1855_HKurz_Sonnenwirt.html




        
                                  Hermann Kurz
                                 Der Sonnenwirt
                        Eine Schwäbische Volksgeschichte
                                   Erster Teil
                                       1
»Nun Meister Schwan für diesmal ist Er christlich durchgekommen straf mich
Gott Ohne Willkomm und Abschied Herr Gott von Dinkelsbühl tut mir fast leid
dass ich Ihm nicht ein paar aus dem ff auf Sein gesundes Leder aufmessen darf
aus purer Freundschaft Und dazu bloß ein halb Jahr Aber ich hoff so ein
heissgrätiger Bursch wie Er wird bald wieder das Heimweh nach unserer lustigen
Kartaus bekommen Aufs Frühjahr spätestens wenn die Bäum ausschlagen werden
wir wieder die Ehre haben Ich will derweil ein paar tüchtige Haselstöcke ins
Wasser legen damit sie den gehörigen Schwung und Zug kriegen zum Willkomm
wenns heißen wird des Ebersbacher Sonnen wirts sein Gutedel ist wieder da
Adjes Meister Schwan glückliche Reise und nichts für ungut«
    Es war unter dem Tore des Ludwigsburger Zuchtund Arbeitshauses wo einer
der Aufseher einem jungen Menschen dieses spöttische Lebewohl sagte Dem
untersetzten stämmigen Burschen konnte niemand im Ernste den Meistertitel geben
denn er schien kaum zwanzig Jahre alt zu sein Auch sah er sehr sauer zu der
Ehrenbezeigung die nicht gerade aus wohlwollendem Herzen kam sein breites
rotwangiges Gesicht spannte sich zu einem trotzigen Ausdruck den eine tiefe
Schramme auf der Stirne noch erhöhte Er hielt die Augen wie aus Verachtung zu
Boden geheftet aber dann und wann schoss er seitwärts einen Blick hervor der
wie ein bloßes Messer funkelte Der Aufseher gab ihm statt des »Abschieds« den
er ihm gerne zugedacht hätte einen derben Schlag auf die Schulter und ging
lachend hinweg Der entlassene Sträfling ballte die Faust und sah ihm mit
ingrimmigen Blicken nach
    Eben wollte er mit einer Gebärde welche ein nichts weniger als anständiges
aber um so aufrichtigeres Gesinnungsbekenntnis enthielt dem Zuchtause den
Rücken kehren als er noch einmal umschauend einen Gegenstand gewahrte der
den Hass auf seinem derben lebhaften Gesichte plötzlich in das entschiedenste
Widerspiel verwandelte Es war ein Greis der in der Gebrechlichkeit des Alters
an einem Stabe über den Hof gegangen kam er trug schwarze Kleidung und die
beiden weißen Überschlägchen die ihm von der Halsbinde herabhängend auf der
Brust spielten bezeichneten seinen geistlichen Stand Seine Erscheinung machte
einen sichtlichen Eindruck auf alle Begegnenden die ausgelassensten Züchtlinge
verstummten als er im Vorübergehen einen Blick auf ihre Arbeiten warf der rohe
Aufseher wich ihm von weitem aus Jedem bot er seinen zuvorkommenden Gruß er
war immer der erste der das schwarze Käppchen über den spärlichen weißen Haaren
lüpfte und doch sollte es ihm offenbar dazu dienen sein greises Haupt vor der
Herbstluft zu schützen denn neben dem Käppchen trug er den dreieckigen Hut
unter dem Arm
    Der junge Mensch war unter dem Tore des Zuchtauses stehengeblieben In
seinen Mienen zuckte es wie Gewitter und Regenschauer aber zum Weinen schienen
diese Züge zu derb Unwillkürlich bewegte er den Fuß um dem alten Geistlichen
entgegenzulaufen er besann sich jedoch wieder und blieb schüchtern stehen Als
jener näher kam zog er die Mütze und trat ihn mit einer linkischen Verbeugung
an Man konnte denken wenn er ein Hund gewesen wäre so wäre er mit freudigem
Winseln an ihm emporgesprungen und hätte ihm Gesicht und Hände geleckt So aber
war er ein Wesen um das der Zuchtausaufseher schwerlich seinen Pudel
hergegeben hätte ein entlassener Sträfling ein unbändiger Mensch voll Trotz
und Roheit und doch regte sich in seinem Herzen etwas das wir auch in den
winselnden Tieren ahnen und das die Bibel mit den Worten bezeichnet das Seufzen
der Kreatur
    »Mit Verlaub« stammelte er  »ich wollte nur dem Herrn Waisenpfarrer Adieu
sagen weil der Herr Waisenpfarrer immer so gut gegen mich gewesen ist  ich
hätt ja nicht fortgehen können ohne das«
    Der Waisenpfarrer  denn dieser war es dem die Seelsorge im Zuchtause
oblag  neigte sich mit freundlichem Lächeln zu ihm Er hatte aus den
verlegenen halb verschluckten Worten des sonst sehr anstelligen Burschen den
rechten Kern herausgehört »So ist Er denn also jetzt frei Friedrich« sagte er
zu ihm »Ich wünsch Ihm von Herzen Glück Nun gebrauche Er aber auch seine
Freiheit so wie man eine Gottesgabe gebrauchen muss«
    »Ich versteh schon Herr Waisenpfarrer« erwiderte der Jüngling der mit der
ersten Anrede seine Beengung weggesprochen und sich in einen Ton bescheidener
Zutraulichkeit hineingefunden hatte »Ich versteh schon Das ist wie mit dem
Wein Der ist auch eine Gottesgabe Wenn man aber solche Gottesgabe zu hart
strapaziert so wirft sie den Menschen hin dass er gleichsam wie vierfüssig wird
Dagegen wenn man sie mit Maß genießt so erfreut sie das Herz und macht helle
Gedanken im Kopf Grade so ists auch mit der Freiheit Wenn man von der über
Durst trinkt so kann sie einen auch wohin werfen wo zum Beispiel keine
Freiheit mehr ist«
    Bei diesen Worten wies er mit dem Daumen über die Schulter nach dem Gebäude
das er soeben verlassen hatte und seine weißen Zähne blinkten lachend zwischen
den kirschroten Lippen hervor
    »Ja so ists mein Freund« versetzte der Geistliche »Man pflegt wohl zu
sagen ich nehme mir die Freiheit das und das zu tun Das ist nur so eine
höfliche Redensart Mancher aber nimmt sich mehr Freiheit als er einem andern
gönnt und tut einem andern etwas was er sich selbst nicht angetan wissen will
Das aber ist zu viel Freiheit und Er weiß wohl was zu viel ist das ist vom
Übel Eigentlich sollten wir unsere Freiheit bloß dazu anwenden um einander
lauter Liebes und Gutes zu tun denn wenn die Menschen alle einander dienen
würden dann wäre ja ein jeglicher so wie ein Diener auch wieder ein Herr und
dann wäre die wahre Freiheit in der Welt«
    »Ja wenn alle so wären wie der Herr Waisenpfarrer dann wärs keine Kunst
ihnen zu dienen Aber so ists nicht in der Welt Da ist viel Herzenshärtigkeit
und Schlechtigkeit nicht bloß solche die den Nebenmenschen übervorteilt
sondern auch Bosheit die ihm ohne allen Grund die Milch sauer macht und wenn
man auf so einen Giftmichel trifft so meint eben die Faust gleich sie müsse
ein Wörtlein mit ihm reden«
    »Mein Sohn« sagte der alte Geistliche »man hat den Verstand dazu dass man
der Faust nicht ihren Willen lässt Und es kommt nur darauf an dass man einem
Menschen seine gute Seite abgewinnen lernt Eine gute Seite hat auch der
Schlimmste Wenn man aber einmal diese gefunden hat so ists als hätte man den
Schlüssel zu einer sonst verschlossenen Türe und wenn man hineingeht so trifft
man oft auf Dinge die man gar nicht hinter dieser Türe gesucht hätte Da ist
zum Exempel ein gewisser Friedrich Schwan Den hat man mir geschildert als einen
rohen verworfenen Burschen dessen Herz keiner guten Regung fähig sei  Faust
in Sack Die Leute urteilen eben nach der Außenseite  und wie ich ihn nun
selber kennenlernte da fand ich in ihm einen Menschen dessen Herz wie ein wild
aufgeschossenes Reis ist trotzig und aufrührisch gegen jedes raue Lüftchen
weich und geschmeidig gegen jeden freundlichen Sonnenstrahl einen Menschen der
gegen harte Worte und Behandlungen störrisch bleibt und den man mit Güte um den
Finger wickeln kann Ists nicht so«
    »Ja so ists Herr Waisenpfarrer« antwortete der junge Mensch verlegen und
gerührt
    »Nun das ist aber auch keine Kunst gegen Gute gut zu sein Wenns weiter
nichts wäre als das so würden wir ja durch die breite Pforte in den Himmel
eingehen statt durch die schmale«
    »Das ist wahr Herr Waisenpfarrer« erwiderte der junge Mensch bedenklich
»Aber wenn alle Menschen unterdienstaft gegeneinander wären wie Sie vorhin
gesagt haben so wäre es gerade dasselbe Ding«
    »Allerdings Aber da die Menschen im allgemeinen bis jetzt nicht geneigt
sind uns die Himmelspforte so breit und bequem zu machen so dürfen wir deshalb
der schmalen nicht untreu werden Wir müssen gegen unsere Nebenmenschen gerade
so liebreich und dienstfertig sein wie sie eigentlich gegen uns sein sollten
unangesehen ob sie es sind oder nicht Vielleicht gewinnen wir sie dadurch und
bewegen sie unser Beispiel nachzuahmen«
    »Ja ja Herr Waisenpfarrer« fiel der junge Mensch lebhaft ein »das ist
gerade wie wenn ein ungebautes Stück Feld umgebrochen werden soll Da kommt es
nur drauf an dass einmal ein Anfang gemacht wird der für den Fortgang und fürs
Fertigwerden Bürgschaft gibt und ist also ein kleines umgepflügtes Flecklein
fast schon so wichtig wie das ganze künftige Neubruchland«
    »Er hat mich gar wohl gefasst« versetzte der alte Herr mit freundlichem
Lächeln »Wenn das Reich Gottes auf Erden erscheinen und ihm die Stätte bereitet
werden soll so tut es zuerst not dass ein Kern von guten Menschen gezogen wird
von welchen die Güte und der Segen allmählich auf die andern übergehen kann Die
müssen aber festhalten wie ein Häuflein Streiter von denen der Ausgang einer
Schlacht abhängt Ja mein Sohn« fuhr er fort und legte ihm die abgemagerte
Hand auf dieselbe Schulter welche vorhin der Aufseher so unsanft berührt hatte
»da muss man den Pflug über das trotzige Herz gehen lassen da muss man eine
Beleidigung nicht mit Tätlichkeiten erwidern die ins Zuchthaus führen
Vielmehr wer zu jenen Kerntruppen gehören will der muss gegen seinen Feind gar
noch ein gutes Wort und ein freundlich Gesicht aufzuwenden haben und was noch
weit mehr heißen will es muss ihm sogar von Herzen gehen«
    Der Jüngling der irgendeinen Widersacher im Geiste vor sich stehen sehen
mochte trat bei dieser Zumutung betreten einen Schritt zurück Die Größe der
Aufgabe war ihm augenscheinlich schwer aufs Herz gefallen  »Aber« sagte er
»da wird mancher denken wie es im Evangelium heißt das ist eine harte Rede
wer kann sie hören«
    Der Greis lächelte »Mein junger Freund ist sehr bibelfest« versetzte er
»ich bemerke das heut nicht zum erstenmal Die besten Kernsprüche die schönsten
Liederverse hat er fest im Kopfe behalten aber ob auch in einem feinen Herzen
Das ist nun die Frage Diese schönen Stellen welche die Jugend in den Schulen
auswendig lernt und oft recht gedankenlos dahersagt sind Samenkörnern zu
vergleichen Nun ist es zwar um ein Samenkorn ein edles Ding aber der
aufgewachsene Baum und seine Früchte sind doch noch etwas ganz anderes Oh mein
lieber Friedrich ich fürchte«  bei diesen Worten hob er liebreich den Finger
gegen ihn auf  »ich fürchte dieses trotzige Gemüt muss noch durch Leiden
gebeugt und recht umgebrochen werden wenn es ein Boden werden soll darin der
Same zu Früchten aufgehen kann Mein Sohn habe Er immer den vor Augen von dem
wir jene Sprüche überkommen haben der nicht schalt da er geschlagen ward und
nicht dräuete da er litt Ich will Ihm aber nicht mit einem Male ein Werk
auflegen das für manche zartere Seelen noch zu schwer ist Fange Er im Kleinen
an mein lieber Sohn Strebe Er sanftmütig zu werden Denke Er immer zur
rechten Zeit daran den aufquellenden Zorn zu bezähmen denn der Zorn hat einen
bösen Urahn den Mörder von Anbeginn und wenn man ihn herauslässt so gleicht er
der Kugel von der das Sprichwort sagt wenn sie aus dem Rohr istso ist sie
des Teufels Vor allem aber will ich Ihm eines ans Herz legen Er ist
vermöglicher Leute Kind und in einem Wirtshause fallen manche Brocken ab
Benütze Er diese Gelegenheit um Gutes zu tun und nach Seinen Kräften den
traurigen Unterschied der in der Welt ist ein wenig auszugleichen Er kann
ohne Seinen Vater zu übervorteilen  und das darf Er ja nicht tun  manchem
armen Schlucker etwas zufliessen lassen Ich sage das nicht dass Er meinen soll
Er könne sich ein Verdienst vor Gott damit erwerben Aber der rechte Glaube wird
auch immer die rechten Werke gebären und hinwiederum wer die rechten Werke
tut der setzt zugleich sein Inneres in die rechte Verfassung wie sie vor Gott
sein soll denn Gutes tun macht ein gelindes Herz Deshalb mein Sohn« beschloss
er mit einem unbeschreiblich heitern und scherzhaften Lächeln »will ich Ihm da
Er noch so jung ist nicht zumuten dass Er gleich als Flügelmann unter jene
Kerntruppen tritt von denen ich gesprochen habe Suche Er nur zuerst als
Marketender bei ihnen anzukommen dann kann Er sich allmählich weiter aufdienen
bis «
    Ein Geräusch unterbrach ihn das ihm den frommen Scherz aufs kläglichste
verbitterte Unzweideutige Schläge hallten von dem unteren Stockwerk her dem der
Geistliche und sein aufmerksames Beichtkind nahe standen Sie folgten mit
unerbittlicher Regelmäßigkeit aufeinander so dass der Greis die schwache Hand
ausstreckte als ob diese abwehrende Gebärde der Grausamkeit ein Ende machen
könnte Man hörte kein Geschrei sondern nur ein dumpfes Knurren in welchem
jedoch der menschliche Ton zu unterscheiden war Dieses Knurren das sich in
Zwischenräumen wiederholte machte den Vorgang weit unheimlicher als wenn die
lautesten Wehklagen ihn begleitet hätten
    Der junge Friedrich ballte die Faust gegen das Gebäude »Diese Prügelhunde«
rief er »es ist ihnen nur wohl wenn sie zuschlagen können«
    Der Waisenpfarrer legte ihm wieder die Hand die aber diesmal zitterte auf
die Schulter »Mein Sohn« sagte er »die Menschen haben es mit der Sünde
verdient dass der Schmerz und das Wehtum in die Welt gekommen ist Wo aber
Strafe ist heißt es da ist Zucht und wo Friede ist da ist Gott«
    Die Schläge hallten dazwischen fort Der Greis brach mit einem tiefen
Seufzer die Unterredung ab »Nun lebe Er wohl mein lieber Friedrich« sagte er
»Gott sei mit Ihm auf allen Seinen Wegen Denke Er an das was ich Ihm gesagt
habe damit wir uns fröhlich und ebendarum niemals mehr an diesem Orte
wiedersehen«
    Er drückte ihm die Hand und wankte so eilig als er es vermochte an seinem
Stabe dahin Zwar hatte auch er die Meinung seinerzeit ausgesprochen dass durch
grausame Züchtigungen der Wille Gottes erfüllt und sein Kommen vorbereitet
werde aber er schien doch nicht gern dabei zu sein und hatte es in diesem
Augenblick wohl tief empfunden dass das Reich Gottes so wie er es verstand
noch sehr ferne sei
    Der junge Friedrich aber blieb unter den Fenstern des Zuchtauses stehen und
lauschte dem Geräusch der Pein vor welchem sein ehrwürdiger Beichtiger
entflohen war Er fühlte zwar nicht geringe Entrüstung über die Gewalt die hier
einem Menschen angetan wurde aber der Schmerz des Armen verursachte ihm der
selbst schon manchen derben Puff ausgehalten hatte kein besonders zartes
Mitgefühl
    Die Schläge hörten endlich auf Bald hernach öffnete sich die Türe und von
einer unsichtbaren Hand geschleudert kam ein Mensch herausgeflogen Der Stoß
war nicht eben sanft gewesen doch hie der Hinausgeworfene sich wie eine Katze
auf den Füßen Sein Gesicht zeigte trotz der zigeunerischen Farbe die Spuren
überstandener Anstrengung es war dunkelrot und ein schielendes Auge gab diesen
jugendlichen Zügen einen furchtbaren Ausdruck Der junge Zigeuner der soeben
einen rauen Abschied durchgemacht hatte schüttelte sich am ganzen Leibe er
kehrte sich gegen das Zuchthaus um streckte die Zunge so lang er konnte
heraus und ging dann gemächlich seiner Wege
    »Ich glaub sie haben dich mit ungebrannter Asche gelaugt und das scharf«
sagte Friedrich als er an ihm vorüberkam
    »Ich glaub auch« war die trockene Antwort des Zigeuners der einen Blick
aus seinem scheelen Auge über den Frager hinlaufen ließ und sich von dannen
machte
    Friedrich der auf den Burschen neugierig geworden war folgte ihm von
weitem nach Aber erst als sie Ludwigsburg mit seinen vornehmen regelrechten
Straßen hinter sich hatten wagte er die Gesellschaft des verachteten Zigeuners
aufzusuchen Dieser schien nachlässig vor sich herzuschlendern und doch hatte
er Mühe gleichen Schritt zu halten und ihn endlich einzuholen
    »He wohinaus Landsmann« schrie er ihn an
    »Dem Hohenstaufen zu« antwortete der Zigeuner seitwärts herüber ohne sich
in seinem Gange aufhalten zu lassen
    »Dann haben wir ja schier gar einen Weg« sagte Friedrich an seiner Seite
gehend »Der meinige führt nach Ebersbach«
    »Da können wir wenigstens eine Strecke weit beisammenbleiben« erwiderte der
Zigeuner
    Die beiden jungen Burschen gingen nun mit wackeren Schritten durch die Ebene
und dann jenseits des Neckars über die Anhöhen hin welche zwischen diesem und
der Rems liegen und machten nach einer tüchtigen Wanderung bei einem einsamen
Wirtshäuschen halt wo Friedrich seinen Gefährten zu Gaste lud Eine Flasche vom
Saft des Apfels und ein Rettich der den Sommer überlebt hatte war alles was
ihm ein paar gesparte Pfennige aufzutischen erlaubten Die vorgerückte
Jahreszeit ließ sich so mild an dass die beiden Wanderer im Freien auf der
verwitterten Bank unter dem alten Apfelbaum ihr Mahl verzehren konnten Hungrig
und durstig griffen sie zu und ließ sichs nach der Weise der Jugend
schmecken
    Wie lustige Sperlinge genossen sie der wiedererlangten Freiheit schalten
auf das Gefängnis von dem sie herkamen spotteten über die Schwachheiten der
Aufseher und erzählten sich lose Streiche womit sie deren Wachsamkeit umgangen
hatten Unter Plaudern und Lachen war die Flasche nur allzubald geleert Sie
kehrten alle Taschen um bis sie in der erdenklich kleinsten Münze aber auch
mit dem erdenklich größten Jubel die nötige Summe zusammengebracht hatten um
eine zweite zu bestellen
    »Wie bist du denn eigentlich« fragte Friedrich unter dem Einschenken »in
den Gasthof zur Kardätsche geraten Mit bloßem Vagabundieren hast doch so jung
nicht so hoch in die Wolle avancieren können«
    »Nein« erwiderte der Zigeuner unbefangen »ich hab krumme Finger gemacht«
    »Pfui« rief Friedrich »Stehlen das ist was Hundsgemeines heißt das wenn
«
    »Von zwegen was seid Ihr hineingekommen« unterbrach ihn der Zigeuner etwas
rasch Ungeachtet des Ärgers über die biderbe Bemerkung vergaß er nicht dass
sein Genosse der herrschenden Nation angehörte und dass er den größeren Teil der
Zeche bezahlt hatte Grund genug ihn in der majestätischen Mehrzahl anzureden
 »Man wird Euch auch nicht bloß um der Kostbarkeit willen hinter Glas und
Rahmen aufgehoben haben«
    »Ich hab einen durchgeprügelt und das lederwindelweich Der Heuchler gab
dann vor er könne den Arm nicht mehr gebrauchen Es war aber erlogen und so
schickten sie mich eben auf ein halb Jahr an das Örtchen von dem man nicht gern
redt«
    Der Zigeuner machte ein unbefriedigtes Gesicht »Und habt Ihr Euch niemals
an fremdem Eigentum vergriffen« fragte er »dass Ihr da so auf dem höchsten Gaul
sitzen könnt Seid Ihr niemals einem andern in die Äpfel gegangen oder in die
Kirschen Denn« setzte er eifrig hinzu »Stehlen ist Stehlen das sag ich«
    »Ja meinem Vater bin ich wohl über die Kirschen gegangen und auch über die
Geldlade Aber das ist was anderes das geht ja vom eigenen und heißt eben vor
der Zeit geerbt Das ist nicht gestohlen Stehlen heißt wenn man fremden Leuten
das Ihrige nimmt und das ist eine Schmählichkeit«
    »Wenn bei uns einer« versetzte der Zigeuner höhnisch »seine Eltern
bestehlen würde so könnte seines Bleibens nicht mehr sein der ärgste Spitzbube
würde ihn verachten und anspeien Bei uns ist es Sitte dass man die Eltern ehrt
und liebt und dass man ihnen eher zubringt als dass man sie bestiehlt Dafür
lassen sie es aber auch an ihren Kindern nicht fehlen sie geben ihnen den
letzten Bissen vom Munde weg und deshalb ist es gar nicht möglich dass so etwas
bei uns vorkommt Ist mir auch eine ganz besondere Lebensart dass ich einen
Fremden schonen soll der mich nichts angeht und soll mich dagegen an meinem
Vater vergreifen der mir der Nächste ist in der Welt Das bring mir ein anderer
in den Kopf mir ist es zu hoch Kommt mir gerade vor wie wenn im Krieg einer
sich von den Feinden abwenden wollte und auf seine Freunde schießen«
    Friedrich war betroffen Sein gesunder Verstand sagte ihm dass etwas Wahres
an dieser Ansicht sei und doch konnte er sie nicht zugeben da sie den Sitten
und Gewohnheiten unter denen er aufgewachsen völlig widersprach Die beiden
jungen Leute stritten eifrig und konnten sich lange nicht verständigen Darin
waren sie zwar einer Ansicht dass auf die »Herrschaft« keine strengen Begriffe
von Eigentum anzuwenden dass die Tiere im Walde die Fische im Wasser eigentlich
Gemeingut seien aber über den Rest des großen Kapitels vom Mein und Dein
konnten sie nicht einig werden
    »Stehlen und Stehlen ist zweierlei« rief Friedrich zuletzt »Geh du nach
Ebersbach und frag von Haus zu Haus ob die Leut nicht einen Unterschied machen
und die Leut müssen doch auch wissen was sie tun Überall gilts für eine
größere Schande wenn einer einem Fremden was stiehlt als wenn ers den Eigenen
nimmt denn da bleibts ja in der Familie«
    »Dann sollte man ihn auch in der Familie abmurxeln« sagte der hartnäckige
Zigeuner »und jedem davon ein Stück zum Kochen geben wenn eure Gesetze so
schlecht sind dass sie bloß den einen Diebstahl strafen den andern aber nicht«
    »Oha« sagte Friedrich »umgekehrt ist auch gefahren Selbiges ist anders
Die Gesetze die sind so überzwerch wie du die behaupten auch Stehlen sei
Stehlen Wie es herauskam dass ich meinem Vater ein paar hundert Gulden genommen
hatte die er mir nicht gutwillig geben wollte um in die Fremde zu gehen da
taten sie mich geschwind nach Ludwigsburg zum Wollkardätschen ob ich gleich
erst ein unverständiger vierzehnjähriger Bube war Damals hab ich auch gelernt
was der Willkomm und Abschied für höfliche Komplimente sind und hab empfunden
wie es patscht wenn Haselholz und Hirschleder zusammenkommen«
    Der Zigeuner schlug ein lustiges Gelächter auf »Aber nicht wahr« rief er
triumphierend »mit einem solchen Leibschaden noch stundenlang drauflos
marschieren und dann auf einem hölzernen Bänkchen herumrutschen das könnt auch
nicht ein jeder«
    »Nun nun« entgegnete Friedrich »man merkts dessenungeachtet wohl wo du
dermalen deine schwache Seite hast Du sitzt ja so windschief da als wenn das
Bänkchen unter dir brennte die armen Seelen in der Hölle die auf dem
Glufenhäfelein sitzen können nicht öfter wechseln und nicht possierlicher den
Fuß an sich ziehen Aber das muss man dir lassen mannlich hast du dich gehalten
Wenn ich nur noch ein paar übrige Kreuzer hätt so ließ ich dir einen
Kirschengeist zum Einreiben kommen«
    »Einreiben Wer wird auch die Gottesgabe so sündlich verschwenden Den
Kirschengeist muss man innerlich brauchen von innen heraus kuriert er noch
einmal so schnell«
    »Das glaub ich dir« lachte Friedrich »Überhaupt hab ich schon oft gedacht
ihr Zigeuner müsst ein gutes Fell haben stich und kugelfest Man könnts
schätz ich wohl zum Überzug für ein schwaches Gewissen brauchen«
    »Es dient oft auch dazu Ja eine gute Haut die muss der Zigeuner haben und
hartgesotten muss er sein wenn er solch mühseliges Leben aushalten soll Frost
und Hitze muss ihm gleichviel gelten Halbnackt muss er gehen können wenn ihm der
gefrorne Schnee unter den Füßen kracht und die schwerste Bürde muss ihm wie ein
Flaum sein wenn ihn die Sonne mittags auf die Glieder sticht Sein Lager ist
unter Gottes freiem Himmel und in böser Nacht hat ers nicht immer so gut dass
er auch nur im Hüterhäuschen unterkriechen kann Oft hat er nur einen Baum zum
Obdach unter dem schläft er zufrieden wenn der Sturm durch die Äste fährt und
die Blätter schüttelt dass ihm der kalte Regen auf die Stirne tropft«
    »Herr Gott« rief Friedrich mit rauer Rührung »ich kann doch auch was
vertragen aber so ein Leben muss ja den besten Mann umbringen Musst du nicht
selber sagen dass es vernünftiger wäre wenn ihr das Heidenleben aufgäbet eine
christliche Ordnung anfinget und liesset euch mit andern ehrlichen
Christenmenschen in Handel und Wandel ein Wer ein paar tüchtige Arme hat und
einen Kopf der sie regiert der wird nicht sobald mit leerem Magen ins Bett
gehen und nicht im kalten Regen schlafen dürfen«
    »Wir sind so gute Christen wie ihr« versetzte der junge Zigeuner eifrig
»es mag sich fragen ob wir nicht besser sind Aber wie wollten wir denn mit
euch leben Ihr stosst uns ja aus und wollt keine Gemeinschaft mit uns haben Wie
kann der Zigeuner dem ihr mit Verachtung die Türe weiset sein ehrlich Brot bei
euch verdienen Ich bin aus einer Familie die schon seit zweihundert Jahren
hier im Württembergischen dann im Deutschherrischen drunten und in den beiden
Markgrafschaften am Rheine drüben hin und wieder zieht Nun fehlt es uns zwar
dort nicht an Bekanntschaften aber ich möchte doch auch in all diesen Landen
einen einzigen Menschen sehen wenn unsereiner zB käme und ihm sagte Ich will
ein ander Leben führen und ein ordentliches Wesen anfangen da bin ich nimm
mich auf teile dein Haus und dein Brot mit mir soviel als dir meine Dienste
wert sein mögen  den Menschen möcht ich sehen der darauf sagen würde Tritt
ein und bleibe bei mir Auch unter den Unsrigen möcht ich den Menschen sehen
dem es im Schlaf einfallen könnte eine solche Bitte zu tun Denn jeder weiß die
Antwort im voraus und weiß wie man beiderseits voneinander denkt Das ist jetzt
eben einmal von Anbeginn so und wird auch nicht mehr anders werden Ich weiß
wohl ein mancher von den Meinigen ist eines bösen Todes gestorben und wie
könnte es auch anders sein Das Element in dem einer lebt ist natürlicherweise
auch zuletzt sein Tod Das ist allenthalben so Wer sein Leben lang im Hanfsamen
sitzt wie ein freier Spatz der findt wohl auf die Länge auch ein hänfenes
Ende Man täts wohlfeiler nehmen wenn mans haben könnte Ein paar fette
Kapitälchen verzinsen essen und trinken was gut schmeckt mit vier
Schweissfuchsen fahren oder auch nur mit zweien  meint Ihr der Zigeuner habe
zu einem solchen gemächlichen Leben nicht so viel Genie als irgend jemand in der
Christenheit«
    »Mir zweifelts gar nicht« lachte Friedrich  »Aber jetzt kann ich auch
auf einmal begreifen warum du es für so schandhaft hältst wenn von euch einer
seinem eigenen Vater etwas nehmen würde und an diesem Beispiel wird mirs klar
dass du eigentlich Ehr im Leibe hast Denn die Moral ist bei euch im Grund die
nämliche wie bei uns nur dass sie natürlicherweise umgekehrt ist«
    Mit diesen Worten die zwar keine klare Anschauung des Standpunkts aber
doch eine gewisse Ahnung desselben verrieten suchte er die obschwebende
Streitfrage zu lösen »Aber es wird spät« fuhr er fort »und wenn wir die
Buttel auch auswinden wie ein Leintuch in der Wäsche so pressen wir doch keinen
Tropfen mehr raus Weißt was Komm du mit mir über Ebersbach ich will dir einen
heidenmässigen Kirschengeist einschenken zur inwendigen Kur Ob du links am
Staufen vorbeigehst oder rechts das ist gehopft wie gesprungen«
    »Ja es ist am End ein Ding« entschied sich der Zigeuner »und auf eine
Stunde soll mirs nicht ankommen«
    Die beiden jungen Burschen erhoben sich und stiegen die gelinden Anhöhen
hinab an deren Fuße das Filstal sich gegen den Neckar öffnet Wohlgemut
schlenderten sie die Straße an dem Flüsschen aufwärts der Zigeuner pfiff
gellende Weisen Friedrich aber schwieg still und unter seiner breiten Stirne
schien ein mächtiger Gedanke zu arbeiten Die Worte des Waisenpfarrers gingen
ihm im Sinne herum das Vertrauen des ehrwürdigen alten Mannes hatte ihn stolz
gemacht und es war ihm zumute als ob er gar nichts nötig hätte als ein bisschen
guten Willen um ein großes Werk zustande zu bringen
    Sie waren wohl eine gute Stunde so zugeschritten ohne ein Wort miteinander
zu reden als Friedrich auf einmal stehenblieb und seinen Gefährten kräftig am
Arme fasste »Und ich sag dir« rief er »du bleibst bei mir Ich will dir
zeigen dass ich auch ein guter Christ bin Wenn ich dein armes verstossenes Volk
in das Erbe einsetzen könnte das von Gott und Rechts wegen einem so gut gehört
wie dem andern  mit einem Schlag wollt ich das tun Nun kann ich aber weiter
nichts als an einem einzelnen der mir unter die Hände kommt ein christlich
Werk verrichten Du gehst mit mir da ist keine Widerrede die Sonne von
Ebersbach hat Raum für viele Da wird sich schon ein Plätzlein für dich finden
im Haus und ein Stuhl am Tisch und ein Brocken in der Schüssel Zu tun gibts
auch immer etwas du dienst meinem Vater als Knecht wie ich und sollst es
nicht schlechter haben als ich An Frost und Schneepatschen an Last und Hitze
wirds zwar nicht fehlen je nachdem die Jahreszeit ist aber das Schlafen im
kalten Regen und alles andere was dazu gehört das soll und muss ein Ende haben
Komm her schlag ein«
    Der andere hatte ihn anfangs mit seinem scheelen Auge verwundert angesehen
die Zuversichtlichkeit seiner Rede schien aber jedes Bedenken bei dem Zigeuner
verwischt zu haben und er tat wie ihn sein Gefährte hieß Friedrich erwiderte
seinen Handschlag mit einem noch kräftigeren und zufrieden wie wenn sie einen
guten Marktandel abgeschlossen hätten setzten sie ihren Weg miteinander fort
Der Tag begann sich eben zu neigen da breitete sich das Ziel ihrer Reise ein
beträchtlicher Flecken in angenehmer Talweite zwischen den Anhöhen wohlgelegen
freundlich und heimatlich vor ihren Augen aus
 
                                       2
»Frau Sonnenwirtin jetzt ists an mir« rief der ältere von zwei Männern in
hellblauen Wämsern die am Wirtstische saßen »Bringt nur gleich zwei Bouteillen
auf einen Streich Und wenn das Vermögelein draufgehen sollte der Friede muss
stet und fest sein Man sagt ja ein Prozess sei etwas Fettes Nun gut auf etwas
Fettes muss man brav trinken damits einem den Magen nicht verdirbt«
    »Nach Befehl« erwiderte die Wirtin eine große schlanke Frau aus deren
gelblichem Gesichte starke Knochen hervortraten und die Flaschen auftragend
fuhr sie fort »Gsegns Gott ihr zwei Müller Ober und Unter Das ist das
wahre Wasser auf eure Mühlen und wird sie besser treiben als das Haderwasser
dem ihr einige Zeit her den Zugang verstattet habt Ja ja ich gratulier Ein
fetter Vergleich ist besser als ein magerer Prozess Das Sprichwort sagts zwar
umgekehrt aber ich hab doch recht Auch ists gescheiter das Geld in die Sonne
zu tragen als zum Advokaten denn bei dem wärt ihr doch nicht so ring
durchgekommen wie mit so ein paar Bouteillen Zehner«
    Die beiden Zunftgenossen welche einen über ihre Gerechtsame entstandenen
Streitandel noch beizeit geschlichtet hatten ließ ihrer guten Laune vollen
Lauf Sie saßen schon den halben Nachmittag hinter ihrer Friedensflasche und
hatten wie das in solchen Fällen zu geschehen pflegt die streitigen Punkte
sowie die Gründe die zur Beilegung rieten mehr als ein dutzendmal umständlich
durchgesprochen Lachend trank der jüngere der Wirtin zu der ältere aber
bedachte sie mit einer derben Liebkosung  »Was die Sonnenwirtin noch ein
fester Kerl ist« rief er »ich glaub die wär Manns genug um noch Zwillinge zu
bringen«
    Die Frau schoss einen scharfen Blick aus ihren grauen Augen auf den Necker
stieß ihn mit einem halb scherzhaft halb ernstlich gemeinten Scheltwort zurück
und verließ ihren Geschäften nachgehend das Wirtszimmer
    »Ich glaub Euch juckts schon wieder nach einem Prozess Vetter« sagte der
jüngere Müller lachend »Passt nur auf die da versteht keinen Spaß Ihr werdet
wohl wissen dass man ihr kein gebrannteres Herzeleid antun kann als wenn man
sie an ihre Kinderlosigkeit erinnert«
    »Weiß wohl« entgegnete der andere »und ebendarum hab ichs getan weil ich
die neidige gelbe giftige Kröte noch gelber sehen will als unser Herrgott sie
geschaffen hat  Komm her Peter« unterbrach er sich einem Eintretenden
zurufend »du hast treulich mit zum Frieden geraten nun ists billig dass du
auch mit uns trinkst Ihr werdet nichts dagegen haben Vetter wenn ich meinem
Knecht einschenke Hol dir ein Glas und geh her«
    Der Knecht tat wie ihm geheißen wurde und setzte sich dann hinter einen
andern Tisch auf die Bank die vorm Ofen längs der Wand hinlief Von dort aus
nahm er seinen wohlberechtigten Anteil am Gespräch stellte sich auch in seinem
Reden und Benehmen völlig auf den Gleichheitsfuss mit seinem Herrn und dessen
Gefährten nur dadurch dass er nicht unmittelbar bei ihnen Platz nahm
beobachtete er den Standesunterschied
    »Der gelbe Neidteufel« fuhr der obere Müller fort »Man darf nur den
Sonnenwirt vergleichen was er unter seinem ersten Weib für ein Mann war und
was er unter dem dürren Rippenstück für einer geworden ist Damals war er
aufgeweckt und kameradschaftlich und gar nicht bhäb in Handel und Wandel und
Geldsachen Jetzt ist er schwach und hat keinen eigenen Willen mehr dabei aber
gegen andere Leute ein wahres Untier an Geiz und Hochmut Der alte Kerl er
trägt den Kopf wie ein Edelmann und meint wahrhaftig er sei aus anderem Teig
gebacken als wie unsereiner«
    »Das macht eben der Reichtum« sagte der Knecht von seiner Bank herüber
    »Ja er ist grausig reich« versetzte der untere Müller »Der Holzschlegel
rindert ihm auf der Bühne Er wird wohl auf zwölftausend Gulden geschätzt Aber
freilich wie Ihr sagt Vetter so verhält sichs er ist bhäb und fasst das
Tuch an fünf Zipfeln«
    »Ja und guckt in neun Häfen zumal« fiel der andere ein
    »Wo der gedroschen hat darf man kein Korn mehr suchen« ergänzte der
Knecht
    »An all dem ist das vorteilhaftige böse Weibsbild schuldig Sie will
alleweil oben hinaus sie möchts gern der Pfarrerin und der Amtmännin
gleichtun schmeichelt sich auch bei ihnen an und verlästert andere Leute denn
das hören solche Frauen immer gern Oh die ist falsch wie Galgenholz Und wie
ist sie nur mit ihren Stiefkindern umgegangen Die hat sie von Anfang an
zurückgesetzt und verkürzt in der Meinung sie werde eigene bekommen und wie
das nicht eingetroffen ist so hat sies ihnen aus Missgunst noch ärger gemacht
Die älteste Tochter hat den kahlköpfigen trockenen Krämer da drüben geheiratet
um nur aus der Hölle loszuwerden Die andere die Magdalene tät schätz ich
wohl mit einem Frosch vorliebnehmen wie die Prinzessin im Märlein«
    »Ihr trefft den Nagel auf den Kopf Vetter« rief der jüngere Müller mit
mürrischem Lachen »Wie oder wisst Ihrs nicht Hat ein blindes Schwein eine
Eichel gefunden«
    »Nun was ists denn«
    »Habt Ihr den Laubfrosch noch nie aus und ein gehen sehen Wisst Ihr denn
nicht was man für Werg an der Kunkel hat«
    Der andere schüttelte den Kopf
    »Das Ausrufungszeichen in dem froschgrünen Rock« fuhr der jüngere hitzig
fort »Er sieht akkurat aus wie Ihr ihn gestempelt habt Seid Ihr denn heut
ganz auf den Kopf gefallen«
    »Was der Bartkratzer der sogenannte Herr Chirurgus der Heuchler der
Kopfhänger die magere Kuh Pharaonis Jetzt wird mirs anders Jetzt hab ich
eine Stärkung vonnöten Kommt Vetter ich wills an Euch hinlassen«
    Damit erhob er sein Glas »Ich wills ausstehen« erwiderte der andere mit
sauersüsser Miene kam ihm mit dem seinigen entgegen und sie stießen miteinander
an Nachdem der Knecht durch einen Wink beschieden worden war den Dreiklang
voll zu machen lehnte sich der ältere Müller in seinen Stuhl zurück und fuhr
verwundert fort »Ei so guck einer Der Alte schlägt seine Mädchen doch recht
unterm Preis los denn die paar Fussbreit Grundherrschaft die der grüne
Darmfeger besitzt werden justement einen Sack Erdbirnen ausgeben und was er
jahraus jahrein mit seiner Rasiererklinge aus den hiesigen Schweinsborsten und
Igelsstacheln heraussticht und schabt das wird ihn auch nicht gerade fett
machen Die Figur gibts Aber der Alte trifft zwei Fliegen mit einem Schlag So
ein Schlucker darf kein groß Heiratgut fordern da behält der Schwährvater
seine Kronentaler brav in der Truhe und hat noch den Profit dass ihm der fromme
Schwiegersohn so oft er den Morgen und Abendsegen liest um ein
baldsanftseliges Ende betet Seine erste Tochter wird auch nicht viel
mitbekommen haben wie er sie hinausgegeben hat denn ich seh just nicht dass
ihr Ehkrüppel sonderlich stark spekuliert weder in Käs noch in
Schwefelhölzlen Ekonträr im Gegenteil seine Firma geht einen sehr
bedächtlichen Gang und blüht wie die späten Obstsorten ich glaub er hats aufs
langsam reich werden angelegt Aber es ist doch ein Herr Handelsmann in
Stuttgart heißen sies gar Kommerzienrat und das ist Numero zwei Den neuen
Schwiegersohn kauft er vielleicht noch wohlfeiler und das ist noch ein
kostbarerer Artikel das ist gar ein halber Doktor Die Frau Chirurgussin wird
sich natürlicherweise Flügel an die Haube machen lassen müssen wenn sie mit der
langen froschgrünen Stange ranggemäss über die Straße rudern will Schad ists
übrigens um die Magdalene Sie gäb grad so einen Arm voll für einen wackeren
Junggesellen wie Ihr zB Vetter Aber so weit gibt sich der Hochmut nicht
herunter unsereiner ist ihm nicht gut genug so eine Rasierklinge ohne Handhab
schneidt ihm immer noch besser O blinde Welt Die Hand vom Butten Vetter s
sind Weinbeeren drin«
    »Meintalben Rosinen und Zibeben« fuhr der jüngere auf »Habt Ihr mich auf
der Muck Wollt Ihr mich ins Gered bringen Ihr schwätzt mir da recht hinterfür
heraus wie ein Mann ohne Kopf Was will ich von dem Mädle Habt Ihr wo läuten
hören Bin ich dem Sonnenwirt auf irgendeine Art oder Weise zu Hof geritten
Zwar es fragt sich noch wenn er einen wohlfeilen Schwiegersohn finden will ob
ihm nicht einer so gut ist wie der andere Wenns im Abstreicht geht darf auch
ein Bettelmann zur Auktion kommen und das ist doch just nicht meine Nummer wie
Ihr selber am besten wisst Übrigens kann mir die ganze Sippschaft gestohlen
werden Macht mir nichts vor In dem Punkt versteh ich keinen Spaß«
    »Na wollen den Geist ruhen lassen« versetzte der ältere »Aber soviel ist
gewiss wenn die erste Frau die rechte Mutter noch am Leben wär so fiel die
Aussteuer ein wenig größer aus und der Hochmut ein wenig kleiner«
    »Ja und mancher böse Auftritt wär unterblieben und mancher Lärm und
Spektakel bei Tag und auch bei Nacht der die Sonne mehr in Finsternis als in
Glanz brachte bei der Gemeinde Und die Hauptsonnenfinsternis wär gewiss auch
nicht so schwarz ausgefallen unter dem linden Regiment der rechten Mutter«
    »Was meint Ihr damit Ja so jetzt geht mir auf einmal ein Licht auf Ihr
sprecht vom Gutedel vom jungen Sonnenwirtle Mag leicht sein dass der mit
Verstand und Güte gradgebogen worden wäre der knorrige Hagbuchenstock Zwar ist
es schwer zu sagen ob das Mutterherz den rechten Weg gefunden hätte nachmals
wie es nötig wurde denn die selige Sonnenwirtin war eben die gute Stunde selber
und den Stab Wehe hat sie nimmermehr zu führen verstanden Der Sonnenwirt sah
dem Früchtlein auch in allweg zuviel durch die Finger solang sie lebte und
solang der Erbprinz die Nüsse noch mit den Milchzähnen knackte Er hielt ihn
zwar fleißig zur Schule an und sah auch sonst zum Rechten aber ich weiß nicht
es hat eben doch an etwas gefehlt«
    »Ja« lachte der jüngere Müller »wohlgezogen aber übel gewöhnt das war er
von Anfang an«
    »Ist denn ein Sohn da« fragte der Müllersknecht von seiner Bank herüber
    Sein Diensterr sah ihn verwundert an »Ja so« sagte er nach einer Weile
»du hast dich schon so bei mir insinuiert dass ich schier gar gemeint hätte du
seist seit Jahr und Tag in meinem Haus und bist doch erst eine Woche da
Freilich auf die Art hast du den jungen Sonnenwirtle noch nicht zu Gesicht
kriegen können Wundert mich übrigens dass du in deinem Deizisau nichts von ihm
gehört hast denn er ist ein Gewaltiger vor dem Herrn und wenn man ihm nicht
den Krattel beizeiten vertreibt so kann er schätz ich wohl im ganzen Land
bekannt werden«
    »Wo ist er denn« fragte der Knecht
    »Er ist an einem Örtlein wo du nicht gern hinkämst« war die Antwort und
die beiden Müller brachen in ein Gelächter aus »Jetzt rat einmal«
    Die Tür ging abermals auf und ein Mensch in hohen Wasserstiefeln trat
herein Er trug einen Kübel den er vorsichtig auf einen Stuhl setzte »Ist die
Frau nicht da« fragte er
    »So du bists Fischerhanne« rief der obere Müller »Was hast denn da Du
gehst ja mit dem Kübel so sachte um wie wenn du Perlen in der Fils gefunden
hättest«
    »Guten Abend ihr Mannen« sagte der Fischer »Tuts so ists schon
Feierabend Nein die Perlen geraten nicht hierzuland außer in der Glasfabrik
Forellen sinds frisch aus dem Bach ich hab sie nur geschwind im Kübel
hergetragen«
    »Was meint Ihr Vetter Wie wärs wenn wir so ein paar Silberfischlein in
die Küche schicken täten Der Wein schmeckt noch so gut dazu Wie Fischerhanne
gib her lass einmal sehen was hast für War«
    »Ich kann keine davon hergeben« sagte der Fischer »Die Alte tät mich mit
dem Besen zum Haus hinausjagen Sie hat morgen ein Pfarrerskränzlein und da
braucht sie die Fusch alle«
    »So so die hochwürdigen Herren begnügen sich nicht mit dem geistlichen
Fischzug und wollen daneben auch leibliche Gräten beißen«
    »Ihr lebt ja auch nicht vom Wasser allein obgleich Ihr Müller seid«
erwiderte der Fischer indem er trotz seiner abschlägigen Antwort den Kübel
herüberholte und mit seinen zappelnden Insassen auf den Tisch setzte
    »Pflanz dich nur her« sagte der andere »Du gehörst ja in ein Element mit
uns Ein Glas Wein für den Fisch Willst nicht Und meinetalb noch einen
Freitrunk drüber dass der Weinkauf richtig ist«
    »So macht nur geschwind dass die Alte nicht dazu kommt« erwiderte der
Fischer »Aber mehr als einen auf den Mann kann ich nicht hergeben und hier
könnt ihr sie auch nicht essen denn die Sonnenwirtin darf beileib nichts davon
wissen«
    »Freilich s ist ein halber Kirchenraub« rief der ältere Müller lachend
fuhr in den Kübel griff mit sicherer Hand eine große schöne Forelle heraus zu
welcher der Fischer gewaltig sauer sah schlug sie mit dem Kopf gegen die
Tischecke und steckte sie eilig in die Tasche Der jüngere war ebenso schnell
seinem Beispiel gefolgt
    »So Fischerhanne« sagte der ältere nachdem sie den Handel beendigt
hatten »wir wollen das Element leben lassen das unsere gemeinschaftliche
Nahrung ist Nahrung wohlverstanden Denn für den Hunger ists zwar gut aber
nicht für den Durst Der Eulenspiegel hats allezeit den starken Trank geheißen
es treibe Mühlräder sagte er und deshalb sei es ihm zu stark für seine Natur«
    Er klingelte am Glase um noch eine Flasche zu bestellen »Aber jetzt ists
recht« rief er als die Türe aufging »jetzt kommt auch einmal die
Oberkellnerin die Magdalene Komm her du Hübsche und du Feine da gibts
schmachtende Herzen zu laben«
    Das Mädchen das auf den Ruf der durstigen Sturmglocke erschienen war
konnte man nicht ansehen ohne ihr freundlich gesinnt zu werden Sie trug auf
einem wohlgewachsenen Körper ein rundes unschuldiges gutmütiges Gesichtchen
ein weiblich mildes Abbild von den derben Zügen ihres Bruders und zugleich eine
Bürgschaft dass auch hinter dieser rauen Schale ein guter Kern verborgen sein
könnte »Hab ichs nicht gesagt« rief der ältere Müller »und es verlohnt sich
der Müh es zweimal zu sagen wiewohl wir nicht in der Mühle sind Das Mädle gäb
einen staatsmässigen Arm voll nicht zu viel und nicht zu wenig für einen braven
Junggesellen«
    Er blickte dabei mit einer Spassvogelsmiene auf den andern »Wenn Ihr sie zu
Eurer Käter hin heiraten wollt so müsst Ihr eben ein Türk werden« erwiderte
dieser trocken »Aber jetzt ists wieder an mir Eine Buttel für mich« rief er
barsch auf die Flasche deutend dem Mädchen zu und konnte es doch nicht lassen
ihr nachzublicken bis sie in der Türe verschwand Sie war feuerrot geworden und
hatte die Flasche mit niedergeschlagenen Augen vom Tische genommen
    »Und wie sie so leibhaftig geht und steht« rief der erste der nicht müde
werden konnte »O du Milch und Blut«
    Magdalene erschien nicht wieder Statt ihrer kam die Hausfrau stellte die
gefüllte Flasche auf den Tisch und nahm die Forellen die der Fischer indessen
auf den Stuhl zurückgebracht hatte mit hinaus
    »Da trink Fischer« rief der jüngere Müller einschenkend »Der treibt die
Seelenmühle vielleicht treibt er dir auch ein wenig Blut in die farblosen
Backen«
    »Ja das ist wahr du siehst aus wie wenn dus mit einer Wasserjungfer
hättest« sagte der ältere
    »Und so alt bist du geworden Kerl« fügte der jüngere hinzu
    »Wenn man sich tagtäglich im Wasser hetzen und verkälten muss und hat magere
Bissen dabei« entgegnete der Fischer unmutig »so ists kein Wunder wenn der
Firnis abgeht«
    »Wie alt bist denn Fischerhanne Du siehst aus wie wenn du schon das
Schwabenalter erreicht hättest und bist doch glaub ich mit dem Sonnenwirtle
aus der Schul gekommen«
    »Ja den hat man aber auch sorgfältiger aufgehoben als mich da ists kein
Wunder« versetzte der Fischer mit hämischem Tone und ein Strahl leuchtete
flüchtig in seinen toten grauen Augen auf »Der ist ja so gut verwahrt dass ihn
kein raues Lüftle anwehen kann Wie lang sitzt er denn noch im Zuchthaus«
    »Er wird seine Zeit jetzt so ziemlich abgesessen haben«
    »Was der Sonnenwirt hat einen Sohn im Zuchthaus« rief der Müllerknecht aus
voller Lunge herüber Er hatte die frühere Antwort nicht recht begriffen
    »Sachte Peter sachte mit der Braut« sagte sein Herr und hielt ihm die
Flasche hin um einzuschenken »Musst nicht so laut schreien Im Haus des
Gehenkten ist nicht gut vom Strick reden«
    »Aber wie ist so was möglich Guter Leute Kind im Zuchthaus« sagte der
Knecht leise auf den äußersten Rand seiner Bank vorrückend die Hände auf den
Knien und den Kopf soweit als möglich vorgestreckt
    »Es ist just kein Wunder« versetzte der Fischer
    »Er ist eben ein heissgrätiger unbändiger Bursch« sagte der jüngere Müller
    »Ei du kennst ihn ja am besten Fischerhanne« rief der ältere »Gib acht
Peter der kanns dir sagen der ist mit ihm in die Schul gangen«
    »Da wirst du wenig Guts von ihm zu hören bekommen« lachte der jüngere
Müller »Wenn der Sonnenwirtle am Jüngsten Tag dem Fischerhanne gegenüber
gestellt werden tät und es käm auf sein alleiniges Zeugnis an wie sein Urteil
in der andern Welt lauten sollt ich glaub der Frieder müsst in die unterste
Hölle fahren«
    »Wahr ists« sagte der Fischer »ich kann ihn nicht leiden und hab ihn nie
leiden können Wir sind einander von Anfang an spinnenfeind gewesen Ich weiß
eigentlich selbst nicht recht wies gekommen ist s ist weiter nichts
Besonderes zwischen uns vorgefallen Die Buben hadern und raufen viel
miteinander und werden doch nachher oft die besten Freunde Aber bei uns hat der
Hass immer tiefer gefressen es ist als obs uns von Natur eingepflanzt gewesen
wäre Das erstemal dass wir einander zu Gesicht kriegten sah er mich mit bösen
Augen an und ich war wider ihn und er wider mich«
    »Da ist auch kein Wunder dran« meinte der untere Müller »Ob seine Augen
die er an dich hingemacht hat so bös gewesen sind das weiß ich nicht er ist
nicht gerade besonders gezeichnet in den Augen Aber er war ein Muttersöhnchen
hatte immer was zu beißen und zu knacken mit den Gröschlein und Sechserlein von
den Döten und Dotinnen konnte er allzeit den großen Hansen machen und in der
Schule saß er beständig obenan denn das Spruchbuch und den Katechismus lernte
er wies Wasser«
    »Ich weiß schon wo du hinauswillst Georg« versetzte der Fischer ohne
Gesicht oder Augen zu erheben »Es ist wahr ich bin ein armer Teufel und ein
Bub der im Wachsen ist hat einen starken Appetit und es mag sein dass mir die
überflüssigen guten Bissen die man bei ihm sah manchmal zu schaffen machten
aber so gar missvergünstig bin ich doch nicht und werds auch damals nicht
gewesen sein Seine Gelehrsamkeit hat mirs auch nicht angetan Der Ehrgeiz hat
mich nie gestochen meine Vorfahren sind arme Fischer gewesen soweit man hier
in Ebersbach zurückdenken kann und darum hab ich auch weder Vogt noch Professor
werden wollen«
    »Aber womit hat er dirs denn angetan«
    »Warum stellen sich Hund und Katze wider einander wenn sie einander
ansichtig werden Warum gibts Leute die manche Tiere nicht leiden können
Gerade so gehts auch dem Menschen mit dem Menschen Ein Gesicht gefällt einem
ein anderes ist einem zuwider Übrigens hat ers nicht an tätlichem Anlass fehlen
lassen Er war ein stolzer übermütiger Bub der keinen was neben sich gelten
ließ Beim Soldätlesspiel war er der General und wenn man Räuberles spielte
musste er der Hauptmann sein Kommandieren und die andern herumpudeln das war
sein Pläsier Die ihm recht untertänig waren denen spendierte er was er nur
aufbringen konnte Mir hat er nie was geschenkt«
    »Das muss man ihm lassen« sagte der ältere Müller »gutherzig und freigebig
ist er allezeit gewesen«
    »Ja aber da hat der Fischerhanne doch recht« fügte der jüngere hinzu »am
guterzigsten war er eben gegen solche die seinem Stolze am besten hofieren
konnten«
    »Guterzig« rief der Fischer »Eine eigene Art von Gutherzigkeit hat er von
jeher gehabt Er war noch nicht acht Jahre alt so jagte er den Nachbarn zum
Spaß die Hühner fort aus purer guter Laune schlug er ihnen die Gänse tot
hetzte die Hunde auf Weiber und Kinder und lachte wie ein kleiner Teufel über
ihre Angst Und wie er dann zu seinem Namenstag eine Flinte bekam da hieß es
erst Hellauf Da schoss er mitten im Ort auf Hühner Enten Gänse was er
erwischen konnte und der Sonnenwirt bezahlte den Schaden und war stolz darauf
dass er ihn zahlen konnte«
    »Und noch mehr darauf dass die Blitzkröte schon so ein guter Schütz war«
fiel der jüngere Müller ein »Das wars ja eben Durch die Nachsicht die man
ihm schenkte und durch den Beifall der Speichellecker die bei den Eltern einen
Stein im Brett gewinnen wollten wurde er immer noch mehr verhetzt und so kam
er von einem Schabernack zum andern Die ärgsten Streiche erfuhr der Alte gar
nicht die sind von der Mutter vertuscht worden Da ist mancher Sechsbätzner
mancher Krug Wein als Schmerzensgeld hinter seinem Rücken aus der Sonne
gewandert«
    »Wenn man dem Ding nachdenkt« sagte der obere Müller »so hat es mit so
einem verzogenen Söhnle eigentlich nicht anders kommen können Ich glaub ein
anderer war auch so geworden«
    »Vielleicht lauft er sich die Hörner noch ab« versetzte der jüngere
»Wiewohl es wird schwer halten Er ist eben einmal an die Gewalttätigkeit
gewöhnt Wenn man ihm irgendwie einen Riegel vor die Tür schiebt so muss er mit
dem Kopf durch die Wand das tut er nicht anders«
    »Ja und sein Hochmut wird ihn auch nicht anders werden lassen« sagte der
Fischer »denn das ist der Hauptteufel der ihn reitet«
    »Der steckt in der ganzen Sippschaft Ist die Magdalene vorhin wieder
hereingekommen Nein weil man sich einen kleinen Spaß mit ihr herausgenommen
hat so hat sie den Wein durch die Mutter geschickt«
    »Aha« sagte der ältere Müller leise dem Fischer zuwinkend »hast ihn hören
trappen«
    »Immer hat er sich für was Besonderes gehalten« fuhr dieser fort ohne auf
die Bemerkung achtzugeben »Ha wenn ich nur daran denke was er mir einmal für
eine Zumutung gemacht hat Das war das einzige Mal dass ich was Apartes in die
Schule mitbrachte wo ich mir was drauf zugut tun konnte Der Herzog war eben
vorher durch den Flecken gefahren und da fand meine Mutter auf der Straße ein
kleines Stück hellblauen Samt Gott weiß woher und wie er auf den Boden
gefallen war Meine Mutter wusste nicht was damit tun nun zerschnitt sies in
Läpplein und machte mir eine Windmühle wisst ihr wies die Buben an Stecken
haben wenn sie damit springen so dreht sichs herum Das Ding sah hoffärtig
aus und die ganze Schule hatte Respekt davor Den Sonnenwirtle aber verdross es
dass er mirs zum erstenmal nicht gleichtun konnte er ließ sich aber nichts
anmerken sondern verspottete mich und schalt mich den herzoglichen Windmüller
Da wars auch bei den andern aus ich konnte mich allein an meiner Windmühle
ergötzen sie sahen mich nicht mehr darum an Ein paar Tage drauf ist meine
Windmühle weg Ich hatte niemand anders im Verdacht als den Frieder und sagts
auch den andern Buben Wie ders aber hört so speit er Gift und Galle passt mir
auf und an der Ratausecke stellte er mich wie ich mich unterstehen könne ihn
zu bezichtigen dass er mich bestohlen habe Jetzt was meint  ihr dass er mir
zugemutet hat Ein Messer nahm er in die Faust und mir bot er ein anderes dar
und sagte ich solle mich wehren Natürlich hab ich mich dafür bedankt und dann
fiel er über mich her und prügelte mich durch denn er war weitaus der Stärkste
von uns allen«
    »Und hatte er wirklich die Windmühle gestohlen«
    »Nein ich fand sie hernach wieder ich hatte sie nur verlegt Auch hätt
ichs nicht so schwer genommen nicht einmal die Prügel bekümmerten mich
wiewohl er immer eine harte Tatze hatte Nein aber der Hochmut dass er den
fürnehmen Herrn spielen wollte und sich duellieren wie ein Edelmann das hat
mir ihn zuwider gemacht Und er war dazumal ein Bub von zehn Jahren Wenn das am
grünen Holz so ist wie wirds am dürren werden«
    »Duellieren hat er sich wollen wie ein Offizier« rief der Knecht »Ei so
verreck«
    »Da hat sich das adelige Blut frühzeitig geregt« sagte der jüngere Müller
lachend
    »Wenn die selige Sonnenwirtin nicht so ein kreuzbraves Weib gewesen wär«
versetzte der ältere Müller »so könnt man auf allerlei Gedanken kommen«
    »Und was ist denn sein Vater Großes« fuhr der Fischer eifrig fort »Er mag
meinetalb für ein paar Batzen hochmütig sein aber alles hat seine Grenzen Er
ist Wirt muss den Leuten für ihr Geld Kratzfüsse machen er ist Viehhändler
patscht jedem Rosskamm in die Hand er ist Metzger muss den Ochsen und Säuen im
Gedärm herumfahren«
    »Es müssts nur das Metzgerhandwerk machen« sagte der ältere Müller »damit
übt er eine Art von Blutbann aus und das ist doch was Adeliges«
    »Ja« rief der andere »und darin stehst du ihm nach Fischerhanne Denn du
und die über deren Leben und Tod du Gewalt hast haben kein Blut«
    »Oder nur weißes« Die andern lachten
    »Sorget nur nicht für mich« sagte der Fischer etwas ärgerlich »Meine
Untertanen haben auch Blut«
    »Ja und Galle«
    »Ja und beißen können sie auch«
    »Aber der Ochs hat Hörner«
    »Wenn er zu hitzig stosst so brechen sie ab«
    »Wenn sie nur schon abgebrochen wären« sagte der ältere Müller »Aus dem
Burschen könnt noch was Tüchtigs werden Ich wollt man tät ihn mir
anvertrauen ich zög ihn durchs Kammrad dass er geschlacht würde«
    »Nichts Gewisses weiß man nicht  heißts im Sprichwort« erwiderte der
jüngere
    »Ja es ist nicht so leicht mit ihm fertig zu werden« sagte der Fischer
»Er ist ein böser Bub«
    »Wenigstens mutwillig und unbändig« versetzte der ältere Müller »Unter
allen Streichen die ich von ihm weiß hat mir einer immer am besten gefallen
Da war vor ein Jahr sieben oder achten ein Hausknecht hier in der Sonne wisst
ihr der Mates  ich seh ihn heut noch vor mir s ist so ein persönlicher
langer Kerl gewesen und etwas langsam im Geist Der wollte gescheiter sein als
der Frieder und das konnte mein Frieder nicht vertragen Was tut er also Um
Mitternacht schleicht er aus dem Bett die Stiege hinunter bricht den
Fuhrleuten in die Güterwagen vor dem Haus auf der freien Straße ein und bringt
den Raub seinem Vater übers Bett Der Knecht den andern Tag der ist natürlich
schön ausgelacht worden ob seiner Wachsamkeit Und das hat der stolze Bub mehr
als einmal getan und der gute Mates konnt ihn nie erwischen Das Ding hat ihm
das Leben so sauer gemacht dass ers nicht in der Sonne aushalten konnte Es
trieb ihn aus dem Dienst ich glaub er dient jetzt in Beutelsbach drüben das
alte Beuteltier«
    Der Müllerknecht hatte Mund und Augen aufgesperrt »Verfluchter Bub« sagte
er endlich »Das hat der Sonne gute Kundschaft bringen können Ich wär auch
eingekehrt und hätt mich zum Spaß berauben lassen pur aus Fürwitz«
    »Es ist doch eine gefährliche Übung« sagte der Fischer »Wenn die Katze das
Mausen verschmeckt hat so lässt sie nicht mehr davon und was eine Distel werden
will das fängt zeitig an zu brennen Es ist nicht lang angestanden dass er
seine Gstudierteit an einer Geldkiste ausgelassen hat«
    »Was« rief der Knecht »Ist er im Ernst eingebrochen«
    »Pst Peter schrei leis« erwiderte sein Herr »Ja aber nur bei seinem
Vater und der hats ja«
    »Vierhundertunddreissig Gulden sind doch keine Kleinigkeit« sagte der
Fischer
    »Vierhundertunddreissig Gulden« rief der Knecht »Da wunderts mich nicht
dass er im Zuchthaus sitzt Und sein eigener Vater hat ihn hineinsperren lassen«
    »Er konnte es nicht vertuschen wenn er auch gewollt hätte Übrigens ists
nicht seine diesmalige Zuchtausstrafe denn das ist schon die zweite Damals
aber war er erst vierzehn Jahr alt«
    »Das ist aber doch auch hart« meinte der Knecht »einen vierzehnjährigen
Buben ins Zuchthaus zu schicken«
    »Lasst mich reden ihr Mannen« sagte der jüngere Müller »ich kann am besten
erzählen wie die Sach zugegangen ist ich hab ja auch einen Spieß in selbigem
Krieg getragen Wahr ists und was wahr ist das muss wahr sein dem Frieder hat
sich das Blättlein übel gewendet wie ihm Gott seine Mutter nahm Von der Stund
an hatte alles was er tat eine andere Farbe«
    »Das ist eben der Unterschied« fiel der ältere Müller ein »ob man etwas
mit Liebe ansieht oder mit Hass Und den Hass den hat das Ripp die jetzige Frau
ins Haus gebracht die Liebe aber ist mit der ersten ins Grab gegangen«
    »Verzogen war er das ist richtig« fuhr der jüngere fort »Aber es kommt
nur drauf an was man dem Kind für einen Namen gibt Vormals hieß mans artig
witzig aufgeräumt nachher hieß mans übermütig tückisch boshaft Und wo man
früher Anzeichen von Mannhaftigkeit gelobt hatte da sah man jetzund nichts mehr
als den hellen lautern Teufelstrotz«
    »Mir ists von Anfang an so vorgekommen selbiges Kind« sagte der Fischer
    »Da sind deine Augen just für die Stiefmutter recht gewesen Fischerhanne
Ich glaub auch sie hat dir die Augen abgekauft ich will davon schweigen aber
du hast immer einen Stein bei ihr im Brett gehabt und ich weiß nicht ob die
Fische die du ihr zugetragen hast immer aus dem klaren Wasser gekommen sind«
    »Selbige Augen« unterbrach ihn der andere Müller »hat sie dann auch dem
Sonnenwirt eingesetzt und da hat der alte Esel seinen Sohn gleich in einem
andern Lichte gesehen«
    »Freilich weil er immer ärger geworden ist« sagte der Fischer
    »Mach kein so krummen Kopf Narr er ist ärger geworden weil man ihn ärger
gemacht hat Und das muss man sagen für seine Schwestern hat er sich ritterlich
gewehrt und hat nicht leiden wollen dass man sie wie Stallmägd behandle«
    »Ja und dann hats eben wüste Auftritte gegeben«
    »Ja und dann hat er seine Mutter geprügelt« sagte der Fischer
    »Wenn er ihr doch nur ein Dutzend Rippen eingeschlagen hätte« versetzte der
ältere Müller »Brauchst s ihr aber nicht wieder zu sagen Fischerhanne«
setzte er etwas erschrocken hinzu »oder s ist aus mit der Freundschaft Du
weißt ein Mensch hat allezeit den andern nötig«
    »Wie kam er denn aber zum Stehlen« fragte der Knecht
    »Ich wills dir sagen« fuhr der jüngere Müller fort »Wie er sah dass er
doch immer den kürzern zog weil sein Vater auf s der Stiefmutter war so
wollte er in die Fremde gehen und begehrte einen Zehrpfennig nach Amerika«
    »Nach Amerika« rief der Knecht »Das ist ja ein Weltskerl«
    »Der Alte aber« fuhr der Müller fort »war dazumal schon bhäb geworden und
behielt die Schlüssel zur Geldtruhe fest im Sack auch meinte er der Bub der
erst vierzehn Jahr alt war sei noch zu jung zum Reisen und darin hatte er
gänzlich recht denn der Bub ist nachher richtig auch nicht gar weit gekommen
und nicht gar lang fortgeblieben Der aber meinte was man ihm nicht gutwillig
gebe das könne er ja mit Gewalt nehmen und beerbte seinen Vater vor der Zeit
noch eh ihm der Alte aus der Helle gegangen war«
    »Oder aber« sagte der ältere Müller »er hat als sein eigener Richter seine
Jahr und seine Taschen vollgemacht und eben sein Mütterliches eingesackt«
    »Es ist just wie mans ansieht Übers Geld zu kommen und die Schlösser
aufzumachen war dem Gstudierten wie ihn der da heißt eine Kleinigkeit er
hatte ja dem Alten schon mehrmals den Spaß gemacht Kurz und gut er nahm ihm
vierhundert Gulden brachte sie ihm aber nicht übers Bett«
    »Vierhundertunddreissig« fiel der Fischer ein
    »Meintwegen vierhundertunddreissig wenn das Sündenregister voll sein muss
Du mussts ja wissen denn du bist der erste gewesen Fischerhanne der ihn des
Einbruchs zieh«
    »Hab ich gelogen« fragte der Fischer
    »Ja die Wahrheit hast du gelogen«
    »Dann ist er durchgegangen« fragte der Knecht
    »Ja aber er kam nicht nach Amerika sondern bloß bis Heilbronn Dort ließ
er sich bei den kaiserlichen Husaren anwerben als Freiwilliger Pferd und Montur
bezahlte er flott von seinem eigenen Geld Wenn er nur bei ihnen geblieben wär«
    »Ist erst noch wahr« rief der ältere Müller »Der Kerl hätts zu was
bringen können Der der hätt General werden können«
    »Ist er denn desertiert« fragte der Knecht
    »Nein aber nach zehn Wochen stach ihn der Fürwitz ob man ihn zu Ebersbach
vergessen habe und da kam er mit einem Urlaubspass als Husar angeritten Das war
ein Aufsehen Dem Amtmann trotzte er ein Attestat ab dass er von ehrlichen
Leuten geboren sei Beweisen konnte man ihm nichts wiewohl das Geschrei und der
Verdacht wegen der vierhundert Gulden allgemein war und niemand wagte ihn zu
greifen den kaiserlichen Husaren bis er im Hecht bei der Zeche schwedische
Dukaten auch halbe Gulden blicken ließ Diese verrieten ihn denn sie waren von
seines Vaters Geld Nun gabs Lärm im Ort Der Frieder aber sprang in den
Sattel jagte den Flecken auf und ab mit gezogenem Degen  den Fischerhanne hätt
er schier gar erritten er hieb nur einen Zoll zu kurz so hätt man sehen
können ob du weißes Blut hast oder rotes  und drohte mit sechzehn andern
Husaren mit denen er den Flecken besetzen wolle Die kamen aber nicht Dem
Amtmann ritt er vors Haus klopfte auf den Schenkel höhnte und drohte Von da
gings vor die Sonne wo ers ebenso machte Kurz er trieb allen erdenklichen
Übermut wie ein losgelassener Eber denn natürlich er war betrunken Wie er
nun vollends seine Pistolen losschoss und niemand seines Lebens mehr sicher war
da musste die Bürgerschaft ein Einsehen haben Ich gestehs und es reut mich
jetzt noch nicht ich lud meine Flinte mit Schrot der Zeiger Frank und der
Spanner Eberhard des Chirurgen Bruder taten desgleichen  wer ihn eigentlich
getroffen hat weiß ich nicht Aber er stürzte vom Gaul wie ein Mehlsack Das
Pferd war hin er selbst hatte den linken Fuß voll Schrot und also wars leicht
mit ihm fertig werden«
    »Das ist ja ein Mordkerl« rief der Knecht »Aber hat es Euch und den andern
Schützen keine Ungelegenheit gemacht« fragte er weiter »dass ihr der Obrigkeit
so mir nichts dir nichts ins Handwerk gegriffen habt«
    »Bewahr« lachte der Müller »Obrigkeit und Bürgerschaft waren froh dass sie
die Belagerung überstanden hatten und der Amtmann hat glaub ich dem Vogt
nichts davon berichtet auf was Art der Sturm abgeschlagen worden sei«
    »Und seitdem« fragte der Knecht »sitzt er im Zuchthaus«
    »Ich hab dirs ja gesagt« erwiderte sein Herr »dass er jetzt zum zweitenmal
drin ist«
    »Was Ist er seinem Vater abermals über den Geldkasten gegangen«
    »Nein in dem Fach hat er ein Haar gefunden und hat ihm abgesagt«
    »Man kann ihm nichts Böses nachsagen« versetzte der Fischer »bis auf das
was man nicht weiß In einem Wirtshaus lässt sich manches verschleppen man kann
da nicht so nachrechnen wo die Sachen hinkommen Ich möcht doch auch wissen
aus welchem Beutel er auf dem Tanzboden immer so dick getan hat«
    »Ich glaub er hat dem Herzog hier und da einen Hirsch weggebüchst« sagte
der jüngere Müller
    »Ja ja« rief der Fischer »die Flinte die er als Bub von seinem Vater
kriegte hat ihre Früchte getragen Das ist die zweite gefährliche Kunst die er
schon gelernt hat eh er hinter den Ohren trocken war«
    »Nu wenns weiter nichts ist« sagte der ältere Müller »so wollt ich nur
er tat alles wegbüchsen was mit Geweih und Hauer in Wald und Feld spaziert Das
wär ein Verdienst für das man ihm weiß Gott bei allen Gemeinden im Ländle das
Bürgerrecht geben dürfte«
    »Freilich« stimmte der Knecht ein »Wildern ist keine Sünd nur darfs
nicht herauskommen«
    Und gegen diesen festen Glaubenssatz wagte selbst der hartnäckig grollende
Fischer nichts einzuwenden
    »Was hat ihn denn zum zweitenmal in das Ding da das man nicht gern beim
Namen nennt gebracht« fragte der Knecht weiter
    »Seine Gewalttätigkeit« antwortete der Fischer
    »Eine Prügelei« erwiderte der jüngere Müller gleichmütig
    »Was die Prügelei betrifft da kann ich nicht wider ihn sein« sagte der
ältere »Gib acht Peter das musst dir erzählen lassen das ist ein
Staatsstückle Der Kreuzwirt  den kennst du ja er hat seinen Namen nicht
umsonst denn er ist gar ein frommer Kreuzträger und eine wahre Kreuzspinne
dabei  der hatte von jeher ein scheeles Aug auf den Frieder gehabt«
    »Auf den Alten auch Der verzeihts ihm heut noch nicht dass er ihn beim
Kirchenkonvent angebracht weil er einen Ochsen geschlachtet hatte am Sonntag
Der Sonnenwirt wurde damals um ein Pfund Heller gestraft«
    »Auch den Frieder« fuhr der ältere Müller fort »hat er einmal bei seinem
Vater verschwätzt so dass er Hiebe von ihm kriegte Der Alte hat nachher selber
eingestanden er habe dasmal seinem Sohn unrecht getan«
    »Ja« fiel der jüngere ein »ich habs mit meinen eigenen Ohren gehört und
ich war dabei wie er zum Frieder sagte er solle es nur dem Kreuzwirt bei
Gelegenheit wieder eintränken«
    »Und dies ist auch gekommen« fuhr der ältere fort »Denn so eine
Teufelsgelegenheit bleibt niemals aus Nun was geschieht Auf dem Heimweg vom
Kirchheimer Markt trifft der Frieder mit dem Kreuzwirt zusammen und der fängt
an ihn zu hänseln und zu rätzen denn so gottselig er sich stellt das Necken
und das Kratzen kann er nicht lassen Zuletzt wie er noch nicht genug hatte
kommt er auch auf die Zuchtausstrafe die der Frieder durchgemacht hatte und
sagt zu ihm Du bist ein ganz geschickter Kerl dir kanns nicht fehlen du
verstehst ja zwei Handwerk das Metzgen und das Wollkardätschen wenn dirs in
einem fehlschlägt so kannst du dich auf das andere werfen  Er das sagen und
der Frieder ihn am Kragen nehmen und zu Boden werfen das war eins Der hat
Prügel gekriegt Nun der Fischer weiß ja was der Bub für eine Tatze hat«
    »Es ist ihm recht geschehen« sagte der jüngere Müller »Einen Gefallenen
muss man aufheben undnicht noch tiefer niederdrücken«
    »Pass nur auf Peter jetzt kommt erst der Hauptspass« fuhr der ältere fort
»Wie er ihn genug geprügelt hatte und ausschnaufen musste so sagt er zu ihm er
solle ihm jetzt versprechen dass er dessentwegen nicht klagbar werden wolle Der
Kreuzwirt am Boden versprichts mit Ach und Krach und schwörts ihm hoch und
teuer Der Frieder aber wie er den Schwur hört fällt er abermals mit neuer
Kraft über ihn her Sieh meineidige Kanaille sagt er ich weiß dass du doch
nicht Wort hältst und dafür will ich dich gleich im voraus prügeln«
    »Das ist ja ein Fetzenkerl« rief der Knecht mit ungeheuchelter Bewunderung
aus
    »Der Kreuzwirt klagte auch richtig beim Amt und da kam eben mein Frieder
noch einmal auf ein halb Jahr nach Ludwigsburg«
    »Es heißt von ihm wie vom Esau« sagte der Fischer »Seine Hand war wider
jedermann und jedermanns Hand wider ihn«
    »Hast das fromme Sprüchle vom Kreuzwirt gelernt« spottete der jüngere
Müller »Nein« fuhr er fort »dem haben seine Prügel gebührt und ich bin dem
Frieder nicht feind darum Wenn nur die Schand nicht wär denn Zuchthaus ist
eben einmal Zuchthaus«
    »Meint Ihr Vetter« rief der ältere »Es kommt auch darauf an von wegen
was man ins Zuchthaus kommt Und wenn einer sonst guter Leute Kind ist so kann
man so einen Unschick wieder vergessen Wenn er jetzt unter eine tüchtige Hand
käm und gehobelt würde  in zehn Jahren könnt er der angesehenste Mann sein und
tat kein Hahn mehr danach krähen dass er in seinen jungen Jahren hat das
Wollkardätschen erlernen müssen«
    Ein rascher Hufschlag unterbrach das Gespräch Der jüngere Müller trat ans
Fenster »Was der Sonnenwirt noch stet auf dem Gaul sitzt« bemerkte er »Er muss
einen guten Handel gemacht haben er sitzt so aufrecht und trägt die Nase so
hoch«
    Nun kam die Hausfrau herein mit einem weißen Tuch auf dem Arm Ihr folgte
Magdalene mit dampfenden Schüsseln Ein Tisch in der andern Ecke des Zimmers
wurde gedeckt und das Essen aufgetragen Das Gesinde erschien Knechte und
Mägde Draußen hörte man die befehlende Stimme des Hausherrn Endlich trat er
selber ein untersetzt und etwas beleibt in Gestalt und Angesicht seinem Sohne
ähnlich Aus seinen Gesichtszügen sprach derselbe Trotz derselbe Eigensinn nur
dass dieser Ausdruck bei ihm dem gebietenden Herrn des Hauses mehr das
Bewusstsein der anerkannten Rechtmässigkeit und eben darum auch mehr herrische
Strenge hatte Wenn man jedoch sein Gesicht näher prüfte so fand man dass die
innere Naturkraft nicht so groß war als das Ansehen das er sich geben zu müssen
glaubte Er grüßte die Gäste kurz und setzte sich ohne viel Umstände mit seinen
Hausgenossen zu Tische Für ihn wurde besonders aufgetragen und ein Teller mit
Besteck lag vor ihm während die andern alle die Hausfrau nicht ausgenommen
gemeinsam aus der Schüssel speisten
    Unter dem Geklirr der Löffel flüsterten die Gäste zusammen und manche
bittere Bemerkung manche boshafte Spottrede wurde den Essenden ohne dass sie es
hörten als Tischsegen zugeworfen
    »Der Sonnenwirt meint man müsse es für eine Gnad halten wenn man nur in
seinem Haus noch trinken dürfe« sagte der ältere Müller
    »Wenigstens ein anderer Wirt« erwiderte der jüngere  »wenn er auch noch so
hungrig und durstig ist setzt er sich ein Vaterunser lang zu den Leuten hin
und wenn er auch weiter nichts sagt als Auch hiesig und Tuts so beieinander
und Wohl bekomms so sieht man doch dass er Lebensart hat und dann kann er ja
wieder aufstehn und seinem Geschäft nachgehen Aber der Ja wenn wir Pfarrer
wären oder Schreiber so würd er sich eine Ehr draus machen Aber wir sind eben
nicht weit her wir sind ja bloß seine Mitbürger«
    »Seht nur die Alte Vetter« sagte der ältere und stieß ihn an »Seht wie
sie ihren Leuten auf die Mäuler guckt wie sie ihnen die Bissen zählt wie sie
dem Löffel der aus der Schüssel kommt mit den Augen nachfolgt Was sie für ein
Gesicht macht wenn sie meint es hab eins zu vollgeladen oder komm zu oft
angefahren«
    »Halt jetzt ist die Sippschaft erst vollständig jetzt kommt der Freier«
unterbrach ihn der jüngere verstohlen mit dem Finger auf einen Mann mit
spitzem knochigem Gesichte deutend der mit einem hellgrünen Leibrock angetan
ins Zimmer trat und sich nach einer stattlichen Begrüßung an einen Tisch
zunächst dem Speisetisch setzte
    »Schau schau Der grüne Chirurg« erwiderte der andere »Der macht
Kratzfüss Was die Alte ihr Spinnengesicht umwandelt als ob sie Honig und
Marzipan gefressen hätt Sogar der Sonnenwirt nickt ihm freundlich zu die Sache
muss richtig sein Aufgepasst Vetter Seht Ihr wie ihm die Alte ein Tellerlein
füllt und zwar von des Sonnenwirts eigenem Essen Ja ja mit Speck fängt man
Mäuse Was er Komplimente macht Er wills nicht annehmen aber die Essensstunde
hat er sich wohl gemerkt der Schmarotzer«
    »Er will eben von der Gelegenheit profitieren solang sie da ist Er weiß
wohl dass nicht alle Tag Kirchweih ist Wenn er einmal ernstlich angebissen hat
so wird man ihm das Gastütlein schon herunterziehen und dann kann er die
Finger danach lecken«
    »Ihr könnt die Leute recht heruntermachen« sagte der Fischer »Bhüt Gott
beieinander ich will nur heimgehen sonst werd ich noch angesteckt«
    »Gut Nacht Fischerhanne und halt reinen Mund«
    »Wes Brot ich ess des Lied ich sing« versetzte der Fischer etwas
zweideutig und wandte sich mit einem »Gsegn Gott« das er dem Speisetische
zurief nach der Türe
    In diesem Augenblick ging die Türe auf und herein trat der Sohn des Hauses
Aus seinem von der Wanderung geröteten Gesichte leuchtete das verklärende Gefühl
einer guten Tat einer Tat welche dem Himmel die erste Genugtuung für bisher
begangene Fehltritte darbieten sollte Dieser Ausdruck gab seinem Gesicht eine
auffallende Ähnlichkeit mit den Zügen seiner Schwester Da stieß er unter der
Türe auf den Fischer der ihm wie ein böses Vorzeichen entgegentrat und sein
Gesicht verfinsterte sich Einen Augenblick maß er ihn schweigend mit den Augen
»Du auch da Giftmichel« sagte er indem er an ihm vorüberging Der Fischer
fletschte die Zähne gegen ihn und machte sich hinaus
    Friedrich blieb ein wenig stehen um sich zu sammeln dann näherte er sich
dem Tische und trat zu seinem Vater der bereits durch einen Wink der Frau auf
ihn aufmerksam gemacht worden war und ihm schweigend entgegensah
    »Grüß Gott Vater« redete er ihn an »Da bin ich wieder und versprech Euch
dass es mit Gottes Hilfe nun anders werden soll denn ich bin nun kein Kind mehr
und wenn ich Euch bisher oft durch meinen Unverstand betrübt habe so hab ich
mir jetzt vorgenommen Euch hinfüro ein treuer gehorsamer Sohn zu sein«
    »Mach nicht so viel Redensarten« sagte der Alte »Wenn dirs Ernst ist so
tus ohne davon zu reden aber versprich nichts was du nicht halten kannst
Setz dich und iss«
    »Ja Vater aber ich hab zuvor eine grossmächtige Bitte« fuhr Friedrich
fort ohne sich durch den Empfang irremachen zu lassen »Ich möcht eine Seele
vom Verderben retten und das kann ich nicht wenn Ihr mir nicht dazu helft«
    Der Alte erhob sein Gesicht Die Stiefmutter sah ihn mit gespannter Neugier
und finsterer Miene an Er hatte sie noch nicht gegrüßt er hatte nur für seinen
Vater Augen gehabt
    »Ihr meint gewiss Vater« sprach er weiter »da wo ich herkomme hab ich
nur lauter schlechtes Zeug gelernt Aber so ists nicht vielmehr bin ich in
gute Hände geraten und hab Christentum gelernt Ich hab gelernt dass jeder gute
Christ und redliche Mensch seinen verachteten Mitbrüdern aufhelfen müsse Weil
das aber nicht einer für alle tun kann so mein ich es sei genug wenn ein
Mensch oder eine Familie sich eines einzigen annimmt«
    »Wo will denn das hinaus« fragte der Alte barsch
    »Vater ich hab Euch einen Menschen mitgebracht der keine Heimat hat eine
vater und mutterlose Waise denn das ist er und wenn auch seine Eltern noch
leben Und ich bitt Euch so lieb Euch Euer Sohn sein mag der Euch freilich
schon Kummer und Verdruss gemacht hat  so lieb es Euch sein mag dass der
ungeratene Sohn noch was Ordentliches in der Welt werde so hoch bitt ich Euch
Vater lasst den Menschen den ich mitbringe als Euren Knecht in Eurem Hause
sein«
    »Wo ist er denn« fragte der Alte ungeduldig
    »Er wartet hinterm Haus am Garten«
    Die Stiefmutter gab dem Chirurgus einen Wink und er schlich sich unbemerkt
hinaus
    »Wer ist er denn« fragte der Alte weiter
    Friedrich schwieg eine Zeitlang in sichtlicher Verlegenheit die siegesfrohe
Zuversicht die er bei seinem Eintreten gezeigt hatte war allmählich von ihm
gewichen »Vater« hob er endlich an »Ihr werdet in Eurem Herzen nicht sogleich
die Stimme finden die für ihn spricht Man hat gegen diese Leute manches
einzuwenden und das ist auch kein Wunder denn man behandelt sie auch danach«
    »Machs kurz und gut« rief der Alte und schlug auf den Tisch »Was ist das
vor eine Manier Wenns was Rechtes ist so sags frei heraus und ists was
Dummes so halt das Maul Was brauchst du mir durch die Ränkeleien da das Essen
zu verderben«
    Indessen war der Chirurg wieder eingetreten »Es ist ein Zigeuner« sagte er
langsam und nachdrücklich indem er zu dem Tisch trat
    »Ein Zigeuner« rief die Stiefmutter und schlug ein gellendes Gelächter auf
Die beiden Müller und der Knecht welche aufmerksam zugehört hatten lachten aus
vollem Halse mit Auch das Gesinde am Tische stimmte in das Gelächter ein doch
nur allmählich und schüchtern da der Sonnenwirt nicht mitlachte sondern die
Stirne in dräuende Falten gelegt hatte Magdalene war mit einem wehmütigen Blick
auf den Bruder hinausgegangen
    »Ich weiß wohl Vater dass es eine Zumutung ist« fuhr Friedrich
unerschrocken fort »Aber solls denn der arme Teufel büßen dass seine Eltern
Zigeuner gewesen sind«
    Der Chirurgus unterbrach ihn »Das hängt vielleicht« sagte er mit etwas
näselnder Stimme »das hängt vielleicht mit der Prädestination zusammen die der
Herr Pfarrer predigt«
    »Ich red mit meinem Vater und nicht mit Ihm« warf Friedrich stolz von der
Seite dem Chirurgus zu »Wie kann man denn verlangen dass diese Leute ehrlich
werden sollen wenn man nicht endlich einen Anfang mit ihnen macht Und wie kann
man denn anders anfangen als mit dem christlichen Zutrauen das man in einem
christlichen Hause einem von diesen armen Leuten schenkt Wenn man dann in einem
Haus angefangen hat so machens die andern nach und eben darum sprech ich zu
Euch Vater weil Ihr ein angesehener Mann seid und ein Beispiel geben könnt«
    Die Stiefmutter hatte inzwischen Blick und Winke mit dem Chirurgus
ausgetauscht »Wie sieht er denn aus« fragte sie jetzt mit dem Tone der
Neugier
    »Er schielt auf einem Aug und sieht aus wie ein leibhaftiger Galgenvogel«
antwortete der Chirurgus
    »Was will denn Er« fuhr Friedrich erzürnt herum »Wenn man Ihn auf ein
Erbsenfeld setzen tät so könnt man vor den Spatzen sicher sein«
    Der alte Sonnenwirt fuhr auf und versetzte seinem Sohne eine derbe Ohrfeige
»Ich will dir unartig gegen meine Gäste sein Man muss dir die Äste abhauen wenn
du zu krattelig wirst Halts Maul jetzt und pack dich Ich will dich heut nicht
mehr vor Augen haben Das käm mir geschlichen einen Zigeuner ins Haus zu
nehmen Das wär eine Gesellschaft für dich«
    Friedrich sah seinen Vater an Einen Augenblick hatte seine Hand gezuckt
dann aber wandte er sich ruhig nach der Tür »Ich glaub ich wollt ich wär
wieder im Zuchthaus« sagte er während er hinausging
    Die beiden Müller zahlten ihre Zeche und standen auf Der Sonnenwirt der
sich ebenfalls erhoben hatte wünschte ihnen freundlicher als zuvor gute
Nacht »Der Bursch ist doch ziemlich mürb geworden« sagte er zu dem älteren
»er hat nicht gegen die Ohrfeige rebelliert und es hat den Anschein als ob er
jetzt das vierte Gebot in Ehren halten wollte«
    Der Müller geschmeichelt durch diese vertrauliche Anrede blieb etwas
zurück während der jüngere nebst dem Knecht die Wirtsstube verließ »Ja« sagte
er zum Sonnenwirt »der Frieder ist nicht so unrecht man wirds noch erleben
Was die Zigeunergedanken werden ihm schon vergehen Um den ist mirs gar nicht
angst Man muss ihn eben jetzt noch ein wenig kurz aufzäumen dann wird er schon
gut tun Und das bissle Ungelegenheit das er in seiner unverständigen Jugend
gehabt hat wird ihm unter vernünftigen und christlich denkenden Leuten ins
künftige nicht aufgerechnet werden Er ist ja guter Leute Kind Ja ja Herr
Sonnenwirt der kann sich einmal seine Frau holen wo er will Wofern aber
jemals eins so töricht sein wollt und wollt ein Haar in der Partie finden so
will ich nur so grob sein und wills frei heraussagen Herr Sonnenwirt für mein
Gretle wär er mir immerhin gut genug Jetzt habt Ihr gehört wo Ihr anklopfen
könnt wenn Ihr keine bessere Schmiede wisst«
    In dem Gesicht des Alten das erst ganz wohlgefällig ausgesehen hatte zog
allmählich der Ausdruck unendlichen Spottes auf Er sah den Müller mit halb
zugekniffenen Augen an so dass dieser in Verlegenheit geriet und die Hände aus
den Wamstaschen wo sie während seiner Rede gesteckt hatten hervorholte »So
meint Ihr« erwiderte er trocken und stieß dann ein hochmütiges Gelächter aus
    »Nichts hab ich gemeint« rief der Müller wütend »Ihr könnt meinethalben
Euren Galgenstrick verknöpfeln und verbandeln wo Ihr wollt« Er ging und schlug
die Türe hinter sich zu dass das Haus davon erdröhnte
    Indessen war Friedrich zu dem Zigeuner hinabgegangen der verabredetermassen
seines Bescheides harrend an dem Gartenzaune lehnte Er reichte ihm ein
Fläschchen ein Brot eine Wurst und ein Stückchen Geld Das letztere hatte er
sich unterwegs von seiner Schwester geben lassen bei den Lebensmitteln mochte
ihm in etwas uneigentlicher Form die Lehre des Waisenpfarrers vorgeschwebt
haben »Da nimm iss und trink« sagte er mit einer sonderbaren Hast und
Heftigkeit »und dann mach dass du zum Teufel kommst«
    Der Zigeuner griff gleichmütig zu dann heftete er sein scheeles Auge auf
den Wohltäter »Was und mit dem Dienste ists nichts« sagte er
    »Schweig still und mach mich nicht scheu Ich bin so schon wild genug Trink
deinen Kirschengeist Sieh ich hab dir Wort gehalten soviel an mir gewesen
ist«
    Der Zigeuner schnitt eine höhnische Fratze »Blitz und Mord« rief er »so
wohlfeile Versprechen kann mir ein jeder tun und mich ein paar Stunden umführen
Ich seh schon wies steht Das Christentum hat scheints auf einmal ein Loch
gekriegt und nach dem einen feurigen Backen zu schließen gar noch einen Plätz
auf das Loch«
    Friedrich stieß einen Schrei aus wie nur der tollste Jähzorn ihn eingeben
kann warf sich über den Zigeuner her und ließ ihn seine Faust aus Leibeskräften
fühlen Der Zigeuner war bloß darauf bedacht sein Fläschchen vor Schaden zu
hüten übrigens wehrte er sich nicht gegen die Schläge die er in reichlichem
Masse bekam sondern brach statt dessen in ein schallendes Gelächter aus
    Bei diesem Lachen hielt Friedrich betroffen inne »Hund was lachst« fragte
er zornig
    Der Zigeuner schüttelte sich »Herzensbruder« sagte er »ich muss lachen
dass dich das Mitleid und der Jammer zum Prügeln treibt So was ist mir noch nie
vorgekommen«
    Er leerte das Fläschchen auf einen Zug schleuderte es mit einem »Juhu« hoch
empor und während es klirrend zu Friedrichs Füßen niederfiel schallte das
Jodeln des Zigeuners schon aus einiger Ferne herüber Verblüfft starrte ihm
Friedrich nach
 
                                       3
Es war inzwischen dunkel geworden Friedrich wollte eben ins Haus zurückkehren
als er eine Gestalt herausschlüpfen sah in der er seine Schwester Magdalene
erkannte Sie ging in das Gärtchen und er hörte sie dort am Brunnen Wasser
pumpen denn es ist eine unlöbliche Gewohnheit der Leute das Wasser das sie
morgens frisch haben könnten abends zu holen und über Nacht stehenzulassen
Bald aber hielt sie in dieser Verrichtung inne und fing leise zu weinen an Er
wollte zu ihr treten da kam jemand aus dem Hause nachgegangen horchte eine
Weile umher fuhr ohne ihn zu bemerken ins Gärtchen hinein und die gellende
Stimme der Stiefmutter rief »Wo bleibst du denn lahmes Mensch Was dröhnsest
da so lang«
    Magdalene antwortete mit stockender und gedrückter Stimme
    »Was Ich will nicht hoffen dass du heulst« fuhr die Stiefmutter sie an
    Das Mädchen schwieg
    »Was hast du denn« fragte die Alte hart und lieblos weiter Als das Mädchen
abermals keine Antwort gab rief sie »Das muss was Besonders sein Der Herr
suche mich nicht so schwer heim und lasse michs nicht erleben dass du dich am
End gar vergangen haben wirst«
    »Oh Mutter« rief Magdalene die hier plötzlich ihre Stimme fand »wie
könnt Ihr mich so verschänden Ihr solltet Euch der Sünde fürchten so etwas so
laut vor der Nachbarschaft zu sagen da Ihr doch wisst wie ungerecht Euer Gerede
ist Ihr müssts ja selber am besten wissen dass ich Euch niemals aus den Augen
gekommen bin«
    »Nun nun ich will ja weiter nichts gesagt haben als dass das Heulen und
Aunxen überflüssig ist wenn man ein gut Gewissen hat«
    »Mein Gewissen ist gut« erwiderte Magdalene unmutig »Wenn nur auch alles
andere so gut wäre«
    »Ei was es steht alles gut Mach jetzt nur dass du ins Bett kommst Du musst
morgen mit hellen Augen und roten Backen aufstehen weißt wohl warum«
    »Oh Mutter seid barmherzig und bringt den Vater auf andere Gedanken Auf
meinen Knien wollt ich Euch anflehen wenn ich wüsste dass es bei Euchanschlüge«
    »Still mit den Narreteien da«
    »Mutter ich hab einen Abscheu vorm Heiraten Ichwill Euch bei den höchsten
drei Namen schwören ledig zu bleiben mein Leben lang«
    »Damit wär mir gedient« rief die Stiefmutter mitöhnischem Lachen »Was ein
rechts Mädle ist dashat eine wahre Begier aufs Heiraten und kann nichtbald
genug eine eigene Haushaltung überkommenwollen um darin tätig und fleißig zu
sein nacheigenem Sinn Ein rechts Mädle sucht seinen Elternvom Hals zu kommen
sobald es kann und willnicht als eine unnütze Brotesserin zu Haus auf derfaulen
Haut liegen«
    »Lieg ich auf der faulen Haut« entgegnete Magdalene vorwurfsvoll »Werd ich
nicht gepudelt vom frühen Morgen bis in die späte Nacht Hab ich dasbissle Essen
nicht so gut verdient wie wenn ich Eure Magd wär«
    »Nun so sei froh dass du jetzt bessere Tage kriegst«
    »Ich will keine bessere Tage ich bin ja zufrieden Ich will noch härter
arbeiten will Euer Kehrbesen sein und Eure Ofengabel will schlumpen und
pumpen nur lasst mich bleiben wie ich bin«
    »Das wär ein Kunststück Bin ich eine Hex Kann ich dich halten dass du
bleibst heut wie gestern und morgen wie heut Kann ichs verhindern dass du
eine alte Jungfer wirst«
    »Eine alte Jungfer kann auch in Himmel kommen«
    »Ja aber durchs Nebentürle Und jetzt hör auf mit dem Geschwätz Es ist
eine Ehr für dich dass dich der Chirurgus nehmen will so ein Herr Wart wenn
du an seinem Arm daher stratzen kannst das wird eine Hoffärtigkeit sein Du
verdiensts gar nicht dass es so hoch hinaus soll mit dir«
    »Freilich verdien ichs nicht Er soll eine andere nehmen meinetwegen die
verwitwete Herzogin die tät vielleicht besser für ihn passen«
    »Was hast du gegen den Chirurgus« rief die Sonnenwirtin zornig »Was kannst
du wider ihn sagen«
    »O Mutter« begann das Mädchen nach einer Weile mit bebender Stimme »denkt
an Eure eigene Jugend zurück  er ist so alt  und so «
    »Du wüste Strunz du« rief die Sonnenwirtin »So da liegt der Has im
Pfeffer Der Ehstand ist eine christliche Anstalt dem Herrn zum Preis und
nicht für Üppigkeit und Fleischeslust Wenn du so liederliche Gedanken hast so
bet dass sie dir vergehen oder behalt sie wenigstens bei dir und schäm dich
Wenn die Leut wüssten dass du so fleischlich denkst sie täten mit Fingern auf
dich zeigen«
    Magdalene schluchzte »O Mutter Mutter«
    »Ja Mutter« spottete jene »Ich weiß wohl was Jesus Sirach einer Mutter
einschärft im Sechsundzwanzigsten Ist deine Tochter nicht schamhaftig so halte
sie hart auf dass sie nicht ihren Mutwillen treibe wenn sie so frei ist Wie
ein Fußgänger der durstig ist lechzet sie und trinket das nächste Wasser das
sie krieget und setzt sich wo sie einen Stock findet und nimmt an was ihr
werden kann«
    »Passt das auf mich Ich will ja lieber gar keinen« rief Magdalene laut
weinend
    Ohne sich irremachen zu lassen fuhr die Sonnenwirtin fort »Ich bin auch
jung gewesen aber in der Furcht Gottes und so freches Zeug ist mir nicht im
Schlaf eingefallen geschweige dass es mir über die Lippen gekommen wäre Dein
Vater wie ich ihn genommen hab ist auch kein heurigs Häsle mehr gewesen Im
Gegenteil dein Bräutigam ist dir noch näher im Alter Wo ist der Mensch dems
in der Welt nach seinem Kopf geht Ein Christ muss sich in das schicken was
unser Herrgott über ihn verhängt Jetzt heul soviel du willst heut
meintalben die ganze Nacht da unten Aber morgen hats ein Ende mit dem
Heulen oder wenns dich zu sauer ankommt so wird dir dein Vater schon ein
freundliches Gesicht herausbringen helfen du weißt er hat Mittel und Wege
Jetzt gut Nacht Jungfer Braut«
    Die Alte schoss aus dem Gärtchen in das Haus zurück wie ein unheimlicher
Nachtvogel Friedrich eilte sich zu seiner Schwester zu gesellen denn dachte
er die kanns brauchen Sie wär in der Dunkelheit leicht zu finden er durfte
nur dem Schluchzen nachgehen das ihren jungfräulichen Busen zu zersprengen
drohte Stillschweigend fasste er ihre Hand
    Sie hatte ihn nicht kommen hören erschrocken und zornig riss sie die Hand
weg und rief »Wer ist da«
    »Gut Freund Schwesterle Hat der gelbe Drach wieder Gift gespien Was ist
denn das für ein Bräutigam dem du die alten Knochen wärmen sollst«
    »Ach Gott der Chirurg«
    »Was der Zaunstecken«  Und nun folgte eine Flut von Scheltwörtern die
immer drolliger wurden so dass das arme Mädchen zuletzt selbst darüber lachen
musste Plötzlich aber fiel sie in das vorige Weinen und Schluchzen zurück und
warf die Arme um den Hals des lustigen Trösters »O lieber Bruder« rief sie 
sie mochte nicht Frieder sagen wie die andern und Friedrich klang ihr zu
vornehm zu gewagt  »lieber Bruder ich wollt ich wär bei unserer Mutter
Sieh ich bin dir die ärmste Kreatur auf der ganzen Gotteswelt Morgen soll der
Verspruch sein und das ist mein Tod Ich kann ihn nicht ansehen er ist mir zu
arg zuwider«
    »Soll ich ihn zerbrechen« fragte er grimmig durch die Zähne
    »Um Gotteswillen fang keine Händel an Du würdest mich nur aus dem Regen in
die Traufe bringen« Sie schwieg eine Weile und fuhr dann verzagend fort »Es
gibt nur ein einziges Mittel um aus dem Jammer hinauszukommen«
    »Vermutlich Was denkst du«
    »Ich spring in die Fils und das noch heut nacht«
    Friedrich lachte überlaut »Du arms Närrle Das müsstest du künstlich
angreifen bei dem niederen Wasserstand Nein das ist nicht der Weg Ich weiß
einen andern  und der wär ganz sicher sobald man sich fest darauf verlassen
könnte«
    »Du bist ein leidiger Tröster«
    »Ja sieh Kind es steht ganz bei dir und du hasts in der Hand ob das
Mittel zuverlässig sein soll oder nicht Kannst du dich auf dich selbst
verlassen«
    Er sprach diese letzten Worte mit besonderer Stärke und es lag dabei etwas
Geheimnisvolles in seiner Stimme so dass seine Schwester ihn verwundert ansah
»Ich weiß nicht wo du hinaus willst« sagte sie
    »Der Mensch kann alles was er will« hob er an »Heißt das ich hab mich
nicht ganz richtig ausgedrückt Der Mensch kann nicht alles was er will denn
ich mag wollen so viel ich will so kann ich zB nicht Tag aus Nacht machen«
Er schwieg eine Weile um seine Gedanken auf der ungewohnten Spur zu sammeln
    »Ja das kann ich auch nicht« sagte Magdalene dazwischen mit einem Tone
welcher deutlich verriet dass ihr das eine brotlose Weisheit dünke
    »Wart nur ich bin noch nicht auf dem rechten Trumm Ich hätt eigentlich
sagen sollen der Mensch kann alles was er nicht will«
    »Jetzt hör auf« rief Magdalene unwillig »Du bist dem Narren übers Säckle
kommen Wenn du mir keinen bessern Rat weißt als solches Kauderwelsch so muss
ich ungetröstet ins Bett gehen«
    »Ich schwitz wie ein Magister« sagte er »Ich möcht dir das Ding recht
glatt eingeben und brings nicht richtig heraus Aber halt jetzt gehts So
hätt ich sagen sollen was der Mensch nicht haben will das kann er sich vom
Leib halten«
    »Da halt uns den Regen vom Leib weil du so ein überstudierter Kopf bist«
sagte Magdalene spottend
    Es fing nämlich soeben zu tröpfeln an
    »Gegen den Regen sind Schirme gewachsen oder auch zum Beispiel die Laube
dort Komm wollen uns drin bergen denn es macht nicht bloß nass herunter
sondern auch recht kühl und ich bin noch lang nicht fertig«
    Die beiden Geschwister gingen miteinander nach der Laube Sie wär noch
sommerlich genug überrankt um vor dem Regen zu schützen der jetzt in größeren
Tropfen auf die Blätter niederschlug
    »Den Regen kann man sich allerdings vom Leib halten wenn man irgendwo
unterzustehen vermag« fuhr Friedrich fort »Aber ich seh jetzt doch dass mein
Gleichnis nicht auf alles passt Denn wenn mich zum Beispiel ein Blitz trifft
so kann ich ihn nicht «
    »Behüt uns Gott« unterbrach ihn seine Schwester »Unberufen unberufen
unberufen«  Nachdem sie sich beeilt hatte diese Zauberformel gegen böse
Einflüsse und Vorbedeutungen dreimal auszusprechen machte sie ihm lebhafte
Vorwürfe wegen seiner sündlichen Rede
    »Das ist nur so figürlich gesagt« erwiderte er »Ich hab dir bloß zeigen
wollen dass es Dinge in der Welt gibt die man sich nicht vom Leib halten kann
wo man konträr wollen muss man mag wollen oder nicht Jetzt kann ich dir aber
auch um so besser beweisen dass es dafür andere Dinge gibt die man sich vom
Leib halten kann wenn man nur recht tüchtig will Zum Beispiel den Chirurgen «
    »Gott Lob und Dank endlich kommst du doch auf den rechten Text Aber sag
nur einmal wie«
    »Du nimmst ihn eben nicht«
    »Aber wenn der Vater sagt du musst«
    »Dann sagst du ich will nicht«
    »Kann ich mir dann auch die Streich vom Leib halten«
    »Ja sieh liebs Kind das ists eben darauf hab ich von Anfang an hinaus
gezielt und jetzt ist der Text vollständig Vogel friss oder stirb das ist der
Text Wenn aber das Vögele nicht fressen will und es will eben um keinen Preis
nicht so muss es zwar sterben aber die Sach ist doch nach seinem Schnabel
gegangen Das Leben ist der höchste Preis den ein Vogel oder ein Mensch
einsetzen kann und mehr als das Leben kann man einem auch nicht nehmen Wenn
einer nun seinen Sinn fest darauf richtet dass er denkt die und die Nuss will
ich nicht beißen so muss ihm zum allerersten das Leben wohlfeiler sein als der
Schnabel Dann wirds aber auch ganz gewiss nach seinem Schnabel gehen und wird
oft nicht einmal das Leben kosten So sagst du jetzt du mögest den Dürren
nicht«
    »Für mein Leben nicht« rief das Mädchen leidenschaftlich
    »Just wie ich sagen wollte Du bekennst also selber dass dir dein Leben
nicht so lieb ist als es dir lieb wär des dürren Stecken ohne zu sein und
vorhin hast du ja gesagt du wolltest lieber in die Fils springen Damit
pressierts übrigens gerade nicht so sehr nur muss es dein völliger Ernst sein
und zwar so dass du dich lieber totschlagen ließest Sieh dein Leben wird dir
doch lieber sein als eine trockene Haut oder ein heiler Rücken Was ein heiler
Rücken wert ist das weiß ich aus Erfahrung und ich kenn auch des Vaters
schwere Hand«
    »Ja ich auch«
    »Du wirst sie aber doch nicht so fürchten wie den Tod«
    »Nein das gerade nicht«
    »Nun sieh jetzt kannst du an dir selbst die Probe machen obs ein Ernst
ist oder eine bloße Redensart mit dem was du gesagt hast Die Menschen brauchen
viel leere Redensarten Da sagt einer Das und das lass ich mir ums Leben nicht
gefallen Und nachher wenns drauf und dran kommt lässt er sichs gefallen um
des Esaus Linsengericht oder auch noch um weniger oder weil er einen Buckel
voll Schläg fürchtet Nimm dir einmal die Sach genau in Augenschein Was kann
dir der Vater tun Umbringen wird er dich nicht du bist ja sein eigen Fleisch
und Blut Aber puffen wir er dich dessen kannst du gewiss sein und mach dir nur
keinen blauen Dunst darüber«
    Magdalene seufzte
    »Auch sonst wirds dir übel gehen du wirst ein wahres Hundeleben haben
mehr noch als bisher So leid mirs tut dir das für gewiss zu sagen so müsst ich
ja doch ein schlechter Ratgeber sein wenn ichs verschweigen wollte«
    Magdalene seufzte abermals
    »Ich glaubs gern« fuhr er fort »dass es dir schwer eingeht aber dennoch
musst dus recht genau ins Aug fassen Übrigens kannst du dir dabei voraus
denken wie du bei jedem scheelen Blick bei jedem Streich an jedem Hungertag
sagen wirst ist mir doch lieber als wenn ich bei dem Zaunstecken sein müsste
den ich nicht mag Und dann wie lang wirds dauern Nur so lang als sie
meinen dass sie dich zwingen können Wenn deine Geduld größer ist als ihre
Bosheit so wird ihre Bosheit zunichte Der schlanke Freiersmann macht am Ende
den Kuhhirten von Ulm oder es findt sich unterdessen eine andere Gelegenheit
die dem Vater in die Augen sticht so dass er ihm selber den Laufpass gibt Zeit
gewonnen ist alles gewonnen Mit dem Teil Ungemach das du dir nicht vom Leib
halten kannst kaufst du dein junges Leben los von größerem Ungemach und
behältst es unverschandiert so dass dir der grüne Schleicher sein Lebtag nicht
ins Bett kommen kann Ich sag dir Magdalene was ich da gesprochen habe  es
ist zwar gar nichts Neues und viele reden desgleichen aber sie wissen nicht
was sie sagen denn es ist ein Geheimnis Wers aber recht versteht der kann
Wunder damit tun und Wunder sind auch schon damit getan worden Mit drei
einfältigen Wörtlein Ich tus nicht und ich tus eben nicht Damit kann ein
rechter Kerl  Mannskerl oder Weibskerl gilt gleich viel  einen Güterwagen
sperren und wenn sechs Dutzend Mecklenburger vorgespannt wären Jetzt wirst du
verstehen warum ich gesagt hab Das Mittel ist sicher wenn man sich darauf
verlassen kann Frag dich nun selber ob es sicher ist«
    Die Schwester trat fest und aufrecht vor den Bruder hin »Und ich tus eben
nicht« rief sie seinen Ton nachahmend indem sie dabei auf den Boden stampfte
    »So gefällst du mir« sagte er lachend »Komm setz dich wieder Sei nur
standhaft und lass dir sonst weiter keine graue Haar wachsen Ich bin ja um den
Weg Wenn sie dir den Futterkasten gar zu arg versperren so will ich dein Rabe
sein und wenn des Alten Hand zu schwer wird über dir so will ich dazwischen
springen und die schwersten Streiche auffangen Du weißt ja er ist leicht
abzuleiten wenn er Hist töbert so braucht man ihm nur mit einem ungäben Wort
zu kommen dann lässt er Hist fahren und tobt Hott Lass mich nur machen ich will
dir den Regen mit dem Dachtrauf vom Leib halten ich hab ja ein dickes Fell«
    Magdalene wurde vollends ganz zuversichtlich während sie dieses Schutz und
Trutzbündnis verabredeten »Verlass dich nur auf mich« sagte sie »ich will zäh
sein wie eine Katze«
    »Recht so« erwiderte Friedrich »Was will das bissle Ungemach heißen wenn
die Alte sich dafür das Gallenfieber an den Hals ärgert Es ist doch ein wüsts
Weibsbild und was sie für abscheuliche Reden führt«
    »Ach ich hab mich so geschämt« sagte Magdalene indem sie wieder zu weinen
begann und den Kopf auf ihres Bruders Schulter legte »Sie hat mir das Herz im
Leib herumgedreht mit ihren bösen Worten Ich will ja dem Mann sonst nichts
Schlimmes nachgesagt haben aber warum soll er mir denn mits Teufels Gewalt
gefallen Es ist ja doch wahr dass er alt ist und hässlich und soll ich denn das
nicht sagen dürfen«
    »Freilich darfst dus sagen und ein rechts Mädle darf wohl ein Aug auf ein
Mannsbild haben und lugen ob was Wohlgefälliges an ihm ist oder nicht Die
Heuchlerin die Glaub mir nur wenn eine so verdammlich und augenverdreherisch
redet und so den Willen Gottes vom Zaun bricht die ist gewiss ein fauler Apfel«
    »Ach geh du wirfst das Beil auch gleich zu weit hinaus Nachsagen kann man
ihr nichts und sie hat dem Vater immer genau Haus gehalten nur gar zu genau«
    »Meinetwegen aber was sie da von ihrer Jugend schwätzt das ist die lautere
pure Heuchelei und eh ichs ihr glaube eher glaub ich dass sie ein Hufeisen
verloren hat Für was braucht sie bei dir gleich auf so schandliche Gedanken zu
kommen Es sucht keiner den andern hinterm Ofen er sei denn selber dahinter
gesteckt Bleib du bei deiner Art und schäm dich nicht Der lieb Gott hat nichts
dawider wenn dir ein frischgrüner Apfelbaum besser gefällt als eine dürre
Pappel Was Dummheit Gleich und gleich gesellt sich gern«
    »Ja du scheinst mir auch ein feiner Hecht zu sein«
    »Mit den Alten werd ichs niemals halten soviel ist gewiss Jetzt möcht ich
nur mein Schwesterle recht anständig versorgt sehen Wart einmal wir haben ja
die Auswahl unter den jungen Burschen wollen geschwind Musterung halten«
    »Ach schwätz nicht so überzwerch heraus«
    »Mit welchem soll ich denn gleich anfangen Ja da ist zum Exempel heut
abend der untere Müller dagewesen der Georg«
    Er bemerkte ein leichtes Zucken an seiner Schwester und drehte ihr Gesicht
zu sich herum »Was« rief er »hab ich gleich auf den rechten Busch geklopft
Es ist nur schad dass ich in der Dunkelheit nicht sehen kann wie du dazu
aussiehst«
    »Lass mich zufrieden« sagte sie »Ich hab was Nötigeres zu tun jetzt als
nach den jungen Burschen auszuschauen Behalt deinen Spott bei dir«
    »Wenn dirs Ernst mit ihm ist morgiges Tages bring ich ihn herbei und wenn
ich den Kälberstrick dazu nehmen müsste Ich bin ihm ohnehin noch eine Rache
schuldig Er hat mich einmal helfen liefern und wiewohl ich ihm das nach
Gestalt der Sachen nicht sonderlich nachtrage so wär mirs doch zweimal recht
ihn zur gnädigen Straf an eine lebenslange Kette zu legen«
    »Still still« rief sie und hielt ihm übrigens erst nachdem er
ausgesprochen hatte die Hand auf den Mund »Komm es ist schon so spät wir
müssen ins Bett Der Vater könnt lärmen«
    Sie gingen leise in das Haus zurück und sagten einander gute Nacht
Friedrich aber wartete bis seine Schwester in ihre Kammer hinaufgehuscht wär
und sagte »Ich muss doch probieren ob man heut noch Wind und Wetter beobachten
kann« Er schlich über den Öhrn klinkte unhörbar die Türe zum Wirtszimmer auf
wo ein Knecht in der Ecke schnarchte durchmass das Zimmer mit großen Schritten
aber so lautlos dass ihm kaum der Sand unter den Füßen knisterte ging durch ein
zweites kleineres und legte das Ohr an die Türe die ins Schlafgemach seiner
Eltern führte Er hatte sich nicht getäuscht sie waren noch in einer
Gardinenunterredung begriffen
    »Auch wider den unteren Müller hätt ich eigentlich nichts einzuwenden« hörte
er seinen Vater sagen
    »Wie kommst du denn auf den« fragte die Sonnenwirtin dagegen
    »Mir deuchts seit einem Vierteljahr oder so etwas her dass er ein Aug auf
das Mädle hat Er hat mir schon so eine Art Wink gegeben freilich nicht mit dem
Holzschlegel denn er hat gar einen besonderen Stolz Aber er ist ordentlich
bringt sein Sächle vorwärts und tät auch sonst besser für ein jungs Mädle passen
als so ein alter Krachwedel«
    »Ei Alterle wie tust du doch so jung« erwiderte die Sonnenwirtin
»Übrigens hab ich ebenmässig nichts wider den Müller und dem könntest du
außerdem einen großen Gefallen erweisen Ich hör er will bauen und da werden
ihm ein paar tausend Gulden eine Frau erst recht wert machen«
    »Das geht nicht« brummte er dagegen »Von der Sonne kann ich nichts
weggeben Die ist und bleibt der Grundstock in der Familie die darf nicht einen
Strahl von ihrem Glanz einbüßen«
    »Dann wird er wenig Lust haben« sagte sie »Zum Bauen hat er das Geld
nötig So wacker er istso ist er doch noch zu jung als dass ihm jemand so viel
leihen tät Also muss ers erheiraten«
    »Soll anders wohin gehen«
    »Der Chirurgus dagegen sagt es sei eine Schande für einen Mann wenn er
beim Heiraten aufs Geld sehe Er begehrt nichts dazu er sagt deine Tochter wär
ihm lieb und wenn sie nackt und bloß zu ihm käme er wolle sie schon ernähren«
    »Nu wenn sich kein anderer meldet so kann er sie haben«
    »Ja sieh aber er pressiert eben und wird auch nicht gerad warten wollen
bis es uns gefällig ist Mit dem Probieren ists so eine Sach Die Mannsleut
sind nicht so uninteressiert heutzutag Wenn nun kein anderer käm und der
Chirurgus ging sonstwo auf die Brautschau so blieb eben das Mädle sitzen und
das wär doch ein Spott und eine Schand«
    »Hm« brummte der Sonnenwirt
    »Der Habich ist besser als der Hättich« fuhr die Frau fort »und wenn man
einmal etwas tun will so tut mans besser gleich damits nachher nicht zu spät
ist Mir kanns zwar soweit einerlei sein es ist dein Kind und nicht meins Was
gehts mich an wenn sie eine alte Jungfer werden will Meinetwegen kann sie in
der Wirtschaft bleiben solang sie mag Deshalb ist mirs am liebsten wenn ich
dabei ganz aus dem Spiel bleiben kann Nichts Schwereres für eine Stiefmutter
als solcherlei Pflichten zu erfüllen denn wenn ich noch so gut sorge so bin
ich doch eben die rechte Mutter nicht und wird mir mein Sorgen noch obendrein
verdacht Mach du die Sach mit deiner Tochter ab Sprich mit ihr und frage sie
was ihr gefällig sei«
    »Fragen« brauste der Sonnenwirt auf »Man wird so ein Ding noch lange
fragen Sie soll froh sein wenn man sie versorgt Nun ja der Haue muss ein
Stiel gedreht werden Also wenn kein anderer um den Weg ist so mags
meintalben der Chirurgus sein Aber da soll er sich nur das Maul abwischen
bar Geld kriegt er keins von mir«
    »Sei ganz ruhig Bis wann soll denn die Sach jetzt richtig werden«
    »Das lass ich dir über«
    »Sieh Schwan« hob die Sonnenwirtin mit einem freundlichen und
überzeugenden Tone an »ich hab das schon vorausbedacht denn ich muss ja doch an
alles denken Weißt morgen ist ja der Monatstag da kommen die geistlichen
Herren wieder zusammen«
    »Hm« brummte der Sonnenwirt
    »Der Amtmann wird auch dabei sein vielleicht sogar der Vogt von Göppingen«
    »Hm ja«
    »Und weil unser Haus eigentlich doch auch ein wenig über den Leisten
geschlagen ist so könnte man dem Ding einen Anstrich geben dass es ein recht
gesellschaftliches fürnehmes Aussehen bekäme Weißt auf so was verstehst du
dich Wenn die Herren dann aufstehen müssen und Gesundheit trinken so wird der
Verspruch zur Hauptsach und die Herren mögen wollen oder nicht sie sind dann
eigentlich nur um des Verspruchs willen da«
    Der Sonnenwirt hatte immer beifälliger gebrummt »dabei solls bleiben«
sagte er endlich »Aber jetzt lass mich schlafen hast mir die Zeit lang genug
gemacht«
    Auch Friedrich hatte genug gehört Leise wie er gekommen wär schlich er
hinaus und begab sich auf seine Kammer wo er lange nicht schlafen konnte
    Als er in der Frühe seiner Schwester auf der Treppe begegnete und sie ihm
guten Morgen sagte klang ihre Stimme gar nicht so entschlossen wie vergangene
Nacht »Du machst ja ein Gesicht wie die Katz wenns donnert« raunte er ihr
zu »stell dich krank Magdalene stell dich krank und mach dass du nur über den
Tag hinüberkommst«
    »Es wär keine Verstellung« erwiderte sie »wenn ich mich wieder legte«
    »Tus tus« rief er und sprang die letzten acht Staffeln mit einem Satz
hinab
    Er ging den Fußweg am Bache hin der mitten durch den Flecken läuft Die
Gänge der Mühle klapperten ihm eifrig entgegen Von der Brücke aus sah er den
jungen Müller im Hofe beschäftigt allerlei Holz zusammenzusägen Er blieb
unschlüssig stehen als aber jener aufblickte setzte er sich in Bewegung als
ob ihn der Weg zufällig hier vorüberführe
    »Guten Morgen« rief er in den Hof hinein
    »Schön Dank«
    »Treibts gut um«
    »So so la la« war die verdrossene Antwort
    »Ich glaub an dir ist ein Zimmermann verloren gangen« sagte Friedrich
indem er näher trat und sich gegen die Mauer lehnte
    »Hm s ist nur so ein wenig gebosselt«
    »Man sagt ja du wollest bauen Georg«
    »Willst mir dabei an die Hand gehen Frieder«
    »Ja ich Was hättst du von mir Soll ich dir Steine zutragen«
    »Hm ja aber solche wo der Karl Herzog drauf geprägt ist«
    »Oder der alt Kaiser Du hasts gut vor Brüderle solche Bausteine sind mir
zu schwer die muss ich liegen lassen«
    Die beiden sahen einander an und ihre scheinbar gleichgültigen Mienen
spielten ein langes stummes Frag und Antwortspiel
    »Ich muss eben sehen wie ich ein Dukatenmännle ins Haus krieg« sagte der
Müller endlich »Vielleicht wissen mir die Zigeuner eins«
    »Oder ein Bettelmädle mit ein paar tausend Gulden« entgegnete Friedrich
den Stich verbeissend
    »Weißt mir eine« fragte der Müller und sah ihn forschend an
    Friedrich schlug die Augen nieder und wühlte mit dem Fuß im Sägmehl das am
Boden lag »Ist denn das Bauwesen so nötig« fuhr er endlich in seiner
Verlegenheit heraus
    »Justement so nötig als dein Geschwätz unnötig ist« war die Antwort
    »Oh ich will nicht lang mit dir ränkeln du zuckerigs Bürschle du Bau du
meintwegen so hoch wie der babylonisch Turm gewesen ist«
    Dieses brummend nahm er einen verdeckten Rückzug das heißt er setzte den
eingeschlagenen Weg an der Mühle vorüber fort um in einem weiten Bogen wieder
nach Hause zu kommen
    Der junge Müller sah ihm verwundert und ärgerlich nach »Ich glaub der hat
Maulaffen feil« brummte er indem er wieder zur Säge griff
    »Die Katz maust links die Katz maust links« sagte Friedrich zu sich mit
bedenklichem Gesichte seine Schritte fördernd »Ich wollt nur dass der Tag im
Kalender durchgestrichen wär«
    Von Not und Eifer getrieben rannte er dahin obgleich er eigentlich nicht
wusste warum er zu eilen habe es wär eine Aufregung in ihm die seinem Gesicht
in diesem Augenblick ein besonders kräftiges Aussehen gab Die Leute die auf
der Straße oder an den Fenstern waren mussten ihn unwillkürlich mit Wohlgefallen
betrachten und ein Mädchen das ihm begegnete grüßte ihn auf eine Weise die
trotz seiner gedankenvollen Selbstvergessenheit nicht unbemerkt von ihm blieb
Es wär ein schlankes Mädchen mit gelben Zöpfen noch sehr jung und von
auffallend hellen Gesichtszügen in ihren Mienen lag eine eigentümliche Mischung
von Zutraulichkeit und Unschuld Sie grüßte ihn mit dem gebräuchlichen
Bauerngrusse das heißt sie »wünschte ihm die Zeit« aber mit einem Blicke der
so schnell und schüchtern er vorüberglitt eine Freundlichkeit eine gewisse
Teilnahme und Hingebung aussprach die nur in einem Blicke so ausgesprochen und
eben deshalb nicht weiter beschrieben werden kann Genug ihm wär als hätte
sich das junge Mädchen mit diesem Blicke ganz und voll und warm in seine Arme
gelegt und er für einen solchen Eindruck nichts weniger als unempfänglich
fühlte sich hingerissen obgleich er sich erst einige Sekunden nach der
Begegnung bewusst ward dass er gegrüßt worden sei dass er einen Blick dabei
wahrgenommen und dass dieser Blick ihm gegolten habe Jetzt erst blieb er stehen
und sah ihr nach Sie wär schon ziemlich weit entfernt und ihre Zöpfe flogen
lustig hinter ihr her »Ich kenn doch jedes Kind hier« sagte er »ists
vielleicht eine Fremde Sie trägt sich übrigens ganz Ebersbachisch Aber das ist
ein blitznetts Schelmengesicht«  Er wäre ihr gerne nachgegangen aber er
scheute die Mühle Auch fiel ihm nur allzubald die Sorge wieder aufs Herz die
ihn aus dem Hause getrieben hatte Er wandte sich durchmass einige Gässchen ging
weiter oben über das Wasser zurück und kam unverrichteter Dinge nach Hause wo
ihm ein vielsagender Duft aus der Küche entgegenströmte
    Nach dem Essen als er Gelegenheit fand einen Augenblick mit seiner
Schwester allein zu sein fragte er sie »Ist dirs noch wie gestern«
    Magdalene versuchte zu lachen es wollte ihr aber nicht recht gelingen »Ich
tus eben nicht« flüsterte sie indem sie in der gestrigen Haltung auf den
Boden stampfte aber ihre Stimme klang wie eine ohnmächtige Einsprache gegen das
Schicksal und über ihre Augen flog ein Nebel hin Die Geschwister hörten des
Vaters Tritt da stoben sie auseinander
    Friedrichs Beklemmung stieg immer höher Der Geist der Gewalttätigkeit
begann in ihm wach zu werden Er ging unruhig durch das Haus und suchte ein
Brett das ihm gerecht wäre Dann stieg er auf den Boden um Erbsen zu holen Er
wollte dem Chirurgus einen halsbrechenden Empfang bereiten »Wenn sie mich auch
wieder nach Ludwigsburg schicken« dachte er »was tuts« Als er aber mit
seinen Vorbereitungen fertig wär fiel es ihm ein dass die geistlichen Herren
die heute ihr »Kränzchen« in der Sonne hatten mit nächstem anrücken würden und
er entsagte seinem Attentat Vor der Klerisei hatte er einen wohlbegründeten
Respekt Denn dachte er in seiner rohen Weise statt des Chirurgen könnt mir
auch einer von den Pfarrern abe hageln und das tät mir schlimmer gedeihen als
wenn ich meinem Vater einen Strick um den Hals gemacht hätt und hätt ihn an den
Schild hinausgehenkt Nicht lange so erschienen die ersten der erwarteten
Ankömmlinge Von ihren weitschössigen schwarzen Röcken umrauscht stiegen sie
ernstaft die Treppe empor und ihre weißen Bäffchen oder Überschlägchen wie
man dieses geistliche Würdezeichen in Süddeutschland heißt begleiteten ihre
Unterredung indem sie beim Sprechen von den Halsmuskeln in Bewegung gesetzt
taktmässig über der Brust auf und nieder klappten Arglos überschritten die
Pastoren die verhängnisvolle Staffel die wenn Gedanke und Tat ein Ding wären
ihnen ein Stein des Anstoßes und gewiss auch nicht geringen Ärgernisses geworden
sein würde Dem Chirurgus hatte es sein guter Geist eingegeben dass er die
Nachhut bildete und so gelangte auch er wohlbehalten unter den Fittichen der
geistlichen Macht herauf Die Herren verfügten sich in ihr besonderes Kabinett
Die übrigen Mitglieder der Gesellschaft ließ nun auch nicht länger auf sich
warten als die allerletzten kamen um keine unschickliche Eile zu beweisen der
Pfarrer und Saul unter den Propheten der Amtmann des Orts Mittlerweile fanden
die dampfenden Schüsseln ihren Weg aus der Küche ins Kabinett Die Sonnenwirtin
und Magdalene trugen sie Letztere hatte als einen schwachen Versuch sich mit
Krankheit zu entschuldigen ein Tuch um den Kopf gebunden das ihr aber noch
unterwegs von der sorgsamen Mutter abgerissen wurde »Morgen kannst Kopfweh
haben soviel du willst« sagte sie »aber heut darfst nicht wehleidig sein«
Der Sonnenwirt begnügte sich die Herren zu empfangen ins Kabinett hinein zu
komplimentieren und von Zeit zu Zeit nachzusehen ob nichts fehle Der Chirurgus
durfte die Flaschen auftragen helfen was dem Amtmann und dem Pfarrer Anlass gab
ein wenig zu sticheln Nachher hatte er die Ehre einem von den Herren
Schnupftabak zu besorgen und zuletzt als man nichts mehr von ihm wollte zog
er sich mit einer feinen Wendung zurück Mit dem Hauptauftritt musste man
natürlich warten bis die Herren ihre nächste Aufgabe nämlich die teils
gebackenen teils blau abgesottenen Forellen vom Tische verschwinden zu machen
bereinigt haben würden
    Friedrich war mit der Aufwartung im gewöhnlichen Wirtszimmer bei den
Fuhrleuten betraut worden erhielt aber nach einiger Zeit durch Vermittlung
seiner Mutter die ihm doch nicht recht traute vom Vater den Befehl in den
Stall zu gehen und die Pferde zu füttern Die unschuldigen Tiere mussten sich
dabei manchen Puff gefallen lassen Als er wieder heraufkam sah er was ihm
sein Verstand schon gestern abend hätte voraussagen können seine Schwester als
»glückliche Braut« Der Vater hatte sich inzwischen die Freiheit und die Ehre
genommen sie als solche im Kabinett vorzustellen das man um der Sache mehr
Öffentlichkeit und Ansehen zu geben gegen das Wirtszimmer offengelassen hatte
Die Herren wünschten Glück stießen mit den Gläsern an und machten etliche
versteckte skurrile Witze alles das wie es bei solchen Gelegenheiten zu
geschehen pflegt Magdalene knixte mit ängstlichem Lächeln und zwang die Tränen
zurück die freilich sehr nahe waren aber wie hätte sie vor so gewaltigen
Herren wagen können einen Willen geltend zu machen Der Chirurgus stand neben
ihr ganz grün vor Seligkeit Die Sonnenwirtin freute sich dass sie den
niederdrückenden Einfluss den die Herrengesellschaft auf das Mädchen üben würde
so sicher voraus berechnet hatte Der Sonnenwirt schmunzelte und schwamm in
Wohlbehagen über die honoratiorenschaftliche Haupt und Staatsaktion Friedrich
seinerseits ließ im Wirtszimmer seine festliche Bewegung an einer Flasche aus
die als sie mit lautem Klirren am Boden zerbrach die allgemeine Stimmung durch
Schrecken Lachen Zorn und Scheltworte hindurch in das gewöhnliche Geleise
zurückbrachte Die Türe des Kabinetts schloss sich wieder die Wirtschaft ging
ihren Gang und als die Herren abends ihre Sitzung aufhoben blieb es ein
Geheimnis was der Gegenstand ihrer Unterhaltung gewesen war ob die Ewigkeit
der Höllenstrafen oder die Aufbesserung der Besoldungen Nur eines hatte sich
entschieden und unabänderlich festgestellt nämlich dass Magdalene jetzt das
wär was sie vergangene Nacht um keinen Preis selbst nicht um den Preis ihres
Lebens hatte werden wollen
    Friedrich redete den ganzen Abend kein Wort mit seiner Schwester Als sie
ihn einmal lange schüchtern und bittend ansah antwortete er mit einem Blick
der ihr deutlich sagte dass er wenn er Gelegenheit hätte seinen tollen Jähzorn
tätlich an ihr auslassen würde Sie vermied es deshalb allein mit ihm
zusammenzutreffen Da man ihr jetzt keinen Zwang mehr antat und ihr Bräutigam
geduldig auf besseres Wetter wartend sich beizeiten nach Hause gemacht hatte
so ging sie noch vor dem Abendessen zu Bette
    Auch diese Nacht konnte Friedrich die Augen lange nicht schließen Es war
ihm sehr übel zumute Der Zorn über das feige Benehmen seiner Schwester hatte
sich in eine seltsame Bangigkeit verwandelt Er fühlte sich ganz im Stich
gelassen und begann zu ahnen dass ihm das Leben noch harte Nüsse zu knacken
geben werde Dass die Menschen nicht seien wie sie sein sollten das war ihm
klar geworden wie er aber selbst unter solchen Umständen eigentlich sein
sollte das wusste er so wenig dass es ihm nicht einmal einfiel auch nur die
Frage an sich zu stellen Mitleid Angst Empörung wechselten auf die
wunderlichste Weise in ihm ab und das Heimweh nach der sichern Umfriedigung des
Zuchtauses kehrte ihm aber und abermals zurück Er hatte es mit angesehen wie
neben den Verbrechern auch arme Waisen zu nicht schimpflicher Arbeit in dasselbe
aufgenommen wurden und ihr Los wollte ihn wie ein neidenswertes Glück bedünken
Aber mitten unter diesen verschiedenen Regungen fand er noch Raum genug in
seinem Herzen um mit vielem Behagen an das hübsche Mädchen zu denken das ihn
heute auf der Straße gegrüßt hatte
 
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Der Jüngling dessen groben verworrenen Lebensfaden wir zu verfolgen
unternommen haben war als er die väterliche Schwelle wieder betrat über eine
jener unsichtbaren Grenzen geschritten welche sich durch die Gesellschaft und
durch den einzelnen Menschen selbst hindurchziehen Er empfand vor seinem Vater
wo nicht Achtung denn zu dieser gehört ein ausgebildeteres Bewusstsein so doch
eine unbestimmte Scheu ja sogar unter rauer Decke einen Rest kindlicher
Zuneigung und dennoch sagte ihm ein unbestechliches Gefühl dass er durch den
bloßen Rücktritt aus dem Kreise des Waisenpfarrers in den Kreis des
Sonnenwirtshauses um eine Stufe gefallen sei Das Leben war hier ein ganz
anderes und wies mit seinen alltäglichen und doch gebieterischen Zwecken so
manche Forderung der reifenden Seele zurück welche dort obwohl unter dem
einförmigen Frondienst des Wollekrämpelns von einem Geiste den seine
Zeitgenossen apostolisch nannten geweckt worden war aber die fortgesetzte
Berührung mit dem Alltagsleben musste auch zugleich die Wirkung haben dass dieses
Gefühl allmählich wieder in ihm abgestumpft wurde Sein blutiges Handwerk wie
es das unendliche Weh das aus den stummen Augen der Tiere jammert zum
Schweigen brachte so schlug es auch die verwandte Stimme in der Menschenbrust
nieder Daneben waren die Gäste mit denen er täglich in der Wirtsstube zu tun
hatte gewiss lauter »ehrliche Leute« aber wahrhaftig keine Tugendspiegel und
er hatte nur zu viele Gelegenheit die mehr oder minder klare Betrachtung
anzustellen dass Achtbarkeit und guter Ruf in dieser Welt sehr oft weniger von
einem streng ehrlichen und sittlichen Wesen als von Klugheit und zufälligen
Umständen abhängen Je minder klar aber diese Betrachtung in ihm aufstieg desto
gefährlicher war sie ihm Überhaupt wusste sein Kopf nichts von Nachdenken
sondern nur von raschen Eindrücken die sich unter lärmenden Zechgenossen und
auf dem Tanzboden entweder befestigten oder ebenso rasch wieder verdampften
Dieses Bedürfnis eine immer rege missbehagliche Unruhe zu verjubeln söhnte ihn
auch wieder mit seiner Schwester aus bald nachdem sie dem aufgedrungenen
Bräutigam angetraut worden war Denn da sie von ihrem Manne ziemlich leidlich
behandelt wurde so hatte sie dann und wann den Trost dem geliebten Bruder
einen auf die Seite gebrachten Groschen zustecken zu können und Friedrich den
der Vater sehr kurz zu halten für gut befand verschmähte die klingenden Beweise
der Schwesterliebe nicht
    Während er auf diese Weise teils gleichgültig teils in dumpfer Lustigkeit
dahinlebte kehrten auch seine äußeren Umstände ganz in das gewöhnliche Geleise
zurück Zu Hause ging er unangefochten aus und ein und stand mit der Stiefmutter
in jenem mürrischen Verkehr wo Gewohnheit die Stelle der Liebe vertritt Auch
in der Gemeinde wär er geduldet niemand zeigte sich ihm widerwärtig mancher
blickte ihn freundlich an und des Makels der auf ihm haftete schien nicht
gedacht zu werden Ihm selbst war nicht wohl und nicht wehe mit dem Zuchtause
hatte er auch den Waisenpfarrer vergessen Ein strenges Gesicht machte ihm
niemand mehr als der Amtmann Aber dies hatte wenig zu sagen denn der Amtmann
galt persönlich nicht sehr viel bei der Gemeinde und zu Hause gar nichts auch
nahm der im Grunde gutmütige und schwache Mann eigentlich nur deshalb eine
Amtsmiene gegen ihn an weil er ihn einmal in Untersuchung gehabt hatte und ihn
nun wo nicht mit Worten und Werken so doch mit Gebärden polizeilich überwachen
zu müssen glaubte Dagegen war er bei der Frau Amtmännin sehr gut angeschrieben
und zwar zu seiner eigenen Verwunderung besser als er es verdiente denn er
hatte sich schon manche boshafte Bemerkung über ihr Pantoffelregiment erlaubt
Vielleicht wär ihr nichts davon zu Ohren gekommen genug die stolze kräftige
Frau empfand eine gewisse Teilnahme für den jungen Burschen der schon so früh
über die Schranken der bürgerlichen Ordnung gesprungen war Es schien ihr nicht
unangenehm zu sein wenn sie ihren Fleischbedarf von ihm ins Haus getragen
bekam und der alte Sonnenwirt der keine Art von Gnadenschimmer aus den Augen
ließ sorgte alsbald dafür seinem Sohne dieses Ehrenrecht auf dem Wege des
Herkommens zu überweisen Die gestrenge Frau pflegte ihn dabei sehr huldvoll zu
behandeln sie reichte ihm manchmal ein Glas Wein ermahnte ihn zu vernünftiger
Aufführung ergötzte sich aber besonders gerne an seinen eigentümlichen
freimütigen Äußerungen An solchen ließ es Friedrich selten mangeln denn wenn
er einmal seine Schüchternheit gegen Vornehmere überwunden hatte so tat er
seiner Zunge zumal wenn aufgemuntert keine Gewalt mehr an Die Gunst der
Amtmännin ebnete ihm auch sonst noch seinen Pfad der Schütz und die
Scharwächter welche die Polizei im Flecken handhabten ließ diese Stimmung
ihrer Gebieterin nicht unbeachtet und drückten bei manchen Unregelmässigkeiten
des jungen Burschen bei manchen kleinen Verstössen gegen die öffentliche Ordnung
alle ihre Augen zu
    Unter diesen Umständen wär er eines Morgens mit seinem Korbe ins Amtaus
eingetreten Die Amtmännin prüfte den Inhalt und sagte wohlgefällig »Das gibt
ein schönes Brätchen ich hab alle Konsideration vor Seines Vaters Geschmack
sag Er ihm einen Gruß und ich sei wohl zufrieden«
    »Oh ich habs selber ausgewählt Frau Amtmännin« erwiderte Friedrich
    »Um so besser so darf Ers auch selber in die Küche tragen Geh Er mein
Sohn und bring Ers der Katrine hinaus Dass Er sich aber nicht untersteht dem
Mädchen zu flattieren ich habe mir sagen lassen dass Er ein galanter Junker
sei«
    Friedrich lachte und trug das Fleisch in die Küche »Da Jungfer« sagte er
»und die Frau hat mir einen Kuss aufgetragen als Zugabe«
    Das Mädchen ließ mit einem leisen Schrei den Korb fallen und flüchtete sich
hinter den Herd Sie hatte etwas Demütiges und Gedrücktes in ihrem Wesen und
sah obwohl noch jugendlich und nicht unschön doch blass und verblüht aus Sie
war eine Verwandte der Amtmännin die sie unter dem Namen einer Hausjungfer
eigentlich aber als Dienstmagd zu sich genommen hatte
    »Es ist nicht so ernstlich gemeint Jungfer« lachte Friedrich »Nur sachte
mit der Braut Das Fleischle da hätt so sauber bleiben können wie Ihre Tugend
von meinetwegen bleiben soll«
    Er hob das Fleisch vom Boden auf warf es ihr auf den Herd und verließ die
Küche indem er brummte »Was sich die nicht einbildet und ist nur so ein
Flügel«
    Als er wieder ins Zimmer kam um zu fragen was die Frau Amtmännin auf
morgen zu befehlen habe fand er ein Glas Wein eingeschenkt zu dem er sich
nicht lange nötigen ließ
    »Hats draußen was abgesetzt« fragte sie »Ich meinte einen Fall zu hören«
    »Oh der Jungfer ist nur ein kleiner Poss passiert Darauf hab ich weiter
gar nichts gesagt als Sachte mit der Braut und da ist sie gleich ganz
schiefrig geworden«
    Die gestrenge Frau lachte recht gnädig »Es kommt ja nur auf den Mosje
Friedrich an« sagte sie »ob er aus dem Sprichwort Ernst machen will Das
Mädchen ist aus einer sehr guten aber während der Minderjährigkeit des Herzogs
unterdrückten und herabgekommenen Familie Nun dafür hat sie sich desto besser
in der Welt fortbringen gelernt das ist auch eine Aussteuer Sie ist schon bei
einem adeligen Geheimenrat in Diensten gewesen und weiß was Mores sind Das gäb
eine Wirtin die den vornehmsten Gästen gewachsen wäre«
    Sie sagte dies alles auf eine scherzhafte Weise in welcher gleichwohl etwas
Aufmunterndes lag »Aber freilich« fügte sie hinzu »Wirte sehen mehr auf
äußeres als auf inneres Metall und bei Wirtssöhnen wird man ohne Zweifel den
gleichen Gout antreffen«
    »Konträr im Gegenteil« versetzte der junge Mensch »ich seh bei einem
Mädle aufs Herz und nicht auf die Batzen Liebreich ist über hübsch und hübsch
ist über reich Aber Exküse Frau Amtmännin mein Sinn steht darauf dass wenn
ich einmal heiraten tu so muss es ein freies Mädle sein Ich will mein Weib
nicht aus der Dienstbarkeit holen Arm darf sie wohl sein aber keine solche
die schon auf der Adelsbank herumgerutscht und in vornehmen Häusern
herumgepudelt worden ist«
    Die Amtmännin fuhr aus dem Armsessel auf und ihre Kontusche von Perse
rauschte wie eine Windsbraut durch das Zimmer »Er Flegel der Er ist« schrie
sie »meint Er denn ich werde meine Perlen vor solche Schweine werfen Eine
Zigeunerin wird Er noch kriegen oder des Seilers Tochter wenns hoch kommt
wozu alle Aussicht vorhanden ist Reis Er sich auf der Stelle und lass Er sichs
nicht beigehen mir wieder unter die Augen zu treten«
    Friedrich hatte eben das Glas ergriffen um zur Bekräftigung seiner Rede
einen herzhaften Schluck zu tun als dieser unerwartete Sturm bei vermeintlich
heiterem Himmel ausbrach Er setzte verblüfft das Glas auf den Tisch ergriff
seinen Korb und machte sich rücklings gegen die Türe wobei er den eben
eintretenden Amtmann empfindlich auf den Fuß trat Dieser neue Fehltritt wär
nicht geeignet ihm seine Fassung wiedergewinnen zu helfen vielmehr gelangte er
strauchelnd und taumelnd zur Tür hinaus von grimmigen Blicken und
unfreundschaftlichen Segenswünschen verfolgt
    »Aber die kann einem den Marsch machen« sagte er verwundert zu sich als er
auf der Straße war Er trug langsam seinen Korb nach Hause ohne sich recht
erklären zu können wodurch er die Frau so plötzlich gegen sich aufgebracht
habe Desto deutlicher stand ihm die doppelte Tatsache vor Augen dass er um eine
nicht zu verachtende Gönnerschaft ärmer und um einen furchtbaren Feind reicher
geworden sei Er verabredete hinter dem Rücken seines Vaters mit einem Knecht
dass dieser künftig statt seiner das Fleisch ins Amtshaus tragen solle aber
trotz dieser Auskunft machte ihm der Vorgang nicht wenig zu schaffen
Verschüttet Öl ist nicht gut aufheben sagte er den ganzen Tag bedenklich mit
dem Sprichwort zu sich
    Was konnte er unter dem Gewichte dieser Betrachtung Besseres vornehmen als
die Flasche aufzusuchen in welcher der Deutsche der Jüngling wie der Greis
der gemeine Mann wie der vornehme schon so manche Verlegenheit ersäuft oder
erst recht grossgezogen hat Sein Vater war ausgeritten Ochsen zu kaufen und
wurde erst in später Nacht zurückerwartet die Stiefmutter aber stand nicht in
so hohem Ansehen bei ihm um ihretwegen die Hausordnung einzuhalten Er erlaubte
sich das Nachtessen zu umgehen und besuchte dafür ein Bäckerhaus wo er gerne
einzusprechen pflegte
    Die Stube war halbdunkel als er sie betrat Auf einem Ofenbänkchen dämmerte
der Bäcker wie es ihm schien die Wärme des Ofens ließ sich bei der
vorgerückten Jahreszeit recht behaglich empfinden Hinter dem erhellten Fenster
das in die Küche ging bewegte sich eine Gestalt die er für die Bäckerin hielt
»Duselst Beck« sagte er dem Manne im Vorübergehen einen freundschaftlichen
Rippenstoss versetzend »n Schoppen Grillengift Beckin« rief er dann gegen
die Küche gewendet und schlug ein paarmal mit der Faust auf den Tisch Dann
setzte er sich und stützte verdrießlich den Kopf auf die Hand
    Ein Licht wurde gebracht und vor ihn gestellt ohne dass er den Kopf erhob
Gleich darauf stellte dieselbe Hand den begehrten Wein im Schoppenglase vor ihn
auf den Tisch Ohne aufzusehen wurde er doch der Hand gewahr die mit dem Glase
vor seinen Augen erschien Sie hatte trotzdem dass sie nichts weniger als glatt
und geschont aussah etwas Zartes die wohlgedrechselten Fingerchen schlangen
sich allerliebst um das Glas und an die Hand schloss sich ein zierlicher
runder voller Arm Eben wollte er verwundert fragen wie die beleibte
Bäckersfrau zu so anmutigen Gliedmaßen komme als ein fremdes feines Stimmchen
das in den Wirtshäusern übliche »Wohl bekomms« dazu sprach Er tat die Hand von
den Augen sah hin ließ den Arm auf den Tisch fallen hob den Kopf und starrte
mit freudigem Schrecken die Erscheinung an Es wär niemand anders als das
hübsche Mädchen mit den gelben Zöpfen das ihm neulich bei seinem unglücklichen
Werbungsversuch begegnet war und das er seitdem nicht aus dem Sinn verloren
hatte
    »Ei« sagte er lustig »heut hätt ich eigentlich einen schwarzen Strich in
den Kalender machen sollen jetzt mach ich aber einen roten dafür  Was ist
denn das Beckin« rief er der eintretenden Frau entgegen »Habt Ihr Euch eine
Kellnerin aus dem himmlischen Reich verschrieben«
    »Das ist keine Kellnerin« entgegnete sie »es ist mein Dötle Patchen das
mir ein bissle im Haushalt und in der Wirtschaft aushilft«
    »Wie heißst denn du Herzkäferle« fragte er
    »Christine« antwortete das Mädchen mit schüchternem Lächeln und trat einige
Schritte von ihm weg indem sie zugleich jenen hingebenden Blick auf ihn fallen
ließ der ihm schon einmal durch die Seele gedrungen wär
    »Bist du von hier«
    »Ja wäger ist sie von hier« sagte die Bäckerin »sie ist ja des
Hirschbauern Tochter«
    »Dass dich der Strahl« rief er »Ich hätt geglaubt ich sollt Kind und Kegel
im Flecken hier kennen Ja dort hinaus bin ich freilich in Jahr und Tag nicht
gekommen«
    »Arme Leut sind unwert« versetzte die Bäckerin »denen läuft niemand nach«
    »Oh Beckin redet nicht so Ihr wisst wohl dass es mir anders ums Herz ist
Aber« wandte er sich zum Mädchen »wo steckst denn du du Zuckerstengele dass
ich dich noch kein einzigs Mal ins Aug gefasst hab Man sollt dich ja wahrhaftig
für eine Fremde halten«
    »Sie ist nie viel unter die Leut kommen« antwortete ihre Patin für sie
»Sie ist von Kind auf immer so ein Dürftele gewesen«
    »Es ist heut nicht das erstmal« sagte Christine leise und freundlich
    »Ja gelt« erwiderte er lebhaft »neulich sind wir einander auch begegnet«
    »Das ist wiederum nicht das erstmal gewesen«
    »Ja das Mädle hat Euch noch einen Dank abzustatten von lang her für etwas
da Euer Herz nicht mehr dran denkt Geh erzähls ihm Christinele«
    »Ich nicht« rief das Mädchen und zog sich kichernd hinter den Ofen zurück
»Erzählet Ihrs Dotel«
    »Muss ich das Maul für dich auftun du Dichele« sagte diese »Nun also Ich
will anfangen wie man ein Märlein anfängt Es ist einmal ein kleins Mädle
gewesen hat Bäcklein gehabt wie Milch und Blut das Spruchbuch hats unterm Arm
getragen und ein großer Apfel so rotbackig wie es selber der hat ihm aus dem
Schürzentäschle herausgeguckt So ein Apfel unter der Schulzeit  Ihr werdets
wohl noch wissen  das ist für ein Schulkind so viel oder noch mehr als für
einen jungen Burschen ein Schoppen Wein im Beckenhaus Kommt so ein barfüssiger
Flegel daher ein paar Jahr älter als das Kind und sagt Gleich gibst mir dein
Apfel oder ich schlag dir ein paar Zähn in Hals Mein Christinele schreit und
rennt was gilts was hast Aber der Bub hintendrein und fasst sie am Fittich
und schüttelt sie und will ihr den Apfel nehmen Da kommt aber einer über ihn
und wer anders als der Sonnenwirtle der Frieder der nie kein Unrecht mit
müßiger Faust hat ansehen können Der fasst den groben Zolgen und schüttelt ihn
ebenmässig und steckt ihm ein paar aber nicht wies die Buben austeilen sondern
wies die Buben von einem Mann kriegen wenn ein Markstein gesetzt wird«
    »Gotts Blitz« rief er fröhlich lachend »jetzt geht mir ein Licht auf Das
ist ja der Fischerhanne gewesen ja ja den hab ich einmal durchgeliedert weil
er ein Kind misshandelt hat wie ein Räuber und Buschklepper«
    »Ja und dann habt Ihr dem Kind noch ein Brot dazu gegeben Da nimm habt
Ihr gesagt damit dir der Apfel kein öden Magen macht«
    »Kann sein« sagte er »das weiß ich nicht mehr jedenfalls ists gern
geschehen Was und das Kind bist du gewesen du Engele du goldigs« rief er
hinter den Ofen
    »Freilich« erwiderte die Bäckerin »Aus Kindern werden Leute und so weiter
Ihr wisst ja wie das Sprichwort sagt Aber die Guttat die hat Euch mein
Christinele in einem feinen Herzen nachgetragen beides das Brot und dass Ihr
meinen Apfel verteidigt habt  denn von mir ist er gewesen«
    Er hatte nicht mehr ganz ausgehört »Ists wahr« rief er indem er das
Mädchen das sich sträubte und anmutig lachte hinter dem Ofen hervorzog »ists
wahr dass du mich noch kennst und hast selbiges Stück im Herzen behalten«
    »Ja es ist wahr« antwortete sie »und ich hätt gern «
    »Was hättst gern Wieder ein Stück Brot«
    Sie lachte überlaut »Heimgegeben hätt ichs gern«
    »So du möchtest mir die Laib heimgeben« Er schlang den Arm um ihre Hüfte
und gab ihr mit einem Wink zu verstehen dass jetzt die beste Gelegenheit zu
einer ihm anständigen Belohnung wäre Die Bäckerin hatte den Kopf gewendet der
Mann schlief auf der Ofenbank Er drückte sie an sich und suchte mit dem Munde
ihre Lippen Sie wich ihm lächelnd aus ohne die vielverheissenden Augen von ihm
abzuwenden und wie er sie am Kinn fassen wollte um das unbotmässige Köpfchen in
festen Verwahrsam zu nehmen kam sie ihm plötzlich mit den Lippen zuvor Sein
Wunsch wär in Freiheit gewährt ehe er zu Zwangsmitteln schreiten konnte ein
Kuss nicht lang nicht voll nicht feurig aber blitzartig treffend wär ihm an
den Mund geflogen und fuhr ihm durch Mark und Bein Ihre Lippen hafteten nur
einen Augenblick im selben Augenblick war sie ihm unter dem Arm durchgeschlüpft
und huschte in die Küche hinaus
    Mit diesem Kusse wär der Würfel über sein künftiges Schicksal geworfen
    In der ersten Aufwallung seiner Leidenschaft wollte er dem Mädchen
nacheilen aber eine andere Regung hielt ihn zurück Er glaubte in dem hellen
freundlichen Gesichte obgleich es fast noch unmündig aussah einen Zug zu
erkennen der keine Zudringlichkeit aufkommen ließ und besorgte dass er die
gute Meinung die das Mädchen seit den Kinderjahren in ihrem dankbaren Herzen
von ihm behalten hatte leicht verscherzen könnte Diese Betrachtungen hüllten
sich jedoch in das Gewand des Stolzes »Was soll ich den Küchemichel machen«
sagte er zu sich und setzte sich trotzig wieder an den Tisch
    Die Stube füllte sich allmählich mit Gästen Was auf dem Dorfe
Wirtshausbesucher sind die bilden so ziemlich denselben unveränderten Kreis und
wechseln nur den Ort Heute findet man sie in der Sonne morgen geben sie dem
Dreikönig etwas »zu lösen« übermorgen sind sie beim Becken überübermorgen in
der Krone donnerstags gehen sie zum wütigen Esel freitags kriechen sie zum
Kreuz und am Sonnabend tut ihnen die Wahl weh zwischen dem Dutzend von
Wirtshäusern die noch übrig sind
    Friedrich nahm sich den Abend zusammen um seinen Herzenszustand nicht zu
verraten Er verriet ihn aber jeden Augenblick Er trank ein Glas um das andere
um Christinens Gegenwart zu genießen und etwa ihre Hand beim Darreichen zu
berühren Hierzu musste er jedesmal den Augenblick wählen wo sie gerade im
Zimmer anwesend war und dies nötigte ihn oft einen starken Rest mit einem
einzigen Zuge zu leeren Die andern hatten sein Treiben schnell durchschaut und
gaben ihr mutwilliges Ergötzen bald durch einen Augenwink bald durch ein
schiefgezogenes Maul zu erkennen Die Gläser die er aus Christinens Hand
empfing stiegen ihm nach und nach in den Kopf Er sang lachte schwatzte viel
und ließ seine gute Laune an einem und dem andern der Anwesenden aus endlich
aber auch an der abwesenden Frau Amtmännin die er sich nicht entblödete eine
alte Kupplerin zu schelten Wer weiß welch törichtes Zeug er noch angerichtet
haben würde wenn nicht Christine vielleicht absichtlich zu seinem Besten den
klugen Einfall gehabt hätte die Magnetnadel nach dem entgegengesetzten Pol zu
drehen Sie wischte auf einmal mit einem Gut Nacht das wenigstens deutlich auf
sein Ohr berechnet war zur Türe hinaus Er wagte ihr nicht seine Begleitung
anzubieten aber nun war auch seines Bleibens nicht länger mehr Allen
Neckereien und Herausforderungen der andern zum Trotz machte er sich so schnell
als möglich los er hoffte sie noch unterwegs einzuholen Da er aber bei all
seiner Aufregung doch so viel Rücksicht genommen hatte um einigermaßen den
Schein zu meiden so gelang ihm sein Vorhaben nicht
    Er ging mit eiligen Schritten ans Ende des Fleckens wo etwas abgesondert
das Häuschen ihres Vaters lag Seine Tritte hallten durch die Nacht Er umging
das Haus aber kein Licht war zu sehen Er lehnte sich lange an den Backofen
der wie ein großer Bauch aus dem Hause hervorragte Dann setzte er sich auf die
Deichsel des Wagens der unter dem Schupfe stand Im Hause war alles stille
nirgends ein Laut weder ein Tritt in einer Kammer noch das Krachen einer
Treppenstufe zu vernehmen »Du leichtfüssigs Vögele du« sagte er »bist schon
ins Bett geschlupft und schlafst Gut Nacht Christinele gut Nacht Schatz
Mein musst du werden und wenn ich die Stern vom Himmel reißen müsst«
    Seine Zechgenossen als er die Stube verlassen hatte sahen einander erst
stillschweigend an dann machten sie allerlei Bemerkungen sowohl über den
unerhörten trunkenen Freimut mit dem er die Maria Teresia des Fleckens
anzutasten gewagt als über das plötzliche Feuer das sich durch Flammen und
Rauch verraten hatte und zwar kreuzten sich die Bemerkungen über diese beiden
Gegenstände
    »Ich glaub der hat n Leibschaden unterm Hut« fing einer an
    »Schätz wohl und unterm Brusttuch desgleichen« sagte ein anderer
    »Der hat dem Dr n Ohrfeig geben« versetzte ein dritter
    »Reitet der das Maul spazieren oder das Maul ihn«
    »Ja der reitet sich selber hinein«
    »Und die Augen sind auch mit ihm durchgegangen«
    »Ich glaub die hats ihm angetan«
    »Beckin ich glaub Euer Dötle kann hexen Sie gäb übrigens eine zierliche
Sonnenwirtin heißt das wenn ihm der Alte nach Gestalt der Sachen die
Regierung übergibt«
    »Oh ihr Leut redet doch nicht so gottlos« sagte die Bäckerin lachend
dazwischen
    »Der wird ankommen wie die S im Judenhaus«
    »Er ist und bleibt halt des Sonnenwirts sein Frieder«
    
