Karl Gutzkow
Die Ritter vom Geiste
Vorwort
Es wird eine lange weite Wanderung werden lieber Leser zu der ich Dich
auffodere Rüste Dich mit Geduld mit geschäftlosen Sonntagsvormittagen und
einem guten aushaltenden Gedächtnis Vergiss mir nicht morgen was ich Dir heute
erzählt habe Werde nicht müde wenn Du unabsehbare Ebenen erblickst sich der
Weg zwischen gefahrvolle nicht endende Gebirgspässe zwängt oder die Landstraße
plötzlich sich wie in die Wolken zu verlieren scheint
Was Du Alles auf dieser Wanderung wirst zu sehen bekommen die Landschaft
und die Dir begegnenden Menschen ihr Wert ihr Charakter ihre Wahrheit
da sieh zu wie Dein Geschmack mit ihnen fertig wird Ich bitte um Schonung
aber wenn sie mir von Deiner Strenge verweigert wird muss ich mirs schon
gefallen lassen Nur über die lange Dauer dieser Wanderung über das
weitentrückte sozusagen atlantische Ziel über den großen großen Proviant von
Zeit und Geduld den ich beanspruche muss ich Dich bitten mir ein
entschuldigendes Vorwort zu erlauben
Tu mir nicht von vorn herein das Unrecht an und sage Ich hätte in meinem
über das übliche deutsche Maß hinausgehenden Werke die Franzosen nachahmen
wollen Der »ewige Jude« die »Geheimnisse von Paris« sind deshalb geschrieben
worden weil in einer Zeit wo Alles spricht Menschen die geneigt sind
zuzuhören eine Eroberung sind Diese glücklichen Zeitungseroberer von Paris
haben ihre Beute nicht wieder wollen fahren lassen und führten deshalb den Stil
ein den sie von den Taschenspielern auf Jahrmärkten borgten die ihre
Productionen von heute immer mit einer Ankündigung auf morgen schließen Die
FeuilletonRomane wie man sie drüben überem Rheine nennt oder die
FortsetzungfolgtRomane wie man sie nennen sollte sind nur für große Kinder
geschrieben zu denen man sagt Heute wars gewiss schön morgen wirds aber doch
noch viel schöner werden
Also Das nicht lieber Leser Ich wollte wohl unser strenges Publicum ahmte
dem französischen an gutem Willen beim Hören und Hinnehmen nach aber ich selbst
bin nur deshalb so lang geworden weil ich beim besten Willen nicht kurz sein
konnte Sollen wir zurückgezogenen einflusslosen Schriftsteller die wir doch
auch gewohnt sind den Samen reeller Tatsachen von den Blüten der Erscheinung
abzustreifen und in unserer Art auch Etwas für die Geschichte zu tun die
Gründlichkeit nur der Paulskirche und den Protokollen unserer Ständekammern
Interims und Verwaltungsräte überlassen Schlimm genug dass man so ernst so
nachdrücklich so systematisch mit unserer Zeit sprechen muss Anekdoten tuns
nicht mehr Was ist Euch Boccaccio Eine bunte Federflocke vom classischen Wind
bewegt Es finden sich ihrer allerdings genug die der Zeit entrinnen wollen und
lieber einer vom classischen Wind bewegten bunten Federflocke nachirren als dem
Jahrhundert das sie hassen allein mit diesen mag ich nicht reden Ich will es
mit Denen die ihrer Zeit vertrauen Hoffnungen auf sie setzen und die da sagen
Eine Nacht um ein zweckloses Märchen zu hören die hab ich nicht aber tausend
und eine Nacht die hätt ich und schenke sie Dem der sie im Scherze lehrend
auszufüllen versteht
Wohlan denn Du wunderlicher Heiliger ich halte Dich beim Wort Ich sage
Dir im Vertrauen dass eine Nacht und ein Märchen mich selbst den Erzähler
nicht befriedigen würden Und erzählt ich Dir das sinnigste und Arabiens
würdigste Märchen ich selbst würde in unsern sternenlosen Nächten dessen nicht
froh und wo dem Schöpfer nicht wohl wurde bei einem Werke da kanns dem
Beschauer ewig nur weh sein Schönheit ist ja Ruhe Ruhe des Gemüts quillt in
den Betrachter vom befriedigten Schöpfer und der Schöpfer der hier dies
vielleicht übervoll aufgeschossene Werk Dir vorlegt diesen endlos scheinenden
Park mit Seen und Brücken und Wasserfällen gesteht aufrichtig dass er jenen
einzigen Wassertropfen der jetzt die ganze Welt abspiegelte nicht hat finden
können Er weiß wohl es gibt Dichter die mit einem Wassertropfen die Welt
abspiegeln und noch mehr solche die glauben diesen Wassertropfen zu besitzen
Er ging auch hinaus vors Tor und nahm von der Flur einen Tautropfen der
glänzte in der Sonne grün aber die Welt ist blau Ein anderer glänzte blau
aber die Welt ist rot Ein dritter glänzte gelb und grün und die Welt
schillert jetzt in allen Farben Es ist nichts mehr mit dem Tautropfen dachte
er Es muss mehr sein und etwas Anderes wenn auch noch keine Douche und noch
kein Regenbad
Macht ihr Geschichte dachte er wir wollen Romane schreiben
Er dachte an die Geschichtsmacher von heute die aus dem Staube der Ruinen
neue Tempel bauen wollen Er dachte an die Flicker und Leimer in deren Hände
die Organisationen geraten sind und die uns nachgerade die Lust genommen
haben nur notdürftig auf ihre Bauplätze zu blicken mögen sie nun in Paris
Rom Wien Berlin oder in Gota und Erfurt liegen Baut ihr und flickt an den
alten Welten wir wollen neue bauen wenigstens in der Idee Jeder große Münster
hat anfangs sein kleines Modell Die alten Erbauer wenn sie ein Denkmal
bekamen trugen diese kleinen Modelle in der Hand diese mochten nicht schwerer
wiegen als so ein Roman von mehr Bänden als üblich ein Roman in dem neuen Stil
der in der Tat architektonisch ist sehr mislich nachzuahmen und auf den uns
Professor Gervinus zu seinem Ärger doch noch ein literarhistorisches Patent
geben soll
Denn ich glaube wirklich dass der Roman eine neue Phase erlebt Er soll in
der Tat mehr werden als der Roman von früher war Der Roman von früher ich
spreche nicht verächtlich sondern bewundernd stellte das Nacheinander
kunstvoll verschlungener Begebenheiten dar Diese prächtigen Romane mit ihrer
classischen Unglaubwürdigkeit Diese herrlichen farbenreichen Gebilde des
Falschen Unmöglichen willkürlich Vorausgesetzten Oder wer sagte Euch denn
ihr großen Meister des alten Romanes dass die im Durchschnitt erstaunlich
harmlose Menschenexistenz gerade auf einem Punkte soviel Effecte der
Unterhaltung sammelt dass ohne Lüge ohne willkürliche Voraussetzung sich alle
Bedingungen zu Eurem einzigen behandelten kleinen Stoffe zuspitzen konnten Die
seltenen Fälle eines drastischen Nacheinanders greift das Drama auf Sonst aber
lebenslange Strecken liegen zwischen einer Tat und ihren Folgen Wieviel
drängt sich nicht zwischen einem Schicksal hier und einem Schicksal dort Und
Ihr verbandet es doch Und was dazwischen lag Das warft Ihr sorglos bei Seite
Der alte Roman tat Das Er konnte nichts von Dem brauchen was zwischen seinen
willkürlichen Motiven in der Mitte liegt Und doch liegt das Leben dazwischen
die ganze Zeit die ganze Wahrheit die ganze Wirklichkeit die Widerspiegelung
die Reflexion aller Lichtstrahlen des Lebens kurz Das was einen Roman wenn er
eine Wahrheit aufstellte fast immer sogleich widerlegte und nur eine Tatsache
gelten siegen ließ die alte Wahrheit von der unwahren erträumten
Romanenwelt
Der neue Roman ist der Roman des Nebeneinanders Da liegt die ganze Welt Da
ist die Zeit wie ein ausgespanntes Tuch Da begegnen sich Könige und Bettler
Die Menschen die zu der erzählten Geschichte gehören und die die ihr nur eine
widerstrahlte Beleuchtung geben Der Stumme redet nun auch der Abwesende spielt
nun auch mit Das was der Dichter sagen schildern will ist oft nur Das was
zwischen zweien seiner Schilderungen als ein Drittes dem Hörer Fühlbares in
Gott Ruhendes in der Mitte liegt Nun fällt die Willkür der Erfindung fort
Kein Abschnitt des Lebens mehr der ganze runde volle Kreis liegt vor uns der
Dichter baut eine Welt und stellt seine Beleuchtung der der Wirklichkeit
gegenüber Er sieht aus der Perspective des in den Lüften schwebenden Adlers
herab Da ist ein endloser Teppich ausgebreitet eine Weltanschauung neu
eigentümlich leider polemisch Thron und Hütte Markt und Wald sind
zusammengerückt Resultat Durch diese Behandlung kann die Menschheit aus der
Poesie wieder den Glauben und das Vertrauen schöpfen dass auch die moralisch
umgestaltete Erde von einem und demselben Geiste doch noch könne göttlich
regiert werden
Ein solcher Versuch die zerstreuten Lichtstrahlen des Lebens in einen
Brennpunkt zu sammeln ist die Geschichte die ich Dir lieber Leser hier
aufgerollt habe Sie ist in den Tatsachen und dem sozusagen allegorischen
Rahmen nicht neu aber neu in der Verknüpfung Kurz konnte sie ihrer Natur nach
nicht werden denn um Millionen zu schildern müssen sich wenigstens hundert
Menschen vor Deinen Augen vorüberdrängen Denke nur immer dass der Zweck und die
Aufgabe so lautet
Die Missionaire der Freiheit und des Glaubens an die Zeit sind es ihren
Gemeinden schuldig ihnen zu zeigen wie die ganze Fülle des Lebens von ihrem
neuen Lichte beschienen sein kann und wie es sich noch mit den alten Lungen
atmen lasse überall in jedem Winkel Gottes den der neue Luftzug der Idee
der Pfingstzeit neues Windeswehen bestreicht Die äußere Welt ist durch
Künstlerhand allein nicht zu ändern Lasst vorläufig unsere Minister und die
Soldaten dafür sorgen Aber die innere Welt die welche Jeder in seiner Brust
trägt die kann schon eine umfassende in allen Höhen und Tiefen des Lebens aus
einem Gesichtspunkte betrachtete und eine festbegründete sein Diese
Allseitigkeit war mein Ziel Ich sage nicht dass ich ein Panorama unserer Zeit
geben wollte Wer vermöchte Das Die Aufgabe wäre nicht zu lösen und anmassend
erklänge es wollte sich ihrer Jemand anheischig machen Aber ein gutes Stück
von dieser unserer alten und neuen Welt sollte aufgerollt werden eins gerade
groß genug um ein Menschenleben zu ermuntern dass es nicht verzage sondern
getrost in dem einen Geiste der Freiheit und Hoffnung fortwandle und sich die
laufenden tagesüblichen Bedrängnisse der innern Überzeugung nicht zu sehr
verdrießen lasse
Lass Dich denn also von mir lieber Leser in diesen Blättern einspinnen wie
der werdende Schmetterling sich in den Kocon spinnt wo er Blatt und Baum auf
dem er hilflos kroch preisgibt und sich wie in dem Vortraum seines neuen
Lichtlebens begräbt Die Kunstrichter mögen richten die voreilige Kritik mag
Dir die Lust nehmen wollen dem Erzähler zu folgen achte ihrer nicht und bleibe
treu dem Dich einhüllenden Gespinnst bis dem weitern Verlaufe zu die Hülle
bricht und in anschauender Prüfung meiner Absicht auch Dein Geist mit bunten
Hoffnungen und heitern Glaubensschwingen in jene Gemeinschaft der Getreuen und
Vesten der Ritter vom Geiste aufsteigt von deren Schicksalen diese Blätter
erzählen
Dresden am Pfingsttage 1850
Karl Gutzkow
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Das Kreuz und das Kleeblatt
An einem heißen Sommernachmittage saß ein junger Mann von summenden Käfern
umschwärmt das Haupt auf eine über die Knie ausgebreitete Mappe beugend vor
einer einfachen ländlichen Dorfkirche um sie zu zeichnen Die Formen des
bescheidenen und doch ehrwürdigen Gebäudes wiesen auf einen ziemlich alten
Ursprung hin Leicht und schlank sprang der spitze Turm in die blaue Äterhöhe
Die alten grüngerosteten Glocken hingen in Öffnungen deren Ränder ein zierlich
geschweiftes steinernes Blätterwerk schmückte willkommener Schlupfwinkel für
ein Heer von Spatzen das den Turm lärmend umschwirrte Das Schiff wölbte sich
mit hervorspringenden Fensternischen mehr rund als länglich um den Glockenturm
dessen Portal ein großes halb in das Mauerwerk eingebrochenes Kreuz zierte
Dieser einfache Bau umgrenzt von grünen Haselnusshecken und gehütet gleichsam
von zwei alten Lindenbäumen vor der Eingangspforte schnitt sich an dem
duftreinen Horizont so gefällig so lieblich ab dass man dem jungen über seiner
Arbeit träumenden Künstler nicht verargen konnte sich daraus für sein
Skizzenbuch allein schon eine Erinnerung zu erhalten Aber der altertümliche
Reiz dieser Szene wurde noch durch die Trümmer eines Gebäudes erhöht das einst
dicht an der Kirche mit ihr fast verbunden musste gestanden haben Noch waren
einzelne verwitterte Mauern hier und da übrig geblieben und nun auf löbliche
Weise zum Umbau des Friedhofs verwendet Überall wo eins der alten Trümmer
aufhörte begann in der Umzäunung des stillen Ruheplatzes immer ein einfacher
freilich etwas zerfallener Bretterzaun bis diesen wieder ein morsches Stück
alter Mauer mit noch halb erhaltenen Fenstern ablöste deren Trümmer sich in das
innere lauschige Gezweig von weißen würzig duftenden Fliederbäumen die sie
überschatteten verloren Kirche und Friedhof lagen auf einer mäßigen
grasbewachsenen mit weißen Sternblümchen wie bestreuten Anhöhe die eine
Fernsicht auf diejenige große und berühmte deutsche Hauptstadt erlaubte welche
der Schauplatz der nachfolgenden Mitteilungen sein wird
Der junge Maler war nach einfachem Mittagsmahle auf dies bescheidene
Dörfchen es hieß Tempelheide von der großen lärmenden Stadt hinausgewandert
hatte sich rings den Hügel musternd die günstigste Stelle für seinen Plan
auserlesen und zeichnete die Kirche und den Friedhof aus einem Interesse das
nicht bloß ein künstlerisches genannt werden konnte Er wusste nämlich dass diese
Trümmer Reste eines alten Tempelhofs waren Das große Kreuz über der Kirche in
eigentümlicher Form bewies dass einst die Tempelritter die hier gewohnt
hatten auch die Gründer und Erbauer dieser Kirche waren In seinen
Jugenderinnerungen selbst an ein altes Templerhaus die Zierde seiner im Harz
gelegenen Vaterstadt vielfach gemütlich verwiesen nahm er um so lebendigeres
Interesse an diesen ehrwürdigen historischen Resten als ihm auch sein erstes
Probestück beim Eintritt in die große Genossenschaft der sozusagen
losgesprochenen Künstler Jakob Molays Feuertod so brav gelungen war dass er
schon jetzt zu den sichersten Hoffnungen der neueren Malerkunst gerechnet werden
konnte Dankbarkeit auch gegen den glücklichen Gegenstand seines Bildes den
Märtyrertod der alten französischen Tempelherren hatte ihn hierher nach dem
Dörfchen Tempelheide geführt wo auch einst Tempelherren gehaust auch einst
Tempelherren jene Kirche und das Professhaus gebaut hatten von dem noch jene
malerischen in den Friedhof verlorenen Trümmer hinterblieben waren
Wie Siegbert Wildungen so hieß unser junger Maler auf einem Stein unter
einer Brombeerhecke längst Platz genommen hatte und im notdürftigen Schatten
des stachlichten Gebüsches endlich einmal auch seinen breitrandigen Kalabreser
lüftete um die blonden lockig fallenden Haare von der erhitzen Stirn
zurückzustreichen bemerkte er plötzlich dass er nicht allein war Aus dem
gelben Kornfelde das die Öffnung zwischen dem Hügel und dem Aufgang zu einem
nahegelegenen herrschaftlichen Parke ausfüllte erhob sich gähnend und wie nach
gehaltener Mittagsruhe sich reckend eine Gestalt die weder oben dem
herrschaftlichen Wohnhause noch unten dem Dorfe anzugehören schien Es war so
weit man sie im Liegen beurteilen konnte eine lange hagere Figur im leichten
Sommerrock wie Siegbert aber die Pantalons verwaschen an den Knieen
hervorstehend das Hemd zerknittert die Halsbinde weggeworfen und die Weste
fast zu kurz und wie verschnitten Die seltsame Gestalt die sich aus dem Korn
in dem sie geschlafen hatte herauswand war jung und wie es schien verwöhnt
bequem Der Mittagsschläfer gähnte mit mehr Behaglichkeit als er würde
empfunden haben wenn ihn der Bauer dem das Kornfeld gehören mochte in der
Verwüstung seines Eigentums betroffen hätte Wie er den Maler entdeckte
stützte er wieder lang sich hinwerfend den Kopf auf den Arm und schickte sich
an in größter Ruhe seinen Nachbar keck zu beobachten Die rechte Hand steckte
er dabei behaglich in die Seitentasche seiner Pantalons die linke kratzte sich
die Ähren aus dem etwas rötlich kurzgeschorenen Haar Statt den Maler
anzureden pfiff er sich eine Melodie die nicht zu den gewöhnlichen gehörte und
Bekanntschaft mit den Modeopern verriet Siegbert Wildungen war der neuesten
Opern sicher unkundiger als jener bequeme und in seinen Blicken fast
zudringliche dreiste Gesell
Während Siegbert in seiner Zeichnung fortfuhr und das Zifferblatt des
Turmes bald den vollen Schlag der fünften Stunde voraus anzeigte hörte man
einen Wagen in der Nähe Eine herrschaftliche Kutsche fuhr von der Allee die
zur Stadt führte die Anhöhe herauf und hielt vor dem Eingangsportal des in
Siegberts Rücken liegenden herrschaftlichen Gartens Er hatte des
geschmacklosen kleinen Schlosses das dem Besitzer von Tempelheide zu gehören
schien anfangs wenig Acht gehabt Der Park der es einschloss schien ihm von
vielem Nadelholze fast zu düster nur ein sonderbares Etablissement am Rand
desselben oberhalb des Kornfeldes hatte ihm ein Lächeln abgelockt Es war ein
großer hölzerner Regenschirm oder ein Riesenpilz dessen Dach eine unter ihm
gedeckte kleine Mittagstafel vor der Sonne schützte Der Besitzer des Schlosses
nennt unstreitig diesen Regenschirm oder Pilz seinen chinesischen Pavillon
hatte er sich gedacht und dabei eingestanden dass ein Abendimbiss in dieser
freien Luft beim würzigen Hauche der düstern Tannen des Parkes dem Dufte des
weißen Flieders und der Linden von der Kirche her bei alledem höchst erfreulich
und ländlichanmutig sein konnte Sein Nachbar schielte schon lange von Zeit zu
Zeit nach dem Pavillon hinauf und dem weißen gedeckten Tische und den Gläsern
und Tellern dem Silberzeuge den Messern und Gabeln und sein Schweigen
brechend rief er auf die dreißig Schritte die er von der Brombeerhecke etwa
entfernt war in gutem geschultem Deutsch die satirischen auf die Kutsche
bezüglichen Worte hinüber
In der alten Karrête da haben sie gewiss schon Zieten aus dem Busch
begraben
Siegbert Wildungen verstand ganz gut dass die »Karrête« die eben angefahrene
Kutsche sein sollte blickte aber nicht hin An ihrem Gepolter schon hörte er
dass sie baufällig und altmodisch sein musste Sie aber auf den alten Zieten »aus
dem Busch« zurückzuführen das war eine Landesanschauung die ihm obgleich er
demselben Staate angehörte nicht gleich ganz geläufig war Er beantwortete die
Bemerkung nicht
Nach einer Pause lachte der junge Rothaarige wieder hell auf und sagte
O Je O Je Die alten Schindmähren hat schon Metusalem gefahren
Siegbert Wildungen fühlte sich vom Ton des Sprechers und noch mehr von
seiner Absicht ein Gespräch anzuknüpfen nicht eben angenehm berührt und
antwortete wieder nur durch ein leichtes Aufblicken Es schien ihm so unwürdig
sich gleichsam auf Geheiß eines solchen Menschen umwenden zu sollen und seine
selbstgenügsamen Witze beifällig zu bestätigen Dennoch regte ihn unwillkürlich
die Vorstellung von Pferden die schon Metusalem gefahren hätte an und es
half nichts er musste nun über seine Mappe hin wenigstens zu dem Gesellen im
Kornfelde einmal hinüberlugen Als dieser mit spähendem Auge das erwachende
Interesse des Malers bemerkte fuhr er wie dadurch ermutigt fort
Fallen Sie nicht Excellenz Immer langsam voran altes schweinsledernes
Porcus Juris So Kommen Sie zum Handkuss bei Ew Gnaden Phylax und Sultan
Kätzchen darf auch guten Tag sagen Miau Miau Und der schwarze Spitzbub der
Rabe hui was der ihm wohl ins Ohr geplauscht hat von Galgen und Rad Ein
Kompliment von Kühnapfel und Tschech Nicht wahr Du alter Küster vom
Rabenstein Jetzt wird wohl gefrühstückt Lassts Euch gut schmecken Prosit die
Mahlzeit
Während dieser sonderbaren mit scharfem maliziösen Ton vorgetragenen Worte
schnarrte die alte Turmuhr Fünf Siegbert konnte jetzt nicht umhin sich völlig
umzuwenden und sich die Szene anzusehen die ihm ebenso barock geschildert
worden war
Die mehrerwähnte Kutsche fuhr eben am Gartenstackete entlang um in die
entfernter liegende Hoftür einzulenken Im Garten und vor dem Schloss sah er
Niemand mehr
Schade dass Sie zu spät kamen sagte Siegberts immer zutraulicher werdende
Bekanntschaft
Wer stieg denn aus fragte Siegbert nach einer Weile mit einem ruhigen und
sanften Tone
Der dem das Schloss da gehört antwortete der Fremde kennen Sie ihn nicht
Gibts vielleicht einen Herrn von Tempelheide bemerkte Siegbert
Tempelheide Das nicht Da wohnt der alte von Harder im Sommer
Wer ist der alte von Harder fragte Siegbert ohne in seiner Arbeit
aufzuhören
Es gibt zwei Excellenzen von Harder Eine junge und eine alte Also die
Excellenzen von Harder kennen Sie nicht Da sind Sie fremd Die junge Excellenz
verwaltet die königlichen Gärten wie Erzengel Michael das Paradies aber bloß
mit der Giesskanne und dem Rechen in der Hand Der Alte aber trägts Schwert und
die bekannte Wiegeschale Der ist bei uns Gottes wirklicher Stellvertreter auf
Erden wenigstens was die zeitliche Gerechtigkeit anbetrifft
Also wohl der Justizminister
Beinahe aber noch mehr Es ist der Präsident des Obertribunals Neunzig
Jahr alt Halbblind wies Madame Temis verlangt wackelig wie ihr Wiegebalken
Die Der schon alle hat köpfen lassen die würden drüben nicht auf den Kirchhof
hin können Ein Todesurteil bestätigen ist ihm wie ne Prise Schnupftaback
nehmen Die Leute haben großen Respekt vor ihm mir kommt er aber kindisch vor
Man muss ihn nur sehen wenn er mit Hunden und Katzen besonders aber wenn er
mit einem gewissen Raben spricht
Wer neunzig Jahr alt geworden ist unter den Schlechtigkeiten der Menschen
bemerkte Siegbert doch angezogen von der abgerissenen Rede des Nachbars Dem
ist nicht zu verdenken dass er uns vernünftige Zweibeine längst satt hat und
sich mit den unvernünftigen Tieren unterhält Tut er denn Das
Der Nachmittagsschläfer pfiff sich statt der Antwort ein Lied reinigte
seinen Hut und band die Halsbinde um dann sagte er als hätte er die Frage erst
überlegt
Schlechtigkeiten Schlechtigkeiten ist manchmal so so bei der
Handtiererei dem Rechtsverdrehen
Er sang dann weiter
Nach einer kleinen Pause die nun auf die letzten mit großer Bitterkeit
gesprochenen Worte auch Siegbert machte bemerkte dieser ruhig fortzeichnend
Haben Sie wohl einen Prozess verloren
Einen Mitunter ein Dutzend antwortete der Fremde und setzte pfiffig hinzu
Noch öfter aber welche gewonnen Gerade wegen der gewonnenen Processe legt
sich der Respekt vor der Justiz Abers Obertribunal ist gut es kommt nur
darauf an dass Einer soviel Lunge dh Geldbeutel hat um sich nicht außer
Atem zu laufen bis er bei der neunzigjährigen Unparteilichkeit da oben
angekommen ist
Siegbert antwortete nicht auch der Fremde schwieg eine Weile ordnete sein
Hemd zog an seinen Pantalons an denen er die gelösten Sprungriemen wieder
befestigte zog eine Taschenbürste und strich sich sein rötliches Haar Als
diese Toilette die er immer noch im Liegen machte vorüber war warf er auf
Siegberts Arbeit deutend leicht hin
Sie zeichnen die Kirche Ist denn die Kirche da hübsch
Das müssen Sie doch selbst beurteilen können erwiderte Siegbert ein wenig
empfindlich über diese Bemerkung die fast spöttisch klang
Wie soll ich Das wissen antwortete der Fremde Hübsch Der Münster in
Strasburg soll hübsch sein Er ist groß und der Dom in Köln soll noch größer
werden Auch unser Dom ist schön Hm hm Die Kirche da Ei ja Die Linden
machen sich ganz artig und bei Mondenschein lässt sichs vielleicht noch schöner
an Dann präsentirt man so was einer schönen Demoiselle die legts in ihr Album
und schreibt darunter Liebe mich ich liebe dich junger Maler blondes Haar
Kalabreser gestern kennen gelernt heute geliebt morgen vergessen Kennen
Sie solche Albums
Diese wieder mit großer Bitterkeit gesprochenen fast fein satirischen Worte
aus dem Munde eines sich doch so roh geberdenden Menschen überraschten Siegbert
Waren ihm schon seine frühern Äußerungen befremdlich gewesen so widersprach
doch diese letzte so sehr der Vorstellung die man von dem Bildungsgrade eines
wie ein Vagabond sich ankündigenden Menschen haben konnte dass er voll Erstaunen
fragte
Haben Sie sich in der großen Welt bewegt
Wie so lachte der Fremde höhnisch und stand jetzt auf
Indem er seine Kleider abputzte die Weste zuknöpfte den zerknitterten Hut
bürstete erschien er wenn auch kleiner doch stattlicher als vorhin und zeigte
sich als ein junger blasser Mann mit hellblauen scharf durchdringenden Augen
zartem Teint und fast weiblichen Gesichtsformen Er war nicht so groß als er im
Korn liegend erschien Alles an ihm war schmächtig zart unausgebildet Er
schien im Anfang der zwanziger Jahre zu sein während um den Mund um die bitter
sich zuweilen aufwerfenden Lippen viel ältere Erfahrungen zuckten Das ganze
Erscheinen war verstört überwacht wie an einem Menschen der den Tag zur Nacht
und die Nacht zum Tage macht
Sie denken wohl Wunder was Einer sein muss sagte er die Augen fast verletzt
zusammenkneifend um von Albums zu sprechen Dazu braucht man nur ein Buchbinder
oder ein Bedienter zu sein Ein Lakai der nicht ganz auf den Kopf gefallen ist
könnte bessere Geschichten erzählen als die er seinem Fräulein aus der
Bibliothek zum Lesen holen muss Übrigens bin ich weder ein Buchbinder noch ein
Lakai Adieu
Siegbert erschrak Er war gutmütig genug dem Fremden der wirklich ging
nachzurufen
Wer hat Sie denn für etwas so Geringes gehalten Bleiben Sie doch Sie
empfindlicher Mann
Seine Worte verhallten aber Der Fremde war schon den Hügel hinaufgestiegen
weniger wie es schien um sich ganz zu entfernen als um dort oben sein
zweckloses Schlendern fortzusetzen
Siegbert machte sich nun Vorwürfe ihn verletzt zu haben Er gehörte zu den
rücksichtsvollen Naturen die Jeden gern in seiner Art gewähren lassen Dazu
kamen seine Begriffe über die sittliche Hebung der niederen Stände die Ideale
die auch er wie jetzt soviel edle und träumerische Menschen sich über die
mögliche Änderung der bisherigen Zusammensetzung unserer Gesellschaft gebildet
hatte
Betriffst du dich nicht immer klagte er sich in Gedanken selber an auf dem
Widerspruch dass du wohl die Menschheit im Ganzen und Großen liebst und den
Menschen selbst geringschätzest Du fühlst mit dem Unterdrückten hassest diese
ungerechte Verteilung der Erdengüter bewunderst die wohlmeinenden Geister die
das Geld abschaffen wollen um von dem Ersatz dafür Jedem soviel zu geben als
er für sein Dasein braucht und jedes mal wenn du wirklich mit dem Volke in
Berührung kommst wird es dir so schwer über schlechte Kleider entstellte
Mienen rohe und menschenscheue Manieren hinwegzukommen
Siegbert war über sich selbst so misgestimmt dass er aufstand und seine
Arbeit für beendigt erklären wollte
In diesem Augenblick sah er von der Seite des Schlosses her auf den Pavillon
zuschreiten eine schwarz gekleidete nicht junge Dame die einen uralten
gebückten Greis am Arme führte Ein gleichfalls alter Diener folgte in
bescheidener Entfernung Unstreitig war dies der Präsident des Obertribunals
der wohl jetzt erst unter dem Dach des Pavillons sein Mittagsmahl nehmen wollte
Die sanftblickende Dame ging schweigend in liebevoll herabgebeugter Haltung
neben dem Greise der noch in würdiger schwarzer Amtstracht an den heißen
Sonnenstrahlen seine Freude zu haben schien Langsam die Stufen zum Pavillon
hinanschreitend nahm er Platz vor einem der gedeckten Kouverts die sorgende
Begleiterin an dem zweiten Kouvert Der kleine sauber gedeckte Tisch war nur für
zwei Personen höchstens noch einen Gast berechnet Ein solcher saß auch schon
am Tisch kein Mensch sondern ein großer Rabe der mit seinem Schnabel die
Ordnung des Tisches nachzumustern schien und mit klugem Ernst sich umschaute
ehe er von einigen Körnern pickte die auf dem Tische für ihn ausgeschüttet
lagen Ehe der alte Herr nicht den Löffel zur inzwischen von einem zweiten
Bedienten aufgetragenen Suppe ergriffen hatte rührte der verständige und
höfliche Vogel selbst nichts an wofür ihn die Dame mit freundlichen Worten
deren sanfter Ton bis zu Siegbert herüberdrang ausnehmend lobte Der junge
Maler von dem Stillleben dieser Szene wohltuend angeregt schob den Entschluss
sich mit der Kopie der Kirche begnügen zu lassen noch eine Weile auf und
richtete seinen Standpunkt nun so ein dass er die Kirche und zugleich den
Pavillon beobachten konnte Die hochgewachsene edle in jüngeren Jahren gewiss
sehr schön gewesene Frau schien den alten Herrn auf ihn aufmerksam zu machen
Ohne sich aber dabei umzuwenden oder ein Zeichen von Anteil an den gesprochenen
Worten seiner Tischgenossin zu geben aß der Greis ruhig die Speisen die ihm
von ihr vorgelegt und sogar geschnitten wurden Statt aus einem Glase trank der
Alte den Wein aus einem großen silbernen Becher wie Siegbert bemerkte wohl
deshalb weil er mit beiden Händen ihn zum Munde führen musste so zitterten sie
Bis die Mündung eines Glases zum dürstenden Munde gekommen wäre hätte sie lange
gewährt der Becher war leichter zu treffen Die beiden Diener verrichteten ihr
Geschäft lautlos Alles war still nur der Rabe grammelte und krächzte
zwischen den Reden der freundlichen Dame
Sehen Sie wie die Welt ist sagte in diesem Augenblick wieder der Fremde
der hinter Siegbert stand
Er musste während Siegbert die Blicke auf den Pavillon gerichtet hatte von
dem Hügel herabgekommen sein
Sehen Sie wie die Welt ist sagte er mit schneidendem Spott Gesetzt der
silberne Becher da den der Alte da kaum an die Lippen bringen kann käme
plötzlich fort Was geschähe nun Man würde uns Beide für verdächtig halten
Sie würden nur Ihren Namen zu nennen brauchen um gleich davon zu kommen ich
aber weil ich ihnen ein herrenloser Bedienter zu sein scheine würde sofort
arretirt säße sechs bis acht Wochen bis ich nur inquirirt bin dann würde ich
in zwei Instanzen höchst wahrscheinlich mindestens zu sechs Monaten Zuchthaus
verurteilt und erst in der letzten entdeckte der alte Metusalem da selber
dass sein Rabe es gewesen der den Becher gestohlen hat Und warum Das kommt
Alles daher dass Einer von Albums spricht und selbst nicht in Goldschnitt
gebunden ist
Sie kränken mich antwortete Siegbert wenn Sie glauben dass ich Jemanden
seines Rockes wegen geringschätzen kann Übrigens scheint Ihre Phantasie so mit
Gerichtsscenen erfüllt dass ich mich zu fürchten anfange und allerdings nicht
zurückbleibe falls die Herrschaften da fortgehen und den silbernen Becher ohne
Obhut zurücklassen
Damit wollte Siegbert überdrüssig der ihm nun lästigen Gesellschaft rasch
seine Mappe zusammenlegen und sich wirklich entfernen Der Fremde streckte aber
den dünnen knöchernen Finger auf sein Skizzenbuch und sagte
Erlauben Sie erst noch mein Herr dass ich Ihnen zum Dank für Ihre
Unterhaltung auf Ihrer Zeichnung einen Fehler sage
Es sind deren viele antwortete Siegbert kurz Ich werde sie ein andermal
verbessern
Nein nein sagte der Fremde den Fehler bemerken Sie doch nicht Sie haben
da am Kreuz etwas nicht richtig gemacht
An welchem Kreuz
Dem da über der Kirchtür Sie haben sehen Sie die Enden der vier
KreuzesFlügel bald mit einem dreiund bald mit einem vierblätterigen Kleeblatt
bezeichnet Sehen Sie aber hin es sind immer nur vier Blätter Nur die
Tempelherren der alten deutschen Zunge hatten immer das dreiblätterige
Kleeblatt
Voll Erstaunen über diese Auskunft sah Siegbert nach der Kirche und fand die
Bemerkung ebenso richtig wie für ihn des fremden Menschen Kenntnisse in der
christlichen Ornamentik überraschend waren
Wo haben Sie diese architektonischen Feinheiten studiert fragte er
Der Fremde sagte lachend
Freimaurer sollte heut Einer sein Glauben Sie mir dann macht er sein
Glück Leider hab ichs verpasst als ichs konnte und jetzt nimmt mich keine
Loge mehr auf Oder bin ich zu jung Doch was das Kreuz anlangt so hab ich Das
von vielen Häusern her in der Stadt da unten Diese Häuser gehörten früher dem
Orden der Tempelherren an Dann kamen sie an die Johanniter von diesen an die
Stadt Die Stadt hat aber mit dem Staat seit Jahren einen großen Prozess darüber
bei dem Millionen auf dem Spiele stehen viel alte Häuser und eine Menge anderer
Liegenschaften aus alten Zeiten her die aber an den Kreuzesenden Vierblätter
hatten warum weiß ich nicht ist auch wenig daran gelegen drei oder
vierblätterige Kleesaat das Vieh frisst Alles durcheinander
Damit ging er wieder eine abscheulich gleichgültige Miene schneidend auf
die schon vorhin von ihm geknickten Kornähren zurück und warf sich eine Arie
trällernd auf seine alte Lagerstatt als wäre sie sein gewöhnlicher Aufenthalt
Nun wieder zu sehr erregt und gebannt um sich entfernen zu können wollte
Siegbert noch eine kurze Weile bleiben Wie er so wieder zu zeichnen anfing und
das Kreuz nach des Fremden Angabe verbessern wollte kommt aus dem Garten der
alte Diener zu ihm herüber und überreicht ihm im Auftrage seiner Herrschaft eine
reiche Spende Weines in einem großen krystallenen Wasserglase Es ist heute
heiß war Alles was der alte Mann als Veranlassung dieser Artigkeit dabei
sagte Siegbert ganz betroffen blickte zu dem Pavillon hinüber Die holde
gute Dame grüßte gar artig winkte lächelnd und drückte Das was eben der Diener
gesagt hatte in freundlichen aber ihm nicht hörbaren Worten und mit holden
Blicken aus Während sie sprach krächzte der Rabe als fühlte er etwas von
Neid Der greise Neunzigjährige aber zeigte auch jetzt nicht die geringste
Teilnahme und erhob sich nun von seinem kurzen Mahle ohne von Siegberts
Gegenwart oder von dessen Dank für seine Aufmerksamkeit irgend Notiz zu nehmen
Die freundliche Dame folgte Siegbert befremdet über all dies Plötzliche
Unerwartete trank Die Hitze war allerdings sehr drückend und fast hätte er
ausgetrunken wenn er nicht für den Fremden die teilnehmende Regung empfunden
hätte ihm Halbpart anzubieten Er ging auf ihn zu und reichte ihm ins Kornfeld
die beiweitem noch größere Hälfte des Pokals Ein sonderbares Lächeln überlief
des Fremden Züge als er erst zögerte dann aufstand und das dargebotene Glas
mit einem Zuge leerte In dem Ich danke das er vor sich errötend hinsprach
als er Siegbert den Pokal zurückgab lag ein Ausdruck von Gefühl der dem jungen
Maler gewohnt scharf zu beobachten nicht entging Wie sich Siegbert umwandte
und mit dem leeren Becher den Diener suchend dastand war der Fremde plötzlich
wirklich verschwunden Nun kam aber der Bediente heran und tat sehr
erschrocken
Gott sei Dank sagte er dass man Den da bei Zeiten entdeckte und man lässt
so sein Silberzeug unbewacht auf dem Tische liegen
Wie so Kennen Sie den jungen Mann fragte Siegbert
Ei wohl sagte der Alte in unmodischer Livree er hat den Präsidenten
tausend mal um Arbeit ersucht und will heute gewiss wieder herein Wir haben
nichts für ihn Es ist ein gewisser Hackert früher Schreiber bei einem Notar
Ein verdächtiger Mensch Sieh Sieh Das Silberzeug Das Silberzeug
Damit maß er nun auch Siegbert mit mistrauischem Blick und lehnte das
Trinkgeld ab das ihm dieser anbot Er eilte was er konnte in den Garten
zurück um den mit Silberzeug bedeckten Tisch rasch abzuräumen Siegbert
schüttelte den Kopf
Der hält mich auch für nicht geheuer sagte er und wanderte über die
Zivilisation der neuen Zeit nachdenkend sein Portefeuille unterm Arm den Hügel
hinunter dem Dorfe zu wo er die Allee einschlug die ihn zur Stadt zurückführen
sollte
Noch einmal war es ihm als säh er durch das Kornfeld auftauchend des
Fremden Hut Doch ebenso rasch verschwand die Spur
Zweites Kapitel
Dankmar Wildungen
Die Pappeln der Allee säuselten von einem leichten Winde bewegt der sich
inzwischen lind erhoben hatte
Links und rechts standen noch die Kornfelder in voller Reife oder waren von
den Regenschauern in der verflossenen Woche nur in langen Schwaden
niedergedrückt Die Obstbäume die im Felde standen versprachen für den Herbst
eine gute Ernte Bald kam das mit einem zierlichen Gärtchen umfriedigte Häuschen
des Chausseegeldeinnehmers dann der Durchschnitt einer Eisenbahn die sich quer
über die Straße hinwegzog und schon fingen einzelne Landhäuser die unmittelbare
Nähe der Stadt zu bezeichnen an
Siegberts träumerisches Gemüt hing noch eine Weile an der verlebten
tempelheider Szene bald aber verwischte sich der Eindruck und sein Auge
schweifte nur noch mit jener fast bewusstlosen Ruhe umher die reinen Seelen
eigen ist Seine Gedanken konnten von einem Stein am Wege von einem
verdorrenden Baume innigst beschäftigt werden Was er deutlicher ansah
entlockte ihm eine Betrachtung und da er Künstler war hatte er den Vorteil
dem Vielen was ihm in dieser Weise gerade kein Urteil abgewann doch immer
wenn auch mit flüchtiger Anschauung eine eigenste Form abzugewinnen Eine von
dem niedergeworfenen Korn erdrückte Blume ein dunkler Schmetterling auf einer
noch stolzen hohen Ähre sich wiegend eine kleine Wolke wie ein durchsichtiger
oder zerrissener Schleier durch den blauen Äther fliessend Alles das waren für
ihn Ruhepunkte des Gefühls und des innern Auges die nur dann mit wirklich
nachdenkenden Reflexionen abwechselten wenn er einem Handwerksburschen
begegnete der ihm zu stolz schien um sich das Almosen zu betteln dessen er
vielleicht doch bedurfte oder wenn er steineklopfenden Chausseearbeitern oder
der langsamen Arbeit zusah wie einige wenige Hände ein Wohnhaus aufrichteten
Er glich darin den alten Künstlern dass er sich nicht ganz auf seine Kunst
allein beschränkte sondern wie Michel Angelo Tizian Benvenuto Cellini
Rubens taten sich an den allgemein menschlichen Dingen gern beteiligte Und
wenn man ihm auch sagte Rubens würde sicher in seiner Färbung voller und
üppiger gewesen sein wenn er statt mit Staatsactionen sich mit seinem wenn
auch genialen doch in der Ausführung oft flüchtigen Pinsel allein beschäftigt
hätte so erwiderte er dass Rubens ohne den Verkehr mit der großen Welt in
einer der Geschmacklosigkeit schon zusinkenden Zeit sich doch nicht die Fülle
productiver Anschauungen würde erhalten haben die wir an diesem reichen Geiste
bewundern
Siegbert war schon der Stadt ziemlich nahe als er aus einem rasch auf der
Chaussee herrollenden Wagen sehr freundlich gegrüßt wurde Die Dame die ihm
nickte gab dem Kutscher ein Zeichen zum Halten
Siegbert sprang hinzu und erwartete einen Befehl denn er wusste Frau von
Trompetta gehörte zu den immer bewegten und bewegenden Naturen
Frau von Trompetta eine kleine dicke kugelrunde Frau mit immer lebhaften
Gebärden gesprächig wie ein Mühlrad saß im ceriseroten leichten Sommershawl
neben einer sehr einfach und bescheiden gekleideten gefälligen jugendlichen
Blondine
Bester Wildungen rief Frau von Trompetta man sieht Sie ja gar nicht mehr
man hört nichts von Ihnen Nur Ihr schrecklicher Molay vertritt Ihre Anwesenheit
in der Gesellschaft und man weiß doch dass Sie noch andere Flammen entzünden
können als diesen entsetzlichen Scheiterhaufen in dem Sie sich leider auch als
ein Tendenzmaler gezeigt haben
Ich bin im Atelier des Professor Berg allerdings viel öfter zu finden als in
der Gesellschaft gnädige Frau antwortete Siegbert
Und wenn ich käme wenn ich Ihre neuesten Arbeiten belauschte würden Sie
wohl für uns arme Sterbliche die nur bewundern können ein Auge haben Man weiß
es ja Ganz erfüllt Sie nur die Eine die Einzige Melanie die
Unvergleichliche oder wie Sie sie in Ihren Briefen nun anreden mögen seit sie
verreist ist
Melanie Sie sprechen von Melanie Schlurck Allerdings ist sie verreist
antwortete Siegbert und seine Wangen überflog ein leichtes Rot aber von einem
Briefwechsel ist keine Rede Ich weiß nicht einmal den Ort wo sie sich
befindet
O Sie Heuchler Warten Sie Warten Sie Zur Strafe müssen Sie einsteigen
Öffne den Schlag Christian Ich muss mit Ihnen plaudern
Gnädige Frau
Fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz sagte Frau von Trompetta auf
die junge Blondine zeigend die neben ihr stumm und ernst im Wagen saß
Und ohne diese ihre Begleiterin weiter zu fragen nahm sie keinen Anstand
Siegbert aufzufodern einzusteigen
Wir fahren nach Tempelheide fuhr sie lebhaft fort zu Anna von Harder der
Schwiegertochter des alten Präsidenten Sie lernen dort die edelsten Wesen von
der Welt kennen
Siegbert war unschlüssig ob er der Auffoderung folgen sollte Aber das
Gefühl das ihn schon den ganzen Tag beherrschte und in Spannung gehalten hatte
brach sich ihm in den Worten Bahn
Vergebung gnädige Frau ich erwarte heute meinen Bruder Dankmar ich muss
nach der Stadt zurück
Ihr Bruder Dankmar spottete Frau von Trompetta lächelnd immer Kastor und
Pollux David und Jonathan Freilich ist bekannt dass sich die Gebrüder
Wildungen in einem Grade lieben der eigentlich das weibliche Geschlecht
eifersüchtig machen sollte wüsste man nicht dass es noch eine Melanie Schlurck
gibt Aber ich muss Sie doch sprechen trotz Ihrer Eile und so schlage ich vor
machen wir es umgekehrt steigen wir aus und eine Viertelstunde begleiten Sie
uns Nicht wahr Friederike Wilhelmine
Das junge Mädchen nickte ernst hob ihre langen herabhängenden blonden
Locken die wie Mähnen schwer sich senkten in die Höhe ergriff den
Sonnenschirm und war im Begriff der etwas schwerfälligen aber doch höchst
lebhaften älteren Freundin zu folgen
Siegbert überrascht von der ihm ganz unerwarteten Zuvorkommenheit dieser
ihm nur entfernt bekannten Frauen öffnete den Schlag und bot ihnen beim
Aussteigen die Hand Frau von Trompetta eine Vierzigerin hatte mit ihren
runden genährten Formen bei dieser Operation Vorsicht nötig Die Blondine in
weißer Kleidung und sonderbar genug mit schwarzem Gürtelbande zeigte sich jetzt
von schlanker Gestalt Sie war nicht mehr in erster Jugendblüte vielleicht
schon in der Mitte der Zwanziger
Sie wüssten also nicht wo Melanie Schlurck ihre Sommervillegiatur hält
begann sogleich Frau von Trompetta im neckenden Tone Sie scherzen Ein so
zärtliches Verhältnis Ich wette Sie waren in Tempelheide weil Sie wissen dass
die auf diesem Wege zurückkehren muss
So sind Sie unterrichteter als ich es bin wiederholte Siegbert Da ich drei
Tage lang nicht im Atelier war höre ich erst von Ihnen gnädige Frau
bestätigt dass Melanie wirklich verreist ist
Sie ist auf dem Schloss Hohenberg wohin sie den Vater auf Geschäften
begleitete antwortete Frau von Trompetta Pinsel und Palette wurden bei Seite
geworfen Mandoline und Harfe an die Wand gestellt rasch und zauberhaft schnell
entschlossen wie in Allem was sie tut war auch dieser Reiseplan gefasst Das
ist der Weg nach dem Schloss Hohenberg Genug Wildungen Tun Sie uns den
Gefallen Sie müssen noch heute mit uns zu Harders kommen Da ist ein Park ein
chinesischer Pavillon Da gehen Sie morgen täglich wieder hin bauen sich eine
Laube von Tannenzweigen ein Weidenhüttchen wie ich einmal aus Shakspeare bei
Tieck in der Vorlesung mich entsinne ein Weidenhüttchen Tieck sprach das Wort
so zart und werfen wenn Melanie auf der Rückreise vorüberfährt ihr Rosen und
Vergissmeinnicht zu Die gute Anna Harder hilft O Das ist etwas für Anna
Romantik Romantik Ach Sie sollten diese himmlische Seele nicht schon kennen
Ohne sich auf die Scherze wegen Melanie Schlurck einer Schülerin des
berühmten Professor Berg Scherze die ihn mehr zu verwunden als zu erheitern
schienen einzulassen bemerkte Siegbert dass er Anna von Harder seit heute
schon zu kennen glaube und erzählte Alles was ihm vor einer Stunde vor der
Kirche zu Tempelheide begegnet war
O Das ist ja herrlich rief Frau von Trompetta Das ist ja ganz Mittelalter
Anna als Burgfrau der labende Becher Sie der Troubadour O so ist sie nun
Jeder Zug entspricht ihrem seelenvollen Herzen Ich habe das Bild ganz vor mir
Sie zeichnen Präsidents speisen Annas holder Sinn gehoben von der Nähe des
Friedhofs und der Kirche nicht wahr sie trug schwarz zart gedenkend des
andächtigen Malers fromm gedenkend der gastfreundlichen Sprüche aus der
Bergpredigt des Heilands und der alte Johann gelb und blaue Livrée etwas
verschossen zwar aber liebevoll höchst liebevoll ein Becher Weins Da
nehmt hin Erquicke dich Wanderer Tu es zu meinem Gedächtnis Allerliebst
Um Gotteswillen rief Siegbert lachend aus Sie tun ja so feierlich
gnädige Frau als wenn es sich um die Einsetzung des Abendmahls handelte
Frau von Trompetta blickte auf diese Bemerkung plötzlich sehr ernst
Friederike Wilhelmine von Flottwitz schlug gleichfalls die Augen nieder und es
trat eine Pause ein die Siegbert gern benutzt hätte um von der Begleitung
dieser ihm wenig zusagenden Damen loszukommen Er besann sich jetzt erst dass
Frau von Trompetta trotz ihres leichten Tones und ceriseroten Shawls zu jener
gesellschaftlichen Fraction gehörte die man in frivolen Kreisen
Schwanenjungfrauen oder Diakonissen außer Diensten nannte Er besann sich dass
bei Gelegenheit der Erörterungen über »innere Mission« Niemand öfter genannt
wurde als Anna von Harder auf Tempelheide Frau von Trompetta Gräfin Mäuseburg
und viele andere Damen die Siegbert teilweise persönlich kannte und schon
hoffte er da er dieser Richtung nur sehr bedingungsweise zugetan war mit
seinem das heilige Abendmahl »profanirenden« Vergleiche loszukommen
Es war aber nur eine vorübergehende Wolke die sich auf die Stirn der beiden
Damen gelagert hatte Sie nahmen gerade jetzt erst den jungen schlankgewachsenen
Maler dem sein lockiges Haar der blonde Kinnbart sein weißer Hut das
schwarze Sammtröckchen die weißen weiten Pantalons das lose um den Hals
geschlungene rote Tuch sehr anziehend standen in die Mitte und Frau von
Trompetta zögerte nicht den plötzlich zerrissenen Faden des Gesprächs wieder
weltklug anzuknüpfen
Sie sind ein Spötter sagte sie Man weiß dass Sie leider nicht zu den
Gläubigen gehören Professor Bergs Schüler wachsen alle etwas wild auf Wissen
Sie wohl dass ihm Das sehr schadet
Freilich schadet ihm Das sagte Siegbert der sich nicht verstellen konnte
mit einiger Bitterkeit Mein braver alter vortrefflicher Berg fuhr er
begeistert fort und in der Erinnerung an den genialen mannichfach
zurückgesetzten Lehrer funkelten ihm die Augen Armer Berg dass du den
feierlichen Empfang des Prinzen Ottokar nicht zu malen bekommen hast Welch ein
Verlust für dich diese Uniformen diese Guirlanden diese weissgekleideten
Mädchen die die neue Jubelhymne singen werden Alles das sollst du nicht malen
Armer Rubens der von Don Philipp von Spanien eine Bestellung entzogen bekommt
und nichts zum Troste übrig behält als dass er Rubens ist ein Genius und ein
freier Niederländer
Bester Freund sagte Frau von Trompetta plötzlich den Ton ändernd und mit
großer Bestimmtheit während es Siegbert schien als wenn sich die Wangen des
blonden Fräuleins mit Zornesglut färbten bester Freund Rubens würde weit
weniger übermütig weit weniger ehrsüchtig gewesen sein wenn er in einer Zeit
gelebt hätte wo man malen muss nicht was man selber will sondern was gefällt
Ihr seid in Eurem schönen Atelier recht wild recht zügellos Große
bewundernswerte Talente Aber sehr ungebundene Gesinnung
Wir suchen das Schöne gnädige Frau
Und spotten der Welt
Und unser selbst
Bei diesem Zugeständnis kehrte Frau von Trompetta die etwas auf dem Herzen
zu haben schien wieder in ihren frühern leichten Ton zurück hielt da ihr das
Gehen doch sauer wurde einen Augenblick inne und sagte mit eigentümlichem
Ausdruck
Ein hübsches kleines Genrebild auf der Ausstellung bewies mir dass Sie
allerdings Ihrer selbst spotten Ha ha Allerliebst Professor Berg der einem
schönen Mädchen Unterricht im Malen gibt und die Schüler die diese Kollegin
ohne dass sie es weiß gleich als Modell benutzen Melanie Schlurck natürlich
Siegbert Wildungen ha ha ha vortreffliches Bildchen Nicht wahr
Friederike Wilhelmine
Siegbert biss sich auf die Lippen Dieses Bild existirte und galt in der Tat
ihm am meisten Die Gruppe die Frau von Trompetta andeutete war vorhanden und
gefiel sehr Es war ein kleines Ölgemälde von einem talentvollen Freunde Namens
Leidenfrost das ihn und das ganze Atelier persiflirte Denn während die im
Nebenzimmer unter Blumen malende Melanie Schlurck von den Schülern auf ihren
Bildern bald als Gärtnerin bald als Tänzerin oder von Einem sogar als lockende
Lurleinixe wiedergegeben wurde hatte der portraitähnliche Siegbert
liebeglühend und liebeverblendet sie als Modell zu einer Madonna benutzt und
sie in Andacht wie der Himmlischen Eine verklärt und im Heiligenschein gemalt
Das Bild wurde auf der Ausstellung viel bewundert von Allen und vielbelacht von
Denen die die Personen kannten
Übrigens glauben Sie mir fuhr Frau von Trompetta fort das Bild des
Professor Lüders »Die Einholung des Prinzen Ottokar nach Unterdrückung der
östlichen Unruhen« wird dennoch seine Schönheiten haben hier Fräulein
Friederike Wilhelmine von Flottwitz hat ihm erst heute dazu gesessen
Himmel nun besann sich Siegbert Schon mehre mal hatte er den stolzen
sichern Gang des neben ihm gleichgültig wandelnden Mädchens bemerken müssen Sie
warf ihr schönes Profil verächtlich in die Höhe und hörte dem Geplauder ihrer
älteren Freundin nur mit halber Teilnahme zu
Siegbert erinnerte sich Diese junge ihn wohl tief verachtende Dame war ja
jene patriotische Jungfrau die sich in den letzten Parteikämpfen den Namen
einer Jeanne dArc erworben hatte Tochter des pensionirten Oberstlieutenants
von Flottwitz Schwester von sieben Brüdern die in der Armee teils als
Lieutenants ersten oder zweiten Grades oder noch als Kadetten vom Staate
ehrenvoll versorgt wurden hatte sie ein hübsches Talent des Reimens zu
patriotischen Huldigungen an das angestammte Fürstenhaus benutzt auch in
öffentlichen Gesinnungskundgebungen war sie bereits so oft aus dem Kreise des
Gewöhnlichen heldenmütig herausgetreten dass man ihr unstreitig einen Anflug
höherer inspirirter Schwärmerei zuerkennen und den strengen Aufschlag ihrer
großen blauen Augen unter solchen Verhältnissen bedeutend finden musste Siegbert
betrachtete sie nun nicht ohne eine gewisse Ehrfurcht Denn dies feierliche
Mädchen war es ja die neuerdings auch den sogenannten Reubund mit hatte stiften
helfen Eine Anzahl verwandter Seelen war ja aus eigenem freien Triebe vor
kurzem zusammengetreten um durch mancherlei Einwirkungen auf die öffentliche
Meinung dem Fürstenhause zu erkennen zu geben dass das Volk für dessen wahre
Vertreter sie sich erklärten die Art und Weise wie es bei den letzten Stürmen
den Fürsten gewisse Koncessionen abgetrotzt hatte jetzt bereue Keine Dame die
mit einem Offizier oder Beamten verheiratet war unterließ es sich in diesen
Reubund aufnehmen zu lassen für dessen Seele und eigentliche höhere Schwinge
Friederike Wilhelmine von Flottwitz gelten konnte Wo nur irgend ein tapferes
Regiment triumphierend zu empfangen eine Kaserne mit zweckentsprechenden Blumen
zu schmücken war ordnete sie diese vom Reubunde unterstützten Manifestationen
in eigener Person an Manchen Kuss schon hatten ihre jungfräulichen Lippen auf
die Hände eines tapfern alten Generals gedrückt zu ihrer seligsten Befriedigung
auch schon einen auf die silberne Schärpe des Prinzen Ottokar als dieser von
der Unterdrückung einer anarchischen Bewegung im Osten siegreich zurückkehrte
Während sich Siegbert über diese unerwartete und jedenfalls höchst
interessante Bekanntschaft in schweigende Bewunderung verlor fuhr Frau von
Trompetta mit immer festerer Bestimmtheit und ihres hohen Einflusses bewusst
fort
Ihr Bild bester Freund ist wunderschön vortrefflich der Ausdruck des
Molay und der Tempelherren die mit ihm verbrannt werden ich sage ganz
hinreißend aber der Kunstverein ist schwierig Wissen Sies schon
Ich weiß was Sie sagen wollen gnädige Frau fiel Siegbert errötend ein
Propst Gelbsattel hasst Alles was an den Lessingschen Huss und die
Physiognomieen der Kardinäle erinnert die ihn verbrennen ließ Propst
Gelbsattel bestimmt die Meinung des Kunstvereins folglich wird man meinen Molay
nicht ankaufen
Es wäre nicht unmöglich sagte Frau von Trompetta allein geben Sie mir den
Arm man hat Konnexionen Gelbsattel protegirt mich und Fräulein Friederike
Wilhelmine interessiert sicher auch den Reubund für den Ankauf Ihres Bildes Aber
dann muss ich mir bedingen Wildungen dass Sie mir auch in mein Getsemane ein
Blatt malen hören Sie dass ist die Bedingung Wann darf ich Ihnen das Format
schicken Was wollen Sie malen Und wann hab ich Ihren Beitrag zu erwarten
Siegbert war schon vollkommen unterrichtet was das Getsemane der Frau von
Trompetta zu bedeuten hatte Unter dem Titel jenes Gartens in welchem der
Heiland der Welt unter Tränen betete ehe er den schweren Gang seiner Leiden
antrat beabsichtigte die rührige und in der systematischen Wohltätigkeit
unübertreffliche Frau ein Album anzulegen in welches ihr die vorzüglichsten
Künstler die einzelnen Blätter wie sich von selbst versteht unentgeltlich
malen mussten Durch diese Zumutung war die gute Frau freilich eine rechte Plage
der Kunstwelt geworden der Schrecken aller Ateliers allein die löblichen von
dem Hofe protegirten Zwecke dieser Dame machten eine Weigerung ihren Ansinnen
zu entsprechen kaum möglich Das Getsemane sollte wenn es vollendet war
entweder vom Hofe angekauft und im Landesmuseum niedergelegt oder auf dem Wege
einer Lotterie für irgend einen glücklichen Treffer ausgespielt werden Welchem
barmherzigen Institut welchem mildtätigen Zwecke der Ertrag dann zuzuwenden
behielt sich Frau von Trompetta noch vor und man kann sich denken wie sehr ihr
deshalb von vielen Seiten ebenso sehr gehuldigt wie von den unglücklichen
gepressten Malern heimlich und wohl auch offen geflucht wurde
Um heute nur von ihr loszukommen und der durch diese Begegnung angeregten
schmerzlichen Gefühle Herr zu werden sagte Siegbert in Gottes Namen zu und
gelobte auch seinerseits in das Getsemane irgend ein frommes buntes Blatt zu
stiften Als er ihr feierlich die Zusage gegeben hatte binnen vier Wochen
seinen Beitrag abzuliefern winkte Frau von Trompetta dem Wagen der ihnen
langsam gefolgt war
Fräulein Wilhelmine die unterwegs jeden Krieger der ihnen begegnete
liebevoll und fast vertraulich gegrüßt hatte denn es war eine Hauptaufgabe des
Reubundes das durch jene erwähnten Koncessionen untergrabene Selbstvertrauen
des Kriegerstandes wieder mehr zu heben und zu kräftigen wandte sich rasch dem
geöffneten Wagenschlage zu als belästige sie die Überzeugung dass Siegberts
Gesinnung der ihrigen nicht verwandt war Frau von Trompetta aber hatte alle
strengen Falten ihres Antlitzes nun verscheucht und lobte den jungen Maler
überdiemassen dass er sie begleitet vortrefflich unterhalten und vor allen
Dingen sich für ihr Getsemane hatte gewinnen lassen Beim endlichen Abfahren
rief sie ihm noch zu
Zur Belohnung Wildungen sage ich Ihnen dass Ihr Bruder Dankmar angekommen
ist Ich sah ihn unter dem großen Torweg der Lasallyschen Reitschule
Damit rollte der Wagen die Chaussee entlang dem schon ganz nahen
Tempelheide zu dessen kleine Kirchenfenster in den goldener werdenden Strahlen
der sich senkenden Sonne feurig herüberbljetzten
Mein Bruder schon da rief es laut in Siegbert während er sich eilends in
Bewegung setzte um die verlorene Strecke wieder einzuholen Diese abscheuliche
Frau Sie erfuhr von mir wie sehnsüchtig ich den Bruder erwartete und statt
mir seine Ankunft sogleich herzlich mitzuteilen schleppt die Falsche die
Heuchlerin mich den Weg zurück nur um ihres Vorteils willen um dieses
zudringlich erbettelte Getsemane Welche Lüge Welche Verstellung und wie viel
erborgter Schein einer Religiosität die eine solche Seele nimmermehr wahrhaft
erfüllen kann
Unser junger Freund war sonst zurückhaltender in seinem Urteil über Andere
Eine Zeitlang tobte er so fort dann tadelte er sich aber doch über den raschen
Ausbruch seines Unmutes und lachte des Bruders gedenkend bald freudig auf
Sein gerechter Sinn sagte ihm sogar dass doch wohl nur die große Verschiedenheit
der Richtung und Gesinnung ihn bestimmte Das als ganz lügnerisch zu
verdächtigen was er eigentlich nur bekämpfen konnte Er fand sogar in
Friederike Wilhelmine von Flottwitz einen gewissen Ausdruck der Seele der ihn
zwang einen Augenblick langsamer zu gehen und über sie nachzudenken
Dies Mädchen sagte er sich mit einem leisen Anflug von Ironie ist wirklich
eine mittelalterliche Schwärmerin ja eine Roland eine Korday Für Das was sie
als besser und richtiger erkannt hat glüht sie Sie ist voll Dankbarkeit für
die Wohltaten die ihre arme Familie vom alten Staate erhalten hat und erhält
Ohne die gestürzte Regierungsformen die sie und in gleicher Lage der ganze
Reubund wiederhergestellt wünschen müsste sie vielleicht darben ihrem alten
Vater würde vielleicht etwas von den Subsistenzmitteln entzogen auf die er nach
den schrecklichen Mühseligkeiten des Friedensfusses von 1815 bis jetzt rechnen zu
dürfen glaubte
Siegbert lachte für sich Er hätte dem Professor Lüders der den Empfang des
Prinzen Ottokar malte etwas von der Begeisterung seines Gegenstandes gewünscht
denn er wusste von diesem Künstler dass nur die niedrigste Servilität ihn zum
Parade und Uniformmaler gestempelt hatte Er wusste dass er das Portrait des
inspirirten Fräuleins wohl treffen würde in dem Momente wie sie dem Prinzen
Ottokar die Säbelquaste und Leibschärpe küsste aber von der innern Seele von
ihrer Jeannen dArchaftigkeit dabei wusste er würde der oberflächliche Mann
nichts wiedergeben
Mehr aber als alle diese politischartistischen Empfindungen beschäftigten
Siegbert das vielfache Erwähnen und die Erinnerung an Melanie Schlurck Er hatte
sich so oft gelobt dieses Bild von seinem innern Auge wegzubannen Er hatte so
geheimnisvoll selbst dem eigenen teuren über Alles geliebten Bruder dies
Gefühl verborgen gehalten das er still für sich in seinem Herzen hegte und so
oft so oft vergebens mit Gewalt ausreißen wollte und nun musste er sich mit
seinem Heiligsten von dieser Frau profanirt sehen Diese Trompetta die seit
einem halben Jahre alle Ateliers der Maler beunruhigte hatte ihm sein Interesse
für eine Schülerin des Professor Berg abgelauscht Einige indiscrete
Kunstgenossen besonders Heinrichson und Reichmeier hatten leichtsinnig den
Kommentar zu jenem Bilde des Max Leidenfrost ausgeplaudert das ja
möglicherweise ganz etwas Anderes bedeuten konnte und im Kostüme weit eher für
ein Atelier Tizians als eines modernen akademischen Professors passte Und auch
über dem Einzigen was ihn für diese so heraufbeschworenen Empfindungen hätte
trösten können seinem schönen von allen Kennern wie vom großen Publikum
teilnehmend umringten Bilde dem Feuertode des standhaften und ehrwürdigen
Komturs des Tempelherrnordens Jakob von Molay mit dem edlen Ausdruck der
Zeichnung und dem farbensatten Kolorit der Ausführung hingen die trüben Wolken
einer Intrigue wie er aus den Worten jener aller Verhältnisse kundigen Frau nur
zu deutlich vernommen hatte
Ach es trieb ihn nun recht sich bald an das Herz seines treuen starken
Bruders Dankmar zu werfen Sehnsucht beflügelte seine Schritte Er eilte wie
Einer den die Nacht zu überfallen drohte und doch schlich der milde goldene
Abend nur langsam über die gelben Felder die des Sonnenlichts nicht satt zu
werden schienen
Endlich bei den Gärten und den Wirtshäusern der Vorstadt schon angelangt
entdeckte Siegbert einen Reiter von der Stadt her traben Er erinnerte ihn
sogleich an Dankmar und er war es auch der teure geliebte seit einem Monat
abwesende Bruder
Er kannte sogar das Pferd in der Ferne Es gehörte dem Stallmeister Lasally
einem fashionablen jungen Mann der zu den Beaux der Residenz gehörte Siegbert
um das schnelle Vorbeischiessen des Bruders zu verhindern sprang mitten auf das
Strassenpflaster das hier schon die Chaussée ablöste Dankmar auf seinem Tiere
stutzt hält an steigt vom Gaule und fliegt in die Arme seines Bruders dem er
entgegengeritten war
Mensch wo steckst du begann sogleich Dankmar Ich suche dich überall bis
ich höre du bist in Tempelheide Ich wollte dir entgegenreiten ich habe dir
Wunderdinge zu erzählen
Die nicht Zeit hatten bis zum Abend fiel Siegbert lachend ein und hielt
dabei den Gaul fest dessen Zügel Dankmar in der Freude der Begrüßung sich fast
hatte entgleiten lassen Und ohne darauf zu erwidern fiel Dankmar ein
Was tun wir nun mit dem Gaul Jetzt ist das Tier fast überflüssig
Du setzst dich wieder auf meinte Siegbert und ich gehe ruhig neben dir
her
Ruhig Nebenher Jetzt wo ich endlich mein Herz von all den Dingen die ich
in Angerode erlebte ausschütten erleichtern will Ich dachte ich überrasche
dich noch in Tempelheide stelle den Gaul dort in den Silbernen Mond gehe mit
dir ins Feld oder wir setzen uns in einen Garten wo ich dir ungestört meine
Herrlichkeiten bescheren kann
Das können wir ja noch fiel Siegbert sich umschauend ein Hier sind überall
Gastäuser und Ausspannungen Da der Blaue Engel hier das Goldene Ross Pappeln
und Linden und Kegelbahnen die Hülle und Fülle Wo kein Garten ist findet sich
ein Wirtszimmer
Sieh Da ist der Pelikan unten Da muss ich ohnehin anfragen ob Peters der
Fuhrmann von Angerode angekommen ist Wir wollen zum Pelikan
Damit führte Dankmar den Gaul neben sich her und begann nun seines
wunderlichen Aufzuges gar nicht achtend wie Jemand der sich eine wichtige
Mitteilung aufspart von gleichgültigen Dingen zu reden vom Wetter von der
Stunde der Ankunft von ihrer gemeinschaftlichen Wohnung in der Neustrasse ihrer
überraschten Wirtin Frau Schievelbein vor allen Dingen aber von ihrer Mutter
in Angerode die ihrem ältesten Sohne Siegbert durch den jüngeren Dankmar viel
viel tausend Grüße und Küsse sandte
Dankmar zeigte sich bald als ein leichter lebensfroher munterer Kopf Er
war etwas kleiner als sein älterer Bruder erschien aber bei seiner geraden
Haltung fast größer als Siegbert der sich nicht gut hielt und gern zur Erde
niederbeugte Dankmar hatte dunkleres fast lichtbraunes Haar scharfe braune
Augen frische Lippen blendende gesunde Zähne einen um das Kinn gehenden
stattlichen Bart und einen so zierlichen ebenmässigen Wuchs dass ihm seine
gewählte Toilette wie angegossen saß Der leichte Reitfrack war bis zum Halse
zugeknöpft mit weißen metallenen Knöpfen An einer Stelle wo er offen stand
sah ein rotes Taschentuch hervor Sporen Reitgerte der schwarze Kastorhut
Alles verriet den sich mit Gewandtheit in der Welt bewegenden jungen Dandy der
aber in seinem Äußeren nichts suchte und nicht im mindesten von seiner
anziehenden Erscheinung eingenommen war Sein Blick war geistreich sein Lächeln
schalkhaft und gleich nach den ersten Worten die er sprach sah man dass der um
zwei Jahre jüngere Dankmar er war Referendar eines Gerichtshofes den
träumerischen Siegbert an rascher Kombination und energischer ihres Zieles
bewusster Tatkraft beiweitem überflügelte
Er hatte auch auf seine Umgebungen nicht die mindeste Rücksicht Da sein
Pferd am Zügel zu führen und zu plaudern während er sich an den Sattel drückte
bot ihm nicht den mindesten Zwang
Siegbert aber dem alles Auffallende ängstlich war meinte gleich zum
Pelikan sei es doch noch zu weit er solle sich wieder aufsetzen denn schon
hatten sich Neugierige genug um sie versammelt
Dankmar tat Das nicht und der Strassenjugend rief er zu ob sie Maulaffen
feil hätten Noch sinnend wozu er sich entschließen sollte hörte er sich
plötzlich angeredet Um aller Verlegenheit ein Ende zu machen trat Jemand der
hinter ihnen hergegangen war hervor und fragte ob er vielleicht den Gaul in
die Stadt zurückreiten sollte
Siegbert wandte sich um und erkannte seine Bekanntschaft von Tempelheide
den ihm als Schreiber Hackert bezeichneten unheimlichen jungen Mann
Hackerts Anerbieten wurde von seinem staubbedeckten Äußeren sehr wenig
unterstützt und Dankmar wollte schon aussprechen dass er ganz so aussähe wie
Einer dem man einen Gaul anvertrauen könne als der Andere sagte
Ich kenne das Tier Es steht bei Lasally im zweiten Stalle links Wirklich
wenn Sie zu Fuß gehen wollen machen Sie keine Umstände ich nehme Ihnen die
Sorge um das Tier ab und reite es in den Stall zurück
Dankmar sah sich den verlegenen Bruder an der ihn am Kleide zupfte als
wollte er ihn warnen sich auf das Anerbieten einzulassen
Es ist schon gut erwiderte Dankmar kurz wir danken
Ja so fiel Hackert mit Bitterkeit ein Sie glauben ich könnte Ihnen mit
dem Fuchs durchgehen Ich dachte weil mich doch der andere Herr schon kennt
Siegbert bejahte diese Berufung doch mit einigem Zögern das Dankmar in
seiner Hast nicht bemerkte
Das ist etwas Anderes sagte er Du kennst den Herrn Dann steigen Sie nur
auf und bringen Sie mir den Gaul gefälligst zu Lasally zurück Sagen Sie nur dem
Levi Sie wissen doch
Dem Bereiter Levi
Ich würde ihm sein Sattelgeld das nächste mal zahlen
Kanns ja auslegen
Bemühen Sie sich nicht Bin oft auf der Bahn Das ist ja sehr gut So
Steigen Sie auf Schnallen Sie sich den Riemen länger Alle Wetter Sie haben
verteufelt lange Beine
Siegbert war jetzt eigentlich in Verzweiflung Im Geiste sah er diesen
verlorenen Gaul schon über alle Berge er sah den Stallmeister Lasally mit einer
Rechnung von 30 Louisdors bereits vor ihnen bereits einen fälligen Wechsel
eine Verpfändung seines Bildes
Um Gotteswillen raunte er dem Bruder zu siehst du denn nicht Das ist ja
ein Proletarier
Betroffen wandte sich Dankmar und sagte
Donnerwetter Was machst du mir für Dinge Ich denke du bist mit dem Kerl
bekannt
dabei war aber Hackert schon im Sattel und schickte sich an mit seinen
abgelaufenen geflickten Stiefeln dem Tiere sogar noch übermütigst die Weichen
zu kitzeln
Halt da fiel ihm Dankmar in die Zügel So haben wir nicht gewettet Ich
glaubte
Was denn richtete sich Hackert auf doch nicht dass man ein Spitzbube ist
So etwas allerdings Herunter Steigbügel vom Fuß Sind Sie des Teufels
Hackert ließ sich nicht irremachen und blieb Plötzlich griff er glühend im
Gesicht wie sein Haar in die Rocktasche holte ein schmuziges ledernes
Portefeuille hervor öffnete es in lichterlohem Zorn blitzschnell langte ein
Päckchen heraus und warf es mitten auf die Landstraße Dankmar fast an den Kopf
mit den Worten
Galgen und Rad Da haben Sie hundert Taler zum Pfand Und nun hol Sie der
Teufel
Damit schlugen seine dünnen Beine an und fort sprengte er mit dem Mietgaul
den Toren der Stadt zu zum Gelächter der vielen Gaffer die sich schon um die
lebendige Szene versammelt hatten
Siegbert hatte das Päckchen aufgehoben Er glaubte sicher und fest ein
Paquet Lumpen in der Hand zu haben und war todtenblass vor Schrecken und
Erwägung ihrer ohnehin bedrängten Finanzen Wie erstaunte er aber als er den
Pack entfaltete Es waren in der Tat Talerscheine dicht aufeinandergelegt und
ohne Zweifel betrugen sie soviel als auf einem Papierstreifen der sie
zusammenhielt bezeichnet war Hundert Taler
Wenn Der uns durchgeht sagte Dankmar lachend so hat er immer noch ein
gutes Geschäft gemacht Fünfzig Taler werden wir noch drauflegen müssen
Nein nein brach Siegbert voll Beschämung und in freudigster Erregung aus
dieser Mensch ist ehrlich Ich schäme mich ihn so verkannt zu haben Himmel
warum soll denn Jeder dem die Natur rotes Haar und eine unheimliche Gestalt
gab der Zufall abgetragene und bestäubte Kleider auch den Charakter haben den
wir in unserer Furcht in unserm jämmerlichen Dünkel ihm aufdrücken Dieser
Mensch gibt sein Letztes hin um zu beweisen dass er ehrlich ist Es ist der
Stolz der Armut der ihn fortriss Ich schäme mich Er war groß und wir sind
klein
Das muss ich sagen fiel Dankmar ein Eine schöne Armut die hundert
wohlgezählte Kassenscheine mir nichts dir nichts aufs Strassenpflaster wirft
Es ist vielleicht das einzige Besitztum dieses Menschen fuhr Siegbert in
seiner Erregung fort ohne sich von Dankmars leichterer Auffassung stören zu
lassen Der Zorn von uns für unehrlich gehalten zu sein riss ihn hin sein
Alles zu opfern Wer weiß welche Sorge welche Entbehrungen an diesem Gelde
kleben Dieser Mensch ist ein Schreiber er heißt Hackert Ich weiß dass er sich
vergebens um Arbeit bemüht hat Ich erfuhr dass er dem Präsidenten des
Obertribunals seine Dienste anbot Aber man stößt ihn von sich weil seine Augen
ein unheimliches zehrendes Feuer haben Man weigert ihm die Aufnahme in die
gebildete Gesellschaft Hätten wir ihm das Pferd anvertraut ohne Unterpfand wer
weiß ob wir einem verlorenen verzweifelnden Gemüt nicht den Glauben an die
Menschen wiedergegeben hätten Wie bitter war sein Lachen als er davonsprengte
und seine Ehrlichkeit bezahlen musste Ja bezahlen musste Und ich selbst ich
selbst ich ein halber Socialist war der Mistrauischste und Kleindenkendste
Pfui pfui Ich schäme mich über mich selbst
Ja Das wird dir übel bekommen Bruder fiel Dankmar spottend und mit großer
Geistesüberlegenheit ein wenn du einmal wieder mit Max Leidenfrost einen
Handwerkerverein besuchst und mitten in einem schönen Sermon über Philantropie
und Socialismus das rothaarige Fragezeichen da dich interpellirt ob du der
Bürger Siegbert Wildungen wärst der dem Bürger Hackert hieß ja wohl der Kerl
ein Pferd auf der Landstraße nur gegen eine Kaution von hundert Talern
anvertrauen wollte Armer Bruder das kann dir deine ganze Popularität kosten
Und mit Recht sagte Siegbert der Reden Hackerts auf dem Kirchhofe
gedenkend mit Recht Spotte nur Ich weiß was ich verdiene
dabei steckte er behutsam die Summe die in seiner Hand geblieben war in
die Brusttasche vorsichtig untersuchend ob auch nirgends eine Nat aufgegangen
oder eine verdächtige Falte da wäre und das ihm auf so wunderbare Art
anvertraute Pfand unversehens entgleiten könnte
Die Brüder traten nun in den Torweg des Pelikan um unter dessen
schützenden Fittichen ein Abendessen einzunehmen Dankmar hatte keine Ruhe mehr
über den Bruder den langverhaltenen Strom seiner Neuigkeiten auszuschütten
Drittes Kapitel
Der Pelikan
Von dem wunderbaren Vogel der sich selbst die Brust aufschlitzen soll um seine
Jungen vor dem Verhungern zu schützen war auf dem Wirtshause das seinen Namen
trug ein hölzernes ziemlich verwittertes Abbild über dem Torwege zu sehen
Auch der rote blutähnliche Anstrich des zweistöckigen mit mehr Holz als
Steinen aufgebauten Hauses erinnerte an jene Sage die die Naturforscher leider
nicht bestätigen wollen Ob im Übrigen der aufopfernde Geist eines Pelikans in
dieser Fuhrmannsherberge waltete musste erst die Rechnung ausweisen die die
Brüder später zu bezahlen hatten Vorläufig sahen sie sich vergebens nach einem
würdigen Empfange um Der Torweg war leer Keine dienende Pelikanschwinge flog
ihnen entgegen und schon schickte sich Dankmar ungeduldig das Pflaster des
Torwegs stampfend an einige allarmirende Donnerwetter in den stillen
Sommerabend in dessen Ruhe sich auch der Pelikan wiegte und ein jetzt
ertönendes Hundegebell zu schleudern als plötzlich einem freudigen Aufschrei
auf dem Hofe folgende im Harzdialekte gesprochenen Worte sich anreihten
Ei der Tausend Sind Sies denn wirklich Musje Dankmar und Musje Siegbert
Kennen Sie mich denn nicht mehr Die Katrine Bollweiler aus Taldüren die bei
Ihrem Herrn Vater selig gedient hat Besinnen Sie sich nur O Gott o Gott wie
kommen Sie denn nur daher
So und ähnlich variirte noch der Gruß fort mit dem die beiden Brüder beim
Eintritt in den Hof des Pelikans empfangen wurden Hier unter halbabgeladenen
Fuhrmannswägen unter Strohhaufen pittoresken und nicht nach Alpenflora
duftenden Düngerhügeln nicht minder stark parfümirten Stalleimern wurden sie
von einer kleinen Frau begrüßt die eben aus der Küche trat mit einer Schüssel
voll frischen Salats an den dem Garten zu gelegenen Brunnen wollte um ihn zu
waschen sie erst groß und starr anblickte und musterte und dann die Schüssel
geradezu auf den Mist stellend in obige Worte ausbrach
Grüß Gott Grüß Gott Sie ist die Katrine aus Taldüren sagte Dankmar die
muntere Köchin erkennend Das trifft sich ja gut und besser als gut Wie kommt
Sie denn funfzig Stunden weit vom Harze her in die Küche hier vom Pelikan
Aber Katrine konnte sich nicht sammeln Ihre Freude hatte noch nicht
kräftigen Ausdruck genug gefunden Besonders hing ihr Auge an dem Siegbert der
ihr freundlich die Hand bot
Musje Siegbert rief sie einmal über das Andere Ach was für Herren sind
das geworden Gesehen hab ich Sie beide schon oft wenn Sie hier vorbei gingen
Immer wollt ich Ihnen nachlaufen und rufen Pst Pst Aber ich hatts Herz
nicht und da dacht ich du sparst es dir einmal auf einen Sonntag Nachmittag
auf um sie lieber einmal ordentlich da zu besuchen wo Sie wohnen denn ich
weiß wo Sie wohnen in der Neustrasse Nicht wahr
Das weißt du sagte Dankmar mit gutmütigem Spott Und Sonntags Nachmittags
Sieh Sieh Gerade das ist die Stunde wo wir immer ganz sicher zu treffen sind
Das hätte sich ja nicht schöner machen können Katrine Bollweiler
Siegbert den es rührte eine Magd seiner Eltern hier anzutreffen und der
Dankmars Spott nicht leiden mochte fiel ihm in die Rede
Woher denn weißt du unsere Wohnung Katrine und kommst nicht sogleich
Das will ich Ihnen sagen antwortete Katrine und stellte die Schüssel mit
Salat vom Miste weg auf einen Strohhaufen während die Hühner gackernd
herbeiliefen und der große Hofhund an der Kette der anfangs ganz allein die
Fremden mit seinem fürchterlichen Bellen begrüßt hatte sich endlich beruhigte
Mein Mann ist ja der Fuhrmann Peters aus Angerode der alle Augenblicke
einmal etwas bei Ihnen zu bestellen hat und da hat er mir gleich wie wir
hierher zogen gesagt wo die Kinder meiner alten braven Herrschaft wohnen
aber man kommt so schwer ab
Abzugeben Wohnen fiel Dankmar hastig ein Peters Wo steckt er denn
Seinetwegen kommen wir ja hier in den Pelikan
Ich pass auf ihn jede Stunde fiel Katrine ein Wir sollten ihn schon
heute Morgen von Schönau her erwarten was immer seine letzte Station ist aber
es muss ihm etwas passiert sein
Das will ich nicht hoffen polterte Dankmar Ich erwarte dass er mir einen
großen Schrein bringt der mir wichtig ist
Weiß ich ja sagte Katrine pfiffig Hats mir ja geschrieben von Angerode
Aber das Wetter macht zu heiß Da zieht sichs langsam im Sande Die Gäule
verschmachten und die Fliegen tun auch das Ihrige Heute Abend kommt er aber
noch ganz gewiss Es schwant mir so
Weißt du was Katrine Wir warten hier die Erfüllung deines schwanenden
Gemütes ab Kann man denn in diesem Pelikan ein Plätzchen finden im Freien
ohne Stallgeruch einen Trunk aus gutem Keller einen Nachtimbiss aus deiner
bewährten Küche Mir brenzelts und prasselts im Gemüt seit ich dich sehe
wie von Eierkuchen und andern holden Jugenderinnerungen
Hurtig Hurtig rief eine feine sonderbar keuchende Stimme hinter ihnen
Sie wandten sich um und bemerkten eine dicke Figur die sich inzwischen zu den
Redenden gesellt hatte Ohne Zweifel war dies der Wirt zum Pelikan Der
stattliche Herr war im leichtesten Sommernegligée So fett dass sein Schweiß
wie Falstaff sagt die Erde spicken konnte beförderte er auch in seiner
Kleidung diesen heilsamen Einfluss auf die Fruchtbarkeit des Bodens Hals und
Brust offen die Hemdärmel aufgestreift Er schien unter dem hohen Stand des
Termometers schrecklich zu leiden Keuchend und mit dünner Stimme sagte er
Hinter der Scheune ist ein Garten meine Herren und die Kegelbahn Aber
Wochentags kommt keine Gesellschaft Wenns Ihnen nicht zu still da ist und zu
einsam
Grade recht wenns still ist fiel Dankmar ein Und nun Herr Wirt
Zauberwinke Herrscherbefehle Bier Wein Kotelettes Salat
Nein Eierkuchen fiel Katrine lachend ein Eierkuchen wie man ihn in
Taldüren backt
Eierkuchen wie man ihn in Taldüren backt riefen die Brüder fast im
einstimmigen Ton
Der dicke Wirt lachte und wackelte voraus ihnen das Gartenstacket zu
zeigen Katrine hinterher voll seliger Freude Sie war sauber und reinlich
gekleidet die Haube ihren verheirateten Stand anzeigend bedeckte das Gesicht
einer noch recht schmucken Dreissigerin In ihrer Zerstreuung nahm sie die
Schüssel voll Salat mit in den Garten
Frau Peters was soll denn der Salat wieder im Garten fragte der Wirt und
lachte
Ach ich bin ganz confus sagte Katrine Peters und schlug sich vor die
Stirn indem sie nun wieder nicht wusste sollte sie an den Brunnen oder in die
Küche oder im Garten ihren jungen Pfarrerssöhnen aus Taldüren einen Platz
anweisen der ihr der schönste schien
Geh sie nur in die Küche Frau Peters Ich werde die Herren schon
zurechtweisen
Dies kräftige Wort des Wirts gab den Ausschlag
Gut Gevatter sagte sie nahm ihren Salat und kehrte in den Hof zurück
Eins zwei drei und Sie sollen prächtig bedient sein
Durch einen kleinen Garten von Rasen Gemüsebeeten und einigen Obstbäumen
vom Pelikanwirte geführt fragte Siegbert
Ei der tausend Herr Wirt Die Katrine nennt Sie Herr Gevatter
Das kann sie antwortete der Dicke schnaufend sie kanns weil ichs bin
Die Peters ist sozusagen nicht bloß meine Magd sondern sie führt mir sozusagen
die ganze Wirtschaft Mein Weib ist tot und den Spectakel mit den Mägden
hatt ich satt Da sagt ich zu meinem alten Freund Peters der schon seit
zwanzig Jahren bei mir einkehrt und mein Gevatter ist von Kindern die tot
sind wüsst ich eine brave Frau in gesetzten Jahren die mir Ordnung im Hause
hielte ich heiratete wieder Tue Das nicht Alter meinte Peters Sieh Ich
mache dir den Vorschlag ich ziehe von Angerode daher Die Eisenbahnen machen
unsere Fuhren immer leichter es dauert eine Ewigkeit bis so ein Wagen jetzt
voll geladen ist und abgehen kann Da lieg ich denn auf der Bärenhaut und bin
mehr hier als in Angerode So muss ich zwei Wirtschaften führen Besser ich
ziehe hierher und sorge nebenbei für deinen Stall da du alter Kerl bald so dick
wirst dass du nicht mehr hinein kannst wenn du dir keine breitere Tür baust
Nun und Das bin ich eingegangen und das Ende vom Lied ist dass der Peters
seine Wirtschaft hier herübergeführt hat und die kleine Gevatterin hier jetzt
uns Alle im Sack hat Mir ists recht Sie sehen ich komme nicht dabei zurück
Der behaglich schmunzelnde Wanst rückte den Brüdern am Ende der Kegelbahn
dicht an einem Bach der den Garten begrenzte einen Tisch zurecht Das
Plätzchen lag gar angenehm im Grünen Ein voller Apfelbaum beschattete den Tisch
mit seinen zackigen Ästen Die im Untergehen begriffene Sonne warf ihre letzten
rötlichen Strahlen herüber Käfer summten Vögel zwitscherten von den
Nachbargärten her Sie konnten für die Mitteilungen die dem ungeduldigen
Dankmar auf der Zunge brannten keinen stillern Ort finden Schon kam auch
Katrine wieder zurück mit vollen Flaschen einem Windlichte für die Zigarren
und einem Teller voll groben und feinen Brotes zur beliebigen Auswahl
So sagte sie da sitzen Sie ja schon traulich beisammen So schön wie in
Taldüren ists freilich nicht Die Aussicht fehlt aber so ein Plätzchen gabs
doch auch im Garten hinterm Pfarrhause Und der Herr Vater Gott hab ihn
selig wie gern saß der so Abends im Freien wenn die Sonne unterging und
sprach dann wie ein Buch trotzdem dass ers schwer auf der Brust hatte Ich
sagts gleich als es hieß er ist Oberpfarrer in Angerode geworden Ich war
dazumal schon über sechs Jahre an den Peters verheiratet Ich sagts gleich
als er in das alte steinerne Pfarrhaus von Angerode zog da hats keine Luft für
den braven Herrn und seine kranke Brust Alles von Stein da und die hohen Zimmer
und keine Wärme wenn auch die Öfen groß genug waren und das Freiholz nicht
gespart wurde Wie lange hat ers drin gemacht Zwei Jahre Du lieber Heiland
der brave Mann Wohnt denn die Mutter noch ihr Witwenjahr in dem Hause Ich
weiß sie habens ihr nehmen wollen Feinde hatte Ihr Herr Vater immer Das
wussten Alle und Keiner begriffs warum So ein engelguter Herr und doch sollt
er nicht in die Stadt kommen bis es vor seinem Ende doch sein musste und da
wars sein Tod In dem kalten Ritterhaus
Frau Peters der Eierkuchen rief der Wirt zum Pelikan der neugierig
zugehört hatte dann aber die träumerische Versunkenheit seiner Gevatterin nun
im Interesse der Bedienung vom Vergangenen doch aufstören zu müssen glaubte
Es ist auch wahr fiel die ganz weinerlich gewordene Frau ein und lief
hurtig wieder davon
Nun lassen Sies sich gefallen sagte der Wirt zu den durch die Erinnerung
an den Vater bewegten Brüdern wie Sies finden ists einmal und wenn Sie
Etwas wünschen was wir haben so rufen Sie nur
Damit setzte er seinen schwerfälligen Mechanismus in Bewegung wieder dem
Hofe zu und ließ die Brüder endlich allein in behaglicher stiller Ruhe
Ein eigenes Zusammentreffen begann Siegbert und fühlte an die Tasche ob er
sein anvertrautes Pfand die hundert Taler auch noch bei sich hatte diese
Katrine hier im Pelikan Wir waren wohl Jungen von etwa zwölf und vierzehn
Jahren als sie einen Fuhrknecht heiratete Wir selbst kommen uns kahl und
schaal zwecklos und ziemlich unnütz in der Welt vor und ihr gehen wir auf wie
die Engel und Propheten Der Mensch weiß nicht was Einer dem Andern ist Sie
hat nach uns geforscht und beobachtet ein Wiederbegegnen mit uns für ein
großes Lebensglück gehalten das sie sich auf einen schönen Sonntag Nachmittag
vielleicht nach der Predigt aufsparte und ich wette sie träumte im selben
Augenblick glückselig von uns während wir über irgend Etwas in Verzweiflung
waren und keinem Menschen in der Welt von Wichtigkeit zu sein glaubten als nur
unserer Mutter und allenfalls unsern Gläubigern
Daraus siehst du teurer Kommunist sagte Dankmar indem er seine Zigarre
an dem von Katrine hingestellten Lichte anzündete dass die Armen auch nicht so
ganz elend sind wie du dir denkst Sie haben wirklich mehr Paradies als wir uns
einbilden und selbst besitzen Eine Landpartie Sonntags ist dem Handwerksmann
eine so große Freude wie dir vielleicht eine Einladung beim Prinzen Ottokar
sein würde Doch lassen wir jetzt unsere socialen Betrachtungen und besprechen
wir ernstere Dinge Weißt du bester Bruder
Nichts weiter unterbrach ihn Siegbert ehe du nicht die Hauptsache
berichtet hast wie gehts der Mutter
Sie ist wohl sagte Dankmar und schenkte die Gläser voll Wohlan Das geht
voran Die Mutter lebe hoch
Die Brüder stießen an Die großen braunen Metgläser wollten nicht recht
klingen Der Wirt zum Pelikan schien keinen Wein zu führen Doch war das Bier
schmackhaft und ließ sich trinken
Und nun Bruder fuhr Dankmar fort höre mir zu Es ist eine feierliche
Stunde
Ich bin begierig welche Narrheit du auf dem Tapet hast ergänzte Siegbert
während Dankmar sich räusperte und also begann
Siegbert Wildungen älterer Bruder des sehr ehrenwerten Dankmar Wildungen
malendes Vorbild eines malerischen Referendars Es kann dir nicht unbekannt
sein dass sich die Geschichte unsers Hauses in die ältesten Sagen der Vorzeit
verliert Ich will nicht untersuchen ob sich schon unter den Rittern der
Tafelrunde ein Wildungen durch seinen Durst ich meine nach Abenteuern
auszeichnete soviel ist gewiss dass am Hofe Karls des Großen
Teuerster Bruder fiel Siegbert ein sparen wir unsere Genealogie für lange
Winterabende Der Apfelbaum und die Johannisbeerhecken lachen uns aus dass wir
bei ihrem Duft in solchem alten Moder stöbern Johannisbeerhecken fragte
Dankmar und nahm dabei eine wichtige Miene an Johannisbeerhecken
Oder Stachelbeeren Was scheidet uns da von den freundlichen Gärten der
Nachbarschaft Der Bach und die Hecken
Johannisbeerhecken In der Tat! wiederholte Dankmar hinüberblickend Seit
ich in Angerode meine Entdeckungen gemacht habe stutz ich bei Allem was an
Johannes gleichviel ob den Täufer oder den Apostel erinnert
Bist du Freimaurer geworden fragte Siegbert staunend
Gewissermassen ja sagte Dankmar Ich war so frei in Angerode zu mauern
Wände zu durchbrechen und Johannisbeeren sieh sieh in welchem
Zusammenhange könnten wohl diese Beeren mit einem der beiden Johannes stehen
Warum nennt man überhaupt diese Beeren Johannesbeeren
Ohne Zweifel hat sie der Täufer Johannes in der Wüste gegessen erklärte
Siegbert
Oder weil sie um Johannis reif sind fiel Dankmar ein Schade dass
meine Auslegung prosaischer ist
Ich glaube du bist närrisch erwiderte Siegbert ein wenig ärgerlich über
den Humor des Bruders der heute nicht ganz in seine Stimmung passen wollte
Genug lieber Bruder Johannisbeeren oder Stachelbeeren fuhr Dankmar fort
soviel ist richtig dass du selbst sehr eitel auf den alten Ursprung unserer
Familie bist denn auf deinem Molay hast du einen deutschen Tempelritter
angebracht der mit dem französischen Heermeister des Ordens stirbt in deinen
Flammen die wunderschön gemalt aber in dieser Weise historisch nicht motivirt
sind
Das tat ich aus gutem Bedacht antwortete Siegbert denn ein Hugo von
Wildungen war der Ahn unsers früher adeligen Hauses und wenn nicht Templer
doch Johanniterherr der deutschen Zunge in einem ehemaligen türingischen
Tempelhause
Und Gott segne diesen Hugo von Wildungen fiel Dankmar mit Lebhaftigkeit
ein Er hat dir den anachronistischen Frevel ihn zweihundert Jahre vor seinem
in Rom erfolgten Tode schon in Paris verbrennen zu lassen aus Anerkennung
deiner dabei gehegten guten verwandtschaftlichen Absicht gnädiglich verziehen
Denn wenn ich in Halle und Berlin mein Öl nur einigermaßen nicht ganz verloren
habe oleum perdere lieber Bruder eine schöne lateinische Redensart für
seine Kollegiengelder zum Fenster hinauswerfen so werden wir mit Hilfe dieses
von dir verbrannten Hugo von Wildungen vielleicht Besitzer einer kleinen
runden gemütlichen Million
Siegbert konnte über diese Bemerkung nicht lachen denn Dankmar sprach sie
mit einem solchen Ernste das Blut schoss ihm dabei so in die Wangen der Eifer
trieb ihn so convulsivisch vom Tisch empor dass er im ersten Augenblicke
glaubte sein sonst so nüchterner nur im Praktischen lebender Dankmar wäre von
einer fixen Idee befallen Du staunst fuhr Dankmar fort Aber ohne einen
triftigen Grund habe ich keine so wahnsinnige Eile gehabt dich zu sprechen
Ohne einen solchen Sporn hätt ich keine Sporen angeschnallt und mich auf einen
jetzt vielleicht mit dreißig oder funfzig Talern Verlust gemieteten
Lasallyschen Fuchs gesetzt Da musste etwas vorgefallen sein Herz was sich der
Mühe verlohnte den Hals zu brechen denn ich hatte die Absicht dich
aufzusuchen wo du nur zu finden wärst und nur dieser rothaarige Proletarier
diese Katrine Peters und die Johannisbeeren des Pelikans haben mich verhindert
dir Das sogleich mit der gehörigen Feierlichkeit anzukündigen was mir seit fünf
Tagen wie glühendes Feuer im Munde flammt
Siegbert erstaunend über die Aufregung des Bruders konnte nichts als alle
Gegenrede vermeidend ihn bitten deutlicher zu werden und in Ruhe zu erzählen
was er ihm anzuvertrauen hätte
Wohlan Du bist von Taldüren und dem angeroder Lyceum zur Akademie
gegangen fuhr Dankmar sich wieder setzend fort ich zur Universität wir
haben in Angerode aber nicht im Pfarrhause gewohnt wo der Vater uns allzu früh
starb Seine frommen Kollegen gönnten ihm nicht da zu wohnen wo er sterben
sollte denn es war bekannt dass er sich gern des alten Ursprungs unserer
Familie rühmte und von der Pfarrwohnung in Angerode dem ehemaligen Professhause
der türingischen Tempelherren im Scherz wie von einem Stammsitz seiner Familie
sprach Bei dem kurzen Besuche den du gerade beim Tode des Vaters in Angerode
machtest wirst du dich des alten verfallenen Nebengebäudes an dem Tempelhause
erinnern
Das ganze Gebäude ergänzte Siegbert regte mich immer aufs lebendigste an
Das Tempelhaus zu Angerode ist einer der schönsten Reste des Mittelalters Die
herrliche Façade mit den symmetrisch geordneten Doppelfenstern deren zwei immer
ein Spitzbogen vereinigt die beiden Giebel ganz erinnernd an das alte
restaurirte Haus des Martin Behaim in Nürnberg und selbst der Anbau den man
nicht zur Pfarrwohnung geschlagen hatte obgleich verfallen und in gedrücktern
Formen gehalten doch gar lauschig und traulich Dieser Anbau gehörte so
unzweifelhaft zu dem Ensemble dieser ehrwürdigen alten Niederlassung dass ich
mich freute zu hören wie nun auch diese Räume bestimmt sind mit der Wohnung
des künftigen Oberpfarrers und dem Schulhause verbunden zu werden
Und gerade in dem Augenblicke ergänzte Dankmar wo diese Übergabe erfolgte
kam ich nach Angerode Man wollte der Mutter erst ihren einjährigen Witwensitz
im Hause streitig machen es wurde mir leicht ihr Recht bei der Stadt
durchzuführen Schwieriger war es ihr auch die Nutzniessung des Anbaus zu
sichern Sie selbst verzichtete darauf Du weißt wie wenig sie bedarf Aber ich
wollte vom Rechte nichts vergeben sehen und bestand darauf dass ihr auch diese
jetzt freien Räume zur Verfügung gestellt wurden Es war das Archiv und die
Bibliothek des ehemaligen Tempelhauses späteren Johanniterhofes Das war ein
Hetzen mit den Gerbern und Seifensiedern der Stadt Die Einen wollten in dem
alten Gemäuer ihre Felle aufbewahren die Andern ihre Lichtdochte Auch die
Regierung kam und reclamirte den Ort zum Besten der wollenen Socken und leinenen
Kostbeutel des Militairs Aber ich trat als Advokat auf Ich sagte ihnen Diese
Stadt Angerode hatte einst die Ehre der Sitz eines reichen und mächtigen
geistlichen Ritterhofes zu sein Der Orden hat die Wohlfahrt der Stadt
begründet Als er in Folge der Reformation sich auflöste wurde bestimmt dass
seine sämtlichen Besitztümer in Angerode an die Pfarrei der StJohanniskirche
übergingen Mit dem Tempelhause selbst geschah Dies Eure Pfarrer konnten in den
kalten großen Räumen mit den steinernen Fussböden die nur für Ritter bestimmt
waren alle eines frühen Todes an Gicht und Rheumatismus sterben aber den Anbau
nahmt ihr zu diesem und jenem profanen Zwecke Aus dem alten Archiv und der
Bibliothek machtet Ihr das Unwürdigste Gott sei Dank Jetzt ist der Fleisch
und Mehloctroi daraus vertrieben denn Ihr Angeroder habt dem Staat den Mehl
und Schlachtzins durch directe Steuern abgekauft Nun falle dieser Raum an Die
denen er gehört an Eure Seelsorger oder deren Witwen So sprach ich und ich
hätt es doch ohne Prozess nicht durchgebracht wenn sich nicht politische
Freunde gefunden hätten die die Sache ordentlich nach einem Prinzip auffassten
Wie Das möglich war weiß ich noch bis zur Stunde nicht aber die Anbaufrage
wurde Tendenzfrage man machte einen Antrag bei den Stadtverordneten und weil
man Aufregung bei dem jüngeren Teile der Bevölkerung und der mir rasch
zugetanen arbeitenden Klasse fürchtete so hatten wir die Majorität und die
neuen Gelasse fielen nicht an die reichen Gerber und Seifensieder nicht an die
Regierung sondern an die Geistlichkeit und deren Angehörige
Eine seltene Ausnahme in diesen Tagen bemerkte Siegbert wo dieser Stand
eher herauszugeben als zu gewinnen gewohnt ist
Der Stand tat da nichts fuhr Dankmar fort das Recht und meine Popularität
entschied Den alten angeroder Lyceisten kannten Alle feierten Alle Das
Gefühl mit dem die große eisenbeschlagene Eichentür die von unserm
Schlafzimmer in den Anbau führt von mir feierlich geöffnet wurde entlockte der
Mutter einen unwillkürlichen Seufzer denn gerade da hatte das Sterbebett des
Vaters gestanden Da war er in deinen Armen gestorben Siegbert du kennst die
Stelle Die Tür krachte in ihren Angeln Seit drei Jahrhunderten war sie nicht
geöffnet worden Der alte verrostete Schlüssel lag so lange auf dem Rathause
Ein Schlosser hatte einen ganzen Tag daran zu putzen ihn nur einigermaßen
wieder brauchbar zu machen Der Gewinn an Räumlichkeiten war nicht gering aber
da sie im verwildertsten Zustande sich fanden konnte man sie jetzt schon zur
Wohnung unmöglich herüberziehen Da lagen die Acten der Mahl und
Schlachtsteuerschreiberei in Haufen aufgetürmt Eine Auction erst entfernte
sie Von der Verbindungstür stieg man einige Stufen hernieder und befand sich
dann auf einem Gange der mit Bildern alter Heiligen geschmückt war Ob
Boisserée daraus etwas herausfinden würde was abgewaschen und mit Lack frisch
überzogen an einen König von Bayern als altdeutsche Schule sich verkaufen ließe
weiß ich nicht Dünnbeinig genug sahen die Kriegsknechte und die heiligen drei
Könige vom Morgenlande aus die man da auf Holz geklext hatte
Still Still Dankmar Deine Frivolität wird bestraft unterbrach Siegbert
den Bruder Katrine hemmt deinen Redefluss und zwingt dir eine unwillkürliche
Pause auf
Dankmar sah sich um Katrine brachte den Salat und ihr
schnittlauchduftendes Backwerk Selbstzufrieden trug sie das gelbe Erzeugniss
ihrer Kunst Die süßesten Kindheitserinnerungen gingen den Brüdern auf Siegbert
hätte sie gern gleich ausgesprochen aber Katrine fiel ihm ins Wort und sagte
plötzlich mit trauriger Stimme
Eigentlich sollt ich gar nicht vergnügt sein Sie so bedienen zu können
Lieber Gott es vergeht doch kein Tag wo nicht was Schlimmes kommt Auf eine
Freude immer zehn mal ein Unglück
Was ist denn Katrine fragten die Brüder teilnehmend schnitten aber
schon tapfer ihr Gebäck in gleiche Teile
Da fährt ja eben sagte sie klagend der Fuhrmann von Quedlinburg vorüber
er spannt im Engel aus und erzählt mir ein Unglück mit meinem Peters
Das wäre sprang Dankmar auf und seine Züge verfärbten sich
Nein nein sagte Katrine beruhigend es ist weiter nichts als die Achse
hat er gebrochen
Die Achse
Und seine Ladung Mein Schrein rief Dankmar
Ist Alles wie es sein soll beruhigte ihn Katrine aber so
niedergeschlagen sagt der Fuhrmann ist mein Mann so rabiat hätt er ihn
angetroffen als wenn er seine ganze Fracht verloren hätte
Das wäre mir schön bemerkte Dankmar sich nur mit Mühe sammelnd und auf dem
Rasen hin und hergehend
In Hohenberg ists ihm passiert berichtete Katrine weiter Wie Das wird er
wohl erzählen Er muss in einer Stunde eintreffen so lange hats gedauert bis
das Rad wieder hergestellt war Aber woher kommts Von den schlechten Wegen
Seit die Eisenbahnen sind geschieht nichts mehr für die Landstraßen und doch
muss mans segnen dass es noch Gegenden gibt wo der Gottseibeiuns selbst nicht
mit Feuer und Dampf über die Wiese fährt Schlimme Zeit Aber jetzt lassen Sies
sichs schmecken und sowie er sich auf der Chaussee blicken lässt meld ichs
an Freude ist nicht viel an der Fahrt wenn ein Fuhrmann auf eigene Rechnung
fährt und ihm s Rad bricht
Damit ging sie Aber Dankmar hatte eine unbeschreibliche Unruhe Das Essen
mundete ihm nicht
Ich hätte den Schrein nicht von mir geben sollen rief er einmal über das
andere und rannte dabei auf und ab
Aber beruhige dich doch nur mit deinem Schrein sagte Siegbert Ist denn das
die Bundeslade selbst Du hörst ja dass sie da ist
Ehe ich sie nicht sehe mit Händen greife habe ich keine Ruhe mehr
Siegbert musste lachen und meinte
In meinem Leben hab ich nicht gesehen Dankmar dass dich etwas so ernst
stimmen kann wie dieser Schrein Was hat es denn mit diesem Heiligtum Man
möchte glauben es entielte das goldne Vliess und käme direkt aus Kolchis
Siegbert sagte Dankmar seit einer merkwürdigen Nacht die ich in dem Anbau
des Tempelhauses zubrachte ist mir nichts mehr so wichtig wie dieser Schrank
Den du hoffentlich aus dem Eigentum der Stadt Angerode nicht mitgenommen
hast
Allerdings hab ich Das Dieser Schrank enthält Schriften die sich
lediglich nur auf uns und unsere Familie beziehen
Fingirte Memoiren des Johannesritters Hugo von Wildungen sagte Siegbert
lachend deine ersten schriftstellerischen Versuche im Geschmack der
Bernsteinhexe oder der schlesischen Sybille die man so lange für echt
bewunderte bis sich entdeckte dass irgend ein ruhmsüchtiger pommerscher
Landpastor oder ein gelangweilter schlesischer Stadtschreiber diese Märchen
erfunden hat
Spotte nicht sagte Dankmar in drei Jahren werden wir anders sprechen
Sich setzend und ohne viel Appetit seinem Abendimbiss mäßig zusprechend fuhr
er nun in seinen Mitteilungen fort und erzählte dem erstaunenden Bruder die
Entdeckung von Tatsachen die in das Leben dieser beiden jungen Männer
merkwürdig genug eingreifen und auch uns im Laufe dieser Erzählung mannichfach
beschäftigen sollen wenn wir auch gestehen dass die Brüder selbst ohne
Dankmars Traum von einer Million beneidenswert waren Sie hatten Geist Herz
Talent jede Anwartschaft auf eine glückliche Zukunft Ihren reichsten Schatz
aber kannten sie nicht einmal Es war dies die goldene poetische Jugend die
Jugend mit dem Zauberstabe der Quellen aus Felsen schlägt luftige Paläste in
den Wolken bewohnbar macht und jeden schon am Gemüte prickelnden Schmerz jede
kleine schon am Herzen nagende Täuschung mit dem Troste heilt Du bist jung
Noch gehört dir das ganze Leben noch gehört dir die ganze Welt
Viertes Kapitel
Der Schrein im Tempelhause
Eines Abends erzählte Dankmar lockte mich der Ton der Orgel in der
Johanniskirche deren Sacristei mit dem Tempelhause durch jenen Anbau verbunden
war in den größeren Saal in welchem einst die jetzt verschwundene Bibliothek
des Ordens stand und die kleineren Nebengemächer wo sich sein Archiv befunden
haben soll Es war eine gewisse Ordnung in das Häuschen gekommen Die alten
geistlosen Schreibereien über Rinder und Mehl waren entfernt das Erdgeschoss war
vom Schmuz das obere Stockwerk vom Staube gereinigt Unten sollte eine
Waschküche angelegt werden ein Trockenplatz für den Winter oben der kleine
Saal einfach gewölbt und die Nebenzimmer trocken und warm standen unserer
Benutzung anheimgegeben als Wohnzimmer Es wäre in ihnen traulicher zu hausen
gewesen als in den hohen Zimmern des großen Prunkgebäudes nebenan Die Orgeltöne
in der Johanniskirche kamen von einem jungen Schullehrer der sich zum nächsten
Sonntagsgottesdienste übte Es war mir eine eigene Empfindung wenn ich
zurückdachte an die frühere Bestimmung dieses ganzen alten Tempelhofes Man hat
noch viel zu wenig über den Zweck die Bedeutung und die Schicksale dieser alten
Ritterorden nachgedacht Ihr Ursprung ist märchenhaft und dunkel ihr Ende
sicherlich nicht so wie es erzählt wird und gleichsam zu Protokoll gegeben ist
Wer kennt die geheimen Fäden die aus den Bauten der Indier herüberreichen in
den Tempel Salomons und das Grab des Erlösers das die Tempelritter hüteten
Wer weist nach welche noch geheimern Fäden sich von ihnen bis in die neuere
Gesellschaft ziehen während wir jetzt schon wissen dass vielleicht die
Freimaurer trotz alles Leugnens der Forscher das Geheimnis der Tempelweihe in
sich aufnahmen Diese geistlichen Ritterorden standen zwischen den Weltlichen
und zwischen den Geistlichen in der Mitte vom Papste und den Königen zugleich
geehrt und zugleich verfolgt und immer ehrwürdig durch sich selbst durch ihre
Entsagung durch ihre Tapferkeit Sie retteten die Weltlichkeit vor allzu
gedankenloser und unheiliger geistiger Richtung sie retteten den geistlichen
Stand vor allzu mönchischer Verdummung und tatenloser Beschaulichkeit Das
Schwert war ihre Inful der Mantel mit dem Kreuze ihr Pallium Lass michs dir
sagen Bruder heute zum ersten male in Worten die meiner stillen Bewunderung
ein lautes Zeugnis geben dass dein herrliches Bild der Feuertod Jakobs von
Molay auch mich tiefinnig ergriffen hat Ich habe dir bisher nur in lauer
Weise scherzend fast darüber gesprochen weil du weißt wie ich dich verehre
und wie Alles was von deiner Künstlerhand kommt mir schon von selbst sich
anpreist Aber ich sehe ein dass Diejenigen wenig verstehen mit schaffenden
Genien umzugehen die nicht Alles und Jedes was diesen entstammt immer wieder
neu begrüßen neu anerkennen Nichts kann im Künstler eine bloße Fortsetzung
seiner einmal aufgezogenen Tätigkeit sein Jeder Gedanke den er verkörpert
entspringt aus einer neuen Offenbarung seines Geistes die heute durch die Luft
morgen durch Feuer und Wasser zu ihm spricht Vergib mir dass ich dir erst heute
so teilnehmend und hingegeben von deinem Werke rede
Dankmar sagte Siegbert tief gerührt und ergriffen Eine Träne stand ihm im
Auge er fasste zitternd des Bruders Hand die dieser an sich zog und ans Herz
drückte Dankmar Du bist gut war Alles was Siegbert sagen konnte
Ja fuhr Dankmar begeistert fort die Prophezeiung die man dir und dem so
früh sich verratenden Genius des Knaben stellte erfüllt sich doch wunderbar
Erlebte Das der Vater der so früh auf unsere Gaben lauschte und in mir nur den
kalten Verstand des Advokaten in dir die Wärme und das Talent des Künstlers
entdeckte Hat er uns nicht gepflegt wie zarte Pflanzen geschützt vor rauhem
Sturme der Sorge hat er nicht selbst gedarbt um uns den Weg des Glücks zu
bahnen
Auch Dankmars Augen zitterten Auch ihm feuchteten sie sich Seine Nerven
schienen erregter als sonst Es musste mit dieser starken metallenen Natur
wirklich eine gewaltige Erschütterung vorgefallen sein dass sie einmal so ihre
gewöhnliche Weise von sich warf Doch war es nur ein Augenblick Während
Siegbert seinen Gefühlen der Erinnerung an einen sorgsamen liebenden zu früh
dahingegangenen Vater freien Raum ließ fuhr Dankmar schon wieder gesammelt
fort
Alles Das bewegte mich in dem Bibliotekzimmer der Tempelherren beim Klange
der Orgel aus der StJohanniskirche An die kahlen Wände zauberte ich mir dein
Bild In dem dunkeln von den Flammen rembrandtisch erhellten Vorgrunde das
Antlitz König Philipps des Schönen der am Vorsprung eines Fensters es wagte
dem Tode der Opfer seiner Habgier beizuwohnen neben ihm der Legat des Papstes
der seinem noch zögernden und vielleicht nicht ganz erstickten Ehrgefühl den
Mut zuzusprechen scheint diese Hinrichtung deshalb zu wagen weil die
Tempelherren falsche Götzen anbeteten und gotteslästerliche Zeremonien übten
Auf hundert Schritte von diesen beiden Köpfen neben denen sich im Vorgrunde
eine Reihe anderer mit dem gemischtesten Ausdrucke und in wunderherrlicher
Flammenbeleuchtung hinzieht der edle Ordensmeister auf dem Holzstosse hinter
und neben ihm einige andere dem Tode geweihte Ritter alle von den Flammen
umzüngelt und glücklicherweise im Rauche schon erstickend ehe sie noch das
grausame Feuer erreicht Die weißen Ordensmäntel mit den eingestickten Kreuzen
wehen schon angesengt und halb verbrannt im Winde Hier und da sieht man unter
ihnen noch einen geschuppten Waffenrock und auf der Brust das Wappen der Ritter
wozu du bei einem der dem Vater ähnlich sieht unser altes Wappen nahmst und
dir darunter Hugo von Wildungen dachtest Über dem Ganzen aber im Wiederschein
des Qualms und der Flammen gegen den reinen Äther schwebt eine wie zufällig
aufflatternde Taube die so majestätisch in dem feurigen Lichte schwebt dass sie
Jeder für das Symbol des siegreich aufsteigenden heiligen Geistes erkennen wird
Ich entlehnte fiel Siegbert lächelnd über des Bruders Beschreibung seines
Bildes ein ich entlehnte diesen Gedanken der Sage vom Feuertode des Johann Huss
Gleichviel fuhr Dankmar fort auch von diesem Aschenhaufen des Jahres 1314
stieg die Taube der Unschuld das Symbol der Liebe empor wenn auch vielleicht
noch nicht das der Gedankenfreiheit in dem ich mir lieber einen Adler mit
trotzig ausgebreiteten Schwingen denken möchte Der in Frankreich Italien und
England aus Habsucht verfolgte Orden erhielt sich längere Zeit in Deutschland
wo ihn wie manchen andern bessern Gedanken gerade die Zerrissenheit des Staats
zu retten schien Ein Fürst gönnte des Ordens Besitztümer dem Andern nicht und
so wäre er vielleicht von allen verschont geblieben wenn ihn eine Bulle des
Papstes nicht gezwungen hätte ein Nebenzweig des Johanniterordens zu werden
Auch im Harze hatte der Orden Tempelhöfe und sandte von ihnen Ritter aus die
für das Grab des Erlösers in Syrien kämpften Als die Tempelherren Johanniter
wurden kämpften sie auf Rhodus und Malta Andere standen im Dienste der
Republiken Venedig und Genua immer um gegen die Ungläubigen und für die
Wiedereroberung des heiligen Grabes zu fechten Sie gewannen dabei kostbare
Schätze die jedoch nicht ihnen sondern dem Orden gehörten So hatte Hugo von
Wildungen dem in einen Johanniterhof verwandelten Tempelhause von Angerode die
uneigennützigsten Dienste geleistet als die Reformation sich im Harz
ausbreitete die Klöster entvölkerte und auch die Ritterorden auflösend ergriff
Noch wurde im Schoss des erschütterten Ordens die Partei die am Papste
festhielt von dem katholischen Fanatiker Heinrich von Braunschweig geschützt
Noch fielen die Anhänger der Reformation am Fuße des Harzes auf dem Blutgerüst
oder schmachteten in Heinrichs und Georgs von Sachsen tiefsten Kerkern Aber
der Geist der Zeit unterstützte alles Das nicht mehr was nur noch durch die
Schärfe des Schwertes behauptet werden konnte Auch der Johanniterhof von
Angerode rüstete sich zum protestantischen Glauben überzugehen und wandte
bereits den Ertrag seiner Reichtümer dem zum Orden gehörenden Adel als in
seiner Familie erbliche Besitztümer zu Dagegen trat jedoch Hugo von Wildungen
auf er der Einzige der katholisch blieb er der es noch da zu bleiben wagte
als auf Heinrich und Georg Regenten folgten die der Reformation huldigten Nach
der Schlacht von Mühlberg als die deutschen Fürsten in Halle vor Karl dem
Fünften knieeten und er ihnen zur Beruhigung zurief »Nicht Kopf abe«
bestätigte der Kaiser feierlich den StJohannesritter Hugo von Wildungen als
Komtur und alleinigen Vertreter der Rechte des katholisch gebliebenen
Johanniterhofes von Angerode Mit dem Heere des Kaisers aber zog auch seine
Macht ab Die abtrünnigen Ritter ließ sich von einem Papier aus ihrem Raube
nicht verdrängen und Hugo von Wildungen musste weichen Um ihm aber den Alle
achteten einen Beweis der Verehrung zu geben um ferner das Beispiel zu
beschönigen das sie selbst von eigenmächtiger Habsucht durch Aneignung der
Güter des alten Tempelhofes gaben setzten die übergetretenen Ritter ihrem
katholischen Meister der erst nach Bayern dann nach Rom und Malta auswanderte
die letzten Häuser und Liegenschaften des Ordens aus die sie noch in großen
Städten unter Anderm auch in der jetzigen Landeshauptstadt besaßen Die
förmlich darüber aufgesetzte Urkunde schickte jedoch Hugo aus Venedig zurück
weil er erklärte es einem Fluche gleichachten zu müssen vom Gute des Ordens
für sich zu stehlen wie es die andern ketzerischen Ritter getan hätten Bis
soweit reichte wie du ja selber weißt die Tradition unserer Familie
Siegbert bestätigte Dies und sagte
Wie oft mögen unsere später auch zum Protestantismus übergegangenen
verarmten und durch sich selbst entadelten Ahnen beklagt haben dass ihrer
Familie ein so starrköpfiger Charakter angehörte der diese wichtige Urkunde
zurückschicken konnte Und wenn sie sich auch fände sie würde uns jetzt nichts
mehr helfen
Diese schwerlich sagte Dankmar Die Erben des vierblätterigen Kreuzes
würden immer sagen
Des vierblätterigen Kreuzes fiel Siegbert befremdet ein
Das Kreuz in seinen vier Enden sagte Dankmar zum staunenden Bruder mit dem
dreiblätterigen Kleeblatt blieb das katholische Symbol Die protestantischen
Johanniter jener Gegend jedoch abweichend vom gewöhnlichen Johanniterkreuze
behielten das Kreuz setzten aber in seine Enden statt drei vier Rundungen die
das vierblätterige Kleeblatt bezeichneten Dieser Zwiespalt währte bis zum
Dreissigjährigen Krieg wo die Ordensbekenner ausstarben und die noch
vorhandenen nicht verteilten Güter des Ordens den aufgesparten und seinen
Angehörigen vorbehaltenen Anteil Hugos von Wildungen Dem ließ der die Macht
hatte sie zu nehmen Merkwürdig dass die Häuser und Besitzungen die die
Urkunde von 1556 an Hugo von Wildungen abtrat bis 1636 in seinem Namen und zu
seinen Gunsten verwaltet wurden Schon damals erhob sich ein Prozess der in Wien
geführt wurde Der Papst hatte eine Bulle ausgestellt der zufolge alle
geistlichen Ritterhöfe protestantischer Lande ausnahmsweise nun wirklich
Eigentum aber nur derjenigen Ritter werden sollten die dem katholischen
Glauben treugeblieben wären Man hatte in Rom gehofft auf diese Art durch das
Privatrecht und dessen locale Geltendmachung sich einen festen Fuß in den
ketzerischen Landen zu erhalten Darauf hin hatte Hugo von Wildungen später
nicht nur seinen ihm an der großen Teilung freiwillig zugestandenen Anteil
sondern den ganzen Vollbesitz des Ritterhofes Angerode erb und eigentümlich
für sich und seine Angehörigen verlangt Der wahre Grund war der
Rückhaltsgedanke das Eigentum bei dem Orden nur solange aufzuheben bis ihm
Gelegenheit geboten würde sich in Zukunft wieder zu sammeln Lieber hob man in
Rom einstweilen ein kanonisches Gelübde auf als dass man dem Protestantismus so
reiche Mittel sich zu kräftigen freiwillig überlassen hätte Wie viel
Feindschaft auch zwischen der Priesterschaft und den geistlichen Ritterorden
waltete in den äußersten Fragen trat die Eine schützend für die Andern ein Wie
oft dacht ich nun Wenn jetzt eine Cession eine Abtretung der Eigentumsrechte
an seine Familie von der Hand des Ritters Hugo existirte wenn man ein Testament
finden könnte das auswiese der fanatische Ritter hätte nicht der Kirche
sondern den Seinigen überlassen was er wenn auch nur für seinen Teil vom
Vermögen des Tempelhofes beanspruchen durfte Wären solche Urkunden da so ließe
sich darauf hin ein juristischer Feldzug eröffnen der
Dankmar unterbrach Siegbert den Bruder Welche Träume Welche Phantasien
Soviel lernt ich schon von dir dass es in dem Rechtsleben Verjährungsfristen
gibt wo keine Klage über eine stehengebliebene Schuld mehr angenommen wird
Wie aber lieber Bruder sagte Dankmar sicher und bedeutsam lächelnd wenn
in dieser Angelegenheit wie im Wallensteinschen und andern noch schwebenden
uralten Processen merkwürdigerweise deshalb nichts verjährt ist weil sie alle
funfzig Jahre wieder aufgenommen wurde und sich in ewigen Protesten die Kommunen
mit den Regierungen über jene Hinterlassenschaft gestritten haben Wie wenn
sogar unser Staat unser jetziges Ministerium mit dem Magistrat dieser Stadt
hier einen Prozess wegen siebzehn alter Tempelhäuser begonnen hat dessen
Zulässigkeit in höchster Instanz längst entschieden ist Endlich Bruder wie
wenn ich dir beweisen könnte dass diese Häuser Doch genug höre was ich
erlebte
Siegbert schob die Reste des Abendimbisses fort und lauschte voll gespannten
aber doch zweifelnden Erstaunens
Als ich nun an jenem Abend begann Dankmar wieder in seine Erzählung
einzulenken in dem Anbau des Tempelhauses im Interesse der Mutter und ihrer
Benutzung dieser Räume mich orientiren wollte entdeckte ich an einigen Stellen
der Wände des Archivs dass durch die Reihe der Jahre hier und da Mörtel
losgesprungen war Mir fiel Dies auf weil es mir vorkam als wenn unter der
oberen Decke die nur leicht überkalkt schien sich noch eine andere befinden
müsste die man nur dürftig überzogen hatte Ich ziehe mein Taschenmesser und
fange zu bröckeln an In der Tat! Es ist unter dem etwa einen Finger dicken
Überwurf noch eine andere geglättete Wand die mir immer deutlicher
entgegentritt jemehr ich den späteren jedoch sehr alten Überputz ablöse Noch
konnte diese Entdeckung auf keinen andern Gedanken führen als den dass man
vielleicht die früher schadhaften Mauern neu hatte herstellen wollen Plötzlich
aber fährt mein Messer in eine Ritze Ich kratze sie weiter auf Es ist ein
förmlicher Spalt Ich trenne noch mehr von der oberen Wand hinweg da wird die
untere ein von Kalk besprjetzter breterner Widerstand Ich arbeite weiter Bald
entdeck ich dass diese Wand gefelgt ist Ich klopfe Es klingt hohl Ich habe
ohne Zweifel einen Schrein vor mir einen in die Mauer gebauten Wandschrank
Jetzt hatt ich keine Ruhe mehr Ich musste gründlicher untersuchen koste was es
wolle Es war Nacht geworden Ich kehrte über den Gang nach der alten
Verbindungstür mit dem Tempelhause zurück Die Mutter schlief schon In der
Küche holt ich mir ein Licht ein Beil und einen kleinen Holztritt So
ausgerüstet kehrte ich an meine Arbeit zurück Bis zwei Uhr in der Nacht hatt
ich daran gearbeitet den oberen Putz des ganzen gewölbten Zimmers
herunterzuschlagen ich selbst und meine Lampe wir erstickten fast im
Kalkstaub den ich nicht zum Fenster hinausleiten mochte sondern wie einen
Dampf durch die Tür auf den Gang und zum Kirchhofe hinausstreichen ließ Für
die erste Nacht begnügte ich mich mit der Entdeckung dass die letzten
wahrscheinlich protestantischen Ritter die das Tempelhaus noch bewohnten ohne
Zweifel vor den Schrecken des Dreissigjährigen Krieges dies Archiv hatten
schützen wollen und über die in die Wände gemauerten Schränke um sie am
sichersten zu verbergen eine ganz neue Wand gezogen hatten Am Tage darauf
setzte ich meine einsame Arbeit fort Niemand hinderte mich auch der Mutter
entdeckt ich nichts Ich kannte ihre Ängstlichkeit und die allgemeine Scheu in
solchen Dingen etwas zu tun ohne gleich der Polizei Anzeige zu machen Die
Benutzung dieser Räume stand ihr ja frei Die Wandschränke der Zimmer die wir
im Tempelhause hatten standen ihr ja auch offen Auch hier fanden sich nun
Wandschränke Was sollt ich zögern sie so gut es ging für unser Bedürfnis zu
öffnen Ohne einen Schlosser war Dies freilich nicht möglich Ich fand
glücklicherweise einen der es ganz in der Ordnung fand dass die Mutter diese
Gelasse nach Bequemlichkeit benutzen wollte Der entfernte Schutt konnte ihn auf
keinen andern Gedanken bringen als dass hier noch einige Repositorien zur
Mahlund Schlachtsteuerverwaltung übriggeblieben waren zu denen denn »wie
gewöhnlich« fügte er hinzu die Actuare den Schlüssel verloren hätten Als der
Schrank geöffnet war und wieder neue Schubläden zeigte die dem Schlosser
aufzuziehen nicht einfallen konnte war ich geborgen Ich entdeckte das
vollständige Archiv der Tempelherren und Johanniter von Angerode seit dem
Übergang der Templerei in den Bruderorden des StJohannes im Jahre 1320 bis zum
Jahre 1636 Alles Das was sich auf die Geschichte des johannitischen
Tempelhofes seit seinem Übertritt zum Protestantismus bezog war
auffallenderweise in einem großen eichenen braungebeizten Schrein vereinigt der
auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz zeigte dessen Enden in
vierblätterige Kleeblätter ausliefen Diesen Schrein nun
Um Gotteswillen rief Siegbert den hast du doch nicht aus dem Amtsgebäude
entfernt
Dankmar wollte antworten aber in diesem Augenblick wurde das Gebell des
Hofhundes das schon seit einigen Minuten wieder begonnen hatte unerträglich
Die Brüder ganz vertieft in ihre Mitteilungen sahen sich um Die Nacht hatte
sich leise mit einem durchsichtigen Sternenkleide herabgesenkt Johanniswürmchen
funkelten schon im Grase Alles war still traulich nächtlich nur der Hofhund
machte einen Lärmen der den gereizten Nerven der Brüder förmlich Schmerz
verursachte
Die Bestie rief Dankmar und wollte schon hinaus um das Tier zur Raison zu
bringen als Katrine die Gartentür aufstiess und herüber schrie
Er kommt
Gott sein Dank rief Dankmar nahm seinen Hut und eilte über alle Beete weg
den kürzesten Weg zum Hofe des Pelikan Siegbert folgte ihm langsamer und
fühlte als umgäbe ihn geisterhafter Spuk nach seinen Taschen Er erstaunte
wie Hackert über das Kreuz an der Kirche in Tempelheide ihn so richtig hatte
aufklären können Am Stil der Kirche musste er sich jetzt sagen fand er dass
sie allerdings nur aus den Zeiten nach der Reformation herrühren konnte Aber zu
der Aufregung des Bruders wusste er nicht ob er sich ihrer freuen oder betrüben
sollte Sie schien ihm zu krankhaft zu unnatürlich an Dankmar ganz ungewohnt
Er kannte ihn nur von seiner klaren und immer helldenkenden Vernunftseite Wenn
ihn zum ersten male hier etwas täuschte wenn er statt nach dem langsam zu
erreichenden Ziele seiner gediegenen Kenntnisse und seiner freimütigen
Gesinnung nach einem Luftphantome griffe Er folgte tief bekümmert dem Bruder
indem er die kleinen Wege einhielt die in dem bescheidenen Gärtchen von den
Beeten bezeichnet waren
Es war fast Nacht geworden Aber im Hofe des Pelikan wurde es lebendiger wie
am Tage Der Hofhund ließ sein Bellen nicht ja einige kleine Kläffer hatten
sich ihm noch zugesellt und führten ein ohrenzerreissendes Konzert auf Woher sie
die Witterung hatten dass der Fuhrmann Peters von Angerode der Eheherr ihrer
jetzigen Herrin Katrine ankam ist schwer zu sagen Nur das elektrisch bewegte
Schalten und Walten Katrinens ihr plötzlicher Aufschrei Er kommt musste ihnen
das Zeichen gegeben haben dass etwas im Werke und Werden war Der dicke
Pelikanwirt schlorrte auch seinerseits insoweit erregt als in diese
Fleischmasse Leben und Bewegung kommen konnte auf und ab Der gute Mann musste
gewohnt sein beherrscht zu werden sonst würde er nach dem Tode der
Pelikanwirtin sich nicht so ganz fremden untergeordneten Menschen in die Arme
geworfen haben Katrine zeigte sich jetzt in der Art wie sie einen Stall und
Hausknecht zur Vorbereitung des Empfangs zurechtwies und eine andere Magd
schalt die die Einfahrt des Torwegs mit Kücheneimern und Besen verstellt
hatte als die eigentliche Herrin des Ganzen die die Umstände dieses Gastauses
klug zu ihrem Vorteil benutzt hatte
Doch war sie heute nicht ganz so froh wie sonst wenn Peters von Angerode
anfuhr
Ich weiß nicht sagte sie ist er so müde oder was hat er dass er auch nicht
einmal mit der Peitsche klatscht Sonst hörte man ihn schon vom
Chausséeeinnehmer her soviel knallte er dass es die ganze Vorstadt wusste der
Peters ist da Und heute es muss wohl das Rad sein Wo solls auch hinaus
wenn man in schlechten Zeiten auch noch die Achse bricht Der Wagen geht ihm
nahe das ganze Geschäft Er weiß dass es nichts mehr taugt und in den Ofen
geschoben werden muss statt in die Remise
Die Erwähnung der Remise brachte sie wieder darauf dass der Hausknecht ihre
Torflügel nicht weit genug geöffnet hätte
Muss man denn überall seine Augen haben polterte sie sich in einen
künstlichen Zorn hinein Wird denn nichts geschafft wenn mans nicht selber
angreift und Jeden mit der Nase darauf stößt Ja ja Musje Siegbert da sehen
Sie dass es in Taldüren nicht allein etwas zu schaffen gab Hier fehlt uns aber
so ein langer Mattes wie auf dem Pfarrhofe der den ganzen Tag wetterte und
die Faulen anhetzte Mattes fluchte den ganzen Tag und wenns der Herr Vater
merkte unds ihm verwies sagte der alte Spitzbube wo soviel gebetet wird Herr
Pfarrer kann auch einmal ein bisschen geflucht werden sonst kommt Eins in den
Himmel zu zeitig
Siegbert freute sich der Erwähnung des alten Mattes aus ihrer Knabenzeit
Dankmar aber hörte nicht mehr darauf so erfüllte ihn Peters Ankunft Er sah in
dem von einigen Lämpchen erhellten Zwielicht der Landstraße den großen Wagen auf
dem schlechten Pflaster langsam herantaumeln Hohl dröhnten die krachenden
großen Räder herauf Er blieb wieder stehen nachdem er dem Wagen einige
Schritte entgegengegangen war Katrine die bald in der Küche bald im Stall
bald auf der Straße war sagte jedesmal wenn sie wieder ausschaute
Ach ach wie ne Schnecke Was wird er müde sein und wie ärgerlich Und er
klatscht nicht Er klatscht nicht Das ist schlimm
Endlich war denn der große mit grauen Leinen überspannte Wagen dicht am
Pelikan Drei schellenbehangene Pferde zogen ihn Peters in blauer Blouse
schritt zur Linken Er hinkte etwas Wie der Fuhrmann beim Schein einer Laterne
Dankmarn erkannte sagte er mit sonderbarem heisern Tone
Dacht mirs Dacht mirs Guten Abend
Ihr habt Unglück gehabt Peters begrüßte ihn Dankmar Doch Alles wohl
verwahrt Sonst keinen Schaden genommen
Jesus schrie auch in diesem Augenblicke seine Frau du hinkst ja Mensch
Du hast Schaden genommen
Guten Abend sagte Peters mit gedämpftem Ton und lenkte die müden Pferde in
den Torweg ein Dem dicken Wirt galt ein zweiter Gruß Doch hätt er ihn bald
an die Wand des engen Torwegs anquetschen können wenn er nicht rasch in die
Wirtsstube retirirt wäre Endlich standen Pferde und Wagen im Hof Katrine
Siegbert Dankmar drängten sich an den Fuhrmann der in dem Augenblicke als er
das Ziel seiner Fahrt erreicht hatte einen Schmerzensschrei ausstösst und
zusammensinkt
Was ist Gott im Himmel Peters so scholl es durcheinander Katrine wirft
sich über ihren Mann Der Wirt zum Pelikan ruft Wasser Siegbert tritt
geängstigt näher Dankmar fasst des in halber Ohnmacht daliegenden Mannes Hand
Was ist Euch Peters Seid Ihr krank Erholt Euch
Ich überlebs nicht stöhnte der von innerer Qual gefolterte Mann ich
überlebs nicht
Aber Peters suchte ihn sein Weib zu beruhigen erkennst du nicht die jungen
Herren Was hast du Ists dein Bein was dich schmerzt Der Wagen ist auf dich
gefallen als das Rad brach Sollen wir Leinen in Wasser tauchen Willst du
nasse Leinen auflegen Sprich nur was um Gotteswillen
Statt aller Antwort schüttelte Peters heftig mit dem Kopf und lehnte mit der
Hand jede Hülfleistung ab
Ich erkenne die Herren wohl begann er endlich als Alles gespannt lauschte
aber vergeben Sies mir Herr Dankmar Gott ist mein Zeuge
Peters rief Dankmar von einer Ahnung ergriffen der Schrein
Ist fort sagte Peters dumpf und seine Gesichtszüge verzogen sich wie das
Lächeln eines Wahnsinnigen
Grimmiger Zorn packte Dankmarn
Mensch schrie er und rannte an den Wagen um das Leintuch abzureissen Er
sah Kisten Fässer Ballen genug Der Schrein ist da Verpackt unter den andern
Du irrst Peters
Fort stöhnte Peters dumpf
Katrine brach in ein lautes Schluchzen aus Die Hunde bellten nicht mehr
Der Pelikanwirt musste sich erschöpft und ermüdet auf einen Futterkasten an dem
Stalle setzen Der Hausknecht löste still die Pferde von der Deichsel und nahm
ihnen die Schellenhalfter ab Müd und wie traurig und mit bösem Gewissen
schlichen die armen Gäule in den Stall Alles stumm im Hofe und fast
gespenstisch
Siegbert der seinen Bruder fürchterlich leiden sah nicht minder wie den
unglücklichen Fuhrmann ergriff endlich das Wort und sagte
Erinnert Ihr Euch auch den Schrein wirklich aufgeladen zu haben
Ha ha war die ganze Antwort
Wo entsinnt Ihr Euch dass Ihr ihn zuerst vermisstet fuhr Siegbert fort
Hinter Hohenberg und Plessen antwortete der Fuhrmann
Auf freiem Feld
Im Dorfe Plessen an der Schmiede
Wo Ihr das Rad herstellen liesset das gebrochen war
Dort
Der Wagen musste abgeladen werden
Das musst er
Ihr wart indes in der Schmiede wo das Rad hergerichtet wurde
Ich lag halbtodt
Armer Mann Man muss Mitleid mit Euch haben Aber der Schrein war meinem
Bruder von Wert Er enthielt Documente von seltener Wichtigkeit Er würde ihn
selbst mit sich geführt haben wenn er nicht noch im Harz Geschäfte gehabt
hätte Er glaubte den Schrein Euch auf die Seele gebunden zu haben
Er wars auch
Aber Ihr wurdet von dem Sturz des Wagens ohnmächtig Ihr wusstet vielleicht
nicht dass man um das Rad herstellen zu können die Last des Wagens erleichtern
musste Man packte ihn ab und als Ihr Euch erholt hattet als das Rad fertig war
und Ihr unterstützt von den Leuten in Plessen weiterfahren konntet vermisstet
Ihr erst das anvertraute Gut
O nein sagte Peters und richtete sich mühsam auf Als ich mich erholte
schalt ich dass man in der Schmiede so schlechte Hebebäume hatte um nicht
einmal einen so leichten Wagen unabgepackt zu lassen Ich fluchte wie man mir
meine Fracht abladen konnte Ich raffte es war in der Dämmerung des Morgens
denn ich fuhr der Hitze wegen in der Nacht ich raffte gleich Alles zusammen
was um die Achse zerstreut herumlag Ich wusste wo der Schrein stand ich hatte
ihn immer im Auge ihn der mir so heilig anvertraut war Ich fasste wohl alle
Stunden an die Leinwand ob ich auch noch das Kreuz auf dem Deckel fühlte Nach
dem fasst ich zuerst Ich find es nicht das Kreuz auf dem Holze ist nicht da
In meiner Ohnmacht hatte man abgeladen Alles auf dem Wege liegen lassen und war
mit dem Rad an die Schmiede gegangen von der mir funfzig Schritte weit das
Unglück passirte O Gott Wie war mir als ich den Schrein nicht fand Noch vor
einer halben Stunde hatte ich das Kreuz gefühlt Um zwei Uhr Nachts fuhr ich
aus Um halb Drei brach das Rad der Wagen stürzte so dass mein Bein gequetscht
wurde Ich schrie auf und rief und jammerte Man kam zur Hilfe Eine halbe
Stunde mocht ich betäubt gelegen haben Nachdem hink ich und sehe mich allein
unter meinen abgeladenen Gütern Der Mond stand noch am Himmel Alles still
Kein Mensch um mich Nur im Schloss Hohenberg oben entdeckt ich helle Fenster
Musik wie von einem Tanz her den sie dort bis an den Morgen hielten und
von der Schmiede hört ich die Hammerschläge Der Morgen graute Ich übersehe
meine Güter Die kalten Umschläge die man dem Bein gegeben hatten ihm gut
getan Ich konnte leidlich gehen Da Mein erster Blick sucht den Schrein ich
find ihn nicht Jesus Es war mir in meiner Betäubung als hätt ich einen Mann
gesehen der ihn forttrug einen Mann in einem Mantel Ich hörte den Schrein
an einem Steine poltern denn er war schwer zu tragen genau gewogen
sechsundvierzig Pfund und ein halbes Ich sag es noch es war kein Traum
geraubt ist der Schrein Gestohlen ist er das schwör ich zu Gott Ich schlug
Lärm rief den Schmied seinen Gesellen Ich will den Schrein sehen Die Leute
waren halb verschlafen hatten kaum gewusst was sie abluden Sie hatten nur auf
mein Jammern und das Winseln meines Hundes gehört
Wo ist Bello rief Katrine jetzt erst fühlend was ihr gefehlt hatte
Bello Bello hat bei dem Sturz ein Bein gebrochen sagte der Fuhrmann
ächzend
Bello ist tot jammerte sein Weib
Wenn ihn der Schmied nicht heilt vielleicht sagte Peters und fuhr mühsam
fort
Das Schreien und Winseln des Tieres weckte den Schmied ich lag in
Ohnmacht Bello blieb beim Wagen und winselte Ich hörte ihn in meinem Zustand
als man mir die Umschläge machte Ich frug ihn den Bello ja den Hund als ich
erwachte nach dem Schrein Das Tier verstand mich und heulte und winselte und
hörte nicht auf zu bellen Aber es hatte den Dieb nicht festhalten mich nicht
wecken können Da lag ich elend da lag mein treues Tier zerstreut meine
Fracht und ein Räuber umschlich uns der ich schwörs uns bestohlen hat
Sich aussprechen und sein Unglück erzählen können schien den Fuhrmann etwas
zu erleichtern Nach einer Weile fuhr er während Dankmar starr brütend zuhörte
fort
Das Dorf Plessen liegt am Fuße des Schlosses Hohenberg Mit meinem hinkenden
Beine schleppte ich mich an alle Türen und rief den ganzen Ort wach Es war
vier Uhr Oben auf dem Schloss erloschen allmälig die Lichter Einzelne Wagen
fuhren herunter Man hatte ein Fest gefeiert das nun zu Ende war Jeden Wagen
hielt ich an und fragte nach meinem verlorenen Gute Die geputzten Gäste lachten
mich aus und antworteten ich sollte sie schlafen lassen Den Ortsvorstand holt
ich aus dem Bett Ich verlangte dass der Schmied und sein Gesell festgenommen
würden und doch kannt ich Beide als ehrliche Leute seit Jahren und ich
schämte mich sie für Diebe zu halten Auch ließ ich sie frei und bei meinem
Rade Der Schmied ist blind sein Sohn taub Die sind ehrlich Aber das ganze
Dorf bot ich auf und gesucht wurde überall hinter jedem Strauch in jedem
Graben aber der Schrein blieb verloren Gott weiß es in welches Teufels Hand
er gekommen Was sollt ich tun Das Rad war hergestellt der Wagen fertig
mein Hund blieb beim Schmied der ihn heilen will O Gott Was sollt ich tun
Der Ortsvorstand versprach mir auf Ehr und Seligkeit Alles anzustellen um den
Gaunerstreich zu entdecken Meine Lieferungszeit für die Güter ist auf Tag und
Stunde berechnet Ich musste fort Die Tiere zogen den Wagen und mich Gehen
könnt ich wenig ich hinkte Da bin ich nun Herr Machen Sie mit mir was Sie
wollen Der Schrein ist gestohlen
Nach einigem Bedenken sah Dankmar nach seiner Taschenuhr Es war halb Zehn
Wie weit ists bis Hohenberg und Plessen fragte er rasch
Wir rechnen vierzehn Meilen Es sind dreizehn ein halb sagte Peters
Bin ich mit einem Einspänner morgen Mittag da fragte Dankmar weiter
Bis morgen Abend wenns ein guter Gaul ist und Sie ihm dann und wann einige
Ruhe gönnen
Herr Wirt sagte Dankmar ich sah in Ihrer Remise einen Einspänner stehen
Pferde haben Sie im Stall Wollen Sie für mich einspannen lassen In zwei drei
Tagen bin ich wieder da
Bruder fiel Siegbert erschrocken ein ist dir der Verlust denn wirklich
soviel wert dass es dir an einem Aufruf in den Zeitungen und einer Anzeige an
die dortige Behörde nicht genügt
Ich bitte dich erwiderte Dankmar mit großer Bestimmtheit Mache gegen ein
Unternehmen keine Einwendung das mit meinen künftig wichtigsten Lebensplanen in
zu naher Verbindung steht Es ist ja nicht um diesen Schrein es ist nicht um
diesen zeitlichen Gewinn es ist um etwas Höheres das in mein und dein ganzes
Leben eingreifen soll
Damit trat er näher und flüsterte dem Bruder halblaut zu
Siegbert hast du Geld bei dir so gib Oder meinst du dass der Wirt uns
zwanzig Taler vorschiesst Du schickst sie ihm morgen wieder
Siegbert schien der Säckelmeister der Brüder zu sein Er verwaltete das
höchst schwierige Amt zwei jungen Männern die noch keine sichere
Lebensstellung hatten soviel Hilfsmittel durch weise Ökonomie beisammen zu
halten dass sie immer mit leidlichem Anstand in der Welt bestehen konnten
Er murmelte einige sonderbare Worte die wie ein keineswegs günstiger
Kassenüberschlag klangen
Die Reise nach Angerode hat Geld gekostet sagte Dankmar ungeduldig
Und mein Bild ist noch nicht verkauft fiel Siegbert in jenem murmelnden
bedenklichen Tone ein der auf eine augenblickliche finanzielle Ebbe zu deuten
schien
Aber was machen wir uns denn für Sorge fuhr Dankmar plötzlich auf Du hast
ja hundert Taler bei dir
Ich hundert Taler Was fällt dir ein
Wozu die Bedenklichkeiten Der Rotkopf ist ein Kapitalist der mit unsern
Zinsen zufrieden ist Sahst du denn nicht dass er uns ein Zwangsdarlehen
aufdrängte Gib nur her Zwanzig Taler genügen Für das Übrige wird unser
Schutzgeist sorgen
Siegbert fast voll Entrüstung zögerte Es ist Unrecht von dir mich in
solche Versuchungen zu führen sagte er dein abenteuerlicher mir jetzt noch
lächerlicher Schrein Ich verstehe dein archivalisches Unglück gar nicht kann
deine finanzielle Ungeduld gar nicht schätzen Was weiß ich denn was hier
so Wichtiges auf dem Spiele steht Ich will nicht sagen dass ich er lenkte
dabei freundlicher ein zu Hause aus unserm Staatsschatze diese zwanzig Taler
nicht wieder ergänzen könnte
Das kannst du rief Dankmar So günstig steht die Bilanz der Gebrüder
Wildungen Und da quälst du mich mit einer Miene die aussieht wie ein
österreichischer Bankbericht Her das Packet Zwanzig von hundert bleiben
achtzig Wir sollten geizen wir die wir Pferde an Landstreicher verschenken
classische Bilder malen ohne sie zu verkaufen wir die wir eine Anstellung im
Staate so lange verachten bis sich der Staat gebessert hat und würdig zeigt
einem Mann von Grundsätzen jährlich achtzehnhundert Taler Gehalt zu geben wir
die wir die arrangirtesten jungen Weltverbesserer sind die nur jemals das Wort
Kredit und das Geld überhaupt verachtet haben
Solchem Humor konnte Siegbert nicht widerstehen Er trat hinter den großen
Packwagen griff in die Tasche löste das Packet und zählte dem Bruder soviel
Scheine ab als er gewünscht hatte Währenddem wurde schon die kleine Kalesche
aus der Remise gezogen die Stalllaterne leuchtete einem Pferde voraus das
langsam mit gebücktem Halse über den Hof schlich in die Gabel des Wägelchens
vom Hausknecht eingeschoben und angeschirrt wurde Katrine und Peters waren
inzwischen verschwunden
Und nun wer fährt Sie jetzt fragte der Pelikanwirt der mit
Gutmütigkeit an Dankmars Verlust den innigsten Anteil nahm
Ich selbst Ich selbst Nur die Peitsche her
O Das nicht Herr Das macht Sie müd und mat Kaspar da mein Knecht geht
mit Die Peitsche geholt Kaspar Die Decke auf den Bock Sapperlot schläft der
Kerl schon um die zehnte Stunde im Gehen Hört und sieht nicht was um ihn
vorgeht Kaspar
Schon wollte sich Kaspar aufgerüttelt von seinem Herrn der in fremder
Ermüdung nur seine eigene vertuschen wollte anschicken dem Befehle zu folgen
als aus der Dunkelheit eine Stimme ertönte und die Worte vernehmbar wurden
Wecken Sie doch den Kaspar nicht aus seinen süßen Träumen Herr Wirt Er
sehnt sich sehen Sie nur nach einem tiefen Chausseegraben in den er den Herrn
hineinfahren wird Wenn Sie erlauben meine Herren mach ich mir das Vergnügen
und
Der Sprecher brach ab und trat vor Es war Hackert Die Stalllaterne
beleuchtete seine magere Gestalt und gab ihr im Zwielicht ein unheimliches
verwittertes Aussehen Er hatte die Hände in den Beinkleidertaschen als fröstle
ihn Das Halstuch hing über dem zugeknöpften Frack herab in langen losen
Zipfeln
Sind Sie schon wieder da fragte Dankmar erstaunt während Siegbert in eine
unbeschreibliche fast komische Angst geriet Er gedachte wie es nun werden
sollte wenn der sonderbare Fremde jetzt sein veruntreutes Pfand wieder
verlangte
Ich habe den Levi auf Ihren nächsten Händedruck vertröstet sagte Hackert
Jude bleibt doch Jude und wenn er auch Sporen an den Stiefeln trägt Der alte
Schimmel der unter Rosstäuschern groß geworden ist und mehr Hengste gewallacht
hat als mancher Beschnittene Dukaten wallacht ist mein Freund nicht Er meinte
es hat gute Wege
Und war doch froh dass er sein Pferd wieder bekam entgegnete Dankmar
forschend und wiederum zu Siegbert hinüberlugend der vor Schreck über diese
rasche Wiederkehr Hackerts fast sprachlos geworden war
Die Mähre lässt sichs schmecken als wenn sie ein Wettrennen mitgemacht
hätte Sie sehen übrigens dass ich mit Pferden umzugehen verstehe Wenns Ihnen
recht ist fahr ich Sie nach Hohenberg und helf Ihnen die Kiste mit dem Kreuz
suchen Sehen Sie Herr Maler da hinten ich bin curios ob das ein dreioder
ein vierblätteriges Kreuz sein wird Gleichviel wenn wir das Ding nur
wiederfinden
Dankmar horchte hoch auf Siegbert erzählte dem Bruder in wenig Worten dass
er die Bemerkung über ein ähnliches Kreuz an der Kirche zu Tempelheide diesem
gefälligen Herrn Hackert verdanke
Hackert Ganz Recht Das ist mein Name sagte dieser und ich denke ich
fahre Sie nach Hohenberg Wir treffen dort Gesellschaft Lasally und seine
Jokeis sind dort sonst freilich
Sonst wiederholte Dankmar als Hackert stockte
Sonst sagte Hackert und griff nach der Peitsche die Kaspar geholt hatte
Mit einer Bewegung der Arme holte er aus und knallte Er schien die Antwort
vermeiden zu wollen
Kaspar und der Pelikanwirt schienen wenig Vertrauen zu dem aufdringlichen
Mann zu haben und brummten vor sich her Siegbert kämpfte wieder mit dem Gefühl
dass Hackert doch wohl ein zweideutiger ihres Vertrauens unwürdiger Mensch wäre
und bangte vor dem Gedanken den geliebten Bruder mit einem im Feld
herumschleichenden Tagediebe einem abgesetzten Schreiber allein zu lassen
Allein Dankmar der vom Bruder besorgen musste dass er um nur den Antrag
Hackerts ablehnen zu können die ihm eben zugezählte Summe von zwanzig Talern
zurückfodern würde schnitt alle weitern Verhandlungen mit den Worten ab
Steigen Sie auf wenns Ihr Ernst ist Machen wir nun vorwärts
Gut denn Es ist mein völliger Ernst Aber wenn ich nun bitten dürfte
dabei hatte ihn Dankmar schon auf den Bock gehoben Der Wirt warf die Decke
und einen alten Mantel nach
Erlauben Sie aber noch sagte Hackert sich zu Siegbert umwendend erlauben
Sie nur noch zur Reise braucht man Geld darf ich um mein Pfand bitten
Ihr Pfand behält mein Bruder sagte Dankmar rasch entschlossen Wer verbürgt
mir dass Sie den Gaul richtig abgeliefert haben
Henker Was rief Hackert und richtete sich auf dem Bocke hoch auf Sie
wollten
Aber in demselben Augenblicke schlug Dankmar mit der Peitsche schon auf das
Tier ein rief Allez und ohne weitern Abschied zu nehmen jagte er aus dem
Torweg hinaus schwenkte rechts um und hielt Hackerten der immer schrie Halt
halt Lassen Sie mich auf dem Bocke fest wie Einen den man mit Gewalt
entführt So flogen sie von dannen
Siegbert wusste nicht wie ihm dabei geschah Es schien ihm bald als wenn
Hackert wie er das Pferd entwendet hätte so vielleicht auch Absichten auf das
Fuhrwerk hegte Bald schlug er sich wieder an die Stirn über die Gefahr in die
er seinen Bruder sich stürzen sah Zuletzt musste er lachen wenn er bedachte
mit welcher Geistesgegenwart Dankmar plötzlich alle Verlegenheiten über die
Rückgabe der hundert Taler abgebrochen hatte Ein Eingeständnis an Hackert dass
man von ihm das im Augenblicke so nötige Reisegeld hätte borgen müssen wär
ihm zu peinlich gewesen Ihm schwindelte wenn er bedachte wie fast gewaltsam
der Zufall heute diesen Fremden in sein Leben gedrängt hatte und nun war er
mit dem Bruder unterwegs Der Wagen rasselte noch eine Weile Dann keine Spur
mehr
Wer ist der Mensch fragte der Pelikanwirt Als Siegbert schwieg
bestätigte Kaspar dass er während Peters Erzählung in den Hof hineingetreten
wäre und zugehört hätte Siegbert besann sich dass er dem Bruder die zwanzig
Taler glücklicherweise hinter dem großen Frachtwagen also von Hackert
ungesehen zugezählt hatte Erst wieder von da hervortretend wurden sie von ihm
angeredet
Zu dem Allem kam noch Katrine weinend über das Elend ihres Mannes Er hatte
ihr die sämtlichen Declarationen seiner Fracht eingehändigt und sich wie ein
Sterbender ins Bett geworfen mit den Worten Mach du nun Alles ab ich werde wohl
recht lange krank liegen Von da an hätt er nichts mehr hören und sehen auch
nichts mehr genießen mögen Siegbert versagte der weinenden Frau nichts von
seiner Teilnahme bezahlte seine Schuld und versprach ihr und dem Pelikanwirt
aus der Stadt sogleich einen Arzt zu schicken
Er ging und zuerst zu dem nächsten Arzte den ihm der Pelikanwirt
