschweigen  längst
erwarteten Brief Ihrer Frau Tante Sie schreibt mir mit zitternder aber doch
leserlicher Hand dass sie das Lebensglück ihres geliebten Grossneffen höher
stelle als die Ruhe der wenigen Tage die sie noch zu leben habe ja dass sie
sich freue eine so dringende Veranlassung zu haben nach dem Stammsitz ihrer
Väter dem Orte ihrer Geburt wo sie denn nun auch zu sterben gedenke eine
Reise die letzte vor der großen Reise anzutreten Sie werde am 13 von St
abreisen und bereits vor mir in Grenwitz angekommen sein »da Sie ein
têteàtête mit meinem wilden Neffen so sehr fürchten liebes Kind«  Ich kann
nicht sagen wie unaussprechlich mich so viel Güte und Liebe rührt wie dankbar
ich der alten herrlichen Dame bin wie ich mich freue ihr die welken lieben
Hände zu küssen Ja Harald wenn sie die Greisin die Aelteste Deines
ritterlichen Geschlechts mich Deiner würdig gefunden hat wenn sie unsere Liebe
segnet dann will ich mit tausend Freuden die Deine sein Nur eines schmerzt
mich dass ich bei Nacht und Nebel wie ein Dieb von hier von der Frau die ich
wie eine Mutter liebe von dem Manne der mir Vater und Bruder gewesen ist
fortschleichen soll Und doch  es geht nicht anders Du hast recht sie würden
mir den Abschied nur noch schwerer machen sie würden das Ganze ein romantisches
Abenteuer schelten Sie kennen Dich ja nicht Sie wissen ja nicht wie treu und
gut Du bist Aber Lebewohl darf ich ihnen doch wenigstens schriftlich sagen
ihnen in ein paar Worten für alle Güte und Liebe danken und sie über den
Schmerz den ich ihnen jetzt bereiten muss auf eine fröhliche Zukunft
vertrösten Ach wäre diese Zukunft doch erst Gegenwart Ihr neuer Kammerdiener
der mir übrigens viel weniger gefällt als der alte mit dem treuen ehrlichen
Gesicht meldete mir gestern Abend dass alle Vorbereitungen auf übermorgen früh
getroffen seien Es ist mir lieb dass ich in Ihrer Equipage und in Begleitung
Ihrer Leute fahren soll der Gedanke einer so weiten Reise hat so viel weniger
Peinliches für mich Auf baldiges köstliches Wiedersehen Du Vielgeliebter
                                                                            MM
Nun ist das Vögelchen ins Garn gegangen sagte Albert diesen Brief den
letzten zu den andern legend und alle wieder sorgfältig mit dem rotseidenen
Bande zusammenbindend das Übrige könnte man sich zur Not denken wenn man es
nicht aus der langen Geschichte der alten Hexe der guten Freundin meines
ausgezeichneten Freundes Stein wüsste Ich glaube die Alte könnte noch mehr
erzählen wenn sie wollte Ich muss mir ihre Gunst zu erwerben suchen und mir
freien Zutritt in ihre Salons verschaffen Sollte sie nicht noch Manches aus dem
Nachlasse von Fräulein Unschuld in ihrem Besitz haben das zu weiteren
Entdeckungen führen könnte Die Kleine hat jedenfalls bei der eiligen
nächtlichen Flucht ihre Kisten und Kasten nicht so sorgfältig ausgekramt und
die Alte eine gute Nachlese an Bändern Strümpfen Schuhen und warum nicht auch
Briefen gehalten Das Alles mag in sicherer Ruhe in der großen hölzernen Lade
auf der ich mir an jenem Nachmittag die Rippen wund gelegen habe seiner
Auferstehung entgegensehen Das ist ein Gedanke
    Albert war aufgestanden und hatte sich vor den Spiegel gestellt um zu
sehen wie sich ein so geistreicher Kopf denn eigentlich ausnehme Das ist ein
Gedanke und er warf seinem Spiegelbilde eine Kusshand zu welche dieses in
Anbetracht der Vortrefflichkeit des Originals freundlich erwiderte  ein ganz
famoser Gedanke den ich ausführen muss es koste was es wolle Vielleicht war
der Schacherjude ein wirklicher rechter Israeliter und Abgesandter des Monsieur
dEstein vielleicht hat er der Kleinen nur einen Brief überbracht in welchem
der Plan der Flucht entworfen war und dieser Brief fände sich und mit dem
Briefe in der Hand könnte man der Flüchtigen auf die Spur kommen
    Herr Timm hielt plötzlich in seinem Monologe inne und sein Gesicht
verdüsterte sich Verdammt murmelte er nun fehlt es wieder am Besten an dem
nervus rerum an der Wünschelrute mit der ich den Schatz heben könnte
Offenbar werde ich zur Erreichung meines Zweckes einige Reisen machen müssen
zum Mindesten in die Residenz um Marienstrasse No 21 drei Treppen hoch im Hofe
gewisse Erkundigungen anzustellen aber Reisen kosten Geld und mein actives
Vermögen besteht jetzt aus 5 Silbergroschen von denen einer glaube ich nicht
einmal echt ist Ich muss eine Zwangsanleihe bei der kleinen Marguerite machen
Es geht wahrlich nicht anders Ich wollte es ja auch neulich schon als
plötzlich die interessante Familie wieder einrückte und unserem idyllischen
Leben ein Ende machte Freilich diese verdammten Karten müssen erst fertig
sonst lässt mich AnnaMaria nicht aus ihren Klauen Ich muss schon in den sauren
Apfel beißen
    Und Herr Timm zündete sich eine frische Zigarre an entriegelte die Tür
beugte sich über sein Reissbrett und zeichnete mit einem Eifer als ob er in der
Welt keine anderen Pläne kenne als die mit welcher sich ein tüchtiger Geometer
von Berufswegen abgeben muss
 
                           Fünfundvierzigstes Kapitel
Baron Felix war angekommen  mitten in der Nacht Er war bei guter Zeit von dem
Fährdorfe in seinem eigenen Wagen aufgebrochen als es dem Kammerdiener schwer
aufs Herz fiel der Toilettenkasten seines Herrn möchte sich nicht bei dem
übrigen Gepäck befinden da er denselben unter die Bank des Bootes zwischen
seine Füße gestellt und wahrscheinlich stehen gelassen hatte Schüchterne
Hindeutung Jeans auf die Möglichkeit dieses Falles  großer Zorn von Seiten des
Barons Felix und Androhung von Ohrfeigen Stockprügeln und Entlassung  auf
offener Landstraße angestellte Nachforschung  schließlich da sich das corpus
delicti wirklich nicht fand Umkehr Leider war unterdessen das Fährboot mit dem
hochwichtigen Kasten unter der Bank bereits abgesegelt Bis es wieder an der
Landungsbrücke anlegte vergingen mehrere Stunden denn es war unterdessen
Windstille eingetreten und die Leute hatten sich mit den schweren Rudern  zur
Verzweiflung des Baron Felix der sie vom Strande aus durch ein Taschentelescop
beobachtete  Zoll um Zoll hinüber arbeiten müssen So war der Abend bereits
tief hereingesunken als der Baron zum zweiten Male  diesmal mit dem Kasten 
von dem Fährdorfe aufbrach Er war in einer fürchterlichen Laune Er hatte
versprochen heute noch auf Grenwitz einzutreffen da er »den Augenblick seine
schöne Kousine zu sehen nicht erwarten könne« Eine Verzögerung seiner Ankunft
konnte ihm leicht übel ausgelegt werden Besser also in tiefer Nacht als gar
nicht kommen Auf der andern Seite aber war eine nächtliche Fahrt durch Wald und
feuchtes Moor  noch dazu in einem offenen Wagen keineswegs nach dem Geschmacke
des jungen ExLieutenants der  jedenfalls in Folge der ungeheuren Strapazen
auf dem Exerzierplatze und bei den Paraden  sehr an Rheumatismus litt und eine
Erkältung wie die Pest fürchtete Er wählte also von den zwei Übeln sich dem
Verdacht der Gleichgültigkeit oder der Gefahr einer Erkältung auszusetzen das
kleinere und drohte nur dass er von der Größe seines Schnupfens morgen früh die
Größe der Strafe für Jeans Nachlässigkeit werde abhängen lassen
    Es war deshalb eine nicht unbedeutende Beruhigung für Jean als sein Herr am
nächsten Morgen man hatte die nächtliche Ruhe des Schlosses so wenig wie
möglich gestört und sich von einem der herausgepochten Bedienten die schon
längst bereit stehenden Zimmer anweisen lassen mit sehr guter Laune erwachte
seinen Kacao wie gewöhnlich im Bett zu trinken begehrte und nachdem er sich halb
hatte ankleiden lassen  die zweite wichtigere Hälfte besorgte er eigenhändig 
ihn fortschickte um Herrn Timm dessen Anwesenheit auf dem Schloss er erfahren
hatte bitten zu lassen ihn auf ein paar Minuten auf seinem Zimmer zu besuchen
    Ah voilà lieber Timm wie geht es Ihnen sagte Baron Felix das letzte Wort
auffallend markirend als der Angeredete bald darauf eintrat Sie entschuldigen
dass ich Ihnen so früh lästig falle aber ich  zum Teufel nun hat der Esel von
Jean wieder heißes statt warmes Wasser gebracht  entschuldigen Sie  Jean
warmes Wasser Nilpferd  nun sagen Sie wie geht es Ihnen lieber Timm freue
mich Sie hier so zufällig zu treffen Wie geht es Ihnen und der Baron streckte
dem Angeredeten einen der Finger seiner linken Hand die er eben abgetrocknet
hatte entgegen
    Danke Baron passabel sagte Albert den dargebotenen Finger sehr flüchtig
mit etwa zwei Fingern seiner Hand berührend ich glaubte schon Sie würden mich
gänzlich vergessen haben
    Bewahre sagte Felix freute mich wie gesagt heute Morgen sehr als Jean
mir die Gesellschaft hier herzählte und ich Ihren Namen hörte Aber wie
gottvoll Sie sich in Civil ausnehmen wirklich gottvoll auf Ehre und Felix
blieb eine Bürste in der einen und einen kleinen Toilettenspiegel in der andern
Hand vor Albert stehen ihn von Kopf bis zu den Füßen wie ein fremdes
merkwürdiges Tier ansehend
    Meinen Sie sagte Albert trocken freut mich kann Ihnen leider das
Kompliment nicht zurückgeben da ich erst die folgenden Stadien Ihrer Toilette
abwarten muss Aber das Eine kann ich Ihnen sagen  jünger sind Sie unterdessen
nicht geworden Haben Sie nicht noch eine Zigarre
    Dort auf dem Tisch sagte Felix in dem Ebenholzkästchen  Sie müssen die
Feder nach unten drücken  nicht jünger geworden aber hoffentlich doch auch
nicht älter ich meine auffallend  zum wenigsten erfreue ich mich wie Sie
sehen noch meiner sämtlichen Zähne und zum mindesten fünf Sechstel meiner
Haare  und Felix bürstete mit unendlichem Wohlgefallen die allerliebsten kurzen
braunen Locken die noch ziemlich üppig seinen wohlgeformten Kopf bedeckten
    Nun mit den Haaren mags noch gehen sagte Albert der jetzt auf einem
Sopha Platz genommen hatte und den vor dem Spiegel eifrig beschäftigten Felix
mit heimlicher Schadenfreude musterte aber wo haben Sie nur alle die Falten in
Ihrem Gesicht her bekommen die scharfe Morgenbeleuchtung ist wirklich nichts
mehr für Sie Ich machte Ihnen früher das Kompliment Sie hätten eine frappante
Ähnlichkeit mit Byron aber jetzt sehen Sie wenigstens wie Byrons Vater aus
Und dann  Sie waren niemals durch Fülle ausgezeichnet jetzt sind Sie auf ein
Minimum reducirt
    Je schlanker desto eleganter meinte Felix und übrigens kommt das wieder
ich wurde in der letzten Zeit etwas knapp gehalten
    Das alte Leiden
    Nun wenigstens eine neue Auflage
    Vermehrt und verbessert
    Es ging noch aber damit ist es jetzt vorbei Wir sind solid geworden wir
werden uns zur Ruhe setzen  wie finden Sie diese Beinkleider ist es nicht eine
geistreiche Kombination des militairischen und des Civilschnitts ganz meine
Erfindung  wir werden heiraten 
    Das sollten Sie bleiben lassen Baron
    Weshalb
    Wenigstens sollten Sie eine ältere verständige Dame heiraten
    Weshalb
    Weil Sie fürchte ich über kurz oder lang doch einer mütterlichen Freundin
bedürftiger sein werden als einer anspruchsvollen jungen Gemahlin
    Pah mon cher ich habe die Ehre aus einer Familie zu stammen in der man
ungestraft lüderlich sein darf Ein bisschen Rheumatismus  das ist das
Äußerste Was sagen Sie zu diesem Rock
    Gar nichts Sie wissen ich war nie ein Kenner in diesen Dingen
    Freilich Sie waren stets das unsaubere Gefäß in welches sich die Schale
des Zorns unseres guten Obristen leerte Wissen Sie dass sich der arme Teufel
erschossen hat
    Nein weshalb
    Weil er die Schande nicht hat überleben wollen dass bei der letzten großen
Parade die zweite Kompagnie mit Tuchhosen statt mit weißen Hosen angerückt kam
und er deshalb vom Kommandirenden ob dieser »Schweinerei« einen fürchterlichen
Rüffel besah
    Gott hab ihn selig
    Amen Apropos wie lange sind Sie denn schon hier auf Grenwitz ich höre
seit Wochen da müssen Sie die Gesellschaft ja aus und inwendig kennen Ja was
ich eigentlich wissen wollte Wie befindet sich denn mein würdiger Onkel und
meine vortreffliche Frau Tante und wie hat sich denn meine Kousine  haben Sie
schon eine solche Uhr gesehen doppelter Secundenzeiger  der Zeiger oben zeigt
Monat und Datum  direkt aus London  ich glaube es ist die erste die auf dem
Kontinent getragen wird Apropos wer kann denn heute Nacht das hübsche
schwarzäugige kleine Ding gewesen sein das wir auch aufgestört hatten und das
im allerliebsten Nachtcostüm über den Flur huschte  es schien eine Art
Wirtschafterin oder dergleichen Ihr habt doch weiter keinen Besuch auf dem
Schloss
    Nein 
    Also ganz en famille Wollen Sie gefälligst die Klingel über Ihrem Kopfe
ziehen Ich dächte ich sähe heute ganz ausnehmend wohl aus  Jean habe ich Dir
nicht gesagt Kameel dass Du diesen Rock hier nicht tragen sollst  gleich zieh
den neuen an und dann geh und frage bei der gnädigen Herrschaft an ob ich
jetzt meine Aufwartung machen dürfe
    Die Frau Baronin haben schon zweimal nach dem Herrn Baron gefragt
    Nun dann sag ich würde gleich kommen  A revoir lieber Timm ich hoffe
Sie an der Mittagstafel zu sehen  und Felix warf noch einen letzten Blick in
den Spiegel goss etwas Eau de Kologne auf sein weißes Taschentuch und schritt
durch die Tür welche ihm Jean öffnete davon ohne sich weiter nach Albert
der ihm auf dem Fuße folgte umzusehen
    Dieser schaute dem Enteilenden mit einem höhnischen Lächeln auf den schmalen
seinen Lippen nach lieber Timm murmelte er ich will Dir den lieben Timm und
das Sie anstreichen Du Affe
    Es war am Abend desselben Tages Man hatte so eben die Mahlzeit die bei
gutem Wetter jetzt stets auf der Terasse eingenommen wurde beendet und
bereitete sich zu einem gemeinschaftlichen Spaziergange den man auf den
Vorschlag der Baronin durch den Buchwald nach dem Strande machen wollte Oswald
hätte sich ausschließen mögen da ihm in seiner augenblicklichen Stimmung die
Gesellschaft peinlich war aber Felix der ein großes Gefallen an dem
schweigsamen ernsten Mann zu finden schien hatte ihn so lange gebeten kein
Störenfried und Spielverderber zu sein dass er sich endlich zu Brunos großer
Freude zum Mitgehen entschloss So brach man denn auf und gelangte bald in den
schönen Wald wo in den grünen Zweigen noch die roten Abendlichter spielten und
die Vögel sangen Felix hatte der Baronin den Arm gegeben Fräulein Helene ging
an ihres Vaters Seite Oswald Albert und die Knaben und Mademoiselle Marguerite
gingen voran oder folgten bald einzeln bald paarweise wie der schmale Waldweg
es eben erlaubte Felix den sein Arzt besonders vor Erkältung gewarnt hatte
fand es im Wald doch kühler und feuchter als er vermutet und er wünschte im
Stillen sehnlichst dass die Partie sich nicht zu sehr in die Länge ziehen
möchte Indessen hielt er es natürlich für geratener seinen geheimen Wünschen
keine Worte zu leihen sondern dem reizenden Einfall »dieses romantischen
Spazierganges« ein Kompliment zu machen
    Es freut mich wenn ich damit Ihrem Geschmack entsprochen habe lieber
Felix sagte AnnaMaria ich gestehe ich hätte Ihnen so viel Sinn für die
einfachen Freuden das Landlebens nicht zugetraut Wie gut trifft es sich dass
auch Helene diesen Geschmack teilt Ihr werdet einmal ein recht verständiges
solides Leben führen wie es sich für Eure Verhältnisse schickt
    Nun meine Verhältnisse liebe Tante 
    Werden sich bessern ich bin davon überzeugt aber Sie werden viel zu tun
haben lieber Felix bis Sie ganz frei aufatmen können Wie lange hat es
gedauert bis selbst wir nur die allergrössten Hindernisse aus dem Wege geräumt
hatten und von einer wirklichen Beherrschung der Situation können wir erst in
ein paar Jahren sprechen wenn Stantow und Bärwalde uns hoffentlich nicht mehr
länger vorenthalten werden können und die übrigen Güter in neuen und ich denke
besseren Pacht kommen Sie sollten Ihre Güter auch neu vermessen lassen lieber
Felix Sie finden in Timm einen fleißigen und geschickten Arbeiter Ich bin ganz
überrascht dass Sie den jungen Mann schon von früher her kennen von der
Kadettenschule nicht wahr
    Ja liebe Tante er war ein großer 
    Liebling  ich glaube es gern ist er es doch auch hier bei uns Allen
    Das wollte ich nun eigentlich nicht sagen versetzte Felix lachend indessen
man hatte ihn allerdings im Allgemeinen sehr gern Er war der unermüdlichste
Spassmacher und wenn es sich um einen Geniestreich handelte so stand er sicher
an der Spitze Indessen man tut gut ihm den Daumen etwas aufs Auge zu
halten er gehört zu den Leuten die wenn man ihnen den kleinen Finger gibt
die ganze Hand nehmen
    In der Tat! sagte AnnaMaria die Augenbrauen in die Höhe ziehend ich habe
den jungen Menschen bis jetzt stets für die Bescheidenheit selbst gehalten für
viel bescheidener als etwa unsern Herrn Stein
    Wirklich meinte Felix ich hätte nun gerade gedacht dass Herr Stein sich
seiner Stellung vollkommen bewusst ist
    Nun Sie werden ihn noch näher kennen lernen Er ist einer der arrogantesten
Menschen seines Standes die mir je vorgekommen sind
    Wir wollen ihm das austreiben sagte Felix seinen äußerst winzigen
Schnurrbart drehend mit solchen Leuten muss man kurzen Prozess machen Ich kenne
das Diese Leute sind sich alle gleich Sobald sie merken dass wir sein wollen
was wir von Rechtswegen sind  die Herren im Staat und im Haus  kriechen sie zu
Kreuz Sie werden nur übermütig durch unsere Schuld Man muss sie fortwährend in
dem Bewusstsein ihrer Stellung halten Sie sind zu gut gegen den Menschen
gewesen das ist Alles Ich wunderte mich offen gestanden schon heute Mittag
mit welcher Nachsicht sich Fräulein Helene seine Zurechtweisung  ich weiß nicht
mehr um was es sich handelte  gefallen ließ
    Nun Helene ist sonst nicht gerade seine Freundin wie sie denn überhaupt
eine wahrhaft aristokratische Antipathie gegen alles Plebejische hat Nähren Sie
diese Grundsätze ja ich glaube Sie werden so den nächsten Weg zu ihrem Herzen
finden
    Nun ich denke dieser Weg wird ja wohl nicht so übermäßig schwer zu
entdecken sein sagte Felix mit selbstgefälligem Lächeln ich habe einige
Erfahrung in diesem Kapitel ma chère tante
    Die Sie in diesem Falle brauchen werden lieber Felix Helene ist ein sehr
eigentümlicher schwer zu berechnender Charakter Ich gestehe dass ich noch
nicht gewagt habe ihr unser Project offen darzulegen Ich wollte erst die
Wirkung abwarten die Sie ohne Zweifel auf ihr Herz hervorbringen werden Sie
haben hier die beste Gelegenheit sich ihr in dem liebenswürdigsten Lichte zu
zeigen ja nicht einmal einen Nebenbuhler haben Sie zu fürchten Wir leben sehr
zurückgezogen und ich werde mit Eifersucht darüber wachen dass diese
Zurückgezogenheit auch während Ihres Aufenthaltes so wenig wie möglich gestört
wird
    Verzeihen Sie liebe Tante wenn ich in diesem Punkte anderer Meinung bin
sagte Felix ich müsste mir wahrlich mein teures Lehrgeld wiedergeben lassen
wenn ich den Vergleich mit den jungen Standesgenossen hier auf dem Lande scheuen
zu müssen glaubte Im Gegenteil Jeder den ich aus dem Sattel hebe ist ein
Schritt näher zu meinem Ziele wenn es denn wirklich so sehr weit gesteckt sein
sollte Nein bitten Sie so viel Gesellschaft wie möglich Machen Sie meine und
Helenens Anwesenheit zu einer Veranlassung kleine Diners Soupers Tees zu
geben und hernach fassen wir Alles in einen großen Ball zusammen auf welchem
dann unsere Verlobung der ganzen Gesellschaft mitgeteilt wird die dann
natürlich über ein Ereignis das sie seit Wochen erwartet hat in ein obligates
Staunen gerät
    Sie sind kühn lieber Felix sagte die Baronin der diese Methode auch der
Kopfspieligkeit wegen nur halb gefiel
    Wozu hätte ich denn sonst des Königs Rock so lange Jahre getragen
erwiderte Felix seiner Tante galant die Hand küssend
    Während dessen von der Baronin und Felix so ruhig über Helenes Schicksal
debattirt wurde hatte zwischen dieser und ihrem Vater ein Gespräch
stattgefunden das die feingesponnenen Pläne der Baronin und den vermeintlich
raschen Siegeslauf des jungen ExLieutenants auf eine gar eigentümlich naive
Weise durchkreuzte
    Der alte Baron liebte seine schöne Tochter mit aller Liebe deren sein
braves Herz fähig war liebte sie um so mehr als er über die Gerechtigkeit der
Bestimmungen welche das junge Mädchen von dem Majoratsvermögen ausschlossen
von jeher nicht geringe Zweifel gehabt hatte Dazu kam dass er die
Zurücksetzung welche die Tochter von Seiten der Mutter bis dahin erfahren
hatte sehr wohl empfand wenn er auch zu schwach gewesen war Maßregeln dagegen
zu ergreifen und vor allem der Hamburger Verbannung ein Ende zu machen Auch
dem Heiratsproject hatte er seine Zustimmung nur gegeben weil ihm AnnaMaria
eingeredet hatte so könne die Ungleichmässigkeit in dem Schicksal der beiden
Kinder am besten ausgeglichen werden da Helene als die Gattin Felix nach
Maltes etwaigem Tode dann gewissermaßen zur Erbschaft gelangte wenigstens in
den vollen Genuss des Vermögens käme Aber auch hier hatte er Helenens vollkommen
freie Zustimmung als unumgängliche Bedingung stipulirt wogegen er sich wieder
verpflichtet hatte die Leitung der Angelegenheit den geschickten Händen seiner
Gemahlin zu überlassen und vor allem sich vor einer vorzeitigen Enthüllung des
Planes in Acht zu nehmen
    Nun aber hatten die Eindrücke in der letzten Zeit an diesen Vorsätzen und
Entschlüssen arg gerüttelt Zuerst war ihm in Hamburg als ihn ein plötzlicher
Fieberanfall auf das Krankenlager warf der Gedanke gekommen er könne in
nächster Zeit sterben und Helene dann ganz verlassen dastehen ohne seinen Rat
ohne sein Veto das er im äußersten Falle der Ausführung der Pläne
AnnaMarias entgegenzusetzen fest entschlossen war Er hatte seine Tochter
immer geliebt jetzt betete er sie an Sie war so schön so stolz und gegen
ihn den alten Vater so freundlich bescheiden dass sein Herz wenn er dachte
er könnte aus dem Leben gehen ohne das Schicksal dieses seines Lieblings sicher
gestellt zu haben Angst und Trauer zugleich empfand Wäre nun Felix der Mann
gewesen wie er sich den Gemahl seiner Tochter wünschte so hätte noch Alles
gehen mögen Aber das war Felix keineswegs Der alte Baron war seiner Zeit auch
ein junger Baron und war wie Felix Offizier gewesen Er wusste sehr wohl
welchen Versuchungen ein junger und reicher Edelmann in dieser Lage ausgesetzt
ist er selbst war diesen Versuchungen nicht immer entgangen und hatte in seinem
reiferen Alter als sein von jeher ernst gestimmter Geist die naturgemässe
Richtung erlangt hatte mit bitterer Reue die Sünden seiner heissblütigen Jugend
beklagt Er hatte an seinem Vetter Harald das lebendige Beispiel gehabt wohin
die ungezügelten Leidenschaften zuletzt führen und sein durch die Liebe zu
seiner Tochter und durch die Erfahrung in diesem einen Falle doppelt scharfes
Auge erkannte sofort dass sein Neffe Felix in einem hohen Grade der Sklave
dieser Leidenschaft gewesen sein musste vielleicht noch war Er hatte den jungen
Mann vor ein paar Jahren gesehen als dieser eben die Kadettenschule verließ
Damals hatte er eine angenehme Erinnerung an den schlanken kräftig gebauten
Jüngling mit dem frischen hübschen Gesicht und den lebhaften hellen Augen
davongetragen jetzt sah er von dieser allerliebsten Erscheinung nur noch einen
traurigen Schatten Eine gespenstige Magerheit tiefe Furchen in dem
jugendlichalten Gesicht die großen blauen Augen gläsern oder von einem
fieberhaften Glanze leuchtend und stets mit dem starren frechen Blick der
deutlicher spricht als eine lange Lebensbeschreibung  die Bewegungen haftig
und fahrig offenbar in der Absicht die innere Mattigkeit und Schlaffheit zu
verdecken die Rede vorlaut und über Alles mit derselben souveränen
Oberflächlichkeit weghuschend  das ganze Wesen von einer krankhaften Eitelkeit
wie zerfressen  so oder ungefähr so erschien ihm Felix trotzdem seine
Menschenfreundlichkeit hier wie überall die schlimmsten Flecken des Bildes
gutmütig vertuschte
    Es tat ihm leid dass er sich von seiner Gemahlin das Versprechen hatte
abnehmen lassen in dieser Angelegenheit nicht selbstständig handelnd
aufzutreten Es kam ihm vor als ob er sich mit diesem Versprechen doch übereilt
habe und auf jeden Fall hielt er dafür dass eine geschickte Sondirung wie denn
Helene selbst in diesem Punkte denke kein Bruch des Versprechens sei So sagte
er nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren ihren Arm
in den seinen legend
    Wie befindest Du Dich meine Tochter
    Ich danke Vater gut weshalb erwiderte Fräulein Helene etwas überrascht
über diese plötzliche Frage
    Ich dächte Du sähest etwas blass aus
    Das kommt nur von der ungünstigen Beleuchtung hier unter den grünen Bäumen
antwortete das junge Mädchen heiter ich befinde mich aber wirklich ganz wohl
    Ich fürchtete immer der plötzliche Wechsel der Luft der Lebensweise des
Umgangs würde Dir schädlich sein Du bist zu lange vom Hause fortgewesen
    Das ist nicht meine Schuld lieber Vater
    Ich weiß es wohl ich weiß es wohl aber meine Schuld ist es auch nicht ich
habe stets der Abkürzung der Pensionszeit das Wort geredet aber 
    Nun ich bin ja endlich hier und wir wollen das Versäumte möglichst
nachholen Wir wollen recht viel zusammen spazieren gehen ich will Dir aus
Deinen Lieblingsbüchern vorlesen es soll ein reizendes stillvergnügtes Leben
werden und das junge Mädchen nahm die Hand ihres Vaters und führte sie an ihre
Lippen
    Du bist ein gutes liebes Kind sagte der Baron und seine Stimme zitterte
etwas gebe Gott dass ich mich Deiner noch recht lange zu erfreuen habe
    Aber bester Vater schon wieder solche hypochondrische Gedanken Du bist ja
jetzt Gott sei Dank wieder so rüstig wie immer Weshalb sollten wir nicht
noch lange glücklich zusammen leben
    Aber wenn Du uns verliessest
    Ich sterbe fürs erste noch nicht deshalb sei nur ganz unbesorgt sagte
Fräulein Helene lachend
    Das wolle auch Gott verhüten aber Eltern und Kinder werden ja nicht bloß
durch den Tod getrennt Wenn Du nun heiratest so müssen wir uns doch darauf
gefasst machen Dich abermals zu verlieren nachdem wir Dich kaum wieder gewonnen
haben
    Aber Papa Du sprichst ja gerade als ob ich womöglich morgen schon
heiraten soll Ich denke gar nicht daran Auch die Mutter fing gestern davon
an Wollt Ihr mich denn wirklich so gerne wieder fort haben
    So so also Deine Mutter hat schon mit Dir gesprochen hm hm sagte der
alte Baron der natürlich nicht anders dachte als dass die Baronin mit dem
längst besprochenen und vorbereiteten Plan endlich hervorgetreten sei und der
die Zeit den Tag vor Felix Ankunft auch ganz passend gewählt fand so so
hm hm Nun und wie gefällt Dir denn Dein Cousin
    Wer Felix fragte Helene die für den Augenblick in ihrer Unbefangenheit
den Zusammenhang dieser Frage mit dem Vorgehenden nicht einmal ahnte
    Ja
    Er kommt mir vor wie der Champagner den wir heute Mittag tranken Die
ersten Tropfen schmeckten recht gut als ich das Glas eine Weile hatte stehen
lassen fand ich den Wein sehr fade und abgeschmackt  Aber Ihr habt mich doch
nicht etwa für Cousin Felix bestimmt fragte Fräulein Helene der dieser Gedanke
jetzt erst durch den Kopf schoss mit großer Lebhaftigkeit
    Bewahre das heißt ganz wie Du willst ich will sagen es wird Deinem
Willen in dieser Hinsicht nie ein Zwang auferlegt werden erwiderte der alte
Baron der weder die Wahrheit sagen durfte noch lügen wollte mit ziemlicher
Verwirrung
    Helene antwortete nicht aber der angeregte Gedanke arbeitete in ihrem
lebhaften Geiste weiter Sie verglich das gestrige Gespräch das sie auf ihrem
Zimmer mit ihrer Mutter gehabt hatte mit dem so eben geführten Es bedurfte
nicht einmal eines so scharfsinnigen Kopfes als der ihre war um den
Zusammenhang zwischen diesen beiden Unterredungen und den Sinn der hingeworfenen
Andeutungen zu entdecken Ihr stolzes Gemüt empörte sich wenn sie dachte dass
man ohne sie zu fragen ohne ihre Meinung einzuholen im Voraus über ihr
Schicksal entschieden und ihre Hand versprochen habe dass dieser Felix vor dem
ihr reines keusches Herz sie instinctiv warnte vielleicht schon in diesem
Augenblick sie als die Seine betrachtete Diese Gedanken nahmen sie so ganz in
Anspruch dass sie nicht einmal in das bewundernde Ah wie schön wie herrlich
einzustimmen vermochte in das die übrige Gesellschaft ausbrach als man einige
Minuten später aus dem Walde auf den Rand des hohen Ufers hinaustrat
    Die Sonne war soeben in das Meer gesunken und schien die in allen
Schattirungen von Rot und Gold prangenden Wolken wie in einem Strudel hinter
sich herzuziehen Von dem Punkte wo sie untergegangen war schossen lichte
Streifen durch die Wolken nach allen Seiten bis hoch hinauf in den durchsichtig
blauen Himmel Die See war nach dem Horizonte hin ein Feuermeer und auf
einzelnen höheren Wellen zitterten die goldenen Funken bis zum Strand herüber
Das hohe vielfach zerklüftete KreideUfer und der Buchwald der es krönte waren
von dem roten Abendschein wie von einer bengalischen Flamme angestrahlt Rings
umher tiefe feierliche Stille nur unterbrochen von dem dumpfen Rauschen der
Wogen unten auf den Kieseln des Strandes und dann und wann von dem grellen
Schrei einer Möve die über den erregten Wassern flatterte
    Die Gesellschaft stand in Betrachtung des herrlichen Schauspiels das mit
jedem Augenblicke wechselte verloren gruppenweis da Oswald dem die ewigen
Ausrufe der Bewunderung an denen sich besonders die Baronin und Felix
überboten nachgerade langweilig wurden hatte sich etwas von den Übrigen
entfernt und sich auf die blossliegende Wurzel einer mächtigen Buche gesetzt
    Haben Sie noch einen Platz für mich fragte Helene die ihm gefolgt war
    Ich räume Ihnen gern den meinigen ein sagte Oswald aufstehend
    Nur für einen Augenblick ich weiß nicht der Spaziergang hat mich
aussergewöhnlich müde gemacht
    Sie sind heute Morgen vielleicht zu lange im Garten gewesen
    Nein aber à propos wie kommt es dass ich Sie heute und auch schon gestern
nicht gesehen habe
    Blosser Zufall
    Das freut mich
    Weshalb
    Ich fürchtete aufrichtig gestanden ich hätte Sie aus dem Garten
vertrieben ich dachte dies ewige Sichbegegnen mit derselben bewussten Person
wäre Ihnen unleidlich geworden
    Sie denken in der Tat äußerst bescheiden von der bewussten Person
    Nein spotten Sie nicht ich dachte es im Ernst  ja und noch mehr Sie sind
seit vorgestern Abend sehr still und wie mir vorkam besonders kurz gegen mich
Sie haben mir auch gestern meine Literaturstunde auf die ich mich so sehr
freute nicht gegeben Bin ich vielleicht unwissentlich die Veranlassung 
    Wie meinen Sie
    Nun ich rede manchmal was vielleicht hart und anmassend klingt wenigstens
ist mir dieser Vorwurf oft gemacht worden aber ich meine es wirklich nicht so 
    Und Helene blickte mit ihren großen dunkeln Augen freundlich zu Oswald
empor der in Bewunderung ihrer Schönheit und in Erstaunen über diese plötzliche
und unerklärliche Milde und Teilnahme verloren vor ihr stand
    Was sehen Sie mich so seltsam an
    Dass sich so viel Güte hinter so viel Stolz verstecken kann
    Ist es denn die Welt wert dass wir ihr unser Herz zeigen
    Eine sonderbare Frage in dem Munde eines so jungen Mädchens
    Freilich wir dürfen ja über nichts nachdenken Wir sind wenns hoch kommt
hübsche Puppen mit denen man spielt und die man an den ersten Besten
verschenkt der merken lässt dass er uns gern haben möchte
    Kousine rief Felix wir wollen zum Strande hinabgehen wollen Sie mit
    Nein sagte Helene ohne sich nach dem Sprechenden umzuwenden
    Es ist eine reizende Partie rief Felix
    Möglich erwiderte das junge Mädchen kurz ohne ihre Stellung zu verändern
    Felix kam zu dem Platze auf dem sich Oswald und Helene befanden herüber
und sagte
    Aber Helene Sie werden doch diese erste Bitte die ich an Sie richte
nicht abschlagen
    Weshalb nicht erwiderte diese und der Ton ihrer Stimme klang eigentümlich
scharf und bitter ich kann das Bitten und die Bittenden nicht leiden das
können Sie nicht früh genug lernen
    Haben Sie sich den Fuß vertreten teuerste Kousine
    Weshalb
    Weil Sie so unbeweglich sitzen und in so schauderhafter Laune sind
erwiderte Felix lachend und ging ohne ein Zeichen dass ihn das Benehmen
Helenens irgend verletzt habe zu den Übrigen
    Wollen Sie sich nicht der Gesellschaft anschließen Herr Doctor fragte
Helene auf deren Wangen noch die Erregung der letzten kleinen Szene brannte
als jetzt die Andern den ziemlich steilen Weg der zum Strand führte
hinabzusteigen begannen
    Sie wünschen allein zu sein
    Nicht doch im Gegenteil ich freue mich wenn Sie hier bleiben wollen
Nach der geistreichen Unterhaltung von heute Mittag und heute Abend fühlt man
das Bedürfnis endlich einmal ein verständiges Wort zu sprechen Sie haben mir
noch immer nicht gesagt ob ich Ihnen ohne es zu wissen und zu wollen durch
irgend eine unvorsichtige Bemerkung vielleicht weh getan habe
    Nein durchaus nicht Ich habe vorgestern Abend eine Nachricht erhalten die
mich sehr betrübt Erinnern Sie sich des Professor Berger von Ihrer Badereise
nach Ostende vor drei Jahren
    Ei gewiss wie könnte man den vergessen Mir ist als ob ich ihn gestern
gesehen hätte so deutlich steht er vor mir mit seinen geistvollen Augen unter
den buschigen Brauen und stets mit einem Bonmot auf den Lippen Was ist mit ihm
er ist doch nicht gar tot
    Nein schlimmer als das  er ist wahnsinnig geworden
    Um Gottes Willen der Professor Berger  dieses Bild der Klarheit und
Geisteshoheit Wie ist das möglich Wissen es die Eltern schon
    Nein und bitte sagen Sie auch nichts ich könnte es jetzt nicht ertragen
dass darüber gesprochen würde
    Sie hatten den Professor wohl recht lieb
    Er war mein bester vielleicht mein einziger Freund
    Wie beklage ich Sie sagte Helene und auf ihrem schönen Antlitz war die
Teilnahme die sie empfand deutlich zu lesen ein solcher Verlust muss
fürchterlich sein Und Sie stehen hier ganz allein mit Ihrem Kummer und Keiner
nimmt Teil an Ihrem Schmerz
    Ich bin das von jeher gewohnt gewesen
    Haben Sie denn keine Eltern keine Geschwister Verwandte
    Meine Mutter starb als ich noch ein Kind war mein Vater vor mehreren
Jahren Geschwister habe ich nie gehabt Verwandte wenn ich welche habe nie
gekannt
    Helene schwieg und zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenschirms Linien in
den Sand
    Plötzlich hob sie den Kopf und sagte in einem Ton der halb wie eine Klage
und halb wie eine Herausforderung klang
    Wissen Sie dass man Eltern und Geschwister und Verwandte haben und doch
recht allein sein und sich recht einsam fühlen kann Und Sie haben es noch immer
gut Sie sind ein Mann Sie können für sich selbst handeln während 
    Das junge Mädchen brach ab als fürchtete sie sich von ihren Empfindungen
zu weit hinreißen zu lassen Sie stand auf und trat einige Schritte von Oswald
weg dicht an den Rand des steilen Ufers  Es war ein wundersam schönes Bild
diese stolze schlanke Gestalt auf dem lichten Hintergrunde des goldenen
Abendhimmels der ihr herrliches Haupt wie mit einem Glorienschein umgab Und
wie ein Engel des Himmels erschien sie Oswald in dessen krankes Herz ihre guten
mitleidigen Worte wie milder Regen auf eine welke Blume gefallen waren Und nun
zum ersten Male erinnerte er sich wieder des Gespräches das er am Tage seiner
Zurückkunft von Saffitz mit dem Doctor gehabt hatte Also wirklich dies holde
herrliche Geschöpf sollte auch verkauft werden wie Melitta verkauft worden war
Sie sagte es selbst aus ihrem eigenen Munde hatte er es nur eben gehört sie
hatte keinen Freund sie stand allein da in der Welt sie konnte nicht für sich
selbst handeln Und sie hatte noch Mitleid und Trost für ihn sie die sie
selbst des Mitleids und des Trostes  nein tätiger Hilfe  so sehr bedurfte
    Da gellte von dem Strande auf dem die Übrigen jetzt angekommen waren ein
Schrei empor  und wie Helene die sich vom Schwindel ganz frei wusste noch
einen Schritt näher an den Rand trat und sich über den Abhang beugte ein
zweiter noch greller noch schriller noch angstvoller
    Um Himmelswillen rief Helene was kann denn da geschehen sein Mir däucht
es war Brunos Stimme Lassen Sie uns hinab
    Der Weg zum Strande der sich im Zickzack an den Kreidefelsen hinwand war
trotz seiner Steilheit im Nu von den jungen Leuten zurückgelegt Als sie
atemlos unten ankamen sahen sie Bruno ohnmächtig von Albert gehalten während
die Anderen ratlos umherstanden
    Holen Sie Wasser schnell sagte Oswald Albert den Knaben abnehmend und
diesem das Halstuch abknüpfend und die Kleider öffnend woran noch Niemand
gedacht hatte
    Wie ist denn dies gekommen fragte Helene die kalten Hände Brunos in ihre
Hände nehmend und angstvoll in sein schönes blasses Gesicht starrend
    Es weiß es Niemand von uns sagte die Baronin
    Es wird ein Anfall von Schwindel sein meinte Felix
    Unterdessen hatte Oswald von dem Wasser welches Albert  in Brunos Hut 
gebracht hatte des Knaben Stirn und Schläfen und Brust reichlich benetzt
Helene erinnerte sich dass sie ein Fläschchen Eau de Kologne bei sich führe und
half Oswald in seinen Bemühungen Es gelang ihnen in Kurzem den Ohnmächtigen
wieder zu sich zu bringen Er schlug langsam die großen Augen auf sein erster
Blick fiel auf Helene die sich über ihn beugte
    Bist Du tot ganz tot murmelte er die Augen wieder schließend
    Man glaubte er habe den Verstand verloren
    Komm zu Dir Bruno sagte Helene den Knaben mit leiser Hand über Stirn und
Augen streichelnd
    Bruno ergriff diese Hand und drückte sie fest auf seine Augen durch deren
geschlossene Wimpern sich zwei große Tränen drängten Dann richtete er sich mit
Oswalds Hilfe vollends auf
    Mir ist wieder ganz wohl sagte er ich bin wohl gar ohnmächtig gewesen Wie
lange habe ich so gelegen
    Nur ganz kurze Zeit sagte Oswald Brunos Gesicht mit seinem Taschentuche
abtrocknend und den Anzug wieder in Ordnung bringend
    Du hast uns einen rechten Schrecken verursacht was hattest Du denn nur
fragte die Baronin
    Ich weiß es nicht antwortete der Knabe dessen blasse Wangen plötzlich hohe
Purpurglut bedeckte es kam so plötzlich Danke danke ich glaube ich kann
jetzt mit Herrn Steins Hilfe ganz gut weiter kommen
    Wir wollen wieder umkehren sagte die Baronin Dass einem doch jedes auch
das bescheidenste Vergnügen durch irgend einen Unfall verleidet wird
    Man stieg langsam das Ufer wieder hinauf und trat ziemlich einsilbig und
verstimmt den Rückweg durch den Wald an Felix der sich zu erkälten fürchtete
ermahnte zu größerer Eile Oswald bemerkte trocken er wolle die übrige
Gesellschaft nicht aufhalten man möge ihm indessen erlauben mit Bruno langsam
zu folgen Helene erklärte dass sie bei Bruno bleiben würde der alte Baron der
bei dem ganzen Vorfall eine große wenn auch tatlose Teilnahme an den Tag
gelegt hatte schlug vor die Gesellschaft sollte sich in einen Vortrab und
einen Nachtrab teilen er selbst wolle bei dem letzteren bleiben
    Du wirst Dir den Schnupfen holen lieber Grenwitz sagte die Baronin ich
dächte Du kämest mit uns
    Nein ich werde bei den Anderen bleiben sagte der alte Baron mit einer
Bestimmtheit die Alle überraschte
    Er gab seiner Tochter den Arm blieb aber in der Nähe Oswalds und Brunos
eine harmlose Unterhaltung wie er sie liebte mit ihnen führend und sich von
Zeit zu Zeit nach des Patienten Befinden erkundigend
    Ich befinde mich wohl ganz wohl versicherte dieser ein Mal über das
andere doch fühlte Oswald dass er sich fest auf seinen Arm stützte und dass
seine Hände kalt waren
    Sie kamen lange nach den Anderen auf dem Schloss an Der alte Baron
wünschte gute Besserung als Oswald sich sofort mit Bruno auf dessen Zimmer
begab wo er den Knaben sich sogleich zu Bett legen ließ
    Du bist kränker Bruno als Du zugeben willst sagte er sich zu ihm aufs
Bett setzend nicht wahr Du hast Deine alten Schmerzen
    Ja sagte Bruno dessen Zähne zusammenschlugen und auf dessen Stirn der
kalte Schweiß stand
    Oswald beeilte sich die alten Hausmittel wie jenes erste Mal
herbeizuschaffen und es gelang seinen Bemühungen auch jetzt das Übel zu
heben wenigstens die Schmerzen in kurzer Zeit zu lindern
    Wirst Du auch mir nicht sagen Bruno was Dich so bewegt hat fragte Oswald
da
    Doch sagte der Knabe ich wollte es nur nicht in der Anderen Gegenwart
weil ich ihr albernes Gelächter schon im voraus hörte  Ich war etwas hinter
den Anderen zurückgeblieben und durch einen Vorsprung des Ufers von ihnen
getrennt Ich
    dachte immer Ihr würdet nachkommen und deshalb ging ich so langsam und
blickte oft nach oben Da sah ich plötzlich Helene ganz nahe an den Rand des
Ufers treten das an dieser Stelle wohl hundert Fuß und darüber lotrecht
hinabfällt Ich schrie laut auf in entsetzlicher Angst da trat sie noch näher 
bog sich sogar herüber  und da wurde es mir schwarz vor den Augen  nun und das
Übrige weißt Du ja Aber ich höre Malte kommen Gute Nacht Oswald
    Gute Nacht Du Wilder
    Oswald küsste seinen Liebling auf die Stirn und ging nachdenklich auf sein
Zimmer Er lehnte sich in das offene Fenster und schaute lange in Sinnen und
Brüten verloren in den Garten hinab Die Nacht war finster nur hier und da
schimmerte ein Stern auf Augenblicke durch den Wolkendunst Manchmal rauschten
die Bäume lauter auf als sprächen sie ängstlich in einem wirren unruhigen
Schlaf der Brunnen der Najade plätscherte dazwischen leise und abgebrochen
    Dein Leben gleicht dieser Nacht sprach Oswald bei sich hier und da ein
Stern der so bald wieder verschwunden ist und sonst Alles chaotisches Dunkel
Du hast recht guter Berger unser Leben ist ein hohles Nichts und wer nur
überhaupt einen Verstand zu verlieren hat muss ihn darüber verlieren Wolltest
Du dass Dir Dein Schüler sobald als möglich nachfolgen könnte als Du mich
hierher schicktest Da bist Du nun an demselben Orte wo Melitta ist und auch
Oldenburg Vielleicht siehst Du sie wenn sie Arm in Arm an Deiner Zelle
vorübergehen vielleicht kommt Dir bei der Gelegenheit der Verstand wieder den
andere Leute bei dem Anblick verlieren würden Ich könnte ja auch eine kleine
Reise nach Fichtenau machen meine guten Freunde zu besuchen wer weiß
vielleicht gefällt mir der Ort so sehr dass ich gleich da bleibe
    Wie geht es Bruno tönte eine Stimme aus dem Garten herauf Es war Helenes
Stimme Oswald sah ihr helles Gewand durch das Dunkel heraufschimmern
    Ich danke gut antwortete er hinab
    Schlafen Sie wohl
    Und das helle Gewand verschwand in den Büschen
    Nein das Leben ist mehr als ein hohles Nichts murmelte Oswald indem er
das Fenster schloss hätte Berger dieses Mädchen gesehen er hätte wieder an das
Leben geglaubt Und doch er hat sie ja gesehen gesehen und bewundert und
besungen und ist doch wahnsinnig geworden Öde Alles und dunkel und
gespenstisch und in dem öden gespenstischen Dunkel eine holde freundliche
Stimme die uns schlafen gehen heißt
 