    »Ja ja« riefen alle zusammen und nachdem sie in solchen sprichwörtlichen
Redensarten dem »Geist« Luft gemacht hatten gingen sie heim um denselben für
dieses Mal »ruhen zu lassen«
 
                                       5
Der trotzigste Bursche in ganz Ebersbach war mit einem Schlage so umgewandelt
dass ihn sein eigener Vater nicht mehr erkannte Er zeigte sich demütig
dienstfertig und zu allem willig seine angeborene Gutherzigkeit brach siegreich
hervor wie wenn nach langem Unwetter der Himmel wieder blau erscheint Sein
Vater wurde täglich zufriedener mit ihm denn einmal ersparte ihm Friedrich ein
paar Knechte so fleißig und anstellig war er jetzt dann tat er der Kundschaft
sichtlichen Vorschub sowohl in der Metzig wo der weibliche Teil des Fleckens
die Fleischeinkäufe am liebsten bei ihm besorgte als auch in der Schenke wo
seine heitere Laune an die Gäste während er selbst sich des Schlemmens
enthielt manche Flasche mehr absetzte und endlich konnte es dem Alten doch
auch nicht ganz gleichgültig sein den einzigen Sohn in dessen Hände dereinst
die Sonne kommen sollte so einschlagen und in sich gehen zu sehen Von dem
Vorfall mit der Amtmännin erfuhr er nichts denn diese hatte ihre Pille
stillschweigend verschluckt und als es ihm nach einiger Zeit auffiel dass
Friedrich kein Fleisch mehr ins Amtaus trug so entschuldigte dieser sein
Wegbleiben damit dass die Amtmännin nicht undeutlich die Absicht blicken lasse
ihm ihre Köchin zu kuppeln worauf der Alte sein Betragen höchlich billigte Er
ließ schon in der Stille sein Auge unter zwei oder drei Postalterstöchtern in
der Gegend umherschweifen denn wie die alten Grafen von Württemberg auf den
Herzogshut so war der Sonnenwirt mit allen erdenklichen Mitteln darauf bedacht
der Sonne durch Verbindung mit einer Postgerechtigkeit die durch Heirat am
wohlfeilsten zu erlangen war einen höheren Aufschwung zu geben Noch immer zwar
blieb er in Mienen und Worten streng gegen seinen Sohn denn er hielt es wie er
sagte für geraten den Burschen »in der Stange zu reiten« aber wenn er sich
von ihm unbeachtet glaubte so schmunzelte er oft recht behaglich hinter ihm
her Unter diesen Umständen musste auch die Stiefmutter zu einer berechneten
Freundlichkeit auftauen denn bei eintretenden Veränderungen wurde Friedrich ob
es ihr nun gefallen mochte oder nicht eine bedeutende Person für sie Übrigens
dauerte diese Konsideration wie die Frau Amtmännin es genannt haben würde nur
kurze Zeit nachdem ihr der Fischer seinen heimlichen Bericht abgestattet hatte
begann auf ihrem Gesichte ein zweideutiges Lächeln stehend zu werden welches
hinter Friedrichs Rücken oft ebenso höhnisch als das seines Vaters wohlgefällig
war Diesem hatte sie längst seine Pläne abgelauscht und wusste ihn durch
gelegentlich hingeworfene Reden eifrig darin zu bestärken Zu dem Fischer sagte
sie bei jener Gelegenheit »Ich hab mirs von Anfang eingebildt dass der Bub
nicht gut tun wird es ist seine Art nicht«  »So einem reichen Söhnlein«
erwiderte der Fischer »hätt man Zuchthaus und alles verziehen Ich möcht nur
auch sehen wie man selbigenfalls mit unsereinem umging da wär kein Aufkommen
mehr Wiewohl der begehrt doch den Berg abe er kann eben das Glück nicht
vertragen«
    Inzwischen waren Friedrichs Versuche Christinen in den nächsten Tagen nach
jener Begegnung im Bäckerhause wieder anzutreffen vergeblich gewesen und nach
einem unangenehmen Auftritt mit dem oberen Müller der aus Groll dass er ihn
nicht unter seine schwiegerväterliche Aufsicht bekommen konnte sich einige
Anzüglichkeiten gegen ihn erlaubte gab er diese Versuche völlig auf Nicht dass
er das Feld als Besiegter geräumt hätte denn der Müller war sowohl mit der
Zunge als mit der Faust zu kurz gekommen aber er vermochte es nicht zu
ertragen seine Herzensangelegenheit zum Gegenstand roher Scherze gemacht zu
sehen Er hätte der ganzen Welt verbieten mögen ein Wort davon zu reden wusste
er doch nicht dass es für die menschliche Zunge wie sie nun einmal bei vielen
seiner Nachbarn beschaffen war keinen köstlicheren Genuss gab als eine
Liebschaft zu verarbeiten und dass ihr solch ein Festmahl um so süßer schmeckte
je mehr Gift und Bitterkeit sie beimischen konnte
    Da er Christinen nirgends zu Gesicht bekam und die Entfernung von ihr nicht
länger aushalten zu können meinte so beschloss er endlich geradezu in die
Familie seiner Geliebten einzudringen ein Unternehmen das auf dem Lande meist
mit mehr Schwierigkeiten und Verlegenheiten verbunden ist als in der Stadt weil
der Bauer den Dingen ohne Umschweif auf den Grund geht und über den Zweck eines
Besuches nicht in entfernten Anspielungen und Feinheiten sondern ganz rund und
glatt und grob belehrt sein will Auch wird auf diesem Wege nicht leicht eine
Liebschaft sondern nur eine schon vorher abgemachte Werbung ins Werk gesetzt
Nun würde zwar der Eintritt in das Haus des Hirschbauern nicht so viel
Kopfzerbrechens erfordert haben als anderwärts ein solcher Versuch denn die
Leute waren bitterlich arm und hatten sogar schon während einer Krankheit des
Hausvaters Unterstützungen aus dem Kirchensäckel genossen der in den Gemeinden
für Kirchenzwecke und Armenfürsorge gestiftet ist und gewöhnlich »der Heilig«
genannt wird Man konnte deshalb ohne große Scheu voraussetzen dass sie einen
Zuspruch aus der Sonne wohl auch nicht verschmähen und die Überbringung
desselben durch den Sohn des Hauses statt durch einen Knecht als eine
besondere Ehre aufnehmen würden allein der junge Mensch war trotz der Roheit
in welcher ihn die herrschende Sitte seiner Umgebung erhielt zumal wo es sich
um das Betragen des Vermöglicheren gegen den Armen handelte zartfühlend genug
sich die Türe zu dem Mädchen seines Herzens nicht mit einem unumwundenen Almosen
eröffnen zu wollen Er erdachte sich vielmehr einen anderen Weg der ihn ohne
Demütigung derselben aber doch mit einer kleinen Strafe für ihre Zurückhaltung
zu dem ersehnten Ziele führen sollte Neben einer Kuh und einer Ziege die dem
Hirschbauer als Überreste eines ohnehin geringen Viehstandes geblieben waren und
so kümmerlichen Unterhalt gewährten dass der Backofen am Hause nur noch wie ein
Spott über die Nahrungslosigkeit aussah besaß die Familie ein Lamm das aber
eigentlich Christinen gehörte welche es einst als krank aufgegeben und wertlos
vom Schäfer zum Geschenk erhalten durch ihre mitleidige Pflege jedoch sich
selbst und ihrem kleinen Bruder zur Freude davongebracht hatte Alles dieses war
von Friedrich ausgekundschaftet worden und so trat der junge Bewerber eines
Tages mit dem gleichgültigsten Gesichte unter dem Vorwande eines Handels in das
Haus Christine die ihn vom Fenster aus kommen sah begab sich geschwind aus
der Stube um ihre Bestürzung nicht merken zu lassen aber sie müsste kein
Mädchen gewesen sein wenn sie nicht nachdem der erste Schrecken vorüber war
das Herz in die Hände genommen und sich wieder an ihre Kunkel gesetzt hätte
Gleichwohl konnte sie es nicht wehren dass als sie eintrat und mit demütig
leisem Gruße an dem Besuch vorüberging eine helle Röte ihr ins Antlitz schoss
Dieselbe wich jedoch schnell als das Mädchen gewahr wurde dass ihr Schäflein
dem jungen Metzger verkauft sei dass sie es verlieren und an die Schlachtbank
abgeben müsse Das Geld lag schon blank auf dem Tische ein lockender Preis dem
die Armut nicht wohl widerstehen konnte Christine erblasste und hob kindlich zu
weinen an sie richtete ihre Augen mit einem so schmerzlichen Blick auf den
Beschützer ihrer Kindheit der ihr jetzt das antun konnte dass dieser dem der
Stachel des stummen Vorwurfs durch das Herz ging sein Spiel beinahe bereute und
es schneller als er sich vorgenommen hatte zu Ende führte »Es scheint« sagte
er »der Jungfer tut es and nach dem Tierlein ich würd mich ja der Sünde
fürchten ihr so ins Herz zu schneiden nun ists aber einmal gekauft und
bezahlt und da beißt die Maus keinen Faden davon also wirds schätz ich das
beste sein ich gebs ihr derweil in Verwahrung und lass ihrs anbefohlen sein
bis ichs einmal nötiger hab als just heut mir ists nicht so eilig damit und
bei ihr kommt vielleicht einmal eine Zeit wo sie ihr Herz von dem Tierlein
losmacht und an etwas anders hängt«  Er blickte ihr dabei listig lächelnd ins
Gesicht wo durch die Regenschauer wieder ein Sonnenschein geschlichen kam und
da dem Hirschbauer die Sache weder lieb noch leid zu sein schien die Mutter
aber beifällig lachte so fuhr er fort »So wären wir also handelseins aber das
muss ich mir ausbedingen dass ich unterzwisperts nach meinem Lamm schauen darf
obs auch in guter Wartung steht denn es ist und bleibt mein Eigentum und ich
wills hier nur eingestellt haben also von Zeit zu Zeit werd ich so frei sein
und anfragen obs brav gedeiht« dabei krabbelte er kunstgerecht an dem
Lämmchen herum wartete keine Antwort ab sondern sprang gewandt wie ein
Kavalier auf andere Dinge über schwatzte von dem und jenem streichelte und
neckte den kleinen Wollkopf der dem Äußeren nach noch glücklicher als
Christine sein gerettetes Lamm festhielt fragte nach den beiden älteren
Söhnen welche ja seine Schulkameraden seien und als die Mutter nicht
ermangelte dieselben herbeizurufen so lud er sie kurzweg ein den »Weinkauf«
über den abgeschlossenen Handel zu trinken denn derselbe müsse stät und fest
sein dabei fasste er die beiden Bursche die ungefähr in seinem Alter sein
mochten an den Armen trieb sie zur Tür hinaus ohne ihnen Zeit zu einer
Widerrede zu lassen nahm Abschied und war mit ihnen fort ehe jemand etwas zu
tun oder zu sagen wusste Die Hirschbäuerin allein war gefasst genug ihm
nachzurufen er möchte so frei sein ihnen bald wieder die Ehre zu schenken
    Der Hirschbauer sah sein Weib eine Weile in stiller Verwunderung an während
Christine sich wieder auf die Seite machte um wenigstens dem ersten Anlauf
etwaiger Erörterungen auszuweichen wobei sie jedoch wohlweislich die Türe ein
wenig offen ließ
    »Das hättst du auch können bleiben lassen« sagte er endlich verdrießlich
»es kommt mir grad vor wie wenn man dem Marder den Schlüssel zum Taubenschlag
ausliefert«
    »Wenn du dich nur nicht auf Gesichter verstehen wolltest« entgegnete sie
»Hast ihm denn nicht in die Augen gesehen Der meints ehrlich«
    »Ein Sohn aus einem fürnehmen Haus«
    »Ei hat nicht auch der reiche Boas die Ruth geheiratet die arme
Ährenleserin«
    »Man lebt jetzt nicht mehr im Alten Testament Und wenn auch er aus der Art
geschlagen wär was wird der Sonnenwirt dazu sagen Wart du wirst eine Ehr
aufheben«
    »Kommt Zeit kommt Rat«
    »Die Zeit bringt nicht bloß Rosen sie bringt auch Disteln«
    »Je nachdem mans pflanzt Das Sprichwort sagt Mädchen müssen nach einer
Feder über drei Zäune springen Von den armen gilt das zweimal«
    »Ich will mein Kind keinem nachwerfen« fuhr er auf
    »Davon ist auch nicht die Red« sagte sie »Nachwerfen und Versorgen ist
nicht einerlei Wenn du das aber so sicher hast wie den Weck aufm Laden so
kannst du freilich sitzen und warten bis ein Freier aus Schlaraffenland
angeritten kommt um sich die vollen Kisten und Kasten zu besehen«
    »Schwätz du dem Teufel ein Ohr weg« sagte er der Türe zugehend »Ich aber
will keine Unehr und keinen Unfrieden von der Sach haben«
    »Du bist kurz angebunden« warf sie ihm nach »und aber was du sagst gibt
auch noch kein langen Faden Denk nur auch dran dass das fürnehm Füllen einen
großen Fleck hat ders nicht schöner macht Der Sonnenwirt muss ja selber
wissen dass er nicht mehr den höchsten Preis daraus löst Aber was zum Reitpferd
verdorben ist gibt oft noch ein gutes Ackerpferd und einem geschenkten Gaul
guck ich nicht ins Maul«
    Der Alte blieb in der Türe stehen Die letzten Bemerkungen seines Weibes
schienen ihm doch einigermaßen einzuleuchten Er antwortete nichts darauf
dachte aber eine Weile nach und ging dann mit einem halb mürrischen halb
zufriedenen Brummen hinaus
    Die Mutter rief Christinen die gar nicht weit gewesen war »Mach dass du an
die Kunkel kommst Sonnenwirtin« sagte sie »Meinst du es sei schon so weit
und du könnest Feierabend machen«
    »Mutter« erwiderte das Mädchen auf die grobe Füllung der Kunkel deutend
»ich weiß wohl das gibt kein Hochzeitskleid«
    »Unser Herrgott hat die Welt aus nichts erschaffen und den Menschen aus
einem Erdenkloss Die Amtmännin ist just wie ihre Katrine eine arme
Hausjungfer gewesen bei einer großen Herrschaft und jetzt ist sie eine
allmächtige Frau die einen ganzen Flecken regiert und wie Lass du nur den
lieben Gott walten Aber das sag ich dir« rief die alte Bäuerin mit erhobener
Stimme indem sie dicht vor ihre Tochter trat und ihr die geballte Faust vor das
Gesicht hielt »das sag ich dir dass du mir keinen dummen Streich machst sonst
lass ich kein ganzes Glied an dir«
    Christine antwortete nichts sie spann emsig fort und ließ die Spindel nur
leise auf dem Boden tanzen
    Während dieser Zeit war es ihren Brüdern im Bäckerhause wohin Friedrich sie
geführt nicht wenig wohlgegangen Wein war eine seltene Kostbarkeit für sie
und die Kameradschaft des Sonnen wirtssohnes schmeichelte ihnen unerachtet des
Makels der ihm anklebte so sehr dass sie den Mund kaum zusammenbrachten und
jeden Spaß den er auftischte mit lautem Gelächter begrüßten Christinens wurde
mit keinem Wort erwähnt aber beim Aufbruch gab er ihnen eine Flasche von seinem
»Grillengift« mit damit die zu Hause wie er sich ausdrückte auch etwas davon
hätten Ohne Zweifel hatte er damit nicht bloß die beiden Alten gemeint Zur
Steuer der Wahrheit und Vollständigkeit der Geschichte muss noch gesagt werden
dass er die Zeche schuldig bleiben und sich von der schmunzelnden Wirtin eine
Borgfrist von etlichen Tagen erbitten musste denn der Schafhandel so große
Vorteile er ihm auch in der Zukunft versprach hatte für den Augenblick seine
Barschaft völlig erschöpft
    Im Weggehen wandte er sich an den einen von seinen beiden neuen Freunden
»Tätest mir einen Gefallen Jerg«
    »Zwei für ein Frieder«
    »Ich hab eine schöne Pirschbüchse« sagte er lächelnd »die mir unwert
geworden ist Sei so gut und trag sie morgen nach Rechberghausen zum
Krämerchristle der wird dir dafür geben was recht und billig ist Erinnere
ihn dass er mir versprochen habe sie wieder zurückzunehmen wenn ich sie nicht
mehr wolle Ich muss morgen meinem Vater einen Gang nach Esslingen tun und kanns
also nicht selbst besorgen Auf die Nacht wenns dunkel ist geb ich dir das
Gewehr und morgen abend wenn ich von Esslingen komm könntest draußen auf der
Ruhbank auf mich warten«
    »Gern«
    »Der dreiäugig Spitzbub« rief er am andern Abend als er das Geld zählte
mit welchem ihn sein Freund vor dem Flecken an der Straße erwartete »der nimmt
ja einen Heidenprofit und milkt mich wie eine Kuh aber ich will ihn schon dafür
kriegen Was hat er denn gesagt«
    »Er hat gesagt er hab dir freilich versprochen er wolle die Büchse
wiedernehmen aber nur für den Fall dass sie dir nicht gut genug sei und das
könnest du selbst nicht sagen aber dass die Katze je vom Mausen lassen könnte
das hab er nicht geglaubt und auch kein Versprechen darauf getan«
    Friedrich lachte überaus lustig »Der Galgenstrick« sagte er »so der will
mich noch dafür strafen Nun« setzte er mit ernstem Tone hinzu »ich hoff das
soll meine letzte Strafe gewesen sein Auf dem Weg den ich geh kann ich keine
Strafe mehr brauchen«
    Es war ein doppelter Zweck den er mit diesem Geschäft erreichen wollte
Erstens hatte er nun wieder etwas Klingendes in der Tasche denn es wäre ihm
unerträglich gewesen mit leeren Händen zu lieben Zweitens aber  und das war
der Grund warum er Christinens Bruder mit dem Verkauf des Jagdgewehres
beauftragt  hatte er sein Mädchen in verdeckter Weise wissen lassen dass er um
ihretwillen nicht bloß auf den Pfad der Tugend zurückkehren sondern auch jeden
andern Weg meiden wolle der wenn auch nicht gerade bürgerliche Verabscheuung
darauf ruhte doch anderswohin als zu der Verbindung mit ihr führen konnte
 
                                       6
Immer häufiger wurden die Besuche und heimlichen Berichte die der Fischer der
Sonnenwirtin abstattete und für die er nicht nur manche Guttat aus Küche und
Keller nach Hause trug sondern auch das Versprechen erhielt dass es ihm
dereinst wenn sie durch allfällige Ereignisse zur ausschliesslichen Herrschaft
im Hause gelangen würde noch viel besser gehen solle Denn wer hinderte sie zu
hoffen dass wenn der einzige Sohn aus der Art schlüge und sich selbst um die
Erbschaft betröge sie durch ein Testament ihres Mannes dem sie im Alter
ziemlich weit nachstand in die Führung der Wirtschaft eingesetzt werden könnte
zu welcher sie sich für tüchtiger erkannte als die beiden Tochtermänner den
Chirurgus und den Handelsmann
    Aber auch unter den Mitbürgern des jungen Mannes erregte das neue Leben das
ihm aufgegangen war ein großes Gemurmel Man konnte der Familie des
Hirschbauern nichts vorwerfen als ihre Armut allein diese Eigenschaft genügte
um den Umgang eines Wohlhabenden mit ihr für die öffentliche Meinung des
Fleckens und zumal in den Augen des städtisch gekleideten Teils desselben
höchst verwerflich zu machen Gestern hatte man sie noch mit einer Mischung von
Mitleid und Geringschätzung arme Leute genannt heute hieß man sie schon
Gesindel das mit Preisgebung der eigenen Ehre ein ungeratenes Früchtlein aus
gutem Hause einziehe und Friedrich selbst dem man seine bisherigen
Jugendstreiche beinahe so gut wie vergeben hatte kam nun als Genosse dieser
Verachtung nur um so schlimmer weg indem man alles Vergangene auffrischte um
zu beweisen dass er von jeher nur Zuneigung zu schlechtem Volke und Hang zu
schlechten Streichen gehabt habe Ihm wurde es als Verbrechen geachtet dass er
sich zu so geringen Leuten herunter gab Christinen und den Ihrigen wurde es als
Schimpf angerechnet dass sie sich mit einem gewesenen Sträfling einliessen der
doch so manchem wenn er seine Neigung anderswohin gewendet haben würde gut
genug gewesen wäre Das Gerücht von abermaliger übler Aufführung des jungen
Sonnenwirtle drang bald zu der Frau Amtmännin die es nach Kräften verbreitete
und in den nächsten Tagen der Frau Pfarrerin als diese auf einen
Nachmittagsbesuch zu ihr kam erzählte Diese wusste es schon obgleich nicht so
vollständig wie die Frau Amtmännin Beide Frauen ließ die Sonnenwirtin holen
und empfingen sie mit einem Strom von wetteifernden Zurufen »Denk Sie doch
Frau Sonnenwirtin«  und »Ei was denkt Sie denn dass Sie Ihrem ungeratenen
Sohn so freien Lauf lässt  Weiß Sie denn auch  Das sollt Sie seinem Vater
sagen damit er dem Unfug ein Ende macht« Die Sonnenwirtin als sie endlich das
Wort ergreifen konnte versicherte zum größten Verdruss der beiden vollgeladenen
Erzählungshaubitzen mit Seufzen dass sie von allem bereits vollständig
unterrichtet sei dem Vater setzte sie kopfhängerisch hinzu habe sie bisher
nichts sagen mögen teils um ihm einen so schweren Herzstoss teils um dem Sohn
den sie vergebens in Güte herumzubringen gehofft böse Tage zu ersparen sie
sehe aber wohl ein dass sie endlich obgleich ungern genug den Mund auftun
müsse In diesem löblichen Vorsatze mit vereinten Kräften von ihnen bestärkt
ging sie in die Sonne zurück und machte ihrem Manne die schon längst für eine
passende Stunde aufgehobene Eröffnung dass sein Sohn mit einem Lumpenmädchen
mit einem Bettelmensch sich in eine Liebschaft eingelassen habe Sie hatte aber
nicht den rechten Augenblick gewählt denn der Sonnenwirt antwortete ganz
trocken »Das ist seine Sache Jugend will vertoben man kann nicht nach allen
Mucken schlagen die Kuh muss auch dran denken dass sie selbst ein Kalb gewesen
ist«  »Ich weiß gar nicht wie du mir vorkommst« sagte die Sonnenwirtin »man
sollt ja meinen du seist in deiner Jugend ärger gewesen als der Herzog
selbst« Der Sonnenwirt lachte pfiffig vor sich hin denn es ergötzte ihn seine
Frau an derartigen Vorstellungen die sie ärgerten kauen zu sehen dann sagte
er im Fortgehen »Ich will ihm übrigens bei Gelegenheit ein wenig den Marsch
machen damit er nicht meint es werde ihm durch die Finger gesehen wenns
einmal Frühling ist so kann man nicht alle Kräutlein hüten aber man muss davor
sein dass nicht der ganze Salat schießt auch würd ich mich dafür bedanken
nachher einen Schaden zu haben und noch einen Spott dazu«  Die Sonnenwirtin
sah ihm als sie allein war mit starkem Kopfschütteln nach und sagte giftig
hinter ihm drein »Du musst mir ein sauberes Kraut gewesen sein in deinem
Frühling« Sie brachte es auch mit wiederholten Vorstellungen nicht weiter als
dass der Alte einmal gegen seinen Sohn im Vorübergehen einige Worte hinwarf
»Sieh dich vor du« bemerkte er ihm »du weißt das Sprichwort sagt an russigen
Kesseln wird man schwarz wenns zu Dummheiten kommt so hoffe nicht dass du an
mir einen Helfer in der Not haben werdest« Die Bemerkung war eine von denen
die keine Antwort verlangen und Friedrich ließ sie auch unerwidert denn er
konnte sich wohl denken dass er durch eine Darlegung seiner wahren Absicht den
Vater nicht sonderlich begütigen sondern eher einen Kampf mit ihm herbeiführen
würde den er solang als möglich hinauszuschieben gesonnen war Übrigens schien
das Sprichwort das jener angeführt seinen Inhalt an ihm bewähren zu wollen
denn Friedrich wurde um diese Zeit in einen verdrießlichen Handel verwickelt
Der obere Müller der ohnehin nachgerade einen großen Hass auf ihn geworfen
hatte vermisste eines Morgens einen Bienenkorb Es hing von der Person und den
Verhältnissen des Täters ab ob man diese Entwendung als eine Tat bübisschen
Mutwillens oder als einen gemeinen Diebstahl betrachten wollte Der Verdacht
fiel auf einen der Söhne des Hirschbauern dessen Armut und neuerliche
Verrufenheit für die niedrigere Auffassung der jedenfalls unsauberen Handlung
entschied und es fanden sich Augenzeugen welche an dem der Entdeckung
vorhergegangenen Abend spät gesehen haben wollten wie Friedrich auf der Brücke
unweit der Mühle seinem Gesellen pfiff Es konnte jedoch nichts bewiesen werden
und die Sache musste beruhen bleiben aber das Gerücht ruhte nicht und die aus
vorsichtiger Ferne geschleuderten Schimpfreden des Müllers gaben dem
Verwerfungsurteil über die Wahl des jungen Mannes neue Nahrung Dieser hat
übrigens als er zehn Jahre später über ganz andere Dinge die umfassendsten und
rückhaltlosesten Bekenntnisse ablegte jede Teilnahme an jenem verhältnismäßig
geringen Vergehen standhaft in Abrede gezogen
    Die Sonnenwirtin würde zweifelsohne nicht unterlassen haben von diesem
Vorfall in täglichen und nächtlichen Gesprächen mit ihrem Manne erschöpfenden
Gebrauch zu machen allein sie musste es bei einer kurz und hart hingeworfenen
Mitteilung der Neuigkeit bewenden lassen welche auf den Sonnenwirt diesmal
einen beinahe nur oberflächlichen Eindruck machte weil ihm selbst ein viel
schlimmerer Handel auf den Hals gekommen war infolgedessen zwischen den beiden
Eheleuten wochenlang außer dem Nötigsten nur wenig und auch dieses Wenige nicht
in Güte gesprochen wurde Gegen den Sonnenwirt hatte nämlich eine jener
liebreichen Basen die es überall gibt und die niemals reichlicher blühten als
in der sogenannten guten alten Zeit natürlich nur aus den höchsten und reinsten
Beweggründen nichts Geringeres als eine Ehebruchsanzeige vor das geistliche
Gericht gebracht Die Denunziation war ihrer Urheberschaft gemäß von der
Angabe zahlloser Einzelheiten und haarkleiner Umstände begleitet so dass der an
sich unwahrscheinliche Verdacht gegen einen Mann in den Sechzigen und eine zwar
»rösche« noch frische aber wohlberufene Witwe denn eine solche war der
Mitgegenstand der Anklage doch etwas Fleisch und Blut erhielt Eine lange und
widrige Untersuchung wurde eingeleitet bei welcher eine Reihe von Zeugen
erscheinen mussten ohne dass jedoch der Bezicht zu jenem Grade erhärtet wurde
der das Gericht genötigt hätte an eine Verschuldung zu glauben Auch die beiden
Angeklagten gestanden nicht das mindeste Verdächtige ein und die Angeberin da
sie sah dass sie ihre Klage nicht beweisen konnte zog dieselbe zurück Sie
glaubte mit einem Widerrufe davonzukommen allein der Sonnenwirt verlangte für
sich und seine mitangeklagte Gevatterin Satisfaktion und so wurde sie wegen
Lügens und falschen Denunzierens zu einer übrigens mäßigen Geldstrafe in welche
sich die Herrschaft der Staat und der »Heilige« teilten sowie zur Abbitte
verurteilt Aus Rücksicht auf den dem Honoratiorentum verwandten Stand des
Sonnenwirts wurde die Sache nicht auf dem Rataus sondern im Amtause
verhandelt auch in das Kirchenkonventsprotokoll nur ein kurzer Auszug
aufgenommen und die Untersuchung selbst in einem Separatprotokoll niedergelegt
welches man jedoch um aller Verantwortung enthoben zu sein an das Oberamt
einsendete wo sodann da die Akten keine bestimmten Verdachtsgründe ergaben
die Angelegenheit ohne weitere Folgen liegen blieb Wie es jedoch in allen
solchen Fällen zu geschehen pflegt so blieb genug davon an den Beteiligten
hängen und in der Sonne schienen die Flecken über den Glanz Meister zu werden
zumal die Geistlichkeit in ihrer Abneigung vor jedem Skandal das
Monatskränzchen das überhaupt nur unter einem sehr nachsichtigen Vorgesetzten
im Wirtshause gehalten werden konnte eingehen ließ Denn der
Spezialsuperintendent dein sie untergeben war stand seinerseits unter einem
Konsistorialrat der das im Evangelium erzählte Erscheinen seines obersten
Kirchenherrn auf der Hochzeit zu Kana mit den Worten verurteilte »Hätts auch
können bleiben lassen« Unter allen Nachwehen aber die den Sonnenwirt trafen
plagte ihn am empfindlichsten die Eifersucht seiner Frau denn diese wollte ihn
nicht freisprechen wie die Konventsrichter ihn freigesprochen hatten Ihr
Schweigen und Trutzen veranlasste ihn sie geradezu zu fragen ob sie denn etwas
von der Verleumdung glaube worauf sie seufzend erwiderte sie stelle die Sache
Gott anheim der ins Verborgene sehe Auf diese Weise wusste sie jedem
unmittelbaren Wortwechsel auszuweichen quälte aber ihren Mann teils durch
finsteres Stillschweigen teils durch abgebrochene Redensarten die ihn von
weitem her trafen und wehrlos stachen weil er sie nach dem Wortlaut nicht auf
sich beziehen musste und doch dem Sinne nach auf niemand anderes beziehen konnte
So erzählte sie ihm spöttisch sein Sohn habe auch wieder einmal einen kleinen
Verdruss gehabt es sei nur schade dass die Sache werde weltlich vom Amt allein
abgemacht werden denn wenn sie geistlich gerichtet würde so könnte man
immerhin hoffen dass die Konventsherren ein Einsehen haben würden von wegen der
Süßigkeit des Honigs dann schimpfte sie auf den Hirschbauer und seinen Sohn und
bemerkte dabei der Apfel falle eben nicht weit vom Stamme es sei gemeiniglich
einer so liederlich wie der andere Durch dieses Betragen bei welchem die
Leidenschaft ihr Salz dumm gemacht hatte trieb sie den Vater auf die Seite des
Sohnes und versäuerte ihm die Neigung gegen etwaige Irrgänge desselben
einzuschreiten Friedrich hatte in dieser Widerwärtigkeit von Anfang an fest die
Partei seines Vaters genommen Zu Hause schwieg er über den kitzlichen
Gegenstand wie jedermann dort darüber schwieg Auswärts aber wachte er über
jedes Wort das die Leute redeten und wehe dem der sich die geringste
Anspielung erlaubte Die Ohrfeigen und Püffe die er oft nur im Vorübergehen
auf der Straße austeilte wurden sprichwörtlich denn sein Eifer bedachte auch
manchen Unschuldigen der mit seiner Rede etwas ganz anderes gemeint hatte
Durch diese beständige Kriegsbereitschaft wurde die Zahl seiner Freunde nicht
vermehrt Sein Vater aber schien ihm ohne jedoch viel mit Worten merken zu
lassen so gewogen dass Friedrich oft dachte er könne kaum eine günstigere Zeit
finden um sich die väterliche Einwilligung zur Heirat mit der Tochter des
Hirschbauers zu erbitten
    Vielleicht wäre sie ihm zuteil geworden und hätte den Wildbach seines
Schicksals in ein fortan friedliches Bette geleitet Doch wer kann dies sagen
Vielleicht wäre es auch dein Vater in dieser milden Stimmung gelungen den Sohn
der guten Worten so zugänglich war andern Sinnes zu machen bevor er sich
unwiderruflich gebunden hätte Allein der Sonnenwirt berührte den Gegenstand
nicht mehr weil er nach seiner Sinnesart nicht daran dachte dass es seinem
Sohne mit dieser Liebschaft Ernst sei und diesem fehlte immer noch die
Hauptbedingung die ihm die Zunge lösen konnte nämlich das Jawort des Mädchens
das er liebte Er hatte von der Erlaubnis nach seinem Lamm zu sehen möglichst
fleißigen Gebrauch gemacht er hatte Christinen durch Vermittlung ihrer Brüder
denen er das Geld dazu gab in den Lichtkarz und auf den Tanzboden gebracht er
hatte keine Gelegenheit versäumt mit ihr zusammenzutreffen aber seine Wünsche
waren noch weit von ihrem Ziel Beim Heimgehen von einem Tanze wo er sie
begleitete und eine Strecke hinter ihren Brüdern blieb flüsterte er ihr alles
Liebe und Schmeichelnde zu was ihm sein Herz zu dieser Stunde eingab sie ging
still und vor sich blickend neben ihm her und als er heftig beteuerte er müsse
noch ihr Schatz werden er tue es nicht anders oder er gehe weit fort nach
Amerika antwortete sie lachend »Mein Schatz das kannst du schon sein aber
damit bin ich der deine noch nicht nach Amerika musst aber nicht gehen denn da
geht niemand hin der was rechts ist« Mit einem Sprung war sie bei ihren
Brüdern und neckte ihn dass er so langsam nachkomme Wie sie ihm aber an ihrem
Hause gute Nacht sagte traf sie ihn wieder mit einem Blicke wovon ihm das Herz
wirbelte So hielt sie ihn und ließ ihn doch nicht näher kommen Wenn sie
allein mit ihm war benahm sie sich scheu und vor den Leuten war sie
schnippisch gegen ihn Er sagte sich dass sie als ein armes Mädchen gegen ihn
den Sohn wohlhabender Leute die sie nicht mit günstigen Augen ansehen würden
doppelt auf ihre Freiheit zu halten berechtigt sei deshalb ertrug er ihr Wesen
mit ungewohnter Geduld und begnügte sich mit der halben Gunst dass sie unter
vier Augen du zu ihm sagte Wenn er bei einer solchen Gelegenheit einen Kuss
begehrte so konnte sie ihm den Bescheid geben »Ich will mich noch besinnen
bleibenlassen ist gut dafür« Wurde er dringender so sagte sie »Soll ich mich
zu meinem Schafknecht so heruntergeben« und entsprang ihm lachend Ihre Augen
aber fuhren fort das Gegenteil von ihren Worten zu reden und dies gab ihm
wieder eine Zuversichtlichkeit die sie zu beleidigen und zu nur um so
übermütigeren Zurückweisungen zu reizen schien »Ja ja man darf nur knallen
und ausfahren« pflegte sie bei solchen Anlässen spöttisch zu sagen Endlich
aber erwachte der ungestüme Zorn in ihm den er so lange gebändigt hatte An
einem sonnigen Dezembernachmittage kam er an ihrem Haus vorbei sie hatte ihn
den Fußweg kommen sehen und stand hinter dem Hause wo das freie Feld sich
öffnete und die Berge der Alb herunterschauten Er tat als führe ihn der Weg
nur so vorbei denn er hatte sich aus Unmut ein paar Tage nicht blicken lassen
Als er sie sah grüßte er und lud sie zum Mitgehen ein sie schlug es ab fragte
aber warum er »nirgends hinkomme« »Bist brav« fragte er dagegen »Freilich«
erwiderte sie »Gib mir einmal deine Hand« sagte er Sie ließ ihm die Hand und
er versuchte ihr schnell und verstohlen einen Silberring an den Finger zu
stecken »Du tust mir ja so weh« schrie sie denn sie fühlte bloß einen Druck
und Schmerz am Finger ohne zu wissen woher »Wer wird einem auch so weh tun«
Indem sie sich sträubte und ihre Hand aus der seinen zu ziehen suchte fiel das
Ringlein zu Boden »So« sagte er in ausbrechendem Grimme »ichhabs nicht
hingeworfen ich brauchs auch nicht aufzuheben und wenn du nicht anders wirst
so kann meinetwegen der Handel zu Ende sein« »Komm Hansele« rief Christine
dem Lamme zu das frei umherging und in diesem Augenblicke zu ihr gesprungen
kam »komm dein Herr will dich mitnehmen der Handel sagt er reue ihn«
Friedrich gab dem armen Tiere einen Stoß dass es an die Wand flog und ging ohne
Abschied fort »Bin ich mit dem Puff gemeint gewesen« rief ihm Christine nach
Er hörte es nicht mehr wenigstens gab er keine Antwort Sie setzte sich zu dem
Lämmchen das jämmerlich schrie auf den Boden streichelte und untersuchte es
es hinkte ein wenig hatte aber sonst keinen Schaden genommen Nachdem sie es
beruhigt suchte sie nach dem Ringlein das sie bald im Grase fand sie steckte
es an den Finger und sah eine Weile seufzend hinter dem Trotzkopf her dann zog
sie es wieder ab und verbarg es sorgfältig an ihrer Brust
    Friedrich strafte sie mit achttägigem Wegbleiben Es kam ein großer Markttag
und mit ihm der letzte Tanz vor der geschlossenen Zeit die von Weihnachten bis
Neujahr dauert Sonst hatte er immer dafür gesorgt dass sein Mädchen zum Tanze
kam diesmal tat er keinen Schritt Auch er war entschlossen nicht hinzugehen
als er aber von weitem die bekannten Töne des Ländlers vernahm spiegelte er
sich vor er wolle seinen Unmut vertanzen und vertrinken Gesagt getan aber
das erste was ihm beim Eintritt in die Augen fiel war Christine die
anscheinend sehr wohlgemut mit einem jungen Burschen tanzte Er hätte laut
aufschreien und dreinschlagen mögen aber er bezwang sich und wählte schnell
eine Tänzerin Christinen zum Trotz tanzte er unaufhörlich ohne sie ein
einziges Mal aufzufordern Aber auch sie blieb nicht verlassen sitzen denn die
Buben wie man die jungen unverheirateten Männer nennt kümmerten sich wenig um
das was man im Flecken über ihre Familie sprach und hatten Wohlgefallen an
ihrer Jugend und Schönheit Sie war jedoch darauf bedacht mit keinem zweimal
nacheinander zu tanzen und auch er wechselte seine Tänzerinnen fleißig denn so
gerne er ihr einen eifersüchtigen Verdruss bereitet haben würde so fand er doch
keine mit der er durch längeres Zusammenhalten in den Ruf einer Liebschaft
hätte kommen wollen Sonst hatte er wie es bei verbundenen Paaren Sitte ist
nur mit ihr und sie nur mit ihm getanzt heute machten sie jedes für sich die
Runde durch die ganze junge Welt soweit sie nicht verliebt oder verlobt
verbandelt oder verhandelt war Einmal kamen sie beim Ausruhen nebeneinander zu
stehen »Tuts so« fragte Christine freundlich und gelassen zu ihm herüber
»Ich mag mich nicht am Narrenseil herumführen lassen« schnaubte er zu ihr
hinüber und riss seine Tänzerin von neuem in die Reihe Sein Herz kochte das
Tanzen war ihm entleidet und er setzte sich zum Wein den er mit Heftigkeit in
sich goss Gleichgültig und düster sah er von hier aus der Lustbarkeit der andern
zu oder vielmehr er sah nur Christinen die zwar keinem einzelnen besondere
Gunst erwies aber sich von jedem schön tun ließ und sich gar nicht um ihn zu
kümmern und ihn durch ihre Munterkeit und ihr helles Lachen das ihn unsäglich
beleidigte für seine Gleichgültigkeit strafen zu wollen schien Da das Betragen
der beiden allgemein auffiel deren Vereinigung schon zu so vielem Geschwätz
Anlass gegeben hatte so musste er über die Trennung allerlei Bemerkungen und
Neckereien hinnehmen die ihn innerlich wütend machten und der Abend würde ohne
Zweifel wie so oft auf dem Lande geschieht mit Raufhändeln geendet haben wenn
die jungen Männer die ihn um seiner Leutseligkeit willen liebten sich nicht zu
mäßigen gewusst hätten und wenn nicht Christine die sich ihrer Anziehungskraft
vollkommen bewusst zu sein schien plötzlich vom Tanzboden verschwunden wäre Als
er sie nicht mehr sah gab er zwar den Gedanken ihr nachzugehen mit stolzer
Überwindung auf aber die Lustbarkeit hatte allen Reiz für ihn verloren und die
eintönige Tanzmusik klang ihm wie ein ewig wiederkehrender Spott Er blieb noch
eine Weile in dumpfem Brüten sitzen machte einige vergebliche Versuche mit den
Lustigen lustig zu sein und entfernte sich dann um einen schweren Kopf und ein
noch schwereres Herz zur Ruhe zu legen
    Den andern Tag wurde er zum Pfarrer beschieden Er zerbrach sich vergebens
den Kopf was die Ursache dieser Vorladung sein möge Der Pfarrer ein dürres
kleines Männlein kanzelte ihn heftig ab dass er sich der Kinderlehre entziehe
und dadurch so göttliche als fürstliche Gebote übertrete bis ins
vierundzwanzigste Jahr habe ein lediger Bursche die Kinderlehre zu besuchen
schärfte er ihm ein und eröffnete ihm es sei vom löblichen Kirchenkonvent
beschlossen worden künftig strenger auf die Befolgung der Vorschrift zu halten
und jedes Wegbleiben unnachsichtlich mit einem Sechser »in den Heiligen« bei
längerem verstockten Beharren aber sogar mit Einsperrung ins »Zuchtäuslen« zu
bestrafen wenn er sich wieder beigehen lasse die Kinderlehre zu schwänzen so
werde er der Pfarrer ihn unfehlbar aufschreiben lassen und bei dem Herrn
Amtmann und den Konventsrichtern den Fall zur Anzeige bringen Damit hatte er
seinen Bescheid und durfte gehen Kaum vermochte er sich zu halten dass er nicht
aufbrauste Bei seinem Stolz und vollends in seiner jetzigen Stimmung konnte ihm
nichts so quer in den Weg kommen als die Zumutung in seinem Alter noch drei
Jahre lang zur Kinderlehre zu gehen und das tonlose Poltern des Pfarrers über
die Rechtfertigung durch den Glauben anzuhören während doch jetzt sein Dichten
und Trachten darauf gerichtet war durch die Liebe von allem Übel erlöst zu
werden »Das kommt mir geschlichen« sagte er zu sich im Pfarrhofe noch einmal
grimmig nach dem Fenster emporblickend wo ihm gepredigt worden war »Ebensogut
hätt man mir die Rute andiktieren können wenn ich noch ein Kind sein soll Nun
ich geh eben nicht hin und zahl jedesmal die Straf Freilich wird sichs damit
auf die Länge nicht abtun lassen wenn er einen verstockten Sünder in mir
erkennt so gibts wieder eine Predigt und zwar vorm Konvent und dann legt
sich auch der Amtmann drein Man ist doch wie in einem Netz aus dem man nicht
herauskommt Am besten wärs eben ich kam schnell unter den Pantoffel wenns
mit dem dummen Ledigsein aus ist so hat das Kinderlehrgeläuf von selbst ein
End«
    Hiermit war er in der Reihenfolge seiner Gedanken auf einen Gegenstand
geraten der ihm so wie die Sachen zwischen ihm und Christinen standen wenig
Trost einflößen konnte
 
                                       7
Friedrich hatte traurige Feiertage obgleich es ihm äußerlich gar nicht übel
ging Sein Vater bedachte ihn am Weihnachtsabend mit einem stattlichen
Geldgeschenk zum sichern Zeichen dass alles wieder im alten Geleise sei Er war
nie so reich gewesen aber gerade dies machte ihn unglücklich denn das Geld
erinnerte ihn nur daran dass er es jetzt nicht mehr zu dem Zwecke brauchen
konnte zu welchem allein es ihm früher erwünscht gewesen wäre nämlich
Christinen seine Liebe durch Geschenke zu beweisen
    Er würde sich wohl schnell über die Gesinnung des Mädchens beruhigt haben
wenn er ein Gespräch angehört hätte das eines Abends zwischen ihr und ihrer
Mutter stattfand während er eben auf dem Wege von Hohenstaufen her wohin sein
Vater ihn geschickt hatte auf das Haus zugeschritten kam
    »Jetzt hab ich aber die stillen Seufzer überlei« sagte die Mutter »Du bist
selber schuldig greifst dein Sach ganz verkehrt an«
    »Mutter habt Ihr nicht gesagt «
    »Weiß wohl was du meinst aber man muss alles mit einer Art tun nicht
obennaus und nirgendsnein Wenn eine arm ist wie du so soll sie nicht die
hochmütig Jungfer machen sondern die kluge im Evangelium die ihre Lampe mit Öl
füllt und dem Bräutigam entgegengeht Sie muss sich runtergeben können und muss
sich etwas gefallen lassen aber freilich mit Maß Zu lützel und zu viel
verderbt allzeit das Spiel Narr ich hab deinen Vater am Schnürle geführt er
hat mir nicht weiter gucken dürfen als ich ihm verstattet hab Aber du bist
eben so ein Zimpferle weißt dich nicht umzutun meinst die gebratenen Tauben
müssen dir ins Maul fliegen«
    »Was soll ich denn tun« fragte Christine
    »Tu was du willst« sagte die Mutter zornig »steck meintwegen der Katz
das Heu auf dumm genug wärst dazu nur geh dass ich das Geseufz und Geheul
nicht länger hören muss«
    Christine verließ die Stube und trat schauernd vor das Haus in die Nacht
hinaus wo sie im gleichen Augenblick zu ihrem freudigen Schrecken beim Schein
der Sterne die in der Kälte hell funkelten den Gegenstand der Unterredung und
ihres Kummers auf sich zukommen sah Sie glaubte es sei seine Absicht in ihrer
Nähe umherzustreichen und zu spähen und eine frohe Hoffnung zog in ihr Herz
ein Wie er aber näher kam so schien es als ob ihn bloß der Zufall diesen Weg
führe denn er sah sich nicht einmal um Sie rief ihm einen Gruß zu und fragte
eingedenk der Lehre die ihr so eben die Mutter gegeben »Willst nicht auch
einmal wieder nach deinem Lamm sehen«  Da der Schatz wie sie ihm erlaubt
hatte sich zu nennen keine Antwort gab obwohl er unschlüssig stehengeblieben
war so fuhr sie etwas vorschnell fort »Oder magst s nicht wenigstens holen
wenn du nichts mehr von uns willst«
    Friedrich hörte aus diesen Worten nichts als spöttische Ablehnung heraus
»Es ist schon so gut wie abgestochen« erwiderte er indem er den Fuß zum
Weitergehen hob
    Dieser starre Trotz verdross sie und sie rief ihm nun mit nicht sehr
glücklichem Spotte nach »Da wird man dem Herrn wenigstens das Fell herausgeben
müssen und die Wolle«
    Sein Blut kochte denn er glaubte eine Anspielung zu vernehmen an die das
Mädchen entfernt nicht dachte Von der Wolle hörte er nun einmal gar nicht gerne
reden »Das Fell behalt Sie Jungfer« sagte er »und die Wolle kann Sie an die
vielen Dörner stecken an denen Sie letzt hangenblieben ist« Damit ging er
fort Sie lehnte sich an den Türpfosten und blieb noch lange bitterlich weinend
und vor Kälte zitternd stehen bis die Tritte ihres Vaters und ihrer Brüder
die von einem Geschäft nach Hause kamen sie vertrieben
    Mit den beiden letzteren setzte Friedrich den gewohnten Umgang fort Wie
aber zwischen ihm und ihnen von der Herzensangelegenheit nie gesprochen worden
war und selbst die Verabredungen wonach sie ihre Schwester da oder dorthin
bringen sollten immer in gleichgültiger Form gemacht worden waren so wurde
auch der Störung des Verhältnisses nicht erwähnt Nur einmal sagte Friedrich mit
deutlicher Beziehung »Ich merks eben wohl man vergisst mir meine Strafen
nicht man sieht mich für gezeichnet an« Worauf jene ruhig antworteten »Wird
doch das nicht sein«
    Unmut und Unruhe trieben ihn umher und auch in ruhigeren Stunden wenn dann
und wann der Schmerz der vermeintlich verschmähten Liebe ihn zu quälen abliess
empfand er eine drückende Leere und das Leben kam ihm schrecklich arm und öde
vor Er fühlte es ohne es klar zu erkennen dass die Menschen um ihn her wie
Schatten waren dass keiner ihm etwas sein konnte dass niemand in seiner ganzen
Umgebung seinem wie in der Wildnis und Irre schweifenden Gemüt seinem
hungernden Geist eine Heimat und Erquickung zu geben vermögend war Was er aber
hell bewusst in sich trug war eine masslose rebellische Bitterkeit darüber dass
er statt ins Ehebett in die Kinderlehre wandern sollte Einen grausameren Hohn
über seine verunglückte Bewerbung meinte er sich nicht erdenken zu können Dazu
fühlte er sich nicht bloß alt genug und den Kinderschuhen entwachsen um vom
Leben noch eine andere Schule zu verlangen als die Eintrichterung von
Bibelsprüchen und Gesangbuchversen sondern er hatte auch diese Sprüche und
Verse samt der ganzen Schulbildung worin er selbst Höhergestellten wenig oder
nicht nachstand so vollkommen inne dass die Wiederholung des Unterrichts ihn
nicht einmal in diesem Fache mehr fördern konnte Für die Bildung seines
»inneren Menschen« aber woran die Religionsschule die diesen Ausdruck gern
gebrauchte sich hätte erproben lassen können war das bürgerliche und
gesellschaftliche Leben in dessen Schösse er sich tummelte so inhaltsleer und
so sehr in die blinde Unterwerfung unter eine gewissenlos schwelgende
»Herrschaft« hineingepredigt dass es zu den Glücksfällen gerechnet werden musste
wenn eine über das gewöhnliche Maß ausgestattete Natur in diesem Wesen eine
wohnliche Hütte fand oder was noch besser auf gelindem Wege hinausgedrängt
wurde Eine Hütte aber wohnlich nicht bloß für den Leib sondern auch für die
Seele war kaum anderswo zu finden als bei den Pietisten welche auf einem noch
ungebrochenen Glauben fussten dessen kindliche Kraft noch nicht durch die
Ausbreitung der Bildung und Wissenschaft verlorengegangen war auf einem
Glauben der ihnen in körperlicher Wirklichkeit vormalte wie sie dereinst nach
der Erlösung aus diesem Tal des Jammers und der Sünde in den Wohnungen der
Seligen über dem blauen Himmelsgewölbe mit Kronen auf den Häuptern und in weißen
Gewanden einherwandeln würden der aber in seinen Beziehungen zum irdischen
Leben die dürre streit und herrschsüchtige Kirchenlehre mit welcher er nur
über das Jenseits einverstanden war weit hinter sich ließ und eine Liebe und
Gleichheit der Kinder Gottes predigte woran trotz der Demut dieser Predigt die
Inhaber von Thron und Altar großes Ärgernis nahmen Allein es war nicht jedem
gegeben ein Pietist zu werden und nicht jeder dem es gegeben gewesen wäre
hatte das freilich sauer erworbene Glück sein Lebenlang unter den Flügeln eines
Mannes wie der Waisenpfarrer im Ludwigsburger Zuchtause geborgen zu sein
    In dieser Verlassenheit und Vernachlässigung mussten alle Richtungen einer so
kräftig angelegten Seele in einen unbezähmbaren Willensdrang verschmelzen der
in seiner dumpfen Ungeduld überall auf ebenso dumpfe Hindernisse wie auf Mauern
ohne Fenster stieß und ziellos zwischen Antrieben bald des Wohlwollens bald
der Widerspenstigkeit umherirrend zuletzt an einem einzigen Gegenstande haften
blieb von welchem dieser noch durch den Stachel beleidigter Eitelkeit gespornte
Wille Befriedigung aller Sehnsucht und Heilung aller Schäden für das ganze Leben
forderte Die Versagung dieses höchsten Wunsches an den er zumal die besten
Vorsätze für sein künftiges Verhalten geknüpft hatte machte den Jüngling an
sich und der Welt verzweifeln und abermals wollte der wilde Geist über ihn
kommen den er schon so manches Unheil hatte vollbringen lassen
    Das Jahr ging zu Ende Am letzten Tage saß Friedrich in einer müßigen Stunde
am runden Tische in der großen Wirtsstube und las in der Bibel die mit ihren
Heldensagen und Abenteuern der Phantasie des Volkes eine von der Kirche erlaubte
Unterhaltung und einen Ersatz für die verschütteten heimischen Überlieferungen
bot Er las eigentlich nicht sondern blätterte nur denn er wusste alle diese
Geschichten auswendig die in der Predigt und Kinderlehre geistlich gedeutet
wurden beim unbefangenen Lesen zu Hause aber mit ihren guten und bösen
Beispielen einen ganz natürlichen Eindruck machten Da waren Geschichten von
Erzvätern die sich betranken Kebsweiber hielten und verstiessen durch
Schelmenstreiche reiche Familienhäupter wurden oder in fremdem Hofdienste sich
gegen das Volk zu Finanzkünsten hergaben welche einen Württemberger sehr an den
erst zwölf Jahre zuvor in Stuttgart gehängten »Jud Süss« erinnern mussten
Liebliche und heldenmässige Züge wechselten da mit gar unheiligen ein Volk zog
aus einem Lande auf das Geheiß seines Führers der einen Totschlag begangen wie
eine Zigeunerbande fort indem es die entlehnten silbernen und goldenen Geräte
behielt ein kühner Hirt und Räuber durch treue Freundschaft ewig im Lied zu
leben würdig stahl als Hauptmann einer Schar loser Leute seinem König einen
Zipfel des Mantels vom Leibe weg samt Speer und Becher diente als Überläufer
dem Reichsfeind und missbrauchte als er später daheim die Krone trug sein
königliches Amt zu Lüsternheit und Meuchelmord wobei er sich von jenen
Erzvätern wie auch von späteren Landesvätern doch wenigstens dadurch
unterschied dass er über seine Tat nachher Leid und Reue trug Bedenkliche und
zweifelhafte Fragen über diese Erzählungen die beinahe die einzige geistige
Speise des Volkes waren konnte der junge Mensch das wusste er wohl keiner
Seele in seiner Umgebung vorlegen Hatte doch selbst der Waisenpfarrer einmal
einen leisen Versuch mit den Worten abgewiesen man müsse nicht gar zu viel
grübeln Gott wähle oft seine eigentümlichen Wege und Werkzeuge um seine Pläne
auszuführen Am liebsten aber schlug er die beiden Bücher von den ritterlichen
Taten der Makkabäer auf und oft musste er unwillkürlich nach der nahen Alb
hinübersehen wenn er las wie diese Helden sich in das Gebirge warfen um von
dort aus die Freiheit und das Gesetz ihres Landes zu verteidigen Eben las er
wieder wie sie beschlossen sich durch die Heiligung des Sabbats nicht vom
Kampfe abhalten zu lassen gleich ihren Brüdern die sich wehrlos in der Höhle
schlachten ließ da ertönte in der Straße die Schelle des Aufrufers und er
öffnete das Fenster um zu hören was es gäbe Das löbliche Amt ließ durch den
Fleckenschützen ausschellen die jungen Burschen sollen sich bei Strafe nicht
beigehen lassen in der kommenden Neujahrsnacht zu schießen ein Verbot das
jährlich eingeschärft und übertreten wurde »Die können nichts als verbieten«
brummte Friedrich indem er das Fenster zuschlug »das Schießen ist nun einmal
ein alter Brauch wiewohl wenn mans dem Ungeschick überließ die Jugend durch
Verlust von je und je ein paar gesunden Fingern zu kurieren was ja sowieso
geschieht so wärs wahrscheinlich längst mit dem Knallen vorbei Aber der Reiz
des Verbotenen zieht eben viel stärker als die Furcht vor Schaden Es ist mir
als ob der Schütz beim Ausrufen ein Aug zu mir hätt herauflaufen lassen Umsonst
hat er wohl auch nicht grad vor meinem Haus geschellt So meint ihr Dein
Amtmann und du ihr habt scheints ein besonderes Zutrauen zu mir Ich will
euch Ehre machen Wartet einmal ob ihr mich kriegt«
    Er dachte nicht daran wie oft er zu sich gesagt dass er die Knabenschuhe
vertreten habe sondern schlich sich als es dunkel wurde zu einem Invaliden
der nicht weit von der Sonne auf Leibgeding wohnte und dem er schon manchen
Bissen und Trunk gespendet hatte Von diesem entlehnte er sein altes
Schlachtgewehr das schlecht schoss aber um so mächtiger knallte und bald
unterschied man aus den Schüssen die im Flecken und um denselben losgingen
einen der alle anderen überdonnerte Er hatte die Silvesternacht eröffnet und
krachte regelmäßig in kurzen Pausen durch das Geknatter des jugendlichen
Mutwillens hindurch Da und dort geschah ein Unglück da und dort fiel einer der
Lärmmacher den hin und her rennenden Wächtern in die Hände und sein Puffer
verstummte aber den Donnerknall hörte man ununterbrochen beinahe die ganze
Vormittnacht und jedesmal weit entfernt von dem Orte wo der vorübergehende
Schuss gefallen war und die Wächter angelockt hatte »Wer feuert denn so
kartaunenmässig« fragten die Leute im Flecken »Wer sonst als der
Sonnenwirtle« antworteten andere »er ist am besten an dem zu erkennen dass ihn
keiner von den Scharwächtern erwischt« Für den Eingeweihten war das sicherste
Wahrzeichen wohl das dass der unsichtbare Donnerer überall nur nicht an des
Hirschbauern Haus sich hören ließ Das hätte ihm der Stolz und der Groll nicht
zugelassen Doch lobte er die alte Muskete und verglich sie in seinem Sinn mit
Davids Saitenspiel vor welchem der böse Geist von Saul entwich denn mit jedem
Schusse der aus dem schwergeladenen Laufe fuhr meinte er um einen Teil seines
Unmuts erleichtert zu sein und es war ihm als ob er alle Hindernisse die sich
ihm in dieser schnöden Welt entgegenstellten über den Haufen schieße
    Dazwischen ging er einmal in die Sonne um nachzusehen ob man seiner nicht
bei der Bedienung der Gäste bedürfe Die Einkehr war diesen Abend nicht so stark
wie sonst weil sich die Neujahrsnachtgäste in die vielen Wirtshäuser des
Fleckens verteilten und weil man wusste dass der Sonnenwirt auf eine zeitige Ruhe
mehr hielt als auf eine lange Silvesterfeier Derselbe war jedoch heute
ungewöhnlich aufgeräumt er trank schwatzte lachte und kneipte abwechselnd ein
paar junge Weiber die mit ihren Männern zum Weine gekommen in die Backen so
dass einer der Anwesenden dem Wirtssohne zuflüsterte »Du dein Gestrenger hatn
Sturm« »Da brauchts keine Brille um das zu sehen« erwiderte Friedrich Die
Sonnenwirtin die vor den Leuten gute Miene zum bösen Spiele machen musste
suchte ihrem Manne sein Betragen womit er vielleicht bloß den umlaufenden
Gerüchten zu trotzen beabsichtigte durch Spottreden zu verleiden »Du bist so
alt« sagte sie »dass die Männer da nicht einmal mehr eifersüchtig auf dich
werden« »Es ist auch ziemlich lang her« entgegnete der Sonnenwirt lachend
»dass du ein junger Drach gewesen bist und euer Gift ist doch nur süß so lang
die Drachen jung sind Ich weiß nicht« setzte er gegen die Gesellschaft
gewendet hinzu »meine Alte ist das Leben ziemlich gewöhnt sie ist verhärtet
aber wenn sie unser Herrgott oben hielt und ich an den Füßen ich glaub ich
ließ schnappen und nahm mir eine Junge« »Ich wollt auch« rief die
Sonnenwirtin »unser Herrgott nahm eins von uns beiden zu sich dann ging ich
wieder nach Strümpfelbach« Das Gelächter womit diese Reden aufgenommen wurden
bezeugte dass an und für sich nichts Feindseliges damit gesagt sein sollte wie
man denn auch wusste dass die Sonnenwirtin nicht von Strümpfelbach gebürtig war
es waren uralte landläufige Witze die man im Scherze von den verträglichsten
Ehepaaren hören konnte Hier aber war ihnen viel geheime Galle beigemischt und
Friedrich nahm wahr dass sich zwischen dem Vater und der Stiefmutter eine Kluft
zu öffnen beginne die wenn sie nicht die belachte Ortsveränderung zur Folge
hatte doch den Vater bald ganz auf die Seite des Sohnes bringen konnte »Jetzt
wärs gut Wetter für mich« dachte er unwillkürlich »jetzt würd ich vielleicht
meine Rechnung nicht ohne den Wirt machen Der Fehler ist nur dass ich gar keine
zu machen habe Die Hauptnummer die Glücksnummer will nicht her die mit den
gelben Zöpfen und dem verstockten trotzigen Herzen was helfen mir alle
Anschläge ohne sie Drauf drein Schlagt an Feuer drunter und drüber«
    Und abermals krachten die schweren Schüsse in welchen der törichte Knabe
seinen Unmut und sein Pulver verschoss
 
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Eben hatte er wieder seine Davidsharfe brummen lassen und eilte in schnellen
Wendungen durch Zwischengässchen vor den Wächtern davon da führte ihn sein Weg
an dem Bäckerhause vorbei wo er Christinen zuerst gesehen hatte Er hörte
lustige Stimmen hinter den Läden und blickte durch eine Spalte in die Stube wo
er seinen Invaliden und andere Bekannte am Wirtstische sitzen sah Christine war
nicht zu sehen also konnte ihm sein trutziges Ehrgefühl den Eintritt nicht
verwehren Während er sich noch ein wenig besann wo er das Gewehr unterbringen
sollte sah er in der schneehellen Nacht einen Mann nicht mit den sichersten
Schritten daherkommen in welchem er den Fleckenschützen erkannte »Der hat
schon einen Stich« sagte er zu sich »und will noch die Sicherheit des Orts
bewachen da wirds heut Nacht noch zum Durchbruch kommen ich will ihm
einstweilen eins aufspielen damit er munter bleibt« Er schlich sich auf die
Seite und gab in der Geschwindigkeit seinem Gewehr eine verdoppelte Ladung dann
kam er leise hinter den Schützen herangeschlichen Dieser hatte das Geräusch des
Ladstocks gehört und lauschte vorgebeugt mit dem Finger an der Nase ohne recht
zu wissen wohin er sich wenden solle auf einmal tat es hart an seinem Ohr
einen Knall dass er der Länge nach mit der Nase in den Schnee fiel und sein
dreieckiger Hut weit hinausflog Im Nu hatte der Täter das Gewehr versteckt und
saß drinnen in der Wirtsstube neben dem Invaliden der ihn mit einem pfiffigen
Blinzeln bewillkommte »Nicht wahr meine alte Lise ist noch gut bei Stimm«
flüsterte er ihm ins Ohr »ich hab jeden Knall herausgehört und bei jedem hat
mir das Herz im Leib gelacht« Dann fuhr er in einer angefangenen Geschichte vom
Prinzen Eugen zu erzählen fort unter welchem er es bis zum Profosen gebracht
hatte Friedrich wusste seine Geschichten alle auswendig versah ihn mit Wein und
ließ ihn erzählen und unterhielt sich indessen leise mit dem uns schon bekannten
Müllersknecht der ihm seit jener Schilderung seiner Jugendbegegnisse eine Art
von Bewunderung zollte seine Bekanntschaft teils in der Sonne teils an anderen
Orten pflegte und auf den Hass seines Meisters gegen den mannhaften jungen
Burschen so wenig Rücksicht nahm dass er selbst durch den Verdacht des Müllers
wegen des Bienendiebstahls nachdem Friedrich ihm mit der aufrichtigsten Miene
seine Unschuld versichert hatte sich nicht im geringsten gegen ihn einnehmen
ließ Der Alte sollte jedoch seine Geschichte nicht zu Ende bringen denn kaum
war er durch Friedrichs Eintritt unterbrochen worden so erhob sich eine neue
Störung Die Tür wurde heftig aufgestoßen und der Schütz kam in einer
bogenförmigen Linie hereingeschossen »Da muss er herein sein der Mordtäter der
mir nach dem Leben getrachtet hat« schrie er indem er die glühenden Augen von
einem zum andern laufen ließ Die ganze Gesellschaft versicherte sich mit den
Augen zuwinkend und durcheinander schreiend hier sei niemand der ihm etwas
getan habe und alles fragte was ihm denn geschehen sei Er erzählte sein
Abenteuer wobei er den Oberkörper wiegte und dann wieder einen Schritt vorwärts
oder rückwärts geriet dieses Schwanken wurde noch dadurch vermehrt dass er in
seiner ohnehin nicht festen Stellung beständig argwöhnisch in der Gesellschaft
umhersah ob er nicht an irgendeinem Merkmal seinen Angreifer erkennen könne
Das Gelächter die Spottreden und schalkhaft verkehrten Fragen der ergötzten
Zechbrüder machten ihn noch wilder er schimpfte und fluchte und bestand darauf
»hier oder wenigstens in der Nähe herum irgendwo müsse er versteckt sein der
keinnützig Lump der sich sogar an seiner ihm von Gott vorgesetzten Obrigkeit
vergreife«
    »Jetzt hast genug hasseliert Schütz« rief ein Mann mit verwogenem und
zugleich verfallenem Gesicht das den Ausdruck einer grämlichen Lustigkeit hatte
und blutige Spuren trug als ob es auf irgendeine Weise zerschunden oder
zerkratzt worden wäre »Komm schwenk dir die Gurgel aus hast dich ja ganz
heiser geschrien Hier hältst vor der unrechten Schmiede von denen die hier
sitzen ist seit mindestens einer Stunde keiner aus der Stube kommen Bist aber
auch ein rechter Leichtfuss heißt das du musst nicht besonders fest auf den
Füßen sein dass dich ein blinder Schuss gleich zum Purzeln bringen kann Da sieh
den Profosen an der ist ein anderer Kerl den haben sie um einen Fuß kürzer
gemacht und doch steht er auf seine anderthalb anders hin als du auf deine zwei
ganze Den schmeisst keiner so leicht um weder mit einer blindgeladenen Kanone
noch mit einer scharfgeladenen Büttel Lass das Hasselieren sein sag ich und
komm her ich bring dirs Es vertreibt dir den Schnapsgeruch«
    Der Invalide der an der Tischecke saß hatte alsbald zum Beweis für das
Gesagte den Stelzfuss auf dem Tisch und trommelte damit nach Wein Zugleich
machte er Anstalt seine Geschichte wieder aufzunehmen aber es glückte ihm
nicht
    »Dein guts Wohlsein Küblerfritz« sagte der Schütz das dargebotene Glas
annehmend und auf einen Zug leerend mit einer Mischung von Freundlichkeit und
Spott »es scheint du machst jetzt Feuerkübel und verlegst dich aufs Löschen
Wünsch Glück dazu Lösch aber nur zuerst den Brand in deinem eigenen Haus du
Mann im Feuerofen Wiewohl dein Feuerteufel deine Margret ist heut abgekühlt
worden sie hat ganz krumme Finger gehabt und hat laut geschnattert wie ich sie
wieder aus dem Häusle herausgelassen hab wegen der großen Kälte ist sie nur auf
ein paar Stunden dreingesprochen worden«
    »Was ist dein Weib heut eingesperrt worden Kübler« fragte der Invalide
    Der Kübler nickte mürrisch »Ihr wisst ja wie sie ist und wie sie mein
Mädle von meinem ersten Weib plagt und den Waisen den ich aus dem Heiligen in
der Kost hab Zu dem sagt sie immer Du Bettelhund du Herrenhund du
schlappohriger Hund und schlägt ihn zwischen die Löffel zwischen die am Kopf
mein ich wenn er den Löffel in der Schüssel zu voll macht Er isst freilich
schier mehr als er einträgt das Kostgeld ist so mager Ihr könnt auch in
meinem Gesicht sehen wie sie mich diese Feiertage gezeichnet hat Vor
Weibernägeln ist auch der Stärkste nicht sicher Ich hab sie aber durchgewalkt
dass ihr die Knochen heut noch mürb davon sind und hätt eigentlich keine Hilfe
nötig gehabt vom Kirchenkonvent ich kann gottlob allein mit ihr fertig werden«
    »Hat sie dich denn verklagt«
    »Nein das lässt sie wohl bleiben Der Pfarrer hat eben von irgendeiner guten
Nachbarschaft gehört dass es wieder einmal Händel bei uns gegeben hat und hat
dann die Sach vor Kirchenkonvent gebracht Sie haben gemeint sie müssen heut
noch eine Sitzung halten die Herren und das ganze Kutterfass vom alten Jahr
ausleeren Es sind noch viele vorgeladen gewesen«
    »Haben sie dich gestraft«
    »Nein wiewohl ich die Schläg nicht abgeleugnet hab aber meines Weibes
Bosheit ist eben Gott und der Welt bekannt Doch bin ich auch nicht ungerupft
davongekommen Sie hat über mich geklagt ich sei ein Faulenzer und verdiene
nichts ins Haus Jetzt sagt selbst ihr Mannen ob das wahr ist«
    »Nein nein« riefen alle zusammen »das kann man dir nicht nachsagen«
    »Ich weiß wohl« fuhr der Kübler fort »es geht knapp bei uns her und Armut
ist eine Haderkatz Wenn man vollauf hat so kommt man viel leichter miteinander
im Frieden aus Aber meine Schuld ists nicht wenns manchmal sogar am Kreuzer
fehlt Mein Weib mit ihrem abscheulichen Fluchen wegen dessen sie gestraft
worden ist und mit dem Spektakel den sie immer mit meinem Kind hat schreckt
die Leut ab dass sie nicht gern ins Haus kommen und lieber ihr Sach woanders
machen lassen Aber man darf den Herren nur etwas an die Kunkel stecken und
wenns eitel Alteweiberfäden wären gleich machen sie ein Gespinst daraus Mein
Weib hat mit keinem Wörtle beweisen können dass ich faul sei und die Herren
haben ihr eigentlich auch nicht geglaubt und doch hat mir da der Pfarrer eine
lange Predigt und Vermahnung geben ich solle fleißig arbeiten damit mein Weib
keine Gelegenheit habe über mich zu klagen Ist das auch recht Statt dass er
mich in Schutz nimmt oder wenigstens meinem Weib aufgibt sie solle beweisen
was sie wider mich sage hilft er noch auf eine gewisse Art dazu als ob das
Geschwätz einen Grund hätt und er weiß doch selber keinen«
    »Ja« lachte Friedrich »wer vor Kirchenkonvent kommt kriegt immer eine
Vermahnung auf den Weg und eine Salbung wenn sie auch gar keine Heimat hat Für
was wären denn die Herren da«
    »Das Ding hat mich so erzürnt« sagte der Kübler »dass ichs gar nicht
loswerden kann Ich wär vielleicht heut abend zu Haus geblieben denn ich hätts
wohl nötig bin nicht mehr der lustig und durstig Küblerfritz der ich in meinen
ledigen Jahren und bei meinem ersten Weib gewesen bin Aber der Pfarrer hat
mirs angetan der ist schuld dass ich die Batzen in Wein aufgehen lass anstatt
zu sparen Ich spürs in allen Gliedern heut nacht muss noch ein Rausch
getrunken sein Juhu Komm Frieder stoss mit mir an Du bist auf eine Art auch
im gleichen Spittel krank mit mir«
    Friedrich stieß an »Alle bösen Weiber sollen mit dem alten Jahr hinfahren«
rief er
    »Du bist übrigens heut noch nicht am schlechtsten wegkommen Kübler« sagte
der Schütz der inzwischen von dem Invaliden und dann von Friedrich gleichfalls
mit einem Glase Wein begrüßt sich am Tische sesshaft gemacht hatte teils weil
es ihm bedünken mochte hier seis gut Hütten bauen teils weil er im Sitzen
seine angehende Trunkenheit besser verbergen zu können glaubte Dies gelang ihm
auch und er wurde sehr gesprächig wobei er freilich zuweilen stark mit der
Zunge anstieß auch seine Amtsstimme über die Gebühr anstrengte was jedoch auf
dem Lande wo jeder im Reden ein wenig schreit nicht besonders aufzufallen
pflegt »Dem Küfer da drüben ists nicht so gut gegangen« fuhr er fort »den
werdet ihr heut abend noch nirgends gesehen haben«
    »Nein er ist ein stiller Mann« sagte der Bäcker der sein Glas stehend am
Ofen trank und seine Frau dann und wann ein wenig in der Bedienung ablöste »man
sieht ihn nie ausserm Haus als wenn ihn das Geschäft hinausführt und am Fenster
lässt er sich auch selten blicken Er ist eingezogen wie nicht leicht einer«
    »Absonderlich heut« lachte der Schütz »Da wärs eine Kunst für ihn sich
an seinem eigenen Fenster sehen zu lassen und wo er jetzt ist wird er freilich
nicht gern ans Fenster gehen«
    »Was Ich will nicht hoffen« rief der Invalide
    »Ist er denn «
    »Eingezogen wie der Beck bereits gesagt hat«
    »Der Küfer ist eingesteckt« riefen alle zusammen
    »Ach er sitzt eben ein wenig bei mir im Hauszins« sagte der Schütz »und
frieren tuts ihn nicht denn ich hab ihm einen guten warmen Ofen gemacht sonst
tät ers nicht aushalten die vierundzwanzig Stunden im Turm«
    »Der Küfer im Turm« rief alles »Was hat er denn getan« fragte der Bäcker
»Der tut ja keinem Hühnle weh und ist so ein ruhiger Mann dass es viel ist wenn
man nur in der Nachbarschaft merkt ob er zu Haus ist oder nicht«
    »Was hat er gebosget« fragte der Kübler
    »Er muss sein Weib doch sehr leis geschlagen haben wenn Ihr nichts davon
gehört habt Beck« sagte der Schütz
    »Ja was so hab ichs nicht gemeint« sagte der Bäcker »natürlich Stuss
gibts überall auch in der stillsten Haushaltung«
    »Ein Weib prügeln das ist doch keine so besondere Sach« riefen die andern
durcheinander »Und die Küferin« meinte einer »hats eben auch dann und wann
nötig«
    »Die Weiber« bemerkte der Bäcker »müssen iebott zuweilen Streich han
sonst meinen sie man hab sie nicht lieb«
    »Aha Beckin« riefen die Gäste »hat er Euch seine Liebe auch schon
bewiesen«
    »Nein der Mein macht nur Spaß« sagte sie »mich hat er noch nie
geschlagen«
    »Und dessentwegen ist der Küfer in Turm kommen« fragte der Müllerknecht
    »Bewahre« antwortete der Schütz »bloß vor Kirchenkonvent Sein Schwäher
der Schneider hat ihn beim Herrn Pfarrer verklagt dass er wie der Herr Pfarrer
mir erzählt hat sein Weib um nichtswürdiger Ursachen willen jämmerlich
traktieret hab Also hat mich der Herr Pfarrer zum Herrn Amtmann geschickt Der
hat aber gleich gesagt da werde es etwas setzen denn der Küfer sei zwar in
seinem Handwerk fleißig und kein übler Haushälter aber sonst ein eigensinniger
hartnäckiger Gesell Es ging auch so wie der Herr Amtmann gesagt hatte denn
obwohl man mich zweimal zu ihm schickte denn ich muss eben alles ausrichten
weil der Herr Amtmann den Amtsknecht fast ganz ins Haus braucht als seinen
Leibdiener so kam er doch nicht so dass ich ihn zuletzt mit zwei Männern hab
holen müssen Das hat er aber wohlweislich vorausgesehen und sich ins Sternwirts
Keller etwas zu schaffen gemacht damit ihm der Spektakel nicht in seinem Haus
über den Hals käm«
    »Und darum ist er in Turm kommen« wiederholte der Müllerknecht
    »Nein er hat dann böse Reden geführt denn so still er sonst sein mag so
hat er vor Konvent das Maul weit aufgetan Wie man ihm fürgehalten hat warum er
ungehorsam gewesen sei hat er gesagt er habe vor dem Kirchenkonvent nichts zu
schaffen es sei ihm solches ein Schimpf sein Weib hab die Schläg nötig der
vorige Pfarrer und Amtmann haben ihm selber gesagt er solle sie nur schlagen
wenn sies brauche Wenn ihn der Herr Amtmann für sich zitiere zum weltlichen
Amt so komme er und man brauche ihm nicht mit dem Holzschlägel zu winken aber
auf kirchenkonventliche Zitation komme er nicht sonderlich wenn man ihm den
Büttel schicke  damit hatte er mich gemeint  man solle ihm ein geschworen
Weib schicken oder die Hebamme das seien des Pfarrers seine Amtsboten«
    Alles lachte zusammen
    »Zuletzt ists dann vollends faustdick kommen« fuhr der Schütz fort »Da
hat er sich vernehmen lassen es geh hier viel Unordnung vor so nicht gestraft
werd der Pfarrer melier sich mit hiesigen Weibern die Leute reden ihm viel
nach Ich hab vor der Tür nicht alles verstanden denn vorher hat er ein wenig
geschrien das Schärfst aber hat er nicht mehr so laut gesagt er wird gedacht
haben es schalle auch so noch deutlich in die Ohren Den Herr Pfarrer aber hat
man nachher verstehen können der hat ihn angeschrauen er sei ein liederlicher
Gesell was er denn von ihm sagen könne Und man müsse die Sache ans löbliche
Oberamt nach Göppingen berichten Der Herr Amtmann aber hat ihn einstweilen in
Turm sperren lassen«
    »Wenn er da bleiben muss bis von Göppingen Bescheid kommt« sagte Friedrich
»dann kann er lang sitzen«
    »Wird nicht so gefährlich sein« sagte der Schütz »er behält sein frei
Logis ein Tag oder zwei bis die Sache ein wenig versaust ist und dann darf er
heraus und abwarten was vom Oberamt kommt«
    »Was kann ihm denn blühen« fragte der Müllerknecht
    »Ich wollt eine Wette drauf eingehen« antwortete der erfahrene Diener der
Obrigkeit »er kriegt nicht mehr denn einen OrdinariFrevel und natürlich muss
er deprezieren In Göppingen sieht man eben drauf dass es am Gehorsam und
schuldigen Respekt nicht mankiert aber auf das Geschwätzwerk selber lässt sich
der Vogt nicht ein er nimmts nur so überhaupt wie der Teufel die Bauern«
    Alle lachten über diese Bemerkung welche besagen sollte dass der Oberbeamte
derlei Dinge in Bausch und Bogen abzumachen pflege
    »Vielleicht« äußerte Friedrich »denkt er auch das Geschwätz habe einen
Grund denn um drei Gulden fünfzehn Kreuzer wärs billig geschimpft Ist denn
was dran Ich hab doch nie gehört dass man dem Pfarrer mit Weibsbildern etwas
nachsagt«
    »Nein« versetzte der Kübier »das hat auch der Küfer nicht sagen wollen von
dem alten Krattler Aber das ist wahr dass er sich Schwätzereien zutragen lässt
von jeder Magd am Brunnen und von jedem bösen Weibermaul Die stecken sich
hinter die Pfarrerin und schleichen zu ihr in die Küche von ihr erfährts dann
er und auf die Art ists eine beständige Spionerei im Flecken durch die eine
Menge nichtsnutziges läppisches Zeug an die Obrigkeit gebracht wird und vieles
was eher der Müh wert wär unbeachtet bleibt So ist eigentlich die Obrigkeit in
der Gewalt von etlich bösen Zungen denn der Pfarrer meint er muss nach allem
sehen und weil er das nicht kann auch überhaupt die Natur bei ihm zu kurz ist
so behilft er sich mit dem Geschwätz Und der Amtmann der lässt sich dann in
jeden Lauf laden aus dem einer schießen will ohnehin wenn der Pfarrer den
Finger am Drücker hat oder auch die gestrenge Frau Amtmännin Die andern
Konventsmitglieder aber die drinsitzen sind der Garnichts das weiß man ja
Dann braucht man nur bei den Herren was anzubringen absonderlich wenn man beim
Pfarrer ein paar gottselige Redensarten mit unterlaufen lässt dann sehen sie
nicht auf die Sache selber sondern dass etwas angebracht ist das ist ihnen der
Hauptpunkt und daraus machen sie dann ein Protokoll und ein Geschäft wie wenn
sie dabei gewesen wären und alles besser wüssten als der dens doch angeht« 
Mit diesen Worten reichte er sein Glas dem Schützen der sich auch gleichmütig
während über seine Vorgesetzten losgezogen wurde den Mund stopfen ließ
    »Zu was wären sie denn sonst da« bemerkte Friedrich
    Der Invalide stieß ihn an und flüsterte »Sei Er doch politisch und lass Er
den Kübler allein das Maul brauchen Der steckt in Schuhen woran nichts mehr zu
flicken ist Aber Ihm könnts Schaden bringen denn der Schütz ist ein
Kalfakter er schmarotzt soviel man ihm gibt und nachher trägt er alles was
er dabei gehört hat seinen Herren wieder zu«
    »Was liegt mir dran« entgegnete Friedrich trotzig
    »Und was ist denn noch mehr heut vorgekommen bei der Kirchenzensur« fragte
der Invalide den Schützen um das Gespräch abzulenken
    »Oh mehr als viel« sagte dieser »die Sitzung hat noch nie so lang
gedauert es ist mir ganz schwach worden vom langen Warten im Öhrn Zuerst«
begann er mit einer Amtsmiene »sind Kirchenstuhlstreitigkeiten unter den
Weibern abgemacht worden das ist ja ein stehender Artikel bei allen
Konventssitzungen Dann hat man junge Bursche vorgefordert die aus der
Kinderlehre weggeblieben sind und hat sie mit Vermahnung wieder springen
lassen«
    Friedrich biss sich auf die Lippen sagte aber nichts um nicht den Spott der
Gesellschaft gegen sich herauszufordern
    »Dann hat man eine Separatistin fürgehabt die in Jebenhausen drüben bei der
gnädigen Frau in die Stund gangen ist«
    Der Gesellschaft war dies so gleichgültig dass sie nicht einmal nach dem
Namen fragte
    »Ferner hat man die alte Anna fürgenommen die mit dem krummen Fuß die mit
ihren drei Waisen dreißig Kreuzer wöchentlich hat Der ist fürgehalten worden
dass sie als ein altes baufälliges Weib gleichwohl etlichmal nach Zell hinunter
in die Kirche gegangen sei mit Verachtung des hiesigen Gottesdienstes und habe
sich deshalb die Bürgerschaft über sie beschwert«
    »Ja die Bürgerschaft« rief der Kübler »Ein paar alte Weiber werden zum
Pfarrer geloffen sein und vielleicht der Kreuzwirt und werden ihm nach dem
Maul geredt han«
    »Was ist ihr geschehen« fragte der wohlwollende Invalide in der Absicht
seinen Liebling nicht auch wieder in diesen Ton verfallen zu lassen
    »Sie hat sich verantwortet sie habs nur drei oder viermal getan und sei
sie allweg von andern Leuten hinuntergeschickt worden weil sie eben unerachtet
ihrer Gebrechlichkeit sehen müsse wie sie etwas verdiene und dann sei sie um
wenigstens das Wort Gottes zu hören dort in die Kirche gegangen Man hat dann
beschlossen dass man ihr von den dreißig Kreuzern die sie aus dem Almosen hat
zehn nehmen und künftig nur noch zwanzig geben wolle und ihr bedeutet wenn sie
ferner nach Zell in die Kirche gehe so werde man ihr das Almosen gar nehmen
Sie hat mich gedauert denn sie hat schrecklich geheult«
    »Predigt man denn in Zell ein anderes Wort Gottes als hier« rief Friedrich
indem er wild mit der Faust auf den Tisch schlug »Das ist doch überaus wenn so
ein  er besann sich vor dem Schützen einen Augenblick  wenn so ein Pfarrer
meint man dürf keinen anderen hören als ihn und nimmt einem armen alten Weib
darum das Brot Und was man in den Kirchen hört das ist doch meistens nur um
der Einkünfte willen gepredigt Wenn sies umsonst tun müssten wie im
Evangelium und dem Volk noch Brot dazu geben ei wie geschwind stünden die
Kanzeln leer«
    Ein Gemurmel durchlief die Gesellschaft es schien aber keinen Widerspruch
anzudeuten Der Invalide fragte schnell »Was hats noch weiter geben« und
schob sein Glas dem Schützen hin der ihm bereitwillig Bescheid tat ohne den
rebellischen Reden sichtliche Aufmerksamkeit zu schenken
    »Allerlei Sabbatenteiligungen sind abgerügt worden« fuhr er fort »Einer
ist am Sonntag ins Feld gangen ein anderer hat gedroschen und des Kühlers sein
Bruder ist auch vorgewesen der hat am Sonntag eine Bettlade angestrichen und
so noch andere mehr Die sind ein jedweder um ein halb Pfund Heller in Heiligen
gestraft worden«
    »Nächstens wird man am Sonntag nicht einmal mehr einen Bissen zu sich nehmen
dürfen« murrte Friedrich
    »Ja« rief der Kühler »du hast vielleicht gar nicht weit daran
vorbeigeschossen denn der Pfarrer in Hattenhofen drüben hat sich bereits
verlauten lassen man sollt eigentlich den Tag des Herrn mit Fasten zubringen«
    Die Gesellschaft lachte unwillig
    »Die Obrigkeit macht aber doch auch billige Ausnahmen« sagte der Schütz zu
Friedrich »Wie Sein Vater verwichenes Jahr um Ostern angebracht worden ist dass
er am Sonntag mit einem Wagen Haber nacher Stuttgart gefahren sei da ist ihm
nichts geschehen weil er sich hat verantworten können der Haber gehöre der
Herrschaft und habe zur Gottesdienstzeit in Stuttgart sein müssen«
    »Jawohl« lachte Friedrich bitter »wenns für die Herrschaft ist dann
ists keine Sund Ich hab geglaubt vor Gott sei alles gleich Aber der Herzog
jagt auch am Sonntag wenns ihn ankommt und fragt nach keinem Pfarrer nichts
Ich hab ihn selber schon am Sonntag hier durchreiten sehen«
    »Und letzten Sommer hat man Seinen Schwager auch entschuldigt weil er an
einem Sonntag Garben eingeführt hat die von den wilden Schweinen übel
zugerichtet gewesen sind Da hat der Konvent ein Einsehen gehabt und hat
judiziert es sei ein Notwerk gewesen«
    »Ja was« sagte ein Bauer »bei so fürnehme Leut hat man freilich ein
Einsehen«
    »Ich will doch nicht hoffen« rief ein anderer »dass der Kirchenkonvent auch
noch den wilden Säuen den Kopf heben sollt die uns das Feld verderben und die
beste Frucht wegfressen Unsereins muss sich das ganze Jahr hindurch schinden und
plagen damit man in Stuttgart in Saus und Braus leben kann und man sollt nicht
einmal seine Frucht eintun dürfen eh die Beester sie vollends ruiniert haben«
    »Man hat nicht bloß mit dem Sonnenwirt und solchen Leuten ein Einsehen«
bemerkte der Schütz dem vorigen Redner »sondern auch mit dem gemeinen Mann Wie
im Heuet das Gewitter auf unsere Markung geschlagen hat Göppingen zu und ein
Hochwasser zu befürchten gewesen ist hat nicht da der Herr Amtmann am Sonntag
früh ausschellen lassen die Leute sollen und müssen ihr Heu sogleich heimtun
dass und damit es nicht vom Wasser fortgenommen werde«
    »Ei ich wollt er hätts draußen gelassen« erwiderte der Angeredete »das
Wasser ist nicht stärker worden wie man hat voraussehen können und mit dem Heu
hat man nachher seine liebe Not gehabt Hätt mans liegenlassen dürfen so wärs
auf dem Feld trocken worden«
    »Das war dazumal« sagte einer aus der Gesellschaft lachend »wo der Blitz
dem Käsbaltes sein Paar Ochsen erschlagen hat Ich seh ihn noch immer wie er
dagestanden ist und eine Faust gegen den Himmel gemacht und geschrien hat Jetzt
soll aber auch unserm Herrgott sein bestes Paar Engel verr«
    Ein schallendes Gelächter folgte auf diese Erzählung »Das dürft auch nicht
beim Kirchenkonvent vorkommen« bemerkte einer
    »Ei so schlag« rief der Müllerknecht immer von neuem in Lachen
ausbrechend und das verpönte Wort in unschuldigerer Wendung wiederholend »so
unserm Herrgott soll sein bestes Paar Engel kapores gehen«
    »Ja und dem Herzog sein schönstes Paar Tänzerinnen« knirschte der Kübler
indem er das Glas auf den Tisch stieß
    In der Wirtsstube wurde es plötzlich so still dass man eine Fliege summen
hörte die sich in der Tag und Nacht gleichen Wärme des Bäckerhauses lebendig
erhalten hatte
    »Oh dass ich könnte ein Schloss an meinen Mund legen und ein fest Siegel auf
mein Maul drücken« sagte die Bäckerin mit biblischer Betonung
    »Was« rief der Kühler wild »ist denn eine zerbrochene Fensterscheib in der
Stub dass man seine Wort hüten muss«
    Friedrich sah unwillkürlich nach dem Schützen hin
    »Vor Kirchenkonvent wenigstens dürft so etwas nicht bekannt werden« sagte
der Müllerknecht der soeben noch eine Verwünschung der Engel Gottes weit minder
verfänglich gefunden hatte als einen Fluch über die Tänzerinnen des Herzogs
    Der Schütz dem der Blick des jungen Burschen nicht entgangen war
versetzte »Ich denk der Herr Amtmann und der Herr Pfarrer werden froh sein
wenn sie nichts davon erfahren Es ist besser eine solche unverständige Red
bleibt in der Gemeind denn wenn sie weiter käm so könnt sie einen an Leib und
Seel zeitlebens unglücklich machen«
    Der Kübler dem der Wein mehr und mehr in den Kopf stieg brummte einiges
dagegen und der Schütz etwas steif von Trunkenheit und Autoritätsbewusstsein
schien nicht geneigt ihm eine Antwort schuldig zu bleiben so dass der Invalide
sich abermals ins Mittel legen zu müssen meinte »Ich hab die
Kirchenkonventsgeschichten satt bis oben herauf« sagte er leise zu Friedrich
»und doch weiß ich dem Kerl das Maul nicht anders zu stopfen denn dass ich ihn
aus der Schul schwatzen lass das kitzelt seinen Hochmut« Und zum drittenmal
fragte er ihn »was sonst noch verhandelt worden sei« »Ein Husarentanz« sagte
der Schütz
    »Was« riefen die andern und sperrten Maul und Augen auf
    »Die Konventsherren werden doch nicht getanzt haben« sagte der
Müllerknecht
    »Dummes Geschwätz« entgegnete der Schütz »Dem Herrn Amtmann war angezeigt
worden dass in einem Lichtkarz bei der kropfigen Lisabet Kuchen gegessen worden
seien und dass des Xanders Bäsle die bei ihm dient den Husarentanz dabei
getanzt habe wobei auch ledige Bursche zugegen gewesen seien Die Tänzerin und
die Lisabet weil die den Karz ohne Erlaubnis gehalten sind jede ein paar
Stunden ins Häusle gesprochen und mit einem Weiberfrevel gestraft worden und
von dem Weibsgeziefer das im Karz Kuchen gessen hat ist jede um elf Kreuzer
gestraft worden so auch der Beck der neben der Lisabet wohnt und die Kuchen
backen hat«
    Friedrich horchte hoch auf dies war der Karz in welchen Christine durch
seine Vermittlung eingeführt worden war Er hütete sich aber wohl zu fragen ob
Christine unter den Gestraften gewesen sei
    »Der Husarentanz« fragte der Müllerknecht »was ist denn das für ein Tanz«
    »Kein besonders anständiger« antwortete ihm Friedrich
    »Der Husarentanz« sagte der Schütz »nun das ist eben der Husarentanz Wer
wird denn den nicht kennen«
    »Der Schütz« rief der Kübler »stellt sich doch als ob er alles wüsst Ich
bin euch gut dafür dass er ihn selber nicht kennt«
    »Was ich« erwiderte der Schütz und richtete sich stolz empor »ich soll
ihn nicht kennen«
    »Nein ich wett was du willst«
    »Ein Flasch Wein«
    »Eingeschlagen«
    Und ohne an seine Amtswürde zu denken sprang der Schütz vom Stuhl auf
setzte den Hut verkehrt auf den Kopf nahm die Rockzipfel zwischen die Zähne und
führte einen seltsamen Tanz mit plumpen Sprüngen auf die sich um so
abscheulicher ausnahmen da er im wachsenden Rausche seines Körpers nicht mehr
mächtig war Wenn das Mädchen von dem er erzählte nur zum zehnten Teil so
hässlich getanzt hatte so hatte Friedrich mit seiner Bezeichnung vollauf recht
gehabt Die Gesellschaft brüllte vor Lachen aber in den Augen der Männer malte
sich zugleich die Verachtung welche die Bäckerin noch deutlicher ausdrückte
indem sie ohne lachen zu können mitleidig nach dem Lustigmacher hinsah »Da
tanzt unsere Obrigkeit« sagte der Kübler
    »So das ist der Husarentanz« keuchte der Schütz indem er atemlos auf
seinen Stuhl zurückfiel »Jetzt eine Halbe dem Küblerfritz«
    Das Gelächter dauerte noch lange fort während er sich schon den Preis
seiner Schaustellung schmecken ließ Er wurde mit zweideutigen und spöttischen
Lobsprüchen überschüttet und der Invalide sagte ihm er sollte sich beim
Ballett in Stuttgart anstellen lassen da würde er am besten hintaugen
    Diese Aufnahme seiner künstlerischen Produktion machte ihn wieder ein wenig
nüchtern »Aber das Schönste hab ich noch gar nicht erzählt« rief er um den
ihm allmählich klar werdenden Eindruck des Possenspiels das er soeben
aufgeführt hatte zu verwischen »Ein Hexenprozess ist heut noch zu guter Letzt
verhandelt worden«
    »Ein Hexenprozess Was Wird wieder einmal eine Hex verbrennt«
    »Nein dazu bietet die Obrigkeit nimmermehr die Hand Aber doch ists ein
Hexenprozess gewesen und das ein saftiger Ich hab schon gemeint die Sitzung
geh zu End die Herren haben nur noch ein wenig von wegen der Kirche und Schule
diskuriert  der Wetterhahn ist lahm worden und die Schulmeisterin will eine
Küche und mag sich nicht mehr mit dem schlechten Verschlag zum Kochen behelfen 
da kommt auf einmal der Franzos den Gang herangestiegen wie ein welscher Hahn
und den Hut hat er ganz schief aufgehabt so dass ich gleich gedacht hab da sei
bös Wetter im Anzug«
    »Wer ist der Franzos« fragte der Müllerknecht
    »Man heißt ihn so weil er ein Jahr im Elsass das Sattlerhandwerk gelernt hat
und davon ein wenig welscht Er hat eine Hammelayin zum Weib Ich hab ihn gleich
müssen bei Konvent anmelden und weil ich neugierig gewesen bin hab ich die Tür
ein wenig offengelassen Da hat er schrecklich getan und immer mit den Händen
dazu gefochten und hat den Schmiedhannes verklagt dass er heut in Gegenwart des
ganzen löblichen Magistrats just vor der Konventssitzung in einem Streit wegen
eines Gartenzaunes die Hammelayischen insgesamt Hexen gescholten habe Das sei
ein Schimpf und eine Schande für ihn und seine Gefreundten und er klage im
Namen der ganzen Hammelayischen Familie man möchte den Schmied zur gebührenden
Strafe ziehen und ihm eine christliche Abbitte auferlegen Ich hab gleich den
Schmiedehannes holen müssen und der hat auch ohne weiteres bekannt dass er
diese Rede vor gesessenem Gericht ausgestoßen hab und es sei wahr er bleibe
dabei denn die alte Hammelayin sei ihm schon vor fünf Jahren einmal in aller
Früh ohne Haub im Hemd und Rock begegnet hab auch eine schwarze Katz bei sich
gehabt die so groß als ein Kalb gewesen sei Der Herr Amtmann hat ihm drauf die
Sach ausreden wollen er hab vielleicht einen starken Morgenschnaps getrunken
gehabt und die Katz durch eine zu große Brill angesehen Er aber ist dabei
beharrt dass er keinen Rausch gehabt habe und wie ihm der Herr Amtmann
zugesetzt hat so ist er zornig worden und hat sich verschworen der Teufel
solle ihn zu Sägmehl verreissen wenn er weiter als für sechs Kreuzer getrunken
gehabt hab Auf das ist der Herr Pfarrer aufgefahren und der Herr Amtmann hat
ihm gleich zwei Pfund Heller andiktiert weil er sich mit Fluchen vermessen hab
absonderlich in Gegenwart des Herrn Pfarrers Das hat ihn denn etwas mürber
gemacht und endlich hat er sich zureden lassen dass er den Hammelayischen
solche Gottlosigkeiten nicht beweisen könne sondern aus Zorn und Unverstand
geredt hab Er hat dann dem Franzosen für die Hammelayischen Abbitte tun müssen
und ist als ein schlecht bemittelter Mann den die zwei Pfund Heller schon sauer
ankommen auf zweimal vierundzwanzig Stund in Turn gesprochen worden heißt das
erst wenn das Quartier vom Küfer frei wird«
    »So was muss man eben auch nicht auf seine Nebenmenschen bringen wenn mans
nicht beweisen kann« bemerkte der Müllerknecht »das ist doch das Allerärgste
was man einem nachsagen kann«
    »Die Obrigkeit nimmt ja so etwas gar nicht mehr an« sagte einer der Bauern
die in der Gesellschaft saßen verdrießlich »Da können alle Greuel geschehen
man fragt nichts danach und wenn einer das Maul drüber auftut so wird er noch
gestraft Die Herren glaubens nicht oder tun wenigstens so und man sagt auch
der Herzog habs nicht gern Wer weiß was dabei im Spiel ist dass man dem
Teufel so den freien Lauf lässt Vorzeiten ist das anders gewesen«
    »Also wenns nach Euch ging« sagte Friedrich »so müsst man die alten Weiber
wieder schwemmen und an der Leiter aufziehen und verbrennen Saubere Zeiten sind
das gewesen Wenn ich irgend etwas an der Obrigkeit lob so ist es das dass sie
solchem dummen Geschwätz kein Gehör mehr gibt«
    »Was« schrien die in der Gesellschaft anwesenden Bauern zusammen »das soll
dummes Geschwätz sein Heißts nicht in der Bibel Die Zauberer und Greulichen
sollst du mit Feuer verbrennen Und das soll ein dummes Geschwätz sein Solls
denn keinen Teufel mehr geben Wer das nicht glaubt der glaubt auch nicht an
die Ewigkeit und glaubt nicht dass es selige und verdammte Geister gibt«
    »Ich hab wenigstens noch keinen gesehen« bemerkte Friedrich kalt
    »Der glaubt gar nichts« rief einer und die anderen sahen den Gegenstand
dieses Verwerfungsurteils mit einem gewissen Abscheu an
    »Oder« sagte ein anderer »ist er vielleicht  Ich weiß nur nicht wie
ichs angreifen soll denn man wird ja gleich gestraft wenn man seine Wort
nicht auf die Goldwaag legt«
    »Soll ich vielleicht selber ein Hexenmeister sein« lachte Friedrich »Nur
herzhaft raus mit der Farb Ich lauf deswegen nicht sogleich vor Kirchenkonvent
ich bin nicht so empfindlich auch hat man seiner Lebtag keinen Esel einen
Hexenmeister gescholten denn dumme Leut kann der Teufel scheints nicht
brauchen«
    »Was die alte Hammelayin betrifft« sagte der Invalide um das Gespräch von
dieser Klippe ab wieder in ruhigeres Fahrwasser zu leiten »so ist es gewiss und
wahrhaftig dass sie eine mächtige Raffel unter der Nas sitzen hat«
    »Ja« sagte ein anderer »sie hat aber nicht bloß ein bös Maul sondern es
ließ sich sonst noch allerlei über sie sagen Wisst ihr noch wie ihre ältere
Tochter die jetzt den Schneider hat wie die mit dem Diegelsberger hat Hochzeit
gehabt Die Hochzeit ist im Hecht angestellt worden und der Bräutigam dems
schon um acht Uhr weh gewesen ist nachts um zwölfe will er noch einen Tanz tun
 plötzlich stürzt er nieder und ist in Zeit einer Minut maustot Es ist so
schnell gangen dass ein tanzendes Paar über ihn zu Fall kommen ist die haben
einen Greusel davongetragen dass sies ein paar Tag lang geschüttelt hat Man
hat viel drüber gesprochen«
    »Nun ja was wirds gewesen sein« sagte Friedrich »ein Steck und
Schlagfluß«
    »Ja so hat man bei Amt auch gesagt und hat ihn mit einer Leichenpredigt auf
dem Kirchhof begraben Ich weiß noch wie sie angefangen hat Hui hui sagt der
Tod der starke Held ich kann auch mittanzen Aber es gibt Leut die wollens
besser wissen die sagen  Nun ich will nichts gesagt haben aber so viel ist
gewiss dass der Alten die Heirat von Anfang an nicht nach ihrem Gusto gewesen
ist Die Junge hat erschrecklich getan und hat sich nicht trösten lassen wollen
Nachmals aber hat sie den Schneider genommen ich weiß noch auf ihrer Hochzeit
ist grad die Nachricht ankommen dass ihr Schwager der Goldstein der sein Weib
mit drei Kindern hier hat sitzen lassen in Speier die Religion schangschiert
hab und eine Katolische geheiratet und sei mit ihr nach Pennsylvanien gangen«
    »Von der Alten erzählt man ein feines Stücklein aus ihren jungen Jahren wo
sie bei Seines Pflegers Vater im Dienst gewesen ist« hob ein anderer zu
Friedrich gewendet an »Damals hat sies mit einem Balbierersgesellen gehabt
aus Adelberg Er hat ihr zu Familie verholfen eine Tochter ists gewesen ich
glaub eben die Schneiderin die so unglücklich hat Hochzeit gehabt Sie hat ihn
aber verschont und hat ihn nicht angegeben dass er der Vater zu ihrem Kind sei
Er hats ihr nachher schlecht gedankt und ist von ihr wegblieben Jetzt was hat
das leichtfertig Mensch getan das nichtsnutzig Über einmal wie ihr Herr in
die Küche kommt sieht er ein Paar Strumpf im Kamin hängen Was sind denn das
für Würst fragt er sollen denn die geräuchert werden Die Magd nicht faul
reißt die Strümpf geschwind herunter und gibt vor die Strumpf gehören ihr sie
hab sie schnell wollen trocknen weil sie nass geworden seien Er aber ebenso
flink reißt ihr noch einen aus der Hand und sieht dass es ein Mannsstrumpf ist
Wie er ihr nun das fürgehalten hat und sie hat nicht wollen weichgeben so hat
er sie beim Pfarrer angezeigt und da hat sie endlich nach vielem Leugnen
gestanden ein Schäfer hab ihr geraten sie wird aber keinen dazu braucht
haben sie solle sehen dass sie ein Kleid oder etwas das der Mensch mit
Salvene aufm bloßen Leib getragen hab zur Hand kriegen könne und solle es in
den Rauch hängen dann werds dem Täter warm werden und immer wärmer und werd
keine Ruh haben bis er wieder zu ihr komme«
    »Die Frag ist nur ob der Barbier auch richtig wiederkommen ist« bemerkte
Friedrich
    »Nein kommen ist er nicht mehr« sagte der Erzähler
    »Dann will ichs gern glauben« rief Friedrich mit hellem Lachen »So kann
ich auch hexen Ich sag nur Kurrle Murrle dann muss der Krug dort auf dem
Schrank tanzen Aber wenn ich nicht dazu den Schrank mit den Händen schüttle so
tanzt der Krug eben nicht Hexenwerk mag schon mancher und manche probiert
haben das will ich zugeben aber die Frag ist nur ob was dabei herausgekommen
ist«
    »Vielleicht ist der Balbierer doch innerlich verbronnen« stammelte der
Schütz
    Friedrich lachte ihn aus »Ja« sagte er »wenn er Schnaps gesoffen hat«
    »Mir hat doch einmal ein Zimmermann erzählt« fiel der Müllerknecht ein »es
hab ihn nachts eine Hex gedrückt und gepeinigt dass er schier erstickt sei Er
sei dann aufgewacht und hab die Unholdin in Gestalt einer schwarzen Katz auf ihm
liegen sehen Da hab er mit der letzten Kraft nach der Axt neben seinem Bett
gegriffen und hab nach der Katz gehauen Die sei mit einem lauten Schrei
davongefahren und hab ein Stück von der Vorderpfot dahinten gelassen Morgens
sei zwar nichts mehr davon dagewesen wohl aber Blut aufm Bett und an der Axt
Drauf hab er seine Gedanken auf ein altes Spittelweib geworfen und sei in den
Spittel gangen um nach ihr zu sehen Man hab ihm aber gesagt er könn sie nicht
sehen sie liege todkrank im Bett Er sei aber dennoch zu ihr gedrungen und hab
sie mit Gewalt aufgedeckt und da habe sichs gezeigt dass ihr die linke Hand
gefehlt habe die sei ihr von seiner Axt abgehauen gewesen«
    »Hu mir gräuselts« rief einer um den anderen von der Gesellschaft die
sehr andächtig zugehört hatte
    »O Peter glaub doch kein so Ding« sagte Friedrich »Was wird sich denn ein
Weib in eine Katz verwandeln können Wenn du dir von jedem Zimmermann solche
Spän ausm Verstand hauen lässt so wirst bald so dumm dass man Riegelwänd mit
dir hinausstossen kann«
    Der Streit gegen den hartnäckigen Ungläubigen brach abermals aus und diese
Leute die ein derbes Wort über Pfarrer und Kirche ertrugen wurden ganz wild
darüber dass es mit Hexen und Gespenstern nichts sein sollte und verteidigten
mit einer wahren Glaubenswut ihr Dogma dass der Teufel bösen Menschen die Macht
verleihe auf wunderbare Weise Schaden zu tun und dass Gott abgeschiedenen
Geistern guten wie bösen von Zeit zu Zeit aus dem Grabe an die Oberfläche der
Erde heraufzusteigen erlaube
    »Nun ja« sagte Friedrich endlich einlenkend »ich will ja nicht dawider
sein dass sichs andrer Orten vielleicht so verhält wie ihr sagt denn das
weiß ich ja nicht Aber hier bei uns gibts keine Hexen und keine Geister das
behaupt ich«
    »Und warum denn nicht« rief einer
    »Weil mir noch keine Hex beikommen ist und es gibt doch ganz gewiss solche
die mich zu Tod drücken täten wenn sie könnten aber sie können eben nicht«
    »Und warum keine Geister« fragte ein anderer
    »Weil ich noch keine gesehen hab Und was ihr von euch erzählt dass euch
schon vorgekommen sei das muss mir selber erst auch widerfahren sein bevor und
dass ichs glaub denn ich kann doch nicht einsehen warum ich ein anderer Mensch
sein soll als andere«
    »Andere Leut sind aber doch anders beschaffen« sagte der Müllerknecht »Es
gibt Sonntagskinder«
    »Ich bin auch am Sonntag geboren« erwiderte Friedrich »und hab zeit meines
Lebens nie was geschaut Ich weiß ganz gewiss« fuhr er mit wachsender Wärme
fort denn der Wein stieg ihm nach und nach in den Kopf »wenn ein Verstorbenes
wieder zu den Menschen kommen könnt so wär ich so gut ein Geisterseher wie
irgendeiner in der Welt«
    »Warum das Woso«
    »Meine Mutter« sagte der junge Mensch indem er trotz seiner Lebhaftigkeit
die Stimme dämpfte »meine Mutter würde sichs nicht nehmen lassen nach mir zu
sehen wenn das ihr gestattet würde Und warum sollt ihrs nicht verstattet sein
wie den andern Geistern Aber eben das dass sie nicht zu mir kommt ist mir ein
Beweis dass die anderen auch nicht können«
    »Narr sie will dich eben nicht erschrecken« lallte der Kübler dessen
Augen allmählich gläsern wurden
    »Sie weiß recht gut dass ich nicht an ihr erschrecken kann mit welchem
Aussehen sie mir auch erscheinen mag Oft« fuhr er nachdrücklich fort nachdem
er einmal die Scheu überwunden hatte von diesem Gegenstande zu reden »oft hab
ich um Mitternacht wenn ich ganz allein gewesen bin ihren Geist beschworen
leis und laut und hab sie gebeten wenn es ihr möglich sei so möcht sie den
Himmel auf einen Augenblick verlassen und zu mir kommen Aber es hat sich nichts
darauf ereignet ich bin allein gewesen nach wie vor und hab auch nichts um
mich vernommen als das stille Sausen der Nacht das aber nicht von Geistern
kommt sondern von der Luft weil die Nacht gar gehörsam ist«
    »Gott steh uns bei« hatten die anderen während dieser Erzählung gerufen
die ihnen fremd und seltsam deuchte
    »Das ist ein grausamer Mensch« sagte der eine womit er die
Grauenhaftigkeit dieses Treibens bezeichnen wollte
    »Der glaubt an gar nichts« wiederholte der andere »Der kommt einmal in den
Himmel wo die Engel schwarz sind und Wauwau singen«
    »Jetzt soll einmal die Beckin erzählen ob sie schon einen Geist gesehen
hat« rief der Invalide fortwährend bemüht das Gespräch in einem
ungefährlichen Gange zu erhalten
    »Ja die Beckin soll erzählen« riefen ihm mehrere Stimmen nach
    Die Bäckerin richtete den Kopf im Sorgenstuhle auf worin sie den ganzen
Disput verschlafen hatte Man musste ihr erst erklären um was es sich handle
»Ha dass es Hexen und Geister gibt« sagte sie gähnend »das leidet keinen
Zweifel aber zu mir ist noch keine Hex gekommen weder bei Tag noch bei Nacht
und keinen Geist hab ich auch noch nie gesehen«
    »Ihr habt eben ein ruhiges Gemüt Bas« sagte Friedrich lachend »auf Euch
könnt glaub ich eine Hex die ganze Nacht reiten Ihr tätet nichts davon inn
werden Übrigens ists nicht recht in der Neujahrsnacht zu schlafen und Eure
Gäst mit Gähnen anzustecken Morgen ist ja Kirch da könnt Ihrs reinbringen
was Ihr heut nacht am Schlaf versäumet«
    »Ja ja« rief der Müllerknecht »Letzten Sonntag hab ich mich auch an der
Beckin ihrem ruhigen Gemüt erbaut unter der Predigt Der Herr Pfarrer hat
geschrauen dass mans in Reichenbach hätt hören können aber die Beckin hat sich
nicht verrührt sie hat ganz klein ausgesehen in ihrem Stuhl und der Kopf ist
ihr zwischen den Achseln eingesunken gewesen wie ein Schnitz der oben in einem
Hutzelbrot steckt«
    »Ach was« entgegnete die Frau unschuldig »man muss sich die ganz Woch
leiden wenn man auch noch das bissle Kirchenschlaf nicht hätt so wärs ja nicht
zum Prästieren«
    Die Gesellschaft brach in ein wieherndes Gelächter aus das lange kein Ende
nehmen wollte bis endlich der Bäcker seine Frau aufmerksam machte »Du Weib
da klopfts am Küchenfenster« Sie horchte hin ohne dass etwas zu hören war
nach einer Weile aber klopfte es wiederholt und vernehmlich
    »Aha das ist ein Geist« rief der Müllerknecht
    »Machet mir nicht angst« rief die Bäckerin »Ich wills übrigens mit ihm
aufnehmen« setzte sie hinzu und ging in die Küche
    »Ich glaub auch nicht an Hexen« sagte der betrunkene Schütz
    »Warum nicht« schrien die Bauern eifrig
    »Weil mein Glas schon eine ganze Ewigkeit leer dasteht und sich nicht füllen
will Wenns Hexenwerk gäb so müssts von selber voll werden«
    Der Kübler der kaum mehr die nötige Kraft zum Reden besaß obgleich er
unermüdlich zu trinken fortfuhr schob dem Nimmersatt sein Glas hin
    »Jetzt möcht ich aber doch nächstens aus der Haut fahren über die
Hungermuck die einem da den ganzen Abend hinhockt« sagte der Invalide leise zu
seinem jungen Nachbar »Wenn ich doch nur auch ein Mittel wüsst wie man ihn
fortbringen könnt den Halunken«
    »Da wird bald geholfen sein« flüsterte Friedrich und wusste sich vom Tisch
und zur Stube hinauszumachen ohne dass sein Weggehen jemand in die Augen fiel
    Der Invalide der nichts von seinem Vorhaben ahnte erdachte inzwischen
gleichfalls einen Kunstgriff um den beschwerlichen Schmarotzer fortzubringen
»In der Sonn ists heut lustig« sagte er »der Sonnenwirt hat die Spendierhosen
an und lässt eine Flasch um die andere springen ich hab gehört er hab einen
Fahnen aufm Hut wehen«  Friedrich hatte ihm anvertraut dass sein Vater den
Wein etwas spüre und guter Dinge sei
    »Das kommt selten vor dass der Sonnenwirt n Spitzer hat« sagte der
Müllerknecht »Wahr ists aber wenn er angestochen ist dann spendiert er
Außerdem tut ers nicht«
    Auf den Schützen wirkte die Mitteilung sichtbar beunruhigend Er wusste nicht
recht wie er es angreifen solle um alsbaldigen Gebrauch von ihr zu machen
Endlich siegte doch die Lockung über die Furcht dass man seine Absicht merken
könnte Er behauptete stotternd er müsse im Flecken nachsehen ob keine
Ungebühr vorgehe wünschte umständlich gute Nacht und schwankte zur Türe hinaus
während der Invalide und der Müllerknecht einander heimlich anlachten
    »Der hat auch schwer geladen« sagte der Müllerknecht hinter ihm drein »Der
hätt nicht noch mehr nötig«
    Kaum war er draußen so kam Friedrich wieder herein »Alle Teufel«
flüsterte er dem Invaliden zu indem er sich geschwind wieder zu ihm setzte
»warum habt Ihr ihn fortgelassen Wo ist er hin«
    »Ist er Ihm denn nicht begegnet« fragte der Invalide der das sonderbare
Benehmen seines jungen Freundes nicht begriff
    »Ich hab mich hinter die Tür versteckt Wo ist er denn hin«
    »Rechts hinunter der Sonne zu«
    »Ruft ihn ruft ihn zurück« sagte Friedrich mit größter Hast ohne zu
bedenken dass dazu ein hölzernes Bein nicht das tauglichste war »Es ist zu
spät« murmelte er in kalter Bestürzung »gebt acht jetzt fliegt er«
    Dem Invaliden ging ein Licht auf Es war aber keine Zeit mehr etwas zu
ersinnen das die Gefahr abwenden konnte ohne den Täter zu verraten denn in
demselben Augenblick erfolgte auf der Straße ein furchtbarer Knall der das Haus
erschütterte Alle sprangen vom Tisch auf ausgenommen den Kübler der stumm
verwundert um sich sah Friedrich war der erste welcher hinausstürmte da er
glaubte unmittelbar nach dem Knall dessen Ursache ihm nur zu gut bekannt war
einen Schrei von einer weiblichen Stimme vernommen zu haben der ihm das Mark
durchschnitt Draußen stand der Schütz unbeweglich wie eine Salzsäule Er
überließ es den andern sich mit ihm zu beschäftigen und eilte mit klopfendem
Herzen weiter Obgleich es hell war sah er niemand und wollte eben wieder
umkehren als er nicht weit von sich schluchzen hörte Er ging dem Tone nach Im
Schatten eines Hauses stand ein Mädchen angelehnt das die Hände vors Gesicht
hielt und heftig zitterte »Um Gottes Jesu willen« sagte er »ist ein Unglück
geschehen« Er eilte auf sie zu und zog ihr die Hände vom Gesicht Es war
Christine
    »Hats dir etwas getan« fragte er verzweiflungsvoll
    »Nein es ist nur der Schreck« antwortete sie »Es ist mir in alle Glieder
gefahren und hat mich so angegriffen dass ich weinen muss«
    »Gott sei Lob und Dank« flüsterte er »Da hätt ich eine schöne Dummheit
anrichten können«
    »So« sagte sie noch immer weinend »jetzt weiß ich wer mir das getan hat
für solche Streich bedank ich mich Vor so einem Mutwillen ist man ja seines
Lebens nicht sicher«
    Der Brauskopf der soeben noch bereit gewesen wäre sie fussfällig um
Verzeihung seiner unsinnigen Torheit zu bitten war plötzlich umgewandelt »Du
tust ja wie wenns dich mitten auseinandergerissen hätt« sagte er kalt »Sei
du froh dass dirs nichts getan hat und lauf nicht rum bei der Nacht dann
widerfährt dir nichts«
    »Ich kann ja heimgehen« erwiderte sie tiefbeleidigt »Den Gang hätt ich mir
ersparen können Ich will mirs merken Gut Nacht« Sie bog um das Haus und war
verschwunden
    Er wandte sich trotzig und ging zurück Die Gesellschaft hatte indessen den
Schützen wieder in die Wirtsstube gebracht Auch an ihm war die Gefahr glücklich
vorübergegangen und nur der Knall hatte ihn anfangs bis zur Sinnlosigkeit
betäubt Doch führte er noch etwas verwirrte Reden und versicherte er habe
einen Geist gesehen einen weiblichen Geist der ihn durch den Blitz des Feuers
mit großen Augen angestarrt habe Es wurde lebendig in der Wirtschaft Die
Scharwache kam um vergebliche Untersuchungen nach dem Urheber der gefährlichen
Mine anzustellen auch hatte der Lärm Gäste aus anderen Wirtshäusern hergelockt
Friedrich ließ Wein heraufschaffen zunächst für den Schrecken wie er sagte
den der Schütz gehabt aber es fanden sich auch noch andere Abnehmer Man sprach
und schrie über den Vorfall die einen schimpften auf den Täter die andern
lachten Der Invalide spottete dass man über einen Mordschlag ein so großes
Aufheben mache in seinen Schlachten habe es anders gedonnert sagte er und
machte einen neuen Versuch seine Kriegsgeschichten zu erzählen aber die Leute
waren zu aufgeregt um ihm zuzuhören Gegen Friedrich wurde kein Verdacht laut
die wenigen die den wahren Täter erraten hatten wussten zu schweigen
    Mitten im Tumult zupfte ihn die Bäckerin am Arm und gab ihm ein Zeichen Er
folgte ihr in die Küche »Es ist ein absonderlicher Briefträger dagewesen«
sagte sie und gab ihm einen Brief »Das Christinele hat gesagt es hab den
ganzen Abend keinen Menschen finden können der ihm den Brief fortgetragen hätt
und in die Sonne hab es nicht mit ihm gehen mögen da hab es eben versucht ob
das Briefle nicht hier an seinen Mann zu bringen wär und richtig es hat keinen
Metzgergang getan Ich bin nur froh dass dem Kind nichts geschehen ist denn
kaum ist es fortgewesen so ist der teufelhäftig Knall losgegangen Die Jugend
wird immer schlimmer Ich wollt man tät den Malefizkerl der den Mordschlag
gelegt hat an den Ohren kriegen und tüchtig schütteln das wär ihm gesund«
    »Dem Mädle ist nichts widerfahren« sagte Friedrich etwas verlegen »ich hab
draußen nachgesehen es ist kein Mensch verunglückt Was steht denn in dem
Brief«
    »Weiß ich das« entgegnete sie mit schlauem Lächeln »kann ich wissen was
ihr für Geschäfte miteinander habt Nun ich will nicht neugierig sein«
    Sie ging in die Stube Friedrich erbrach mit bebender Hand den Brief und las
ihn bei der trüben Küchenampel Christine bat ihn um Verzeihung und rief ihn zu
sich zurück In seinem Entzücken dachte er nicht daran dass seit der Ankunft
dieses Briefes schon wieder eine neue Wolke zwischen ihn und sie getreten war
er stand wie von einer Flamme umgeben drückte den Brief ans Herz und jauchzte
laut auf Zu gleicher Zeit erscholl auch in der Stube ein Jauchzen und
Gläsergeklirr Die Glocke vom Turm hatte den neuen Zeitabschnitt zu verkündigen
begonnen der eigentlich mit jeder Sekunde eintritt der aber da wo zugleich
die Jahreszahl sich mit ihm verändert einen tieferen Eindruck auf den Menschen
macht und nach alter Sitte stießen die Leute mit den Gläsern an und riefen
einander Glückwünsche auf das neue Jahr mit seinen noch verschleierten
Geschicken zu
    Friedrich eilte in die Stube ergriff sein Glas und stieß mit an
    »Prosits Neujahr« rief ihm der Invalide zu »Es lebe das Jahr
Siebenzehnhundertneunundvierzig« antwortete er
    »Siebenzehnhundertfünfzig« schrie man ihm von allen Seiten entgegen und
der Rechnungsfehler wurde mit lautem Gelächter zurechtgewiesen »Der will das
Neujahr leben lassen und kann nicht hinein« spottete einer »Fünfzig schreibt
man jetzt und das zehn Jahr lang musst dich dran gewöhnen« sagte ein anderer
»Kannst nicht aus der Zahl heraus wo das Jahrhundert in sein Schwabenalter
gekommen ist« fragte ein dritter
    »Mag leicht sein« sagte Friedrich halblaut so dass nur der Invalide es
hören konnte »in dem Jahrzehnt das sich mit vierzig schreibt hat meine rechte
Mutter noch gelebt und da ist es wohl zu begreifen dass mir die Zahl wie eine
alte Heimat ist aus der man nicht gern heraus mag Also das Jahr
Siebenzehnhundertfünfzig soll leben« rief er nochmals das Glas erhebend und
in seinem Herzen setzte er hinzu »das Jahr das mir Ersatz geben soll« Es war
ihm als ob er jetzt wieder eine Mutter hätte Er hielt es nicht lange in der
Gesellschaft mehr aus Es war still und sanft in ihm geworden und diese innere
Glückseligkeit taugte nicht zu dem was um ihn her vorging Das Lachen und
Johlen nahm überhand und zwar um so ungestörter als die Polizei sich selbst
daran beteiligte Der Schütz der durch den Schrecken ziemlich nüchtern geworden
war hatte die neue Gelegenheit zum Trinken nach Kräften benutzt und machte
schon wieder Riesenfortschritte in der Trunkenheit Der Kübler hatte von seinen
fünf Sinnen keinen einzigen mehr ganz beisammen und belustigte die Gesellschaft
durch die grunzenden Laute die er von sich gab »Bringet die Noten im Kübel
her die S will singen« rief der Schütz aber während er sich über seinen
Genossen lustig machen wollte stürzte er auf einmal mitsamt dem Stuhl zu Boden
und stand nicht mehr auf Das wilde Gelächter über diesen Auftritt schallte noch
lange hinter dem Flüchtling her der die Herrlichkeit hinter sich ließ ohne
gute Nacht gesagt zu haben
    Zu Hause fand er seinen Vater noch wach und noch immer von Gesellschaft
umgeben Er brummte über sein langes Ausbleiben doch mehr wie es schien aus
väterlichem Wohlwollen dass er sich ihm an einem so heiteren Abend entzogen
hatte als aus Missmut darüber dass er seiner Pflicht nicht nachgekommen war
Noch in später Stunde waren Fuhrleute angelangt sie fluchten wacker über den
langen Aufenthalt der ihnen durch verschiedene Zufälle und am meisten durch den
Esslinger Zoll verursacht worden war Friedrich widmete sich mit Eifer ihrer
Bedienung und ihre Scherzreden bewiesen dass er von lange her bei ihnen wohl
angeschrieben sei »Er geht so leichtfüssig einher als ob er in der Luft wandeln
tät« sagte einer derselben von ihm und die Bezeichnung war richtig denn das
Gefühl das ihn seit dem Empfang von Christinens Brieflein beseelte hatte ihm
gleichsam Flügel an die Sohlen geheftet
    Er ging als ein glücklicher Mensch zu Bette trunken von Liebe und auch ein
wenig vom Wein Da er nicht sogleich einschlafen konnte so hörte er noch den
Neujahrswunsch der armen Kinder die mit Lichtern umherziehend vor den Häusern
zu singen pflegten Es war ein einziger Vers der für jedes Mitglied der
Familie und wenn sich ihre Zahl noch so hoch belief besonders wiederholt
wurde Zuerst traf die Reihe den Hausvater dann die Mutter die Kinder soviel
ihrer waren wurden jedes einzeln angesungen dann kamen die Mägde dann die
Knechte und ganz zuletzt wenn der Gratulationszug vor einem Wirtshause hielt
die bekannteren Gäste die darin wohnten Sie sangen als die Reihe an Friedrich
kam
Jetzt wünschen wir auch dem Herrn Johann Frieder ein guts neus Jahr
Ein gesundes Jahr
Ein glücklichs Jahr
An Fried und Freud ein reiches Jahr
Gott mach es wahr
Gott gebe dass es werde wahr
»Gott gebe dass es werde wahr« sprach Friedrich in seiner Kammer nach
 
                                       9
Der erste Gegenstand mit welchem er sich bei seinem Erwachen am Neujahrsmorgen
beschäftigte war der Brief der ihn gestern nacht so glücklich gemacht hatte
Er zog ihn unter dem Kopfkissen hervor und las ihn aber und abermals dabei
konnte er freilich eine Wahrnehmung die ihm im ersten Jubel so gut wie
entgangen war nicht ganz unterdrücken Der Brief war ziemlich abscheulich
geschrieben sowohl was die Handschrift als was die Rechtschreibung betraf
jene stellte in Unbehilflichkeit und Verworrenheit das gerade Gegenteil von der
zierlichen Gestalt der Schreiberin dar und die Gesetze der Rechtschreibung
hatte sie erbarmungslos misshandelt mit ganzen Buchstaben gegeizt und andere am
unrechten Orte verschwendet so dass man um den Sinn des Schreibens zu
verstehen mehr dem Laut als den Schriftzeichen nach lesen musste Friedrich
hatte wie bereits bemerkt alles gelernt was ihm die Schule bieten konnte
sein Vater hatte ihn nach der Konfirmation noch ein Jahr lang im Hause des
Schulmeisters untergebracht um den durch den Tod seiner Mutter meisterlos
gewordenen und im Wirtshaustreiben der Verwilderung anheimfallenden Knaben unter
eine gleichmäßige Zucht zu bringen und er schrieb seinen Brief oder Aufsatz
der Bildung der Zeit gemäß so gut als irgendein anderer Ohne Zweifel
erblickten der Pfarrer und Amtmann zwischen ihrer und seiner Bildung eine breite
Kluft wenn man aber auf der heutigen Bildungsstufe das was von seiner Hand
aufbewahrt worden ist mit den Bildungsurkunden von der Hand seiner Vorgesetzten
vergleicht so merkt man kaum einen Unterschied denn man findet bei ihm nicht
häufig Fehler und auch sie schreiben keineswegs ganz fehlerfrei Dagegen war
seine Art zu schreiben und Christinens Brief wie Tag und Nacht oder wie eine
Hühnerpfote von einer menschlichen Hand absticht und so gewiss ein warmer
Körper wenn man ihn mit kaltem Wasser übergiesst von einer unangenehmen
Empfindung befallen wird so gewiss ist es dass ein Liebender der einigermaßen
schulgerecht schreiben kann im höchsten Feuer seiner Neigung wenigstens für
einen Augenblick abgekühlt wird wenn der Gegenstand derselben den er doch
bewusst oder unbewusst als etwas Vollkommenes verehrt die Erwiderung nur in eine
unschöne und stümperhafte Form zu kleiden vermag Aber die Liebe führt auch eine
gewaltsame Begeisterung mit sich welche derlei ungleiche Gefühle so wie sie
aufsteigen wollen rasch wieder zu unterdrücken weiß zumal wo die Liebe die
Blüte eines rauen und kräftigen Willens ist der ohnehin keinen Widerspruch
duldet Doch auch das Gewand der Demut muss sich dazu hergeben den Misston
einzuhüllen wenn der Liebende entdeckt dass sein Inbegriff aller Vollkommenheit
auch einige Unvollkommenheiten in sich mitbegreift so beruhigt er sich bei dem
Zugeständnis dass ja auch er nicht ganz untadelhaft sei und folglich nicht das
Recht habe von seiner Geliebten vollendete Mangellosigkeit zu verlangen und
diese Beruhigung dauert mit besonderer Festigkeit solange als die Sehnsucht
nicht erfüllt ist solange das frische Gesicht und die reizende Gestalt noch als
etwas Vorentaltenes vor der Seele des Sehnenden schweben Zudem liest ein
Liebender nicht bloß den Schriftzeichen und dem Laute nach er liest vornehmlich
auch mit dem Herzen und diesem sagte das hübsche junge Mädchen in seinem armen
schlechten Briefe so herzliche und liebreiche Worte dass die kleine Abkühlung
bald wieder der zurückkehrenden ersten Flamme weichen musste
    Christinens Brief ist infolge von Begebenheiten zu welchen wir bald
gelangen werden noch jetzt vorhanden er lautet in verständliches Deutsch
umgeschrieben so
    »Geliebter Schatz es ist mir von Herzen leid dass ich dich so erzürnet
habe ich bitte dich verzeihe es mir wieder ich wills nimmer tun Wenn es
sein kann so komm du noch einmal zu mir dass ich mündlich mit dir reden kann
Weiter weiß ich nicht zu schreiben als dass du seist von mir zu tausendmal
gegrüßt und in den Schutz Gottes befohlen Ich verbleibe dein getreuster Schatz
bis in den Tod Meinen Namen will ich nicht nennen wenn du mich lieb hast
wirst du mich wohl kennen Datum diesen Tag Nehme fürlieb mit dieser schlechten
Handschrift ich kann vor Traurigkeit nicht besser schreiben«
    »Gelieder Satz du sei von mir zu tausendmal geschriet und in den Sutz
Gottes befohlen« wiederholte Friedrich halb entzückt halb lachend als wär das
Mädchen gegenwärtig und müsste sich wegen ihres schülerhaften Schreibens von ihm
necken lassen dabei machte er eine Bewegung wie wenn er ihre gelben Zöpfe
fassen wollte einer Glockenschnur ähnlich an der man läutet damit oben jemand
zum Fenster heraussehe um nachbarlichen Verkehr zu pflegen oder ein Almosen zu
spenden
    Mitten in diesen zärtlichen Träumereien fiel es ihm jedoch ein dass er die
Schreiberin des Briefes für ihre doppelte Mühe gar schlecht belohnt habe Er
hatte ihr mit harten Worten ihr nächtliches Umherstreichen vorgeworfen dessen
Zweck doch nur der gewesen war ihre schlechte Handschrift an den rechten Mann
zu bringen und während sie alle ihre wirklichen oder vermeintlichen Sünden
durch ein Entgegenkommen das ihn zu Dank verpflichten sollte gutzumachen
bemüht war hatte er das so vielen Störungen ausgesetzte Verhältnis plötzlich
wieder auf den alten Traurigkeitsfuss zurückgeschleudert Und zwar hatte er sich
dies zuschulden kommen lassen in einem Augenblick wo er durch einen
unverzeihlichen Knabenstreich der gar nicht zu seinen auf ein ehrbares
Hausvatertum gerichteten Absichten passte das Leben seiner Geliebten in Gefahr
gebracht hatte Seine Reue war ebenso ungestüm wie der Ausbruch seines Zornes
gewesen war und er schlug sich mit Macht vor die breite Stirne hinter welcher
der Wein von gestern abend eine dumpfe Wolke zurückgelassen hatte so dass die
zwiefache Busse des Leibes und der Seele zusammentraf Nachdem er sein
schuldhaftes Ich mit einer Flut nicht eben gelinder Schimpfworte überschüttet
tausend Gelübde der Besserung wiederholt und auf diese Weise in figürlichem Sinn
sich seihst den Kopf gewaschen hatte ging er in den Hof hinab um dieses Bad am
Brunnen in körperlicher Handlung zu wiederholen Bald fühlte er sich auch so
erfrischt dass er ganz munter mit den Knechten und Mägden scherzte
    Kaum hatte er sich aber diese Selbsterleichterung von der Beschwerde des
Körpers und den Vorwürfen der Seele verschafft so überfiel ihn das Bedenken ob
auch Christine ihn so schnell zu absolvieren geneigt sein werde Alle
Zurückweisungen die er von ihr hatte erdulden müssen kamen ihm wieder in den
Sinn und der Gedanke dass sie ihn heute heimgehen heißen könnte wie er sie
gestern heimgeschickt hatte erfüllte ihn nach der kurzen Anwandlung von
Heiterkeit plötzlich mit Wut und Verzweiflung Im ersten Augenblick entschloss er
sich trotzig zum Dableiben als ob sie ihm den gefürchteten Schimpf bereits
angetan hätte im nächsten trieb ihn sein kochendes Herz wieder zum Gehen an
Aus diesen blitzschnell und gewaltsam abwechselnden Empfindungen der heftigsten
Leidenschaft und des misstrauisch aufgeregten Stolzes entsprang endlich eine
Liebeserklärung die keiner Anleitung zur Kunst des Liebens entnommen war auch
keineswegs ein Muster in derselben genannt zu werden verdient aber als eine
glaubwürdig überlieferte und ihren Helden scharf zeichnende Begebenheit nicht
verschwiegen werden darf
    Dass er Christinen diesen Vormittag allein zu Hause finden würde hatte ihm
ihr Brief klar gesagt obgleich es nicht mit Worten darin zu lesen stand denn
wozu würde sie sich gestern nacht so viele Mühe gegeben haben den Brief noch in
seine Hände zu bringen wenn sie nicht sicher gewesen wäre dass die Ihrigen am
Neujahrsfeste alle in die Kirche gehen würden
    Die Glocke hatte schon das zweite Zeichen geläutet als er die Sonne verließ
und mit einer Bedächtigkeit welcher man seinen inneren Zustand nicht angesehen
haben würde verschiedene Seitengässchen einschlug um möglichst wenigen
Kirchengängern zu begegnen Und doch konnte er sich überall sehen lassen in dem
neuen Rock von dunkelblauem Tuch mit großen Knöpfen und in den kurzen
Beinkleidern von schwarzem Samt  die hirschledernen über die er gegen den
Zigeuner gescherzt hatte waren seit Weihnachten verbannt  trat seine
gedrungene Gestalt stattlich hervor das scharlachene Brusttuch Weste passte zu
dem Stahl und Messer die er in den Gürtel gesteckt der Dreispitz auf dem Kopfe
gab dem jugendlich kräftigen Gesicht ein unternehmendes Aussehen und die weißen
Strümpfe über den Schnallenschuhen umschlossen ein derbes Paar Beine auf
welchen der Mann im Vollgefühl der Jugend wie auf festen Säulen wandelte Er
wandte sich dem Felde zu wo er zu dieser Stunde auf niemand treffen konnte und
wo die dicht fallenden Schneeflocken die Spuren seiner Tritte schnell wieder
ausfüllten Die Glocken läuteten zusammen als sie schwiegen und die Orgel
einfiel die man bis aufs Feld heraus hörte lenkte er die Schritte zu des
Hirschbauern Haus Er fand die hintere Türe angelehnt verschmähte es aber sich
derselben zu bedienen sondern stieg die außen an der Seite emporführende Treppe
hinauf welche den rechtmäßigen Eingang ins Haus gewährte Im Hinaufsteigen
konnte er durch das Fenster sehen und seine Auslegung der nächtlichen
Briefträgerei hatte ihn nicht getäuscht denn Christine saß allein in der Stube
und las so schien es wenigstens ganz vertieft im Gesangbuch auf dessen
aufgeschlagener Seite ein Blättchen mit einem flammenden von einem Schwert
durchstochenen Herzen eingelegt war
    Sie musste jedoch nicht so vertieft gewesen sein als sie scheinen wollte
denn als er zur Türe eintrat saß sie nicht mehr am Tisch sondern stand
aufrecht mit dem Buch in der Hand allein so eifrig sie darin zu lesen schien
so zeigte sich doch in ihren Mienen eine Spannung und Bewegung welche deutlich
verriet dass ihre Gedanken ganz anderswo als bei einem geistlichen Liede waren
Sie war ihm nie so schön vorgekommen ihr helles Gesicht obgleich heute nicht
so rotwangig wie sonst blinkte von Morgenfrische und die gelblichblonden
streng gescheitelten Haare umschlossen es mit einem freundlichen Rahmen ein
feuchter Schimmer schwamm in den niedergeschlagenen Augen durch das schwarze
Gesangbuch das in den gefalteten Händen ruhte erhielt das gleichfalls schwarze
Wams das sonst ein alltäglicher Anblick ist etwas Feierliches das den
lockenden Reiz der Erscheinung dämpfte das ärmliche Unterkleid war von einer
reinlichen weißen Schürze beinahe ganz zugedeckt
    Sein Herz klopfte während er im langsamen Eintreten die liebreizende
Gestalt mit den Augen verschlang »Ists erlaubt« sagte er an der Türe stehen
bleibend
    »Ich kanns nicht verwehren« antwortete sie und ihre Augen verirrten sich
von dem Liede aber nicht weiter als bis an den Rand des Buches
    »Sie trutzt mit mir« dachte er
    Beide schwiegen geraume Zeit still dann begann er wieder »Ich hab
geglaubt wenn man einen einlade so vergönne man ihm auch ein gutes Wort Wird
ja einer nicht vor Amt geladen ohne dass man ihm dort eröffnet warum er
vorgeladen ist«
    »Das ist auch meine Absicht gewesen« sagte Christine »aber wie ich den
Brief geschrieben hab und bei Nacht ausgetragen weil ich meine Brüder nicht hab
drum wissen lassen wollen und hab nicht früher fortkommen können als bis alles
im Bett gewesen ist da hab ich nicht gewusst dass es mir so aufgenommen wird und
so ausgelegt Es ist mich sauer genug ankommen denn ich hab mir wohl sagen
können dass sich so etwas nicht schickt Deswegen bin ich nun auch bitter
gestraft dafür und sehs jetzt vollends ganz ein dass ichs hätt nicht sollen
tun«
    »Der Brief gilt also nichts« fragte er
    Sie sah in ihr Gesangbuch ohne zu antworten Abermals folgte ein langes
Stillschweigen
    »Wenns so steht zwischen uns« hob er wieder an »so hätt ich auch können
daheim bleiben«
    Sie legte das Buch auf den Tisch »Es ist nicht meine Schuld« sagte sie
»Ich habs ja nicht so haben wollen Aber ich möcht mich an keinen hängen der
schlecht von mir denkt und mich eine Nachtläuferin heißt Ich hab noch niemand
Anlass geben etwas Unrechts von mir zu glauben am allerwenigsten « Sie
stockte denn das Du wollte ihr nicht über die Lippen
    »Hab ich denn wissen können dass du meinetwegen unterwegs bist« rief er
    »Das ist gleichviel« erwiderte sie »Niemand hat das Recht wenn er mich
auch bei Nacht antrifft mir das Rumlaufen vorzurücken und das auf eine Art
dass man wohl versteht wies gemeint ist Ich bin noch keinem nachgelaufen und
werd auch keinem nachlaufen mehr«
    »Nun ja« versetzte er »wenn ich gewusst hätt was für einen Botengang du
tust so hätt ich ja gewiss nichts dergleichen gesagt«
    »Das glaub ich« bemerkte sie unmutig über diese leichte Entschuldigung
    »Jetzt lass es aber gut sein« rief er auf sie zugehend »Bis du austrutzt
hast und auspredigt ist der Pfarrer mit der Predigt auch zu End«
    »Nicht so geschwind« rief sie und wich rasch vor ihm zurück
    »So da kann ich also heimgehen« sagte er erbittert über den ernstlichen
Ton mit dem sie ihn zurückgewiesen hatte
    Sie gab keine Antwort
    »So kanns nicht zwischen uns fortgehen« rief er allmählich wild werdend
»Jetzt sags grad raus und lass mich nicht lang warten wie hasts mit mir«
    »Ich weiß nicht« sagte sie »ich glaub wir taugen nicht recht zusammen
wir zwei beide Ich will nicht von den vielen Haken reden die die Sach hat und
die mich schon oft traurig gemacht haben Aber wer mein Schatz sein will der
darf mich nicht so anfahren und darf mich nicht gleich beschuldigen dass ich auf
unrechten Wegen sei eh er sich nur Zeit nimmt die Augen aufzutun Wenn einer
auf seinen Schatz nichts hält so tuts nicht gut zwischen ihnen Mein Vater und
meine Mutter sind oft hart gegen mich wenn mein Schatz auch so wär was hätt
ich dann gewonnen Mit meinem Schatz will ich ein besseres Leben führen oder
lieber will ich bleiben wie ich bin Es ist mir ohnehin nicht so besonders drum
zu tun ich kann allein sein und ich glaub ich wills auch«
    Obgleich er sich gestehen musste dass das Mädchen vollkommen recht habe und
obgleich sie ihm in diesem Augenblicke mit ihrer ganzen Art zu denken und zu
reden unsäglich gefiel denn das war nicht mehr das schüchterne kindische
Wesen das andere Leute für sich reden ließ so gestattete ihm doch sein starrer
Trotz nicht aus ihren Worten etwas anderes als einen bitteren Bescheid
herauszulesen »Wenn man mir so ausbietet« sagte er »dann will ich nicht
überlästig sein«
    Sie schwieg ohne aufzublicken
    »Es ist also Ernst« wiederholte er »Ich soll gehen«
    »Wer mirs so macht den werd ich nicht bleiben heißen« antwortete sie
entschlossen aber zugleich drangen ihr die Tränen in die Augen
    »Nein« rief er wild und die seinigen rollten während er das Messer zog
»So geh ich nicht fort Hie auf dem Platz muss es sich zwischen uns entscheiden
Sag ja oder nein willst du mich oder willst du mich nicht Wenn du mich
willst so versprech ich dir dass dergleichen Dummheiten wie gestern nacht von
nun an nicht wieder vorkommen sollen du bist ohnehin ganz allein schuld daran
gewesen weil du mich ganz wild und falsch gemacht hast die Zeit daher und
unartig will ich auch nicht mehr gegen dich sein will dich vielmehr auf den
Händen tragen und ein Leben mit dir führen dass ganz Ebersbach ein Exempel dran
nehmen soll Willst du mich aber nicht so verzeih mirs Gott du kommst nicht
lebendig von der Stell Sieh das Messer hier das bis jetzt bloß unvernünftigen
Geschöpfen den Lebensfaden abgeschnitten hat das soll dann ein edleres Blut
trinken Sag nein und ich stech dirs ins Herz ich treff gut darauf kannst
dich verlassen und das auf den ersten Stoß Der zweite dann der gilt mir denn
wenn du nicht mein werden willst so soll dich auch kein anderer haben und wenn
du tot bist so will ich auch nicht mehr leben Dich will ich auf der ganzen
weiten Welt nur dich und wenn das nicht sein kann so ist es zu dieser Stunde
mit uns beiden aus«
    Christine war einen Augenblick starr und bleich vor Schrecken dagestanden
wie er mit dem funkelnden Messer auf sie zuschritt Bald aber änderte sich ihr
Gesicht Im Gegensatz zu ihm der in ihren Reden nur Bitterkeit fand sog sie
aus den seinigen nur den Honig heraus Aufgelöst durch das Übermaß von Feuer und
Liebe das aus dieser fürchterlichen Liebeserklärung hervorbrach und ohne sich
durch die rohe gewalttätige Beimischung von neuem abstossen zu lassen warf sie
sich ihm als er geendet hatte so heftig an den Hals dass sie ihm kaum noch
Zeit ließ die Spitze des Messers zu wenden Er schleuderte es rasch zu Boden
während sie ihn mit beiden Händen umklammerte »Stich zu wenn du das Herz
hast« rief sie laut weinend Er schlug die Arme um sie und drückte sie fest ans
Herz Sie machte die eine Hand los und hielt sie ihm vor die Augen »Da sieh du
blinder Hess du ungläubiger Thomas« sagte sie unter dem Weinen lachend »wie
kannst du so an der Wand hinauffahren und so ruchlos Zeug machen siehst denn
nicht dass ich deinen Ring am Finger hab seit du da bist Ich hab dir doch
vorher müssen ein wenig schandlich tun du unartiger Bub du«
    »Ists wahr« rief er »Willst mein sein Sagsnoch einmal«
    »Meinst dus auch ehrlich mit mir« fragte sie indem sie den Kopf aufhob
und ihm in die Augen sah
    Er schwur es mit tausend Eiden wovon einer den andern an Kraft und Derbheit
übertraf »Bist jetzt mein« fragte er dann abermals
    »Ja« schrie sie unter dem Druck seiner Arme die sie wie eiserne Klammern
pressten
    »Ganz mein«
    »Ganz Du kannst mich sieden oder braten nur erstick mich nicht«
    Er ließ sie einen Augenblick los aber nur um sie im nächsten desto fester
in die Arme zu fassen und die Sinne vergingen ihr unter dem Ungewitter der
Leidenschaft das über sie losbrach Es war als ob der Pfarrer mit den
Liebenden im Bunde wäre denn seine heutige Neujahrspredigt schien die längste
werden zu wollen die er je gehalten hatte
    »Jetzt will ich gern sterben« seufzte Friedrich als er aus dem Rausche des
Entzückens endlich wieder zu sich kam »Noch einmal will ich dirs geschworen
haben dass ich nimmer von dir lassen will was auch kommen mag und will dir
treu sein bis in den Tod«
    »Du musst jetzt nicht vom Sterben reden« sagte ihm Christine leise ins Ohr
indem sie den Kopf verschämt an seine Schulter lehnte »ich habs jetzt doppelt
nötig dass du für mich lebst«
    »Ja ich will und Müh will ich mir geben dass ich immer den richtigen Weg
geh und dass du keine Unehr von mir hast und keine Sorgen um mich Gelt das ist
doch eigentlich Ursach gewesen dass du dich so lang besonnen hast Gestehs nur
frei heraus ich nehms dir nicht übel«
    »Nein« sagte sie »ich hab mich nie zum Richter über dich aufgeworfen und
habs ja wohl gewusst wie gut du bist und dass in deinem Herzen kein fauler
Butzen ist und kein falscher Blutstropfen in deinen Adern Meinst du denn sonst
hätt ich dir so getraut«
    »Warum hast du mich dann aber so lang zappeln lassen und hast mir soviel
böse Stunden gemacht«
    »Ei bin ichs nicht wert dass du dich ein wenig um mich hast verleiden
müssen«
    »Freilich bist dus wert Ich mein nur wenn du so große Stück auf mich
hältst wie ichs in meinen Augen nicht verdien und hast zugesehen wie ich
mich verleiden muss so hast du ja dir auch eine Qual mit angetan Und hast du
nicht selber geschrieben du seist so traurig dass du vor lauter Leid schier
nicht schreiben könnest«
    »O du« sagte sie und schlug ihn mit dem Finger auf die Lippen
    »Ich will den Baum nicht loben der auf den ersten Streich fällt aber du
hast mirs doch ein wenig gar zu arg gemacht hast mich ja am ewigen Feuer
braten lassen Hättests dir selber nicht zuleid tun sollen Jetzt sags nur
warum bist so unbarmherzig gewesen gegen mich und dich«
    »Ich kanns nicht sagen« kicherte Christine wie damals als sie sich im
Bäckerhause hinter dem Ofen versteckte
    »Ich küss dich so lang bis dus sagst denn ich merk jetzt schon dass es
was zu bedeuten hat«
    »Da kannst lang küssen«
    »Oder ich drück dich bis dir der Atem ausgeht«
    »Dann sterb ich in deinem Arm«
    »Wart ich will dir schon zeigen wer Herr ist Willst du Daumenschrauben
kennenlernen«
    Kaum hatte er ihre Finger etwas zwischen den seinigen gepresst so schrie
sie »Halt Lass nach Ich will ja alles gestehen« Sie legte den Mund an sein
Ohr und sagte »Sieh meine Mutter hat zu mir gesagt wenn ich einen dummen
Streich mache so schlage sie mir alle Glieder entzwei und «
    »Ja Und«
    »Ach du brauchst nicht alles zu wissen«
    Er erhaschte ihre Finger und wiederholte die vorige Folter »Und damits
nicht zu dem kommen soll was mir meine Mutter gedroht hat« bekannte sie
stöhnend und lachend zugleich »hab ich dich und mich so plagen müssen«
    Er lachte aus vollem Herzen »So« sagte er »du hast also so ein guts
Zutrauen zu mir gehabt dass du gleich gedacht hast du werdest dich bei mir vor
einem dummen Streich nicht behüten können«
    »Ach ich hab dich eben von Anfang an so lieb gehabt du böser Bub du«
    »O du mein liebs Weible du« rief er indem er sie in seine Arme zog und
ihren Kopf an sein Herz legte
    »Aber das hör ich gern« rief sie »Das tut mir wohl Oh sag noch einmal
so«
    »Mein liebs Weible Und jetzt will ich dich auch recht um Verzeihung
bitten dass ich dirs so wüst gemacht hab absonderlich gestern nacht wo du
meinetwegen ausgewesen bist und ich dir noch schnöde Reden dafür geben hab
Gelt du verzeihst mirs Sieh es ist mir von ganzem Herzen leid«
    »So jetzt kommst endlich du Hinterfürhühnle Hast Ursach genug gehabt das
gleich zu sagen aber der hochmütig Herr hat sich nicht runter geben wollen«
    »Ja sieh um Verzeihung bitt ich niemand als einen recht guten Freund und
von dir hab ich vorhin noch nicht gewusst ob du Freund oder Feind mit mir bist«
    »Oh geh du Du hast wohl gewusst dass ich dir nicht feind bin Aber gelt
jetzt glaubst dass du den besten Freund auf der Welt an mir hast«
    Er beteuerte ihr diesen Glauben mit wiederholten Liebkosungen
    »Was hast denn zu meinem Brief gesagt« fragte sie nach einer Weile »Gelt
du hast gewiss gesagt jetzt kriecht sie endlich zu Kreuz«
    »Ich hab denkt so jetzt ist sie endlich in sich gangen und bereuts dass
sie so unchristlich gewesen ist und sich und mir das Leben so sauer gemacht
hat«
    »Was nicht sauret das süsset auch nicht Aber was hast du denkt dass ich so
wüst geschrieben hab Ich habs schier im Finsteren tun müssen«
    »Schreib du wie du willst mir ist alles recht was du schreibst Wirsts
schon noch besser lernen bis du Sonnenwirtin bist und die Rechnungen und
Geschäftsbriefe kann ich ja einmal selber schreiben«
    »Ja das glaub ich dass es noch eine gute Zeit anstehn wird bis ich
Sonnenwirtin bin«
    »Nun ja du wirst doch meinem Vater nicht um den Tod beten«
    »Gott behüt und bewahr mich« rief Christine eifrig »Gelt das ist nicht
dein Ernst Nein ich gönn ihm und wünsch ihm noch ein langes Leben «
    »Und Enkel genug«
    Sie schlug ihn auf den Mund »Ich hab nur sagen wollen es wird noch manches
Wässerlein den Bach hinunterlaufen bis man uns zusammenlässt Ach ich bin eben
ein gerings Mädle und von armen Eltern und die deinigen sind reich und
hoffärtig du kannsts dir selber sagen dass es da nicht so ganz glatt gehen
wird Mir selber geht auch viel ab was zu dem Stand gehört Wiewohl ich will
dir versprechen dass ichs an nichts fehlen lassen will und nichts versäumen
was ich noch lernen kann Aber wenn auch du vielleicht mit einem solchen
Versprechen zufrieden bist so ists dein Vater noch lang nicht denn er sieht
noch auf ganz andere Eigenschaften«
    Er ging mit starken Schritten vor ihr in der Stube hin und her »Ich will
dir nichts vormachen was nicht wahr ist« sagte er »Ich kann zwar im jetzigen
Augenblick glaub ich viel auf meinen Vater bauen aber so leicht wirds nicht
gehen dass ich sagen kann ich darf nur blasen Er wird vielleicht ein wenig
aufgucken wenn ich ihm sag was ich vorhab sein Leibstückle ists nicht denn
das hat einen anderen Klang Wir müssen uns also darauf gefasst machen dass man
uns ein paar Berg in Weg wirft und falsche Zungen können auch dazwischenkommen
Aber wie gesagt ich steh jetzt mit meinem Vater so dass ich hoffen kann wenn
er meinen Ernst sieht so gibt er nach Die Hauptsach aber ist ich hab dich
lieb und will dich und mir bist du recht und darum musst auch allen anderen gut
genug sein Ich will doch sehen wer mir das über den Haufen wirft was ich mir
einmal fürgenommen hab Ich bin fest überzeugt und weiß ganz gewiss wenn ein
Mensch seinen Willen ernstlich auf etwas setzt und es ist nichts Unrechts so
führt ers auch durch Ich aber hab meinen Sinn fest darauf gerichtet dass du
mein Schatz und mein Weib werden sollst und wie ich meinen Willen bei dir
erreicht hab so werd ich ihn bei meinen Eltern und bei den deinigen erreichen«
    Christine beruhigte sich oder beschwichtigte wenigstens ihre Unruhe im
Anschauen und Anschmiegen an ihren Freund Er gefiel ihr gar zu gut er kam ihr
so männlich vor und war unter dem zuversichtlichen Reden gleichsam gewachsen
    »Nun hast du mein Herz und meine Hand und meinen Eid« fuhr er fort »Jetzt
musst du mir aber auch versprechen dass du mir treu sein willst denn ich muss dir
nur gestehen das Rumschwanzen und Lustigtun mit den ledigen Burschen aufm
Tanzboden das muss jetzt ein End haben und die Husarentänz im Karz stehen mir
auch nicht an«
    »Was Husarentänz Ich weiß nicht was du willst Seit wir nicht mehr gut
miteinander gestanden sind bin ich gar nicht in Karz kommen und dass ich
selbigsmal auf den Tanzboden gangen bin das hätt dir doch dein Herz sagen
sollen warum das geschehen ist«
    »Du hast ja aber gar nichts mit mir gemacht«
    »Hätt ich kommen und vor dich hinknien sollen«
    »Aber gelacht und geschwätzt hast mit den andern wie wenn ich gar nicht da
wär«
    »Ich hab doch nicht schreien und heulen können wiewohl mir das nah genug
gewesen ist es ist mir schwer ankommen mich so zu verstellen nachdem ich
hingangen bin bloß um dich zu sehen und du gar nichts von mir gewollt hast«
    »Und unter den Karzgängerinnen die gestraft worden sind bist du nicht«
    Sie wusste von nichts Er musste ihr den Vorgang erzählen In ihrem
abgelegenen Häuschen hatte sie von der Geschichte gar nichts gehört
    »Jetzt ists recht« sagte er lachend »Aber jetzt möcht ich erst einmal den
Husarentanz von dir sehen Wie mach mir ihn einmal vor«
    Sie sah ihn mit großen Augen an »Sag das nicht noch einmal« entgegnete sie
ernstaft »Es wär mir leid wenns dein Ernst wär«
    »Nein« sagte er und nahm sie in die Arme »ich hab dich bloß ein wenig
necken wollen Ich hab dich lieb und wert und verlass dich drauf dass ich dich
immer in Ehren halten werd Aber das mit den ledigen Buben das hast du mir noch
nicht versprochen«
    »Du wirst mich noch bös machen« sagte sie »Was will ich von den ledigen
Buben Aber ich will dirs schwören damit die arm Seel Ruh hat Da sieh ich
schwörs Und jetzt wollen wir sehen wer seinen Eid am längsten hält du oder
ich«
    Auch er gab sich nun seinerseits zufrieden Sie plauderten zutraulich
miteinander und malten sich ihr künftiges häusliches Leben aus wobei es nicht
an Scherzen und Neckereien fehlte Während sie so Arm in Arm in der Stube
herumgingen rief Christine auf einmal »Hu wie kalt gehts an mich hin Was
ist denn das« Auch er empfand jetzt den kalten Luftstrom und beide
untersuchten woher derselbe komme Eine von den runden Fensterscheiben fehlte
und durch die offene Lücke drang die kalte Winterluft ins Zimmer »Das ist
vorhin nicht gewesen« rief Christine erbleichend »Sieh nur da liegen die
Glasscherben auf der Bank Herr Jesus da ist jemand vor dem Fenster gewesen und
hat uns zum Schabernack die Scheib eingedrückt Ich hab doch nichts gehört«
»Ich auch nicht« sagte er den Tatbestand in stummer Bestürzung prüfend »Wir
sind verraten« rief sie weinend und verbarg das Gesicht an seiner Brust »Sei
ruhig der Wind wirds getan haben« sagte er aber er selbst war keineswegs so
ruhig als er schien denn er hatte noch eine andere Entdeckung gemacht die
Christinens Argwohn nur zu sehr bestätigte Auf den Staffeln der Außenseite
waren im Schnee frische scharfe Fußstapfen wahrzunehmen Dies konnten nicht
seine eigenen sein denn zur Zeit seines Kommens hatte es ziemlich stark
geschneit und seine Tritte mussten daher bald wieder verwischt worden sein Es
war ihm kaum zweifelhaft mehr dass nachdem es zu schneien aufgehört jemand
sich die Stiege heraufgeschlichen und die Scheibe eingedrückt habe worauf der
Täter wahrscheinlich in der Meinung durch das Klirren der Gläser in der Stube
einen Schreck erregt zu haben schnell wieder entflohen war Von dieser
Wahrnehmung aber teilte er Christinen nichts mit vielmehr suchte er sie als
sie ihn darauf aufmerksam machte dass ja gar kein Wind gehe auf den Glauben zu
bringen die Katze werde es getan und vielleicht von außen durch das Fenster
hereingewollt haben Dies war jedenfalls ein annehmbarer Grund wenn die Eltern
bei ihrer Heimkunft der Sache nachfragten und er hieß sie inzwischen das Loch
mit einem Tuch verstopfen
    Sie waren noch im Reden und Raten über den Vorgang begriffen und Christine
hatte ihre Verstörung noch keineswegs überwunden als die große Glocke auf dem
Turme anschlug »Horch die Betglock« rief sie »die Kirch ist aus jetzt mach
dass du fortkommst«
    Sie küssten und herzten einander während Christine ihn beständig forttrieb
    »Heut abend kommen wir zusammen nicht wahr« sagte er
    »Ja sobald meine Leut im Bett sind und das ist ziemlich früh«
    »Ich treff dich hinterm Haus und dann spazieren wir ins Feld Der Boden ist
mit lauter Zucker bestreut Meinst nicht es werd dir zu kalt sein«
    »Mich frierts nicht wenn ich bei dir bin aber jetzt mach dich fort«
    Sie wollte ihn bereden das Haus durch die hintere Türe zu verlassen
»Nein« sagte er »vorn wo ich herein bin da will ich auch wieder hinaus Ich
red ohnehin nächster Tag ganz frei und offen mit deinen Eltern«
    »Lass es nur noch ein wenig anstehen« sagte sie »es ist mir so angst«
    »Und wenn sie fragen ob jemand unter der Kirch bei dir gewesen sei so
sagst ohne weiteres ja ich sei dagewesen«
    Sie versprach alles und trieb ihn wiederholt zur Eile an so dass er als sie
sich voneinander losrissen noch lange nicht genug geküsst zu haben meinte
    Er hatte seinen guten Grund das Haus auf der Vorderseite zu verlassen Es
sollten nicht doppelte Fußstapfen hinterbleiben die vielleicht ein endloses
Gewirr von Vermutungen wachgerufen haben würden Er trat sorgfältig in die
vorhandenen Spuren und folgte ihnen um auf diese Weise etwa herauszubringen
wer vor dem Fenster gewesen sein möchte Die Spuren führten an den äußersten
Häusern des Fleckens hin und dann kreuz und quer durch einige Gässchen wo sie
sich aber bald mit anderen Fußstapfen vermischten Er musste seine Nachforschung
als fruchtlos erkennen und ging kopfschüttelnd seines Weges Die Leute kamen
eben aus der Kirche Er konnte es nicht vermeiden manchem verwunderten und
neugierigen Blick zu begegnen da er sich aber ruhig in den Zug mischte so
brachte dies viele die sich mehr mit Anhörung der Predigt als mit Musterung der
Zuhörer beschäftigt hatten auf den Glauben dass er gleichfalls aus der Kirche
komme
 