bezeichnet hatte Dann aber trieb es ihn in die Lasallysche Reitbahn um zu
hören ob Hackert wirklich das Pferd abgeliefert
Im Gewühl der Stadt angekommen hörte und sah er nichts von den Menschen
die an ihm spät Abends noch vorüberstreiften so erfüllt war er von Angst und
Schrecken über die ferneren Begegnisse seines Bruders der ihm einem Phantome
nachzujagen schien für das ihm jede reelle Anknüpfung fehlte Nur der eine
Gedanke wurde ihm in diesem Tumulte zuletzt licht und klar der ihm heimlich und
geisterhaft zuflüsterte
Man tanzt in Hohenberg bis tief in die Nacht Dankmar wird Melanie sehen
Melanie unter geputzten Gästen Melanie die Schönste der Sylphiden die im
Mondenschein schlüpfen Melanie in Hohenberg umschwärmt von Lasally und den
jungen Stutzern der Residenz die ihr zudringlich genug aufs Land gefolgt sind
Melanie der bezaubernde Mittelpunkt einer in ihrem Anschauen schwelgenden
Gesellschaft Die Geigen tönen die Säle sind erleuchtet die Blumendüfte
einer schönen reizenden Natur dringen durch die geöffneten Fenster die Sterne
funkeln der Mond flimmert Melanie und mein Bruder in Hohenberg
Da bemerkte Siegbert dass er schon auf der Ottokarstrasse war in welcher die
geschmackvoll angelegte Reitschule des jungen stadtbekannten Lasally lag Es
schlug zehn Uhr als er heftig die Glocke des großen Torwegs zog
Fünftes Kapitel
Der Heidekrug
Dämmerung umhüllte die kleinen tempelheider Anhöhen An einem linden Hauch aus
Westen erfrischten die Bäume am Wege ihr bestäubtes Laub Leichte Wölkchen die
sich am Rande des tiefblauen Horizonts vor die blitzenden Sterne legten
verhiessen vielleicht für den Morgen einen erquickenden Regen dessen die Natur
so bedürftig war Von der großen Stadt her die fern im Tale abwärts noch wie
ein Lichtmeer wogte schlugen die Turmuhren die zehnte Stunde Deutlich trug
der Westwind Schlag auf Schlag herüber zu dem einsamen Fuhrwerk das der aus dem
Schlaf geweckte Gaul des Pelikanwirtes noch ziemlich langsam zog denn auch der
Weg ging jetzt steil aufwärts
Den beiden Passagieren die wohl fühlten dass ihnen vor allen Dingen
Verständigung nottat kam dieser mäßige Schritt zustatten Dankmar drückte
sich in die Rückwand des kleinen Wagens Hackert führte auf dem Vordersitze die
Peitsche Beide schienen ernstlich zu überlegen wie sie so plötzlich in diese
nahe Verbindung gekommen waren Dankmar der außer der nächsten Unbequemlichkeit
einer zweideutigen an ihn geketteten Bekanntschaft noch die viel größere Last
des Verlustes seiner wertvollen Papiere zu tragen hatte entschloss sich um
Raum zur Erwägung seines plötzlichen Reisezwecks zu gewinnen und ungestört über
die Wege nachdenken zu können die er zur Wiedererlangung seines Schatzes würde
einschlagen müssen lieber vorerst das nächste Unbehagen abzuschütteln und sich
soweit es bei der zweifelhaften Ehrlichkeit seines Vordermannes möglich war
über diese wunderliche aufdringliche Begegnung zu verständigen So begann er
denn kurz vor Tempelheide als sie langsamer die Höhe hinauffuhren
Jene Kirche da hat Sie mit meinem Bruder bekanntgemacht
Hackert antwortete nicht
Sie haben ihm Aufschlüsse über eine gewisse Gattung protestantischer
Johanniterkreuze gegeben fuhr Dankmar fort
Das Korn der blinden Henne war Alles was Hackert kurzab antwortete
Damit war die erste Annäherung schon wieder abgebrochen
Dankmar kopfschüttelnd sah zur Kirche zum Parke zum Schloss des alten
Präsidenten hinüber Tiefe Stille nächtliches friedliches Walten
Eben wollte er wieder eine abgerissene Bemerkung an Hackert richten als von
dem düstern Parke her die Töne einer wahrscheinlich dort aufgehängten Äolsharfe
erklangen
Es war ein zauberhafter Accord der der schweigsamen Nacht eine geisterhafte
Feierlichkeit die Stimmung einer wehmütigen Melancholie gab
Die Anhöhe ging steil Dankmar konnte den weichen Tönen aufmerksam lauschen
und einige noch helle Fenster des kleinen Schlosses länger im Auge behalten Es
war ihm als bemerkte er an diesen Fenstern eine weibliche Gestalt die sicher
wie er aber ohne Zweifel mit unendlich ruhigern und mildern Gefühlen dem
sanften melodischen Gesäusel des Parkes lauschte
Hackert erkannte die Dame die Siegbert Wildungen den labenden Trunk
geschickt hatte Für die Äolsharfe für den träumerischen Blick jener wie es
schien leidenden und tieftrauernden Frau zu den Sternen empor hatte er keine
Empfindung Er schien in völlige Apathie oder in tiefes nachdenkliches Grübeln
versunken
Die nächtlich stille Szene verklärt von den Sternen und dem klagenden
Luftauche vom düstern Parke her wurde oben von einem heftigen tierischen
Gekrächze gestört das die Accorde der Äolsharfe übertönte Dankmar besann sich
Er wusste dass der oberste Chef aller Justizcollegien ein großer Freund der
Tierseele war und sich in Studien über die Temperamente Instincte und
Angewöhnungen wilder und zahmer Bestien einen Namen erworben hatte Er sah noch
dass die weibliche Erscheinung wohl auch erschreckt durch die Störung ihrer
stillen Abendandacht vom Fenster verschwand und fuhr jetzt bergab verfolgt
von einem wirren Durcheinander der wie es schien durch Hackerts Peitsche
wachgewordenen Menagerie des alten Präsidenten Ein düsterer Tannenwald nahm
bald das kleine Fuhrwerk auf
Wie Dankmar seinen Vordermann so schweigsam und stillergeben in seine
Kutscherrolle fand rückte er zur weitern Verständigung mit der aufrichtigen
Erklärung heraus
Sagen Sie mir aber bei dieser Gelegenheit bester Freund für was halte ich
Sie Sind Sie Kavalier oder eine Art Kommissionair
Sie staunen über meine resolute Art Geschäfte zu machen sagte Hackert
ohne sich umzuwenden
Allerdings Sie reiten mir ein Pferd in den Stall Sie bieten sich mir als
Kutscher an Ich überlege wieviel ich Ihnen für diese Expedition nach dem
Schloss Hohenberg zu bezahlen habe
Bieten Sie sagte Hackert fast höhnisch
Bieten Sie wiederholte sich Dankmar Gut dachte er wir wollen bieten
Drei Taler bester Freund Ich rechne dabei noch die Mühe für das
hoffentlich abgelieferte Pferd
Wie Dankmar hierauf gespannt die Erwiderung abwartete hielt Hackert
plötzlich still legte die Peitsche neben sich hin und wendete sich mit
verdächtiger Miene rückwärts
Nun sprang Dankmar auf und maß seinen Vordermann dessen Benehmen in diesem
düstern Tannenwalde sonderbar genug aussah
Das Pferd hab ich geritten sagte Hackert ergrimmt weil ichs gern tat
und weil Ihr Bruder mir Freundlichkeiten erwies ohne mich zu kennen Ich habs
getan aus noch einem andern Grunde den Sie künftig einmal hören sollen wenn
wir uns besser verstehen als es bisjetzt den Anschein hat Zum Fahren nach
Hohenberg erbot ich mich weil ich in Hohenberg zu tun habe Ein Kutscher bin
ich nicht fahre auch jetzt keinen Schritt weiter wenn Sie mir hier nicht auf
der Stelle gestatten neben Ihnen zu sitzen In Hohenberg aber fahren Sie ich
steige dort aus oder bin gleichsam Ihr Freund verstehen Sie Nicht um hundert
Taler fahre ich Sie in Hohenberg
Damit wollte er über die Lehne springen und an Dankmars Seite sich setzen
Halt da sagte dieser und wehrte dem Beginnen mit Entschlossenheit
Sie als Freund anzuerkennen hab ich keine Veranlassung erklärte er
Behagt es Ihnen nicht vor mir zu sitzen so sind wir noch nahe genug am
Pelikan dass Sie umkehren können
Hackerts Antlitz verzog sich zu einem bitter grimmigen Lächeln Der
innerlich in ihm tobende Zorn gab ihm etwas Grinsendes Er fühlte dass er seinen
Mann gefunden hatte und blieb niedergedrückt von dem viel stärkeren Dankmar
auf seinem alten Platze
Also welches waren die Bedingungen sagte Dankmar Wir wollen eine nach der
andern prüfen und zugestehen was den Umständen angemessen ist
Hackert dachte jetzt auf andere Art das Gleichgewicht herzustellen Er
streckte sich nachlässig auf dem Kutscherbock zog eine Zigarre aus einem schön
gestickten einst gewiss farbig frischen jetzt etwas abgetragenen Etui zündete
sie an einem portativen Streichfeuerzeuge an und blies die Wolken vor sich
hinaus als verachtete er Den der ihn mit Gewalt in eine niedrige Stellung
hinabdrücken wollte
Also welches waren die Bedingungen wiederholte Dankmar Erstens Sie sitzen
vor mir Zweitens
Hackert blieb ruhig und rauchte
Zweitens fuhr Dankmar fort bei Hohenberg ergreife ich Peitsche und Zügel
Zugestanden in dem Falle dass Sie aussteigen und mir die Gnade nicht abschlagen
dann drei Taler für Ihre Dienste anzunehmen
Hol Sie der Teufel rief Hackert lachend hieb wild auf den Gaul ein und
klatschte mit der Peitsche so übermütig dass es laut durch den stillen Wald
widerhallte
Dankmar schwieg Er hatte einen Anmassenden züchtigen einen Verdächtigen in
die notwendigen Schranken zurückweisen wollen Den ihm von Pelikanwirt
geborgten Mantel über die Füße schlagend gab er sich nun mit ganzer Seele der
Überlegung alles Dessen hin was er anordnen wollte um wieder zu seinem
verlorenen Gute zu kommen Dass ihm dieser Unfall begegnen konnte mitten in dem
Gedränge der Hoffnungen die sich ihm an die Angeroder Entdeckung knüpften
erfüllte ihn fast mit Groll gegen die Launen des Geschicks Er sah sich nicht
etwa gestört in dem Genuße von Reichtümern die ihm seine Entdeckung gewinnen
konnte er hatte diese Träume so entschieden abgelehnt dass wir seinem ehrlichen
Worte glauben dürfen es erfüllten ihn andere uns noch dunkle Vorstellungen
Vielleicht begeisterte ihn nur der juristische Kampf um die Geltendmachung
seiner Ansprüche Vielleicht spornte ihn die Vorstellung Du trittst jetzt mit
einem verjährt scheinenden Rechte auf weckst vergangene Misbräuche aus dem
Moder der Schreibstuben kämpfst gegen Besitztümer die sich vielleicht in
ihrer Begründung unendlich sicher dünken Vielleicht verglich er die Zeit selbst
mit seinem persönlichen Interesse Dankmar war Jurist und Politiker Sein Vater
ein denkender ernster Beobachter hatte früh in dieses Kindes Talenten die
Fertigkeit der Rede die schnelle Auffassung den unverwüstlichen Trieb der
Gerechtigkeit erkannt und Dankmar dem vielleicht ein anderer Beruf
augenblicklich lieber gewesen wäre musste sich doch später sagen dass die
Bestimmung des Vaters einer tiefen Beobachtung entsprungen und eine richtige
war Man rühmte allgemein seine juristischen Deductionen Nur zur rein
formelhaften Erfassung des Rechts konnte er sich nicht abtödten Ein Unrecht
verteidigen das Recht suchen je nach der spielenden Beleuchtung scheinbarer
Rechtssätze und zweideutiger Gesetzesstellen war ihm auf die Länge unmöglich
Deshalb auch währte die Begründung einer festen Stellung für ihn länger als bei
manchem geringeren Talente Er hatte schon seit fünf Jahren die Universität
verlassen alle Prüfungen bestanden war vor den Gerichten wie in der
Gesellschaft wohlgekannt und seines Freimuts wegen gefürchtet von der jüngeren
Frauenwelt seines männlichen Äußeren fröhlichen Humors und seiner ritterlichen
Galanterie wegen ebenso geschätzt wie sein sanfterer Bruder von der älteren
Frauenwelt aber zu einem ergiebigen Anhalt an Ämter und Würden hatte er es noch
nicht gebracht Nur hier und da flossen ihm zuweilen in Diäten die Mittel zu
die ihm erlaubten seinen Anteil an dem hinterlassenen kleinen väterlichen
Vermögen zum größten Teile noch der Mutter anheimzustellen Die Urkunden die
ihn vielleicht als den rechtmäßigen Erben eines vermoderten Hugo von Wildungen
erwiesen verwandelten sich in seiner Phantasie keineswegs in die Millionen von
denen er dem Bruder gesprochen Er wusste dass der Staat in diesem Augenblicke
Alles daransetzte jene allerdings seit Jahrhunderten offene Erbschaftsfrage in
seinem Interesse zu lösen und die städtischen Besitzungen dem Fiscus zu
gewinnen Ihn reizte nur die Teilnahme an diesem Kampfe Er wollte dem feudalen
Staate zeigen wie sich seine Anmassungen in den Angeln eines Erbrechts bewegten
das zuletzt jedem Andern ebenso gut zustattenkommen könne wie einem Fürsten Er
knüpfte an diesen Prozess nur seine Wissenschaft seine Kunst und die auf ihr
sich gründende Zukunft seines Berufs für den er ebenso viel Ehrgeiz besaß wie
sein Bruder für die Malerkunst Und nun sollten diese Träume an dem
misgünstigsten Zufall der einen einsamen auf der Landstraße preisgegebenen
Frachtwagen treffen konnte scheitern Er sah den Schrein erbrochen die
wertvollen Papiere zerstreut zu gewöhnlichen Zwecken gedankenlos misbraucht
ja vielleicht gar in den Händen der beiden Parteien denen vor allen der Besitz
dieser uralten glücklich aufgefundenen Verschreibungen zu entziehen war Er
verfiel in tiefes unmutiges Sinnen
Wenn Sie darüber nachdenken fing Hackert jetzt der sich in sein Schicksal
ergab von selbst an wie Sie zu Ihrem Verluste wiederkommen können so rechnen
Sie dabei nur nicht auf die hohenberger Justiz Mit der siehts nicht zum besten
aus
Dankmar bemerkte
Sind Sie in Hohenberg bekannt
Bekannt eben nicht antwortete Hackert schlechte Justiz merkt man nie so
gut in der Nähe wie in der Ferne Den dortigen Patrimonialrichter kenne ich
aber Er war oft in der Residenz Er soll nun in die ordentlichen Gerichte
aufgenommen werden und handelt noch mit der Regierung über seinen künftigen
Titel Fürstlich hohenbergischer Justizdirector hieß er und möchte den langen
Schwanz nicht gern aufgeben wenigstens seine Frau nicht wenn auch die Stellung
draufgehen wird
Wir treffen also ein Patrimonialgericht sagte Dankmar Das ist mir für
unsern Fall erwünscht Es geht da mit einem Processe kurz und bündig zu
Ja ja antwortete Hackert die Hohenberger haben gleich ihren Turm drei
Klafter tief bei der Hand Der Turm ist Inquisitoriat Spinn Zuchthaus
Festung Alles in einem Loche Nach den allgemeinen vaterländischen Zuchtäusern
schicken nämlich die Patrimonialrichter nicht gern das wissen Sie wohl Da
müssten sie ja ans nächste Landesgericht referiren das gibt Schreiberei
Untersuchung da werden von oben her Nasen über schlechte Proceduren
ausgeteilt und so kann Einer einen Mord anstiften stehlen einbrechen falsch
schwören und so lustig fort der Herr Justizdirector findet immer soviel
mildernde Umstände dass der Mörder mit einem halben Jahre Localhaft davonkommt
und die Regierungsjustiz nicht genirt wird Ein halbes Jahr länger darf der
Fürst von Hohenberg Keinen strafen sonst muss der Spectakel gleich an das
allgemeine Landgericht
Dankmar empfand jetzt fast Reue über die entschiedene Art wie er Hackert
entgegengetreten war Er sprach da so kundig über Rechtsverhältnisse dass fast
ein collegialisches Gefühl in ihm auftauchte Um Hackerts zurückgekehrte gute
Laune im Zuge zu erhalten sagte er
Ihre Schilderung ist nicht übel Apropos Sie erwähnen den Fürsten von
Hohenberg Wissen Sie etwas von ihm Ich wunderte mich was mein verdammter
Fuhrmann von einem Balle auf dem Schloss fabelte Der alte Fürst Waldemar von
Hohenberg ist tot Der junge Prinz Egon ist ja wohl verschollen
Prinz Egon sagte Hackert der über diese Verhältnisse allseitig
unterrichtet schien Prinz Egon ist in Paris oder sonstwo und kommt schwerlich
mehr nach Hohenberg zurück Wenn die Herrschaft nicht zu Hause ist halten Hunde
und Katzen Hof In Hohenberg auch die Füchse und Wölfe und Blutegel Die drei
Hauptcreditoren der fürstlichen Masse sind vor ein paar Tagen hinaus mit Kind
und Kegel um Luftbäder zu nehmen Justizrat Schlurck isst gern Forellen frisch
aus dem Murmelbach wie die Frau Justizdirectorin sagt die Schlurcks schwache
Seiten kennt
Hat denn Schlurck die Curatel auch über die Hohenbergsche Masse fragte
Dankmar der den Namen des gefeierten und vielgesuchten Advokaten Franz Schlurck
sehr wohl kannte
Wo hätte Franz Schlurck nicht seine Finger im Spiel war Hackerts
scharfbetonte Antwort Seit dem Tode des Fürsten von Hohenberg geht dort Alles
durch seine Hand bei Lebzeiten des Fürsten war er schon Administrator Es ist
prächtig Das mit so einer Administration Die Gläubiger jagen den Besitzer von
Haus und Hof setzen einen Verwalter über die verschuldeten Häuser und Güter
lassen Den den Rahm oben abschöpfen und nehmen Das was zuletzt von dem Spasse
übrigbleibt als Abschlag für die Zeit wos besser wird Alle Jahre feiern sie
eine allerliebste Assemblée die sie die Besprechung der MasseKreditoren
nennen Man rechnet erst man schimpft man droht man lärmt aber Abends ist
Ball Versöhnung Händedruck und wohl auch »Gänschen du liebes Gänschen was
rasselt im Stroh«
Die letzten Worte sang Hackert mit frivolem Ausdrucke und nach bekannter
volkstümlicher Melodie
Dankmar fühlte zwar dass Hackert aus seinem Schreiberamte eine vielfach
unterhaltende Bekanntschaft mit allerhand Privatändeln sich erworben hatte
mochte ihm aber doch um seine eigenen Angelegenheiten bewegt in den innern
Zusammenhang seiner Ansichten und Empfindungen nicht zu weit folgen Er begnügte
sich auf alle diese Mitteilungen vorerst zu schweigen Auf die Länge die Uhr
einer Dorfkirche schlug die zwölfte Stunde fühlte er eine Anwandlung von
Schlaf Wirklich sah er auch nur mit halbwachem Bewusstsein dass sie in ein
stilles Örtchen kamen wo nicht einmal das Bellen eines Hundes sich hören ließ
Ein Brunnen plätscherte laut vor einem Hause das vielleicht eine Herberge war
Dankmar sah notdürftig dass Hackert abstieg den Gaul bei Seite und an den
Brunnen führte Hackert nahm ihm die Halfter ab und ließ ihn an den Rand des
Wassers dabei langte er ein Stück Brot aus der hinteren Rocktasche und teilte
mit dem Gaul Ein großes Messer das er aufklappte schnitt bald für das Tier
bald für ihn einen Bissen ab Auch in das Wasserbecken des Brunnens beugte sich
Hackert trank wie der Gaul und klopfte dann die Tropfen ab die ihm dabei auf
Halstuch und Weste gefallen sein mochten An diesen sorgsamen Verrichtungen
hatte Dankmar durch die müden Augen blinzelnd seine Freude Sie gaben ihm so
sehr das Gefühl der Sicherheit dass er ohne gerade Neigung für seinen
Vordermann zu gewinnen ihm doch volleres Vertrauen zu schenken anfing und den
Schlummer immermehr über sich Herr werden ließ
Doch schlief er nicht so fest um nicht zuweilen aufgerüttelt von dem
inzwischen wieder weiterrollenden Wagen seinen Gedanken klarer nachzuhängen
Wie man so oft an sich erfährt dass jede im ersten Sturme ergriffene
Unternehmung nicht immer standhält wenn die zu ihrer Ausführung notwendige
Zeit langsam schleichend an uns vorüberzieht so übermannte auch Dankmarn bald
das Gefühl der Ergebung in Das was das Schicksal über seinen Verlust nun würde
bestimmt haben Er konnte sich ausmalen welche Freude ihm das Wiederfinden des
Schreines bereiten würde aber ebensosehr rüstete er sich auch schon auf die
Gewissheit dass er all den Plänen die er an jene Entdeckung im Archivsaale des
alten Tempelhauses geknüpft hatte entsagen müsste Er warf diese Tatsache wie
so viele andere denen der Erfolg fehlte in jenes große weite Meer auf dem
schon so viel Hoffen untergegangen so viele Träume gescheitert sind Und das
Gefühl einer gewissen Leere übermannte ihn so gewaltig die Gleichgültigkeit
gegen jedes Geschick überschlich ihn mit der schwindenden Kraft des jungen
schlafgewohnten Körpers so unwiderstehlich dass er nach einiger Zeit sich
aufraffend den mit großen gespenstisch offenen Augen in die Nacht
hinausstarrenden Hackert anrief
Freund ich will Ihnen sagen woran wir besser tun
Nun fragte Hackert wie aus Träumen erwachend
Beim ersten Wirtshause das wir entdecken halten wir trommeln die Leute
aus dem Schlafe führen den Gaul in den Stall und schlafen im Bette oder auf der
Diele oder im Stroh eines Stalles gleichviel Was meinen Sie
Mir ists recht sagte Hackert und zeigte auf ein Licht das in einiger
Entfernung am Saume eines Waldes sichtbar wurde Wo sind wir wohl hier
Kennen Sie nicht einmal den Weg fragte Dankmar den Sie so mutig fahren
Dies ist die erste Reise die ich in meinem Leben mache sagte Hackert Ich
habe den Sündenpfuhl in dem ich geboren bin noch auf zwei Meilen nie
verlassen
Nun begreif ich sprach Dankmar lachend und doch wieder von Mistrauen
ergriffen dass Sie die Gelegenheit einer Luftveränderung beim Schöpfe
festielten Wenn man Sie anschaut möchte man nicht glauben dass Sie in irgend
Etwas noch ein jungfräuliches Gemüt sein können Übrigens will ich hoffen dass
wir nicht auf dem Wege nach Hamburg oder Leipzig statt nach Hohenberg sind Sie
machen mir schöne Sachen Jetzt auf das Licht zu Und da bleiben wir bis es
hell wird und wir wissen wo wir hier unter den Sternen herumkreuzen
Hackert pfiff dem Gaule zu der von dem Lichte auch eine freundlichere
Ahnung zu bekommen schien und sich wacker in Trab setzte
Ich bin ja erst zweiundzwanzig Jahre alt sagte Hackert gleichsam um sich
zu entschuldigen Was weiß ich wo die Wegweiser da all am Wege hinzeigen
Zweiundzwanzig Jahre erst antwortete Dankmar staunend und maß dabei sich
vorneigend die Furchen auf Hackerts Stirn die tiefliegenden Augen die
schlotterige entnervte Haltung Seine Lippen waren fahl das Auge nur dann
feurig wenn es in unheimliche Erregung kam Zweiundzwanzig Jahre wiederholte
er wie haben Sie das gemacht schon wie ein Sechsunddreissiger auszusehen
setzte er nicht ohne Bitterkeit hinzu
Ich habe geschrieben antwortete Hackert Wer von seinem vierzehnten Jahre
an nur auf dem Schreiberbocke reitet kann keine so farbigen Wangen haben wie
meine Haare sind Sechs Tage in der Woche habe ich acht Jahre lang Actenstaub
geschlürft und Processgift eingeatmet Abends und Sonntags hab ich gelebt
Gelebt wiederholte Dankmar Was nennen Sie leben Es scheint leben hieß
bei Ihnen soviel als sich langsam umbringen
Hackert gab auf diese Bemerkung keine andere Antwort als dass er nach einer
Weile bemerkte
Das Licht ist ein Wirtshaus
Ein gewaltiges Hundegebell begrüßte die nächtlichen Ankömmlinge Sie standen
vor der Pforte eines großen Gehöftes aus dem im Dämmerlichte Leitern Stangen
und Scheunen hervorsahn Ein dem dunkeln Walde zu gelegenes stattliches
Wohnhaus schien geschlossen oben aber in den Fenstern des ersten Stocks
brannten noch Lichter Hackert sprang vom Wagen und stieß mit dem Griffe der
Peitsche an den Torweg dass die Hunde nur noch zorniger bellten Auf ein
mehrmaliges Heda kamen endlich über den gepflasterten Hof die Pantoffeln des
Hausknechts angeschlorrt Ein großer Holzriegel wurde von innen zurückgeschoben
eine Stalllaterne warf ihre trüben Strahlen auf Hackerts bleiches Angesicht
Können wir Nachtquartier haben war Hackerts Frage der überhaupt so
gewandt sich in Alles zu finden wusste als wenn er Jahrelang auf Reisen
zugebracht hätte
Nur herein rief der Hausknecht mit einem sonderbar fröhlichen Tone Hier
seids gut geborgen Kinder Juchhe Du armes Tierchen du wandte sich der
fröhliche Hausknecht zum Pferde Komm komm mein Hühnchen Friss Vogel und stirb
mir nicht Ja Ja Wenns immer wenns immer wenns immer so wär
Hier gehts ja spaßhaft zu sagte Dankmar und sprang von seinem Sitze
herunter Ihr singt ja wie die Nachtigall im Busch
Hört Ihr sie schlagen Herr fragte der Hausknecht Ihr kennt mein Lieschen
im Busch Noch drei Tage dann sagt sie Adieu Dietrich Adieu Heidekrug Und
erst übers Jahr kommt sie wieder Fahr wohl
Hackert erklärte diesen Humor für die Folgen eines gut angewandten
Trinkgeldes dabei fielen sie fast über einen andern Knecht der lang auf einem
Strohhaufen ausgestreckt im Hofe lag
Dietrich und Heidekrug bemerkte Dankmar Soviel haben wir jetzt weg Der
Heidekrug
Ja ja der Heidekrug komm Schimmel Im Stall im Stall im Stall ists
kühl
Damit zog der fröhliche Hausknecht vom Heidekrug singend den Gaul von dem
Einspänner in den Hof und begann ihn vorm Stalle auszuschirren
Heidekrug sagte Hackert Wohnt denn hier der Heidekrüger
Ja Kutscher das habt Ihr gut geraten Hier wohnt der Heidekrüger
Dankmar dem der Name ebenfalls auffiel bemerkte
Der Heidekrüger Das wird doch nicht Herr Justus sein
Just Herr Justus sagte Dietrich und führte den Gaul in den Stall
Kennen Sie den gelehrten Gastwirt auch fragte Hackert
Ich wundere mich dass Sie ihn kennen
Hackert wurde über diese Replik wieder verdrießlich Dankmars
unausgesetzter Zweifel an seiner Bildung und die offenbar geringschätzige
Ansicht von seinem Herkommen verletzten den bizarren und wie es schien
mannichfach mit der Welt bekannten und wieder mit ihr zerfallenen jungen Mann
Während Dietrich mit dem Gaul beschäftigt war hatten sich die beiden
Gefährten im Hofe des Heidekrugs genauer umgesehen Er machte einen
freundlichen willkommenheissenden Eindruck Rings begrenzten ihn Scheunen und
Schuppen Im Stalle hatten sie mehre Pferde bemerkt Der Rinderstall grenzte
dicht daneben Ein wohlgehaltenes Stacket schied den Hof von einem reichen
Baumgarten ab der sich hinten zum Walde verlor Die Düngerhaufen hier und dort
gehörten zum Wesen einer großen Ökonomie Das Wohnhaus hatte hinterwärts einen
Anbau für die Küche An der Seite die nach dem Hofe ging zog sich ein Spalier
in die Höhe das den weißen Kalk mit grünem dichten Weinlaub bedeckte Vor den
unteren Fenstern waren große Blumentöpfe und Rankengewächse in Kästen
aufgestellt auf deren einem gerade eine Katze lag die mit funkelnden Augen
hier wahrscheinlich das Schlafzimmer der Herrschaft hütete Der Eingang des
Hauses nach vorn war geschlossen aber hinterwärts von dem Eingange zur Küche
her fanden sie eine offene Tür und unter ihr eine Magd sitzend die hier auf
der Schwelle ebenfalls eingeschlafen war vom Lärm der in ihren Hütten
festgeschlossenen Hunde aber nun erwachte Als sie die Augen aufschlug und die
Fremden erblickte griff sie rasch nach einem glänzenden Gegenstande der in
ihrem Schoss lag und ihr entfallen schien Es war ein neuer blanker Taler Wie
sie sich besann und ihr Geldstück in Sicherheit gebracht hatte sagte sie den
Ankömmlingen dass dies der Heidekrug ihr Herr Herr Justus der Heidekrüger
wäre Oben fänden sich Zimmer genug und kalt essen könnten sie auch noch und wie
sie wohl oben am lauten Sprechen im Saale hörten auch Gäste fänden sie noch Der
Herr dem der Wagen da unten gehöre wolle noch heute weiter um mit
Sonnenaufgang in der Residenz zu sein
Ja ja sagte sie etwas polternd bei uns gehts bunt her Hier machen wir
die Nacht zum Tage und die Tage zur Nacht Wir sind hier Alle überstudirt
Hackert hatte bereits den von der verdrießlichen aber rührigen
»überstudirten« Magd erwähnten Wagen der oben befindlichen Herrschaft bemerkt
Er stand auf der andern Seite des Hauses bereit zum Vorfahren Ein Kutscher in
Livree saß eingehüllt in einem leichten Staubmantel auf dem Bocke und schlief
Wem gehört der Wagen fragte Dankmar die Livree des Schlafenden ins Auge
fassend
Einem prächtigen Herrn aus der Stadt sagte die Magd Er ist erst drei mal
auf dem Heidekrug gewesen und ich denke wenn er öfter kommt werden die Leute
nicht mehr sagen Auf dem Heidekrug wird die Milch schon in der Kuh sauer
Sagen Das die Leute
Ja Herr ich weiß nicht ob Sie ein Studirter sind Aber ich denke immer
der Bauer soll dem Herrn Pastor das Latein lassen Die Ochsen lernen doch im
Leben kein Hebräisch
Wenn sie nicht an Moses und die Propheten verpfändet werden fiel Dankmar
lachend ein Wenn ich hier wirklich auf dem Gute des Heidekrügers Justus bin so
merk ich fast das Gesinde teilt nicht die Leidenschaft seines Herrn für
Politik
Die Magd hörte nicht Sie war hinterher ein Licht anzuzünden und den
Ankömmlingen hinaufzuleuchten in die Zimmer die sie ihnen anweisen wollte
Dankmar beobachtete Hackert der sich inzwischen mit scheuem Blicke dem
eleganten Reisewagen genähert hatte und prüfend vor ihm stand und vor sich hin
murmelte
Neumann Bei Gott er ists Es ist Neumann
Was murmeln Sie denn Kennen Sie den Wagen
Hackert zeigte auf die Chiffre am Schlage
Man musste nahetreten um sie in dem nur sternenhellen Dunkel zu erkennen
FS Nicht wahr sagte Dankmar
FS wiederholte Hackert bestätigend und gab die Erklärung
Franz Schlurck
Meinen Sie wirklich Der Justizrat Schlurck Der Kutscher schläft Wir
wollen die Magd fragen In dem Falle bleib ich noch auf Ich hätte Lust den
berühmten Juristen kennen zu lernen
Hackert schwieg Er war nachdenklich vor dem Wagen wie festgebannt
streichelte die Pferde und lachte mit einem eigenen fast schwermütigen
Ausdrucke in sich hinein
Kommen Sie mit hinauf Hackert Hören Sie nur wie man noch die Gläser
anstösst Es ist mir als dränge bis hierher ein duftender Punschgeruch Essen
wir in der lustigen Gesellschaft oben zu Nacht und stoßen wir fröhlich mit den
Fröhlichen an
Hackert hörte nicht Er stand wie abwesend vor den Pferden und streichelte
sie Diesen tat der nächtliche Gruß wohl Die prächtigen Tiere schnaubten
leise und reckten die Ohren Hackert aber fuhr ihnen sanft über die Mähne Da
strichen die Rosse die Hufen auf dem Pflaster und schlugen die langen Schweife
in die Höhe Die Mähnen der Tiere bewegten sich unruhig und ihre dunkeln großen
Augen blinzelten in der Nacht ganz geheimnisvoll als wollten sie sagen Sieh
da Hackert wir kennen dich warum sehen wir dich nicht mehr
Gute Nacht sagte darauf Hackert der alles Dies nachzufühlen schien und
wandte sich dem Stalle zu
Die mit dem Lichte wartende Magd drängend und freundlich gestimmt
bemerkte
Ei kommen Sie doch Es sind oben auch Zimmer für die Kutscher
Geh Sie zum Henker mit Ihrem Kutscher sagte Hackert und schlenkerte die
müden Glieder dem Stalle zu wo er auf Dankmars Nachruf nicht hörend rasch
und gleichgültig verschwand
Er will im Stalle schlafen sagte die Magd Es ist besser er ist bei Ihrem
Pferde Dem Dietrich bekommts nicht wenn der gute Herr oben bei uns zu oft
einkehrt
Zahlt der immer so gute Trinkgelder
Er will nur dass Alles lustig ist gibt gleich Wein und Geld und unsern
Herrn wechselt er auch ganz aus Kommen Sie Ich geb Ihnen ein gutes Zimmer und
gehen Sie getrost noch in den Saal
Nun gut sagte Dankmar Etwas kalte Küche Braten Wein wenn man ihn haben
kann Dann mach Sies Bett Ich will noch einen Augenblick in den Saal treten
Dankmar kannte nur den bedeutenden Ruf des Justizrats Franz Schlurck Er
war der gesuchteste Anwalt der vornehmen Welt hatte Häuser und Güter in
Administration verwaltete minorennen reichen Erben ihre künftigen Besitztümer
galt für einen der beliebtesten Gesellschafter und war besonders durch das
glänzende Haus das er machte und die Schönheit seiner Tochter Melanie
Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit Dankmar kannte die reizende Melanie nur
von flüchtiger Begegnung hatte auch Schlurck nie persönlich gesehen Er fand es
ganz in der Ordnung die Gelegenheit zu benutzen einen vielbesprochenen Mann
der ihm gewissermaßen als nachahmenswertes Vorbild seiner eigenen Laufbahn
gelten konnte kennen zu lernen Dass Schlurck allein reiste ohne seine Familie
hatte er schon vernommen Er rechnete darauf außer Schlurck nur noch den
Heidekrüger Justus zu finden einen gleichfalls bekannten öffentlichen
Charakter der schon seit Jahren viel Wunderliches von sich reden machte
Als Dankmar die Treppe hinaufgestiegen war und die Tür hinter der er
sprechen hörte geöffnet hatte blendete ihn anfangs der entgegenstrahlende
Lichtschimmer sodass er erst fast nichts von Dem sah was er hier antreffen
sollte
Auf seinen Gruß antworteten ihm mehre Stimmen zugleich mit einem teilweise
überraschten Guten Abend
Um ein Uhr des Nachts hatten im Saale des Heidekrugs aber nur noch drei
Männer beisammengesessen die eingehüllt vom feinsten wohlriechendsten
Cigarrendampf den Morgen mit wachen Augen begrüßen zu wollen schienen Den
Heidekrüger und den Justizrat glaubte Dankmar sogleich zu erkennen Es war aber
noch ein Dritter anwesend der entfernt von diesen Beiden mit einer blauen
Blouse bekleidet in einem düstern Winkel saß
Sechstes Kapitel
Die blaue Blouse
Das ziemlich geräumige aber etwas niedrige Gastzimmer des Heidekrugs war von
vier Wachslichtern die auf dem länglich durch die Mitte gehenden Tische dicht
zusammengerückt standen heller erleuchtet als solche Räume es sonst zu sein
pflegen Die vier Kerzen standen so dass sie zu gleicher Zeit im Spiegel sich
verdoppelten Zwischen der zweiten und dritten Kerze stand ein silbernes Gefäß
das der Kundige auf den ersten Blick als einen Champagnerkühler erkannt hätte
wenn nicht auch der daraus hervorragende Hals einer Flasche mit gerolltem Blei
umlegt gewesen wäre An der Seite des silbernen Gefässes stand einer jener
gelbirdenen Töpfe in welchen die strasburger Gänseleberpasteten versandt
werden Eine Blechbüchse schien eine andere Näscherei zu enthalten die jedoch
mit dem großen Laib groben Brotes der auf einem Teller daneben lag in
sonderbarem Widerspruche stand Einige Büchschen mit Etiketten in der Form
erkannte sie Dankmar als englische schienen pikante indische Saucen zu
enthalten Alle diese Herrlichkeiten standen vor einem mit großer Behaglichkeit
gesticulirenden und eben einen silbernen Becher mit Champagner an die Lippen
setzenden Herrn Seiner Gourmandise nach hätte man vermuten sollen er wäre
rund genährt und böte ein behagliches Embonpoint Im Gegenteil aber sah
Justizrat Franz Schlurck sehr mager und dürr aus Die Züge des klugen und
überaus verschmitzten Antlitzes konnten nicht trockener sein Im Munde war auch
nicht ein ganzer Zahn mehr übrig wie man deutlich sah wenn der von Weinlaune
erregte Mann dann und wann einen Zug aus seiner sehr kostbaren Cigarrenspitze
zwischen den behutsam aufgesperrten schlaffen Lippen von sich blies Den
Ausdruck der Augen zu erkennen war schwer denn eine goldene Brille verdeckte
sie Das dünne graue Haar saß so spärlich auf dem wohlgebauten und gefällig
geschweiften Schädel dass man ordentlich erblickte mit welcher Sorgfalt die
einzelnen Haare langgezogen und vom Hinterkopfe her über die Glatze
herübergekämmt waren Ein feiner blauer Frack mit gelben Knöpfen ein weißes
Halstuch und eine weiße Piqueweste gaben der Toilette etwas ebenso Gewähltes
wie die mit großen und kleinen Ringen gezierte Hand Pflege und ein Bewusstsein
der Zierlichkeit derselben verriet
Neben diesem Sybariten an der Ecke des Tisches saß der Wirt eine starke
stattliche Gestalt von gewaltigem Knochenbau und einem sichern festen Auge Das
Wesen dieses Mannes war kein gewöhnliches Die Kleidung ging über den ländlichen
Schnitt hinaus die Haltung war des Welttones nicht unkundig Man glaubte eher
den Bürgermeister einer Landstadt als einen hier in der Einsamkeit des Waldes
Wirtschaft treibenden Ökonomen vor sich zu haben Eine lebhafte
Auseinandersetzung schien ihn zu beschäftigen nicht nur der Champagner von dem
er aus einem großen Wasserglase trank hatte ihn gerötet vielleicht auch das
Feuer einer Ansicht die er in dem Augenblicke als Dankmar eintrat sehr
lebhaft verteidigte Als Dankmar einen Guten Abend gesagt hatte stand der
Heidekrüger auf und lüftete ein kleines Sammetkäppchen das mehr zur Zierrat
als aus Rücksicht auf seinen starken Haarwuchs den Scheitel bedeckte
Sie werden sich wundern sagte Dankmar noch so spät Besuch zu bekommen Ich
will nur eine Kleinigkeit zu Nacht nehmen eine kurze Bettruhe halten und morgen
in der Frühe mit meinem Einspänner weitermachen
Haben Sie sich bestellt was Sie wünschen fragte der Heidekrüger mit einem
gewissen Gentlemanton als wollte er sagen ich bin kein Wirt im gewöhnlichen
Sinne des Wortes sondern verweise Sie auf die Bedienung die hier ganz eine
Privatsache meiner Leute ist
Als Dankmar bejahte und bat sich nicht stören zu lassen fuhr der
Sprechende als wäre er gar nicht unterbrochen worden mit kräftiger Stimme
fort
Woran liegts als an der gänzlichen Unbekanntschaft mit dem Zustande auf
dem Lande selbst Wir habens erst versehen dass wir Leute hineinschickten die
am schnellsten mit dem Munde voraus waren Sie haben die Verwirrung nur noch
größer gemacht vom Hundertsten ins Tausendste gesprochen Alles sehr schön
aber ohne Kenntnis Denn warum Es waren Doctoren die ihre Praxis aufgaben
Wenn sie welche hatten ließ Schlurck lächelnd einfallen
Auch das sagte der Heidekrüger Es waren Schullehrer Advokaten aber keine
Geschäftsleute Die werden wir diesmal schicken aber auch die Beamten und die
Angestellten nicht die die Regierung geschickt wünscht
Schlurck schien im Grunde nicht geneigt dies Gespräch fortzusetzen
wenigstens hätte sich sein glatter Weltton erst lieber mit dem neuen Ankömmling
vermittelt Dieser hatte dicht ihm gegenüber Platz genommen und die hier
ausgebreiteten Delicatessen mit einem sehr deutlichen ironischen Lächeln
gemustert Diese Kritik setzte den Epikuräer in Verlegenheit und mit einem
eigentümlichen Hinaufziehen der Stirnfalten das dem Munde und den Schläfen
einen nicht unheimlichen aber sonderbar faunischen Ausdruck gab wandte er sich
an Dankmar mit den Worten
Wenn man überall so gut aufgenommen wäre wie bei dem in allen Wassern
erfahrenen Herrn Justus würde man nicht nötig haben sich für eine Reise in
diesen Gegenden so zu verproviantiren Übrigens ist nur das Eis eine Kontrebande
von mir selbst der Champagner vortrefflicher GeldermannDeutz kommt aus dem
Keller des Heidekrugs Ich zahle kein Korkgeld
Der GeldermannDeutz ist auch antwortete Justus lachend mit der neuen Zeit
da hineingekommen Seit die Wahlbesprechungen die Zungen trocken machten und
alle möglichen Stände Leute die ich nie bei mir gesehen habe Offiziere
Landräte Präsidenten bei Einem vorkommen hat die Nachfrage nach dem süßen
Zeug auch die Anschaffung nötig gemacht Ich bezahl ihn für echt Ich will
hoffen dass ers ist
Schäker Schäker drohte Schlurck mit affectirter Schelmerei Nicht echt
Hab ich Ihnen nicht als ich die Ehre Ihres Besuches genoss die besten Quellen
genannt Wenn unsere junge Freundschaft sich so echt erweist wie dieser
GeldermannDeutz Justus so können wir schon zusammenhalten Darf ich Ihnen
anbieten mein Herr
Damit hatte Schlurck ein Wasserglas mit perlendem rötlichen Bouzy gefüllt
auf einen Teller gestellt und ihn Dankmarn präsentirt
Dieser lehnte jedoch ab und brauchte dafür den höflichen Scherz dass er
sagte
Ich trinke keinen GeldermannDeutz
Warum nicht Das Haus ist sehr beliebt
Der Name Deutz sagte Dankmar lachend erinnert mich immer an den Verräter
der Herzogin von Berry und ihre Gefangenschaft auf dem Schloss wie heißt es
doch
Blaye rief eine Stimme von einer entlegenen dunklen Ecke des Saales
herüber Dankmar wandte sein Auge zu dem Sprecher Das französische Wort kam von
jenem dritten Anwesenden der in blauer Blouse gleich beim Eintreten Dankmarn
aufgefallen war So weit er ihn im Dunkeln erkennen konnte war der junge so
unterrichtete Mann von schönem hohen Wuchs Die blaue Blouse ging ihm dicht bis
an den Hals der mit einem leichten seidenen Tuche umschlungen war Ein Stock
ein gefälliger Ranzen eine Mütze lagen neben ihm Er stemmte den Kopf auf die
Hand und streckte das Bein lang über einen Sessel hin den er vor sich stehen
hatte ohne ihn mit den Stiefeln zu berühren was sich ohne Zweifel der
Heidekrüger würde verbeten haben Der Ausdruck des Kopfes entging Dankmarn
leider da er ihn niederbeugte und mit der Hand verdeckte
Richtig Blaye sagte Dankmar erstaunt denn er fand gegen die zugeflüsterte
Bemerkung der eben mit kalter Küche eintretenden Magd dass der Dritte ein
Handwerksbursch wäre dem Äußeren nach kaum etwas einzuwenden
Es ist nicht der erste Beweis begann Schlurck halblaut zu dem sein
bescheidenes zweites Nachtessen anschneidenden Dankmar es ist nicht der erste
Beweis den uns der vortreffliche junge Mann dort in der Ecke von seinen
Kenntnissen gibt Er ist sagt er in dieser Gegend zu Hause Daher unstreitig
Wähler und wählbar wie alle diese jungen Menschen jetzt wenn sie nämlich
nachweisen dass sie keinem Andern die Stiefeln putzen und dreißig Jahre alt
sind was er doch wohl zu sein scheint
Sind Sie ein Gegner des allgemeinen Wahlrechts bemerkte Dankmar mit einem
Stück Kalbsbraten beschäftigt
Wie könnt ich das in einer Zeit sagte Schlurck ironisch wo die unteren
Stände sich so ausgezeichnet entwickeln dass sie sogar die Geschichte der
Herzogin von Berry wissen Schon einige male bot ich dem jungen hoffnungsvollen
Tischler es ist ein Tischler der junge Mann von unserm GeldermannDeutz
aber erstaunen Sie
Er hat dieselbe Antipathie gegen Verräterwein wie ich bemerkte Dankmar
lachend setzte nun aber um nicht zu verletzen hinzu
Das edle Getränk soll indessen unter seiner Etikette nicht leiden Wenn Sie
erlauben tu ich Ihnen Bescheid
Schlurck außerordentlich geschmeichelt und gleichsam glücklich einen
Bundesgenossen gegen den jungen Tischler der ihn schon lange zu necken schien
zu finden schenkte um die Schäumung recht frisch zu geben noch einmal in
einem nahestehenden Glase ein und überreichte es Dankmarn der freundlich
Bescheid tat
Der Heidekrüger aber lachte und schraubte den Justizrat indem er anfing
Ei ei Herr Justizrat was haben Sie mir da für eine Etikette empfohlen
Das hätt ich wissen sollen als ich wegen meiner kleinen Häkeleien mit der
hohenbergschen Masse bei Ihnen war und Sie um eine Empfehlung guter Weine bat
wegen der bevorstehenden Wahlmanöver und Zweckdemonstrationen
GeldermannDeutz wird mir hier verworfen sagte Schlurck mit halb ernster
halb komisch sein sollender Entrüstung Da müssen Sie zur Strafe jetzt alle
zusammen einem Montebello oder einem Moët den Hals brechen Was befehlen Sie
Damit langte er neben sich hinunter und griff in einen zierlichen
Flaschenkeller der neben ihm auf der Erde stand und in seinen Räumen noch Platz
hatte für die köstlichsten Speisen und sogar das Eis das er im blechernen Boden
der ganzen Maschinerie beisichführte
Nehmen Sie vom alten ehrlichen Jaquesson rief der junge Tischler herüber
und änderte ein wenig seine bequeme Stellung Im hohenberger Schlosskeller lagen
von dem Hause Jaquesson noch vor einigen Jahren ein Dutzend Körbe der
bewährtesten Etikette
Schlurck richtete sich auf und blickte mit entrüstetem Antlitz zu dem kühnen
Sprecher hinüber Die Brille auf seine hohe Stirn ziehend stierte er ihn jetzt
mit den unbewaffneten grauen Augen an denn Schlurck gehörte zu denjenigen
Weitsichtigen die gerade erst die Brille absetzen wenn sie gut sehen wollen
Woher wissen Sie Das junger Mann fragte er mit gezogenem Tone
Ich habe im hohenberger Schlosskeller an den Gestellen für die Weinflaschen
gearbeitet antwortete der Tischler lachend und Dankmar konnte ihm jetzt in
sein schönes edles Antlitz sehen Sein Haar war bräunlich und gelockt wie das
seinige der Mund voll der schönsten Zähne Überhaupt hatte der Fremde einige
Ähnlichkeit mit Dankmar
Sieh sieh bemerkte Schlurck mit sonderbarem Dehnen der Stimme sieh sieh
ich habe in der Tat nur Jaquesson bei mir
Dann sich setzend und die Brille wieder über die Augen werfend rief er
Vive la gaieté meine Herren Rücken Sie näher junger wählender und
wählbarer Tischler Justus Sie deutscher Patriot herbei Sie stoßen auf die
nächste Wahl in Ihrem Bezirke an id est auf Ihre eigene Wahl Ha ha alter
Sünder Das ists doch nur was Ihr so im Stillen ambirt Papst Sixtus Papst
Sixtus Der hats auch so gemacht In Demut dem Herrn gedient geächzt
gestöhnt die höchste Würde abgelehnt abgelehnt bis er sie hatte und Papst war
Justus edler Märtyrer alter Beamtenwillkür Heran heran Eins zwei drei
Krach das Eisen ist ab und nun die Eimer her Vollgeschöpft
Dankmar hielt getrost hin Was sollte er da lange zögern Der Heidekrüger
aber legte die Hand auf sein Glas und sagte ganz verstimmt
Das bitt ich mir aus Herr Justizrat So haben wir nicht gewettet Ich
sollte daran denken gewählt zu werden Darum all mein Eifer für Ihre gute und
rechtschaffene Wahl Nein nein bester Herr Ich bin ein schlichter einfacher
Mann Ich hab Ihnen gesagt wie ich mir Alles denke wies werden muss im
Staate und nun kommen Sie an und tun als hätt ich den Hinterhalt
Hi pfiff gleichsam Schlurck und gab einen eigenen Ton des zahnlosen Mundes
von sich einen Ton der List und Ungläubigkeit ausdrückte Was ist da mehr
Kommen Sie wählender wählbarer Tischler tun Sie Bescheid Sie haben schon
manches gute Wort in unser Gespräch hineingegeben Ich ehre auch die Arbeit Ich
ehre auch die Herren Arbeiter Die Herren Arbeiter sollen leben Wir wählen
Freunde der Arbeit Feldarbeit Werkstattarbeit Geistesarbeit nicht wahr mein
Herr Sie sind Geistesarbeiter
Diese Frage war an Dankmar gerichtet Er bejahte sie
Nun sehen Sie fuhr Schlurck fort und reichte um den Heidekrüger zu
versöhnen diesem seine goldene Dose hinüber aus der er vorher selbst eine
Prise nahm was murren Sie Justus Es ist Alles Windbeutelei mit der jetzigen
Politik Kenntnis vom Recht Gleich Null Ehrgeiz ist die Achse des ganzen
Getriebes Steck da Einer seine Finger hinein sie werden ihm bald zerquetscht
werden Die beste Politik ist gewiss die aus dem Staate Alles hinauszufegen was
in diesen Begriff seit hundert Jahren hineingepfercht ist Wer sagt so etwas
Eine gute Polizei das ist Alles was man vom Allgemeinen verlangen sollte Das
Übrige bleibt der Gesellschaft überlassen Verwaltung und Schule kommt an die
Gemeinde die Kirche bete und singe was sie will Die Provinzen halten jede für
sich Die Ständekammern sind bloße Abrechnungsconvente Man kommt zusammen um
Soll und Haben auszugleichen So ists in Amerika so in England und das Beste
dabei ist dass die Menschheit vergnügt bleibt und Jedermann das angenehme Gefühl
hat in seinem Kreise so viel zu gelten als er mit seiner Person behaupten
kann
Bravo sagte Dankmar die Ansicht ist fast die meinige Doch sind Sie dabei
auf dem besten Wege zur Republik
Wenn wir uns fuhr Schlurck behaglich lächelnd fort wenn wir uns eine
Republik denken könnten comme il faut warum nicht Aber Das ist ja der ewige
Jammer Die heutigen Republikaner wollen mit dem Staate auch wieder nur Staat
machen Da soll Alles von unten aufgebaut werden symmetrisch Alles in die
Höhe Alles Pyramide Alles Centralisation Der Mensch die Gemeinde die
Gesellschaft werden nur ausgesogen zu einem großen Allgemeinzwecke der im
Grunde wieder nicht besser ist als die alte Königs Majestät von Gottes Gnaden
Diese Wut den Einzelnen für nichts mehr zu erklären die ist ja so allgemein
jetzt dass die Lumpe in dem verdammten Kommunismus ihr Heil finden als wenn
dann der Einzelne was hätte wenn Alle nicht viel haben Meine Herren die Erde
ist ein höchst unvollkommener höchst kleiner obscurer Planet und wirds
bleiben bis er sich einmal an einem größeren ganz die Nase zerstösst oder
wohlbehalten in ihm aufgeht Wir Menschen sind vielleicht vollkommener als die
Bewohner der großen Planeten denn allerdings schon die Gastronomie belehrt uns
dass die kleinen Krabben besser schmecken als die großen Möglich weil die Erde
klein ist sind ihre Bewohner feiner organisirt als die Bewohner des Saturn
Aber bis zur Vollkommenheit bringen wir es nicht Wir sind ein wimmelndes
Geschlecht fleischfressender Vernunftstiere Was wir für Moral halten ist
veredelte Gesundheitslehre was uns Metaphysik scheint ist nichts als die
Reflexion der einen Sinnentäuschung in der andern Denn da diese gänzliche
Ratlosigkeit über unsern Ursprung und unsers Hierseins Zweck und Absicht
bereits mehrere Jahrtausende dauert so hat sich von den Millionen Blasen die
darüber in unsern Köpfen schon aufgestiegen sind ein solcher Blasebalg von
Traditionen gebildet dass Keiner mehr weiß was er selbst oder was Andere
gedacht haben und woher der Wind eigentlich weht Verdauen Sie gut meine
Herren haben Sie das einzige Glück das die Erde gewähren kann so schreiben
Sie lustig an den gestirnten Himmel Das Prinzip des Alls ist die Liebe
Verdauen Sie aber schlecht meine Herren und möchten Sie nach jeder
Gänseleberpastete des Teufels werden so schreiben Sie voll Zorn auf dieselbe
Stelle Das Prinzip des Alls ist der Hass Was ist da nun Wahrheit
Herr Justizrat rief der Heidekrüger wenn Sie so zu den Bauern sprechen
bekommen Sie in Schönau nicht Eine Stimme
Wirklich Wie so
Jeder Wahlmann wird Ihnen sagen Das sind Lästerungen
Hm hm Glauben Sie Das
So müssen Sie diese Naturmenschen nicht fassen Herr Justizrat
Wissen Sie was Justus sagte Schlurck nach einigem Besinnen und vom
Champagner nippend der Henker hole Ihre ganze Wühler und Wählerei Wenns
nicht jetzt Mode wäre Politik zu treiben und die unhöflichste Vergessenheit
über Jeden käme der nicht auch in einem Klub sitzt und in die allgemeine
Konfusion mitineinbrüllt ich würde mich wohl in Acht nehmen meine Zeit und
Musse zum Opfer zu bringen Ich habe ein paar Ressourcenfreunde gesehen die nur
drei mal im Konstitutionellen Klub waren und um zehn Jahre älter wieder
herauskamen Sie hatten ein Gesicht so lang gekriegt Übrigens irren Sie
wertester Freund wenn Sie glauben dass die Bauern bloß patriotische und
politische Salbung hören wollen Die Leute ahnen auch längst dass die Welt ein
großes Loch hat wo all der Wind den man ihnen seit tausend Jahren vorgemacht
zwecklos wieder durchbläst ins Leere und unsere Existenz eine bloße Flause ist
Es soll ihnen nur Einer einmal von Grund aus zeigen wie die Welt damals aussah
als sie bloß für Adam und Eva geschaffen wurde ich weiß nicht Freundchen ob
Sie für Ihre schönauer Loyalitätsadresse die fünfhundert Unterschriften bekommen
hätten die Ihnen in der Zeitung schrecklich viel Insertionsgebühren müssen
gekostet haben
Sind Sie jetzt ein Loyalitätsadressenschreiber fragte Dankmar ganz erstaunt
den Heidekrüger
Justus stützte den Kopf auf den linken Arm und antwortete Dankmarn scharf
ins Auge fassend
Ich weiß nicht mit wem ich zu sprechen die Ehre habe aber Das weiß man vom
Heidekrüger Justus zehn Meilen Weges dass ich das Bischen Einfluss auf unser Land
und unsere Gegend nicht zum Unrechten verwende Mit den Wühlern hab ich niemals
gehen mögen Ich wurde schon verfolgt vor zehn Jahren von der alten
Polizeiwirtschaft Warum Weil ich verbotene Bücher las in den
Provinziallandtagen manchmal ein Wort über die Beamtenwirtschaft über
Grundsteuer und die Chausséebauten sprach Das war ein Hetzen ein Untersuchen
ein Incriminiren
Sie haben sich damit einen Namen erworben fiel Dankmar ein Ich bin
angenehm überrascht die persönliche Bekanntschaft des freisinnigen Heidekrügers
Justus zu machen
Justus zog etwas geschmeichelt sein Käppchen
Schlurck schnitt eine ironische Miene und blinzelte zu Dankmarn hinüber als
wollte er sehen ob man wohl von ihm verstanden würde wenn man in scheinbar
ernster Miene etwas blicken ließe das etwas soviel sagte als Der eingebildete
Esel
Schlurck war ein völlig negativer Kopf vor dem nichts festen Bestand hatte
Er leitete fast Alles aus dem Interesse her auch Justus politische Stellung
die in der Tat keine geringfügige war wenigstens in den Tagen vor den neuesten
Bewegungen
Die Wühler sagte Justus haben Jeden verdächtigt der keine Schulden auf
seinem Eigentum hatte Sie haben sich hier an einige bankrotte Müller und
Wirte und vorlaute Tagelöhner gehängt und Die in die Stadt geschickt um für
sie zu sprechen Ob es anderswo anders war weiß ich nicht genug wir Alten von
sonst sahen dem Treiben ruhig mit zu Die Regierung foderte Die die sie noch
für das Bessere treugesinnt hielt durch Circularausschreiben auf man sollte
durch Adressen seine wahre Gesinnung kundgeben und was versprochen wäre Das
würde auch gehalten werden Nun darauf hin Herr wenn man uns Das hält was
versprochen ist darauf hin konnten wir sagen dass wir an unserm angestammten
König festhalten und uns von keinerlei Rottirung würden irremachen lassen Es
habens Vierhundertneunzig unterschrieben und viele Arme darunter die aber
vollkommen klar wissen was sie taten als sie die Feder führten
Sie sehen sagte Schlurck mit feinem Humor unser braver Herr Justus gehörte
sonst zu den Demagogen jetzt zum rechten Zentrum Das rechte Zentrum ist die
Gegend wo die Portefeuilles wachsen Wenn das Glück gut geht Justus und Sie
die Stimmen haben werden Sie doch noch bei irgend einer Krisis Excellenz
Nein Wenn Sie so über Alles spotten Justizrat sagte Justus fast
ärgerlich und wollte aufstehen
Sitzen geblieben rief Schlurck Altes Haus Spaß verstehen Hier Jaquesson
getrunken Alles Andere ist eitel Sie sind auch eitel
dabei füllte er die Gläser bemerkte aber dass der Tischler vorhin das seine
nicht geholt hatte Als er sich umwendete um ihn dazu aufzufodern fand er dass
der sicher sehr ermüdete Wanderer schlief
Der junge wählbare Wähler schläft flüsterte Schlurck Und um ein Uhr Nachts
wach zu sein ist allerdings eigentlich nur das Privilegium der Gebildeten
Der Heidekrüger verstimmt gab ihm einen Wink und sagte leise
Schlimm genug dass wir in Zeiten leben wo man nicht einmal einem reisenden
Handwerksgesellen sagen kann Scher er sich auf den Heuboden
Was Herr Justus ist nicht nur rechtes Zentrum bemerkte Dankmar sondern
auch Aristokrat geworden
Ich bin ein ehrlicher Mann geblieben antwortete der Heidekrüger ich gebe
Gott was Gottes und dem Könige was des Königs ist Jeder Stand soll in seinen
Grenzen bleiben der Dienende sich nicht zu dienen der Arbeitende sich nicht zu
arbeiten schämen
Und der Wirt fiel Schlurck mit jovialer Bestimmtheit ein der Wirt soll
sich nicht irre machen lassen sein Hausrecht zu gebrauchen Wenn Sie bester
Freund nicht auf Popularität speculirten hätten Sie den Burschen da längst zur
Tür hinausgeworfen
Sie könnens seh ich Justizrat sagte Justus nicht lassen mich für
einen ehrgeizigen Mann zu halten Es sollte mich kein Mensch hindern und keine
Rücksicht auf Wählen oder Nichtwählen bestimmen Einem zu sagen was ich von ihm
denke Aber betrachten Sie doch nur den Mann Ich halte ihn für Das was er von
sich aussagt aber die Meisten sind heute etwas Schlimmeres als was sie sein
wollen Der kommt mir aber vor als könnte er etwas Besseres sein
Schlurck und Dankmar betrachteten den Schläfer in der blauen Blouse noch
einmal aufmerksamer Es war ein schöner schlank gewachsener junger Mann Er
hatte den Kopf dicht unter beiden gekreuzten Händen auf den Tisch gelegt Dem
dadurch recht sichtbaren krausen hellbraunen Haar sah man die sorgsamste Pflege
an Ein um das Kinn rundherum gehender Bart hob die blassen edlen Züge nur noch
lebendiger hervor Auf der hohen Stirn schien ein anderer Beruf zu schlummern
als ihn die Blouse verriet Und doch war auch diese feiner als die eines
gewöhnlichen Handwerkers Sie war rings am Kragen an den Ärmeln und auf der
Brust einfach aber sehr sorgfältig gesteppt Die bunten Beinkleider waren von
einem gewählten Muster die Stiefel saßen auf einem zierlichen Fuße dem das
Wandern auf der Landstraße nicht geläufig schien Als Dankmar bemerkte dass an
den Hacken dieser Stiefeln sich sogar ein kleiner Absatz Sporenleder befand
überflog den Justizrat eine düstere Wolke plötzlichen Unmuts Es schien als
hätte er sagen wollen Alles Fremde ist mir unheimlich Auch Dankmar blieb ihm
ohne Zweifel zu lange namenlos Er griff nach der Uhr zog sie an einer langen
schweren goldenen Kette hervor und ließ sie repetiren Sie schlug ein Viertel
auf zwei
Jetzt bester Freund begann er zu Justus gewendet ist es Zeit
aufzubrechen Die Pferde werden vom Warten müde Mein Kutscher fällt wohl gar vom
Bocke und es ist heiß hier recht heiß
Damit wollte er aufstehen Aber Justus der breite Auseinandersetzungen
liebte war eben erst im Begriff sich recht gehen zu lassen Man hatte seine
Offenheit bezweifelt jetzt kam ihm erst das Bedürfnis sich vollständiger
auszusprechen
Nein sagte er nun lass ich Sie nicht Nun müssen Sie auf ein Stündchen
bleiben Die Nacht ist einmal verdorben Sie fahren mit Ihren Staatsfüchsen in
zwei Stunden nach der Stadt was wollen Sie früher ankommen als mit
Sonnenaufgang
Bester Freund mich erwarten Geschäfte
Sie bleiben noch Auch der fremde Herr ja ja Das lass ich mir nicht
nehmen mich gegen ungerechten Verdacht zu verteidigen Mein ehrlicher Name ist
nicht von gestern Auch wir Alten die wir sonst etwas waren müssen uns wieder
aussprechen dürfen Oder sollen nur die Kommunisten nur die Reubündler reden
Die Reubündler stachelten Schlurck auf Sie werden doch nichts gegen die
Reubündler zu sagen haben Justus bemerkte er
Gegen die Reubündler Warum nicht Sind Sie Mitglied des Reubunds
Allerdings
Ein Mann von Ihrem Geiste bemerkte Dankmar
Sehr schmeichelhaft mein Herr erwiderte Schlurck
Allein ich versichere Sie der Reubund ist eine der merkwürdigsten
Neuerungen die ich unserer an Ideen so armen Zeit kaum zugetraut hätte
Das müssen Sie beweisen Justizrat rief Justus donnernd und zwang den
Epikuräer der diese Nacht einmal beschlossen hatte die Gewalt des Sohnes
derselben Morpheus nicht anzuerkennen eine so kühne Behauptung zu
rechtfertigen
Schlurck sah sich noch einmal mistrauisch zu der schlummernden blauen Blouse
um schenkte noch einmal die Gläser mit seinem Jaquesson aus der hohenbergschen
fürstlichen Kellerei voll und begann mit einer Dankmarn wohlverständlichen und
ihn sehr angenehm unterhaltenden Ironie
Eh ich denn also vom Reubunde spreche lassen wir erst noch den Heidekrüger
reden Entfalten Sie sich Justus Entwickeln Sie sich in Ihrer ganzen Bedeutung
für das vaterländische Allgemeine
Siebentes Kapitel
Der Reubund
Nun wohlan sagte der Heidekrüger und warf sich dabei gewichtig in die Brust
hier und anderwärts sind Viele aufgestanden und haben gesagt Seht den Justus
den Heidekrüger der einst jedes verbotene Buch las einst für die Polen
sammelte in ewiger Untersuchung stand Justus der
Der selbstzufriedene Mann stockte
Nein nein half Schlurck nach sagen Sie offen dass Sie der Mirabeau der
Provinziallandtage waren der Schrecken der Landräte der OKonnell des alten
Liberalismus
Er ist doch recht schlimm bemerkte Justus mit einem Blicke auf Dankmar und
meinte den satyrischen Justizrat
Doch gestand Dankmar die Bedeutung des Heidekrügers vollkommen zu und machte
ihm damit Mut sich in seinem ganzen Werte zu fühlen
Nun meinetwegen sagte Justus ich bin ein Landwirt habe mir einige
Kenntnisse erworben die über die Pflugschar hinausgingen und lag mit dem alten
Polizeisysteme in Hader seit
Ihre Frau tot ist schaltete Schlurck ein Doch hörte Justus nicht darauf
sondern fuhr fort
Kinder hab ich nicht und los und ledig muss Eins sein wenn man nicht
erschrecken will vor einer Haussuchung durch Gendarmen oder ähnliche Visiten bei
Nacht und Nebel Nun gut Die neue Zeit ist gekommen Nun sagen die Leute der
Heidekrüger galt sonst für einen dreisten Mann und gab der Regierung etwas zu
raten auf Warum rückt er jetzt nicht mehr mit der Farbe heraus Warum hat er
einen Bund mit dem Feinde gemacht
Warum will er Minister werden schaltete Schlurck parodirend ein und stieß
mit Dankmars Glase an
Ja Auch Das haben sie gesagt fuhr Justus fort Aber ich Justus
Der Heidekrüger
Sage Das ist erlogen
Und dreimal gelogen
Die Loyalitätsadresse aus dem schönauer Kreise kam vom Herzen
Und vom Geldbeutel
Nein Justizrat
Unterbrechen Sie Herrn Justus nicht so oft Herr Schlurck sagte Dankmar
lächelnd
Nein warum meinte Schlurck Ist der Mann denn nicht reich Gehört ihm nicht
der Heidekrug mit Wald Wiese und so und soviel Morgen Kornland Hat er nicht da
unten in seinem grünbewachsenen Stübchen neben einem Schranke weiland
verbotener jetzt erlaubter Bücher mehre Ausgaben des KonversationsLexikon
nebst einem eisernen feuerfesten Schranke voll kostbarer
Provinzialcreditkassenscheine und den frequentesten Eisenbahnactien Die
Loyalitätsadresse
Kam vom Herzen sag ich nochmal rief Justus sich erhebend mit donnernder
Stimme und ganz mit dem Feuer und der Stentorbrust eines zu einem
Präsidentenstuhle sich eignenden parlamentarischen Löwen Sie kam nicht vom
Geldbeutel Justizrat Auch nicht von der Furcht Kein Gendarm hat uns
Fünfhundert dazu gezwungen wies anderwärts geschehen ist wo die Leute um
Gotteswillen gequält wurden ein gutes Zeichen vonsichzugeben und den
Landesvater durch Zustimmung zu retten Allein wenn wir in unserer festen
Gesinnung eine Erklärung gegen die Wühlerei die Demokratie und den Kommunismus
abgaben so ist darum noch nicht gesagt dass wir Reubündler sind
Was wollen Sie nur mit Ihren Reubündlern
Wenn Justus etwas beginnt so kennt er die Grenze wo er aufhört Vor ein
paar Tagen hat man mir einen Brief geschickt ich sollte mich in den Reubund
aufnehmen lassen Graf Bensheim lobte unsere FünfhundertAdresse Herr von
Sengebusch kam selbst von Randhartingen um mir die Statuten des Reubundes zu
bringen Der fürstlich hohenbergsche Rentmeister von Sänger schickte einen
Expressen
Hätte Ihnen der Alte seine reizende junge Frau geschickt unterbrach
Schlurck den salbungsvollen Redner der sich als das Wahrzeichen der ganzen
umliegenden Landesgesinnung darstellte
Justus hörte nicht auf diese Zwischenrede da es ihm eben war als wenn sich
der Tischler in der Ecke in seinem Schlafe regte
Nun Sie blieben beim Rentmeister von Sänger stehen rief ihm Dankmar zu
als er auf den Schläfer blickend stockte
Als dieser sich nur auf einen andern Arm gelegt hatte fuhr Justus fort Ja
man verhieß mir die besonderste königliche Gnade wenn ich diese ganze Gegend
auf zehn Meilen in der Runde für den Reubund gewönne
Der Orden ist da meinte Schlurck ironisch
Er ist nicht da Justizrat schlug Justus auf den Tisch Ich habe
geantwortet Ich wüsste zur Zeit noch nicht was ich zu bereuen hätte und wems
hier ich zeigte aufs Herz reumütig auf der Seele brenne Der solle in sein
Kämmerlein gehen und auf die Knie fallen und Gott um Gnade und Vergebung seiner
Sünden bitten Aber so vor aller Leute Augen sich auf die Brust schlagen und ich
weiß nicht was öffentlich bereuen Das möchten Die tun die die Komödie
bezahlt kriegen Das hab ich geantwortet und das ist meine Meinung von dem
Reubunde
Bester Freund sagte jetzt Schlurck da haben Sie sehr töricht gehandelt
Wie so fragte der Heidekrüger erhitzt von innerer Glut vom Weine und vom
Selbstgefühl Soll ich Ihnen sagen was hinter dem Reubund steckt Muckerei
steckt dahinter Es ist die alte pietistische Betkammer wieder aber in neuer
Form Alle Offiziere die früher beteten stehen an der Spitze
Sie irren sich
Was General Voland von der Hahnenfeder Leitet der nicht auch den Reubund
Sie irren sich
Probst Gelbsattel
Täuschung
Stehen nicht Frauen an der Spitze Die Geheimrätin Pauline von Harder
Die auch eine Betende lachte Schlurck Sie verwechseln Pauline von Harder
mit ihrer Schwester Anna von Harder Nein nein bester Heidekrüger fuhr
Schlurck fort Sie mögen vortrefflich über die Hypotheken Creditbriefe und
Vicinalwege dieser Provinz unterrichtet sein
Ich halte sieben Zeitungen
Deswegen eben Aber Sie werfen Namen zusammen wie Kraut und Rüben
Namen die mit dem Reubunde nichts zu tun haben Pauline von Harder ich muss
lachen
Ist sie nicht Grossmeisterin
Wohl wohl Aber bester Freund Pauline von Harder ist Alles nur keine
Betschwester
Irr ich nicht bemerkte Dankmar so ist Pauline von Harder eine geistvolle
Schriftstellerin
Allerdings sagte Schlurck Nein nein Justus da reimen Sie sich hier auf
Ihrem Freihofe unter den Tannen Birken und beim schönen Gesange des Kukuks
zuviel ungereimte Dinge zusammen
Ich bleibe dabei sagte Justus der Reubund ist Muckerei
Möglich sagte Schlurck pfiffig aber nicht in Ihrem alten lichtfreundlichen
Sinne Bester Heidekrüger Sie nehmen mir nicht übel Sie sind etwas zäh etwas
starrköpfig in Ihren alten Anschauungen
Im Reubund ist Muckerei
Ja ja in gewissem Sinne aber nicht in Ihrem Ich sag es ja Sie denken
noch immer an die alten Provinziallandtage und Ihre dummen verbotenen Bücher
Im Reubund ist Muckerei
Er ist nicht zu widerlegen meinte Schlurck zu Dankmar gewandt Er bleibt
bei seinem Satz und wird Recht behalten trotzdem dass im Reubund die lustigsten
Leute essen trinken tanzen und an Alles nur nicht ans Beten denken
Justus brummte nichtsdestoweniger immer für sich fort
Im Reubund ist Muckerei
Der Heidekrüger war so befangen in den alten Voraussetzungen seiner
improvisirten Bildung dass er zwar conservativ geworden war aber in die
Fussangeln des Mysticismus als alter Gegner desselben den Reactionairen nicht
folgen wollte
Ich bin aber doch begierig bemerkte Dankmar nun zum Justizrate gewandt
Ihre Analyse des Reubundes zu hören Sie werden ihn wirklich verteidigen
Wenn Justus conservativ geworden ist antwortete Schlurck mit ernster Miene
so musste er auch keinen Anstand nehmen in den Reubund zu treten
Warum donnerte Justus und hob sein mit dem Käppchen geziertes rundes
starkgerötetes Antlitz wie ein erzürnter Olympier oder der Präsident irgend
einer »verfassunggebenden« Nationalversammlung
Weil jede Zeit ihre eigene Sprache hat bester Mann begann Schlurck fest
und bestimmt die Sprache alter Freund in der man allein von ihr verstanden
wird Wenn der Unsinn siegt geht man eben mit dem Unsinn Ist es Mode die
Augen zu verdrehen so spricht der Vernünftige von der Erleuchtung Ist es Mode
mit den Pensionairs den Offizieren und Beamten das Lied von der Majestät zu
singen so singt mans wie man vor einigen Monaten als die Taschendiebe und
Wühler Volksversammlungen hielten wühlte die Volksversammlungen besuchte
immer Bravo rief und bloß hinten seine Rocktaschen zuhielt Bester Freund was
wollen Sie nur gegen den Reubund Ich bin selbst Mitglied Ich denuncire Sie
Ich klatsche Ihnen einen Prozess an den Hals bei dem Sie zehn Monate Wasser und
Brot besehen können trotz Geschworenengericht und allem mündlichen Zubehör
Das begreif ich aber denn doch nicht begann Dankmar wie Sie bei der
klaren Beurteilung der staatlichen und allgemein menschlichen Verhältnisse die
Sie vorhin zu erkennen gaben doch so sich der allgemeinen Meinung die Sie
selbst schwerlich teilen unterordnen und gleichsam mit den Wölfen heulen
können Der Reubund scheint mir wirklich eine der trostlosesten Ausgeburten
eines Volks das für politische Bildung seine völlige Unreife zur Schau stellt
Er ist das vollständigste testimonium paupertatis des Geistes das sich eine in
Servilität und Beamtenschmeichelei grossgezogene Bevölkerung nur stellen kann Er
ist eine Zuflucht der absolutesten Gedankenlosigkeit ein Schafstall der Furcht
und des panischen Rette sich wer kann Ein strenger Absolutist sogar zB der
geistreiche vorhingenannte General Voland von der Hahnenfeder wird nicht im
Stande sein sich diesem Bunde anzuschließen denn der Absolutist bedarf Ideen
und dort findet er nur Götzendienst
Ganz Recht bemerkte Schlurck und zog um doch den feurigen Sprecher
schärfer zu betrachten die Brille auf die Stirn ich stimme Ihnen vollkommen
bei und dennoch hab ich die Mode mitgemacht eben weil sie Mode ist und man
sich nur in Weitläufigkeiten und lästige Auseinandersetzungen verwickelt wenn
man den Leuten sagen soll warum man die Mode nicht mitmacht Darum tragen wir
ja die allgemeine französische Tracht um uns das Echauffement zu ersparen bei
Auseinandersetzung der Gründe die uns bestimmen könnten diese oder jene uns
viel geschmackvoller erscheinende Kleidung zu tragen Sie könnten nicht nur ewig
zu tun haben um geschmacklosen Leuten auseinanderzusetzen warum spanisch
schöner als byzantinisch ist sondern auch auffallen sehr auffallen und ich
gebe Ihnen die Versicherung Sie sind jung Sie streben vielleicht erst nach
einer festen Lebensstellung ich bitte um Verzeihung für diese Voraussetzung
aber haben Sie eine feste Lebensstellung erreicht so ist Ihnen nichts störender
als das Auffallen Das Auffallen zwingt Sie mit Ihrem Dasein immer wieder von
vorn anzufangen immer wieder erklären immer polemisiren zu müssen Ich bin
zB Jurist
Ein sehr gesuchter fiel Dankmar ein
Bitte erwiderte Schlurck nicht ohne Artigkeit Meine Praxis ist groß
Sie stehen mit der halben Welt in Verbindung scherzte Dankmar und sagte
doch aufrichtig Das was er dachte
Wollen Sies so ausdrücken fuhr Schlurck ohne alle Eitelkeit fort ja Ich
habe durch meine Administrationen Gelegenheit alle Stände kennen zu lernen
Fürsten und Handwerker Grafen Barone Juden Türken Maitressen
Betschwestern was Sie wollen denn das Geld das Geld regiert Alles das
Geld und der Genuss Soll ich nun mitten im Strom der Tagesmeinungen und der sich
überstürzenden Begebenheiten immer mein apartes Glaubensbekenntnis auskramen
Das ist sehr weitläufig Nein Ich war Mitglied aller Bibelgesellschaften aller
Missions aller GustavAdolfvereine Ich hielt mich anfangs zum
constitutionellen Angstclub ich bin jetzt Reubündler was soll ich mich
dabei aufhalten den Leuten zu sagen warum ich es nicht bin
Und doch wollen Sie sagte Dankmar trotz dieses indifferenten Interesses an
den öffentlichen Angelegenheiten teilnehmen und sich wahrscheinlich hier in der
Gegend wählen lassen
Ich tus mit schwerem Herzen antwortete Schlurck denn ich fühle dass ich
unglücklicher Mann immer rechts stimmen muss und ich lebe wieder von sehr sehr
vielen Menschen die außerordentlich links denken und denke selbst links Ich
darf mich leider nicht weigern Ein Mann in meiner Stellung Sie scheinen sie
zu kennen was kann Der tun wenn man ihm sagt Das Interesse des Staats
verlangt jetzt auch Ihre Beihilfe Auch Sie müssen teilnehmen an der
Wiederherstellung der Monarchie und des sichern Kraftgefühls der Regierung Es
ist nun einmal oben die Idee vorherrschend der Regierung müssten vor allen
Dingen wieder die Prädicate des Zermalmens und Zerschmetterns zurückgegeben
werden Dazu bedarf man der unbedingtest Ergebenen entweder der Fanatiker der
Theorie Das bin ich nicht oder der Fanatiker der reubündlerischen Schwärmerei
zu denen gehöre ich nur formell oder der Fanatiker der Ironie zu denen gehöre
ich ganz Ich werde in der Kammer nur Ja und Nein sagen und meine Freude daran
haben dass wenigstens vorläufig die übermäßige Verwirrung aufhört wenn auch mit
Aufopferung der Debatte O mein Herr man muss in der Tat wieder anfangen
können von diesem kleinen Planeten Erde genannt soviel Vergnügen
abzugewinnen als der tückische Erdenkloss der uns mit feuerspeienden Bergen
antwortet wo wir Neapelwonnen erwarten herausgeben will Sehen Sie schon Das
ist ja etwas wert wenn es die Reaction durchsetzt dass Einer mit Behaglichkeit
wieder in ein Bad reisen kann Nennen Sie mir Das nicht Indifferentismus Die
Staatsformen mein bester Freund wechseln aber die Forellen bleiben Und was
mir lieber wäre als alle Politik das brauch ich Ihnen eigentlich nicht zu
sagen Aber wenn Sies wissen wollen junger Mann nein nein Sie wissen es
selbst
Ich weiß es nicht Herr Justizrat sagte Dankmar sich besinnend und in
den Ideengang des alten Epikuräers sich versetzend
Ah ah rief Schlurck ablehnend
Belehren Sie mich was steht höher als Staatsformen und Forellen Ich weiß
es wirklich nicht
Gehen Sie weg Sie junger hübscher Lovelace
Lovelace Ah Sie meinen
Ja natürlich mein ich Was ist lieblicher als ein schönes Weib Herr Was
ist die Bestimmung der Erde anders als die ein Stelldichein für Verliebte zu
sein Ich bitte Sie wo soll es hinaus mit unsern fünf Sinnen unsern Lippen
der Glückliche der sie noch frisch und rund hat wie Sie wo soll es hinaus
mit der Poesie des Daseins wenn diese verdammte Politik den kleinen Gott Amor
so langweilt dass er unsere Erde für eine unnütze Station seiner Wanderungen
erklärt Die Attraction der Leidenschaften der Magnetismus der Gefühle Das ist
der Erde edelster höchster Zweck Hole der Henker die Politik und die
Revolutionen
Dankmar hatte nicht den Idealismus seines Bruders der solche Reden
verabscheut hätte Er war beweglich und praktisch Über diesen Materialismus
musste er wirklich lachen und da er unterhalten wenigstens von so frivolen
Grundsätzen schwieg fand Schlurck volle Gelegenheit unbeirrt durch den
mürrischen Heidekrüger fortzufahren
Von allen neuen Systemen der Weltverbesserung und Menschenbeglückung hat
mir aufrichtig das des Franzosen Fourier am besten gefallen Sehen Sie dieser
Fourier gesteht es ein dass ein frisches Stück Rheinsalmen mehr Wert für das
Jahrhundert hat als confuse Begriffe über den Ursprung der Gesellschaft Er
ladet seine Jünger in schöne luftige Paläste ein spielt ihnen herrliche Musik
auf arrangirt amusante Bälle schmückt die reichbesetzten Tafeln mit Blumen
die er glauben Sie mirs ebenso sehr liebt wie Forellen und was das Beste
ist seine Menschen sind gut sie amusiren sich sie sterben mit dem Bewusstsein
dass sie die ihnen verliehenen Organe zweckentsprechend benutzt haben
Wollen Sie fragte Dankmar spottend im Reubund diesem doch revolutionairen
Systeme Anerkennung verschaffen
Das hoff ich sagte Schlurck Gerade dieser Bund ist auch deshalb der
vernünftigste der seit dem Jahre 1720 ich meine seit der ersten englischen
Freimaurerloge entstanden ist Warum der Reubund versteht unter dem Vorwande
loyaler Gesinnungsverbrüderung eigentlich eine Allianz zur gegenseitigen
Lebensverschönerung Bester Freund die wahren Reformatoren unsers Jahrhunderts
kommen erst noch Das werden Die sein die von den Ideen sprechen und darunter
die Kotillons und die Schönheitslinien der Polka verstehen Im Reubund zeigt
sich schon die Ahnung dieses neuen Evangeliums Man hat seine Logen seinen
ersten und zweiten Grad es gibt Brüder es gibt Schwestern es gibt
Erkennungszeichen verstohlene Handgriffe geheime Einweihungen und was
vorläufig dort das Beste ist man isst nicht schlecht jedenfalls besser als man
gewöhnlich bei Gesinnungsfesten solcher Art zu speisen pflegt
Ich gestehe Ihnen sagte Dankmar dass ich eine ernste keine humoristische
Verteidigung des Reubundes erwartet hatte
Ich bin wirklich ganz ernst antwortete Schlurck man muss wirklich wieder
Orden stiften wie ehemals Zechbrüderschaften Trinkstuben Massenien
Gleichgesinnte müssen zusammentreten unter gefälligern Formen als Tabacksdampf
und offene von Spionen belauschte Sitzungen sind
Er warf dabei einen eigenen Blick auf den Schläfer in der blauen Blouse
So etwas wie die alten Ritterorden fuhr er fort muss man wieder
auferwecken den Templerorden zB wo es auch fröhlich herging und man sich um
den Papst und den Kaiser nicht scherte und mit den Türken die man bekämpfen
sollte Frieden schloss weil sie schöne Weiber hatten und prächtige
Weisheitslehren Nur keine Duckmäuserei Ah Meine Tochter führte mich neulich
in den »Egmont« Ich geh ungern ins Theater und zwar deshalb weil die Komödie
doch die rechte Pflanzschule aller falschen und unmotivirten Begeisterung die
rechte Schwatztradition der tausendjährigen Dunstreflexionen über Tugend Moral
und ewige Vergeltung ist Aber der frische phrasenlose Ritter Egmont gefiel
mir Seine Ansichten über Politik bringt er ganz gelegentlich an spricht wie
ein Kavalier über ein paar Pferde mitten im Zorn über den Albaschen
Belagerungszustand und als er zum Tode geht vermacht er seine Maitresse einem
Andern der sie aushalten soll Du wirst sie nicht verachten weil sie mein war
Ha ha ha Meine Melanie sang als wir nach Hause fuhren immer »Freudvoll und
leidvoll« Ich musste dagegen sagen Du wirst sie nicht verachten weil sie mein
war Prächtiges Wort Das Glauben Sie mir junger Mann wenn man das Leben gar
zu ernstaft nimmt sagt wiederum dieser capitale Ritter der die einzige
Dummheit beging dem Generalissimus Alba nicht die Statuten eines kaiserlich
spanischen Reubundes vorzulegen was ist denn dran Was ist denn dran Am Leben
nämlich wenn mans gar zu ernstaft nimmt was ist denn dran Justus nichts
Nichts Justus Gute Nacht junger Mann Besuchen Sie mich Sie finden eine
kluge Hausfrau und eine Tochter sie heißt Melanie
Melanie Schlurck ist die erste Schönheit der Stadt bemerkte Dankmar
Sagt man Das
Man urteilt selbst dann so wenn man ihr auch nur flüchtig begegnet zum
Beispiel zu Pferde
Nicht zu Pferde Nicht zu Pferde
Man sieht sie viel über die Promenade reiten
Halsbrechende Geschichten Lassen wir Das Besuchen Sie mich mein Herr Ich
wohne in einem merkwürdigen Hause in einem Hause das mich auch an die
mittelalterlichen Reubünde erinnert
An die Templer wie Sie sagten
An die Templer die die besten Zechbrüder des Mittelalters waren an die
Johanniter die Palästina Palästina sein ließ und das Grab des Erlösers da
verteidigten wo ihre Güter angetastet wurden ihre Schlösser ihre
Ordenseinkünfte Ich wohne in einem dieser Häuser für die ich jetzt den
merkwürdigen Prozess mit dem Fiscus führe Ah Processe Processe Das mahnt mich
aufzubrechen Gute Nacht Justus
Sie Herr Justizrat führen den Prozess wegen Dankmar wagte seine
Überraschung kaum auszusprechen
Nichts als Processe Ich der friedliebendste Mann von der Welt Gute Nacht
Justus Helfen Sie mir mein Reisenecessaire packen
Er zeigte auf den Eiskühler den strasburger Pastetentopf und den
Flaschenkeller
Justus griff zu und half ihm beim Einpacken erklärte auch da die Bedienung
schlafe ihm Alles an den Wagen tragen zu wollen und plauderte von den
schönauer Wahlen noch Dies und Jenes durcheinander
Dankmar aber hätte jetzt so gern von dem Gegenstande begonnen den Schlurck
nur flüchtig berührte Er hätte so gern gehört ob der Justizrat wirklich sein
künftiger Gegner in diesem Processe sein würde Aber Schlurcks Entschluss nun
aufzubrechen stand fest
Schon hatte er den Hut ergriffen schon einen flüchtigen Abschiedsblick auf
den schlafenden Fusswanderer geworfen sich angeschickt Dankmarn um seinen Namen
zu ersuchen
Justus um einen Versuch zu machen sein Mädchen zu rufen öffnete die Tür
In dem Augenblick sieht Schlurck flüchtig hinaus auf den Korridor und reicht
eben Dankmarn die Hand Dieser will sie ergreifen als Schlurck plötzlich einen
Schreckensruf ausstösst und fast in Ohnmacht sinkt Dankmars Hand lässt er
plötzlich wie gelähmt fahren und hält sich mit der Linken schwindelnd an der
Wand Dankmar springt hinzu der Heidekrüger lässt den Korb aus seiner Hand
sinken und ruft
Was ist Ihnen Mann
Auf dem Korridor dicht an der Tür des Saales vorüberschleichend glaubten
sie ein Gespenst zu sehen Halb entblößt auf dem oberen Körper nur im Hemd
stand mit geschlossenen Augen eine Gestalt dicht vor ihnen Verworren und mit
Heu untermischt hing ihr das Haar über die Stirn Strohhalme schleppten die
Schuhe mit sich fort über die Treppe und den Korridor An dem halbnackten Arm
hing mechanisch getragen eine Laterne die düster den Gang erleuchtete Die Magd
stand hinter diesem grauenerregenden Aufzug und deutete mit zusammengefalteten
fast wie betenden Händen an dass man um Gotteswillen schweigen möchte
Aber schon hatte Schlurck mit Entsetzen Hackert gerufen
Hackert war es als Nachtwandler Auf den Ruf seines Namens öffnete er
die Augen und taumelte fast zusammen
Dankmar von innigstem Mitleiden für den Unglücklichen der ein Nachtwandler
war ergriffen fing ihn rasch auf Der Lichtglanz blendete den auf seinen Namen
erwachten Träumer Er schien sich nicht sogleich sammeln zu können als er aber
Schlurck in der Tür sah und erkannte besann er sich und wollte anfangs lachen
Dankmarn war diese Situation furchtbar Er rief dem noch immer vor Entsetzen
starr dastehenden Mädchen zu
So zeig sie uns doch unsere Zimmer Sie sieht ja mein Kamerad hat zu Bett
gewollt
Die Magd entnahm Hackert die Laterne und ging rasch voran um sie eine
Stiege höher zu führen Hackert folgte stumm und nur zuweilen wars Dankmarn
als hörte er ihn hinter sich keuchen und seufzen Die Magd wie von einem
Gespenst verfolgt öffnete rasch zwei Zimmer ließ die Laterne stehen und eilte
hinunter Dankmar zündete ruhig zwei Kerzen an die in einem der Zimmer
bereitstanden schloss die Fenster sorgfältig und verwies Hackert der wie
träumend dastand auf ein Bett des einen Zimmers Gute Nacht sagte er ihm und
ging mit dem zweiten Licht in das Zimmer nebenan Er rückte behutsam sein Bett
an die Verbindungstür um lauschen zu können ob sich Hackert legte Als er
bemerkte dass dieser völlig ruhig war das Licht löschte die Tür zuriegelte
und sich aufs Bett warf entkleidete er sich selbst Er hatte von dem Gespräch
dem Wein und der Entdeckung über Hackerts unglückliche Nervenstörung selbst
halb verwirrt sich kaum niedergeworfen als er in der Ferne Schlurcks Wagen zu
hören glaubte so spornstreichs und im heftigsten Anlauf war der plötzlich
verschwundene genusssüchtige Spötter aus dem Hofe gefahren Über die Beziehung
in welcher Schlurck zu dem Nachtwandler stand noch länger nachzudenken fehlte
ihm die Sammlung der Sinne
Unten aber hatte der Heidekrüger als er erfuhr dass der Nachtwandler des
fremden jungen Mannes Kutscher war erst noch wissen wollen ob der Justizrat
diesen kenne dann aber als Schlurck leichenblass schwieg und sich nur eilig in
seinen Wagen setzte ihn mit der Bemerkung Der Reubund ist doch Muckerei
wieder zur Besinnung bringen wollen Schlurck aber scherzte nicht mehr Mit der
Bemerkung Gehen Sie zu Bett Justus Sie haben zuviel getrunken hatte er ihn
vom Wagenschlage entfernt und nur noch mit der Magd einige Worte gewechselt
deren Inhalt wir im nächsten Kapitel erfahren werden
Justus der Heidekrüger hatte wie freundliche Herrschaften die ihren
Dienstboten gern Trinkgelder gönnen die Gewohnheit sich jedesmal wenn seine
Gäste die Börse zogen zu entfernen und seinen Dienstleuten die Abrechnung zu
überlassen
Wir wissen nicht ob auch dieser Charakterzug in dem Buche erwähnt ist
welches vor mehren Jahren erschien und unter Anderm auch Justus Portrait und
Lebenslauf enthielt Es hieß wenn wir nicht irren »Deutschlands Biedermänner«
Dankmar Wildungen aber brauchte lange Zeit bis er erschreckt von allen
diesen Erlebnissen in dem endlich stillgewordenen Heidekrug entschlief
Achtes Kapitel
Der Spion
Der Morgen brach unfreundlich an Die Westwolken die schon die Nacht drohten
hatten sich über den ganzen Horizont gezogen Das liebliche Blau der vergangenen
Tage war verschwunden die Schwüle der Luft war noch wie bisher dieselbe Blüte
und Blatt schmachteten der endlichen Erfrischung durch Regen entgegen Noch
standen die Wolken starr und fest noch wollten sie sich auf die staubige Erde
nicht niedersenken
Schon arbeiteten die Schnitter im Felde um vor den drohenden
Gewitterstürzen die Ernte in Sicherheit zu bringen als Dankmar mit Hackert
ausgefahren war um die begonnene Reise fortzusetzen Der Heidekrüger schlief
wohl noch aber die kluge geschäftige Hausmagd die sich Liese nannte und der die
Sorge für das große Hauswesen ganz allein obzuliegen schien war schon früh bei
der Hand in dem von Arbeitern und Mägden belebten Hofe Auch das Städtchen
Schönau erblickte Dankmar jetzt am ferneren Rande des Waldes und mancherlei
lebhaften Verkehr durch welchen diese Wirtschaft des Heidekrügers Justus
bedeutsamer mit der ganzen Gegend verbunden wurde Es erklärte sich ihm jetzt
das sichere Gefühl mit dem der Heidekrüger von seinem Einflusse auf die
nächstbevorstehenden Wahlen sprechen konnte
Als Dankmar in den Hof gekommen fand er Hackert schon mit Aufzäumen des
Pferdes beschäftigt und vor ihm die Liese die ihm mit furchtsamem Ausdruck
eingedenk des gestrigen Abends zu seinem Erstaunen eine gefüllte Börse mit den
Worten hinhielt
Die Herrschaft in der Nacht hat Dies für Sie dagelassen
Wer fragte Hackert verdrießlich
Der Herr Justizrat sagte die Liese
Sie irrt sich wohl Das Geld ist wohl für Sie bestimmt
Die Magd Dankmarn erblickend rief ihm ihr beizustehen Der Herr Justizrat
hätten erzählte sie dem Heidekrüger gestern Nacht diese Börse mit all dem
Gelde drin geben wollen der hätte aber wie immer getan als könnte er blank
nicht fünf zählen
Was sagte Dankmar Eine gute Magd die so ihren Herrn verleugnet
Liese wurde rot
Ich merkte schon lange setzte Dankmar scherzend hinzu dass Liese mit ihrer
Herrschaft nicht im Reinen ist
Ach sagte das schon ältere Mädchen der Heidekrüger ist ein braver Herr
aber zu hoch studiert Wie ich herzog zu ihm es sind jetzt an acht Jahre die
Frau Heidekrügerin lebte damals noch ging Alles nach der Schnur denn die Frau
führte das Regiment Als sie starb wollt ich fort weil mir der Herr zu
hochgestapelt war und für Unsereins kein Gehör hat
Der Heidekrüger hochgestapelt Kein Gehör Ein Volksmann sagte Dankmar
Ich ließ mich beschwatzen und blieb und es ging auch weil Die von der
Polizei dem Herrn alle Bücher weggenommen hatten und auch einige gute Freunde
von ihm im Loche sitzen mussten Da ließ er die großen Staatssachen und das
Geschäft hier kam wieder in Gang Aber seit ein paar Monaten ist wieder Alles im
Brand Nicht eine vernünftige Antwort hat man von dem steifen Mann Was soll ich
da Ich will in einen andern Dienst
So so Liese Nun als ehrlich kann man Sie empfehlen Was soll die
gefüllte Börse
Hackert stand in einiger Entfernung und horchte halb herüber
Der Justizrat wollte die Börse dem Heidekrüger geben dass er die Zeche
abzieht und den Rest da an den
An meinen Kutscher sozusagen
Ja Herr an den
Sie blinzelte Dankmarn zu als wenn man nicht recht wisse wie man mit dem
gespenstischen jungen Menschen dran wäre und ihn näher bezeichnen solle
Schon gut sagte Dankmar der steife Heidekrüger hat viel Vertrauen zu
seiner ungetreuen unpolitisch gestimmten Liese
Gezählt hab ichs nicht Aber Das merk ich schon es ist mehr als mein
ganzer Lohn auf drei Jahre beträgt So nehm er doch Damit wandte sie sich
fast collegialisch wieder an Hackert und brummte etwas vom Hans Narren
Hackert wies sie finster zurück
Als Dankmar zureden wollte bat er ihn ungeduldig endlich einzusteigen und
die Gans schnattern zu lassen
Gib mir den Beutel setzte er noch rasch hinzu und betrachtete die
Häkelarbeit der Börse Es war rote Seide mit Gold durchzogen das Ganze sehr
kunstvoll durcheinandergewirkt Lass mir den Beutel Behalte nur getrost das
Übrige Verräterin die ihren Herrn verleugnet
Als ihm die Magd den Beutel reichte schüttete er den ganzen Inhalt erst in
seine volle Hand und sagte wirklich
Halt die Schürze auf Hexe
Dann warf er die aus Gold und Silberstücken bestehende bedeutende Summe der
Liese in den Schoos und murmelte
Die Börse will ich behalten Was drin war gib entweder deinem Herrn er
solls dem Schlurck wiederzustellen oder behalte es selbst
Ich will nichts behalten Wir stehlen hier nicht antwortete die Magd
empfindlich über Hackerts grobes Benehmen und sein Anhexen
Ist Sie großmütig Eine Tugendprahlerin So gibt sie auf Heller und
Pfennig fuhr Hackert fort dem Heidekrüger das Geld da oder stellt in meinem
Namen in Fritz Hackerts Namen hört Sie Fritz Hackerts dem Justizrat
Schlurck das Ganze zurück wenn er des Weges kommt oder schickts ihm
Verstanden
Lateinisch redet Ihr nicht brummte die Magd ärgerlich und zugleich doch
aufs äußerste erstaunt
Der Herr da will zahlen fuhr Hackert resolut fort indem er Dankmarn der
ihm jetzt ernstlich das Geld zu behalten zureden wollte die Rede abschnitt Was
ist er schuldig
Einen Taler fünf Groschen sagte die Magd und überreichte eine Rechnung
Dankmar nahm einen der Hackertschen Scheine aus seiner Tasche nicht ohne
Verlegenheit zu ihrem seit der Nacht ihm wieder unheimlichen Darleiher
hinüberblickend Hackert erwiderte diesen Blick und schielte indem er die
Rechnung einsteckte zu den Talerscheinen als kennte er sie Ist der
Nachtwandler verschwenderisch und geizig zugleich dachte Dankmar und wusste sich
diesen Gegensatz nicht zu reimen Doch war Hackerts Blick auf den Inhalt seiner
Rocktasche nur ein flüchtiger Die von der Magd erhaltene Börse fesselte ihn
lebhafter Er betrachtete die Häkelarbeit mit der Andacht eines Menschen der an
der Echteit einer Reliquie deshalb nicht zu zweifeln wagt weil er das tiefe
Bedürfnis fühlt sie zu verehren Wäre Hackert allein gewesen er hätte die
Börse deren Inhalt er so stolz verschmähte vielleicht geküsst Mindestens
betrachtete er sie mit andächtigster Teilnahme
Jetzt hinter einem Manne zu sitzen von dem er wusste dass er bei Nacht im
Schlafe wandelte war Dankmarn natürlich peinlich genug Die Erinnerung an die
Erlebnisse der vergangenen Nacht überhaupt und die aufregenden Gespräche trat
verworren und wüst in ihm auf Der Gedanke an seinen eigentlichen Reisezweck
die Wiederentdeckung eines ihm verloren gegangenen wertvollen Besitzes würde
vielleicht in den Hintergrund getreten sein wenn Schlurcks Reden ihn nicht
aufs lebendigste geweckt hätten Was er in diesen Tagen nur über die alten
Zeiten schon in dem Tempelhause von Angerode nachgedacht hatte stimmte mit den
Äußerungen Schlurcks das Wesen der Ordensgesellschaften betreffend merkwürdig
zusammen Ihm freilich waren die alten Templer nur in dem verklärten
Märtyrerglanze erschienen wie sie auf dem Bilde seines Bruders strahlten
Schlurck sprach zwar auch in seiner Weise hochachtend über sie Diese war aber
für ihn eine geringschätzende Endlich gewann ihm Das was Schlurck über den
Reubund gesagt hatte ein lebhaftes Interesse ab Hinter dem Spotte des
Justizrats lag ein gewisser Ernst dessen einschmeichelnde Macht er nicht
zurückweisen konnte War die Zeit von Ideen nicht wirklich bis zur Armut
verlassen Schmachtete sie nicht nach Taten des Geistes und neuen
Offenbarungen Einen Augenblick überkam ihn der Gedanke Wie wenn du in diesen
von der Regierung geduldeten Modebund trätest und ihn zu deinen Ansichten
herüberleitetest Wie wenn Das was ein Bollwerk des Absolutismus sein soll
eine Schutzmauer des Kampfes gegen ihn würde Hatte er neben sich in Hackert
einen Ausnahmemenschen dessen Zustand auf dunkle Nachtseiten der Natur führte
so war ihm auch das Ordenswesen plötzlich eine geheimnisvolle Nachtseite der
Gesellschaft und er konnte nicht umhin sich selbst zu sagen Wer sieht schon
jetzt die ganze Reihenfolge Dessen ab was Alles im Menschen und Völkerleben
als Keim zukünftiger Entwickelungen liegt Kein sterbliches Auge verfolgt die
schlummernden Möglichkeiten Wer ahnte einst die Gestaltungen die nun voll und
kräftig in der Gegenwart reifen Wer verfolgt die Wege die sich tief im Schoss
der Erde der Maulwurf des Weltgeistes gräbt Welche wunderbare Entwickelung
hätte der Tempelherrnorden nehmen können wenn ihn vereinte weltliche und
geistliche Macht nicht unterdrückt und aus der Wettbahn der Kräfte die das
Mittelalter stürzten hinausgedrängt hätte Die Päpste bereuten später bitter
genug dass sie im französischen Exil abhängig von der Willkür französischer
Herrscher den Templerorden aufgehoben hatten diesen gewaltigen Arm der ihnen
nach dem Verluste des heiligen Grabes und einer veränderten Bestimmung des
Ordens im Herzen der weltlichen Gewalt die Waffe hätte führen können die ihnen
später erst das Gift und die Intrigue des Jesuitenordens wurde Dreissigtausend
Tempelherren hätten Philipp der Schöne fürchtete es bewaffnet in Frankreich
allein gegen die Ausbildung der weltlichen Tyrannei auftreten können und was
wäre es denn auch für ein Unglück gewesen wenn immerhin der Geist eines
Innocenz des Dritten über den weltlichen Supremat gesiegt hätte Es früge sich
ob wir uns nicht besser ständen wenn der Monarchismus in der absoluten Weise
wie er jetzt auf den Völkern Europas lastet im teokratisch regierten Europa
niemals sich hätte entwickeln können Es früge sich ob wir nicht durch die
Kirche die doch allein die Bewahrerin der Bildung geblieben ist trotz ihrer
teilweisen Verfinsterung doch wohl zu größerer Wahrung unserer Menschenfreiheit
gediehen wären als durch den Staat der uns Revolutionen über Revolutionen
brachte und jetzt erst recht im neunzehnten Jahrhundert begonnen hat ohne alle
Rücksicht auf Leben und Tod mit grausamster Konsequenz für sein frivoles
irdisches egoistisches Bestehen förmlich wir sehen es täglich zu wüten Das
erkannte Philipp der Schöne der klügste politische Kopf seiner Zeit und
rottete die bewaffneten Verteidiger der Hierarchie mit Hilfe eines von ihm
eingesetzten lasterhaften Papstes aus Das templerische Element flüchtete sich
in den Johanniterorden der leider keines größeren Gedankens mehr fähig war Man
fühlte Das Man dachte an Erneuerung Immer und immer sollte der Bund
wiederhergestellt werden der dem Papste Kraft über die Gemüter gegeben hätte
und zugleich seinen Arm bewaffnet Aber erst als das Papsttum sich überlebt
hatte gelang ihm der alte römische Plan durch Ignaz Loyola und Franz Lainez
Eine geistliche Ritterschaft war nun wieder da Freilich bewaffnet mit dem
Schwerte der Scholastik Das Kreuz des reinen Templermantels mit heimlichem
und offenem Blute gefärbt Diese verspätete Ritterschaft kämpfte für eine
verlorene Welt für eine verwelkte Blüte der Jahrhunderte Warum aber erhob
sich nicht die Reformation zu einem Gegenbunde gegen die Jesuiten Warum brachte
sie es nicht weiter als bis zu den allgemeinen und indifferenten Anschauungen
der Maçonnerie Die Freimaurer sind der Gegenbund der Jesuiten aber welch ein
Feld ist noch übrig um aus dem Logenschurzfelle des Maurers einen echten
Templermantel zu machen aus der Kelle einen wehrhaften Schild zu schmieden aus
dem Hammer ein Schwert blank und im Kampfe haarscharf
Diese Gedanken regte bei Dankmarn Schlurcks Wort im Allgemeinen an Im
Besondern aber trat ihm auch die Äußerung dass er jenen berühmten Prozess führte
der ihn nun bald selbst betreffen konnte mit beklemmender Überraschung
entgegen Durch den Verlust Dessen was er eben so bedeutungsvoll gewonnen
hatte sah er sich zwar ausgeschlossen von der Teilnahme an einem alten
Rechtshandel dessen Führung bei Schlurck in den gewandtesten Händen war allein
sollte er das Verlorene wiederfinden wie konnte er in diesem Falle nicht noch
mit Schlurck in Gegensätze geraten die greller waren als die der verflossenen
Nacht Doch warf Dankmar bald diese Grübelei aus seinen Betrachtungen fort
und hielt sich an das Nächste an die Natur und an die Abenteuerlichkeit seiner
Reise zu deren Rätseln vorzugsweise Hackert und jetzt auch seine Beziehung zu
Schlurck gehörte dessen Geschenk an den nervenkranken Nachtwandler von einer
auffallend innigen Teilnahme zeugte
Hackert störte die unhörbaren Selbstgespräche seines Gefährten nur durch das
Knallen der Peitsche die am Walde widerhallte und ein Locken und Pfeifen des
Mundes immer wenn er Vögel sah und diese vom Wege in die Schatten der Bäume
zurückhüpften Als er merkte dass Dankmar geneigt war auf ihn zu hören begann
er
Im Stalle gestern lag ich schlecht ich zog doch vor oben in einem guten
Bett zu schlafen Haben Sie gut geruht
Dankmar bemerkte wohl dass Hackert seine plötzliche Erscheinung im oberen
Korridor auf natürliche Weise erklären wollte als einen freiwilligen Entschluss
Warum sollte er ihm diese Beschönigung seiner Krankheit stören Es rührte ihn
vielmehr dass der Mensch über Etwas das ein angeborenes Schicksal ist das
Gefühl der Scham haben konnte Er erinnerte sich dass Siegbert oft beim Anblick
elend geborener oder körperlich verwahrloster Menschen gesagt hatte Wie finden
sich diese Menschen nur mit ihrem Schöpfer zurecht Wie tragen Sie nur ihr Leid
nicht sehen nicht hören nicht sprechen zu können Welche langen Kämpfe des
Gemüts gehören dazu bis der unheilbar Kranke der ewig liegen muss sich nicht
mehr frei bewegen kann sein Schicksal als unabänderlich hinnimmt und sich von
den Freuden des Lebens noch soviel in die Vorstellung bringt dass er denkt Das
bleibt dir doch noch Das lohnt sich doch noch all diesen Jammer zu tragen und
mit ihm auszuharren und wär es nur der warme milde Sonnenschein Dankmar um
sich dem Kranken gegenüber ganz unbefangen zu zeigen vermied jede weitere
Frage auch die wegen Hackerts näherer Beziehung zu Schlurck Er lenkte von
Allem was seine Neugier reizte auch von dem Inhalt der Börse die er
zurückbehalten und der schönen Häkelarbeit auf Etwas hinüber das ihm jetzt
schon für gleichgültiger erschien seine Ankunft in Hohenberg und die
Untersuchung wegen eines an dem Fuhrmann Peters wahrscheinlich verübten Raubes
Bei den Leuten auf dem Heidekrug sagte Hackert hab ich mich erkundigt
Wir passieren noch eine kleine Stadt Dassel geheißen dann kommen wir ins
Hohenbergsche nach Berghübel und gegen Abend sind wir in Plessen am Fuße des
Schlosses Hohenberg Es ist ganz Recht dort treffen wir noch lustige
Gesellschaft Alle Kreditoren der Hohenbergschen Masse Schlurcks Frau seinen
Buchhalter Bartusch dann einen Bankier von Reichmeier und ein Dutzend Vampyre
aus der Stadt die alle in den fürstlichen Zimmern rumoren und sich geadelt
glauben weil sie unter adeligen Wappen schlafen können Wenn Prinz Egon aber
sehen Sie nur Sie werden ja da gegrüßt
Dankmar hatte mit Teilnahme sein Auge nur auf Hackert ruhen lassen und
forschte in seinen Zügen nach einem Verständnis dieser jedenfalls noch
unentwickelten und doch schon so überreifen in sich wohl unklaren Natur Das
Wägelchen ging langsamer weil sich der Wald in die Höhe zog Sich nun
umwendend erblickte er am Rande des kleinen Grabens der frisch ausgehöhlt
neben der Straße sich zog den Tischlergesellen von gestern Nacht Er trug den
leichten Ranzen über dem Rücken hatte ein sauberes Taschentuch vorn in der
Brusttasche seiner blauen Blouse stecken und schritt mehr im Gange eines
Lustwandelnden als eines ermüdeten und schwertrabenden Wanderers Dankmar hatte
ihn seit gestern Abend wo er bei den politischen Unterhaltungen einen
schlafenden Zeugen abgab aus dem Gedächtnis verloren jetzt aber trat er ihm
wieder mit der ganzen Bedeutsamkeit die ihn schon gestern in seiner
zurückgezogenen Bescheidenheit umgab auffallend genug entgegen Sein Gruß war
höflich ohne unterwürfig zu sein In seinen schönen Zügen lag ein feines
Lächeln Kein Wunder dachte sich Dankmar dass eine französische Dichterin in
unsern vorschreitenden Zeiten gewagt hat einen sogenannten Kunsttischler in
einem ihrer communistischen Romane so liebenswürdig hinzustellen dass er selbst
das Interesse einer hohen gebildeten Dame erwecken konnte
Wir sollten den Mann einladen mitzufahren meinte Dankmar Es ist ein
Tischler und von überraschender Bildung
Höflich sein auf der Landstraße antwortete Hackert kalt und wollte das
Pferd antreiben Er machte ein Gesicht das alle Merkmale eines Neides
ansichtrug der aus ihm über die Teilnahme die der Handwerker fand deutlich
zu sprechen schien
Es ist ja Platz neben mir fuhr Dankmar fort
Neben Ihnen Warum denn nicht hier vorn Wir vergessen überhaupt unsern
Vertrag fiel Hackert unruhig und fast heftig ein
Nur Mitleid mit einem so großen Unglück Hackerts wie er es gestern
entdeckt hatte bestimmte Dankmarn darüber zu lächeln
Das wär ein Tischler sagen Sie fuhr Hackert fort Den Gauner hab ich
heute früh schon im Hofe als verdächtig erkannt Ein Batisttasehentuch in der
Blouse Wenn ers nicht gestohlen hat ists ein Beweis mindestens für Spionage
Sei Einer ja behutsam jetzt wenn man sogenannte Arbeiter sieht die von dem
Rechte der Arbeit reden aber keine Schwielen in der Hand haben Die Polizei
weiß sehr gut was sie jetzt Alles auszustöbern hat Hier herum wimmelts von
jungen Accessisten die ihr Probestück ablegen mit einem falschen Pass
Probestück mit falschem Pass Was heißt Das fragte Dankmar
Lieber Gott die alten Unteroffiziere und Wachtmeister reichen jetzt für die
sogenannte praktische Polizei nicht mehr aus Um jetzt eine
Polizeicommissariusstelle zu bekommen verkaufen hundert Referendare Assessoren
sogar und Lieutenants ihre Seele wenn sie eine haben und leisten was
Blindschleichen und Menschen nur können die eine Anstellung finden und gern
heiraten möchten
Wie kommen Sie auf einen solchen Verdacht fragte Dankmar doch erstaunt
weil er sich gewisser Äußerungen erinnerte die auch Schlurck gestern fallen
ließ
Ach Es sind jetzt wenig Menschen Das was sie scheinen sagte Hackert Wie
bei gewissen Koffern mit denen man nach Frankreich und Russland reist haben
zahllose Menschen jetzt einen doppelten Boden Ich wohne in der Brandgasse Mein
Vicewirt Hausmann oder wie Sie den Kastellan einer Armenkaserne nennen
wollen ist ein Schlosser seine Frau eine Flickschusterin und Abends treibt
der Mann Polizeigeschäfte und sie nun sie kuppelt Nebenan wohnt ein
verdorbener Klempner Das ist ihr und sein Kollege Nach oben hinauf ists nicht
besser Die Politik hat ja die Menschen so vielseitig gemacht Der schnüffelt
Der heuchelt Der gibt an Und Den da den hab ich auch schon längst weg
Für was halten Sie ihn
Im Heidekrug beschnüffelte er Alles Eine Dreschmaschine sah er zehn mal an
wie die Kuh das neue Tor und einen Pflug zeichnete er sich sogar ab Ich gebe
mein Wort Es ist entweder Assessor Müller selbst der auf dem Polizeipräsidium
arbeitet oder sonst Einer der von ihm hierher geschickt ist um Recherchen zu
machen natürlich politische Die Spitzbuben haben ja jetzt die schönsten Tage
Die Polizei spürt nur nach Revolution Neulich sagte ein junger Mensch der seit
mehren Jahren unter polizeilicher Aufsicht steht weil er in seiner Kindheit
einmal in aller Unschuld wo eingebrochen ist Es ist ordentlich beleidigend
sagte er für unsereins wir sind ganz aus der Mode gekommen Wenn Einer bei dem
Hofjuwelier selbst einbräche nicht drei Tage würde davon gesprochen
Dankmar fand diese Vermutung über den Tischler nicht ganz unwahrscheinlich
und so wenig Neigung er sonst hatte mit Spionen oder den offenen unsanften
Armen der weltlichen Hermandad in Berührung zu kommen so hätte er doch
vielleicht noch Gelegenheit finden können sie heute für sich in Anspruch zu
nehmen Seines verlorenen Schreins gedenkend sprang er aus dem Wagen und wandte
sich zum großen Ärger des scheelblickenden Hackert zu dem Wanderer hinüber
Haben Sie in dem Wirtshaus eine gute Nacht gehabt fragte er als der
angebliche Tischler ihm nahe genug war und sich ihm so anschloss dass Beide
nebeneinanderschritten
Ich schlief später noch in einem Zimmer neben Ihnen antwortete der Fremde
Aufrichtig Ich hatte mich nur so gestellt als wollt ich im Wirtshaussaale
bleiben Der Schlemmer interessierte mich und als vollends noch Sie hinzukamen
und das Gespräch belehrend für mich wurde schloss ich die Augen ohne zu
schlafen Hernach ging ich wie Sie in ein leidliches Bett
Da haben Sie uns also belauscht bemerkte Dankmar erstaunt über diese
Offenheit
Wenn Sies so nennen wollen sagte der Fremde ja Hätt ich mich wach
gezeigt so würd ich dem Manne haben sagen müssen warum ich nicht von ihm zu
trinken annehmen wollte oder was noch schlimmer gewesen wäre ich hätte mich
hinreißen lassen seinen jämmerlichen Lebensansichten zu widersprechen
Dem Wirt glaub ich sagte Dankmar lachend würde dann doch die Geduld
gerissen sein Er schien Sie längst nur mit großer Selbstüberwindung in einem
Saale zu dulden wo einer seiner Gäste Trüffeln und Champagner ausbreitete
Ich weiß Vor unserer Umwälzung hätt er mich zur Tür hinausgeworfen und
auf den Heuboden verwiesen antwortete der Wanderer Die Zeiten werden schon
wiederkommen und vielleicht mit Recht Was anmassend und zudringlich ist bleibt
zu allen Zeiten besser vor der Tür als drinnen
So wandeln Sie wohl sagte Dankmar in politischen Dingen den Mittelweg des
vortrefflichen Herrn Heidekrügers
Satt aller Antwort gab der Fremde seinem edelgeformten Kopf nur den Ausdruck
eines Lächelns das Dankmar nicht umhinkonnte geradezu für fein und geistreich
zu erkennen Dies Lächeln entwaffnete ihn Er musste einen Augenblick schweigen
Nach einer Weile begann der Fremde von selbst
Ist denn Das auch ein System Ist denn Das auch eine Meinung Was diesen
Heidekrüger beseelt ist nichts als der crasseste Egoismus der Eitelkeit Dieser
Mann hat ein vortreffliches Landgut und brave Dienstboten die unter seinem
Dünkel leiden Warum bleibt er nicht in seinen Scheunen und auf seinen Feldern
Er krankt jedes seiner Worte verräts an der traurigen Grossmannssucht welche
die Hauptrolle in unsern politischen Kämpfen spielt Er kommt mir vor und
Tausende mit ihm kommen mir vor wie Grundbesitzer die bei Anlegung einer neuen
Eisenbahn durchaus verlangen dass die Linie an ihrem Eigentum vorübergehen
soll Ohne sie gibt es nichts Ohne sie kein Wind und Wetter Ohne sie nicht
Sonnenschein und Mondschein Es ist dabei ein Trost dass diese Menschen nicht
ganz servil sind Sie stellen sich der Regierung gegenüber doch manchmal ein
bisschen auf die Hinterfüsse und wollen erobert wollen gesucht wollen
geschmeichelt sein Aber erst große Worte Erklärungen Die Hand aufs Herz
Lafayette Lafayette Hat man jedoch einen solchen ProvinzialKato endlich an
der Leine irgend einer kleinen menschlichen Schwäche gefangen so kann man
Dienstags auf der pariser Fastnachtsprozession keinen größeren Ochsen sehen als
ein solches um jeden Preis an das Bestehende gefesseltes früher liberal
gewesenes Hornvieh
Dankmar fühlte nach dieser wie eine Bombe platzenden Kernäusserung dass wenn
der Fremde ein Spion war er als Agent provocateur in der Tat Talent besaß
Unmöglich konnte er ein Tischler sein Er beschloss jedoch harmlos zu bleiben
nicht weiter nach dem Sinn der blauen Blouse zu forschen und vor seinen
Überzeugungen die er immer frei bekannte keine Furcht zu verraten Da ihn
diese Unterhaltung bei dem trüben Wetter und der einförmigen Gegend nur erfreuen
konnte trat er ohne weiteres Mistrauen ohne ängstliche Furcht ganz offen mit
seinen Empfindungen hervor
Ganz wahr bezeichnen Sie diese Gattung von Menschen sagte er die leider zu
sehr den Schwerpunkt unserer Zustände bilden Sahen Sie nicht wie scheinbar
uneigennützig dieser Biedermann jeden Anspruch auf persönliche Auszeichnung
vonsichwies und wie er doch seine Anforderungen an einen Volksvertreter gerade
so nur stellte dass sie auf ihn allein zutreffen mussten So machten es Cäsar und
Cromwell auch als sie in Versuchung gerieten sich krönen zu lassen und nicht
wussten was ihnen größer stehen würde die Krone oder der Schein sie
ausgeschlagen zu haben Wie schlau und fein durchschaute Schlurck diesen
Tartüffe vom Lande den deutschen patriotischen Ehrenmann der nur das »Gute«
will und doch den Untergang der Welt von dem Augenblick an datirt wo man vor
dem Zorn seiner zusammengezogenen Augenbrauen nicht in Ohnmacht sinkt
Ja Ja Dieser Schlurck ist ein pfiffiger Spitzbube sagte der Fremde mit
nachdenklichem Ernst
Und mir mit seinem politischen Nihilismus noch lieber als diese aalglatten
Heuchler diese doctrinair gewordenen Spiessbürger
Auch der Nihilismus taugt nichts sagte der Fremde der sich immer
gebildeter zeigte und Dankmarn überraschte Aus nichts wird nichts Ein Nihilist
bringt ebenso die Welt in Verwirrung wie der phrasenhafte Egoist Der Nihilist
springt von Meinung zu Meinung gehorcht Jedem der gerade die Gewalt hat und
ist der rechte Widersacher der Erzfeind aller guten Dinge Wir leiden an keinem
Übel so sehr als an der Eitelkeit und an der Genusssucht Die Genusssucht ist der
eigentliche rote Faden der Revolution der sich durch alle unsere
Gesellschaftsschichten zieht Die Genusssucht stürzt die Staaten im Grunde um
sie lockert das unterste Gebäude Sie lehrt jenes Übermaß im Siege bei allen
Parteien Paris Paris Das ist nicht der Heerd der Gedanken sondern der Heerd
der Genusssucht Wissen Sie was die ganze die ganze Welt regiert Der Kours der
französischen Rente Ich war in Frankreich Der Franzose arbeitet bis in sein
funfzigstes Jahr Dann will er noch zwanzig Jahre genießen Er kauft sich
Staatspapiere und lebt von ihren Zinsen Um diese Zinsen auf hohem Fuße zu
erhalten werden in Paris alle Heiligtümer des Himmels und der Erde verraten
Ein plötzlicher Sturm kann den Rentenfuss herabdrücken man wird soviel lügen
soviel verraten soviel preisgeben von Dem was vielleicht die Menschheit aus
ihren Nöten hätte herausbringen können bis wieder die alte trügerische
Windstille da ist und zur Beglückung aller in Europa lebenden
Gesellschaftsdrohnen die vom toten Ertrage des Kapitals leben die Renten
hinaufsteigen Die französische Börse die Vertreterin der lungernden
arbeitsmüden oder arbeitsscheuen Genusssucht regiert die Welt Die Kapitalisten
werden dazu sind sie zu feig sich einem großen Sturm nicht mit Gewalt
widersetzen aber sie werden Alles aufbieten allmälig wieder die Zügel in die
Hand zu bekommen und der Politik eine solche Wendung zu geben bis sie wieder
auf ihrem Lebenstermometer auf dem Kourszettel das Quecksilber der Rente auf
dem Grade sehen wo es in den Tagen stand wo ein Bankier auf dem Throne
Frankreichs saß
Fügen Sie aber noch Etwas hinzu sagte Dankmar ergriffen von der wahren
Schilderung dieses gebildeten Mannes der ihm plötzlich wie verklärt vor Augen
stand Fügen Sie noch Eins hinzu Das Unglück der Welt verschuldet Paris
auch dadurch dass das Prinzip der Genusssucht dort auch Die ergreift die eine
Zeitlang im Dienste der Ideen gestanden haben Möchte man wenn man sieht wie
dort die Dinge jetzt gehen nicht glauben alle diese tonangebenden Charaktere
wären nur so lange ehrlich und heldenmütig bis sie sich eine Stellung erobert
haben und an der Quelle der Gewalt sitzen Dann schöpfen sie diese Quelle rasch
ab Sie ahnen dass ein Windstoß morgen sie wieder ins Nichts stürzen kann Nun
soll es im Fluge gehen dass sie sich bereichern und dem steilen Felsen der
Existenz einen californischen Goldklumpen fürs ganze Leben abgewinnen Nun wird
gelogen betrogen die alte Gesinnung Lügen gestraft So kamen die Heerführer
der Franzosen einst als Herolde einer neuen Zeit und diese alten Republikaner
waren nur beutesüchtige Genussmenschen die für ihr Alter Vorräte sammeln
wollten So haben jetzt in Paris alte Demokraten conservative Bedenklichkeiten
ja sogar junge Wüstlinge Spieler von BadenBaden die mit einem kindischen
Napoleoniden in Strasburg und Boulogne eine Emeute versuchten die durch
Teatercoups lächerlich wurde sprechen jetzt vom Jahrhundert von der Mäßigung
von der Philosophie des Bestehenden von der Grenze der Freiheit Nein Die
Genusssucht ist ihre wahre Philosophie Ihre Maitressen sind die wahren Egerien
dieser neuen meist militairischen Numas in roten Hosen
Der Wanderer in der blauen Blouse nickte beifällig Dankmar ersah daraus
dass er auch feinere Anspielungen vollkommen verstand
Welche Mittel gibt es aber dagegen fragte der Wanderer dem auch Dankmar zu
gefallen schien
Ich sinne täglich darüber nach Wo soll man die Besserung suchen
Ich finde sie in der Heiligung der Arbeit sagte der Fremde nicht ohne
Feierlichkeit in der alleinigen Bekränzung Dessen der sich beschäftigt und
reelle Werte erzeugt Es gibt zu viel Geistesarbeiter und zu wenig wahre
Handarbeiter Die Handarbeit muss in den Vordergrund aller unserer politischen
Beziehungen treten ihr müssen die größten Belohnungen zufallen denn nur durch
die spartanische Erziehung der Menschen zur Arbeit kann sie von Grund aus
gebessert werden Ich bin kein Socialist Ich werfe gerade den Kommunisten vor
dass sie die Arbeit viel zu sehr als eine Last als einen Fluch hingestellt
haben als einen Jammer der einmal die Menschen drücke und den man ihnen
versüßen erleichtern müsse Ist Das nicht wiederum Genusssucht Ist Das nicht
wiederum dasselbe Übel an dem wir die ganze Gesellschaft kranken sehen Nein
gerade im Gegensatze zu den Kommunisten muss die Arbeit als eine Quelle der
höchsten Freuden dargestellt werden und Institutionen müssen auftauchen die
die Arbeit und Alles was mit ihrer Förderung zusammenhängt in den Vordergrund
aller Politik stellen
Verstehen Sie darunter Belohnungen fragte Dankmar gespannt und tief
ergriffen von diesen Worten die aus dem Munde eines Denkers kamen
Belohnungen Auszeichnungen Erhöhungen des Lohnes Sorge für die
Angehörigen der Arbeiter unmittelbare Beziehung der Staatsformen nur zu der
Arbeit Vertretung der Gewerbe im Vorzug gegen alle andern Stände die sei es
Kaufmanns sei es Gelehrtenstand nur die Diener Dessen sein können der
arbeitet Wenden Sie mir nicht ein dass die Bildung immer den Vorsprung vor dem
Arbeiter gewinnen wird auch da wo jene vielleicht nur eine und dieser zwei
Stimmen hat Ich will dass auch der Arbeiter gebildet ist Ich will ihm nichts
entziehen von Dem was sich der Bevorrechtete zum Schmucke seiner Seele
verschaffen kann Der Staat soll es ihm geben Der Staat soll aufhören nur die
Garantie des Besitzes zu sein er soll einzig und allein eine Schutzwehr und
Garantie der Arbeit werden Die Franzosen haben mit ihrer Garantie der Arbeit
nur einen halben Schritt getan Für die Arbeiter zwar Summen aussetzen und die
Arbeit erleichtern dabei aber die ewige Rente behalten und die Staatspfründen
und das Militär und die ganze Maschinerie der künstlichen Arbeit der
sogenannten Geistesarbeit und die Repräsentationsarbeit der Beamten im alten
Bestande zu lassen Das ist es nicht was helfen kann Auf einen Arbeiter müssen
zwei Müßiggänger aufhören müßig zu sein Das nur kann helfen Machen Sie die
Arbeit zur einzigen Garantie der Rente und Sie werden sehen wie Alles die
Arbeiter umschmeicheln wie man bedacht sein wird ihre Arbeit ertragsfähig zu
machen und in dieser Eigenschaft zu erhöhen Sie sehen an solchen Eisenbahnen
die einen niederen Curs ihrer Actien haben wie das dabei beteiligte Publicum
Alles aufbietet um diesen Curs zu heben und den Wert der Schienenlinie zu
erhöhen Dies ist nur ein ungefähres Beispiel jener organischen Verschmelzung
in der ich mir die Arbeit in das allgemeine Leben des Staats aufgenommen denke
Die Arbeit muss endlich aufhören eine Ausgesetzte ein Paria der Gesellschaft zu
sein
Dankmar war entzückt Er teilte diese Meinung teoretisch nicht ganz ihn
ergriff nur der Kontrast der Blouse und dieser geistreichen Worte Übrigens
zweifelte er nicht dass er hier doch wohl einen jener socialistischen Schwärmer
vor sich hatte der sich Handwerker nannte weil er es wirklich einmal war
längst aber in einen höheren Bildungsstand übertrat und nur die alte Weise
beibehielt um den Arbeitern näher zu stehen und ihnen Vertrauen zu erwecken
Nach einigem Bedenken entgegnete er
Ich habe lange Zeit um den gewaltsamern radicalen Mitteln zur Besserung der
Welt auszuweichen mich mit diesen linderen beschäftigt die Sie andeuten Oft
habe ich mir die Menschheit als einen kranken Organismus gedacht wo der rasche
vielbeschäftigte und ungeduldige Arzt sogleich Eisen und Feuer verordnet der
tieferblickende wohlwollende und prüfende aber nur eine Umstimmung der
Functionen Wenn ich dann aber zuletzt doch sah dass zur Umstimmungsmetode
Jahrhunderte gehören würden und vor allen Dingen solche Staatsformen wie wir
sie eben von dem Status quo nicht erlangen können so bin ich immer wieder
darauf zurückgekommen dass wir bei der alten Methode der Französischen
Revolution bei der Zerstörung des Feudalstaats zur Zeit noch leider müssen
stehen bleiben Wir müssen es hilft doch nichts nivelliren Die Fürsten und
der Adel müssen durchaus dem Vorrecht des Bluts entsagen der Begriff der Gewalt
muss in die Souverainetät des Volks gelegt werden und alle bisherigen Stützen der
Macht in den Dienst der neuen Staatskräfte treten So nur finden wir Zeit und
Gelegenheit jene größeren anfangs vielleicht nationalen Naturprocesse
durchzumachen die in der Triebkraft aller solcher Völker liegen denen die
Geschichte die Einwurzelung in ihre Heimatlichkeit und den Glanz und die Größe
dieser Heimatlichkeit raubte Dann können nach den nationalen Wiedergeburten die
Völker jene noch größeren Beglückungen der Gesellschaft anbahnen die in einer
veränderten Gliederung des Menschengeschlechts überhaupt liegen und in jenen
Neuerungen die Sie andeuten Ich verkenne keineswegs wie gefahrvoll die
Entwickelung jener Zustände ist die man die Herrschaft des Volks Demokratie
nennt Allein die Reformation hatte auch ihre Bauernkriege ihre
Bildersturmexcesse und ihre Wiedertäufer Ihr besserer Kern erhielt sich und
ließ nicht einmal dasjenige Gute verkennen das auch in jenen gräuelvollen
Misverständnissen noch teilweise lag So muss es auch mit der Demokratie werden
Oder glauben Sie wirklich dass unter der Alleinherrschaft der Könige das Alles
sich ausführen lässt was Sie sich unter der Heiligung der Arbeit gedacht haben
Ich glaube an die Monarchie als an eine in der menschlichen Natur begründete
Staatsform aber die edle ideelle Monarchie ist die Monarchie der Zukunft nicht
die der Gegenwart Mit der Monarchie der Gegenwart die sich aufs Mittelalter
auf den Adel das Militär die Beamten die gottbegnadete Berufung stützt ist
nichts Derartiges anzufangen wie Sie sichs als heilsam denken Blicken Sie um
sich Die deutschen Fürsten haben plötzlich aus der demokratischen Frage eine
nationale und nun aus der nationalen gar eine Kabinetsfrage gemacht Dynastie
wetteifert mit Dynastie und die alten verjährten Vorurteile der Völker und
Stämme werden aus der Trödelkammer der Geschichte wieder hervorgesucht
abgestäubt mit dem Firnis neuer Redensarten überputzt und so zum Gefechte
geführt Kommen wir da weiter Werden da wenn diese nutzlosen Kämpfe die nur
Blut Geld und frivole Gedanken kosten vorüber sind nicht wieder dieselben
alten Schäden bald zum Vorschein kommen Oder ist es nicht gleich besser zu
sagen
Fort mit allen Fürsten und reinen Tisch gemacht fiel der Fremde lächelnd
ein
Dankmar schwieg weil ihn der satirische und durchdringende Blick seines
Gefährten jetzt plötzlich befremdete Es spielten ihm um die zusammengekniffenen
feinen Mundwinkel soviel pikante Schattirungen dass er sich plötzlich vornehmen
musste in seinem Vertrauen nicht zu weit zu gehen Der Fremde strich seinen
schönen Kinnbart der sich rund um das längliche Oval seines edlen Gesichts zog
und ihm viel Ähnlichkeit mit Dankmarn selbst gab und sagte
Ich muss lachen wie ich als einfacher Tischler dazu komme Ihnen einem
studirten Herrn so ernst entgegnen zu wollen und doch bin ich nicht Ihrer
Meinung
Sie wirklich ein Tischler sagte Dankmar fast verletzt darüber dass der
Fremde noch jetzt sein Incognito in dieser Weise aufrechterhalten wollte
Ja Ja Ich bin ein Tischler sagte der Fremde Warum denn nicht Ich könnte
Ihnen manchen eleganten Stuhl zeigen den ich zusammenleimte und noch viel mehr
hab ich mich geübt Meubles zu zeichnen hübsche Formen zu erfinden Doch
gesteh ich Ihnen sehr gern dass ich auch wenn ich will auf meinen Arbeiten
selbst sitzen darf und sie nicht zu verkaufen brauche Ich bin ein Tischler
aber ich trage diese Blouse nur weil es wie Sie sehen stäubt
Fürchten Sie da aber nicht dass man Ihnen einen Pass abfodert und Sie ein
Incognito das Sie zu bezwecken scheinen lüften müssen fragte Dankmar
In diesen Zeiten fodert man keine Pässe antwortete der Fremde ich gehe
auch nur bis Hohenberg
Bis Hohenberg sagte Dankmar Hohenberg ist auch mein Reiseziel
Sie werden früher dort ankommen als ich Von hier werd ich noch zehn
Stunden zu gehen haben und Sie wohl nur noch sechs zu fahren
Sie sollten mit meiner schlechten Kalesche vorlieb nehmen bemerkte Dankmar
Er tat Dies nicht ohne Zögern da eben Hackert hinter ihnen ungeduldig und
lärmend mit der Peitsche klatschte
Der Fremde sah sich den Wagen an und blieb mit den Worten Der Staub ist
allerdings sehr lästig stehen
Hackert rührte sich nicht vom Platze öffnete auch den Schlag nicht sondern
schien ruhig abzuwarten ob Dankmar ihn ganz als Kutscher behandeln und jetzt
sogar zwingen würde einen wandernden Handwerksburschen zu fahren
Beide Fälle ob nun die blaue Blouse zu Dankmar oder zu ihm gesetzt wurde
waren seinem empfindlichen Ehrgefühl peinlich Er schnitt die grimmigsten
Gesichter sprach von Ermüdung des Gauls schlechtem Wege engem Platz Der
Fremde erstaunt über die Unhöflichkeit eines Menschen den er nur nach dem
Bock auf dem er saß beurteilte schien einen Augenblick zu vergessen dass er
diesem doch auch nur ein wandernder Tischler sein konnte und über die von
Hackerts Mienenspiel ihm gegebene Andeutung sich wenn er aufstieg vorn zu
ihm zu setzen schoss ihm fast das Blut ins Gesicht doch schien er sich sogleich
zu fassen als Dankmar alle weitern Erörterungen mit dem widerwärtigen ewig
nergelnden Hackert abschneidend diesem den Zügel und die Peitsche aus den
Händen riss sich selbst auf den Bock setzte Hackerten und den Tischler auf den
Wagen verwies und mit den Worten Ich fahre gern einmal selbst vorn Platz nahm
und selbst das Rösslein des Pelikanwirtes nun zu rascherm lustigen Trabe
anfeuerte
Neuntes Kapitel
Die Visitenkarte des Tischlers
Der Wald war zurückgelegt Zu dem Städtchen Dassel hinab ging es im raschen
Trabe Einige Regentropfen fielen schon ohne jedoch sehr zu belästigen
Dankmar wie er so dahin jagte über die staubige Straße schüttelte über
sich selbst den Kopf Er suchte einen Schatz der ihn wie er vielleicht
scherzte zum Millionair machen sollte und um ihn zu finden fuhrwerkte er eben
eigenhändig einen Handwerksburschen und einen elenden abgedankten Schreiber Es
ging ihm wirklich unwirsch und ärgerlich im Kopfe hin und her Auch der Umstand
dass er das Gespräch mit dem geheimnisvollen und ihm jetzt wieder zweideutig
gewordenen Fremden gerade da abgebrochen hatte als er ohne das vernünftige
granum salis hinzugefügt zu haben sämtliche deutsche Fürsten wie alten
Sauerteig ausfegen wollte drückte ihn Es ist so lästig in extremen
Behauptungen ohne Vermittlung dazustehen Wir Alle leiden ja überhaupt mehr
darunter dass man uns nicht ausreden lässt als darunter dass man uns absichtlich
misversteht Man glaubt uns so oft zu verstehen und Das eben erscheint uns so
gefährlich Man unterbrach uns nur oder das Schicksal unterbricht uns in
Augenblicken die uns gerade die wichtigsten waren Der Tod welche schreckliche
Unterbrechung für einen Menschen der sich noch aussprechen seine Gefühle
rechtfertigen seine Gedanken erläutern möchte Und doch ist der Tod noch der
geduldigste unserer Zuhörer Selten dass er uns mitten in einer Periode einer
Auseinandersetzung für unser ganzes Leben überrascht Die ungeduldigsten und
quälendsten Störer sind aber gerade die die uns immer vortrefflich verstanden
haben wollen und gleich in die Rede fallen Sie verlassen uns wie in schönster
Übereinstimmung und wir bleiben mit dem Gefühle stehen Der geht doch mit einer
Voraussetzung von uns fort die nicht zutrifft Es sind doch nicht meine
Gedanken die er da als die meinen mit fortnimmt Himmel er wird sie
verbreiten er wird mich nach ihnen beurteilt machen er hat mich nicht
ausreden lassen und macht mich unglücklich
So lagen auch offene Gewalttätigkeiten Dankmars politischen Meinungen ganz
fern Er wollte immer nur das Notwendige und Vernunftgemässe und hier fühlte er
nun dass er doch weit mehr noch hätte sagen müssen um ganz verstanden zu sein
Diesem drückenden Gefühle half etwas die Ankunft in Dassel ab Es zerstreute
doch durch eine kleine gewerbfleissige Stadt zu fahren und wenn auch nur im
Vorüberfluge hier und da von einem freundlichen Gesichte begrüßt zu werden
Hinter Dassel belustigte Dankmarn der sich eine Zigarre angezündet hatte
und um zu gleicher Zeit fahren und rauchen zu können schweigen musste ein
Gespräch das Hackert mit dem Fremden anfing Hackert hielt diesen für Das was
er gleich anfangs vermutet hatte einen Spion redete ihn aber für Das für was
er sich ausgab an und sagte ganz dreist
Tischlergesell bist du
Tischlergesell wiederholte nach einigem Zögern der Fremde
Wo bist du her
Hier aus dem Hohenbergischen
Wo standest du zuletzt in Kondition
In Paris
Donnerwetter Das ist weit Von da kommst du direkt und verlegst dich nicht
aufs Fechten Hast wohl in Paris geschafft Ich seh es Deine Mütze ist bei
Noack in der Fischerstrasse ganz neu gekauft und deine Blouse glaub ich hab
ich schon mal auf dem Maskenball im Opernhause gesehen
Diese Wendung frappirte den Fremden
Dankmar lachte in sich hinein
Siehst du dachte er du kommst da an den Rechten
Tischler ist kein übles Handwerk fuhr Hackert behaglich fort Aber immer
Wiegen zu machen wäre mir zu läppisch und immer Särge zu schwermütig Wobei
hast du denn am meisten den Hobel angesetzt
Ich bin ein Kunsttischler mehr zum Luxus
Aha Luxus Mahagony Nicht wahr Drum gefiel dir auch wohl die neue
Dreschmaschine beim Heidekrüger
Der Fremde ließ sich durch diese verschmitzte Frage nicht irremachen
sondern setzte umständlich das Getriebe einer solchen Maschine auseinander
trotzdem dass sie nicht von Mahagony war Er wollte eben zeigen dass er die
Praxis verstand
Dankmar der aufmerksam zuhörte musste fortgesetzt lachen denn Hackert
verstummte plötzlich über die Schrauben Ventile Stempel von denen der Fremde
sprach Sein Plan den verkleideten Regierungsassessor Müller aufs Glatteis zu
führen war gescheitert
Das darauf eintretende Stillschweigen währte längere Zeit Dankmar rauchte
Hackert schickte sich zum Schlafen an Der Fremde sah auf die Gegend und notirte
sich zuweilen Etwas was ihm plötzlich einzufallen schien in einem kleinen
zierlichen Buche Das dauerte so fort bis er hinter einem Dorfe das sie wieder
zurückgelegt hatten Namens Helldorf zu Dankmar sagte
Da sind wir jetzt in einem Lande wo ja mit einem Fürsten wie wir vorhin
sagten reiner Tisch gemacht worden ist Es ist wahr es lebt sich darin nach
wie vor Die Menschen gehen und wandeln die Bäume tragen schwer an den Ästen
die Ernte ist reif das Gras schon zum zweiten male gemäht Es hat sich nichts
verändert
Wo wären wir denn da wandte sich Dankmar um
In dem Fürstentume Hohenberg sagte der Fremde hier beginnt die kleine
Herrschaft die so verschuldet ist dass selbst eine Lotterieanleihe sie nicht
mehr retten konnte Heben Sie den Glanz und das Glück der kleinen Herrscher auf
und sie gehen von selbst
Und die großen fragte Dankmar der nicht abgeneigt schien das begonnene
Gespräch fortzusetzen
Halten Sie es für möglich sagte der Fremde unbekümmert um den in
politischen Dingen schweigsamen und nun schlafenden Hackert halten Sie für
möglich dass jemals Staaten wie Preußen Österreich Bayern ganz aufhören
können Diese Sondergeschichte ist nicht auszulöschen und in den Fürsten
erhalten sich die Erinnerungen der Völker und werden durch sie getragen
Dankmar antwortete ironisch
Ich bewundere wie Sie glauben die Hebel der Gesellschaft die Organe der
Menschheit in Bewegung setzen neue Sitten neue Gesellschaftsformen bilden zu
können und doch an dem Bestande von Dynastieen wie an etwas Ewigem haften Wie
gern auch söhnt ich mich mit diesem Bestande aus wenn ich darin nur die
Fortbildung unserer Freiheit gesichert sähe Wissen Sie was mir durch diese
Monarchieen allein gesichert scheint Ein Übel das mir noch gefährlicher dünkt
als die von Ihnen gerügte allgemeine Genusssucht Es ist Dies die allgemeine
persönliche Eitelkeit begründet auf eine durchgreifende Erniedrigung des
Menschengeschlechts Wir hörten ja gestern vom Reubunde Wie erscheint der
Ihnen
Ein wenig lächerlich war die Antwort
Mir scheint er gefährlich sagte Dankmar Gefährlich deshalb weil er mit
einigen guten Eigenschaften des civilisirten Menschen ein unverantwortliches
Spiel treibt Liebe und Hingebung sind himmlische Tätigkeiten der menschlichen
Seele aber sie haben ihre Grenzen Sagen Sie selbst ob nicht in jener
Monarchie zu deren Erhaltung und Unterstützung der Reubund gestiftet wurde das
eigentliche Hindernis freier Entwickelung die tief in den Institutionen und den
Erinnerungen des Volks wurzelnde Eitelkeit das Hindernis der wahren Freiheit
ist In diesem Staate entwürdigt sich der Mensch als Gattungsbegriff um sich
als bürgerliche Person hochzustellen Das Individuum will bedeutend sein auf
Kosten des Geschlechts Oder woher denn sonst dieses rastlose und die
Menschenwürde beschämende Drängen nach Auszeichnung Eine Unzahl von
Ehrenzeichen und Titeln wird in Massen verschleudert die allgemeine
Militairpflicht untergräbt das kräftige Selbstgefühl der Heimat und ordnet Jeden
einer abstracten Ehre der Soldatenehre unter Wo Sie im Bereich dieser
Monarchie hinkommen überall bilden sich die Menschen ein in unmittelbarer
Beziehung zum Fürsten zu stehen Jeder glaubt sich von ihm persönlich gekannt
Jeder drängt sich vor um irgendwie zur Notiz der hohen Behörde genommen zu
werden Wie eilt nicht Alles zu Unterschriften zu namentlicher Nennung bei
jeder Gelegenheit Streiten Sie mit diesen Menschen so hat Jeder eine Meinung
für sich Jeder weiß es besser als der Andere und wenn man sich unterordnet so
ist es nur einem hochgestellten und betitelten Manne Einer Berühmteit die
Schleppe zu tragen die Kundschaft einer Excellenz zu genießen von einer
erlauchten Person angeredet zu werden Das ist dort wie in Russland der Bindekitt
des öffentlichen Geistes und die Bedingung seiner Formen Wenn Montesquieu die
Ehre als das Wesen der Monarchie bezeichnete und er es aufrichtig meinte und
nicht etwa damit seinem Souverain ein leeres Kompliment machen wollte so kommt
dieses Merkmal das nur aus Mangel eines tieferen Begriffes erfunden zu sein
scheint in jenem Staate zu seiner kleinlichsten aber auch gefährlichsten
Anwendung
Der Fremde schwieg eine Weile Dann nahm er als er Hackert wirklich
schlafend fand das Wort und sagte
Auch ich hasse die gedankenlose Hingabe an den flüchtigen Glanz des
Bestehenden nur um an diesem Glanze teilzuhaben besonders ist mir trotz
meiner conservativen Gesinnung die Koquetterie mit dem Heere unerfreulich Es
ist Dies ein Stolz der denn doch auf nur höchst unglückliche den großen
Menschheitszwecken widerstrebende Anomalieen sich begründet Nie wird ein Staat
eine Zukunft haben der sich nur auf die Institutionen der Gewalt stützt und
darauf hinarbeitet im Volke das Staatsleben nur wie einen Formel und
Götzendienst zu begründen Auch das Beamtenwesen ist eine solche morsche Stütze
des dauernden Bestandes Eine einzige verlorene Schlacht stürzt alle diese
blankgeputzten und zierlichen Götzen und was nicht unendlich Wichtigeres mit
ihnen Aber dennoch sind Sie ungerecht wenn Sie glauben dass die Dynastie von
dieser Hingebung allein zehren will Ich hoffe doch sie strebt nach der
Befestigung durch jene tiefer wirkenden Hebel der Industrie des Handels der
Ackerbauerleichterungen Freilich auf gewöhnlichem Beamtenwege wird hier nichts
bewirkt Solange nicht die Arbeit selbst an den Thron für sich redend tritt und
die Bureaukratie aufhört der Dolmetscher der Interessen der Arbeit zu sein
kann es nicht besser werden Es fehlen uns Staatsmänner die ihre Schule im
Volke gemacht haben
Dankmar fühlte sich durch die Ideen seines Reisegefährten oft so angezogen
dass er sie für die seinen erkannte oft aber auch wieder ganz von ihnen
abgestoßen Er schwieg eine Weile und überlegte das Gesagte Als ihn darauf der
Fremde ersuchte anzugeben wie er sichs denn möglich dächte jenen Geist der
eitlen ehrsüchtigen Selbsterniedrigung in der Monarchie zu dämpfen antwortete
er
Dadurch dass man diesen falschen und unwürdigen Royalismus auf seine wahren
Quellen zurückführt die Quellen der Eitelkeit und der speculirenden
Selbsterhaltung Denn leider auch deshalb wird jetzt ein so übertriebenes Spiel
mit monarchischen Formen getrieben weil man einen Damm sucht gegen die
drohenden Fluten der allgemeinen Zerstörung gleichviel aus welchem Material
gebaut Ehrlich sind unter den Reubündlern nur Die welche sich einbilden vom
Glanz der Monarchie falle etwas auf sie selbst und unehrlich alle Die welche
zum Royalismus aus Angst für ihr Eigentum flüchten oder die sich wie dieser
Schlurck vor dem Auffallenden fürchten und der Mode folgen weil sie Mode ist
Es muss Etwas erfunden werden mein ich was das Individuum vernichtet ohne die
Person zu zerstören
Das ist ein tiefes aber dunkles Wort unterbrach ihn der Fremde Das
Individuum vernichten ohne die Person zu zerstören
Wir müssen erläuterte Dankmar eine andere Gleichheit predigen als zB die
der Volksversammlungen Gleichheit mit dem Pöbel ist die Sehnsucht der Denkenden
nimmermehr Gleichheit der Ansprüche auf die große Ehre die in einem
Allgemeinen uns Alle Bindenden liegt Ehre zurückstrahlend auf Alle von einem
Begriff aus der Ehre verdient da ist Etwas zu suchen zu erfinden was uns
rettet vor dem Rückfall in die Barbarei dass wir aus Furcht vor Revolutionen der
Anbetung des Bestehenden verfallen
Als Schlurcks Name genannt wurde erwachte Hackert Die beiden Andern
schwiegen und die Notwendigkeit dem Pferde einige Ruhe zu gönnen trennte vor
einem am Wege gelegenen Wirtshause auf einige Zeit die drei Gefährten Als der
Fremde um nach einem Mittagsimbiss zu fragen ins Haus getreten war winkte
Hackert Dankmarn und zeigte ihm ein Taschentuch das Jener hatte liegen lassen
Mit geheimnisvoller Miene bedeutete er ihn näher zu treten und hielt ihm
verstohlen den Zipfel des Tuches hin Es war sehr fein eine Krone mit dem
Zeichen 100 und dem Buchstaben E darin gestickt
Das heißt sagte Hackert der Mensch von dem er dieses Taschentuch
gestohlen hatte deren hundert war mindestens kein Tischler und fängt in seinem
Vornamen mit einem E an
Oder es gehört ihm wohl selbst sagte Dankmar
Das ist auch möglich antwortete Hackert trocken und rief einen Knecht für
das Pferd zu sorgen Dann knöpfte er sich den Rock zu streifte Beinkleider und
Rockärmel glatt und benahm sich affectirt genug wie ein Gentleman
Schneiden Sie kein so schlimmes Gesicht sagte er zu Dankmar jetzt wo wir
Hohenberg näher kommen wirds mit meinem Fahren freilich nicht mehr viel
werden Wenn Sie indessen in Ihrem eleganten Kostüm fahren weiß man dass Sie es
nicht nötig haben und es nur aus Vergnügen tun Wenn ich es aber tue so sagt
jede Kanaille Das wäre mein Beruf Wenn wir in Hohenberg sind und Sie leichten
Herzens aber schwerer im Wagen mit Ihrem Schrein zurückfahren so sag ich
Ihnen warum das Alles so sein muss wenn Sie nämlich Lust haben es zu hören
Es ist eine verkehrte Welt meinte Dankmar kopfschüttelnd nachgiebig und
steckte das Tuch zu sich Wir wollen sehen ob wir da auch Etwas zu essen
finden
In der Wirtsstube trafen sie einen Jäger Ein stattlicher Fünfziger wie es
schien Seine Jagdtasche hing ihm mit langen Troddeln um die Schultern Sein
grauer Rock mit grünen Aufschlägen war von leichtem Sommerzeug und wohlerhalten
Das gebräunte mit fuchsrotem Barte umschattete Antlitz trug einen
unverkennbaren Ausdruck offenster Ehrlichkeit und treuherzigsten Vertrauens
Seine großen wasserblauen Augen grüßten die Ankömmlinge ebenso freundlich wie
er schon unterhaltend und unterhalten im Verkehr mit dem schöngewachsenen jungen
Mann in der Blouse war Eine Menge kleiner Kinder tobten um ihn her spielten
mit seinem Hunde zupften an den Troddeln und dem Netzwerk seiner Jagdtasche und
während er mit der Blouse ja schon mit Dankmar und Hackert sprach ging er doch
dabei zu gleicher Zeit freundlich auf die Scherze der Kinder ein die er
hinterwärts mit den offen gelassenen Fingern haschte und neckte
Sie sind hier im Gelben Hirsch erklärte er den Ankömmlingen Ihr
Mittagsmahl müssen Sie nehmen wie Sies finden He da Lenchen Jungfer
Drossel
Ein junges hübsches Mädchen die die Wirtstochter schien brachte schon für
den jungen Mann in der blauen Blouse einige Teller von ihrem eigenen
Mittagsmahle Nun musste aber auch noch genug für die beiden Andern da sein
Ja sagte der Jäger wenn der Drossel nicht immer im Busch säße und seine
politischen Lieder pfiffe
Wie erstaunte Dankmar auch hier wie auf dem Heidekrug die Politik
Störerin der häuslichen Ordnung
Das nicht meinte der Jäger begütigend die Frau und das schmucke Lenchen da
sehen schon nach dem Rechten Aber es ist Alles mehr vollauf wenn der Hausherr
selbst für seine trockene Zunge sorgt Wer viel spricht muss auch sich und dem
Magen viel bieten Wir im Wald sind immer allein und reden nur einmal mit unserm
Phylax oder mit den Grünspechten oder den Maulwürfen und da tut ein Stück Brot
ein Trunk Wasser oder einer aus der Korbflasche seine Schuldigkeit Zur Nacht
freilich gibt ein Jägersmann seinem Magen auch volles Gehör Da knurrt der und
will für sein Tagewerk ein kräftiges Futter
Das Euch wohl bekommt sagte Dankmar auf des Jägers frisches Aussehen
deutend
Besser als vielleicht Herrn Drossel das Essen auf sein vieles politisches
Reden fiel der Fremde ein der sich bei Seite gesetzt hatte
Ach nein meinte begütigend der Jäger es folgt Jeder seinem Geist
Damit wandte er sich zur bedienenden hübschen Lene den Kindern und dem
Hunde Phylax Er wollte es wohl vermeiden den Wirt zum Gelben Hirsch so
anzuklagen wie die Liese den Heidekrüger angeklagt hatte
Lenchen sagte er ablenkend wirst immer schmucker Blitzaugen hat das
Mädel Ganz wie ihre selige Tante Bist aus einem Tiegel mit ihr geschmolzen
Gott verzeihe mir die Sünde dass ich von Feuer rede
Die letzten Worte brummte der Jäger mehr vor sich hin
Warum nicht vom Feuer meinte Dankmar eine dargereichte Weinkarte musternd
Die Menschen sind mehr durchs Feuer als durchs Wasser geschaffen
Er bestellte eine Flasche Hochheimer
Lenchen ging mit dem ganzen Kindertross der sie in den Keller begleiten
wollte Auch Phylax würde gefolgt sein wenn ihn der Jäger nicht zurückgehalten
hätte
Das Feuer im Wein lass ich mir gefallen sagte der Jäger freundlich die
Bestellung gleichsam lobend Aber setzte er mit zusammengedrückten Augen hinzu
das Feuer das ich meinte ist ein anderer Brand Hier das Haus ging vor nunmehr
sechzehn Jahren einmal in Feuer auf und mit ihm die Schwester Drossels
ein junges Wesen
Verbrannte
Verbrannte
Der Jäger wandte sich auffallend erschüttert zum Fenster hinaus Die