                          Sechsundvierzigstes Kapitel
Eine Zeit fieberhafter Spannung war für die vor Kurzem noch so stille
Gesellschaft auf Schloss Grenwitz hereingebrochen Brunos plötzlicher Unfall
von dem er sich übrigens schon am nächsten Tage erholte hätte für den
Scharfsichtigeren ein Symptom von dem sein können was da Alles unter der
glatten Hülle geselliger Höflichkeit und peinlich genau beobachteter Formen in
der Tiefe gährte und kochte geheime Liebe und tief versteckter Hass
Feindschaften unter der Maske trefflichsten Einvernehmens und guter
Kameradschaft herzliche Sympatieen die sich unter dem Anschein von
Gleichgültigkeit ja Abneigung verbargen Selbst die Physiognomie des äußeren
Lebens war verändert Die tiefe fast beängstigende Stille die sonst in dem
weiten Raume herrschte welchen der Schlosswall einschloss wurde jetzt gar
vielfach gestört Baron Felix mochte es sich nicht versagen wenigstens einer
oder der andern seiner gewohnten Beschäftigungen in der Einsamkeit von Schloss
Grenwitz nachzuhängen Am Tage nach seiner Ankunft waren seine beiden schönen
Reitpferde glücklich angelangt und so konnten bei den weiteren Ausflügen
wenigstens zwei der Herren beritten gemacht werden In einem entlegeneren Teile
des Gartens war unter seiner Leitung ein kleiner Schiessstand hergerichtet
worden und in den späteren Nachmittagsstunden ertönte jetzt sehr oft zu der
Baronin geheimen Entsetzen der kurze scharfe Knall gezogener Pistolen bis in
die geheiligte Stille der nach dem Garten gelegenen Wohngemächer Oswald Albert
und selbst Bruno waren in keinem Augenblick vor Felix sicher der fortwährend
auf der Jagd nach einem Gefährten zu dieser oder jener Unternehmung war und
stets so lange bat und quälte bis man sich wohl oder übel seinen Wünschen
fügte
    Mit der Änderung seines Lebens über die er mit der Baronin so viel
correspondirt hatte war es ihm keineswegs Ernst Das Garnisonsleben war ihm
langweilig geworden die Schaar der Gläubiger immer dringender und seine
Situation der Art dass als er betreffenden Orts um längeren Urlaub einkam man
ihm zu verstehen gab er täte wenn seine Gesundheit wirklich so angegriffen
sei vielleicht besser sogleich seinen Abschied zu nehmen Gerade in dieser
kritischen Zeit machte ihm die Baronin von Grenwitz ihre Anerbietung betreffs
Helenes Felix der hier einen Ausweg fand an den er noch gar nicht gedacht
hatte  denn AnnaMarias Gemütlosigkeit in Geldangelegenheiten war ihm aus
Erfahrung bekannt  griff mit beiden Händen zu obgleich eine Heirat nicht eben
nach seinem Geschmacke war Indessen war er bereit sich auf jeden Fall auch in
diese Bedingung zu fügen Wie angenehm war er deshalb überrascht als ihm in
seiner Kousine die er bis dahin nicht gekannt hatte ein Wesen entgegentrat
schöner anmutiger als irgend eine der Damen die er bisher mit seiner Neigung
beehrt hatte  ein Wesen das die Seine zu nennen den Stolzesten der Stolzen
entzückt haben würde So waren denn nicht zwei Tage vergangen als Felix für
seine schöne Kousine in seinem Herzen eine Leidenschaft fühlte die freilich
genau betrachtet bloße Eitelkeit war ihm selbst aber wie ein Wunder vorkam
und so konnte er denn nicht müde werden die Baronin von seiner Liebe zu
unterhalten und sich auch gegen die Übrigen besonders Oswald über die
Herrlichkeit eines auf das Höchste gerichteten Strebens auszulassen Er
zweifelte nicht einen Augenblick daran dass seine Leidenschaft erwidert werde
Hatte er nicht bis jetzt noch überall reüssirt war sein Glück bei den Frauen
nicht sprüchwörtlich selbst unter den Kameraden von denen sich doch so ziemlich
jeder Einzelne für einen Paris oder Adonis hielt und hatte er nicht schon so
oft erfahren dass sich die Liebe hinter dem Anschein der Gleichgiltigkeit ja
der Abneigung verbirgt Freilich trieb seine schöne Kousine die Komödie ziemlich
weit freilich behandelte sie ihn mit einer Kälte einer Geringschätzung die
manchmal geradezu beleidigend war  aber er ließ sich dadurch in dem
felsenfesten Glauben an seine unwiderstehliche Liebenswürdigkeit nicht beirren
und verspottete die Baronin wenn diese ihn wieder und wieder zur Vorsicht
ermahnte Denn AnnaMaria sah da keine persönliche Eitelkeit die Klarheit ihres
Blickes trübte in dieser Angelegenheit viel schärfer als Felix Sie die an
sich selbst die Energie des Charakters so hoch schätzte musste im Stillen die
consequente Gleichmässigkeit in Helenens Betragen die bescheidene Festigkeit
mit der sie ihre Ansichten aussprach und behauptete bewundern Es war ein Etwas
in der stolzen Schönheit ihrer Tochter wovor sie sich unwillkürlich beugte
    Helene war nach jenem Abend am Strande wo möglich noch stiller und
zurückhaltender geworden Sie flüchtete wenn sie irgend konnte in die
Einsamkeit ihres Zimmers War sie in der Gesellschaft schloss sie sich am
liebsten an ihren Vater an oder suchte es auf den Spaziergängen so
einzurichten dass Bruno ihr Begleiter war Sie hatte stets einen kleinen Dienst
für ihn bald musste er ihr den Hut bald die Mantille tragen bald hatte er ihr
eine Blume zu pflücken die auf der andern Seite des Grabens wuchs bald ihr an
einer steileren Stelle des Ufers die Hand zu reichen Bruno unterzog sich dem
Dienste mit einem milden Ernst der freilich den Spott des Baron Felix zuweilen
herausforderte für Jeden aber der sich für den Knaben interessierte und die
wilde Unbändigkeit seiner Natur kannte etwas unendlich Rührendes hatte Sein
Wesen schien sobald Helenes Blick auf ihm ruhte wie umgewandelt Er war dann
sanft und freundlich dienstfertig und zuvorkommend ein Wort von ihr ein Wink
nur ihrer langen dunklen Wimper genügte ihn wenn er sich ja einmal von seiner
alten Heftigkeit hinreißen ließ sofort zu besänftigen Diese Heftigkeit machte
sich vor allem gegen Felix Luft gegen den er einen Hass und eine Verachtung
empfand die er sich kaum zu verbergen bemühte Stets hatte er ein höhnisches
bitteres Wort für ihn in Bereitschaft die mancherlei kleinen Blössen die jener
sich in seiner masslosen Eitelkeit der Gesellschaft gegenüber gab fanden in
Bruno einen unerbittlichen grausamen Verfolger der um so lästiger war als
seine Jugend ihn nicht als ebenbürtigen Gegner erscheinen ließ gegen den man
nicht mit anderen Waffen kämpfen konnte als höchstens mit einem von oben herab
geführten Hiebe der meistens ganz vortrefflich parirt wurde Felix selbst
empfand dies einigermaßen und wenn ihm der Knabe auch nicht gefährlich
erschien so war er ihm doch im hohen Grade unbequem Wo Helene war da war auch
Bruno und traf es sich ja einmal auf den Spaziergängen dass sie allein
zurückgeblieben war und war Felix eben im besten Zuge von der Liebe im
Allgemeinen  denn weiter war er noch nicht gekommen  zu sprechen so gesellte
sich wie auf Verabredung Bruno zu ihnen und Felix der von Botanik und
Mineralogie nicht das Mindeste verstand blieb nichts übrig als die Beiden
ihren naturwissenschaftlichen Bestrebungen zu überlassen Wie würde er sich
gewundert haben wenn er gehört hätte dass diese Verhandlungen abgebrochen
wurden sobald er aus dem Gehörkreise war dass Bruno die Blume über die sie so
eben gesprochen hatten zerraufend durch die Zähne sagte Sieh Helene so
zerreissest Du mein Herz wenn Du schwach genug bist diesen Felix zu lieben 
Das alte Lied Bruno  Ja das alte Lied und ich will Dir es singen so lange
ich noch Atem in der Brust habe Meinst Du ich weiß nicht was es bedeutet
wenn Tante und Felix die Köpfe zusammen stecken und von Zeit zu Zeit verstohlen
auf Dich blicken O mein Auge ist scharf und mein Ohr ist es nicht minder
Gestern als ich an ihnen vorüberstrich meinte der saubere Herr sie wird schon
zur Vernunft kommen sie  das bist Du und zur Vernunft kommen heißt sie wird
ihren Stolz so weit vergessen und einen solchen jämmerlich eitlen Pfau wie ich
bin heiraten  Aber wie kommst Du nur auf diesen Gedanken Bruno  Nun ich
dächte sie lägen nahe genug und Dir gehen sie auch durch den Kopf oder
weshalb blicktest Du oft so in Dich versunken vor Dich hin und dann plötzlich zu
Felix oder zu Oswald hinüber als ob Du sie mit einander verglichest Ja
vergleiche sie nur immer Du wirst dann den Unterschied entdecken zwischen einem
Manne und  einem Affen  Du hast wohl Herrn Stein sehr lieb Bruno Ist er
denn immer so still und traurig wie jetzt  Bewahre er kann so ausgelassen
sein wie ein Füllen ich weiß nicht was ihm fehlt oder ich weiß es wohl aber
 Aber  Aber ich darf es nicht sagen oder ja Dir darf ich es sagen denn Du
bist nicht wie die anderen Menschen Mir ist immer als müsstest Du mir ins Herz
sehen dürfen wie sie sagen dass uns Gott ins Herz sieht  Bruno ich will
nicht dass Du ein Geheimnis verrätst  Ich verrate nichts denn Oswald hat
mir nie ein Wort gesagt Ich weiß nur dass er so still und traurig ist seitdem
Tante Berkow fort ist Es wurde doch heute Mittag darüber gesprochen wie lange
sie wohl noch fortbleiben ob sie wohl nach Herrn von Berkows Tode wieder
heiraten würde und da sah ich wie Oswald sich entfärbte und während des
ganzen Gespräches die Augen nicht von seinem Teller hob Und dann als Felix
meinte dass Baron Oldenburg der ja auch wie er ganz zufällig durch einen
Freund erfahren nach Fichtenau gereist sei vielleicht darüber nähere Auskunft
geben könnte hob er schnell mit einem zornigen Blick zu Felix hinüber den
Kopf und öffnete den Mund als ob er etwas sagen wollte aber er sagte nichts
und biss sich in die Lippen und heute Abend ist er noch ganz besonders
verstimmt  Und das Alles heißt  Das Alles heißt dass Oswald Tante Berkow
sehr lieb hat und dass er nicht mag wenn über sie gesprochen wird eben so wenig
wie ich es mag wenn Tante und Felix über Dich sprechen  Ach Du weißt ja
nicht was Du redest  Natürlich das ist immer das Ende vom Liede ich weiß
nichts ich bin ein dummer Junge heisa heisa hopsasa ich habe keine Ohren zu
hören keine Augen zu sehen warum weil ich erst sechszehn Jahre alt bin und
mein Bart noch einiges zu wünschen übrig lässt
    Ob Helene über diese Mitteilung im Stillen nicht doch eine Art von
Enttäuschung empfand ob sie die Melancholie in Oswalds großen blauen Augen
nicht doch anders erklärt hatte  darüber hätte sie selbst keine Rechenschaft
zu geben vermocht auf jeden Fall aber wurde das Interesse welches sie seit dem
Abend am Strande für Oswald zu empfinden begonnen bedeutend erhöht Sie fing
an ihn genauer als vorher zu beobachten sie war aufmerksam auf jedes seiner
Worte sie sang und spielte vorzugsweise gern die Lieder und Musikstücke die
seinen Beifall hatten sie freute sich als er wieder wie früher des Morgens
in den Garten kam und empfand es mit einiger Genugtuung dass der jetzt so
Schweigsame bei diesen Gelegenheiten stets gute freundliche Worte für sie hatte
und auf jedes von ihr angegebene Thema bald ernst bald launig immer aber mit
dem herzlichen Ton eines älteren Bruders der einer lieben Schwester gern von
seinem reicheren Wissen mitteilt einging Und wenn das stolze für alles
Schöne und Edle tief empfängliche Herz des jungen Mädchens sich dem Zauber von
Oswalds Persönlichkeit nicht zu entziehen vermochte so war es auf der andern
Seite Opposition gegen die ihr immer deutlicher werdenden Pläne ihrer Mutter
was sie gerade jetzt an einem Manne über welchen ihr aristokratisches Auge doch
sonst wohl weggeblickt hätte ein höheres Interesse nehmen ließ Die
verschiedenartigsten Empfindungen bekämpften sich in ihrem Herzen wie oft an
einem tiefblauen Sommerhimmel leichte graue Wolken durcheinander treiben und
fließen bis der Sturm in seiner Vollgewalt hereinbricht
 
                          Siebenundvierzigstes Kapitel
Die Baronin hatte dem von Felix geäusserten Rat sich an dem geselligen Leben
des Adels der Umgegend lebhafter zu beteiligen nach reiflicher Überlegung
folgen zu müssen geglaubt und es dauerte nicht lange als fast kein Tag
verging an welchem nicht die Familie entweder in die Nachbarschaft gebeten war
oder was noch häufiger geschah selbst Besuch zu empfangen hatte Man schien
entzückt dass Schloss Grenwitz früher wegen seiner Gastlichkeit mit Recht weit
und breit berühmt wieder der Vereinigungspunkt der geschäftigen Müßiggänger
werden sollte man billigte höchlichst AnnaMarias Entschluss das klösterlich
stille Leben mit einem neuen glänzenderen und einer so alten ruhmreichen Familie
würdigeren zu vertauschen man sagte ihr so viele Schmeicheleien über ihre
Unterhaltungsgabe über ihr Talent große Gesellschaften zu arrangieren dass sie
die Kosten welche diese ihr ganz ungewohnte Gastfreundschaft veranlasste vor
ihrem eigenen Gewissen durch die unumgängliche Notwendigkeit der Maßregel so
gut es gehen wollte zu entschuldigen suchte
    Oswald hatte auf diese Weise schon mehrere der ihm vom Balle in Barnewitz
her bekannten Gesichter wieder gesehen aber noch keines von denen die ihm ein
vorzüglicheres Interesse abgewonnen hatten Es war ein eigentümlicher Zufall
dass an einem Nachmittage teils gebeten teils ungebeten sich beinahe Alle
zusammenfanden die damals für ihn mehr oder weniger merkwürdig geworden waren
Mit sehr verschiedenen Empfindungen sah er nach und nach Barnewitz mit seiner
Gemahlin Hortense Kloten den Grafen Grieben und Andere eintreten und sein
Interesse wurde geradezu ein peinliches als zuletzt ganz unerwartet noch ein
Wagen vorfuhr aus welchem Adolph und Emilie von Breesen und die Tante Breesen
stiegen deren zahnlosen Mund und spitze Zunge er noch sehr wohl in Andenken
hatte
    Hierher mein feiner junger Herr rief die alte Dame als sie nach den
ersten Begrüßungen ihn erblickte warum sind Sie nicht uns zu besuchen gekommen
wie Sie versprochen hatten habe ich Sie deshalb meinem ungeratenen Neffen als
das Muster eines wohlerzogenen jungen Mannes der da weiß was er alten Damen
schuldig ist vorgestellt habe ich deshalb Ihre Aussprache des Französischen
meiner naseweisen Nichte als mustergültig gerühmt Schämen Sie sich ich beehre
Sie mit meiner Ungnade
    Ich verdiene diese durchaus nicht gnädige Frau sagte Oswald Ich konnte
nicht kommen wie ich wollte und gesetzt ich hätte wirklich eine
Unterlassungssünde begangen so bin ich doch wahrlich auch ohne Ihre Ungnade
schwer genug gestraft
    Ja ja  schöne Redensarten daran fehlt es Ihnen nicht Sind Sie auch im
Herzen nicht weniger unartig wie die andern jungen Leute so sind Sie doch
manierlicher und schon deshalb muss ich Ihnen verzeihen Hier haben Sie meine
Hand und nun sehen Sie zu wie Sie mit meiner Nichte fertig werden ohne dass
sie Ihnen die hübschen Augen auskratzt
    Damit wandte die alte lebhafte Dame Oswald den Rücken und ließ ihn allein
mit der hübschen Emilie die ohne die Augen von dem Boden zu erheben mit
leicht geröteten Wangen und unruhig wogendem Busen vor ihm stand
    Oswald war fest entschlossen das kindische und doch gefährliche Spiel mit
dem leidenschaftlichen Mädchen nicht wieder zu beginnen Er wünschte und hoffte
dass sie selbst zur Besinnung gekommen sei und er sah es deshalb nicht ungern
als Fräulein Emilie einige gleichgiltige Worte die er an sie richtete
scheinbar unbefangen beantwortete und sich sodann zu einer Gruppe junger Mädchen
gesellte die sich um Helene geschaart hatte den modischen Schnitt eines weißen
Kleides zu bewundern das sie heute zum ersten Mal trug
    Auch seine Begegnung mit Herrn von Kloten war weniger unerquicklich als er
nach ihrem letzten unverhofften Zusammentreffen auf Oldenburgs Solitude
erwarten konnte Der junge Edelmann tat sehr erfreut ihn nach so langer Zeit
wieder zu sehen erkundigte sich angelegentlich nach Oldenburg erinnerte an das
Pistolenschiessen in Barnewitz und fragte ob Oswald ihm heute Revanche geben
wollte
    Oswald war einigermaßen gespannt zu sehen wie sich Kloten und Barnewitz
gegen einander benehmen würden Zu seiner nicht geringen Verwunderung schien
zwischen diesen beiden Herren das vollkommenste Einvernehmen zu herrschen
Oldenburg hatte sich in dieser Angelegenheit als ein ausgezeichneter Diplomat
bewiesen Er hatte Jedem der Beiden eingeredet dass der Andere nach seinem Blute
lechze und so die beiden Männer die nicht ohne alle Ursache das Leben
welches sie führten viel zu behaglich fanden um ohne gewichtige Veranlassung
daraus zu scheiden für seine Vermittelungsvorschläge geneigt gemacht Herrn von
Barnewitz hatte er Klotens Liebeshandel mit Hortense als eine ganz unschuldige
Tändelei dargestellt und geschworen wie er überzeugt sei dass dieser junge
Mann mit jener Dame zu keiner Zeit einem intimeren Verhältnis gestanden habe
als viele andere Bekannte zum Beispiel er selbst Dem jungen ländlichen Don
Juan dagegen hatte er den Rat gegeben in Barnewitz Gegenwart ein paar Mal
ungezogen gegen Hortense zu sein und vor Allem sich irgend eine der Damen ihres
Cirkels auszuwählen um ihr möglichst auffallend den Hof zu machen Kloten
äußerst froh sich so leichten Kaufs aus dem fatalen Handel zu ziehen hatte
Oldenburgs Rat pünktlich befolgt und von Stund an begonnen Fräulein von
Breesen in seiner läppischen Weise zu huldigen Er war indessen bisher in seinen
Bemühungen sehr wenig glücklich gewesen hatte im Gegenteil viel Spott und Hohn
aus dem Munde des übermütigen Mädchens über sich ergehen lassen müssen Seine
Liebesversicherungen wurden mit ironischen Bemerkungen zurückgewiesen und seine
Ritterdienste mit einer Gleichgiligkeit entgegen genommen die ihn wenn es ihm
wirklich Ernst gewesen wäre zur Verzweiflung gebracht haben würden Und es war
ihm wie es in solchen Dingen zu gehen pflegt nach und nach wirklich Ernst mit
der anfänglich so leichtsinnigen Tändelei geworden Fräulein Emilie war so
reizend selbst in ihrem Übermut so liebenswürdig selbst in ihrer
Ungezogenheit dass der unglückliche Vogelsteller sich von Tag zu Tag tiefer in
die Netze die er selber gelegt hatte verstrickte und jetzt Alles darum
gegeben haben würde ein freundliches Wort aus dem angebeteten Munde zu
erhalten Wie überrascht war er deshalb wie außer sich vor Entzücken als ihm
Fräulein Emilie die er kaum noch anzureden wagte heute mit der größten
Freundlichkeit entgegen kam ihn auf dem Spaziergang den man durch den Garten
machte zum Begleiter erwählte ihren Sonnenschirm von ihm tragen sich Blumen
von ihm pflücken ein im Saale vergessenes Taschentuch von ihm holen ließ mit
einem Worte scheinbar Alles tat die ihm in den letzten Wochen zugefügten
Beleidigungen in einer Stunde wieder gut zu machen
    Kloten war überglücklich seine wasserblauen Augen strahlten er drehte ohne
Aufhören seinen kleinen blonden Schnurrbart und lächelte dumm vergnügt so oft
ihm eine Äußerung wie nun Kloten kann man gratuliren oder recht so
Kloten nur nicht ängstlich und ähnliche ins Ohr gezischelt wurden
    Oswald wusste nicht was er von dieser Komödie denken sollte Im Anfang
glaubte er Emilie wolle ihm nur zeigen sieh es fehlt mir nicht an
Bewunderern Er konnte nicht annehmen dass ein so geistvolles und  mochten ihre
Fehler sein welche sie wollten  immerhin liebenswürdiges und jedenfalls sehr
hübsches Mädchen sich ernstlich für einen so faden Menschen wie Kloten
interessieren könnte Als der Abend aber hereinbrach die Gesellschaft sich aus
dem Garten allmälig in die nach dem Rasenplatz führenden Zimmer zurückzog und
zuletzt nur noch Emilie mit Herrn von Kloten unermüdlich draußen promenirten
musste er sich wohl der Meinung der Gesellschaft dass die Verlobung zwischen
Kloten und Fräulein von Breesen nicht mehr lange auf sich warten lassen werde
anschließen Es tat ihm leid um das Mädchen dass sich so wegwerfen konnte dann
aber dachte er wieder Du brauchtest Dir wahrlich wegen eines so leichtsinnigen
Geschöpfes keine so großen Gewissensbisse zu machen Sie sind im Grunde Eines
des Andern vollkommen würdig Ob sich dieser Kloten nicht schämt vor den Augen
der Frau die er liebte ein solches Schauspiel aufzuführen
    Er wandte sich zu Hortense von Barnewitz die in einer Fensternische des
Saales ganz allein stand Die hübsche Blondine schien sehr gegen ihre
Gewohnheit  denn sie war eine der gefeiertsten und verwöhntesten Damen  diese
Vernachlässigung von Seiten der Herren heute gern zu sehen
    Werden Sie heute nicht tanzen gnädige Frau fragte Oswald
    Soll denn getanzt werden antwortete Hortense wie aus einem Traume
erwachend
    Gewiss Die Baronin lässt das Klavier in den Saal schaffen Herr Timm hat sich
erboten zu spielen ich wollte mir erlauben die gnädige Frau um den ersten
Tanz zu bitten im Fall Sie sich noch nicht versagt haben
    Ich mich versagt Bewahre die Zeiten sind vorüber wo ich auf Wochen voraus
zu jedem Tanz engagirt war Ich überlasse das jetzt den Jüngeren
    Sie belieben zu scherzen
    Keineswegs Sie sind der Erste und weil ich fürchte dass Sie auch der
Letzte sein werden will ich lieber gar nicht anfangen sondern Sie bitten sich
ein wenig zu mir zu setzen und die Zeit die Sie mit mir vertanzen wollten in
aller Ruhe zu verplaudern Ist es Ihnen recht
    Die Frage beantwortet sich selbst sagte Oswald Hortense einen Stuhl
herbeiziehend
    Setzen Sie sich auch sagte diese Ich höre Herr Doctor Sie haben ein
großes Talent zur Satyre lassen Sie mich eine Probe dieses Talentes hören an
Stoff kann es Ihnen ja nicht fehlen wenn Sie von unserm Standpunkt aus einen
Blick auf die Gesellschaft hier im Saale werfen Welche von den Damen halten Sie
für die hübscheste
    Sie meinen die am wenigsten hässliche
    Sie Spötter Freilich außer einigen erträglichen Toiletten ist nicht viel
Hübsches wahrzunehmen Wie finden Sie Helene Grenwitz
    Ich finde sie gar nicht trotzdem ich sie überall mit den Blicken suche
    Dort rechts von der Tür Sie spricht mit ihrem Cousin Felix Wie steht denn
die Angelegenheit hat Felix sich noch immer nicht erklärt
    Jedenfalls nicht gegen mich
    Das glaube ich gern Aber glauben Sie dass er sich erklären wird
    Nein
    Weshalb
    Weil ich die Sache für unerklärlich halte
    Schwärmen Sie etwa für Fräulein Helene
    Ganz unendlich
    Sie interessieren sich überhaupt wohl besonders für junge Mädchen die eben
aus der Pension kommen
    Nur wenn sie wirklich interessant sind
    Nicht immer oder Sie wollen doch nicht behaupten dass Emilie Breesen dies
Beiwort verdient
    Ich habe noch nie für Fräulein von Breesen geschwärmt
    Desto mehr die Kleine für Sie Lisbeth von Meien ist die Vertraute von
Emiliens Liebeskummer geworden und Lisbeth hat natürlich die ganze Sache
ausgeplaudert
    Aber das ist ja unmöglich
    Beruhigen Sie sich nur Sie sehen ja das gute Kind hat sich schnell genug
wieder getröstet Heute schwärmt sie für Kloten ein ander Mal wird sie für
einen Andern schwärmen Die Kleine hat Talent sie kann es noch weit bringen
Mich dauert nur der arme Kloten
    Aber weshalb begibt er sich in die Gefahr
    Freilich und noch dazu ohne seinen Mentor
    Wer ist das
    Baron Oldenburg Er wird den Rat seines edlen Freundes missverstanden haben
und die kleine Emilie aus purem Missverständnis heiraten
    Sie belieben in für mich unergründlichen Rätseln zu sprechen gnädige Frau
    Ich bitte um Verzeihung Sagen Sie Sie sind wirklich wie die Fama sagt in
der kurzen Zeit der Busenfreund des Barons geworden
    Die Fama hat in diesem Falle wie stets aus der Mücke einen Elephanten
gemacht
    Glauben Sie dass ich es gut mit Ihnen meine sagte Hortense und sie blickte
Oswald voll in die Augen
    Ich habe keinen Grund das Gegenteil anzunehmen antwortete dieser den das
Gespräch welches er ganz absichtslos angeknüpft hatte auf eigentümliche Weise
zu interessieren begann
    So folgen Sie meinem Rat hüten Sie sich vor dem Baron wie vor Ihrem
schlimmsten Feind
    Weshalb
    Weil er falsch ist bis in das innerste Herz hinein
    Sie kennen den Baron genau
    Leider
    Und  verzeihen Sie mir wenn ich eine so schwere Beschuldigung eines
Mannes den ich  ich gestehe es  bis jetzt hoch geachtet habe nicht sofort zu
glauben vermag  haben Beweise Sie von des Barons Falschheit
    Tausend für einen
    Geben Sie nur einen
    Es bleibt unter uns was ich Ihnen erzählen werde
    Das verspreche ich
    So hören Sie Sie kennen meine Kousine Melitta Nun sie hat ihre Schwächen
wie wir Alle aber sie ist doch im Grunde eine charmante Frau die ich sehr lieb
habe und um die es mir leid tun sollte wenn sie sich wie es den Anschein
hat wieder in dieselben schlechten Hände gibt aus denen ich sie mit so viel
Mühe glücklich erlöst zu haben glaubte Wenn Melitta nicht so gut ist wie sie
sein könnte  Oldenburg allein hat es auf dem Gewissen Er hat ihr als sie noch
ein junges Mädchen war mit seinen tollen Ideen den Kopf verdreht dass sie
zuletzt nicht mehr Recht von Unrecht unterscheiden konnte Er hat als sie
endlich die ausgezeichnete Partie mit Herrn von Berkow gemacht hatte das ganze
im Anfang so schöne Verhältnis zerstört und wenn Berkow zuletzt vor Eifersucht
toll geworden ist es kann Niemand verwundern der es wie ich mit angesehen
hat wie es die Beiden trieben Endlich gelang es mir bei Melitta auszuwirken
dass sie Oldenburg auf einige Zeit wenigstens fortschickte Er ging aber als
wir vor ein paar Jahren Italien bereisten stellte sich Oldenburg wieder ein 
ob zufällig ob von Melitta herbeigerufen  ich lasse es unentschieden Nach
ihrem Benehmen sollte ich freilich das Letztere vermuten Das alte Lied begann
von Neuem Einsame Promenaden Austausch von Liebesschwüren wobei sie sich
selbst durch die Anwesenheit dritter Personen nicht geniren ließ  mit einem
Worte es war für Jemand die wie ich etwas streng in solchen Sachen denkt und
die wie ich Melitta noch dazu so aufrichtig liebte ein recht hässliches
Schauspiel Vergebens bat und beschwor ich Melitta an ihren kranken Gemahl an
ihr Kind zu denken Ich predigte tauben Ohren Da entschloss ich mich zu einem
verzweifelten Mittel Um ihr Oldenburgs Treulosigkeit  von der mir von anderen
Seiten die fabelhaftesten Dinge erzählt waren  zu beweisen ließ ich mich
herbei ihn glauben zu machen ich selbst interessire mich für ihn Es gehörte
dazu nicht viel denn der Baron ist eben so eitel wie er verräterisch und
zügellos in seinen Leidenschaften ist Bald verfolgte er mich jetzt mit seinen
Huldigungen  natürlich ohne sich Melitta gegenüber zu verraten dabei sprach
er so lieblos so schlecht von meiner armen Kousine dass ich kaum im Stande war
die Maske die ich vorgenommen hatte festzuhalten Und doch musste ich es bis
Oldenburg von seiner Leidenschaft hingerissen blind in das Netz rannte das ich
ihm stellte Ich wusste es so einzurichten dass er  es war im Garten der Villa
Serra di Falco bei Palermo  mir eine feurige Liebeserklärung machte während
Mellitta sechs Schritte davon hinter einem Myrtengebüsche stand Die Arme es
war eine schmerzliche Operation aber ich konnte ihr nicht anders helfen
Oldenburg war natürlich am andern Morgen verschwunden Ich suchte Melitta zu
zerstreuen so gut es ging und ich muss gestehen sie zeigte sich gefasster als
ich nach einer so schmerzlichen Enttäuschung einer so tiefen Demütigung für
möglich gehalten hätte Ich hoffte dass diese grausame Lehre die sie empfangen
ihr ein für alle Mal über Oldenburg die Augen geöffnet hätte hoffte es um so
mehr als der Baron ihr durch mehrjährige Abwesenheit Zeit genug zur Besinnung
ließ Da plötzlich taucht er vor einigen Wochen ganz unerwartet wieder auf Mir
ahnte sofort nichts Gutes  denn das Erscheinen dieses Mannes ist immer von
etwas Aussergewöhnlichem begleitet Wie er es angefangen hat sich wieder
Melittas Gunst zu erwerben wie es möglich ist dass Melitta schwach genug sein
konnte ihm wieder ihre Gunst zu gewähren  ich weiß es nicht  denn Beide haben
in einem hohen Grade das Talent ihre Handlungen den Blicken der Menschen zu
entziehen So viel steht fest eine Aussöhnung  von der wir bei einem so
erfahrenen Paare annehmen müssen dass sie eine vollständige war  kam zu Stande
und damit die Feier dieser Aussöhnung möglichst geheim bleibe machen sie eine
gemeinschaftliche Badereise und wohin nach Fichtenau dem Orte wo der Gemahl
Melittas seit sieben Jahren krank liegt Wahrlich ich bedauere Melitta Wenn
sie darauf ausging ihren Ruf zu ruiniren sie hätte es hier bequemer haben
können Denn gesetzt auch Berkows tödtlilche Krankheit ist nicht fingirt was
hat denn Oldenburg der diese Krankheit jedenfalls mit veranlasst hat dabei zu
tun und glaubt denn Melitta dass der Baron sie nach dem Tode Berkows
heiraten wird Du lieber Himmel wenn Oldenburg alle Frauen heiraten sollte
denen er in seinem Leben Liebe geschworen er müsste sich ein Serail anlegen in
welchem alle Stände von der Herzogin bis zur Kammerjungfer alle Nationen und
ich glaube auch alle Racen vertreten wären Aber mein Gott was ist Ihnen Sie
sind ja ganz blass geworden Sind Sie nicht wohl
    Es ist nur die übergrosse Hitze sagte Oswald sich erhebend ich bitte um
Verzeihung wenn ich Sie so plötzlich verlasse Ich will versuchen ob die
frische Abendluft mich wieder herstellt
    Er machte Hortense eine sehr förmliche Verbeugung und entfernte sich ohne
ihre Antwort abzuwarten
    Nun was bedeutet denn das fragte diese indem sie dem Forteilenden
verwundert nachsah Hat meine vortreffliche Kousine auch hier eine Eroberung
gemacht und habe ich ohne es zu wissen und zu wollen zwei Fliegen mit einer
Klappe geschlagen Ich glaube aus dem jungen Menschen wäre etwas zu machen
Freilich  ich muss jetzt etwas vorsichtig sein Barnewitz ist nach der letzten
Affäre mit Kloten ein wahrer Otello  da kommt ja das Ungetüm  nun lieber
Barnewitz siehst Du Dich auch einmal nach Deiner verlassenen kleinen Frau um
ich sitze hier nun schon den ganzen Abend und schmachte nach Dir
    Warum tanzt Du denn nicht
    Meinst Du dass es mir Vergnügen macht wenn Du nicht dabei bist
    Ich habe mit dem jungen Grieben und Anderen ein kleines Jeu arrangirt aber
ich kann schon einmal mit Dir herumspringen Komm sie fangen eben einen Walzer
an Das ist so meine Force
    Und das Paar trat in die Reihe der Tanzenden
    Unterdessen irrte Oswald ruhelos in dem Garten umher Aus den offenen
Fenstern und Türen der Zimmer strahlten die Lichter um den Rasenplatz herum
hatte AnnaMaria Laternen von buntem Papier aufstellen lassen die der helle
Mondschein ziemlich überflüssig machte Von Zeit zu Zeit traten einzelne Paare
auf den Platz hinaus und promenirten in der balsamischen Nachtluft Es war eine
festliche heiter schöne Szene die Oswalds verdüstertes Gemüt beleidigte Er
erstieg den Wall setzte sich auf eine Bank und starrte den Kopf in die Hand
gedrückt in das Wasser des Grabens auf dem die Mondesstrahlen unheimlich
glitzerten
    Wäre es nicht besser Du machtest Deinem elenden Dasein ein schnelles Ende
murmelte er als dass Du Dir zur Qual und Keinem zur Freude die Bürde des Lebens
weiter schleppst Willst Du denn fortvegetiren bis Dir jede Illusion zerstört
ist bis Du Alles und Jedes was Du wert und heilig hieltst über Bord geworfen
hast über Bord hast werfen müssen willst Du denn warten bis Dir die Geduld
vollends ausgeht wie dem edlen grossherzigen Berger So also sieht das Bild der
Frau aus vor der Du wie vor einer Heiligen gekniet hast das ist der Mann
dessen Hand in der Deinen zu halten Dir eine Ehre schien Du warst ihr nichts
als ein Spielball ihrer hochadligen Laune und er hat seinen allerliebsten
freiherrlichen Scherz mit Dir getrieben Aber das ist ja nicht möglich nicht
möglich warum denn nicht ist die Welt in der sich diese Menschen bewegen
nicht durch und durch verfault und verrottet ist ihr ganzes Leben nicht eine
gemeine Intrigue betrügt hier nicht die Gattin den Gatten und dieser jene
verkauft nicht der Vater die Tochter verkuppelt nicht die Mutter ihr eigen
Fleisch und Blut verrät nicht der Freund den Freund plaudert eine Kokette
nicht die Geheimnisse der andern aus weshalb wähnst Du denn sie würden mit
Dir dem Plebejer dem Arbeiter für Lohn und Brot besser verfahren und doch
und doch es ist entsetzlich Das Weib das Du angebetet wie eine Gottheit die
Maitresse eines Andern ihn betrügend Dich betrügend um von ihm wieder
betrogen zu werden Und Du gutmütiger Narr kämpfst wie ein Wahnsinniger mit
Deiner Leidenschaft für das holde herrliche Geschöpf die einzig Reine in
diesem Hexensabbat denn sie ist rein und gut oder es gibt nichts Reines auf
dieser Welt Nein nein und wenn Alles um Dich her Lug und Trug ist und
schwarzer tückischer Verrat  auf diesen einen hohen Stern willst Du Dein Auge
heften  es ist Dein Stern Nur das unerreichbar Hohe ist Deiner Liebe wert Um
die Irrlichter die auf dem Sumpfe tanzen mögen sich die Molche mit den Kröten
zanken
    Ein leichtes Geräusch an seiner Seite machte ihn aus seiner gebückten
Stellung auffahren Eine schlanke Mädchengestalt in einem weißen Gewande stand
vor ihm Durch eine Lücke in dem Laubdache oben fiel ein Mondenstrahl auf die
schlanke weiße Gestalt
    Es war Emilie von Breesen
    Still sagte sie als Oswald sich mit einem leisen Ruf der Verwunderung
erhob ich sah Sie aus dem Saale gehen ich bin Ihnen gefolgt weil ich Sie
sprechen will sprechen muss Ich werde Sie nicht lange aufhalten Es bedarf nur
eines Wortes eines einzigen Wortes das über mein Leben entscheiden soll
Liebst Du mich ja oder nein
    Das junge Mädchen hatte Oswalds Hand ergriffen die sie mit krampfhafter
Heftigkeit presste Ja oder nein wiederholte sie in einem Tone der die
Leidenschaft die in ihr wühlte deutlich genug verriet
    Aber Oswalds Ohr war taub gegen diesen Ton sein Herz verschlossen wie das
Haus eines Mannes den die Diebe in der Nacht zuvor bestohlen haben
    Sie irren sich ohne Zweifel in der Person sagte er mit schneidendem Hohne
Ich heiße Oswald Stein Herr von Kloten ist so viel ich weiß drinnen im Saale
und er suchte seine Hand aus der des Mädchens loszumachen
    Habe ich das verdient rief Emilie mit von Tränen fast erstickter Stimme
und sie ließ die Arme wie in Verzweiflung sinken
    Die Nacht ist kühl sagte Oswald der Tau beginnt zu fallen Sie werden
sich in dem leichten Anzug erkälten Darf ich die Ehre haben Sie in den Saal
zurückzubegleiten
    O mein Gott mein Gott murmelte Emilie das ertrage ich nicht Oswald stoße
mich nicht so von Dir wie hab ich mich nach diesem Augenblick gesehnt wie
habe ich mir tausend und tausendmal wiederholt was ich Dir Alles sagen wollte
wie habe ich gehofft dass Du mich wieder in die Arme nehmen würdest  o mein
Himmel was rede ich Oswald habe Mitleid mit mir Du kannst meinen Übermut
von heute Abend nicht so grausam strafen wollen Ich wollte Dich ein wenig
necken ich dachte jeden Augenblick Du würdest zu mir treten und da wollte ich
Dir Alles sagen Aber Du kamst und kamst nicht und ich musste die Komödie weiter
spielen so schwer es mir wurde
    Sind Sie sicher mein Fräulein dass Sie nicht selbst noch in diesem
Augenblicke Komödie spielen
    Emilie antwortete nicht Sie sank mit einem leisen Stöhnen auf die Bank
presste ihr Gesicht in die Hände und schluchzte als ob ihr das Herz brechen
wollte
    Oswald trat dicht vor die Unglückliche und sagte in milderem Ton
    Wollen Sie mir ein paar Augenblicke ruhig zuhören
    Emiliens einzige Antwort war ein krampfhaftes Schluchzen
    Glauben Sie mir fuhr er fort ich bedaure von ganzem Herzen dass eine
solche Szene wie diese möglich wurde und ich fühle dass ich einzig und allein
die Schuld davon trage Hätte ich Ihnen an jenem Abend gesagt was ich Ihnen
heute sagen muss Ihr Stolz würde Alles längst entschieden haben  Ich kann Sie
nicht lieben das klingt sehr wunderlich gegenüber einem so holden
liebenswürdigen Geschöpf aber es ist dennoch wahr Warum wollen Sie nun Ihre
Liebe an Jemand verschwenden der sich des kostbaren Geschenkes so ganz unwürdig
zeigt warum nicht Jemand damit beglücken der mehr Talent zum Glücklichsein und
zum Beglücktwerden hat als ich  Ich bin gerade jetzt in einer sehr gedrückten
    Stimmung die mich wohl noch mehr wie gewöhnlich unfähig macht die Dinge
und die Menschen in dem rechten Lichte zu sehen Verzeihen Sie mir daher wenn
ich Sie vorhin durch bittere unüberlegte Worte gekränkt habe zu denen ich kein
Recht habe und die ich nicht hätte brauchen dürfen selbst wenn ich im Rechte
gewesen wäre Ich bitte ich beschwöre Sie vergessen Sie was zwischen uns
vorgefallen ist und lassen Sie sich vor Allem durch diese Kränkung nicht zu
Entschlüssen verleiten die Sie später und zu spät bereuen würden Sie haben
gesehen was es heißt seine Liebe einem Unwürdigen schenken Sollte Ihnen diese
Erfahrung in der Wahl die Sie über kurz oder lang treffen werden zu Statten
kommen so will ich gern für den Augenblick von Ihnen verkannt sein gern Ihren
Hass selbst Ihre Verachtung auf mich geladen haben
    Emilie hatte während Oswald sprach allmälig zu weinen aufgehört Jetzt
stand sie auf und sagte in beinahe ruhigem Ton
    Es ist genug Ich danke Ihnen Sie haben mir die Augen geöffnet Sie sollen
nie wieder von mir belästigt werden Sagen Sie mir nur noch dies Eine werde ich
einer Anderen geopfert lieben Sie eine Anrede
    Ja sagte Oswald nach kurzem Bedenken
    Es ist gut Und nun hören Sie dies Wie ich Sie geliebt habe mit aller
Glut meines Herzens so hasse ich Sie jetzt und wie ich noch vor wenigen
Minuten mein Leben freudig für Sie dahingegeben haben würde so heiß wünsche ich
jetzt mich für diese Schmach an Ihnen zu rächen Und ich werde mich rächen ich
werde 
    Wiederum brach sie in ein leidenschaftliches Weinen aus aber sie bezwang
sich sogleich wieder
    Sie sind es nicht wert dass ich so viel Tränen um Sie weine Nun setzen
Sie Ihrem Benehmen die Krone auf und folgen Sie mir auf dem Fuße in den Saal
damit doch ja die Welt erfahre welche Närrin ich gewesen bin
    Und sie eilte von Oswald fort den Wall hinab an dem Rasenplatze vorüber
nach dem Saal wo noch immer eifrigst getanzt wurde Von Kloten der sie überall
in den Zimmern vergeblich gesucht hatte und jetzt melancholisch an einen
Türpfosten gelehnt stand erblickte sie sofort und kam eiligst auf sie zu
    Mein gnädiges Fräulein haben mich in wahre Todesangst versetzt war bei
Gott au désespoir glaubte wahrhaftig der Himmlischen Einer habe Sie mir
entführt
    Ich habe in aller Stille über das was Sie mir vorhin sagten nachgedacht
Herr von Kloten antwortete Emilie
    Wahrhaftig Sie sind ein Engel und ich darf hoffen fragte von Kloten der
die geröteten Augenlider und das aufgeregte Wesen des jungen Mädchens natürlich
zu seinen Gunsten auslegte
    Gehen Sie zu meiner Tante
    Wirklich wahrhaftig ich kann es nicht glauben rief der junge Mann und
sein freudiger Schrecken war keineswegs gemacht
    So gehen Sie nicht antwortete Fräulein Emilie in einem sonderbaren Ton
    Mein Gott Emilie Engel zürnen Sie nicht ich eile ich fliege 
    Und Herr von Kloten entfernte sich in augenscheinlichster Verwirrung um
Emiliens Tante aufzusuchen
    Emilie blieb auf demselben Platze stehen bleich die Arme verschränkt die
großen Augen starr auf die Gruppen der Tanzenden geheftet ohne mehr zu sehen
als wenn sie die Blicke ins Leere gerichtet hätte
    Sie sind klüger als wir Andern sagte eine Stimme dicht neben ihr
    Es war Felix von Grenwitz er hatte sich auf einen Stuhl geworfen und
trocknete sich mit einem Batisttaschentuche die nasse Stirn
    Lächerlich bei der Hitze herumzuspringen ich dächte wir hörten endlich
einmal auf Und nun hat noch gar Helene Herrn Timm am Klavier abgelöst das
Mädchen hat doch wahrlich wunderliche Einfälle Meinen Sie nicht auch Fräulein
Emilie
    Vielleicht fehlt es ihr an einem Tänzer
    Unmöglich
    Nun vielleicht an dem rechten Tänzer
    Das heißt
    An dem mit welchem sie gern tanzt
    Ich bin stets hier gewesen
    Sie bilden sich doch nicht etwa ein dass Sie der Glückliche sind
    Wer denn sonst
    Wissen Sie nicht wo Herr Stein geblieben ist
    Nein weshalb
    Ich frage nur Fräulein Helenens halber Bemerken Sie nicht wie sie die
großen stolzen Augen fortwährend ruhig aber unaufhörlich durch den Saal
schweifen lässt
    Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein
    Weshalb denn nicht Ist Herr Stein nicht ein sehr hübscher Mann und hat
nicht Helene wie Sie selbst sagen wunderliche Einfälle
    Mein Fräulein sagte Felix ernst wollen Sie mir die
    Gnade erweisen mir zu sagen ob Sie besondere Gründe zu dieser
eigentümlichen Vermutung haben
    Natürlich habe ich besondere Gründe
    Und wollen Sie die Güte haben mir diese Gründe zu nennen
    Nein
    In diesem Augenblick kam Herr von Kloten mit vor Freude strahlendem Gesicht
    Mein gnädiges Fräulein sagte er Ihre Frau Tante wünscht Sie zu sprechen
Darf ich die Ehre haben Sie zu ihr zu begleiten
    Sogleich sagte Emilie und dann zu Felix Verlassen Sie sich auf das was
sich Ihnen sagte ich habe scharfe Augen und Ohren
    Sie nahm Klotens Arm
    Der Sache muss ich auf den Grund kommen sagte Felix bei sich als die Beiden
sich entfernt hatten Helenens Benehmen in den letzten Tagen ist wirklich
auffallend
    Er trat an das Klavier Soll ich Ihnen die Blätter umschlagen Helene
    Danke antwortete Helene trocken ich spiele aus dem Kopf
    Nach einer kleinen Pause Bitte Cousin gehen Sie fort es ängstigt mich
wenn Jemand so dicht hinter mir steht
    Ich dächte Doctor Stein hätte gestern eine halbe Stunde lang hinter Ihnen
gestanden ohne dass Sie irgend welche Angst verraten hätten
    So werde ich aufstehen sagte Helene griff ein paar schnelle Schlussaccorde
und ging ohne das Ach der mitten im Tanze Gestörten zu beachten von dem
Klavier fort
    Das ist stark sagte Felix bei sich
    Weshalb hörte denn Helene so plötzlich auf zu spielen fragte die Baronin
welche die Szene aus der Entfernung beobachtet hatte herantretend
    Ich weiß es nicht sie wird mir wohl etwas übel genommen haben Sie ist doch
eigensinniger und launischer als ich dachte Meinen Sie nicht auch Tante dass
der Mensch der Stein mit seinen corrupten Ansichten einen schädlichen Einfluss
nicht bloß auf Bruno sondern auch auf Helene ausübt
    Ich habe Ihnen ja immer gesagt dass ich dem Menschen nicht im mindesten
traue
    So jagen Sie ihn fort
    Ohne alle Veranlassung
    Pah die findet sich Wollen Sie mir die Erlaubnis geben eine zu suchen
    Aber ohne dass ein Scandal daraus wird
    Lassen Sie mich nur machen
    Es muss so eingerichtet werden dass er selbst um seine Entlassung bittet
    Weshalb
    Ich habe meine Gründe  und Felix sagen Sie Grenwitz nichts davon Er ist
in der letzten Zeit so rechtaberisch und eigensinnig geworden Ich fürchte
sogar er sinnt darauf unser Project mit Helene zu stören Ich bitte Sie
Felix seien Sie vorsichtig Ich wäre außer mir wenn die Sache sich zerschlüge
nachdem ich sie schon unter der Hand nach allen Seiten als ein fait accompli
dargestellt habe
    Pah Tante schon wieder ängstlich Vertrauen Sie mir ich pflege zu Ende zu
bringen was ich anfing
 