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In der Sonne wurde der Neujahrstag mit einem Familienessen gefeiert Die beiden
Schwiegersöhne hatten sich mit ihren Frauen nach der Kirche zur Gratulation
eingefunden und blieben nach hergebrachter Weise zu Tische da Als Friedrich
nach Hause kam fand er schon die ganze Familie versammelt »Da muss irgendwo ein
Rädle gebrochen sein« dachte er denn der Empfang war in der Tat ein sehr
wunderlicher Der Chirurg wusste seinem Gesicht einen gewissen verlegenen
Ausdruck zu geben der Handelsmann ein kugelrundes Figürchen in hellgelbem
Rock himmelblauer Weste und mit lang herabfallenden weißen Halstuchzipfeln
drückte seine kleinen Äuglein listig zusammen und ließ dabei die vorspringenden
wulstigen Lippen offenstehen so dass sie gleichsam einen stummen aber
sichtbaren Seufzer eines ehrbaren Verwerfungsurteils bildeten die beiden Frauen
schlugen die Augen nieder und schienen sich kaum entschließen zu können dem
Bruder die Hand zu geben als dieser mit einem treuherzigen »Prosit s Neujahr«
auf sie zugegangen kam Der Sonnenwirt sah dieser gezwungenen Begrüßung etwas
verwundert zu er kannte augenscheinlich den Grund derselben noch nicht mochte
aber denken sein Sohn werde es bei der Verwandtschaft durch irgendein nicht gar
zu bedeutendes Ungeschick verschüttet haben wenigstens ließ er das was vor
seinen Augen vorging geschehen ohne sich mit Fragen darein zu mischen
Friedrich aber hatte sogleich an dem zuverlässigsten Wetterglase erkannt dass
etwas Schweres gegen ihn im Werke sein müsse nämlich an dem gelben Gesichte
seiner Stiefmutter welchem ein offener triumphierender Hohn eine Art von Blüte
verlieh Es war ihm übrigens jede Verlegenheit erspart denn die Kinder des
Krämers die dieser mitgebracht hatte deckten mit ihrem jubelnden Empfange alle
Lücken in der Liebe der Erwachsenen zu sie hatten dem Großvater geschriebene
Neujahrswünsche überreicht und als Gegengeschenk neue Kreuzer nebst mürbem
Gebäck erhalten jetzt sprangen sie im vollen Jubel ihres Glückes an dem
kinderfreundlichen jungen Oheim empor und nahmen ihn in Beschlag bis das Essen
aufgetragen war
    Solange das Gesinde das diesmal an einem besonderen Tische speiste sich in
der Stube befand wurde von der Witterung und von der heutigen Predigt
gesprochen welche sich der mit einem guten Gedächtnis begabte Chirurg sehr
ausführlich anzueignen gewusst hatte Nachdem aber Knechte und Mägde sich
entfernt und auch die Kinder auf Befehl ihres Vaters jedes ein Stückchen Kuchen
in der Hand die Stube verlassen hatten begann dieser mit mutwilligem Blinzeln
»Ist der Schwager heut auch in der Kirche gewesen«
    Friedrich wurde rot »Ich hab Gott anders gedient« sagte er
    »Vielleicht zu Haus eine schöne Predigt gelesen oder ein Stück in Arndts
Wahrem Christentum«
    Friedrich schwieg der inquisitorische Ton aus welchem eine geheime Bosheit
sprach machte ihm das Blut aber jetzt nicht aus Scham nach dem Kopfe steigen
    Der Sonnenwirt der noch mächtig am Braten arbeitete hielt einen Augenblick
inne um zu schauen wo die Sache hinaus wolle und sah bald den Tochtermann
bald den Sohn mit fragenden Blicken an
    Die Sonnenwirtin hatte dem ersteren der den Laufgraben mit so viel Geschick
eröffnet einen Blick der Zufriedenheit zugeworfen Nun rückte sie selbst ins
Feld um ihm zu Hilfe zu kommen »Wenn ers nicht sagen will wo er gewesen ist
so muss ich das Maul für ihn auftun« sagte sie »Des Hirschbauern seiner Jungfer
Tochter hat er den Morgensegen vorgebetet just unter der Kirch Nun gibts zwar
Freigeister die alles auf die leicht Achsel nehmen  dabei ließ sie einen
Blick an ihrem Manne hinstreifen  und Spülwasser löscht auch den Durst wie
das Sprichwort sagt aber noch sagen man hab Gott gedient das ist eine Sünd
die unser Herrgott gewisslich zu den anderen Missetaten mit aufhaspeln wird Ich
hab michs von deinem Hab und Gut kosten lassen« setzte sie gegen ihren Mann
hinzu »dass die Person von der ich die Sach weiß nichts weiter sagt damits
nicht vor den Pfarrer kommt was dein christlich gesinnter Sohn unter
Gottesdienst versteht«
    Der Krämer kicherte und riss einige Witze die Friedrich beinahe außer sich
brachten aber er schwieg noch denn die plötzliche Entdeckung dass er nicht
bloß wie ihm schon zuvor klar gewesen verraten sondern dass sein Geheimnis in
die schlimmsten Hände überliefert sei hatte ihn etwas seiner Fassung beraubt
    »Wer hat dir denn die Sach hinterbracht« fragte der Sonnenwirt seine Frau
    »Das darf ich nicht sagen« antwortete sie »ich hab Stillschweigen
angeloben müssen kannst dir wohl denken warum aber die Person ist
zuverlässig«
    »Und doch möcht ich raten« sagte der Chirurg mit einem wohlwollenden Blicke
auf seinen jungen Schwager »solchen unbekannten Personen nicht allzuviel zu
trauen Man muss einen nicht gleich auf eine bloße Delation hin verdammen«  Der
Chirurg war weltklug er wollte es mit der angegriffenen Partei nicht verderben
auch hatte er seit sein Ziel erreicht war seiner Schwiegermutter mehrfach
gezeigt dass er nicht ganz und gar in ihr Hörnlein zu blasen gesonnen sei dabei
mochte er ein wenig von der Abneigung seiner Frau angesteckt worden sein gegen
welche er sich oft über die Unselbständigkeit und Untertänigkeit des Krämers
lustig machte
    Die Sonnenwirtin hatte inzwischen in dem Gesichte ihres Stiefsohnes gelesen
»Was brauchen wir weiter Zeugnis« rief sie »Er leugnets ja selber nicht dass
er sich mit dem schlechten Mensch eingelassen hat«
    Der Sonnenwirt hatte eben die Gabel mit einem Stücke Braten erhoben es war
aber in Gottes Ratschluss vorgesehen dass er dasselbe nicht in den Mund bringen
sollte denn Friedrich fuhr auf durch das böse Wort aus seiner Befangenheit
herausgerissen und rief »Über mich kann man sagen was man will das will ich
alles geduldig tragen aber auf das Mädle lass ich nichts kommen denn das Mädle
ist brav und wer schlecht von ihr reden will der kann sich vor mir in acht
nehmen ich leids von niemand selbst von Vater und Mutter nicht Es ist mir
leid Vater dass die Sach so vor Euch gebracht worden ist denn ich habs ganz
anders fürgehabt wie Ihr Euch wohl selber einbilden könnt Aber nun es einmal
ohne meine Schuld heraus ist will ichs Euch frei bekennen das Mädle ist mein
Schatz und ich habs treulich und ehrlich mit ihr und will keine andere
heiraten als das Christinele allein Ich hab mir Eure Einwilligung zu einer
gelegeneren Zeit erbitten wollen aber jetzt ist eben die Gelegenheit vom Zaun
gebrochen«
    Ein starres sprachloses Staunen hatte sich der Familie auf dieses
unumwundene Geständnis bemächtigt der Sonnenwirt hatte die Gabel mit dem Braten
auf das Tischtuch fallen lassen wo sie über den Rand hinausragend keinen Halt
fand und der Sonnenwirtin unterwegs das Taffetkleid beschmutzend ihren Fall
auf den Boden fortsetzte Die Anstifterin des Auftrittes konnte deshalb an dem
ersten Geräusche der Explosion keinen Anteil nehmen sie schoss mit einem
wütenden Blicke auf ihren ungeschickten Eheherrn hinaus um die Flecken an ihrem
Kleide womöglich zu vertilgen Nachdem die bestürzten Geister sich wieder etwas
gesammelt hatten machten sich die Gefühle über das unerhörte Unterfangen des
jungen Menschen in verschiedener Weise Luft Der Krämer stieß ein schrillendes
Gelächter aus das dem Geheul eines jungen Hundes nicht unähnlich klang und
seine kleinen Äuglein verschwanden in den Fettbergen womit sie umgeben waren
Seine Frau Friedrichs älteste Schwester schlug die Hände über dem Kopf
zusammen und lamentierte Der Chirurgus bewegte den seinigen gravitätisch hin
und her und begnügte sich durch die stumme Gebärde seine ernste aber
unvorgreifliche Missbilligung an den Tag zu legen während seine Frau schmerzlich
ausrief »Ach Bruder wirst denn gar nie gescheit werden«
    Der Sonnenwirt hatte gleichfalls einige Zeit gebraucht um aus einer Art von
Erstarrung zu sich zu kommen Als er sich erholt hatte streckte er den Finger
gebieterisch gegen seinen Sohn aus »Lass dir im Hirn verganten« rief er »vor
allem aber reis dich dass ich dich heut nicht mehr sehen muss und hörst komm
mir ein paar ganze Tag gar nicht vors Angesicht«
    Friedrich stand gelassen auf um dem Gebote seines Vaters zu gehorchen »Ihr
werdet noch besser von der Sach denken lernen Vater« sagte er indem er sich
zum Gehen anschickte
    »Still« rief der Alte »sei ganz still red gar nichts denn jedes Wort
das aus deinem Munde geht ist ein Nagel zu meinem Sarg«
    Der Sohn schwieg und ging schnell zur Türe hinaus
    »Es ist doch schrecklich« jammerte die Krämerin »dass sich der Bub gar
nicht geben will Kaum meint man man hab ihn auf dem rechten Weg so kommt
wieder ein ärgerer Streich«
    »Ja« sagte der Krämer »das gäb eine Eh die man aus dem Heiligen verhalten
müsst«
    »Freilich wie die Lumpensippschaft aus der das liederlich Ding abstammt«
ergänzte seine Frau
    »Ach Gott ich will ihr ja sonst weiter nichts nachgeredt haben« sagte
ihre jüngere Schwester die sich zur Heirat mit dem Chirurgen bequemt hatte
»aber sie hat eben gar nichts als n Gott und n Rock«
    »Eine schöne Partie für uns« rief die Krämerin »Der Bub ist einmal im Kopf
nicht richtig Bei seiner Tauf ist der vorig Amtmann zu Gevatter gestanden und
jetzt will er uns ein solches Bauernmensch in die Familie bringen«
    »Ich möcht nur wissen mit was sie ihms angetan hat« seufzte die
Chirurgin die bisher seine Lieblingsschwester gewesen war
    »Pah« lachte der Krämer »sie handelt mit kurzer War und da beißt so ein
Unverstand gleich an«
    »Ja« sagte seine Frau »Schwarz ist auch eine Farb«
    »Für den Liebhaber« fiel die Sonnenwirtin ein die eben wieder in die Stube
getreten war »Der Geschmack verbirgt sich nicht Es heißt nicht umsonst Sage
mir mit wem du umgehst so will ich dir sagen wer du bist Diese Liebschaft
bringts einmal recht an den Tag Da kann man wohl auch sagen Hudel findt
Lumpen Hutsch findt sein Hätsch«
    Der Sonnenwirt dem es bei all seinem eigenen Verdrusse doch durch die Seele
schnitt seine Frau in seiner Gegenwart so von seinem Sohne reden zu hören
sagte unmutig zu ihr »Das Zeugnis muss ich dir geben dass du mir da ein schönes
Zugemüs angerichtet hast Hättests nicht besser anbringen können als just
überem Essen Wem du den Neujahrsschmaus bereitest von dem darfst nicht
fürchten dass er nichts übriglassen werde«
    »Da muss ich freilich sehr um Verzeihung bitten« entgegnete sie »wenn ich
gewusst hätt dass dir das Essen wichtiger ist als der Lebenswandel deines Sohnes
so hätt ich geschwiegen aber ich hab eben gemeint ich muss reden solangs
noch Zeit ist und eh er vollends ganz in den Abgrund taumelt Wiewohl ich habs
auch früher nicht an Ermahnungen fehlen lassen und die Sach ist dir schon lang
sehr nah gelegen wenns ein Wolf gewesen wär er hätt dich gefressen«
    Der Sonnenwirt trommelte am Fenster »Hab ich mir denken können« schnauzte
er nach einer Weile herum »dass der Bub so aus der Art schlagen und mit der
dummen Liebschaft Ernst machen würd Jetzt muss man freilich mit ihm Ernst
machen« fuhr er gegen den Chirurgen fort dem er noch am liebsten ein Wort
gönnen mochte »und wenn man zu den schärfsten Mitteln greifen müsst so ist das
Unglück nicht so groß als wenn man der Sach den Lauf lässt Hier muss man mit der
Katz durch den Bach«
    Der Chirurgus der bis jetzt das Reden den andern überlassen und sich
dadurch seine Meinung freibehalten hatte räusperte sich und erwiderte »Das ist
gar kein Zweifel Herr Vater diese Liebschaft ist ein Übel eine Art Geschwür
das man um keinen Preis aufkommen lassen und im Notfall mit Schneiden oder
Brennen beseitigen müsste Jedennoch möcht ich unmassgeblich raten nicht
allsofort zum Äußersten zu schreiten sondern erst gelindere und womöglich
auflösende Mittel zu versuchen Der Schwager ist zwar  hm hm  kanns nicht in
Abrede ziehen  er ist ein wenig ein Springinsfeld aber er hat doch mit
Salvenia zu reden kein so ungattiges Temperament dass man gleich die Beinsäge
bei ihm in Anwendung bringen muss Ich schmeichle mir bereits eine Arznei
ausfindig gemacht zu haben welche sich als probat erweisen dürfte Für jetzt
wäre es wohl nicht angemessen den Herrn Vater länger mit dem faulen Handel zu
behelligen der wie ich zu sagen mir erlauben muss nicht zu ganz richtiger Zeit
an ihn gebracht worden ist denn bei Reden und Mitteilungen insonderheit wenn
ihnen etwas Bitteres beigemischt ist sollte man wie bei den Latwergen aus der
Apotheke immer die passende Stunde beobachten Zur Essenszeit beigebracht aber
kann eine unverhoffte und widrige Nachricht leicht eine Indigestion
effektuieren woraus dann je nach Beschaffenheit der Leibeskonstitution
vielfache Infirmitäten fließen können Aus diesem Grunde würde ich dem Herrn
Vater raten sich jetzo eine kleine Bewegung in der frischen Luft zu machen
damit die etwas gestörten Lebensgeister wieder erwecket werden Was aber den
Schwager anbelangt so muss man ihn mehr wie einen Patienten denn wie einen
Delinquenten ansehen und wenn man den rechten Punkt bei ihm trifft so hoffe
ich er werde noch zu kurieren sein Man muss ihn nicht ganz wegwerfen«
    »Ja« setzte seine Frau mit einem Seitenblick auf die Krämerin hinzu »und
seine Schwestern solltens doch nicht so leicht vergessen wie er sich ihrer
angenommen hat und ihnen immer ein guter Bruder gewesen ist«
    Die Sonnenwirtin hatte die anzüglichen Bemerkungen ihres abtrünnigen
Tochtermannes mit einem giftigen Lächeln verschluckt und einen Blick mit dem
Krämer zu wechseln versucht der aber in der Erkenntnis dass er es aus zu
großer Dienstbarkeit gegen die Schwiegermutter mit dem Schwiegervater
verschüttet habe die Augen verlegen zu Boden schlug Als jedoch ihre
Stieftochter daran zu erinnern wagte dass Friedrich seine Schwestern gegen sie
in Schutz genommen fuhr sie auf »So« rief sie »das soll ihm noch als eine
Tugend angerechnet werden dass er den häuslichen Frieden untergraben hat und
Hader angestiftet und hat seine ruchlose Hand gegen seine Mutter aufgehoben Und
darob lobt man mir ihn ins Gesicht wie wenn ich nicht die Frau im Haus mehr
wär«
    »Still jetzt« rief der Sonnenwirt auf den Tisch schlagend »ich hab genug
an dem Neujahrsschmaus will nicht auch noch einen Nachtisch dazu«
    Die Familie ging mit einem sauren Abschied auseinander Der Sonnenwirt
lehnte eine Einladung des Krämers ziemlich trocken ab nahm seinen Hut und
schloss sich im Weggehen dem Chirurgen an der ihn ins Freie zu begleiten
versprach
 
                                       11
Abends zur verabredeten Zeit traf Friedrich mit Christinen zusammen »Hats was
gegeben« fragte er Sie verneinte es »Bei mir hats schon eingeschlagen«
sagte er und erzählte ihr den Auftritt den es über Mittag abgesetzt hatte
wobei er jedoch die grellen Farben desselben sehr zu mildern Sorge trug
Christine weinte und sagte »Ich habs wohl vorausgesehen dass ich den Deinigen
nicht recht sein werd Ach Frieder wie wirds mir gehen Da liegen viel Berg
und Täler dazwischen bis wir zwei zusammenkommen«
    »Reuts dich« fragte er »Mich reuts nicht«
    »Solang du so gegen mich bist wie jetzt reuts mich auch nicht Aber wir
werden eben viel zu leiden haben miteinander das gibt schon der Anfang Es ist
kein guts Zeichen dass es uns gleich am ersten Tag so hinderlich gehen muss Ich
möcht nur auch wissen was für ein Neidhammel uns bei deiner Mutter verraten
hat«
    »Das möcht ich auch herausbringen« sagte er »Hat dich vielleicht einer von
den ledigen Buben gesehen gestern nacht wie du den Brief ins Beckenhaus tragen
hast«
    »Mit deinen ledigen Buben« spottete sie »Du meinst immer das ganz ledig
Mannsvolk sei hinter mir auf dem Strich«
    »Ich sags nicht aus Eifersucht« entgegnete er »Aber es ist ja wohl
möglich dass dich einer auskundschaftet hat und hat dich vielleicht mit mir
reden sehen Du sagst ja selber der Neid werd ihn getrieben haben«
    »Ich bin keinem begegnet« sagte Christine »und wenn mich je einer gesehen
hätt hätt er mich nicht erkannt so flink bin ich gewesen Nur einer fällt mir
ein der hat mir ins Gesicht gesehen und könnt mich möglicherweis erkannt haben
Den rechnet man aber kaum zu den ledigen Buben und er wird dich nicht
eifersüchtig machen Der Fischerhanne ists gewesen der ist vor seinem Haus
gestanden und hat scheints auf das Schießen gehorcht hat aber dabei
geschnattert vor Kälte«
    »Der Fischerhanne« rief Friedrich »Jetzt weiß ich wo ich dran bin Der
weissblütig Neidteufel hat mich von jeher verfolgt Da ist gar kein Zweifel der
ist dir gestern nacht nachgeschlichen  wenn ihn nur der Mordschlag troffen
hätt  und hat auch heut meinem Gang nachgeforscht Dem möcht ich jetzt für die
zerbrochene Scheib eins von seinen Gesichtsfenstern ausstoßen oder ein Eck von
seinem siebeneckigen Kopf wegschlagen«
    »Nein du wilder gewalttätiger Bub« sagte Christine »lass du ihn lieber in
Frieden sonst würdest nur aus Übel Ärger machen«
    »Es ist auch wahr« erwiderte er »Und zudem seit du mein bist ist mirs
so wohl dass ich der ganzen Welt in Fried und Freundschaft die Hand geben möcht
Ich muss mich eigentlich zwingen dem Fischerhanne gram zu sein wie ers ja doch
verdient Auch meinem Vater hab ich heut kein bös Wort geben können wiewohls
nicht recht von ihm ist dass er sich gegen unser Verhältnis hat einnehmen lassen
und hat mich gar nicht anhören wollen«
    »Bleib du immer so« sagte Christine »und wie du lieb gegen mich bist so
seis auch gegen deine Nebenmenschen Wir müssen die Hindernisse die man uns in
den Weg wirft durch Liebe zu überwinden suchen«
    »Aber dem Racker tu ich doch noch einmal einen Tuck« bemerkte Friedrich
»Es gibt Menschen mit denen man in Liebe und Güte nicht fertig wird sonst
fressen sie einen aufm Sauerkraut«
    »Du solltest eher auf das denken wie du ihn gewinnst damit er uns nicht
weiter verschwätzt«
    »Dafür ist schon gesorgt meine Frau Mutter hat zu verstehen gegeben sie
hab ihn abgefunden damit er dem Pfarrer nichts zutrage Der schreit schon wenn
einer am Sonntag eine Bettlad anstreicht Wie würd er erst einen Lärm machen
wenn er erführe was wir für einen Gottesdienst miteinander gehalten haben«
    »Red doch nicht so gottlos heraus« unterbrach ihn Christine »Es ist ja
eine Sünd und eine Schand wie du schwätzt«
    »Was Wenn ein Bub sein Mädle in Arm nimmt die unser Herrgott füreinander
geschaffen hat Da müsstest du ja Reu und Leid tragen für jeden Kuss den du mir
heut unter der Kirch geben hast«
    »Ach Gott verzeih mirs Ich hab dich eben so lieb und darum hab ichs
getan Aber recht ists doch nicht und so davon zu reden das ist sündlich«
    »Du Annemergele du Aber wir wollen nicht streiten Komm wollen lieber
küssen«
    »Meintwegen die Kirch ist ja schon lang aus«
    Sie gingen sich küssend und umschlingend weit ins beschneite Feld ohne
dem Frost eine Gewalt über ihr Jugendfeuer zu gönnen ja sie warfen einander
wenn sie sich müde geküsst hatten mit Schneeballen und traf er sie mit einem
gar zu derben Wurfe so gab dies wieder Anlass zu Söhnungsbitten und neuen
Liebkosungen Dazwischen zerstreute er ihre stets auftauchenden Besorgnisse
wegen der Zukunft durch die bündigsten Versicherungen und Schwüre Der Mond sank
erblassend gegen Westen hinab und die ersten Schauer der Morgenkälte wehten
über die Flur als sie sich endlich trennten Immer später kam in den nächsten
Nächten die abnehmende Sichel auf den Schauplatz und immer noch traf sie das
Paar und beleuchtete eine Glückseligkeit die sich um die Welt nichts kümmerte
Wenn aber je Christine wieder zu sorgen und zu zagen begann so wusste Friedrich
sie zugleich zu necken und zu trösten »Ich glaub der Mut verfriert dir« sagte
er »wir werden uns in der Hüterhütte bergen müssen Sieh du bist mein Weib vor
Gott ich werd nicht von dir lassen und nicht eher ruhen bis du es auch vor den
Menschen bist Ich hab einmal gesagt Ich will und das Wollen in eigener Sach
ist viel stärker als das Nichtwollen in fremder Sach Wenn ich eher den Kopf
hergeb als meinen Willen und mein Herz und das darfst mir zutrauen so wird das
Nichtwollen schon mürb werden Merk dir nur eins und lass dirs gesagt sein Will
und Lieb die stiehlt kein Dieb«
 
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Zu dem Gantverfahren das der alte Sonnenwirt seinem Sohne angeraten hatte
schien er ihm volle Zeit und Musse verstatten zu wollen denn er ließ ihn seine
Tage und Nächte ungestört nach seinem Gutdünken hinbringen Friedrich befolgte
das Gebot seines Vaters ihm nicht vors Angesicht zu kommen buchstäblich und
obgleich seine Stiefmutter täglich über die gestörte Hausordnung seufzte wenn
er sich das Essen durch die Dienstboten auf seine Kammer bringen ließ so wusste
sie doch nichts dagegen einzuwenden weil er sich auf den unmittelbaren
Ausspruch des Familienoberhauptes berufen konnte dabei ließ er sichs jedoch
angelegen sein mit seinen Dienstverrichtungen immer da einzugreifen wo er den
Vater nicht gegenwärtig wusste Die Nächte widmete er den Zusammenkünften mit
seiner Geliebten und da er mit allen Gängen und Schlichen vertraut war so
machte es ihm keine Schwierigkeit beim Heimgehen wieder in das verschlossene
Haus zu kommen Es schien ihm beinahe als ob sein Vater nachdem er einmal
seine Willensmeinung ausgesprochen den Dingen ohne weiteres Einschreiten den
Lauf lassen wollte
    Hierin täuschte er sich aber sehr Der Sonnenwirt hatte nach reiflicher
Beratung mit dem Chirurgen seinen Plan und Entschluss gefasst und wenn die
Ausführung desselben sich gerade so lange verzögerte um einen bereits
gesponnenen Schicksalsfaden vollends unabänderlich zu befestigen so war ja dies
einer von den Fehlschlägen welche die kurzsichtigen Ratschläge der Menschen so
häufig treffen Der Sonnenwirt wollte sichergehen und seinen Plan gründlich
durchsetzen Er schickte seine Frau mit einem Brätchen aus der Metzig ins
Amtaus um durch sie der Amtmännin zunächst mitteilen zu lassen was er mit
seinem Sohne vorhabe Hierzu hatte er einen doppelten Grund Einmal beanspruchte
die Obrigkeit dieselbe unbedingte Gewalt über den Bürger welche dieser über das
Tun und Lassen seiner Kinder selbst in ihren eigensten Angelegenheiten und noch
im erwachsenen Alter auszuüben sich berechtigt glaubte und es wäre sehr übel
vermerkt worden wenn man in einem Hause auch nur eine Familiensache ins Werk zu
setzen gewagt hätte ohne sich vorher den Rat des gestrengen Herrn unter der
Leitung seiner noch gestrengeren Frau zu erbitten oder ihnen wenigstens der
äußeren Form nach die Ehre der Guteissung zu lassen Außerdem aber wollte der
Sonnenwirt durch diese Unterwürfigkeit für den Fall dass sein Sohn den
Widerspenstigen machen würde sich des amtlichen Beistandes versichern
    Die Amtmännin nahm das Geschenk und die Mitteilung der Sonnenwirtin mit
Wohlgefallen auf Sie gestand ihr offen dass es ihr jedesmal übel werde wenn
sie den ungeschliffenen Flegel nur von weitem sehen müsse Auch war sie der
Ansicht dass für die Ruhe des Fleckens nicht besser gesorgt werden könne als
durch seine gänzliche Entfernung auf immer oder doch auf möglichst lange Zeit
denn meinte sie ein so gewalttätiger Mensch der kein Gesetz achte könnte am
Ende wenn nicht alles nach seinem Kopfe gehe wohl noch imstande sein Mord und
Totschlag zu verüben oder gar den Leuten die Häuser über dem Kopfe anzuzünden
Sie verhehlte der Sonnenwirtin nicht dass gar mancherlei über ihn gemurmelt
werde Man sage er habe an Silvester nicht nur beinahe die ganze Nacht auf
höchst gefährliche Weise im Flecken geschossen sondern auch seinen Feinden
einen Mordschlag gelegt der so Menschen als Gebäuden einen erheblichen Schaden
hätte bringen können anderer Greueltaten zu geschweigen Alles dieses werde mit
leichten Stücken zu beweisen sein sowie man ihm nur ernstlich zu Leibe gehen
wolle und das Amt halte also bereits wieder neue Blitze gegen ihn in der Hand
Es sei sonach eine wahre Wohltat für den ungeratenen Jungen wenn man ihn diesen
Blitzen noch zu rechter Zeit entziehe und möge er dann fortbleiben oder was
sie zwar nicht hoffe später geschult und gebessert zurückkehren so sei
jedenfalls die Sonne vor dem Unglück behütet durch eine so unanständige Heirat
zu einem Pöbelwirtshause zu werden aus welchem ehrbare Leute wegbleiben müssten
Die Sonnenwirtin stimmte allen ihren Reden aus mütterlichem Herzen bei und
brachte dieselben nachdem sie mit der Amtmännin viel darüber gespottet welch
eine Wirtin das Bauernmensch geben würde freigebig mit Zusätzen vermehrt ihrem
Manne heim
    Nach dieser vorläufigen Verlässigung begab sich der Sonnenwirt mit dem
Chirurgus zum Amtmann dem er mit Hilfe des letzteren vortrug er habe wie dem
Herrn Amtmann wohl bewusst sein werde einen Sohn der unerachtet aller
väterlichen Bemühungen und trotzdem dass er viel Geld auf seine rechtliche und
christliche Erziehung verwendet bis jetzt nicht habe einschlagen wollen und ihm
nun gar noch das Kreuz mache in seiner Minderjährigkeit an eine ganz ungleiche
Heirat mit einer Bauerntochter die nichts sei und nichts habe zu denken Da
nun das Sprichwort mit Recht sage »Wohl aus den Augen wohl aus dem Sinn« so
habe er sich resolviert ihn in die Fremde zu schicken Er habe in Frankfurt
oder vielmehr in Sachsenhausen welches gleich daneben überem Mainstrom liege
einen leiblichen Bruder der daselbst gleichfalls Wirt zur Sonne und in jungen
Jahren durch eine Glücksheirat mit einer Witwe in den Besitz derselben gekommen
sei Dem wolle er seinen Sohn zuschicken in der Hoffnung dass derselbe unter
einem fremden Himmel und bei andern Leuten seine Torheit vergessen und sich
vielleicht den Kopf auf eine zuträgliche Art verstoßen und die Hörner ablaufen
werde Er habe sich nun die Freiheit nehmen wollen zu fragen was der Herr
Amtmann von der Sache denke Der Amtmann erwiderte der Gedanke habe seinen
ganzen Beifall denn fremde Städte und fremde Menschen sehen das putze den Kopf
aus »In dem Frankfort« sagte er »bin ich auch schon gewesen« worauf der
Sonnenwirt und der Chirurgus ihre untertänige Verwunderung ausdrückten dass der
Herr Amtmann schon so weit gereist sei Die Amtmännin welche sich ungesäumt im
Rate eingefunden hatte sprach davon wie wohltätig es überhaupt wäre wenn man
alle ungeschlachte junge Leute ein wenig in die weite Welt schicken könnte um
dort gehobelt zu werden Als sodann der Sonnenwirt die Möglichkeit zur Sprache
brachte dass sein Sohn es etwa an der gewünschten Reiselust fehlen lassen
könnte hieß ihn der Amtmann ganz außer Sorgen sein denn er werde jedenfalls
mit seiner vollen Autorität dazwischen fahren und gedenke mit einem jungen
Trotz und Querkopf schon noch fertig zu werden er schreibe ohnehin heute noch
einen Bericht über mehreres nach Göppingen und wolle in denselben einfliessen
lassen dass der junge Mensch der dem löblichen Oberamt auch schon mehr als
billig zu schaffen gemacht mit seiner Erlaubnis in die Fremde gehe
    Darauf empfahl sich der Sonnenwirt nebst seinem Schwiegersohne unter vielen
Danksagungen und berief zu Hause sogleich seinen Sohn zu einer Unterredung in
Ernst und Güte nach welcher Friedrich mit väterlicher Einwilligung in das Haus
des Hirschbauern ging um von Christinen Abschied zu nehmen Nur unter dieser
Bedingung hatte er sich dem Willen seines Vaters gefügt Bei dieser Fügsamkeit
waren allerdings die Drohungen des Amtmanns von welchen ihn sein Vater in
Kenntnis zu setzen für geeignet befunden hatte der natürlichen Gutmütigkeit
seiner vom Glück der Liebe befriedigten und deshalb auch für die Mahnungen der
Kindespflicht zugänglichen Seele zu Hilfe gekommen aber keine Rücksicht hatte
ihn zur Nachgiebigkeit gegen den Wunsch seines Vaters bewegen können sogleich
und ohne Abschied von Christinen abzureisen und der Sonnenwirt war genötigt
gewesen von diesem Begehren abzustehen wenn nicht sein ganzes Vorhaben daran
scheitern sollte Friedrich erklärte seinem Vater dass er morgen früh vor Tag
den Stab ergreifen wolle und sagte ihm deshalb auf der Stelle Lebewohl Von der
Stiefmutter nahm er keinen Abschied Dagegen verabschiedete er sich freundlich
vom Chirurgen welchem er bei seiner Bewerbung und nachher seine Abneigung mehr
als einmal in nicht gar feiner Weise gezeigt hatte und in welchem er nun einen
gutgesinnten Schwager gefunden zu haben glaubte Derselbe gestand ihm zwar
nicht dass er der Urheber dieser Trennung sei in welcher er das auflösende
Mittel erblickte das er dem Sonnenwirt empfohlen hatte doch sagte er ihm
offen er sei mit dem Entschlusse seines Vaters einverstanden und halte diese
Reise für die beste Art von einer Sache loszukommen die nun eben einmal nicht
sein könne worauf Friedrich erwiderte es sei ihm zwar leid dass seine
Standhaftigkeit auf diese Probe gesetzt werde aber es freue ihn auch wieder
weil er hoffe dass er die Probe bestehen werde Der Chirurgus und seine Frau
schüttelten über diese Erklärung den Kopf ließ es aber hierbei bewenden weil
sie der jugendlichen Festigkeit in Durchführung gefasster Vorsätze vielleicht
eigener Erfahrung zufolge kein großes Vertrauen schenkten »Wirst du auch den
weiten Weg finden« fragte Magdalene mit Tränen in den Augen »Bis nach
Heilbronn« antwortete er düster lachend »kenn ich ihn schon und das wird
ungefähr halbwegs sein« Der Chirurgus holte mit Wichtigkeit eine Homannsche
Karte des Deutschen Reiches die er besaß und demonstrierte ihm mit dem Zirkel
dass das noch nicht ganz den dritten Teil der Reise betrage »Dann muss ich eben
noch ein wenig weiter gehen« sagte Friedrich »das Frankfort wird ja nicht aus
der Welt liegen ich geh eben der Nas nach und die Leut an dem Main da drunten
werden die Nas auch grad überem Maul tragen justement wie wir hie« Dann
schüttelte er seinen Verwandten die Hände und ging Bei dem Schwager Krämer
klopfte er nur im Vorübergehen ans Fenster und rief seiner Schwester einen
kurzen Abschiedsgruss zu lockte aber ihre Kinder eine Strecke weit mit sich und
entließ sie geküsst und beschenkt
    Nachdem er diese gleichgültigeren Angelegenheiten abgetan hatte trat er den
schweren Gang zu Christinen an Diesmal suchte er keine Nebengässchen sondern
ging den geraden Weg bis ans Ende des Fleckens und sah dabei allen Begegnenden
herzhaft und freundlich ins Gesicht Als er aber die Treppe soweit unter sich
hatte um im Hinaufsteigen einen Blick durch das Fenster werfen zu können stieß
er einen Fluch aus sprang den Rest der Stufen mit zwei Sätzen hinauf und
stürzte wütend in die Stube wo der alte Hirschbauer seine Tochter soeben an den
Zöpfen ergriffen hatte und die Hand aufhob sie zu schlagen »Halt« rief
Friedrich warf sich zwischen beide und riss die Tochter von dem Vater weg »Wenn
Euch Euer Leben lieb ist« rief er »so untersteht Euch nicht ihr ein Haar zu
krümmen Mir allein kommt das Recht zu sie zu schlagen wenn sie etwa gefehlt
hat«
    »Das könnt ich brauchen« polterte der Hirschbauer »dass mir einer meine
Tochter verführt und noch dazu in meinem Haus den Meister spielen will Weiß
wohl wo die Häglein niedrig sind da drüber steigt man gern aber mich soll
Armut und Niedrigkeit nicht so weit bringen dass ich Mutwillen mit mir und den
Meinigen treiben lass«
    »Es ist von keinem Mutwillen die Red« sagte Friedrich »und ich bin kein
Verführer Ich will Eurer Tochter alle Ehr und alle Treu erweisen und meine
Absicht ist auf nichts anders gerichtet denn dass wir als Ehleut zusammen
kommen«
    »Und dazu geht man in die Fremde« rief die Bäuerin mit zornigem Lachen
»Ja ja weit davon ist gut für n Schuss«
    »So das ist auch schon ausgeschwätzt« sagte Friedrich »Wer hat Euch denn
das hinterbracht«
    »Seine Mutter ist dagewesen« erwiderte die Bäuerin »Er braucht nichts zu
leugnen«
    »Ich will auch nichts leugnen begreifs aber wohl dass Unsamen hier
ausgestreut worden ist Wahr ists dass ich gehen muss weil mein Vater für jetzt
nicht gut zu dieser Heirat sieht und weil er vielleicht meint in einer andern
Luft wachse mir auch gleich wieder ein anderer Kopf Aber alles hat seine zwei
Seiten Mein Vater kann mir nichts befehlen was für mein ganzes Leben gelten
soll denn über die Zukunft muss ich selber Herr sein und sein Vater springt
auch nicht mehr hinter ihm drein um ihm die Fliegen abzuwehren oder ihn zu
hüten dass er den Fuß nirgends anstosst Aber wenn er mir jetzt in die Fremde zu
gehen befiehlt so gehorch ich ihm und glaub ihn auch damit besser
herumzubringen als mit Ungehorsam und Trotz Er wird dann schon sehen dass ich
in dem was meine eigene Sach ist mein Herz nicht ändere und zuletzt wird er
mit seinem einzigen Sohn ein Einsehen haben und wird uns zusammen lassen Damit
jedoch mein Schatz und die Ihrigen nicht an mir zweifeln deswegen bin ich
herkommen um den Verspruch vor meinem Fortgehen richtig zu machen und mit euch
darüber zu reden«
    Der Hirschbauer und sein Weib sahen einander an diese Erklärung lautete
ganz anders als das was die Sonnenwirtin ihnen geringschätzig und spöttisch
vorgesagt hatte um sie gegen ihre Tochter und deren Liebhaber aufzureizen
    »Seine Mutter« hob der Hirschbauer wieder an »hat uns gesagt dass Er mit
leichtem Herzen fortgeh und selber froh sei der Fessel wieder ledig zu werden
Und wenn nun das auch nicht so ist und Er andere Absichten hat so wird Er mir
doch nicht zumuten wollen dass ich meine Tochter einer Familie aufdringen soll
die nichts von ihr wissen will«
    »Lasst das gut sein Vetter« sagte Friedrich »Die Sach ist nicht mehr
anders zu machen Das Mädle will mich und ich will sie uns zwei reißt niemand
mehr auseinander Also handelt wie ein rechtschaffener Vater an seinem Kind
handeln soll und tretet nicht auch noch zu unsern Feinden«
    Die beiden Alten eiferten und schalten heftig über diese eigenmächtige Art
eine Liebschaft anzufangen und namentlich meinte die Hirschbäuerin ihre
Tochter hätte wohl eine Züchtigung dafür verdient Auch beteuerte sie sie habe
nie daran gedacht dass er darum in ihr Haus gekommen sei um durch ein
Liebesverhältnis mit ihrer Tochter seinen Eltern Verdruss zu machen und wälzte
jede Verantwortlichkeit dafür feierlich von sich ab Allein ungeachtet des
polternden Tones waren beide sichtbar besänftigt durch die Offenheit mit
welcher der junge Mann seine Gesinnung ausgesprochen hatte Sie gaben sich
jedoch Mühe dies nicht merken zu lassen und der Hirschbauer sagte »Man
spricht aus dass Er so gewalttätig sei und dass man von Ihm nichts als
Ungelegenheit haben werde Er soll ja haben verlauten lassen wenn Er Seinen
Willen nicht durchsetze so werde Er alles über einen Haufen stechen und den
Flecken anzünden«
    »Das ist nicht wahr« rief Friedrich entrüstet »es ist kein solches Wort
aus meinem Mund gangen Wer hat das gesagt Er soll sich stellen und mich
überführen«
    Der Hirschbauer schwieg
    »Ich weiß schon« fuhr Friedrich fort »Meine Stiefmutter  Ihr müsst sie
nicht meine Mutter heißen  die sucht mich auszurotten sie gönnt mir das
Schwarze unterm Nagel nicht Aber sagt selber wie stimmen ihre Reden zusammen
Wie kann sie denn behaupten ich möcht über alle Berg und aus diesen Banden los
sein wenn sie hinwieder von mir sagt ich sei auf meinen Willen so versessen
dass ich sengen und brennen woll wenn ich Eure Tochter nicht krieg  Ohne die
hätt ich bei meinem Vater ein leichteres Spiel Wenn meine Schwester und ihr
Mann der Chirurgus nicht wären so ging ich gar nicht fort denn sie tät mich
in meiner Abwesenheit vollends ganz untergraben aber ich hoff die zwei werden
mich verteidigen«
    »Vielleicht« sagte der Hirschbauer nach einigem Besinnen »ließ sich ein
Wort mit Seinem Herrn Schwager reden und auch mit dem Herrn Pfarrer Wenn die
beiden Herren etwas bei Seinem Vater ausrichten so könnt man ja noch einmal von
der Sach reden Aber so wies jetzt steht kann ich nicht nur so ohne weiteres
meine Einwilligung geben denn ich will mir nicht nachsagen lassen dass ich mich
mit den Meinigen in eine Familie eingedrungen hab wo wir überlästig sind«
    »Redet mit dem Pfarrer und dem Chirurgus wenn ich fort bin« sagte
Friedrich »denn fort muss ich jedenfalls auf einige Zeit das tut mein Vater
nicht anders Und füget mirs dann zu wissen wie die Unterredung ausgefallen
ist Jetzt aber bin ich die längst Zeit dagewesen und Ihr werdet es nicht
anders als billig finden dass ich von meinem Schatz unter vier Augen Abschied
nehm denn mein Schatz ist und bleibt sie und wenn der Himmel einfällt Nun
behüt euch Gott Vetter und Bas und geb dass ich bald Schwährvater und
Schwieger zu euch sagen kann Haltet mir mein Schatz gut ich will nicht dass
sie euch zur Last fallen soll und werd das Kostgeld für sie bezahlen solang
sie bei euch im Haus ist denn ich seh sie als mein Eigentum an und will sie bei
euch eingestellt haben wie das Lamm das ihr gehört«  Hiermit legte er lachend
einen guten Teil des Reisegeldes das ihm sein Vater gegeben hatte auf den
Tisch denn er hatte unter dem Reden wahrgenommen dass sich die zerbrochene
Scheibe noch in dem Zustande wie sie von Christinen verstopft worden war
befand und daraus den Schluss gezogen dass die Armut der Leute nicht einmal
gestattet habe den Glaser zu holen »Ihr zwei aber« sagte er zu den beiden
Söhnen die ebenfalls in der Stube anwesend waren sich aber sowenig wie
Christine ins Gespräch mischten »ihr zwei kommt in einer Stunde ins Beckenhaus
wir müssen den Abend noch einen Abschiedstrunk miteinander tun«
    Er gab dem Bauer und der Bäuerin die Hand zum Lebewohl und sie ließ es
schweigend geschehen dass er sein Mädchen am Arme nahm und mit sich aus der
Stube zog Ein Seufzer der Bäuerin den man verschieden auslegen konnte und ein
Kopfschütteln des Bauern das schon nicht so viele Deutungen zuließ war alles
was nach seinem Weggehen geäußert wurde
    Christine fiel ihm draußen laut weinend um den Hals »Wenn mich nur mein
Vater geschlagen hätt« schluchzte sie »vielleicht wär mirs leichter geworden
Sieh es hat mir Stich auf Stich durchs Herz geben wie ich gehört hab dass du
fortgehst mein Herz hat sich ganz zusammengezogen und seitdem tut mirs
fortwährend weh Ach Gott was soll aus mir werden wenn ich dich nicht mehr
hab«
    »Mach mir das Herz nicht schwer« sagte er »Sieh es ist mir ja
schrecklich dass ich von dir gehen muss aber es kann nicht anders sein und ich
bin bei dir und du bei mir wo ich auch sein mag in der Welt Es ist wohl weit
weg aber doch nicht so gar weit dass wir nicht einander schreiben oder sogar
zueinander kommen könnten wenns nottut Denk dir alle Möglichkeiten der Reih
nach so muss es uns doch zuletzt nach Wunsch und Willen gehen Entweder gibt
mein Vater nach wenn er unsere Beständigkeit sieht dann ist ja alles recht und
gut oder wir müssen warten bis er das Zeitliche segnet dann ists zwar
schlimm aber doch besser als gar nichts oder er verstosst mich wenn er mir den
Sinn nicht brechen kann dann kann er mir aber auch nichts mehr verbieten und
heißts eben Mann nimm deine Hau ernähr deine Frau oder find ich vielleicht
in der Fremde bei meinem Vatersbruder oder sonstwo eine Heimat man kann ja
nicht wissen wies geht in der Welt dann lass ich dich nachkommen wenns
vielleicht fürs erst nur ein Dienst wär den ich dir da drunten verschaffen
könnt so wären wir doch näher beieinander und könntens nach und nach
weiterbringen Kurzum ich mag mir ausdenken was ich will das End vom Lied ist
eben immer dass wir Mann und Weib werden«
    »Ja aber da drunten gibts gewiss schöne Jungfern die mich bei dir
ausstechen«
    »Sorg du nicht für mich hab du vielmehr acht dass du mich nicht von den
Ebersbacher Buben aus deinem Herzen vertreiben lässt«
    »Ei so lass doch endlich das Geschwätz mit den Buben sein« sagte sie
schmollend
    »Was dir recht ist muss mir billig sein« erwiderte er »Such du mich nicht
hinterm Ofen dann guck ich auch nicht ob du dahinter steckst Jetzt lass uns
aber die letzten Stunden nicht mit Zank und Trutz verderben es ist ja doch
keinem von uns beiden Ernst damit«
    Nachdem sie noch längere Zeit in solchen Wechselreden verbracht sagte
Friedrich »Ich muss jetzt gehen ich hab noch Geschäfte mit meinem Pfleger Ich
nehm aber jetzt nicht Abschied von dir denn ich tus nicht anders ich komm
heut zu dir in deine Kammer nachdems jetzt mit deinen Eltern so gut wie
richtig ist«
    »Sei aber vorsichtig« sagte sie »und mach kein Geräusch sonst könntest
bald sehen dass es nicht so richtig ist wie du meinst«
    »Hab du keine Angst« erwiderte er
    Er begab sich zu seinem Vormund einem im Flecken angesehenen Ratsherrn um
ihm einen Abschiedsbesuch zu machen und zugleich aus seinem mütterlichen
Vermögen einen Zuschuss zu seinen Reisemitteln zu verlangen welche soeben einen
beträchtlichen Ausfall erlitten hatten Der Vormund aber schlug ihm sein
Ansinnen rundweg ab er wusste ihm haarklein vorzurechnen was er von seinem
Vater zu Weihnachten und was er heute von ihm als Reisegeld erhalten habe
schärfte ihm die Tugend der Sparsamkeit ein machte ihm derbe Vorwürfe über die
dumme Liebschaft die ihn aus dem Vaterhause treibe und ermahnte ihn
schließlich sein Hab und Gut nicht »an Menscher zu hängen« »Ich wär nicht zu
Ihm gekommen wenn ich nicht Geld braucht hätt« sagte Friedrich und wetterte im
Fortgehen die Türe hinter sich zu Mit tausend Verwünschungen kehrte er dem
Hause des Vormundes den Rücken und sagte dann zu sich »Ich darf mich wohl
zusammennehmen wenn ich bis zu meinem Ziel kommen soll ohne unterwegs zu
betteln oder zu stehlen und zu meinem Vetter sollt ich doch wenigstens auch
noch ein paar Batzen mitbringen sonst ists ja eine Schand und meiner
Christine muss ich doch auch was schicken denn leerer Gruß geht barfuß Der
Teufel hol den Hornabsäger den Kümmichspalter der mir mein eigen Geld
vorentält Ich darf weiß Gott auf dem Weg kein einzigmal was Warms essen
wenn ich mit meinem Zehrpfennig langen soll«
    Er ließ aber im Bäckerhause nichts von seiner Verlegenheit merken sondern
plauderte treuherziger und fröhlicher als es ihm eigentlich um das Herz war
mit seinen Schwägern wie er sie offen vor den Leuten nannte und als die
Bäckerin teilnehmend bemerkte sie sei nur noch begierig was diese Geschichte
für ein Ende nehmen werde die sich in ihrem Haus angesponnen habe rief er
leichtfertig lachend »Das wird eine schöne Eh geben wo der Mann die Häfen
verbricht und das Weib die Schüsseln«
    Lachend gingen seine Gesellen mit ihm fort Auf dem Wege eröffnete er ihnen
dass er diese Nacht in ihrem Hause bei ihrer Schwester zuzubringen gesonnen sei
Sie fanden das in der Ordnung und ließ ihn mit sich ein
 
                                       13
»Und nun den letzten Kuss« sagte Friedrich als kaum der Morgen graute »Das
Scheiden und Meiden ist ein schlechtes Handwerk und der bös Gott wolls dem
behüten dems zuerst eingefallen ist aber es muss nun einmal sein«
    »Wenn ich nicht Sorg hätte mein Vater oder Mutter könnt aufwachen so ließ
ich dich noch nicht fort« sagte Christine unwillkürlich seinen Arm
umklammernd »Es hat sich ja noch nicht einmal ein Hahnenschrei hören lassen«
    »Sie werden bald krähen und dann währts nicht lang mehr so wirds
lebendig im Ort und ich kann nicht mehr unbeschrien fortkommen was mir unlieb
wär weil ich des Geschwätzes mit den Leuten überdrüssig bin und nicht jedem auf
die Nas binden mag warum ich in die Fremde soll Fort muss ich ja doch einmal
und so ists eins ob wir den bitteren Kelch jetzt trinken oder ein wenig
später Denk dir wir seien verheiratet was wir ja auch eigentlich sind und
ich muss verreisen auf längere Zeit Wie mancher hat schon von Weib und Kind weg
in Krieg müssen und ist gar nicht wiederkommen«
    »Wann wirst auch du wieder zu mir kommen« seufzte Christine
    »Am Sankt Nimmerlestag wo die Eulen bocken Frag nicht so schäckig weißt
ja doch selber wohl dass ich komm wenn ich kann und darf Soll ich dir denn
alles wieder herleiern was ich dir gesagt hab und worauf unsre Hoffnung steht
Ich müsst mich ja heiser predigen«
    Christine schluchzte überlaut »Mein Herz sagt mir wir sehen einander nie
wieder und ich werd in Schand und Not verlassen sein«
    »Und mir sagt das mein das Gegenteil Welches hat nun recht Da bleibt
nichts übrig als dass wir die zwei Herzen gegeneinander wetten Gib acht auf
die Art kannst keinsfalls in Nachteil kommen Gewinn ichs so sehen wir uns
wieder wenn ich aber die Wett verlier so bleibt dir doch mein Herz und dann
kannst auch nie verlassen sein«
    »An dir ist ein Advokat verloren gangen« sagte Christine »du machst dass
ich in all meinem Jammer wieder lachen muss«
    »Zieh du dein Herz besser« erwiderte er »dann wirds dir auch bessere
Reden geben Und wenn du nicht aufhörst mich betrübt zu machen so geh ich
hinunter und verklag dich bei deiner Mutter«
    »O Jemine« rief Christine kichernd »die tät mir das Fell schön vergerben«
    »Jetzt aber genug« versetzte er »Alles hat seine Zeit sagt Jesus Sirach
und alles muss ein End haben sag ich Lachen und Weinen Reden und Küssen alles
hat sein gesetztes Maß und Ziel und wenn ich jetzt nicht endlich von dir geh
so kann ich ja auch nicht wieder zu dir kommen Also bhüt dich Gott
herztausiger Schatz«
    »Wart noch ein wenig« sagte sie »Wir müssen erst noch einen Denkzettel
voneinander haben Hast dein Messer nicht bei dir«
    »Willst mich abschlachten und einsalzen dass ich gleich ganz bei dir bleib«
    »Nein Ich hab vor etlich Wochen im Karz gehört wie mans machen muss wenn
eins dem andern aus der Ferne ein Zeichen geben will dass man aneinander denkt
Komm streif dein linken Arm auf«
    Er entblößte den Arm Sie machte ihm mit dem Messer eine kleine Wunde daran
und sagte »Jetzt lass mir geschwind an meinem Goldfinger ein wenig Blut heraus«
    »Das kann ich nicht« sagte er »ich kann dir nicht weh tun«
    »Es ist kein Wehe so groß als Herzeleid sagt dein Jesus Sirach« erwiderte
sie »Wenn du aber nicht willst so muss ichs eben selber tun« Sie tats und
tropfte ihm ihr Blut in seine Wunde die sie alsbald sorgfältig verband Dann
ritzte sie sich gleicherweise an ihrem linken Arm gab ihm das Messer und sagte
»Gib mir auch Blut von deinem Goldfinger  machs aber nicht so arg sei doch
nicht so grob gegen dich ein paar Tropfen sind genug« Nachdem sie sich sein
Blut angeeignet verband sie gleichfalls eilig ihren Arm
    »Jetzt sind wir ja ganz blutsverwandt« bemerkte er
    »Das ists nicht allein« erwiderte sie »Wenns wieder verheilt ist so
brauch ich nur mit der Nadel drin zu stüren dann gibts dir einen Stich in Arm
da wo du mein Blut drein empfangen hast und ebenso umgekehrt wenn ich einen
Stich da spür in meinem Arm so weiß ich dass du mir an dem deinigen ein Zeichen
gibst und seh daraus dass mein Schatz in dem Augenblick an mich denkt«
    Er lachte »So lang die Narben frisch sind« sagte er »mags wohl sein dass
sie hie und da ein wenig stechen Aber ich werd auch ohne das oft genug an dich
denken«
    »Wenns nun aber sein muss« versetzte Christine »so mach in Gottes Namen
dass du fortkommst und geh recht leis mein Katzenstiegele hinunter damit
niemand im Haus aufwacht«
    Sie herzten und küssten einander dass Friedrichs Ausspruch »alles müsse ein
Ende haben« beinahe darüber zuschanden geworden wäre und nachdem er manchen
vergeblichen Versuch gemacht den Strom ihrer Tränen durch Abtrocknen zu hemmen
schlich er so leise dass man kein Geräusch hören konnte die schmale steile
Treppe hinab und kam mit Hilfe des hölzernen Riegels der anstatt eines
Schlosses diente leicht durch die hintere Türe aus dem Haus
    Nachdem er sich noch mehrmals umgekehrt und manchen Blick nach dem
Schauplatze seines Glückes zurückgesendet hatte ging er der Sonne zu um sein
Reisebündel zu holen Alles schlief noch ungehört betrat und verließ er sein
väterliches Haus Aber auch von diesem so wenig Gutes er in letzter Zeit
daselbst erlebt zu haben meinte fühlte er sich noch eine geraume Weile
festgehalten und starrte mit feuchten Augen nach den Fenstern hinauf hinter
welchen seine Mutter ihn geboren und mit so unendlicher Liebe aufgezogen hatte
hinter welchen der Mann waltete der doch immer sein Vater war Sein raues Herz
war von einer unsäglichen Wehmut ergriffen in welcher die innerste Seele des
Volksstammes dem er angehörte sich spiegelte Der Schwabe obgleich er eines
der unstätesten Völker ist und vielleicht sogar seinen Namen vom Schweben und
Schweifen hat ist doch darum dem Heimtum nicht minder als dem Wandertriebe
verfallen Während viele jahraus jahrein entlegene Länder durchziehen kleben
andere an ihrer Heimstätte fest als ob sie mit ihr verwachsen wären  ja man
erzählt von einer alten Frau die in Tübingen auf der Ammerseite wohnte sie
habe nie in ihrem Leben den Neckar gesehen  und selbst von jenen reißt sich
mancher erst nach vergeblichen Versuchen und nur um den Preis des bittersten
Heimwehs von der heimischen Scholle los mag aber auch freilich wenn einmal das
Heimweh überwunden ist an sich erleben dass die Heimat die er nicht entbehren
zu können glaubte jahrelang fern und tot und seinem Herzen etwas Fremdes hinter
ihm liegt Doch wird es kaum einen geben den nicht wenigstens im Alter wieder
die Sehnsucht nach den heimischen Bergen Tälern und Gewässern befinge Freilich
werden diese widersprechenden Triebe der Wanderlust und der Heimseligkeit die
bei dem Schwaben nur mit besonderer Stärke hervortreten in jedem
Menschenschlage wahrzunehmen sein
    Friedrich wischte sich die Augen mit der Hand aus stieß seinen
Wanderstecken hart auf den Boden und ging in entschlossenem Reiseschritt die
Straße hinab da räusperte sich jemand über ihm und eine Stimme rief »Wo naus
schon Frieder wo naus«
    Er blickte ärgerlich in die Höhe und erkannte seinen Invaliden der nach der
Weise alter Leute nicht lange schlafen konnte und zu dieser frühen Stunde aus
seinem Ausgedingstübchen zum Fenster heraussah »In die Fremde« antwortete er
einen mutigen Ton in seine Stimme legend
    »Weiß schon« erwiderte der Invalide »und weiß eigentlich auch warum«
    »Ja freilich« entgegnete Friedrich lachend »es gibt kein Warum das nicht
auch sein Darum hätt Übrigens sagt man die Fremde macht Leut«
    »Ich streits nicht Wer nie hinauskommt kommt auch nie hinein Und was das
Heimweh betrifft so hat selbiger Schwab in der Fremde gesagt Schwaben ist ein
gut Land ich will aber nit wieder heim grob Brot dünn Bier und große
Stunden« Friedrich lachte und schlug ein paarmal mit dem Stab in die hart
gefrorne Schneebahn dann machte er eine Bewegung um seinen Weg fortzusetzen
    »Er hat aber doch n kuriosen Zwilch an Seinem Kittel« hob der Invalide
wieder an »Lässt sich da um ein Weibsbild von Haus und Hof fortschicken Ist sie
denn auch soviel wert«
    Friedrich schwang den Stecken um seinen Kopf dass es durch die scharfe
Morgenluft pfiff »Profos« sagte er »wenn ich Euch gut zum Rat bin so redet
mit mehr Respekt von ihr denn ich versteh kein Spaß in dem Punkt Oder könnt
Ihr vielleicht etwas von ihr sagen das nicht recht wär«
    »Das kann ich nicht und wills auch nicht« erwiderte der Invalide »Nun
nicht so hitzig Das Mädle kann brav sein ich will ihr gar nichts tun aber
darum fragt sichs doch noch zehnmal ob sie zu Ihm taugt In meinen jungen
Jahren ach was hab ich mich nicht verleiden müssen um mein Weib bis ich sie
gehabt hab und nachher wiewohl ich nichts weniger als schlecht mit ihr
gehauset hab hab ich oft denken müssen ich hätt grad ebensogut eine andere
nehmen können Wenn man einander einmal innen und außen kennt dann sieht man
erst ein dass man nicht bloß für die Kürze sondern auch für die Länge hätt
sorgen und auf das und jenes hätt sehen sollen was nicht bloß in die Augen
sticht denn die Schönheit vergeht und die Jugend mit und das Leben ist oft so
gar lang«
    »Aber das Sprichwort sagt doch Frühe Hochzeit lange Liebe«
    »Das Sprichwort hat nicht immer recht sonderlich je nachdem die Hochzeit
gewesen ist«
    Friedrich grub nachdenklich mit dem Stecken im Schnee
    »Wenn ich Er wär« fuhr der Invalide fort »so würd ich da draußen die Zeit
und die Vernunft walten lassen und meinem Vater nachgeben auch blieb ich nicht
zu lang in der Fremde denn viel Rutschen macht böse Hosen das sieht Er an
meinem Fuß«
    »Ihr ein alter Soldat werdet mir doch nicht zumuten dass ich mein Wort
breche« fuhr Friedrich auf »Ich hab mich mit heiligen Eiden verschworen und
dabei bleibts«
    »Wenns so steht« erwiderte der Invalide »so will ich weiter nichts gesagt
haben als s wär eben gut wenn alle junge Leut könnten vor alt werden eh sie
jung würden«
    »Das mag sein« entgegnete Friedrich »weils aber unser Herrgott anders hat
haben wollen so kann ich nicht wider ihn streiten und muss eben der Natur ihren
Lauf lassen«
    Damit verabschiedete er sich von dem Invaliden der ihm noch lange voll
Teilnahme nachsah wie er ausschritt und der Schnee unter seinen kräftigen
Tritten krachte
    Er hatte die letzten Häuser hinter sich und meinte nun recht einsam in die
Welt hinauszuwandern als ihn auf einmal ein Wurf nicht ganz sanft an die
Schulter traf dass der Schnee ihm am Gesicht vorüberstäubte Er kehrte sich
zornig um da war es Christine die ihn geworfen hatte
    »Ei« rief er »ich hätt gute Lust mit dir zu zanken Ich hab geglaubt du
stecktest tief im warmen Nest und jetzt laufst hinter mir drein erkältest dich
und verbitterst mir das Scheiden noch einmal«
    »Schiltst schon wieder auf mein Geläuf« sagte sie sich an seinen Arm
hängend »Sei ruhig ich kann nicht mehr weinen die Kälte treibt mir die Tränen
zurück Ich werd doch auch mein Schatz noch ein wenig begleiten dürfen«
    »Ein paar Schritt meintwegen Dann aber machst links um und lässt mich in
den Schutz Gottes befohlen sein«
    »Du Spottvogel Ja erst noch will ich dich in unsers Herrgotts Schutz
empfehlen und all Stund für dich beten dass dirs gehen mög wie dem
Handwerksburschen der in der Fremde so wunderbar behütet worden ist«
    »Wie ist denn das gewesen«
    »Hast nie was davon gehört Mir ists einmal im Karz erzählt worden Ein
Handwerksbursch ist weit von seiner Heimat weg abends spät in eine fremde
Stadt kommen und hat nach der Herberg gefragt Er ist arg müd gewesen und in
den vielen krummen und buckligen Gassen hat er sich auch noch die Füss auf dem
Pflaster verstoßen müssen Gelt Ach Gott so wirds dir auch gehen auf deiner
Wanderschaft«
    »Mach nur fort«
    »Bis er zur Herberg kommen ist ists schon ganz Nacht gewesen Wie er nun
durch den finsteren Hausgang an der Wand hintappt da kommt plötzlich etwas wie
ein starker Mann über ihn her und packt ihn fest um den Leib «
    »Donnerwetter« unterbrach er sie »da hätt ich aber dreingeschlagen«
    »Nein Wart nur s kommt ganz anders du Gwalttätle du Der
Handwerksbursch hat vielleicht auch geflucht oder wenigstens im Schrecken einen
Laut von sich geben denn auf einmal sieht er einen Lichtschein vor sich in der
Tiefe und eine Stimme ruft von unten herauf Um Jesu Christi willen geht
keinen Schritt weiter oder Ihr seid des Todes Wie nun das Licht näher kommen
ist da hat er erst gesehen dass er vor der Kelleröffnung steht und tief unter
ihm steht der Wirt mit dem Licht in der Hand und heißt ihn warten bis er
heraufkomme und die Falltür zumache Drauf hat er sich umgesehen nach dem
Freund der ihn vor dem jähen Sturz bewahrt hat aber da ist niemand weit und
breit gewesen Wer kanns also anders gewesen sein als der Engel der ihn zu
seinem Schutz begleitet hat Sieh und einem solchen Engel möcht ich dich auch
anempfohlen haben dass er keinmal von dir wiche und ließe dir kein Leid
geschehen«
    »Wie der der mit dem jungen Tobias auf die Wanderschaft gangen ist Ich
ließ mirs auch gefallen wenn du der Engel wärst«
    »Ach wenn ich mit dir könnt Ich wollt gewiss nie über Müdigkeit klagen«
    »Das wär ein lustigs Reisen und ein tröstlicher Reiskamerad Aber 
Weils aber nicht kann sein
Nicht kann sein nicht kann sein
Bleibst du allhier«
»Oh wenn ich dran denk« rief Christine von einem plötzlichen Schauer
ergriffen »dass ich dich nimmer säh  und alles was dann über mich käm  ich
tät mir einen Tod an«
    »Wie meine Schwester Die hat auch gesagt sie spring in die Fils und den
Tag drauf hat sie meinen Schwager genommen Damit jedoch die arm Seel Ruh hat
will ich dir jeden Trost und jede Hoffnung und jeden Schwur alles von A bis Z
noch einmal runtersagen« Nachdem er dies unter wiederholten Liebkosungen getan
schob er sie sanft einige Schritte in rückwärtsgekehrter Richtung auf der Straße
fort und sagte dann »Jetzt tu mirs zulieb und sieh dich nicht mehr um ich
will mich auch nicht mehr umsehen«
    Er wandte sich und schlug rasch seinen kräftigen Wanderschritt wieder an
Kaum hatte er sich ein wenig entfernt so rief sie »Frieder nur noch ein
einzigen Blick«
    Er blieb stehen
    »Nur noch ein einzigs Wort« rief sie »Will und Lieb die stiehlt kein
Dieb Nicht wahr«
    »Ja liebs Weible« antwortete er »Will und Lieb die stiehlt kein Dieb
Jetzt aber geh heim Der Morgen kommt es wird empfindlich kalt Willst gleich
machen dass da fortkommst« wiederholte er und bückte sich als ob er den harten
Schnee zu einem Wurfe ballen wollte
    Sie lief lachend eine Strecke weit davon Als sie haltmachte und sich nach
ihm umsehen wollte war er schon hinter der nächsten Biegung der Straße
verschwunden und schluchzend deckte sie die Augen mit der Schürze zu
 
                                       14
Selten wohl hat ein deutscher Hausknecht dem Fürsten Reichserbpostmeister in so
kurzer Zeit soviel zu verdienen gegeben als der junge Schwabe der in der Sonne
zu Sachsenhausen eingetreten war In Ebersbach fragte man sich noch ob er jetzt
wohl sein Reiseziel erreicht haben werde da kam schon ein Brief von ihm »An die
ehrbare und bescheidene Jungfer Christina Müllerin in beliebigen Händen zu
eröffnen in Ebersbach cito cito franco« Der Brief lautet so »Gott zum Gruß
und Jesum zum Beistand Hertzgeliebter Schatz ich muss Dich mit einem betrübten
Hertzen beschreiben und diese Zeilen werden Dich wie ich in meinem Hertzen
glaub betrübet antreffen So will ich Dein Hertz erleichtern und Dich mit
ernstaftem Hertzen berichten Liebe Christina glaube Du dass mein Hertz nicht
wanckhen wird und Dir noch jederzeit treu verbleiben so lang noch Gott eine
Ader in meinem Leib lasst Wann Du andere Buben entlassst und Dich ihrer entlässst
und ich erfahre dass Du Dich so haltst wie es einem braven Menschen gehört so
soll mir keine Andere mehr an meine Seite kommen Ich wollt Dir gern was
schicken ich forcht Du möchtest in dem Eberspächer Markt zu dem Tanz gehen und
Dich mit Einem einlassen so will ich jetzt Dir noch nichts schicken sondern
auf Deine Aufführung warten Wann Du Dich hältst so will ich Deiner nicht
vergessen und Dich auch nicht lassen Solltest Du Dir Dein Leben verkürzen wie
Du gesagt hast so schreibe ich mich aus der Schuld und gib es Dir und den
Deinigen über Was ich gesagt hab das halt ich Dir und lass Dir Deinen Willen
Ich wünsche dass Gott der Allmächtige Dein Hertz regiere und führe Dich zu
allem Guten und gebe Dir Glück und Segen und regiere Dein Hertz dass es nicht
fallen noch irr gehen kann Das wünsch ich Dir aus getreuem Hertzen Noch Eins
Ich verlange eine Nachricht von Dir Ich will Dir die Überschrift sagen wie Du
an mich schreiben sollst Weiter kann ich Dir nicht schreiben als Du sollst mir
nicht übel nehmen weil ich so smäßig geschrieben hab Die Nacht ist mir auf
den Hals gekommen und vor Betrübnus hats nicht sein können Du und die Deinige
seind tausendmal gegrüßt und in den Schutz Gottes befohlen und bleibe Dir
getreu bis in den Tod Joh Fr Schwan  Dieser Brief zukomme an Joh Friedrich
Schwahn Hausknecht bei der Sonne in Sachsenhausen bei Frankfort aM«
    Noch ehe Christine sich zu dem großen Unternehmen entschließen konnte einen
Brief von der Fils nach dem Main zu schreiben der doch auch die Postgebühr
durch seine Länge rechtfertigen musste oder ehe sie vielleicht den Unmut ganz
überwunden hatte den ihr ohne Zweifel das fortgesetzte Misstrauen in ihre Treue
verursachte schickte er einen zweiten Brief zwar kürzer als der erste aber
dafür um so zärtlicher und leidenschaftlicher auch obendrein von einem
Geschenke begleitet aus welchem sie bei einigem Nachdenken schließen konnte
dass er über ihre »Aufführung« an dem gefürchteten Markttage den erst die
nächste Woche brachte schwerlich so unruhig war als er sich gestellt hatte
um freilich nicht eben unter einem feingewählten Vorwande den bekannten
Zustand seiner Barschaft zu verbergen den er in seinem ersten Briefe
einzugestehen sich geschämt hatte und der sich seitdem in etwas gebessert haben
mochte
    In diesem zweiten Briefe schrieb er »Gottes Segen zum Gruß und Jesum zum
Beistand Hertzgeliebter Schatz hertzgeliebte Christina ich kann es nicht
unterlassen vor lauter Sorgen und Bekümmernus und Gedanken Dich zu beschreiben
und ich kann Tag und Nacht nicht ruhen bis ich eine Antwort von Dir hab Bitte
Dich um Gotteswillen schreibe Du mir wie es Dir geht und wie es mit Dir sei
Ich kann Tag und Nacht nicht ruhen vor lauter Seuftzen und Sorgen Wann Du mir
etwas zu melden hast so schreib mir es gleich ich will Dich nicht verlassen so
lang ich leb Übrigens schick ich Dir hier einen kleinen Gruß wann Du mir
schreiben tust so will ich Dir ein Mehreres schicken Ich hab nicht Zeit Dir
mein ganzes mein ganzes Hertz zu schreiben ich will Dich berichten wann Du
mir wieder schreibst Brich den Brief an Deinen Vater auf Du bist tausendmal
grüßt Ich verbleibe Dein getreuer Schatz bis in den Tod«
    Der eingelegte Brief an den alten Hirschbauer den sie lesen sollte erhielt
Versicherungen seiner unwandelbaren Gesinnung wie folgt »An meinen Vetter
Müller Ich kann nicht unterlassen an Euch zu schreiben weilen Er so viele Müh
an sich genommen und unterschiedliche Sachen wegen Seiner Tochter Namens
Christina mit mir geredt hat so will ich Ihm redlich schreiben wie ichs gegen
ihr meine dass ich keine Andre mehr begehre als sie und ich sobald ihrer nicht
vergessen kann Wann es sein kann wie Er mit mir geredt hat dass Er mit dem H
Pfarrer und mit dem Chirurgus reden könnt dass man uns zahmen zusammen lassen
will so bin ich gleich resolvirt sie zu nehmen denn so leicht kann ich Sie
nicht lassen und Sie mich nicht Ich lasse auch mein Leben eh ich sie
entlassen oder verlassen will so bitte ich Ihn nur herzlich die Christina ein
halb Jahr bei ihm zu behalten«
    Auch der Invalide erhielt einen Brief »in beliebigen Händen zu eröffnen«
welcher seine Zweifel wegen des Verhältnisses zu Christinen nicht sowohl
widerlegen als einfach in folgenden Schlussworten niederschlagen sollte » So
lang ich einen Blutstropfen im Leib hab so will ich mich ihrer annehmen Hiemit
will ich beschließen und schließe Euch in die Vorsorg Gottes«
    Der Hirschbauer sagte nach dem Empfang seines Briefes zu der glücklichen
Christine »Er hat doch ein beständiges Gemüt Ich wollts dir ja gern gönnen
dass ihr zusammen kämet aber ich besorg mich eben wenn er seinem Vater merken
lässt wie es ihm ums Herz ist so lässt ihn der nicht zurück Ich will jetzt doch
einmal ins Pfarrhaus gehen oder vielleicht noch lieber vorher zum Chirurgus
Ich weiß nicht wo ich zuerst hin soll«  Christine wusste es auch nicht Ihre
Gedanken waren allein darauf gerichtet wie sie es angreifen solle um einen
recht großen Brief zu schreiben mit dem ihr Schatz zufrieden sein müsste
obgleich sie ihn darin für seinen unmanierlichen Argwohn recht heruntermachen
wollte Sie dachte aber sie wolle erst den Markttag vorübergehen lassen um ihm
dann schreiben zu können dass sie nicht zum Tanze gegangen sondern den ganzen
Tag und Abend daheim geblieben sei
    Der Invalide schüttelte zu Friedrichs Beteuerungen hartnäckig den Kopf und
sagte beim Wein zu der Bäckersfrau »Wenn so ein junger Mensch verliebt ist so
meint er es gebe in der Welt nichts als seinen Gegenstand und wenn er einmal
zehn Jahr und drüber verheiratet ist so kann er oft gar nicht begreifen warum
er grad die genommen hat das doch soviel andere gegeben hätte«
    »Beständigkeit ist doch eine Tugend« erwiderte die Bäckerin »Aber arg ist
mirs einmal dass der erste Funke zu dem Brand in meinem Haus hat angehen
müssen Wenn ich das vorausgesehen hätt so hätt ich mich lieber ohne mein Dötle
beholfen und dann wär sie ihm vielleicht in Jahr und Tag nicht vors Aug kommen
Mir schwants das Ding geht zu keinem guten End«
    »Wider das Schicksal ist kein Kraut gewachsen« versetzte der Invalide »Das
ist im Leben wie in der Schlacht an einem fährts vorüber und den andern
triffts«
    Es kamen noch weitere Briefe von Friedrich die sich alle um einen und
denselben Angelpunkt drehten Von seinem eigenen Ergehen schrieb er kein Wort
auch nicht von dem was er im fremden Lande zu sehen und zu hören bekam Dagegen
zeigten seine Briefe die Merkwürdigkeit dass er fortwährend mit der Jahreszahl
auf gespanntem Fuße stand Seine Hand schien einen unbezwinglichen Widerwillen
gegen dieselbe zu empfinden In allen diesen Briefen hatte er immer zuerst die
falsche Zahl hingeschrieben dann ausgestrichen und die richtige darübergesetzt
in einem war sogar das falsche Datum unberichtigt stehengeblieben Allerdings
ein unerheblicher Umstand für ein Mädchen das kein andres Datum kannte als
»diesen Tag« an welchem sie ihrem Liebsten schrieb
 
                                  Zweiter Teil
                                       15
Christinens Brief war immer noch nicht fertig und ihr Vater hatte den Weg zum
Pfarrer und Chirurgus gleichfalls noch nicht gefunden da verbreitete sich eines
Tages im Flecken das Geschrei des Sonnenwirts Frieder sei wieder da oder
wenigstens im Anzuge begriffen Die Nachricht drang mit großer Schnelligkeit
selbst zu dem entlegenen Hause des Hirschbauers und einer von Christinens
Brüdern machte sich sogleich auf um Kundschaft einzuziehen Es verhielt sich
wirklich so wie das Gerücht sagte Ein Fuhrmann der in der Sonne einkehrte
hatte den Erben derselben unterwegs und zwar in ziemlich abgerissenem Zustande
angetroffen zur Bestätigung dass er die Wahrheit sage zeigte er ein Schreiben
vor das ihm der Wanderer mitgegeben hatte um es an denjenigen seiner beiden
Schwäger zu welchem er noch das meiste Vertrauen hatte zu bestellen Es ging
soeben sehr lebhaft in der Sonne zu weshalb die Neuigkeit wie ein Lauffeuer
sich verbreitete Der Fuhrmann erzählte noch er habe den Frieder aufsitzen
heißen derselbe habe sich aber geweigert da er nicht nach Hause kommen wolle
bis er wisse wie er aufgenommen werde Er gab den Brief einem Knechte der ihn
zum Chirurgus hinübertrug Dieser ließ nach einer Weile dem Sonnenwirt sagen es
sei endlich Nachricht von seinem Sohne da wenn der Herr Vater aufgelegt sei
sie zu hören so wolle er mit dem Briefe herüberkommen Der Sonnenwirt
antwortete er habe im Augenblick alle Hände voll zu tun und auf den Abend
wolle er Ruhe haben morgen sei auch ein Tag um von verdrießlichen Dingen zu
reden
    Auf den andern Tag wurde in der Sonne ein Familienrat zusammenberufen
welchem der Chirurgus den Brief seines jungen Schwagers vorlas Derselbe lautete
gleich eingangs so über alle Massen niedergeschlagen und unterwürfig dass die
Sonnenwirtin einmal über das andere in ein triumphierendes Gelächter ausbrach
»Geliebter Schwager« las der Chirurg »ich weiß mir nicht mehr zu helfen so
will ich Ihn um Gottes Willen gebeten haben mir einen Rat zu erteilen denn
ich laufe in der Irr als wie ein verlornes Schaf so rufe ich zu Gott er
möchte mir einen Hirten senden der mich wieder auf den rechten Weg bringen
sollte Meine Reise ist nicht bestanden wie ich geglaubt hab mein Herr Vetter
hat des Gerichtsschreibers Sohn von Boll zum Knecht und hat ihn nicht
fortschicken können weil er auch ein Freund von ihm sei So bin ich diesesmal
in mich selber gangen und musst erst erkennen was ich bei meinem Vater vor gute
Tag gehabt hab und ihm nicht gefolgt so bitt ich nur noch diesesmal zu helfen
und mich nicht zu verlassen Meine Eine Bitt an die Meinen ist mir nur noch so
viel zu helfen dass ich nur einer von seinen Taglöhnern sein möchte Ich werde
gewiss meinem Vater in allen Stücken gehorsam sein wann ich es nicht tue und ihm
im Geringsten was anstelle so sprich ich das Urteil wider mich und schreibe
meine eignige Hand unter dass ich auf den ewigen Arrest soll gesetzt werden Ich
weiß wohl ich hab es gegen den Herrn Schwager nicht verdient weil ich Ihn
schon in vielen Stücken erzürnt und beleidigt hab es ist mir aber herzlich
leid es wird inskünftige nicht mehr geschehen So mein ich nun ob der Schwager
nicht eine Bitte vor mich bei dem Herrn Amtmann tun möchte Man redt wider mich
in Eberspbach es sollte einen Heiden erbarmen über solche Reden ich soll
gesagt haben ich wolle alle Häuser in Brand stecken und den und jenen tot
stechen Mein Hertze hat noch niemal daran gedacht Geliebter Herr Schwager ich
gedenke auch noch an Gott und gedenke bei mir selbst ich möcht hinkommen wo
ich wollt und Gott möchte mich auf das Krankenbette legen ich gewiss mein
Vaterland durch solche Streich nicht verschertzen will So bitte ich den
Schwager mich auf diesesmal nicht zu verlassen und mir einen Rad zu geben und zu
helfen« 
    »Rad schreibt er« unterbrach sich der Chirurg im Lesen »er kann doch sonst
besser schreiben und hat das Wort weiter oben auch richtig geschrieben«
    »Seine Hand weiß mehr als er und hat das Rechte troffen« bemerkte die
Sonnenwirtin »der Weg den er geht führt wohl noch zu Galgen und Rad«
    »Ist der Brief aus« fragte der Sonnenwirt
    »Ich hab das Vertrauen zu Ihm« fuhr der Vorleser fort »und glaub in meinem
Hertzen dass Er des Herrn Amtmanns sein Hertze am besten erweichen kann Mein
Vater schickt einen Knecht fort auf Fastnacht er erbarmet sich meiner gewiss und
nimmt mich wieder an wann ich befreit bin von dem Herrn Amtmann Ich hab nicht
längere Weil gehabt wann ich mich sehen darf lassen so will ich mündlich mit
Ihm reden Er ist von mir viel tausendmal gegrüßt und schließe ihn in die
Vorsorg Gottes Sein getreuer Schwager bis in den Tod«
    »Es muss ein wenig konfus in seinem Kopf hergehen« fügte der Chirurg hinzu
»denn er lebt mit dem Datum noch im vorigen Jahr«
    »Er kann eben in gar nichts ordentlich sein« bemerkte die Sonnenwirtin
    »Jetzt was ist zu tun« fragte der Chirurg
    Der Krämer der nicht wieder die Missgriffe von neulich begehen wollte half
sich mit Achselzucken Händereiben und Lächeln nach allen Seiten hin
    Die Sonnenwirtin sagte »Entweder ist er der Landstreicherei obgelegen hat
sein Geld vertan und ist gar nicht bei dem Vetter gewesen oder hat er drunten
gleich zum Einstand schlechte Streich gemacht und ist wieder fortgejagt worden
Wenn sein Gewissen gut wär tät er nicht so erbärmlich und so untertänig
schreiben Das ist sonst sein Sach nicht«
    »Soviel ist richtig« sagte der Sonnenwirt nach einigem Nachdenken »dass der
Gerichtsschreiber in Boll drüben einen Sohn in die Fremde geschickt hat und das
erst ganz kürzlich denn ich habs erst vor ein paar Tagen gehört nur hab ich
nicht sagen hören wohin Weil er aber allerdings zu unsrer Gefreundschaft
gehört und mein Bruder in Sachsenhausen also auch ein Vetter von ihm istso
ist's wohl möglich dass er ihn dorthin getan hat denn seine Buben sind
dickköpfig und haben wenig Beruf für die Schreiberei«
    »Es kommt natürlich alles darauf an ob die Angabe wahr ist« bemerkte der
Chirurg
    »Wenns wahr ist« sagte der Sonnenwirt »so müssen die beiden schier
miteinander bei meinem Bruder drunten angekommen sein«
    »Man muss eben hinunter schreiben« meinte Magdalene
    »Ja aber was fangt man derweil mit dem Buben an bis Antwort kommt« fragte
die Krämerin »In Plochingen von wo er schreibt kann man ihn doch nicht
liegenlassen dass er dort eine rechte Zech hinmacht«
    »Und wenn man ihn ohne weiters wieder ins Haus nimmt« sagte die
Sonnenwirtin »so setzt er sich fest und fangt das alt Lied wieder an und ist
dann nicht mehr fortzubringen wenns auch zehnmal von Sachsenhausen kommt dass
all sein Vorgeben verlogen sei«
    In diesem Augenblicke hörte man ein Postorn und gleich darauf den Knall
einer Peitsche »Der Postreiter hält vorm Haus der Hausknecht soll ihm das
Pferd halten« sagte der Sonnenwirt der ans Fenster getreten war Es freute ihn
jedesmal wenn Briefe für den Flecken in der Sonne abgegeben wurden oder wenn
Postpferde zur Einkehr genötigt waren weil er den Beweis darauf zu gründen
hoffte dass eine Zwischenpost hier errichtet werden sollte Nach einer Weile kam
der Postknecht herein und überreichte ihm einen Brief »An Herrn Hans Jerg
Schwan zur löblichen Sonne in Eberspbach« Der Sonnenwirt befahl einen Schoppen
und las den Brief bedächtig während jener den Wein stehend trank denn in
seinen hohen steifen Stiefeln würde ihm das Sitzen eine Arbeit gekostet haben
die sich für einen kurzen Aufenthalt nicht verlohnte
    Der Sonnenwirt hatte den Brief erst zu Ende gelesen als der Postknecht
schon wieder zu Pferde saß und blasend gen Göppingen weiter ritt »Der Bub hat
nicht gelogen« sagte er »es verhält sich vielmehr alles so wie er behauptet
Mein Bruder schreibt mir da er hätt ihn gern behalten aber er habe dem
Gerichtsschreiber in Boll für dessen Sohn bereits zugesagt gehabt Als Gast wär
er ihm willkommen gewesen solang er hätte bleiben mögen auch habe alles im
Haus den Vetter gern gehabt der aber habe sich nicht halten lassen sondern sei
nach etlichen Tagen wieder fort«
    »Und hat sich Gott weiß wie lang in der Welt herumgetrieben« sagte die
Sonnenwirtin
    »Nicht gar lang dem Datum nach« entgegnete der Chirurg dem der Sonnenwirt
den Brief hingereicht hatte
    »Es ist zwar dumm von dem Buben« versetzte der Sonnenwirt »dass er auf die
Einladung nicht länger blieben ist man hätt sich unterdessen für ihn umsehen
und ihn anderswo unterbringen können Aber verdenken kann ichs ihm doch grad
auch nicht dass er seinen Verwandten nicht als unnützer Brotesser hat hinliegen
wollen nachdem man ihn nicht zum Schaffen angenommen hat«
    »Ja« bemerkte Magdalene »das Sprichwort sagt Zwei Tag ein Gast den
dritten ein Überlast«
    »Von seiner Liebschaft schreibt er gar nichts« sagte die Sonnenwirtin
»Soviel gute Wörtlein er sonst gibt so spricht er doch nicht mit einer Silbe
davon dass er in dem Stück nachgeben wolle«
    »Er schreibt aber er wolle in allen Stücken gehorsam sein und nicht das
geringste mehr anstellen« entgegnete der Chirurgus »Man kann ihn also beim
Wort nehmen und ihm beweisen dass er auch das versprochen habe«
    »Recht degenmässig schreibt er das muss man sagen« bemerkte die Krämerin
»Ich hätt gar nicht glaubt dass der Strobelkopf der störrig so mürb werden
könnt«
    »Der hat sich in der Fremde die Hörner verstoßen« sagte der Sonnenwirt
behaglich lachend »das sieht man jedem Wort an das er schreibt Jetzt weiß er
nimmer wo aus und wo ein Ja ja es ist eben ein ganz anders Leben da drunten
als bei uns Die Leut sind dort viel alerter und aufgeweckter und wenn auch bei
manchem nicht viel dahinter istso ist's eben doch unsereinem wie wenn er der
Garnichts dagegen wär«
    »Das glaub ich« sagte der Chirurg »das kann solch einem trutzigen
stutzigen Schwabenkopf spanisch vorkommen«
    »Ich bin ja selbst auch schon drunten gewesen« fuhr der Sonnenwirt fort
»Ja was Bis unsereiner sich nur besinnt was er sagen soll haben die dem
Teufel ein Ohr weggeschwätzt Es mag sein dass wir im Schreiben und sonst in
mancherlei Solidität mehr sind als sie wenigstens gibt man sich bei uns in der
Schul mehr Müh aber nachher müssen wir ihnen weit nachstehen sie sind viel zu
geschwind für uns Mein Sohn ist gewiss keiner von den Langsamen im Geist aber
ich steh dafür und kann ganz ins Feuer sehen dass sie ihm gleich über den Kopf
gewachsen sind Und dann machen sie gar keine Umständ wie mans bei uns macht
Sie sind eigentlich doch auch wieder fadengrad wie wir und noch mehr als wir
Bei uns da tut man einen Besuch jeden Tag den er da ist gleichsam mit dem
Seilstumpen anbinden damit er ja sieht dass man ihn nicht fortlassen will Mein
Bruder aber der gar kein Schwab mehr ist und in dem Klima ganz die Art
angenommen hat wie die andern auch sind der hat wahrscheinlich ein einzigs Mal
gesagt Du bist willkommen Vetter und bleib solang du magst und dann hat der
Bub natürlich bald gemeint man sei seiner überdrüssig weil mans ihm nicht
zehnund zwanzigmal gesagt hat Es hätt aber nichts zu sagen gehabt denn wenn
sie einen loswerden wollen so wissen sie schon den Schnabel aufzutun Nun
jetzt hat er auf einmal einsehen gelernt dass die Welt größer ist als sein Kopf
und kommt aus der Fremde wie der Schneck wenn er die Hörner einzieht und wieder
in sein Haus zurückgeht«
    »Der Herr Vater ist also der Meinung ihn wieder anzunehmen« fragte der
Chirurg
    »Was bleibt sonst übrig« antwortete der Sonnenwirt »Ich wüsst nicht wo ich
ihn in der Geschwindigkeit hinschicken sollt«
    »Dann kann er gleich den alten Tanz wieder anfangen« sagte die
Sonnenwirtin
    »Dafür kann man ihm tun« entgegnete er »Eh er nicht ausdrücklich
versprochen hat dass er sich mit der Person weder mündlich noch schriftlich mehr
einlassen will kommt er mir nicht ins Haus«
    »Ich will ihm das nach Plochingen schreiben« erbot sich der Chirurg
    »Braucht nichts zu schreiben« versetzte der Sonnenwirt »Zuerst muss man ja
doch mit dem Amtmann reden dass der seiner Heimkunft keine Schwierigkeit in den
Weg legt nachdem er nun einmal die Hand in der Sach hat Dann ists überhaupt
besser man gibt dem Buben gar keine Antwort und lässt ihn zappeln er wird
dadurch nur um so mürber«
    »Wart du wirst eine schöne Rechnung vom Plochinger Bärenwirt kriegen«
lachte die Sonnenwirtin
    »Ich hab ihn nicht heißen in den Plochinger Bären hinliegen«
    »Irgendwo muss er aber doch sein« bemerkte die Frau des Chirurgen
schüchtern
    »Warum ist er nicht gleich hierhergekommen« entgegnete der Sonnenwirt
»Wenn ich ihn auch nicht ohne weiters angenommen hätt so hätt man doch dafür
sorgen können dass er eine Weile wo unterkommen wär«
    »Mir scheints auch das nötigste dass man sich zuerst mit dem Amt
verständigt« sagte der Chirurg
    »Das übrige wird sich finden Er hat Verwandte hier und in der Gegend und
wird nicht im Bären bleiben denn er weiß dass das den Herrn Vater verdrießen
muss«
    »Wenn nur auch der Herr Amtmann seinen Konsens gibt« bemerkte der Krämer
der die Notwendigkeit fühlte im Familienrat endlich etwas das einer eigenen
Meinung glich zu äußern
    »Es liegt ja nichts Sonderliches wider ihn vor« versetzte der Sonnenwirt
    »Wenns dem Herrn Vater geliebt« sagte der Chirurg »so bin ich erbötig
ins Amtaus mitzugehen Ich muss nur erst einen andern Kittel anziehen damit ich
ein wenig amtsmässiger aussehe«
    »Ja wir wollen die Sach lieber gleich abmachen« erwiderte der Sonnenwirt
    Als der Chirurg mit seiner Frau nach Hause ging um sich »amtsmässig«
anzuziehen sagte diese zu ihm »Wenn du nichts dagegen hast so will ich meinem
Bruder nach Plochingen schreiben will ihm auch etwas Geld schicken dass er
seine Rechnung dort zahlen kann und will ihn nach Hattenhofen hinüber zum
Vetter gehen heißen der behält ihn schon etliche Zeit und dort ist er auch
mehr abseits dass ihn nicht so viele Menschen sehen«
    »Tu das meinetwegen« sagte ihr Mann
    Die beiden Männer gingen ins Amtaus und trugen dem Amtmann ihr Anliegen
vor Derselbe machte ein bedenkliches Gesicht und sagte »Ich hätte rebus sic
stantibus nichts Erhebliches dagegen einzuwenden dass der halb und halb
exilierte junge Mensch selbstverständlich unter der Bedingung künftigen
Wohlverhaltens und radikal gebesserter Aufführung wie auch völliger Vermeidung
aller Turbulenzen und Extravaganzen aus dem Quasiexil in sein elterliches Haus
zurückkehre allein da ich nun einmal über seine Entlassung an das Oberamt
berichtet habe so habe ich auch über seine Wiederannahme die amtliche
Entscheidung nicht mehr in der Hand Ich will jedoch an den Herrn Vogt in
Göppingen schreiben und wohldemselben vorstellen dass der junge Mensch gleichsam
als verlorner Sohn und reuiger Sünder unter die ihm von Gott verordnete
Autorität sich wieder zurückfügen wolle Vielleicht dürfen wir uns eines
günstigen Bescheides versehen Sobald solcher an mich herabgelangt werde nicht
ermangeln davon Meldung zu erlassen«
    Nach einigen Tagen kam der Amtsknecht um den Sonnenwirt zum Amtmann zu
berufen Der Sonnenwirt schickte nach seinem Beistand »Der Schwager hat schon
wieder geschrieben« sagte dieser als sie miteinander nach dem Amtause gingen
»Diesmal schreibt er aus Hattenhofen wohin er von Plochingen gegangen ist«
    »Ich hab mirs wohl gedacht dass er sichs nicht getrauen wird zu
Plochingen im Wirtshaus liegenzubleiben« versetzte der Sonnenwirt lächelnd
»Was schreibt er denn«
    »Er schreibt beinahe noch lamentabler als das letztemal Übrigens scheinen
ihm unterm Warten kuriose Gedanken aufgestiegen zu sein und er traut dem
Landfrieden nicht recht denn er schreibt im Verlauf des Briefes Ich glaube
der Herr Schwager wird mich nicht nur herzulocken damit ich möchte in Arrest
gesetzt werden sondern der Herr Schwager hats noch jederzeit redlich und
getreu mit mir gemeint«
    Der Sonnenwirt lachte äußerst behaglich »Er hat Angst« sagte er »und da
wird hoff ich auch die Zucht Eingang bei ihm finden«
    »Gott gebs« erwiderte der Chirurg »Diesmal hat er auch das Datum richtig
geschrieben vielleicht ist das ein Omen dass er auch sonst wieder in die
Ordnung kommen wird«
    »Gott gebs« sagte der Sonnenwirt
    »Nun Sein Gutedel ist ja wieder da Herr Sonnenwirt« begann die Amtmännin
welche diesmal zugegen war mit saurem Gesicht »Der hat nicht lang gut getan«
    »Es ist bei meinem Bruder kein Platz für ihn gewesen mit Ihrem Wohlnehmen
Frau Amtmännin Der hat einen halbstudierten Hausknecht angenommen Will auch
sehen was da noch draus wird Aber was will ich jetzt machen Es ist doch mein
eigen Fleisch und Blut das ich nicht in der Irre laufen lassen kann Ich nehm
ihn aber nicht eher an als bis er versprochen hat dass er die unverständige
Liebschaft aufgeben will«
    »Meinetwegen« sagte die Amtmännin »Aber mir soll der Grobian nicht wieder
ins Haus kommen ich will mir keine Unverschämteiten mehr von ihm machen
lassen und wenn ich nicht eine Wäsche gehabt hätte an dem Tag wo mein Mann
nach Göppingen schrieb so wäre die Sache vielleicht nicht so schnell gegangen«
    Der Sonnenwirt verlor einen guten Teil seiner Behaglichkeit beim Anblick
dieser fortdauernden Ungnade der Amtmännin gegen seinen Sohn obgleich er die
Ursache dieses Grolls in seinem Herzen gebilligt hatte
    »Die Antwort vom Herrn Vogt ist angekommen« sagte der Amtmann der dieselbe
als eine Art Schutzwaffe gegen seine Frau betrachten mochte Er nahm den Brief
zur Hand entfaltete ihn langsam räusperte sich mit Wichtigkeit und las
während der Sonnenwirt und sein Schwiegersohn eine ehrerbietige Haltung
annahmen mit nachdrücklicher Betonung wie folgt »Wohledler insonders
vielgeehrter Herr Amtmann Weilen mit einem jungen Menschen ich jedesmal viel
lieber überflüssige Geduld haben als mit der äußersten Strenge fürgehen will
solang noch Hoffnung vorhanden sein kann es werde einer in sich gehen mithin
in bessere Wege und so obrigkeitlichen als väterlichen Gehorsam zurücktreten so
will ich nicht darwider sein dass den jungen Schwahnen sein Vater wieder auf
und annehme Es ist aber jenem mit allem Ernst zu bedeuten dass so der
geringste neue Fehltritt wider ihn werde herauskommen man solchenfalls Altes
und Neues zusammennehmen und wider ihn mit aller Schärfe verfahren werde Ich
verharre damit unter göttlichen Schutzes Erlassung des Herrn Amtmanns
dienstwilligster« etcetera »Also wonach sich zu achten« fügte der Amtmann der
Vorlesung bei »Da nun meine Frau Seinen Sohn nicht gerne im Hause sieht so
will ichs unterlassen solchen zu zitieren muss aber dem Herrn Sonnenwirt die
Verpflichtung aufgeben selbigem aufs ernstlichste einzuschärfen unter welcher
Bedingung einzig und allein ihn wieder zu admittieren beschlossen worden ist
und dass ich bei dem geringfügigsten neuen Vorfall unverweilt gegen ihn
einzuschreiten mich bemüssigt sehen würde«
    Der Sonnenwirt versprach seinem Sohn das Nötige zu sagen sowie auch dafür
zu sorgen dass er das Amtaus meide es wäre denn dass er besonders vom Herrn
Amtmann vorgeladen würde Der Amtmann pries die Milde und Menschenfreundlichkeit
des Vogts wobei die Amtmännin einfliessen ließ die gutmütigsten Menschen seien
gemeiniglich diejenigen die sich nicht gern viel zu schaffen machen Hierauf
hielt der Chirurg in rednerischer Unterstützung des Sonnenwirts eine lange und
wohlgesetzte Danksagung für die große Mühewaltung welche der Herr Amtmann auf
sich zu nehmen die Güte gehabt Die Amtmännin ermahnte den Sonnenwirt künftig
den Stab Wehe zu gebrauchen damit man von seinem Früchtlein nicht noch mehr
Mühe habe Der Sonnenwirt versprach das beste und die beiden Männer empfahlen
sich in Unterwürfigkeit
    »So schon alles im reinen« sagte die Sonnenwirtin als sie Bericht über
ihren Gang erstatteten »Nun ja da kann man jetzt gleich den Verspruch mit der
Jungfer Hirschbäuerin folgen lassen«
    »Das hat gute Weg« entgegnete der Sonnenwirt »Wie ich gesagt hab dabei
bleibts Wenn der Bub wieder mein Haus betreten will so muss er zuerst heilig
versprechen dass er weder mündlich noch schriftlich mehr etwas mit ihr zu
schaffen haben will«
    »Soll ich nach Hattenhofen schreiben« fragte der Chirurg
    »Wie wärs denn« sagte die Sonnenwirtin die ihm zum Schabernack wenigstens
eine kleine Ungemächlichkeit aufladen wollte »Der Herr Sohn hat ja heut seinen
Schabes nicht Wie wärs wenn Er des Schuhmachers Rappen vorspannen tät und tät
sich selber nach Hattenhofen auf den Weg machen Er kanns ja doch nicht
erwarten bis Er Sein räudigs Schaf wieder in der Kur hat Übrigens denkt an
mich ihr beide solang man singt ist die Kirch nicht aus Ihr werdets noch
erleben das ich recht behalt«
    »Ich hab ohnehin ein Geschäft draußen« erwiderte der Chirurg der ihr die
Befriedigung nicht gönnte dass er bloß auf ihre Veranlassung einen Weg von ein
paar Stunden machen sollte »Ich muss eine Weibsperson dort schneiden die ein
Geschwür im Munde hat Für böse Mäuler gibts kein probateres Mittel als unsre
Instrumente«
    Der Sonnenwirt lachte und nahm sein Erbieten an persönlich mit dem
Flüchtling zu reden ihm förmlich das von dem Vater ausbedungene Versprechen
abzunehmen und ihn dann gleich aus seinem Zufluchtsorte mitzubringen
    »Du bist doch recht brav« sagte seine Frau zu ihm als er sich zu Hause
anschickte über Feld zu gehen »Sieh es freut mich von ganzem Herzen wie gut
du gegen meinen Bruder bist«
    »Quod medicamenta non sanant « murmelte der Chirurg vor sich hin und hielt
wieder inne Dann wandte er sich zu seiner Frau »Solang man singt ist die
Kirche nicht aus« hat deine Mutter gesagt »und mir hat ein Vögelein gepfiffen
sie werde wohl recht haben Zwar wenn dein Bruder jetzt Vernunft annimmt so
will ich ihm alles Gute gönnen und will gerne dazu geholfen haben Aber die
Kugel die bergab geht rollt gemeiniglich so fort ohne Aufenthalt Ohnehin
wenn dein Vater heut stirbt so nimmt er morgen sein Bauernmensch Meinst du du
würdest nicht besser zu einer Sonnenwirtin taugen Und sollt ich zum
Wirtschaften nicht so gut Geschick haben als zum Rasieren Deine Mutter ist so
giftig und höhnisch dass sie meinen Rasiertag meinen Schabes heißt Ei mir
stände es gar wohl an einen Ruhetag aus ihm zu machen wenigstens was das
Bartschaben betrifft«
    Er ging und Magdalene sah ihm seufzend nach Dieser Seufzer mochte wohl
mancherlei zu bedeuten haben
 
                                       16
Kaum war es am nächsten Tage Abend geworden als im Bäckerhause jemand eilfertig
in die Stube hereinschlüpfte Die Bäckerin war allein sie saß im
Grossvaterstuhle und hatte die Hände schlaff in den Schoss gelegt Sie blickte den
Eintretenden scharf durch die Dämmerung an »Wer ists« fragte sie endlich da
sie ihn nicht erkannte
    »Grüß Gott Bas« sagte eine bekannte Stimme
    »Herrjeses der Frieder« rief sie »Was schon wieder aus der Fremde da
Was ist denn das Wie geht denn das zu«
    »Schrecklich ists« erwiderte der Ankömmling »wenn man alt und jung Kind
und Kegel immer auf die nämlich Frag Antwort geben soll Wo ich geh und steh
greift man mich mit Fragen an und verlangt Rechenschaft von mir warum ich schon
wieder da sei Ich wills Euch nachher alles haarklein sagen aber zuerst hab
ich eine Bitt an Euch Tut mir die Liebe Bas und geht so groß und schwer Ihr
seid den Abend noch hinaus zum Hirschbauer und sagt einem von der Christine
ihren Brüdern am liebsten dem Jerg denn der ander ist hinter den Ohren nicht
trocken dass ich notwendig mit ihm zu reden hab Ich kann mich keinem Menschen
sonst anvertrauen als Euch denn der Profos hats in den Gliedern heißt das
soweit sie nicht hölzern sind«
    »Ach Friederle« seufzte die Frau »ich täts gewiss gern aber bei mir ists
auch mit dem Springen vorbei Ich kann dem Profosen mit seinem Gliederweh
Gesellschaft leisten seit ein paar Tagen weiß ich warum ich immer so müd bin
ich hab geschwollene Füss«
    »Wird doch das nicht sein Sollen denn meine beste Freund in so kurzer Zeit
prestaft werden«
    »Meine Mutter ist an der Wassersucht gestorben« sagte sie »und ich weiß
jetzt auch was mir blüht Eure Hochzeit erleb ich schon nicht mehr wenn ihr
aber zusammenkommet und vergnügt miteinander lebt so soll michs noch unterm
Boden freuen Dem Jerg will ich durch den Beckenbuben entbieten dass er zu mir
herkommt denn wenn ich auch die Füss nicht recht mehr brauchen kann so ist das
Mundstück noch gut im Gang Was soll ich ihm denn ausrichten«
    »Ach Bas Ihr macht mir das Herz schwer Es wird doch so schlimm nicht
sein«
    »Wie Gott will Wo soll sich der Jerg einfinden«
    »Man passt mir auf jedem Schlich auf Saget meinem Schwager und vergesset ja
nicht ihn so zu heißen morgen um Vesperzeit oder etwas später wenn der Tag
sich neigt woll ich ihn unter den Linden an der Schiessmauer treffen Den Grund
warum ich nicht zu ihm ins Haus kommen kann und alles andere will ich ihm
mündlich sagen«
    »Kann mirs schon denken Es soll pünktlich ausgerichtet werden Heut abend
muss er noch zu mir kommen«
    Hierauf erzählte er ihr wie seine Reise abgelaufen und unter welcher
Bedingung er in sein väterliches Haus zurückgekehrt sei Dann sprach er ihr von
den Vorsätzen an welchen er gleichwohl in betreff seiner Liebsten festhalten
werde unterbrach sich aber bald mit den Worten »Ich seh wohl Ihr habt Ruh
nötig und ich darf nicht lang ausbleiben Gott tröst Euch Bas ich dank
vielmals für die Freundschaft und will bald wieder nach Euch sehen«
    Die beiden Schwäger wie sie sich nannten begrüßten sich den folgenden
Abend an dem verabredeten Orte aufs herzlichste  »Wir haben schon gewusst dass
du wieder da bist aus der Welt« sagte Christinens Bruder der nach Bauernart
nicht sogleich den eigentlichen Zweck der Zusammenkunft berührte »Das
Christinele hat vor Freuden geweint Jetzt sag mir nur auch wie ists dir denn
gangen da draußen«
    »So so la la« antwortete Friedrich »Die Leut wären schon recht aber s
ist eben alles ganz anders als bei uns Da schnurrt jedermann nur so an einem
vorbei und lässt einem das Nachsehen und wenn einer so im Vorbeischiessen was an
dich hinwelscht  bis dir eine Antwort eingefallen ist ist der schon über alle
Berg Dann können sie doch auch wieder recht gesellschaftlich sein sonderlich
die in Sachsenhausen und wenn sie dich gern haben so geben sie dir die
gröbsten Schimpfreden über dies bei uns zu Mordhändeln käm Bei ihnen aber ist
das aus Freundschaft geredt und wenn sie dich ein schlechts Luder heißen so
ist das lauter Liebe und Güte Die in Frankfort die auch viel rüber kommen
sind und wir zu ihnen nüber die sind feiner aber sie hänseln und föppeln
einen gern und in ihrer schnellen spitzigen Sprach kann dir das in die Nas
fahren wie ein Pfeil Wiewohl ich bin ihnen auch nichts schuldig blieben
Einmal haben sie mich gefragt wie man denn im Schwabenland die Holderküchle 
Holderküchelche sagen sie  macht Ich hab aber gleich gemerkt dass sie bloß
ihren Spott mit mir treiben wollen und hab ihnen erzählt man mach das Feuer
und den Teig grad unter dem Holderbaum an und zieh dann einen Zweig um den
andern mit dem Blust nur in den Teig runter und lass wieder schnappen dann
hängen die Küchelche am Baum wie wenn sie dran gewachsen wären«
    Jerg lachte unmäßig »Wenn sie das glaubt haben so müssen sie rechtschaffen
dumm sein«
    »Nein dumm sind sie grad nicht Sie haben eben arg drüber gelacht Jetzt
wollen wir aber von andern Dingen reden Jerg denn wir sind hier nicht zusammen
kommen dass ich dir Späss vormach sondern mir ists Ernst und das bitterer
Sieh ich bin noch ganz der nämlich gegen euch wie da ich gangen bin aber die
Sach ist ein wenig anders worden Zuerst und vor allem andern muss ich dir
sagen dass ich der Christine mein Wort halt der Schein mag sein wie er will«
    »Das kannst ihr ja selber sagen Frieder« sagte Jerg mit schlauem Lächeln
    »Nein Jerg das ists ja eben Sieh ich will und muss dirs frei heraus
bekennen dass ich hab versprechen müssen mit deiner Schwester weder mündlich
noch schriftlich etwas zu haben«
    »Das ist freilich ein ander Ding« sagte Jerg
    »Hör mich voraus Wenn ich nichts mehr von ihr wollt so hätt ich mirs
ersparen können mit dir zu reden aber darum grad hab ich dich ja hieher
bestellt denn mit dir ist mirs nicht verboten«
    »So red dass man weiß wie man mit dir dran ist«
    »Sieh Jerg wie ich die Stell bei meinem Vetter besetzt gefunden hab und
ist meines Bleibens nicht gewesen da ist mir die Welt auf einmal vorkommen wie
ein groß Wasser in das ich gestoßen bin und untergesunken bis an Hals Ich hab
auch die Welt erst kennenlernen und hab jetzt eingesehen dass es nicht so leicht
ist in dem Wasser zu schwimmen als ich vorher gemeint hab und hab keine
Gelegenheit hinausgelassen mit verständigen Leuten drüber zu reden die in der
Welt herumgekommen sind Sieh überall ist alles zünftig und da kann man nicht
so hineinsitzen wie man will Das kann nur der der ein Geschäft ererbt oder so
viel Geld hat um sich eins zu kaufen Andere schlupfen hinein indem sie eine
Meisterstochter oder Witwe heiraten und dabei muss man oft ein Aug zudrucken und
dem Teufel ein Bein brechen auch oftmals einen krummen Buckel machen bis man
allen recht ist die ein Wort mitzureden haben oder man muss gar zum schlechten
Kerl werden seinen Eid brechen und seinen Schatz sitzenlassen vielleicht mit
dem Kind dazu Wieder andere kommen gar nicht hinein und bringens ihr Lebtag zu
nichts Ich hab glaubt wenn ich die Christine nachkommen ließ und tät ihr einen
Dienst verschaffen so könnten wir jedes in seinem Dienst nach und nach
einiges erübrigen und einander zuletzt heiraten Aber Kutz Mulle blas Gersten
da könnten wir dienen und ledig bleiben unser Leben lang Ja wenn mein Vetter
mich hätt bei sich behalten können und hätt mich vielleicht liebgewonnen der
hätt mich auf die ein oder ander Art versorgen können so dass ich gar nicht mehr
zurückgekommen wär und die Christine auswärts geheiratet hätt So aber ist das
nichts gewesen und ich bin auf einmal rat und hilflos dagestanden in der
weiten Welt Mein Vetter hat mich zwar liebreich gehalten und hat mich heißen
als Gast bleiben aber ich bin mir eben fremd vorkommen und hab ihm nicht in die
Länge beschwerlich sein wollen Ich sag dir Jerg ich bin dir ganz verzagt
gewesen und hab nicht mehr gewusst wo aus noch wo ein grad wie ein Kind das
aus seinem Bett gefallen ist und tappt in der Nacht herum und kommt nicht mehr
zurecht oder wie einer der das Wasser am Kinn spürt und keinen Boden unter den
Füßen mehr und in der Angst nach einem Strohhalm langt Du magst vielleicht
denken ich hätt doch versuchen sollen anderswo in der Fremde in einem Dienst
unterzukommen Aber ich hab kein Glück das hab ich gleich gesehen wies bei
meinem Vetter nichts gewesen ist Und wenn ich bei fremden Leuten in Dienst
gangen wär so hätt ich damit eine große Scheidewand zwischen mir und meinem
Vater aufgerichtet und hätt ihm gezeigt dass ich ihm Trotz bieten will wenn
mirs nachher in der Welt nicht geglückt wär wies wahrscheinlich ist so wär
mir die Heimat zugeschlossen gewesen und ich hätt der Christine zweimal nicht
Wort halten können was mir doch die Hauptsach ist Auch ist mirs durch den
Kopf gefahren beweisen kann ichs freilich nicht dass des Gerichtsschreibers
Sohn von Boll der mich bei meinem Vetter verdrängt hat weil er schon vor mir
Anwartschaft gehabt hab dass der vielleicht meinem Vetter einen Floh ins Ohr
gesetzt hat «
    Er stockte »Von wegen deiner Liebschaft« meinte Jerg
    »Nein« sagte Friedrich und ließ die Stimme sinken »er hats ihm vielleicht
gesteckt ich sei nicht ganz hautrein und sei schon in Ludwigsburg gewesen«
    »Das wär aber liederlich das wär schlecht« sagte Jerg
    »Ich trau so einem Schreiberssöhnle nicht viel Guts zu er hat vielleicht
besorgt ich könnt ihm doch vielleicht noch den Rang ablaufen und das wär auch
keine Kunst für mich gewesen Kurzum ich bin auf einmal wie an der Welt End
gestanden wo sie mit Brettern vernagelt ist und hab mir sagen müssen dass da
eben nichts übrigbleibt als umkehren und gute Wort geben Wie ich dann vollends
bedacht hab was das einen Spott und ein Gelächter geben wird wenn ich schon
wieder komm und habs doch nicht anders machen können wenn ich nicht alle
Brücken zwischen mir und meinem Schatz hab abwerfen wollen da ist mir der Mut
ganz und gar gesunken und hab nichts mehr vor Augen gesehen als dass ich eben
jetzt alle Schmach muss auf mich nehmen und zu Kreuz kriechen Herr Gott wie ich
noch ein Bub gewesen bin und hab Schläg kriegt da hab ich nicht gemuckst und
hab sagen können Ich will noch mehr dass mein Vater schier verzweifelt ist Und
jetzt wo ich groß bin hab ich dir Brief nach Haus geschrieben  Brief  ich
sag dir Jerg der jämmerlichst Bettler schreibt nicht erbärmlicher und
demütiger Aber ich hab eben gar nichts anders mehr gewusst und  die Heimat ist
halt doch das Best in der Welt Doch hab ich bloß Gehorsam versprochen Aber das
hat mich nichts genutzt Wie man einmal gesehen hat dass ich gehörig mürb bin
und das ist kein Wunder denn ich hab den Amtmann noch aufm Hals gehabt da hat
man mich noch weiter trieben Ich bin nicht eher angenommen worden als bis ich
buchstäblich versprochen hab  ich hab dirs ja schon gesagt und wills nicht
wiederholen«
    »Und was soll ich ihr jetzt sagen« fragte Jerg
    »Was ich meinem Vater versprochen hab das halt ich ihm aber ich halt auch
was ich deiner Schwester versprochen hab und das geht vor denn es ist ein
älteres Versprechen Auch hab ich keineswegs geschworen dass ich sie in alle
Ewigkeit nicht mehr sehen noch ihr schreiben wolle und noch weniger hab ich
gesagt ich wolle mein Herz von ihr abziehen und ihr mein Wort brechen Zwischen
uns bleibt alles im alten Recht Sag ihr nur sie solle etliche Zeit Geduld
haben wie ich mich auch gedulden muss Ich muss erst wieder festen Boden unter
den Füßen haben damit ich in Ruh sehen kann wie Has lauft und kann Zeit und
Gelegenheit walten lassen Vielleicht wächst der Axt von selber ein Stiel Sag
ihr jedenfalls nehm ich keine andere und wenn ich Haus und Hof dahinten lassen
müsst oder müsst alt und grau mit ihr werden bis wir vor den Altar kommen Das
muss ihr für jetzt genug sein Und deinem Vater sag es bleib bei unsrer Abred
und er soll sie bei sich behalten wie wir ausgemacht haben bis etliche Zeit
verstrichen ist sowie ich wieder ein wenig zu Kräften komm will ich ihn dafür
schadlos halten Du aber versprichst mir dass wir uns je und je im Beckenhaus
treffen damit ich Nachricht von meinem Schatz hab denn du bist jetzt mein
Mündlichs und mein Schriftlichs mit ihr«
    »Bleibs dabei« sagte Jerg
    »Und jetzt sag mir noch eins offen Aug in Aug glaubst du meinen Worten
und willst du dich bei den Deinigen und bei deiner Schwester für mich verbürgen
dass ichs noch so treulich mein wie sonst trotzdem dass der Schein gegen mich
ist Die Hand drauf Schwager Bruderherz«
    »Ja ich glaub dir da hast meine Hand«
    »So jetzt geh ich mit leichterem Herzen heim Gut Nacht und grüß mir mein
Schatz vieltausendmal«
 
                                       17
Bald genug sollte Friedrichs Ahnung dass der natürliche Gang der Dinge von
selbst zwischen zwei widerstreitenden Versprechen entscheiden werde in
Erfüllung gehen
    In der Stellung des dienenden Sohnes in die er zurückgetreten waren ihm
ein paar Monate leer und trüb dahingegangen ohne dass seine Herzensangelegenheit
einen weiteren Zusammenstoß zwischen ihm und seinem Vater verursachte Diesem
genügte es seinen Sohn der herrschenden Sitte gemäß ehrlich und christlich wie
die stehende Redeweise der Zeit sich ausdrückte erzogen zu haben und er meinte
seine ganze Verantwortlichkeit abgetan wenn er einem Irrweg desselben die
einfache Schranke des väterlichen Verbotes entgegensetzte Er glaubte ihm weder
die Gründe durch welche ein älterer Freund die unerfahrene Jugend manchmal von
einem Fehlgriff abzuhalten vermag noch die Achtung vor der Freiheit des
menschlichen Willens schuldig zu sein der über sich selbst zu verfügen
berechtigt ist und wenn er auch den Einsatz mit dem Preise der ganzen Zukunft
bezahlen müsste Was Wunder wenn der Sohn für dieses starre Nein das er von
Anfang an vorausgesehen ein ebenso starres Ja in Bereitschaft hatte dessen
zeitweilige Hintanhaltung eben jenen Waffenstillständen glich die man im Kriege
nur deshalb schließt um bei einer vorteilhaften Gelegenheit wieder losschlagen
zu können Er hielt buchstäblich Wort und vermied in dieser ganzen Zeit jedes
Zusammentreffen mit Christinen Auch besuchte er keinen Tanz denn er wusste
wohl dass er sie nicht daselbst finden würde »Ich will sie lieber so lang gar
nicht sehen« sagte er zu Jerg »denn einander sehen und nichts voneinander
haben das tut viel weher sag ihr nur sie soll derweil fleißig an mich denken
ich werd das im Arm oder noch besser im Herzen spüren« Er traf häufig mit ihm
im Bäckerhause zusammen das eine Mal sprach er lustig mit ihm dem Grillengifte
zu und bekannte dass er erst jetzt einsehe wie richtig er es getauft habe das
andere Mal sah man die beiden lange Zeit miteinander flüstern wobei Christinens
Bruder Nachrichten von bedenklicher Art zu bringen schien welche Friedrich
gelassen aufnahm und nach seiner Miene zu schließen mit ermutigenden
Zusicherungen beantwortete Die Bäckerin die kränkelnd im Sorgenstuhle saß
beobachtete solche Unterredungen mit Kopfschütteln und sprach gegen ihren Mann
die nämliche Vermutung die der Chirurg in einem lateinischen Zitat angedeutet
hatte mit deutschen Worten aus
    Allmählich begann auch im Flecken ein neues Gemurmel umzulaufen das zuerst
von den jungen Mädchen aufgebracht und bald auch durch die Pfarrmagd vom Brunnen
in den Pfarrhof überliefert wurde Man stichelte und spottete dass Christine
nicht mehr aus dem Hause zu gehen wage woran sie doch sehr klug tat denn sie
hatte als sie sich zuletzt auf der Straße blicken ließ bemerkt dass man mit
Fingern hinter ihr herdeutete Der Fischer aber hatte niemals ein so reiches
Geschenk aus der Sonne heimgetragen als an dem Tage wo er der Sonnenwirtin
berichtete was über die Tochter des Hirschbauers gezischelt und gemunkelt
wurde
    Eines Abends kam der Bäckerjunge zu Friedrich in die Sonne und hinterbrachte
ihm heimlich der Jerg sei im Bäckerhause und lasse ihm sagen dass er doch
gleich hinkommen möchte denn er habe etwas Dringendes mit ihm zu reden
    »Du s ist Feuer im Dach«  mit diesen Worten empfing ihn sein Geselle
als Friedrich sich zu ihm setzte  »meine Schwester ist auf morgen vor
Kirchenkonvent geladen«
    »Gottlob« rief Friedrich »jetzt kommts doch endlich zum Treffen Sag ihr
nur ich werd noch heut bei ihr sein«
    Er trank schnell aus und eilte nach Hause zurück Da er seinen Vater mit
Essen beschäftigt fand so setzte er sich in eine dunkle Ecke wo er wartete
bis derselbe fertig sein würde
    »Was hast Was guckst Hast Hunger« fragte dieser den seines Sohnes auf
ihn gerichteter Blick beunruhigte
    »Nein Vater ich muss Euch etwas sagen und will Euch nicht überem Essen
stören weil ich weiß dass Ihr das nicht leiden könnt«
    Der Alte der etwas neugierig war beschleunigte seine Mahlzeit »Nun was
ists« fragte er dann vom Tische aufstehend
    Friedrich stand gleichfalls auf »Vater« sagte er »ich hab Euch
versprochen mit der Christine keinen Verkehr mehr zu haben weder schriftlich
noch mündlich und hab das auch streng gehalten bis daher Jetzt aber ist an der
Sach ein anders Trumm aufgangen die Christine ist vor Kirchenkonvent zitiert «
    »Liederlicher Hund« schrie der Alte und hob die Hand auf ließ sie aber
alsbald wieder sinken da er gewahrte dass sein Sohn ohne einen Schritt vor dem
Schlage rückwärts zu weichen in drohender entschlossener Haltung vor ihm
stand Es kam ihm erst jetzt klar zum Bewusstsein dass er eigentlich immer eine
geheime Furcht vor ihm gehabt habe
    »Inkommodiert Euch nicht Vater« sagte Friedrich »über das bin ich
hinausgewachsen und was das Schimpfen anbetrifft so weiß ich dass Ihr auch
jung gewesen seid  Ihr werdet mich verstehen«
    »Sprichst du so mit deinem Vater« schrie der Sonnenwirt der wütend und
zugleich in einiger Verwirrung durch die Stube hin und her lief Seine Frau
hatte ihm von ihrer ausgekundschafteten Neuigkeit nichts mitgeteilt sei es dass
sie eine für den Stiefsohn besonders ungünstige Gelegenheit abwarten oder dass
sie ihren Mann von dem amtlichen Verlauf der Sache überraschen lassen wollte
    »Mein Sprechen« sagte Friedrich »hat keine weitere Absicht als dass mein
Vater ein billigs Einsehen haben soll und wenn auch nur in dem Punkt dass ich
notwendig mit dem Mädle reden muss eh sie vor die Herren kommt denn sonst weiß
ich ja gar nicht was sie dort aussagt«
    Der Alte hielt in seinem Toben inne »Wenn du das Mensch dahin bringen
kannst dass sie nicht auf dich aussagt« versetzte er »so kannst mit ihr reden
so viel du willst Aber das wiederhol ich dir und will dich erinnert haben dass
ich dirs schon einmal gesagt hab glaub nur nicht ich hätt einen Kreuzer
übrig um dir aus solchen Streichen herauszuhelfen Find du sie ab wie du
kannst und friss aus was du mit ihr eingebrockt hast  ich helf dir nicht
dabei«
    »Fürs Abfinden wär ja noch mein Mütterlichs da« erwiderte Friedrich »und
so braucht ich Euch nicht zur Last zu fallen«
    »Da wird viel übrig sein« höhnte der Alte »wirst weit damit springen nach
solchen Sprüngen die du schon gemacht hast«
    »Ich will jetzt nicht darüber streiten« sagte Friedrich »ich bin
zufrieden dass Ihr mir mein Wort zurückgegeben habt und dass ich mit dem Mädle
reden kann ohne wortbrüchig zu werden«
    Er brach schnell ab um weitere Erörterungen zu vermeiden Als er sich
entfernt hatte erzählte der Sonnenwirt seiner Frau die aus der Küche kam was
zwischen ihm und seinem Sohn verhandelt worden war
    »Du hast den Gaul am Schwanz aufgezäumt« sagte sie »dass du ihm sein Wort
zurückgibst Jetzt geht das alt Luderleben wieder an Und dazu den Schimpf und
die Schand«  Sie wusste so gut zu lamentieren wie er vorhin zu toben gewusst
hatte
    »Er hat versprochen das Mädle rumzubringen dass sie nicht auf ihn aussagt«
erwiderte der Sonnenwirt
    Seine Frau trat voll Verwunderung einen Schritt zurück Sie hatte besser von
ihrem Sohne gedacht und fühlte sich durch diese Mitteilung sonderbar überrascht
»Wärs möglich« sagte sie »Aber sieh zu das sind am End faule Fisch«
    »Gelogen hab ich nicht« murmelte Friedrich bei sich während er den lange
nicht betretenen Weg zu Christinen einschlug »Was kann ich dafür dass mein
Vater mit so schlechten Gedanken umgeht«
    Es war als ob er in ein Trauerhaus käme als er in die Stube des
Hirschbauers trat Die Alte heulte bei seinem Anblick laut auf und fuhr sich in
die Haare als ob sie sie ausraufen wollte und der kleine weissköpfige Bube der
sich an ihrem Rocke hielt heulte vor Angst mit ohne von dem Vorgang etwas zu
verstehen Der Bauer ohnehin von Alter und Mangel erschöpft saß ganz gebeugt
und gebrochen auf einem schadhaften Stuhl am Ofen seine beiden älteren Söhne
lehnten ernstaft doch ohne sichtbare Betrübnis neben ihm an der Wand
Christine aber flog gleichfalls laut weinend dem Ankömmling entgegen »Mein
Frieder mein Frieder« schrie sie an seinem Halse »Bist endlich da Sieh ich
kann mein Elend auf keinem Berg übersehen«
    »So bleib im Tal« erwiderte er
    »Jetzt treibt er noch sein Gespött mit uns« sagte der Alte mit dumpfer
sinkender Stimme
    »Nein alter Vater« erwiderte Friedrich indem er Christinen um den Leib
haltend zu ihm trat und seine Hand mit Gewalt fasste »s ist mir jetzt eben
nicht spöttisch zumut aber ich seh nur nicht ein was es für ein Jammer sein
soll dass ich jetzt endlich vor den Herren und vor der ganzen Gemeinde erklären
kann dass ich mich mit der Christine in allen Treuen versprochen hab und sie
heiraten will Und das sagst du morgen vor Kirchenkonvent Christine und gibst
alles an wies wahr ist und sagst unverhohlen ich sei der Vater zu dem Kind
das du unterm Herzen trägst Heulet doch nicht so« wandte er sich zu der Alten
die bei diesen Worten wieder in ein lautes Geschrei ausbrach »das ist eine
natürliche Sach wer A gesagt hat muss auch B sagen und mich wunderts nur dass
die Leut noch so ein Zetermordio drüber verführen können da es doch so oft und
allerorten vorkommt Es ist nur bis das Kränzle verschmerzt ist Seht einmal
die Kinder an die das Kyrie nicht abgewartet haben und vergleichet sie mit den
andern die rechtmäßig kommen sind Ist ein Unterschied zwischen ihnen Und
macht man noch einen Unterschied zwischen einer Frau die vor zehn zwanzig
Jahren am Mittwoch hat vor dem Altar stehen müssen und einer die ihr Kränzlein
in Ehren wie sies heißen vor den Menschen aber vielleicht nicht vor Gott
getragen hat Wenn einmal Gras drüber gewachsen ist so verzollt jedermann die
ein für so gut wie die ander und denkt keine mehr dran ja es ist schon oft
genug vorkommen dass eine statt an ihre Vergangenheit zurückzudenken ihre
jüngeren Leidensschwestern aufs bitterste verfolgt hat und ist noch liebloser
mit ihnen umgangen als eine der man nichts hat vorwerfen können So darfst
dus einmal nicht machen Christine sonst halt ich dir einen Spiegel vor in
dem du etwas schauen kannst was dir solch ein unchristlichs Betragen verbieten
soll«
    »Er ist doch ein sündhafter Mensch« sagte der Hirschbauer den übrigens
Friedrichs Reden sichtlich aufgerichtet hatten Die Alte aber verharrte in ihrer
Trostlosigkeit und schalt ihn heftig dass er es mit einer so wichtigen Sache
wie das Ehrenkränzlein so leichtfertig nehme
    »Von wem hab ich das gelernt« entgegnete er »Bei armen Leuten freilich
die das Strafgeld nicht aufbringen können ists etwas Wichtigs weil sie dann
einen Schimpf auf sich nehmen müssen der nicht so bald wieder von ihnen abgeht
Von den Vermöglicheren aber steckt die Herrschaft das Geld dafür ein und was
ich mit Geld bezahlen kann das kann ich doch nicht so schwer nehmen Jetzt
sagt selber wer handelt und redet leichtfertig die Herren oder ich«
    »Ja wenn mein Kind schellenwerken müsst« sagte der Bauer »das tat mich
vollends unter den Boden bringen«
    »Dafür bin ich noch da« versetzte Friedrich »Ihr werdet doch nicht
glauben solang ich noch einen Kreuzer hab werd ichs zulassen dass mein
künftigs Weib die Straf mit dem Karren abverdienen muss«
    »Wenn Er nur auch auf Seinem Sinn bleibt« seufzte die Alte die sich nach
und nach gleichfalls ein wenig zufrieden gab
    Er tat seine reiche Schatzkammer von Schwüren und Beteuerungen auf und
spendete nicht karg daraus Sein zuversichtliches Wesen beruhigte die Familie
allmählich wie seine Erscheinung Christinen schon längst beruhigt hatte
Ungescheut zog er sie zu sich nieder und saß am Tische als ob er nach längerer
Abwesenheit sich mit seinem Weibe auf Besuch bei den Schwiegereltern befände Er
ließ Wein kommen und steckte mit Hilfe desselben alle durch seine muntere Laune
an Der alte Hirschbauer wenn er auch noch von Zeit zu Zeit den Kopf
schüttelte ließ sich doch durch seine unbefangene Art die Dinge anzusehen und
anzufassen einmal übers andere zum Lächeln bringen die beiden Söhne aber
durch Friedrichs herzhaftes Auftreten ganz und gar gewonnen erfüllten die Stube
mit Gelächter über die lustigen Einfälle die er zum besten gab Die Bäuerin
nachdem sie den peinlichen Teil des Gesprächs einmal überstanden und hinter sich
liegen hatte suchte ihre Neugier zu befriedigen und ließ sich von seiner weiten
Reise erzählen wobei der kleine Wollkopf an seinen Lippen hing und mit
aufgerissenem Munde in die zunehmende Heiterkeit einstimmte die er so wenig
begriff als er zuvor den Jammer begriffen hatte Christine aber lehnte sich
selig und durch kein elterliches Verbot gestört an ihren Liebsten an es war
ihr wie ein Traum dass er ihrer Unglücksahnung zum Trotze so bald wieder
zurückgekommen und dennoch so lange für sie nicht auf der Welt gewesen war
Jetzt aber war er ihr auf einmal wie ein Stern gerade in der schwärzesten Nacht
aufgegangen und sie vergaß das Elend das ihr vorhin so unübersehbar gedeucht
hatte vergaß dass sie morgen vor dem geistlichen Gericht erscheinen sollte um
sich zu verantworten wegen der Missetat die sie aus Liebe zu ihm begangen
hatte
 
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Morgens in aller Frühe war Friedrich schon wieder bei Christinen um ihr die
Stunden der Angst bis zu dem Gange den sie diesen Vormittag anzutreten hatte
zu vertreiben noch mehr aber um vor der öffentlichen Erklärung welche er zu
geben beabsichtigte jeder Unterredung mit seinem Vater auszuweichen der
wirklich zu glauben schien er werde in den Lauf der Welt sich fügend und von
der Unmöglichkeit einer anderen Handlungsweise übermannt sein Mädchen die ganze
Verantwortlichkeit für das Geschehene allein tragen lassen
    Die gefürchtete Stunde war endlich angebrochen Er nahm Christinen an der
Hand und führte sie mit tröstlichen Worten von ihren Eltern fort Arm in Arm
ging er mit ihr durch den Flecken und die lachende Frühlingssonne die zu dem
Gange schien bestärkte ihn in dem Glauben dass die himmlischen Mächte ob dieser
Liebe nicht zürnten Er trat aufrecht wie ein Sieger neben Christinen einher
die mit niedergeschlagenen Augen an seiner Seite ging und die Leute die ihnen
begegneten machten zwar verwunderte Gesichter wagten aber doch erst nachdem
das Paar vorüber war die Köpfe zusammenzustecken und einander ihre spöttischen
Bemerkungen mitzuteilen Am Ratause ließ er ihren Arm los »So jetzt musst
dein Strauss allein ausfechten« sagte er »aber wenn ich gleich nicht dabei
sein darf so hab nur guten Mut du weißt ja dass ich nicht weit bin und dir
nachher im Protokoll beispringen werd hier unten will ich deiner warten«  »O
Frieder wie ist mir das Herz so schwer und ich schäm mich so vor den Herren«
erwiderte sie  »Hätt fast was gesagt« rief er und trieb sie die Treppe
hinauf »schämt sich eine Braut auch zur Hochzeit zu gehen Sei du froh dass
wir endlich einmal wenigstens im Kirchenkonventsprotokoll miteinander kopuliert
werden«
    Er wartete lange unter dem Ratause Da er sich den neugierigen Blicken der
Pfarrerin ausgesetzt sah die von ihrem Fenster auf ihn herabschaute so
wechselte er seinen Standort doch so dass er immer die Türe des Ratauses im
Auge behielt Allein er musste von manchem Vorübergehenden neugierige Fragen
aushalten denn auf dem Lande steht man nicht ungestraft an einer Ecke ruhig
still und beinahe hatte er die Geduld verloren als nach einer vollen Stunde
Christine auf der Ratausstaffel erschien und sich nach ihm umsah Er winkte
ihr »Du hast aber lang gemacht« sagte er verdrießlich »ich glaub du hast
alles was sich seit deiner eigenen Geburt zugetragen hat gebeichtet«  »Was
kann denn ich dafür« erwiderte sie »Halt dich nur parat der Büttel folgt mir
aufm Fuß ich habs noch gehört wie er Befehl erhalten hat dich vorzuladen«
 »Wart am Bach drüben auf mich« sagte er »da gehen nicht so viel Leut«  Sie
eilte von ihm weg froh aus der Nähe des Ratauses zu entkommen Kaum war sie
verschwunden so kam der Schütz heraus und winkte ihm »Er erspart mir einen
Gang« sagte er  »Und einen Schoppen« lachte Friedrich  »In der Sonne«
erwiderte der Schütz grinsend »hätt ich schätz wohl heut keinen bekommen das
Geschäft trägts nicht aus Übrigens ist hier keine Zeit nicht zu verlieren Er
ist vor löbliches Kirchenkonvent zitiert und hat ohne Aufenthalt zu erscheinen«
 »Das kann geschehen« erwiderte Friedrich und ging die Treppe hinauf
    Als er an der Türe des Ratauszimmers auf sein Klopfen keine Antwort
erhielt trat er mutig ein und wünschte einen guten Morgen blieb jedoch an der
Türe stehen An dem Tische mit geschweiften Füßen über welchem ein neugemaltes
Bild der Justitia hing saß der Pfarrer obenan neben ihm der Amtmann dann der
Anwalt der als Untergeordneter des Amtmanns die Schulzenstelle versah nach
diesem ein Mitglied des Gemeindegerichts und zuletzt der Heiligenpfleger Diese
zusammen bildeten das gemischte Kollegium der Kirchenzensur dessen
vorherrschend geistlicher Charakter ungeachtet der weltlichen Beimischung in
seinem Namen und im Vorsitze des Pfarrers zu erkennen ist Das
Magistratsmitglied das über dem Heiligenpfleger saß blickte den Eintretenden
besonders finster an es war sein Vormund der sich nicht wenig schämte seinen
Pflegesohn unter solchen Umständen im Verhör zu erblicken Der Pfarrer räusperte
sich »Tret Er näher daher« sagte er Friedrich trat einige Schritte vor »Es
ist mir« begann der Pfarrer »von christlich denkenden Leuten welchen Ärgernis
in der Gemeinde leid ist fürgebracht worden wie dass die Christina des Hans
Jerg Müllers Bauern Tochter im Geschrei sei dass sie mit einem Kinde gehe
Als sie daher vor dieses löbliche Zensurgericht fürgeladen worden hat sie ihre
Schwangerschaft nicht leugnen können und auf Befragen mit wem sie sich
göttlichen und menschlichen Gesetzen zum Trotz vergangen hat sie Ihn als Vater
zu ihrem Kind angegeben Ist das wahr«
    »Ja Herr Pfarrer und ihr Herren Richter« sagte Friedrich mit fester
Stimme so dass alle einander betroffen ansahen und dann mit Abscheu auf den
jungen Menschen blickten der mit einem so unerhörten Tone seine Schuld
bekannte Die Freudigkeit die aus seiner Stimme klang wurde von diesen
Männern die in den herkömmlichen Bräuchen und Sitten aufgewachsen waren als
eine schamlose Frechheit angesehen
    »Hat Er keinen Verdacht« fuhr der Pfarrer fort »dass sie vielleicht noch
mit andern Burschen zugehalten hat«
    »Nein Herr Pfarrer das hat meine Christine nicht getan«
    »Seine Christine« sagte Friedrichs Vormund unwillig und höhnisch zum
Heiligenpfleger
    »Sie gibt an« fuhr der Pfarrer fort »Er habe ihr die Ehe versprochen Ist
das wahr«
    »Ja Herr Pfarrer und mit heiligen Eiden«
    »Saubere Eide« sagte der Pfarrer und las aus dem vor ihm liegenden
Protokoll »Er habe ihr die Ehe mit vielen Verpflichtungen versprochen wenn er
sie nicht behalte so solle das erste Nachtmal ihm das Herz abstossen Ist dem
so«
    »Ja Herr Pfarrer akkurat so hab ich gesagt« antwortete Friedrich ganz
vergnügt dass Christine durch diese Aussage seine redliche Absicht so klar
dargelegt hatte
    »Er Gotteslästerer« fuhr der Pfarrer auf »heißt das ein heiliger Eid wenn
man den Namen Gottes oder seines heiligen Sakramentes so unnütz und ruchlos
führt Ich muss es dem Herrn Amtmann anheimgeben ob er es nicht seines Amtes
hält gegen diesen offenbaren Frevel vorzufahren«
    »Für Sein Fluchen und Schwören« nahm der Amtmann gegen Friedrich gewendet
das Wort »ist Ihm hiemit ein Pfund Heller angesetzt unangesehen der andern
Strafe die Ihn für sein Vergehen trifft«
    Der Pfarrer beeilte sich den Strafsatz ins Protokoll einzutragen und dem
Heiligenpfleger aufzugeben dass er das Geld von dem Kontravenienten richtig
einziehe
    »Ich muss es leiden« sagte Friedrich gelassen »aber mein Herz hat nichts
Böses dabei gedacht ich hab nicht fluchen und nicht schwören wollen sondern
bloß ein recht festes Versprechen ablegen«
    »Das tut man nicht in so ruchlosen Ausdrücken die Gott betrüben müssen«
versetzte der Pfarrer
    »Wie kannst du Lump« fuhr jetzt sein Vormund gegen ihn auf »wie kannst du
ein Versprechen geben und ein Ehverlöbnis eingehen ohne Einwilligung deines
Vaters da du doch minderjährig bist«
    »Das wird sich auch bei der Strafe finden Herr Senator« bemerkte der
Amtmann »Wenn sponsalia clandestina gewesen sind oder ein minderjähriger
Bursche sich vor erlangter Dispensation verlobt so ist laut Resolution vom« 
er blätterte eine Weile in den umherliegenden Gesetzen Reskripten und Normalien
und fuhr dann ärgerlich die Stelle nicht gleich zu finden fort »so ist laut
hochfürstlicher Resolution die vor kaum vier Jahren emanieret das Vergehen
nicht als ein zwischen Verlobten vorgefallenes sondern als ein gemeines
delictum carnis anzusehen und demgemäss mit höherer Strafe zu belegen und zwar
selbst dann wenn nachträgliche legitime Verlobung und Heirat erfolgt was hier
alles noch im weiten Felde stehen dürfte«
    Friedrich der den Sinn dieser Rede ungeachtet der eingestreuten
lateinischen Brocken gar wohl verstanden hatte nahm das Wort und sprach »Ihr
Herren man kann mich strafen so viel und hoch man will darum lass ich doch
nicht von meinem Schatz und wenn man uns auch ansieht als ob wir wie unehrbare
und verrufene Personen wider das sechste Gebot gesündigt hätten so weiß ich
doch dass nichtsdestoweniger mein Schatz ein ehrlichs Mädle ist und so sittsam
wie nur einem von den Herren seine Frau sein kann«
    Die Konventsrichter hatten eine Weile ihren Ohren nicht getraut und ihn
deshalb ruhig sprechen lassen dann aber entstand ein Aufruhr am Ratstische
»Will Er schweigen« rief der Pfarrer »Man hat Ihn vorgeladen damit Er sich
verantworte« herrschte ihm der Amtmann zu »und nicht damit Er sein böses Maul
brauche« »Ich möcht dich zerbrechen« schrie sein Vormund »bist noch nicht
hinter den Ohren trocken und schwätzst so frechs und ungesalzens Zeug« »So
einer ist mir noch gar nie vorkommen so lang ich im Kirchenkonvent sitz« sagte
der Heiligenpfleger »die andern wagen die Augen kaum aufzuschlagen und schämen
sich der Sünd der aber pocht und will noch gut haben«
    »Und lästert göttliche Gebote« hob der Pfarrer wieder an »Und fürstliche
Verordnungen« fügte der Amtmann hinzu Der Anwalt sagte gar nichts der
unerhörte Auftritt hatte lähmend auf seinen Geist gewirkt
    Friedrich wollte abermals sprechen »Still« riefen der Pfarrer und der
Amtmann »Still« schrien die andern Mitglieder hinterdrein
    Friedrich biss die Zähne übereinander und schwieg
    »Wie kannst dus vor deinem rechtschaffenen Vater verantworten« fuhr ihn
sein Vormund an »dass du dich hinter seinem Rücken in eine solche
Lumpenliebschaft eingelassen hast und was glaubst du dass er dazu sagen wird
dass du ohne sein Wissen dich mit einem Ehversprechen gebunden hast und willst
jetzt behaupten du lassest nicht davon Das will ich von dir hören«
    »Es ist mir ja verboten zu reden« erwiderte Friedrich störrisch
    »Nein nein« befahl der Pfarrer »darüber darf und soll Er sich
verantworten dass Er den kindlichen Gehorsam so gänzlich hintangesetzt und sich
eigenmächtig in eine Verbündnis eingelassen hat die ein junger Mensch wenn der
Segen Gottes dabei sein soll nur unter ausdrücklichem Konsens seiner Eltern
nach deren reiflicher Erwägung und in der Zucht Gottes schließen soll«
    »Herr Pfarrer« antwortete Friedrich »meine Meinung ist wenn ein Mensch
heiraten soll so kanns sein Vater nicht für ihn versehen sondern jeder muss
selber wissen was sich für ihn schickt Wenn ich meinen Vater für mich wählen
ließ und es tät nachher übel ausfallen so kann ich ihm doch die War nicht
heimschlagen sondern muss sie behalten Darum weil ich die Verantwortlichkeit
dafür mein ganzes Leben lang oder bis Gott anders verhängt tragen muss so halt
ichs auch für recht und billig dass es dabei nach meinem Kopf geht und nicht
nach einem fremden Hab ich mich dann vergriffen in meiner Wahl so muss ichs
haben und geschieht mir recht wenn ichs mein ganzes Leben durch büßen muss
darf mich auch über keinen andern beklagen muss ich aber einen fremden Fehler
büßen so widerfährt mir groß Unrecht und hilft mich all mein Klagen und
Schelten doch nichts mehr«
    »Das sind sündliche eigenwillige aufrührerische Reden« rief der Pfarrer
»Er wirds noch an Galgen bringen wenn Er so fortfährt nach Seinem Kopf zu
leben und elterliche obrigkeitliche und göttliche Autorität zu verachten«
    »Herr Pfarrer was werden wir uns lange mit dem rechtaberischen Tunichtgut
herumstreiten« sagte der Amtmann »Die Obrigkeit gibt sich viel zu sehr
herunter und büsst an ihrem Ansehen ein wenn sie sich mit den Untertanen in
Disputationen einlässt absonderlich mit einem Buben der der Rute noch nicht
entwachsen ist Hier liegen die Gesetze und Verordnungen Unsere Sache ist es
sie auszuüben seine sich in das Gesetz und in die Welt zu fügen Wenn er das
nicht in den Kopf bringt so mag er dahinfahren«
    »Ich glaube auch dass es verlorene Worte sind die man an ihn verschwendet«
versetzte der Pfarrer
    »Ja ich hab das öd Geschwätz ganz satt« sagte der Anwalt welcher
schwerlich damit die Reden des Pfarrers und des Amtmanns meinte es aber doch im
Dunkeln ließ wem diese verdrießliche Bezeichnung galt
    »Fort mit ihm Fort« schrien der Richter und der Heiligenpfleger
    »Einen Augenblick Geduld noch« rief der Pfarrer »Seine Aussage ist also
dass Er der Christina Müllerin die Ehe versprochen habe und sie heiraten wolle
wenn Sein Vater das Jawort dazu gibt«
    »Ja« antwortete Friedrich »mit der Einwilligung gleich jetzt und ohne die
Einwilligung später wenn ich mein eigener Herr bin«
    Der Pfarrer wiederholte die vorigen Worte murmelnd während er sie ins
Protokoll schrieb »Er kann gehen« herrschte er dann und klingelte »Den
Sonnenwirt« rief er dem eintretenden Schützen zu
    Christine stand am Bach und weinte aber ihr Gesicht klärte sich alsbald
auf als sie ihren Freund kommen sah »Es hat den Kopf nicht gekostet« sagte er
lachend »Sie haben mir zwar schandlich getan und zuletzt haben sie mich gar
fortgejagt weil sie nicht Meister über mich worden sind aber sie haben mirs
eben doch Schwarz auf Weiß zu Protokoll nehmen müssen dass es zwischen uns
beiden richtig ist und das ist die Hauptsach«
    Als er ihr dann erzählte dass er wegen seines Schwures noch extra gestraft
worden war sie sehr betreten und sagte »Ach Gott wenn ich das gewusst hätt so
hätt ich dich nicht verraten«
    »Sei nur zufrieden« entgegnete er »sie wissen jetzt um so gewisser dass
ich dir Wort halt«
    »Oh du bist brav« sagte sie sich an ihn anschmiegend »Sieh das richtet
mich immer wieder auf wenn mich das Elend zu Boden drücken will Aber das sind
wüste Leut die Herren« fuhr sie fort »ich hätt gar nicht glaubt dass es so
herging bei ihnen Hat der Pfarrer auch so wüsts Zeug an dich hingeschwätzt«
    »Dumms Zeug gnug aber nichts Wüsts Was hat er denn gesagt«
    Sie drückte sich noch näher an ihn an und wagte ihm nur ins Ohr zu flüstern
»Denk nur« sagte sie »Wann ist die böse Tat geschehen Wo ist die böse Tat
geschehen Wie ist die böse Tat geschehen Das hat er mich alles nacheinander
gefragt und es hätt not getan dass ich ihm noch mehr gesagt hätt als ich
gewusst hab Ich bin schier in Boden gesunken so hab ich mich geschämt Auch hat
er wissen wollen obs an einem Sonntag geschehen sei Du kannst dir aber wohl
denken was ich darauf geantwortet hab«
    »Man sollts nicht glauben« sagte Friedrich »was so ein alter geistlicher
Hirt vor seinen Lämmern Sprung machen kann Spricht der von der bösen Tat wie
ers heißt mit einem Gesicht  so  gelt voll Abscheu«
    »Freilich ein Gesicht hat er dazu gemacht als wenns ihm recht übel wär«
    »Ja aber protokolliert eine ganze Stund fort und kann gar nicht loskommen
von der bösen Tat und wärmet sich dran wie der König David an der jungen Dirne
von der in der Bibel geschrieben steht Wenn ers für eine Sund und ein Laster
hielt so blieb er nicht so lang dabei stehen Mich hätt er so was fragen
sollen Ich hätt ihn an seine Frau verwiesen die solls ihm erzählen wenn ers
nicht mehr wisse Etwas Ähnlichs hab ich ihnen ohnehin gesagt«
    »Du bist aber keck« versetzte Christine »Hast du denn nicht auch Abbitt
tun müssen«
    »Ich abbitten Ich will nicht hoffen dass du so schmählich gewesen bist«
    »Was hab ich denn machen können Der Pfarrer hat immer auf mich
hineingefragt ob mir die böse Tat nicht leid sei Anfangs hab ich darauf
geschwiegen dann hat er geschimpft und gepredigt und zuletzt hab ich eben zu
allem Ja gesagt Dann hat er unterm Protokollschreiben vor sich hingebrummelt
Sie sagt sie trage Reue und Leid vor Gott und den Menschen und solle ihr gewiss
nicht wieder fürkommen und bitte Gott und die liebe Obrigkeit um Verzeihung und
um eine gnädige Straf Du weißt ja er sagt das was er schreibt immer vor sich
hin es ist dann so gut wie vorgelesen Aber meine eigene Wort sinds nicht
sondern er hat sichs eben aus meinem Ja herausgenommen und Ja hab ich gesagt
nur dass es einmal ein End nimmt denn sonst wär ich gar nicht fortkommen und
dir selber hats ja so schon zu lang gedauert ich hab gemeint du wollest mich
fressen wie ich kommen bin«
    »Geh« sagte er »das gefällt mir nicht dass du dich hast so runtertun
lassen Hättest besser hinstehen sollen«
    »Du darfst mich auch noch schlecht machen« maulte sie »Wie du bist aus der
Fremde kommen und deines Vaters Haus ist dir verschlossen gewesen gelt da hast
dich auch runtertun lassen und hast brav versprochen du wollest nichts mehr von
mir«
    »Das hab ich nicht versprochen« entgegnete er »und der heutig Tag kanns
dir am besten beweisen dass ichs weder versprochen noch gehalten hab«
    »Ja das ist wahr« sagte sie und streichelte ihn
    »Recht hab ich aber doch« fuhr er fort »das spür ich in meinem Herzen
Dies trifft und die vor Konvent kommen müssen Busse tun und Strafe leiden und
sind doch um nichts schlechter als die andern Ich weiß gewiss die wenigsten
sind sauber und viele die nicht vorgeladen und nicht gestraft werden haben
noch viel ärgere Sachen aufm Gewissen und wenn vollends unser Herrgott Umgang
hält und sieht nach den Gedanken so möcht ich doch auch wissen wer vor ihm
besteht Wenn ich dann vollends an die Offizier und Hofkavalier und an den
Herzog selber denk  der treibt was der Welt Brief ausweist vor dem ganzen
Land und das ganz Land weiß wer seine Damen sind denn so heißen sies bei
Hof wenn sie aber mit uns deutsch reden dann erfahren wir wie das Kind
getauft ist Und zudem geht er noch manchem ehrlichen Mann ins Revier
absonderlich in Stuttgart wo man sich aber oft noch eine untertänige Ehr draus
macht Der gemeine Mann denkt anders drüber Ganz kürzlich ist mir noch erzählt
worden wies ihm ein Bauer gemacht hat auf der Jagd Da hat er eine
italienische Tänzerin seine Hauptliebschaft bei sich gehabt die ist als ein
Bub verkleidet gewesen Page heißen sies und ist ihm hinausgekommen dass er
vielleicht geglaubt hat sie woll ein wenig schwärmen denn am Hof gehts her
wie in der Arch Noä und wie er so im Wald rumjagt um sie zu suchen trifft er
einen Bauern und schreit ihm zu Bauer hast du den Pagen nicht sehen reiten in
Samt blau und weiß Ja sagt der Bauer eben ist sie da abe Drauf lacht der
Herzog was er nur kann und jagt den Berg hinunter wie ihn der Bauer gewiesen
hat Und so einer will Resolutionen erlassen dass zwei Leut wie wir dies
ehrlich miteinander haben nach den Ehrennamen die sie uns geben sollen
gestraft werden Und seine Mutter die alt Herzogin die er in Göppingen droben
gefangen hält die sagt von ihm aus er sei nicht einmal seines Vaters rechter
Sohn Und solche Leut die sich selber des Ehbruchs beschuldigen wollen ihre
Untertanen wegen Übertretung des sechsten Gebots strafen Da soll doch ein
siedigs Donnerwetter«
    »Bitt dich um Gottes willen« sagte Christine die ihm obgleich sie ganz
allein waren schon mehrmals den Mund zu stopfen gesucht hatte »du redst dich
ins Unglück«
    »Ich sags ja nur dir« entgegnete er »und der Bach da wirds auch nicht
ausschwätzen Aber der Pfaff soll einmal vor den Herzog treten und ihn fragen
was er zu der bösen Tat sage und ob er nicht Gott und die liebe Obrigkeit um
Verzeihung bitten wolle«
    »Ich muss jetzt heim« sagte Christine »begleit mich noch ein wenig«
    »Komm Frau Friederin Wenn du jetzt auch noch nichts weiter bist als das
so bist du doch mehr als des Herzogs Damen alle miteinander Kebsweiber sagt
die Bibel wenn sies noch gnädig macht Aber der Salomo ist ein Judenkönig
gewesen und kein Herzog Karl zu Württemberg und Teck samt seinen Resolutionen«
 