Reisenden aßen Lenchen kam bald mit dem Wein zurück Die Kinder lärmten wieder
und litten nicht dass der Jäger nach der Flinte griff die an der Wand hing und
gehen wollte
Ei Onkel Heunisch schon fort sagte Lene Drossel Vater und Mutter müssen
von Schönau bald zurück sein Ich dachte Sie erzählen uns noch von Franziskas
letztem Brief
Komm ins Jägerhaus Lenchen Kannst ihn selbst lesen
Ins Jägerhaus komm ich nicht
Fürchtest dich
Vor der Eule nicht
Vor der Ursula Ich weiß es Bist ein Kindskopf
dabei lachte er wieder und verharrte dabei dass er gehen müsse Es wär eine
tüchtige Strecke nach Hause meinte er
Dann grüßen Sie aber die Fränz und danken Sie ihr für das hübsche Band
sagte Lenchen
Solltest ihr selbst schreiben Lenchen Legst es an die Tante bei
Das dürfen wir nicht
Die Tante Pfannenstiel Ist die so ungefällig Die reiche
Die
Sieh sieh So schreib der Fränz durch die Post Sie hört gern Etwas von
Hohenberg vom Wald und Gelben Hirsch Mein Schreiben ist nicht viel nutz
Franziska Heunisch beim Tischlermeister Märtens auf der Wallstrasse
Franziska Heunisch unterbrach Hackert das Verzehren seiner Mahlzeit ein
Geschäft dass er mit vielem Appetit verrichtete
Kennen Sie die Fränz Heunisch Herr fragte der Jäger angenehm überrascht
Hackert kaute und antwortete nicht Er schien nicht das Gemüt zu besitzen
dem Onkel der seine Nichte zärtlich zu lieben schien eine Auskunft zu geben
die den freundlichen Waldbewohner glücklich gemacht hätte
Als der Jäger die Frage Ei Kennen Sie die Fränz Heunisch nochmals
wiederholt hatte stieß Dankmar ärgerlich mit dem Ellenbogen den kauenden
Hackert an und sagte
Hören Sie denn nicht
Fränzchen Heunisch antwortete Hackert mit zweideutigem Lächeln eine
angenehme kleine Putzmacherin
Ja Herr sagte der Jäger sie macht Putz
Dann aber da er Hackerts Lächeln sonderbar fand setzte er indem ihm das
Blut in die Wangen schoss mit unterdrücktem Zorn hinzu
Wissen Sie von Fränz Heunisch etwas Unrechtes
Ich weiß von ihr nichts bester Jägersmann sagte Hackert als dass sie
allerliebste Zähne hübsche rote Wangen braune Augen schwarzes glattes
Seidenhaar und um die Augen eine gewisse reizende Haut wie von Wachs hat und in
der Wallstrasse Nr 14 im zweiten Hofe links eine Treppe hoch wohnt
Herr da wohnt sie sagte der Jäger und warf sich jetzt die Flinte so zornig
über die Schulter dass die Jagdtasche hin und herflog Was aber nun Was nun
Was nun Nun Nichts nun Sie wollten ja die Adresse genau wissen
Wallstrasse Nr 14 im zweiten Hofe links Ists nicht so
Der Fremde der an dem Jäger Wohlgefallen zu finden schien und einen üblen
Ausgang dieser Reibung fürchtete hielt es für das Angemessenste dem Gespräch
eine andere Wendung zu geben
Eilen Sie schon so sagte er zu dem kirschrot gewordenen Mann der auf
Hackert Blicke schoss die im Grunde doch mehr rührend als erschreckend waren Er
fürchtete sicher Franziska Heunisch möchte wirklich auf schlimmen Wegen sein
Die Jagd kann Sie nicht rufen fiel Dankmar ein der in dem Jäger den über
seine Nichte aufsteigenden Verdacht gleichfalls zerstreuen wollte ich denke in
den Wäldern hier mag es im Herbst lustig zu pirschen sein
Es gibt nicht mehr viel Wild in den fürstlichen Wäldern sagte der Jäger
sich sammelnd aber noch mit zitternder Stimme
Sind Sie Hohenbergischer Jäger fragte der Fremde
Das bin ich
Früher Militär
Militär
Dem alten Feldmarschall nahe gestanden Nicht wahr
Nicht so nahe Der selige Feldmarschall war kein Jäger
Und doch kein Wild bemerkte der Fremde der sich so benahm dass ihn Niemand
mehr für einen wandernden Handwerker halten konnte
Doch kein Wild fiel der Jäger der sich rascher beruhigte als Dankmar
erwartet hatte ein Das machen die Finanzen
Wie so die Finanzen sagte Dankmar
Weil die Juden den alten Fürsten ganz in Händen hatten Wie ihm kein
Strohhalm mehr im Lande gehörte ließ sie dann auch frisch aufs Wild
losschiessen Reh und Haas Alt und Jung nur um Geld herauszuschlagen Jetzt
sind sie ja in Hohenberg All versammelt sie wollen zur Jagd wiederkommen
sagten mir neulich ein paar Steifböcke aber ich lachte und dachte mir Bringt
wieder was Ihr schon Alles in unserm Wald vertilgt habt dann wird sichs der
Mühe lohnen Übrigens schwieg ich denn kein Mensch weiß was aus der Herrschaft
werden soll und wer uns inskünftige was zu befehlen hat
Wer ist denn Alles oben fragte Dankmar der den etwas frugalen Fremden in
der Blouse gebeten hatte sich des Weins gemeinschaftlich zu bedienen
Ich kenne sie nicht Alle die geputzten Leute sagte der Jäger Aber Das
weiß ich solche sinds nicht wie Die die zur Zeit als der Fürst und die
Fürstin im Glanze lebten da zu Besuch gekommen sind Der Fürst ist in der
Residenz gestorben kam auch nie hinaus nach Hohenberg schon die zwölf Jahre
nicht dass die Fürstin da wohnte Als die fromme Frau noch lebte durfte sich
Niemand von den Kreditores auf dem Schloss sehen lassen Das war so ausgemacht
Als sie aber die Augen zutat es sind nun zwei Jahre her da gings lustig los
Erst fings auf den Wirtschaftshäusern herum und in der Rechnungskammer an zu
rumoren Hui was für fremde Vögel die da durcheinander zwitscherten Das ist
für meine Kralle Das für meinen Schnabel Das Schloss blieb noch unangefochten
aber seit den drei Monaten dass nun auch der Fürst in Gott entschlafen ist ja
ja in Gott Gott hab ihn selig es war ein guter aber auch wieder ein
recht schlimmer Herr Da Hurrah Da kamen sie denn Alle an in großen
Staatskutschen Ritsch Ratsch Jetzt zerhackt und zerstückt das Ganze Wenn
sich Keiner findet der die halbe Million zahlt die allein schon als Schuld auf
dem Ganzen steht ists aus Es ist nun drei Wochen her Schnedderedeng
Trarara Das ganze Dorf unten es heißt Plessen kam zusammengelaufen und
gaffte die Postillone all und Kuriere an und die Herrschaften stiegen aus Das
sind nun Die die viele Jahre lang erst auf den Boden dann auf den Wald
zuletzt auf Gerät Leinenzeug Tisch und Bettzeug und den letzten Spahn Holz
im Schloss Geld geliehen haben Der Fürst ließ ja Gott seis geklagt seine
alte kostbare Lebensart nicht brauchte zehn mal mehr als er einnahm und so war
er zuletzt dermaßen herunter dass sein Sohn in Paris die Erbschaft nicht
antreten will und nicht antreten kann und nicht antreten wird
Während der Förster so plauderte verzehrten die drei Reisenden vollends ihr
bescheidenes Mahl Dankmar hatte in der Zerstreuung das Taschentuch an den
Fremden zurückzugeben vergessen Hackert blinzelte ihm deshalb einige mal mit
den Augen zu ohne sich aber Dankmarn verständlich machen zu können
Liegt nicht am Fuße des Hohenbergs fragte Dankmar seine eigenen
Angelegenheiten erwägend und darin dass der Fremde in tiefes Nachdenken
versunken schien nichts Auffallendes erblickend liegt nicht in Plessen eine
Schmiede
Ja wohl lautete die Antwort
Kennen Sie den Schmied
Er heißt Zeck Ist blind und sein Sohn ist taub
Hackert lachte und fügte hinzu
Und hoffentlich sind bei ihm recht viel Pferde lahm
Der Jäger sah den Witzmacher finster an und wandte sich in seinen
Erläuterungen zu den Andern Hackert den Rücken kehrend
Die Zecksche Schmiede war sonst in Flor Alle Fuhrleute haben da
angesprochen und sparten ihre Reparaturen auf die plessener Schmiede jetzt
kommt selten noch ein Wagen den Berg herunter
Wenn jetzt da oben Alles aus Rand und Band ist fragte Dankmar so gibt es
wohl viel verrufenes Gesindel auf der Herrschaft
Das doch nicht Dann und wann einmal ein Wilddieb Und Das selten weil
nichts zu dieben da ist Ja Holz wird gestohlen
Und Das tüchtig schaltete Lenchen ein die abund zuging und manchmal ein
Wort dreinredete wie es einem resoluten Mädchen zukommen mag
Ja sagte der Jäger lachend mehr als billig
Aber wie reimt sich Das bemerkte der Fremde mit der allberühmten
Frömmigkeit durch die sich ja die ganze Gegend auszeichnen soll
Der Jäger lächelte nicht ohne Feinheit
Es wird wohl so dick damit nicht aussehen meinte Lenchen und lachte indem
sie abdeckte
Ich will Ihnen sagen nahm der Jäger das Wort es mag mit der Frömmigkeit
die man so offen zur Schau trägt nicht weit her sein Das lernt man im Walde
wo man an jedem stillen Plätzchen denkt hier ists so gut wie in der Kirche
Aber wenns auch nicht mehr sehr lange nachwirken wird die selige Fürstin hielt
doch viel aufs Christentum Sie teilte Bibeln aus und sammelte jeden
Sonnabend die Leute um sich und las irgend was Andächtiges vor oder irgend ein
fremder Herr musste vorlesen und die Leute sangen dazu Manchmal kamen Menschen
die früher ein Handwerk gelernt hatten dann aber wie sies nannte die
vortreffliche Dame die Erleuchtung bekommen hatten und Missionäre wurden für
die Heiden zu bekehren Die stellte sie dann Sonnabends der Gemeinde vor und
Alle mussten beten dass Gott die frommen Apostel wie sie sie nannte in Gnaden
beschützen und behüten möchte Ach Das war oft recht rührend so einen guten
Menschen zu sehen der nun da hinaus muss ins Hottentottenland und die
Buschmänner bekehren Alle mussten weinen und Jeder gab ihm die Hand und sah den
armen Menschen sich noch einmal erst an ehe er gespiesst und gebraten war
Manche freilich
Der Jäger machte eine schlaue Miene
Nun Manche fragte Dankmar
Manche von den Missionären gingen gar nicht hin zu den Hottentotten sagte
der Jäger pfiffig und kratzte sich hinterm Ohr Wenn Die das Gute genossen
hatten und recht ausstaffirt waren mit allerhand kostspieligen Geschenken
blieben sie in Bremen oder Hamburg ganz geruhig liegen oder schrieben sie
hätten schon bei England herum Schiffbruch gelitten und müssten wieder umkehren
oder es müsste was Neues nachkommen Ach lieber Heiland was sind da für Sachen
vorgefallen
Der Jäger war so gutmütig dass er diese Worte in einem entschuldigenden
Tone und wie über den Lauf der Welt kopfschüttelnd vortrug
Kein Missionär erzählte er weiter ging von Hohenberg fort ohne nicht noch
einen ganzen Koffer voll Hemden und Strümpfe mitzunehmen Die ließ die gute Frau
Fürstin im Ländchen herum weben und stricken Sie teilte das Garn und die Wolle
aus aber nur an Die welche in die Betstunden kamen Wer fromm zugehört und
andächtig seinen Vers gesungen hatte kriegte nachher wenn die Andacht aus war
einen Napf voll Warmbier und etwas frisches Weissbrot was die alte Brigitte
schön backen kann und beim Nachhausegehen bekam jede Frau und jedes Mädchen
einen Korb voll Arbeit für die Heiden mit
Hackert lachte über diese Schilderung so unverschämt laut auf dass es ihm
Dankmar fast verwies Dennoch mischte er sich dreist in das Gespräch und sagte
Ich kenn einen ehemaligen Missionär Der Schlingel hat mirs erzählt wo
die Strümpfe und Hemden all hinkommen die man ihnen nachschickt Die
Augenverdreher verkaufen sie an das erste beste Kauffahrteischiff das sie am
Meere antreffen Nach Hause aber schreiben sie Dank für das Übersandte Die
Heiden wandeln bereits im Licht und auf euren Strümpfen Schickt nur mehr von
der Sorte
Hackert hatte die Genugtuung dass seine Anekdote gefiel Der Fremde aber
verließ das Zimmer Die Erzählung des Jägers schien ihn wohl zu interessieren
ihre heitere Wendung aber zu verletzen Da sein Ranzen liegen blieb so war
nicht anzunehmen dass er sich schon wieder auf den Weg gemacht hatte
Und wer zahlt nun die Leute aus die noch im Dienste der Herrschaft stehen
fragte Dankmar
Der Justizrat Schlurck antwortete der Jäger Der ist schon seit zehn
Jahren der eigentliche Fürst von Hohenberg Der administrirt mit dem Director
von Zeisel Alles durch und übereinander Die Kreditores halten sich an
Schlurck Noch gestern war er auf dem Schloss muss aber rasch eine Ordre gekriegt
haben so schnell ist er auf und davon Seine Frau aber die ist noch da mit dem
Kommerzienrat von Reichmeier und Frau Kommerzienrätin von Reichmeier und Herr
Bartusch und mit Respekt zu vermelden
Der Jäger sah sich nach den Kindern um
Diese spielten mit dem Hunde und da er auch Lenchen Drossel nicht sah so
flüsterte er
Drossels Schwester ist auch dort
Wer
Frau Pfannenstiel
Auch eine Kreditorin
Durch ihren Mann Frau Wirtschaftsrätin Pfannenstiel Ihr Mann war früher
Pachter bei dem Fürsten brachte dabei sein Schäfchen ins Trockene zog in die
Residenz bekam den Titel Wirtschaftsrat durch den Fürsten und wurde gerade
sein schlimmster Blutsauger Kurz Sie finden da allerlei Volk Christen und
Türken und
Melanie Schlurck des Justizrats Tochter hat sich also einen ganzen Hof
mitgebracht schloss Dankmar
Von Der wissen Sie schon Ja Das ist ein Engel oder ein Satan Die macht
Alle verdreht Zu Fuß zu Pferde bald im Feld bald im Walde und hol mich
Dieser und Jener sagt ich noch neulich zur Ursula sollte man nicht glauben
sie tanzte immer Noch hat Die kein Mensch mit ruhigem Fuß gesehen und Augen hat
sie im Kopf Zähne im Mund Ja Die hats Allen angetan und was man ihrem
Vater für Fluch und Malefiz nur anwünschen mag der Mamsell kann man nicht gram
sein sie macht Alles wieder gut Auch ein feiner junger Herr aus der Stadt ist
mitgekommen er heißt ich weiß es nicht kurz und gut so lustig ists
seit zwanzig Jahren da nicht hergegangen Jemine Säh es die alte Fürstin sie
drehte sich im Grabe um
Der Jäger trank seinen Labetrunk Bier aus wünschte den Herren gute
Verrichtung schüttelte Dankmarn sogar die Hand und ging Dankmar erwiderte
freundlich fasste aber Hackert ins Auge da er dessen Angesicht plötzlich wie
mit Blut übergossen sah seine Wangen glühten seine Stirn schien heiß von der
Farbe des Haares und der Haut entdeckte man kaum einen Unterschied mehr
Dankmars erster Gedanke war da von dem Jäger Lasally angedeutet wurde an sein
Pferd Er glaubte in der Verlegenheit die er auf Hackerts Antlitz bemerkte
als der junge fremde Herr der wohl nur Lasally sein konnte erwähnt wurde das
Zugeständnis der Befürchtungen zu finden die er seinem Bruder Siegbert geäußert
hatte als dieser für Hackerts Ehrlichkeit gutsagen wollte Aufs allerheftigste
wurde er wieder von dem Gedanken ergriffen dass zuletzt dieser Hackert doch wohl
nur ein Gauner sein möchte der sich ihm noch zu irgend einem bösen Zweck
angeschlossen hätte Und dennoch fühlte er Mitleid mit ihm Der Nachtwandler
stand wieder vor ihm der wüste schauerliche Eindruck wie Hackert mit halb
herabgefallenen Kleidern mit Stroh und Heu im Haar mit offenem Hemd in der
Hand die verlöschende Laterne vor ihm stand und Schlurck vor Entsetzen das Wort
außstieß das ihn weckte Die Erinnerung an diesen Anblick trat ihm so mächtig
in diesem Augenblicke vor die Seele dass er fast erschrak Hackert möchte eben
wieder in einen ähnlichen Zustand verfallen Denn er bemerkte dass Hackert wie
in Gedanken verloren zur Tür hinausging geduldig den schon zur weitern Reise
gerüsteten Gaul bediente geduldig die Peitsche ergriff und als wüsste er es
nicht vorn auf dem Bocke saß Alles Das hatte er mechanisch ohne Überlegung
getan Seine Absicht in der Nähe von Hohenberg Jedes zu vermeiden was seine
Eitelkeit in ein falsches Licht stellen konnte hatte er in dieser träumerischen
Abwesenheit ganz vergessen und Dankmar stand und staunte diesen Zustand still
beobachtend
Was ist dem Menschen dachte er
Der angebliche Tischler hatte sich inzwischen draußen mit dem Jäger noch
einige Augenblicke unterhalten und dann seinen leichten Ranzen geholt Er wollte
den weitern Weg zu Fuß machen und verabschiedete sich von Dankmarn Dieser hielt
ihn aber zurück und sagte
Wir haben jetzt nur noch drei Stunden bis Hohenberg zu fahren es hat
inzwischen geregnet der Weg ist zu feucht für Ihre dünnen eleganten Stiefel
Bleiben Sie bei uns
Der Fremde stieg nachgebend ein Dankmar bezahlte für sich und Hackert die
Rechnung folgte dann in den Wagen und rief Fort Hackert schien nicht zu
wissen wo er war sondern gab sich willenlos dem Tiere preis das im raschen
Trabe weiterfuhr
Der Regen hatte in der Tat mit einem einzigen und gewaltig starken Erguss
die Natur erfrischt Wie erhob sich Baum und Blatt wie blickte der Grashalm so
gekräftigt zu der Sonne auf die hier und da schon aus den grauen sich
zerteilenden Wolken wieder hervorbrach Auch die Gegend nahm jetzt einen viel
gefälligern Charakter an Die großen Flächen hörten auf Der Boden hob sich
wellenförmig am Rande des Horizonts stiegen schon die blauen Konturen einer
nicht hohen aber anmutig geformten Bergkette empor Hier und da verriet sich
ein hinter Büschen geborgenes Dorf durch seine Kirchturmspitze Der Weg war mit
Obstbäumen besetzt die Äpfel und Birnen in reicher Ernte versprachen Auf den
Feldern war fast überall schon die Frucht geborgen sodass man mit dem Blicke
weithin ausschweifen und die Krümmungen kleiner Bäche verfolgen konnte die den
Boden fruchtbar bewässerten und die Gegend lebendiger machten
Der Fremde betrachtete die Flur mit einem ernsten sinnenden Blick
Es ist meine Heimat sagte er Ich bin in diesen Tälern geboren Früh schon
verließ ich sie und doch kenn ich jedes Dorf jede Anhöhe wieder
Wie traurig sagte Dankmar dass so schöne Besitzungen von einem
leichtsinnigen weltlustigen Herrn verschleudert wurden Die Bauern haben sicher
die Vorteile der neuen Zeit hier wahrgenommen sie haben sicher die Laudemien
und Gefälle abgekauft Vielleicht ist die Summe die dadurch auf einem Brete
gezahlt wurde für den künftigen Unterhalt des Prinzen Egon ausgesetzt das
Einzige was ihm sein Vater zu erben mag hinterlassen können Die übrigen
gewöhnlichen Abgaben von Grund und Boden laufen ohne Zweifel in die Kasse der
Gläubiger die in den jetzigen schlimmen Zeiten wohl sich vergebens nach einem
reichen Kapitalisten umsehen der hier das ganze Besitztum mit Activen und
Passiven übernimmt
Es ist wenig Heil noch auf Grund und Boden sagte der Begleiter trübe
gestimmt Die Masse der Lasten drückt zu sehr Wo der Staat etwas gewinnen will
denkt er immer gleich an das Erdreich und Den der es anbaut Immer den Zollstab
an die Erde gelegt Warum nicht an den Handel Die Kaufleute die jetzt die Welt
regieren wissen sich zu schonen Da sie meist von den Handwerkern leben so
schützen sie allenfalls diese noch eine Zeitlang und auch mit Recht Weil aber
dem gefrässigen modernen Staate die Mittel der Existenz immer knapper werden
müssen so sagen die regierenden Kaufleute und Börsenmenschen Haltet Euch an
Grund und Boden Grund und Boden sind ewig Welche Ungerechtigkeit aber Es ist
wahr die alten aristokratischen Regierungen haben es möglich gemacht dass Grund
und Boden bei den großen Ansprüchen des Fiscus an die Staatskräfte oft
steuerfrei durchschlüpften und meist mit einem blauen Auge davonkamen Es ist
wahr dass der Grund und Boden in den Katastern oft falsch veranschlagt ist
Allein diese relativen Vorteile sind im Preise von Grund und Boden schon mit
angeschlagen und wie ich jetzt zwei mal mehr Steuern geben soll so vergisst
man dass ich das Gut nur in der Voraussetzung kaufte dass es beim Alten bleiben
sollte und nur einfach zu zahlen hätte
Ich kenne diese Streitfrage bemerkte Dankmar aber ich weiß nicht ob man
es nicht darauf könnte ankommen lassen einmal der Aristokratie des
Grundbesitzes die notwendigen Folgen ihrer alten Regierungsmetode fühlbar zu
machen Man spricht von der Notwendigkeit des isolirten Reichtums Ich kann
sie in diesem Sinne nicht anerkennen Die gefährlichste Aristokratie bleibt die
des Blutes wenn sie sich auf einen großen und möglichst ungehemmt verwalteten
Grundbesitz stützt So lange wir aufrichtig gestanden das Adelsinstitut
behalten seh ich kein Heil für die Menschheit Der Adel ist hier und da
zuweilen liberal aufgetreten und hat sich dem Volke angeschlossen aber wie
selten diese Ausnahmen Ich anerkenne den Unterschied der Menschen den die
verschiedenen Stufen der Bildung und auch des Besitzes mitsichbringen aber
einen durch die Geburt durch Namen durch Ahnen begründeten Unterschied sollte
die Aufklärung nicht mehr dulden
Ich teile Ihre Ansicht in gewissem Sinne erwiderte der Fremde Nicht dass
ich den Adel ausrotten will denn ich halte Das für unmöglich ich halte die
Umwandelung eines berühmten Geschlechts in eine einfache bürgerliche Familie
höchstens für eine komische Episode der Geschichte die nur auf kurze Zeit
möglich ist Aber man soll erstens die Überwucherung des Adels beschneiden durch
das Erstgeburtsrecht und zweitens den Nachwuchs des Adels edler anpflanzen als
es unsere Fürsten tun Den Adel für Geld erteilen oder für höchst zweifelhafte
bureaukratische Verdienste Das ist eine tägliche Herabsetzung desselben
Instituts auf das sich doch die feudale Monarchie so gern stützen möchte Der
Adel an sich kann nicht verdächtig sein Man verdächtigt ihn nur dem Volke durch
die Art wie man neuen Adel macht In jedem Wald und jeder guten Waldhutung
herrscht ein natürliches System des Nachwuchses nur beim Adel hat man dieses
Nachwuchssystem nie beobachtet und deshalb sank die Achtung vor demselben
Das ist eben das Wort das ich verbannen möchte rief Dankmar Achtung des
Adels Wozu eine Kaste von Menschen die sich eines Vorrechts vor Andern
berühmt Der Staat schafft die Vorrechte vor dem Gesetz ab Das ist wahr Der
Bürgerliche kann alle Rechte genießen wie der Adelige So heißt es in den
Gesetzbüchern Und doch bleibt diese sonderbare geheime Verbindung unter den
Adeligen Es bleibt dieser geschlossene Bund der sich immer wieder mit seinen
Maximen hervordrängt wenn ihn auch noch soviel Revolutionen zurückgeworfen
haben Sie wollen den Adel vermindern durch englisches Erstgeburtsrecht und
besser anpflanzen durch Adelserhebungen wahrscheinlich an einen tapfern Krieger
einen geschickten Arbeiter einen glücklichen Erfinder Aber die Nachkommen der
Letzteren werden ebenso Aristokraten werden wie es die Nachkommen der weiland zu
Rittern geschlagenen Knappen und Kaufleute wurden Es ist eben ein Institut das
ewig auf die Vegetation der Freiheit wie Mehltau sich ansetzen und sie
verderben wird
Die Französische Revolution hat den Adel abgeschafft sagte der Gefährte
und er ist wiedergekommen Napoleon hat ihn noch mit seinen geadelten Korporalen
vermehrt und die jetzigen Börsenmäkler ließ sich mit Freuden adeln wenn sie
nicht fürchteten sich lächerlich zu machen
O so wünscht ich wallte Dankmar halb zornig halb lachend auf dass einmal
eine kleine Sündflut käme und dieses närrische Menschengeschlecht wenigstens
partiell verschlänge Es ist nichts mit ihm anzufangen
Das Gespräch ging jetzt über leichte Dinge hin und weckte Hackert endlich
aus der Betäubung in die er so plötzlich verfallen war Jetzt erst schien er
sich zu besinnen dass er wieder als Kutscher galt Er wurde über diese
unwillkommene Entdeckung unruhig blickte bald zur Seite bald hinterwärts maß
den Fremden bald mit einem wütenden Blick bald begann er etwas an dem Riemzeug
und der Peitsche zu bändeln und zu knüpfen bis er plötzlich ganz still hielt
Auf ein starkes Nun das ihm Dankmar zurief hieb er zwar wieder gewaltig auf
das ermüdete Tier dem die allmälige Annäherung an Hohenberg ebenso nottat
wie dem immer unruhiger und gereizter werdenden Dankmar aber Dieser wusste nun
in der Tat nicht mehr wessen er sich noch Alles von Hackert zu versehen und
worauf er sich zu rüsten hatte
Es war schon vier Uhr Die Sonne lachte wieder freudig vom Himmel Alle
Wolken hatten ihn verlassen Das schönste Ultramarin erquickte das Auge wenn
man empor das lachendste Grün der Wiesen und Büsche wenn man zur Seite
blickte Die Gegend wurde immer reizender Nach jeder Anhöhe die das müde Ross
erklimmte öffnete sich ein immer lieblicheres Tal Die Vegetation statt
gebirgig zu werden wurde eher südlicher Kastanien Ahorn und Nussbäume
standen auf kleinen Anhöhen am Wege neben Kirchen und Pachtöfen Der weiße
Flieder der sich traulich an Ställe und Scheunen schmiegte und jeder
verfallenen Mauer einen malerischen Reiz verlieh konnte wohl den Fremden
bewegen auszurufen
Wie erinnern mich diese weissblühenden Gebüsche an das südliche Frankreich
wo es freilich der Feigenbaum ist der mit seinen großen Blättern seinen
labyrintischen Ranken und den versteckten grünen Früchten sich so an jede
nackte Felsen und jede kahle Mauerwand lehnt sie verschönernd durch seine
trauliche Ansiedelung
Vor den Reisenden lag dann auch endlich auf eine Stunde Weges entlegen das
Schloss Hohenberg Schon lange konnten sie das im Geschmack der ersten Hälfte des
vorigen Jahrhunderts errichtete stattliche Gebäude unterscheiden Je näher sie
diesem ihrem gemeinschaftlichen Reiseziele kamen desto unruhiger wurde Hackert
desto heftiger seine Antworten desto ungeduldiger das Seufzen das ihm zuweilen
entfuhr Er wandte sich jetzt wieder zu Dankmarn und äußerte
Bis hierher Herr Fahren Sie jetzt
Dankmar beherrschte sich und erwiderte
Bis ich die Zigarre fertiggeraucht habe
Die Aussicht auf das Schloss verschwand Man war in einem anmutigen
Buchenwalde der sich bis nach Plessen hinzuziehen schien Welch frisches Laub
Welche zauberhaften Lichter wenn die Baumgattungen abwechselten und Tannen sich
an Birken reihten um gemeinschaftlich dann die Buchengruppen zuweilen zu
unterbrechen Welcher Smaragdschimmer wenn grünbewachsene Plätze
zwischeninnelagen und von der Sonne beschienen wurden die schon großer
Öffnungen bedurfte um mit ihren sich senkenden Strahlen hier durchzudringen Da
sprangen ja noch Rehe erschreckt von ihrem grünen Lager unter einem großen
freistehenden Eichbaum auf Es musste mit des Jägers Kummer über die
ausgeschossene Belebung dieser Wälder nicht so schlimm stehen
Der Fremde war im Anblick dieses stillen Friedens wie verloren
In dem Augenblicke hörten sie in der Ferne Pferdegetrappel Hackert springt
auf Man sieht einen Zug von etwa fünf Reitern dahertraben in der Mitte eine
Dame wie man an dem in der Luft fliegenden blauen Schleier erkannte Hackert
wirft Peitsche und Zügel fort springt vom Sitz schießt wie besessen über den
Chausseegraben und ist im Nu im Wald verschwunden Der Gaul erschreckt von der
heransprengenden Kavalcade bäumt sich Die Zügel schleifen schon an der Erde
Dankmar wirft eiligst die Zigarre fort Der Fremde hält ihn damit er nicht
hinausspringt In dem Augenblick jagt die Dame mit ihren Begleitern an deren
Spitze Dankmar den Stallmeister Lasally erkannte vorüber Es war Dies ein Glück
für den bescheidenen Einspänner denn dem stutzigen Gaul wurde die Gelegenheit
zum Durchgehen genommen Die Kavalcade nahm sie im Vorbeireiten in die Mitte
Die Dame lachte vielleicht über die komischen Kapriolen des zügelfreien Tieres
und die verlegene Besorgnis der beiden Männer Mit einem Sprung war Dankmar als
der Gaul glücklicherweise stand hinaus und griff nach dem Zügel Mit
Verwünschungen gegen den Betrüger der sie hier so plötzlich im Stich gelassen
und ihm auch die Gelegenheit genommen hatte die Dame zu fixiren hieb er auf
das erschreckte Tier zu und ohne sich weiter um Hackerts Rückkehr zu
bekümmern jagte er auf und davon
Was hatte nur der tolle Mensch fragte der Fremde über das Zusammentreffen
aller dieser Vorfälle erstaunt
Ich sehe er ist verrückt antwortete Dankmar
Ich glaubte diese Eigenschaft schon längst an ihm bemerkt zu haben
Es erleichterte Dankmarn seinem Begleiter zu erzählen wie er an diesen
Gesellen gekommen wäre Als er dabei einen Bericht über den eigentlichen Zweck
seiner Reise erstattete und den Schrein erwähnte den er in Hohenberg verloren
und dort suchen wollte unterbrach ihn der Fremde mit den Worten
Einen Schrein Etwa von drei Fuß Länge
Wie fragte Dankmar gespannt allerdings etwa drei Fuß Länge
Eiserne Bänder an dem Deckel
Wohl Und am Boden
Zwei Fuß breit mit ausgefelgten Rändern
Zierlich geschnitzt
Auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz
Himmel wo haben Sie diesen Schrein gesehen Er ist es
Wo hab ich ihn gesehen fragte sich der Fremde selbst Besinn ich mich
wohl wo mir noch gestern dieser Schrein auffiel
Ich beschwöre Sie rief Dankmar forschen Sie in Ihrem Gedächtnis Die
wichtigsten Angelegenheiten knüpfen sich für mich an diesen Schrein
Das Kreuz hatte nicht die gewöhnliche längliche Form der Kirche
Doch doch
Es war ein Malteserkreuz
Ähnlich
Ganz recht Es war ein Kreuz an den Enden mit kleeblattförmigen Rundungen
Das ist er
Dankmar war wie auf glühenden Kohlen Das Pferd hielt er an da der Fremde
ohnehin gewünscht hatte aussteigen und nach Plessen einen Seitenweg einschlagen
zu dürfen Endlich als Dankmar fast krampfhaft und erwartungsvoll des Fremden
Hand ergriffen hatte rief Dieser aus
Ich weiß es Den Schrein sah ich gestern Abend im Hofe des Heidekrugs auf
Schlurcks Wagen
Auf Schlurcks wiederholte Dankmar und stockte
Auf Schlurcks Wagen versicherte der Fremde der sich ihm in diesem
Augenblick in einen Boten des Himmels verwandelte es war nach vier Uhr Es
dämmerte aber noch sternhell als ich im Heidekrug ankam Anfangs wollt ich die
Nacht benutzen und nach einer Erfrischung weiterwandern Da sah ich im Hof einen
Reisewagen stehen leicht bepackt elegant Der Kutscher zündete die beiden
Laternen an als wollte er weiterfahren Der Wagenschlag hatte eine Chiffre die
mich fesselte Ich blieb in der Nähe stehen Ich sah dem Kutscher zu wie er die
Laternen befestigte Dann ordnete er an seinem Fuhrwerk Dies und Jenes Unter
seinem Sitze hatte sich in einer dort befindlichen Vache Stroh gelockert Er riss
es vollends ab und rief den Hausknecht um neues an Einen in der Vache liegenden
Gegenstand schien er frisch emballiren zu wollen Bei der Gelegenheit sah ich
deutlich jenen Schrein der mir wegen seiner altertümlichen Form und des auf
ihm sehr zierlich angebrachten Kreuzes da der Deckel zur Seite lag auffiel
Ich würde mich an dem Wagen nicht solange verweilt haben wenn mir nicht das
verwischte fürstlich Hohenbergsche Wappen an dem Schlage und das frisch und
lebhaft darunter aufgetragene FS aufgefallen wäre Ich fragte wem die
Kalesche gehörte Es hieß Dem Justizrat Schlurck Ein lebhaftes Interesse das
ich an diesem Namen nehmen muss veranlasste mich zu bleiben und hinaufzusteigen
in den Saal wo Sie mich später fanden Unten rief mich der Kutscher ein
brutaler Mensch als ich ihm zusah wie er den Schrein mit frischem Stroh
umwand mit groben Worten an Ich gedachte meiner Blouse blieb demütig und
machte die Bekanntschaft Schlurcks der mir für mein Leben ebenso wichtig ist
als er es jetzt vielleicht auch Ihnen werden kann
Und auf wessen Zeugnis fragte Dankmar im Ausbruch seiner jubelnden Freude
auf wessen Namen kann ich mich berufen wenn ich von Schlurck mein Eigentum
zurückfodern werde
Muss Dies sein sagte der Fremde zögernd und stieg von dem Wagen herab
während Dankmar die Zügel stark aber auch den Fremden sanft festhielt
Dass Sie der Tischler nicht sind sagte er dabei der Tischler für den Sie
sich ausgaben ist gewiss Sie müssen mir das Zeugnis ausstellen dass ich discret
war und nicht in Ihr Geheimnis drang Aber jetzt durch Ihre mir ewig
dankenswerte Entdeckung wird es mir zur Pflicht Sie um Ihren Namen zu bitten
denn ich weiß nicht es ist mir als wenn ich mit dem Finder nicht leichten Kauf
haben werde Schlurck ist ein Mann der mir vorkommt als könnte man ohne Zeugen
und Prozess kein vor seinen Augen verlorenes Taschentuch wiedererhalten
Wie der Fremde noch zögerte und mit verlegenem Lächeln sich wegen seines
Geheimnisses entschuldigen zu wollen schien griff Dankmar der nicht ohne Grund
das Beispiel vom Taschentuche gewählt hatte rasch in seinen Frack und langte
das dem Fremden gehörende Tuch hervor
Hier sagte er dieser Verlust muss uns näherbringen
Mein Taschentuch bemerkte der Fremde
Ihr Taschentuch Wirklich das Ihrige Das eingestickte Zeichen die
Krone E und die Zahl 100 Wohlan mein Herr Ich will Ihnen das Geständnis
erleichtern Tauschen wir unsere Karten
Damit zog Dankmar sein Portefeuille hervor und überreichte dem Fremden seine
Karte
Dankmar Wildungen sagte er indem der Fremde seine Karte las Dankmar
Wildungen ein obscurer junger Mensch Prätendent des Glücks wo er es findet
ein junger Jurist Bürger kommender Jahrhunderte ein Posa den König Philipp
mit dem entschuldigenden Titel Sonderbarer Schwärmer entlassen haben würde
wenn er gerade in der Laune gewesen wäre einmal von seinen Autosdafé sich
auszuruhen
Nun denn Sie junger lieber Malteser sagte der Fremde so will ich Ihr
Karlos sein unter der Bedingung dass Sie feierlichst geloben mich nicht zu
kennen wo Sie mir hier auch in und um Hohenberg begegnen werden
Mein Ehrenwort genügt sagte Dankmar mit ernstem Nachdruck
Lassen Sie uns Freunde bleiben fuhr der Fremde fort Ihre Offenheit kam aus
edlem Herzen Der Menschheit kann eine Zeit nicht verloren gehen wo noch solche
Flammen lodern wie in Ihrem Herzen selbst wenn sie sich und Ihre Träume
verzehren sollten Aber nochmals
Schwören soll ich sagte Dankmar lächelnd Wobei wünschen Sie
Der Fremde schüttelte den Kopf Er hatte ein elegantes Portefeuille
geöffnet Dankmars Karte hineingelegt und die seine hervorgezogen Er
überreichte sie Dankmarn mit einem herzlichen Händedruck klopfte wie zum
Abschiede und Dank dem Gaul ein paar mal auf den schweissgebadeten Rücken und
verschwand dann rasch hinter einem ganz in der Nähe befindlichen Gebüsch von
dem sich nach Plessen zu ein kleiner Fußweg durch die Wiesen schlängelte
Als Dankmar unendlich glücklich über die vorläufige Beruhigung wegen seines
ihm so wertvollen Verlustes vorzog nun erst am Fuß des Schlosses Hohenberg
über Nacht auszuruhen bis er zu der ihn jetzt magnetisch wieder zurückziehenden
Hauptstadt umkehrte und er dann in leichtem Trabe nach dem unter dem Schloss
Hohenberg friedlich von der Abendsonne beleuchteten Flecken hinabfuhr las er
auf der Karte einen Namen der ihn nach Allem was er seither auf dieser Reise
selbst erfahren und von Andern erzählt bekommen hatte auf das angenehmste
überraschen musste Die Visitenkarte lautete ganz einfach Le Prince Egon de
Hohenberg 7 Rue dAuteuil
Zehntes Kapitel
Der Gläubiger vom Throne
Das Schloss Hohenberg liegt auf dem ersten Vorsprung eines allmälig oberhalb des
Fleckens Plessen sich erhebenden unten mit Wiesen oben mit Tannenwäldern
bedeckten nicht unansehnlichen Bergrückens In einem etwas schnörkelhaften Stile
gebaut besteht es aus einem dreistöckigen Hauptgebäude mit zwei fast gleich
hohen hervorspringenden Seitenflügeln Beide Flanken sind vorn durch ein etwas
verwahrlostes aber einst kunstvoll aus getriebenem Eisen verfertigtes Gitter
verbunden Das fürstlich Hohenbergsche Wappen aus verwittertem Sandstein
gehauen ziert oberhalb des Säulenportals die Spitze der über den Fenstern mit
behelmten Römerköpfen gezierten Hauptfront Im unteren Stock gehen die Fenster
wie Türen auf den gepflasterten schattigen Hof den in schöneren Tagen
Orangenbäume zierten in großen buntgestrichenen Kübeln Nach dieser durch große
grüne Holzjalousieen noch gehobenen sehr stattlichen Vorderseite ist der
emporgehende Fußweg unmittelbar von der Kirche und dem Pfarrhause zu Plessen her
ziemlich steil Sanfter aber dacht sich nach hinten der Berg so abwärts dass man
von dorther mit einem Umweg der gleichfalls an der Vorderfront mündet auch zu
Wagen sehr bequem in dies einfache würdige Schloss gelangen kann
In den Zeiten der Fürstin Amanda besonders als sie durch ihren religiösen
Hang noch nicht zu sehr zur Verachtung der Weltfreuden verleitet war übertraf
die hintere Seite des Schlosses noch die stolze vordere beiweitem an traulicher
Wohnlichkeit Dort schloss sich dem Bau unmittelbar ein kunstvoller Garten an
Die Fenster des Erdgeschosses waren im Sommer geöffnet und führten unmittelbar
aus etwas steif gegipsten und bemalten aber doch anmutigen Sälen ins Freie An
den Fenstern wo große hellgrüne Vorhänge sich niedersenkten wohnte die Fürstin
im Sommer selbst und hatte um sich den ganzen Reichtum von Erinnerungen und
Andenken die sie so sehr liebte ausgebreitet Damals standen in dem von einem
plätschernden Springbrunnen heiter belebten schattigen Quadrat des hinteren Hofs
und besonders an der Spitze des einen Flügels während an dem andern sich einige
unerlässliche Wirtschaftsgebäude anlehnten kleine gefällige Statuen auf
zierlichen Postamenten Ein wohlunterhaltenes grünes Heck zeigte an dass hier
die stille trauliche Gartenwelt der Besitzerin begann zu der die Abends und
Morgens geöffneten Fenster dieses Flügels unmittelbar den Eintritt erlaubten
Auf leichten vom Regen zwar verwitterten aber doch bequem ebenen Steinstufen
kam man während sich links am kleinen Anbau der Fahrweg hinunterschlängelte
rechts in diesen wohlgehaltenen terrassenförmig sich abdachenden Garten von
dem aus dem Bassin des oberen Springbrunnens herab ein künstlicher Wasserfall
sich in immer behendern Sprüngen bis in das Bächlein ergoss von dem die
plessener Mühlen getrieben wurden die liebliche baumbeschattete Ulla die aus
dem Ullagrunde herunterhüpfte Diese Welt war schön Die Natur bot der
nachhelfenden Kunst die Hand um sie liebevoll ansichzuziehen Während rings die
Berge schweigsam und feierlich herniederblickten aus der Ferne Glocken
läuteten die Kühe auf den grünen Wiesenabhängen am Fuße der Berge weideten war
auch das Nächste hier innig und das Herz erhebend Diese nähere Umgebung des
Schlosses war halb ein Park halb ein Garten Man hatte Das was die Natur bot
nur geordnet und zur Unterlage der Kunst gemacht Da standen Beete von stolzen
Feuerlilien und violetten Iris dicht unter einem Gebüsch von Hängeweiden das
man nicht erst zu pflanzen nötig gehabt hatte Da schimmerten weiße Birken
neben Rosen oder diese rankten sich freigelassen an eine einsam stehende Tanne
empor und umschlangen den trauernden Winterbaum so zärtlich als wollten sie ihn
tröstend erheitern mit duftender Frühlingsumarmung Dann kam zum Ausruhen und
Genießen gleich eine steinerne Bank dicht unter dem Schatten einer
Hollunderhecke die in sich selbst einen artigen Versteck barg wenn man nur in
den dicht zusammengewachsenen Zweigen genauer forschen wollte und den Eingang da
suchen wo man ihn am wenigsten vermutete Jetzt lag auf der Steinbank freilich
Moos und Verwitterung Die Spuren des letzten Regens blieben tagelang in dem
Gestein bis sie verdufteten oder eingezogen waren Aber man fand doch auch
neuere grüngestrichene hölzerne Ruheplätze Zu den Feldern und Wiesen abwärts
hin die dann wieder zu dem höheren und waldumkränzten Gebirge hinauf sich
lehnten dehnte sich der Garten in die Breite aber noch immer ebenso traulich
wie oben auf den sich allmälig abdachenden Terrassen Da lag das von wildem Wein
ganz eingehüllte Haus des Gärtners lagen Treibhäuser Ställe Remisen aber
Alles versteckt durch sorgsam gepflegte Anpflanzungen Eine Mauer dann und wann
von einem Graben oder einem alten Gitterwerk unterbrochen umzog hier die ganze
Besitzung Freilich entdeckte man gerade auch hier die meisten Spuren des
Verfalls Ein Wasserbassin eine ehemals gewiss lustig und schwatzhaft genug
belebt gewesene Volière mit jetzt durchbrochenem Drahtgitter und ausgeflogenem
Gefieder kleine Pavillons Postamente auf denen Götter standen die wohl schon
in den letzten Zeiten der Fürstin Amanda verschwanden alles Das hatte sein
früheres Leben verloren und stand wie müßige Denkmale des Vergessens da Aber
besonders gefällig ist doch noch immer ein kleiner Tempel am Rande der
Grenzmauer von dem aus man die Aussicht halb in die Talebene halb in das
Gebirge genoss das hier ein Echo wiedergab Um sich mit dem ursprünglich
heidnisch gedachten Bau dieses Tempels zu versöhnen hatte die Fürstin die ihn
liebte ein schönes noch wie neu strahlendes goldenes Kreuz auf der runden
Kuppel errichten lassen Hier erzählte man hatte sie stundenlang gesessen und
die Grüße der Vorübergehenden entgegengenommen und meist mit einem gewissen
strengen Ernst erwidert als wollte sie Jedem tief hinunter in den Grund der
Seele blicken und fragen Bist du auch nicht etwa dir selbst gerecht oder
fühlst du dass du nur durch die Gnade Gottes lebst Hier hatte sie Greise
Männer Frauen Kinder angehalten nach ihren Schicksalen Wünschen und
Hoffnungen befragt und sie oft mit Unterstützungen immer aber mit einem
Fingerzeige auf den Erlöser der Alles zum Besten kehren würde entlassen dabei
las sie meistens ein Buch ihres gewählten Geschmacks blickte über die Gitter
des Tempels zum düstern Walde hinüber wo die Ulla aus den grünen Berglehnen
hervorbrach ließ die alte Brigitte hinter sich plaudern nahm des alten Winkler
Berichte über die Gartenanlagen entgegen und hob sich doch obgleich sie bei
noch nicht funfzig Jahren sehr krank war immer höflich empor wenn der Pfarrer
Guido Stromer ihr täglicher Umgang zur gewohnten Stunde eintraf Als sie unter
diesem durch das goldene Kreuz entsündigten heidnischen Tempel nicht mehr
sitzen die Vorübergehenden nicht mehr grüßen und im Herrn ermahnen konnte
nahte sich ihr Ende auch in raschen von dem drüben in Randhartingen wohnenden
Doctor Reinick nicht mehr abzulenkenden Schritten
Hier in der Nähe dieses nun heute vom Abendlichte besonders schön
angestrahlten Tempels erblickte man noch die meiste Pflege der im Ganzen
verfallenen und vernachlässigten Besitzung Der alte Gärtner Winkler der für
einen Gärtner galt weil ihn die Fürstin in den Zeiten wo schon ihr Sinn für
die geschmückten Schönheiten der Natur zu ersterben anfing für einen Gärtner
nehmen wollte der alte Winkler sonst nur in jungen Tagen ihr Kammerdiener in
den Tagen der Hoffahrt wie sie sie nannte hatte den Gartenrechen in der Hand
und zog mit Zittern und kaum sich aufrechtaltend im Sande die kleinen Striche
die hier Pflege und Ordnung bedeuten sollten Die alte Brigitte sonst die
allgewaltige Beschliesserin des Hauses sah ihm auf einer Bank sitzend zu und
seufzte einmal über das andere Sie wehklagten was ihnen Beiden die nächste
Zukunft bringen würde Noch war Brigitte schwarz gekleidet noch trug sie die
Trauerkleider über die vor zwei Jahren heimgegangene Gebieterin die ihr
testamentarisch angefertigt wurden trotzdem dass es an solchen düsterfarbenen
Kleidern im Nachlass der Fürstin nicht fehlte Die Trauer sollte echt sein
und aus der Fülle des Herzens fließen Der alte Winkler aber nahm sich in
seiner hellblauroten Hohenbergschen Livrée schon recht abgeschabt und
verkommen aus
Gott walt es sagte die alte Brigitte der Herr hat die Haare auf unserm
Haupte gezählt
Der schon etwas kindisch gewordene Gärtner entblößte seinen kahlen Scheitel
auf dem keine Haare mehr standen und meinte auch
Ja ja er hat die Haare auf unserm Haupte gezählt
und kein Sperling fällt vom Dache ohne seinen Willen setzte er hinzu
In dieser Weise hatten die Dienstleute der Fürstin Amanda sich auszudrücken
gelernt
Wenn sie uns hinausstossen begann Brigitte mit praktischer Anwendung
Was tun wir Wer nimmt uns arme Sünder auf
Der Herr wird ihre Herzen lenken meinte der alte Gärtner Und der Prinz
wirds nicht geschehen lassen
Ich hab ihn auf meinen Knieen geschaukelt er wirds aber vergessen
haben
Er wirds nicht vergessen haben
Als er vor sechs Jahren noch einmal da war sah er uns nicht mehr an
Sah er uns nicht mehr an
Er war noch zu jung
War noch zu jung
Sein Herz lag noch im Argen
Es lag im Argen
Die Fürstin sahs wohl
Die sahs wohl
Und sie weinte darüber
Der alte Winkler bestätigte alle diese rhapsodischen Bemerkungen und weinte
auch als Brigitte die Schürze nahm um sich das Auge zu trocknen
Aber die Fürstin sagte doch fuhr dann nachdenklicher die alte Beschliesserin
fort sagte doch Auch seine Stunde wird schlagen
Sie wird schlagen
Und die Erleuchtung kommt von oben
Kommt von oben wiederholte Winkler und harkte wieder und fügte sich wieder
in Geduld und überließ wie immer die praktische Seite ihrer Verhältnisse der
geisteskräftigern Brigitte
Wie die alten Diener des Hohenbergschen Hauses für die der verstorbene
Fürst der berühmte Generalfeldmarschall Waldemar von Hohenberg wenig gesorgt
zu haben schien noch so ihre bangen Sorgen aussprachen welche Zukunft ihnen
bei dem ratlosen Zustande der Verwaltung dieser schönen Besitzungen werden
würde redete sie plötzlich ein langer feingekleideter mit steifer Haltung
einherschreitender Herr an und lächelte dabei mit einem sonderbaren Ausdruck
Excellenz riefen Beide erschrocken aus einem Munde und wandten sich
bestürzt um
Der lange Herr nickte sehr gnädig und ging ruhig lustwandelnd auf dem frisch
geharkten Wege ihn mit seinen Fußstapfen vertretend weiter
Das wäre eine Herrschaft für uns sagte die alte Brigitte als dieser
lakonische Herr vorüber war und Winkler sich anschickte wieder jene Fußstapfen
zu überharken So vornehm so apart O die Zeit da nur solche Menschen hier
verkehrten Ja ja Das ist eine Excellenz
Hochmut kommt vor dem Falle meinte Winkler
Er hatte eine Meinung geäußert die jedoch hierher nicht zu passen schien
Wie so Hochmut meinte Brigitte die in dieser selbständigen Antwort nicht
viel Vernunft fand
Als der Alte schwieg schüttelte sie den Kopf und flüsterte vor sich hin
Er wird recht schwach
Der Gärtner hatte kaum die Fußstapfen des Mannes den sie so ehrerbietig mit
Excellenz begrüßt hatten ausgeglichen als diese gemessene steife Figur wieder
zurückkehrte Brigitte stand wieder auf knixte wieder Winkler zog wieder sein
Käppchen und Beide sagten wieder
Excellenz
Der große zugeknöpfte Herr nickte herablassend mit dem kleinen Kopf blieb
ohne etwas zu sagen einen Augenblick stehen und entfernte sich mit einem
Ausdruck als wollte er äußern Ich freue mich dass ihr mir die Hochachtung
erweist die ihr meinem Stande schuldig seid Doch sagte er nichts sondern
schwieg und lächelte
Brigitte setzte sich und der geduldige Winkler harkte zum zweiten mal die
Fußstapfen der Excellenz aus
Wenns nach mir ginge meinte Brigitte ich wünschte so eine Excellenz
kaufte das Schloss
Kann man das Schloss kaufen meinte Winkler plötzlich ganz verdutzt
Natürlich kann es Einer kaufen Aber reich muss er sein fuhr Brigitte fort
ohne auf die Narrheit der Winklerschen Einwürfe zu hören Der wär es da Sein
Bedienter der Franz hats gesagt die Meubles alle kauft er schon aber
für den König
Für den König die Meubles verwunderte sich Winkler und mit Recht
Alle Schlösser vom König hat ja die Excellenz da zu regieren erklärte
Brigitte
Wer regiert die Schlösser fragte Winkler
Der da Und alle Gärten fuhr Brigitte fort Alle Schlösser und Gärten des
Königs und viele hundert Gärtner und Gärtnermädchen stehen unter ihm
Jetzt bekam der alte Mann einen Einfall Nun fühlte er sich Er glaubte mit
seinem verwilderten Garten der doch so schön grün noch aussah der doch soviel
bunte Blumen noch trieb eine Ehre einzulegen vielleicht Anerkennung
Beförderung zu finden Aber bis zu dem Mut Frau Brigitte aufzufodern sich
nach des vornehmen Herrn den sie nur als Excellenz kannten Namen zu
erkundigen die Idee auszusprechen ob er nicht noch ein Plätzchen im
Staatsdienst offen hätte für eine alte zitternde Gärtnerhand soweit reichte
sein wie man wohl annehmen kann durch die formelle Religionsübung und die
systematische Selbstbeschränkung verengter Horizont nicht obschon ihm in der
Tat die Auszeichnung zuteilwurde dass der herablassende vornehme Herr zum
dritten male zurückkam wieder den geharkten Weg zertrat wieder sich eines
beifälligen Nickens befleissigte endlich aber doch mit Kennermiene sich als ein
mit Sprachwerkzeugen begabter Sterblicher zeigte und dahin äußerte dass er ganz
kurz und gar leise gar leise die Worte flüsterte
Schön geharkt Richtiger Strich Das Seids braver Gärtner Kenne Das Schön
geharkt So fortgefahren Brave alte Leute
Brigitte dankte für sich und für den alten Winkler der ganz sprachlos vor
Spannung dastand und die leisen Worte nicht gehört hatte
Ach Excellenz sind gar zu gnädig ergriff sie sich Mut fassend rasch das
Wort gar zu gnädig gegen uns geringe Leute Gott wird Excellenz dafür lohnen
zeitlich und ewiglich denn bei Dem da oben gilt kein Ansehen der Person Aber
wenn Excellenz die vorige Phrase choquirte weder ihn noch sie wenn Excellenz
das ganze Schloss kaufen sollten und nicht bloß das Mobiliar der in Gott ruhenden
Fürstin der ich funfzig Jahre treu gedient habe wenn Excellenz dann zwei alte
Diener nicht verstoßen möchten die jeden Riegel hier im Schloss kennen
Schön geharkt Richtiger Strich Braver Gärtner Ich kenne Das
Diese Worte waren Alles was der vornehme Herr sie unterbrechend als
Antwort gab Er lächelte dabei sehr herablassend und ging nachdem er Winkler
und Brigitte auf die Schultern geklopft hatte vorüber ohne sich auf ein
Dienstgesuch einzulassen dass man ihm wahrscheinlich schriftlich einreichen
musste Ein Gefühl dass er da Menschen zurückließ von denen er mit vollem Rechte
annehmen durfte dass er sie außerordentlich glücklich gemacht und durch seinen
Beifall mit einer der angenehmsten Hoffnungen für ihre noch kurze Lebenszeit
erfüllt hatte überkam ihn dabei wohl mit einschmeichelndem Behagen aber nur
flüchtig nur obenhin
Dieser vornehme Herr war nun wie wir bald bestätigt erhalten werden Se
Excellenz der Herr Intendant sämmtlicher königlicher Schlösser und Gärten eine
im Lande wohlbekannte und gefürchtete Persönlichkeit der wirkliche Geheimrat
Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein zweiter Sohn jenes
neunzigjährigen Obertribunalpräsidenten der bei Tempelheide mit Anna von
Harder der Witwe seines ersten Sohnes in so stiller Zurückgezogenheit lebte
Der neunzigjährige Hohepriester der Temis hatte bekanntlich zwei Söhne einen
feurigen höchst talentvollen unternehmenden aber früh verstorbenen den
Gatten eben jener Anna von Harder die Frau von Trompetta als ein so seltenes
Muster edler Weiblichkeit gerühmt hatte und nach Allem was wir jetzt schon von
ihr wissen ein solches wohl auch sein musste Der jüngere dagegen war diese
sogenannte »junge Excellenz von Harder« die nicht ganz in die Richtung des
Harderschen Hauses passte Der alte Vater war ein scharfsinniger und sehr
bedeutender Kopf dem der ältere Sohn in jeder Hinsicht entsprach der Jüngere
dagegen früh etwas verwöhnt wurde durch einen Zufall den der Vater ewig
bereute für den Hof erzogen war anfangs Kammerpage dann Kammerjunker zuletzt
Kammerherr und hatte keine andere Bildung sich angeeignet als die die er auf
Reisen mit dem verstorbenen Monarchen dem Vater des jetzt regierenden sich
sammeln konnte Es war durch die Richtung die der Kammerherr Kurt Henning
Detlev von Harder nahm eine große Spannung zwischen Vater und Sohn eingetreten
Berührungen fanden seit Jahren zwischen ihnen nicht mehr statt und konnten es um
so weniger als sich der wunderliche alte Herr nur auf seine Gerechtigkeitsübung
beschränkte in frühern Jahren allenfalls noch nebenbei die Maurerei die er
sehr liebte eifrig trieb gegenwärtig aber auf seine sonderbaren
psychologischen Studien über die Tierseele die ihn von den Menschen ganz
abzog sich beschränkte Spötter bei Hofe die den später zum wirklichen
Geheimrat und Intendanten der königlichen Schlösser avancirten Kammerherrn von
Harder nach seinem Geistesgrade kannten behaupteten dass sein Vater als dieser
sein Sohn von Reisen mit dem verstorbenen Landesfürsten und besonders von einer
mehrjährigen Abwesenheit in Paris zurückkehrte gerade durch das Wiedersehen
desselben auf die Idee gekommen wäre sich künftig nur noch mit den
Geistesanlagen der Tiere zu beschäftigen Ehemalige Spötter behaupteten Das
Denn wie wir bald sehen werden in der Nähe des gegenwärtigen Herrscherpaares
durften sich solche Plaisanterien Wortspiele und kleinen Frivolitäten nicht
mehr hörbar machen Nach anderer Version verdankte Henning von Harder seine
Stellung nicht den Rundreisen mit dem verstorbenen Monarchen sondern dem
eminenten Geiste seiner Gattin die zufälligerweise auch seine Schwägerin war
Die beiden Harders hatten Schwestern geheiratet die geborenen Freiinnen Anna
und Pauline von Marschalk Wie Dem auch sein möge die Zukunft wird uns über
diese in unsere Geschichte eingreifenden Persönlichkeiten Aufklärung geben wie
Dem auch sein möge Se Excellenz der Geheimrat von Harder war auf dem Schloss
Hohenberg als Gläubiger vom Throne erschienen und hatte in der Tat den Befehl
zu vollziehen sich das Mobiliar der verstorbenen Fürstin Amanda vollständig
anzueignen
Fürst Waldemar von Hohenberg der Verstorbene zu allen Zeiten Verschwender
und geldbedürftig verkaufte nach einer Sinnesart die wir noch deutlicher
werden kennen lernen auf seinen Gütern das Ei unterm Huhne und wie dann auch
das Huhn dazu so auch sogar die letzten Erinnerungen an seine Gattin Zu diesem
Schritt entschloss er sich einige Wochen vor seinem vor drei Monaten erfolgten
Tode Wie die Intendantur der königlichen Schlösser eigentlich darauf kam sich
so geflissentlich diesen Erwerb anzueignen war dem Publicum noch ein Rätsel
Die Einen fabelten von einer wunderbaren Einrichtung die jedoch Andere gänzlich
in Abrede stellten Viele sagten die Einrichtung der Fürstin Amanda von
Hohenberg war zwar nicht kostbar aber sie war sinnig und geschmackvoll Sie
liebte Rococomöbeln sagten die Einen Im Gegenteil berichtete Frau von
Trompetta und sie die zu den Wenigen gehörte die Hohenberg besucht und sich
der verschollenen frommen Fürstin manchmal erinnert hatten konnte es wissen
im Gegenteil ihre Wohn Schlaf und Betzimmer wären ganz in altdeutschem
Geschmack gewesen man fände daselbst nur große Tische und gewaltige Schränke
mit gewundenen Füßen und Säulen Alles pechbraun oder rabenschwarz gebeizt
ausgezeichnet gestand sie zu sind die Gegenstände die auf einem rings an den
Wänden angebrachten zierlichen Holzsimse ständen Da sähe man Schnitzarbeiten
von Elfenbein und Hirschhorn gusseiserne Kruzifixe das Abendmahl von Leonardo
da Vinci aus Wachs bossirt ein Meisterstück von einem tiroler Mönche Ja
fügte die Trompetta in ihrer Weise erregt hinzu und der vielen Litophanieen an
den Fenstern und all der bunten Glasbehänge nicht zu gedenken die ihren Zimmern
einen wahrhaft heiligen das Gemüt sanft zur Ruhe wiegenden Dämmerschein gaben
Nach dieser Mitteilung der Frau von Trompetta kam dann eine mysteriöse
Schalkheit dieser Frau Frau von Trompetta behauptete man hätte bei einer
Audienz wo sie die Königin zur Teilnahme an einem neu von ihr begründeten
Kleinkinderbewahrinstitute aufgefodert sich erlaubt der erlauchten hohen Dame
eine solche Schilderung von Hohenberg zu entwerfen dass diese eine große Neigung
fasste die Hinterlassenschaft zu erwerben Man liebte ja bei Hofe die
Dämmerungszustände Man hüllte sich ja so gern in diese bunten Lichter des
Rätselhaften und Ahnungsvollen ein General Voland von der Hahnenfeder der
berühmte militairische Diplomat hatte ja den Hof und dessen Liebhabereien mit
seinen Sammlungen von Glasmalereien Elfenbeinschnitzarbeiten Handschriften
ganz in der Gewalt und auch für diese Idee obgleich sie vielleicht von der ihm
nicht sehr zusagenden quecksilbernen Frau von Trompetta angeregt von dem
geistreichen artistischen Tonangeber dem Probste Gelbsattel den Voland wie
alles luterisch Kirchliche nicht gern zu üppig und breit aufkommen ließ
unterstützt war lautete sein Votum doch durchaus empfehlend Für den Leonardo
da Vinci aus Wachs hatte Voland sogar schon einen Platz in der Privatkunstkammer
des Königs wo bereits mehre Kunstwerke standen die Voland bei seinen Reisen
durch österreichische Klöster gesammelt hatte So vermuteten die Tiefern die
Bedeutenden und Ahnungsvollen Doch gestehen wir dass es auch noch eine
andere sehr nüchterne kalte und rationalistische Partei bei Hofe gab die diese
Acquisition ganz vom finanziellen Standpunkte beurteilte Diese sahen eine dem
überschuldeten Fürsten Waldemar von Hohenberg aus der königlichen Chatulle
gezahlte Summe von dreitausend Talern rein als eine einfache Unterstützung an
die man dem vom höchstseligen Landesfürsten abgöttisch verehrten tapfern Husaren
Waldemar von Hohenberg einem der glorreichsten Haudegen der Armee in dieser
harmlosen Form wollte zufliessen lassen und darauf das Mobiliar der Fürstin als
eine Verpfändung Um den Bruder des Königs den Prinzen Ottokar der den
Oberbefehl der Armee führte gruppirten sich Diejenigen die sich für diese
nüchterne Auslegung verbürgen wollten und die Mission des Geheimrats Henning
von Harder zu Harderstein als eine einfache nur dem königlichen Kämmerer der
die Chatulle verwaltete bekannte finanzielle Eintreibung einer verfallenen
Schuld ansahen
Dann begreif ich aber nicht hatte Bartusch das Factotum des Justizrats
Schlurck zu diesem noch vor einigen Tagen auf Schloss Hohenberg gesagt dann
begreif ich nicht wie Herr von Harder mit so ungestümer Eile mit so
ängstlicher Sorgfalt von dem Inhalt dieser drei Zimmer Besitz nehmen konnte Wie
rasch die Siegel an die Zimmer gelegt wurden Kaum dass der Fürst die Augen
geschlossen lag schon das Siegel der Hofkanzlei auf Tür und Fenster Jetzt
statt einfach einen Kommissar zu senden und den Inhalt auf Treu und Glauben
verladen zu lassen für dasjenige Schloss wohin jene Schnurrpfeifereien nun
bestimmt sein mögen kommt die Excellenz da mitten in der Nacht in höchst
eigener Person einen Tag darauf folgt ein großer Meubles und Transportwagen
wie für ein Paar Elefanten und jetzt soll Einer die Angst sehen mit der zwei
Bediente über die drei Zimmer wachen dass auch nicht eine Stecknadel hinaus
kann Was steckt dahinter
Sie kennen hatte dagegen Schlurck zu seinem treuen Bartusch gesagt Sie
kennen die ängstliche Gewissenhaftigkeit dieses musterhaftesten aller
Staatsdiener Henning von Harder der nichts von Dem sehen und hören will was
die närrische Pauline in seinem Hause täglich anrichtet und in der Welt schon
Alles angerichtet hat weiß dennoch mit genauester Bestimmtheit ob gerade in
dieser Minute ein Rhododendron in dem königlichen Schloss zu Buchau am Rheine
blüht oder geblüht hat oder blühen wird Dieser Mensch ist eine Uhr Im Gefühl
seiner Pflicht einmal aufgezogen schnurrt er sich in matematischer Genauigkeit
Minute um Minute ab bis er sich mit dem Gefühl seiner Würde wieder neu aufzieht
und wieder da anfängt wo er geendet hat
Hm Hm Hm hatte damals der kluge und schlaue Vertraute aller
Schlurckschen Geheimnisse für sich in den Bart gebrummt und dann noch diese
oder jene Vermutung einstreuen wollen Schlurck aber hatte kurz vor seiner
schnellen Abreise nach der Residenz einfach die Weisung gegeben
Bartusch behandeln Sie die Excellenz mit all der Achtung die ihrem
einflussreichen Stande noch mehr aber der gefährlichen Intrigue seiner uns sonst
innigst zugetanen Frau gebührt Ich würde fürchten nicht mehr lachen zu
können wenn diese leicht verletzbare Frau die mich jetzt verehrt und schätzt
zufällig meine Feindin würde Lassen Sie ihn die besten Zimmer bewohnen bieten
Sie den beiden Schlingeln von Bedienten die freundlichsten Worte und getrost
soviel Wein wie sie wollen Mein Prinzip ist auch das immer die Häuser von
unten aufzubauen Wissen Sie noch Bartusch ich habe darüber einmal in der Loge
zu den drei Triangeln eine Rede gehalten als das beste Prinzip aller zünftigen
und unzünftigen Maurerei Mit der übrigen Gesellschaft die sich hoffentlich
auch bald verzieht wird sich der vornehme Herr wenig in Gemeinschaft setzen
Darauf aber mach ich Sie aufmerksam Einen gewaltigen Fehler hat er alle
königlichen Gärtnermädchen wissen davon zu erzählen der schon alte Knabe ist
sehr verliebt Melanie liebt Späße und die hoff ich werden nicht in Ernst
ausschlagen Ich will keinen Kastellanposten in Buchau oder Sansregret oder
Solitude haben verstehen Sie Bartusch Sagen Sie Melanie Das Ihr Vater will
nicht königlicher Schlosskastellan werden Und noch Eins wenn die Zimmer
geöffnet sind so behalten Sie
Die Familienbilder fiel Bartusch mit Nachdruck ein
Wohl sagte Schlurck die Familienbilder Denn die Klausel steht in der
Verkaufsurkunde die Familienbilder gehen sämtlich an den Prinzen Egon zurück
Damit hatte sich Schlurck seinem treuen Geschäftsbeistand Bartusch empfohlen
und in der Tat raffte Dieser ein sonst nicht sehr glatter wenn auch
geriebener Weltmann alle ihm ungewohnten nur aus alten dienenden Zeiten ihm
erinnerlichen Höflichkeitsformen zusammen um gegen den Intendanten der
königlichen Schlösser und Gärten möglichst unterwürfig zu sein An diesem
Morgen nach Schlurcks rascher durch irgend ein ihm unbekanntes Erlebnis
veranlassten Abreise hatte Herr von Harder die drei Zimmer öffnen und mit
Unterstützung des Justizdirectors von Zeisel der unten in Plessen wohnte ein
Inventar aufnehmen lassen das mit dem vom Fürsten Waldemar vor nunmehr etwa
fünf Monaten übergebenen verglichen wurde und stimmte Das Geschäft war im Laufe
des Vormittags beendigt Die Verpackung sollte morgen vorsichgehen und den Tag
darauf wollte Herr von Harder abfahren als Sauvegarde jenes ungeheueren
Transportwagens der unten noch im Dorfe stand Man hätte glauben sollen die
unruhige Gesellschaft die eben das Schloss bewohnte müsste ihm bei dieser
wichtigen Staatsaction sehr störend gewesen sein und Bartusch der eben zu ihm
herantrat als er die alte Brigitte und den greisen Winkler durch seine
Herablassung so glücklich gemacht hatte sagte auch
Ew Excellenz werden froh sein endlich einmal einen ruhigen Augenblick
genießen zu können
Der Intendant lächelte und meinte bedeutungsvoll
Hm
Bartusch entschuldigte den verwahrlosten Zustand des Gartens der einem
Kennerblick gewiss sehr misfallen müsse
Hm Hm Bleiben recht lange aus war darauf die ganze Antwort
Bartusch wusste aus Schlurcks großer Praxis dass vornehme Menschen selten
auf Das Acht haben womit sie Einer zu unterhalten sucht und ahnte sogleich
dass Excellenz einen andern Gedankengang verfolgten Es war Das sah er wohl die
Kavalcade gemeint der Dankmar im Walde begegnet war
Excellenz werden doch den kleinen Abendcirkel durch Ihre Gegenwart
verschönern bemerkte Bartusch untertänigst
Abendcirkel wiederholte der Intendant Wie gestern so etwas Hm
Gesellschaft ein Bischen gemischt Was
Leider sagte Bartusch sich dem wandelnden und zuweilen nach der an der
Mauer sich hinziehenden Straße hinausblickenden Kavalier anschliessend Das
bemerk ich nirgend mehr als in meinen Büchern wo wir nun diese schreckliche
Konfusion einer höchst zerrütteten Verlassenschaft zu ordnen haben Da stehen
Jud und Christ nebeneinander Civil und Militär Kaufmann und Handwerker wer
nur was zu geben hatte und sechs Procent von dreieinhalb unterscheiden konnte
Der Intendant lächelte wieder und meinte
Recht schlimmer Herr gewesen der Fürst Waldemar Durchlaucht aber viel
Bravour im Kriege gehabt hoch gespielt in den Bädern aber höchstselige
Majestät ihn sehr geliebt bewundernswürdiges Attachement gewesen
Und die Damen nicht wahr Exzellenz bemerkte Bartusch lauernd Auch davon
wissen die Bücher in Zahlen zu erzählen die in alle Brüche gehen
Der Intendant erwiderte hierauf bloß ein schmunzelndes Lächeln was indessen
einer jener Gesichtszüge war mit denen er in gewissen Fällen Ermutigung
bezeichnen wollte
Die Tänzerin Persiani sagte Bartusch die Polin Sobolewska die
Kunstreiterin La Houppe die drei Wandstablers Dore Flore Lore
Ein leichtes Meckern ziegenartig verriet dass Excellenz sich dieser Namen
wohl erinnerten und piquanten Anteil nahmen Doch schien sie das Gehen zu
echauffiren Herr von Harder nahm den feinen weißen Kastorhut ab und strich
einige mal sehr behutsam über seine außerordentlich glatt anliegende Tour vom
glänzendsten pariser Bagnohaar ein sehr schönes südeuropäisches Schwarz
bezieht man mehr aus Toulon als aus Brest Herr von Harder war zwar schon in
den Sechzigen doch hatte er sich Haltung und Wesen eines beiweitem jüngeren
Mannes bewahrt und konnte auf den ersten Blick jeden Prüfer zweifelhaft lassen
ob er ihn der noch anspruchsvollen unternehmenden Generation zurechnen sollte
oder der schon entsagenden
Er fing nun von der »Gesellschaft« an
Da ist eine Frau von Pfannenstiel Wer ist Das fragte er
Madame Pfannenstiel antwortete Bartusch achselzuckend Wirtschaftsrätin
Nicht üble Frau ein bisschen dumm Was
Excellenz wissen in diesem Punkte gewiss das Richtige zu treffen
Aber reich
Leider
Wie so leider
Weil sie Geld hat ist sie hier Dumme Menschen sind lästig Mir wäre
lieber ihr Mann wäre da Es lässt sich leben mit ihm
Warum ist der Mann nicht da
Wagts nicht Da er früher hier wirtschaftete und das Volk geschunden hat
wie seinen armen Fürsten so traut er sich nicht herzukommen
Ah Madame Schlurck ist eine charmante Frau fuhr der Geheimrat
fort der nun gesprächiger wurde
Bartusch schlug die Augen nieder aus Gründen die der Geheimrat nicht zu
kennen schien und die auch wir erst später kennen lernen werden
Die muntere Blondine sehr charmant
Frau von Sänger
Frau von
Frau von Sänger die dritte Gemahlin des alten ehemaligen Rentmeisters von
Sänger Sind nach Randhartingen zurückgereist
Wohin
Randhartingen Excellenz Dort hinüber zwei Stunden weit rechts beim
Ullagrund
Ah Allerliebste Frau
Bartusch ließ dem Geheimrat Zeit sich zu besinnen Er kam da er eine
junge erwähnt hatte jetzt auf eine ältere
Die magere sagte er
Welche Excellenz
Die mit der die mit dem die
Mit den großen Zähnen wenn sie lacht
Ah Ja
Frau Pfarrer Stromer
Keine schöne Frau
Gute Frau Hat viel Kinder
Und die starke Wissen Sie die kleine runde
Frau von Reichmeier die Schwester des Herrn Lasally
Nein die nicht
Sie meinen die Justizdirectorin von Zeisel eine geborene von
NutzholzDünkerke
NutzholzDünkerke Gute Familie Apropos Was will denn der famose
Stallmeister Lasally hier
Der Geheimrat fragte fast unmutig und nicht ohne besonderen Nachdruck
Es ist des Kommerzienrats Schwager Bruder der Frau von Reichmeier wie Sie
vielleicht wissen Reichmeier hat 50000 Taler noch von der großen Lotterie her
zu fordern
Lasally hat doch wohl schwerlich dabei eingeschossen meinte der
Geheimrat sein Stall ist ja soviel ich weiß sequestrirt seine Pferde auf
dem Rennen gewinnen nicht mehr Lasally muss ganz im Misère stecken
Weiß ich nicht antwortete Bartusch diplomatisch die Pferde die er
mitbrachte reiten sich gut Dies bemerkte gestern Fräulein Melanie
Hat Pferde mitgebracht Famose Idee Warum Pferde
Man glaubte der Aufenthalt würde sich in die Länge ziehen man rechnete auf
ein fröhliches Beisammenleben Da sollten Bälle gegeben werden soweit die
Jahreszeit und die plessener Musik das Tanzen möglichmachte da sollte gehüpft
gesprungen gesungen und geritten werden Jeder versprach seine rosenfarbene
Laune mitzubringen und Freunde soviel deren von verträglicher Sorte nur
aufzutreiben waren Was ist nun geworden Einer versteht den Andern nicht und
mit Schlurcks Abreise ist Alles wie auseinandergesprengt
Der Intendant sagte
Brave Leute Das hier aber kein Ton Graf Bensheim Frau von Sengebusch
eingeladen wie war Das möglich Pure Dissonanz Haltung Haltung ist viel
sehr viel ist Haltung Feste zu arrangieren erfodert Kopf und wie gesagt
Geburt
Was Feste arrangieren heißt sah man am letzten Geburtstage der Königin
bemerkte Bartusch mit höflicher Verbeugung Das arkadische Schäferfest suchte
seines Gleichen Excellenz
Recht schön gewesen äußerte der Intendant geschmeichelt und fast
gleichgültig Ich war wegen der Kostüms selbst in Dresden wissen Sie um mir
die Porzellansammlung anzusehen Alle Menschen sehr hübsch wie von Porzellan
gewesen war sehr niedlich und richtig Alles nach echtem meissner Porzellan
Professor Lüders hat Alles sehr richtig gefunden
Nur eine Stimme darüber bemerkte Bartusch An uns gewöhnliche Menschen
kommt davon nur so ein Blick durchs Gitter und auch der ist verboten aber
Excellenz sollen sich in dem Porzellanball wirklich selbst übertroffen haben
Als der Intendant lächelte verbeugte sich der schlaue Graurock der es in
der Kunst mit allerlei »Gemenschel« wie er zuweilen verächtlich sagte
umzugehen weit gebracht hatte Doch kaum hatte er sich empfohlen kehrte er da
er Etwas vergessen zu haben schien zurück und sagte zu dem Intendanten der
seinen Blick unverwandt in die Gegend schweifen ließ von wo die Kavalcade
zurückkehren musste
Noch ein Wort Excellenz Die Bilder wollt ich doch gehorsamst erinnert
haben
Bilder Was für Bilder
Die Familienbilder Morgen bei der Verpackung betonte Bartusch
Welche Familienbilder sagte Herr von Harder plötzlich mit Amtsmiene und
fast ungehalten
Bleiben bei der Masse testamentarische Verfügung
Weiß Alles Schon gut
Dürft ich mir erlauben diese Stücke an mich zu nehmen und zur weitern
Verfügung zurückzubehalten
Verfügung Zurückzubehalten Wer verfügt Ich verfüge
Bartusch erstaunte über diese kategorische Antwort die von einem so bösen
Blick begleitet war dass die ganze freundliche Herablassung des vergangenen
Gesprächs wie in Nichts verronnen erschien Bartusch stand einen Augenblick
ratlos ob er unterwürfig bleiben sollte oder entschieden auftreten Noch zog
er den ersten Ton vor und sagte
Excellenz kennen des seligen Fürsten letzte Bestimmung dass die
Familienbilder von dem Kauf ausgeschlossen sind Es war das Gewissen das aus
ihm sprach die Ehre
Familienbilder sagte der Intendant mit großem Nachdruck und verriet durch
seine Sicherheit dass er hier nicht aus sich sondern nach einer Instruction
sprach Se Majestät werden den letzten Willen Sr Durchlaucht wohl zu ehren
wissen indessen mein lieber Herr was reden Sie von Gewissen von Ehre
Herr
Bartusch ergänzte dieser als der brüske Intendant den Namen suchte
Bartusch mein lieber Herr Bartusch Der Intendant sprach diese Worte mit
einem Anflug von Schlauheit der den starren Zügen etwas höhnisch Lächelndes gab
Was sind Familienbilder
Bilder der Fürstin des Fürsten des Prinzen Egon fiel Bartusch erregter
ein
Haben Sie den Fürsten gekannt
Ich denke wohl antwortete Bartusch malitiös
Die Fürstin haben Sie nicht gekannt
Wenn nicht ich so kennt sie im Dorfe jedes nicht zu kleine Kind
Kind im Dorfe Ist das eine Autorität Eine Autorität für einen
allerhöchsten Specialbefehl den ich zu vollziehen die Ehre habe Kannten Sie
die geborene Gräfin von Bury welches die Mutter der Fürstin gewesen ist
Kannten Sie den kk österreichischen Generalfeldzeugmeister Grafen von
Hohenberg der in zweiter Linie mit dem Fürsten von Hohenberg Durchlaucht
verwandt war Familienbilder sind ein sehr allgemeiner Begriff mein lieber
Herr Bartusch ein sehr allgemeiner Man wird die Bilder nach der Residenz
nehmen alle alle alle und Prinz Egon Prinz Egon wird entscheiden welche
davon zur Familie gehören oder nicht Haben sie verstanden Herr Bartusch
Wer verfügt Ich verfüge Verstanden
Mit diesen kurz abgestossenen kalten schneidenden bösen Worten entfernte
sich der vornehme impertinente Mann Bartusch hatte Mühe ansichzuhalten Er
besaß Verstand genug einzusehen dass diese Überlegung nicht aus Herrn von
Harders Kopfe kam sondern der Wortlaut einer ausdrücklich ihm gegebenen
Instruction war Die Wendung die so kräftig betont wurde »Familienbilder sind
ein allgemeiner Begriff« entsprach den Begriffen des Intendanten keineswegs
Das hat ihm Jemand so oft vorgesagt bis er das schwere Wort behielt und
sich Etwas darunter vorstellen konnte murmelte Bartusch vor sich hin und in
der Überzeugung dass es mit den Zimmern der Fürstin eine doch sonderbare seine
ganze Neugier spannende Bewandtnis haben müsse lenkte er nachdenklich seinen
etwas schlorrenden und schleichenden Schritt dem Tempel zu wo er mehre von den
Damen die jetzt das Schloss bewohnten Andere die es eben besuchten erblickte
wie sie nickend mit Tüchern in die Ferne wehten Dieser Gruß galt Melanie und
ihren Begleitern die soeben von ihrem Spazierritt im vollen Trabe
zurückkehrten
Elftes Kapitel
Melanie Schlurck
Das war ein Lärmen ein Lachen ein Jubeln als die schöne Amazone vom hohen
Sattel gehoben wurde und die dampfenden Pferde um sie her im Hofe des Schlosses
stampften und wieherten Reichmeiers und Lasallys Bediente und Jockeis hielten
die Renner am Zügel und führten sie nach den unten am Fuße des Berges gelegenen
Ställen zurück nicht ohne dazwischengeworfene den Pferden gespendete
Liebkosungen oder Scheltworte jenachdem die Reiter mit ihren Tieren zufrieden
gewesen waren oder nicht
Die Tiere gingen à merveille rief Melanie unter fortwährendem Gelächter
das dem klagenden und trostlosen Kommerzienrat galt man muss nur reiten können
Arme Laura sagte sie zu dem von Reichmeier gerittenen Pferde es
streichelnd du hattest es so gut mit deinem Reiter im Sinn Er sollte dir deine
Gedanken ablauschen und du lauschtest sie ihm ab Du sprangst du stutztest vor
jedem Ast du schlugst mit den Ohren hochauf wenn ein Vögelchen geflogen kam
du schwenktest dich anmutig nach der rechten Seite hin wenn auf der linken ein
Hund kam und bellte und alles Das will die gefühlskalte Geldseele jetzt nicht
anerkennen und schilt dich arme Laura Fliehe die Kommerzienräte Diese
Menschen verstehen nicht was sensible Naturen sind
Die älteren Damen die unten im Tempel gewartet hatten sich auch inzwischen
oben am Schloss eingefunden und begrüßten die ziemlich lange Ausgebliebenen in
dem hinteren Hofe
Ohne Spaß sagte der Kommerzienrat zu seiner ihn ängstlich anblickenden
Gemahlin einer Dame in rauschenden Stoffen ich habe meine Not gehabt Man hat
mir bei Gott das wildeste Pferd gegeben Eugen hätte auch mehr Einsicht haben
sollen
Frau von Reichmeier warf einen vorwurfsvollen Blick auf ihren Bruder den
Stallmeister Lasally der sich indessen nur mit Melanie beschäftigte und dieser
»Querelen« nicht achtete
Ging es mir denn besser sagte der Justizdirector von Zeisel eine lange
hagere Figur mit grauen Haaren und zugeknöpftem blauen Frack mit gelben Knöpfen
eine Bureaugestalt voll Höflichkeit und geschmeidig Ging es mir denn besser
Mir platzte der Sattelgurt Denken Sie sich Frau Justizrätin mein Malheur
wie ich plötzlich ins Schwanken gerate und auf meinem Fuchs hin und
hertaumele Ist mir nur in jüngeren Jahren passiert Die Geistesgegenwart des
liebenswürdigen Herrn Eugen hat mich gerettet sonst wär ich ich kenne Das
vielleicht geschleift worden
Billigerweise hätte Frau von Zeisel geborene von NutzholzDünkercke die
sich gleichfalls unter den Begrüssenden befand diesem möglichen und glücklich
abgewandten Unglück ihres Gatten die teilnehmendste Aufmerksamkeit schenken
sollen aber die noch sehr anmutige und von den runden wohlgenährten
Körperformen noch jugendlicher als sie war aussehende kleine Frau nahm wenig
Notiz davon und überließ es der guten Madame Schlurck die Möglichkeiten eines
solchen Unfalls teilnehmend zu durchdenken während sie mit dem inzwischen
herzugetretenen Bartusch sprach und sich über das betrübende Ereignis der
plötzlichen Abreise des immer so liebenswürdigen und jovialen Justizrats
Schlurck nicht trösten konnte
Eine sehr unbedeutende und nur mit lächelndem Nichtssagen zugaffende Rolle
spielte die reiche Madame Pfannenstiel geborene Drossel die die frühere
Wirtschaftsinspectorin nicht verleugnen konnte trotz ihrer dicken goldenen
Erbskette und der grossmächtigen Brillantuhr die sie fast bis unten auf die
Hüfte ihres schmächtigen Körpers trug
Melanie war die Seele dieses bunten Kreises den das Geld hier
zusammengewürfelt hatte Geist Neigung hatte sie früher gesagt bringen
Gleichartiges zusammen Das Geld kann nur Vermittler des Zufälligen sein So
beschloss sie denn Geist und Neigung in diese widerstrebenden Elemente zu
bringen Es gelang ihr aber nur teilweise und durch nichts Anderes als durch
ihre eigene Persönlichkeit
Wie reizend stand sie da im Schlosshofe Das lange enganschliessende
Reitkleid war von einem silbergrauen leichten Stoffe und ließ die lieblichsten
Formen der schönen Gestalt bewundern Von der Halskrause die über dem ganz oben
geschlossenen Kleide zierlich gefältelt lag bis zu den Hüften herab zeigte sich
das schönste Ebenmass der äußern Bildung Die Schultern hoch und gerundet Wenn
sich der holde liebliche Kopf mit den braunen brennenden Augen dem schönen
Munde und den weißen Perlenreihen der Zähne lächelnd über die Schulter wandte
gab der Winkel der sich dann aus dem Kopf und der Schulter bildete die reinste
Schönheitsform Halb noch auf den schwarzen hinten über Flechten
zurückgekämmten Locken saß ein kirschrotes silbergesticktes kleines
Sammtgewinde über dem der Reitut mit blauem Schleier gebunden war Längst
hatte sie diesen Hut weggeschleudert So hoch Melanie und fast mit dem Wuchse
der Pappel aufgeschossen war so behend ließ doch ihre Bewegungen Ihr Fuß
schien kaum den Boden zu berühren so schwebte sie dahin mit der linken Hand
die lange Schleppe des Kleides nach vorn an sich drückend mir der Rechten die
am Griff von blauen Steinen geschmückte elegante Reitpeitsche in die hohe
kräftige Hüfte stemmend Mit innigster Herzlichkeit gab sie ihrer Mutter einen
Kuss worauf sie den Kopf in den Nacken warf und mit komischer Feierlichkeit
erklärte
Ich danke Ihnen meine Herren für Ihre ritterliche Begleitung Sie haben
Not und Gefahr mit mir geteilt
Sie haben als wir im Walde einem scheu gewordenen Einspänner auf dem zwei
Handwerksbursche sich vom Fusswandern auszuruhen schienen begegneten die
mögliche Gefahr des eigenen Durchgehens Ihrer Rosse mutvoll überstanden Sie
haben an der Försterwohnung vor einer alten rot und weisshaarigen Hexe die
alle Pferde stutzigmachte hochherzigen Mut bewiesen Sie haben sich würdig
gezeigt von mir der dermaligen Fürstin von Hohenberg heute Abend beim Tee zu
meinen Kavalieren und Vasallen geschlagen zu werden Ich hoffe dass Keiner
meiner Getreuen fehlen wird Und damit seid Ihr für jetzt entlassen
Die Herren applaudirten Melanie entschlüpfte in eines der unten geöffneten
Schlossfenster und verschwand Die Gesellschaft trennte sich vorläufig mit dem
Versprechen um acht Uhr an den geöffneten Fenstern der Zimmer die Schlurck für
die Seinigen gewählt hatte sich zum Genuss der milden Abendluft und zum Tee zu
versammeln Die Einen begaben sich in den Garten die Andern ins Schloss Andere
wandten sich hinunter dem Orte zu
Mit großem Wohlgefallen hatte diese Szene von fern der Geheimerat Henning
von Harder beobachtet Se Excellenz standen am offenen Fenster eines der ihm
zur Disposition übergebenen Zimmer der verstorbenen Fürstin und kniffen eine
goldene Lorgnette so scharf in die Augenhöhle dass ihm auch keine Miene der
schönen und verlockenden Melanie Schlurck entgehen konnte Als sie sprach mit
ihrem wohllautenden vollen aus der Brust quellenden Organe bedeutete er seine
beiden Bedienten Ernst und Franz die auf dem Fussteppich saßen und hämmerten
und packten einen Augenblick in ihrem Diensteifer innezuhalten Er verschlang
Melanies Worte und täuschte sich dabei keineswegs in der Voraussetzung dass sie
sich von ihm beobachtet glaubte Er gehörte zu den Männern die sich in ihrer
Jugend wohl hatten sagen können Du bist glücklich bei den Frauen weil du eine
schöne Gestalt hast und eine gewisse Kunst sie geltendzumachen Sein Haar war
einst lockig gewesen sein Auge nicht ohne Feuer Er konnte diese Triumphe
seiner Jugend nicht vergessen Daher kam es dass er an Jahren zunehmend immer
wieder einen neuen Reiz an sich zu entdecken glaubte der ihm ebenso fesselnd
vorkam wie es früher seine Jugend gewesen war Nur schlimm dass er diesen Reiz
nicht in geistigen Dingen sondern in äußerlichen fand Geist verleiht dem
Äußeren des Mannes mit den Jahren einen veränderten Ausdruck der wohl die Frische
der ersten Jugend ersetzen kann Die Liebe des Jünglings ist eine andere als die
des Mannes und wer würde so oberflächlich und sinnlich sein die Poesie und die
fesselnde Schwärmerei allein nur dem zwanzigjährigen Blute zuzuerkennen Im
Gegenteil mischt sich in die erste süße Liebe des Jünglings nur zu wild und
bitter oft die Gährung der noch unfertigen Charakterbildung während eines
älteren Mannes Liebe eine Kette reinster Hingebung uneigennütziger Aufopferung
und jener höheren Poesie sein kann die aus einem gebrochenen wehmütigen
Bewusstsein fließt Mit diesen Erscheinungen hatte das noch immer lodernde Feuer
des fast sechzigjährigen Henning von Harder zu Harderstein nichts gemein Er
gehörte zu den Toren die im zwanzigsten Jahre ihre Eroberungen auf ihre
wirkliche Schönheit fussen können im dreissigsten auf das Glück dieser Schönheit
und den Ruf ihrer Eroberungen im vierzigsten Jahre aber schon nur noch auf ihre
gesellschaftliche Stellung und gewisse jugendliche Reminiscenzen vom
funfzigsten an aber auf die verzweifeltste Eitelkeit die sich an diesen oder
jenen kleinen Rest früherer Vorzüge klammert an eine weiße kleine Hand einen
zierlichen kleinen Fuß und ähnliche in den meisten Fällen auch unleugbare
Vollkommenheiten die aber einen ganzen Menschen nicht mehr ersetzen können Der
Geheimrat hörte nichts lieber als dass er eine schöngeformte Nase und niedliche
kleine Hände hätte So manche verschmitzte Koquette die nach seinem durch
Pauline von Marschalk erworbenen Reichtum blinzelte konnte ihn in jugendliche
Flammen und wahnsinnige Träume versetzen wenn sie seinen niedlichen kleinen Fuß
lobte Manche versicherten dass man auch durch das Lob seiner kleinen Ohren eine
Wirkung auf ihn hervorbrachte Sie waren in der Tat niedlich diese Ohren Kein
Spiegel bestritt diese Wahrheit Warum sollte er nicht sonst noch allerlei
Fesselndes besitzen da er doch dies Eine die Werkzeuge des Hörens wirklich in
einer so unbestrittenen Vollkommenheit besaß Hier nun vollends auf Hohenberg
wo er zur Entschädigung für eine lästige Reise zu der ihn mit sonderbarer
Bestimmtheit seine ihn wie noch viel andere Menschen beherrschende geistreiche
Gattin gezwungen hatte das Zusammentreffen mit einer der gepriesensten
Schönheiten der Residenz genoss hier hielt er einen angenehmen Eindruck auf
Melanie Schlurck für um so leichter als er einerseits mit nicht ganz
kurzsichtigem Auge entdeckt hatte dass dies eigene Mädchen gewohnt war über
gewöhnliche Grenzen hinauszugehen und andererseits seine gesellschaftliche
Stellung die aller übrigen Besucher des Schlosses beiweitem überragte Er stand
ja doch dachte er dem Landesfürsten außerordentlich nahe war ja durch
unbedingt gehorchende knechtische Umgebung himmelwärts hier erhaben strahlte ja
durch äußere Haltung wie immer so auch hier im Vollglanze seiner mit Orden
emaillirten Excellenz und fasste in der Tat um so rascher eine Flamme für
Melanie als dies kluge Mädchen bereits beim ersten Zusammentreffen seine weiße
Hand den zierlichen Fuß und sogar schon das Profil seiner Nase bewundert hatte
Sie entdeckt hatte er sich im Stillen gesagt sie entdeckt gewiss auch noch
meine Ohren Er wiederholte sich diese Hoffnung mit Wohlgefallen als ihn einer
seiner Bedienten darauf aufmerksam machte dass das Fräulein merkwürdig oft nach
Excellenz sich erkundigt hätten als Excellenz heute früh mit der Registratur
des Nachlasses der Fürstin Amanda beschäftigt gewesen wären
Nur eine Persönlichkeit war ihm bei der schönen Hoffnung eines Erfolgs ein
gefährlicher Nebenbuhler jener Schwager des Kommerzienrats von Reichmeier
Eugen Lasally Dieser nicht mehr ganz junge Mann war ein öffentlicher Charakter
der Residenz Völlig abweichend von Dem was christliche Spottsucht über die
Juden einmal festgestellt zu haben glaubt war Eugen Lasally im Gegenteil eine
höchst chevalereske Erscheinung Nicht groß von behendem Körperbau leichten
zarten Gliedern hatte er sich früh eine große Fertigkeit in Leibesübungen
erworben Er schoss focht ritt auf eine Art wie der geübteste junge Dandy der
vornehmen Welt Seine Eltern gehörten den ersten jüdischen Familien an und
hätten ihm gern die übliche artistische Bildung dieser Kreise gegeben ihn zum
Maler zum Musiker bestimmt Doch zeigte Eugen für diese Berufswege nicht die
geringste Empfänglichkeit ebenso wenig wie zum mercantilischen Fache oder zu
irgend einem wissenschaftlichen Studium Als seine Eltern starben ging sein
ererbtes Vermögen sehr rasch auf die Lebensweise hin die er seit seiner ersten
Selbständigkeit ergriffen hatte Kavalerieoffiziere junge Stutzer Adelige
waren sein alleiniger Umgang Durch eine Reihe mutig bestandener Duelle hatte
er gelernt sich in dieser Sphäre zu behaupten und als er durch Spiel und
Vergnügungssucht an den Rand des Abgrundes gebracht von seinem Schwager
Reichmeier nur noch soviel erhielt um aus einem der ersten Wettrenner fast in
Verzweiflung erst ein »Pferdekenner« dann ein Pferdehändler und zuletzt
Errichter einer Reitschule zu werden blieben ihm seine alten Gefährten getreu
Das Pferd ist auch darin ein so edles Tier dass es fast Alles adelt was mit
ihm umgeht Ein Bedienter mag sich höher dünken als ein Bereiter Mehr Mut und
männliche Entschlossenheit mehr Charakterstärke findet sich gewiss bei Letzterm
Eugen Lasally war als Besitzer einer Reitbahn und was damit zusammenhängt sogar
Pferdeverleiher doch nur um so enger mit einer gewissen fashionablen
Gesellschaftsclasse im Zusammenhang und wäre nicht sein aristokratischer Tic
gewesen seine Sucht in Allem und Jedem es mit seinen Freunden aufzunehmen der
alte Levi den er sich aus einem mecklenburgischen Pferdemäkler zum ersten
Bereiter umgeschaffen hatte würde ihn gewiss durch seinen Fleiß und seine
Umsicht und kluge Geschäftskenntniss oben erhalten haben Er war aber im Sinken
begriffen Die Verzweiflung dass ihm seine Plane nicht gelangen und er von
Gläubigern unablässig gehetzt wurde machte ihn oft zornig und gab ihm einen
menschenscheuen finsteren Charakter der zuweilen ins Brutale ausartete Er war
auch gefürchtet wie der schlimmste Gast
Als auch ihn der Intendant der königlichen Schlösser und Gärten so mismutig
durch die Lorgnette betrachtete und dabei die höchst vernünftige Vermutung
äußerte dass ihn wohl hauptsächlich die Spekulation auf Melanies großes Vermögen
an diese »bunte kleine Schlange« fesselte sagte eben Eugen zu einem seiner
Jockeis der die Pferde hinübergeführt hatte und nun heraufkam um die Küche zu
besuchen
Kannst du dich nicht entsinnen Jack was mit dem Einspänner im Walde war
Der Einspänner wiederholte Jack ängstlich vor dem immer misgestimmten zum
Zorn gereizten Herrn
Kannst nicht hören sagte auch Dieser sogleich aufbrausend Der Einspänner
im Walde es sprang Einer vom Bock herunter ich habs deutlich gesehen hast
du die Augen zugehabt
Als der peitschenscheue Jack sich noch nicht recht zu besinnen vermochte
sagte Eugen Lasally
Er ist ein blinder Hess Scher Er sich
Jack wollte gehen
Lasally rief ihn noch einmal zurück und schwang die Reitgerte
Jack blieb in einiger Entfernung
Führe die Laura sagte dieser in die Schmiede unten Das Tier hat Etwas
Es quihnt Die Rackerei mit schlechten Reitern schadet einem guten Pferd Es
wird selbst ängstlich wenn Einer auf ihm Angst hat Der Schmied soll der Laura
Rhabarber geben Aber mit dem Alten sprich
Mit dem Blinden
Mit Dem Der Blinde ist pfiffiger als der Junge der taub ist
Jack zwar ärgerlich dass er nicht in die Küche konnte wo Melanies
Mädchen Jeannette die Manieren ihrer Herrin nachahmte und unter der
Dienerschaft ebenso belebend und animirend wirkte wie Melanie in ihrem Kreise
wandte sich jedoch gleich wieder um sklavisch ergeben stieg wieder den
Schlossberg abwärts und wollte die Laura in die Schmiede bringen
Lässst die Laura keine Minute aus dem Auge rief ihm Lasally noch nach
Wie Jack ging wandte sich Lasally an Bartusch der gerade vorüber wollte
Wissen Sie wen ich im Wald gesehen habe Bartusch
Eine alte Hexe hör ich ja
Lieber den Teufel selbst sagte Eugen Hackert hab ich gesehen
Ach meinte Bartusch mehr komisch als ernst verwundert was denken Sie
Ich gebe Ihnen mein Wort Nehmen Sies mit der Kanaille nicht so leicht
Wie käme Hackert
Ich will beschwören dass auf einem kleinen Einspänner Hackert saß und als er
uns bemerkte ins Dickicht sprang
Dass dich Aber was wäre dabei zu fürchten
Zu fürchten Seit dem Abend seit dem Vorfall hinterm Zaune in der
Königsvorstadt
Es war auch arg genug Herr Lasally
Arg Ich begreife Euch nicht Ihr schont diesen Menschen
Schonen Herr Lasally
Es kommt mir vor als hätte Schlurck Angst vor ihm
Herr Lasally
Ihr werft den Schlingel aus dem Hause und habt eine Zärtlichkeit für ihn
Zärtlichkeit
Er muss Euch in Händen haben
Uns In Händen Weil ihm Schlurck Vertrauen schenkte
So etwas Alle denkt Ihr an den Burschen und Keiner spricht von ihm Ihr
hasst ihn und gebt ihm täglich Beweise von Liebe Dahinter steckt ein Geheimnis
ich bin nur zu stolz auf Dienstboten zu hören
Dienstboten Herr Lasally
Sagen Sie der Jeannette sie möchte wenn sie Abends Punsch macht unter den
Bedienten Kutschern und Jockeis nicht soviel in Euren Familiengeheimnissen
kramen
Die Jeannette
Ich sag Ihnen soviel Bartusch wenn mir Hackert hier in Hohenberg in den
Weg kommt ich kenne mich selbst nicht Es ist mir als wäre Das mein böser
Feind Ich bin im Stande und schiess einmal den Hund nieder
Herr Stallmeister
Warum schonen Sie ihn Warum dulden Sie dass er zudringlich ist Was ist er
Was kann er wollen Was kann er für Ansprüche haben
Ansprüche Sieh Sieh Hat die Jeannette etwas von Ansprüchen gesagt
Ich weiß nichts was die Jeannette gesagt hat und habe meinen Leuten
verboten bis in die Nacht um die Punschterrine des tollen Mädchens zu sitzen
und abscheuliche Indiscretionen anzuhören
Wirklich die Jeannette
Lasally antwortete nicht und ließ den erschrockenen grauen Actenwurm Herrn
Bartusch mit der Dose in der Hand die er ergriffen hatte um sich zu fassen
stehen
Lasally verfiel sogleich wieder in die ihm eigene blasirte Ruhe Seine
Mienen verzogen sich nie sein blasser etwas gelber Teint blieb bei der größten
Aufregung fast unverändert Um elegantere Toilette zu machen ging er auf das
ihm angewiesene Zimmer das von denen Melanies und ihrer Mutter entlegener war
als er wünschte
Melanies Mutter saß schon oben vor dem Teetopf und erwartete ihre Gäste
Man konnte die Frau Justizrätin Schlurck nicht im geringsten ehrwürdig
nennen würde aber auch sehr Unrecht tun wollte man einen gewissen Wert an
ihr unterschätzen Im Gegenteil besaß die Frau des philosophischen Epikuräers
Franz Schlurck höchst merkwürdige höchst anerkennenswerte Eigenschaften Ohne
eigentliche Bildung hatte sich die gewandte kleine Frau einen seltenen Reichtum
von Erfahrungen erworben und eine gesunde natürliche Anlage zur Lenkerin aller
ihrer oft treffenden Urteile gemacht Ohne ein besonderes religiöses Bedürfnis
war sie mitleidig gab gern unterstützte Hülflose Noch mehr sie erkundigte
sich nach den Ursachen der Leiden und half ihnen gern radikal ab Wer Geld haben
wollte Dem gab sie Lebensmittel und wer Lebensmittel begehrte dem gab sie
zugleich Arbeit Eine Wöchnerin in elenden Umständen erregte ihre ganze
Teilnahme doch bediente sie sich dabei keiner Phrase sondern griff zu
handelte wirkte riss die Fenster auf wo es dunstig war schalt strafte wo
sie eigene Vernachlässigung bemerkte Kinder die bettelten schickte sie in die
Schule oder zeigte sie ohne Weiteres der Polizei an Halbes und »Quengeliges«
wie sies nannte konnte sie nicht leiden Überwiegend setzte sie bei den
Menschen wie sie sagte »leider« das Schlechte voraus Gute und aufopfernde
Taten mussten ihr erst bewiesen werden bis sie daran glaubte In ihrem Hause
herrschte neben merkwürdiger Ordnung doch eine sehr große Üppigkeit weniger
weil sie selbst ihrer bedürftig war als aus Rücksicht auf ihren Mann und
Melanie das besonders von diesem verwöhnte aber keineswegs »verquengelte«
einzige Schoosskind ihres Glückes Denn glücklich schien Alles um sie her zu
sein Sie duldete wenigstens keinen andern Anschein Gute Laune ging ihr über
Alles Mürrische und melancholische Menschen nannte sie im Geheimen eitel oder
schlechterzogen Sie duldete an ihrem Manne nie das träge schleichende Aufkommen
einer griesgrämigen Stimmung von der der alte Bonvivant keineswegs ganz frei
war Sie ließ allen seinen Neigungen und Leidenschaften ohne Ausnahme die Zügel
schießen beförderte sie sogar oder schloss die Augen zu denen die seinem Alter
nicht ziemten Das waren Erscheinungen die uns wohl misfallen können aber mit
ihrer Wahrheitsliebe und ungeschminkten Natürlichkeit nicht im geringsten im
Widerspruche lagen Sie wollte eben nur das Natürliche Sie war eine Frau von
der man sagen mochte Sie ist eine Najade ihr Element ist das reine frische
klare Quellwasser Sie badete auch täglich Und so war ihr auch zugleich geistig
jedes »Muffige« wie sies nannte verhasst Ein langer Kampf mit Leidenschaften
schien ihr völlig nutzlos Sie nahm ihren Mann wie er war sie nahm Melanie
wie sie war Nur reinlich nur sauber nur frische Wäsche und frischer Mut Das
Übrige war ihr wie sies nannte meistenteils »dummes Zeug« Hannchen
Schlurck aus einer einfachen aber bemittelten Bürgerfamilie war dabei gar
nicht unbelesen gar nicht ungebildet und vollkommen fähig in der großen Welt
zu repräsentiren Schlurcks »Hannchen« war ein Philosoph wie ihr Gatte Auf den
Genuss hielt sie selbst für sich gar nichts Sie schenkte Andern Champagner in
Strömen ein trank aber selbst nicht Und Melanie hatte Ähnlichkeit mit ihr Die
Mutter verschweigen wir es nicht die Mutter hätte von ihrer Tochter das
Schlimmste vernehmen können sie würde nur bedauert haben wenn Melanie dabei
»dumm« gehandelt hätte Ob sie sich dieselbe Freiheit gestattete Ob sie sich in
allen Beziehungen beherrschte Es ist darüber schwer Etwas zu sagen Nur
behauptete man dass Bartusch das Factotum ihres Mannes einen größeren Einfluss
auf sie hatte als Schlurck selbst der nach ihrem Sinne nicht immer praktisch
war Das hinderte aber nicht dass der Justizrat mit vollem Rechte oft laut
rühmen durfte Er besäße in seinem sauberen klugen runden netten Hannchen die
vernünftigste und respectabelste Ehefrau von der Welt
Frau Pfannenstiel die hier nur »geduldet« wurde »aus Rücksichten« die
elegante Frau von Reichmeier hatten sich bereits eingefunden Etwas später kam
in sehr gewählter Toilette auch Frau von Zeisel eine sehr bestimmt auftretende
unruhige anspruchsvolle und doch gar kleinstädtische Dame Auch die bescheidene
Frau des Pfarrers Guido Stromer stellte sich mit diesem selbst ein Herr von
Zeisel dem zuviel daran lag die Gunst des allgewaltigen Administrators zu
behalten schlenkerte neben seiner Gattin her so lang und weitläufig er an
Gestalt war hatte er doch etwas Windspielartiges Auch Herr von Reichmeier kam
mit Briefen und Zeitungen die man ihm natürlich sehr gern für sich zu lesen
gestattete um nur seine üble Laune nach dem gewagten Ritte und dem nicht
günstigen Resultat der MassaBilanz auf eine Zerstreuung abgeleitet zu sehen
die vielleicht auch die Andern unterhalten konnte
Dem Pfarrer Guido Stromer hätte es eigentlich sehr befremdlich vorkommen
müssen in denselben Räumen wo er so oft mit der frommen Fürstin Amanda und
allen ihren Schutzbefohlenen gebetet und gesungen hatte jetzt einer sehr
weltlichen Gesellschaft beizuwohnen Allein dieser eigentümliche Mann schien
sich ziemlich leicht in die veränderte Stimmung dieser Atmosphäre zu finden Es
waren dieselben hohen Zimmer die von seinem Gebete sonst widerhallten es waren
dieselben großen geöffneten Fenster durch die die balsamische Kühle des
Sommerabends jetzt erquickend hereinströmte wo sonst die Stickluft der vielen
zusammengedrängten Bauern und Bäuerinnen die Brust beengte Aber ihm selbst
schien es ganz wohl zu sein von der Vergangenheit sich erlöst zu sehen Ob er
freilich in seiner Unterwürfigkeit und Nachgiebigkeit gegen die veränderten
Umstände des Schlosses Hohenberg nicht zu weit ging mag sein Gewissen
entscheiden Die alte Brigitte zB die im Schloss hin und herwandelte und
sich an die Wände drückte um von all den neuen Kammerzofen Köchinnen Jägern
Jockeis Bedienten nicht umgerannt zu werden klagte den Pfarrer Guido Stromer
laut genug an dass er allerdings seinen Sinn geändert hätte Oft stand er sonst
bei ihr still und hatte gefragt nach Diesem und Jenem von dem er wissen konnte
dass sie der Fürstin davon wiedererzählen würde jetzt aber in gewählterer
Kleidung mit bunten Tüchern und Westen rannte Guido Stromer gleich allen
andern Weltkindern an ihr vorüber und tat als wenn er sie nicht mehr kannte
und ihm eine Minute verlorenginge die er hoffen durfte in der Nähe dieser
neuen Halbbesitzer von Plessen und Hohenberg zu verweilen Schon in den zwei
Jahren als der Fürst allein hier walten durfte jedoch niemals ernstliche
Anstalten dazu traf und nicht selbst erschien hatte sich Stromers frühere
Gesinnung sehr abgekühlt wie die alte Brigitte oft genug der Frau Pfarrerin
klagte Diese eine sehr einfache und nur in ihrem nächsten Kreise wirkende mit
vielen Kindern geprüfte und man kann wohl sagen von ihnen völlig zerbröckelte
und zermürbte Frau ließ sich nicht gern auf Dinge ein die ihr in Allem stark
und sehr selbstbewusst auftretender Mann allein verteidigen mochte Stromer
gehörte zu einer gewissen Klasse von Gelehrten die man »ewige Studenten« nennen
möchte Entweder war er wirklich ein Genie oder was für die Beurteilung seiner
Stimmung wohl Dasselbe sagen will er hielt sich dafür Pietismus ist solchen
Naturen der willkommenste Ableiter eines überstarken Selbstgefühls Der
Pietismus lehrt die Welt verachten und setzt sich über das Urteil der
unausgewählten Menschen hinweg Guido Stromer war Pietist solange die Fürstin
lebte Jetzt aber wo sich die äußern Anlehnungen dieser gottseligen Richtung
nicht mehr in dem seiner Eitelkeit schmeichelnden Kreise vorfinden wollten
jetzt brach in dem Manne wirklich die alte Nichtbefriedigung eines sich zu
nichts Gewöhnlichem berufen dünkenden Gemüts hervor Es war ihm oft seine
arme Frau litt sehr darunter als müsste er beengende Fesseln brechen als wäre
diese häusliche Umgebung eines Mannes seiner Art nicht würdig als wären ihm
dieses Weib diese fünf Kinder nur wie von einem bösen Traume angezaubert
worden Guido Stromer war gerade in dieser vollsten Krisis begriffen Die
Erinnerung alter Zeiten erwachte in dem unglücklichen unruhigen Manne Er sah
das Leben in neuen ihm bisher fern entrückt gewesenen Erscheinungen wieder so
sonderbar lächeln so eigentümlich nicken und winken Die nächsten Ansprüche
seines Berufs kamen ihm so qualvoll so geringfügig vor und obgleich er daheim
immer eine gewisse Tobsucht selbst in seiner frühern demütigen Periode gezeigt
hatte so war er doch seit einiger Zeit wie Alle wussten förmlich aus Rand und
Band warf die Mägde erzähltens schon in der Frühe seine Kleider dahin und
dorthin perorirte laut wenn ihm nicht Alles gleich nach Wunsch sitzen und
sogar der Spiegel Beifall schenken wollte Er war sich unbewusst ein Vierziger
geworden Er sah dass ihm die »Harmonie der Seele« zwischen ihm und einer
fürstlichen Durchlaucht die schöne unersetzliche Zeit von seinem
achtundzwanzigsten bis vierzigsten Lebensjahre gekostet hatte Er hatte nie
zurück nie vorwärts geblickt Er hatte sich die große Herrschaft die er auf
die Fürstin ausübte mit all den interessanten damit verknüpften Anregungen den
Korrespondenzen den Beziehungen zu vornehmen Menschen genügen lassen Er hatte
fast mehr auf dem Schloss als unter seinem Pfarrdache gelebt Und nun war die
Fürstin tot Der ausgestreute Same brachte keine Früchte Er sah dass er seine
Jugend verstreut verzettelt hatte Was besaß er Das Gefühl einer unsäglichen
innern Nichtbefriedigung Oft schlug er sich verzweifelnd an die Stirn Er
rannte im Hause im Felde im Walde mit seinem langen gelbblonden wirren Haar
wie ein Besessener umher Er quälte seine seit Jahren tief verschüchterte Frau
zankte ohne Grund die Kinder Wie glücklich war anfangs die gequälte Mutter
derselben als die Fremden aufs Schloss kamen Da wurde ihm anfangs wohl da
schien sein ganzes Wesen elektrisirt Er bekämpfte wohl Schlurcks Neologie
tadelte wohl Reichmeiers Indifferentismus aber es waren doch Damen da die ihn
ehrten anerkannten die Gräfin Bensheim machte wieder einmal einen flüchtigen
Gegenbesuch auf Hohenberg Frau von Sengebusch die liebenswürdige Frau von
Sänger alles Das gab wieder eine Sammlung eine Anregung einen Reiz und
die innere schlummernde »Poesie« wachte auf vollends als Melanie zuweilen an
seiner Seite rauschte In der Art wie manchmal Guido Stromer jetzt sein
hier und da etwas graues gelbblondes Haar mit Selbstironie entschuldigte wie er
noch die rüstigste Jugendlichkeit und eine gewisse alte akademische Genialität
aus seinen Gesichtszügen und seinem Benehmen sich selbst hervorschmeichelte
glich er dem Geheimrat von Harder trotz des Unterschiedes der Jahre Auch ihm
war Melanie gefährlich geworden und seine Gattin fing zu zittern an was in ihm
wohl schlummern in ihm gähren mochte
Schon war auch Eugen Lasally eingetreten und hatte sich ziemlich entfernt
von der um einen runden Tisch sitzenden und Tee trinkenden Gesellschaft an die
offenen Fenster postirt wo er eine Zigarre rauchte deren Dampf er in den
Garten hinausblies als endlich die Flügeltür aufging und Melanie eintrat Der
Moment machte den Eindruck des feenhaftesten Schwebens und Rauschens Sie hatte
eine völlig veränderte Toilette gemacht Etwas blass von dem Ritt der nach einer
momentanen Aufregung hintennach doch immer den Ausdruck der Abspannung und
Erschöpfung zurücklässt hatte sie dieser Erfahrung sich wohl bewusst ein Kleid
von rosafarbenem Krepp gewählt das in drei mächtigen mit Atlasbändern
verzierten Volants wie eine Wellenwoge sie umfloss Hals und Arme von blendender
Weiße waren unbedeckt und ließ nur an den Rändern ein gesticktes
spitzenreiches Unterkleid in schmalen Streifen hervorschimmern Dann und wann
zog sie in einer sehr anmutigen graziösen Bewegung eine Echarpe von weißem
Chinakrepp über Schultern die oft aus dem weiten Ausschnitt des Kleides
verführerisch hervorglitten und den schönen gerundeten Nacken zeigten den die
Echarpe ebenso rasch wieder verbarg Über dem vollen zierlich zusammengelegten
schwarzen Haar lagen zurückgekämmt mit goldenem Kamm die Vorderlocken und
ließ die Schläfe so frei erblicken dass man das vollendete Bild griechischer
Schönheit zu sehen glaubte Die Centifolie die voll und schwer noch als letzter
Schmuck im Haar befestigt war gebührte ihr mit ganzem Rechte wie ihr jede
Blume jede Frucht gebührt hätte wenn sie ein anderer Paris der größten
Schönheit hätte zuerkennen sollen
Eugen Lasally warf sogleich die Zigarre Herr von Reichmeier die Zeitungen
von sich Der Justizdirector und Guido Stromer stellten die Teetassen auf den
Tisch Sie hatten ihr Erstaunen über die rasche Metamorphose auszudrücken deren
einzelne Bestandteile zum Zeichen des hier herrschenden vertraulichen Tones von
den Frauen analysirt wurden
Ich bitte sagte Melanie schweigt nun Löst mir nicht Alles was da jetzt
fertig und angepasst an meiner irdischen Hülle sitzt gleich in Stoffe und in
Ellenwaren auf Das ist nun mit mir verschmolzen und Eins Wer mir jetzt von
Volants und dergleichen spricht tut meinem Herzen weh zu dem sie ja ja
seht sie Euch an sie reichen fast hinauf zu ihm Nein Ich sage Euch keine
Adressen Kein Wort von Putzmacherinnen Wollt Ihr still sein von Mademoiselle
Florentine von Fränzchen Heunisch und Luise Eisold Die Rose dürft Ihr
besprechen Von der sag ich Euch von wo sie kommt Auch wissen sollt Ihr
wohin sie geht Ich trage sie als Preis für Den dem ich heute Abend die
Gunst meiner Seele schenke
Und was muss man tun um diese Gunst zu erobern fragte der Pfarrer der
redegewandt nicht ansichhalten konnte und die Aufmerksamkeit davon abzulenken
suchte dass er aus seinem Garten Melanie mit Blumenzusendungen überhäufte
Nichts tun Herr Pfarrer sagte Melanie Nein Nichts tun Was muss man
sein Was besitzen Danach soll gefragt werden und lassen Sie mir nur Zeit über
das Seltenste und Schönste nachzudenken wodurch sich ein Mann auszeichnen kann
Aber wir sind noch nicht vollzählig Noch fehlt unser alter brummender Hauskater
Bartusch und demütigen Sie sich meine Herrschaften noch fehlt der Glanz von
Hohenberg Se Excellenz der wirkliche geheime
Mit diesen künstlich gezogenen Worten öffnete sich wie Melanie hinter sich
gehört hatte die Tür und Herr von Harder trat ein Alles erhob sich Es war
wirklich ein unleugbarer Effect in seinem Auftreten ein Effect dem diesmal
Niemand widerstehen konnte Lag die Wirkung nun in dem kleinen silbernen Sterne
auf der Brust oder in der gebrannten Perrücke und der höchst gewählten Toilette
oder lag sie in dem Zuletzterscheinen genug die Wirkung war da und Excellenz
setzten sich sehr befriedigt von dem Eindruck den ein Mann seiner Stellung in
einem solchen doch nur mittleren Kreise hervorrief Wir werden künftig sehen
wie Herr von Harder in der großen Welt doch auch nur klein erschien hier aber
gaben ihm Tournure und selbstgespendete Sorgfalt in der Tat einen Schimmer von
Interesse der nur bei längerer Dauer sich dann nicht hielt wenn er nicht
künstlich immer wieder angefacht wurde Melanie übernahm dies Amt Ob aus
neckender Spottsucht oder Koquetterie ist schwer zu sagen Soviel aber stand
von ihr fest dass sie sonst wirklich nicht zu den guten lieben Frauennaturen
gehörte die wie zB die edle Anna von Harder tat die Schwester Paulinens
in einer Gesellschaft immer gerade den Bescheidensten hervorsuchen Melanie hing
sich an Den der der Löwe des Cirkels war Geist besaß sie wohl genug um Das
herauszufühlen was ihr geistig am meisten hätte genügen müssen aber ihr Herz
schlug nicht warm genug um zu ertragen dass man durch die Beschäftigung mit
einem Bescheidenen selbst in den Hintergrund tritt Hier war Herr von Harder der
wichtigste und effectvollste und ihm widmete sie sich Wäre ein berühmter
Virtuose in diesem Augenblicke eingetreten und hätte wieder den Geheimrat
verdunkelt so würde sie sich mit Diesem vermittelt haben Sie war ein
Schmetterling der die Sonne und die leuchtenden Blumen liebt
Man sprach Viel über Vieles Die Menschen sind nie so mechanisch und
willenlos wie da wo sie sich in starker Anzahl ohne einen Zweck vereinigen
Man glaubt dann in der Tat unter Wesen zu sein die ursprünglich niederer
halbtierischer Abstammung nur durch eine eingelernte und angewöhnte Ausbildung
sich höher aufschwingen Man spricht um zu sprechen Ein Jeder klammert sich an
das Unbedeutendste um daraus eine Art Friction die man Geselligkeit
Gesprächigkeit nennt hervorzubringen Man ergreift Strohhalme und raisonnirt
über sie wie über die Achse der Erde Ist eine solche Gesellschaft vorüber so
kriecht Jeder wieder in das Schneckenhaus seines Interesses zurück bleibt Dem
Feind den er scheinbar heute als Freund begrüßt hat und spinnt die wahren
geheimen Fäden seines Daseins und Charakters so fort wie er sie einmal anlegte
um sich durch das Labyrinth des Lebens führen zu lassen
Man bedauerte die Mühe die der Intendant mit dem Transport des fürstlichen
Mobiliars hätte
Für welches Schloss fragte der Kommerzienrat ist diese Einrichtung
bestimmt
Mein allergnädigster König antwortete der Befragte haben darüber noch
nichts befohlen
Mit dieser kurzen Erwiderung war eigentlich dies Thema abgeschnitten Allein
Stromer der sich seit einigen Tagen wieder in jener feurigen vulkanischen
Stimmung befand brach bei dieser Veranlassung durch und sprach folgendes
Bedeutungsvolle
Wenn nur Alles zusammenbleibt Wenn nur Keins vom Andern getrennt wird Das
ist ja ein Leben ein ganzes Dasein was in einem solchen durch Jahre hindurch
gesammelten Hausrat liegt Man würde ja hier einer Blume die Staubfäden
entreißen und sie für echt und vollkommen nicht mehr auszugeben wagen dürfen
wenn man dieser Einrichtung irgend etwas entzöge oder sie wohl gar teilte Ja
ich gehe soweit dass ich das Verwehen des Staubes des Duftes beklage den
solche gewohnte Spuren eines bedeutenden Lebens und ein solches hat mit der
Fürstin ausgeatmet zuletzt annehmen Wie stand da nicht Eines neben dem
Andern in gewohnter Symmetrie Das Bild des Heilandes prangte in einem
geöffneten Flügelschrank von ausgelegter altdeutscher Arbeit Immer schmückten
Blumen diese der Fürstin heilige Stätte Wie oft betrachtete sie die Häupter der
Blumen die sich hier so sanft so allmälig neigten immer matter immer matter
und zu den Füßen des Erlösers allmälig welkten sowie er Es sind Das da Kronen
sagte sie mir einmal Diademe sinds und Ritterhelme die so vergänglich vor dem
Herrn und König der Welt versinken Und sie duldete nicht immer täglich frische
Blumen sie wollte erst die alten sterben vergehen sehen tot und geknickt
wie der Erlöser Sie war so sinnig die liebe Frau in ihrer stillen Schwärmerei
Und wenn wir auch durch ihren Tod hier Alle die wir sie umgaben wie von einem
schweren Traume befreit sind der unsere Sinne gefangen nahm und uns zu sehr zu
sehr von der üblichen Ordnung des Lebens abzog so ist ihr doch nur das Lob der
edelsten Eigenschaften nachzusagen und wenn ich wagen könnte durch Ew
Excellenz Mund zu unserer zartfühlenden Landesmutter zu sprechen so würd ich
bitten Lassen Sie diese sinnige Einrichtung beieinander Stellen Sie diese
Schränke diese Tische Stühle mit den vielen Andenken der Liebe den
gestickten von frommwirkenden Vereinen ihr gewidmeten Kissen den eingerahmten
Blumenstücken den gusseisernen bronzenen elfenbeinernen kleinen Nippsachen
die treffend gewählte Bibliothek und besonders die wertvollen Bilder die das
Beste in Stichen wiedergeben was Overbeck Wach Veit geleistet haben der
Gemälde nicht zu gedenken von denen einige Originale sind und keinen
vorübergehenden Wert ansprechen dürfen stellen Sie alles Das in irgend einem
Landsitze des erhabenen Königspaares auf Man bewahrt auf diese Art ein
Gemeinschaftliches das mir vorkommt wie ein wandelbarer fernwirkender
geheimnissreicher elektrischer Leiter Aus der Liebe geboren weckt es Liebe
Ich bin gewiss Niemand wird diese drei Zimmer der Fürstin selbst wenn sie wie
weiland die heilige Krippe von Bethlehem nach Loretto anderswohin übersiedelt
würden ohne innerlichste tiefste Anregung betreten und von dem Odem
unergriffen bleiben der früher in ihnen wehte
So sprach Guido Stromer den wir bei dieser Gelegenheit schon vollständiger
kennen lernen Als er diese Worte die fast eine Rede waren geendet hatte
blickten natürlich Aller Augen zum Intendanten und erwarteten von ihm eine
Erwiderung Guido Stromer hatte einen Wunsch vom Herzen geschüttet der etwas
Feierliches hatte Der Geheimrat repräsentirte in dem Augenblicke Die Einzige
jedoch die den gewaltigen Widerspruch einer so beredt vorgetragenen geistvollen
Bitte und eines so unglaublich beschränkten Kopfes wie Henning von Harder
sogleich ganz übersah und nachfühlte war vielleicht nur Melanies Mutter
Melanie hatte für lange Perorationen überhaupt keinen Sinn Hannchen Schlurck
aber die Mutter überdachte in ihrer üblichen trockenen Weise diese Situation
ganz kurz und sprach ihr Resultat leise zur Frau von Reichmeier die in ihrer
Nähe saß mit den Worten aus
Was nutzt der Kuh Muskate
Herr von Harder schwieg nämlich ganz und nickte nur statt aller Antwort Er
nannte sonst von seiner Gattin unbelauscht Äußerungen wie sie der Pfarrer
hier vorgetragen hatte »schwülstig« und verwies auch ihre Beantwortung meist an
seine Frau die ein Organ dafür hatte Er belächelte Alles was ihm zu
schwunghaft auftrat Wusste er doch von seiner Gattin wie künstlich oft die
Schwingen erst angebunden werden müssen mit denen die großen Geister vorgeben
natürlich zu fliegen
Melanie übernahm es daher das Gespräch fortzuführen
Ich wäre gerade im Gegenteil dafür sagte sie dass eine so wertvolle
Einrichtung ganz geteilt und überallhin zerstreut würde Gehet hin in alle Welt
und lehrt und prediget Das kann man auch diesen kleinen Herrlichkeiten der
frommen Fürstin zurufen Da kommt ein Briefbeschwerer Dem wieder vor Augen
dessen Briefe oft darunterlagen eine kleine Stickerei Dem der dazu
Subscriptionen sammelte und wenn sich dann in Allem wie Sie versichern Herr
Pfarrer jenes gewisse Parfüm der schöne Duft der Liebe und Andacht
wiederfindet so wirkt Das sogar noch Wunder Es macht Proselyten bekehrt
Heiden Es gewinnt ohne dass ein starres Herz es ahnt wie ich immer wenn ich
bei der unglücklichen Anna von Harder in Tempelheide die Windharfe im Parke
flüstern und klagen höre von Gefühlen bewegt bin die ich selbst nicht habe
mir aber aus Andern herausdenke
Man fand auch diese Auffassung charmant Der Geheimrat lächelte wieder und
dachte bei sich wozu diese Reden alle Ich halte mich an den Buchstaben meiner
Instruction Was kann ich von meiner sentimentalen Schwägerin Anna und ihrer
Windharfe im Dienste meines Monarchen brauchen
Stromer aber drohte der Sprecherin mit dem Finger und mit blitzenden
exaltirten Augen
Zu weltlich zu weltlich sagte er Aber Sie mögen in Ihrem Sinn Recht
haben Ich wollte nur in dem meiner verstorbenen Gönnerin mich aussprechen Wenn
man so viele Beweise der Huld empfing wie die Fürstin mir zuteilwerden ließ
so ist man verpflichtet das Gedächtnis der Spenderin in ihrem Geiste
aufrechtzuerhalten Ach Ich fühle wohl wie mit den Menschen auch die Gedanken
sterben die sie zu verwirklichen schienen Ich bin jetzt über zwölf Jahre in
diesem Orte und habe zehn Jahre lang täglich mindestens einige Stunden hier oben
zugebracht Die Fürstin war von einer bewundernswürdigen Offenheit und fand
eigentlich eine Art von Genugtuung darin sieh durch Aufrichtigkeit zu
demütigen Sie gestand jede Unwissenheit ein Sie hatte ich darf es so nennen
ein katolisches Prinzip das ich natürlich nicht ganz billigte War sie von
irgend einem Gegenstande lebhaft erfreut so schenkte sie ihn sogleich weg Sie
wollte ihr Herz an nichts hängen außer an die Betrachtung des Ewigen So gern
hätte sie die allgemeine Beichte unserer Kirche in eine Ohrenbeichte verwandelt
und sich über jeden Fehler umständlich und unter Tränen ausgesprochen Denn
erst dadurch sagte sie oft kommt mir die Erleichterung von dem Druck dass ein
Anderer ganz weiß was ich tat Was sind Sünden die man nicht bekennt Sie
schrieb viel zerriss es wieder ließ aber auch Manches stehen Ich warnte sie
oft vor der Gefahr die mit dem Buchstaben verbunden ist aber es erleichterte
sie sich schriftlich auszusprechen Einige solcher Betrachtungen hab ich ja
als Manuskript für Freunde später drucken lassen Sie gefielen natürlich nur da
wo man die rechte Stimmung mitbrachte Jetzt freilich würd ich mich weniger so
ganz darin verlieren da die persönliche Beziehung fehlt und nur für das
Persönliche sprech ich ja
Melanies Mutter um der drückenden und allzu persönlichen Vortragsweise
Stromers einen Damm zu setzen sagte mit angenehmem Lächeln offen und ehrlich
Ja ja Herr Pfarrer tragen Sie nur jetzt den Kopf ein bisschen mehr nach
oben und lassen Sie die alten Zeiten ruhen Es sind nun Leute in dies Schloss
gekommen böse böse Leute die sich gern freuen dass es in der Welt hübsch
munter und lustig hergeht Wer nach uns einzieht kann man freilich nicht
wissen Aber wers auch sei Herr Pfarrer bleiben Sie nur jetzt bei unserm
Glauben Wollen Sie Das Immer Wissen Sie es hält oben und einmal lebt man
nur Das ist zwar Alles recht dumm geredet aber gesund ists darauf verlassen
Sie sich und Ihre liebe Frau blinkt mir schon zu und meint Justizrätin da
treffen Sie was ich seit zwölf Jahren dachte Nicht wahr
Alles lachte über dieses derbe ehrliche Votum Melanie sprang auf die
Mutter zu umarmen
Du bist köstlich Mama sagte sie ja baue du die Brücke auf der der Herr
Pfarrer wieder ins Leben zurückkehrt Ein so junger liebenswürdiger Mann Ich
sage Das Frau Pfarrerin Ihnen zum Trotz Ich sollte nur hier wohnen und eine
Zeitlang die Fürstin von Hohenberg spielen dürfen Wie wollt ich die Fenster
aufreißen und Luft hereinlassen Wie wollt ich in die Hütten gehen wo früher
für die Heiden gesponnen und genäht wurde und die Leute lehren auch noch an
viel schlimmern Menschen Geld zu verdienen Und dann käme Excellenz und
zauberten uns hier einen seiner schönen Gärten wie in Buchau oder Solitude wo
die herrlichen Fontainen springen die Wasserfälle rauschen und die Schwäne auf
den Teichen schwimmen
Eines Inspectors Mangold der des Geheimrats rechte Hand war und nach
englischen Studien alle diese Verschönerungen angegeben und lenkte wurde dabei
natürlich nicht gedacht
Habe zwei neue Schwäne kommen lassen sagte der Intendant aus Island
diplomatische Vermittlung mit Dänemark seltene Race sehr elegante Tiere
allerliebst
Ich kenne sie ja sagte Melanie Im Atelier des Professors Berg wurden sie
copirt zu einem reizenden Ledabilde das Heinrichson entwirft
Heinrichson ganz recht fiel der Intendant ein Meine Frau protegirt
Heinrichson und hat mich veranlasst ihm die beiden isländischen Schwäne aus
Island kommen zu lassen wollt ich sagen zu versprechen dass sie
ich meine dass sie ihm aus dem königlichen Ankauf geliehen wurden
Das mehrfache Versprechen war für Diejenigen komisch die da wussten dass
Frau Geheimrätin von Harder für den schönen und eleganten Maler Heinrichson wohl
noch größere Opfer gebracht hätte als nur eine Veranlassung dass zwei schöne
wilde Schwäne vom König für ihre Privatinteressen angekauft wurden
Lasally kannte dies Verhältnis und wollte sich einige spottende Bemerkungen
darüber erlauben Doch unterbrach ihn Melanie
Heinrichson war von dieser Aufmerksamkeit so gerührt dass er auch der
Freundin der Geheimrätin Frau von Trompetta versprochen hat ein Blatt für
ihr Getsemane zu malen
Bitte sagte der Geheimrat scherzend bitte Fräulein Melanie nicht der
Frau von Trompetta sondern mir mir direkt hat er es versprochen Ich hab ihm
die beiden Schwäne festgebunden natürlich selbst gebracht wie sie vom Schiff
kamen und war dabei als er sie zeichnete Sie waren schrecklich wild
Ganz Recht fuhr Melanie lachend fort aber Frau von Trompetta stand doch
während dem Acte hinter einer spanischen Wand
Ofenschirm verbesserte der Geheimrat
Gut Ofenschirm und gedeckt von diesem Sittlichkeitsfächer unterhandelte
Frau von Trompetta mit Heinrichson über das Getsemane und schrie entsetzlich
über die bösen Schwäne und verwünschte die frivole Malerkunst und eine große
hölzerne Puppe
Melanie konnte vor Lachen nicht weiter
Ja sagte der Geheimrat ganz Recht Die große hölzerne Puppe sollte
nämlich den Moment bezeichnen wo die Lady von den Schwänen beängstigt wird Die
Puppe stellte die Lady vor
Die Leda corrigirte Melanie Leda Excellenz
Ganz Recht Die Puppe war die Lady und der Schwan nicht wahr Der Schwan
war eine verkleidete Gottheit
Jupiter rief Melanie während alle Die die ein wenig Mythologie
verstanden sich auf die Lippen bissen und die Übrigen gespannt zuhorchten
Ganz Recht Jupiter in einem Travestissement es ist nur eine
Maskerade und mein Franz hielt den einen isländischen Schwan so fest an den
Flügeln dass das wilde grimmige Tier furchtbar tobte und mit den Flügeln
ausschlug
Und Frau von Trompetta hinter dem Ofenschirme schrie erzählte Melanie
unter fortwährendem Lachen schrie als stäke sie am Spieß und rief Excellenz
er beißt er beißt
Er biss auch sagte der Geheimrat Bei Gott Er hat Franzen gebissen
schickte deshalb in die Tierarzneischule beinahe hätte ja das wilde
Tier die ganze hölzerne Lady in Grund und Boden zertreten
Leda Leda Excellenz eine allerliebste Nymphe aus dem Altertum
berichtigte Melanie
Enfin schloss Baron von Harder der sehr angenehm ins Feuer geriet enfin
Frau von Trompetta fiel über diese antike Scenerie in Ohnmacht und meine Frau
die ja dabeistand wusste nicht womit wir sie anders trösten sollten als
Ich zeichnete im Nebenzimmer unterbrach Melanie und beobachtete den ganzen
Vorfall Die geistreiche Frau Geheimrätin schalt Frau von Trompetta in einem
kaum unterdrückten Zornausbruch kindisch und sagte vor allen Malern O schämen
Sie sich Trompetta Sie fürchten sich vor Schwänen und reden den ganzen Tag vom
Schwanenorden Das sagte sie und fügte hinzu Das ist nun da ein Schwan ein
echter isländischer Und nun machen Sie den Lärm Aber bei aller Achtung vor
der Geheimrätin von Harder ich hielt diese Vorwürfe für ungerecht Ich glaube
Frau von Trompetta fiel in Ohnmacht nicht über das Beissen der Tiere sondern
über das Sujet des Herrn Heinrichson über die Puppe über die Idee des Ganzen
Heinrichson zeichnete lachend und freute sich je wilder und toller sich das
abscheuliche Tier gebehrdete
Die Schwäne machten Aufsehen fuhr Herr von Harder fort Man wollte sie
sehen alle Freundinnen meiner Frau wohnten den Wiederholungen der Action bei
und Frau von Trompetta denken Sie sich Frau von Trompetta gewöhnte sich an
das Schauspiel und hatte später selbst darum gebeten noch einmal dabei sein zu
können falls sie von der Estrade in dem Atelier aus zusehen dürfte Aber wie
gesagt das erste mal aus Furcht gebissen zu werden fiel sie in Ohnmacht
sodass meine Frau nichts Anderes wusste sie wieder ins Leben zurückzurufen als
dass Heinrichson ein berühmter Maler sehr ausgezeichneter Künstler und
Weltmann versprach meiner Frau zu Gefallen und aus Dank für die königlichen
Schwäne ihr nun auch ein schönes Blatt für das Getsemane zu machen
Ah sagte man allgemein von der Anekdote vortrefflich unterhalten Alle
lachten selbst Frau Pfannenstiel Nur Einem schien dieses Durcheinander von
Lachen Erzählen und Fragen im höchsten Grad unheimlich dem Pfarrer Guido
Stromer Die Ausdrücke Maler Schwan Schwanenorden Leda Solitude Getsemane
gingen so bunt an seinem Ohr übereinander weg dass ihm schwindelte Aber die
heilige Entrüstung die er sonst bei einer Erzählung würde gefühlt haben die so
ganz und gar nicht in die alten Erinnerungen dieser Räume passte überkam ihn zu
seinem eigenen Staunen nicht mehr Zu lachen vermochte er freilich nicht
Fehlten ihm doch die Verbindungsfäden näherer Bekanntschaft mit den Personen und
die genauern Details Aber es war da Etwas in ihm von eigentümlichen
Jugenderinnerungen die ihn ergriffen und ihn wonnig überrieselten Er gedachte
so im Stillen grübelnd der Zeiten wo er noch in akademischen Jahren den Trieb
hatte bei einem berühmten Archäologen Kunstgeschichte zu hören wo er noch mit
aufmerksamer herzinniger Betrachtung durch die Säle einer Kunstausstellung
schreiten und marmorne Gestalten mit Professor Toluck den er in Halle später
hörte noch nicht Götzenbilder nannte Er strich sich nachdenkend über die
Augen er der außer Melanie der Einzige war der etwas Genaueres von der Myte
der Leda die die Unwissenheit des Intendanten mit einer Lady verwechselt hatte
verstand und diese Myte zu deuten wusste Als nach dem Lachen eine Pause
eingetreten war und Alles nun zu ihm dem heiligen schweigenden Manne mit einer
gewissen Befangenheit hinblickte sagte er mit sehr leiser Stimme
Ich wollte mir nur die einfache Frage erlauben was es mit dem vorhin
mehrerwähnten Getsemane der Frau von Trompetta für eine Bewandtnis hat
Melanie erklärte es ihm indem sie noch einige Entdeckungen über die Art
wie Frau von Trompetta ihr Album zu sammeln und einer gewissen geräuschvollen
Wohltätigkeit zu widmen verstand zu erzählen wusste
So so war Stromers ganze Antwort Er versank in ein stilles Nachdenken
und spann Betrachtungen für sich aus die ihn auch auf die große Ähnlichkeit
führten die zwischen einer von ihm einst bewunderten Leda der dresdener Galerie
und der reizenden Melanie bestand Er blickte nieder brütend abwesend und nur
unheimlich schoss sein Auge zuweilen einen Blick empor der forschend über die
Versammlung glitt Er überdachte einen andern Entwickelungsweg den er hätte
zurücklegen können wenn die hohe Frau die ihn an den Pietismus an sein
einfaches Weib an seine fünf Kinder und diese Dorfpfarre fesselte nicht eine
Fürstin gewesen wäre
Nachdem sich wie immer wenn ein Gegenstand erschöpft ist um den Teetisch
eine gewisse Stille eingestellt hatte und Henning von Harder noch in dem Gefühl
durch interessante Entdeckungen eine ganze wenn auch seiner nicht würdige
Gesellschaft angeregt zu haben sich wiegte versuchte nun auch der
Kommerzienrat von Reichmeier sich geltendzumachen Er stellte seine Teetasse
auf den runden Tisch auf dem inzwischen schon die große Lampe aufgetragen
wurde räusperte sich und bemerkte
Soeben las ich in der Zeitung die Ankunft des Prinzen Egon von Paris
Wer kennt den Prinzen Egon fragte Melanie mit einiger Lebhaftigkeit ohne
jedoch aufzuhören sich in einem Fauteuil lang auszustrecken und dabei sorglos
und fast abgespannt mit einem Fächer von Maraboutfedern zu spielen
Als Alles schwieg richtete sie ihren Blick auf den Intendanten und sagte
Sie vielleicht Excellenz
Ich habe nicht die Ehre Se Durchlaucht zu kennen bemerkte Herr von
Harder
Kommerzienrat von Reichmeier teilte daher mit was er wusste
Der Prinz sagte er kann jetzt etwas über sechsundzwanzig Jahre alt sein
Er wurde von seinem zwölften Jahre in Genf erzogen kam achtzehn Jahre alt nach
Deutschland zurück um jedoch sogleich die Universitäten von Bonn und Heidelberg
zu besuchen Er versuchte dann ein Jahr in der Nähe seiner Familie zu leben war
aber so wenig mit den Maximen seines Herrn Vaters in Einklang zu bringen dass er
Deutschland wieder verließ nach der Schweiz zurückkehrte und auf Reisen teils
in Frankreich teils in England zubrachte Eben im Begriff nach Nordamerika
sich einzuschiffen traf ihn die Kunde vom Tode des Generalfeldmarschalls Mit
der bestimmten Erklärung sich den Antritt seines überschuldeten Vermögens noch
vorzubehalten einer Erklärung die er an die Curatoren der Masse
vorausschickte ist er nun zurückgekehrt indessen hoffen wir Alle dass er sich
von diesem Entschlusse abbringen lässt und durch weise Sparsamkeit von den
Besitzungen die einmal seinen Namen tragen soviel rettet als noch zu retten
ist
Melanie nannte Das geschäftliche Äußerlichkeiten Sie wollte Anderes von dem
Prinzen Egon hören Wie sein Äußeres wäre sein Wuchs die Farbe seiner Haare
sein Wesen und Benehmen
Nach Allem was man hier und da von dem Prinzen erfahren hat sagte sie mit
trockenem ironischem Humor muss man wohl darauf rechnen in ihm eine große
Ähnlichkeit mit Sr Excellenz zu finden
Diese Bemerkung fiel natürlich allgemein auf
Wie so In der Tat? Mit Excellenz
Da wir nicht hoffen können fuhr der Schalk fort dass der Prinz mit meinem
guten Vater den er zu hassen scheint weil er sein Herz nicht kennt verkehrt
so bleibt uns nichts übrig als uns an Diejenigen zu halten die ihm ähnlich
sehen Man rühmte mir schon oft den eleganten Fuß und die kleine weiße Hand des
Fürsten
Über diese Spitzbüberei brummte die Mutter etwas erschrocken vor sich hin
und Alle fühlten dass Melanie die Gesellschaft auf Kosten eines Mannes der den
Spott nicht merkte unterhalten wollte Harder errötete er wurde unruhig Er
rückte mit dem Stuhl und schien plötzlich sprachunfähig
Auch Eugen Lasally erschrak Er schien an Melanies Komödienstreichen keinen
Gefallen zu finden und drückte Dies genugsam durch die Schärfe des Tones aus
mit dem er das Wort ergriff und sagte
Prinz Egon gilt unter den Leuten die ihn kennen für einen halben
Gelehrten Manche seiner Universitätsfreunde nennen ihn überstudirt Er soll
erst die Rechte getrieben haben jetzt aber ein Narr sein Man sagt er hat drei
Handwerke Tischler Schlosser und noch eins gelernt ich weiß nicht
Horndrechsler Friseur Kammmacher oder welches andre solide Metier
Während jetzt besonders Herr und Frau von Zeisel über diese Äußerung eines
kecken jungen Fremdlings erschraken bestand Melanie sogleich darauf diese
dritte Profession müsste die Kammacherei sein
Das Haar ist die schönste Zierde des Menschen rief sie Ob ein Haar sich
gefällig lockt oder schlicht am Scheitel fällt ob es die Stirn bedeckt oder
ihre Fläche frei erglänzen lässt immer ist es der lebendigste Sprecher für den
Charakter der in dem Kopf unter ihm schlummert Kammmacher nicht wahr
Excellenz
Herrn von Harder war diese Bemerkung allein gewidmet Sie galt seinem Haar
Aber im Hause des Gehenkten ist nicht gut von Stricken reden Der Blick auf
seine pariser BagnoPerrücke die Franz sein Bedienter wie das natürlichste
Haar zu kräuseln verstand erschreckte ihn doch Es war ihm daher nur erwünscht
dass man vom Scherz auf Ernstes zurücklenkte
Wir lachen sagte der innerlich etwas entrüstete Justizdirector von Zeisel
mit beklommener Stimme wir lachen über die wunderlichen Sagen die man sich von
Sr Durchlaucht meinem gnädigsten Prinzen Egon erzählt Soviel steht allerdings
fest dass Prinz Egon ein ein ein sehr unglücklicher junger Mann ist
Denn erlauben Sie die Bemerkung denn denken Sie sich eine Jugend die
allerdings nicht behaglicher angenehmer sein konnte als noch die reichen
Mittel des Vaters ich sage als diese noch noch beisammen waren Aber schon
im genfer Pensionat muss er gefühlt haben wieviel sozusagen wieviel
Störungen in dem Hauswesen seiner Eltern eintraten Als er es war gerade Winter
und die Fürstin in der Residenz von Genf zurückkam entdeckte er ohne
Zweifel die gewaltige wie soll ichs nennen allerdings die Zerrüttung des
schon lange gestörten oder ist Das zuviel gesagt nein allerdings des
gestörten häuslichen Friedens zwischen den beiden hohen Personen Wir sahen ihn
hier gar nicht Er bezog sogleich im nächsten Frühjahr die Universität Nach
seinen akademischen Studien lebte er mit seiner Mutter einige Wochen auf den
Gütern der Familie über die sie damals noch hm hm ja noch im
oberen Gebirge frei ja allerdings frei zu schalten hatte Dann ist er wie
ganz richtig erzählt wurde sozusagen verschollen und was man von ihm erfuhr
war in der Tat ein wunderbares Durcheinander der seltsamsten Dinge die er wie
man erzählt hm hm treiben wenn man diesen Ausdruck brauchen darf treiben
soll und unter Anderm allerdings auch die Nachricht über seinen Entschluss sich
wie soll ichs nur nennen ja allerdings sozusagen sich mechanische
Fertigkeiten anzueignen
Und niemals war er in Hohenberg fragte man nach dieser höchst discreten
Rede eines taktvollen und feinfühlenden Beamten allgemein erstaunt und sah
dabei auf Guido Stromer der noch immer abwesend und wie in Träumen verloren
schien
Herr Pfarrer Herr Pfarrer hieß es wo waren Sie
Ei ich wette sagte Melanie Sie sind noch immer bei der Szene mit dem
Maler Heinrichson Ja Ja Sie überlegten wieviel Genuss Ihrer verstorbenen
Freundin der Frau Fürstin die Bekanntschaft mit dem Album der Frau von
Trompetta verschafft haben würde
Guido Stromer war allerdings noch bei jener Szene aber im völlig andern
Sinne Dennoch sammelte er sich und sagte
Ich leugne nicht dass ich das Vertrauen der Fürstin in seltenem Grade besaß
und überlegte bei mir im Stillen wie sie wohl eine so erpresste Wohltätigkeit
von der Fräulein Melanie erzählte beurteilt haben würde In ihrem Geiste sagte
ich mir Wenn der Künstler soll mit Gewalt gezwungen werden in das Getsemane
einen Beitrag zu stiften so ist ja in der Tat dieses Album recht ein
Tränengarten wie der Name bedeutet und Judas der Verräter lauert ja mit dem
falschen Kuss der Liebe an seinem Eingang Frau von Trompetta gleicht da dem
heiligen Crispinus der den Reichen das Leder stahl um den Armen daraus Schuhe
zu machen Nimmermehr würde die selige Fürstin eine solche Unternehmung etwa
durch Übernahme von Loosen unterstützt haben Denn es liegt doch wohl kein Segen
in Dem was nicht aus reiner Quelle fließt
Nun Herr Pfarrer meinte Herr von Reichmeier der erst seit seinem letzten
Knaben Christ war wenn das Album mit zweihundert Louisdors verkauft wird und
der Betrag ich will einmal sagen an das Waisenhaus käme um den Kindern daraus
warme Jacken anzuschaffen die Jacken halten ebenso warm ob nun das Album
zusammengebetet oder zusammengebettelt wurde
Stromer horchte auf und betrachtete den witzigen Sprecher mit ernster Miene
Und gleichsam als würdigte er ihn keiner Antwort wich er der weitern Debatte
mit den leisen Worten aus
Irr ich nicht so hört ich vorhin den Namen des Prinzen Egon erwähnen
Melanie die eine unbehagliche Stimmung in der Gesellschaft nicht wollte
aufkommen lassen bestätigte diese Bemerkung
Allerdings sagte sie Er ist ganz frisch von Paris angekommen Kennen Sie
ihn Herr Pfarrer
Geistig sehr wohl sagte Stromer Gesehen hab ich ihn niemals
Er war auch zu Ihrer Zeit nicht in Hohenberg bemerkte Herr von Zeisel und
fügte bei
Seit meinem Amtswirken wenigstens ist er abwesend
Doch doch lieber Herr Justizdirector erzählte Stromer Prinz Egon lebte
bis in sein vierzehntes Jahr größtenteils hier in Hohenberg Mein Amtsvorgänger
war damals sein Erzieher Später verbrachte er nach vollendeten
Universitätsstudien einmal acht Tage hier acht Tage wo Sie eine
Inspectionsreise machten und ich entsinnst du dich Linchen lag ja wohl krank
Linchen seine Frau nickte Sie war so schüchtern kaum ein leises Ja zu
flüstern
Als ich wieder vom Krankenlager erstand fuhr Stromer fort erzählte mir die
Fürstin wie wenig sie sich mit ihrem Sohne verständigen könne Beide Gemüter
in so vielen Dingen nahe verwandt trennten sich gerade in den wichtigsten
Lebensfragen Sie liebte den Prinzen ihr einziges Kind mit einer Leidenschaft
deren Ausbrüche mich oft in Angst versetzten Nie konnte sie seiner ohne Tränen
gedenken Wenn sie einen Brief von ihm empfing klopfte ihr das Herz mit
hörbaren Schlägen Sie schluchzte indem sie ihn las und gestand mir dass sie
sich durch dies Kind oft unglücklicher fühle als selbst ein Mutterherz tragen
könne Rudhart mein Amtsvorgänger hatte dem Prinzen die ersten Grundlagen
seiner Bildung gegeben Es war Dies ein strenger unfreundlicher Mann der in
der Religion nur eine gegenseitige Übereinkunft der Menschen sah sich nicht zu
morden und zu bestehlen Diese Übereinkunft war ihm durch den Lauf der Zeiten so
oder so verbrämt bunt und willkürlich ausgeschmückt sodass er Christentum und
Islam ineinanderwarf wenn nur der äußerste Zweck einer gewissen moralischen
Haltung und Erziehung durch diese Religionsformen erzielt wurde Als dieser
Seelsorger ein sonst sehr achtbarer Mann unserer Gemeinde entsagte und zu
einer deutschrussischen Familie in Liefland zog er scheint jetzt verschollen
war mit der Fürstin schon längere Zeit jene Veränderung vorsichgegangen die
sie bestimmte nicht nur einen Geistlichen der jüngeren und neueren Richtung zu
wählen sondern auch ihren Sohn vorzugsweise nach Genf zu schicken in die
Anstalt des Professors Monnard wo sie gewiss sein durfte ihn nach ihren
Principien erzogen zu sehen Solange Prinz Egon in diesem Institut verweilte
erhielt die Mutter von ihm zwar etwas kalte aber doch in religiöser Hinsicht
beruhigende Briefe Man konnte oft zweifeln ob diese Briefe der reine Erguss
seines Innern oder nur Schulübungen waren O Gott rief sie einst aus wenn
diese Briefe von den Lehrern erst deshalb gelesen würden um auch ihren Geist so
zu corrigiren wie die Sprachfehler Wenn Egon nur aus Furcht seinen Lehrern zu
misfallen so schriebe wie ich wünschte dass es ihm aus innerster Seele käme
Als ich sie dann die treffliche Frau damit zu beruhigen suchte wie ja Allem
was dereinst uns innerlich und ureigen werden solle doch wohl erst etwas
Äusserliches und anderswoher Entlehntes vorangehen müsse antwortete sie Wie
aber wenn dies ungern Aufgenommene in Egons Seele nicht haften bliebe sich
nicht in sein eigenstes Blut verwandelte und von seinem eigenen Bedürfnis nach
himmlischer Stärke ergänzt würde Leider trafen diese Befürchtungen ein Als
Prinz Egon neunzehn Jahre alt in der Residenz mit der Mutter zusammentraf und
die Universität beziehen wollte schrieb sie mir wie kalt ich wiederhole ihre
Worte wie kalt sie sein Herz gefunden hätte Eis sagte sie gab er mir für die
Glut meiner Liebe Ich suchte sie damals zu trösten ich verfiel ich weiß nicht
wie auf die Wendung dass vielleicht einmal ein großes Unglück ihm heilsam
werden könnte Diesen Gedanken hielt sie als sie nach Hohenberg zurückkam mit
auffallender Zähigkeit fest Immer wieder kam sie darauf zurück dass man nur
durch Trübsale und Prüfungen zur Erkenntnis seines wahren Heils gelange Und
Wahrheit Wahrheit Wahrheit rief sie eines Tages ganz krampfhaft aus und sank
erschöpft in ihren Sessel zurück Die zerrütteten Finanzen des Vaters gaben viel
Veranlassung dem Prinzen fühlbar zu machen wie abhängig er doch im Grunde von
äußern Umständen und Bedrängnissen war Aber der Bruch blieb Mit dem Vater und
der Mutter zerfallen lebte er auf der Universität ich kann wohl sagen wild in
den Tag hinein schrieb oft in einem halben Jahre nur einmal nach Hause dem
Vater ohnehin nie Zuletzt bezog er die Summen deren er benötigt war vom
Herrn Justizrat Schlurck der ihm auch den Tod der Mutter später den des
Vaters anzeigte In den letzten Wochen vor ihrem Tode hatte die Fürstin die
Freude auf Anlass ihrer immer mehr zunehmenden Krankheit noch einen hingebenden
recht zärtlichen Brief von ihrem Sohne zu erhalten Sie küsste ihn unter Tränen
sagte dann aber ernst sich aufrichtend und auf ein Bild des Erlösers blickend
Der ist die Wahrheit und das Leben Sie hatte damals noch ihre letzten Kräfte
zusammengerafft um ihr Testament ein längeres Vermächtnis an ihren Sohn