                           Achtundvierzigstes Kapitel
Als Oswald nach der peinlichen Szene mit Emilie von Breesen auf sein Zimmer kam
 denn zur Gesellschaft zurückzukehren war ihm unmöglich  sah er auf seinem
Tische ein versiegeltes Packet liegen das während seiner Abwesenheit dort
hingelegt sein musste Schon der Zusatz der Adresse »Hierbei die bewussten Bücher
mit vielem Dank zurück Ihr getreuer B« sagte ihm von wem dieses Packet
gebracht worden war und was es enthielt Und seltsam er zögerte die Siegel zu
lösen Es war ihm als ob er kein Recht mehr zu Melittas Briefen habe seitdem
sein Herz ihr nicht mehr ganz gehörte als ob vor allem sie deren Herz er nie
vollständig besessen nie das Recht gehabt ihm diese Zeichen der Liebe zu
geben Endlich fast mechanisch öffnete er das Packet Es waren drei Bücher
darin Aus dem mittleren fielen zwei Briefe  der eine von Melitta der andere
von Bemperlein Melittas Brief enthielt nur wenige herzliche Worte die »über
die lange Trennung klagten in welcher sich mit dem weiten Raum auch noch so
vieles Andere zwischen die Herzen die einst voller Seligkeit aneinander
geschlagen drängen könnte« und schließlich die Hoffnung eines recht baldigen
Wiedersehens ausdrückten Der Brief trug keine Unterschrift Er könnte ja in
fremde Hände fallen sagte Oswald bitter Ich will noch großmütiger sein ich
will diesen Zeugen eines Verhältnisses dessen sie sich zu schämen beginnt
vernichten und er verbrannte das Papier an der Flamme des Lichtes Der Brief
von Bemperlein war ausführlicher aber er handelte fast nur von Professor
Berger Bemperlein war während seines kurzen Aufenthaltes in Grünwald sehr viel
in der Gesellschaft des Professors an welchen ihn Oswald so warm empfohlen
hatte gewesen und hatte sich die Gunst des wunderlichen Mannes im hohen Grade
erworben ebenso wie er sich seinerseits für den genialen Gelehrten begeisterte
Man kann sich daher sein Entsetzen vorstellen als Doctor Birkenhain ihm eines
Tages mitteilte soeben sei der Professor Berger in das Krankenhaus abgeliefert
worden Bemperlein schrieb Oswald dass er sogleich um die Erlaubnis gebeten
habe Berger besuchen zu dürfen dass ihm diese Erlaubnis gegeben sei und dass er
seitdem jeden Tag viele Stunden bei dem Kranken zugebracht habe der seine
Gesellschaft jeder andern vorziehe Berger spreche größtenteils vollkommen
vernünftig nur komme er bei der geringsten Veranlassung auf seine fixe Idee des
Nichts zurück Er finde es ganz in der Ordnung dass man ihn in eine Irrenanstalt
gebracht habe denn sagte er der Unterschied zwischen den Leuten draußen und
denen drinnen bestehe nur darin dass jene das werden könnten und eigentlich
werden müssten was diese schon seien Wenn zum Beispiel Doctor Birkenhain nur
einmal seinen Kopf auseinander nehmen wollte so würde er die absolute Hohlheit
desselben mit eigenen Augen wahrnehmen und sich in seinem Hause ein behagliches
sonniges Zimmer anweisen lassen um in aller Stille über das große UrNichts
nachzudenken Bemperlein schrieb dass Doctor Birkenhain Bergers Wahnsinn nur
für temporär halte und die bestimmte Hoffnung habe den ausgezeichneten Mann in
kurzer Zeit seinen Freunden und Schülern geheilt zurückzusenden
    Was uns selbst angeht schloss Bemperlein so wird Ihnen die gnädige Frau ja
wohl Alles der Ordnung gemäß berichtet haben Ich füge nur noch hinzu dass
unsers Verbeleibens hier Gott sei Dank nun wohl nicht mehr lange sein wird
Herr von Berkow wird täglich schwächer die Schwindsucht macht reissende
Fortschritte Birkenhain gibt ihm nur wenige Tage Wir bleiben auf jeden Fall
bis Alles entschieden ist Ich sehe diesem Augenblick mit einer Ungeduld
entgegen die ganz rein von Selbstsucht ist Aus dem Tode dieses Unglücklichen
der nun seit Jahren kaum noch zu den Lebenden gehört wird für zwei Menschen ein
neues Leben erblühen  zwei Menschen die mir unendlich wert und teuer sind
    Wirklich sagte Oswald den Brief auf den Schoss sinken lassend Bist Du
dessen so gewiss guter Bemperlein Freilich was ahnt Dein reines Herz von
adeligem Betrug und freiherrlicher Tücke  Und doch weshalb erwähnt auch er
Oldenburgs Anwesenheit nicht was hat er davon ein Factum zu verschweigen von
dem er wissen musste dass es mich interessieren würde So ist auch er in dem
Komplot Wohl so wirst du fortan dich auf Niemand verlassen als auf dich
selbst Unter den Wölfen muss man heulen und der ist ein Narr der unter
Betrügern und Lügnern den ehrlichen Mann spielen will Heuchelt Ihr  ich kann
es auch spielt Ihr Komödie  ich will nicht im Parterre sitzen lacht Ihr Euch
ins Fäustchen  ich werde nicht weinen und wer zuletzt lacht lacht am besten
    Ich freue mich Sie in so ausgezeichneter Laune zu treffen sagte eine
Stimme hinter ihm
    Oswald fuhr von seinem Stuhle empor und starrte die lange Gestalt die
plötzlich wie aus dem Boden gewachsen vor ihm stand erschrocken an
    Ich bitte um Entschuldigung sagte Baron Oldenburg Oswald die Hand welche
dieser zögernd ergriff entgegenstreckend dass ich wie Nikodemus in der Nacht
bei Ihnen erscheine Aber ich komme diesen Augenblick erst von meiner Reise
zurück und hörte von einem Bedienten der mit einem Präsentirbrett voll Gläser
und Tassen an mir vorbeirannte Sie seien auf Ihr Zimmer gegangen Der Mann
hatte eben nur noch Zeit mir den Weg zu beschreiben und klapperte mit seinen
Gläsern weiter Da bin ich denn nun und wie gesagt freue mich Sie in guter
Stimmung zu finden denn sonst hätte ich kaum den Mut Ihnen zu sagen weshalb
ich da bin Wissen Sie wo wir heute Nacht vor einem Monat waren Es ist die
Nacht welche uns die braune Gräfin zum Rendezvous bestimmte Nehmen Sie noch so
viel Interesse an mir und unserer kleinen Pflegebefohlenen um mich zu dem
bewussten Platze zu begleiten
    Ich stehe in wenigen Minuten zu Ihrer Verfügung sagte Oswald erlauben Sie
nur dass ich mich ein wenig zu unserer Fahrt zurecht mache
    Er nahm eins der beiden Lichter die auf dem Tische brannten und ging in die
Nebenstube
    Ziehen Sie sich ja warm an rief ihm Oldenburg nach es ist jetzt sehr kühl
gegen Morgen noch dazu im Walde
    Hm murmelte er als Oswald verschwunden war er sieht bleich und
angegriffen aus und war weniger freundlich als seine Gewohnheit ist Er wird
doch nichts von meinem Aufenthalte in Fichtenau den ich ihm so sorgfältig
verheimlichte erfahren haben Ich muss ihn ein wenig aushorchen Es wäre fatal
denn ich spreche mit Niemand gern über mein Verhältnis zu Melitta mit ihm am
wenigsten
    Unterdessen sagte Oswald während er sich umzog vor sich hin Jetzt gilt es
klug sein wie die Schlange Spielt Ihr mit mir so will ich mit Euch spielen
    Er trat wieder ins Zimmer Ich bin bereit
    So wollen wir aufbrechen  Mein Wagen hält vor dem Tor sagte der Baron
während sie die Treppe die nach dem Garten führte hinunterstiegen die Czika
sitzt in meinen Mantel gehüllt darin Meinen Sie nicht auch dass es geraten
ist das Kind zu der Zusammenkunft mitzunehmen Wenn die Zigeunerin wirklich des
Kindes Mutter ist so sind wir ihr wohl diese Aufmerksamkeit schuldig In jedem
Fall kann sie sich überzeugen dass das Kind lebt und gesund ist und sich in
seinen neuen Verhältnissen wohl befindet  Aber was bedeutet denn dies rege
Leben im Schloss AnnaMaria ist doch sonst keine Freundin von Festgelagen Ist
Malte vielleicht fortgelaufen gewesen und wieder zurückgekehrt und wird dem
Kalbe jetzt ein Kalb geschlachtet
    Es handelt sich nicht um einen verlorenen Sohn sondern um eine
wiedergefundene Tochter sagte Oswald sich zu einem scherzhaften Tone zwingend
Fräulein Helene ist aus der Pension zurück Seitdem reiht sich Fest an Fest
    Tempora mutantur sagte Oldenburg das muss ja eine Circe von Mädchen sein
die solche Metamorphosen zu Wege bringen kann Ist sie schön
    Mir erscheint sie so
    Lassen Sie uns einmal an die Fenster treten sagte Oldenburg als sie im
Garten über den Rasenplatz gingen ich bin unendlich neugierig dies Wunder zu
sehen Es wird uns ja Niemand bemerken
    Er schritt nach der Treppe die auf den Perron hinaufführte Oswald folgte
Die Türen war jetzt wo es draußen kühler wurde geschlossen auch die Fenster
aber die Vorhänge waren nicht heruntergelassen man konnte von diesem
Standpunkte aus Alles beobachten was in den blendend hell erleuchteten Zimmern
vorging
    Als sie an das Fenster traten saß ihnen gerade gegenüber Helene am Klavier
Felix stand hinter ihrem Stuhl Er beugte sich über sie und schien eifrig mit
ihr zu sprechen Oldenburgs falkenscharfes Auge hatte sogleich die Gruppe
erfasst
    Wer ist der junge Mann fragte er
    Oswald antwortete nicht die Unterlippe zwischen die Zähne gepresst die
starren Augen nicht von den Beiden am Klavier wegwendend stand er da Felix
beugte sich noch tiefer Oswald presste die Lippe dass das Blut durch die Haut
sprang Da erhob sich Helene plötzlich und schritt durch die Gruppen der
Tänzer die durch das Aufhören der Musik wie am Boden gefesselt waren oder
lachend weiter zu tanzen versuchten hindurch gerade auf das Fenster zu vor
welchem Oldenburg und Oswald sich befanden die ein paar Schritte zurück in den
Schatten traten Sie blieb in der Fensternische angelangt stehen die Arme
über dem Busen verschränkt die großen dunklen Augen auf den Mond gerichtet
dessen goldene Scheibe draußen an dem tiefblauen nächtlichen Himmel schwamm Ihr
von der Aufregung der eben mit Felix gehabten Szene noch leidenschaftlich
erregtes in dem Strahl des Mondes geisterhaft bleiches von dem herrlichen
blauschwarzen Haare eingerahmtes Gesicht gemahnte den Baron an die schönste der
antiken Medusen Ein Herr  es war Adolf von Breesen  trat an sie heran und
sprach zu ihr Sie antwortete ihm kurz ohne die Stellung zu verändern ohne
kaum die Lippen zu regen Er verbeugte sich und trat zurück  Dann als ob sie
sich eines Andern besonnen hätte wandte sie sich und schritt wieder zum Klavier
zurück setzte sich und begann von Neuem zu spielen Wie von einem Zauberstabe
berührt kamen die Paare der Tanzenden wieder in Bewegung  und das bunte Bild
das Oldenburg und Oswald zuerst erblickt hatten war wieder hergestellt
    Wer war der Fant welcher dieses Intermezzo veranlasste fragte Oldenburg
als sie wieder in den Garten hinabgingen
    Felix von Grenwitz ihr Cousin
    Ein allerliebstes Püppchen und die junge Schönheit soll die Puppe zum
Gemahl haben nicht
    Ich glaube
    Und wie erscheint Ihnen das
    Wie die Welt dem Hamlet ekel schal und flach und unerspriesslich
    Meine böse Ahnung geht in Erfüllung murmelte Oldenburg durch die Zähne
    Sie sagten
    Ich dachte eben daran ob Karl wohl den Wagen in die Höhe geschlagen hat
damit meine kleine Czika nicht ganz unter freiem Himmel sitzt Freilich ihr
wäre es am liebsten wenn sie nie eine andere Decke über sich hätte Auf unsrer
Reise jubelte sie jedesmal so oft wir in die Nacht hineinfuhren und sie die
vielgeliebten Sterne über sich leuchten sah
    Und  darf man fragen was Sie so plötzlich aus unserer Nähe riss fragte
Oswald und seine Stimme bebte
    Eine Angelegenheit die eigentlich nur indirect für mich von Bedeutung ist
Die Krankheit eines Mannes dessen Tod auf das Geschick einiger Personen die
mir wert sind von großem Einfluss sein kann
    Der Baron wartete ob Oswald etwas erwidern würde
    Ich war eitel genug zu glauben dass meine Abreise einige Sensation in der
Gesellschaft hier erregen würde fügte er hinzu als Oswald schwieg dies
scheint indessen nicht der Fall gewesen zu sein
    Man ist seit so langen Jahren gewohnt Sie unvorbereitet kommen und gehen zu
sehen dass man sich nachgerade daran gewöhnt hat sagte Oswald doch da hält Ihr
Wagen glaube ich
    Wo ist Czika Karl fragte der Baron
    Sie liegt im Wagen fest eingeschlafen antwortete der Kutscher der vom
Bocke gestiegen war den Tritt herabzulassen ich habe sie sorgfältig zugedeckt
    Wir wollen sie zwischen uns nehmen wie damals als wir von Barnewitz
kommend sie auf der Landstraße fanden
    Der Baron war schon im Wagen
    Bist Du es Herr fragte das Kind aus dem Schlaf erwachend
    Ja mein Herz
    Wer ist der Mann bei Dir
    Dein Freund der Mann mit den blauen Augen
    Er soll bei uns bleiben murmelte Czika schlaftrunken sich an Oswald der
nun auch eingestiegen war schmiegend Czika ist müde Czika will in Deinen
Armen schlafen
    Ich glaube sagte der Baron als sich der Wagen in Bewegung setzte Sie
haben einen unauslöschlich tiefen Eindruck auf Czika gemacht Sie spricht sehr
oft von Ihnen und fragt warum der Mann mit den blauen Augen  so bezeichnet sie
Sie stets  nicht wieder kommt Es ist doch ein wunderlich Ding das
Menschenherz ein unergründliches Rätsel zu dem der Weiseste der Weisen keinen
Schlüssel hat Wer erklärt uns das Wunder der Sympatien und Antipatien Welche
Mühe habe ich mir gegeben das Herz dieses Kindes mir zu eigen zu machen Ich
möchte so gern etwas auf der Welt mein eigen nennen Und ist es mir gelungen
Ich weiß es nicht Sie folgt mir aber nur wie ein Kind dem die Mutter gesagt
hat geh mit dem Herrn und sei hübsch artig Ich bin ihr heute noch was ich ihr
am ersten Tage war Ich habe sie mit der zärtlichsten Sorge umgeben Sie nimmt
Alles hin wie eine Gabe die man nicht ausschlägt um den Geber nicht zu
beleidigen
    Aber machen es nicht alle Kinder mehr oder weniger so erwiderte Oswald
ist es nicht ihr gutes Recht sich lieben zu lassen ohne weiter dankbar dafür
zu sein Und dann was ist am Ende eine Liebe die auf Dank rechnet Heißt es
nicht auch hier wer Lohn begehrt der hat seinen Lohn dahin
    Mögen Sie das nie an sich selbst erfahren sagte der Baron mit bewegter
Stimme und mögen es Andere nie durch Sie erfahren Wüssten Sie was
hoffnungslose Liebe ist wüssten Sie auf der anderen Seite was es heißt das
Gefühl mit sich herumtragen Liebe warme aufrichtige Liebe mit Kälte mit
Gleichgültigkeit erwidert zu haben  Sie würden so nicht sprechen Nein nein
grausam gewesen zu sein gegen ein Herz das uns liebt ist eine Erinnerung die
auf unserm Gewissen brennt und die keine neue Liebe und wäre sie wirklich
reiner als die welche wir damals fühlten wieder auslöscht
    Und haben Sie diese Erfahrung an sich selbst gemacht
    Leider ja Ich habe in meinem Leben viele Verhältnisse angeknüpft und
wieder gelöst ohne dass ich darüber Gewissensbisse empfunden hätte Wusste ich
doch nur zu wohl dass die guten Herzen nicht brechen würden Es waren Konta meta
Geschäfte bei denen Jeder seine Rechnung gefunden hatte oder die schlimmsten
Falls den einen oder den anderen und meistens beide Partner so bettelarm
ließ wie sie vorher gewesen waren Nur einmal  und ich war damals noch
ziemlich jung und das gereicht mir einigermaßen zur Entschuldigung  nur einmal
habe ich mich des Frevels schuldig gemacht ein Wesen von dem ich überzeugt
sein konnte dass es mich treu und aufrichtig liebte mit schnödem Undank zu
belohnen Die Geschichte würde mir unvergesslich sein auch wenn sie nicht durch
die Begegnung mit der braunen Gräfin auf eine wunderliche Weise mir wieder in
die Erinnerung gerufen wäre Habe ich Ihnen nicht erzählt wie ich einst sonst
vor vielen Jahren im fernen Ungarlande als ich mich auf dem Gute eines
Bekannten zum Besuch aufhielt ganz zufällig ein Zigeunermädchen fand 
    Ja sagte Oswald ich erinnere mich Ihrer Erzählung die durch das
Hereintreten Herrn von Klotens unterbrochen wurde sehr wohl Ich vergaß
hernach Sie um die Fortsetzung zu bitten War es nicht so Sie hatten das
Mädchen als Sie fern von der Wohnung in dem Walde umherschweiften in einem
Zigeunerlager das für den Augenblick von der übrigen Bande verlassen war
gefunden Sie erblicken und sie lieben war eins Sie verlebten mit ihr in der
romantischen Einsamkeit mehrere glückliche Tage Die Geschichte schloss mit
folgendem Tableau Zigeunerlager im Walde  Sonnenuntergang  unter dem
überhangenden Dache einer breitastigen Buche ein liebendes Paar auf schwellendem
Moosteppich 
    Ihr Gedächtnis ist gut sagte der Baron auch haben Sie die Stimmung welche
ich damals dem Bilde gab getreu reproducirt Ich werde nur nachträglich noch
einige Schlagschatten hineinzeichnen müssen  Ich saß also mit der Zingarella 
Xenobi war ihr süßer Name  in der von Ihnen angedeuteten Situation Ich sang
das alte Finklerlied von der Liebe die nimmer enden würde und das holde
Vögelchen traute der alten falschen Weise und schmiegte sich innig und inniger
an mein Herz Da plötzlich ertönte Hufschlag durch den stillen Wald und das
Lachen und Schwatzen einer fröhlichen Kavalcade Ich hatte kaum noch Zeit die
Kleine unsanft von meinem Schoss zu stoßen und mich zu erheben als die Schaar
schon unter den hohen Bäumen hervor auf den Platz gesprengt kam Es waren meine
Wirte der junge Graf Cryvany mit seinen Schwestern und mehrere Herren und
Damen aus der Nachbarschaft Sie können sich die nun folgende Szene denken Ich
wurde sofort umringt und mit Fragen überschüttet Wo ich gewesen wie ich
hierher gekommen sei  Ich dachte die Wölfe hätten Sie zerrissen rief der
Eine oder Sie hätten sich aus unglücklicher Liebe erschossen ein Anderer 
Ich habe des Rätsels Lösung schrie ein Dritter Liebe freilich ist im Spiel
aber bei Liebe keine unglückliche Sehen Sie dort und er deutete mit dem Stiel
seiner Reitpeitsche auf meine arme Xenobi die sich bei der Annäherung der
Kavalcade scheu hinter dem dicken Stamm der Buche versteckt hatte  Ein
allgemeines Gelächter belohnte den Witzbold Nur ein Gesicht blickte finster
drein Es war die jüngste und hübscheste der Schwestern der ich noch
zuguterletzt den Hof gemacht hatte und die glaube ich in ihrer Weise  was
freilich nicht viel sagen will  mich mit ihrer Neigung beehrte mir wenigstens
schon einige nicht misszuverstehende Zeichen ihrer Gunst gegeben hatte Ich
schämte mich plötzlich meiner armen Xenobi ganz entsetzlich und hatte nur den
einen Wunsch mich aus der Affäre zu ziehen ohne die stolze Georgina zu
beleidigen Ich spielte den Entrüsteten ich behauptete tagelang im Wald
umhergeirrt und nur eben erst auf das Zigeunerlager gestoßen zu sein Woher hat
denn das Mädchen die goldene Kette um den Hals die wir kürzlich noch an Ihnen
bewunderten fragte Georgina  Ich hätte Georgina ermorden können Xenobi kam
dem Fassungslosen zu Hilfe  Hier Herr sagte sie nimm was ich Dir gestohlen
habe und sie reichte mir das Geschmeide Ich werde die zitternde Hand das von
Schmerz und Zorn entstellte Gesicht des armen Geschöpfes nie vergessen  Machen
wir dass wir nach Hause kommen rief Herr von Cryvany es zieht ein Wetter
herauf  Ich bestieg das Pferd eines der Bedienten und fort ging es durch den
dämmrigen Wald Ich wagte nicht mich nach Xenobi umzublicken Georgina an
deren Seite ich ritt würde es mir nie vergeben haben Ich hatte mir die Gunst
der Dame vollständig wieder erobert aber um welchen Preis Als ich am Abend des
folgenden Tages  früher konnte ich mich nicht von der Gesellschaft losmachen 
in den Wald gerannt war mein Unrecht wieder gut zu machen fand ich wohl nach
vielem Suchen den Platz aber nicht mehr Xenobi Die Bande hatte als sie ihren
Schlupfwinkel verraten sah ihre Zelte abgebrochen und war wer weiß wohin
gezogen Von Xenobi habe ich nie wieder eine Spur entdecken können
    Der Baron schwieg und blies den Rauch seiner Zigarre in mächtigen Wolken in
die Luft
    Sehen Sie hub er nach einer langen Pause wieder an ich bin fromm genug
oder abergläubisch genug wenn Sie wollen um anzunehmen dass ich durch diese
Tat einen Fluch auf mich geladen habe den keine Reue wieder sühnt Und nun
werden Sie auch begreifen was mir Czika ist  ein Engel im eigentlichsten Sinne
des Wortes ein holder Bote des Himmels der mir Friede Friede in das kranke
Herz singt Hat mir das Bild des Kindes doch schon seit Jahren vor der Seele
geschwebt glaubte ich doch die Erfüllung meiner Träume schon zweimal leibhaftig
vor mir zu sehen Hier ist die rote Rose Xenobi noch einmal aber in dem
Morgentau süssester Unschuld Die rote Rose hat nun der Sturm des Lebens wohl
schon lange geknickt und hätte ich sie auch damals treuer bewahrt  was würde
die Welt die kalte freche lästernde Welt aus der romantischen Liebe eines
Barons und einer Zingarella zuletzt gemacht haben Damals war ich zu jung und
hätte die Geliebte vor dieser schnöden Welt nicht verteidigen können jetzt bin
ich ein Mann geworden und habe bloß ein Kind einen Findling zu schirmen und zu
schützen Ich werde der Zigeunerin geben was sie verlangt und wärmsten
aufrichtigsten Dank in den Kauf Ich hoffe sie hat die Verabredung nicht
vergessen Halt Karl  Wir müssen hier aussteigen um durch den Wald zu gehen
Ich kenne den Pfad von früher her noch ziemlich gut Es ist die Stunde welche
uns die braune Gräfin bestimmte Wir kommen gerade zur rechten Zeit
    Wollen wir nicht doch die Kleine lieber hier lassen sagte Oswald
    Weshalb fragte der Baron der schon aus dem Wagen gestiegen war
    Das Kind hängt sehr an der Frau die ja am Ende doch seine Mutter ist
Vielleicht wird es bei ihrem Anblick von der alten Liebe zum Waldesleben erfasst
und es gibt zum mindesten eine peinliche Szene
    Oswald sprach die Worte leise denn Czika regte sich in seinen Armen
    Czika will mit sagte das Kind plötzlich Czika will in den Wald und den
Mond und die Sterne durch die Zweige tanzen sehen Czika kennt jeden Baum und
jeden Busch
    Sie stand auf dem feuchten Waldboden und klatschte vor Vergnügen in die
Hände und tanzte und lachte und rief
    Kommt kommt Du Herr und Du Mann mit den blauen Augen Czika will Euch
einen schönen Platz zeigen Czika kennt jeden Baum und jeden Busch im weiten
Wald
    Sie huschte auf einem schmalen Pfad der sich von dem Wege auf dem der
Wagen hielt seitwärts in den dichtesten Forst schlug worauf wie eine wilde
Katze durch die Büsche schlüpfend deren dünne Zweige wieder hinter ihr
zusammenschlugen Nur mit großer Mühe folgten die beiden Männer Czika war nicht
zu bewegen ihren Lauf zu hemmen Ihre einzige Antwort auf das nicht so
schnell nicht so schnell Czika nimm uns mit Czika war der helle lustige
Schrei des jungen Falken den sie wieder lauter und schriller wie Antwort
heischend erschallen ließ Plötzlich ertönte die Antwort durch den stillen
Wald derselbe stolze Schrei dessen sich Oldenburg und Oswald noch so deutlich
von jenem Morgen erinnerten als die Zigeunerin aus der Ferne den Ruf der
Kleinen erwiderte
    Da leuchtete ein roter Schein der mit jedem Augenblick heller und heller
wurde durch die hohen Stämme der Bäume Wir sind gleich am Ziele sagte der
Baron welcher voranging
    Wirklich traten sie nach wenigen Minuten auf die Lichtung heraus die Oswald
von dem Nachmittage als er sich auf dem Wege zu Melitta verirrt hatte so
unvergesslich war Auf derselben Stelle nicht weit vom Rande des Sumpfes wo
damals die Zigeunerin ihre Mahlzeit kochte brannte jetzt wieder ein Feuer aber
groß und mächtig wie um die Szene in das hellste Licht zu setzen Die Kronen
der mächtigen Bäume glühten purpurrot oder tauchten in schwere Schatten je
nachdem die Flamme des Holzstosses emporloderte oder zusammensank von dem
dunklen Wasserspiegel des Sumpfes erglänzte der Wiederschein  und umflossen
von dieser magischen Beleuchtung erblickten die Männer als sie atemlos den
Saum der Lichtung erreichten die braune Gräfin auf den Knieen vor Czika die
sie mit Küssen und Liebkosungen überhäufte während das Kind sich vergeblich
bemühte sie vom Boden empor zu ziehen und sich endlich zu ihr auf die Kniee
warf ihr Haupt an dem Busen des Weibes verbergend
    Schweigend und regungslos standen die beiden Männer tief ergriffen von dem
Schauspiel einer so leidenschaftlichen Zärtlichkeit
    Da erhob sich die Zigeunerin und das Kind an die Hand nehmend trat sie auf
die Beiden zu und sagte zu Oldenburg der sie mit weit aufgerissenen Augen
anstarrte
    Kennst Du mich Herr
    In diesem Augenblick leuchtete die Flamme hoch auf und jeder Zug in dem
edelstolzen Gesicht des ägyptischen Weibes und jede Linie ihres schlanken hohen
Leibes war wie vom Tageslicht erhellt
    Xenobi schrie der Baron seine Arme ausbreitend Xenobi
    Das braune Weib stürzte sich mit einem Geschrei wahnsinnigen Entzückens an
seine Brust und klammerte sich an ihn als ob sie sich nie wieder von dem
geliebten Manne trennen wolle Aber im nächsten Moment schon riss sie sich los
trat ein paar Schritte zurück und stand da unbeweglich die Hände über dem
vollen Busen faltend Czika stand zwischen ihr und dem Baron die großen dunklen
Augen voller Verwunderung von diesem zu jener von jener zu diesem wendend
    Der Baron nahm sie bei der Hand und sagte näher an die Zigeunerin tretend
in einem Tone der so sehr er sich auch zu beherrschen suchte deutlich die
ungeheure Erregung die in ihm wühlte verriet
    Xenobi ist dieses Kind 
    Er vermochte nicht weiter zu sprechen er rang mühsam nach Worten Endlich
stammelte er
    Dein und mein Kind
    Ja Herr sagte die Zigeunerin ohne sich zu regen die dunkeln glänzenden
Augen fest auf das Antlitz des Barons heftend
    Oldenburg hob das Kind in seinen Armen empor und drückte es an seine Brust
Oswald fühlte dass er die Drei allein lassen müsse und zog sich bis an den Rand
des Waldes zurück Dort setzte er sich Es war dieselbe Stelle auf der er an
jenem Nachmittage gelegen hatte als er den köstlichen Traum von Melitta
träumte und von wo aus er hernach Czika auf dem Cymbal hatte spielen hören
während die braune Gräfin am Feuer schaffte und mit ihrer tiefen weichen Stimme
die ungarische Volksweise sang Wie vieles hatte sich nicht seit jenem Tage
geändert was hatte er nicht Alles gewonnen und wieder verloren Damals hatte
sein Herz der schönen Frau so sehnsuchtsvoll entgegengeschlagen heute erfüllte
die Erinnerung an sie seine Seele mit Trauer und Schmerz Warum hatte sie ihn so
unendlich glücklich gemacht wenn ihre Liebe doch nur die souveräne Laune eines
Augenblicks war nur ein hübsches Spiel der Stunden Einerlei auszufüllen über
den momentanen Bruch ihres Verhältnisses zu Oldenburg besser hinwegzukommen
Würde die hochgeborene Dame die stolze Aristokratin ihn über kurz oder lang
nicht verleugnen verleugnen müssen wie der Mann da das arme Zigeunermädchen
vor seinen Freunden verleugnet Und hatte er diesen Gedanken nicht immer schon
mit sich herumgetragen hatte sich dieser Gedanke nicht selbst in den sonnigsten
Augenblicken der Liebe wie ein düsterer Schatten zwischen ihn und die reizende
Frau gestohlen Hatte er nicht als der Name Oldenburgs zum ersten Male sein
Ohr berührte in diesem Manne wie von einem Dämon getrieben seinen Nebenbuhler
erkannt Und musste er sich nicht eingestehen dass dieser Mann Alles besitze in
dem Herzen einer stolzen Frau eine heroische Leidenschaft zu entflammen Rang
und Reichtum eminente Gaben den Mut des Ritters ohne Furcht und Tadel und
gerade genug vom Libertin um ein Web welches nicht ganz reinen Herzens ist zu
bestricken
    Und wie gut stand ihm sein Weltschmerz und die Duldermiene Sollte man wenn
man ihn hörte nicht glauben er werde nächstens in die Wüste gehen und sich von
Heuschrecken nähren Jetzt wird er die Zigeunerin mit sich auf seine Solitüde
nehmen damit die Einsamkeit bis zu Melittas Rückkehr etwas weniger einsam sei
    So wühlte sich Oswald geflissentlich tief und tiefer in die bittersten
Empfindungen hinein Er hatte ein dumpfes Gefühl davon wie krank er war wie
abgehetzt und müde wie unfähig über sich selbst zur Klarheit zu kommen Er
wäre am liebsten gestorben um all dem Wirrsal zu entfliehen wie ein Schwimmer
wenn er fühlt dass ihn die Kräfte verlassen und weiß dass keine Rettung mehr
für ihn ist sich in den Abgrund sinken lässt Er drückte das Gesicht in seine
Hände um nichts mehr zu sehen und zu hören
    Eine Hand die sich auf seine Schulter legte riss ihn aus seinem wirren
Traum Es war Oldenburg Der Baron war allein Das Feuer des Holzstosses flammte
nur noch auf Augenblicke empor und drohte zu verlöschen Der Mond über den
graue Wolkenschleier zogen flimmerte geisterhaft in dem dunklen Wasser des
Sumpfes Unheimlich zischelte und flüsterte der Wind in den langen Binsen des
Ufers
    Wo ist Czika fragte Oswald
    Fort erwiderte der Baron lassen Sie uns aufbrechen Es ist spät
    Wird sie nicht wieder kommen
    Ich weiß es nicht
    Und Sie haben zugegeben dass dies Kind Ihr Kind der Zigeunerin folgt in
die weite Welt
    Was sollte ich tun Ist es nicht ihr Kind tausendmal mehr als meines hat
sie es nicht mit Schmerzen geboren es genährt und gepflegt und beschirmt alle
diese Jahre durch Regen und Sonnenschein in Not und Armut im wilden Wald
auf der offenen Landstraße Hat sie nicht für dies Kind gebettelt und gestohlen
und vielleicht getan was noch schlimmer ist Was habe ich für mein Kind
getan nichts  nichts als seine Mutter vor den Augen eines vornehmen Pöbels
wie einen verlaufenen Hund von mir verjagt einer elenden Kokette zu Liebe
Nein nein ich habe kein Anrecht an diesem Kinde
    Während der Baron so sprach stieß er mit dem Fuße die halb verkohlten
Feuerbrände aus dem Holzstoss in den Sumpf dass sie zischend verlöschten
    Weshalb hat denn die braune Gräfin Sie aufgesucht weshalb Ihnen das Kind in
die Hände gespielt weshalb dieses Rendezvous selbst herbeigeführt
    Sie wollte den Geliebten ihrer Jugend den einzigen Mann den sie vielleicht
je geliebt hat noch einmal sehen sie wollte ihm das Kind sein Kind in die
Hände legen und zurücktauchen in ihre Waldesnacht Aber sie kann ohne das Kind
nicht leben und das Kind nicht ohne sie So musste ich denn Beide ziehen lassen
    Aber weshalb nicht Beide mit nach Kona nehmen
    Soll ich den Falken an die Kette legen Der Falke fühlt sich nur wohl in dem
unermesslichen Aetermeer er stirbt in der dumpfen Stubenluft Kommen Sie es
ist für uns civilisirte Menschen die höchste Zeit dass wir ins warme Bett
kommen
    Der Baron stieß den letzten Brand hinunter ins Wasser und wandte sich zu
gehen
    Zwischen den hastig treibenden Wolken hervor blickte der Mond trübäugig in
das schwarze Wasser des Sumpfes und Oswald war es als ob die langen Binsen
die am Rande wuchsen flüsterten hier ist kühle Ruh für alles Erdenleid
 