                                       19
»Lausbub liederlicher« schrie der Sonnenwirt seinem Sohne bei dessen Heimkunft
entgegen »lügst mich an als ob du bemüht wärst Schimpf und Schand von mir
abzuwälzen und tust in gleicher Zeit das Gegenteil machst schlechte Anschläg
mit deiner Person zusammen gibst bei Kirchenkonvent vor du habest ein
Ehverlöbnis eingegangen um mich dadurch wie du vermeinst zu meiner
Einwilligung zu zwingen und sprengst mich selber vor die Herren dass ich deine
Schandtaten ausbaden soll«
    »Nur gemach Vater« erwiderte Friedrich dem Wütenden »von Lügen kann gar
nicht die Rede sein denn wie ichs mit der Christine hab das hab ich Euch ja
schon von Anfang an ohne Umschweif und ganz unverränkelt gesagt und ausgemacht
hab ich mit ihr nichts anderes als dass wir bei der Wahrheit bleiben wollen
Habt Ihr aber gemeint ich werd sie überreden dass sie sich selber zum Nachteil
und zur Schmach eine Lüge sagen solle so seid Ihr eben schief dran gewesen
denn ich hab Euch nichts dergleichen versprochen Dessen ist Euer Sohn nicht
fähig Zur Zeit Eurer Jugend mags vielleicht Mode gewesen sein ein armes Mädle
mitsamt ihrem Kind ins Elend zu stürzen und sich von ihr rein zu schwören
Jetziger Zeit aber hält man so etwas für eine Schlechtigkeit ich wenigstens
halts dafür und ein rechtschaffener Vater sollts auch dafür halten und sollt
seinem Sohn nicht zureden dass ers tue sondern wenn er damit umgeht das Mädle
zu verraten das ihn lieb hat und auf ihn vertraut und das unschuldig Würmle 
sein eigen Fleisch und Blut Vater  zu verleugnen so sollt er ihm väterlich
ins Gewissen reden und ihm vorstellen dass ein Mensch der das tut sein Leben
lang und obs ihm noch so gut ging keine ruhige Stund mehr haben kann«
    Der Sonnenwirt tobte und ergoss sich in Verwünschungen über die
Zuchtlosigkeit und dazwischen in Klagen über die unehrerbietige Aufführung
seines Sohnes Die Sonnenwirtin welche zugegen war freute sich innig über
diese Stichelreden und schürte den Zank so dass es beinahe zu Tätlichkeiten kam
Der Sonnenwirt brach jedoch endlich ab und sagte »Ich will nicht länger mit dir
streiten aber das erklär ich dir rundweg und habs auch vor den Herren gesagt
mein Konsens geb ich nun und nimmer dazu«
    »Dann steh ich wenigstens vor aller Welt gerechtfertigt da wenns ein
Unglück gibt« antwortete Friedrich
    »Und was das Rabenkind Geld kostet« wandte sich der Sonnenwirt zu seiner
Frau »Denk nur auch der Amtmann tuts nicht anders als dass die Straf in Geld
bezahlt werden soll Fünfundzwanzig Gulden fordert er für den Fehltritt Ich hab
gebeten man solls den Burschen abverdienen lassen wie andere seines
Gelichters auch die man in die herzoglichen Gärten nach Stuttgart und
Ludwigsburg zum Arbeiten schickt Schimpf und Spott ist er ja schon gewohnt
Aber der Amtmann hat gesagt es sei nicht zu machen und hat mir eine Verordnung
vorgelesen worin es heißt die Beamten sollen besser auf das herrschaftliche
Interesse sehen und wo möglich die Delinquenten künftig an den Beutel hängen
statt sie ihre Strafen in öffentlichen Arbeiten abverdienen zu lassen ja wenn
auch nur die Terz Quart oder die Hälfte der Strafe in Geld bezahlt werden
könne so müsse das geschehen und könne dann der Rest wenn es absolut nicht
anders herauszuschlagen sei in eine Arbeitsstrafe verwandelt werden sogar wenn
einer nur eine Erbschaft zu erwarten habe so müsse darüber an die Regierung
berichtet und der Bescheid abgewartet werden und wenn je die Beamten sich nicht
danach achten und dadurch das fürstliche Interesse Not leiden lassen sollten so
werde man sich an sie selbst und an ihr eigenes Vermögen halten Das hat der
Amtmann gesagt könn ich ihm nicht zumuten«
    »Da ists kein Wunder« bemerkte die Sonnenwirtin »dass die Zucht immer mehr
aus der Welt verschwindet In der guten alten Zeit wo man noch auf Sittsamkeit
und Gottesfurcht gehalten hat hat man die Sünder zu einer schimpflichen Haft
ja bei Wasser und Brot verurteilt damit sie auch gewusst haben wies tut und
nur in Ausnahmefällen bei gebrechlichen Personen hat man die Verwandlung der
Straf in Geld verstattet Jetzt aber ist die Ausnahm zur Regel worden und auch
wer nicht zahlen kann der muss wenigstens der Herrschaft den Vorteil durch
Arbeiten einbringen damit sie ja nichts verliert Lieber Gott was ist das für
eine Welt Der Reich legt das Geld hin und lacht dazu und der Herzog als obs
an den Steuern nicht genug wär lebt noch von den Sünden seiner Untertanen«
    »Und geht ihnen mit einem guten Beispiel voran« lachte Friedrich »Zürnen
wird er ohnehin keinem drüber denn es trägt ihm ja Geld ein worans ihm immer
fehlt«
    »Schweig du still« gebot der Sonnenwirt »Ich hab dann den Amtmann bitten
wollen« fuhr er gegen seine Frau fort »er solle dem Buben attestieren dass er
abhängig sei und über kein Vermögen zu verfügen hab Der Amtmann aber hat mich
ausgelacht und hat mir geantwortet da müsste man allen Kindern bei Lebzeiten
ihrer Eltern Armutsattestate ausstellen und überdies sei dies grad bei dem
Buben nicht wahr da er ja sein Mütterliches besitze wenn er auch nicht frei
darüber verfügen könne«
    »Und von dem Mütterlichen« sagte Friedrich »wird die Strafe bezahlt dann
könnt Ihr Euch nicht beklagen Vater dass ich Euch Unkosten verursach«
    »Du wirst dein Mütterlichs bald eingebrockt haben du Lump wenn du so fort
machst« versetzte der Sonnenwirt
    »Vater« sagte Friedrich »gebet mir die Christine und gebet mir mein
Mütterlichs dazu dass ich n Anfang hab dann will ichs Euch schriftlich
geben dass ich Euch nicht bloß mit keiner weiteren Anforderung beschwerlich
fallen will sondern will auf alles Erbteil an Euch verzichten«
    »Du hast ohnehin kein Recht darauf« erwiderte der Sonnenwirt »Ich kann
erben lassen wen ich will und wenn du dich nicht besserst so lass ich dich
ganz aus meinem Testament«
    »Vater« versetzte Friedrich »wenns durch Eure Härte dahin kommt dass ich
vielleicht noch vor Euch sterben muss dann wird Euch gewiss dieses Wort gereuen«
    »Es wär dir vielleicht besser du führst noch bei guter Zeit in die Grube
eh das Unglück größer wird« entgegnete der Alte »Du kannst dich ja doch in
nichts schicken Mach nur so fort und verschenk Erbschaften eh du sie hast Du
scheinst mirs mit dem Eigentum leichter zu nehmen als billig ist Freilich du
hast ja schon Proben davon gegeben und hältst dich lieber nach Zigeuner als
nach Christenart«
    Friedrich fuhr auf und der Zank drohte noch heftiger auszubrechen als man
über die Straße ein großes Geschrei vernahm das demselben ein Ende machte Es
war ein Lärm und ein Zusammenlaufen dessen Ursache man bald erfuhr Während in
der Sonne Vater und Sohn in bösem Wortwechsel begriffen waren hatte sich in der
Nachbarschaft noch ein ärgerer Auftritt zugetragen »Der Kübler hat sich leiblos
gemacht« rief man von allen Seiten So war es auch Der Kübler der schon lange
mit seinem Weibe im Unfrieden gelebt hatte ihr zum Abschied Arndts Wahres
Christentum ein paarmal um den Kopf geschlagen und sich dann mit einem stumpfen
Messer den Hals abgeschnitten Da solche extreme Begebenheiten unter der zahmen
Bevölkerung ziemlich selten waren so geriet der ganze Flecken in Aufregung und
jeder andere Handel schwieg über dem unehrlichen Grabe des Selbstmörders den
man nach Vorschrift bei Nacht in einer Waldklinge verscharrte
 
                                       20
Wenige Tage nach diesem Vorgang traf Friedrich der sich nun an kein Verbot mehr
gebunden fühlte die Familie Christinens in großer Bestürzung an Christine und
ihre Mutter weinten laut als er eintrat und der Alte der sein häusliches
Missgeschick mit leidlichem Gleichmut ertragen hatte schien heute ganz
zerschmettert zu sein Auf Friedrichs Befragen erzählte er er sei vom Pfarrer
und auch vom Amtmann vorgefordert worden Der Pfarrer habe ihm eine recht
bibelmässige Predigt gehalten wegen der Sünde dass er die standeswidrige
Liebschaft seiner Tochter geduldet und ihn vermahnt nunmehr in christlicher
Demut das Unglück derselben als eine Strafe Gottes für seinen Hochmut
hinzunehmen auch ihm eröffnet dass wenn er nicht seine Einwilligung zu ihrer
Heirat mit dem Sonnenwirtssohne entschieden versage er in allen künftigen
Fällen von Not oder Krankheit auf eine Unterstützung aus dem Heiligen nicht mehr
rechnen dürfe
    »Das kommt von meiner Frau Stiefmutter her die hat sich hinter den Pfarrer
gesteckt« sagte Friedrich bitter »Aber wartet nur Vetter es kommt gewiss noch
eine Gelegenheit wo ichs dem Höllenpfaffen eintränken kann dass er einem Vater
zumuten will er solle dazu mitelfen seine eigene Tochter um ihre Ehre zu
bestehlen«
    »So langs am Sonnenwirt fehlt« versetzte der Hirschbauer »ists
eigentlich gleichgültig ob ich meine Einwilligung geb oder nicht und das hab
ich auch dem Pfarrer gesagt Aber es hat mir schier das Herz
auseinandergerissen dass man arme Leut so unterdrückt Ich soll aus Hochmut Ihm
die Tür zu meiner Tochter offengelassen haben ich soll auf unrechten Wegen eine
vornehme Verwandtschaft gesucht haben während ich von Anfang an gegen die Sach
gewesen bin Ich will Ihm jetzt keinen Vorwurf mehr machen seit Er sich gestern
vorm Kirchenkonvent so wacker gehalten hat und hat Gott und der Wahrheit die
Ehr geben was nicht ein jeder tut aber das kann ich Ihm sagen Er ist ein
Nagel zu meinem Sarg und wenn das Ding sich nicht bald anders wendet so wird
man sehen wie tief mirs ins Herz gefressen hat Armut und Niedrigkeit kann ich
tragen aber der Schmach und Verachtung bin ich mein Leben lang aus dem Weg
gangen und ich spürs am Verfall in meinen morschen Knochen dass mich auch
diesmal zuletzt der Sensenmann drüber wegführen wird«
    »Ich hoff vielmehr Ihr sollt auf die Trübsal noch Freud an uns erleben«
sagte Friedrich dem die Worte des alternden gebeugten Mannes ins Herz
schnitten
    »Da müssts gar anders kommen« erwiderte der Hirschbauer »Für jetzt ist ein
Tag schwärzer als der ander Nach dem Pfarrer hat mich der Amtmann erfordert und
hat gefragt wie es denn mit der Christine ihrer Straf steh«
    »Die zahl ich« unterbrach ihn Friedrich »Das versteht sich von selbst Das
Geld kann ich freilich jetzt nicht geschwind herhexen aber der Amtmann muss eben
ein Einsehen haben«
    »Der tut arg pressant« sagte der Hirschbauer »Dass ich das Geld nicht
aufbringen kann hat er gleich von selber anerkannt und gesagt ich müsse eben
ohne Verzug um Strafverwandlung einkommen damit sies abverdienen könne und
wenn ich vernünftig sein und versprechen wolle dem Sonnenwirt nicht mit
ungeschickten Heiratsbegehren für sie zur Last zu fallen so wolle er sehen dass
die Strafe weil es das erstemal sei glimpflich ausfalle Nach dem was er mir
zu verstehen geben hat solls auf das hinauskommen der Schütz und sein Weib
sind scheints faul und da soll meine Tochter bei Amt alles tun was sie
nicht verrichten mögen Botengänge Ausputzen den Gefangenen ihr Sach besorgen
«
    »Das sind appetitliche Geschäfte zum Teil« bemerkte Friedrich
    »Und außerdem soll sie dem Amtmann oder vielmehr der Amtmännin im Feld und
Garten schaffen«
    »Hat er das gesagt« rief Friedrich ganz erfreut
    »Wenns nicht anders sein kann« fuhr der Hirschbauer fort »so wär das
freilich nicht das Schlimmst wiewohl michs hart ankommt das Mädle gleich von
jetzt an sechs Wochen lang denn so lang wills der Amtmann in meinem bissle
Feld entbehren zu sollen so dass ich mit meinen Buben nicht so viel wie sonst im
Taglohn verdienen könnt«
    »Jetzt hab ich ihn« rief Friedrich voll Freude
    »Dem will ichs vertreiben aus meiner Christine einen Fleckensträfling zu
machen der den Gefangenen ausmisten soll Habt nur ein wenig Geduld die
Trübsal soll schnell vorübergehen«
    Er stürmte fort ohne der erstaunten Familie zu erklären was er vorhabe
Hierauf begab er sich zu seinem Vormund um das Geld zur Bezahlung seiner Strafe
von ihm zu fordern »Es ist Notsach ich kanns dir nicht verweigern« sagte das
Gerichtsund Kirchenkonventsmitglied »aber nimm dich in acht ich schick hinter
dir drein ob dus auch gewiss aufs Rataus trägst und nicht anderswo vertust«
    »Ich hab Ihm noch nichts unterschlagen Herr Vetter« bemerkte Friedrich
    »Sollsts auch wohl bleiben lassen« erwiderte der Richter
    Friedrich blieb einen Augenblick stehen und besann sich Zwar sagte er sich
voraus dass ein Versuch auch das Geld zur Bezahlung von Christinens Strafe zu
erlangen ein ganz vergeblicher sein würde aber doch meinte er ihn machen zu
müssen Der Unglaube mit dem er seine Bitte vorbrachte wurde jedoch vollkommen
gerechtfertigt denn der Vormund hielt ihm eine derbe Strafrede und meinte es
werde für sie ganz gesund sein wenn sie auf einige Zeit nach Ludwigsburg komme
um sich alldorten alle dummen Gedanken vergehen zu lassen Friedrich wünschte
ihm einige tausend Teufel auf den Hals und empfahl sich
    Mit dem Gelde versehen ging er in das Amtaus wo er den Amtmann allein in
seinem Zimmer traf »Hier« sagte er indem er das Geld auf den Tisch legte
»will ich dem Herrn Amtmann das Strafgeld für mein Schatz überbringen«
    Der Amtmann lachte »Und wo ist denn das Seinige« fragte er
    »Dazu hats nicht gereicht ich wills abverdienen«
    »Er ist ein Querkopf« sagte der Amtmann die Stirne schnell wieder in
Falten legend »Das sind Flausen man kennt Seine Vermögensumstände und die
ihrigen Das ist ja« fuhr er sehr verdrießlich fort das Geld
auseinanderlegend »das sind ja dieselben Sorten die ich Seinem Pfleger heut
geschickt habe Es scheint dem ist mein Geld nicht gut genug dass er die erste
Gelegenheit benutzt es mir wieder zurückzuschicken mit ein wenig Geduld und
Umsicht hätt ers wohl loswerden können Nun ja das ist also die Strafe für
Ihn die Er ritterlicherweise für Seine Amaryllis hat einsetzen wollen Für
diese hätte es nicht soviel ausgemacht ich taxiere sie nicht so hoch« Er
zählte das Geld und sagte »Sein hochwohlweiser Herr Vormund muss den Beutel noch
einmal auftun er hat im Rechnen manquiert Das ist nur die Strafe dazu gehört
aber noch das Surplus von jedem Gulden drei Kreuzer für das Zuchthaus in
Ludwigsburg ferner drei Kreuzer Tax vom Gulden und endlich von zehn Kreuzern
ein Kreuzer Schreibgebühr«
    Friedrich erbot sich das Fehlende gleich zu holen »Das sind Blutigel«
sagte er unterwegs zu sich Aber es ergötzte ihn obgleich der Spaß auf seine
eigenen Kosten ging das lange Gesicht seines Vormundes zu sehen als derselbe
sich eines Irrtums in der Rechnung überführt sah und noch einmal in die Kasse
greifen musste was ihm sogar bei fremdem Gelde schwerzufallen schien
    Als Friedrich den Nachtrag gebracht und der Amtmann das Geld gezählt hatte
nahm jener das Wort »Und jetzt mit des Herrn Amtmanns Wohlnehmen möcht ich
fragen wie es mit der Christine werden soll«
    »Was geht das Ihn an« sagte der Amtmann
    »Wir gehen einander nun doch einmal näher an« erwiderte Friedrich »und da
wird mans nicht anders als billig und christlich finden wenn ich mich um sie
bekümmere Ich hab gehört der Herr Amtmann wolle sie ihre Strafe hier bei Amt
und mit Feld und Gartenarbeit abverdienen lassen«
    »Und wenn dem so wäre« sagte der Amtmann nach und nach aufmerksam werdend
    »Es wär mir nicht lieb wenn sie vor dem ganzen Flecken Strafarbeit
verrichten müsst «
    »Wer fragt denn danach obs Ihm lieb ist oder nicht«
    »Und zudem Herr Amtmann sind das keine herrschaftlichen Geschäfte«
    Der Amtmann richtete sich hoch auf und sein sonst gutmütiges Gesicht nahm
einen bösartigen Ausdruck an »Ich glaub Er will den Advokaten machen« sagte
er
    »In dem Punkt wär ich nicht ganz untauglich dazu« antwortete Friedrich »Es
gibt nichts in der Welt Herr Amtmann das nicht seine gute Seite hätte So auch
das Zuchthaus Dort bin ich mit einem zusammengewesen der hat mir erzählt ein
Amtmann habe ihn wie er einmal zum Schellenwerken verurteilt gewesen sei statt
dessen in seinen eigenen Privatgeschäften arbeiten lassen es sei jedoch
herausgekommen und man habe ihn was ihm übrigens nicht willkommen gewesen sei
zu öffentlichen Arbeiten abgeführt der Amtmann aber«  hierbei sah er dem
Amtmann scharf in die Augen  »sei um zwanzig Reichstaler gestraft worden«
    Der Amtmann wurde blaurot im Gesicht so dass man bei seiner nicht eben
mageren Gestalt einen Augenblick einen gefährlichen Anfall befürchten konnte Es
ging aber vorüber und er sagte verächtlich »Ihm einem Züchtling einem
vielfältigen Facinoroso wird man viel Glauben schenken wenn Er etwas wider
mich vorbringen will«
    »Der Herr Amtmann« erwiderte Friedrich »vergisst dass ich nicht allein
darum weiß«
    »Es ist wahr« versetzte der Amtmann »ich habe aus gutem Herzen dem alten
Müller angeboten seine Tochter die Strafe auf eine leichte und gelinde Art
abbüssen zu lassen dabei war es nicht sowohl mein als meiner Frau Gedanke sie
in unserer Privatökonomie nebenher zu beschäftigen es ist aber nicht mit einem
Wort die Rede davon gewesen dass sie das im Strafwege tun solle sondern sie
hätte Geld dabei von uns verdient das wir jetzt Würdigeren zukommen lassen
werden Die Amtsgeschäfte aber die ich ihr zur Abverdienung ihrer Strafe habe
auferlegen wollen sind allerdings herrschaftliche Geschäfte Doch darüber
brauche ich mit Ihm nicht zu streiten Das Gesindel ist nicht wert dass man
humane Absichten mit ihm hat Sein Weibsbild kommt jetzt nach Ludwigsburg in den
Herrschaftsgarten muss dort sechs Wochen lang arbeiten wird mit Wasser und Brot
gespeist was sie jedoch abermals abverdienen muss nachts ins Blockhaus
eingeschlossen damit sie nicht dem Bettel und der Liederlichkeit nachziehen
kann und außerdem muss sie den von neuem wieder eingeführten  karren ziehen
Das hat Er mit Seiner ritterlichen Protektion für sie herausgeschlagen«
    »Es ist mir immer noch lieber als wenn sie vor dem ganzen Flecken
Strafarbeit verrichten soll« erwiderte Friedrich trotzig »Was in Ludwigsburg
vorgeht sieht man in Ebersbach nicht Übrigens hat ihr Vater doch noch Freund
dass er vielleicht die Straf in Geld aufbringen kann Und auch in dem Punkt bin
ich wieder ein Advokat Ich weiß dass der Herr Amtmann das Geld nicht
zurückweisen darf weil er für das fürstliche Interesse besorgt sein muss«
    »Es steht aber bei mir wie lange ich zusehen will« entgegnete der Amtmann
»Meine Nachsicht wird nicht lange dauern Und nun sorg Er dass Er mir aus den
Augen kommt Es geht mir wie meiner Frau mit Ihm Lass Er sich nicht wieder im
Amtaus betreten ohne dass ich Ihn verlangt habe«
    Den andern Abend spät erschien Friedrich beinahe atemlos in der Stube des
Hirschbauern »Hier ist das Geld für die Straf« sagte er die blanken Münzen
auf den Tisch legend
    »Wie kommt Er zu dem Geld« fragte der Hirschbauer »sein Vater hats Ihm
gewiss nicht gegeben«
    »Nein« antwortete Friedrich »aber ich habs auf eine Art erworben dass
ichs verantworten kann das heißt zwischen mir und dem von dem ichs hab ist
offene ehrliche Sach«
    Er war nicht zum Geständnis zu bewegen wie er zu dem Gelde gekommen sei
sondern wiederholte beharrlich seine vorige Versicherung schärfte jedoch dem
Hirschbauer ein er solle wenn der Amtmann frage nicht angeben von wem er das
Geld habe weil das nur neue Weitläufigkeiten zur Folge haben würde er solle
sagen es sei ein für den äußersten Notfall gespartes Schatzgeld oder was ihm
sonst Gescheites einfalle
    Als der Hirschbauer aus dem Amtause zurückkam erzählte er mit bedenklicher
Miene der Amtmann habe das Geld zwar genommen dabei aber bemerkt das sei ein
bedenklicher Reichtum nach dessen Quelle er bei Gelegenheit forschen wolle
 
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Von der Sonne war aller Friede und alle Freude gewichen Beinahe täglich gab es
zwischen Vater und Sohn stachlige Reden Wortwechsel Geschrei und heftige
Auftritte und wenn Handlungen vermieden wurden die das letzte Band der Liebe
in einer Familie zerreißen so kam dies bloß daher dass der Sonnenwirt die
entschiedene Erklärung seines Sohnes ein herabwürdigendes Schimpfwort gegen
Christinen werde ihn zu den äußersten Schritten treiben sich zu Herzen genommen
hatte Auch würde er der Achtung welche der Mann dem Manne durch unbeugsames
Beharren auf seinem Willen und seiner Wahl einflößt schwerlich in die Länge
widerstanden und vielleicht würde mit der Zeit seine mürrische Einsprache die
Eigenschaft einer jener unangenehmen Gewohnheiten angenommen haben die man
auszurotten oder wenigstens unschädlich zu machen vermag Gibt es ja doch
Eltern die noch immer über die Heirat eines Kindes brummen während sie schon
die Enkel auf den Armen tragen Aber die Sonnenwirtin war mit Aufbietung aller
ihrer Mittel bemüht die mildernde Kraft der Zeit und der vollendeten Tatsache
zu bekämpfen und keine gelindere Wendung des Zwiespaltes aufkommen zu lassen
Man konnte darüber streiten ob ihre Stelle  denn sie galt in ihrer Umgebung
für eine vorzügliche Wirtin  von Christinen jemals würdig ausgefüllt werden
könne ein Zweifel der sie wenig kümmerte außer insofern sie ihn als ein
Mittel gegen diese Heirat brauchen konnte was jedoch für sie als unzweifelhaft
feststand war die Gewissheit dass sie sich mit dieser Schwiegertochter
nimmermehr vertragen würde Sie war in ihrer Verfolgung gegen sie zu weit und zu
offenkundig vorgegangen als dass sie nach ihrer Sinnesart eine Versöhnung je
für möglich halten konnte Nach menschlicher Berechnung musste sie dereinst ihren
Mann geraume Zeit überleben und wenn sie jetzt diese Heirat seines Sohnes
gütlich oder durch Ertrotzung zustande kommen ließ so glaubte sie da der
Sonnenwirt dann nicht leicht zur Abfassung eines seinem Sohne feindseligen
Testamentes zu bringen war voraussehen zu müssen dass ihr nach seinem Tod das
Schicksal bevorstehen würde von dem jungen Paare aus dem Hause getrieben oder
was noch schlimmer im Hause mit Füßen getreten zu werden Friedrich konnte ihr
vielleicht vergeben Christine aber nie diese Überzeugung musste sie deshalb
hegen weil sie sich sagte dass sie an Christinens Stelle ebenso handeln würde
So trieb sie denn täglich den Keil tiefer um das Band zu sprengen oder gar die
Enterbung des Stiefsohnes durchzusetzen Sie ging oft ins Pfarrhaus und Amtaus
um dort die herrschende Ungunst zu schüren und dann ihrem für Eindrücke von oben
empfänglichen Manne wieder zu berichten was man daselbst über die ungleiche
Partie spreche auch war sie nicht sparsam ihm Drohungen und Schmähungen die
sein Sohn ausgestoßen anmassende und verletzende Reden die Christine geführt
haben sollte zuzutragen Hierbei war ihr der Fischer der sie fleißig mit der
faulen Ware seiner Berichte versorgte von großem Nutzen und er selbst zog aus
dem Familienzerwürfnis nicht geringen Gewinn
    Da die Sonnenwirtin sowohl ihren Mann als seinen Sohn sehr genau kannte so
wusste sie auch bessere Regungen die eine endliche Ausgleichung des Zwistes
hätten herbeiführen können zu ihren Zwecken auszubeuten So war es ihr gar
nicht unwillkommen als ihr Mann eines Tages zu ihr sagte »Es ist mir doch
nicht lieb dass er mich drum ansieht als ob ich ihm sein Mütterlichs
vorenthalten wollt Wenn der dumm Bub absolut in sein Unglück rennen will so
weiß ich am End nicht ob ich ihn halten soll Es ist mir nur um die Sonne Ich
hab mich eben in Gedanken ganz drein hineingelebt dass er einmal eine
Postalterserbin heiratet und die Sonne vollends recht in Flor bringt«
    »Sie werden sich um ihn reißen« bemerkte sie »er ist ein guter Brocken
verschreit wie er ist«
    »Ach was« entgegnete er »das wär bald vergessen wenn er nur einmal nicht
mehr so üherzwerch wär Aber ich geb allmählich die Hoffnung auf dass er wird
wie ein anderer Mensch Er hat eben gar keine Ehr im Leib So einem Lumpenmensch
zulieb auf sein Eigentum verzichten wollen und eine Zukunft in die Schanz
schlagen um die ein anderer tausend Stunden weit aufm Kopf lief  ich kanns
nicht begreifen Aber wenn er mit Gewalt vom Herren zum Knecht werden will so
kann ich ihn nicht anders machen Des Menschen Will ist sein Himmelreich«
    »Ja« sagte sie »man kann freilich am End nicht wissen was unser Herrgott
mit ihm vorhat Was einmal Gottes Will ist da kann man nicht wider den Stachel
lecken Und wenn er nun einmal durchaus drauf versessen ist sich mit seinem
Mütterlichen abfinden zu lassen wie er sagt und dir und andern als Knecht zu
dienen unter der Bedingung dass du ihm seine herzige Hirschkuh gibst so wär
grad jetzt eine gute Gelegenheit vorhanden wo man sie miteinander hineinsetzen
könnt Du weißt ja des Küblers Häusle will kein Mensch und sein Weib sitzt im
Elend da und täts schier umsonst hergeben«
    »Ja die hat auch nicht geruht bis sie ihn unter dem Boden gehabt hat und
jetzt hat sie das Nachsehen Das Häusle ja das wär freilich billig zu haben
sie wird noch lang vergeblich auf einen Käufer warten und das Wasser geht ihr
an den Hals Aber meinst du er werd keinen Abscheu davor haben Das Haus ist
doch arg verschrien neben dem dass es klein und schlecht ist«
    »Was der Das ist ja ein Aufgeklärter Der macht sich nichts draus und
wenn der Teufel selber drin gehauset hätt«
    Friedrich schien auch anfangs mit dem Vorschlage nicht unzufrieden zu sein
als er wie dies in solchen Fällen häufig geschieht aus dem Munde der
Nachbarsleute erfuhr mit welchem Gedanken sein Vater umgehe Aber eine
Unterredung mit Christinen änderte seinen Sinn
    »So« rief sie als er ihr den Plan mitgeteilt »ich soll in ein Haus
ziehen wo sich einer den Hals abgeschnitten hat und als Geist laufen muss«
    »Dummes Geschwätz« erwiderte er »der Küblerfritz schläft ruhig im Kirnberg
draußen und ist froh dass er vor seiner bösen Ripp Ruh hat Der lauft nimmer«
    »Das mag sein wies will aber mir grausts davor Und das Haus ist eben
einmal unehrlich Was meinst was die Leut sagen werden wenn wir drin wohnen
Da wirds heißen die beiden hat man hineingesetzt weil das Haus für jedermann
sonst zu schlecht gewesen ist und weil man glaubt dass es mit ihnen ein gleiches
End nehmen wird«
    »Du hast den rechten Zipfel erwischt« sagte Friedrich »Jetzt seh ich auf
einmal in die Sach hinein Das ist ein giftiger Gedank von der Frau Stiefmutter
und der ganz Vorschlag soll gar nichts als ein Pasquill auf mich sein«
    Seit diesem Augenblicke sprach Friedrich von dem Gegenstande ganz anders
Die wilden Reden die er gegen die Nachbarn wenn sie denselben berührten
fallen ließ wurden seinem Vater alsbald wieder hinterbracht und die
Stiefmutter sorgte dafür dass sie eher gemehrt als gemindert wurden Hieraus
erfolgten neue Auftritte zwischen Vater und Sohn die sich um so bitterer
entluden da die Verachtung die der letztere gegen den Urheber seiner Tage
hegte seit er ihn auf der Zumutung betreten hatte sein Mädchen mit ihrem Kinde
im Stich zu lassen durch den seinem Gefühl nach in herabwürdigender Absicht
gemachten Vorschlag das Haus des Selbstmörders zu beziehen noch geschärft
worden war Auch wurde er in seiner Auffassung dieser elterlichen Absicht durch
die öffentliche Meinung im Flecken bestärkt obgleich dieselbe nach der Weise
einer unter jahrhundertlangem Drucke lebenden Bevölkerung sich nur heimlich zu
seinen Gunsten aussprach Einer um den andern ließ sich verlauten »Es ist doch
nicht recht vom Sonnenwirt dass er seinen eigenen Sohn in die Hütte des
Halsabschneiders setzen will aber ich will nichts gesagt haben« Gleichwohl war
ein halbes Dutzend von denen die so gesprochen hatten nachher gleich bei der
Hand um über die unbesonnenen Reden des Jähzorns die er bei solchen Anlässen
ausgestoßen Zeugnis gegen ihn abzulegen
    Es war wieder einmal Kirchenkonventssitzung und die Mitglieder die etwa
insgeheim Freude am Skandal hatten konnten diesmal ihre Lust wirklich büßen
Vor dem Konvent standen der Sonnenwirt als Kläger und sein Sohn als Beklagter
So weit hatte es die Stiefmutter durch ihre Verhetzungen gebracht Beide wurden
konfrontiert Der Pfarrer als Vorsitzender des Gerichts hielt dem Sohn in
Beisein des Vaters vor »Sein Vater klagt wider Ihn dass nachdem er wiewohl
ungern sich erklärt dass er Ihm die Christina Müllerin mit der Er sich
vergangen habe lassen wolle und vermeint er könne bei Ihm dadurch etwas Gutes
zuweg bringen so sei Er nur immer ärger brauche gegen ihn die allerschnödesten
und schimpflichsten Reden stoße allerhand gefährliche Drohworte gegen ihn
Seinen Vater wie auch gegen Seine Mutter und andere Leute aus also dass er
niemals in seinem eigenen Haus sicher sei«
    »Kann mein Vater sagen dass ich mich an ihm vergriffen habe« wendete
Friedrich ein
    »Schweig Er still« befahl der Pfarrer »ich werde die Punkte der Ordnung
nach vornehmen« Er kramte durch die Einrede etwas aus dem Konzept gebracht
eine Weile in seinen Notizen und fuhr dann fort »Pro primo so sagt Sein Vater
Er habe Geld von ihm gefordert und da er Ihm gesagt Er habe ja erst ein
Jahrmarktstrinkgeld von ihm bekommen sechzehn Batzen warum Er es vertrunken
So habe Er gesagt Er habe recht getan und wenn Er ein größeres Trinkgeld
bekommen hätte so hätte Ers auch vertan Ist dem so«
    »Ich muss mich wundern« sagte Friedrich »dass mein Vater so elende Händel
vor Kirchenkonvent bringt Er weiß wohl dass ich mehr Geld von ihm verlangt hab
und nicht zum Trinken statt dessen hat er mich mit einem Trinkgeld abfinden
wollen und dem hab ich dann mit guten Freunden sein Recht angetan und hätts
mit einem größeren auch so gemacht weil mich ein Lumpengeld nichts geholfen
hätt«
    »So sagen alle Verschwender« bemerkte der Vormund halblaut
    »Item« fuhr der Pfarrer fort »wie Er erfahren hat Sein Vater wolle Ihm
des Kühlers Häusle kaufen habe Er gesagt der Donner solle ihn erschlagen wenn
ers Ihm kaufe so zünde Er es an sollten auch der Nachharn Häuser mit
verbrennen und wenn Sein Vater Ihm nicht dazu helfe dass Er das Weib bekomme
so wolle Er noch einen größeren Tuck tun Das gibt nicht bloß Sein Vater an
sondern ich kann Ihm eine stattliche Reihe von Zeugen stellen die ich habe
kommen lassen und die mir solches bezeuget haben«
    »Es sind vermutlich die nämlichen die mich aufgesteifet haben ich soll
mirs nicht gefallen lassen« antwortete Friedrich »Was ich im Zorn gesagt hab
weiß ich nicht mehr Die Reden die der Mensch im Zorn führt muss man nicht
auflesen sondern liegen lassen dann sinds Funken die schnell wieder
auslöschen Man hat mich schon viel böse Reden führen lassen Schon damals wie
ich als ein junger Bub vom Gaul heruntergeschossen worden bin hat man zur
Entschuldigung nachher gesagt ich hab dem Flecken mit Mord und Brand gedroht
und letzten Winter ist wieder so ein Geschrei gangen und ist beidemal kein
wahrs Wort dran gewesen Dasmal wirds vielleicht auch nicht viel besser sein
Sollt ich aber je im Weindampf von den sechzehn Batzen die mir mein Vater hier
vor Konvent vorrechnet ein solches Wort haben ausgehen lassen so ists von da
bis zur Tat noch ein weiter Weg Mein Vater hat mir des Küblers Häusle noch
nicht kauft und ich habs noch nicht anzündt Wenn jedes unnütz Wort das
einer im Zorn fallen lässt bei Kirchenkonvent angebracht würd so stünd am End
der ganz Kirchenkonvent da wo ich jetzt steh«
    »Frecher Bub« fuhr sein Vormund auf »du solltest froh sein dass dein Vater
hat für dich sorgen wollen Des Küblers Häusle ist noch viel zu gut für dich«
    »So klein und schlecht es ist« sagte Friedrich »so wär ich für meine
Person damit zufrieden gewesen Aber der Herr Vetter weiß wohl in welchem
Geruch das Häusle bei dem ganzen Flecken steht und dass ich mit meiner Christine
nicht hineinziehen kann Ja wenn mir die Herren den Küblerfritz im Wald wieder
ausgraben lassen und lassen ihn aufm Kirchhof in ein ehrlichs Grab legen dann
will ich in sein Häusle einziehen Das wär zudem ein Werk das die Herren
verantworten könnten denn was er auch mit Gottes Zulassung getan hat er ist
fürwahr kein schlechter Mensch gewesen«
    »Natürlich« rief der Vormund »gleiche Brüder gleiche Kappen«  Der
Anwalt und der Heiligenpfleger brachen in ein Gelächter aus das sie erst nach
einem Blick auf den Pfarrer und Amtmann wieder dämpften
    »Der Herr Vetter zeigt den richtigen Weg an« versetzte Friedrich »Wenn ich
in das Häusle einzög so tät mich mancher wie jetzt der Herr Vetter dann den
neuen Kübler heißen Nun bleib ich zwar dabei dass er besser gewesen ist als
man ihn ausgibt aber darum will ich doch nicht mit meiner Christine in dem
Häusle wohnen und so angesehen sein wie der Kübler mit seinem Weib So wirds
gewiss jedem andern auch gehen und daran können die Herren abnehmen obs mein
Vater ehrlich mit mir meint wenn er sagt er woll mir das Häusle kaufen
Wiewohl ich glaub gar nicht dass der Gedank in seinem Kopf gewachsen ist«
    »Item« hob der Pfarrer wieder an »soll Er gesagt haben Sein Vater henke
sein Geld lieber an die Stallmägde als dass er Ihm helfe«
    »Das ist verlogen« fuhr Friedrich auf »Mein Vater sollt sich schämen dass
er sich solche Flöh in die Ohren setzen lässt da er doch recht gut wissen könnt
woher sie kommen«
    »Item« fuhr der Pfarrer fort »habe Er mit Gewalt von Seinem Vater Geld
haben wollen dass Er Dispensation wegen Seiner Minorennität bekomme«
    »Ja das hab ich von ihm haben wollen« fiel Friedrich ein »und deswegen
ist mir das Trinkgeld mit dem er mich hat abspeisen wollen viel zu wenig
gewesen Ich weiß nicht wies mein Vater und mein Pfleger miteinander haben
wenn ich von dem einen Geld will so schickt er mich an den andern Das aber
weiß ich dass ich das Recht hab meine Minderjährigkeit abzukaufen damit ich
nicht mehr bei meinem Vater um Heiratserlaubnis zu betteln brauch und wenn ich
die Dispensation mit meinem eignen Geld bezahl so wird niemand hoff ich was
dawider haben«
    »Er soll dabei gesagt haben wenn Er nur Geld habe so brauche Er keinen
Pfarrer und keinen Amtmann dazu Summa Summarum klagt Sein Vater Er folge ihm
nicht schaffe ihm nichts gehe nur müßig sei in der Nacht draußen und erst am
Sonntag habe Er gesagt der Teufel solle das Geschäft holen Er wolle ihm keine
Arbeit mehr tun er helfe Ihm ja nicht Es bittet anbei sein Vater weil er vor
Ihm niemals weder Tag noch Nacht sicher sei so möchte man ihm Sicherheit
verschaffen vor Ihm und Ihn also verwahren dass Er sich an niemand vergreifen
und niemand schaden könne«
    »Mein Vater ist kein Mann wenn er das behauptet« erwiderte Friedrich »Ich
hab noch nie in meinem Leben Hand an ihn gelegt ich hab mich nicht einmal seit
ich aus den Bubenjahren herausgewachsen bin soviel ich auch Ursach hätt an
meiner Stiefmutter vergriffen Vom Schaffen sag ich gar nichts«
    »Wie kannst du sagen dein Vater sei kein Mann« rief der Vormund
    »Er ist kein rechter Mann ich behaupts noch einmal Er hat mir zugetraut
ich werd mein Mädle betrügen und mein leiblichs Kind verleugnen Das tut kein
rechtschaffener Mann Dann ist er in der Hand meiner Stiefmutter wie ein Rohr
das im Wind hin und her schwankt das eine Mal sagt er er gebe nie seinen
Konsens zu meiner Heirat das andere Mal will er mir des Küblers Häusle dazu
kaufen«
    »Hat Er das vierte Gebot ganz vergessen« rief der Pfarrer »dass Er im
Beisein Seines Vaters und vor uns so verächtliche Reden wider ihn ausstösst und
den kindlichen Respekt ganz hintansetzt Aber freilich Er machts der Obrigkeit
auch nicht besser Er sagt ja wenn Er Geld habe so brauche Er keinen Pfarrer
und keinen Amtmann um Seinen Kopf durchzusetzen«
    Friedrich warf einen Blick ingrimmiger Verachtung auf den Pfarrer »Der Herr
Amtmann« sagte er »wird wohl wissen dass seine Macht nicht über die ganze Welt
reicht und dass auch noch eine Obrigkeit über ihm ist Was aber Sie Herr
Pfarrer anbelangt so haben Sie meinem Schwährvater mit Drohungen das
Versprechen abgepresst dass er seiner Tochter und mir die Einwilligung
verweigere Sie nennen das was zwischen zwei jungen Leuten vorgeht die
einander lieb haben eine böse Tat Ist ein Seelsorger nicht dazu da dass er
böse Taten in der Gemeinde gutmachen hilft Ist er nicht dazu da dass er die
Gefallenen wieder aufrichtet Ist er nicht dazu da dass er den unterstützt der
den guten Willen hat das Geschehene ungeschehen oder doch wenigstens wett und
ebenzumachen Sie wissen von Amts wegen dass ich geschworen hab meiner
Christine mein Wort zu halten und sie zu heiraten und Sie wollen dahin
arbeiten dass ein Schaf aus Ihrer Herde mit Gewalt meineidig gemacht werden
soll Sie schärfen von der Kanzel und in der Kinderlehre die Pflichten zwischen
Eltern und Kindern ein und Sie muten einem Vater zu dass er seine Tochter soll
zur  werden lassen«
    Er wollte fortfahren aber der allgemeine Tumult übertäubte ihn Mit
Ausnahme des Amtmanns der behaglich sitzen blieb war der ganze Konvent
aufgestanden und donnerte auf den frechen Redner hinein Besonders heftig
eiferte der Pfarrer dessen kleine magere Gestalt sich seltsam von dem
wohlbeleibten Umfange seines weltlichen Mitbeamten neben ihm unterschied Da er
in dem Geschrei der übrigen Mitglieder welche ihn gegen die Lästerungen des
Angeklagten in Schutz nehmen zu müssen glaubten mit seiner Stimme nicht
durchdringen konnte so setzte er sich schnell wieder ergriff die Feder und
schien sich heftig schreibend im Protokoll Recht verschaffen zu wollen
    Als der Tumult verstummte sagte der Amtmann zum Pfarrer »Haben Sie auch im
Protokoll angemerkt Herr Pfarrer wie rechtfertig er ist«
    »Jawohl Herr Amtmann« antwortete der Pfarrer mit großer Befriedigung und
zeigte ihm das Protokoll »Sehen Sie hier stehts schon geschrieben Bei aller
seiner äußersten Bosheit will er immer noch recht haben«
    »Ich hoff es ist noch eine Gerechtigkeit über uns« versetzte Friedrich
»Ebersbach ist noch nicht die Welt ich will mich schon vor dem Herrn Vogt und
Spezial verantworten Euer Protokoll und Bericht Ihr Herren ist nicht nötig«
    »Schweig Er nur jetzt still« sagte der Amtmann ruhig »Sein Maß wird
nachgerade ziemlich voll sein Übrigens bin ich der Meinung Herr Pfarrer dass
der Kläger zum Schluss aufgefordert werden solle zu erklären ob er denn seinen
Konsens zu der Heirat noch nicht geben wolle«
    »Jawohl« sagte der Pfarrer »die Frage ist der Form wegen notwendig und
ich stelle sie hiermit an den Herrn Sonnenwirt«
    Der Sonnenwirt war bestürzt darüber dass die beiden Vorgesetzten deren
Ansichten er doch hauptsächlich bis jetzt gefolgt war sich gegen ihn einer
Fragestellung bedienten die ihn gleichsam im Stiche ließ Er kratzte sich
hinter dem Ohr und stotterte endlich »Ich weiß nicht was ich tun soll ich
sehe eben nichts anderes voraus als dass es sein Verderben ist«
    »Gut« sagte der Pfarrer »Es können nunmehr beide abtreten und wird das
alles ans Oberamt berichtet werden«
    Vater und Sohn gingen miteinander vom Ratause fort und nach Hause ohne
unterwegs ein Wort miteinander zu reden
    Sie waren nicht mehr weit von der Sonne entfernt als eine Stimme über ihnen
rief »Herr Sonnenwirt schämt er sich nicht Seinen Sohn vor Kirchenkonvent zu
verklagen wo die alten Weiber hinlaufen«
    Sie blickten in die Höhe Es war der Invalide der sich seit langer Zeit zum
erstenmal wieder am Fenster sehen ließ
    »Auch wieder einmal unters Gewehr getreten« rief Friedrich hinauf
    »Und Er« sagte der Invalide zu ihm »hätts auch nicht so weit kommen
lassen sollen Ich habs Ihm schon einmal gesagt«
    »Damals wars schon zu spät« lachte Friedrich »Auf Wiedersehen«
    Sein Vater war ohne dem Invaliden zu antworten vorausgegangen Unter der
Haustüre wartete er auf ihn »Willst du dein Mütterlichs nehmen und nach
Amerika gehen« sagte er zu ihm
    »Ich will mit meiner Christine drüber reden« antwortete Friedrich und
machte sich unverweilt auf den Weg
    Nach einer halben Stunde kam er heim und brachte die Antwort »Sie will
nicht« sagte er »sie erklärt sie wolle sich in Ebersbach nicht nachsagen
lassen sie habe so unrechte Dinge getan dass sie habe nach Amerika gehen
müssen wo bloß die schlechten Leute hinwandern Ihr Wahlspruch sei Bleibe im
Lande und nähre dich redlich«
    »Es steht geschrieben das Weib soll dem Mann folgen« sagte der Sonnenwirt
    »Das müsst sie auch wenn mirs Ernst wär« erwiderte Friedrich »Aber ich
bin mit mir selber nicht im klaren wies mit dem Amerika ist ich weiß nicht
obs Balken hat oder ob ich drin schwimmen kann Wenn ich allein wär ging ich
schon so aber lass ichs auf die Christine ankommen weil ich selber nicht weiß
was besser ist«
    »Da siehst dus sie hängt wie ein Radschuh an dir und hindert dich überall
am Fortkommen«
    »Und wenn sie mir jetzt schon ganz verleidet wär  ich hab ihr mein Wort
gegeben und das halt ich ihr«
 
                                       22
Heu und Frucht waren eingetan und alles ging seinen gewöhnlichen Gang nur in
Friedrichs Heiratsangelegenheit wollte keine Bewegung kommen Alles was er
bisher getan hatte um dieselbe ins Werk zu setzen war wie ein Schlag ins
Wasser gewesen Längst hatte er seine Supplik an die Regierung eingereicht und
als Minderjähriger um Heiratserlaubnis gebeten Damals war er sehr vergnügt von
Göppingen zurückgekommen und hatte Christinen erzählt der Vogt dem er die
Schrift zum Beibericht gebracht habe ihm zwar scharfe Vermahnungen gegeben
aber den Ausspruch getan wenn ein Bursche sein Mädchen ehrlich machen wolle so
müsse man ihn eher aufmuntern als abschrecken Er hatte also nicht mit Unrecht
darauf vertraut dass die höhere Behörde sein Anliegen nicht aus dem engen
Gesichtskreise der Fleckenregierung betrachten werde Leider aber wurde der Vogt
bald hernach auf ein anderes Oberamt versetzt und sein Nachfolger ließ die
Schrift liegen »Da brauchts nichts als Geld« sagte Friedrich »man muss eben
seine Schreiber schmieren damit sie ihm die Sach im Andenken erhalten wenn nur
das Geld nicht so rar wär« Die Zeit rückte immer näher wo sein Kind unehlich
zur Welt kommen sollte um nach der herrschenden Meinung sein Leben lang einen
Makel zu behalten und Christine jammerte darüber so dass sie oft mit ihren
Klagen seine eigene Verzweiflung betäubte Ihr Vater war bettlägerig geworden
zwar verdienten seine herangewachsenen Söhne über die Sommerszeit durch Taglohn
so viel ins Haus dass er nicht wie früher bei dem Pfarrer um Unterstützungen
nachsuchen musste aber bei jedem Bissen ließ sich die Armut mitschmecken und
Christine die nach dem ordnungsmässigen Gang der Dinge statt dem elterlichen
Hauswesen zur Last zu fallen einem eigenen hätte vorstehen sollen wurde von
den Ihrigen scheel angesehen Sie machte sich ihnen schon dadurch als eine Bürde
fühlbar dass sie durch Arbeiten wenig und zuletzt nichts mehr zur Erhaltung der
Familie der sie doch zehren half beitragen konnte Macht man ja doch nicht
bloß in jenen Kreisen des Lebens welchen man das Vorrecht der Roheit zugesteht
die Erfahrung dass die Not die Zartheit der Gesinnungen leicht verwischt und der
gefährlichste Prüfstein für alle Liebe und Freundschaft ist Christine hatte ein
Recht ihr Elend am Halse des einzigen auszuweinen der ihr zu Trost und Hilfe
verpflichtet war und sie machte von diesem Rechte fleißigen Gebrauch auch war
es natürlich dass die Beschwerden eines Zustandes der selbst eine im Schoße des
ungetrübten Glückes lebende Frau zur Schwermut reizen kann das oft von den
notwendigsten Hilfsmitteln entblößte Mädchen maßlos unglücklich machten All
dieser Jammer stürmte auf Friedrich herein der dem Gefühle seiner Hilflosigkeit
bald in stumpfem Hinbrüten bald in Ausbrüchen einer wahnsinnigen Wut gegen die
herzlose Zähigkeit der Welt den Lauf ließ Auf den Schwager dem er einst
vertraut hatte konnte er schon längst nicht mehr rechnen derselbe hatte sich
von ihm losgeschält und ihm erklärt er wolle es nicht durch Parteimachen für
eine Sache die er von Anfang an getadelt mit seinem Schwiegervater verderben
auch hatte er seiner Frau untersagt sich ihres Bruders ferner anzunehmen
    Um diese Zeit lief die Sonnenwirtin eines Tages ins Amtaus um der
Amtmännin zu erzählen dass ihre älteste Tochter die Krämerin wenn der Herr
Amtmann sie nur vernehmen wollte Greueldinge von dem ungeratenen Bösewicht
aussagen könnte Der Amtmann versammelte von seiner Frau angetrieben seine
beiden Urkundspersonen und ließ die Krämerin rufen welche weinend vor ihm
erschien »Ihr Bruder« gab sie zu Protokoll »habe drei Gulden gefordert damit
er sein Memorial und Bericht zu Göppingen bekomme Darauf habe sie ihm gesagt
sie wolle nicht zum Vater gehen weil sie wisse dass er sich bloß darüber
erzürne er solle seinen Pfleger schicken Nun habe er aber angefangen zu toben
er sehe wohl dass ers verloren habe morgen wolle er einen Rausch trinken und
sein Messer schleifen in seines Vaters Haus hingehen und das Geld fordern und
wenn ers nicht gebe ihn niederstechen und wenn seine Mutter etwas sage ihrs
auch so machen Dann habe er Geld genug und nehme alles was vorhanden sei
Dieses alles habe er mit einem recht unmenschlichen und bestialischen Grimm und
Eifer ausgesprochen das Donnerwetter solle ihn in die Ewigkeit hinüberschlagen
wenn er das nicht tue weshalb ihr so angst geworden dass sie nicht ruhig habe
zum heiligen Abendmahl gehen können«
    Nachdem der Amtmann das Protokoll aufgenommen und die Angeberin entlassen
hatte sagte einer der beiden Gerichtsbeisitzer »Es wird doch nötig sein dass
man den Frieder auch verhört«
    »Wozu« versetzte der Amtmann »Ich weiß schon zum voraus was der sagen
würde der Advokat Ich schicke eben einfach den Bericht nach Göppingen und
wenn von dort wieder nichts kommt wie auf die Kirchenkonventsverhandlung so
kann mirs gleichgültig sein Wiewohl der neue Vogt wird es vielleicht mit
dergleichen komminatorischen und kalumniösen Redensarten etwas schärfer nehmen
Vielleicht lässt er auch die Sachen ad cumulum zusammenkommen denn mir ahnts
dass noch mehr bevorsteht und dass ich noch weitere Protokolle und Berichte
schreiben muss«
    Indessen schien es doch dass Friedrichs Drohungen nicht auf unfruchtbaren
Boden gefallen seien denn unerwartet gab ihm sein Vater der etwa unruhig
geschlafen haben mochte das Geld zu seiner Werbung in Göppingen und bald hatte
er es dahin gebracht dass seine Supplik bei der fürstlichen Regierung lag
Nachdem aber seine Angelegenheit diesen Schritt vorwärts getan hatte erfolgte
wieder ein langer Stillstand und jeder vorüberfliehende Tag mehrte ihm das
Gewicht der Klagen Christinens die in der Ungeduld ihres Jammers meinte wenn
sie nur einmal rechtmäßig die Seinige wäre dann würde allen anderen Sorgen auf
immer abgeholfen sein
    Abermals liefen die Weiber im Flecken zusammen und erzählten sich von
grässlichen Reden die er ausgestoßen haben sollte ja man legte ihm die
Versicherung in den Mund er wolle den nächsten besten der ein paar Gulden im
Sack habe über den Haufen stechen um mit dem Geld nach Stuttgart gehen zu
können Allein ungeachtet dieser rohen Worte waren und blieben die Straßen
sicher vor ihm und er gelangte auf diesem Wege so wenig in den Besitz des
unentbehrlichen Geldes als er es diesmal von der unstet hin und her
schwankenden Gesinnung seines Vaters herauszubekommen vermochte
    Christine riet ihm sich in dieser Verlegenheit an die Bäckerin zu wenden
sie selbst hatte nicht das Herz dazu Mit der Geduld welche eine fortwährende
Vereitelung eines fieberhaft betriebenen Planes manchmal einflößen kann begab
er sich zu Christinens Base deren Krankheit soweit fortgeschritten war dass sie
den ganzen Tag regungslos im Lehnstuhle saß und sprach sie um ein Darlehen an
Die Bäckerin die der leidvollen Entwickelung des Liebesverhältnisses stets mit
großer Teilnahme folgte antwortete schmerzlich seufzend »Ich täts gewiss gern
aber der Mein lässt mir den Schlüssel zum Geldkästle nicht über und Ihr wisst
ja selber wie bhäb er ist« Sie sprachen noch miteinander als der Knecht des
oberen Müllers in die Stube trat Er hatte im Vorbeigehen durch das Fenster
Friedrichs Anwesenheit bemerkt und kam herein um einen Schoppen mit ihm zu
trinken »Da der Peter könnt vielleicht aushelfen« sagte die Bäckerin »der
hält sein Lohn zusammen und hat doch auch zur rechten Zeit wieder eine offene
Hand was gilts der tut sein Sparhäfele auf« Der Knecht ließ sich erklären
um was es sich handle und sagte jawohl die paar Gulden gebe er gerne her
Friedrich konnte sich ohne Beleidigung nicht weigern sie anzunehmen und doch
drückte es ihn dass er der Sohn des reichen Sonnenwirts zu einem Knechte
obwohl es sein guter Bekannter war durch ein Darlehen von erspartem Lohne in
Verpflichtung und Abhängigkeit treten sollte und zwar drückte es ihn um so
mehr weil er wusste dass der Knecht selbst bei seiner gutmütigen aber
beschränkten Sinnesart sich über diese Betrachtung nicht erheben konnte
    Da er aber nun einmal die Mittel in der Hand hatte seine Sache in Stuttgart
zu betreiben so versäumte er es nicht davon schleunigen Gebrauch zu machen
Christine war ihm an dem Abend wo sie ihn zurückerwartete einige Schritte vor
den Flecken entgegengegangen An derselben Stelle wo sie auf beschneitem Wege
einst von ihm Abschied genommen saß sie nun unter einem Baume von welchem
schon einzelne herbstlich rote Blätter zu fallen begannen und erhob sich als
sie ihn die Straße daherwandern sah Er war sehr befriedigt von dem Erfolge
seiner Reise und erzählte ihr man habe ihm versprochen die Resolution auf sein
Memorial solle ihm auf dem Fuße nachfolgen »Du weißt ja« sagte er »schmieren
und salben hilft allenthalben Ohne Trinkgeld richtet man in Stuttgart nichts
aus Aber sie brauchens auch redlich Das ist dir ein Wohlleben in den Tag
hinein dass ich dirs gar nicht beschreiben kann Ich möcht nur wissen wer das
ganz Nest verhält ich glaub das Land muss sie eben verhalten denn schaffen
sieht man keinen Menschen als höchstens die Wirte und die Putzmacherinnen
Schon am frühen Vormittag liegen die Männer im Wirtshaus oder spielen in den
Kaffeehäusern und denk nur die Weiber hab ich mir sagen lassen laufen des
Nachmittags zueinander in die Kaffeevisit und bleiben bis abends acht Uhr und
drüber beieinander sitzen und mit was meinst dass sie sich die Zeit vertreiben
Mit Kartenspielen und das so hoch dass erst vorgestern eine wie ich gehört
hab mehr als hundert Gulden verloren hat Und dabei treiben sie einen Luxus
dass es nicht zum sagen ist Atlaskleider tragen sie und goldene Uhren goldene
Armbänder eine Menge Ringe mit kostbaren Steinen und Perlen um den Hals
anstatt der Granaten«
    Christine seufzte
    »Und der Herzog vollends« fuhr er fort »der lebt wie der Vogel im
Hanfsamen Er ist grad so alt wie ich hab ich mir in Stuttgart sagen lassen s
ist doch eine konfuse Welt Ich muss bei ihm einkommen und meine Minderjährigkeit
wegsupplizieren damit ich heiraten und ein Hauswesen führen kann und er ist im
gleichen Alter höchstens ein Jahr älter und ist schon zwei Jahr verheiratet
und regiert seit sechs Jahr ein ganz Land dass es blitzt und kracht«
    »Versteht er denn sein Handwerk« fragte Christine
    »Was weiß ich Aber herrlich und in Freuden lebt er und anderen verbietet
er was ihm selber schmeckt Denk nur ich hab auch die Herzogin gesehen Aber
die ist schön und noch so jung aber mächtig stolz Mich wunderts nur dass sie
die  leidet die er neben ihr hält und was meinst die baden im
Burgunderwein«
    »Pfui« sagte Christine »da möcht ich nicht davon trinken«
    »Oh es gibt Leut die ihn nachher kaufen weil man ihn natürlich wohlfeil
haben kann Und vor acht Tagen hat er in Ludwigsburg ein Feuerwerk geben und hat
dabei für fünfmalhunderttausend Gulden in die Luft aufgehen lassen Man spricht
noch heut in Stuttgart in allen Wirtshäusern davon aber sie schimpfen weils
in Ludwigsburg gewesen ist Ich hätts doch auch sehen mögen«
    »Ich nicht« sagte Christine »Es ist sündlich das Geld so
hinauszuschmeissen Rechne nur auch einmal aus wie lang arme Leut davon hätten
leben können Aber ich kann dir auch eine Neuigkeit sagen Denk nur dein Vater
hat uns heut eine Schüssel Mehl geschickt«
    »So mein Vater Es ist zwar nicht viel aber es freut mich doch an ihm Hat
er sie dir geschickt«
    »Nein er hat eben sagen lassen da schick ers Es ist mir um der Meinigen
willen lieb denn du hast keinen Begriff davon was ich von ihnen schlucken muss
In deiner Gegenwart lassen sies nicht so heraus aber du wirst doch auch selber
schon gemerkt haben was wir ihnen wert sind Besonders meine Mutter und mein
Hannes die haben gemeint sie werden Ehr und Vorteil von uns ernten und statt
dessen haben sie mich eben immer noch aufm Hals Meine Mutter hat gleich zu
brotzeln und zu backen angefangen du weißt ja wie sie ist sie hat gesagt sie
machs für meinen Vater aber der hat nichts davon gessen und dann hat sies
für sich behalten und hat denkt selber essen macht fett«
    »Hab noch die paar Tag Geduld« sagte er »Jetzt kommt ja die Resolution
und dann hat alles Jammern ein End Dann werden wir zusammen getraut und das
ist die Hauptsach wenns auch ohne Kränzle und am Mittwoch geschieht Der
Mittwoch ist auch ein Tag Und wenn ich mein Mütterlichs hab und Händ und Füss
für meine eigene Haushaltung regen kann dann will ich dich schon wieder
rausfüttern dich und dein Kind«
    »Ja« sagte Christine »und unser Herrgott wird weiter sorgen«
 
                                       23
Tag um Tag verging aber keiner brachte die ersehnte herzogliche Resolution Die
Tage wurden zu Wochen und eine reihte sich an die andere ohne dem Harrenden
das Versprechen zu erfüllen das er sich in Stuttgart mit fremdem Gelde erkauft
hatte Träg und eilig zugleich ging ihm die unbarmherzige Zeit während sie ihn
endlos auf die Gewährung die er von der Menschenwelt forderte warten ließ
zeigte sie ihm jeden Tag den unaufhaltsamen Fortschritt welchen die Natur
machte um ihm ein Geschenk zu bringen das jener Gewährung nicht zuvorkommen
durfte wenn es nicht den Stempel des Unglücks und der Schande tragen sollte
    »So kann die Sach nicht fortgehen« sagte Christine eines Tages zu ihm »Ich
möcht naus wo kein Loch ist Die Meinigen haben mir ausgeboten der
Sommerverdienst sei zu End und mit dem Winter geh das Hungerleiden vollends
ganz an Sogar mein Jerg der mir immer noch ein wenig den Kopf gehebt hat
sagt es sei in der ganzen Welt der Brauch wer die Gais angebunden hab der mög
sie auch hüten«
    »Weiß wohl« bemerkte er finster »der Bauer tut alles gern wenn er muss«
    »Aber bedenk auch wie sie aufm dürren Bäumle sind Ich selber schäm mich
dass ich ihnen fort und fort hinliegen muss und du solltest dich auch schämen
Ich weiß was ich tu wenn meine Zeit kommen ist so trag ich dein Kind in
deines Vaters Haus und legs ihm vor die Tür Da er solls säugen denn ich
werd ihm nichts geben können«
    Dieser bittere Spott der Verzweiflung schnitt ihm glühend ins Herz »Hat er
seitdem nichts geschickt« fragte er »kein Brot nicht einmal eine Schüssel
Mehl«
    »Nichts« erwiderte sie »kannst dir wohl denken dass ich dirs gesagt
hätt«
    Er knirschte mit den Zähnen »Wohl wenn ers nicht sichtbar geben will so
soll ers unsichtbarlich geben Ruf deinen Jerg er muss uns behilflich sein ich
will mit ihm deines Vaters Wagen rüsten und du schaffst Säck her wenns dran
fehlt so entlehnst du in der Nachbarschaft«
    »Was willst denn auf dem Wagen führen« fragte sie schüchtern
    »Die Säck« rief er noch barscher als zuvor
    »Und was willst in die Säck tun«
    »Fressen« antwortete er Seine Augen funkelten die Narbe in seinem Gesicht
war blutrot geworden und sein ganzes Aussehen erschien so wild dass sie nicht
weiter zu fragen wagte
    Jerg der kein Mann von vielen Worten war und sich unbedingt an seinen
natürlichen Schwager anschloss sowie er diesen tatkräftig auftreten sah half
ihm den Wagen zurechtmachen während Christine unter der hinteren Türe saß und
die Säcke flickte wo sie Löcher an ihnen entdeckte Niemand fragte was dieses
Vorhaben bedeuten solle Der Vater lag oben im Bett und sah meist
stillschweigend an die Wand oder nach der Decke hinauf und die Mutter befand
sich bei ihm Der kleine Bube tummelte sich um den Wagen herum und sah den
beiden jungen Männern zu
    Als es Nacht wurde musste Jerg die Kuh aus dem Stalle führen und Friedrich
half ihm sie an den Wagen spannen Dann befahl er Christinen eine Laterne
anzuzünden und mitzunehmen Sie kam mit der Laterne blieb aber stehen und
sagte »Um Gottes willen Frieder was hast vor Mir ists als seis nichts
Guts«
    »Hörst den Teufel schon Holz spalten« sagte er »So gut du dein Kind in
meines Vaters Haus tragen kannst so gut kann ich ihm auch Futter draus holen«
    »Ach Gott« seufzte sie »das ist eine unrechte und gewagte Sach Ich will
nichts davon«
    »Du lässt mir ja keine Ruh« rief er und der Grimm klang aus seiner
gedämpften Stimme heraus »Vorwärts«
    Er ergriff sie am Zopfbändel und zog sie fort Sie verbarg die Laterne unter
der Schürze und folgte willig Der Wagen fuhr langsam durch den Flecken Es war
überall still kein Mensch begegnete ihnen Vor der Sonne hielten sie an Auch
dort lag alles im Schlafe  »Ihr beide bleibt da unten« sagte Friedrich »für
euch ists ein fremdes Haus man soll euch keinen Einbruch vorwerfen können Ich
bin hier in meinem eigenen das weiß sogar der Hund die unvernünftig Kreatur
denn seht er rührt sich nicht«
    Er öffnete einen Laden und verschwand mit einem Sack den er bald schwerer
als er zuvor gewesen war wiederbrachte So trug er mit starker Hand einen Sack
um den andern herab und bot ihn zu dem Laden heraus wo ihn Jerg in Empfang nahm
und auf den Wagen lud Ohne durch einen Laut im Hause gestört zu werden brachte
er endlich den letzten Sack Nachdem das nächtliche Geschäft beendigt war gab
er Jerg einen Wink mit dem Wagen umzukehren wobei er die in Eile geladenen
Säcke hielt damit keiner herunterfiel »Vorwärts marsch« kommandierte er
dann und der Wagen setzte sich wieder in Bewegung
    Christine die sich in das Unternehmen gefunden zu haben schien und dem
seltsamen Tone Friedrichs entgegenwirken zu müssen meinte bemerkte scherzend
»Du kommst mir vor wie ein Räuberhauptmann der über seine Bande hinein
befiehlt«
    »Was nicht ist kann noch werden« murmelte er dumpf
    Als sie den Wagen abluden überzählte er die ungleich gefüllten Säcke »Es
werden zirka sechs sieben Scheffel sein« sagte er mit der Sicherheit des
Kenners
    »Was ists für Frucht« fragte Jerg
    »Dinkel und Haber«
    »Da wär ja für Menschen und Vieh gesorgt«
    »Es ist an dem für die Menschen genug Den Haber betracht ich als bar Geld«
    »Hab mirs wohl vorgestellt«
    »Wollens gleich auseinander tun Die Säcke da enthalten Dinkel die
schlachtet ihr ins Haus ihr brauchet nicht alle könnt mir noch ein oder zwei
davon lassen«
    »Ja ist denn die Frucht für uns« fragte Jerg
    »Nein aber für eure Mäuler Zu was meinst denn dass ich sie da rausgeführt
hab Mach mir nur keine Umständ Den Rest davon und den Haber will ich in etwas
anders verwandeln das noch mehr Brot geben soll«
    Jerg lachte verschmitzt
    »Merkst was« fragte Friedrich
    »Mir ists immer als müsst ich wieder einen Gang für dich nach
Rechberghausen tun« sagte Jerg
    »Hasts troffen«
    »Zufällig weiß ich dass der Christle morgen runter kommt«
    »So nimm ihn zu dir da raus Ich will dann auch kommen dass wir mit ihm
handelseins werden«
    »Wenn nur dein Vater nicht erfährt was du ihm für einen Besuch gemacht
hast« seufzte Christine die nachgerade wieder unruhig wurde
    »Der erfährts freilich« erwiderte er »Der Knecht der neben der Frucht
liegt ist aufgewacht hat sichein wenig aufm Ellenbogen aufgerichtet und
hatmich anglotzt Der schweigt nicht«
    »Jesus Jesus Und das sagst du erst jetzt«
    »Es kommt immer noch früh genug Gut ists aufalle Fäll wenn die Sach mit
dem Christle morgengleich ins reine kommt Jetzt aber fort ins Bett undlass dir
von vollen Schüsseln träumen«
    Am folgenden Morgen gab es in der Sonne sobaldder Sohn des Hauses sich
blicken ließ einen jenerstürmischen Auftritte welche der Nachbarschaft sooft
verrieten wie es um den Frieden desselbenstand Sein Vater empfing ihn mit
einer Flut von Schimpfworten warf ihm den nächtlichen Diebstahl vor und drohte
ihn alsbald wieder ins Zuchthaus zu bringen Der Knecht hatte ihn angegeben
schon deshalb um wie er nachher entschuldigend zu ihm sagte für den Fall der
Entdeckung sich selbst von dem Verdachte zu reinigen doch wollte er ihn nur
einen kleinen Sack mit Getreide haben fortschleppen sehen
    »Wenn Ihr mich ins Zuchthaus bringen wollt Vater so stehts Euch frei«
sagte Friedrich »Ihrhabts ja schon einmal getan Freilich haben die Leut
verschiedentlich drüber geurteilt dass Ihr Eurem eigenen und einzigen Sohn zum
Ankläger worden seid«
    »Das ist nicht wahr« entgegnete der Sonnenwirt »Die Sach ist damals ohne
meine Schuld offenkundig worden und ich habs nicht hindern können dass sie vor
Amt kommen ist«
    »Also wollt Ihr jetzt nachholen was Ihr damals versäumt habt«
    »Gib raus was du mir gestohlen hast«
    »Es ist weit fort Ihr findets nicht und wenn Ihr alle Eure Stallaternen
anzündet Lasst mich majorenn werden und gebt mir mein Mütterlichs heraus dann
will ich mit Euch abrechnen und will Euch den Schaden ersetzen dass nicht ein
Kreuzer dran fehlen soll und wenn der Fruchtpreis derweil anzieht so soll der
Gewinn Euer sein Dann könnt Ihr von Stehlen sagen so viel Ihr wollt s glaubt
s Euch niemand«
    »Hast du deinem Weibsbild davon gebracht«
    »Ihr könnt in und unterm Bett bei ihr suchen Ihr findet nichts Es ist aber
eine rechte Schand für Euch Vater dass ein reicher Mann wie Ihr dem kranken
Hirschbauer ein einzigsmal eine Schüssel Mehl schickt«
    »Was« fuhr der Sonnenwirt auf »ich hab schon öfter gesagt dass man
hinausschicken soll«
    »Dann ists unterwegs in irgendein Loch gefallen« versetzte Friedrich
    Der Sonnenwirt schwieg unschlüssig Es machte ihn betroffen obwohl er es
sich bei den bekannten Gesinnungen seiner Frau leicht erklären konnte dass seine
Befehle nicht vollzogen worden waren und unter diesen Umständen glaubte er bei
seinem reichen Fruchtvorrate den von dem Knecht angegebenen Verlust ohne
Geschrei ertragen zu sollen Er ging zur Stube hinaus und ließ seinen Sohn in
Ungewissheit was er tun werde
    »Hast dein Hausdieb im Verhör gehabt« fragte seine Frau draußen
    »Woher weißt dus denn«
    »Du schreist ja so laut dass mans in Göppingen hört Und jetzt willst immer
noch in deiner Langmut zusehen«
    Der Alte kratzte sich hinter dem Ohr »Das Stehlen will ich ihm vertreiben«
sagte er »Du aber sagst mir weder im Pfarrhaus noch im Amtaus ein Wort davon
sonst ists zwischen uns aus und ich lass ihn morgen heiraten und nehm alle
beide ins Haus zu mir«
    »So hitzig« maulte sie
    »Erstens« erklärte er »hätt ich ihn zwar gern in Numero Sicher aber nicht
im Zuchthaus und zweitens möcht ich mir nicht nachsagen lassen dass ich dem
Hirschbauer nichts als ein Schüssele mit Mehl geschickt hab Was sie jetzt
haben das sollen sie behalten«
    Der Tag verging ruhiger als er begonnen hatte Friedrich wusste zwar immer
noch nicht wessen er sich zu versehen habe auch ließ ihn gewisse
Anspielungen seiner Stiefmutter welche von der Notwendigkeit sprach Schlösser
und Riegel ausbessern zu lassen nichts Gutes ahnen doch meinte er aus dem
Betragen seines Vaters schließen zu dürfen dass seine eigenmächtige Pfändung
ohne Folgen bleiben werde
    Zur verabredeten Stunde ging er in des Hirschbauern Haus Der Erwartete war
bereits da ein Mann mit rundem schelmisch lächelndem Gesicht und einem
sogenannten Hörn auf der Stirne das in der Mitte über beiden Augen saß und so
groß war dass Friedrich es im Scherz ein drittes Auge nennen konnte »Bist schon
da Dreiäugiger« sagte er die Hand bietend Die Alte hieß ihn sehr freundlich
willkommen und bedankte sich bei ihm für den stolzen Küchengruss den er gesandt
habe sie vermied es klüglich zu fragen wie er eine so bedeutende Beisteuer
aufgebracht Man schwatzte eine Weile von gleichgültigen Dingen ohne dass der
Hirschbauer der in der Stube zu Bette lag sich in das Gespräch mischte Dann
gingen die drei miteinander fort um unter dem Hause ihr Geschäft miteinander
abzumachen
    »Was meinst Christle« sagte Friedrich »Der Jerg ist doch ein
scharfsinniger Kopf der hats von selber gemerkt dass ich wieder einen Handel
mit dir machen will«
    »Es ist gut merken gewesen Frieder« sagte Jerg »Seit einiger Zeit hast du
immer das link Aug von Zeit zu Zeit zugedrückt und hast mit dem rechten grad vor
dich hingesehen so dass ich immer hab denken müssen der tut in Gedanken zielen
Es ist mir dabei eingefallen was der Krämerchristle von dir gesagt hat die
Katz lässt das Mausen nicht«
    Alle drei lachten »Ich will dir beweisen dass ich noch ein scharfsinnigerer
Kopf bin als der da« sagte Christle »Tuts dir nicht and nach deiner schönen
Buchs«
    »Ja wenn ich die wiederhaben könnt« rief Friedrich
    »Bruderherz kannst sie haben Ich hab dir sie aufgehoben weil ich wohl
gewusst hab dass du wieder nach ihr fragen wirst«
    Sie lachten noch stärker »Heißt das« setzte Christle hinzu »bei der Hand
hab ich sie nicht sondern ich hab sie in Gmünd versetzt aber dort kann ich sie
jeden Augenblick wiederhaben Und damit du siehst dass ich nicht bloß
scharfsinnig sondern auch ehrlich gegen dich bin  wie« unterbrach er sich zu
Jerg gewendet »was hat er denn zu dem Geld gesagt das ich ihm für das Gewehr
geschickt hab Hat er mich nichts geheißen«
    »Ei ja n dreiäugigen Spitzbuben«
    »Siehst um das nämlich Geld kannst dein Gewehr wiederhaben Jetzt geh und
heiß mich noch einmal n Spitzbuben«
    »Bist ein Biedermann« sagte Friedrich
    »Was du der best Schütz weit und breit hast dich zur Ruh setzen wollen
Du könntests ja vor den Bauern nicht verantworten Und ein paar Fährten hab ich
dir ausgewittert ich sag nichts aber das Herz wird dir im Leib lachen Nun du
kommst doch zu mir und holst die Büchs dann gehen wir miteinander«
    »Aber Geld hab ich keins« sagte Friedrich »Kannst Haber brauchen und etwas
Dinkel«
    »Das führ ich nach Gmünd freilich und bring gleich das Gewehr mit zurück«
    »Da beim Jerg kannst die Frucht fassen je eher je lieber aber in der
Stille muss es sein«
    »Heut abend noch will ich sie holen Auf Wiedersehen du verlorner und
wiedergefundener Sohn«
    »Der hat gut uneigennützig sein« sagte Friedrich nachdem jener sich
verabschiedet hatte »Wenn ich eine glückliche Hand hab so hat er den Vorteil
davon und keine Gefahr Er weiß die beste Schlich im Wald und die beste Schlich
im Handel aber den gefährlichen Teil überlässt er andern und wenns zum Klappen
kommt so hat er nichts getan Aber wo ist denn meine Christine«
    »Im Beckenhaus« antwortete Jerg »Der Beckenbub hat sie in aller Eil
geholt Ich weiß nicht was dort los ist Da kommt sie ja«
    Christine kam atemlos herbei »Weißt was Neus Frieder« rief sie schon von
weitem
    »Nu was denn«
    »Die Resolution ist da du bist schon seit vierzehn Tag majorenn und weißt
nichts davon«
    »Was Teufel Wie kommt denn das und woher hast denn dus«
    »Von der Dote die hat mich holen lassen Aber von wems die hat das
bringst du nicht raus und wenn ich dich raten lass bis die Kuh n Batzen gilt«
    »Nu so sags«
    »Die Katrine aus dem Amtaus ists«
    »Was Das wär«
    »Ja die Katrine ist zu der Dote geschlichen und hat sie ums
Tausendgottswillen bittet sie soll sie nicht verraten aber seit vierzehn Tag
sei der Bescheid von Stuttgart da und lieg auf des Amtmanns Schreibtisch Es hab
ihr schier das Herz abdruckt dass wir nichts davon wissen sollen Du könnest
herzhaft auftreten und die Proklamation verlangen Aber wenns rauskäm dass
sies ausgeschwätzt hat so wär sie unglücklich«
    »Nein nein da muss man ganz still sein Brav ists von dem Mädle das muss
ich sagen aber so viel seh ich auch bei der Gelegenheit dass es keine einem
nachträgt wenn man sie einmal hat küssen wollen«
    »So du Lümple was muss ich hören Ists beim Wollen blieben Hat sie dich
heißen um ein Haus weiter gehen«
    »Ich hab mir nicht Müh genug geben Aber was denkt der Amtmann Getraut sich
der fürstliche Resolutionen zu unterschlagen Da steckt gewiss die Frau
Sonnenwirtin mit unter der Decke Ich möcht nur wissen ob mein Vater etwas
davon weiß«
    »Ja ja« sagte Jerg vergnügt »man spricht s ganz Jahr von der Kirbe
Kirchweih endlich ist sie« Er ging und ließ die beiden allein
    »Wenn ich gestern gewusst hätt was ich heut weiß« sagte Friedrich »so hätt
mein Vater seinen Dinkel und Haber noch Jetzt darf ich mein Mütterlichs
fordern und brauch dich keine Not mehr leiden zu lassen Wiewohl ich wills ihm
bei Heller und Pfennig zahlen Aber hättst dein Geheul auch noch ein paar Tag
unterwegs lassen können«
    »Wenn man eben alles wüsst dann wär man reich« versetzte Christine
    »Und hätt ichs nur eine Stund früher gewusst« fuhr er fort »dann hätt ich
den Handel mit dem Christle nicht gemacht«
    »Was hast denn mit dem gehandelt«
    »Meine Büchs will ich wieder von ihm zurückkaufen Um deinetwillen hab ich
sie von mir getan und um deinetwillen nehm ich sie wieder an mich Es ist auch
so noch immer möglich dass ich sie einmal brauch um Weib und Kind zu verhalten
Doch ists nur für den äußersten Fall und besser wärs ich hätt sie ihm noch
gelassen denn so ein Teufelshirsch kann einen bis ins Zuchthaus führen«
    »Lass du das Wildern sein« sagte Christine »und denk auf andere Weg wie du
Weib und Kind ernähren willst Wiewohl es geht nicht immer so schlimm aus Hab
ich dirs nie von unsrem Haus erzählt Es ist ein altes Sagen in unserer
Familie ich hab meinen Vater schon davon reden hören dass sein Urururgrossvater
ein arger Wilderer gewesen sei Den hat der Herzog gefangen und hat ihn wollen
auf einen Hirsch schmieden lassen hat sich aber anders besonnen wie er schon
halb angeschmiedet gewesen ist und hat ihn begnadigt weil ihm seine Antworten
so gefallen haben hat ihm auch das Haus da baut und ihn hergesetzt um den
Wilderern aufzupassen weil ihm alle ihre Schlich und Weg wohlbekannt gewesen
sind Nach ihm ist sein Sohn auf dem Haus gesessen und dann wieder dessen Sohn
und so immer fort so dass das Haus seit Urgedenken unsrer Familie angehört Sie
hat sogar dem Herzog eine besondere Steuer draus zahlen müssen die erst unter
meinem Vater in Abgang kommen ist«
    »So« sagte Friedrich »Da kommt wahrscheinlich auch der Nam Hirschbauer
her«
    »Mag sein ich weiß nicht« erwiderte sie
    »Jetzt aber lass uns drauf denken wie wir unser Haus bauen
Majorennitätserklärung Proklamation Kopulation das muss wie Blitz und Donner
aufeinander gehen Voran voran ehs der Teufel erfährt und Unsamen streut«
 
                                       24
Gleich noch am nämlichen Abend ging Christine in das Pfarrhaus um im Auftrag
ihres Verlobten der auf sie wartete den Herrn Pfarrer zu bitten dass er sie am
nächsten Sonntag proklamieren möge Sie kam aber bald wieder zurück und
erzählte der Pfarrer habe gesagt er wisse nichts von Majorennisation und
Regierungsresolutionen sei auch nicht verpflichtet den Amtmann zu fragen ob
etwas Derartiges eingelaufen sei so könnte ihm jeder kommen
    »Gleich morgen gehst zum Amtmann« sagte Friedrich »denn jetzt ist er auf
der Jagd Es ist besser du gehst weil er mir gesagt hat ich soll nicht
ungeboten vor ihn kommen«
    »Ja« sagte sie »und wenn du kämst könnts leicht Häupeleien geben weil
du so strobelig bist Wir müssen jetzt trachten dass wir vollends im Frieden
durchkommen Lieber geh ich ich fürcht mich nicht mehr so vor den Herren Aber
was soll ich denn dem Amtmann sagen woher wir wissen dass die Resolution da
ist Die Katrine dürfen wir nicht verraten die ist unser guter Engel«
    »Sagst ich wiss es von Stuttgart her dass die Resolution vor einigen Wochen
schon abgangen sei Gib acht das wird ihm Füss machen«
    »Das ist der Red noch einmal wert« rief Christine und lachte »jetzt meint
er du habest ihn verklagt und kriegt Angst«
    »Lass ihn nur nicht schlupfen weder links noch rechts« sagte er »Bekennen
muss er Morgen ist Samstag und am Sonntag müssen wir das erstmal proklamiert
sein«
    Mit lachendem Munde kam Christine den andern Morgen aus dem Amtause »Ich
hätt nicht glaubt« sagte sie »dass so ein rundes Gesicht so in die Länge gehen
könnt Sieh so lang ists worden wie ich mein Sprüchlein aufgesagt hab Er hat
sich dann aber gleich gefasst und hat gesagt die Resolution sei allerdings da
und er würd sie dir schon noch eröffnet haben es sei ja nichts Pressantes«
    »So nichts Pressantes Ich wollt das Wasser ging ihm einmal bis an Hals
und ich stünd dabei und könnt sagen s pressiert gar nicht Herr Amtmann mit
Ihrem Wohlnehmen«
    »Es hat ihm aber doch rechtschaffen pressiert« fuhr sie fort »Sieh da ist
die Schrift die soll ich dem Pfarrer bringen dass es mit dem Proklamieren
weiter kein Anstand hab«
    »Lauf Christinele lauf tapfer Du arms Weib du musst dich halbtot
springen um unsere Heirat und trägst doch den Ehkontrakt mit Brief und Siegel
an dir«
    »Ich wollt du müsstest ihn tragen« maulte sie »damit du auch wüsstest wie
das beschwerlich ist«
    »Halts der Pfarrer auch nicht für pressant« fragte er als sie wiederkam
    »Er hat gesagt es sei eine Sünd von dir dass du deinem Vater nicht
gehorchest und er sag mirs ins Gesicht dass so eine ungleiche Heirat eine
rechte Dummheit sei und auch ein bös End nehmen werd aber er hab jetzt sein
Gewissen salviert und uns gewarnt morgen werd er uns proklamieren«
    »Er soll uns ausrufen und einsegnen nachher mag er schwätzen soviel er
will Jetzt ists gewonnen«
    Als er von ihr wegging begegnete er seiner Schwester Magdalene die eben
über die Gasse ging »Du« sagte er seelenvergnügt »morgen werd ich von der
Kanzel runtergeschmissen Du gehst doch auch in die Kirch«
    »Ach Gott ists so weit« rief sie »Ja wenn ich kann will ich gehen«
    »Können« sagte er »ich hab noch nie gehört dass die Weibsleut nicht in die
Kirch gehen können sonderlich wenns Neuigkeiten drin gibt«
    »Weiß s denn der Vater schon« fragte sie »Grad will ich zu ihm«
    »Er erfährts jetzt gleich Wir haben einen Weg«
    »So du bist also jetzt majorenn und ich hab dir nichts mehr zu befehlen«
sagte der Sonnenwirt als sein Sohn ihm die Neuigkeit angekündigt hatte »Nun
jetzt kannst du freilich tun was du willst aber ich bin jetzt auch nicht mehr
verantwortlich dafür«
    »Vater« sagte die Chirurgin »der Bruder fragt ob ich morgen in die Kirch
geh Gehet Ihr«
    »Es wär schon not dass man für ihn beten tät« sagte die Sonnenwirtin die
sich der Antwort bemächtigte »aber ich sorg nur die Leut könntens so ansehen
als ob wir unsre Billigung dazu gäben und der Vater wälzt ja selber alle
Verantwortung von sich ab«
    »Ich sag nicht du sollest daheim bleiben« antwortete der Sonnenwirt seiner
Tochter »und dein Mann kanns dir auch nicht verbieten in die Kirch zu gehen
Auch wärs christlich wenns einmal sein soll dass wenigstens eins von der
Familie dabei wär
    Aber ich kann mich nicht dazu entschließen ich tät mich ja selber aufs Maul
schlagen«
    »Aus Christenpflicht ging ich auch gern dazu« nahm wieder die Sonnenwirtin
das Wort »aber ich könnts nicht prästieren den Blicken so ausgesetzt zu sein
denn natürlich die ganz Gemeind guckt uns an wenn wir gegenwärtig sind Ich
weiß nicht mit was ich die Straf verdient haben sollt ich hab mich nicht
vergangen«
    »Das ist wahr« seufzte die Chirurgin »ich könnt die Augen nicht auftun und
täts doch spüren wie ich die Zielscheib wär und alle Andacht wär mir
verdorben«
    Die Türe ging auf und der Krämer trat mit seiner Frau herein »Ich muss um
Entschuldigung bitten« sagte er »dass ich in meinen Hauspantoffeln komm aber
es lässt mir keine Ruh Weißs denn der Herr Vater schon Es ist im ganzen
Flecken herum dass der Schwager morgen mit seiner Jungfer Christine proklamiert
werd Ists denn wahr Was und die Familie erfährt so was zuletzt«
    »Das wird aber morgen ein Geläuf sein« rief die Krämerin »Mein Mann der
los Vogel hat gesagt wir könnten einen hübschen Profit machen wenn wir unsern
Kirchenstuhl vermieten täten Gebt acht morgen gibts am heiligen Ort Händel
denns fehlt an Platz«
    »Wir reden eben davon ob wir auch gehen sollen« sagte die Sonnenwirtin
»aber die Chirurgussin und ich wir meinen wir könntens nicht aushalten wenn
einen alles so ansieht«
    »Herr meine Sünd« schrie die Krämerin »Ich weiß nicht was mir für ein
Unglück passieren könnt wenn alles um mich rum druckt und guckt und murmelt Da
könnt mich ja was ankommen wovon man in Ebersbach noch nach hundert Jahr reden
tät«
    »Schad ists aber doch wenn wir drum kommen« sagte der Krämer »So ein
Paar sieht man nicht alle Tag Er ist so mager und sie so dick«
    »Sie wird mich schon pflegen dass ich wieder zu Kräften komm« versetzte
Friedrich der alle diese Stiche mannhaft verbiss Doch war er froh sich mit
einem Scherzwort loskaufen zu können und beurlaubte sich von der Familie ohne
die Bitte die er an ein sonst geliebtes Mitglied derselben gerichtet hatte bei
den andern zu wiederholen
    Er brachte den Rest des Tages bei seiner Braut und den Ihrigen zu wo es
ungeachtet des Mangels und der Ungewissen Aussicht in die Zukunft sehr heiter
zuging Der Hirschbauer sprach an diesem Tage zum erstenmal wieder seit langer
Zeit und konnte aufrecht im Bette sitzen Aus jedem Worte aber das der
Bräutigam redete gab sich das befriedigte Selbstgefühl zu vernehmen Er konnte
jetzt seinem Mädchen und ihrer Familie Wort halten
    Als er abends heimkam nahm ihn sein Vater auf die Seite »Lass mit dir
reden« sagte er »Jetzt hast du alles noch in der Hand Ein Wort beim Pfarrer
und die Proklamation unterbleibt Ich will dir was sagen wenn du zurücktrittst
so soll dein Diebstahl ungeschehen und begraben sein Bis jetzt ist nicht davon
geschnauft worden das hab ich in der Hand«
    »Schwätzet doch nicht immer von Diebstahl« sagte Friedrich »Was ich aus
meinem Mütterlichen ersetzen kann das ist meintwegen genommen aber nicht
gestohlen«
    »Wie meinst du dass mans vor Amt ansehen werd«
    »Weiß ich das Ich hab das Gesetz nicht gemacht und Ihr auch nicht«
    »Du hasts scheints vergessen wohin dich dein Husarengriff geführt hat«
    »Nein ich weiß noch recht gut dass man mir damals eröffnet hat das
Einsacken könnt man vielleicht meiner Jugend und Unverstand nachsehen aber nach
einem alten Reskript  ich weiß nicht mehr die Jahreszahl ist noch aus dem
vorigen Jahrhundert gewesen  sollen ungeratene unartige Kinder bei denen der
Eltern Zucht nicht anschlage in Sprengen und eisernen Banden zu öffentlichen
Arbeiten angehalten werden und sonach sei das Zuchthaus eigentlich eine
Begnadigung für mich Wenn Ihr es also meint so könnt Ihr mich beim Amtmann und
Vogt verklagen wie Ihr mich beim Kirchenkonvent verklagt habt«  »Du schreckst
mich nicht« dachte er bei diesen Worten mit festem Auge den unsicheren Blick
seines Vaters festhaltend
    »Sind das artige Kinder« fragte dieser »die ihren Eltern das Korn im Sack
aus dem Haus tragen«
    »Wisst Ihr nicht Vater der Crispinus hat Leder gestohlen um den Armen
Schuh draus zu machen und hats doch zum Heiligen gebracht wiewohl ers glaub
ich sogar bei Fremden gestohlen hat«
    »Wir sind luterisch Da gelten keine solche Späss«
    »Nun so macht doch endlich Ernst und bringt mich ins Zuchthaus Dann muss
eben die Hochzeit aufgeschoben werden bis ich wieder rauskomm«
    »Ich sag noch einmal tritt zurück so langs noch Zeit ist«
    »Nein eher will ich mich stocken und blocken lassen Entweder setzt mich
ins Zuchthaus wenn Ihr nichts Besseres wisst oder gebet mir mein Mütterlichs
heraus damit die Sach auf ein oder die ander Art endlich in Ordnung kommt«
    »Zu deinem Hochzeitstag kannsts haben wenn du von deinem Tugendspiegel
nicht lassen willst und kannst dann gleich auch Tauf davon halten Ich möcht
nur auch wissen was du an ihr findst Ich will nicht weiter mit dir streiten
ob du dich mit dem Crispinus vergleichen kannst aber wenn du das sein willst
so sag nur selber was du von deiner Crispina hältst die sich gestohlene Sachen
zutragen lässt denn das leidt kein Zweifel da machst mir nichts weiß«
    »Angenommen es sei so wisst Ihr denn ob sies weiß woher ichs hab«
    »Sie wird wohl denken es sei dir in der Hand gewachsen«
    »Vater wenn sie reich war so möcht sie tun was sie wollt Ihr würdet
anders von ihr denken Jetzt ist sie einmal mein und das Kind das sie unterm
Herzen trägt ist mein Kind und muss zu seiner Mutter einen Vater haben wie ich
zu meinem Vater eine Mutter haben sollt«
    »So renn in dein Verderben wenn du nicht anders willst« sagte der Alte
nahm das Licht und ging in seine Kammer
 
                                       25
Richtig das muss man sagen hatte die Krämerin prophezeit Nie war seit Jahren
in dem doch so christlich gesinnten Flecken die Kirche so gefüllt gewesen wie an
dem Sonntag an welchem Friedrich mit Christinen proklamiert wurde Außer den
Kranken und Gebrechlichen blieb niemand zurück von den Gesunden fehlte nur die
Familie des Sonnenwirts Der alte Hirschbauer hatte alle die Seinigen in die
Kirche geschickt »die Mucken werden mich derweil nicht fressen« hatte er
gesagt Selbst der kleine Wollkopf hatte in dem Weiberstande neben seiner Mutter
und Schwester Platz gefunden und hörte andächtig der Predigt zu Wohl gab es ein
Zischeln und Murmeln und alles steckte die Köpfe zusammen als der Pfarrer vor
dem Segen die Verlesung der Paare die in den heiligen Stand der Ehe treten
wollten begann aber Friedrich blickte mutig nach der Kanzel und zugleich
aufmerksam ob der Pfarrer in seiner Verkündigung nicht vielleicht irgendein
Zeichen seiner Abgunst einfliessen lassen werde Es geschah jedoch nichts
dergleichen und er konnte es höchstens auffallend finden dass der Pfarrer unter
den zu verkündigenden Paaren ihm und seiner Braut die letzte Stelle angewiesen
hatte diese Ordnung konnte aber der Reihenfolge der Anmeldung entsprechen
somit eine zufällige sein Der Pfarrer erteilte den Proklamierten und der
Gemeinde den kirchlichen Segen und Orgel und Choral beschlossen den
Gottesdienst
    Beim Herausgehen aus der Kirche stieß Friedrich auf den Invaliden »Was Ihr
seid auch in der Kirch gewesen Profos Hätt nicht geglaubt Eure mürbe Knochen
täten Euch so weit tragen Aber s ist mir eine Freud und eine Ehr Nur
wunderts mich denn Ihr habt ja auch Mäus dagegen gehabt«
    »Es bleibt dabei dass Er nicht recht gescheit ist« sagte der Invalide
»Aber zu Seiner Hochzeit soll nichtsdestoweniger meine alte Lise krachen«
    Friedrich drückte ihm die Hand und begab sich zu den Seinigen die vor der
Kirchentür warteten Er führte seine Braut am Arme reichte dem kleinen Buben
die andere Hand und die neue Familie setzte sich die Mutter und beide Söhne
voraus das Brautpaar hinter ihnen in Bewegung Wer von der Gemeinde den
gleichen Weg hatte ging spöttisch lächelnd an ihnen vorbei auch konnten sie
allerlei Bemerkungen hören Doch schienen die Leute wenigstens das in der
Ordnung zu finden dass das Paar sich heute am Arme führte dass er ohne gültig
verlobt zu sein Arm in Arm mit ihr durch den Flecken zu der
Kirchenkonventsverhandlung gegangen war hatte bei der herrschenden Sitte noch
größeren Anstoß gefunden als ihre vorzeitige Mutterschaft
    So langsam sie wegen dieses Zustandes gingen so gingen doch zwei von den
andern proklamierten Paaren noch langsamer hinter ihnen drein um sich über sie
lustig zu machen »Das ist ein Schwanenpaar« sagte der eine Bräutigam »Im
Ludwigsburger Schlossgarten im See hab ich auch einmal eins gesehen die sind
grad so gewesen nur anders säuberer«
    »Die da sind weiß wie ein Ofenloch« sagte seine Braut
    »Es gibt auch schwarze« fuhr der Bräutigam fort »Ich habs einmal von
einem Reisenden gehört dem ich den Weg auf den Staufen hab zeigen müssen Ist
ein kurioser Herr gewesen und hat viel Kauderwelsch durcheinander geschwätzt
Sie seien aber eine große Rarität hat er gesagt«
    »Es wird gut für den Flecken sein« bemerkte die Braut »wenn die da
gleichfalls eine Rarität bleiben«
    »Kann denn der Schwan auf trockenem Boden laufen« fragte der andere
Bräutigam
    »Freilich« versetzte der erste »aber es macht ihm Müh er wackelt schier
gar so schwer daher wie die da« Er deutete auf Christinen und alle vier
brachen in ein rohes Gelächter aus
    Friedrich machte seine Arme los und kehrte sich um »Ihr Spitzruten« sagte
er »ist ein Ehrentag ein Tag zum Gassenlaufen Aber gut wenn ihrs nicht
anders haben wollt so möget ihrs haben Du Michel grüner Tralle« wandte er
sich an den einen »du bist so dumm dass man Riegelwänd mit dir nausstossen könnt
und dass dein Mädle zu dir hat in die Scheuer kommen müssen statt du zu ihr
aber wenn man euch erwischt hätte so hätts noch eine ganz andere
Konventsverhandlung geben als bei uns Verstanden Und du Lorenz« sagte er zu
dem andern »du spitziger Gscheidle so pfiffig du bist so weiß ich doch dass
du dich in Zebedä drüben hast nachts von den ledigen Buben müssen in Brunnentrog
tunken lassen zur Abkühlung wie sie gemeint haben jedoch ohne alle Not denn
an dir ist nichts Hitzigs als dein Geiz der dich verführt hat vom Herrn
Vikarius drüben dem reichen Prälatensohn sein aushrauchts Spielzeug um ein
Draufgeld einzuhandeln nachdem dein voriger Schatz gestorben ist man weiß
nicht einmal recht an was Ich wills an dem genug sein lassen denn ich seh dass
eure Bräut rot worden sind und s wär gut sie täten sich der Heuchelei und
Splitterrichterei noch mehr schämen als der Sund Euch zwei Lumpen aber hätt ich
gute Lust über einen wackeren Stecken tanzen zu lassen wenn ich heut nicht so
vergnügt wär Wiewohl ihr brauchet mir nicht viel gute Wort zu geben wenn ich
euch soll den Gefallen tun«
    Die Hirschbäuerin die mit ihren Söhnen etwas vorausgegangen war kam eilig
zurück um abzuwehren aber weder ihre Ermahnung noch das vielleicht kräftigere
Einschreiten der beiden Söhne war vonnöten denn die Getroffenen zogen
mäuschenstille ab und wagten erst in weiter Entfernung wieder zu schimpfen und
zu spotten
    Friedrich aber sagte zu seiner Braut »Christine bleib standhaft und mach
mir kein Streich Du kannst meintwegen Hochzeit und Kindbett am gleichen Tag
halten aber nur fein nacheinander damit nicht ein Segen zu früh kommt und der
ander zu spät«
    »Sei doch ruhig« erwiderte sie »das hat keine Not«
    »Der Kuckuck hats gesehen« fuhr er fort »dass man sich dreimal
proklamieren lassen muss Gleich das erstmal sollt man von der Kanzel vor den
Altar kommen damit einem die Welt keinen Prügel mehr in den Weg werfen könnt«
    »Das wär doch nicht gut« meinte Christine dagegen »Da könnt ja kein arms
Mädle mehr Einspruch tun wenn ihr Schatz sie sitzen ließ und ließ sich mit
einer andern zusammengeben«
    »Ist auch wahr« sagte er »Um der Untreu der Menschen willen müssen die
Treuen mitleiden Übrigens möcht ich nichts mehr von einem der mich einmal
verkauft und verraten hätt und was den Einspruch betrifft so wird eine Arme
wunderselten dadurch ihr Recht erlangen weil gleich alles zusammenhilft dass
sie geschweigt wird«
    »Darum ists eben das best wenn man sich aufeinander verlassen kann« sagte
Christine »dann sind die drei Wochen Aufschub auch nicht zu lang«
    »Gott gebs« erwiderte er »aber ich wollt sie wären vorbei«
    Die zweite Proklamation die am nächstfolgenden Sonntage stattfand machte
schon nicht mehr so viel Aufsehen wie die erste denn die Menschen fügen sich in
vieles und manche neue Erscheinung die sie im ersten Augenblick mit
Keulenschlägen empfingen ist ihnen im Lauf der Zeiten vertraut und befreundet
oder oft richtiger gesagt zur Gewohnheit geworden
    An diesem Tage begehrte Friedrich von seinem Vater eine Unterredung die er
die ganze Woche schüchtern aufgeschoben hatte Er stellte ihm vor dass es jetzt
höchste Zeit sei an die Einrichtung eines kleinen Hauswesens zu denken und dass
er zu diesem Zwecke sein mütterliches Vermögen heraushaben müsse
    »Nun nun« sagte der Alte »es hat ja noch Zeit Ich seh überhaupt nicht
ein wozu du so viel Geld brauchst Du hast ja selbst gesagt du wollest froh
sein wenn du mir als Knecht dienen dürfest«
    »Ich bins zufrieden« entgegnete der Sohn »aber ich muss doch wenigstens
eine Stube haben wo ich mit meinem Weib drin wohnen kann«
    »Als Knecht kannst du bei mir wohnen wie bisher«
    »Ja wollt Ihr denn mein Weib auch zu Euch ins Haus nehmen« fragte der Sohn
mit einem Freudenschimmer in den Augen
    »Das kommt noch aufs Wohlverhalten an« antwortete der Vater mit einem
spöttischen Blick »Am End wärs freilich das best ich nähm euch beide unter
Aufsicht ihr könntets vielleicht brauchen«
    Der Alte ging seinen häuslichen Verrichtungennach ohne sich zu einer
bestimmten Erklärung bringen zu lassen Ein paar weitere Versuche seines Sohnes
liefen ebenso ab und er erhielt nichts als ausweichende rätselnde stichelnde
Antworten wobei der Alte jedesmal ein Geschäft oder einen Besuch zu benützen
wusste um das Gespräch abzubrechen Friedrich verging beinahe vor Unmut und
Ungeduld aber er hatte Christinen versprechen müssen diese letzten Tage der
Prüfung vollends in Ruhe auszuharren  »Sieh ich hab Eselsgeduld« sagte er
oft zu ihr
    Unterdessen war die Sonnenwirtin nicht müßig gewesen im Wege der Gunst wie
des Hasses auf ihre Gönnerin die Amtmännin und durch diese auf den Amtmann
einzuwirken »Es wäre ja doch schrecklich« sagte sie »wenn so ein
eigensinniger gewalttätiger Trotzkopf vernünftige Leute abzwingen könnte« Der
Amtmann der sich gleichfalls von ihm überrumpelt sah hatte nachdem die erste
kirchliche Handlung durchgesetzt war doppelte Lust gewonnen die Heirat doch
noch am Ziele zu hintertreiben Er schalt auf die Regierung welche viel zu
liberal sei und das junge Volk wenn es nur brav Dispensgelder bezahle ins
Blaue hinein heiraten und den Gemeinden zur Last fallen lasse übrigens meinte
er der Sonnenwirt brauche nur den Taugenichts aus dem Hause zu jagen und jede
Verbindung mit ihm abzubrechen dann habe er allen Boden unter den Füßen
verloren und wenn ihn die Regierung zehnmal für volljährig erkläre so nehme
ihn eben die Gemeinde nicht an »Dafür lass Sie nur mich sorgen Frau
Sonnenwirtin«
    »Wenn nur mein Mann nicht so schwach war« erwiderte die Sonnenwirtin
hierauf »Er will sichs nicht nachsagen lassen dass er seinen Sohn der ihm als
Knecht zu dienen erbötig ist von sich gestoßen hab und doch kränkts ihn auch
wieder dass er ihm sein Mütterlichs hinauszahlen soll denn die Zeiten sind
eben gar schwer Die Eve Marget und die Magdalene haben ihren Anteil auch
stehenlassen müssen mit Vorbehalt dass sie nachher am Vater mehr erben sollen
Nun besorgt er wenn der Bruder sein Sach ganz rauskriegt und auf einmal so
könnten die Schwestern auch rebellisch werden Er glaubt er hab eigentlich die
Nutzniessung davon sein Leben lang aber er weiß nicht gewiss ob man sie ihm
nicht vielleicht strittig könnt machen«
    »Jedenfalls« bemerkte der Amtmann »ließe sich dieser Streit in die Länge
ziehen ich sehe jedoch nicht ein zu was das in der Hauptsache führen sollte
denn wenn der Sonnenwirt seinem ungeratenen Sohne die Existenz garantiert so
kann ihn niemand am Heiraten hindern Übrigens will ich mir die ganze Sachlage
noch einmal in Revision nehmen und sehen ob noch etwas zu machen ist«
    Unter solchen Beratungen war die zweite Proklamation vorübergegangen und
der Vorteil des unabänderlichen Laufes der Dinge schien ganz auf Friedrichs
Seite zu sein als der Amtmann die Sonnenwirtin rufen ließ »Gratuliere Frau
Sonnenwirtin« sagte er »zur leibeigenen Schnur«
    »Was leibeigen« rief die Sonnenwirtin »Und davon hat das schlecht
Gesindel gar nichts gesagt Das hebt ja alle Verpflichtungen auf«
    »Vielleicht haben sie es selbst nicht mehr recht gewusst« sagte der Amtmann
»denn die Sache ist etwas in Vergessenheit geraten Tatsache aber ist es dass
der Hans Jerg Müller und die Seinigen zu gnädigster Herrschaft im Verhältnis der
Leibeigenschaft stehen«
    »Dann« rief die Sonnenwirtin mit einem Strahl von Hoffnung »ists doch
möglich dass der stolz Bub sein Kopf noch ändert Eine Leibeigene wird er nicht
zur Frau haben wollen«
    »Diese Verhältnisse ließ sich ja mit Geld abkaufen« bemerkte der Amtmann
»denn dazu ist gnädigste Herrschaft stets geneigt Ohnehin bestund es in
neuerer Zeit wenigstens aber schon seit lange in einer jährlichen Geldabgabe
Früher mögen schwerere körperliche Leistungen erfordert worden sein da es mich
nicht interessiert hat so habe ich auch nicht nachgeschlagen Die prästierende
Abgabe wurde dem Hans Jerg Müller schon vor geraumer Zeit ob summam paupertatem
wie er ja auch schon von der Gemeinde ex pio corpore Unterstützung genossen hat
auf sein untertänigstes Ansuchen nachgesehen daher es leicht möglich dass er
sich der Verhältnisse selbst nicht klar erinnert Das einfältige Volk weiß ja
niemals wie es dran ist noch auf welchen Füßen es steht die Beamten müssen es
ihm sagen was es zu leisten schuldig ist und müssen ihm zur Not noch
Bittschriften machen wenn es einige Linderung seiner Lage erzielen möchte So
habe ich auch diesem die betreffende Supplik aufgesetzt um ihm das Geld zu
ersparen das er einem Advokaten für die Schrift hätte geben müssen und ihn vor
den Entenmaiern zu bewahren den Winkeladvokaten die der Leute Verderben sind
Es ist recht undankbar von dem alten Habenichts dass er indirekt wenigstens
Ihren Stiefsohn in dessen Unfug und übler Aufführung steift aber auf Dank darf
man ja bei diesem Volke nicht rechnen Ich selbst muss freilich von mir auch
gestehen dass ich die Sache bei mir mit den Jahren habe in Vergessenheit kommen
lassen derlei verwickelte Materien tauchen einem allemal erst wieder auf wenn
man die Akten nachschlägt Summa Summarum ist jedoch soviel gewiss der
sogenannte Hirschbauer ist nebst seinen Deszendenten leibeigen und zwar haftet
die Leibeigenschaft auf dem Haus Ob nun wie es bei diesem Volke nicht
ungewöhnlich die Vererbung des Besitzes samt der darauf haftenden Last seit
Generationen direkt vom Vater auf den Sohn stattgefunden hat ob dabei Töchter
hinausgegeben worden sind und ob selbige durch die bloße Emanzipation vom
väterlichen Herde infolge des eingegangenen matrimonii  wobei sie ja bloß den
Herren wechseln wie der Frau Sonnenwirtin selbst wissend sein wird ha ha 
ob sie schon hiedurch auch von der Leibeigenschaft emanzipieret sind oder ob sie
erst noch specialiter mit Gelde abgelöset werden müssen ja darüber könnte man
einen langen Prozess führen und wehe dem der die Kosten davon zu bezahlen
hätte Für mich ist jedenfalls so viel klar dass wenn auch die fürstliche
Regierung diesem jungen Menschen die Majorennität und die Heiratserlaubnis
gnädigst bewilligt hat ich im fürstlichen Interesse selbst vorderhand auf der
baren Leibeigenschaftsablösung seiner wenn auch proklamierten doch immer nur
erst prätendierten sponsa bestehen muss muss demnach namens gnädigster Herrschaft
sowohl als auch seitens dieser Kommune deren Gericht und Rat ich mit
tunlichster Beförderung des näheren instruieren werde beharren dass ein
gültiger Ehevollzug des Johann Friedrich Schwanen mit der Christina Müllerin
nicht eher ins Werk gerichtet werden kann als bis und bevor gedachter
Ablösungsschilling entweder in barem erlegt oder eine durchaus satisfazierende
Kaution dafür geleistet ist wobei bewegender Gründe halber überhaupt zu
erfordern sein dürfte dass sotane Kaution sich auf den gesamten Nahrungsstand
des Nupturienten zu erstrecken habe denn wenn auch aus Rücksicht auf die
besonderen Verhältnisse und die bei Gericht und Amt notorische Vermöglichkeit
des Sonnenwirts hievon Umgang genommen werden könnte falls er seinem Sohne zur
Seite zu stehen gesonnen ist so muss doch im vorhandenen Zweifelsfall für den
Nupturienten unerachtet er ein hiesiger Bürgerssohn genügende Sicherheit
verlangt werden dass er erstlich seine ihm von gnädigster Herrschaft
auferlegende praestationes richtig zu erfüllen imstande sei und zweitens dass
er wo ihn sein Vater eventualiter außer Brot setzen sollte gemeinem Flecken
nicht mit einem penuriösen und armutseligen Hausstande mit Ansprüchen an das
pium corpus und endlich gar mit einem Heere von mangelhaften Kindern die um
Brot und Kleidung schreien und deren wir hier schon genug und übergenug haben
nicht wissend wo sie unterzubringen beschwerlich fallen werde«
    Der Amtmann wischte sich den Schweiß von der Stirne seine
Auseinandersetzung schien ihn etwas angegriffen zu haben Doch lächelte er
zufrieden denn der Vortrag war nunmehr hinlänglich zu Faden geschlagen um mit
der nötigen Geläufigkeit vor dem Magistrat gehalten werden zu können Die
Sonnenwirtin hatte zwar trotz der Andacht mit der sie der Rede zugehört schon
der eingestreuten lateinischen Brocken wegen sehr viel davon nicht verstanden
doch begriff sie vollkommen dass der Heirat ihres Stiefsohnes noch ein Riegel
vorgeschoben werden könne Sie ließ sich über die beiden Hauptpunkte auf die es
ankam noch einmal belehren und verließ das Amtaus in vollem Triumphe nachdem
sie es übernommen hatte ihrem Manne und ihrem Sohne die amtliche Eröffnung
welche der erstere sich zu holen aufgefordert wurde im voraus mitzuteilen
»Ihren Stiefsohn« rief ihr der Amtmann nach »lasse Sie mir nur aus dem Haus
mein alter Anwalt sagt immer von ihm und mit Recht er führe eben ein ödes
Geschwätz das gar keine Heimat habe«
    Aus dem Munde der Stiefmutter erfuhr denn Friedrich welches neue Gewitter
gegen ihn heraufbeschworen worden war Zuerst nahm er die Nachricht dass
Christine leibeigen sei mit Gleichmut auf und erklärte dies ändere nichts in
seinen Gesinnungen als er vollends hörte dass diese Abhängigkeit mit Geld
gelöst werden könne machte er sich gar keine Sorge mehr aber er war wie aus
den Wolken gefallen als er sehen musste wie sein Vater die Sache nahm
    »Was« rief der Sonnenwirt »ich soll Bürgschaft stellen für die Bezahlung
einer Abgab die mich mit Haut und Haar nichts angeht Ich bin froh wenn ich
meine eigene Schuldigkeit abgetragen hab bin hoch genug besteuert kann mich
nicht auch noch um anderer Leut ihre Abgaben annehmen«
    »Vater« sagte Friedrich den diese Äußerung zuerst nur ärgerte »ich glaub
Ihr werdet altersschwach Es handelt sich ja gar nicht drum dass Ihr vom Eurigen
etwas zahlen sollt Gebt mir mein Mütterlichs heraus dann leg ich das Geld
dem Amtmann selber hin«
    »Du tust immer als ob du von deinem Mütterlichen die halb Welt kaufen
könntest und hast doch schon genug davon vertan Du wirst dich wundern wenn
ich einmal mit dir abrechne«
    »Nun so rechnet ab und wenn Ihr so viel Zeit brauchet bis Ihr wisst was
Ihr alles in die Rechnung schreiben wollt so müsst Ihr eben derweil die
Bürgschaft leisten«
    »Ich nicht Das Sprichwort sagt den Bürgen soll man würgen Und wie kann
man denn von mir verlangen dass ich noch einen weiteren Revers ausstellen soll
von wegen deines Fortkommens Ich hab dir zwar wohl versprochen dass ich dich
bei mir behalten will und ich will auch dabei bleiben wenn du dich hältst
wies recht ist nämlich besser als bisher Aber Hand und Fuß will ich mir durch
einen Revers nicht binden lassen denn sonst wärest ja du der Herr und ich müsst
mir zeitlebens gefallen lassen was dir anständig wär Nein der Sklav in meinem
eigenen Haus will ich nimmermehr werden«
    Friedrich legte den Kopf eine Weile auf beide Hände die er auf dem Tische
liegen hatte Als er das Gesicht wieder erhob war alle Farbe daraus gewichen
»Jetzt seh ich erst dass es eine abgekartete Sach ist« sagte er mit einem Blick
auf die Stiefmutter und verließ die Stube
    Christine weinte bitterlich über dieses neue Hindernis »Das ist eine Welt«
sagte der Hirschbauer und kehrte sich nach der Wand Die Bäuerin heulte und
schrie dass man arme Leute so unterdrücke die Söhne fluchten und der kleine
Weisskopf der heute die Welt gar nicht verstand saß bestürzt und furchtsam in
der Ecke Friedrich aber glaubte zu bemerken dass der abermals in Zweifel
gestellte Erfolg seiner ehrlichen Bemühungen auf die Würdigung seiner Absicht
oder wenigstens auf die Schätzung seiner selbst zurückwirke Die Hirschbäuerin
wenigstens schien ihn bereits mit minder günstigen Augen anzublicken als sie
ausgeheult hatte machte sie ein Gesicht und gönnte ihm beim Abschiede kaum ein
Wort Christine aber nahm ihm wiederholt das Versprechen ab auch diese Prüfung
womöglich durch Geduld und Gehorsam zu überwinden
    Schon die folgenden Tage zeigten ihm dass er sich in seinen Berechnungen
völlig getäuscht habe und für den nächsten Sonntag auf die letzte bestätigende
Proklamation verzichten müsse Er sprach nichts war in seinen Verrichtungen
fleißiger denn je aber seine wundgebissenen Lippen seine mit Blut
unterlaufenen Augen verrieten den Sturm der in ihm arbeitete Die Narbe auf
seiner Stirne trat oft blutrot hervor Die Leute steckten bei diesem Anblick die
Köpfe zusammen und murmelten einander zu das sei ein Kerl von dem man sich des
ärgsten gewärtigen dürfe
 