niederzuschreiben Ob es in die Hände des Vaters gekommen ich weiß es nicht
Sie starb ich wiederhole Brigittens Erzählung mit dem sonderbaren Ausrufe
Das Bild Mit diesen wahrscheinlich auf ein Kruzifix sich beziehenden Worten
lähmte ein Schlag die Zunge und wenige Augenblicke darauf war sie verschieden
Auf jenen letzten Ruf der Fürstin hin ergänzte der inzwischen leise
schleichend eingetretene Bartusch die eine feierliche Stille verbreitende
Erzählung auf diesen Ruf hin hat der Fürst beim Verkauf des Nachlasses seiner
Gemahlin auch angeordnet
Bartusch stockte mit einem Blick auf den Geheimrat der vom Tode nicht
gern erzählen hörte
Was angeordnet fragte man allgemein
Ich vermute wenigstens sagte Bartusch den Geheimrat dreist fixirend ich
vermute dass die letztwillige Erklärung des verstorbenen Fürsten alle
Familienbilder auf Hohenberg sollten dem Sohne übergeben und von dem Verkauf an
das königliche Haus ausgeschlossen bleiben auf diesen letzten Worten seiner
Gemahlin beruht
Der Geheimrat machte eine unruhige Bewegung
Herr von Zeisel glaubte ihn zu verstehen und fiel rasch ein
O mein Herr Bartusch es ist diese Anordnung doch wohl nur die schuldige
Rücksicht eines berühmten Geschlechts auf seine eigene Ehre oder sozusagen
den Glanz seines Hauses Nicht wahr Eugenie
Eugenie seine Gemahlin bestätigte diese Worte mit einem kurzen vornehmen
Allerdings
Sie war eine geborene von NutzholzDünkerke
Nun Nur soviel weiß ich verteidigte sich Bartusch mit vieler Trockenheit
und wollte den ihm von der Justizrätin zugeworfenen Wink nicht verstehen
soviel weiß ich die Fürstin war ohne alles Vermögen Prinz Egon konnte ein
mütterliches Eigentum nicht beanspruchen Die Familienbilder und eine aus der
Verwaltung des Schuldenwesens für ihn sich herauswerfende Apanage von jährlichen
sechstausend Talern bilden in diesem Augenblick seinen ganzen Besitz Es wird
ihm in Deutschland nicht lange behagen zumal wenn es wahr ist dass er Bier
trinkt in die Vereine der Handwerker geht Kolonieen stiften will und ähnliche
Phantastereien treibt mit denen man sich bei uns höchstens eine vorübergehende
Popularität erwirbt aber die vielen Feinde die sich das Haus Hohenberg so
schon zugezogen hat in den oberen Regionen leicht vermehren würde
Frau von Reichmeier die es fühlte dass sie zu lange geschwiegen hatte um
nicht für beschränkt zu gelten ergriff diese Gelegenheit zu der Frage
Woher kommen nur diese Feinde
Liebe Schwester sagte Eugen wer kein Geld hat hat keine Freunde und
keine Freunde haben ist soviel wie Feinde haben
Der Fürst erklärte Herr von Zeisel setzte leider seine Würde zu oft aufs
Spiel und verdarb es mit denselben Protectoren denen er es mislich ja schwer
machte das Wohlwollen das sie für ihn fühlten immer auch öffentlich zu zeigen
Nein nein seien Sie aufrichtig fiel Stromer ein Verschweigen Sie nicht
Herr Justizdirector wovon wir bei unsern nähern Beziehungen zur Fürstin so oft
Gelegenheit hatten uns zu überzeugen verschweigen Sie nicht dass es wirklich
eine geheim angelegte sonderbare Mine der Intrigue gegen die Fürstin gegeben
hat Sie wissen wie oft sie über die Bosheit und Heuchelei der Menschen bei
wirklich rätselhaften Veranlassungen klagte Sollte Ihnen entfallen sein
welche Namen sie nicht selten als die ihrer ärgsten Feinde bezeichnete Ich
erinnere Sie an eine Dame
Stromer hielt absichtlich inne Herr von Zeisel wurde unruhig überrot
seine Gemahlin erblasste Beide blickten erschrocken bald auf den heute sehr
tapfern angeregten Pfarrer bald auf Herrn von Harder dem seit Erwähnung der
Bilder dies Gespräch verdrießlich ja unehrerbietig erschien
Genug sagte Stromer Die Feinde des fürstlichen Hauses mögen verschuldete
sein es sind ihrer aber auch solche die wohl nur dadurch entstanden dass die
Fürstin Amanda in ihrer Jugend sehr schön sehr liebenswürdig und von aller Welt
angebetet war
Bei diesen Worten erhob sich Herr von Harder Er ahnte in ihnen eine
Beziehung zu seiner Gemahlin War er auch wenig in die eigenen Lebensbezüge
derselben die erst seit zehn Jahren seine Gattin war verwachsen so wusste er
doch nach der ihm von der energischen Frau gegebenen Anweisung sehr
vollkommen welche Farbe er in dieser überhaupt in jeder Gesellschaft halten
musste Sie sagte ihm ja immer Sei kalt oder warm gegen Diesen oder Jenen Und
ohne dass er die Gründe dafür erfuhr war er dann eiskalt gegen Den oder in
seiner Weise glühend gegen Jenen Er wusste vollkommen dass seine Gattin in
älteren Tagen noch während ihrer ersten Verheiratung mit ihm führte sie die
zweite Ehe mit der Fürstin verfeindet war er hatte noch neuerdings wo gerade
auf ihre Veranlassung der Ankauf der Hohenbergschen Einrichtung betrieben wurde
und sie sich vor Ablieferung an den Hof die genaueste Untersuchung derselben in
der Residenz bedingte bei Auseinandersetzung der Gründe die sie scheinbar dazu
bestimmt hätten das lebendigste Auftauchen der alten Erinnerungen Paulinens
beobachten können und somit überstieg das Gespräch das Maß Dessen was er als
Gatte und überhaupt als Excellenz glaubte hier so ungeahndet mit anhören zu
dürfen
Melanie aber rief
Lasst die Toten ruhen Was quälen wir uns damit zu erforschen was die
Verstorbenen noch Alles gedacht oder gefühlt haben mögen Zürnen Sie nicht Herr
Pfarrer dass wir so oberflächlich und weltlich sind Unsere Religion ist die
Natur die Kunst die Freude Kommen Sie wir wollen etwas Musik machen wenn
dieser Tonkasten hier bei guter Laune ist und die Gnade hat noch einige Klänge
herzugeben
Damit öffnete sie den Flügel der noch in diesem Saale von den ehemals hier
gehaltenen Betstunden stehengeblieben war Es war ein altes verbrauchtes
Instrument dessen Klang schon vor Jahren nur soweit ausreichte leidlich eine
Melodie anzugeben oder durch kraftvolles Anschlagen der Dominante einen
Bauernchor zu verhindern nicht immer taumelnd in den Octaven herumzuspringen
oder einen Vers um eine Terz höher zu schließen als man ihn angefangen hat
Melanie schlug eine Polka an Manche Saite war schon gesprungen manche
sprang jetzt erst Sie ließ sich jedoch nicht irremachen sondern begleitete die
leicht tändelnde Melodie die sie spielte mit den entsprechenden Bewegungen
ihres Körpers Zuletzt gab es denn aber doch ein zu klägliches
Durcheinandersummen der ungestimmten Töne Ärgerlich brach sie ab Sie konnte
aber vollkommen befriedigt sein von dem heitern Erfolge ihrer Improvisation Man
war die feierliche Stimmung los stand auf nahm einige kalte Speisen zu sich
die Madame Schlurck nach dem Tee herumreichen ließ und stellte sich in Gruppen
an die Fenster an den Flügel an das Kanapee der freundlichen Wirtin
Guido Stromer aber war nicht der Mann der sich so leicht enttronen ließ
Er warf sich mit leichtem Geschick auch auf diese neue Wendung des Abends lobte
Melanies Spiel rühmte die Speisen erörterte die kleinsten Dinge durch
piquante Kommentare und entwickelte dabei immer denselben analytischen Geist
der sich in jede Gedankenreihe mit dem Talente sie auszuspinnen und sinnig zu
verknüpfen finden konnte Herr von Harder mied jedoch den vulkanischen Mann
Ohnehin neckte ihn Melanie und wusste ihn gleich einem Magnet der in einer
Wasserschüssel blecherne Enten und Fische nach allen Seiten zieht bald in diese
bald in jene Ecke zu locken sodass er nahe daran war von dem Nimbus seiner ihn
umstrahlenden Würde viel einzubüssen und sich wie Einer der Andern unter den
Andern zu verlieren Als er anfing doch auch zu freundlich zu zerschmelzen zu
geziert wie Malvolio in Shakspeares »Was Ihr wollt« nach geschnörkelten
Phrasen wie nach Fliegen zu haschen entwand sich ihm das listige Mädchen und
ging gerade da wo er schon zweideutig zu flüstern begann in einen lauten Ton
über den Alle hören sollten Man gruppirte sich um sie Sie neckte Alle Sie
neckte den Kommerzienrat mit seinen Staatspapieren den Justizdirector mit
seinen Processen Eugen Lasally mit seinen Wettrennen für die er Pferde und
Jockeis hungern und mager werden lassen müsse So hatte sie es dahin
gebracht dass Alles wieder saß und sich gefallen ließ Rätsel und Charaden zu
lösen die sie in schnellster Gewandheit den anwesenden Personen angepasst zu
erfinden verstand
Die Überladung die das eigentümliche Kennzeichen der Häuslichkeit
Schlurcks war brachte auch für diesen Abend wie für jeden noch eine Kollation
Champagner Dieser Wein war bei Schlurck so eingebürgert dass man wohl sagen
konnte er floss bei ihm in Strömen Es mochte dieser Luxus daher kommen dass
Viele seiner Kommittenten Viele der Personen denen er Häuser Güter Geschäfte
verwaltete ihn mit Naturalgeschenken dieser Art gern erfreuten Ein gewisses
prahlerisches Wohlleben war leider die tägliche Ordnung im Schlurckschen Hause
und für so besonnen und klug Melanies Mutter auch im Praktischen gelten konnte
nach dieser Richtung hin gestattete sie die vollste Freiheit und liebte es
jeden Tag als einen Tag der Freude zu begrüßen und zu beschließen als ein Fest
wo Abends die Becher blinkten und Morgens wieder Rosen sie frisch umkränzten
Ja ja rief zuletzt der vom Champagner angeregte Stromer der kein Auge für
Linchen seine bescheidene Frau den ganzen Abend über gehabt hatte jetzt aber
doch einmal zu ihr der Dulderin hinüberschritt mit dem Champagnerglase in der
Hand ja ja Lina wie ist die Welt so schön wenn man mit der Natur auf
vertrautem Fuße steht Da blitzt der Krystall da lacht die Rebe da funkeln
Diamanten auch wenn man Krystall und Diamanten nicht selbst besitzt Im Auge
liegt die Welt im fröhlichen Auge der Liebe liegt sie gewiss Liebe verklärt
Liebe besitzt Liebe verjüngt O wer sie nie gesehen hätte die schaurigen
Schatten der Einsamkeit wer nie erbebt wäre vor dem Anblicke des Todes Da
würden sie fern geblieben sein die düstern Gedanken mit denen der grübelnde
Mensch sich seinen Sonnenschein verhängt seine Lauben in Grüfte verwandelt
seine lachenden Fernsichten in Abgründe Ein Kind ein Kind zu sein unter Blumen
und Früchten Lina nichts schleppen als jenen lieblichen dicken dresdener
Jungen des Rubens ähnlich Trauben Trauben und Pfirsiche und kleine Kaninchen
o Seligkeit es ist vielleicht die des Himmels auf Erden Und wenn wir einst an
die Pforte des Paradieses klopfen und sie im Jenseit genießen wollen sagt uns
Petrus Ihr Toren was sucht Ihr hier oben Die Seligkeit habt Ihr Euch auf
Erden ja entgehen lassen Steigt nun hinunter in das Zwischenreich wo nicht die
Seligen nicht die Verdammten wohnen Ach ich weiß was da hauset Es ist die
Reue Die bittere nagende Reue
Bravo rief Melanie überlaut und stürzte sich mit komischem Affect Stromern
fast zu Füßen
Bravo Priester sagte sie und sprach damit die allgemeine den Pfarrer
bewundernde Stimmung aus Auf diesen Glauben gib mir deinen Segen
Stromern dessen allerdings geistreicher eigentümlicher und für deutsche
Zustände bezüglicher Natur wir immer näher kommen werden Stromern zitterte das
Champagnerglas in der Hand Einige Tropfen fielen auf Melanies entblößte
Schultern
Guido schalt Linchen seine Gattin
Mag es fließen rief Melanie während Alle lachten er taufte mich auf
seinen neuen Glauben Pfarrer Sie müssen sich zu uns bekehren Wollen Sie
Damit stand sie auf und schüttete ihr Glas in das seinige Wie eine Hebe so
schön hob sie den gerundeten nackten Arm und ließ von oben herab in
wohlberechneter Entfernung den Strahl niedergleiten dass es in Stromers Glase
aufzischte und wie mit tausend Perlen schäumte Geblendet saß der glühende Mann
da und setzte taumelnd das Glas an die Lippen Ah rief Alles plötzlich
erschrocken Noch nachträglich zu den vielen gesprungenen Saiten im alten
Pianoforte der Fürstin sprang eben noch eine der letzten Diese Mahnung wie
von Geisterhand brachte Guido Stromern zur Besinnung Es überrieselte ihn ein
Schauer als er der Tage gedachte wo er hier betete und von der Sündhaftigkeit
der Kreatur sprach Aber so wirkte noch die warme Berührung seiner Kniee
durch die vor ihm fast niedergesunkene Melanie in seinen zitternden Nerven nach
dass er nur noch in ihrem Anschauen lebte und mit wonniger Spannung zuhörte als
sie in ihr dunkles Haar greifend rief
Jetzt zum Abschied für heute Abend Wem lass ich die Rose hier zum Andenken
Ich wollte sie verschenken Wehe Sie ist vom Stiel gebrochen Armes hülfloses
Hundertblatt wer soll nun deine Stütze dein Stab und Stengel werden Wer soll
dich mitnehmen und an sein Herz oder in sein Stammbuch oder auch nur in eine
einfache Cigarrentasche legen und sich dabei sagen Melanie gedenkt Deiner
gedenke du ihrer
Alles sah gespannt auf den Pfarrer und Dieser bebend schlug die
Augenwimpern nieder
Ich concurrire nicht sagte Eugen sogleich mit einer spöttischen ernsten
Miene über Melanies Übermaß von Koquetterie
Sie ziehen Ihren Einsatz zurück Stallmeister antwortete sie und wissen
nicht wie Sie gewinnen wenn Sie schweigen Sie haben heute soviel
geschwiegen Lasally wüssten Sie nur welchen Respekt man vor Ihnen bekommt
Melanie sprach diese Worte so scharf dass sie unwillkürlich belacht werden
mussten zum großen Ärger der Kommerzienrätin von Reichmeier die ihren Bruder
liebte und Melanies Gefallsucht umsomehr verabscheute als auch ihr Gatte von
den Netzen derselben umstrickt war Eugen aber war eine viel harmlosere Natur
Mein Fräulein sagte er Sie wissen dass ich auf Geist keinen Anspruch
mache In meinem Kreise amüsirt man sich wenn man gut reitet gut schießt
Glück bei den Damen hat und die besten Zigarren hält Um mich gründlich zu
bilden und bei einem großen Genie in die Lehre zu gehen hab ich einmal
angefangen nicht nur Schiller sondern auch Goethe zu lesen Ich las »Wilhelm
Meisters Lehrjahre«
Nun rief Stromer wild Wie wurde Ihnen da Ergriff Sie Achtung vor der
Bildung
Bester Herr Pfarrer antwortete Lasally trocken als ich las dass dieser
Wilhelm Meister dieser junge Kommis und Ladenschwengel
Entsetzlich rief Frau von Zeisel die Etwas auf Autoritäten hielt und auf
Erziehung Ansprüche machte
Als ich sah ließ sich Lasally nicht irremachen dass dieser Wilhelm Meister
seine Liebhaberei für Puppenspielereien einer hübschen Schauspielerin erzählt
die dabei einschläft und immer noch von Puppenspielen erzählt während Marianne
schon in seinen Armen schnarcht habe ich das Buch weggeworfen und mir
vorgenommen bei Gelehrten nicht in die Lehre zu gehen man wird da
lächerlich ohne es zu merken
Melanie strafte ihn aber für diese böse gegen Stromer gerichtete Anmerkung
Ein Goeteverächter sagte sie bekommt meine Rose nicht
Es wuchs die Spannung wem sie ihre Gunst zuerkennen würde
Dem Witzigsten hieß es
Dem Artigsten
Dem besten Reiter sagte man mit Spott auf den Kommerzienrat
Melanie ging mit der Rose im Kreise umher und wählte und wählte
Ich suche seltene Vorzüge sagte sie irgend etwas Neues Bedeutendes
Wer meine Gunst verdient muss Ah Bartusch
Mich lassen Sie aus dem Spiele rief Dieser komisch erschreckt und wehrte
die Rose ab zum Gelächter der Übrigen
Dass Sie heute nicht mit den Fingern rechneten rief Melanie nicht an den
Nägeln kauten und Ihren alten bösen Husten einmal bei sich behielten verdiente
in der Tat eine Auszeichnung und wenn ich bedenke dass Sie heute sogar noch
ein hübsches glattes sauber rasirtes Kinn haben
Der graue Schleicher verfolgt von Melanien rief kichernd Gute Nacht
ergriff schnell einen Leuchter und lief unter allgemeinem Spotte davon
Die doch etwas verletzten Damen wollten seinem Beispiel folgen und
aufbrechen
Nein sagte Melanie ihr misgünstigen Schwestern wird Frauengunst so
verschmäht So wenig Wert gelegt auf eine Rose die ein Mädchen im Haar
getragen Zur Strafe für die studirten Herren deren Gattinnen am meisten mit
den Stühlen rücken bekommt die Rose der der die größte äußere Schönheit
besitzt den kleinsten Fuß und die weisseste Hand Herr Justizdirector
strecken Sie Ihren Fuß vor
Dieser zog seinen furchtbaren Elefantenfuss rasch zurück Henning von Harder
aber merkte etwas
Die Hand des Kommerzienrates wurde gerühmt Sie war rundlich und
wohlgepflegt aber viel größer als Harders Und seine Gemahlin bedeckte sie
sie wollte der Posse ein Ende machen
Harder war entzückt er zitterte
Ich habs rief Melanie Meine Rose ist erobert Excellenz Excellenz
hat das Seltenste was ich je gesehen
Was fragte man erstaunt
Die kleinsten zierlichsten Ohren von der Welt sagte Melanie
Der Kontrast der Würde die dieser Mann behauptete und die allgemeine
lautlose starre Bewunderung seiner Ohren die er mit geschmeichelter
Befangenheit wirklich nun zuließ war im höchsten Grade lächerlich Die Ohren
fand man rings um die Excellenz herumgehend in der Tat so klein dass Herr von
Harder nicht ohne Schüchternheit gestand dass er diesen Vorzug allerdings schon
oft an sich hätte rühmen hören Mit einer Bescheidenheit als wenn er für eines
der größten Geistestalente nichts könne da es ihm die Natur einmal gegeben
nahm er dann von der in seinem Anschauen wie selig schwelgenden Melanie die Rose
entgegen und richtete an die bestrickende Circe eine so verwirrte Anrede dass
man sich an der Eitelkeit eines alten eingebildeten Galantomme gründlichst
weiden konnte Schwerlich hatte sie bei dieser Neckerei ein Interesse Was war
ihr der Geheimrat Was war ihr die Huldigung eines vornehmen Mannes sie die
die zudringlichen Anträge junger Grafen und Fürsten täglich abzulehnen hatte und
deren ganzes Jugendleben eigentlich ein ewiges Sichbeherrschen und consequentes
»Nein«Sagen sein musste Prinz Ottokar selbst des Königs Bruder sogar
hatte sie schon auf Bällen ausgezeichnet sie floh nur immer wich immer nur
aus Was war ihr also die grenzenlose Verwirrung die sie über den Geheimrat
hervorbrachte anders als eine Tändelei der »Lieb im Müßiggang«
Als sich die ganze Gesellschaft empfohlen und zerstreut hatte brach
Melanie die Mutter umarmend in die Worte aus
Zürne mir nicht gute Mutter Wir tanzen solange über den Blumen des Lebens
hin und blicken dabei unvorsichtig nach der Sonne empor bis wir einmal
zerschmettert an einem Abgrunde liegen den wir in unserer Lust doch übersahn
Welch ein Bild Kind Das wolle Gott verhüten antwortete die Mutter
besorgt Was hast du
Kopfweh für heute sagte sie abgespannt Und nun gute Nacht
Damit küsste sie die Mutter der sie für weitere Fragen Mahnungen
Besorgnisse mit graziöser Handbewegung rasch den Mund zuhielt und verschwand in
ihrem Zimmer wo Jeannette ihre hübsche Zofe sie schon ungeduldig mit einem
Licht erwartete
Das Mädchen kaute Kaffeebohnen um an ihrem Atem zu verbergen wie man
unten im Erdgeschoss oben den Herrschaften nachahmte und sich würdig zeigte in
einem Hause zu dienen wo nur der Materialismus herrschte
Melanie in Gedanken versunken merkte nichts von den Kaffeebohnen nichts
von dem glühenden punscherregten Gesicht des Mädchens Sie ließ sich ruhig
entkleiden Sie duldete ohnehin niemals dass man sie vor dem Schlafengehen aus
ihren Träumen durch Plaudereien weckte besonders so indiscrete und zweideutige
wie sie Jeannette meist zu verführen pflegte
Zwölftes Kapitel
Eine Überraschung
Melanies und ihrer Mutter Schlafzimmer wurden von einem großen Salon getrennt
In diesem pflegten sie sich des Morgens zu begrüßen und gemeinschaftlich zu
frühstücken wenn sie nicht vorzogen die balsamische Frische der Natur und den
Kaffee in dem Garten einzuschlürfen
Schon lange hatte am nächsten Morgen die Mutter gewartet und sich als
Melanie nicht endlich heiter wie sonst hereinhüpfen wollte erlaubt leise an
die Tür des Schlafzimmers ihrer Tochter anzupochen Als keine Antwort erfolgte
und sie es acht Uhr schlagen hörte klopfte sie um halb neun Uhr wieder ein
wenig leise an
Komm doch herein rief drinnen Melanie mit leidender Stimme und die Mutter
trat ein
Wie erschrak sie als sie ihr Kind noch im Bett fand Melanie erklärte sich
leidend Sie hätte eine unruhige Nacht gehabt und fühlte sich unvermögend schon
aufzustehen
Die Mutter geriet in nicht geringe Bestürzung
Nein nein sagte Melanie bekümmere dich nicht Mutter Ich konnte nicht
einschlafen Wie ich so mit müden Augen lag die sich nicht schließen wollten
glaubte ich vielleicht wäre die Hitze des Zimmers an dieser Aufregung der
Nerven Schuld Ich stand auf zog die Vorhänge zurück dass der helle volle
Mondenschein hereinfiel
Da hast du dich erkältet sagte die Mutter als Melanie stockte
Sie schüttelte den Kopf
Was ist es denn Sprich mein Kind
Wie ich das Fenster öffnete glaubt ich unten eine Gestalt zu sehen
die entweder ein Gespenst oder ein Phantom meiner Einbildungskraft war
Hackert sagte die Mutter mit blinzelnd zugedrückten Augen und sich
abwendend
Ja Hackert wiederholte Melanie seufzend Ob ich sagen soll dass er in
seinem gewohnten nächtlichen Zustande war weiß ich nicht Er schien mir wach zu
sein Das Weiße seiner Augen leuchtete mich in der hellen Nacht fast geisterhaft
an Ich schlug entsetzt das Fenster zu Als ich dann noch einmal hinblickte war
Fritz verschwunden Ich schlief ein ward aber so von Träumen geängstigt dass
ich mich jetzt von einem solchen Schlafe mehr erschöpft als gestärkt fühle
Die Mutter konnte ihr leider Hackerts Nähe bestätigen Lasally wollte ihn
gesehen haben und Bartusch hatte es ihr schon gestern Abend am Teetisch
zugeflüstert
Du hast keinen Geist gesehen sagte sie seufzend
So sind wir denn überall von ihm verfolgt rief Melanie und warf sich wie
verzweifelnd auf eine andere Seite ihres Lagers
Gutes Kind begann bekümmert die Mutter beruhige dich Ach es ist über
diesen Gegenstand schon soviel von Deinen Eltern gejammert worden dass deine
Klagen unsern Schmerz nicht erreichen Der Vater nahm Hackert aus dem
Waisenhause Alles was man von seiner Geburt erfahren hatte war so dunkel und
abenteuerlich dass er unser Mitleiden erregte Der Vater brauchte einen
Arbeiter den er sich von unten auf selbst erziehen wollte Er ließ ihn
unterrichten er arbeitete unter seiner Aufsicht und hat sich früh schon von
einer solchen geschickten Anstelligkeit bewiesen dass er mit des Vaters
geheimsten Angelegenheiten vertrauter wurde als selbst Bartusch es ist Die
Folge davon war die größte Vernachlässigung seiner selbst und eine
Vertraulichkeit mit der Familie
Schweige Schweige rief Melanie mit dem Ausdruck des größten Schmerzes
Ich denke mit Entsetzen daran fuhr die Mutter mit bedeutsamem Ernste fort
dass wir so blind sein konnten in der Freude unsers glücklichen Aufschwunges im
Genuße der vielen Heiterkeit die uns auf unserm Lebenswege lachte das
Ernsteste zu übersehen das Gefährlichste was sich neben uns entwickelte
Dieser Knabe wuchs mit dir auf Listig wie er war gewann er bei aller
Hässlichkeit aller Widerwärtigkeit seines Äußeren an die wir uns gewöhnt hatten
die Mutter hob diese Worte besonders scharf hervor unser Aller Vertrauen Ob
wir um dich aus einer Kindergesellschaft abzuholen den Bedienten schickten
oder Fritz diesen Dienst verrichten ließ schien uns unglücklichen Menschen
einerlei ja wir zogen seine Dienstwilligkeit vor da er verlässlicher schien als
Alle und fast im Hause wie dein Bruder gehalten wurde Unselige Vertrauteit
die ihn ermutigte Hoffnungen in ihm nährte und seine Sicherheit bis zum
Übermut steigerte
Melanie schwieg eine Weile stemmte ihr schönes Haupt auf eines ihrer Kissen
und sagte zu der ängstlich sie anblickenden Mutter
Und doch war die Strafe die ihr über ihn nach jener schrecklichen Nacht
verhängtet zu hart Sie ist die Quelle unausgesetzter Leiden für uns Alle
geworden Aus dem Hause wie ein Dieb geworfen vom Vater in einem Zorn den ich
nie an ihm kannte fast mit Füßen getreten irrte er wie ein rachsüchtiges Tier
umher und droht uns mit Allem was er in unserm Hause erlebte erfuhr entdeckt
hat droht uns
Entdeckt hat unterbrach sie die Mutter erschreckend Was kann er entdeckt
haben als den regelmäßigen Gang eines großen ehrenvollen vom Fleiß und dem
Genie des Vaters geleiteten Geschäfts Das Einzige was man fürchten konnte war
der lose freche Mund des frühverdorbenen jungen Wüstlings Ich zitterte wenn
ich nur daran dachte wie
Die Mutter stockte
Was dachtest du sagte Melanie
Ach ich will nichts mehr sagen Lass es gehen
Mit eurem ewigen Gehenlassen Dieses stete Vertuschen und Verschweigen Was
nur dachtest du
Melanie
Fürchtest du dass er den Menschen erzählt wie früh dieser sozusagen
Halbbruder der mit mir aufwuchs versucht hat
Deine Phantasie zu vergiften Ja Melanie wenn die Welt die Bubenstücke
erführe
Mutter rief Melanie hastig auffahrend als könnte sie doch die zu
gründliche Untersuchung dieser Wunde die sie selbst veranlasste nicht länger
ertragen Schweige Schweige Vergiss nicht dass dieser Unselige vorgibt mich zu
lieben mir treu sein will mit unglaublicher Anhänglichkeit und niemals wagen
wird
Anhänglichkeit die ich Wahnsinn Frechheit nenne unterbrach sie die
Mutter vor Zorn sich rötend
Lass es gut sein
Die Mutter schwieg auf diese tonlosen Worte und beruhigte sich allmälig
Erst erwartete sie dass Melanie ihr zusprechen sollte Da die Tochter aber
in ihrer träumerischen Lage verblieb und mit keinem tröstenden Blicke sich ihrer
Pein erbarmte streichelte die Mutter die heiße Stirn des Kindes und küsste die
zarten blauen Äderchen die sie in Melanies Augenwinkeln entdeckte
Weg weg mit diesen Sorgen rief sie sei heiter Melanie Noch gestern hast
Du alles bezaubert und Dir ja eine ganz neue Eroberung gewonnen Die gefeierten
Ohren des Herrn von Harder haben mehr Wirkung auf ihn gemacht als wenn Du dem
Lieutenant von Aldenhoven gesagt hättest er gliche dem Adonis Was willst du
mit dieser Eroberung
Melanie verzog ihre ernsten schmachtenden und erschöpften Mienen zu einem
Lächeln dem ein wehmütiger Zug beigemischt war Ohne auf die Frage der Mutter
zu antworten lenkte sie das Gespräch wieder auf Hackert zurück
Gern wollt ich beruhigt sein sagte sie beruhigt über Alles was uns
Hackert Schlimmes etwa antun könnte wenn ich ihn nur überzeugen könnte
Wovon Wovon Kind fragte die Mutter erstaunend Kehrst Du wieder auf
diesen unheimlichen Gegenstand zurück
Melanie gab anfangs keine Antwort dann aber sagte Sie
Ich tue Niemanden gern weh
Aber ich bitte Dich Kind Erklärungen Erklärungen gegen einen solchen
Menschen Ein halbes Tier ist dieser Hackert
Mutter
Ja Melanie Die Mutter ließ sich in ihrer Auffassung nicht stören und
hob absichtlich das an Hackert Ungefällige hervor ja Melanie es ist ein
Mensch von einer Unreife die mir ein Grauen einflößt Dies Haar dieser Gang
diese Magerkeit Und diese Bosheit dies verruchte Herz
Du übertreibst
Nein Kind Das ist ein Wesen wie ich mich entsinne einst in einer
Gesellschaft gehört zu haben zu der mich Frau von Trompetta mitnahm Wie hieß
das Stück das der berühmte Dichter vorlas das Stück wo ein so unfertiger
Halbmensch vorkommt den ein Zauberer mit seinem Geiste zwickt und zwackt und
seiner Rohheit Daumenschrauben anlegt
Der Sturm Der Sturm liebe Mutter
Der Sturm Und der böse Gast den der Zauberer auf der wüsten Insel findet
Kaliban
Kaliban Das ists Ein solcher Kaliban ist dieser Fritz fähig seine
eigenen Geschwister zu verzehren wenn ihn grade Hunger triebe Ein
Halbmensch ohne Gemüt ohne Liebe ohne einen Funken edler Hingebung Nur
sinnlich nur ein Wesen das blindlings seinem Instincte folgt
Er ist krank
Durch sich selbst Die Zerrüttung seiner Nerven wer verschuldet sie
Sein Nachtwandeln ist erst über ihn gekommen als man ihn so grausam
verstiess Als man ihn vollends mishandelte als Lasally
Nein die Wut der angeborene Zorn lassen ihn nicht schlafen
O Mutter Ich weiß was ihn nicht schlafen lässt Ich lasse mich nicht
irremachen Ich habe nachgedacht über Fritz Ich habe über ihn geweint Das ist
der Mensch wie er frisch und roh aus der Hand der Natur kommt und sinnlich ohne
den Sonnenschein des Geistes aufwächst
Ja Ja Sagte Das nicht der Probst Gelbsattel als der Sturm vorgelesen und
Kalibans Charakter erörtert wurde
Mit diesen Betrachtungen meinte Melanie schwatzen wir unser Unrecht nicht
weg Wenn ich ihm sagen könnte Fritz
Melanie fiel die Mutter ein Du wirst doch keine Erörterungen mit ihm
herbeiführen seinem Wahnsinn keine neue Nahrung geben wollen
Der Schein Lasallys empörendes Benehmen zu billigen drückt mich
Nimmermehr Wie geht Das entgegnete die Mutter besorgt Die Misshandlung
die ihm Lasally angetan hat war roh aber sie brachte gute Folgen Sind wir
nicht seitdem vor seinen Nachstellungen bis jetzt sicher geblieben Konnten wir
sonst einen Schritt vorm Tore im Park tun ohne ihn aus den Büschen
heraustreten zu sehen Konnten wir das Theater besuchen ohne beim
Nachhausefahren ihn im Gedränge der Menschen an unserer Seite zu finden Seit
einem Vierteljahre ist es jetzt das erste mal dass er sich wieder in unsere Nähe
wagt Er wird Lasally und seine Jockeis sehen und sich vor ihren Reitpeitschen
zum zweiten male in Acht nehmen
Erinnere mich nicht fuhr Melanie entsetzt auf an diese brutale Szene Sie
hat mir Eugen den ich seines ehrlichen und offenen Charakters wegen zu schätzen
im Begriffe stand aufs tiefste entfremdet Ich gestehe dass ich an Lasally
Gefallen hatte Gerade dass er als geborener Israelit nicht eine einzige der
Eigenschaften zeigte die man sonst an diesem Volke tadelt oder lächerlich
finden will hatte mich zu ihm hingezogen Sein trockener Witz ist ganz anders
als der Witz seiner Glaubensgenossen Er gibt sich für beschränkter
ununterrichteter als er ist Er will während alle seine Glaubensgenossen nach
Geist streben keinen Geist haben und hat ihn Wie er mich reiten lehrte tat
er es mit soviel Bonhommie soviel Humor dass ich ihm wahrhaft gut war Was soll
aus mir werden Eine Königin Eine Herzogin Eine Offiziersfrau Eine Frau
Assessorin Ah Bah Ich konnte mir denken der Vater stellt dem Eugen durch
meine Mitgift seine Finanzen wieder her wir bauen eine prächtige Arena den
Tummelplatz der ganzen eleganten Welt wir verbinden sie mit einer glänzenden
Erleuchtung mit Lauben mit Treibhäusern für Die welche nach dem Ritte sich
erholen wollen Mich blendete bei meinem ersten Austreten aus der einfachen
bürgerlichen Sphäre in der wir bisher gelebt hatten und in der ich erzogen war
der Gedanke durch die Verbindung mit Lasally könnt ich die Aufmerksamkeit der
ganzen Stadt fesseln mit den schönsten Damen den elegantesten Männern in
Verbindung kommen und mich auf heitere Art durchs Leben tummeln bis ich
freilich durch die größere Bekanntschaft in dieser Sphäre Eugens der mich in
sie eingeführt hatte ihrer überdrüssig wurde und es bald bemerkte wie ich denn
doch dabei in der Gesellschaft eine beschattete und nur untergeordnete Stellung
erhalten würde Es war eine Verirrung Und doch währte es lange bis sich meine
Phantasie von Lasally dem noch vor wenig Jahren angebeteten Antinous aller
Damen dem galanten kühnen Reiter und gesuchten bei allen Kunstausstellungen
auf ein Dutzend Bildern dargestellten öffentlichen Charakter lossagte Erst als
ich den Abend in unserm Garten vorm Tore wo Lasally mit mir scheinbar harmlos
lustwandelte und ich plötzlich erzürnt ausrufen muss Gott da ist schon wieder
Hackert über den Zaun gestiegen das Bellen der Hunde Eugens und Hackerts
klägliches Geheul hörte als Lasally selbst wie ein Rasender seine ganze
Kaltblütigkeit aufgebend nach der Hecke lief und ich ihm nacheilend sehen muss
wie zwei seiner Bereiter den Unglücklichen mit langen Peitschen grausenhaft
mishandeln und Lasally Eugen Lasally selbst ihn mit der Reitgerte wie ein
Rasender gerade über den Kopf hieb während die Hunde seine Kleider zerrissen
Rege Dich nicht auf sagte die Mutter Lass die Erinnerung Melanie Es ist
ein Jahr her Ich habe damals Not genug um Dich gehabt weil ich glaubte Du
würdest von dem Schreck ein hitziges Fieber bekommen
Ihr verschwiegt mir dass Hackert auf den Tod lag sagte Melanie
Der Vater ließ für ihn sorgen
Ich erfuhr später Alles fuhr Melanie erregter fort
Von der Kopfwunde hat Fritz die schlimmsten Folgen davongetragen Doctor
Hammer der ihn im Spital behandelte und mir zufällig in einer Gesellschaft
begegnete erzählte mir dass er Anfälle von Raserei hätte Wie ein wütendes
Tier schlüge er dann um sich fluche allen Menschen und verfalle zuletzt in
eine Erschöpfung die vielleicht eine nie heilbare Nervenschwäche zur Folge
haben würde
Es ist traurig Aber was lässt sich tun sagte die Mutter bestimmt jedoch
ohne Kälte Und der Vater handelt edel an ihm
Doctor Hammer erzählte zuerst von seinem Nachtwandeln in großer
Gesellschaft vor aller Welt Meine Verzweiflung Das anhören zu müssen Ich
hätte in die Erde sinken mögen
Schon bei uns hieß es er wandle bei Nacht
Nie sagte Melanie bestimmt
Woher kannst Du Das so bestimmt versichern
Nie sag ich wiederholte sie der staunenden Mutter Sein damaliges
Nachtwandeln war etwas Anderes Und nun genug davon
Melanie schwieg und warf sich auf die Seite den Kopf tiefer in das Kissen
wühlend
Die Mutter des Justizrats »gutes Hannchen« gehörte zu den Wesen denen
nichts unbequemer war als eine allzu tiefe Erforschung von Dingen die nur auf
Unerfreuliches führen konnten Sie war eine durchsichtige verständige
scharfblickende Frau Sie ahnte durch Inspiration rascher Etwas als manche
schwerfällige Untersuchung langsam ergab Aber sie liebte es sich über Das was
ihr möglich ja wahrscheinlich dünkte dennoch keine Rechenschaft abzulegen Sie
wollte das Geschick immer nur en profil nie en face sehen So ließ sie denn
auch über dies sonderbare »Nie« getrost den Schleier fallen Sie wusste dass in
ihrer unverzeihlichen Sorglosigkeit Melanie neben Hackert aufgewachsen und von
dessen zügelloser Frühentwickelung in bedenkliche Gefahren geraten war von
denen das aufgeregte ebenso über die Liebe früh nachgrübelnde Mädchen noch »zur
rechten Zeit« wie der Vater damals sagte befreit wurde Und so alles
Unangenehme vertuschend verwischend beschwichtigend sprach sie mit heiterem
Ton
Lass Das nun gehen Kind Wir hätten einen solchen Kaliban nie ins Haus
nehmen sollen Es geschah Es sollte so sein Wir hatten Mitleid mit dem
ungewissen Schicksal eines vor dem Waisenhause einst ausgesetzten Findlings
hielten ihn höher als wir ihn hätten halten sollen und müssen uns vorwerfen
dass wir nicht strenger wachten als er anfing auf schlimmen Wegen zu gehen und
sich und Andere zu verderben Geliebt kann er dich nie im Ernste haben denn
seine Aufführung bewies es nicht Es kam später Alles zu Tage was er war und
wie er auf die Zerstörung seiner Jugend wütete Jeannette hat viel gebeichtet
Er verwandelte Tag in Nacht und Nacht in Tag Am Bureau neben dem Vater schlief
er mit offenem Auge Da musste er in den Nächten wohl mit geschlossenen Augen
wachen Die Lection die ihm Lasally gab war nicht nach unserm Sinne sie war
grausam aber sie hat ihm gezeigt dass wir ihn nicht fürchten mag er auch noch
soviel drohen noch soviel mit seiner Kenntnis der Geheimnisse des Vaters
prahlen Wir boten ihm wenn er uns nicht mehr belästigen wollte Geld an er
nahm nicht mehr als wir ihm früher schon ausgesetzt hatten bis er eine Stelle
fand Und doch sagt man soll er so träge sein dass er nicht die geringsten
Anstalten trifft seine Zukunft von der Abhängigkeit die ihn an den Vater
fesselt zu befreien Ach Kind es war immer eine böse Natur Bald
Verschwender bald geizig Bald offen bald hinterlistig Und welche masslose
Eitelkeit Ich will nicht davon sprechen dass er mit seiner abschreckenden
Figur seinem roten Haar seinen abgerissenen Stiefeln und seiner
unausrottbaren Unreinlichkeit sich einbilden kann noch einen Eindruck auf Dich
zu machen Ist es nicht die tollste Eitelkeit dass er uns hat sagen lassen
er schone den Vater bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre wo ihm Dieser
versprochen hätte ihm das Geheimnis seiner Geburt zu entdecken
Der Vater weiß darum sagte Melanie
Nicht ein Wort weiß der Vater sagte ihre Mutter Er hat einzelne Anzeichen
einzelne kleine Zufälligkeiten entdeckt zB einen zerbrochenen bei dem
Findelkinde gefundenen Ring die auf ein nicht ganz gewöhnliches Herkommen
dieses Menschen schließen lassen aber die wenigen Worte die der Vater einmal
bei guter Laune darüber fallen ließ haben ihm so den Kopf verwirrt dass er sich
einbildet sicher ein Baron zu sein Genug von ihm Steh nun auf Sei heiter
Geniesse das himmlische herrliche Wetter Sieh Sieh Die goldene Sonne
Damit riss die Mutter die Vorhänge auf der lichte Sonnenschein fiel in das
dunkle plötzlich erhellte Zimmer
Auf Auf Tummle dich Melanie ermüdete die Mutter nicht zu rufen Nimm an
mir ein Beispiel Schon war ich im Bade Schon trank ich Wasser an der frischen
Quelle im Garten Wasser Sonne Luft Licht Blumen Mädchen weißt du denn
nicht mehr was schön und jung macht schön und jung
Erhält fiel Melanie schmeichelnd ein wandte sich und reichte der frisch
und rosig strahlenden Mutter die Hand
Indem klopfte es
Wer klopft
Eine Stimme wisperte am Schlüsselloch
Darf ich
Jeannette
Nein sagte die Justizrätin es ist Bartusch
Stör ich rief Bartusch durch das Schlüsselloch Kommen Sie heraus Es sind
merkwürdige Briefe vom Justizrat da
Vom Vater
Die Mutter ging hinaus
Nach einigen Sekunden kam sie wieder und rief
Melanie Denke dir wer angekommen ist
Erschrecke mich nicht Ich rate nicht gern Meine Nerven sind angegriffen
Der Prinz Egon
So Das wissen wir ja schon
Prinz Egon von Hohenberg
Angekommen In der Residenz
Nein hier Hier auf dem Schloss
Sonderbar wie diese Worte auf Melanie wirkten Sie kannte den Prinzen nicht
und musste eher im Interesse ihrer Familie vor ihm auf der Hut sein als dabei
interessiert ihn gerade hier zu sehen wo sie Alle von seinem Eigentum fast
Besitz genommen hatten Dennoch sprang sie jetzt aus dem Bette ließ Hackert
Hackert sein kümmerte sich nicht mehr um Lasally nicht um den Intendanten
vergaß die Nacht vergaß ihr Kopfweh vergaß ihre Schlaflosigkeit und trieb nur
die Mutter an ihr zur notdürftigsten Toilette beizustehen Wie ihre Füße in
die seidenen Pantöffelchen schlüpften die leichten Nachtgewänder abgeworfen
wurden wie sie an den Toilettentisch eilte und sich in flinkester Behendigkeit
Angesicht und Nacken benetzte wie sie dazwischen an dem Schellenzug riss um den
Bedienten das Zeichen zum Serviren des Frühstücks zu geben man hätte nicht
glauben sollen dass Dies dasselbe Wesen war das noch eben wie leblos ganz in
Träumerei und Erinnerung versunken zwischen den grünseidenen Kouverten des
Bettes gelegen hatte Das einzige Wort Ein Prinz der Prinz Egon ist hier auf
Hohenberg hatte sie elektrisirt Sie herzte die Mutter und tröstete sie mit den
Worten
Lass es nun gut sein sonst muss ich über mich selbst lachen Ja Ja Wasser
Luft Sonnenschein Die Mutter hat Recht
Damit drängte sie die kleine runde Mama die schon so frisch so sauber
ausschaute durch die Tür und hüpfte ihr mit den Worten nach
Nun guten Morgen Bartusch was haben Sie Was schreibt Papa Wo ist hier
ein Prinz Wer hat den Prinzen Her mit ihm
Bartusch war schon ganz in seiner gewohnten Toilette Einfach aber sauber
Weiße Halsbinde weißes Vorhemd schwarze Weste grauer Überrock weite lichte
Beinkleider Schuhe mit grauen Kamaschen Er wiederholte die Zeichen die
Stillschweigen bedeuten sollten mit um so grösserm Nachdruck als ein Diener in
Schlurcks geschmackvoller Livree eintrat und das Frühstück beim offenen Fenster
auf einem runden Tische auftragen wollte an dem zwei Sessel standen Bartusch
ließ ihn gewähren Als er gegangen war und einige kleine Befehle die Melanies
Ungeduld folterten für die Wirtschaft mitgenommen hatte schloss Bartusch
wieder behutsam das Fenster und zeigte einen Brief der diesen Morgen von der
Residenz mit einem Expressen angekommen war viele geschäftliche Anweisungen des
Justizrats und unter Anderm auch folgende Stelle enthielt
»Schließlich liebster Bartusch mach ich Sie auf ein merkwürdiges Gerücht
aufmerksam das hier zu meiner Kenntnis gelangte Prinz Egon ist vor einigen
Tagen hier angekommen und hat sich wie man für gewiss behauptet in einer
Verkleidung nach Hohenberg begeben Zu welchem Zwecke ist mir unbekannt Wenn er
wirklich streng incognito reist um uns wahrscheinlich zu belauschen und sich
Hohenbergs Zustände anzusehen würde Ihnen eine genauere Beschreibung seiner
Person die ich nicht einmal ganz geben kann wenig nützen Doch dürfte es immer
ratsam sein wenn Sie sich merken wollten dass Prinz Egon mir allgemein jetzt
als ein ziemlich schlankgewachsener doch nicht übergrosser junger Mann von mehr
lichtbraunem als blondem Haar geschildert wird Seine Augen wären braun seine
Hände und Füße zierlich was weiß ich von den Schönheiten allen die er besitzen
soll und über die man am besten täte erst bei den schönen Frauen in Paris
Erkundigungen einzuziehen«
Überflüssige Anmerkung die wohl von Ihnen kommt unterbrach Melanie den
schmunzelnden Vorleser
Dieser fuhr fort
»Das Beste an der Sache ist dass ich ohne Zweifel den Prinzen Egon auf
seiner Incognitoreise gesehen habe Im Heidekruge bei dem ehrlichen Manne dem
Volksfreunde Justus der mich mit seiner Verwendung für meine schönauer Wahl
betrügen und sich selbst wählen lassen wird lernt ich einen jungen Mann
kennen dessen Äußeres vollkommen den mir gemachten Schilderungen entspricht Er
fiel mir im Gespräch sogleich durch geistvolle Wendungen sehr auf und da er
liberale Ansichten aussprach bin ich überzeugt dass es der Prinz war den die
diesseitige Gesandtschaft in Paris sehr oft als einen Kommunisten bezeichnet
hat Soviel ich aus Champagnernebeln her mich entsinne hatte dieser Fremde
hellbraunes Haar trug sich mit einem der modernen Bärtchen deren Namen ich
nicht kenne war ohne Stutzerei gutgekleidet und sprach höchst angenehm und
fertig Folgen Sie diesem Signalement Forschen Sie Egons Schritten nach
Begierig bin ich was der Prinz in Hohenberg beabsichtigt Möglich dass seine
geheime Besichtigung der Familienbesitzungen ihn bestimmen könnte die
Verwaltung derselben noch einmal zu versuchen und sich mit den Gläubigern seines
Vaters abzufinden Sie fühlen dass mir mit einem solchen Entschlusse wenig
gedient sein kann denn er würde meine Administration aufheben die doch so
Gott will bei der jetzigen Lage der Dinge einige dreißig Jahre über mein kühles
Grab noch hinausdauern könnte Also beobachten Sie ihn und schlagen Sie in
unserm Verhalten zu ihm den Weg ein der Ihnen der nützlichste scheint Entdeckt
er sich nicht so wär es am geratensten ihn harmlos von selbst aufzusuchen
und unter irgend einem Vorwande im Schloss anständig zu fesseln ohne dass man
dabei sein Incognito verletzt Vielleicht hilft dabei meine gute und kluge
Melanie «
Helfen Ich sagte Melanie fast errötend
»Melanie« fuhr Bartusch zögernd fort »der ich übrigens wünschen muss «
Die Mutter nahm den Brief den ihr Bartusch jetzt zum Einsehen hinreichte
zögernd
Melanie gespannt und ungeduldig wie sie war wollte kein Geberdenspiel und
sagte indem sie den goldenen Kaffeelöffel vom Munde absetzte und in die Tasse
senkte
Was soll es denn mit der guten klugen Melanie Was ist ihr zu wünschen
Sie kann es hören meinte die Mutter die weiter gelesen hatte Ich sagte
ihr ja schon welche Belästigungen uns bevorstehen da sich Hackert erlaubt hat
hierher zu folgen Der Vater warnt uns vor ihm da er ihn auf dem Heidekruge
gesehen hätte und vermuten müsse er würde die Dreistigkeit haben sich hierher
zu begeben Er bedauere schreibt er nicht gefragt zu haben auf welche
Veranlassung Hackert im Heidekrug wäre
Lassen wir Das sagte Melanie und bleiben wir beim Prinzen Egon stehen Was
weiß man von ihm Ist Jemand angekommen der dem Signalement ähnlich sieht
Schöne Kennzeichen sind das Wer findet sich aus solchen Allgemeinheiten
zurecht Lichtbraunes Haar zwischen blond und braun in der Mitte spielend ein
unglaubliches Phänomen Und die kleinen Hände und Füße der namenlose Bart und
die Französinnen die Papa wohl hätte auslassen können Er meint die Gräfin
dAzimont von der ich schon gehört habe
Bartusch unterbrach sie mit dem Bemerken es fände sich in dem wider
Schlurcks Gewohnheit sehr langen aber durch die Wichtigkeit der Veranlassung
begründeten Briefe noch ein interessantes Postscriptum
Wie in einem Frauenzimmerbriefe sagte Melanie
Während sie ihr feines von der alten Brigitte jeden Morgen frisch gebackenes
Weissbrot zerkrümelte las Bartusch
»Nachträglich noch eine Notiz für die Erkennung des Prinzen Soeben war Frau
von Trompetta bei mir um einmal wieder eine ihrer tausend Unterschriften zu
sammeln Sie antwortete mir auf meine Frage ob sie nichts Genaueres über die
Äusserlichkeit des Prinzen Egon wisse er ähnele sie sagte es freilich mit
sonderbarer Neckerei dem jungen schönen Maler Siegbert Wildungen «
Siegbert unterbrach Melanie erstaunend
»Siegbert Wildungen den ich mich entsinne einige mal bei uns zum Tee
gesehen zu haben Und in der Tat «
Sie erfinden da Etwas Bartusch sagte Melanie und riss den Brief an sich
Sie konnte nun selbst weiter lesen
»In der Tat entsinne ich mich dass mein rätselhafter Fremder im Heidekrug
nach dessen näherm Reisezweck Namen und etwaniger Gesellschaft ich mich leider
zu erkundigen vergessen habe mir den Eindruck einer großen Ähnlichkeit mit
Jemanden machte den ich erst kürzlich musste gesehen haben Möglich dass sich
mir die Gesichtszüge des jungen Malers Wildungen von den kleinen
Teegesellschaften eingeprägt haben Ich könnte Ihnen von Egons hiesigem
Auftreten mancherlei Wunderliches erzählen besonders von seinem Reisebegleiter
einem Franzosen Namens Louis Armand doch verspar ich Das auf Eure Rückkunft
Behandeln Sie den Prinzen mit Diskretion und tragt Alle dazu bei Kinder dass
der Hass mit dem er den Namen Franz Schlurck verfolgt sich mildere und die
ungemein wichtige Verständigung die ich mit ihm durchführen muss vernünftig
abläuft In großer Eile«
Siegbert Wildungen wiederholte Melanie noch einmal mit einem Ausdruck ihrer
Gesichtszüge der vielleicht sagen sollte Wie mischt sich dieser reine Name in
meine Lust und meinen Frohsinn
Diese Trompetta sagte sie zur Mutter Es ist kein Wort wahr dass Prinz Egon
dem Maler Siegbert Wildungen ähnlich sieht sie wollte mir nur den Stich geben
Bedenke wen du schonen solltest Bedenke wer dich zu lieben vorgibt Der
sanfte gute Siegbert
Die Mutter zog eine Miene und nannte fast verächtlich den jungen Maler
geradezu den Ritter Toggenburg aus dem Atelier
Ich wette diese verschmitzte Trompetta wollte mir sagen lassen Melanie
verlieb dich nicht in den Prinzen nicht in die Excellenz den Gatten meiner
guten Freundin Pauline von Harder sondern denk an Siegbert Bei all ihrer
Heiligkeit hat sie nichts als Romane im Kopf
Und Fräulein Melanie sagte Bartusch hier ist noch eine frühere Stelle des
Briefes die wir übersehen hatten
Ich will nun nichts mehr wissen antwortete das Mädchen träumerisch von der
Erwähnung Siegberts erschreckt
Vorher noch fuhr Bartusch fort ohne sich irremachen zu lassen vorher
noch sagte der Justizrat die Erwähnung des Fritz machte dass wir die Stelle
übersprangen
Welche denn
»Die Anwesenheit des Prinzen von Hohenberg hinge vielleicht auch mit der
Entführung des Mobiliars seiner Mutter zusammen Die Trompetta hätte erzählt er
wäre darüber bis aufs äußerste entrüstet Frau von Trompetta hätte bemerkt man
beabsichtige bei Hofe vielleicht die schönsten Andenken dieser Einrichtung dem
Fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz zu verehren als Anerkennung für
ihre landesrettende Hingebung an das Kriegsheer und die Stiftung des weiblichen
Reubundes «
Der Vater schriebe Das rief Melanie lachend von dieser blonden Magdalena
Das sind satyrische Arabesken
Sie nahm den Brief fand die Stelle wirklich und setzte mit nicht ganz
scherzhaftem Zorne hinzu
Soll die Flottwitz vielleicht in die Lage kommen auch zu dem Prinzen Egon
in Beziehungen zu treten Gebt Acht Das wird eintreffen Ihm raubt ein
liebloser Vater die teuersten Andenken an seine Mutter Der alte Fürst der
Alles verspielt und vergeudet hat opfert auch noch die letzte Erinnerung an die
Mutter seines Sohnes Der Hof rettet ihn durch eine Summe auf jene Einrichtung
und statt sie dem Sohne zurückzugeben schenkt man das Beste davon meiner
blonden Freundin Friederike Wilhelmine die es darauf anlegt eine
geschichtliche Person zu werden Das seh ich vor mir Der Prinz bittet um die
Erlaubnis bei ihr diese Reliquien noch einmal betrachten zu dürfen Er sieht
die Briefbeschwerer und Kruzifixe und küsst die Stickereien und vergisst sich und
küsst auch die Hand der Flottwitz die ihn erobern wird mit Gott für den König
das Vaterland und für sich! Nein nein diese Verschwörung ist entdeckt die
Fäden sind in unserer Hand und wir benutzen sie so dass der Prinz Egon nicht der
Gräfin dAzimont nicht der Flottwitz gehört sondern zu unserer Fahne schwört
und Das gleich Fort Bartusch holen Sie ihn nur her Wo ist der Prinz
Die Mutter rief lachend
Gemach Gemach
Es ist mein Ernst sagte Melanie sprang empor und stampfte mit komischem
Zorn so auf dass die alten verwitterten Dielen von den kleinen Pantöffelchen
zitterten
Nur ruhig Nur behutsam bitt ich meinte Bartusch der gewohnt war sich
immer streng an des Justizrats Befehle zu halten Diskretion
Vor allen Dingen weiß man ja noch gar nicht bemerkte die Mutter ob der
Prinz Egon wirklich hier schon angekommen ist
Darüber sagte Bartusch pfiffig darüber kann ich Bericht erstatten
Rasch Bartusch Sie schleichen wieder wie ein Maulwurf
Muss ich nicht Müssen meine Morgenrapporte nicht von einer gewissen
systematischen Gründlichkeit
Nichts von Gründlichkeit Die Mutter erlässt Ihnen heute Ihre gewöhnliche
Spionage Also
Erstens hätt ich denn zu melden fing Bartusch behaglich an dass die alte
braune Kuh die Frau Justizrätin so lieb haben
Was sagte Melanie und warf sich in ein Kanapee Fort doch mit der alten
braunen Kuh
Lass ihn nur meinte lächelnd die Mutter Es ist besser in solchen Dingen
nichts zu übereilen Du weißt wieviel dem Vater an der Administration liegen
muss
Aber die alte braune Kuh
Die vorgestern vom grünen Abhang fiel ist wiederhergestellt der blinde
Schmied curirte sie sagte Bartusch und erfreute dadurch die gutmütige
Justizrätin
Weiter
Zweitens die kranke Frau Müllerin
Bartusch Ich sterbe
Lass doch Kind Was ist mit der Frau Müllerin
Sie will nicht aus der Mühle
Wirklich nicht
Sie will da sterben wo sie gelebt hat
In dem dumpfen feuchten Gemäuer Bei dem ewigen Klappern der Räder Bei dem
Schaume der fast auf ihre Betten spritzt Wie kann da die Frau je gesund
werden
Hannchen Schlurck war wirklich außer sich über diese hartnäckigen
Gewohnheitsmenschen aber Bartusch sagte
Leben in der Mühle und sterben in der Mühle Doctor Reinick meinte auch
Diesen Leuten ist in solchen Sachen nicht beizukommen
Melanie konnte über die Spannung in der sie Bartusch erhielt nicht
entrüsteter sein als ihre Mutter über Menschen die an der Schwindsucht leiden
und nicht das Geringste für das Einatmen einer gesunden Luft tun
Drittens der Bauer Sandrart
Ach Ach schmachtete Melanie fast verzweifelnd
Der Bauer Sandrart ist absolut nicht zu bewegen vor uns die Mütze
abzunehmen wenn wir in den Ullagrund fahren
Warum nicht sagte die Mutter aufwallend
Der Justizdirector meint es wäre nun einmal der reichste freieste und
impertinenteste Mensch im ganzen Fürstentum Jetzt da sein Sohn in der
Garde sogar Sergeant geworden wäre käm ihm Keiner gleich es wäre denn der
Fürst von Hohenberg selbst
Egon heißt der Gott sei Dank Sie lenken ein Bleiben Sie auf der Fährte
Oder der Feldwebel seines Sohnes der in der dritten Kompagnie des
Leibregiments steht unter dem Major von Werdeck
Bartusch
Gegen solchen Trotz und den Stolz der Dummheit vermag keine Drohung Etwas
sagte Bartusch immer ruhig
Berichten Sies nur beschied die Mutter Herrn von Reichmeier Er war über
diesen Sandrart am meisten indignirt
Was das Schloss anbetrifft fuhr Bartusch unerschütterlich fort so scheinen
Herr und Frau Kommerzienrat von Reichmeier sehr angenehm geruht zu haben Sie
sind schon früh im Felde spazieren gegangen haben mit Arbeitern herablassend
gesprochen und sich die Wirtschaftsgebäude wiederholt angesehen Man kann
daraus schließen dass von dieser Seite der Gedanke Hohenberg anzukaufen noch
immer nicht ganz fallen gelassen wird
Die Mutter nickte
Lasally fuhr Bartusch fort
Was Der getan oder nicht getan können Sie überschlagen rief Melanie
aufs Äußerste gereizt
In der Tat weiß ich auch nichts Weiteres von Lasally sagte Bartusch
gemütlich als dass er noch schläft und sich gestern Abend über Ihre Koquetterie
bitter beklagt hat Ein Opfer derselben
Mehr Tatsachen weniger Betrachtungen
Ein Opfer derselben wiederholte Bartusch sehr nachdrücklich der Pfarrer
Guido Stromer
Guido Stromer soll gestern Nacht noch Veranlassung zu einer häuslichen Szene
gegeben haben Ob Eifersucht der Gattin Verzweiflung über seine seit dem Tode
der Fürstin nicht mehr besonders gesicherte Lage oder ob die Wirkung des
Champagners
Bei diesen Vermutungen klopfte es Man wollte die Störung nicht deshalb
sprang Melanie ihr ungeordnetes Haar zusammenraffend und über die halboffene
Brust zusammenschlagend an die Tür des Zimmers um zuzuriegeln Doch war es
nur ihr Mädchen Jeannette die schon zierlich geputzt einen großen
Blumenstrauß in der Hand hielt Das Geschenk kam vom Pfarrer und war als
Morgengruß für Fräulein Melanie Schlurck bestimmt Jeannette lächelte bei dieser
Meldung etwas maliciös
Da sieht man die Ursache des gestrigen Zanks bemerkte Bartusch als
Jeannette auf später beschieden wurde und sich mit feiner Miene entfernt hatte
im Entzücken über den erlebten Abend wurde von ihm beschlossen heute früh
wieder ein Blumenbouquet hierherzusenden und dieser Plan gab ohne Zweifel die
Veranlassung zu einem Ausbruch längst verhaltener Gefühle
Während die Mutter den großen frischduftenden Strauss zerteilte um ihn
vorläufig in die kleinen Wassergläser die mit dem Frühstück gekommen waren
setzen zu können und kein weiteres Klingeln erst nötig zu haben sagte Melanie
die das Geschenk mit aufrichtiger Teilnahme entgegengenommen hatte
Und wer weiß kluger Mann ob diese Blumen nicht heute ganz früh in der
Stille im Pfarrgarten gepflückt wurden während die gute treue Gattin und die
fünf Schreihälse von Kindern noch schliefen Lasst mir den Pfarrer
Und die gestrige Szene fragte die Mutter
Die stille Frau die hier saß als könnte sie nicht Fünf zählen und zu Allem
lächelte sagte Bartusch hat einen Anfall von Leidenschaft gehabt und sehr
geweint Stromer aber schlug auf die Tische drohte mit allen möglichen
Entschließungen und die Kinder aufgeschreckt aus den Betten in denen sie schon
schliefen warfen sich zwischen die beiden Streiter und suchten Frieden zu
stiften bis die Hunde der Mühle anfingen zu bellen und die Eheleute zur
Besinnung auf die geistliche Würde des Hauses zurückriefen Die Frau schwieg
aber wie sie gesagt haben soll nur aus Schonung für die kranke Müllerin
Unglückliches Bild der Ehe seufzte Melanies Mutter die zwar aus ihrem
eigenen Leben solche Szenen nur von ganz früh kannte die Welt aber hinlänglich
beobachtet hatte um dergleichen Nachspiele zu einem heitern gesellschaftlichen
Abende wo der Mann mit der Frau die Frau mit dem Manne nicht vollkommen
zufrieden war zu verstehen
Melanie aber aufgeregt sagte noch nachdrücklicher
Lasst mir nur den Pfarrer gehen Guido Stromer kommt mir vor wie ein
Apfelbaum dem nachdem er lange keine Früchte getragen hat plötzlich einfällt
im November zu blühen Der Mama gesteh ichs er hat mir gar nicht misfallen
Er ist nicht schön und schon über die Jahre hinweg wo man noch eines angenehmen
Eindrucks durch sein Äußeres gewiss ist und dennoch besitzt er eine Frische die
auf ein nur gehemmtes nicht erstorbenes Bedürfnis zur Lebensfreude schließen
lässt Ich denke der Zeit wo die kleinen Linien die ich da im Spiegel im Zorn
über Bartuschs mich quälende Grausamkeit schon mit feinen Strichen auf der
Stirn und den Schläfen gezeichnet sehe einmal auch garstige Furchen sein
werden die weder Schminke noch ein Schönheitswasser fortjagen kann Da wär es
vielleicht nur der Verstand der sie auslöscht Jung erhält nur der Geist In
dem Pfarrer schlummert viel
Das du doch nicht etwa wirst wecken wollen sagte fast erschrocken die
Mutter
Warum nicht ich Jeder antwortete Melanie Guido Stromer hat große schöne
Augen die er oft so gewaltig lüftet als sollte man in eine ganz helle
Krystallwelt sehen auf der Alles anders aussieht wie auf der unsern Wenn der
Mann mich lange und prüfend betrachtet fühl ich Etwas von den Vampyren die
schon mit ihren Blicken Andern das Leben aussaugen Verpflanzt doch nur einmal
einen solchen Mann wie mir Siegbert Wildungen ja von einem lateinischen
Schulmeister dem großen Winkelmann erzählt hat verpflanzt ihn aus einem
Städtchen in der Priegnitz oder Altmark von seinen Büchern und seinen häuslichen
Jämmerlichkeiten hinweg nach Rom und zu den Göttern Griechenlands Doch
wohin verirr ich mich Was sind Ihnen Bartusch die Götter Griechenlands
Bellen Sie weiter alter Cerberus
Das Gebell der Hunde fuhr Bartusch fort indem er an den kleinen
Backwerkresten kaute die sich noch auf den Tellern fanden das Gebell der Hunde
kann indessen auch von mancherlei Abends und über Nacht angekommenen neuen
Besuchern und Durchreisenden des Orts herrühren
Endlich Endlich
Da ist zuvörderst zu erwähnen sagte Bartusch dass mitten in der Nacht eine
Depesche an den Herrn Intendanten einlief deren Inhalt sich aus der großen Eile
abnehmen lässt mit der heute schon in aller Frühe das Geschäft der Einpackung
begonnen hat
Daher also das frühe Hämmern und Poltern das mich nicht mehr einschlafen
ließ sagte Melanie und trat ans Fenster
Himmel rief sie was soll der geschmacklose Wagen
Man legte die Gardinen zurück und entdeckte im innern Hofe einen langen und
breiten Transportwagen der Art wie man sie in großen Städten bei Umzügen
braucht Die Pferde waren ausgespannt Hinten der weitläufige Raum halb
geschlossen Zu gleicher Zeit sah man auf dem andern Flügel schon die Excellenz
mit ihren beiden Bedienten in voller Tätigkeit Befehle erteilend hier und da
beim Emballieren zur Behutsamkeit mahnend sonst aber schon in gewählter
Toilette und die Gelegenheit wahrnehmend ob der geöffnete Zipfel des Vorhangs
an dem schon lange von ihm fixirten Fenster nicht Etwas von seinen weiblichen
Bewohnern zeigen würde Als er eben grüßen wollte ließ die Mutter rasch den
Vorhang fallen und Melanie rief lachend und mit komischem Patos hinter dem
schützenden Versteck
Bist Du es denn Mann mit den himmlischen kleinen Ohren Alp meiner Seele
der mich eine Nacht gekostet hat die ich auf dem Kalender unserer jungen Liebe
als eine verlorene ausstreichen muss Blinzle nicht so gefahrvoll herüber Mässige
das Feuer Deiner Augen vortrefflicher Don Quixote Fürchtest Du nicht dass ich
angezogen von dem süßen Lächeln Deines mit so kunstvollen pariser Zähnen
geschmückten Mundes zu Dir hinüberfliege und da das prächtige Buch in dem grünen
Sammeteinband mit dem goldenen Schnitte Dir aus der Hand reiße und rufe Mein
Mein Ja mein weil Du es berührtest Schlag es nur auf Mann Lächle nur Es
ist die Bibel das Buch aller Bücher worin das Hohe Lied Salomonis steht das
ich singen werde zur Geige und Flöte wenn ich komme um Deine kleinen Ohren mit
Rosen zu umkränzen Da notirt er es in einem langen Buche vielleicht gerade
Nummer sechzig die eine schnöde Anspielung auf Deine Lebensgeschichte enthält
Aber Bartusch Mutter seht nur es ist ein Staatsdiener der das Vertrauen
seines Fürsten verdient selbst die verwesten Blumen die da noch in der
chinesischen Vase stehen betrachtet er ob sie dem Staate verfallen sind oder
nicht Nimm sie Nimm sie Es sind ja die vortrefflichsten Strohfäden für das
Haar unserer neuen Ophelia meiner Freundin Friederike Wilhelmine von Flottwitz
die aus Liebe zum Prinzen Egon wollt ich sagen Ottokar dem Oberbefehlshaber
der bewaffneten Macht bereits närrisch geworden ist
Kind Kind sagte die Mutter nimm Dich nur selber in Acht Das Abenteuer
mit dem Incognito bringt Dich um alle Vernunft Es ist nichts damit denn
Bartusch scheint uns zu foppen und von einem Fremden mit lichtbraunem Haar
nichts zu wissen
Doch fuhr dieser aus seiner Fassung nicht zu bringende Mann fort wir haben
nunmehr die Wahl zwischen drei fremden Personen die seit gestern Abend
angekommen sind Denn den Kurier der wahrscheinlich wegen der hier vermuteten
Anwesenheit des Prinzen Egon zur schleunigsten Beschlagnahme der drei Zimmer der
Fürstin geraten hat rechne ich nicht
Rechnen Sie ums Himmels willen nicht rief Melanie ungeduldig Sagen Sie
wer von den Dreien dem Siegbert Wildungen ähnlich sieht
Ich kenne den jungen Maler nicht bemerkte Bartusch aber eine gewisse
Person die man gestern tief in der Nacht hier ums Schloss hat schleichen sehen
und die durch dieselben Hunde die ich schon aus zwei andern Ursachen bellen
ließ verscheucht wurde kann es nicht sein Sie hatte rote Haare
Das war Hackert sagte die Mutter unmutig
Melanie schwieg
Er muss sich den Garten heraufgeschlichen haben verschwand auch dorthin als
die Bedienten des Intendanten die drüben in den Zimmern abwechselnd wachen ihn
entdeckten das Fenster öffneten und anrufen wollten Wo er Obdach gefunden
weiß man nicht auch Niemand sonst hat ihn irgendwo im Dorfe unten gesehen
Mutter und Tochter schwiegen ernst
Dann fuhr Bartusch die Pause benutzend fort dann ist zu nennen ein
älterer Mann der in der Krone unten angekommen mit einem allerliebsten Knaben
Der Fremde nennt sich Ackermann Herr Ackermann soll sich geäußert haben er
käme von einer weiten weiten Reise und hat hier im Dorf Aufsehen gemacht durch
das viele Seltsame und Abenteuerliche das er gestern Abend den Leuten im
Wirtshause von Amerika erzählte Nun ja Das fehlte uns noch dass zu allen
Kalamitäten die wir schon auf dieser Herrschaft zu überstehen haben sich noch
das Auswanderungsfieber gesellte und durch irgend einen gewandten Agenten Das
wird Herr Ackermann sein die Leute vollends zu ihrer Arbeit keine Lust und
Liebe mehr behielten Ich ließ darum schon heute in aller Frühe genauer nach
diesem Herrn Ackermann forschen und erstaune dass auch er wie der Letzte und
Beste von Allen über Die ich zu berichten habe
Endlich der Prinz unterbrach ihn Melanie mit äußerster Ungeduld
Nun wohl sagte Bartusch der Prinz glaub ich ist da Aber Sie würden mich
außerordentlich verbinden wenn sie in dem äußern Anteil den Sie an diesem
Abenteuer nehmen mein Fräulein nicht vergässen wie streng die Vorschriften des
Justizrats sind und wieviel möglicherweise darauf ankommen kann ob und wie wir
hier mit dem Erben der fürstlich Hohenbergschen verwickelten Masse
zusammentreffen
Ja Melanie sagte nun die Mutter durch Hackerts Erwähnung streng und
ernst gestimmt lass Bartusch seine ganze Meinung sagen damit wir wissen wie
wir uns zu verhalten haben Des Vaters halbe Existenz beruht auf dieser
Administration
Melanie befriedigt schon von der Tatsache dass der vielbesprochene und
abenteuerliche Fürst nun wenigstens da war nahm aus einem der Gläser einige
Blumen des Pfarrers und schwebte ihren Duft einatmend und in sorgloser
Spannung sich wiegend im Zimmer leise auf und ab Die Melodie die sie dabei
trällerte störte nicht
Der dritte Fremde berichtete Bartusch kam denn also gestern Nachmittag in
einem kleinen Einspänner mit einem sehr ermüdeten Pferde an
Gestern Nachmittag unterbrach Melanie Mit dem kleinen Wägelchen das wir
im Walde trafen Wir ritten pfeilschnell vorüber Aber es waren zwei Herren
Einer nur sagte Bartusch
Es waren zwei erklärte Melanie Einer fasste nach den Zügeln des
scheugewordenen Pferdes die ihm entfallen waren Der Andere der Andere in
einer blauen Blouse war gleichfalls im Wagen aufgesprungen und half ihm Wir
ritten zu schnell um genauer zu beobachten Mein Schleier flatterte zu sehr im
Winde die Mienen konnt ich nicht unterscheiden Auch waren Beide jung und der
Eine der Eine schien mir viel eleganter als für den schlechten Wagen passte
Von Zweien weiß ich nicht sagte Bartusch Der da unten in der Krone
abgestiegen ist hat in der Tat lichtbraunes Haar zarte Hände modernen Bart
und gleicht ganz dem Signalement das uns der Justizrat vom Prinzen gegeben
hat Bald nach ihm kam auf der andern Straße von Randhartingen her der
Amerikaner der sich Ackermann nennt mit einem Knaben Der wahrscheinliche
Prinz hat keinen Namen genannt Die eingeschlafenen Gewohnheiten des Nachtbuchs
in den Gastäusern haben ihn auch nicht aufgefodert einen zu nennen Beide der
Braunblonde und der Amerikaner schienen sich fremd und doch haben sie gemein
dass sie sich mit auffallendem Eifer nach den kleinsten Details des Schlosses und
der Familie Hohenberg erkundigten Und noch mehr Beide fragten nach dem blinden
Schmied im Dorfe
Nach Dem frägt ein Jeder der mit einem eigenen Wagen kommt und sein Pferd
beschlagen lassen will
O nein
Sei doch ruhig sagte die Mutter ernst und lass Bartusch reden
O nein nahm Dieser wieder seine Ermittelung des Tatbestandes wie ein
Jurist auf nicht wegen der Pferdehufe geschah Das Der Amerikaner fragte nach
dem Schmied Zeck und nach dessen alter Schwester die im Walde beim Förster
Heunisch wohnt Der Prinz aber wenn er es ist machte sich mit demselben alten
Schmied Zeck zu schaffen indem er behauptete ein Schrein der ihm gehöre wäre
kürzlich von einem Fuhrmann der ihm das Frachtstück aus der Stadt Angerode
hätte überbringen sollen bei einer Reparatur seines Wagens hier entweder
verlorengegangen oder nach allen Anzeichen gestohlen worden Den Lärm wegen
jenes Schreins kennen Sie ja Wie kommt der Prinz zur Kenntnis dieses Vorfalls
Welchen Anteil hat er daran Ja noch mehr wie konnte er zu dem alten Zeck
sagen Der Schrein ist gefunden worden bemüht Euch nicht mir den Jammer wieder
auszumalen an dem noch Peters krank darniederliegt Ich reise morgen zurück und
lasse den Schrein mir von Dem zurückstellen der ihn gefunden hat dem
Justizrat Schlurck
Wie Schlurck rief Melanies Mutter und auch Melanie die von dem ganzen
Vorfall nichts wusste blickte staunend
Ich entsinne mich des Morgens sagte Hannchen Schlurck wo das Geschrei
eines Fuhrmanns das ganze Schloss in Aufruhr brachte Wir hatten unsern
verunglückten Ball gehabt auf dem nur die Bürgerlichen aushielten Schlurck war
trotzdem von der heitersten Laune Nachdem wir kaum vom ersten Schlaf erwachten
wird es unter unsern Fenstern laut Ein Fuhrmann hat um die Hitze zu vermeiden
in der Nacht statt am Tage fahren wollen Beim Herabfahren vom Berge dicht an
der Schmiede bricht die Achse und der Wagen schießt über ihn her Erst muss er
eine Weile so gelegen haben bis das Bellen seines Hundes die Leute weckt Noch
war hier oben Alles wach Der Schmied wird aus dem Schlafe gerüttelt Man packt
den Wagen ab Der Fuhrmann wird in die Schmiede getragen Man stellt seinen
Wagen wieder her Der arme Mensch kommt zur Besinnung ladet wieder auf und
vermisst einen Schrein um dessen Wiedererlangung der Mann fast wahnsinnig wird
Er beschwört Alles was lebt um sein verlorengegangenes Frachtstück klagt den
Schmied an das Schloss das ganze Dorf Der Justizdirector wird geweckt man
nimmt ein Protokoll auf der Fuhrmann reist unverrichteter Sache in Verzweiflung
wieder ab und nun sagt Prinz Egon wenn er es ist das geraubte Gut befände
sich in den Händen meines Mannes Wie ist das möglich
Der Fremde scheint darüber so beruhigt zu sein fuhr Bartusch ebenfalls
erstaunt fort dass zuvörderst dem alten Zeck ein Stein vom Herzen gefallen ist
Der alte Schmied sagte die Mutter hat ein unheimliches Aussehen und
erinnerte mich ich muss es wohl sagen oft an Hackert Doch achtet man ihn
allgemein Gehört er nicht zu den Frommen wie auch seine Schwester im Walde
Die Hexe ergänzte Melanie Als wir gestern beim Förster vorbeiritten
graute uns vor dem Gruße der Alten die unter den Tannen am Wege saß wie eine
der alten schottländischen Nornen
Wenn diese Leute den Schrein genommen hätten meinte die Mutter
Der blinde alte Zeck bezweifelte Melanie
Wie käme aber der Vater dazu Habt Ihr auf seinen Wagen einen solchen großen
Schrein der außerdem noch ganz sonderbar ausgesehen haben soll aufladen sehen
Nein war die Antwort
Und wenn ihn Schlurck auch gefunden und Ursache hätte es zu verschweigen
da er vielleicht einen irgendwo vermissten Gegenstand entdeckte wo hätte er ihn
finden sollen Es war zwei Uhr als sich das Unglück mit dem Fuhrmann ereignete
Der Schrein ging um zwei Uhr verloren Schlurck hatte schon lange vor ein Uhr
die jüngere forttanzende Gesellschaft verlassen die Justizdirectorin die sich
mit den Adeligen entfernen zu müssen glaubte früh nach Hause begleitet und
musste längst wieder zurück sein da man den Weg hin und her von der Zeiselschen
Wohnung in einer halben Stunde macht
Musste zurück sein sagte Bartusch mit einem Ernste dem ein boshaftes
Lächeln folgte
Melanies Mutter fixierte ihn
Musste sagte sie errötend
Es trat ein peinlicher Augenblick ein Offen lagen da plötzlich gewisse
geheime Schäden dieser frivolen Familie die bisher vom absichtlichen
Nichtwissenwollen verdeckt waren Schlurck verehrte Frau von Zeisel
Frau von Zeisel war ohne ihren Mann vom Balle gegangen man konnte
Vermutungen Raum geben man konnte Schlüsse ziehen man konnte
Genug rief Melanie weg mit Eurer abscheulichen juristischen Untersuchung
Ist es nicht als säße man hier auf dem Armensünderstuhl und müsste seine
unschuldigsten Erlebnisse zu Protokoll geben Schämen Sie sich Bartusch mit
Ihrer grübelnden Weisheit die doch nichts zu Tage fördern wird als dass Sie
unter Toren der Törichtste sind Ein Schrein eine Justizdirectorin zwei
Uhr was ist das Alles Gehen Sie hinunter in die Krone richten Sie an den
hellbraunen Lockenkopf der uns hier Fallen legen auf falsche Fährten bringen
und dem Vater den er hasst schlimme böse Streiche spielen will den Gruß
meiner vortrefflichen Mutter Johanna Schlurck geborenen Arnemann aus und
sagen Sie ihm Diese noch junge schlanke sehr liebenswürdige Johanna Schlurck
hätte eine Tochter die verhältnismäßig jünger noch schlanker aber nicht
liebenswürdiger wäre als die Mama und sich erkundigen müsse ob ihm gestern im
Walde mit seinem störrischen Tiere keine Unannehmlichkeit widerfahren wäre
Verstehen Sie Und die Antwort darauf fahren Sie fort die Antwort würden die
Bewohner des Schlosses lieber von ihm selber hören falls er geneigt wäre bei
uns heute einen Löffel Suppe zu essen Bürgerlich um halb zwei Uhr Bist dus
zufrieden Mama
Die Mutter war noch erschüttert davon dass Bartusch auf die Artigkeit
anspielen konnte die der Justizrat der Frau von Zeisel erwies
Einen Korb nehmen wir nicht fuhr Melanie den Unmut verscheuchend fort Das
ganze Getriebe von Intriguen zwischen den Häusern Hohenberg und Schlurck alle
diese Feindschaften lass ich nicht aufkommen Der Vater soll uns keine
Vorschriften machen die wider die Natur der Frauen gehen Hier lebe die
Galanterie Sie machen sich sogleich auf den Weg Bartusch bei Strafe meiner
Ungnade und knüpfen die Verbindung auf feine diplomatische Art an Lächeln Sie
mir aber nicht etwa wies im Hamlet heißt als wollten Sie sagen Wir wissen
recht gut Sie sind Prinz Egon aber wir drücken die Augen zu Oder Wir
scheinen dumm und sind klug Wir wollen Sie nur nicht kennen Verstehen Sie
Nicht so Will der Prinz sich verborgen halten so nehmen Sie ihn ernst und
heilig für Das wofür er sich ausgibt und wär es ein gewöhnlicher Kammerjäger
der hier oben auf dem Schloss nur die Ratten und Mäuse verjagen will
Wer weiß ob Das nicht seine wahre Absicht ist sagte die Mutter die sich
jetzt erst sammelte
Nein ich stifte Frieden zwischen den Häusern Friedland Piccolomini sagte
Melanie und drängte Bartusch zur Tür hinaus indem sie ihm noch nachrief
Halb zwei Uhr steht die Suppe auf dem Tisch
Bartusch zögerte
Melanie gab ihm kein Gehör mehr Sie drückte gewaltsam hinter ihm die Tür
zu
Mutter sagte sie jetzt gilt es schön sein
Sie klingelte und rief ihrem Mädchen
Bartusch wollte draußen immer noch zweifeln klopfte begehrte Einlass
erinnerte immer noch an das doch nur im Allgemeinen zutreffende Signalement
Melanie rief hinaus
Wir werden bald wissen woran wir sind Der Wink der Trompetta soll nicht
verloren gehen
Leiser und fast für sich setzte sie hinzu
Wir werden ihn sehen und uns bald überzeugen ob er einem jungen Manne
ähnlich sieht den wir ja wohl sehr genau kennen dem guten Siegbert Wildungen
Damit denn ging Bartusch Melanie bedeckte die Mutter mit zärtlichen Küssen
umarmte sie tanzte mit ihr und suchte sie möglichst aufzuheitern Davon dass
der Geist der Wahrheit des Ernstes und der heiligen Pflichterfüllung bestimmt
schien hier den von uns geschilderten frivolen Lebensprincipien eine tiefe
Demütigung zu bereiten konnte sie keine Ahnung haben
Nicht ohne einen Anflug von Rührung ließ die ernstgestimmte Mutter die
Liebkosungen ihres Kindes geschehen und folgte dann der Auffoderung
gemeinschaftlich zu beraten wie dieser Mittag angeordnet vor allen Dingen
welche Gäste noch und welche Kleider gewählt werden sollten
Indem Beide mit der inzwischen eingetretenen Jeannette in das
Garderobezimmer traten schritt Bartusch nachdenklich die Anhöhe herab dem
Wirtshause von Plessen zu genannt die Krone
Ende des ersten Buches
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Ackermann der Amerikaner
Dankmar Wildungen befand sich an jenem Morgen wo ohne Zweifel er selbst für den
Prinzen Egon gehalten wurde in der Tat noch am Fuße des Schlosses Hohenberg
Seit der von dem Fremden in der blauen Blouse empfangenen Beruhigung über
seinen Verlust einer Versicherung an deren Zuverlässigkeit er keinen
Augenblick zweifelte war sein Gemüt leicht geworden der Freude zugänglich und
auch der Freude bedürftig Nach jeder großen abgenommenen Sorge will ja das
erschöpfte Herz sich wieder füllen und stärken und wie in eine große Lücke und
Leere stürzt das Leben dann nur mit so ungefesselterer Gewalt Warum sollte er
schon wieder nach der Residenz zurückkehren jetzt wo keine Last mehr auf
seinem Gemüte lag und sich so Manches begeben hatte dessen nähere Entwickelung
seine Neugier spannte
Zuerst war es Hackerts plötzliches Verschwinden über das er doch eine
irgend zutreffende Aufklärung wünschen musste War ihm auch diese Bekanntschaft
eine solche von der er lieber gewollt hätte er hätte sie nicht gemacht so
peinigte ihn doch jetzt die völlige Ungewissheit über das was er von diesem oft
aller Teilnahme würdigen und dann wieder so fremdartig abstossenden ja niedrig
und geringfügig denkenden Menschen halten sollte Stündlich erwartete er seine
Wiederkehr In dem Gasthause zur Krone glaubte er bestimmt von ihm erfragt zu
werden Aber vergebens Jede Spur des abenteuerlichen jungen Mannes war
verschwunden
In noch höherem Grade als die Enthüllung der Hackertschen Persönlichkeit
fesselte Dankmarn die Aussicht hier irgendwo wenn auch unter dem schützenden
Deckmantel der ihm gelobten Unbekanntschaft dem Prinzen wieder zu begegnen Er
konnte kaum daran zweifeln dass der von seinem Vater so schmählich verkürzte
Erbe der Hohenbergischen Besitzungen wirklich hierher gekommen war entweder um
einen Act der Pietät ein Opfer des Herzens zu vollziehen oder sich ungekannt
von dem wahren Zustande dieser Besitzungen zu unterrichten Die letzte Annahme
schien ihm nach längerer Erwägung fast die richtigere und der Natur des Fremden
entsprechendere Denn so edel und männlich ihm Alles erschien was der junge ihm
an Jahren nur wenig vorangeschrittene Fremde in Worten und Benehmen geäußert
hatte so war doch Dankmar Wildungen schon Kenner der menschlichen Seele genug
um sich zu sagen dass bei Egon von Hohenberg wenn er es war die Kräfte des
Verstandes das vielleicht verstecktere oder unentwickeltere Gemüt überwogen
Wie wenig hatte er sich von dem Förster Heunisch auf dem gelben Hirsch über
seine Mutter berichten lassen Weit mehr dagegen besonders als sie beide vor
die Tür des Wirtshauses gegangen waren und Dankmar ihr lautes Gespräch hören
konnte hatte er der gegenwärtigen Verfassung dieser seiner mehr als zweifelhaft
gewordenen Besitzungen nachgeforscht Dankmar griff in solchen Beurteilungen
nicht fehl Wie sich eine seelenvolle rein gemütliche Natur äußert konnte er
durch keinen Vergleich sicherer treffen als durch den mit seinem teuren
älteren Bruder Siegbert der einen kindlichen Glauben an die Menschen besaß und
die Jahre die er vor Dankmarn voraus hatte nur gewonnen zu haben schien um
immer wärmer immer ergebener und nachsichtiger zu fühlen während Dankmar
dagegen schon an sich selbst gestehen musste dass er mit jedem Jahre an dem sein
Alter zunahm im Gegenteil kälter zu denken lernte Die Kälte des Fremden
schien ihm nicht Kälte des Herzens sondern gerade auch diese Kälte der
Erfahrung diese Kälte des Unglücks und des innersten Mismutes
Aber auch von diesem Fremden sah Dankmar nichts mehr Zu den Behörden zu
gehen seinen Verlust dort noch einmal anzuregen schien ihm nach dem tiefen
moralischen Eindruck der Versicherung des angeblichen Egon nicht mehr
notwendig In der Schmiede wo er vorsprach hatte er einen stumpfsinnigen
tauben jüngeren Gesellen den Zeck Sohn angetroffen der keine einzige seiner
Fragen beantworten konnte Mit dem älteren dem Zeck Vater schien es ihm
anfangs als würde er wenn er viel forschen müsste noch schlimmern Stand haben
denn dieser war stockblind Die Unruhe die den großen atletisch gebauten alten
Mann ergriff wie Dankmar sich als Eigentümer des neulich geraubten Frachtgutes
zu erkennen gab fiel ihm allerdings auf Allein einem Verdachte gab er keinen
Raum und konnte es nicht da die Aussagen des Blinden mit denen des Fuhrmanns
stimmten Kannte er doch auch hinlänglich diese man möchte sie geistig
halbwüchsige Menschen nennen aus seiner eigenen juristischen Praxis Er wusste
ja wie selbst der Unschuldigste vor einem Richter zittert und sich verfärbt
wenn man ihn eines Verbrechens zeiht und mit allen in solchen Fällen üblichen
Feierlichkeiten inquirirt Hatte er nicht Fälle erlebt wo diese beschränkten
Menschen besonders wenn sie in einer gewissen religiösen Dumpfheit lebten
unter den Fragen eines Richters so über sich in Unklarheit gerieten dass es
ihnen allmälig wurde als hätten sie in der Tat, vielleicht in einem
unzurechnungsfähigen von bösen Geistern ihnen angezauberten Zustande die
Verbrechen begangen deren sie verdächtig erscheinen sollten Des Menschen Seele
ist ein schüchtern Ding ein zitternd flimmerndes Beben Nur darin erschien
Dankmarn der alte Zeck wunderlich dass er bei seiner Mitteilung Zeck möchte
sich beruhigen Justizrat Schlurck hätte den Schrein gefunden hätte ihn mit
sich nach der Hauptstadt genommen sich verfärbte und stutzte Statt
sich zu freuen dass seine und seines Sohnes Ehrlichkeit nun in das hellste Licht
gesetzt war griff der Alte sich in sein weißes Haar riss die starren blinden
Augen bis zu den dicken weißen Augenbrauen auf und tastete so krampfhaft erregt
um sich her als wäre ihm die niederschlagendste Mitteilung von der Welt
gemacht worden Darauf länger zu achten und zu forschen behielt sich Dankmar
vor Er musste die Natur dieser Menschen erst kennen lernen Die sonderbar und
falsch angebrachten Bibelsprüche die der alte Zeck wie nach seiner sogleich
gemachten Entdeckung Viele in und um Plessen im Munde führte deuteten auf
seltsame Anomalieen Statt diesen nachzuforschen beschäftigte sich Dankmar
einstweilen lieber mit einem alten Bekannten den er hier zu seiner Freude
wiederfand
Es war dies Niemand anders als Bello der Hund des Fuhrmanns Peters Er und
der kleine bejahrte unansehnliche Spitz kannten sich schon von Angerode her
schon vom Lyceum das die Gebrüder Wildungen dort besucht hatten Wie Dankmar in
die Schmiede trat wo der Blinde noch mit gewaltigem Arm wie in mechanischer
Gewohnheit auf glühende Hufeisen schlug während der Taube den Blasebalg am
Feuer zog bis sich Beide ablösten und umgekehrt ihr Geschäft verrichteten
sprang das noch immer lahme Tierchen das lange zottige Haar vom Dampf der
Feueresse ganz geschwärzt zu Dankmar hinauf winselte schmiegte sich blaffte
vor Freude als wollte es sagen Da ist Einer der sich meiner erinnert Ich
weiß du kommst um mich zu holen du alter Gönner vom Gasthof zum Einhorn in
Angerode wo du als Lyceist zu Mittag speistest du bringst mir Grüße von meinem
Herrn und meiner Frau Und des Tierchens Erregung war so lebenvoll in dem
Grade fast sprechend dass es Dankmarn wenn er noch unruhig gewesen wäre über
seinen Verlust so hätte zu Mute werden müssen als spräche ihm Jemand Das
Tier will dir ja etwas sagen es weiß ja wer der Räuber deines Eigentums ist
und wird ihn dir ohne Zweifel bei erster Begegnung zeigen verraten Bald
sprang Bello zu ihm bald gegen den alten Schmied auf zerrte an Dankmars
Rockschooss bellte den Blinden an bis dieser den Moment wahrnehmend so
gewaltig mit dem Fuß gegen den Störenfried austrat dass er sich an seinem
wunden Bein getroffen heulend und winselnd in eine dunkle Ecke der Schmiede
verkroch Ei wie grob rief Dankmar Nennt Ihr das Pflege Ich denke Ihr seid
ein Arzt für Tiere
Nehmt den Bello nur mit hatte darauf der alte Schmied gesagt er ist
geheilt so weit wies möglich war bei seinem strampligen unruhigen Wesen Die
Bestie ist wie alle Fuhrmannshunde nur aufs Kläffen dressirt für Bandage und
Kost verlange ich nichts Ich mag den Hund nicht
Seitdem hatte Dankmar den für immer lahmen Bello zu sich genommen in der
Krone ihn säubern und waschen lassen und war von ihm auf seinen kleinen
Spaziergängen trotzdem er kläglich hinken und humpeln musste schon allwärts
treu und munter begleitet worden
Die schöne liebliche sonnenhelle Natur war es zuvörderst die Dankmarn
bestimmte dem mageren Gaule des guten dicken Pelikanwirtes einen ganzen Tag
Ruhe zu gönnen
Bring ich doch Freude mit sagte er sich Trost und den Hund für Peters
Dem Bruder die Beruhigung über mein eigenes Unheil und was auch etwas wert
ist die Erzählung meiner Abenteuer
Dankmar fühlte wenn er die Fenster des kleinen Zimmers das er in der Krone
bewohnte öffnete so recht jene reine selige Stimmung die Jeder kennen muss
der einmal von einer großen Gefahr oder den Ursachen einer großen Befürchtung
befreit wurde und dann zugleich die Musse fand diese Seligkeit der Erlösung ganz
zu genießen Die rebenlaubumkränzten Fenster gingen nach dem schönen Dorfe
Plessen hinaus Jedes Haus hatte da seinen Garten den die Natur pflegte wenn
auch vielleicht die Menschenhand erlahmt war seit die Zustände der Herrschaft
sich so ins Ungewisse verliefen Auch ordnen die Geringen sich lieber einer
kraftvollen Macht unter als einem schlaffen und ungeregelten Regimente Diese
Bauern und Häusler waren frei aber nicht in dem Grade sich ganz auf eigene
Hand unabhängig zu fühlen Ihre Abgaben an den Fürsten Waldemar waren schon seit
lange capitalisirt Die neue Zeit hatte wohl an den vielen kleinen noch
übriggebliebenen Laudemialgefällen rütteln können aber nicht an den einmal
bestimmten Abfindungssummen Da gab es nun Mismut Unfriede Zorn Gewalttat
genug Doch wirkliche Widersetzlichkeiten zeigten sich nur in Randhartingen dem
größten und selbständigsten Orte im Hohenbergschen im Ullagrunde wo neben
einem reichen Bauer Namens Sandrart viele Arme wohnten in Schönau wo dem
Fürsten von Hohenberg manche Gerechtsame gehörten und der Haidekrüger Justus
noch entschiedener aber Drossel der Wirt zum Gelben Hirsche die
Leidenschaften in Gährung hielt Hier in Plessen merkte der Herrschaftsdirektor
von Zeisel nicht so auffallend wie bedenklich seine Stellung wurde Plessen
hing vom Schloss und dem Leben auf ihm seit Jahren ab Und schon seit Jahren
fehlte die von oben strömende Befruchtung Die Menschen ließ recht den Kopf
hängen und welkten in ihren Hoffnungen so hin oder verwilderten wie ihre Gärten
und die kleinen Hecken die sie trennten Plessen war sonst so lieblich Die
Ulla floss vom Ullagrund in zwei Armen hernieder von denen der eine raschere und
bewegte die Mühle bewässerte die wie wir wissen die kranke Müllerin nicht
verlassen wollte der andere schlängelte sich hier und da durch den Ort und
machte eine Menge kleiner Stege und Brücken notwendig die ein Haus mit dem
andern gar traulich verbanden In der Mitte des baum und buschdurchzogenen
Ortes lag ein kleiner Teich auf dem Enten sich tummelten Zur Seite von
düstern und verschnittenen Linden beschattet lag des Pfarrers Wohnung vor der
die Stromerschen Kinder spielten und baarbeinig gleich allen andern Kindern
des Ortes mit den Enten um die Wette in der Ulla und dem Teiche wateten Höher
hinauf lagen dann herrschaftliche Gebäude vor allen »das Amt« nach alter
Bauart von einem Hofe mit Portal und Einfahrt umschlossen Dankmar konnte von
der Krone bis in die Zimmer der Frau von Zeisel hinüberblicken und bemerkte wohl
die kleine sehr geputzte Dame die unruhig und unbestimmt wie ein lebendiges
Fragezeichen an den hohen Fenstern saß und bald an feiner Wäsche arbeitete bald
in einem Buche las bald zum Fenster hinausschaute bald in einem der
Amtswohnung zur Seite liegenden Garten mit einem Körbchen unterm Arm sicher und
bewusst auf und ab mehr trippelte als in ruhiger Würde und zufriedener Stimmung
schritt Zur Linken gings dann nach dem Schloss hinauf In der Mitte zwischen
dem Schlossberg und dem »Amt« lag auch jener gewaltige Turm von dem Hackert
Veranlassung genommen hatte seine erbauliche Schilderung der
Patrimonialgerichtsbarkeit zu entwerfen Es war ein festes und gutes »Stück
Arbeit« dieser alte Zwinger der Ungebehrdigen und Tröster der etwa Reuevollen
Nur lag er sonderbarer Weise etwas einsam ganz am Ende des Ortes Denn hinter
ihm lagen getrennt nur durch eine vom sonnigsten Himmel überwölbte fruchtbare
Ebene sogleich die blauen Ränder der Berge die dem nach ihnen pilgernden
Wanderer wie Dankmar gehört hatte die reichste Mannigfaltigkeit von
Tannengeschmückten Gründen Wildbächen mit kleinen Wasserfällen schroffen
Abhängen und lieblichen Tälern bieten sollten Auch von Kohlenmeilern
Steinbrüchen und besonders einer Sägemühle wurde gesprochen die Dankmar
besuchen sollte Die Sägemühle konnte nicht zu weit sein Dankmar hörte
deutlich wenn die von einem Waldbach getriebenen Räder wahrscheinlich standen
und die großen Sägen wieder frisch geschärft wurden Es klang das so hell und
klingend herüber dass er anfangs glaubte in dem Walde da oben läge eine Kirche
verborgen und die Glocke riefe jedes Christenherz sie in ihrem grünen Verstecke
aufzusuchen
Dankmar war eine verstandesklare dialektische Natur doch wenn auch das
Gemüt bei ihm öfters schlummerte so lebte es doch unter der Decke der
Gedanken Er besaß unter Anderm auch die schöne Eigenschaft gemütlicher
Naturen dass er das Anmutige und Wohltuende nie für sich allein empfinden
mochte sondern zugleich auch mit für Die die er liebte und die er bei seinem
Genuße anwesend wünschte Er gedachte als er am Abend seiner Ankunft sogleich
noch einen Spaziergang im Orte und seiner nächsten Umgebung machte und die
Schönheiten des Eindrucks in vollen Zügen einsog sogleich seines geliebten zu
früh geschiedenen herrlichen Vaters der wie hier in Plessen jetzt der ihm
unbekannte Pfarrer so in Taldüren still und reichern Looses würdig gehaust
hatte In den kleinen Kindern die da im Entenpfuhl wateten erkannte er sich
und Siegbert wieder Er betrachtete wehmütig die dunklen von den Lindenbäumen
allzudüster beschatteten Fensterscheiben der Pfarrerwohnung Der Pfarrer und
seine Frau beide fast festlich geschmückt verließen gerade als er so in
Gedanken und Herzensvergleichen stand die Wohnung wir wissen dass sie zum
Schloss hinaufgingen Dankmar trat zurück um nicht gesehen zu werden Er
vergegenwärtigte Guido Stromern prüfend sich den doch viel ehrwürdigern Vater
und die teuere Mutter die jetzt daheim einsam in dem Sterbehause zu Angerode
ihre Wittwenzeit vertrauerte Dieses Pfarrerpaar dort ging so stumm so kalt
neben einander Stumm und kalt sagte er sich und gedachte der
Vergangenheit Ach Er musste sich gestehen dass auch seine Eltern nicht immer in
jüngeren Jahren auf einen Ton gestimmt waren Eine Träne stand ihm im Auge
als er der Zeiten sich entsann die ihm als Kind nicht verständlich waren jetzt
aber klarer vom Jüngling begriffen wurden der Zeiten wo der Vater auch oft
Not hatte sich mit einer schönen gutherzigen aber zuweilen anspruchsvollen
aufbrausenden und eigensinnigen Frau zu vermitteln Später als die Mutter an
ihrer eigenen Familie besonders an einem heissgeliebten verschollenen Bruder
viel Leids erfuhr ebnete sich auch in ihrer Brust der etwas schroffe Sinn und
manches wärmere Wort entquoll den welkeren Lippen die damals als sie rosig
waren selten gebebt selten gezittert hatten und selbst dann nicht gezittert
wenn den Vater der Schmerz darüber verzehrte Das sind so Stimmungen in den
Herzen der Kinder wo sie die Erde aufwühlen und die teuren Toten aus der
Gruft wecken möchten um ihnen zu sagen Was hast du gelitten und wir verstanden
es nicht Was hast du von uns fodern dürfen und wir ersetzten dir nichts Warum
lebtet ihr nicht so lange dass ihr euch ganz verstandet Warum sieht nun jetzt
Einer nicht die Trauer des Andern Bei solchen Erinnerungen kommt natürlich
auch in ein sonst so weltliches Gemüt wie das unsers Dankmar ein ernster
Anflug jener Stimmung die uns ja auch die unerschütterliche auf die ewige
Gerechtigkeit begründete Notwendigkeit des Wiedersehens dieser unserer Lieben
wie eine Gewissheit in die Hand gibt die dem Granit der Berge gleicht
Von den Gästen die zum Schloss gingen sah Dankmar auch den Justizdirector
mit seiner kleinen anspruchsvollen runden Frau von der Hackert gesagt hatte
sie kenne Schlurcks schwache Seiten Dankmar vermied auch dies Paar indem er um
die Mauer ging die das Amtaus und den dazu gehörigen Garten umschloss Wie
prangten da die Obstbäume in ihrer schweren Last Wie guckten die schwanken
Spitzen der drinnen rankenden Rebengewinde über den weißen Kalk herüber Wol
dachte er muss es diesen kleinen Paschas die bisher auf den adeligen
Herrschaften Justiz übten übel bekommen wenn sie aus solchen anmutigen
Wohnungen wo sie die Herren waren in die Landstädte versetzt werden wo sie
nach der gewöhnlichen Beamtenelle gemessen auf der allgemeinen Bleiche des
Staates nur ein bescheidenes Stückchen Tuch vielleicht nicht länger als ihr
Ordensbändchen vorstellen Näher besichtigte er sich jetzt den gefährlichen
Turm Dankmar wünschte Siegberten den Anblick dieses malerisch gelegenen alten
Mauerwerks mit seiner herrlichen Fernsicht auf die Ebene und das Gebirge Mit
Lächeln betrachtete er sich diesen Überrest alter feudaler Zeiten genauer Der
Turm lag etwas erhöht und war gewissermaßen das Wahrzeichen des Ortes Neben
ihm wohnte ohne Zweifel der Büttel Gerichtsbote und sonstige Amtsgehülfe der
dies wahrscheinlich alles in einer und derselben Person vorstellte Der Eingang
in den Turm zeigte sich schauerlich genug Die Tür war mit Eisen beschlagen
und das Schloss von einem gewaltigen Umfange Die unteren Fenster deckten
hölzerne quer über die Gevierte genagelte Latten Ganz oben aber waren die
wahrscheinlich dort befindlichen Gefängnisse mit vergitterten kleinen Fenstern
versehen denen fast sämtliche Glasscheiben fehlten Vögel hatten daselbst ihre
traulichsten Nester angebracht und unterhielten sicher die Gefangenen wie
Kondorcet sich mit den Spinnen unterhielt Dankmar musste lachen wenn er
gedachte dass hier eine gute Leiter und eine Feile geschickt von einem guten
Freunde bei Nacht dirigirt jeden Gefangenen befreien konnte denn der Turm lag
ganz frei ganz außer dem Orte in dem offensten Zusammenhange mit der
Landstraße dem freien Felde und dem Gebirge Er legte sich behaglich
angemutet eine Zigarre rauchend am Fuß des criminalischen Gemäuers nieder
recht in die Mitte unter frischen duftenden Feldblumen unter gelbweissen
Kamillen dunkelroten Klapperrosen blauen Glockenblumen Winden und zwischen
hochstämmige hier und da aufgeschossene wilde Wurzel und Staudenpflanzen
Da fühl ichs dachte er im Sinne des Bruders da fühl ichs was doch zum
Ergreifen des Pinsels treiben kann Wer möchte dies weite Feld diese Wiesen
diese schlängelnden Bäche mit den Turmspitzen und blitzenden Fenstern der
Meierhöfe nicht dauernd festhalten Wär ich ein reicher Mann trotz meines
Bruders historischem Pinsel nur Landschaften gewänn ich mir Die andern Maler
geben mir alle zu viel aus sich und nur aus sich der Landschafter gibt nur
das was ich brauche um mich selber zu erfreuen und mich mit ihm in gleiche
aber freie Stimmung zu setzen Auch ein Genrebild will dass man gerade diesen
Moment und nur diesen den der Künstler darstellt genießt Bei jeder
Verschiebung der Gruppe hört das Bild schon auf die Veranlassung gemalt zu
werden zu verdienen Aber die Landschaft die bleibt sich immer gleich Der
Beschauende wechselt Er wechselt nicht in seinen Stimmungen denn die sei eine
und dieselbe durch jedes Landschaftsbild aber in seinen Gedanken in seinen
Betrachtungen Anknüpfungen Auslegungen Könnt ich dort den Waldesrand auf dem
Berge so nun für ewig mit mir führen Es wäre ein Gefühl damit verbunden das
mir immer und immer gleich bleiben würde Das Pünktchen da oben am Bergrücken
ist fast eine Kappe von dunklerm Grün die der hellgrün gekleidete Berg sich
aufgesetzt hat Wie mag es unter diesen Tannen da rauschen singen flüstern
Hätt ich das nun immer so bei mir könnt ichs in einem Bilde so mit mir
führen wie gewiss wär ich dass mir nicht nur diese Vergleichungen sondern
diese ganze selige Stimmung hier unter dem plessener Gerichtsturme und am Fuße
des Schlosses Hohenberg nie verloren ginge Es könnte nun kommen im Leben was
da wolle ich sähe mein Bild und immer genöss ich das wieder was ich jetzt
genieße Ich muss mir den Siegbert einmal hier hinaus plaudern In dem
Atelier bei dem Teelöffelgeklapper seiner vornehmen Protectricen in den
Salons und Koterien wo er ästetisirt und sich verdüftelt wird er mir jetzt
besinn ich mich auf sein Aussehen im Pelikan ohnehin ganz blass und
verschmachtet mir wohl gar an einer geheimen Liebe
Wie Dankmar so im versengten Grase und unter den würzigen Kräutern und
bescheidenen Blumen den Kopf auf den Arm gestemmt in die Gegend blickte die
ihm dem Unruhigen und Rastlosen so viel Friede in die Seele goss verweilte
sein Auge das anfangs nur summenden Käfern und Schmetterlingen dann und wann
einem Landmanne einem Bauermädchen einem Wagen nachhängender folgte auf einem
älteren Manne und einem Knaben die beide hinter dem Turme dahergeschritten
kamen und sich wie er in der Gegend umschauten Es war dies jener Fremde der
Ackermann heißen sollte und sich mit einem bescheidenen Fuhrwerke gleichfalls in
der Krone Nachmittags eingefunden hatte Der zierliche außerordentlich behende
schöne Knabe der ihn begleitete war sein Sohn Er nannte ihn wie Dankmar von
den Leuten in der Krone schon gehört hatte mit einem Namen den Jene offenbar
verwälschten Er wusste von diesem Namen nur erst so viel dass er dem seinigen zu
ähneln schien Der Fremde bemerkte Dankmarn nicht wohl aber sein kleiner
Begleiter der sein grüssendes Nicken mit Anmut und so bescheiden erwiderte dass
er vor Verlegenheit rot wurde Welch ein anmutiges Kind sagte Dankmar
unwillkürlich als Beide vor ihm auf der Landstraße der Ebene zuschritten So
behend so zärtlich so verschämt Das Bild eines Ganymed
Vater und Sohn waren fast gleich gekleidet Leichte Strohhüte mit weiten
Rändern schützten vor dem Sonnenstrahl Der Vater trug einen Überrock von
demselben halbwollenen Zeuge von dem der Sohn ein Jäckchen trug Die
Beinkleider waren weit und von einem gestreiften Zeuge Der Vater hatte die
Brust halb offen und hielt nur den Hemdkragen mit einem bunten Foulard zusammen
dessen lange Zipfel über die weit ausgeschnittene Weste fielen Der Sohn dagegen
trug ein zierlich gefälteltes Chemisett das oben in eine Art Halskrause endete
und seinem Antlitz mit den schönen dunkeln Locken die über die Schultern
herabrollten etwas Neckisches ja Zierliches Stutzerhaftes gab In der rechten
Hand trug der Knabe ein Stöckchen mit einem goldenen kleinen Knopf und fuchtelte
damit in der Luft hin und her während sein linker Arm in dem des Vaters hing
neben dem er graziös und sich ihm fast zärtlich anschmiegend einherschritt fast
wie ein Mädchen
Dankmar konnte beide Lustwanderer genau betrachten denn oft standen sie
still wandten den Blick wieder rückwärts und sahen sich die Gegend die sie
ebenso wie ihn zu erfreuen schien gründlichst an Endlich hielten sie an einem
der Wege die zum Schloss hinaufführten inne Sie schienen unschlüssig ob sie
ihn einschlagen und auch Hohenberg besichtigen sollten Der Kleine verriet
durch seine zuredenden Gebehrden dass ihn die Neugier recht stachelte zum
Schloss hinaufzusteigen Zu den Gästen die dort oben ihr Wesen treiben dachte
Dankmar gehören sie nicht Oder ist der Vater vielleicht geneigt diese
Besitzung zu kaufen Er musste sich sogleich sagen dass der Fremde trotz
unverkennbarer Bildung etwas von einem Landmann hatte Seine Gesichtszüge waren
sehr fein und edel ja sie hatten sogar etwas was ihn durch irgend eine ihm
unbewusste Ähnlichkeit so mächtig ergriff dass er hätte beteuern mögen einen
solchen Mann einmal als einen höheren Staatsdiener oder einen berühmten Gelehrten
irgendwo schon gesehen zu haben dann aber fand er wieder dass der Fremde sich
doch nur als ganz schlichter Naturfreund gab der zuweilen Ähren raufte und sie
prüfend betrachtete einen Stein vom Wege aufgriff in der Sonne funkeln ließ
und wieder gleichgültig wegwarf das Stackett mit dem der zum Schloss gehörige
Baumgarten hier schon umzäunt war mit dem Fuße rüttelnd prüfte und an
schadhaften Stellen um zu zeigen wie vernachlässigt es war sogar eine morsche
Planke etwas losriss kurz er war bei allem Anstand der Haltung doch eine derbe
der Natur des Landlebens kundige Persönlichkeit die sicher einem Ökonomen oder
ähnlichen Geschäftsmanne entsprach Endlich folgte der Fremde der Überredung des
Knaben und tat ihm mit sichtlichem Widerstreben den Gefallen mit ihm zum
Schloss hinaufzusteigen
Dankmar stand nun auf und wäre gern gefolgt Der Fremde und sein Knabe
fesselten ihn Er beschloss sich ihnen zuzugesellen um auch seinerseits das
Schloss in Augenschein zu nehmen Da Schlurck dort oben gewohnt hatte konnte er
vielleicht erfahren wie der Justizrat zu seinem Schrein gekommen war Auch die
schöne Melanie von der er die Erinnerung hatte sie schon in der Stadt gesehen
zu haben Melanie Schlurck von der er so viel Phantasieanregendes vernommen
die er selbst im Walde an sich hatte vorbeisprengen hören genauer nach ihr zu
sehen war er durch Hackerts Flucht und den Zustand seines Pferdes verhindert
auch diese konnte er vielleicht hoffen irgendwo an einem Fenster zu erblicken
Sein Bruder mehr wusste er nicht hatte sie im Atelier des Professor Berg wo
sie malte zuweilen beobachtet Dass Siegbert der neuerdings sogar in ihrem
Hause war durch ein Bild wegen ihrer verspottet sein sollte wusste er nicht
Alle diese Dinge waren während seiner Abwesenheit in Angerode vorgefallen Er
selbst zu voll von dem was er dem Bruder zu erzählen hatte war noch nicht
dazu gekommen ihn nach seinem eigenen inzwischen Erlebten zu befragen Von den
andern Namen die Hackert und der Förster Heunisch genannt hatten kannte er
Niemand selbst Eugen Lasally nicht persönlich obgleich er zuweilen eines
seiner Pferde ritt Die Sphäre in der Lasally lebte war ihm aus vielem
Betrachte widerwärtig und auch unzugänglich
Als er einige Schritte dem Fremden und seinem Knaben nachgegangen war blieb
er stehen Man wird dich wenn du dich ihnen anschlössest für zudringlich
halten sagte er sich Und da oben um das Schloss herumschnuppern und der
Eitelkeit der dort hausenden Menschen die Folie der Neugier geben ist doch auch
wohl deine Sache nicht
So blieb er unten blickte noch einmal dem leicht hinaufhüpfenden Knaben
nach durchschritt einige Feldwege und kehrte wieder in die Krone zurück wo er
bestätigt erhielt dass der Fremde wirklich aus Amerika käme und Ackermann hieße
Aber dem Namen des Knaben kam er wieder nicht bei Man hatte ihn offenbar nicht
verstanden und sprach ein Wort aus das ihn mehr an einen indianischen
Häuptling als an einen christlichen Taufnamen erinnerte
Früh zur Ruhe sich legend das stille Einatmen eines ländlichen Abends
unter Sternengeflimmer und beim vollen goldgelben Julimondenschein
sentimentaleren Naturen überlassend hatte er die Absicht am nächsten Mittag
wenn er sonst von Hackert und dem Prinzen nichts erfuhr mit seinem Einspänner
und dem anschmiegsamen Bello sich auf den Rückweg zu begeben Kaum hatte er wohl
am Abend gedacht dass am folgenden Morgen nicht nur eine nähere Bekanntschaft
mit Ackermann und seinem Knaben ihm diesen Entschluss vereiteln sondern auch
eine abenteuerliche Kette von Misverständnissen aller Art ihn so umstricken
würde dass er sich fürs Erste vom Fuße des Schlosses Hohenberg nicht wieder
loswinden konnte und der Lage sich aussetzen musste dort die seltsamsten Dinge
zu erleben
Zweites Kapitel
Selmar Ackermann
Als Dankmar zwar in aller Frühe aber doch wiederum wahrnahm dass Niemand sich
nach ihm erkundigte der Prinz und Hackert wirklich verschwunden waren wollte
er noch einmal zur Schmiede gehen und vor seiner Abreise von dem alten und
jungen Zeck die ihm doch ein gar sonderbares Paar schienen prüfenden Abschied
nehmen
Bello begleitete ihn Das kranke und sonst so schweigsame Tier wurde an der
Schmiede sogleich wieder unruhig und geriet in sein schon bezeichnetes dem
alten Schmied so widerwärtiges Kläffen und Bellen
Es schien ihm schon von Ferne ziemlich lebendig unter und vor dem Dache der
Schmiede Da standen Wagen und Pferde die die Hilfe dieser Dorfvulkaniden in
Anspruch nahmen Bauernbursche herrschaftliche Stallknechte auch einer von
Lasallys Jokeis der die »quihnende Laura« eben wieder in die Ställe des
Schlosses zurückführte Näher gekommen merkte er dass die meisten der hier
Haltenden ungeduldig waren lärmten und abgefertigt sein wollten Aber nur der
junge Zeck war zugegen und nahm in Ruhe da er die Flüche nicht hörte eine
Arbeit nach der andern vor Die Lärmenden mussten sich gedulden und zerstreuten
sich durch Possen die seit sie Dankmar hörte nur ausgelassener wurden denn
die Menschen sind geborene Schauspieler und werden beobachtet im Guten und
Schlimmen nur rührsamer
Bello sprang zwischen diesen Tumult mitten hinein und stöberte einen
Flüchtling auf dem seine Lebhaftigkeit doch bedenklich vorkam Es war dies der
junge Ackermann der an der Schmiede unter ihrem von zwei Holzsäulen getragenen
Vorbau dem Hufbeschlag zugeschaut hatte Als die Reden der Bauernbursche zu derb
wurden sie kamen meist aus dem Ullagrunde besonders vom reichen Bauer
Sandrart wandte er sich schon dem grünen Rasen zu der rechts vom Hause lag
und mit Obstbäumen bepflanzt war Dort witterte ihn Bello und beängstigte ihn
Dankmar sah schon längere Zeit wie der Knabe der ihm denselben gefälligen
Eindruck wie gestern machte auch einer alten Magd zuschaute die zwischen den
Obstbäumen eine Leine zog um auf ihr Wäsche zu trocknen und ihr allerhand
Antworten abzugewinnen suchte Doch ein weichliches Ding sagte er sich Was
nimmt er an der Wäsche für einen unmännlichen Anteil Wie er die Sacktücher
mustert Ich will glauben er ist nur neugierig und will die Buchstaben lesen
mit denen sie gezeichnet sind
Bello hatte es vielleicht eigentlich nur auf die Alte abgesehen und
erschreckte nur zufällig auch den Knaben Dankmar bedeutete ihm Ruhe trat dem
Rasen und den Obstbäumen näher und knüpfte mit dem jungen errötenden Amerikaner
ein Gespräch an
Wo ist dein Vater Kleiner fragte Dankmar mit einer Stimme die ihm selber
komisch vorkam denn er suchte ihr den Ausdruck des Holden zu geben weil sie
Holdes anredete
Oben bei dem Schmied war die schüchterne verlegene Antwort ich erwarte
ihn hier
In der Tat war das Feuer in der Esse am Verglimmen Ein Eisen auf dem Ambos
verglühte Die Gerätschaften lagen alle so durcheinander als wenn sie eben
Einer im Nu weggeworfen hätte Der junge Zeck konnte die Arbeit kaum allein
zwingen
Wie gefiel es dir gestern auf dem Schloss oben sagte Dankmar um sein
Gespräch nicht sogleich wieder abzubrechen
Mir weit besser als dem Vater sagte der Knabe
Der hat freilich wohl schon Vieles gesehen was schöner ist entgegnete
Dankmar Ihr kommt ja weit her
Von Amerika sagte der Knabe und setzte nach einigem Besinnen hinzu Aus
Missouri
Aus Missouri Ja ja Man erzählte mirs schon in der Krone bemerkte
Dankmar Da seid ihr wohl nur zum Besuche hier und werdet gewiss wieder übers Meer
zurückwollen
Das wissen wir selbst noch nicht erwiderte der Knabe Wenn es dem Vater
wieder in Deutschland gefällt bleiben wir wo nicht kehren wir nach Kolumbia
am Missouri zurück wo wir gewohnt haben
Nach Kolumbia Am Missouri sagte Dankmar herzlich so will ich
wünschen dass euch Alles hier erfreuen und befriedigen möge damit wir nicht nur
gute Menschen an Amerika verlieren sondern deren auch welche von da wieder
herübergewinnen
Der Knabe schlug zerstreut mit seinem Stöckchen auf einige hochstehende
Grashalme
Dankmar fühlte dass ein längeres Gespräch mit dem schüchternen und
bescheiden die Augen niederschlagenden Kinde es ängstigen würde und brach wenn
auch ungern seine Unterredung ab Er konnte nicht umhin dem Knaben flüchtig
die errötenden Wangen zu streicheln worauf dieser vollends feuerrot wurde und
sich geängstigt abwandte
Dankmar nickte noch einmal und wandte sich links zur Schmiede Ein Wagen
fuhr eben davon Zwei Pferde hinten angebunden hüpften ihm mit neuen Hufeisen
beschlagen lustig nach Lasallys Jokei war gleichfalls verschwunden Nur noch
ein Reitknecht hielt den Huf eines Gaules dem der junge Zeck in Hemdärmeln
ganz schwarz berusst die Hornhaut vom Hufe abstach Dankmar sah eine Weile zu
Der junge Zeck grüßte flüchtig und eilte sich in der Arbeit was er nur konnte
Der junge Ackermann hielt sich inzwischen in der Ferne auf dem Rasen und schien
sich mit Bello ausgesöhnt zu haben Kaum hatte sich Dankmar wieder nach ihm
umgesehen war auch die letzte Arbeit in der Schmiede verrichtet Der Knecht
bezahlte und eilte mit seinem Pferde davon Der junge Zeck verschwand in dem
innern kohlengeschwärzten Hause
Dankmar beschloss sich dem blinden Alten vor seiner Abreise doch noch einmal
zu empfehlen So folgte er in die dunkle leere Werkstatt und sah eine kleine
schmale Treppe die oben in die Wohnung des Schmieds führte Er trat behutsam
auf Die Nachwirkung des Eindrucks den der Knabe in seiner Sanftmut auf ihn
gemacht hatte ließ ihn leiser auftreten als er sonst würde gegangen sein Man
hörte ihn nicht Wie erstaunte er daher als er unerwartet oben eine Türklinke
niederdrückend und in ein niedriges Gemach eintretend den blinden Zeck eben im
Begriffe fand einen ganzen Tisch voll flimmernder hellblitzender Goldstücke
einzustreichen Der taube Sohn stand gierig gaffend daneben und der Amerikaner
wollte eben gehen
Wer da rief der Blinde mit Heftigkeit als er sich so plötzlich überrascht
fand Sein sonst so feines Gehör musste ihn bei dem Fühlen und Tasten nach den
schweren Goldstücken verlassen haben sonst würde ihm wohl schwerlich das wenn
noch so stille Hinaufsteigen Dankmars entgangen sein
Beruhigt Euch sagte Dankmar Ich wünsch Euch alles Glück wenn Ihr in der
Lotterie gewonnen oder eine Erbschaft gemacht habt Ich wollt Euch nur sagen
dass ich aufbreche und wenn Ihr an den Fuhrmann Peters etwas zu bestellen habt
Nichts Nichts Was Peters Herr polterte der Blinde grob und unhöflich
Seit dem plötzlichen Reichtum schien er auch schon alle Fehler der Reichen
bekommen zu haben Sein Zorn erinnerte Dankmarn an die Bosheit mit der er
heimlich gestern den vorlauten Bello hatte niedertreten wollen Der Alte hatte
sein schon halb lose hängendes Schurzfell rasch abgebunden und es wie zum Schutz
auf den Tisch so geschwind gebreitet dass einige Goldstücke auf die Erde
rollten Der Blinde tastete der Taube kroch nach den rollenden Friedrichsdoren
mit der Gier einer Katze Es war ein hässlicher ängstlicher Anblick
Dankmar hatte schon die Tür in der Hand und entfernte sich den
feinlächelnden Amerikaner flüchtig grüßend mit den Worten
Ich sehe dass ich störe Geniesst Euer Glück in Frieden Lebt wohl
Damit kletterte er getrost die Hühnersteige wieder hinunter zu Bello und dem
Knaben der inzwischen draußen im Vorbau der Schmiede auf einen dreibeinigen
Schemel sich niedergesetzt hatte und dem Hund der sich ihm jetzt nach
Entfernung der garstigen Magd die hinten an einem Ziehbrunnen wusch traulicher
anschmiegte nach seinem traurigen Schaden sah
Wetter sagte Dankmar aufgeregt zu dem Knaben wenn ich gewusst hätte dass
dein Vater oben Geldgeschäfte mit dem impertinenten alten Schmied hat würde ich
mich wohl gehütet haben ihn zu stören
Es ist eine Erbschaft sagte der Knabe die ihm der Vater aus Amerika
mitbringt
Eine Erbschaft Und das so aus freier Hand ohne gerichtliche Vermittlung
Erbschaften sollen nur durch die Behörden gehen Verstehst du etwas vom Recht
Der Knabe schüttelte den Kopf
Dankmar bemerkte mit Wohlgefallen die langen seidenen Wimpern des braunen
Auges die der kleine Amerikaner niederschlug ohne eine gewisse Pfiffigkeit und
Schlauheit verbergen zu können die hinter seiner Scheu verborgen lag
Ihr wisst von unserm Amtswesen und unsrer Federfuchserei nicht viel sagte
Dankmar um sich von dem unangenehmen Eindruck den ihm der oben erlebte
Augenblick hinterlassen zu zerstreuen
Doch Herr antwortete der Knabe und stemmte den einen Fuß wie spielend
rückwärts an ein zerbrochenes Rad doch doch Der Vater hat sich freilich
gestern nach dem Schmied und seiner Schwester erkundigt und sich nachschlagen
lassen was man auf dem Amt von ihnen weiß und da er fand dass es die Richtigen
sind denen er das Geld zu bringen hat so hat ers ihnen nun wohl oben gegeben
Es war uns schwer genug Um den Leuten Freude zu machen wechselte er das Papier
in pures blankes Gold
Die Schwester des Schmieds wiederholte Dankmar erfreut durch die
ermutigte und gesammelte Antwort und den gutmütigen Zug des Vaters Also eine
Schwester hat der Schmied Er ist blind sein Sohn taub was muss da wohl die
Schwester für ein Gebrechen haben
Das Alter hör ich sagte der Knabe lächelnd
Das Alter wiederholte Dankmar
Die Antwort gefiel ihm Er schaute ganz betroffen auf vergrößerte die Augen
und hätte fast Brav mein Junge gesagt
Der Knabe aber seine angenehme Erregung übersehend fuhr harmlos fort
Sie sollte erst in die Schmiede kommen dass wir ihr hier ihren Anteil auch
auszahlten und das schwere Geld loswürden Aber sie soll seit Jahren ein Gelübde
getan haben nicht weit vor die Tür zu gehen und so müssen wir ihrs nun wohl
selbst bringen
In diesem Augenblick rief vom Innern der Schmiede her eine starke sonore
Stimme
Selmar
Dem nun aufspringenden Knaben trat sein Vater entgegen Wie dieser Dankmarn
erblickte sagte er freundlich
Sie waren sehr rücksichtsvoll mein Herr Wie rasch Sie sich entfernten Ja
ja Der Blinde oben ist außer sich dass Sie uns da so plötzlich überrascht
haben Diese Leute wollen um jeden Preis etwas besitzen es aber ums
Himmelswillen Niemanden sehen lassen
Er kann schon sicher sein sagte Dankmar dass ich weder was ich sah noch
was mir mein kleiner Freund Selmar erzählte ausplaudern werde
Dankmar benutzte die Gelegenheit zu bemerken dass er endlich den Namen des
jungen Ackermann erobert hätte
»Freund Selmar« »Ausplaudern« Diese Worte schienen einen Eindruck auf den
Vater zu machen Er warf einen eigenen verlegenen Blick auf sein Kind
Selmar fasste ihn unterm Arm Beide schickten sich an die Schmiede zu
verlassen
Sie kommen aus Amerika sagte Dankmar sich anschliessend und die
fortdauernde Verlegenheit des Vaters nicht bemerkend Sind die Amerikaner denn
auch so wunderlich in Geiz Habsucht und Verstellung und unsern andern
versteckten europäischen Lastern
Ackermann antwortete im Gehen lächelnd
Der Amerikaner trägt gern offen zur Schau was er besitzt prahlt auch wohl
ein wenig aber die schnöde Furcht des Besitzes ist selten Findet sich dies
Laster so ist es aus Europa mit hinübergebracht
Wie bei Morton Nicht wahr sagte Selmar
Dem Vater schien Selmar fast mit Dankmarn schon zu vertraut geworden Er
blickte Dankmarn wiederholt an und schien sich zu überlegen ob sein Sohn gut
getan hätte sich dem jungen Fremden schon so weit zu vertrauen dass er von
einem gewissen Morton sprach
Morton wiederholte er und schwieg
Die Stimmung die durch diesen wiederholten Namen und das plötzliche
Stillschweigen des Vaters zwischen allen Dreien entstand löste der junge Zeck
den Dankmar jetzt erst hinter ihnen bemerkte
Dahin wohnt die Tante sagte er und zeigte dem Walde zu
Er sah dabei Dankmarn stutzig an und schien fragen zu wollen ob dieser zu
der Partie gehören dürfe
Alle Vier waren aber schon auf dem Wege und der Fußsteig von hier nach dem
Walde zu gehörte zuletzt Jedem
Dankmar der sich nicht irre machen ließ gab wohl die Frage nach dem
Geizhalse Morton auf bemerkte aber zu Ackermann gewandt und innerhalb der
Grenze erlaubter Neugier
Sie sind in Deutschland geboren Vielleicht schon früh ausgewandert
Vor einigen zwanzig Jahren sagte der Fremde und blickte sich nach Selmar
um der sich eben von ihm getrennt hatte Diese Trennung galt Bello auf den der
Knabe sich schon soviel Einfluss zutraute dass er diesen von dem Unmut
beruhigte der ihn wieder beim Anblick des jungen Zeck befiel
Ich habe mich in der Union drüben viel herumgetummelt sagte dieser
sogenannte Ackermann bis ich endlich am Missouriflusse in dem Städtchen
Kolumbia mich niederließ Mein Weib das ich aus Deutschland mitgeführt hatte
starb vor noch nicht lange und hinterließ mir da den spät geborenen Jungen He
Selmar Selmar Lass doch dem Tierchen seine Freude Der Junge ängstigt sich
Sie wissen wohl in Amerika bellen die Hunde nicht
Der taube Zeck öffnete ein Stacket durch das man erst zu einer Wiese und
dann zum frisch sie anwehenden Walde gelangte Er blieb als Selmar und sein
Vater passiert waren stehen und machte eine hämische Miene indem er in der den
Tauben eigenen leisen Art aber dummdreist zu Dankmarn sprach
Wir gehen aufs Jägerhaus
Dankmar achtete nicht
Aber auch Ackermann schien Dankmars weitere Begleitung nicht vorauszusetzen
und blieb stehen wie wenn man sich empfehlen wollte Selmar aber hatte den
lahmen Bello aufgegriffen und ihn mit den Worten Armes Tierchen das Laufen
wird dir schwer ich trage dich an die Brust gedrückt und war ohne Rücksicht
auf den Vater und den Fremden schon ein Stückchen Weges weiter gegangen
Kinder und Tiere bringen die Menschen zusammen dachte Dankmar und schritt
über die Wiese getrost mit zum Wald hinüber
Vater sagte Selmar sich umwendend so mächtig wie unser Büffelforst ist ein
deutscher Wald doch nicht
Das wollt ich meinen Junge antwortete der Vater der sich in Dankmars
Begleitung nun ergab Hast du das Stacket bemerkt Kein Jagdgesetz hegt unsern
Urwald ein
Wohl Vater aber
Aber
Lieblicher ist der deutsche Wald
Was lieblicher
Sieh bei uns unter den riesenhohen Bäumen mit dem roten Holze und den
ellenlangen Nadeln wer kann da lustwandeln Überall Stämme deren Wurzeln hoch
aus der Erde herausstehen und quer über Das hinweglaufen was ungefähr wie ein
Weg aussieht und doch keiner ist Dazwischen ganze Bäume die während der
Überschwemmung des Missouri ausgerissen wurden und hoch in den Zweigen der
andern stecken blieben wo sie jeden Augenblick niederstürzen können der
fürchterlichen Steine garnicht zu gedenken die von uraltem Moos zerfressen
überall umherliegen und die ganze Ordnung so einer friedlichen Baumgruppe
stören Sieh nur Vater wie die Sonne so heiter durch das Hellgrün der Buchen
schimmert Bei uns dringt die Sonne garnicht durch oder fällt nur von oben so
geheimnisvoll herab dass man sich nach dem Felde hinaussehnt wo sie frei
scheint Und auch dort gestehs nur Vater was hat man als die unabsehbar
große Prairie die wie ein grünes Meer ist endlos unheimlich und recht
melancholisch
Da sehen Sie es sagte Ackermann nach dieser gewandten Schilderung die
Dankmarn überraschte und fast erschrecken ließ dass er den gebildeten Knaben
ohne Weiteres mit Du angeredet hatte da sehen Sies Selmar hat es darauf
angelegt mich hier zu behalten Wie gefiel ihm nicht das abscheuliche London
das garstige Hamburg Gestern auf dem Schlossberge oben bekam er Gefühle wie ein
junger unter Klosterruinen erzogener Siegwart Ein Amerikaner Ein praktischer
Verstandesmensch Schäme dich
Selmar lachte Er hatte es schlau angefangen Erst den Vater durch ein Lob
Amerikas gewonnen und dann doch seine Meinung gesagt
Dankmar hörte schweigend zu Er lächelte mit Wohlgefallen und Überraschung
Die gebildeten Äußerungen des Knaben der freundliche Scherz des geistreichen
plötzlich so fein und unterrichtet sich ausdrückenden Vaters erfreute ihn
innigst
Der Träumer trifft dich Vater sagte jetzt Selmar ließ den unruhig
zappelnden Bello wieder laufen und hüpfte zu Ackermann heran ihn zärtlich
umfangend
Wie so mich
Er trifft dich Vater Besinne dich nur auf Gestern Erst wolltest du nicht
hinauf aufs Schloss weil du wohl dachtest da fallen mir all die schönen
Märchen und Geschichten ein mit denen du und die Mutter mich in der langen
trüben Regenzeit in Kolumbia unterhieltest Weißt du noch die Sagen vom Kynast
vom Falkenstein vom Kyffhäuser und vom Drachenfels Immer zanktest du wenn die
Mutter von diesen Geschichten anfing und sagtest Lass das dumme europäische
Zeug Wenn aber die Mutter doch erzählte und nicht recht weiter konnte oder eine
Sage nicht mehr recht im Zusammenhange wusste fielst du ein und erzähltest mehr
als sie
Ja ja Aber oben was ist oben auf dem Schloss gewesen
Verstell dich nicht Wie du oben an dem Schloss warst rührte dich
Alles der kleine Pavillon im Garten die Grotte die kleinen Wasserfälle die
du um nur spotten zu können kleine FingerhutNiagaras nanntest Und mit der
alten Beschliesserin und dem weisshaarigen Gärtner mit dem besonders hast du
gesprochen als wenn sie Kuno und Kunigunde hießen und seit tausend Jahren da
wohnten
Brigitte heißt die Alte Kind Das ist ein ganz romantischer Name Aber du
irrst mein Junge die taten mirs nicht an Jedes dritte Wort war ein
Bibelvers Das können wir in Philadelphia auch haben Ja Das wars was mich
ergriff Kind die Erinnerung an Philadelphia
O du entkommst mir nicht sagte der liebliche Knabe immer zärtlich und dem
Vater so treu ins Auge blickend dass im Vaterauge wirklich eine Träne der
Rührung quoll gestern hast du beim Anblick des Schlosses oben eher an die
Hängematte eines Negers gedacht als bei den beiden alten Leuten die es hüten
an Philadelphia
Junge was soll der Herr da von deinem Geschmack denken Das alte
RococoMöbel im Kommodenstyl Wie kann uns das an deutsche Sagen erinnern
Erzähltest du nicht von der alten Geschichte des Hauses Hohenberg Und von
den Grafen Bury die mit ihm verwandt sein sollten Und dir gefiel auch das alte
Möbel mit seinem geschnörkelten Eisengitter den vergoldeten Namenszügen und den
wunderlichen Fratzen über den Fenstern Und wie du erst hineintratest in den
Hof oben war bunte fröhliche Gesellschaft da schautest du in die Fenster so
nachdenklich so feierlich als wolltest du dir schon die Stelle aussuchen wo
du deine Bücher hinstellen könntest hier die deutschen da die englischen und
französischen und wie du hinaufblicktest auf die Krone die über dem Giebel des
Portales schwebte da dachtest du dir gewiss da setz ich meinen durchbrochenen
Himmelsglobus hin und betrachte mir von seinem Innern aus in schönen
Winternächten die Sterne
Wenn keine Krähen drin nisten sagte Ackermann und fuhr nach einer Weile
fort Du bist ein Phantast Man sieht dass du von deutschen Eltern stammst und
deutsche Eltern ihre eigne Heimatssehnsucht in dich hineingeseufzt haben Im
Gegenteil Ich habe Mitleid mit Denen die sich da oben hinpflanzten und
Einsiedler sein wollten Reuige Menschen zogen oft in die Wüste aber sie nahmen
keinen Spiegel mit der dazu dienen sollte sich doch immer noch selbst nicht zu
vergessen Taten sie es wie Timon der Menschenhasser so wollten sie im
Spiegel nur ihren Verfall ihr Elend erblicken Der Ort da oben kommt mir wie
ein Spiegel vor in dem eine Büsserin beschaut wie sie bei aller Reue sich doch
noch immer schön ausnimmt
Die Bewohnerin des Schlosses sagte Dankmar war die Fürstin Amanda von
Hohenberg
Ich weiß es bemerkte Ackermann ernst und mit auffallender Bestimmtheit
Sie wurde fromm fuhr Dankmar fort als sie sich unglücklich fühlte und
keine irdische Rettung mehr kannte Ihr Gatte trug einen berühmten Namen ohne
Würde Er verschleuderte sein Vermögen Die Arme ließ nichts zurück als ein
gesegnetes Andenken und einen Sohn der wenn ich nicht sehr irre gelernt hat
irdische Auszeichnungen entbehren
Dankmar sprach diese Worte mit fester und doch bewegter Stimme Er hatte
eine so tiefe Achtung vor seinem Reisebegleiter in der Blouse gewonnen dass er
glaubte hier für ihn einstehen zu müssen wo seiner unglücklichen Mutter
vorgeworfen wurde sie hätte mit ihrer Frömmigkeit es doch wohl nur auf die
hergebrachte weibliche Eitelkeit wenn auch in andrer Form abgesehen gehabt und
es wäre ihre Reue von Selbstzufriedenheit begleitet gewesen
Ackermann wandte sich auf diese Worte plötzlich blieb einen Augenblick
stehen und sah Dankmarn mit fragendem Ernste an
Kennen Sie den Prinzen Egon sagte er hochrot erglühend
Ich kenne ihn erwiderte Dankmar mit einer Erregung die ihm gleichfalls in
die Wangen stieg Ich verbürge mich für ihn setzte er entschieden hinzu
Es kennt ihn hier Niemand sagte Ackermann es kannte ihn in der Residenz
Niemand er lebte in Paris und Sie kennen ihn
Ich kenne ihn erwiderte Dankmar bestimmt und war fast entschlossen
abzubrechen und umzukehren
Ackermann schwieg betroffen wie es schien und seine Anklage bereuend Er
wandte sich wie in tiefes Nachdenken verfallen zu dem jungen Zeck der mit
schwerem plumpem Gang voranschritt und einmal über das Andere für sich über das
Glück seines Vaters und seiner Tante in sich hinein lachte Die für die Letztere
bestimmten Goldstücke musste Ackermann in der weiten Brusttasche tragen denn mit
stierer Neugier und einem gewissen vertraulichen Zublinzeln zu dieser Stelle
schien der Taube sagen zu wollen Nicht wahr da steckt das Geld für die Tante
Nur zu Dankmarn wandte er sich dann wieder mit mistrauischer Furcht und
betrachtete ihn noch ängstlicher als gestern schon wo er sich als Eigentümer
des an ihrer Schmiede verlorenen Schreines zu erkennen gegeben hatte
Selmar blieb bei Dankmarn zurück
Es scheint sagte Dankmar als wenn ihr Beide du und dein strenger Vater
im Streite wäret wo ihr künftig leben solltet hier oder wieder drüben jenseit
des Meeres
Das eben ist es sagte der Knabe
Der Vater muss eine üble Meinung von Europa haben Ich hörte es an der
heftigen Anklage gegen die frömmelnde Fürstin Amanda
Er war gestern anders Sonderbar
Kannte er sie
Die Fürstin Amanda sagte der Knabe erstaunend Ich glaube nein
Ist der Vater reich so sollte er diese Besitzung kaufen Sie ist zu
haben
Ja zu haben rief der Knabe lachend und schüttelte den Kopf als glaubte er
dazu gehörten Millionen
Dann fuhr er fort
Nein nein Der Vater kämpft mit sich was er mehr lieben soll die alte
oder die neue Welt Erst zog es ihn mit so großer Gewalt nach Europa zurück er
traf alle Einrichtungen nie wieder zu kommen ließ Haus und Hof in getreuen
Händen die im Fall er nicht wiederkäme ihm dafür den baaren Betrag einer
ansehnlichen Kaufsumme schicken wollen und nun gefällt ihm ja das alte
Heimatland nicht mehr Jede Gegend die er von früher sieht erweckt ihm
traurige Erinnerungen und während er so rüstig so gesund und sonst so heiter
ist ruft er hier überall aus Ich bin alt geworden alt und blickt dabei
so wehmütig gen Himmel dass ich weinen möchte
Selmar weinte
Armes Kind sagte Dankmar den Knaben tröstend Und dir geht es umgekehrt
Dir gefällt die Heimat deiner Mutter Dich kann ein Land nicht befriedigen wo
wie in Missouri noch Sklaven dem Boden seine Erzeugnisse abgewinnen Dich reizt
das Gewühl unserer Städte die bunte Mannigfaltigkeit unserer Bestrebungen die
Verschiedenheit der Sprachen der Luxus die Pracht der Lebensweise die schönen
Krieger in glänzenden Uniformen nicht so
Selmar wurde über und über rot und lachte plötzlich
Ei bewahre sagte er endlich ganz verschämt
Doch doch fuhr Dankmar fort Das ists was dich fesselt Für ein so
schönes Schauspiel wie bei uns eine Heerschau der buntgeschmückten Krieger in
funkelnden Waffen und bei kriegerischen Klängen gibst du noch Amerikas ganze
Freiheit hin alles das was ohne Zweifel die wahre Fessel ist die den Vater an
Amerika kettet denn aus seinen Äußerungen über das Schloss dort oben seh ich
dass er die Wahrheit und das Licht der Vernunft liebt
O gewiss Wahrheit und Vernunft liebt der Vater sagte Selmar mit leuchtenden
Augen Dann fuhr er fort
Glaubt nur nicht dass ich kein Herz für die Größe der Union habe und die
freie Staatsform in der wir leben geringschätze Indessen
Warum stockst du
Ich will es auch nur aufrichtig sagen fuhr Selmar mit herzlicher Innigkeit
fort An dieser Lust die ich empfinde Europa und Deutschland zu sehen ist die
Mutter Schuld Sie schläft drüben in amerikanischer Erde Aber ihre Seele wenn
es Gott gestattet dass sie zuweilen noch auf Erden weilen darf würde am
glücklichsten sich fühlen dürfte sie hier weilen unter den deutschen Eichen
Sie umschwebt uns gewiss überall wo wir weilen werden und zögen wir in die
Wildnisse Asiens Aber das reinste und schönste Opfer das man ihr bringen kann
wäre das wenn wir da lebten wo ihr Geist auch die Andern noch umschweben kann
die sie hier liebte und verließ als sie nach Amerika zog
Dankmar empfand diese schlicht vorgetragenen tief empfundenen Worte in
ihrer ganzen Wahrheit Er sah im Geist die Mutter dieses Knaben sich trennen von
denen die ihr hier nächst dem Gatten das Liebste waren und mit halbgebrochenem
Herzen in das ferne Land dem noch jetzt schönen edlen Manne folgen der da vor
ihm herschritt mit eben ergrauendem Haare noch stolz und männlich Er konnte
nachfühlen wie hier ein Kinderherz früh geteilt war zwischen dem was den
Vater beglückte und dem was die Sehnsucht der Mutter war Vielleicht lebten
hier noch viele Menschen denen Selmar die Züge der frühvollendeten Mutter
zurückrufen sollte vielleicht sollte dieser Knabe ihnen Ersatz für Das werden
was sie an ihr selbst verloren
Um der wehmütigen Stimmung Selmars keine neue Nahrung zu geben lenkte
Dankmar das Gespräch darauf hinüber dass er sagte
Ich kann mir denken was die gute Mutter von Europa Alles mag erzählt haben
und wie das früh in deinem Kopf gezündet hat Hättest du in NewYork gelebt
würde das Geräusch einer großen Weltstadt auch nicht den Drang nach der Ferne so
mächtig in dir haben aufkommen lassen aber eine solche kleine Niederlassung am
Missouri unter Urwäldern und Prairien Da mag es melancholisch genug sein und
ich kann mir denken die Sagen vom Kynast und Drachenfels die dir in der trüben
Regenzeit erzählt wurden kamen nicht vom Vater
Nein fiel der Knabe ein die kamen von der Mutter der guten Mutter Sie
war nur Liebe und Güte
Wie hieß sie sagte Dankmar und dachte dabei nur an ihren Vornamen
Der Knabe errötete fast erschreckend Er tat als hätte er die Frage
überhört und machte sich mit den Sträuchern am Wege zu schaffen von denen er
einen kleinen Zweig abbrach
Dankmar nahm das Nichtbeantworten seiner Frage für zufällig Nur dass der
Knabe zum Vater hinsprang und er allein blieb wie Einer der nicht zu den
Andern gehörte und sich doch wohl nur als einen Aufdringling betrachten müsse
war ihm peinlich Er blieb stehen und hätte die Fremden vielleicht ohne Abschied
gehen lassen wenn sich nicht Ackermann umgewandt und auf ein kleines Haus in
einem grünen Talgrunde der abwärts vom Walde nun in die Tiefe ging aber rings
vom Walde noch eingeschlossen blieb gezeigt hätte mit den Worten
Da ist das Jägerhaus
Offenbar wollte er sagen Sie begleiten uns doch
Aber Dankmar fühlte etwas was ihm zuflüsterte Das Geschäft dieses Mannes
im Jägerhause ist wohl so eigener Art dass du nur ein unwillkommener Zeuge sein
würdest Er sagte daher kürzer und fast schroffer als er wollte
Entschuldigen Sie meine Begleitung Ich konnte dem lockenden Walde nicht
widerstehen
Damit lüftete er den Hut und nickte dem Knaben der nachdenklich und wie
eingewurzelt stand ein freundliches Adieu zu
Auch Ackermann schien betroffen wandte sich aber
Lästig war das erneute garstige Bellen des Hundes der seinen Namen »Bello«
von der Schönheit seines Äußeren weit weniger als vom Bellen verdiente Während
Dankmar ihn zur Ruhe bedeutete gingen die Wanderer schon weiter ohne sich
anfangs nach ihm umzublicken Nur Selmar als sie im Grunde waren tat es noch
zuweilen aber wie verstohlen Dankmars Augen waren scharf genug noch einige
Zeit zu verfolgen wie traurig dabei des Knaben Miene schien und dass beide stumm
nebeneinandergingen
Warum folgst du nicht schienen ihre Augen sagen zu wollen und Dankmar sagte
sich selbst Warum folgst du nicht
Der Weg der zum Jägerhause führte erstreckte sich ziemlich lang am Rande
des Waldes und der Wiese hin die rings vom Walde eingeschlossen war und zu
abschüssig ging als dass man quer über sie hätte hinwegschreiten können Dankmar
stand an einem alten Eichenbaum und sah die Arme verschränkend dem Amerikaner
und seinem Sohne nach
Was zieht mich euch Beiden nach sagte er sich dir du strenger Mann und dir
du holder Knabe Ist es die wunderbare ferne Welt aus der ihr wiederkehrt und
die vielleicht auch einst nur das Land sein wird wo meine Träume reifen können
Warum trennen wir uns da wir uns kaum begrüßten Warum kann ich nicht gleich
tief in deine Seele und dein ganzes Leben greifen tüchtiger Mann der du gewiss
von deinen eigenen verzweifelten Stunden her Timon den Menschenhasser kennst und
den Spiegel kennst in dem er sich selbst anredete und die Menschen verfluchte
Warum hab ich nun kein Zeichen das dir gleich gesagt hätte Ich fühle
Ehrfurcht vor deinem Antlitz deinem Auge deinem leise angegrauten Haar Wenn
ich dich selbst nicht lieben könnte so lieb ich dich in deinem Sohn Ich weiß
es schon du Kräftiger dass in dir Gedanken leben die höher hinaufweisen als
die gewöhnlichen Wegweiser unserer grauen Theorie Du hast nachgedacht du hast
gefühlt gelebt geliebt Ich weiß schon Alles Ein Weib folgte dir und
vergaß ihre Tränen in deinen Umarmungen und dies Kind ist das Unterpfand dieses
Schmerzes das Denkmal einer Liebe die sich noch im Tode bewährte und die
du selber ehrst sonst würdest du nicht dies Europa wiedersehen wollen dies
Land das dich doch sicher denn du heissest schwerlich so wie du dich nennst
von seinem Herzen stieß Wo kann ich dir wieder begegnen edler Mann Wo mich
an deiner starken Hand führen Nie also nirgends mehr Das wäre so verloren
Und warum verloren Weil du die Menschen vielleicht hassest wie Timon Nein
Weil du mich für einen gedankenlosen Dieb deiner Zeit hältst der nichts kann
als fremde Menschen belästigen und zwecklos ausfragen Ich missfiel dir du
kennst mich nicht Warum ist nun kein Wort möglich das mit einem Hauche sagt
Hier ist auch ein Mensch ringend wie du einst gerungen hast ein Mensch ohne
Ehrgeiz für sich aber voll Ehrgeiz für das Allgemeine Das Allgemeine Ja das
Allgemeine Das nicht Einen nein Tausende Hunderttausende Gleichgesinnter
braucht Sind wir beide gleichgesinnt Warum erkennen wir uns nicht Die
Freimaurer erkennen sich
Gerechter Gott und was drückt das aus ein Freimaurer Wenig genug wenn
man Lessings Geständnisse liest Und doch grüßen sie sich geheim wie mit einem
Gruße in der Wildnis Man ist mit diesem Gruße nicht mehr dunkel über sich man
hat doch Eins gemein Eins das Gefühl der Brüderlichkeit so misbraucht es auch
wird und so lästig es dem sein muss der das Zeichen dem erwidern soll der ihm
gleich beim ersten Blicke misfällt Aber was führt die Männer die sich gefallen
sollten zusammen Wer lässt den Geist den Geist erkennen Was kürzt uns durch
einen einzigen Blick den langen Umweg ab den wir brauchen um die die uns
gleichgesinnt sind erst zu erkennen ach wo anders erkennen wir uns als
auf dem Schlachtfelde in den Gefängnissen im Grabe
Dankmar blickte auf Der Knabe hatte noch einmal zu ihm herübergeschaut wie
mit traurigem Vorwurfe
Um sich einem Anblick zu entziehen der ihn zu heftig bewegte trat Dankmar
zurück und warf sich ins Gras unter einem Haselstrauche den die dichten Zweige
der etwas entfernteren Eiche noch beschatteten
Er spann die Gedankenreihe aus in der wir ihn schon so oft am meisten nach
Schlurcks Äußerungen über den Reubund belauscht haben und die das merken wir
nun wohl mit seinem glücklichen Funde in Angerode zusammenhing Er
vergegenwärtigte sich die alten Zeiten wo das Christentum ganz allein die
Stelle solcher neuernden Begriffe vertrat wie sie jetzt die Menschheit
beherrschen Er sah die damalige Bildung die christliche da nicht dem Zufalle
preisgegeben sondern in der Obhut eines gewissen gegliederten Kastengeistes
den sogleich die Verbrüderungen die Herbergen die Agapen und dann die
Mönchsorden vertraten In den Ritterorden erblickte er dann die Beseitigung der
Gefahren die das alleinige Vorrecht des geistlichen Standes an der Verwaltung
der Ideen mit sich bringen konnte wenn es ausschließlich wurde Die Orden waren
Jedem zugänglich selbst Ungelehrten und unadlig Gebornen Wenn er dann die rege
Betriebsamkeit eines gemeinschaftlichen Wirkens und die sichere Anlehnung an
Gleichgesinnte die man durch äußere Kennzeichen in der ganzen damaligen
christlichen Welt antreffen konnte bewundern musste so flößte ihm vollends die
feine und durchdachte Gliederung besonders des späteren Jesuitenordens als Form
als kunstmässig angelegter Bund die größte Achtung ein
Warum geht bei uns Alles so in der Irre dachte er sich Warum gruppirt man
sich nur in losen Vereinen ohne Form und dauernde Haltung Warum verschwört man
sich nur blindlings mit abenteuerlichen leicht entüllten Masken Wer uns
eine Stiftung brächte die unabhängig von jeder zunächst auf der Tagesordnung
stehenden Frage nur die Verständigung über sie im Allgemeinen die Einigung über
die ersten Grundsätze erleichterte Wer uns etwas ersänne das wie ein
elektrischer Schlag Jeden träfe der mit uns in einem geistigen Rapport steht
und uns dann immerhin so ganz zufällig begegnete Man würde sich gleich
erkennen Wie würde man seine Erfahrungen austauschen wie würde man sich zu
einem geordneten sicheren System des Handelns rascher vereinigen So viel
Verstand und keine Verständigung
Und wenn sich Dankmar dann gestehen musste dass alle die die etwas Großes in
dieser materiellen Welt dauernd behaupten wollen Mittel besitzen müssen um die
Zweifelnden und Lässigen zu ermuntern und das Beispiel der Entbehrung das so
Mancher in seiner Grossherzigkeit gibt für die Andern auch nicht gar zu
abschreckend zu machen so gedachte er der Papiere die er in jenem Schreine
gefunden hatte Eine alte Überlieferung seiner einst angesehenen Familie hatte
sich plötzlich in eine mit Händen zu greifende Wahrheit verwandelt Die
Vergangenheit ragte in die Gegenwart mit Wurzeln herein die in einem gesitteten
Rechtsstaate wirklich noch festen Boden gewinnen keimen ausschlagen blühen
konnten Er hatte die Mittel in Händen einer seit zwei Jahrhunderten
schwebenden Verhandlung über ein immer größer angewachsenes Vermögen von Häusern
und Grundbesitzungen eine neue Diversion zu geben die sich auf die Annahme
gründete Wenn der Staat begonnen hat jene Verlassenschaft die Jahrhunderte
lang gleichsam herrenlos war für sich in Anspruch zu nehmen und den
gegenwärtigen Nutzniessern zu entziehen warum kann sich nicht mit den sichersten
und festbeglaubigten Urkunden ein Mitkämpfer um das gleiche Ziel ihm zur Seite
stellen und Alles das was Jener zur Begründung seiner Ansprüche mühsam und aus
Zwangssätzen der Gewalt zusammenstellt mit weit größerem Fug und Recht aus
verbrieften historischen Tatsachen herleiten
Wer weiß fuhr er innerlichst zu erwägen fort ob in jenem Processe dessen
inneres Getriebe mir bald kein Geheimnis mehr sein soll nicht Assertionen genug
vorkommen die mir unbewusst über das was noch sonst dem eingebildeten
Entwickelungsgange dieses Processes einen plötzlichen Umschlag geben könnte
meinen Wettlauf mit dem Staate und jener großen mächtigen von Schlurck
verteidigten Kommune erleichtern