                           Neunundvierzigstes Kapitel
So aus der Verlegenheit wären wir glücklich sagte Albert ein Packet
Wertpapiere in eine voluminöse abgetragene Brieftasche stopfend die unter
andern auch verschiedene Schreiben in kaufmännischer Hand enthielt welche
obgleich die meisten darunter von nicht ganz neuem Datum noch immer nicht
beantwortet waren Es ist doch Alles in Allem ein gutes kleines Frauenzimmer
nicht übermäßig gescheit  aber das ist in diesem Falle nur eine Tugend mehr
Ich glaube wirklich ich könnte meine Natur so weit verleugnen die kleine
Samariterin zu heiraten Vielleicht führe ich gar nicht so schlecht dabei Wer
weiß am Ende steckt noch irgendwo in einem verborgenen Winkel meines Innern der
Keim zu einem soliden Spiessbürger der nur der Wärme des häuslichen Heerdes
bedarf um sich glorreich zu entwickeln Die Sache ist freilich wie ich mich
kenne äußerst problematisch aber so ganz und gar unmöglich ist sie denn doch
nicht Ich sehe mich schon im Geist an der Seite der kleinen Frau des Sonntags
Nachmittags ehrsam durch die Felder wandern das Lied der Spatzen und die
Philippiken der treuen Ehehälfte gegen die steigende Unverschämtheit der Bäcker
und Fleischer mit langen Ohren einsaugend während vor uns her zwei junge
Weltbürger watscheln die eine flüchtige Ähnlichkeit mit einer mir sehr werten
Person haben und hinter uns aus einem von einem Mädchen für Alles gezogenen
Wägelchen ein feines Stimmchen erschallt welches den beredtesten Kommentar zu
den staatsökonomischen Abhandlungen der kleinen Frau liefert
    Albert stöhnte als ob er sich auf dieser imaginären Promenade den Fuß an
einen sehr reellen Stein gestoßen hätte Er sprang von dem Sopha auf und ging
die Arme auf dem Rücken nachdenklich im Zimmer auf und ab Die Karten sind
fertig sagte er vor seinem Zeichentische stehen bleibend AnnaMaria hat mich
abgelohnt ich habe eigentlich hier nichts mehr zu tun und die Frage der
gnädigen Frau wenn ich abzureisen gedächte war auch ziemlich deutlich Wie ich
diese stolze nichtsnutzige Brut hasse  Alle keinen und keine ausgenommen
nicht einmal die schöne hochnasige Helene die mich immer mit so kühler
Verachtung aus ihren großen Augen ansieht und am wenigsten meinen edlen Freund
Felix der glaube ich nicht übel Lust hätte mir Hörner aufzusetzen ehe ich
noch zu diesem Schmuck ein legitimes Recht habe Könnte ich doch Euch Allen wie
Ihr da seid einen recht gründlichen Schabernack spielen dass Ihr Euer Leben
lang an mich denken solltet Euch zum Beispiel den Erben von Stantow und
Bärwalde in der Person  ja in welcher Person hic haeret aqua
    Aus den Briefen die ich habe ist wohl etwas aber nicht viel zu machen
Ich kann noch nicht einmal die vortreffliche AnnaMaria damit ins Bockshorn
jagen Fände ich nur Gelegenheit den Koffer der alten Mutter Klausen
durchzustöbern Es ist bei mir zur fixen Idee geworden dass da etwas zu finden
sein muss Aber vergebens dass ich die Gelegenheit gründlich studiert habe dass
ich Tag und Nacht ums Haus geschlichen bin einen Moment abzuwarten wo die
Alte sich einmal daraus entfernt sie sitzt darin fest wie eine Kröte unter dem
Stein  Ad vocem dieses liebenswürdigen Jünglings Ich habe schon daran
gedacht ob man ihn nicht nolens volens zum Prätendenten machen könnte denn die
ganze Farce als einen lustigen und nebenbei lukrativen Maskenscherz anzusehen
wird ihm wohl seine dumme Ehrlichkeit nicht erlauben Es ist merkwürdig wie
ehrlich die Leute sind denen es an nichts fehlt Und dieser Stein ist gar nicht
einmal so glücklich situirt Er hatte kein Vermögen  warum sollte er sich sonst
mit anderer Leute Kindern plagen Er wäre gerade der Mann ein anständiges
Vermögen durchzubringen Und es passt so weit Alles Er hat genau das
erforderliche Alter er hat wie er mir gesagt hat seine Mutter kaum und andere
Verwandte excepto patre gekannt Und überdies hat er eine zufällige aber
frappante Ähnlichkeit mit der älteren Grenwitzer Linie Ich wollte ich wäre
er das heißt mit meinem Hirn dazu In welcher fragwürdigen Gestalt wollte ich
bald vor Euch hintreten
    Ein schüchternes Klopfen an der Tür unterbrach Alberts Meditationen Da
auf sein Herein Niemand eintrat ging er selbst und öffnete Ein kleiner
blondköpfiger barfüssiger Bauerknabe stand da und schaute mit nicht allzu
klugen Augen fragend zu ihm auf
    Zu wem willst Du Kleiner
    Sind Sie der Kandidat auf dem Schloss
    Ja wohl sagte der alle Zeit zu Scherz und Kurzweil aufgelegte Albert
    Mutter Klausen hat mich hergeschickt 
    Wer
    Mutter Klausen hat mich hergeschickt 
    Komm herein Kleiner sagte Albert den Knaben bei der Hand in das Zimmer
führend und die Tür hinter ihm schließend
    Was will denn Mutter Klausen von mir
    Mutter Klausen liegt auf den Tod und hat mich hergeschickt zu dem Herrn
Kandidaten er soll doch noch einmal zu ihr kommen
    Der Knabe atmete tief auf als er die Bergeslast seiner Kommission vom
Herzen hatte Albert griff nach seiner Mütze
    Ich komme gleich mit Dir oder lauf nur voran und sag ich käme gleich
Und höre wenn Dich Jemand im Schloss fragt woher Du kommst sag nur Du
hättest Deine Bestellung schon ausgerichtet Hier hast Du einen Silbergroschen
und nun mache dass Du fortkommst
    Der Knabe entfernte sich über Alberts grossmütigem Geschenk Alberts
wohlüberlegten Befehl sich möglichst schnell davon zu machen vergessend Er
setzte sich unten auf dem Schlosshofe angekommen auf den Rand des Brunnens der
Najade und überlegte den Groschen in der Hand herumdrehend ob er sich jetzt
gleich die ganze Welt oder vorläufig nur den Stieglitz kaufen sollte welchen
ihm ein anderer Bauerknabe heute Morgen angeboten hatte
    Er mochte wohl eine Viertelstunde da gesessen haben bis er zuletzt vom
vielen Umherlaufen ermüdet einnickte So fand ihn Oswald der von einem
einsamen Spaziergange zurückkehrte Da das Bild des auf dem Rande des Brunnens
schlafenden zerlumpten Knaben ihn interessierte trat er näher Der Knabe fuhr in
die Höhe und rieb sich verwundert die Augen
    Wie kommst Du hierher Kleiner fragte Oswald
    Mutter Klausen hat mich hergeschickt sagte jener der in diesem Augenblicke
nicht wusste ob er seine Bestellung schon ausgerichtet hatte oder nicht
    Was ist mit Mutter Klausen fragte Oswald der sofort ahnte es müsste seiner
alten Freundin etwas zugestoßen sein
    Mutter Klausen hat mich hergeschickt wiederholte der Knabe sie liegt auf
den Tod und lässt dem Herrn Kandidaten sagen er möchte 
    Mehr hörte Oswald nicht  Die gute alte Frau an der er im Anfang so
lebhaftes Interesse nahm und die er doch in der letzten Zeit so ganz vergessen
hatte im Sterben vielleicht allein ohne Hilfe ohne dass ihr eine freundliche
Hand das Kissen glättete  er eilte was er konnte durch das kleinere Tor auf
dem Wege hin der zu den Häuslerwohnungen führte denselben Weg welchen Albert
eine Viertelstunde zuvor mit nicht geringerer Eile zurückgelegt
    Albert war als der Knabe sich entfernt hatte durch den Garten nach dem
kleinen Tor geschlichen Niemand hatte ihn fortgehen sehen Die Familie war
ausgefahren Oswald glaubte er auf seinem Zimmer
    Fortes fortuna juvat dachte er während er unter den Weidenbäumen mit
denen der Weg besetzt war hinlief Es ist jetzt noch Alles auf dem Felde Die
Alte hätte sich keine passendere Stunde zum Sterben aussuchen können Ich will
nur hoffen dass sie schon tot ist wenn ich komme und ich so aller unnötigen
Auseinandersetzungen überhoben bin
    In wenigen Minuten hatte er das Dorf erreicht aber er vermied die
Hauptstraße sondern lief an den Gärtchen die hinter den Hütten lagen entlang
bis er zu der Wohnung Mutter Klausens kam Hier sprang er über den niedrigen
Zaun und trat durch die offene Hintertür auf den kleinen Flur Er horchte ob
sich etwas im Hause rege Er hörte nichts als das Ticken der großen
SchwarzwälderUhr aus der Stube Jochens und von der Dorfstraße her das Lachen
von ein paar Kindern  Mutter Klausens kleinen Pflegekindern  die sich in der
Abendsonne im Sande balgten
    Jetzt nur um Himmelswillen keine mitleidige Seele bei der Kranken in der
Stube murmelte Albert leise die Tür die zu dem Stübchen der Alten führte
aufdrückend
    Er trat auf den Fußspitzen ein Es dunkelte schon in dem niedrigen engen
Raum Alberts erster Blick fiel auf die große Lade die noch wie damals in der
Ecke stand sein zweiter auf die Gestalt der Alten Sie saß auf dem großen
Lehnstuhle »in welchem Baron Oscar gestorben war« Sie hatte ihren
Sonntagsstaat angelegt ihr Eichenstock lehnte neben ihr  man hätte glauben
sollen sie hätte sich bereit gemacht nach Faschwitz in die Kirche zu gehen und
sei nur eben noch ein wenig eingenickt sich auf den langen langen Weg
vorzubereiten
    Bist Du es Junker sagte sie mit zitternder Stimme und sie hob das Haupt
mit dem schneeweißen Haar empor und blickte nach der Tür Tritt näher  ganz
nahe dass ich Dich mit der Hand berühren kann Wo bist Du Es ist dunkel um mich
her ich sehe Dich nicht Scheint nicht der Mond durch die Bäume hörst Du wie
die Nachtigall singt horch wie süß wie schön Oscar Du darfst die Liese
nicht verlassen sie weint sich sonst die alten Augen aus Und dem Harald musst
Du sagen dass er die arme Marie nicht so quält Sonst muss sie hinaus in die
wilde Nacht Leb wohl liebes Kind Ja ja ich will Alles verbrennen es liegt
sicher in der Lade Mutter Klausen kann nicht lesen es kommt der Rechte schon
zur rechten Zeit
    Der Kopf der Sterbenden sank herab auf die Brust Albert glaubte sie tot
Er trat an die Lade hob den schweren Deckel und durchwühlte hastig und doch
metodisch genau den Inhalt Es lagen Frauenkleider darin die nicht der Mutter
Klausen gehört haben konnten städtische Kleider wie sie junge Mädchen vor
fünfundzwanzig Jahren trugen verwelkte Blumensträusse verblichene Bänder ein
paar einfache Schmucksachen ein Band von roten Korallen ein kleines goldenes
Kreuz an einem schwarzen Sammetbande Das Alles mochte für einen Andern von
hohem Interesse sein aber für Albert hatte es nicht das mindeste Er wurde
ungeduldig als er ein Stück nach dem andern herausnehmend nichts von dem
fand was er suchte Endlich  da auf dem Boden des Koffers in der Ecke unter
einer schwarzseidenen Robe versteckt  ein ziemlich bedeutendes Packet  Briefe
Papiere  das wars  Er ließ es in die Tasche seines Rockes gleiten er nahm
mit beiden Armen was er aus dem Koffer genommen hatte stopfte es hinein so
gut es gehen wollte drückte den Deckel wieder zu  und wie er sich jetzt von
den Knieen aufrichtete waren das nicht Schritte die eilig näher kamen Im Nu
war er an dem Fensterchen das von der Stube aus in das Gärtchen hinter dem
Hause führte Er riss es auf er zwängte sich mit einer Schnelligkeit hindurch
die dem gewandtesten Gauner zu hoher Ehre gereicht haben würde kroch auf allen
Vieren durch die Johannisbeerbüsche sprang über den niedrigen Zaun und war im
nächsten Augenblick in den goldenen Wogen eines Roggenfeldes verschwunden
    Als Albert seinen Rückzug durch das Fenster eben bewerkstelligt hatte trat
Oswald atemlos von seinem raschen Lauf in das Zimmer Er glaubte schon zu
spät zu kommen er kniete neben der Alten nieder und nahm ihre welken
erkalteten Hände in die seinen
    Und diese Berührung schien die Sterbende noch einmal zum Leben zu erwecken
Sie richtete sich gerade auf und sagte dem vor ihr Knieenden die Hände aufs
Haupt legend mit einer Stimme die schon von jenseits des Grabes herüberzutönen
schien Der Herr segne und behüte Dich der Herr gebe Dir Frieden
    Amen murmelte Oswald
    Die Hände der Alten glitten sanft auf ihren Schoss Oswald blickte empor
Der Schein der untergehenden Sonne fiel durch das niedrige Fenster das Antlitz
der Alten war wie verklärt in dem rosigen Licht Aber das rosige Licht
verschwand und der graue Abend schaute herein auf das bleiche Antlitz einer
Toten
    Oswald drückte ihr die Augen zu  Von drüben her schallte durch die offene
Tür das monotone Tiktak der Wanduhr von der Straße tönte das Lachen und
Jauchzen der spielenden Kinder Was weiß das Leben vom Tode was der Tod vom
Leben was die Ewigkeit von Beiden murmelte Oswald als er sich nach einigen
Minuten von der Seite der Toten aufrichtete und die Tränen abwischte die ihm
heiß von den Wangen rollten
 
                              Fünfzigstes Kapitel
Am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück war Herr Timm abgereist Er hatte den
Baron gebeten ihn bis nach B dem nächsten Städtchen fahren zu lassen von
dort wolle er Extrapost nehmen Der gastfreundliche Baron fragte ob es denn so
große Eile habe ob er sich nicht ein paar Tage von seiner angestrengten Arbeit
ausruhen wolle Da Albert indessen gestern Abend einen bedeutenden Auftrag
erhalten zu haben vorgab der Postbote hatte ihm in der Tat einen Brief
gebracht so ließ sich dagegen allerdings nichts einwenden und der Baron
befahl dem schweigsamen Kutscher die schwerfälligen Braunen anzuspannen Herr
Timm sagte Allen flüchtig Lebewohl und fuhr von dannen Es vermisste ihn Niemand
 Niemand mit Ausnahme der kleinen Genferin Aber sie vergoss ihre heißen
Tränen in der Stille ihres Stübchens und die Gesellschaft sah von ihrem Kummer
nichts als die rotgeweinten Augen die sie durch heftigen Kopfschmerz erklären
zu können hoffte wenn sie Jemand danach fragte Es fragte sie aber Keiner
    Hatten doch Alle genug mit sich selbst zu tun war doch Jeder vollauf mit
dem was ihm zunächst am Herzen lag beschäftigt
    Der Tod der alten Frau war für Oswald ein neuer Schlag Es war als ob sein
verdüstertes Gemüt nicht zur Ruhe kommen als ob an seinem Himmel der letzte
helle Streifen verschwinden und gänzliche Nacht ihn umgeben sollte Er hatte
Mutter Klausen nur selten gesehen aber es war jedesmal unter so eigentümlichen
Verhältnissen gewesen er hatte jedesmal einen so tiefen ja erschütternden
Eindruck von diesen Begegnungen davongetragen dass ihm jetzt war als hätte er
eine Ahne verloren deren zärtliche Liebe er mit Gleichgültigkeit und Undank
vergolten hatte Wie bestimmt hatte er sich vorgenommen als er das letzte Mal
mit Albert in ihrer Hütte gewesen war die alte Frau nicht wieder aus den Augen
zu verlieren nachzufragen ob er ihr in irgend einer Weise dienen irgendwie
ihr einsames Alter erfreuen könne Sie hatte seiner in ihrer letzten Stunde
gedacht er hatte in allen diesen Tagen keine Minute Zeit gehabt an sie zu
denken Sie hatte nicht sterben mögen ohne ihm ihren Segen zu geben was hatte
er im Leben Gutes getan diesen Segen zu verdienen  Was half es nun der
Toten dass er für ihr Begräbnis Sorge trug dass er mit Bruno hinter dem
Leiterwagen herging auf dem man ihren schmucklosen Sarg über die Heide nach
Faschwitz fuhr ihn auf dem dortigen Friedhofe in die Gruft zu senken dass er
nach Grünwald schrieb und eine kleine Marmortafel bestellte auf dass ihr Grab
nicht wie einer Geächteten Grab sei Wie hätte ihm die Lebende für den
geringsten Teil all der Mühe die er sich jetzt um die Tote gab so herzlich
gedankt
    Und war es weil er ihn so wenig verdient hatte dass der Segen der
Sterbenden nicht in Erfüllung ging Der Frieden den sie für ihn herabflehte mit
dem letzten Hauch ihres Mundes wollte nicht einziehen in sein Herz Wie ein
Verzweifelter kämpfte er mit der rasenden Leidenschaft die sich wie ein Orkan
über ihn gestürzt hatte aber jeder neue Tag musste ihn nur immer mehr von seiner
Ohnmacht überzeugen Brachte ihn doch jeder neue Tag oft auf lange Stunden in
die Gesellschaft des schönen Mädchens trat sie ihm doch mit einem freundlichen
Lächeln auf den stolzen Lippen entgegen sobald der leuchtende Sommermorgen die
kurze und für ihn so lange Nacht verdrängt hatte saß er ihr doch bei Tische
gegenüber brachten die Unterrichtsstunden gemeinsame Spaziergänge hundert
andere Gelegenheiten die in einem so kleinen Kreise auf dem Lande beinahe
unvermeidlich sind ihn wieder und immer wieder mit der Herrlichen in Berührung
    Und wohl mochte es einem leidenschaftlichen Herzen schwer fallen von so
viel Schönheit Anmut und Geist nicht gerührt zu werden Empfanden doch Alle
die mit Helene in Berührung kamen den wunderbaren Zauber ihrer Persönlichkeit
schien es doch fast unmöglich nicht mit Heftigkeit für oder gegen sie Partei zu
nehmen gab es doch selbst in der Gesindestube unter den Leuten lebhafte Szenen
da der schweigsame Kutscher auf die junge Baronesse anspielend brummte es sei
nicht Alles Gold was glänze worauf die alte brave Köchin erwiderte zu
schlechten und missgünstigen Menschen kämen die lieben Engel allerdings nicht
was denn eine unerquickliche Debatte über schlechte Menschen im Allgemeinen und
Besondern herbeiführte bei der es von beiden Seiten ziemlich scharf herging und
verschiedene helle Streiflichter auf die Familienangelegenheiten der gnädigen
Herrschaft geworfen wurden Denn selbst in diesen Regionen war man so ziemlich
darüber einig dass der Baron Felix sich nicht bloß zum Vergnügen so lange auf
Schloss Grenwitz aufhielt ja Felix Kammerdiener behauptete es gäbe gewisse
Leute die über gewisse Dinge eine ziemlich gewisse Auskunft geben könnten dass
aber Verschwiegenheit die erste Pflicht eines guten Bedienten sei Er wolle nur
so viel sagen dass sein Herr eine Sache die er angefangen habe auch zu Ende
bringe und dass er selbst der unmassgeblichen Meinung sei es gebe kein Mädchen
auf Erden das seinem Herrn auf die Dauer widerstehen könne  eine Behauptung
die von dem weiblichen Teil der Gesellschaft mit großer Entrüstung
zurückgewiesen wurde
    Was den Blicken dieser Leute nicht entging konnte Oswalds durch die Liebe
hundertfach geschärftem Auge nicht verborgen bleiben Musste er doch täglich
wahrnehmen wie Baron Felix Alles aufbot sich die Gunst seiner schönen Kousine
zu erwerben alle Gewandtheit die er sich in tausend Intriguen auf den glatten
Parquets grossstädtischer Salons angeeignet allen Witz mit dem ihn die Natur
keineswegs kärglich versehen hatte alle Vorteile die ihm sein Verhältnis als
naher Verwandter gestatteten Musste er doch sehen mit welcher Umsicht die
Baronin diese Bemühungen auf jede Weise unterstützte und Felix in jeder
Hinsicht eben so unermüdlich wie geschickt secundirte Zwar sagte er nein oder
schwieg wenn Bruno nach Tische nach einem Spaziergang mit zornigem Antlitz
diese oder jene Frechheit von »dem Affen dem Felix« erzählte aber er wusste
recht gut dass der Knabe nicht falsch gesehen oder gehört hatte und sein
einziger Trost war dass Helenes Stolz in die Verbindung mit einem ihrer so ganz
und gar unwürdigen Mann nun und nimmermehr willigen werde
    Was Fräulein Helene selbst betraf so ging sie ihren stillen Weg ohne
scheinbar weder nach rechts noch links zu blicken nur dass in der letzten Zeit
ihr Betragen noch zurückhaltender ihre Miene noch vornehmer ihr Lächeln noch
seltener geworden war Sie wusste sehr wohl dass sie in dem Kampfe der ihr
drohte vergeblich an das Herz der kalten egoistischen Mutter vergeblich an
die Einsicht des alten schwachen Vaters vergeblich an die Ritterlichkeit des
frivolen zügellosen Felix appeliren würde und dass sie sich auf Niemand
verlassen könnte als auf sich selbst Aber dieses Bewusstsein diente nur dazu
den Mut des hochherzigen Geschöpfes anzuschüren und zu entflammen Die
Annäherung die zwischen ihr und der Mutter stattgefunden hatte war nur eine
scheinbare gewesen Zwischen der Baronin die nur weltliche Zwecke kannte und
verfolgte und ihrer Tochter die einem vielleicht übertriebenen immer aber
hochsinnigen Idealismus huldigte war auf die Dauer keine Vereinigung möglich
    Das sprach Helene wiederholt in den Briefen aus welche sie jetzt häufig an
ihre liebste Freundin und einzige Vertraute Miss Mary Burton nach Hamburg
schrieb Dearest Mary hieß es in einem derselben wie oft hast Du Dich über das
grausame Geschick beklagt welches Dich mit Reichtum überschüttete um Dir alle
Verwandte zu rauben Eltern Geschwister Kousins und Kousinen  alle jene
Freunde und Freundinnen die uns die Natur selbst mit auf den Lebensweg gibt
Aber glaube mir liebes Mädchen es gibt noch ein schlimmeres Loos als das
Deine Die Wehmut die Dich bei dem Gedanken erfasst allein dazustehen in der
Welt ist nicht ohne eine gewisse Süßigkeit Wie oft sprachst Du mit Entzücken
von Deinem Bruder Harry der Dir in der Blüte seiner Jahre geraubt wurde von
Deiner Schwester Kitty der holden Blume die so früh verwelkte  Du sagtest
sie seien Dir nicht gestorben könnten Dir nicht sterben denn sie lebten
schöner und herrlicher in Deiner Erinnerung fort Die Schatten der lieben Toten
umschwebten Dich überall sie seien Dir eine liebe Gesellschaft in der Du Dich
unendlich wohler fühltest als oft sehr oft in der kalten egoistischen die
Dich umgibt O gewiss das Leben ist der Güter höchstes nicht aber die Liebe
ist es Das Leben ohne Liebe ist ganz wertlos Deine Verwandten sind gestorben
aber sie leben Dir meine Verwandten leben aber für mich sind sie tot  Es
ist ein grauses Wort teuerste Mary aber ich streiche es dennoch nicht wieder
aus denn es ist wahr und wir haben ja geschworen uns nie die Wahrheit zu
verhehlen koste uns ihr Bekenntnis noch so viel Ja sie sind tot für mich
meine Verwandten und ob ich gleich die Hälfte meines Lebens hingeben möchte
sie ins Leben zu rufen  mit frommen Wünschen ist hier nichts getan Wer leidet
denn für uns Doch nur die in deren Herzen wir allezeit eine sichere
Zufluchtsstätte finden vor allem Leid das uns bedrängt vor allen Zweifeln die
uns ängstigen die nichts wollen als unser Glück und unser Glück nicht in der
Erfüllung ihrer eigenen Wünsche in der Befriedigung ihrer eigenen Selbstsucht
erblicken Und ist dies nicht der Fall bei den Meinigen kann ich ihnen mein
Herz erschließen muss ich nicht stets fürchten bei ihnen anzustossen wenn ich
spreche wie ich denke fragen sie nach meinen Neigungen ängstigen sie mich
nicht vielmehr mit Zumutungen mit Andeutungen die mir das Blut erstarren
machen Freilich mein guter alter Vater  er würde wenn es zum Äußersten käme
mich nicht verlassen aber großer Gott ist denn die Furcht es könne bis dahin
kommen nicht schlimm genug und ist denn der Beistand den man sich ertrotzen
muss etwas worauf wir mit vollem Vertrauen mit gläubiger Zuversicht blicken
können Ach Mary ich kann Dir nicht sagen wie fremd wie unheimlich mir der
Geist ist der in meinem elterlichen Hause waltet wie sehr ich mich zurücksehne
nach unserm stillen Pensionsleben wo wir wenn uns auch die Welt draußen
verschlossen war in unseren Träumen und ach vor allem in unserer herzlichen
Freundschaft eine schönere und reichere Welt fanden Hier hab ich Niemand dem
ich einen Blick in diese Welt verstatten möchte Niemand als einen Knaben bei
dem ich auf Verständnis nicht rechnen kann und einen Mann den ich lieben
könnte wenn er mein Bruder wäre und von dem mich jetzt eine unübersteigliche
Kluft trennt Du weißt von wem ich spreche Ich will Dir nicht verschweigen
dass ich in letzterer Zeit an diesem Mann ein Interesse genommen habe das ich
nie für möglich gehalten hätte  ein Bekenntnis welches Deinen Spott
herausfordern wird und das ich Dir dennoch kraft der Heiligkeit unseres
Kovenant schuldig bin Vielleicht fühle ich mich nur deshalb zu ihm hingezogen
weil er unglücklich ist Er steht wie Du allein ganz allein in der Welt
seine Mutter hat er kaum gekannt seinen Vater schon vor Jahren verloren Brüder
und Schwestern nie gehabt Er ist noch jung aber reiche Herzen erleben viel in
kurzer Zeit und er muss viel erlebt und viel gelitten haben Es liegt eine
Schwermut auf seiner hohen Stirn in seinen tiefblauen großen Augen die für
mich etwas unendlich Rührendes hat manchmal zuckt es so schmerzlich um seinen
Mund dass ich viel sehr viel darum geben könnte dürfte ich zu ihm treten und
sprechen sage mir was Dich quält vielleicht kann ich Dir helfen und vermag
ich auch das nicht kann ich doch mit Dir fühlen Wir Beide teure Mary sind
in der Überzeugung aufgewachsen dass die unteren Stände mit dem Adel der Geburt
auch des Adels der Gesinnung entbehren dass wir bei ihnen auf ein Verständnis
dessen was uns hoch und teuer ist in keinem Falle rechnen können Ich
gestehe dass ich seit meiner Ankunft in Grenwitz von diesem Vorurteil  denn so
muss ich es jetzt bezeichnen  in manchen Punkten zurückgekommen bin dass ich
wenigstens jetzt eingesehen habe wie sich zu der Regel doch auch Ausnahmen
finden Stein ist eine solche Ausnahme Ich habe noch kein Wort aus seinem Munde
gehört das den Plebejer verraten hätte dagegen viele sehr viele die mir aus
der Seele gesprochen waren die ein lautes Echo in meinem Herzen fanden Er
spricht mit einer Anmut wie ich es noch von keinem Menschen gehört habe mit
einer reichen Modulation der Stimme die wie Musik in meinem Ohre klingt so dass
ich oft noch stundenlang nachher versuche die Art und Weise den Tonfall mit
dem er dieses oder jenes sprach in meiner Erinnerung zurückzurufen Es liegt
für mich ein unendlicher Zauber in einer schönen klangreichen Stimme es ist mir
immer als sprächen die Menschen mit dem Herzen als könnte ich oft schon nach
wenigen Worten sagen dies ist ein guter dies ist kein guter Mensch Und bei
Stein wenigstens trifft es zu Ich habe schon manche Proben von seiner
Herzensgüte gesehen So starb vor ein paar Tagen in unserem Dorfe eine alte
Frau die früher Wirtschafterin auf dem Schloss gewesen war und von dem Vater
eine kleine Pension hatte Niemand kümmerte sich um sie nur Stein der auch
nach ihrem Tode für ihr Begräbnis Sorge trug ja sie zu ihrer letzten
Ruhestätte mit Bruno den weiten Weg bis zum Friedhofe begleitet hat Das ist
ihm im Schloss sehr übel ausgelegt worden und ich musste sehr lieblose
Bemerkungen darüber mit anhören besonders von einer gewissen Person die Gott
danken sollte wenn er sie nur einmal auf den Gedanken einer so guten Tat
kommen geschweige denn eine solche wirklich ausführen ließe Aber ich will
dieser Person nicht die Ehre antun noch mehr Worte über sie zu verlieren Ich
habe beschlossen dass sie in Wirklichkeit für mich nicht existieren soll und so
soll sie es auch nicht in Worten
    Dieser Brief in welchem sich Fräulein Helene so unumwunden über die
Personen ihrer Umgebung aussprach wurde nie beantwortet denn er gelangte nie
an seine Adresse
 
                           Einundfünfzigstes Kapitel
Es war in der Nachmittagsstunde Der alte Baron schlief in dem Wohnzimmer Er
saß in dem großen Schaukelstuhl die Zeitung in welcher er gelesen hatte war
ihm aus der welken herabhängenden Hand geglitten Er sah recht verfallen aus in
diesem Augenblicke recht wie ein alter Mann der nicht mehr viele Jahre zu
leben hat und dessen Leben die leichteste Krankheit ein rasches Ende machen
kann  So dachte AnnaMaria die ihm gegenüber auf ihrem gewöhnlichen Platze
gesessen und ihn eine geraume Zeit in tiefes Nachdenken verloren aufmerksam
betrachtet hatte Jetzt erhob sie sich leise und trat vor die Pendeluhr über dem
Kamin Es war bald vier die Stunde in welcher nach der unwandelbaren Ordnung
des Hauses der Kaffee getrunken werden musste  im Garten wie stets wenn das
Wetter es erlaubte Die Baronin stand im Begriff ihren Gemahl zu wecken sie
besann sich indessen eines anderen schritt durch die offene Tür in den Garten
hinab und fragte den Bedienten welcher das Kaffeeservice in die Laube trug ob
Baron Felix schon gerufen sei  Noch nicht gnädige Frau  So gehen Sie
hinauf ich ließe ihn bitten doch wo möglich sogleich zu kommen und hören
Sie sagen Sie Mademoiselle ich wollte heut selbst den Kaffee serviren sie
möge nur in der Wäschkammer bleiben  Zu Befehl gnädige Frau  Und was ich
sagen wollte Sie brauchen die Anderen noch nicht zu rufen  Zu Befehl gnädige
Frau
    Der Mann ging seine Aufträge auszurichten AnnaMaria schritt an der Laube
vorüber in einen langen ganz überwölbten Buchengang der von dem großen
Rasenplatze aus mehrere hundert Schritte bis an ein Gehölz führte in welchem
eine kleine verfallene Kapelle stand Sie schien ganz vergessen zu haben dass
sie Felix in die Laube beschieden hatte denn sie ging immer weiter die Augen
auf den Boden geheftet bis sie das Ende des Ganges und die Kapelle erreicht
hatte
    Es war eine liebliche süß melancholische Stelle Uralte Riesenbäume
umwölbten den Platz mit ihren breiten Laubkronen dass kaum ein Sonnenstrahl sich
hineinstehlen konnte Der Boden war mit dichtem Moos bedeckt langes Gras wuchs
zwischen den umhergestreuten Steinfliesen die weitklaffenden Spalten des alten
Gemäuers waren von dunkelgrünem Epheu übersponnen hier und da ragte ein hoher
blühender Busch aus den Ruinen Auf dem morschen Kreuz in einer der leeren
Fensternischen saß ein Vögelchen und sang Das war der einzige Laut den man
vernahm Er schien die Stille rings umher nur noch stiller zu machen
    Einen Liebhaber der Einsamkeit würde der Platz entzückt haben Aber die
Baronin erhob kaum einmal die Augen vom Boden sich flüchtig umzusehen Sie
hatte überhaupt sehr wenig Sinn für Sonnenstrahlen die durch ein dichtes
Laubgitter zittern für blaue Schatten und andere Requisiten landschaftlicher
Schönheit und heute vorzüglich war ihr Geist von ganz anderen Dingen in
Anspruch genommen Sie setzte sich auf eine Steinbank unmittelbar unter der
leeren Fensternische in welcher das Vögelchen sang nahm aus der Tasche ihres
Kleides einen Brief und begann denselben noch einmal zu lesen
    Es war der Brief den Helene heute Morgen in dem guten Glauben dass das Wort
der Mutter sie werde sich nie um ihre Korrespondenz kümmern eine Wahrheit sei
geschrieben und in dem vollen Vertrauen auf die Heiligkeit des
Briefgeheimnisses ihrem Kammermädchen übergeben hatte mit dem Auftrage ihn in
die Küche zu tragen wo der Postbote sich an einer Tasse Kaffee erquickte Das
Mädchen war der Baronin auf dem Flur begegnet und von dieser gefragt worden
von wem der Brief sei Auf die Antwort von dem gnädigen Fräulein hatte die
Baronin sich den Brief geben lassen mit der Weisung den Postboten hernach zu
ihr aufs Zimmer zu senden sie selbst habe noch mehrere Aufträge für ihn
    Und hier saß sie nun auf der steinernen Bank neben dem alten Gemäuer unter
der Fensternische in welcher das Vögelchen so lustig zwitscherte und studierte
den Brief den unseligen Brief den sie nun schon beinahe auswendig wusste Die
Frucht von dem Baume der Erkenntnis die sie so freventlich gestohlen war
bitter sehr bitter Sie hatte ihre Tochter nie geliebt jetzt aber hasste sie
ihre Tochter Also wirklich ihr schlimmster Verdacht bestätigt für alle ihre
Güte mit schwarzem Undank belohnt des Egoismus von ihrem eigenen Kinde
angeklagt in allen ihren Plänen von diesem Starrkopf durchkreuzt Helene im
besten Einverständnis mit den beiden Verhassten Fräulein von Grenwitz in Liebe
zu einem Mietling einem gemeinen Menschen der bei ihren Eltern in Lohn und
Brod stand Denn was bedeuteten zuletzt all die schönen Phrasen von Oswalds
Herzensgüte von dem Anteil den sie an seinem geheimen Kummer nahm Die
Baronin verstand sich freilich schlecht auf die Sprache der Liebe so viel aber
wusste sie die Gleichgültigkeit spricht so nicht Dahin also war es gekommen
Helene wollte Krieg gut  sie sollte ihn haben Es sollte sich zeigen wer die
Stärkere war die Mutter oder die Tochter Jetzt zurückweichen zugeben dass
dieses ungeratene Kind ihren Willen durchsetzt den jahrelang erwogenen Vorsatz
einer törichten Mädchenlaune opfern Nimmermehr
    Aber was jetzt tun noch einmal es mit scheinbarer Güte versuchen oder die
Maske fallen lassen und befehlen wo mit Bitten nichts anzurichten war Und vor
allem wie weit Felix in das Geheimnis einweihen würde sich nicht sein Stolz
regen wenn er erführe wie tief er in den Augen Helenens stand wie sehr sie
ihn verachtete Konnte er nicht zurücktreten und setzte dann Helene nicht doch
ihren Willen durch triumphierte die Tochter dann nicht doch über die Mutter
    Ehe die Baronin über diesen Punkt mit sich ins Klare kommen konnte vernahm
sie Schritte ganz in ihrer Nähe Sie faltete eiligst den Brief zusammen und
verbarg ihn hastig in der Tasche ihres Kleides
    Felix hatte Niemand in der Laube gefunden und zufällig einen Blick in den
Buchenwald werfend die Baronin in der Tiefe desselben zu erblicken geglaubt
    Also doch sagte er als sich die Baronin bei seiner Annäherung erhob ich
wusste wahrlich nicht ob Sie es waren Der Kaffee steht in der Laube aber wie
König Philipp auf dem Thron einsam und allein Es scheint sich alle Welt wie
ich verschlafen zu haben
    Setzen Sie sich hierher zu mir lieber Felix sagte die Baronin es hat mit
dem Kaffee keine so große Eile Wir können hier ungestörter sprechen als dort
    Ein allerliebst verschwiegenes Plätzchen zu einem ehrbaren Rendezvous
erwiderte Felix lachend neben der Baronin auf dem Bänkchen Platz nehmend
    In diesem Augenblick verstummte das Vögelchen das oben in der Fensternische
gesessen hatte und flog in einen der Bäume Das bleiche von dunkeln Locken
eingerahmte Gesicht eines Knaben erschien in der Höhlung und schaute herunter
um sofort nachdem es die Beiden erblickt hatte wieder zu verschwinden
    Dass Sie doch noch immer zum Scherz aufgelegt sind lieber Felix sagte die
Baronin
    Noch immer erwiderte Felix was ist denn geschehen weshalb ich weinen
sollte Sie können wohl nicht vergessen was ich neulich Abends sagte Pah ich
habe mich lange von dem Schreck erholt es war ein blinder Schuss glauben Sie
mir
    Ich wollte ich könnte Ihre Zuversicht teilen lieber Felix aber ich habe
meine guten Gründe anderer Meinung zu sein Ich habe Helene seitdem genauer
beobachtet ich kann mich von dem Gedanken nicht losmachen dass doch etwas an
der Sache ist
    Aber verzeihen Sie mir Tante Sie haben ein bewunderungswürdiges Talent
Alles schwarz zu sehen Es war ein kindischer Einfall von der kleinen Breesen
sie wollte mich ärgern  voilà tout Ich kann Helenen nicht zutrauen dass sie
mir einen Schulmeister vorzieht Es wäre ja lächerlich horriblement lächerlich
sagte der ExLieutenant und betrachtete wohlgefällig seine lackirten Stiefel
    Und gesetzt auch Helene könnte sich nicht so weit vergessen  dass es nur
die törichte Laune eines Augenblicks wäre versteht sich ohnehin von selbst 
sind Sie denn mit ihrem Betragen Ihnen gegenüber zufrieden
    Sie wird ihr Betragen ändern sobald sie sieht dass wir Ernst machen
    Und wenn sie sich nicht ändert
    Nun so sind wir Gott sei Dank noch nicht verheiratet sagte Felix in der
Bewunderung seiner Stiefel verloren wahrscheinlich nicht genau wissend was er
sagte
    Dann dürfen wir ja auch unser Gespräch abbrechen sagte die Baronin sich
erhebend wenn Sie mit einer solchen Gleichgültigkeit von dem Scheitern eines
Planes sprechen können an dessen Ausführung sollte ich denken uns Beiden
gleichviel gelegen sein muss so verlohnt es sich auch nicht der Mühe weiter
darüber zu reden
    Aber teuerste Tante sagte Felix aufspringend und der Baronin die Hand
küssend Sie sind auch wahrlich heute in einer schauerlichen Laune Wie können
Sie ein Wort bei dem ich mir auf Ehre nicht das Mindeste gedacht habe so
übel nehmen Es fuhr mir so heraus Sie wissen ja dass meine Zunge Vieles
spricht was ich bei Leibe nicht verantworten möchte Setzen Sie sich wieder
ich bitte Sie Sie sagten wenn Helene ihr Betragen nicht ändert meine ernste
Antwort ist so heirate ich sie doch So etwas findet sich wenn man nur ernst
im Wagen sitzt auf der ersten Station wird geweint auf der zweiten wird
geschmollt auf der dritten fängt man an zu lächeln auf der vierten 
    Genug sagte die Baronin Sie sind ein unverbesserlicher Leichtfuss der 
    Überall da hingelangt wo er hingelangen will Und deshalb lassen Sie Ihre
Bedenken fahren und uns zum Kaffee gehen der sonst wahrlich kalt wird
    Nicht so schnell sagte die Baronin wozu raten Sie denn nun
    Wozu ich immer geraten habe Sagen Sie Helenen  da ich ja doch einmal mich
auf keinen Fall direkt in die Sache mischen soll  Du heiratest Deinen Vetter
Baron Felix von Grenwitz und zwar binnen hier und irgend einer beliebigen Zeit
Abgemacht Sela
    Ist das Ihr Ernst
    Mein wohlerwogener Ernst Wann wollen Sie den großen Ball geben
    Übermorgen
    Gut Das ist eine vortreffliche Gelegenheit der Gesellschaft unsere
Verlobung anzukündigen Sagen Sie Helene wenn Du am Donnerstag Abend nicht
Felix Verlobte bist gehst Du am Freitag früh in die Pension zurück Sie sollen
sehen das hilft
    Ich fürchte die Drohung dürfte den entgegengesetzten Erfolg haben Man hat
Helene in Hamburg viel zu sehr verwöhnt Ich glaube sie ginge lieber heute
zurück als morgen
    Eh bien so schicken Sie die kleine Widerspenstige nach Grünwald in die
Musterpension von Fräulein Bär Es ist das freilich wie mir die kleine Breesen
die dort erzogen ist neulich mitteilte eher eine Strafanstalt als eine
Pension aber je schlimmer desto wirksamer  ich meine die Drohung denn dass
es ma chère cousine nicht zum Äußersten kommen lassen sondern sich genau zur
rechten Zeit besinnen wird darauf hin will ich mich hängen lassen Verzeihen
Sie Tante ich weiß Sie lieben die starken Ausdrücke nicht
    Es ist wirklich eine recht üble Angewohnheit von Ihnen sagte die Baronin
sich erhebend während Felix ihrem Beispiele folgte
    Die ich Ihnen zu Gefallen ablegen werde erwiderte er der Baronin den Arm
bietend
    Noch eins sagte diese stehen bleibend glauben Sie dass Grenwitz darein
willigen wird
    Ob ich das glaube rief Felix mit einem für den alten guten Baron wenig
schmeichelhaften Lachen ob ich das glaube Ma foi chère tante da müsste mein
sehr würdiger Onkel doch nicht beinahe zwanzig Jahre unter Ihrem Kommando
gestanden haben Wie lange habe ich denn die Ehre unter Ihnen zu dienen ein
paar Wochen und ich dächte ich wäre schon ganz passabel gedrillt
    Sie sind ein Schmeichler sagte die Baronin gütig aber man kann Ihnen nicht
bös sein
    Und das Paar entfernte sich Arm in Arm
    Als die Stimmen nicht mehr zu vernehmen waren schaute das Knabengesicht
wieder vorsichtig zu der Fensternische heraus Es war noch bleicher als vorhin
Der Knabe streckte nach den Davongehenden drohend den Arm aus und seine Lippen
murmelten einen grimmigen Fluch Dann als die Beiden nicht mehr zu sehen waren
ließ er sich aus der Fensternische herab auf die Bank wo sie gesessen hatten
Neben der Bank in dem dicken Moose lag ein schlecht zusammengefalteter Brief
den die Baronin aus der Tasche verloren hatte Der Knabe hob ihn auf und als er
sah dass er von Helenens Hand war drückte er ihn mit stürmischer Zärtlichkeit
an seine Lippen Dann verbarg er ihn sorgsam in seiner Brusttasche blickte sich
noch einmal vorsichtig um und war im nächsten Augenblick im dichten Gebüsch
verschwunden
 