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Rasselnd und donnernd fuhren eines Vormittags mehrere Jagdequipagen die Straße
herauf Mitten im vollen Jagen hielt die vorderste vor der Sonne und nötigte
dadurch die andern zu einem ebenso plötzlichen Halt In der Sonne gab es ein
Rennen und Jagen treppauf und ab Der Herzog Karl selbst war es der in der
ersten Kalesche saß und im raschen Vorbeijagen nach dem Schurwald einen Trunk
vom Besten begehrte Die Ehre war groß noch größer aber die Eile mit welcher
der Befehl ausgeführt werden musste denn es war bekannt dass der Herr nicht gern
wartete und weder im Großen noch im Kleinen ein Hindernis seines Willens gelten
ließ Der Sonnenwirt flog daher wie ein Jüngling von achtzehn Jahren und wenig
fehlte so wäre er die Treppe hinabgefallen doch brachte er den alten
Familienpokal glücklich an den Wagen Sein Sohn sah vom Fenster aus zu wie ihn
der Herzog in Empfang nahm und nach einem guten Zuge wieder zurückgab er sah
wie der junge Fürst gnädig aber immer hastig mit seinem Vater sprach wie
dieser unter tausend freudigen Bücklingen sich weigerte die Zeche zu machen
aber von dem bei dem Herzog im Wagen sitzenden Hofherrn einen mit einem
gebieterischen Wink begleiteten Silbertaler annehmen musste Neugierig
betrachtete er den von Jugend und Jagdlust strahlenden Landesherrn dessen
Allmacht ihm die Zahl seiner Jahre voll machen und doch den Wunsch seines
Herzens nicht erfüllen konnte das vornehme freie Gesicht mit den herrisch
umherschweifenden hellblauen Augen drückte eine machtbewusste Sorglosigkeit aus
welche die Freuden des Lebens in vollen Zügen schlürfte und sich dabei um
keinerlei Bedenken zu kümmern hatte So musste es wenigstens einem jungen
Menschen erscheinen dem die Kehrseite solcher Herrlichkeit verborgen blieb
»Nur ein Scherflein von dieser Freiheit und Ungebundenheit« seufzte er »ich
wollt es ja nur dazu benutzen um an meinem Weib und Kind ein rechtschaffen Werk
zu tun«
    »Wer wird denn dastehen und gucken wenns alle Händ voll zu tun gibt« rief
eine Magd die in die Stube stürzte »Die Herren in den andern Kutschen wollen
auch Wein Fort im Hausgang drunten stehen schon Butellen gnug s fehlt nur
an Händen um sie nauszutragen«
    Er eilte hinunter ergriff mechanisch ein paar Flaschen und trug sie vor das
Haus wo sein Vater soeben trunken vor Glück von dem Wagen des abfahrenden
Herzogs zurücktrat und beständig komplimentierend seinem Sohn rücklings in die
beladenen Arme taumelte In diesem Augenblick erhob sich ein Angstgeschrei Das
vordere Pferd am herzoglichen Wagen durch die neugierig umherwogende Menge oder
vielleicht durch irgendeine mutwillige Untat der lieben Jugend scheu gemacht
bäumte sich so unversehens und heftig dass der Jagdpostillon die Meisterschaft
zu verlieren in Gefahr war und die andern Pferde gleichfalls unruhig wurden Das
Geschrei der Menschen besonders aus den hinteren Kaleschen steigerte die
Verwirrung der Tiere der Postillon schwankte im Sattel die umstehenden Männer
die zufällig keine Helden waren wichen zurück und versperrten kräftigeren
Händen den Platz so dass nachgerade die Sicherheit des Herzogs an einem Haare
hing Da ließ Friedrich seine Flaschen fallen dass sie klirrend am Boden
zerbrachen mit einem Sprung hatte er sich des ungebärdigen Rosses bemächtigt
das ihn auf und nieder schleuderte endlich aber seiner markigen Hand sich fügen
musste Als der stärkste Widerstand des Tieres gebrochen war sprang noch ein
Knecht herbei der es vollends bändigen half und nun kam alles was Hände
hatte um die überwundene Gefahr noch einmal zu überwinden Der Herzog
ärgerlich dass seine Allgewalt vor den Augen der Sterblichen einen kleinen
Eintrag erlitten hatte rief »Hat nichts zu sagen Vorwärts Keine Umstände
weiter« nickte aber im Fortfahren dem jungen Menschen der ihm diesen Dienst
erwiesen gnädig zu griff dabei in die Westentasche und warf ihm ein Goldstück
hin während der vordere Postillon seine wiedergewonnene Haltung mit
verbissenem Grimm behauptend die Peitsche gegen die herzudrängende Menge aufhob
und der Jagdzug in donnerndem Laufe davonbrauste Ein Gelächter folgte den
unglücklichen Hofherren die über dem Abenteuer ihres Gebieters nichts zu
trinken bekommen hatten und sich ohne Zögern anschließen mussten um ihren Durst
im Schatten der Wälder oder vielleicht im Blute des Ebers zu kühlen Noch einen
Augenblick und die ganze stolze Erscheinung war verschwunden und die Straße
mit den städtisch großen aber einförmig grauen Gebäuden sah wieder so
werktäglich aus als ob sich gar nichts zugetragen hätte
    Friedrich war sogleich in das Haus zurückgekehrt während sein Vater noch im
Vollgenuss der gehabten Ehre mit den Nachbarn sprach wobei er nicht unterließ
sie darauf aufmerksam zu machen dass der Flecken früher eine Post gehabt habe
von welcher er behauptete dass sie mit der Sonne verbunden gewesen sei
    »Wo hast dein Goldvogel« fragte er seinen Sohn vergnügt als er mit dem
Knechte heraufkam um zu Mittag zu essen »Der Johann sagt es sei ein Goldstück
gewesen was dir der Herzog zugeworfen hab«
    »Ich habs nicht aufgehoben« antwortete Friedrich
    »Was Bist von Sinnen« schrie der Sonnenwirt »Ich hab eine Menschen und
Christenpflicht getan« sagte Friedrich »und dafür lass ich mich nicht mit Geld
auszahlen Zudem weiß man wohl für was der Herzog die Dukaten in der
Westentasch trägt  fürs Weibervolk Das ist kein Geld für mich«
    »Hasts so übrig« fragte der Vater indem er den Löffel niederlegte den er
mit dem besten Appetit zu handhaben begonnen hatte Das Essen wollte ihm nicht
mehr recht schmecken »Du bist mir der Recht zum Obenaussein« setzte er hinzu
    »Dann hätt das Geld wenigstens mir gehört« maulte der Knecht »denn ohne
mein Beistand kann man nicht wissen wie das Ding ausgegangen wär«
    »Warum hasts nicht genommen« sagte Friedrich »Ich hätts dir nicht
missgönnt«
    »Such Johann such« rief der Sonnenwirt Aber der Knecht war schon
aufgesprungen und man hörte ihn die Treppe hinunterpoltern Nach einer guten
Weile kam er finster zurück und sagte »Ich hätt mirs schon denken können dass
so was nicht lang liegenbleibt Wers aber genommen hat ist ein Dieb Der soll
mir kommen Ich werds schon rausbringen wer den gelben Vogel im Käfig hat Der
Fischerhanne der ist glaub ich am nächsten dabei gestanden Dem wassergrünen
Spitzbuben werd ich aufpassen«
    »Schäm dich Johann« sagte Friedrich »dass du dein Nebenmenschen schlecht
machst eh du weißt ob ers ist Der Fischerhanne ist nicht mein Freund und
wirds auch nicht werden aber ich tät mich doch zweimal besinnen eh ich ihn
einen Dieb hieß ohne allen Grund und Beweis Und dir hat er nie was zuleid
getan Esel warum hast du das Geld nicht gleich aufgehoben«
    Der Knecht sah ihn giftig an und murmelte halblaute Flüche in seine Suppe
hinein
    »Das Aufheben wär an dir gewesen du hochmütiger Herr« sagte der Sonnenwirt
zu seinem Sohne »Du nimmst wo du nichts anrühren solltst und lässt liegen
was dein ist«
    Friedrich schwieg Er hatte einem Advokaten in Göppingen geschrieben ob er
sich nicht seiner annehmen und seine Sache gegen seinen Vater führen wolle
Inzwischen gedachte er jeden unnützen Streit mit diesem zu vermeiden und sich
solange er ihm sein mütterliches Erbe nicht herausgab als Kind von ihm ernähren
zu lassen was er ihm durch seine Dienste hinlänglich zu vergelten glaubte denn
wenn er auch mitunter von Zorn und Überdruss ergriffen in seiner Arbeit
nachließ so meinte er sich doch das Zeugnis geben zu dürfen dass sein Vater mit
Unrecht über solche Unterbrechungen klage die im Vergleich mit seinem sonstigen
Fleiß und Eifer kaum in Rechnung zu bringen seien
    Der Sonnenwirt schwieg gleichfalls und beschäftigte sich wieder mit dem
Essen Im ganzen hatte er doch keinen Grund sich den Appetit vergehen zu
lassen Sein Sohn hatte dem Herzog einen nicht unbedeutenden Dienst geleistet
der jedenfalls der Sonne zustatten kommen musste Konnte dieses Ereignis aber
nicht vielleicht auch das Glück des jungen Menschen machen und ihn sogar aus
seiner verkehrten Richtung herausreissen Der Herzog war gegen seine Gewohnheit
weggefahren ohne eine Wort zu verlieren denn wenn er auch das Land wenig
schonte so pflegte er doch den Leuten ein gut Gesicht zu machen und konnte mit
dem Geringsten im Volke freundlich reden Nach einigen Tagen auf der Rückfahrt
oder auf einer späteren Durchreise falls er diesmal einen andern Rückweg
einschlug fragte er gewiss nach dem Jüngling dessen kräftiger Arm ihn vor einer
Gefahr bewahrt hatte und je kleiner dieser sein Verdienst machte desto höher
konnte er in der Gunst des Herrn steigen Postalter von Ebersbach Der Alte
konnte diesen Gedanken nicht aus dem Kopfe bringen Da war aber freilich immer
wieder diese fatale Liebschaft im Wege
    Während der Sonnenwirt solchen Gedanken nachhing und dazwischen wieder dem
Essen zusprach dachte sein Sohn an nichts als dass morgen der dritte Sonntag
sei an welchem er hätte proklamiert werden sollen und dass heute die Antwort
auf seinen Brief aus Göppingen eintreffen müsse Um dieselbe geheimzuhalten
hatte er nicht die Post sondern einen Bekannten benützt der in Geschäften
droben war und zu dieser Stunde zurückkommen sollte Er stand vom Essen auf und
ging die Straße hin um den Brief in Empfang zu nehmen mit welchem er sodann
unter die Erlen an dem Flüsschen eilte Der Advokat schrieb er mische sich nur
höchst ungern in Händel zwischen Kindern und Eltern zudem scheine ihm die Sache
sehr verwickelt der Ausgang ungewiss und ohne einen Vorschuss könnte er sich
nicht in diese Geschichte einlassen Abermals eine vereitelte Hoffnung Er
knirschte mit den Zähnen schüttelte einen alten Weidenbaum dass er in den
Wurzeln krachte und ging kranken Herzens denn jetzt wusste er nicht mehr womit
er Christinens tägliches Wimmern stillen sollte in das väterliche Haus zurück
    Er war dort heute nichts weniger als überflüssig Dieselbe Straße auf
welcher des Herzogs leichte Kaleschen den Staub aufgewirbelt hatten kamen jetzt
schwere Frachtwagen langsam vor die Sonne dahergefahren Friedrich half die
Pferde ausschirren und versorgen Dann ging es an die leibliche Pflege der
Fuhrleute die keine geringen Ansprüche machten und mehr Geld sitzenliessen als
der Herzog samt seinem ganzen Hof Hier war die Sonnenwirtin an ihrem Platze
Sie wusste nicht bloß das Bedürfnis und den Geschmack der Gäste zu befriedigen
sondern auch eine Unterhaltung mit ihnen zu pflegen bei welcher wenigstens der
Verstand nicht zu kurz kam so dass einst ein Fuhrmann zu seinen Gefährten sagte
»So lieb mir Herz und Nieren sind so möcht ich doch der Sonnenwirtin ihr Herz
nicht fressen denn warum Sie hat eben kein Kalbsherz aber ihr Hirn das tät
mir glaub ich schmecken und bin doch dem Kalbskopf feind«
    Kaum waren die Fuhrleute bedient und zum Teil nach ihren Rossen zu sehen
gegangen so kamen abermals Gäste und zwar diesmal zu ungewohnter Stunde aus
dem Flecken selbst Es war der junge Müller Georg den wir kennen mit einem
Mädchen von nicht ungefälligem Aussehen das er als seine Braut vorstellte und
einem Schwarm von Sippschaft aus benachbarten Orten hinterdrein worunter sich
auch der Knecht des anderen Müllers befand Er gehörte wie sich aus dem
Gespräch ergab zur Verwandtschaft und hatte als Unterhändler dieses Verlöbnis
zustande bringen helfen daher er billig beim Brauttrunke sich mitfreuen durfte
Die vergnügte Miene des Müllers verriet es und derbe Andeutungen der anderen
Verwandten sagten es noch lauter dass die Braut »Batzen« habe Ehe die Gäste
sich setzten fand eine lange Begrüßung statt bei welcher der Sonnenwirt in
ehrerbietigerem Tone als gewöhnlich und die Sonnenwirtin mit sauersüssem Gesichte
dem Müller Glück wünschten »Ja ja« sagte diese »jetzt habt Ihr das recht
Wasser auf Eure Mühle gefunden der Silberbach nicht wahr der wird sie besser
treiben als der Ebersbach« Die ganze Verwandtschaft lachte sehr geschmeichelt
zusammen Nun trat auch Friedrich zu dem jungen Manne den er trotz jener
Husarenjagd wohl leiden konnte obgleich er in letzter Zeit mit ihm der sehr
eingezogen lebte nur selten in Gesellschaft gewesen war Er schüttelte ihm die
Hand begrüßte die Braut gleichfalls und brachte seinen Glückwunsch mit wenigen
aber herzlichen Worten an »Jetzt tu Wein her Frieder und das nur gnug«
sagte der Müller »Heut lass ich alle Gäng los Du musst auch mittun wir haben
schon lang nicht mehr miteinander getrunken«
    »Ja ich will so frei sein« erwiderte er freundlich und eilte in den
Keller
    »Ihr habt heut n Glückstag gehabt Herr Sonnenwirt« begann der Bräutigam
als die Gesellschaft den Wirt und seine Frau mit eingeschlossen an dem runden
Tische Platz genommen hatte »Ich bin nicht dabei gewesen habs aber gehört
Und der Frieder das ist ja ein Kerl wie ein Löw Nun der hat die Wurst nach
der Speckseit geworfen der Herzog wird sichs hinter die Ohren geschrieben
haben«
    Der Sonnenwirt erzählte unmutig wie sein Sohn das ihm zugeflogene Goldstück
verschmäht habe Die Gesellschaft hörte mit Verwunderung und Kopfschütteln zu
Die junge Braut lachte überlaut Dies ärgerte zwar den Sonnenwirt ein wenig
doch glaubte er darin ein Zeichen von vielem Menschenverstand erkennen zu
müssen
    »Ja er ist sein Lebtag ein besonderer Kopf gewesen« sagte der Bräutigam
»Aber das muss man ihm doch lassen hilfreich ist er und meints vielmals gut
Denkts Euch noch wo er die Schramm her hat die man immer noch auf seiner
Stirn sieht Da ist einmal der Totengräber mit seinem Weib und seinem Mädle am
Burggarten runtergefahren haben ein Wägele mit Heu glaub ich geführt und wie
eben die Leut vergesslich sind oder vielleicht auch aus Armut haben sie keine
Kette bei sich gehabt und ein mageres Kühle vorgespannt und haben die Weibsleut
den Radschuh machen müssen wies auch sonst im Leben oft vorkommt«
    Die Gesellschaft lachte »Ist auch oft nötig« rief eine rüstige dicke Frau
die für die Braut den Mund auftat »Wenn ein Mann kopfüber kopfunter bergabe
will so tuts ihm wohl not dass er ein tüchtigs Weib hat das ihm den Rappen
anhält und den Wagen sperrt«
    »Über das« fuhr der Müller fort »ist das Wägele in Schuss kommen das Kühle
hats nicht mehr verheben können und wer weiß wies gangen wär da kommt auf
einmal der Frieder des Wegs daher sieht den Unstern und springt bei er ist
schier kaum sechzehn Jahr alt gewesen Anhalten hat er das Wägele auch nicht
mehr können aber rum hat ers samt dem Kühle gerissen so dass das Rad am
Mäuerle aufgefahren ist und am Vorsprung festgesessen Kuh und Wagen und Leut
keinem hats was getan aber den Frieder hats mit der Stirn an die Mauer
hingeschlenkert dass man ihm hätt mit einer Latern in Kopf hineinzünden können«
    »Ja ich weiß wohl noch wie man mir den gottlosen Buben halbtot ins Haus
bracht hat« sagte der Sonnen wirt
    Die Türe ging auf und Friedrich erschien mit den Flaschen Der Müller der
sich entweder sehen lassen oder auch vielleicht das Gespräch noch länger
fortsetzen wollte rief »Was das ist alles Gleich wieder in Keller Der ganz
Tisch muss vollgepfropft sein Kann dir nicht helfen Friederle heut muss ich dir
müde Füss machen«
    »Oh ich tus ja gern« rief Friedrich und eilte wieder in den Keller
    »Ich hab oft zu mir gesagt« hob der Müller wieder an »aus dem Buben kann
noch was werden«
    »Im guten oder im bösen« erwiderte der Sonnenwirt »Ich habs auch schon
gedacht dass er nichts Halbs werden will Seit einiger Zeit aber hat er sich
ganz auf die eine Seit geneigt Ihr wissts ja selber wie er mir Verdruss und
Bekümmernis macht«
    »Darin will ich ihm den Kopf nicht heben« sagte der junge Müller indem er
seine Braut zärtlich ansah »Besser ist besser das weiß ich Aber wenn die Sach
eben einmal so weit ist wie bei dem Frieder  ich sags ganz unmassgeblich Herr
Sonnenwirt ich red bloß von mir  wenn ich n Sohn hätt und er ging in solchen
Schuhen und wollt eben um Gottes oder s Teufels willen seinem Schatz Wort
halten und sein Kind vor Elend bewahren  ich weiß nicht was ich tät aber
soviel müsst ich mir doch immer sagen das Kind das ist dein Enkel«
    »Unser Herrgott wird davor sein dass dir so was zustosst« sagte die dicke
Frau welche die Sprecherin machte mit scharfbetonter Missbilligung »Hättst
wenigstens gleich dazu sagen sollen Unbeschrien An einem Tag wie der heutig
musst kein so Ding reden«
    Der Bräutigam wurde gewahr dass er einen großen Bock geschossen Er wandte
sich zu seiner Braut welche blutrot geworden war und flüsterte ihr
unausgesetzt gute Worte zu ohne weiteren Anteil an dem Gespräch zu nehmen
Anfangs schien sie etwas scheu und widerwillig zu sein auch zog sie den Arm weg
und rückte ein wenig wenn er sie berühren wollte nach und nach aber ließ sie
sich wieder begütigen
    »Das wär mir eine neue Erziehung« nahm die Sonnenwirtin nach der Tadlerin
das Wort »wenn des Menschen Eigensinn Gottes Will heißen müsst Des Teufels
Will ja das ist recht gesagt«  Sie sah sich im Kreise um und begegnete
wenigstens bei den weiblichen Mitgliedern desselben lauter beifälligen
Gesichtern
    »Herr Sonnenwirt« begann ein alter Fuhrmann der beinahe unbeachtet in der
Ecke am anderen Fenster saß und dem Gespräche sehr aufmerksam zugehört hatte
»Lasst ein Wort mit Euch reden und gebet Eurem Sohn das Mädle dass das Geschrei
unter den Leuten einmal aufhört Bei Kannstatt drunten hab ich einen ähnlichen
Fall erlebt Da hat auch ein Wirtssohn eine arme Taglöhnerstochter geheiratet
und die ganz Verwandtschaft ist dagegen gewesen aber er hats durchgesetzt
warum Weil er Herr im Haus gewesen ist nach seines Vaters Tod Es ist aber ganz
gut geraten Anfangs freilich hat man auch dem Teufel ein Bein brechen müssen
denn die jung Frau hat ein wenig hochmütig sein wollen auf ihr feins Gesicht
und ihren neuen Stand und hat dabei natürlich von der Wirtschaft nichts
verstanden und der Schwieger nicht folgen wollen aber der Mann ist gescheit
gewesen und hat zu seiner Mutter gehalten und sein Weib links und rechts hinter
die Ohren geschlagen bis sie pariert hat Jetzt gehts und die Einkehr bei der
schönen Wirtin ist groß und die Mutter die früher am ärgsten gegen die Heirat
gewesen ist ja die trägt jetzt ihre Tochter schier auf den Händen«
    »Das passt wie eine Faust auf ein Aug« lachte die Sonnenwirtin »Freilich
wenn ein Vater tot ist da kann ihm sein Sohn sein Sach und seinen Namen
verschimpfieren und niemand fragt danach Aber solang der Vater am Leben ist
wird er doch auch noch dreinreden dürfen wenn ihm der Sohn Schimpf und Schand
ins Haus bringen will«
    »Herr Sonnenwirt« sagte der hartnäckige Fuhrmann ohne die Einrede der Frau
zu beachten »Ihr müsst ja doch einmal abfahren und dann kutschiert Euer Sohn
Wollet Ihr ihm auf dem Bock sitzen bleiben und ihn sein Leben lang spazieren
führen Das geht ja doch nicht an drum gebet nach so langs noch Zeit ist und
ehs zum Äußersten kommt Denn ich kenn euch beide s hat jeder von euch ein
Sperrholz im Gnick«
    »Recht so« sagte die Sonnenwirtin »also soll der Sohn dem Vater das Gnick
brechen«
    Der Sonnenwirt der eine Weile etwas unschlüssig dreingeschaut hatte fuhr
auf Vom Sterben hörte er gar nicht gern reden eine Rüge war auch nicht nach
seinem Geschmack und der etwas herbe Ton des alten Mannes den er zwar seit
vielen Jahren kannte reizte ihn so dass es nur einer kleinen Nachhilfe von
seiner Frau bedurfte um ihn in Harnisch zu jagen »Ich brauch das Geschwätz
nicht« sagte er kurz angebunden »brauch mir in meinem Haus nichts befehlen zu
lassen Hier bin ich Herr«
    »Adje Herr Sonnenwirt« antwortete der Alte indem er sich mit gemessener
Eile erhob und der Türe zuging »s gibt noch mehr Wirtshäuser in Ebersbach«
    »Meintwegen« rief der Sonnenwirt
    Der Alte ging hinaus nachdem er der Gesellschaft »Adje beisammen«
zugerufen hatte Draußen traf er auf Friedrich der die Treppe langsam und
nachdenklich heraufkam »Frieder« sagte er zu ihm und legte ihm die Hand auf
die Schulter »wir kennen einander schon lang ich hab dich oft rumtragen wie
du noch klein gewesen bist und hab dich auf meine Gäul sitzen lassen«
    »Ha freilich Bot« erwiderte Friedrich aufgeheitert »Wir sind immer gut
Freund gewesen Wisst Ihrs nimmer Ich hab Euch ja einmal den Wagen ausplündert
dem langen Mates dem Knecht zum Torten«
    »Weiß wohl Friederle dir ist aber auch mancher Tort gespielt worden und
mein kleiner Finger sagt mir es stehen dir noch ärgere bevor Komm Frieder
komm du mit mir Alt bin ich kein Kind hab ich nicht mein Handwerk kennst du 
ich will dich annehmen Ich spürs deines Bleibens ist nicht mehr in dem Haus
da es tut nicht lang mehr gut Komm mit mir sag ich Du kennst mich ich halt
dich rau wie ich selber bin und wies bei meinem Wesen hergeht aber ich halt
dich wie ein Vater«
    »Botenjakob« stammelte Friedrich betreten und zögernd »das ist ein Wort
das alles Dankes wert ist  aber Ihr werdet mirs gewiss nicht verargen wenn ich
sag es will überlegt sein Was sollt denn aus meiner Christine werden«
    »Mein Fuhrwesen« sagte der Alte »trägt dich und mich aber ein Haus voll
Kinder trägts nicht mehr seit die Strass durchs Remstal verbessert ist und du
kannst mir nicht zumuten dass ich in meinem Alter noch Hunger leiden soll«
    »Wie könnt Ihr mein Fragen so auslegen« unterbrach ihn Friedrich tief
verletzt »Haltet Ihr mich im Ernst für so undankbar und unverschämt«
    »Nein nein« versetzte der Alte mit sanfterer Stimme »Musst nicht gleich so
auffahren wie dein Vater Man redt ja nur Deine Christine wirst freilich nicht
mitnehmen können aber wenn ich einmal sterb so sitzst in meinem ganzen Brot
und kannst sie holen Sag dirs selber ob du hier auch nur so viel voraussehen
kannst«
    Friedrich hielt seine Flaschen krampfhaft fest Es arbeitete mächtig in ihm
Der Vorschlag das erkannte er wohl war ein rettender Ausweg aber er wurde so
plötzlich und unvorbereitet damit überrascht dass sein sonst schneller Geist wie
gelähmt war Wohl hatte er mit leichter Zunge von Verzicht auf seines Vaters
Haus und Erbe gesprochen aber jetzt wo die Wirklichkeit ihn auf die Probe
stellte schien ihm der Schritt doch ziemlich schwer
    Der Alte der seinen Kampf beobachtet hatte fuhr fort »Wenn du nicht
willst so hilf mir wenigstens meine Gäul aus dem Stall bringen«
    »Die sind aber noch lang nicht ausgeruht« sagte Friedrich »sie werden noch
nicht einmal ganz gefressen haben«
    »Ich bleib auch noch im Ort« murrte der Alte
    »Was« rief Friedrich der erst jetzt den Sinn der Rede begriff »Ihr wollt
die Sonne aufgeben wo Ihr mehr als zwanzig Jahr lang Gast gewesen seid Wer
vertreibt Euch denn«
    »Die Sonne scheint mir zu heiß für meine alte Tag ich wills im Stern
probieren Mach nur vorwärts ich will mir nicht zum zweitenmal ausbieten lassen
in dem Haus da Ich schwätz viel zu lang hab in acht Tag nicht soviel Wort
gemacht«
    »Nein Jakob« sagte Friedrich »so gern ich Euch in allem zu Willen wär
das tu ich nicht Hat mein Vater Euch beleidigt oder gar Euch das Haus
verboten und vielleicht um meinetwillen denn so was schwebt mir vor so will
ich wenigstens keinen Finger dazu rühren dass mein Haus um einen Freund ärmer
wird Wenn Ihr durchaus fort wollt oder müsst was Ihr selber am besten
verstehen werdet so müsst Ihr den Knecht zu Hilf nehmen Ich führ Euch keinen
Gaul ausm Stall  und Ihr werdet mir glauben dass mirs dabei nicht um den
Nutzen ist«
    Der Alte fuhr sich mit dem rauen Rücken der Hand über die Augen »So eine
abschlägige Antwort« sagte er »muss ich mir gefallen lassen Aber ich
wiederhols noch einmal komm mit mir und komm gleich Nicht dass michs nachher
reuen könnt aber ich spür s ist ein Unglück im Anzug Du weißt in mir ist
ein Geist der mir schon manchmal etwas vorausgesagt hat Es kann auch nicht
anders sein wenns der ein hebt und der ander nicht fahren lässt so muss es
zuletzt ein Unglück geben Schmeiß deine Butellen hin« setzte er hastig
drängend hinzu »und geh mit wie du gehst und stehst Komm nimm die Hand die
ich dir biet so eine Gelegenheit kommt nicht zum zweitenmal«
    Friedrich lächelte ein wenig denn er glaubte sich zu erinnern dass nicht
alle Unglücksprophezeiungen des Alten eingetroffen seien Auch glaubte er kaum
zweifeln zu können dass zu der guten Gesinnung die derselbe gegen ihn selbst
hegte sich einige Rachelust gegen seinen Vater gesellt habe  »Jakob« sagte
er »in Stern mit Euch zu gehen daraus würd ich mir unter anderen Umständen gar
nichts machen denn der Stern ist mir ein ganz honetts Haus Aber bedenket
wenn ich Euch nach dem was zwischen Euch und meinem Vater vorgefallen sein muss
gleichsam aus der Sonne in den Stern ausziehen hilf und vom Stern aus mit Euch
fortzög um meinem Vater und Vaterhaus gleichfalls Valet zu sagen  wie arg tät
man mir das rumdrehen Euer Anerbieten ich sags noch einmal ist tausend Danks
wert und verdient alle Überlegung und dass ich gern bei Euch bin das wisst Ihr
ja schon lang Aber so im Hui kann ich nicht mit Ich kann den Wein nicht auf
den Boden schütten wie ich heut schon einmal getan hab denn ich hätt jetzt
nicht so viel Geld um ihn zu zahlen und möcht Euch doch auch nicht gleich zum
Anfang für mich in unnötige Kosten bringen Und dann wenn ich jetzt fortlief
während noch der Georg mit seiner Braut da ist so täten die Leut natürlich
sagen ich hab mich dran gespiegelt und geschämt und habs nicht ausgehalten
neben so einem vernünftigen braven rechtschaffenen reichen Paar und was
dergleichen Zeugs ist Ich seh Euch ja fortfahren denn wenn Ihr auch ausm
Stern abfahret so müsst Ihr doch da vorbei und dann geb ich Euch auf alle
Fäll das Geleit wie einem Vater und wir reden weiter miteinander Darum sag ich
Euch jetzt auch nicht Adje«
    »Er tuts nicht« brummte der alte Mann während er die Treppe
hinunterstieg »Der Stolz lässts ihm nicht zu Es ist einer wie der ander«
    Es war hohe Zeit als Friedrich mit den Flaschen in die Stube geeilt kam
denn der Vorrat von vorhin war bereits ausgetrunken Doch fand er die
Gesellschaft in munterer Unterhaltung begriffen Sein Vater hatte den
Familienpokal geholt aus welchem der Herzog heute getrunken derselbe ging von
Hand zu Hand und musste dann noch einmal gefüllt die Runde machen da jedes einen
gewissen Reiz dabei empfand das Gefäß das die landesherrlichen Lippen berührt
hatten an den Mund zu setzen Von dem Herrn selbst sprach man in verdeckten
Wendungen und halben Andeutungen wie jung er noch sei und wie lebenslustig und
wieviel man noch von ihm hoffen könne wenn er einmal älter sein werde denn die
Menschen bauen ja stets auf die Zukunft bei der Jugend bauen sie auf das Alter
und beim Alter auf die Jugend derer die dem folgenden Geschlecht angehören
werden Aber auch von der Gegenwart wurde gesprochen von den Frucht und
Brotpreisen und ähnlichen Gegenständen die keinem gering scheinen dürfen weil
bei der allgemeinen Ernährung alle beteiligt sind Gleichwohl zeigte der
Sonnenwirt der sich um diese Dinge sonst oft mehr bekümmerte als um manche
andere noch wichtigere heute auffallend wenig Sinn dafür Die Brautschaft des
jungen Müllers und die Vergleichung derselben mit der Liebschaft seines Sohnes
war es was ihm beständig im Kopfe herumging Die Braut gefiel ihm über die
Massen wohl Der herrschenden Sitte gemäß sprach sie äußerst selten beinahe nur
wenn sie gefragt wurde und es deuchte dem Sonnenwirt früh genug wenn eine erst
als verheiratete Frau »das Maul brauchen lerne« Was sie sprach das schien ihm
»eine Heimat zu haben« und es klang auch mitunter so rund wie ein harter Taler
Bei lustigen Anlässen brach sie in ein schallendes Gelächter aus das ihm zu
ihren weißen Zähnen und derbroten Wangen ganz prächtig zu stehen schien Von der
Braut musste er wieder auf den Bräutigam blicken der in der Fülle seines Glückes
neben ihr saß und das eine Mal leise Liebesworte mit ihr wechselte das andre
Mal wieder lebhaft zu der Unterhaltung der Gesellschaft beitrug deren Bewirtung
er übernommen hatte Der Sonnenwirt erinnerte sich dass er diesem jungen Manne
einst seine Tochter vorenthalten und konnte gar wohl ermessen dass in der Ehre
die er ihm mit seinem Besuch antat auch eine kleine Bosheit verborgen sein
mochte dass er da wo man ihn einst wenn auch in noch so leiser und
unbestimmter Weise verschmäht hatte sich jetzt als »gemachter Mann« zeigen
wollte ja die Zärtlichkeiten die er seiner Braut erwies gaben manchmal dem
Sonnenwirt einen Stich durchs Herz als ob sie wie ein Spott auf ihn gemünzt
wären Er dachte aber nicht daran um wieviel besser er seine Tochter versorgt
haben würde wenn er ihr diesen nach seinem eigenen Geständnis so wackeren
fleißigen und angenehmen jungen Mann hätte zuteil werden lassen und welch ein
gutes Beispiel für seinen Sohn ein Schwager gewesen wäre der gleichfalls jung
und der Lebensfreude nicht abhold doch das Erfreuliche im Nützlichen zu suchen
und bei seiner Wahl wie es wenigstens schien Liebreiz mit Verstand und
Reichtum vereinigt zu finden wusste Er dachte nur daran dass sein Sohn in allen
Stücken das Gegenteil von diesem jungen Manne dass dessen Braut so sehr sie ihm
und eben weil sie ihm gefiel ein wahres Spottbild auf die Wahl seines Sohnes
vorstelle Friedrich indessen dachte an gar nichts als an seine und Christinens
verzweifelte Lage an den niederschlagenden Brief des Advokaten von dem er kaum
hoffen konnte dass er reinen Mund halten würde und an den liebreichen Antrag
des alten Boten der ihn so seltsam bestürmt hatte Während ihn diese Gedanken
unaufhörlich beschäftigten musste er dazwischen von Georg aufgerufen der ihn
durchaus heiter sehen wollte mit der Gesellschaft schwatzen einmal über das
andere Bescheid tun auf das Geheiß des splendiden Bräutigams Wein aus dem
Keller holen wieder schwatzen und lachen und immer wieder trinken so dass er
zuletzt kaum mehr wusste ob er seinen Kopf oder das Mühlrad seines Freundes auf
den Schultern habe
    Wie es gerade in lebhafteren Gesellschaften nicht selten vorkommt war nach
einer Reihe ernsthafter Gespräche und lustiger Späße auf einmal die
Unterhaltungsspule abgelaufen und es entstand jene Stille während welcher
jedes Mitglied sich den Kopf zu zerbrechen pflegt um womöglich einen neuen
Stoff zur Verarbeitung aufzutischen Der Sonnenwirt der den Wein gleichfalls
spürte hielt sich vor allen als Wirt und Hausherr verpflichtet in die Lücke zu
treten und der Anlass zu einer Äußerung lag ihm nur allzunahe Hatte ihm der
Bräutigam vorhin mehr aus Höflichkeit als Überzeugung wie ihn deuchte seinen
Sohn gelobt so glaubte er diese schmeichelhaften Reden jetzt im
entgegengesetzten Sinne erwidern zu müssen »Das muss ich sagen« begann er »so
ein feins Brautpaar hab ich lang nicht an meinem Tisch gehabt da muss einem ja
das Herz im Leib drob lachen« Dann sprach er die vorteilhafte Meinung aus die
er von den beiden jungen Leute hegte und spendete besonders der Braut ein
derbes Lob das sie mit Erröten jedoch keineswegs unwillig hinnahm Nun aber
wendete er sich gegen seinen Sohn »Da kannst jetzt sehen« sagte er zu ihm
»wieviel Freud anstatt soviel Verdruss du mir hättst machen können wenn du
mir so ein bravs Weibsbild ins Haus bracht hättst statt dem Mensch mit dem
du dich vergangen hast«
    »Jetzt kommts« dachte Friedrich aber er hielt an sich und sah finster
schweigend vor sich hin
    »Es muss eben auch Schatten in der Welt geben« bemerkte die Sonnenwirtin
spöttisch »sonst tät man ja«  bei diesen Worten deutete sie auf die Braut 
»das Licht nicht sehen«
    »Lassts gut sein Herr Sonnenwirt und Frau Sonnenwirtin« sagte der
Bräutigam begütigend »Wir sind ja so vergnügt beieinander Komm Frieder stoss
an mit mir dein Wohl und unser Leben lang lauter gut Ding«
    »Gsegn dirs Gott Georg« erwiderte Friedrich »Obwohl du ein Kind des
Lichts bist« setzte er bitter lächelnd hinzu »so will ich doch in meiner
Finsternis auf dein und deiner Braut Wohl trinken und will dir wünschen dass sie
dir immer so lieb bleiben mög wie meine Christine mir«
    Die Braut machte ein saures Gesicht Die Sonnenwirtin stieß ein grelles
Gelächter aus in das der weibliche Teil der Gesellschaft halblaut einstimmte
indem sie einander unwillig ansahen
    »Ich lass meine Gäst nicht beleidigen« fuhr der Sonnenwirt zornig auf
    »Ich hab niemand beleidigt« erwiderte sein Sohn mit kalter Stimme während
seine blauen Augen immer wilder blitzten
    »So eine Vergleichung« rief die Sonnenwirtin mit aufreizendem Tone »die
soll keine Beleidigung sein« Die Weiber nickten ihr lebhaft zu Der Bräutigam
schwieg verlegen er sah ein dass er den Freund mit dem er soeben noch
angestossen nur auf Kosten seiner Braut verteidigen könnte
    »Was« schrie der Sonnenwirt »so eine rechtschaffene Person vergleichst du
in meinem Haus mit einer «
    »Vater« unterbrach ihn Friedrich mit dem Tone der Verzweiflung und stand
auf »ich bitt Euch um Gotteswillen seht Euch vor und hütet Eure Zung Ich
habs einmal für allemal erklärt und geschworen dass ich sie nicht runtersetzen
und schlecht machen lass weder von Vater noch Mutter Sie ist mein Weib vor
Gott und was ich geschworen hab das halt ich müsst man auch in Ebersbach etwas
erleben dergleichen seit Menschengedenken nicht geschehen ist«
    »O du blutrünstiger Heiland er droht seinem leiblichen Vater« rief die
Sonnenwirtin indem sie die Hände zusammenschlug Die Weiber stießen Laute des
Grauens und Entsetzens aus
    Der Sonnenwirt der sich gleichfalls erhoben hatte stand in Ungewisser
Haltung an die Stuhllehne angeklammert schoss aber wütende Blicke nach seinem
Sohne Er fürchtete ihn weil er ihn zu allem fähig glaubte und eben diese
Furcht erhöhte seine Wut
    »Vater« begann Friedrich wieder nach der Wand deutend wo neben dem Bilde
des Herzogs das Bild des Gekreuzigten hing und seine Stimme die er zu mildern
suchte zitterte »Vater seht Ihr Ihn der nicht schalt da er geschlagen
ward und nicht dräuete da er litt Ich will ihm ja gern nachfolgen so gut
ichs kann Wälzet Berg auf mich von Schimpf und Schmach ich will nicht
widerbellen wills tragen als Euer Sohn Aber auf mein Weib lass ich nichts
kommen eh mag das grösst Unglück draus entstehen Und leset im Testament Vater
hat Er nicht seine eigene Verwandtschaft verleugnet und gesagt die seien seine
Eltern Brüder und Schwestern die sein Wort hören und den Willen Gottes tun
Ist aber das Gottes Will die Armut verachten und unterdrücken Und ist er nicht
auch scharf gewesen Hat er nicht mit der Geissel ausgefegt Hat er nicht die
ewig höllisch Verdammnis ausgegossen über die so sein Volk betrübt und den
Armen und Witwen ihre Häuser gefressen und langes Gebet vorgewendet haben Und
was hat er gesagt wie sie die Ehbrecherin vor ihn bracht haben die doch gewiss
eine größere Sünderin gewesen ist als mein Weib Wer unter euch ohne Sünde ist
hat er gesagt der werfe den ersten Stein auf sie«
    »Der kann predigen« zischelte die Braut mit unterdrücktem Kichern gegen
ihren Bräutigam hin Friedrich der es gehört hatte warf ihr einen Blick der
Verachtung zu
    »Man sollt schier gar glauben« sagte die Sonnenwirtin mit ätzendem Spott
»wir haben da den lieben unschuldigen Heiland in unserer Mitte  verzeih mir
Gott die Sünd Ich hab aber nirgend in der Bibel gelesen dass er so zu seinem
Vater geredt hat«
    Der Sonnen wir t war eine Zeitlang sprachlos und außer sich Die Anrufung
der Religion als Anklägerin wider ihn machte ihn rasend gleichviel ob sein
Sohn mit Recht oder Unrecht zu diesem Mittel gegriffen  es erschien ihm als
Bruch der letzten Schranke kindlicher Scheu »Ich brauch weder n Hauspfaffen
noch n Hausdieb« schrie er »wenn ich eine Predigt brauch so will ich sie in
der Kirch vom Pfarrer hören und nicht von so  so « Die Stimme versagte ihm
Der Bräutigam und die anderen Männer die an der Haltung von Vater und Sohn
ersahn dass es Ernst wurde sprangen dazwischen und suchten zu vermitteln
indem alles zu gleicher Zeit zusammenschrie Aber bei dem Vater hatte Wein und
Wut über die Furcht gesiegt und vielleicht gab ihm auch das Dazwischenspringen
der Männer das ihn von seinem Sohne trennte ein Gefühl der Sicherheit Er fuhr
in den höchsten Kehltönen blaurot im Gesicht zu toben und zu schimpfen fort
und durch den ohrzerreissenden Lärm der anderen drang von Zeit zu Zeit seine
Stimme vernehmlich durch »Ich lass mir in meinem eigenen Haus von niemand
befehlen   ich sag was ich mag  und was ich sag ist wahr    sie ist ein
schlechts Mensch«  er hatte sich Bahn zum Tische gebrochen und schlug mit der
Faust darauf dass Flaschen und Gläser tanzten und umfielen  »ein schlechts
Mensch sag ich  ein ganz schlechts schlechts schlechts «
    Seine Stimme überschnappte und zugleich erstarb ihm noch aus einer anderen
Ursache das Wort im Munde denn mit weitgeöffneten Augen zurückbebend sah er
dass sein Sohn das Messer gezogen hatte und ihm mit der funkelnden Klinge
gegenüberstand Die Weiber kreischten fürchterlich die Männer wogten hin und
her und wichen teils zurück Mit wildrollenden Augen war der Unglückliche
vorgetreten die Spitze des Messers nach seinem Vater gekehrt  wenn man der
Leidenschaft in ihrem vollen Ausbruche zutrauen darf dass sie noch einen Rest
von Besinnung in sich birgt so kann man wohl nicht zweifeln dass er froh
gewesen wäre sich durch ein dazwischenplatzendes Hindernis die Haltung seines
blinden Eides unmöglich gemacht zu sehen Auch wurde ihm dieser Wunsch wenn er
vorhanden war erfüllt Der Müllerknecht hinter welchem die anderen allmählich
zurückgewichen waren sprang ohne weiteres auf ihn zu und packte ihn kräftig am
Arme um ihn zurückzuhalten »Messer weg« schrie er gleichfalls entbrannt mit
zornig gebietender Stimme und wildem Blick  aber ehe er vollenden konnte hörte
man aus dem Munde des Wütenden einen tollen Schrei sah seinen Arm mit dem
Messer zucken und das Blut schoss dem zurücktaumelnden Knechte am Arme herab
Die Sonnenwirtin stürzte aus der Stube »Feurio Mordio Feurio Ein Dieb Ein
Mörder« hörte man sie nach einem Augenblick auf der Straße schreien dass es
durch die ganze Nachbarschaft gellte Unten und oben erschallte verworrenes
Geschrei Die Gäste den Sonnenwirt in der Mitte stürzten der Frau vom Hause
nach Die Braut ließ sich an ihrem Bräutigam hängend von diesem mit
fortschleppen und weinte überlaut über die böse Vorbedeutung dieses
Unglückstages Der Bräutigam wollte den Getroffenen mit sich ziehen aber dieser
riss sich los und blieb steif und starr vor seinem Angreifer stehen während ihm
das Blut fortwährend vom Arme niedertroff
    Friedrich kam wie aus einer langen Betäubung zu sich und gewahrte dass er
mit dem Knecht allein in der Stube war Er hatte das Messer noch immer in der
Hand »Da nimms« sagte er zu dem Opfer seines Jähzorns »und stich mich über
den Haufen du tust ein guts Werk«
    Der Knecht wies das dargebotene Messer zurück »Ich bin kein Mörder wie du«
sagte er während seine gläsern gewordenen Augen sich nach und nach wieder
belebten
    »Peter Um Gottes willen Hats dir was getan« rief Friedrich dem seine
Tat erst jetzt zum klaren Bewusstsein kam »Lass mich sehen komm ich will dich
verbinden du verblutst dich ja«
    Der Knecht stieß ihn zurück »Ist schon recht« murmelte er »s ist recht
ja ja  sein Wohltäter stechen  ist eine neue Art seine Schulden zu zahlen 
s ist aber schon recht  ich will dich finden  ja ja s ist recht ist ganz
recht«  Er wiederholte diese Worte wohl ein dutzendmal während er langsam aus
der Stube ging und erst jetzt daran dachte seinen verwundeten Arm mit der
anderen Hand zusammenzuhalten
    Friedrich blieb allein und wie verhext in der Stube zurück Er blickte auf
den Tisch der soeben noch voll Menschen gewesen war dann auf das Messer in
seiner Hand dann auf das Bild des Gekreuzigten zu dem er vorhin emporgedeutet
und dem er nachzufolgen gelobt hatte »War das eine Nachfolge« sagte eine
Stimme in ihm Er hatte gelobt jede Schmähung zu dulden die nur über ihn
selbst ausgeschüttet würde und dieser Arme hatte nicht einmal ihn geschweige
Christinen geschmäht Wenn auch seine Zunge vielleicht Schmähworte beherbergt
hatte die nur durch den Stoß des Messers abgeschnitten worden waren wenn auch
der herausfordernde überlegene Ton womit er ihm Entwaffnung geboten sich wie
seine nachherigen Worte zu zeigen schienen auf eine Gefälligkeit berufen
wollte die zwar eine Verpflichtung aber keine Abhängigkeit begründet wenn
auch ein christliches Verzeihen ihm fremd und fern zu sein schien  was war das
alles gegen einen Mörderstreich Stolz und Zorn  dies sagte ihm die innere
Stimme mehr oder minder klar  hatten ihn in einem Augenblicke zu dem Gegenteil
von dem gemacht was er den Augenblick vorher zu sein sich vermessen hatte
    Indessen blieb ihm wenig Zeit solchen Gedanken nachzuhängen Der Lärm vor
dem Hause wurde stärker und die Anzahl der Stimmen mehrte sich Er hörte den
Knecht dessen Betäubung allmählich in Wut überzugehen schien aus den anderen
Stimmen herausbrüllen »Er ist nicht bloß ein Mörder er ist auch ein Dieb Sein
eigener Vater hat ihn n Dieb geheißen«  »Ja« schrie die gellende Stimme der
Sonnenwirtin »er hat seinem Vater Frucht gestohlen und an sein Mensch gehängt«
 »Man muss seiner habhaft werden« rief eine neue Stimme an weloher er den
Amtmann erkannte  »Ja« gellte die Summe der Sonnenwirtin »kriegen muss man
ihn und wenn man das Haus anzünden müsst«  Bald konnte er auch durch die offen
gebliebene Türe Tritte im Hausgang und auf dem unteren Treppenabsatz vernehmen
Die Verfolger kamen Das Bewusstsein dass er es mit aufgebrachten wütenden
Menschen zu tun habe entflammte auch in ihm der kaum zuvor einem Strahl der
Wahrheit und Demut Raum gegeben hatte von neuem die mörderische Wut zu welcher
sich nun ein unbestimmter Trieb bevorstehenden Übeln zu entgehen gesellte Er
flog die obere Treppe hinauf auf den Boden wo er sich rücklings auf einen
Kasten legte sein Messer in eine danebenstehende Bettlade steckte und in dieser
Verfassung die Verfolger erwartete »Er muss auf der Bühne sein« riefs unten
und die Schar drang herauf Die vordersten waren der Amtsknecht der
Fleckenschütz und der Fischer hinter ihnen drängte es sich auf der Treppe Kopf
an Kopf »Komm mir keiner zu nah« rief der tolle Bursche und griff nach dem
Messer Sie stutzten und wichen zurück »Holet ein Gewehr« rief einer »Da ist
schon eins« antwortete es vom Fuß der Treppe »Her da« riefs oben »man muss
nach ihm schießen bis ihm der Krattel vergeht« Er fuhr von seinem Lager auf
ließ das Messer stecken und stürzte nach einem Dachladen durch den er alsbald
verschwand Ein Geschrei von unten erscholl »Er hat sich hinuntergestürzt«
schrie der Amtsknecht Die einen warfen sich auf das Messer um sich desselben
zu bemächtigen die anderen rannten nach dem Dachladen Der Fischer war der
erste der daselbst ankam und den Kopf hinausstreckte Er zog ihn aber alsbald
zurück und rief »Nein er schiebt sich das Dach hinauf und hat mich mit einem
Ziegel auf den Kopf schlagen wollen« »Das Dach aufgehoben« schrien einige und
machten Anstalt am Sparrenwerk hinaufzuklettern da flog durch eine Lücke ein
Ziegel herein der zwar keinen traf aber alle von dem vorgeschlagenem
Unternehmen abschreckte Fluchend und schreiend verließen sie den oberen Boden
und gingen auf die Straße hinunter von wo sie nun sehen konnten wie des
Sonnenwirts Frieder dem ganzen Flecken zum Schauspiel auf dem Dachfirst seines
väterlichen Hauses ritt Es war lächerlich und jämmerlich zugleich anzuschauen
obgleich er sich fest wie im Sattel eines Pferdes hielt seine Verfolger höhnte
und heraufzukommen einlud Der ganze Platz um das Haus war voll Menschen und
aus den anstoßenden Gassen drängten sich immer neue Zuschauer herbei »Was
gibts Was gibts« riefen die einen  »s ist e Kuh fliegig worden« 
»Nein e Stier« schrien andere  »Dem Sonnenwirt sitzt ein fremder Vogel aufm
Haus«  »Schiesset ihn vom Dache abe«  »Holet ihn mit der Feuerspritz runter«
 So ging das Geschrei und Gelächter durcheinander Ein Wagen der auf der
Straße herausfuhr musste haltmachen weil ihn das Gedränge nicht durchliess Bei
den Pferden stand der alte Fuhrmann und blickte traurig den Kopf schüttelnd
nach dem verwahrlosten Jüngling hinauf den er hatte retten wollen In seinen
gefurchten Zügen malte sich eine trübselige Befriedigung er nickte ein paarmal
und sagte vor sich hin »Hab auch wieder einmal eine richtige Vorahnung gehabt«
    Der Sonnenwirt der sich halbtot schämte hatte sich mit dem verwundeten
Knechte zu seinem Schwiegersohne dem Chirurgen zurückgezogen und schickte
diesen ob er dem schmählichen Auftritte nicht auf irgendeine Weise ein Ende
machen könne Der Chirurg nachdem er die Wunde des Knechts untersucht und
verbunden drängte sich durch die Menge wurde von dem Amtmann der ratlos was
er befehlen sollte in der Haustür der Sonne stand herbeigewinkt und mit einem
heimlichen Auftrage versehen drängte sich wieder in die Straße durch und gab
Zeichen nach dem Dache um die Aufmerksamkeit seines jungen Schwagers auf sich
zu ziehen Friedrich der ihn mit seinen Falkenaugen schon längst bemerkt und
angerufen hatte ohne in dem Tumult vernommen zu werden schrie mit einer
Stimme die alle übertönte »Still da drunten« Ein zorniges Gelächter der Menge
antwortete ihm Der Chirurg aber bat und beschwor die Umstehenden so lange bis
wenigstens in der Nähe der Lärm sich etwas legte und eine notdürftige Stille
entstand »Herr Schwager« rief jetzt Friedrich herab »was macht der Peter«
    »Er ist den Umständen nach ganz wohl« antwortete der Chirurg durch die
vorgehaltenen Hände mit welchen er das etwas schwache Erzeugnis seiner Lunge zu
verstärken suchte »Die Wunde ist gar nicht gefährlich«
    »Gott sei Lob und Dank« rief Friedrich und schlug die Hände erfreut
zusammen
    »Gib doch acht Sei nicht so frech« schrien einige von denen die ihm wohl
wollten
    »Das hat kein Not« antwortete er und drehte sich wie der Blitz herum so
dass er die Knie schnell wieder an das Dach anstemmend nach der
entgegengesetzten Seite gerichtet saß Das tolldreiste Kunststück das er in der
Freude seines Herzens machte rief bei der Menge einen Schrei des Entsetzens
hervor welchem ein schallendes Gelächter folgte »Grad wie ein Aff auf einem
Kamel« schrien sie
    »Schwager geh Er herunter« rief der Chirurg
    »Wenn mir der Herr Schwager sicheres Geleit verspricht« antwortete
Friedrich »sonst tut sichs ganz wohl da oben«
    »Ich gebe Ihm mein Ehrenwort dass Ihm nichts zuleid geschieht« rief der
Chirurg hinauf
    »Sein Ehrenwort«
    »Mein Ehrenwort«
    Er verließ seinen luftigen Sitz mit einem leichten Ruck der unten von einem
Schrei des Schreckens und zugleich der Bewunderung begleitet wurde »Der sitzt
vom Dachgrat ab wie ein Reiter von seinem Gaul« schrie die Menge Im nächsten
Augenblick hatten sie Ursache ihn mit einer Katze zu vergleichen so leicht sah
man den behenden Burschen auf Händen und Füßen am Dach herabrutschen bis er den
Laden wieder erreicht hatte durch welchen er im Nu verschwand noch einmal mit
einem Fuße hinauszappelnd gleichsam zu Ehren des versammelten Publikums das
hierüber in ein wieherndes Gelächter ausbrach
    Nach wenigen Sekunden verriet eine Bewegung der in und vor der Haustüre
stehenden Leute dass in dem verlassenen Hause sich etwas Lebendiges regte und
die Treppe herunterkam Der Amtmann flüchtete sich in den dichtesten Schwärm
heraus »Der Bursche hat heut vormittag schon gezeigt was er für ein
gefährlicher Kerl sein kann« sagte er und versammelte alsbald eine Schar
handfester Männer um sich worunter der obere Müller nicht fehlte der durch das
Geschrei dass des Sonnenwirts Frieder seinen Knecht gestochen habe
herbeigezogen worden war Jetzt erschien der Held des Tages von niemand um
seinen Lorbeer beneidet in der Haustüre Ruhig als ob er nicht begreifen
könne warum die Leute so zusammengelaufen kam er heraus und suchte mit den
Augen seinen Schwager auf den er sodann zuging Man ließ ihn vorbei »Da bin
ich« sagte er zu dem Chirurgen »ein Mann ein Wort«  »Ich halte was ich
versprochen habe« entgegnete der Chirurg mit schlauem Lächeln  »Du bist kein
Mann du bist ein Bub« schrie ihn der dabeistehende Richter an »dir braucht
man nicht Wort zu halten«  »Greift ihn« befahl der Amtmann und ehe der
zuversichtliche Bursche sichs versah befand er sich unter der Gewalt von mehr
als zehn Fäusten Er wehrte sich wie ein Eber schimpfte tobte schlug um sich
aber zuletzt erlag er der Übermacht und wurde zu Boden geschlagen In diesem
Kampfe der lange dauerte und an welchem seine Widersacher sich wetteifernd
beteiligten erhielt er jeden bösen Gruß den er in Worten oder Werken unter
seinen Mitbürgern ausgeteilt hatte mit Wucherzinsen heimbezahlt Zuletzt banden
sie ihn mit Stricken so dass er ganz zusammengerollt am Boden lag und ihnen zu
den vielen Tierbildern die sie heute schon an ihm erschöpft hatten auch noch
die Vergleichung mit dem verachteten Igel auf die Zunge legte  »Etwas hat ihm
gehört« sagte der gleichfalls anwesende Heiligenpfleger der sich als
Zahlmeister auf volle Summen verstand »jetzt wärs aber genug«  »Kuh Narr
Jetzt gehts erst recht an« erwiderte der Richter lachend seinem Kollegen den
er im Range etwas höher stehend dieser vertraulichen Anrede würdigte  »Fort
mit ihm aufs Rataus« rief der Amtmann  Der Gebundene wurde aufgehoben und
fortgetragen Ein Teil der Menge folgte Andere blieben zurück und redeten noch
lange miteinander über die Begebenheit welche die alltägliche Ruhe des Fleckens
völlig unterbrochen hatte
    »Das ist aber ein Mensch Kreuzwirt« sagte eine der auswärtigen Frauen von
der Brautgesellschaft die sich jetzt dem Schauplatze näher wagte zu einem dort
stehenden leibarmen Manne mit kleiner spitzer Nase den wir aus der Unterredung
der beiden Müller bei ihrem Friedenstrunke als den geschlagenen Ursächer von
Friedrichs zweiter Zuchtausstrafe kennen »Das ist ein Mensch sag ich Hat der
seinem Vater eine Predigt gehalten und hat ihm die Bibel ausgelegt wie wenn er
der Pfarrer wärl Es ist mir ganz kalt aufgangen und ich hab mich ganz drüber
vernommen Und kaum ist die Predigt ausgewesen so hat man gesehen wer ihn
regiert der Teufel der Mörder von Anbeginn«
    »Ja ja Adlerwirtin« antwortete der Angeredete mit näselnder Stimme »das
hat man damals auch gesehen wie er mich auf seines Vaters Anstiften recht wie
ein Erzspitzbub und Mörder auf dem freien Feld ohne eine einzige Ursach
angefallen hat und so behandelt dass ich ausserstand bin lebenslang einen Batzen
zu verdienen ohne meine tägliche viele Schmerzen wodurch ich und mein Weib und
Kind in die äußerste Armut versetzt und samtlich verderbt worden sind«
    »Nu nu Kreuzwirt« sagte die Adlerwirtin aus der Nachbarschaft »so gar
arg ists doch grad nicht wenn man die Leut hört Weiß wohl die Zeiten sind
hart man kann sich auch ein bissle verspekulieren wenn man den Nagel gar zu
bhäb auf den Kopf treffen will Und mit der Brestaftigkeit ists auch nicht so
schlimm Ihr seid von jeher ein dünns Pappelbäumle gewesen und s kann ja auch
nicht jeder ein Eichenbaum sein«
    »Ja aber mein Arm« klagte der Kreuzwirt »Der Mordbub hat mir ihn halb
auseinandergeschlagen Da seht selber Adlerwirtin wie er mir geschweint
geschwunden ist«
    Die Frau streifte ihm ohne Umstände den schlotternden Rockärmel auf und
besah sich den Arm mit prüfendem Blicke »Das ist nicht die Schweine« sagte
sie »seid nur ganz ruhig das hat nicht viel zu bedeuten Der Arm ist eben ein
wenig dürrer als der ander Das kommt oft vor auch ohne Schlag Waschet ihn
fleißig mit ein wenig Wein oder auch mit Kirschengeist dass er wieder zu Kräften
kommt Hundsschmalz drauf gebunden soll auch gut sein ich habs aber nie
probiert«
    »Ihr seid ja ein ganzer Doktor« sagte der Kreuzwirt »Ja ja« lenkte er
wieder in das vorige Gespräch ein »der Sonnenwirt hat heut ein sauren Tag
erlebt Dem sitzt gewiss kein Storch mehr aufs Dach Aber die Zuchtrut ist ihm
gesund er soll nur fein demütiger werden er hats nötig Das ist mir ein
Christentum wenn man durch eigennützige Konzession im Metzgerhandwerk seinen
Mitmenschen das Brot vom Maul wegnimmt durch Geld und Arglist mehr Freiheit im
Handwerk an sich reißt als ein anderer ehrlicher Meister Nun zeigt sichs was
das fruchtet Der Gewinner sagt das Sprichwort muss einen Vertuner haben Das
Auge Gottes sieht alles hört alles straft alles zu seiner Zeit Das Wort des
großen Gottes geschähe zu dem Propheten Eli Darum dass du nicht sauer gesehen
hast zu dieser deiner Kinder Bosheit so soll die Missetat an dem Hause Eli
nicht versöhnet werden weder mit Speisopfer noch Rauchopfer ewiglich im ersten
Buch Samuelis im dritten An den Früchten erkennet man den Baum Kann man auch
Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln Jetzt hat ers und
muss zusehen wie der Sohn seines Vaters ruhmwürdiges Wirtshaus blamiert Ists
nicht so Adlerwirtin«
    »s ist eben e Welt« antwortete diese welche sich nicht näher in
kitzliche Erörterungen einlassen wollte »Jetzt kann ich mich aber nicht länger
aufhalten denn es will Abend werden heißts im Evangelium und der Tag hat
sich geneigt Meine Leut werden ungeduldig sie wollen fort Ja ja ich komm
ja« winkte sie gegen ein Häuflein der Umstehenden hin worunter sich die
Ihrigen befanden »Bhüt Gott Kreuzwirt Ihr wisst ja der Mensch will eben
heim«
    Unterdessen hatte man den gefangenen Wildling in das Rataus geschleppt wo
man ihn gebunden wie er war in ein Gelass warf und liegen ließ »Der Bursche
scheint mir ziemlich betrunken zu sein« sagte der Amtmann »er mag seinen
Rausch ausschlafen dann will ich ihn morgen vormittag verhören Der Herr
Pfarrer wird nichts dagegen haben wenn man einmal am Sonntag Justiz ausübt und
ein nötiges Exempel statuiert Nun wollen wir aber gleich heute noch mit dem
Allernötigsten beginnen«  Er ließ zwei Urkundspersonen rufen und begann sofort
eifrig zu amten denn wie der Staat im Fürsten so war in ihm die Gemeinde
aufgegangen ja noch weit mehr Gleichwie ein absterbender alter Baum dessen
Stamm nach unten schon mürbe und hohl geworden ist doch in manchem Frühling
durch seinen grünen Wipfel zeigt dass die Wurzel noch frischen Saft nach der
Krone zu treiben vermag so war von der alten württembergischen aus
schwäbischdeutschem Recht erwachsenen Verfassung an der Spitze des Staatslebens
ein Rest zurückgeblieben der neben argem Scheinholz zwar noch lebendige
Bestandteile enthielt und dem giftigen Pfropfreise der fürstlichen
Alleinherrschaft empfindliche Hindernisse zu bereiten wusste während das
Gemeindeleben beinahe völlig vom Wurm zerfressen und ertötet war Die
Gemeindebehörde bestehend in Gericht und Rat den morschen Überresten des
altdeutschen Gleichgewichts von Gewalt und Beschränkung war in den größeren
Ortschaften wenigstens unter das Regiment eines fürstlichen Beamten gestellt
sie hatte zwar nicht ganz nichts aber doch herzlich wenig zu sagen und war von
der Wurzel des Gemeindelebens losgerissen denn sie pflanzte sich wie der dem
Fürsten zur Aufsicht beigegebene ständische Ausschuss  aber nicht so wie dieser
von dem noch nicht ganz zugefallenen öffentlichen Auge überwacht  auf dem
verrotteten Wege der Selbstergänzung fort welche noch obendrein in den meisten
Fällen ungescheut von dem Beamten selbst in die Hand genommen wurde Von diesem
also der die fürstliche Herrschaft bei der Gemeinde und die Gemeinde bei der
Herrschaft zu vertreten hatte hing es beinahe ausschließlich ab welche der
beiden Vertretungen die nur eine gesunde Zeit im Gleichgewichte halten konnte
er bei sich überwiegen lassen wollte Die eine versprach ihm von einem Volke
dem sein eigenes Rechtsleben fremd geworden war beinahe mehr Verwirrung als
Dank die andere trug ihm von einem Hofe der seinen Dienern unbedingt befahl
und bald so weit kommen sollte dass er sich ihre Stellen abkaufen ließ ja sogar
Gemeindedienste über die er gar nicht verfügen durfte bis auf den niedrigsten
herunter um Geld vergab  lockenden Lohn oder wenigstens Ruhe vor Verfolgung
ein Wenn es in solcher Zeit doch immer noch einzelne Beamte gab die ihre
schwere Doppelstellung gegen oben zu kehren und dem ständischen Widerstände
wider die fürstliche Willkür Nachdruck zu geben vermochten so musste dies dem
Lande dessen Geschichte ihre Namen zum Teil aufgezeichnet hat ein tröstliches
Zeichen sein dass die alte gute Wurzel noch nicht völlig erstorben sei und in
besseren Tagen den kranken Baum vielleicht wieder zu erneuern vermögen werde
Für einen wilden Schössling aber findet sich in einem selbst faulen Gemeindeleben
nicht immer so leicht ein Gärtner der ihn durch Strenge und Milde zugleich in
ein gesundes Reis zu verwandeln versteht Statt die wilden Triebe die sie mit
schlimmen Tiernamen brandmarken einzudämmen und die Kraft die sie mit dem
Bilde des Löwen bezeichnen für das kleinere oder größere Gemeinwesen brauchbar
zu machen eilen sie weil jeder mit sich selbst genug zu tun hat ihn als einen
schädlichen Knorren auszureissen und ins Feuer zu werfen So war es und so oder
ähnlich wird es immer sein wo  nicht ohne Schuld der Glieder doch mehr noch
durch die zum Tode oder zu einer reicheren Zukunft führende
Entwickelungskrankheit  in dem Baume selbst die schaffende und heilende
Lebenskraft für eine Zeit verkümmert ist
    Die nämlichen die in ihrem Feuereifer für das Gesetz ihren verhassten Gegner
geschlagen niedergeworfen und gebunden hatten drängten sich jetzt bereitwillig
in das Verhör um anzugeben was sie Böses von ihm zu sagen wussten oder was
ihnen an ihm zuwider war Jedes ungeschickte Wort das er im Zorne ausgestoßen
wurde zum Ankläger gegen ihn und die gefährliche Gesinnung die in diesen
unbedachten Worten zu liegen schien erhielt ihre ergänzende Bestätigung durch
die Gewalttat welcher er sich heute schuldig gemacht hatte Der gestochene
Knecht obgleich seine Wunde sich als unbedeutend erwies schnaubte
unversöhnliche Rache und war über die Absicht die er der Tat unterlegte noch
weit mehr aufgebracht als über diese selbst Schon auf der Straße hatte sein
Geschrei zu vernehmen gegeben dass gegen den Gefangenen noch eine weitere Untat
vorliege und auf Befragen des Amtmanns erzählte er nun die eigenen Eltern
desselben haben ihn mehr oder weniger unverblümt eines Diebstahls bezichtigt
Hierauf verhörte der Amtmann den Sonnenwirt Dieser entschuldigte sich dass er
die Tatsache teils um der Schande seines Hauses willen teils wegen der
Geringfügigkeit des Betrages habe vertuschen wollen gab aber durch das heutige
Betragen seines Sohnes und durch das Zureden seiner Frau vollends aufgestachelt
zu verstehen dass nach den neueren Aussagen des Knechtes der Diebstahl wohl
beträchtlicher gewesen sein möge Der Amtmann ließ sogleich den Knecht aus der
Sonne rufen welcher dem Strome des allgemeinen Unwillens folgend angab der
Besuch auf dem Kornspeicher sei in jener Nacht mehrmals wiederholt worden und
ein größerer Abmangel zu verspüren sodann auch noch nach der Aufführung des
Angeklagten überhaupt gefragt zur Vermehrung seiner Schuldhaftigkeit erzählte
er sei einmal in die Worte ausgebrochen wenn man ihm kein Geld gebe so wolle
er solches nehmen und seine Stiefmutter während der Kirche an das Ofengeräms
hinhenken Auf diese Anzeige schickte der Amtmann Gerichtsmitglieder ab um in
der Sonne und zugleich bei dem Hirschbauer Haussuchung zu halten Friedrichs
Vormund der die erstere vorzunehmen hatte kam bald wieder er brachte ein
Brieflein und ein bemaltes Blatt von der Art der Heiligenbilder ein mit einem
Schwert durchstochenes Herz darstellend »Außer dem Helgle« sagte er »ist
nichts aufzutreiben gewesen was eine Auskunft gab als vielleicht der Brief da
Dem Inhalt nach ist er von einem Weibsbild schätz wohl von der Jungfer
Ohnekranz Ist mir eine neue Mode dass ein Mädle einem Mannskerl etwas
Schriftlichs schreibt das tut auch kein rechts Mensch aber die Welt wird
alle Tag ärger und die Jugend immer verdorbener«  Nun kam auch der
»Augenschein« vom Hirschbauer zurück in dessen Hause man jedoch gar nichts
gefunden hatte als Not und Jammer ohne Ende Der Lärm des öffentlichen
Schauspiels mochte den flinken Jerg beizeiten auf etwaige Gefahren aufmerksam
gemacht haben »Das ist ein Heulen und Schreien dass einem Hören und Sehen
vergeht« sagte der Heiligenpfleger der zu dieser Verrichtung beordert worden
war »wenn so ein leichtfertiger Bub nur auch bedenken tät was er für Unglück
stiften kann so ging er vielleicht vorher in sich und auf bessere Weg Da ist
ein Büschel Brief von ihm die Alt hats gleich rausgeben die Jung liegt aufm
Bett und ist ganz weg und der Vater wirds auch nimmer lang treiben«
    Der Amtmann nahm die Briefe und legte sie zu den Akten um hiermit sein
heutiges Tagwerk zu beendigen welches mit einem Verhör der Sonnenwirtin schloss
oder vielmehr zu einer vertraulichen Unterredung mit derselben in Gegenwart der
Amtmännin überging Die Sonnenwirtin hatte es jetzt ganz in der Hand die
Wetterwolke die ihr Stiefsohn über sein Haupt heraufbeschworen in der
gewünschten Richtung zu entladen und sie benutzte die Gelegenheit so eifrig
dass sie darauf bestehen wollte auch gewisse verfängliche Reden die ihr Sohn
gegen den jungen Herzog geführt haben sollte ins Protokoll zu bringen
    Hier machte jedoch der Amtmann ein sehr ernsthaftes Gesicht »Na na Frau
Sonnenwirtin« sagte er »man muss doch nicht ganz alle Bonhommie hinter sich
werfen Zum cumulus brauchen wir das nicht es ist cumulus genug da ein Berg
an dem er mindestens ein paar Jahre abzutragen haben wird Die Sache hat aber
noch eine andere Seite Wenn ich in meinem Bericht an die Herrschaft denn vom
Oberamt geht er nach Stuttgart ab dieses delikate Sujet berühre und wenn der
Herr selbst etwas davon erfährt so macht er sich Gedanken Bei einem jungen
Menschen gilt der Grundsatz leben und leben lassen Wenn daher ein junger
Mensch auf anzügliche Weise moralisiert so sagt man sich gleich das hat er
nicht aus sich das hat er von andern aufgegabelt Da entsteht nun die Frage
woher hat ers von Vater oder Mutter oder sollte gar der Amtmann oder der
Pfarrer ich will nicht sagen in eigener Person unvorsichtige oder
missverständliche Ausdrücke gebraucht aber vielleicht bei den Untergebenen
gewissem einfältigem Geschwätz nachgesehen haben Wenn man sich aber einmal
Gedanken macht so kommt man an allem Möglichen und Unmöglichen herum und da
kann niemand wissen was zuletzt noch für Kalamitäten daraus entstehen mögen
Wollens steckenlassen Frau Sonnenwirtin wollens steckenlassen Beruht«
    »Und da wir just unter uns Pfarrerstöchtern sind wie man zu sagen pflegt«
setzte die Amtmännin hinzu »so will ich erst noch den Herzog in Schutz nehmen
Wenn eine Frau meint sie habe sich über ihren Mann zu beklagen so fragt sichs
oft ob nicht sie den ersten Anlass gegeben hat Die Hoffart sagt das
Sprichwort muss etwas leiden Man mag von ihm sagen was man will er hat etwas
das ihn von vielen anderen großen Herren unterscheidet er neigt sich zur
Landesart hat etwas Populäres in seinen Manieren und schämt sich nicht mit dem
Untertan auf einer espèce von gleichem Fuß zu stehen Gerade das geht aber ihr
völlig ab sie hält es für gemein und wird sich nie dareinfinden Da ists nun
kein Wunder wenn sich die Köpfe nicht ineinander fügen so bleibt auch zwischen
den Herzen eine Kluft Dann hat sie an ihrem Bayreuter Hof sich an den hohen
Ton den feinen Gout an Oper und Ballett gewöhnt und er hat ihrem Geschmack
zulieb Hofdamen Sänger und Sängerinnen aus Italien Tänzer und Tänzerinnen aus
Paris alles hat er ihr angeschafft Nun haben wir die Bescherung Die Damen und
Demoisellen sind hübsch sie ist vornehm er leutselig und nicht von Stein  da
hat man leicht prophezeien können wie es kommen wird«
    »Jetzt seh ich erst« sagte die Sonnenwirtin listig lächelnd »welch ein
groß Zutrauen die Frau Amtmännin zu ihrem Herrn haben muss denn die Katrine wär
doch kein ganz übler Bissen«
    Die Amtmännin lachte aus vollem Halse »Ich bin nicht eifersüchtig« rief
sie »Mein Mann ist ein großer Jäger vor dem Herrn ein Nimrod der hat ein Herz
von Marmor und geht lieber auf was Wildes als auf was Zahmes aus«
    Dem Amtmann kam die Wendung des Gespräches gleichfalls höchst spaßhaft vor
und unter lautem Gelächter wurde die Sonnenwirtin entlassen
    Am Sonntagmorgen berief der Amtmann innerlich vergnügt über diese gute
Gelegenheit die Predigt seines geistlichen Mitbeamten zu schwänzen seine
beiden Skabinen oder Gerichtsbeisitzer welche als amtliche Zeugen bei dem
Untersuchungsverfahren das sie bewachen sollten aber häufiger beschliefen den
faulsten Überrest der alten Volksgerichtsbarkeit bildeten Er befahl dem
Schützen den er als Diener der Gemeindebehörde benutzte den Gefangenen
vorzuführen Der Schütz fand denselben auf einer Bank ruhig schlafend und musste
ihn mit einigen Stößen wecken  »Er hat scheints alles vergessen was
gestern vorkommen ist« brummte er ihn an  »Nein« sagte Friedrich die Augen
ausreibend »es fällt mir alles wieder ein auch dass Ihr mich losgebunden habt
und ich Euch mein Wort gegeben hab über Nacht nicht durchzugehen«  »Sein Wort
hat Er gehalten das muss ich Ihm lassen« versetzte der Schütz »jetzt muss ich
Ihn aber wieder handfest machen damits der Herr nicht merkt dass Er über Nacht
frei gewesen ist sonst bin ich um den Dienst«  Friedrich streckte gutwillig
die Hände hin und der Schütz legte ihm Fesseln an worauf er ihn nach dem
Amtszimmer führte
    »Er ist von dar ganzen Burgerschaft wie auch von Seiner eigenen Familie
wegen gemeingefährlicher Aufführung dann auch wegen mörderischen Attentats
gegen einen Seiner Nebenmenschen und wegen Diebstahls an Seinem leiblichen Vater
angeklagt und hat sich allhier zu verantworten« begann der Amtmann nachdem er
den Eingang des Protokolls geschrieben hatte
    Friedrich blickte auf seine Ketten und schwieg
    Der Amtmann der ihn eine Weile aufmerksam betrachtet hatte hielt ihm in
Kürze die Hauptpunkte der Anklage vor und fragte »Was hat Er hierauf zu
erwidern«
    Der Gefangene verharrte in seinem störrischen Schweigen
    »Muss ich Ihn durch Prügel zum Geständnis bringen« fuhr der Amtmann auf
    Ein Zucken lief über den Körper des Gefangenen so dass seine Kette klirrte
aber er tat den Mund nicht auf
    »Dich sollt man im Mörser zerstossen« rief Friedrichs unvermeidlicher
Vormund der neben einem kleinen Spezereigeschäft allerlei mehr oder minder
einträgliche Ämtchen bei der Gemeinde und darunter auch das eines
Gerichtsbeisitzers versah
    Friedrich blickte ihn verächtlich an
    »Lass Er mich nur machen« sagte der Amtmann verweisend zu der eifrigen
Urkundsperson Dann hielt er eine eindringliche Rede an den Gefangenen Er
fragte ihn wie er es vor seinem Vater vor seiner Mutter die sich im Grab
umkehren müsse vor seiner ehrbaren Verwandtschaft ja vor ihm selbst dem
Nachfolger seines Paten verantworten könne so viel Unruhe über die Gemeinde zu
bringen und noch obendrein dem Gerichte durch seine Halsstarrigkeit zu schaffen
zu machen »Und was soll ich Seiner hochfürstlichen Durchlaucht antworten« fuhr
er fort »wenn Hochselbige sich herablässt sich nach dem jungen Menschen zu
erkundigen der vor den höchsten Augen eine unleugbare Bravour bewiesen hat
Wenn die Antwort lautet er habe Verbrechen auf Verbrechen gehäuft endlich
sogar seinem Richter die schuldige Ehrerbietung verweigert und durch bösartigen
Trotz sich selbst noch tiefer in Schaden gestürzt muss dann nicht der Herr der
sonsten das Verdienst zu belohnen geneigt ist sich beeilen einen solchen Namen
wieder aus dem fürstlichen Gedächtnis auszulöschen«
    »Ich hab kein Lohn begehrt« erwiderte der Gefangene trotzig Es waren die
ersten Worte die er sprach
    »Nun so vergrössere Er wenigstens Seine Strafe nicht« sagte der Amtmann
der das Eis gebrochen sah und rasch auf der gewonnenen Bahn fortfuhr »Er hat es
in der Hand vielleicht schwerere Bezichte von sich abzuwälzen Mir geschieht es
sauer genug ein hiesiges Burgerskind criminaliter prozessieren zu müssen Aber
so viel wird Er selbst einsehen wenn die ganze Burgerschaft klagt so kann ich
doch die Sache nicht vor Ohren gehen lassen«
    Friedrich lächelte bitter »Es mögen wohl viele hier sein« sagte er »die
mich gern am Galgen sehen möchten aber alle nicht Wenns aber doch mit mir aus
soll sein und ich soll kein ehrlicher Mann werden können  vor dem Flecken
draußen steht ja das Hochgericht also machen Sie vorwärts Herr Amtmann Je
kürzer der Prozess desto besser für mich«
    Der Amtmann lachte »So kurzen Prozess kann ich nicht machen« sagte er
»Stock und Galgen haben wir wohl noch aber der Stab ist etwas abgekürzt Der
Oberstab ist in Göppingen wo Er Sein Urteil empfangen wird Deshalb will ich
Ihn in Güte darauf hingewiesen haben dass Er sich nicht das Protokoll durch
weitere Hartnäckigkeit selbst verdirbt Denn das Sprichwort sagt bekanntlich
wie man berichtet so richtet man Übrigens seh ich nicht ein wie Er behaupten
kann man wolle Ihn nicht ehrlich werden lassen Wer verwehrt Ihm denn das Im
Gegenteil es handelt sich ja darum Ihn auf den rechten Weg zurückzubringen«
    »Ich hab meinem Schatz versprochen dass ich sie und ihr Kind zu Ehren
bringen will« murrte Friedrich mit einigem Unmut dass er nicht verstanden
worden war »Solang ich mein Wort nicht halt bin ich auch kein ehrlicher Mann
und man leidts ja nicht dass ichs halten soll«
    »Ja so das ists« versetzte der Amtmann »Das scheint die Ursache gewesen
zu sein nicht wahr dass Er die verschiedenen Redensarten ausgestoßen hat die
ich Ihm jetzt vorhalten muss«
    Mit dem befriedigenden Bewusstsein durch seine Bonhommie dem trotzigen
Delinquenten das Band der Zunge gelöst zu haben zählte ihm der Amtmann die
Sünden dieser Zunge auf welche seine Ankläger zu Protokoll gegeben hatten
Friedrich gab einige als möglich andere als wirklich zu wieder andere zog er
in Abrede »Das sind mir Klagen« sagte er »Dergleichen Redensarten kann man
von jedem Kind in Ebersbach hören Aber man sollt meinen der ganz Flecken red
französisch und ich allein schwätz deutsch«
    Der Amtmann protokollierte während seine Beisitzer gähnten und der
Gefangene gelangweilt das Bild der Justitia betrachtete Nachdem der Amtmann
kunstgerecht das Gebäude der Aussagen zusammengetragen hatte aus welchen die
Bosheit der Gesinnung hervorleuchtete nahm er eine neue Prise und ging sodann
zu dem Messerstich über in welchem der tätliche Ausbruch dieser Gesinnung
erblickt werden konnte
    »Es tut mir leid« sagte Friedrich »dass der Peter so verbost auf mich ist
Ich hab ihn um Verzeihung gebeten wiewohl vergeblich und würds gern noch
einmal tun wenn ein guts Wort eine gute Statt bei ihm fänd Ich seh wohl ein
dass es nicht recht gewesen ist aber ich habs weiß Gott nicht so bös gemeint
ich habs eben in der Hitz aus Unvorsichtigkeit und Übereilung getan und wie
ich gehört hab dass ihms nichts geschadt hat so ist mirs gewesen als wär ich
aus Ketten und Banden erlöst Er sollt aber jetzt auch keinen solchen Kessel
überhängen Was das bissle Aderlass ist ihm gesund gewesen er ist ja ein Kerl
wie ein Ochs«
    »Nun ja Er darf freilich Gott danken dass die Sache so gut abgelaufen ist«
sagte der Amtmann etwas zutraulich »mit Blutvergießen ist nicht zu spassen da
gehts gleich um den Kopf Aber« fügte er hinzu »wenn Er in der Rage
zugestoßen hat so hat Er doch nicht so gewiss wissen können ob der Stoß nicht
tiefer oder bis ans Leben gehen werde«
    »Ich bin freilich in der Rage gewesen« antwortete Friedrich »aber ich hab
ihm doch nicht viel tun können denn er hat mich ja am Arm gepackt gehabt und
also hab ich eigentlich gar nirgends anders hinstossen können als nach seinem
Arm«
    »Glaubt Er« forschte der Amtmann »Er habe das so sicher berechnen können
Es ist doch nicht wohl anzunehmen dass man im Zorn zugleich kalt und besonnen
zielt Man stosst eben zu und dann kann der Stoß ebensowohl am Arm vorbei und in
den Körper gehen«
    »Ja gezielt hab ich freilich nicht« erwiderte Friedrich »und hab mir auch
nicht fürgenommen wie tief es gehen soll Ich hab ja schier nicht gewusst dass
ich nur gestochen hab Wenn ich kein Messer in der Hand gehabt hätt so hätt ich
ihm eben die Faust zu Gemüt geführt«
    »Da hätte Er ja aber auch das Messer vorher weglegen können« sagte der
Amtmann
    »Ja was wenn man im Zorn ist so denkt man an nichts und stosst eben zu
Wenn man je was denkt so denkt man höchstens im Unsinn Kerl hin musst sein«
    »Hin« fragte der Amtmann die Gerichtsbeisitzer anblickend und rasch der
neuen Fährte folgend
    »Das ist einem aber nicht Ernst« verbesserte der Gefangene dem es
nachgerade schien er sei im Begriffe zu viel zu sagen »Man ist nachher heilig
froh wenns nichts getan hat«
    Der Amtmann protokollierte fleißig drauflos während dem Gefangenen eine
dunkle Ahnung verraten mochte seine Vorsicht komme zu spät und er habe wohl
schon viel zuviel gesagt Auch reichte seine Vernehmlassung vollkommen hin um
die Anklage wegen eines Attentats zu begründen bei welchem er eine Tötung wo
nicht beabsichtigt so doch auch nicht geflissentlich vermieden jedenfalls aber
eine mehr oder minder lebensgefährliche Verwundung vorausgesehen habe
    Zufrieden mit dem bisherigen Erfolge der Untersuchung legte der Amtmann die
Feder nieder und nahm das Verhör wieder auf »Jetzt kommen wir an den
Fruchtandel« sagte er »Er wird nicht in Abrede zu ziehen gemeint sein dass es
ein etwas einseitiger Handel ist wenn man Frucht einsackt ohne Bezahlung dafür
zu leisten Pro primo aber um die Aussagen unter sich in Einklang zu bringen
muss ich fragen wieviel ists denn eigentlich gewesen«
    »Herr Amtmann« antwortete Friedrich »ich hab meinem Vater gleich im ersten
Augenblick erklärt dass er durch den Handel um keinen Kreuzer kommen solle und
wenns jetzt an dem ist dass er aus meinem Mütterlichen schadlos gehalten werden
soll so will ich kein Körnle verschweigen Natürlich hab ichs in der Nacht und
in der Eil nicht so akkurat abzählen können auch ist in einem Sack mehr gewesen
und im anderen weniger aber ich tu meinem Vater gewiss nicht unrecht wenn ichs
im ganzen auf ein Scheffel sechs oder sieben schätz Dinkel und Haber ungefähr
zu gleichen Teilen  ganz genau kann ich das natürlich jetzt nicht mehr sagen«
    »Sechs bis sieben Scheffel Dinkel und Haber« sagte der Amtmann den Kopf
auf die Hand stützend »Ja ja das müssen wir so praeter propter berechnen Wo
sind die pretia rerum« fragte er in den auf dem Tische liegenden Akten
kramend »Ja so meine Frau wird die Zeitung haben Herr Senator geh Er
geschwind zu meiner Frau hinüber ich lasse sie auf einen Augenblick um die
Wöchentlichen Anzeigen bitten«
    Der Richter ging und brachte das amtliche Landesblatt auf dessen Rückseite
die Frucht Wein Holzund Salzpreise verzeichnet waren Der Amtmann nahm das
Folioblatt legte es vor sich auf den Tisch stärkte sich zuvor durch eine Prise
und suchte dann mit dem Finger im Schrannenzettel »Da stehts« sagte er
»Göppinger Schranne Dinkel drei Gulden dreißig Haber zwei Gulden dreißig«
    »Ja« sagte der andere Gerichtsbeisitzer verdrießlich »seit der Ernt hat
der Dinkel um dreißig Kreuzer abgeschlagen im August hat er noch vier Gulden
kostt«
    Der Amtmann rechnete mit dem Bleistift auf einem Stück Sudelpapier »Vier
Scheffel Dinkel« murmelte er »tut vierzehn Gulden drei Scheffel Haber tut
sieben Gulden dreißig beides nach jetzigem Preis Zusammen also einundzwanzig
Gulden und dreißig Kreuzer Ist Er mit der Taxation zufrieden«
    »Herr Amtmann« antwortete Friedrich »ich hab zu meinem Vater gesagt wenn
der Fruchtpreis bis zur Abrechnung anziehe so solle das sein Nutzen sein also
sollts eigentlich mir zugut kommen wenn der Preis unter der Zeit gefallen ist
weil mein Vater ja doch damals nicht hat verkaufen wollen Aber ich bin nicht so
interessiert Machen Sie nur das Ungerade voll und rechnen Sie zweiundzwanzig
Gulden dass die Zahl rund ist«
    »Ich weiß nicht was Er will« sagte der Amtmann »Ich habe ja nach dem
heutigen Preis also zu Seinen Gunsten gerechnet«
    »Richtig Herr Amtmann« erwiderte Friedrich »aber Sie haben vier Scheffel
Dinkel und drei Scheffel Haber angenommen und es können ebensogut vier Scheffel
Haber und drei Scheffel Dinkel gewesen sein oder auch gradaus halb und halb«
    »Ist mir das eine Strohhalmspalterei« rief der Amtmann verdrießlich Die
beiden Gerichtsbeisitzer lachten »Wenns hoch kommt so machts n Gulden
Unterschied und n halben Gulden will er ja selber dreingeben« sagte der eine
»Kommst endlich ins Rechnen« rief Friedrichs Vormund »s wär wohl Zeit dass du
dran dächtest hättst aber schon früher anfangen sollen«
    »Damit Er sieht dass Ihm kein Unrecht geschieht so will ichs Ihm
vorrechnen« sagte der Amtmann und griff wieder zum Bleistift
    »Ach mir ists ja nicht ums Geld« sagte Friedrich zugleich ärgerlich und
beschämt Ihn hatte bloß das verdrossen dass man von den möglichen Grundlagen
der Berechnung die ungünstigste angenommen hatte Während der Amtmann noch
rechnete hörte man vor der Türe die der Schütz aus Neugier ein wenig offen
gelassen hatte einen schweren Tritt der von wiederholtem Räuspern des
Kommenden begleitet war dann einen Wortwechsel mit dem Schützen welcher
endlich sagte »Wenn Er mit Gewalt nausgeschmissen sein will so probier Er Sein
Glück« Darauf klopfte es an der Türe erst leise und demütig dann etwas lauter
Der Amtmann ließ einen grimmigen Blick nach der Türe hinlaufen rechnete aber
stillschweigend fort Es klopfte wieder »Dass dich das Wetter« rief der Amtmann
und warf den Bleistift hin »was ist das für ein unverschämter Lumpenkerl«
Einer der Gerichtsbeisitzer ging auf den Zehen nach der Türe und öffnete Ein
halb städtisch halb ländlich gekleideter Mann stand davor der da er sich auf
einmal dem Amtmann gegenüber sah ein paar tiefe Kratzfüsse machte »Mit Ihrem
Wohlnehmen Herr Amtmann« wollte er beginnen Zugleich rief der Gefangene der
sich neugierig umgesehen hatte »Das ist ja der Vetter aus Hattenhofen Grüß
Gott Vetter«
    »Still« gebot der Amtmann »Hab jetzt keine Zeit« rief er dem Ankömmling
zu »Sieht Er denn nicht dass hier etwas Dringendes verhandelt wird Und wie
kann Er sich unterstehen am Sonntag zu kommen«
    »Exküse Herr Amtmann« sagte jener schon halb auf dem Rückzuge begriffen
»s ist ja eben wegen der Sach«
    »Halt« rief der Amtmann »Herein da Hat Er etwas wider den Angeklagten
vorzubringen«
    »Ach nein Herr Amtmann wenn Sies erlauben« antwortete der Mann etwas
weinerlich »ich verklag ihn nicht gewiss nicht und was er von mir hat das hat
er aus gutem freien Willen und ich will aber auch hoffen dass ich wieder zu
meinem Sach komm«
    »Also eine Schuldklage« rief der Amtmann enttäuscht »Dazu ist jetzt keine
Zeit das ist nachher vorzubringen Fort«
    »Der ist pfiffig« sagte der Gefangene lachend »der weiß den Pelz zu
waschen ohne ihn nass zu machen Ich möcht aber nicht haben dass er in der Sorg
wär er könnt durch mich um etwas kommen und weil wir ohnehin just an der
Abrechnung von meinem Mütterlichen sind so ist mirs lieber wenn das auch
gleich dazugeschrieben wird«
    »Ich habs ihm aus gutem freien Willen gelassen Herr Amtmann« wiederholte
der Vetter erfreut über die Willfährigkeit des Gefangenen indem er sich
zugleich dem Befehl des Beamten gehorchend aber so langsam dass er jeden
Augenblick zurückgerufen werden konnte nach der Türe zurückzog
    »Gelassen aus gutem Willen gelassen« sagte der Amtmann stutzend »Was ist
denn das«
    Der Mann zuckte die Achseln verlegen lächelnd und blieb an der Türe stehen
    Der Amtmann sah den Gefangenen scharf an »Ich habs ihm von meinem
Mütterlichen zurück versprochen« sagte dieser
    »Halt« rief der Amtmann »Er bleibt da Bring Er Seine Sache vor Ich muss
wissen wie es sich damit verhält«
    »Ich wills selber sagen« nahm der Gefangene das Wort »Ich hab ja gleich
mit rausrücken wollen sobald ich meinen Vetter gesehen hab Also wie sichs um
das Strafgeld für meine Christine gehandelt hat und der Herr Amtmann hat mir
die Höll heiß gemacht und all die Unehr und Schmach fürgestellt die über sie
hätt ergehen sollen da hab ich nicht gewusst wo hinaus und wo hinein und weil
der Herr Amtmann mit dem Geld sehr pressiert hat so bin ich noch in der
nämlichen Nacht gen Hattenhofen gesprungen und hab bei meinem Vetter da einen
Besuch gemacht«
    »Und ist der Vetter bei dem Besuch auch selbst zugegen gewesen« fragte der
Amtmann immer aufmerksamer werdend den Vetter von Hattenhofen
    »Neinle neinle Herr Amtmann ich bin nicht dabeigewesen« antwortete
dieser mit seinem verlegenen Lächeln
    »Das ist aber ein Galgenvogel« schrie der Richter auf »Also noch so ein
Stück Wenn man dem die Schublad aufmacht so springen lauter Einbrüch raus«
    »Still« befahl der Amtmann »Kann Er behaupten dass Sein Vetter Ihn
eingeladen oder aufgenommen habe und was hat Er bei Nacht in dem fremden Haus
getan«
    »Es ist mir kein fremdes Haus gewesen Herr Amtmann« sagte der Gefangene
»und wenn mich auch mein Vetter selbigsmal nicht hat einladen können weil er
just zu der Zeit geschlafen hat so hab ich doch von früher gewusst dass er sein
Haus nicht vor mir verschließt«
    »Ja freile freile« sagte der Mann von Hattenhofen eifrig bekräftigend
»Mir ist ja die Sonne auch nicht verschlossen und ein Ehr ist der andern wert«
    »Und was hat Er in dem Haus getan« wiederholte der Amtmann
    »Die Straf für meine Christine geholt wie ich ja schon von Anfang an hab
sagen wollen« antwortete der Gefangene etwas gereizt
    »Also hat er Ihm Geld genommen« fragte der Amtmann den Mann vom Lande
    »Beileib net Herr Amtmann bhüt uns Gott« sagte dieser »bloß e bissele
Zwetschgen und e bissele Trilch und e bissele Garn und e bissele Flachs und
aber über alles das hat er mir eine Quittung geben«
    »Hat Er die Quittung da«
    »Ha freile Herr Amtmann« rief der Nichtkläger dem die Freude sein
Anliegen so geschickt anbringen zu können aus den Augen blinzelte und reichte
die Quittung mit weit vorgebeugtem Leib und ausgestrecktem Arm dem Amtmann hin
    »Hat Er die Quittung in jener Nacht zurückgelassen« fragte der Amtmann den
Gefangenen
    »Nein Herr Amtmann damals hat mirs zu arg pressiert Ich hab dann gleich
den Tag darauf das Sach verhandelt und das Geld meiner Christine gebracht
damits mit der Straf in Richtigkeit kommen soll In etlichen Tagen hernach bin
ich aber wieder hinaus und bin meinem Vetter abermals ins Haus kommen und hab
ihm die Quittung ehrlich und redlich auf den Tisch gelegt er kanns selber
nicht anders sagen Und wiewohl ich rechtschaffen Hunger gehabt hab so hab ich
doch für mich nichts angerührt«
    »Ja der Frieder ist recht das muss man ihm lassen« sagte der Vetter unter
fortwährendem leisen Gelächter der beiden Gerichtsbeisitzer »Ich wär auch
zufrieden gewesen mit der Quittung denn sein Wort ist mir so lieb wie bar Geld
trag ihm auch gar nichts nach und aber nur weil ich gestern Nacht gehört hab
dass er in Ungelegenheit kommen sei so hab ich gemeint ich muss doch sehen dass
ich wieder zu meim Sächle komm eh jemand anders die Hand drauf deckt«
    Der Amtmann selbst konnte das Lachen kaum verbeissen »Hat Er denn nach dem
ersten Besuch Sein Haus nicht besser verwahrt dass Ihm der ungeladene Gast noch
einmal hat hineinkommen können« fragte er
    »Freile« antwortete der Vetter vom Lande »Aber wo der nein will da hilft
kein Verwahren nichts Dem ist nichts zu hoch und nichts zu tief er kommt eben
hin«
    »Ein schönes Prädikat« bemerkte der Amtmann Darauf fragte er beide ob sie
mit der Quittung und der darin entaltenen Schätzung der auf so ungewöhnliche
Weise entlehnten Gegenstände einverstanden seien Friedrich erwiderte er habe
mehr angesetzt als er bei dem Verkaufe mit dem es geeilt erlöst habe Auch
der Vetter ließ sich die Preise sehr gerne gefallen und erklärte »Wenn mirs
der Frieder abkauft hätt ich hätts ihm grad so geben Wir sind ja immer ein
Kuch und ein Muss gewesen gelt du Friederle«
    »Es will mir auch so vorkommen« sagte der Amtmann mit einer gewissen
Strenge »Er sucht mir da Seinem Konsorten behilflich zu sein und dem Streich
den Nimbus eines freiwilligen Anlehens zu geben Weiß Er dass ich Ihn beim Essen
behalten und etwan in puncto stellionatus prozessieren könnte«
    Der Mann von Hattenhofen erschrak ins Herz hinein er glaubte seine Sache
unübertrefflich gut gemacht zu haben und sah sich jetzt dennoch in der Gefahr
von einem der vielen Rädchen der Justizmaschine dem er vielleicht zu nahe
gekommen erfasst zu werden Doch nahm er sich zusammen und erwiderte »Wenns
der Herr Amtmann nicht ungütig nehmen will mein Herz weiß nichts davon und ich
versteh auch kein Wörtle warum ich gestraft werden soll«
    »Dafür« sagte der Amtmann »dass Er Schleichereien macht und die Leute ja
selbst die Obrigkeit irreführen hilft«
    »Mit Verlaub Herr Amtmann« hob der vormundschaftliche Gerichtsbeisitzer
an der einen Stein im Brett zu haben glaubte während der Beamte ihm vielmehr
die Zurücksendung seiner Geldsorten nachtragen mochte »Wenn man fragen darf
woher hat denn das Ding seinen Namen Das Wort lautet sogar kurios und kommt
einem so oft vor Ich hab schon etlichemal fragen wollen«
    Der Amtmann wurde etwas rot »Ich kanns Ihm schwarz auf weiß zeigen wenn
Er zweifelt« sagte er und ging nach einem Aktenständer auf welchem mehrere
seinen Inzipienten gehörige Bücher aufgestellt waren
    »Ich hab ja kein Zweifel gewiss nicht« rief der Gerichtsbeisitzer in wahrer
Verzweiflung »Ich glaub ja alles aufs Wort wie mirs der Herr Amtmann sagt«
    Dieser aber dem mit solcher Bereitwilligkeit im vorliegenden Falle nicht
sehr gedient sein mochte zog ein Buch heraus und blätterte schnell darin
»Bestie« fluchte er halblaut da er das Gewünschte nicht fand stieß das Buch
wieder hinein riss ein dickeres heraus schlug es auf zeigte mit dem Finger auf
die Stelle und sagte beruhigt »Da stehts da kann Er selber sehen Stellio
eine Art Eidechse welches ein sehr listiges und ränkevolles Tier daher
stellionatus das Verbrechen wo einer ränkevoll handelt sonderlich mit
Schleichereien in Geldsachen und das Verbrechen doch keinen Namen hat daher
extra ordinem und secundum arbitrium zu bestrafen ist Da übrigens Inquisit
geständig ist« wandte er sich an den bange harrenden Vetter »und da Er mehr
eine Art Gerechtmacherei als einen eigentlichen Vorteil bezweckt hat so will
ich nicht den strengsten Maßstab anlegen sondern die Sache für dieses Mal
hingehen lassen Merk Er sichs aber für die Zukunft damit Er gewitzigt ist«
    Der Amtmann dem eine stille Ahnung sagen mochte dass er mit seiner
Gesetzesanwendung denn doch bei den eigentlichen Juristen durchfallen könnte
protokollierte nun ein langes und breites ließ dann den von Hattenhofen
unterschreiben und schickte ihn fort Da dieser aus Respekt das Türschloss nicht
in die Klinke fallen zu lassen wagte so hörte man wie er draußen im Weggehen
leise vor sich hinpfiff Denn dies ist die Art des Landbewohners wenn er zu
einer Verhandlung mit Herren oder sonst zu einem wichtigen Handel kommt so
räuspert er sich als ob er einen Stein vom Herzen weghusten müsste und wenn er
fortgeht so pfeift oder summt er bald mehr bald minder zufrieden entweder
weil es nach seinem oft sehr schlauen Kopfe gegangen ist oder weil er denkt es
habe doch wenigstens den Kopf nicht gekostet und hätte ja noch schlimmer gehen
können als es gegangen sei
    »Wir kommen nun auf das vorige Chapitre zurück« begann der Amtmann wieder
»Er ist also geständig außer dem hier verhandelten bei Seinem Vater einen
Diebstahl den er auf zweiundzwanzig Gulden anschlägt begangen zu haben«
    »Herr Amtmann« sagte der Gefangene »ich kann mirs nicht gefallen lassen
dass man das einen Diebstahl heißt Ich bin in meinem Eigenen gewesen und hab ja
meinem Vater gleich geofferiert dass ichs ihm aus meinem Mütterlichen wieder
ersetzen will«
    »Davon nachher« erwiderte der Amtmann »Wer sind Seine Helfershelfer
gewesen und wo hat Er das Geld hingebracht«
    »Ich hab die Frucht ganz allein auf meines Vaters Bühne geholt es ist kein
Mensch mit mir droben gewesen« antwortete der Gefangene den Sinn der Frage
durch den Wortlaut seiner Aussage umgehend »Man hat Verdacht dass Seine Person
und einer ihrer Brüder Ihm dabei behilflich gewesen sein werden« inquirierte
der Amtmann
    Friedrich wiederholte seine Versicherung und erbot sich einen Eid zu
schwören dass keines von den beiden auf seines Vaters Speicher gekommen sei Der
Amtmann belehrte ihn dass ein Angeklagter nicht zum Eide zugelassen werden
könne und hielt ihm dann jenen bei dem Müller begangenen Bienendiebstahl vor
dessen sich der eine seiner angeblichen Schwäger mehr als verdächtig gemacht
habe es sei beinahe so gut wie erwiesen dass er selbst bei jenem Vergehen mit
im Komplott gewesen sei und man müsse jenen mit allzu großer Nachsicht beiseite
gesetzten Fall jetzt hervorziehen weil er auch auf den neueren Vorgang ein
Licht zu werfen scheine Friedrich war nicht wenig froh den Verdacht von seinem
Lieblingsschwager auf dessen für ihn wie für die Familie unbedeutenderen Bruder
abgelenkt zu sehen beteuerte jedoch er habe demselben an dem Abend an welchem
er den Diebstahl begangen zu haben beschuldigt sei unwissentlich und zufällig
auf der Brücke gepfiffen und sich lediglich hierdurch verdächtig gemacht Der
Amtmann setzte ihm scharf mit Kreuz und Querfragen zu brachte aber nichts aus
ihm heraus was einen Anhalt zum Einschreiten gegen seinen Mitbeschuldigten
darbieten konnte Ebensowenig war ihm über das aus der Frucht erlöste Geld ein
Geständnis abzupressen Da er weder den dritten Genossen verraten noch sich
einer Hilfe die seinem Mädchen in der Not zustatten kommen konnte entschlagen
wollte so blieb er beharrlich dabei er habe das Geld vollständig ausgegeben
und sein Vater solle es eben an seinem eigenen Vermögen abziehen
    »Wie hat Er das Geld verwendet« fragte der Amtmann immer schärfer in ihn
dringend
    »Ich habs vertan« antwortete er um der Untersuchung jeden Weg
abzuschneiden
    »Wie hat Ers vertan« rief der Amtmann wild
    »Versoffen« antwortete er trotzig
    »Du Hallunk« schrie sein Vormund während der Amtmann erschöpft in den
Sessel zurücksank Nachdem dieser etwas Atem geschöpft richtete er sich wieder
auf und sagte gleichmütig »Ich muss und will annehmen dass Er die Wahrheit sagt
in diesem Fall kommt eben zu Seinen anderen Reaten auch noch der Punkt des
asotischen Lebenswandels hinzu Ich habs Ihm ja erklärt dass es ganz bei Ihm
stehe wie Sein Protokoll ausfallen werde«
    Der Amtmann war im ganzen nicht unzufrieden mit dem Ergebnis der
Untersuchung das ihm ziemlich ausgiebig erschien Er hielt dem Gefangenen seine
Hauptvergehen vor und ging schließlich in den Ton der Rüge und Ermahnung über
»Hat Er denn ganz vergessen« rief er »was ich Ihm damals so eindringlich
gesagt habe als Er das erstemal auf seinen bösen Wegen betreten wurde und was
ich Ihm dann wieder gepredigt habe als Er von Seiner ersten Strafe zurückkam«
    »Nein Herr Amtmann ich weiß es noch« antwortete der Gefangene »Sie haben
gesagt das Zuchthaus sei eine Schule des Lasters und ich solle mich wohl in
Obacht nehmen dass ich nicht wieder hineinkomme«
    »Und was hat Er von sich selbst denken müssen dass Er doch wieder
hineingekommen ist und was muss Er heute von sich denken dass Er abermals und
zwar tertia vice bei solcher Jugend reif dafür geworden ist«
    »Ich hab gedacht und denk für einen jungen Menschen an dem noch nicht
alles verloren sein kann sei es doch hart wenn er in die Schule des Lasters
getan wird wie Sies ja selber nennen«
    »So« rief der Amtmann zornig »wenn Ihm das Zuchthaus nicht gut genug ist
so kann man ihn ja für Seine Mord und Diebstaten auf die Schandbühne und von da
auf die Galeere bringen vermittelst des Vertrags den gnädigste Herrschaft mit
der Republik Venedig geschlossen hat«
    Den Gefangenen überlief es dass seine Kette klirrte »Ich muss freilich
ausessen was man mir kochen will« sagte er »ich bin ja schon mehr dabei
gewesen und weiß jetzt wie mans macht aber ich hab weder eine Mordtat noch
einen Diebstahl begangen«
    »Diebstahl mit nächtlichem Einbruch« rief der Amtmann mit der Spitze des
Fingers auf das Protokoll klopfend
    »Da drinnen stehts vielleicht so« entgegnete Friedrich »aber in meinem
Herzen heißts anders wenn ich Weib und Kind mit dem was mir mein Vater schon
als Vater schuldig wär vom Hungertod erretten muss«
    Der Amtmann milderte seinen Ton etwas »Wenn Er mit dieser Auslegung
durchzudringen hofft so gratulier ich Ihm dazu« sagte er »Bei Gericht aber
nimmt man die Dinge nicht nach der Auslegung sondern wie sie sind Angenommen
es habe einer einen Prozess mit einem andern und es sei auch das Recht ganz auf
seiner Seite so darf er darum doch nicht in seiner eigenen Sache den Exekutor
machen oder den Erretter wie Ers heißt und sich selbst am Hab und Gut des
andern regressieren«
    »Dawider will ich nicht streiten Herr Amtmann« erwiderte Friedrich »s
hat alles Händ und Füss was Sie sagen Aber nicht wahr wenn ich meinen Vater
bei Ihnen verklagt hätt dass er meiner Christine nichts zu ihrem Unterhalt gibt
so hätt sie lang verhungern können bis ich hätt Recht bei Ihnen gefunden«
    »Halt Er Sein Maul Er ewiger Rechtaber« schrie der Amtmann entrüstet »Er
steht als Angeklagter hier und nicht als Advokat«
    Er griff wieder zu der Feder und schrieb eifrig und zornig fort Friedrich
sah ihm eine Weile zu »Ich seh wohl was Sie schreiben« sagte er dann
»Unerachtet seiner äußersten Bosheit will er immer noch recht haben«
    Der Amtmann fuhr zurück dass ein Teil der Akten zu Boden fiel »Ist der Kerl
vom Teufel besessen« murmelte er vor sich hin Die Gerichtsbeisitzer sahen ihn
erschrocken an Friedrich lächelte »Ich kann mirs nämlich denken« fügte er
hinzu da er die Worte von der Kirchenkonventsverhandlung her im Gedächtnis
behalten hatte
    »Heb Er mir die Akten auf« befahl der Amtmann dem einen Gerichtsbeisitzer
»Den Schützen« rief er dem anderen zu »Er führt den Arrestanten vorläufig in
sein Loch zurück und holt mir den hannes Müller« wies er den eintretenden
Schützen an  »Wo der Teufel nicht hinkommt schickt er die Obrigkeit« murrte
der Gefangene halblaut während er abgeführt wurde  »Wird gleichfalls zu
Protokoll genommen« rief ihm der Amtmann nach
    Das auf Grund der Akten von dem Vogt zu Göppingen eingeleitete Verfahren war
bald abgetan und endigte damit dass eine eingeholte hochfürstliche Resolution
dem jugendlichen Übertreter der Gesetze wegen seiner verschiedenen Verbrechen 
puncto diversorum criminum hieß es in der amtlichen Anzeige  eine
andertalbjährige Zuchtausstrafe gnädigst zuerkannte wobei er allerdings die
Wahl hatte ob er sich unter dem Zentnergewicht der Anschuldigungen für die
gnädige Strafe bedanken oder in dieser eine Verurteilung der Anklage erblicken
wollte Zugleich mit ihm wurde der ältere Bruder Christinens nach dem Zuchtause
gebracht bei welchem der halberwiesene Verdacht des Bienendiebstahls und der
unerwiesene Verdacht der Teilnahme an dem Fruchtdiebstahl zu einer Strafe von
einigen Wochen hingereicht hatte Die Bewohnerschaft des Zuchtauses aber
bestand nach den gleichzeitigen öffentlichen Bekanntmachungen teils in
»freiwilligen Armen« ohne Strafe teils in Züchtungen und Sträflingen und die
Gesellschaft der beiden letzten Ordnungen bildeten Räuber Diebe soviel ihrer
nicht gehenkt oder gerädert waren Falschmünzer Fälscher Betrüger Asoten
Verschwender Vaganten Heiligenstürmer verunglückte Selbstmörder Ehebrecher
Mädchen die sich zum drittenmal vergangen Kalumnianten einer »wegen übler
Aufführung und irrespektuosen Bezeigens gegen Oberund Unterbeamte« einer
»wegen enorm ruchloser und sündlicher Reden« einer »wegen
Soldatendebauchierens« einer »puncto lasciviae« eine Magd wegen
feuergefährlicher Verwahrlosung des Lichts und endlich mehrere »wegen
verschiedener Vergehen«
    Auf dem Wege nach Ludwigsburg benutzte Friedrich einen Augenblick wo der
bewaffnete Begleiter ein armer Bürger von Göppingen der einen Fluchtversuch
der beiden rüstigen jungen Burschen zu verhindern unfähig gewesen wäre ein
wenig dahinten blieb »Häng kein so dummes Maul runter« sagte er zu seinem
Unglücksgefährten »was kann denn ich dafür dass dich die Immen hintendrein
gestochen haben Immenvater bist ja doch gewesen das kannst nicht leugnen Und
bedenk auch Schwager dass die Deinigen dich leichter ein paar Wochen als den
Jerg ein Jahr und vielleicht drüber missen denn der ist doch am kleinen Finger
mehr als du am ganzen Leib«
    Der andere schwieg stöckisch Der Wächter kam wieder herbei und die
Wanderung wurde fortgesetzt
    Als sie in Ludwigsburg einzogen und sich dem Zuchtause näherten fanden sie
den Weg durch eine große Menschenmenge gesperrt Ein Leichenzug kam daher
umgeben von zahlreichen Zuschauern und Zuschauerinnen die beinahe mehr Trauer
als Neugierde blicken ließ Hinter dem Sarge ging zunächst eine Schar von
Waisenkindern in ihrer grauen Tracht ihnen folgte eine lange Begleitung von
Männern geistliche und weltliche Beamte an ihrer Spitze nach einem größeren
Zwischenraume kam ein Zug Strafgefangener in der Zuchtauskleidung von
Aufsehern bewacht Alle hatten die Haltung von Leidtragenden und selbst in den
Reihen dieser vom Leben halb ausgestossenen Männer sah man nasse Augen
    »Wen begräbt man hier« fragte der Führer der beiden einzuliefernden
Sträflinge eine sich herzudrängende Frau
    »Den alten Waisenpfarrer« war die Antwort
    Friedrich drückte die Hände gegen die Brust So manchmal wenn es ihm in der
Welt weh und bange war hatte er sich nach dieser Heimat die man in der Welt
eine Schule des Lasters nannte zurückgesehnt und nun war der gute Geist der
darin waltete auf immer dahin Die Welt schien ihm ausgestorben Er kehrte sich
ab und weinte bitterlich Niemand sah diesen Schmerz welchen er bei seinem
Einzug in das Zuchthaus obgleich ihn der Gedanke an sein Weib und sein Kind
beinahe zu Boden drückte hinter einer dumpfen Gleichgültigkeit verbarg
 
                                       27
Ein stiller Herbstabend breitete seinen Frieden über die Welt Vom Brunnen wo
sie sich satt getrunken wurden Pferde und Kühe heimgetrieben wobei einige
Füllen und Kälber munter um sie her sprangen und wohl auch hie und da eine Kuh
deren Alter ein gesetzteres Betragen erwarten ließ zu ein paar Bockssprüngen
verführten Nachdem das Vieh den Trog verlassen hatte kamen Weiber und Mädchen
um ihre Wassergelten unter dem Rohr zu füllen sie plauderten und lachten unter
sich oder mit den Leuten die vor den Häusern Feierabend machten Allmählich
wurde es am Brunnen und auf der Straße leer die Menschen gingen in die Häuser
da und dort hörte man das Vieh in den Ställen brüllen aber immer tiefer sank
das Dorf schon während der Dämmerung in die Stille der Nacht so dass endlich
der gesellige Brunnen für sich allein murmelte doch nicht ganz von den Stimmen
des Lebens verlassen denn ihn begleitete das Plätschern des vorüberziehenden
Flüsschens und das Rauschen des Neckars der unfern über seine Kiesel dahinzog
Die Schatten verdichteten sich mehr und mehr da kam noch eine Nachzüglerin zum
Brunnen um Wasser zu holen entweder hatte sie sich über häuslichen Geschäften
verspätet oder scheute sie die Gesellschaft die zu einer früheren Stunde am
Brunnen nicht zu vermeiden war denn ihre Tracht die von der Tracht des Dorfes
abwich bezeichnete sie als eine Fremde die sich vielleicht unter den andern
nicht heimisch fühlte das um den Kopf geschlungene dunkelblaue Tuch ließ nicht
erraten ob sie ein Weib oder Mädchen sei Sie stand mit dem Leib über die
nachlässig gefalteten Hände übergebeugt am Brunnen und wartete in dieser
geduldigen Haltung welche meist von überstandenen Leiden zeugt auf das
Vollwerden ihres Gefässes Ein tiefer Seufzer sprach es aus dass sie in ihrem
Innern nicht unbeschäftigt war Während sie so am Brunnen träumte erscholl ein
rascher zuversichtlicher Schritt durch das schlummernde Tal Er schien sich zu
verlieren wenn die Straße sich senkte dann schlug er wieder deutlicher an das
Ohr Bald hatte der Wanderer das Dorf erreicht er ging langsamer verweilte hie
und da und setzte dann seine Schritte wieder fort Wie er näher kam ein
kräftiger untersetzter Mann entdeckte er die Gestalt am Brunnen und trat wie
um sie zu fragen auf sie zu Kaum aber hatte er sie voll ins Auge gefasst so
umschlang er sie und drückte sie heftig an sich Mit einem leisen Schrei des
Schreckens und Unwillens suchte sie sich loszumachen da sagte er mit
unterdrückter Stimme »Christine« Sie sah ihm in das Gesicht und stürzte mit
einem zweiten Schrei an seine Brust die Arme um ihn schlagend Nach einer
langen Umarmung in welcher sie zuweilen tief Atem holte sagte sie weinend
»Mein Frieder mein Frieder Was für ein Engel führt dich zu mir Wo kommst denn
her«
    »Von Hohentwiel von Frankfurt von Ebersbach aus dem Gefängnis aus der
Welt aus der Heimat  woher du willst« antwortete er fröhlich
    »Dass du von Hohentwiel entkommen bist« sagte sie »ist das letzt was ich
von dir weiß Das hat einen solchen Lärmen durchs Land geben dass ichs sogar
im Zuchthaus erfahren hab Kannst dir vorstellen wie michs gefreut hat«
    »Im Zuchthaus« versetzte er »Ich weiß dass sie dich dorthin getan haben
Oh s ist scheusslich scheusslich«
    »Sie haben gesagt sonst werd eine erst beim dritten Kind so gestraft mir
aber muss mans schon beim zweiten andiktieren für meinen Umgang mit dir weil
du dich so aufgeführt habest dass man dich lebenslänglich hab auf die Festung
sperren müssen«
    Er lachte wild
    Sie fiel ihm abermals um den Hals dann sah sie sich scheu um ob niemand
ihr Tun bemerkt habe Hierauf fragte sie hastig »Und von Ebersbach kommest
sagst Was machen meine Kinder«
    »Sie sind ganz wohl« antwortete er »das Kleine hat all seine Zähn du
mussts ja gesehen haben wie du letzt dort gewesen bist und lauft ganz allein
und der Groß hat vorgestern zum erstenmal in die Schule dürfen zum Zuhören Er
hat mir aufgeben ich solle die Mutter schön grüßen«
    Sie schluchzte »Aber ich vergess mich ganz« sagte sie dann erschrocken
»Meine Herrschaft ist im Pfarrhaus sie sind oft nachm Nachtessen dort und die
Kinder sind allein Die Schulmeisterin tät mirs nicht verzeihen und ich
möchts ihr auch nicht zuleid tun dass einem von den Kindern etwas geschah«
    »Hat die Katrine Kinder« fragte er sie aufhaltend
    »Ha was meinst« antwortete sie »drei und das ältest davon ist schier
fünf Jahr alt«
    »Was man nicht erleben kann« sagte er »ist mirs doch als hätt sie erst
gestern noch im Ebersbacher Amtaus gedient mit ihrem Bleichschnäbele und ihrer
schmächtigen Gestalt und jetzt hat sie schon ein fünfjähriges Kind«
    »Es ist auch in die sechs Jahr dass sie den Schulmeister hier geheiratet
hat O Frieder das Weib hat den Himmel an mir verdient Aber jetzt lass mich
nur n Augenblick lass mich ich komm wieder Sieh wenn den Kindern etwas
zustiess die sie mir anvertraut hat es wär mein Tod«
    »Gleich lass ich dich gehen« sagte er und fasste sie an der Hand »Wenn du
aber wiederkommst bleibst dann bei mir und ziehst mit mir fort Ich leids
nicht dass mein Weib im Dienst ist Sieh bloß um deinetwillen bin ich von
Frankfurt hergewandert um dir zu halten was ich dir versprochen hab Meines
Bleibens ist im Ländle nicht kannst dir wohl denken warum aber draußen können
wir das und jenes probieren werden uns schon durchschlagen und das ehrlich
hoff ich Auch ist jetzt leichter in der Welt fortkommen es ist Krieg und der
bringt manchen Verdienst unter die Leut Der König von Preußen ist in Sachsen
eingefallen es geht alles drunter und drüber«
    »Ja man spricht hier auch davon« versetzte sie »Ach Gott was ist das für
eine Welt«
    »Gehst mit mir und das gleich« fragte er dringender
    »Soweit ich seh« rief sie ihm noch einmal um den Hals fallend »Aber von
meiner Schulmeisterin muss ich Abschied nehmen sie meints so gut mit mir«
    Sie griff nach ihrer Gelte Er wollte dieselbe tragen aber sie gab es nicht
zu »Geh zwischen den Häusern da den Fußweg naus dass dich niemand bemerkt Bei
den drei großen Bäumen stoss ich wieder zu dir Die Katrine will ich von dir
grüßen sie spricht oft von dir aber was hätt sie davon wenn du in ihrem Haus
gefangen würdest«
    Sie eilte mit dem Wasser fort Er trank in gierigen Zügen am Brunnen ging
dann den Fußweg hin und wartete an dem bezeichneten Orte Nach einer
Viertelstunde kamen hastige Schritte Sie wars an ihrer Hand schwankte ein
kleines Bündelein das er ihr sogleich abnahm »Ich hab nich Abschied nehmen
können« sagte sie »sie sind noch im Pfarrhaus es ist Besuch ankommen und da
wird der Schulmeister immer eingeladen denn er gilt beim Pfarrer viel Weil du
nun so pressierst so hab ich die Kinder einer Nachbarin übergeben und hab
meiner Frau sagen lassen meine Mutter sei plötzlich krank worden der Bot hab
mich am Brunnen troffen und ich hab ohne Verzug mit ihm fort müssen Sie wird
wohl von selber draufkommen wie sichs in Wahrheit verhält und damit sies um
so eher erraten kann so hab ich mit dem Griffel auf die Schieferplatt im Tisch
geschrieben Will und Lieb die stiehlt kein Dieb«
    »Das ist die rechte Parole« sagte er »Das hat mich auch wieder ins Land
geführt«
    »Jetzt aber erzähl einmal« sagte sie »Wenn wir immer so durcheinander
schwätzen so erfährt keins vom andern was rechts«
    »Zuerst müssen wir den Marsch antreten Frau Landfahrerin« entgegnete er
»Geh du voran und führ mich den Weg auf die Straße hinaus Dort können wir
nebeneinander gehen und erzählen nach Herzenslust Hier so nah am Dorf ists
doch nicht recht geheuer«
    »Ja wo naus willst du Herr Landfahrer« fragte sie
    »Das versteht sich doch nach Ebersbach und die Kinder holen denn ohne die
ziehen wir nicht in die Welt hinaus«
    »Jetzt freut mich mein Leben erst« rief sie entzückt und schritt rüstig in
der Dunkelheit voran Er folgte »Mir ists als wärst du kräftiger worden«
sagte er hinter ihr her »du trittst ja auf wie eine Burgemeisterin auch kommst
du mir viel runder vor wie ehedem«
    »Ich hab auch ein besseres Leben gehabt in der letzten Zeit« antwortete
sie immer vorwärts eilend »kann sein dass ich mich wieder ein wenig
rausgemacht hab Aber wenn du mich morgen bei Tag siehst da wirst finden dass
ich nicht mehr das glatt Gesicht von ehedessen hab Ach Frieder Sorgen und Not
machen den Menschen alt vor der Zeit Ich fürcht ich werd dir nicht mehr so gut
gefallen«
    »Schwätz mir nicht so verkehrt raus« erwiderte er »Dass du nicht siebzehn
Jahr alt bleiben kannst das hab ich gewusst wie ich dich liebgewonnen hab und
hab mirs auch sagen können wie ich gleichfalls aus dem besten Leben raus
fort bin um dir das Wort zu halten das ich dir zugeschworen hab Hast übrigens
gar nicht so alt ausgesehen vorhin am Brunnen wie ich zu dir kommen bin Ich
hab dich just fragen wollen Jungferle wo ist das Schulhaus da seh ich auf
einmal dass dus selber bist«
    Sie hatten unter diesen Gesprächen ein Gewirr sich kreuzender Feldwege
welchen sie oft eine Strecke folgen mussten längs des Dorfes hin durchschritten
Hie und da bellte ein Hund aber sie verfolgten unangefochten ihren Weg Von
einem Rain an welchem der Fußsteig steil emporkletterte flog sie mit einem
leichten Sprung auf die Straße hinab und er ihr nach Er fasste sie eng um den
Leib sie ihn desgleichen und so wanderten sie in der Nacht zusammen hin Sie
drückte ihn noch einmal fester an sich »so jetzt erzähl« sagte sie
    »Also« begann er »Wie ich vor drei Jahren nach Hohentwiel kommen bin das
weißt du Ich wär aber doch begierig ob du auch weißt was dein Hannes mein
hochachtbarer Herr Schwager dazu beitragen hat Gelt das wird er dir nicht
gesagt haben«
    »Ich weiß gar nichts« sagte sie »als dass du den Tag nachdem wir uns das
letztmal gesehen haben in der Sonne bist gefangen genommen worden und dass es da
wieder einen Kampf und ein Getümmel geben hab wie vor sechs Jahr wo du vom
Dach ins Zuchthaus geflogen bist und dass man dich dann weit fortgebracht hat
nach Hohentwiel Kannst dir selber sagen was mir das gewesen ist dass ich dich
zeitlebens nicht mehr sehen soll und dazu zwei unversorgte Kinder von denen
eins noch nicht einmal auf der Welt gewesen ist Aber von meinem Hannes weiß ich
nichts«
    »Der hat eine Pique auf mich gehabt von damals her wo er mit mir ins
Zuchthaus kommen ist und du weißt doch selber am besten wie unschuldig ich
daran gewesen bin Wies nun Lärm geben hat wegen der Dummheit im Pfarrhaus «
    »Du sagst recht« unterbrach sie ihn »freilich ists eine Dummheit gewesen
Weißt noch was ich zu dir gesagt hab wie du mir nachts mit den Sachen übers
Bett kommen bist Bist denn immer noch ein Bub willst denn gar nie kein Mann
werden hab ich gesagt Und warum hast denn nicht wie du mir doch versprochen
hast den Kelch gleich wieder ins Pfarrers Garten geworfen Ich hab dir doch
gesagt das sei ja der Krankenkelch werd wohl hundert Gulden wert sein und
wenns auf dich bekannt werd so kommest an Galgen«
    »Sei doch vernünftig« sagte er »Ich hab ja nicht können Wie ich mich
wieder gegen das Pfarrhaus hingeschlichen hab hat mich der Nachtwächter
gesehen und da hab ich nimmer trauen dürfen Ich hab dann eben die Sachen zu
Haus im Stroh versteckt und da hats am Morgen der Knecht gefunden und meinem
Vater bracht und der hat in der Todesangst alles dem Pfarrer geschickt Er hat
gemeint man könnt ihn selber als Hehler beim Kopf nehmen und die Frau
Stiefmutter hat ihm natürlich die Höll noch heißer gemacht«
    »Hättst aber auch den Spaß können bleiben lassen« eiferte sie »Wenn du nur
ein klein bissle Grütz im Kopf gehabt hättst so hättst doch wissen müssen dass
ein Eidbruch in einem Pfarrhaus sonderlich wenn Kirchensachen dabei wegkommen
so laut schallt wie die Posaun von Jericho Und wenn nur auch was dabei
rauskommen wär Aber der ganz Bettel ist ja des Einsteigens nicht wert gewesen«
    »Das ist wahr« versetzte er »außer der silbernen Sackuhr dem goldenen
Ring und den paar Batzen Geld ist an der ganzen Lumperei nichts echt gewesen
Das andere Ührle war von Messing und zerbrochen und dein kostbarer
Nachtmahlskelch den du hast auf hundert Gulden taxieren wollen was ist er
gewesen von Kupfer und ein wenig verguldt«
    »Drum eben« sagte sie noch eifriger »Und doch hast bei der Lumperei nicht
bedacht dass es um den Hals gehen oder wie sichs nachher auch zeigt hat eine
Lebenslänglichkeit dabei rausspringen kann«
    »Du hast gut reden« entgegnete er verdrießlich »Bin ich darum aus meiner
sichern Freistatt zu dir kommen um mir gleich von dir vorpredigen zu lassen Du
hast scheints ganz vergessen wie mans uns gemacht hat «
    »Das hätt freilich den besten Mann verzürnen können« unterbrach sie ihn
begütigend
    »Zuerst« fuhr er heftig fort »stecken sie mich um nichts und wieder nichts
auf anderthalb Jahr ins Zuchthaus Wie ich das überstanden hab und ins
bürgerliche Leben zurückkehren will so nimmt kein Hund mehr ein Stück Brot aus
meiner Hand Da hab ich erst gesehen dass meine beide frühere Zuchtausstrafen
für nichts geachtet worden sind aber die dritte die hat dem Fass den Boden
ausgeschlagen In meines Vaters Haus hab ich mehr wie ein Vagabund auf dem Heu
und Stroh als wie ein Kind im anererbten Bett geschlafen Mein Mütterlichs hat
mir mein Pfleger mit Lachen gesagt sei über den Prozess und Ersatz und
Zuchtauskosten drauf gegangen und so hat mir meine Volljährigkeit nichts mehr
geholfen Rechnung hat man mir gar nicht abgelegt und mein Vater hat mich dabei
im Stich gelassen mein Pfleger hat er gesagt sei eben einmal ein Herr auf dem
Rataus und mit diesem müsse man delikat verfahren Ich hoff ihm noch eine
besondere Delikatesse anzutun Die Metzger bei denen ich als Knecht hab herum
schaffen wollen haben mehr oder weniger deutlich das Kreuz vor mir geschlagen
Weil man mir nun von Haus aus gar keinen Vorspann geleistet vielmehr noch
Fussangeln in den Weg geworfen hat so hab ich um so mehr drauf pressiert dass es
zwischen uns beiden endlich einmal zum Heiraten käme denn abgesehen davon dass
mirs ohnehin angelegen gewesen ist so hab ich gedenkt wenn die Leute sehen
dass ich gegen meinen Schatz ehrlich bin und dem ledigen Leben mit seinen
Lumpenstreichen Valet sage so werden sie mir nach und nach auch wieder
Vertrauen schenken Aber ich brauch dir ja nicht lang vorzumalen wie uns das
fehlgeschlagen hat Der alte Pfarrer der Eiferer und Polterer steht mir jetzt
vergleichsweise als ein Ehrenmann da der neue aber den ich bei meiner
Zurückkunft von Ludwigsburg angetroffen hab ist vollends der ganz gemeine
Kanzelmelker der bloß rechnet wieviel Gulden und Kreuzer ihm das Evangelium
trägt und was er aus seinen Verrichtungen für Profit herauspressen kann Die
dritte Proklamation haben wir mit Leichtigkeit von ihm erlangt  um Geld und
gute Worte nur dass ich um des spöttisch mitleidigen Tones willen mit dem er
unsere Namen ablas ihm das Gesangbuch hätt an den Kopf werfen mögen Dann aber
hat wieder alles dran getrieben dass die Sache rückgängig worden ist Vater und
Mutter Amtmann und Pfarrer und der Pfarrer hat meinem Vater noch ganz anders
zugeredet als sein Vorgänger welch eine Torheit es für ihn sei eine
Schwiegertochter ohne Vermögen ins Haus zu nehmen Weißt noch wie wir vier
Wochen lang herumgezogen sind zwischen dem Staufen und der Teck von einem
Pfarrhof zum andern ob wir nicht einen Geistlichen fänden der uns um
Gotteswillen und aus christlichem Herzen kopulierte War aber alles vergebens
und wie wir heimkommen so stecken sie uns wegen Entführung und Landstreicherei
vierzehn Tage lang ein und bringen mir dann eine Verzichtleistung von dir die
mich so rappelköpfig macht dass ich erklärt hab jetzt wolle ich auch nichts
mehr von dir wissen Wie wir dann frei wurden wars leicht sich über die
falsche Vorspiegelung zu verständigen Drauf klag ich in Göppingen und der Vogt
sagt selber das sei keine Art eine angefangene Kopulationssache nach
dreimaliger Proklamation also zu hintertreiben und gibt einen Bescheid für den
Pfarrer dass er fortfahren solle Wie ich dich nun damit ins Pfarrhaus schicke
und der Pfarrer an dich hin zankt und schimpft das Oberamt solle ihm zuvor die
Tax bezahlen wenn es ihm mit solchem Bettlerpack beschwerlich fallen wolle was
hast du dann zu mir gesagt du Biedermännin die mir jetzt predigen will Hast
du nicht gesagt der Geizhals von einem Pfaffen hab Uhr und Ring an der Wand
hängen man sollts ihm nur nehmen dann hätt ich Geld und könnte nach Stuttgart
gehen um ihn zu verklagen und die Kopulation zu erzwingen«
    »Ach freilich hab ichs gesagt« seufzte sie »aber ich bin eben auch ganz
außer mir gewesen vor Jammer und Verzweiflung und vor Zorn über so ein
ungeistlichs Betragen gegen die Armen Aber mein Herz hat nicht dran denkt dass
du das tun würdest was ich im Zorn rausgeschwätzt hab Vom Gedanken bis zur Tat
ist doch noch ein weiter Weg und besser hättst doch getan wie du jetzt selber
einsiehst wenn du noch einmal ans Oberamt gangen wärst«
    »Geh mir weg mit dem Oberamt« murrte er »Das eine Mal hören sie einen an
und das andre Mal jagen sie einen fort sonderlich wenn man oft kommt Was du
gedacht und gesagt hast das hab ich getan s ist just so weit wie der Weg vom
Weib zum Mann Um Geld und Geldswert ist mirs weniger zu tun gewesen als um
dem harterzigen Pfaffen zu zeigen dass ich mehr kann als er und dass er keine
Stunde in seinem eigenen Hause sicher ist wenn ichs nicht haben will Er mag
seine Türen und Läden so fest verschließen als er will Angst soll er vor mir
haben solang er lebt und wenns mich einmal gelüstet so schiess ich ihn von
seiner Kanzel runter wie den Vogel vom Ast Ich hab ihm noch ein paar Hostien
mitgenommen bloß um ihm zu zeigen was ich auf sein Handwerk halte wenns
einer um des bloßen Gewinns willen treibt«
    »Ich weiß ja wohl« sagte sie immer ihn zu besänftigen bemüht »dass das
alles ist was man dir aus der ganzen traurigen Zeit vorwerfen kann Du hast
leben müssen wie der Vogel aufm Zweig nur mit dem Unterschied dass der Vogel
leicht sein Futter findet und ich möcht wohl auch sehen wie viel sich in so
einer Lag ehrlich durchschlügen ohne sich am Eigentum des Nächsten zu
vergreifen Denn das bissle Gewildschiessen mit dem Krämerchristle kann dir kein
Mensch als ein Verbrechen andichten und s ist ja auch nicht rauskommen Der
einzig Streich mit dem Pfarrer hat dir den Hals brochen Aber dass mein Bruder
dabei gegen dich mitgeholfen haben soll das will mir nicht ein So viel denkt
mir allerdings noch dass er dazumal just in Ebersbach gewesen ist Weißt er hat
sich ja gleich vom Zuchthaus aus unters Militär anwerben lassen und ist nicht
mehr heimkommen bis unser Vater gestorben ist  ach Gott wenn ich an den Tag
denk  und vor drei Jahr um die Zeit wo man dich gesetzt hat ist er wieder
im Urlaub dagewesen«
    »Komm« sagte er »du wirst doch nicht im Freien über Nacht bleiben wollen
Ich weiß auf unserem Weg einen kleinen Weiler wo wir sicher sein werden Wenn
die Leut noch auf sind so müssen sie uns ein Nachtquartier geben wir sind ja
Mann und Weib und wenn sie schlafen so weiß ich auch zu helfen«
    Sie verließen die harte unebene Straße und schlugen einen gemächlichen
Waldpfad ein auf welchem sie in der bisherigen Weise sich umschlingend
nebeneinander gehen konnten »Wie mein Vater am anderen Morgen dem Pfarrer seine
Sachen wieder geschickt hat« fuhr er fort »da hab ich gleich gemerkt dass
Mohren ist  ja so das lautet böhmisch für dich  ich will eben sagen ich hab
gemerkt dass Feuer im Dach ist dass das Ding Lärm macht hab mir also den Kopf
nicht lang zerbrochen sondern hab ihn zwischen die Füss genommen und mich in der
Sonne verborgen bis ich etwas Luft hätt um durchzukommen Das war ein Rennen
und Laufen den ganzen Tag ich hab alles von meinem Versteck aus angehört und
mich nicht gerührt Möglich ists dass die Frau Sonnenwirtin in ihrem witzigen
Hirn draufkommen ist hinter den alten Fässern und dem Rumpelzeug im
hundertjährigen Staub könnt was Lebendiges stecken aber gradaus ist sie mir
nicht zu Leib gegangen das ist überhaupt ihr Genie nicht Gegen die Nacht
während ich eben denk jetzt könnt ich bald entschlüpfen hör ich an meinem
Versteck herumtappen klopfen und Frieder rufen An der Stimm erkenn ich deinen
Hannes geb aber nicht gleich Antwort Drauf fährt er fort ich solle mich doch
nicht so verstellen er sei mit etlichen Kameraden im Urlaub da sie haben von
meinem Malheur gehört und meinens gut mit mir ich solle nur herfürkommen sie
wollen mich in die Mitte nehmen und mir durchhelfen auch hab er mir von dir
etwas Nötiges auszurichten Was hätt ich ihm nicht trauen sollen Mir ists im
Schlaf nicht eingefallen dass er mir von früher her etwas nachträgt was mich
gar nicht einmal betrifft Wie ich aber gutsmuts heraussteige so fassen mich
die Soldaten und schreien Arretiert Ich hätt mich vor denen pappeten
Herrgöttern mit ihren Krautmessern und ihren gemalten Schnurrbärten nicht
geforchten ich hätts mit allen aufgenommen aber ich stand dir da ganz steif
und starr über die Verräterei wenn man mich gestochen hätt ich hätt kein Blut
geben und so bin ich regungslos von ihnen gefangen und gebunden worden Wenn
sie also nachher behauptet haben es hab einen Kampf und ein Getümmel gekostet
so haben sie schmählich gelogen um ihre Heldentat desto größer zu machen«
    »Großer Gott« rief sie jammervoll »also mein eigener leiblicher Bruder hat
dich ans Messer geliefert und ich hab kein Wort davon gewusst Es ist mir nur
lieb dass er jetzt weit weg in Garnison liegt Und an mir willst dus nicht
auslassen dass mein Bruder so eine Schlechtigkeit an dir begangen hat«
    »Wär ich sonst so weit her zu dir kommen« antwortete er
    Sie gab ihm ihre Dankbarkeit durch warme Liebkosungen zu erkennen »Aber
gelt« sagte sie »ich hab auch nicht lang gefragt wie ich dich gesehen hab Du
hast nur sagen dürfen Geh mit und gleich bin ich gangen«
    »So ists recht« versetzte er »Wir sind ja Mann und Weib An Gottes Segen
ist alles an der Pfaffen Segen gar nichts gelegen«
    »Jetzt erzähl weiter« drängte sie
    »Auf Hohentwiel« fuhr er fort »hab ich keine gute Zeit gehabt Harte
schwere Arbeit und liederliche Kost tagaus tagein immer das nämliche Leben zwei
Jahre lang und dazu die Aussicht dass es in alle Ewigkeit so bleiben soll Da
kann einem der Spaß vergehen Ich hab aber den Mut nicht sinken lassen und
gleich ein paar Wochen nach meinem Eintritt hab ich mich zu salvieren versucht
Das ist aber nicht so leicht wie im Zuchthaus von wo mirs ein Kinderspiel war
dich ein paarmal zu besuchen Sie haben mich zum Festungsbau gebraucht denn an
ihrer unüberwindlichen und unübersteiglichen Festung wie sies heißen bauen
sie beständig fort wie am Turm zu Babel um sie immer noch unüberwindlicher und
unübersteiglicher zu machen Wenn ich eine Armee gegen sie zu führen hätte ich
wollt ihnen ventre à terre im Nest sitzen eh sies merkten denn ich weiß wo
ihr berühmtes Kleinod schadhaft ist Das erstemal ist mirs aber schlecht
geraten da hab ich noch im Bubenunverstand und im Desperationsfieber gehandelt
bin nur grad mitten in die Freiheit hineingesprungen wo sie am breitsten und
aber auch am tiefsten war von einer großen Höhe herunter aber dann auch keinen
Schritt weiter mehr Die Wachen haben gleich nach mir geschossen aber von
obenher trifft man nicht so geschwind und das Schießen war unnötig denn ich
blieb ganz ruhig liegen weil ich den Fuß gebrochen hatte Nachdem ich geheilt
war musste ich wieder arbeiten und bei Nacht sperrten sie mich allein in ein
Käfig wo ich von lauter Quadern umgeben war Nun war ich schon so gewitzigt um
zu wissen dass das Verzweifeln zu gar nichts hilft frass also allen Grimm und
allen Jammer um dich und allen Durst nach Befreiung in mich hinein Tag und
Nacht und hielt mich still als ob ich ganz zufrieden wär und hätte die Welt
vergessen Geduld sagt das Sprichwort Geduld überwindet Sauerkraut aber
freilich man darf dabei nicht müßig gehen Zum Glück hatte ich schon im
Ludwigsburger Zuchthaus einige Brocken von der jenischen Sprache aufgeschnappt
und die konnte ich auf Hohentwiel fürtrefflich brauchen«
    »Jenisch« unterbrach sie ihn »Was ist denn das«
    »Pass auf« sagte er »Die Kochern scheften grandig in Käfer Märtine
schaberen bei der Ratte in Kitteren fegen Schrenden Klaminen und Hansel
holchen auf Gschock tschoren Sore zopfen Kies aus Rande kasperen Gasche
achlen und schwächen toff mit nickligen Schicksen josten im Flach um Jack
schmusen und schmollen aber kistig holchen Niescher zopfen sie krank kistig
schupfen sie Schiebes wenn sie aber in der Leke scheften und ihre Massematte
maker werden bestieben sie Makes Makoles holchen kistig kapore werden talcht
an die Nelle geschniert gekibeset oder getelleret«
    »Hör auf hör auf« sagte sie »Da wirds ja einem ganz dumm davon Das ist
rotwelsch da versteh ich kein einzigs Wort«
    »Wie kannst du denn sagen es sei rotwelsch wenn dus nicht verstehst«
    »Grad deswegen Was man nicht versteht das heißt man so«
    »Du weißt nicht dass du ein wahres Wort gesprochen hast denn rotwelsch und
jenisch das ist die nämliche Zunge«
    »Du mein Heiland« sagte sie betreten »das sprechen ja aber nur die «
    »Kochem« ergänzte er da sie stockte »Wenn du willst kannst du sie auch
Jauner Diebe Spitzbuben und dergleichen heißen denn das sind ihre Namen bei
den andern Leuten sie selbst aber nennen sich Kochem Dies ist die
Gesellschaft in die man mich zu Ludwigsburg und auf Hohentwiel getan hat«
    »Ach Gott ach Gott« seufzte sie »Ich bin doch auch im Zuchthaus gewesen
aber ich hab gottlob keine Gelegenheit gehabt das Jenische zu erlernen Ich hab
meistens bei einer Aufseherin arbeiten müssen die mich zu sich genommen hat
und da hab ich ich kann nicht anders sagen manches Nützliche gelernt was ich
vorher nicht gewusst hab«
    »Das ist Glückssache« sagte er »Früher hat man mich in Ludwigsburg auch
etwas apart gehalten der selige Waisenpfarrer hats damals nicht anders
gelitten das drittemal aber bin ich unter den großen Tross gestoßen worden
Wiewohl es war mein Glück denn hätt ich nicht Jenisch gelernt so säss ich heut
noch auf Hohentwiel«
    »Was heißt denn das was du da hergesagt hast« fragte sie
    »Es ist nur eine Probe« sagte er »und bedeutet so viel als die Kochem
sind groß an Mannschaft im Schwabenland brechen bei Nacht in die Häuser leeren
Stuben Kammern und Kästen gehen auf Märkte rapsen Ware ziehen Geld aus
Taschen schnellen die Leute essen und trinken gut mit ihren hübschen
tanzlustigen Weibsbildern denn daran rühmen sie sich reich zu sein liegen auf
dem Feld ums Feuer schwatzen und lachen aber oft kommen Streifer nehmen sie
gefangen oft machen sie sich davon wenn sie aber ins Gefängnis geraten und
ihre Sachen an Tag kommen kriegen sie Schläge und Prügel müssen auch oft
sterben werden gemalefjetzt an den Galgen gehenkt geköpft oder gerädert«
    »Bhüt uns Gott« rief sie »und solche Reden gehen aus ihrem eigenen Mund«
    »Das sind Dinge von denen sie täglich reden um sich recht an den Gedanken
zu gewöhnen gleichwie der Amalekiter König Agag zu Samuel sprach Also muss man
des Todes Bitterkeit vertreiben«
    »Für n Amalekiter mag das schon recht sein aber es sind doch schreckliche
greuliche Ding und man kanns nicht verantworten dass man dich so jung mit so
Leut zusammengepfercht hat Ach Frieder ich bitt dich lass du sie links ziehen
und halt dich nicht zu ihnen«
    »Nein« sagte er »ich hab allen Respekt vor ihnen und will mich auch nicht
mit ihnen einlassen Deswegen gehen wir ja außer Lands wo auch gut Brot essen
ist und wo mich keiner von ihnen kennt«
    »Bei der Flucht von Hohentwiel also sind sie deine Kameraden gewesen Ich
kann mirs jetzt schon denken«
    »Mit Hilfe des Jenischen« fuhr er in seiner Erzählung fort »brachte ich
bald heraus welche von den Gefangenen die tauglichsten waren und meinem
Gefängnis am nächsten lagen Zum größten Glücke hatte ich zwei Nachbarn ganze
Kerls mit denen ich den Teufel aus der Hölle schlagen wollte Uns zu
verständigen das war uns eine Kleinigkeit Im Vorbeigehen etwas hingemurmelt
oder im Sprechen mit der Schildwacht oder dem Aufseher ein paar jenische Brocken
eingestreut und dabei dem eigentlichen Adressaten den Rücken zugekehrt  das ist
für einen Kochem soviel wie ein ganzes Buch aus zwei drei Worten die von
einem andern fast ohne Mundbewegung an ihn hergesäuselt kommen studiert er sich
alles raus was er nötig hat Freilich brauchts auch manchmal längere
Verständigungen Da kommt man dann am besten mit Singen fort Ein Gesetzlein aus
einem Gassenhauer wenn die Schildwacht gutmütig und selber lustig ist oder
wenn man nicht trauen darf oder gar einander ein langes und breites zu sagen
hat ein Kirchenlied das hilft einem weit Wie hab ichs nicht meinem alten
Schulmeister gedankt dass er mir die Choräle so ferm eingetrichtert hat Die
Soldaten haben oft ganz andächtig zugehört wenn ich ein langes Busslied nur so
halblaut vor mich hingesumset und dabei den Text zwischen den Zähnen zerdrückt
nur hie und da ein deutsches Wort deutlich herausgehoben hab Das Undeutliche
aber war alles jenisch und für meine beiden Leidensgenossen deutlich genug Das
hat dann dazu dienen müssen noch eine zweite Sprache miteinander zu verabreden
die unsre Hauptsprache werden musste Die Quader nämlich waren viel zu dick als
dass wir uns bei Nacht hätten unterreden können und daran war uns natürlich am
meisten gelegen Nachdem wir aber ein bequemes Alphabet fertig gebracht hatten
so klopften wir einander ganze Nächte fort und was wir klopften das waren
lauter Worte und Sätze Gelt du musst lachen Aber die Klopfsprache war mir
damals die liebste in der Welt und hat sich auch viel besser bewährt als die
Blutsprache die du mir einmal im Arm auf die Wanderschaft hast mitgeben wollen
Zu allem andern Glück kam dann noch ein kostbarer Fund ein Nagel nämlich der
mir eines Tags in die Hände geriet und dieses kleine Werkzeug hat den Grund zu
unserer Freiheit legen müssen«
    »Was bist du für ein Mensch« rief sie »Man sollt oft meinen du seist
mehr als ein Mensch«
    »Du kannst dir denken wie oft mir da die Finger geblutet haben und dann
hab ichs sehr gefühlt dass ich ein Mensch bin und wenn ich ans Freiwerden und
an dich und unsre Kinder gedacht hab da hab ich auch wieder gewusst dass ich
einer bin Um es kurz zu machen nach einer vierteljährigen schweren
Nachtarbeit neben den schweren Tagesarbeiten war ein Loch durch die Mauer
glücklich gebrochen das niemand entdeckte aber dann dauerte es noch lang bis
alle günstige Umstände zusammentrafen Was irgend zum Knüpfen und Binden
tauglich war das hatten wir in den zwei Jahren wie die Hamster
zusammengescharrt und das kleinste Flöcklein Hanf war uns nicht zu schlecht
gewesen Keine Seele kann sich eine Vorstellung machen was das ein Stück Arbeit
gewesen ist und welche Attention Diebesgeschicklichkeit und Spitzbüberei es
erfordert hat nach und nach die nötigen Stricke zusammenzubringen Das war fast
noch mehr als die Arbeit an der Mauer Viele Stunden lang müsst ich erzählen
wenn ich dir alles ausführlich sagen wollte aber wer diese Werke und diese
Felsen und diesen spitzen Wolkenkegel nicht gesehen hat dem kann man doch
keinen Begriff von den Schwierigkeiten einer solchen Flucht beibringen Ich
würds auch keinem übel nehmen wenn ers nicht glaubte aber die Tatsache steht
nichtsdestoweniger fest denn ich war lebenslänglicher Gefangener und bin nicht
freigegeben worden und geh jetzt dennoch hier an deiner Seite durch den freien
grünen Wald und hab ihnen den Stolz auf die Unüberwindlichkeit ihrer starken
Feste Hohentwiel zuschanden gemacht Und nun frag dich wenn ich das zustand
gebracht hab ob ich nicht auch imstand sein müsse dich und deine Kinder durch
Fleiß und Geschick irgendwie durchzuschlagen«
    »Oh du kannst alles was du willst« sagte sie mit schmeichelndem und
zugleich neckendem Tone »bist ein halber Hexenmeister worden und ich weiß gar
nicht du redst auch nimmer wie sonst in Ebersbach dein Reden hat so eine
fürnehme Art und brauchst Ausdrück wie ichs nie früher an dir gehört hab«
    »Natürlich« lachte er »drum bin ich in der Welt drein gewesen und das
doppelt Einmal am Main und Rhein drunten lernt man einen ganz andern Schick
und bei meinem Vatersbruder obgleich in seinem Haus nichts Neumodisches zu
finden ist kehren gar stattliche Kunden ein weil er den Wein noch nach der
alten Mode schenkt ungestrjetzt und wohlbehandelt und dabei billig so dass Wirt
und Gäste bestehen können Da kommen dir Leute von Welt hin feine Köpfe und
wenn man auf ihre Reden aufpasst so bleibt was an einem hängen Sie haben mich
freilich auch manchmal ein wenig ins Gebet genommen und mir zu verstehen
gegeben man merke mir den Schwaben an eh ich nur den Mund auftue aber aus
welchem Käfig der Vogel ausgeflogen war das haben sie mit all ihrem Witz doch
nicht ergründet Dann aber ist auch das Zuchthaus und die Festung eine Welt die
ihre Leute bildet nicht bloß wie du meinst zum Stehlen und Rauben  ei nein
jedes Handwerk ob es gut oder schlecht sei erfordert Fertigkeiten und
Kenntnisse die dem Menschen Ehre machen So ein Stromer oder Jauner der in den
Landen umherzieht Fuchs und Has zugleich ist der weiß und kann dir Dinge die
einem gewöhnlichen Ofenhocker nicht im Traum vorkommen Wenns eine gute
Gelegenheit gegeben hat dass man hat eine Stunde ungestört sich unterhalten
können da hat man Neuigkeiten gehört dass einem die Welt noch einmal so groß
und weit vorkommen ist und dass sogar die Schmieren oder Launiger  will sagen
die Aufseher oder die Soldaten die die Wache gehabt haben  mit aufgerissenen
Augen und Mäulern dabeigestanden sind und das Abwehren vergessen haben Sie
wissen dir von jedem Land groß oder klein seinen Regenten und wie er gesinnt
ist seine Gesetze und Einrichtungen die Nahrungsweise des Volks den
Wohlstand die Eigenschaften fast jedes einzelnen Beamten die Verhältnisse zu
anderen Ländern und ihren Regenten und Beamten alles das wissen sie dir wie am
Schnürle herzusagen denn es sind lauter Dinge die zu ihrem Handwerk gehören
und nach denen sie ihr Tun und Lassen abmessen müssen Ich hab aber oft denken
müssen wie nützlich es wär wenn die Bürgersleute die sich doch zum Teil mit
Handel und Wandel zwischen so vieler Herren Gebiet das absonderlich in unserem
Land unzählbar ist fortbringen müssen  ich will nur zum Beispiel von den
Wirten reden  sage wenn sie solche notwendige Wissenheiten in den Schulen und
dafür meinetwegen ein paar Sprüch und Vers weniger lernen würden Aber auch in
vielen anderen Dingen trifft man die schönsten Kenntnisse bei ihnen an Da
stehen besonders die Felinger im ersten Rang und unter diesen wiederum die
sogenannten Staatsfelinger Das sind dir Leute die fürnehm gekleidet in Samt
und Seide oft in eigenen Karossen mit Pferden und großer Dienerschaft als
Bergleute oder Doktoren das Reich durchziehen treiben ihr Handwerk meistens in
den Städten führt mancher gar ein Privilegium von kaiserlicher Majestät mit
sich und weiß sich eine Manier und ein Ansehen zu geben dass jeder Reichsgraf
ihn für seinesgleichen erkennen muss Aber auch die geringeren Felinger die das
dumme Volk mit Quacksalberkünsten Schatzgräbereien und dergleichen kaspern und
brandschatzen haben bei allem Betrug oft manche gute Wissenschaft in ihrer
Kunst Wir selber haben einen solchen auf Hohentwiel gehabt der in Krankheiten
sehr erfahren war und nicht nur mir und manchem anderen geholfen sondern auch
den Festungsdoktor selbst mehr als einmal ausgestochen hat Der hat ihm freilich
die Ehre nicht gönnen wollen als wenn es recht kritisch hergangen ist aber
just dann ist auch der Ruhm desto größer gewesen«
    »Wenn aber so Leut so geschickt sind« wendete sie ein »dann sollts ihnen
ein Leichts sein sich ehrlich und redlich zu nähren«
    »Ist bald gesagt« erwiderte er »Diese Leute sind meistenteils von
Kindesbeinen auf heimatlos gehören zu einem verachteten verworfenen
Menschenschlag und würden zu ehrlichen Hantierungen im bürgerlichen Leben gar
nicht angenommen sind auch was ich zugeben will teils schon durch ihre Eltern
dazu verdorben oder sie sind mit und ohne ihre Schuld aus dem bürgerlichen Leben
hinausgestossen worden  denk nur dran wies uns gangen ist  und müssen froh
sein dass sie da draußen noch eine Welt finden in der sie leben können Das
sind Leute wie zu Davids Zeit da er vor dem König Saul in die Höhle Adullam
fliehen musste und sich allerlei Männer zu ihm versammelten von denen die
Schrift sagt Männer die in Not und Schuld und betrübtes Herzens waren Jetzt
ists freilich nicht mehr Mode dass einer aus einem Obersten über solche Männer
ein König werden kann und es deucht mir selber unbegreiflich wenn ich dem Ding
nachdenke zumal dass von allen Kanzeln sein Lob gepredigt wird da er doch
Stücke getan hat die heutzutag mit Galgen und Rad bestraft würden So schickt
er zu dem Nabal hin und lässt ihm sagen Gib mir und meinen Leuten was deine
Hand findet wie aber der Nabal Faust in Sack macht so heißt er einen jeglichen
sein Schwert um sich gürten und zieht vierhundert Mann stark gegen ihn just
so wie sie jetziger Zeit manchmal aus den böhmischen Wäldern hervorbrechen Und
wiewohl die Abigail sich ins Mittel gelegt hat dass es nicht zum äußersten
kommen ist so hat er Speis und Trank genug ohne Zeche und Kreide gefasst und hat
eigentlich doch den Nabal umgebracht denn der hat aus Schrecken über den
Anmarsch der vierhundert betrübten Herzen den Geist ausgeblasen und hat ihm erst
noch seine Witwe zum Weib lassen müssen Die Schrift sagt wohl von ihm der Mann
sei hart und boshaftig in seinem Tun gewesen aber gibts darum keine
seinesgleichen mehr die wie er fast großen Vermögens sind und viele Schafe
und Ziegen haben Ich möcht sehen wenn ihnen einer heutigs Tags so was tät was
weltliche und geistliche Obrigkeit dazu bemerken würden Von den Zigeunern sagen
sie sie betteln zuerst und wenn mans ihnen nicht gutwillig gebe so nehmen
sies mit Gewalt Aber das hat noch kein Pfarrer als Muster aufgestellt
Vielmehr hat mir schon in Ludwigsburg einer der bei einem Generalstreif
aufgefangen wurde und in Gesetzen sehr bewandert und ein halber Gelehrter war
der hat mir gesagt es sei erst vor wenigen Jahren ein Kreispatent ausgegangen
dass man das gottlose und verruchte Jauner und Zigeunervolk auch wenn man es
nicht auf einer Missetat ergreife  ich weiß den gelehrten Ausdruck nicht mehr
aber der Sinn ist ohne eigentliches Verhör und Urtel also dass man ebensogut
einen Unschuldigen treffen kann  sage ohne alle Umstände solle man sie aufs
Rad legen und solle dabei nur das unbenommen sein dass man sie zum Schwert oder
Strang begnadigen könne«
    »Das ist freilich schrecklich« seufzte sie »Es ist eben eine arge Welt und
eine böse Zeit Aber so froh ich bin dass du mit ihnen von der Festung entkommen
bist so ist mirs doch noch viel lieber dass du dich wieder von ihnen
losgeschält hast Ists auch gewiss wahr«
    »Freilich ists wahr so gewiss als es von Hohentwiel einen Weg nach
Sachsenhausen gibt Ich hab freilich nicht immer den gradsten genommen s ist
mir gangen wie bei der Erzählung da wo du mich fort und fort auf Um und
Nebenwege drängst«
    »Ich will dich nicht weiter unterbrechen Erzähl gradaus«
    »Wie wir mit unseren Vorbereitungen endlich fertig gewesen sind haben wir
uns an den steilen roten Felsen hinabgelassen War aber wenig davon zu sehen
denn wie du dir denken kannst haben wir eine stürmische Regennacht gewählt
Einer voran ich in der Mitte und einer zuletzt wie wir eben drangekommen sind
so sind wir an unserem armseligen Seil hinuntergerutscht Wir zwei vorderen
haben uns nicht lang besonnen habens auch nicht geachtet dass unsere Hände
halb durchgeschnitten wurden sondern sind hinabgesaust wie der Teufel wenn er
mit einer armen Seel zur Hölle fährt Dem letzten aber gings nicht so gut Hat
er sich zu schwer gemacht die Hände zu sehr geschont oder ist das Seil durch
uns schon abgenutzt gewesen ich weiß es nicht auf einmal krachts bricht und
neben uns geschieht ein mächtiger Fall Es war ein Glück dass er uns nicht auf
die Köpfe fiel Ob er sich den Hals abgestürzt hat weiß ich heut noch nicht
Gott tröst ihn aber für uns war keine Zeit zu verlieren Der Fall hatte die
Wachen oben rebellisch gemacht man hört zusammen schreien und kaum sind wir
einen halben Büchsenschuss seitwärts so brummt schon die Lärmkanone durch die
finstere Nacht Die stand uns aber treulich bei und wir sagten lachend
Kanoniert und trommelt ihr soviel ihr da droben wollt Gott befohlen
Hohentwiel Die Aussicht ist übrigens schön für den Liebhaber besonders wenn er
sich nur ein paar Tage zu seinem Vergnügen droben aufzuhalten braucht wie ein
Schwager des Kommandanten ein Professor den wir einmal die herrliche
Perspektive wie ers nannte loben hörten Wir hatten sie uns jedoch
gleichfalls zunutz gemacht und wie eine Landkarte studiert das Hegau mehr als
den Bodensee Das Hegau ist gar keine üble Gegend zur Flucht das muss man ihm
lassen Mit waldigen Köpfen oder kleinen Anhöhen Kopf an Kopf besät so liegt
es um die Festung da Sie sind uns nachher oft doch etwas höher vorkommen als
man von oben meint aber nichtsdestoweniger ein prächtiges Revier für Gäste die
aus dem Luftschloss zur schönen Aussicht abgereist sind denn es reicht ein Wald
dem anderen die Hand Dazu hatten wir just die Zeit abgewartet wo das Laub
ausschlägt es deckt einen doch besser und der Wald sieht so traurig aus wenn
er nackt und kahl ist Mein Kamerad  ja so von dem hab ich dir noch gar nichts
gesagt hab ich dir nie von dem jungen Zigeuner erzählt den ich einmal aus dem
Zuchthaus mit nach Ebersbach gebracht hab«
    »Ja« sagte sie »du hast ihn bei deinem Vater als Knecht anbringen wollen
und der hat dir dafür eine Ohrfeig hingeschlagen«
    »Richtig und der war mein Kamerad beim Ausfliegen Ich hab ihn auf der
Festung wiedergefunden Der ist aber unter der Zeit flügg worden das ist ein
ganz Ausgelernter Wiewohl er war schon damals viel schlimmer als ich ihn
dafür angesehen hab Was meinst dass er zu mir gesagt hat Es hab ihn höllisch
verdrossen dass es mit dem Dienstle nichts worden sei er war ein paar Wochen
dageblieben hält unterdessen etliche Freunde herbeigezeiselt und in einer
schönen Nacht das Ebersbacher Sonnenwirtshaus ausgeplündert«
    »Das ist aber ein schlechter Kerl« rief sie zornig »Dem hast mit deiner
Bärenfaust eins gesteckt gelt«
    »Liebs Weib« sagte er bedächtig »wenn man miteinander aus Numero Sieben
fortwill so nimmt mans nicht so streng mit dem Glauben da denkt man du
hilfst mir und ich helf dir Ich hab gerlacht und hab ihm gesagt den Gedanken
mit der Sonne soll er sich vergehen lassen da seien viel Leute drin und viel
Leute in der Nachbarschaft und an großen starken Hunden sei auch kein Mangel 
ich hab noch ein paar dazugemacht Der scheele Christianus so heißt man ihn
hats in seiner Art gut mit mir gemeint und hat mich mit Gewalt mitnehmen
wollen hat mir auch das beste Leben versprochen und hats nicht begreifen
können dass ich nach Ebersbach wolle wo ich ja vogelfrei sei aber ich bin fest
dabei blieben und so hat er mich zuletzt ich muss sagen recht ungern ziehen
lassen hat mir auch guten Rat und Anleitung geben zum Fortkommen was ohne
einen Zehrpfennig keine Kleinigkeit ist und endlich hat er mir noch seinen
Zinken das heißt sein Wappen oder Wahrzeichen dergleichen jeder von ihnen
sein eigenes führt anvertraut Es könnte ja doch sein dass wir einmal einander
brauchten hat er gemeint hat mir auch gesagt wo ich ihn und die Seinen am
leichtesten finden könne und daran hab ich gesehen dass ers treulich mit mir
meint und auch mir von ganzer Seele traut denn mit dem Zinken wenn er ihn
nicht ändert hab ich ihn in der Hand und könnt ihn jeden Augenblick verraten
Das werd ich aber nie tun obgleich seine Wege nicht meine Wege sind
Interessieren solls mich aber doch einmal sein Wahrzeichen zu sehen Sie
schneidens in Bäume selbst in Balken an den Häusern wo sie vorbeiziehen
zeichnens auch in den Staub oder in den Schnee mit einem Strich dahinter
zeigen sie ihren nachkommenden Kameraden den Weg an den sie nehmen wollen und
mit kleineren Strichlein über oder unter dem großen bezeichnen sie wieviel
ihrer sind Männer Weiber und Kinder«
    »Das ist sinnreich« sagte sie »aber lieber ist mirs doch du guckst nicht
nach den Wahrzeichen«
    »Sei ruhig« erwiderte er »er wird nicht so leicht wieder ins Land kommen
der Geschmack an Ludwigsburg und Hohentwiel ist ihm vergangen Nachdem wir
auseinander waren hab ich mich nach und nach Ebersbach zu geschlagen um zu
hören wie es um dich steht Vom scheelen Christianus hatte ich Unterweisung
dass ich soviel möglich bloß in einsamen Höfen und Häusern einkehren solle
denn dort seien sie gutwillig gegen fahrende Leute fürchten den roten Hahn von
ihnen aufs Dach gepflanzt Ich hab aber nicht nötig gehabt ihnen sonderlich
zuzusetzen denn sie haben mir überall gern gegeben und nur mit dem Nachtlager
haben sie sich ein wenig in acht genommen aber es ist nirgends besser schlafen
als im Wald zur Frühlingszeit«
    »Weiß nicht« sagte sie
    »Hab nur noch ein wenig Geduld« versetzte er »wir sind bald am Ziel Dass
ich auf Lebenszeit verurteilt und von der Festung entsprungen sei hab ich den
Leuten natürlich nicht sagen können hab auch gedacht sie werdens nicht grad
wissen wollen Ich hab ihnen gesagt ich sei am See in Arbeit gestanden hab
wieder heim gewollt sei von Spitzbuben ausgeraubt worden und müsse jetzt eben
sehen wie ich nach Weilerstadt zurückkomme wo ich bürgerlich sei dort sind
sie nämlich auch katholisch Das hat gezogen und bis ich ins Ländle kommen bin
 das Hohentwiel liegt nämlich in fremdem Gebiet was auch sehr bequem zum
Entkommen ist  da hab ich so viel Geld und Lebensmittel im Tuch gehabt dass es
gereicht hat bis Ebersbach Dort bin ich vierzehn Tag in der Sonne gelegen und
hab leider gehört jetzt seist du in Numero Sieben«
    »Was« rief sie »In der Sonne Hat man dir denn dort Unterschlupf geben«
    »Ich hab mit dem Herrn Sonnenwirt Deutsch gesprochen und Fraktur mit der
Frau Sonnenwirtin denn solches ist nötig bei einem Weib das kein Kind hat und
nicht weiß wie man sich gegen seine Kinder verhalten soll Mitten in der Nacht
bin ich ihnen vorm Bett gestanden dass sie vor Schrecken schier gestorben sind
und hab ihnen gesagt wo sie ein Geräusch machen oder mich verraten würden so
sollten sie meinen Ernst kennenlernen Das hat denn auch gefruchtet denn du
kannst dir gar nicht vorstellen wie mir das Herz übergegangen war zuerst aus
Freude dass ich wieder in Ebersbach bin und dann vor Zorn Dass mir vollends
Hohentwiel nicht zu hoch gewesen ist wo sie mich so sicher verwahrt glaubten
wie das Kind in der Wiege das hat sie ganz mürb und demütig gemacht In der
ersten Nacht haben sie sich in eine kleine Kammer verkrochen und ich hab mich
dann gutsmuts an ihrer Statt ins warme Bett gelegt das mir offen gestanden
doch ein wenig besser geschmeckt hat als das Moos im Wald und hab dem Teufel
ein Ohr weggeschlafen bis in den lichten Morgen hinein Wie ich aufwach ist
mein Vater ganz schüchtern in die Kammer hereinkommen und hat sich zu allem
Guten offeriert er wolle mich in einem mir anständigen Versteck behalten bis
ich ausgeruht sei denn ich war fast hin vor Mühseligkeit und jahrelanger
Entbehrung und meine Hände waren übel zugerichtet dass ich in die Länge nicht
bleiben könne werde ich selber einsehen weils für mich nicht sicher sei aber
er wolle mir Geld geben zur Auswanderung nach Pennsylvanien er habs nur just
nicht parat  du weißt er hats nie parat wenns ans Blechen gehen soll mir
hats aber auch nicht pressiert weil ich ohne dich doch nicht gangen wär ich
solle inzwischen nach Sachsenhausen zu seinem Bruder gehen der mich schon
einmal gut aufgenommen habe und gern behalten hätte unter der Zeit könne man ja
weiter sehen dabei ließ er einfliessen wenn er mit besserem Bedacht gehandelt
hätte so wäre manches anders ausgefallen Du kennst mich wenn man mir gute
Wort gibt so bin ich wie Butter Zwei Wochen wie ich dir sag bin ich zu Haus
still gelegen und ist mir nichts abgangen Dann hab ich aber selber dem
Landfrieden und der Frau Stiefmutter nicht mehr recht getraut hab auch gedacht
und wenn ein Mensch das Fliegen lernte so würd anfangs alles vor ihm
niederknien und ihn anbeten aber in vierzehn Tag wärs ihnen allen ein gemeines
Wunder um das sie nicht mehr viel gäben hab mich also auf den Schrecken über
meine Hohentwieler Flucht nicht zu sehr verlassen mögen Mein Vater hat mir
etwas Geld geben nach Frankfurt und so bin ich fort ohne dass meines Wissens
der Amtmann nach mir gefragt hat Wie ich bei deiner Mutter und den Kindern
gewesen bin das hast du nachher zu Haus selbst gehört In Sachsenhausen ist
mirs über die Massen wohl gegangen ich bin bei meinem Vetter wie das Kind im
Haus gewesen hab ihm geschafft halb als Hausknecht halb als Metzgerknecht
halb als Kellner wie und wo man mich hat brauchen wollen und wenn kein
Ebersbach in der Welt wär so hätt ich mir gar keine bessere Heimat wünschen
mögen Aber es hat mir fort und fort am Herzen genagt dass mein Vater von seinen
Anerbietungen gar nichts mehr hören ließ hat mich verdrossen und endlich hab
ich von einem Landsmann erfahren dass deine unfreiwillige Badreise jetzt zu Ende
sei Über das fügt sichs einmal dass ich Gäste bedienen muss und wie ich ihrem
Gespräch aus der Ecke zuhöre so braucht einer zufällig das Sprichwort Ein
Mann ein Wort oder ein Hundsfott Sieh Christine wie ich das gehört hab bin
ich eigentlich schon so gut wie fort gewesen Mein Vetter hat sich ein wenig vor
den Kopf gestoßen gezeigt dass ich nicht gut tun wolle ich hab ihm aber gesagt
es reiße mich wie mit eisernen Haken nach Ebersbach er solle mich in gutem
Andenken behalten und mir den Platz nur ein Tag acht offen lassen denn ich
möchte gern wiederkommen In Ebersbach aber war der Wind gänzlich umgeschlagen
Mein Vater hat mich gar nicht vor sein Angesicht kommen sondern durch seine
Frau bedeuten lassen ich solle mich fortmachen ich würde ihn nur um Hab und
Gut bringen Was ich mit ihm für ein Abkommen treffen will darüber muss ich mich
noch besinnen Bei deiner Mutter hab ich dann erfahren du seist wirklich frei
und im Schulhaus zu Neckardenzlingen im Dienst Darauf hab ich gleich den Stab
weiter gesetzt Wie ich gestern abend über die Brücke gehe seh ich Kinder da
spielen Ich will freundlich auf sie zugehen Sie aber mich erblicken und mit
dem Geschrei Der Sonnenwirtle der Sonnenwirtle wie das Mutisheer an mir
vorüberstäuben das war eins Es hat mir weh getan ich kanns nicht leugnen zu
sehen wie mein Name den Weg vor mir fegt aber ich habs wieder abgeschüttelt
Meine Lagerstatt hab ich im Wald genommen bin heut im Zickzack durch die Wälder
herübergewandert und da bin ich jetzt bei dir Und hier ist auch unser
Nachtlager sieh da tauchen die paar Häuser im Halblicht auf Es regt sich
nichts mehr nicht einmal ein Hund die Leut sind arm und haben nichts zu
bewachen Jetzt fallen wir still und säuberlich in die Scheuer ein und da
sollst du im Heu ganz fein gebettet schlafen Morgen ist dann das Erzählen an
dir denn für heut ist genug erzählt«
 
                                       28
In der ersten Frühe weckte Friedrich Christinen und las ihr das Heu aus den
Kleidern und aus den Haaren wohin es da und dort unter dem Kopftuche
eingedrungen war Nachdem er mit ihrer Hilfe sein Äußeres gleichfalls etwas in
Ordnung gebracht hatte ermunterte er sie zum Fortgehen ehe die Hausbewohner
erwachten denn sagte er wenn man den Leuten nachts in die Scheuer einbricht
und wärs auch nur um ein wenig Nachtruh zu erbeuten so hat man gleich den
Kredit bei ihnen eingebüßt Sie verließen den kleinen Weiler der aus einigen
ärmlichen Häuschen bestand und schlugen einen schmalen Waldsteig ein Der
taufeuchte frische Herbstmorgen machte Christinen vor Kälte zittern Friedrich
suchte einen freien Platz im Walde und hatte bald aus Reisern und dürrem Holze
das er hin und wieder abbrach ein behagliches Feuer angemacht neben welchem er
das Weib seines Herzens auf seine Knie zog und so ihr ein hequemes Lager
bereitete »Das Frühstück« sagte er »müssen wir uns freilich hinzudenken ich
hab vor lauter Eifer und Heimweh nach dir vergessen für Mundvorrat zu sorgen«
Sie versicherte sie sei nicht hungrig und auch er meinte er habe sich in
Sachsenhausen hinlänglich herausgegessen um jetzt ein wenig fasten zu können
    »Lass dich einmal besehen« sagte sie aufschauend und munter werdend
»Siehst ja ganz proper aus man sollt dich für n zünftigen Meister in
irgendeinem Handwerk halten das sein goldenen Boden hat Musst die schönen
Kleider schonen und nicht in Scheuern übernachten«
    »Das kommt anders« versetzte er »wenn wir einmal zum Land draußen sind«
    »Und recht mannhaft bist worden« fuhr sie fort »Hast ein guts Gestell so
postiert und voll und dabei doch nicht zu breit Dem Gesicht freilich sieht man
an dass manches drüberhin gangen ist wie ein schwerer Pflug Man sollt dich für
viel älter halten als du bist Wenn ich nicht wüsst dass du kaum über
siebenundzwanzig sein kannst ich tät dich mindestens auf sechsunddreissig
schätzen Schad ists dass du oft auf einmal ein bissle wild und bös aussehen
kannst so dass man sich schier fürchten könnt Aber ich darf freilich gar nichts
sagen Sieh mich an was ich alt worden bin Ach ich muss oft denken du könnest
an meinen Runzeln keinen großen Gefallen mehr haben«
    Er hatte sie bereits betrachtet und in der Stille die Veränderungen
wahrgenommen die Zeit und Schicksal an ihr hervorgebracht hatten Nicht eben
Runzeln aber hart eingegrabene Furchen zogen sich unter dem nicht mehr so
weichen und hellgelben Scheitel quer über die Stirne und eine senkte sich wie
ein tiefer Einschnitt zwischen den Augen hinab Doch lag in diesen Spuren nicht
die eigentliche Verwüstung die in dem einst so freundlichen Gesichte
vorgegangen war Auch sah es an sich selbst nicht auffallend gealtert aus und
in den treugebliebenen Zügen hatte keine hässliche Entstellung wie sie oft mit
den Jahren kommt ihren Wohnsitz aufgeschlagen aber die jugendliche Frische
die lieblich malende Zuversicht und Lebenslust war aus ihnen verschwunden und
hatte sie verwandelt hinterlassen wie das Morgenlicht wenn es von einer
Landschaft Abschied nimmt dieselbe Gegend zwar in unveränderter Gestalt aber
arm nüchtern und verkümmert hinterlässt
    »Du bist die Mutter meiner Kinder« sagte er »kannst nicht ewig jung
bleiben Diese Furchen sind mein Werk denn du hast viel um mich leiden müssen
aber du siehst nicht so alt aus wie du meinst und wenn du einmal eine
glückliche Hausmutter bist so wirst du wieder jünger werden«
    »Gott gebs« erwiderte sie »denn so wie ich jetzt bin bin ich doch zu alt
für dich  Ach wenn ich dran denk wie der Friederle auf die Welt kommen ist
s sind jetzt bald sechs Jahr wie bin ich damals in einem Umsehen so elend und
wieder so reich gewesen Wie ich gemerkt hab dass mein Stündle kommen will hab
ich meinem Jammer kein End gewusst bin allein auf der Bühne gelegen mein Mutter
hat gesagt sie könn vom kranken Vater nicht weg und mein Jerg hat sich
verdingt gehabt nach Faurndau zum Dreschen Über einmal hör ich aufm Stiegle n
Mannstritt so gibts bloß ein auf der Welt und wer kommt mir vors Bett und
nimmt mich in Arm während ich ihn im Zuchthaus gemeint hab Und wie du mir die
Hebamm hast geholt und die eine Kraftbrüh für mich verlangt hat weils hart
gehen werd und ich so von Kräften sei weißt noch da hat mein arms Lämmle dran
glauben müssen mit dem unsere Bekanntschaft angefangen hat Ich hab nicht
einmal um das Tierle weinen können und du hast recht prophezeit gehabt es werd
eine Zeit kommen wo mir etwas anders mehr am Herzen lieg Und hart ists auch
gangen ich wills nicht vergessen aber wies geheißen hat Vater hier ist
dein Sohn ach Frieder was ist das eine Seligkeit gewesen Und nachher ist die
Katrine kommen und hat gesagt sie sei jetzt mit einem wackeren Mann
versprochen und mach sich nichts mehr aus der Amtmännin ihrem Zorn und hat mich
treulich gepflegt «
    »Ja« sagte er »darum hab ich auch ruhig wieder in mein Ludwigsburger
Heimwesen zurückkehren können Aber heut noch reuts mich dass ich mich in
Göppingen gestellt hab Berichtet der Vogt nach Ludwigsburg er habe den mittels
Ausbruchs echappierten Gefangenen wiederum gefänglich zur Hand gebracht und
schicke ihn hier wieder ein Ausgebrochen war ich allerdings das ist wahr denn
man hat mir keine Brücke gebaut aber dass ich mich freiwillig bei ihm gestellt
hab davon hat er kein Wort geschrieben sondern hat die Ehr allein haben
wollen So ein Vogt was bildt sich der ein es gibt auch Bettelvögte Deswegen
hab ich mich nach meinem zweiten Ausflug nicht mehr bei ihm sondern unmittelbar
in Ludwigsburg beim Kammerrat selbst gestellt Der ist zwar rauhbauzig wie
mans von einem Zuchtausverwalter nicht anders erwarten kann aber er hat doch
gelacht und hat mir nun auch für meine frühere Versicherung Glauben geschenkt
so dass mir weiter nichts geschehen ist als dass ich eben die paar Tag länger hab
sitzen müssen«
    »Dein zweiter Besuch« versetzte sie »ach der ist traurig gewesen«
    »Ja« sagte er »schon wie ich das Tal heraufkommen bin bei Reichenbach
ich weiß nicht ob dus einmal bemerkt hast da ist in den Anhöhen eine Lücke
durch die der Staufen hereinschaut und der hat damals so grau und trüb
ausgesehen dass ich gedenkt hab Alter bist auch traurig und hast mir eine
Trauermär zu verkünden Wie ich aber nach Ebersbach kommen bin hab ich deinen
Vater wenigstens noch am Leben gefunden und das wird mir wohltun so lang ich
leb Christine Respekt vor dem Mann Der ist gestorben wie ein Patriarch Er
ist sein Leben lang in Armut und Demut und im Staub dahergegangen und hat selber
nicht gewusst was in ihm steckt aber in der Todesstunde ist ihm der Geist
mächtig auf die Zunge getreten«
    »Weißt noch wie er uns gesegnet hat« rief sie »und dich absonderlich
weil dein Will vor Gott gut sei und dein Herz aufrichtig und wie er dir alles
vergeben hat was ihm Leids durch dich geschehen ist«
    »Und dann seine letzten Worte« rief er »Wo hat man vom alten Pfarrer der
zu gleicher Zeit mit ihm gestorben ist je etwas Ähnliches gehört Und vollends
vom jetzigen Ja wenn er nur ein einzigmal aus seinem Mund einen Hauch hätte
gehen lassen von jenem Geist ich hätte ihn und seinen Kelch und seine Hostien
ungekränkt gelassen«
    »Nicht bloß im Sonnenwirtshaus«  so versuchte Christine aus der Erinnerung
nachzusprechen  »auch unter der großen Weltsonn ist nicht alles wie es sein
sollt und Gottes unerforschlicher Ratschluss lässt es zu dass sein Will auf Erden
nicht geschieht Neid und Stolz regiert die Welt und das Gericht wird
hereinbrechen «
    »Sie nennen sich seine Kinder«  unterbrach er sie um die Erinnerung voller
wiederzugeben  »und sind doch nicht Brüder und Schwestern untereinander Neid
und Gewalt Stolz und Habsucht regiert die Welt und Gottes Ebenbild wird in der
Armut unterdrückt Die Welt liegt im argen und ihr Maß steigt auf bis zum Rand
und unversehens wird ein Gericht hereinbrechen das den Unschuldigen samt dem
Schuldigen trifft wie zur Zeit der großen Flut wo der Menschen Bosheit groß
war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war
immerdar«
    »Ich aber«  fiel Christine mit den Schlussworten ihres Vaters ein  »ich
fahr in meiner Arch die mir der Schreiner zimmert nach meinem Berg Ararat zu
meinem Vater und zu eurem Vater und will schauen was jetzt dunkel und verborgen
ist und will ihm sagen Vater segne die hie nach mir bleiben und führ sie
endlich einmal sänfter wenn dirs möglich ist und lass sie deinen Frieden
schmecken  Er hat das Wort nicht mehr ganz ausgesagt fügte sie hinzu ist
zurückgesunken und entschlafen«
    Eine übermächtige Rührung überkam das so vieler Verwilderung preisgegebene
Gemüt des Mannes der sich nicht gescheut hatte heilig gehaltene Geräte des
Gottes zu dem er betete anzutasten Er ließ sein Weib zur Erde gleiten erhob
sich in die Knie und rief die Arme gegen den blauer werdenden Morgenhimmel
ausgebreitet unter strömenden Tränen »Himmlischer Vater gib uns deinen Segen
um jenes Gerechten willen Du bist ja mit den unvernünftigen Geschöpfen die
unter deiner Sonne wimmeln und gibst ihnen Nahrung und Kleidung auf ihre Zeit
Trag und erhalt auch uns die wir deine Kinder sind und gib uns unser Brot uns
und unsern armen Kleinen Führ uns aus diesem Land wo Vater und Mutter hart
sind in ein milderes das du uns verheißen mögest lass uns vor dir wandeln und
behüte uns dass wir nicht mehr in Anfechtung fallen«
    Christine kniete neben ihm und schluchzte laut Nachdem er geendet hatte
blieben beide noch lange auf den Knien liegen Das Feuer sank allmählich in
Kohlen und Asche zusammen und durch die Gipfel der Bäume lächelte das Gestirn
des Tages das Wärme und Leben bringend über den Bergen aufgegangen war
    »Jetzt komm Christine wollen aufbrechen die Sonne ist herauf und die
Kälte lässt nach« sagte Friedrich ihr Bündel ergreifend Sie zogen schweigend
und voll Gedanken durch die Wälder hin die vom Fuße der Alb zwischen dem
Neckar und Filstal in das Land hineinlaufen Hie und da führte der Pfad an
einem einsamen Hofe vorüber schlängelte sich aber gleich wieder dem Walde zu
In einem dieser abgelegenen Gehöfte wagten sie sich mit gestandener saurer
Milch und etwas Schwarzbrot zu erquicken hielten sich aber da sie von den
Leuten misstrauisch angesehen wurden nicht lange auf Als sie wieder auf der
Wanderschaft waren sagte er endlich »Jetzt ist das Erzählen an dir
Christine«
    »Das ist kurz beieinander« versetzte sie »mir ist nicht so viel vorkommen
wie dir Nach deiner Gefangennehmung wo du nach Hohentwiel kommen bist hat man
mich auch ein wenig eintürmt«
    »Aber nichts auf dich bringen können das weiß ich schon von deiner Mutter«
    »Nachher ists eben wieder das alt Lied gewesen Sie haben mich vor
Kirchenkonvent zitiert und haben mich gefragt wer der Vater zu dem Kind sei
mit dem ich geh«
    »Dann hast du gesagt dein Mann«
    »Durch solche Reden hätt ich sie nur noch mehr wider mich in Harnisch
bracht und s ist mir so schon schlecht gnug gangen Mein Jerg das muss ich
ihm nachsagen hat wie ein Vater an mir gehandelt er hat immer gegen mein
Mutter gesagt wenn du da wärst so wärs dein Sach für mich zu sorgen aber
wenn einer lebendig begraben sei so könn man ihm nichts mehr zumuten Das
Wasser ist ihm aber selber oft bis an Hals gangen und dann ist er oft fort
gewesen um sein Brot auswärts zu suchen Ich hab vor Kirchenkonvent kaum stehen
können so schwach ist mirs gewesen Der Schütz hat mich nachher mitgenommen
und er und sein Weib haben mir ein bissle zu essen geben ich habs auch
angenommen denn ich hab vielmals denkt ich werd das Kind nicht lebig zur Welt
bringen«
    »Er ist ein versoffener Lump« sagte Friedrich »aber er ist doch besser als
mancher der in der Tugend und in der Wolle sitzt Wies dem Armen zumut ist
das begreift doch nur wieder der Arme aber eben darum können sie einander nicht
viel helfen Ich glaub der Schlucker hat ein paar unerzogene Kinder«
    »Viere« sagte Christine »Er hat aber gesagt du habest ihm hie und da
einen Schoppen eingeschenkt und das werd er dir gedenken Die Herren haben mir
nichts geben als böse Wort Sie haben mir bedeutet ich dürf mich nicht aus dem
Flecken entfernen weil die Sach ans löbliche Oberamt berichtet werden muss
von wegen deines bösen Lebens Dort sind sie auch bald mit mir fertig gewesen
Ich hab mein Kind vor dürfen zur Welt bringen und ein paar Wochen pflegen und
dann hab ich eben ins Zuchthaus wandern müssen«
    »Auf zwei Jahr«
    »Nein denk nur auf unbestimmte Zeit bis die Aufseherin mir das Zeugnis
geben hat ich sei jetzt so dass man mich entlassen könn und das ist bloß daher
kommen dass ich gehört hab du seist von Hohentwiel ausgeflogen denn unartig
bin ich zwar nie gegen sie gewesen aber immer still bis die Freud über mich
reinbrochen ist und dann hab ich ihr alles getan was ich ihr an den Augen
abgesehen hab und zuletzt ist sie für mich gut gestanden dass man mich hat
springen lassen weil ich jetzt ganz bessert sei«
    »Die Art gefällt mir erst noch« bemerkte er »Würd im Zuchthaus immer
väterlich und mütterlich regiert so dass das Haus seinen Namen verdiente und die
Leute darin zur Zucht gebracht würden so wärs das beste sie auf unbestimmte
Zeit hineinzutun bis der Zuchtvater oder die Zuchtmutter sie wieder
freisprechen würden und bekäm das vielleicht manchem gut der jetzt andere zum
Zuchthaus verdammt Und dann möcht man einen der nicht gut tut meinetwegen auf
lebenslänglich drin lassen nur weiß ich keinen Menschen dem ich ein solches
Urteil anvertrauen möchte als höchstens meinem seligen Waisenpfarrer Aber die
gewöhnliche Art von Zuchtausstrafen  für das und das Vergehen soundsoviel
Wochen oder Monate oder Jahre  das kommt mir immer vor wie ein Schneider der
einem soundsoviel Ellen zu seiner leiblichen Länge anmisst oder auch weil ich
grad vom Wirtschaften herkomm wie ein Speiszettel Kalbsbraten tut soundsoviel
Hammelsbraten soundsoviel Schweinsbraten soundsoviel Wein Nachtlager
Mittag Abendessen und Frühstück alles zusammen einen Gulden und dreißig
Kreuzer Dann gibts auch wieder gelindere Richter die machens wie ein
sanftmütiger Wirt der den Gast nicht mit einer runden Summe erschrecken will
und statt des Guldens bloß neunundfünfzig Kreuzerle sagt Bei einem Wirt ist das
schon recht und er mag zusehen wie er eins ins andere rechnet und fertig wird
aber die Rechnung in Jahren Monaten und Wochen nicht am Beutel sondern an der
lebendigen Seele eines Menschen ausgemessen  das ist eine Vermessenheit und
kann ich weder Sinn noch Verstand drin finden«
    »Wie ich wieder ausm Zuchthaus kommen bin« fuhr Christine fort »hab ich
gehört du seist dagewesen aber seist wieder fort in die weit Welt In der
Sonn hat man nicht davon geschnauft wo du bist Ich hab selber einmal angefragt
da hat mir die Sonnenwirtin ein Stückle Brot hingelegt und hat gesagt du seist
ganz verschollen und s tät für mich und alle das best sein du bliebests
auch Ich hab das Brot liegen lassen und bin fort Mein Jerg ist grad dazumal
nicht zu Haus gewesen und mein Mutter hat mich nicht behalten wollen weil ich
ihr eine unnütze Brotesserin sei wiewohl sie eigentlich uns ihr Brot verdankt
denn sie issts eben mit unseren Kindern die man ihr in Verpflegung geben hat«
    »Aus dem Heiligen«
    »Nein so spendabel ist der Heilig nicht Da hats geheißen Herr
Sonnenwirt Er ist ein reicher Mann und die Kommun kann da nicht eintreten
also zahlt Er das Kostgeld für Seine Enkel«
    »Ist wahr er hat mir einmal geklagt die Kinder kosten ihn so viel Geld
und deswegen könne er das Geld zur Auswanderung nicht so geschwind aufbringen«
    »Solang mein Jerg dagewesen ist hats den Kindern an nichts gefehlt seit
der aber mehr und mehr fort ist hat man anders für sie sorgen müssen Wie nun
mein Mutter mir hat zu verstehen geben dass ich ihr überlästig sei hab ich
meine Kinder mit tausend Schmerzen küsst und hab das Herz in beide Händ genommen
und bin nach Denzlingen gangen zur Schulmeisterin Die ist zum Glück grad in der
größten Verlegenheit gewesen und hat gesagt ich hätt ihr nicht geschickter
kommen können sie hab eben eine Magd ausm Dienst gejagt die ihr gestohlen
hab Drauf hat sie zu ihrem Mann gesagt Sieh mit der äußerlichen Frömmigkeit
sind wir angeführt gewesen jetzt folg mir und hilf mirs auch einmal mit dem
Weltkind da probieren die ist kein Heilige und hat viel durchgemacht aber
vielleicht wird ihr auch viel verziehen und ehrlich ist sie auf alle Fäll Er
ists dann zufrieden gewesen Ob sie ihm alles von mir gesagt hat weiß ich
nicht es ist nie zwischen uns die Red davon gewesen aber ich hab in dem Haus
gelebt wie im Paradies Die Leut sind fromm nicht bloß mit Morgenund
Abendsegenlesen sondern reden auch den ganzen Tag von frommen Sachen wies
eben das Geschäft erlaubt denn darin versäumen sie nichts aber  ich weiß
nicht recht wie ich mich ausdrücken soll  in ihrem Christentum ist so etwas
Gegenwärtigs das nicht bloß hoch im Himmel droben oder weit fort im jüdischen
Land sondern mitten in Denzlingen drin ist und immer dem heutigen Tag und der
jetzigen Stund gilt ganz anders als mans sonst in der Kirch und im Leben
trifft Und grad so sind des Pfarrers auch drum halten sie auch zusammen wie
mans selten bei Pfarrer und Schulmeister findt dabei sind sie allweil guter
Ding und oft sogar recht lustig und zum Lachen aufgelegt besonders der Pfarrer
macht gern allerlei Spässle und der Schulmeister antwortet ihm drauf lassen
sich auch nichts abgehen wiewohl sie gar nicht dick tun und ihr Sach reichlich
mit der Armut teilen Aber freilich sie habens auch und wer bei ihnen ist
wird alle Tage satt Ich hab oft nachts vorm Einschlafen dran denken müssen wie
mirs so gut geht und wo du jetzt auch umirren werdest und ob meine arme
Kinderle satt ins Bett gangen seien denn ich sag dirs ungern aber s ist hohe
Zeit dass wir nach ihnen sehen meiner Mutter ist das Tischtuch lieber als das
Hungertuch sie hat zwar nie viel gehabt aber je ärmer sie wird desto
schleckiger ist sie sie verschleckt alles was sie kann«
    »Das muss aufhören« sagte er »Heut abend sind die Kinder da wo sie
hingehören bei uns Jetzt ist nur noch die Frage wie ich mich mit meinem Vater
auseinandersetzen soll Seine Antwort hat mich wenig kümmert ich hab vorher mit
dir einig sein wollen Hättest du jetzt eher Lust aus deinem Paradies heraus
mit mir nach Pennsylvanien zu gehen«
    »In den Mond wenns nicht anders sein kann« erwiderte sie »Die Hauptsach
ist dass wir beieinander sind wir und die Kinder drum hats mir auch kein
Augenblick zweifelt was ich tun soll Aber hör wenns dein Vetter so gut mit
dir meint wie du sagst könnten wir denn nicht bei dem ein Plätzle finden oder
tät er uns nicht zu einem verhelfen dass wir nicht so weit fliegen müssen und
unterwegs vielleicht die Flügel verstauchen«
    »Ja sieh« antwortete er »der Vetter hats freilich gut mit mir vor aber
Welt ist überall Welt er sieht auch aufs Greifbare und fragt nicht danach obs
Motten und Rost fressen Darum hätt ich ihm nicht meine ganze Absicht
anvertrauen mögen weil er mir mit einem einzigen Wort dazwischen hätt fahren
können Wenn ich aber mit dir und den Kindern da bin so kann er auf keinen Fall
verlangen dass ich euch wieder heimschicken soll und wenn alle Sträng brechen
nun dann ziehen wir eben weiter bringen uns im Krieg mit Marketendern fort
oder gehen übers Meer«
    Sie sah ihn zweifelhaft an und schwieg aber der heitere Schimmer von
Hoffnung der ihr Antlitz neu zu beleben begonnen hatte wich allmählich wieder
aus ihm und jener Zug leidender Geduld und Entsagung der den Frauen aus dem
Volke einen so mitleiderregenden Gesichtsausdruck geben kann nahm seine alte
Stelle ein
    Der Wald öffnete sich und vor den beiden Wanderern lag die Alb an deren
Fuße sich eine schmale Straße hinzog »Wollen uns dem Bergsträssle da
anvertrauen« sagte er Sie taten es indem sie die Ortschaften die ihnen in
den Weg kamen auf den durch die Felder führenden Fusspfaden umgingen Die Sonne
begann für einen Herbsttag ungewöhnlich heiß zu brennen und ihre scheitelrechte
Stellung zeigte den Mittag an »Ich wollt ich hätt was zu trinken« seufzte
Friedrich »und wärs auch nur ein Schoppen Most oder Äppelwein wie sie am Main
drunten sagen«
    »Und mir tät ein Löffele Warms noch nöter« seufzte Christine ebenfalls
    »Gelt arms Weible« sagte er »dir ists ungewohnt mit langem kalten
Magen zu wandern Da hast Geld geh du in das Ort da hinein und lass dir eine
Suppe geben kannst mir dann etwas zu trinken und ein Brot dazu herausbringen
das genügt für mich Das Geld das ich mir in dem halben Jahr zu Sachsenhausen
erspart hab muss für uns und die Kinder reichen Ich will mich derweil unter den
Baum in Schatten legen«
    »Meinst es hab kein Gefahr« fragte sie
    »Ich kenn mich so weit in der Gegend aus« erwiderte er »dass der Berg da
über uns die Teck ist Da herum sind wir ja ganz unbekannt Du siehst aus wie
wenn du aus der Nachbarschaft wärst und wenn ich in meiner städtischen Tracht
zurückbleibe so fällst du niemand auf«
    Er gab ihr Geld und seine leere Feldflasche und streckte sich bequem unter
dem Baum aus indem er sein dreieckiges Hütchen neben sich legte In diesem
Augenblicke kam ein Mann vorüber der den gleichen Weg mit ihnen zu haben
schien Er blickte das fremde Paar misstrauisch an und mäßigte seinen Gang so
dass er Christinen die jetzt auf das Dorf vor ihnen zuschritt immer auf dem
Fuße folgte Friedrich sah nach und die Begegnung wollte ihm nicht recht
gefallen doch schien sie auch keine ernste Besorgnis einflößen zu können Seine
Augen begleiteten Christinen bis sie in dem Dorfe verschwunden war auch ihren
Nachfolger verdeckten jetzt die Häuser Er legte sich auf den Rücken zurück sah
in das falbe Laub und durch dieses zum blauen Himmel empor dabei
vergegenwärtigte er sich wie Christine auf ihre Suppe wartete wie sie dann
dieselbe empfing und wie sie sich endlich mit der gefüllten Flasche auf den Weg
machte Jetzt musste sie wieder an den äußersten Häusern erscheinen er sah hin
aber er hatte die Zeit zu kurz gemessen und sich verrechnet Er legte sich
wieder zurück und wartete geduldig er hatte ja das Warten gelernt aber endlich
deuchte es ihm doch ziemlich lang Er sah wieder hin sie kam noch nicht Nun
zählte er bis auf eine bestimmte Zahl die er sich vornahm und da er zu schnell
gezählt zu haben glaubte so wiederholte er dieses Geduldspiel ein paarmal
jedoch umsonst Endlich zählte er ununterbrochen und langsam wie er meinte bis
auf hundert fort Christine kam nicht Jetzt begann es ihm unheimlich zu werden
Er stand auf und ging sachte auf das Dorf zu Schon war er in die Nähe desselben
gelangt als er eine beträchtliche Menge bewaffneter Mannschaft welche bei der
Unsicherheit der Zeit in jeder Gemeinde schnell auf den Beinen war
herausdringen sah Die einen waren mit Flinten die anderen mit Spiessen oder
Prügeln versehen und ihre Blicke ließ ihn nicht im Zweifel wem dieser
Ausfall gelte Während sie sich rasch gegen ihn in Bewegung setzten entsprang
er in das Feld Sie verteilten sich und suchten ihn einzukreisen aber seine
Schnellfüssigkeit hatte ihn bald in dem Dickicht des Waldes am Teckberge ihrer
Verfolgung entzogen Er schlug sich die Kreuz und Quere durch das Holz bis er
von einer sicheren Stelle auf den Boden den er hatte räumen müssen
hinunterspähen konnte Nicht lange so sah er jenseits des Dorfes Bewaffnete
die ein Weib in der von ihm und Christinen beabsichtigten Richtung in ihrer
Mitte führten Er konnte nicht zweifeln dass sie es sei und konnte sichs
ausmalen wie der Mann dem sie begegnet die Anzeige gemacht hatte sie gehöre
zu einem verdächtigen Kerl der sich nicht ins Dorf hereintraue Seinen Namen
hatte sie gewiss nicht angegeben aber ohne Zweifel ihre Heimat und wurde jetzt
bis nach Göppingen von einer Streifmannschaft der anderen übergeben
    Er knirschte biss sich in die Finger dass seine Zähne blutige Spuren
hinterliessen und blickte anklagend gen Himmel »Also keine Ruh keinen
Frieden« rief er »wiederum hast du mich in die Wüste geworfen« Dann machte er
in Gedanken auch Christinen Vorwürfe dass sie so ungeschickt gewesen sei sich
fangen zu lassen Endlich schüttelte er sich unmutig als ob er alle
Gemütsbewegungen mit welchen er sich vergebens peinigte zu Boden werfen
wollte Mit einer gewaltsamen Kraft arbeitete er sich durch die Gebirgswälder
hindurch und das Gestrüpp krachte unter seinen Händen und Füßen bis er
endlich halb erschöpft abgelegene Pfade einzuschlagen wagte die ihn in weiten
Krümmungen seinem Ziele näher führten
    Der Tag hatte sich tief geneigt als er auf diesen verborgenen Umwegen
todmüde vor Hunger und Anstrengung auf einer vorspringenden Höhe herauskam und
unter sich in der Breite des Tales die Stadt liegen sah von wo aus er so oft in
die Gefangenschaft gesendet worden war und wo nun auch Christine abermals ihr
Schicksal erwarten sollte Ihr freundlicher Anblick stimmte schlecht zu der
Unglücksbedeutung die sie für ihn und die Genossin seines irren Lebens
angenommen hatte Seine Blicke von Erschöpfung verschleiert schweiften unstät
in die dämmernde Landschaft hinaus Plötzlich taumelte er zurück von einem
Schreck ergriffen der ihm das Blut in den Adern stocken machte Was war es das
ihm vor die Augen getreten war Es sah aus wie der Schatten eines aufgehobenen
Riesenfingers Mit einer wilden Aufraffung kämpfte er den Schrecken nieder rieb
sich die Augen aus und sagte laut und zornig während ihm doch die Stimme bebte
vor sich hin »Dummes Zeug es ist ja nichts als der Staufen«
    Der wunderschlanke Berg war ihm einen Augenblick zum Schreckgespenst
geworden Auch mit ihm glaubte er in seinem anklägerischen Wahne rechten zu
dürfen »Was willst du mich warnen« fragte er »bin ich denn auf bösen Wegen
Ich will ja nur bei meinem Weib und meinen Kindern sein«
    Er lachte verächtlich »Ist just die rechte Zeit zum Gespenstersehen« sagte
er »Gespenster hätten jetzt gute Gelegenheit mir Gesellschaft zu leisten Nur
herzu wenns beliebt«
    Er warf sich zu Boden und rang mit der Empörung seiner Pulse und seiner
Gedanken bis endlich ein später Schlaf sich des gehetzten Wildes erbarmte
 