Und so gewaltig ergriff ihn jetzt die Aufgabe die er sich gestellt hatte
und die er nicht zu seinem Vorteil sondern in der Tat zur Durchführung einer
großen socialen Idee lösen wollte dass ihn nun eine namenlose Angst überfiel
welches Schicksal die in Schlurcks Händen befindlichen Papiere treffen könnte
Mit dem Entschlusse jetzt unmittelbar nach der Residenz zurückzueilen
sprang er auf warf um nicht gefesselt zu werden keinen Blick mehr nach dem
grünen Plane und dem Jägerhause zurück sondern lief fast mit beflügelter Eile
denselben Weg zurück den er eben neben dem Knaben so gemütlich geschlendert
war
Bello konnte auf seinem lahmen Beine kaum folgen Dankmar rief feuerte ihn
an und trieb zur Eile Da grüßte ihn ein freundliches Wort aus dem Busch
Ein Bekannter hielt ihn an der eben aus einem Seitenwege des Waldes trat und
plötzlich ihn fast erschreckend vor ihm stand Es war der Jäger Heunisch
Drittes Kapitel
Das Jägerhaus
Heunisch die Büchse auf dem Rücken eine sorgfältig geschlossene Pfeife im
Munde schien so eben nach seiner Wohnung einlenken zu wollen Er erkannte in
Dankmarn sogleich jenen jungen Mann dem er gestern früh auf dem Gelben Hirsch
während es so heftig regnete von alten und jungen Zeiten auf Schloss Hohenberg
hatte erzählen müssen Seinen freundlichen Gruß erwiderte Dankmar mit den
Worten
Eilen Sie dass Sie nach Hause kommen Sie haben Besuch
Ich erfuhr es schon in Plessen sagte der Jäger Wie ich in der Schmiede
vorsprach sagte mirs der alte Zeck Wenn die Ursula so ins Feuer gerät über
den amerikanischen Besuch wie ihr blinder Bruder der wie närrisch herumtastete
und herumgrabbelte so muss es ein sehr naher Freund zu ihr sein
Oder er bringt Grüße von einem Freunde aus Amerika bemerkte Dankmar der es
vorzog das wie es schien dem Förster unbekannte Geheimnis der Erbschaft zu
verschweigen
Auch möglich sagte der Jäger Die Zecks sind alle heimlich
Heimlich fragte Dankmar Was verstehen Sie unter heimlich
Dankmar hätte sie lieber unheimlich genannt
Nun sagte der Jäger Es soll mir nicht einfallen diesen Leuten etwas
Schlimmes nachzusagen sie stehen in bravem Rufe und gehörten früher auch zu den
Frommen die die hochselige Fürstin beschützt hat Aber es kommt mir mit ihnen
vor wie mit einem zugegrabenen Brunnen oder einem ausgetrockneten Teich Man
kann nicht darüber gehen ohne dass es einem immer ist als könnte da wieder
einmal Wasser zum Vorschein kommen
Wir nennen das sagte nun Dankmar unheimlich Sie nennens heimlich Worin
finden Sie denn dass diese Familie etwas Verstecktes und Unzuverlässiges hat
Der Jäger kratzte sich hinterm Ohre und erbot sich Dankmarn der eine kaum
angerauchte Zigarre mechanisch in der Hand hielt Feuer anzuschlagen wenns
auch wie er sagte eigentlich nicht gestattet wäre im Walde Zigarren zu
rauchen
Dann lassen Sies sagte Dankmar
Aber der Jäger meinte
Ach was Wie lange wirds dauern so lassen die oben doch all die Stämme
hier abhauen um zu Gelde zu kommen So oder so setzte er lachend
hinzu
Und so rauchte Dankmar die Zigarre an des Jägers geöffnetem Pfeifendeckel
an Den Deckel dann in Erwägung der Waldordnung kräftig zuschlagend und selbst
durch einige Züge sein gelbes Kraut wieder lebhafter anglimmend fuhr der Jäger
fort
Die Zecks in der Schmiede gelten für ehrliche Leute und sinds auch aber
sie kommen Manchem vor wie Welche die mit einem Strick am Halse leben Drossel
auf dem Gelben Hirsch sagte noch vor Kurzem er hätte immer gehört wenn ein
Vornehmer mal einen Knecht erschlägt so kann er sich vom Galgen loskaufen
durch eine runde Summe aber auf den Boden stellt ihm die Justiz auch was Rundes
hin nämlichs Rad damit er immer einen Augenspiegel in der Nähe hat Obs wahr
ist weiß ich nicht Aber der alte Zeck kommt Manchem vor wie Einer der aufm
Boden auch so sein Rad stehen hat Von meiner alten Ursula gar nicht zu reden
die die Leute eine Hexe nennen Aber die Leute sind närrischer als sie
Wie kommt denn Zecks Schwester in Ihre Jägerwohnung fragte Dankmar den
eigentlich der Rückblick auf Ackermann und Selmar fesselte
Ei sie war ja meines Vorgängers Frau sagte der Jäger Ich habe sie ja mit
übernehmen müssen als ich vor Jahren hier in den Posten kam Damals warf sich
ja die Alte auch auf die Frömmigkeit um die Fürstin zu rühren Und so kams
auch Heunisch sagte die Fürstin Gott hab sie wirklich selig es konnte
Jeder der die Augen verdrehte mit ihr machen was er wollte Heunisch sagte
sie Ihr seid mir gut empfohlen worden und der Fürst hat nichts dagegen dass ich
Euch Marzahns Stelle gebe Marzahn hieß der frühere Förster mein Vorgänger
aber sagte die Fürstin Ihr seid jung und rüstig damals war ichs mehr als
jetzt und die Marzahn bleibt in dem Hause bis an ihr Ende Sie können sich
denken Herr was ich für ein Gesicht dazu schnitt Ich wollte mich just
verheiraten und die Ursula Marzahn hieß es ist von jeher ein Drache voll Gift
und Bosheit gewesen Ich sagts auch der Fürstin Gott hab sie selig
Durchlaucht sagt ich die Marzahn Und mehr braucht ich eigentlich
garnicht zu sagen denn sie musste es gleich fühlen dass das so viel hieß als in
einen Turm geworfen werden wo unten nichts als Kröten und Schlangen sind
Nämlich die dummen Leute hatten der Urschel den Ruf gemacht Sie kam schon
ziemlich bejahrt mit dem ewig betrunkenen Marzahn hier an mit dem sie anfangs
wild gelebt hatte und erst verheiratet wurde als er den Posten bekam Der alte
Sägemüller im Gebirg auch der reiche Sandrart den ich manchmal im Ullagrund
besuche ein stattlicher aber grober Bauer haben mir Teufelsdinge erzählt
wie die Urschel anfangs hier auftrat Sie war schon fast an die Funfzig und soll
früher bei einem Scharfrichter gedient haben von dem sie Doctorei mit Vieh
aber auch mit Menschen gelernt hat Genug von ihren jungen Jahren weiß man
nichts als dass sie bei dem Doctor Lehmann so hieß der Scharfrichter von dem
Sie wohl gehört haben
Ich kann nicht sagen bemerkte Dankmar lachend
Bei dem der meilenweit immer verschrieben wurde fuhr Heunisch fort
Verschrieben
Zu den Armensünderfrühstücken Herr Nun bei dem hat sie ja gedient und war
dann an den Marzahn einen ausgedienten Soldaten gekommen und mit ihm hierher
Wie sie eine Weile im Walde war kam auch der Bruder nach der auch mit Vieh
Doctorei treibt
Dankmar musste zur Bestätigung auf seinen schlechtgeheilten Bello sehen der
sich mit dem Hunde des Jägers zu vertragen schien und ruhig neben diesem
aushielt
Genug sagte Heunisch Marzahn starb bald was kein Wunder war
Ich will hoffen bemerkte Dankmar lächelnd dass seine Frau die Ihr wie ein
Gespenst schildert ihm keinen Trank eingerührt hat
Keinen Trank sagte Heunisch der die Redseligkeit selbst war Trank genug
Er trank den ganzen Tag Ursula hatte schlimme Tage bei ihm sie hats in
Geduld ertragen Die Urschel kennen die Menschen gar nicht
Ihr müsst einen Schatz an ihr haben dass Ihr so allein mit ihr leben könnt
und sie verteidigt
Ich sage Ihnen Herr die Urschel ist bei alledem treu wie Gold In jungen
Jahren soll sies arg mit Männern gehabt haben aber seit sie alt geworden ist
Hoffentlich auch seit sie der schreckliche Doctor Lehmann in der Cur gehabt
hat
Davon weiß ich nichts Ich sage Ihnen aber sie hat an dem Marzahn der sie
schlug und mit Füßen trat wie ein Kind gehangen
Kätchen von Heilbronn unterm Galgen
Nicht von Heilbronn Herr und Ursula Ursula Nicht Kätchen
Ich verstehe Aber ich kann mir schon denken Ihr habt die Ursula bei Eurem
Försterposten als Inventarium oder sogenanntes »eisernes Vieh« wie wir Juristen
sagen mit in Kauf nehmen müssen
Beinahe so lachte der Förster Heunisch sagte die Fürstin ich weiß was
Ihr sagen wollt aber die Marzahn ist durch den Tod ihres Mannes erleuchtet
geworden und der Erlöser ist ihr im rechten Lichte aufgegangen und was solche
schöne Sachen mehr sind die aber bei der Marzahn wer sie nämlich kannte
eigentlich zum Lachen waren Jetzt will ich Ihnen nur sagen bester Herr
Ich wollte nämlich heiraten und nahm die Stelle und auch weils nicht anders
ging die Marzahn mit Und wie gesagt sie war eigentlich bei alledem eine
charmante Person Sie wollte sich auf ein einziges Zimmer einrichten und sie
tats auch ganz bescheiden bei alledem
Bei alledem
Ja bei alledem Ich dachte sie macht nicht lange aber wer starb war
nicht die Alte wer starb war Doch was halt ich Sie da auf guten
Morgen Herr Guten Morgen
Dankmar fand an dem treuherzigen Manne Gefallen und bat ihn doch
fortzufahren
Nun wer starb war meine Braut und als ich nach drei Jahren wieder ein
nett Mädchen kennen lernte wer da wieder starb war wieder meine Braut und
Das überwand ich seit vierzehn Jahren und nun bin ich zweiundfunfzig Man
siehts mir nicht an gelt Aber ich bins Und die Ursula Marzahn hustet und
hustet und ächzt und stöhnt und ist jetzt dreiundsiebzig Jahre und sie ist bei
mir geblieben und was die Leute reden
Was reden die Leute fragte Dankmar den Jäger der nun gehen wollte
Ich sag immer der Mensch soll leben als ging er grade der Nase lang
sagte Heunisch und steckte die Pfeife ein die ihm ausgegangen war
Schlecht und recht meint Ihr
Das zuerst und dann nicht links nicht rechts sehen und sich kümmern was
wohl Alles an Dem sein möchte
Die Wahrheit fliehen Heunisch Den Glauben teil ich nicht Was sagen
die Leute
Es ist besser Herr Ich habs auch der Fränz geschrieben die mir einmal
Etwas von dem seligen Fürsten klagte Kind schrieb ich ihr lass die
Nachforschung und tu deine Arbeit ohne Nachdenken
Dankmar mochte nicht weiter forschen erstaunte aber über des Jägers
plötzlich bleicher gewordenes Antlitz
Ich halt Euch auf sagte er
Nein nein meinte Heunisch ich plaudere mit Ihnen aus dem nämlichen Grund
Ich mag nämlich gar nicht in mein Haus solange die Fremden da sind Ich dränge
mich nicht in die Heimlichkeiten der Ursula
Ihr habt viel Zartgefühl Heunisch
Nennen Sie Das so Es könnte vielleicht auch anders heißen
Nichts Schlimmeres aber Ihr seid die Rücksicht selbst
Doch doch Nennen Sies nur Furcht
Furcht
Furcht Das zu wissen was Eins besser nicht weiß
Wie Heunisch diese Worte sprach stand er nachdenklich und blickte mit
starrem Auge bei Seite
Was ist Ihnen Heunisch fragte Dankmar erschrocken über des Mannes
nachdenklichen Zustand Es steigen Ihnen unfreundliche Erinnerungen auf
Ja ja Aber lassen Sie nur bester Herr sagte Heunisch fast tonlos Ich
habe an meine erste Braut gedacht und an die zweite ich kanns ja allein hier
bedenken an dem alten Doppelbaum der in zwei Stämmen aufschiessen wollte und in
beiden verdorrt ist Gehen Sie nur weiter Ich mag nicht nach Hause ich setze
mich so lange daher
Dankmar legte dem bewegten Jäger die Hand auf die Schulter und sagte
Ihr denkt Eurer beiden Verlobten Beide starben Beklagenswerter Mann Und
Ihr musstet ein Ungetüm neben Euch dulden das Euch Eure einsamen Tage zu einer
ewigen Folter machte Habt Ihr Das ertragen können
So nicht So nicht bester Herr sagte der Jäger Ihr hörtets ja der
Brunnen ist verschüttet und der Sumpf ist ausgetrocknet Die Ursula hat mich nie
gequält niemals ich müsste lügen Sie hatte einen heftigen rohen Menschen
geheiratet meinen Vorgänger den Marzahn Der schlug sie und sie duldete das
Als er starb es war ein noch junger Kerl aber er hatte sich dem Trunk ergeben
und ging vor der Zeit hin als er starb hätte sie sich erlöst fühlen sollen
Aber so verblendet war die Narrheit der Frau die über zwanzig Jahre mehr
zählte als ihr Mann dass sie ihn wie eine Verrückte beweinte und damit die
Fürstin rührte dass Die sie wohnen ließ bis ich kam Von Stund an hat sie sich
auf eine kleine Stube die dunkelste beschränkt die ich gar nicht gemocht
hätte weil sie mir vorkommt als müsst es drinnen spuken Sie hat mich
gepflegt wenn ich krank war die Ursula mich bedient wie eine Magd die
Ursula sie hat sollten Sies glauben Herr
Es ist zum Lachen Warum lacht Ihr Heunisch
Ich kanns gar nicht sagen
Wetter Ihr seid ja verschämt wie ein Mädchen
Ich möchte nur wissen ob die Ursula dahintersteckte
Hinter welchem Busch denn
Dass ich sie heiraten sollte Herr
Dankmar wollte lachen und konnte nicht
Mein Seel Kein Spaß Der Blinde der sich nach Marzahns Tode in Plessen
angesiedelt hatte sprach mich darum an ich sollte die Schwester doch heiraten
Hm Und beide Bräute starben Euch vor oder nachher
Vorher Ich lachte bloß und schlugs aus Seitdem sprach der Bruder kein
langes Wort mehr mit mir so oft ich in der Schmiede vorsprach Heute seit
Jahren gönnt er mir einmal wieder die erste Anrede Aber die Ursula nein
nein die konnte von dem tollen Antrag nichts wissen oder sie hat sich damals
ihrer sechszig Jahre geschämt Sie ist freundlich und gut mit mir geblieben ob
ich sie gleich manchmal recht fürchte und ein Grauen vor ihr habe
Dankmar voll Teilnahme meinte
Geht denn doch lieber ins Jägerhaus Wenn Ihr wie andere Menschen seid
freut Ihr Euch gewiss wenn um Euch her Alles heiter und glücklich ist Ursulas
Besuch wird sie überraschen und wenn sie keine Geheimnisse vor Euch hat teilt
sie Euch mit was sie Frohes erlebt hat und erfreut Euch selbst
Nein nein ich bleibe noch fort sagte der Jäger der sich jetzt wieder
erholte und seine Pfeife anzündete Ich will nicht in ihre Karten sehen Darin
liegts gerade was ich heimlich nenne Seitdem mir meine zweite Braut so
plötzlich und so schrecklich starb sie glitt im Gebirge aus und brach sich das
Genick
Um Gottes Willen unterbrach Dankmar
Ja ja Herr die erste
Die Jungfer Drossel auf dem Gelben Hirsch
Ihr erinnert Euch
Starb in den Flammen Das weiß ich schon Aber die zweite
Des Sägemüllers Tochter da oben aus dem Gebirge
Verunglückte so entsetzlich
Brach den Hals
Armer Mann Jetzt begreif ich Eure Liebe zur Fränz in der Stadt
Der Förster schwieg eine Weile schmerzbewegt und fuhr dann fort
Seitdem Herr bin ich eigentlich wenig daheim in meinem Hause wandere
immer hier und dort umher und erfahre oft nichts von Dem was während meiner
Abwesenheit im Jägerhause geschieht Die Ursula ist ganz froh wenn ich komme
denn ich sehs ihr an sie hat in der Zeit dann allerlei Jammer und Not gehabt
wirklich Das hat sie aber wiedererzählt wird nicht Da hab ich dann
schon gesagt Ursel du kommst mir vor als wenn du immer in meiner Abwesenheit
die Geister bei dir tractirtest und mit dem Teufel manchmal lustig zu Nacht
speistest Da sagt sie denn wohl seufzend Hast Recht Junge Ich habe meine
Not Aber dann ist sie still macht ihre Arbeit und ist froh wenns mir nur
schmeckt Straf mich Dieser und Jener ich hätte die Alte in ihren jungen Jahren
wirklich geheiratet denn soll ichs nur gerade heraussagen so glaub ich sie
war trotz ihrer Sechzig in mich verliebt und weiß der Geier sie war auch noch
ganz hübsch und sauber Nun ist sie elend und hinfällig und wird kindisch Ihre
Gespensterseherei macht mir besonders im Winter arg zu schaffen
Dankmar nahm diese letztere Mitteilung fast so scherzend wie sie der Jäger
gab fuhr daher auch in diesem Tone fort und sagte
Nun denn so macht dass Ihr nach Hause kommt Der Besuch aus Amerika ist
kein Gespenst und prüft sie einmal ob sie aufrichtig ist Ihr seid ein so
ehrlicher und biederer Mann dass ich Euch unter dem Siegel der Verschwiegenheit
verrate Der Amerikaner bringt ihr einen Beutel ganz mit Gold gefüllt
Sie spassen sagte der Jäger erstaunt
Ja Heunisch Nach Allem was Ihr mir von diesen Zecks und der Ursula
erzählt habt vom Tode Eurer beiden Bräute und den Gespenstern die diese fromme
Witwe sehen will
Nun was stocken Sie Herr Was sehen Sie mich so groß an
Nach alledem möcht ich doch dass Euer unbefangener offener und gläubiger
Sinn im Jägerhause nicht misbraucht würde Versteht Ihr
Wieso misbraucht Ich verstehe nicht
Dieser Amerikaner brachte dem blinden Zeck eine Summe Goldes die einen
ganzen Tisch bedeckte
Was meinte der Jäger Das müssen ja über tausend Taler sein
Und ebensoviel empfängt jetzt die Schwester Gebt Acht sagte Dankmar ob
sie wahr gegen Euch ist und
Dankmar stockte
Nun da bin ich doch curios Ja ja sie sagte mir heute früh dass ihr etwas
Merkwürdiges bevorsteht
Passt Ihr mehr auf Heunisch Seid nicht so sorglos
Hm Sie hatte die ganze Nacht rumort und mich im Schlafe gestört Die Hunde
bellten Ich sah den Mond so grusselich durch den großen Kastanienbaum scheinen
der vor meiner Schlafkammer steht Es war mir einmal als hört ich die Ursula
hässlich schreien Aber es war wohl nur ein Traum und ohnedies weiß ich ja dass
sie immer laut redet und ganze Nächte in Bewegung ist Wie sie mir das Frühstück
bringt frag ich sie Aber Urschel frag ich sie was war denn Das die Nacht
Hast ja geschrien Und groß mich anglotzend als wär ich ein ganz Anderer als
der fürstlich Hohenbergische Revierjäger Heunisch sagte sie Fritze was hast
du für garstige rote Haare Wenn Das deine Gräfin sieht Ei Mutter sag ich
ich heiße Leberecht Heunisch und meine Haare schimpf mir nicht die haben bei
keiner Gräfin am Feuer gestanden Da kicherte sie und meinte sie hätte in der
Nacht das Fenster aufgemacht und hinaus in den Wald gesehen Da wär ihr
verstorbener Bruder von dem sie oft wie von einem Baron faselt über die grüne
Wiese gegangen ganz wie er noch in seiner Jugend gewesen wäre lang und schlank
und sehr vornehm aber im Gehen hätt er geschlafen sie aber doch artig gegrüßt
und sich dann still ins Gras niedergelegt unter dem Ebereschenbaum der auf der
Wiese steht Und sie wiss es sie erführe nun auch heute was Neues Na sagt
ich Urschel dann will ich hoffen dass es was Rechtes ist Stellen Sie sich
aber Eines vor als ich nachher ausging um in Plessen auf dem Amt Etwas ins
Reine zu bringen seh ich hinüber nach dem Ebereschenbaum den ich lieb habe
weil er im Herbst so prächtige rote Beeren trägt die über die ganze Wiese
leuchten wie Sägemüllers Nantchen ihre roten Ohrbommeln Seh ich ja dass
das Gras wirklich an dem Baume niedergetreten ist gehe hinüber und finde an dem
Baum im Grase die Spur dass hier ein Mensch gelegen hat und noch ganz frisch
ohne Widerrede erst in der letzten Nacht Und dass ich mich wirklich nicht
täusche liegen ja drei vollwichtige neue Spitzkugeln im Grase eingewickelt in
dies Papier Da Ohne Zweifel wars ein Wilddieb und nun will ich meiner Alten
doch sagen dass sie diesmal Menschen und keine Geister gesehen hat und auf der
Hut müssen wir sein so wie so Sehen Sie So was passiert im Walde
Damit wog der Jäger die ziemlich schweren sonderbar geformten nur für eine
eigens eingerichtete Büchse passenden Kugeln
Dankmar nahm die Kugeln und wog sie gleichfalls Sie waren in ein Papier
eingewickelt
Diese Kugeln sind aber sonderbar sagte Dankmar Ich möchte fast glauben
dass es keine Kugeln sondern eher kleine Gewichte sind
Es sind Spitzkugeln ich versichere Sie sagte der Jäger
Indem betrachtete Dankmar das Papier in dem das Blei eingewickelt war Wie
erstaunte er als er in ihm eine Rechnung aus dem Heidekruge erkannte dieselbe
die auf Zehrung für zwei Personen und ein Pferd lautete vom gestrigen Datum
ein Taler acht Groschen
Sonderbar sagte er und war von einer Ahnung ergriffen behalten Sie das
Papier lassen Sie mir die Kugeln
Der Jäger besann sich erst und fragte
Haben Sie denn einen Verdacht
Als Dankmar betroffen das Papier von allen Seiten betrachtete fuhr Heunisch
fort
Ich wollte erst die Kugeln aufs Amt tragen nachher besann ich mich und
dachte du machst dir den Spaß und gibst sie der Urschel als Erinnerung an ihren
rothaarigen Fritze
Lassen Sie mir wenigstens das Papier wiederholte Dankmar
Da Nehmen Sie Beides sagte der Jäger Sie sind ein feiner Kopf Das merk
ich wohl Sind Sie einem Strauchdieb auf der Fährte so vergessen Sie nicht
diese Kugeln lagen in dem Papier und unter dem Ebereschenbaum schlief Einer die
Nacht im Grase Aber mehr können wir nicht bezeugen denn was die Urschel vor
Gericht vorbringen würde wäre gewiss so gräulich dass die Schreiber davon
liefen auch hat sies nicht gern mit dem Amt und geht überhaupt nicht drei
Schritte vor die Tür Also soviel Gold Nun muss ich doch sehen obs die
Amerikaner uns wirklich auch gebracht haben und ob sies mit dem Golde heimlich
hat Einen ganzen Tisch voll Ists auch wahr Sie haben Ihren Spaß mit mir Sie
merken schon ich bin ein bisschen leichtgläubig
Verlassen Sie sich darauf sagte Dankmar
Und wo soll ich Ihnen denn sagen ob die Alte mir den Schatz auch anvertraut
hat
Der Jäger sprach diese Frage mit einem zögernden Ton als wünscht er
Dankmar teilte ihm seinen Namen und die Gelegenheit einer Wiederbegegnung mit
Dankmar aber unterbrach ihn mit den Worten
Noch Eins Sahen Sie Niemanden von meiner Reisegesellschaft
Ihren Kamerad der Sie begleitete den in
In der Blouse
Nein den vorwitzigen Burschen im Gelben Hirsch den Andern
Meinen Kutscher
Wars Ihr Kutscher Das hätt ich wissen sollen
Er sprach Euch nicht angenehm zu Ohre Er ist vorlaut
Wer weiß Wenn er über die Fränz Recht hätte
Beruhigt Euch Er verleumdet gern
Es hat mir die ganze Nacht keine Ruhe gegeben
Die Fränz wird tugendhaft sein
Wenn die Fränz das Kind ist mein Augapfel meine einzige Lebensfreude Es
ist meines Bruders Kind und die Erbin von dem Bischen was ich habe Wenn die
Fränz
Seid doch kein Tor Niemand hat sie verleumdet Und wenn auch der Bursche
verdient keinen Glauben
Dem Jäger funkelten die Augen
Das Mädchen soll zu mir Sie muss aus der Stadt heraus sagte er
Hierher in den Wald
Sie war schon einmal da
Eine Putzmacherin hier unter den Tannen Bei der Ursula Ich wette dass es
ihr nicht bei dem guten Onkel gefallen hat
Das abscheuliche Wort Putzmacherin
Ich denke doch es hieß so
Ja sie schneidert und näht und stutzt Hauben und Hüte
Also
Und hübsch ist sie
Also
Und sie arbeitet bald da bald dort
Also Eine Putzmacherin
Aber rechtschaffen Herr Ein Kind wie ein Engel Ich nahm sie hierher in
den Wald weil böse giftige Menschen ihr nachstellten
Sie nannten ja den alten Fürsten Die Durchlaucht wird doch nicht
Herr wer gibt uns Lohn und Brot Also Kusch Ich nahm sie hier heraus und
sie war so munter anfangs wie da die Eichkätzchen Aber mit der Ursula
Die wurde eifersüchtig
Meinen Sie
Ich denke fast nach dem Frühern zu schließen
Unfriede Jammer und Not gabs Die Fränz fürchtete sich vor der Alten
wurde elend und krank und da gab ich sie in die Stadt zurück
Daran tatet Ihr am besten und ich versichere Euch Fränz Heunisch ist
gewiss eine tugendhafte Putzmacherin die allen ihren Kameradinnen als Muster
aufgestellt werden kann
Sind die so
Ich verspreche Euch Heunisch mich nach ihr zu erkundigen und seid gewiss
ich brauche nur zu horchen was sie für Umgang und allenfalls was für einen
Liebhaber sie hat so weiß man schon
Keinen Liebhaber Ich versichere Sie Herr Keinen Liebhaber
Warum nicht Heunisch Wenns der rechte ist Es gibt tugendhafte
Putzmacherinnen die sich die Männer erst ansehen ehe sie mit ihnen Landpartien
machen Verlasst Euch darauf Ihr verdient es eine brave Nichte zu haben Auf
Wiedersehen Förster Eilt jetzt dass Ihr zur Ursula kommt
Der Jäger Dankmarn freundlich die Hand schüttelnd wandte sich um und ging
mit beschleunigten Schritten vorwärts seinem Hause zu Dankmar aber blieb eine
Weile stehen Er hätte schwören mögen diese Rechnung beträfe nur ihn Hackerten
und das Ross des Pelikanwirts Die Speisen waren nicht genau angegeben sondern
in Bausch und Bogen die ganze Zehrung genommen Der nächtliche Waldbesucher
war doch wohl nur Hackert dessen Spur ihm so ganz entschwunden war Unter
dem Ebereschenbaum hatte er geschlafen Wie kam er zu diesen Kugeln Wie war
es möglich dass ihn diese Ursula als das verjüngte Ebenbild ihres Bruders
erkannte Als einen Verwandten den sie mit Höflichkeit wie etwas Vornehmes
auszeichnete Alle diese Betrachtungen liefen darauf hinaus dass ihm wenn
Hackert in diesem Augenblicke plötzlich aus dem Gebüsch getreten wäre das
Wiederfinden einen nicht eben sehr erfreulichen Eindruck gemacht hätte Dazu die
verworrenen Reden über jene Ursula Zeck über das Unglück vielleicht den
gewaltsamen Tod zweier jungen Mädchen Die Stille des Waldes weckte
Dankmars Phantasie und die unheimlichsten Gestalten umgaukelten den einsamen
Wanderer Erst als er endlich den Weg sich am äußersten Ende lichten sah wurde
ihm freier zu Gemüt und vollends erlöst atmete die Brust erst auf als er
die ihm jetzt doppelt widerwärtige Schmiede vermeidend durch die Gärten von
Plessen über den Mühlbacharm der Ulla in das Wirtshaus zur Krone zurückkehrte
und überall wieder Sorglosigkeit wieder Unschuld wieder ergebene Ruhe aus den
Augen der arbeitenden Männer in den Gärten und der beschäftigten Frauen und
spielenden Kinder ihm entgegenlachte Es war ihm nach der Waldscene wie dem an
Kohlendunst fast Erstickenden der im Nebel und Dampf eines Zimmers nur noch
soviel Kraft besitzt das Fenster aufzureissen und die Frische der reinen Luft in
die sich gewaltsam hebenden Lungen einzuatmen
Die überraschenden Einladungen die er in der Krone nun vorfand konnte er
nicht ahnen Es waren deren zwei Eine ins Schloss und eine zweite merkwürdig
genug in den Turm an dessen Fuße er gestern im Grase träumend gelegen
hatte
Viertes Kapitel
Der Turm
Als sich Dankmar der Krone näherte war es ihm auffallend dass ihm schon in der
Ferne die Wirtsleute winkten und ihm anzudeuten schienen er möchte sein Kommen
beschleunigen
Bello sprang so gut er konnte voraus und nicht wenig erstaunt war Dankmar
schon das Tierchen vom Wirt der Frau Wirtin allen Hausknechten und Mägden
mit einer Art von Feierlichkeit begrüßt zu sehen Wie stieg aber sein Befremden
als man endlich vor ihm selbst die Mütze zog und sich wie vor einem großen Herrn
verneigte Man zeigte ihm nämlich im sonderbarsten Durcheinander zu gleicher
Zeit an dass er aufs Schloss nein riefen Andere die sich neugierig dazu
gesellten in den Turm Was in den Turm sagten Jene wieder ins Schloss
geladen sei
In den Turm Aufs Schloss wiederholte Dankmar befremdet
Einer suchte dem Andern den Rang abzulaufen und ihm zu erzählen wer ihn zu
sprechen wünsche Man konnte dabei kaum begreifen wie ihm die Erläuterung
seiner Einladung in den Turm weit wünschenswerter war und immer wieder fingen
sie von einem kleinen sehr wichtigen Herrn an der eigens vom Schloss
heruntergekommen wäre sich mit der größten Artigkeit nach ihm erkundigt hätte
und ihn bäte heute Mittag mit den gnädigen Herrschaften oben zu speisen Das
war der Inhalt der klaren Rede die sich die Frau Kronenwirtin durch all das
Geschwirre endlich angebahnt hatte
Viel gespannter aber sah Dankmar dabei auf die inzwischen stummen Gruppen
der Umstehenden die ihm von einem auf dem Schloss gefangenen Taugenichts
erzählten der in seiner Todesangst bäte man möchte den jungen fremden Herrn im
Reitrock aus der Krone zu sich ins Gefängnis führen ehe er baumeln müsse
sagten die Leute lachend
Dankmar hatte noch keine Veranlassung gefunden in der Krone seinen Namen zu
nennen aber die Beschreibungen sowohl von Seiten der Schlossbewohner wie von
Seiten des Turmgefangenen trafen so vollkommen auf ihn zu dass es gar keiner
Frage ob man sich auch nicht in seiner Person irre bedurfte sondern seine
eigene Neugier nur zu erwarten hatte wie sich ein so vielfach begehrter Herr in
diesen auf ihn gerichteten Ansprüchen benehmen würde
Dankmar fand zunächst in der Einladung auf dem Schloss zu speisen nichts
als eine freundliche Aufmerksamkeit gegen einen Fremden von dem man vielleicht
so dachte er erfahren hatte dass ihm der Justizrat Schlurck durch das
Überbringen seines verlorenen Schreins einen Dienst den er schon kannte erwies
und dem man für diese angenehme Entdeckung Gelegenheit zu einem Dank für die
ganze Familie geben wollte Aber von einem im Schloss ertappten Diebe zu hören
der ihn sprechen wolle schien ihm selbst in dem höchstwahrscheinlichen Falle
dass Hackert der betroffene Verbrecher wäre weit größerer Aufmerksamkeit wert
Unmutig gedachte er der Möglichkeit über seine Verbindung mit einem ihm
selbst seit Entdeckung der drei Spitzkugeln gefährlich scheinenden Menschen
vor einer umständlichen und in kleinlichen Dingen pedantischen Justiz vernommen
und wohl gar an dem endlichen Beginn seiner Rückreise verhindert zu werden
In dieser seiner verlegenen und unmutigen Stimmung trafen ihn die Worte
eines sich sehr höflich nahenden und von allen Dorfbewohnern mit herabgezogenen
Mützen begrüßten Mannes
Mein Herr schon einmal war ich in der Krone und ich wiederhole jetzt den
mir von der Frau Justizrätin Schlurck gegebenen Auftrag Sie ergebenst zu
bitten heut Mittag oben auf dem Schloss einen Löffel Suppe einzunehmen
Einige Bursche lachten über die sonderbare Zumutung einen so starken
kräftigen jungen Mann nur mit einem einzigen Löffel Suppe bewirten zu wollen
Bartusch denn Dies war der Sprecher fuhr fort
Es ist elf Uhr mein Herr Man speist um Eins Können wir auf die Ehre
rechnen
Dankmar erwiderte leichthin
Mein Herr ich bin hier ohne alle Garderobe und höre auch soeben von einem
Vorfall auf dem Schloss von einer sonderbaren Einladung in den Turm
Erfuhren Sie schon den kleinen Spektakel auf dem Schloss fragte Bartusch
Dankmar von dem Gedanken an Hackert aufs peinlichste berührt konnte seine
Verlegenheit nicht ganz bemeistern und sagte stockend
Ich will hoffen
Der Lärm hat nicht die geringste Unordnung hervorgerufen fiel Bartusch
sogleich ein Se Excellenz der königliche Intendant Herr von Harder zu
Hardenstein ließ einen Fremden verhaften der sich mit sonderbarer
zudringlicher Neugier in der Nähe der Zimmer aufhielt deren Inhalt vom
verstorbenen Fürsten Waldemar von Hohenberg an den Hof abgetreten ist Seine
Diener meinten der Fremde hätte es geradezu auf einen Diebstahl abgesehen
gehabt Und da der Intendant in Erfüllung seiner ihm allerhöchsten Orts
aufgegebenen Pflichten wie weltbekannt sehr streng zu Werke geht so hat man
den Fremden nach einem kurzen Verhör in dem er sich vorläufig für einen
harmlosen Wanderer und einen Tischlergesellen ausgab bis auf Weiteres in den
Turm gesteckt
Einen Tischlergesellen rief Dankmar von einer Ahnung ergriffen Ihn in den
Turm
Ich höre dass der verdächtige Mensch sich auf Sie berufen hat fuhr Bartusch
mit scharf gespjetztem Auge fort Ohne Sie mein Herr zu kennen und zu nennen
bezeichnete er Sie doch als einen wohlwollenden Gönner der ihn gestern in
seinen Wagen aufgenommen und den er in jenen Zimmern oder irgendwo auf dem
Schloss wiederzufinden gehofft hätte
Ich gestehe Ihnen jedoch fuhr Bartusch mit lauerndem Späherblick fort
seine Aussagen liefen dermaßen wirr durcheinander dass man fast glauben möchte
dieser Fremde wäre kein Handwerker sondern vielleicht der Freund der
Reisebegleiter irgend eines im Incognito reisenden
Bartusch zog und blinzelte so eigentümlich dass Dankmar das Incognito nur
auf sich beziehen konnte und daher die Vermutung des alten Schleichers in ihm
wirklich den Prinzen zu treffen nun erst recht dadurch bestätigte dass er
betroffen über die Kühnheit ihn zum Mitschuldigen eines jedenfalls auf dem
Schloss für einen verdächtigen Menschen genommenen Abenteurers zu machen
sagte
Mein Herr Wie kommen Sie
Bartusch fühlte aber sogleich dass er sich nicht gut ausgedrückt hatte wenn
er überhaupt das vermeintliche Incognito des in Dankmar vorausgesetzten Prinzen
Egon schonen wollte Er verbesserte sich daher rasch indem er sagte
Fräulein Melanie die weil wir den Frauen alle Aufregung ersparen wollten
den Arrestanten nicht gesehen erzählte gestern vom Zusammentreffen mit Ihnen im
Walde Sie erwähnte dabei eines Begleiters in blauer Blouse der allerdings
derselbe zu sein scheint den Herr von Harder soeben verhaften ließ
Blaue Blouse sagte in schmerzlicher Verwirrung Dankmar und doch auch von
der Möglichkeit ergriffen dass ihn ein Fremder dupirt hätte Lichtbraunes Haar
Ein Kinnbart fügte Bartusch hinzu wie man ihn nur in Paris zu ziehen
pflegt
Es ist der Prinz rief es in Dankmar mit unwiderstehlicher Gewissheit Seine
Sehnsucht klar zu sehen dem Prinzen beizustehen beflügelte sich jemehr
Bartusch ihm lästig wurde
Werden wir die Ehre haben fragte Dieser lauernd
Ich bin ermüdet entgegnete Dankmar leicht und fast abstoßend Entschuldigen
Sie mich Ich habe früh schon das Lager verlassen einen tüchtigen Spaziergang
gemacht und bitte mich zu entschuldigen ja ja entschuldigen Sie mich
Aber
Mein lieber Herr Sie sehen ja Ich bin gar nicht ausgestattet Besuche bei
Damen zu machen Sowie ich hier bin und stehe
Wozu bedürfte es der Förmlichkeiten sagte Bartusch verschmitzt Ein Mann
von Welt wird aus jeder Hülle erkannt wie ich auch an dem vermeintlichen
Tischler sogleich erkannte dass er wohl der Kammerdiener vielleicht auch der
Freund eines Prinzen sein könnte wenn nämlich das Incognito
Kammerdiener Freund eines Prinzen wiederholte Dankmar von einer Ahnung
ergriffen Wie meinen Sie Das
Wenn nämlich Bitte recht sehr Also Können wir auf die Ehre
rechnen war die Antwort Bartuschs der sich nicht wie man sieht ganz an
Melanies Vorschriften hielt und grade in jene Zeichensprache überging die
Hamlet an Rosenkranz und Gyldenstern so sehr tadelte
Wetter dachte Dankmar bei sich und wandte sich ab wenn man dich wohl gar
selbst für den Prinzen Egon nähme und den Gefangenen für deinen Vertrauten
Und indem er noch darüber nachsann welche Vorteile oder Nachteile für ihn
oder den wahren Prinzen aus einem solchen Misverständnisse entstehen könnten
sammelte sich seine juristische Geistesgegenwart zu einer bedachteren Erklärung
Mein Herr sagte er kurzweg richten Sie der Frau Justizrätin meine
ergebenste Empfehlung und mein Bedauern aus diesen Mittag auf die Ehre
verzichten zu müssen Ich höre von einem Gefangenen der sich auf mich beruft
mich sprechen will Ich bin Dankmar Wildungen Referendar am königlichen
Appellhofe lernte auf meiner Hierherreise einen jungen Handwerker kennen den
ich aus Rücksicht auf die erst staubigen dann nassen Wege in meinen Wagen nahm
Ist der Gefangene derselbe und beruft sich auf mich so bin ich es meiner
Pflicht als Jurist schuldig ihn in seiner Haft zu besuchen und ihm meinen Rat
und Beistand zu erteilen Wenn die freundlichen Bewohner des Schlosses mir aber
bis zum Abend ihre wohlwollenden Gesinnungen erhalten wollen und mich nicht noch
anderweitige Gründe bis dahin zur Abreise bestimmen so werd ich nicht
verfehlen mich bei Ihnen zum Tee einzufinden Haben Sie die Güte Dies der
Frau Justizrätin anzuzeigen
Dankmar verbeugte sich leicht brach rasch ab und ging in die Krone
Bartusch stand verdutzt Diese runde Abfertigung Diese raschen ihm
eingelernt scheinenden Worte Diese Namenangabe Dankmar Wildungen Referendar
am königlichen Appellhofe Wildungen Derselbe Name der schon in des
Justizrats Signalement genannt worden war Woher kommt Das dachte er
Wildungen hat der Justizrat vielleicht der Justizrat hat ihm wohl
selbst diese Ähnlichkeit auf dem Heidekruge angedeutet und nun benutzt sie der
Prinz denn er ist es jedes Wort ein Fürst und nennt sich Dankmar
Wildungen Diese kurze fast brüske Art dieses bestimmte sozusagen grobe
Wesen diese Betroffenheit über die Verhaftung eines mindestens sehr neugierigen
Eindringlings in die innern Räume des Schlosses Bartusch blieb bei der
Voraussetzung dass wenn einmal der Prinz Egon im Incognito das Schloss Hohenberg
zu besuchen sich aufgemacht hätte wofür Schlurck ohne Zweifel die sichersten
Beweise hatte der Prinz Niemand anders sein könne als dieser Fremde der sich
nach Mitteilungen die Schlurck wahrscheinlich schon im Heidekrug selbst
erzählt hatte ein Geschäft mit einem verlorenen Frachtgute mache und sie Alle
irreführen wolle Sehr erbaut von seinem Scharfsinn unzufrieden nur mit der
Erklärung des Fremden erst am Abend kommen zu wollen stieg Bartusch um der in
brennender Ungeduld harrenden Melanie Bericht zu erstatten schon heute zum
zweiten male wieder zum Schloss empor
Dankmar aber wartete jetzt nur noch das allmälige Verlaufen der Leute ab um
sich sogleich zum Justizdirector von Zeisel und von da zum Turm zu begeben
Kaum konnte er sich fassen über den Gedanken wie ein so unglückliches
Begegniss auf den jungen hochgestellten Mann der ihm sicher der Prinz Egon von
Hohenberg war hereinbrechen und auf ihn wirken musste Überfallen dachte er
sich vielleicht mishandelt unter Zulauf der Menschen wie ein Verbrecher durch
den Ort geführt Diese Besorgnis milderte jedoch der Wirt der erzählte man
hätte den Dieb sogleich auf dem kürzesten Wege ohne alles Aufsehen hinter dem
Ort in den Turm gebracht
Dankmar begab sich jetzt aufs Amtaus wo ihm die Düfte der von Zeiselschen
Mittagstischvorbereitungen entgegenwallten und er erfuhr dass der Justizdirector
mit dem Schreiber bereits drüben im Turme wäre Dort angelangt fand Dankmar
noch ein Dutzend Neugieriger die an der geöffneten Verliesstüre gafften als
wenn hier Jemand Pranger stehen sollte
Geht nach Hause rief er ärgerlich die Grütze wird Euch kalt
Beim Eintritt in den Turm wusste sich Dankmar nicht gleich zurechtzufinden
Das alte Gebäude sah von außen kleiner aus als sich die innere Räumlichkeit
darstellte Der Boden war der reine bloße Sand unterirdisch schien es also hier
keinen Gewahrsam zu geben Das durch die Tür hereinfallende Licht ließ zur
Rechten eine schmale hölzerne Treppe erkennen die empor führte Dankmar bestieg
sie und entdeckte sogleich einen der wahrscheinlich Herrn von Harder
angehörenden Bedienten wenigstens war dieser von Bartusch ausgesprochene Name
Schuld dass er beim Anblick des Bedienten sich sogleich der bekannten Uniform
jener vielvermögenden Familie der Harders entsann deren Haupt der alte
neunzigjährige Chef der ausübenden Justiz des ganzen Landes war
Wir haben Sie schon kommen sehen sagte der Bediente kurz und ziemlich
impertinent treten Sie nur hier ein
Eine kleine niedrige Tür öffnete sich und in einem größeren Gemache das die
ganze Rundung des Turmes begriff von einem Fenster aber nur spärlich erhellt
war fand er den Justizdirector einen Schreiber und den neben dem Turm
wohnenden Wächter der eine alte abgeschabte fürstlich Hohenbergsche Livree
hellblau mit rot und ein gelbes Schild auf der Brust trug
Dankmar erfuhr hier was er schon über den Schlossvorfall wusste und
wiederholte über den Gefangenen Dasselbe was er zu Bartusch gesagt hatte Die
Absicht des Gefangenen im Schloss zu stehlen wurde von dem Justizdirector zwar
nicht entschieden bestritten aber doch auch gegen den unziemlich lärmenden
Bedienten in Abrede gestellt
Er griff erst nach den Bildern herum sagte dieser dann hob er sie von der
Wand und während wir auf einen Augenblick uns entfernt hatten wollte er sie
geradezu stehlen Excellenz verlangen dass Das streng genommen wird und er muss
doch noch vors Hofgericht in die Stadt
Herr von Zeisel den ein Grauen überfiel als vom Hofgericht die Rede war
äußerte dass hier vielleicht nur eine leichtverzeihliche Neugier obgewaltet
hätte mindestens könne er nicht begreifen was ein reisender Handwerksgesell
den der Anblick schön ausgestatteter Zimmer gefesselt hätte mit einem alten
unansehnlichen Bilde anfangen sollte während doch viel kostbarere kleine
transportable Sachen in der Nähe gestanden hätten die man mit einem kühnen
Griff sich hätte aneignen können Übrigens könne ihm in der Tat nicht
zugemutet werden diesen Gefangenen auf derlei geringfügige Aussagen hin der
annoch zu Recht bestehenden Ortsjustiz zu entziehen es müsste denn von einem
hohen Obergerichte ihm ausdrücklich befohlen werden Weit bedenklicher scheine
ihm allerdings des Gefangenen gänzlicher Mangel an Legitimation und sein
trotziges hartnäckiges Ablehnen jeder nähern Erklärung weshalb er auch
durchaus nichts dagegen hätte dass sich der von ihm mehrfach um Vermittlung
ersuchte anwesende Herr zu ihm verfüge und von ihm selbst die Willfährigkeit zu
Geständnissen zu gewinnen suche
Dankmarn fielen hier Hackerts Mitteilungen über die Hohenbergsche
Justizpflege ein Er verstand vollkommen des mildgesinnten Justizdirektors
Absicht dieser Untersuchung so viel wie möglich überhoben noch mehr aber vor
einer Verschleppung derselben an die Kreisgerichte gesichert zu sein Der
Hardersche Bediente murmelte Vielerlei gegen diese Erklärung aber die
Versicherung des Amtsboten und Gefangenwärters der Inculpat säße ja nun
criminalisch bewirkte denn doch dass der Justizdirector der wie Alle auf dem
Lande gegen zwölf Uhr aß die Sitzung aufhob und Dankmarn bat ihm um drei Uhr
Nachmittag wo er seinen ärztlich befohlenen Ruheschlaf beendigt hätte
gefälligst mitzuteilen was er von dem störrischen und trotzigen jungen Manne
der sich nur ihm hätte anvertrauen wollen denken solle Dem Wärter die
strengste Obhut anempfehlend stieg er mit dem Schreiber der seinen ziemlich
leeren Protokollbogen in eine Mappe legte die baufällige Treppe behutsam
hinunter Der Bediente Dankmarn mit mistrauischen Blicken musternd folgte Der
Wärter aber winkte dem staunenden Dankmar und führte ihn noch eine Treppe höher
Diese brachte ihn erst zu den eigentlichen Gefängnissen deren der Zahl der
kleinen vergitterten Fenster nach zu schließen die Dankmar außen beobachtet
hatte etwa vier oder fünf hier sein konnten
Sind sonst noch Gefangene da fragte Dankmar beim Hinaufsteigen
Nein erwiderte der Wächter es fällt jetzt im Ganzen nicht viel vor und
was Politische sind die kommen gleich weiter ins Provinziale
Jetzt stand Dankmar im zweiten Stock vor einer stark verriegelten Tür die
erst zu einem Vorplatze führte Hier umgab ihn völlige Finsternis Der Vorplatz
war nur von der aufgehenden Tür erhellt die der Wächter gleich ansichzog
Ich muss Sie mit einschliessen sagte der Mann zu Dankmarn und war dabei
nicht ohne Höflichkeit
Tut nichts erwiderte Dankmar
Sie brauchen nur aus dem Fenster zu rufen Pfannenstiel Dann höre ichs
schon und komme
Gut gut sagte Dankmar und hörte mit pochendem Herzen wie Pfannenstiel
dessen Namen er fast überhörte in der Dunkelheit den Schlüssel an ein Schloss
setzte und öffnete
Die Tür eines kleinen niedrigen Gemachs ging auf und in der Tat, vom
spärlichen Lichte das durch die Gitterfenster fiel beleuchtet saß an einer
Pritsche den Kopf aufgestützt derselbe Fremde da der sich Dankmarn allerdings
nur durch eine Visitenkarte aber denn doch auch durch seltene Bildung und die
feinste Erziehung als Prinz Egon von Hohenberg zu erkennen gegeben hatte
Da ist der Herr den Sie sprechen wollen sagte Pfannenstiel Und wie ists
nun mit dem Mittagessen setzte er hinzu
Gehen Sie in die Krone sagte Dankmar nach seiner Gewohnheit rasch
entschlossen bestellen Sie das beste Mittagessen das der Wirt für zwei
anständige Personen nur auftreiben kann Um ein Uhr muss es hier sein Auch eine
Flasche Wein Verstehen Sie
Damit drückte er dem Meister Pfannenstiel ein Trinkgeld in die Hand
Dieser schon an die möglichen Überbleibsel der Mahlzeit denkend und von
dergleichen freigebigen luxuriösen Inculpaten und Zeugen die hier selten
vorkamen überrascht erbot sich zur pünktlichsten Besorgung rückte mit aller
Beflissenheit einen alten Tisch ans Fenster und fragte ob wohl noch ein Stuhl
nötig sei
Dankmar mit Gefängnissen vertraut ergriff die Pritsche auf der ein alter
verfaulender Strohsack lag warf diesen herunter rückte das Holzgestell an den
Tisch und sagte
Das ist gut genug zum Sitzen Viel Meubel machens hier zu eng
Wie Sie wollen sagte Pfannenstiel und ganz erstaunt die beiden jetzt zu
Inhaftirenden so curios sicher und vertraut sich begrüßen zu sehen der Andere
war allerdings anfangs kaum aufgestanden schloss er die Tür wieder ab und
polterte draußen so gräulich mit seinen Schlössern und Riegeln dass nach jener
Seite hin an ein Entrinnen nicht zu denken war
Als man das letzte Eisen vorgeschoben hörte sprang der Gefangene von einem
Schemel auf dem er während der Verständigung zwischen Dankmar und Pfannenstiel
unbeweglich den Kopf in beiden Händen stützend gesessen hatte auf und rief
O mein Gott Was sagen Sie nun dazu
Durchlaucht sehen mich hier antwortete Dankmar um von Ihnen Etwas zu
vernehmen das soviel wie eine Aufklärung ist Ich bin ganz Ohr
Dankmar war sonst kein Freund von Titulaturen Er hob die Würde des
Gefangenen nur darum so nachdrücklich hervor um zu sehen ob dieser sie
wirklich zu behaupten verstand
Nichts von Durchlaucht sagte der Fremde keine Förmlichkeiten die ich
schon draußen in der Freiheit hasse und die hier in diesem abscheulichen Loche
am wenigsten am Platze wären Ich habe Sie auf unserer Reise schätzen ja lieben
gelernt Vor allen Dingen Seien Sie mir Freund Wildungen
Damit reichte er Dankmarn erregt die noch von seinem eben Erlebten zitternde
Hand
Dankmar ergriff sie etwas zögernd Er konnte denn doch nicht umhin sich zu
sagen
Wunderliche Herablassung eines gefangenen Diebes der vielleicht wirklich
unschuldig aber denn doch auch vielleicht nichts weniger als der Prinz Egon
ist
Sie haben kein Vertrauen mehr zu mir Wildungen sagte der Fremde Und ich
Wahnsinniger verdien es auch nicht Wie kann ich mir einbilden dass Sie meinen
Worten trauen können Wie kann ich glauben dass Sie mich für Egon Hohenberg
halten Höchstens dass Sie mich für keinen Tischler nehmen Und was das
Schlimmste ist Wildungen Ich bin
Der Gefangene stockte
Als ihn Dankmar erwartungsvoll fixierte sagte er leise
Ich bin wirklich ein Dieb
Durchlaucht
Ich habe auf dem Schloss wirklich stehlen wollen
Dankmar besann sich bald
Mein Fürst sagte er man nennt Das nicht stehlen was das Antreten einer
Erbschaft das Besitzergreifen von einem Eigentum ist Allein
Nun Nicht wahr Auch dieser Act muss in gesetzlichen Formen geschehen
Allerdings sagte Dankmar Ich kann nicht glauben dass Sie sich in der Tat
auf dem Schloss irgend Etwas haben heimlich aneignen wollen
Der Fremde schwieg und suchte nach Fassung
Nach einem Augenblick strich er sich mit der Hand durch das lichtbraune
Haar das von dem blassen edelen Angesicht jetzt noch schöner abstach und sagte
Weg mit den Grillen Bedenk ich es genau so ist das Ganze ein Abenteuer
und ich wünschte der Wein aus der Krone wäre schon da damit Sie mit mir auf
die Befestigung unserer Freundschaft anstossen
Dankmar konnte sich in diesen Übergang zur Heiterkeit nicht finden Es
überfielen ihn plötzlich alle nur möglichen Zweifel an dem Fremden von dem er
sich düpirt zu werden als Etwas dachte was ihm das Blut in die Wangen trieb
Er sah sich um und kam auf die Widerwärtigkeit eines solchen Ortes zurück
in dem sie sich wiederfinden mussten
Es ist toll sagte der Fremde Aber wie glauben Sie nur dass ich aus diesem
Rattenneste frei werde
Vor allen Dingen meinte Dankmar mit bestimmter Betonung vor allen Dingen
müsst ich doch wissen mit welchem Rechte Sie hierher kamen
Weil ich stehlen wollte
Wie Scherzen Sie
In der Tat! Ich bin ein Dieb
Ich habe nicht gesagt Durchlaucht beweisen Sie dass Sie der Prinz Egon von
Hohenberg sind aber dass Sie ein Dieb sind müssen Sie jetzt wirklich beweisen
Was soll ich zuerst beweisen Ich sehe Sie glauben Beides nicht
Ohne zu schmeicheln möcht ich fast glauben wenn Sie mir beweisen dass Sie
der Prinz Egon von Hohenberg sind so hätten Sie kaum nötig entschuldigend von
Ihrem sogenannten Diebstahl zu sprechen
Ah Sie Demokrat Finden denn die Fürsten bei Ihnen noch so ein gutes
Vorurteil
Dankmar schwieg mit seinem feinen geistreichen Lächeln und erwartete mit
einer Art strengen Prüfung die Mitteilungen zu denen sich der Fremde nun
anschickte
Fünftes Kapitel
Der Dieb
Wohlan sagte der Gefangene nachdenklich stützte das Haupt auf und sah
trübsinnig durch das enge Fenster in die schöne sonnenhelle Gegend Vernehmen
Sie Wildungen ich bin hier geboren bin hier erzogen Da am Rande jener Berge
hab ich kletternd die erste jugendliche Kraft erprobt Viel ist schon
hinweggezogen von neuen Erfahrungen und neuen Eindrücken über die erste
Kinderzeit aber noch taucht aus ihr in strahlendem Glanze auf da das Schloss
mit seinem alten geschnörkelten Baustil der Hohenberg selbst an den sich die
ältesten Erinnerungen unserer Familie knüpfen Wissen Sie früher stand auf dem
Hohenberg eine Burg zu der dieser Turm der jetzt hier den letzten Sprossen
dieses Hauses gefangen hält als ein äußeres Bollwerk eine Art Warte gehörte
Ich habe in der Beschäftigung mit ernsten und nüchternen Lebensaufgaben doch
längst abzustreifen gesucht das dämmernde träumerische Gefühl der Wehmut das
uns nur einlullt zum süßen Nichtstun und zur Beschönigung unserer ratlosen
Tatkraft Aber wie ich da wieder im Walde die alten Wipfel rauschen hörte
wie ich am Jägerhause stand wo ich auf einer grünen Wiese von einem früheren
Soldaten Namens Marzahn die Büchse spannen lernte und manchmal das an einen
Eichbaum gesteckte bunte Ziel traf wie ich wieder die Mühle rauschen hörte die
ein Ullaarm aus dem Gebirge niederströmend in Bewegung setzt und mich an die
Regenbogen erinnerte die die Sonne auf dem gesprjetzten Wasserstaube malt
ein Anblick der mich beim majestätischen Rheinfall in Schaffhausen ausrufen
ließ Rühmt mir nichts von Dem was ich am Mühlbach auf dem Schloss meiner
Väter fast ebenso schön fast schöner kindlich glücklicher schon gesehen habe
wie ich so wieder gedachte des Heimwehs der Kindheit und der Sehnsucht nach
einem Lande des Glücks das ach es ist nur zu wahr niemals vor uns immer
nur hinter uns liegt da Freund nein nein Sie zweifeln ja Sie
verstehen ja meine Empfindungen noch nicht
Bei diesem gemütvollen Ausrufe mussten Dankmars Bedenklichkeiten schwinden
Prinz sagte er tief erschüttert und innigst überzeugt die Augenblicke
sind gezählt sie sind kostbar wenn man an die Erlösung von diesem jammervollen
Zustande denkt Was beginnen wir zu Ihrer Befreiung
Ich denke nun nicht mehr daran sagte der Gefangene mit feiner Ironie in
die sich fast ein leiser artiger Vorwurf mischte Erst haben Sie Aufklärung
begehrt nun fühle ich nicht einmal so lebhaft mehr das Bedürfnis frei zu sein
Jetzt will ich gefangen sein um reden mich aussprechen mich erinnern zu
können Ja ja So ist der Mensch Wenn er gesund blüht ist er vor nichts so
besorgt wie vor einer Krankheit Da erfasst sie ihn denn und nun findet er bei
allem Schmerz des äußern Menschen auch eine Freude für den innern Man kehrt auf
dem Krankenlager bei sich ein wird reifer geläuterter und steht geistig besser
vom Lager auf als man sich niederlegte Schenken Sie mir jetzt nur ruhig Ihre
Gegenwart Wildungen hören Sie mir nur still mit Teilnahme zu und bereiten
Sie sich darauf vor dass ich Ihnen vielleicht
Der bewegte Sprecher stockte
Dankmar schwieg aber seine Blicke sprachen ihm jede Ermutigung
Dass ich Ihnen vielleicht eine Bitte vortragen werde deren Erfüllung Sie nur
dann erfreuen kann wenn Sie mein vergangenes Leben kennen
Dankmar äußerte schon jetzt für das Vertrauen des Gefangenen seinen Dank und
bat ihn sich offen mitzuteilen Er würde sich ihm in Nichts entziehen
Der Erzähler fuhr nun fort
Ich lebte hier in Hohenberg mit jeweiliger Unterbrechung wo wir unsere
andern Güter und die Hauptstadt besuchten fast bis in mein dreizehntes Jahr
Der Vater kurz vor meiner Geburt in den Fürstenstand erhoben hatte um dieselbe
Zeit ein großes Vermögen durch einen unerwarteten Tod des Stammhalters der
österreichischen Seitenlinie gewonnen und war von seinem plötzlichen Glücke so
gehoben und getragen dass er nur auf der hohen Flut des Lebens schwamm und sich
wenig um seine Häuslichkeit kümmerte Der Vater war Militär und hatte Lust
auch mich im zartesten Kindesalter schon für diesen Stand zu bestimmen und
abzurichten Die Mutter aber erkannte in dem Plan mich in eine milltairische
Erziehungsanstalt zu schicken nur den Egoismus eines Weltmannes der die
Erziehung seines Sohnes sich so leicht als möglich machen wollte Sie trat
diesem Plane mit Entschiedenheit entgegen Das leider sehr tief eingerissene
Zerwürfnis der Eltern machte eine unter ihrer gemeinschaftlichen Aufsicht
genossene Erziehung fast unmöglich So beschlossen sie mich ganz hierher nach
Hohenberg zu versetzen soviel wie möglich hier zu leben und mich mit Lehrern
Hofmeistern und Aufpassern aller Art so zu umgeben dass ihr Gewissen beruhigt
sein durfte Meine Mutter liebte damals noch die Welt Sie war noch nicht in die
Krisis getreten die sie später zu einer sehr unfruchtbaren und meiner innersten
Natur heterogenen Frömmigkeit geführt hat Es lebte damals hier im Orte ein sehr
braver Pfarrer Namens Rudhard Dieser strenge und doch keineswegs gemütlose
Mann erhielt über meinen ganzen Bildungsprocess die obere Aufsicht und noch
jetzt er weilt fern an den Ufern des Schwarzen Meeres in Odessa noch jetzt
dank ich ihm für die spartanische Strenge mit der ich in jenen Tagen erzogen
worden bin Zwar sträubte sich in mir etwas und wollte sich bäumen und das oft
drückende Joch des Gehorsams abschütteln aber Dank sei es der damaligen
Charakterfestigkeit meiner Mutter sie widersetzte sich jeder Intrigue die vom
Schloss aus und sonst gegen den Pfarrer gesponnen wurde Wie auch die Lehrer
die mir oben beigegeben waren gegen den unten über sie wachenden Rudhard
polterten wie sehr auch einer von ihnen ein Franzose Namens Sylvestre
Rafflard förmlich intriguirte Rudhard behielt Recht Auch mein Vater hatte bei
aller Zerfahrenheit seines Charakters eine gewisse männliche Entschlossenheit
die ihn Windbeuteleien sehr leicht als solche erkennen ließ und wenn mich
Rudhards strenge gewaltige Hand nicht geführt hätte ich wäre umsomehr
misraten oder doch in meinen ersten Entwickelungen geradezu gesagt verpfuscht
worden als die Mutter in ihrer Behandlungsweise im höchsten Grade unregelmäßig
launenhaft und willkürlich verfuhr Bald warf sie sich mir mit brennender Liebe
an den Hals küsste mich und benetzte mich mit tausend Tränen deren Grund ich
nicht kannte bald wieder war sie schroff und behandelte mich mit einer
Fremdheit die früh mein Herz gegen sie eingenommen hat Scheiterte ihr in der
großen Welt irgend ein Lieblingsplan fühlte sie die Hand irgend einer Intrigue
kalt und ertödtend in ihr Herz greifen so kam ein reitender Bote um mich
augenblicklich in die Stadt zu rufen Auf Wolkenflügeln sollt ich dann zu ihr
eilen das Muttergefühl sollte sie trösten für allen Kummer alle Entbehrungen
Und wenn ich ankam fröhlich überglücklich im prächtigen Palais der Eltern
mich umschauend fand ich sie schon abgekühlt schon getröstet schon zerstreut
durch etwas Neues dem ihre nie zu befriedigende Sehnsucht nachjagte Dann blieb
ich wohl einige Wochen bei den Eltern wurde verwöhnt verhätschelt war ihnen
aber bald so im Wege wurde so unwillkommener Zeuge der unglücklichsten
häuslichen Zerrüttung dass man dann sogleich hundert Gründe hatte mich wieder
nach Hohenberg zu meinem gestrengen Rudhard den französischen und musikalischen
Maitres zurückzuschicken Zu diesen Maitres Diesen Erziehungsvirtuosen die ich
später zu entlarven Gelegenheit hatte O durch welches Wirrsal muss sich ein
Kindesherz durcharbeiten Wenn ich daran denke dass ich dabei immer noch mit
Dem was aus mir wurde leidlich zufrieden sein darf so kann man wohl sagen Die
Jugend ist eine Pflanze die wächst und ans Licht muss auch wenn man unter dem
Namen der Erziehung einen schweren Stein auf sie legt
Sie beurteilen Ihre Eltern streng sagte Dankmar und der Gefühle
gedenkend die ihn gestern über seine eigene Mutter beschlichen fügte er hinzu
Es ist eigentlich ungerecht Menschen nur deshalb streng zu nehmen weil sie
das Schicksal zufällig unserm Herzen so nahegestellt hat dass wir sie leichter
ergründen können als Andere Wir sollten da gerade doch duldsamer sein und den
Vorsprung nicht benutzen den uns der nähere Besitz gestattet Doch vergeben Sie
ich gedachte eigener Erfahrungen
Wohl Wohl sagte der Fremde nachdenkend und tiefmelancholisch Die
Liebenden quälen sich wechselseitig am meisten und Keiner wohl bereitet sich
das Gift des Todes oft willenlos geflissentlicher als Die die sich das Leben
sind
Nach einigen Augenblicken schwermütigen Sinnens fuhr der Fremde fort
Sie strafen mich Wildungen dass ich so streng von meiner Mutter spreche und
den Vater vollends nicht schone Aber werfen Sie einen Blick auf meine Lage ist
diese nicht entsetzlich Ein tapferer Krieger wird von seinem Monarchen der ihn
liebt und verwöhnt in den erblichen Fürstenstand erhoben In demselben
Augenblicke fallen ihm in der Ferne Besitzungen im Werte einer Million zu Er
veräussert sie und statt die flüssigen Gelder auf einheimischen neuen Grund und
Boden und dessen Ankauf oder die Verbesserung seiner alten Besitzungen zu
verwenden werden sie in flüchtigen Tändeleien in luxuriösen Einrichtungen
einem prächtigen Palais in Pferden in Marställen im Spiel ja ich muss es
sagen sogar im Trunk vergeudet Man drängt in ihn ein Fideicommiss zu stiften
für die Familie und ihre dauernde Anlehnung an einen Besitz der wohl entwertet
aber nicht ganz veräussert werden kann Der Staat begünstigt solche Majorate und
wünscht sogar ähnliche Bestimmungen um einen vornehmern Adel zu gewinnen als
das übliche adelige Gesindel ist das uns die ganze Frage vom Adel verdorben
hat Man wollte die Ausführung der damaligen Idee von einer künftigen
Pairsschaft durch Majorate anbahnen Aber nicht nur dass mit der Zeit jene
Kapitalien verschwendet und auf eine nutzlose Prachtliebe verwandt waren die
mir in der Residenz allerdings ein sehr schönes Palais hinterlassen hat dessen
innere Einrichtung zu sehen Ihnen einmal Freude machen wird auch die alten
gräflich Hohenbergschen Güter Plessen Randhartingen Wiesbach unsere Anteile
an Schönau Berghübel sind so durch darauf geborgte Summen überschuldet in
ihrer Ökonomie vernachlässigt dass ich zweifelhaft bin ob ich überhaupt ihre
Herrschaft antrete und sie nicht lieber ganz wie der Lateiner sagt unter den
Spieß stelle das heißt wie Sie wissen sie losschlage Erwägen Sie diesen
Zustand und fragen Sie ob hier das Gedächtnis eines Sohnes Alles liebend
beseitigen und über die Vergangenheit nur Blumen der Versöhnung streuen kann
Nein Nein Ich kann nur mit bitterstem Unmute diese Gedanken an das Vergangene
in mir vorüberziehen lassen ich habe Stunden erlebt wo ich meine Mutter kalt
bemitleidete aber noch unglücklichere wo ich meinen Vater bis aufs Blut hasste
Denken Sie sich den einen Zug Dieser Mann der meine Mutter mishandelt hat sie
zuletzt in ihrem Notdürftigsten beschränkte dieser Mann der dennoch vor dem
jungen Monarchen weinte als er ihm den Tod meiner Mutter anzeigte weil ein
ernster Blick der Umgebungen des Fürsten ihm sagte Hohenberg Sie haben da ein
Herz brechen helfen dieser Mann verkauft weil die frühere Gräfin Bury
nichts besaß und ich keine Ansprüche auf ihren Nachlass habe die Einrichtung
ihrer Zimmer verkauft den stillen Frieden ihrer liebsten frommen
Abgeschiedenheit von der Welt verkauft die Tränen mit denen sie ihre Polster
und Gebetbücher benetzte verkauft o mein Gott Wildungen Ihr wisst nicht wie
weit die Herzlosigkeit dieser vornehmen Stände geht Wenn ich in Lyon einen
armen Seidenarbeiter sterben sah ja da gehörte wohl schon das Stroh auf dem er
endete dem reichen Fabrikanten dem er all sein Hab und Gut verpfändet hatte
aber ein Kruzifix Wildungen auf das die blassen Lippen ihre letzten Küsse
gedrückt hatten ein Gebetbuch aus dem seine weinenden Kinder die zu kurz die
Schule besucht hatten um lesen zu können die letzten Tröstungen der Religion
stammelnd buchstabirten ja vielleicht der letzte Stab Wildungen der ihn
stützte der letzte Rock der seine Blöße deckte und die letzten Schuhe die er
auszog als er sich auf das Lager warf auf dem er sterben sollte die waren
noch sein um die bat er den Fabrikherrn für sein Weib und seine Kinder
verpfändete sie nicht um der Liebe willen nicht um seines Heilandes willen
nicht ach mein Freund vergeben Sie mir wenn Sie einen Sohn hören der vor
seinem Vater keine Achtung hat
Erschöpft von seiner Aufregung warf sich Egon auf die hölzerne Pritsche und
schien die Härte dieses Lagers kaum zu fühlen
Von tiefster Teilnahme ergriffen beugte sich Dankmar zu ihm herab und bat
ihn seine Empfindungen nicht zu heftig aufzuregen
O warum bin ich auch hierher zurückgekehrt rief Egon leidenschaftlich
ausgesetzt einer ewigen Verhöhnung durch mich selbst In der Ferne ja da war
ich glücklich Ich galt für Den für den ich mich gab Wildungen Glauben Sie
mirs ohne mich einen Wahnsinnigen zu schelten ich habe in den Werkstätten von
Paris gearbeitet ich galt für einen deutschen gebildeten Arbeiter Niemand
wusste etwas von den Schulden meines Vaters mit Dem was sie mir übrigliessen
konnt ich fleißige Arbeiter belohnen manche nützliche Unternehmung befördern
selbst leben ich war glücklich
Setzen Sie dies Leben hier fort sagte Dankmar innigst teilnehmend und vor
Freude bewegt endlich einmal einen Vornehmen zu finden der wie jeder andere
Mensch sich fühlte und gab Man wird sich mit dem Vater aussöhnen der einen
solchen Sohn hinterließ Man wird milder von der Aristokratie denken sich dem
Adel verwandter fühlen
Man wird mich auslachen unterbrach ihn der junge Fürst Unsere Verhältnisse
bieten keinen Boden für eine solche Umkehr der Stellungen
Warum nicht sagte Dankmar
Der Fremde schwieg
Nach einer Weile fuhr er fort
Aber hören Sie von dem Vergangenen
Sich aufrichtend erzählte er weiter
Ich hatte kaum das dreizehnte Jahr erreicht und sollte nach des Vaters
Wunsche jetzt unmittelbar für den Kriegerstand gebildet werden Da kam über
meine Mutter jene Erleuchtung die denselben bigotten Zustand zur Folge hatte
von dem noch die spasshaften Erzählungen des Jägers vom »Gelben Hirsch« Ihnen im
Gedächtnis sein werden Sie hören wie wenig erbaut ich von dieser Erbauung
spreche und ich kann Sie versichern Wildungen dass ich hier nicht wie der
Blinde von der Farbe rede sondern eine Zeit lang war ich selbst einer der
Hellsehenden Einer der von Angesicht zu Angesicht Schauenden und der
Gotterleuchteten
Dankmar lächelte wie der Erzähler Er hätte manche so auch diese Äußerung
von ihm anders gewünscht doch hörte er mit Aufmerksamkeit zu
Wie meiner guten Mutter dieser traurige Zustand anflog weiß ich nicht Ich
glaube diese Frömmigkeit war damals in der großen und kleinen Welt eine Sache
der Mode Man betete viel und gern laut und wissen Sie Wildungen für die
Politik war Das sehr gut Es bewahrte vor Übereilung in Entwickelungen für
welche der beschränkte und philisterhafte Sinn unsers Volkes kaum jetzt schon
reif ist wie viel weniger damals
Die jämmerlichen Staatsmänner jener Zeit sagte Dankmar diese
Polizeiseelen Kreaturen Metternichs fanden in der Bigotterie eine Stütze des
Absolutismus eine Art Chinin gegen das Konstitutionsfieber
Wohl Wohl sagte der Fürst Genug ich für mein Teil hatte einige sehr
angenehme Folgen von dieser Sinnesänderung meiner Mutter zu erfahren Erstens
wurd ich nicht zum Soldaten bestimmt Im Gegenteil wollte die Mutter jetzt nur
noch durch mich Gott und durch Gott mir leben So sagte sie selbst Sie zog
für immer hierher nach Hohenberg und richtete sich so ein als wollte sie ihre
Tage hier für immer beschließen Anfangs verursachte mir diese Entdeckung einen
lähmenden Schrecken Ich sehnte mich ja hinaus in die Welt ich wollte Schulen
besuchen wie Andere wollte die Freundschaften unterhalten die ich bei meinen
kurzen Anwesenheiten in der Residenz im Fluge knüpfte Ich wollte der junge
Fürst von Hohenberg sein Aber die Mutter hatte es anders beschlossen Sie
gedachte mich in ihre ausschliessliche Obhut zu nehmen Rudhard wurde entfernt
weil seine Auffassung des Christentums der ihrigen nicht entsprach Man
versetzte ihn ich weiß nicht ob auf ihren Betrieb oder freiwillig in andere
östliche Gegenden Tief betrübt sah ich ihn scheiden denn so streng er war die
Gediegenheit seines Charakters konnte selbst dem Kinde nicht entgehen So wenig
er meiner Eitelkeit als einem jungen Fürsten schmeichelte so besaß ich doch
Lernbegierde genug von seinem reichen Wissen Vorteile zu ziehen Ja wie Knaben
mit ihren Lehrern pflegen in meiner eitlen Bewunderung stellt ich ihn wohl gar
noch höher als er stand Seinen Nachfolger wählte die Mutter auf Empfehlung der
pietistischen Kreise in der Residenz Es war dies ein junger gewandter Teolog
Namens Guido Stromer Wenn ich nicht irre brachte er sich sogleich eine Gattin
mit und gewann das Herz meiner Mutter in dem Grade dass es ihm gelang einen
andern Plan mit mir durchzusetzen für den ich ihm eigentlich Dank weiß In
seiner Furcht meine Erziehung auf dem Schloss würde doch einen ewigen Ab und
Zustrom von Hofmeistern und Fachlehrern aller Art zu einer nicht zu ändernden
Bedingung machen äußerte er der Mutter die Idee mich nach Genf in ein
Pensionat zu geben Naturen wie Sylvestre Rafflard gewesen war blieben ihm
gefährlich Die Mutter nicht ahnend dass er nur in der ihm natürlich sehr
wichtigen Gunst seiner Kirchenpatronin die Nebenbuhlerschaften entfernen wollte
ging auf diesen Plan mit Begeisterung ein Sie hatte Genf selbst gesehen
schwärmte für den reizenden bergumkränzten Leman träumte oft von dem Glücke
dort zu wohnen dort ihre Tage zu schließen was ihr bei der Beschränkung ihrer
Mittel nicht beschieden sein konnte und alle diese Reize erhöhte ihr zuletzt
noch das Bewusstsein des in dem dortigen Leben und der dortigen Erziehung
herrschenden Geistes der strengen Kirchlichkeit Die Sekte der Momiers war
damals neu in der französischen Schweiz erst aufgekommen Sie erkannte in ihnen
nach den Berichten einer von ihr nach Kräften unterstützten Kirchenzeitung eine
Gemeinde Wiedergeborener die sich nur an den reinen biblischen Geist des
Christentums hielte Es wurden Erkundigungen eingezogen über die Pensionate von
Lausanne von Vevei von Neufchatel Genf Das war ein Geschwirre von Briefen
der Pastoren jener herrlichen Gegend die Alle mit Empfehlungen der christlichen
Institute zur Hand waren und dabei die Gelegenheit benutzten mit einer
deutschen Dame von Stande in Rapport zu treten Denn diese Pfaffen dort müssen
Sie wissen haben keinen größeren Ehrgeiz als mit der halben vornehmen Welt
Europas in Rapport zu stehen und sich mit den Briefen zu brüsten die sie selbst
aus Petersburg Stockholm und Neuyork erhalten Damit ist zugleich ein
eigentümlicher Menschenhandel verbunden Kennen Sie Kasanova
Dankmar verneinte befremdet
Kasanova sagte der junge Fürst Kasanova den ich im Pensionat des Herrn
Monnard mit aller Bequemlichkeit gelesen habe
Im Pensionat sagte Dankmar erstaunt
Kasanova fuhr Egon ruhig fort erzählt von den in Europa zerstreuten
italienischen Sängern und Tanzmeistern und plaudert uns deren Memoiren aus ich
versichere Sie der fromme Menschenhandel mit Bonnen Gouvernanten Hauslehrern
aus der französischen Schweiz ist so organisirt dass ich eine große Ähnlichkeit
finde Sie haben keine Ahnung welche Dinge in einer französischschweizerischen
Pfarrerswohnung von Yverdun oder Meudon abgemacht werden Ich könnte Ihnen
Fürstinnen nennen die auf europäischen Tronen sitzen und von den Fäden einer
ehemaligen glänzend pensionirten bei Genf in ihren Verbindungen schwelgenden
alten Erzieherin gelenkt werden Sie erfahren in einem frommen Tee in Lausanne
mehr Kabinets und Hofgeheimnisse wie in Berlin in dem engeren Zirkel eines
Ministers
Dankmar fiel lachend ein
Das hätte ja fast Ähnlichkeit mit dem Einflusse den zehn Meilen weiter von
Lausanne die freiburger Jesuiten über das übrige Europa ausüben
Die vollkommenste bestätigte der junge Fürst Sie können aber auch in
Lausanne die Politik der Jesuiten und in Freiburg die Politik der Momiers
studieren Es ist ganz dieselbe Sache wie sie auch von Menschen vertreten wird
die sich untereinander vor Brotneid aufzehren möchten Das ist eine Sucht dem
andern eine Beute abzujagen Denken Sie sich diese Korrespondenz der reformirten
Geistlichen mit den höchststehenden Familien Der Reiz der französischen
Sprache die elegante glatte Weltbildung neben der frommen Salbung die den
gutkatolischen Fénélon zum Ideal auch dieser Protestanten gemacht hat
genug die gute Mutter war auf Grund meiner Versendung nach Genf so lebhaft in
Verbindung mit den schönsten durch die Fremdenbesuche an Neuigkeiten
ergiebigsten Gegenden der großen europäischen Route dass sie sich in ihren
Briefen hier auf Hohenberg schon da vortrefflich unterhielt noch ehe ich
abreiste Wie aber nahm Das erst zu als ich wirklich in Genf war Wie wurden da
über mich über meine Erziehung meine Anlagen meine Irrtümer meine Tugenden
und Gebrechen soviele Anfragen an Geistliche Professoren Syndics Künstler am
Genfersee domicilirte Freunde und Freundinnen gerichtet und von diesen
beantwortet Nun war ich der einzige Gedanke der Fürstin ja der Angelpunkt und
die Achse ihres ganzen Daseins geworden Welche Briefe ließ mich Professor
Monnard und sein boshafter erster Lehrer Sylvestre Rafflard schreiben
Rafflard unterbrach Dankmar Sie erwähnten ja seine Anwesenheit in
Hohenberg
Rafflard war berichtete der Erzähler ursprünglich aus Genf kam nach
Deutschland zu uns als Lehrer der französischen Sprache von da nach Kurland
wo er mit Rudhard wieder zusammentraf und zwar feindselig genug dann kehrte er
nach Genf zurück wo ich ihm im Monnardschen Institute wieder begegnete Jetzt
ist er Jesuit
Das ist eine lehrreiche Biographie sagte Dankmar
Sie werden noch Manches von Sylvestre Rafflard hören schaltete der Erzähler
ein und fuhr fort
Wie oft wurden meine Briefe von Monnard und Monsieur Sylvestre ausgestrichen
und unter dem einfachen Scheine stilistischer Veränderungen in ihren Tatsachen
so umgewandelt dass weiß erschien was ich als schwarz hatte melden wollen
kurz mein Freund ich wurde in geistigen Dingen so metodisch zur Lüge und zur
Phrase erzogen so auf eine gewisse herzlose Regelmäßigkeit abgerichtet so nach
dem Modell einer gutgearbeiteten genfer Uhr künstlich zusammenspintisirt dass
ich in meinem achtzehnten Jahre wirklich als ein heilloser Schlingel voll
Verstellung und Einbildung zur Mutter zurückkehrte und die Vorwürfe der
inzwischen gar düster gewordenen und gramverschleierten Frau im reichsten Masse
verdiente
Natürlich misfiel es hier einem jungen Taugenichts der statt im Thomas a
Kempis im Pensionat heimlich den Kasanova las im höchsten Grade Ich entfloh
so zu sagen Als die Mutter mir in die Residenz nachreiste und ich auch mit dem
Vater in Händel geriet dankte sie Gott wie ich wenigstens soviel guten Willen
zeigte dass ich mich entschloss in Bonn Heidelberg Göttingen zu studieren
Erlassen Sie mir Ihnen davon eine Schilderung zu machen Die akademische Zeit
eines jungen deutschen Adeligen der die Universität besucht ohne einen andern
Zweck als den einmal dagewesen zu sein wird für Sie keiner Schilderung
bedürfen Man genießt was das Leben bietet und was der von Hause bezogene
Wechsel sich zu verschaffen möglich macht Durch Unterwürfigkeit und Kriecherei
der sogenannten »Philister« ja der berühmtesten Professoren lernt man früh die
Niederträchtigkeit der Menschen kennen und man verlässt die Hochschule
übersättigt verdrießlich reizbar im Jugendlenz schon ein Misantrop Die
Mittel flossen meiner Lebenslust gering zu Der Justizrat Schlurck derselbe
der im Besitz Ihres verlorenen Schreins ist derselbe den wir beobachteten wie
kostbar ihm Pasteten und Champagner schmeckten die er sich bei solchen
Administrationen wie die Hohenbergsche ist verdient schickte ein was die
ganz in seinen Händen befindliche Verwaltung der Angelegenheiten meines Vaters
zu schicken erlaubte Der epikuräische Spitzbube war dabei sehr höflich sehr
devot aber karg Ich hasste ihn vielleicht mit Unrecht Aber er war der
Nächste der meinen beleidigten aristokratischen Ärger meine gentlemanliken
Vorwürfe auffangen musste Die Mutter sprach oft davon man müsse seinen Feinden
vergeben ich entnahm dieser Wendung ihrer Briefe weiter nichts als dass ich
mich auch wirklich vor Feinden zu hüten hätte War sie doch selbst seit der
frühesten Zeit der ich mich entsinnen kann von den Gespenstern unsichtbarer
Gegner verfolgt Früh schon prägte sie dem Kinde die Vorstellung einer großen
Verschwörung gegen ihr Lebensglück ein Sie machte mir Begriffe als wenn die
Welt voll Teufel stäke und an der Spitze dieser Hölle sagte sie mir einst
stände eine Frau eine Frau die früher ihre zärtlichste Freundin war
Pauline von Harder sonderbarerweise wirklich die Gattin jenes Mannes dessen
schlingelhafter frecher Bediente mich den Besitzer von Hohenberg in seinen
eigenen Turm hat werfen lassen
Pauline von Harder wiederholte Dankmar und gedachte der Erwähnung derselben
auf dem Heidekrug Er kannte sie nur als eine Schriftstellerin von der er
jedoch nichts gelesen hatte
Sie ist mir unbekannt fuhr der junge Fürst fort wie die meisten erlauchten
hoch und hochwohlgeborenen Häupter unsers Adels einige Jüngere ausgenommen
mit denen ich in Bonn und Göttingen verkehrte Prüfungen zu bestehen und mich um
ein Amt zu bewerben lag nicht in meinem Plane der Vater der sich über seine
Verhältnisse gern in einem völligen Dunkel erhielt um von ihnen das Bessere
annehmen zu dürfen glaubte noch hinlänglich vermögend zu sein mir eine
standesmässige Existenz auch ohne Arbeit und Amt zu sichern Dies war aber nicht
der Fall Ich fühlte mich so gezwungen und nach allen Richtungen hin so gehemmt
dass ich vorzog wieder auf Reisen zu gehen und mich deshalb der Schweiz Italien
und Frankreich zuwandte Die Beziehung zur Mutter blieb leider unerfreulich Sie
hatte in ihrer Art das Beste im Sinn aber sie gab es entweder nicht in der
richtigen Form oder mein Herz ist kalt ich weiß es nicht ich kam nie mit ihr
zu einem warmen offenen Wahrheitstone Oft empfand ich Hinneigung zu meinem
derbnatürlichen Vater Die Mutter unterbrach aber jedesmal diesen Strom meiner
Empfindungen und lenkte ihn wieder auf sich zurück wo er jedoch nur künstlich
floss Ihre trübe Auffassung des Lebens entsprach meinem heitern Sinne nicht
Rudhards Unterricht hatte schon tiefe Wurzeln in meinem Herzen geschlagen und
mich gegen allen Schein und die Charlatanerie gestählt mit der in Genf die
Erziehung betrieben wurde Ich gewann dort einige Bekanntschaften die der
allgemeinen Pietisterei in der dortigen Lebensweise gegenüber mir reinere
Begriffe von Gott und seinem weisen Erziehungsplane der Menschheit einflössten
und wenn ich Ihnen erzählen sollte wie es vor fünf Jahren etwa über mich kam
welch ein neuer Geist mich gerade in der französischen Schweiz und dem südlichen
Frankreich ergriff Sie würden sagen die dumpfe hier auf dem Schloss
wohnende protestantische Ascetik konnte mich nicht erwärmen selbst wenn sie von
der zärtlichen Fürsorge einer Mutter betrieben wurde Ach ja Wildungen Ich
gedenke des Tages wo ich von Genf zu Fuße wanderte die Rhone entlang durch
Savoyen über den Jura nach Lyon O dieser Tag Diese Welt Diese Freiheit
Vergebens hatte ich auf Briefe von Schlurck gewartet vergebens auf eine
Mitteilung von meiner Mutter die wegen meines plötzlichen Entschlusses zu
reisen mit mir boudirte vom Vater hatt ich eine längere freundliche
Zuschrift in der er mir nach seiner Weise kurze Verhaltungsmassregeln schrieb
etwa in dem Stile Junge Mach Schulden aber meide die Wucherer und borge immer
vier Wochen früher ehe du das Geld brauchst sonst presst dir die Not die
niederträchtigsten Zinsen ab Verlieb dich nie ernstlich und lerne aus der
Liebe zu den Weibern die leichteste Methode sie zu verachten und
dergleichen epikuräische Sätze mehr die er mit Herzensgüte verband er war
leichtsinnig doch wohlwollend und nur durch eine unmässige vom verstorbenen
Monarchen geschürte militairische Eitelkeit aus Rand und Band gegangen
Diesen Brief hatt ich aber keinen Wechsel In der Ungeduld ihn erwarten
Stunde um Stunde Minute um Minute zählen zu sollen ging ich mit der letzten
Barschaft zu Fuß in einer Blouse wie Sie mich jetzt hier sehen von Genf
nach Lyon In der Meinung nach vierzehn Tagen kehrst du zurück und findest
was zu erwarten dich so peinigt schritt ich mutig vorwärts O welch eine
Erinnerung Wie lange hielt ich sie fern Wildungen
Gedenk ich dieser himmlischen Maitage als ich von Genf auswanderte die
grünen Ufer der Rhone entlang bei jedem Blicke aufwärts die blauen Höhen des
Jura bei jedem Blicke rückwärts die weißen unter dem reinsten blauen Himmel
ausgebreiteten Schneedecken des Montblanc und Chamounixtales Wildungen
An der kleinen hoch in den Lüften schwebenden Bergveste des Forts de lEcluse
warf ich noch einmal den Blick in das Genfer und Savoyer Tal zurück Lebe wohl
du schöne Ebene Lebe wohl du teures Land Es war wie ein Abschied von meinem
ganzen Dasein Ich setzte mich an dem Fort auf einem Steine nieder und jeder
von einem leichten Lüftchen bewegte Grashalm rührte mein junges sich damals so
arm so arm fühlendes Herz Jede kleine Glockenblume die mein Fuß hätte
zertreten können schien mich mit bittendem Auge anzuflehen Schone mich Der
Vogel der von dem Felsen in die Ebene hinunterschoss mit wellenartig wogenden
Flügeln schien mir im Einverständnisse mit meinem innersten Leben und auf der
gewaltigen flachen Felswand die dem Fort de lEcluse gegenüber ausgebreitet
liegt und die andere Seite der Schlucht bildet über welche ein schmaler Engpass
durch diese kleine Festung nach Frankreich führt las ich wie auf einer
großen vom Himmel mir entgegengehaltenen Tafel mein künftiges Schicksal
Ich grübelte und forschte zu erkennen welche Figuren das Moos und die Bäume
und die Sträucher und die zerbröckelten Risse auf ihr bildeten War es ein
geharnischter Ritter zu Ross War es der Gott Vulcan der mit aufgehobenem Hammer
vor der Esse stand Es schien mir ein riesiger Adler mit weit ausgebreiteten
majestätischen Flügeln Ich sprang auf Wie Ganymed wollt ich mich von diesem
Göttervogel forttragen lassen in alle Himmel und Fernen sehnsüchtigster Ahnung
Ich kannte kein Bleibens mehr Hinüber zog es mich über den kahlen Rücken
des Jura und als ich niederstieg an den gewaltigen Rhonefällen vorüber durch
tannenbeschattete Schluchten an Eisenhämmern und Kohlenhütten vorbei in die
burgundische Ebene als mich neue Menschen neue Sitten neue Erinnerungen der
Geschichte begrüßten wie hab ich da meinen Hut in die Luft geworfen und
allen Bäumen zugerufen Warum habt ihr hier schon geblüht Warum nicht gewartet
auf diesen Maitag und auf mich Warum liegen eure Flocken schon alle auf der
Erde Und wenn ich einen Pfirsichbaum sah der sich verspätet hatte der noch
blühte ach da hätt ich ihn umarmen mögen wie mich selbst wie mein Bild wie
meinen Kameraden so kam ich mir jung glücklich und wie umgeboren vor In
solcher Stimmung kam ich die Ufer des Ain entlang wandernd in Bauerhütten
einkehrend mit Fuhrleuten sprechend die leichte Kost des Landes geniessend mit
einem Freunde den ich mir unterwegs erwarb wie ich Sie erwarb in dem
schönen Lyon an wo ich nicht die Villen nicht die prächtigen italienischen
Luxushäuser der reichen Kaufleute an den weinbekränzten Ufern des Kanals
besuchte sondern doch was unterhalt ich Sie mit Empfindungen und
Rückblicken auf ein Leben das keinen Wert für Sie haben wird ach
vielleicht auch keinen mehr für mich selbst
Doch doch rief Dankmar fast mit Egon weinend vor Rührung Ich nehme den
innigsten Anteil Prinz
O fort mit dieser Benennung Freund sagte Egon Prinz Durchlaucht Ich
habe sie nie geliebt diese alten Reliquien pedantischer Kanzleisprache diese
geschmacklosen Überlieferungen italienischer und spanischer Etikette Und Das
jetzt Jetzt Wildungen Der Fürst soll sich ehren durch seine Weisheit der
Adel durch seine Tugend und durch die Ehre seiner Taten und Gesinnung der
Bürger durch seinen Beruf und der einfache Name ist es der uns der schönste
Gruß die würdigste Anrede erscheinen sollte Entwöhne sich Einer wie ich mein
Freund vier Jahre lang aller Erinnerungen an äußere Lebensstellung sei Einer
eine Zeit lang nur Das was sein Talent oder wenigstens sein guter Wille aus ihm
macht und man wird die Hohlheit aller äußern Formen für immer gewahr werden
Wildungen ich habe das Leben an seiner reinsten Quelle erkannt Nicht die
Schichten wo man nur Abstractionen genießt und den Fleiß anderer Hände und die
Gedanken anderer Köpfe nicht diese bieten uns ein Bild des wahren Lebens
sondern da rinnt sein Quell wo die Arbeit aus rohen Stoffen eine Gestalt
hervorzaubert da strömt sie wo die ewige Schöpfung Gottes von der Hand des
Menschen fortgeführt wird Ich wurde durch einen Zufall in Lyon ein Handwerker
kehrte nicht nach Genf zurück lebte in und mit dem Volke und liebte seine
Leiden und seine Freuden Was mich dahin führte welcher Irrtum vielleicht oder
welche Täuschung oder welche richtige höhere Bestimmung wie ich veranlasst
wurde die Blouse die ich auch nur des Staubes wegen in Genf angezogen hatte
in Lyon nicht wieder abzulegen Das mein Freund erzähl ich Ihnen
Egon stockte
Dankmar schien schon jetzt um Mitteilung zu drängen
Nein sagte Egon den Ausdruck in Dankmars Mienen wohl verstehend Das
erzähl ich Ihnen wenn Sie einmal Abends in der Residenz auf meinen Polstern
und Divans sitzen werden und Ihnen unter dem Schimmer eines kostbaren
Kronenleuchters den mein Vater in ein liebliches Gewächshaus hat hängen lassen
wo hundert Spiegel die Blumen und Flammen widerstrahlen eine Träne auffallen
wird die sich mit dem Glockenschlage Elf in mein umflortes Auge schleicht
Egon schlug sanft die Arme unter den schönen männlichen Kopf und streckte
sich auf das harte Holz auf dem er saß fast der Länge nach
Die Erzählung hatte ihn erschöpft schon in Dem was er sagte und schien
ihn noch mehr zu erschüttern in Dem was er verschwieg
Dankmar wollte um den schmerzlichen Eindruck zu verwischen und sich selbst
von einer ihn drückenden wehmütigen Stimmung zu befreien das Wort ergreifen
als sie Schloss und Riegel rasseln hörten Pfannenstiel der Wächter des Turms
brachte ihnen das Essen aus der Krone und mochte bei sich denken dass ein
offenbarer überwiesener Spitzbube denn als solchen hatte ihn noch immer mehr
draußen der Tatbestand festgestellt wohl noch nie hier so gut und behaglich
gespeist hätte Dem jungen Fürsten waren der Speisen fast zu viel Er aß nur
einige Löffel von der Suppe Dankmar gestand von sich einen lebendigern Appetit
ein worüber Pfannenstiel der auf die Überbleibsel rechnete wohl nur wenig
Freude empfand Dennoch schien er dem ganzen und dem halben Gefangenen nicht
gerade abgeneigt und ließ sich auf mancherlei Plaudereien über das Schloss seine
ehemaligen und auch gegenwärtigen Bewohner ein Es wurde dabei nur das uns
Bekannte wiederholt und bestätigt Neues aber lag in folgender Bemerkung
Das Glück ist ungleich verteilt sagte Pfannenstiel Das ist schon so und
man muss es sich vom lieben Gott gefallen lassen Aber schlimm ists wenn der
Hochmut die Menschen noch weiter auseinanderbringt als es das Gold schon tut
Ich habe da oben auch auf dem Schloss eine Schwägerin Die ist reich geworden
weil mein Bruder der des Fürsten Wirtschaftsinspektor war zu seinem Vorteil
rechnen konnte O liebe Zeit sie ist eine simple Wirtstochter hier aus der
Gegend und hat eine Zeitlang nicht gewusst soll sie meinen Bruder nehmen oder
den Jäger Heunisch dazumal oder mich der ich Schreiber war im Amt und den
Amtsdienerposten nehmen musste weil ich mir beim großen Brand auf dem Gelben
Hirsch hier da den Daumen verbrannte und nun stolzirt sie wie ein
kalekutischer Hahn und weiß nicht ob sie ihren armen Schwager noch kennen und
grüßen soll Eine Gans war sie schon immer Ich glaube nicht dass sie jetzt
schon ihren Namen schreiben kann
Die beiden Freunde erinnerten sich der Erzählung des Försters im Gelben
Hirsch Der junge Fürst wusste aber von diesen Dingen noch mehr als er auf dem
Gelben Hirsch verraten hatte
War Das bei dem Brande sagte er wo das junge Mädchen verunglückte die
Schwester des jetzigen Wirts Drossel
Vor fünfzehn Jahren ja sagte der Wächter verwundert die Tochter auf dem
Gelben Hirsch die Braut vom Jäger Heunisch Ei woher weiß Er wissen Sie
woher weiß Er
Als Egon kopfschüttelnd über seine Lage die einen solchen Mann zweifelhaft
machte wie er ihn anreden sollte schwieg sagte Dankmar seinen Appetit
unterbrechend
Mein Freund ist aus hiesiger Gegend Das sehen Sie doch nun wohl dass Ihr
hier keinen Verbrecher vor Euch habt sondern einen gebildeten jungen Mann der
sich das Schloss und allenfalls auch die Bilder näher besehen hat weil sie ihm
gefielen
Das wird wohl auch herauskommen ja ja entgegnete Pfannenstiel den
Essenden zusehend Die Bedienten des Herrn von Harder sind gerade so grob wie
ihr Herr stolz ist Den alten Gärtner Winkler hat einer so umgerannt dass er auf
den Tod liegt und als die alte Brigitte darüber klagen wollte sie weiß warum
Einer sein Mundwerk hat drohte man ihr sie solle sich vor Schlimmerem in Acht
nehmen Solche Bengel Ordnung ist oben keine mehr Die Weiber tanzen und
musiciren Der alte Schleicher der Bartusch kriecht herum wies böse Gewissen
und möchte mir die Knöpfe von der Livree abschneiden weil er denkt es ist noch
Silber darin so geizig und gierig sind die Menschen in deren Rachen hinein uns
der alte Fürst in Gnaden verkauft und verjubelt hat
Dankmar fürchtete diese Mitteilungen würden eine Wendung nehmen die
Egons Wunden aufrisse und beschleunigte die Befriedigung seines Appetits um
nur den geschwätzigen Büttel loszuwerden
Egon aber schien an dessen Mitteilungen Gefallen zu finden und sagte ohne
seine Teilnahme verbergen zu können
Also die alte Brigitte lebt noch und der alte Winkler
Kennen Sie denn Die fragte Pfannenstiel erstaunt Freilich wer hat Die
hier in der Gegend nicht gekannt Sie sind wohl aus
Aus Schönau sagte der Fürst
Aus Schönau Ja Da weiß mans auch Wenn die selige Fürstin die gemeinen
Leute einlud sie mussten freilich singen und beten und Manchem konnts gar
nicht schaden teilte die alte Brigitte das Warmbier aus das immer vorm
letzten Vaterunser den Leuten schon von der Küche herauf in die Nase kribbelte
Ach du liebe Zeit es waren curiose Geschichten aber doch noch besser als
jetzt wo kein Mensch weiß was nun aus Hohenberg und Plessen und den herrlichen
Gütern werden wird
Was wünschtet Ihr denn am liebsten dass daraus würde fragte Dankmar der
Egons Gedanken erriet
Das ist schwer zu sagen Übernimmt der junge Fürst das Ganze und befriedigt
die Kreditores so stehen wir uns natürlich Alle hier am besten denn wir
bleiben doch hat erst neulich der alte Winkler gesagt in der Familie Er hat
Recht der alte Mann ders in seiner Kinderei oft noch trifft Eine Herrschaft
die ein gutes Herz hat behandelt ihre Angehörigen als gehörten sie in ihre
eigene Familie Uns hier vom Amte kanns am Ende gleich sein denn die
Gerichtsbarkeit kommt doch wohl nunmehr an die Regierung Aber so ists und so
wirds kommen für die Andern ist von dem Prinzen Egon nichts zu erwarten
Warum nicht fragte Dankmar
Der verkauft das Ganze bezahlt die Schulden nimmt den Rest und geht damit
nach Frankreich wo er ja es ist ne Schande mit einem ganz gewöhnlichen
Frauenzimmer so gut wie verheiratet sein soll und überhaupt ein curioser Hanns
geworden ist
Verheiratet sagte Dankmar und blickte dabei mit ungläubiger Ironie auf
Egon
Wie ich Ihnen sage fuhr Pfannenstiel fort Der Prinz ist hier wie aus der
Welt Sonst wusste man doch dass er in der Schweiz auf Schulen und am Rhein auf
Universitäten war und man konnte sich bei der Frau Fürstin recht insinuiren
wenn man ihr begegnete und ihr sagte Nun Durchlaucht lange nicht geschrieben
Prinz Egon Durchlaucht Früher nämlich als wirklich Briefe von ihm kamen hatte
sies gern Dann aber soll er drei Jahre lang nicht geschrieben haben drei
Jahre lang vor ihrem Tode da hat sies nicht gern gehört wenn Einer sagte Nun
Durchlaucht lange nicht geschrieben Prinz Egon Durchlaucht Wer Das sagte
musste entweder dumm oder ein rechter Spitzbube sein Denn Alle wussten dass er in
Frankreich war sich mit gemeinen Leuten herumtrieb und die Tochter von einem
Tischler gerade nicht geheiratet hatte aber verlassen Sie sich darauf mit
ihr lebte und Kinder hat und wie gesagt ganz verwilderte
Geschichten
Die Träne unter dem Kronenleuchter Freund warf Egon Dankmarn anblickend
mit schmerzlichem Lächeln hinein verstehen Sie
Pfannenstiel sah auf seinen Gefangenen dessen Bemerkung ihm wunderlich
vorkam
Wie meinen Wie meint Er Träne unterm Kronenleuchter fragte er
stockend und in dem Glauben es wäre wohl mit dem Gefangenen nicht recht richtig
Herr Pfannenstiel sagte Egon um diese ihm peinlichen Mitteilungen
abzubrechen Sie sehen wir sind gesättigt Nehmen Sie den Rest und lassen Sie
den Herrn noch bei mir Sie wissen dass es der Justizdirektor ja gestattet hat
Pfannenstiel packte die Reste ein und sagte währenddem mit einiger Ironie
Lassen Sie sich nicht durch den Justizdirektor und seinen Doctor irremachen
der schläft auch ohne den Doctor bis vier Uhr wenns Ihnen sonst hier gefällt
bleiben Sie in Gottes Namen Kühler ists als unten in der Krone es ist wahr
Aber Wetter da hab ich ganz vergessen Ich soll Ihnen sagen
Der Büttel wandte sich an Dankmar
Mir Was ist noch
Es hat Einer inständigst nach Ihnen in der Krone verlangt
Ich sehe ich bin der Vielgesuchte sagte Dankmar Wahrscheinlich der
Amerikaner mit dem freundlichen Knaben
Nein erwiderte der Schliesser der Herr Ackermann der prächtige Sachen von
Amerika erzählte ist abgereist gerade wie ich das Essen holte Vielleicht
kommt er wieder Er lobte unsern Boden Der Knabe lässt Sie noch grüßen und hat
eine solche Angst um Sie gehabt dass Sie hier im Turme wären dass ich meine
Not hatte ihm zu erklären Sie sitzen hier nur zum Spaß
Welcher Amerikaner fragte der Fürst
Dankmar erzählte ihm in einigen Worten die Bekanntschaft die er gemacht und
setzte hinzu dass er einige Zeit geglaubt hätte dieser Fremde könnte vielleicht
an eine Ansiedelung an einen Güterkauf denken
Nein fuhr der Schliesser der sich inzwischen besonnen hatte fort ein
Anderer wollte Sie dringend sprechen und wenn ich richtig gehört habe es soll
just kein feiner Herr gewesen sein und wenn mir recht ist der Wirt sagte er
hätte rote Haare
Hackert sagte Dankmar Wahrscheinlich mein davongelaufener Kutscher
bemerkte er zu Egon hingewandt
Mit dem Bescheide dass dessen Nachfrage nicht viel auf sich hätte entfernte
sich endlich Pfannenstiel und ließ die beiden Freunde allein die ihm bei der
betroffenen Art wie sie bei Erwähnung des Rothaarigen sich anblickten und
gleichsam verstohlene Zeichen gaben doch wieder etwas zweifelhaft vorkommen
mussten Er schien mit gutem Gewissen die Tür zuzuschliessen So kräftig klangen
die Schlüssel als wollte er sagen Es ist doch besser dass ihr Beide da
festsjetzt
Da sehen Sie nun begann Egon als die Schlüssel des Wärters nicht mehr
hörbar waren da sehen Sie wofür ich hier gelte Und doch weiß ich nicht ob
ich mich nicht freuen soll wie schon alle Bande der Anhänglichkeit die mich
bestimmen könnten die Besitzungen zu behalten gelöst sind Jener Amerikaner
Ackermann nannten Sie ihn lobte den Boden Nun wohl Mir ist er nicht günstig
und trägt keine Früchte Man spottet meiner Mutter Man sehnt sich neuen
Zuständen entgegen Man gibt mich auf Kann mich Etwas bestimmen mich hier zu
entdecken Kann ich wünschen hier erkannt zu sein Ein unendlich schönes
poetisches Verhältnis das mich in Frankreich fesselte ist so elend entstellt
hierher gedrungen Eine niedrige Gesinnung wird bei mir vorausgesetzt bei mir
den Niemand kennt dessen Züge Keinem wieder einfallen höchstens vielleicht dem
alten Gärtner wenn ihn die Knechte der ungebetenen Gäste nicht vielleicht
gemisshandelt hätten O dass ich mich entschlösse diese Wechsler aus dem Tempel
meiner Familie auszutreiben Würde mir nicht Gehorsam geleistet werden müssen
Könnt ich nicht die Genugtuung haben dass ich oben auf dem Schloss erschiene
und Allen zuriefe Noch bin ich Herr an dieser Stelle und ich rate euch dass
ihr Alle zum Teufel geht
Zorn hatte Egon ergriffen Er stand mit leuchtenden Augen da und seine
schlanke Figur reichte fast bis zur Decke des niedrigen Gemachs Er öffnete das
Fenster und rüttelte an den Stäben die fester saßen als Dankmar geglaubt
hatte
Und was kann ich anders tun um hier zu entkommen als mich zu entdecken
fuhr Egon mit sich steigernder Ungeduld und Dankmars Schweigen für Zustimmung
nehmend fort Dieser Harder ist ein königlicher Hofbeamter sein Wort hier wirkt
allmächtig Jedes Gutsagen für mich von Ihrer Seite wird an seinen Befehlen
scheitern O fühl ich da nicht jetzt plötzlich die alte feindselige Hand
wieder die schon meine Mutter verfolgte Es war doch wohl keine Grille ihrer
erregten Einbildungskraft dass sie diese Harders für die Erbfeinde ihres Glückes
erklärte
Der Absicht sich zu entdecken stimmte Dankmar bei Er wusste selbst kein
anderes Mittel freizukommen als dass der junge Fürst das Gedächtnis der
Menschen die ihn noch als Knaben oder Jüngling hier gesehen haben mussten
gleichsam aufrüttelte sie auf Wiedererkennung seiner Züge lenkte und wenigstens
durch dieses äußere Zeugnis ergänzte was ihm an Documenten fehlte
Nicht Jeder sagte Egon lächelnd nicht Jeder glaubt wie Sie einer
Visitenkarte
Dankmar erinnerte ihn jetzt an die Mitteilung der Bitte die er ihm hatte
stellen wollen
Wird sie sich ausführen lassen sagte Egon zweifelnd Sie sind auf dem
Schloss nicht bekannt
Ich werde es heute Abend besuchen Man lud mich ein sagte Dankmar
Was hilft es sagte der Fürst ich verlange von Ihnen Etwas das Sie
verabscheuen werden
Sie stocken Haben Sie kein Vertrauen
Ich verlange von Ihnen Dasselbe was
Sagen Sie es Prinz
Dass Sie sich zu meinem Mitschuldigen machen
Noch immer dieser Scherz
Vergessen Sie nicht dass ein Dieb zu Ihnen redet
Wohlan Redete er nur
Wenn Sie meine Bitte erfüllen wollen müssen Sie Das ausführen was mir
gescheitert ist Wildungen
Was Ihnen unbedenklich schien soll an meinem Gewissen kein Hindernis finden
Dankmar sagte diese Worte klar und frei fühlte sich innerlich aber doch
beklommen Er gedachte seines verlorenen Schreins und der Bangigkeit mit der
Siegbert gerufen hatte Du hast ihn doch nicht aus dem Archive des Tempelhauses
entführt und ihn Dir eigenmächtig angeeignet Er gedachte sogar wieder der
Möglichkeit dass der Fremde nicht der Prinz sondern nur über ihn vollständig
unterrichtet war und er durch einen unglaublich gewandten Abenteurer veranlasst
werden könnte einem Andern verbotene Kastanien aus dem Feuer zu holen
Der Gefangene sagte
Sehen Sie Sie werden nachdenklich Ich verlange von Ihnen die rascheste
unbelauschte Aneignung eines Bildes
Eines Bildes fragte Dankmar erstaunt
Eines Bildes meiner Mutter
Als Act der Pietät
Nicht die bloße Folge erwachter kindlicher Liebe
Ich würde diese Regung loben aber warum ein gefährliches Geheimnis
Weil mit dem Bilde selbst ein Geheimnis verbunden ist
Es ist zwei Uhr sagte Dankmar auf die Turmuhr die eben schlug deutend
Sie werden noch Zeit haben
Ihnen mein ganzes Herz auszuschütten Wohlan sagte Egon nahm wieder auf
dem schrägen Brett das vielleicht für die nächste Nacht seine Lagerstätte
werden musste Platz und fuhr durch das zwar wenig genossene Mahl doch etwas
gestärkt in seiner Erzählung fort
Sechstes Kapitel
Das Bild
Als ich in Lyon unterm Volke lebte erzählte der Gefangene empfing ich noch
zuweilen jedoch natürlich vorwurfsvolle Nachrichten von meiner Familie und auch
die gewohnten Mittel zu meiner frühern Existenz Die Mutter blieb sich in ihren
christlichen Ermahnungen gleich Da aber jeder Brief den sie schrieb mit einer
Vorahnung ihres Todes anfing und einer darangeknüpften Betrachtung endete so
wirkte es nur wenig auf mich als sie eines Tages mir wieder schrieb ihre
Stunden wären nun gezählt sie würde sterben Ich sollte eilen schrieb sie auf
Flügeln der kindlichen Liebe eilen sie noch einmal zu umarmen und ihr einziges
letztes Vermächtnis das sie in ihrer Dürftigkeit mir geben könnte
entgegenzunehmen Sollte aber Gottes ewiger Ratschluss sie schon früher
abrufen ehe ich an ihrem Lager kniete und mit ihr zu Gott betete so würd ich
hinter einem Bilde das ich wohl kannte einem gewissen runden Pastellgemälde aus
ihrer Kindheit das sie selber darstellte die Worte finden die sie mir auf die
weite Bahn meines Lebens und an der Schwelle ihres eigenen zurufen müsse
gewichtige inhaltschwere Worte
Dankmar der jetzt das Geheimnis des Diebstahls erkannte konnte nicht
umhin den Erzähler zu unterbrechen und unwillig auszurufen
Aber welch ein Platz Welche Stelle einen letzten Willen niederzulegen der
hoffentlich nur in Betrachtungen besteht
Für den Fall wichtigerer Mitteilungen doch nicht so übel gewählt sagte der
Erzähler Da die Mutter von meinem Vater die feierliche Zusage empfangen hatte
ein Jahr lang den ganzen Zustand Hohenbergs zu lassen wie er bei ihrem Tode
gefunden würde dieselben Wohltaten zu spenden dieselben Diener zu
unterhalten an der innern Einrichtung der Zimmer nicht das Mindeste zu
verrücken ja auf dem Schreibtische die Feder so zu lassen wie sie sie
niedergelegt hätte in dem Augenblick als die Todtenglocke ihr schlagen würde
jedes Buch jedes Glas so zu lassen wie es sein würde wenn ihr Auge bräche
Ah Ah rief Dankmar Egon unterbrechend Vergeben Sie mir dass ich meine
Empfindungen ausspreche Ehre Ihrer Mutter Aber welche fromme
Koquetterie sagte Egon schmerzlich Aber dieser Beweis ist nicht so
triftig wie mancher andere wo Sie die Mutter schon verteidigen wollten Hier
hatte sie Grund zu solchen gesucht erscheinenden Anordnungen Denn sie schrieb
mir da sie diese Verfügung vom Fürsten bewilligt erhalten hätte so würd ich
selbst wenn ich verspätet ankäme den Lebensschatz da unberührt finden wohin
sie ihn aus Furcht vor der Bosheit sündiger Menschen verborgen hätte
Aber gibt es denn nicht Vertrauensmenschen Geistliche Notare Advokaten
sagte Dankmar über die Letzteren selbst lächelnd
Auch Guido Stromern dem Pfarrer schrieb die Mutter fuhr Egon fort könne
sie dieses Testament nicht anvertrauen denn man wisse nicht ob die Furcht des
Herrn in ihm dann noch stark bliebe wenn sie dahin wäre Sie hätte zuviel Bäume
sich herbstlich färben schon gesehen Zuviel wanken und scheitern und sie
glaube nur an einen einzigen ewigen Frühling wo das einmal Entblätterte wieder
ausschlüge und wieder blühe im Lande der ewigen himmlischen Palmen Das Bild
das ich wohl kannte beschrieb sie mir noch einmal und erwähnte das Geheimnis
der Öffnung Ein starker Druck auf das Glas und die hintere Wand spränge auf und
in einer Kapsel würde ich den letzten Beweis ihrer Liebe finden die Enthüllung
eines Geheimnisses
Und Sie reisten nicht sogleich ab fragte Dankmar gespannt und sich in die
Grille der sonderbaren und eigentümlichen Fürstin ergebend
Ich tat es nicht sagte Egon fast mit dem Gefühl der Beschämung
Verurteilen Sie mich deshalb nicht Die Trägheit des Herzens ist wohl eine der
sieben Todsünden die nicht vergeben werden können Dennoch war mein Herz damals
nicht träge Es litt rang klopfte mit stürmischer Bewegung in andern
Verhältnissen als in meinen Beziehungen zu einer Mutter Sagen Sie Dem der
unter einer Brücke zu ertrinken im Begriff ist und mit der letzten Anstrengung
seiner Kräfte gegen die Wellen rudert er soll ein wildes Ross anhalten das über
ihm auf der Brücke sein Teuerstes schleife er hört wohl den Hülferuf aber kann
er mehr als sich ergeben die letzte Kraft verlieren und selbst untergehen So
eingewachsen war ich in mein neues Leben dass ich das Absterben des alten dem
Tode überlassen musste
Eine Weile hielt Egon inne dann fuhr er fort
Als ich den wirklich erfolgten Hingang der Mutter erfuhr fand ich reichere
Musse um sie zu weinen Es waren Tränen die von einem andern Leide noch übrig
waren und mit denen um dieses zusammenflossen Ich war mir eines Unrechts
bewusst und fühlte dass sich das Schicksal wohl die Klage der ohne mich sterbenden
Mutter gemerkt haben würde und mich irgend ein Schmerz in Zukunft noch dafür
strafen soll Aber der alte Spruch dass Niemand über seine Kräfte hinaus Etwas
vermag trocknete mir das nasse Auge und ich selbst sprach mich frei wenn mich
auch irgend eine Nemesis verdammen wird
Ich kenne sagte Dankmar das stärkere Gegengewicht nicht das auf der
Wagschale Ihres Herzens die kindliche Pflicht in die Höhe schnellte aber die
geheimnisvolle Andeutung über das Bild der Fürstin musste Sie doch veranlassen
nach ihrem Tode wenigstens aufzubrechen und an Ort und Stelle von diesem und
manchem andern Nachlasse der Mutter Besitz zu ergreifen
Auch Das versäumte ich sagte der Gefangene Schätze konnt ich keine
erwarten nicht einmal gesammelte Sparpfennige Meine Mutter eine geborene von
Bury besaß schon anfangs wenig und von einem späteren mütterlichen Vermögen war
noch weniger für mich die Rede Eher noch hinterließ sie in Folge ihrer
unbegrenzten Wohltätigkeit Verlegenheiten die mein Vater abzuwickeln hatte
Und da dieser mir vollends schrieb dass er den Tod der Mutter aufrichtig beweine
und sich eine heilige Pflicht daraus mache ihrer letzten Anordnung zu folgen
und Alles ein Jahr lang unverrückt und unverändert in ihrem Sinne bestehen zu
lassen ja immer immer mein teurer Sohn schrieb er bis dein alter morscher
Vater selbst zusammenbricht und du dann über unsern Gräbern zu Gericht sitzen
wirst hoffentlich nicht zu streng Junge Da mir der Vater so geschrieben
hatte ließ ich das Bild Bild sein und überredete mich Was wird es enthalten
Fromme Ermahnungen und ihren letzten mütterlichen Segen
Sie haben wohl Recht sagte Dankmar In der Tat Ich glaube nicht mehr
Dem Charakter der frommen Frau angemessen war eine solche letzte mütterliche
Ansprache an ein Herz das sie nach ihrer Auffassung auf dem Wege der Verdammnis
sah Ein wirkliches Geheimnis konnte sie an einer solchen Stelle nicht
niederlegen
Nicht anders dacht auch ich damals sagte Egon und folgte unbekümmert um
die Heimat in der Fremde meinem Stern Von Lyon führte mich dieser nach Paris
Die große Stadt die ich zum ersten male sah ergriff mich gewaltig Im Gewühl
der sich hier durchkreuzenden Interessen fühlt ich mich wie von einem Elemente
gehoben das denn doch stärker war als meine bisherige kleine Welt die ich mir
in Lyon aufgebaut hatte Sowie mir es damals war muss es einem früh aus seiner
Heimat entführten Menschen sein dem die Erinnerung an sie völlig entschwunden
ist und der plötzlich in sie zurückversetzt an den kleinsten Dingen einem
Laute einem von ihm beobachteten Kinderspiele sich auf ein altes Dasein
erinnert O mein Freund ich wollte ich hätte damals in Paris diese lockende
Musik nicht verstanden Die Kunst die Wissenschaft die Politik das höhere
gesellige Leben fingen an mich plötzlich hinwegzuführen wie eine anschwellende
Flut von der Ebbe wo ich mir auf dem Sande von kleinen Kieselsteinen und
Muscheln und Binsen ein Hüttchen gebaut hatte Die große Flut kam gewaltig
Sie verschlang die Hütte und die Muscheln und die Binsen und mich warf sie
in Strudeln auf und ab hoch zu allen weißen Schaumkronen der Wogen empor und
wieder nieder in die gähnenden Schlünde wo die Ungetüme der See überrascht
entgleitend ihre misgestalteten Formen verbergen bis ich betäubt niedersank
und erwachte an dem frischen Hügel eines Kirchhofes Es war wieder nicht der
Hügel meiner Mutter auch nicht der meines Vaters Es war ein anderer mir nicht
minder heiliger
Egon hielt eine Weile inne dann fuhr er fort
Fast zwei Jahre waren in Paris so hingegangen Ich war mehr Franzose
geworden als ich noch Deutscher blieb verfolgte immer noch meine alten
populairen Neigungen wenn auch in anderer Form bis mich die Nachricht vom Tode
meines Vaters und sein letzter Gruß etwa in diesen Worten traf Wildungen
wollen Sie eine Probe vom Stile meines Vaters hören
O sagte Dankmar die Sprache des alten berühmten Kriegers der mit den
Truppen in den köstlichsten Lakonismen sprach ist gewiss auch in diesem Falle
originell gewesen
Egon hob den Kopf empor blickte auf die Decke des Gefängnisses und besann
sich
Er schrieb soviel ich mich aus dem Gedächtnis entsinnen kann sagte er
ungefähr so Mein guter Egon der alte Generalissimus da oben lässt gewiss
nächstens bei mir Appell blasen und deinen Vater kennst du als einen guten
Soldaten der wenn die Trompete ruft pünktlich auf seinem Posten steht Da die
Reise weit ist mein Junge so nehm ich viel Gepäck mit Mit Dem was ich
zurücklasse sieh zu wie du fertig wirst Du bist wenigstens der Fürst Egon von
Hohenberg Das führt dich immer noch gut ins Leben ein wie mich leidlich
heraus Wenn du Ursache haben wirst manchmal zu wünschen dein alter Vater
hätte in dieser Welt bessere gute Freunde gefunden als seine Gläubiger waren
so bemitleide mich Schlurck sagte mir immer Durchlaucht Sie ruiniren sich
Ich sagte ihm Kanaille Geld aber keine Moral Von dir nicht Von euch
Allen nicht Schlurck sagte auch Durchlaucht Sie ruiniren Ihren Herrn Sohn
Das war richtiger Aber darum sag ich doch Pass dem Kerl auf die Finger
Junge Es bleibt dir noch genug um bei Hofe manchmal mit vier Pferden
aufzufahren bei einer Schlittenfahrt gute Livreen zu erfinden und die deutschen
Weiber mit deinen Französinnen zu vergleichen Da ich mit Freude gehört habe
dass du solid geworden bist wie mich Graf dAzimont versichert dessen junge
Frau du verführt hast da du ferner deine verfluchten Muckerstreiche mit
Metierlernen Hobelführen und solche verrückte Angedenken an die Pension und
deine selige chêre Mêre aufgegeben hast Gott hab sie selig so zweifle
ich gar nicht dass du hier im Lande noch eine gute Partie mit Geld und Gütern
machst und unser Wappen ein Bischen neu vergoldest Von deiner Mutter nochmals
zu reden so nimm mirs nicht übel mein Sohn dass ich in einem Anfall übler
Laune und schlechter Kasse ihre hohenberger Hinterlassenschaft in Bausch und
Bogen losgeschlagen habe Die Harders sind eigentlich zunächst Schuld daran und
quälten mich um die Einrichtung Pauline die in ihren jungen Tagen ich will
nicht wissen warum deiner Mutter das Leben nicht gönnte hat seit ihrem Tode
getan als wenn sie in Mama ihre letzte Freundin verloren hätte Kaum hatte
Mama die Augen zu so kam sie und lamentirte um Andenken und verlangte zuletzt
ihren ganzen Nachlass um ihn in ihrem neuen Landhause vor der Stadt
aufzustellen Natürlich käuflich Du weißt dass ich vor einem Jahre nichts daran
räumen und ändern durfte Als aber das Jahr um war lieber Junge kam sie wieder
mit dem alten Jammer um die edle Freundin aber sie ist schlau dies Weib Was
den Nachlass anlangte über den wir um dreitausend Taler schon einig waren so
wollte sie ihn jetzt durch ihren Mann auf Staatskosten für die königlichen
Lustschlösser ankaufen lassen Sie wusste es richtig so zu drehen dass der Hof
Wind bekam und in seiner mir immer bewiesenen Gnade gleich das Geld gab das ich
gerade den impertinentesten meiner Manichäer den Hund den Pfannenstiel
brenne die undankbare Kanaille im ewigen Feuer dafür zu befriedigen dringend
brauchte Siehst du Junge so ging das Mobiliar zum Teufel Jetzt aber noch
Eins Weil ich nicht begreifen konnte wie das weiland so böse Weib die
Pauline zu so schrecklicher Zärtlichkeit für unsere Familie kam und mich
Schlurck der überhaupt mit allen Hunden gehetzt ist einfach und trocken
versicherte die gute Geheimrätin fürchte den geschriebenen Nachlass ihrer
ehemaligen Freundin und wolle nur tout bonnement jeden Keim wiederauflebender
alter Geschichten dadurch ersticken dass sie die Macht bekäme auf Hohenberg
jeden Winkel zu durchstöbern so hatt ich lobe mich dafür die
Vorsicht erst alle Schränke öffnen und jeden Schnitzel Papier der sich
vorfand verbrennen zu lassen Glücklicherweise fand ich nichts als das
Geschreibsel von allen Pfaffen der Erde an die Mama an die sie das Geld vertan
hat und an die Heidenbekehrer und Hottentotten noch dazugenommen Ich war
dabei als der ganze fromme Gestank im Kamin prasselte und fast hätten wir
Hohenberg damit in Brand gesteckt Nun mag die Hexe die Pauline den Rest
durchstöbern Sie wird nichts mehr für ihren Schnabel mit den falschen Zähnen
finden Die Familienbilder mein Sohn versteht sich von selbst sind von dem
Verkauf ausgeschlossen und bleiben dein Ça commande le nom de la famille
Also mein lieber Sohn nun mach ich dir Platz in dieser Welt die gerade nicht
schlecht ist wenns kein Podagra und keine Wucherer gäbe Tu mir die Liebe
und folge nicht überall meiner Spur sie verlor sich manchmal ein Bischen ins
Holz wo der gute Weg aufhört und die Irrlichter zu plänkeln anfangen aber
duld aber auch nicht dass Buben über mein Grab springen Hunde darauf usw
dürfen Mit einem Wort bleib ein Kavalier wie ich einer war wenns auf
Bravour ankam und verstehst du auf ein honettes Sentiment Mein Sohn Meine
Orden schickst du an die Herren Souverains zurück die meine Brust damit
geschmückt haben Es sind ihrer eine schwere Menge Tu Das mit Anstand und
feiner Etiquette Vielleicht lässt dir Einer oder der Andere so ein Kreuz oder
Band auf Abschlag für künftige Verdienste gleich um den Hals zurück und sagt
Ich wüsste keinen bessern Erben Ihres Herrn Vaters als den Herrn Sohn Es führt
gut in die Gesellschaft ein und macht sich immer artig wenn man wie du eine
Figur danach hat Die Verdienste kommen schon später Sorge nur ich bitte dich
darum für meine alten Pferde für meine Hunde und auch die Diener Auch Das
noch Wenn einmal Einer mit zerschossenem Bein kommt und sagt Unter Ihrem Herrn
Vater Durchlaucht hab ich bei Leipzig den Schuss gekriegt so lass ihn wenn er
auch lügt denn die Jungens sind Alle tot oder versorgt so lass ihn
nicht ohne ein paar Groschen gehen Hörst du Das eigentlich große Denkmal setzt
mir der König mein guter Herr Leb nun wohl Egon Das ist mein letzter Brief
Ich ahne Etwas von einem recht langen Winterquartier unter der Erde Nimm meinen
Segen Brauchst ihn nicht zu verschmähen Ein Husar der ehrlich stirbt ist
doch so gut wie ein Pfarrer Adieu mon fils Pour jamais Dein treuer Vater
Fürst Waldemar von Hohenberg Postscriptum Verkauf getrost meinen ganzen
Nachlass aber die Uniformen lass beisammen als Familienstück Ich möchte dass Das
aufbewahrt bleibt Vielleicht wird einer von deinen Jungens Soldat und lacht
wenn erst die neuen Teatersoldaten zugeschnitten sind lacht als Kadett über
einen alten Generalfeldmarschall von ehemals Dies entre nous Zeige den Brief
Keinem vom Hofe verstehst du Hüte dich vor den Harders und tue Recht und
scheue Niemand Adieu mon fils
Als Egon diesen Brief aus dem Gedächtnisse fast wörtlich wiederholt hatte
konnten sich Beide so traurig die Veranlassung war einer heitern Stimmung
nicht erwehren
Ich fühle denn doch sagte Dankmar wie in diesem martialischen Herrn den
ich gar oft noch habe reiten sehen und dessen feierliches Begräbnis die ganze
Stadt in Bewegung brachte der Kern jener Gesinnung lag die man die gute alte
deutsche nennt Was wollte er nur mit dem Postscriptum und dem Verbot des
Zeigens bei Hofe
Es ist das Postscriptum späteren Datums als der Brief selbst erklärte Egon
und offenbar in großem Unmut geschrieben Die Jugend dieser alten Haudegen fiel
in Zeiten wo die Fackel des Kriegs durch ganz Europa loderte und an eine edlere
Bildung auf der Wettbahn der Tapferkeit und des Glückes nicht zu denken war Die
darauf folgende Friedenszeit hat zwar den wohlerworbenen Kriegsglanz eines
gefeierten Namens nicht trüben können aber nur zu bald stellte sich heraus dass
die Helden des Feldlagers Sitten nach Hause brachten die ihrer hohen Aller
Augen zugänglichen Stellung nicht entsprachen Da sollte denn äußerer Glanz
vornehmer Prunk die innere Leere ersetzen Im Widerspruch mit einem jüngeren
heranwachsenden Kriegergeschlecht das aus Büchern und in einer stillen
Friedenswärme für seinen Beruf sich bildete machten jene alten Helden gerade
ihre wilden Sitten Trunk Spiel und Galanterie um so zügelloser geltend als
der politische Horizont sich manchmal doch wieder zu umwölken und irgend ein
kriegerisches Zeichen am Himmel noch hervorzuzucken schien Später wo die
bedenklichen Krisen der europäischen Staaten friedlich verliefen und die alte
militairische Tradition sich immer mehr verlor gewann auch die geistige
Richtung beim Militär so die Oberhand dass man die alten Helden des Lagers die
Ritter vom Schwerte nur noch aus Pietät schonte und diese um sich nur zu
behaupten sogar auf Moderichtungen des Tages sich verlegten Mein Vater soll in
seinem Bestreben sich hoffähig zu erhalten und modern geistreich zu werden
höchst komisch gewesen sein Wenn er bei der jetzigen jungen Landesmutter zum
Tee war erzählte man mir in pariser Cirkeln schenkten ihm die Bedienten die
dafür reichliches Trinkgeld erhielten statt Tee Rum ein und während die junge
Königin mit Bewunderung sah welche artigen Sitten der alte Fürst Waldemar
angenommen hatte pries er so lange seine Vorliebe für die von ihr protegirten
Mässigkeitsvereine bis er unter irgend einem Vorwande sich still entfernte Die
Zarten Empfindsamen freuten sich dass wahrscheinlich das Gefühl der Wehmut
das am Hofe sehr cultivirt wurde auch schon solche derbe Naturen übermannte
Andere meinten aber nur der Rum hätte ihn übermannt wieder Andere aber die
ihn noch besser kannten sagten geradezu er ginge weil ihm der Rum der jungen
Landesmutter zu schwach war zur Prinzessin Ottokar wo er eine gewisse
schärfere weiße Sorte Rum vorfand die er vorzog und die ihm die bereits
unterrichteten Bedienten dort feierlich und schweigsam in den Tee gossen In
den Cirkeln der Prinzessin Ottokar war man nämlich mit den Anfoderungen der
Armee vertrauter als bei der jungen Königin ihrer Schwägerin
O mein Gott rief Dankmar der über diese Anekdote die Prinz Egon mit
lächelndem Schmerze vortrug nicht lachen konnte wie wenig verdienen Sie die
Vorwürfe die Sie sich jetzt zu machen scheinen Prinz Vorwürfe dass Sie von
solchen zerrütteten Zuständen fernblieben
Sie können sich denken fuhr Egon nach einer Pause fort dass ich nach dem
Tode meines Vaters nun doch nicht länger in der Fremde verweilte Es waren
Umstände eingetreten die mir die Rückkehr die jetzt eine Pflicht der Vernunft
war auch zu einer Tröstung des Herzens machten Ich betrat den deutschen Boden
und den unserer engeren Heimat Aber ein solches Grauen empfand ich in das
Palais meines Vaters so schön so prachtvoll es ist einzuziehen dass ich erst
in einem entlegenen Gasthofe abstieg und im Grunde nicht recht wusste was ich
nun eigentlich hier beginnen sollte Es meldeten sich sogleich Haushofmeister
Secretaire Kammerdiener Lakaien Alles huldigte mir Ich antwortete zerstreut
und planlos Der Einzige der mich in mein Eigentum in die zerrüttete Lage
meiner mehr als zweifelhaften Besitzungen einführen konnte der Justizrat
Schlurck war nicht zugegen Ich erfuhr dass er in Hohenberg war In Hohenberg
musst ich mir sagen Und ich sagt es nicht ohne Bitterkeit Da kam mir ein
Gedanke Hohenberg und das Bild meiner Mutter Du sollst nun handeln schaffen
wirken entledige dich zuerst eines Opfers der Liebe rief es in mir suche die
Grabstätte deiner Mutter und rette dir das Bild wenn es noch möglich ist und
das wichtige Geheimnis das es enthalten soll Meines Vaters Diener erzählten
mir dass das hohenberger Mobiliar soeben von dem Geheimrat von Harder in Besitz
genommen wurde
Ich erwähnte die Familienbilder Man sagte mir sie blieben die unsrigen
aber erst müssten den Bedienten war alles Das so bekannt wie den Herrschaften
selbst auch diese wie alle Gegenstände nach der Residenz geführt werden Man
wusste dass die Geheimrätin von Harder einen Anteil an dieser Procedur nahm
den sich Niemand erklären konnte Mich ergriff nun ich weiß nicht welche
Beklemmung Die Worte des Vaters seine Warnung vor den Harders kamen mir so
beängstigend in den Sinn dass ich mich rasch entschloss und teils um Hohenberg
in der Stille zu beobachten und mich für meine künftigen Plane über Behalten
oder Nichtbehalten vorzubereiten teils um auf irgend eine Art das Bild meiner
Mutter mit dem plötzlich mir selbst geheimnisvollen vielleicht schon geraubten
Einschlusse zu retten mich auf den Weg machte Ich tat es in einer
Verkleidung die Sie kennen Ich begegnete auf dem Heidekrug Schlurck den
wahrscheinlich die Nachricht von meiner Ankunft schleunigst zurückrief Wir
lernten ihn in seinem ganzen Leichtsinn kennen Ihnen entdeckt ich mich
Wildungen weil ich Sie liebgewann und mir denken muss Sie werden mein ganzes
Leben hindurch mein Freund sein und bleiben Sagen Sie mirs aber aufrichtig
Irr ich mich
Dankmar reichte ihm gerührt die Hand
Diese festhaltend schloss Egon mit den Worten
Ich habe es eine Weile bereut diese Reise unter solchen Umständen gemacht
zu haben jetzt nicht mehr Ich wollte erst zum Förster Heunisch den wir auf
dem Gelben Hirsch gesehen hatten mich dort zu erkennen geben und die Nacht bei
ihm bleiben Ich blieb um ihn zu erwarten Ein altes widerliches Weib schreckte
mich ab
Ursula Marzahn sagte Dankmar
Marzahn bemerkte Egon Ist das die Frau des wilden Soldaten der mich
schießen lehrte Sie muss kindisch sein
Was tat sie Ihnen fragte Dankmar erstaunt
Als ich warten wollte und mich für einen reisenden Tischler ausgab sagte
sie Ich kenne dich wohl du bist ein Tischler und machst Särge Geh Geh Hier
ist Niemand zu begraben Das schreckte mich doch Ich musste ihre Art für
wahnsinnig halten Noch lange rief sie mir nach Ich kenne dich Ich fing an
mich zu fürchten und lief fast Es war mir als hetzte mich ein böser Geist so
rannte ich durch den Wald vor dieser gräulichen Alten auf die ich mich ja
ja ich besinne mich es war die schon damals alte Frau des jüngeren
lüderlichen Marzahn schon damals verrufen als ein schlimmes unfreundliches
Weib
Wo blieben Sie aber diese Nacht fragte Dankmar teilnehmend
Da die Alte von den Toten gesprochen hatte so führte es mich unwillkürlich
auf den hiesigen Kirchhof Da sucht ich erst das Grab meiner Mutter und fand es
in einem einfachen von einem goldenen Kreuz gezierten Mausoleum Es war Nacht
geworden Auf dem Schloss oben sah ich erhellte Fenster Ich hörte die Klänge
eines Flügels durch den stillen Frieden herüber Es war fremde Gesellschaft in
Räumen die doch noch mir gehören Unter dem Scheine einer Besprechung der
Gläubiger genoss man die Vorfreuden des künftigen Alleinbesitzes Wenn ich in dem
Augenblicke wo Alles der Freude und dem Scherz hingegeben das Schloss zu
betreten wagte die mir wohlbekannten Zimmer aufsuchte und jetzt gleich mit
eigener Hand das Bild rettete das mir eine sterbende Mutter auf die Seele
gebunden hatte Ich entschloss mich rasch und stieg hinauf Die angefesselten
Hunde bellten nicht sie schienen den lebhaften Verkehr im Schlosshofe gewohnt
Die Türen des Gitterwerks standen weit offen obgleich es längst die zehnte
Stunde geschlagen hatte Den großen Eingang fand ich aber verschlossen Nur mein
Klingeln hätt ihn geöffnet Dazu fehlte mir der Mut die Fassung Ich setzte
mich umspielt von einem leisen balsamischen Abendwind auf die Schwelle eines
der innern Fenstervorsprünge Der Mondschein fiel auf die entgegengesetzte
Seite Ich saß im Schatten und blickte zu den Sternen aufwärts Hinunter sah ich
dann in die dunkeln Gebüsche des Gartens von wo der mir so wohlbekannte kleine
Wasserfall herübermurmelte Ich hörte einzelne Worte des oben geführten
Gesprächs Es schien mir fast als spräche man von mir selbst Ich hörte oft den
Namen meiner Mutter und fand diese Umkehr der Dinge diesen Wechsel des
Geschicks so traurig so jammervoll so entwürdigend für mich dass ich den Mut
zur Tat verlor und meine Gedanken hinausspann bis nach dem Genfersee und der
Rhone wo ich solcher Abende ach
soviele erlebt habe soviele die mir im Angesicht der majestätischen
Gebirge und im Rauschen der Wogen hingingen wie jene Gebete die meine Mutter
von mir in einsamer Kammer oder vor dem Altar einer Kirche verlangte
Endlich ging die Gesellschaft oben auseinander Noch lachte und neckte sich
Alles beim Abschied und dem Herunterkommen von der großen steinernen
Haupttreppe Man entfernte sich nach vorn nicht durch den innern Hof Hier und
dort wurde ein Fenster hell und verlosch wieder Wie in einem Gasthofe Man
sah dass überall die Menschen sich wie häuslich niedergelassen hatten Endlich
wurde Alles still alle Lichter erloschen nur in den Zimmern meiner Mutter
schien noch der matte Schein des Lämpchens zu glimmen Ich musste annehmen dass
sie bewacht wurden Dennoch nahm ich meinen Entschluss wieder auf Ich umging den
rechten Flügel des Gebäudes Ach hier lag noch der kleine Kieselsand auf dem
Boden und knirschte unter meinen Schritten hier waren noch die Stellen auf ihm
eingedrückt wo sonst einige Orangenbäume in großen hölzernen Gefässen prangten
Einer kleinen Seitentür näherte ich mich ich drückte darauf auch sie war
verschlossen Dann sah ich empor ob ich nicht wagen könnte hinaufzuklettern
aber die Stuccaturvorsprünge der Mauer waren zu schwach Sie würden mich nicht
getragen haben selbst wenn ich mich mit den Nägeln in den Kalk hätte einkratzen
wollen So konnte denn nur eine Leiter helfen und diese zu suchen entfernt ich
mich Wie ich so vorsichtig geschützt von den langen Schatten des Schlosses in
der nächsten Umgebung hin und her spähe hör ich ein Knistern auf dem
Kieselboden Aus dem Garten schleicht sich ein Mensch behutsam näher Es war
hell genug in ihm denselben kecken Burschen zu erkennen mit dem ich Sie zuerst
erblickte und der uns im Walde so plötzlich verließ
Hackert fragte Dankmar
Derselbe Mensch mit dem rötlichen Haare sagte der Fürst derselbe mit dem
hämisch lauernden Ausdruck der Augen derselbe der mich für einen politischen
Spion hielt
Er wandelte im Traume sagte Dankmar
Wie antwortete der Fürst der diese Frage nicht ganz verstand Im Traume
Er war in einem völlig bewussten Zustand Eine Weile stand er lauschend still
Ich drückte mich hinter eine Karyatide die eine der Fensternischen ziert und
folgte dann behutsam und spürte seinem Treiben nach Er blieb ringsum spähend
in dem innern Schlosshof Wie er an einem der Fenster das Merkmal gefunden zu
haben schien das er suchte blieb er an der entgegengesetzten Wand im vollen
Mondscheine stehen und blickte unverwandt wie ein zweiter Ritter Toggenburg auf
jenes Fenster Endlich regte sich etwas an dem von ihm beobachteten Punkte
Vorhänge wurden zurückgeworfen und eine wie es schien jugendlich schöne
weibliche Gestalt im Nachtkleide öffnete das Fenster Kaum hatte sie einen Blick
in den Mondschein geworfen als sie laut und mit Entsetzen jenen Namen rief den
Sie vorhin nannten Ja
ja Hackert war es Das Fenster wurde von dem lieblichen Wesen das mich
selbst bezauberte wie in der Eile der Angst zugeworfen die Vorhänge fielen
zurück der abenteuerliche Mensch lachte grell auf polterte lärmte als wollte
er sich hörbar machen und sprang pfeifend und singend wie besessen davon Ich
eilte ihm nach Er hüpfte den großen Fahrweg hinunter Ich folgte ihm zuletzt
mit Mühe Zuweilen stand er ganz still und sprach laut lachend sah sich um und
wiederholte mit kindischen Gebehrden seinen eigenen Namen Unten aber wandte er
sich dem Walde zu wohin ich ihm nicht folgen mochte da ich plötzlich im Dorfe
lautes Sprechen hörte Ich folgte diesem Lärm Man schien im Pfarrhause laut zu
peroriren Kinder schrien Als ich näher kam war es still Da gab ich denn für
diese Nacht mein Vorhaben auf blieb auf dem Kirchhof und warf mich unter dem
Vordache des Mausoleums meiner Mutter zum Schlafe nieder Erstaunen Sie darüber
nicht Es ist nicht das erste mal dass ich unter freiem Himmel schlafe
Ich wünsche sagte Dankmar gerührt dass in der heiligen Nähe Ihrer Mutter
Sie ein Traum beseligt haben möge worin sie Ihnen die Palme des Friedens und
der Versöhnung reichte
Dieses Glück wurde mir nicht zuteil sagte Egon Ich träumte auf dem harten
Boden nur von jenem Bilde das mich nicht mit der Zärtlichkeit einer Mutter
sondern erst tot und kalt dann immer hässlicher zuletzt in wilden Fratzen
anblickte bald von Schlangen umringelt war die es bewachten bald sich in
einen derartig gewöhnlichen Gegenstand verwandelte dass ich im Traume gelacht
haben muss Ein mal war es ein zinnerner Teller den die alte Brigitte in der
Hand hielt Darauf war ich so ermüdet dass ich ziemlich fest und lange schlief
Als ich erwachte fiel mein Auge auf den marmornen Sarg der hinter dem Gitter
von einem Engel gehütet in nicht übel ersonnener Architektur vor mir stand An
der Hinterwand las man die mit Gold eingegrabenen Worte »Kommt zu mir Alle die
Ihr mühselig und beladen seid ich will Euch erquicken« Erst sah ich neben dem
Kirchhof in einem freundlichen Garten wo ich in der Nacht das laute heftige
Sprechen vernommen hatte den Pfarrer Guido Stromer wahrscheinlich den ich
nicht kenne von Blumenstrauch zu Blumenstrauch gehen und mit sinnender
Überlegung ein Bouquet zusammensetzen das er wahrscheinlich nach einer
häuslichen Szene zur Versöhnung seiner Frau auf den Frühstücksteller legen
wollte Frühstück Ich gedachte dabei meiner eigenen Nahrung und besann
mich dass ich ganz prosaischen Hunger hatte Ich erquickte mich die Ulla
entlang wandernd in entlegenen Bauernhäusern an frischer Milch Da sah ich
plötzlich gegen neun Uhr einen großen Transportwagen zum Schloss hinauffahren
Der Gedanke Noch ist es Zeit elektrisirte mich Ich fasste wegen des vielleicht
noch zu rettenden Bildes einen letzten Entschluss Entweder dacht ich kannst
du dir noch glücklich durch Gewandtheit dein Eigentum erobern oder du entdeckst
dich dem Geheimrat von Harder und machst diesem Maskenspiel ein Ende selbst
mit Gefahr seiner Gattin gerade das Bild zu verraten an dessen Besitz wenn
sie das Geheimnis kannte ihr soviel gelegen schien wie mir Ich komme aufs
Schloss das Durcheinander und Lärmen der Diener begünstigt mein Vorhaben Man
trägt einen Tisch nach dem andern Sessel Fauteuils ja selbst das
geschmackvolle gotisch geformte auseinandergenommene Bett der Mutter in jenen
großen Wagen bei dem der Geheimrat Wache zu stehen schien wenn ich anders
eine hagere mit Orden geschmückte Figur dafür halten muss Bei einer solchen
Demütigung meines Namens mich zu entdecken ich hätt es nicht vermocht Ich
betrat das Schloss erstieg die Treppe man sah soviel Menschen durcheinander
dass ich nicht auffiel Ich gelange in die Zimmer meiner Mutter Welche
Verwüstung Welche Zerstörung Alles durcheinandergewühlt Fetzen Papier auf der
Erde die Wände halb zerschlagen die Kamine wahrscheinlich vom Verbrennen der
Papiere mit Russ und Rauch überzogen Das war ein Chaos Ich sehe Leute die
packen und tragen ich schreite weiter als gehört ich zu ihnen Im
Schlafzimmer der Mutter hängen noch Bilder mein eigenes Bild als Knabe Das
Bild des Vaters das Bild der Großmutter und über dem Platze wo das Bett stand
über einem Kruzifix das unberührt hing sehr hoch still und schweigsam ja
gespenstisch das bezeichnete runde Pastellgemälde Ich suchte nach einem
Sessel Ich ergreife den ersten besten steige in die Höhe reiche nach dem
Portrait hab es in der einen Hand und fahre schon mit der andern über die
Glasfläche als ich mich an den Füßen gepackt fühle Der Bediente den Sie hier
sahen reißt mich hinunter schleudert das Bild aus meiner Hand
glücklicherweise auf nebenanliegende Betten ruft Hilfe Man umringt mich der
Intendant mit großen dummen Schafsaugen misst mich auf zehn Schritte Entfernung
weil er meine zornfunkelnde Miene fürchtete und befiehlt zitternd und bebend
meine Verhaftnahme Man packt hält mich führt mich den Weg hinunter in
diesen Turm und nun sagen Sie was ich anders tun kann
Als sich eine Weile ergeben Prinz erhob sich Dankmar jetzt mit sorgloser
froher Bewegung und von Ihrem Freunde Alles erwarten was nur in seinen Kräften
steht Wie Sie ungekannt von hier entkommen können weiß ich noch nicht aber
weder das Geheimnis des Bildes noch Ihr eigenes dürfen Sie preisgeben Nach
dieser Behandlung nein können Sie sich nicht entdecken Niemals Niemals
Ich fühle Das Wildungen
Sie müssen für immer auf diesen Tag einen Schleier fallen lassen und das
Übrige
Das Übrige
Dankmar stockte und sagte dann nachdenklich
Ist es nicht wunderbar dass ich mit Ihnen durch das gleiche Schicksal
verbunden bin Scheint es nicht ein Fingerzeig des Zufalls zu sein der
scherzend die ernsten Missionen des Verhängnisses erfüllt wie wir so
zusammengeführt werden durch eine ähnliche ja fast gleiche Aufgabe Wie sich
mir an jenen Schrein eine große Aufgabe knüpft die ich Ihnen einst
ausführlicher entwickeln werde so verbirgt Ihr Bild ohne Zweifel Tatsachen
die tief in Ihr Leben eingreifen und der Schlüssel zu den dunkelsten
Verwirrungen werden können die Ihnen noch für Ihr Leben aufbewahrt scheinen
Bedenken sie diesen verdächtigen Eifer einer Frau die Ihrer Mutter Freundin
war dann sie hasste und sie nun auch im Tode verfolgt und jede Spur von ihrem
Dasein Sie sehen es ja vertilgen möchte
Was man von dieser Pauline Harder weiß sagte Egon ergriffen von der
Teilnahme des Freundes ist nur zu sehr geeignet ihren Schutz für ebenso
allmächtig wie ihre Verfolgung für eine Hölle auf Erden zu erklären Was
beherrscht sie nicht Ich weiß es aus den diplomatischen Kreisen in Paris Sie
regiert durch die verzweigtesten Fäden ihrer gesellschaftlichen Beziehungen
einen Teil der öffentlichen Meinung Was hat sie nicht schon Alles unternommen
Was nicht gefördert und gehemmt Wo nur eine Idee ins Leben treten soll find
ich ihren Namen als Beschützerin oder Gegnerin und grade weil sie Denen eine
starke Macht verleiht die sie aufsuchen fürcht ich für Die die sie
vermeiden umgehen wollen Eine Freundin von ihr die Gräfin dAzimont
Egon stockte
Sie nannten jene Dame die Ihr Vater in seinem originellen Briefe erwähnte
bemerkte Dankmar
Der junge Fürst schwieg fast verlegen Dankmar schonte sein Gefühl nahm
das Wort und sprach die Vermutung aus
Ihre Mutter hat ohne Zweifel Erinnerungen ihres Lebens geschrieben die
große Welt fürchtet ihren Wahrheitseifer Das Gerücht von Memoiren der Fürstin
Amanda wird sich verbreitet haben und diese diese werden gesucht vielleicht
Briefe aus alten Zeiten die manches Geheimnis enthüllen Geben Sie die
Eroberung nicht auf
Aber wie sagte Egon Ich bin gefangen und schon in diesem Augenblicke
vielleicht ist der Wagen gepackt schon jetzt rollt er vielleicht der Residenz
zu und die genaueste Untersuchung eines vor Enthüllungen zitternden Weibes
durchstöbert jedes kleinste Teilchen seines Inhaltes und wird auch bald
entdecken dass die Rückwand des Pastellbildes auffallend stark ja fast einem
Kästchen ähnlich ist
In der Tat? bemerkten Sie Das sagte Dankmar
Aufs Deutlichste
Geben wir dann nur Eins nicht auf riet Dankmar Das ist die Zeit Jede
Stunde kann noch einen Gewinn bringen jede Minute das Schlimmste abwenden Ich
bin auf das Schloss geladen Ich werde alle Fragen wegen meiner eigenen
Angelegenheit fallen lassen da ich Ihr Zeugnis habe dass Schlurck meinen
Verlust schon mit sich geführt hat Sie und Ihr Interesse sollen mein einziges
Augenmerk sein Ich werde horchen ich werde forschen ich werde mir irgend eine
Gelegenheit zu Nutze machen Ihnen zu dienen aber Sie müssen sich entschließen
so peinlich der Gedanke ist
Wozu sagte Egon indem er Dankmars die kleine Zelle musternden Blicken
folgte Sie meinen ich muss den Gedanken an Freiheit für heute aufgeben
Das ist es sagte Dankmar Nur um Zeit zu gewinnen setzte er hinzu Zeit
sich der einen Sache der im Augenblick wichtigern widmen zu können Warum soll
ich nicht das Gespräch auf dieses Bild führen können es nicht ansehen dürfen
warum durch den raschen Druck auf das schützende Glas den Inhalt nicht zum
Vorschein bringen Denken Sie sich diese Überraschung Ich würde sogleich als
Jurist auftreten ich würde Beschlag auf diese Papiere legen ich würde sie
nicht eher aus der Hand lassen bis ich nicht den Gefangenen aus dem Turm
befreit hätte dem sie allein gehören dem Prinzen Egon von Hohenberg
Wildungen rief Egon sprang auf und warf sich ihm an die Brust indem er
mit stürmischer Dankmarn fast seltsamer Freude den Bruderkuss auf die Lippen
drückte Wildungen Sei mein Bruder
Dankmar ablehnend fast erstaunend ungewohnt solcher Regungen in dieser
kühlen Zeit wollte scherzend erwidern Aber Egon litt es nicht und sagte
Eine Vergleichung mit Posa und Karlos wäre lächerlich Ich habe kein Spanien
zu erben Aber ein Posa bist du Freund wie wir weißt du schon einmal
scherzten Das Kreuz des Maltesers würde deinen Mantel zieren wie den
tapfersten Ritter der für das Grab des Erlösers focht
Dankmar war erst erschrocken über diese stürmische ihm doch etwas peinliche
Empfindsamkeit dann aber betroffen über diese Erinnerung an seine eigensten
geheimsten Ideengänge dachte er an Siegbert an Ackermann und den Knaben
und er hätte sie gern in diesem Bunde gehabt in diesem Bunde der Freundschaft
der Liebe und des einen Geistes
Eben sagte Dankmar liebevoll und gerührt
Egon Gibt es denn noch Freundschaften in unserer Zeit
Egon wollte erwidern
Da hörten sie draußen den Riegel gehen Der Schlüssel im Schloss drehte
sich und schon auf dem Vorplatz machte sich der Turmhüter vernehmbar mit den
Worten
Ich komme früher als Sie mich rufen
Wie er die zweite Tür aufgeschlossen hatte und eintrat reichte er Dankmarn
einen Brief hin
Der sonderbare Mensch sagte er der nach Ihnen in der Krone fragte hatte
keine Ruhe und wollte Sie sprechen Da Sie nicht kamen und ich ihn nicht
herauflassen durfte schrieb er diesen Zettel an Sie und hat ihn mit vier
Siegeln zugeklebt als fürcht er ich würde seine Staatsdepesche lesen
Eigentlich lass ich mich da auf Sachen ein
Dankmar nahm den Brief und erstaunte sowohl über die wunderbar schöne wie in
Kupfer gestochene Handschrift wie über die Adresse die wörtlich lautete »An
den Ritter vom vierblättrigen Kleeblatt«
Dankmar musste auflachen
Pfannenstiel spähte und fragte
Ist Das wirklich an Sie
Er musste wohl glauben hier hinter eine verzweigte Gaunerbande zu kommen die
sich in einer eigenen Spitzbubensprache verständigte
Egon las auch die Adresse und sagte
Aber Das ist ja erstaunlich Da ist ja der Ritter Posa schon anerkannt und
von einem Schreiber von einem Schreiber diese kupfergestochene Handschrift
kenn ich
Sie ist von Hackert der mich nicht nennen will sagte Dankmar Jetzt glaub
ich wohl dass er nicht die Peitsche zu führen versteht Das ist ja meisterhaft
geschrieben Er wollte mich nicht mit Namen nennen der schlaue Fuchs und so
erinnert die Adresse an einige Erörterungen die ich mit ihm über das Kreuz auf
dem von Schlurck gefundenen Schrein hatte Bester Pfannenstiel der Brief ist an
mich und enthält hoffentlich kein Gaunerlatein
Schlurck sagte Egon und setzte leise hinzu
Alle Briefe die ich von der Verwaltung meines Vaters empfing waren von
dieser nämlichen Hand geschrieben
Natürlich sagte Dankmar ebenso Hackert war Schlurcks Schreiber
Und während noch der junge Fürst seinen Erinnerungen über diesen Gesellen
und sein nächtliches Treiben nachhing eröffnete Dankmar den Brief und las für
sich
Betroffen fuhr er sich mit der Hand über die Stirn las noch einmal lachte
dann nahm rasch seinen Hut und sagte zu Egon
Nun keine weitern Erörterungen mehr Freund Sie würden er sah auf
Pfannenstiel hier nicht am Platze sein Noch heute Abend oder morgen früh
hörst du mehr von mir Ergib dich in dein Schicksal Träume vom Genfersee von
Lyon von Paris von der Zukunft und wenn du willst von der Gräfin dAzimont
Leb wohl
Und damit entfernte er sich wirklich zum großen Erstaunen des Schliessers
der noch einige Worte mit dem Gefangenen wechselte ihm alle Bequemlichkeiten
versprach und dem »Ritter vom vierblättrigen Kleeblatt« folgte den er unten an
der Turmpforte zu finden hoffte Dankmar war aber schon weit von dannen
Pfannenstiel schloss die Tür mit gewaltigem Schlüssel zu Er dachte doch wohl
Wir haben einen curiosen Fang gemacht Das Examen wird unserer Justiz viel
Ärger und Mühe kosten
Egon nahm aber den Brief den ihm Dankmar in seiner eiligen ihn fast
verwirrenden Entfernung zurückgelassen hatte
Er las
»Ew Wohlgeboren werden heute Abend auf dem Schloss sein Sollte die Rede
auf mich kommen Fritz Hackert heiß ich so können Sie Vieles von mir sagen
was Sie wollen selbst dass ich Ihnen wie ein Esel erschienen bin So etwas
schadet mir da nichts weil man meine Ohren kennt und was ich hinter ihnen habe
Aber wenn Sie ein Mann von Ehre sind und Sie es gern hören dass ich außer einem
Wesen das vielleicht kein Mensch ist keinen Menschen in der Welt so lieb habe
wie nicht etwa Ew Wohlgeboren sondern Ihren Herrn Bruder der mich in
einem Augenblicke der Verzweiflung mit Menschenliebe erquickte so beschwör ich
Ew Wohlgeboren sprechen Sie von mir auf dem Schloss nie wie von Ihrem
Kutscher Ich bin ein elender Mensch und kämpfe mit allen niedrigen
Leidenschaften eines jämmerlichen Kerls der das Gute will ohne die Organe