                           Zweiundfünfzigstes Kapitel
Die Behauptung von Felix vielgewandtem Kammerdiener betreffs der
Unwiderstehlichkeit seines Herrn in Liebesaffairen war zwar als eine Beleidigung
des schönen Geschlechts im Allgemeinen und des in der Küche versammelten
weiblichen Dienstpersonals im Besonderen von diesem letzteren aufs heftigste
bestritten worden der Vielgewandte indessen hatte dazu nur geheimnisvoll
gelächelt sich nach der Weise seines Herrn in den Stuhl zurückgelehnt die
Beine von sich gestreckt und mit einem vielsagenden Zwinkern seines rechten
Auges auf die geblickt welche in dem unerquicklichen Disput die höchste
moralische Entrüstung und die größte Zungenfertigkeit zeigte Die hübsche Luise
war auf diesen Blick hin sehr rot geworden und so plötzlich verstummt dass es
selbst die Aufmerksamkeit des schweigsamen Kutschers erregte und ihn zu der
Wiederholung seiner früheren Bemerkung veranlasste es sei nicht Alles Gold was
glänze Darauf hatte die hübsche Luise zu weinen angefangen die alte brave
Köchin sich ihrer aber angenommen und gemeint der Herr Kammerdiener solle sich
schämen durch gehässige »Insinuationen« und »mechante« Blicke ein armes Mädchen
in schlechten Ruf zu bringen der Vielgewandte welcher bemerkte dass er zu weit
gegangen sei sich sodann zu der Erwiderung genötigt gesehen wie es ihm nicht
eingefallen sei auf irgend eine der anwesenden Damen direkt anzuspielen und
dass er mit seinem Zwinkern schlechterdings gar nichts habe sagen wollen Diese
Erklärung hatte denn schließlich den so freventlich gestörten Frieden der um den
Küchenheerd versammelten Gesellschaft wieder hergestellt
    Indessen verhielt sich die Sache genau so wie der Vielgewandte angedeutet
hatte Baron Felix war noch nicht vierundzwanzig Stunden auf dem Schloss
gewesen als er schon Mademoiselle Marguerite und die hübsche Luise als
diejenigen Personen herausgefunden hatte welche besonders dazu geeignet sein
dürften ihm die Langeweile des Landlebens und die Unbequemlichkeit einer
Brautwerbung tragen zu helfen Er hatte Albert den buon camerata so vieler
ähnlicher Heldentaten in der Kadettenzeit über Mademoiselle auszuholen
versucht und seinem Jean den Auftrag erteilt die Moralität der hübschen Luise
gelegentlich auf die Probe zu stellen Albert war einen Augenblick in Zweifel
gewesen ob er Felix sauberen Plan nicht wenigstens so weit begünstigen sollte
um einen Grund zu haben auf den er sich stützen könnte wenn es ihm später
vielleicht einmal darauf ankäme mit Marguerite zu brechen Dann aber hatten die
Eifersucht und der Hass welchen er gegen seinen früheren Kameraden empfand doch
den Sieg davon getragen Er hatte Felix erzählt wie er ganz bestimmt  von
Mademoiselle selbst  wisse dass sie  »mit einem Kandidaten der Theologie der
Himmel weiß wo ich glaube in Grünwald«  verlobt sei dass er selbst versucht
habe sich die Gunst der schwarzäugigen Genferin zu erwerben und also von der
gänzlichen Hoffnungslosigkeit  »nach dieser Seite hin etwas auszurichten«
vollkommen überzeugt sei
    Felix obgleich er sonst nicht der Mann war sich durch dergleichen
Mitteilungen einschüchtern zu lassen tröstete sich um so leichter über das
Fehlschlagen dieses seines Planes als ihm der Vielgewandte gesagt hatte dass
eine sofort angestellte forcirte Recognoscirung nach der andern Seite durchaus
von dem günstigsten Erfolg gekrönt worden sei und dass er seinem Herrn schon im
voraus zu dieser Acquisition gratuliren zu können glaube Don Juan Felix hatte
darauf unter Beistand des Vielgewandten nach allen Regeln langgeübter Kunst das
Vögelchen in das Garn zu locken versucht und sich denn auch nicht weiter
gewundert als es schon nach wenigen Tagen in die kunstgerecht aufgestellten
Netze flatterte
    Die Einrichtung des Schlosses mit seinen labyrintischen Korridoren seinen
vielen großen und kleinen Treppen auf denen man unversehens in Etagen gelangte
in die man gar nicht wollte mit seinen unzähligen Türen von denen die eine
aussah wie die andere machte für Jemand der die Localität nicht ganz genau
kannte die Durchführung eines galanten Abenteuers zu einer äußerst schwierigen
und bedenklichen Sache Das hatte auch Felix erfahren indem er sich einige Mal
auf seinen nächtlichen Wanderungen gründlich verirrte und nur mit der äußersten
Mühe und nach stundenlangem vorsichtigem Umhertappen sein Zimmer wieder gewann
Er zog es deshalb vor in dem Garten der sich mit seinen schattigen Gängen und
still verschwiegenen Lauben auch ganz vortrefflich dazu eignete und in den man
sowohl aus der Leutewohnung wie aus dem Herrenhause ohne große Mühe gelangen
konnte den angesponnenen Roman weiter zu führen
    So hatte er sich denn auch in dieser Nacht aus dem Schloss gestohlen und
harrte in den dichten Boskets von denen aus man die Seitenfront des alten
Schlosses und die Leutewohnung die in einer Linie daran gebaut war beobachten
konnte seines armen Opfers Die Schlossuhr schlug zwölf  die Stunde welche er
zum Rendezvous bestimmt hatte Der Mond schien hell die Tautropfen auf den
Blumen und Blättern glitzerten in seinen Strahlen Felix konnte auf seiner Uhr
sehen dass die Schlossglocke eine Viertelstunde zu spät geschlagen hatte Die
Lichter im Schloss waren erloschen nur in zwei der Fenster des hohen Parterres
schimmerte durch die roten Vorhänge der Schein einer Lampe Es war Helenens
Zimmer Felix sah in regelmäßigen Zwischenräumen die undeutlichen Umrisse ihrer
Gestalt hinter dem Vorhang  offenbar schritt sie im Zimmer auf und ab Dann
musste sie sich wieder an das Klavier gesetzt haben denn einzelne Töne den
Lauten des Vogels gleich der im hellen Mondschein träumend sein Lied zu singen
versucht irrten durch den stillen Garten die Töne flossen zusammen zu Accorden
und endlich strömte in vollen rauschenden Wogen Beethovens herrliche Sonate
patétique wie der Gesang eines Engels der um Mitternacht mit ausgebreiteten
Flügeln über die Erde schwebt und alles Erdenleid und alle Erdenqual in seinem
göttlichen Herzen sammelt und ausströmt in ein feierliches Lied voll unendlicher
Schwermut und himmlischer Süßigkeit
    Felix empfand in diesem Augenblick wo er den Arm auf eine Urnensäule
gelehnt lauschend dastand eine Art von Gewissensbiss darüber dass er der
Wüstling der Unreine die Hand auszustrecken die Augen zu erheben wagte zu
ihr der Keuschen Reinen Er nahm sich in diesem Augenblicke vor ein anderes
Leben zu beginnen die Torheiten abzustreifen und er glaubte alles Ernstes
dass er nur zu wollen brauche um zu können Er hörte mit einer gewissen Andacht
der Musik zu Er war Kenner genug um zu fühlen dass die Sonate nicht schöner
nicht seelenvoller gespielt werden konnte er sagte bei einzelnen Passagen leise
bravo bravo als ob er sich in einem Koncertsaale befände Aber Helene und
Beethoven Tugend und Musik und was noch sonst Alles in diesen Minuten durch
sein Hirn gezogen sein mochte  Alles war im Nu versunken wie eine Fata
Morgana als sein Ohr jetzt den leisen Schritt eines Menschen vernahm Der
Schritt kam von einer anderen Seite als Felix erwartete Indessen die hübsche
Luise mochte ja einen Umweg gemacht haben um die breiteren von dem Mondschein
allzu hell beschienenen Gänge in der unmittelbaren Nähe des Schlosses zu
vermeiden Der Schritt kam näher und näher und Felix der auf den Einfall
geriet sich ein wenig suchen zu lassen drückte sich dicht in die Gebüsche
Wie groß aber war sein Erstaunen als er statt der hübschen Luise Bruno an sich
vorüberschleichen sah Im ersten Augenblick musste Felix über diese Enttäuschung
lachen im nächsten aber schon fiel ihm ein dass durch diese Dazwischenkunft
sein Rendezvous mehr wie bedenklich werde und dass es unter diesen Umständen
wohl das Geratenste sein möchte sich in das Schloss zurückzustehlen Wer weiß
wie lange sich der Junge hier herumtreiben wird am Ende ist er gar verliebt
oder er ist verrückt oder beides denn er sieht nach beidem aus oder er ist
mondsüchtig und geht so ein paar Stunden hier spazieren Der verdammte Bengel
überall steht er im Wege ich hätte große Lust ihm nächstens einige fühlbare
Beweise meiner freundschaftlichen Gesinnung zu geben Auf jeden Fall will ich
ihm das Feld räumen Jetzt kann man noch als verspäteter Liebhaber eines
Mondscheinabends auftreten später geht das nicht mehr gut Aber der Tante
wollen wir doch von diesen nächtlichen Excursionen der Zöglinge des Herrn Stein
erzählen
    Felix hatte den Weg nach dem Schloss fast zurückgelegt ohne Bruno zu
sehen und schon hoffte er dass der Knabe sich aus dem Garten entfernt habe und
sein Rendezvous doch noch zu Stande kommen könne als er über einen kleinen
offenen Platz schreitend der halb vom Mondschein erhellt und halb im Schatten
lag Bruno auf einer Bank sitzen sah die Augen nach Helenens Fenster gerichtet
aus denen noch immer die Tonwellen rauschten Der Knabe schien so in andächtiges
Zuhören verloren dass er Felix erst bemerkte als dieser schon ganz nahe war
    Weshalb treibst Du Dich denn hier noch so spät umher sagte Felix dessen
Ärger sich mindestens in einigen unfreundlichen Worten Luft machen musste ich
werde es der Tante sagen
    Bekümmere Dich um Deine eigenen Angelegenheiten sagte Bruno der in der
ersten Überraschung aufgesprungen war und ein paar Schritte auf den Platz
getan hatte trotzig stehen bleibend als er in dem Herankommenden den
verhassten Felix erkannte
    Du bist ein naseweiser Bursche sagte Felix
    Und Du ein gemeiner Schurke erwiderte Bruno
    Der Dich für Deine Unverschämtheit züchtigen wird sagte Felix dem mit
untereinandergeschlagenen Armen vor ihm stehenden Knaben einen Backenstreich
versetzend
    Bruno taumelte ein paar Schritte zurück Felix sah nicht ohne leichten
Schauder zu empfinden wie die Augen des Knaben buchstäblich glühten dann brach
ein dumpfer röchelnder Schrei aus seiner Kehle  ein mächtiger Sprung wie
eines Leoparden der sich auf seine Beute stürzt  und im nächsten Moment lag
Felix am Boden und die starken Hände Brunos schlossen sich wie eiserne Klammern
um seine Kehle Er rang wie ein Verzweifelter den Knaben von sich abzuschütteln
und wieder in die Höhe zu kommen aber vergebens So oft er sich auch mit dem
Körper emporbäumte so oft er Bruno von sich fortzudrücken versuchte jedesmal
fühlte er seine Anstrengungen von einer unwiderstehlichen Kraft paralysirt und
fester und fester schlossen sich die schlanken Finger um seinen Hals
    Lass mich los Bruno stöhnte er
    Befiehl Deine Seele Gott denn Du musst sterben knirschte Bruno
    Felix fühlte wie seine Kräfte ihn verließen während die seines Gegners mit
jedem Augenblick zu wachsen schienen Todesangst ergriff ihn Er wollte um Hilfe
rufen aber kein Laut entrang sich seinen bebenden Lippen er fühlte ein dumpfes
Sausen in den Ohren das immer lauter und lauter wurde vor seinen Augen wurde
es Nacht durch die Millionen kleiner Sterne schossen  wüste Gedanken jagten
wie vor dem Sturmwind treibende Wolken durch sein Gehirn  plötzlich als ihn
der letzte Schimmer von Bewusstsein zu verlassen drohte fühlte er wie die
entsetzliche Last von seiner Brust verschwand  und als er endlich die Kraft
fand sich vom Boden zu erheben und um sich zu blicken war er allein Der Mond
schien hell vom tiefblauen Himmel das Licht in Helenens Zimmer war erloschen
die Musik war verstummt Felix hätte glauben können den Kampf mit Bruno
geträumt zu haben wenn nicht die heftigen Schmerzen die er an mehr als an
einer Stelle des Körpers fühlte seine über und über mit Sand bedeckten Kleider
und der rings umher aufgewühlte Boden ihm zur Genüge bewiesen hätten dass dies
Alles nur zu wirklich gewesen war
    Mit einem von Wut erfüllten Herzen schleppte er sich in das Schloss wie ein
Wolf der die Hürde beschleichen wollte aber von einer edlen Dogge zerzaust und
zerbissen in den Wald zurückhinkt
 
                           Dreiundfünfzigstes Kapitel
Die Baronin hatte noch an demselben Abend den Brief Helenens vermisst Diese
Entdeckung erfüllte sie mit nicht geringer Unruhe Wie leicht konnte der Brief
in fremde das heißt in Hände fallen die ihn Helenen wieder auslieferten und
wie viel hatte sie sich dann dem stolzen unbeugsamen Mädchen gegenüber
vergeben Jeder Vorteil den sie durch die genaue Kenntnis von dem
Gemütszustand ihrer Tochter über diese errungen und den sie durch
Anspielungen Drohungen so geschickt auszubeuten gedacht hatte war
unwiederbringlich verloren Es war fatal äußerst fatal
    Die Baronin erinnerte sich ganz genau den Brief in die Tasche ihres Kleides
gesteckt zu haben als Felix den Gang herauf kam Wahrscheinlicherweise hatte
sie ihn also an der Kapelle verloren Sie erinnerte sich dass sie während der
Unterredung mit ihrem Neffen einmal das Taschentuch gezogen hatte um die
Beleidigte mit noch größerer Würde zu spielen Indessen war es heute Abend zu
spät noch Nachforschungen anzustellen sie musste es sich gefallen lassen eine
beinahe schlaflose Nacht zuzubringen und den Morgen mit einem heftigen Kopfweh
herandämmern zu sehen Sie ging alsbald in den Garten nach der Kapelle Der
Brief war nicht da auch nicht in dem Buchengange oder in der Laube Im
höchsten Masse verdrießlich über diesen bösen Zufall kehrte die Baronin ins
Schloss zurück
    Dort erwarteten sie andere Unannehmlichkeiten Oswald schickte herunter um
zu melden dass Bruno sich nach einer schlechten Nach sehr unwohl fühle und dass
er bitte man möge einen reitenden Boten zu Doctor Braun senden Auch ließ er
bitten Malte für heute unten zu behalten da er bis der Doctor käme Bruno
nicht gern allein lassen möchte Die Baronin ließ zurücksagen sie hoffe dass es
mit Brunos Unwohlsein nicht viel auf sich habe und dass die in dem Unterricht
eintretende Pause nicht zu lange dauern werde Übrigens würde heute im Laufe
des Vormittags noch so wie so in die Stadt geschickt
    Ein paar Stunden später ließ Felix sich entschuldigen wenn er heute nicht
zum Frühstück komme er fühle sich nicht ganz wohl gedenke indessen an der
Mittagstafel zu erscheinen
    Felix verspürte in der Tat noch einige unangenehme Folgen seines Kampfes
mit Bruno Zuerst und vor allem die brennende Scham einem Knaben unterlegen zu
sein vielleicht nur einem Zufall einer plötzlichen Anwandlung von Großmut
sein Leben zu verdanken zu haben Sein ganzer Leichtsinn gehörte dazu ihm über
diesen unangenehmen Gedanken wegzuhelfen Er suchte sich einzureden  und nach
und nach gelang es ihm auch  die Sache sei so ernstaft nicht gewesen und wenn
er nicht als Bruno sich so unerwartet über ihn stürzte ausgeglitten wäre und
wenn dann sein »verdammter Rheumatismus« ihm nicht die Arme gelähmt hätte würde
er ja »den Jungen abgeschüttelt haben wie eine Fliege ihm eine tüchtige Tracht
Schläge obendrein gegeben haben« Dass vorläufig er die Schläge bekommen und dass
die Fliege fest zuzupacken verstand das bewiesen die blauen Flecken die er auf
der Brust am Halse an den Armen aus dem Kampfe als sicheres Zeichen der
Niederlage davongetragen hatte Der Vielgewandte geriet in einiges Staunen als
er seinen Herrn in einem Zustande sah der nur zu sehr an die selige
Kadettenzeit erinnerte wo Franzbranntwein und aqua Gourlardi zu den
notwendigsten Toiletterequisiten gehörten Der Vielgewandte bewies dass er die
Kunst Beulen und blaue Flecke zu behandeln eben so wenig verlernt habe als
sein Herr das Talent eingebüßt hatte sich solche zu holen und schon gegen
Mittag sah er sich in einem salonfähigen Zustande Dennoch zweifelte er ob er
bei der Tafel erscheinen solle oder nicht Der Gedanke Bruno gegenüberzutreten
des Knaben dunkle Augen voll Hohn und Schadenfreude auf sich ruhen zu sehen
vielleicht gar in Oswalds Blicken wahrzunehmen dass er von den Ereignissen der
verwichenen Nacht vollkommen unterrichtet sei war ihm äußerst peinlich Es fiel
ihm daher ordentlich eine Last vom Herzen als Jean berichtete die Tafel werde
heute sehr klein sein denn Junker Bruno und der Herr Doctor würden nicht
erscheinen So warf er denn noch einen Blick in den Spiegel goss sich etwas
Essbouquet mehr als gewöhnlich auf sein Batisttaschentuch und schritt leicht und
frei durch die Tür die ihm der Vielgewandte pflichtschuldigst öffnete
    Auch die Baronin fühlte sich nicht wenig erleichtert als sie im Laufe des
Morgens keine Veränderung in Helenens Betragen oder auf ihrem Gesicht in ihren
großen Augen zu erblicken vermochte Die Baronin war heute Morgen ganz besonders
zuvorkommend gegen Helene
    Indessen war das Mittagsmahl nichts weniger als belebt obgleich Felix sein
ganzes Unterhaltungstalent aufbot Der alte Baron hatte sich persönlich nach
Brunos Befinden erkundigt und war ärgerlich dass noch immer nicht nach dem
Doctor geschickt war wenn auch heute Nachmittag ein Wagen in die Stadt führe
verschiedenes zu der großen Gesellschaft morgen Benötigtes zu holen so sei das
kein Grund weshalb nicht einer von den Leuten heute Morgen hätte hinreiten
können Die Baronin war verstimmt über diesen ihr in Gegenwart der Andern
ausgesprochenen Tadel und meinte sie habe freilich nicht bedacht dass es sich
um Bruno handle der allerdings größere Ansprüche machen dürfe wie zum Beispiel
sie selbst die an einem sehr heftigen Kopfweh leide oder Felix der ebenfalls
die ganze Nacht und den ganzen Vormittag unwohl gewesen sei Helene hob die
Augen kaum von ihrem Teller und öffnete kaum einmal den Mund und die Augen der
kleinen Marguerite waren heute noch verweinter als in den vorhergehenden Tagen
Felix und Malte sprachen sich nach und nach auch aus und zuletzt war es so
stumm um den Tisch her dass die Diener nicht wussten wie sie nur leise genug
auftreten sollten
    Die Baronin und Felix blieben nach Tische allein da der Baron sich
ausnahmsweise auf sein Zimmer zurückgezogen Felix hatte während der Mahlzeit
überlegt ob er nicht doch besser täte das Ereignis von gestern Abend 
natürlich nach seiner Auffassung  zu erzählen bevor Bruno Gelegenheit habe
sich gegen irgend Jemand Oswald ausgenommen darüber zu äußern So benutzte er
denn das têteàtête mit der Baronin ihr mitzuteilen  versteht sich lachend
und mit der Bitte die curiose Geschichte nicht weiter gelangen zu lassen  wie
er gestern Abend durch den hellen Mondschein verlockt worden sei noch etwas im
Garten zu promeniren wie er Bruno in einer höchst eingentümlichen Weise um die
Fenster Helenens habe schleichen sehen wie er den Jungen zu Bett geschickt
habe darüber mit ihm in Streit geraten mit dem Fuße ausgeglitten hingefallen
und für einen Augenblick der Besiegte gewesen sei Natürlich nur für einen
Augenblick dann habe Bruno die verdienten Schläge erhalten und die würden wohl
auch der Grund seiner heutigen Krankheit sein
    Die Baronin fühlte sich durch diese humoristische Schilderung einer sehr
ernsten Begegnung auf das unangenehmste berührt Ihre Befürchtungen betreffs des
Briefes regten sich wieder Bruno zur Nachtzeit unter Helenens Fenster was
hatte er da zu tun Der Umstand sah sehr verdächtig aus Wenn Bruno den Brief
gefunden hätte wenn er gestern Abend die Absicht gehabt hätte ihn Helenen
wieder zuzustellen Die Baronin stöhnte bei diesem entsetzlichen Gedanken
    Was haben Sie liebe Tante
    O nichts Ich seufze nur über das Unglück welches uns dieser Stein ins
Haus brachte Wenn ich etwas in meinem Leben bedaure so ist es den Menschen
nicht am ersten Abend wieder fortgeschickt zu haben wie ich wirklich große Lust
hatte Es hat nicht leicht Jemand einen so unangenehmen Eindruck auf mich
gemacht wie dieser junge Mann
    Aber Tante so holen Sie doch nach was Sie an jenem ersten Abende leider
versäumten jagen Sie ihn fort Ich begreife wahrhaftig nicht weshalb Sie so
viel Umstände mit ihm machen
    Die Baronin wollte nicht sagen dass sie die tausend Taler nicht
verschmerzen würde welche Oswald contractlich zu fordern hatte wenn ihm im
ersten Jahre seines Engagements gekündigt würde Ehe sie indes eine Antwort
bereit hatte ertönte auf dem Flur die quäkende Stimme des Pastor Jäger der
sich nach »der gnädigen Herrschaft« erkundigte
    Einen Augenblick später trat seine Hochehrwürden an der Seite seiner
Gemahlin ins Zimmer
    Es bedurfte keines besonders scharfsinnigen Auges um sofort zu sehen dass
etwas ganz Außerordentliches dem würdigen Paar begegnet sein musste Der Pastor
trug den ganz neuen schwarzen Frack den er nur bei den feierlichsten
Gelegenheiten anzuziehen pflegte und Primula hatte eine äußerst malerische
Verzierung von Kornähren an ihrem gelben Strohhute so dass sie heute noch eine
Schattirung gelber aussah wie gewöhnlich Der Blick des Pastors suchte
vergeblich die gewohnte Demut zu heucheln die runden Brillengläser selbst
glitzerten triumphierend und was Primula betrifft so hatte sich ihr poetisches
Gemüt jetzt von allem Erdenrest befreit sie durfte scheinen was sie war
    Ich komme gnädige Baronin sagte der Pastor AnnaMaria galant die Hand
küssend einmal mich nach Ihrem und der lieben Ihrigen werten Befinden
pflichtschuldigst zu erkundigen sodann Ihnen die Mitteilung eines Ereignisses
zu machen das wir  ich darf ja wohl sagen wir meine edle Gönnerin  schon
lange freilich erwarteten erhofften will ich lieber sagen dessen endliches
Eintreffen uns indes doch wohl Alle überrascht Ich bin als Professor nach
Grünwald berufen worden
    Vorläufig extraordinarius sagte Primula aber der ordinarius wird wohl
nicht lange auf sich warten lassen
    Auch ist mir die Stelle eines VormittagsPredigers an der Universitätskirche
so gut wie gewiss
    Warum nicht gewiss Jäger sagte Primula ich dächte das Schreiben des
Professors Dunkelmann ließe nur eine Auslegung zu
    Ei das sind ja herrliche Nachrichten meine lieben Freunde sagte die
Baronin erlauben Sie dass ich Ihnen meinen Neffen Baron Felix vorstelle 
Herr und Frau Pastor wollte sagen Professor Jäger lieber Felix  das sind ja
herrliche Nachrichten Also endlich Nun ich habe es ja immer gesagt über kurz
oder lang musste es doch kommen freilich wir verlieren viel aber das Glück der
Freunde muss uns teurer sein als der eigene Vorteil Nehmen Sie meinen
herzlichsten Glückwunsch entgegen
    Auch den meinigen sagte Felix
    Danke meine gnädige Frau danke Herr Baron danke danke sagte der
Pastor sich vergnügt die Hände reibend ja ja unverhofft kommt oft und
gehofft kommt auch wohl einmal Als meine letzte größere Schrift in welcher ich
den eigentlichen Wortlaut des Titels eines verloren gegangenen Werkes des
Kirchenvaters Philochrysos bis zur Evidenz nachwies in allen kritischen
Journalen eine so  ich darf wohl sagen  außerordentliche Anerkennung fand
konnte ich den Erfolg mit ziemlicher Gewissheit zum voraus angeben
    Wann werden Sie uns denn verlassen
    Nun zu Michaelis spätestens wahrscheinlich aber noch früher ich werde für
das Wintersemester drei private Vorlesungen eine publice und gratis und
endlich eine über die verloren gegangenen Schriften des Philochrysos
privatissime und gratis ankündigen
    Du nimmst Dir zu viel vor Jäger zu viel hauchte Primula in zärtlichen
Tönen o diese Männer diese Männer jeder ist ein Prometeus der den Himmel
stürmen möchte
    Wer hat mich denn zu meinem kühnen Streben begeistert wenn nicht Du sagte
der Pastor Primula dankbar die Hand drückend
    Schießen Sie mit der Pistole fragte Felix um dem Gespräch eine andere
Wendung zu geben
    Nun ein wenig ich will sagen so viel wie gar nicht Ich war wohl früher
auf der Hasen und Hühnerjagd nicht ganz unglücklich  omen in nomine ha ha
ha  aber seitdem das Konsistorium sich sehr energisch gegen diese lärmenden
Vergnügen ausgesprochen hat liegt das Eisen müßig in der Halle  um mit dem
Dichter zu sprechen
    Du kannst jetzt in Deiner Eigenschaft als Professor der edlen Waidmannskunst
wohl wieder obliegen Jäger sagte Primula Ha ich denke es mir herrlich so
mit vorgestreckter Pistole einem Wildschweine gegenüberzutreten
    Ich würde indessen Ihrem Herrn Gemahl raten sich zu dieser Jagd mit einer
Büchsflinte und wo möglich auch einem Hirschfänger zu versehen sagte Felix
lachend aber im Ernst Herr Professor wollen Sie ein wenig mit mir nach der
Scheibe schießen
    Gewiss gewiss rief der Pastor aufspringend ich stehe zu Ihren Diensten zu
Ihren Diensten
    Der Pastor war blass geworden aus seiner Aufregung zu schließen hätte man
glauben sollen es handle sich um ein Duell auf Leben und Tod
    Willst Du nicht doch lieber bleiben sagte Primula welcher plötzlich die
Sache in einem sehr bedenklichen Lichte erschien Du bist heute nicht so ruhig
wie sonst wenn Dir ein Unglück passirte gerade jetzt wo Du dem Ziel Deiner
Wünsche so nahe bist Jäger ich ertrüge es nicht und die Dichterin brach in
Tränen aus und klammerte sich an ihren Gemahl an dessen Anstrengungen sich
von der süßen Last zu befreien keineswegs sehr energisch waren
    Gustava murmelte er liebes Gustchen es ist weniger gefährlich als Du
denkst Sind Ihre Pistolen mit einem Stecher versehen Herr Baron
    Allerdings sagte Felix den diese Szene nicht wenig amüsirte Wenn sie
gestochen sind dürfen Sie nicht niesen oder ich stehe für nichts
    Bleibe bleib mein Jäger flehte Primula
    Es wird nicht so gefährlich sein sagte der Pastor mit bleichen Lippen
    Das meinte neulich auch Kamerad von Schnabelsdorf sagte Felix nehmen Sie
sich in Acht Schnabelsdorf sagte ich  Dummes Zeug sagte Schnabelsdorf und
fasst die Pistole an der Mündung Im nächsten Augenblick war er um einen Finger
ärmer
    Dies entscheidet sagte Primula sich emporrichtend Jäger Du bleibst ich
befehle es Dir Befasse Dich nicht mit Dingen die Du nicht verstehst
Pistolenschiessen ist kein Kinderspiel
    So triftigen Gründen wusste selbst ein so geistreicher Kopf wie der des
Pastors nichts entgegenzusetzen Er ließ sich wieder in seinen Stuhl sinken und
sagte sich den Schweiß mit dem Taschentuch von der Stirn wischend
    Sie sehen Herr Baron Ehestand ist Wehestand Wenn Sie einmal erst
verheiratet sind wird der glänzende Kavalier auch vor dem umsichtigen
Hausvater zurücktreten müssen Aber wie ist mir denn man darf ja wohl
gratuliren
    Und der Pastor ließ den Kopf erst auf die rechte Schulter sinken um die
Baronin anzulächeln sodann auf die linke um Felix dieselbe Gunst zu erweisen
    Fragen Sie in ein paar Tagen wieder nach erwiderte die Baronin
ausweichend Was ich sagen wollte so ist ja jetzt durch Ihre Ernennung der
Verlust welchen die Universität durch Berger erlitten hat mehr als
ausgeglichen Ihre Vocation steht doch mit jenem Ereignis in keinem
Zusammenhang
    In keinem directen wenigstens sagte der Pastor obgleich ich nicht in
Abrede stellen will dass Berger seinen Einfluss nicht zu meinen Gunsten
angewendet haben würde und somit immerhin seine Erkrankung für mich ein nicht
ungünstiges Zusammentreffen der Umstände genannt zu werden verdient
    Hat man denn gar keine Vermutung wie dies so plötzlich gekommen ist
fragte die Baronin
    Nun meine Gnädigste plötzlich können wir wohl so eigentlich nicht sagen
erwiderte der Pastor sein Gesicht in die ernstesten Falten legend und seine
Mundwinkel herabziehend ich gestehe dass mich dies Ende in keiner Weise
überrascht hat und dass ich den Professor im Grunde stets für mindestens halb
wahnsinnig gehalten habe Wer mit Berger behauptet dass alle sogenannten Beweise
von dem Dasein Gottes des allmächtigen Schöpfers Himmels und der Erden auf
einen Trugschluss eine petitio principii hinausliefen der ist schon wahnsinnig
auch wenn er noch scheinbar wie ein Vernünftiger spricht Wer über die
geheiligten Institutionen des Königtums von Gottes Gnaden und des Erbadels
freventlich spotten sie Überreste einer barbarischen Zeit die hinter uns
liegt nennen kann der ist schon toll obgleich er Professor ist und Kollegia
vor einem überfüllten Auditorium liest Ich weiß es wohl dass geschrieben steht
richtet nicht auf dass ihr nicht gerichtet werdet aber ich kann mich dennoch
diesen Fall erwägend nicht entbrechen zu sagen Dies ist der Finger des Herrn
    Wie wärs mit einer Partie Kegel Herr Pastor sagte Felix der in der
offenen Tür gestanden und nicht zugehört hatte
    Mit Vergnügen rief der Pastor auf diese Kugeln verstehe ich mich Ich war
meiner Zeit in Grünwald ein famoser Kegelschütze
    Nach dem Kaffee lieber Felix sagte die Baronin ich habe noch mit dem
Pastor über einige ernste Dinge zu sprechen  Ist es nicht entsetzlich lieber
Pastor Jäger dass wir den Zögling eines so abscheulichen Menschen in unserem
stillen Hause haben dass ich die unschuldige Seele meines Kindes solchen Händen
anvertrauen soll Um Himmelswillen raten Sie mir wie werde ich den Menschen
auf eine passende Weise wieder los
    Sie können ihn nicht ohne Weiteres fortschicken
    Wir haben uns gegenseitig auf vier Jahre verbindlich gemacht und wenn wir
nun also 
    Ich versteh ich verstehe sagte der Pastor der AnnaMarias Geiz sehr
wohl kannte hm hm wir müssten einen Grund haben hm hm es ist jetzt eine
Verordnung vorbereitet nach welcher die Hauslehrer ein Zeugnis des Pfarrers
ihres betreffenden Kirchspiels über ihre Religiosität und Moralität beizubringen
haben Wir wollen es Herrn Doctor Stein schwer machen ein solches beizubringen
und der Pastor lächelte schlau
    Wissen Sie schon das Neueste meine Herrschaften rief Felix ein Billet
das ihm soeben von dem Bedienten welcher das Kaffeeservice in die Laube trug
übergeben war in der Hand haltend Kloten hat sich mit der kleinen Breesen
verlobt hier schickt er mir als seinem besten Freunde die erste Karte die
Anderen kriegen erst morgen welche
    Ich kann Ihnen ein Paroli biegen sagte der Pastor Wer denken Sie gnädige
Frau dass seit gestern Abend wieder hier ist
    Nun
    Frau von Berkow
    Nicht möglich
    Ich weiß es ganz genau Sie hat einem schon vor seiner Krankheit geäusserten
Wunsch ihres Gemahls zufolge die Leiche desselben von Fichtenau hierher schaffen
lassen Der Sarg kommt noch in dieser Nacht um morgen von mir auf dem
Faschwitzer Kirchhof eingesegnet zu werden
    Dann können wir die schöne Frau wohl nicht zu unserem Ball morgen einladen
    Aber Felix sagte die Baronin mit einem vorwurfsvollen Blick
    Der Kaffee steht in der Laube meldete der Bediente
    So kommen Sie meine Lieben sagte die Baronin
 
                           Vierundfünfzigstes Kapitel
Unterdessen hatte Oswald an Brunos Bette böse angstvolle Stunden verlebt
Brunos aufgeregtes Wesen in der letzten Zeit hatte ihn schon mehr als einmal
ernstlich besorgt gemacht Die Ausbrüche leidenschaftlicher Heftigkeit wie
Oswald sie an Bruno von den ersten Wochen ihres Zusammenlebens kannte und die
dann eine Zeit lang fast gänzlich aufgehört hatten waren jetzt häufiger und
gewaltiger als je Ein Widerspruch das Misslingen eines Unternehmens einer
Arbeit eine verletzende Äußerung über Tisch aus dem Munde der Baronin  waren
hinreichend die Dämonen in ihm zu entfesseln Vergebens dass Oswald ihn bat und
beschwor diese Heftigkeit abzulegen durch die er sich seinen Feinden gegenüber
so viel vergebe die es seinen Freunden oft unmöglich mache für ihn Partei zu
ergreifen  ich kann nicht anders war seine stete Antwort es kommt über mich
mit einer Gewalt der ich nicht zu widerstehen vermag Es kocht in mir auf es
nagt an meinem Herzen es hämmert in meinen Schläfen und dann weiß ich nicht
mehr was ich spreche oder tue  Wenn dann Oswald sagte er könne wenn er nur
wolle so antwortete er trotzig schilt mich nur auch wie die Anderen mache
nur gemeinschaftliche Sache mit den Anderen Ich will keine halben Freunde wer
nicht für mich ist der ist wider mich  Dann wenn er sah wie er Oswald durch
diese und ähnliche Reden gekränkt hatte warf er sich stürmisch in seine Arme
und bat ihn unter heißen Tränen um Verzeihung  Habe Mitleid mit mir rief er
Du weißt nicht wie grenzenlos unglücklich ich bin  Vergebens dass Oswald in
ihn drang zu sagen ob er irgend etwas Besonderes auf dem Herzen habe ob die
wilde Sehnsucht in die Ferne von der er früher so gefoltert wurde jetzt wieder
in ihm übermächtig sei  Ich weiß es selbst nicht sagte Bruno ja ich möchte
fort weit weit von hier um nimmer wieder zu kehren und dann möchte ich doch
auch wieder nicht fort nein nicht fort nicht um Alles in der Welt ich weiß
es nicht ich glaube ich möchte am liebsten sterben
    Oswald riet hin und her was denn nur die Ursache dieses sonderbaren
Zustandes sein möchte aber wie nahe er auch manchmal der Wahrheit kam den
eigentlichen Kern des Geheimnisses das der Knabe in der tiefsten Tiefe seines
Herzens vor Jedem vielleicht vor sich selbst scheu verbarg entdeckte er doch
nicht
    Er tröstete sich mit dem Gedanken dass ja die Zeit des Übergangs aus dem
Knaben in das Jünglingsalter für Alle eine Periode innerer und äußerer Stürme
zu sein pflege und dass bei so mächtigen Naturen wie Bruno die Revolution
verhältnismäßig gewaltiger sein müsse Er hatte oft mit Bruno über Verhältnisse
gesprochen die dem erschlossenen Auge nicht länger verborgen bleiben können
denn er hielt es für die heilige Pflicht eines Erziehers gerade in diesem
Punkte der wühlenden Neugier dem grübelnden Scharfsinn des Neophyten
entgegenzukommen und ihm die Tür zum Heiligtum der Natur lieber zu
erschließen als zuzugeben dass der Jünger durch Schuld zur Wahrheit gelange Er
wusste dass Brunos Sinn edel und sein Herz rein Er war nach dieser Seite hin
vollkommen ruhig er ahnte nicht dass Bruno edel und rein wie er war mit allen
Kräften seiner starken Seele mit der ganzen Glut der eben erst erwachten
Sinnlichkeit mit der stummen Verzweiflung einer ersten Leidenschaft die keine
Erwiderung findet und finden kann seine schöne Kousine liebte
    Er hatte Helene nie vorher gesehen Als er vor drei Jahren etwa in das Haus
seiner Verwandten kam war das junge Mädchen schon in der Pension Es wurde
selten in der Familie von ihr gesprochen und vielleicht erregte gerade dies und
noch mehr der Umstand dass wenn man von ihr sprach es meistens in sehr kühlen
Ausdrücken geschah Brunos Aufmerksamkeit Der Verlassene ahnte in der
Verbannten eine Leidensgefährtin Nach und nach gestaltete sich für ihn das sehr
undeutliche Bild der Entfernten zu einer Art von Ideal einem Inbegriff von
allem Schönen und Herrlichen das seine reiche Phantasie erträumte Der Name
Helene in dessen weichem Klang er sich berauschen konnte wie in dem Duft der
Hyacinthe trug nicht wenig dazu bei ihm diese Gestalt seiner Einbildungskraft
lieb und teuer zu machen Dann waren auch Zeiten gekommen wo er dem Cultus der
schönen Unbekannten untreu geworden war wo er in Tante Berkow den höchsten
vollendeten Ausdruck des »ewig Weiblichen« zu erkennen glaubte wo er sich durch
ein freundliches Wort Melittas für ein Du lieber Junge für ein Streicheln
seiner Haare von ihrer lieben weißen Hand unbedenklich in jede Todesgefahr
gestürzt haben würde Gerade in der ersten Zeit von Oswalds Anwesenheit in
Grenwitz hatte seine Liebe zu Tante Berkow in der Blüte gestanden Melittas um
ein paar Jahre jüngeren Knaben hatte er ebenso wie einen jüngeren Bruder
behandelt wie ihm die jugendlich schöne Mutter oft nur wie eine ältere
Schwester erschienen war Da Melitta gerade in jener Zeit häufig nach Grenwitz
herüberkam und Bemperlein um seinem Julius Gesellschaft zu verschaffen den
Umgang der Knaben aufs eifrigste protegirte so fehlte es Bruno nicht an
Gelegenheit Tante Berkow zu sehen ihr hundert kleine Pagendienste zu leisten
ihr in den Sattel zu helfen Bella oder Brownlock eine halbe Stunde umher zu
führen mit der Reitpeitsche dem Federhut und den Handschuhen hinter ihr zu
stehen wenn sie danach fragte Tante Berkow war in dieser Zeit sein drittes
Wort und Oswald hatte es sich gern gefallen lassen wenn ihm Bruno lange
Geschichten erzählte in denen Tante Berkow immer die erste Rolle spielte
    Melitta hatte vielleicht nicht wenig dazu beigetragen dass Bruno in Monaten
ein Stadium der Entwickelung zurücklegte zu welchem weniger feurige Naturen
fast eben so viele Jahre brauchen Sie hatte sich in ihrer Harmlosigkeit des
Irrtums schuldig gemacht zu glauben dass sie einen Knaben der schon beinahe
Jüngling war noch als Kind behandeln dürfe dass sie sich mit ihm kleine
Freiheiten erlauben könne die schon in ganz kurzer Zeit ganz große Freiheiten
gewesen sein würden Sie hatte nicht bedacht dass die Sinnlichkeit in dieser
Zeit ein Schlaf in der Morgendämmerung ist den die leiseste Störung
verscheuchen kann dass die Begierde in dieser Periode wie ein Feuer ist das in
grünem Holze langsam fortglüht und bei dem geringsten Windstoß in heller Lohe
emporflammt Sie würde außer sich gewesen sein wenn man ihr gesagt hätte dass
sie in aller Unschuld einer Unschuld gefährlich gewesen sei Und doch war es der
Fall
    Melitta selbst sah zuletzt ein dass sie Bruno nicht länger wie sie es
bisher getan mit Julius oder auch nur mit Malte auf eine Stufe stellen dürfe
und wenn sie jetzt »von den Knaben« sprach so meinte sie damit vorzüglich die
beiden letzteren Sie hatte angefangen Bruno wie einen Freund wie einen jungen
Bruder zu behandeln wie einen Pagen den man noch halbe Frauendienste tun
lässt von dem man aber weiß dass man sich im Fall der Not auf sein mutiges
Herz und seinen starken Arm verlassen könnte Und in der Tat, ein Kenner würde
in einem Ringkampf in irgend einer atletischen Übung unbedingt auf Bruno
gegen viel ältere und scheinbar gefährlichere Gegner gewettet haben Die
classische Statue eines Merkur oder jugendlichen Bacchus konnte nicht zarter
gegliedert nicht ebenmässiger geformt sein als Brunos schlanker und bei aller
Schlankheit starker Körper Für Oswald war es schon eine Lust den Knaben nur
gehen zu sehen Er war entzückt wenn er Bruno beim Baden am Strande des Meeres
beobachten durfte wie der Knabe von einem Felsblock zum andern sprang mit
einer Sicherheit die das Gefühl der Furcht gar nicht aufkommen ließ bis er den
am weitesten hinausliegenden erreichte von dem er sich kopfüber in die Wellen
stürzte dabei war für Bruno eine Gefahr nicht vorhanden oder vielmehr er
wollte nicht dass dergleichen für ihn existire Wenn es irgend etwas auszuführen
gab das Andere auszuführen Anstand nahmen ein durchgehendes Pferd aufzuhalten
eine Kirsche von dem obersten Gipfel eines hohen Baumes zu holen über einen
Graben zu springen der ohne Brücke nicht passirbar schien  Bruno musste das
Wagstück unternehmen er zitterte vor Verlangen seine Wange glühte er warf
einen bittenden Blick auf die welche er lieb hatte und man musste ihn gewähren
lassen und ließ ihn gewähren weil man sich sagte er kann mehr als die
Übrigen
    So war Bruno ein Jüngling mehr wie ein Knabe mit einem Herzen an dessen
Feuer sich eine tote Welt hätte beleben können
    So sah er Helenen
    Und alle Melodien die in ihm geschlummert hatten erklangen und Alles was
er bisher Schönstes und Lieblichstes geträumt hatte stand wahr und wirklich
verkörpert vor ihm Der Knabe traute seinen Augen kaum er war wie geblendet
wie trunken er war wie Jemand der aus einem schönen Traum zur schöneren
Wirklichkeit erwacht und nicht zu sprechen ja kaum zu atmen wagt um das was
er noch immer halb und halb für eine Sinnestäuschung hält nicht zu
verscheuchen So ging er in den ersten Tagen nach der Rückkehr der Familie wie
im Traum umher gegen die Gewohnheit mild und freundlich gegen Alle Dann aber
verschwand die Traumesseligkeit und das Entzücken über die köstliche
Wirklichkeit wurde zum Schmerz Ruhe hatte er nie gehabt und leicht war sein
Herz nie gewesen aber jetzt folterte ihn eine Unrast die ihm Schlaf und Hunger
und Durst verscheuchte die wie ein wildes Fieber in ihm brannte und sein armes
Herz war wie ein Mann der was er Liebstes und Teuerstes hat auf seinen
Schultern vor dem verfolgenden Feinde davonträgt und schaudernd dem Augenblick
entgegensieht wo er unter der Last zusammenbrechen wird Er wagte Helenens
Namen nicht mehr auszusprechen aus Furcht sein Geheimnis zu verraten er
wagte nicht mehr die Augen zu ihr aufzuschlagen Und dennoch sah er Alles was
um ihn her vorging und der Plan der Baronin blieb für ihn nicht lange ein
Geheimnis Sein Hass gegen Felix kannte keine Grenzen und er gab sich wenig
Mühe diesen Hass zu verbergen Er forderte den Roué bei jeder Gelegenheit durch
höhnische und satyrische Bemerkungen heraus immer in der Hoffnung Felix werde
doch endlich einmal den hingeworfenen Handschuh aufheben aber dieser ließ sich
wie Alle welche im Grunde sich und die ganze Welt verachten sehr viel gefallen
und erwiderte des Knaben grausame Sarkasmen mit mehr oder weniger guten Witzen
so dass er die Lacher meistens auf seiner Seite behielt Und dann hatte er auf
der andern Seite doch auch wieder eine viel zu gute Meinung von sich um sich
mit einem Gegner den er so tief unter sich glaubte in einen ernstlichen Streit
einzulassen Wäre er gestern nicht auf Bruno der ihm sein Rendezvous gestört
hatte nicht so ärgerlich gewesen und hätte Bruno sich nur ein wenig
glimpflicher ausgedrückt es wäre auch selbst jetzt noch nicht zum Äußersten
gekommen
    Und Felix konnte von Glück sagen dass der Kampf keinen schlimmeren Ausgang
für ihn genommen hatte Er war dem Tode näher gewesen als er wohl selber
glaubte Brunos Hass war durch die Vorgänge des Tages zur Raserei geworden und
Felix brutale tätliche Beleidigung machte das Gefäß des Zornes und Hasses
überlaufen Und nun nachdem der Lavastrom den Krater durchbrochen  was konnte
ihn in seinem vernichtenden Laufe aufhalten Dass Felix von seiner Hand sterben
müsse dass ihn Gott in seine Hände geliefert habe damit er koste es was es
wolle das Weib das er anbetete von dem Scheusal das er so glühend hasste
befreie  das war in den kurzen und doch so langen Minuten wo er mit Felix
rang und auf Felix Brust kniete der einzig blutigrote Lichtschein in der
Nacht seiner Seele Wenige Sekunden nur  und Felix stand nicht wieder auf
    Da war Bruno durch einen Schrei dicht neben ihm von seiner fürchterlichen
Arbeit aufgeschreckt worden Emporblickend hatte er flüchtig eine weibliche
Gestalt gesehen die er im ersten Augenblick für Helene hielt Er hatte sein
Opfer losgelassen und war aufgesprungen Die Gestalt hatte sich eilig entfernt
er war ein paar Schritte gefolgt bis jene in der Richtung nach dem Leutehause
verschwunden war und er seinen Irrtum eingesehen hatte Sich wieder über seine
Beute stürzen nachdem er einmal weggescheucht war war ihm unmöglich er sah
wie Felix nach einigen vergeblichen Versuchen sich in die Höhe richtete Das war
ihm genug gewesen er konnte sich in seine Kammer und in sein Bett stehlen ohne
einen Mord auf dem Gewissen zu haben
    Und doch war er kaum weniger erregt Sein Herz hämmerte seine Pulse flogen
glühende Hitze und Fieberfrost wechselten mit einander ab Das verworren klare
Bild der Kampfesscene drängte sich immer wieder in den Vordergrund der Triumph
seinen Todfeind so gänzlich besiegt zu haben wurde durch den Gedanken
verbittert dass Helene trotzdem noch immer nicht frei sei Das quälte ihn fast
noch mehr als die heftigen Schmerzen die er sobald er nur einigermaßen zur
Ruhe gekommen war in der Seite empfand und die gar nicht nachlassen wollten
ja wie es schien nur immer heftiger wurden und sich von einem anfänglich
kleinen Punkte aus immer weiter verbreiteten
    Es war eine lange bange Nacht für den unglücklichen Knaben diese kurze
Sommernacht Gegen Morgen ließ ihn die Müdigkeit in einen Zustand verfallen der
sich vom Wachen nur dadurch unterschied dass noch fürchterlichere Bilder durch
sein Gehirn jagten Er fuhr vom Schmerz geweckt wieder auf er versuchte sich
zu erheben um Oswald zu wecken der in dem Zimmer nebenan schlief  Malte
schlief schon seit Wochen unten  aber er vermochte es nicht Endlich  es
dauerte lange bis sein Stolz sich dazu entschließen konnte  rief er Oswalds
Namen Ein paar Augenblicke später war Oswald an seinem Bette
    Er erschrak als er den Knaben erblickte in dessen Gesicht diese eine Nacht
furchtbare Verwüstungen angerichtet hatte Das schwarze Haar hing in verworrenen
Locken über das bleiche Gesicht die dunklen Augen waren tief in den Kopf
gesunken und glühten im Fieber
    Gib mir Wasser rief Bruno sobald Oswald in seine Kammer trat
    Um Gotteswillen was ist dies Bruno sagte Oswald während der Knabe gierig
von dem Wasser das er ihm reichte trank Warum hast Du mich nicht früher
gerufen so schlimm ist ja der Anfall noch nie gewesen
    Es ist nicht der alte Schmerz sagte Bruno aber es wird wieder
vorübergehen es ist schon jetzt bedeutend besser Aengstige Dich nicht Oswald
sieh wenn ich so liege fühle ich es weniger fast gar nicht es war nur in der
Nacht so bös jetzt da Du hier bist und die Sonne scheint wird es gleich
besser
    Es soll sofort Jemand zu Doctor Braun reiten sagte Oswald aufspringend
    Nein nein bat Bruno tue es nicht Du weißt wie fatal mir das immer ist
Jetzt ist überdies noch Niemand im Hause auf Du würdest Dich vergeblich
bemühen Und dann  ich wollte Dich um etwas bitten Komm setze Dich wieder zu
mir aufs Bett ich fühle dass ich nicht aufstehen kann und es ist die höchste
Zeit dass der Brief in Helenens Hände kommt
    Oswald glaubte Bruno delirire er fasste unwillkürlich nach des Knaben
Stirn
    Bruno lächelte Es war ein schwermütiges Lächeln
    Nein nein sagte er fürchte nichts ich bin noch vollkommen bei Sinnen
Höre selbst ob Alles was ich Dir sagen werde nicht ausgezeichnet zusammen
passt
    Bruno erinnerte nun Oswald wie er vom Anfang an behauptet habe Felix sei
gekommen sich mit Helene zu verloben Bis gestern habe er allerdings keinen
unumstösslichen Beweis dafür gehabt seit gestern sei aber auch dafür gesorgt Er
erzählte nun weiter wie er am Nachmittage die alte Kapelle im Garten seinen
Lieblingsplatz wo er am ungestörtesten seinen Grillen nachhängen konnte
aufgesucht habe und durch Stimmen in seiner Nähe aus dem Schlaf in welchen ihn
der schwüle Tag versenkt aufgeweckt worden sei wie er notgedrungen das
Gespräch zwischen der Tante und Felix habe belauschen müssen wie er als sie
fortgegangen den Brief Helenens gefunden habe Wie es ihm gestern nicht möglich
gewesen ihr den Brief zuzustellen wie er den Plan gehabt ihr denselben in der
Nacht wenn sie wie gewöhnlich bei offenem Fenster spiele mit ein paar Zeilen
worin er ihr sagte wo und wann er den Brief gefunden in ihr Zimmer zu werfen
Wie er sie nicht habe erschrecken wollen und gewartet habe bis sie ans Fenster
treten würde es zu schließen um ihr mit ein paar Worten zu sagen um was es
sich handle und wie er von Felix überrascht sei und wie es ihm leid tue dass
er den Elenden nicht vollends erwürgt habe
    Die leidenschaftlichen und doch so klaren so überzeugenden Worte Brunos
machten auf Oswald den fürchterlichsten Eindruck Morgen schon sollte das
Entsetzliche geschehen allem Anschein nach ahnte sie nichts davon Man wollte
sie durch Überraschung zwingen ihr ein Wort abnötigen das sie hernach
zurückzunehmen zu stolz sein würde Und welche Bewandtnis hatte es mit diesem
Brief von dem Bruno und Oswald nur die Aufschrift kannten der mit Helenens
Petschaft zugesiegelt gewesen war und den die Baronin doch offenbar verloren
hatte Dass hier Verrat im Spiele sei dass dieser Brief den Zwecken der Baronin
hatte dienen müssen dass es notwendig sei diesen Brief wieder in Helenens
Hände gelangen zu lassen damit sie erfuhr welcher Waffen man sich gegen sie
bediene und sie diese Waffen in dem nötigen Augenblick der morgen schon
eintreten musste gegen ihre Gegner richten könne  das Alles war natürlich auch
Oswald sofort klar und nur über den einzuschlagenden Weg konnten sie sich
anfänglich nicht einigen Bruno wollte dass Oswald Helenen nicht nur den Brief
gebe sondern ihr auch den Inhalt des Gesprächs zwischen der Baronin und Felix
mitteile Oswald erklärte dass das Letztere schlechterdings unmöglich sei
Bruno in seiner Eigenschaft als Verwandter und als erklärter Günstling Helenens
dürfe sich schon eher eine solche Indiscretion erlauben ihm dem Fremden
verbiete die Schicklichkeit jede Anspielung auf so delicate Verhältnisse
    Aber rief Bruno ich denke Du bist ihr Freund ich denke Du hast sie
lieb Wie kannst Du Dich denn nur durch solche Bedenken ob dies oder das auch
nach den Regeln des Komplimentirbuches erlaubt sei oder nicht abhalten lassen
wenn es sich um das Wohl oder Wehe ihres ganzen Lebens handelt Denke wenn man
ihr durch Überraschung das Ja abpresst ich würde verrückt ich ertrüge es nicht