                                       29
Der Amtmann von Ebersbach saß im Armstuhl vor seinem Schreibtisch zurückgelehnt
so dass sein Schlafrock von Damast mit großen Blumen auseinandergefallen war und
die lange goldbordierte Weste nebst dem goldenen Uhrgehänge über dem stattlichen
Leibe sehen ließ Er war bis zu den seidenen Strümpfen und den
Silberschnallenschuhen herab so vollständig angekleidet dass er nur den
Schlafrock wegzuwerfen und in den Tressenrock zu schlüpfen brauchte um eine
Staatsvisite zu machen oder zu empfangen Dieser Voraussetzung widersprach
jedoch sein Haarbeulel der entweder nachlässig gebunden oder infolge
unruhiger Bewegungen des Kopfes wieder aufgegangen in trauriger Unordnung über
die Lehne herabhing und seinen Puder auf den Boden verstreut hatte dabei aber
vollkommen zu dem Gesichte seines Trägers stimmte in dessen Zügen der äußerste
Verdruss zu lesen war
    Die Amtmännin trat in der Hausjacke und Morgenhaube herein »Schauderhaft«
rief sie und beeilte sich den anarchischen Haarbeutel wieder in die Schranken
der Ordnung zurückzubringen Dann legte sie die Hand auf die Stuhllehne und
blickte ihren Gatten aufmerksam an »Du bist nicht gut bei Laune mein Schatz«
begann sie endlich
    »Man kann nicht immer bei Laune sein mein Schatz« erwiderte der Amtmann
dem die Verbesserung seines Kopfputzes unbequem gewesen sein mochte obgleich er
dabei stillgehalten hatte
    »Und dein Gesicht« fuhr sie fort »nimmt neuerdings eine gewisse
blaurötliche Färbung an die mir Besorgnis einflößt Du solltest dir mehr
Bewegung machen du steckst noch so tief in den Wintergewohnheiten Der Schnee
ist weg das Wetter macht sich leidlich soll ich dir nicht deine Jagdstiefeln
bringen lassen«
    Der Amtmann wendete sich unmutig ab »Du könntest mich ebensogut vergiften
Sibylle« sagte er »als mir einen solchen Rat geben«
    »Ich kann dich nicht kapieren Daniel« erwiderte sie befremdet und scharf
denn sie war dieses Tones von ihrem Manne ungewohnt Als Leute die mit der Zeit
fortgeschritten waren liebten beide die von ihren altmodischen Eltern ihnen in
der Taufe beigelegten Vornamen nicht sonderlich und pflegten sich deshalb nur
dann bei diesen Namen zu nennen wenn sie von einer etwas stechenden Laune
gegeneinander befallen waren
    Der Amtmann der das Nachgeben mehr durch die Leitung als durch das eigene
Beispiel seiner Frau gelernt hatte dämpfte seinen Ton ein wenig und sagte
erläuternd »Du scheinst nicht daran zu denken dass der vermaledeite Bursche
der Sonnenwirtle in den Wäldern haust Sonst sollte mich der Winter nicht von
der Jagd abgehalten haben Mein ganzer Chagrin rührt ja einzig und allein von
diesem Lotterbuben her«
    »Er hat noch niemand angefallen« sagte die Amtmännin »Er holt sich hie und
da Viktualien wo er sie findet Das ist alles Und du kannst ja Mannschaft
genug mitnehmen«
    »Du bedenkst gar nicht dass er auf mich eine spezielle Pike hat« versetzte
der Amtmann
    »Ich halte ihn nicht für so rachsüchtig« erwiderte sie »Bei seiner
Kühnheit Stärke und Verschlagenheit hätte er sonst hier wo er doch manchen
hasst schon das größte Unheil anrichten können«
    »Wer steht dir dafür dass es nicht noch geschieht« rief der Amtmann
»Solang seine Konkubine in Göppingen gefangen sitzt wird er sich hüten die
Strenge des Gesetzes gegen diese Geisel herauszufordern Wenn sie aber einmal
frei ist und ewig behalten kann man sie nicht weil sie nichts Erweisliches
pecciert hat so wird er schon die Hörner herausstrecken Ich seh es kommen dass
er das Handwerk wenns im kleinen nicht mehr geht ins große ausdehnt und sich
in den Orden der Jauner aufnehmen lässt«
    »Nun diese gibts wenigstens in unserer Gegend nicht«
    »Sie sind überall und nirgends wenn sie heute ausbleiben so sind sie dafür
morgen da Diese politischen Blutigel die sich auf mehrere Tausende belaufen
mögen scheinen eine inexstirpable Landeskalamität zu sein Sie kosten der
Gesamtheit der verschiedenen Dominien in Schwaben jährlich Hunderttausende von
Gulden teils an Erbetteltem und Gestohlenem teils an Unkosten die gegen sie
aufgewendet werden müssen Ich glaube auch nicht dass man eher mit ihnen fertig
wird als bis statt der ohnmächtigen General streifen des schwäbischen Kreises
einmal das ganze Land in Masse wider sie aufsteht sie auf einen Punkt
zusammentreibt und alles über die Klinge springen lässt Und ich habe eine
Ahnung dieses Scheusal von einem Menschen wird sie uns noch auf den Hals
ziehen um sein Mütlein an uns zu kühlen«
    »So benutze die Zeit eh sie kommen zu einer Erholungsreise wenn dir
kleinere Ausflüge nicht zusagen«
    »Hat sich was zu reisen« rief er ärgerlich »Dieser Auswurf der Menschheit
hält mich ja wie einen Hund an der Kette fest Alles zittert vor ihm wenn ich
fortginge so liefe mir der ganze Flecken nach Und dennoch könnte ich mich
bemüssigt sehen ein wenig nach Stuttgart hinabzufahren und unseren Gönnern in
der Regierung aufzuwarten um den üblen Insinuationen des Vogts zu begegnen der
seine Angst vor diesem Kartouche an mir Unschuldigem auslassen will und mich
unaufhörlich mit Vorschriften tormentiert und mit Vorwürfen überhäuft Fürwahr
der hat den Titel Expeditionsrat nicht umsonst Er expediert einen Erlass um den
andern daher und wird den Flecken wenn es so fortgeht noch an den Bettelstab
expedieren aber der ganze Stoß«  er warf bei diesen Worten den Haufen der vor
ihm liegenden Ausschreiben unwillig durcheinander  »hat bis jetzt keinen Hund
aus dem Ofen gelockt«
    »Er ist seinerseits in der nämlichen üblen Lage wie du« bemerkte die
Amtmännin »wenn der Wildfang sich sehen lässt so schreit der ganze Flecken
zusammen dann bist du genötigt einen Bericht nach Göppingen zu schicken und
das nötigt dann wiederum den Vogt sich den Kopf zu zerbrechen um auf den
Bericht mit irgendeiner neuen Maßregel zu dienen Auf diese Weise macht man sich
gegenseitig das Leben sauer«
    »Und wie« rief der Amtmann der in seiner Erbitterung über den Vorgesetzten
die vorübergehende Aufwallung gegen seine Frau vergaß und wieder zutraulich
wurde »Ich mag von den Wischen aufschlagen welchen ich will immer ist ein
Stich für mich darin«
    Er gab ihr einen der Erlasse und sie las halb mit Lachen halb ärgerlich
Wohledler vielgeehrter Herr Amtmann Ich vernemme dass die Anstalten welche
der Herr Amtmann bis daher zur Beifahung des von der Festung echappierten
Böswichts Friedrich Schwanen gemachet nicht die beste gewesen und dass dardurch
nur große Kosten gemachet in der Hauptsach aber nichts gerichtet werde wie es
auch der Effekt selbst gegeben da es zumalen gut gewesen wäre wann die
Haussuchung unterblieben und dagegen das Müllerische Haus ex improviso
überfallen worden wäre
    »Sapperment« rief der Amtmann dazwischen »wenn der Einfaltspinsel von
Fischerhanne ihm hinterbracht hätte der Schurke stecke drin so würde er eben
auch Haussuchung gehalten haben bis er ihn gefunden oder  nicht gefunden
hätte Was hilft michs aber das Haus zu überfallen wenn ich ihn nicht drinnen
weiß«
    Es wolle daher  fuhr sie fort zu lesen  der Herr Amtmann die bisherige
nächtliche Patrouille abgehen lassen und dagegen ein paar vertraute Mann als
Spionen bestellen die etwan Nachbarn von dem Müllerischen Haus und in der
Stille auf des Schwanen Aus und Eingang Achtung geben und alsdann in tempore
davon Anzeige machen lassen Da mir auch ferner bekannt dass sich der Schütz
fast täglich berausche  »das ist wahr« bemerkte sie dazwischen  mit
versoffenen Leuten aber nichts zu richten sondern durch deren
Ungeschicklichkeit alles zumal bei einem solchen Böswicht verraten sei so
wolle der Herr Amtmann ihne Schützen zur Nüchternheit ermahnen und ihme dabei
bedeuten dass wann ich noch ein einigsmal höre dass er sich voll trinke ich
ihne ohne weiteres abschaffen werde »Mein Gott« bemerkte sie »was schreibt
der Mann mesquin Dein Geschäftsstil atmet zwar auch nicht gerade Rosen und
Lilien aber mit dieser Diktion da verglichen liest er sich wie ein
französischer Roman«
    »Den Schützen habe ich tüchtig abgekapitelt« sagte der Amtmann »Bei einem
solchen Geschäft könnte übrigens der Solideste aus der Art schlagen lernen
geschweige der alte Zapf von Haus aus Da er noch von allen am meisten vertragen
kann so wird er dazu gebraucht in den Wirtshäusern umherzuspionieren ob mans
nicht irgendwo in der Stille mit dem Verbrecher halte Da muss er nun überall pro
forma seinen Schoppen trinken  ich selbst hab ihm schon Geld dazu gegeben  und
so kommt er gewöhnlich in einem Sarras und rapportiert der Spitzbub sei just
vor ihm dagewesen er habe ihn aber nicht mehr angetroffen«
    Die Amtmännin nahm sich die Freiheit in den Ausschreiben zu kramen und
einzelne Stellen halblaut zu lesen Um den Flecken Posten ausstellen las sie
sämtliche Metzger mit ihren Knechten dazu beordern mit Gewehren in Händen wozu
insonderheit des Schwanenwirts zu ziehen
    Sie blickte den Amtmann fragend an »Freilich« lachte dieser »weil der
Sonnenwirt Schwan heißt so schreibt er immer der Schwanenwirt«  Er nahm
einen Erlass aus dem Fache und deutete auf eine Stelle »Sieh so schrieb er
damals als der Fleckenschaden nach Hohentwiel verurteilt wurde Es ist dem
Schwanenwirt zu bedeuten dass er cum venia ein paar Schuh und etliche Kleidung
schicken übrigens aber sich getrösten solle dass sein boshafter Sohn ihme
künftighin in seinem Leben keinen Verdruss mehr machen werde«
    »Darin ist er kein Prophet gewesen« sagte die Amtmännin lachend Sie las
weiter Dafern sie etwas Verdächtiges vermerken die Hunde laufen lassen und
mit Behutsamkeit anhetzen »Das ist wirklich komisch« rief sie und beide
brachen in ein schallendes Gelächter aus Verspreche mir übrigens wenigen
Effekt las sie weiter und setzte hinzu »Ich auch«
    »Natürlich« sagte der Amtmann »schon deswegen weil der abgefeimte Schurke
mit allen Hunden im Flecken auf dem besten Fuße steht Ich weiß nicht was er
für Jaunerkünste dabei anwendet«
    Die Amtmännin griff nach einem anderen Schreiben und las Bei der geringsten
Spur wiedermalen Sturm schlagen lassen 
    »Das ist nonsens« rief der Amtmann »Das tu ich nicht Das brächte mir den
Flecken vollends bei der ganzen Umgegend in Misskredit Sie kämen ja weiß Gott
mit Spritzen angefahren wenn sie die Sturmglocke hören würden und wenn sie
dann erführen dass es sich um den einzigen Höllenbrand handelt so wäre des
Gelächters kein Ende«
    Allen Burgern las sie weiter bei hoher und Leibesstraf injungieren sich
ohne Widersetzlichkeit dem Streif zu unterziehen welcher Veranstaltung der Herr
Amtmann auch herzhaft vorangehen und zu hoffentlich mehrerer Autorität selber
beiwohnen solle
    »Sehr obligiert« bemerkte der Amtmann und sah halb spöttisch halb wehmütig
nach dem Fenster um welches milde Sonnenstrahlen spielten die nach der
Wintergefangenschaft zum Genuss der Freiheit einluden
    »Du solltest ihn auf eine Jagdpartie bitten« bemerkte die Amtmännin »Was
schreibt er denn da Das scheint mir lateinisch zu sein more solito
negligiret«
    »Er wirft mir vor« sagte der Amtmann im höchsten Unmut »als hätte ich die
Sache in gewohnter Manier gehen und liegen lassen Das ist nicht nur eine
Unwahrheit das ist eine hämische Kalumnie Er hats nötig dergleichen
Reprimanden einfliessen zu lassen Wer die Sache auf eine negligeante Art
behandelt das ist er Das eine Mal hat mir der Postillon geklagt er sei abends
vor sechs Uhr in Göppingen eingetroffen habe aber zwei Stunden warten müssen
bis er vorgelassen worden sei Ein andermal hab ich den Expressen um zwei Uhr
von hier abgefertigt und den Bescheid erst nachts nach neun Uhr erhalten Ich
habe mir aber alle diese moresolitoNegligenzien in margine notiert damit ich
mich gegen ihn rechtfertigen kann wenn er mich zu Stuttgart ins schwarze
Register bringen will«
    »Da haben sie jetzt an andere Dinge zu denken« sagte sie »Wie ich höre
beginnt der landschaftliche Ausschuss sehr schwierig zu werden und wird ihnen
wenig Zeit lassen sich mit kleineren Händeln abzugeben«
    »Nein nein« rief der Amtmann »Das verstehst du nicht so spitzfindig du
bist Gerade dann sind sie am aufgelegtesten einen einzelnen Beamten als
Sündenbock zu massakrieren um zu beweisen dass die Schreier unrecht haben«
    »Da würd ich doch zuerst trachten mich mit dem Vogt in eine bessere entente
zu setzen« sagte sie »Ein Vorgesetzter behält gar zu leicht das letzte Wort
Ich kann ihn durchschauen und gebe dir völlig recht hinter dem ganzen bruit von
Regieren und Ordonnieren steckt nichts als die Angst vor diesem Teufelsbraten
dem Sonnenwirtle Es ist ihm nicht wohl solange er seine Chloe in Verwahrung
hat«
    »So soll er sie ins Henkers Namen laufen lassen« polterte der Amtmann der
in seinem Ärger sich nicht bewusst war wie sehr dieser Rat seiner kaum zuvor
ausgesprochenen Besorgnis widersprach »Wenn ich vorausgesehen hätte« seufzte
er dann »dass mir die Vereitelung dieser einfältigen Heirat solch maß und
zahllose Inkommoditäten zuziehen würde ich hätte selbst den Brautführer oder
wenigstens den Vermittler beim Sonnenwirt gemacht Vielleicht wäre der Bursche
doch noch eingeschlagen«
    »Sie würden nie füreinander gepasst haben« versetzte die Amtmännin mit
entschiedenem Tone »Sie ist zu schwerfällig für ihn und hoch hinaus hätt er
jedenfalls immer gewollt«
    »Wenn ers nur schon so hoch gebracht hätte wie ichs ihm wünsche« seufzte
der Amtmann
    »Bei alledem« fuhr die Amtmännin fort »hat die unüberwindliche
Anhänglichkeit an diese Person die eigentlich das Unglück seines Lebens ist
etwas Chevalereskes Ich muss oft denken Schade um den Menschen Unter anderen
Umständen würde vielleicht etwas Importantes aus ihm geworden sein Gestehen wir
uns nur ein Bursche der einen ganzen Flecken samt Amtmann und Vogt im Schach
hält der sich nicht bloß in der Nacht sondern am hellen Tag wenns ihm
konveniert im feindlichen Lager blicken lässt in die Wirtshäuser sitzt und
allen aufgewendeten Maßregeln zum Hohne in keine Schlinge geht der ist kein
gewöhnlicher Mensch der hat etwas von einem coeur de lion an sich«
    »Wenn meine Frau Gemahlin jünger wäre« bemerkte der Amtmann beissend »so
könnte mich nahezu der Argwohn befallen sie wünschte seine Christine zu werden
damit dann zwei hochstrebende Geister beieinander wären Falls du übrigens Lust
hast den Löwen in seiner Höhle zu besuchen so will ich nicht eifersüchtig
sein andererseits aber auch keine Verantwortung übernehmen«
    »Es fragt sich ob die Gefahr so groß wäre« erwiderte sie scherzend
    Man hörte einen Hufschlag und bald darauf trat der Amtsknecht in das Zimmer
und übergab ein Schreiben mit den Worten »Von Göppingen durch Expressen«
    »Schon wieder« seufzte der Amtmann verzweiflungsvoll Er erbrach das Siegel
und las seiner Frau nachdem der Diener sich entfernt hatte das amtliche
Schreiben vor Wohledler insonders »et caetera« Da ich vernemme dass der
Erzböswicht Schwan immerhin um Ebersbach herumschwärme und den Flecken in Sorgen
und Ängsten setze als wolle der Herr Amtmann um einen Versuch zu machen ob er
nicht durch Finessen wiederum zur Hand zu bringen dessen Vater den Sonnenwirt
 »endlich schreibt er doch einmal den richtigen Titel«  auf den Abend zu sich
berufen und ihm in der Stille die Anleitung geben dass er des Nachts die alte
Müllerin zu sich in ein besonderes Zimmer kommen lassen und simulieren solle
als wann er aus großer Angst sich resolviert seinem Sohn die versprochene
vierhundert Gulden und zwar zweihundert Gulden bar zweihundert aber wenn er
in Pennsylvanien wirklich angekommen zu geben ihro auch wirklich um es ihm zu
bringen etlich Gulden behändigen und täglich heimlich vor die Kinder essende
Waren zu schicken und mit dem Geld guldenweis zu geben um ihn sicher und in
die Wirtshäuser der Nachbarschaft schwärmend und ihne vollsaufend zu machen
kontinuieren solle was sich aber so ein als andernfalls von Zeit zu Zeit darauf
ergebe um die Messures  beide lachten  danach nemmen zu können dem Herrn
Amtmann zu hinterbringen Sollte durch diesen Modum der Böswicht nicht zur Hand
gebracht werden können werde ich inzwischen auf etwas anderes raffinieren 
»raffinier du und der Teufel« bemerkte der Amtmann  und nicht nachlassen bis
ich dessen habhaft geworden Unterdessen ist alles möglichst geheimzuhalten Mit
göttlichen Schutzes Erlassung verharrend »et caetera«
    »Das Raffinement ist übrigens doch nicht so gänzlich aus der Luft
gegriffen« bemerkte die Amtmännin welche aufmerksam zugehört hatte »Und zwar
könnten wir vielleicht noch einen Schritt weiter gehen Dass er seine Kinder bei
der Großmutter fleißig besucht obgleich es bis jetzt nicht gelungen ist ihn
daselbst aufzuheben darüber kann nach seinem ganzen Temperament und Charakter
kein Zweifel sein Nun käme es nur darauf an ob man nicht das alte Muster
statt sie durch einen zweifelhaften Versuch misstrauisch zu machen ins Komplott
ziehen sollte«
    »Meinst du« fragte der Amtmann überrascht
    »Natürlich müsste man da sehr reserviert zu Werke gehen Wenn es aber
gelänge so dürften der Herr Vogt und Expeditionsrat alle ihre erlassenen Nasen
wieder einziehen und sollte ihnen dero hohes Haupt darüber zu einem Gebirg
anschwellen Über die Hauptfrage kann vielleicht am besten der Schwanenwirt wie
der gestrenge Herr sich sonst auszudrücken beliebt Auskunft geben«
    »So sende nach ihm«
    »Auf den Abend«
    Während sie sprach klopfte es schüchtern an die Türe »Herein« rief der
Amtmann gebieterisch im Gefühl seiner Amtswürde und der erlittenen Störung
»Ah« sagte er als die Türe aufging »wenn man den Teufel an die Wand malt so
erscheint er auch sofort«
    Der Eintretende sah aber keinem Teufel oder wenigstens wenn das Bild auf
ihn passen sollte einem armen Teufel ähnlich nicht nach seiner äußeren
Erscheinung denn diese zeigte den wohlhabenden Bürger und Meister wohl aber
nach seinem niedergeschlagenen sorgen und kummervollen Aussehen Es war
niemand anders als der Sonnenwirt selbst Er war alt grau dünnhaarig und gegen
seine Oberen womöglich noch demütiger geworden »Wenns der Herr Amtmann nicht
ungütig nehmen« begann er nach einer tiefen Verbeugung und angelegentlicher
Erkundigung nach dem beiderseitigen Wohlbefinden »so hätte ich eine Beschwerde
wider den Kreuzwirt anzubringen Es ist doch arg wenn sich ein rechtschaffener
Burgersmann von seinem Mitbürger und Mitmeister so unrechte und ungebührliche
Sachen sagen lassen soll wie der Kreuzwirt in dem Brief da schreibt«
    Der Amtmann überflog den Brief den ihm der Sonnenwirt reichte und las
halblaut murmelnd einzelne Stellen ab »Es will hiermit Unterzogener gegen den
Sonnenwirt Schwanen nicht allein seine Grausamkeit erinnern die er vor etlichen
Jahren durch seinen eigenen Sohn an meiner Person ausüben lassen  Das alte
Lied« bemerkte der Amtmann dazwischen
    »Er behauptet immer er sei damals zum Krüppel geschlagen worden« sagte der
Sonnenwirt »und es ist doch alles nicht wahr«
    »Solch gottloses Anstiften« las der Amtmann weiter »legt sich desto
glaublicher wirklich an Tag da der Vater aus einer sonderbaren Rachgier mich
noch obligieren will Post zu reiten da ihme doch bekannt dass ich weder mir
noch den Meinigen etwas zum Nutzen schaffen kann so sucht er dannoch mir
aufzubürden was er zu tun schuldig Es ist bekannt dass nicht allein die
Metzger wegen seines übel erzogenen Sohnes viele Posten prästieren müssen
sondern auch neben diesem musste die ganze Burgerschaft wegen einer solchen
schönen Frucht nicht allein fatigieret werden sondern auch noch großen Schaden
leiden Der Schwan hat immerdar nach einer Post getrachtet    jetzt hat er
das Postreiten aber nicht nach seinem Sinn    eigennützige Konzessionen im
Metzgerhandwerk    durch Geld und Arglist seinen Mitmeistern das Brot aus dem
Mund genommen  Ein unverschämter Kalumniant« unterbrach sich der Amtmann
»was die Obrigkeit anordnet das soll ihr durch Geld und Arglist abgedrungen
worden sein«
    »Das murmelt er beständig an alle Nachbarn hin wie mir erzählt worden ist«
sagte der Sonnenwirt
    »Dieses Postrittprästieren« las der Amtmann weiter »zeugt von seines
Herzens heimlicher Bosheit der Sohn zeugt vom Vater da dieser damals im
Beisein meiner sagen dörfen sein Sohn habe mir recht getan so möchte ich nun
wissen ob er auch recht getan da er vor etlich Jahren seines Vaters Haus
bestiegen sich noch rühmte wie künstlich und geschickt er wäre jedoch ein
schlechtes Jubiläum von den Zuschauern erhielte sondern von männiglich als ein
erschreckliches Exempel angesehen wurde  und so weiter Dummes Zeug Ich werde
den Briefschreiber für seine unverständigen Lästerworte um einen kleinen Frevel
strafen Ist Er damit zufrieden«
    »Aufzuwarten Herr Amtmann ich sag meinen gehorsamen Dank« antwortete der
Sonnenwirt und verbeugte sich
    »Hat Er ihn denn zum Reiten beordert«
    »Da der Herr Amtmann befohlen haben dass ein für allemal auf jeden Tag in
der Woche ein berittener Mann als Expresspostillon parat sein solle so hab ich
als Obermeister dem Kreuzwirt den nächsten Ritt auferlegt«
    »Da er eine wenig erbauliche Figur zu Pferd machen wird so ist er dieser
Prästation zu entlassen« verfügte der Amtmann
    »Wenns der Herr Amtmann nicht ungnädig nehmen wollten« wagte der
Sonnenwirt einzuwenden »es ist auch das eine von meinen vielen Sorgen und
Verlegenheiten Die ganze Metzgerzunft wird mir aufsässig wegen des beständigen
Reitenmüssens so dass ich nächstens nicht mehr weiß wem ich den Tag ansetzen
soll Sie klagen es koste sie so gar viele Zeit und bringe sie im Verdienst
zurück Ein mancher kommt gar nicht mehr zu mir zur Zech und das ist mir ein
empfindlicher Verlust«
    »Es ist aber auch keine geringe Last für die Leute« sagte der Amtmann »
Darin hat der Kreuzwirt recht dass Sein entarteter Sohn dem Flecken einen
horrenden Schaden zufügt Wenn alle leiden müssen so darf Er am wenigsten
zurückstehen Es wäre vielleicht doch gescheiter gewesen Er hätte fünfe grade
sein lassen und die Mariage zugegeben«
    Der Sonnenwirt fühlte sich wie zu Boden geschmettert Derselbe Mann der
Autorität der sich so durchgreifend gegen diese Heirat erklärt und seinen Arm
zu ihrer Hintertreibung hergeliehen hatte machte ihm jetzt Vorwürfe dass er
seinem Sohne nicht den Willen gelassen habe Er sah den Amtmann mit einer
flehenden Jammermiene an verstummte aber unter der Bürde die ihn
niederdrückte
    Die Amtmännin kam ihm zu Hilfe und erinnerte ihren Mann dass wenn sein
Vorwurf begründet wäre er ihn nach seinem eigenen Geständnis ebensogut und noch
stärker treffen würde als den Sonnenwirt
    »Ach Gott« sagte dieser dankbar für den Beistand »wenn Sie erlauben Herr
Amtmann und Frau Amtmännin ich hab überhaupt schon lange Zeit keine gute Stunde
mehr in meiner Familie Seit mein Sohn amtlich für einen Erzböswicht erklärt
worden ist und jetzt natürlich nichts mehr an mir erben kann wenn ich ihn auch
einsetzen wollt seitdem ist der Hader zwischen meinem Weib und meinen
Tochtermännern los Sie liegt mir immer an ich soll ein Testament zu ihren
Gunsten machen und das müssen die beiden anderen der Chirurgus voran gemerkt
haben«
    »Sie hat ja keine Kinder« bemerkte der Amtmann
    »Wohl geben aber sie hat Verwandtschaft die sie auf die Sonne bringen
möcht«
    »Da würde ich vor allen den Chirurgus bedenken« riet der Amtmann »Der Mann
hat savoir vivre gibt einen gewandten Wirt und wäre wohl am meisten geeignet
die Sonne im Flor zu erhalten«
    Der Sonnenwirt versprach diesen guten Rat in Erwägung zu ziehen gegen
welchen die Amtmännin keine Einsprache tat Als er sich empfehlen wollte hieß
ihn der Amtmann noch bleiben und unterredete sich mit ihm über den Hauptzweck
wegen dessen er ihn hatte rufen lassen wollen Er teilte ihm den Inhalt des
oberamtlichen Schreibens mit und forderte ihn auf sich zuvörderst darüber
auszusprechen ob die Hirschbäuerin wohl dazu zu bringen wäre einen Verrat an
ihrem Schwiegersohne zu begehen
    »Die ist eine Schmotzampel an Leib und Seel« antwortete der Sonnenwirt
»die verkauft ihren Herrgott wenn sie nur Geld sieht Das ist auch ein Grund
gewesen warum ich meinen Sohn nicht hab in die Familie heiraten lassen wollen«
    »Mir kommt da ein guter Einfall« sagte der Amtmann »Ich hatte neulich in
alten Akten und Urkunden zu stöbern und machte dabei zufällig die Entdeckung
wie es mit dem Leibeigenschaftsverhältnis der Hirschbauernfamilie bewandt ist
Der erste des Namens hat das Haus als eine Art Wildhüter zu Lehen erhalten mit
der ausdrücklichen Bedingung Jagd auf die Wilderer zu machen Da nun gar kein
Zweifel sein kann dass Sein Sohn neben anderen ähnlichen Beschäftigungen auch
diesem ehrsamen Gewerbe obliegt so könnte man es ihr als eine Servitut
auferlegen dass sie die Hand zu seiner Beifahung zu bieten habe widrigenfalls
die Herrschaft berechtigt wäre sie von Haus und Hof zu jagen«
    »Für den Notfall« erwiderte der Sonnenwirt »kann diese Drohung nichts
schaden aber sie wird kaum vonnöten sein Auf den Abend will ich das alt Weib
zu mir kommen lassen und hoff in kurzem dem Herrn Amtmann erwünschte Antwort zu
bringen«
    Er wünschte einen glückseligen Tag und ging ohne sich zu fragen ob das
Vorhaben das er der Hirschbäuerin gegen ihren Schwiegersohn zutraute und um
dessenwillen er sie verurteilte ein anderes sei als das Vorhaben das er gegen
seinen eigenen Sohn bereits auszuführen im Begriffe war
    Auch der Amtmann und seine Frau dachten an eine solche Vergleichung nicht
»Wenn der Sonnenwirt die Sonne dem Chirurgus zuwendet« sagte der erstere
lachend »so stirbt die Sonnenwirtin sobald sie etwas vom Testament erfährt am
Gallenfieber«
    »Das wäre dem Mann je eher je lieber zu gönnen« versetzte die Amtmännin
»Er hat nicht zum besten mit ihr gelebt und sie ist auch in der Tat, so wie man
sie näher kennenlernt eine herzlose neidische maliziöse Kreatur«
    Der Himmel weiß womit die sonst so kluge Sonnenwirtin es bei der gestrengen
Frau verschüttet haben mochte
    Schon am nächsten Morgen ritt eine Staffette nach Göppingen mit der Meldung
des Amtmanns an den Vogt dass alles sich nach Wunsch anlasse und mittags hatte
der Amtmann vom Vogt die Weisung er solle da die alte Müllerin versprochen
habe den Bösewicht in ihr Haus zu locken genügsame Mannschaft mit Gewehr und
Prügeln dahin verstecken und denselben achtzehn Gulden der Müllerin aber wenn
der Fang mit ihrer Beihilfe gelungen sein werde  zwei Gulden als Belohnung
ausbezahlen
 
                                  Dritter Teil
                                       30
»Gesegnete Mahlzeit beieinander Das ist ja schön dass man die Ahne und die
Kinder bei der Gottesgabe findet die Leib und Seel zusammenhält«
    Mit diesen Worten trat der Geächtete durch die Türe ein deren Schwelle er
so manchmal in Glück und Leid überschritten hatte »Was speist man denn« fragte
er heiter
    »Rübelessupp und Grundbirn« antwortete der Knabe der mit der Großmutter
und seinem kleinen Schwesterlein zu Tische saß und mit seinem Löffel der
gemeinsamen Schüssel wacker zusprach
    »Will Ers nicht mitalten« fragte die Hirschbäuerin ohne sich in ihrer
eifrigen Beschäftigung stören zu lassen
    »Danke was für drei gekocht ist ist nicht für vier man muss keine Deichsel
an die Suppenschüssel machen Im Gegenteil bring ich hier ein paar Brätlein
Wenn Ihrs nicht essen wollt so könnt Ihrs unter der Hand zu Geld machen« Er
hielt ihr ein paar Hasen hin Bei diesem Anblick legte sie schnell den Löffel
auf den Tisch ergriff das Geschenk und trug es in eine Ecke der Stube wo sie
einen leeren Korb darüberdeckte
    
    Der Ankömmling setzte sich an den Tisch holte einen hölzernen Löffel aus
der Schublade und fütterte das Kleine das erwartungsvoll nach der Großmutter
hinstarrte aus der Schüssel ohne sich selbst einen Bissen zu gönnen Bei dem
trüben Schein der armseligen Ampel blickte er abwechselnd seine Kinder an und
freute sich dass es ihnen so gut schmeckte
    »Wo ist denn der Lobele blieben« fragte die Alte sich wieder an den Tisch
setzend
    »Mein weissköpfigs Schwägerle« erwiderte er »hab ich in Rechberghausen beim
Christle gelassen Ich hab einen weiten Umweg machen müssen«  er warf einen
Blick nach der Ecke wo die Hasen lagen  »wo ich ihn nicht hab mitnehmen
wollen und ihn allein heruntergehen zu lassen dazu ist mirs zu spät gewesen
Morgen früh ist er wieder da Ists richtig was er mir ausgerichtet hat Mein
Vater will sich also zu einem gütlichen Abkommen mit mir verstehen«
    »Ja« sagte sie »er hat mich kommen lassen und hat so mit mir geredt dass
ich glauben muss es sei sein Ernst Vierhundert Gulden will er Ihm geben wenn
Er mit der Christine und den Kindern nach Pennsylvanien geht die Hälfte bar und
die Hälfte drüben aber das Bare nicht eher als bis mit der Abreis alles im
reinen sei Bis dahin will er sorgen dass den Kindern nichts abgeht«
    »Wenn nur die Christine frei wär dann ging ich gleich« versetzte er »Wisst
Ihr nichts von ihr«
    »Nein«
    »Einundzwanzig Wochen sind es jetzt dass ich ihr Gefängnis umschwärme«
sagte er »Was ich in dieser Zeit durchgemacht hab wird nicht bald einem
Zigeuner vorgekommen sein denn der hat doch noch die Wahl in welcher Gegend er
sein Nachtquartier nehmen will und wenns auch nur in einer Höhle wär Ich aber
bin wie ein böser Geist immer in das Revier da gebannt gewesen«
    Die Alte lächelte schlau »Beim Krämerchristle« sagte sie »hats doch
gewiss nicht an Loschement gefehlt«
    »Beim Christle« sagte er »kann ich meinen kleinen Schwager unterbringen
wenn er mir eine Botschaft tut und ich ihn nicht in der Nacht heimlassen will
und vom Christle nehm ichs an wenn er wie ein paarmal geschehen ist in
meiner Abwesenheit meinem Weib oder meinen Kindern etwas schickt zumal wenn
das«  er sah die Alte scharf an  »nicht für die Schleckerei sondern für die
bittere Notdurft ist Beim Christle und sonst da und dort bin ich selber auch
ein paarmal über Nacht gewesen wenn man ein gemeinsames Geschäft vorgehabt hat
bei dem der Nutzen zum kleinsten Teil auf meiner Seite gewesen ist Aber wenn
gleich Rechberghausen nicht dem Herzog von Württemberg sondern dem Grafen von
Preising gehört so hätt ich doch dem Christle nicht zumuten mögen einem
vogelfreien Menschen wie ich bin nach dem man über jede Grenze streifen darf
einen beständigen Aufenthalt zu geben Nein Schwieger ich bin in diesen
einundzwanzig Wochen das wenigste Mal unter Dach und Fach gekommen und wenn ich
nur in einer Scheuer hab unterkriechen können so ist das ein Festtag für mich
gewesen Die meiste Zeit aber hab ich tief im Wald oft auch im freien Feld auf
dem Schnee geschlafen ein paar harte Felle von geschossenem Wild zur Decke und
den kalten sternglitzernden Himmel über mir Wenn mir früher jemand behauptet
hätte das sei ein Mensch auszuhalten imstand ich hätt ihm nichts davon
geglaubt Aber seht nur meine Kleider an die zeugen am besten von meiner
Lebensart im Herbst sind sie noch ganz neu gewesen und jetzt hängen sie halb
in Fetzen an mir herum Und wenn mir nicht der große Bart gewachsen wär so
könntet Ihr sehen wie ich abgemagert bin  nichts als Haut und Knochen Und
fasten hab ich gelernt wie kein katholischer Heiliger ich bin ordentlich mit
dem Hunger auf du und du zu stehen kommen«
    Der Knabe warf seinen Löffel auf den Tisch und aß nicht weiter während sein
Vater unter dem Reden den Löffel fleißig nach dem Munde des kleineren Kindes
führte
    »Da wärs in Pennsylvanien doch besser« bemerkte die Alte
    »Meint Ihr nicht der Jerg ging mit« fragte er und setzte schnell hinzu
»dass wir Euch nicht allein zurückliessen versteht sich von selbst«
    »O du mein Heiland Er hats gut mit mir vor« sagte sie »Sollt ich auf
meine alte Tag noch so weit übers Meer Und der Jerg der ist jetzt zu Stuttgart
im Dienst als Packer bei einem Kaufmann und meint er könns sein Leben lang
nicht besser kriegen Nächstens will er mir all Woch ein Geldle schicken«
    »Das Land da drüben ist so groß wie ich mir habsagen lassen dass wir ein
halbes Fürstentum in Besitznehmen könnten Das wär doch ein ander Leben«
    »Mein letzte Stütz sollt ich hergeben oder gar selber mitgehen und
vielleicht unterwegs wie der Jonas von einem Fisch gefressen werden«
    »Ahne der Fisch hat ihn ja wieder ausgespien« bemerkte der Knabe
dazwischen
    »Und das Reisgeld« fuhr sie fort ohne auf die Bemerkung zu achten »wär
für uns alle zusammen nicht genug«
    »Ob mein Vater die vierhundert Gulden auf einmal hergibt oder auf zweimal
kann ihm gleichgültig sein wenns ihm überhaupt mit dem Anerbieten Ernst ist
Glaubt Ihr wirklich Schwieger dass ers ehrlich meint«
    »Dass ers anders tut als er gesagt hat glaub ich nicht dagegen das glaub
ich dass ihm zu trauen ist denn warum er möcht Ihn eben fort han weil er sich
vor Ihm fürchtet und weil der ganz Fleck in Ängsten vor Ihm ist«
    Der Geächtete lachte stolz
    »Ich glaub ferner auch« fuhr sie zutraulich fort »dass der Amtmann mit
unter der Sach steckt denn dem wärs ebenmässig wohl wenn er nichts mehr mit
Ihm zu tun hätt«
    »Der Amtmann« sagte er »Wenn das der Fall ist, so muss man sich vor Finten
hüten Der arbeitet an einem doppelten Plan Mag leicht sein dass er fürlieb
nimmt wenn er mich über alle Berg weiß aber noch lieber ists ihm wenn er
mich wieder unter seine Klauen kriegen und einliefern und eine Belobung
davontragen kann Nein Schwieger wenn ich gewusst hätt dass der Amtmann im
Spiel ist  seht ja zu dass Ihr die Hand nicht zu einem falschen Spiel bietet«
    »Ich vermuts ja nur« sagte sie »Mein Herz denkt an nichts Args Wer wird
denn auch gleich so ängstlich sein«
    »Ängstlich« rief der Geächtete und sein ganzer Stolz flammte auf »wer
kann mir nachsagen dass ich jemals Angst hab blicken lassen«
    »Nu nu man redt ja nur Eins ist so wenig nutz wie das ander Wer alle
Stauden will fliehen kommt nie in Wald und hinwiederum dem Trauwohl hat man
den Gaul weggeritten Für heut hats jedenfalls kein Gefahr denn kein Mensch
weiß dass Er da ist«
    »Doch will ich nicht über Nacht bleiben«
    »Ja und wenn sie dann wieder mitten in der Nacht Haussuchung halten wollen
so lässt Er ihnen wieder das Nachsehen Denn besser in der Acht als in der Hacht
besser der Nam als der Leib am Galgen«
    »Wenn man durch meinen Vater mit dem Amtmann unterhandeln könnt dass die
Christine frei würd unter der Bedingung mit mir nach Pennsylvanien zu gehen
so könntet Ihr mir ja an einen sichern Ort Meldung tun Aber ohne den Jerg ists
nur halb gelebt Ein Mann wie mein Schwager wär mir mehr wert als ein Kapital in
dem großen wüsten Land wo man Wälder ausstocken und mit den Wilden kämpfen
muss«
    »Wenn die Kinder im Bett sind so wollen wir weiter reden« sagte sie und
trug das Essgeschirr hinaus
    »Vater« sagte der Knabe jetzt der lange auf einen Augeinblick wo er auch
etwas reden durfte gewartet hatte »Vater ich hab mich so lang drauf gefreut
bis Er auch einmal wiederkommt«
    Die helle Stimme des Knaben tat dem Geächteten tief im Herzen wohl »So
Friederle« sagte er »hast dich auf den Vater gefreut Sieh ich hab euch auch
was mitgebracht« Mit diesen Worten zog er aus der Tasche allerlei Spielzeug
das er in müßigen Stunden künstlich geschnitzt hatte »Die Docken gehören deinem
Christinele die gibst ihr morgen früh wenn sie aufwacht« Er legte das Kind
das in seinem Arme eingeschlafen war auf das Bett und brachte aus seinen
anderen Taschen noch mehr der Herrlichkeiten hervor »Da sind für dich Soldaten
Fußvolk und Reiter auch etliche Kanonen dabei weils jetzt Krieg ist und
damit deine Schulkameraden nicht sagen können du habest nicht so schöne oder
nicht schönere Spielsachen als sie Lernst auch brav Erzähl mir einmal was
heut in der Schule vorgekommen ist«
    »Die Geschicht vom Simson ist gelesen worden« antwortete der Knabe
    »Hast du mitlesen dürfen« fragte der Vater »Kannst lesen«
    »Noch nicht ganz gut« sagte der Knabe »s kommt nur hie und da ein kleiner
Vers zum Lesen an mich Aber die Geschicht hat mir mächtig gut gefallen wie der
Simson den Löwen zerrissen hat und wie er mit dem Eselskinnbacken tausend
Philister geschlagen hat und hat ihnen das Stadttor in der Nacht fortgetragen
und Füchs in ihre Felder trieben mit brennende Schwänz und wie er zuletzt das
Haus eingerissen hat dass es auf ihn und alle Philister zusammengefallen ist«
    »Du gibst ja recht acht« sagte der Vater freundlich »Möchtest vielleicht
auch ein Simson werden«
    Der Knabe sah ihn verwundert an
    »Gelt das verstehst du nicht Was möchtest denn werden«
    »Ich möcht werden was mein Vater ist«
    »Was ist denn dein Vater«
    Der Knabe sah ihn starr an und antwortete auf wiederholtes Fragen »Ich weiß
nicht«
    »Warum sagst du denn du möchtest werden was dein Vater ist und weißt es
nicht«
    »Ha so sagt jeder Bub wenn man ihn fragt was er werden wöll«
    »So Wie heißen sie denn deinen Vater«
    »Er sei söllig stark so dass alles Angst vor ihm haben muss«
    »So und was sagen sie sonst von ihm«
    Der Knabe schwieg
    »Wie gehen denn deine Kameraden in der Schule mit dir um Sags ich wills
wissen«
    »Sie lassen mich nicht ins Buch neingucken so dass mir der Schulmeister
schon oft eine besondere Bibel geben hat und einmal wo sie wüst gegen mich
gewesen sind hat der Schulmeister zu ihnen gesagt sie sollen mich gehen
lassen ich sei ein unglücklichs Kind ich könn nichts dafür«
    »Für was«
    Der Knabe schwieg
    »Ich befehl dirs ich will wissen was sie von deinem Vater gesagt haben«
    Er musste seinen Willen im gebietendsten Tone geltend machen bis der Knabe
endlich schüchtern und zögernd antwortete »Sie sagen  Er hab  gestohlen«
    »Und wenn das wahr ist so willst du dennoch werden was dein Vater ist«
    »Ja«
    »Was ist einer der stiehlt«
    Er bedurfte abermals der größten Anstrengung um aus dem Knaben die Antwort
herauszubringen »Ein Dieb«
    »Ein Dieb also willst werden«
    »Ja«
    »Wart ich will dir einen Denkzettel geben Ahne wo ist die Rute«
    Er gewahrte nicht dass die Alte nach langer Abwesenheit erst in diesem
Augenblick wieder in die Stube trat und die Türe ein wenig hinter sich offen
ließ Sie bat für den Knaben als sie hörte um was es sich handle und suchte
dem unglücklichen Vater bemerklich zu machen dass das Kind sich nicht
auszudrücken vermöge und dass er ihm noch keine Unterscheidung zumuten dürfe
»Nein« sagte er unerbittlich »man soll mir nicht nachsagen dass ich den Buben
zu solchen Gedanken angeleitet oder ihms auch nur zugelassen hab und wenn ich
keine Rute haben kann so tuts auch die Hand«
    Er zog den Knaben zwischen die Knie und patschte ihn mit seiner kräftigen
Hand so nachdrücklich dass derselbe mit offenem Mund schnaubte und schnappte
doch gab er keinen Laut des Schmerzes von sich
    »Was heulst nicht du Krott« fragte der Vater in seinem wenig überlegten
Besserungsgeschäfte innehaltend
    »Ich hab immer gehört mein Vater hab nie geheult wenn man ihn auch noch so
arg geschlagen hab« antwortete der Knabe nicht trotzig aber mit entschiedenem
Tone und seinem Vater ruhig ins Auge sehend
    Dieser ließ die Hand sinken und zog den Knaben in seine Arme »Ach
Friederle mein Kind mein liebs Kind« rief er »ich hätt dich ja gewiss nicht
geschlagen wenn ich allezeit bei dir wär und dich im Guten unterweisen könnt
Aber ein Dieb sollst und darfst du mir nicht werden das verbiet ich dir hoch
und teuer Glaubst du dass ichs gut mit dir mein«
    »Ja« sagte der Knabe indem er ihn mit seinen blauen Augen aufrichtig
ansah
    »Willst mirs nachtragen dass ich dich geschlagen hab«
    »Nein«
    »Willst mir versprechen«  er drückte ihn immer heftiger an sich und schrie
ihm die Worte ins Ohr »Werd brav werd rechtschaffen Du musst nicht meinen es
müsse dir auch gehen wie deinem Vater Es geht nicht jedem so es darf dir nicht
auch so gehen Wenn du älter bist und mehr weißt als jetzt dann wirst du
einsehen dass du kein Dieb zu werden brauchst wenn du deinem Vater anhänglich
sein willst Dann wirst du aber auch verstehen dass dein Vater nicht so schlecht
gewesen ist wie die Leut von ihm gesagt haben Und deine Mutter die du so
wenig gesehen hast ist eine gute Mutter Kind und kann nichts dafür dass sie
nicht öfter nach dir sieht und wenn sie wieder bei dir sein kann  «
    Die Stimme brach ihm er schlug die Hände vor die Augen und legte den Kopf
auf den Tisch Es wurde ganz still nur dass man tief aus seiner Brust herauf ein
unterdrücktes Schluchzen hörte Die Alte sah sich einen Augenblick um setzte
sich dann so dass sie dem Tische und der Türe den Rücken zukehrte und begann
hierauf mit einer Stimme die abscheulich lautete das geistliche Lied zu
singen »Valet will ich dir geben du arge falsche Welt«
    Der Geächtete hatte seinen Empfindungen eine kurze Zeit freien Lauf
gelassen da weckte ihn ein durchdringendes Geschrei seines kleinen Sohnes
»Vater Vater Philister über dir Simson«
    Er fuhr auf und starrte die Augen voll Tränen in die Stube aber die
Bewegung hatte nur dazu gedient seinen Kopf einer Schlinge preiszugeben die im
gleichen Augenblicke fest um seinen Hals zugezogen wurde Die Stube war voll
bewaffneter Männer Er fuhr mit der Hand nach dem Halse um sich von der
Schlinge freizumachen Da schrie der Fischer der unter den vordersten war
»Hand weg oder du musst verworgen« Zugleich wurde die Schlinge noch fester
angezogen so dass er taumelte Er ließ ab vom Widerstande und war nach kurzer
Zeit an Armen und Beinen so fest geschnürt dass man ihn ohne Gefahr fortschaffen
konnte Die Alte schickte sich heulend und schreiend an mit ihrer trüben Ampel
zum Haus hinauszuleuchten und beteuerte ihm fortwährend dass sie an dem Unglück
unschuldig sei »Mag sein« erwiderte er sie mit ungewissen Blicken messend
»aber dir Fischerhanne ists geschworen  und wenn ihr mir auch die Arm
fesselt die Schwurfinger kann ich doch noch bewegen  der nächste Streich den
du mir spielst ist dein Tod«  »Verhoffentlich wird kein weiterer nötig sein«
sagte der Fischer und alle lachten zusammen Während ein Teil der
Wachmannschaft den Gefangenen so eilig fortschleppte dass er nur noch mit den
Augen seinem Knaben ein Lebewohl zuwinken konnte stöberte ein anderer den
Fischer an der Spitze in der Stube herum Die Alte als sie dies bemerkte
überließ den Fortgehenden die Sorge wie sie sich ohne Licht zurechtfinden
wollten und eilte in die Stube zurück konnte es aber nicht verhindern dass die
Hasen als offenbares Herrschaftseigentum in Beschlag genommen wurden
    Der Knabe war außer sich und die Nachbarn welche halb teilnehmend halb
neugierig hinter den Häschern in die Stube gedrungen waren versuchten ihn
umsonst zu trösten Nachdem die Alte sich über den Verlust ihres soeben zum
Geschenk erhaltenen Wildbrets einigermaßen beruhigt hatte schwatzte sie ihm
vor sein Vater werde nur ein wenig zur Mutter nach Göppingen gebracht und werde
bald wiederkommen Er ließ sich nach und nach beschwichtigen über eines aber
konnte er sich nicht zufrieden geben »Mein Vater« sagte er »hat sonst nie
geheult und jetzt haben sie ihn grad geholt wo er geheult hat«
    In diesem Augenblicke kam der Schütz zu spät um an der Gefangennehmung zu
welcher er beordert war teilzunehmen aber früh genug um der Alten eine
Nachricht zu bringen die sie ganz darniederschmetterte »Wisst Ihr auch
Hirschbäurin« sagte er »dass Euer zweiter Sohn in Stuttgart hat Soldat werden
müssen Er hat einem Soldaten zur Desertion geholfen und der Oberst Rieger der
dem Herzog sein Kriegsvolk zusammenwirbt hat darauf gemeint er sei ihm als
Stellvertreter ebensogut oder noch lieber«
    Sie warf sich zu Boden und raufte ihre Haare Diesmal war ihr Schreien und
Heulen ernstlich gemeint »Jetzt hab ich mein Stecken und Stab verloren«
jammerte sie
 
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»Pass auf Beck« sagte der obere Müller mit seinem Knecht eintretend im
Hausgang zu dem Bäcker der mit einem großen Kruge Weins gelaufen kam »Pass auf
heut kriegst das Haus voll Leut Der halb Fleck ist aufm Marsch zu dir und
wills probieren ob dein Kesselfleisch so gut ist wies dein Weib selig hat
machen können Wir sind die ersten und wollen gleich ein guts Plätzle
besetzen«
    Der Bäcker lachte und stieß statt der Antwort die Türe auf durch die man
die Stube bereits überfüllt von Gästen sah »Der Müller meint er sei der erst
zur Metzelsupp« rief er diesen zu Ein allgemeines Gelächter empfing den
verspäteten Gast »Mach nur dass du hersitzst« riefen einige indem sie
zusammenrückten und ihm und dem Knechte Platz machten »s ist eine Staatssau
gewesen aber kannst froh sein wenn du nur noch das Schwänzle von ihr triffst«
    Ungeachtet dieser Drohung die nicht so ernstlich gemeint war ließ sichs
der Müller und sein Knecht trefflich schmecken während die Gäste den Bäcker
lobten der seit dem schon lange erfolgten Tode seiner Frau keine Metzelsuppe
gegeben hatte und sich zugleich darüber freuten dass man bei den guten
Aussichten auf das heurige Jahr auch einmal wieder einen billigen Wein trinken
könne
    Nachdem der Müller seinen Magen gefüllt sah er sich im Kreise der Gäste um
»Was der Profos ist auch da« rief er »Ich hab gemeint Ihr lieget am
Gliederweh darnieder und könnt kein Fuß und nächstens kein Zahn mehr regen«
    »Die alten Knochen sinds Leben gewohnt« erwiderte der Invalide »Ich hab
auch glaubt ich werd der Beckin Quartier machen und jetzt ist sie mir lang
vorangegangen Ich hab eigentlich kein Gliederweh s sind eben Fluss die mir im
Leib rumziehen bald da bald dort ich mein manchmal sie fahren mir bis in die
Krücken hinein und oft werfen sie mich so bösartig ins Bett dass ich schier
nimmer aufstehen kann«
    »Lasst nur den Wein tapfer durch die Gurgel laufen alter Kriegsknecht der
wird Euch die Fluss schon naustreiben Dass dich aber jetzt muss ich mich
verwundern dass der Fischerhanne auch so viel Kourage hat und ins Wirtshaus
geht Nun du darfst dir heut schon was gönnen hast gewiss bei dem gestrigen
Fang etwas Schöns verdient gelt«
    Der Fischer schmunzelte »Wenn man sich für den Flecken in Gefahr begibt«
sagte er »so könnt man denk ich mehr ansprechen als die paar Gulden aber
doch ists immer besser als gar nichts«
    »Die Gefahr muss nicht so groß gewesen sein« bemerkte der Müller »wie ich
hör habt Ihr ihn mit der Schling gefangen«
    »Ja« rief ein anderer »Die Schling ist ein Einfall vom Fischerhanne
gewesen Das ist das sicherste Mittel wenn einer nicht weich geben will so
zieht man eben zu dann vergeht ihm die Kraft und er wird zahm wie ein Lamm«
    »Ich hätt zugezogen bis er hingewesen wär« versicherte der Fischer »denn
wenn der loskommen wär so möcht ich doch auch sehen wer mir behaupten könnt
es hab kein Gefahr gehabt«
    »Gottlob« sagte der Müller »dass der Kerl aufgehoben ist Jetzt kann man
doch wieder ruhig schlafen und ungeängstigt leben Ich hoff dasmal werden sie
ihn fester verwahren dass man endlich sicher vor ihm ist Warum schüttelt Ihr
den Kopf Profos Meint Ihr er werd doch wieder auskommen oder wärs Euch
lieb«
    »Nein« erwiderte dieser »für ihn selber wärs das best er blieb gefangen
wie er ist Was kann ihm die Freiheit wert sein wenn die ganz Welt immer mit
Stecken und Stangen auf ihn aus ist um ihn zu fangen Ich mein nur s ist halt
doch kurios dass ein ganzer Flecken mit so viel starken Männern vor dem einzigen
Menschen zittert Und was hat er eigentlich getan«
    »Was er getan hat« schrie alles zusammen »Ist er nicht von Hohentwiel
ausbrochen«
    »Nun ja« sagte der Invalide »das tät jeder von uns auch wenn ihm das
Gefängnis entleidet wär und er wär so geschickt wie er um eine halbe
Unmöglichkeit zu vollbringen«
    »Und zweimal aus dem Zuchthaus« sagte der Müller
    »Und hat sich beidemal freiwillig wieder gestellt« entgegnete der Invalide
»Dazu gehört doch ein gutes Gewissen«
    Ein unwilliges höhnisches Gelächter war die Antwort auf diese Bemerkung
    »Der Profos hat immer ein wenig zu ihm gehalten« bemerkte der Fischer
    »Er hat auch immer eine gute Seit gehabt« versetzte der Invalide »Wenn man
übrigens kein anderen Grund hat ihn zu fürchten so müsst man eigentlich jeden
der stark und verschlagen ist umbringen damit er einem nicht schaden kann
wenns ihm etwa einfallen sollt«
    »Hat er denn sonst nichts getan« schrie der Müller »Ich will die
Diebstähl die er bei seinem Vater begangen hat nicht so hoch anschlagen aber
ist er nicht erst kurz verwichen dem Lammwirt in Metzig und Keller einbrachen
und hat ihm Fleisch Brot und Wein genommen«
    »Requiriert« sagte der Invalide
    »Was« schrien die andern
    »Requirieren heißt man das bei den Soldaten« erläuterte der Invalide ruhig
»In der Kampagne wenns nichts zu beißen und zu brechen gibt kommt man zum
Bauern in die Visit und holt sich Fleisch Brot Wein Hühner Gäns Eier kurz
was man finden kann und wenn das ein Verbrechen wär so müsst vom General bis
zum Gemeinen runter alles gehenkt werden Der fürnehmst Offizier schämt sich
nicht dran Und da gehts oft zu dass mirs in der bloßen Erinnerung weh tut
Der Frieder ist noch bescheiden nimmt nicht mehr als er für den Hunger und
Durst braucht und hat dem Lammwirt doch nicht das übrig Fleisch zu Fetzen
verhauen und den Wein in Keller laufen lassen wies der Soldat oft und viel
tut Es ist jetzt ohnehin Krieg in der Welt denkt euch der Feind komm in den
Flecken oder auch der Freund denn s machts einer wie der ander dann tätet
ihr die Hundert oder Tausend gern gegen den einzigen Marodeur eintauschen und
tätet sagen der hats doch noch gnädig gemacht«
    »Das ist was anders« sagte der Müller »Der Krieg verlangts eben einmal
so er muss die Leut ernähren«
    »Wenn man mich lebenslang auf die Festung setzt und mich nach meinem
Entkommen überall verfolgt und mein Weib einsperrt das ist auch eine Art Krieg
Sag jeder von euch was er tät wenn er so nausgestossen wär wie ein wilds
Tier Man kann doch nicht immer Rüben fressen und im Winter wachsen nicht
einmal Rüben Und wenn er auch gar nichts nähm als eure Rüben so tätet ihr doch
auch sagen es sei gestohlen«
    Seine Worte hatten wenigstens vorübergehend einen unverkennbaren Eindruck
gemacht Der Invalide fuhr auf denselben bauend fort »Es ist wie wenn die
Leut ein bös Gewissen hätten das sie an dem Menschen auslassen müssten Er raubt
nicht er mordet nicht und doch hat der Fleck eine Angst vor ihm dass es eine
wahre Schand ist Noch eh er jemand außer seinem Vater ein Stückle Brot genommen
hat ist ein Schreck von ihm ausgangen und wenns geheißen hat der
Sonnenwirtle kommt oder er ist da so ist alles auf und davon wie man sich vor
einem wütenden Tier salviert Und der Nam ist vor ihm hergangen wie ein
schwarzer Schatten und mich sollts nicht wundern wenn er dem Schatten endlich
folgt und in seine Fußstapfen tritt«
    »In was für Fußstapfen« fragte der Fischer »ist er denn gangen wie er
beim Pfarrer einbrechen ist und hat ihm den Kelch samt den Hostien gestohlen«
    »Für selbiges Stückle hätt ich ihm das Fell recht brav vergerben mögen«
sagte der Invalide »und dennoch hat sichs anders damit verhalten als mans
nennt Ich frag jeden der das Ding mit seinen fünf Sinnen ansieht ob etwas
Abgefeimts dran ist wie mans dafür ausgeben hat Der Pfarrer verweigert ihm
die Kopulation weil er sie nicht zahlen kann Darüber kann jeder andächtige in
Jesu Christo geliebte Zuhörer wie man uns von der Kanzel anredet denken wie
er will ich find in der Bibel nichts davon dass das Reich Gottes und seine
Gerechtigkeit bloß gegen Bezahlung zu haben sei und anders nicht aber wie
gesagt das geht mich nichts an das kann jeder mit sich selbst ausmachen Der
Bub drauf  denn ein Bub ist er gewesen wie mancher sonst der im
dreiundzwanzigsten Jahr heiratet ebenmässig ein Bub ist und erst von seinem Weib
gezogen wird  der Bub sag ich bricht in der nächsten Nacht dem Pfarrer ein
ohne allen Schlachtplan rafft zusammen was er erwischt natürlich
Kleinigkeiten lässt auch noch den Kelch samt Hostien mitlaufen und steckt die
Sachen in seines Vaters Stroh damit sie gleich am andern Morgen dem Knecht ganz
gewiss in die Hand fallen müssen Dass er Grütz im Kopf hat das leugnet ihm sein
ärgster Feind nicht ab Heißt aber das Grütz wenn man eine Tat tut von der am
andern Tag jedes Kind sagen muss das hat niemand anders getan als des
Sonnenwirts Frieder Heißt das Grütz wenn man den Raub so versteckt dass in der
nächsten Stund alles rauskommen muss Entweder hat ers absichtlich getan weil
er lieber wieder im Zuchthaus gewesen wär als in der Welt haussen oder er ist
ganz rappelköpfisch gewesen und hat gar nimmer gewusst was er tut Ein wüster
Streich ists gewesen ja das streit ich nicht aber noch viel dümmer als wüst
Wo wird ein Dieb von Profession so wüst und dumm und bubenmässig sein Mutwillen
ausüben Und doch hat man ihn zu einem Dieb und Räuber von Profession gestempelt
und hat ihn lebenslänglich auf die Festung geschickt Hätt man ihn mir geben
ich hätt ein paar Stecken an ihm verschlagen und dann noch ein drüber weil
ich immer auf den Bursch was gehalten hab«
    »Auf die Art« bemerkte der Fischer mürrisch »kann man alles Lumpenpack in
Schutz nehmen bis man zuletzt selber ihresgleichen wird Grad so hat der
Sonnenwirtle auch angefangen der hat zuerst seinm Vater n Zigeuner ins Haus
schleifen wollen und nachher hat er sich mit dem Hirschbauren und seiner
Tochter gemein gemacht und so ist er von einem bösen Trappen auf den andern
kommen«
    »Mir wirds ganz übel« rief der Invalide »wenn ichs mit anhören muss wie
einer der selber arm ist arme Leut verwirft Wenn ein paar Arme beieinander
sind so klagen sie man lass die Armut nicht gelten und in der Kirch singen Arm
und Reich miteinander die Menschen seien alle gleich sowie einer aber einmal
danach leben will so fallen arm und reich über ihn her Die Liebschaft hätt er
unangefangen lassen können ich habs ihm mehr als einmal gesagt wiewohl das
Mensch auch nicht so übel gewesen wär aber dass er sich zur Armut gehalten hat
grad das muss ihm einmal n Stuhl im Himmel erwerben mags in der schnöden Welt
noch mit ihm gehen wies will«
    Während der Invalide so die einzelnen Einwendungen die ihm gemacht wurden
niederschlug hörte er nicht wie das Murmeln und Murren um ihn her immer
stärker wurde »Von was für einem Ausbund ist denn da die Red« rief der
Müllerknecht erbittert »man sollt meinen das wär ein Muster nach dem sich ein
jedes richten müsst und wenn man nach dem Namen fragt so ists ein Mörder der
seinem Nebenmenschen ohne weiteres das Messer in Arm sticht«
    »Das ist auch ein wüster Streich gewesen« sagte der Invalide der sich
nicht irre machen ließ »aber mitm Zuchthaus ist er doch mein ich hart genug
abbüsst worden Zum Messer greifen freilich nicht alle denn da gehört schon ein
wenig mehr Mut dazu aber mitm Prügel oder mitm Stuhlfuss ist jeder gleich bei
der Hand wenn der Wortwechsel hitzig wird und es fällt ihm nichts Gescheits
mehr ein und da schlagen sie einander so über die Köpf dass man sich nicht
wundern darf dass es so viel dumme Leut gibt Streit und Certat muss sein in der
Welt sonst ists langweilig aber wohl wärs besser die Menschen täten witzig
miteinander fertig werden statt spitzig einander tupfen statt stechen
striegeln statt prügeln mit dem Kamm lausen statt mit dem Kolben Wenn aber
einer tut was alle tun und tuts meintalb ein wenig ärger so sollt man ihn
doch nicht um n ganzen Stock höher henken wie wenn er was ganz Besonders getan
hätt«
    »Es scheint da muss sich die Obrigkeit verantworten« warf der Fischer
bissig dazwischen
    »Ich hab mein jährlichs Gratial vom Haus Östreich« sagte der Invalide
stolz »die Obrigkeit kann mir nichts geben und nichts nehmen Ich sag nichts
wider sie aber ich red wie mir der Schnabel gewachsen ist«
    »Ja fürn wilds Tier das dem Flecken täglich mit Mord und Brand droht
hat« schrie der Müller der den Wein zu spüren begann
    »Um dieser Reden willen hätt ich auch wieder n Stecken für ihn in
Bereitschaft« sagte der Invalide der nach langer Krankheit wieder einmal
ausgegangen war und sich hinter dem Glase so behaglich fühlte dass er aufgelegt
war seine Meinung standhaft gegen Feind und Freund durchzufechten »Und zwar
tät ich ihn darum züchtigen weil er mit solchen Reden sich selber am meisten
schadt Aber er hat sich nicht schlecht dagegen verantwortet schon vor sechs
Jahr wie der Schütz einmal ausm Verhör erzählt hat Reden denn die andern
französisch hat er gesagt Und das ist die Wahrheit Wo man hinhört wie die
Leut voneinander reden so hört man Den Kerl mach ich kalt ich hau ihm n
Flügel vom Leib hin muss er sein nicht lebendig soll er mir vom Platz kommen
oder die ganz Familie muss mir ausgerottet sein es soll keiner übrigbleiben
der an die Wand pisst mit Respekt zu melden wies in der Bibel heißt Ists
denn viel ärger wenn einer droht er zünd den Flecken an dass den Leuten die
Häuser überm Kopf abbrennen und das Kind im Mutterleib dürf ihm nicht
davonkommen Ist nicht ein Geschwätz so dumm wie das ander und ist ausm einen
mehr worden als ausm andern Was hat er denn getan frag ich«
    Das Murren war allmählich zum Geschrei gestiegen und einige Stimmen riefen
bereits »Schmeisset ihn naus«
    »Redet ihr feiner« fuhr der Invalide mit erhobener Stimme fort »Ihr seid
auch grob wie ungespalten Holz aber ihr wissts nicht weil ihr euch selber
vor eurem eigenen Schreien nicht hört Ihn aber hört ihr weil er mit seiner
Bärenstimm Manns genug ist euch alle ins Stroh zu schreien und weil er noch
trotziger und wilder und wüster als ihr reden kann wenn er verzürnt ist Das
nehmt ihr dann als bare Münz wiewohl er euch den Flecken noch lang nicht
anzündt hat aber was Guts an ihm ist das wollt ihr nicht für bar gelten
lassen«
    Der Invalide blickte ruhig in den jetzt ausbrechenden Sturm auf nichts als
seine Gebrechlichkeit vertrauend obgleich wenig darauf zu wetten war ob er mit
heiler Haut davonkommen würde denn nicht nur war das Geschrei gegen ihn zum
tobenden Gebrüll geworden sondern es hatten sich auch Fäuste gegen ihn erhoben
und darunter die beiden derben Schlagwerkzeuge des Müllerknechts der es
durchaus nicht in seinen Kopf bringen konnte dass man einen Menschen in Schutz
nehme der ihm seinem Freund und Guttäter das Messer in den Arm gestoßen
hatte
    »Mir scheints man muss den Flecken noch besser säubern« schrie der
Fischer dessen Stimme nur noch in der nächsten Umgebung zu verstehen war »Wenn
ein Fleckenräuber so Freund im Ort selber hat so ists kein Wunder dass er sich
bei Tag und Nacht ohne Gefahr hier aufhalten kann«
    »Er ist in der ganzen Zeit nicht ein einigsmal bei mir gewesen« entgegnete
der Invalide der sich gleichfalls nur noch seinem Gegner und den
Zunächstsitzenden vernehmlich machen konnte »Er weiß wohl dass ich ein alter
hilfloser Mann bin und dass er mich nicht in Verlegenheit bringen will wiewohl
er weiß dass ich ihm nicht feind bin das ist auch noch nobel von ihm«
    »Nobel« schrie der Fischer giftig »Bhüt uns Gott vor Gabelstich dreimal
gibt neun Löcher«
    Der Aufruhr in der Gesellschaft hatte den höchsten Gipfel erreicht als der
Schütz eintrat und durch sein Erscheinen wie ein Wetterableiter wirkte Nicht
der Anblick des Stückes Obrigkeit sondern sein Aussehen war es was den Sturm
beschwor Die listig zusammengekniffenen Augen die blinzelnd auf der
rotglühenden Nase hafteten und die schalkhaft herausgepressten Lippen verrieten
es dass ihn ein Geheimnis drückte das neben einem Teil Verlegenheit viel
Spasshaftes enthalten musste Die Blicke der Anwesenden richteten sich
erwartungsvoll auf ihn während er zufällig neben dem Invaliden noch ein wenig
Platz findend sich einen Stuhl zu diesem rückte und ihm ein paar Worte ins Ohr
sagte Der Invalide schlug mit der Faust auf den Tisch und stieß ein herzliches
Gelächter aus das er zwei dreimal rasch nacheinander die Tonleiter
herabrollen ließ
    »Was ists Was gibts« schrien die andern
    »Im Amtaus hat mans seit heut vormittag schon gewusst« fuhr der Schütz
halblaut doch so dass die andern es hören konnten gegen den Invaliden fort
»Dort ist ein Jubeln und Lachen drüber dass dem gestrengen Herren so eine Eul
aufgesessen ist Wer Nasen wachsen sehen will der muss jetzt nach Göppingen
gehen da ist eine ganze Kultur davon wie ein junger Wald alle so lang Dasmal
hat mans durch kein Expressen runter vermelden lassen sondern durch eine
stille Gelegenheit«
    »Was ist denn geschehen« fragte der Müller dem Schützen sein Glas
anbietend da er dies für das geeignetste Mittel hielt ihn zum Reden zu
bringen
    Der Schütz trank es vergnüglich aus und antwortete dann »Man darfs
eigentlich noch gar nicht sagen das Oberamt hats bei Kopfabhauen verboten
denn dort schämen sie sich schwarz«
    Andere folgten dem Beispiel des Müllers da der Schütz entschlossen schien
seine Neuigkeit so gut als möglich zu verwerten
    »Was ist denn los« fragte endlich der Fischer den Invaliden
    »Ein Vogel« antwortete dieser lachend
    Der Schütz sah den Fischer der seinen Wein an ihm gespart hatte eine Weile
stillschweigend an gleichsam um die Wirkung seiner Worte vorzubereiten »Er ist
durch« sagte er dann geheimnisvoll
    Das blasse Gesicht des Fischers der die Wahrheit bereits geahnt haben
mochte wurde einen Augenblick kreideweiss Die andern begriffen noch nicht
recht um was es sich handelte und starrten den Schützen mit aufgerissenen
Augen an »Wer ist durch« fragte der Müllerknecht
    »Wer« rief der Schütz »Gibts denn zwei so Der von Hohentwiel über alle
Mauern und Felsen fortgeflogen ist hat dem Göppinger Käfig die Ehr auch nicht
lassen wollen Wie er gestern eingeliefert worden ist schon spät in der Nacht
hat man ihn auf die Hauptwacht gesetzt hat ihm ein eisern Halsband und den
Hosenträger angelegt und hat ihn mit einer Kette an die Wand angefesselt so dass
er drei vier Schritt hat in der Stub rumgehen können Auch hat man ihm zween
Mann beigegeben die ihn die ganz Nacht hätten verwachen sollen In der
Nachmittnacht ist der ein Wächter fort und hat eins geschrien wie er aber
zurückkommt findt er sein Kameraden eingeschlafen  der behauptet es muss ihm
angetan worden sein  und kein Sonnenwirtle ist nimmer dagewesen Er hat den
Göppingern ihren Geschmuck mit fort Halsband und Hosenträger wahrscheinlich
hat ers zum Andenken behalten wollen Und sein Christine wird jetzt auch wieder
bei ihm sein Ich glaub er hat sich extra deswegen fangen und nach Göppingen
liefern lassen um sie dort abzuholen aber er ist zu spät kommen denn gestern
abend noch vor seiner Ankunft hat man sie losgelassen weil man nicht gewusst
hat was man eigentlich mit ihr tun soll und da wird er wohl denkt haben er
sei jetzt überflüssig und ist also auch gleich wieder fort«
    »Wies Teufels ist er denn aber von der Kette kommen« fragte der Müller
    »Du hast schon den rechten Namen genannt« schrien ihm mehrere zu »Kannst
dir wohl denken wer ihm allemal fortilft«
    »Jetzt muss wieder der Teufel im Spiel sein« sagte der Invalide lachend
    »Wisst ihr nicht mehr« rief einer der Gäste »wie er in der Stub da  an
dem Platz wo jetzt der Peter sitzt ist er gesessen«  der Knecht rückte bei
diesen Worten etwas betreten den Stuhl  »wie er da gesagt hat er glaub an gar
nichts Ich hab gleich bei mir denkt es werd sein guten Grund han dass er
nichts zugeben will Denn sich aus Ketten und Banden nur so rausschälen und über
Mauern und Felsen runterkommen  Mannen das sind Ding die nicht natürlich
zugehen«
    Der Redner sah sich unwillkürlich um ob nichts Unheimliches hinter ihm sei
Die andern murmelten »Gott sei bei uns«
    Der Invalide hatte inzwischen dem Schützen zugehört der ihm erzählte »Man
hat auf seiner Britsch n Nagel gefunden den er draus rausgezogen haben muss
und an der Kette ein schadhaftes Glaich das er wahrscheinlich mit dem Nagel
vollends aufdruckt hat denn dem ist ein Nagel mehr als einem andern ein ganzes
Handwerkszeug So gibts bloß ein«
    »Wer hätt sichs auch träumen lassen« begann einer »dass die Metzelsupp so
ausging Sie hat so lustig angefangen«
    »Es kann noch Blutwurst regnen« fiel ein anderer ein »Jetzt kanns der
Fleck büßen müssen dass man ihm so nachgestellt hat und erst noch vergeblich«
    »Es ist auch nicht recht« sagte ein dritter »dass man einen Menschen zu
seinen Kindern lockt und bei ihnen überfällt So was sollt man ja dem
unvernünftigen Tier nicht zuleid tun«
    »Ja s ist wider die Natur« sagte ein vierter »Ich will nichts davon und
wenn ich auch drunter mitleiden muss so weiß ich doch wenigstens dass michs
unschuldig trifft«
    Er sagte dies so laut dass man es in jeder Ecke der Stube hören konnte
»Nun wenn er etwa unsichtbar zugegen ist« bemerkte der Invalide lachend »so
hat ers sicherlich gehört und wird sich danach richten«
    Der Fischer der bei der veränderten Lage der Dinge die öffentliche Meinung
von sich abfallen sah sagte ingrimmig »Die Göppinger können warten bis ich
ihnen wieder einen fang und mir für sie die Finger verbrenn«
    »Ja« versetzte der Müller »und meinen sie denn ihr Unschick sei dadurch
ungeschehen gemacht dass man nicht davon reden soll«
    »Auf die Länge lässts sich natürlich nicht verbieten« sagte der Schütz
»Der Befehl ist aber man solle vorderhand kein unzeitig Geschrei machen wenn
er aber so verwegen sei dass er sich abermals in die hiesige Gegend ziehe so
solle man unverweilt und mit der größten Öffentlichkeit einen Preis von hundert
Gulden auf seinen Kopf setzen«
    »Hundert Gulden« rief der Fischer »Auf sein Kopf« rief der Müller
    »Hundert Gulden wer ihn bringt lebendig oder tot« antwortete der Schütz
    Der Fischer schlug die flachen Hände auf den Tisch »Den Preis will ich
verdienen« sagte er
    »Ich auch« rief der Müller
    »Und ich« rief der Knecht dem die Gespensterfurcht zu vergehen schien
seinem Meister nach
    Die anderen Gäste tranken schweigend aus und ihre langen Gesichter
verrieten dass das Gelübde der drei sie nicht sonderlich im Glauben an die
Sicherheit des Fleckens befestigt habe Bei dem allgemeinen Aufbruch waren der
Invalide und der Schütz die letzten »Gelt Beck hast auf eine größere Zech
abgehoben« sagte dieser zum Bäcker »und jetzt ist auf einmal ein Haar in dein
Wein gefallen Ich will dich wenigstens einigermaßen schadlos halten Gib mir
ein paar Schoppen mit das Amt solls zahlen Es muss heut nacht etliche
Mannschaft aufm Rataus wachen für alle Fäll Der Herr will ruhig schlafen
können denn s ist ihm doch nicht ganz wohl bei der Sach Aber trotzdem bricht
er einmal übers ander in ein Lachen aus dass ihm der Bauch wackelt und sagt
vor sich hin Ich vernemme dass die Anstalten des Herrn Vogts nicht die besten
sind«
    Er empfing den verlangten Wein und ging mit dem Invaliden fort Der Bäcker
der jetzt allein war zündete eine Küchenampel an löschte die Lichter aus und
setzte sich in den hinterlassenen Lehnstuhl seiner verstorbenen Frau um hier
die nahe Backstunde abzuwarten vielleicht auch in der Hoffnung an die
Wachmannschaft auf dem Ratause noch etwas von seinem Wein abzusetzen Er
schlief ein glaubte aber noch nicht lange geschlafen zu haben als er durch
ein Geräusch oder eine innere Beunruhigung erweckt die Augen aufschlug Mit
offenen Augen glaubte er zu träumen denn am Wirtstische saß in dieser späten
Stunde eine Gestalt die den großen Krug vor sich aufgepflanzt eine Flasche
daraus gespeist hatte und den Wein aus dem gefüllten Glase bedächtig kostete
Der Bäcker schloss die Augen und öffnete sie wieder aber die Erscheinung war
noch immer da und schien greifbare Wirklichkeit zu sein Durch den Wald von
Kopf und Bartaaren die das trotzige Gesicht beinahe ganz bedeckten und ihm
für einen unter lauter glatten Gesichtern aufgewachsenen Menschen ein
fürchterliches Aussehen gaben erkannte er ihn bei dem armseligen Schein der
Ampel den Gefürchteten den Schrecken der Gemeinde des Amtmanns und des Vogts
Sein Blick ruhte mit spöttischem Ausdruck auf dem Wirt »Hast wieder einmal
geduselt Beck« begann er »Dein Wein ist nicht besonders Wie dein Weib noch
gelebt hat hast du einen besseren geführt Gott hab sie selig sie war ein
braves Weib schlecht und recht betete wenig Sprüche hatte aber Christentum im
Herzen und hätte es für eine Sünde gehalten einen guten Wein zu verderben Ich
will nicht hoffen dass du ihn schmierst«
    »Er steht schon den ganzen Abend im Krug« sagte der Bäcker schüchtern »Ich
will frischen holen«
    »Tu das und komm bald wieder denn ich hab eine Erquickung nötig«
    Der Bäcker ging Sowie die Türe sich hinter ihm geschlossen hatte eilte der
seltsame Gast hinzu und horchte Bald hörte er wie die Haustüre ging und der
Schlüssel langsam und leise darin umgedreht wurde »Ich habs von dem Schubjack
nicht anders erwartet als dass er mich verraten werde« sagte er und sah sich in
der Stube um Der große tiefe Wandschrank schien ihm zu gefallen er schloss ihn
auf leuchtete einen Augenblick hinein und stellte dann die Ampel wieder genau
dahin wo sie gestanden war »Schlechte Maus die nur ein Loch weiß aber es
wird genügen« sagte er schlüpfte in den Schrank und zog die Türe desselben
hinter sich zu Er war noch nicht lange darin als die Haustüre mit dem Geräusch
aufgeschlossen wurde und die Wachmannschaft den Bäcker an der Spitze in die
Stube stürzte Sie sahen sich um »Wo ist er denn« schrien alle wie aus einem
Munde »Da ist er gesessen« sagte der Bäcker bestürzt »Geschwind das Haus
durchsucht« schrien sie und verteilten sich nach allen Richtungen Die Stube
die angrenzende Kammer und Küche wurden sorgfältig durchgesucht aber an den
Schrank dachte niemand Nachdem sie hier und in den anderen Räumen des Hauses
mit den wieder angezündeten Lichtern in jeden Winkel geleuchtet und nichts
gefunden hatten kamen sie zurück Die einen schalten die anderen höhnten den
Bäcker dass er sie um eines leeren Traumes willen in Alarm gebracht habe
Derselbe schwur hoch und teuer der Sonnenwirtle sei in seinem Haus gewesen auf
diesem Stuhle sei er gesessen und aus dieser Flasche habe er getrunken »Jetzt
glaub ichs auch« sagte er »dass er mit dem Teufel im Bund ist denn sonst
könnt ich nicht begreifen wie er nauskommen ist denn ich hab die Haustür
zugeschlossen wie ihr selber wisst und einen anderen Ausgang gibts nicht
Dass er reinkommen ist wundert mich weniger denn es wär möglich dass ich vorher
nicht zugemacht hätt weil ich mir fürgestellt hab ihr werdet doch noch mehr
Wein wollen«
    »Das ist noch das Vernünftigst was dir den ganzen Abend durch den Schädel
gangen ist« sagte der Schütz »Und da wir einmal da sind so wollen wir eben so
frei sein und des Sonnenwirtles sein Wein versuchen Sein Wohl Ich wünsch ihm
dass er weit von hier sein guts Brot finden und uns nichts mehr zu schaffen
machen möcht«
    Er trank und ließ die Flasche weitergehen »Du bist gut laden wie langs
Heu« sagte ein anderer zu ihm
    »Ja du hast deine beste Züg im Hals« bemerkte ein dritter
    Nachdem die Flasche geleert war sprachen sie auch noch dem Kruge zu
scherzten über die Geisterseherei des Bäckers und begaben sich endlich wieder
auf ihren Posten zurück Der Bäcker begleitete sie schloss die Haustüre hinter
ihnen sorgfältiger als jemals ab und ging wieder in seine Stube Aber wer vermag
sein Entsetzen zu beschreiben als er seinen furchtbaren Gast an derselben
Stelle und in der gleichen Haltung wie vorhin am Tische sitzen sah Langsam und
ruhig aber mit dem strengen Blicke eines Richters wendete dieser sein Gesicht
nach ihm hin »Elender Hund« sagte er »hab ich dir je in meinem Leben etwas
zuleid getan Kannst dus vor deinem Weib verantworten dass du den Verräter an
mir gemacht hast Sie würde dich nicht mehr ansehen wenn sie noch lebte Geh
du bist nicht wert in dem Stuhl zu sitzen der so oft ihr Schmerzenslager
gewesen ist«
    Der Bäcker zitterte und hatte alle Fassung verloren
    Der Gast schlug ein Gelächter auf das dem Wirt durch Mark und Bein ging
»Was seid ihr doch für erbärmliche Dummköpfe« rief er »Ihr habt mich gesehen
angerührt und in der Hand gehalten und habt mich doch mit allen euren Lichtern
nicht gefunden«
Der Bäcker starrte ihn mit irren Blicken an Der Schreckliche erzählte ihm
haarklein alles was vorgegangen und wiederholte ihm jedes Wort das gesprochen
worden war Dem Bäcker wirbelte der Kopf
    »Dummer Tropf da in der Bouteille bin ich gesteckt« rief jener endlich
höhnisch
    Der Bäcker fiel auf die Knie streckte die Hände wie um Gnade flehend nach
ihm aus und war feig genug zur Verminderung seines eigenen Kerbholzes ihm zu
verraten welches Gelübde der Fischer der Müller und dessen Knecht getan
    »Jetzt hol mir frischen Wein hast mich lang genug warten lassen Ich will
dich noch einmal auf die Probe stellen aber ich folge dir unsichtbar Wenn du
mir einen falschen Tritt tust so sitz ich dir im Nacken und will dich reiten
dass du nach Gott schreien sollst Und misch mir den Wein nicht Schuft oder du
sollst mir keines natürlichen Todes sterben«
    Diesmal brauchte er nicht an der Türe zu lauschen denn der Bäcker hatte sie
weit offengelassen Er hörte ihn den richtigen Weg nach dem Keller einschlagen
aus welchem er bald wieder zurückkam fast wahnsinnig vor Angst die sich erst
etwas legte als er das Gespenst nicht mehr hinter sich vermuten musste sondern
leibhaftig vor sich am Tische sitzen sah Der Unhold stellte ihm die missliche
Aufgabe sich zu besinnen welche Strafe er durch seinen Verrat verdient habe
und trank während der Bäcker alle Qualen der Todesangst ausstand seinen Wein
langsam und behaglich aus Dann erhob er sich mit den Worten »Wenn ich
wiederkomme so lass dir keinen solchen Spaß mehr einfallen ich könnt ein
andermal ernsthafter aufgelegt sein Was schaust denn so nach meinem Fuß« fuhr
er ihn an »ja so du bist neugierig ob kein Pferdefuss zum Vorschein komme
Nein dummer Kerl das Ding sitzt nicht im Fuß Sieh da sitzts« Er klopfte
ihm mit dem Knöchel des Fingers an den Kopf wie man an ein Fass klopft aber so
stark dass der Bäcker beinahe zu Boden fiel Dann verließ er das Haus und der
Bäcker schloss abermals die Türe aber ohne den beruhigenden Glauben dass diese
Maßregel ihm irgendeine Sicherheit zu gewähren vermöge Er dachte nicht mehr an
das Backen sondern löschte schnell die Lichter und schlüpfte angekleidet von
Angst und Fieber geschüttelt in sein Witwersbett
    Der Geächtete ging nach der einzigen Heimat die er noch in seinem Vaterorte
hatte obwohl auch diese für ihn unzuverlässig geworden war Er drückte den
Riegel der Hintertüre den Finger durch die Türspalte drängend leise zurück
und nach wenigen Augenblicken stand er vor dem Bette seiner Schwiegermutter
Auch dieser drang ein eisiger Schreck durch die Gebeine als sie plötzlich
erwachend in ungewissem Sternenlichte eine geisterhafte Gestalt mit
aufgehobenem Finger vor sich stehen sah und alsbald ihren verratenen
Schwiegersohn erkannte
    »Welchen Judaslohn habt Ihr für die Auslieferung gekriegt« fragte er
    Sie vermass sich mit den höchsten Schwüren dass sie weder etwas bekommen noch
etwas verdient habe und dass der Überfall ihr selbst ganz unversehens gekommen
sei Er ließ den Verdacht der mehr in seinem Gemüt als an bestimmten Beweisen
haftete auf sich beruhen und weckte seinen Knaben Der Kleine lächelte ihn mit
halboffenen Augen wie im Traume an
    »Da siehst Friederle dass dein Vater frei ist Brauchst dich nicht zu
grämen Willst mit«
    »Er wird doch nicht das Kind durch die Wälder rumschleifen wollen« rief die
Alte lebhaft »Ein Vater kann sein Buben in dem Alter noch nicht pflegen«
    »Er hat ja seine Mutter« antwortete er »Sie ist frei und wohl aufgehoben«
    »Gott sei Lob und Dank« rief die Alte sei es dass eine menschliche Regung
sie erfasst hatte oder dass sie ihn in guter Laune zu erhalten trachtete »Aber
wenn auch« fuhr sie fort »das ist kein Leben für ein Kind und mein Hühneraug
sagt mir dass noch einmal Schnee fällt Lass Er mir nur den Buben da ich geb ihn
nicht her«
    Sie kannte ihn wohl und hatte die rechte Saite getroffen »Wenn Ihr eine
gute Ahne seid« sagte er »so will ich fünfe grad sein lassen Aber fahret mir
säuberlich mit den Kindern das sag ich Euch Wo ich auch bin mein Aug zielt
immer daher und ich weiß immer wies bei Euch steht so gut als wenn ich
gegenwärtig wär«
    Er küsste die Kinder von welchen das kleinere ruhig fortschlief und wandte
sich zum Gehen
    »Ich will noch einmal mit dem Sonnenwirt wegen der Auswanderung reden« rief
ihm die Alte nach »Wo Er sich mit der Christine aufhält will ich nicht fragen
damit Er nicht wieder misstrauisch wird Er kann sich ja von Zeit zu Zeit
erkundigen oder durch vertraute Leut anfragen lassen Und halt Er sich nicht
hier auf das Klima ist nicht gesund für Ihn«
    »Schon recht aber erst tu ich noch einen Tuck« antwortete er und war
verschwunden Die Alte fuhr unter die Decke und murmelte ein langes Dankgebet
für ihr glückliches Entrinnen
    Am anderen Tage geriet der Flecken in eine unaussprechliche Aufregung als
man die Begebenheiten der verflossenen Nacht erfuhr Außer dem Besuche bei dem
Bäcker der infolge der erlittenen Schrecknisse krank darniederlag hatte der
Sonnenwirtle noch ein weit tolleres Stück verübt Er war auf unerklärliche Weise
in das Haus seines Todfeindes des Fischers eingedrungen hatte diesen nebst
dessen Frau aus ihrem zweischläfrigen Bette aufgescheucht sichs auf demselben
bequem gemacht und das Ehepaar mit vorgehaltenem Gewehr gezwungen ihm die ganze
Nacht Gesellschaft zu leisten Kochend vor Wut hatte der Fischer es gleichwohl
nicht wagen dürfen einen Fuß zu rühren oder einen Laut von sich zu geben und
war der Gewehrmündung des schwergereizten Feindes so wie einem bitter höhnenden
Witze eine endlose Nacht hindurch preisgegeben gewesen während nicht weit davon
auf dem Ratause für die allgemeine Sicherheit gewacht wurde Vor Tagesanbruch
hatte der Eindringling das Haus unter den grässlichsten Drohungen und mit
feierlicher Wiederholung des Schwures dass er den nächsten Angriff
unnachsichtlich mit einer Kugel bestrafen werde verlassen ohne jedoch dem
Fischer ein Haar gekrümmt zu haben und zufrieden mit der Angst die er ihn
hatte ausstehen lassen Im Fortgehen aus dem Flecken hatte er sich sodann noch
dem oberen Müller ins Andenken geschrieben indem er ihn mit einem Schuss durch
das Fenster begrüßte der aber da er von unten nach oben ging und in die Decke
schlug nicht in gefährlicher Absicht versendet sein konnte
    Von diesem Tage an wurde der ausgestossene Sohn des Sonnenwirts von dem im
Banne des tiefsten Aberglaubens befangenen Volk zum Helden einer Sage erhoben
welche sein wunderbares Entkommen aus Mauern und Banden dem Bunde mit der Hölle
zuschrieb Der Amtmann war in Verzweiflung da dieser Hexenglaube vollends alle
Tatkraft lähmte und den zur Rache entflammten Flüchtling dessen hellem Geiste
sich hier ein neues Schreckmittel darbot zum unumschränkten Herrn des Fleckens
zu machen drohte Der Fischer und der Müller dem sein Knecht blindlings folgte
erholten sich zuerst von den Schrecken jener Nacht indem bei ihnen die Wut über
den Aberglauben siegte Besonders wurde der Fischer durch die Spöttereien des
von ihm herausgeforderten Invaliden aufgestachelt welcher keine Gelegenheit
vorüberliess auf die heimlichen Gastfreunde die der Sonnenwirtle im Flecken
habe anzuspielen und er beteuerte sich zu wiederholten Malen dass er einen
Schuss an die ausgesetzten hundert Gulden rücken wolle verschwor sich auch
förmlich mit den beiden anderen Teilhabern seiner Rache dem Verhassten
aufzupassen und ihn lieber tot als lebendig dem Amte zu überliefern Die übrigen
Bürger aber fühlten wenig Lust es mit einem Zauberer aufzunehmen der vor
seinen Verfolgern sich in eine Halbmassflasche verkriechen oder in Pudelgestalt
davonrennen konnte So geschah es einst dass zehn mit Schaufeln bewaffnete
Männer die ihm nahe bei dem Flecken begegneten ungeachtet des auf seinen Kopf
gesetzten Preises ihn nicht anzugreifen wagten Sogar im Schlaf erweckte er
Furcht da man glaubte dass er mit geschlossenen Augen zu sehen vermöge Zwei
Postknechte fanden ihn neben der Landstraße an einem Raine sorglos
eingeschlafen einer hatte nicht das Herz sich ihm zu nähern und ritt davon
der andere aber wagte ihn zu wecken und ihm bemerklich zu machen dass er hier
nicht sicher sei Ob jedoch bei solchen Vorgängen nur die Furcht und nicht auch
eine menschliche Teilnahme an dem Lose des Unglücklichen mitgewirkt habe das
ist eine Frage über welche das menschliche Herz wohl kaum einen Zweifel haben
wird
    Aber auch dem Geächteten konnten selbst seine erbittertsten Feinde mildere
Herzensregungen nicht absprechen Es war eben um jene Zeit dass ein Esslinger
Metzgerbursche der auf den Einkauf von Schlachtvieh in die Dörfer der Umgegend
ausgesandt war abends spät noch halb tot vor Schrecken nach Ebersbach kam und
ein im Walde erlebtes Abenteuer erzählte Er hatte in einer Dorfschenke einen
Unbekannten getroffen dessen offenes Gesicht ihm gefiel und dem er beim Wein
vertraute dass es ihm nicht wohl zumute sei mit seinem vielen Gelde abends
allein durch die Wälder gehen zu müssen wo der Sonnenwirtle hause Sogleich
erbot sich der Unbekannte ihm das Geleite zu geben Sie tranken noch ein Glas
und machten sich auf den Weg Als sie im dichtesten Walde ganz allein gingen und
traulich miteinander redeten blieb der Führer auf einem öden Platze am Saume
eines finsteren Dickichts plötzlich stehen und hob an »So jetzt will ich auch
sagen wer ich bin  ich bin der Sonnenwirtle« Der Wanderer fuhr zusammen wie
vom Donner gerührt Nachdem sich der Geächtete eine Weile an seiner Furcht
geweidet hatte sagte er »Ich bin nicht so schlimm wie die Leut sagen ich hab
Euch mein Wort gegeben und das halt ich Euch als Mann von Ehre ob ich auch
noch so reich werden könnt durch Euer Geld damit Ihr Euch aber nicht unnötig
ängstiget so will ich den ganzen Weg vollends vor Euch hergehen folgt mir nur
Ihr kommt mit einer ganzen Streifmannschaft nicht sicherer durch den Wald« Er
ging voraus und der Metzger folgte ihm heimlich zagend aber nach einer Stunde
sah er sich wohlbehalten an der Filsbrücke bei Ebersbach Dort kehrten beide in
einem einsamen Wirtshause noch einmal miteinander ein der Metzger wollte seinem
redlichen Führer ein Trinkgeld aufdrängen dieser aber wies es mit Stolz zurück
    Neben dieser verbürgten Tatsache erzählt die Volkssage aus der gleichen Zeit
einen minder sanften Zug von ihm Auf der Landstraße die er ungescheut zu
betreten wagte begegnete ihm einst eine arme Frau  die Sage behauptet es sei
seine eigene Schwiegermutter gewesen  und klagte ihm ihre Not dass sie nicht
einmal imstande sei für ihre Kinder ein Spruchbuch zu kaufen Er gab ihr
sogleich das nötige Geld und sie entfernte sich unter tausend Danksagungen Als
sie aber später den Weg zurückkam sah sie ihn als ob er der Wächter der Gegend
wäre an der alten Stelle ihrer warten und erschrak nicht wenig als er nach
ihrem Korbe griff in welchem er statt des Spruchbuchs Eier fand die sie um das
Geld gekauft hatte Ergrimmt über den Missbrauch seines Geschenkes schalt er sie
eine Fresserin und machte sie zur Zielscheibe für die Eier indem er mit
sicherem Wurfe eines um das andere an ihr zerschellte so dass sie über und über
triefend nach Hause kam
    Wie ein böser Geist schweifte er um seinen heimatlichen Flecken umher und
wenn er Leute traf so verhörte er sie was man in Ebersbach von ihm sage wobei
er niemals unterließ die grausamsten Drohungen auszustossen so dass ihm die Sage
bereits eine Menge Greueltaten andichtete ehe er eine einzige begangen hatte
Sein von Groll und Rache umhergetriebenes Gemüt sann die wildesten Taten aus
aber das angeborene bessere Gefühl hielt seine Hand zurück
    Auch der Vogt ermüdete in seiner Verfolgung und schrieb an den Amtmann da
mit Streifen auf dieses carcinoma doch nichts getan sei so solle man nur noch
in der Stille Posten ausstellen und die Eingänge der Häuser denen etwa sein
Besuch bevorstehe hinlänglich besetzen
 
                                       32
Der letzte Schnee des Winters war gefallen und wieder gegangen Der Frühling
hatte den Wald mit dem Jauchzen der Vögel erfüllt und das Feld mit dem lichten
Meere seiner Blüten überflutet die Blüten waren gefallen und der Waldgesang
war immer dünner geworden Die Sonne brannte stärker und der anbrechende Sommer
verhieß der harrenden Welt die Fülle seines Segens so dass es unmöglich schien
dass inmitten des überall aufschiessenden Reichtums Armut Not Hunger und Gier
nach der Habe des Glücklicheren in der Welt vorhanden sein sollte
    Auf einem abgelegenen Hofe der zwischen dem Hohenstaufen und dem Filstal
mitten in den Wäldern von einem spärlichen Stück Feldes umgeben lag saß eines
Tages der Erbe der Sonne von Ebersbach bei dem Weibe um dessen Besitz er so
lange mit der Welt gestritten hatte bis ihm selbst jeder Anspruch auf ein
Eigentum und eine Heimat in der Welt verlorengegangen war Mit Hilfe des
Krämerchristle der nach seinem Vornamen und einem kleinen Kramhandel so genannt
wurde hatte er sie bei einer hier verheirateten Schwester desselben
untergebracht zahlte ein kleines Kostgeld für ihren armseligen Unterhalt und
kehrte von seinen Streifereien in der Gegend immer wieder zu ihr zurück Die
Hofbewohner waren ihren Feldarbeiten nachgegangen und das Paar befand sich
allein Christine saß am Tische wo sie ein paar rohe Lappen zusammengenäht
hatte und stützte den Kopf auf den aufgelegten Arm Friedrich hatte sich in die
Fensterecke gedrückt wo er mit gekreuzten Armen düster vor sich hinbrütete Die
ärmliche Wohnung gewährte ihnen einen vorübergehenden Schein von Haus und
Heimat der aber freilich schnell wieder verschwand sobald jemand von den
wirklichen Insassen in die Stube trat
    Nach einem langen trüben Stillschweigen warf sie einen Blick auf seinen
abgenutzten Rock sah aufmerksam hin und rief »Dass Gott erbarm Du hast ja Blut
am Ärmel«
    »Kann sein« erwiderte er »es hat dich schon einmal unnötig erschreckt«
    »Das ist aber im Winter gewesen Frieder Frieder sag mirs hast du jemand
erschossen«
    »Just wie damals wo du mich das erstemal gefragt hast Damals hab ich
gesagt Dumme Seel freilich hab ich einen erschossen draußen im Wald liegt er
hat ein ledern Röcklein an und einen zackigen Hut aufm Kopf und dasselbe sag
ich dir heut wieder«
    »Ja ist denn schon wieder die Zeit dass man einen Hirsch schießen kann«
    »Not bricht Eisen« sagte er »Sie sind noch erbärmlich dürr und es gehört
ein guter Hunger dazu um das Fleisch geniessbar zu finden aber im schlimmsten
Fall ist wenigstens die Haut zu brauchen Das Handwerk hat überhaupt stark
nachgelassen und ich seh kaum hinaus wies weiter werden soll Ich hab den
Winter über das groß und kleine Gewild rudelweis geschossen und die ganze
Umgegend von Boll bis Gmünd damit versorgt und da führt mir der Teufel noch den
Hof daher der mir nicht bloß die Jagd sondern noch vielmehr den Handel
verdorben hat denn die machen dir in ein paar Tagen ein Schlachtfeld dass mans
schier verwesen lassen muss Wildbret ist so wohlfeil und so unwert geworden dass
man mir einmal in einem Pfarrhaus ein übergelassenes Stück Hirsch vorgesetzt hat
von meiner eigenen Hand Ich hatts den Tag zuvor geschossen und durch den
Christle dahin verkaufen lassen ders ihnen mit Müh und Not aufgeschwätzt hat
um ein Bettelgeld Wie ich den Tag drauf vorüberkomme ruft mir die Pfarrerin
vom Fenster ob ich nicht ums Warme ein wenig Holz spalten wolle Ich habs gern
getan weil michs gefroren und gehungert hat und wie ich dann mit Hirschbraten
bin abgefüttert worden hab ich doch denken müssen die War muss tief im Preis
stehen wenn man sie dem billigsten Taglöhner nachwirft Hab auch bald meine
Rechnung richtig gefunden denn beim Gretmeister in Gmünd im dortigen
Barfüsserkloster wo sonst immer ein gutes Geschäft zu machen war und in allen
Pfarrhäusern weit und breit  nirgends ist mehr was anzubringen gewesen Drüber
ist dann die Jagdzeit ohnehin vollends zu End gangen aber ich besorg mich wenn
sie auch wieder anhebt so werden die Leut noch satt und voll vom Wildbret sein
und werden Rindfleisch vorziehen das ich ihnen nicht schießen kann Froh ist
freilich alles in den Dörfern und auf den Höfen wenn ich das Wild wegschiesse
aber niemand zahlt mir ein Schussgeld dafür«
    »Schlechte Aussicht« sagte sie »Und ich spürs hier wohl dass du nicht
viel ins Haus bringst«
    »Sind sie wüst gegen dich«
    »Das grad nicht sie sind freundlicher als auf den andern Höfen wo du mich
hinbracht hast Deine Verbindung mit dem Christle tut mir gut bei ihnen aber
doch lassen sie michs merken dass du das Kostgeld die Zeit her schuldig blieben
bist«
    »Mach dich jetzt auf Christine musst mir die Hirschhaut den Wald
hinuntertragen abgezogen hab ich sie schon und in der Teufelskling verstecken
damit sie der Christle mitnehmen kann Er kommt morgen von Rechberghausen aus
dort hinab und von da musst du mit ihm den Waldsteig nach Gmünd gehen«
    »Das geschieht mir sauer« wendete sie weinerlich ein
    »Du kannst mir nicht vorwerfen dass ich dich plage« entgegnete er »Ich hab
dich ein einzigsmal diesen Winter zur Jagd mitgenommen und hab gemeint du
könntest mir am Wald vorstehen und das Wild zurücktreiben Wie du aber wehleidig
getan hast hab ich dich gleich gehen lassen und nie wieder mitgenommen Diesmal
aber muss es sein die Haut wird dich nicht zu Boden drücken und in Gmünd musst
mit beim Erlös sein damit mich der Christle der abgeführte Spitzbub nicht
betrügt denn sonst kann ich deine Schuld hier nicht bezahlen Die Haut trägt
dir morgen der Christle heut aber musst sie selber tragen denn ich will derweil
sehen ob ich nicht noch einen schießen kann Komm«
    Sie seufzte »Du musst dich aber vor rasieren« sagte sie verdrossen »Jetzt
hast schon wieder ein achttägiges Stoppelfeld und ich leids nicht dass du dir
den Bart wachsen lässt denn du siehst so arg wild drin aus und wenn dir jemand
begegnet so muss er wunder was von dir denken«
    »Meinetwegen« brummte er griff ohne Umstände nach dem Rasierzeug des
Hofbesitzers und kam ihrem Begehren nach worauf sie den Hof verließen und den
Weg nach dem Walde einschlugen
    »Ist denn gar keine Möglichkeit aus dem Leben da fortzukommen« fragte sie
im Gehen mit kummervoller Miene »Du hast mir versprochen du wollest mich nach
Frankfurt mitnehmen oder in den Krieg hast auch von Amerika gesagt Ich ging
überall mit dir hin wenn ich nur aus dem Leben draußen wär und die Kinder bei
mir hätt«
    »Warum hast dich in Dettingen fangen lassen« versetzte er unwirsch
»Während deiner Gefangenschaft ist mein Erspartes von Sachsenhausen draufgangen
mein Vater tut keinen Zug um sein Versprechen zu halten und wie kann ich denn
als ein vogelfreier Mensch etwas erwerben damit wir zu Reisgeld kommen Sag
ich soll in Ebersbach einen höflichen Besuch machen oder mit einem Rossjuden
beschnitten oder unbeschnitten nach dem Markt ein Wort in Güte reden dann
sollst du Geld genug haben«
    »Um Gotts willen nur nichts so« rief sie
    »So sagst du immer aber dabei willst in einem fort Geld und Lebensmittel
und bekümmerst dich nicht drum wo ichs hernehmen soll So hast du mich auch
gequält bis ich meinem Vater die Frucht geholt hab und dann wieder bis ich
dem Pfarrer ins Haus gestiegen bin und hintennach ist dirs dann doch wieder
nicht recht gewesen«
    »Es ist auch nicht recht« sagte sie
    »Gelt weils zu bösen Häusern führen kann Wenn du das nicht willst so
schick dich eben in die Zeit nur mach mir nicht den Kopf mit deinem Lamento
warm«
    »Ach« seufzte sie »ich hab mir eben ein ganz anderes Leben fürgestellt
wie wir von Neckardenzlingen miteinander fort sind Da hab ich schon gemeint
ich werd wieder jung und hab alles gern dahinten gelassen«
    »Machst mir das zum Vorwurf Bin ich nicht auch im Rohr gesessen und hätt
mir Pfeifen schneiden können und hab ich nicht um deinetwillen auf alles
verzichtet«
    »Wärst lieber blieben bis sich etwas für uns gemacht hätt Hättst mir ja
derweil schreiben können«
    »Man kriegt ja keine Antwort von dir Und hab ich gewusst wo ich
hinschreiben soll Nach Ebersbach wenn du nicht dort bist Hätt ich mir etwa
selber einen Pass von Sachsenhausen nach Hohentwiel schreiben sollen«
    »Ich will nichts mehr sagen« versetzte sie »du wirst gleich so wild«
    Sie gingen lange Zeit stillschweigend hin »Was siehst du denn immer auf den
Boden« fragte sie da ihr sein Benehmen auffiel
    »Da ist wieder einer« rief er sich bückend und etwas aufhebend Es war ein
frisch abgebrochener gabelförmiger Zweig Er betrachtete ihn von allen Seiten
schüttelte den Kopf da er nichts weiter daran fand und legte ihn sorgfältig
wieder auf den Boden Dann sah er sich an den Bäumen um blickte scharf von
Stamm zu Stamm schüttelte den Kopf abermals als fände er nicht was er
erwartete und setzte den Weg wieder fort Sie waren eine weitere Strecke
gegangen da lag ein neuer Zweig von gleicher Form den er aufmerksam
betrachtete worauf er den eingeschlagenen Weg verließ und einen schmalen
Seitenpfad zur Rechten betrat Christine folgte Mit zufriedenem Kopfnicken fand
er dort bald wieder einen Zweig von der vorigen Art und weiterhin noch mehrere
Sie waren einer wie der andere an der Seite des Weges schief hingelegt so dass
von den beiden Spitzen der Gabel deren eine geknickt war die andere
unversehrte in gleicher Richtung mit dem Wege vorwärts deutete
    »Das sind Zeichen« bemerkte Christine welche den Zweigen und seiner
Beobachtung derselben eine gespannte Aufmerksamkeit zugewendet hatte »Gelt
gestehs nur da sind deine Kocher oder wie sie heißen um den Weg und dein
scheeler Christianus will dir was zu wissen tun«
    »Wenn er da wär so hätt er mir seinen Zinken irgendwo hinterlassen«
versetzte er »es ist aber nirgends nichts zu sehen«
    Nachdem sie noch ein wenig fortgegangen kamen sie auf einen freien Platz
welcher sich nach einem Waldabhang senkte und einen weiten Blick über endlose
Waldung tun ließ die in reicher Abwechslung von Höhen und Tiefen sich um den
Hohenstaufen lagerte gegen das Remstal abwärts und nach den jenseitigen Hügeln
strich Die Zeichen wenn es solche waren schienen hier aufzuhören Christine
setzte sich müde auf den Boden Friedrich schaute achtsam in die Waldgegend
hinein als ob er in der Ferne hinter jedem Busch ein Wild oder etwas anderes
aufspüren müsste Auf einmal blieb sein Auge an einer Waldecke unter dem
Hohenstaufen hängen Ein leichter bläulicher Rauch ging dort kräuselnd aus den
Spitzen der Bäume hervor und schien sich hinter einigen höheren Wipfeln zu
verlieren Er blickte unverwandt hin der Rauch verschwand kam wieder zum
Vorschein und verschwand wieder Sein Entschluss war gefasst Er rief Christinen
vom Boden auf »Siehst dort den Waldspitzen herwärts von Wäschenbeuren« sagte
er »dort kannst mich nachher treffen oder auf mich warten dort will ich
anstehen ob ich vielleicht noch einen glücklichen Fang tue«
    Er führte sie herauf zu der Stelle wo er den erlegten Hirsch gelassen
hatte packte ihr die Haut samt dem Geweih auf den Kopf gab ihr genaue
Anleitung wo sie ihre Last zu verstecken habe und ging
    Christine machte sich schwer seufzend auf ihren Weg »Wie anders hätt
ichs wenn ich bei meiner Schulmeisterin blieben wär« sagte sie zu sich »und
meine Kinder wären nicht schlechter versorgt als jetzt auch«
    Unterdessen hatte er sich der erspähten Stelle wieder zugewendet und bald
fand er dass seine Vermutung richtig sein müsse Der eingeschlagene Pfad führte
ihn über einen rauen Fahrweg auf welchem wieder ein Zweig von der
beschriebenen Gattung lag Das Gabelende das den Wegzeiger bildete wies scharf
über die Straße nach einer Waldfurche hin Er folgte der Richtung und gewahrte
nach wenigen Schritten bei einem Durchblick dass sie gerade auf jene Waldecke zu
führte wo jetzt ein stärkerer Rauch aus den Bäumen emporwirbelte Nun suchte er
nach keinem weitern Zeichen am Boden mehr sondern schritt rüstig waldein
waldaus nach der Stelle zu der es ihn zog »Wenn er selbst nicht da ist« sagte
er zu sich »so treffe ich seinesgleichen die mir sagen können wo er ist denn
solche Zeichen hat weder ein Bauer noch ein Jäger ausgestreut Ich bin fertig
mit der Welt eine Staffel um die andere haben sie mich herabgestossen jetzt bin
ich auf der letzten Er hat mir richtig prophezeit Wenn du keinen Aus und
Eingang mehr weißt so kommen wir schon von selber wieder zusammen Was bleibt
mir sonst übrig«
    Die Sonne brannte glühend über den öden Gipfel des schlanken Berges herab
als er an dessen Fuß auf die Waldecke zuschritt Er eilte in ihren Schatten Das
geladene Gewehr mit gespanntem Hahn für alle Fälle zum Anschlagen fertig
haltend sei es gegen ein Tier sei es gegen einen Angriff von Menschenhand
schlug er sich langsam durch die Bäume vorwärts Bald hörte er Stimmen und
Gelächter und ging dem Schalle nach »Steck mir vom Balo« hörte er sagen als
er näher kam und zu gleicher Zeit drang der Geruch eines gebratenen Schweines
zu ihm um ihm den Ausdruck wofern dies nötig gewesen wäre zu verdolmetschen
Er hatte keinen Zweifel mehr wo jenische Laute sich vernehmlich machten war
weniger Gefahr für ihn als wo deutsch oder gar das römischdeutsche Rotwelsch
des Gesetzes gesprochen wurde Wer auch die Schmausenden sein mochten in seiner
verzweifelten Lage brauchte er weder ihre Feindschaft noch ihre Freundschaft zu
fürchten Er brachte den Hahn in Ruh behielt aber die Büchse in der Hand und
ging entschlossen vorwärts Auf einmal stand er zwischen den Bäumen
hervortretend auf einer kleinen Waldwiese wo eine lustige Gesellschaft um ein
Feuer lagerte Sie bestand aus drei Männern und drei Frauen welche sämtlich so
anständig gekleidet waren dass er ein Missverständnis besorgend zurücktreten
wollte Aber schon war er bemerkt worden und sah ein paar Gewehrläufe auf sich
gerichtet als plötzlich ihm selbst und einem von der Gesellschaft der
gegenseitige Ausruf entfuhr »Da ist er ja« Zugleich sprang einer der Männer
auf und lachend auf ihn zu Das Gesicht des Zigeuners mit welchem sich sein
Lebensweg heute zum drittenmal kreuzte hatte seit der ersten Ludwigsburger
Bekanntschaft Veränderungen erlitten die seinem Festungsgenossen nicht
unbekannt waren die gelbe welke Haut war in unzählige Runzeln und Falten
zerschnitten die besonders an Mund und Augen das Gepräge einer lächelnden
Verschlagenheit und großen Übung in der Kunst die Leidenschaften zu verbergen
ausdrückten Neu aber war ihm eine weitere Veränderung ein Auge in dessen
Besitz er ihn auf Hohentwiel noch gesehen war ihm in der Zwischenzeit abhanden
gekommen doch gereichte ihm dieser Verlust nicht eben zum Nachteil da die
Laune des Zufalls das scheele Auge betroffen hatte dessen Blick äußerst
abschreckend gewesen war so dass er jetzt als Einäugiger mit dem geschlossenen
von lustigen Fältchen umspielten Augenlide nicht mehr so widrig aussah wie
früher da er geschielt hatte
    »Willkommen« rief er und streckte ihm die Hand entgegen »Hab ichs nicht
gesagt wir sehen unswieder«
    »Grüß dich Gott Christianus« erwiderte Friedrich und schüttelte ihm die
Hand »Hab da auf einen Hirsch anstehen wollen und jetzt treff ich noch ein
ganz anderes Stück Hochwild Du wärst aber schwer zu finden gewesen wenn ich
dich hätte suchen wollen denn deinen Zinken hab ich nirgends gesehen«
    Der Zigeuner lächelte verschmitzt »Ich bin nicht allein mit den Meinigen«
sagte er »es haben sich Freunde zu uns gesellt die auch wieder Nachzügler
erwarten und da hätten wir ja eine ganze Wappensammlung in die Bäume schneiden
müssen«
    »Was ist denn mit deinem Aug passiert« fragte Friedrich weiter
    »Ich hab eine kleine Ungelegenheit gehabt« antwortete der Zigeuner
ausweichend »und da hab ich den queren Scheinling eingebüßt« »Aber komm«
unterbrach er sich »ich muss dich der Gesellschaft vorstellen«
    Er nahm ihn bei der Hand und führte ihn gegen das Feuer an welchem ein
ganzes Schwein briet und einen Duft ausströmte der einen Hungrigen wohl in
Versuchung führen konnte »Merkt auf ihr Männer und spitzt die Ohren ihr
Weiber« rief er »hier bring ich euch einen Freund nach dessen Bekanntschaft
ihr euch schon lang gesehnt habt Das ist« fuhr er mit erhobener beinahe
feierlicher Stimme fort »das ist der Mann dessen Name in jedem Walde zwischen
Rhein und Donau mit Hutabziehen genannt wird obgleich er seinen eigenen Wert
nicht kennt der Mann vor dem ein ganzes Amt zittert der Mann dessen Genie
die Festungswerke von Hohentwiel zu einem Kinderkartenhäuschen gemacht hat «
    »Ah« riefen die drei weiblichen Mitglieder der Gesellschaft die im
Begreifen den Männern vorauseilten
    »Mit einem Wort« vollendete der Zigeuner indem er seinem Tone noch
stärkeren Nachdruck gab »es ist der berühmte Sonnenwirt«
    Mit einem Schrei der freudigsten Überraschung sprangen alle auf und
umringten den Ankömmling der kaum wusste wie ihm geschah Er glaubte zu
träumen Ausgestossen gehasst und verachtet wie er war hatte er bis jetzt
höchstens die traurige Befriedigung genossen sich gefürchtet zu sehen und
durch seine Geschicklichkeit im Wildern hatte er sich bei den Hofbesitzern und
Bauern eine gewisse eigennützige Teilnahme erworben aber die Freundschaft
Achtung Bewunderung ja Ehrerbietung die ihm hier als einem jungen Manne der
schon so Großes geleistet erwiesen wurden und zwar von Leuten durch deren
wie es ihm schien ungewöhnliche Bildung und Redeweise er sich zugleich gehoben
und gedemütigt fühlte diese Erzeigungen waren ihm unbekannt und während seine
Bescheidenheit sich gegen das Übermaß des Lobes und Preisens sträubte tat doch
die ungeheuchelte Anerkennung die sich darin äußerte nicht bloß seiner
Eitelkeit sondern auch seinem Herzen wohl
    »Nun will ich dir die Gesellschaft vorstellen« fuhr der Zigeuner fort Er
deutete auf einen großen Mann dessen freundliches Gesicht unterstützt durch
einen feinen weissblauen Rock einen günstigen Eindruck machte nur dass um den
lächelnden Mund ein spöttischer Zug lauerte und die etwas gemeine Barchentweste
weder zu den silbernen Knöpfen mit welchen sie besetzt war noch zu dem feinen
Rock recht passen wollte »Das ist mein Freund Bettelmelcher« sagte er »ein
sehr versierter Kopf dessen glattem Gesicht man es nicht ansehen würde wie
viel Raffinement dahinter steckt«
    Der Mann mit dem abstossenden Namen reichte dem Gaste die Hand und
bewillkommte ihn mit so zierlich gesetzten Worten dass der widersprechende
Eindruck den sowohl sein Gesicht als seine Kleidung hervorbrachten bei einem
Neuling schnell ausgeglichen wurde
    »Und dieser« sagte der Zigeuner indem er den andern am Arme nahm »ist
mein Freund Schwamenjackel ein sehr ernsthafter Kerl wenn er anfängt denn da
heißts bei ihm Nix Pardon aber seinen Freunden treu und anhänglich wenn er
einen einmal zum Freunde angenommen hat so geht er durchs Feuer für ihn  ein
grundehrlicher Kerl«
    Der also Geschilderte zerdrückte dem Ankömmling die breite starke Hand dass
dieser das Blut in den Fingerspitzen fühlte und sagte mit heiserer Stimme
»Wollen gut Freund sein« Dann räusperte er sich als ob die paar Worte ihm die
Kehle angegriffen hätten und nickte stumm dazu
    Er war eine kurze Gestalt noch etwas unter Friedrichs Größe aber dicker
Sein Gesicht war leserlicher als das seines Gefährten aber es bedurfte einiger
Überwindung um darin zu lesen Ein starker schwarzer Bart an den unteren
Haaren ins Gräuliche streifend gab den groben Zügen den Ausdruck einer
ungeschlachten Verwogenheit hinter den buschigen Augenbrauen lagen ein paar
bösblickende Augen wie in tiefen Höhlen die niedrige Stirne deutete auf eine
harte Entschlossenheit die wenig nach Überlegung fragte und das gleichfalls
ins Graue spielende schwarze Haar verriet mit dem noch nicht alten Gesichte
verglichen ein Leben voll Mühsal und wilder Leidenschaft Trotz dieser Härte
der Erscheinung hatte der Mann nichts Bäurisches in seinem Auftreten seine
Bewegungen waren kurz und sicher und sein Anstand blieb wenig hinter dem seiner
gewandteren Genossen zurück Seine Tracht aber war noch ungleichartiger als die
des Bettelmelchers Er trug ein graues Kamisol und gelbe hirschlederne
Beinkleider die vollkommen zu seinem Gesichte desto weniger aber zu einer
höchst stattlichen braunseidenen Kamelotweste passten Eine bessere
Übereinstimmung zeigte der Anzug des Zigeuners sein grüner geschlossener
Jagdrock schickte sich trefflich zu den weißen Beinkleidern und zu einem
Hirschfänger den er an der Seite trug aber ein schärferes Auge konnte auch an
ihm eine Unvollkommenheit entdecken denn der Schnitt der Kleider wollte nicht
ganz genau zu seinem Leibe passen Der Gast aber nahm es mit seiner Musterung
nicht so streng er dachte vielmehr nur an den Gegensatz den er selbst unter
diesen wohlgekleideten Leuten bildete und verglich beschämt seinen abgeschabten
Rock der keine bestimmte Farbe mehr hatte seine nussfarbigen einst
gelbledernen Beinkleider seine schwarzen Strümpfe die noch die gute
Eigenschaft hatten dass sie nicht so oft der Wäsche bedurften und seine
zerrissenen schmutzigen Schuhe mit den wohlhäbigen Kleidern den frischen weißen
Strümpfen und den blankgewichsten Schnallenschuhen der andern
    Hierauf stellte ihm der Zigeuner den weiblichen Teil der Gesellschaft mit
den Worten vor »Das ist meine Mutter Anna Maria eine betagte Witwe die viel
erlebt und erlitten hat und das sind meine Schwestern Margareta und Katarina
die sich dir schon selbst zu empfehlen wissen werden«
    Der Gast machte einen verlegenen Kratzfuss es war ihm in seinem Leben noch
nicht begegnet dass er so förmlich einer weiblichen Gesellschaft vorgestellt
wurde Aber die Anwesenheit der beiden bildhübschen Mädchen die er vom ersten
Augenblick an unwillkürlich immer wieder hatte ansehen müssen erhöhte den
anziehenden Eindruck des Empfanges nicht wenig für ihn Sie waren wie ihre
Mutter von Kopf bis zu Fuß schwarz gekleidet und trugen während jene ein
buntes Tuch um den Kopf geschlungen hatte breitrandige Strohhüte von
geschmackvoller Form die ihnen ein freies kühnes Aussehen gaben Die ältere
sah gar nicht wie eine Zigeunerin aus sie hatte hellbraune Haare und ein
Gesicht wie Milch und Blut aus welchem ein Paar hellgraue Augen keck und lustig
hervorbljetzten über ihrer vollen Brust wogte eine silberne Kette auf und ab
und ihre Finger strotzten von Ringen Die jüngere die ihr Bruder Katarina
geheißen war ohne allen Schmuck bis auf ein brennend rotes Halstuch das der
Farbe ihres Gesichts und Halses verführerisch zu Hilfe kam denn wenn sie auch
so wenig wie ihre Schwester einer Zigeunerin gleich sah so ließ doch ihre
Färbung den zigeunerischen Ursprung verraten sie hatte dunkelbraune Haare und
ihre Haut stach von dem hellen Aussehen ihrer Schwester mächtig ab war aber
ebensoweit entfernt von jener schmutzigen Hautfarbe die ihre Mutter und ihren
Bruder unverkennbar zu Zigeunern stempelte sondern näherte sich dem reinen
Braun des Erzes so dass das Blut lebenswarm gleichsam von der Farbe des
Halstuches angelockt durch die Haut hindurchschimmerte Beide Schwestern waren
von Gestalt untadelhaft Auf den ersten Blick schien die ältere solange sie
durch ihr entgegenkommendes Lächeln bezaubern konnte die schönere zu sein bald
aber mussten einem unverdorbenen Blicke ihre Augen die sie unnötig zu erweitern
suchte zu grell erscheinen und das ewige Lächeln das ihren Mund ins Breite
zog fand ebenfalls bald seine Erklärung er war von Natur etwas zu groß und um
dies zu verbergen liebte sie die Zähne zu zeigen die freilich so blendend weiß
waren dass man ihr das Auskunftsmittel nicht verargen konnte Die Mutter war
eine alte hässliche Zigeunerin mit unheimlich blitzenden Augen einer
vorspringenden Nase die das ganze Gesicht aufwog und einem zahnlosen von
tiefen Furchen umgebenen Munde darunter Die drei ungleichen Kinder die sie
ihre Mutter nannten ein echter Zigeuner eine völlige deutsche und eine
Halbzigeunerin konnten unmöglich von einem und demselben Vater stammen
    »Es ist uns eine große Ehre den Herrn Sonnenwirt bei uns zu sehen« sagte
die Alte indem sie die Vorstellungsfeierlichkeit erwiderte »wir haben so
mächtige Dinge von Ihnen gehört dass wir uns über Ihren Besuch sehr glücklich
schätzen müssen und ich wünsche nur dass es dem Herrn Sonnenwirt bei uns recht
lang gefallen möchte«
    »Bitt Ihnen« stammelte der Gast verlegen und bescheidentlich »Ich bin
nicht Sonnenwirt Mein Vater ist immer noch auf der Wirtschaft Man hat mich in
meinem Ort eben den Sonnenwirtle geheißen wie man des Anwalts Sohn den Anwältle
heißt und wie man des Amtmanns seinen wenn der nämlich einen hätt den
Amtmändle heißen würde Weiter ists nichts«
    Alle lächelten und selbst der raue Schwamenjackel verzog den Mund ein
wenig
    »Nun sitz dich endlich Bruder Sonnenwirt« sagte der Zigeuner lachend »Wir
sind freie Leute was kümmern uns Rang und Titel in dieser einfältigen Welt
Wenns dir aber nicht genehm ist deines Vaters Titel zu führen nach dem du
freilich kein großes Verlangen verspüren wirst so wollen wir dir seinen Namen
geben Reicht dem Friedrich Schwan die Hände Mädels und das mit Respekt und
nun wieder zu unserm Geschäft«
    Die beiden Mädchen nebst der Mutter gaben dem Gast die Hände wobei die
ältere Schwester ein warmes Fingerspiel mit unterlaufen ließ die jüngere aber
sich auf einen kurzen Handschlag ohne irgendeinen Druck beschränkte Er wurde
zwischen die beiden Schönen gesetzt und die Mahlzeit nahm ihren Fortgang wobei
ein köstlicher Wein aus einem Fässchen dessen Handhabung Bettelmelcher
übernommen hatte fleißig die Runde machte Friedrich konnte dem Reiz der Speise
und des Getränkes nicht widerstehen und entschuldigte seine durch lange
Entbehrung gesteigerte Begierde mit einer auf dem Anstande durchwachten Nacht
Man sprach ihm eifrig zu und die beiden Mädchen wetteiferten ihn zu bedienen
wobei die ältere ihn durch Schnelligkeit zu gewinnen suchte die jüngere aber
ihm seltener jedoch ausgewähltere Bissen vorlegte Mit Wein versah ihn die
ältere aufs reichlichste und bald kreiste das Blut rascher durch seine Adern
die jüngere reichte ihm nur dann das Glas wenn es längere Zeit nicht an ihn
gekommen war und die ältere ihren Dienst im Schwatzen vergessen hatte Die
Mahlzeit ging in munteren Gesprächen hin die sich grossenteils auf ihn selbst
bezogen und in welchen er bald mit gröberen bald mit feineren Schmeicheleien
überhäuft wurde Selbst seine Büchse wurde gelobt und er glaubte zum erstenmal
in einer Welt zu sein die alles an ihm vortrefflich fand In diesem behaglichen
Zustande störte ihn nichts als das Benehmen der älteren Schwester Margareta das
er auf die Länge auffallend zudringlich fand sie setzte ihm mit mehr als
herausfordernden Blicken und Reden zu und wusste sich dabei auf eine Weise an ihn
anzuschmiegen die ihn zugleich abstiess und doch entzündete Dies hatte zur
Folge dass er das Feuer das sie in ihm anfachte mehr und mehr ihrer jüngeren
Schwester zuwendete die nicht bloß durch ihre Zurückhaltung gewann sondern bei
längerem Anschauen nach und nach eine Schönheit entfaltete welche das Auge zu
immer häufiger wiederholten Besuchen einlud Diese Schönheit bot weit mehr ein
Ganzes dar als die zusammengesetzten Reize ihrer buhlerischen Schwester Auch
konnte der strenge Ernst der in dem dunklen Gesichte mit der geraden
wohlgebauten Nase vorzuherrschen schien einem warmen Lächeln weichen die
festgeschlossenen Lippen konnten zu einem Scherzwort auftauen das den freien
Ton der Unterhaltung überbot und wenn ihr schwarzbraunes Auge einmal flüchtig
über den Gast hinstreifte so war es ihm als ob sie hinter diesem stillen Blick
eine Glut verberge die sie plötzlich verzehrend auflodern lassen könnte Er
sagte sich vor er wolle sie nur ein wenig auf die Probe stellen indem er
durch Margaretens freches Strohfeuer erhitzt sein Knie an das ihrige drückte
sie rückte aber leise weg und er beschloss den Versuch nicht so bald zu
wiederholen
    Der »Balo« war unter Scherzen und Erzählungen verspeist wobei die
Geschichte des Ausbruchs von Hohentwiel der einem der drei Kühnen das Leben
gekostet hatte den Hauptgegenstand bildete und das auf einem Baumstumpf
aufgelegte Fässchen war schon geneigt als der Zigeuner zum Beweise für die
Schlechtigkeit der Welt die Lebensgeschichte des neuen Freundes zu erzählen
begann und ihn dadurch zu Berichtigungen und Ergänzungen nötigte Die Mitteilung
wurde mit der lebhaftesten Teilnahme aufgenommen und selbst Schwamenjackel
bemerkte es sei scheusslich so mit einem Menschen umzugehen »Wie könnte es mir
einfallen« sagte die alte Anna Maria »meine Kinder im Heiraten beschränken zu
wollen Ich hab ihnen stets ihren Willen darin gelassen es ist ja ganz ihre
eigene Sache« Am stärksten aber verurteilte die Gesellschaft das Benehmen der
Obrigkeit die sich in Dinge gemischt habe welche sie gar nichts angehen dabei
wurde Friedrichs Standhaftigkeit mit Bewunderung hervorgehoben und das Gefühl
des erlittenen Unrechts das schon zuvor an ihm zehrte immer heftiger in ihm
angefacht bis es zuletzt ihm wie den andern feststand dass die Welt aus lauter
Spitzbuben bestehe die man mit allen Waffen zu bekämpfen berechtigt sei Die
Weigerung des Pfarrers endlich eine Trauung ohne Trinkgeld wie es
Schwamenjackel nannte vorzunehmen rief eine Empörung hervor welche von
Leuten dieses Schlages ausgesprochen einen besonderen Nachdruck erhielt und sie
selbst wiederum in den Augen des Neulings besonders wenn er ihre
gesellschaftliche Stellung mit der Amtswürde des habsüchtigen Geistlichen
verglich bedeutend heben musste Sie bekannten sich sämtlich für gute
katholische Christen und versicherten mit nicht geringem Stolze dass ihre
Konfession an solchen abschreckenden Beispielen weit ärmer sei
    »Wisst ihr das Stückchen vom Leutnant Löw und seinem Louisdor« fragte die
jüngere der beiden Zigeunermädchen und auf Verneinen der anderen erzählte sie
»Eine arme Frau mit einem Kind steht weinend an der Kirche Begegnet ihr ein Jud
und fragt warum sie weine Der Pfarrer will mein Kind nicht taufen sagt sie
weil ich die Taufgebühr nicht zahlen kann Ei sagt er da ist bald geholfen
und gibt ihr einen Sonnenlouisdor sie solle ihn dem Pfarrer bringen und sagen
eine Christenseele habe ihr aus der Not geholfen Darauf geht sie in die
Sakristei und wie die Kirche aus ist kommt sie ganz vergnügt heraus Nun wie
hats gegangen fragte der Jude der auf sie gewartet hat Das Kind sei
glücklich getauft sagte sie sie hätte freilich geglaubt der Pfarrer solle ihr
auf das Gold herausgeben was ihm nicht eingefallen sei aber dennoch hat sie
dem Juden tausendmal gedankt Gotts Wunder sagt der Leutnant Löw wenn der Pf
äff herausgegeben hält so war der Spaß freilich noch größer aber Danks wert
ists auf keinen Fall denn der Luckedor war falsch«
    Die Gesellschaft brach in ein unbändiges Gelächter aus in welchem sich
Schwamenjackels Stimme durch ein eigentümliches Grunzen unterschied
Bettelmelcher lachte dass ihm die Tränen in den Augen standen
    »Leutnant Löw« fragte der Gast als man sich müde gelacht hatte »Unter
welchem Militär gibts denn jüdische Offiziere«
    Das Gelächter brach von neuem so heftig aus dass er in der Überzeugung
ungeschickt gefragt zu haben mitlachen musste
    »Diese Art Militär« belehrte ihn der Zigeuner »ist bei Mergental zu Hause
steht aber nicht im Dienste des deutschen Ordens obwohl unter allen Ländern
dort am besten zu leben ist denn der Deutschmeister hat gelobt nie einen mit
einer Todesstrafe zu belegen und nie die Auslieferung eines Flüchtigen zu
verlangen und alle seine Untertanen vom Schulteissen bis zum Nachtwächter
haltens mit uns dort ist kein Bub und kein Mägdlein das nicht Jenisch
versteht Darum wird auch kein vernünftiger Koch um in jenem Gebiet etwas
anstellen aber es ist ein sehr günstiges Terrain um von da aus in der Umgegend
mit Unternehmungen aufzutreten Drei Leutnants haben dort Gesellschaften
gegründet mit einer Einrichtung die man sonst nirgends trifft Jeder hat
ungefähr dreißig Mann unter sich meist Juden auch Zigeuner und im Notfall
werben sie auch sonst taugliche Leute dazu Wenn ein Koch unternommen werden
soll so wird zuerst der Waldoberer ausgeschickt der die Gelegenheit
auskundschaftet und dafür seine besondere Belohnung erhält Der kauft dann etwa
einem Bauern ein paar Ochsen ab und sieht wo er das Geld hintut damit mans
wieder holen kann und weiteres dazu Dann schickt der Leutnant seine Knechte aus
und lässt seine Leute von Ort zu Ort  bei den Judenschulen trifft man sie am
sichersten  auf einen Sammelplatz zusammenbieten reicht ihnen auch bis die
Sache ausgeführt ist was oft acht Tage und darüber ansteht allen ihr
regelmässiges Taggeld nebst Unterhalt und wenn das Unternehmen gut ausfällt
noch obendrein jedem seine Portion Nach der Verteilung der Beute stellt er sie
in einen Kreis liest die Namen ab und heißt sie dann einzeln auf verschiedenen
Wegen sich fortmachen nicht trinken nicht spielen bloß bei den Juden über
Nacht bleiben und still zu Hause warten bis er sie auf einen anderen Koch
zusammenberufen werde Bei dem Unternehmen müssen sie streng Order parieren und
es wird nicht jeder angenommen sondern scharfe Auswahl gehalten Der
Jägerkasperle  du wirst ihn kennenlernen wir erwarten ihn täglich hier  der
hat einmal mitgehen wollen aber der Leutnant Löw hat ihn bei der Musterung von
oben herab angesehen und gesagt was man denn mit dem kleinen schlechten Kerl
tun wolle es seien ohnehin Leute genug da man solle ihm etwas geben und ihn
fortweisen Darauf hat ihm ein Unterbefehlshaber einen Gulden geschenkt der
Kleine ist heut noch wild darüber«
    »Das war auch nicht recht« bemerkte Bettelmelcher »denn der Jägerkasperle
ist zwar nicht groß aber ein solch rahner flüchtiger gewandter Bursch dass
ers mit dem Teufel aufnimmt freilich mehr in List als Gewalt Er lobt
besonders den Welzheimer Markt Ich freue mich sehr auf den lustigen Bürstenund
Kehrwischhändler der sich die Leute durch so hohe Preise vom Leib zu halten
versteht dass ihm gewiss niemand seinen nötigen Vorrat abnehmen wird Auch auf
sein kleines sauberes Frauele freu ich mich sie ist eine treffliche Bemutter
und wird nicht leicht eine so geschickt einen Beutel wegzustibitzen wissen«
    »Jawohl« sagte der Zigeuner »Diese Juden« fuhr er in seiner
unterbrochenen Rede fort »sind ganz verfluchte Kerls Sie haben ein Regiment
und Staat errichtet dergleichen zwischen Rhein und Donau nirgends ein ähnliches
existiert und die Sache wär wohl der Nachahmung wert Sie müssen einen
unbegreiflichen Profit davon haben denn sie zahlen nicht bloß nobel aus
sondern wenn ein Unternehmen missglückt so fallen alle Kosten auf sie allein
Und doch haben sie immer Geld genug tragen goldene Uhren gehen im feinsten
Tuch proper gekleidet und die vornehmsten Juden halten es mit ihnen Wollen
wirs nicht auch einmal probieren« setzte er lächelnd gegen den Gast hinzu
    »Da wirds für einen Anfänger nötig sein sich ein hebräisches Wörterbuch
anzuschaffen« bemerkte die alte Zigeunerin mit wohlmeinendem Tone gegen
denselben »denn das Jenische reicht bei ihnen nicht ganz aus sie mischen mehr
hebräische Wörter darunter Übrigens« wendete sie sich gegen ihren Sohn »sehe
ich nicht ein warum man den Juden in ihren Sack arbeiten soll Und wie lang
werden sies noch mit ihren Gewalttaten treiben Ich bin überhaupt nicht für
diese Art von Arbeit Diese Einbrüche machen einen großen Lärm weit umher
verderben das Terrain misslingen oft und tragen im besten Fall nicht viel ein
weil der Gewinn in zu viele Teile geht Ich lobe mir die stillen sichern
Marktunternehmungen wie sie in unserer Familie bisher gebräuchlich gewesen
sind Kennt unser Gast die Fuhre Ich denke wir dürfen ihn als einen Kochum
das heißt wenigstens als einen vertrauten Mann betrachten«
    »Ich bürge für ihn« rief der Sohn während der Gast erwiderte dass die
Fuhre ihm bis jetzt ein unbekanntes Wesen sei
    »Die Fuhre« belehrte ihn die alte Zigeunerin »ist eine zweckmässige
Kleidung für den Marktgang « »Ja sie gehört eigentlich ins Gebiet der Moden«
unterbrach Bettelmelcher lachend
    »Richtig und ist eine sehr sinnreiche Mode «
    »Für die Weiber« sagte Schwamenjackel Die jungen Leute lachten zusammen
    »Für die Weiber« fuhr die Alte geduldig fort indem sie jedoch zugleich
einen stechenden Blick nach dem Unterbrecher sendete »Ober und Unterkleid
welche sehr weit und faltig sind werden am unteren Saum rings mit einem Faden
zusammengezogen der innen auf beiden Seiten bis zu den hohlen Taschenöffnungen
heraufgeht Auf diese Weise bildet das Kleid einen großen Sack in den eine
tüchtige Schottenfellerin zwei drei Ballen von je zwanzig Ellen und mehr
nacheinander hineinpraktizieren kann ohne dass jemand eine Spur davon sieht Ist
das Gepolster zu groß so deckt mans mit dem breiten Strohhut zu Der Krämer
muss sichs gefallen lassen dass man vor seine Bude tritt und seine Waren prüft
In der Regel hütet er nur die kleineren Stücke und denkt nicht daran dass ihm so
ein großer Pack verschwinden kann Wenn er aber etwas merkt so zieht man nur
den Faden auf dass die Ware durch die Säume auf den Boden fällt hebt sie auf
als ob man sie zufällig vom Tische gestreift hätte und überreicht sie mit dem
größten Anstände von der Welt so dass er noch höflich danken muss«
    »Das Schottenfellen« bemerkte der Gast »scheint mir also bloß ein Geschäft
für die Frauenzimmer zu sein Da haben ja die Männer das Zusehen«
    »Ein rechtes Frauenzimmer wird sichs stets als ein Glück anrechnen für
ihren Geliebten arbeiten zu dürfen« sagte die ältere der beiden Schwestern
zärtlich zu ihm
    »Die Weiber sind flinker und gescheiter als die Männer« bemerkte die
jüngere stolz »Was die mit ihren plumpen Fingern bei einem Einbruch
davontragen reicht oft nicht um einen Tag zu leben während ich auf einem
guten Markt wie sie am Rhein drüben sind ein paar hundert Gulden an einem
einzigen Tag verdienen will«
    »Vom Weibsverdienst zu leben das war nicht nach meinem Geschmack«
versetzte der Gast
    »Und ich« erwiderte sie »möcht mich nicht von einem Mann erhalten lassen
Lieber will ich ihn erhalten wenn mir einer gefällt«
    »Die Männer sind nicht so müßig dabei wie man meint« sagte die Alte »Sie
haben auf dem Markt einen wichtigen Dienst zu versehen Einmal müssen sie ihren
Schottenfellerinnen die Waren in Sicherheit bringen damit diese wenn gerade
ein guter Tag ist wieder ihrer Arbeit nachgehen können Dann müssen sie den
Markt bewachen nicht bloß gegen die Fleischmänner die dort Aufsicht halten
sondern oft auch gegen Bekannte die sich einen Anteil vom Ertrag nehmen wollen
und vorgeben man habe ihnen den Markt verderbt Ein Mann hat also oft alle
Hände voll zu tun wenn der Markt glücklich ausfallen soll und einer allein ist
nicht immer Manns genug denn wenns Lärmen gibt die Fleischmänner über die
Weiber herfallen und sie gefangen nehmen wollen so müssen die Männer sie oft
mit Gefahr ihres Lebens befreien«
    »Das lässt sich eher hören« sagte der Gast
    »Ja« fiel der Zigeuner ein »da ist im Pfälzischen drüben so ein
vermaledeiter Kerl der Kastor ders mit der Kostenbärbel und ihrer Tochter
hält Der führt eine schöne Polizei auf den pfälzischen Märkten lässt die beide
Kanaillen unter seiner Aufsicht stehlen soviel sie wollen aber andern
ehrlichen Leuten die ein Geschäft machen wollen passt er um so schärfer auf und
jagt ihnen alles wieder ab nicht für das Amt sondern für seinen eigenen Sack
Auf dem Bruchsaler Markt weißt Margarete wie wir einmal miteinander dort
gewesen sind da hat er mich auf einmal mit meinem Namen angeredet und hat mir
mit Verhaftung gedroht wenn ich ihm nicht sechs Karolin gebe Unser ganzes
Vermögen bestand damals in einem Schwerttaler und einem Stückchen Wollendamast
Das hat er uns alles abgejagt und der Margarete noch obendrein ihre Haube mit
feinen Spitzen die nicht einmal vom Markt und wenigstens fünf Guldenwert war
und hat uns versprochen dass ers uns auf dem Germersheimer Markt wiedergeben
wolle wenn wir uns gut halten und ihm die Hälfte unseres dortigen Ertrages
abtreten wollen Hätt ich einen einzigen entschlossenen Mann bei mir gehabt wie
ihr drei seid da hätten dem infamen Kerl die Ohren sausen sollen«
    »Bei einem Nachtgang« bemerkte Schwamenjackel »ist doch mehr
Mannhaftigkeit und auch mehr Spaß«
    »Die Mutter meint ja nicht dass man die Branche ganz aufgeben soll Zur
Abwechslung kannst du dir immer wieder einen Spaß machen Aber recht hat sie es
kommt nicht viel dabei heraus und macht ein Aufsehen dass gleich eine ganze
Gegend davon voll ist und dass man viel Berg und Täler zwischen sich und den Ort
schieben muss Warum haben wir Geld Warum können wir herrlich und in Freuden
leben heut und alle Tage Weil wir auf den rheinischen Märkten gute Geschäfte
gemacht haben Es ist nur schade dass man nicht immerfort in der einen Gegend
bleiben kann Wenn aber vier zuverlässige Männer wie wir mit unsern Weibern
zusammenstehen dann können wir alle Märkte im schwäbischen und fränkischen
Kreis beherrschen Keiner darf uns ins Handwerk pfuschen weil die andern nicht
zusammenhalten und gehen wir nach einem festen Plan zu Werke so dass immer eine
gute Zeit verstreicht bis wir auf den nämlichen Markt zurückkommen dann können
wir ungestört fortarbeiten bis an unser seliges «
    »hänfenes Ende« ergänzte Bettelmelcher
    »Das hat keine Gefahr beim Schottenfellen am allerwenigsten« entgegnete
der Zigeuner
    »Nein nein das Projekt ist gut« versetzte Bettelmelcher
    »Wo aber die Kunden herbekommen an die man die Waren absetzen müsste«
fragte der Neuling »Den Kattun oder Damast kann man doch nicht essen oder
trinken«
    »Das lass deine geringste Sorge sein« erwiderte der Zigeuner lachend
    »In ganz Franken und Schwaben« sagte seine jüngere Schwester »gibts
Pfarrer Schulteissen Wirte und sonst honette Leute genug die bei einem
wohlfeilen Einkauf ein Auge zudrücken Alle Welt verwünscht die Krämer die auf
ihre Zunftrechte pochen mit dem hundertfachen Profit nicht zufrieden sind und
das Publikum mit ihren Sündenpreisen betrügen Wer diesen Schelmen ihren Raub
abjagt ist den Käufern so lieb wie den Bauern der Wildschütz der ihre Felder
bewahrt Und da wir einmal von einer festen Ordnung reden so meine ich man
könnte ebensogut einen planmässigen Handel einrichten feste Preise machen und
vertraute Leute zum Wiederverkauf aufstellen damit man nicht christlichen und
hebräischen Juden preisgegeben und genötigt wäre jedes Stück gleich wieder zu
verschleudern«
    »Davon hab ich eben reden wollen« versetzte die Zigeunermutter »aber meine
Christ  meine Katarine«  verbesserte sie sich »kommt mir mit ihrem schnellen
Geist zuvor Dieser Handel müsste jedoch grossenteils in Person betrieben werden
da man von den meisten Unterkäufern wie wir aus Erfahrung wissen doch nur
betrogen wird und sich nicht hinlänglich gegen sie schützen kann Ihr könnt euch
jetzt schon denken wo ich hinaus will Wir müssten mit unsern Reisen zugleich
einen wandernden Kramhandel für gemeinschaftliche Rechnung verbinden der sich
ganz offen in die Karten sehen lassen und viel ehrlicher betrieben werden müsste
als es bei den honettesten Krämern der Fall ist: überall Patente gelöst jedes
Stückchen Ware aufs pünktlichste verzollt gegen das Gesetz und das kaufende
Publikum durch und durch reell und dabei Preise die jede Konkurrenz schlagen
müssen Das können wir Es fehlt gar nichts als dass wir in der Gesellschaft ein
Mitglied haben « »Und dazu ist unser Freund Schwan wie gemacht« rief ihr Sohn
dazwischen
    »Das will ich ja gerade sagen« rief die Alte eifrig »Man darf unsern
Freund nur ansehen Wenn er Sonnenwirt wäre an seines Vaters Statt oder sonst
ein offenes Geschäft hätte oder mit einer Kramkiste umherreiste wie ja
fürnehme Krämer mit den kostbarsten Waren hausieren  wer würde einem Mann von
solch aufrichtiger Physiognomie von solch leutseligem und bescheidenem Betragen
nicht sein Vertrauen schenken«
    »Schönes Kompliment« rief Bettelmelcher lachend »Das heißt mit andern
Worten wir sehen aus wie Spitzbuben und er wie ein Biedermann«
    »Alles in seiner Art« sagte die Alte »und jeder an seinem Platz Was kann
unser Freund für sein Gesicht Er sagt er sei um sein Mütterliches gebracht
worden Oh das ist ein großer Irrtum Sein Mütterliches guckt ihm aus dem
Gesicht heraus Die meisten Menschen sehen bloß ihrem Vater ähnlich und die
Männer verhärten sich im Leben das kann nicht anders sein Wenn aber einer
etwas von seiner Mutter hat so braucht man die Frau gar nicht gekannt zu haben
man siehts auf den ersten Blick und wenn er noch so finster und grimmig
dreinschaut Ich verstehe mich auf Physiognomien Das ist ein Gesicht mit dem
es alle die sich ehrliche Leute nennen gern zu tun haben denn man merkt ihm
gleich den Deutschen und was noch mehr sagen will den Schwaben an«
    Die Augen der Alten ruhten bei diesen Worten mit einer brennenden Wärme auf
ihm als ob ihr altes Herz sich noch von jugendlichem Liebesfeuer durchglüht
fühlte Es belästigte ihn es lächerte ihn und dennoch tat es ihm wohl Erst
als ihre ältere Tochter den Ausspruch der Mutter mit tätlichen Beweisen der
Zustimmung begleiten wollte fühlte er einen wirklichen Widerwillen und rückte
von ihr weg wie die jüngere vorhin sich von ihm entfernt hatte
    »Die Mutter hat zwei Deutsche zu Männern gehabt« sagte der Zigeuner
lächelnd zu seinen Gesellen »Das verbirgt sich nicht Aber ihr Vorschlag
scheint mir gut«
    »Très bon« sagte Bettelmelcher »das Projekt ist insidiös«
    Schwamenjackel sagte nichts sondern schaute gedankenvoll durch die leere
Flasche die er sich vor die Augen hielt Die stumme Kundgebung bewog seinen
Genossen dem versäumten Schenkendienste gewissenhaft wieder obzuliegen
    »Was sagst du zu dem Antrag Bruder Schwan« wendete sich der Zigeuner an
den Gast
    »Ich rechne mir euer Zutrauen zur Ehre« antwortete dieser »aber ich weiß
nicht ob ich auf den Posten tauge«
    »Zweifel und Bedenken über deine Fähigkeit lassen wir nicht gelten da gib
dir nur gar keine Mühe« erwiderte der Zigeuner »Es fragt sich bloß ob du Lust
und Liebe hast dich zu einem gemeinsamen Geschäftsbetrieb mit uns zu verbinden
und ich denke die Antwort sollte dir nicht schwer werden Du weißt ich hab
dich schon von Hohentwiel aus mitnehmen wollen und es hat mir nicht gefallen
dass du durchaus nach Ebersbach gewollt hast Jetzt seh ichs noch viel
deutlicher ein dass dein Herumhocken in dieser Gegend zu nichts Gutem führen
kann Deine Hartnäckigkeit bringt dich gewiss noch an den Göppinger Galgen Mach
dass du in eine andere Luft kommst es ist allenthalben etwas zu verdienen Und
was ist das für eine Existenz für Leben und Sterben hier und da ein Stück
Fleisch oder Brot aus einem Haus zu holen und den Hals dabei zu riskieren oder
einem Brenner aus Malice weil er einen elenden Fusel hergegeben hat den
Brennhafen fortzuschleppen den man unterwegs liegen lassen muss Das mag wie
gesagt zur Abwechslung dann und wann recht sein wenn nicht viel dabei auf dem
Spiel steht aber für einen Mann von deinen Gaben  nimm mirs nicht übel
Schwan du weißt ich pflege offen zu reden und als dein Freund und
Kriegskamerad brauch ich kein Blatt vor den Mund zu nehmen  für einen Mann
der wie du zu etwas Besserem bestimmt ist ist es ein erbärmliches Handwerk
Ich sag dir es ist unter deiner Würde und wieviel du Seide dabei gesponnen
hast wirst du selbst am besten wissen«
    Der Gast warf einen unwillkürlichen Blick auf seine abgetragenen Kleider
der dem Redner gestand dass er ihm recht geben müsse
    »Hanf aber« fuhr dieser fort »kannst du dabei gerade so viel spinnen wie
bei den schönsten Unternehmungen die sich der Mühe und Gefahr wenigstens
verlohnen Meinst du wenn sie dich kriegen so werden sie mit ihren
lateinischen Ausdrücken die auf alles passen müssen große Unterscheidung
machen Mich wunderts nur dass sie dich nicht schon längst am Fittich haben
und es geschähe dir recht denn wie du ihnen unter der Nase herumvagierst das
ist kein Mut das ist Wahnsinn Bei uns ist ganz anders für deine Sicherheit
gesorgt Wir wissen in aller Herren Ländern jedes Plätzchen wo man sich ruhig
niederlassen kann«
    »Ist denn das zum Beispiel hier der Fall« unterbrach ihn der Gast
    »Freilich« rief der Zigeuner »Die Frage beweist wie wenig du die Welt
noch kennst Hier sitzen wir auf edelmännischem Boden und sind so sicher wie
das Kind im Mutterleib während du in deiner Unkenntnis mit ein paar Schritten
ins Württembergische taumelst wo die Leute dumm sind und die Beamten wie du
selbst erzählst sich kein Gewissen daraus machen einem seine eigenen Kinder
als Lockwürmer an die Angel zu stecken um den Fisch damit zu fangen Auch haben
wir überall unsere vertrauten Leute die uns Nachricht geben wenn etwas gegen
uns los ist Und wenn je einmal eins von uns den Fuß übertritt und in die
unrechten Hände gerät so gibt es auch Mittel und Wege ihm wieder aus der Falle
zu helfen Das alles geht dir ab solang du wie ein Irrlicht allein und auf
eigene Faust umherflackerst Und was für Ehre hast du davon dein kümmerliches
Leben immer und ewig um dein einfältiges Ebersbach herum zu fristen wo alles
schreit Der Dieb der schlechte Kerl der Sonnenwirtle ist wieder einmal
dagewesen und hat dies und das gestohlen Wenn du in unsere Gesellschaft
eintrittst so hörst du ganz andere Titel da bist du allen ein lieber werter
Freund wirst wegen deines Mutes wegen deines Verstandes wegen deiner Treue
geliebt geachtet bewundert auf den Händen getragen Du hast einmal auf einen
wunderlichen Adjutanten zu Hohentwiel das Bibelwort angewendet Es ist dem
Menschen nicht gut dass er alleine sei Das passt nicht bloß darauf dass er eine
Gehilfin haben sollte es passt auch auf das Handwerk das er treibt er muss auch
darin seinesgleichen um sich haben bei denen er Beifall und Aufmunterung
findet denn sonst ists ein Hundeleben«
    »Das ist sehr wahr« rief der Gast von dieser Bemerkung ergriffen
    »Bei uns findest du keinen Brotneid keine Unterdrückung wie in der
honetten Welt draußen Du bist uns mit deinem Kopf und Arm willkommen und wir
bedürfen deiner wie du unserer bedarfst Unsern Ertrag teilen wir ehrlich und
redlich und wenn einer vor den andern eine besondere Mühe auf sich genommen
hat so wird ihm ein verhältnismäßig größerer Anteil zuerkannt Einen Leutnant
der das Beste an sich reißt und die andern als seine Untergebenen behandelt
gibt es nicht bei uns Wer die beste Meinung geltend machen kann dessen
Anschlag wird befolgt und was gemeinsam beschlossen ist wird in strenger
Ordnung ausgeführt Außerdem aber leben wir als freie Leute auf gleichem Fuß
miteinander«
    »Und immer in Floribus« fiel Bettelmelcher ein indem er die Flasche
schwang und dem Gaste reichte
    »Leuchtet dir aber die Wahrheit deines Sprüchleins auch im anderen Punkte
ein« hob der Zigeuner wieder an »und möchtest du eine Gefährtin haben die in
deinen neuen Lebenslauf passt so hast du ohne Ziererei gesprochen zwischen
meinen Schwestern die Wahl Du wirst sie denk ich beide nicht übel gefunden
haben Eine abschlägige Antwort hast du nicht zu befürchten ich bürge dir nicht
bloß für die Freundliche sondern auch für die Trutzige die mir ein herbes
Gesicht für meine Rede macht Auch findest du nicht einmal einen Nebenbuhler
denn beide sind frei Freund Bettelmelcher aber ist versehen und schwört nicht
höher als auf seine Marianna die zärtliche Taube die auch mit uns fliegen
wird und Freund Schwamenjackel macht dir nicht die mindeste Konkurrenz Der hat
statt des Herzens eine zweite Leber oder wenns je ein Herz istso ist es für
die Weiber unzugänglich keine Schottenfellerin wird es einsacken keine
Schrendefegerin wird hineinsteigen«
    Schwamenjackel grunzte und die andern brachen in ein Gelächter aus
    »Sollten jedoch beide keine Gnade vor deinen Augen finden« setzte der
Zigeuner hinzu »so dürfen sie dir kein saures Gesicht machen wenn du eine
andere wählst Ich hab dirs ja schon früher gesagt in Bickesheim bei Rastatt
am großen Wallfahrts und Jahrmarktstage da kannst du alles beisammen finden
was zu unserer Verwandtschaft gehört und noch viel andere mehr den Hannobel
den Josephle den Tonele den Frischholz die Bebe das Suphile die Lisa den
Leopold den Baron Stihl den Buchdrucker und seine Hammelschwänzin den Peter
Paul den Jägerkasperle fast alle mit Familie und Mädels genug Da hast du eine
große Auswahl und welche dir gefällt die muss uns recht sein Ich kann dir aber
voraussagen dass dir außer meinen beiden Schwestern höchstens noch die Lisa
gefallen wird denn diese drei gelten bei Freund und Feind für die drei größten
Schönheiten zwischen Rhein und Donau Die Marianna ist die vierte und sticht
vielleicht alle drei aus aber die lässt von ihrem Herzblatt nicht Die Lisa hat
zwar einen Mann dem sie aber längst wegen seiner Schneidercourage den Laufpass
gegeben hat Er ist ein Landsmann von dir aus dem Maulbronner Oberamt gebürtig
und bei uns unter dem Namen Schneidermichel bekannt«
    »Den kenn ich von Ludwigsburg her« sagte der Gast
    »Ja sie haben ihn um etlicher Kalamitäten willen ins Zuchthaus gesteckt und
seitdem wie ich höre unter ein Grenadierbataillon gestoßen«
    Die Mädchen lachten
    »Der wird eine schöne Figur machen« sagte die jüngere
    »Er hat freilich weder das Pulver erfunden noch wird ers gern riechen«
bemerkte der Gast »Übrigens ist er sonst ein guter Kerl«
    Die ältere begann über die abwesende Lisa in der sie eine Mitbewerberin
fürchten mochte hämische Äußerungen auszustossen die aber von der jüngeren
kräftig abgewehrt wurden Dieser trat auch die Mutter bei und erklärte mit
Lebhaftigkeit die Geschmähte sei ihre Schwestertochter sie habe sie so lieb
wie ihre eigenen Kinder und wünsche sie so gut wie diese mit einem wackeren
Manne wie Herr Schwan versorgt zu wissen
    »Das ist brav sich der Abwesenden anzunehmen« sagte dieser indem er
seiner jüngeren Nachbarin auf den Nacken klopfte wobei er sich beredete dass er
die viele Freundlichkeit die ihm in Worten und Werken erzeigt werde doch auch
in irgendeiner Weise erwidern müsse Die Zigeunerin aber schien nicht mit dieser
Art der Erwiderung einverstanden zu sein sondern stieß ihn heftig zurück wozu
sie sich wohl noch mehr durch das zudringliche Betragen ihrer Schwester als
durch seine Kühnheit herausgefordert fühlen mochte
    »Hoho« rief ihr Bruder »auf einen Puff gehört ein Kuss das ist in den
Wäldern so gut wie in Städten und Dörfern Sitte und damit der Feuerteufel von
einem Weibsbild keinen Ausweg hat so schlage ich vor dass wir jungen Leute mit
diesem Gaste Bruder und Schwesterschaft trinken«
    Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall die Flasche ging in die Runde und
der Freundschaftsbund wurde von den Männern mit einem Handschlag von den beiden
Mädchen je mit einem Kusse besiegelt So feurig aber die ältere diese
Gelegenheit benutzte um ihre Wünsche kundzutun so deuchte den Gast der rasche
Kuss mit welchem die jüngere einen Augenblick seine Lippen zusammenpresste weit
inniger zu sein und ein heißer Strahl aus ihren dunkeln Augen sagte ihm dass
sie der Bezeichnung die ihr Bruder ihr soeben gegeben zu entsprechen vermöge
Doch riss sie sich gleich wieder von ihm los und setzte sich ruhig auf ihren
Platz
    »Eine solche Busse« sagte er »kann ich mir für die Sprödigkeit wohl
gefallen lassen Weil mirs aber doch scheint dass es der Jungfer schwer fallen
will dieselbe gegen mich abzulegen und weil ihr mich alle vorhin wegen meiner
Standhaftigkeit gelobt habt so will ich nur gestehen dass mein Weib zu dieser
Stunde vor dem Wald wo ich sie hinbestellt habe auf mich warten wird Mein
Weib heiß ich sie obgleich wirs mit aller Mühe nicht dahin gebracht haben
miteinander vor den Altar zu kommen Somit weiß ich auf das liebreiche
Anerbieten weiter nichts zu antworten als dieses wenns in eurer Gesellschaft
nicht vielleicht Sitte ist dass einer zwei und mehr Weiber hat wie die alten
Erzväter in der Bibel so muss ich eben danken weil ich schon versehen bin«
    Er konnte es nicht unterlassen diese Eröffnung mit einem spähenden Blick
auf seine Nachbarin zu begleiten und hatte die Genugtuung zu sehen dass sie
ihr Gesicht nicht so völlig in der Gewalt hatte um die unwillkommene
Überraschung ganz verbergen zu können
    »Das ist freilich was anderes« versetzte der Zigeuner »Bis jetzt ist die
Vielweiberei bei uns nicht im Schwang gewesen Die Männer würden sich vielleicht
gar nicht ungern dazu verstehen aber die Weiber finden sie nicht nach ihrem
Geschmack Übrigens ist es schade dass du uns nichts von der Ankunft deiner Frau
gesagt hast wir haben ja beinahe nichts mehr übrig was man ihr anbieten
könnte Da du unser Gast bist so darfst du dich nicht bemühen Freund
Bettelmelcher ist gewiss gern so galant sie abzuholen und in unsre Mitte
einzuführen«
    »Wie sieht sie denn aus damit ich nicht die Unrechte bringe« fragte dieser
neugierig lächelnd indem er sich zum Fortgehen anschickte
    Christinens Freund empfand eine seltsame Verlegenheit »Sie sieht aus wie
die Leute aus der Umgegend« sagte er nachdem er einen Augenblick vergebens
nach einer passenderen Beschreibung gerungen hatte
    »Geh nur Schelm« rief der Zigeuner lachend »Meinst du denn du werdest
einen Markt voll Weiber vor dem Walde finden  Wir müssen eben einmal die Probe
mit ihr machen wie sie sich bei uns gefällt« fuhr er fort nachdem jener sich
entfernt hatte »Wir beweisen dir eine große Rücksicht Bruder und gehen weit
von unseren gewohnten Grundsätzen ab wenn wir deine Frau in unsere Gesellschaft
aufnehmen Was die Männer betrifft so halten wirs nicht gar streng mit den
Deutschen selbst wir Zigeuner nicht die wir uns noch am meisten abzuschließen
pflegen Meine Mutter ist wie du weißt mit Deutschen verheiratet gewesen
Unsre beiden Freunde hier sind gleichfalls Deutsche wenigstens dem Aussehen
nach denn ihr Stammbaum ist ihnen selbst nicht recht bekannt Welche Aufnahme
du bei uns gefunden hast das weißt du selbst Gegen die deutschen Weiber aber
besinnen wir uns dreimal bis wir eine zulassen«
    »Aber nicht weil wir eifersüchtig sind« rief seine jüngere Schwester
trotzig dazwischen
    »Nein das sind wir nicht« stimmte die ältere mit einem spöttischen
Gelächter ein
    »Die deutschen Weiber« sagte die Alte »sind nicht zu unserem Leben erzogen
und taugen deshalb selten dazu«
    »Sie sind« ergänzte ihr Sohn einen Augenblick aus dem Tone guter Lebensart
fallend  »sie sind in der Regel dumme Hunde die zu nichts zu gebrauchen sind«
    Es rauschte im Walde und man hörte das Zirpen einer Grille das der
Zigeuner mit dem gleichen Laut beantwortete Gleich darauf erschien
Bettelmelcher eine Frau am Arme führend oder vielmehr nach sich ziehend Es war
Christine die ihm ängstlich und mit sichtbarem Misstrauen folgte Sie machte
große Augen als sie ihren Frieder zwischen den beiden Schönheiten sitzen sah
von welchen ihr Begleiter vermutlich nichts gesagt hatte Dieser rechtfertigte
das Lob das der Zigeuner ihm zuerkannt hatte er führte seine Anbefohlene mit
fratzenhafter Galanterie herbei und sagte kratzfussend indem ein leises aber
unbeschreiblich boshaftes Lächeln in seinen Mundwinkeln stand »Habe die Ehre
Madame Schwan der Gesellschaft zu präsentieren«
    Christine zog ihren Arm aus dem seinigen und trat zu ihrem Manne »Wo
steckst denn so lang« fragte sie weinerlich »Lässt mich eine geschlagene Stund
vorm Wald da warten dass ich schier am Umsinken bin«
    »Nun so setz dich« erwiderte er etwas unmutig »bist ja jetzt bei mir«
    Die jüngere Zigeunerin rückte zuvorkommend und zog Christinen zu sich
nieder so dass sie zu ihrem Manne zu sitzen kam Freilich war der Platz nach der
anderen Seite hin nicht sehr vorteilhaft für sie sofern sie die Vergleichung
mit ihrer jüngeren schöneren und reizend gekleideten Nachbarin aushalten musste
Friedrich wusste dass die Gesellschaft stille Blicke unter sich wechselte die
das Ergebnis dieser Vergleichung aussprachen Er sah die Blicke nicht aber er
fühlte sie
    Aus Rücksicht auf den neuen Gast wurde die Unterhaltung zu welcher man sich
bisher der jenischen Mischsprache untermengt mit modischen Brocken bedient
hatte nun ganz deutsch geführt wollte aber nicht recht in Gang kommen Man bot
Christinen deren schlaffe Züge Müdigkeit und Hunger verrieten von den
Überbleibseln des Essens an sie genoss einige Bissen stieß aber bald die Speise
zurück und klagte über Übelkeit Der dienstfertige Mundschenk bot ihr die
Flasche sie trank gierig fand aber den Wein zu stark lehnte sich an ihren
Mann und klagte der Kopf schwindle ihr Der Zigeuner suchte ihr eine bequeme
Lagerstelle aus breitete ein Tuch zur Unterlage für den Kopf auf den Boden und
redete ihr zu sich zur Ruhe zu legen Sie betrachtete den Pfühl mit kaum
verhehltem Widerwillen entschloss sich aber doch sich seiner zu bedienen legte
sich hin und war oder schien bald eingeschlafen
    »Du hasts also nicht zur Kopulation bringen können Bruder« fragte
Bettelmelcher als die Gesellschaft wieder vertraulich wie nach einer
überstandenen Störung beisammen saß
    »Nein« antwortete der Gast und erzählte ausführlicher als vorhin die
Geschichte seiner vergeblichen Bemühungen um den kirchlichen und hiemit zugleich
bürgerlichen Segen für sein eheliches Band
    »Dafür weiß ich Rat« sagte sein neuer Freund »wenns dir immer noch darum
zu tun ist so kann ich dir einen Pfarrer angeben der dich um Geld und gute
Worte ohne Anstand kopuliert Er ist ein Schulkamerad von mir du brauchst ihm
nur einen Gruß von mir zu sagen«
    »Wo ist er« rief der Gast voll Feuer und Flamme Das Wort hatte bei ihm
eingeschlagen wie ein Blitz und über der Aussicht auf ein Ziel dem er so lange
umsonst nachgejagt auf die Möglichkeit dem ganzen Flecken Ebersbach nebst
Pfarrer und Amtmann zum Trotz den Eid zu halten wegen dessen er einst vom
Kirchenkonvent gestraft worden war und seine Heirat zu vollziehen über dieser
Aussicht vergaß er alle Reize die ihn zum Eintritt in eine neue Welt lockten
und die unscheinbar gewordene erste Liebe verdunkelten »Wo ist der Pfarrer
Bruder« fragte er wiederholt den Freund der durch ein so nahes Verhältnis zu
einem Manne von ehrwürdiger Stellung in seinen Augen nicht wenig gestiegen war
    »Wurst wider Wurst« antwortete Bettelmelcher den der Zigeuner still
angesehen hatte mit schlauem Lächeln »Wenn du einmal der unsrige bist so hab
ich kein Geheimnis mehr vor dir«
    »Nein« rief der Zigeuner mit dem Tone der Billigkeit »man muss einem
Menschen nicht Hände und Füße binden Wir sind freie Leute und wenn er zu uns
treten will so soll es sein eigener freier Wille sein Du musst deinen Preis
annehmlicher stellen«
    »Wohlan also« sagte Bettelmelcher nach einem verstohlenen Blick auf
Christinen die wirklich schlief »wenn du uns zu der ersten größeren
Unternehmung die wir ausführen deinen Kopf und deinen Arm versprichst so
kannst du über meine Zunge verfügen Mehr verlang ich nicht«
    »Es gilt« rief der Gast aufspringend »hier ist mein Wort und meine Hand«
    Die drei andern Männer sprangen ebenfalls auf die Beine und einer nach dem
andern empfing seine dargereichte Hand zu einem kräftigen Druck
    »Und ich« rief der Zigeuner »leiste hiemit Bürgschaft für ihn dass er sein
Wort halten wird Wenn das geschehen ist« wandte er sich zu ihm »so bist du
nicht weiter gebunden und es steht ganz in deinem Belieben ob du bei uns
bleiben willst oder nicht Auch sollst du dich zu keinem Unternehmen
verpflichtet haben das nicht nach deinem Sinn wäre«
    Sie setzten sich wieder und zur Besiegelung des Gelübdes kreiste noch
einmal die Flasche mit der Neige aus dem Fässchen das nun völlig auf dem Kopfe
stand
    »Den Pfarrer von dem ich dir gesagt habe« vertraute nun Bettelmelcher dem
Gaste als er bemerkte dass dieser ihn erwartungsvoll ansah »den triffst du in
Dinkelteim bei Schwäbisch Hall«
    »Gut Ich habe mit meinem Weib morgen einen Handel in Gmünd zu machen und
von da wollen wir gleich den Stab weiter setzen Sowie ich zurückkomme steh ich
euch zu Diensten Obs ein Marktgang ist oder ein Unternehmen wo man das Fell
einsetzt und die Haar davonfliegen gilt mir gleich Nur eins beding ich mir
aus einem Unschuldigen will ich nichts zuleid tun aber gebt mir eine
Gelegenheit dass ich dieser schnöden falschen Welt mit ihrem Geiz und Hochmut
mit ihrer Unterdrückung und verlogenen Ehrbarkeit das Herz aus ihrem
eigennützigen Leib herausreissen kann  und wenns den Kopf kostet ihr sollt
mich kennenlernen«
    »Bravo Bruder Schwan« rief der Zigeuner »So denken wir auch«
    »Die Gelegenheit sollst du haben« rief Bettelmelcher »Meinst du du seist
allein unterdrückt Ich könnte jetzt so gut Pfarrer sein wie der Pfaff der dir
die Kopulation abgeschlagen hat ich hatte schon ein wenig zu studieren
angefangen da hat mich ein betrügerischer Vormund um all mein Hab und Gut
gebracht«
    »Ich hab auch noch mit einem solchen abzurechnen« rief das halbgeworbene
Mitglied der Bande
    »Was sind Bedrückungen des einzelnen gegen die Verfolgungen die mein ganzer
Stamm erfahren hat« hob die alte Zigeunerin an »Vor ein paar hundert Jahren
sind unsere Vorfahren aus fernen Landen weit im Osten durch Krieg und Not in
dieses Land gekommen wo eine blässere Sonne scheint Sie haben sich friedlich
in den Wäldern aufgehalten haben von den Leuten geheischen was sie zu ihrer
Notdurft brauchten und haben in guter Freundschaft mit ihnen gelebt Dann haben
böse Menschen Misstrauen und Hader gesät und seit mehr als hundert Jahren wird
unser Stamm verfolgt so dass keins von uns sein Haupt ruhig auf den Boden legen
kann Jedes friedliche Fortkommen ist uns abgeschnitten als ob wir nicht auch
Christen und Kinder Gottes wären die gelebt haben müssen und wir mögen unsere
Nahrung suchen wie wir wollen so sind wir dafür von Mutterleib an zum Tod
verurteilt Drei Männer hab ich nacheinander gehabt keinen lang alle drei sind
am Galgen gestorben Zwei Schwestern und ein Bruder sind den gleichen Todesweg
gegangen die dritte Schwester hat sich zu Karlsruhe im Gefängnis erhenkt denn
Freiheit ist unsere Lebensluft Von zwei Männern meiner Schwestern ist einer
durch das Schwert einer durch den Strang gestorben Ein Sohn zwei
Schwiegersöhne eine Schwieger und eine Schwestertochter sind gehenkt zehn
Männer mit mir verschwägert oder verwandt desgleichen gehenkt geköpft
gerädert auf hundertundein Jahr auf die Galeere angeschmiedet Einen Mann
einen Bruder einen Sohn und einen Tochtermann hab ich mit eigener Hand vom
Galgen geholt und unter heißen Tränen und Gebeten begraben Bei den andern hats
nicht sein mögen Und nun betrachtet mein Los und wagt noch über euer eigenes zu
klagen«
    Mit niedergebeugtem Kopfe und gramdurchfurchtem Antlitz saß sie da die
Hekuba eines geächteten Stammes Der Gast konnte kein Auge von ihr wenden wie
sie die Blicke vor sich in den Boden bohrte Weit entfernt in ihren Erlebnissen
ein abschreckendes Beispiel zu sehen fühlte er eine tiefe Teilnahme für sie und
die verwaisten Mädchen die schon so früh den versengenden Frost des Lebens
kennengelernt Freilich verschwieg sie weislich dass ihr Volk keineswegs ohne
eigene Schuld in den deutschen Landen Schutz und Gastfreundschaft verwirkt
hatte dass zwei ihrer Männer diesem Volke nicht angehört überging sie
gleichfalls mit Stillschweigen und durch welche Taten so viele der Ihrigen von
einer freilich rohen aber zum Kampfe auf Leben und Tod genötigten
Staatsgesellschaft sich ein schauerliches Ende zugezogen das schien sie gegen
ihre Erlebnisse nicht in die Waagschale zu legen
    »Lasst mich reden« rief Schwamenjackel seine Worte mit heiserer Stimme kurz
hervorstossend »Mein Vater der mich erzogen und geboren hat «
    Ungeachtet des furchtbaren Ernstes den die Unterredung angenommen kämpfte
ein unterdrücktes Lachen in der Brust der Mädchen die das Gesicht abwandten
und die Männer bissen sich auf die Lippen um ihren Gefährten nicht durch einen
unzeitigen Ausbruch zu stören
    »Mein Vater« fuhr Schwamenjackel fort »ist zu Alpirsbach auf dem
Schwarzwald gerädert worden und ich hab als ein zwölfjähriger Bube hart dabei
zusehen müssen und bin nachher ins Zuchthaus gesteckt worden In meinem ganzen
Leben vergess ichs nicht und wills auch nie vergessen Ich übe mein Gedächtnis
mit Fleiß dass es mir die Stöße des schweren mit Blei ausgefüllten Rades und
das Krachen der Glieder immer wieder als gegenwärtig vorstellen muss erst den
rechten Fuß und den linken Vorderarm dann den linken Fuß und den rechten
Vorderarm dann den rechten Schenkel und den linken Oberarm dann den linken
Schenkel und den rechten Oberarm und endlich wenn sies leidlich machen den
Gnadenstoss auf die Brust Meinem Vater ists aber nicht so gut geworden
lebendig haben sie ihn aufs Rad geflochten stundenlang ächzen und stöhnen
lassen in der greulichen Marter bis sie ihm endlich den Kopf abgeschnitten und
auf den Pfahl gesteckt haben Und dabei haben die Pfaffen immerfort in ihn
hineingeschrien und ihm ihre Kreuze unter die Nase gestoßen Das halt ich mir
tagtäglich vor damit mich kein dummes Mitleid übermannt «
    Ein entsetzlicher Schrei unterbrach ihn Alle sprangen auf und sahen sich
um Es war Christine die unruhig geschlafen und von der rauen Stimme
Schwamenjackels erweckt seine Worte noch halb gehört hatte »Mein Herz« rief
sie ihre Hände auf der Brust zusammendrückend »mein Herz Das ist ja zu
grässlich Es bringt mich um«
    »Sei ruhig Christine« rief Friedrich der selbst etwas bleich geworden
war und eilte zu ihr Sie sah ihn wild an und erholte sich erst allmählich »Es
ist ja nur von vergangenen Dingen die Rede« sprach er ihr zu »Sieh ich bin
bei dir und meine Freunde haben mir einen Pfarrer genannt der uns trauen will
Sei munter jetzt gehts endlich zur Hochzeit«
    »Hochzeit« sagte sie »ich hab gemeint es sei  von etwas anderem die
Rede Hab ich denn so schrecklich träumt«
    Er wiederholte ihr dass er gleich am nächsten Tage mit ihr zur Trauung
wandern werde Ihr Angesicht belebte und erheiterte sich nach und nach »Ists
denn wirklich wahr« sagte sie »soll ich endlich einmal mit dir vor den Altar
kommen«
    »Sieben Jahre so lang wirds jetzt sein dass wir das erstemal miteinander
vor Kirchenkonvent gewesen sind  sieben Jahre hab ich mirs um dich sauer
werden lassen müssen wie der Erzvater Jakob um die Rahel und jetzt ists
endlich gewonnen«
    »Gelt und darüber bin ich zur Lea worden« sagte sie einen scheuen Blick
um sich werfend Sie starrte die Gesellschaft an wie wenn sie sie noch nie
gesehen hätte und drängte ängstlich fort Er erklärte sich bereit mit ihr zu
gehen
    »Wir wollen jetzt auch zur Ruhe« versetzte die Alte
    »Der Hitzling ist hinab« sagte ihr Sohn gen Himmel deutend »die Glanzer
sind aufgegangen«
    »Und der Jaim ist geschwächt« setzte Bettelmelcher hinzu indem er das
Fässchen mit einem Fußtritt auf den Boden schleuderte
    Beim Abschied wurde der Gast in jenischer Sprache aufgefordert sich bald
wieder auf dieser Stelle einzufinden wo er die Gesellschaft noch eine Zeitlang
gelagert finden werde Er gab sein Wort Der Zigeuner bot ihm Kleider an da
ihre Garderobe reich versehen sei und er den kleinen Vorschuss bei Gelegenheit
wieder erstatten könne Er nahm das Anerbieten an und wurde alsbald mit einer
vollständigen Kleidung versehen die ihm für die Hochzeitsreise sehr zustatten
kam Christinen wurde nichts angeboten und er scheute sich etwas für sie
anzusprechen Bettelmelcher gab ihm noch genauere Anweisung über den Pfarrer
der ihn trauen sollte er nannte ihm seinen Namen und beschrieb ihm seine
Wohnung so genau dass er nicht fehlen konnte
    Als das Paar sich miteinander entfernt hatte blickte sich die Bande eine
Zeitlang stillschweigend an dann sagte der scheele Christianus »Er ist reif
und dir Frau Schwester gratulier ich zu der Eroberung Lass du ihn zur Hochzeit
und Kopulation gehen er hälts bei dem Bauernmensch keine acht Tage mehr aus«
    »Woher weißt du denn dass ich ihn will« fragte seine jüngere Schwester
    Er lachte
    »Was er für einen großen Kopf hat« sagte sie
    »Das Bild der Tatkraft« rief er »Verstelle dich nur nicht ich hab in
deine Augen gesehen und auch in die seinigen Du musst das Band werden das ihn
an uns fesselt«
    »Eine Messe lass ich lesen wenns gelingt und du wieder einmal versorgt
bist« sagte die Alte
    »Amen« erwiderte ihr Sohn und bekreuzte sich andächtig
    »Die Altmutter hat recht« bemerkte Bettelmelcher »er hat etwas Solides in
seinem Aussehen und könnte treffliche Geschäfte für uns machen«
    »Ich bin ihm nicht feind« versetzte der Schwamenjackel »und doch ist in
seinem Gesicht etwas das mir nicht ganz gefällt Ich weiß nicht was in dem
Mütterlichen für ein Vorzug liegen soll Was die Deutschen von ihren Müttern
haben das ist in der Regel eine butterherzige Dummheit und ich will deshalb
nur wünschen die Altmutter möge diesmal fehlgeschossen haben Habt ihrs nicht
gesehen wie er über der Beschreibung des Räderns erblasst ist«
    »Ich kenne ihn« erklärte der Zigeuner mit entschiedenem Tone »Er steht am
Graben und besinnt sich Wenn er nicht mehr rückwärts kann so springt er und
fragt nicht wie breit oder wie tief Aber aus den Augen dürfen wir ihn nicht
mehr lassen An seinem Mut ist nicht zu zweifeln er hat Mut wie der Teufel
aber auch der Mut will geübt sein«
    »Und ein tüchtiges Probestück« versetzte Bettelmelcher »müssen wir ihm
vorlegen dass die Haar davon fliegen wie er selber sagt Ich weiß nicht mehr
welcher König es war der über Meer in ein fremdes Land einfiel als er gelandet
hatte verbrannte er seine Schiffe hinter sich damit seinen Leuten das Heimweh
verging«
    »Ja auf diese Weise bringen wir ihn am besten aus der Gegend fort dann
wird er lustiger anbeissen«
    »Um den Preis will ich mich zu einer Ausnahme von meiner Regel verstehen«
sagte die Alte »Hier herum werfen die Märkte ohnehin nicht so viel ab dass ich
Lust hätte bald wiederzukommen und Sohn und Tochter zu riskieren für die hier
keine gesunde Luft ist«
    Während sie so miteinander redeten führte der Gegenstand ihrer Gespräche
Christinen nach dem Hofe wo er ihr einen Aufenthalt verschafft hatte Er wusste
sie unterwegs notdürftig über die Gesellschaft in der sie ihn getroffen zu
beruhigen was ihm diesmal leichter gelang wie die Aussicht endlich sein
rechtmässiges Weib zu werden in ihr alles andere überwog Auch ihm gab dieser
Gedanke neue Schwungkraft er konnte endlich sein Wort halten seinen Willen
durchsetzen Aber freilich um welchen Preis
 