dafür zu haben aber ich unterliege wenigstens nicht ganz wenn ich mich höher
hinauf halte als wohin mich ein grausames Schicksal geworfen hat Erniedrigen
Sie mich da nicht wo Sie heute wahrscheinlich sehr hoch stehen werden Denn ich
muss Ihnen im Vertrauen mitteilen dass man im Orte unten und schon oben auf dem
Schloss anfängt Sie für den Prinzen Egon von Hohenberg zu halten der im
Incognito hierher gekommen wäre um sich vom Zustande seiner Güter zu
unterrichten Vielleicht macht Ihnen dies von mir aus bester Quelle
geschöpfte Misverständniss Spaß Ich wünsche dass Sie Ihren Schrein gefunden
haben Noch einen Rat Reiten Sie nie mehr mit Pferden von Lasally Dies unter
uns Übrigens nochmals Nicht Kutscher Ich nenne Sie nicht wie Sie heißen
sondern wie die Aufschrift lautet weil es Sie vielleicht unterhält das
Vorurteil zu benutzen und auf dem Schloss einige Stunden lang den Fürsten Egon
von Hohenberg zu spielen Etwas vom Teufel haben Ew Wohlgeboren doch auch im
Leibe oder sind wenigstens ein Mensch der mir vorkommt als könnte er mit der
ganzen Welt Fangball spielen«
Aus diesen zwar rasch aber ebenso in der Rechtschreibung sicher wie in der
Kalligraphie bewunderungswürdig correcten und gefällig geschriebenen ihm in den
Hauptsachen aber dunklen Worten ersah Egon sehr wohl den Grund warum Dankmar
plötzlich laut auflachte und rasch einen Entschluss fassend so außerordentlich
mutig und fast drollig aufbrach Mit dem heitern und erwärmenden Gefühl
vorläufig einen wahren Freund gefunden zu haben ergab er sich nun ruhig in ein
Schicksal das durch die Aussicht wohl gar von Dankmar Wildungen jetzt auf dem
Schloss vertreten zu werden an wunderbarer Verwickelung und abenteuerlicher
Verwirrung noch gewonnen hatte
Siebentes Kapitel
Der Doppelgänger
Als Dankmar wieder auf seinem kleinen Zimmer in der Krone war und ihm der Wirt
gesagt hatte es gäbe täglich Gelegenheit Briefe zu befördern schrieb er aus
Rücksicht auf einen nun wahrscheinlich sich etwas verlängernden Aufenthalt an
seinen Bruder Siegbert Wildungen
»Lies den Ariost teuerster Bruder und du wirst eine Vorstellung von
meinen gegenwärtigen Schicksalen haben Hätte jener fabelnde Sänger den Zug der
Argonauten geschildert die auszogen gen Kolchis um das goldene Vliess zu holen
ich wette seine Erfindungen würden den Abenteuern gleichen die ich wirklich
ich sage wirklich erlebe Über mein goldenes Vliess sei vorläufig beruhigt Ich
glaube dass es in sicherer Hand ist Willst du ein Übriges tun so besuche den
Justizrat Schlurck und zeig ihm an dass er keine Schritte tun möchte den
Eigentümer des mit einem Kreuz bezeichneten von ihm gefundenen Schreins zu
entdecken Er würde in der Person deines liebenswürdigen ihm schon bekannten
Bruders Dankmar sich ihm bald selbst vorstellen Auch Peters beruhige und
erfreu ihn mit der Nachricht dass ich Bello mitbringe leider nur mit einem
solchen Bein das sich wird heilen lassen wenn man es noch einmal zerschlägt
Dies Hundeleid lieber Bruder ist das einzige Herzeleid dieser Hohenbergschen
Reise Sonst rüste dich zu einer traulichen Winterabendstimmung wenn ich
anfange dir zu erzählen was hier schon Alles hinter mir liegt noch mehr was
bevorsteht Am Webstuhl der Zeit sitzen doch immer noch recht alte verschlafene
Heidenhexen und spinnen auch noch jetzt unsern überhellen Tagen träumerische
Märchen und unglaubliche Fabeln Ich sage dir Horatio es gibt mehr Dinge im
Himmel und auf Erden als wovon die Zeitungen und die Staatsanwalte sich träumen
lassen Wenn es reif sein und ans Tageslicht kommen wird dann sagt man
vielleicht es war gewöhnlich Aber im Werden erlebt und mit allen ungewissen
fragwürdigen Umständen der Schicksalszubereitung aus dem Kessel genossen hat es
etwas von Prosperos Insel Ich wünschte du sähest wie ich in meinem Elemente
plätschre Ich werfe mich jetzt eben auf diesen Brief an meinen sanften und
vernünftigen Bruder nur um mich nach allen Regeln des Anstandes zu sammeln vor
Beginn eines der lustigsten Tage meines Lebens Füge nur getrost hinzu Er wird
das Traurige haben dass ich nach der ewigen Ordnung aller Dinge ihn dereinst mit
vielen trüben Stunden werde bezahlen müssen Aber Das ist hoffentlich das
einzige »Aber« an meinem heutigen frohen Glauben Zähme deine Neugier und
erwarte nichts Gewöhnliches
Die Welt war uns wirklich ein zu ernstes Drama geworden Bruder höchstens
manchmal künstlich ach gar gar zu künstlich eine derbe Posse wie sie
Policinell mit der Pritsche und mit Prügeln im KirchweihKasten spielt Heute
lieber Junge erlebt ich Dinge die wenn du willst dem Sommernachtstraum
angehören den du so sehr liebst mit seiner Waldeslust seinen verzauberten
Eselsköpfen seinen herablassenden kritischen Königswitzen und besonders dem
Elfenspuke und ihrem die schmachtende Sehnsucht erweckenden Augenbalsam auch
wir verwandeln uns und werden verwandelt Bruder und wir wissen wohl Prinz was
wir sind aber nicht was wir sein werden HamletOphelia Meine Gleichnisse
erschöpfen sich Du siehst mein Junge ich wollte gern in Deiner Sprache reden
Ich wollte gern deinen Düsseldorfer Senf mit seinen Bildern und Gleichnissen
treffen Was würdest du für gebeizte Augen machen wenn dich Das träfe was ich
schon Alles hier sah und sehen werde und wie würdest du dir vorkommen Ich sähe
dich Siegbert umwunden von Blumen mit einer Krone auf dem Haupte Elfen
umtanzen dich und du guter frommer Sterblicher der so etwas nur gemalt und
gedichtet sich denken kann sträubst dich vielleicht gar und sagst zu den
neckenden Baumnymphen Meine Damen Ich bitte bitte Sie inständigst
inkommodiren Sie sich nicht Ich bin der Maler Siegbert Wildungen aus Angerode
der sich jetzt aufs Historienfach geworfen hat und von einem hochlöblichen
Kunstverein den Ankauf eines Tendenzbildes vielleicht vergebens erwartet ich
bin ein realistisches Wesen geworden lasst mich ihr schönen Fräulein mit blauen
Kränzen in dem Haar und dem Maassliebchen auf der Brust lasst mich in Ruhe
unsere Schule träumt dergleichen nur und malt es in die Albums kunstliebender
Salondamen edler Diakonissen und Schwanenjungfrauen So hör ich dich du
blöder schnöder Vernünftling Aber es würde dir gar nichts helfen Die Fräulein
von der Wiese im Mondschein würden dich auslachen dich kichernd verfolgen
Schaut Schaut Der sträubt sich und will nicht der Sohn des Königs Phantasus
sein Der kennt uns nur aus Büchern und Bildern und weiß nicht dass wir seine
Schwestern sind Ach ich wette du schämst dich dann doch Bruder in der Kunst
immer kühn und im Leben so bedächtig zu erscheinen du fängst doch mit den
kleinen Creatürchen zu tanzen an im Mondenschein unter den Sternen die siehst
du denn Das auch jetzt des Nachts so schwer und voll wie Traubengehänge auf
dich niederlangen und du nimmst auch das funkelnde Krönlein das dir in grünen
Livreen die Kammerherren der Mondfräulein die Eidechsen mit schwänzelnder
Höflichkeit präsentiren Leider bist du nun aber nicht hier und deine
SommernachtstraumRolle muss ich spielen so gut ich kann wenn auch nimmer so
würdig wie du Und noch Eins Erzähl ich dir einst meine Hohenberger
Erlebnisse ein Einst das sich in drei Tagen höchstens erfüllen wird so
setz dich nicht etwa wie ein Criminalrichter hin und ziehe zu Allem die Stirn
wie du sie gerunzelt hast im Pelikan unter dem Apfelbaum als ich in feierlicher
Stunde bei Froschgequak Johanniswurmleuchten und beim Duft eines
erinnerungsreichen Schnittlaucheierkuchens dir meine freie Maurerei im
Tempelhause zu Angerode und den Fund der alten Wildungenschen Recesse und
Cessionen erzählte jammre mir etwa nicht und lamentire über gewagte
unglaubliche ungesetzliche Dinge und stell dich nicht wieder als wolltest du
eine Anstellung haben als officieller Pinsel Konstablerhutlackirer oder
Criminalmaler der die Verbrecher malt die man in effigie verbrennt Ich sehe
nicht ein warum die Komödie der Irrungen nur auf der Bühne gespielt werden
soll Ist der Wald denn nicht wirklicher als eine Tapete Die Sonne nicht
berechtigter als eine Öllampe Kann ich sage kann hörst du Kann der
Acteur jemals stocken der seine Rolle frei von der eigenen Leber erfindet und
sich dabei wenn nicht an die Regeln des Aristoteles doch an sämtliche Regeln
des Anstandes und sogar die drei Einheiten des guten Tons hält Harmonie der
Handschuhe der Cravatte und der Weste und sich nur Eines als freie Muse
ausbedingt die himmlische märchengeborene traumbeglückende süße
Unwahrscheinlichkeit Siegbert Siegbert Ich bestreite es dir mit dem
übereinstimmenden Zeugnis aller Elemente aller Jahreszeiten aller Krebs und
NichtKrebsFischereiMonate und aller himmlischen Zeichen des Tierkreises
ich bestreite es mit dem Verdict deiner eigenen fünf Sinne die doch die
gewissenhaftesten Geschworenen unsers Urteils sind
Die Welt sieht nicht so aus wie das hintere Zimmer eines Kaffeehauses wo
es nur Zeitungen Kellner Fidibus Zigarren und klappernde Dominosteine gibt
Ich bestreite dir dass KoakGas das Hellste auf Erden ist und ein Tunnel das
Finsterste Wie o wie wünscht ich dass ich manchmal du wärest Wie
wünscht ich dass du zuweilen spazieren gingest aus deiner künstlichen
gemachten Phantasterei heraus und vor den Toren die Romantik erlebtest die du
nur zu malen verstehst Reisse dich los Bruder von der classischen
Walpurgisnacht deiner Anschauungen wo nur teoretische Schemen und Larven dich
umtanzen nur alte Weiber aufgeputzt mit Phrasen beim Klitschklatsch der
TeelöffelImagination die Zaubereien bewundern die du mit Hilfe der
BücherNekromantik mit Hilfe der grauen Theorie und des ästhetischen
Höllenzwanges aus dem Boden der Trompettaschen Mäuseburgschen Harderschen
Salons steigen lässest wirf die Fesseln ab die dich an diese tapezirte Welt
des Scheines bindet stürze dich ins Rauschen der Begebenheit in die immer
offenen Arme der Natur und Geschichte wo du allein erwarmen und nur etwas
Dauerndes wie deinen Molay schaffen kannst auch wenn ihn der flammende
Ketzerrichter des Geschmacks und rote KunstvereinsKardinal Propst Gelbsattel
verwirft Dies schreibt dir dein aufrichtiger Bruder sonst ein passives
Meisterstück der Schöpfung heut aber ein activer Stümper im Wettkampf mit dem
großen Michel Angelo des Lebens genannt die Gottheit«
Wie Dankmar diesen tollen Brief überlas tat es ihm doch fast leid dass
eine so scherzhafte Absicht die ihn anfangs im Schreiben allein geleitet hatte
zuletzt in eine ernste Wendung übersprang die seinen Bruder vielleicht
verwunden konnte Er überlas ihn daher nochmals und voll Besorgnis Doch ließ er
ihn wie er war schloss ihn siegelte mit einer Krone dem Wappen des
Kronenwirtes und legte ihn getrost zum Absenden zurecht Er hätte ja nur
sagte er sich entschuldigend auf sein altes Thema spielend angestreift das ihn
im Gespräch mit dem Bruder schon so oft ergriff Er hätte ihn ja nur wieder
aufgefordert sich freizumachen von einer gewissen mehr gelehrten als
natürlichen Begeisterung für seine Kunst Siegberts Geschmack schien ihm
zuweilen mehr der Geschmack der Schule als des eignen Bedürfnisses zu sein Alle
Anspielungen Dankmars auf Meister William und die Elfen auf Ariost und die
Abenteuer auf Goethe und die Gespenster waren kleine Spöttereien auf Siegbert
der sich zur Zeit in dieser vorgezeichneten Richtung des Schaffens noch sehr
gefiel Salonromantiker nannte ihn Dankmar oft wenn Siegbert in vornehme
Gesellschaften geladen wurde und mit Andacht zuhörte den Vorlesungen über Kunst
und Poesie die in gewissen Kreisen der Gesellschaft Mode waren besonders als
noch die jetzt politisch gestimmte Pauline von Harder in dieser Richtung den Ton
angab und Alles um sich versammelte was in Wissenschaft und Kunst glänzend
hervortrat Mag ers nehmen sagte sich Dankmar wie ers immer genommen hat
Als Anregung zur Selbstprüfung oder Gelegenheit mich eines Bessern zu belehren
und ihn um Verzeihung zu bitten
Mit diesem Briefe mit den Erzählungen des Wirts über Hackerts ängstliches
Forschen mit der Nachfrage nach dem Befinden seines Gauls und einem Besuch im
Stall endlich mit der nicht leichten Aufgabe aus seiner beschränkten
Reisetoilette eine Art nonchalanten Reisenegligées herzustellen verging die
Zeit bis zur sechsten Stunde Endlich setzte er den wohlausgebürsteten von
Staub gereinigten weißen Kastor auf und musterte sich in dem kleinen Spiegel
seines Zimmers dem hier und da die hintere Metallbekleidung fehlte und der
eigentlich nur Fragmente von Dem wiedergab der sich in ihm erkennen wollte
Diese Fragmente sagten Dankmarn dass er wirklich an Wuchs fast dem Prinzen
gleich war Er hatte sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm nur dass sein
bräunliches Haar heller gelockter das schlichtere kurzgeschnittene Egons
dunkler war Sein kleines Stutzbärtchen kleidete ihn zierlichst und die klugen
Augen funkelten so unternehmend dass sie wohl dem Zuge von Ironie und Schalkheit
an den Mundwinkeln entsprachen der Hackerten bestimmen konnte mit soviel
Respekt von dem Manne zu reden der ihn ehe er ihn nachtwandelnd im Heidekrug
gesehen so kräftig im Zaume hielt Gewöhnt sich immer gut zu halten konnte
Dankmar keinen Anstoß nehmen sich so wie er war auf dem Schloss zu zeigen
Hatte er doch die Gesellschaft oben nicht selbst gesucht ihre Einladung nicht
erwartet Sein zerknittertes Halstuch bügelte ihm die Magd frisch auf Leicht
schlang er es um den Hemdkragen der ihn am meisten beunruhigte wenn man nicht
die Blicke die er auf seine Handschuhe warf noch besorgter nennen will
Indessen sagte er sich
Bin ich oben Dankmar Wildungen so bin ich auf dem Impromptu einer Reise
begriffen Bin ich Prinz Egon so hab ich noch den Vorteil voraus als
Tischlergesell direkt aus Lyon oder Paris zu kommen und eine Art von Kommunisten
zu spielen das heißt mit einer großartigen Verachtung des äußern Luxus meine
geheimen Pläne unterstützen zu können
Als Dankmar zum Schloss gegen Abend hinaufstieg war es ihm unangenehm dass
er merken konnte er vertriebe für heute die gewohnten Gäste Einige Damen
schritten an ihm vorüber und betrachteten ihn zwar höchst neugierig aber
misgünstig Dankmar kannte nur zwei die Eine die ihm noch die freundlichste
war die Pfarrerin die duldend und nachgiebig schien und die Andere die im
vollen Staate befindliche aber zornglühende Frau Justizdirektorin von Zeisel
die Dankmars Gruß höchst spöttisch erwiderte
Himmel dachte Dankmar du erregst schon Misgunst statt Teilnahme Das ist
kein guter Anfang Und noch schlimmer dass Niemand an mein Incognito glaubt
Hackert hat gelogen Keiner denkt daran mich als etwas Geheimnisvolles zu
bewundern
Weiterhin rollte ein Wägelchen von einem knarrenden Hemmschuh gehalten an
ihm vorüber und gleichfalls den steilen Berg hinunter Eine Dame mit zwei Herren
saßen darin Alle Drei lorgnettirten ihn In dem jüngeren erkannte er den
Stallmeister Lasally von dem er oft einen Gaul gemietet hatte ohne indessen
mit dem schroffen und etwas unzugänglichen Herrn selbst in Berührung zu kommen
Er warf Dankmarn einen entschieden verächtlichen Blick zu und musterte ihn von
unten bis oben sodass sich Dankmar fast beleidigt fühlte
Unentschlossen ob er dem Wagen irgend ein Wort nachrufen sollte hörte er
sich von einem andern ausfliegenden Gaste angeredet von einem Manne in dem er
den Pfarrer erkennen musste Diesem schien die Abweisung am allerverdriesslichsten
zu kommen Das unheimliche Feuer des Neides glimmte aus seinen Augen als er dem
Günstling des Abends begegnete
Sie sind erwartet mein Herr sagte Stromer Man muss Sie glücklich preisen
mit Fräulein Melanie den Tee trinken zu dürfen
Und ohne eine Antwort abzuwarten ging der erzürnte fast verwirrte Mann
vorüber
Dankmar wusste nicht wie ihm geschah Er kannte alle diese Menschen nicht
in die er so plötzlich wie ein brennender Schwärmer hineinfuhr und die er zu
ihrem Ärger auseinandersprengte Der Geistliche schien ihm vollends die
Besinnung verloren zu haben In seinem Auge lag etwas Irres Er übersah sehr
rasch dass diese Gäste heute sich wie täglich von selbst eingefunden hatten und
mit der Bitte begrüßt worden waren sie möchten entschuldigen dass sie diesmal
nicht gebeten würden den Abend über dazubleiben da ein der Familie Schlurck
sehr werter Fremder sie aus mancherlei Rücksichten allein in Anspruch nähme
Wenn Dem so war so durfte er darin eine höchst feierliche Vorbereitung erkennen
und einen noch nicht sehr weit umgegriffenen Verdacht über seine Person oder
eine Hackertsche Flunkerei Als ihm aber dann doch der alte Herr der ihn
eingeladen hatte auf halbem Wege entgegenkam und ihn versicherte die
Herrschaft wisse ihm für die Annahme seiner Einladung den größten Dank als
Dankmar sah dass man ihn wirklich wie eine Standesperson einholte konnte er
nicht umhin ganz aufrichtig zu sagen
Ich bin überrascht mein Herr wie die Reise die ich zur Wiederauffindung
eines mir sehr wertvollen Eigentums machen musste mich in eine so freundliche
Berührung mit der Familie des Mannes führt dem ich ohnehin schon wie ich
zufällig unterwegs im Heidekrug erfuhr die Rettung meines Verlustes verdanke
Bartusch fixierte Dankmarn mit halbzugekniffenem Auge räusperte sich und bat
den Gast er möchte er bäte sehr darum des Schreins von dem auch er schon
gehört hätte keine Erwähnung tun Die Wiederauffindung desselben wäre zufällig
mit Umständen verknüpft die in Madame Schlurck gewisse unangenehme Empfindungen
hervorriefen Gedanken die sie doch lieber nicht wecken wollten Es täte
ihm leid darüber dunkel bleiben zu müssen
Eine so geheimnisvolle Äußerung musste Dankmars Neugier eher steigern doch
fügte er sich gern der sonderbaren Bitte die einen Gegenstand betraf über
welchen er sich jetzt vollkommen beruhigen zu dürfen glaubte
Auf dem Schlosshofe trafen sie dann den großen Transportwagen des
Intendanten
Welch ein Ungetüm rief Dankmar Das ist ja kein Wagen Das ist ein
wandelnder Salon in dem man tanzen könnte
Bartusch erklärte ihm mit lauerndem Blicke die Bestimmung dieses großen
Behälters
Doch nicht Alles schon gepackt fragte Dankmar dringend
Zum größten Teil antwortete Bartusch überrascht von dieser Frage Noch
heute Abend wird Herr von Harder abreisen Zwei Gendarmen sind ihm vom Landrat
als Begleitung zur Verfügung gestellt
Dankmar schüttelte ärgerlich den Kopf blieb stehen und öffnete die
Hintertür des Wagens
Derselbe Bediente den er im Turm gesehen hatte saß völlig aufrecht wie
ein Wächter auf den sehr geordnet zusammengestellten Möbeln und grinzte ihn
boshaft an
Lieber Himmel äußerte sich Dankmar lachend zu Bartusch zwei Gendarmen Wie
streng wird Das hier genommen Es scheint als wenn in Plessen die Justiz viel
zu tun hat Die arme Blouse im Turm leidet darunter
Ihr hat wie mir der arme Mensch erzählte ein Bild gefallen weil es nicht
wie die Andern glänzend sondern nur wie mit buntem Staub gemalt ist Er wollte
sich diese Art zu malen genauer betrachten und Gehen denn die Familienbilder
auch schon in die Residenz
Die letzte Äußerung Dankmars wurde von ihm so hingeworfen um ihre Wirkung
zu beobachten
In der Tat war aber diese Wirkung nicht gering Bartusch riss die Augen auf
richtete sich in die Höhe und zweifelte keinen Augenblick dass eine solche
Äußerung nur von dem Prinzen selbst oder dem intimsten Vertrauten desselben
kommen konnte
Die Vermutung dass der im Turm Sitzende ein Jäger oder Kammerdiener des
Prinzen Egon war stand längst bei ihm fest
Leider sagte Bartusch hat der Vorfall von heute früh den Geheimrat so
alterirt dass er nun auch sämtliche Bilder sogleich in den Wagen tragen ließ
Sämmtliche Bilder sagte Dankmar unangenehm betroffen
Allerdings fuhr Bartusch lächelnd und fein fort Ich zweifle indessen
nicht dass sich der Monarch ein Vergnügen daraus machen wird nicht nur wie
ausdrücklich bedungen ist alle Familienbilder zurückzustellen sondern auch den
jungen Prinzen durch manches andere wertvolle Andenken an seine Mutter zu
erfreuen Was die Administration der Masse tun kann um alle diese
Verwickelungen angenehm zu lösen alle diese herrlichen Besitzungen beisammen zu
lassen und dem jungen Fürsten an ihnen Freude und Gewinn zu sichern wird gewiss
geschehen Es ist viel von der Vergangenheit gut zu machen aber bei einigem
guten Willen von Seiten Derer die hier zu fodern haben und bei Kraft und
Ausdauer von Seiten Derer die wohl für den Augenblick verlieren müssen lässt
sich für die Zukunft mancherlei wiederherstellen
Dankmar nickte beifällig Die wohlgesetzten Worte gefielen ihm an und für
sich schon Dann aber an die Bilder sich erinnernd warf er einen schmerzlichen
Blick auf den großen bewachten Wagen von dem sie sich nun entfernten und
unterdrückte den Seufzer nicht der Bartuschen auszudrücken schien als wollte
er sagen Sie sprechen gut aber Ihre Wünsche sind vergebens
Mag er ihn in diesem Sinne nehmen sagte sich Dankmar der trotz der
Gendarmen vor der wirklichen Abfahrt des Wagens den Mut nicht verlieren wollte
mag er denken ich bin der Prinz Ob ich Dankmar Wildungen oder Egon bin was
tut Das hier
Still jetzt bei sich überlegend was sich nun wohl noch wagen und unternehmen
ließe folgte er dem Führer über die große steinerne Treppe die in den ersten
Stock ging Einige hübsche Mädchen betrachteten ihn neugierig und sehr pressirt
einige leichtfertige Bediente mistrauisch Vom Intendanten entdeckte er nichts
obgleich sein Blick in die Reihe der Zimmer fiel die Se Excellenz mit so
strenger Konsequenz ausgeleert hatten Er hoffte nicht dass auch der Geheimrat
zu den abgewiesenen gehörte Diesem noch begegnen zu können schien ihm
unerlässlich Bartusch öffnete eine hohe Saaltür Dankmar durchschritt einige
Gemächer bis er endlich in dem von Melanie eigens zu seinem Empfang
vorbereiteten Flügel und Eckzimmer eintrat
Die beiden Damen die sich ihm heute ganz allein widmen wollten waren schon
zugegen
Melanies seit dem Morgen von Stunde zu Stunde gewachsene durch die
abschlägige Mittagsantwort nur gesteigerte Spannung war denn nun endlich gelöst
Die Erfüllung ihrer Sehnsucht stand vor ihr Sogleich erkannte sie die in der
Tat treffende Ähnlichkeit dieses Besuchers mit jenem Siegbert Wildungen der
ihr soviel Aufmerksamkeit Verehrung und Liebe zollte und sogleich begann sie
von diesem Siegbert und brachte Dankmarn durch ihre Schönheit ihre reizende
Toilette und die in ihm geweckte Voraussetzung der Bruder hätte ihm doch längst
von ihr erzählen sollen was nicht geschehen war in eine Verlegenheit bei der
er sich verwickelte und sich nicht sogleich fassen und sammeln konnte Das traf
denn allerdings rasch mit einem schlauen blitzschnell zugespielten Winke
Bartuschs zusammen und in glücklichster Überraschung wisperte Melanie bei einer
leichten Wendung des Kopfes der Mutter zu
Es ist der Prinz
Dankmar gehörte zu denjenigen jungen Männern die früh unter Frauen und
Mädchen sich tummelnd dem Reiz des andern Geschlechts den es so überwältigend
auf unreife Neulinge ausübt schon abgestumpft haben Siegbert floh in seiner
ersten Jugend aus Schüchternheit die Frauen und erlag deshalb später um so mehr
ihrem Reiz und fast jeder vertrautern Annäherung Dankmar dagegen hatte schon
als reifender Knabe gebildeten Frauen im Gespräche sozusagen standgehalten
kleine Liebschaften mit jüngeren gepflegt und erschrak nun nicht mehr zu heftig
vor der zauberischen Gewalt des Weibes Aber diese Melanie blendete ihn doch
Und wie sollte sies nicht in dem weißen sich aufbauschenden Kleide das sie
umflutete wie eine leichte Wolke Zeigte diese ungesuchte und einfache Tracht
doch fast nichts als sie selbst Sie selbst in der plastischen Schönheit ihrer
Formen im Ebenmass ihrer leicht behenden Glieder im frischen Ton des Incarnats
dem man von Dem was unverhüllt sich zeigte ahnend ins Verborgene folgte
Melanie besaß heute noch mehr Anziehung als je denn sie hatte warten sich
sehnen sich vor sich selbst demütigen müssen Diese Sehnsucht malte sich in
ihren Augen die feuchter als sonst strahlten Auf der kleinen edlen Stirn und
an den hohen frei leuchtenden Schläfen lag ein Ernst der ihr sonst fremd war
Sie hatte das freie Spiel ihrer Koquetterie schon dadurch verloren dass sie
heute mehr des Gastes als ihrer selbst eingedenk sein musste Wie malte sie sich
nicht den Tag über aus was sie Alles vom Prinzen schon wusste und noch im Laufe
des Tages erfuhr Wie verlor sie sich in Möglichkeiten der Zukunft Wie
überdachte sie die Abenteuer die schon von dem Prinzen alle erzählt wurden Wie
natürlich fand sie diesen geheimnisvollen Besuch auf einem Schloss das er mit
seinem wahren Namen nicht sehen mochte um nicht vor Denen gedemütigt zu
werden die hier das elende Geld zu Herren gemacht hatte Wie hatte sie diese
Gläubiger im Laufe des Tages verspottet wenn sie rechneten und maßen ob sie
wohl vorziehen sollten selbst diese Herrschaft anzukaufen oder sich in ihr
Deficit ruhig zu ergeben Wie entschieden hatte sie jeden Besuch für heute
zurückgewiesen um dem unglücklichen jungen Fürsten die Demütigung zu ersparen
Menschen zu sehen zu deren Untergebenen ihn der Leichtsinn seines Vaters
gemacht hatte Bartusch hatte die größte Mühe gehabt diese Ablehnungen so
höflich wie möglich einzukleiden
Dankmar seine bedenklichen Handschuhe allmälig ganz unbelauscht ausziehend
begann mit Entschuldigungen über seine Garderobe die nur für eine plötzliche
Geschäftsreise eingerichtet wäre
Als er dafür von den Damen die holdseligste Absolution in Empfang genommen
hatte sagte er
Meinem Bruder muss ich die bittersten Vorwürfe machen dass er mich von dem
Glück einer Bekanntschaft niemals unterhalten hat die er mir vielleicht nicht
gönnte Seit wann kennen Sie ihn
Seit einigen Wochen erwiderte Melanie ungläubig lächelnd und mit den
Augen blinzelnd als müsste sie sich beherrschen nicht laut in Lachen
auszubrechen
Dann entschuldigt ihn sagte Dankmar meine längere Abwesenheit Finden Sie
dass wir uns ähnlich sehen
Erstaunlich sagte die Mutter Zwar ist mir Herr Wildungen nur aus größeren
Gesellschaften die wir gaben erinnerlich allein meinst du nicht Melanie
die Augen ich meine die Augen
Warum nicht gar sagte Melanie Es ist eine große Ähnlichkeit da aber der
Ausdruck und die Art ist eine völlig andere Von den Augen zumal Mutter darfst
du nicht reden Siegberts Augen haben einen schönen frommen leuchtenden Glanz
entsinnst du dich des Bildes von Leidenfrost auf dem ich und Herr Siegbert
verspottet sein sollen Man erkennt die verklärte Stimmung einer nur zu regen
Begeisterung bei ihm aber die Ihrigen mein Herr sind etwas unheimlich etwas
bös man möchte ihnen kein Vertrauen schenken
Dankmar bedankte sich für eine Rüge die doch nichts als eine coquette
Schmeichelei war Das Gemälde von Leidenfrost war ihm aber unbekannt Ein
Gemälde auf dem Melanie und sein Bruder verspottet wären Sein Bruder
verspottet Verspottet von dem ihm wohlbekannten Siegbert befreundeten
Leidenfrost Darüber verfiel er in eine wahre gar nicht erkünstelte
Verlegenheit und wusste nicht was er dazu sagen sollte
Die Justizrätin diese Verlegenheit vollkommen durchschauend nahm das Wort
und entschuldigte den so kleinen Zirkel mit dem man ihn begrüsse Sie hätte ihn
anfangs für menschenscheu gehalten Man hätte ihn hier und dort allein
lustwandeln sehen zum Schloss empor hätte er nie blicken mögen so wäre es
gekommen dass
Sie lieben die Einsamkeit unterbrach Melanie die ehrliche Mutter die nicht
gut Komödie spielen konnte Es ist bekannt Mutter Herr Herr Herr
Wildungen sind ein Einsiedler
Dankmar musste sich im Stillen sagen dass bei ihm gerade das Gegenteil
stattfand doch gelang es seiner Situation mehr als ihm selbst sich die
schwermütige Miene zu geben die Melanies Ausspruch voraussetzte
Als er lächelnd verlegen niederblickte sagte Melanie rasch
Kennen Sie den Prinzen Egon
Den Prinzen Ich kenne ihn sagte Dankmar nach einem Moment fast ohne
Überlegung
Wie fuhr Melanie elektrisirt auf Sie kennen Jemanden den Niemand kennt
Wo ich gefragt habe Wer ist Prinz Egon Wie ist er Wo ist er Nirgend hab ich
eine klare und deutliche Antwort bekommen Es ist der Mann der Sage der
Anekdote der Fiction Und Sie wollen ihn kennen
Dankmar fühlte wohl dass er sich hatte fangen lassen Aber einmal im Netze
beschloss er das Netz auch nicht mehr zu zerreißen und lieber von der
Möglichkeit ihn selbst für Egon zu halten die Vorteile zu ziehen die sich
ihm vielleicht noch im Laufe des Abends darbieten würden
Es ist zu weitläufig sagte er Ihnen zu erzählen wo ich den jungen
unglücklichen Erben dieses Fürstentums kennen lernte aber ich kenne ihn
Melanie biss sich um nicht zu lachen auf die Lippen Sie errötete und
stützte sinnend das Kinn auf ihre Arme die sie im Schoss zusammenlegte Von
unten herauf blitzte aus ihren Augen ein Feuer das gleichsam zu sagen schien
Ich bin viel auf den Fluren umhergeflattert ich froher Schmetterling aber von
allen Huldigungen die ich empfing und als Siegerin zurückwies könnte mich
keine mehr zur Sklavin machen als die deinige du schöner männlicher
liebenswürdiger Schalk
Wird der Fürst in der Residenz wohnen fragte sie dann sich allmälig
sammelnd
Er wird in der Residenz wohnen sagte Dankmar bestimmt
Also behält er das herrliche Palais seines Vaters fuhr die Mutter neugierig
und schon ermutigter fort
Das Testament bestimmt es so Er wird sich dem Willen seines Vaters nicht
entziehen sagte Dankmar
Das Palais soll wunderschön eingerichtet sein forschte Melanie
Unter den brennenden Kronenleuchtern erwiderte der kecke übermütige
Dankmar unter den Blumen und Lichtern deren Widerschein sich in den Spiegeln
des Pavillons bricht wird er der Vergangenheit gedenken
Diese Antwort ward von Dankmarn mit absichtlicher Zweideutigkeit gegeben
Das Quiproquo fing an ihm Vergnügen zu gewähren Er dachte sogar Wartet nur
ich will Euch für Eure Eitelkeit Eure Genusssucht Euer irdisches Behagen
strafen
Melanie sprang auf Sie konnte kaum zweifeln den jungen Fürsten vor sich zu
haben Rasch aber ihrer Empfindungen völlig Herr und jetzt sich wohl hütend die
stürmische Bewegung ihres Herzens frei zu zeigen sagte sie mit spottendem
Humor
O liebe Mutter sieh hier geht der Tisch auseinander Man wird eine Einlage
machen müssen Prinz Egon fehlt mit seinem Hobel Der gute Prinz soll ein
Tischler sein hoffentlich hat er es so weit gebracht einen solchen Schaden
zu heilen Er wird hier viel zu tun bekommen Ich möchte nur wissen ob er sich
bei uns einen Gewerbeschein lösen wird
Hannchen Schlurck die Mutter sah bald zu Melanie strafend bald zu
Dankmarn bittend und höchst verlegen hinüber
Dankmar aber fasste sich sehr rasch und bemerkte in völliger Ruhe
Mein Fräulein diese Reparatur macht sich besser durch einen Schlosser Er
nimmt zwei eiserne Krammen macht sie glühend und schlägt sie gerade während
sie glühen hier an den Ecken der Tisch erlaubt es da er ja nicht immer
bedeckt ist so ein dass sie im Holze selbst abkühlen Verstehen Sie Die
Abkühlung zieht dann die beiden Tischblätter allmälig zusammen Erkaltend werden
die Eisen kleiner
Melanie lachte laut auf und klatschte in die Hände
Das ist symbolisch zu verstehen rief sie Das ist das Bild einer guten
vernünftigen Ehe liebe Mutter Die Abkühlung durch die Vernunft sagtest du ja
immer ziehe nur um so enger zusammen Übrigens Herr von Wildungen Das werd
ich dem Maler meinem Freunde Siegbert Wildungen erzählen Er wird erstaunen
einen Schlosser zum Bruder zu haben Ha ha ha Ihr klugen Männer
In dieser Art tändelte sie fort Ihre Neckereien galten Allem was man vom
Prinzen Egon wusste und Dankmar erwiderte ruhig aus Absicht und par dépit in
demselben Doppelsinne Was er im Turm erfahren hatte kam ihm dabei zustatten
Er gab über Egons Plane so gründliche Auskunft wies so entschieden jede
Aufklärung über die Art wie er dessen Bekanntschaft gemacht hätte zurück dass
Melanie allmälig wirklich vorsichtiger wurde Die Vorstellung für diesen bei
allem Unglücke doch in der Gesellschaft so hochgestellten jungen Mann von einer
Leidenschaft ergriffen zu werden machte ihr bald das Herz beklommen Die Folgen
waren so unabsehbar die möglichen Verwickelungen viel ernsterer Natur als sie
den kleinen Tumulten ihrer Gefühle bisher gestattet hatte
Sie lud Dankmarn zu einem Spaziergange im Garten ein
Dies war ein Zeichen für die Mutter sie allein zu lassen Die ängstliche
Frau die von Bartuschs Andeutungen über Schlurcks nächtliche Wanderungen noch
nicht ganz die Verstimmung des Morgens verloren hatte auch in dem Erscheinen
des Prinzen auf Hohenberg kein für die Angelegenheiten ihres jetzt von der
Politik zerstreuten Mannes gutes Zeichen erblickte ließ das jugendlich schöne
leichtsinnige Paar allein Bediente brachten auf den Zug einer Schelle für
Melanie einen leichten Überwurf von blassroter Seide rings am Rande mit den
feinsten schwarzen Spitzen besetzt Bei der Art wie sie im Garten diese
Mantille trug hätte man glauben sollen sie wäre mehr bestimmt gewesen von der
Schulter herabzufallen als sie zu bedecken Denn Dankmar konnte sie nicht oft
genug über den schönen Bug des Rückens weiterhinaufziehen helfen und nicht oft
genug konnte sie Melanie wieder entgleiten lassen bis sie sie zuletzt gewaltsam
griff und wie einen altdeutschen Radmantel über die eine Schulter warf und unter
der andern sie mit beiden Armen ohne Rücksicht auf die Falten zusammenpresste
Beim Hinuntersteigen zeigte sie Dankmarn die Zimmer der Fürstin die nun
ganz leer waren wie Dankmar zu seiner großen Betrübnis bemerkte Unten spottete
er mit wirklichem Zorn über das Ungetüm des Wagens und ereiferte sich gegen den
Geheimrat der aus einem Fenster etwas steif grüßte
Ich halt ihn jetzt für meinen Feind sagte er zu Melanie die ihm mit
neckischer Laune und wunderbar rasch sich entwickelnder Vertraulichkeit den
kleinen Roman erzählte den sie mit diesem gewissenhaften Manne aus Langeweile
angesponnen hätte
Denken Sie sich sagte sie als sie in den Garten traten und sie beim
Hinabsteigen von den kleinen Stufen und hügelartigen Abdachungen sich zuweilen
auf Dankmars Arm stützte und ihn die Glut ihrer Adern durch die feinen über die
Arme gehenden langen Spitzenhandschuhe unwillkürlich fühlen ließ denken Sie
sich dass ich entdeckt habe wie man dieser hölzernen Exeellenz beikommen kann
um sie lächeln zu machen Ich versuchte es mit vielen Huldigungen aber er blieb
ungerührt Endlich bemerkte ich dass es die gütige Natur freundlicher mit ihm
gemeint hatte als er es verdiente Trotzdem dass er Alles in Allem genommen ein
Esel ist hat sie ihm doch nur ganz kleine Ohren an seinen eingebildeten Kopf
gesetzt Auf diese Bemerkung hin ist dieser wichtige Mann im Staate vor mir so
klein geworden dass er jetzt weil ich ihn nicht erhörend aufhob und in seine
natürliche Höhe richtete mit mir boudirt Er bildet sich ein ich wäre Mitglied
einer Verschwörung gegen seine Würde und Amtsehre die ihm deshalb sehr schwer
zu behaupten wird weil die Natur nicht gewollt zu haben scheint dass er etwas
Anderes wird als der dumme Sohn eines sehr achtbaren und allgefeierten Vaters
Denken Sie sich dieser Mensch spricht bei jedem dritten Satz von seinem Papa
Nicht weil er den General en Chef unserer Justiz der in der Tat, wie Temis es
ganz sein soll halb blind ist und nur noch Hunde Katzen Affen Raben und ein
herrliches Geschöpf liebt das sich Anna nicht Pauline von Harder nennt seiner
gutmütigen Eigenschaften wegen kindlich verehrt sondern weil es ihm selbst
dem Sechziger ein gar kindlich rührendes Aussehen gibt noch in seinen Jahren
von einem Papa zu reden Wissen Sie denn bester Wildungen dass Der der schön
sein will immer eine hässliche Folie neben sich haben muss und dass die alten
Koquetten gar zu gern von ihren Müttern sprechen
Ich lerne Weltkenntnis von Ihnen Fräulein Melanie sagte Dankmar zu dem ihn
plaudernd unterhaltenden Mädchen Aber welche Verschwörung erwähnten Sie da
Erzählen Sie doch Jener Auftrag den der Geheimrat hier mit brutaler Strenge
vollzieht interessiert mich
Melanie die im Stillen dachte Das wollt ich meinen fuhr fort
Ich hatte bereits die schönste Toilette zu unserm durch sie verunglückten
Diner gemacht und dem Geheimenrat zwei mal seine Morgenvisite abgeschlagen als
ich ihm selbst eine in den Zimmern der Fürstin machte Ich wollte jenes Portrait
sehen von dem es hieß dass es einem bettelnden Vagabonden bis zum Mitnehmen
gefallen hätte
Wohnten Sie der Szene bei fragte Dankmar gespannt
Nein antwortete Melanie Vor rohem Lärm flieht eine Furchtsame wie ich bin
und doch bedaur ich dass ich nicht in den Hof hinunter sah als man einen Mann
fortschleppte der doch sehr leicht wie Bartusch vermutet ein verkleideter
Kammerdiener des Prinzen Egon sein konnte Sie werden Das besser wissen wie
ich denn Sie haben ja mit dem Gefangenen im Turme ein Tête à Tête gehabt
Es brannte Dankmarn auf der Zunge mit seinem Anliegen offen hervorzutreten
sich entweder diesem klugen Mädchen ganz zu entdecken oder auf der gewagten Bahn
des Misverständnisses weiter zu gehen Melanie durfte eine Antwort eine
Aufklärung über den Gefangenen erwarten Sie sah ihn forschend an Dankmar
schlug in ganz natürlicher Verwirrung die Augen nieder und sagte nach einer
Pause
Der Gefangene steht allerdings dem Besitzer von Hohenberg sehr nahe der
Prinz kann wohl Ursache haben jenes Bild vor den Trödlern zu retten Es ist
mindestens das Bild seiner Mutter
O welche lieblichen Züge sagte Melanie mit Innigkeit Wie hätt ich das
Bild mit Küssen bedecken mögen Die herrlichen braunen Augen Die edle Stirn
Der holdselige Mund mit einem Ausdruck stillduldenden Schmerzes Wissen Sie wen
ich mir so denke Prinz
Nun sagte Dankmar gespannt und die Anrede Prinz vor Erwartung ganz
überhörend
Prinz wiederholte sich Melanie fast erschreckend im Stillen Sie
staunte dass er diese Anrede so ruhig geschehen ließ und nichts erwiderte als
drängend noch einmal Nun Nun Wem sieht das Bild ähnlich
Ich denke der Gräfin dAzimont sagte Melanie mit gezogenem Tone und wandte
sich rasch als wollte sie in ihm den Eindruck beobachten den dieser Name auf
ihn hervorbringen würde
Dankmar kam aber in der Tat in Verlegenheit Er hatte den Namen der Gräfin
dAzimont im Turm nennen hören wusste auch dass ein französischer Attaché einst
in der Residenz so hieß und die Gräfin jedenfalls eine Schönheit war weil sie
sonst Egons sonderbare Laufbahn in Frankreich nicht wie es schien würde
unterbrochen haben aber es blieb doch die reinste Natürlichkeit als er ganz
unbefangen fragte
Was wollen Sie mit der Gräfin dAzimont
O Sie Schelm sagte Melanie den Finger aufhebend Sie wollen den Prinzen
Egon kennen und wissen nicht was mir die Excellenz erzählte als sie mit dem
größten Zorn das Bild mir aus der Hand nahmen und es den Dienern gaben um es in
den Wagen zu tragen Die Excellenz war erschrocken sogar über ihre eigene
Unfreundlichkeit Excellenz sagt ich ich wäre im Stande Sie an einem Ihrer
kleinen Ohrzipfel empfindlich zu kneipen Wie können Sie mich so abscheulich
anfahren Er sprach ein Kauderwälsch durcheinander von gefährlichen Intriguen
und höheren Befehlen und endete dann um mich auf andere Gedanken zu bringen
damit dass er sagte dies Bild der jungen Fürstin Amanda erinnere ihn sehr an
die Geliebte des Fürsten Egon die Gräfin dAzimont
Dankmar lächelte aber bedeutsam
Zum Glück fuhr Melanie wie eifersüchtig fort zum Glück ist diese schöne
Dame verheiratet Ich bemerkte Das schon Herrn von Harder Sie lebt in Paris
setzte er plaudernd hinzu um mich zu zerstreuen und das alte Vertrauen wieder
zu gewinnen Lebe sie wo sie wolle Sie verderben mir die Freude an diesem
Bilde sagte ich
Er misverstand meinen Unmut glaubte ich neckte ihn und ließ mich die
Folter ausstehen dass er mir nach Tisch er nahm Ihre Stelle ein in einer
Fensternische Dinge sagte wie sie Prinz Egon der Gräfin dAzimont nicht
feuriger vortragen kann Alles Das kommt von Ihrer Gräfin die in Paris
vergessen hat dass sie verheiratet ist O gehen Sie Wildungen mit Ihrer
leichtsinnigen Gräfin dAzimont
Fräulein
Ja ja Sie Schämen Sie sich solcher Verhältnisse
Welcher
Eine verheiratete Diplomatin Gewiss ist sie sehr schön aber auch gewiss
sehr intriguant Gewiss sehr coquett Ich habe das Schlimmste von der Gräfin
dAzimont erfahren Und wenn sie nun gar der Fürstin Amanda gleicht kann
ich nur noch viel Schlimmeres von ihr denken
Ich muss gestehen Sie haben die Phantasie dafür sagte Dankmar
Gleichviel Sie mögen mich nun tadeln oder den Maler des Bildes oder den
gütigen Schöpfer Wenn die Gräfin dAzimont dem Bilde gleicht ich tadle
sie doch Die Nase auf dem Pastellgemälde war nicht schön
Dankmar musste über diese Wendung lachen Melanie boudirte künstlich Er
war entzückt von der Koquetterie des eifersüchtigen Mädchens
Mit halb künstlichem halb natürlichem Ärger und von einer Eifersucht
gefoltert als wenn sie alle die Menschen die sie doch nur dem Namen nach
kannte leibhaftig schon vor sich sähe hüpfte Melanie fort
Dankmar ihr nach
Melanie sprang Stufe von Stufe die Terrassen herab bis zu jenem griechischen
Tempel hinunter der einen so stillen Fernblick in das waldige Gebirge und die
unterhaltende Nähe der sich hier kreuzenden Wege erlaubte Melanie war so
geeilt so hastig an der alten eben von dem kranken Gärtner kommenden und
kopfschüttelnd stehenbleibenden Brigitte vorübergeschritten dass sie auf eine
Bank des Pavillons niedersank und Dankmarn das schöne Schauspiel ihrer
mächtigsten Erregung bot Den Überwurf hatte sie im raschen Gehen und dem
Herabspringen von den Stufen eine zweite Atalante um ihn aufzuhalten
unterwegs fallen lassen Er musste auch während sie lachte innehalten und ihn
aufheben jetzt schlug er den Überwurf über den Nacken und die wogend sich
hebende Brust Auf der Erde suchte er eine große goldene Nadel die gleichfalls
ihrem Haar entfallen war und die zurückgesteckten Locken gehalten hatte
Lassen Sie nur sagte sie und strich sich die Haare hinters Ohr wo sie
nicht halten wollten und von der einen Seite nach vorn fallend ihr einen
schwärmerischen Ausdruck gaben
Lassen Sie nur Sie müssen mir jetzt sagen fuhr sie nach einer Weile
während sie Dankmar glückselig betrachtete gesammelt fort Sie müssen mir jetzt
sagen wie die Gräfin dAzimont das Haar trägt Ich will gar keine künstliche
Frisur mehr tragen bis ich nicht weiß wie diese abscheuliche Koquette sie
trägt
Dankmar war in der Tat von der Liebenswürdigkeit des Mädchens das sich in
den gewagtesten Kapricen gefiel bezaubert
Gehen Sie doch teure Melanie sagte er unternehmend und sich ihr zur Seite
niederlassend gehen Sie doch mit diesen Erinnerungen Diese Zeiten sind
vorüber Egon hat sich dem Vaterland zurückgegeben Er wird es lieben trotzdem
dass es ihn so unfreundlich begrüßt Sie haben Recht auch der Intendant gehört
zu seinen Feinden und wenn Sie versprechen könnten
Ich verspreche nichts sagte Melanie und meinte doch das Gegenteil
Eben wollte Dankmar sich zu einer Erklärung zusammennehmen als er
aufhorchen musste Getrappel von Pferden und noch mehr ein Geklirr von Waffen
schien an sein Ohr zu dringen Er stand auf und beugte sich über die Balustrade
des Pavillons Von Randhartingen her sah er die zwei Gendarmen reiten die
wahrscheinlich den Transport des Mobiliars schützend begleiten sollten Die
beiden Schnurrbärte grüßten militairisch und wandten sich dem großen Aufgang zum
Schloss zu
Die gewaltigste Unruhe folterte Dankmarn Schon sah er alle seine Hoffnungen
vernichtet schon den Preis der Rolle die er hier wenn auch ohne Mühe doch
zur Qual seines Wahrheittriebes durchführte seiner Hand entwunden
Unwillkürlich stand er da wie Jemand den ein Geheimnis presst zu dessen
Entdeckung er gern von einem prüfenden Blick in das Auge Dessen dem er sich zu
vertrauen im Begriffe steht ermutigt werden mochte
Was haben Sie fragte Melanie diesen Zustand nachfühlend
Wann reist der Intendant ab fragte Dankmar entschlossen
Noch heute Abend
Er der Sie liebt bewundert trennt sich sobald
Da ich ihn über Das was er heute in der Nische zu mir sprach ausgelacht
habe noch heute Abend
Er kann sich trennen Von Ihnen Melanie Von Ihnen die Sie Alle zu
fesseln Alle zu bezaubern verstehen
Er kanns und hofft morgen Abend in der Residenz zu sein
Nein nein er bleibt Er bleibt weil er die Schönheit bewundert er
bleibt weil er nichts fürchtet als
Er fürchtet Alles Wie Sie sehen diese Gendarmen hat er sich vom nächsten
Landrat erbeten weil er fürchtet
Sie sehen daraus rief Dankmar dass die Entführung dieser Angedenken an eine
unglückliche Frau die man noch im Tode verfolgt ein Act der Gewalttat ist
Jenes Bild das Sie in Händen hatten das der Gefangene im Turme sich aneignen
wollte ist mir über Alles über Alles wert und teuer Es enthält das
wichtigste Geheimnis einer edelen Familie Wir müssen es besitzen Sagen Sie ein
Mittel es zurückzuerhalten
Ich erstaune erhob sich Melanie mit verklärtem Blick unendlich erfreut und
tiefgefesselt Sie sind also nicht durch Zufall hier Sie hatten eine Absicht
verlangen Vertrauen zu Ihnen und erwidern es nicht einmal Denen die nicht zu
Ihren Feinden gehören mag auch die Stellung des Fürsten Waldemar zu meinem
Vater noch so schwierig gewesen sein Warum sagten Sie nicht sogleich offen
Ich gestehe Ihnen Alles unterbrach sie Dankmar Himmlisches
liebenswürdiges Mädchen Melanie einer Göttin gleich Wenn ich Ihnen sagen
wollte
Schweigen Sie jetzt rief das hocherglühte Mädchen rasch und zeigte
verstohlen nach dem Eingang des Pavillons hinter sich Ich will Ihr Vertrauen
erwidern flüsterte sie Nur jetzt nicht jetzt nicht Durchlaucht Wir sind
nicht allein
Achtes Kapitel
Das Geheimnis der drei Kugeln
Lasally Herr von Reichmeier der unvermeidliche Guido Stromer Lasallys
Schwester und Madame Pfannenstiel traten hinter dem Gebüsch hervor und wollten
wie sie Melanie und den Fremden allein erblickten umkehren als fürchteten sie
lästig zu fallen Sie hatten von ihrer Unterhaltung nichts gehört wohl aber
nach ihrer Rückkehr von einer Spazierfahrt und im Dorfe sich vereinigend das
schöne Paar im Auge behalten und beim Lustwandeln im Garten der auch von unten
her dem Kundigen zugänglich war so getan als würden sie Denen nur zufällig
begegnen die wie sie wohl sahen ungestört zu sein wünschten
Man tat nun als wollte man sich gegenseitig nicht hindern und verwickelte
sich gerade deshalb absichtlich in ein lästiges Gespräch Um ja nichts zu
sprechen sprach man Die Gegend das Wetter zuletzt sogar die Zeit und ihre
Verwirrung musste den Stoff hergeben Reden zu wechseln bei denen man die
Absicht sich nur zu schrauben und auszuhorchen schlecht verdeckte Wer war
dieser Fremde Es peinigte Alle
Lasally schien in eigentümlicher Unruhe Er hielt sich für einen der
bevorzugtesten Verehrer Melanies der sich Hoffnung machen durfte sie immerhin
nach mancherlei flatterhaften Abirrungen zuletzt doch wohl noch zu gewinnen Die
Gelegenheit seine Schwester hierher zu begleiten unterstützte seine Bewerbung
Auch Reichmeier wünschte um Eugens Finanzen geordnet zu sehen glücklichen
Erfolg Lasally schien es Ehrenpflicht sich jetzt an Melanie zu halten Er
störte absichtlich
Dazu noch die geldstolze Einfalt der Pfannenstiel und das unruhige
Geistaschen des Pfarrers dem durch Melanie offenbar eine Verzauberung gekommen
war die ihn aus seinem bisherigen Murmeltierschlafe zu einem nochmaligen
Lebensversuche Beides Ausdrücke von ihm selbst wecken sollte
Melanie aufgeregt durch das Band des Geheimnisses das sich eben mit dem
bedeutendsten Manne der ihr je begegnet war knüpfen wollte litt entsetzlich
unter der Pein dieser Störung Diese Fragen die da aufgestellt wurden wie
lästig waren sie nicht Melanie wurde vor Zorn sogar boshaft gab schnippische
Abfertigungen hatte aber das Unglück dadurch die Eitelkeit umsomehr
anzustacheln Froh war sie als Dankmar wenigstens eine dieser kichernd
Zudringlichen mit der Bemerkung abtrumpfte und entfernte dass er bei dem Namen
Pfannenstiel aufhorchte und an den Wächter des Turms und den Amtsboten gleiches
Namens erinnerte Die Tochter des frühern Schwester des jetzigen Wirts vom
Gelben Hirsch gestand diese Verwandtschaft mit Erröten ein sammelte sich aber
doch zu einer Antwort die Dankmarn ein äußeres Interesse an dieser Frau
einflößte was sie schwerlich ahnte
Ich besuche meinen Schwager selten sagte sie weil er mich an ein Unglück
meiner Familie erinnert
Sie meinen die unglückliche Katastrophe jenes Brandes sagte Dankmar bei
welchem er vor vielen Jahren den Gebrauch seiner rechten Hand verlor
Welch ein Brand fragte sogleich die Gesellschaft
Auf dem Gelben Hirsch erzählte der Pfarrer der nicht gern lange schwieg
brach aus Ursachen die noch bisjetzt unentdeckt geblieben sind vor Jahren ein
Feuer aus bei welchem ein junges blühendes Mädchen die Braut unsers
gegenwärtigen Försters den Tod in den Flammen fand
Es war Dies meine Schwester sagte die Frau des Wirtschaftsrats
Dankmar besaß nicht seines Bruders Siegbert Weichherzigkeit Dennoch entging
ihm nichts was nur irgend einer gefühligen Stimmung ähnlich sah Er bereute in
seinem Herzenstakte jetzt die Erwähnung so trauriger Erinnerungen und würde es
ganz in der Ordnung gefunden haben wenn die inzwischen so wohlhabend gewordene
»Hirschentochter« sich verstimmt gefühlt und entfernt hätte Die blieb aber und
fand sich gar nicht wenig geschmeichelt plötzlich der Mittelpunkt eines
gewissen Interesses geworden zu sein Sie erzählte mit der größten
Umständlichkeit alle einzelnen Vorkommnisse jenes Brandes die herrlichen
Eigenschaften ihrer älteren unglücklichen Schwester die Aufopferung der Männer
bei der schrecklichen Gefahr die Verzweiflung des Försters der mit den Frauen
kein Glück haben sollte denn drei Jahre später wär ihm eine neue Verlobte im
Gebirge von dem jähen Felsrande eines Waldbaches gestürzt und hätte
zerschmettert ihren Tod unter den Steinen im fast leeren Flussbette gefunden Das
wäre die Tochter des Sägemüllers oben in der Ullaschlucht ein Mädchen von
zwanzig Jahren gewesen Sie hätte gerade hier nach Plessen in die Kirche gehen
wollen wo sie zum ersten mal aufgeboten wurde
Ich entsinne mich sehr wohl sagte Guido Stromer es war ein rührender
Anblick Das schöne sonntäglich geputzte Mädchen hatte sich vielleicht verspätet
und hörte schon die Glocken rufen die den Beginn ihres Ehrentages einläuteten
So nahm sie einen kürzern Weg hüpfte das Ufer des Waldbaches entlang von Stein
zu Stein Vorsprung zu Vorsprung bis sie fehltrat ausglitt sich nicht halten
konnte und in der einen Hand ein gesticktes Taschentuch in der andern ihr
Gesangbuch festhaltend zerschmettert in der Tiefe lag Das letzte Bewusstsein
schwand in dem doch noch ziemlich rauschenden Wasser Noch im Tode hielt sie ihr
Taschentuch und das Gesangbuch krampfhaft fest Am Ausgange des Waldes stand der
geschmückte stattliche Jäger harrte und harrte der Gottesdienst begann man
schickt in die Sägemühle und erst am Abend entdeckten Kohlenbrenner das
geschehene Unglück Die Fürstin voll Teilnahme und sinnig wie immer ließ oben
an der Stelle wo der Sturz begonnen haben musste ein einfaches Kreuz mit
Erwähnung Dessen errichten was hier so leidvoll und wie ein schwermütiges
Idyll geschehen war
Dankmars ernstes Nachdenken über die Erzählungen nahm die leidenschaftlich
aufgeregte Melanie für eine Erinnerung aus seiner Jugend Sie hörte Dem was
Alle erschütterte kaum zu und erwachte erst aus ihrem Träumen und dem trunkenen
Einatmen der sie so tief anregenden Erscheinung dieses jungen Mannes als sie
einen Namen nennen hörte den sie jetzt nicht erwartet hätte Lasally war
nämlich boshaft genug Melanie grade in dem Augenblick wo seine Hoffnungen
wieder entrückt zu werden schienen in eine ungewissere Zukunft in dem
Augenblick wo ein unbekannter und ihm nur äußerlich bedeutend erscheinender
junger Mann Melanie so mächtig fesseln konnte sie mit Erinnerungen zu quälen
die ihr schmerzlicher waren als der Wirtschaftsrätin die an ihren Schwager
und ihre unglückliche Schwester Lasally wollte sie hinabschleudern in das
beschämende Gefühl der Abhängigkeit von männlicher Großmut und so sagte er nach
einer Pause die jene Mitteilung halb vergessener und verschmerzter
Unglücksfälle ablöste
Irr ich nicht mein Herr so sah ich Sie gestern im Walde mit einem
Kutscher in dessen Hände Sie wohl nur durch einen unglücklichen Zufall können
geraten sein Es war ein magerer blasser Mensch mit rötlichem Haar Als er uns
anreiten sah entsprang er plötzlich Ich glaube Ursache zu haben in ihm einen
gewissen Hackert zu vermuten der erst Schreiber bei des Fräuleins Vater war
und nach und nach eine Reihe der verschmjetztesten Bosheiten ausgeführt hat die
ihn wohl bestimmen konnten vor uns die wir ihn sehr gut kennen die Flucht zu
ergreifen
Melanie schoss auf Lasally einen vernichtenden Blick der Dankmarn
befremdete Jetzt begriff er fast warum Hackert ihn gebeten hatte ihn hier
nicht in der Eigenschaft eines Dieners aufzuführen und so groß war seine
Antipathie gegen den kalten Ton der eben gehörten Bemerkung dass er trotz des
Verdachtes den ihm die im Walde von Heunisch gefundenen Kugeln einflössten
Hackert in diesem Augenblick zu seinem besten Freunde ja zu einem Baron und
Seigneur hätte machen mögen
Sie irren sagte er eingedenk des kalligraphischen Hackertschen Zettels
Ich führte mein kleines Fuhrwerk selbst Die beiden Gefährten waren ein
Handwerker dessen Fusswanderung mir leid tat den ich aufnahm und vorhin im
Turm leider unter zweideutigen Inzichten wiedergefunden habe der Andere auf
den Ihre Beschreibung passt ist ein junger Mann den ich im Heidekrug fand
gerade im Begriff hierher nach Hohenberg zu reisen in Zwecken die ich nicht
kenne Ich vermute es ist ein Jagdliebhaber
Herr von Reichmeier lachte laut auf und Lasally sagte etwas maliciös
Er verließ Ihren Wagen angezogen wahrscheinlich von einem Wilde das er
zwischen den Schatten der Bäume entdeckt zu haben glaubte
War er bewaffnet fragte Frau von Reichmeier sehr besorgt
Du hörst ja liebe Schwester sagte Lasally er war diesmal ein Jäger ohne
Flinte Er sprang vom Wagen aus freier Hand einen Hasen zu schießen
Dankmar der nicht begreifen konnte wie man dazu kam ihn über Hackert so
scharf und beleidigend ins Verhör zu nehmen fixierte Lasally mit unwilligem
zornfunkelndem Blick
Melanie die zwischen diesen Männern eine Szene fürchtete trat dazwischen
und wollte den Streit scherzhaft wenden indem sie sagte
Ich bitte Ich glaube wir vergaßen die Herren bekannt zu machen Herr
Lasally Herr Wildungen
Dankmar der fühlte dass er bei seiner Aussage bleiben musste wandte sich
unmutig ab und sagte
Herr Lasally Warum soll ich von dem jungen Mann nicht annehmen dass er die
Jagd liebt Er war vielleicht doch bewaffnet Hier sind noch drei Kugeln die
Herr Hackert im Wagen zurückließ Wollen Sie sie ihm zurückerstatten Ich
bedauere ihn nicht wiedergesehen zu haben
Als Dankmar die Kugeln vorzeigte erschrak er über die mächtige Wirkung
dieser Mitteilung
Lasally der sich erhitzt hatte erblasste Der Kommerzienrat griff nach dem
Blei und rief entsetzt
Es sind dieselben
Frau von Reichmeier hielt sich halb ohnmächtig an dem Pfarrer der wie
Dankmar und die Wirtschaftsrätin von Alledem nichts begriff und Melanie
todtenblass biss die Zähne zusammen indem sie Lasally mit halb erstickter Stimme
zurief
Es ist empörend
Dass man Hackerten in diesem Kreise hasste und fürchtete war Dankmarn nun
gewiss wenn er auch die Gründe dafür nicht begreifen konnte und sich im
Gegenteil sagen musste dass Schlurck auf dem Heidekrug sich gegen den
Nachtwandler äußerst liebevoll benommen hatte
Lasally war doch nicht der Mann sich vor einer Kugel zu fürchten selbst
wenn man annehmen wollte dass Hackert ihm eine zugedacht hätte Dankmar wusste zu
gut dass der Unbewaffnete eher feig als unternehmend war Und doch dieser
Schreck vor den drei Kugeln Selbst Melanie die von Ungeduld und Verzweiflung
über die lästigen Intermezzi gefolterte Melanie schien diese Furcht zu teilen
Was war es mit den drei Kugeln
Noch rätselhafter wurde Dankmarn das Geheimnis als Lasally einen in der
Nähe befindlichen Jockei der zu seinen mitgebrachten Leuten gehörte anrief und
ihn fragte
Ist den Pferden nichts Was lauft Ihr da herum Warum nicht im Stall Was
hab ich Euch gestern Nachmittag eingeschärft
Der Reitknecht gab jede nur wünschenswerte gute Auskunft über die vier
schönen Reitpferde die Lasally von der Residenz mitgeführt hatte
Herr von Reichmeier fragte ob sie Hackerts nicht ansichtig geworden wären
Die Antwort lautete dass man ihn allerdings dann und wann am Schloss hätte
umherschleichen auch mit dem Kammermädchen des Fräuleins Jeannette sprechen
sehen doch wären sie Alle auf der Hut ihn bei erster Annäherung
niederzuwerfen Die Pferde wären im sichersten Gewahrsam
Die Kugeln beweisen seine schlimme Absicht Es sind dieselben wie früher
sagte Reichmeier
Warum denn dieselben Warum denn rief Melanie Ich beschwör Euch lasst
diese Unwürdigkeiten
Mein Herr sagte Lasally jetzt zu Dankmarn im entschiedenen aber sehr
höflichen fast versöhnten Tone mein Herr ich ehre die gute Meinung die Sie
von einem der abgefeimtesten Bösewichter haben Sie kennen ihn eben nicht
Würden Sie die Gefälligkeit haben mir diese drei Kugeln zu lassen
Dankmar geriet nun in Verlegenheit Er hatte das Eigentum an diesen Kugeln
auf nur völlig äußere Anzeichen hin ja er musste sagen nur auf die Vision der
Ursula Marzahn unter dem Ebereschenbaume Hackerten zugeschrieben und nun
begründete sich auf diese willkürliche wenn auch sehr wahrscheinliche Annahme
eine förmliche Anklage
Er lehnte nun die Herausgabe der Kugeln ab und streckte die Hand sie wieder
an sich zu nehmen Er bat darum
Lasally aber verweigerte sie aufs entschiedenste und sagte kategorisch
Haben Sie keine Sorge für Ihren Schützling mein Herr Er ist zu feig von
diesen Kugeln einen offenen und ehrlichen Gebrauch zu machen Wissen Sie aber
wozu diese Kugeln dienen sollten Ich will es Ihnen sagen Zum teuflischsten
Morde an armen edlen unschuldigen Tieren Wissen Sie dass ich in einer Nacht
drei meiner schönsten Pferde ich bin der Stallmeister Lasally habe müssen
niederschiessen lassen weil sie toll wurden toll durch eine Ursache die wir
nicht entdecken konnten
Lasally zitterte Seine Schwester bat ihn sich zu beruhigen Melanie wandte
sich ab Die Übrigen hörten gespannt zu Dankmar mit einer Teilnahme die ihn
seine eigenen Angelegenheiten und die des Gefangenen im Turme für einen
Augenblick fast vergessen ließ
Auf einer Partie in den am Wasser gelegenen Fichtenwald begann Lasally
Sie werden ihn aus der Residenz kennen auf dieser Partie wo eine Gesellschaft
von Damen und Herren im sogenannten Jagdhause von den elegantesten
preiswürdigsten Pferden stieg um eine Stunde im oberen Stock zu frühstücken
vernachlässigten meine Leute die Aufsicht auf die draußen festgebundenen Pferde
Wir kommen nach einer Stunde herab wir wollen aufsteigen und finden drei meiner
Tiere in der sonderbarsten Aufregung Sie schleudern mit dem Kopf schnauben
mit den Nüstern schlagen wild aus und Niemand wagt sie zu besteigen Wir
erkundigen uns was geschehen ist Niemand weiß eine Auskunft Wir glauben die
Tiere scheuen vor irgend einem uns selbst fremden Gegenstande Wir binden sie
los und machen das Übel ärger Zorn erst über die Tiere dann über meine Leute
ergreift mich Niemand weiß was den Pferden geschehen ist Ich besteige endlich
mein liebstes Ross um es zu bändigen Es wirft mich fast ab rennt wie rasend
davon und wirft sich der Länge nach in den Weg mit dem Kopf gegen eine Eiche
bohrend Die Gefahr für uns selbst bei dem Ausschlagen und wilden Toben wuchs
An ein Besteigen war nicht mehr zu denken Meine Leute unternahmen um das
Versehen zu büßen die schwere Aufgabe die drei Tiere in die Stadt zu
geleiten während die nun plötzlich Unberittenen auf einem in der Nähe
gemieteten Leiterwagen bis zu dem Stadtore zurückfuhren Schon unterwegs brach
sich mein Renner beide Schenkel und blieb für tot liegen Mit genauer Not
kamen die beiden übrigen auf den Straßen wie rasenden und tobenden und von
einem Volkshaufen verfolgten Tiere in den Stall Die Knechte haben Lebensgefahr
überstanden Dort wo wir nun Ruhe hofften begann von neuem erst der Schrecken
Die Tiere schlugen über die Stangen die sie trennten rissen sich von der
Kette los und verwundeten sich in wilder Wut so heftig dass ich die Heilung
aufgeben musste selbst von Zorn übermannt ein Doppelpistol ergriff und mit
einer Ladung in blinder Wut sie niederschoss Bei der Obduction entdeckte der
Veterinärarzt in den Ohren jedes dieser Tiere eine kleine Kugel die
hinuntergeglitten bis ans Hirn sie rasend gemacht hatte Mein erster Gedanke
wer diese teuflische Tat vollbracht haben konnte war aus Gründen die Sie
nicht wissen können Hackert Und nun urteilen Sie ob diese drei Spitzkugeln
die wie Sie sagen diesem uns hierher nachgeschlichenen Böses im Schilde
führenden Menschen gehören und völlig jenen andern ähnlich sind mich nicht mit
Schaudern erfüllen sollen und bestimmen müssen meine Tiere zu hüten zugleich
aber auch diese Kugeln als gerichtliches Zeugnis in Verwahrsam zu nehmen
Lasally schwieg noch zitternd Er konnte gewiss sein auch Dankmarn
erschüttert zu haben
Dankmar war erblasst War es das Entsetzen von einer an den armen edlen
Tieren begangenen so ruchlosen Freveltat war es die wie ein lähmender Schlag
ihn treffende Vorstellung dass er noch vor zwei Tagen ein Ross aus desselben ihm
hier begegnenden Mannes Marstall Hackerten zur Obhut übergeben hatte er musste
sich an einer ihm grade nahestehenden Marmorvase halten um nicht seine
Empfindungen zu sehr zu verraten
Entsetzlich sprach er dumpf vor sich hin Dann aber doch aufgeschreckt von
einem Unrecht das er Hackerten tun könnte indem er doch nur seiner Vermutung
folgend diese Kugeln als wirklich von ihm herrührend bezeichnet hatte fragte
er
Sind Sie aber auch ganz gewiss dass gerade Hackert Ursache haben kann sich
auf eine so nichtswürdige empörende Art an Ihrem Eigentum zu rächen
Als Lasally diese Frage belächelte und die beiden Reichmeiers den uns
bekannten Vorfall der Züchtigung andeutend diese Ursache verkleinern und
geringfügig darstellen wollten rief Melanie mit glühender Entrüstung sich
stolz erhebend und aufrichtend wie eine Königin ein stolzes wie Glocken
tönendes
Ja Er hatte sie
Alles blickte auf Melanie und war von dem Ausdruck ihrer Mienen die einen
nie an ihr gekannten hoheitsvollen Ernst verrieten so staunend ergriffen dass
unwillkürlich eine feierliche Pause eintrat
Als Niemand etwas erwiderte sagte sie den gespannten Ton fallen lassend
und mit gemildertem Ausdruck fast scherzend
Und jetzt wünsch ich ja befehl ich Genug hiervon
Neuntes Kapitel
Die Mitschuldige
Die Sonne war eben mit reinster Klarheit untergegangen als die Gesellschaft
oben am Schloss ankam Die Mutter und Bartusch traten ihr entgegen und baten
Alle zu einem leichten Nachtimbiss zu bleiben Melanie unterstützte diese Bitte
Sie bedurfte eines Übergangs aus ihrer vielfachen Aufregung zu jener einfach
seligen Empfindung zurück die sie in dem Augenblicke mit überströmender Gewalt
ergriffen hatte als ihr Dankmar ein Geständnis machen wollte Wie dringend es
war einen Entschluss zu fassen riefen ihm die bewaffneten Organe des
Landfriedens zurück die beiden Arme der Gerechtigkeit Der Wagen war
geschlossen Eine eiserne Stange ging quer über die hintere Tür hinweg Die
Rettung des Bildes war für den Augenblick unmöglich
Dankmar ergab sich vorläufig mit stummer Resignation in das Unabänderliche
Die letzte Entdeckung über Hackert und das lästige Gefühl bei alledem dass er
diesen unglücklichen Menschen nun hassen musste Schuld zu sein an seinem Unglück
denn Lasally behielt die Kugeln und ihm vielleicht noch gar Unrecht zu tun
alles Das drückte ihn so dass er wirklich der zärtlichen Blicke und zutraulichen
Tröstungen Melanies bedurfte die ihn aufzurichten und zu ermutigen suchte Er
begriff dabei nicht vollkommen was in ihm vorging Und als nun gar noch die
Excellenz von Harder schon im Reiseanzug vor dem Beginn des Nachtessens sich
melden ließ und sein bequemer Landau vorfuhr der ihn aufnehmen und noch heute
entführen sollte als Melanie dem Abschied von dieser ihm zum ersten male
entgegentretenden Persönlichkeit eine heitere fast ausgelassene Wendung gab
verstand er nicht das Geringste mehr von ihren Absichten
Die Kouverte des gedeckten Tisches wurden complettirt die Zahl der Messer
und Gabeln vermehrt die nun doch noch à la fortune du pot festgehaltenen Gäste
standen rings erwartungsvoll und ihren verschiedenartigen Empfindungen
hingegeben sich lehnend an Möbel und Fenstersimse Dankmar hörte den
geheimen Neckereien zwischen Melanie und dem Intendanten befremdet zu und
belächelte doch wieder bei aller innern ernsten Aufregung die Einbildung eines
alten vornehmen Herrn der in der Tat zu glauben schien er hätte auf ein
solches Wesen Eindruck gemacht Melanies künstliches Schmollen hielt die
Excellenz für Verzweiflung über die Abreise Lasally und auch Dankmar
schüttelten den Kopf über dies Flüstern dies Blinzeln dies huldvolle
Vertrösten auf die nun bald in der Residenz sich hoffentlich inniger anknüpfende
Freundschaft Melanie nahm den Intendanten bei Seite zog ihn an eine
Gardine des Fensters und scherzte so drollig mit seiner Schwäche so beflissen
so zutunlich dass Frau von Reichmeier ungeduldig wurde von Unsittlichkeit
sprach und mit einem Blick auf ihren gleichfalls eifersüchtigen Gatten laut
erklärte sie fürchte solche Grundsätze steckten an Endlich brach die
Excellenz auf und riss sich aus dem tête à tête am Fenster mit den Worten los
Sie täuschen mich Warten Sie warten Sie
Sie werden sehen Excellenz rief dagegen Melanie Sie werden sehen ich
täusche nicht
Wirklich sagte der Intendant Sie wollten
Melanie rief laut
St Die Wette gewinnen
Damit drängte sie den verklärt Leuchtenden förmlich aus dem Zimmer
Herr von Harder nahm von Melanies Mutter einen höchst herablassenden
zerstreuten Abschied von den Übrigen einen höher herablassenden verwirrten
Dankmarn aber als ein ihm noch nicht vorgestelltes unbekanntes Wesen ignorirte
er gänzlich
Als der Geheimrat fort war der Landau und der Transportwagen dahinrollten
das Säbelklappern der Gendarmen verhallte und die Gäste ihre Plätze zögernd und
um Entschuldigung bittend eingenommen hatten erklärte Melanie plötzlich dass
sie morgen in aller Frühe aufbrechen und nach der Residenz zurückkehren würde
Wie rief man allgemein Ist das Ernst
Sie brachte für ihren plötzlichen Entschluss so viel wohlgeordnete
überlegte entschiedene Gründe vor dass man erstaunt war über eine bei ihr im
Stillen gereifte Erklärung
Wenn Melanie mit solcher Sicherheit ein Vorhaben behauptete war ihre Mutter
nicht gewohnt ihr zu widersprechen
Wohlan sagte sie So reisen wir
Reichmeier staunte erst erklärte aber dann auch dass er sich überzeugt
hätte ein Ankauf der Herrschaft würde sich ihm nicht lohnen Lasally war schon
seit lange durch diesen Aufenthalt verstimmt durch Hackerts Nähe jetzt
vollends beunruhigt und Bartusch gab den letzten Nachdruck noch dadurch dass er
sagte die Verabredungen der Gläubiger wären geschlossen die Verständigungen
ziemlich klar erörtert man wisse was Jeder zu fodern hätte und wie er sich
wolle befriedigen lassen es bliebe nun nichts übrig als die letztliche
Erklärung des inzwischen in der Residenz angekommenen Prinzen Egon
Dies leuchtete ein Bartuschs Blinzeln auf Dankmarn verstand man nicht
Melanie überließ Jedem sich die Gründe zurechtzulegen die ihn bestimmen
konnten das Schloss schon jetzt zu verlassen sie sagte sie würde es morgen
in aller Frühe tun Sie bat Lasally dazu die Pferde in Bereitschaft zu halten
denn sie würde bald fahren bald reiten Auch Dankmarn bat sie ihrem Beispiele
zu folgen und sich eines der Pferde des Stallmeisters zu bedienen sein Wagen
könne ja geführt von einem der Leute Lasallys folgen
Nicht wahr sagte sie neckisch
Dankmar gestand zu was sie nur verlangte
Die Mutter fuhr sie fort schließt sich uns in der Mitte in unserm neuen
Koupé an Ja ja wir werden bald fahren bald reiten und uns die Rückreise
nicht etwa wie einen bitteren Nachgeschmack von vielen hier gehofften und nicht
eingetroffenen Freuden bekommen lassen sondern wie Etwas das den ganzen
Aufenthalt auf dem Schloss allein aufwiegen und alles Vorangegangene
übertreffen soll
Die Einwendungen der Mutter wegen doch allzu großer Beschleunigung
widerlegte sie durch ihre Bereitwilligkeit ihr die ganze Nacht hindurch packen
zu helfen Ihr Entschluss stünde nun einmal fest und was sich nicht sogleich
mitnehmen lasse könnten die als zuverlässig erprobten Leute schon nachbringen
Auch die Notwendigkeit Abschied zu nehmen von Zeisels von Sängers von Doctor
Reinick von Bensheims Sengebuschs und mancher andern Bekanntschaft ließ sie
nicht gelten Allen solchen Bedenklichkeiten abzuhelfen genüge die Visitenkarte
Und den Einzigen fuhr sie fort von dem der Abschied uns schwer geworden
wäre unsern teuren Herrn Pfarrer Stromer den haben wir ja hier und können ihm
all unser Bedauern gleich ins Angesicht sagen Ja Lieber Pfarrer Sie kommen
gewiss recht bald zu uns Sie müssen Domprediger werden Schade dass Sie keine
Töchter mehr aus der Propstei heiraten können Propst Gelbsattel hat noch ein
halbes Dutzend aber die Älteste liebt den Kandidaten Oleander und die Jüngste
der fünf Andern sind es nicht soviel Mutter würde noch zu alt für Sie
sein für einen Mann der anfängt nur das Schöne zu lieben Zum Glück besitzen
Sie die beste der für Sie passenden Frauen Aber kommen Sie Irgend eine Kanzel
findet sich schon Ich kenne an dreißig junge Frauen und Mädchen die Alle
nicht mehr wissen wem sie ihre Sünden beichten sollen Der Eine ist zu
rau der Andere zu sanft der Dritte zu gelehrt der Vierte zu oberflächlich
Und die abscheuliche Anzüglichkeit dieser Modeprediger Dieses Schlagen auf die
Kanzellehne dieses Lärmen und Poltern über die verstockten Sünderherzen diese
düstere Lehre vom Blute Christi Propst Gelbsattel der sonst so beliebte
letzte Rettungsanker ist gar nicht mehr zu verstehen seit den Revolutionen Er
weiß nicht wohin er sich wenden soll ob zum Volke oder zum Könige Seine Zeit
ist um sagte er kürzlich in einem Anfalle von Wehmut weil er bei Hofe nicht
geladen war Vielleicht werden Sie Propst Herr Stromer Kommen Sie Ich habe
Verbindungen und bring es schon dahin dass wir Sie irgendwie den Unserigen
nennen Das bin ich Ihnen ja schuldig für den schönen Blumenstrauß mit dem Sie
mich heute wieder beglückten
Als Stromer hocherrötend niederblickte gedachte Dankmar der Erzählung
Egons und seiner Vermutung der Pfarrer hätte wohl die Blumen seiner guten Frau
nach einem nächtlichen Zwist als Morgenselam der Versöhnung bestimmt Es machte
ihm einen eigenen Eindruck als er sich so im Irrtum entdeckte und der immer an
sich zu denken scheinende und seiner klar bewusst bleibende Pfarrer mit gewähltem
höchst sicherm Ausdruck sagte
So schwindet denn wieder eine Freude hin die ach nur allzu kurz einer
rosigen Wolke gleich an unserm grade nicht grauen eher heitern und immer
gleichen aber eben in seiner unermesslichen freundlichen Identität so lästigen
Horizonte aufzog Wir haben am Ende nichts was uns bleibt als Blumen die
Symbole der Begrüßung und des Abschieds Eines und Dasselbe drückt Freude und
Trauer aus Doch ich sehe Sie morgen noch einmal und nehme einen gesammeltern
Abschied und hoffentlich nicht für immer Erblicken Sie mich auch nicht wieder
als Domprediger in Ihrem Sinn so denk ich einen Dom wölbt sich das Auge bald
über sich her und auf der Kanzel des Herzens und in dem Beichtstuhl der
Gesinnung treff ich Sie schon noch im Leben wieder Alle Alle
Damit erhob sich der sonderbare Mann in der Tat nicht ohne eine gewisse
Rührung zu hinterlassen Heilig konnte Dankmar den Eindruck den des Pfarrers
Ergriffensein in ihm hervorrief nicht gerade nennen Die Weise eines Pietisten
war Das auch nicht mehr im Gegenteil kam ihm das Feuer seiner Augen unlauter
vor fast weltlich Für einen weichen Anempfindler sprach er zu fest und
kräftig Er interessierte ihn ohne ihn anzuziehen
Alle diese Betrachtungen stellte Dankmar nur flüchtig an denn die ganze
Gesellschaft erhob sich Der förmlich als Befehl gegebene Entschluss sobald
abzureisen erfüllte Jeden mit seiner nächsten Aufgabe die im Räumen und Packen
bestand Man trennte sich in der Erwartung morgen in frühester Stunde sich zur
Abreise beisammen zu finden
Als auch Dankmar unschlüssig stand und eben Hannchen Schlurcks Hand geküsst
hatte da ihm die ruhige klare und lebensfrohe Weise der Frau die wieder den
Champagner wie gewöhnliches Getränk hatte einschenken lassen ganz wohl gefiel
rief ihm Melanie leise zu
Bleiben Sie doch noch
Als Lasally noch über die morgende Equipirung sprach und nun der Knäuel der
Gesellschaft wieder nicht recht auseinandergehen wollte streifte sie an Dankmar
vorbei und flüsterte die Worte
Gehen Sie lieber In einer Viertelstunde an der steinernen Vase im unteren
Garten
Dankmar winkte ihr leise bejahend zu sprach noch einmal laut seine Freude
aus morgen in so angenehmer unterhaltender Gesellschaft seine Rückreise
antreten zu dürfen und empfahl sich
Die noch Gebliebenen flüsterten erstaunt hinter ihm her Er hatte das Talent
gehabt trotzdem dass er wenig sprach sich doch immer als den Mittelpunkt des
Abends zu erhalten und jedem Worte jeder Bewegung die von ihm ausging die
allgemeinste und seinem Zweck und Wesen nachspürende Aufmerksamkeit zu sichern
Das Gerücht das ihn zum Prinzen Egon machte hatte sich bis zu ihnen noch nicht
verbreitet
Es schlug vom Dorfe herauf zehn als Dankmar an die steinerne Vase im unteren
Garten trat wo er Melanien erwarten sollte Es war dieselbe an die er sich bei
der ihn wie ein Schlag treffenden Erzählung über Hackerts Frevel hatte lehnen
müssen Wie bewegt war sein Herz Wie flossen die wunderbarsten Erfahrungen und
Eindrücke in seinem Innern zu einem Gefühle zusammen das nicht mehr jene
behagliche Sorglosigkeit über ihn ausgoss die er in dem ersten Anfang des über
ihn verhängten Misverständnisses empfand Wie neu war das Alles und wie
folgenschwer konnte es werden Schon sah er sich als gerichtlicher Zeuge in der
Notwendigkeit seine gegen Hackert ausgesprochene Beschuldigung zurücknehmen
oder beweisen zu müssen Eben so verwickelt konnten sich die Beziehungen zum
Fürsten gestalten Und diese bedenkliche Melanie Was bezweckte sie Wohin riss
sie der Mut den der von ihm doch nur wenig genährte Glaube an seine
Einerleiheit mit Egon dem jungen waghälsigen Mädchen einflößte Scheiterte Das
was sie vielleicht unternahm musste er es nicht verantworten Wie erschrak da
sein rechtskundiger und bei allem Freimut an Gesetzmässigkeit gewöhnter Sinn
Und doch traten alle diese Bedenklichkeiten gegen den allgewaltigen Zauber
zurück mit dem ihn Melanie in so kurzer Zeit wie seinen Bruder Siegbert
umstrickt hatte Gibt es denn auch ein wonnigeres Gefühl als so im Fluge ohne
Anstrengung ohne lange Werbung von Frauen zärtliche Hingabe zu gewinnen Noch
hatte Dankmar sich keiner Gunst von Melanie rühmen können aber er fühlte es
dieser zarten Hand wenn sie ihn flüchtig berührte der Brust wenn sie in
seiner Nähe sich hob dem Hauch ihres Mundes an wenn sie ihm leise ein Wort der
Vertraulichkeit zuflüsterte dass ein excentrisches Wesen welches vielleicht
Allen gefallen wollte und Keinem sich ergab ihm den Siegespreis der Liebe
bieten könnte Dankmar war sonst vielgeliebt selbst eher kalt gegen die
Frauen Sie beschäftigten ihn nie so ausschließlich wie andere junge Männer
deren ganzes Fühlen und Denken sich nur um die Liebe spinnt Aber Melanies
Herz das klopfte schon dicht an seinem eigenen Herzen Ihre Wange er
fühlte es sie schmiegte sich schon zum Kusse seines Mundes hin Er griff in
die Luft doch wusste er dass diese Arme sich nicht mehr lange vergebens nach
den schönsten und liebenswürdigsten Formen ausstrecken würden So stand er
der junge leidenschaftliche Mann den wir entschuldigen müssen eine Weile
harrend an der Marmorvase überwältigt von Sehnsucht zitternd auf den Triumph
über ein liebendes Weib den Fuß auf den Sockel der Vase das Haupt in den Arm
stützend und hinaufschauend in den mondscheinumflossenen Flügel des Schlosses
den Melanie bewohnte
Endlich kam sie
Unter den Blumen den Sternen dem Mondglanz hier in der Stille der Nacht
von keinem Zeugen gestört als dem plätschernd herabhüpfenden Wasserfall wollte
Dankmar sie gleich mit dem Entzücken der rasch aufgeloderten Liebe begrüßen
So dacht ers sich als er sie die Gartenstufen herniederschweben sah in
eine Mantille von purpurrotem mit weißem Schwan besetzten Sammt gehüllt und auf
dem vollen schweren Geflecht des Haares ein weißes Schleiergewebe tragend das
hinten herabfiel fast bis in den Nacken Doch sprach sie ihn schon aus der
Ferne an redete schon im Herabsteigen fast gleichgültig mit ihm und schnitt
durch Vermeidung einer Pause und aller Feierlichkeit die förmliche Begrüßung
ihres schnellgewonnenen Freundes ab dessen Aufmerksamkeit nun sogleich von der
Galanterie abgezogen und von ihrem Plane gefesselt wurde
Endlich ein freier Augenblick sagte sie schon auf mindestens zwölf Schritte
entfernt ein Augenblick wo ich Ihr Vertrauen erwidern darf Aber nur ein
kurzer Die Zeit drängt Sie sollen sehen dass Sie sich in dem Mute eines
närrischen Mädchens nicht irrten Sie erhalten das Ihnen so teure Bild zurück
irgendwo auf der Reise wo wir den Train des Herrn von Harder einholen werden
Aber die Mittel die ich anwenden werde es zu erobern dürfen Sie mir nie nie
anrechnen Versprechen Sie mir Das
Wie Das so klang in der stillen Nacht Wie die Büsche dabei so flüsterten
Wie so milchweisse bläuliche Lichter über die Sprecherin glitten und Alles so
magischumflossen so bebend so fast ohnmächtig und wie schattenhaft war
Melanie rief Dankmar Sie sind ein Engel Wenn ich nicht annehmen müsste
dass nur der Reiz des Abenteuers Ihren Geist in dieser Angelegenheit beseelt und
Ihnen die Flügel des erfindenden Genius an den ebenso schönen wie schelmischen
Nacken setzt er wollte ihn küssen sie wehrte es ich würde es wagen mich
Ihnen zu Füßen zu werfen und von Liebe zu sprechen
O Sie Böser sagte Melanie Wenn die Gräfin dAzimont Das hörte
Was soll mir diese Frau war Dankmar im Begriff auszurufen und
einzugestehen dass er selbst ja nimmermehr der Prinz wäre Aber die Vorliebe
mit der Melanie auf diese erträumte Rivalin zurückkam war ihm wie ein Nebel
den er zu verwehen fürchtete Dennoch sagte er
Melanie ich bin nicht der Prinz aber ich bin sein bester Freund auf der
Welt Was Sie tun tun Sie für ihn Sie tun es für mich denn Niemanden kann
Egons Glück mehr am Herzen liegen als mir Kann Egon hier Egon sein Kann er
den Mut die Selbstüberwindung haben sich da zu verraten wo man sein und
seiner Mutter Andenken mit Füßen tritt Ich bin der Teil des Prinzen der noch
Vertrauen zu den Menschen hat der Teil der nicht verzweifeln will wenn er
noch Geschöpfen begegnet die in Körpern der Engel auch eine überirdische Seele
tragen
Melanie schlug ihre mächtigen braunen Augen zu ihm empor dass das volle
Licht des Mondes in sie fiel und ihre Schimmer in jenem feuchten Glanze
zitterten der ihnen etwas Verklärtes gibt
Sie sah ihn fragend und mit zärtlicher Innigkeit an Melanie hatte Das
erreicht wohin vielleicht ihr Ehrgeiz dunkel tastete vielleicht war es Zufall
dass ein Mann der ihr ein Fürst schien auch zugleich der erste sein musste dem
gegenüber sie sich klein ja demütig vorkam es war ihr als wenn sie ein
bunter flatternder leichtsinniger Schmetterling die Flamme gefunden hätte
die ihr gewisser Tod werden sollte ihr Tod wenigstens für dies leichtsinnige
Schmetterlingsdasein
Melanie wehrte Dankmars verlangenden Arm zurück aber nur um ihn aus
einiger Ferne inniger betrachten zu können Eine Locke seines Haares die ihm im
Sturme seiner aufgeregten Sinne auf die Stirne fiel streifte sie ruhig zurück
als hinderte sie ihr die Aussicht in sein Auge und seine Seele
Lassen Sie sagte sie sanft
Melanie rief Dankmar noch einmal mit gesteigerter Glut der Empfindung und
wollte sie ansichziehen
Seiner männlichen Kraft gelang es aber sie wandte in seinen Armen liegend
rücklings das Haupt und verweigerte ihm die zärtliche Berührung der Wangen nach
der er schmachtete Sie tat Dies so entschieden dass er es ließ und sich an
einem Bilde begnügte das den Meissel des Bildhauers herausfoderte
Gute Nacht sagte sie losgewunden mit lächelnder Lieblichkeit und auf
Wiedersehen für Morgen
Damit war sie für Dankmar fast einem Traume gleich entschwunden
Wie er sich nun anschickte hinunter zu wandern und durch das erste beste
Seitenheck auf den großen Weg zu springen fühlte er eine so herausfodernde ihn
riesig durchströmende Kraft in sich dass er fast laut zu jubeln begann Alles
lachte ja in ihm Jeder Gefahr jedem drückenden Gedanken wurde die Volte
geschlagen jeder Bedenklichkeit die Anlehnung aus seinem Innern wegescamotirt
Ja er hätte sich mit dem Arm gegen die Bäume stemmen und sie niederbeugen
mögen Es war ihm wie dem biblischen Erzvater gewesen sein mochte als er auf
der Heide mit einem unsichtbaren Engel rang Er hätte den Dämon niedergeworfen
so titanisch fühlte sich seine Muskelkraft Er lachte über sein Abenteuer
selbst Selbst des Gefangenen im Turme dem er jetzt noch vor dem Gitterfenster
hinauf Mut und Trost zuzusprechen beschloss gedachte er im heitersten Humor und
sagte sich
Ich bin wahr gewesen Ich war Dankmar Wildungen Ich habe meine eigene Rolle
gespielt und deine Fürstenkrone mir nicht aufs Haupt gesetzt Ich Ich fühlte
den Druck ihrer Hand Wie schlug diese warme Brust an der meinen wie strömte
das elektrische Feuer der Berührung aus ihren Adern in die meinen und wenn ihr
die Schuppen vom Auge fallen wer weiß ob der Wahn siegt oder die Wirklichkeit
Sie liebt nicht Das was ich scheine sie liebt Das was ich bin
Und in diesem Hoffen und Entzücken das seine Adern schwellte seine Sehnen
stärkte konnte ihm zuletzt auch nichts Willkommneres geschehen als der
plötzliche Anblick Hackerts Er war es der hinter den Büschen rauschte
Das schleichende Rascheln um Dankmarn her verriet ihn schon längst Er sah
ihn jetzt am Fuße des Weges sich ducken und lauern ob auf ihn ob auf Die
an denen er sich auf dem Schloss so teuflisch gerächt hatte er wusste es
nicht musste aber annehmen dass er auf ein neues Verbrechen sann denn an dem
Rauschen hörte er dass es war als streifte er mit einer langen Stange an dem
Laube der hohen Hecken Bald sah er deutlicher Hackert hielt eine Leiter in
der Hand die er in dem Augenblicke fallen ließ als er Den der noch so spät
den Schlossweg herunterkam erkannte
Elender Hallunke rief Dankmar zornentbrannt schon von Ferne Mörder Dieb
Wie Hackert er war es wirklich diesen zornigen Anruf hörte sprang er
ins Gebüsch
Er mochte sich diese Begrüßung nicht haben träumen lassen
Dankmar in einer Stimmung als müsste er die längst ihn schon quälende
Spannung und Ungewissheit über Hackert durch irgend eine Probe seiner männlichen
Kraft und wäre sie mit der Faust endlich lösen rief
Steh Bube Steh
Aber Hackert entrann und als ihm Dankmar noch nachrief Eine Kugel in dein
Ohr Mörder Wo ist mein Pferd Gauner war er plötzlich ganz verschwunden
Dankmar fühlte sich in einer Stimmung als hätte ihm Liebe und Wein die
Zunge gelöst und zum Redner gemacht dem Worte nur ein dürftiger Notbehelf für
Taten sind Er schickte Hackerten die tollsten Shakspeareschen Flüche und
lange kunstvolle Verwünschungen nach bis er zuletzt über sich selbst lachte
und im steten Hinblick auf die Stelle wo Hackert verschwunden war fast über
die Leiter stolperte die quer im Wege lag
Was hat er mit dieser Leiter gewollt sagte er sich und darüber sinnend
fiel ihm der Turm ins Auge der nun dicht in der Nähe stand Der Gedanke mit
kurzem Prozess seinen teuren neuen Freund den gefangenen jungen Fürsten zu
befreien ergriff ihn so lockend wie der Kitzel zu dem fröhlichsten Abenteuer
Nun sind wir einmal im Zuge sagte er sich lud die schwere irgendwo aus
einem Bauerhofe entwandte Leiter an der er mit Vergnügen bemerkte dass sie für
das Turmfenster lang genug sein musste sich auf und schleppte sie an dem einen
Ende auf dem Rücken an dem andern hinter sich her im Grase zu dem kleinen Hügel
hin wo der Turm völlig unbewacht in der Stille der Nacht wie eine friedliche
Warte und Einsiedelei lag Die Eisenstäbe oben aus der Mauer auszuwühlen war
schwer und doch vielleicht bei der Schadhaftigkeit und Zerbröckelung des Kalkes
nicht unmöglich wenn nur Egon die Messer und Gabeln von ihrem Mittagessen
zurückbehalten hatte
Sorgfältig schaute sich Dankmar um Hackert war verschwunden Alles still
Nur Käfer summten im Grase und dann und wann platzte ein humoristischer
Froschruf auf vom Felde her wo es moorige Stellen gab Dankmar war so guter
Laune dass er sich zu seinem Unternehmen erst noch eine Zigarre anzündete
Die Leiter aufgerichtet an dem Turm reichte vollkommen an das vergitterte
Fenster das zu Egons Gewahrsam gehörte Vorsichtig kletterte er noch einmal
sich mit Behutsamkeit umblickend die Sprossen hinauf Leider sah er schon auf
halber Länge dass die Eisenstäbe dick waren und als er über sich hinaufgriff
fühlte er wohl auch wie fest sie saßen
Das Fenster stand auf Der volle Mondenschein fiel in die dunkle Kammer die
er schon von unten als die rechte erkannte
Egon rief er bis hinauf und lauschte
Keine Antwort
Er stieg höher und blickte in das offene Fenster
Wie groß war sein Erstaunen als er drinnen nirgend eine Spur des Prinzen
entdeckte Vielleicht hätte er versteckt in einem Winkel schlafen können er
spähte er übersah das ganze kleine Gemach Er rief einige male mit
unterdrückter Stimme
Egon Egon
Es gab keine Antwort
Um ganz sicher zu sein zog er die Zigarre war in der Aufregung
weggeworfen noch sein Streichfeuerzeug und machte mit mehren
zusammengehaltenen Zündhölzchen um die Wirkung des Scheines zu verstärken
Licht
Der hellere Glanz bestätigte ihm nur was er schon im Mondenscheine gesehen
hatte Der Gefangene war entweder schon befreit oder von selbst entflohen
Die Empfindungen mit denen Dankmar nun die Leiter hinabstieg waren
geteilt Ehe er jedoch nicht alle Umstände genau kannte wagte er kaum ein
Urteil zu fällen Wenn ihn Egon schon in der Krone aufgesucht hätte Beim
Schliesser nebenan wagte er nicht zu klopfen und anzufragen Da im Anbau der
Wohnung war Alles so still so finster und schläfrig War Egon entflohen warum
die Häscher wecken Auch drüben im Amtause sah man kein Lichtchen mehr Im
Dorfe nichts als Anzeichen des tiefsten Schlafes aller seiner Bewohner Selbst
in der Krone zu der er langsam und nachdenklich schritt hatte er Mühe die
Leute die ihn erwarteten und im Erwarten eingeschlafen waren zu wecken Als er
hörte dass Niemand auch nicht Einer nach ihm gefragt hatte und somit der
Gefangene ihm fast spurlos verschwunden war denn morgen in der Frühe hatte er
wohl keine Zeit mehr ihm nachzuspähen überkamen ihn die sonderbarsten und
quälendsten Zweifel Es war ihm fast als wenn sein Fuß nicht mehr die Erde
berührte als wenn er mit seinen guten Absichten mit all seiner Liebe und
Aufopferung wie ein Getäuschter in der Luft schwebte und wahrhaft komisch
erschien er sich wenn er an seine Figur auf der Leiter dachte wie er einen
Gefangenen befreien wollte der ihm vielleicht es war ihm Dies ein höhnischer
Gedanke ein tolles Märchen aufgeheftet und zu einer Posse misbraucht hatte Die
Einsamkeit der Nacht die Qual der Schlaflosigkeit mehrte den lästigen Reichtum
der Vorstellungen die er sich über dies plötzliche Verschwinden machen musste
Er sah sich mitten im Zuge von Dingen die ihm plötzlich nun wie die Neckereien
eines bösen Geistes vorkamen und wenn ihm nicht Eines sicher geblieben wäre
das Gefühl mitten in diesem Spuk doch ein wahrhaft Wirkliches gehabt zu haben
das warme Klopfen eines schönen Mädchenherzens an seiner von Lust und Liebe
erfüllten Brust er würde wie in einem Chaos der unleidlichsten und leersten
Eindrücke ratlos umhergetaumelt sein
An diese eine unleugbare und nicht mehr in Trug zerrinnende Tatsache hielt
sich denn auch Dankmar Sie gab ihm Besinnung Ruhe Gefühl der Sicherheit
Behaglichkeit und Schlaf
Er schloss aber doch die Augen viel zu spät für die frühe Stunde in welcher
er Befehl gegeben hatte ihn am nächsten Morgen zu wecken
Zehntes Kapitel
Heimwärts
Nach einem ereignissreichen Tage an welchem sich vielfache Fäden für zukünftige
Erlebnisse angesponnen haben spornt bei tüchtigen Naturen das Erwachen nur zum
Mut und zur Entschlossenheit Alles Das worauf man in der Frühe sich vom Abend
her mit Staunen besinnt und was einmal nun nicht mehr zu ändern ist tritt jetzt
in Form einer Pflicht und einer gewissenhaft durchzuführenden Aufgabe vor die
Seele zurück und weit entfernt zu klagen und sich in Betrachtungen zu
verlieren wie das Alles hätte möglich sein können rührt ein entschlossener
Geist die ihm zugebotestehenden irdischen Hände kämpft sich durch die
Schreckbilder eitler Erwägungen hindurch und beginnt oft von einem solchen
schwierigen und aufgabenreichen Tage den Abschnitt eines neuen Lebens
Dankmar ein freier Naturmensch war noch keineswegs ein fertiger
abgeschlossener Charakter Er fühlte zu oft noch dass immer wieder neue
Erfahrungen an seinen Gesichtspunkten rüttelten neue Bekanntschaften neue
Tatsachen ihn ganz aus seinem gewohnten Gleichgewichte werfen konnten Aber bis
zu der Einwurzelung hatte er es denn doch schon gebracht dass er nicht mehr von
jedem Eindrucke der ihm unvorbereitet kam sogleich willenlos hin und her
geschleudert wurde
Während Siegbert mehr ein Gemüts und Phantasieleben führte hatte Dankmar
die tatkräftige und verständige Richtung seines Innern vorzugsweise schon
entwickelt und sich in ziemlich sichern Grundzügen seine etwanige künftige
Laufbahn entworfen Er liebte das Recht dessen Studium und Praxis er sich zur
Lebensaufgabe gewählt hatte er liebte es auch an und für sich selbst Er hatte
schon als Kind einen leidenschaftlichen Trieb zur Gerechtigkeit und konnte
Denen die seinen für Das was ihm wahr schien aufflammenden Eifer
misverstanden heftig ja gewalttätig erscheinen Er scheute schon als Knabe
keine Gefahr wo ihn das Bewusstsein einer richtigen Handlungsweise einer
Ausgleichung fremder Unbill begeisterte So war er auf der Universität nicht nur
oft in Zweikämpfe verwickelt die er ohne Tollkühnheit mit besonnenem Mute
bestand sondern noch weit öfter Zeuge und Vermittler fremder Ehrenhändel und
nicht selten Schiedsrichter in Streitfragen wo er den Ausbruch einer übereilten
Berufung an die Waffen hintertrieb Sein männliches Wesen gewann ihm alle
Herzen Bei jedem Anlass wo verschiedene Ansichten sozusagen grell aufeinander
platzten wählte man ihn zum Vorsitzer der Debatte Er hatte überall die
angenehme Genugtuung dass sich ihm die tüchtigsten Menschen unterordneten
worüber er nicht um seinetwillen sondern um der Sache selbst willen Freude
empfand Bunten Seifenblasen lief er nicht nach Er ließ das süße Geschäft des
Träumens seinem weichern Bruder
Dennoch verwarf darum Dankmar Siegberts Richtung noch nicht Er hielt hier
eine männliche Befruchtung dort eine weibliche Empfangnahme in allen Geistern
für notwendig denn die Geister sagte er haben kein Geschlecht Für sich
selbst aber behielt er Das als Richtschnur was seinem Wesen entsprach Er
scherzte oft tändelnd ohne gedankenlos zu werden er spottete ohne zu verwunden
Im Übrigen hielt er sich in seinem gewohnten Ernste den er gefällig leicht
ohne Kopfhängerei zur Schau trug Unterstützt von einer sehr edlen Gestalt die
sichtbar die Kraft und Fülle einer unverdorbenen Jugend ansichtrug hätte er in
der Welt großes Glück machen müssen wenn ihn nicht die spärlich zugemessenen
Mittel beengt und von einer freien Bewegung in größeren Kreisen entfernt
gehalten hätten Wie oft rief er nicht mit dem Dichter Ich bin ein Fisch auf
dürrem Sand
Seine einzige Schwäche war vielleicht die dass er auf eine plötzliche
Erhebung durch irgend eine hohe Flut hoffte In diesem Sinne war er
romantischer und abergläubischer als Siegbert In diesem Sinne glaubte er an
Wunder Ob diese hohe Flut nun in einer Zeitbewegung oder einem günstigen
Zufalle in der Liebe oder wohl gar in einem persönlichen Unglück bestehen würde
war ihm fast gleich Genug er glaubte an die Notwendigkeit dass an jeden
Menschen einmal vom Schicksal irgend ein Hebel gesetzt wird der ihn aus der
Gewöhnlichkeit und dem träge sich fortspinnenden Genuss eigener Hände und
Geistesarbeit herausschleudern müsse Die Das bestreiten sagte er einmal zu
Siegbert der bei all seiner Romantik in gewissen Dingen »praktisch« ja
nüchtern sein konnte die Das bestreiten Bruder haben wahrscheinlich nicht den
Mut gehabt den ihnen vom Schicksal dargebotenen Finger das zugeworfene
Ankertau kühn zu ergreifen Wer da zögert und fürchtet man könnte vielleicht
mitten in den Wolken von der Hand der Himmlischen plötzlich losgelassen werden
oder das Tau könnte reißen Der versäumt sein besseres Erdenloos durch eigene
Schuld In späteren Jahren wenn man wie eine Schnecke zu seinem solid erfassten
Ziele fortgekrochen ist und vielleicht irgend ein Häuschen zur Unterkunft gegen
Regen und Ungemach gefunden hat später entsinnt man sich dann sehr wohl dass
man einst an einem Seitenwege gestanden hat wo uns ein unerklärliches Etwas in
der Brust zurief Lenke hier ja ein Man steht vielleicht nicht sehr hoch und
übersieht nun doch dass jener Weg zur eigentlichen Hauptstraße führte und dass
Viele die ihn wandelten es weiter brachten als wir Eine einzige unterlassene
Bekanntschaft kann sich so empfindlich rächen Ein einziges Wort von einem
edlen einflussreichen Menschen nicht aufgegriffen und befolgt war so für immer
verloren Ja ein Besuch den man den Mut hätte haben sollen einem freundlichen
Gelehrten oder Staatsmanne oder einer schönen Frau zu machen die in einer
Gesellschaft wenn auch nur drei holde ermunternde Worte zu uns sprach konnte
für uns Vorteile Lebensplane Lebensrichtungen zeitigen die sich blöde
Zaghaftigkeit kaum möglich gedacht hatte Und in diesem Sinne sagte er sich
immer greif ich einmal irgendwo ganz keck zu wenn ich bemerke dass an der
Wand Etwas wenn auch nur vom leisesten Schatten einer Schicksalshand spukt und
dämmert und wenn ich Gefahren erblicke wenn ich selbst vor kühlerm Urteil
gestehen müsste eine Torheit zu begehen ich finde mich schon aus ihren Folgen
wieder heraus versinke nicht kämpfe solange ich kann mit den Wogen und bin
wenn ich aus der Betäubung erwache entweder drüben am andern Ufer wo Glück und
Freude blühen oder ich erwache nie mehr aus ihr und Das wäre dann auch gut
Ein solches geheimnisvolles Schattenspiel an der Wand war Dankmarn nun der
Verlauf des ganzen gestrigen Tages Er hätte wenn er Siegberts Wesen folgen
wollte jetzt fliehen müssen Ein Brief an diese gefährliche Melanie der
Vorwand plötzlicher Abhaltung vielleicht die ausdrückliche Berichtigung ihres
Misverständnisses wenn sie es wie Dankmar kaum wissen konnte noch hegte
alles Das wäre Siegberten nun sogleich gebieterisch in den Sinn gekommen Er
hätte alle Fäden abgerissen und sich wieder in sein Atelier geflüchtet den
Pinsel ergriffen und in Gott und sich vergnügt Leinwand bemalt Ganz anders der
entschlossene feurige Dankmar Der hielt nun fest was ihm der Zufall an Drähten
von der großen Weltkomödie in die Hand gespielt hatte Prinz Egon war nicht mehr
zu finden War es ein Betrüger gewesen so ergab er sich darein und nahm Das
was sich aus unangenehmen Irrtümern als angenehme Wahrheit ergeben hatte für
ein Übriges für einen reellen Gewinn Zum Justizdirector von Zeisel konnte er
nicht mehr gehen denn es war zu früh am Tage Der Turm an dem der Büttel
wohnte lag ihm sogar zu fern War der Prinz entflohen so konnte ihm nur damit
gedient sein einen Vorsprung zu gewinnen den er durch seine Meldung vielleicht
verloren hätte Auch hatte er genug zu tun mit seiner Reiserüstung Schon
schlug es fünf Uhr und um sechs wollte Melanie vor der Tür der Krone halten so
meldete ein Jockei Lasallys den dieser geschickt hatte um den Einspänner des
Fremden in Empfang zu nehmen Dankmar überwies ihm sein geliehenes Fuhrwerk mit
strenger Weisung zur Obhut und Schonung Auch Bello wurde ihm anempfohlen den
er sorgsam zu hüten versprach Die Rechnung beim Wirte wurde berichtigt Er sah
dabei mit Schrecken wie seine zwanzig kleinen Papiere schon zusammengeschmolzen
waren und wenn er vollends gedenken musste dass diese Summe fast eine bei
Hackert gemachte Anleihe war und dass ihn ohne Zweifel in der Residenz die
Nachricht empfangen würde ein ihm von Lasallys Bereiter dem alten Levi
anvertrautes stattliches Pferd wäre wieder von Hackert auf irgend eine Weise
wenn nicht ganz zugrundegerichtet doch vielleicht gemishandelt zurückgeschickt
worden so ergriff ihn vor den möglichen künftigen Verwickelungen fast ein
Anflug von Mutlosigkeit
Melanie aber erschien ihm bei solcher Stimmung wie Ariadne Sie war ihm die
Retterin aus dem Labyrinthe jeder Gefahr Wie er sie und Lasally und das ihm
bestimmte Pferd und einen Reitknecht dahersprengen hörte verschwand jede
Besorgnis Er trat auf die Schwelle des Gastauses und empfing schon in der
Ferne Melanies freundlichen Morgengruß Sie nickte ihm alle Träume der
vergangenen Nacht zu Sie sagte ihm nicht durch Worte sondern durch einen
einfachen Blick Ich bin Dieselbe die ich gestern war Ich bin Die die sich in
der Mondnacht deiner Umarmung nur darum entwand um dir wenn du willst fürs
Leben zu gehören Lasally sprach Einiges über den Gaul den er Dankmarn hatte
satteln lassen Dieser seit frühen Jahren ein geübter Reiter fand sich bald
auf ihm zurecht und erfreute Melanie nicht wenig durch seine kundige Haltung der
Bügel und der Lenkseile Sie trug einen grauen Hut mit schattiger breiter
Krempe einen blauen Schleier und ein weites bis oben geschlossenes
gleichfalls blaues Reitkleid Die Reitgerte hielt sie unter dem linken Arm
angepresst während die linke Hand die Zügel hielt denn in der Rechten hatte sie
ein weißes zierliches Papier von dem sie Verse ablas die ihr heute schon in
aller Frühe überreicht waren Sie kamen vom Pfarrer der sie ihr am Fuße des
Schlossberges entgegengehalten und einen Abschied genommen hatte von dem Melanie
versicherte er hätte sie mehr beängstigt als erfreut
Denn ich bin wohl glücklich sagte sie Die zu erobern die mir gefallen
aber geschätzt zu werden wo man es am wenigsten erwartete setzt in
Verlegenheit
Am Ende des Dorfes dicht vor Zecks Schmiede hielten drei Reisewagen die
schon die ganze übrige Gesellschaft aufgenommen hatten Nach der Abreise
Melanies und ihrer Mutter wollte Niemand mehr auf dem Schloss zurückbleiben
Man hatte bis in die tiefe Nacht gepackt und sich mit wenigen Stunden Schlaf
begnügt Diese lebensfrohen vom Dasein so begünstigten Herrschaften reisten mit
allem Komfort des Besitzes Die Wagen waren elegant und bequem die Kutscher in
Livreen Recht großmütig teilte Melanies Mutter noch an die Diener des
Schlosses Geldspenden und Geschenke aus kärglicher zeigte sich Reichmeier der
sich zu seinen Zeitungen und Cursen zurücksehnte Die Wirtschaftsrätin war
geradezu geizig Bartusch der Hannchen Schlurck gegenüber saß teilte außerdem
noch an die alte Brigitte manche Befehle aus und verhieß eine baldige Rückkehr
worauf sie nicht zu erwidern verfehlte dass sie Alle in Gottes Hand gegeben
wären und dass der alte Winkler den Tag des Herrn bald werde anbrechen sehen
Dann wandte die Alte sich zu Dankmarn hin der eben mit Melanie von der Krone
dahersprengte und beantwortete Bartuschens heimlich an sie gerichtete Frage ob
sie nicht glaube dass dieser Herr der Prinz Egon wäre mit den Worten
Über ein Kleines wird man ihn sehen und über ein Kleines wird man ihn nicht
sehen
Bartusch machte ihr seine Frage deutlicher
Der Prinz Der Prinz sagte er Kennt Sie ihn nicht mehr
Die Alte hatte so viel Angst vor diesen fremden Leuten dass sie Alles was
man sie fragte nur halb verstand Da meinte sie denn
Viele sind berufen aber Wenige auserwählt
Bartusch hätte sie nun lieber sollen stehen lassen Diese gute Alte war eben
durch die lange Gewöhnung an kirchliche Äußerungen durch überirdische
Sehnsucht zwei Jahre der Furcht und des Schreckens vor einer Zukunft von
vielleicht noch einigen Jahren der Entbehrung in einen solchen Zustand der
Verdumpfung geraten dass sie nur das allernächste Wirtschaftliche noch begriff
und auf Bartuschs erneuertes Drängen ob sie jenen jungen Mann nicht für den
Prinzen Egon halte unfähig war sich zu sammeln und vernünftig zu antworten
Auch die beiden Zecks standen schon vor der Schmiede und gafften der Blinde
als wenn er sehen der Taube als wenn er hören könnte Seit Jahren schon waren
sie gewohnt ihre Sinne gegeneinander auszutauschen und so kam es fast dass der
Blinde besser sah als der Taube und der Taube besser zu hören schien als der
Blinde Sie fassten sich Beide an denn das Pferdegetrappel machte den Stand
selbst unter dem Vordache der Schmiede gewagt Der alte Zeck lächelte weil er
viel zu wissen schien der junge lächelte weil er entschieden nichts wusste und
einfältig war Jener grüßte in einem fort und sprach laut die lebhaftesten
Reisewünsche aus dieser nickte Allen zu und bestätigte stumm was der Vater
hastig und von innerer Unruhe getrieben fast in die Luft sprach denn Niemand
hörte auf sie selbst Dankmar nicht dem diese Menschen seit dem Besuche des
Amerikaners und Heunischs harmlosen Mitteilungen nicht mehr gefielen Nur
Bello kümmerte sich um sie und klaffte auf seinem zum Fourgon umgewandelten
Einspänner viel unfreundlicher als sich für den Abschied und die Ohren der
Damen geziemte Dankmar hörte dem Tiere die Freude an zu seinem Herrn dem
Fuhrmann Peters zurückzukommen von dessen Schicksalen an der Schmiede es mehr
zu wissen schien als Peters selbst Doch suchte er den Lärmmacher ernstlich zu
beruhigen
Als sich denn endlich der Zug in Bewegung setzte und die Reitenden noch eine
Weile an den Wagenschlägen sich hielten kam man noch einmal auf den sonderbaren
Abschied des Pfarrers zu sprechen der am Wege oberhalb einer Anhöhe stand und
mit dem Tuche Allen nachwehte
Dankmar sagte zu Melanie
Den haben Sie auf dem Gewissen Der ist an Ihrem Sonnenstrahl noch einmal
wie zu neuem Leben erwacht und kommt mir vor als wenn er beschlossen hätte den
nächsten Schnee auf diesen Bergen nicht mehr abzuwarten
So soll er uns willkommen sein sagte Melanie Seine Verse verraten
denselben Geist den Sie ihm auch in seinen Reden werden angemerkt haben Ich
glaube es ist ein Poet
Etwas viel Gefährlicheres sagte Dankmar Es ist ein Genie wenigstens
glaubt er es zu sein An Betrachtungsformen der Dinge an Reflexionen sie bald
so bald so spielen zu lassen scheint er in der Tat überreich zu sein Von
dieser Gattung Menschen hatt ich immer eine Ahnung wie sie wohl sein könnten
und nun bin ich begierig ob sich jetzt mit Ihrer Abreise das in Aufruhr und
wilde Gährung gebrachte bedeutende Element in diesem da legen wird und er
zurückkehrt zur gewohnten Ordnung und Resignation seines Lebens oder ob es ihn
nicht mehr ruhen lässt und er noch einmal den Faden seines Lebens den er früher
mit der Fürstin im Pietismus fast versponnen hat zu einem neuen Gewebe anlegt
Wäre das ein Doctor sagte Lasally kurz und mit einer Art trockenen Humors
wie Alles was er sprach wäre Das ein Doctor von dem ließ ich mich nicht
curiren und wenn mir nichts als ein Finger weh täte
Es ist wohl möglich sagte Dankmar dass er Ihnen soviel von dem Wesen einer
Entzündung der Hand spräche soviel geistreiche Wendungen für die Wichtigkeit
der Fünfzahl im menschlichen Körper vorbrächte bis ein ganz prosaischer Chirurg
kommen und Ihnen von Ihren fünf Fingern den einen kranken abschneiden müsste
Dankmar sagte Das an der Stelle wo ihm der vermeintliche Egon die
Visitenkarte gegeben hatte
Darüber zwar geneigt in Betrachtungen zu versinken konnt er doch solchen
ernstern Stimmungen nicht nachgeben denn Melanie duldete keine Pause Man kennt
ja jene Stimmung der glücklich Liebenden wenn sie ihr Geheimnis unter
gleichgültig scheinenden Scherzen zu verbergen suchen und von der innern ihre
Brust mit dem Gefühl aller Seligkeiten zu sprengen drohenden Macht getrieben in
holdem Mutwillen bald nach diesem bald nach jenem Gegenstande und Gedanken
greifen deren wirres Durcheinander wohl den oberflächlich Blickenden dann
täuscht dem tieferen Forscher und Kenner der Herzen aber sich gar bald verrät
Wenn auch hier die Forscher und Kenner fehlten so fehlten doch Die nicht
die Melanies Natur kannten Alle wussten dass der junge Fremde der auf die
Länge ihnen immer höher wuchs und für den Bruder eines in Melanie ohne Erhörung
verliebten Malers fast zu hoch von ihr verehrt wurde nicht Das sein sollte
wofür er sich ausgab Man flüsterte staunend vom Prinzen Egon Hatte man doch
auch von einem Diener gehört dass er einen mit einer Krone gesiegelten Brief zur
Post gegeben War man doch betroffen über seine genaue Kenntnis aller innern und
äußern Beziehungen der fürstlich Hohenbergschen Familie Nur das Wohlwollen
schien ihnen befremdlich das er ihnen Allen nicht entzog War es der junge
Fürst so hatten sie Alle das Gefühl dass er ihnen Etwas schenkte worauf sie
kaum Ansprüche machen durften Und war er freundlich ihrer finanziellen
Ansprüche wegen so lag darin Etwas was ihn wieder geringer erscheinen ließ
als seiner Art zu entsprechen schien Herr von Reichmeier fasste ihn schon
gering Er nahm oft Gelegenheit seine Unzufriedenheit mit Vielem auszusprechen
was sich ihm auf der Reise durch die Herrschaften des Fürsten zur Anerkennung
oder Rüge darbot und machte sich in der ganzen vollen Bedeutung geltend die er
dem bedrängten Erben haben musste
Dankmar unbekümmert genoss nur den Augenblick
Er ließ ihn nur noch von Melanie erfüllen Sie hatte ihm gesagt dass sie den
Intendanten auf dem Heidekruge einholen würden und dass bis morgen das Bild in
seinen Händen sein würde Mehr bedurfte es nicht Er ließ Alles geschehen
um des Bildes und um des süßen Abenteuers willen In vollem Zuge genoss er das
Glück des stillen Einverständnisses mit einem reizenden Weibe Beseligt empfand
er die Macht eines einzigen jener Blicke die aus Melanies dunkeln
liebeverheissenden Augen ihn für tausenderlei gleichgültiges Geplauder Forschen
Blinzeln Moquiren entschädigen sollten Konnte ihm denn entgehen dass Melanie
nur seinetwegen so mutig auf ihrem Rosse aushielt dass sie nur seinetwegen mit
den Leuten am Wege scherzte Zwar gab sie sich die Miene von einer brennenden
Sehnsucht nach dem Intendanten verzehrt zu werden Sie fragte Jeden ob sie
nicht den schönen Mann in dem eleganten Reisewagen hinter der großen Tierbude
gesehen hätten und da durch diese Örter noch der Transport des Mobiliars bei
Nacht geschehen war so stellte sie sich untröstlich von Niemanden Auskunft zu
erhalten
Hier hat er geschlummert rief sie hier haben seine kleinen Ohren sich in
die Kissen seines Wagens gedrückt Hier über diesen Stein rollten vielleicht die
Räder seines Landaus und weckten ihn aus einem Traume wo ich vielleicht eben
vor ihm niederkniete und ihm sagte Einziger Nur du Nur du
Und wenn die Leute über eine gefahrene Tierbude von der sie sprach
erstaunten hier und da wohl auch Jemand von dem ungeheueren Wagen gehört hatte
so sagte sie Andern wieder es wäre eine Hütte die ihr Geliebter mit sich
führe dieselbe Hütte wo er sie zum ersten male gesehen und die er deshalb mit
in sein Schloss nähme um sie unter eine Glasbedeckung zu stellen
Mit solchen Scherzen vergingen die ersten Stunden des Morgens bis man sich
am Gelben Hirsche sammelte und dort ein Frühstück einzunehmen beschloss
Komfortables Geschirr und feine Küche hatte man bei sich Eier und Butter
gab die Wirtschaft die von dem Bruder der hier nicht gern verweilenden
Wirtschaftsrätin geführt wurde Zu verwandtschaftlichen Begrüßungen blieb hier
nicht viel Zeit denn die so außerordentlich zahlreiche Gesellschaft drängte und
setzte alle Hände des Wirtshauses in Bewegung Der Bruder der Frau Pfannenstiel
war wiederum nicht zugegen Man sagte ihr sie könnte ihm vielleicht noch
begegnen er wäre in Helldorf wo die angesehenen Eigentümer der Gegend sich zu
einer Wahlbesprechung unter dem Vorsitz des Heidekrügers Justus versammelt
hätten Die Wirtschaftsrätin wusste dass ihr Bruder stark Politik trieb und war
froh dass sie sein drittes Wort nicht hörte Schwester tu Etwas für mich Ich
habe ein halbes Dutzend Kinder Diese Kinder schmiegten sich denn auch
während die Mutter von der Verlegenheit über soviel Gäste fast überwältigt war
an die Tante bekamen aber wenig andere Zärtlichkeit von ihr erwidert als dass
sie sich das Zerdrücken und Beschmutzen ihres seidenen Kleides verbat Sie würde
ihnen gern sagte sie von den Leckerbissen der Wagenvorräte abgegeben haben
wenn sie nicht dann jene Beschädigung hätte fürchten müssen Lenchen
lächelte dazu fein ungläubig und betrachtete sie kaum Was ist
Blutsverwandtschaft wenn sie nicht durch den ebenbürtigen Geist vermittelt
wird
Unter einem Apfelbaum hinterm Hause nahm die Gesellschaft Platz und breitete
ihre Vorräte aus während die Dienerschaft auf Käse und Butter aus der
Wirtsküche und eine schnelle Revision aller Hühnernester angewiesen war Frau
von Reichmeier verteilte Teller Servietten Gläser putzte und reinigte was
ihr nicht sauber schien während die Justizrätin mit gutmütigen
Entschuldigungen ihre scharfe Kritik wieder kritisirte und Alles zum Besten zu
kehren trachtete
So heiter man schien so entging es Dankmarn doch nicht dass er anfing die
Gesellschaft zu drücken Seine Anwesenheit belästigte wohl nicht im Gegenteil
musste sie Allen selbst Lasally der oft von seiner Anklage gegen Hackert
sprach interessant erscheinen allein der Hinblick auf ihn wurde doch ein
befangener Bartusch hatte sich entschließen müssen Schlurcks Brief
mitzuteilen Er ging heimlich von Einem zum Andern Man las man verglich man
zweifelte und glaubte jenachdem Dankmar in der Laune war die geheimen Zeichen
des Zweifels und des Glaubens deren Gründe er wohl erriet durch sein Benehmen
zu unterstützen oder zu widerlegen Hätt er nicht immer noch annehmen müssen
diese doch hochstrebende von der großen Gesellschaft verwöhnte Melanie gäbe
sich seinen Planen vielleicht doch wohl nur hin weil sie in ihm die Eroberung
eines Fürsten zu haben glaubte er hätte dem zweifelhaften Schimmer seines Ichs
bald ein Ende gemacht und sich offen als das anspruchlose Glied der Gesellschaft
zu erkennen gegeben das er wirklich war
In dieser Stimmung kam ihm ein Gruß sehr willkommen den ihm ein an dem
Apfelbaume Vorübergehender schenkte Es war Heunisch der Jäger Alle kannten
ihn Es befremdete nicht wenig dass Dankmar den das seinetwegen stockende
Gespräch fast verlegen machte aufstand Heunischen der ins Haus gehen wollte
er kam durch den Garten vom Felde her auf die Schulter schlug ihm freundlich
die Hand schüttelte und mit ihm nach der Straße zu durch das Haus ging Die
Kinder umjubelten den fleißigen Besucher dieser Stätte auf der ihm so
Schmerzliches begegnet war Sie grüßten seinen Hund den sie liebkosten Sie
nahmen dem Onkel wie sie Heunisch nannten den Hut und selbst die Flinte ab
die er ihnen heute gab weil sie nicht geladen war Das Pulverhorn behielt er
Dankmar knüpfte gleich an Heunischs Erinnerungen an und wollte von
Ackermann von Selmar von der Ursula und ihrer Erbschaft hören Während die
Gesellschaft im Garten frühstückte setzte er sich mit Heunisch auf die Bank vor
dem Gelben Hirsch dicht unter eines der Enden des gewaltigen Geweihes das über
der Tür als Wahrzeichen einer Herberge hing die man nach der Gesinnung des
Herrn Drossel ein demokratisches Widerspiel des »Heidekruges« nennen konnte
Gelb hieß der Hirsch wohl deshalb weil das Haus grell gelb angestrichen war oder
umgekehrt
Wir werden begierig sein wie die Ansichten des lebhaften unruhigen in
seinen Finanzen zerrütteten Hirschenwirtes in Helldorf mit denen des
Heidekrügers über die Wahl des Justizrats Schlurck zusammentreffen müssen
wollen uns aber einstweilen mit Dem begnügen lassen was uns unser alter Freund
der gutmütige Jäger noch aus seinem grünen Reviere erzählen wird
Elftes Kapitel
Ein Nachhall aus dem Walde
Heunisch der Förster war ein so zerstreuter gutmütig vergesslicher Mann dass
er nicht erraten konnte was er eigentlich Dankmarn zu berichten versprochen
hatte
Er fing sogleich als ihm Lenchen einen Trunk Bier gebracht hatte den er
neben sich auf die Bank stellte während Dankmar durch Abrücken Platz machte
er fing sogleich von Dem an was Dankmar bereits wusste
Ja ja sagte er hier hab ich meine erste Braut das Riekchen Drossel
verloren Da die Scheune ist wie Sie sehen neu gebaut und auch das Wohnhaus
ist fast neu doch sinds schon wieder fünfzehn Jahre her und Alles sieht
schwarz und vergessen aus Haben Sie denn in der Ullaschlucht das Kreuz gesehen
Welches Kreuz fragte Dankmar selbst zerstreut
Das Kreuz um Sägemüllers Nantchen Die Leute weisen ja jeden Fremden dahin
und erzählen ihm mein Elend
Dankmar besann sich und bedauerte sich die Stätte nicht angesehen zu haben
Das Kreuz an dem Wasserstrudel sagte Heunisch ist gleich von Hause aus
schwarz Drum hält sichs immer wie neu Die Frau Fürstin ließ es setzen Sie
war doch gut und eigentlich ists nicht recht dass ich öfter hierher gehe
als an das Kreuz
Warum nicht Hier findet Ihr Trost und Labung
Nein Herr sagte Heunisch oft werf ich mirs wirklich vor dass ich lieber
hierher gehe und mich gewöhnt habe fast alle drei Tage bei Drossels zu sein
als auf die Sägemühle zu wo ich selten hinkomme und doch weiß ich nicht wessen
Tod mich mehr geschmerzt hat Nantchens oder Riekchens Nantchen war
schelmisch und behend wie ein Reh sonst hätte sie mich Riekchen nicht vergessen
lassen die so freundlich hier die Gäste empfing und gleich wenn sie bedient
hatte sich wieder zum Arbeiten hinsetzte da hinter die Blumen am Fenster
Lieber Gott ich rede von damals Damals lag das Fenster hier unten rechts und
Blumen waren dahinter gezogen wie eine Laube Ich sehe sie noch mit ihrem Kamm
von Schildpatt und Elfenbein hinterm Goldlack Jetzt ist der Flügel ganz
abgebrannt und neu angebaut die Scheune ist neu und der Stall Der Wind trieb
den Brand nach Scheune und Stall und im Hause verbrannte Die nur die verbrennen
sollte
Verbrennen sollte fragte Dankmar verwundert Wer wollte denn dass sie
verbrannte
Ists denn nicht Gottes Ratschluss so wie so und was uns bestimmt ist wer
kann ihm entgehen antwortete Heunisch nachdenklich
Er kam dann auf die Schwester seiner Braut die er wohl erkannt aber nicht
gegrüßt hatte die Frau Wirtschaftsrätin Überhaupt war er erschrocken da
unter dem Apfelbaum so die ganze »Bescherung« vom Schloss anzutreffen
Was sie wohl mögen herausgebracht haben über unser Aller Schicksal fragte
er denn nehmen Sie mirs nicht übel Herr Sie gehören doch wohl auch
Zu den Gläubigern sagte Dankmar kopfschüttelnd und gab ihm den Trost dass
sich der Prinz ohne Zweifel noch entschließen würde die Herrschaft
beizubehalten worüber Heunisch große Freude bezeugte Dann aber fuhr Dankmar
fort
Aber Heunisch Sie sind mir ja noch Eins schuldig wissen Sie denn nicht
mehr
Ich wollt Ihnen was erzählen Von der Fränz in der Stadt Nicht wahr
Nein Nein
Von den Kugeln unterm Ebereschenbaum
Erfuhr ich schon Nein nein Ob die Ursula Marzahn gestanden
hat dass ihr der Amerikaner
Ah Das Herr Ja offen und ehrlich hat sies sagte Heunisch lachend Alles
hat sie gestanden das Geld hergezählt und mir übergeben freilich in ihrer Art
accurat so dass Einer der sie nicht kennt lieber nichts davon hätte wissen
mögen
Wie denn fragte Dankmar mehr wegen Ackermanns und des Knaben als wegen
der Ursula gespannt
Wie ich hinüber kam in mein Haus erzählte Heunisch da begegnete mir schon
an der Wiese der fremde stattliche Herr mit dem lieben Jungen Allerliebstes
Kind Das Nach seinem Geschäft wenn es doch ein geheimes sein sollte mochte
ich ihn nicht fragen und er sagte selbst weiter nichts davon und grüßte bloß Da
er denn aber doch in meinem Hause war so blieb ich stehen und er fing an recht
freundlich zu werden und meinte dass ihm die Alte nicht gefalle Ei Herr sagt
ich die hat schon Manchem nicht gefallen kommen Sie aber nur wieder mit
zurück es hat eben Jeder seine Art Nein nein sagte er und der kleine Bursch
schmiegte sich ihm ordentlich furchtsam an sie hat den tauben Schmied da
behalten mit dem sie sich so wahnwitzig curios verständlich macht dass Leute
die hören können besser die Ohren zuhalten und davongehen Hätte mein Junge
Drüsen am Hals oder sonst ein Kinderübel so käm ich schon wieder denn die
Alte scheint mir zu den Wahrsagerinnen Kartenlegerinnen und ums gerade
herauszusagen zu den Hexen zu gehören
Das war rundweg gesprochen Heunisch
Da ich mich dagegen im Grunde nicht sträuben konnte und es geschehen lassen
muss wenn man die Ursula so nimmt wie sie sich eben gibt so musst ich ihn wohl
ziehen lassen Nun aber hielt der Amerikaner mich selber auf und fragte die
Kreuz und Quer nach Feld Wald und Wiese in Hohenberg und wollte Tausenderlei
von unserer Ökonomie wissen Endlich kam ich in mein Haus wo ich denn richtig
die Ursula mit der goldenen Bescherung antraf Sie hatte all ihr Gold es waren
hundert doppelte Friedrichsdore in der Schürze und rief mich gleich an
Schnappauf Junge
Schnappauf Junge wiederholte Dankmar Das klingt ja ganz kindlich
Ich musste gleich die Mütze hinhalten und in die Mütze die ich hinhielt
schüttete sies mir Alles baar und blank und tanzte dabei wie närrisch
Tanzte
Sie hielts für Katzengold sagte sie
Katzengold Heunisch dann müsst Ihrs doch wohl wiegen lassen
Wie so
Sie kanns ja gleich verhext haben
Ach Spaß Ich sah schon dass die Friedrichsdore echte Landsvaterwaare sind
und über Nacht nicht wieder Kohlen werden Nächsten Sonntag sollen die Zecks
bei uns zu Mittag speisen und da wollen sie denn zusammen abmachen was sie mit
dem vielen Gelde beginnen
Seht Seht sagte Dankmar da werdet Ihr ja einen feierlichen Sonntag haben
Ich mag nicht dabei sein antwortete der Jäger
Wo man vielleicht Wein trinkt
Der Blinde verdirbt mir den Appetit
Ihr söhnt Euch aus
Mit einem Habgierigen nicht
Ist Das so ein Währwolf
Ein Blutsauger was das Geld anlangt
Der blinde Zeck
Der Mensch ist heimlich wie ich Ihnen schon gesagt habe
Unheimlich
Aber man könnte ihn in Ehren grünen und blühen lassen was die Arbeit den
Fleiß und die gute Aufführung anlangt
Und dennoch
Seine Habgier Das ist die Plage
Er scheint doch in leidlichen Umständen
Für sich bedarf er nichts aber sein Junge den liebt er wie ein Affe
seine Jungen
Macht ihm Ehre
Wol Das sag ich auch Aber Alles in seinen gehörigen Grenzen
Da habt Ihr Recht
Wie quält er seine Schwester
Seine Schwester Quälen Erkennt die Ursula einen Meister
O Herr Das ist nicht zu sagen Ich warf ihn schon oft zur Tür hinaus
Was glaub ich nicht leicht ist Er hat Arme
Dass er nicht sehen kann ist sein einziger Jammer aber am Zuschlagen
hinderts ihn nicht
Er sucht wohl wo es etwas zu fischen gibt
Für seinen Jungen für den er sammelt für den er spart und geizt denn
es ist wohl ein elender Mensch der Sohn wenn der Alte einmal
Die Augen zutut kann man nicht sagen
Kann man nicht sagen Aber doch sieht er mit den Händen mit den Füßen
mit der Nase mit den Ohren Da ist in unserm Forstause ein Schrank Sie
hätten uns doch besuchen sollen
Das nächste mal Heunisch
Den Schrank hab ich der Ursula gelassen weil er ihr schon bei Marzahn
gehörte Da hat sie alle ihre Papiere drin und Geldsachen und Quacksalbereien
und was weiß ich
Ihr seid bei Gott nicht neugierig
Nein Herr Vertrauen und Accuratesse Das war immer mein Wort Ich lasse
die Ursula in ihren Schrank legen was sie will Und wenn der Schlüssel auf dem
Tisch läge
Ihr nähmt ihn nicht
Ich nähm ihn nicht
Aber Zeck Der wäre nicht so rücksichtsvoll
Auf den Schrank hat ers Den umschnüffelt er Da wittert er Gold und Silber
und Erbschaften und Verschreibungen
Alles für seinen Sohn
Für den Jungen der einmal blinder als blind ist wenn der Alte nicht mehr
ist
Doch immer eine väterliche Fürsorge Etwas Achtbares dabei
Ei ja Ich wills gelten lassen Ich gönn ihm sein Geld ich gönn ihm die
Erbschaft die der feine Herr aus Amerika gebracht hat aber
Von wem kommt denn die Erbschaft
Im Vertrauen glaub ich von einem verstorbenen Bruder der hoffentlich
ein seligeres Ende genommen hat als er es verdiente
Eine seltsame Familie
Lassen Sies gut sein Herr Ich habs nie wissen mögen warum sie seltsam
ist und so weiß ich auch nicht warum Schwester und Bruder an das Gold nicht
glauben wollen
Das sie doch mit Händen greifen
Das sie mit Händen greifen Katzengold sagt die Ursula
Der Bruder war doch etwa kein Falschmünzer
Stille Stille Das ist wieder mein vergrabener Brunnen Ich war gestern
Abend noch an der Schmiede Der Blinde sitzt vor seinen Goldstücken und klingt
Eines an das Andere an ob es auch echt ist
Das nenn ich Mistrauen
Ja ja Sie lachen bester Herr Ich sitze weiß Gott recht unter tollen
Geschichten und wenn sie mir denn doch zu bunt werden geh ich hier hinauf in
den Gelben Hirsch Hier ists luftig und frei Ein gesunder Zug in die Brust
hinein stärkt mir die Lungen hier und hätt ich nicht Hunde daheim und ein paar
alte Eulen und eine ganze Stube voll Vögel und freilich auch mein Brot im Walde
und die Hoffnung die Fränz kommt einmal aus der Stadt für immer wieder heraus
zu mir ich ginge am liebsten nicht wieder hinein so schwül wirds mir
manchmal denn die Gespensterseherei der Alten nimmt überhand
Dankmar nahm innigen Anteil an dem guten treuen Menschen und erzählte ihm
auch seinerseits Einiges von der Verlegenheit in die er durch die bei einem
ihrer Gespenster gefundenen Kugeln käme
Das Gespenst da sagte Heunisch rasch hab ich seitdem auf dem Strich und
bin ihm schon so nahe beigekommen dass ich ihm ein Halt da Steh Kanaille hätte
zurufen können
Wirklich fragte Dankmar gespannt und fast in der Hoffnung der Förster
möchte ihm nun ja Hackerten als den Verdächtigen bezeichnen seinen Begleiter
den er von seinen Anzüglichkeiten auf die schöne kleine Franziska schon kannte
Es kam auch so zum Vorschein Der Jäger sagte
Da Sie selbst darauf kommen will ich auch nicht zurückhalten
Sprecht offen sagte Dankmar Wir sind gute Freunde
Drum tut mirs leid dass Sie mit dem
Also der Rothaarige der mit mir hier auf dem Gelben Hirsch
Der Buschklepper den ich seitdem hier und da herumspuken sehe Gestern
Nacht hatt ich mich bei den Holzschlägern verspätet Die Leute müssen bis in
die helle Mondnacht schlagen um nur für die Nimmersatts da unterm Äpfelbaum aus
unsern jungen Pflanzungen die sich kaum erholen können Silber zu münzen
Sprechen Sie leiser
Ach was Sie könnens hören Mit der Frau Wirtschaftsrätin Herr können
Sie doch nicht unter einer Decke stecken
Nein Heunisch und wenns eine seidene wäre sagte Dankmar lachend und
gespannt
Nun ja Es mochte gestern schon stark nach zehn Uhr sein als ich meinen
roten Burschen über die Wiese streifen sah die vom Plessener Turm her
hinterm Gebüsch um den Schlossberg in den Wald führt Er rannte mehr als er
ging
Mein roter Begleiter
Ich denke wohl Ich stelle mich hinter einen Baum um ihn besser zu
beobachten Er sieht sich überall um und Jeder hätte geschworen der Kerl hat
ein böses Gewissen Endlich ging er langsamer ich ihm nach So mocht ich eine
halbe Stunde hinter ihm geschlichen sein als ich sehe dass Dies der Weg zum
schwarzen Kreuz ist wo mein Nantchen vom Felsen glitt Es ist ein gespenstiger
Ort fast wie eine Kirche bei Nacht Rings über dem Wildbach stehen gerade hier
rundum alte Bäume und uralte Felsensteine und sehen so zackig und knorrig in die
Flut hinunter dass ich mir schon manchmal gedacht habe wenn die alten Äste
einmal lebendig würden und husch wie Schlangen durcheinander führen und dich
einmal packten Heunisch
Ihr habt Phantasie Heunisch
Es presst mir immer die Kehle wenn ich an den Ort komme und das Kreuz so
ernst gerade als ob es reden wollte da oben steht und mir vorwirft dass ich am
Ende das Riekchen hier doch lieber gehabt hätte weil ich immer auf dem Gelben
Hirsch bin
Ihr seid zu gewissenhaft Heunisch Nantchen von der Sägemühle freut sich im
Grabe wenn Ihr getröstet seid
Da bin ich denn umgekehrt und hab den Schelm aus dem Gesicht verloren Nun
hab ichs aber der Ursula erzählt wissen Sie was Die sagte
Ich bin begierig
Es ist zum Lachen fuhr Heunisch fort das schwachsinnige alte Weib ließ
sich nicht ausreden dass sie ihren Bruder gesehen hätte Es ist ja Fritze aus
Amerika sagte sie der uns das Katzengold gebracht hat und sieh Einer nur nach
unten im Bach wo Schön Nantchen stolperte da liegt noch weit mehr von dem
Dreck Geh hin Heunisch da liegt ein ganzer Schatz Ja Schatz Mein Schätzchen
liegt da sagt ich aus Spaß und doch betrübt mein Schätzel war hübsch aber
reich war sie nicht Urschel Da schwieg sie und meinte bloß Lass den Fritze
nicht hereinkommen Heunisch Wir haben nichts mehr für ihn hier zu suchen es
ist Alles fort Alles fort Es braucht auch keinen Tischler zu schicken um
nachzufragen ob wir nicht den Sarg bestellen wollten Lass ihn aber auch gehen
Wer auf Geister schießt trifft sich Damit war sie wieder vergnügt und ging in
die Küche und richtete ein gutes Essen an
Wetter sagte Dankmar Das wiederholt noch einmal Heunisch Wer auf Geister
schießt trifft sich sagte sie
Eine alte Regel Herr die älter ist als
Der Doctor Lehmann am Rabenstein Wer auf Geister schießt trifft sich Das
ist so alt wie der betlehemitische Kindermord und die Aussetzung Mosis am
Wasser und die Inquisition und die Censur
Ja ja lachte Heunisch Im Walde lernt man sein Bischen schwarze Kunst Wer
auf Geister schießt trifft sich
Dankmar überlegte Er sah dass sich Egons Erzählung von der bösen
Aufnahme die er im Forstause fand nun zusammenschloss mit Dem was er hier von
Heunisch vernahm Er wollte aber noch genauer forschen Ohne ihm Etwas von dem
Gefangenen im Turm zu sagen kam er auf den Tischler zurück und fragte
Heunischen was die Alte mit dem Tischler gewollt hätte
Heunisch erzählte ihm dann Alles was Dankmar freilich in anderer
Auffassung schon wusste und bemerkte auch ganz richtig dass Dies ohne Zweifel
jener junge schöne Handwerker gewesen wäre den er hier mit im Gelben Hirsch
gesehen hätte
Freilich freilich sagte Dankmar Der wars Wusste sie nicht mehr von ihm
zu sagen
Heunisch seine drängendere Neugier nicht bemerkend sagte ganz ruhig
Sie hatte genug als er von sich als einem Tischler sprach Denn ihre Furcht
vorm Tode ist eine Schande Sie wird auch aus purer Todesfurcht steinalt und
überlebt mich zehn mal Ich hatte meinen Spaß mit ihr und sagte Urschel
Urschel der Tischler hat ja nur vorläufig s Maß nehmen wollen Da schluchzte
sie fiel wieder in eine andere Narrheit und meinte So groß wie seine Mutter
brauch ichs nicht
So groß wie seine Mutter fragte Dankmar erstaunt Wessen Mutter meinte sie
Das kann ich nicht sagen Herr sprach Heunisch man muss auch Nichts drin
suchen Die halb Verrückten und Geisterseher habens immer mit zweierlei
Menschen zu tun mit Kindern und mit Müttern Bei ihrem gespenstischen Bruder
kommt sie immer gleich auf Kinder die er wohl kann hinterlassen haben und beim
Tischler kam sie gleich auf seine Mutter Der frühere Pfarrer in Plessen wie
hieß er doch
Rudhard ergänzte Dankmar
Ei sieh woher wissen Sie Das fragte Heunisch erstaunt Rudhard
Richtig Ganz richtig Das war ein anderer als der jetzige der erst ein
Augenzwinkerer war und nun ein Schwätzer ist Der Rudhard sagte einmal Im
Menschen wäre Alles was auf eine Mutter und auf ein Kind ginge ein göttliches
Geheimnis Ich habs deutlich behalten weils die erste Predigt war die ich in
Plessen hörte und ich kann Ihnen wohl im Vertrauen sagen die letzte seit meiner
Konfirmationszeit Der Mann sagte auch Dass ein Kind Kind sein könne und eine
Mutter Mutter sein könne Das wäre so schwer zu begreifen wie Gottes Wesen
selbst und drum habens auch wie ich an der Urschel sehe die Hexen und die
Teufel immer mit Kindern und mit Müttern Das muss wohl der Eingang in die Hölle
sein
Oder der in den Himmel Heunisch sagte Dankmar und schüttelte ihm nun wie
zum Abschied die Hand Ja ja In den Himmel setzte er hinzu Haltet noch eine
Weile unter diesen Menschen aus die Eurer nicht würdig sind bis die Fränz
kommt die besser tugendhafter sein wird als sie der Hallunk von dem Ihr mir
leider zu wenig erzählt habt Euch darstellte
Heunisch hielt Dankmarn und sah ihn treuherzig mit seinen männlichen Zügen
ohne Falsch und einem guten sorglosen Auge an
Nicht wahr Das meinen Sie auch sagte er bewegt und nun bester Herr wir
sind uns immer so angenehm begegnet wenn ich einmal in die große Stadt
dahinunter komme und Sie mir erlauben wollen wieder mit Ihnen ein Bischen zu
plaudern
Er zögerte sein Anliegen auszusprechen
Offenbar wollt er Dankmars Namen wissen und Dieser nach der ihm
einwohnenden offenen Weise unbekümmert über die möglichen Folgen hielt es für
seine Pflicht dem Ehrlichen gegenüber ehrlich zu sein und sagte
Ich heiße Dankmar Wildungen bin ein Referendar beim Gericht Wenn Sie den
Namen behalten finden Sie mich wohl auf oder fragen Sie nur bei dem Gericht
Dankmar
Dankmar Wildungen wiederholte Heunisch langsam und nachdenkend als wollt
er sich den Namen des ihm so liebgewordenen jungen Mannes recht einprägen
dabei hielt er aber noch immer Dankmars Hand fest
Und als dieser die Wagen vorfahren hörte und sich ihm nun langsam entziehen
wollte brach Heunisch gerade mit Etwas hervor was er noch auf dem Herzen
gehabt hatte und was auch vielleicht die Ursache seiner großen Offenherzigkeit
gewesen war
Und wenn nun sagte er fast schlau lächelnd wenn nun die Zecks nächsten
Sonntag bei mir zu Hirsebrei in Milch und einem Rehbock oder was sonst die
Urschel und meine Flinte bescheren wird kommen und Rat schlagen wo sie mit
den vierhundert Friedrichsdoren denn so viel sinds hin sollen und Heunisch
auch ein Wort mitsprechen möchte Was raten Sie mir da wohl Wo legt man nun
solch Geld jetzt am besten an
Aha dachte Dankmar bei sich Nun kommt der Schlüssel zu all den offenbarten
Geheimnissen Wie schlau ist mein Waldsohn
Nur nicht in Staatspapieren war seine rasche Antwort
Sagte mit heute der Amerikaner auch meinte Heunisch
Der Amerikaner Heute Haben Sie ihn denn wiedergesehen
Vor einer Stunde Er muss des Weges kommen
Hierher
Dankmar war ergriffen von Freude und fast musste er sich sagen von Schreck
Dieser Fremde und sein holder Sohn hatten sich ihm eingeprägt wie eine Mahnung
immer nur an sein edelstes Selbst Sie waren sein Gewissen geworden Und so
erschrak er fast über die Möglichkeit dass dieser Fremde mit dem schlichten
Namen Ackermann plötzlich von den Abenteuern Einsicht bekommen könnte in die
er sich hier verwickelt hatte
Der Jäger erzählte ihm dass er auf seinem kürzern Wege den er von Plessen
eingeschlagen hätte Ackermann mit seinem Sohne begegnet wäre und wenn ihm Recht
wäre sähe er sie dort damit zeigte er auf einen Weg der sich hinter dem
Gasthause heraufzog in dem kleinen Wägelchen schon herkommen
Dankmar blickte hinüber
Ackermann und Selmar saßen in einem leichten Wagen und grüßten ihn schon von
ferne Da aber stand auch schon Lasally mit dem Rosse neben ihm das er
besteigen sollte Die ganze Gesellschaft drängte die Wagen fuhren
durcheinander die Pferde stampften die Bedienten riefen Heunisch trat zurück
und lüftete die Mütze und Dankmar der nicht mehr wusste wohin er hören und was
Alles sehen sollte verlor fast die Besinnung
Euer Geschäft sagte er zu Heunisch indem er fast mechanisch auf sein Ross
stieg also Euer Geschäft bester Freund Ich will Euch sagen rief er ganz
laut kommt in die Residenz und fragt beim Prinzen Egon Eurem Herrn Oder
schreibt Bei uns sollt Ihr die beste Auskunft finden Ich bin für Grundbesitz
oder Industrie und Das hättet Ihr ja in Plessen oder bei Hohenberg gleich in der
Nähe um immer Euer Auge in die Benutzung des Geldes einsehen zu lassen Wer
weiß was man jetzt in Hohenberg nicht Alles für Mittel brauchen kann Euer Herr
gibt Euch die besten Hypotheken Also kommt nur zu mir Beide gehen wir dann zum
Prinzen Egon Oder es macht sich Alles schriftlich wie Ihr wollt
Damit saß Dankmar im Sattel Heunisch trat dankend und fast erschrocken dass
man so laut von dem Gelde gesprochen zurück Einige Wagen fuhren ab Dankmars
Gaul folgte mechanisch dem stattlichern Renner Lasallys Dankmar wandte sich
um Selmar grüßte noch immer und Ackermann nickte freundlich Zur Erwiderung zog
er sein Taschentuch und schwenkte es in der Luft hin und her zog auch seinen
Hut und ließ die winkende Hand Das sagen was sein Mund in die weite Entfernung
nicht mehr hinübertragen konnte
Nun ließ er dem Pferd die Zügel schießen und sprengte der übrigen
Gesellschaft nach die an ihm schon vorüberfuhr
Zwölftes Kapitel
MelanieSpäße
Als sich Dankmar auf seinem Rosse gesammelt hatte sah er sich nach Melanie um
Er entdeckte sie nicht Neben ihm fuhr Herr und Frau von Reichmeier Er
erkundigte sich nach Melanie Das reiche Ehepaar stand im Wagen auf um
rückwärts zu sehen und zeigte ihm den Wagen der Justizrätin der noch fern am
Gelben Hirsch hielt Er sah das leere Pferd das Melanie geritten hatte von
einem der Jockeis geführt ihm längst voraus Es schien also wohl dass sie fahren
wollte Endlich entdeckte er sie wie sie in den Wagen stieg mit veränderter
Toilette Sie hatte sich aus einer Amazone in eine Dame der neuesten Mode
verwandelt und trug einen weißen Seidenhut ein weißes Kleid und einen leichten
roten Krepp de ChineShawl In dem Augenblick fuhr sie ab wo Ackermann und
Selmar anlangten
Kommen Sie denn endlich zur Besinnung rief sie Dankmarn entgegen als der
Wagen schnell ihm nachflog und der Staub sich so verzogen hatte dass man im
langsamern Fahren sprechen konnte
Dankmar bat um Entschuldigung über sein langes Gespräch mit dem braven
Waidmanne den er auf dieser Reise sehr liebgewonnen hätte
Er fügte hinzu er könne die Zerstreuung um so weniger bereuen als sie ihm
jetzt die volle Überraschung ihrer plötzlichen Metamorphose gewähre
Sie sollten sich zu uns setzen sagte Melanie mit Vertraulichkeit Bartusch
rückt und ist überhaupt der bequemste Reisegesellschafter von der Welt ein
Reisenecessaire in Taschenformat
Sie zeigte dabei auch auf die Geldbörse die der kleine schlaulächelnde Mann
in der Hand hielt während er die Ausgaben im Hirsch verrechnete
Prinz Hier ist Platz rief Bartusch ganz in seine Rechnung verloren
Wie Dankmar die Worte hörte und Melanie ihn über sie fixierte übergoss es ihn
purpurrot und wie mit einem Seitensprunge das Pferd vom Wagenschlage ablenkend
jagte er seine Verlegenheit zu verbergen Lasally nach
Hast du bemerkt wie er errötete sagte Melanie zur Mutter
Diese wandte sich noch ganz erschrocken über Bartuschs Auffoderung zu
diesem hinüber und fragte
War Das mit Absicht Bartusch
Nein sagte Bartusch die Augenbrauen in die Höhe ziehend es kam mir
zufällig
Seiter war ich im Zweifel sagte die Mutter und kann mir nicht denken dass
sich ein junger Mann der uns so wenig Ursache hat befreundet zu sein uns
dermaßen vertrauensvoll anschliesst Melanie ist freilich sehr unvorsichtig
Mutter sagte Diese und legte da Hannchen Schlurck recht zürnend
ausschaute den Arm um ihre Schulter um sie zu beschwichtigen Mutter zanke
mich nur aus
Ich werde dir nie raten sagte die Mutter dass du Lasally erhörst aber ich
bewundere die Geduld dieses treuen Menschen Er hatte sicher gehofft in der
Einsamkeit des hohenberger Aufenthaltes würden seine Wünsche dir nicht misfallen
und nun muss er erleben dass du von dort mit einer doch im Grunde sinnlosen
Leidenschaft zurückkehrst die dich heute noch närrisch macht
Du meinst doch meine Excellenz fragte Melanie mit Schalkhaftigkeit
O geh mit dieser Posse sagte die Mutter fast verstimmt Immer freu ich
mich dass deine Späße ihre Lacher finden heute aber wundere ich mich darüber
Mutter sagte Melanie du wirst bitter Du willst meine Erfolge stören Das
ist fast hätt ich das vierte Gebot verletzt
Frau Justizrätin ist trüben Humors meinte Bartusch und spielte boshaft
genug auf den Eindruck an den der sonst so heitern und duldsamen Frau die
Enthüllung einer sonderbaren nächtlichen Wanderung ihres Gemahls gemacht hatte
als Bartusch von dem gefundenen Schrein erzählte Ein ernster Blick der