    Und dennoch Bruno ich muss über diesen Punkt schweigen ich kann darüber
nicht reden  ich nicht
    Weshalb Du nicht
    Weil  ich sagte Dir ja schon weil ich ein Fremder bin weil sie mir sagen
könnte sagen würde mein Herr was geht dies Alles Sie an Den Brief will ich
ihr geben es ist ihr Eigentum sie kann verlangen dass der Finder es ihr
sobald wie möglich wieder zustellt  und bedenke doch Bruno dies einzige
Factum spricht ja laut genug Sie wird dann wissen wessen sie sich von jener
Seite zu versehen hat und der Angriff trifft sie auf ihrer Hut
    So willst Du ihr den Brief geben
    Das will ich und zwar sofort Ich denke Helene wird heute wie gewöhnlich
ihre Morgenpromenade machen Aber wie steht es mit Dir
    Besser viel besser sagte Bruno der von den heftigsten Schmerzen gefoltert
wurde aber fürchtete dass Oswald in der Sorge um ihn die einzige Gelegenheit
Helenen zu sehen und zu sprechen versäumen könnte viel besser wenn ich die
Hand so in die Seite drücke fühle ich beinahe gar nichts Mache nur dass Du in
den Garten kommst und höre grüß sie von mir und sage ihr nicht dass ich krank
bin nur ein wenig unwohl  ich bin ja auch eigentlich nicht krank 
    Der Knabe sank auf sein Lager zurück und gab und sich Mühe Oswald
freundlich anzulächeln Aber es war ein schmerzliches Lächeln trotz alledem und
als die Tür sich hinter Oswald geschlossen hatte verbarg Bruno sein Gesicht in
dem Kissen um das dumpfe Stöhnen zu ersticken das ihm die Qualen seiner Seele
eben so auspressten wie die Schmerzen seines Körpers
 
                           Fünfundfünfzigstes Kapitel
Oswald hatte vergeblich über die Stunde hinaus in welcher Helene in dem Garten
zu erscheinen pflegte gewartet Gerade heute kam sie nicht Er ging mehrmals an
ihrem Fenster vorüber ohne sie zu sehen Er kehrte endlich da es im Hause
lebhafter zu werden begann zu Bruno zurück der ihn mit der größten Ungeduld
erwartete Bruno war außer sich dass dieser Versuch misslungen war Oswald suchte
ihn zu beruhigen indem er hervorhob wie aller Wahrscheinlichkeit nach die
Baronin und Felix die Durchführung ihres Planes bis auf den letzten Augenblick
verschieben würden es also auch morgen früh noch immer Zeit sein würde den
Brief in Helenens Hände gelangen zu lassen
    Und jetzt sagte Oswald muss ich Anstalten treffen dass nach dem Doctor
geschickt wird denn die Ungewissheit über Deinen Zustand ist mir unerträglich
    Leider sollten Oswalds Bemühungen ohne Erfolg bleiben Der Bediente
welcher ihm die Antwort der Baronin »es werde im Laufe des Vormittags so wie so
ein Wagen in die Stadt fahren« überbringen sollte hatte nicht gewagt ihm
diese Bestellung zu machen sondern gesagt es solle sogleich ein Bote
hingeschickt werden So vertröstete er sich bis gegen Mittag Da kam der alte
Baron sich persönlich nach Brunos Zustand zu erkundigen Er sagte so viel er
wisse sei noch gar nicht in die Stadt geschickt er wolle indessen sogleich
dafür sorgen Der alte Herr war ordentlich böse geworden über diese
»unverzeihliche Saumseligkeit« Oswald glaubte jetzt bestimmt dass man sich
beeilen werde das Versäumte nachzuholen Indessen verging Stunde auf Stunde
der Abend brach herein und noch immer wollte sich kein Doctor Braun blicken
lassen Er ging selbst hinunter sich zu erkundigen was denn nun geschehen sei
Der Wagen der gegen Mittag in die Stadt gefahren war war eben zurückgekommen
auch hatte der mit der Bestellung Beauftragte dieselbe ausgerichtet »aber der
Herr Doctor sind auf vierundzwanzig Stunden verreist und das Mädchen sagte sie
solle Alle die kämen an Dr Baltasar  den Kollegen Brauns  weisen Nun
wusste ich aber nicht ob ich dahin gehen sollte« Oswald geriet in Zorn über
diese abermalige Verzögerung Er begab sich sofort zum Baron den er bei der
übrigen Gesellschaft im Garten fand sagte ihm was vorgefallen sei und bat um
die Erlaubnis selbst in die Stadt reiten zu dürfen damit endlich einmal etwas
in dieser Sache geschehe
    Ich verlasse Bruno ungern sagte er aber ich sehe kein anderes Mittel
    Die Krankheit wird ja so gefährlich nicht sein sagte AnnaMaria
    Das zu beurteilen vermag ich so wenig wie Sie erwiderte Oswald scharf
mir erscheint Brunos Zustand bedenklich und ich halte es für meine Pflicht
diese meine Ansicht zur Geltung zu bringen bis ich von Jemand der ein Urteil
darüber hat eines Andern belehrt werde
    Kommen Sie sagte der alte Baron wir wollen den Jochen fortschicken Sie
brauchen nicht von Bruno zu gehen Jochen ist ein verständiger Mensch man kann
sich auf ihn verlassen
    Oswald machte der Gesellschaft eine sehr förmliche Verbeugung und entfernte
sich mit dem Baron
    Es ist hübsch wenn ein junger Mann ein so sicheres festes Auftreten hat
sagte Pastor Jäger ironisch
    Der Apoll von Belvedere sagte Primula man wusste nicht recht ob ebenfalls
ironisch oder in einem Anfall poetischer Extase
    Ich denke seine Hoheit wird nächstens von dem Piedestal herabsteigen sagte
Felix
    Die gestrengen Herren regieren bekanntlich nicht lange sagte die Baronin
mit einem bedeutungsvollen Blick nach dem Pastor welchen dieser mit einem
schlauen Zwickern seines rechten Auges über das runde Brillenglas sofort
beantwortete
    Bruno fehlt auch alle Tage etwas Anderes sagte Malte sich Zucker über
seine Erdbeeren streuend
    Helene sagte nichts Sie saß da den Blick fest auf die Erde geheftet Jetzt
stand sie auf und ging ohne ein Wort zu sagen aus der Laube dem Schloss zu
    Du kommst doch wieder Helene rief ihr die Mutter nach
    Ich glaube kaum antwortete Helene sich umwendend es wird mir etwas zu
kühl hier draußen
    Sie setzte ihren Weg fort Die Baronin und Felix warfen sich einen
vielsagenden Blick zu
    Der in die Stadt geschickte Jochen war in der gehörigen Zeit zurück um zu
melden dass er Dr Baltasar nicht getroffen habe Derselbe sei auf ein
entferntes Gut gefahren wo sich ein Mann den Arm gebrochen Man wolle ihm
indessen sobald er zurückkomme was wohl vor Einbruch der Nacht nicht geschehen
werde die Bestellung ausrichten und zweifle nicht dass er derselben Folge
leisten werde wenn er selbst nicht zu angegriffen sei
    dabei musste sich denn also Oswald beruhigen so gut er es vermochte Brunos
Zustand war so ziemlich derselbe geblieben Die Schmerzen hatten vielleicht
etwas nachgelassen aber sich über eine größere Fläche verbreitet Er gab sich
die größte Mühe Oswald dessen Angst mit jeder Stunde wuchs je später es
wurde ohne dass ärztliche Hilfe erschien seine Befürchtungen auszureden Es ist
nichts es wird morgen schon wieder besser sein dass der Brief noch immer in
unseren Händen ist macht mir viel größere Sorge als meine Krankheit Könntest
Du nicht einen Versuch machen Oswald ihn wie ich gestern wollte durchs
Fenster in ihr Zimmer zu werfen Wenn Dir Felix begegnet sag ihm nur er solle
an gestern Nacht denken dann wird er sich schon aus dem Staube machen oder
besser sage nichts und tu was ich leider nicht getan habe erwürge ihn auf
der Stelle
    Endlich als Oswald die Hoffnung schon beinahe aufgegeben hatte kam Dr
Baltasar Es war ein alter Mann den die vielen Geschäfte des Tages
verdrießlich gemacht hatten und der etwas von »Lappalien derenwegen man die
Leute um ihre Ruhe bringe« durch die Zähne murmelte Er untersuchte Bruno kaum
sagte es würde sich schon von selbst geben übrigens wolle er morgen wieder
kommen und eine Einreibung mitbringen
    Nun sind wir auch noch so klug wie vorher sagte Oswald als der Doctor
wieder fort war
    Ich sagte Dir ja gleich es hat nichts zu bedeuten Leg Dich schlafen
Oswald Du brauchst es eben so nötig wie ich
    Indessen die Beiden fanden nicht viel Ruhe in dieser Nacht Oswald hatte
sein Sopha neben Brunos Bett stellen lassen und blieb angekleidet um jeden
Augenblick bereit zu sein Brunos Zustand blieb derselbe nur dass seine Unruhe
immer größer wurde und er in immer kürzeren Zwischenräumen zu trinken
verlangte Gegen Morgen war Oswald eingeschlafen Bruno weckte ihn als die
Sonne eine Stunde über dem Horizont war
    Oswald ich kann Dich nicht länger schlafen lassen so leid es mir tut Du
musst in den Garten es ist die höchste Zeit Wenn Du Helene auch heute nicht
triffst so stehe ich auf und gehe zu ihr und wenn ich darüber sterben sollte
    Wie geht es Dir
    Besser
    Das sagst Du stets
    Mache nur dass Du fortkommst
    Oswald ging in den Garten und suchte die Wallpromenade auf wo er nun schon
manchen Morgen mit nicht leichtem Herzen dem schönen Mädchen begegnet war Aber
so schwer wie heute war ihm das Herz nie gewesen Brunos Krankheit die jetzt
hereindrohende Katastrophe in dem Familiendrama dessen Entwickelung er mit so
schmerzlichem Interesse verfolgt hatte und in welchem er jetzt die zweideutige
Rolle eines Zwischenträgers zu spielen verdammt war  das Alles lastete auf
seiner Seele und machte dass er von dem wonnigen Morgen nichts empfand nichts
bei dem warmen Sonnenschein und den bläulichen Morgenschatten nichts bei dem
Duft der unzähligen Blumen nichts bei dem Schwirren und Tanzen der Myriaden von
Insecten nichts bei dem Jubiliren der Vögel in den Bäumen Konnten ihm die
Blumen seinen Liebling wieder gesund machen konnten ihm die Vögel Helenen
herbeisingen
    Doch da da schimmerte ihr Kleid zwischen den Bäumen des Walles herüber Das
musste sie sein Sie schritt rascher vorwärts sobald sie ihn bemerkt hatte  es
schien ihr selbst daran gelegen ihn zu sprechen
    Gott sei Dank dass Sie kommen rief sie ihm schon von weitem entgegen ich
habe fast die ganze Nacht vor Sorge und Angst nicht geschlafen Es geht gut 
nicht wahr Sie würden ihn ja auch sonst nicht verlassen haben
    Es geht besser wenigstens sagt Bruno so aber ich fürchte nichts weniger
als gut Sie wissen er ist ein Held auch im Ertragen von Schmerzen
    Ja das ist er sagte Helene ich liebe ihn wie einen Bruder nein viel
viel mehr als einen Bruder Der Gedanke ihn zu verlieren ist für mich
entsetzlich Sie glauben nicht wie ich mich seinetwegen quäle
    Gewiss nicht mehr als er sich Ihretalben sagte Oswald
    Wie das fragte Helene ihre großen Augen forschend auf Oswalds Gesicht
heftend
    Ich will nicht durch eine lange Einleitung die kostbaren Augenblicke in
denen ich ungestört mit Ihnen sprechen kann verlieren sagte Oswald Diesen
Brief hier dessen Aufschrift von Ihrer Hand ist der Ihnen also ohne Zweifel
gehört hat Bruno vorgestern Abend gefunden an der Kapelle unmittelbar nach
einer Unterredung welche die Frau Baronin mit Baron Felix über
Familienangelegenheiten auf derselben Stelle gehabt hatte und die Bruno der
sich zufällig in der Kapelle befand mit anzuhören nicht umhin konnte Er hat
mich gebeten Ihnen Ihr Eigentum wieder zuzustellen Ich brauche Ihnen nicht zu
sagen dass es von dem Augenblick an wo es in Brunos Hände gelangte heilig
gehalten worden ist
    Helenens Verwirrung war mit jedem Worte das Oswald sprach größer geworden
Purpurglut wechselte auf ihrem schönen Angesicht mit einer geisterhaften
Blässe Ihr Busen wogte ihre Hand zitterte als sie den Brief den ihr der
junge Mann überreichte und auf den sie nur einen Blick zu werfen brauchte um
ihn als denselben zu erkennen den sie gestern Morgen an Mary Burton geschrieben
hatte entgegennahm Entsetzen über den schwarzen Verrat den man an ihr geübt
jungfräuliche Scham ihre innersten geheimsten Gedanken schonungslos profanirt
zu sehen der Unwille dass Jemand er sei wer er sei erfahren habe wie sie von
den Ihrigen von ihrer eigenen Mutter schmachvoll behandelt worden sei  Alles
stürmte auf sie ein wie ein Orkan vor dessen Gewalt jeder Widerstand
vergeblich ist
    Und dies letzte Gefühl des beleidigten Stolzes fand zuerst einen Ausdruck
    Ich danke Ihnen sagte sie sich zu ihrer ganzen stattlichen Höhe
emporrichtend für Ihren Eifer mir zu dienen Indessen Sie und Bruno haben der
Sache wie es scheint ein weit größeres Gewicht beigelegt als sie in der Tat
verdient Ich habe diesen Brief weil Einiges darin stand was ich nach
reiflicher Überlegung nicht guteissen konnte geflissentlich nicht abgehen
lassen ich werde ihn aus der Tasche verloren haben Ich erinnere mich dass ich
gestern Abend in der Nähe der Kapelle war ich 
    Weiter vermochte sie nicht zu sprechen die Tränen die sie so lange
zurückgehalten brachen gewaltsam hervor und rollten über ihre Wangen Sie
wandte sich ab sie fühlte dass sie sich nicht länger würde beherrschen können
und winkte Oswald mit der Hand sie allein zu lassen
    Oswald war vielleicht nicht weniger außer sich als Helene Seine Liebe zu
dem schönen stolzen Mädchen für das er so freudig sein Leben hingegeben hätte
und von dem er jetzt so verkannt zu werden fürchten musste wogte wie ein frei
gewordener Quell in ihm empor und erfüllte seine Brust bis zum Zerspringen Er
hätte ihr zu Füßen stürzen ihr Alles Alles was er so lange vor ihr verborgen
gestehen mögen aber er bezwang sich und sagte so ruhig wie er vermochte
    Ich versichere Sie mein Fräulein dass diese Szene Ihnen kaum peinlicher
sein kann als mir selbst und dass ich dieselbe um keinen Preis herbeigeführt
haben würde wenn mir Brunos fieberhafte Ungeduld die ich durch eine Weigerung
zu steigern fürchten musste eine Wahl gelassen hätte Es ist mir schmerzlich
sehr schmerzlich von Ihnen verkannt zu werden ich ahnte es gleich dass es
Ihnen unmöglich sein würde den Boten von seiner Botschaft zu trennen
    Er verbeugte sich vor dem noch immer weinenden Mädchen und wandte sich zu
gehen
    Nein nein rief sie wie um ihn zurückzuhalten die Hand nach ihm
ausstreckend Sie dürfen so nicht gehen Mögen es Die verantworten welche mich
zum Äußersten getrieben haben wenn ich die Ehre meiner Familie die Ehre der
Meinigen preisgeben muss Ja Sie haben mir einen Dienst geleistet einen großen
Dienst Dieser Brief ist nur durch Verrat in die Hände derer gekommen die
ihren Raub so schlecht zu bewahren verstanden Dieser Brief trennt mich auf
immer von den Meinigen er soll mich nicht auch von Bruno trennen den ich so
herzlich liebe von Ihnen der Sie stets so gut und freundlich zu mir gewesen
sind Ich habe Sie immer für einen Freund gehalten Sie immer hoch geschätzt und
geehrt  wie hoch das möge Ihnen dieser Brief selbst beweisen Lesen sie ihn
Wenn alle Welt weiß wie ich über Sie denke so dürfen Sie es am Ende ja wohl
auch wissen
    Und das junge Mädchen reichte Oswald den Brief hin Ihr Antlitz glühte aber
nicht mehr vor Zorn und Scham Ihre dunkeln Augen leuchteten aber wie einer
Heldin die sich für eine heilige Sache zu opfern im Begriff steht
    Lesen Sie nur sagte sie mit einem eigentümlichen Lächeln als Oswald sie
ungläubig anstarrte fürchten Sie nicht dass es mich hinterher reuen wird Ich
weiß dass Ihr Herz einer Andern gehört die seit gestern wieder in unserer Nähe
ist Bruno der Alles weiß hat es mir verraten Ich will von Ihnen nichts als
was ich schon habe  Ihre Freundschaft Lesen Sie den Brief und wenn Sie ihn
gelesen haben verbrennen Sie ihn in Gottes Namen
    Ehe Oswald sich von seinem grenzenlosen Erstaunen über diese wunderbare Rede
nur so weit erholen konnte ein einziges Wort über die Lippen zu bringen war
das junge Mädchen schon die Treppe die von dieser Stelle in den Garten führte
hinab und eilte durch die blumenreichen Beete dem Schloss zu
    Was ist das fragte Oswald bebend narrt mich denn ein Traum Melitta
zurück und jetzt zurück  gerade jetzt
    Es war ein schauerliches Lachen Oswald sah sich erschrocken um ob ein
Anderer gelacht habe  ein schadenfroher Dämon der sich an seiner Qual weidete
    Er hielt den Brief noch immer in seiner Hand Es war ihm als ob er erst
wenn er diesen Brief lese Melitta ganz verlieren erst jetzt das letzte Band
das ihn an Melitta fesselte zerreißen würde Für einen Augenblick erschien ihm
Helene wie eine schöne Teufelin die an ihn herangetreten sei ihn zu versuchen
Wenn er diesen Brief ungelesen verbrannte konnte dann nicht Alles gut werden
Konnte ihm Melitta nicht doch erhalten bleiben
    Und indem er so dachte hatte er den Brief entfaltet und ihn zu lesen
begonnen
    Er war mit der Lektüre zu Ende und saß nun den Kopf in die Hand gestützt
in der Ecke der Bank auf die er sich ohne zu wissen was er tat gesetzt
hatte Vor ihm auf dem Erdboden spielten die Lichter mit den Schatten in den
dichten Laubkronen über ihm flüsterte der Morgenwind und sangen die Vögel in
dem Garten unten wiegten sich bunte Schmetterlinge über den Blumenwäldern der
Beete er sah das Alles er hörte das Alles aber er empfand nichts dabei
nichts als das Eine dass wenn es ein Paradies auf Erden für ihn gegeben hatte
er jetzt auf immerdar daraus vertrieben sei
 
                          Sechsundfünfzigstes Kapitel
Es war einige Stunden später Die Baronin saß in ihrem Zimmer auf ihrem
gewöhnlichen Platze in der Nähe der geöffneten Fenstertür Sie hatte eine
Stickerei auf dem Schoss aber ihre Hände waren müßig nur wenn sich Schritte
der Tür die nach dem Flure führte näherten nahm sie schnell die Arbeit auf
und nähte ein paar Stiche um sie sobald der Schritt vorüber war wieder in den
Schoss sinken zu lassen Das wiederholte sich mehrmals denn es war heute ein
sehr lebhaftes Treiben im Schloss Die Vorrichtungen zu dem Ball heute Abend
hielten Alles in Atem und machten es der wirtschaftlichen Baronin sehr
schwer hier so müßig zu sitzen während ihre Gegenwart in Küche und
Speisekammer so nötig war Aber sie hatte Fräulein Helene bitten lassen wenn
sie mit ihrem Klavierspiel fertig sei zu ihr zu kommen und Helene sollte sie
ruhig gelassen zu einem freundschaftlich ernsten Gespräch aufgelegt finden
    Äusserlich wenigstens In ihrem Herzen sah es freilich anders aus Zwar die
Sorge um den Brief schien sich als unnötig erwiesen zu haben Offenbar war er
noch nicht wieder in Helenens Hände gelangt und das war für den Augenblick die
Hauptsache So konnte man doch alle Pfeile die man aus der Lektüre gesammelt
hatte abschnellen ohne fürchten zu müssen dass sie auf den Schützen
zurücksprängen Nichtsdestoweniger hatte die kluge und mutige Frau nie einer
Unterredung mit irgend Jemand  und sie hatte doch da die ganze Last der
Verwaltung des großen Vermögens fast ganz allein auf ihren Schultern lag manche
wichtige Verhandlung zu führen gehabt  so voll Unruhe entgegen gesehen Sie gab
sich alle Mühe diese Unruhe zu bekämpfen ja wenn irgend möglich in einer
versöhnlichen friedlichen freundschaftlichen Verfassung zu sein Sie geriet
sogar bei diesem Versuch in eine Art larmoyanter Stimmung Vielleicht waren
Alles in Allem Tränen das beste Mittel das edle Herz der Tochter zu rühren
und sie für ihre selbstischen Zwecke zu gewinnen
    Da klopfte es an die Tür Die Baronin griff schnell nach ihrer Arbeit Auf
ihr »Herein« trat Helene in das Zimmer Die etwas kurzsichtige Frau bemerkte
nicht gleich dass das edelstolze Antlitz des jungen Mädchens sehr bleich war
aber nicht von jener krankhaften Farbe wie sie die Feigheit auf die Wangen
malt sondern von jener Marmorblässe die sich sehr wohl mit Augen verträgt aus
denen eine heroische Seele leuchtet
    Es tut mir leid liebe Tochter sagte die Baronin dass ich Dich heute in
Deinem Morgenfleisse stören muss Ich habe Dich rufen lassen um über eine Sache
von der äußersten Wichtigkeit recht ruhig recht freundschaftlich mit Dir zu
sprechen Aber setze Dich doch dort mir gegenüber auf den Stuhl in welchem
Dein Vater zu sitzen pflegt
    Ich danke sagte Helene stehen bleibend
    Der abgemessene fast kurze Ton in welchem das junge Mädchen diese beiden
Worte aussprach machte die Baronin von ihrer Arbeit jäh in die Höhe blicken
Sie bemerkte jetzt zum ersten Male die blassen Wangen ihrer Tochter und ihre
eigenen Wangen entfärbten sich
    Du fühlst Dich doch nicht unwohl sagte sie und ihre Stimme war weniger
fest als sonst In diesem Falle wollen wir unsere Unterredung auf eine
gelegenere Zeit verschieben Du wirst so schon für heute Abend Deine Kräfte
nötig haben
    Ich fühle mich vollkommen wohl erwiderte das junge Mädchen ich stand
sogar eben im Begriff Dich um eine Unterredung bitten zu lassen da auch ich
Dir eine Sache von Wichtigkeit mitzuteilen habe
    Du mir sagte die Baronin ihre großen tief liegenden Augen spürend auf das
bleiche Antlitz ihrer Tochter heftend Du mir was kann das sein lass doch
hören
    Es ist dies sagte Helene Ich fand vorgestern Abend in der Nähe der Kapelle
einen Brief 
    Die Baronin hob ihr Haupt und warf Helenen einen Blick zu in welchem
Bestürzung Zorn Furcht und Trotz auf eine seltsame Weise gemischt waren
    Einen Brief fuhr Helene fort den ich vorgestern Morgen geschrieben und
Luisen zur Besorgung übergeben hatte Der Brief war natürlich als ich ihn
Luisen gab versiegelt als ich ihn wiederfand war er erbrochen Ich kann nicht
glauben dass Luise die mir überdies zugetan scheint ein solches Interesse an
meiner Korrespondenz nimmt um sich auf die Gefahr hin ihren Dienst zu
verlieren eines solchen Vergehens schuldig zu machen muss also annehmen dass
irgend Jemand sonst im Schloss es der Mühe wert hält meinen Geheimnissen
nachzuspüren Nun war es meine Absicht zu fragen was Du mir in dieser Sache zu
tun rätst
    Die Baronin hatte während Helene sprach sehr eifrig genäht Jetzt blickte
sie wieder auf und sagte
    An wen war der Brief
    An Mary Burton
    Hast Du Dich in dem Briefe frei geäußert
    Wie man an eine Freundin eben schreibt
    Standen Sachen darin von denen Du nicht gerne möchtest dass sie Anderen zu
Gesicht kämen
    Allerdings
    Auch nicht Deinen Eltern
    Helene schwieg
    Auch nicht Deinen Eltern
    Ja
    Zum Beispiel dass Deine Eltern für Dich tot sind eben so wie Deine übrigen
Verwandten
    Du hast den Brief gelesen
    Wie Du siehst
    So habe ich nichts weiter zu sagen und zu fragen
    Helene verbeugte sich und wandte sich zu gehen
    Bleib sagte die Baronin wenn Du nichts weiter zu sagen hast so habe ich
noch mehrere Fragen an Dich richten die Du mir gütigst beantworten wirst Was
den Brief betrifft so beruhige Dich Wenn Eltern ihren Kindern die Erlaubnis
geben frei zu correspondiren tun sies in der Erwartung dass die Kinder
dieser Erlaubnis würdig sind Sehen sie sich in dieser Erwartung betrogen
nehmen sie ihre Erlaubnis zurück Darin liegt nichts Außerordentliches Das aber
ist außerordentlich wenn ein Kind das von seinen Eltern nur Liebe erfahren
hat sich von seinen Eltern lossagt das ist außerordentlich wenn ein Kind die
Stirn hat dies zu denken eine Hand es niederzuschreiben den Mut dieses
schriftliche Bekenntnis ihrer Armut Anderen unter die Augen zu bringen Was
hast Du darauf zu erwidern
    Nichts
    Und wenn nun dieses Kind die Gefühle der Liebe die sie ihren Eltern der
Zuneigung die sie ihren übrigen Verwandten zum mindesten schuldet nur
verleugnet um Fremde damit zu beglücken eine sogenannte Freundin zum Beispiel
die weiter kein Verdienst hat als mit ihr in einer Pension gewesen zu sein
einen Knaben der aus Gnade und Barmherzigkeit in dem Hause ihrer Eltern
aufgenommen wurde einen bezahlten Diener ihrer Eltern  ja wohl mein Fräulein
einen bezahlten Diener mit dem die Eltern nebenbei im höchsten Grade
unzufrieden sind  was hast Du darauf zu erwidern
    Nichts
    Und wenn nun Deine Eltern Dir doch verzeihen wenn Deine Verwandten
obgleich Du es nicht verdienst Dir ihre Liebe dennoch nicht entziehen wollen
wenn Du siehst dass Eltern und Verwandte sich die Hand reichen mit vereinten
Kräften Dich die schon mehr als halb verloren ist zu retten wenn Deine Eltern
Dir in der Person eines Gemahls einen Freund und Beschützer geben wollen der
Dich in Zukunft vor solchen Torheiten  ich will einmal einen milden Ausdruck
wählen  vor solchen Torheiten wie Du sie an Mary Burton geschrieben hast
bewahren wird und wenn einer Deiner liebenswürdigsten Verwandten die Güte haben
will dieses schwierige Amt eines Gatten Freundes und Lehrers bei Dir zu
übernehmen wirst Du darauf wieder nichts zu erwidern haben
    Doch sagte Helene die ohne eine Miene zu verändern bleich und still
dagestanden hatte die großen dunkeln Augen mit dem Ausdruck unerschütterlichen
Mutes auf ihre Mutter richtend welche bei den letzten Worten aufgestanden war
und ihr jetzt gegenüber stand doch ich habe darauf zu erwidern dass ich
tausendmal lieber sterben als Felix Gattin werden will
    Sie sagte das ruhig langsam gleichsam jede Sylbe wägend
    Und wenn Deine Eltern es befehlen
    So kann ich nicht und so werde ich nicht gehorchen
    Und wenn sie heute Abend der versammelten Gesellschaft Deine Verlobung mit
Felix ankündigen
    So werde ich der versammelten Gesellschaft sagen was ich Dir so eben gesagt
habe
    Ist das Dein wohlerwogener Entschluss
    So wahr mir Gott helfe ja
    Nun denn so sage ich mich von Dir los wie Du Dich von mir losgesagt hast
so gehe denn hin und wirf Dich dem Bettler in die Arme Aber nein noch gibt es
Mittel diese Schande wenigstens vor der Welt zu verbergen Morgen packst Du
Deine Sachen übermorgen gehst Du in die Pension zurück
    Ein Strahl wie von Freude brach aus Helenens dunklen Augen und ein zartes
Rot flog über ihre bleichen Wangen
    Ich gehe gern sagte sie
    Aber nicht nach Hamburg sagte die Baronin und es lag eine grausame Ironie
in Ton und Wort ich habe genug von Mary Burton Du gehst nach Grünwald Ich
habe schon an Fräulein Bär geschrieben Sie ist nicht ganz so nachsichtig wie
Madame Bernhard aber mit der Zeit der Güte und Nachsicht ist es jetzt auch
vorbei Begieb Dich auf Dein Zimmer Um sechs Uhr wünsche ich Dich zum Ball
angezogen zu sehen Überlege Dir noch einmal was Du tun willst Ich gebe Dir
bis dahin Bedenkzeit Du kannst gehen
    Helene ging ohne ein Wort zu erwidern nach der Tür Als sie dieselbe
fast erreicht hatte trat der alte Baron herein
    Wo willst Du hin mein Mädchen sagte er die Hand freundlich nach ihr
ausstreckend
    Helene ergriff die Hand drückte sie an ihre Lippen und sagte
    Verurteile mich nicht Vater ohne mich gehört zu haben
    Dann eilte sie aus dem Zimmer
    Was hat das Mädchen sagte der alte Herr ihr voller Erstaunen nachsehend
    Komm Grenwitz sagte die Baronin ich habe über eine Sache von Wichtigkeit
mit Dir zu sprechen
 