                                       33
Querfeldein über Berg und Tal schweifend pilgerte gleich am nächsten Tage das
schon so lange verbundene und immer noch nach dem Segen der Kirche dürstende
Paar dem Kochertale zu in dessen Umgebung ihm sein Wunsch erfüllt werden
sollte Wem man aber gesagt hätte dass die beiden auf einem Brautgang begriffen
seien der würde sie verwundert angeschaut haben der Hochzeiter war wenn auch
sein Gesicht von den Mühseligkeiten des Lebens zeugte in der Blüte der
Mannesjahre und schritt im blauen Rock im rot blau und grüngestreiften
kalaminkenen Brusttuch Weste in den schwarzen Lederbeinkleidern weißen
Strümpfen und neuen Schuhen mit blanken stählernen Schnallen gar stattlich
einher während aus der verschossenen von Hause aus farblosen und ärmlichen
Bauerntracht der Hochzeiterin ein verblühtes müdes Gesicht hervorsah Bald
waren sie wieder auf dem Rückwege von Tüngental denn so schreibt sich der
Name des Ortes den der eigensinnige Volksmund in Dinkelteim verwandelt hat
gleichwie ihm umgekehrt die Residenz des deutschen Ordens welche Mergenteim
geschrieben wird zu einem Mergental geworden ist Am Abend des ersten Tages
da sie wieder in der Richtung nach der Rems wanderten kehrten sie in einem
Dorfwirtshause ein um daselbst über Nacht zu bleiben Sie waren die einzigen
Gäste in der Wirtsstube wo der Wirt ab und zuging im Kabinett saßen drei
geistliche Herren die miteinander tranken und redeten ohne ihnen
Aufmerksamkeit zu schenken Kaum hatten sie das Fleisch das ihnen der Wirt
vorgesetzt gegessen so trat ein anständiger Mann in einem braunen Anzug ein
desgleichen die Gerber trugen grüßte sie freundlich setzte sich an ihren Tisch
und verlangte gleichfalls ein Nachtquartier Christine erwiderte den Gruß
gleichgültig Friedrich aber nachdem er ihn angesehen musste den Mund zum
Lachen verziehen Der andere gab ihm einen Wink zu warten bis der Wirt die
Stube verlassen dann fragte er lachend »Nun wie ist die Kopulation
abgelaufen«
    Erst jetzt blickte ihn Christine näher an und erkannte mit Staunen einen der
Männer aus dem Walde von Wäschenbeuren Es war in der Tat Bettelmelcher
    »Ganz gut« antwortete Friedrich »aber sehr einfach Es war eine
Hauskopulation die dein Pfaff in seiner Stube vorgenommen hat er wird wohl
wissen warum und der ganze Akt bestand darin dass er uns geheißen hat wir
sollen einander die Hände darauf geben dass wir einander in Lieb und Leid nicht
verlassen wollen«
    »Nun ist das nicht genug« versetzte Bettelmelcher mit gerührter Stimme und
spitzbübischem Augenzwinkern
    »Dann hat er uns einen Kopulationsschein ausgestellt und hat ihn auf mein
Verlangen noch um ein Jahr weiter zurückdatiert so dass unsere Ehe jetzt schier
für achtjährig gilt Der tut alles was man haben will Deinen Gruß hab ich ihm
ausgerichtet Drauf hat er gelacht und gesagt So ist der Spitzbub immer noch
ungehenkt«
    Bettelmelcher lachte
    »Aber du« fuhr Friedrich fort »das ist mir ein sauberer Pfarrer den du
mir rekommandiert hast und mir kommen Bedenken ob die Handlung und der
Trauschein nur auch etwas wert sind Wir haben zuerst nach dem Pfarrhaus
gefragt aber da sind wir schön angekommen«
    »Ich hab dir ja seine Wohnung angegeben« unterbrach ihn Bettelmelcher
immer noch lachend
    »Ja freilich dann hat sichs herausgestellt dass er nicht der rechte
Pfarrer ist sondern ein abgedankter Er hat mir selber erzählt er hab nur ein
kleins Spässle gemacht und sei deswegen gleich weggeschmissen worden Nun möcht
ich doch wissen ob ein abgedankter Pfarrer auch noch kopulieren kann«
    »Willst du dich denn in Ebersbach häuslich niederlassen und dem Amt deinen
Trauschein vorzeigen« fragte Bettelmelcher spöttisch
    »Nein das just nicht«
    »Nun so gib dich zufrieden und sei froh dass dus schwarz auf weiß hast
Das Papier kann dir unter Umständen viel nutzen es kann dir statt eines Passes
dienen und wenn du dich mit deiner Frau einmal in einem fremden Lande irgendwo
setzen willst so kannst du dich damit legitimieren Meinst du denn man frage
überall so genau danach«
    »Ja wenns nur ein bissle etwas ist« bemerkte Christine die es als eine
große Genugtuung empfand endlich einmal urkundlich wie auch die Urkunde
beschaffen sein mochte verheiratet zu sein
    Friedrich beruhigte sich Sie zahlten ihre Zeche und gingen bald darauf zu
Bette
    Morgens fanden sie sich beim Frühstück wieder zusammen wie Gäste die sich
zufällig in der gemeinsamen Herberge kennengelernt haben Der hinzugekommene
Genosse machte dem Ehepaar keine Schande er sah jetzt beim Tageslicht in seinem
braun und blaumelierten Rocke sehr ehrbar und wohlhabend aus und benahm sich
äußerst gesetzt Man speiste eine Milchsuppe zu welcher der Wirt silberne
Löffel auflegte Christine schien sich bei dieser vornehmen Bewirtung behaglich
zu fühlen sie trat ihrem Manne auf den Fuß und flüsterte ihm zu »Das ist ein
kostbarer Wirt«
    Beim Fortgehen schlug Bettelmelcher den entgegengesetzten Weg ein gesellte
sich aber bald auf der Straße wieder zu ihnen »Nun muss man doch auch auf ein
Hochzeitsgeschenk für die junge Frau mit dem achtjährigen Kopulationsschein
denken« sagte er lächelnd »Was wär denn etwa nach ihrem Gusto«
    Christine lachte nicht ungeschmeichelt und erwiderte man dürfe sich
ihretwegen nicht in Unkosten stürzen Als er aber freundlich in sie drang zu
sagen ob sie in ihrem neuen Stande nicht irgend etwas wünsche versetzte sie
weniger gegen ihn als ihren Mann gewendet »E Bissle erquickt en Äderle ich
brauch nicht viel wenn ich nur ein kleins Pfännle hätt dass ich mir hier und
da etwas Warms machen könnt«
    »Das ist ein bescheidener Wunsch« erwiderte Bettelmelcher lachend »und
doch muss man wenn man sich auch nur bescheidentlich fortbringen will die Augen
offen haben und in viele Sättel gerecht sein Wer träumt und dröselt kommt
nicht weit Mit silbernen Löffeln speisen ist wohl angenehm nicht wahr Aber
das kann jeder dessen Eltern so gescheit gewesen sind ihm eine gute Erbschaft
zu hinterlassen Wer keine so gescheiten Eltern gehabt hat der muss selbst den
Verstand brauchen Ich möchte wohl wissen ob die junge Frau in dem Wirtshaus da
die Hälfte von dem bemerkt hat was zu sehen und zu beobachten gewesen ist So
ein Wirt meint wunder wie klug er seine Sachen einrichte und vergisst alles
drüber wenn er drei Pfaffen im Kabinett sitzen hat«
    »Oh ich hab auch meine Augen« sagte Christine die sich durch den Zweifel
an ihrer Beobachtungsgabe verletzt fühlte »ich habe wohl gesehen wie der Wirt
seine Löffel in ein Schublädle getan hat nachdem sie ausbraucht gewesen sind
und wie er das Geld von uns und von den drei Herren in ein Glas in dem nämlichen
Schublädle getan hat hab auch gesehen dass ein Goldstück in dem Glas gewesen
ist«
    Bettelmelcher sah sie erstaunt mit einem gewissen Ausdruck von Achtung an
»Wahrhaftig die Frau ist nicht so  träumerisch wie sie aussieht« sagte er
»sie kann noch brauchbar werden« Er schlug bald nachher einen anderen Weg ein
um wie er sagte seinen Geschäften nachzugehen
    Das Paar setzte seine Wanderung bis in den Nachmittag fort da stand ein
alter Bettler mit weißem Bart und lang herabhängenden weißen Haaren am Wege und
bat um ein Almosen »Wir haben ja selber nichts« fuhr ihn Christine
verdrießlich an während ihr Mann nach einer Kupfermünze suchte »Wenn das der
Fall ist« sagte der Bettler »so soll mirs auf eine kleine Beisteuer nicht
ankommen« Mit diesen Worten zog er unter dem Wams eine kleine Pfanne hervor und
überreichte sie ihr »Sie ist zwar nicht mehr ganz neu« sagte er »aber ein
Schelm gibts besser als ers hat«
    »Du Spitzbub« rief Friedrich lachend »diesmal hast du mich selbst
getäuscht ich hätte dich an keinem Zug erkannt nicht einmal an deinen
nichtsnutzigen Augen«
    Bettelmelcher stieß ein lustiges Gelächter aus und sprach dann eine Weile
jenisch mit ihm wobei Christine verwundert auf die fremden seltsamen Ausdrücke
hörte Hierauf entfernte sich Bettelmelcher und die beiden gingen weiter bis
sie ein einsames Wirtshaus am Saume eines Waldes erreichten wo Friedrich etwas
Essen und Trinken kommen ließ Christine hatte sich schon mehrmals über Ermüdung
beklagt Nachdem er einige jenische Worte mit dem Wirt gewechselt eröffnete er
ihr sie könne hier der Ruhe pflegen er werde die Nacht über auf dem Anstande
sein und sie den andern Morgen wieder abholen
    »Ach Frieder« sagte sie erschreckend »du gehst auf kein Hirsch aus Ich
sehs wohl du bist nicht in den besten Händen du hast dich mit dem Spitzbuben
dem Bettelmelcher in etwas eingelassen«
    »Wenn ich dir sage ich geh auf den Anstand so hast du nichts weiter zu
fragen« entgegnete er streng »Ich werd am besten wissen was ich zu tun hab«
    »Mein Herz sagt mir du hast nichts Guts vor«
    »Und wenn es auch so wär  hast du eine Glückshenne die mir goldne Eier
legt Oder kannst du mir ein Haus oder Geschäft in Ebersbach kaufen Glaubst du
der Wirt da obwohl du sicher bei ihm aufgehoben bist werde dich umsonst
beherbergen Halt mich nicht unnötig auf ich kann die Zeit nicht mit Streiten
verlieren Bleib ruhig hier bis ich wiederkomme«
    Er trank sein Glas aus und ging rasch fort
    »Frieder Frieder« rief sie ihm auf die Straße nachlaufend
    Er blieb unwillig stehen
    »Frieder« sagte sie ihm ins Ohr »wenn du etwas tun willst was dir Gott
verzeihen mög so tu doch wenigstens schwarze Strümpf an deine weiße Strümpf
machen dich sichtbar in der Nacht«
    Er lachte hieß sie ohne Sorge sein und entfernte sich auf dem Wege den sie
hergekommen waren
    Den andern Vormittag erschien er versprochenermassen wieder in dem
Wirtshause zahlte die Zeche und führte Christinen weiter »Meine Freunde haben
mir ein Hochzeitsgeschenk für dich verehrt« sagte er unterwegs und überreichte
ihr ein paar silberne Löffel nebst einem silbernen Besteck
    Sie besah die Löffel aufmerksam »Die kenn ich« rief sie »das sind die
Löffel mit denen wir gestern früh die Milchsupp gessen haben Du für das
Geschenk dank ich das ist nicht auf richtige Art in deine Händ kommen Oh
Frieder du bist bei dem Wirt zu Heseltal einbrochen«
    »Ich hab ihm das Haus mit keinem Fuß betreten« erwiderte er
    »Dann habens deine Kameraden getan« sagte sie »und die werden ihm die
Löffel nicht abkauft haben«
    »Heb mir die Sachen auf« entgegnete er mit einem Tone der jede fernere
Erörterung abschnitt »Wenn du sie nicht willst so gehören sie mir Du meinst
gleich der Teufel hole dich darüber wenn du in Ebersbach wärest so sprängest
du schon dem Amtmann zu«
    Sie nahm die Löffel und das Besteck in Verwahrung und sagte nichts mehr
Nachdem sie stillschweigend bis gegen Mittag gewandert waren sah Christine
einen Berg vor ihnen auf dessen Gipfel eine Kirche stand und nun fand sie sich
wieder in bekannter Gegend Es war der Rechberg Friedrich wandte sich demselben
zu und schlug den Weg nach der Höhe ein Sie folgte ihrem Manne ohne zu fragen
Als sie den Gipfel erstiegen hatten begaben sie sich in das der Kirche
gegenüber gelegene Pfarrhaus mit welchem von jeher zum Besten der frommen
Wanderer eine Wirtschaft verbunden war Beim Eintritt rief Christine überrascht
»Ei da sind ja « Er stieß sie in die Seite und bedeutete sie zu schweigen Um
den runden Tisch am Fenster saßen drei Mitglieder der Gesellschaft vom Walde
Bettelmelcher Schwamenjackel und die jüngere Zigeunerin welche in aller Ruhe
miteinander zehrten Der Wanderer begrüßte sie wie man Fremde grüßt mit
welchen man sich an einem einsamen Orte zusammengeführt sieht und entschuldigte
sein Weib die sich von irgendeiner Ähnlichkeit habe hinreißen lassen einen
Augenblick Bekannte in ihnen zu sehen Sie nahmen die Entschuldigung mit
gleichmütiger Höflichkeit auf erwiderten dergleichen Irrtümer kommen häufig
vor und boten den Ankommenden Platz an ihrem Tische an Dann fragte man sich
gegenseitig woher und wohin und tischte einander beliebige Auskunft darüber
auf Christine hörte sehr verdutzt auf diese Reden und konnte nicht begreifen
wie ihr Mann sich so schnell in das angenommene Betragen finden konnte Nach und
nach wurde man immer bekannter indem der Wein die fremden Herzen gegeneinander
aufzuschließen schien und als die Gesellschaft zusammen aufbrach um den
zufällig gemeinsamen Weg miteinander fortzusetzen hätte die Hauserin des
Pfarrers welche die Wirtschaft führte darauf schwören können dass hier Leute
die sich in ihrem Leben zum erstenmal gesehen auf dem freundlichen Berge recht
heiter und vertraulich miteinander geworden seien
    Sie nahmen ihren Weg über den schmalen Grat der einem Messerrücken
ähnlich vom Hohenrechberg nach dem Hohenstaufen führt Friedrich und Christine
waren die vordersten in der wandernden Gesellschaft Er zankte sie tüchtig aus
dass sie in dem Pfarrhause so unvorsichtig herausgefahren sei und gebot ihr in
Zukunft ihre Zunge besser zu hüten
    »Wie hab ich denn wissen können dass ich die Leut gar nicht kennen darf«
maulte sie »Da weiß man ja gar nicht mehr wie man sich betragen soll«
    »So sei künftig ganz still und wart bis man dich reden heißt« sagte er
zornig
    Sie verschluckte die Antwort die sie im Unmute geben wollte und schritt
immer stärker zu während er sich mit verdrossenem Gleichmut im bisherigen Gange
hielt Auf diese Weise geriet sie ohne sich umzusehen ziemlich weit voraus
Als sie eine Strecke von ihm entfernt war sah er sich von Bettelmelcher und
Schwamenjackel eingeholt
    »Was« rief Bettelmelcher »ich will nicht hoffen dass es gleich nach der
Hochzeit zu Ehedissidien kommt«
    »Das ist sehr oft der Fall« erwiderte er lachend »wenn der Pfaff einmal
die Garantie übernommen hat so meinen die Leute gewöhnlich sie brauchen für
sich selbst nichts mehr dazu zu tun Übrigens ists bei uns nicht so gefährlich
ich hab meiner Frau bloß ein wenig Behutsamkeit im Weltleben eingeschärft und
jetzt scheint sie ihren Katechismus ungestört lernen zu wollen«
    »Das wird sehr gut sein« versetzte Bettelmelcher »Soll ich ihr nicht ein
wenig dabei helfen«
    »Kann nichts schaden«
    »Dir fehlts indessen nicht an Gesellschaft« setzte jener hinzu auf die
herankommende Zigeunerin deutend welche ganz allein die Nachhut bildete Mit
diesen Worten ging er rasch seines Weges und Schwamenjackel folgte ihm so dass
Friedrich nur die Wahl hatte auf seine schöne Freundin vom Walde die den
Fingerzeig gesehen hatte zu warten oder mit sichtbarer Geflissenheit ihre
Gesellschaft zu meiden Er fand keinen Grund ihr diese Beleidigung zuzufügen
wohl aber hundert Gründe das Gegenteil zu tun
    »Komm Katarina« sagte er am Wege stehen bleibend
    »Ich heiße nicht Katarina« erwiderte sie »Christina ist mein Name«
    »Du heißt also wie meine Frau« rief er erstaunt »Warum haben dir denn die
Deinigen einen falschen Namen gegeben«
    »Um meiner Sicherheit willen« antwortete sie »Ich bin aller Länder außer
Frankreich Sachsen und Ungarn verbannt hab überall Urfehde schwören müssen
und wenn ich mich betreten ließe so ging mirs um den Hals«
    »Noch so jung und schon so viel erlebt« sagte er
    »Von Kindesbeinen an bin ich in der Welt herumgehetzt und hab früh lernen
müssen auf eigenen Füßen stehen denn meine Mutter kann mir raten aber nicht
helfen sie ist eben eine uralte Frau«
    »Wo ist sie jetzt«
    »Sie betet ein Pater und Ave Maria ums andere damit unser nächstes Vorhaben
gelingen möge«
    »Das kommt mir sonderbar vor« bemerkte er »So gut stehen wir Luteraner
nicht mit dem Himmel dass wir so frei wären ihm zuzumuten er solle uns bei 
solchen Dingen noch behilflich sein«
    »Warum denn nicht« versetzte sie ruhig »Deine honetten Spiessbürger die
Ketzer wie die katholischen Christen beten auch täglich zu Gott dass er sie in
ihrer Hantierung segnen möge und was ist ihre Hantierung Einander bestehlen
betrügen unterdrücken den guten Namen morden Geh in den Landen umher und
zähle die Leute die im wahren Sinn des Wortes ehrlich sind und also allein zu
beten berechtigt wären Du wirst keine große Tafel zum Aufschreiben brauchen«
    »Du hast recht« erwiderte er
    Sie gingen einige Zeit stumm nebeneinander während welcher er es nicht
unterlassen konnte wiederholt ihre Augen zu suchen
    »Du scheinst mir nicht recht aufgeräumt zu sein« begann sie nach einer
Weile »Es gefällt dir nicht bei uns«
    »Was das betrifft« erwiderte er mit einem mehr als freundschaftlichen
Blicke »so glaubst du wohl selbst nicht was du sagst Aber wahr ists es hat
mich verdrossen dass ich nur als Schmarotzer mitlaufen und außen Wache stehen
soll während die anderen die Gefahr auf sich nehmen Das halbe Sündigen ist mir
in Tod zuwider entweder ganz oder gar nicht Auch liegt ein Misstrauen drin ich
merks wohl man will mich nur probieren«
    Sie lächelte freundlich und zutraulich mit einem Ausdruck von Achtung den
er tief empfand »Du irrst dich« versetzte sie »Es hätte sich nicht geschickt
dich stärker in Anspruch zu nehmen wo es sich darum handelte ein Geschenk für
dich aufzutreiben Auch hast du dich ja nur zu einem einzigen Unternehmen
anheischig gemacht brauchst also das von heute nacht nicht zu rechnen Wenn du
so ehrenhaft denkst selbst Hand anlegen zu wollen statt andere für dich
arbeiten zu lassen so solls dir nicht lang an Gelegenheit fehlen«
    »Nur zu« rief er mit finsterer Entschlossenheit die Stirne faltend
    »Du scheinst mir aber doch nur mit halber Seele dabei zu sein« setzte sie
hinzu »denn du sprichst von sündigen und nimmst die Sache schrecklich
ernstaft Ich merke wohl an was du klebst Tor Die Menschen sind alle von
einem Schlag nur mit dem Unterschied dass die einen den Galgen andiktieren und
die anderen ihm davonlaufen Wenn aber Stehlen todeswürdig ist so gehört den
einen so gut wie den anderen der Strang Dass die Spitzbuben mit Haus und Hof
über die heimatlosen Spitzbuben herfallen und ihnen von jeher nichts haben
gönnen wollen das ist eben eine ungerechte Verfolgung«
    Der überlegene Ton der ihn von einem Manne abgestoßen haben würde machte
aus diesem Munde einen mächtigen Eindruck auf ihn Er fühlte sich gedemütigt und
angezogen zugleich
    »Wenn du aber der Sünde wie dus heißt ganz absagen willst« fuhr sie
lachend fort »so kann ich dir in meiner eigenen Familie ein Musterbild von
Tugend und Ehrbarkeit aufstellen Lache nicht es ist buchstäblich wahr Ich
habe noch eine zweite Schwester die sich am Tode so vieler Verwandten ein
Exempel genommen hat und sich mit ihrem Manne einem Scherenschleifer ehrlich
und redlich fortbringt Sie ist nicht besonders schön dabei etwas schmierig und
schlampig wie es auch bei ihrer armseligen Lebensart nicht anders sein kann
Wir haben zwar keinen großen Geschmack aneinander aber wenn du eine Empfehlung
willst um das Scherenschleifen zu lernen so steh ich zu Diensten«
    »Es hat wohl eine Zeit gegeben« sagte er »wo mir dieses verachtete
Handwerk gut genug gewesen wäre aber jetzt bin ich freilich dazu verdorben Du
hast keinen Begriff von was ich mich losreißen muss Du sagst selbst du seist
von Kindesbeinen an hinausgestossen gewesen und habest dich gegen die Welt wehren
müssen Aber denk dir einmal du seist der Sohn des vermöglichen Sonnenwirts in
Ebersbach der nicht zu rauben braucht weil er Geld genug hat und seist von
einer liebevollen sorgsamen Mutter die alle Tage zu dir sagt Mein Kind
fliehe die Sünde zur Frömmigkeit und Rechtschaffenheit erzogen  dann wirds
dir nicht so leicht werden den Rock völlig zu wenden und wenn du auch schon
lang eingesehen hättest dass Frömmigkeit und Rechtschaffenheit in dieser Welt
nur Lug und Trug sind Ihr unterscheidet ja selbst zwischen den Deutschen und
den  anderen«
    »Ich bin auch zur Hälfte deutsch« erwiderte sie »Mein Vater Schettinger
den die deutschen Mordhunde vor zwanzig Jahren in Weingarten umgebracht haben
ist so gut ein Deutscher gewesen wie sie und wie du«
    »Nun vielleicht ists auch eine Zeitlang nachgegangen« versetzte er
    »Du kennst deine eigenen Landsleute nicht« sagte sie »Komm ich will dir
sie zeigen Wir haben noch Zeit genug zu den anderen zu stoßen«
    Sie winkte ihm und flog zur Linken den Berg hinunter Er eilte ihr nach Als
sie im raschen Laufe unten angekommen waren sagte sie weiter eilend »Du musst
dirs aber gefallen lassen dass ich dich für meinen Mann ausgebe sonst findest
du da wo ich dich hinführe keinen Kredit«
    »Das will ich gern annehmen« rief er lustig ihr nacheilend »Du und keine
andere müsstest mein Weib sein wenn ich nicht schon eins hätte Aber flieg nicht
so damit ich mein Recht auch ausüben kann«
    »Lass das« sagte sie da er den Arm um sie zu schlingen suchte »dazu ist
jetzt keine Zeit Den Arm kannst du mir geben so damit wir wie ein Ehepaar
aussehen Verheiratete Leute sind bekanntlich nicht so zärtlich miteinander du
scheinst mir das bereits aus eigener Erfahrung zu wissen«
    Nachdem sie eine Strecke im Walde zugeschritten erreichten sie einen der
vielen dort hin und her zerstreuten Höfe Derselbe war ihm nicht unbekannt denn
er hatte ihm bei seinem Wilderersberufe mehr als einmal günstige Aufnahme
gewährt Wie erstaunte er aber über die Freudenbezeugungen mit welchen seine
Begleiterin von der ganzen Familie aufgenommen wurde Wie horchte er hoch auf
als er hier weit unverblümter denn in ihrem eigenen Kreise von dem Gewerbe
seiner neuen Freunde reden hörte Die Leute drückten ihre Freude aus seine
Begleiterin wieder verheiratet zu sehen und bestürmten sie mit Fragen ob ihr
neuer Mann auch so viel Geschick zeige als der vorige Sie prangte mit ihm und
seinen Taten und bezeigte sich so glücklich in seinem Besitz dass ihm das Herz
flammte während zugleich die letzten Reste bürgerlicher Ehrbarkeit sich in ihm
empörten ohne in dem verwandten bürgerlichen Kreise der ihn umgab eine
gleichartige Stimme zu finden Im Gegenteil sah er bald ein dass er was er
früher nie geahnt hier erst in die rechte Gaunergegend gekommen sei denn die
Frau des Hauses zählte ihm geläufig eine Menge berüchtigter Namen her die zu
verschiedenen Zeiten das Jahr über in dieser von vielen Herrschaften und
Kondominaten zerschnittenen Landschaft ihre Heimat fanden Solange er ein bloßer
Wilddieb gewesen hatte er hier kein Vertrauen gefunden jetzt erst sprach sich
der Hass gegen die Obrigkeit und gegen die von Glück und Gunst getragene
Minderzahl der Mitbürger offen vor ihm aus und seiner unbelehrten Seele drängte
sich mehr oder minder klar die Wahrnehmung auf dass das Volk so weit gekommen
sei den Druck der Herrschaften und der höheren Bürgerklassen durch Raub
Diebstahl und Diebeshehlerei zu bekämpfen Das angebliche Ehepaar verließ den
Hof ungestüm von den Leuten aufgefordert ihnen auch wieder einmal für billiges
Essen und billige Kleidung zu sorgen
    »Nun« fragte sie auf dem Rückwege
    »Es ist mir als ob neben der Welt die ich bisher gekannt habe noch eine
andere Welt herginge und als ob diese Welt die wahre wäre« antwortete er
    »Du kannst in dem Tal da« erwiderte sie »von Hof zu Hof von Ort zu Ort
hinuntergehen du triffst vertraute Leute genug lauter Deutsche und keine
Vagabunden lauter sesshafte Leute«
    Er sprach lange kein Wort Was er gehört und gesehen hatte sich ihm
offenbar tief eingeprägt und sie hütete sich wohl die stille Arbeit dieses
Eindrucks zu stören
    »Du hast also schon einen Mann gehabt« fragte er nach einem langen
Stillschweigen
    »Ich hab ihm den Laufpass gegeben« antwortete sie »weils ihm an Kopf und
Herz gefehlt hat nachher hat er sich in ungeschickte Diebereien eingelassen
die ihn an den Galgen gebracht haben Wenn mir je wieder einer gefiele so würd
ich ihn vor einem solchen Schicksal zu bewahren wissen«
    Er schwieg Die Entdeckung dass sie Witwe sei war ihm nicht sehr nach
seinem Sinn und doch musste er sich gestehen dass dieses Weib durch Schönheit
und Geisteskraft einen mächtigen Zauber auf ihn auszuüben beginne
    »So jetzt bist du aus dem Ehejoch entlassen« sagte sie als sie den Fuß
des Berges wieder erreicht hatten und flog lachend hinan da sie sah dass er
sich Mühe gab sie einzuholen
    »Mir ists nicht so eilig mit der Scheidung« rief er hinter ihr drein und
gab sich alle Mühe an ihre Seite zu kommen aber sie war immer einige Schritte
voraus
    »Und mir pressierts nicht mit dem Heiraten« rief sie als sie die Höhe
erreicht hatte lustig gegen ihn hinab und ihre Stimme spielte dabei so leicht
und ruhig als ob die Anstrengung ihren Atem gar nicht bewegt hätte aber ein
sprühender Blick aus ihren schwarzbraunen Augen strafte ihre Worte Lügen
    Mit einem heftigen Ansatz hatte er die letzte Höhe vollends erstiegen und
wurde dort von einem derben Gelächter männlicher Stimmen empfangen
Bettelmelcher und Schwamenjackel lagen auf dem Boden und erwachten soeben aus
einem Schlafe den sie sich zur Erholung von der überstandenen Nachtwache
gegönnt hatten
    »Es scheint Freund Schwan hat eine neue Hochzeitsreise gemacht« rief
Bettelmelcher
    »Und gleichfalls mit einer Christine« antwortete er lachend »aber mit
einer schwarzen«
    »So sie hat dir ihren Namen gestanden« rief Schwamenjackel »Da muss es mit
der Vertraulichkeit schon ziemlich weit gekommen sein«
    »In der Tat« sagte die Zigeunerin Christine »wir sind Mann und Weib
miteinander gewesen aber nur vor den Leuten«
    »Wo ist denn mein Weib« fragte Schwan
    »Auf und davon« antwortete Bettelmelcher »Der Eifersuchtsteufel hat sie
ergriffen Obgleich ich mein Äusserstes aufgeboten habe sie zu unterhalten hat
sie sich doch nicht fesseln lassen Sie hat mir nicht einmal bekannt wo sie zu
finden sei Ich geh dahin wo ich herkommen bin hat sie gesagt und weg war
sie Vermutlich denkt sie du werdest wissen wo du sie suchen müssest«
    »Dummes Zeug« sagte er ärgerlich
    »Neuigkeiten« rief eine bekannte Stimme von weitem und der scheele
Christianus kam den anderen wohl nicht unerwartet von der entgegengesetzten
Seite herbeigeeilt »Es hat eine Soldatenmeuterei gegeben im Lager bei
Geislingen der Herzog von Württemberg ist heut früh selbst hinaufgefahren und
hat achtzehn erschießen lassen«
    »Eine Meuterei« rief der Bürgerssohn von Ebersbach »das ist ja was
Unerhörtes im württembergischen Militär«
    »Du hast eben in den letzten Wochen nicht viel erfahren was im Land
vorgeht« sagte der Zigeuner »Es ist ja schon neulich ein Aufruhr in der
Kaserne zu Stuttgart ausgebrochen und mit Mühe gedämpft worden«
    »Was Teufels«
    »Dein Herzog« sagte die Zigeunerin »hat seine Soldaten an die Krone
Frankreich verkauft gegen den König von Preußen und nun wollen sie nicht
ziehen«
    »Ja« setzte ihr Bruder hinzu »man ist den Leuten nachts in die Häuser
eingebrochen und hat sie aus dem Bett gerissen um die Regimenter vollzumachen
aber in Stuttgart sind sie alle wieder auseinandergelaufen Darauf hat ein
General ich weiß nicht wie er heißt einen Generalpardon ausgeschrieben und
auf diesen haben sich eine Menge Ausreisser gestellt aber der Herzog ist auf die
Nachricht aus dem Feld zurückgeeilt hat den Pardon nicht gehalten und viele von
ihnen henken lassen Jetzt ist der Teufel bei Geislingen wieder losgegangen und
da hat er heut vor den Toren anderthalb Dutzend erschießen lassen Es ist ein
Schrei der Wut im Lande«
    »So hält man Wort So geht man mit den Leuten um« rief Schwamenjackel
    »Das geschieht in deinem gepriesenen Württemberg« sagte seine Führerin
    »Und uns heißt man Spitzbuben« setzte Bettelmelcher hinzu
    »Ich besorge nur die Gegend könnte für uns unsicher werden« bemerkte
Christianus »Gewiss haben sich viele Deserteurs in die Waldungen da herum
geworfen und nach diesen wird jetzt vom Militär gestreift werden«
    »Ich glaube nicht dass uns das in Verlegenheit bringen wird« versetzte
Christine »Der Herzog muss eilen sein Volk außer Lands zu bringen denn wenn er
mit ihnen liegen bleibt so laufen sie ihm wie Quecksilber davon Auf alle Fälle
ist es aber gut wenn wir auch nicht lange mehr dableiben es sind ohnehin bloß
noch ein paar Tage bis zum Schorndorfer Markt«
    »Also nur nichts aufgeschoben« sagte der Zigeuner
    »Ja ich möchte gleich über das nächste Nest da herfallen und ihnen die
Hundeseelen austreiben« rief Schwamenjackel seinen kurzen dicken Stock gegen
das an dem Bergkegel vor ihnen liegende Dorf schwingend
    »Das lass du bleiben« lachte Bettelmelcher »Das ist das Dorf Hohenstaufen
wo sie seit alter Zeit große Freiheiten haben und wie Männer zusammenstehen
Wenn du einen angreifst so hast du gleich den ganzen Schwarm auf dem Hals Das
ist in den edelmännischen Ortschaften anders dort wohnt meist Bettelvolk das
sich die Haut voll lacht wenn einem vermöglichen Nachbar ein Malheur passiert«
    »In den alten Schlössern mag man doch sicherer gewohnt haben« bemerkte der
Zigeuner nachdenklich auf die Steintrümmer blickend die den naheliegenden
Gipfel des Berges bedeckten und die Abendsonne durch ihre Risse und Lücken
scheinen ließ »Das mag wohl auch schon lang her sein Wer hat wohl vorzeiten
hier gehauset«
    Diese Frage war jedoch selbst dem gelehrten Bettelmelcher zu hoch »Ich weiß
es nicht« sagte er »vermutlich Räuber die wie es in den alten Zeiten Mode
war von ihrem Berg ins Tal hinunterspähten und die vorbeiziehenden Kaufleute
überfielen«
    »Blitz das war kein übles Geschäft« rief Schwamenjackel »da kann man auf
einen Zug einen guten Fang tun Möcht wohl auch einmal dabei sein«
    »Gelt wenn die reichen Augsburger und Ulmer auf die Frankfurter Messe
ziehen« fragte Bettelmelcher
    »Oho« lachte der Ebersbacher Bürgerssohn »Da lass dir nur die Lust
vergehen Ich habs oft mit angesehen wie die mit ihrem Geleite das Filstal
herunterziehen Von Ulm werden sie an Württemberg überliefert und von einer
stattlichen wohlbewaffneten Mannschaft in die Mitte genommen Da könntest du dir
die Zähne ausbeissen«
    »Ja ja so ist es immer« bemerkte der Zigeuner »Den großen Dieben ist
nicht beizukommen«
    »Es gibt auch mittlere« versetzte Bettelmelcher »Komm« sagte er den
neuen Freund bei der Hand nehmend und führte ihn auf die andere Seite des
Berges Die übrigen folgten und sammelten sich um sie »Du siehst das Dorf da
drunten links über Wäschenbeuren hinaus«
    »Wohl das ist Börtlingen«
    »Dort« fuhr Bettelmelcher fort »wohnt ein Schultheiß den du in dein Gebet
einschliessest sooft du über die Falschheit der Welt fluchst Er ist ein
Heuchler ein Kopfhänger ein Wucherer und das ist die beste Seite an ihm denn
er hat brav Geld Von seiner Lieblosigkeit gegen seine Nebenmenschen kann ich
selbst Zeugnis ablegen denn ich hab einmal bei ihm gebettelt was die beste
Gelegenheit zum Auskundschaften ist und bin von ihm mit dem Bescheid
weggewiesen worden ich sei ein fauler Tagdieb solle sehen dass ich was zu
arbeiten bekomme Bist du dabei wenn wir ihm heut nacht einen Besuch machen«
    »Ich halte mein Wort« erklärte Friedrich mit entschiedenem Ton die Stirn
zusammenziehend
    »Das Haus steht in den Gärten es sind nur drei Personen drin er seine
Frau und seine Magd Wenn man alert drauf losgeht so ist wohl beizukommen An
Händen fehlt es nicht für den Fall dass im Dorf Lärm entstehen sollte Wir sind
unsrer sieben Genossen und einige Vornehme darunter die du noch nicht kennst
Ich darf dir nur einen verraten das ist der Amtmann von Adelberg «
    »Was« rief der Angeworbene lustig lachend »Den Börtlingern bricht ihr
eigener Amtmann ein Das geht ja noch über den Pfarrer von Dinkelteim Geh es
wird auch wieder ein abgedankter sein«
    »Es ist der abgekommene Amtmann Hallwachs von Adelberg den man wegen eines
Rests oder so was abgesetzt hat Du wirst ihn mit eigenen Augen sehen«
    »Gleichviel ich habs einmal versprochen und bin dabei wenn auch der
Amtmann von Ebersbach selber dazu käme«
    »Um zehn Uhr heut nacht wollen wir im Walde beim Wäschenschlösschen
zusammenkommen und von dort den Zug antreten« sagte Bettelmelcher zu den
anderen »Ists euch recht«
    Alle drei riefen Ja Der scheele Christianus zog den Hut über das blinde
Auge herab und machte sich zum Aufbruch fertig »Ich will vorher noch ein wenig
schlafen« sagte er Bettelmelcher und Schwamenjackel sprachen die gleiche
Absicht aus und redeten ihrem dritten Genossen zu der Ruhe mit ihnen zu
pflegen Dieser aber erwiderte er habe noch einen Gang zu tun
    »Denk doch dran dass du die ganze Nacht aufgewesen bist« sagte die schwarze
Christine zu ihm »Gönn dir doch ein wenig Schlaf«
    Bettelmelcher witzelte über diesen Zuspruch
    »Oh ich weiß wohl wo er hingeht« rief sie
    »Die Liebe brennt heiß« sagte Bettelmelcher »aber das Feuer der Eifersucht
ist noch weit größer«
    »Ich eifersüchtig« rief sie und war mit einem Sprung verschwunden Man
hörte sie den Berg hinunter lachen
    »Um zehn Uhr stoss ich zu euch« sagte er zu den drei Männern welche hierauf
gleichfalls den Berg hinabstiegen
    Er wählte einen Fußweg der ohne das unter dem Gipfel liegende Dorf zu
berühren am Hohenstaufen hinführte und nach dem Walde hinablief Unterwegs
musste er von Zeit zu Zeit unwillkürlich stehenbleiben und nach dem Orte
hinblicken der diese Nacht der Schauplatz einer Tat sein sollte welche sich
das fühlte er wohl von allen seinen bisherigen Übertretungen stark unterschied
Das bedrohte Dorf lag von Obstbäumen umgeben wie im Schoße des Friedens
zwischen waldigen Anhöhen und der Rauch aus den Schornsteinen stieg nach dem
blauen Abendhimmel empor Es war ein Bild vertrauensvoller Ruhe die nicht
ahnte dass ein Ungewitter der grausamsten Art von Menschen gegen Menschen
entladen im Anzuge war
    Er eilte am Berge hinab durchmass rasch den Wald und befand sich mit Anbruch
der Nacht auf dem Hofe wo er die blonde Christine jetzt nicht mehr die einzige
Christine wusste An dem langen Wege den er heute ohne der Rast zu bedürfen
gemacht konnte er am besten die innere Unruhe ermessen die ihn trieb
    Man war eben im Begriff zu Bett zu gehen als er eintrat Christine war da
wie er vorausgesetzt hatte Er zahlte das schuldige Kostgeld welches mit
freundlichen Augen angenommen wurde Die Gegenwart der Familie ließ keine
vertrauliche Unterredung aufkommen Christine war heiter aber ihre Laune schien
ihmerzwungen zu sein
    »Komm mit mir« sagte er »ich bin da um dich zuholen«
    Sie entschuldigte sich mit Müdigkeit
    »Dann muss ich allein wieder fort« entgegnete er
    »Gehst zu deiner Zigeunerin« fragte sie
    »Versteht sich« antwortete er
    »Bist ein Kerle wie ein Pfund Lumpen« rief sie inihrer volkstümlichen
Scherzweise und bemühte sichzu lachen
    Die Frau vom Hofe ging gleichfalls in diesen Ton ein und neckte sie dass sie
als neuverheiratete Frau schon mit ihrem Manne eifere
    »Wenns so steht« sagte er endlich »so muss ich mich deiner doch
versichern« Unversehens hatte er ihre Mütze Halstuch und Schürze weggenommen
die sie neben sich auf die Bank gelegt Sie schrie und griff danach aber er war
schon entsprungen »Gute Nacht« rief er unter der Türe »wenn du deine Sachen
wieder willst so weißt du wo du sie finden kannst und mich dazu«
 
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»Schwan kleb an« sagte Bettelmelcher pfiffig lächelnd zu Christianus als
jener mit der schwarzen Christine den Waldversteck verließ wo die sogenannte
Gesellschaft lagerte Die Bande hatte das Lager im Walde unter dem Hohenstaufen
nicht mehr sicher gefunden und sich tiefer in die Wälder zurückgezogen
    Christianus nickte und lächelte ebenfalls
    Die beiden gingen zusammen fort während jedes gegen das andere tat als ob
es nur zufällig um diese Zeit und nach dieser Richtung aufgebrochen wäre Auch
sprachen sie lange nichts miteinander bis endlich Friedrich als es ihm schien
die Zigeunerin trachte nach einem anderen Wege abzubiegen das Stillschweigen
brach »Gelt« sagte er »dich hats erzürnt dass ich deine Schwester brav
zerpeitscht habe«
    »Bewahre« antwortete sie lachend »daran hast du ganz recht getan Du
mussts ihr aber nicht nachtragen dass sie dich bei der Verteilung betrogen hat
Weißt zuerst hat sie dich ganz haben wollen und nun ihr dies missglückt ist
hat sie sich auf andere Weise an dir schadlos zu halten gesucht Übrigens tust
du gut die Augen immer offen zu haben denn es ist nicht alles Gold was
glänzt«
    »Du auch«
    »Ich glänze ja nicht ich bin dunkel Meine Schwester glänzt aber ich bin
ihr nicht gram drum Doch muss ich immer denken dass sie gut zu dir passen würde
denn du hast ein feines weißes Gesicht wie sie«
    »Sehr verbunden Aber sie kommt mir vor wie die liebe Sonne die offenbaret
ihr Feuer bald und scheint über Gerechte und Ungerechte«
    Sie lachte »Darin sind doch die deutschen Männer alle einander gleich«
sagte sie »dass sie von einem Weib verlangen sie solle immer zu Boden schauen
wie wenn sie nicht auch von Fleisch und Blut wäre Freie Augen wollen sie keinem
Weib verstatten die wollen sie für sich allein behalten Du Narr ich kann auch
frech sein frecher vielleicht als meine Schwester«  sie gab ihm eine Probe
indem sie die Augen wie zwei Feuerströme die aus dunklem Schlunde
hervorbrechen so bohrend auf ihn warf dass es ihn fieberheiss durchzuckte 
»aber« fuhr sie fort »ich bin es nur gegen den einen der mir gefällt und
besinne mich lang bis ich so ein nichtsnutziges Mannsbild in mein Herz kommen
lasse«
    »Würdest du einem trauen der ein paar Tage nach der Hochzeit sein Weib
verlässt dir zu Gefallen«
    »Warum nicht wenn ich sehe dass sie nicht zusammen taugen und besonders
wenn die Bekanntschaft vorher sieben acht Jahr gedauert hat Länger will ich
auch nicht dass mir einer Wort halten soll denn in sieben Jahren sagt man
werde der Mensch mit Haut und Haaren neu dann ist er also ein anderer als der
der das Wort gegeben hat«
    Er lachte laut »Du wärst imstande einen bis in die Hölle zu führen« sagte
er
    »Warum nicht wenn ich ihn der Müh wert halte« erwiderte sie
    Er blieb lange stumm »Wo willst du denn eigentlich hin« fragte sie »Es
sieht ja aus als ob du wieder einmal nach Ebersbach wolltest«
    »Ich hätte wohl Lust dazu und zu fragen was die Ebersbacher von mir sagen«
    »Da würdest du viel Schönes hören Mein Weg führt übrigens nicht dorthin
ich muss dich allein ziehen lassen«
    »Nein bleib bei mir wir wollen nur ein wenig umherschweifen ich muss
Gesellschaft haben«
    »Hast ja dein Gewehr« sagte sie blieb ihm übrigens zur Seite während er
hastig längs einer Schlucht hinanstieg
    Sie waren auf einem kleinen tief im Dickicht fortlaufenden Pfade lange
gegangen als Christine in einer Vertiefung durch die derselbe führte den
Schritt anhielt und sich über die schwüle Luft beklagte Sie bog die Zweige
auseinander und ging einem Plätschern nach das sich seitwärts hören ließ Er
folgte ihr Ein Bächlein rieselte durch den Wald und bildete etwa mannshoch
über Felsen springend wenige Schritte vom Wege aber tief verborgen einen
kleinen Wasserfall aus dessen moosigem Flecken es leise weiterfloss An dieser
kühlen dunklen heimlichen Stelle ließ sich die Zigeunerin nieder und wühlte in
dem Moose unter welchem Tropfsteine hervorblinkten Er setzte sich ihr
gegenüber auf einen umgefallenen Baumstamm
    »Du bist müd deine Augen brennen vor Schlaflosigkeit« sagte sie »Zwei
Nacht hast du jetzt nicht geschlafen und den ganzen Tag nicht geruht«
    »Woher weißt du das«
    »Ich hab auf dich acht gehabt Leg dich hier schlafen hier ist Schatten und
Frische Ich will bei dir wachen dass dich niemand stört«
    »Ich kann nicht schlafen« sagte er
    Sie spritzte ihm von dem Schaume des Wassers ins Gesicht
    »Das Wasser tut mir wohl« sagte er und tauchte gleichfalls die Hand ein um
sich die Augen zu kühlen
    »In dir geht etwas vor« sagte sie
    »Wenn sich der Mensch umkehren soll wie ein Handschuh« erwiderte er »so
ist das nicht auf einmal geschehen« Er stützte den Kopf in die Hand und brütete
vor sich hin
    »Wie meinst du das« fragte sie
    Er richtete sich wieder auf »Die Habsucht von ihrem Überfluss erleichtern«
hob er nach einer Weile an »gegen harte Menschen streng auftreten dazu kann
sich der Mensch mit Leichtigkeit entschließen Aber die Leute quälen und
martern wie die Henker das geht mir wider die Natur Es sind diese Nacht bei
dem Schulteissen Dinge geschehen die mir am Herzen nagen und die ich nicht aus
dem Gedächtnis bringen kann«
    »Du redest recht schulteissenmässig« sagte sie »Möchtest du jetzt
vielleicht noch Schultheiß von Ebersbach werden«
    »Nein ich rede keinem Schulteissen das Wort aber foltern soll man ihn
nicht«
    »Hast du nicht selbst gesagt dass diese deutschen Henker das den Unsrigen
tun«
    »Ich wills ihnen lassen«
    »Was Und man solls ihnen nicht vergelten den Ungeheuern Weißt du nicht
mehr welche Reden du gegen deine Ebersbacher geführt hast Hast du nicht
gesagt dein Herz werde keine Ruhe finden bis du den ganzen Flecken
zusammenbrennen sähest den Magistrat mit Pfarrer und Amtmann an der Spitze
möchtest du hinschlachten deinen eigenen Vater nicht verschonen und den
schwangeren Weibern den Leib aufschneiden Nun die ungeborenen Kinder sind doch
gewiss unschuldiger als der Schultheiß von Börtlingen«
    Er starrte unmutig vor sich hin
    »Prahlst du mit Worten« fuhr sie fort »und schrickst recht deutsch und
feig vor einem bisschen Gequiek und Geschrei zurück Du Maulheld geh zu deiner
Ebersbacherin und lass dich mit ihr ins Zuchthaus sperren«
    Er sprang auf wie ein gereizter Tiger und seine rotumsäumten Augen
funkelten »Weibsbild« schrie er »ändere deine Zunge oder du sollst den
Maulhelden spüren bis du mürb wirst«
    Sie war ebenfalls aufgesprungen und blickte ihm fest und keck ins Gesicht
»Glaubst du dass ich dich fürchte« rief sie »Du kannst bloß drohen du bist
ein Weib«
    Mit einem Schrei der Wut stürzte er sich auf sie und suchte sie zu
ergreifen aber mit Erstaunen musste er sich bekennen dass ihm dieses Weib
gewachsen sei Sie zeigte ihm eine unerhörte Muskelkraft und dabei eine
Behendigkeit mit der sie ihm wie eine Flamme unter den Händen durchschlüpfte
dann hielt sie ihm wieder beide Hände fest dass er der äußersten Anstrengung
bedurfte um sich loszureißen und den Kampf von neuem zu beginnen wozu sie ihn
durch ein fortwährendes Hohnlachen reizte Lange hatten sie miteinander
gerungen bis er sie endlich bemeisterte und zu Boden warf dass ihr die Glieder
knackten
    »Willst du degenmässig werden« schrie er
    »Nein« antwortete sie und suchte sich wieder emporzuringen
    »Willst du mich für deinen Herrn erkennen«
    »Nein«
    »Parieren musst du« schrie er drückte sie zwischen seine Knie dass sie nach
Luft schnappte und zog das Messer Sie stöhnte aber nicht vor Angst Ihre
Augen spien Feuer ihr heißer Atem durchglühte ihm die Wange und ihre braune
Haut brannte von dem Blute das ihr die Anstrengung in Gesicht und Hals
hervorgetrieben hatte Er kämpfte bebend mit der Gewalt ihrer Schönheit aber
entschlossen setzte er ihr das Messer auf die Brust und rief »Willst du dich
unterwerfen«
    Sie sah ihn mit großen Augen ruhig an »Vor einer Minute noch wär ich
freiwillig dein gewesen« sagte sie »aber eher will ich sterben als gezwungen
einem Mann zu Willen sein«
    »Was fällt dir ein« rief er stolz sich zurückbeugend »Du traust mir zu an
was mein Herz nicht denkt«
    »Was willst du denn« fragte sie
    »Respekt sonst gar nichts« antwortete er mit seltsam strengem Tone »Du
musst versprechen dass du nie in deinem Leben mehr solche Ausdrücke wider mich
brauchen willst«
    »Wenns nichts weiter als das ist« rief sie lachend »Der Respekt ist schon
von selbst da und ich will tun was du haben willst Aber erst steck dein
Messer ein denn damit bringst du mich zu nichts ich hab im Gefängnis schon den
ersten Grad der Tortur überstanden und sie haben nichts aus mir
herausgebracht«
    Er stand auf und steckte sein Messer ein Mit wunderbarer Schnellkraft schoss
sie vom Boden auf »Ich habe meinen Meister gefunden« rief sie »so hätte
keiner von den anderen gehandelt Dafür will ich dich auch achten und ehren und
will dir leibeigen sein und mit meiner Hand dich ernähren mein Leben lang« Sie
ließ sich zu Boden umfasste seine Knie und sah zärtlich zu ihm empor
    »Horch« sagte er Ein Donnerschlag ging über ihre Häupter und rollte
langhin durch den Wald Ein zweiter folgte und schwere Tropfen klatschten über
ihnen auf die Blätter Das schattige Plätzchen war dunkel geworden das Stück
Himmel das man sehen konnte zeigte sich mit schweren schwarzen Wolken behängt
Die Stelle gab guten Schutz gegen das ausbrechende Gewitter denn dem jungen
Holzschlag drohte keine Gefahr vom Blitze der Hochwald war fern und unter
einem Felsen am Wasserfall befand sich eine leichte Vertiefung wo man vor dem
Regen geborgen sitzen konnte
    »Das musiziert drauf los« sagte er behaglich während das Gewitter mit
heftigen Schlägen sich entlud und der Regen auf den Wald niederrauschte »Hast
du Angst« fragte er als Christine sich beim grellen Lichte eines Blitzes
unwillkürlich bekreuzte
    »Nein« sagte sie »Überhaupt hab ich in meinem Leben keine Angst mehr als
vor dir und um dich«
    Sie schmiegte sich an ihn wie ein Lamm Ihre Augen suchten die seinigen und
kehrten scheu in sich zurück denn er sah unverwandt in die Höhe und seine Seele
schien sich an dem Aufruhr in der Welt umher zu laben
    Das Gewitter hatte endlich ausgetobt und der Regen hörte auf Er erhob sich
und kehrte auf den verlassenen Pfad zurück Christine schlich mit gesenktem
Kopfe traurig neben ihm her noch gestern hatte er ihr leicht zu erkennende
Beweise seiner wachsenden Zuneigung gegeben und heute war er still und kalt
gegen sie Da sie seinen Jähzorn kennengelernt hatte so wagte sie es nicht ihn
durch neuen Trotz zu reizen
    Sie waren lange nebeneinander hergegangen da getraute sie sich endlich zu
fragen »Wo gehst du denn eigentlich hin«
    »Nach meinem Weibe sehen« war die Antwort
    »Glaubst du dass sie mit dir zu uns gehen wird« fragte sie weiter
    »Ich zweifle« antwortete er »aber ich muss doch zuerst wissen wie ich mit
ihr dran bin Das muss alles ganz offen abgemacht werden«
    Sie atmete auf und es fiel ihr wie ein Stein vom Herzen denn jetzt begriff
sie sein Betragen
    »Wenn sie sich drein fügt und mitgeht« setzte er hinzu »so muss es
jedermann recht sein und ich werds nicht leiden dass man ihr etwas zuwider tut
oder sagt«
    »Ich tu ihr gewisslich nichts zuleid« versetzte sie schüchtern »Wenn sie
aber nicht will und du wirst doch auch nicht mit ihr nach Ebersbach zurück
wollen so darfst du sie nicht nackt und bloß von dir lassen«
    »Wenn sie von mir geht« sagte er »so hat sie mit ihren Kindern nichts zu
beißen und zu brechen«
    »Ich will dir für alle Fälle was sagen« wendete sie sich zutraulich zu ihm
»Ich hab ein paar hundert Gulden im Zins stehen bei einem sicheren Mann im
Fränkischen Nun will ich dir weder zu noch abreden ob sie zu uns taugt das
ist deine und ihre Sache Wenns aber wie du jetzt selbst für möglich hältst
zwischen euch zur Trennung kommt so kannst du Geld von mir haben soviel du
willst damit du sie nicht entblößt ziehen lassen musst und damit deine Kinder
nicht in Not verlassen sind«
    Sein Gesicht verwandelte sich und er blickte sie so freundlich an dass es
ihr durch das Herz ging Mit der Teilnahme an seinen Kindern welchen er nicht
Vater sein konnte hatte sie mehr als mit dem übrigen Anerbieten das auf eine
Abfindung seines Weibes hinauslief eine Saite in seinem Herzen berührt die
alsbald klang Doch sagte er nur »Davon können wir noch reden«
    Sie kamen aus dem Walde heraus und hatten freies Feld vor sich durch
welches mehrere Wege führten Da er ohne Aufenthalt vorwärts ging so legte sie
ihre Hand auf seinen Arm und fragte »Getraust du dir den Weg zu machen Ein
kleiner Bogen durch den Wald wäre besser Die Gegend ist nicht sicher und für
dich am wenigsten«
    »Bleib du zurück« sagte er »Ich gehe grad auf dem Weg hier fort nach dem
Waldsaum da drüben«
    »Wo du dich hintraust« versetzte sie »da geh ich mit Ich begleite dich
bis an den Hof und überlasse dich dort deinem Stern oder deinem Unstern«
    Sie gingen zusammen weiter Er befand sich allerdings in einer Gegend die
für ihn nicht sicher war die er sehr gut kannte Eine kurze Wanderung auf der
sich gegen den Talrand senkenden Anhöhe würde ihm sein Heimattal gezeigt haben
Er erkannte es an dem jenseitigen Höhenzuge von welchem der obere bewaldete
Teil zu sehen war Er warf einen finsteren Blick nach der Stelle wo unsichtbar
für das Auge sein Vaterort drunten lag und wandte sich zum Weitergehen als er
bemerkte dass Christine jeder Besorgnis Trotz bietend auf einer steinernen
Ruhebank Platz genommen hatte Ihre Augen flogen wie trunken ins Weite Er
folgte mit seinem Blick und sah jetzt erst den wundervollen Anblick der sich
ihnen bot Der Albgebirg in seiner ganzen Ausdehnung stieg über die niedrigeren
Höhen empor die sich vor ihm lagerten Das fliehende Gewitter hatte seine
letzten Wolken im Westen gesammelt wo die Sonne unterging Man sah sie nicht
aber durch die Wolken sendete sie nach dem Gebirge ein zauberhaftes Licht das
nach und nach die ganze Kette heimzusuchen kam Im äußersten Westen begann das
Schauspiel und Achalm und Neuffen mit ihren Mauern und Felsen glänzten auf
Dann lief das Licht am Gebirg herüber und in die tiefsten Taleinschnitte hinein
die sonst ununterscheidbar im Ganzen verschwammen so dass jetzt in ihrem
Hintergrunde die fernsten Felsen wie Diamanten blitzten und das Grün der Wälder
wie in einem warmen Rauche leuchtete Nach einigen Augenblicken sank die
beleuchtete Stelle in eine graue Masse mit dem übrigen Gebirge zurück während
der wunderbare Strahl immer weiter wanderte bis er endlich im letzten Osten der
Bergkette erlosch Nun aber spiegelte sich hinter dem Staufen und Rechberg das
Dunstbild der unsichtbaren Leuchte von welcher der Zauberschein herkam so dass
dort in einem dichten Purpurrauche eine zweite Sonne auf und unterzugehen
schien
    Er wusste nicht ob er wachte oder träumte die Welt war ihm neu und er
glaubte sie obgleich kaum eine Stunde von seinem Geburtsorte entfernt zum
erstenmal zu sehen Er heftete den Blick wieder auf seine Genossin durch deren
Augen er dieses Liebesspiel der Sonne mit einem Fleck der Erde den er seine
Heimat nannte erschaut hatte und siehe auch sie hatte der Lichtstrahl in
seinen blendenden Bereich gezogen Er hing bewundernd an ihrem Anblick da
kehrte sie ihm das braune in rötlichem Schimmer strahlende Antlitz zu und rief
»Du bist ja ganz von Glanz umflossen«
    »Auch ich« fragte er verwundert
    »Wir sind bei der Frau Sonne zu Gaste« sagte sie »wir Kinder des Waldes
haben darin viel vor den anderen Menschen voraus Aber komm es muss nun einmal
sein«
    Sie gingen dem gegenüberliegenden Walde zu und verfolgten einen durch
denselben gehenden Weg bis sie in der Nähe des Hofes angelangt waren wo er die
blonde Christine untergebracht hatte
    »Hier scheiden sich unsere Wege« sagte die schwarze Christine »Und nun hör
noch eins Ich weiß dass du mich lieb hast und dein Herz schwer von mir
losreißen wirst deshalb will ich dich nicht an mich locken wie ich wohl
könnte Aber dein Herz wird dir selbst sagen wie es um uns steht In ihr hast
du nur dich selbst geliebt deinen eigenen Willen in ihr hast du nur dir selbst
Wort gehalten In mir liebst du etwas anderes«
    »Ja den Teufel« murmelte er »Und doch bist du mir soeben wie ein Engel
des Lichtes erschienen«
    »Nenns wie du willst Wenn du sie zu uns mitbringst so wirst du bald
sehen dass du auf mich vor allen bauen kannst Folgt sie dir nicht in das neue
Leben dessen Türe du wie dir selbst bewusst sein wird unwiderruflich
aufgestoßen hast folgt sie dir nicht wie das Weib dem Manne folgen soll und
du gibst deinem Herzen Gehör  wohlan du weißt genug und ich habe mich schon zu
viel angeboten Unsere Tage hier sind gezählt Wenn du willst kannst du uns
finden«
    Sie grüßte leicht mit der Hand und war im Wald verschwunden
 
                                       35
Christine war nicht da Sie sei diesen Nachmittag fortgegangen hörte er von
ihrer Wirtin und habe gesagt sie müsse nach ihrem Manne sehen und ihre
Kleidungsstücke holen Sie habe vorher eine Zeitlang in der Bibel gelesen und
sei dann auf einmal aufgebrochen Er setzte sich verdrossen vor das noch
aufgeschlagene Buch und las mühselig in der Dämmerung »Ich suchte des Nachts in
meinem Bette den meine Seele liebt ich suchte aber ich fand ihn nicht« Es
war das hohe Lied das in dunkler aber zündender Sprache von zwei verbundenen
Herzen die sich suchen und wiederfinden erzählt Obgleich die von der Kirche
hinzugefügten Überschriften diesem berauschenden Klag und Jubelliede eine ganz
andere Auslegung gaben so schienen doch seine Flammenworte Christinens Herz in
der Einsamkeit ergriffen und mit jenem Weh angefüllt zu haben von welchem das
Lied selbst sagt »Liebe ist stark wie der Tod und Eifer ist fest wie die
Hölle ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn dass auch viel Wasser
nicht mögen die Liebe auslöschen noch die Ströme sie ersäufen« Er schlug
unruhig die wohlbekannten zwei Blätter hin und her die auch für ihn so manches
Wort enthielten und das Herz klopfte ihm als die Stelle vor seine Augen trat
wo es heißt »Ich bin schwarz aber gar lieblich ihr Töchter Jerusalems seht
mich nicht an dass ich so schwarz bin denn die Sonne hat mich so verbrannt«
    Er legte das Buch wieder hin und ging um sein Weib aufzusuchen Er war in
dem schon nächtlich dunklen Walde noch nicht weit gegangen als er eine
weibliche Gestalt gegen sich kommen sah die bei seinem Anblick zaudernd
stehenblieb Er erkannte sie erst als er sich ihr bis auf wenige Schritte
genähert hatte Es war die blonde Christine die ihn vergebens im Walde gesucht
hatte und nun auf der Rückkehr begriffen war Sie befand sich aber in einer
Laune die nicht nach den Würzgärten Salomos schmeckte »Deine Zigeunerin hat
mir schon gesagt wo du seist« warf sie mürrisch hin »sie ist mir begegnet«
    »Sie wird dir gesagt haben dass ich dich hab besuchen wollen«
    »Lässt mich den halben Tag um dich rumlaufen«
    »Nun jetzt hast mich ja«
    »Bist mit deiner Zigeunerin rumzogen«
    »Ja«
    »Gib mir nur mein Halstüchle mein Müffle und mein Schurz wieder Ich
brauchs«
    Gereizt durch ihren zänkischen Ton öffnete er den Büchsenranzen und gab ihr
die gepfändeten Gegenstände zurück »Ich hab dir auch einen getüpfelten Schurz
mitgebracht« setzte er verdrießlich hinzu »wenn du aber so widerwärtig bist
ist nichts mit dir anzufangen Da«
    »Ich brauch ihn nicht« sagte sie trutzig
    »Nein du musst ihn nehmen« rief er »Man kann ja nirgends mit dir hin in
deinem schwarzen leinenen Schurz wo du hinkommst sehen dich die Leut für ein
Bauernmensch an«
    »Ich bin dir in meinen Kleidern lang gut genug gewesen« sagte sie und zog
die Hand zurück
    Er warf ihr das Geschenk über die Schulter
    »Ich will nichts von deinen gestohlenen Sachen haben« rief sie und warf es
zu Boden
    »Wart ich will dir so unartig sein« rief er zornig und hob die Hand gegen
sie auf »Ich sollt dich nur «
    »Schlag mich nur in dem Zustand in dem ich bin« rief sie in Weinen
ausbrechend »Die Liebe ist dir ja doch vergangen Lass du mich heim ich kann
schaffen und dienen ich hab nicht nötig gestohlen Brot zu essen Geh du wo
dich dein Herz hinzieht zu deinem Zigeunermensch«
    »Wenn du mirs so machst« erwiderte er »so kann mir die Wahl nicht weh
tun Aber bis jetzt hast du keinen Grund zur Eifersucht das kann ich dir
schwören Übrigens ist die Zigeunerin christlicher gesinnt als du Sie sagt
wenn du mit mir zu ihnen übertretest so wolle sie dich wie eine Schwester
halten und nur wenn du durchaus nicht mit mir gehen wollest und nach Haus
begehrest wolle sie mir Geld für dich geben damit du nicht Not leiden
müssest«
    »Ich will kein Geld von ihr um mich abfinden zu lassen« sagte sie heftig
»ich will mich und meine Kinder von meiner Hände Arbeit ernähren«
    »So schimpf wenigstens nicht über sie denn sie tut nichts um dich zu
verdrängen und meints ehrlich mit dir Dass es aber zwischen uns endlich zu
einer Entscheidung kommen muss das wirst du selbst einsehen«
    Während dieses unfreundlichen Wortwechsels ging Christine ohne Aufenthalt
immer vorwärts und er folgte ihr
    »Bist du heut nacht mit dabei gewesen in Börtlingen« fragte sie nach einer
Weile
    »Woher weißt du was von Börtlingen«
    »Heut früh schon hat mans auf dem Hof gehört es sind Leut dort
vorbeikommen und heut nachmittag sind mir Leut im Wald begegnet denn wenn ich
allein bin so brauch ich mich nicht zu fürchten und kann die Strass gehen In
der ganzen Gegend ist ein Geschrei eine Räuberbande sei bei lichtem hellem
Mondschein zu Börtlingen eingefallen und der Sonnenwirtle sei ihr Hauptmann
gewesen und hab die Leut schwer misshandelt und den Schulteissen am Feuer
geröstet«
    »Und gefressen wie einen Schöps« setzte er lachend hinzu »So arg ists
nicht«
    »Also in der Hauptsach ists wahr«
    »Dir leugn ichs nicht« antwortete er
    Sie waren bei diesen Worten wieder in der Nähe des Hofes angekommen »Wart
ein wenig« sagte sie »ich will nur geschwind meine Sachen holen denn ich muss
eilen wenn ich noch nach Ebersbach kommen will vors ganz Nacht wird
Begleiten wirst mich wenigstens zu guter Letzt noch ein bissle«
    »Ist dirs Ernst« fragte er düster
    »Ich weiß mir kein andern Weg«
    »Ich lass dich nicht« rief er und seine Stimme verriet dass es in ihm zu
kochen begann
    »Wir können ja unterwegs streiten wenn du streiten willst« erwiderte sie
und ging hinein Nach kurzer Frist kam sie mit ihrem kleinen Bündel zurück und
sagte »Da drinnen meinen sie auch es sei das best für mich ich geh wieder
heim Sie sind arg betrübt dass der Christle heut abend ins Ottenbacher Tal
nüber ist um deine Kameraden aufzusuchen«
    »Das ist das rechte Klima« versetzte er »Wenn er sie nicht antrifft so
kann er sie dort jedenfalls erfragen Was willst du aber machen wenn dich deine
Mutter nicht behält wie sie schon einmal getan hat«
    »Dann probier ichs wieder mit der Schulmeisterin zu Denzlingen oder auch
wenn alle Sträng brechen mit meiner Zuchtausaufseherin Es ist hohe Zeit für
mich dass ich wieder in ein anders Leben komm«
    Sie schritt unaufhaltsam dahin so dass er wohl oder übel mitgehen musste
»Wie ists denn in Börtlingen gangen« fragte sie
    »Wir sind sieben Mann stark mit der Margarete dem Schulteissen ins Haus
gedrungen Einer der eine dunkle Kappe mit Augenöffnungen über das Gesicht
gezogen hatte ist unser Anführer gewesen sie sagen es sei der abgedankte
Amtmann von Adelberg Es war noch ein zweiter Unbekannter dabei in einem
schwarzen Kamisol und weißen Zwilchkittel mit ganz schwarzgefärbtem Gesicht
Der mit der Kappe ist dem Melcher auf die Achsel und durch einen Laden
eingestiegen und hat uns die Haustür aufgemacht und davor Wache gehalten Wir
sind hinein haben bei fünfzehn Wachslichter teils unten und oben an die Wand
geklebt teils in der Hand gehalten«
    »Und mit den Lichtern habt ihr den Schulteissen brennt«
    »Ich hab ihm weiter nichts getan als ihn binden helfen hab ihn am Hals und
um den Leib hart gehalten einen alten Heuchler geheißen und angeschrien er
solle gestehen wo er sein Geld habe oder er müsse sterben Zugleich ist die
Magd in ihrem Schrecken nackend die Stege herunterkommen der Christianus hat
ihr die Zöpfe abgeschnitten die Hände und Füße damit zusammengebunden und sie
in der Frau Bett geworfen weil sie geklagt hat es friere sie so Denn die Frau
ist auf dem Boden gelegen der Melcher hat ein Deckbett über sie geworfen Die
Magd hat gewimmert hier stehe der Kupferhafs sie sei ein armer Wais man solle
ihr nichts tun Zugleich hat der Schultheiß gesagt es sei Geld genug in der
Kammer drin Die anderen aber haben aus der Kammer gerufen Wir haben das Möges
schon nämlich das Geld Auf einmal hat die Margarete die vielleicht Leute auf
der Gasse gehört Gaif Gaif gerufen und hat mir zugeschrien ich solle
hinunter und Feuer auf sie geben Darauf hab ich unter dem Haus mit dem in der
Kappe Wache gehalten und mich an nichts mehr beteiligt«
    »Dann haben die anderen den Schulteissen misshandelt«
    »Ja« erzählte er zögernd »sie haben noch mehr Geld gewollt und deshalb
Torturen angewendet Der Jägerkasperle der dabei war hat die Frau an den
Augenbrauen geritzt und der Schwamenjackel der wüste Kerl hat den
Schulteissen geschlagen und mit einer am Licht glühend gemachten Nadel unter dem
Nagel in den Daumen gestochen«
    »Jesus Jesus« schrie Christine »Das ist ja schrecklich«
    »Sie haben aber nichts mehr von ihm bekommen als den Nachtmahlskelch nebst
Zubehör Er hat alles andere richtig angegeben und nur diese Sachen hat er
verheimlichen wollen weil sie seiner Gemeinde gehören«
    »Wie ists denn bekannt worden dass du dabei gewesen bist« fragte sie
»Hättest du dich nicht auch vermummen können«
    »Der Bettelmelcher« erwiderte er »hat immerfort geschrien Kennt ihr mich
Ich bin der Sonnenwirtle«
    »Die Spitzbuben« rief sie empört »damit haben sie dich absichtlich
neinreiten wollen Und ich steh dafür den gefährlichsten Teil vom Raub den
Kelch haben sie sicherlich dir geben«
    »Dass sie alle Mittel anwenden um mich völlig in ihre Gesellschaft zu
ziehen ist natürlich« erwiderte er »Ich kann ihnen das nicht einmal
übelnehmen Und was bleibt mir sonst übrig«
    In diesem Augenblicke kamen sie aus dem Walde auf das freie Feld heraus das
noch vom letzten Tageslicht erhellt war Sie sah ihm schmerzlich und schüchtern
in das Gesicht dessen starre Züge eine finstere Ergebung verkündigten »Mir
gräuselts vor dir« sagte sie
    »Du hasts nötig so zu reden« rief er wild »Wer hat sich denn Essen und
Trinken und Kleider von mir bringen und das Kostgeld für sich bezahlen lassen
Wer hat vom Melcher ein Pfännle verlangt Hast du geglaubt der Bettelmelcher
werde es kaufen Und wer hat diesem Dieb und Räuber von Profession die
Gelegenheit in Heseltal beschrieben und ihm angegeben wo der Wirt sein Geld
hingetan hat«
    »Ach Gott« rief sie weinend »du hast freilich recht Ich sag ja es sei
hohe Zeit für mich in ein anders Leben zu kommen Da siehst wie man in der
Gesellschaft wird Sie lachen ein so spöttisch aus und stellen ein so
miserabel hin dass mans nicht aushält und ihnen vor lauter Ärger zeigen muss
dass man auch Augen im Kopf hat so gut wie sie Ich glaub wenn ich bei ihnen
wär ich tät bald mit ihnen wetteifern nur nicht in Börtlinger Geschichten
denn so viel wird dir dein eigenes Herz sagen dass das etwas ganz anders ist
als alles was du früher getan hast Die Leut sagen schon lang von dir du
habest einen Bund mit dem Teufel Ich habs nie glaubt auch müsst er nicht
besonders spendabel sein wenns wahr wär Aber bei so Unmenschen musst du dem
Teufel verfallen«
    »Ich hab nur mitgetan weil mich ein gegebenes Wort gebunden hat« erwiderte
er »Ich tus nicht mehr Es gibt andere Mittel und Wege«
    Sie waren an der Ruhebank angekommen Sosehr Christine eilte so erklärte
sie doch sie müsse ein wenig sitzen denn die Knie zittern ihr vor Müdigkeit
und Bekümmernis Nun saß sie an derselben Stelle wo kurz zuvor ihre
Namensschwester gesessen Welch ein ganz anderes Bild bot sich ihm jetzt in den
grauen Schatten des Abends dar Die Waage musste zuungunsten des armen bleichen
vor der Zeit alternden Weibes hoch emporsteigen wenn er sie mit jenem von
Schönheit und Jugend strahlenden Geschöpfe der Wüste verglich
    Er fühlte dies und kämpfte dagegen an Er wollte dem Weibe seiner Jugend
Wort halten und wenn er die Unmöglichkeit selbst überwinden müsste
Leidenschaftlich rang er mit ihrem Entschlusse bat drohte tobte fluchte Sie
blieb fest »Du kannst mich erschießen« sagte sie »aber ich tus meinem
rechtschaffenen Vater unter dem Boden nicht zuleid dass ich zu dem Gesindel
ging«
    »Du weißt« sagte er grollend »dass mir die Welt nach allen anderen Seiten
hin verbaut ist und jetzt auf dem einzigen Wege den ich noch gehen kann
willst du mich verlassen Ist das deine Liebe zu mir«
    Sie fiel ihm laut weinend um den Hals und zog ihn auf die Steinbank zu sich
nieder »O Frieder« rief sie »ich hab dich liebgehabt wie kein Menschen sonst
in der Welt und hab dich heut noch lieb Sieh ich weiß wohl ich bin dein
Unglück gewesen von Anfang an Wenn ich nicht gewesen wär so wärst nie auf die
Weg kommen Aber deine Liebe und Treue zu mir hat dich ins Verderben geführt
immer tiefer und tiefer Wenn ich dirs damit lohnen könnt dass ich für dich
stürb o wie gern Aber mut mir nicht zu dass ich mit dir in die Welt gehen
soll tus um deinetwillen nicht Du kannst mich nicht brauchen ich wär auch da
eine Sperrkette für dich wie ichs immer gewesen bin und da noch weit mehr Da
wärs bald so weit dass du mich verstoßen müsstest und die andere nehmen die zu
so Sachen mehr Schick hat als ich«
    »Nie« rief er »Wenn du bei mir bleibst so sollst du sehen dass mir keine
andere an die Seite kommt Aber das erklär ich dir offen wenn du von mir
abfällst so schlag ich mich zu der anderen Christine denn sie heißt wie du und
hat mich lieber als du«
    »Tus nicht Frieder tus nicht« rief sie ihn umklammernd »Ich säh dich
ebensogut in der Hand deiner Stiefmutter Ich will nicht sagen sie meins nicht
in ihrer Art gut mit dir aber wohin wirst du an ihrer Hand geraten Sieh wenn
du ein Schritt hundert oder zweihundert von der Bank da vorgehst so siehst so
weit ins Tal dass du den Ebersbacher Galgen ins Aug fassen kannst Wie lang
meinst du denn dass dus auf die Art treiben könnest Eins zwei drei Jahr
wenns hoch kommt und dann nimmts ein schrecklichs End Oh Frieder Frieder
dass ich das voraussehen muss Gibts denn gar sonst kein Ausweg mehr für dich«
    Sie fasste seinen Kopf mit beiden Händen und küsste ihn unter fortwährendem
Schluchzen das ihr die Brust zu zersprengen drohte so inbrünstig wie er nie
einen Kuss von ihr empfangen zu haben glaubte und ihre Tränen brannten auf
seinen Wangen Er war erschüttert »Könnt ich einen finden« sagte er »ich
täts dir zulieb« Er starrte gegen das Gebirge hin das jetzt nur noch als eine
graue Linie zu erkennen war »Versuchs einmal« sagte er endlich den
Büchsenranzen neben sie auf die Bank legend »ob du nicht die Sachen da drin
verkaufen und mir einen Lehrbrief dafür anschaffen kannst mit dem ich mich
ausweisen könnte Wenn ich unter eine Armee ginge so wäre vielleicht in
etlichen Jahren manches vergessen «
    »Drauf Drauf« schrie es hinter ihnen Sie fuhren auf und sahen sich von
Streifmannschaft umringt welche aus dem Walde hervorgebrochen war und rechts
und links auf sie eindrang »Halt dich fest zu mir« rief er hatte im Nu die
schwächste Seite der Angreifer die ihm nach dem Walde zu entkommen erlaubte
ausgespäht und warf sich mit angeschlagenem Gewehr ihnen entgegen Sie wichen
erschrocken auseinander und er stürzte mitten hindurch Ein paar Schüsse
knallten hinter ihm die er verlachte Als er aber den Schutz des Waldes
erreicht hatte und sich umsah war keine Christine hinter ihm Er brach tollkühn
wieder hervor und sah sie als leichte Beute in den Händen der Streifer »Lasst
sie los« schrie er »oder « Ein Teil eilte mit ihr geradeaus den Berg hinab
so dass sie bald mit ihr verschwunden waren ein anderer Teil stellte sich gegen
ihn auf »Und wenn der Teufel selber bei ihm wär« rief die Stimme des Fischers
den er jetzt erkannte »so wird man doch mit ihm fertig werden können« Abermals
blitzte ein Schuss gegen ihn durch die einbrechende Nacht Er schlug auf den
Haufen an und drückte ab Das Gewehr versagte Nun hatte er keine andere Wahl
als wiederum sein Heil in der Flucht zu suchen die ihm schon so manchesmal
gelungen war Sie gelang auch diesmal wieder und nach wenigen Augenblicken
befand er sich von keinem der nachgesandten Schüsse berührt in dichter
Waldesnacht geborgen Aber Christine war in den Händen der Verfolger geblieben
und wurde nun mit Zwang dahin geführt wohin sie freiwillig gewollt hatte Mit
ihr war auch sein Büchsenranzen in Gefangenschaft geraten und hiemit nicht nur
der Ertrag der Untat die sein Gewissen drückte verloren nicht nur die
Möglichkeit einer Rückkehr in die Schranken einer rechtmäßigen oder doch
wenigstens den Vorurteilen der Zeit entsprechenden Ordnung vernichtet sondern
auch die schwerste Inzicht gegen Christinen in die Hände ihres Richters
geliefert
 
                                       36
Als er sich in Sicherheit wusste ließ er es seine erste Sorge sein die treulose
Begleiterin die ihm den Dienst verweigert hatte wieder instand zu setzen Zu
diesem Behufe ging er nach dem Hofe zurück von wo er mit Christinen gekommen
war weckte die Leute die schon zu Bette lagen forderte Licht und erzählte mit
verbissenem Grimme was sich zugetragen Man war ihm schweigsam zu Willen wie
man eben in abgelegenen Wohnungen solche Besuche zu ertragen pflegte Nachdem
sein Gewehr ausgebessert war schlug er in seinem trotzigen Mute den Weg ein
den die Streifer mit ihrer Gefangenen genommen hatten nicht eben denselben Weg
aber den Weg nach seiner für ihn verschlossenen Heimat wohin sie geführt worden
war In sinkender Nacht kam er im Tale unten an durchschnitt es und wählte sich
geradezu den gangbarsten Weg die Göppinger Straße weil er dachte dass man ihn
von dieser Seite am wenigsten erwarten würde Er wollte mitten in den Flecken
eindringen  er wusste selbst nicht recht was er wollte Der Mond ging auf und
machte sein Wagestück um so gefährlicher Eben kam er an der Ziegelhütte
vorüber als plötzlich hinter einem dort liegenden Scheiterhaufen hervor drei
Schüsse auf ihn fielen Keiner hatte getroffen doch war ihm auf der rechten
Seite ein Fetzen vom Rocke weggeschossen »Auf ihn Auf ihn« schrien mehrere
Stimmen und drei Männer sprangen hervor »Ich hab ihn bezahlt ich hab ihm
einen Flügel abgeschossen« rief der eine Es war abermals der hartnäckige
Fischer der durchaus den ausgesetzten Preis verdienen zu wollen schien »Fasst
ihn den Fleckendieb den Börtlinger Räuber« schrien die beiden andern in
welchen er den ihm feindlichen Müller und dessen Knecht erkannte »Oho« schrie
er und schlug an »so weit ists noch nicht« Bei dem Anblicke seiner
aufgehobenen Büchse flüchteten sie sich zurück er schoss hörte aber die Kugel
in das Holz einschlagen »Wenn ihr mir so ernstlich nach dem Leben trachtet ihr
Wegelagerer« rief er »so könnt ihr euch auf mich verlassen dass ich den
ersten der mir von euch begegnet über den Haufen schieße und du
Fischerhanne weißt ohnehin was dir geschworen ist«  Da er sie jedoch hinter
ihrer Brustwehr wieder laden hörte so zog er sich zurück um der Überzahl
auszuweichen und gleichfalls ungestört laden zu können
    Nach kurzer Zeit versuchte er von anderer Seite her eine Annäherung an den
Flecken Nicht weit vom Hochgerichte vor welchem Christine ihn gewarnt hatte
ging er zu der Hütte eines Feldhüters und gebot diesem herauszukommen Es war
ein Schulkamerad von ihm der als ein armer Mann das Amt übernommen hatte bei
Nacht die Frucht zu hüten »Erschrickst du vor mir« fuhr er ihn an
    »Nein« antwortete der Hüter »ich hab nur so spät niemand erwartet es ist
schon zehn Uhr vorbei«
    »Wie stehts«
    »Nicht zum besten Der Hagel hat heut stark auf der Markung geschlagen
Wenns so fortgeht wird bald nichts mehr zum Hüten da sein«
    »Weißt du nichts von meiner Christine«
    »Ja eh ich heraus bin hab ich gehört dass sie gefänglich eingebracht
worden sei Sie sitzt aufm Rataus und wird morgen mit dem frühsten nach
Göppingen geliefert Alles sagt sie werd ins Zuchthaus kommen«
    Er knirschte mit den Zähnen
    »Die alt Müllerin hat doch recht Unglück mit ihren Kindern Weißt dus mit
dem Jerg«
    »Was«
    »Weißt du nicht dass bei Geislingen ein Aufruhr gewesen ist und dass man
achtzehn Soldaten erschossen hat«
    »Freilich weiß ichs«
    »Nun und da ist deiner Christine Bruder auch darunter gewesen«
    Er stieß einen Schrei des schmerzlichsten Zornes aus und wütete gegen die
ganze Welt den Herzog an der Spitze
    »Nimm dich doch in acht« sagte der Hüter »du kannst dich mit solchen Reden
um den Kopf bringen«
    »Was liegt daran« erwiderte er
    Man hörte Schritte und im Mondlicht kamen Soldaten zum Vorschein
    »Wer da« rief er mit wilder Stimme hervortretend und das Gewehr anlegend
    »Die tun dir nichts« sagte der Hüter »die sind in Urlaub und lassen sichs
wohl sein weil man wegen der unruhigen Zeit dem Soldaten ein wenig durch die
Finger sieht haben den ganzen Tag viel getrunken und wollen den Geist
verluften wenn sie vielleicht auch gesagt haben dass sie auf dich streifen
wollen so ists ihnen nicht Ernst damit«
    »Ist des Jergs Bruder der Hannes unter ihnen«
    »Nein« sagte der Hüter und nannte ihm ihre Namen
    Er trat den drei bewaffneten und mit Gewehren versehenen Reichskriegern
entgegen mit der einen Hand hielt er sein Gewehr mit der anderen klopfte er
auf die Lederhosen und rief »Nur her da ich hab schon lang auf euch gewartet
ich bin der Sonnenwirtle«
    Diese Worte und Töne schlugen wie ein Kartätschenhagel in die Schar der
Helden ein die vielleicht in nächster Zeit gegen den rebellischen König von
Preußen in das Feld rücken sollten Sie machten Kehrt und liefen so schnell
davon als ihre steifen Stiefeletten die doch recht eigentlich ein Mittel gegen
das Fluchtfieber abzugeben geeignet waren es gestatten wollten
    Er lachte unbändig hinter ihnen her Über dem spasshaften Anblick und über
der Befriedigung seines Stolzes hatte er für einen Augenblick wenigstens alles
vergessen was ihn drückte
    »Hab ichs nicht gesagt die tun dir nichts« sagte der Feldhüter »Die
könnt man mit keinem Pferd mehr einholen«
    »Hol mir Wein«
    »Gern aber weißt damit ich vor Amt schwören kann du habest mich
gezwungen so musst mirs anders befehlen«
    »Gut« Er klopfte an sein Gewehr »Du musst mit mir da hinein und zu trinken
holen und wenn du nicht willst so musst du«
    »Sehr wohl«
    Sie gingen zusammen bis nahe an den Flecken Dort gab er ihm Geld und
wartete mit angezogenem Gewehre auf seine Zurückkunft
    Der Hüter kam allein denn er wusste wohl dass eine Verräterei ihn außer
stand setzen würde je wieder seinen Dienst bei Nacht zu tun Hierauf gingen sie
in das Feld zurück
    Der Hüter musste den Wein tragen und durfte dafür nachher mit ihm trinken
    »Was reden sie in Ebersbach von mir« fragte er sich bequem auf den Boden
streckend
    »Sie haben gottsträflich Angst vor dir«
    Er lachte und ließ nicht ab mit Fragen bis ihm der Hüter die gleiche
Antwort wohl sechsmal in verschiedenen Wendungen wiederholt gegeben hatte
    »Aber die Börtlinger Geschicht macht bös Blut es wird allenthalben nach dir
gestreift und es ist da herum nicht mehr gut wohnen für dich«
    Er lachte noch lauter und fing nun mit diesem Einbruch den er vor wenigen
Stunden mit manchem Gewissensbiss erzählt heillos zu prahlen an dabei machte er
sich mit dem Amtmann von Adelberg und anderen vornehmen Personen groß indem er
so das Märchen das vielleicht seine Genossen zu seiner eigenen Aufmunterung
ersonnen hatten weiter verbreitete Indessen erreichte er seine Absicht denn
der Hüter bemerkte wenn solche Leute mit in der Verschwörung seien so werde
der Schrecken in der ganzen Gegend um so größer werden Hierauf befahl er ihm
den Amtmann von ihm zu grüßen er habe eine schöne Flinte die dem Herrn Amtmann
gewiss anständig wäre sie sei recht leicht warum er denn gar nicht mehr auf die
Jagd komme Zu diesen Hohnreden fügte er Drohungen gegen seine Verfolger seinen
Vormund und den ganzen Flecken Nach der Ernte wenn die Scheuern voll seien
sagte er sei es besser die Häuser anzuzünden es brenne leichter und gebe eine
größere Freude Der Hüter wagte bescheidentlich einzuwenden er gehe ja selbst
nach Brot und werde doch der Gottesgabe nicht so mitspielen wollen »Ei was«
erwiderte er kindisch »ob ichs verbrenne oder obs der Hagel erschlägt das
ist alles eins«
    Zuletzt kam er wieder auf den Schulteissen von Börtlingen zu sprechen und
sich zu rühmen wie er diesen für seine Heuchelei und Ungerechtigkeit bestraft
habe »So muss mans machen« sagte er »ists nicht recht so«
    »Unser Pfarrer« sagte der Hüter ausweichend »schimpft auch auf ihn und
sagt jetzt habe ers dass er nicht mehr Vorsicht anwende und alles dem Himmel
überlassen wolle er verderbe dem geistlichen und weltlichen Amt das Spiel
verschmähe allen erlaubten Profit hänge sein Geld an die Armen die dadurch nur
immer begehrlicher werden und opfere sich auf eine einfältige Art für seine
Gemeinde auf so dass ihms kein Pfarrer und niemand nachmachen könnte der sich
nicht zugrunde richten wollte«
    »So« sagte der Räuber und versank in stummes Nachdenken So verwandelt und
entstellt sein ursprünglich gutes Gemüt war so konnte er sich doch dem
Eindringen der Wahrheit nicht entziehen die aus diesen Worten hervorleuchtete
die erste größere Rachetat womit er die von der bürgerlichen Gesellschaft
erlittenen Unbilden zu vergelten meinte hatte einen Gerechten getroffen
    Er sprach wenig mehr und überließ den Hüter bald der ohne Zweifel
willkommenen Einsamkeit indem er sich wieder in den Wald aufwärts zog
 
                                       37
Ruhig lag die Welt wie ein eingewiegtes Kind Das Gewitter hatte den schwülen
Druck des Sommers hinweggenommen und in der freundlichen Kühle atmete alles
Wesen auf Die Felder ruhten von des Tages Hitze und durch die Blätter des
Waldes ging ein frischer sanfter Hauch dass sie nur leise wie im Traume
zitterten Die Menschen schlürften in bewusstloser Wonne den Segen dieser milden
Nacht die selbst dem Fieberkranken wieder einmal Ruhe und Frieden schenken
konnte
    Einer aber schlief nicht Er bettete sich unter dem dichtesten Gesträuch wo
nicht einmal ein Wild hinkam legte den Arm über eine Baumwurzel und bereitete
sich so sein Kopfkissen aber der Schlaf den er hundertmal auf rauherem Lager
gefunden hatte wollte ihn nicht besuchen Er drückte die brennenden Augen in
das feuchte Moos aber sein von langer Schlaflosigkeit gequälter Kopf hörte
nicht zu summen und zu dröhnen auf Das Flüstern der Blätter störte ihn es war
ihm als ob sie sich etwas von ihm erzählten Er brach wie ein gescheuchtes Wild
durch die Zweige floh aus dem Walde heraus und irrte durch die Äcker und
Wiesen die am Abhang der Anhöhe lagen An einer Stelle setzte er sich auf den
Markstein an einer anderen legte er sich in das kühle Gras wo es noch nicht
von der Sense berührt war denn seine Glieder waren von Ermattung wie
zerschlagen aber sein Körper fand die Ruhe nicht die seiner Seele fehlte Er
hörte vom Tale herauf den Schlag der Glocke und den Ruf des Wächters in
regelmäßigen Absätzen die den unerbittlichen Gang der Zeit verkündigten Er sah
den Mond über den Himmel wandeln und seinem Ziele näher und näher sinken an
seinem weiten Wege konnte er sehen wie lange schon die Welt der Ruhe pflegte
die ihn floh Die Sterne glänzten in der herrlichen Sommernacht wie eine goldene
Schrift auf dunkelblauem Grunde aber mit seinem stumpfen Blick konnte er sie
nicht lesen und kopfschüttelnd ging er nach dem Walde zurück
    Sein ganzes Schicksal zog in dieser Nacht an seiner Seele vorüber die
Vergangenheit schmerzte stachelte ihn und die Zukunft hing wie eine
wetterschwangere Wolke vor seinem Auge Es sah wüst und wild in seinem Innern
aus Vermöge seiner Anlagen und seiner Erziehung wusste er recht wohl zu
unterscheiden was gut und böse sei und diese Erkenntnis redete zu ihm in der
Sprache der überlieferten Religion die er mit der Muttermilch eingezogen hatte
Obwohl er mit der Kirche oder vielmehr mit dem Pfarrer haderte und das
Maulchristentum der meisten um ihn her verachtete so war er doch kein
Freigeist woher hätte er auch der ungeschulte Denker das Zeug dazu nehmen
sollen Er glaubte fest an seinen Heiland wie alles um ihn her und seine von
Not und Schuld gepeinigte Seele schrie oft gen Himmel auf aber er war das Kind
eines aus hartem Stoffe geschaffenen Volkes das oft das zarteste Gebet und den
rohesten Fluch beinahe in einem Atem auf die Lippen bringt Ein beissender Witz
ein Anreiz zur Lebenslust oder eine Wallung des Zornes konnte die
erschütterndste Wirkung des Heiligen im Nu verwischen und seine Anklage gegen
die Welt dass sie nicht nach den Geboten des Glaubens lebe lieh auch ihm die
Entschuldigung dass ein echtes Christentum die Kräfte des Menschen übersteige
Dennoch brannten ihn jene frommen Lehren welche ihm am eindringlichsten von
seiner Mutter eingeprägt waren wie mit Flammenschrift in seine Seele die
verzagend ihr Verdammungsurteil in ihnen las Er konnte es sich nicht bergen
dass er von einer verworfenen Tat herkam und einem verworfenen Leben
entgegenging in welchem nicht mehr bloß augenblickliche Not oder Leidenschaft
vorübergehend das Schiffchen mit einem missfarbigen Einschlag durch das Gewebe
trieb nein in welchem das Verbrechen als alltägliches Handwerk in seiner
kalten Gemeinheit waltete
    In dieser schweren Nacht gedachte er an jene biblische Erzählung von dem
Erzvater der im Traume eine Leiter auf der Erde stehen sah die mit der Spitze
bis an den Himmel reichte die Engel stiegen daran auf und nieder und Gott
selbst stand oben darauf Ihm nahm das Traumgesicht die entgegengesetzte
Richtung er sah endlose Stufen in die Tiefe führen der Weg hinab war leicht
aber die Rückkehr abgeschnitten schon war er weit hinuntergestiegen und jetzt
reichten ihm seine Genossen die Hände und tanzten lustig lachend immer tiefer
mit ihm hinab Die verführerische Gestalt der Gefährtin seines Verderbens winkte
ihm die Tochter einer gesetzlosen Welt erschien ihm wie eine schöne Tigerin
die mit heißer Zunge an seinem Herzen leckte Mitten im Grausen der
Verworfenheit empfand er den Reiz der ihn zu ihr hinzog und seine Sinne riefen
ihm zu die Lust des Lehens noch recht zu kosten wenn er denn doch rettungslos
verloren sein solle
    Er schweifte in weiten Kreisen vom Felde in den Wald und vom Walde in das
Feld zurück aber weder im Feld noch Wald wuchs das Kraut das den fieberischen
Aufruhr seines Blutes heilen konnte
    Der Morgen kam und endlich ging auch die Sonne über den Bergen auf Höher
steigend schien sie in das breite Tal hinein und trocknete den Tau von dem
gemähten Heu das in großen Haufen auf dem Felde lag so dass bald ein süßer Duft
sich mit den Morgenlüften mischte jener Duft der vor allen anderen den
Menschen mit heimatlichen Empfindungen erfüllt Der Geächtete sog ihn gierig
ein und Tränen traten in seine müden Augen Wie oft hatte er da unten als Knabe
mit anderen Knaben die jetzt sich verabscheuend von ihm wandten oder mit der
Mordwaffe seine Spur verfolgten in dem aufgeschichteten Heu sich gewälzt und
vor Freude gejauchzt Von dem Vorsprung auf dem er stand konnte er in seinen
Flecken hineinsehen und die Giebel der Häuser erkennen an welchen seine
Erinnerungen hafteten Dort von den Erlen des Flüsschens überragt stand das
Haus das ihn geboren das nach dem rechten Laufe der Dinge ihn als Erben hätte
behalten sollen Hier am Ende des Fleckens stand das Haus der Armut wo seine
Kinder waren wo er den schwarzen Faden angeknüpft hatte der sich auf seinem
Lebenswege immer fester um seine Füße wand Und dort weiterhin sah er den Giebel
des Ratauses wo ihm aus diesem Faden die Stricke gedreht wurden die ihn immer
weiter von der bürgerlichen Gesellschaft losrissen Dort war seine erste
Christine diese Nacht im Gefängnis gelegen und befand sich jetzt wohl schon auf
dem Wege zu stark verwahrt als dass er sie hätte befreien können Und wenn ihm
auch ein kühner Streich gelänge er konnte ja doch den Kindern nicht die Mutter
wiedergeben und der Vater war auf lange vielleicht auf immer von ihrer
Schwelle verbannt
    Doch war es nicht dies allein was seinen Blick an die grauen Giebel
fesselte es war der wunderbare Zug nach der Heimat den seine heimatlosen
Gesellen nicht verstanden Seltsamer Drang des Herzens Keine heimische
Geschichte vom Mund des Großvaters auf den Enkel fortgepflanzt keine alte
Volkssitte lebte in diesem nüchternen Orte woraus das Gemüt des Knaben Nahrung
und dankbare Anhänglichkeit hätte schöpfen können und doch zog es den reifenden
Mann aus der Öde der Verbannung immer wieder nach der kargen Heimat zurück Sie
hatte ihn ausgestoßen und von sich gespien sie fürchtete sich vor ihm wie vor
dem wilden Tiere das aus den Wäldern hervorbricht er fluchte ihr und drohte
ihr mit Mord und Brand und doch kam er immer wieder nach ihr zu schauen und in
seiner kindisch unverdauten Weise war er mehr als auf jede Kriegs oder
Friedensneuigkeit darauf erpicht zu wissen was man in Ebersbach von ihm sage
obgleich er sich die Antwort selbst geben konnte die ihn immer wieder mit Wut
und Hass gegen die Menschheit erfüllte
    Wut and Hass traten auch jetzt wieder an die Stelle der Wehmut ohnmächtige
Racheblicke sendete er hinab und sein abgehetztes Hirn begann zu wirbeln so
dass er sich dem Wahnsinn nahe fühlte und es geraten fand sich mit der Jagd nach
Wild eine Beschäftigung aufzuerlegen um der Hetzjagd seiner Gedanken zu
entgehen Auch war es Zeit für ihn das Feld zu räumen denn die Mäher kamen da
und dort aus dem Flecken gezogen und ihre Sensen blitzten in der Sonne Bald
gehörte die Welt mit Ausnahme der Waldwinkel und Diebsherbergen wieder den
Menschen die in den Schranken des Lebens blieben und sich unter das Gesetz
beugten Sein Platz war nicht mehr hier und wenn er dem Lichte des Tages zu
trotzen wagte so durfte er sich bald wieder auf das wilde Geschrei der
Menschenjagd gefasst halten
    Er ging in den Wald und zog aufmerksam spürend einen großen Bogen der ihn
zuletzt wieder eine gute Strecke unterhalb seines Vaterortes gegen das Tal
herausführte Er befand sich hier an einer steilen Bergseite über einem ganz
engen Seitentälchen das in der Urzeit nur eine Schlucht gewesen war Ein dünnes
Bächlein rieselte durch den Grund nach dem größeren Tale hinaus und neben dem
Bächlein lief ein schmaler Weg hin kaum für kleine Fuhrwerke befahrbar Das
Bächlein und der Weg füllten den Grund des kleinen Einschnittes völlig aus über
dem Bächlein hing der steile Bergwald wie eine beinahe gerade Wand und von dem
Rande des schmalen Weges an stieg die entgegengesetzte Wand sich sanfter
zurücklehnend nach der Anhöhe empor die das größere Tal begrenzte Auf dieser
nicht so steil geneigten Seite zogen sich Wiesenstücke vom Tal herein und von
der Höhe herab bis an den Rand des Weges aber von Wald unterbrochen der sich
an einzelnen Stellen von der steilen Bergwand her über das Bächlein auch auf die
andere Seite verbreitet hatte so dass der schmale Weg sich oft im Walde zu
verlieren schien Das Tälchen war so still dass das Wild hier oft bis an den Weg
herunterkam um aus dem Bächlein zu trinken
    Er zog sich an der steilen Bergseite hin und geriet in eine Vertiefung die
von oben nach dem Tälchen herablief wie sie vom Volke Klingen genannt in den
vielfach eingeschnittenen Bergwäldern sich häufig finden Ein Erdaufwurf mit
Moos und Waldgras bewachsen hinderte seinen Schritt Er blieb stehen und besann
sich »Richtig« sagte er »hier am Kirnberg weit ab von ihrer Gemeinschaft
haben sie dich eingescharrt armer Küblerfritz Wenn einer des Wegs daherkommt
so geht er gewiss scheu vorüber und denkt in seinem Herzen Herr ich danke dir
dass ich kein solcher bin Bei Nacht wird sich vollends gar keiner herwagen und
doch bleibst du sicherlich auf deinen trotzigen Ellbogen ruhig liegen denn der
Kirnbach da drunten ist viel zu klein für deinen Durst Schlaf du ruhig fort im
kühlen grünen Wald Hier ist dirs wohler als auf dem Kirchhof neben den
anderen mit ihrem Wahren Christentum Hätt ich dran gedacht so war ich heut
nacht bei dir eingekehrt alter Kamerad Dafür will ich dir jetzt ein wenig
Gesellschaft leisten«
    
    Er setzte sich auf den verrufenen Hügel und pflog mit seinen Gedanken
Verkehr Da sie ihm aber zu wild wurden stand er wieder auf und ging weiter
vorwärts bis er zu einer alten Buche kam die ihm bequem zum Anstand schien
Das Gewehr in den herabhängenden Händen haltend lehnte er sich an den Baum und
starrte in den blauen Himmel empor Es war so still dass der Ton des Mähens von
draußen wie er glaubte in diese Einsamkeit zu ihm drang Da weckte ihn ein
Geräusch in der Nähe Er blickte hin und erhob leise das Gewehr Auf einer
kleinen Lichtung unter der Stelle wo er seinen Stand genommen war ein Hirsch
herausgetreten der lauschend stehen blieb Er legte an zielte und wollte
abdrücken zog aber in diesem Augenblicke das Gewehr zurück da er die Ursache
entdeckte die den Hirsch zurückgehalten und ihm so schussgerecht gebracht hatte
In der Richtung des Schusses auf einer Wiese an der Bergseite gegenüber sah er
zwei Männer mähen das Rauschen der Sensen hatte das scheue Tier stutzig
gemacht ohne dass es vor dem zu dieser Zeit gewohnten Tone floh Diese Wiese war
so nahe dass ein Fehlschuss den Männern Gefahr bringen konnte Er hielt das
Gewehr unschlüssig in den Händen und blickte hinüber  da spannten sich auf
einmal alle seine Muskeln und seine Augen traten hervor der eine der beiden
Mäher war der Fischer Er dachte nicht daran welche jämmerliche Armut diesen
Menschen getrieben haben musste um eines elenden Taglohnes willen sich in dieses
abgelegene Tälchen zu wagen während er in jedem Winkel der Gegend seinen
schwergereizten Feind nach dem er soeben noch geschossen zu vermuten hatte 
er dachte nur an seinen wiederholten Schwur den ersten der drei gedungenen
Verfolger der ihm vor die Mündung kommen würde zu bezahlen »Hab ich dich
Mordhund« sagte er die Lippen lautlos bewegend Er legte das Gewehr wieder an
und richtete es seitwärts von dem Hirsche der noch immer gegen die Wiese hinab
lauschte gegen das in seinen Schuss gekommene Menschenwild Es bedurfte eines
leichten Drucks und seine Rache war gekühlt der Eid zu dessen Sklaven er sich
machen wollte war eingelöst Was hielt ihn zurück
    Er zog das Gewehr wieder an sich und blickte lange auf den Menschen der so
oft das feindliche Werkzeug gegen ihn abgegeben der vor wenigen Stunden noch
aus Hass und Geldgier seine Kugel auf ihn abgeschossen hatte In diesem
unbedeutenden Menschen sah er alle versammelt die ihn gedrückt die ihn aus dem
Geleise gedrängt und endlich von der Bahn seiner rechtmäßigen Ansprüche
hinabgestossen hatten Er sah die feige Unredlichkeit an der Tafel des Lebens
schmausen und sich selbst in die Wildnis hinausgestossen Und waren die
Unschuldigen welche seiner rettungslosen Verzweiflung noch zum Opfer fallen
sollten von welchen einer bereits den Reigen begonnen hatte waren sie nicht
eines Schuldopfers wert Hier stand einer seiner Kugel preisgegeben der sich
über und über mit Schuld an ihm bedeckt hatte Wenn der Weg des Verbrechens wie
auch der rohe und verworren denkende Mensch sich wünscht durch den Gedanken der
Rache an der ungerechten Gesellschaft eine gewisse Weihe erhalten sollte so
winkte ihm hier an der Pforte der Hölle eine Rachetat bei welcher er sich um
Recht und Gerechtigkeit betrogen so hoch berechtigt fühlte Richter in eigener
Sache zu sein dass er sein neues Leben nicht besser einweihen zu können meinte
Warum zögerte sein Finger am Drücker
    Viermal zielte er und viermal setzte er wieder ab
    Der Mensch wer er auch sei trifft Stunden in seinem Leben wo er tief in
sich blicken kann und gewahr wird dass eine Stimme des Wahnsinns in ihm
schlummert die zuzeiten erwacht Es steht einer im Gebirge an einer jähen
schwindelnden Felsenwand da taucht plötzlich die Stimme in ihm auf und sagt
ihm Spring da hinab Oder er hat einen Freund bei sich der ihm nie etwas
zuleid getan der sich ihm als feuerfest erwiesen hat die Stimme sagt Gib ihm
einen Stoß dass er hinunter fliegt Die menschliche Gesellschaft die für ihren
Bestand zu sorgen hat macht mit Recht den Menschen verantwortlich damit er
dieser Stimme nicht gehorcht Wer in seiner gesunden Kraft wandelt der kämpft
sie leicht nieder und lächelt über sie wie der Mensch über die Sprünge seines
tierischen Zerrbildes lächelt Wo aber Leidenschaft wo Hass und Rache die Stimme
beflügeln da wird der Kampf schwerer Und doch wird jeder der in den
dunkelsten Stunden seines Lebens sein menschlich Teil gerettet oder verloren
hat Zeugnis geben dass eine innere Bewegung mit der Gewalt einer unsichtbaren
Macht eingegriffen und seiner Hand ein Halt geboten hat Selbst im Kriege
besonders wenn der einzelne dem einzelnen gegenüber steht wird es oft der
mordgewohnten Hand schwer einen neuen Mord zu begehen Nur die Henker sind von
jener inneren Macht so fürchterlich verlassen dass sie mit kaltem Blute die
Rache der Gesellschaft an einem rohen Verletzer einer rohen Ordnung vollziehen
können Und oft selbst diese nicht
    Kampf und Wut und Schrecken umnebelten den Geist des ausgestossenen Sohnes
der Gesellschaft der sich vergebens beredete dass er mit kaltem Blute in dem
Kriege welcher gegen ihn geführt wurde seinen Feind niederschiessen könne
Seine Rachegedanken waren ihm wüst und unklar durch die Seele gegangen sie
schwanden hin und gänzliche Verwirrung seiner Sinne blieb zurück in welcher
nichts von Hass und Rache nichts von Bewusstsein mehr war in welcher nur jene
dunkle Stimme fort und fort flüsterte »Tus Tus Du musst es tun«
    Der Schuss krachte über das Tal hinüber der Hirsch war mit einem Satze
verschwunden und der Rauch der von dem Gewehr aufstieg verhüllte den
friedlich blauen Himmel einen Augenblick Obgleich von oben nach unten
versendet hatte der Schuss nicht gefehlt Der Mörder hörte und sah während der
Rauch sich verzog wie sein Opfer aus der gebückten Stellung sich aufrichtete
die Hand auf den Unterleib drückte und ausrief »Oh du verfluchter Hund  er
hat mich getroffen« Der Gefährte des Fischers eilte hinzu und riss ihn noch
erschrockener als der Getroffene mit sich an den Weg hinab auf welchem er
beständig den Kopf geduckt haltend mit ihm fortrannte Der Mörder schritt an
seiner Bergseite weiter vor gegen das Tal hinaus und sah mit stumpfer Teilnahme
mit einer seltsamen Art von Neugier aus der Höhe zu wie die beiden gegen das
offene Tal hinausliefen wie der Fischer den seine Eingeweide zu brennen
schienen von seinem Genossen unterstützt aus dem Bache trank und wie den
Zusammensinkenden ein draußen vorbeikommender Wagen aufnahm Die Leute liefen im
Tale von den Feldern zusammen und er hörte in seiner waldigen Höhe das
Geschrei »Meuchelmord«
    
    Es wurde still in dem engen Tal des Todes so still dass alle Hirsche des
Waldes sich darin hätten versammeln können Nach einiger Zeit kam eine Kuh
langsam aus dem Walde den Weg daher Sie mochte sich von einer nahen im Walde
gelegenen Weide hierher verloren haben Sie lief auf die Wiese wo der Fischer
den Todesschuss erhalten hatte und begann sich an dem von der Sense verlassenen
Grase zu ergötzen
    Wieder verging einige Zeit da kam ein Mann aus der Tiefe des Tälchens den
schmalen Weg dahergegangen eine vom Alter gebeugte und gebrochene Gestalt Es
war der Sonnenwirt der in dieser frühen Stunde auf einem benachbarten Hofe
einen Viehhandel abgeschlossen hatte und jetzt dem Tale zuging um auf den
Wiesen im Vorübergehen nach seinen Mähern zu sehen Sein bleiches mit tiefen
Furchen gezeichnetes Gesicht verriet dass seine guten Tage gezählt waren
    Er schritt kummervoll zu Boden blickend seinen Weg dahin Da rief eine
Stimme über ihm wie mit Donnerton »Sonnenwirt von Ebersbach«
    Er fuhr zusammen und blickte in die Höhe War das sein Sohn an dem steilen
Waldabhange über ihm Er stand auf einer Lichtung so dass die Bäume unter ihm
nur bis an seine Brust reichten und ihn als eine Gestalt von übermenschlicher
Größe erscheinen ließ
    
    »Sonnenwirt von Ebersbach« rief er auf sein Gewehr gestützt »wo hast du
deinen Sohn«
    Dem Alten ging ein Schauer durch Mark und Bein
    »Sieh her« fuhr die Erscheinung fort auf ein junges Bäumchen deutend das
ohne Stütze überhing und dann auf einen knorrig verkrüppelten Baum daneben
»sieh wenn ich den jungen Schössling in die Höhe ziehe und ihm eine Stütze gebe
so wächst er aufrecht und lustig fort aber an dem alten Knorren der in seiner
Jugend versäumt worden ist ist alle Kunst verloren Du hast deinem Sohn gesagt
du wollest ihm die Äst abhauen wenn er zu krattelig werde An dem alten
verwachsenen Knorren kannst du sehen wie weit du es gebracht hast Du hast
deinen Schössling üppig aufwachsen lassen da ihm strenge Zucht nötig war und
zur Zeit des freien Wachstums hast du ihn zu Schanden geschnitten Dein Bub ist
jetzt ein Mann geworden ein Räuber und ein Mörder  Lass dein Weib nicht für
mich beten wie sie einmal gesagt hat ihr Gebet hat keine Kraft Wenn du aber
glaubst alter Mann dass du dir mit deinem Handel und Wandel eine Ansprache im
Himmel eröffnet habest dann bete du für mich  Meine Zeit ist um Vater Ihr
braucht keine Angst mehr vor mir zu haben denn es riecht hier nach Blut Der
Abgrund hat sich aufgetan und ich fühls wie ich zusehends tiefer and tiefer
hineinsinke Ich höre rufen Komm Und ich komme Lebt wohl Vater mög Euch
Gott verzeihen  ich verzeihe Euch«
    Die Knie zitterten dem alten Manne und er musste sich an dem Rande des Weges
zu Boden setzen Erst nach langer Zeit wagte er in die Höhe zu blicken Die
furchtbare Erscheinung war verschwunden »Ist das mein Sohn gewesen oder  Was
er predigen kann Hätt ich ihn denn vielleicht einen Pfarrer werden lassen
sollen Dummes Geschwätz Wenn er ein Räuber und Mörder ist wie er sagt so ist
er ein schlechter Prediger Aber ich habs ja immer gesagt er ist im Kopf nicht
recht«
    Mit diesen Worten hatte er sich wieder zurechtgefunden Er erhob sich
schüttelte den Schrecken aus den Gliedern und schickte sich an das Tälchen in
welchem er von demselben überfallen worden war eilig zu verlassen als er die
Kuh bemerkte die sich auf dem Eigentum eines Mitbürgers gütlich tat Er jagte
sie aus dem Grase heraus und trieb das unvernünftige Tier sorgfältig auf dem
Wege vor sich her während sein verlorener Sohn sich den Berg hinaufzog um
unwiderruflich einem Leben zu verfallen das ihm selbst als die Hölle erschien
 