nachdenklichen Frau verbot ihm weitere Erörterungen
Die lästige Pause die eintrat unterbrach Melanie mit Wiederholung der
Worte die sie von Dankmar am Gelben Hirsch gehört hatte
»Also kommt nur zu mir und Beide gehen wir dann zum Prinzen Egon«
Es ist deutlich genug sagte Bartusch
Und der Jäger meinte die Mutter Schien er nicht ganz erschüttert da wir
ihm die Mutmaßung mitteilten War es nicht als wollte er sagen Nun gingen
ihm ja plötzlich die Augen auf und er erkenne mit wem er sich so oft und so gut
unterhalten hätte
Ich habe sagte Melanie ernster gestimmt ich habe diesem Fremden ob es nun
der Prinz oder nicht der Prinz ist einen Dienst zu leisten versprochen dessen
Ausführung mir viel Überwindung kostet Ich leugne nicht dass er sogleich mein
Herz gewann und zum Zeichen dass ich beim Anblick dieses liebenswürdigen Mannes
mehr empfinde als ich bisher für irgend Jemand in der Welt empfunden habe
wollen wir morgen in aller Frühe gegen sein Wissen vom Heidekrug weiter
reisen damit wir doch wohl nicht zu weit gehen Hab ich dem Drange genug
getan ihm mich so weit zu widmen als ich sehe dass er Liebe Hingebung und
die Aufopferung eines treuen Herzens nötig hat so hört mein Spiel auf und es
ist dann an ihm zu zeigen was er für soviel Freundschaft mir Ernstes erwidern
will
Kind rief die Mutter denkst du so hoch
Ich denke gar nicht liebe Mutter sagte Melanie ruhig
Denn wenn ich dächte würde Das was ich heute noch Alles ausführen soll
kaum möglich werden Ich fühle nur Nur ein Instinkt ein wunderbarer Reiz ist
es der mich seit dem Augenblicke leitet dass ich diesen Fremden sah
Nein verbesserte die Mutter seit der Vater schrieb der Prinz wäre im
Incognito am Fuße des Schlosses und wir annahmen die von ihm gegebene
Beschreibung passe auf jenen Fremden der uns vielleicht Alle täuscht
Er täuscht uns nicht sagte Melanie er nennt sich Dankmar Wildungen Ist es
der Prinz nicht so werden wir ihn um so leichter vergessen können
Ich dagegen hoffe sagte die Mutter dass es wirklich der Bruder des blonden
Malers ist den du bei uns eingeführt hast Denn ein Roman mit einem Manne der
zu hoch steht als dass er dich heiraten könnte wäre bei den mancherlei Sorgen
die so schon unsere Brust drücken vollends eine Qual
Denke nicht an die Zukunft Mama sagte Melanie Das Nächste ist dass ich
bitte mich auf dem Heidekrug rumoren zu lassen wie ich will Morgen früh mit
Sonnenaufgang bin ich vielleicht vor Euch Allen schon auf dem Wege nach Hause
und spreche den Fremden nicht mehr vielleicht nie mehr
Was hast du denn nur vor fragte die Mutter die jetzt erst die Andeutungen
eines Planes verstand mit gesteigerter Besorgnis
Einer Antwort ward Melanie dadurch überhoben dass Dankmar und Lasally jetzt
dicht bei den Schlägen des Wagens ritten Einer rechts der Andere links
Melanie knüpfte rasch ein unverfängliches Gespräch an und verlangte zu
wissen was Das für Fremde wären denen Dankmar so freudig zugewinkt hätte
Der Befragte teilte so viel von Beiden mit als sie interessieren konnte
ohne Dinge zu erwähnen die vielleicht unbekannt bleiben sollten
Der Knabe sagte Melanie nach einigem Nachdenken und stockte
Nicht wahr Ein liebes Kind fiel Dankmar ein
Ja ja der Knabe schien mir ein verkleidetes Mädchen sagte Melanie
Melanie rief Dankmar sich vergessend und begriff nicht wie ihn diese
Äußerung so erregen so in allen Adern durchbeben konnte
Sie erschrecken Was Eine neue Rivalin Eine Rivalin der Gräfin dAzimont
wollt ich sagen Kommt das Alles von Paris
Dankmar musste lächeln weil ihm die Misverständnisse des gestrigen Abends
einfielen Doch wünschte er sie abzubrechen und sagte
Wer die Gräfin dAzimont ist wissen wir lieber möcht ich Herrn Lasally
veranlassen uns zu erzählen welches die schönsten und gewandtesten Amazonen der
Residenz sind
Man blickte zu Lasally hinüber der nachdenklich schien
Hören Sie denn nicht Lasally sagte Melanie wer reitet von den Damen
besser als Melanie mit dem abscheulichen Namen Schlurck
Die Frau Major von Werdeck reitet besser sagte Dieser kurz und bestimmt
Man lachte über seine Offenheit
Sie sind kurz angebunden Wie können Sie eine Polin mit mir vergleichen
eine wilde Demokratin
Demokratin fragte Dankmar
Eine Sarmatin die auf einem Pferde zur Welt gekommen scheint sagte
Lasally um sich zu entschuldigen
Stille Stille Es wird immer besser rief Melanie und wollte von der Frau
Major von Werdeck nichts mehr wissen
Auch die Damen von Wachendorf die Baronin Spitz und Frau von Landskrona
sind in der Zügelführung anzuerkennen sagte Lasally
Die Erwähnung so vieler Damen führte auf die Chronik der großen Welt Man
zeigte sich über alle hervorragenden Persönlichkeiten derselben ziemlich
unterrichtet Dankmar hörte Namen die er mit Siegbert in Verbindung wusste
andere die ihm ganz fremd waren Er hörte da sich auch Reichmeiers in diese
Erörterungen mischten kaum zu und verlor sich in Erinnerungen an Egon und die
so schnell gewonnene Freundschaft jenes Gefangenen im Turm der nur der junge
Fürst sein konnte Als er von seinen Grübeleien erwachte und man noch von den
Damen der Residenz sprach benutzte er die Gelegenheit sich über Egons
Vorsicht in Betreff der Harderschen Familie zu unterrichten und fragte
Wir haben Herrn von Harder kennen gelernt Nicht wahr Es gibt mehre Damen
von Harder was weiß man von ihnen
Melanie begann sogleich
Mit den Harders bitt ich vorsichtig umzugehen Jede Äußerung die einen
Verwandten meiner Excellenz betrifft und für seinen geliebten Namen ungünstig
ausfiele könnte mein Herz verwunden
Melanie rief die Mutter
Lasst mich sagte sie Spottet nicht Sie am wenigsten Lasally Ich habe
euch eitle und schwankende Männer lange studiert und mir wohl die Fähigkeiten
erworben das Echte vom Unechten zu unterscheiden Meine Excellenz gehört zu den
Bessern ihres Geschlechtes Ich will nicht in Abrede stellen dass auch Harder
von Harderstein Schwächen besitzt allein wenn er nun auch eitel wäre darf er
es nicht sein Hat er nicht die kleinsten Ohren die ich je am Kopfe eines
Mannes erblickt habe Ist er nicht schlank gewachsen wie eine Pappel und hält er
sich nicht ganz so gerade wie es seiner Stellung am Hofe angemessen ist Nein
nein ihr Männer wisst nicht worin eigentlich der Zauber liegt den gewisse
Blüten eures Geschlechtes auf uns ausüben Scheltet mir meinen Geheimenrat
nicht
Nach der Heiterkeit die diese mutwilligen Scherzreden hervorbrachten
bemerkte die Mutter ohne Zweifel hätte die Frage ihres Herrn Begleiters den
Damen gegolten die den Namen von Harder führten
Von Pauline von Harder sagte Melanie red ich nicht Ich hasse sie Sie
ist die Gemahlin meines Ideals Aber Anna von Harder kenn ich Dieser Dame
verdanke ich mehr als man für glaublich halten möchte Ihr Schwager der
Intendant lehrte mich fühlen sie selbst Anna von Harder lehrte mich Etwas
was man mir ebenfalls allgemein absprechen will nämlich raten Sie
Die Mutter sagte lachend
Singen mein Kind
Das ist wirklich das Unmöglichste was Sie zu leisten gelernt haben
Melanie fiel Lasally spottend ein
Sollte Ihnen mein Herr wandte sich Melanie zu Dankmar diese boshafte
Äußerung Lasallys unverständlich sein so müssen Sie nämlich wissen dass ich
wie man allgemein behauptet keine Stimme habe Ich spiele Klavier Harfe und
Guitarre Aber dennoch fand ich immer dass wirklich zur Musik nur
Mittelmässigkeiten Talent haben was ich Ihnen durch Lasallys Beispiel beweisen
könnte der ein ganz vorzüglicher Bläser auf dem Kornet à piston dem
Postillonshorne ist Ich selbst strebte immer nach dem Ruhme in meiner Art das
Beste zu leisten und da mir eine gewöhnliche mittelmäßige Fähigkeit im Singen
nicht genügt so zog ich es vor zum Davonlaufen schlecht zu singen Das
hinderte aber doch nicht dass ich einige Zeitlang die Akademieen der guten Anna
von Harder auf Tempelheide unterstützt habe
Bis sie dich ersuchte fiel die Mutter lachend ein lieber deine andern
Talente zu pflegen als die zweifelhafte Gabe des Gesanges wie sie dir einmal
selbst schrieb
Mit Gänsefüssen Zweifelhaft mit Gänsefüssen liebe Mutter rief Melanie Die
zweifelhafte Gabe des Gesanges waren meine eigenen Worte mit denen ich mich von
Frau von Trompetta und der neuen Jungfrau von Orleans der Flottwitz bei ihr
einführen ließ Die falschen Noten die ich sang waren nicht Schuld dass ich
wegblieb eher noch die vielen heiligen und langweiligen Sachen die wir
aufführten
Heilige langweilige Sachen fragte Dankmar der das Gespräch von den
Nachforschungen über seine Person und dem Drucke des zunehmenden
Misverständnisses ablenken wollte
Melanie erklärte ihre Äußerung
Sie wissen vielleicht nicht sagte sie dass Anna von Harder während des
Winters in der Stadt und im Sommer auf dem Gute des alten
Obertribunalpräsidenten in Tempelheide von jungen Dilettanten und Dilettantinnen
geistliche Musiken aufführen lässt Sie ist nicht fromm Anna von Harder aber
sie liebt alles Das was zur Frömmigkeit gehört Diese Akademieen
Bitte bitte unterbrach Dankmar die Mitteilung des schönen neckenden
Mädchens das sich wie wir hören auch nötigenfalls selbst persifliren konnte
Sie sagen da ein Wort das wiederholt zu werden verdient Nicht selbst fromm
sein aber Alles lieben was zur Frömmigkeit gehört
Ich weiß es kaum anders auszudrücken
Sie bezeichnen damit eine Geistesrichtung die ziemlich allgemein verbreitet
ist und mir sehr gefährlich erscheint
Es ist die der Schwanenjungfrauen und Diakonissen sagte Melanie Allein
spotten wir nicht Anna von Harder ist keine Mäuseburg keine Trompetta
Sie hat in ihrer Jugend die tiefsten Herzensprüfungen bestanden ergänzte
die Mutter
Und weiß noch jetzt was ein Herz ist fiel Melanie ein sich vielleicht
irgend einer vergangenen Szene mit ihr entsinnend
Aber die Musiken in Tempelheide sind darum doch lächerlich meinte Lasally
Wer sagt Das fragte Melanie
Hauptmann Tielo sagts Rittmeister Konnewitz fragen Sie wen Sie
wollen
Diese competenten Richter Sie sind komisch diese Musiken aber Tielo und
Konnewitz sind die ernstaften Menschen nicht die sie komisch finden dürfen
Fräulein Sie überbieten sich in geistreichen Aperçus fiel Dankmar ein Sie
sagten eben wieder ein Wort das ich bewundere Es kann Etwas lächerlich sein
aber nicht Jeder hat das Recht es lächerlich zu finden Wie erscheinen denn
Ihnen diese Musiken
Im Grunde sagte Melanie mit den Augen blinzelnd und schelmisch im Grunde
ganz ebenso wie dem Tielo und Konnewitz aber
Man wollte dies »Aber« nicht hören Man wollte wissen warum Melanie diese
Musiken komisch fände
Nun Denken Sie sich nur die ewige alte classische Musik sagte sie Nie
etwas Weltliches Ewig und ewig Heil dir Israel und Jauchze Juda und so
Alles durch was die alten Maestri und die Neuern nur in diesem Stil componirt
haben Mit Trompeten und Pauken in großen Kirchenräumen macht sich Das prächtig
aber so mit dünnem Klaviergeklimper begleitet und die oft achtstimmigen ganz
labyrintisch verwickelten Fugen von zimperlichen Chören gesungen ich gebe
Ihnen mein Wort man wird vom Zählen allein schon confus wie sehr erst von dem
Durcheinander wo der Eine Juda der Andere Israel der Dritte Jerusalem
jauchzt und das kleine quiekende Klavierchen dazwischen summt und summt und
summt Mir ist manchmal in dem Chaos das Notenblatt vor Schreck aus der Hand
gefallen aber die Andern stürmten fort wie die Makkabäer und die gute Anna
die das Ganze am Klavier dirigirte verlor fast die Besinnung bis wir zuletzt
am Finale ankamen und wie ankamen Der Eine um acht Takte zu früh der Andere um
zwölf zu spät Kurz es sind geistliche Charivaris
Die aber doch sehr belustigend gewesen sein müssen sagte Dankmar über
diese Schilderung lachend warum haben Sie sie aufgegeben
Ja Sie waren drollig fuhr Melanie fort Denken Sie sich nur wenn Sie sie
kennen die dicke kleine Trompetta denken Sie sich diese Frau mit glühender
Andacht im Chor ihre Altstimmen zusammen halten und die Flottwitz immer wie in
höheren Sphären und ihre blonden Tirebouchons wie eine Löwin vom Stamme Juda
schüttelnd als wollte sie die Demokratie radical zu Grunde singen Die
Herren sind teils junge Assessoren teils Lieutenants drei Brüder der
Flottwitz allein schon und der Vierte der noch in der Kadettenschule ist
würde sich auch schon angeschlossen haben aber seine Stimme setzt sich eben
Melanie lachte ausgelassen
Ich habe von diesen Akademieen gehört besann sich Dankmar Der alte
Präsident soll sie sehr lieben
Dankmarn wurde nämlich erinnerlich dass sich Einige seiner juristischen
Kollegen der besonderen Protection dieses ehrwürdigen Greises erfreuten weil sie
gute Stimmen hatten
Gewiss liebt er diese Koncerte aber nicht der Musik wegen sagte Melanie
Weswegen denn
Das sollen Sie erfahren und zugleich den Grund warum ich ausgetreten bin
Ich fühlte nämlich allerdings dass ich weltliches Kind den anwesenden Damen
nicht begeistert genug für diese Art von Musik vorkam Ich singe herzlich
schlecht aber Das weiß ich ich zähle gut Und eigentlich ist Das bei diesen
Motetten und Oratorien die Hauptsache Die Flottwitz geriet nun beim Zählen
immer ins Schwanken Sie zerstreute sich wenn 38 oder 49 über einem
Pausenzeichen stand und wir bloß von Anna von Harders Blick abhängig waren um
uns wieder bis zu unserm Anfang zurechtzufinden Die Flottwitz sah nämlich bei
einer solchen großen runden Zahl gleich auf die Achselklappen ihrer Brüder und
verlor sich in Betrachtungen über die Zahlen der Regimenter die auf den Knöpfen
derselben zu lesen stehen Wahrhaftig sie war weit mehr beim 38sten und 49sten
LinienInfanterieregiment als bei dem Chor der Pharisäer und Schriftgelehrten
den wir mit 38 und 49 Taktpausen als Mädchen vom Stamme Benjamin oder Ruben
ablösen mussten Nein nein zählen konnt ich wirklich ganz allein und Takt
glaub ich immer zu haben Aufrichtig ich sehnte mich nach frischerer
lebendigerer Musik so gering ich sie auch unterstützen konnte Als ich einmal
die »Jahreszeiten« zu singen vorschlug kam ich gar übel an Man erklärte die
»Jahreszeiten« besonders von Seiten eines widerlichen alten Ausschusses der
sich um die sanfte treffliche Anna von Harder gruppirt hatte und sie
tyrannisirte für eine im Grunde frivole Musik die alle Kennzeichen ihres
Ursprungs aus dem Wiener Prater an sich trüge Minder leichtfertig erschien die
»Schöpfung« Als dann abgestimmt wurde was man wählen sollte zum nächsten
Winterstudium blieb ich mit zwei Lieutenants und drei Assessoren für die
»Jahreszeiten« und in Folge eines Amendements sogar für die »Schöpfung« in der
Minorität Der »Tod Jesu« siegte
Ist doch auch ziemlich modern warf Dankmar ein den diese Mitteilungen aus
gewissen exclusiven Kreisen der Gesellschaft interessirten
Würde auch nicht gesiegt haben erzählte Melanie wenn nicht die Flottwitz
das Wort ergriffen und dem »Tod Jesu« außer seiner größeren Heiligkeit noch
besonders eine militairische Ehrwürdigkeit zuerkannt hätte
Militairische fragte Dankmar erstaunt
Militairische Der »Tod Jesu« sagte die Flottwitz wäre ein
GarnisonkirchenOratorium Graun wäre Kapellmeister des großen Friedrich gewesen
und hätte die Märsche für Trommel und Querpfeife componirt die noch jetzt ein
gewisses glorreiches Kriegsheer täglich spiele und kurz und gut die rein fromme
Partei und die Partei der musikalischen Puristen wurde unterstützt von der jetzt
so fanatisch patriotischen des Reubundes Man machte aus dieser Wahl eine
Tendenz und Zeitfrage Ich blieb für den österreichischen Haydn in der
grossdeutschen Minorität Die beiden Lieutenants die Brüder der Flottwitz die
mich aus Galanterie unterstützt hatten bekamen von Friederiken Wilhelminen
ihrer Schwester einen ihrer bekannten durchbohrenden Blicke Sie behandelte die
armen Menschen fast wie Fahnenflüchtlinge die ihrem Könige den Eid gebrochen
hätten Großer Gott sagt ich liebes Fräulein von Flottwitz beruhigen Sie
sich Ihre beide Herren Brüder werden das Vaterland darum noch nicht verraten
dass ihr Ohr nicht geübt genug scheint aus dem »Tode Jesu« den alten Dessauer
herauszuhören
Wie scharf rief Dankmar lachend
Melanie fuhr fort
Löste dieser Verfall fast ohnehin schon das lockere Band
Dem Ihre Schönheit sagte Dankmar Ihr Vorzug vor den andern Nachtigallen
noch weniger Festigkeit wird gegeben haben
Spotten Sie nur erwiderte Melanie Ich nehme das Kompliment doch an
Allerdings behauptete man besonders der Ausschuss der so gelb war wie das alte
Notenpapier das wir absangen ich machte durch Koquetterie die Bässe und Tenöre
im Zählen irre Jetzt frag ich Sie kann ich dafür dass ich so gut zählen kann
Kann ich dafür dass man den Wink den ich immer den Bässen und Tenören gab wo
sie anzufangen hätten so misverstand als wollt ich ihnen etwas zublinzeln
was ganz außerhalb des Generalbasses lag Diese Eselsköpfe brachten mich mit
meinem Kunsteifer auch leider selbst in dies falsche Licht Wenn ich nickte und
damit bloß sagen wollte Jetzt kommen Sie Aufgepasst so wurden die Tenöre rot
und die Bässe verwirrten sich fragten mich Wie befehlen Sie Fräulein und
setzten regelmäßig falsch ein bis endlich eine der giftigsten vom Ausschuss die
Gräfin Mäuseburg die sogenannte ChinesischeMissionsÄbtissin rief Fräulein
Melanie die Direction sitzt hier am Klavier und wird schon angeben wann die
Herren einzufallen haben Schonen Sie das Feuer Ihrer Augen
Diese Äbtissin rief man scherzend und unterstützte dadurch den lustigen
Humor in dem Melanie plaudernd fortfuhr
Auf diese fanatische Bemerkung schwieg ich und überließ meine Verteidigung
der guten Anna von Harder die für mich das Wort ergriff meine gute Absicht
anerkannte und mein Talent im Zählen so ausnehmend rühmte dass ich froh war
nicht die Tochter eines Kaufmannes zu sein wie eine solche neben mir stand und
sich auf die Lippen biss aus Furcht von meinem Lobe etwas abzubekommen Der
Friede war nun zwar hergestellt und das Misverständniss ausgeglichen allein mein
Entschluss auszutreten stand fest
Und der wahre Grund fragte Dankmar
Als ich wegen der Menagerie des alten Präsidenten zum dritten male in
Ohnmacht fiel
Ja Das ist der Grund sagte die Justizrätin ich glaubte anfangs immer
wenn Melanie nach Hause kam es griff sie das Singen an wofür wirklich ihre
Kehle nicht gebaut ist
Mutter auch du rief Melanie komisch
Liebes Kind Sanitätsrat Drommeldei hat dich untersucht und Alles gesagt
was dir in der Kehle
Abscheulich Was soll diese Anatomie
Genug fuhr die Mutter fort ich glaubte immer du strengtest dich über die
Gebühr und gegen dein Vermögen an Da kams denn heraus dass sie förmliche
Nervenzufälle gehabt hat über das garstige Getier mit dem sich der alte
kindische Mann der Obertribunalpräsident umgibt
Nenn ihn nicht kindisch rief Melanie Um Gotteswillen nicht Ich verehre
ihn wie einen Heiligen Nein Nein Mutter So denk ich mir die Hohenpriester
aus dem Alten Testament
Und fast wie Siegbert einst zu Hackert bei Tempelheide gesagt hatte fuhr
sie fort
Dass ein Mann wie der der neunzig Jahre zählt und siebzig Jahre lang die
Acten der Erbärmlichkeiten aller der Menschen die unsern großen Staat bewohnen
zu sehen bekommt sich zuletzt den Tieren zuwendet nimmt mich nicht Wunder
Aber noch mehr er liebt die Tiere nicht als Tiere sondern er beobachtet und
zähmt sie und hat die erstaunlichsten Beweise wie bildungsfähig zB die mir in
den Tod fatalen Katzen sind
Ist Das nicht Tollheit sagte die Mutter
Dankmar berichtigte gleichfalls diese rasche Auslegung und behauptete dass
man über diese Dinge wohl auch eine tiefere Auffassung haben könne Die Übergänge
der Natur in den Geist wären wunderbar genug Wer könnte die Grenze bestimmen
wo der Mensch willenlos würde und einer dämonischen Macht seiner Triebe wie ein
von ihnen gefesselter Sklave anheimfalle Dankmar erwähnte ohne Weiteres das
Nachtwandeln
Frau von Reichmeier die in ihrem Wagen ganz nahe war und von dem lauten
Gespräche Vorteil zog bat dies Thema doch ja nicht zu verlassen Sie
gehörte zu denjenigen Jüdinnen von denen man nicht bloß sagen konnte dass sie
Christinnen geworden waren sondern dass sie wie man es gennant hat
»christelten« Es war längst ihr Wunsch da sie Stimme besaß an den berühmten
geistlichen Akademieen in Tempelheide teilzunehmen an Gesangleistungen für
die sich sogar der Hof interessierte diese Vorliebe für alte Musik spielte ja
auch in die ganze eigentümliche Romantik hinüber mit der sich der Thron des
Staates in dessen Grenzen wir uns befinden so bedeutsam umsponnen hatte
Sie bat Melanie den Gegenstand doch ja nicht zu verlassen und aufrichtig zu
sagen was ihr denn eigentlich in Tempelheide so Abschreckendes begegnet wäre
Melanie aber weit mehr jetzt von der Erwähnung des Nachtwandelns
erschreckt antwortete nicht
Dreizehntes Kapitel
Natur und Geist
Als Melanie auf die Alle blickten zu lange schwieg ergriff Dankmar das Wort
knüpfte wieder an das abgebrochene Thema an und sagte
Der alte Obertribunalspräsident ist für seine Liebhabereien ja weltbekannt
Man verdankt ihm wertvolle Versuche über die Schmiegsamkeit und
Bildungsfähigkeit der Tiere seit Jahren sammelt er an einem Werke über die
Tierseele Demnach kann ich mir wohl denken wie peinlich es sein muss auf
Tempelheide aus und einzugehen und unter all den Raben Kranichen Kaninchen
Affen Meerschweinchen Hunden und Katzen sich durchzuwinden Tieren von denen
er behauptet dass sie eine Art Vernunft haben
Gerade diese Tiervernunft sagte Melanie die etwas die heitere Stimmung
herzustellen versuchte ist so peinlich Ich weiß nicht ob ich es nicht lieber
hätte in allen diesen Tieren gewöhnliches dummes und böses Vieh zu vermuten
vor welchem man nur einfach sich zu hüten hat als anzunehmen das Alles sind
gezähmte edle Charaktere die uns wenn sie nur sprechen könnten die
wunderbarsten Geheimnisse verraten würden
Nein nein sagte die Mutter nun auch lachend und die heitere Stimmung
festhaltend nein nein gesteh es nur ganz einfach Melanie Du hast eine
Antipathie gegen Tiere selbst gegen Hunde und Katzen fürchtest dich vor
Trutähnen und Enten und schreist auf wenn dich ein großer Vogel nur von der
Seite ansieht Wie ich von der Viehwirtschaft auf Tempelheide erfuhr litt
ichs nicht mehr dass du hinausfuhrst und so haben deine Gesangsstudien ein
vernünftiges und völlig begründetes Ende genommen
Aber erklären Sie mir nur meine Damen sagte Lasally wie verhalten sich
denn nur die Katzen zu diesen Koncerten
Frau von Reichmeier verwies ihrem Bruder seine profanirende Zwischenrede
O sagte Melanie die Katzen sind gerade der Grund warum der Präsident
diese Koncerte besonders liebt Er sitzt nebenan in seinem großen Saale unter
seinen rings in Käfigen aufgestellten Tieren und freut sich der angenehmen
Wirkung die auf sie nebenan die Musik hervorbringt Da ist auch kein Miston
der dieses Konzert stört Er hat es dahin gebracht der alte Herr dass die
geschwätzigen Tiere still sind wenn sie unsere Akademieen hören und nur wenn
wir gar zu sehr in die Doppelfugen geraten hört man manchmal einen Papagai
aufkreischen dass es Einem durch die Glieder fährt
Ich will hoffen sagte Lasally dass Sie sich außerdem jedesmal hinreichend
mit Esbouquet versehen hatten
Auch darüber erzählt Melanie wunderbare Dinge sagte die Mutter es soll
gerade durch die große Reinlichkeit der Tiere von dem alten Mann bezweckt
werden dass sie von ihrer gewohnten Art lassen und Das ist wirklich vernünftig
Die Reinlichkeit veredelt jedes lebende Wesen Des alten Präsidenten Leute sind
angewiesen in der Haltung der Tiere das Sauberste zu leisten und durch die
Sauberkeit bekommt das Vieh etwas Vernünftiges
Bartusch schüttelte den Kopf und meinte sie würden morgen Abend an
Tempelheide vorbeifahren Er wünsche doch sagte er es ließe sich ein Umweg
machen so sonderbar wär es Einem an einen Ort zu denken wo ein Mensch lebt
der Tiere wie Wesen höherer Art behandelt
Der alte Herr erklärte Dankmar unbefangen über Egon der schwerlich in
Paris soviel vom Leben dieser Residenz hatte erfahren können der alte Herr ist
ein ausgezeichneter Jurist und wird wohl nie von seinem wichtigen Amte
zurücktreten Er arbeitet fleißiger als mancher Jüngere Man hält ihn für streng
und Viele behaupten er ist es deshalb weil er keine Religion hätte Man will
ihn noch nie in einer Kirche gesehen haben und doch erzählte man mir dass er der
Chef aller Maurerlogen des Landes ist und für einen tiefen Kenner der
maurerischen Geheimnisse gilt
Ich sage Ihnen ergänzte Melanie dass ich diesen alten Mann liebe und
bewundere
Wie seinen Sohn fiel Lasally spottend ein und wiederholte die Scherze die
er über die Tierseele des Intendanten in der großen Welt gehört hatte
Ich lasse nichts auf meine Excellenz kommen fiel Melanie ein Ich gebe Euch
allerdings zu man kann ein sehr geistreicher Vater sein und einen höchst dummen
Sohn haben Beispiele finden sich genug Es gibt auch Viele die regelmäßig um
diesen Satz zu beweisen den alten Harder und unsern Intendanten citiren Ich
gebe sogar zu dass ein Sohn seine eigenen Wege wandelt und von einem Vater
aufgegeben wird wenn er sich in Äußerlichkeiten und Eitelkeiten gefällt Aber
wer sagt Euch denn dass mein so rasch so wunderbar gewonnener Freund dumm ist
Im Gegenteil leuchtet aus seinen schwarzen Augen Klugheit und mitunter etwas
Pfiffiges Er geht seinen geraden Weg weicht nicht rechts nicht links tut
was seine Pflicht und Schuldigkeit ist Ist Das nicht Weisheit Und hat er nicht
vom Vater die Talente geerbt die den Fürsten bestimmten ihm alle seine
kostbaren Schlösser und herrlichen Gärten anzuvertrauen Hat er nicht beim
Verpacken des Mobiliars eine Umsicht und praktische Kunde verraten die eines
Tapeziers würdig war Und bei seinen Wanderungen durch den hohenberger Garten
bin ich erstaunt gewesen wie heimisch er in Allem ist was sich auf Giesskanne
und Rechen bezieht Es ist eine praktische Natur die vom Vater zwar nicht
seinen speculativen Geist erbte aber seinen Adel sein Geld seinen hohen
geachteten Namen und eine gewisse Betriebsamkeit die sich bei Jenem in der
Liebhaberei für die Seele der Tiere und bei diesem in der Pflege der toten
Natur äußert Berühren Sie bei der jungen Excellenz irgend einen in ihr Fach
einschlagenden Gegenstand und Sie werden erstaunen dass er Ihnen auf Heller und
Pfennig sagen kann wieviel ein chinesischer Pavillon in einem königlichen
Garten am Rhein oder der Elbe gekostet hat Ist Das auch nichts Lasally Sie
schlechter Rechnenmeister Sehen Sie nur mit welcher Sorgfalt er seinen Auftrag
schon in Hohenberg ausführte Und hier im Sande glaub ich nun auch die Spuren
seines großen Möbelwagens zu entdecken Nennen Sie mir den Kavalier der seinem
Fürsten soviel Hingebung zollt und sich auf Staatskosten selbst vor dem Stempel
des Lächerlichen nicht scheut der leider oft den besten und solidesten
Bestrebungen in dieser Welt aufgedrückt ist
Mir fallen da wirklich die Hofmarschälle ein sagte Dankmar diese Beamten
die in melancholische Betrachtungen versinken wie sies machen sollen um
jährlich einige hundert Taler an Öl und Wachslichtern zu ersparen
Die denn doch ergänzte Bartusch artig und sich fast verbeugend irgend
einem Künstler oder Gelehrten zugutekommen dem man ein Bild abkauft oder eine
Dedication durch ein Geschenk vergilt
Bartusch wollte eigentlich nur dem vermeintlichen Fürsten ein Kompliment
machen und gab doch dem jungen Demokraten eine bittere Lehre
Wie es schien waren wie es immer nach zu ausgelassenen Scherzen zu gehen
pflegt plötzlich Alle verstimmt Die Mutter und Lasally über den viel zu lang
ausgesponnenen Scherz mit dem Geheimenrat Melanie über den schwerzulösenden
Widerspruch zwischen einem Vater den sie verehren und einem Sohne den sie
lächerlich finden musste Dankmar über eine Wahrheit die ihm aus dem Munde eines
gesinnungslosen politischen Unterwürflings misfiel Nur Bartusch frohlockte
denn durch seine Bemerkung und Dankmars Stillschweigen darauf schien er die
vermeintliche Würde ihres Begleiters getroffen zu haben während dieser gerade
an seinen Bruder Siegbert und dessen unverkauftes Gemälde dachte
Die andern Wagen waren alle näher gekommen Man befürchtete einen
Regenschauer und foderte die Reiter auf gleichfalls Platz zu nehmen Es war
über Mittag die Reiter waren ermüdet sie stiegen ab gaben die Pferde den
Reitknechten und Bartusch war höflich genug sich in den zweiten Wagen zu
Reichmeiers und der Wirtschaftsrätin zu setzen während Dankmar und Lasally
Melanien und ihrer Mutter gegenüber Platz nahmen
In Helldorf beschloss man das Mittagsmahl ausfallen zu lassen und erst im
Heidekrug zu soupiren Im besten Wirtshaus zu Helldorf war auch kein Platz zu
finden denn der große Saal hallte von einer Versammlung wider in der mehre
Redner laut durcheinander sprachen Man hatte auf dem Gelben Hirsch schon
erfahren dass hier eine politische Besprechung stattfand Die Wirtschaftsrätin
behauptete deutlich ihren Bruder zu hören Man horchte auf und richtig drangen
die donnernden Worte an das Ohr der Reisenden »Wenn man Familie hat wenn man
wie ich sechs Kinder ernähren muss « Man klatschte Beifall
Es ist sein ewiges Lied sagte sie und ich möcht es heute am wenigsten
gern hören wir fahren wohl hier weiter
Dankmar dagegen hätte gern etwas von dieser wahrscheinlich der
Schlurckschen Wahl gewidmeten Besprechung gehört Er sah durch die
Fensterscheiben auch den Heidekrüger Justus dessen gewaltige atletische Formen
über Alle hinwegragten und den man sich auch seiner Stellung auf einem
Musikchore nach zu schließen als Präsidenten dieser Vorberatung gewählt zu
haben schien Viele Bewohner von Helldorf standen an der Tür und den Fenstern
und lauschten dabei gingen Mägde auf und ab und trugen Bier Die Einen
lachten die Andern zankten Alle Leidenschaften waren in Bewegung Der ganze
Ort sah aus wie zur Zeit der Kirchweih
Dankmar der eine Erfrischung nahm konnte an der Tür kaum durch Er hörte
drinnen die donnerndsten Schlagworte hörte Parteien sich befehden hörte
Persönlichkeiten die Jubel oder Drohungen nachsichzogen
Für Wen entscheidet sichs denn fragte er die Leute
Man wusste noch keine Auskunft Die Zuhörer waren Urwähler Die eigentlichen
Wähler saßen drinnen und lärmten die ihnen gegebenen Aufträge aus
Schlurck wird da schwerlich gewählt sagte er sich
Solchem Tumult ist der feine satirische Philosoph nicht gewachsen Ein
Schlurck kann Alles nur das Schreien nicht ertragen
Er hatte die Absicht an die Wägen zurückzugehen und die Gesellschaft darauf
aufmerksam zu machen dass eben Herrn Justizrats Schlurck politische Laufbahn
hier entschieden würde Aber Melanie hatte mit einem andern Gegenstand vollauf
zu tun Bei einer Gruppe Umstehender fragte sie nach dem Wagen des Geheimrats
Man erzählte ihr dass der große Behälter vor noch nicht vier Stunden hier
durchgekommen und allgemein wäre angestaunt worden Die genauere Erkundigung
die sie nach den Gendarmen den Bedienten einzog verdrängte in Dankmarn das
politische Interesse und erfüllte ihn fast mit Rührung Er sah wie das
waghalsige Mädchen treu und fest an dem Gedanken hielt ihm wie sie versprochen
hatte das geheimnisvolle Bild zu erobern
Als man weiter fuhr betrachtete Dankmar auch Melanien lange mit einem
Interesse dessen eigentliche Natur zu bezeichnen ihm fast schwer wurde War es
die unwiderstehliche Macht ihrer Schönheit die sich gleich blieb auch wenn man
sich an ihre erste blendende Erscheinung gewöhnt hatte War es ihre in aller
Bestimmtheit verratene Absicht ihm und nur ihm zu gefallen War es die
Bescheidenheit mit der sie sich ihm als ein Wesen von mäßigen Ansprüchen auf
Geist und höhere Empfänglichkeit gezeigt und sich andern pretentiöseren
Erscheinungen von denen sie erzählte unterordnete
War es der neckende humoristische Vortrag ihrer Erzählungen der plötzlich
einem halb scherzenden halb ernsten Unmut Platz gemacht hatte Wie erstaunte
Dankmar als er sich nach allen diesen Regungen zuletzt auf einem Gefühle für
Melanie ertappte das er fast Mitleid hätte nennen mögen
Mitleid Nimmermehr rief es in ihm Und doch war es Mitleid Mitgefühl für
Etwas was er in Melanies Wesen sich kaum selbst bezeichnen konnte was aber
Niemand mehr zu fühlen schien als sie selbst Ist es nicht unser Mitgefühl
erregend ein Wesen zu beobachten das im vollen Bewusstsein ihres Sieges über
die Männer doch ein edleres Bedürfnis zu empfinden scheint als die bloße
Genugtuung ihrer Eitelkeit und das dennoch trotz dieses bessern Gefühles von
ihrer leichten ihr einmal zur andern Natur gewordenen Art nicht lassen kann
Menschen die unter dem Druck ihres Schicksals leben können wir bemitleiden
ohne dass uns dies Gefühl gerade für sie erwärmt Menschen aber die unter dem
Drucke ihres Charakters leben bemitleiden wir oft von Herzen oder wir können
oft nicht sagen sollen wir sie hassen oder lieben
Lasally bemühte sich Anekdoten zum Besten zu geben Er war stark darin und
nicht eben wählerisch Als ihm Melanie sagte sie hätte sie schon zu oft von ihm
gehört begann er vom Residenzleben den Matadoren der jungen fashionablen
Gesellschaft und trug alle seine Mitteilungen so vor als könnte er sich dem
Fremden von dessen rätselhaftem Charakter er Dasselbe vernommen hatte wie die
Andern dadurch für die Zukunft empfehlen War es der junge Fürst von Hohenberg
so konnte er sich um so sicherer dünken da Melanie wohl mit einer Leidenschaft
für ihn spielen aber doch bei ihrem im Ganzen besonnenen Charakter mit ihr
nicht Ernst machen konnte Als es Lasally heute nicht gelingen wollte durch
seine kurze trockne und nicht unliebenswürdige Art Lachen zu erregen lenkte er
wieder auf das früher abgebrochene oder steckengebliebene Gespräch ein und
sagte
Aber Fräulein noch sind Sie uns schuldig Ihre nähern Berührungen mit den
Tieren des Präsidenten zu schildern Wir wissen nun dass die geistlichen
classischen Musiken in Tempelheide aufgeführt wurden um Katzen daran so zu
gewöhnen dass sie nicht mitwirkten aber mussten Sie denn die Menagerie selbst
passieren um in den Saal der Akademie zu gelangen
Melanie war ernst geworden und antwortete nicht
Ich denke mir Das allerdings recht gefährlich fuhr Lasally fort Schon wie
Sie anfuhren grüßte Sie am Torweg ein widerlicher Trutahn der sich wie ein
Reactionair nach etwas Rotem an Ihnen umsah um in Zorn zu geraten Nun kamen
wohl kleine Schafe mit Silberglöckchen und wollten Ihnen das Futter aus der Hand
fressen aber dazwischen drängte sich ein Ziegenbock den der Präsident gewiss zu
einem gesinnungsvollen Schneider abrichtet und mustert Ihre Toilette Die Enten
besonders die Erpel haben es immer mit den Beinen der Menschen zu tun Ich
höre Sie schreien Melanie wie so Einer von diesen Erpeln angewackelt kam und
höchst neugierig nach Ihren Schuhen sah Nun setzte sich wohl gar Einer von den
Raben des Präsidenten die seine klügsten Tiere sein sollen weil sie direkt
mit dem Galgen verkehren auf Ihre Schulter und zauste an Ihrem Kopfputze Nicht
wahr So ging es Ihnen wörtlich und ich weiß Ihre Nerven sind schwächer als die
der Flottwitz die wir auf dem Jockeiclubb gewöhnlich die Schwester des
Regiments nennen
Beinahe so lieber Freund sagte Melanie verächtlich und schwieg
Dankmar um vor der entscheidenden Ankunft im Heidekrug eine bessere
Stimmung zu erzeugen spielte diese Spöttereien auf etwas Ernsteres hinüber
Alles zusammengefasst sagte er bleibt der steinalte Chef unserer
praktischen Justiz ein merkwürdiger Mensch Ich halte ihn nach Allem was ich
nun von ihm weiß für einen Naturphilosophen Er gilt bei manchen frommen
Beamten und wir haben deren noch viel für einen Neologen einen Ateisten
Viele beschuldigen ihn er glaube an die Seelenwanderung und nur die Freimaurer
nehmen ihn in Schutz Ich gehöre diesem Bunde selbst nicht an was ich aber von
ihm zu wissen vermute so denk ich mir der alte Harder ist ein Priester der
Naturreligion und liebt das Geheimmss nicht weil es Geheimnis sondern ein Weg
zur Offenbarung ist Dass er an die Perfectibilität der Tiere glaubt scheint
mir eine Grille denn was hilft es einen Hund und eine Katze so zu gewöhnen
dass sie sich nebeneinander vertragen
Und in dem Falle nicht accompagniren fiel Lasally ein dass Frau von
Trompetta Solo singt
Der Naturzustand fuhr Dankmar fort ist der der doch zuletzt allein und
einzig über das Wesen der Tiere entscheidet Kann man eine ganze Race nicht
umformen nicht aus Löwen für Jeden nicht bloß für den Wächter Schooshündchen
machen so entscheidet am Ende die Zähmung sehr wenig und beweist überhaupt
nichts für die Tiere sondern nur für die große Kraft des Menschen und seines
übermenschlichen gewaltigen Geistes
Sie müssen den Präsidenten kennen lernen sagte Melanie
Aber rasch ergänzte Lasally es ist bei ihm die höchste Zeit Gerade
noch eine halbe Minute vorm Abfahren
Diese eigentümlichen Menschen fuhr Dankmar fort diese Originale diese
Wundermenschen sterben leider fast Alle aus
Welche Menschen fragte Melanies Mutter die Dankmars ernster würdiger
Erörterung nicht recht gefolgt war
Die Denker sagte Dankmar die Menschen von Eigentümlichkeit und apartem
Forschergeist die praktischen Philosophen die Autodidakten die Sternseher auf
eigenem Dachgiebel die Matematiker auch in der Form und der Weise ihres ganzen
Lebens die Sonderlinge mit einem Worte alle Die welche ohne eitel zu sein
sich merkwürdig von der Masse unterscheiden
Ich verstehe sagte Lasally Sie meinen zB solche alte Uhrmacher kleine
vertrocknete Männchen die alle Vierteljahre in die Häuser kamen und die
Wanduhren ausbliesen und vom Staube putzten Zu meinen Eltern weißt du noch
Schwester kam immer Einer mit einem ganz kleinen Zöpfchen das er hinten in der
Weste versteckt hatte Er kam jeden Monat zu uns als wir noch alte
Schlaguhren hatten Ob das alte Eisoldchen noch lebt
Der alte Eisold Ich kenn ihn wohl sagte Frau Schlurck
O fuhr Dankmar fort ich kenne das alte Eisoldchen nicht aber verlassen
Sie sich darauf er ist tot Alle gehen hin die noch etwas von der Art des
vorigen Jahrhunderts in seiner Blütezeit haben Vielleicht gelingt mirs durch
Ihre Protection Fräulein den Präsidenten einmal in Tempelheide zu sprechen Er
ist für die Juristen sehr unzugänglich und gibt in Tempelheide vollends nur
Denen Audienz die sich ihm im Interesse seiner Studien über die Tierseele oder
mit dem Zeichen der Freimaurer nahen
Melanie lächelte über die consequente Art wie Dankmar seinen Charakter als
Rechtsverständiger festhielt
Anna von Harder sagte sie kann Sie bei ihm einführen
Zufällig war der Wagen in welchem Bartusch fuhr fast dem der Justizrätin
dicht zur Seite gekommen Bartusch griff von den letzten Äußerungen eine auf
die sich auf den alten Uhrmacher Eisold bezog und rief herüber
Behüte Der alte Eisold lebt Brandgasse Nr 9 im dritten Hofe drei Treppen
hoch Hackert wohnt ja bei ihm
Damit fuhren die Wägen wieder hintereinander und in der frühern Ordnung
Die Erwähnung Hackerts brachte einen Miston in die Stimmung der jungen
Gesellschaft die im Wagen der Justizrätin saß
Lasally der unterwegs immer an seine gerichtliche Untersuchung denken
mochte sagte
Beim alten Eisold wohnt Hackert Sieh Sieh
Die Justizrätin die Melanies Unruhe bemerkte wollte die Wiederaufnahme
dieses Gegenstandes vermeiden und fiel sogleich ein
Brandgasse Nr 9 Großer Gott Wohnt der alte Mann in den jammervollen
Häusern wo die Armut und das Elend hausen
Ist die Brandgasse nicht eine schmale enge altertümliche Straße fragte
Dankmar
In der Altstadt
Wo nicht Sonne nicht Mond scheinen
Uralte Häuser die mein Mann administrirt
Es sind Häuser
Die der Kommune gehören Häuser die alle an dem Eingang mit dem Kreuz und
dem vierblättrigen Kleeblatt bezeichnet sind
Dankmar horchte staunend auf
Die Stadt zieht aus diesem Elend und Jammer sagte die Justizrätin
jährlich bedeutende Summen Man glaubt es nicht was Alles auf den Ertrag dieser
Höhlen der bittersten Armut angewiesen ist Ich versuchte sonst sie zu
durchwandern und mich nach den Leiden dieser hier eingepferchten Bevölkerung zu
erkundigen aber ich verzweifelte bei dem Anblick und hielt ihn auf die Länge
nicht aus ich konnte zuletzt nicht mehr tun als mich an die Gesellschaft
der Frauen anschließen die diesen Armen beizuspringen sich zur Lebensaufgabe
gemacht haben und gern würde ich tätiger im Frauenverein mitgewirkt haben wenn
ich nicht immer von diesen Damen hätte hören müssen das Christentum wäre
solchen Unglücklichen nützlicher als frische Wäsche Zu dumm für solche Sätze
zog ich mich zurück und beschränkte mich auf Geldbeiträge
Diese Häuser gehören zu der Erbschaft sagte Dankmar vor sich hin und
verfiel in ernstes Nachdenken
Lasally erwachte aber aus seinem Grübeln und sagte mit einem Griff in die
Tasche
Beim alten Eisold Himmel Jetzt begreif ich die Form dieser Kugeln Es
sind ja Uhrgewichte
Damit zeigte er die bleiernen kleinen runden Körper die man anfangs für
Spitzkugeln gehalten hatte und die in der Tat auch für Uhrgewichte gelten
konnten
Lasally wünschte weitere Erörterung Dankmarn drängte die Frage nach dem
Verhältnis des Justizrats zu jenen Häusern in der Brandgasse von denen man
sagte dass die städtische Kommune von ihnen mit unnachsichtlicher Strenge
Abgaben eintreibe Melanie aber machte durch ein einziges »Ich bitte« und
ein Zurückstossen der von Lasally dargehaltenen Kugeln oder Uhrgewichte der
weitern Erörterung ein Ende und brach kurz und entschieden von einem Gegenstande
ab der jede der in diesem Wagen befindlichen Personen anders und
entgegengesetzt aber Keinen in erfreulicher Art aufzuregen schien
Mit der flachern Gegend war auch das Wetter unfreundlicher geworden
Es fing an zu regnen Man schlug hinten wohl die Wägen auf aber nach vorn
blieben die Herren ungeschützt und mussten sich mit Regenschirmen behelfen Das
gab nun eine unerquickliche Fahrt Man lachte zwar aber nur um sein Unbehagen
nicht zu ernst auszulassen Melanie und die Mutter hüllten sich in Mäntel Jene
band sogar einen Schleier über den Hut und verbarg sich in einer Wagenecke wie
eine verhüllte Nonne sich ganz ihren Betrachtungen überlassend Nur zuweilen
blitzten die großen braunen Augen zu Dankmarn hinüber wenn er gerade
nachdenklich in den Wald starrte oder zu den immer dichter heranziehenden Wolken
aufsah Die Kutscher peitschten zur Eile
Dankmarn waren trotz des strömenden Regens alle Stellen erinnerlich wo er
vor wenig Tagen mit dem jungen Prinzen für den er hier selbst gehalten wurde
in nähere Berührung gekommen war und seine Gedanken mit einem Manne ausgetauscht
hatte der kein Tischler sein konnte Was lag da nicht Alles auf seiner
belasteten Seele Um sechs Uhr war man im Heidekrug Er erkannte den
lustigen jetzt aber nüchternen und verdrießlichen Hausknecht Dietrich und die
rührsame unpolitische Liese deren Rechnung Hackerten noch in schlimme Händel
bringen konnte Aber zu lange konnte er kaum beim Vergangenen verweilen denn
Alles was ihn an Schlurck den Heidekrüger die Wahlen und den Wagen der hier
mit seinem wiedergefundenen Verluste den alten Papieren des Tempelhauses in
Angerode gestanden hatte erinnerte verdrängte jetzt die Überzeugung dass sie
hier wirklich den Geheimrat von Harder eingeholt hatten Da stand sein Landau
vom Regen triefend da war der Möbelwagen die Arche Noäh wie sie jetzt von
Melanie genannt wurde da sah er am Stalle die beiden Gendarmen und die Leute
des Intendanten die von da aus den mit einer eisernen Stange verschlossenen
Wagen streng behüteten Wie sich Alles sammelte über das Wetter klagte
Zimmer Speisen verlangte wie die Hunde an den Ketten rissen Bello kläffte
Einer da der Andre dorthin sich verlor war Das ein Durcheinander zum Einbüssen
aller Besinnung Melanie flüsterte Dankmarn als er in das Zimmer trat das ihm
die Liese für diese Nacht anwies die kurzen aber bedeutungsvollen Worte zu
Wie und wo das Bild herkommen soll weiß ich noch nicht Aber Sie haben es
bis morgen
Dankmar wollte etwas Verbindliches erwidern Sie schnitt seine Worte ab und
sagte nur
Lassen Sie da ich nicht weiß wie ich Ihnen das Bild zustellen kann die
Nacht über die Tür Ihres Zimmers offen Hören Sie
Damit verschwand sie und überließ Dankmarn dem Erstaunen über Etwas was ihm
völlig unmöglich schien Er öffnete das Fenster des kleinen dumpfen Zimmers um
trotz des Regens frische Luft zu gewinnen Es war ihm nicht lieb dass er diese
Kammer als jene erkannte in welche man Hackerten geführt hatte als man ihm
nicht sagen wollte dass er im Schlafe wandelte Das Heu das damals von Hackert
aus dem Stalle mitgebracht wurde lag nicht mehr im Zimmer Dafür war der
Heidekrug zu reinlich gehalten Aber die Erinnerung war da und die erschreckte
ihn doch mächtig
Den Abend über ging es nun verworren genug in diesem Hause und auf dem Hofe
zu Die schöne Einheit der Gesellschaft war durch das Wetter und die breite
Souverainetät mit der sich die Excellenz des Wirtshauses und seiner besten
Zimmer bemächtigt hatte gestört Jeder aß für sich Die Damen hatten sich ganz
zurückgezogen Der Versuch nachdem der Regen mit Sonnenuntergang aufgehört
hatte das Freie zu gewinnen den Garten zu besuchen in den Wald an den er
grenzte einen Blick zu werfen scheiterte an den stehenden Wassern und dem
feuchten Grase Dankmar war überrascht sich so plötzlich allein zu wissen kaum
noch selbst von Melanie beachtet Er hörte viel Trepp auf Trepp ab gehen sah
auch den Geheimrat öfters den Kopf zum Fenster hinausstecken vernahm auch dass
die Bedienten immer in Bewegung waren Aber so sehr seine Neugierde durch dies
Alles gesteigert werden musste so ergab er sich doch völlig ungewiss in das
Unabänderliche und überließ es der Zukunft in das Chaos das auf seine Brust
gewälzt war Licht zu bringen und seine Stimmung in heitere leichtere Gefühle
aufzulösen
Im Wirtssaale traf er bald mit dem reichen Banquier von Reichmeier bald
mit dessen Schwager Lasally zusammen Man beratschlagte über die vorsichtigste
Art zur sichern Entdeckung der Hackertschen Frevel zu gelangen Dankmar
dessen Besorgnis über das von ihm an Lasally abzuliefernde Pferd immer mehr
stieg schloss sich ihrer Entrüstung mit aller Entschiedenheit an und weigerte
sich keineswegs etwa verlangte gerichtliche Zeugnisse abzulegen Reichmeier war
über Hackert weniger unterrichtet als Lasally Dieser gestand als Dankmar von
dem krankhaften Zustande des Nachtwandelns sprach dies bedauerliche Übel des
Burschen wie er ihn nannte ein bemerkte aber die Diskretion verböte ihm
über die wahren Ursachen dieses Zustandes ausführlicher zu sprechen
Jedenfalls sagte er können Sie überzeugt sein dass Das ein Mensch ist der
alle Fähigkeiten besitzt Einem über den Kopf zu wachsen wenn man ihn nicht zur
rechten Zeit mit Füßen tritt Sie werden doch jedenfalls zugestehen dass es ein
Unglück ist wenn Spitzbuben große Männer werden Deshalb ist die Polizei das
Zuchthaus und im Notfall jede andere eclatante Beschimpfung da um die
übergrosse Üppigkeit solchen Talenten für immer zu vertreiben
Dankmar verstand nicht recht diese gewalttätigen Äußerungen und fand sie
auch zu unbehaglich um länger über sie nachzudenken oder gar über sie zu
fragen Er beschloss die Erinnerung an diese Begegnung wenn irgend möglich ganz
aus seinem Gedächtnis zu werfen und unterhielt sich mit Lasally über andere
Dinge Im Ganzen fand er ihn klug und sehr klar aber von merkwürdig geringem
Fond Es war ein junger Mann den man zum Gentleman erzogen hatte und der
deshalb weil ihm die Mittel dafür zu fehlen anfingen in einer verdrießlichen
Stimmung war Es gefiel ihm dass Lasally etwas Offenes und Aufrichtiges hatte
Als sie Beide im Saale allein waren und einander ihre Zigarren anrauchten sagte
der Stallmeister auch ganz frei heraus
Sie sind Prinz Egon von Hohenberg Man weiß es Warum wollen Sie sich auch
vor mir maskiren Ich stand sonst mit dem Grafen dAzimont in Verbindung Er kam
vor einigen Jahren aus Paris ich sollte ihm damals einen Stall completiren und
bin darüber noch mit ihm in Verrechnung Von seinem Verwalter erfuhr ich dass
Sie im Incognito Ihre Güter besuchen wollen zum größten Jammer der Gräfin die
Sie liebt
Dankmar redete ihm diese Ansicht ganz entschieden aus indem er ihm die
Wahrheit gestand soweit sie hierher gehörte
Ich bin ein einfacher Jurist sagte er Dankmar Wildungen ist mein Name
aber ich bin ein Freund des Prinzen Ich bemerke dass man gegen mich vorsichtig
behutsam ja mistrauisch sich benimmt Reden Sie doch Jedem den wunderlichen
Verdacht aus
Auch Melanien fragte Lasally die Augen halb zudrückend
Auch ihr sagte Dankmar Sie hat mir Teilnahme bewiesen aber es fängt mich
zu verdrießen an wenn sie mich nicht wegen meiner selbst schätzt sondern aus
einem Misverständnisse
Sie selbst lieben sie also schon sagte Lasally Und deshalb möcht ich Sie
wären wirklich der Prinz Egon
Man störte Beide in dieser wunderlichen Erklärung Lasally wurde abgerufen
und Dankmar schritt in der verdriesslichsten Stimmung im Wirtszimmer auf und ab
Sein Abenteuer war ihm wie zerstört Er war mit der Notwendigkeit ehrenhaft
und aufrichtig zu sein in eine Kollision geraten wo diese siegen musste In
diesen gemischten Empfindungen störte ihn nun auch noch der Heidekrüger der von
der Helldorfer Wahlbesprechung zurückkam und sehr überrascht war sein Haus so
reich an Gästen zu finden Er erkannte Dankmarn sogleich wieder hörte von ihm
die genaue Angabe aller der Personen in deren Gesellschaft er angekommen war
und erwiderte auf die Frage wegen der politischen Versammlung die Dankmar an
ihn richtete mit einem sonderbaren Gemisch stattlicher Würde aber auch ebenso
großen Selbstvertrauens
Es wird nun doch dahin kommen dass man mich nicht den Justizrat wählt
sagte er Es ist nicht möglich sich dem Vertrauen seiner Mitbürger zu
entziehen Ich habe mich lange gesträubt ein so wichtiges Amt wie das eines
Volksvertreters anzunehmen allein der große Augenblick und die Gefahr in der
sich unser Vaterland befindet reißt Jeden fort auch Den der nur geringe Gaben
hat und die die er vielleicht besitzt nicht wie ein Gelehrter ausbilden
konnte Das Ministerium schwankt Es wird sich nicht halten können und was an
mir ist würd ich der Letzte sein der es von seinem Falle rettete Es genügt
Keinem dem Adel nicht dem es zu frei dem Pöbel nicht dem es zu gemässigt ist
Die Verwirrung in der Hauptstadt soll grenzenlos sein und umsichtiger
besonnener ruhiger Vaterlandsfreunde bedarf es mehr denn je Ich bringe
wenigstens meinen guten Willen mit
So hätte also der Justizrat Recht gehabt sagte Dankmar erstaunend über
die gewandte Art des Heidekrügers sich zu fassen und auch in Worten
auszudrücken
Ich schlug ihn vor sagte Justus die Achseln zuckend Ich nannte Alles was
man zum Lobe eines so gelehrten Mannes sagen kann der in großem Ansehen steht
Aber man scheut sich jetzt von Advokaten zu hören Man hat kein Vertrauen mehr
seitdem Die welche am gewandtesten von den Rechten der Menschen sprachen kein
Wort mehr für die Pflichten hatten Das Eigentum ist es bester Herr das nicht
in Gefahr kommen darf Man muss nicht zittern dürfen vor einem tollen
Durcheinanderwühlen von Mein und Dein Man muss sich sogar nicht fürchten müssen
vor Dem was man uns von den Rechten der Andern schenkt denn wie bald würde man
wieder von Solchem was uns nun gehören soll doch wieder Andern abzugeben
haben
Sie sind conservativ geworden sagte Dankmar und haben als reicher Mann
alle Ursache vor einer zu wilden Gährung der Köpfe Haus und Hof zu sichern
Aber der Justizrat wäre doch unstreitig auch ganz Ihrer Meinung gewesen
Der Heidekrüger wurde nachdenklich Er sah voraus dass seine Stellung dem
Justizrat gegenüber recht ärgerlich war
Dankmar erleichterte ihm seine Verlegenheit und meinte der Justizrat würde
wohl zu weit rechts gesessen haben
Es ist sehr schlimm sagte der Heidekrüger kopfschüttelnd dass es soweit hat
kommen müssen jeden Menschen gleich links oder rechts unterzubringen Wenn es
nach mir ginge setzte ich mich auf die äußerste Linke und stimmte rechts Was
sollen denn diese Unterschiede Wozu denn dieser Zwang den der Parteigeist
schon ausübt eh man nur den Saal der Sitzungen betritt Ich kann den
Schwätzern nicht folgen und ich kann auch der Regierung nicht folgen sagen
Sie mir die Stelle wo ich mich hinsetzen soll
Ins Zentrum meinte Dankmar ironisch und da müssen Sie denn doch noch
Minister werden wie der Justizrat gesagt hat
Indem brachte die unpolitische Liese ein Packet neuer frischangekommener
Zeitungen das sie unwirsch vor ihrem begierig darüber herfallenden Herrn
hinwarf Es waren deren eine so reiche Auswahl dass Dankmar sagte
Alle neuen Zeitungen Sie treiben ja die Politik wie Metternich
Das sollte Sie freuen bester Herr erwiderte Justus die Blätter begierig
auseinanderfaltend Das Licht besserer Erkenntnis die Verbreitung der
Hilfsmittel um das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden tat endlich not
Wir haben auch früher in den Zeiten des Druckes wo unsere Klagen in dem
jämmerlichen Institut der Provinzialstände ungehört verhallten nicht die Hände
in den Schoos gelegt Sehen Sie dass ich mich wohl vorbereitete auf eine bessere
Stunde und las was uns frommen kann nun sie endlich geschlagen hat
Damit öffnete Justus nicht ohne einige Zaghaftigkeit und geschmeichelte
Verschämteit die Tür eines Nebenzimmers Es war ein Kabinet recht traulich
und fast wie das Studierzimmer eines Gelehrten anzusehen Da waren Epheuranken
am kleinen Fenster Vogelbauer hingen mit einigen schon schlummernden
Kanarienhähnen ein Stehpult mit einem Drehstuhl davor zeigte Spuren fleißiger
Benutzung sowohl des Tintenfasses wie der Streusandbüchse Das Auffallendste aber
war eine reiche Bibliothek Hinter den Glasfenstern eines hohen Bücherschranks
las Dankmar in der Abenddämmerung an dem Rücken der Bücher Rottecks
Weltgeschichte Das Pfennigmagazin Welckers Staatslexikon und eine Menge von
Schriften die früher zu den verbotenen gehörten und meist in Altenburg Hamburg
oder im Auslande erschienen waren
Diese verbotenen Bücher bemerkte Justus enthielten viel Falsches allein
man musste sie sich anschaffen um auch das Gute sich anzueignen das sie mit dem
Falschen zugleich brachten Wahrheitstrieb erschien damals für unerlaubte
Freisinnigkeit Ich galt viele Jahre für einen schlimmen Feind des Königs und
wurde von seinen bösen guten Dienern arg verfolgt Diese Schriften die ich mir
mit List und Gefahr verschaffen musste lagen alle versteckt und sind erst jetzt
gebunden worden Es war wahrhaft traurig dass man etwas hüten und heimlich
schützen musste was man nur las um es sehr bald als Übertreibung zu vergessen
Doch war auch manches gute Korn unter der Spreu und Das soll jetzt aufgehen und
gute Frucht bringen Nicht wahr Herr
Dankmarn war sonderbar zu Mute Er musste den Mann der sich da so ganz aus
eigenen Mitteln emporgerafft eine Bildung und sogar eine Meinung sich erworben
hatte von ganzem Herzen achten und doch misfiel ihm das Selbstgefühl des
Heidekrügers sein gewichtiger feierlicher und dann wieder naiver und gemachter
treuherziger Vortrag und mehr noch als Dies seine egoistische Auffassung des
Staats Als der Heidekrüger das Kämmerchen wieder schloss und nach den Zeitungen
griff um mit großer Spannung selbst noch in der Dämmerung ehe man Licht
brachte ihren Inhalt zu überfliegen musste er sich sagen dass ja zuletzt der
Absolutismus eines Fürsten von Gottes Gnaden nicht schlimmer ist als so ein
Patriot von Gottes Gnaden der ganz wie Jener den Staat aus seinem eigenen Ich
herleitet Dennoch gefiel ihm wieder als dieser Mann den er fast für den
rechten Urtypus des politisirenden deutschen Michels hätte nehmen mögen beim
Umblättern der Zeitungen sagte
Diese albernen sogenannten Eingesandts Ists denn möglich Die Gesinnung
möcht ich hingehen lassen obgleich sie in übertriebener Unterwürfigkeit nur
den Rückschlag in die alte dumme Zeit zu weit befördern aber sieht man nicht
jeder Unterschrift an dass sie von Menschen herrührt die gleichsam dem
Landesfürsten sagen mögen Merkst du dir denn auch meinen Namen Unterstützest
du mich denn nun auch bei Gelegenheit oder befiehlst den Ministern meinen Sohn
zu befördern Da flucht ein Rittergutsbesitzer der Umgegend hier über die
Demokraten und unterschreibt sich groß und breit mit seinem ganzen Major außer
Diensten und allen Kreuzen deren Inhaber und Ritter er ist Aber wir Alle
wissen dass dieser Herr Vom Busche neulich die Dreistigkeit hatte an den König
zu schreiben seine Tochter müsste doch nun wohl auch das Pianoforte lernen er
könnte ihr da er fünf Kinder hätte kein Instrument kaufen ob sein
allergnädigster Fürst und Herr nicht die Gnade haben wollte und ihm für seine
treuen Dienste
Ein Pianoforte kaufen sagte Dankmar zornglühend und setzte hinzu
Und ich glaube fast dass der Mann das Pianoforte bekommen wird
Er hat es schon sagte Justus Ja ja die Geheimnisse unserer fürstlichen
Chatoulle gäben das unterhaltendste Buch das einem hamburger Buchhändler nur
könnte verboten werden
O rief Dankmar müsste den König nicht Zorn ja Scham ergreifen wenn er
sähe worauf er die Behauptung seiner Vorrechte gründet wenn man solche
Adressen schreibt und schreiben lässt Sind es denn freie unabhängige Menschen
die da mit sich selbst beschränkendem lohndienerischem Verstande seiner Gewalt
zustimmen Nein es sind Die denen die alte Ordnung der Dinge Vorteile
brachte die sie bei der neuen zu verlieren fürchten Die Demokratie mag viel
zügellose Elemente in sich hegen und manchen verdächtigen Ansprüchen einen
schimmernden Namen geben aber so auf die Lüge gebaut ist sie nicht wie bei uns
die Verteidigung des alten beschränkten LandeskinderGehorsams Menschen die
nie einen andern Blick in die Zukunft warfen als der bis zu ihrem nächsten
Gehaltstage oder bis zu ihrem Avancement reichte geben sich plötzlich das
Ansehen politische Gedanken zu haben und wollen den Thron befestigen indem sie
ihn auf ihren eigenen Egoismus bauen Hätte sich das Regiment bei uns wirklich
geändert auch dieser Major Vom Busche würde sich verändert haben und sein
Pianoforte von dem Tribunen oder Dictator erbetteln der ihm gerade dem
Staatsschatze am nächsten sitzend erscheint
Hoffentlich bei Denen ohne Erfolg sagte der Heidekrüger etwas spitz
Und darum fuhr Dankmar ungehindert fort dass solche Zumutungen solche
Misbräuche nur bei der gegenwärtigen Form der Regierung ihren militairischen
Erinnerungen und ihrem patriarchalischen Verwachsensein mit dem Dünkel der
isolirten Nationalität möglich sind darum soll das Bessere Vernunftgemässere
gefährlich und verderblich sein Den Schmarotzern am Tische der Monarchie allein
ist es verderblich und darum auch der Monarchie selbst gefährlich Können sich
Throne auf die Länge behaupten die auf den Egoismus einzelner träger Klassen
gebaut sind Wird man nicht endlich einsehen dass wie die Schrift sagt die
Lüge der Leute Verderben ist und jedes Königshaus entweder der Republik oder
einer radicalen monarchischen Verjüngung weichen muss wenn es wie einst die
Stuarts selbst eine Partei im Staate vertritt
Republik sagte der Heidekrüger lächelnd Bitte Bitte Nicht Republik
Und den Kopf schüttelnd ergriff er wieder die Zeitungen und blätterte in
ihnen denn es war nun auch Licht gebracht worden und sein Nachtessen wartete
Dankmar ging noch einige mal im Saal auf und ab und empfahl sich kurz um
auf sein Zimmer zu steigen Lasally Reichmeier und einige der Frauen die
ihm begegneten Alle verfolgten ihn neugierig und fast zutunlich Aber er war
in einer Stimmung so völligen sich Vereinsamtfühlens dass er am liebsten zu
Melanie gegangen wäre an ihre Tür gepocht und sich ihr mit ganzer Seele
anvertraut hätte Wo ist auch noch ein Trost für unbefriedigte Gemüter wenn
sie die Söhne unserer Zeit sind als allein in der Liebe Wo ist die Bürgschaft
noch dass in den Schrecken der Empörungen und Kriege in den schaudervollen
Gerichten der Reaction und der Rache noch etwas vom Ewigen und Menschlichen sich
erhält als in der Liebe Wo werden noch Worte des Lebens gesprochen wo rinnen
noch Tränen der Freude wo weht noch der Hauch des stillen Einverständnisses
wo ist noch Liebe als in der Liebe
Dankmar lehnte jede Einladung ab Er warf sich auf das Lager in seinem
kleinen Zimmer
Es mochte gegen zehn Uhr sein Er hätte schlafen sollen denn die
Erschöpfung dieser Tage hatte seine Nerven bis zur Krankhaftigkeit abgespannt
Schon vor Übermüdung konnt er nicht schlafen Er hatte die Fenster geschlossen
er riss sie wieder auf Die runde volle Mondscheibe konnte am bewölkten
Himmel nicht überall hervortreten noch drückte Gewitterschwüle die Luft so
feucht schon die Erde war so frisch es schon herüberduftete von den durchnässten
Tannen des Waldes
Es war nicht ruhig im Heidekrug Er hörte die Säbel der Gendarmen Er hörte
laut lachen und ein Hin und Wiederhuschen auf dem Korridor Die Türe ließ er
unverschlossen Musst er nicht annehmen dass ihm Melanie plötzlich wie im Traum
erscheinen wollte Was hatte sie vor Wie konnte sie sich das Bild aneignen aus
einem Raume der bewacht und verschlossen war Wird sie den Intendanten
überreden Seiner Eitelkeit schmeicheln Ihm unmögliche Versprechungen machen
Sogar die Eifersucht ergriff ihn so lächerlich der Gegenstand war
Unter ihm im Wirtszimmer glaubte er jetzt die Diener des Intendanten die
Gendarmen die Jockeis Lasallys zu hören Er warf sich nieder auf das Bett
dessen unheimliche Erinnerungen an Hackert er nicht loswerden konnte Er blieb
angekleidet wie er war Nach einer Weile ließ sich doch der Schlaf nicht
mehr zurückweisen Er verfiel in einen halb wachen halb träumenden Zustand der
ihm eine Zeit lang bleischwer aufs Auge sich senkte Dann fuhr er wieder
empor Er musste eine halbe Stunde so gelegen haben Das Zimmer war hell Die
Wolken hatten sich etwas verzogen und ließ dem Monde Raum sein goldgelbes
fast zehrendes Licht auszugiessen War es die Erinnerung an Hackert an dessen
nächtlichen Gang auch am Schloss den Egon beobachtet und ihm erzählt hatte
war es die Erinnerung an Hackerts gespenstisches Hinschreiten über die Wiese
zum Ebereschenbaum von dem der Jäger gesprochen seine eigene Begegnung mit ihm
am Turm und sein Verschwinden zur Waldschlucht und dem Kreuze hin wo des
Sägemüllers Nantchen verunglückt war waren es alle diese Erinnerungen an das
fast dunkle phantasmagorische Leben eines Andern oder war es seine eigene
nervösen Reizung es kam ihm vor als fühlte er recht die ziehende magische
Gewalt der Mondstrahlen das Verzehrtwerden von diesem trockenen ausgebrannten
Himmelskörper der so geheimnisvoll auf die Erde wirkt fühlte er recht das
Schwinden in das geisterhafte Licht hin Er legte sich und glaubte zu
schlafen schlief und wachte
War es Traum War es wirkliche Erscheinung Er sah die Tür sich leise
öffnen er hörte sie knarren Tritte schleichen
Ach kam ihm der Gedanke Das ist Melanie Er blinzelte einmal auf lächelte
und schloss die Augen wieder bleischwer lag eine rätselhafte Gewalt auf
seinen Sinnen er mochte sich erheben und konnte nicht er mochte reden
und der Mund war wie krampfhaft geschlossen Wie Musik floss es um ihn her
Er fühlte jene Schwingungen der Seele die uns oft sind wie die Vorahnungen der
Seligkeit wie der Tod uns nahen mag So zerfließen so hinübergehen
so sterben
Er täuschte sich aber nicht Es war ein nächtlicher Besuch den er zu
begrüßen anzureden keine Kraft hatte
Nicht aber Melanie war es
Eine männliche edle Gestalt beugte sich auf ihn nieder Er sah er
fühlte sie Er lächelte zu ihrem lächelnden freundlichen Gruß empor
Der Fremde hatte ein Bild in der Hand es war rundoval die Farben
blass Der goldene Rahmen glänzte matt im Mondenschein Es war das Bild
einer jungen schönen Frau und Der der es trug war Ackermann der Amerikaner
Leise trat der nächtliche Besuch näher neigte sich über Dankmar küsste
abwechselnd das Bild abwechselnd die Stirn des halbwachen Schläfers Dann
war das Bild verschwunden aber der Fremde derselbe den man Ackermann nannte
des holden Selmar Vater blieb noch Nach einer Weile zog er das Portefeuille
aus der Brust neigte sich über Dankmar und Was tat er nur Dankmar hörte
etwas wie das Klingen eines Instruments er hörte den Schnitt wie eines
Messers nein er fühlte etwas an sich selbst, das aber nicht schmerzte nicht
verwundete Seine müden Augen blinzelten Er wollte den Traum nicht stören
Das Mondlicht tat den Sternen der Sehkraft wehe Aber die Gestalt war
keine Täuschung Der Amerikaner trat zurück und betrachtete eine Locke die er
sich eben von Dankmars Haupte geschnitten küsste sie und legte sie mit Rührung
in sein Portefeuille Das Zimmer wurde dunkler die Wolken traten vor den Mond
Die Erscheinung war verschwunden
Als Dankmar sich aufrichtete war es ihm fast als hörte er noch die Tür
klinken Alles war still Alles dunkel der Mond war dicht verhüllt er
konnte nichts unterscheiden Du hast geträumt sagte er sich und schön
geträumt Und Dankmar glaubte geträumt zu haben so schwer lag die Ermattung
auf ihm dass er für Alles was Wahrheit sein musste jene süße Gleichgültigkeit
empfand die die gewaltigste Reaction der Natur verriet Er sah nach seiner Uhr
und glaubte den Zeiger schon auf Eins zu erkennen und doch war es finster Er
kleidete sich in zwei Minuten völlig aus und warf sich ins Bett unbekümmert um
Alles was ihm noch eben Freude oder Schmerz Anteil oder Widerwillen
eingeflößt hatte
Schon stand die Sonne hoch am Himmel als Dankmar erwachte Er sprang aus
dem Bett und erstaunte dass seine Uhr bereits über Sieben zeigte Seine Toilette
machen nach frischem Wasser klingeln war das Eiligste was er tun musste
Du hast dich verspätet sagte er sich den lang entbehrten stärkenden
Schlaf hat die Natur in dieser Nacht für sich mit Gewalt eingefodert Von elf
bis sieben Uhr Ei du Schläfer und welch ein Schlaf Wie bleiern lag es in
deinen Gliedern du weißt nichts nichts Himmel ein ganz neues Leben
erquickt deinen müden Körper aber die Zeit hast du doch verschlafen Das
steht fest
Und so tummelte er sich fort
Da fährt er mit der Bürste durch sein Haar Er steht vorm Spiegel und will
sich den gewohnten Scheitel ordnen Was ist das Die Lage der Locken ist
nicht die alte der gewohnte Strich der Fall der Haare ist gestört Ein
Büschel sich rundender Haare fehlte ihm dicht über den linken Schläfen
Er besinnt sich auf die Nacht Auf den Traum Nein kein Traum
Wirklichkeit Hier fehlt das Haar die Locke wurde abgeschnitten Die
ermatteten Augen hatten nur nicht die Kraft gehabt sich länger offen zu halten
die Willenskraft der Widerstand war von der Übermüdung gelähmt gewesen Die
Locke fehlte Er sah sich im Zimmer um Der Gedanke an das Bild ergriff ihn mit
Zauberkraft Es war da gewesen Ackermann hatte es geküsst hatte sich über ihn
geneigt mit dem Bilde Selmars Vater Wie war Das Er rückte den Tisch die
Stühle er warf das Bett auseinander noch einmal er fasst nach dem
Kopfkissen Da ist da fällt etwas in die Betten ein harter Gegenstand
ein rundes Bret er wendet es um Es ist das Bild
Egon und Melanie hatten das Bild Dankmarn beschrieben sowie er es fand Ein
weiblicher schöner Kopf in blassen Pastellfarben ein goldener Rahmen gab
ihm die Form eines Medaillons Hinten ein stärkeres Bret das Bild viel
schwerer als es seinem Umfange nach sein konnte Er zweifelte nicht dass es ein
Geheimnis enthielt Die Feder die es durch einen Druck auf das Glas öffnete zu
suchen trieb ihn zwar die Neugier Aber als er einige male vergebens über das
Glas gefahren war hier drückte da schüttelte es von allen Seiten betrachtete
und nichts sogleich von der geheimen Öffnung entdeckte war er fast froh nicht
in Versuchung zu geraten und Dinge zu erfahren die nicht für ihn bestimmt
waren
Jetzt hätte er rufen mögen Melanie Selmar Er hätte Ackermann sich an die
Brust ziehen mögen ohne Erkennungszeichen ohne Geheimbund ohne zu wissen wer
er war und was er glaubte und dachte Er riss die Tür auf und rief nach
dienenden Wesen der Liese dem Dietrich Niemand hörte ihn Doch war Alles in
Bewegung Trepp auf Trepp ab hörte er rennen toben Man klopfte schrie man
drohte Was war Was ist Hatte man das Bild vermisst
Rasch kehrte er zurück und verbarg es
Da tritt die Magd ein und erzählt ihm in ihrer polternden Art Es wär ein
Unglück geschehen man könnte den Intendanten nicht finden Der Heidekrüger wäre
außer sich alle seine Bücher hülfen ihm nun doch nichts Ein vornehmer Mann
wäre auf dem Heidekrug verloren gegangen
Dankmar bittet ihm ruhiger zu berichten
Gestern Abend noch spät sagte die Liese erlaubt der gnädige Herr den
Gendarmen und Dienern im Saale auf sein Wohl zu trinken und geht dann zu Bett
Die zechen etwas lang und stehen schwer im Kopf auf und gehen zu Bett und es
wird Tag und der große Wagen fährt fort ehe noch der gnädige Herr geweckt ist
Der einzige Diener der zurückgeblieben wartet und wartet der Herr kommt
nicht Excellenz Excellenz heißt es Man findet die Tür offen das Bett so
gut wie unberührt der Herr muss in der Nacht aufgestanden sein und ist nun nicht
da Man sucht ihn überall Er ist nirgend Ganz gewiss er hat ein Unglück
erlebt Diese Zeit Dies Leben Wer hält Das auf dem Heidekrug aus
Aber so fragt die Damen mit denen ich kam rief Dankmar erstaunt und über
Melanies Geheimnis grübelnd
Die sind in aller Frühe fort sagte die Magd
Melanie Madame Schlurck und die Andern
Alle fort schon um fünf Uhr Das Fräulein sagte Sie wollten mit Ihrem
Einspänner allein bleiben und später fahren Der steht unten und wartet Das
Hündchen winselt nach Ihnen Hören Sies
Bello kratzte an der Tür Dankmar öffnete Das Tierchen humpelte freudig
an seinem interimistischen Herrn hinauf
Aber Ackermann und Selmar sagte Dankmar
Wer fragte die Magd
Dankmar dachte
Wahnsinn Du frägst hier nach Traumgestalten
Und doch sagte er
Kam nicht gestern Nacht noch ein stattlicher Herr mit einem Knaben hier an
Freilich freilich sagte die Magd Es war ja fast zwölf Sie waren so
durchnässt dass wir Angst hatten sie würden uns krank werden Aber die sind
nun auch schon fort Eine Stunde später als die Andern Und eben vor einer
halben Stunde fährt der große Wagen ab die prächtige Karosse des Geheimrats
steht unten man denkt er steigt jeden Augenblick ein und nun suchen wir ihn
Man hörte jetzt draußen auch den Heidekrüger lärmen und laut sein Befremden
äußern
Excellenz Excellenz Herr Geheimerrat rief man in alle Winkel hinein und
in alle Gruben hinunter ja in solchen suchte man den geheimen Rat die man
sonst nur für geheimen Unrat bestimmte
Dankmar in seinem Taschentuche sorgfältig das Bild verbergend stieg die
Treppe hinunter sah sich die Verwirrung eine Weile mit an und erstaunte dass
der Heidekrüger der Staatserretter der Lafayette und Washington hier schon
den Kopf verlor
Denken Sie sich sprach er zu Dankmarn mit leichenblasser Miene wie mir so
etwas begegnen muss Wie sonderbar kann man Dergleichen auslegen Ein hoher
Beamter des Hofes Mitglied des Reubundes eine Stütze der Reaction Gatte einer
einflussreichen Dame die in unserer Politik eine große Rolle spielt
verschwindet spurlos in der Wohnung eines zwar nicht wühlerischen aber
freigesinnten Gesinnungsmenschen o mein Gott habt Ihr denn überall
geforscht Alles aufgedeckt Alle Gruben Alle Gelegenheiten wo Jemand in
stiller Nacht mit einem Licht verunglücken kann Was werden die Sängers die
Vom Busches und die Sengebuschs sagen
Dankmar beschwichtigte seine Besorgnisse mit der festen ungeheuchelten
Überzeugung dass sich diese Angelegenheit völlig natürlich lösen würde Da er
wusste dass hier eine Schelmerei Melaniens im Spiele war zeigte er selbst über
sein natürliches Mitgefühl hinaus sich fast ausgelassen und lachte als er sah
wie und wo man die vornehme aufgeblasene Excellenz Alles suchte
Über Ackermanns Benehmen und mögliche Beziehung zu Melanie oder zum
Geheimrat erfuhr er nichts Hier war ihm ein völlig unlösbares Rätsel Mit dem
letzten Reste der Hackertschen Anleihe bezahlte er seine Zeche und wollte von
dannen fahren unter lautem Jubelgebell seines Hundes Da trat die Liese heran
und Dietrich und Beide wollten Dankmarn die Zügel nicht geben
Auf wen wartet Ihr denn noch sagte Dankmar
Auf Ihren Kutscher Herr Hier ist auch noch das Geld von neulich Wir
habens an den Justizrat noch nicht anbringen können er mag es ihm selbst
geben
Wer Welches Geld
Ei das Geld aus der schönen Börse Von der Nacht her wo Ihr Kutscher das
böse Übel hatte
Hackert Wo ist denn Hackert
Er kam doch mit Ihnen
Hackert Mit mir Ich kam allein Hat man den Rotkopf hier gesehen
Lichterloh sagte Dietrich Der schläft wohl noch auf dem Heuboden Da muss
Eins die Spritze bereitalten
Ihr Leute irrt Euch Ich kam allein Kein Wort weiß ich von meinem
Reisebegleiter von neulich Und Ihr saht ihn wirklich
Dietrich pfiff als wollte er Hackerten ein Zeichen geben Die Liese
drängte Dankmar sollte das Geld ansichnehmen
Dieser weigerte sich aber und erklärte mit dem unheimlichen Gaste in keiner
Verbindung mehr zu stehen
Dass Hackert auf dem Heidekruge in dieser Nacht gesehen worden blieb
ausgemacht Die Aussagen der Leute stimmten zu sehr überein Alle hatten
geglaubt er wäre mit der großen Gesellschaft zurückgekehrt Man suchte nun auch
ihn
Da sich aber keine Spur mehr weder von ihm noch von dem Geheimrate finden
wollte so fuhr Dankmar von dannen nicht wenig betroffen und tief erstaunt über
das sonderbare Zusammentreffen so vieler höchst rätselhaft sich durchkreuzenden
Tatsachen
Eine Gewalttat Das wusste er war nicht an dem Geheimrat verübt worden
höchstens ein lustiges Abenteuer von dem Melanie den Schlüssel und dessen
eigentlichen Kern das Bild er selbst besaß Im Übrigen gönnte er dem
Heidekrüger diesen kleinen Kummer als Strafe für die heuchlerische Art mit der
er anfangs versprochen hatte Schlurcks Wahl im schönauer Bezirke zu befördern
und sich nun selbst vorschob Der Liese aber sah er die Freude an ihren
»steifen und hochgestapelten« Herrn einmal mit seinem Gesinde wieder auf
gleicher Linie stehen zu sehen wieder von Dem bewegt und erregt was zu dieses
Hauses eigentlicher Ordnung gehörte Das Geld versprach sie Hackert zuzustellen
wenn er sich noch fände
Dankmar fuhr rasch von dannen und konnte wohl die Gleise der Wagen und Pferde
sehen die den Langschläfer im Stiche gelassen hatten Er erreichte sie aber
ebenso wenig wie den Wagen mit dem Ackermann und Selmar vielleicht auf
Nebenwegen abgefahren sein sollten
Gegenstände zum Nachdenken hatte er für die Reise den Tag über genug
Abenteuerliches begegnete ihm nichts mehr Er hätte es zu Dem was ihn Alles
schon in Anspruch nahm kaum noch aufnehmen können
Es wurde schon Nacht als er sich Tempelheide näherte Er warf einen Blick
auf den Landsitz des alten Präsidenten Ein Rabe saß auf dem Schornstein und
schien für die sternhelle und monddämmernde Nacht das Wunderhaus zu bewachen
Dankmar überließ es seinem lahmen Begleiter Bello zu dem steif und ernst dort
oben tronenden Vogel verdutzt und wie auf dem Anschlage hinüberzuschauen Er
kümmerte sich um nichts mehr was rechts und links lag Mit unwiderstehlicher
Macht nur trieb es ihn zu der großen Stadt hin die schon zu seinen Füßen lag
und der Schauplatz neuer Erlebnisse werden sollte
Wie der Wagen die kleine tempelheider Anhöhe hinunterrollte und er zur Allee
einlenken wollte die an den Eisenbahndurchschnitt führte hörte er dasselbe
melodische Gesäusel wieder aus dem Schloss das ihm noch von seiner Ausfahrt
erinnerlich war Er musste stillhalten so bewegte ihn der harmonische Luftauch
Es war nächtliche Ruhe um ihn her Im abgemähten Felde auf der Wiese zirpten
nur die Grillen schon ihre Herbstesvorahnungen Die Kirche stand feierlich im
Mondscheinlichte Die Bäume säuselten und die Lüfte klangen von der Harfe
zauberhaft belebt in wehmütigen Accorden Es war ein sanftes Moll in dem die
Windharfe gestimmt unter den Tannen hing Ach es war ein Accord der die
ganze Stimmung seiner eigenen Seele aussprach Zärtlich hoffend aber tief
wehmütig
Ja sagte er sich noch geschehen Wunder Noch helfen unsichtbare Geister an
unsern Werken mit und das Schicksal ist keine leere Fabel
Anna von Harder die Lenkerin der musikalischen Akademieen sah er nicht
Die Fenster blieben geschlossen er hätte doch gern die weibliche
Gestalt an ihnen wiedersehen mögen die an jenem Abende seiner Ausfahrt der
Windharfe lauschte er hätte ihr doch gern die Gefühle übertragen die diese
Töne in ihm selber weckten
Sie kam nicht und so musste er selbst sein Herz öffnen selbst diese Töne in
seine Brust einlassen und die Geister nahen hören die ihm sagten
Wandle nun hin unter dem schützenden Sterne den dir die Gottheit unter
diesen Millionen Lichtern am Himmel dort aufgestellt hat und den du nicht
kennst Verknüpfe dir das Leben zu immer rätselhaftern Knoten die du einst
ungeduldig mit dem Schwerte wirst lösen wollen und deren Fäden vielleicht
plötzlich klar und unverwirrt in deinen Händen liegen wenn dein Schutzgeist
sich dir naht vielleicht so auf einem Accorde der Freundschaft schwebend so
auf einer kleinen nächtlichen Luftwolke des Zufalles so auf dem Mondenstrahl
der wie da hinter den Tannen so aus dem Auge der Liebe bricht Gehe hin Noch
muss sich dir viel erfüllen viel begeben Aber vertraue Siegbert und Dankmar
Wildungen Euer Genius spricht aus diesem Luftauche der Äolsharfe im Tannenpark
von Tempelheide
Das müde Pferd zog an weiter ging es bergab in unfreiwilliger Eile Von
allen Türmen der Stadt schlug es Zehn als Dankmar mit seinem müden Gaule nach
einer ereignissreichen Reise von vier Tagen in den Torweg des Wirtshauses Zum
Pelikan wieder einlenkte Das Bild an sich pressend des doch wohl auch ihm
sichern Schreines gedenkend musste er sich sagen dass er mehr zurückbrachte als
er verloren hatte mehr gefunden als er suchte Und dennoch war es ihm als
riefe ihm eine Stimme zu Nun erst beginnt dir der Ernst des Lebens und die
Schranken deines Wettlaufes mit dem Schicksal öffnen sich
Vierzehntes Kapitel
Neue Menschen
Die vieltorige in breiter Fläche gelegene laut rauschende Residenz hatte seit
einigen Jahren ein neues Viertel gewonnen das man seiner vielen schönen von
den vornehmsten Herrschaften bewohnten Häuser wegen das diplomatische nannte Es
lag außerhalb der längst durchbrochenen Ringmauer in einer Gegend wo es früher
nur Felder gab Eine rund sich schlängelnde Nebenstrasse lenkte von der staubigen
schnurgeraden Hauptallee ab und bot rechts und links zwischen hohen Bäumen
Gärten und jungen Anlagen ein Gemisch von Villen dar die ohne nach einem
bestimmten Plane angelegt zu sein doch darin eine harmonische Wirkung übten
dass sie im Stile und der gefälligen Überschmückung der nur aufs Komfortable
gerichteten Teile sich fast wechselseitig überboten Vor den Villen lagen
Gärten mit kleinen Springbrunnen oder einfache englische Boulinggreens Selbst
in der gefälligen Form und Verzierung der eisernen Gitter suchten sich die
Besitzer oder die reichern Abmieter anderer auf Spekulation gebauter Häuser zu
übertreffen
Ziemlich in der Mitte dieser vom Gewühle der Stadt entrückten Niederlassung
lag ein ganz besonders hervorstechendes geschmackvoll angelegtes Landhaus Es
war von stattlicher Breite und mit den oberen Mansarden gerechnet fast
dreistöckig Das obere Dach war in italienischer Weise platt und rings mit einem
eisernen Gitter geschmückt Zwei Balcone hingen an den Fenstern der Hauptetage
zeltartig überwölbt mit rot und graugestreiftem Damastzeuge und unter diesen
vor der Sonne schützenden Dächern mit den farbigsten Blumen geschmückt Die
Einfahrt geschah durch eine gusseiserne Pforte von geschmackvoller Zeichnung Auf
einem gekieselten Wege gelangte man dann zu einem epheu und weinumrankten
Überbau an der rechten Seite des Landhauses wo die Wagen anfuhren und
Strohdecken bis zu den Stufen des Einganges hinaufgelegt waren Ein Gebüsch von
Rosenhecken an dem Gitter entlang versteckte den Einblick in den einfachen
Vorgarten Zierlich rankten sich die Rosen durch das eiserne Gitter hindurch
ein Anblick bei dem mancher sinnige Wanderer stillstehen und freudig oder
wehmütig Italiens gedenken musste Die weißen Fenster waren mit langen
gleichfalls rot und graugestreiften Staubgardinen von außen verdeckt
Nach hinten lagen auf der einen Seite Ställe Remisen und ein
Wirtschaftsgebäude nach der andern erstreckte sich ein Anbau bis in den
Garten der umfangreich die sorgsamste Pflege verriet und in seinen äußersten
Grenzen noch von den Treibhäusern und der Wohnung des Gärtners eingefasst war
Der nur einstöckige hintere Anbau des Hauses endete nach dem Garten zu in
einem Salon und einer Veranda Beide hingen fast zusammen und waren nur durch
hohe Glastüren getrennt In diesem Salon sah man Divans Kauseusen und die
ganze übliche Ausstattung einer reichen und wenigstens nach der Mode gerechnet
geschmackvollen Ausstattung Die Fenster waren von buntem Glase und warfen blaue
und rosige Lichter von magischer Wirkung auf das glatte Getäfel dieses
gefälligen Gesellschaftsraumes An den Wänden die mit eingebrannter
Wachsmalerei geziert waren rankten sich Epheustöcke aus weisslackirten
Untersätzen empor und versteckten ihre äußersten Spitzen hinter den schweren
gelbseidnen Gardinen die oben von den Fensterrundungen herab sich senkend
hinter schweren Rosetten zurückgesteckt waren Die grünen Zweiglein suchten nach
der Sonne deren Licht ja die Nahrung ihres Lebens ist Vom Plafond der
gleichfalls mit enkaustischer Malerei glänzend überzogen und mit Goldleisten
eingefasst war hing ein sehr geschmackvoller Kronenleuchter von Bronce und
Krystall herab An den Wänden sah man zwischen den sechs Fenstern drei lagen
auf jeder Seite Beleuchtungs Glocken die Abends ihren Schimmer durch ein
mattes rotes Glas warfen
Durch diese Räume nun schritt von der Garten oder Hofseite herkommend in
Begleitung einer älteren Dame stattlichen Aussehens die Besitzerin dieser
comfortablen Wohnung Es war eine hohe magere Gestalt in eleganter
Morgenkleidung Die Dame war nicht mehr jung und schien auch auf den Schein
Dessen was sie nicht mehr besaß keinen allzu lebhaften Anspruch zu machen Sie
trug ein weissseidnes Bandeau um das strenge früher vielleicht wenn nicht
schöne doch interessant gewesene Haupt mit den dunkelumschatteten
scharfstechenden Augen Der große weiße Kaschmir Schlafrock war mit grellstem
seidenen Rot gefüttert und gab wenn er aufschlug der stolz daher schreitenden
Frau fast ein Ansehen als wäre sie für den Purpur geboren Sie hatte ein fein
battistenes Spitzentuch in der Hand mit dem sie zuweilen über die hohe Stirn
fuhr um die Spuren der Hitze oder irgend einer gewaltigen Anstrengung die sie
überstanden zu haben schien zu tilgen Das weissseidene Bandeau das mit einem
Zipfel über den noch an den schwärzesten Haaren recht reichen Hinterkopf fiel
gab ihrem Blick etwas ungemein Scharfes und Stechendes fast wie vom Ausdruck
eines Raubvogels Nach vorn war über dem sonst gewiss ebenholzschwarz gewesenen
Haare schon ein leichter Anflug von künftigem Silber sichtbar In einem
gewellten Scheitel lag dies grauschimmernde Haar über der Stirn und den
Schläfen Das Bandeau schien die Unentschlossenheit anzudeuten ob sich die Dame
bereit erklären sollte vielleicht ganz im grauen Haare das mancher
geistreichen und noch leidenschaftlichen Matrone außerordentlich schön stehen
kann ihren Stolz zu suchen oder es vorläufig doch noch so viel wie möglich zu
verbergen
Hinter der Dame und ihrer älteren Begleiterin die etwas gebückter etwas
hinfälliger aber doch unter der feinen breitkantigen Spitzenhaube die List und
Schlauheit ihrer Augen nicht verbergen konnte folgte ein Bedienter der ein
silbernes Wasserbecken und ein feines damastenes Handtuch trug Seine Gebieterin
tauchte die schön gepflegten langfingerigen Hände mehrmals in das Wasser ihre
Begleiterin nahm von einer in einer Ecke des Saales stehenden Etagère ein
Krystallflacon und spritzte etwas von dessen wohlriechendem Inhalt noch in die
silberne Schüssel Dann nahm die Gebieterin das Handtuch trocknete sich
sorgfältig und schickte den Bedienten mit dem Befehle fort dass Ernst sowie er
vom Schloss wieder da wäre unverzüglich zu ihr kommen sollte Als der Bediente
gehen wollte rief sie ihm noch die Frage nach
Und Franz mit dem Landau noch immer nicht da
Vor einer Viertelstunde ist er gekommen Excellenz war die Antwort
Ich will ihn sogleich sprechen
Excellenz haben bestellt dass er aufs Schlossamt komme sowie er steht und
geht bemerkte zögernd der Diener
Und ich sage er soll erst zu mir kommen und nicht wie er steht und geht Er
soll sich reinigen und wie es sich gehört anziehen Wenn ich ihn gesprochen
habe geht er zum Geheimrat
Der Bediente murmelte ängstlich ein »Zu befehlen«
und ging mit dem Wasserbecken und dem Handtuche über die Veranda in den Hof
zurück von wo alle Drei und zwar aus der großen Wagenremise hergekommen waren
Pauline von Harder denn in ihrem Hause befinden wir uns warf sich
erschöpft und missgestimmt auf eines der rings im Überfluss vorhandenen Polster
und sprach zu Charlotte Ludmer ihrer vieljährigen Wirtschaftsführerin und
innig befreundeten Vertrauten die eben ein großes langes Papier auf den Tisch
gelegt hatte mit matter Stimme die Worte
So haben wir denn wirklich Nichts gefunden und alle Mühe alle Umsicht und
Sorgfalt sind vergebens gewesen
Ich komme immermehr zu der Überzeugung sagte Charlotte Ludmer die
Vertraute indem sie eine kleine Dose von gedrechseltem Horn aus ihrem
Rockschlitz griff und wie ein Mann in aller Form eine Prise nahm ich komme
immermehr zu der Überzeugung dass die Sage von den für die Veröffentlichung
bestimmten Denkwürdigkeiten der Fürstin Amanda von Hohenberg ein leeres Gerücht
ist
Unsern Untersuchungen nach zu schließen sagte die Geheimrätin Pauline von
Harder möchte man glauben dass du Recht hast Charlotte Haben wir wohl eine
Spalte eine Ritze unerforscht gelassen An jeden Boden klopften wir ob er hohl
ist in jedes Polster fuhr ich mit diesem spitzen Dolche den mir Rodewald einst
in Italien schenkte und von dem ich nie geahnt hätte dass ich mit ihm noch nach
den Spuren seines Verrates suchen würde o Charlotte wie schmerzliche
Erinnerungen weckt mir dies Andenken alter Zeit
Gib ihn her Kind sagte die Ältere und griff nach einem verrosteten
Stilet das die Geheimrätin aus dem Brustschlitz des eleganten
Kaschemirschlafrockes gezogen hatte Es war ein florentinischer Dolch mit
damascirter Arbeit auf den drei Kanten von zierlich gearbeitetem Griff eine
Schlange vorstellend die sich so eigentümlich ringelt dass die Hand bequem in
einer ihrer Windungen ruhen konnte Der Dolch selbst aber war eine lang aus dem
geöffneten Munde herausgestreckte Giftzunge dreikantig dünn und vom härtesten
Stahl gearbeitet
Gib ihn her Kind wiederholte die Ludmer als ihn Pauline zu ernst
betrachtete
Ha Es war in Verona sagte Pauline träumerisch Wir hatten Romeos und
Juliens Grab gesehen und scherzten darüber dass der Unverstand der Zeiten einen
Futtertrog für Pferde daraus gemacht hatte oder aus dem alten Futtertroge wie
Rodewald in seiner scharfen und ungläubigen Weise sagte später das Grab der
Julia Es ist dreißig Jahre her und noch seh ich uns wie heute als ich an
seinem Arme krank damals und elend hing und wir vom Tode sprachen der mir
damals so möglich bevorstand Rodewald stieg langsam mit mir auf einen Hügel
vor der Stadt und zeigte mir die große im Sonnenglanze hingegossene Ebene
Ergriffen von dem Lichte und dem Sonnenschein dem Grün und dem duftigen Nebel
dem Violet der fernen Berge und dem blauen Aufblitz einer Ecke vom Lago di
Garda sagte er Wenn du stirbst Pauline so wirst du mir nicht ein Restchen
Gift zurücklassen wie Romeo Julien Da muss es ein anderes Mittel sein und
damit zog er den Dolch dass ich laut aufschrie und bebend zurückfuhr Es war
aber nur ein Scherz von ihm er glaubte an meine Krankheit nicht er glaubte
nicht an meinen Tod und an den seinen noch weniger Es stand ihm aber so schön
so halb zu spielen und halb zu philosophiren Ich entriss ihm den Dolch er
lachte und sagte er hätt ihn sich bei einem Altertümler gekauft während ich
in der Santa Maria die Gräber betrachtete Mir Albernen war es Bedürfnis seine
Worte für Ernst zu nehmen ich ergriff das tödtliche Instrument verbarg es gab
es ihm nicht zurück Zwei Jahre darauf in Landeck hätt ich es ihm in die
Brust stoßen mögen und als ich genas in Ems da mir selbst
Pauline Pauline rief die Ludmer und verbarg den Stahl wie kommst du auf
diese alten Dinge zurück Konnten wir auch nichts Anderes finden um staubige
Polster zu durchstechen
Wie ich so in den alten Gerätschaften Amandens wühlte fuhr die
Geheimrätin fort und stützte den Kopf auf der ihr brannte wehte michs ganz
gespenstig an und es war mir als lebten sie Alle noch sie die Elende ich
selbst noch wie einst und Zeck stand plötzlich vor mir ach was nicht Alles
Man soll den alten Plunder mit dem sie noch im Tode auf dem Schloss
coquettiren wird hinbringen wohin man will Es mag in ihm Lüge und Verleumdung
wie Gift gegen Ungeziefer verborgen und versteckt liegen ich will nichts mehr
wissen nichts nichts ich habe dies Leben satt Leben mit Furcht ist mehr
als der Tod
Damit erhob sich die wild erregte und leidenschaftliche Frau und schritt
heftig und von unstillbarer Unruhe gequält im Saale auf und ab
Die Ludmer nahm aber in aller Ruhe eine Prise und lachte dass das zahnlose
Kinn wackelte
Hi Hi Hi schallte es durch den Gartensalon
Was ist wandte sich Frau von Harder
Alles Das der Zorn Täubchen sagte die Alte dass unsere Mühe und Plage
vergebens war Nachlass Nachlass Schulden hat sie nachgelassen Das ist ihr
Nachlass Die Geschichte von ihren Papieren war ein Schreckschuss Wer hätte sie
fortnehmen sollen Ihre Pfaffen Zeisel ließ ja sogleich Alles versiegeln und
mit Beschlag belegen Der Fürst wollt es so und sie hatt es selber angeordnet
Zwei Jahre stands unberührt Die Papiere sind verbrannt wo kann etwas
hingekommen sein Und unten in der Remise da haben wir seit heute früh fünf
bis jetzt um elf Alles untersucht wir sind matt und müde davon wir haben uns
gut gerechnet sieben mal waschen müssen von all dem Staub und Moder und
hinter keinem Bild in keiner Schublade ist Etwas zu finden Von dieser Seite
aus sind wir vor bösem Leumund sicher und du hast alle Aussicht unter die
Heiligen zu kommen was du doch wohl willst Vergib dass ich spotte
Noch vor sechs Jahren sagte die Geheimrätin ruhiger hätte über mich
erzählt werden können was da wollte Es war eine Zeit wo man noch die
Leidenschaften als die Quelle edler Gefühle erkannte Aber jetzt wo sich Alles
verändert hat wo das junge Herrscherpaar einen neuen Ton in die Gesellschaft
einführte jetzt wo sich Alles dadurch auszuzeichnen sucht so gewöhnlich und
unscheinbar wie möglich zu sein und nur den nächsten Pflichten zu leben jetzt
könnt ich in der wilden Zügellosigkeit der Urteile und der völligen
Schutzlosigkeit des Einzelnen gegen das Gewühl der Zeit die Alles das Beste
rasch verbraucht und als Dünger für Neues von sich wirft eine solche
Öffentlichkeit der Rache nicht ertragen Und glaubst du nicht Charlotte dass
sie Alles weiß von Allem unterrichtet ist
Die Alte schwieg und zuckte bedeutsam die Achseln
Du hättest sie in deiner Amaranta schonen sollen sagte die Ludmer
Jedermann riet auf Amanda und der Spott war unverkennbar Nach Allem was
zwischen Euch einst vorging nach Allem dessen du dir als kitzlich und zu heiß
zum Anfassen bewusst warst hättest du lieber schweigen sollen und du weißt
was ich überhaupt davon dachte als du die Feder ergriffest
Die Geheimrätin seufzte
Das ist vorbei sagte sie dann Ja Ich hätte dir folgen sollen Ich
schrieb weil Alles schrieb und da ich nichts erfinden konnte erzählt ich
was ich oder Andere erlebt hatten Ich streifte mit genauer Not an Partien
vorbei wo ich mich und Andere zu schonen alle Ursache hatte und doch reizte
mich der Kitzel des Spottes und der Trieb der Vergeltung Ich fühlte dass ich
plötzlich in der Feder eine Waffe hatte die mir damals allmächtig schien Ja
Amaranta ist Amanda und sie ist es nicht Ich ließ eine Magdalena fromm werden
aber Amanda konnte sich doch wohl in allen Sünden Amarantens nicht wiederfinden
Dennoch nahm man sie für Amaranta und ich erschrak genug als ich eines Morgens
einen Brief mit dem Postzeichen Plessen empfange und die einfachen von einer
mir wohl erinnerlichen Hand geschriebenen Worte lese
»Die Fürstin Amanda von Hohenberg schreibt keine Romane aber sie schreibt
Bekenntnisse die Gott richten wird« Damals lacht ich darüber Es schien mir
die Drohung der Ohnmacht Ich schwelgte in den Huldigungen die die Gesellschaft
meiner jungen Feder zollte Aber die Gesellschaft ist nicht mehr die
»Gesellschaft« die Fürstin ist gestorben alle Welt erzählt von
Denkwürdigkeiten an denen sie in ihren letzten Lebensaugenblicken schrieb und
Eines Eines Charlotte die Zecks lebten auf ihren Gütern hab ich nicht
Ursache zu zittern
Die alte Freundin blieb in ihrer unerschütterlichen Ruhe und erschöpfte sich
in einer Menge von Trost und Gleichgültigkeitsgründen die alle auf eine sehr
leichte und fast kecke Ansicht vom Leben hinausliefen Pauline hatte diese
Ansicht früher auch geteilt Dass sie aber jetzt nicht mehr von ihr getröstet
wurde hing nicht etwa mit einer gesteigerten Innerlichkeit ihres Wesens mit
dem Gefühl der Reue und Besserung zusammen sondern mit einer eigentümlichen
Wendung der öffentlichen Verhältnisse die ihrem Ehrgeize Schranken setzte an
denen sie bis zur Verzweiflung bohrte und rüttelte ohne sie erschüttern oder
hinwegräumen zu können Diese Beziehungen müssen wir genauer anführen da sie
zugleich für einen gewissen Umschwung des Zeitgeistes auch im Allgemeinen
bezeichnend genug geworden sind und die Grundlage unsrer fortgesetzten Erzählung
bilden werden
Funfzehntes Kapitel
Die »Gesellschaft« und die »kleinen Zirkel«
Auf dem Throne des Staates in dessen Residenz wir uns befinden sitzt ein erst
kürzlich an die Regierung gekommenes junges Herrscherpaar Der frühere Monarch
ausgezeichnet durch hohe Tugenden der Mäßigung und Gerechtigkeit hatte
gewissermaßen die Zügel der Geistesrichtungen seines Landes sich selbst
überlassen und dadurch möglich gemacht dass sich in der Familie und Gesellschaft
ein von ihm selbst völlig verschiedenes Wesen entwickelte eine gewisse ihn
selbst völlig ignorirende Genialität oder Starkgeistigkeit wie man diese
leichte Auffassung der Sitten und Überlieferungen im Gegensatz zu einer auf der
andern Seite überwuchernden Bigotterie nennen konnte
In dieser Zeit hatte Pauline von Harder geglänzt Es war die Zeit gewesen
wo sie zwar den Ansprüchen ihrer damals noch sehr anziehenden Gestalt den
Ansprüchen der schönen Reste einer jugendlichen Epoche noch keineswegs entsagt
hatte aber doch schon nach mancherlei Unterstützungen des Einflusses greifen
musste den sie auf die Gesellschaft ausüben wollte Sie war lange zweifelhaft
ob sie um bedeutend zu bleiben und zu erscheinen mit den Empfindsamen gehen
sollte Sie sah dass diese Partei großen Einfluss hatte und auf den nicht mehr
verheirateten greisen Landesfürsten Alles vermochte Doch war die Maschine des
Staats damals so einfach der Gang der Geschäfte so trocken die Politik so
wenig anregend dass es für guten Ton galt sich nicht um das Öffentliche zu
bekümmern und lieber für Italien die Kunst die Literatur die Dichter die
Virtuosen und die starken Gefühle zu schwärmen als für die Welt und ihre
nächsten Aufgaben Pauline schlug sich zur fröhlichen Partei zu Denen die
sogar am Schmerz eine eigene Freude hatten durch unverstandene Stimmungen sich
verständlich machten und in der Zerrissenheit ihre wahre Einheit fanden Sie
hatte früher gemalt Da aber die Malerei nicht aufregt und im Gegenteil große
Ruhe bedingt so ergriff sie die Feder und warf in zwei Romanen Amaranta und
Nadasdi eine Menge jener vulkanischen Stoffe aus sich heraus die sie wie so
viele andere weibliche Naturen damaliger Zeit so auch in sich vorgefunden haben
wollte Amaranta galt für ein Bild aus der Wirklichkeit und wurde reißend
gelesen In der Tat hatte Pauline hier Alles zusammengerafft was sie nur ohne
zu auffallend indiscret zu erscheinen von gestörten Eheverhältnissen
unverstandenen Seelenleiden zerrissenen Freundschaften in der höheren
Gesellschaft beobachtet hatte Sie hatte einige Gräfinnen Baronessen
Fürstinnen in Konflicte ihrer nächsten Herzensinteressen gebracht und dabei die
jungen Offiziere und Legationssecretaire die Rollen spielen lassen die in alten
Zeiten die St Preuxs die Werters oder Roquairols spielten Amaranta war
die Heldin dieser Abenteuer eine eitle aus einer Hand in die andere fliegende
und für jede neue Liaison und jede alte »Rupture« immer die triftigsten Gründe
anführende Koquette die zuletzt da sie Niemanden mehr gewinnen kann fromm
wird ins Kloster geht und dort einige komische Wunder tut Das Ganze war mit
Bosheit geschrieben und deshalb gewiss nicht ohne Unterhaltung denn leider
gehört die Malice jetzt auch zu den Musen Apollo würde sie in unserm
Jahrhundert als die zehnte seines Bundes nicht zurückweisen dürfen Die Malice
erfindet schafft sie »macht« Eine Zeitlang wenigstens dauern ihre Werke Eine
Zeitlang fesseln unterhalten sie dann zerstiebt ihre Komposition und diese
zehnte Muse die eben noch wie ein leichtes duftgewobenes Traumbild lächelnd
vorüberschwebte verwandelt sich in ein garstiges altes Hexenweib mit Krallen
an den Fingern und einem giftschäumenden Mund voll unheimlicher Zähne
Nach der Dame »Tausendschön« dh Amaranta sollte der Roman »Nadasdi«
eine eigene Erfindung der Geheimrätin vorstellen Doch machte sie mit diesem
jungen Magyaren Nadasdi ein klägliches Fiasko Kein Mensch mochte ihn lesen so
langweilig war die Geschichte eines schwärmerischen und sentimentalen
ungarischen Husarenoffiziers der in ihrem Roman sechsmal über Briefe die er
erhält in Ohnmacht fiel Man brachte in diesem selben Strudel genannt die
»Gesellschaft« das Wort auf wenn man sich langweilte zu sagen Ich
nadasdisire mich Man ließ zB in einem öffentlichen Blatte das Zeugnis eines
Briefträgers abdrucken der erklärte Nadasdi wäre beim Empfange seiner Briefe
niemals ohnmächtig geworden sondern hätte regelmäßig sein Porto bezahlt ohne
die Adresse zu lesen sich auf sein Kanapee niedergestreckt türkischen Taback
gekaut und seine Lieblingsbeschäftigung ergriffen zu schlafen was schon damals
seine Kameraden nadasdisiren genannt hätten O an erfinderischer Bosheit
fehlt es in der Gesellschaft für Den gar nicht der sich in ihr zu weit
hervorwagt mehr Geist als ein Anderer haben will und dann einmal einen Unfall
erlebt Ein Kleiderhändler musste sogar in den Zeitungen Nadasdi Schlafröcke
ankündigen wo nicht nur auf das Langweilige dieses Buches im Allgemeinen
sondern auch auf die Beschreibung eines Phantasie Schlafrocks ihres Helden
angespielt war dem die unglückliche Dichterin mehr als drei volle Druckseiten
ihres Werks gewidmet hatte
Pauline gab nach dieser Demütigung die literarische Laufbahn auf und
befleissigte sich einer neuen »Läuterung« Sie nannte nämlich die Metamorphosen
ihrer Beschäftigung »Läuterungen« Sie wollte alle Schlacken unreiner
Empfindungen wie sie in der Vorrede zu Amaranta und Nadasdi gesagt hatte von
sich werfen und sich in einen reinern Äther tauchen Ist Tinte ein reinerer
Äther hatte zu ihr einmal der Baron Otto von Dystra der berühmte Reisende
gesagt Zwar erwiderte sie diesem Sonderling dem eben eine schwarze Sklavin
gestorben war die er sich aus Afrika mitgebracht hatte sie hätte gehofft
allmälig so oft in diesem Äther zu baden bis sie seinem Geschmacke entsprechen
würde allein ihre »Läuterungen« wurden ebenso verspottet wie Nadasdi
dessen Schlafrock und seine Ohnmachten
Unentschlossen wohin sie sich in ihrer Ratlosigkeit wenden sollte
überraschte sie und alle Welt der Tronwechsel Ein junger Herrscher ergriff
das Szepter anfangs mit schüchternen Händen als er aber eine junge
liebenswürdige Gattin gefunden hatte und mit ihr einen sehr gewählten Beirat
vom Hofe seiner Schwiegerältern als Mitgift wie man spottete erhielt trat er
sicherer und selbständiger auf Anfangs war nichts so sehr aus der Mode als das
junge Königspaar Man beachtete es kaum Man bespöttelte seine Neigungen und
erklärte beide Teile für beschränkt In kurzem aber wendete sich das Blatt Das
Herrscherpaar wurde Mode Seine Gesinnung fing an den Ton anzugeben Alles
richtete sich nach der neuen Sonne der es wirklich so hoch sie stand zwei
Jahre mühseligen Ringens gekostet hatte durch die Wolken der »Gesellschaft«
hindurchzudringen
Plötzlich kam nun das Einfache »Seelenvolle« Bescheidene Beschränkte
Häusliche in die Mode Das »Geniale« wurde verabschiedet Man las gerade nicht
fromme oder frömmelnde Schriften aber man las unschuldige reine
seelenläuternde naive Die frivolen Sittengemälde der großen Welt wurden
ignorirt Man »portirte« sich für das Einfache Naive Ländliche Pauline noch
niedergedrückt von ihrem Nadasdi sah aus einer gewissen Einsamkeit in der sie
sich nach ihrem Falle hielt dieser Wendung der Dinge mit Ruhe zu Sie wollte
anfangs dieser neuen Mode nicht folgen Sie hatte manche »Läuterung«
durchgemacht aber bis zur Beschränktheit sagte sie öffentlich beschränk ich
mich nicht Sie wollte jetzt Reisen machen und als Touristin wirken worin schon
andere schriftstellernde Damen soviel Mutiges und Leserliches geleistet hatten
Da brachen jedoch die großen politischen Umwälzungen aus Das Reisen wurde
unmöglich Sie blieb daheim und geriet in die große Strömung des Tages Einen
Augenblick schwankte sie ob sie abwarten sollte woher der Wind käme und wohin
er fahren würde Sie fand die Heldengrösse der Charlotte Korday ihr nicht
ebenbürtig aber die Roland die hatte der »Gesellschaft« angehört die Roland
war groß in der Gironde gewesen und sie versuchte es etwas mit der Demokratie
Sie kam aber glücklicherweise zu spät Die Demokratie hatte schon ausgespielt
und kurz vor Toresschluss konnte sie Niemanden mehr compromittiren Die
sogenannte Reaction gab Paulinen nun Gelegenheit viel verschlagener zu wirken
und mit geringerm Einsatze persönlicher Gefahr Wie früher nichts unmodischer
war als sich um das junge Fürstenpaar und seine kleinen Teezirkel zu kümmern
so wurde jetzt gerade der Cultus der Anbetung des Monarchen zu einer
Leidenschaft ganzer Stände Pauline am Bestande der Monarchie in der Tat doch
auch durch ihren zweiten Gemahl interessiert durch ihren Gemahl der ihr jetzt
plötzlich wertvoll und rücksichtswürdig erschien Pauline warf sich nun endlich
fast über Hals und Kopf in das neue Element und leistete in dem Systeme der
unbedingten loyalen Hingebung und der conservativen Huldigung weit weit mehr
als sich von der Gattin eines Hofbeamten von selbst verstand Sie war eine
Hauptanstifterin contrerevolutionairer Schläge sie half den Reubund begründen
sie wühlte bei den Wahlen mit beispiellosen Umtrieben sie organisirte im Großen
die Brotlosigkeit aller der Kaufleute und Handwerker die nicht unbedingt so
wählten und stimmten wie die Vornehmen und Beamten es verlangten
Alles Das konnte jedoch nicht genügen einen so unerschöpflichen Ehrgeiz
ganz zu befriedigen Pauline erkannte plötzlich dass sie da doch im Grunde nur
Das tat was jetzt Jeder tat den sein in dieser Weise aufgefasstes
Pflichtgefühl trieb und spornte Himmel sagte sie sich eines Tages was ich da
Alles jetzt treibe was ist denn das anders bei Hofe als meine Schuldigkeit
Wozu nützt mir denn Das Hebt mich fördert mich Das Welche Belohnung hab ich
denn davon Pauline dachte in zu grossartigem Stile als dass ihr dabei eine
gemeine Anerkennung äußerer Form und äußern Erfolgs hätte einfallen können Sie
hatte vielmehr nur ihre »Stellung« ihre gesellschaftliche Bedeutung im Auge
Stand sie jetzt den Ereignissen nahe Lenkte leitete sie die hohe Politik
Als sie in dem Gartensalon so verzweifelt auf und abging und die leichten
Trostgründe und Zureden der alten mutigern Charlotte Ludmer nicht hören wollte
wurde gerade die junge Flottwitz gemeldet in dringenden
Reubundsangelegenheiten man wollte weibliche Arbeiten für verwundete Krieger
verkaufen die Ordnerinnen des weiblichen Reubundes sollten selbst vor den
Verkaufsbuden zierlich gekleidet stehen und Käufer in einen Saal locken über
dessen Wahl die Flottwitz eben Rats erholen wollte
Nein nein sagte Pauline Ich bin nicht zu Hause
Die Flottwitz wurde abgewiesen
Was soll ich mich rief Pauline erregt aus was soll ich mich ferner mit
diesen albernen Dingen quälen Mögen Das die Frauen der Offiziere die Weiber
der Beamten und die Verwandten der Hoflieferanten betreiben Bin ich dazu da in
der Masse unterzugehen Hab ich für all meine monatlange Hingebung auch nur ein
Wort der Anerkennung von oben her erhalten Sie tun ja dort als verstände sich
Das von selbst Sie halten es ja für eine gemeine Pflicht die uns Allen mahnend
und schwer genug aufliege und wo wir unsern Dank darin finden sollten dass man
ja nicht selbst guillotinirt wird und noch seinen Adel behält Nein Ich habe
diese Demonstrationen satt Die Flottwitz ist entweder eine Närrin und dann
pass ich nicht für sie Oder sie ist eine durchtriebene Koquette und weiß wie
schmachtend ihr diese Schwärmerei steht dann pass ich wieder nicht für sie
denn dieser äußerlichen eitlen Art sich in die Öffentlichkeit zu stellen hab
ich längst entsagen müssen Selbst die Trompetta hat den richtigen Instinkt
gehabt sich von Dem was große und massenhafte Demonstration ist
zurückzuziehen und sich ganz auf Mission und Ähnliches zu beschränken Sie hat
wieder ihre alte kleine Industrie hervorgesucht wählt sich kleine bescheidene
Zwecke die sie allein vertritt läuft rennt bettelt macht sich lächerlich
überall und doch wird sies erreichen dass man drei Tage lang wenn es
erscheint von ihrem Getsemane spricht und dass sie die Ehre hat in den kleinen
Cirkeln des Hofes einen halben Abend lang besprochen zu werden vielleicht es
gar selbst den Herrschaften vorzulegen Ah Meine Schwester Meine Schwester
Ah Die weiß wie man jetzt wirkt Die lebt zurückgezogen eine Einsiedlerin
Sie stickt sie strickt sie liest Pascal und Fénélon sie musicirt Bach und
Händel und ich schwöre die Königin hat förmlich ein Gelüst sie einmal bei
ihrer Windharfe zu sehen und wäre glücklich sie in dem alten Tannenparke von
Tempelheide sprechen zu dürfen
Die Schwester Paulinens ist wie wir wissen Anna von Harder Beide
geborene Freiinnen von Marschalk leben schon seit Jahren in gespannten
Verhältnissen Es ist Dies um so auffallender als auch Beide gegenseitige
Schwägerinnen sind sie heirateten freilich zu verschiedenen Zeiten zwei
Brüder Dennoch fand keine Beziehung zwischen ihnen statt Ob Anna von Harder
wirklich so ein edles Wesen war wie man nach der einstimmigen Verehrung Derer
die bisher von ihr sprachen schließen sollte müssen wir der künftigen
Erzählung überlassen Man kann nicht sagen dass sich die Schwestern hassten Sie
lebten nur nicht füreinander sie hielten sich gegenseitig für tot und Anna
von Harder pflegte wenn man sie darum fragte seufzend und tief erschüttert
hinzuzufügen
O Wir haben Ursache dazu
Paulinens Ehrgeiz war jetzt der in einer merkwürdig aufgeregten alle
geistigen Kräfte in Anspruch nehmenden Zeit von Wirkung und wahrem Einflusse zu
sein Andern und immer nur Andern die Wege ihrer Interessen zu bahnen wurde ihr
nachgerade zum Überdruss Sie war viel genannt viel gerühmt aber auch viel
geschmäht worden für Das was sie kürzlich zu Gunsten der reinen Monarchie
eingesetzt hatte Und dennoch stand sie der eigentlichen Quelle der Ereignisse
fern Sie hatte auf allerhöchste Anerkennung Teilnahme an den innern Vorgängen
der Politik gehofft und nichts an jener Stelle gefunden wo allein die
Ereignisse bestimmt wurden nichts als einen kalten Dank für ihre warme
Hingebung an die »gute Sache« Das war ihr denn doch zu wenig Die Ministerien
wechselten die Kammern kaum zusammengetreten wurden wieder aufgelöst da war
nichts zu erfahren nichts zu eröffnen nicht einmal ein Salon von Notabilitäten
Die alten geistigen Namen die sie sonst fast jeden Abend bei sich
versammelt hatte waren erbleichte Sterne Maler Bildhauer Dichter Gelehrte
wer fragte nach ihnen in einer Zeit wo nur Stimmen und nur Stimmen Stimmen
haben Sie hatte sie auch nicht mehr einladen lassen die großen Männer von
ehemals Wer sprach von ihnen Wer bewunderte ein Gedicht wer ein Bild wer
eine astronomische Entdeckung Arme Begrabene Von den Toten konntet ihr nur
auferstehen wenn ihr die Raserei der politischen Mänaden mitmachtet und in den
Demonstrationen des patriotischen Klubs eure Wiedergeburt feiertet Armseliger
Anblick eines mit Orden geschmückten berühmten Forschers der Wissenschaft im
patriotischen Klub lärmend polternd erhitzt neben einem Hoflieferanten der
sich durch den gemeinen Mut die ausübende Polizei zu unterstützen
ausgezeichnet hatte neben kleinen leidenschaftlichen Geistern des Bureaus und
der Kaserne deren ganze Weisheit im Tumulte des patriotischen Zornfeuers
aufprasselte Dann kamen die Deputirten an die Reihe der Gunst Menschen
welchen die Zeit eine Bedeutung gab Nur Wenige behielten sie wenn sie nach dem
Puppenspiele wieder in den Kasten der Verborgenheit zurückgelegt wurden In
dieser Sphäre fühlte wohl Pauline den Puls der Begebenheiten schlagen aber dicht
am Herzen wollte sie sein da von woher alle Arterien lebenskräftig strömten
Und dies Herz war nicht einmal in den Ministerien zu suchen sondern es schlug
nur Abends zwischen acht und zwölf Uhr in den sogenannten »kleinen Cirkeln« die
sich um das junge Herrscherpaar versammeln durften
Die kleinen Zirkel waren nicht nur die größte Auszeichnung des Hofes
sondern auch ein Beweis seines intimsten Vertrauens Hier trat nur ein wer der
königlichen Familie die Bürgschaft der tiefsten Erkenntnis der Zeit gab Die
kleinen Zirkel regierten das Land bestimmten die Richtung der auswärtigen
Politik Hier legten Gesandte ihre Beichte ab hier las man die Depeschen die
eben mit Kurieren oder dem Telegraphen eingelaufen waren Hier trugen berühmte
Gelehrte die das besondere Vertrauen genossen bei einer einfachen Tasse Tee
ihre Ansichten über die Zeit vor oder erzählten was sie auf Reisen neuerdings
beobachtet hatten Die kleinen Zirkel waren der Alpdruck der Ministerien
Selten dass Einer von den Männern die die Woge des Augenblicks dem Hofe als
Minister zuwarf hier Zutritt erhielt Es gehörten dazu Eigenschaften die nicht
in der Kunde des Staats und seiner Verhältnisse allein lagen Man musste
sozusagen auf den Ton des Herrscherpaars besonders der jungen Königin gestimmt
sein Wie Wenige waren Das von den trockenen Bureaukraten den barschen
Kriegern den verschmitzten Rechtsgelehrten Und doch fühlten sie Alle dass in
den kleinen Cirkeln die Parole des »Systems« ausgegeben wurde Manches was man
hier wünschte scheiterte vielleicht zum ersten male am Widerstande der
Minister zum zweiten male aber nicht mehr Es gab tausend geheime Fäden die
plötzlich die scheinbar gesichertste Stellung von den kleinen Cirkeln aus
umgarnt hatten und sie zum Falle brachten So allmächtig ist in der Monarchie
Das was von einem Dutzend kluger und treuergebener Menschen Sklaven als Idee
des Fürsten und seiner nächsten Umgebung treu aufgegriffen und mit heiligem
Eifer fortgepflanzt wird
Zu den Teilnehmern der kleinen Zirkel gehörten außer dem General Voland von
der Hahnenfeder den man allgemein sozusagen für einen ideellen Goldmacher und
sympatetischen Zauberer hielt außer einigen gestürzten Staatsmännern des alten
Regiments einigen vielbelesenen aber urteilslosen Gelehrten die man als
Nachschlagewörterbücher und Dictionnaires de poche benutzte und wie eine bequeme
Lesebibliotek gern immer gleich bei der Hand hatte mehre Damen einige fremde
Gesandtinnen einige Frauen vom Hofe vor allen Dingen die kluge und strenge
Oberhofmeisterin Frau Gräfin von Altenwyl Diese die frühere Erzieherin der
jungen Monarchin war ihr mit von der Heimat gefolgt Pauline von Harder die
Gattin eines der ersten Hofbeamten die Schwiegertochter des Chefs aller
Gerechtigkeit im Lande eine Marschalk eine Baronin Ried aus erster Ehe
brannte vor Begier in diese Zirkel aufgenommen und wenn Dies nicht ihnen
wenigstens wichtig zu werden Das konnte sie seit lange um keinen Preis
erreichen Früher als man das Herrscherpaar in der tonangebenden Gesellschaft
umging und für beschränkt erklärte vom Standpunkte der Genialität früher suchte
sie eine Auszeichnung nicht an der ihr jetzt Alles lag Sie hätte sie aber auch
schon damals nicht gefunden Es gehörte eben zum Charakter der Bildung die in
den kleinen Cirkeln waltete die Stoffe aus denen Erscheinungen wie Pauline von
Harder gefügt waren gerade nicht zu verachten wohl aber zu fürchten zu
vermeiden Es war ein inneres tiefes Abgeneigtsein was besonders die junge
Monarchin gegen diese Richtung der freien Selbstbestimmung seiner Schicksale und
wie die Lieblingswendungen einer schrankenlosen Leidenschaftlichkeit hießen
beherrschte Der Monarch liebte die Geschäfte und pflegte kleine
wissenschaftliche und Sammlerneigungen seine junge Gattin aber im Bunde mit
der etwas prüden und über den Monarchen mehr wie über seine Gemahlin wachenden
Altenwyl hielten einen großen gewaltigen Schild vor ihn um nichts an ihn
heranzulassen was irgendwie zu frivol in der Sprache der Zeit redete Religiöse
und sittliche Begriffe waren eben hier in einer sehr starken Steigerung auf eine
fast schroffe Höhe getrieben während wiederum eine gewisse kindliche fast
biblische Auffassung ihres schwierigen Lebensberufs diesem hohen Ehepaare das
Gepräge naiver Einfachheit gab Während der Adel die Beamten das Militär wild
tobten und rasten um sich nicht aus altergebrachten Ansprüchen entwurzeln zu
lassen sah das Monarchenpaar dem Kampfe der Zeit mit Schüchternheit zu rief
oft als wäre ihm hier nur eine Gottesprüfung beschieden die innere Stimme des
Gewissens in sich wach und wäre vielleicht nicht abgeneigt gewesen gegen ein
erträumtes schäferhaftes Arkadien wo Wohltun und Liebe der einzige Beruf ihres
Lebens hätte sein können eine Zeitlang vom Throne zu steigen und ihn
freilich dann auch keinem Nachfolger sondern immerhin der Republik zu
überlassen bis man eines Tages sie oder ihre Kinder aus dem Arkadien irgend
einer Verbannung glorreich wieder zurückberufen würde Obgleich nun aber ihre
Ehe mit Kindern nicht gesegnet war und Prinz Ottokar ein gewaltiger
Kriegesfürst ihnen folgen sollte so ließ sie sich doch von diesem zu keinem
gefährlichen Entschlusse drängen sondern wogen mit vieler Sicherheit Das ab
was zur Zeit noch ihnen nicht ihm gehörte und was sie nicht er zu verantworten
hätten Ihre Hauptkraft lag in dem besonnenen Verstande der Altenwyl und
einem gewissen mystischen Glauben an die Inspirationen des vielfach
angefeindeten und von den strengen Monarchisten sogar gehassten Generals Voland
von der Hahnenfeder
Für diesen Kreis war Pauline nun eine förmliche Idiosynkrasie Man wusste
zuviel des Zweideutigsten von ihr und ahnte dessen noch mehr als man wusste oder
wissen konnte Schon eine Frau die so gewaltig über einen beschränkten Mann
wie den geduldeten Intendanten der Schlösser und Hofgärten emporragte war in
jenem Kreise anstößig denn man liebte zwar das weibliche Übergewicht sehr
achtete aber äußerlich doch das schicklich Gleichartige in der Ehe und hielt auf
Sitte und Gesetz Von Verhältnissen wie sie nicht sein sollten galten
Beispiele sogar schon für gefährlich Man tadelte Paulinen vielleicht niemals
weil man überhaupt vor fertig ausgesprochenen Urteilen große Scheu hatte aber
der Trieb der Hinneigung fehlte Pauline existirte natürlich für den Hof in
Allem was die allgemeineren Rechte der höheren Gesellschaft waren sie fehlte
nie auf der Liste der großen Einladungen aber sie nahm diese nicht an weil sie
eben für die kleinen Zirkel nicht existirte Sie besuchte nie eine Kour nie
einen Hofball nie ein Konzert wozu die leidenschaftliche Musikliebhaberei des
Königs oft die Veranlassung gab sie wollte nur bei den kleinen Cirkeln sein
und da man sie dort nicht wünschte so hasste sie eigentlich jene Personen die
es ertragen konnten sie nicht zu sehen sie nicht zu kennen Sie hasste
eigentlich in den Personen heimlich sogar dasselbe Prinzip dessen Vergötterung
sie in ihrer Überstürzung loyaler Demonstrationen öffentlich so angelegentlich
betrieben hatte
Ist es nicht empörend rief sie nach der Abweisung der Flottwitz dass ich
mich nun zwei Monate lang vergebens angestrengt habe die Aufmerksamkeit der
kleinen Zirkel auch nur obenhin zu erregen Ich habe Altäre gebaut haushoch mit
Blumen bestreut habe Weihrauch angezündet dass der ganze Staat wie eine Kirche
nach dem Ambra der Liebe und des Vertrauens duftet und mit alledem hab ich nur
meine »Schuldigkeit« getan Was stemmt sich mir entgegen Bei dem Ankauf des
Nachlasses der Hohenberg hofft ich auf eine Annäherung Ich fühlte dass ich
Misdeutungen zu vermeiden hatte und Das was ich besitzen musste um nicht neue
Qualen zu erleben nicht selbst ankaufen durfte Ich bringe Hardern auch
gelegentlich die Trompetta dahin die Damen am Hofe zu interessieren Ich erlebe
erst dass aus einer von mir eingeleiteten Idee für mich selbst eine förmliche
Demütigung entsteht Doch ich dachte Lobt und preist nur die Fürstin um die
Verfasserin der »Amaranta« zu kränken Ich habe doch meinen Plan Allein der
alte Feldmarschall in seiner Beschränktheit glaubte wirklich mein Vorschlag
wäre ein Act der Versöhnung sprach darüber in den kleinen Cirkeln in meinem
Interesse und der alte freilich kindische Graf Franken nahm meine Partie und
rühmte schon damals wie ich von meiner frühern Art ganz abgelassen hätte
Und doch doch Da schon keine Antwort aus dem Munde der Königin Nicht ein
Wort nichts nichts als ein gnädiges Urteil über Nadasdi den sie nicht so
schlimm fände als die Welt sagte Dafür dann ein freundlicher die Milde ihres
königlichen Herzens rühmender Blick der Altenwyl es ist mir Alles erzählt
worden und dabei bliebs und weiter sind wir nicht weiter kommen wir nicht
Sind das auch alles Berichte auf die man sich verlassen kann sagte die
kältere Ludmer kopfschüttelnd
Der alte Graf erzählte ja den Vorfall bei der Werdeck Wie kannst du auf
die Urteile dieser wilden Frau hören
Wild Weil Sie eine Polin ist weil sie ein Vaterland hat das sie liebt
weil sie den Fürsten alle Könige der Erde hasst
Pauline
Ha ich fühle die Süßigkeit des Hasses Ich hasse die Menschen die sich
einbilden unentbehrlich zu sein Wer gibt Euch denn das Recht Euch für so
unendlich sicher zu halten Ihr
Pauline Pauline
Die alte Gefährtin und Freundin schalt ernstlich diesen Ausbruch einer sich
sogar den höchsten Personen jetzt feindselig zeigenden Gesinnung Sie tadelte
dass Pauline von Harder den Major von Werdeck in ihren Cirkeln duldete einen
Offizier der Garde der für liberal galt weil seine Gattin eine geborene
Polin ihn in andern Anschauungen erhielt als die hier zu Lande in
militairischen Kreisen üblich waren
Pauline hörte auf nichts mehr Sie hatte mit ihrem Dolche alle Polster des
Mobiliars von Hohenberg durchstochen alle Schränke alle Schubläden untersucht
und nichts von den Denkwürdigkeiten der Fürstin Amanda die diese ihr für ihren
Tod als Antwort auf »Amaranta« angedroht hatte und obgleich wie man allgemein
sagte wirklich vorhanden seit zwei Jahren nicht erschienen waren gefunden
sie war unglücklich Ein Schmerz weckt den andern Die Last ihrer ganzen
Stellung fiel ihr aufs Herz und mit einem Jammer den die Ludmer nicht mehr
trösten konnte stieß sie Klagen aus die Derjenige kaum verstehen wird der so
glücklich ist nicht in der Sphäre der Hofgunst zu leben
In diesem Augenblicke trat der Bediente Ernst ein
Es ist dies derselbe kecke Bursch dessen Art und Weise wir schon vom Turme
in Plessen her kennen
Er wollte nur einfach berichten dass endlich Franz mit dem Landau angekommen
wäre und sich sogleich melden würde
Als er rasch gehen wollte hielt ihn die Ludmer zurück
Dageblieben sagte die Alte schnarrend und mit giftigem Blick Wir haben nun
noch miteinander zu reden
Ja sagte die Geheimrätin aus ihrem Unmut sich gleichfalls zornig
aufraffend Das haben wir Warum kommt Franz verspätet
Warum kommt der Landau nach dem Geheimrat Was ist das Alles Was sind
gestern Nacht auf der Reise für Dinge vorgefallen rief die Ludmer schnaubend
O weh Jetzt kommt das Examen über den Heidekrug dachte Ernst und biss die
Lippen zusammen
Ende des zweiten Buches
Drittes Buch
Erstes Kapitel
Das Examen
Die Geheimrätin Pauline von Harder winkte
Ernst der Bediente der an der Tür des Gartensalons verlegen harrte
verstand das Zeichen seiner strengen Gebieterin trat ans Fenster öffnete da
ihn die bunten Malereien der Scheiben ungesehen machten und rief hinaus in den
Hof
Nach einigen Sekunden trat noch der Bediente Franz ein
Franz sah verstört und überwacht aus
Die Ludmer fixierte ihn mit Habichtsaugen und griff zur Erhöhung ihrer
geistigen Kraft und zur Unterstützung ihrer Würde in die Horndose diesmal mit
einer gewissen Feierlichkeit
Ernst hat uns von einem Bilde gesprochen begann die Geheimrätin zu Franz
gewendet von einem Bilde das der verdächtige Gefangene von dessen Haft im
Turme zu Plessen ich Bericht erhalten habe hätte von der Wand nehmen wollen
Er entsinnt sich nicht was es darstellte
Eine schöne junge Frau sagte Franz
Schön wiederholte die Geheimrätin mit einem eigenen spöttischen Tone
Ganz blass gemalt sagte Franz und beschrieb ausführlich das uns bekannte
Gemälde indem er von seiner Verlegenheit sich allmälig sammelte
Die Geheimrätin betrachtete die Ludmer mit den ihr gleichfalls eigenen
großen stechenden Raubvogelaugen Entsinnst du dich ein solches Bild in der
Remise gesehen zu haben fragte sie erstaunt
Es sind im Ganzen vierzehn Bilder sagte die Ludmer Ja ja und auch runde
sind darunter und Pastellbilder
Im Verzeichnis steht Alles genau angegeben meinte Ernst und auch dies muss
darunter sein
Die Ludmer sah nach dem Verzeichnisse das auf einem der kleinen
Marmortische lag
Die Geheimrätin zählte die angegebenen Bilder und fand zu ihrem Erstaunen
eins durchstrichen
Wie kommt der Strich durch diese Nummer fragte sie mit großer Strenge
Die Bedienten sahen auf das Verzeichnis und zuckten die Achseln
Sie wussten nichts als dass Excellenz selbst die Liste bei sich getragen
hätte
In der Geheimrätin stieg ein Verdacht auf ein immer lebhafterer ohne dass
sie recht wusste wo sie ihre Vermutungen anknüpfen sollte
Hier las sie von einem runden Bilde in Medaillonform ein solches hatte
man entwenden wollen und nun fehlte es
Zornig fuhr die Ludmer die Diener an sie sollten jetzt nur gleich gestehen
wo dies Bild hin wäre und warum überhaupt Franz nun erst mit dem Landau nachkäme
Die Diener standen verlegen
Sie blieben stumm Die Frauen wussten dass Beide gewohnt waren immer nur den
Willen ihrer Herrin zu tun und vom Geheimrat keine Notiz zu nehmen sie
konnten kaum mistrauen
Es kam aber doch zu einigen Erörterungen
Die Diener sollten erzählen was Alles zuvor auf dem Schloss sich
Verdächtiges ereignet hätte
Wie groß war da freilich Paulinens Bestürzung als sie die durch Melanies
Mädchen entstandene Plauderei die Hackert erfahren und Dankmarn gemeldet hatte
nun auch ihrerseits in Erfahrung gebracht zu haben gestanden und der
Geheimrätin eröffneten es wäre später ein verdächtiger Mensch der mit dem
Handwerker im Turme auffallend vertraut gewesen wäre auf dem Schloss
erschienen hätte dort bei den Damen außerordentliches Glück gemacht den
Geheimrat sogar in seinem Glanze sozusagen ausgestochen und man hätte sich
zugeflüstert dieser junge Mann wäre kein Anderer als der Prinz Egon von
Hohenberg
Einen heftigern Schlag konnte Pauline nicht fühlen Der Sohn ihrer
Todfeindin ein junger Mann der ihr aus vielen Gründen selbst verhasst war
erscheint auf dem Schloss halb unerkannt und in dem wichtigen Augenblicke wo
sie sich jedes von seiner Mutter nachgelassenen Schnitzelchens und Spahnes
bemächtigen wollte um
gewisse alte Dinge im Keime zu ersticken Sie wusste dass der Prinz von Paris
hier angekommen dann plötzlich sogleich verschwunden war sie hatte durch
Rapporte aus dem hohenbergischen Palais eine Ahnung von Dem was die Diener
erzählten und dafür als Jeannettens Quelle einen vom Justizrat Schlurck
angekommenen Brief erwähnten Sie sah ihre gewagtesten Vermutungen
eingetroffen und musste sich auf einem ihrer seidenen Polster erst sammeln bis
sie reden konnte
Die Ludmer umsichtiger weil minder leidenschaftlich als ihre Gebieterin
setzte das Examen fort
Die Bedienten kamen auf die Vorfälle im Heidekrug
Dass dort der Fremde in dem sie den Prinzen vermuteten wieder auftauchte
erschien ihnen sagten sie auch da im höchsten Grade verdächtig sie hätten dem
Geheimrat es wie sie sagten »stechen« wollen aber hier fingen die beiden
geschäftigen Livree Sklaven an zu stocken zu erröten sich gegenseitig
verlegen anzublicken
Den Frauen entging davon nichts
Was habt Ihr hieß es
Nichts war die zögernde Antwort
Aber bald sahen die Frauen dass ihnen gewisse Dinge verschwiegen geblieben
waren und dass sie sehr gut getan hatten dem später angekommenen Franz zu
verbieten sich erst aufs Hofamt zum Geheimrat zu begeben
Was wussten sie Die Bedienten berichteten
Sie wussten der Geheimrat war gestern Nacht mit dem großen Möbelwagen
angekommen auf dessen Bock er wie er sagte aus Vorsicht bis zum Stadttore
selbst gesessen hätte Später nahm er am Tor einen Fiaker
Man hatte den Geheimrat Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein beim
Tee nachdem sich der Maler Heinrichson entfernt hatte über diese Sorgfalt
schon gestern sehr ausgelacht und in der Freude den möglichen Versteck von
Memoiren die zwei Jahre lang nicht erschienen waren und doch existieren sollten
in der Wagenremise unten ganz sicher zu wissen ihn sehr anerkannt und gelobt
trotz der lächerlichen Figur die der ernste Mann auf dem Bock des Möbelwagens
gemacht haben musste
Jetzt aber erschien seine Aufopferung plötzlich verdächtig
Man begriff nicht wie er Franzen hatte wie dieser sagte verschweigen
können dass er mit dem Transportwagen fahre und als dieser sich verwirrte und
sein späteres Eintreffen keineswegs wie der Intendant mit irgend einem Übel
der Pferde entschuldigte musste denn vorläufig schon diese Wahrheit an den Tag
dass auch Ernst gestand die Excellenz keineswegs gleich beim Ausfahren auf dem
Bocke bemerkt zu haben Man wäre mit dem Transportwagen vorausgefahren in der
festen Meinung der Landau käme sogleich nach und als das eine Weile gedauert
hätte und man an eine Ecke und sonst sich schlängelnde Wege gekommen wäre und
sich dem Glauben hingegeben hätte der Landau würde schon nachkommen da
Da
Da
Um des Himmelswillen riefen die Frauen wo war denn da die Excellenz
Franz war nun ebenso neugierig wie die Damen und blickte Ernsten an
Als Ernst in äußerster Verlegenheit erst schwieg dann zur Erde blickte und
von der Ludmer ein wenig in handgreiflicher Sokratischer Methode an der Schulter
gerüttelt worden war sagte Franz endlich
Wir suchten Excellenz im ganzen Heidekrug und ich hätte schwören mögen er
wäre uns gemordet worden Sein Bett war nicht berührt Wie er am Abend ging und
stand so war er am Morgen verschwunden
Nun war es an Ernst zu reden
Über und über rot schwieg er aber noch immer
Pauline pflegte in jungen Jahren bei ähnlichen Fällen an ihren Leuten durch
eine kräftig eingesetzte mit Geschicklichkeit an die Wange applicirte Ohrfeige
deren Trieb nach Wahrheit zu unterstützen Schon fühlte Ernst etwas von den
Vorbereitungen eines Rückfalls in diese freundliche Ermunterungsmetode als er
lieber aus eigenem Anreiz der Wahrheit entgegen kam und seine Bereitwilligkeit
Geständnisse zu machen durch ein schadenfrohes boshaftes Lächeln nun schon im
Voraus ankündigte
Aha Er lacht Was ist sagte die Ludmer
Ernst wandte sich nun wie verschämt um und meinte ganz einfach
Es ist eine curiose Geschichte
Diese Einleitung genügte vollkommen spannte aber auch die Neugier der
Frauen aufs Höchste
Geheimrat waren wirklich mit uns gefahren auf dem Transportwagen sagte
Ernst schlau wir hatten ihn nur nicht gesehen
Nicht gesehen fragte die Ludmer und ihre Gebieterin ergänzte mit ganz
gewöhnlicher auf die Würde des Intendanten nicht Rücksicht nehmender
Phraseologie
Wo steckte er denn
Drin im Wagen sagte Ernst und platzte mit längstverhaltenem Lachen so
hervor dass die Toilette der Damen fast in Gefahr kam
In dem Transportwagen drin riefen die Frauen
Excellenz saßen im Transportwagen drin und hatten auch drin geschlafen fuhr
Ernst fort Ja ja aus Wachsamkeit ganz inwendig geschlafen Erst nachdem wir
eine Stunde gefahren waren hörten wir immer was so sonderbar rufen Es war als
spukt es oder als wären Ratzen in den Möbeln so sonderbar klopfte es Erst
wusste die Gendarmerie nicht wos herkam Hernach aber merkten wirs dass es
doch von inwendig kam und keine Ratzen waren Halt dachten wir da hat sich
Einer drin gefangen und schon beratschlagten wir was nun zu tun Das Klopfen
aber hörte nicht auf und statt jeder Antwort auf unser »Wer ist denn da drin«
bekamen wir wieder das Klopfen Da machten wir denn die Stange los und öffneten
behutsam wie wenn Einer Vögel lebendig gefangen hat und die Falle aufmacht Wer
kroch in Lebensgröße heraus Excellenz Von Fragens war natürlich keine Rede
denn Excellenz waren furchtbar ungnädig winkten mit der Hand und setzten sich
vorn auf den Bock wo sie sehr wenig gesprochen haben nichts aßen und nichts
tranken als eine Tasse Kamillentee in einem Dorfe und mir verboten haben
Verboten rief die Geheimrätin mit satirischer von der Vorstellung des aus
dem Kasten kriechenden Gatten zum Lachen höchstgeneigter Miene verboten von
dieser Aufopferung zu sprechen Das Abenteuer ist so amusant was ist da zu
verbieten
Sie betrachtete dabei mistrauisch mit den Augen zwinkernd die Ludmer
Die Ludmer aber die nie etwas ganz schwarz sehen konnte lachte über die
Massen Das Kinn wackelte ihr vor Entzücken über den eingeschlossenen Geheimrat
und weit entfernt dem Zusammenhang sotaner Misverständnisse nachzuspüren
hielt sie sich ganz einfach an das komische Factum wie der hagere steife
stolze Herr müsste ausgesehen haben als er aus seiner Falle herausgekrochen
gekommen wäre
Falle sagst du Charlotte wandte sich die Geheimrätin zu ihr Falle Wer
hat ihm denn eine Falle gestellt Wie ist denn der Geheimrat hineingekommen in
den Wagen von dem mir doch gesagt wurde dass er von Euch und zwei Bewaffneten
bewacht war
Jetzt blickten die Diener wieder scheu zur Erde und verrieten ohnehin
durch die Konfrontation verlegen was ihnen Ferneres vorgestern Abend begegnet
war
Dies kam denn darauf hinaus
Der Geheimrat hätte die übrige von Hohenberg nachkommende Gesellschaft wie
sie dachten des Prinzen wegen mit großer Spannung im Heidekruge erwartet wäre
aber den ganzen Abend über nur mit Madame Schlurck und Fräulein Tochter
zusammengewesen wäre dann zu ihnen in den Hof gekommen wo es vom Regen fast
nicht zum Aushalten gewesen und hätte ihnen gesagt
Kinder wir sind hier sicher ich will nicht dass ihr des Wagens wegen um
einen trocknen Platz kommt Da geht hinauf und trinkt auf des Königs Wohl Damit
hätte er ihnen einen Taler gegeben Sie wären hinaufgegangen in die Wirtsstube
und müssten sich freilich schämen zu gestehen dass sie auf des Königs Wohl über
Kräfte getrunken hätten woran die Gendarmen Schuld wären und wie gesagt des
Königs Wohl Nach einer halben Stunde wären dann Excellenz gekommen und hätten
den Schlüssel zu der Eisenstange am Wagen verlangt Er wollte etwas nachsehen
hätts geheißen Sie hätten ihn natürlich begleiten wollen allein Excellenz
hätten es nicht leiden mögen und so hätten sie für des Königs Wohl gesessen bis
in die Nacht hinein Nachher wär ihnen aber denn doch der Schlaf gekommen und
die Sorge für den Wagen Wie groß wär ihr Erstaunen gewesen als sie den Wagen
in der Dunkelheit offen die Stange aber mit dem Schlüssel an einem Ende
baumelnd gefunden hätten In Angst es möchte der Geheimrat aus Vergesslichkeit
hier Gelegenheit zu einem Diebstahl gegeben haben wären sie rasch bei der Hand
gewesen die Tür wieder zuzuschliessen Und da hätten sie denn ihren Herrn der
auf einem der Fauteuils wahrscheinlich entschlummert wäre wider Wissen und
Willen mit eingekerkert und einen so vornehmen Herrn gezwungen die ganze Nacht
in dieser höchst elenden und bejammernswürdigen Lage zuzubringen
Pauline hielt beide Hände über die Stirn und rief halb im Zorn halb doch
von der komischen Situation ihres Gatten amüsirt laut aus ob denn so etwas
möglich nur denkbar und wirklich glaublich wäre
Dann aber des sicher bei dieser Gelegenheit verloren gegangenen Bildes
gedenkend rief sie
Was hatte er aber so spät in der Nacht in dem Wagen zu schaffen Der
furchtsame Mann der nicht allein des Abends oben auf sein Zimmer gehen kann
Der Verschlafene der wie die Hühner nach Sonnenuntergang kein Auge mehr offen
behält
Ernst wie immer lebhaft und an diese vertrauliche Art über den
Intendanten zu sprechen im Hause längst gewöhnt lachte und platzte mit den
Worten heraus
Nun die Äugelchen hat wohl an dem Abend das Fräulein wach gehalten
Das Fräulein
Einem solchen Verrate der aus einer recht bösen Lust zu schaden
hervorging aus einer absichtlichen Reizung zum Unfrieden mussten denn freilich
jetzt die umständlichsten Geständnisse folgen
Welches Fräulein Demoiselle Melanie Melanie Schlurck Wie war Das Was sah
man Was hörte man
Wir lassen nun einen Vorhang fallen über die fernere Entwickelung dieser
häuslichen Angeberei die zu den allerdings wiederkehrenden täglichen
Erscheinungen großer Häuser gehört zugleich aber zu den widerlichsten Belegen
raffinirter Entsittlichung
Die Diener wurden mit dem Bemerken entlassen dass sie zwar für die
Vernachlässigung ihrer Pflichten auf dem Heidekrug Strafe verdient hätten
indessen wolle man in Anbetracht ihrer sonst aufrichtigen Geständnisse Gnade für
Recht ergehen lassen und nur diese Bedingung noch ihnen ernstlich einschärfen
dass sie die Mitwissenschaft der Frauen ihrem Herrn zu verschweigen und sich
überhaupt im ferneren Verlauf dieser Dinge zu erinnern hätten von wem ihr
längeres Verweilen in einem so guten Dienste mit dem gewöhnlich eine künftige
Staatsanstellung als Kastellan eines königlichen Schlosses verbunden war
abhinge ob von Excellenz dem Geheimrat oder Excellenz der Geheimrätin
Die Diener gingen leise und erleichtert
Pauline winkte der Ludmer und schlüpfte über einen kleinen Verbindungsgang
aus dem Gartensalon in ihre Zimmer
Diese lagen je nach ihrer Stimmung nach vorn oder hinten
In dem Zimmer nach vorn empfing sie nähere Bekannte in dem das nach hinten
lag dachte und grübelte sie beide waren durch ihr Schlafzimmer einen nach
beiden Seiten hin offenen Alkoven getrennt
Das vordere Boudoir war ungemein geschmackvoll und auch ganz so
eingerichtet als wenn sie immer in ihm verweilte Ein Schreibtisch von
Jacarandenholz sehr zierlich gearbeitet und mit den reichsten Schnitzereien
eingefasst trug alle jene kleinen Gerätschaften Briefbeschwerer Siegel
Statuetten Visitenkartenhalter wie man sie bei einer so gewählten Einrichtung
anzutreffen pflegt Alles lag hier zierlich und wohlgeordnet nebeneinander Das
Zimmer war hellblau Die Sessel alle mit gelbem Plüsch überzogen Auch die
Vorhänge fielen gelb von den im Sommer sonnengeplagten Fenstern herab Hier sah
man eine Bibliothek mit kostbaren Einbänden eine Etagère mit den »Souvenirs«
und Geschenken einer ziemlich langen Lebensperiode dazwischen Blumen jedoch
nur geruchlose des Schlafzimmers wegen das durch einen schweren auch
gelbseidnen Vorhang von diesem Zimmer getrennt war
Das Schlafzimmer hatte kein eigenes Fenster und wurde nur durch die Fenster
der beiden Zimmer die es verbanden gelüftet Das Bett war einfach und verriet
in seiner geringen Aufladung einen abgehärteten fast männlichen Sinn Das war
kein Bett zum süßen Träumen sondern zum wirklichen Ausruhen von ernstem Wachen
Ebenso war das zweite vertrautere Boudoir das nach hinten hinausging zu dem
Winkel den im Garten der vorgeschobene Anbau des Gartensalons und das
Frontgebäude bildeten sichtlich nicht zum bloßen Staate bestimmt Hier lebte
Pauline wie sie war Zur Rechten lag der Eingang in eine große Garderobe wo in
Schränken rings an allen Wänden ihre Kleider hingen In diesem zweiten Boudoir
war Alles grün Auch der Vorhang der nach dieser Seite das Schlafzimmer