                          Siebenundfünfzigstes Kapitel
Die Unterredung zwischen der Baronin und ihrem Gemahl dauerte eine geraume Zeit
aber AnnaMaria war heute nicht glücklich in ihren diplomatischen Bemühungen
Eben so wenig wie sie im Stande gewesen war den Stolz ihrer Tochter zu beugen
vermochte sie den sonst so fügsamen Gatten diesmal zu ihren Ansichten zu
bekehren Schon öfters in den langen Jahren ihrer Ehe hatte sich in dem Gatten
der ihrer höheren Einsicht sonst so blindlings vertraute der mit einer Art von
abgöttischer Verehrung an ihr hing ein Geist des Widerspruchs geregt oft wo
sie es am wenigsten erwartete Sie hatte durch kluge rechtzeitige
Nachgiebigkeit dann jedes Mal dergleichen Meinungsverschiedenheiten zu
beseitigen gewusst was ihr um so leichter geworden war als es sich meistens um
höchst gleichgiltige Dinge handelte Heute aber hatte sie nicht bedacht dass der
Baron ja am Ende doch sein Kind lieben und dann natürlich ihr Glück ihre Ruhe
höher anschlagen könnte als alle weltlichen Vorteile Und nun geschah wirklich
das Unglaubliche Der alte Herr erklärte mit großer Entschiedenheit dass er die
Vorteile welche allen Beteiligten aus einer Verbindung zwischen Felix und
Helene erwachsen könnten durchaus zu würdigen wisse dass er sich sehr gefreut
haben würde wäre diese Verbindung zu Stande gekommen dass es aber schließlich
doch die Ruhe und das Glück Helenens sei um die es sich handle und dass wenn
Helene erkläre Felix nicht lieben zu können die Sache damit ein für alle Mal
abgemacht sei dabei blieb er mochte AnnaMaria sagen was sie wollte Und
AnnaMaria ließ es an Worten ja selbst an Tränen nicht fehlen Vergebens dass
sie Helenens Trotz Helenens unkindliches Benehmen in der eben stattgehabten
Unterredung mit den schwärzesten Farben schilderte vergebens dass sie dem alten
Mann mit dem Äußersten drohte ihm drohte dass er nur zu wählen habe zwischen
seiner treuen Gattin und seiner ungehorsamen Tochter dass sie in ihrem eigenen
Hause nicht die Schmach erleben wolle ihr eigen Kind über sich triumphiren zu
sehen  der alte Herr behauptete die einmal eingenommene Position mit einer
zähen Hartnäckigkeit Helene sei nicht schlecht sie habe sich in ihrer
Heftigkeit vergessen können aber sie sei nicht schlecht sie werde die Mutter
um Verzeihung bitten wenn sie dieselbe beleidigt habe aber gesetzt sie sei
nicht so gut wie er glaube gesetzt sie habe sich gegen ihre Mutter vergangen
so sei das doch immer kein Grund sie in eine ihr verhasste Ehe zu zwingen 
Alles was die Baronin erlangen konnte war dass wenn Helene sich nicht
nachgiebig zeigen sollte sie das elterliche Haus auf einige Zeit verlassen
müsse Der Baron willigte darein weil er diese Trennung für das beste Mittel
hielt Mutter und Tochter wieder zusammen zu bringen wenn sich die Leidenschaft
nur erst auf beiden Seiten ein wenig gelegt haben würde und er hatte nichts
dagegen dass man Helene nach Grünwald anstatt nach Hamburg schicke da er so
viel öfter Gelegenheit hatte seine Tochter zu sehen und er überhaupt in der
Stille die ganze Maßregel für ein Provisorium hielt dessen vermutlich sehr
kurze Dauer die lange Reise nach Hamburg gar nicht verlohne  AnnaMaria
ihrerseits musste sich notgedrungen mit diesem Resultat zufrieden geben um so
mehr als sie fürchtete dass Helene wenn man sie zum Äußersten treibe die
fatale Angelegenheit mit dem Briefe zur Sprache bringen werde Dieser Gedanke
hatte sie überhaupt in der ganzen Unterredung weniger energisch erscheinen
lassen als wohl sonst ihre Gewohnheit war Das böse Gewissen hatte sie feig
gemacht und diese Feigheit dem Baron seinen Sieg wesentlich erleichtert Er
küsste seine Gemahlin auf die Stirn wie er es nach einer Szene größerer oder
kleinerer Uneinigkeit stets zu tun pflegte dankte ihr für ihre
Bereitwilligkeit sich seinen Ansichten und Wünschen zu accommodiren und sprach
die Hoffnung aus dass in kurzer Zeit der gestörte Familienfrieden vollkommen
wieder hergestellt sein werde
    Es drückt mir das Herz ab wenn ich sehe dass die welche ich am meisten
liebe auf Erden unter sich uneins sind sagte der gute alte Mann und die
Tränen standen ihm in den Augen Ich habe Gott alle Tage gebeten er möge mich
erleuchten dass ich in dieser Sache das Rechte tue wie ich es denn gern in
allen Dingen täte Es schmerzt mich wenn ich Dich gekränkt haben sollte liebe
AnnaMaria denn ich weiß zu welcher Dankbarkeit ich Dir verpflichtet bin aber
ich habe auch Pflichten gegen meine Tochter und darf nicht zugeben dass Du sie
mit dem besten Willen von der Welt unglücklich machst Gott weiß dass ich nur
Euer Aller Bestes will und nun liebe AnnaMaria lass uns zu Tisch gehen denn
wenn ich nicht irre hat Johann schon zweimal gerufen
    Die Baronin sollte heute nicht zur Ruhe kommen
    Das melancholische Mittagsmahl an welchem weder Oswald der Bruno nicht
verlassen wollte noch Helene die sich mit Kopfschmerzen entschuldigen ließ
Teil genommen hatten war vorüber und der Baron eben fortgegangen um sich mit
Helenen auszusprechen und sich nach Brunos Befinden zu erkundigen Die Baronin
war mit Felix allein geblieben und jetzt in der äußerst peinlichen Lage ihm
sagen zu müssen dass ihr gemeinsames Project an dem hartnäckigen Widerstand
Helenens und der Unbeugsamkeit des Barons gescheitert sei Und das sollte sie
eingestehen sie die sich so viel auf die unbeschränkte Herrschaft welche sie
über ihren Gemahl über alle ihr Näherstehenden ausübte zu gute tat sie die
diese ganze Unterhandlung nicht nur geleitet sondern auch den ersten Impuls
dazu gegeben Felix zuerst den Vorschlag gemacht Felix die Bedingungen gestellt
hatte  Bedingungen denen jener zum Teil schon nachgekommen war
    Wie bereute sie es jetzt den Brief unterschlagen zu haben Sie hatte nicht
viel mehr daraus gelernt als was sie so schon wusste und wie viel hatte sie
sich vergeben Sie durfte jetzt nicht mit voller Strenge gegen Helene auftreten
durfte ihre »unkindliche Gesinnung« ihre »lächerliche Bevorzugung  um die
Sache nicht schlimmer zu bezeichnen  dieses Stein« dem Baron gegenüber nicht zu
sehr hervorheben Sie wusste dass er  besonders in seiner jetzigen Stimmung 
einen solchen Vertrauensbruch niemals sanctioniren würde Ja selbst gegen Felix
ihren Vertrauten durfte sie nicht ganz offen sein Sie musste ihm sagen dass sie
die Schlacht verloren habe und hatte nicht einmal den Trost ihm beweisen zu
können dass es nur durch einen unglücklichen Zufall geschehen sei
    So musste also der bittere Kelch geleert werden Felix traute seinen Ohren
kaum Er Felix von Grenwitz ausgeschlagen zurückgewiesen mit Verachtung
behandelt und in dem einzigen Fall wo er wirklich ernste Absichten gehabt
hatte von einem Mädchen das eben aus der Pension kam und möglicherweise wem
geopfert einem obscuren Menschen dessen ganzes Verdienst darin bestand
beinahe wie ein Gentleman auszusehen Felix tat als ob der Untergang der Welt
durch diese Zeichen verkündet sei Und Helenen zu verlieren  darüber würde sich
Felix noch zur Not getröstet haben aber auch die Aussichten auf Bezahlung
seiner Schulden oder genauer auf eine so wesentliche Erhöhung seines Credits 
das war das Schlimmste das worüber Felix von Grenwitz nicht so leicht
hinwegkam Helenens Aussteuer die Summe welche ihm sein Onkel vorschiessen
wollte den zu Grunde gewirtschafteten Gütern wieder aufzuhelfen  nein so
konnte man nicht mit ihm spielen wollen Er hatte Alles getan was in seinen
Kräften stand er hatte seinen Abschied genommen er war von der Baronin
autorisirt worden vor der Gesellschaft seine Bewerbung um Helene nicht zu
verschweigen  jetzt war Dienst Braut Ehre  Alles verloren
    Ich werde mir eine Kugel durch den Kopf jagen rief Felix
    Die Baronin suchte den Aufgeregten zu beruhigen und es gelang ihr nachdem
sie ihm die feierliche Versicherung gegeben dass trotz der Erfolglosigkeit
seiner Bewerbung die übrigen Verabredungen nicht rückgängig gemacht werden
sollten
    Nachdem sie sich über diesen äußerst wichtigen Punkt geeinigt konnten sie
mit größerer Ruhe über einige andre sprechen vor allem über den eigentlichen
Grund von Helenens Weigerung Zu Felix nicht geringem Erstaunen behauptete die
Baronin heute geradezu dass ein geheimes Liebesverhältniss zwischen Oswald und
Helene bestehe Sie wollte nicht sagen was sie veranlasste eine frühere
Vermutung jetzt für Gewissheit auszugeben aber sie blieb bei ihrer Behauptung
bis Felix zugab dass die Sache freilich lächerlich aber doch nicht geradezu
unmöglich sei  Der Mensch ist ein schlauer Intrigant sagte er Timm hat mich
gleich im Anfang vor ihm gewarnt ich habe nicht viel darauf gegeben weil die
Beiden auf einem sehr guten Fuß zu stehen scheinen Indessen ich sehe doch ein
Timm hat recht gehabt
    In diesem Augenblick wurde der Baronin ein expresser Brief aus Grünwald
eingehändigt
    Von Herrn Timm sagte sie erstaunt den Brief erbrechend ich bin doch
neugierig was mir der zu schreiben hat Er hat doch sein Geld richtig erhalten
Entschuldigen Sie lieber Felix
    Das Erstaunen die Bestürzung der Schrecken welche sich während die
Baronin las auf ihrem Gesicht malten waren so ausgeprägt dass Felix nicht
umhin konnte zu sagen
    Aber Tante was haben Sie Sie sind ja wie die Wand so weiß geworden
    O es ist schändlich sagte die Baronin es ist schändlich diese Buben es
ist eine abgekartete Sache ein gemeines Komplot diese Buben
    Aber um Himmelswillen was gibt es denn rief Felix
    Hier lesen Sie sagte die Baronin ihm mit zitternder Hand den Brief
hinreichend
    Felix nahm den Brief und las
    Gnädige Frau Es ist nicht meine Schuld wenn Ihnen der Inhalt dieses
Schreibens missfallen sollte Sie wissen mit wie großer Verehrung ich an Ihnen
und Ihrer ganzen Familie hange mit welchem Eifer ich Ihnen stets meine geringen
Dienste gewidmet wie dankbar ich für die liebenswürdige Gastfreundschaft
gewesen bin die Sie mir stets und besonders in den letzten so glücklich
verlebten Tagen bewiesen haben Wenn ich daher etwas sage oder tue was mit
diesen Gefühlen im Widerspruch zu stehen scheint so können Sie mit Bestimmtheit
annehmen dass dieser Widerspruch eben nur scheinbar ist und dass mich ein
höheres Prinzip als persönliche Freundschaft und individuelle Hochachtung zum
Handeln zwingt nämlich die Achtung vor der Gerechtigkeit die wir Allen
schuldig sind
    Dieses mir inwohnende Rechtlichkeitsgefühl aber ein Erbstück ohne Zweifel
meines seligen Vaters will dass ich Ihnen eine höchst eigentümliche
Entdeckung die ich in diesen Tagen gemacht habe und die für Sie von einer
gewissen Bedeutung sein dürfte nicht einen Augenblick länger vorentalte
    Sie wissen dass mein verstorbener Vater die Stellung eines Advokaten in
Grünwald bekleidete dass seine Praxis eben so groß war wie der Ruf seiner
Rechtlichkeit Gewissenhaftigkeit und Klugheit und dass die angesehensten
Familien des Landes zu seiner Klientel gehörten Unter andern stand er auch mit
dem verstorbenen Herrn Baron Harald von Grenwitz in steter Geschäftsverbindung
aus der sich wie mir mein seliger Vater oft erzählt hat wenn er auf vergangene
Zeiten zu sprechen kam eine Art von Freundschaft entwickelte Wenigstens
behauptete mein Vater dass der verstorbene Baron ihn selbst in den delicatesten
Familienangelegenheiten wiederholt consultirt habe Die Wahrheit dieser
Behauptung wird bestätigt durch die Entdeckung von der ich eben spreche
    Sie besteht in der ganz zufälligen Auffindung mehrerer Bündel Briefe und
Papiere die sämtlich dem Herrn Baron Harald gehörten und die dieser meinem
Vater zu einem Zwecke der nicht angegeben denn es befindet sich dabei keine
Erläuterung weder von der Hand meines Vaters noch der des Barons übermacht
hat Aller Wahrscheinlichkeit nach sollten sie meinem Vater dienen ihm die
Auffindung jenes Kindes welchem der Herr Baron in dem Kodicill seines
Testaments das bewusste Legat aussetzte zu erleichtern oder überhaupt möglich zu
machen So viel wenigstens steht fest dass eine solche Recherche nur mit Hilfe
dieser Briefe und Papiere angestellt und zu einem glücklichen Resultat gebracht
werden kann Auch bin ich überzeugt dass nur sein plötzlicher Tod meinen Vater
verhindert hat dieses Resultat herbeizuführen und dass ein geschickter Jurist
noch zu jeder Zeit die Fäden welche der Hand meines Vaters entfielen wieder
aufnehmen könnte
    Die Schriftstücke sind a ein Bündel Briefe einer gewissen Mademoiselle
Marie Montbert an Baron Harald von Grenwitz b ein dito des Herrn Barons an
Mademoiselle Montbert c mehrere Briefe eines gewissen Monsieur dEstein an
Mademoiselle Montbert d verschiedene Familienpapiere der Mademoiselle
Montbert e eine vollständige Abschrift des von dem Herrn Baron Harald
hinterlassenen Testaments nebst dem Kodicill in welchem wie Ihnen bekannt ist
nicht nur die Bedingungen angegeben sind welche der Herr Erblasser an die
Auslieferung des Legats geknüpft hat sondern auch die Mittel und Wege welche
am wahrscheinlichsten zu einer Entdeckung des zu jener Zeit noch ungeborenen
Kindes resp dessen Mutter führen könnten Sie wissen dass in diesem
Erläuterungsbericht die Namen der Mademoiselle Montbert und des Monsieur
dEstein vorkommen und es versteht sich von selbst dass die genannten Personen
mit denen welche jene Briefe schrieben identisch sind
    Bis hierher hat Alles was ich Ihnen berichtete für den Unbefangenen und
Unbeteiligten wenigstens nichts besonders Überraschendes Was ich Ihnen aber
jetzt zu sagen habe ist so außerordentlich dass ich um die Erlaubnis bitten
muss Ihnen darüber mündlichen Bericht erstatten zu dürfen Ich will nur so viel
andeuten dass in den Briefen des Mr dEstein der Name vorkommt welchen dieser
Herr nachdem er die Flucht der Mademoiselle Montbert von Grenwitz
bewerkstelligt haben würde für die Zukunft annehmen zu wollen erklärt und dass
dieser Name Sie brauchen nur das d und E wegzulassen mit dem Namen eines
Herrn welcher seit einiger Zeit in Ihrer Familie lebt übereinstimmt Ich füge
hinzu wie ich für mein Teil von der Identität dieser Person mit dem noch immer
unbekannten Erben von Stantow und Bärwalde besonders auch in Folge von
Mitteilungen welche mir die bewusste Person über ihre Familienverhältnisse und
frühesten Erinnerungen machte durchaus überzeugt bin
    Doch ist diese meine individuelle Überzeugung natürlich noch immer nicht
beweisend und ich nehme daher Anstand sie wie ich wohl müsste der bewussten
Person mitzuteilen um nicht Hoffnungen in ihr zu erregen die doch
möglicherweise nicht realisirt werden könnten
    Ich breche hier ab um meinem mündlichen Referat kommen Sie vielleicht in
nächster Zeit nach Grünwald oder befehlen Sie dass ich Ihnen in Grenwitz
aufwarte nicht zu viel vorweg zu nehmen und dem Papiere nicht unnötigerweise
noch mehr anzuvertrauen
    Genehmigen Sie gnädige Frau den Ausdruck usw
    Hier ist noch ein Verte sagte Felix das Blatt umwendend
    PS Ich habe die Absicht sämtliche Papiere da sie mir in meiner Wohnung
nicht sicher genug verwahrt scheinen einem Advokaten zu übergeben im Falle Sie
nicht was aber schleunigst geschehen müsste anders darüber verfügen sollten
    Da schaut der Fuchs zum Loche heraus sagte Felix Im Falle Sie nicht anders
darüber verfügen sollten unterstrichen dh haben Sie die Güte mir die Summe
zu nennen welche Sie für diese Papiere zahlen zu können glauben und die Sache
bleibt unter uns  Ja ja der Timm ist ein geriebener Bursche das habe ich
schon vor heute gewusst
    Also glauben Sie dass er wirklich diese Papiere gefunden hat fragte die
Baronin erstaunt
    Warum nicht sagte Felix ich finde das Ding äußerst wahrscheinlich und
rate Ihnen sich die Papiere in aller Eile zu kaufen ehe sie im Preise
steigen
    Und glauben Sie auch dass dieser  dass dieser Mensch  ich kann es kaum über
die Lippen bringen dass dieser Stein wirklich Haralds Sohn ist
    Möglich ist es immer sagte Felix
    Nein es ist nicht möglich rief die Baronin mit großer Heftigkeit es ist
Alles ein höllischer Lug und Trug ein abgekartetes Spiel zwischen den beiden
Gaunern Die Briefe sind gefälscht sind von Beiden während sie hier die Köpfe
zusammensteckten geschmiedet und geschrieben worden Es ist eine pure
Erfindung um uns einen Schrecken einzujagen und Geld abzuschwindeln  oder gar
jetzt hab ichs Sehen Sie denn nicht Felix wo das Alles hinaus will auf
Helene haben sie es abgesehen dem Einen Geld dem Andern das Mädchen
wahrhaftig trefflich trefflich schade dass Helene nicht auch darüber an Mary
Burton geschrieben hat denn ich wette sie ist mit im Komplott Aber nichts
sollen sie haben nichts nichts nicht einen Taler  keinen Groschen
    Nehmen Sie die Sache nicht zu leicht Tante sagte Felix Timm ist ein sehr
gewjetzter Bursche und wenn die Briefe wirklich gefälscht sind so können Sie
sich darauf verlassen dass es keine Stümperarbeit ist und uns sehr viel zu
schaffen machen kann Wollen Sie meinen Rat hören
    Nun
    Lassen Sie mich morgen oder wann es ist nach Grünwald gehen und mit Timm
sprechen Ich habe in früheren Zeiten schon manche absonderliche Unterhandlungen
mit ihm geführt er weiß dass er mir kein X für ein U machen kann Ohne Geld
kommen wir freilich nicht los aber ich kriege die Papiere billiger als Sie
oder ein Anderer
    Und was soll mit Herrn Stein geschehen
    Den jagen wir mit Schimpf und Schande fort Wollen Sie mir auch dies
Geschäft überlassen
    Ja tun Sie was Sie wollen aber befreien Sie mich von diesem Menschen
    Ich will es schon machen Es findet sich heute Abend wohl eine Gelegenheit
Mit je mehr Eclat es geschieht desto besser Es soll ihm schon die Lust
vergehen mit uns noch einmal anzubinden Sie werden doch dem Onkel nichts von
alledem sagen
    Um Himmelswillen nicht rief die Baronin Er wäre im Stande heute noch
Herrn Stein als unsern lieben Verwandten der Gesellschaft vorzustellen Er ist
ja schon beinahe kindisch ich kann mich von heute an in nichts mehr auf ihn
verlassen
    Nun denn sagte Felix seiner Tante die Hand küssend so verlassen Sie sich
auf mich Wir wollen die Sache schon glücklich zu Ende bringen  Aber ich
glaube liebe Tante es ist die höchste Zeit dass wir Toilette machen Um
Himmelswillen fünf Uhr und um sechs fängt die Gesellschaft an  wie soll ich
in einer Stunde fertig werden
 
                           Achtundfünfzigstes Kapitel
Wagen auf Wagen rollten durch das große Tor auf den Schlossplatz und hielten
vor dem Portale still Geputzte Damen und Herren stiegen aus und wurden von den
Dienern vorläufig in die Garderobezimmer gewiesen um einige Minuten später in
der weit geöffneten Flügeltür die in die Gesellschaftsräume im Erdgeschoss
führte von dem alten Baron und Felix empfangen zu werden
    Nach und nach versammelte sich so ziemlich der gesammte Adel der Umgegend
Schon die glänzenden Equipagen in welchen man heute gekommen war  die meisten
waren mit vier einige sogar mit sechs herrlichen Pferden bespannt Vorreiter in
allen möglichen bunten Livreen nicht zu vergessen  noch mehr aber der gewählte
Anzug der Herren die glänzende Toilette der Damen bewiesen dass man sich auf
ein Fest im grössesten Styl vorbereitet hatte Man glaubte auch mit ziemlicher
Gewissheit angeben zu können um was es sich heute eigentlich handelte hatten
doch die Baronin und Felix es an Hindeutungen auf ein Ereignis das
möglicherweise in nicht allzu langer Zeit eintreten könnte keineswegs fehlen
lassen Die Baronin und Felix hatten sich durch diese voreiligen Anspielungen
wie es schien einen schlimmen Tag bereitet und sollten jetzt die Erfahrung
machen dass es viel leichter ist den Mund der Fama zum Reden als zum Schweigen
zu bringen Sie hatten alle Mühe die bedeutungsvollen Mienen der
Bescheideneren die zarten Andeutungen der Neugierigen die direkten Fragen der
Zudringlichen zu übersehen zu überhören ausweichend zu beantworten und bei
diesem Fegefeuer doch noch die officielle gesellschaftliche Freundlichkeit und
Höflichkeit zu bewahren Die Gesellschaft schien im Allgemeinen entschlossen an
dem Glauben einer Verlobung zwischen Felix und Helene festhalten zu wollen und
vertröstete sich auf die Abendtafel wo man ja doch endlich mit der Wahrheit
hervortreten werde Nur einige wenige Scharfsinnige wollten aus gewissen
Anzeichen schließen dass die Aussicht auf das bewusste Ende wohl nicht so ganz
ungetrübt sei wie die Meisten anzunehmen schienen Sie machten darauf
aufmerksam dass das Benehmen der Baronin heute um vieles förmlicher sei wie
gewöhnlich ja in manchen Augenblicken geradezu verlegen dass der alte Baron
außerordentlich zerstreut sei und keineswegs den Eindruck eines glücklichen
Familienvaters mache und was das Brautpaar selbst betreffe so sei es zum
mindesten auffallend dass Baron Felix sich unausgesetzt in großer Entfernung von
seiner Kousine halte und Fräulein Helene obgleich sie sich nie durch große
Lebhaftigkeit auszeichne heute offenbar mehr wie eine schöne kalte
Marmorstatue als ein junges Mädchen an ihrem Verlobungstage aussehe
    Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft wurde für einige Zeit von diesem
problematischen Brautpaare abgelenkt als jetzt nachdem die ganze Gesellschaft
fast versammelt war ein wirkliches Brautpaar erschien dessen Verlobung in den
letzten Tagen eine so ungemeine Sensation erregt hatte Fräulein Emilie von
Breesen an dem Arme Arthurs von Kloten Das junge Paar hatte zwar schon die
üblichen Visiten gemacht aber die Nachbarschaft war groß Zu Einigen hatte man
beim besten Willen noch nicht kommen können Andere hatte man zu seinem größten
Bedauern nicht zu Hause getroffen  es gab noch eine Menge Gratulationen in
Empfang zu nehmen und zu erwidern Fräulein von Breesen Herr von Kloten
bildeten den Gegenstand und Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit hier im
Kreise der Damen dort im Kreise der Herren Herr von Kloten schien
überglücklich er lachte und schwatzte unaufhörlich und es schien ein halbes
Wunder dass von seinem blonden Schnurrbart auch nur ein einziges Härchen übrig
geblieben war  so unausgesetzt wirbelte und drehte er denselben durch die
Finger Fräulein Emilie schien ihr Glück mit größerer Gelassenheit zu tragen
ja jene Minorität der Scharfsichtigen wollte eine trübe Wolke auf ihrer Stirn
bemerken so viel Mühe sich auch ihr reizender Mund gab freundlich zu lächeln
man behauptete dass ihr Auge oft ruhelos über die Gesellschaft schweife ohne
auf ihrem glücklichen Bräutigam auch nur einen Moment zu verweilen
    Es gab heute überreichen Stoff zu pikanten Klatschereien
    Das Verhältnis von Klotens zu der ebenso liebenswürdigen wie gefährlichen
Hortense von Barnewitz war in dieser Gesellschaft in welcher es von
Geschichtenträgern und Geberdespähern wimmelte durchaus kein Geheimnis
geblieben und die letzte große Gesellschaft in Barnewitz auf welcher es
zwischen Kloten und dem Gemahl Hortenses zu einer so unerquicklichen Szene kam
und Hortense die Unvorsichtigkeit beging gerade in diesem Augenblicke in
Ohnmacht zu fallen hatte den letzten dünnen Schleier von dem Verhältnis
fortgezogen Nun war man äußerst neugierig zu beobachten wie sich Hortense in
ihren Verlust schicken werde und vor allem ausfindig zu machen wen die blonde
Menschenfischerin zum glücklichen Nachfolger ihres treulosen Galan erkoren habe
Die Einen rieten auf den Grafen Grieben die Andern auf Adolf von Breesen
Beide bewarben sich eifrigst um die gefährliche Gunst der Circe Für Jenen
sprach der Umstand dass er ein verschmähter Bewerber der koketten Emilie und
als solcher ganz besonders zum Nachfolger Klotens sich zu qualificiren schien
für diesen dass er bei weitem der Hübscheste Gewandteste und Kühnste der ganzen
Schaar war  lauter Eigenschaften welche die kluge Hortense sehr wohl zu
schätzen wusste
    Ich parire auf Grieben sagte der junge Sylow zwölf Flaschen Champagner
wer hält
    Ich rief von Nadelitz pah da müsste ich Breesen nicht kennen
    Sechs Flaschen Reugeld bis zum Kotillon heute Abend
    Ha ha hört Ihrs Er verliert die Kourage schon aber angenommen
angenommen
    Wirklich ein famoses Weib die Barnewitz sagte Hans von Plüggen ich
wollte ich stände auch auf der Kandidatenliste
    Nun zu der Ehre ist leicht zu gelangen meinte ein Anderer
    Ich weiß nicht was Ihr an der Barnewitz findet sagte von Sylow Da ist
doch die Berkow eine ganz andere Erscheinung Ich wollte die Berkow wäre hier
    Das wollten wohl noch Mehrere sagte ein Anderer aber Ihr wisst doch dass
Berkow tot und Melitta seit vorgestern zurück ist
    Eine alte Neuigkeit
    Auch dass sie sich in Kurzem mit Oldenburg verloben wird
    Unsinn
    Ihr könnt Euch drauf verlassen ich habe es von der Barnewitz Die wird es
doch wohl wissen
    Kommt denn Oldenburg heute nicht
    Ich hörte von Felix dass er zugesagt habe aber Oldenburg hat ja seine
besonderen Gewohnheiten
    Melittas Rückkehr und der Tod Herrn von Berkows wurden nicht bloß im
Kreise der Jüngeren lebhaft debattirt Melitta war eine der gefeiertsten Damen
der Gesellschaft und hatte trotzdem merkwürdigerweise wenig Neider und Feinde
Hin und wieder wurde ihr ein etwas excentrisches Wesen eine Neigung zum
Besondern Ungewöhnlichen zum Vorwurf gemacht dieser meinte sie sei ihm zu
gebildet jener sie kokettire mit dem Liberalismus  aber im Allgemeinen wurde
ihre Liebenswürdigkeit ihre Gutmütigkeit und Anspruchslosigkeit doch willig
anerkannt abgesehen davon dass der Zauber ihrer Erscheinung über allen
Widerspruch erhaben war Man freute sich dass sie endlich von dem Alp der so
lange auf ihrem Herzen gelastet erlöst sei und war äußerst begierig zu wissen
wen sie demnächst mit ihrer Hand beglücken werde Denn dass eine so junge
lebenslustige Frau jetzt da sie sich wieder frei fühlen durfte nicht lange
unvermählt bleiben könne schien unzweifelhaft In der allerletzten Zeit war
man wusste nicht recht durch wen das Gerücht verbreitet worden Baron Oldenburg
habe bei weitem die meisten Aussichten ja ganz unter der Hand erzählte man
sich eine Intimität zwischen dem Baron und Melitta habe von jeher bestanden
und Herr von Berkow habe zu sehr gelegener Zeit den Verstand verloren Man trug
sich sogar mit gewissen Details aus der Geschichte dieses geheimnisvollen
Verhältnisses die wenn sie begründet waren den Ruf Melittas einigermaßen
compromittiren mussten Man wusste nicht von wem diese Gerüchte ausgegangen
waren Die scharfsichtigere Minorität meinte von Hortense Barnewitz und das
Ganze sei eine Rache an Oldenburg für einen gewissen guten Rat den er seinem
Freunde Kloten vor einiger Zeit gegeben und den Kloten so blindlings befolgt
habe dass er sich als er die Augen auftat zu den Füßen Emiliens von Breesen
wieder fand
    Unterdessen war die achte Stunde in welcher der Ball beginnen sollte
herbeigekommen Die Baronin eröffnete denselben an der Hand des Grafen Grieben
Graf Grieben hatte trotz des schmetternden Kreischens seiner Stimme alle Mühe
die Musik zu überschreien die auf seinen speciellen Wunsch voranging da er auf
den geistreichen Einfall gekommen war die lange Reihe der tanzenden Paare nicht
nur durch die Säle des Schlosses sondern auch um den großen Rasenplatz und
weiter in die dichtesten Teile des Gartens hinein und aus demselben wieder
zurück in den Ballsaal zu führen wo er die Polonaise mit einem feierlich
langsamen Walzer schloss
    Das ist so gute alte Sitte gnäge Frau kreischte er vergnügt der Baronin
ins Ohr mein Vater selig hielts so und mein Großvater selig Die Alten
kannten den Rummel Jugend hat keine Tugend Meinen Sie nicht auch gnäge Frau
    Ja wohl ja wohl sagte die Baronin
    Tanz reihte sich an Tanz Die Geigen quinquilirten der Bass brummte
dazwischen Die Gesichter der Tänzer fingen an sich zu erhitzen die Damen
begannen ihre Fächer häufiger zu benutzen die Diener welche in den Pausen mit
Erfrischungen umher gingen sahen die Präsentirbretter immer schneller geleert 
aber die rechte Lust wollte sich doch nicht entzünden es war als ob ein
Schleier über der Gesellschaft hing
    Weiß der Teufel was das heute ist sagte der junge Grieben sich die Stirn
wischend als er in einer der Pausen an eine Gruppe von Herren die mitten im
Saale stand herantrat man tanzt sich fast die Beine ab aber es geht nicht
man kommt nicht in Zug
    Nun Sie können lange tanzen bis Sie Ihre Beine abgetanzt haben sagte von
Sylow aber Sie haben Recht ich habe schon ein paar Flaschen getrunken je mehr
ich trinke desto melancholischer werde ich
    Mir geht es eben so sagte ein Dritter ich weiß nicht woran es liegt der
Ball in Barnewitz neulich war viel amüsanter
    Woran es liegt sagte von Breesen Nun ich dächte das wäre klar genug Der
alte Baron sieht aus wie ein Hahn wenns regnet die Baronin wie eine
enttronte Hekuba  heißt ja wohl Hekuba  Felix fängt mit Jedem Händel an der
in seine Nähe kommt und Fräulein Helene hat glaube ich den ganzen Abend noch
nicht drei Worte gesprochen Und dabei soll ein Mensch vergnügt sein Mir ist
als ob eine Leiche im Haus wäre
    Nun einen Kranken zum wenigsten gibts sagte von Plüggen Der alte Baron
erzählte mirs eben Bruno liegt schon seit gestern zu Bett
    Deshalb ist auch wohl der Doctor Stein nicht unten sagte Graf Grieben ich
glaubte er habe noch ein Exercitium zu corrigiren und werde später erscheinen
ha ha ha
    Seien Sie still Grieben meinte Hans von Plüggen Sie haben neulich ganz
anders über den Doctor gesprochen
    Ich habe gesagt dass er ein verdammter Geck sei dem ich bei nächster
Gelegenheit seinen Standpunkt klar machen würde und das sage ich noch
    Das ist wörtlich was auch Felix vorhin sagte  der Doctor scheint ja im
Allgemeinen recht hübsch bei den Herren anschrieben zu sein
    In desto höherer Gunst steht er bei den Damen bemerkte von Nadelitz
ironisch
    Ja wohl sagte von Breesen er soll neulich auf dem Balle drei Schwestern
auf einmal unglücklich gemacht haben
    Wenigstens haben sie sich nicht die Augen ausgeweint wie man sich von
Fräulein von Breesen erzählt erwiderte Nalitz welchen die Anspielung Breesens
auf seine drei Schwestern ärgerte
    Ich verbitte mir dergleichen sagte von Breesen auffahrend
    Was Einem recht ist ist dem Andern billig
    Ich habe keine Namen genannt
    Weil ohnehin Jeder wusste wen Sie meinten
    Aber Ihr Herren tant de bruit pour une omelette sagte von Plüggen ich
glaube Ihr werdet Euch noch dieses Menschen wegen in die Haare fahren damit
die welche behaupten dass er Fortune bei unseren Damen mache doch ja Recht
behalten
    Wisst Ihr schon das Allerneueste sagte von Kloten plötzlich seinen blonden
Schnurrbart in die Gruppe steckend
    Nun
    Denkt Euch dieser Stein  doch st da kommt Grenwitz  kein Wort wenn ich
bitten darf
    Nun meine Herren sagte Felix wollen Sie nicht die Güte haben zum
Kontretanz anzutreten ich habe schon zweimal das Zeichen geben lassen
    Felix sagte das in einem beinahe gereizten Tone Sein sonst nicht gerade
blühendes Gesicht war stark gerötet Augenscheinlich hatte er der Flasche schon
mehr als rätlich zugesprochen
    Als der Tanz zu Ende war fanden sich die Herren welche vorhin durch Felix
Dazwischenkunft in ihrer Unterhaltung gestört waren wie auf Verabredung wieder
zusammen
    Nun wo ist Kloten mit dem Allerneuesten fragte von Sylow
    Hier sagte Kloten herantretend Denkt Euch dieser Stein  wir sind doch
entre nous
    Ja ja nur weiter
    Hat die Frechheit  nun ratet einmal mit wem ein Verhältnis anzuknüpfen 
    Aber Kloten Sie sind unerträglich werden Sie endlich einmal mit Ihrer
Neuigkeit zu Platz kommen
    Mit Helene Grenwitz sagte von Kloten in einem hohlen Geisterton
    Nun das wäre nicht übel sagte von Sylow
    Das sieht dem Burschen ähnlich meinte von Grieben
    Hinc illae lacrimae sagte Breesen
    Und was das Schönste ist fuhr Kloten fort Fräulein Helene hat gar nichts
dagegen au contraire ist bis über die Ohren in ihn verschlossen Ist das nicht
allerliebst
    Von wem hast Du denn diese Mordgeschichte Kloten fragte Adolf von Breesen
    Aus sehr guter Quelle erwiderte Kloten mit einem bedeutungsvollen Zwinkern
nach der Gegend des Saales wo eben Emilie von Breesen mit Helene sprechend
stand
    Hm hm sagte Breesen
    Die Geschichte ist nicht unwahrscheinlich meinte von Sylow Nun erklärt
sich die Leichenbittermiene die Grenwitzens heut ohne Ausnahme machen
    Ich sagte ja gleich dass hier irgend etwas los sei meinte von Breesen Es
ist mir übrigens sehr lieb dass ich mich mit dem Burschen nicht tiefer
eingelassen habe wozu ich anfänglich  ich gestehe es offen  wirklich einige
Lust hatte Der Mensch hat wahrlich etwas ungemein Bestechendes
    Er schießt famos sagte Sylow nachdenklich
    Famos oder nicht sagte Kloten ich glaube gar Ihr Herren wir lassen uns
so viel von dem Menschen gefallen weil er nicht schlecht schießt Nein Ihr
Herren das geht nicht geht wahrhaftig nicht Ich schlage vor wir suchen
unsern Fehler wieder gut zu machen und behandeln den Menschen wenn er sich
wieder unter uns blicken lässt mit der insignesten Geringschätzung  wahrhaftig
    Auf Ehre sagte Graf Grieben Kloten hat Recht Ich werde den Burschen das
nächste Mal mit der Reitpeitsche tractiren
    Schade dass er nicht hier ist damit Sie Ihre Drohung gleich in Anwendung
bringen können sagte von Breesen ironisch
    Quand on parle du loup  sagte von Sylow da kommt er ja Und sein Pylades
Oldenburg natürlich bei ihm
    Wirklich zeigten sich in diesem Augenblick durch die weitgeöffnete
Flügeltür Oswald und Oldenburg in dem Nebenzimmer Sie sprachen einige Minuten
mit einander dann trat Oldenburg in den Saal während Oswald von dem alten
Baron draußen festgehalten wurde
 
                           Neunundfünfzigstes Kapitel
Oswald hatte während des ganzen Tages Brunos Bett nur auf Augenblicke
verlassen nachdem er von jener denkwürdigen Unterredung mit Helene
zurückgekommen war Er hatte in der Pflege des lieben Kranken sich selbst zu
vergessen gesucht
    Bruno selbst vergaß seine Schmerzen als ihm Oswald erzählte er habe Helene
gesprochen und den Brief in ihre Hände gelegt ja er bemerkte nicht einmal
Oswalds bleiches Gesicht und verstörtes Wesen
    Nun ist Alles gut rief er jetzt weiß sie woran sie ist Jetzt können sie
ihr nichts mehr anhaben jetzt ist sie auf ihrer Hut O der eine Gedanke schon
hat mich gesund gemacht
    Leider war das aber nicht der Fall Die Schmerzen in der Seite stellten sich
schon nach wenigen Minuten mit desto größerer Heftigkeit wieder ein Oswald
hoffte mit Bestimmtheit dass Doctor Baltasar sein Versprechen halten und im
Laufe des Vormittags kommen werde Aber der Vormittag verging und kein Doctor
ließ sich sehen Brunos Zustand wurde nicht schlimmer aber auch nicht besser
und Oswald war zu sehr Laie um sich zu sagen dass ein Zustand der nicht besser
wird sich eben verschlimmert Indessen ließ es ihm keine Ruhe bis gegen
Mittag wo der Arzt noch immer nicht gekommen war ein reitender Bote in die
Stadt geschickt wurde Der Bote brachte freilich die von Doctor Baltasar
verordnete Einreibung aus der Apotheke mit meldete aber dass der Doctor selbst
nicht in der Stadt gewesen sei und Doctor Braun erst heute Abend zurückkommen
würde Er sei selbst in der Wohnung des Letzteren gewesen und habe dem Mädchen
gesagt dass der Herr Doctor wenn irgend möglich doch ja noch kommen möchte
Oswald war dem verständigen Menschen der selbst an Brunos Krankheit den
lebhaftesten Anteil nahm sehr dankbar für diese Umsicht Er atmete ordentlich
auf als er hörte dass Braun auf den er ein felsenfestes Vertrauen hatte nicht
mehr fern sei Unterdessen vergaß er nicht das von dem Kollegen desselben
verschriebene Mittel anzuwenden welches indessen sich ohne allen Erfolg zeigte
bis Bruno endlich bat von dieser nutzlosen Kur abzustehen
    So vergingen eine nach der andern die langen langen Stunden die nur der
Kranke kennt der sich ruhelos auf seinem Lager wälzt und der welcher die
Seele voll unaussprechlicher und ach so hülfloser Angst an diesem Lager sitzt
und auf den Arzt harrt der nicht kommen und auf das kleinste Symptom der
Besserung das sich nicht zeigen will
    Der alte Baron schickte einige Male hinauf und ließ sich nach Brunos
Befinden erkundigen kam auch am Nachmittage selbst dankte Oswald mit großer
Herzlichkeit für seine Sorge klopfte Bruno auf die heißen Wangen und sagte
wenn er recht bald gesund würde sollte er auch das Reitpferd haben das er sich
schon so lange gewünscht hätte
    Es tut mir leid sagte er zu Oswald als dieser ihn zur Tür hinaus
begleitet hatte dass gerade heute die Gesellschaft sein muss Es wäre mir
schrecklich denken zu müssen dass hier im Schloss ein Fest gegeben wird
während einer der Meinigen gefährlich krank liegt
    Oswald suchte so gut er es vermochte den guten alten Herrn zu beruhigen
obgleich sein eigenes Herz voll schwerer Sorge war Auch wagte er nicht dem
Baron gerade jetzt einen Entschluss mitzuteilen der in diesen letzten Stunden
bei ihm zur Reife gekommen war
    Es stand jetzt für ihn fest dass seines Bleibens in diesem Hause nicht
länger sein dürfe
    Wie er fürder ohne Bruno würde leben können wie er sich von der Seligkeit
Helenen täglich zu sehen würde lossagen können  er wusste es nicht Er wusste
nur das Eine Du musst fort
    Das wiederholte er sich immer während er Brunos Kissen glättete Brunos
heiße Hände in die seinen nahm ihm das üppige Haar aus der Stirn strich seine
glühenden Lippen netzte
    Wenn meine Mutter lebte sie könnte mich nicht besser pflegen sagte Bruno
ihm dankbar die Hand drückend
    Du hast Deine Mutter nie gekannt Bruno
    Kaum ich war erst drei Jahre als sie starb Aber von meinem Vater weiß ich
noch Und nun fing der Knabe mit fieberhafter Lebendigkeit an von seinem Vater
zu erzählen wie schön und groß und stark er gewesen sei nicht so schlank wie
Du aber noch breiter in den Schultern und mit langen dunklen Locken die ihm
bis auf die Schultern wallten wie den König Harfagar Und von dem kleinen Gute
hoch oben in Dalekarlien das der Vater mit noch zwei Knechten ganz allein
bewirtschaftet habe Und wie geschickt der Vater in Allem gewesen sei und wie
er die Axt zu führen verstanden habe trotzdem er in seiner Jugend Page an dem
Hofe der Königin gewesen war und ihr die lange seidene Schleppe getragen hatte
bei den prunkenden Festen Und von Tor dem schnellen Traber den der Vater vor
den Schlitten spannte und von den nordischen Winternächten wenn die Sterne an
dem schwarzen Himmel funkelten wie Diamanten Rubinen und Smaragden so hell
dass der Schnee in ihrem Scheine glitzerte Und von dem Nordlicht wie es
plötzlich am Horizont aufflammt und seine Feuerarme bis zum Zenit
hinaufstreckt
    Wir müssen zusammen einmal nach Schweden reisen sagte er der Winter hier
ist nur Kinderspiel da sollst Du einmal Schnee und Eis zu sehen bekommen Hier
ist es heiß unerträglich heiß  ich wollte ich läge in Eis und Schnee
    Und der Knabe warf sein Haupt ruhelos auf dem Kissen umher und verlangte zu
trinken
    Da tönte Musik herauf aus dem Garten
    Was ist das sagte Bruno in die Höhe fahrend
    Oswald trat ans Fenster
    Es ist die ganze Gesellschaft sagte er sie kommen eben zwischen den Bäumen
heraus Graf Grieben und Deine Tante eröffnen den Zug Sie wollten hier an
unserem Fenster vorüber aber der Baron der mit der Gräfin Grieben folgt
bedeutet ihnen den anderen Weg einzuschlagen Die ersten Paare verschwinden
schon wieder aber immer neue Paare tauchen auf
    Ist Helene schon vorüber fragte Bruno sich in die Höhe stemmend
    Nein noch nicht
    O dass ich nicht aus dem Bette kann rief Bruno von der Anstrengung und dem
heftiger gewordenen Schmerz ermattet zurücksinkend
    Da ist sie
    Doch nicht mit Felix
    Nein mit einem jungen Mann den ich noch nicht gesehen habe
    Gleichviel sagte Bruno mit Allen nur nicht mit Felix
    Jetzt sind die Letzten vorüber sagte Oswald sich wieder zu Bruno ans Bett
setzend
    Brunos Unruhe schien durch diese directe Erwähnung Helenens die Beide wie
auf Verabredung seit dem Morgen vermieden hatten erhöht Er fing wieder an
von Helene zu sprechen Oswald sollte ihm erzählen was sie angehabt ob sie
schön sehr schön ausgesehen habe viel schöner als alle übrigen Damen ob sie
gelächelt habe ob sie einen Blick nach dem Fenster emporgeworfen
    O könnte ich doch nur aufstehen könnte ich sie doch nur noch einmal sehen
    Du wirst sie ja bald wieder sehen Bruno
    Ich weiß es nicht gerade heute möchte ich sie nur einmal nur auf einen
Augenblick sehen Es ist mir als ob ich ihr etwas zu sagen hätte was mir das
Herz abdrückt Und dann wenn sie den Felix fortschickt und sie wird es tun 
so soll sie ja wieder in die Pension zurück und da kann es lange dauern bis
ich sie wieder sehe Aber ich bleibe auch nicht hier wenn sie fort ist Komm
mit Oswald wir wollen nach Hamburg Du bist ja so klug und geschickt Du wirst
schon eine Beschäftigung finden und ich auch  irgend eine gleichviel welche
wenn ich nur in ihrer Nähe sein darf sie nur von Zeit zu Zeit sehen darf
    Er verfiel in eine Art von Halbschlaf aus dem er plötzlich wieder
emporfuhr
    Warum ist Helene fortgegangen
    Du träumst Bruno sie ist nicht hier gewesen
    Auch Tante Berkow nicht
    Nein Bruno
    Wie deutlich ich Beide gesehen Sie kamen Hand in Hand zur Tür herein
Helene in weiß mit einem Kranz von dunkelroten Rosen im Haar Tante Berkow in
schwarz das Haar wie sie es immer trägt Tante Berkow führte Dir Helene zu
und Ihr sankt Euch in die Arme und weintet und küsstet Euch und dann trat Tante
Berkow an mein Bett und sagte so Bruno nun kannst Du schlafen gehen Da
fielen mir die Augen zu es wurde Nacht um mich her ich sank mit dem Bett
tiefer und tiefer und schneller und immer schneller  darüber bin ich vor
Schreck aufgewacht
    Fühlst Du Dich kränker Bruno fragte Oswald den die Phantasien besorgt
machten
    Im Gegenteil erwiderte Bruno der Schlaf hat mir sehr wohl getan Meine
Schmerzen sind bedeutend geringer aber ich fühle mich sehr matt Ich glaube
ich könnte schlafen
    Er legte sein Haupt auf die Seite aber schon nach wenigen Augenblicken fuhr
er wieder auf
    Oswald willst Du mir einen recht recht großen Gefallen tun
    Gewiss was soll ich
    Bitte zieh Dich an und gehe hinunter in die Gesellschaft
    Um Alles in der Welt nicht
    Bitte bitte tus tus mir zu Liebe Sieh ich fühle mich ja jetzt viel
besser und möchte gern schlafen und werde auch schlafen Da kannst Du mir ja
doch nicht helfen
    Aber was soll ich unten
    Sieh Oswald sagte Bruno ich möchte doch Helene so unbeschreiblich gern
sehen Und ich kann nicht auf ich fühle gar keine Kraft in meinen Gliedern
Wenn nun Du sie siehst so ist mir als hätte ich sie auch gesehen Bitte
bitte geh hinunter Du brauchst ja Niemand zu sprechen nur wenn es möglich
ist sage Helenen ich ließe viel tausendmal grüßen  und wenn Du das gesagt
hast und sie hat vielleicht geantwortet und grüßen Sie Bruno auch von mir
dann komme schnell recht schnell wieder dass Du den Ton in dem sie es gesagt
hat nicht vergissest Und höre Oswald da ich gerade daran denke es könnte ja
doch sein dass ich einmal plötzlich sterbe nein  lache nicht ich rede im
Ernst  dann gib nicht zu dass man mich umkleidet ich will so wie ich
gestorben bin in den Sarg gelegt werden Sieh  Du weißt dass ich stets ein
Medaillon auf dem Herzen trage es ist von meiner Mutter aber nicht deshalb
allein halte ich es so heilig Es liegt eine Locke von Helenens Haar darin die
ich ihr gleich in der ersten Zeit einmal im Scherz abgeschnitten habe Wenn mir
das Medaillon genommen würde  ich glaube ich hätte keine Ruhe im Grabe Und
nun bitte geh es wird sonst so spät
    Oswald wusste nicht was er tun sollte Gab er dem Verlangen des Knaben
nicht nach so musste er fürchten dessen fieberhafte Unruhe die sich jetzt fast
gänzlich gelegt zu haben schien wieder hervorzurufen Auf der andern Seite war
ihm der Gedanke ihn wenn auch nur auf kurze Zeit zu verlassen sehr peinlich
Und doch hätte er auch Helenen so gern gesehen  nur für einen Augenblick 
musste sich doch in diesen Stunden Alles entschieden haben
    Bruno machte seinen Zweifeln ein Ende
    Du hast es mir versprochen sagte er traurig und nun willst Du nicht Du
hast mich nicht lieb
    Oswald ging in das Nebenzimmer sein Schlafgemach und kleidete sich um Er
hatte sich wohl noch nie in einer solchen Stimmung zu einer Gesellschaft
angekleidet Das Ganze erschien ihm eine schauerliche Ironie Er erschrak als
er sein bleiches verwüstetes Gesicht im Spiegel betrachtete In diesen letzten
Stunden schien er um eben so viele Jahre gealtert zu sein
    Er trat wieder an Brunos Bett
    Lass Dich doch einmal betrachten sagte der Knabe sich halb aufrichtend Wie
stattlich Du aussiehst wie schön  küsse mich Oswald
    Oswald nahm den Knaben in seine Arme und küsste ihn auf die schönen stolzen
 jetzt ach so bleichen Lippen Dann ließ er ihn sanft auf das Kissen gleiten
    Ich fühle mich sehr sehr wohl sagte Bruno beeile Dich nicht ich werde
bis Du zurückkommst köstlich schlafen
 