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Obwohl frei ohne jedes andere Maß und Ziel als das sie selbst sich setzt folgt
doch die Dichtung gern dem Gefangenen in die Kerkerzelle und zum Schafott aber
sie verstummt unter dem Geräusche der christlichdeutschen Justiz Wie sie es
verschmäht ihm in die schmutzigen Höhlen des gewerbsmässigen Verbrechens zu
folgen so bleibt sie auch vor jenen verschlossenen Türen stehen hinter welchen
das Leben des Menschen stückweise an die Paragraphen eines fremden toten Rechts
gehalten wird Sie lässt an ihrer Statt ihre Schwester mit dem stillen
unbewegten Auge die Geschichtschreibung eintreten und in dem Aktenstaube
wühlen
    Drei Jahre waren seit dem Tode des Fischers verflossen der den Amtmann von
Ebersbach und den Vogt von Göppingen gegen den Meuchelmörder in Bewegung gesetzt
hatte Es gab keine Vögte mehr im Lande der Herzog hatte ihnen den
Oberamtmannstitel erteilt weil man wie er sich in seinem Reskripte ausdrückte
den vorgesetzten Stabsbeamten zu ihrer Amtsführung Erhaltung der fürstlichen
Rechte und Vollziehung der Regierungsbefehle niemals zu viel amtliche Autorität
und zu solcher niemals zu viel Mittel an die Hand geben könne die bisherige
Benennung Vogt aber die wahre Dignität und den großen Umfang ihres Amtes zu
wenig ausdrücke dieses vielmehr in seinem Wert besonders gegen Fremde um ein
Großes herabsetze
    So war auch der Vogt von Vaihingen an der Enz seit einem Jahre Oberamtmann
geworden als er eine Reihe von Protokollen mit dem folgenden begann
    »Vayhingen Actum den 7 Martii 1760 vor dasigem Oberamt in Gegenwart der
beeden Gerichtsverwandten Matteus Brechten und Joseph Luipoldten als
UrkundsPersohnen Gestern Abends um ungefähr 5 Uhr geschähe es dass von dem
BruckenTorwart Christian Freppe ein unbekannter Kerl nachdeme ihm jener
vorher die Pässe abgefordert auf dem Pferdt sitzend vor die Oberamtei geführt
und als er anfänglich von dem Oberamtsscribenten Heermann und bald darauf auch
von mir dem Oberamtmann selber unter dem Haus gefragt wurde wer er sei wo
er herkomme und wohin er wolle darauf zur Antwort gab dass er ein Crämer von
Pforzheim komme bei dasigem Schwerdtwirt ein krankes Weib liegen habe und
nun um einen Doktor zu consuliren nacher Schozach oder Höfen reutten wolle da
aber Oberamtmann seiner ganz unverdächtig geschienenen Pässe ungeachtet
deren 2 unter dem großen Stadtsigill von Strassburg under dem 10 April und 14
Sept 1759 der dritte aber von Komburg und unterm 16 Januarii 1760 datirt und
ausgefertiget waren eine gewiesse Alteration an ihm wahrgenommen zu haben
glaubte und ihm deswegen in faciem befahl dass er absteigen und mit ihm in die
Amtsstube heraufgehen solle alsogleich das Pferdt umwandte und in vollem Galopp
gegen dem Enzweihinger Tor zuritt unter diesem Tor aber auf das Rufen
gedachten Scribentens der ihn durch einen nähern Weg coupirt und mit ihm vor
das Tor kam von dem Pferdt abstieg gegen den Schlosser Matäus Brechten auf
sein Zurufen dass er ihm den Schmidhammer in Kopf werfe wann er nicht halten
würde eines seiner 2 unter dem RockFuter verstecktgehabtscharffgeladenen
Pistöhlen hervorzog solches nachdem ihm Brecht hierauf auf den Leib sprang
und von hinten her umfasset demselbigen an den unteren Leib drückete auch nach
seiner ungezweifelten Absicht auf ihn abgefeuert haben würde wo er nicht den
Hahnen zu spannen vergessen und durch Hilfe des bald darauf dazu gesprungenen
Mezgersjungen Schemels und dessen Meisters Leonhardt Arlets überwältiget
worden wäre Nach diesem Vorgang wurde er in die Oberamtei geführet stellte
sich daselbst ganz betrunken beklagte sich über das harte Tractament der
Leute die ihn beigefangen und ließ weiter keine verständliche Antwortt von
sich kommen als dass er sagte er sei ein kaiserlicher Deserteur heiße Johannes
Klein die Pässe und das Pferdt gehören einem Mann der ihm letzteres geliehen
etliche Stund vorausgegangen und heute früh bei Heilbronn Seiner erwartten
werde Weil man nun über alles dieses nichts als Kugeln Pulver
Schwefelhölzlen Feuerstahl Stein Zundel ein Fingerlanges WaxKerzlen und ein
hebräisches Wörterbuch bei ihm gefunden So wurde selbiger die Nacht über in dem
Blockhaus auf das schärf feste geschlossen und angefesselt anheute aber
vorgeführet und ihm oberamtlich zu erkennen gegeben Dass er allen Umständen
nach ein Räuber Mörder und einer der grössesten Spitzbuben sei der den
Händen der Obrigkeit nimmer entgehen und weiter nichts übrig haben werde dann
dass er durch eine wahre Er und Bekanntnuss seiner begangenen grosen
Missetaten seine Seele noch zu erretten suche hisce praemissis aber befraget
Q 1 Wie er heiße woher und wie alt er sei  R Er sehe nun schon dass er in
die Hände der Obrigkeit gefallen wolle durch Verläugnung seiner Persohn und
begangenen Missetaten seine Verschuldung vor Gott und der weltlichen Obrigkeit
nicht noch gröser machen seine Sünden unsrem Herrgott demütiglich abbitten
den Landesfürsten um eine gnädige Strafe anflehen und hiemit frei bekennen dass
er der sogenannte Sonnenwirtle sei eigentlich aber Friedrich Sehwahn heiße
von Eberspach Göppinger Amts gebürtig 31 Jahre alt und von Profession ein
Mezger sei auch nicht nur an dem sogenannten Fischerhanne zu Eberspach einen
Mord begangen sondern auch sich sonsten hie und da auff vielerlei Art
schwehrlich versündiget habe welches er alles gewissenhaft bekennen und
darunter weder Seiner selber noch derjenigen im Geringsten verschonen wolle
welche an seinen Verbrechen Teil gehabt und zum Teil in Garlsruhe und Stein
Durlachischer Herrschaft wirklich in Verhaft genommen seien und das um so
mehr als ihm sein so sündliches als elendes Lehen bei dem er unterdessen wenig
gute Tage gehabt auch von Hunger Kälte und seinen sich dabei gemachten
Strapazen entsetzlich viel erlitten schon lange entlaidet wie er dann aus
diesem Grund nicht nur an den Durlachischen Beamten zu Stain erst vor 8 Wochen
mit aigner Hand unter dem Namen Gillch ein weitläufiges Schreiben so ihm auch
vermutlich richtig werde belüfert worden sein des Inhalts habe ergehen lassen
dass wann man ihm Gnade versprechen und erteilen wolle er ihme dem Herrn
Beamten auf etlichen Jahrmärkten eine damals in der Nähe gewesste Partie von
sechzig Mann so lauter Juden gewesst und dann wiederum eine andere Partie
Spitzbuben von eben so gros oder noch gröserer Anzahl welche sich diesund
jenseits dem Rhein bei Gannssheim Mosshardt und Oberacherach in den Wäldern
auffhalten und ihre besondere Hüttinen darin haben ohne allen Anstand in die
Hände lüffern und dadurch die ganze Gegend von diesem Gesindel reinigen wolle
sondern auch da er gehört dass seine Herzogliche Durchlaucht in der Retour aus
der letzten Kampagne durch Mergental passieren werden er sich zu dem Ende in
dem Ort begeben habe um sich Höchstdemeselben zu Füßen zu werffen sich zu
erkennen zu geben und um Gnade zu bitten Weil aber Seine Durchlaucht die Stadt
nicht passiret so sei ihm die Gelegenheit dazu abgeschnitten worden  Q 2
Ob seine beede Eltern noch im Leben R Sein Vatter sei noch im Leben und
ungefähr 75 Jahr alt seine rechte Mutter aber schon vor 15 Jahren gestorben
Nach ihrem Tod habe sich sein Vatter wiederum an eine Frau verheiratet die
wenig Liebe vor ihne und seine Geschwistrigte bezeugt sehr böse  und
vorteilhaftig und eben deswegen viel daran schuld gewesen sei dass da er
sich in ihren Kopf nicht schicken können ein Exzess aus dem andern bei ihm
darüber entstanden und er zuletzt auf die unglückseligste Abwege geraten 
Dass vorstehende Aussage auf beschehenes Vorlessen von dem Inquisiten nochmalen
bestätiget worden Ein solches bezeugen die UrkundsPersohnen Mateus Brecht
Joseph Luypoldt« Der wichtige Fang wurde von dem Oberamtmann sogleich
untertänigst einberichtet und da nach wenigen Tagen die Resolution einlief dass
die Untersuchung in Vaihingen als in foro deprehensionis geführt werden solle
mit derselben fortgefahren
    So war denn der Verbrecher aus verlorener gesellschaftlicher Stellung nach
kaum dreijähriger Laufbahn ein lebensmüder Gefangener und Verräter seiner
Mitschuldigen geworden Dieser letztere Zug darf am wenigsten übergangen werden
denn es handelt sich hier nicht darum durch den Aufputz eines Helden der
Vorstellung des Lesers zu schmeicheln sondern die innere Welt eines Menschen
aus dem Volke darzulegen damit wer da will sich daran spiegeln möge
    Zum Glück ist das Protokoll des Oberamtmanns von Vaihingen nicht die einzige
Quelle hiefür Er war im Geiste seiner Zeit ein gewissenhafter Beamter
persönlich ein Menschenfreund und Ehrenmann dessen Nachkommen noch heute stolz
darauf sind dass er nicht wie fast alle Regierungsdiener um ihn her seine
Stelle vom Herzog erkauft habe sondern eher den Dienst aufgegeben als sich zum
»Schatullieren« erniedrigt haben würde aber eine innerliche Auffassung des
Lebensbildes das die Untersuchung vor ihm entrollte in den Akten
niederzulegen war nicht seines Amtes und gleich das erste Protokoll zeigt dass
er Inquirent genug war sich das überraschend freiwillige Entgegenkommen seines
Gefangenen  dem er nicht so leicht beigekommen wäre wenn dieser nicht selbst
gebrochenen Gemüts ihm seine Seele in die Hände gelegt hätte  nach den
Quadrangeln des Inquisitionsprozesses zurecht zu machen ein Verfahren freilich
das ihm weniger als seiner Zeit und seinem Amte angehört
    Der Oberamtmann hatte einen Sohn der den Verbrecher täglich wenn er ins
Verhör geführt wurde sah die allgemeine Teilnahme der Stadt an den vielen
freundlichen Seiten im Wesen des Unglücklichen mitempfand und sich häufig mit
ihm unterhielt Die Familiensage erzählt von ihm dass er schon als Knabe wie
später noch im Mannesalter für Kato und Brutus als die größten Männer
geschwärmt habe Aus dem Munde dieses Knaben erfuhr der gefallene Sohn des
Volkes ohne Zweifel zum erstenmal in seinem Leben dass es in der Geschichte
Bürger gegeben habe welche die Retter oder Verderber ihres Vaterlandes wurden
Als der Knabe ein Mann geworden war und an der hohen Schule seines Herzogs junge
Männer bilden half erinnerte er sich des armen Friedrich Schwan und zeichnete
nach der Erinnerung seine Geschichte auf wie er sie aus seinem Munde und aus
der Nacherzählung erwachsener Männer vernommen hatte Seine römischen Helden
schwebten ihm auch bei dieser Aufzeichnung vor und er beginnt die ersten Zeilen
derselben mit den Worten der junge Friedrich sei mit außerordentlichen Anlagen
des Geistes ausgestattet gewesen habe den Keim jeder großen Tugend und jedes
großen Lasters in sich getragen und nur von der äußerlichen Lage habe es
abgehangen ob er Brutus oder Katilina werden sollte Ach die äußerliche Lage
war wie auch die Umstände beschaffen sein mochten jedenfalls von der Art dass
er das eine wie das andere nur in sehr beschränktem Sinne werden konnte Auch in
anderen Dingen ist diese Geschichte nach dem mangelhaften Geist und Geschmack
der Zeit geschrieben doch verhält sie sich zu den Akten wie ein farbiges
Gemälde zu einem grauen Umriss und nur aus beiden zusammen ist es möglich ein
Bild von den letzten Lebensjahren des verlorenen Sohnes von Ebersbach zu geben
    Der scharfsinnige Plan der an der Waldecke bei Wäschenbeuren gefasst wurde
war nur sehr unvollkommen ausgeführt worden Das Sprichwort dass nicht alles
Gold ist was glänzt hatte sich auch bei dem Eintritte Schwans in die
Genossenschaft der Gauner bewährt Es ist nicht wahr dass die Spitzbuben ehrlich
gegeneinander sind und dass sich auf diese Eigenschaft eine feste gesellige
Ordnung unter ihnen gründen ließe Neid gegenseitiger Betrug und nie ruhender
Verdacht selbst unter Verwandten verbitterten ihm das von Hause aus arglose
Gemüt gegen diese neue Welt bald noch stärker als gegen die alte die ihn
ausgestoßen hatte Er zog meist mit der schwarzen Christine die er sich
beigesellte allein in den Landen umher Dieses ungewöhnliche Weib von welcher
der Geschichtschreiber »eines Räubers« und »einer Räuberin« sagt sie habe alle
Gaben der Natur in reichem Masse besessen und mit einer sehr schönen
Körperbildung eine große Tätigkeit und Anlage des Geistes verbunden hing an ihm
mit einer Leidenschaft wie sie die alten Sagen jenen Hünenweibern beilegen
aber sie quälte ihn durch eine unbändige Eifersucht und als die blonde
Christine trotzdem dass es ihr geglückt war in einem Dienste unterzukommen dem
Zuge ihres Herzens folgend ihn einst besuchte so duldete die Zigeunerin sie
nicht sondern trieb sie gegen seinen Willen nach kurzem Zusammensein wieder
fort Dem Scharfsinn und der Gewandtheit dieses Weibes verdankte er seine
glücklichsten Tage wenn man es ein Glück heißen kann von gestohlenem Gute zu
leben Aber man trifft nicht jeden Tag einen Markt um die Taschen zu füllen
auch gelang nicht jeder Marktbesuch Christine wurde mehrmals gefangen auch die
Ehehändel trennten das Paar oft wochenlang Wenn es gut ging so zog er als
Krämer mit Pass und Kramkiste durch das Land verkaufte seine Waren um billige
Preise von Haus zu Haus mied jede verrufene Gesellschaft herbergte in den
besten Gastäusern und war wie er in der Untersuchung sagte auf der ganzen
Straße von Mergenteim bis Strassburg als der ehrlichste Kerl bekannt so dass die
Wirte wie er hinzufügte sich entsetzlich verwundern würden wenn sie erführen
dass sie unter dem Namen des ehrsamen Krämers Johann Sigmund oder auch Hermann
den Sonnenwirtle aufgenommen haben Dass seine äußere Erscheinung ihn hiebei aufs
beste unterstützte gestand ihm nicht bloß der Spiegel sondern sogar ein
gedruckter Steckbrief den zwei Schulteissen einst in der Schenke miteinander
lasen während er selbst ihnen an ihrem Gespräche über den Sonnenwirtle
teilnehmend gemütlich über die Schulter in das Papier blickte »Und ist
vorgemeldter ErzGauner« hieß es darin »fünf Fuß sieben Zoll groß
gedrungener Gestalt hat gelbliches Haar dicken Kopf feines weißes Gesicht
dicke runde Backen volle Waden« Im Bewusstsein dieses ehrbaren Aussehens wagte
er einst einem pfälzischen Schulteissen und zwei Jägern die ihn im Spiel
betrogen und ihm seine Pistolen nehmen wollten mit gerichtlicher Klage zu
drohen und dem Schulteissen als er sich hiedurch nicht schrecken ließ den
Hund den dieser an ihn hetzte niederzuschiessen Aber nicht immer liefen die
Abenteuer so lustig ab Oft versiegten alle Erwerbsquellen oder er wurde von
Diebshehlern welchen er auf seinen Irrfahrten um die gefangene Christine seine
Kramkiste anvertrauen musste um den Inhalt derselben bestohlen In solchen
Zeiten musste er Hunger und Kummer leiden und wie jeder der sich dem Teufel
ergibt die Erfahrung machen dass dieser ein Filz ist und dass man mit der
Ehrlichkeit auch im schlimmsten Fall so weit kommt als mit dem Gegenteil Dann
griff er zu gefährlicheren Unternehmungen er ließ sich von den Judenbanden im
Gebiete des deutschen Ordens anwerben oder sammelte vorüberziehende Genossen zu
Einbrüchen unter seiner eigenen Hauptmannschaft welche aber nie länger dauerte
als das einzelne Unternehmen selbst Auf der Straße hat er nie geraubt Sein
Geschichtschreiber sagt er habe sich gegen das Ende seiner Laufbahn
Grausamkeiten aus Raubsucht erlaubt doch habe er auch in seinen schwersten
Verbrechen Spuren übriggebliebener Menschlichkeit Mitleiden gegen Arme und
Unterdrückte gezeigt den Grundsatz nie einen Dürftigen zu berauben
durchgeführt sehr große Almosen gegeben und den Armen geschenkt was er den
Reichen gestohlen habe Von wirklichen Grausamkeiten findet sich aber nichts in
den Akten die sehr genau in seine Verbrechen eingehen Wohl sind Grausamkeiten
von den Genossen seiner Taten angeführt nicht aber von ihm Auch verdient
hervorgehoben zu werden dass Einbrüche die seine Genossen ohne ihn unternahmen
mehrmals von scheußlichen Mordtaten begleitet waren wogegen bei Überfällen die
er leitete oder unterstützte nie ein Mord begangen worden ist mit einer
einzigen Ausnahme an welcher er unschuldig war welche aber seine Heimat noch
einmal in Furcht und Schrecken setzen sollte
    Ein Jahr nach dem Tode des Fischers um Ostern wagte er sich wieder in die
Gegend von Ebersbach schickte die schwarze Christine in die Sonne und trug ihr
auf seinem Vater zu sagen sie habe einen Unbekannten auf der Straße getroffen
der ihn grüßen lasse Als er in den folgenden Tagen wieder mit ihr zusammentraf
erfuhr er von ihr dass sein Vater seine Kinder zu sich genommen habe Inzwischen
aber hatte er sich selbst in Ebersbach zu Gaste geladen und hiedurch den Tod
eines Menschen veranlasst dem er nichts weniger als übel wollte In der Gegend
umherschweifend war er am Rechberg hinter einer Hecke hervor unvermutet von
einem Kameraden dem sogenannten Jägerkasperle angeschrien worden der ihm
klagte er habe keinen Kreuzer hinter sich und vor sich und ihn fragte ob er
keine Gelegenheit wisse Da fiel ihm sein Vormund ein mit dem er noch ein
Hühnchen zu pflücken hatte Schon die nächste Nacht fand die beiden
Spiessgesellen in dessen Laden Während aber Schwan die erste Beute in einem
benachbarten Gässchen absetzte kam der Fleckenschütz zu seinem Unstern des Weges
daher Er hatte mit einem Bekannten bis über Mitternacht im Branntweinhause
gezecht sah den Laden offen und taumelte hinein um zu sehen was es gebe Der
Räuber schrie ihn an er solle sich packen Da aber der Schütz ihn anstarrte und
noch näher auf ihn zuging so gab der Räuber der seinen Stock für eine Flinte
hielt ohne weiteres Feuer und sprang seinem Genossen zu Ein Nachbar der von
dem Schuss erwachte sah zum Fenster heraus und rief da er jemand im Gässchen
erblickte »Was ist das für ein Schuss Hat man nach des Sonnenwirts Frieder
geschossen« »Ja ja« antwortete dieser und machte sich mit dem andern davon
Dass der Getroffene der Schütz war und dass die Kugel ihm das Leben gekostet
erfuhr er erst später und prügelte seinen ungeschickten Kameraden dafür und für
einen Einbruch bei einem Kaufmann in Winnenden den er als einen ehrlichen Mann
nicht bestohlen wissen wollte tüchtig durch Dieser der die Schläge als
verdient anerkannte ließ den Verdruss darüber an einem Dritten aus der ihn zu
dem Einbruch in Winnenden verleitet hatte und hieraus entstand eine
Feindschaft welche so tödlich wurde dass man einander mit Schüssen zu Leibe
ging und dass der Verführer des kleinen Kaspars als geschworener Gegner des
»Sonnenwirts« von den rheinischen Gaunern den Namen »Konterwirt« erhielt Der
Tod des Schützen aber wurde in Ebersbach als eine neue Meucheltat der
schädlichen bösen Wurzel angesehen und der Vogt ließ Sturm schlagen und alle
Bürger unter das Gewehr rufen als ob eine ganze Armee von Gaunern im Anmarsch
wäre Der Kirchenkonvent von Ebersbach unter dem Vorsitze des Pfarrers und
Amtmanns beschloss dem jüngsten Kinde des verunglückten Schützen eine kleine
Unterstützung auszusetzen und zugunsten der übrigen Hinterbliebenen desselben
ein untertäniges Memorial bei der Herrschaft einzureichen strafte aber zugleich
den Zechbruder des Erschossenen um ein Pfund Heller weil er demselben beim
Schnaps Gesellschaft geleistet und dadurch mittelbar Gelegenheit zu dem Unfall
gegeben habe
    Dennoch sollte der Räuber so sehr er seine Hand rein von Blut zu erhalten
strebte noch einen dritten Mord den zweiten und letzten den er selbst beging
auf seine Seele laden
    Im Löwen zu Jöhlingen einem Dorfe in der unteren badischen Markgrafschaft
hatte er einst mit der schwarzen Christine nebst einem Knecht und einer Magd
die das Paar bei sich im Dienste hatte Herberge genommen Sooft er seinen Stern
mit Christinens Stern verband konnte er im Wohlstande leben Der Knecht war ein
gelernter Gauner und in die Unternehmungen seiner Herrschaft eingeweiht die
Magd aber die anfänglich als Wärterin für ein inzwischen wieder gestorbenes
Kind Christinens angenommen war hatte bloß häusliche Dienste zu verrichten und
alles eigenmächtige Stehlen war ihr von ihrem Herrn strengstens untersagt
worden weil sie wie er sich ausdrückte als ein Mensch von schlechter Kleidung
und Person leicht darüber ins Unglück kommen könnte Herrschaft und Gesinde
speisten ruhig miteinander und achteten nicht darauf dass zwei Männer in die
Stube traten sie eine kleine Zeit aufmerksam beobachteten und sich dann einer
nach dem andern wieder entfernten Die Gesellschaft war aufgefallen sei es dass
ihre jenische Sprache Verdacht erregt oder dass man sie auf einem benachbarten
Markte gesehen hatte Plötzlich fiel auf der Straße ein Schuss Sie fuhren auf
aber zu gleicher Zeit drangen die beiden Männer wieder in die Stube und auf sie
ein Schwan machte sich von ihnen los und stürzte hinaus sah aber die Treppe
mit Bewaffneten besetzt unter welchen er den Ratsschreiber des Orts mit
angelegtem Gewehr erblickte Die Not gab ihm Kraft eine Türe auf dem Gange
einzudrücken und sich in eine andere Stube zu werfen die aber keinen Ausweg
hatte Einer seiner Verfolger kam herein und fasste ihn an den Haaren Er drohte
ihn niederzuschiessen wenn er nicht gehe und da jener nicht abliess so zog er
die im Rockfutter versteckte Pistole die er stets vermittelst einer Schnur am
Arm hängen hatte und jagte dem Angreifer die tätliche Kugel in die Seite
Hierauf griff er nach der anderen Pistole und erschien an der Treppe mit dem
Ruf wer ihn anrühre den schieße er über den Haufen Der Schuss und die drohende
Haltung des kühnen Räubers schüchterten die Bürgerwachen völlig ein Sie
drückten sich an die Wand und an das Treppengeländer so dass er mitten durch sie
hinunterkam Erst als er aus dem Hause hinausstürzte sendeten sie ihm einige
verlorene Schüsse nach Er war frei aber Christine blieb mit der reichgefüllten
Kramkiste und mit Knecht und Magd in den Händen der Gerichte zurück und diesmal
war sie unter Umständen gefangen worden die ihn nicht zweifeln ließ dass sie
einer schwereren Haft als gewöhnlich entgegengehe Auch sah er sie nicht eher
wieder als in der Vaihinger Gefangenschaft die er schon ein halbes Jahr nach
dieser Verhaftung seiner Gefährtin betrat
    Arm an Hoffnung und bald auch an Barschaft schleppte er sich den Winter über
hin und wagte während dieser Zeit nur einige wenige Unternehmungen die ihm mehr
Gefahr als Beute brachten Er war überall und nirgends aber von seinen hastigen
Streifzügen kehrte er immer wieder nach einem vertrauten Hofe in der Nähe des
Amtsfleckens zurück wohin Christine abgeliefert worden war Auf und bei diesem
Hofe der zugleich ein Vergnügungsort für die Honoratioren der Umgegend war
hielt er sich wochenlang auf und erlauschte eines Tages von der Küche aus die
Kunde die der Amtsschreiber den anderen Gästen im Wirtszimmer mitteilte der
Knecht und die Magd werden bald loskommen das Weib aber scheine ein tüchtiger
Fang zu sein neulich sei ihr das Spiel von den Fleischmännern garstig versalzen
worden sie habe ausbrechen wollen und dann dem Amtmann auf seinen Vorhalt
hierüber zur Antwort gegeben ein grüner Wald sei ihr lieber als ein gemalter
Turm
    In dieser Zeit wurde einst zu Steinbach bei Baden in einer Scheune eine
nächtliche Gaunerversammlung gehalten zu welcher sich die Zigeuner die in den
niederelsässischen Wäldern in Hütten hausten von dem Sohne eines Fergen über
den Rhein herüberführen ließ und zu welcher auch Schwan geladen war Der
Leutnant der überrheinischen Zigeuner Mockel trat hier mit einem Vorschlag
auf wobei es sich um nichts Geringeres handelte als an dem Markgrafen Karl
Friedrich von BadenDurlach ein Exempel zu statuieren Dieser pflichteifrige
Fürst dessen Land den Angriffen der Gauner am meisten ausgesetzt und der durch
einen empörenden Einbruch des Konterwirts in Mühlburg an dem nämlichen Orte wo
ein früherer badischer Fürst der regierende Markgraf Eduard Fortunat von
BadenBaden als gemeiner Strassenräuber an einen westfälischen Rosskamm Hand
gelegt hatte zu nachdrücklichen Maßregeln gegen das Gesindel herausgefordert
war hatte sehr im Gegensatze gegen den Deutschmeister und andere Nachbarn den
Grundsatz gefasst nicht nur gegen alle die auf seinem Boden betreten würden
aufs schärfste zu verfahren sondern auch die Gefangenen von anderen
Herrschaften welche lässiger verfuhren um Geld an sich zu kaufen Infolge
dieser Maßregel waren die Gefängnisse von Karlsruhe mit selbstgefangenen und
eingehandelten Gaunern überfüllt Die Versammlung Männer und Weiber brach in
die entsetzlichsten Drohungen gegen den Markgrafen aus und wollte auf Mockels
Antrag den Beschluss fassen das ganze Land anzuzünden und einen Schrecken zu
erregen der dem Fürsten die Lust zur Ausrottung der Kochemer vertreiben sollte
Sein Gestüt bei Reichenbach sollte nebst den Orten Grötzingen und Wilfertingen
den Anfang machen dann ein Einfall in das Frauenalbische folgen und über den
geeignetsten Zündstoff war man ebenfalls einig als Schwan in diesem furchtbaren
Parlament als Hauptsprecher gegen den Antrag auftrat und es durch seine
Beredsamkeit und durch sein Ansehen unter den Räubern wenigstens dahin brachte
dass die Ausführung desselben verschoben wurde Er bediente sich eines
Verwerfungsgrundes der seine Wirkung bei der Versammlung nicht verfehlte denn
er machte geltend dass die Gefangenen zu Karlsruhe und seine in Stein liegende
Frau selbst darunter leiden müssten und nur eine desto härtere Todesstrafe zu
gewarten haben würden Aber er glaubte nicht dass der Plan aufgegeben sei und
in seinem Verhör zu Vaihingen sagte er es werde gewiss noch geschehen und man
werde vielleicht deshalb an ihn gedenken wenn er schon tot sei Es geschah
jedoch nicht denn sein Verrat verbreitete unter den Räubern denselben
Schrecken den sie dem badischen Lande zugedacht hatten und die vielen
Randzeichen des Vaihinger Untersuchungsprotokolls zeugen von den ebensovielen
Mitteilungen welche der tätige Oberamtmann an die benachbarten Ämter und
Gerichte ausgehen ließ um ihre Arme gegen die noch auf freiem Fuß befindlichen
Genossen seines Gefangenen in Bewegung zu setzen
    Der Verbrecher der seinen Vaterort täglich durch Drohungen mit Mord und
Brand geängstigt hatte verließ mit Abscheu die Versammlung die der Ausführung
solcher Taten fähig war und enthüllte in dem Briefe den wir bereits kennen
dem Amtmann von Stein den verruchten Mordbrennerplan Freilich war die gute
Regung die man nach seiner ganzen Beschaffenheit nicht an ihm bezweifeln kann
mit sehr menschlichen Absichten vermischt er wollte Gnade für sich und hatte
unter den badischen Beamten den von Stein ausgewählt weil er durch seine
Unterhandlung mit diesem günstig auf Christinens Schicksal einzuwirken hoffte
Dennoch würde selbst im Falle ausschliesslicher Eigensucht seiner Enthüllung ein
Verdienst nicht ermangeln denn wenn jene politischen Blutegel wie ein
zeitgenössischer Beamter und Schriftsteller die zu Tausenden umherstreifenden
Gauner nannte Raum gefunden hätten als geschlossene Macht aufzutreten so wäre
bei dem Zustande des Reiches und der von Preußen geschlagenen Reichsarmee mehr
als viel auf dem Spiele gestanden
    Er erhielt jedoch von dem Amtmann keine Antwort merkte aber bald dass
derselbe ihm auf der Spur sei denn als er nach dem Hofe bei Stein zurückkehrte
vernahm er dass das Gerücht von seiner Anwesenheit verbreitet sei und hatte
Not sich durch die aufgebotenen Streif wachen durchzuschleichen Unstet und
flüchtig irrte er nach anderen Gegenden
    Nach dem vergeblichen Schritte bei dem Amtmann von Stein fasste er den noch
abenteuerlicheren Gedanken in der Residenz des Deutschmeisters auf neutralem
Boden also wie er meinte vor seinem aus dem Felde heimkehrenden Herzog zu
erscheinen und zu versuchen ob er nicht sein Herz rühren könne Dieser Einfall
verrät eine Treuherzigkeit die man einem Gauner und Räuber fürwahr nicht
zutrauen sollte Serenissimus kam aus der bekannten Schlacht von Fulda die ein
Laufen kein Schlachten zu nennen war und in der er seinem auf preußischer Seite
fechtenden Bruder nicht bloß das Feld sondern auch eine reichbesetzte Tafel
nebst einem Teile seiner Armee während er mit dem Rest entrann hinterlassen
hatte In der Laune die er mit diesen Lorbeeren heimbrachte wollte ihn der
gefürchtetste Bösewicht seines Landes um den ausserordentlichsten Sonnenschein
oberherrlicher Gnade ansprechen Der Zufall ersparte ihm eine Enttäuschung
führte aber dafür einen Sendling der jüdischen Leutnants in seinen Weg der ihn
zu einer neuen Unternehmung anwarb und eine halbe Zusage von ihm erhielt
    Zuerst aber drängte es ihn wieder nach dem Hofe bei Stein Die Gegend schien
sicherer geworden zu sein und er blieb wieder einige Zeit dort stille liegen
bis die Not ihn aufscheuchte um das Anerbieten der Juden bei herannahender
Frist anzunehmen Von Christinen nach welcher er sich in Gestalt eines
Hanfhändlers erkundigte war nichts Tröstliches zu vernehmen vielmehr schien
das Gericht Verdacht gefasst zu haben dass sie sein Weib sei und in diesem Falle
musste er eine ewige Trennung von ihr gewärtigen Seine geistige Kraft war noch
früher als die körperliche gebrochen obgleich auch diese durch Entbehrungen
jeder Art auf eine harte Probe gesetzt war Dass er sich der nahen
württembergischen Grenze zuwandte einer Gegend seines Vaterlandes die ihm
unbekannt war und wo er sicher zu sein hoffte beweist dass der trotzige Mut
mit dem er allen Gefahren seines Bekanntseins in der Markgrafschaft die Stirne
geboten hatte von ihm gewichen war
    Im großen Hagenschiesswalde der sich von Pforzheim in das Württembergische
erstreckt traf er unversehens auf einem abgelegenen Holzwege wo ein einzelner
Soldat nicht leicht zu marschieren pflegt einen herzoglichen Grenadier der
noch überdies um das Sonderbare der Erscheinung zu vermehren zu Pferde saß und
seine weiße Grenadiermütze tief über das Gesicht gezogen hatte Beide erkannten
sich sogleich Der Grenadier war sein Landsmann durch Abstammung und sein
Verwandter durch Wahl der sogenannte Schneidermichel der eine Base Christinens
sich beigelegt hatte von ihr aber wegen seines zu friedliebenden Gemütes
verlassen worden war Dasselbe hatte ihn unter dem zweiten Grenadierbataillon
in das man ihn aus dem Zuchtause »gestoßen« hatte  der Ausdruck ist amtlich 
in die sogenannte Fuldaer Schlacht begleitet in welcher er keinen Vorwurf auf
sich lud da er das Schlachtfeld gleichzeitig mit der ganzen Armee soweit sie
nicht gefangen war und mit dem Kriegsherrn verließ Nur hatte der Soldat der
Reichsarmee während seine Kameraden in den Wintergarnisonen unterkamen bis zu
diesem Tage die Flucht nicht eingestellt Er bekannte seinem Freunde dass er
herzoglich württembergischer Deserteur sei zu seinem besseren Fortkommen das
Pferd das er reite dem Adlerwirt in Flehingen aus dem Stall genommen habe und
sich nach Hechingen zu wenden willens sei Dies redete ihm der Sonnenwirtle aus
und sagte er sei zu Hechingen nicht sicher er solle lieber mit ihm in das
Deutschherrische gehen Der andere willigte ein da er aber als
württembergischer Deserteur sich auf württembergischen Boden so wenig sicher
fühlte als sein Freund auf badischem so beredete er diesen das Pferd zu
nehmen mit welchem er sich gleichfalls nicht mehr durch das Badische getraute
weil er es dort gestohlen hatte in einem kleinen Orte oder auf einem einzelnen
Hofe bei Enzweihingen über Nacht zu bleiben und den anderen Tag in Heilbronn mit
ihm zusammenzutreffen Mit dieser Verabredung trennten sie sich Eine
Aufmunterung in Kriegsdienste zu gehen woran er manchmal in seinem Leben
gedacht konnten die Erzählungen dieses der Fuchtel entlaufenen Soldaten für ihn
nicht enthalten Wenn dagegen der Grenadier den Räuber wie ohne Zweifel
geschehen ist nach dem Befinden der Bekannten fragte so konnte dieser ihm eine
lange Unglücksliste eröffnen In der kurzen Zeit dieser drei Jahre hatte der Tod
eine reiche Ernte gehalten Von der Gesellschaft die er im Walde von
Wäschenbeuren getroffen und mit der er sich noch am besten vertragen hatte
lebten nur noch die weiblichen Mitglieder der scheele Christianus war gehängt
Schwamenjackel geköpft Bettelmelcher von den Streif Wächtern erschossen und
von den Weibern war nur noch eine einzige frei seine freche Schwägerin denn
Christine saß in Stein und die alte Anna Maria in Steinbach gefangen Er selbst
hatte die Alte in Gestalt des wandernden Krämers der oft von solchen
Marktdiebinnen betrogen worden in ihrem Gefängnis aufgesucht und die
Gelegenheit benützt ihr verstohlen einen Teil seiner Barschaft in die Hand
gleiten zu lassen
    Der Verfolg beweist dass er das Pferd das er offenbar aus Gutmütigkeit
angenommen um dem andern aus der Verlegenheit zu helfen gar nicht angesehen
hatte denn sonst würde er es wohl schwerlich bestiegen haben Seine sonst so
schnellen Augen wachten nicht für ihn und er muss an diesem verhängnisvollen
Tage ganz in schwere tiefe Gedanken versunken gewesen sein
    In einem Dorfe auf der Höhe hielt er an und trank ein Glas Wein Als er
weiter ritt neigte sich die Hochebene und der Weg teilte sich in drei Pfade
die von keinem Wegweiser bezeichnet waren Er wählte den mittleren geraden der
ihn steil ins Tal hinunterführte Eine Stadt mit Mauern und Toren von einem
Schloss überragt lag vor seinen Augen als das Ziel des Weges den er ritt Er
kann sie unmöglich gesehen haben denn der erste Blick hätte ihm gezeigt dass es
vernünftiger sei sie zu umgehen Eine Brücke trug ihn über die Enz  er befand
sich vor dem Tore Nun stutzte er freilich einen Augenblick aber der
Torwächter dem die Langeweile an diesem selten betretenen Tore den Blick
geschärft haben mochte hatte vom kleinen Fenster aus sein Stutzen bemerkt Wäre
er zu Fuße gewesen so würde er jetzt noch unwillkürlich den Fuß angehalten und
den Schritt gewendet haben Des Reitens seit langer Zeit ungewohnt ließ er das
Pferd gehen und so wurde dieses zum Werkzeug seines Schicksals dessen Hand
lähmend auf seinem Geiste lag Seine Uhr war abgelaufen das Pferd trug ihn
blindlings durch das Tor hinter welchem sich ein Gewirre von engen Gässchen
auftat das Gitter fiel hinter ihm und der Mann mit dem spürenden Blicke trat
aus dem Torhäuschen heraus
    Die Geschichte der Verhaftung selbst hat der Oberamtmann bereits erzählt
aber sein Sohn berichtet noch einige weitere Züge die in Verbindung mit dem
was aus sonstigen Stellen der Akten hervorgeht aufbewahrt zu werden verdienen
Derselbe erzählt sein Vater habe die Pässe des Fremden an welchen der
Torwächter gezweifelt ganz richtig befunden und Schwan sei nun schon so gut
wie frei gewesen aber ein kleiner Umstand habe ihm Freiheit und Leben gekostet
er sei nämlich auf einem sehr elenden Pf erde gesessen das mit seinem eigenen
trotzigen und kühnen Anstände  und wie aus den andern Quellen hervorgeht mit
seiner durchaus ehrbaren Kleidung  einen höchst lächerlichen Widerspruch
gebildet habe und dieser Umstand sowie das auffallende Gesicht des Mannes
habe gemacht dass der Oberamtmann mit Aufmerksamkeit bald auf dem Pferde bald
auf ihm verweilt sei Diese Aufmerksamkeit sei dem Reiter nicht entgangen der
nun habe annehmen müssen das gestohlene Pferd sei bereits steckbrieflich
geschildert und deshalb da der Oberamtmann eine Veränderung in seinem Gesichte
zu erblicken glaubte und ihm abzusteigen befahl die Flucht zu ergreifen gesucht
habe
    Gleichwohl würden nach seiner Vergewaltigung durch einige mutige Vaihinger
Bürger die wie der Vorgang von Jöhlingen beweist ihr Leben dabei wagten die
Inzichten die in seinem Benehmen und den bei ihm gefundenen allerdings
verdächtigen Gegenständen lagen noch nicht zu einem zuversichtlichen Verfahren
gegen ihn ausgereicht haben Er hatte sich schon mehr in solchen Verlegenheiten
befunden und wusste wieviel man der Obrigkeit selbst auf halbem Augenschein von
ihr ertappt durch hartnäckiges Leugnen abtrotzen konnte Aber die erste
Gefängnisnacht in Vaihingen vollendete die Umwandlung die schon lange in seinem
Innern begonnen hatte und durch die Stürme des Lebens die Foltern des Gewissens
so vorbereitet war dass sie nur noch eines äußeren Anstoßes bedurfte
    Wer seinen Mutterwitz und seine offenherzige Leutseligkeit für die einzigen
von seiner Mutter ererbten Eigenschaften hielt hatte sich garstig in ihm
verrechnet und teuer mussten die Genossen seiner Übeltaten diesen
Rechnungsfehler büßen Das hauptsächlichste Erbe das er von seiner Mutter
überkommen das heißt vermittelst ihres Einflusses sich in sein Herz eingeprägt
hatte war die Religion wie sie in den Liedern seiner Landeskirche in den
Sprüchen der Luterschen Bibel und in den Fragen und Antworten des
protestantischen Katechismus niedergelegt war Die Art wie er diese Religion in
der Welt ausüben sah hatte ihn oft über sie spotten machen und der Beifall
den seine Witze fanden hatte ihn in seinen Spöttereien bestärkt Aber was sein
Geschichtschreiber aus seinem Mund erzählt beweist dass sie dennoch die Heimat
seines innersten Gemüts geblieben war und der nämliche Erzähler dem es gar
nicht einmal einfiel an der Wahrheit jener Mitteilung zu zweifeln sagt bei
einer andern Gelegenheit von ihm Aufrichtigkeit sei selbst in seinen
ruchlosesten Jahren ein Hauptzug in ihm gewesen Oft erzählt derselbe bei der
Darstellung seines inneren Zustandes während seines Aufenthaltes unter den
Gaunern oft sei er nachts im Traume aufgewacht nachdem er vergebens durch
Berauschung sein Gewissen einzuschläfern gesucht habe geschrien geweint
gebetet bis sein Weib an seiner Seite ihn durch Spöttereien über seine Feigheit
wieder zum Schweigen gebracht habe Oft sei er auf die Knie gefallen und habe
den Himmel um Gnade zu seiner Besserung angefleht Oft sogar sei er unter dem
Galgen niedergekniet und habe Gott gebeten ihn aus diesem Leben herauszuführen
Dann habe er wieder sein Weib genötigt auf die Knie zu fallen und mit ihm zu
beten in der Hoffnung dass ihre wie er gedacht noch weniger befleckte Seele
eher Erhörung finden würde Oft sei er mit Schrecken aus dem Schlummer
aufgefahren habe geseufzt und gebetet und wenn sein Weib gefragt was ihm
fehle ihr allemal geantwortet er denke an den Waisenpfarrer zu Ludwigsburg »O
Weib« habe er weinend und seufzend gesagt »wenn du wüsstest was das für ein
Mann war was er mich gelehrt wie er mich ermahnt hat  o Gott wenn er recht
hat so sind wir beide verloren und ach gewiss er hat recht« Als er einst zu
Offenburg gefangen gelegen habe er mit einem von der Wand abgebrochenen
Stückchen Speiss ein Kruzifix gemalt dasselbe um sich stets an den Gekreuzigten
zu erinnern beständig angeschaut geküsst und mit Tränen benetzt »Damals« 
dies sind sagt sein Geschieh tschreiber seine eigenen Worte  »versprach ich
vor dem Bilde meines Heilandes Besserung und nahm mir fest vor eher mein Brot
zu betteln als ihn weiter zu beleidigen Ich netzte dieses Bild mit Tränen ich
küsste ihm die Hände und bat um meine Befreiung Sie erfolgte ich war so
glücklich dass ich entrann oder vielmehr so unglücklich dass ich Gelegenheit
bekam meine vorigen Sünden mit neuen zu vermehren Einige Tage tat ich gut
Aber ich konnte keine bösen Tage leiden Nur allzubald war der vorige gute
Vorsatz verschwunden und ich war zu meinem Schaden klug genug Entschuldigung
für meine Sünden zu finden und mich manchmal gar zu bereden dass alles Torheit
sei was man vielleicht bloß um der Einkünfte willen in den Kirchen predige Das
ging nun freilich nicht ohne innerliches Widersprechen meines Gewissens ab und
überhaupt hatte ich beständig quälende Gewissensbisse« Nichts aber setzt sein
Geschichtschreiber hinzu habe seine Besserung so sehr gehindert als sein Weib
die seine Begierde nach derselben als Zuckungen eines Feigen belacht und wenn
Spotten nichts mehr half seine Frömmigkeit bloß als einen Vorwand sie zu
verlassen und zu seiner lutherischen Christine zurückzukehren angesehen habe
    Die schwarze Christine bekannte sich zu der katholischen Kirche Sie hatte
mit ihrem Geliebten gleich nach ihrer Verbindung eine Wallfahrt zu der schwarzen
Maria von Einsiedeln gemacht um sich trauen zu lassen daselbst auch
Bereitwilligkeit gefunden die jedoch nicht zur Tat werden konnte da keines
von beiden Brautleuten daran gedacht hatte seinen Taufschein mitzubringen Ihr
erstes Kind war in einem badischen Orte dessen gaunerfreundlicher Schultheiß
dabei zu Gevatter stand von einem Jesuiten getauft worden Über den Tod dieses
Kindes das sie frühe wieder verlor betrübte sie sich so übermäßig dass sie in
Verzweiflung verfiel und dem Wahnsinn nahe kam sie wollte sich durchaus nicht
von dem Kinde trennen und trug die verwesende Leiche in einem Kästchen mit der
größten Beschwerde acht Tage lang herum Über ihr Verhältnis zu ihrer Religion
sagt der akademische Geschichtschreiber dieses Räubers und dieser Räuberin
»Niemand betete pflichtlicher das Paternoster Niemand besuchte die Wallfahrten
so fleißig oder wohnte den Prozessionen so häufig bei Schwan hat versichert
dass sie auf eine einzige solche heilige Feierlichkeit mehr als dreißig Gulden
aufgewandt dass sie aber auch öfters das Geld dazu vorher gestohlen habe«
Übereinstimmend hiermit sagt ein Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts der
über die Gauner schrieb und sich durch seine Sprache als Protestanten zu
erkennen gibt die Religion zu der sich diese Menschenklasse bekenne sei in
der Regel die katholische man dürfe immer hundert Katholiken auf einen oder
zweien Luteraner Reformierte oder Juden rechnen diese Minderheiten bilden die
Ausnahme und seien allemal Überläufer aus dem Bürgerstande die
Religionswissenschaft der Mehrheit bestehe in einigen auswendig gelernten
Formeln in Legenden in ungestalteten Ideen von Wallfahrten Messelesen
Rosenkranzbeten u dgl und mehr fügt er mit protestantischer Härte hinzu
brauchen sie als Gauner auch nicht zu wissen denn die Religion würde ihnen
wenn sie sie dem Wesen nach kenneten nur beschwerlich sein
    Die katholische Kirche die sich die allgemeine nennt und es zu werden
strebt macht dem Menschen den Eintritt in ihre allezeit offenen Tempel leichter
und legt ihm kein so schweres Opfer auf wie ihre Schwesterkirche Da sie alles
unter ihre Flügel versammeln will so muss sie wie eine gütige nachsichtige
Mutter verfahren die dem Kinde je nach dem Masse seiner Gaben nicht das
Schwerste zumutet sondern sich mit der Andeutung des guten Willens begnügt
Daher erklärt es sich dass ihre opferfreudigen Sendboten unter den kindlichen
Völkern einer jüngeren Welt wie bei den aus Indien nach Europa eingewanderten
Zigeunern welche grossenteils den Grundstock der Heimatlosen des vorigen
Jahrhunderts abgegeben haben im Pflanzen und Ernten glücklicher gewesen sind
als ihre Nebenbuhler von der anderen Kirche Diese strengere Mutter weist die
bloß äußerliche Andeutung zurück sie duldet es nicht dass der Mensch an seiner
Statt Gott einen guten Mann sein lasse sondern legt ihm selbst unter
Verheißung des göttlichen Beistandes zwar die Riesenarbeit auf sich die
Geheimnisse des Glaubens anzueignen und das eigene Ich zu überwinden Da sie
selbst die Größe dieser Forderung sich nicht verbergen kann so sagt sie es sei
nur Auserwählten möglich dieselbe zu erfüllen während sie zugleich da sie so
wenig wie die andere Kirche ihren Kreis zu beschränken gemeint ist hiedurch in
den Widerspruch gerät auch Nichtauserwählten ihr Joch auferlegen zu wollen
Hiezu kommt noch dass ihr seit mehr als hundert Jahren gerade unter ihren
begabtesten Söhnen Gegner aufgestanden sind die statt sich als Auserwählte zu
zeigen den Grund des Glaubens mit der Schneide der Prüfung und Verneinung
aufgewühlt und ihre unbegabteren Brüder beunruhigt haben so dass die Kirche
selbst im Kampf mit ihnen so wie andererseits mit ihrer älteren Schwester
genötigt worden ist um den Glauben zu streiten das heißt die Breite Höhe und
Tiefe der Gottheit auszumessen was zwar den Weltkindern freistehen mag der
Kirche aber durch ihre heiligen Urkunden nicht empfohlen ist So weisen denn
beide Kirchen an ihren Bekennern Schattenseiten auf welche die Gefahren der
einen wie der anderen anzeigen dort Leichtsinn hier Verwirrung Beide aber
die nachsichtige wie die strenge Mutter geben dem Menschen für das Leben die
gleiche Vorschrift Liebe deinen Nächsten wie dich selbst und wenn diese Lehre
befolgt würde wenn mit diesem Beispiel die Lehrenden selbst und unter ihnen die
heißesten Eiferer für ihre Kirche und ihren Glauben zuerst vorangingen so wäre
unter den Flügeln der einen wie der anderen dem Menschen eine gute Wohnstätte
bereitet Dass auf der einen wie auf der anderen Seite von dieser Liebe nicht gar
viel zu spüren ist das ist wohl zunächst die Schuld des einzelnen Menschen
noch weit mehr aber die Schuld und Not des ganzen Kreises aus dem er stammt und
in dem er lebt Die Liebe ob sie schmeicheln oder züchtigen mag ist ein Weib
und kann nicht dem Haushalte vorstehen der neben der Mutter des Mannes des
Vaters bedarf und wenn das Volk das in so vielen stolzen Söhnen sich rühmt
das zweite auserwählte der Weltgeschichte zu sein wenn dieses Volk am Ziele
seiner harten Arbeit und Mühsal die Gesetzestafeln findet welche den
zerrütteten Haushalt der Völkerwelt von neuem ordnen jedem einzelnen Kinde des
Hauses sein Lebensrecht und seine Lebenspflicht in ungezwungenem menschlichen
Masse zuwägen dann ist der Vater zu der Mutter gefunden dann werden Recht und
Liebe nebeneinander eins das andere beschränkend beschirmend verklärend in
dem neuerbauten Hause walten
    Die schwarze Christine tat sich auf ihre pflichtmässigen Religionsübungen
nicht weniger zu gut als die ehrbare Protestantin welche sonntäglich zur Kirche
geht um die Predigt zu hören vielleicht auch in der andächtigen Gemeinde
gesehen zu werden und das mit einem gewissen Recht denn unter den Leuten
welche nicht durch die Schulen der Philosophen sondern bloß durch ihre
Konfessionsschule unmittelbar oder mittelbar gegangen sind gilt es für eine
Brandmarkung keine Religion zu haben weil diese eben das unverstandene aber
eben darum desto mehr mit der Ahnung festgehaltene Wahrzeichen ist dass man
einem Menschen im Verkehr mit seinesgleichen trauen könne Sooft sie auch sich
selbst und andere schon mit diesem Wahrzeichen getäuscht haben sie halten immer
wieder daran fest nicht mit dem Verstande der die geheimnisvolle Kammer der
Glaubensschätze als Prunkgemach für hohe Feste das ganze Jahr verschlossen lässt
und vorsichtig seinen Geschäften nachgeht sondern mit dem Herzen welches
dunkel fühlt dass die Religion mit der dem Leben zugekehrten Vorschrift der
Liebe die Menschen aneinander bindet oder binden sollte Dass sie nach
vollbrachter Religionsübung sich mit ihrer Religion abfinden und dieselbe in den
menschlichen Verkehr nicht mitbringen können sie einander von beiden Seiten mit
gleichem Recht vorwerfen nur wird die gleiche Innigkeit des Bekenntnisses bei
den einzelnen vorausgesetzt die Abfindung bei dem strengeren Bekenntnisse
schwerer sein Und doch finden sich hüben wie drüben bis zu einer gewissen
Grenze alle ab denn wer befolgt die Vorschrift des Evangeliums alles zu
verkaufen was er hat und es den Armen zu geben oder nie für den kommenden Tag
zu sorgen Wer Rechtsverbindlichkeiten eingegangen hat wer Weib und Kind
ernähren muss wird wenn er auch noch so kirchlich religiös gesinnt ist sich
mehr oder minder deutlich gestehen dass er solche Vorschriften als unerfüllbar
betrachte Dann bleibt zwar allerdings noch immer ein sehr großer Unterschied
zwischen ihm und einer Gaunerin die das Geld zu einer Wallfahrt stiehlt oder
wie eine andere ihres Ordens ein berühmtes Marienbild von gestohlenem Zeuge
kleiden oder gar wie gleichfalls vorgekommen ist für das Gelingen eines
Einbruches eine Messe lesen lässt aber die Nichtanwendung wie die nichtswürdige
Anwendung von Religionsvorschriften auf das Leben ist immer eine Abfindung mit
welcher man bekennt dass die Religion das Leben nicht ganz zu leiten vermöge
Woher soll ihm aber eine ganze Leitung kommen solang es an einem Rechte fehlt
das jedem seinen Platz am Tische des Lehens sichert Die Religion hat noch
selten einen christlichen Staat oder Fürsten abgehalten um eines wirklichen
oder vermeintlichen Rechtes willen einem anderen Menschen oder Christenreiche
den Krieg zu erklären und selbst mit Grausamkeit zu führen ja nach erfochtenem
Sieg über blutigen Leichen und rauchenden Wohnstätten dem Herrn der Heerscharen
den dieselbe Religion auch den Vater der Liebe nennt einen schrecklichen
Lobgesang anzustimmen Auf ein Recht aber glaubte auch die Tochter eines
heimatlosen Stammes sich berufen zu können die über den Gräbern ihrer
geschlachteten Verwandten im Kriege mit der Gesellschaft aufgewachsen war und
diesen Krieg mit dem gleichen Hasse führte mit welchem ein Naturvolk seine
Wälder und Gebirge unter Raub und Mord gegen die Waffen und Gesetze des
eingeborenen oder eingedrungenen Beherrschers zu behaupten sucht Gerade hierin
aber lag zwischen ihr und dem nicht von Kindesbeinen an sondern erst in
späteren Jahren ausgestossenen Sohne des herrschenden Volkes ein Gegensatz der
immer eine Kluft zwischen ihnen offen erhalten musste Zehnmal mochte er ihr in
den Stunden der Leidenschaft beistimmen dass die Gesellschaft die er verlassen
aus lauter Spitzbuben Heuchlern oder Tröpfen bestehe immer wieder sagte ihm
seine unbestechliche Erinnerung dass er auch ehrliche gradsinnige und
verständige Leute darin gefunden habe und dass das nächste Opfer ihrer Raubzüge
zu diesen gehören könne Und diese lichten Erinnerungen und Eindrücke verbanden
sich bei ihm mit einer Religion die ihn in dem friedlichfrommen Kreise seiner
Mutter mit dem unvertilgbaren Bewusstsein erfüllt hatte dass wenn auch in der
Bibel und von ihren besten Helden gestohlen geraubt und gemordet werde dass
wenn auch eine christliche Obrigkeit sich für die Führung ihres Racheschwertes
auf die Bibel berufe doch der wahrhaft gute Mensch einen Abscheu davor haben
müsse das Eigentum seines Nächsten anzutasten oder unter welchem Vorwande es
auch sei sein Blut zu vergießen
    Aber die innere Erkenntnis des Menschen hat ohne eine Unterstützung von
außen nicht so leicht die Gewalt sein äußeres Leben augenblicklich
umzugestalten schon deshalb nicht weil seinen schönsten und edelsten
Empfindungen immer wieder die menschliche Schwachheit sich anhängt und weil er
die besten Vorsätze sehr oft in Stunden äußerer Not und Bedrängnis fasst so dass
wenn diese vorüber sind das frohe Gefühl des Glückswechsels ihm auch den guten
Vorsatz nur als ein Erzeugnis der schwachen Stunde erscheinen lässt Hiefür
liefert gerade die Geschichte der Offenburger Verhaftung wie sie Schwan ohne
den religiösen Zwischenvorgang zu den Akten gegeben hat einen so deutlichen
Beleg dass dieselbe die auch sonst merkwürdige Züge darbietet hier nicht
übergangen werden darf Nach verschiedenen Abenteuern mit eigennützigen
Polizeimännern und nachlässigen Obrigkeiten welche sich den Schutz der ihnen
anvertrauten bürgerlichen Gesellschaft so schlecht angelegen sein ließ dass
diejenigen die dem Markgrafen von Baden ihre etwaigen Gefangenen um Geld
verkauften noch weitaus zu den besseren gehörten hatte das Paar den Unstern
auf dem Jahrmarkte zu Offenburg in seinen Geschäften durch die Wachsamkeit
dortiger Bürger gestört zu werden wie denn überhaupt in allen ähnlichen
Geschichten jener Zeit die Gaunerherrlichkeit immer erst da ein Ende hat wo
mutige und aufopfernde Bürger oft schmählich im Stich gelassen der Obrigkeit
zu Hilfe kommen Dem Räuber gelang es in eine Kapelle zu entspringen seine
beiden Terzrohre wie der Sprachgebrauch der Zeit sie nannte unter dem
Hochaltar zu verbergen und seine Barschaft von drei Karolins dem Chorrektor der
mit mehreren Geistlichen sogleich herbeieilte in die Hand zu drücken Der
Chorrektor versprach ihn nicht eher auszuliefern als bis er vom Magistrat
einen Salvuskondukt in so bündiger Form ausgewirkt habe dass man ihm weder an
das Leben gehen noch ein Glied verletzen sondern wenn er je eine Todesstrafe
verwirkt ihn wieder hierher in die Kirche stellen müsse für Schläge könne er
ihm freilich nicht stehen Der Stadtmeister der katholischen Reichsstadt lag
nebst einigen anderen Personen soeben in der gleichen Kirche seiner Andacht ob
und sah die Unterhandlung zwischen dem Geistlichen und dem verdächtigen
Flüchtling mit an Als nun die Kirche denselben mit dem weiteren Versprechen
dass er das anvertraute Geld nach seiner Freigebung bei dem Pfarrer eines
benachbarten Ortes wieder abholen könne der weltlichen Obrigkeit übergeben
hatte so wollte diese mit aller Gewalt wissen was er dem Geistlichen
zugestellt habe Drei Tage hintereinander erhielt er jedesmal vierzig Streiche
bekannte aber nichts ungeachtet er nach seiner Erzählung unleidliche Schmerzen
auszustehen hatte und in der Nacht des vierten Tages gelang es ihm die
Riegelwand von Backstein durchzubrechen und sich am Leintuche herabzulassen
worauf er bei dem bezeichneten Pfarrer seine drei Karolins wieder abholte Die
Kirche hatte im Kampfe mit dem Staat ihr Recht um jeden Preis behauptet und eher
einem Räuber dessen Eigenschaft sie kaum bezweifeln konnte durchgeholfen als
sich ihr Asylrecht verletzen lassen Nach diesem Hergang darf man sich jedoch
nicht wundern wenn Christine über die Geschichte der dreitägigen Busse vor einem
mit Speiss gemalten Kruzifix welche ihm jeden Tag durch die Aussicht morgen
wieder vierzig Schläge zu erhalten geschärft worden war den vierten Tag aber
mit einem Ausbruch geendigt hatte in ein höhnisches Gelächter ausbrach und die
lutherischen Anwandlungen um so unpassender fand als ihre eigene Kirche ihn
soeben zu nicht geringem Danke verpflichtet hatte
    Dennoch ließ diese Anwandlungen nicht von ihm ab und jetzt wird es
begreiflich wie sie in Vaihingen so plötzlich zum Durchbruch kommen konnten
Zugleich aber lernt man auch deutlicher zwischen den Zeilen des Vaihinger
Protokolls lesen wenn man sich den Auftritt von dem Sohne des Oberamtmannes
erzählen lässt
    »Den zweiten Tag« sagte er »erschien Schwan wieder Der Beamte schlug nun
den entgegengesetzten Weg ein Er wiederholte ihm zwar noch einmal dass er ihn
für einen ausgemachten Bösewicht halte aber nun forderte er ihn nicht mehr
durch Drohungen sondern durch Darstellung der schrecklichen Folgen des Lasters
durch Schilderung des Glücks eines ruhigen Gewissens durch Bezeugung seiner
herzlichen Teilnehmung an seinem Schicksal und durch Verspruch ihm dasselbe
durch alles was nur in seiner Gewalt stehe zu mildern auf kurz er versuchte
nun durch Religion und teilnehmende Güte sein Herz zu rühren Der Versuch
gelang Der trotzige Blick milderte sich sichtbarlich Traurigkeit trat an die
Stelle der Wut eine Träne floss in dem wilden Auge Ich habe meinen Mann
gefunden rief er gerührt ich bitte Sie lassen Sie diese Leute hinausgehen
und ich will Ihnen alles gestehen Der Oberamtmann um diese Rührung nicht zu
stören ließ alle nicht ganz notwendigen Personen hinausgehen und in diesem
Augenblick stammelte Schwan mit bebendem Munde Hören Sie in einem Wort alle
meine Verbrechen ich bin der Sonnenwirtle «
    Hisce praemissis ist das Bekenntnis des Räubers nicht mehr so sehr
überraschend wie es in dem Protokoll des Oberamtmanns überrascht und wie dieser
selbst der freilich im Protokoll dies wenig merken lässt nebst Stadt und Land
davon überrascht gewesen ist Hätte er sein Inquisitionsschema wie er es in das
Protokoll schrieb angewendet so würde er wohl lange auf diese überfliessende
Offenheit haben warten dürfen denn dieses Schema das auch den redlichsten
Beamten ohne seine Schuld zu einer gewissen Unwahrheit zwingt ist dem Volke so
fremd wie die römische Advokatur es seinen zungenausreissenden Vorfahren war Dem
Manne der den Menschen und den Oberamtmann mit so gutem Erfolge für sein
Protokoll zu vereinigen wusste soll hieraus kein Vorwurf gemacht werden er hat
seinerzeit einen wichtigen Dienst geleistet und sein Gefangener selbst hat ihm
die Abkürzung einer Laufbahn voll Schmach und innerer Verachtung deren Maß
immer voller geworden wäre in der ganzen Aufrichtigkeit seines Herzens gedankt
    Mit diesem Bekenntnis nun das gleich in den ersten Worten den Stab über
sein verwüstetes Leben brach halte er sich nicht bloß in die Hand der
Obrigkeit sondern auch in die Hand seiner Kirche ergeben welche ihre Diener
sandte um dieses Leben zu einem bussfertigen und seligen Ende zuzubereiten Ohne
Zweifel haben dieselben nach der Sitte der Zeit ausführliche Beschreibungen
dieses geistlichen Prozesses veröffentlicht aber unter den vielen Schwarten von
hochfürstlichen Geburts Hochzeits und Leichenfeierlichkeiten in dem
öffentlichen Bücherschatze den der Herzog später anlegte als er für ein
gleichfalls verfehltes Leben Ersatz in der Erziehung der Jugend suchte haben
jene Schriften keinen Platz gefunden und das Lebensbild aus welchem nicht ein
Zug hätte verlorengehen sollen muss auch auf dieser Seite halbvollendet bleiben
Doch hat einer der beiden Geistlichen dem Sohne des Oberamtmanns einzelne Züge
aus jenem Bekehrungsgange mitgeteilt welche uns in der Erzählung desselben
aufbehalten sind Bei seinem ersten Besuche begann dieser Geistliche von dem
Zorne Gottes zu reden der diejenigen verfolge welche die Mittel der Gnade zu
lange verschmäht von einer traurigen Ewigkeit und von den Schwierigkeiten einer
aufrichtigen Besserung nach einem so ruchlosen Leben Hiemit hatte er zwar
untadelhaft nach seinem Schema gearbeitet wie der Oberamtmann nach dem seinigen
ein regelrechtes Protokoll zuschreiben wusste aber seine Bemühung fand den
entgegengesetzten Erfolg Der Räuber rief ihm aufgebracht entgegen ob er nur
gekommen sei ihn zu quälen Der Geistliche bequemte sich in die Schule des
Oberamtmanns der diesen harten Stoff besser zu kneten verstand zu gehen und
stellte sich nun dem stolzen Verbrecher als ein Bote des Friedens dar der dem
reuigen Sünder im Namen Gottes  welcher ihm geboten habe ihn in seinem Namen
sogar darum zu bitten  Gnade antrug dann ging er zum Gebet über flehte Gott
um Vergebung ihrer beiden Sünden an und dankte ihm für die Langmut die er
diesem seinem verirrten Schafe bewiesen habe Jetzt war die rechte Saite
angeschlagen der Verbrecher war bewegt von dem Gedanken an die Langmut Gottes
sah den Geistlichen während seines Vortrags mit unverwandten Augen an und
zerfloss in Tränen auch gestand er dass ihn diese Langmut Gottes während seines
ruchlosen Lebens oft zu Tränen gerührt habe Von dieser Zeit an schlug der
Geistliche bloß diesen Weg ein und führte seine Aufgabe siegreich durch Der
stolze Wildling wollte auch von seinem Gott und dessen Dienern um die schwere
Arbeit die er auf sich nehmen sollte manierlich angesprochen sein Es lässt
sich jedoch denken und wird auch ausdrücklich erzählt dass dieselbe nicht ohne
Unterbrechung vonstatten ging wobei besonders sein Stolz immer wieder den
schwer zu brechenden Kopf erhob Einst besuchten ihn nach der Art der Zeit
welche äußerst neugierig auf Verbrecher war zwei Fremde in seinem Gefängnis
Der eine betrachtete die berüchtigte Gestalt und fragte ob er der Unglückliche
sei der so viele unglücklich gemacht habe »Meine Herren« antwortete er den
mächtigen Kopf in den breiten Nacken werfend »wer ist unglücklicher Sie oder
ich Sie die vielleicht mitten in Ihren Sünden durch einen einzigen Schlag
dahingerissen werden oder ich der ich durch das Blut Jesu mit Gott versöhnet
bin« Indessen tat er gleich wieder Busse und sagte zu seinem Beichtvater »Mein
Gott was bin ich für ein elender Mensch dass ich nicht einmal diese einzige
Rede habe erdulden können« Aber auch die lustigen Farben des Lebens störten ihm
das ernste Gewebe an dem er wirkte Die unanständigen Witze und die
Religionsspöttereien die so oft den Beifall seiner Gesellen erregt hatten
kehrten manchmal wieder zu ihm zurück und verdarben ihm durch irgendeine
unwillkürliche Gedankenverbindung das Gebet oder das Bibelwort durch welches er
den glimmenden Docht seiner Leuchte anzufachen das zerstossene Rohr seines
Lebens aufzurichten suchte »Ebensowenig« sagt sein Geschichtschreiber
»verließ ihn seine rohe Lustigkeit Ein Glas Wein und ein gutes Essen machte ihn
auch in den letzten Tagen seines Lebens so lustig dass er die ganze
Gesellschaft die bei ihm war mit Scherzen unterhielt und Henker Tod
Bekehrung alles vergaß« Desto größer aber war nachher immer wieder seine
Zerknirschung »so dass er einst als er bei ziemlichem Durste mehr Verlangen
nach einem Glase Wein als nach geistlichen Gesängen empfunden aus Reue hierüber
und aus Zorn über sich selbst das Gesangbuch auf den Boden warf was ihm dann
einen neuen ebenso großen Kummer verursachte« Da im Menschenleben zwischen dem
Kleinsten und Grössten Gleichungspunkte sind so drängt sich bei diesem Zuge von
selbst die Erinnerung an die Kämpfe des großen Reformators auf in dessen
Geistesbande dieser schwierige Zögling sich gegeben hatte und dessen riesige
Gestalt die Nachwelt oft mit lächelndem Munde bewundert Gleichwie seine
Kirchenänderung die leichtfertige Welt seiner Tage mit Umsturz und Zerstörung
bedrohte so geht auch der Lehrbegriff den er von einem verwandten Geiste
erbte dem natürlichen Menschen revolutionär und terroristisch zu Leib Die
Lehre eines alten Kirchenvaters der nach einem weltlich durchstürmten Leben
durchgreifende Busse und Selbstentäusserung predigte muss den Menschen erst an
allen Gliedern brechen um ihn neu aufbauen zu können Hieraus ergibt sich von
selbst dass sie bei der Jugend und bei allen jenen weichen freundlichen
Gemütern die in Übereinstimmung mit sich durch das Leben gehen seine
Widersprüche nicht empfinden oder beiseite zu schieben wissen nur oberflächlich
wirken kann Wer aber durch Schuld und Not hindurchgegangen ist wer sich in den
Netzen des Lebens verstrickt und sich selbst darin verloren hat bei wem jener
Entäusserung die grenzenlose Selbstverachtung vorgearbeitet hat die sich nicht
mehr mit dem Splitter im Auge des Nebenmenschen zu entschuldigen vermag und wer
auf allen seinen Irrwegen zugleich wenn auch nicht ein geistesstolzes Denken
doch ein geistiges Leben sich bewahrt hat der ist reif um jene Lehre mit ihrer
ganzen übermenschlichen Gewalt in sich aufzunehmen Auf diesem Wege sind
vornehme und gemeine Sünder deren Lebensgeschichten unentbehrliche Blätter in
den Jahrbüchern des menschlichen Geistes bilden zu einer Umwälzung gekommen
welche die Welt die nach menschlichem Masse leben will ja oft selbst die
Kirchenwelt mit Staunen wie ein verzehrendes Feuer aufflammen sah Sie haben
Heil gestiftet wo sie auf verwandten Boden säeten viele haben ihnen mit
zerstörtem Lebensglück geflucht denn ihr Werk war sich selbst und alles was
sie vorher liebten zu zerschmettern
    An den Genossen eines verbundenen Lebens wie es auch zugebracht worden sein
mag zum Verräter zu werden ist ein Malzeichen vor welchem selbst der
Leichtfertigste ein wenig stutzt Die Rechtfertigung dieser Tat wäre in dem
Falle der uns vorliegt selbst für die natürliche Betrachtung gar nicht schwer
denn einer Bande die arglosen Menschen nachts in die Häuser bricht die
Bewohner aus den Betten reißt mit glühenden Nadeln peinigt oder den Schlaf
mordet ist niemand die Treue schuldig die sie der Menschheit und sich selbst
nicht hält Aber es handelt sich ja hier nicht darum eine Art Vorbild in so
günstiger Beleuchtung aufzustellen dass der geschmeichelte Leser darin seine
eigene Menschenvortrefflichkeit erkennt Vielmehr soll dieses Menschenleben mit
seinen Lichtern und Schatten mit seinen Ehrenzeichen und Schandmalen ein
Gleichnis sein in welchem jeder sich als gut und bös erkennen mag Denn fremd
kann dem Menschen nichts bleiben was menschlich ist Die wilden Tiere welche
seine Mitwelt in diesem Menschen sah sie hausen alle in unserer Brust und alle
haben wir am Bache des Ebers getrunken Wir verabscheuen das Stehlen Rauben und
Morden aber auch er hat es verabscheut und nicht erst nach der Tat und sei
es in den Bussliedern frommer Zerknirschung oder in der Alltagssprache müssen
wir uns schuldig bekennen dass wir oft unserm Nächsten das volle Lot das ihm
gebührte nicht zugewogen dass wir sein Menschenrecht gekränkt sein
Menschenherz verletzt haben Wer die Busse dieses Verbrechers als einen Ausfluss
der Geistesgrösse bewundert wird sich doch auch daraus die Wahrheit entnehmen
dass es besser ist einen Lebensweg zu meiden der mit Abfall oder gar Verrat an
den Genossen enden muss und wer sie als die Schwäche eines in der Bildung
verwahrlosten Geistes den seine Zeit keinen Lessing werden ließ ansieht der
mag sich sagen dass auch der unabhängigste Denker im Vollgefühle seiner Freiheit
über Begriffe straucheln kann die er mit der Muttermilch eingezogen hat Keiner
steht so hoch dass er nicht fallen kann und das einfältige Wort der
Menschenliebe und Menschenwürde in jenem Buche worin sich die Sehnsucht des
Morgenlandes mit dem Geiste unserer alten Sprache und Dichtung vermählt hat ist
höher als alle
    Der Kampf des Sünders von welchem seine Kirche eine werktätige Reue
forderte die sich nicht einmal um den Preis des eigenen Lebens abfinden durfte
war groß und schwer Dieses zertrümmerte Lebensschiff hatte er mit raschem
Entschlüsse preisgegeben und doch kam ihn auch bei dieser Auslieferung das
Aufzählen des Inhalts im einzelnen sauer an Die großen Verbrechen welche den
Kopf kosteten gingen ihm ohne Widerstreben über die Zunge aber die kleineren
Vergehen suchte er solange als möglich zurückzuhalten aus Furcht vor einer
schwereren Todesstrafe wie er nachher behaupten wollte in Wahrheit aber aus
Stolz und Scham weil die Gemeinheit dieser kleinen Diebstähle und Einbrüche ihm
unauslöschlich auf der Seele brannte Doch warf er endlich auch diesen Stolz als
ein verwerfliches Überbleibsel seines alten Herzens weg Der Oberamtmann der
die weiche Seite dieses Herzens kennengelernt hatte unterstützte ihn mit gutem
Bedacht »er ehrte ihn durch den offen kundgegebenen Glauben an seine
Aufrichtigkeit und Besserung drückte ihm seine Freude aus ihn nicht durch
Drohungen Schimpf und gewaltsame Mittel zwingen zu müssen sprach auch mitunter
von anderen Gegenständen mit ihm hörte seine Meinung und ließ die Inquisition
den Ton einer vertraulichen Unterredung annehmen« wovon freilich das Protokoll
nichts enthält Zugleich schickte er ihm Essen und Trinken ins Gefängnis und
dass er für diese freundliche Gabe in mehr als einem Sinne empfänglich war
wissen wir bereits Die Stadt ahmte das Beispiel ihres Oberbeamten nach Die
Wächter ließ sichs gleichfalls gesagt sein ihn menschlich zu behandeln »sie
gingen ganz vertraulich mit ihm um und lachten und beteten abwechselnd mit ihm«
Wieviel diese guten Tage dazu beigetragen ihn auf dem eingeschlagenen Wege zu
erhalten lässt sich nicht unterscheiden wohl aber ist nicht zu leugnen dass den
reinsten Gesinnungen immer menschliche Schwäche anklebt Indessen hatte die Güte
ihr strenges Maß Er war gleich anfangs so hart geschlossen worden dass er gar
keine Bewegung machen konnte und vier Männer mussten beständig in seinem Zimmer
vier außerhalb desselben wachen Allein die Handlungsweise des Oberamtmanns der
das Menschliche mit dem Amtlichen zu verbinden wusste gewann den Räuber völlig
»Mit Tränen erklärte er«  und der Gewährsmann fügt ausdrücklich hinzu dass dies
seine eigenen Worte seien  »der Oberamtmann habe durch seine Güte mehr aus ihm
herausgebracht als tausend Foltern nicht hätten erpressen können Er erklärte
er danke der Vorsehung dass sie ihm gerade in dieser Stadt seinen Tod bestimmt
und er möchte um keinen Preis auch wenn er könnte mehr entwischen Weil er
sich aber selbst nicht traute so wünschte er bat sogar man möchte ihn wie den
ärgsten Bösewicht bewachen Er nannte die Arten des Schliessens die allein mit
Sicherheit bei ihm angewendet werden könnten und zeigte andere deren
Nutzlosigkeit er bewies Besonders erinnerte er dass man an Markttagen wachsam
sein solle weil da gewiss einige seiner Kameraden sich einschleichen würden um
ihn zu retten« Infolge dieser Angaben musste die standhafte Erwartung des
Volkes dass der Schützling des Teufels wie in Hohentwiel und anderen festen
Orten eines Tages durch Rauchfang oder Schlüsselloch verschwinden werde
unerfüllt bleiben Dagegen rief der Tod des Amtsdieners der plötzlich während
der Untersuchung starb die noch jetzt im Munde des Volkes lebende Sage hervor
die verzweifelten Spiessgesellen des Gefangenen haben um seine gefährlichen
Geständnisse die sich wie ein Lauffeuer in alle Lande verbreiteten
abzuschneiden ihm heimlich vergiftetes Backwerk zuzustecken versucht und die
Konfiskation desselben sei dem Diener des Gesetzes übel bekommen Während aber
im Volke sich geschäftig eine Art Heldensage über ihn bildete stand er demütig
vor seinem Richter und bekannte sich für den »Verworfensten aller Sterblichen«
    Die strenge Folgerichtigkeit der Busse verlangte aber mehr von ihm Die schon
in der Freiheit versuchten Enthüllungen über die mordbrennerischen Pläne der
überrheinischen Zigeuner konnten ihm nicht besonders schwer werden denn dieses
Gesindel ging ihn nicht näher an Aber wenn seine Beichte vollständig sein
sollte so musste er nähere Genossen musste er seine Nächsten in das Verderben
wenigstens in das zeitliche mit hineinreissen Nach seiner ganzen Beschaffenheit
musste ihn dies einen Kampf kosten über dessen Schwere man sich durch die bei
dem Naturmenschen in jeder Lage des Lebens möglichen Augenblicke der Lustigkeit
nicht täuschen lassen darf Die beiden Haupttriebräder seiner ganzen
Lebensentwickelung Liebe und Stolz mussten in diesem Kampfe überwunden werden
Er war sein Leben lang seinen Freunden ein treuer Freund nicht bloß gewesen
sondern zur vollsten Befriedigung seines Selbstgefühls als solcher auch stets
von ihnen anerkannt worden und nun sollte er diesen einzigen letzten Ruhm an
dem er sich im Eisgange der Selbstverachtung noch aufrecht gehalten von sich
werfen sollte auch noch den Seinen verächtlich werden wie er der übrigen Welt
verächtlich war Aber er war dem Buss und Besserungsplan welchen das weltliche
und geistliche Amt zusammen entwarfen schon in seinem ersten Verhör
vorausgeeilt in welchem er erklärt hatte er wolle seiner Mitschuldigen so
wenig wie seiner selbst verschonen und hatte damals schon auf die Gefangenen in
Stein unter welchen seine zweite Christine war hingewiesen Nur fand er bald
dass die Ausführung eines Entschlusses nicht so leicht ist wie der Entschluss
selbst und in den nächsten Verhören begann er zugunsten seiner beiden Weiber zu
lügen so sehr dass er in der Erzählung von der Zusammenkunft im Walde bei
Wäschenbeuren eine Katarina statt der schwarzen Christine nannte Er hatte
beide mit der ganzen Kraft seines Herzens geliebt Wenn er sie aber liebte so
musste er ihnen ja die gleiche bittersüsse Arznei reichen der er seine Genesung
zu verdanken bekannte Er entschloss sich dazu und dass dieser Entschluss der
äußersten Selbstüberwindung aus redlicher Überzeugung floss das haben ihm nicht
bloß seine weltlichen Richter und geistlichen Tröster bezeugt das bezeugt ihm
nicht bloß sein Geschichtschreiber welcher versichert dass er mit der
unabänderlich gleichen Gesinnung auf der Lippe gestorben sei sondern die
menschliche Natur selbst bezeugt es ihm welche weiß dass ein Mensch wie dieser
nicht mit einer Lüge aus dem Leben gehen kann
    Die Folge seiner Geständnisse war dass beide Christinen an den Sitz des
Gerichts geholt wurden die eine aus ihrer Gefangenschaft die andere aus der
Dunkelheit ihres Dienstes in welchem sie sich wie ihr Geschichtschreiber sagt
ordentlich aufgeführt hatte
    Die schwarze Christine die ihn durch und durch kannte und sich ohne Zweifel
sagte dass sie verloren sei wenn es der Oberamtmann verstanden habe ihn an
seiner schwachen Seite zu fassen leugnete hartnäckig schalt über
Ungerechtigkeit und drohte  aber der Oberamtmann hatte sein gezähmtes Wild bei
der Hand und wusste es zum Fang des ungezähmten zu gebrauchen Er hatte seinen
Gefangenen hinter einer spanischen Wand verborgen und ließ ihn da sie einen
Sonnenwirtle jemals gesehen zu haben leugnete plötzlich auf ein gegebenes
Zeichen hervortreten »Seine ganze Seele« erzählt der Geschichtschreiber »ward
bei ihrem Anblick bewegt er zerfloss in Tränen der Liebe und des Schmerzes Auch
sie war bei seinem unerwarteten Anblick erschüttert doch fasste sie sich
plötzlich wieder und nahm die gleichgültigste Miene wie gegen einen unbekannten
oder kaum einmal gesehenen Menschen an Schwan ließ sich nicht abschrecken Er
näherte sich ihr mit den zärtlichsten Liebkosungen die um so rührender waren
da sie sich zum erstenmal in einer so traurigen Lage und unter noch traurigeren
Aussichten wiedersahen Aber sie verschmähte mit Unwillen seine Zärtlichkeit und
beschwerte sich über die Vertraulichkeiten eines Unbekannten da er noch
überdies allem Anschein nach ein großer Bösewicht sei und sie selbst in diesen
Verdacht bringen wolle Noch ließ er nicht nach Er erklärte ihr dass das
Leugnen ihrer Verbrechen nun zu spät sei dass er längst alles gestanden und dass
sie selbst auch durch viele Umstände sich schon verraten habe Er versicherte
sie dass nun das Ende ihrer Freveltaten gewiss gekommen dass er aber seinen
gegenwärtigen Zustand wo er in Ketten und Banden schmachte und keine weitere
Aussicht als den Tod habe dennoch für viel glücklicher halte als jenen da er
in der höchsten Freiheit Gottes und der Menschen gespottet Nichts rührte das
boshafte und verhärtete Weib sie antwortete ihm nur mit Unwillen und
Verachtung Nun konnte sich Schwan nimmer halten Seine beiden großen
Leidenschaften Zorn und Rachsucht brachen plötzlich hervor er tobte raste
fluchte und wünschte nichts mehr als die Verruchte mit eigener Hand ermorden zu
können Doch auf diesen Ausbruch erfolgte sogleich wieder Ergiessung sanfter
Liebe und Zärtlichkeit er bat flehte weinte aber auch seiner Bitten und
seiner Tränen spottete sie bis er aufs neue in Wut ausbrach und so wechselweise
jetzt der Wut jetzt der Zärtlichkeit sich überließ«
    So erzählt der Sohn des Oberamtmanns der jenen Vorgängen nahestand Der
spätere Sammler der Vaihinger Überlieferungen fügt aus unbekannter Quelle hinzu
die württembergische Behörde habe es für zweckdienlich gefunden ihr den
neunwöchigen Säugling wegzunehmen den sie im badischen Gefängnisse geboren und
gestillt worüber sie in eine solche Raserei geraten sei dass sie sich das
Gesicht zerfleischt das Holz des Fussbodens mit den Nägeln aufgerissen und tage
und nächtelang mit grässlichem Geheul nach ihrem Kinde verlangt habe bis ihre
Stimme in einem heisern Stöhnen untergegangen sei hierauf sei sie in eine
bedenkliche Krankheit verfallen von der sie sich erst nach fünf Wochen wieder
erholt habe
    Freilich hatte ihr Mitschuldiger seinem Richter vorausgesagt dass er einen
schweren Stand mit ihrem verstockten Herzen haben werde da sie oft erklärt
habe dass sie sich lieber auf den Tod foltern als zum Spektakel der Welt durch
den Henker hinrichten lassen wolle Auch ließ er sie durch die Wächter bitten
zu gestehen und nicht sich und ihm nutzlos die Leiden der Gefangenschaft zu
verlängern Sie ließ sich endlich zum Geständnis der leichteren Fälle herbei
die sie ihrer Jugend und der Verführung ihres Mannes zuschrieb aber als sie zu
gestehen begann war sie bereits längst überwiesen und die Waagschale ihrer
Verbrechen sank unter dem Druck der gebrochenen Urfehde welche das christliche
Gesetz seinem heimatlosen Feinde bei dessen erster Betretung und Ausweisung
aufzuerlegen pflegte um ihn bei der Wiederbetretung die ihn ja dann des
Meineides schuldig zeigte desto fester fassen und nötigenfalls am Leben strafen
zu können
    Auch die blonde Christine ergab sich nicht gutwillig in das Schicksal das
ihr umgewandelter Geliebter ihr bereitete Der Sohn des Oberamtmanns beschreibt
das verhängnisvolle gerichtliche Wiedersehen dieser beiden in seiner Weise so
»Müllerin war seine erste Liebe lange war er bis zur Raserei in sie verliebt
und auch sie hing mit einem solchen Feuer an ihm dass sie Ehre Freiheit und
alles ihm aufopferte und was für ihn vielleicht das wichtigste war sie war die
Mutter seiner Kinder Seit zwei Jahren waren sie gänzlich getrennt Sie war die
erste Ursache seines Schicksals und er des ihrigen Alle diese Empfindungen
wachten in dem Augenblick des ersten Wiedersehens auf Er zerfloss in Tränen
sobald er sie sah und erst lange stumm fragte er sie endlich aufs zärtlichste
nach ihrem Schicksal nach ihren Kindern und Verwandten bat sie um Verzeihung
dass er sie unglücklich gemacht und versicherte sie seiner heftigsten Reue
Müllerin ward durch seinen Anblick und seine Rede in die sonderbarsten
Empfindungen gesetzt innigste Rührung und Begierde ungerührt zu scheinen
kämpften in ihr sie ließ jetzt wie man aus ihrer Miene schloss ihren
Empfindungen freien Lauf jetzt zwang sie sich eingedenk der Folgen sie
zurückzuhalten«
    Lange hatte er sich gegen das Bekenntnis der Vergehen gesträubt an welchen
die Genossin seines fruchtlosen Kampfes mit der Gesellschaft in der Halbheit
ihres Umher seh Wankens zwischen Rat und Tat Anteil genommen aber seiner
wachsenden Aufrichtigkeit kam der natürliche Verlauf der Dinge zu Hilfe denn
nachdem das Gericht einmal seinen Namen wusste kannte es auch einen guten Teil
seiner Geschichte und wurde durch Mitteilungen aus seiner Heimat in den Stand
gesetzt die einschlagenden Fragen an ihn zu stellen welchen er in der
Gemütsverfassung die wir kennen nicht länger auszuweichen vermochte Nun
begann er unumwunden und rücksichtlos zu gestehen und die Arbeit der
Überwindung die er auf seine Weiber ausdehnte wiederholte sich in jedem
gemeinschaftlichen Verhör »Er redete ihnen zuerst sehr sanft und freundlich zu
geriet dann in Wut tobte und drohte klagte dass er nie ein Wort um seinet
sondern nur um ihretwillen gelogen und dass die Verruchten es ihm so vergelten
bat sie dann wieder um Verzeihung und flehte sie liebreich an ihre und seine
Schuld vor Gott und den Menschen nicht noch schwerer zu machen« Die blonde
Christine ließ sich endlich erweichen erklärte aber gleich nachher wieder dass
sie durch sein schmeichelhaftes Zureden wie sie sich ausdrückte bewogen viel
zu viel eingestanden habe Auch sagte sie nicht aus Bussfertigkeit sondern aus
kleinlicher Rache auf ihn aus er habe einmal wie sie wisse ein paar Sägen
gestohlen Bei dieser Gelegenheit konnte der Inquirent das Wesen seines
Inquisiten an einem neuen Zuge kennenlernen Derselbe Mann der seine
todbringenden Geständnisse so willig und todesfreudig gemacht hatte leugnete
den kleinen Diebstahl aufs hartnäckigste so dass der Richter an ihm irre wurde
Als er endlich überwiesen war und keinen Ausweg mehr finden konnte so gestand
er das Vergehen und zugleich die Ursache seines Leugnens er habe sagte er die
Sägen an einen ehrlichen gewissenhaften Mann verkauft der sich lange nicht
dazu bequemen wollte bis er ihn versichert sie seien nicht gestohlen und sich
auf Seel und Seligkeit vermessen habe dass ihm sein Lebtag nichts über den
Handel aus seinem Munde kommen solle weswegen er auch so gewiss als etwas von
der Welt wisse dass er seiner Christine nichts davon gesagt habe Nun fand sich
der Richter wieder in ihm zurecht und schenkte ihm nach und nach so vollen
Glauben dass wie sich aus dem Protokoll ergibt der Unschuldsbeweis
hinsichtlich des an dem Schützen zu Ebersbach begangenen Mordes lediglich auf
seine eigene Aussage gegründet ist Das Urteil wurde hierdurch freilich in
nichts abgeändert doch blieb dieser angebliche Meuchelmord den ihm die
Ebersbacher aufbürdeten aus der im Urteil aufgestellten Reihe seiner Verbrechen
weg Der kleinliche Groll dem die blonde Christine in ihrem der Schwachheit
ausgesetzten Gemüte Zugang verstauet hatte schwand wieder denn sie kannte sein
Herz und glaubte an die Aufrichtigkeit seiner Zerknirschung die ihm nicht
anders zu handeln erlaubte obgleich sie sich die Rechnung machen konnte dass
sie dieselbe nachdem es ihr geglückt war aus dem Zuchthaus in einem Dienst
unterzukommen mit einer abermaligen Zuchtausstrafe zu bezahlen haben werde
    Allerdings ein harter Lohn für so viel Liebe und Aufopferung die in dem
Protokoll mit dem amtlichen Kunstausdruck praematurus concubitus abgefertigt
wird In zwei brandmarkenden Worten die Geschichte eines siebenjährigen Kampfes
voll Weh und Treue erschöpft Und dabei war der Oberamtmann noch billiger als
das Gesetz das ein ohne elterliche Einwilligung geschlossenes Liebesband mit
einem noch härteren Ausdrucke brandmarkte Sein Angeklagter muss ihm in jenen
Stunden wo die Inquisition »einen vertraulichen Ton annahm« ergreifende
Eröffnungen gemacht haben die freilich nicht im Protokoll zu lesen sind auf
die man aber daraus schließen darf dass das Protokoll dass ja nicht die
Geschichte seines Schicksalsganges sondern nur die Geschichte seiner Verbrechen
enthalten sollte die Anklage gegen Stiefmutter Vater Pfarrer und Amtmann
zwar kurz und dürr aber doch in wenigen Worten vollständig aufgenommen hat die
Anklage »nachdem er sich ehlich mit seiner Geliebten versprochen und seine
Minderjährigkeit bei der Regierung wegsuppliziert habe sein Vater weil sie ihm
nicht reich genug gewesen durchaus nicht darein willigen wollen und es bei dem
Pfarrer und Amtmann dahin zu bringen gewusst dass ihm aller Umgang mit derselben
verboten worden ob man sie schon zum drittenmal miteinander ausgerufen gehabt
und dass hieraus die Exzesse entstanden seien die ihn nach und nach auf den Weg
des Verderbens geführt« Auch die Weigerung des geistlichen Hirten seinen
Schafen einen unentgeltlichen Dienst zu leisten hat der Oberamtmann ohne
Zweifel von dem stummen Gefühl des Ehrenmannes geleitet gewissenhaft in sein
Protokoll eingetragen
    Aber die Rachsucht mit welcher der Unglückliche so oft über diesen
Erinnerungen gebrütet hatte war mit seinem Stolze gebrochen »Er selbst«
erzählt der Sohn des Oberamtmanns »hielt die abgeschlagene Heirat mit Müllerin
für die Ursache seines Unglücks und brannte daher während seines ganzen Lebens
von Wut und Rache gegen seinen Vater Dennoch redete er zuletzt mit großer
Mäßigung von ihm Er hätte können anders mit mir verfahren sagte er einst doch
es ist auch wahr dass mein Eigenwille allzu groß war ich selbst habe das Gute
verworfen und das Böse erwählet Ich will daher gern alle Schuld auf mich
allein nehmen Aber wenn er ja auch schuld sein sollte so gedenke doch Gott
seiner Sünden nicht Er hat auf dieser Welt Trübsal genug an mir erlebt Der
arme Mann fuhr er ein andermal fort mein Vater dauert mich Ich will ihm keine
Vorwürfe machen Ich wünschte mir noch seinen Segen Der Eltern Segen baut der
Kinder Häuser Das schickt sich nun freilich nimmer auf mich Aber sein Segen
würde mir doch erquickend sein Oh dass Gott seine Sünden vergeben wollte wie
er mir die meinigen vergeben hat«
    Diesem Hauche des Friedens entsprechend malt der Geschichtschreiber seine
ganze übrige Gemütsstimmung »Nichts aber« sagt er an das Vorige anknüpfend
»war jetzt so lebhaft als die niemals ganz verbannten Empfindungen der Liebe
Sein ganzes Herz hing an seinen beiden Frauen und vorzüglich an seinem Kind
Man schickte ihm nichts zu essen von dem er nicht diesen mitteilte Besonders
aber war er für ihren Seelenzustand so bekümmert dass er ihnen wo er nur
konnte auf das nachdrücklichste zusprach dass er stets sich nach ihren
Gesinnungen erkundigte und sowohl dem Oberamtmann als den Geistlichen die
Methode anzugeben suchte wie man ihren Herzen am besten beikommen könnte Eine
solche Gemütsverfassung gab ihm Mut in Augenblicken und unter Umständen in
denen sich sonst Verzweiflung auch der Stärksten bemächtigt ja er erhob sich
durch dieselbe bis zu einem solchen Grad der Freudigkeit die ihm selbst
bewunderungswürdig vorkam und die bisweilen so weit ging dass er selbst
befürchtete ob sie nicht bloßer Leichtsinn sein möchte«
    Unter allen diesen Stimmungen aber ging die Arbeit ununterbrochen fort
nicht bloß jene Arbeit der Busse sondern die geistige Arbeit einer treuen
Zeichnung der Welt in der er gelebt hatte Diese Zeichnung ist in den
Untersuchungsakten niedergelegt Wohl selten ist ein so dickes Protokoll in der
Zeit von so wenigen Monaten vollendet worden So hohe Anerkennung man dem Fleiße
und der Berufstreue des Beamten schuldet der der Verwaltung und Rechtspflege
seines Bezirks zugleich vorzustehen hatte mit der Person seines Gefangenen eine
in halb Süddeutschland verzweigte Untersuchung in die Hände bekam und neben den
fortdauernden Verhören einen durch diese veranlass ten sehr ausgebreiteten
Verkehr mit einheimischen und auswärtigen Behörden führen musste  so enthüllt
sich doch zugleich aus diesen Akten das Bild eines Angeklagten der ungezwungen
und in rasch fliessendem Vortrage gleichsam als die leitende Seele der
Untersuchung seine Angaben diktiert so dass der Richter sich zusammennehmen
muss um mit dem Geiste und mit der Feder zu folgen
    Für den prüfenden Leser zerfällt das Protokoll somit in zwei Bestandteile
von nicht ganz gleichem Gehalte der eine gehört  sagen wir nicht dem
Oberamtmann sondern dem Lebenskreise dem er angehörte und der Urlieber des
anderen ist der begabte Verbrecher selbst Besonders verdient die lebendige
Kraft hervorgehoben zu werden mit welcher er die Masse von Personen um die
sich seine Aussagen drehen zu schildern wusste mit wenigen Worten die wie
breite Pinselstriche wirkten entwirft er ein Bild nach Gestalt und Tracht dass
die geschilderte Person in anschaulicher Leibhaftigkeit aus dem Protokoll vor
das Auge springt und ebensogut dem Richter zu einem Steckbrief als dem Dichter
soweit dieser Lust hat unter die Räuber zu gehen zu einem Gemälde in
Lebensgröße dient Und damit man nicht glaube dass einem ungebildeten Menschen
aus dem Volke hiermit des Guten gar zu viel geschehe so möge an dieser Stelle
in andern Worten und anderer Auffassung die Bürgschaft des jüngsten Bearbeiters
der Geschichte des »Sonnenwirts« eintreten der ihn nur aus dem Vaihinger
Inquisitionsprotokoll also von seiner schwärzesten Seite kennt und gleichwohl
den Eindruck den ihm die Persönlichkeit des Inquisiten in den Akten machte so
wiedergibt »Die Bekenntnisse des Verbrechers drängten sich völlig frei und
ungezwungen und in solcher Masse dem Verhörrichter entgegen dass der Bedarf
inquisitorischen Scharfsinns zu ihrer Erhebung sich ungleich geringer
herausstellte als der Aufwand an Zeit und Mühe für die juristische Digestion
des reichen Materials Die Sprache die er vor Gericht führte war gewogen
anständig zuweilen edel und zeugte im allgemeinen von einem nicht geringen
Masse natürlichen Verstandes namentlich aber wenn es galt dem untersuchenden
Beamten das Unlogische mancher Unterstellungen verweisend unter die Augen zu
halten ja in Fällen wo sich der Richter dahin vergaß ungerechte
Beschuldigungen mit Hartnäckigkeit aufrechterhalten zu wollen hatte die
besonnen kalte Rechtfertigung des Angeklagten etwas von der Ruhe eines Gerechten
an sich und glich in keiner Weise jenem hündischen Trotze verhärteter
Bösewichte die niedergedrückt vom Gewicht gegründeter Beschuldigungen den
kleinsten Bezieht der sie unverschuldet trifft willkommen heißen um darüber
in die Klagen beleidigter Unschuld aufzubrausen«
    Er hat aber außer diesen mündlichen Angaben noch ein schriftliches Denkmal
hinterlassen wozu er selbst die Feder oder vielmehr den Bleistift in die Hand
nahm und unabhängig von dem Stil des Oberamtmanns sich in seiner eigenen Weise
gehen ließ Er hatte schonungslos die Genossen seiner Übeltaten ans Messer
geliefert als es ihm in der Einsamkeit seines Gefängnisses einfiel dass das
Werk nur halb getan sei wenn er nicht auch die Hehler angebe die das Bestehen
einer so weithin gegliederten Kette von Feinden der Gesellschaft möglich machten
und immer wieder ergänzten
    »Es treiben mich die Bewegungen meines Herzens«  mit diesen Worten begann
er in carcere wie der Oberamtmann in seinem Protokoll bemerkt mit dem ihm
vergönnten Schreibmaterialien einen mehrere Bogen langen Aufsatz mit kräftiger
klarer Handschrift nach der Schreibweise seiner Zeit in welcher sich die
Ungebildeten von den Gebildeten darin unterschieden dass jene den ererbten
Sprachschatz der Luterschen Bibelübersetzung mit mehrerem oder minderem
Geschick handhabten während diese ihrer nicht bei Luther erlernten Satzbildung
mit lateinischen Einschwärzungen je nach dem dritten deutschen Worte auf die
Beine zu helfen suchten Diese Enthüllungen eines Gauners und Gaunergenossen aus
der Zeit die man als die gute alte sittliche fromme rühmen hört stellen
alle angenommenen Vorstellungen von jener Zeit auf den Kopf lassen es höchstens
begreiflich erscheinen dass einzelne Enkel einzelner Familien die inmitten der
allgemeinen Verderbnis sich unter günstigen Lebensumständen rein erhielten auf
ihre Vorfahren stolz sein können zeigen aber die große Mehrheit des Volkes
trotzdem dass es sehr fleißig in die Kirche ging in einer Fäulnis die einen
Leutnant Mockel wenn er sich mit seinesgleichen zu dem Streiche der ihm
aufgedämmert war erhoben hätte auf einige Wochen oder Monate  schwerlich viel
länger  zum Herrn von Süddeutschland hätte machen können Diese Enthüllungen
sagen nicht bloß von Wirten Bauern Hofbesitzern ja von ganzen Dörfern weit
und breit umher »hier ist ein Aufenthalt für alle Räuber«  nein sie nennen
eine Masse von Ortsbehörden selbst die mit den Gaunern im engsten Verständnis
waren Nicht von Husaren Hatschieren und wie sonst die niederen Beamten der
öffentlichen Sicherheit hießen zu reden die Schulteissen selbst und in
unglaublicher Anzahl waren mit den Feinden der öffentlichen Sicherheit förmlich
verschworen Da heißt es auf jeder Seite dieser Denkwürdigkeiten wo von diesem
oder jenem Orte die Rede ist »Vom Herrn Schulteissen ist mir sehr und wohl
bekannt dass er ein guter Mann gegen die Räuber und Diebe ist« »und soviel weiß
ich wenn einer verwahrt ist er sei ein Räuber so groß als er will so wird
Herr Schultheiß ihm durchhelfen« »und die Frau des Sohnes ist wohl zu brauchen
auf den Märkten wie ich selber aus ihrem Munde gehört sie wolle mit meiner
Frau gehen denn sie halte man nicht für verdächtig sie könne besser bei den
Krämerständen brav zugreifen wenn man ein Bekanntes dabei habe so sei man
nicht so im Verdacht« Wieder gibt er in einem anderen Orte den Schwager des
Schulteissen an als einen Mann »der beständig derlei Leute im Hause liegen und
auch mit ihnen zu schaffen hat« »Dieser Mann« sagt er »ist aber anzusehen für
einen frommen Mann weil er fleißig in die Kirche geht aber doch hat er und
seine Frau schon lange und vieles mit den Räubern zu tun der Schultheiß tut ihm
alles zu wissen wann eine Streife ergehen soll denn er erhält zuerst das
Schreiben des Oberamts und wann eine ergehen soll so tut man es den Räubern
gleich zu wissen dass sie fliehen sollen Dieser Schulze« setzt er sofort in
seiner ganzen Gewissenhaftigkeit hinzu als ob er sich nicht das Recht
zugestände demselben gerade zu Leibe zu gehen »kommt mir auch sehr verdächtig
vor ich habe öfters mit demselben getrunken in seines Schwagers Wohnbehausung
und er hat alles von mir gesehen Pulver Blei und Pistolen hat mir auch selber
ein Terzerol«  im Inquisitionsprotokoll sagt er immer Terzrohr  »an
Krämerwaren verhandeln wollen was aber meine Frau nicht geschehen ließ Der
Schultheiß lässt es nur nicht so öffentlich an den Tag kommen weil er ein sehr
vermöglicher Mann ist aber nach seinen eigenen Reden die er getan ist ihm« 
von den Spitzbuben nämlich  »wohl zu trauen Was aber seinen Schwager und
Schwester anbelangt so hat es seine Richtigkeit Das Ort ist edelmännisch«
Wiederum heißt es von einem dergleichen Orte »Ich habe gesehen und aus ihrem
Munde vernommen dass ihnen sehr wohl gedient mit solchem Räubergesind ist sie
haben auch viele mit Namen genannt die mir selbiges Mal noch nicht bekannt
waren Ferner haben sie gesagt man solle doch nur zu ihnen kommen man dürfe ja
hier nichts fürchten die Räuber gehen viel mit den Leuten in die Kirche aus und
ein man lege keinem etwas in den Weg wenn man nur das Gestohlene wohlfeil von
denselben bekomme so sei alles recht« Wieder in einem anderen Ort »hat mich
der Wirt auch zu dem Burgermeister hingeführet und da geredet so offenbarlich
vom Stehlen und Rauben als wenn lauter Räuber und Zigeuner beieinander wären
so dass ich mich selber sehr verwundern musst weil mir solche Orte und
Gelegenheiten noch nicht bekannt waren habe auch gleich einen besseren Mut zum
Stehlen bekommen und da sie auch selbst die jenische Sprache reden so gut wie
die Räuber selbst so gedachte ich gleich den Leuten ist zu trauen und müssen
schon dergleichen Leute gehabt haben sonst kennten sie die Sprache nicht Es
ist aber auch wahr denn die Sprache ist nicht leicht zu lernen und in den
Schulen hat man sie nicht dazu angehalten  so kann ich ja leicht vernehmen dass
dergleichen Leute öfters dagewesen seien und es wohl zu trauen war Wo mich
meine Frau hingeführet in den Häusern reden die Leute die Sprache besser als
ich und sie haben mich öfters sehr ausgelacht und gesagt wann ich die
Christine so lang hab als sie sie kennen so werde ich schon besser mit der
Sprache fortkommen können« Ferner in einem Ort »Beim Kreuzwirt und seiner
Tochter der Strausswirtin sind die Räuber bekannt und man weiß auch alles von
denselben und sie machen sich nichts daraus da der Herr Stabsschulteiss ein
sehr naher Freund zu ihnen ist und sie verlassen sich darauf« In einem anderen
Ort »Der Schulz hat auch vieles mit den Räubern zu schaffen und ich bin dem
Schulteissen wohlbekannt er hat auch alles von mir gesehen und gewusst woher
und wer ich bin und ist mein ganzer Lebenslauf demselben bekannt aber er war
ein Liebhaber solcher Leute und sehr verschwiegen sonderbarlich seine Frau die
mit der alten Anna Maria vieles zu schaffen gehabt sich auch hat brauchen
lassen und sich unterstanden da damals der Anna Maria ihr Sohn in Verhaft
gekommen und sich die Schulteissin viel Mühe gegeben wie möchte zu helfen
sein aber dabei gemeldet um wenig Geld helfe sie nicht dazu aber wenn man ihr
gebe was recht sei so wolle sie es in Stand bringen dass sie gewiss
hindurchkommen« Dass die Weiber wenn sie einmal die Scheu überwunden haben
viel entschiedener als die Männer auf das Ziel losgehen zeigen auch sonst noch
manche Stellen dieser Denkwürdigkeiten wie er denn von einer andern dieser
Gelegenheitsmacherinnen sagt sie sei eine solche schlimme Frau dass er es
selbst nicht genug beschreiben könne und habe ihm manchen Seufzer ausgepresst
weil sie einem keine Ruhe gelassen habe bis man zum Stehlen fortgegangen sei
Bemerkenswert und ein Zeugnis für die schlechten Nahrungsverhältnisse ist dass
die Leute den Räubern beständig in den Ohren liegen sie sollen ihnen doch
Fleisch verschaffen selbst in das Wirtshaus müssen sie wenn sie dort nicht
Mangel daran leiden wollen gestohlene Hammel mitbringen Die Enthüllungen
umfassen einen beträchtlichen Teil von Süddeutschland und beinahe in jedem der
genannten Orte ist die Ortsbehörde in das Getriebe des Gaunerwesens
mitverwickelt »Was den Herrn Schulteissen anbelangt« heißt es bei solchen
Gelegenheiten »so werden seine Umstände bald am Tag sein wann man ihm sein
Zollbuch abfordert denn er hat mir ein Zollzeichen gegeben damit ich soll
richtig mit der gestohlenen Ware durchkommen und in dem Zollbuch wird stehen
der Name Joseph Klein oder Sigmund Hermann« Andere Gemeindebehörden verhelfen
den Räubern zu Pässen mit welchen sie die Lande unangefochten durchziehen
können Da ist gar ein Bürgermeister »ein solch schlimmer Mann wenn eine
Streife ergangen hat er die Räuber selbst in sein eigenes Bett hineingelegt
wie ich und meine Frau selbst einmal darinnen in der Verwahrung gewesen« Es
ergibt sich aus diesem allem dass die Zeit für das Schwurgericht noch nicht reif
war weil auf der Anklagebank die Stehler und auf der Geschwornenbank die Hehler
gesessen wären Aber nicht bloß das Bürgertum bis zu seinen Vorstehern hinauf
sondern auch der Adel der einen so großen Teil von Land und Leuten in
unbedingter Abhängigkeit hielt hat in einzelnen Mitgliedern aus Furcht oder
Vorteil an der Begünstigung dieses Raubwesens teilgenommen Will man aber
vollends mit ganzem Masse messen so muss man ferner nicht bloß das Gehenlassen
der Regierungen sondern auch den Zeitgeist selbst mit zur Anklage ziehen
dessen sonderbare Vorliebe für Erzählungen von Räuberabenteuern dessen
krankhaft zärtliche Teilnahme an den Helden derselben beweist wie verkehrt und
widerspruchsvoll der Geist des Menschen werden kann wenn er dunkel spürt dass
seine Zeit in Haushalt und Menschenrecht nicht wohl bestellt ist Diese Bildung
schwelgte aasvogelartig in Lebensbeschreibungen berüchtigter Räuber und bald
auch da der Bedarf nicht zureichte in erdichteten Räubergeschichten deren
wirkliches Erleben sie jeden Augenblick in Haus und Hof ernstlich zu befürchten
hatte und all dieser Angst zum Trotze stellte sie sich dennoch sooft sie in
ihren Romanen von einem Kampfe der Räuber mit den Dienern des Gesetzes las auf
die Seite der ersteren und bekannte hierdurch den Zwiespalt zwischen ihr und dem
Gesetz ja als endlich ein zum Höchsten berufener Dichtergeist seine Jugendkraft
und seinen Jugendzorn über die Zeit die er so erbärmlich fand in die Gestalten
jener Räuberwelt einkleidete da jauchzte fast die ganze gebildete Welt auf und
ging mit ihm unter die Räuber und Mörder obwohl ein kurzes Nachdenken sie
belehren konnte dass nicht jeden Tag ein verbrecherischer Reichsgraf durch die
böhmischen Wälder reist um einen edlen Räuber als den Vollstrecker einer
höheren Justiz zu ernähren sondern dass dieser gar bald bei ehrlichen und
unschuldigen Menschen mit List oder Gewalt sein tägliches Brot holen muss
    In diese Zeit deren Sitte Geist und Bildung sich so gänzlich vom
Bestehenden nicht nur sondern auch vom Rechten abgewendet hatte dass nur eine
große Völkerumwälzung die Welt wieder in das verlorene Geleise zurückbringen
konnte fielen die Enthüllungen des Ebersbacher Bürgersohnes wie ein
Wetterschlag  nicht in die Lesewelt denn sie blieben bei den Akten des
Gerichts begraben und würden den modischen Lesehunger schlecht befriedigt haben
sondern in die »alerte« Welt des Verbrechens und in die schlaffe Welt des
Gesetzes Sie haben nicht von Grund aus die Gaunerei ausrotten nicht von Grund
aus die Redlichkeit im bürgerlichen Leben zu Kräften bringen können aber sie
haben ein Großes zur Herstellung der öffentlichen Sicherheit getan und beinahe
ein Menschen alter ist vergangen bis wieder eine stärkere Bande zwischen dem
Rhein und der Donau sich zu sammeln wagte Die Geständnisse des Räubers gaben
den Behörden nicht bloß die Mittel an die Hand den ersten jener planmässigen
Schläge zu führen welchen die von der Hehlerei unterstützte Gaunerei
wenigstens in der hochgefährlichen Gestalt die sie um die Mitte des
Jahrhunderts angenommen hatte nach und nach erlag sondern sie entdeckten ihnen
auch gewisse Fachgeheimnisse des Räuberhandwerks die sie instand setzten ihre
Angehörigen künftig zweckmässiger zu schützen Denn auch dieses Gewerbe hatte
seinen Fortschritt und seine Erfindungen und die Akten bewahren hievon Züge
menschlichen Scharfsinns auf an dem man sich ergötzen könnte wenn er besser
angewendet worden wäre Es ist ein hartes Urteil das man der Zeit nicht
ersparen kann dieser Mensch hat ihr dadurch dass er schuldig geworden ist
unendlich mehr genützt als wenn er in den Schranken des Gesetzes geblieben
wäre Die eigentümliche Art seines Verdienstes mahnt zur Vergleichung mit einem
ähnlichen Verdienste das sich ein Höhergestellter um die Zeit erwarb der Graf
Schenk von Kastell der vom Eifer des Markgrafen von Durlach beseelt auf
eigene Hand in Süddeutschland umher und bis nach Graubünden und Italien
hinabzog um das Raubgesindel einzufangen und den die Gauner um seiner Kühnheit
und Strenge willen fürchteten als ob er vom Teufel gefeit und gefestet wäre so
dass einst als er allein im Walde ritt ein Räuber einem anderen der auf ihn
angeschlagen hatte zurief »Lass es ist der Graf von Kastell« und es nur eines
Wortes von ihm bedurfte um die beiden als Spürhunde in seinen Dienst zu ziehen
Es ist die Frage wer mehr getan hat die Wälder zu säubern und die
Diebesherbergen auszufegen der hohe Reichsgraf zu Dischingen oder der in den
Staub getretene Metzgerknecht von Ebersbach Ihm selbst wenigstens scheint sein
unbesiegbares Selbstgefühl zugeflüstert zu haben dass er in seinem Gefängnis
eine nicht unwichtige Person geworden sei und er braucht in seiner Aufzeichnung
mitunter Ausdrücke gegen die Obrigkeit wie sie ein Vorgesetzter sich gegen
seine Untergebenen erlaubt »Wiewohl ich weiß« sagt er an einer Stelle »dass
viele Räuber gefangen zu Karlsruhe liegen will ich nur desto eher zeigen dass
die Herren von Durlach oder Karlsruhe eine sehr liederliche Kenntnis Yon
denselben haben und es ihnen gewiss nicht geoffenbaret worden wie ich es melden
werde« Dann nimmt er oft einen ganz befehlshaberischen Ton an »Nur diese in
Yerhaft genommen« ruft er wo von einer Frau die Rede ist die er erschrocken
und weichherzig im Gegensatze gegen ihre hartgesottene Familie nennt »von ihr
kann man alles herausbringen wenn man derselben nur mit guten Worten begegnet«
»Nur gefragt wo er den blauen Mantel hergenommen den er habe« kommandiert er
gegen einen Hehler der sich wahrscheinlich mit der Furcht vor den Räubern
entschuldigen werde was man ja nicht gelten lassen solle Ein andermal schreibt
er genau das Verfahren vor durch welches man einen gaunerfreundlichen Wirt zum
Geständnis zu bringen habe »Man frage ihn auf Pflicht und Eid  wofern er etwas
ableugne so solle er gewisslich auf die Galeeren kondemniert werden  er solle
redlich sagen wie es mit dem Raub zugegangen er solle sagen woher er den
Kattun den er über sein Bett gezogen genommen habe er solle sagen was für
Sachen der Jude der im Ort wohnt in seinem Hause gekauft habe« u dgl mehr
Auch darf nicht verschwiegen werden dass ihn an einigen Stellen die Liebe zum
Leben mit vielleicht nicht ganz unbestimmten Hoffnungen beschlichen zu haben
scheint »Wann ich in das Amt komme will ich die Dörfer schon melden« sagt er
an einer Stelle Die Auslegung steht jedem frei Gewiss aber schickt sich Verrat
um höherer Zwecke willen am besten für den Sterbenden der keinen Lohn mehr
nehmen kann und zum begnadigten Diebsfänger war wohl ein Konstanzer Hans eine
leichter angelegte lustige Haut gut genug  Die Volkssage behauptet der »Karl
Herzog« wie sie ihn nennt habe auf der Durchreise durch Vaihingen den
vielbesprochenen Räuber sich und seinem Gefolge vorstellen lassen wie sie auch
versichert dass dieser seinem Fürsten einst das Leben gerettet habe Aber der
alte Fürstenbrauch wonach ein verfemter Mann den sein Oberlehnsherr über Leben
und Tod vor sich gelassen das fürstliche Antlitz nicht unbegnadigt schauen
durfte war längst abgekommen und der Herzog konnte damals auch nicht gnädiger
gestimmt sein als zur Zeit der Schlacht von Fulda denn er war mit seiner
Landschaft in jenen verdrießlichen Streit geraten der ihn als Beklagten vor den
Richterstuhl des Kaisers stellte und schon seit einem Jahre saß ihr ehrwürdiger
Konsulent in dem er den Verfasser ihrer missliebigen Schriftsätze vermutete
ohne Urtel und Recht in summo squalore carceris wie die landschaftliche
Klagschrift sich ausdrückt auf derselben Festung wohin einst eine in
verfassungsmässiger Form ergangene hochfürstliche Resolution den nächtlichen
Besucher des Ebersbacher Pfarrhauses »puncto furti tertia vice reiterati ad dies
vitae gerechtest condemniret« hatte
    Dass bei der Aufzählung jener schmutzigen Biedermänner die den Räuber seinen
Hals wagen ließ und sich an ihm bereicherten hie und da weltliche
Anwandlungen den geistlichen Frieden seiner Seele trübten geht aus manchen
Stellen unleugbar hervor »Wann eine christlich gesinnte Obrigkeit« klagt er an
einer dieser Stellen »das Böse begehret abzustrafen und darinnen Ruhe zu
schaffen wann das Böse soll gedämpft werden so muss man solche Leute zuerst
angreifen Denn ihr Zweck ist stehlen so dass ein mancher in solchen Orten noch
zum Stehlen angetrieben wird Denn der Räuber hat manchmal den wenigsten Nutzen
vom Stehlen weil er es solchen Leuten um einen wohlfeilen Preis geben muss und
nichts daraus löset und dieser der es kauft hat den besten Nutzen Der Räuber
kommt darauf in Verhaft man nimmt ihm das Leben er hat kaum die Hälfte
genossen der Käufer bleibt ein ehrlicher Mann und hat den besten Nutzen und
gedenket ob der eine tot ist  ich habe noch viele an mir die mir gestohlene
Waren bringen Solche Leute machen sich gar nichts daraus ob sie schon die
größte Anleitung dazu geben wenn sie nur allezeit sicher stehenbleiben Aber
Gott der Allmächtige soll mein Zeuge sein dass ich soviel ich weiß solche
Leute nicht zu verschonen gedenke denn von meinen jungen Jahren an bin ich in
solche Häuser verleitet worden und zum Stehlen angetrieben dass mein Verstand
noch nicht so weit gereicht hätte wenn man mich nicht dazu verleitet und
angetrieben und man mich nicht gleich in meiner blühenden Jugend in die
verruchten Häuser eingezogen hätte Mein ganzer Lebenslauf rührt davon her bis
in meinen Tod ich kann nicht mit Ruhe absterben bis ich mein Herz vor der
Obrigkeit von solchen Leuten genugsam ausgeleert habe damit doch das Böse recht
gestraft wird Man wird sich verwundern wie lang dass solche Leute mit den
Räubern zu tun gehabt und wie viel Erhenkte ihnen bekannt und wie viele
dermalen noch am Leben mit denen sie noch zu tun haben Mit der Hilfe Gottes
werde ich dieselben so überzeugen dass sie sich nicht mehr verantworten können«
    Man wird dieser Klage welche auch auf der Nachtseite der alten Gesellschaft
 nach heutiger Weise gesprochen  die Arbeit vom Kapital unterdrückt zeigt und
aus welcher man die Verwünschungen der Verfasser jener Räuberromane über ihre
Verleger widerklingen zu hören meint ihre menschliche Berechtigung um so
weniger absprechen wenn man bedenkt dass der Unglückliche aus seinem eigenen
Beispiel sich die Aufforderung entnehmen musste so manchen andern der auf
Irrwegen wandelte durch die Zerstörung dieser Diebsnester vor ähnlichem
Verderben zu bewahren Man wird zwar seinen eigenen Worten zufolge nicht ganz
unbedingt gelten lassen was er bei seinem Geschichtschreiber dem Sohne des
Oberamtmanns über diese Angaben sagt »Gott weiß dass nicht der geringste Groll
darunter verborgen liegt wenn ich jemand entdecke ich habe im Gegenteil viele
von meinen Freunden manche die aus ihren Betten aufgestanden sind um mich
darin liegen zu lassen  nur um das Böse zu verhindern verraten ich gestehe
es dass mir dieses selbst sehr wehe tut«
    Es kann kein Zweifel sein dass diese Stimmung vor und nach dem Schreiben
aufrichtig war unter dem Schreiben selbst aber haben wir gesehen überkam ihn
das Gefühl des leiblichen und geistigen Schadens den ihm diese Leute getan und
war stärker als er Ohne Rückhalt wird man jedoch glauben was er hinzusetzt
»Wenn ich gedenke dass dadurch ihre Kinder abgehalten werden den bösen Exempeln
ihrer Eltern zu folgen dass so viele Unschuldige gerettet dass manches Kind im
Mutterleibe werde erhalten werden so bin ich überzeugt dass ich hieran recht
getan habe«  Um die Zeitbestimmung nicht misszuverstehen wenn er klagt dass er
von seinen jungen Jahren an in solche Häuser verleitet in seiner blühenden
Jugend in die verruchten Häuser eingezogen worden sei muss man sich sagen dass
diese Jugend zu der Stunde da er schrieb noch blühte oder wenigstens nach
menschlicher Berechnung hätte blühen sollen denn er feierte seinen
einunddreissigsten Geburtstag in dem Gefängnis zu Vaihingen Die eigentlichen
Diebsherbergen aber hat er nach seiner eigenen Angabe wie sogleich die folgende
Stelle zeigen wird erst durch seine Verbindung mit der schwarzen Christine
kennengelernt und dass diese nicht früher als drei Jahre vor seiner Vaihinger
Verhaftung angefangen hat geht unwiderleglich aus den Akten hervor Diese nicht
einmal vollen drei Jahre müssen ihm somit als er die Klage niederschrieb in
welcher er seine Jugend fern und längst vergangen sah wie eine Ewigkeit
erschienen sein Wohl mag ihm auch eine Erinnerung an jenen Krämer in
Rechberghausen vorgeschwebt haben dessen Bekanntschaft für ihn jedoch nur eine
Vorstufe zu der Leiter in den Abgrund war Auch hat er diesen sowohl als den
Hof auf welchen er der schwarzen Christine folgte in seinen Enthüllungen
genannt ohne jedoch einen großen Verrat an der Freundschaft zu begehen denn
der gute Freund arbeitete bereits seit zwei Jahren wie aus dem Amtsblatt vom
28 Februar 1758 hervorgeht puncto furti receptationis et celationis
facinorosorum mit angehängter Kugel im Zuchtause Bei diesem Anlasse muss noch
hervorgehoben werden dass durch die Enthüllungen des Verbrechers kein
eigentlicher Landsmann desselben betroffen worden ist denn die zuletzt
Genannten gehörten ritterschaftlichem Gebiete an Aus seiner Heimat hat er
niemand verraten als die Genossin seines Unglücks von Anfang an die blonde
Christine Wenn hienach das damalige Herzogtum Württemberg obgleich sein
Zuchthaus stets gefüllt war doch im Vergleiche mit den umliegenden Herrschaften
und adeligen Besitzungen als der einzige gesunde Kern von Süddeutschland
erscheint so kann man dies da die Nachbarn mit ihm das Christentum gemein
hatten nur dem Vorzuge zuschreiben dass dieser Bruchteil des schwäbischen
Volkes wenn auch in sehr verkümmerter Gestalt allein noch einen kleinen Rest
von Freiheit und Selbsterrlichkeit besaß
    »Dermalen«  so schließt die merkwürdige Aufzeichnung  »soll nun die
Obrigkeit betrachten was ich in den kurzen etlichen Jahren schon an
Aufentalten gemeldet habe und das wird unter den tausend Aufentalten kaum ein
Teil sein was nämlich die welche zeit und taglebens schon mitlaufen sagen
könnten wenn sie eine beständige Erkenntnis ablegen wollten Ich sage an wie
es denn möglich sei Schelmen oder Diebe zu fangen wenn man nicht solche
Aufenthalte zuerst ausrottet Es geht etwa ein Schreiben aus von den gnädigsten
Herrschaften  so sind solche Leute da und machen es den Räubern zu wissen oder
verbergen sie selbst gar Wie will man dieselben dann bekommen Es ist keine
Möglichkeit wenn man solche Orte nicht verderbt es entspringt der ganze
Ursprung von Stehlen und Rauben aus solchen Häusern
    Nur um eine kleine Andeutung zu machen wie mirs in denen Häusern selbst
gepassieret ist als meine erste Frau die Christina Müllerin in Verhaft
gekommen und mich diese Christina Schettingerin durch ihre liebliche
Redensarten zu sich gezogen und mir die Gelegenheit und solche Aufenthalte
gewiesen die mir nicht bekannt waren und wie ich nun von einem Haus in das
andere gegangen und zum ersten kam sprach er
    Hat Christina wieder geheiratet  Sie sprach ja
    Ist er aber auch ein so guter Räuber wie euer erster  Sie antwortete ja
    Hätte sie gesagt nein so war ich schon nicht wohl daran gewesen Sie
sprach im Haus herum er hat bald eine Sau geholet bald ein Schaf bald dies
bald das
    Er hat uns sehr viel Gutes getan wenn ihr nur auch so gut werdet  Das
eine sprach ich bin heut über Feld gewesen ich habe da und dort was von
Tierfleisch gesehen ich habe auch die Schäferpferche auf der Brache gesehen 
holet das Fleisch oder holt ein Schaf dass wir auch wieder Fleisch essen dürfen
 ferner habt ihr nichts Gestohlenes bei euch Ich brauche was von Kleidern
mein Mann hat nichts und meine Kinder haben auch nichts wir müssen gekleidet
sein  macht dass ihr was zu stehlen bekommet und schaffet uns was an Ich bin
nicht weit über Feld hinausgekommen sonst wollte ich euch etwas ausersehen
haben wo ihr was erwischen könntet aber bis ihr wiederkommet will ich was
ausersehen
    Und so sind alle diese Aufenthalte Eine manche Weibsperson die auf dem
Lande geht hat schon bis drei oder vier am Galgen sie führt noch einen aus
einem Dorf heraus der nur ein Liebhaber des schönen Frauenzimmers ist sie
bringt ihn an solche Örter hin er hört solche Reden was dieses Mensch nicht
Böses genug an ihm vollbringen könnte das wird ihm da vollends eingepflanzt und
er mit Gewalt zum Stehlen gereizet und gelocket
    Bei mir aber da war schon ein kleines Fünklein zum Stehlen aufgegangen
gewesen aber bei einem solchen Menschen die zeit und taglebens nichts anderes
getan und in solchen Häusern wo nichts als von Rauben und Stehlen geredet und
täglich an einem gepflanzt und geschüret wird da muss ein großes Feuer daraus
werden und nicht mehr nachlassen bis er dem Henker unter die Hände fällt Und
so geht es mit einem manchen Das sind die ärgsten Schelmen die Aufenthalt
geben und sie bleiben doch ehrliche Leute haben auch den größten Nutzen und
Genuss und der Kleine wird gehenkt und die Großen lässt man laufen  man
fürchtet sie möchten ausgerottet werden Wann man aber einem Vogel das Nest
nimmt so kann er keine Junge mehr liegen oder ziehen
29 Juli 1760
                                                         Arrestant in Vaihingen
                                                                                
                                                           Joh Friedr Schwan«
Das gerichtliche Verfahren nahm unter dieser Zeit beständig seinen Gang ja es
wurde sehr beschleunigt da man in Stuttgart fürchtete der Seelenzustand des
Gefangenen möchte nicht für die Dauer haltbar sein Nach geschlossener
Untersuchung trat jetzt eine andere Rechtsform ein welche in der Verfassung
und im Tübinger Vertrage begründet bei peinlichen oder sehr schweren Fällen
deren sich ein Landesangehöriger schuldig gemacht angewendet wurde und einen
Schatten der alten selbsterrlichen Volksgerichtsbarkeit enthielt Der in Stadt
und Amt allmächtige Beamte nachdem er an die Regierung berichtet und von ihr
die nötigen Weisungen erhalten verwandelte sich jetzt in einen bescheidenen
Ankläger der bei der Stadtgemeinde die er sonst regierte als Fiskal im Namen
des Staates oder vielmehr des Herzogs gegen seinen Inquisiten Recht suchte Als
solcher musste er den gewohnten Vorsitz in der obersten Gemeindebehörde dem
Gerichtskollegium abtreten und mit der Gemeinde an die jetzt der Gerichtsstab
vorübergehend zurückgekommen war erhielt auch ihr ursprünglicher Vorsteher der
Bürgermeister ebenso vorübergehend seine alte Bedeutung wieder indem er als
Stabhalter den Vorsitz im Stadtgerichte übernahm Dieses lud nun die beiden
ungleichen Parteien vor und beraumte ihnen die Tagfahrt an Da jedoch die
»Dignität« des Beamten durch diese Stellung etwas gefährdet erscheinen mochte
und er als Regent Richter und oft auch Kellereibeamter des Bezirks dazu als
Hauptvorsteher der Bezirksstadt sich mit Recht auf seine vielen Amtsgeschäfte
berufen konnte so war es ihm gestattet sein Klägeramt einem Rechtsanwalt aus
der Zahl der beeidigten Hofgerichtsadvokaten zu übertragen Dem gleichen
verpflichteten und vorrechtlich befähigten Stande musste auch der Verteidiger
oder vielmehr Defensor angehören den sich der Angeklagte wählen durfte oder
der ihm wenn er von dieser Freiheit keinen Gebrauch machte ex officio ernannt
wurde Am Rechts tage versammelte sich das peinliche Gericht im Gerichtssaale
des Ratauses Ein in der Gerichtstafel befestigtes bloßes Schwert das aufrecht
mit der Spitze nach oben stand verkündigte dass hier der Stab und seine Gewalt
sich befinde Oben an der Tafel saß der Stabhalter und neben ihm in der Person
des Stadtschreibers der Gerichtsaktuarius der das Protokoll führte beide
schwarz gekleidet Die Gerichtsbeisitzer aus deren Zahl der Oberamtmann bei der
Untersuchung seine zwei Skabinen genommen saßen innerhalb der Schranken auf
ihren Sitzen alle in schwarzen Mänteln Vor den Schranken rechts hatte der
Akkusator links der Defensor seinen Platz In der Mitte vor dem Eingang der
Schranken war eine schwarz angestrichene Schranne aufgestellt Der übrige Raum
des Saales außerhalb der Schranken war den Zuschauern und Zuhörern überlassen
Der Stabhalter befahl dem Gerichtsdiener den Angeklagten aus dem Gefängnis
vorzuführen was sofort unter guter polizeilicher Bedeckung geschah Während
dieses Ganges wurde auf dem Ratause das Malefizoder Armesünderglöcklein
geläutet Bei seiner Ankunft im Gerichtssaale wurde der Angeklagte in Fesseln
auf die schwarze Schranne gesetzt Der Stabhalter eröffnete die Verhandlung des
akkusatorischen Prozesses mit einer kurzen Rede und forderte dann den Fiskal
auf die Anklage samt dem Petitum vorzutragen Dieser verlas die
Akkusationsschrift mit der hinsichtlich der Straferkennung an das Gericht
gestellten Bitte Dann wurde dem Defensor das Wort erteilt Dieser bat
zuvörderst das Gericht den peinlich Beklagten seiner Fesseln zu entlassen
damit er auf freiem Fuße verteidigt werden könne Der Stabhalter entsprach der
Bitte und befahl dem Gerichtsdiener dem Angeklagten die Fesseln abzunehmen was
außerhalb des Saales geschah Dann wurde er wieder eingeführt und fesselfrei auf
seine schwarze Schranne gesetzt Er befand sich nun als Freier vor seinem
eigentlichen Richter aber alles dies nur scheinbar denn der Angeklagte war
mundtot und sein Urteil wurde ihm nicht von dem Richter geschöpft Der Defensor
las seine Defensionsschrift ab welche ebenfalls vorher auf Grund der
Anklageschrift und etwaiger mit dem Gefangenen in Gegenwart zweier Skabinen
gehaltenen gütlichen Verhöre schriftlich gefertigt worden war Nach Verlesung
derselben gab der Akkusator seine mündliche Replik und der Defensor duplizierte
gleichfalls mündlich Waren es wie im vorliegenden Falle mehrere Angeklagte
so traten auch mehrere Defensoren auf um die Verhandlung noch schleppender zu
machen Nach beendigter Akkusation und Defension eröffnete der Stabhalter namens
des peinlichen Gerichts das ebenfalls im voraus fertige Interlokutorium dass der
Richter sich der Urtel Bedacht nehme und dass die sämtlichen Akten ad consulendum
an die Juristenfakultät in Tübingen versendet werden sollen Mit diesem
Zwischenbescheide war die ganze leere Förmlichkeit der öffentlichen
Rechtsverhandlung geschlossen und der oder die Angeklagten wurden aus dem Saal
entlassen außen wieder gefesselt und in das Gefängnis zurückgeführt Nunmehr
wurden die Untersuchungsakten nebst den vom Ankläger und Verteidiger
gewechselten Schriften und dem stadtgerichtlichen Protokoll über den kurzen
mündlichen Rest der Verhandlung an die Juristenfakultät in Tübingen zur
Erteilung eines rechtlichen Gutachtens eingesandt Diese war somit da es in der
Regel bei ihrem Gutachten sein Verbleiben hatte der eigentliche Richter der
die peinlichen Prozesse entschied Sie sandte ihr Gutachten unter Wiederanschluss
der Akten an das Stadtgericht zurück aber auch jetzt waren diesem immer noch
die Hände gebunden und es musste das gutachtliche Erkenntnis nebst den Akten der
Regierung einschicken welche es mit ihrer Ansicht dem Herzog zur Bestätigung
oder begnadigenden Abänderung vorlegte Wenn letztere eintrat oder der Spruch
überhaupt nicht an das Leben ging so hatte das peinliche Gericht mit dem
Prozesse nichts mehr zu tun sondern das Erkenntnis ging unmittelbar dem
Oberamtmann zur Vollziehung zu Erfolgte aber ein Todesurteil so wurde dasselbe
dem peinlichen Gerichte zugesendet und zugleich vorläufig dem Verurteilten im
Gefängnis durch den Regierungsbeamten einige Tage vor der Exekution bei
feierlicher Versammlung angekündigt Zur Einführung in die christliche
Heilsordnung war ihm gleich im Beginne seiner Gefangenschaft das zu diesem
Behufe von einem Stuttgarter Stiftsoberhelfer verfertigte und laut allerhöchster
Vorschrift vom 14 November 1753 durch den Buchbinder stark geleimte und
dauerhaft gebundene Malefikantengebetbuch in die Hand gegeben worden Am Tage
der Hinrichtung wurde der zweite Rechtstag gehalten bei welchem wieder die
Gemeinde als Richter in ihr Amt eintrat Die Mitglieder des peinlichen Gerichts
erschienen schwarz gekleidet mit Degen an der Seite im Gerichtssaale das
Schwert war aufgepflanzt der Verurteilte wurde unter dem Läuten des
Malefizglöckleins vorgeführt der Stabhalter mit dem ganzen Gerichte sich
erhebend trat vor und eröffnete ihm das Todesurteil mit dem Beifügen dass der
Herzog die Bestätigung erteilt habe brach den Stab mit den Worten »Gott sei
deiner armen Seele gnädig« und übergab sodann den armen Sünder dem
Regierungsbeamten der die Vollstreckung zu leiten hatte
    Das Urteil das die Juristenfakultät gefunden und der Herzog bestätigt
hatte verhängte über Friedrich Schwan die Todesstrafe in der schwersten Form
welche die Zeit kannte und ohne alle Milderung Christine Schettinger wurde zum
Strang verurteilt Die Magd ein bitterarmes Geschöpf auf der untersten Stufe
der gesellschaftlichen Rangordnung dessen eigenmächtige Diebstähle sich auf
zwei Hemden einige Tischmesser und Zinnlöffel und eine Semmel beschränkten und
das dem Richter auf die Frage nach Stand und Beschäftigung geantwortet hatte
»Schwefelhölzlen und Tragbäusche machen und bei Gott und guten Leuten mein Brot
ehrlich suchen«  teilte das Schicksal der Frau Den Knecht erreichte der Arm
des Richters nicht er war aus dem Vaihinger Gefängnis entflohen Christine
Müller wurde für ihre Teilnahme an einigen Diebstählen noch mehr aber wegen
ihrer Verbindung mit dem Erzbösewicht überhaupt zur Ausstellung am Hochgerichte
und hierauf zu erstehender vierjähriger Zuchtausstrafe verurteilt Das
Verhältnis beider Weiber zu dem Hauptangeklagten wurde im Urteil ausdrücklich
als Unzucht bezeichnet Über das Kind endlich das Christine Schettinger im
Gefängnis geboren wurde verfügt dass dasselbe bis zum zuchtausfähigen Alter
von neun Jahren das heißt wie man es nicht anders deuten kann bis zur
Aufnahme unter die sogenannten freiwilligen Armen auf öffentliche Kosten
untergebracht werden solle
    »Schwan« sagt sein Geschichtschreiber über die Verkündigung im Gefängnis
»hörte mit unveränderter Miene die schrecklichen Worte keine Träne entfloss
seinen Augen kein unwilliger Seufzer seinem Munde Wenn sie meine Beine in
tausend Stücke zerstossen sagte er so können sie mich doch nicht von meinem
Heiland reißen Allein diese Ermannung fügte er hinzu habe ihn die ganze
Anstrengung seiner Kräfte den ganzen Schwung seiner Seele gekostet und sobald
diese nachliessen sei Furcht an die Stelle des Mutes getreten und er habe sich
einige Stunden hernach beklagt dass sein Tod doch immer sehr hart sei Man wird
ihm nicht zu nahe treten wenn man vermutet er habe von seiner so wirksam
ausgedrückten Reue wo nicht Begnadigung doch wenigstens Milderung der Todesart
gehofft Ob und was er über die Verurteilung seiner Mitangeklagten bemerkte ist
nicht aufgezeichnet wenn er aber das Urteil über die Magd ins Auge fasste so
konnte er sich sagen dass er aus einer Zeit von hinnen gehe die des
Christentums und Rechtsbewusstseins dessen Mangel sie an ihren armen Sündern
bestrafte sich selbst nicht hoch berühmen durfte«
    Indessen fuhr er mit unveränderter Gesinnung in seinen Denkwürdigkeiten
fort die er an jenem Tage noch nicht beendigt hatte Bald auch sagt sein
Geschichtschreiber habe er sich selbst wegen seiner Zaghaftigkeit bestraft und
seine vorige Stärke wieder erlangt und den folgenden Tag habe er dem ihn gleich
morgens besuchenden Geistlichen zugerufen »Nur noch einen einzigen Tag bis zur
Ewigkeit und gottlob zur frohen Ewigkeit Lange habe ich nicht so sanft
geschlafen als in dieser Nacht«
    An diesem Tage erfolgte zwischen ihm und der schwarzen Christine ein
Versöhnungsauftritt den ihr gemeinschaftlicher Geschichtschreiber sehr rührend
nennt »Lange schon« erzählt er in seiner Geschichte des Räubers »waren Schwan
und sein zweites Weib sehr gegeneinander erbittert lange schon hatte die
letztere ihn der Lieblosigkeit der Lügen und der Verräterei beschuldigt jetzt
brannten sie beide vor Begierde sich zu versöhnen und dann auf ewig voneinander
Abschied zu nehmen Es ward gestattet und sie wurden zusammengeführt Voll
innigster Bewegung fielen sie sich nun in die Arme gaben sich dann die Hände
mit gegenseitigem Versprechen alle Misshelligkeiten die bisher unter ihnen
entstanden wechselsweise zu vergessen und trösteten sich dass sie morgen in
dem Ort der Seligkeit wieder zusammenkommen würden So freudig sich Schwan
bezeugte so versicherte doch sein Weib dass sie ihn an Freudigkeit im Sterben
noch übertreffen wolle und so schieden sie sich Glück wünschend zum Kampf und
Sieg vergnügt voneinander«
    Aber die Wahrheit des Sprichworts dass nicht alles Gold ist was glänzt
bewährte sich auch hier wieder an der Frage ob Christine ihm in seinen Himmel
folgen würde wie er mit ihr in die Hölle gegangen war Denn in seiner
»Geschichte einer Räuberin« beschreibt der Sohn des Oberamtmanns das Verhalten
der Zigeunerin vollständig so »Schrecken und Wut durchdrang sie da sie ihr
Todesurteil anhörte sie stand eine Zeitlang starr vor Entsetzen dann brach sie
in die fürchterlichsten Flüche aus und wütete so lange bis sich ihre Kräfte
gänzlich erschöpft hatten Man wird ohne Zweifel begierig sein wie das boshafte
Weib nun da sie ihrer Laster überwiesen war und nichts als gewissen Tod zu
erwarten hatte sich betrug Die katholischen sowohl als die lutherischen
Geistlichen suchten jeder auf seine Art Reue über ihre Verbrechen ihr
beizubringen und sie auf bessere Wege zu führen Schwan selbst gab sich die
äußerste Mühe und versuchte bald durch die zärtlichste Liebe bald durch die
heftigsten Drohungen sie zu bekehren sie blieb gänzlich ungerührt Auf alle
Ermahnungen antwortete sie mit Vorwürfen und verwünschte sich selbst und alle
Menschen Oft wenn ihr der Geistliche vorhielt dass sie mit diesen Gesinnungen
gewiss zur Hölle verdammt würde antwortete sie dass es ihr gleichgültig sei in
den Himmel oder in die Hölle zu kommen sie werde in beiden Kameraden finden
Oft freute sie sich sogar darauf einst in der Hölle gequält zu werden weil sie
sich selbst Hoffnung mache dass auch ihre Richter mit ihr gequält würden Als
man ihr das Beispiel ihrer Magd vorhielt die sich sehr aufrichtig bekehrt
hätte so spottete sie darüber und schrieb ihre Bekehrung ihrer Dummheit zu und
als man ihr auch Schwans Beispiel vorstellte so antwortete sie dass Schwan das
Leben besser genossen als sie und also sie sich nicht mit ihm vergleichen
lassen könne Nur sie allein fuhr sie fort sei die unglücklichste aller
Menschen da sie noch so fähig die Freuden der Welt zu genießen ihnen schon
entrissen werde So verhielt sie sich mehrere Tage aber auf einmal schien ihre
ganze Seele verändert Sie gestand dass sie jene verzweiflungsvolle Sprache bloß
angenommen weil sie geglaubt dass man sie nicht in ihren Sünden dahin sterben
lassen werde Sie bekannte alle ihre Fehler bezeugte die herzlichste Reue und
versprach Schwan in der Freudigkeit beim Tode zu übertreffen Auffallend war es
dabei dass sie sich gegen die lutherischen Geistlichen viel aufmerksamer als
gegen die katholischen bezeugte mit jenen viel williger und herzlicher betete
und diesen sogar drohte bei den lutherischen das Nachtmahl zu nehmen Kurz
auch diese schnelle Bekehrung sollte bloß zum Mittel dienen Mitleiden zu
erwecken und ihr vielleicht das Leben zu retten Aber auch dieser Kunstgriff
half nichts der Tag ihres Todes erschien und nun zeigte sich bald dass ihr
letztes Betragen nur Verstellung gewesen Sie fiel in plötzliche Ohnmacht und
erholte sich aus derselben nur um in Wut gegen alle Menschen und selbst gegen
Schwan der ihr Mut einzusprechen suchte auszubrechen« Dieses ihr wahres
Gesicht behielt die Unglückliche starr und wild wie eine dem Volk der Ebene
fremde Gebirgswelt von nun an unverändert bis zum letzten Augenblick bei
    Ihr glücklicherer Genosse der sein altes Kindesherz wiedergefunden hatte
um sich in diesen schweren Tagen daran aufzurichten fühlte sich durch das
Verlieren der kaum wiedergefundenen Geliebten in seinem Glücke schmerzlich
gestört allein ihm winkte nun der Pfad den jeder Mensch für sich allein
antreten muss und er klammerte sich mit ganzer Kraft an den Stab den er erwählt
hatte den ihm seine Kirche reichte Er nahm das Abendmahl von dem er einst
wie seine Heimatsbehörde von ihm aufgezeichnet gesagt hatte es solle ihm das
Herz abstossen wenn er nicht Wort halte Er war dabei aufs innigste gerührt und
erklärte überhaupt diesen Vormittag wie sein Geschichtschreiber erzählt für
einen der glücklichsten seines Lebens »Ich kann nicht aussprechen« so drückte
er sich selbst hierüber aus »welch einen glücklichen Vormittag ich heute gehabt
habe Mein Herz wallete vor Liebe zu meinem Heilande Zu dem komme ich morgen
schon morgen Morgen um zwölf Uhr aufs längste bin ich bei ihm Oh wenn es
doch nur schon morgen wäre« Der Geistliche Krippendorff der zugegen und durch
die Äußerungen innigst bewegt worden war rief voll Freude aus »O Tod wo ist
dein Stachel Hölle wo ist dein Sieg« »Gott sei Dank« fiel Schwan ein »der
mir den Sieg geben wird und schon gegeben hat«
    An diesem christlichen Heldentum das die Geschichte in unschuldigen
Märtyrern wie in reuigen Verbrechern tausendfach als unverfälschte Gesinnung
aufgewiesen hat soll niemand mäkeln Wohl aber hat jedes Heldentum nicht bloß
für die gemeine Anschauung die es niedriggesinnt in den Staub zu ziehen sucht
sondern auch für eine würdigere Betrachtung die aber nicht anders als mit
menschlichem Masse messen mag seine menschliche Seite und es kann der
Menschenwürde des Bekehrten den wir hier durch seine letzten Stunden begleiten
keinen Eintrag tun wenn wir aus den Worten die seinen Beichtvater beseligten
doch auch den menschlichen Seufzer heraushören dass die scheussliche auch ein
frommes Herz mit den Krallen der Verzweiflung und der Hölle zerfleischende
Marter die in den ersten Frühstunden beginnen sollte um die Zeit wo
glücklichere Menschen ihrem Schöpfer danken und seine Gaben genießen doch
hoffentlich überstanden sein werde
    Man fühlt sich unwillkürlich von seinem verwahrlosten aber darum nicht
minder lebendig grübelnden Verstande die Frage vorgelegt warum denn die
Menschen einem Mitmenschen der eine solche Höhe geistlicher Vollkommenheit
erreicht hat dass sein Beichtvater darüber ein frommes Entzücken fühlt in sein
Leben einbrechen eben jetzt da er reif wäre der so bedürftigen Menschenwelt
die schönsten Früchte zu bringen Und wenn man aus dem Munde dieses Beichtvaters
antwortet es stehe im Evangelium dass wer das Schwert ziehe durch das Schwert
umkommen müsse so hört man ihn im Triumphe seiner Bibelfestigkeit
entgegenhalten das Evangelium spreche dies nicht als Vorschrift aus sondern
habe nur die jähzornigen Gemüter jener Zeit warnend darauf aufmerksam machen
wollen dass dies die bestehende jüdische Rechts und Kirchenordnung sei Oder
wenn der Geistliche erwiderte es geschehe damit der bereuende Sünder in diesem
Leben nicht mehr rückfällig werde sondern drüben gleich zu noch höherer
Vollkommenheit fortschreiten könne so muss es dem grübelnden Verstande den wir
kennen und den das Evangelium nicht einschläfern konnte weil es vielmehr die
Geister weckt schwer geworden sein die Folgerung zu unterdrücken dass man aus
dem gleichen Grunde jeden Gerechten zeitig vom Leben zum Tode bringen müsse
damit er nicht als ein Mensch aus dem Stande der Gerechtigkeit falle Da
jedoch über die Äußerungen oder Gespräche dieser Art sich nichts angemerkt
findet so kann man auch schließen er habe das Abscheiden aus einem solchen
Leben und einer solchen Zeit nicht bloß im geistlichen sondern selbst im
weltlichen Sinne des Wortes für einen so großen Gewinn gehalten dass er über
den weltlichen Preis desselben kein Wort verloren habe
    »Den Nachmittag« erzählt sein Geschichtschreiber nach dem Auftritte
zwischen ihm und dem Geistlichen weiter »verlor sich zwar diese Freudigkeit
ziemlich weil ihn wie er selbst sagte die zu große Menge von geistlichen
Zusprächen betrübt und zerstreut hatte doch kehrte sie abends wieder zurück
Endlich erschien der letzte Tag Morgens früh um fünf Uhr kam Krippendorff zu
ihm und traf ihn im Gebet an Er sah frisch und munter aus dennoch hielt er
weil seine Seele nicht so hochgeschwungen und furchtlos wie gestern war sich
selbst für verstockt ein Gefühl welches jedoch durch Hilfe des Gebets sich
bald wieder verlor«
    So erfuhr auch dieser Geist was jeder Geist in seinem Ringen nach Klarheit
erfährt dass die Seele den gewaltsam ergriffenen Besitz nicht ungestört
festzuhalten vermag dass ihr die Stunden räuberisch in das Gut einbrechen das
sie schon sicher geborgen zu haben glaubte Denn die Seele des Menschen rollt
beweglich mit seiner großen Mutter dahin die wie uns die Himmelskundigen in
ihrer Sprache gelehrt haben in beständiger Revolution begriffen ist Sie fasst
im Gebiet des Geistes umherspürend einen Gedanken eine Wahrheit eine
Erkenntnis die ihr plötzlich in blendendem Licht auftaucht und will in alle
Welt hineinjubeln jetzt sei die Wurzel gefunden die alles Verschlossene
aufsprengen alles Kranke heilen müsse Aber die Stunden bringen und nehmen
Andere Erkenntnisse andere Wahrheiten oder Irrtümer drängen sich in die Seele
ein und verdunkeln das erste Licht und was die Seele festzuhalten glaubte das
wird ihr so blass und farblos dass sie sich ermattet bangend zweifelnd davon
abwendet Wieder erscheint jene geistige Gestalt vom Lichte der Erleuchtung
begleitet sie zeigt sich der Seele von einer neuen Seite und die Hoffnung der
Glaube an die Sicherheit des Besitzes wächst Aber Licht und Schatten wechseln
die Sehnsucht wird zur wilden Glut die das reine Licht der wahrheitsuchenden
Seele mit Qualm umdüstert und so zwischen Licht und Schatten zwischen Glauben
und Zweifel zwischen Höhe und Tiefe dahinschwebend gelangt die Seele unter
immer neuen Erleuchtungen zu der Überzeugung dass das erste Licht das richtige
gewesen sei zur Gewissheit dass die reine Wahrheit darin wohne Aber die
Überzeugung des Menschen besonders wenn er sie mit Heftigkeit ergriffen hat
wäre für ihn selbst nicht echt wenn er sie seinen Brüdern vorentielte denn
weit leichter als seine Herzens oder Vorratskammer tut er ihnen die
Schatzkammer seines Wissens oder Glaubens auf Aber seine Brüder haben dasselbe
erlebt wie er auch ihnen sind Lichter aufgegangen auch sie sind zu Gewissheiten
und Überzeugungen gekommen Dann geraten die Geister aneinander der Mann des
Wissens stößt den Glauben des Frommen zurück und der Mann des Glaubens
erschrickt vor der Überzeugung des Denkers ja unter den Gläubigen selbst und
bis in ihre engsten Kreise hinein ist Unterschied und Zwiespalt weil keiner
die gemeinsame Wahrheit zu der sie sich bekennen ganz im Lichte des anderen
schauen kann Dieser Kampf der Geister verwundet das Herz das die ganze Welt in
Frieden wissen möchte aber das Herz kann den Menschen nicht allein leiten denn
es würde ihn jeder herben Schule die ihm nötig ist entziehen Der Kampf der
Geister ist gut auch wenn er schmerzt denn der Geist der Menschheit nicht
ihrer bevorzugten Kinder nur ist zur Erkenntnis berufen und die Arbeit der
Geister wird der Welt eine Erkenntnis bringen so hoch und tief dass der
stolzeste Geist sie nicht durchfliegen so reich dass der mannigfaltigste Geist
nicht an ihr erlahmen so klar dass der nüchternste Verstand sie nicht antasten
so einfach dass die kindlichste Seele sie erfassen und so rein dass das fromme
Herz in ihr seine Wohnstätte finden kann In der Schule dieser Erkenntnis wird
Friede und Kampf Ruhe und Bewegung vereinigt sein Darum meiden wir den Kampf
der Geister nicht wenn er auch die Lebenden durch Nacht und Wunden zu diesem
Ziele führt Aber den Sterbenden wird kein guter oder weiser Mensch durch die
Menge seines Zuspruchs betrüben und zerstreuen weder der Denker den Gläubigen
noch der Fromme den der nicht in der Form des Glaubens denkt denn der
Sterbende muss mit seinem Herzen Zwiesprache halten dessen Schläge ihn im Laufe
der Stunden beseligt und verwundet haben bis der letzte die fliehende Zeit für
ihn stille stehen heißt Tragt ihn sanft aus der Schlacht fernab vom Staube und
Gewühl der Kämpfenden dass er am Rande des Hügels durch die Abendröte der
Gegenwart hinausschaue in das Morgenrot der Zukunft für die wir kämpfen Für
ihn verstummt der Zank der Meinungen und der Vorwurf der Einseitigkeit er fällt
ab von dem unvollkommenen Leben seiner Zeit und geht über zu dem großen Heere
der Vollendeten die im Frieden ruhen
    Am Tage vor dem letzten hatte der Sterbende sein weltliches Vermächtnis für
die Obrigkeit zu Ende geschrieben Kein Lohn nicht einmal mehr der arme Trost
einer Linderung winkte ihm als er es hinterließ und hierin liegt die
Bürgschaft dass ihn wenn auch unter menschlichen Schwächen die reine Absicht
leitete die Jugend künftiger Tage vor seinem Lose zu bewahren Seine Blätter
enthalten nichts von seiner inneren Lebensführung nichts von dem Gange seiner
Seele durch die Stürme des Lebens aus Tag in Nacht denn dies war kein
Gegenstand für seine Obrigkeit Wohl aber darf die Nachwelt die sich an der
Geschichte eines rohen Mannes aus dem Volke oft besser belehren könnte als an
verwickelten Staats und Fürstengeschichten wohl darf sie den Pfarrer seiner
Heimat anklagen dass er dem die Pflege der Geister vertraut war keine Chronik
seiner Gemeinde keine Aufzeichnung über den Lebensgang des Jünglings
hinterlassen hat der nach dem Zeugnis befähigter Zeitgenossen außerordentliche
Gaben des Geistes und Herzens besaß keine Rechtfertigung der mit mehr als
väterlicher Gewalt ausgerüsteten geistlichen und weltlichen Behörde wie es
kommen konnte dass ein solcher Mensch aus dem Schösse der Gesellschaft heraus so
tief in Elend Verbrechen Schmach und jede Erniedrigung der Seele stürzte Und
doch hat jener Pfarrer sein ganzes Lebensschicksal mit angesehen und hat ihn
lange überlebt Er fand nichts aufzuzeichnen nötig als die karge schauerliche
Randbemerkung die er auf einem Blatte des Taufbuches wo der Name des am 4
Juni 1729 geborenen Kindes Friedrich Schwan nebst den Namen seiner Eltern und
Taufpaten eingetragen ist mit roter Tinte hinzugeschrieben hat »Wurde den 30
Juli 1760 zu Vaihingen lebendig auf das Rad gelegt Gott sei seiner armen Seele
gnädig«
    Das war die Todesstrafe die ein christlicher Staat unter dem Beistande
einer christlichen Kirche an einem Menschenbilde das sie Gottes Ebenbild
nannten vollzog indem er sich für so arm an leiblichen und geistigen Mitteln
bekannte dass er mit einem wenn auch noch so tief gefallenen Menschen nichts
Menschlicheres nichts Christlicheres zu tun wusste als ihm das Leben zu rauben
und für so beschränkt in Menschenkenntnis dass er meinte durch eine recht
ausgesuchte grausame Strafe werde er andere vom Wege des Verbrechens
abschrecken Und doch hätte gerade dieser ihn vor tausend anderen belehren
können wie irrig eine solche Voraussetzung ist Er war vor anderen mit Verstand
begabt um sich zu sagen wohin sein Leben zuletzt führen müsse und wenn er es
je vergessen hätte so sagten es ihm seine schrecklichen Genossen die sich
täglich auf den Gedanken an ein solches Ende einübten verkleidet den
Hinrichtungen beiwohnten einander den Hergang bei denselben beschrieben und bei
ihren Gelagen sich gegenseitig einen leichten Tod zutranken Nicht einmal sein
Mut machte ihn zu einer Ausnahme an der die Abschreckung verloren war denn
sein Geschichtschreiber sagt ausdrücklich von ihm bei aller natürlichen
Herzhaftigkeit habe er sich durch diese abschreckenden Gewohnheiten so
erschüttert gefühlt dass er gänzlich unfähig gewesen sei dieselben mitzumachen
und man kann überhaupt sagen dass auch die Feigheit nicht hinlänglich
abschreckend wirkt denn die Gerichtsverhandlungen zeigen feige Verbrecher
genug So hat also weder sein Verstand noch die Abschreckung selbst die bei ihm
nicht verloren war ihn von dem finsteren Pfade abgeschreckt hat weder seine
zwar rohe aber zur Erkenntnis von Gut und Böse von Wohl und Übel völlig
genügende Bildung noch die vorsorgende Liebe der Gesellschaft ihn vor diesem
fürchterlichen Ende bewahrt Es gibt keine andere Milderung für seine Todesart
keine andere Beschwichtigung für das empörte Gemüt als sich zu sagen dass das
Jahrhundert seitdem seine Speichen beinahe völlig umgewälzt hat dass jene
Mittagsstunde um die er vollendet zu haben hoffte längst vorüber ist dass jene
arme kranke Zeit ein besseres Jahrhundert reicher an Geist und Herz und
Erkenntnissen geboren hat Ja so vieles wir an unserer Zeit mit Recht
verwerfen wir können ihr das Zeugnis nicht versagen dass ein Mensch wie dieser
besser von ihr durch das Leben getragen worden wäre dass er keinen Pfarrer
Amtmann und Vogt getroffen hätte die seine blühende Jugend fast gewaltsam unter
die Räuber stießen dass wenn ihm auch der Lieblingswunsch seines jungen Herzens
versagt geblieben wäre das Leben ihm Befriedigung für sein Gemüt für seinen
Geist für seine Fähigkeiten nicht so ganz versagt haben würde wie die dürre
Wüste mit der ihn seine Zeit umgab Wohl ist noch eine schwere Arbeit zu
vollbringen bis unsere Zeit aus dem dunklen Mutterschosse jenes Jahrhunderts
worin sie mit ihren Tugenden und Fehlern mit ihren Wahrheiten und Irrtümern
wurzelt losgerungen ist und darum kämpfen wir Aber die Sonne wie sie von
Osten nach Westen wandelt sieht das Volk in der Mitte zwischen Ost und West
täglich mehr im stillen Ringen nach Licht und Recht begriffen und sie wird die
Mühe seiner Geister nicht verloren finden wenn sie oft auch tief wie
Grubenmänner in die Schachte unsrer Geschichte unsrer Sprache unsrer Dichtung
sich zu verlieren scheinen von wo dieses Licht und Recht am reinsten zu holen
und nach dem Masse des heutigen Tages zu verteilen ist Denn jetzt gilt es sich
selbst zu verstehen in der allgemeinen Bewegung die schon mit wachsendem Getöse
an die Pforten noch immer so vieler Schläfer pocht Die Bewegung die aus einem
Teil des Westens kam hat uns verwirren müssen denn sie bot uns Eigenes mit
Fremdem gemischt Die Bewegung die sich aus einem Teil des Ostens ankündigt
wird uns aufklären helfen denn man lernt sich besser selbst erkennen in einem
Spiegel der uns gar keine Ähnlichkeit zeigt sondern ein wildfremdes Gesicht
Dann wird der Kampf auch nicht mehr verwandte Geister trennen nicht mehr durch
das einzelne Menschenherz selbst hindurchgehen die Scheidung zwischen dem
Wahren und dem Falschen zwischen dem Guten und dem Bösen wird leichter sein
Wer aus der allgemeinen Betrachtung zu welcher jeder Tag so vielen Anlass gibt
zu der hier erzählten Volksgeschichte zurückkehrt und vielleicht einmal
zufällig das freundliche Filstal hinaufwandernd nach ihren Spuren fragt der
kann sich die Mühe und den Staub der Akten ersparen denn er findet in der
Erzählung jeden Zug der aufbewahrt geblieben ist Und dennoch möge er nicht
eine buchstäblich wahre Geschichte in ihr suchen Denn der geschichtliche
Buchstabe ist unwahr solange nicht der Geist ihn lebendig macht und in das
gebrochene rückstrahlende Licht des Gleichnisses stellt Selbst das alte
Wirtshaus zur Sonne wird der Wanderer vergebens suchen und da ein solches Haus
mit stattlichem Giebel nicht so leicht aus der Reihe der Gegenstände
verschwindet so mag er vermuten dass er das Ebersbach dieser Volksgeschichte
anderswo zu suchen habe Darin hat er auch gewissermaßen recht der Flecken der
eine begabte Jugendkraft nicht zu ihrer Entfaltung kommen ließ erstreckte sich
noch vor weit kürzerer Zeit als vor hundert Jahren über ganz Deutschland und
besonders über den Süden desselben und der Berg unseres alten Reiches mit
seinem öden Gipfel wurde viel weiter im Umkreise gesehen als er zwischen der
Rems und Fils in die Landschaft ragt Der Erzähler der aus Erfahrung weiß dass
alte Häuser nicht so schnell verschwinden und dass alte Wahrzeichen von einer
neuen Zeit nicht so leicht auszurotten sind hat in einem freundlichen Gasthause
eines ansehnlichen Fleckens in jener Gegend wo man die alte Sonne mit vielen
Laternen nicht finden würde ein übriggebliebenes Wahrzeichen von ihr entdeckt
Aber er wird seinen Fund hier nicht verraten denn der Beobachter ist nicht
überall angenehm und der Knabe der nicht weit davon im Zimmer an einem Tische
worauf eine Rute lag seine Aufgabe lernte behauptete das Rütlein sei nicht
für ihn Angelegenheiten eines einzelnen Hauses die das öffentliche Recht und
Wohl nichts angehen muss man beruhen lassen Der Besitzer des Hauses der nicht
Schwan heißt sondern einen anderen guten Namen führt ohne sich jedoch des
armen Friedrich Schwan zu schämen mag dem Wanderer von der alten Sonne selbst
erzählen soviel ihm beliebt Dass der Schild des Hauses geändert wurde ist
schon lange her wohl fünfzig Jahre und fällt dem damaligen Besitzer nicht
einmal zur Last Denke man sich er habe vielleicht einen Sohn gehabt den der
Volkswitz  man weiß wie die Leute sind und wie sie gar in früherer Zeit waren
 nach jenem berüchtigt gewordenen Namen den »Sonnenwirtle« hieß bei dem besten
Bewusstsein des Sohnes und der Eltern konnte die Bezeichnung wie sie nun einmal
für den Flecken klang der keine Ehrenkrone darin zu sehen gewohnt war auf die
Länge so unleidlich werden dass man lieber den Namen des Hauses änderte Eine
beschränkte Umgebung hindert ja auch den Unbefangensten das Leben frei
anzuschauen und frisch hineinzugreifen In kleinen Verhältnissen ist dies nicht
so leicht zu ändern Ein Volk aber soll seine Wahrzeichen nicht wegwerfen und
ein Wahrzeichen ist ihm nicht bloß sein Liebling auf den es stolz ist ein
Wahrzeichen ist ihm auch der Verbrecher dessen es sich schämt Wir mögen ihn
verwünschen und verfluchen wir mögen ihn aus der Gesellschaft und aus dem Lande
stoßen wir mögen ihn in der Gruft des lebenslangen Kerkers begraben oder mit
der Maschine töten die uns ein wenig von der Bildung und noch mehr von der
selbsttätigeren Kraft unserer Vorfahren unterscheidet  eines können wir ihm
nicht nehmen ein Gepräge können wir nicht an ihm vernichten Wir müssen
bekennen
    Er war unser
Noch einmal den Vorhang auf und nun das letzte Bild
 
                                       39
Rein und tiefblau wie er nur in den Mittsommertagen ist wölbte sich der
Morgenhimmel über der alten winkeligen Stadt Die Sonne brannte schon in den
ersten Morgenstunden und verkündigte einen heißen Tag Auf dem Marktplatz vor
dem Ratause stand die Menge dicht gedrängt in gedankenloser Neugier ein
trauriges Schauspiel erwartend das ihr Ersatz für die geistigen Bedürfnisse
bieten sollte die sie durch die sonntägliche Predigt und durch die spärlichen
bürgerlichen Vorkommnisse nicht zureichend befriedigt fühlte Sie konnte nicht
nach ihrer Weise hin und her wogen denn es waren ihrer zu viele die in
festgekeilter Masse geduldig ausharren mussten und nach den Ratausfenstern
emporsahn Endlich glaubte man an den Fenstern eine Bewegung wahrzunehmen und
die Bewegung teilte sich alsbald der Menge mit die nach der Türe des Ratauses
drängte Ein Bürger der den Zuschauern im Saale droben vorausgeeilt war
stürzte heraus »Es wird gleich angehen« antwortete er auf die Fragen der
vordersten die ihn bestürmten »aber das ist ein Mensch Ihr hättet ihn sehen
sollen wie man ihm das Urteil vorgelesen hat Alles hat gezittert das ganze
Gericht ist erblasst nur er ist allein ruhig und unerschrocken dagestanden und
wies im Urteil geheißen hat der Erzböswicht hat er mit lauter Stimme und
lächelnd gesagt Der bin ich gewesen«
    Eine noch stärkere Bewegung kam unter die Menge welche das Geräusch der
Kommenden aus dem Innern des Ratauses vernahm Sie wich zurück denn die
ersten die herauskamen waren Gerichtsdiener die sie barsch und grob auf die
Seite trieben Auf diese folgte von Wachen umgeben gefesselt und gebunden der
arme Sünder der aber nicht wie ein solcher aussah Sein Gang war ruhig wie der
eines Bürgers der seinen Geschäften nachgeht seine Haltung aufrecht aber
nicht gezwungen und nur die Blässe seines Angesichts und der eigentümliche
Glanz seiner Augen verriet dass etwas in ihm vorging wovon die Menschenmenge
die ihn neugierig betrachtete nach ihrer Art kaum eine Ahnung haben mochte
Fest und kühn blickte er in die Augen der Kopf an Kopf geschichteten Menschen
durch deren Reihen er den letzten düstern Weg zur Freiheit gehen sollte Er
blieb stehen um seine Schicksalsgenossen zu erwarten
    Wiederum machte sich ein Geräusch von der inneren Rataustreppe vernehmlich
und die Blicke der Menschen ließ von ihm ab um über die neue Beute die für
die Schaulust kommen sollte herzufallen Es dauerte lange und die Ungeduld
wuchs immer stärker an Endlich drängte es sich heraus und zugleich gab sich
die Ursache zu erkennen die das Schauspiel so lange verzögert hatte Es war die
Zigeunerin die um ihr Leben kämpfte Obgleich ihre Hände gebunden waren so
stieß sie doch die Schergen einmal über das andere zurück suchte in das Rataus
zurückzukommen als ob dieses ihr Schutz gewähren könnte und noch unter der
Türe stemmte sie sich mit den Ellenbogen an den Pfosten an Sie wurde aber immer
wieder ergriffen und endlich herausgebracht
    »Christine« rief Friedrich dem bei dem jammerwürdigen Anblick das Herz
blutete obgleich er Anlass genug hatte jetzt nur noch an sich selbst zu denken
»Christine klammere dich nicht so fest an diese schnöde Welt Wende dein Herz
dem Himmel zu der dir allein noch helfen kann«
    Sie fuhr zurück und sah ihn mit einem Blicke an für den es nur dann eine
Vergleichung gäbe wenn irgendwo in der Welt wie im menschlichen Herzen wo die
unmittelbarsten Gegensätze nebeneinander wohnen glühendes Eis zu finden wäre
»Verräter« sagte sie »finde du dich mit deinem Himmel ab wie du dich mit der
Welt abgefunden hast Ich hab dich geliebt und alles für dich getan und das ist
nun mein Lohn Wenn ichs nur gewiss wüsste ob du in den Himmel oder in die Hölle
kommst Sieh mich nicht so an mit deinen Augen  ich wär schwach genug dir zu
folgen aber ich kann es nicht Meine Mutter hat sich im Gefängnis erhängt aus
Verzweiflung über das Schicksal das du mir bereitet hast mir der Mutter
deines Kindes Mein armes armes Kindl Aber es wird mich nicht lang überleben
ich weiß es hat den Tod in sich es wird dieser dürren lutherischen Welt nicht
in die Hände fallen Schweig still ich kann nicht mit dir gehen Die Unsrigen
speien deinen Namen an jede ehrliche Seele zwischen dem Rhein und der Donau
verflucht dich dein Name wird der sprichwörtliche Name eines Verräters werden
«
    Auf einen Wink des Oberamtmannes der indessen aus dem Ratause getreten
war rissen sie die Henker herum
    Sie wehrte sich »Ist denn kein Pardon da« rief sie
    Der Oberamtmann gab keine Antwort »Nein« rief ein Henker
    »Wer hat denn nun recht« rief sie »Der eine sagt so der andere anders«
Ihr Auge bohrte in die Menge hinein ob dort nicht befreundete Hände bereit
seien sie zu retten »Ist denn kein katholischer Christ da« rief sie unter das
Volk »Wenn einer da ist so gebe er mir doch ein Zeichen«
    Niemand gab ein Zeichen Sie sank halb zusammen und die braune Farbe ihres
Gesichtes wurde immer gelber Noch einmal raffte sie sich empor um mit der Wut
einer Tigerin die ihre Freiheit und ihr Leben nicht freiwillig hergibt eine
Kraftanstrengung zumachen
    »Fort« befahl der Oberamtmann während man ihm sein Pferd vorführte hinter
welchem die städtischen Richter in ihren schwarzen Mänteln vom Zwange ihrer
Amtswürde befreit geschwind vorüberschlüpften um auf dem Hauptschauplatze vor
der Stadt noch zu rechter Zeit den ihnen vorbehaltenen Standort einzunehmen
    Die Henker griffen kräftig zu und eröffneten den Zug mit ihr Sie warf noch
einen Blick auf ihren Todesgefährten und wurde mehr geschleppt und getragen als
davongeführt
    »Bitterer Kelch geh vorüber« sagte er in den Boden starrend
    »Frieder« rief eine sanfte Stimme neben ihm
    Er blickte auf und sah die blonde Christine die den Zug beschließen sollte
    Die ganze Liebe seiner Jugend wallte in seinem Herzen auf »Meine
Christine« rief er »hast du mir auch gewiss verziehen«
    »Von ganzem Herzen und von ganzer Seel« antwortete sie »und ich hoff
gewiss dass wir einmal in einer schöneren Welt wieder zusammenkommen wo uns
nichts mehr trennen wird Sag mir auch noch einmal dass du mir verzeihst«
    »Soll ich dir verzeihen dass du mich lieb gehabt hast Was hab ich dir denn
außer Kleinigkeiten zu verzeihen Die sind alle längst vergeben«
    »Kannst noch etwas von der Welt hören«
    »Von unseren Kindern«
    »Ja Die beiden jüngsten nimmt die Magdalene die deinem Vater Haus gehalten
hat in ihren neuen Ehstand mit Sie heiratet den Müller weißt den Georg Sie
haben ja beide früher ein Aug aufeinander gehabt aber es hat nicht sein mögen
und keinem von beiden ists gut gangen in der Eh Jetzt sind sie beide frei Den
Friederle haben sie auch nehmen wollen aber dein Vater gibt ihn nicht her Er
sagt er sei so einsam in seinem Alter und es sei so ein aufgeweckter Bub«
    »Und du«
    »Wenn ichs überleb so soll ich deinem Vater Haus halten und wenns der
alt Mann nimmer so lang macht so will mich die Magdalene auch zu sich nehmen«
    »Nun sterb ich gern« rief er »nun weiß ich doch dich und die Kinder
versorgt Sag meinem Vater oder tu ihms zu wissen ich lass ihn viel tausendmal
grüßen und um Gottes willen bitten er solle dem Buben doch streng sein Auch
den Georg und die Magdalene lass ich grüßen aber sie sollen darüber wachen dass
der Großvater nicht zu viel in den Buben hineinsieht Siehst du die vielen
Ebersbacher Christine« unterbrach er sich »Sie sind heut herbeigeströmt wie
damals zu unserer Proklamation«
    »Und auch ich auch ich soll zusehen« rief sie Sie schlug die
freigelassenen Hände vor das Gesicht und begann krampfhaft zu schluchzen
    »Brich mir das Herz nicht vor der Zeit« gebot er ihr »Sei stark
Christine und denke daran dass die Trübsal zeitlich und die Freude ewig ist«
    Sie nahm die Hände von dem Gesicht und machte eine Bewegung ihm um den Hals
zu fallen Die Stadtknechte traten dazwischen
    Friedrich suchte das Auge des Oberamtmanns der sich an dem Zeuge seines
Pferdes zu schaffen machte um die flüchtige Zeitspanne dieser letzten
Unterredung zu verlängern Der Oberamtmann verstand den Blick »Gebt einander
die Hände« sagte er und wendete die Augen in welchen verräterische Tränen
blinkten nach einer andern Seite
    »Und nun vorwärts in Gottes Namen« rief Friedrich als es geschehen war
    Auch er sollte den Weg nicht gehend zurücklegen denn für ihn als einen
Hauptverbrecher stand die Schleife bereit Er legte sich und der Henker band
ihn an »Nun der ist barmherzig« sagte er »Er hätte mich härter binden können
 er erspart mir doch einige Schmerzen Selig sind die Barmherzigen«
    Der Zug setzte sich in Bewegung über den Marktplatz Das Opfer des
Verbrechens und des Gesetzes blickte mit seinen hellen Augen in die Menge
welche der Zug durchschnitt und lächelte da und dort einem bekannten Gesichte
zu Dann erhob er die Augen und blickte still in den blauen Himmel hinein bis
die zusammentretenden Häuser und die mit Menschen besetzten Fenster der schmalen
Straße in welche der Zug einlenkte ihn daran verhinderten Ein menschliches
Geschrei oder vielmehr ein Geheul schlug an sein Ohr Er wusste was es
bedeutete und sein Auge ward düster Als er die Stelle erreichte von wo der
Ton zu vernehmen gewesen war blickte er an einem Hause empor wo die Leute mit
einem in das Tragkissen gehüllten Kinde am Fenster standen Es war sein Kind
das hier untergebracht war und der Schrei von vorhin war der letzte Schrei des
Mutterherzens gewesen das der verkümmernden kleinen Menschenpflanze jetzt
entrissen werden sollte Er blickte mit inniger Rührung zu dem Kinde empor rief
ihm tausend Liebkosungen zu und segnete es
    Die Fahrt ging langsam weiter durch die endlos lange Straße die er in
vergeblichem Jagen durchritten hatte und immer durch Massen von Menschen
hindurch die sich zu beiden Seiten drängten oder aus den Fenstern sahen
Endlich wie nach Verfluss einer Ewigkeit war das Tor erreicht wo er
gefangengenommen worden war Er lächelte da er es sah und pries es gegen seine
Begleiter als den glücklichsten Ort den er in seinem Leben betreten da hier
seine Rettung aus Nacht und Grausen begonnen habe
    Der Zug ging durch das Tor und jetzt sah man die außerhalb im Freien
wogenden Menschen eine zahllose Menge wie wenn das ganze Herzogtum versammelt
wäre um eine Landesangelegenheit von höchstem Gewichte zu beraten und beraten
zu sehen
    Vor dem Tore stand ein alter Mann auf seinen Krücken lehnend Die Tränen
flossen ihm in den Stoppelbart und er sah dem Verurteilten der eben gegen ihn
herankam in das Gesicht Auch dieser erblickte ihn jetzt und winkte freundlich
mit den Augen Er hatte seinen Invaliden erkannt von dem er sich wohl sagen
konnte dass er nicht aus bloßer Neugierde den weiten und für seinen
gebrechlichen Körper auch im Fahren beschwerlichen Weg hieher gekommen sei
    »Oh wo naus Frieder wo naus« rief der Alte traurig
    »Dem Himmel zu« antwortete er mit der hellen Kommandostimme die bei so
manchem Einbruch erschollen war