                              Sechzigstes Kapitel
Auf dem Vorsaal unten begegnete er dem Baron Oldenburg
    Ich hätte große Lust wieder umzukehren sagte Oldenburg nach der ersten
von beiden Seiten ziemlich förmlichen Begrüßung ich glaubte nicht dass die
Gesellschaft so groß sei bin zu Pferde gekommen und wie Sie sehen nicht ganz
etiquettemässig angeputzt Wer ist denn Alles da
    Ich komme selbst erst in diesem Augenblick von oben erwiderte Oswald
Bruno ist seit vorgestern unwohl jetzt hat er mich fortgeschickt weil er
schlafen will
    O das tut mir ja leid sagte Oldenburg der Junge wird hoffentlich nicht
ernstlich krank werden Sagten Sie mir nicht dass er ein großer Liebling von
Ihnen sei
    Ja Haben Sie keine Nachricht von 
    Von meiner Czika nein
    Oldenburgs Gesicht verdüsterte sich Wollen wir eintreten fragte er
    In einem der Nebenzimmer zum Ballsaale begegneten sie dem alten Baron
Oldenburg ging nach einer kurzen Begrüßung in den Saal Oswald musste dem alten
Herrn einen ausführlichen Bericht über Brunos Befinden während der letzten
Stunden machen
    Nun das ist ja schön recht schön sagte er dass wir noch so mit einem
blauen Auge davonkommen ich fürchtete schon es würde ein Nervenfieber werden
Gehen Sie doch auch zu meiner Tochter und sagen Sie ihr dass es sich mit Bruno
bessert sie hat sich schon ein paar Mal nach ihm erkundigt
    Oswald trat in den Saal Man fing eben wieder einen Tanz an den letzten vor
der großen Pause in welcher in den Sälen oben gespeist werden sollte Er blieb
in der Nähe der Tür auf dem Tritt des niedrigen Divans der sich um den ganzen
Saal herumzog stehen Die Paare der Tanzenden wechselten bald kamen diese
bald jene in seine Nähe Einmal stand Emilie von Breesen die mit ihrem
Bräutigam tanzte dicht vor ihm Sie tat als ob sie ihn nicht bemerkte sie
lachte und scherzte vielleicht etwas zu laut  von Kloten dagegen machte von
dem Vorrecht der Leute in seiner Situation die gleichgültigsten Dinge im
Flüsterton mit obligatem bedeutungsvollen Lächeln in die Ohren zu raunen den
ausgedehntesten Gebrauch
    Oswald hatte von der plötzlichen Verlobung dieser Beiden gehört er wusste
wohl am besten wie dieselbe zu Stande gekommen war Er erinnerte sich wie
wegwerfend Emilie an dem Abend in Barnewitz sich über Kloten geäußert hatte
Jetzt war sie seine Braut  Es wird eine unglückliche Ehe werden dachte
Oswald und er musste sich sagen dass er nicht den kleinsten Teil der Schuld an
diesem Unglück trage
    Ein paar Augenblicke später kam Helene in seine Nähe Sie tanzte mit von
Sylow Oswald hatte sie schon längere Zeit beobachtet und bemerkt dass sie
schweigend und kalt wie eine Marmorstatue neben ihrem Tänzer stand der die
Hoffnungslosigkeit seiner Bemühungen eine Konversation zu Stande zu bringen
eingesehen zu haben und den Kronleuchtern eine specielle Aufmerksamkeit zu
widmen schien Sobald sie Oswald erblickte flog ein Strahl des Lebens über die
schönen ernsten Züge Sie winkte ihm mit den Augen zu sich heran
    Wie geht es Bruno
    Danke besser er wollte schlafen
    Bleiben Sie hier
    Nein ich werde sofort wieder hinaufgehen
    Grüssen Sie Bruno  und hier nehmen Sie ihm diese Rosenknospe mit
    Helene nahm eine Rosenknospe aus dem Bouquet welches sie in der Hand trug
und gab sie Oswald der sie mit einer Verbeugung entgegennahm Er bemerkte dass
von Sylows Aufmerksamkeit sich plötzlich von den Kronleuchtern abgewandt hatte
und dass die Augen des jungen Edelmannes mit einem Ausdruck der ihm durchaus
nicht gefiel auf ihm hafteten
    Im nächsten Moment stand ein anderes Paar auf der Stelle
    Hast Du Deinen alten Anbeter nicht gesehen Emilie sagte Kloten
    Wen
    Dort drüben den Doctor Stein Er stand vorhin dicht hinter uns
    Ach da  meinen alten Anbeter Du bist wohl toll Arthur
    Nun nun sei nur nicht bös ich glaube ja kein Wort von der ganzen
Geschichte Aber um Himmelswillen sieh doch nur Er spricht jetzt mit Helene
Grenwitz sie gibt ihm eine Rose Nein da hört doch aber Alles auf
wahrhaftig Alles
    Ich sagte Dir ja dass die Beiden vollkommen einig seien Er sticht Euch Alle
aus
    Wahrhaftig  es ist stark aber ich habe dafür gesorgt dass die Geschichte
unter die Leute kommt
    Was hast Du getan
    Nun ich habe weiter erzählt was Du mir vorhin unter dem Siegel der
Verschwiegenheit mitteiltest Der ganze Saal weiß es schon
    Aber das hatte ich Dir nicht erlaubt
    Ich glaubte in Deinem Sinne zu handeln Herr Stein wird es bereuen wenn er
sich nicht schleunigst mit seiner Rosenknospe entfernt
    Was hast Du vor
    O wir wollen nur dem Burschen seinen Standpunkt klar machen Es wird eine
gottvolle Geschichte wahrhaftig Ich erzähle sie Dir nachher
    Der glückliche Bräutigam führte seine Braut da der Tanz zu Ende war nach
ihrem Platz zurück und wandte sich zu von Sylow der auf ihn zukam
    Hast Du gesehen Kloten
    Na ob
    Es ist ein wahrer Scandal
    Ich bedaure nur den armen Felix
    Das müssen wir ihm doch erzählen Weißt Du nicht wo er ist
    Er sagte vorhin das Tanzen langweile ihn er wollte zu den Spielern gehen
Barnewitz hat glaube ich eine Bank aufgelegt Wir können auch hin es wird
nicht mehr getanzt vor Tische Es ist gerade noch Zeit ein paar Louis zu
gewinnen Kommst Du mit
    Natürlich
    Emilie von Breesen hatte die Unterredung der Beiden aus der Ferne
beobachtet Sie sah wie sie lachend Arm in Arm den Saal verließen Auch
Oswald sah sie nicht mehr Eine entsetzliche Angst ergriff sie Sie hatte in
ihrer eifersüchtigen Wut zuerst Oswalds Namen mit dem Helenens in Verbindung
gebracht sie hatte sich an Oswald zu rächen schon vor einigen Tagen Felix die
Entdeckung die sie gemacht zu haben glaubte mitgeteilt Sie hatte heute Abend
wieder davon angefangen um den geistlosen Neckereien Klotens ein Ende zu
machen Jetzt erst merkte sie dass sie zu weit gegangen sei und dass sie
vielleicht Oswald den sie trotz alledem noch mit der ganzen Kraft ihres
leidenschaftlichen Herzens liebte einer großen Gefahr ausgesetzt habe Sie
hätte ihn vielleicht in der Raserei ihrer Eifersucht mit ihren eigenen Händen
töten können  aber ihn den brutalen Misshandlungen Klotens und der Anderen
aussetzen  der Gedanke war ihr fürchterlich Sie blickte wie hülfesuchend im
Saale umher
    Ihr Bruder kam in ihre Nähe Sie rief ihn
    Was willst Du Kleine
    Hast Du den Doctor Stein schon gesehen
    Ja weshalb
    Du wolltest ihn ja während der Jagdzeit auf ein paar Tage zu uns einladen
Es wäre doch unartig wenn wir uns jetzt gar nicht um ihn kümmerten
    Emilie war sehr rot geworden als sie das sagte ihre ganze
Geistesgegenwart schien sie verlassen zu haben
    Ihn zu uns einladen rief Adolf von Breesen nun das fehlte wahrhaftig
noch damit die albernen Klatschereien die Lisbeth über Dich und ihn
aufgebracht hat doch ja unsterblich werden  ihn zu uns einladen lieber wollte
ich 
    Ich bitte Dich Adolf sei still der halbe Saal kann ja hören was Du
sagst
    Kleine sagte der junge Mann in leisem aber bestimmten Ton Das gefällt mir
nicht Du weißt ich habe Dich lieb wie ein Bruder nur seine Schwester lieben
kann aber gerade deshalb muss ich dafür sorgen dass Du Dich in keine solche
Torheiten tiefer einlässt Und ich werde dafür sorgen verlass Dich drauf
    Damit wandte er ihr den Rücken und ging den Anderen nach zum Saal hinaus
    Emilie hatte Mühe ihre Tränen zurückzuhalten Ihre Angst wuchs mit jeder
Sekunde Es musste Rat geschafft werden  so oder so
    Sie ging auf Helene zu die nicht weit von ihr mit andern Damen auf dem
Divan saß und sagte
    Auf ein Wort Helene
    Was ists sagte Helene aufstehend
    Komm ein wenig weiter hierher  Helene Du hast den Doctor Stein lieb
nicht wahr
    Wie kommst Du darauf erwiderte Helene und die Glut schoss ihr in die
bleichen Wangen
    Gleichviel ich habe ihn auch lieb ich habe ihn sehr lieb wenn Du willst 
und deshalb bitte ich Dich sage ihm  Du kannst es ich kann es nicht sonst
würde ich es selber tun  er solle sich aus der Gesellschaft entfernen Kloten
und mein Bruder und die Anderen sind sehr aufgebracht über ihn Ich fürchte sie
führen etwas gegen ihn im Schilde Bitte bitte Helene sage ihm er solle
fortgehen  gleich  ich wäre außer mir wenn ihm auch nur die geringste
Beleidigung von meinem Bruder oder von Kloten zugefügt würde
    Aber wo ist er sagte Helene welche die von Emilie ausgesprochenen
Befürchtungen freilich nicht ganz aus denselben Gründen nur zu wahrscheinlich
fand Ich glaube er ist schon wieder nach oben gegangen
    Wenn Du es nicht gewiss weißt verlasse Dich nicht darauf Frage doch den
Bedienten da
    Haben Sie Herrn Doctor Stein nicht gesehen
    Er ist drüben gnädiges Fräulein in den Spielzimmern
    O mein Gott was sollen wir tun sagte Emilie
    Baron Oldenburg rief Helene wollen Sie die Güte haben einen Augenblick
hierher zu kommen
    Mit Vergnügen mein Fräulein sagte der Baron der die Hände auf dem
Rücken ein Gemälde an der Wand betrachtete
    Was hast Du vor Helene
    Lass mich nur Wollen Sie mir einen Gefallen tun Herr Baron
    Mais sans doute
    Suchen Sie den Doctor Stein auf er ist drüben in den Spielzimmern und
sagen Sie ihm ich ließe ihn bitten sogleich zu Bruno zurückkehren Merken Sie
wohl Herr Baron sogleich
    Es bedurfte nicht Oldenburgs Scharfblick um zu sehen dass dieser Auftrag
den ein Diener eben so gut hätte ausführen können von tieferer Bedeutung war
Helene hatte die größte Mühe gehabt die Worte in einem einigermaßen
unbefangenen Tone hervorzubringen und Emiliens mit dem Ausdruck der
gespanntesten Erwartung auf ihn gerichtetes von der innern Erregung blasses
Gesicht war ein sehr deutlicher Kommentar zu Helenens Worten
    Ist das Alles mein Fräulein
    Ja
    Ich gehe Ihren Auftrag sofort und pünktlich auszurichten sagte der Baron
sich verbeugend und mit selbst für ihn ungewöhnlich langen Schritten den Saal
verlassend
    Unterdessen hatte Oswald nachdem Helene mit ihm gesprochen sich zwecklos
in den Zimmern umhergetrieben Es war seine Absicht gewesen sogleich hinauf zu
gehen der Gedanke Bruno wenn er wirklich wie er hoffte eingeschlafen sein
sollte nur zu stören vielleicht der unbestimmte Wunsch Helenen noch einmal zu
sehen und jene dunkle dämonische Macht die den Menschen unbekümmert um sein
Wohl oder Wehe seinem Schicksal entgegentreibt ließ ihn nicht dazu kommen
Ohne kaum zu wissen wie er dorthin geraten war fand er sich plötzlich in
einem Zimmer auf der andern Seite des Flurs wo sich eine Menge Herren um einen
großen Tisch drängten Einige saßen die Meisten standen Herr von Barnewitz saß
in der Mitte und hielt Bank Er musste viel Glück gehabt haben
    Große Haufen von Gold und Silberstücken und Kassenscheinen lagen vor ihm
und vermehrten sich mit jedem Augenblick Felix saß in seiner Nähe Er pointirte
sehr eifrig aber wie es schien nicht besonders glücklich Sein Gesicht war
stark gerötet seine Augen mit Blut unterlaufen die Adern auf seiner Stirn
geschwollen Er hörte wenig auf die Herren die hinter ihm standen und von denen
einige ihn noch aufzumuntern andere zurückhalten zu wollen schienen Oswald kam
ihm zufällig gerade gegenüber zu stehen Felix bemerkte ihn erst nach einiger
Zeit man hätte sehen können dass von dem Augenblicke an seine Unruhe noch
größer wurde er trank ein Glas auf das andere aus der neben ihm stehenden
Weinflasche und verdoppelte und verdreifachte seine Einsätze ohne einen andern
Erfolg als dass er doppelt und dreifach so viel und so schnell verlor als
vorher
    Eben war wieder eine Rolle Goldstücke zu den übrigen die vor Barnewitz
aufgehäuft waren gewandert Felix griff in die Brieftasche die vor ihm lag
und holte eine Kassenanweisung heraus
    Sie werden doch nicht das Ganze auf einmal setzen wollen Grenwitz sagte
von Grieben seine lange Gestalt zu ihm niederbeugend
    Sie sind wohl toll Grenwitz sagte Kloten der mit Sylow soeben herantrat
    Ach was sagte Felix das Andere hält nur auf
    Faites votre jeu Messieurs rief Barnewitz ein neues Spiel Karten zur Hand
nehmend
    Haben Sie gesetzt Grenwitz
    Ja wohl
    Koeurdame für mich Damen immer für mich Danke Grenwitz kommen Sie bald
wieder so
    Felix schien für den Augenblick diesem Wunsche nicht entsprechen zu können
Sein wirrer Blick irrte über den Kreis derer die den Tisch umstanden und blieb
auf Oswald haften
    Sie da rief er plötzlich überlaut holen Sie mir doch einmal ein Glas Wein
    Oswald wurde erst als die Augen Aller sich auf ihn wandten inne dass diese
groben Worte an ihn gerichtet waren
    Der Mensch scheint nicht hören zu können rief Felix Sie sollen mir ein
Glas Wein holen verstanden
    Ich glaube ein Glas Wasser würde Ihnen dienlicher sein sagte Oswald ohne
seine Stellung zu verändern mit ruhiger Stimme
    Es war so still in dem Zimmer geworden dass man eine Nadel hätte fallen
hören können
    Wie gefällt Ihnen das meine Herren sagte Felix um sich blickend mein
Onkel hält sich eine allerliebste Sorte Diener meinen Sie nicht
    Zeigen Sie ihm doch wer Herr im Hause ist sagte von Sylow
    Oder lassen Sie ihn eine Stunde nachsitzen meinte von Grieben
    Oder geben Sie ihm die Rute mit der er seine Buben züchtigt sagte von
Kloten
    Oder strafen Sie ihn mit der Verachtung die er verdient rief von Breesen
    Oswald wandte seine Augen von Einem zum Andern wie ein Löwe der nicht
weiß ob er sich auf die Hunde die ihn umheulen stürzen soll oder nicht Seine
Gestalt war hoch aufgerichtet Vielleicht zitterte die Hand die er auf den
Tisch gelegt hatte etwas aber sicher nicht aus Feigheit
    Werden Sie gehen oder nicht rief Felix aufspringend und dicht vor Oswald
tretend
    Treiben Sie die Unverschämtheit nicht zu weit sagte Oswald die
Rosenknospe die er für Bruno von Helene erhalten hatte in das Knopfloch
steckend ich müsste sonst an Ihnen ein Exempel für die übrigen Bursche
statuiren
    Felix fasste nach Oswalds Brust Oswald packte ihn mit starken Armen riss
ihn in die Höhe und schmetterte ihn zu Boden dass die Gläser und das Geld auf
dem Tische erklirrten
    Wer hat Lust der Zweite zu sein rief er mit Donnerstimme kommt heran Ihr
feigen Wölfe die Ihr nur in Rudeln jagt
    Seine Augen blitzten vor Kampfeslust seine Brust wogte seine Hände ballten
sich krampfhaft er achtete in diesem Moment sein Leben keine Nadel wert
    Das sahen Alle und Keiner wagte seine Herausforderung anzunehmen
    Felix hatte sich wieder aufgerafft und war in die Arme der ihm zunächst
Stehenden zurückgetaumelt Er war betäubt von dem schweren Fall Blut strömte
ihm aus Nase und Mund
    Ein drohendes Murren lief durch die Schaar Man hörte einzelne Stimmen
sollen wir das dulden  schlagt ihn nieder  er darf nicht lebend vom Platz
    Sie drängten an ihn heran ein wüstes Schreien und Toben brach aus dem
Haufen Oswalds Blicke suchten den heraus welcher zunächst an die Reihe kommen
sollte
    Da stand plötzlich Oldenburg neben ihm
    Wie meine Herren rief er sich zu seiner ganzen stattlichen Höhe
emporrichtend zwanzig gegen Einen Der Kampf ist doch ein wenig zu ungleich
Wollen Sie sich nicht lieber noch ein paar Bediente zur Hilfe rufen
    Dies Wort wirkte wie ein Zauber Es stellte für Jeden die schimpfliche Szene
in das rechte Licht Die Verständigeren wussten dem Baron Dank dass er ihnen eine
Schande erspart hatte die der nächste Augenblick über sie gebracht haben würde
Nur Einige schienen seine Dazwischenkunft übel zu empfinden
    Die Sache geht Sie nichts an Baron rief Grieben trotzig
    Erlauben Sie Herr von Grieben erwiderte Oldenburg die Sache geht mich
aus zwei Gründen etwas an Einmal weil ich es für die Pflicht eines jeden
Mannes halte darauf zu sehen dass es bei solchen Affairen anständig und ehrlich
zugeht und zweitens weil ich die Ehre habe Herrn Doctor Stein meinen Freund
zu nennen Wenn Sie oder irgend einer der Herren mich für das was ich hier
gesagt habe zur Rechenschaft ziehen zu müssen glauben so stehe ich gern zu
Diensten Vorläufig aber verstatten Sie mir dass die Angelegenheit meines
Freundes des Herrn Doctor Stein wie es sich unter Männern ziemt zu Ende
geführt wird Ich werde in wenigen Augenblicken wieder unter Ihnen sein Ihre
Aufträge entgegenzunehmen Wollen Sie mir Ihren Arm geben Herr Doctor
    Der Baron nahm Oswalds Arm in den seinen und führte ihn durch die Schaar
der jungen Edelleute die bereitwilligst Platz gab hindurch zum Saale hinaus
    Draußen angelangt sagte er Gehen Sie nur auf Ihr Zimmer Ich folge Ihnen
in wenigen Minuten Es versteht sich von selbst dass Sie der Beleidigte sind
    Ja
    So werde ich Felix von Grenwitz in Ihrem Namen auf Pistolen fordern
    Ihn und wer sonst noch Lust hat einen Gang mit mir zu machen
    Wir wollen uns vorläufig mit Grenwitz begnügen An den Andern ist Ihnen ja
auch wohl so viel nicht gelegen Wann
    Sobald wie möglich natürlich morgen früh meinetwegen
    Bon Zehn Schritt Distance etwa
    Oder fünf
    Zehn reicht aus Das Übrige überlassen Sie mir Also à revoir in Ihrem
Zimmer
    Der Baron kehrte auf den Schauplatz der letzten Szene zurück wo natürlich
die Sache von zwanzig Zeugen zugleich besprochen wurde die bei Oldenburgs
Eintreten verstummten Oldenburg entledigte sich seines Auftrages an von
Grieben der es übernommen hatte Felix zu secundiren Es wurde ein Rencontre
auf die fünfte Stunde des folgenden Tages im Fall Felix sich bis dahin noch
nicht erholt haben sollte auf die zehnte verabredet das Rendezvous ein
kleines Wäldchen auf dem Gute Herrn von Klotens Dann folgten die Herren in
wenig festlicher Stimmung der schon zweimal an sie ergangenen Aufforderung sich
in den Ballsaal zu verfügen um die Damen zur Abendtafel hinauf zu begleiten
Felix war schon vorher von Einigen auf sein Zimmer geführt worden da er zu
berauscht und von seinem Falle noch zu betäubt war um weiter an der
Gesellschaft Teil nehmen zu können Oldenburg begab sich zu Oswald zurück
    Als er ihn nicht in seinem Zimmer fand und ihn bei Bruno vermutete aus
dessen Zimmer das Licht durch die halb geöffnete Tür schimmerte ging er leise
dorthin und sah Oswald über des Knaben Bett gebeugt
    Wie steht es fragte er
    Ich fürchte schlecht sagte Oswald emporblickend sein Schlaf ist sehr
unruhig und der Puls fliegt
    Lassen Sie mich sehen sagte Oldenburg ich verstehe mich auf dergleichen
    Er ist in der Tat sehr krank sagte er nach einer kleinen Pause Wie lange
währt denn dies schon und wie hat es angefangen
    Oswald gab ihm mit fliegenden Worten eine Schilderung von Brunos Krankheit
    Und der Schmerz hatte vor einer Stunde völlig nachgelassen fragte
Oldenburg
    Ja fast gänzlich 
    Dann machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst Ich vermute es war von
Anfang zweifellos eine Entzündung und jetzt ist der Brand hinzugetreten Einer
von uns muss nach dem Doctor  Er sah nach der Uhr Es ist zehn ich wollte vor
Tisch wieder nach Hause reiten Mein Almansor steht in diesem Augenblick
gesattelt vor der Tür Reiten Sie nach der Stadt Ich bin hier vielleicht jetzt
nützlicher als Sie Sie haben hellen Mondschein Der Weg ist gut Nach B ist
eine halbe Meile In zehn Minuten spätestens müssen Sie dort sein Ziehen Sie
Ihren Frack aus und einen Überrock an So Peitsche und Sporen brauchen Sie
nicht Almansor ist noch ganz frisch Schonen Sie ihn nicht
    Der Baron hatte Oswald den Rock anziehen helfen ihm den Hut auf den Kopf
gesetzt Oswald ließ Alles mit sich geschehen Er fand sich erst auf Almansors
Rücken wieder als ihm der Nachtwind um die Ohren pfiff und Bäume und Häuser
Hecken und Felder und Gärten rechts und links im Mondschein gespensterhaft an
ihm vorüberflogen
    Und jetzt war er auf der weiten Heide die sich hinter dem Dorfe bis nach
Faschwitz erstreckt Er sah den Mondschein unheimlich glitzern in dem schwarzen
Wasser der tiefen Torfgräben er hörte von Zeit zu Zeit den heisern Schrei eines
Sumpfvogels den er aus seinem Neste aufgeschreckt hatte sonst nichts nichts
als den dumpfen Donner von Almansors flüchtigen Hufen und den Nachtwind der
seufzend und klagend über die Heide strich
    Und jetzt als er mitten auf der Heide war  ist das nicht ein anderer
Hufschlag außer dem Almansors oder ist es nur das Echo Es kommt näher und
immer näher Almansor spitzt die Ohren und greift aus schneller und immer
schneller als flöhe er vor dem Tod Und doch kommt es näher und immer näher
Oswald blickt sich um und ein Grausen packt ihn als er jetzt dicht hinter sich
eine lange schwarze Gestalt auf einem schwarzen Pferde bemerkt dessen Hufe den
Boden nicht zu berühren scheinen
    Noch eine Sekunde und der schwarze Reiter ist an seiner Seite die Pferde
jagen Kopf an Kopf und schnauben sich an aus weit geöffneten Nüstern
    Was beliebt reif Oswald sein Grausen bemeisternd
    Nicht viel erwiderte der schwarze Reiter mit einer tiefen Stimme Wollte
nur vermelden dass meine gnädige Frau seit vorgestern zurück ich dachte der
junge Herr wüsstens vielleicht nicht Nichts für ungut junger Herr gute Nacht
und gute Verrichtung
    Der Reiter warf sein Ross herum Almansor stürmte weiter im nächsten
Augenblick schon war Oswald wieder allein
    War dies die Ausgeburt seines überreizten Hirns wars Wirklichkeit war es
ein Phantom war es der alte Baumann auf dem Brownlock gewesen Oswald hätte es
nicht zu sagen gewusst
    Und wieder flogen Bäume und Häuser Hecken und Gärten rechts und links
gespensterhaft im Mondschein an ihm vorüber Ein Hund fuhr heulend nach
Almansors Hufen Im nächsten Augenblick schon war Alles verschwunden und
unübersehbare Kornfelder wogten und zischelten auf beiden Seiten der Landstraße
    Dann schimmerten Lichter herüber näher und näher Eine helle Glocke schlug
einen Schlag an schon ein viertel auf elf und wieder Häuser rechts und links
Bäume und Hecken und Gärten Dann ein dunkles Tor und dann den Hufschlag
Almansors auf dem Strassenpflaster
    Wo wohnt der Doctor Braun
    Die Straße zu Ende das letzte Haus links
    Vor dem bezeichneten Hause hielt ein Wagen Aus der offenen Haustür und den
offenen Fenstern in den Parterrezimmern schimmerte Licht
    Ist der Doctor zu Hause
    Hier sagte Doctor Braun am Fenster erscheinend Von wo her
    Von Grenwitz Ich bins Eilen Sie Bruno liegt auf den Tod
    Wollte eben hinaus rief Doctor Braun schon in der Tür Setzen Sie sich zu
mir Ich will selber fahren Karl kann Ihr Pferd langsam zurückreiten Sitzen
Sie ja dann fort
    Der Wagen donnerte durch die dunklen Straßen durch das enge Tor hinaus in
die stille Mondnacht die über Feldern und Gärten und Wäldern und Wiesen so
duftig und träumerisch lag denselben Weg den Oswald vor wenigen Minuten
gekommen war Die kräftigen Pferde des Doctors griffen mächtig aus schon waren
wieder auf der Heide
    Es war nicht viel gesprochen worden von beiden Seiten Oswald hatte von
Brunos Krankheit wie es der Laie pflegt Bericht erstattet auf Nebendingen
verweilend und das Wichtigste auslassend Doctor Braun hatte einige kurze
Fragen getan Dann hatten sie eine Zeit lang geschwiegen
    Sie müssen sich auf das Schlimmste gefasst machen hub Doctor Braun an Es
ist nach dem was Sie mir gesagt haben sehr wahrscheinlich dass wir Bruno
nicht mehr am Leben finden
    Oswald antwortete nicht Ein Stöhnen brach aus seiner Brust wie eines
Gefolterten wenn die Schrauben noch um eine Windung angezogen werden
    Der Doctor hieb auf die Pferde die nun im Galopp weiter stürmten
    Ein paar Minuten später hielt der Wagen vor dem Portal Das ganze Schloss
schimmerte von Licht Aus dem Speisesaale rauschte die Musik Die Diener liefen
geschäftig ab und zu
    Als sie in Brunos Zimmer traten erhob sich der Baron von dem Bett über
das er gebeugt stand
    Gott sei Dank dass Sie kommen sagte er ich habe schon an vielen
Krankenlagern gewacht so lang aber ist mir keine Stunde geworden
    Er trocknete sich seine Stirn sein ernstes Gesicht war bleich er schien
aufs Tiefste ergriffen
    Doctor Braun untersuchte den Kranken dann blieb er neben dem Bett stehen
ohne die Andern anzublicken
    Ist keine Hoffnung
    Keine
    Da richtete sich Bruno halb auf
    Bist Dus Mutter kommst mich einzulullen wie geht doch noch die alte
Weise
    Und in wunderbar süßen Tönen leise ganz leise wie die Klänge einer
Aeolsharfe begann er ein schwedisches Lied zu singen wie es ihm wohl seine
Mutter vor langen Jahren gesungen haben mochte
    Er lehnte sich wieder in das Kissen zurück Durch die tiefe Stille im Zimmer
tönte nur noch das Schluchzen Oswalds auch die Augen der beiden andern Männer
standen voll Tränen
    Bist Du es Oswald fragte Bruno weshalb weinst Du guten Abend Herr
Doctor wie kommen Sie hier her es geht wohl zu Ende mit mir Wo ist Baron
Oldenburg Geben Sie mir die Hand Sie sind sehr gut gegen mich gewesen Doctor
muss ich sterben so frisch und jung sagen Sie es mir ich bin kein Feigling ich
habe es schon seit gestern gewusst muss ich sterben  dann Oswald eine Bitte
ich will es Dir ins Ohr sagen
    Oswald beugte sich über ihn
    Er erhob sich und ging nach der Tür Oldenburg war ihm gefolgt
    Ich weiß was er will sagte er er hat in seinen Phantasien schon
hundertmal nach ihr verlangt ich will sie rufen Es ist ja eines Sterbenden
letzte Bitte
    Er entfernte sich Oswald trat wieder an das Bett
    Kommt sie
    Ja
    Lege mir das Kopfkissen etwas höher Oswald und stelle die Lampe dahin dass
der Schein über mich weg gerade auf sie fällt Danke so ist es recht
    Sie kommt nicht  doch war das nicht ihre Stimme schraube die Lampe
tiefer Oswald  es wird so hell im Zimmer Helene
    Ein seliges Lächeln flog über sein Gesicht
    Helene wie bleich Du bist und doch wie schön gib mir die Rose von Deinem
Busen o weine nicht Lass mich Deine Hand küssen Helene
    Helene neigte sich zu ihm und küsste ihn auf den Mund
    Bruno schlang seine Arme um ihren Hals
    Ich liebe Dich Helene
    Seine Arme glitten auf die Decke zurück Doctor Braun zog Helene sanft in
die Höhe Er beugte sich über das Bett und lauschte einen Augenblick Indem er
sich wieder aufrichtete strich er mit der Hand leise über die Augen des Toten
 
                           Einundsechzigstes Kapitel
Es war drei Tage nach den Ereignissen dieser Nacht
    In der Frühe des Morgens hatte es geregnet jetzt in den Vormittagsstunden
blickte die Sonne auf Augenblicke aus den schweren Wolken die sich lang und
langsam vor einem feuchten Westwinde nach Osten ihr entgegenwälzten
    Auf dem Kirchhofe zu Faschwitz gingen in der Lindenallee die von dem einen
Ende bis zum andern führt und die Gräber der Adeligen von denen der
gewöhnlichen Sterblichen trennt zwei Personen in ernsten Gesprächen auf und ab
Vor der einen Tür des Kirchhofs aus der man unmittelbar in die Landstraße
gelangt hielt eine mit zwei Pferden bespannte elegante Kutsche Neben der
Kutsche hin und her führte ein Reitknecht zwei schöne Pferde am Zügel Kutscher
und Reitknecht unterhielten sich nur im halblauten Ton als ob sie den alten
Mann mit dem langen eisgrauen Schnurrbart der auf einem der Prellsteine an der
Kirchhofstür saß und von Zeit zu Zeit die tiefliegenden ernsten Augen durch das
Gitter der Tür auf die in dem Lindengange auf und ab Wandelnden wandte in
seinen Betrachtungen nicht stören wollten
    Die auf und ab Wandelnden waren Melitta und Oldenburg Melitta war nicht in
Trauer aber ihr liebes schönes Gesicht hatte einen Ausdruck von Schwermut den
man wohl früher nicht darin gesehen hatte Selbst das Lächeln mit welchem sie
manche Bemerkung ihres Begleiters beantwortete war nicht das alte freudige 
es war wie die Sonnenblicke heute aus den trüben melancholischen Wolken
    Und Sie wollen wirklich fort fragte sie eine Pause die in dem Gespräche
eingetreten war unterbrechend
    Ich ritt nach Berkow hinüber Ihnen meinen Abschiedsbesuch zu machen und
Sie zu fragen ob Sie noch irgend Befehle für mich hätten Dass dies keine leere
Form war können Sie daraus sehen dass ich Ihnen als ich Sie nicht fand
hierher auf den Kirchhof gefolgt bin obgleich Kirchen und Kirchhöfe wie Sie
wissen durchaus nicht zu den Oertern gehören die ich mit Vorliebe aufsuche
    Und wohin wollen Sie diesmal Ihre Schritte lenken
    Ich weiß es noch nicht Was soll ich hier Da ich für die nicht leben kann
für die ich leben möchte und da es in unserer engbrüstigen Zeit an jedem großen
Zweck gebricht an dessen Erreichung ein Mann sein Leben setzen könnte so will
ich denn auch ein anderer Peter Schlemihl meinen eigenen Schatten suchen
gehen Ich fürchte nur dass ich ihn niemals wieder finde oder dass wenn ich ihn
finde er sich wieder von mir trennt wie das letzte Mal
    Haben Sie Xenobis Spur nicht verfolgt
    Nein Es würde mir auch nichts geholfen haben Wandernde Zigeuner
hinterlassen keine Spuren so wenig wie ein Schiff dass durch die Wogen
streicht Wenn ich nicht wieder kommen sollte Melitta lassen Sie sich Ihre
Büste die ich in Rom von dem jungen Goldoni anfertigen ließ und die jetzt in
Kona in meinem Arbeitszimmer steht geben Oder wollen Sie sie sogleich haben
    Nein sagte Melitta behalten Sie sie immerhin Ihre unendliche Güte
verdiente wohl einen besseren Lohn als kalten Marmor
    Oder Marmorkälte sagte Oldenburg lächelnd
    Die empfinde ich nicht gegen Sie Oldenburg sagte Melitta mit Wärme
wahrhaftig nicht Ich liebe Sie wie einen um ein paar Jahre älteren Bruder der
halb und halb Vaterstelle an uns vertreten hat und zu dem wir mit freudiger
Verehrung und Dankbarkeit emporblicken Es ist unser Schicksal dass Sie mich mit
einer anderen Liebe lieben müssen dass ich Sie mit keiner anderen Liebe lieben
kann
    Es ist unser Schicksal Melitta ja wohl und nun lassen Sie uns nicht
weiter davon sprechen Gegen das Schicksal lässt sich nichts tun Wir können nur
das Haupt beugen und die Lorbeerkrone oder den Todesstreich schweigend
entgegennehmen Das habe ich in den letzten Tagen lernen können wenn ich es
sonst noch nicht gewusst hätte Und nun Melitta da Du mich selbst Deinen Bruder
genannt hast lass mich auch wie ein Bruder mit Dir sprechen Darf ich
    Ja sagte Melitta die den Kopf bei diesen letzten Worten Oldenburgs
gesenkt hatte leise nach einer kleinen Pause
    Bekämpfe Deine Liebe zu Oswald Ich kann Dir nicht raten den Pfeil mit
einem Ruck aus der Wunde zu ziehen denn ich fürchte Dein Leben würde mit
Deinem Blute entströmen aber sträube Dich auch nicht gegen die Wirkungen der
Zeit die fast so allmächtig ist wie das ewige Schicksal Du wirst nach einigen
Wochen einigen Monaten gleichviel aber Du wirst in Kurzem ruhiger über das
Alles denken willst Du mir Deinem Bruder versprechen diese ruhigeren und
weiseren Gedanken nicht wie eine Versündigung an Deiner Liebe von Dir zu weisen
    Ja
    Denn Melitta er ist Dir doch verloren auch wenn er diese seine neueste
Leidenschaft überwinden sollte Er wird sich auf seiner tollen Jagd nach dem
Ideal das er nie auf Erden außer sich finden kann weil es nur in seinem Hirn
lebt in eine andere und wieder in eine andere Liebe stürzen immer wähnen dies
ist wonach Du bis jetzt vergeblich gesucht und immer wieder das Trügerische
dieser Illusion erkennen bis er zuletzt in der Verzweiflung über sein
Schlemihltum irgend einen Schritt tut der ihn aller weiteren Sorgen um die
confuse Welt überhebt Die letzten Tage haben ihn diesem unvermeidlichen Ziele
um eben so viele Jahre näher gebracht
    Wie steht es auf Grenwitz
    Felix ist jetzt außer Gefahr obgleich man ihn in den ersten Stunden
aufgegeben hatte Er wird aber wohl sein Leben lang ein Invalide bleiben  eine
schwere Strafe für Jemand der wie er »geschwelgt in der Blumen Süßigkeit und
jede Blume brach« Oswalds Kugel hat nur um eines Haares Breite ihr Ziel
verfehlt Felix wird Brunos Tod sein Leben zu danken haben Oswald hat während
des Duells kein Wort gesprochen seine Miene blieb unbeweglich nur als Felix
stürzte flog eine Art von Lächeln über sein blasses Gesicht er schien das Bild
der vollkommensten Ruhe und nur wer ihn genauer betrachtete sah wie es in
ihm wühlte und bemerkte dass von Zeit zu Zeit ein Fieberschauer durch seinen
Körper zuckte Er hat sich bei der ganzen Affäre mit einem Takt benommen der
selbst der Schaar seiner Gegner Achtung abnötigte Sogar Kloten fühlte sich
gedrungen in die bewundernden Worte auszubrechen es ist wahrhaftig schade dass
der Mensch nicht von Adel ist
    Und Helene
    Sie reiste ein paar Stunden vor dem Duell mit ihrem Vater nach Grünwald Ich
glaube man will das Mädchen dort in einer Art anständiger Verbannung lassen
bis eine Aussöhnung mit der Mutter zu Stande gebracht werden kann Die gute Frau
ist vorläufig ganz außer sich und nur die Vorstellungen Klotens und Anderer
dass Felix durchaus der Beleidiger gewesen ist und durch sein Betragen das Duell
unvermeidlich gemacht hat haben sie verhindert Himmel und Hölle und die ganze
Polizei gegen Oswald in Bewegung zu setzen
    Und  Oswald
    Ich denke er hat Dir geschrieben
    Nichts über seine Pläne für die Zukunft
    Von denen weiß ich auch nichts Wir haben kaum drei Worte mit einander
gewechselt Ich weiß nur dass er um den Ausgang des Duells abzuwarten sich
während dieser letzten Tage in B beim Doctor Braun aufgehalten hat Ich freue
mich über diese Wahl seines neuen Freundes Braun scheint ein ebenso
liebenswürdiger wie geistreicher und verständiger Mann zu sein Gebe der
Himmel dass er unserem Telemach ein weiserer Mentor ist als ich ihm bei dem
besten Willen zu sein vermochte  Aber ich muss jetzt scheiden Melitta Mein
Almansor schlägt sich sonst die Hufeisen ab Hast Du noch etwas hier zu tun
    Nein sagte Melitta wir können gehen
    Wirst Du oft hierher zurückkehren
    Schwerlich Ich habe nur sehen wollen ob meinen Anordnungen Folge geleistet
ist Sie wissen am besten dass der Tote hier schon seit langen Jahren nicht ja
dass er eigentlich nie für mich gelebt hat
    Dann lass uns gehen Melitta
    Der Baron nahm den Arm der jungen Frau und führte sie die Allee hinauf Sie
sprachen weiter kein Wort Der alte Baumann öffnete den Schlag der Kutsche
Oldenburg hob Melitta hinein und stand einen Augenblick den Hut in der Hand an
dem offenen Fenster Als die Pferde anzogen reichte ihm Melitta die Hand die
er an seine Lippen drückte Er verweilte noch ein paar Minuten und sah dem
davoneilenden Wagen nach Dann winkte er dem Reitknecht bestieg seinen Almansor
und ritt im Galopp nach der entgegengesetzten Richtung
    Diese letzte Szene hatten zwei Männer beobachtet die in demselben Momente
als Melitta und Oldenburg den Kirchhof verließen durch die zweite Tür welche
auf die Dorfstraße führte eingetreten waren und auf ein frisches Grab in der
Nähe der Tür auf der adeligen Seite und auf ein etwas älteres auf der andern
Seite Kränze gelegt hatten Es waren Oswald und Doctor Braun beide in
Reisekleidern Sie standen Arm in Arm auf der Treppe der Kirche und sahen der
Abschiedsscene zwischen Oldenburg und Melitta zu Als der Baron Melittas Hand
küsste flog ein ironisches Lächeln über Oswalds bleiches verfallenes Gesicht
    Lassen Sie uns machen dass wir fortkommen sagte er Mir ist als brennte
mir der Boden unter den Füßen
    Ich bin bereit sagte der Doctor Wenn es nach meinem Willen gegangen wäre
hätten Sie diese Gegend schon längst verlassen und wenn es nach meinem Willen
geht kommen Sie nie wieder hierher zurück Die Reise die wir vorhaben wird
Sie wieder zu sich selbst bringen Sie haben viel verloren aber nichts was
sich nicht wieder gewinnen ließe Sie haben Vernunft und Wissenschaft des
Menschen allerhöchste Kraft verachtet und doch ist für Sie nur Rettung zu
hoffen von eben dieser Kraft denn  Sie erinnern sich der Worte Ihres
Lieblingsdichters
 was Amor uns entwendet
Kann Apoll nur wiedergeben
Ruhe Lust und Harmonieen
Und ein kräftig rein Bestreben 
Kommen Sie lassen Sie die Toten ihre Toten begraben für Sie muss jetzt ein
neues Leben beginnen
                          Ende der ersten Abteilung