trennte war grün von einfacher Seide Hier lagen Bücher und Schriften wild
durcheinander Papiere zerrissen im Papierkorbe Siegel und Siegelwachs in
reichster Anzahl und von wirklichem Gebrauche zeugend Im blauen Zimmer mit den
gelben Vorhängen sah man wohl auch Spuren von Tätigkeit auch einen Papierkorb
auch Siegelwachs und Petschafte aber Alles zierlich lieblich graziös wie für
den Gebrauch eines Elfen einer Sylphide bestimmt Im hellgrünen Zimmer mit den
dunkelgrünen Vorhängen und Möbeln dagegen traf man das wirkliche Leben ihrer
starkgeistigen Bewohnerin Da waren Schubfächer mit geheimen Druckern Schränke
festverschlossen und Polster die wirklich zerlegen und zersessen waren Hier
war Pauline wahr In dem Vorderboudoir gab sie einen gefälligen Schein Wohnlich
und traulich war es dort Man musste glauben in ihre geheimste innere
Werkstatt zu kommen wenn man durch eine lange Reihe Gemächer endlich durch den
allgemeinen Empfangsalon bis in jenes blaue Zimmer gelangte Da war Alles
fesselnd und sinnvoll gemütlich und beziehungsreich Man musste die sinnige
Frau den still waltenden Geist bewundern der hier wirkte und schaffte und sich
mit dem bescheidenen anspruchlosen Bett begnügte Aber Pauline wohnte nicht
hier Sie wohnte in dem Zimmer Grün in Grün mit düstren Vorhängen schattig und
dunkel und in hundert Spuren die Wildheit ihres Innern verratend Hätte sie
noch so lieben können wie sie einst liebte und Niemanden leidenschaftlicher
als jenen Heinrich Rodewald sie würde auch diesen Raum zu einem Tempel der
Liebe erweitert und verschönert haben Jetzt trug er keine Spuren mehr davon
Mit ihrer letzten längeren »Liaison« dem französischen Attaché Grafen dAzimont
hatte sie diesen sie ganz allein erfüllenden Anregungen ihres Innern Lebewohl
gesagt und sich überhaupt in Rücksicht auf die kleinen Zirkel einer
musterhaften Aufführung befleissigt Man muss gestehen dass sie Ursache hatte
endlich etwas zu finden was sie ganz erfüllte Sie hatte zu Vielem entsagt um
nicht Ansprüche auf die stärkste und umfassendste Befriedigung ihrer nach
Tätigkeit schmachtenden Seele zu haben Das Verhältnis zu dem Maler Heinrichson
war jetzt ein letzter sanfter Abendschimmer der Vergangenheit Dieser junge
schöne elegante Salonmaler besuchte sie täglich aber sie gefiel sich darin
vor der Welt die Miene anzunehmen als wenn er in ihr der bald Sechzigjährigen
nur eine Mutter besäße eine ältere ratende anregende Freundin Wie hätte
sie auch sonst von Heinrichsons kleinen Aventüren sprechen und oft zur
Trompetta zur Mäuseburg zur Werdeck zur Landskrona zur Spitz sagen können
Ach ich bin recht verstimmt Heinrichson hat so viel Unglück mit einer
kleinen Blondine oder einer Brünette die er liebt Ich habe das Mädchen
besucht ihr einen Shawl geschenkt oder einen Hut aber sie liebt ihn
nicht und macht mich unglücklich
Die Ludmer folgte Paulinen in das Zimmer Grün in Grün Aufmerksam hörte sie
ihrer Gebieterin und Freundin zu als diese auf eine Ottomane sich werfend
nunmehr ausrief
Welche Entdeckungen Welche Enthüllungen Henning im Möbelwagen Prinz Egon
auf Hohenberg Eine junge Kokette die so liebenswürdig und geistreich sein
soll dass der Geheimrat ganz aus der Façon gekommen sein muss und seine
Grandezza und seine pariser Perrücke einmal vergessen hat Ein Bild das über
dem Wirrwarr verloren geht vielleicht geraubt wird Wer bringt Licht in dies
Dunkel Wer entwirrt uns eine Intrigue die doch an den sichtbarsten Fäden uns
umsponnen hält Und bei dem Allen mag es sich entwirren wie es will wer bringt
uns das von Harder hier ausgestrichene Bild zurück das vielleicht grade die
Denkwürdigkeiten meiner Feindin die Rache einer Heuchlerin enthält Denn ich
besinne mich Die Fürstin starb mit dem letzten Ausruf
das Bild Und die Familienbilder sollte Prinz Egon behalten
Ach Man verlangt von Hardern sagte die Ludmer beruhigend einen genauen
und unverhohlenen Bericht
Was kann uns der helfen antwortete Pauline wenn er selbst wie es scheint
zu Denen gehört Die irgend eine schlaue Berechnung täuschte Hat er wohl ein
Wort von Prinz Egons Anwesenheit gesprochen Er wird uns vielleicht nicht
betrügen gehört aber wie wir Alle zu den Betrogenen Es ist gar zu
lächerlich in einem Möbelwagen verschlossen zu werden und statt im Bett auf
einem Fauteuil in einer ambulanten Remise einzuschlafen Und gib Acht Wir
werden forschen dürfen so viel wir wollen wir werden nichts von ihm erfahren
als dass er hätte »gewissenhaft« sein wollen
Es kommt auf eine Prüfung an sagte die Ludmer die sich mit Recht von der
Furcht Henning von Harders vor seiner Gattin viel versprechen durfte
Und Schlurck fuhr Pauline fort der sonst so aufmerksame Schlurck der mir
nie etwas verschwieg was sich auf Egon bezog er verschweigt mir diese Reise
nach Hohenberg Auch Zeisel hat mich vergessen weil ich es nicht möglich machen
konnte ihm eine seinem alten Range angemessene Versetzung zu verschaffen Er
soll die Arrestation des neugierigen sicher verkappten Handwerksburschen ganz
oberflächlich betrieben haben Kurz ich bin nicht mehr Die die ich war ich
existire nicht man ignorirt mich man durchkreuzt mir die besonnensten
Pläne man operirt dass sie scheitern müssen
Du unternimmst zuviel antwortete die Ludmer und war erfreut beim ruhiger
ausströmenden Schmerz der Gebieterin mit Anstand wieder eine Prise nehmen zu
dürfen Du wagst dich an die schwierigsten Dinge ohne dafür eine Anerkennung zu
finden Ich wünschte wohl du hütetest dich vor Schlurck
Vor Schlurck Wie so
Seine Späße sind oft bitter Seine Mienen haben etwas Säuerliches als
wollte er sagen
Nun Was sagen
Die Ludmer stockte
Foltre mich nicht fiel die Geheimrätin ein Verdächtige mir nicht die
besten Freunde
Die dich benutzen und fallen lassen wenn sie dich auspressten
Schlurck mich benutzen fragte verdrießlich die Geheimrätin deren
Geschmack zugleich an dem Bilde von der ausgepressten Citrone kein Gefallen
fand
Schlurck ist mir verdächtig sagte die Ludmer Ein so boshafter kalter
Egoist
Ah Bah antwortete die Geheimrätin Das verstehst du nicht Das ist ein
Philosoph und nach dem Abenteuer seiner Tochter mit Harder zu schließen hat das
Mädchen Laune und Geist ich muss sie kennen lernen
Damit sie dich immermehr umstricken Immermehr misbrauchen
Misbrauchen Wozu fragte die Geheimrätin ungeduldig
Der Obercommissair hat mir Alles erklärt und auseinandergesetzt
Man muss gestehen sagte die Geheimrätin bitter deine Verwandtschaft wirkt
sehr ungleichartig auf dich Deiner Nichte weisest du die Tür und deinem
sogenannten Neveu der dich beerben wird der jetzt schon sogar deine
Verwandtschaft erbt ohne je etwas Anderes gewesen zu sein als ein gewandter
Intrigant und dein Liebhaber
Pauline Du bist gereizt sagte die Alte mit ärgerlichem Tone aber doch von
dem Worte Liebhaber angewandt auf ihre alten welken Züge ein wenig
geschmeichelt
Was sagte denn Pax fragte die Geheimrätin
Als Obercommissair der Polizei kann Pax klar sehen antwortete die Ludmer
Er warnt vor Schlurck Wenn Prinz Egon die Verwaltung seiner Güter übernimmt
verliert der Justizrat die Hälfte seiner Einkünfte Die andere Hälfte kommt von
der Administration der alten städtischen Häuser Mit der sieht es
gleichfalls nicht besser aus
Er wird sie behalten
Denkst du Jetzt wo das Ministerium Alles daran setzt diesen Prozess zu
gewinnen
Der Hof ist für die Ansprüche der Kommune
Dank deinem Einflusse Wie schlau weiß ihn dieser Schlurck nicht zu
benutzen Wie zerfloss er in Rührung als du ihm sagtest Die Königin misbilligt
die Handlungsweise des Ministeriums und bietet Alles auf der Kommune ihre alten
Schätze zu erhalten
Kind Er lachte darüber sagte die Geheimrätin Er lachte über die
Geistesrichtung des Hofes dass dieser sogar gegen seinen eignen Vorteil
gestimmt ist wenn es sich um eine mittelalterliche Träumerei handelt Du
sprichst von meinem Einflusse Soll Das Spott sein Anna Anna Meine Schwester
Das ist die Quelle zu der Schlurck Zugang finden müsste Anna wird entscheiden
können
Warum Anna
Durch unsern Schwiegervater Das Obertribunal wird in letzter Instanz Recht
geben und behalten Wer weiß ob das dringende Verlangen des Hofes Annens
Bekanntschaft zu machen nicht mit jenem Prozess zusammenhängt
Nimmermehr sagte die Ludmer die sich auf die Länge immer mehr als eine
kluge praktische Frau zu erkennen gab nimmermehr Herz Solche Einwirkungen
können wohl den Untergeordneten einfallen aber die Oberhofmeisterin die
Altenwyl denkt an solche Pläne nicht Man schätzt Anna weil sie für
anspruchslos gilt und sich ganz und ausschließlich der Pflege eines ehrwürdigen
Alten widmet Auch treibt sie alte Musik Das ist allein schon hinreichend ihr
ein Lüstre zu geben wie mans nun oben einmal liebt Rechnet man noch die
Neugier hinzu eine Frau kennen zu lernen die von dir so verschieden sein soll
so ist Alles beisammen was dort für sie spricht An den Prozess denkt Niemand
Pax meint Das auch
Ich will es glauben sagte Pauline was Annas Beziehung zum Papa anlangt
Allein der Gegenstand um den mich Schlurck neuerdings besucht ist dem Hofe
wirklich sehr wichtig Er wird viel besprochen und auf die Lösung ist man
allgemein gespannt Und so wunderlich ist dabei die Stellung der kleinen Zirkel
zum Ministerium dass beide ganz verschiedene Zwecke verfolgen Die Ministerien
wollen die alte Erbschaft für den Staat und die kleinen Zirkel sind dafür dass
sie der Stadt verbleibt Das wissen sehr Wenige und Keiner wird es begreifen
der sich nicht in die Natur dieser träumerischen Menschen oben hineingefühlt
hat Und sind wir doch selbst an der Entscheidung beteiligt Unser altes
Familienhaus in der Stadt ist ein Johanniterlehn Jahrhunderte lang zahlten die
Marschalks eine sehr geringe Abgabe an die Stadt der die Rechte und Besitzungen
übertragen wurden als die alten Ritterorden protestantisch wurden und ihre
großen Güter auseinanderfielen an den Ersten Besten der in Zeiten allgemeiner
Verwirrung von ihnen Vorteil zog und Besitz zu ergreifen verstand Wenn wir nun
vom Staate abhängig werden würde der Zins ohne Zweifel erhöht So geringfügig
dieser Grund sein mag der auch uns sollte wünschen lassen die Sache bliebe
beim Alten so habe ich doch dadurch ein geeignetes Mittel den intimsten
Wünschen der eigentlich einflussreichen und das Ganze regierenden Partei
entgegenzukommen und es ist wiederum eine unbegreifliche Vernachlässigung
Schlurcks dass er mir so lange auch nicht über den Gang dieser Angelegenheit
berichtet hat
Lange wogte so das Chaos von vielen ungewissen und quälenden Stimmungen und
Betrachtungen in der ehrgeizigen tatendürstenden Frau auf und ab Was war da
nicht Alles das schattenhaft vor ihr auf und niedergaukelte Liebe Hass
Streit Friede Staat Familie die Welt ihr Haus ihr Herz Alles war in
Aufregung und keine Idee war da die ihr als Stütze und Anlehnung in dieser
Verwirrung hätte dienen können
Sie warf einen Rückblick auf die Vergangenheit
Ach sagte sie wo sind die Männer die uns einst zur Seite standen
Lass Das rief Charlotte Ludmer Sieh da geht der Kommissionair des Hotel
garni am Paradeplatz er kommt zu uns
Ich will nichts wissen von der Gegenwart sagte Pauline O diese
Vergangenheit Diese kraftvollen Arme die uns einst emporhielten über diese
schaale Welt
Ein Bedienter geht über den Hof und bringt eine Karte sagte die Ludmer die
von dem grünen Zimmer zuweilen in das gelbe schritt
Erst dieser Ried mein erster Mann Ich war jung kindisch Ich nahm einen
reichen Finanzier Er war alt dick unausstehlich aber in seiner Weise
anerkennenswert unternehmend speculativ Dann Anton auch Eduard aber
Heinrich Rodewald Welch ein Heros Welcher Titan an Größe des Geistes Mit
seiner Untreue brach meine Kraft
Du wirst in den Blättern deines Lebens nachschlagen sagte die Ludmer
spottend bis du auf Zeck kommst
Charlotte
Denselben Zeck den Schlurck schon einige Male in deiner Gegenwart so
zweideutig genannt hat
Schlurck Es ist wahr
Wenn Schlurck die Denkwürdigkeiten der Fürstin Amanda längst besäße
Charlotte
Eben wollte die Ludmer sagen Warum vermeidet dich seit einiger Zeit der
Justizrat als der Bediente Ernst eintrat und zwei eben abgegebene Gegenstände
brachte eine Karte und einen Brief
Auf der Karte stand Justizrat Schlurck wird sich die Ehre geben binnen
einer Viertelstunde wenn erlaubt aufzuwarten
Triumphirend blickte die Geheimrätin die viel Neigung für Schlurcks
philosophische Weltanschauung hatte auf die »auch gar zu kluge« wie sie sie
öfters nannte geheime Vertraute
Und als sie vollends den vom Kommissionair gebrachten Brief entgegengenommen
und die Aufschrift gelesen hatte geriet sie in ein höchst angenehmes
Erstaunen
Von der dAzimont rief sie Ist es möglich Aus Paris
dAzimont Kommt der Graf zurück fragte die Ludmer gedehnt und gedachte
dabei im Nu der Möglichkeit neuer Störungen des sittlichen Verhaltens das
Pauline dem Hofe gegenüber behaupten wollte
Pauline durchflog das Billet in gespanntester Aufmerksamkeit und ließ
während des Lesens die Worte hinfallen
Nein der Graf nicht von ihr Was krank Wer Prinz Egon ist krank
Der Arme sie hat sich brouillirt mit dem Grafen Nein mit Egon auch O
Sieh Sieh Sie ist rasend sie verzweifelt sie wird abreisen sie kommt
von Paris Nein was les ich denn Sie ist schon da Himmel der Brief ist ja
von hier
Die dAzimont ist hier fragte die Ludmer
Die dAzimont Helene dAzimont Egons Geliebte Hier
Sie war dir immer zugetan aber
Indem fuhr ein Wagen vor Ohne Zweifel schon der angekündigte Besuch des
Justizrates
Unterhalte dich eine Weile mit Schlurck sagte Pauline rasch legte das
empfangene Billet zurecht und setzte sich zu einer Antwort hin Schlurck soll
nicht gehen hörst du Der Bediente der dAzimont soll warten Ernst soll sich
erkundigen ob Prinz Egon wirklich wieder sichtbar wirklich krank ist und seit
wie lange Ich vermute er verleugnet sich nur der Armen wegen mit der er
brechen will der alberne Sohn einer albernen Mutter Franz soll aufs Hofamt
sagen dass ich den Geheimrat um drei Uhr zu sprechen wünsche wir essen um
vier Um acht heute Gesellschaft Wenn Schlurck fort ist mach ich
Toilette
Die Ludmer ging gehorsam nach vorn ins Empfangzimmer und brummte lachend
vor sich etwas hin als wollte sie sagen
Nun ist ja Alles wieder im besten Zug
Und in der Tat schien es wirklich zu gehen Da war ja mit einem Male Alles
wieder wie es sein sollte Menschen Briefe Neuigkeiten Situationen Alles
was Pauline haben musste um leben zu können
Mit rascher Hand warf sie auf ein zierliches Blatt die Worte
»Tausendmal gegrüßt liebenswürdige Freundin Engel wie schön dass Sie da
sind Zittern Sie doch nicht um Ergon Wenn er seiner Mutter gleicht ist er
sanft und wenn er dem Vater gleicht nur leichtsinnig Kommen Sie an mein Herz
Haben Sie Tränen zu weinen in meiner Brust ist eine Stelle wo Tränen nicht
entweiht werden Kommen Sie Kommen Sie Um Eins Toute à Vous Um Eins oder um
Sechs wie Helene will Ach Helene wie lieb ich Sie Nein dass Sie da sind Wie
überraschend Wie Helenisch Willkommen Willkommen«
Rasch gesiegelt geklingelt abgegeben Den Kopf geordnet das Bandeau über
das Haar gezogen die langen spitzenbesetzten Zipfel noch einmal zu einer
schönen Schleife geknüpft die Falten der Morgenrobe geglättet ein Batisttuch
in die Hand genommen noch ein Blick in den Spiegel und dann nach vorn
geschwebt durch das Schlafkabinet aus dem Zimmer Grün in Grün in das Zimmer
Gelb in Blau Die Tür geöffnet alle unmutigen Mienen verschmolzen in
holdseligstes Lächeln
Schlurck trat ein
Zweites Kapitel
Was ist Romantik
Die Ludmer hatte sich entfernt um noch einmal den Versuch zu machen ob sich
nicht unter den Gerätschaften die von Hohenberg gekommen waren doch noch das
fehlende Bild fände
Sie hatte bei ihrer Gebieterin zu oft erlebt dass diese im stürmischen Eifer
ihres Temperamentes etwas zu vermissen glaubte was sich später doch so vorfand
ganz wie es sein sollte
Wir überlassen sie ihrer im heutigen Falle fruchtlosen Arbeit
Die Geheimrätin und Schlurck saßen sich indessen schon auf bequemen
Polstern gegenüber
Der Schimmer der gelben Decorirung tat seine Wirkung Pauline erschien
frischer als sie heute schon hätte in Folge der gewaltigen Aufregung aussehen
können
Wenn man glauben wollte diese beiden Naturen die von Ehrgeiz zernagte
Pauline und der ruhige Epikuräer hätten füreinander so gepasst wie Pauline
glaubte würde man irren Sie verstanden sich gegenseitig aber sie gaben keinen
gleichen Accord Sie schätzten sich ohne sich zu lieben Schlurck war dies
Feuer denn doch zu zehrend Paulinen sein Phlegma denn doch zu lähmend Sie
hätte immer stürmen drängen wirken mögen er lächelte nur und glossirte Er
arbeitete nur um die Mittel zum Genuss zu haben den sie verschmähte deshalb
vielleicht verschmähte weil sie ihn besaß ohne ihn erwerben zu müssen
Schlurck führte auch ihre sehr günstigen alten Riedschen Finanzen die von
denen des minder begüterten Gemahls gesondert verwaltet wurden
Des Jahres zwei oder dreimal gab er ihr eine Übersicht ihrer Einnahmen und
gern hörte sie ihm zu auch wenn er dann gelegentlich von andern Dingen sprach
Heute nun erklärte Pauline sogleich über Vieles mit ihm Rücksprache nehmen
zu müssen und Schlurck lächelnd seine Brille abnehmend und die Gläser mit dem
einen seiner gelben Glacéehandschuhe den er auszog putzend antwortete
Ich habe zwar nicht viel Zeit indessen fangen Sie an Sie verstehen zu
fesseln
Wollen Sie heute mit mir rechnen fragte Pauline um Zeit zu gewinnen alle
ihre Fragen sich erst vorsichtig zurecht zu legen
Nein meine Gnädige erwiderte Schlurck ich komme nur um mein Bedauern
auszusprechen dass es mir nicht gelingen wird die mir vom Reubunde zugedachte
Rolle zu spielen Wollen Sie mich an ein anderes Wahlgebiet verweisen in der
Vorversammlung zu Helldorf ist meine Bewerbung durchgefallen Mein eigener
Lobredner Justus der Dorftartüffe der große Mirabeau der gemässigten Dummheit
wird die meisten Stimmen davontragen
Wahlen sind immer interessant wie auch für Die die nicht in der Lotterie
spielen die Nachricht von großen da oder dorthin gefallenen Gewinnen
unterhaltend bleibt
Pauline sprach ihr Bedauern aus und verhieß anderweitig sorgen zu wollen
Nein sagte Schlurck ich bitte Lassen Sie mich lieber ganz davon gnädige
Frau Ich passe in diesen Wirrwarr nicht Meine Geschäfte wachsen mir über den
Kopf ich müsste sie so vernachlässigen dass ich in meiner Praxis zurückkäme Was
hilfe mir ein Portefeuille das ich vier Wochen lang verwaltete Ehe ich mich
noch in der Ministerstrasse eingerichtet hätte müsst ich schon wieder ausziehen
und einen Ärger hätt ich vielleicht davon so empfindlich dass ich meine
Verdauung schwächte Ich werde recht difficil mit meinem Magen
Aber wenn Sie sich nun behaupteten Justizrat Wenn Sie eine Partei
bildeten
Behaupten kann ich mich schon deshalb nicht weil ich zu leise spreche und
von Parteibildung ist noch weniger die Rede da ich zu sehr Advokat bin um
nicht jede Ansicht die uns Vorteil bringt vernünftig zu finden Was soll ich
für eine Partei bilden Die der äußersten Austernesser wäre mir die liebste und
auch bei denen gibt es nicht immer einerlei Meinung Die Einen ziehen die
Austern mit Porter die Andern mit Rheinwein vor und schon über die obligate
Anwendung der Citrone hab ich mich mit mehren meiner Kollegen zuweilen
überworfen Nein nein keine Politik mehr Ich habe Fälle erlebt dass einige
meiner Austernfreunde die sich wählen ließ plötzlich Gesinnung bekamen
Denken Sie sich friedliche ruhige Menschen die nichts in der Welt mehr
kümmert als dass der Kanzleidiener richtig jedes Quartal ihre Gage bringt diese
kommen plötzlich in Unruhe weil zweifelhafte Fälle ihr Gewissen beängstigen
Sie erinnern sich dann dass sie einmal von einem gewissen Papinian auf der
Universität gehört hatten der lieber den Kopf verlieren als eine ungerechte
Sentenz fällen wollte und wirklich meine Freunde verloren den Kopf Das
Gewissen die aufgerüttelte alte akademische Erinnerung guillotinirte sie Sie
hörten von zwei Parteien saßen mitten drinnen zwischen Baum und Borke das
Beispiel steckt an die Wähler drohen auch was macht nun so ein unglücklicher
Appellationsgerichtsrat mit Weib Kindern und seinen alten Kollegienheften
Immer schwebt ihm der kopflose Papinian vor Augen und richtig er legt sich auch
auf den Block stimmt glorreich wie es die feierlichen Momente wo Jahrhunderte
auf dich herabsehen edler Staatsbürger mit sich bringen und ist für ewige
Zeiten geliefert Ich habe die harmlosesten Menschen aus dem Austernclub
verschwinden sehen denen jetzt kaum etwas Anderes übrig bleibt als sich einen
Hut mit roten Federn und eine Büchse zu kaufen um auf Leben und Tod unter die
Freischärler zu gehen
Pauline lachte und erwähnte einige Namen denen es freilich so ergangen war
andere die sich durch die schamloseste Reue im Reubunde wieder zu
rehabilitiren suchten
Nein fuhr der Justizrat fort keine Politik Ich habe wirklich zuviel in
meinem nächsten Beruf zu tun Das häuft sich unglaublich Prinz Egon ist nun
zurück und die große Hohenbergische Auseinandersetzung nimmt ihren Anfang Auch
dem Prozess den ich für die Kommune führe Sie sind selbst daran beteiligt
droht plötzlich eine ganz neue Wendung
Ja fragte Pauline wie steht es damit Siegt das Kreuz mit den drei oder
mit den vier Blättern Bei Hofe wird viel davon gesprochen
Ich wünschte sagte der Justizrat und rückte dabei die Brille auf dem
Augenknochen zurecht ich wünschte wir wären mit dieser Sache über allen und
jeden Klee hinweg den drei und den vierblättrigen den Luzerner Jesuitenklee
den ich dabei wittre gar nicht zu rechnen Es ist gar nicht unwahrscheinlich
dass sich zu den beiden streitenden Parteien auch noch eine dritte gesellt
Eine dritte Wie wäre Das fragte Pauline gespannt O reden Sie
Lassen Sie mich noch davon schweigen meine Gnädigste erwiderte Schlurck
nur soviel ahn ich dass die Verwickelung den höchsten Grad erreichen kann so
sehr dass ich zwischen zwei Feuer gerate und diesen ganzen Gegenstand in andere
Hände geben muss
Sie spannen meine Neugier sagte Pauline
Als Schlurck aber schwieg fuhr sie fort
Sie wissen doch dass der Hof an diesem Prozess Interesse nimmt So geben Sie
mir auch Materialien auf den alten Grafen Franken oder meinen Mann oder sonst
einen Kanal dort wirken zu können
Es ist merkwürdig antwortete Schlurck dass die Minister für eine
Entscheidung kämpfen die den kleinen Cirkeln gar nicht lieb wäre
Verstehen Sie diesen Widerspruch
Ich glaub ihn zu verstehen sagte der Justizrat und schüttelte den Kopf
So klären Sie mich darüber auf
Meine Gnädige sagte Schlurck wir leben im Zeitalter der Konfusionen Was
der Körper begehrt darüber scheint unser Jahrhundert einig zu sein Dass der
Magen in den materiellen Fragen die Hauptrolle spielt haben die Proletarier
sowohl wie die äußersten Austernesser hinlänglich entschieden und man kann von
diesem Standpunkte dem Kampfe ruhig zusehen Es ist ein Kampf der
Verdauungsorgane Siegen Die die nur Brot haben wollen dh Brot im weitesten
Sinne als da sind Trüffeln Austern und Seefische denn Das ist der ganze
Sehnsuchtsjammer auch Derer die nur Brot Brot schreien so werden sich ihrer
so viele wieder den Magen verderben dass Brot einfaches Brot eine Delicatesse
wird und wir da ankommen wo wir ausgegangen
Das ist die materielle Frage sagte Pauline aber auf die Materie folgt
Das Herz sagte Schlurck galant und doch ausweichend Was das Herz anlangt
meine Gnädigste so ist das Ihr Kapitel Die Verfasserin der Amaranta wissen
Sie dass ich altbackner Mensch aus dem empfindsamen Zeitalter von Hölty und
Mattison dies Meisterwerk immer noch nicht gelesen habe
Sehr Unrecht von Ihnen Justizrat
Aber Nadasdi hab ich gelesen schaltete Schlurck pfiffig ein und runzelte
damit Paulinen die Stirn
Alte Sünden sagte sie längst vergeben
Nein meine Beste bemerkte Schlurck Nadasdi las ich weil ihn Alle
verurteilten Amaranta nicht denn die priesen Alle Der gute Advokat nimmt
sich immer des Bedrängten an so zogs mich zu dem schönen Ungar der mich ganz
gut unterhalten hat Und wissen Sie warum Weil ich darin eine Frau fand die
sich in nichts als Frau verleugnen konnte und ganz meisterhaft nach der Natur
copirt war nämlich die Verfasserin selbst
Pauline wollte entgegnen und abbrechen
Erlauben Sie sagte Schlurck Ich habe eine große Bibliothek und gelte für
einen Literaturfreund Allein ich sammle und steigere meist auf die Werke die
die berühmten Autoren gern von sich verstecken möchten Die allgefeierten
Schriften belehren mich lange nicht so wie die mislungenen Und ohne nun sagen
zu wollen Nadasdi wäre mislungen
Sie haben keine Zeit sagten Sie und spotten so behaglich bemerkte Pauline
und drohte mit dem Finger
Ohne sagen zu wollen wiederholte Schlurck sehr nachdrücklich Nadasdi wäre
mislungen so fehlt ihm gerade deshalb die künstlerische Abrundung weil Sie
zuviel von sich selbst gegeben haben In der Amaranta hör ich dass Sie
schlimme Frau Andere geschildert haben Andere kenn ich genug die Familie
der Andern ach die ist so groß Aber Sie Sie in Ihrer Unruhe Ihrer
Sehnsucht Ihrem Bedürfnis nach Anlehnung Sie hab ich in Nadasdi gefunden Ich
sah eine Frau von der ich wusste warum sie liebt Sie lieben deshalb weil
Ihnen die männliche Ergänzung Bedürfnis ist und wer mir gesagt hat Sie wären
von einem männlichen Geiste dem hab ich geantwortet
Nein diese Frau ist ganz Weib und wenn mans nicht glauben will so lese
man den Nadasdi
Schlimmes Kompliment antwortete Pauline überrascht von Schlurcks
Artigkeit hinter der ihr etwas verborgen schien Sie wollen doch wohl nur
andeuten dass wir nichts ohne die Männer vermögen und dass wir wenn wir einmal
selbst etwas schaffen wollen höchstens einen misratenen Roman zu Stande
bringen
Vergebung sagte der Justizrat halb und halb beistimmend und das Bittere
seiner Äußerung durch einen Handkuss überzuckernd ich wollte nur sagen warum
ich die berühmten Schriftsteller gern aus den Werken studire die sie nicht
gesammelt haben Ich komme darauf zurück dass über die Stellung die das Herz zu
unserm Jahrhundert einnimmt doch wohl die Damen entscheiden mögen
Nun aber der Geist sagte Pauline Sie vergessen die Erklärung des
Widerspruchs in dem die kleinen Zirkel über jene Angelegenheiten befangen sind
Beste gnädigste Freundin sagte Schlurck der Geist ist ein Chamäleon oder
einer jener delicaten Fische des Altertums der sich in italienischen Seen
finden soll und über dessen Geschmack ich nichts sagen kann ebensowenig wie
über seine zweckmässigste Zubereitung Dieser Fisch aber soviel weiß ich meine
Beste hatte die curiose Eigenschaft dass er gekniffen und gemartert in
hundert Farben spielte Über den Magen über das Herz ist man einig man weiß
dass speisen und lieben oder um mich anständiger auszudrücken geliebt werden in
dieser Beziehung die befriedigendsten Seligkeiten gewähren aber der Geist
dessen Nahrung dessen Befriedigung darüber rennen sich die Behälter des
Geistes die Köpfe blutig aneinander Was im Mittelalter Geist war nun wohl
das wusste man damals es war Religion und Scholastik Was in der Reformation
Geist war das wusste man auch es war Bibelerklärung und hebräisches
Wortgeklaube Was im vorigen Jahrhundert Geist war das kannte man unter dem
Namen Esprit Voltaire Hume Aber was jetzt Geist ist gnädige Frau was jetzt
dem Einen tief dem Andern oberflächlich erscheinen soll darüber herrscht mehr
Anarchie als in der Gesetzgebung über die Einreden und Verjährungen Erstaunen
Sie nicht die kleinen Zirkel halten es geradezu für geistreicher der Kommune
den Sieg in dieser Frage zu gönnen als dem Fiscus
Für geistreicher wiederholte Pauline lachend Das zu fassen bin ich zu
geistesarm Romantischer sagen Sie
Meine Beste fuhr Schlurck fort der an Paulinen oft gemerkt hatte dass sie
sich belehren ließ sehen Sie das ist etwas was sich mehr fühlen als
beschreiben lässt Ich will Ihnen eine Analogie sagen Wenn ich Kaviar esse den
ich sehr liebe falls er im Ratskeller frisch und hübsch grosskörnig angekommen
ist wenn ich Kaviar esse und der grüne Römer mit Rüdesheimer gefüllt steht
vor mir und man fängt an zu streiten über Das was wahrer sei der Ausspruch
eines Weisen oder der eines Narren so gefällt mir der Narr besser Ich höre oft
feinstilige Autoren verurteilen weil sie bestechlich waren und mich prickelt
mein Kaviar und mein Rüdesheimer so dass ichs laut ausrufe Bestechlich hin
bestechlich her Schreibt erst so wie sie Tischt mir Eure Tugenden in einem
Stile auf der so glänzend ist wie seine Laster schrieben und dann möcht ich
manchmal in meine Bibliothek und solchen Schwätzern gleich die ganze Sammlung
von zwölf oder zwanzig prächtig eingebundenen Werken dieser angefeindeten
Lebemänner an den Kopf werfen Ich liebe nun den Witz die Bosheit und die
schlagenden Antitesen in der Schreibart Andere lieben das Bauschige das
Prächtige das Rauschende das Stoffene Andere wieder das Harmlose
Bescheidene Fromme Gänseblümige Veilchene Aber
Sie schildern ja unsere kritische Anarchie Justizrat unterbrach Pauline
Ich schildere unsere ganze Geistesverwirrung Sie findet sich überall auf
allen Gebieten Das Wunderliche erscheint den Leuten wunderbar Das Seltsame ist
ihnen die Regel Das Aparte sogar soll ihnen das Allgemeine sein Gesinnung Ich
höre nicht gern davon weil nachgrade das Verlangen danach unbequem wird Aber
diese geistreichen Empfindler nennen die Gesinnung unschön Warum Sie erhitzt
Sie spricht viel Sie zwingt zur Kameraderie Sie läuft Sie rennt Sie träumt
wenn sie vom Zweikammersystem reden soll nicht über den Humboldtschen Kosmos
nicht über Goethes Morphologie der Pflanzen nicht über Dantes Paradies und
Hölle wie kann man so geistlos sein und von der Zeit von Tendenzen von der
Gesinnung reden Verstehen Sie
O ich merke etwas von den »kleinen Cirkeln« sagte Pauline lächelnd
Nun nehmen Sie einmal unsern Prozess fuhr der feine Ironiker fort Siehe Da
gab es eine Zeit die da geheißen ward die mittlere Und siehe Da gab es eine
Ritterschaft die da geheißen ward die geistliche Die Einen trugen einen
weißen Mantel mit rotem Kreuz und hießen Templer und die Andern trugen einen
schwarzen Mantel mit weißem Kreuz und hießen Johanniter Beide erwarben Schätze
beide legten Komtureien und sozusagen Relais für die Kreuzzüge an Stationen
wo nur Tapferkeit dummer Glaube alter Wein und baares Geld zu finden war Man
kaufte Güter baute Burgen baute Häuser in den Städten und wusste mit dem
Schwerte Das gewaltsam einzutreiben was nicht mit dem Klingelbeutel von selber
kam Diese Ritter waren halb Soldaten halb Mönche Sie können sich denken
welches übermütige Volk Die Fürsten ertrugens auch nicht gar lange und
verbrannten und verbannten die Templer die schon die üppigsten von Allen waren
wie Sie in der Oper sehen können wenn sie einmal der Templer und die Jüdin
wieder gegeben wird Die Johanniter duckten sich und hielten sich länger Das
schadet aber Alles nichts In den Gemütern die wie schon gesagt das
Bauschige Prächtige Rauschende Stoffene lieben bleiben diese Gestalten der
Vorzeit ehrwürdig Und nun kommt die Reformation dieses in gewissen Kreisen so
wenig geachtete Lichtexperiment das wie unsere neue Gasbeleuchtung dem Einen
nicht hell genug dem Andern viel zu hell erscheint fürs Sehen und Gesehen
werden in Diebsprocessen kommen darüber Beschwerden vor und die reichen
Güter dieser Orden fallen da und dorthin wer sie gerade in der großen Flut der
Religionskriege und Säcularisationen auffischt Hier unsere Stadt fischte sich
siebzehn Häuser darunter das spätere Wohnhaus der Marschalks das Sie näher
angeht die Grundgerechtigkeit von Tempelheide und eine Menge anderer
Grundrechte die alle einst dem Johanniterhof von Angerode gehört hatten Und
Das ging so vom Jahre 1550 bis in Zwischenräumen von immer funfzig sechzig
Jahren wo der erstarkenden Souverainetät unserer alten allmälig avancirenden
Markgrafen einfiel dass herrenloses Gut doch wohl eigentlich den Landesherren und
nicht den Stadtgemeinden gehöre Jetzt wo man Geld braucht und unsere Kommunen
die sich gern wie man zu sagen pflegt volkstümlich gebehrden empfinden
lassen möchte dass sie kein Staat im Staate sind jetzt hat unser wühlerischer
Finanzminister auch diesen alten Posten wieder aufgewühlt und verlangt eine
Wiederaufnahme dieses alten Handels und zwar mit einer solchen Energie wie der
preußische Friedrich den alten schlesischen Prozess dadurch revidirte dass er
Schlesien ohne Weiteres gleich in die Tasche steckte
Ist denn der Betrag erheblich fragte Pauline
Doch sagte Schlurck Es beläuft sich der jährliche Ertrag dieser alten
Gefälle an die Stadtkämmerei auf achtzigtausend Taler woraus sich ein Kapital
von zwei Millionen ergeben würde
Und dies sollten die kleinen Zirkel dem Staate nicht gönnen erwiderte
Pauline erstaunt
Gönnen wiederholte Schlurck Das wohl Aber nun denken Sie sich über den
siebzehn Häusern von denen nur zwei in der Brandgasse noch die alten in ganz
alter Form sind tront als Wahrzeichen das Kreuz das Kreuz mit seinen
ritterlichen Erinnerungen in Tempelheide hat die alte Kirche das Kreuz
Tempelheide Heidentempel Christentempel Tempelchristen und die
alte Stadt die ist doch so etwas Ehrwürdiges mit ihren drei Schlüsseln im
Wappen und die besten Prediger die sind auf diese Gelder angewiesen und es
läutet so schön mit den Glocken wo diese Prediger wohnen und sie ihre Kirchen
haben und die Geschichte und die Sage die webt über das Ganze so einen
undurchsichtigen feierlichen Mattisonschen Nebelschleier der sich in der
stillen Abenddämmerung der Archive an der kundigen Hand des Generals Voland von
der Hahnenfeder der uns durch die Burgverliesse der Jahrhunderte führt so
silbergrau so patriarchalisch so mystisch ausnimmt
Pauline unterbrach den Justizrat mit lautem Lachen Hören Sie auf rief
sie Sie sind prächtig Justizrat Ja ja Sie haben Recht So ists So ists
Von solchen Empfindungen werden wir jetzt regiert Himmel Von solchen Motiven
werden die wichtigsten politischen Schritte geleitet Aus dieser Dämmerung webt
sich Voland von der Hahnenfeder seine schwache haltlose Spinnenwebenpolitik
Darum kein energischer Aufschwung Darum keine Tat Kein Handschuh kühn der
Zeit hingeworfen Darum die Unterordnung unter Rom unter andere alte
Fürstengeschlechter nur weil sie fabelhafte Wappentiere haben und die
Tradition der älteren Vergangenheit O Das ist die romantische Dämmerung in der
die Nachteulen fliegen müssen die das Schloss besuchen dürfen
Nicht wahr sagte Schlurck mit satirischem Lächeln Was lässt sich dagegen
sagen Solche Anschauungen kommen aus Dem was die Herrschaften ihren Geist
nennen wie wir wieder die Anschauungen Voltaires unsern Geist nennen Aber
wissen Sie welch ein Sonnenstrahl jetzt wie das Schwert des Erzengels Michael
dies ganze Helldunkel durchschneiden kann Will man denn doch die Verjährung
nicht gestatten will man sich immer darauf berufen dass alle funfzig Jahre vom
alten Zeitgeist gegen den neuen protestirt wurde so ist es leicht möglich dass
sich ein dritter Bewerber einfindet der in dem Augenblicke wo der Staat zwei
Millionen Kapital in sein großes Buch einzutragen die Feder ansetzt dazwischen
tritt und sagt
Halt da Halbpart Dies ganze alte Wesen ist mein Eigentum und Ihr könnt
zufrieden sein wenn ich mich mit der Hälfte noch gar begnüge
Das ist eine Allegorie rief Pauline Wie wäre diese Einrede möglich
Keine Allegorie sagte Schlurck zog seine goldne Dose und nahm eine Prise
ich habe fast Ursache zu vermuten dass dieser Rival der sich so zu sagen
zwischen Fürst und Volk alte und neue Zeit drängt der Prinz Egon ist
Wie rief Pauline und erhob sich Prinz Egon Wie kämen die Hohenbergs zu
solchen Ansprüchen
Das ist es eben sagte Schlurck was ich erfahren von Ihnen erfahren
möchte gnädige Frau Sie sind Ihre Amaranta beweist es mit der Geschichte
der Hohenbergs sehr vertraut Sie waren einst die Freundin der Fürstin Amanda
Ist von Seiten der Grafen von Bury ein Zusammenhang mit dem alten Tempelhause
von Angerode und einem alten Johanniter Hugo von Wildungen denkbar Was die
Hohenbergs selbst anlangt so kenn ich deren Geschichte genau und kann
versichern dass ich von dieser Seite nicht begreifen könnte wie sich Prinz Egon
an diesem Processe beteiligen sollte
Prinz Egon Haben Sie denn dafür Beweise fragte Pauline
Beweise wiederholte Schlurck Ich habe vorläufig nur einen Verdacht und ein
eigentümliches Korpus delicti das sich an meine letzte Anwesenheit in
Hohenberg knüpft Ist Ihr Herr Gemahl zurück
Seit gestern Aber reden Sie doch Erzählen Sie doch Sie finden mich ja im
lebendigsten Anteil Schlurck
Der Justizrat zog seine Uhr und hielt sie ans Ohr
Wir haben etwas lange philosophirt sagte er
Ich bitte Bitte Weg mit der Uhr
Es ist schon spät Ich habe
Sie haben nichts als mein Freund mein liebenswürdiger Freund zu sein
Ah gnädige Frau
Küssen Sie mir ein andermal die Hand
Nun wohlan denn so wollen wir uns beeilen auf das Gebiet der Tatsachen zu
kommen
Die Geheimrätin hörte mit lautloser Spannung
Drittes Kapitel
Ein Bündnis
Ein junger Mann begann Schlurck der sich Wildungen nannte erschien vor
einigen Tagen am Fuße des Schlosses in Hohenberg um dort einen Gegenstand zu
reclamiren der nichts mehr und nichts weniger als ein Schrein eine einfache
Kiste ist Er gibt vor dass ein Fuhrmann dem er diesen Schrein anvertraute ihn
verlor Und in der Tat bin ich es selbst der durch Zufall diesen Schrein
gefunden hat Ich ließ ihn um des Eigentümers sicher zu werden angezogen von
einem merkwürdigen Zeichen auf seinem Deckel öffnen Er enthält die
beglaubigten Ansprüche der Nachkommen einer Familie Wildungen auf gewisse ihn
vom Johanniterorden vor Auflösung des alten Tempelhauses in Angerode zuerkannte
Güter Diese Güter sind alle die städtischen Besitzungen die sich jetzt in den
Händen unsrer Kommune befinden Ein alter Komtur Hugo von Wildungen trat sie
nicht an weil er katholisch blieb und die Plünderung der Verlassenschaft des
protestantisch gewordenen Ordens verabscheuen musste Später erteilte ihm der
römische Stuhl einen Dispens Aus politischen Gründen um katholische Interessen
mitten in protestantischen Landen gefördert zu sehen durfte er nun den Besitz
antreten Er starb Die Documente wurden nach Angerode geschickt Während die
Stadt die Verwaltung der demnach der Familie Wildungen gehörenden Besitzungen
für sich antrat gingen die Documente im alten Tempelhause zu Angerode verloren
Sie sind jetzt gefunden worden Wo Wie Von Wem weiß ich nicht Ich weiß nur
dass Jemand irgendwo im Mondenschein vom Anblick des vierblättrigen Kreuzes so
überrascht wurde dass er Genug die Documente über die Ansprüche der Familie
Wildungen sind da und wer sie besitzt wer sie mit Eifer in Plessen wo sie
verloren gingen suchte ist sonderbar Prinz Egon
Pauline hörte voll Aufmerksamkeit zu schüttelte den Kopf und meinte
Ich erfuhr schon dass Prinz Egon auf dem Heidekruge sich Wildungen nannte
Dort sah ich ihn ja selbst
Sie selbst Justizrat
Bei meiner neulichen Rückkehr von Hohenberg
Wildungen Wildungen sagte die Geheimrätin nachdenklich und in ihrem
Gedächtnisse forschend
Es gibt einen Maler dieses Namens fuhr Schlurck fort einen Maler der
einen Bruder hat Namens Dankmar Wildungen einen jungen Referendar Ich
schickte heute in aller Frühe als mir mein Bartusch diese Dinge erzählte in
die Wohnung dieser jungen Leute Man fand sie nicht
Ich schickte zu Prinz Egon Er ist abwesend gewesen gehütet gleichsam von
einem gewissen Louis Armand gestern Abends zurückgekommen elend krank und hat
sich sogleich abgeschlossen und zur Ruhe gelegt Man vermutet eine hartnäckige
Unpässlichkeit Meine Tochter darf kein Wort davon erfahren Dies wunderliche
Mädchen hat einen förmlichen Roman mit dem Prinzen falls er es war gespielt
ich glaube sogar sie hat eine Leidenschaft für den jungen Mann gefasst den ich
begierig bin kennen zu lernen Ist es der Prinz
Warum sollt er es nicht sein rief Pauline bitter Eine Million wird grade
hinreichen seine Verhältnisse wieder herzustellen
Sie überstürzen die Dinge gnädige Frau Wenn Sie nicht wissen dass die
Burys mit dem alten Geschlecht der Wildungen verwandt sind so kann von einem
solchen Gewinn nicht die Rede sein Wär es aber welche wunderliche Stellung
dann für mich der ich die Sache der Kommune verteidige und mich doch auch zu
sehen hm hm zu sehen freuen müsste dass die Schulden des alten Fürsten dann
plötzlich getilgt sind Ich will noch einmal in die Wohnung der Gebrüder
Wildungen und hören ob es wirklich ein echter oder erborgter Dankmar Wildungen
war der mit den Meinigen reiste Im letzteren Falle ist Prinz Egon Jemand
anderes gewesen
Aber wer fragte Pauline
Ein junger Handwerker sagte Schlurck ruhig der im Schloss Hohenberg ein
gewisses Bild stehlen wollte
Nein sagte Pauline lebhaft das ist nicht möglich
Warum nicht gnädige Frau
Dieser Verdächtige sitzt bis auf weitre Ordre wir haben schon mit dem
Obercommissär Pax Rücksprache genommen er sitzt im Plessener Turme
Und
Und Wenn der Prinz sich so compromittirte dass er sich eine in diesem Grade
schimpfliche Behandlung musste gefallen lassen so konnte er Ihre werte Familie
nicht begleiten konnte nicht die Liebe Ihrer schönen Tochter die ich nun
kennen lernen muss Justizrat gewinnen konnte auf dem Heidekruge nicht das
Bild doch genug Es kann kein Prinz Egon im Hohenbergschen Palais krank
liegen wenn der echte die Folgen eines gewagten Incognitos im Plessener Turme
büsst
Sehr scharfsinnig antwortete Schlurck zog aber einen Brief aus der
Brusttasche hervor und sagte
In dem Falle tut mir nur Eines leid
Sie stocken Was
Frau von Zeisel die mir ihr besonderes Vertrauen schenkt schreibt mir
soeben und im größten Zorn auf meine Familie Man hätte sie und ihren Gatten
mishandelt man hätte vor Fremden ihr einer NutzholzDünkerke ein Dementi
gegeben und was dergleichen Aufwallungen einer in einem kleinen Orte mit ihrem
Ehrgeize eingetrockneten aber sonst ganz charmanten Dame mehr sind Das
Wichtigste ist dass Herr von Zeisel wahrscheinlich von dem Zorn seiner in einer
Einladung oder Nichteinladung gekränkten Gattin ermutigt den Gefangenen aus
dem Turme längst entlassen hat
Pauline sprang auf
Ist Das möglich rief sie
Bei Patrimonialrichtern sagte Schlurck ist Alles möglich
Empörend Dieser Gefangene
Dieser Gefangene wäre ja durch nichts Erhebliches gravirt gewesen schreibt
die liebe etwas polternde aber wie gesagt charmante Frau Man hätte sich in
Plessen nie lange mit fremdem Gesindel aufgehalten und wie sie denn dergleichen
sicherheitspolizeiliche ganz stichhaltige Gründe mehr anführt die jedoch wohl
zunächst nichts als eine Rache dafür zu sein scheinen dass auf dem Schloss
plötzlich andre Menschen erschienen die sie verdrängten Herr von Zeisel greift
mit Freuden zu wo ihm eine Gelegenheit geboten wird mit den
Provinzialgerichten außer Berührung zu bleiben Also gnädige Frau dieser
Gefangene ist nicht mehr im Turm
Pauline brach in die heftigsten Verwünschungen und Drohungen aus Diese
Nichtachtung gegen einen so hohen Beamten wie ihren Gemahl sagte sie würde dem
Justizdirector teuer zu stehen kommen
Schlurck suchte sie im Interesse der ihm sehr werten Frau von Zeisel zu
beschwichtigen Einem feinen Beobachter konnte kaum entgehen dass ihn auch
vorzugsweise wohl nur diese Angelegenheit hergeführt hatte Offenbar bereute Herr
von Zeisel die schnelle Übereilung eines Entschlusses den er nur auf Antrieb
seiner Frau fasste
Pauline nannte nun den ganzen gegenwärtigen Staatszustand anarchisch und war
plötzlich wieder so ultrareactionär dass sie mit Spitzkugeln und Shrapnels dem
Universum drohte
Auffallend sagte Schlurck um die Geheimrätin nur auf andre Gedanken zu
lenken auffallend bleibt es dass der Bilderdieb mit dem sogenannten Dankmar
Wildungen im Einverständnisse war denn jener berief sich auf diesen
Ein Helfershelfer Ich wußt es ja schon Ein Chaos Ein Chaos Es soll
diesen Zeisels teuer zu stehen kommen rief Pauline und zeigte nicht wenig
Lust auch den Justizrat empfinden zu lassen wie sehr sie sich durch seine
Verteidigung anarchischer Zustände verletzt fühle
Sie ging im Zimmer auf und ab ignorirte den bei ihrer Aufregung so ruhig
bleibenden Besuch und hätte ihm bald verächtlich den Rücken gewandt wenn
Schlurck nicht ein Mittel zu finden wusste sie plötzlich zu zähmen
Andrerseits bin ich überrascht fuhr er nämlich mit lauernder Miene fort
wie der wahrscheinliche Prinz Egon soviel mit den Zecks verkehrte
Die Wirkung dieses Namens war erstaunlich Pauline erblasste Krampfhaft
hielt sie sich an ihrem Schreibtisch fest und richtete starr ihre Augen auf den
spitzen Blick des Justizrates der fast gleichgültig und lächelnd aber
tiefforschend hinzufügte
Überall sah man ihn auch bei der Ursula Marzahn im Walde
Worin der Stachel dieser neuen Erwähnung nun auch liegen mochte ob Schlurck
auf Dinge anspielte die er kannte oder nur erforschen wollte Pauline war fast
einer Ohnmacht nahe Ihre Lippen erblassten Die Augen übergoss ein eigener
verglaster Ausdruck starrer Abwesenheit Das Weiße trat schreckhaft blendend
hervor Die Hand fuhr über das Bandeau riss die Schleife auf und warf es zur
Seite
Wie heiß sagte sie mit bebender Lippe
Schlurck meinte boshaft
Und in solcher Hitze trägt man im Sommer diese Verhüllungen Die Mode Die
Mode Aber ich halte Sie auf Ich habe versprochen bei Lippi griechischen Wein
zu kosten Ich sehne mich nicht nach dem griechischen Wein aber nach Lippis
kühlem Keller Sie haben hier wirklich sehr heiß Gnädigste Leben Sie nun wohl
Excellenz
Damit stand Schlurck auf um zu gehen
Aber Pauline rief
Wo wollen Sie denn hin Bleiben Sie doch Justizrat Ich habe Sie jetzt
nötiger als Sie glauben Griechischen Wein ich führe ihn leider nicht
selbst aber ein Glas Kapwein Justizrat
Gnädige Frau ich danke was befehlen Sie noch
Keinen Befehl Schlurck Nur Freundschaft und Teilnahme für ein
unglückliches Geschöpf das Vertrauen zu Ihrem Herzen hat und es selbst zu dem
ihrigen verdient
Excellenz
Ich beschwöre Sie lassen Sie doch die Förmlichkeiten Ich verachte ja diese
Formen ich sehe in ihnen das Flüchtigste das Erbärmlichste von der Welt Ich
fühle Gott sei Dank mehr innern Wert in mir als dass ich mich durch einen
äußern unterstützen müsste Ach Ich bin von einer Gefahr umgeben Schlurck die
ich mir vielleicht zu lebhaft ausmale Aber gegen seine Phantasie kann Niemand
etwas Die hängt vom Blute ab und ich weiß nicht wie ich es machen soll dass
mein Auge nicht zu schwarz sieht
Ein Arzt macht Das sagte Schlurck Cremortartari wird auch mein armer
Zeisel nehmen müssen wenn der Intendant von ihm den Gefangenen heraushaben will
und den guten Mann in Teufels Küche bringt
Wo denken Sie hin Schlurck Wenn ich weiß dass Sie durchaus diesen Vorfall
vergessen möchten
Gnädigste Sie könnten die Güte haben den Geheimrat zu bestimmen den
Zornausbruch einer geborenen Nutzholz Dünkerke
Ach scherzen Sie nicht Schlurck Das Vergessen Das Vergessen
Wenn es nicht mehr ist als diese Angelegenheit
Meinen innigsten Dank
Pauline nahm Platz und fuhr in leidender Aufregung indem sie den Justizrat
zum Bleiben nötigte fort
Schlurck ich hatte ein bewegtes Leben aber ich sehne mich nach Ruhe Ich
mag die alten Aufregungen nicht mehr ich habe den Mut nicht mehr gegen das
allgemein Gültige zu trotzen Ich will mein Leben abschließen irgend noch einem
guten vernünftigen Gedanken nachleben und vom Vergangnen mich lossagen Aber ich
will mich auch ganz lossagen Ich will keine Erinnerungen in mir und in Andern
und durch Andere noch weniger Sie kennen die Macht der Antecedentien
Ja ja beste Freundin sagte Schlurck lächelnd über die plötzliche Zähmung
der wilden Frau warum sollt ich die Antecedentien nicht kennen Sie sind ja
nächst der Cholera die verdammteste Krankheit der Zeit und eine ganz unheilbare
Wir sind die Censur der Schriften los haben aber dafür die Censur der Sitten
bekommen Mit der Pressfreiheit die vielleicht ein gesunder Zustand sein kann
ist die Krankheit der Antecedentien gekommen Und wenn Sie wissen wollen warum
ich mich nicht wählen lassen mag so ist es auch die Scheu vor einer
allzufrechen Analyse meiner Persönlichkeit Ich bin mir leidlicher Solidität
bewusst
Aber Sie haben gelebt
Gelebt O das ist viel gesagt Alles Alles Frau von Harder
Ja Leben Gelebt haben Schlurck Geschleudert gewesen sein hin und her
heute von einem Wahn morgen von einer Leidenschaft geschleudert nicht immer
durch das Schicksal das uns unverschuldet traf sondern auch durch das was wir
uns selber zugezogen und bitter bereuen Wer kann dafür dass man fast fünfzig
Jahre zählt
Gnädige Frau
Ja Schlurck fast fünfzig Jahre Ich besitze den Heroismus der Wahrheiten
die unleugbar sind
O Sie sind ein Engel meinte Schlurck und lächelte im Stillen da er wusste
dass Frau von Harder hätte sagen müssen Fast sechszig Jahre Ja ja die
Antecedentien fuhr er fort Da setzen sich Grünschnäbel hin die nichts
erlebten nichts erleben konnten weil sie jung oder wenn alt zu dumm waren
und analysiren Lebensläufe Nein ich gestehe Ihnen um diesen Preis wünsch ich
mir die alten Konduitenlisten der Behörden zurück Die waren doch geheim selbst
die Register der Inquisition in denen wir Beide vielleicht aufgezeichnet
stehen wir wissens selbst nicht selbst die sind mir nicht so zuwider wie
dies öffentliche Gerichtsverfahren über Menschen die gelebt haben
Ah das war eine Übereinstimmung Es fehlte nicht viel dass Pauline den
Justizrat umarmt hätte
Erkennen Sie daraus meine Verlegenheit sagte sie nach einer freudigen
Pause Amanda von Hohenberg war meine Feindin Ja Hören Sie Ich sage Alles
Sie hat Denkwürdigkeiten hinterlassen in denen wie sie mir selbst einst
schrieb Gott richten würde Für diese fanatische Person war Gott so sichtbar
schon auf Erden dass ich gewärtigen kann eine große Störung meiner Ruhe zu
erleben wenn diese Denkwürdigkeiten in unberufene Hände kommen Zwei Jahre sind
vorüber Die Memoiren sind nicht da sie erschienen nicht Bei Ihnen wurden sie
nicht deponirt bei Niemandem und dennoch sollen sie vorhanden sein Alle Welt
erwartet sie Die wahnwitzige Trompetta hat den Hof darauf schon vorbereitet
Jedermann ist gespannt Sie finden sich aber nicht Ich weiß es Egon soll sie
veröffentlichen Egon sollte die Einrichtung ihrer Zimmer so treffen wie sie
sie sterbend verlassen hatte Das Bild war ihr letztes Wort Alles ist nun was
sie schrieb teils verbrannt teils unter meinem Verschluss Alles ist da nur
ein Bild nicht ein Bild das man in Hohenberg hat stehlen wollen Alles ist da
nur die Memoiren sind es nicht und dies Bild Dies Bild also enthält die
Memoiren Auf dem Heidekrug ist es entwandt worden Entweder mit Wissen oder
gegen Wissen meines Mannes Darüber werden wir von ihm selbst bald Aufklärung
haben aber denken Sie sich wenn Egon diese Denkwürdigkeiten drucken ließe
Hm hm räusperte sich Schlurck Wenn ich mirs genauer überlege das
Geplauder einer alten Rivalin die sich von der Welt zurückzog weil sie
vielleicht keine Verehrer mehr fand kann das schaden Was machen Sie sich
aus solchen kleinen Nadelstichen Verbrechen werden Sie gegen keinen andern Gott
begangen haben als gegen den kleinen Gott der Liebe Über die Streiche
dieses Kindes lacht man
Pauline schwieg und sah Schlurck von der Seite mit großem Mistrauen an
gleichsam um heimlich auszuspähen ob dies seine wahre Meinung wäre Als er die
Brille wieder aufgesetzt hatte sagte sie
Nein Auch lachen soll man nicht mehr über mich Ich leide in der
Gesellschaft noch zu sehr daran dass man über Nadasdi lachte Ein Buch von mir
und ein Buch über mich ist ein großer Unterschied
Die Bilder der Familie meine gnädigste Freundin fuhr Schlurck ruhig fort
die Bilder der Familie Hohenberg sollen an den Prinzen Egon zurück Sie stehen
genau in dem Inventarium verzeichnet das beim Verkaufe des Mobiliars
angefertigt wurde Ich werde sie vom Geheimrat alle in Anspruch nehmen müssen
Meinen Sie vielleicht ein Bild im Medaillonformat das Pastellportrait der
weiland jungen Fürstin
Suchen Sie es sagte Pauline Dies gerade wird fehlen
Schlurck blickte nieder und spielte mit dem leichten Stöckchen das er in
der Hand trug Er legte den Perlmutterknopf des Stockes bald an die Lippen bald
klopfte er damit auf die Fläche der linken Hand
Pauline fühlte sich gefoltert
Sie wissen etwas von dem Bilde Justizrat sagte sie
Und wenn ich etwas davon wüsste Das Bild ist mein Es gehört dem Prinzen
Egon
Und Sie wären im Stande es ihm auszuliefern auszuliefern ehe man es
untersuchte Wenn es eine Kapsel entielte unter der die Denkwürdigkeiten
verborgen wären Schlurck würden Sie ihm diese ausliefern Würden Sie ruhig
mit ansehen dass mein Ruf meine Ehre in die Hände meiner Feinde käme
Hm hm sagte Schlurck schwieg dann wiegte das Stöckchen hin und her und
schien zu überlegen wie er diese Chancen der Aufrichtigkeit einer gefährlichen
und einflussreichen Frau mit seinem Vorteil vereinigen sollte Er ging von dem
Grundsatz aus Gegen schlimme Menschen muss man selber schlimm sein
Auch Sie sind mein Feind rief Pauline und sprang bebend vor innerer
Erregung auf ich sehe es auch Sie
Nach einer Weile warf sie sich in einen andern Sessel und bedeckte das
Antlitz mit beiden Händen
Schlurck stand auf und zog seine Handschuhe wieder an als rüstete er sich
zum Gehen
Wir klagen sagte er und jammern über ein Bild Hätten wir es nur erst
Wissen Sie wo ich es vermute
Wo
In den Händen meiner Tochter
Schlurck
In den Händen meiner Tochter
Sie scherzen
Lassen Sie mich diese Vermutung die sich auf allerhand Plaudereien
Bartuschs die ich fast überhörte gründete genauer untersuchen Ich hoffe
mich so zu benehmen dass ich Ihnen nicht misfallen werde
Pauline richtete noch einmal erstaunt den Kopf auf und fragte nochmals
In den Händen Ihrer Tochter
Sie wissen doch sagte Schlurck dass ich eine Tochter habe die ich Melanie
nannte weil mir der Tonfall dieses Namens Das auszudrücken schien was sie Gott
sei Dank
zu meiner Freude wirklich geworden ist Sie schwebt vorurteilsfrei über die
Erde hin und hat dazu von den Göttern die entsprechenden leichten Schwingen
bekommen Ich glaube dass sie einmal der Sonne zu nahe kommen und sich elend
verbrennen kann aber wenn sie stürzt wird sie nicht aufs Gemeine fallen Ich
liebe sie doppelt einmal weil sie mein Kind ist und zweitens weil sie
Verstand hat
Sie liebt den Prinzen Egon Sie wird die Fürstin von Hohenberg sagte
Pauline
Ich bitte Sie rief Schlurck dann nehm ich mein Wort zurück und erkläre
dass sie keinen Verstand hat Was glauben Sie Ich wiederhole nur was mir
Bartusch mein alter Maulwurf und Spürer heute früh zugetragen hat Da mich
weit mehr der große Prozess und die Administration beschäftigte als all diese
kleine Romantik da ich ferner jeden Augenblick zum Prinzen gehen wollte um
über alles Zukünftige klar zu sehen so hört ich nur halb und halb auf dies
Tuscheln und Flüstern und merkte nur obenhin dass der Alte von meiner Melanie
viel Krauses und Buntes erzählte Sie hat viel unterwegs gelacht und wenn ich
aufrichtig sein soll gestern über Niemanden mehr
Über Niemanden mehr wiederholte Pauline gespannt Schon wollte sie sagen
Als über meinen Mann doch sie besann sich der Gedanke des im Möbelwagen
eingesperrten Intendanten war ihr denn doch zu demütigend Sie wiederholte
Als über wen
Nun nannte Schlurck mit einem wohlangebrachten Handkuss in aller
Delikatesse und mit viel Schelmerei wirklich den Geheimrat
Die Gewissheit dass nun also doch Henning von Harder der Düpe irgend einer
von weiblicher Hand im Interesse des Prinzen geleiteten Intrigue gewesen war
lag klar vor den Augen der klugen Frau So wie sich weibliche Schönheit und
Liebenswürdigkeit in die Verknüpfung der ihr so rätselhaften einzelnen
Tatsachen mischte ging sie nicht mehr irr denn da hatte sie einen sicher
leitenden Faden Vom weiblichen Herzen wissen Frauen immer wohin es zielt und
wofür allein es schlägt und wofür allein es etwas wagt Ebenso klar war ihr aber
auch dass sie sich auf Schlurck jetzt nur noch halb verlassen konnte Zu blind
hatte sich ihr seine Liebe für das einzige Kind zu erkennen gegeben Prinz Egon
und Melanie im Bunde waren das sah sie unüberwindlich Und da in demselben
Augenblicke die Ludmer schon mit einem zartduftenden Antworts Briefchen von
der dAzimont kam worin diese schrieb »Das erste Wort der Freundschaft das
mich hier begrüßt kommt von Ihnen Pauline Von Ihnen Edles Herz noble coeur
der Brief war französisch Edles Herz ich kann nicht um Eins kommen aber um
Sechs heut Abend um Sechs umarm ich Sie« als Pauline diese Zeilen gelesen
und von der Ludmer noch leise vernommen hatte dass all ihr erneutes Suchen nach
dem Bilde vergebens gewesen wäre entwarf sich ihr in solchen Dingen rasch
erfindender Geist einen andern Plan der so lautete
Mögen Egon und die dAzimont stehen wie sie wollen so groß sind noch ihre
Ansprüche an diesen jungen Mann dass eine bürgerliche kleine Kokette nicht wagen
wird zu ihm aufzublicken sieht sie erst die vielbewunderte junge Frau der nach
allgemeiner Übereinkunft in der Gesellschaft der wahre Besitz dieser von Melanie
gemachten flüchtigen Landstraßen Eroberung gehört
Sie hoffte die dAzimont noch nach sechs Uhr festzuhalten bis zum Tee
durch sie auf Egon zu wirken durch sie den Bund zwischen Melanie und Egon zu
sprengen Als einzigen und ausdrücklichen Beweis der Freundschaft verlangte sie
jetzt vom Justizrate nur noch dass er heut Abend zur nähern Besprechung dieser
Angelegenheiten vor dem Tee wiederkäme und zugleich endlich seine bewunderte
Tochter Melanie ihr aufführe
Ich muss den schönen Bösewicht kennen lernen sagte sie verschmitzt den
Engel der es gewagt hat die alten schlummernden Empfindungen des Geheimrats
in Aufruhr zu bringen Ist hier ein komischer Roman im Gange so soll er unter
meinen Augen fortgespielt werden Ich bin eifersüchtig ich will Melanie sehen
Verlass ich mich darauf dass sie kommt
Schlurck erwiderte er wolle versuchen seine Tochter zu überreden
Nichts überreden Sie befehlen sagte Pauline
Befehlen sagte Schlurck und griff verlegen nach seiner Perücke Nun ja
wir wollen befehlen
Und wenn das Bild noch zu retten und nicht in Egons Händen ist sagte
Pauline indem sie dem Justizrat lächelnd die Hand hinhielt wer erhält es
Der Prinz das Bild sagte Schlurck etwaige Kontrebande
Die Denkwürdigkeiten seiner Mutter
Die jetzt wurde Schlurck schelmisch die trag ich zum Buchhändler
und lasse sie als zweiten Teil des Nadasdi drucken
Mit dieser humoristischen Wendung wollte er zur Tür
Nein Nein So entkommen Sie mir nicht sagte Pauline in wirklicher Angst
Ein klares Wort keine Galanterie Kein Humor Ich bin überhaupt keine Frau für
den Humor
Haben wir nur erst das Bild sagte Schlurck drängend
Justizrat können Sie mich auf dieser Folter zurücklassen
Ludmer setzte sie rasch hinzu nimm ihm Hut und Stock ab
Nein nein sagte Schlurck fast sich flüchtend ich muss zu Lippi und
griechischen Wein kosten und nachher noch einmal zu den Wildungens dann zum
Prinzen wohin ich einen gewissen Ackermann bestellt habe der sich zur Pachtung
seiner Güter meldete Auch die Krankheit der jungen Durchlaucht bekümmert mich
Er ist denn doch der Sohn des alten Fürsten dem ich soviel Beweise
Und kein Wort der Beruhigung der Teilnahme des Dankes für mein Vertrauen
unterbrach Pauline mit allem Aufwand von Liebreiz dessen ihr Auge und ihre
Mundwinkel noch fähig waren
Schlurck küsste ihr wiederholt die magere Hand und sagte
Bezaubern Sie mich nicht Ich bin im Geiste noch nicht so alt wie im
Kirchenbuch steht
Ah Frau von Zeisel sollte nur hier sein Die sollte nur ihre Bitten mit den
meinigen vereinen und gewiss wir würden das harte Herz schon erweichen
Es war viel Anmut in diesen Worten der Geheimrätin
Schlimme Frau was sprechen Sie lächelte Schlurck In der Tat, man weiß
nicht soll man Sie fürchten oder lieben Ich will Sie lieben Frau
Geheimrätin Verlassen Sie sich auf meinen Verstand und beten Sie zu irgend
einem der Götter zu dem Sie das meiste Vertrauen haben dass es noch Zeit sein
möge bösen und albernen Dingen der Art wie Sie sie fürchten und wie ich sie
selbst niemals habe leiden mögen mit Klugheit vorzubeugen Ich gebe Ihnen mein
Ehrenwort Mein Instinkt spricht für Ihre Interessen Heilig und gewiss Auf
Wiedersehen vielleicht heut Abend
Damit ging Schlurck
Nein ganz gewiss rief ihm Pauline noch nach blieb dann eine Weile um die
beengte Brust durch einen tiefen Atemzug zu lösen stehen erwiderte nichts
mehr auf die besorgten fragenden Blicke der Ludmer und winkte nur die halb
tonlosen Worte ausstossend
Er ist fort Auf alle Fälle macht man jetzt Toilette
Damit hob sie den Vorhang ihres Schlafcabinets und schritt aus dem gelben
Boudoir durch den Alkoven in das grüne und von diesem in ihr Toiletten und
Garderobe zimmer
Die Ludmer war gleichfalls verstimmt
Ihre Nichte hatte ihr ein altes Bettelweib geschickt um wieder von ihr eine
Unterstützung zu begehren
Sie hatte zwar draußen nur die einfachen Worte gesagt
Ich kenne keine Auguste Ludmer die sich meine Nichte nennt
Sie hatte die Tür dem Bettelweib von der Nase zugeworfen aber es alterirte
sie doch Sie musste etwas Melissengeist auf Zucker nehmen um sich von denselben
Aufregungen zu erholen von denen Pauline von Harder sich nur ein wenig durch
die Wahl der Toilette erholte die sie eben machen wollte
Als die Ludmer in das Garderobezimmer wo ihre Herrin und Freundin noch
wählte nachkam sagte diese nur die einzigen Worte
Da hast Recht Charlotte Vor diesem Schlurck hab ich heute zum ersten Male
ein Grauen empfunden Es ist mir als hätt er über uns Leben und Tod in seiner
Hand
Und das Bild fragte die Alte
Hat seine Tochter Melanie durch irgend eine Schlauheit im Einverständnis
mit Egon meinem Mann abgelistet
Diese Kokette Wie war Das möglich
Das Heranrollen eines Wagens vor dem offenen Tore des Hauses die
sichere Anfahrt und die Art der Öffnung des Schlages man hörte das aufs
Deutlichste verriet dass der Geheimrat angekommen war
Die Bedienten klopften leise an die Garderobe und berichteten
Excellenz Excellenz
Etwas langsam und bedächtig schallten die Fußtritte mit denen der zum
Beichten beschiedene alte Herr in den ersten Stock aufstieg den er bewohnte
Wir werden ja hören sagte Pauline ruhiger und entschied sich heute aus
Rücksicht auf die zwei schönsten weiblichen Wesen die man sich nebeneinander
denken konnte Melanie Schlurck und Helene dAzimont für einen Stoff von
Silbergrau auf den Abend aber für ein Kostüm das sie seiner malerischen
Einfachheit und eines gewissen orientalischen Turbans wegen immer das biblische
nannte
Wir werden Gelegenheit haben diese von Heinrichson ihr entworfene Toilette
später genauer zu berichten
Von Schlurck aber den wir zum ersten Male in seinem geschäftlichen Tone
kennen lernten müssen wir gestehen dass er nicht ganz derselbe war wie wir ihn
beim Kredenzen von Jaquesson und Geldermann Deutz kennen lernten Vielleicht
findet er bei dem Italiener Lippi wieder den gewohnten Gleichmut seiner
Stimmung und stärkt sich zu den Geschäften die ihn in das Hotel des Prinzen
Egon rufen von denen das über Ackermann angedeutete ebensosehr unsere Neugier
spannen wird wie die endliche Aufklärung über die Persönlichkeit der Prinzen
Egon mit dem sich Schlurck nach Allem was er über die Rückreise seiner
Familie von Hohenberg fast Unglaubliches vernommen hatte jetzt auf die
leichteste Art zu verständigen hoffen durfte
Viertes Kapitel
Die rettende Hand
Das große Palais des verstorbenen Fürsten Waldemar von Hohenberg lag im
lebhaftesten Teile der Residenz Der Park und die Gärten die sich ihm
anschlossen waren von hohen Mauern umgeben und konnten von entgegengesetzten
Häuserreihen nicht beobachtet werden Es standen teils die Bäume des Parkes an
den Mauern so hoch dass sie die innern Partieen verdeckten teils lagen in
nächster Nähe nur freie Plätze Das Hauptgebäude selbst war alt und in jenem
geschweiften Kommodenstil gebaut der die architektonischen Verzierungen der
ausgeschweiften Krümmungen und Windungen wirklich nach der Form der menschlichen
Knochen bestimmte wie Hogart für den Geschmack seiner Zeit in seiner barocken
Ästetik ausführt Die hohen Fenster waren mit jenen bekannten Knaufen und
Rundungen versehen die in Sandstein den knöchernen menschlichen Schlüsselbeinen
und Gelenkpfannen nachgemeisselt schienen Dazwischen ein Helm oder der Kopf
eines sterbenden Kriegers oder ein Medusenhaupt Im Einzelnen zergliedert
mochten diese Ausschmückungen der Portale Fenster Vorsprünge und Friese
schwerlich vor der Kritik einer geläuterten Geschmackslehre Stand halten allein
der Totaleffect das Ensemble war auch hier wie beim hohenberger Schloss der
einer gewissen Würde und vornehmen Stattlichkeit Auch dies Palais hatte zwei
jedoch nur sehr kurz vorgeschobene Seitenflügel mit verschlossenen hohen
Eingängen Der grasbewachsene und etwas verwilderte Vorhof der durch die Flügel
vor der langen Fronte gebildet wurde war durch Ketten von der Straße
abgesondert In der mittleren Tür war die große Einfahrt eine Façade von sechs
dünnen Säulchen von denen je drei dicht beieinander standen und in der Mitte
ein großes eisernes Becken zur Pechbeleuchtung bei feierlichen Gelegenheiten
einschlossen Das Schwärzen der Säulen hatte man dabei nicht zu fürchten da das
ganze Gebäude durch die allmälige Verwitterung des Sandsteins und die in der
Stadt neuerdings stark betriebene Steinkohlenfeuerung ein dunkelgraues Ansehen
hatte nur die weißen Vorhänge an den großen Fenstern der ersten Etage und im
Parterre einige Blumenstöcke gaben ihm den Charakter einer gewissen
Wohnlichkeit
Hatte Fürst Waldemar auch die äußere Erscheinung seines Palais nach vorn so
gelassen wie er es damals als ihm vor etwa dreißig Jahren die große Erbschaft
zufiel von einem Seitenverwandten des regierenden Hauses erstand so hatte er
doch im Innern und nach hinten zu auch äußerlich bedeutende Verschönerungen im
neueren Stile angebracht Auf eine harmonische Verbindung dieser Anbauten mit dem
Vorgebäude war dabei nicht gesehen worden Man stellte einen Pavillon dicht
hinter das Hauptgebäude und verband ihn mit diesem nur durch einen bedeckten
Glasgang Dicht an diesen Pavillon reihten sich jedoch ohne Verbindung die
Gewächshäuser Die eine Seite des von einer hohen Mauer eingefriedigten Gartens
war hell und freundlich die andere der hohen Bäume des kleinen Parkes wegen
etwas düster und bei heftigem Sturme wenn die Gipfel schwankten und krachten
gar unheimlich Den Park hatte der alte Fürst dem die schöne Natur sehr
gleichgültig war vernachlässigt und dem Garten würde es ebenso gegangen sein
wenn ihm sein Pavillon nicht sehr am Herzen gelegen hätte in dem er kleine
Diners und vertraute Soupers gab Die Jalousieen dieses von ihm mit besonderer
Vorliebe gepflegten Gartenhauses waren zwar immer herabgelassen doch zeigte
er wohl einmal seinen Gästen die Aussicht ins Freie Grund genug sie dem
Pavillon entsprechend zu erhalten Denn wir können annehmen dass dieser eine
ebenso reiche Einrichtung enthielt wie die großen Gemächer des Hauptgebäudes
Sogleich wenn man das Innere des Portals betreten und links an der Loge des
Portiers rechts an der Wohnung des Hauptverwalters des Schlosses und sozusagen
Haushofmeisters Herrn Wandstabler vorüber war verwandelte sich der ganze Stil
des Hauses Der Treppenaufgang entsprach vielleicht noch dem Charakter des
ursprünglichen Baues Es waren zwei Aufgänge die links oder rechts zu demselben
Ziele führten Aber die kostbaren Teppiche über die man schritt die
Marmorstatuen die auf dem Absatz der Treppen aufgestellt waren die Form der
das Gitter unterbrechenden Karyatiden die über den Häuptern große vergoldete
Laternen trugen die Frescomalerei der Decke und die getäfelten Korridore die
man oben angelangt rechts und links sich ausbreiten sah alle diese
Verschönerungen gehörten der neueren Zeit an Ebenso kostbar war die innere
Einrichtung Die altertümliche Form der großen Zimmer war ganz verschwunden
unter den Tapeten Malereien und Stukkaturen im neueren Geschmack Große Gemälde
bedeckten die Wände Tische mit Marmorplatten und vergoldeten oder bronzirten
Füßen von Bildhauerarbeit Konsolen mit Statuen aller möglichen Auffassungen der
Venus und Amors und Psyches Gemälde von denen viele ihrer allzusinnlichen
Sujets wegen mit grünen Vorhängen bedeckt waren große Kronenleuchter von
Krystall Teppiche kostbare Ofenschirme Das waren die Liebhabereien des alten
Herrn der hier über fünfzehn Jahre allein hauste und diese Pracht sich bei
Denen die er schalten und walten ließ blindlings bestellte ohne Rücksicht auf
seine Mittel und ohne Rücksicht auf sein eigenes Verständnis Es war ein wilder
Krieger der gleichsam im Felde gute Beute gemacht hatte und ein Halsgeschmeide
fortgab um wie jener Kroat in Wallensteins Lager eine hübsche Mütze dafür zu
erhandeln oder der um ein Halsgeschmeide das gerade so und nicht anders sein
sollte soviel ausgab als drei viel wertvollere gekostet hätten Was er
irgend sah musste er kaufen Er glaubte sein Stand brächte Das mit sich und
gerade weil seine Fürstenschaft neu war tat er Alles um an Glanz zu
ersetzen was ihr an Alter fehlte Ins Gelag hinein bestellte er bei Künstlern
die er bei Hofe hatte rühmen hören Arbeiten und wenn sie in seinen Sälen
aufgestellt wurden zur Besichtigung der Kunstfreunde und der eleganten Welt so
machte er in dem Falle dass schöne Damen kamen selbst die Honneurs und war
immer bei der Hand Denen die ihm besonders gefielen Aufmerksamkeiten und
kostbare Andenken auf eine oft nicht feine aber keineswegs verletzende Art
aufzuzwingen Ohne Bildung und geringen Verstandes war er im höchsten Grade
gutmütig und gefällig Dieser tapfre alte Herr brachte seine ganze mit Lorbeern
geschmückte Veteranenzeit damit zu kleine Galanterien zu treiben von Boudoir
zu Boudoir zu fahren mit seiner Husarenuniform zu kokettiren und so lange des
Tages den Heros der Jugendlichkeit und des galanten Rittertums zu spielen bis
sich Abends wieder der alte Landsknecht in ihm regte und er dem Spiele dem
Glase ja zuletzt der Bowle verfiel
Fürst Waldemar hatte eine Eigenschaft die man eine positive Tugend nennen
muss Er war sehr reinlich Noch jetzt drei Monate nach seinem Tode entdeckte
man in seinem Palais überall die Spuren dieses einzigen Verschönerungsmittels
das eigentlich unmittelbar aus ihm selber seiner angeborenen Natur kam Das
war noch der alte Soldat der die Sauberkeit und »Propreté« wie ers nannte
über Alles schätzte Er wusste vielleicht selbst nicht einmal dass er mit diesem
schönen Triebe der Reinlichkeit ein außerordentliches Verjüngungsmittel besaß
und dadurch in der Tat den Damen gefällig erscheinen konnte Sein halbweisser
nie gefärbter Bart musste wie er es nannte appetitlich sein Seine Wäsche wurde
täglich gewechselt In dem Seitengemache seines Pavillons hatte er ein Bad
eingerichtet voll Eleganz und Geschmack und nicht bloß zum Staat oder Amüsement
seiner Freunde die die hier aufgehängten indiscreten Bilder und umstehenden
kleinen Statuetten belachten sondern zur wirklichen Stärkung seiner einst gewiss
sehr schön gewesenen Gestalt Noch jetzt zeigten sich alle Spuren dieses Cultus
der Reinlichkeit Für ein so großes Haus dem eine weibliche Herrin seit Jahren
fehlte herrschte eine große Sauberkeit Der Staub war überall gekehrt Alles
was an Stoffen und Farben leicht von der Sonne litt war verhangen die
Zimmerteppiche wurden noch immer gelüftet und nur sehr dünn war jene
Sonnenstaublinie die sich in jedem halbgeschlossenen von der Sonne
beschienenen Zimmer zeigt Es war als wenn noch immer des alten Fürsten Geist
hier befehlend waltete als wenn sich noch Alles beeiferte seinen in diesem
Punkte unversöhnlichen Zorn zu vermeiden
Die Dienerschaft des Hauses bestand noch jetzt aus einem Portier drei
Bedienten einem Koch einem Kutscher zwei Reitknechten und dem Kastellan oder
Haushofmeister der wie schon gesagt Wandstabler hieß Das Eigentümliche
aller dieser Menschen war dass sie außer dem pariser Koch sämtlich dem
Militairstande angehört hatten Es waren ehemalige Soldaten blessirte brave
gutempfohlene Unteroffiziere Sergeanten Feuerwerker je nach ihrer
Waffengattung Wandstabler war bei denselben Husaren deren Uniform der Fürst am
liebsten trug Wachtmeister gewesen und hatte ihm im Felde die treuesten Dienste
geleistet ja sogar mit Aufopferung des eignen Lebens einmal das seine
beschützt Wandstabler war dadurch zum eigentlichen Chef der ganzen
Hausverwaltung des Fürsten allmälig avancirt Keineswegs durch sein großes
Rechnungstalent oder seine Ordnungsliebe oder seine nüchterne Aufmerksamkeit im
Dienste sondern lediglich durch die Erinnerung an die alten treuen Dienste und
um es nur hinzuzufügen noch einen Vorschub den er in seiner eignen Familie
besaß Wandstabler hatte drei Töchter die von nicht unangenehmem Äußeren Eine
die Andere so in Jahren ablösten dass immer wenn die Eine verblüht war die
Andre gleichsam an ihrem Stamme frisch aufschoss Die drei Demoiselles
Wandstabler spielten eine sehr einflussreiche Rolle in der Lebensgeschichte des
alten Fürsten Waldemar Sie regierten das Haus und fast Alles was dem Fürsten
nach seiner Überschuldung an eigener freier Disposition übrig blieb Die drei
Demoiselles Wandstabler waren jetzt sechsunddreissig dreißig und vierundzwanzig
Jahre alt hießen Florentine Doris und Laura wurden aber der Kürze und
Harmonie wegen Florette Dorette und Lorette genannt oder wie sie der Fürst
nannte die Flore die Dore und die Lore Darin waren sie fast eine einzige
Person dass ihnen die ganze ausübende Gewalt der Hohenbergschen innern
Angelegenheiten gehörte Wodurch sie diesen Einfluss errangen wodurch sie ihn
behaupteten ist kein Geheimnis Der Fürst hatte einen Kammerdiener vor der
Welt aber keinen in seinem nähern Bedürfnis Er hatte nur Bediente die die
äußern gröbern Arbeiten verrichteten Man sagte aber dass eben die Demoiselles
Wandstabler beim alten Fürsten die wahren Kammerdienerdienste verrichteten und
dass er ohne sie nicht gehen stehen essen trinken usw konnte Jede
Handreichung von Morgens in der Frühe den Bädern und dem Frühstück an bis
Abends wenn er von den Spiel oder Trinkabenden heimkehrte leisteten weibliche
Hände unter oberer Leitung der Demoiselles Wandstabler
Der Fürst ist dahingegangen Wir kennen das Folgende Sein Erbe
scheint eingezogen und wird jetzt als krank gemeldet krank nach einem kurzen
Ausfluge den er man ahnte nur wohin kurz nach seiner Ankunft aus Paris
gemacht hatte Zitterten über ein Dutzend Menschen für ihre Zukunft als der
alte Generalfeldmarschall die Augen schloss erwarteten sie im bangen Vorgefühl
was ihnen von einem als wunderlich und launenhaft bekannten jungen Manne
bevorstehen würde so musste ihnen jetzt da dieser so plötzlich erkrankte
vollends bange werden über eine Zukunft die der Fürst beim besten Willen nicht
sichern konnte da er keine Mittel dafür besaß Der alte Wandstabler verlor
gleich nach dem Tode des Fürsten den schon immer schwachen Kopf Vormittags nur
war er sonst gewohnt ihn noch einigermaßen zu gebrauchen Nachmittags schlief
er und gegen Abend folgte er dem Beispiele seines Herrn und ergab sich allen nur
möglichen schlimmen gebrannten Geistern Er war dick und schwammig hatte eine
fürchterliche Röte im Gesicht und wichste sich seinen martialischen Schnurrbart
mit dem besten nur aufzutreibenden ungrischen Firnis Der Kontrast dieser dicken
Figur und des schwammigen schwarzbärtigen weisshaarigen Kopfes zu dem schwarzen
Frack und den kurzen engen Beinkleidern und weißen Strümpfen die er tragen
musste war sehr barock Er sollte den Haushofmeister spielen und stand kaum auf
der Stufe des Portiers Wenn ihn nicht seine drei Töchter gehalten hätten er
würde sich in dieser noblen Stellung nicht haben behaupten können Diese aber
dachten statt seiner ordneten und regierten statt seiner und sowie er eine an
ihn gerichtete Frage nach einem brummischen Räuspern nicht beantworten konnte
rief er eine seiner oren oder etten zu Hilfe die Dore die Flore oder die
Lorette und ließ den Fall entscheiden sie waren alle auf dieselben Dinge
abgerichtet und leisteten in jedem das Mögliche
Seit drei Monaten war Wandstabler nicht aus der Rührung herausgekommen
Seine ohnehin sehr leicht tränenden Augen flossen bei jeder noch so leisen
Berührung an die gefährlichen Fragezeichen seines künftigen Schicksals Der
junge Prinz war ihm von früher nur ziemlich flüchtig erinnerlich Er ahnte dass
er von seinem Leben nicht vielen Vorteil haben würde wusste aber auch da er
nun heftig erkrankt war dass mit seinem Tode vollends jede Hoffnung schwand Die
Töchter waren nicht minder erschrocken Den jungen neuen Herrn hatten sie
eigentlich kaum noch gesehen und Anfangs auch noch nicht recht fürchten wollen
Alle weiblichen Dienstboten des Hauses die unter dem alten Fürsten trotz ihrer
eignen großen Geltung doch immer jung und gefällig sein mussten waren zwar rasch
abgeschafft worden aber Lorette die Vierundzwanzigjährige hatte eine schöne
Gestalt eine gewisse Anmut ja sogar die Dreissigjährige Dorette Wandstabler
konnte unter gewissen Umständen sich zutrauen wenn auch keinen Eindruck doch
sich gefällig angenehm beliebt zu machen Frauen fürchten sich vor Männern
nie Und so hofften Flore Dore Lore auch hier schon fertig zu werden nun
aber wurde der Prinz krank und die Ärzte machten die bedenklichsten Mienen Sie
sprachen vom Nervenfieber einer Krankheit mit so tückischen Möglichkeiten
In der schönen Wohnung die Wandstabler im Parterre rechter Hand inne hatte
saßen Dorette und Lorette am Fenster auf einem Tritt und richteten ihr Auge bald
auf die Wägen zweier Ärzte die vorm Hause standen bald auf einen würdigen
hohen stattlichen Mann der in Begleitung eines schönen Knaben auf einem Sopha
saß und mit ernster fast trauriger Miene die Bilder an den Wänden musterte
Es waren dies Ackermann und Selmar
Sie hatten in der Tat bei Schlurck in aller Frühe einen Besuch gemacht
waren von ihm in das Palais des Prinzen beschieden worden wo er ihnen auf
Ackermanns überraschenden Antrag die Hohenbergschen sämtlichen Güter in
Pachtung zu nehmen Bescheid geben wollte
Nun saßen sie schon eine Stunde und harrten und erfuhren dass Prinz Egon
von einer Reise krank zurückgekehrt war
Die Ärzte waren am Lager des jungen Prinzen sie erblickten überall traurige
Gesichter Ackermann sprach nichts und Selmar konnte die Tränen nur mit Mühe
unterdrücken
Zuweilen kam der Haushofmeister Wandstabler ins Zimmer schüttelte den
Kopf stöhnte und sprach die traurigen Worte
Es kann ihn Niemand sprechen Niemand Aber der Herr Justizrat vielleicht
Der Herr Justizrat
Er ging dann an einen kleinen Wandschrank öffnete ihn klapperte mit
Schlüsseln die daselbst in aller Ordnung aufgehängt waren benutzte aber auch
regelmäßig diese wahrscheinlich zu seinem Amte nicht gehörende stete Revision
der Schlüssel um aus einigen Flaschen die neben den Schlüsseln im Wandschranke
standen sich eine kleine Herzstärkung zu holen Wenn seine jüngeren Töchter nach
der älteren Schwester fragten sagte er sie wäre oben und höre die Befehle der
Ärzte Dann sah man einen Bedienten mit Recepten eilen ein andermal kamen
vornehme Lakaien von da und dort und erkundigten sich nach dem Befinden Sr
Durchlaucht Es gewährte einen schmerzlichen Anblick
Ackermann hatte die Mädchen gefragt wann der Prinz von seiner Reise
zurückgekommen wäre
Gestern Abend hatte es geheißen
Und Sie glauben dass er in Hohenberg war hatte Ackermann gefragt und ein
kurzes Ja war die Antwort der beiden etwas stolzen Damen gewesen die sein
Anliegen nicht kannten und ihn nur hier duldeten weil ihnen der Name Schlurck
auf den er sich berief nach Umständen ein Gespenst des Schreckens war
Dass bei allem Leide diese Frauen doch immer noch Zeit fanden zu jedem
Vorübergehenden hinauszublicken und nach dem Kettengeländer hin ihre langen
Hälse auszustrecken dass sie überdies geputzter waren als ihrem Stande zukam
missfiel Ackermann genug und die zarte Hand seines in eine schmerzliche
Beklommenheit versunkenen Knaben ergreifend sagte er zu den Mädchen
Wer weiß wann der Justizrat kommt Erlauben Sie wohl dass wir so lange in
den Park gehen den wir am Palais bemerkt haben Es wird uns wohltun dort an
der frischen Luft zu warten
Die Mädchen sahen sich an
Ist der Pavillon verschlossen flüsterte die Dore
Da hängt der Schlüssel sagte die Lore
Gehen Sie dann nur antwortete kalt die Ältere wenn der Herr Justizrat
kommt werden wir Sie rufen lassen
Selmars Vater atmete frei auf als er die beklemmende Atmosphäre dieses
Zimmers hinter sich hatte Es war groß und geräumig auch kühl gewesen und doch
lag etwas in dem Zimmer was ihm die Luft verdickte
Komm mein Kind sagte er draußen und fasste Selmars Arm der sich an ihn
hing und wie ein zärtliches Paar schritten sie über die Einfahrt den etwas
düstern Hof dem Garten zu wo sie unter den hohen Bäumen aufatmeten und sich
gegenseitig das Herz auszuschütten begannen
Wer hätte erwarten können begann der Vater dass dieser junge kräftige Mann
von den Anstrengungen seiner Reise so konnte darniedergeworfen werden Es müssen
doch die Reichen und Vornehmen für die Bequemlichkeiten die ihnen das Leben
gewährt auch wieder viel büßen
Sollte ihn nicht eher der Kummer ergriffen haben sagte Selmar dass er sein
Eigentum unter so betrübenden Verhältnissen antritt und fremde Menschen da
schalten und walten sieht wo sein Herz gewiss am liebsten verweilt an der
Grabesstätte seiner Mutter
Wenn er dir ähnelte Kind sagte der Vater gewiss nicht Du denkst an den
Ozean schon gar nicht mehr zurück und unsere Farm unsere Rinder unsere Lämmer
unsere Wiesen und Pflanzungen mit der Trauerweide die am See den kleinen Hügel
beschattet hast du ganz vergessen
Ach sagte der Knabe schmeichelnd verstell dich nicht Vater Ich sehe
dirs an dass auch du nicht mehr daran denkst nach Amerika zurückzukehren Der
Geist der Mutter ist bei uns Der lenkt und führt uns und hat uns auch nach
Hohenberg begleitet in den Wald an die Mühle und das rauschende Berggewässer
Wenn ich auch zurückkehren möchte ich sags nicht deinetwegen
Meinetwegen fragte der Vater mit sinnendem Ernst Da irrst du
Ja deinetwegen fuhr der Knabe fort Wie bist du gerührt von Allem was du
hier wiedersiehst Gesteh es nur du trugst das Land deiner Jugend im Herzen
wie die heimwehkranke Mutter Sie sprach nicht davon und du sprachst nicht
davon Beide ertruget ihr die wechselseitig aufgelegte Pflicht Beide entsagtet
ihr Dem was Euch lieb war mit schwerem Herzen Und nun du hier bist kannst du
dich nicht mehr losreißen von diesen Häusern und Plätzen wo du schon einmal
gelebt hast und glücklich warst
Glücklich sagte der Vater ernst und wiederholte mit wehmütiger Erinnerung
O ja recht glücklich
Und du wirst es wieder sein sagte Selmar Ich sah es dir an gleich seit
wir in Hohenberg waren das ich so lieb gewann weil ich dich zum ersten male
wieder nach langer Zeit weinen sah O Vater wenn du so trüben Ernst im Auge
hegst wenn es dir so dunkel in den Höhlen sich schattet und sie bleiben trocken
und sie erquicken sich nicht mit dem Tau der Tränen ach dann muss ich statt
deiner weinen und möchte Gott bitten er gäbe dir meine eignen nassen Augen
Wo weint ich denn bei Hohenberg fragte der Vater fast gleichgültig
Auf dem Kirchhofe Vater sagte Selmar Wir hatten ja den hässlichen Leuten
ihr Geld gezahlt wir waren im Walde bei der alten Hexe gewesen wollten nun
fort und konnten nicht mehr von dem jungen Freunde den wir gefunden Abschied
nehmen Da gingen wir noch zum Lebewohl auf den Kirchhof und du lasest über
einem Grabe Kommt zu mir Alle die ihr mühselig und beladen seid ich will euch
erquicken Und als du nachsahst wer dort lag weintest du
Weint ich fragte Ackermann
Ja Vater Und so schwer trennt ich mich von dem Grabe rief Selmar und
nun bist du jetzt überall ein Anderer Du nimmst Teil du bist bewegt du
erzählst du erinnerst dich von der Stelle da in Plessen an hundert alte Dinge
und wie du gar von dem Jäger am Gelben Hirsch erfuhrst unser lieber Freund
möchte wohl mit dem Prinzen Egon verwandt es vielleicht gar selber sein wie du
im Heidekrug noch so spät aufstandest um ihn zu sprechen und ganz verstört und
doch beseligt wiederkamst dass du schnell abreisen musstest um dich nur zu
sammeln und deine Freude zu beherrschen da muss in dir so viel Glück und Lust
der alten Zeit aufgestanden sein dass du plötzlich wieder Liebe zu Deutschland
fasstest und dich entschlossen hast zu bleiben Denn dass du an die Verwaltung
der Güter des Prinzen denkst nur um meine Zukunft zu sichern und wenn diese
sich entschieden mich verlassen und wieder meerwärts ziehen könntest das
glaub ich nicht Vater
Nein mein Kind rief Ackermann mit überschwellendem Gefühl und drückte
Selmars bewegte Brust an die seine nein wie würd ich dich je verlassen
können Ich will bleiben Ich bin es einem Gelübde deiner Mutter auf ihrem
Sterbebette schuldig dich in die Verhältnisse sanft zurückzuführen denen du
angehörst und wenn ich dich dann verliere wenn du dann nicht mehr mein bist
und eine neue Mutter findest
Vater rief Selmar wie könnte das je geschehen Wer kann meine wahre Mutter
gewesen sein als Die die dich liebte Dir hat sie mich geboren dir hat sie
mich gegeben für ein ganzes Leben Die Großmutter eine neue Mutter für mich
Nein Willst du zurückkehren ich folge dir Um meinetwillen steh von dem
Gedanken ab den du in deiner Liebe jetzt ausführen willst dem deine reichen
Erfahrungen und Kenntnisse hier in Europa zu bewähren War ich es denn Vater
der dir den Gedanken einflößte am Fuße von Hohenberg zu wohnen und Egons
Eigentum zu verwalten dies schöne Fürstentum vielleicht vor dem Untergange zu
retten
Nein mein Kind sagte Ackermann mit einer besonderen Feierlichkeit nein
das kam aus eigenem Herzen Ich will versuchen noch einmal in der Heimat Anker
zu werfen Ich will dein und mein Wohl begründen indem ich mich entschliesse
einem Herrn zu dienen der es vielleicht nicht verdient
Nicht verdient sagte Selmar Warum sollte es unser Freund nicht verdienen
O dass er krank ist dass ich nicht an seinem Lager stehen und seine Wünsche
hören kann Wie wollt ich ihn pflegen jeden Trunk müsst er aus meiner Hand
nehmen Ich wäre eifersüchtig wenn ihn ein Andrer mehr lieben sollte als ich
Kind Kind Was sprichst du sagte der Vater
Ich sag es nur antwortete Selmar mit einem leisen Erröten über das Feuer
das ihn ergriffen hatte ich sag es nur weil du meintest er verdiene es
nicht
Er ist vornehm sprach der Vater mit ernstem Tone er ist vornehm und
leichtsinnig
Nennst du ihn leichtsinnig war des Knaben verwunderte Frage
Ich kenn ihn nicht mehr als du sagte der Vater aber seine Aufführung
verdiente wenig Anerkennung Statt sich genau nach Allem zu erkundigen was etwa
noch für die Rettung seines Eigentums getan werden könnte streifte er um das
Schloss gedankenlos besuchte die Schmiede wo ihn der Eine nicht sehen der
Andre nicht hören konnte plauderte im Walde mit dem Jäger über Alles nur nicht
über Das was ihm zu wissen nötig war Auf dem Schloss kann er kaum etwas
Andres gewollt haben als eine leere Neugier befriedigen Eine Kokette tändelte
mit ihm
Wirklich Vater
Die Tochter desselben Mannes der an seinem Erbe nicht viel Redlichkeit
gezeigt haben mag konnte ihn so bestricken dass er nur noch für sie einen
Gedanken hatte
Nur für sie fragte Selmar traurig
O diese leichtsinnigen Jünglinge sprach Ackermann mit Nachdruck und
schärferer Betonung als für diese Äußerung natürlich schien diese jungen
Männer sind flatterhaft und jedem Winde preisgegeben Ihr Gewissen gibt ihnen
keine Schwere dass sie Stand halten könnten Dieser da war schon in Paris und
hat dort schwerlich in der Spreu das gute Korn gesucht sondern eben nur die vom
Wind getriebene leichte Spreu und das Angenehme Wir wünschen dass er von seiner
Krankheit genesen möge und ist er geheilt ist er vom Lager wieder erstanden so
will ich hoffen dass die Welt in der er lebt und die uns verschlossen ist ihn
nicht zu sehr verderbe
Selmar schwieg und verfiel in eine große Traurigkeit Nach einer Weile sagte
er
Warum aber konnte das schöne Mädchen mit ihm tändeln da sie doch nicht
seines Standes ist
Ackermann belehrte ihn mit sonderbarer ernster Umständlichkeit und
entgegnete
Der Leichtsinn den die meisten Männer fühlen ist ja auch vielen Frauen
eigen Dies Mädchen ist schön und sie glaubt sie wird es immer sein Deshalb
versäumt sie schon jetzt durch Tugend und Zucht edlere Schönheiten zu sammeln
die sie ewig schmücken würden
Warum warst du nur in jener Herberge so erregt über sie forschte Selmar
Wann fragte der Vater
Da als du ihr noch in später Nacht auf dem Gange begegnetest Du schienst
ihr damals nicht zu zürnen
Ich war erstaunt sagte Ackermann In Begleitung des unheimlichen
rothaarigen Menschen der sich zu uns gesellte kamen wir spät in der Nacht an
du legtest dich zum Schlafe der mich noch floh War ich von dem strömenden
Regen fiebernd durchkältet oder bewegte mich zu lebhaft der Plan in der Art
einer großen amerikanischen Niederlassung hier einen landwirtschaftlichen
Versuch nach meinem Geschmacke zu wagen ich konnte nicht schlafen Was sollt
ich nun von einem Mädchen denken das tief in der Nacht während Alles in dem
großen Hause ruhte im leichten Übergewand über den Korridor huscht und das
Zimmer eben öffnen will wo ich wusste dass Prinz Egon schlief Sie erschrak
so heftig dass sie entfloh Seit jenem Augenblicke weiß ich dass der junge
Mann seine Neigungen zu leicht verschenkt und würde Niemanden beneiden der sich
rühmt sein Freund zu sein
Das kann dein Ernst nicht sein Vater sagte Selmar und schmiegte sich
schalkhaft lächelnd und in sein großes festes und sicheres Auge blickend zu
ihm empor wie würdest du nur sonst so lebendig den Gedanken ergriffen haben
des Prinzen Güter zu verwalten ihn vielleicht vor dem drohenden Zusammensturz
seines Erbes zu bewahren ihn zu schützen vor schlimmen Haushaltern die nur von
ihm rauben nicht durch Unterstützung seines Erwerbes den ihrigen verdienen
wollen Gestern als wir noch einen Umweg einschlugen um ein anderes Gut des
vornehmen Freundes anzusehen wie hast du da geschwärmt für den Gedanken ihm
wieder das Leben zur Freude zu machen
Hab ich geschwärmt Herz sagte der Vater fast scherzend Geschwärmt
Geschwärmt Über Kartoffelbau nach unserer Art Rüben Ölpflanzen Dresch
Säe EggeMaschinen hab ich geschwärmt Überall sah ich meinen neuen Pflug
durch die Erde gehen sah wie die Bauern ringsherum staunen werden wenn ich
Taback baue von virginischem Samen sah Felder mit Runkelrüben besäet und die
Schornsteine von Laboratorien rauchen die aus solchem Material noch Werte
erzeugen sollen das man hier gewohnt ist als unnütz wegzuwerfen Das war meine
Schwärmerei Nun wohl ich schwärmte für die Sache an sich Dass dieser Plan auch
den jungen Mann dessen Krankheit hoffentlich Gott wenden wird um ihm
Gelegenheit zu geben noch sehr an Herzensgüte und Sittenreinheit zuzunehmen
mit betrifft ist ein Zufall der mir nicht viel sagen will Jetzt aber genug
von ihm Ich möchte ihn noch ärger schelten wär er nicht krank
Selmar schwieg Er hatte sich in seiner Verteidigung erschöpft Das Letzte
was er für den vermeintlichen Prinzen noch anführen konnte seine bedenkliche
Erkrankung hatte ja der Vater schon vorweggenommen Er wusste dass er diesen
erzürnen würde wenn er einen von ihm für erledigt erklärten Gegenstand von
freien Stücken wieder aufnahm Er sah zur Erde und schleuderte mit dem schwanken
Stöckchen das er in der Hand trug hier und da einen kleinen Stein zur Seite
auf die Beete die nicht gut gehalten waren Die Blumen wuchsen fast wild
Die Hecken trugen Beeren die überreif vertrockneten weil sie nicht abgelesen
wurden Die Blätter der verwelkten Rosen lagen zerstreut unter den grünen
stachlichten Stämmen Niemand hatte die Rosen gebrochen bis sie mit
auseinanderfallenden Blättern von selbst niederglitten Tausende verwelkter
Blütenkapseln lagen auf den Wegen und mischten sich mit dem Kieselsand Es war
hier weder die Hand der Liebe noch die der Furcht sichtbar und Ackermann sagte
einige Male mit Recht
So sieht es aus wo kein Herr ist
Einige Male trennten sich unsere harrenden Wanderer die wohl schon zehnmal
Park und Garten auf und ab durchmessen hatten Den Vater fesselte dann ein Baum
den Knaben eine Blume und dadurch gerieten sie zuweilen auseinander Einmal
stand Selmar an dem Pavillon und betrachtete von allen Seiten das geheimnisvolle
umfangreiche Gebäude dessen Fenster mit äußern Jalousieen verdeckt waren Es
waren Marquisen von schiebbaren Holzstäben An eins dieser Fenster trat Selmar
näher heran hob den hölzernen Vorhang ein wenig in die Höhe sodass die Bretter
sich verschoben und einen Blick ins Innere erlaubten
Ha Vater wie schön rief er plötzlich
Ackermann kam ruhig näher Scheinbar ruhig Er war es vielleicht nicht
Er sah wenigstens mit ängstlicher Spannung bald zur Gartentür bald zu den
Fenstern des Palais Die Krankheit jenes jungen Mannes in dem er den Prinzen
Egon kennen gelernt zu haben glaubte beschäftigte ihn mehr als er seinem Sohne
verriet dessen übergrosse Freundschaft für Egon er wie wir wohl bemerkt haben
werden absichtlich niederhalten wollte
Wie ihm Selmar von dem Innern des Pavillons so überrascht zurief kam er
dem Fenster wo Selmar lauschte näher aber kaum hatte er in der Meinung etwa
einen schönen Saal zu sehen einen Blick durch die engen Bretter der Jalousieen
geworfen als er sie voll Entrüstung zuzog und seinen Unmut über Selmar
aussprach den er jetzt neugierig ja zudringlich nannte Es war das
Badezimmer des alten Fürsten gewesen das Selmar gesehen hatte eine bunte
magisch von oben herab beleuchtete Kammer mit Statuen und Gemälden in einem
Geschmacke der das Auge der Sittlichkeit beleidigen musste Doch war Selmar
so unbefangen dass er nur an dem Gold und den Farben hing nur die von einem
roten Kuppelfenster angebrachte magische Dämmerung bewunderte und nicht
begreifen konnte wie der Vater so zürnen und schelten konnte
In diesem Augenblicke kam ein Bedienter und meldete mit leicht hingeworfener
verächtlicher Rede die Ankunft des Justizrates
Er hat Sie ja wohl bestellt hieß es
Gut gut mein Freund sagte Ackermann Wir kommen schon
Beide verließen den Garten Ackermann mit einem schmerzlichen Rückblick auf
den Pavillon der ihm einen traurigen künstlerischen Irrtum eine ansteckende
und gefährliche Lebensansicht auszudrücken schien
Fünftes Kapitel
Eine Szene
Ackermann und Selmar trafen den eben angekommenen Justizrat in dem unteren
Zimmer bei den Demoiselles Wandstabler Verletzend genug für Ackermanns Gefühl
war auch hier die Überraschung dass sie beim Eintreten Schlurck in dem Versuch
einer flüchtig scherzenden Umarmung der jüngeren der Lorette Lore oder Laura
Wandstabler antrafen
Ackermann ließ die Tür zu und blieb einstweilen draußen auf der Torflur
stehen Der Knabe war vor dem Anblick bewahrt geblieben
Schlurck kam schmunzelnd erhitzt heraus und winkte nach höflicher
Begrüßung ihm über die Treppe hinauf zu folgen Er würde versuchen sagte er
ob die Ärzte eine mündliche Unterredung zwischen Herrn Ackermann und dem Fürsten
über das von ihm gemachte dankenswerte den Wünschen aller Gläubiger
entsprechende Anerbieten erlaubten
Ich habe nochmals sagte Schlurck beim Hinaufsteigen mit prüfender und den
Amerikaner scharf durchbohrender Miene nochmals Ihre Offerten durchgelesen und
bin vollkommen überzeugt dass sie Sr Durchlaucht genehm sein werden Sie
stellen eine Kaution von 10000 Talern und übernehmen die Pachtung sämmtlicher
Güter des fürstlichen Hauses Hohenberg Sie zahlen jährlich dreissigtausend
Taler in die Masse um damit teils die Zinsen der Schuld teils das Kapital
derselben allmälig zu tilgen und erbieten sich den Rest Ihrer Einnahme dem
Fürsten zur Disposition zu stellen nachdem Ihnen erstens die Verzinsung des
Kapitals das Sie selbst in die Ökonomie stecken werden gesichert ist und Sie
für Ihre eigene Mühewaltung eine Summe von wie viel war es Tausend Talern
ergänzte Ackermann
Bester Freund sagte Schlurck und blieb auf der Treppe gerade an einer
Statue stehen Lassen Sie uns erst aufrichtig reden Tausend Taler Was ist
Das Ich dachte heute früh ich hätte Sie misverstanden und nun wiederholen Sie
diese Bagatelle
Überhaupt bin ich mit manchen Punkten noch nicht einverstanden fuhr er
fort Wie können Sie bei so geringer Einnahme bestehen Sie opfern ja Ihr
Interesse dem eines Fremden Sehen Sie hier Das ist die Statue des Merkur Ein
bedeutsames Wahrzeichen Es muss Sie an Ihren Vorteil erinnern Merkur war der
Gott des Handels
Und der Diebe sagte Ackermann scharf einfallend
Schlurck hob den Kopf zog die Brille etwas in die Höhe und fixierte mit halb
unbewaffnetem Auge mit dem er in der Nähe besser sah diesen seltsamen Einfall
Ganz recht sagte er und machte ein eigentümliches Zeichen das Ackermann
als Freimaurerzeichen erkannte ohne es jedoch zu erwidern
Schlurck wollte sich über diesen neuen Generalpächter orientiren blieb
immer noch stehen und wiederholte seine Bemerkung
Aber ob des Handels oder der Diebe gleichviel Sie opfern ja Ihr
Interesse dem eines Fremden Tausend Taler
Das ist meine Sache sagte Ackermann Genügen Ihnen meine Zeugnisse meine
Kautionsanerbietungen meine Vorschläge für die Kreditoren so hab ich nur die
Absicht mein Vermögen sicher anzulegen und im Übrigen durch diese Verwaltung
Gelegenheit zu haben gewisse Grundsätze der Landwirtschaft die ich auch als
Kenner und Teoretiker treibe praktisch anzuwenden Die natürliche
Beschaffenheit dieser Güter kommt meinen Ideen entgegen Die Ökonomie auf ihnen
ist mehr vernachlässigt als irgendwo und doch sind es wieder meist dieselben
Fehler die überall in Europa gemacht werden Ich habe mir die Gelegenheit
angesehen die ich an Ort und Stelle günstig genug gefunden habe etwas
Tüchtiges zu schaffen und wenn ich fast für gewiss voraussehe dass Sr
Durchlaucht noch zwanzigtausend Taler reinen Gewinns übrig behalten werden so
können Sie schon getrost eine so vorteilhafte Anerbietung eingehen
Schlurck blieb da man inzwischen weiter gegangen war oben auf dem Korridor
stehen und lehnte sich an das Gitter der Treppe
Hm hm sagte er dehnend Es ist aber doch nötig dass wir ganz im Reinen
sind ehe wir den Versuch machen die Meinung des Prinzen zu hören Die
bisherige Verwaltung durch die im Dienste Sr Durchlaucht Angestellten beträgt
etwa sechstausend Taler Sie war früher viel größer Seit zwei Jahren hab ich
sie auf das Nötigste reducirt Dies Budget werden Sie wovon bestreiten
Von den Einkünften des Bodens aber auch von den Renten und Gefällen die an
die Gutsherrschaft gezahlt werden
Bester Freund sagte Schlurck Renten Gefälle die sind meist aufgehoben
So wurden sie abgekauft sagte Ackermann Dies Kapital legt man an und
erzielt davon eine Rente die um so angenehmer ist als nun durch keine böse
Verstimmung mehr das Verhältnis des Grundherrn zum Bauer getrübt wird
Das Kapital sagte Schlurck lachend Ja guter Mann Das was die Bauern
schon eingezahlt haben ging längst in die Masse
O das war höchst ungerecht das war unverantwortlich sagte Ackermann
Wie so fragte Schlurck und rückte die Brille wieder empor
Das war unbillig wiederholte Ackermann Sie konnten dulden dass man so die
Rechte des Erben verkürzt Die Laudemien waren eine jährliche Rente Von dieser
Rente von diesen Zinsen durften die Gläubiger nehmen
Die Ablösungssummen aber sind ein ganzes Kapital das an den Gütern haftet
Sie konnten sozusagen eine Ernte verkaufen aber nicht den ganzen Boden
Als Ackermann so laut und in den gewölbten Räumen widerhallend sprach
öffnete man die Tür
Ein Frauenzimmer blickte heraus und schien eben in einen Strom von
Scheltworten sich ergehen zu wollen als sie erschrocken den Justizrat erkannte
und ihrer Zunge augenblicklich Stillschweigen gebot
Wie geht es Sr Durchlaucht fragte der Justizrat ruhig und bei sich über
den Wahrheitsfanatismus dieses imposanten Landwirtes lächelnd
Die Dame antwortete mit großer Unterwürfigkeit dass die Ärzte im Zimmer
wären Niemanden zuliessen und ihre Befehle nur dem französischen Bedienten
mitteilten den Se Durchlaucht aus Paris mitgebracht hätten
Wir Alle stehen hier in schmerzlicher Erwartung sagte sie mit gewähltem
etwas geziertem Tone
dabei öffnete sie die Tür und schien Schlurck einladen zu wollen in den
Vorsaal einzutreten
Es standen da einige fremde Bediente andere saßen Der alte Wandstabler
ruhte auf einem Polstersessel und wischte sich die Tränen die auf seinen
grauen heute nicht sehr gewichsten Schnurrbart rollten Es waren dies da er
unten schon oft nach den Schlüsseln gesehen hatte Tränen sehr zweideutigen
Ursprungs
Die Sprecherin war Demoiselle Florette Wandstabler seine Tochter Sie
erzählte flüsternd dass der Prinz drei Zimmer weiter läge in der hochseligen
Durchlaucht Schlafgemächern dass er im Fieber phantasire und nur auf
Augenblicke bei Besinnung wäre Der Unglücksfall errege das allgemeinste
Interesse Alle hohe und höchste Herrschaften schickten stündlich und ließ
Nachfrage halten Diese beiden Bediente dort gehörten der Gräfin dAzimont
die jede halbe Stunde einen Rapport haben müsse Diese schöne
bewunderungswürdige Dame hätte selbst an sein Lager fliehen wollen wäre
schon auf diesem Vorsaale gewesen aber die dringendsten Befehle der Ärzte
hätten gerade sie am meisten entfernt gehalten Der französische Kammerdiener
Monsieur Louis hätte sich ihr mit Entschlossenheit entgegen geworfen der wäre
noch strenger als die Ärzte und Sie kennen Sanitätsrat Drommeldei schloss
sie
Selmar der alle diese Mitteilungen anhörte fasste krampfhaft die Hand
seines Vaters dem sich eine Träne ins Auge schlich
Schlurck ersuchte jetzt Beide in ein Seitenzimmer vom Entrée links zu
treten und einen Augenblick zu verziehen
Ich sehe doch sagte er mit scharfer und selbstzufriedener Betonung dass
diese Angelegenheit nicht so rasch wird erledigt werden können wie ich gehofft
hatte
Er zog halb die Tür zu und flüsterte wieder mit Florette Wandstabler
Als Ackermann und Selmar allein waren warf sich dieser an den Hals des
Vaters und weinte
Beruhige dich mein Kind sprach der Vater gerührt
Unser Freund ist jung und von einer ungeschwächten Natur Die gütige
Vorsehung wird ihn schützen
Und siehst du nicht fuhr er dann fort dass es Menschen genug hier gibt die
auf seinen Zustand lauschen wie auf die Atemzüge des geliebtesten Menschen Er
ist in Sorgfalt und Pflege
Hätt er eine Schwester sagte Selmar einen Bruder Hätt er eine Mutter
einen so zärtlichen Vater wie du Wir könnten mit ruhigerem Herzen dies große
ängstliche Gebäude verlassen
Deswegen sei ohne Sorge tröstete ihn der Vater mit besonderem Nachdruck
dieser feine mehr schlaue als kluge Herr der sich in meiner Person sehr zu
irren scheint ist der Vater jenes schönen Mädchens mit dem er in Hohenberg und
auf der Reise so leichtsinnig tändelte und die Gräfin dAzimont hörtest du doch
eine vornehme und sehr gefeierte Dame aus Paris diese nimmt vollends einen
Anteil an ihm wie an einem Bruder Sie liebt ihn ja So denk ich wird er von
zärtlicher Obhut nie verlassen sein
Beklemmend war es für Ackermann dass auch in diesem höchst elegant
eingerichteten Zimmer Vieles enthalten war was er von Selmar nicht gesehen
wünschte Auf einem Sockel von grauem Marmor stand in einer Ecke eine Kopie
der mediceischen Venus von Alabaster Er konnte nicht hindern dass Selmar sein
Auge auf dies schöne Kunstwerk richtete ja hätte er davon zu sprechen begonnen
so würde er jetzt auch ruhig geantwortet haben wie über etwas Harmloses Es tat
ihm leid dass er sich vorhin im Garten von seinem Unwillen hatte fortreißen
lassen und gerade das Arge erst vielleicht geweckt hatte dadurch dass er es
durch seine Entrüstung als arg hinstellte
Nach einiger Zeit ängstlichen Wartens trat dann Schlurck leise und
schleichend wieder ein nahm Platz und sagte mit verstimmter Miene
Der Prinz hat das Nervenfieber eine Krankheit ebenso gefährlich wie
langwierig Man wird nichts abschließen können mein Bester Lassen wir dies
Geschäft Sie kommen aus Amerika Darf ich
Ackermann von gewaltiger Unruhe getrieben lehnte die dargereichte Dose ab
und erwiderte
Gerade jetzt ist vielleicht noch der einzige günstige Augenblick Ein
langwieriges Übel schiebt die Entscheidung auf unbestimmte Zeit hinaus Kommen
Sie wir sprechen die Ärzte
Unmöglich sagte Schlurck und hielt Ackermann zurück Wo denken Sie hin
Auch bin ich selbst aufrichtig gestanden mit Ihren Vorschlägen nicht ganz
einverstanden Sie bedingen sich nur Tausend Taler eigenen Gewinnes Ich finde
Das mindestens gesagt auffallend Welches Interesse können Sie haben sich
solcher Mühe so vielen Plagen zu unterziehen und dafür einen so geringen
Entgelt zu beanspruchen
Das ist ja meine Sache wiederholte Ackermann
Ihre Äußerung über die Kapitalisirung der Laudemien fuhr Schlurck fort
frappirt mich denn ich weiß in der Tat nicht da ich die ganze Last dieser
Überschuldung auf mir liegen habe wie ich es mit den laufenden Ausgaben zB
für die noch nicht an den Staat übergegangene Gerichtspflege und etwa ein
Dutzend Angestellter des Fürsten halten soll Sie haben ganz Recht Herr
Ackermann dass es Unrecht war ein Kapital von dem nur die Rente disponibel
hätte sein sollen zur Masse zu schlagen Aber ein Familienstatut ein Majorat
existiert nicht Was tun um diese Löcher all zu stopfen
Ich will sagte Ackermann in ruhiger Auseinandersetzung ich will noch die
sechstausend Taler für Gerichtspflege und Amtskosten auf den Ertrag der Güter
mit übernehmen wenn ich die ganze Verwaltung der Grundrenten mit überkomme und
mir die Ablösungen zur Verfügung und Durchsicht gestellt werden
Schlurck erhob sich schüttelte mit dem Kopfe und sagte
Alles recht schön Recht schön Aber man kann Das nicht übers Knie brechen
Es tut mir leid
Damit deutete er an dass die Unterhandlung abgebrochen wäre Offenbar
erfüllte ihn das sonderbare Drängen dieses Landwirtes mit Mistrauen Er sah in
ihm etwas Andres als einen Ökonomen der nur landwirtschaftliche Versuche
anstellen wollte Die Zumutung Einsicht in die Bücher zu bekommen und
gleichsam die frühere Verwaltung zu controliren war ihm vollends lästig Er war
sich zwar soweit er sich auf Bartusch verlassen konnte keiner auffallenden
Verstösse bewusst fürchtete aber doch alles Schroffe Übereilte
Leidenschaftliche und das Allzuwissbegierige und Unbequeme ohnehin
Da Ackermann nicht nachgab so antwortete er um nur eine Ausflucht zu
haben
Überdies gesteh ich Ihnen wir haben noch andere Anerbietungen die
vielleicht günstiger sind
Er wollte gehen und kniff Selmarn freundlich wie zum Abschied in die
Backen
Ackermann schwieg einen Augenblick fixierte dann aber noch einmal den
offenbar sich unbehaglich fühlenden Mann und sagte mit vieler Ruhe und Kälte
Herr Justizrat wenn ich die Verwaltung der Güter bekäme würd ich
erkenntlich sein Ich bot zehntausend Taler Kaution und verlange nichts gar
nichts vom Fürsten um in die Ameliorationen etwas hineinzustecken Ich gebe
das Alles selbst her weil ich leidlich vermögend bin Es ist mir nur um die
Gelegenheit zu tun eine große Wirtschaft zu führen und den deutschen
Landwirten amerikanische Erfahrungen zu zeigen Ich biete Ihnen ein kleines
Gratial zweihundert Louisdors Herr Justizrat wenn wir ins Reine kommen
Dies gewagte Wort sprach Ackermann ganz ruhig hin und legte nicht den
geringsten Accent darauf
Schlurck aber sah ihn von der Seite an zog seine Dose nahm eine Prise und
machte eine sehr lange Pause Dann wandte er den Kopf empor lächelte schnellte
den Rest des Tabacks aus den Fingern und sagte
Hm Hm
Noch einmal dann den Fremden der ihn sicher und vertrauend und seines
Mannes gewiss anblickte fixirend fragte er mit einem Tone der etwa sagen
wollte als verstünde sich Das von selbst
Jährlich
Es war ein gewagtes Wort dies Jährlich Es ließ einen tiefen gefährlichen
Blick auf Schlurcks Lebensphilosophie und die ganze Geschichte seines Berufes
werfen Er sprach es aus nicht etwa mit gemeiner schmeichelnder Gewinnsucht
die ihm fremd war Er sprach es mit dem Tone eines Weltmannes der gleichsam zum
Andern sagen wollte Die ganze Welt ist eine Komödie wo Einer den Andern
prellt Was wollen wir Narren sein und die Tugend lieben Der alte Fürst hatte
ihm ja immer erlaubt bei Gelegenheiten wo er den Mäkler machte auch an sich
zu denken und von den geschriebenen Rechnungen allein war der ungeheure Aufwand
den er machte nicht zu bestreiten Er fand es in der Ordnung dass er bei einem
guten Dienst den er dem Andern leistete auch eine Erkenntlichkeit für sich in
Anspruch nehmen durfte Aber »Jährlich« diese Frage war doch gewagt
Es war ihm eigentlich fremd so zu feilschen und sein Gewissen in Fallen zu
locken Er liebte es nicht dass er fodern sollte er nahm was man gab Seine
Lebensphilosophie hasste das Moralisiren auch nach dieser Seite hin und wenn man
ganz die Wahrheit sagen will so war er im Grunde doch viel weniger schlecht
als er sich im Allgemeinen schlecht gab Es war ihm eine solche
BestechungsAngelegenheit nur der Humor des Lebens der uns die Langeweile der
Alltäglichkeit ausschmückt Er hielt sich auch nicht lange bei solchen
Verhandlungen auf und hätte vielleicht jetzt wenn Ackermann die Achseln gezuckt
und gesagt hätte Nein nur Einmal Jährlich ist mir zu viel gelacht und die
tausend Taler hingenommen die er brauchen konnte trotzdem dass man ihn für
reich erklärte Er war nicht reich Er nahm viel ein und dass er viel einnahm
dazu gehörte gerade dass man sich über tausend Taler in Gold baar auf den
Tisch gelegt nicht zuviel weitläufige Scrupel machte
Aber schlimm Tausend Taler auf einmal waren Schlurck nichts wert wenn er
die Administration dafür auf immer in andere Hände geben sollte Er behielt zwar
die Kontrole des Generalpächters er vermittelte zwar die Ansprüche der
Gläubiger aber es trat ein neuer Mensch in seine Kreise ein zwei neue scharfe
Augen sahen in seine Bücher und das für einmal eintausend Taler in Gold Das
hätte ihm in diesem Falle lächerlich erscheinen müssen und deshalb wiederholte
er noch einmal
Jährlich
Aber nun war es übel dass auf Ackermann dies Wort fatal wirkte Es war dies
ein leidenschaftlicher Mann die ganze Situation peinigte ihn schon lange Er
wollte mit seinem kleinen einfachen Anerbieten nur Schlurck auf den Zahn fühlen
in welchem Sinne dieser Herr wohl des Prinzen Egon Güter verwaltete Er hatte
vielleicht Wunder geglaubt was er schon dem Gelüsten des Unrechts für einen
gewaltigen Köder entgegenhielt Als aber mit der Frage Jährlich ihm die
Zumutung eines perennirenden Betrugs gegen den Fürsten gestellt wurde
übermannte ihn so der Zorn dass er glühend von Unwillen bei Wiederholung des
Schlurckschen »Jährlich« ausrief
Nein Schurke nie
Schlurck sank fast in einen Sessel
Selmar sprang herbei fasste die Hand des Vaters
Dieser ließ ihm den Hut wie zum Aufbewahren riss die Tür auf stieß
Schlurck zurück und sprach mit Donnerstimme dass es Alle draußen hörten und ihn
für wahnsinnig halten mussten
Lasst mich zum Prinzen Ein lichter Moment wird hinreichen ihn vor
Verrätern zu schützen
Er stürmte mit diesen Worten auf die Tür zu die zu den Zimmern des Fürsten
führte
Schlurck saß regungslos Diese Szene Diese Zuhörerschaft Dies plötzliche
Erlebnis das er sich nicht hatte träumen lassen Das war wie ein Einfallen des
Himmels Wie kam ihm denn Das Ihm Hier Unter solchen Umständen Hier bei der
ihm wohlbekannten alabasternen Venus von Medicis Szenen Szenen Sie waren
nie seine Sache gewesen Er konnte geistreich witzig liebenswürdig sein es
war ein Mann sogar von Mitgefühl von milder Gesinnung von Wohltätigkeit er
konnte auch einmal etwas begehen was gewagt und gefährlich war Aber still
musst es dabei sein die Leidenschaften mussten schweigen das Tollhaus der
»Tugend« sich nicht entleeren Szenen mussten wegfallen Dass er hier jetzt nur
schon so auf den »Schurken« antworten musste so doch hinzuspringen um den
gefährlichen Mann von der Tür wegzureissen das war ihm entsetzlich Einmal
an sich entsetzlich der Torheit wegen die er sich vorwerfen musste dann aber
auch ebenso entsetzlich wegen der Exaltation die solche Dinge in seinem träge
rinnenden Blute hervorriefen O er war einer Ohnmacht nahe
Sein Schrecken wuchs als sich die Tür öffnete die Ärzte herbeistürzten
und zornig nach der Ursache des Lärmens fragten
Ackermann noch in der vollen Glut seiner Entrüstung rief
Meine Herren Lassen Sie mich den Prinzen sprechen Er kann davon nicht
sterben wenn ein Freund zu ihm spricht Es wird ihn erquicken wenn er sieht
dass es noch Menschen gibt die ihn lieben und für ihn leben wollen
Noch hatte er kaum zum unwilligsten Erstaunen der Ärzte unter denen sich
glücklicherweise Sanitätsrat Drommeldei nicht befand diese Worte geendet als
ein junger Mann aus den Zimmern deren Türen nun alle offen standen bis in das
dunkle hintere Schlafcabinet heraustrat Er war von mittler Statur blassen
gefälligen Mienen das schwarze Haar lag kurz geschnitten auf dem Scheitel und
erhöhte den Ausdruck des teilnehmend besorgten freundlichen Antlitzes Nichts
verriet einen Dienenden Schwarzer Frack und schwarze Beinkleider standen ihm
wie einem Weltmann doch war das Halstuch nur lose geknüpft und ließ durch den
umgeschlagenen Hemdkragen in dem Eintretenden eher einen Studenten als einen
Kammerdiener was er nach Florette Wandstabler sein sollte erkennen Die Hände
entsprachen nicht ganz dem gefälligen Charakter des Gentlemans sie waren zu
stark im Vergleich zur Proportion der übrigen Formen und hatten nicht jene Weiße
des Gesichts und des Halses die zu dem schwarzen glänzenden Haare so auffallend
abstach Kinn und Oberlippe waren mit einem schöngekräuselten Barte geziert
Was gibts hier fragte der Eintretende mit strengem fast befehlenden Blick
in französischer Sprache
Ackermann zog die Tür an die der Franzose noch in der Hand hielt und
begann im beredtesten Französisch wie der gebildetste Weltmann sein Anliegen
auseinanderzusetzen
Mein Herr rief er stürmisch erregt und ohne viel die Worte zu wählen Sie
sind ein Freund des Fürsten denn er duldet Sie an seinem Krankenlager Sagen
Sie ihm dass ein bemittelter und erfahrener Ökonom aus Amerika sich anbieten
wollte seine Güter zu verwalten Sagen Sie ihm dass dieser Mann dabei nicht das
Interesse seiner eignen Bereicherung im Auge hat sondern die Wohlfahrt des
Besitzers Er erbietet sich eine Kaution von zehntausend Talern sogleich zu
zahlen als Bürgschaft seiner Treue und Ehrlichkeit Er erbietet sich die Hälfte
seiner reinen Einnahmen auf die Befriedigung der Gläubiger des Fürsten die
andere aber zur Befriedigung der Bedürfnisse des Fürsten selbst zu verwenden
Beide Summen werden Dank der Erfahrungen die der fremde Landwirt machte Dank
seines ehrlichen Willens groß genug sein um ihren Zwecken zu entsprechen Der
Zuschlag müsste mindestens auf zehn Jahre geschehen Die Kapitale die der fremde
Mann auf seine Verbesserungen verwendet gibt er selber her unter der
Bedingung dass ihm eine Hypothek auf die Güter und die richtige Verzinsung
gestellt wird Für sich selbst verlangt er nur die Summe von jährlich tausend
Talern Sagen Sie dem Fürsten dass ich mich durch den Augenschein überzeugt
habe wieviel sich für seine Besitzungen noch tun lässt Sagen Sie ihm das
sogleich mein Herr ehe die Krankheit die den jungen Prinzen bedroht weitere
Fortschritte macht und einen Zeitverlust verursacht der in Rücksicht auf die
nächstjährige Ernte nicht wieder eingebracht werden kann Nennen Sie ihm meinen
Stand und Namen Ich bin ein Deutscher komme aus Amerika heiße Ackermann und
biete alle Garantieen Der Justizrat Schlurck ist zugegen um die
Willensmeinung des Prinzen in Empfang zu nehmen und die Urkunden aufzusetzen
Der Franzose hatte ruhig aufmerksam und ernst zugehört
Monsieur un instant sagte er und kehrte in die Krankenzimmer zurück
Ackermann sah nun in höchster Spannung um sich
Alles haftete an ihm Die Bedienten die Ärzte standen starr Selmar
schmiegte sich an den Vater und hielt ihm die eine seiner Hände in denen man
das Blut klopfen fühlte Schlurck leichenblass und im höchsten Grade mit sich
selber unzufrieden stand in einiger Entfernung am Fenster des Vorzimmers
klopfte mit seinem Stöckchen wie in der Zerstreuung an die Scheiben Florette
Wandstabler schlich sich zu ihm heran und fragte besorgt
Was haben Sie Herr Justizrat Was ist Das nur
Wer ist der Franzose fragte Schlurck fast tonlos
Monsieur Louis antwortete diese ebenso leise Sr Durchlaucht gab gleich
nach der Ankunft von Paris Befehl diesem Franzosen in Allem zu gehorchen Erst
seit gestern wohnen Durchlaucht hier und Monsieur Louis sind erst eingezogen
seitdem Durchlaucht sich für krank erklärten Denken Sie sich Anfangs trug
dieser Louis ein Überhemd wie ein Fuhrmann und wohnte vorm Tore in einem
elenden Gasthofe Jetzt erst wo er beim Fürsten wacht hat er sich so fein
gekleidet Die Gräfin dAzimont die heute früh hier fast in Ohnmacht lag haben
die Ärzte und Monsieur Louis mit Gewalt von Sr Durchlaucht fern gehalten Wir
werden schlimme Dinge erleben gleichviel ob der junge Herr lebt oder stirbt
was übrigens Gott verhüten möge
Schlurck erwiderte auf diesen Bericht nichts wandte sich auch nicht nach
ihr um sondern sah auf die Straße hinaus Er fürchtete wenn er sich wandte
dem zermalmenden Blicke Ackermanns zu begegnen den er überdies für einen jener
exaltirten Menschen aus der Schule des Heidekrügers Justus hielt Alle Störungen
der einfachen Lebenslogik waren ihm im höchsten Grade zuwider vollends aber
Phantasterei Ackermann stand da wie ein antiker Heros Das Feuer des Zornes
hatte alle seine Züge gehoben Das braune lockige Haar das nur wenig an den
Spitzen hier und da schon graute hatte sich fast aufgerichtet Die Nasenflügel
zitterten Flammen eines jugendlichen Mutes blitzten aus den Augen und ließ
erkennen dass Ackermann sicher einst in seiner Jugend ein so schöner Jüngling
war wie noch jetzt ein imposanter anziehender Mann
Teatereffect brummte Schlurck vor sich hin Ich wette es ist ein
verdorbener Schauspieler
Und doch sagte er sich
In dem Stück spielst du eine miserable Rolle
Die Tür ging wieder auf
Louis trat herein und sagte mit Ruhe und Anstand auf Französisch zu
Ackermann
Entschuldigen Sie mein Herr der Prinz ist zu angegriffen um die
Verhandlungen mit Ihnen selbst zu führen Auch verbieten es die Herren Ärzte Er
frägt ob er das Anerbieten das Sie ihm stellen mein Herr die Ehre hat von
einem Amerikaner Namens Ackermann zu empfangen der in Begleitung eines
kleinen Knaben vor einigen Tagen am Fuße des Schlosses Hohenberg war und dort
die Bekanntschaft eines jungen Mannes Namens Dankmar Wildungen machte
Ja mein Herr sagte Ackermann freudig erregt Und auf seinen Knaben
zeigend setzte er hinzu
Der bin ich Das ist mein Sohn dort Der Name Dankmar wie sagten Sie
Dankmar Wildungen war die Antwort
Ackermann schien plötzlich überrascht von diesem Namen den er in Hohenberg
nicht gehört hatte und den sich wie er glaubte der Fürst selbst gab
Wildungen Wildungen wiederholte er
Eine neue ihn befremdende Gedankenreihe schien über ihn zu kommen
Der Franzose wiederholte ein wenig dringender aber artig ob er jener Herr
wäre
Ja sagte Ackermann der bin ich mein Knabe dort ist es auch Aber
Wildungen Wie kommt dieser Name hieher
Es genügt sagte der Franzose dass Sie Herr Ackermann sind und in Begleitung
Ihres Herrn Sohnes vor einigen Tagen in Plessen am Fuße des Schlosses
Hohenberg sich aufhielten
Damit entfernte er sich
Ackermann stand sinnend strich sich über die Stirn und wiederholte
Wildungen Dankmar Wildungen Warum Wildungen
Schlurck hörte alle diese Verhandlungen mit gekniffenem Lächeln an Waren
sie ihm schon an sich peinlich weil sie die Vorboten großer Störungen seiner
Einkünfte schienen trübten sie ihm schon an sich den Humor mit dem er das
Leben zu fassen gewohnt war so musste er im höchsten Grade überrascht sein hier
Alles bestätigt zu finden was er von Bartusch und Paulinen über die seltsamen
Abenteuer auf Hohenberg vernommen hatte Der junge Prinz war auf Hohenberg
gewesen war unstreitig ein und dieselbe Person mit jenem Dankmar Wildungen von
dem er noch immer nicht mehr wusste als dass er von ihm etwas erfahren hatte was
er ins tiefste Dunkel gehüllt glaubte den Fund jenes rätselhaften Schreines an
der Schmiede im Mondenlicht er konnte keinen Zusammenhang kein klares Licht
mehr entdecken Er sah nur noch jenes Kreuz mit den vierblättrigen
KleeblattEnden das ihm in jener Nacht als er aus dem Justizamte zurückkam
plötzlich an dem zerbrochenen Wagen eines verwundeten Fuhrmannes in die Augen
fiel Er gedachte des gewaltigen Eindruckes den ihm da so plötzlich mitten in
der Nacht eine Erinnerung an seinen großen wichtigen Prozess über den Nachlass
einer geistlichen Ritterschaft machte er gedachte der Mittel die er brauchte
um die Familie Zeck zu überreden verschwiegene Zeugen einer Aneignung zu
werden die fast auf einen Raub hinauslief er sah sich da von einem Netz
umstrickt in dessen kunstvoller Anlage auch die kleine weiße knöcherne Hand und
das rote Haar Fritz Hackerts ihm plötzlich entgegenfuhren er sah um sich
Gestalten die die Zähne fletschten hörte ihr teuflisches Hohnlachen fühlte
den Boden unter sich wanken und fasste sich erst als wieder die Tür aufging
und Monsieur Louis zu Ackermann sagte
Mein Herr Der Prinz lässt Ihnen sagen Sie wären ihm durch die Erinnerungen
an Hohenberg und Dankmar Wildungen zu gut empfohlen als dass er nicht mit
Freuden die Gelegenheit ergreifen sollte das unglückliche Schicksal seines
Erbes herzlich gern Ihnen anzuvertrauen Sollte ich sterben fügte der Fürst mit
Standhaftigkeit hinzu so wird die Seitenlinie unsres Hauses gewiss meinen Willen
ehren den ich die Herren Ärzte zu bezeugen bitte Die Herren Ärzte waren
anwesend Der Prinz hat darauf befohlen dass Herr Schlurck die ganze Verwaltung
der Güter Herrn Ackermann übergibt und an ihr nur noch als Vertreter der
Ansprüche der noch unbefriedigten Gläubiger beteiligt bleibt Über dies Alles
wollen Sie mein Herr in diesen Tagen gerichtliche Akte nehmen lassen Die
Ärzte sind Zeugen und ich selbst bin es Louis Armand gebürtig von Lyon
Die wiederzurückgekehrten Ärzte bestätigten diese Äußerung die Schlurck mit
unfreiwilligem Lächeln entgegennahm
Louis Armand war sogleich wieder in die dunklen Krankenzimmer zurückgekehrt
Er wird leben Der Prinz wird genesen rief Ackermann und eine Träne trat
in seine Augen während Selmar die seinen verbarg um nicht zu sehr zu
verraten wie der Ausdruck seiner Empfindungen sie schon längst feuchtete
Nachdem Schlurck mit einem schweren Seufzer sich noch kurz geäußert hatte
in seinem Bureau würde Herr Aktuar Bartusch zu jeder Zeit und wenn man wünschte
noch heute die nötigen Aufklärungen erteilen und auch die Akte aufsetzen die
man gerichtlich niederzulegen hätte schritten Ackermann und Selmar Vater und
Sohn langsam und schweigend aus dem Zimmer Der Stolz verklärt vom Schmerz
der Liebe ist ein Weiheaugenblick des Menschen wo er am größten erscheint
auch ohne äußerlich zu triumphiren Ackermann war zu großmütig um auf Schlurck
verächtlich herabzublicken
Florette Wandstabler aber trat zu Schlurck heran und flüsterte
Herr Justizrat ist denn das Alles gut
Ihr Vater der phlegmatisch weinerlich und halb berauscht dieser Szene
stehend beigewohnt hatte trat gleichfalls fast hinkend auf seinen
eingeschlafenen dünnen Beinen deren Schuhe und Strümpfe in lächerrlichem
Kontraste zu der ganzen dicken soldatischen Figur und dem Schnurrbarte standen
zu dem Justizrat heran der bisher ihrer Aller Schutz und Hort gewesen war und
drückte Das was er ungefähr fühlte durch einen fragenden tiefgezogenen
Seufzer aus
Schlurck sich zum Gehen wendend sagte draußen unbelauscht von den Dienern
denen durch die französische Sprache diese aufgeregte Szene nicht ganz
verständlich geworden war
Ja Ja seufzt nur Leute Les jours de fête sont passés französisch
sprechen kann ich auch
Florette fasste draußen seine Hand und meinte noch besorglicher
Also es ist nicht gut
Mit einem verzweifelten Versuche seine alte Heiterkeit wieder zu gewinnen
antwortete Schlurck
Mädchen macht dass Ihr Männer kriegt Dem oben werdet Ihr keine Bäder
machen und hübsche Schmetterlinge fangen Maikäferchen fliege Schlaraffenland
ist abgebrannt
Aber den Franzosen hätt ich mir ganz anders gedacht sagte Florette
Beisst wohl nicht an der Schwarzkopf erwiderte Schlurck Alte Künstlerin da
müssen jüngere Hexen kommen
Die Lore ist noch recht hübsch meinte doch Florette
Und in der Tat stand Lore Wandstabler unten und wartete mit Dore der
mittleren Schwester
Sie hatten sich da sie alle mager und schwarz waren mit grellen Farben
geschmückt und standen recht verfänglich da Sie hatten das Schmiegsame und
Hingebende so in der Übung dass sie den Justizrat wenn man sagen will ebenso
gut umstanden wie schon umarmten
Aber er hatte heute keinen Geschmack für ihre lacertenartige Zärtlichkeit
Katzen sagte er halb scherzend halb ärgerlich lasst mich heute los Und
überhaupt setzte er hinzu als sie ihm für seine Stimmung doch zu schmiegsam
wurden Ihr seid mir immer zu mager gewesen
Mit dieser Grobheit ließ er die erschrockene Familie Wandstabler in
Erstaunen und großer Bekümmernis zurück so unhold war er ja nie gewesen
Die Mädchen sahen sich fragend an begleiteten ihn bis an das geöffnete
Portal und staunten welchem ruhigen nachdenklichen Schlendergang sich heute
der Justizrat ergab Franz Schlurck der sonst hüpfte und immer verriet dass
die Welt eine Kugel ist auf der sich Alles dreht und wendet schlich heute
schneckenartig
Wir zweifeln fast ob unser alter Freund sich jetzt noch beim Italiener
Lippi zur griechischen Weinprobe einstellen wird
Es drückten ihn drei Widersprüche und eine Tatsache
Erstens War Prinz Egon jener Dankmar Wildungen vom Heidekrug der gegen
seine Familie und vorzugsweise Melanie so liebenswürdig sich benommen hatte wie
kam er jetzt auf diese offenbare Feindseligkeit
Zweitens Welche Bewandtnis hatte es mit den Andeutungen die er von
Bartusch über die Abenteuer auf dem Heidekruge erhielt und von denen er sich so
viel gemerkt hatte dass er glaubte ein dem Prinzen wertvolles Bild befände
sich noch gegenwärtig in den Händen seiner Tochter
Drittens Was sollte er auf die leidenschaftliche Kaprice bauen die seine
Tochter plötzlich für jenen Mann gefasst hatte den sie für den Prinzen Egon
hielt und der von seinem gefundenen Schrein mit dem Kreuze sprechen konnte
Das waren die Widersprüche
Die Tatsache aber hieß
Du hast die Administration des Fürstentums Hohenberg verloren
Er beeilte seine Schritte um daheim für das Chaos der Widersprüche in dem
er sich befand bei Melanien Licht für Das aber was unumstössliche Gewissheit
war heute einmal wieder seit lange bei der lebensfrohen Philosophie seines
guten Hannchens Trost zu suchen
Sechstes Kapitel
Die Brüder
Am Abend vor diesem Auftritte war die Freude groß gewesen als Dankmar mit dem
Einspänner und dem vergnügt bellenden hin und herwackelnden fast tanzenden
Bello sich im Pelikan wieder einfand
Der dicke Wirt er hieß Hitzreuter und Katarine Peters geborene
Bollweiler waren noch auf
Peters der gerade nicht daheim war hatte einige Tage gelegen war aber
bereits von jener Gefahr für sein Bein befreit und hatte nur noch gelitten unter
der Ungeduld was sich aus Dankmars Reise ergeben würde Das längere
Ausbleiben Dankmars störte die guten Leute nicht Sie hielten es eher für ein
gutes Zeichen In dieser Ansicht hatte sie auch Siegbert bestärkt der jeden Tag
wohl zweimal kam um etwas Beruhigendes zu vernehmen vielleicht auch nur eine
Botschaft von fremden Fuhrleuten Von einem Briefe den er aus Plessen vom
Bruder erhalten haben sollte wusste man im Pelikan noch nichts Dankmar konnte
sich leicht denken dass das hier so sein würde wie es in solchen Fällen immer zu
geschehen pflegt Er selbst kam vielleicht früher an als sein Brief
Das Beste was Dankmar mitbringen konnte war die Versicherung dass Peters
außer Sorge sein dürfte da er es über den Schrein leidlich selber wäre Das
verlorne Gut hätte einen Herrn gefunden bei dem er nach Allem was sich für
Dankmar jetzt an Melanie anknüpfte in der Hauptsache geborgen war mochte seine
Verwandlung aus einem Prinzen in einen gewöhnlichen Sterblichen nun auch gern
gesehen werden oder nicht mochte Schlurck auch noch so von dem Funde selbst
interessiert sein Dankmar traute sich die Kraft zu Melanies Unwillen in seinem
ersten Ausbruche zu ertragen ja hoffte nach dem Grade seiner eignen Liebe
auch sie selbst zu überwinden und vielleicht dauernd das Interesse zu behaupten
das er doch wohl auch durch seine Persönlichkeit ihr musste eingeflößt haben Denn
wie bescheiden auch ein Mann denken mag den Wert den er im Auge einer Frau
haben kann schätzt er bald ab Einige wenige Proben ihres Verhaltens gegen ihn
genügen ihn aufzuklären Und die Proben die ihm Melanie gewährt hatte waren
so außerordentlich gewesen dass hier nur Liebe oder wie er sich mit Schrecken
als Menschenkenner gestehen musste Hass übrig bleiben konnte
Den ehrlichen Peters hätte Dankmar gern gesprochen wärs auch nur gewesen
um ihm zu sagen dass seine Verehrung vor den beiden Zecks auf geringere
Erfahrung im Umgang mit Menschen deutete als er ihm zugetraut hätte
Auch die Umstände die Peters über den Moment des Verschwindens seines
Frachtgutes angeführt hatte waren nach seiner nunmehrigen Übersicht dieses
Vorfalles so rätselhaft er ihm auch noch immer erscheinen musste doch höchst
ungenau und fast flunkerhaft Die Scherze die er sich deshalb noch mit dem
guten Peters erlauben wollte versparte er auf ein andermal streichelte das
Pferd dem die Fahrt unter seiner sorgsamen Hand durchaus nicht übel bekommen
war vereinigte sich mit dem Pelikanwirte über eine Summe die er ihn bat bis
auf Morgen schuldig bleiben zu dürfen denn schon im Heidekrug hatte er den
letzten Taler gewechselt und ging dann der etwas verlegenen Katrine und dem
heute schweigsameren Wirt die Hand schüttelnd Bello noch einmal am Ohr
zupfend sein Bild in ein Tuch gewickelt zu Fuß in die Stadt
Es war schon spät Es zog ihn zu dem geliebten Bruder Und doch hätte er
noch gern in Lasallys Stalle nachgefragt wie es mit dem Pferde aussah das er
einem so gefährlichen Menschen wie Hackert übergeben zu haben schwer bereute
Jetzt begriff er wie Hackert der ihm keineswegs unvermögend schien sich aus
Rachsucht an sie hatte andrängen und sogar eine Geldsumme wagen können um nur
Gelegenheit zu haben seinem Feinde zu schaden Indessen dachte er ist hier
etwas Widerwärtiges vorgefallen so erfährst du es zeitig genug und schon im
Begriff nach der Ottokarstrasse in ein neues entlegenes Viertel wo sich jener
Stall befand einzulenken schlug er wieder den graden Weg zu seiner Wohnung
ein die in der sogenannten Neustrasse lag
Auf dieser Richtung lagen zwei Häuser die für ihn jetzt eine große
Bedeutung gewonnen hatten
Mitten in der Stadt wo sich das Menschengewühl trotzdem dass die Wächter
schon die Stunden riefen nicht ganz verloren hatte die Theater waren eben
beendet stand er an einem Hause still das er längst als die Wohnung des
Justizrats Schlurck kannte Schlurck galt unter den jungen Juristen als ein
Beispiel das man oft anführte um zu beweisen wie gut sich ein Advokat stehen
könne der das allgemeine Vertrauen genösse Er wusste dabei kaum mehr von ihm
als dass er in diesem alten Hause wohnte mitten in der Stadt dicht an dem
ehrwürdigen Rathause umgeben von ganz in der Nähe befindlichen altertümlichen
Kirchen Nie hatt er auf dieser belebten Passage sonst stillgestanden Heute
musste er es Heute erst entdeckte er dass dies graue Haus in schöner
altertümlicher Form gebaut war und mindestens zweihundert Jahre alt sein musste
Die unteren Fenster waren mit eisernen Gittern geschützt Die oberen waren hoch
und mit Stukkaturen geziert An dem Torweg hing eine große blankgeputzte
messingne Klingel und auf dem daneben befindlichen Messingschilde las er ganz
einfach die kräftig eingravirten Züge des unmelodischen hässlichen Namens
»Schlurck« Ihm klang dieser Name wie Musik und wie der Name Melanie selbst
der ganz das Selige und Wonnige seiner Stimmung ausdrückte An den Fenstern
des zweiten Stocks entdeckte er Licht Vor wenigen Stunden erst konnte die
Reisegesellschaft die er nicht mehr hatte einholen können und auch nicht mögen
angekommen sein Dass ihm Melanie nicht zürnte über nichts zürnen konnte
bewies sein erobertes Bild Die Art freilich wie sie es ihm gegeben hatte oder
hatte geben lassen oder wie sie es ihn hatte finden lassen war und blieb
rätselhaft genug Er grübelte aber nicht darüber nach Morgen dachte er
klärt sich das Alles auf Ich werde sie sehen und wenn sie zürnt bedeck ich
ihre schönen Hände mit meinen Küssen und flehe um ihre Vergebung Von
Empfindungen so süßer Art war er durchschauert als er mitten auf der Straße
stand und zu den Fenstern hinaufsah Er musste den prächtigen Kutschen
ausweichen die an ihm vorüberrollten und doch hätte er gern gelauscht ob die
Schatten die ihm an den Vorhängen vorüberzuhuschen schienen wohl von Melanie
kämen Sie verschwanden zu rasch Vielleicht löscht sie das Licht aus dachte
er um sich aufs Lager zu werfen und an mich zu denken setzte er
wonnetrunken hinzu
Wie er noch so stand bald hier einem Wagen dort einem Fußgänger auswich
entdeckte er über der Haustür einen aus Sandstein gehauenen Schild mit einem
Wappen das ihn wahrhaft überraschen musste Er traute seinen Augen nicht als er
dasselbe Kreuz das auf dem Schrein aus Angerode stand auch auf diesem Schilde
wiederfand mit denselben vier Rundungen an den Enden wie auf jenem Deckel
Wie dachte er ist das vielleicht eins jener alten Häuser die entweder
selbst noch aus jenen Zeiten herstammen oder auf dem Grund und Boden gebaut
wurden der dem protestantisch gewordenen geistlichen Ritterorden gehörte und
ist es wohl gar eins von denen auf die ich nun selbst glaube Ansprüche machen zu
können
Fast ein leiser Schreck ein dunkel ahnender leiser Schauer überlief ihn
wenn er dachte dass Schlurck vielleicht dochwol zu dem Schrein den er verloren
in einem andern Verhältnisse stehen konnte als dem eines »ehrlichen
Finders«
Doch dachte er dieser trüben Vorstellung nicht weiter nach sondern
entfernte sich von dem Hause das ihm nun erst recht bedeutungsvoll erschien in
dem guten Glauben am folgenden Tage aller seiner Zweifel und Sorgen los und
ledig zu werden
Seine Schritte wandten sich jetzt beschleunigter jener Gegend zu wo die
Wohnungen der Vornehmen an stolzen einsamen Plätzen lagen
Hier war es menschenleer und still Dann und wann eine Schildwache die ihm
der unruhigen Zeiten und noch oft sich wiederholenden Tumulte wegen ein Werda
zurief
Die Laternen warfen ihre Lichter über kleine mit Rasen besetzte Beete
Springbrunnen plätscherten da und dort und bewässerten das Gras das sonst in
diesen freien Räumen immer schattenlos der Sonne ausgesetzt bald würde
verdorrt gewesen sein
Hier lag auch das Palais des Fürsten von Hohenberg einsam still dunkel
wie in Trauer gehüllt
Hier hätte er nun anhalten klingeln die Stille aufwecken fragen mögen
aber kein Licht im ganzen Gebäude Alles wie ausgestorben Wie er sein in ein
Tuch gehülltes Bild an sich drückte und die Geschichte desselben mit dem großen
stolzen stummen Palaste da vor sich verglich kam er sich erst fast
überfeierlich dann aber doch plötzlich wie ein Tor ja kindisch vor schlug
sich an die Stirn und rief
Bist du wahnsinnig Was ist mit dir War das Alles in Hohenberg nicht ein
Traum in dem dich tolle Geister geneckt haben
Diese Abendstille dieser ruhig blinkende Sternenhorizont fern die
rollenden Wagen die plätschernden kleinen Quellen es war ihm als sollt er
das Bild nehmen und es wie einen zwecklosen Ballast in den Kanal werfen der
einige Schritte weiter sich durch dieses einsame Viertel zog
Dann weckte ihn aber von dieser verzagten Stimmung ein Wagen der langsam um
die Ecke des Palais von der Gegend herbog wo dies mit einer hohen Gartenmauer
begrenzt war Der Wagen stand eine Weile still fuhr dann langsam an ihm
vorüber und hielt vor den Ketten welche das Palais von der Straße absperrten
Sollte hier Jemand noch so spät am Abend aussteigen wollen Sollte es Egon
sein
Dankmar trat näher
Aus dem niedrigen Wagen blickte ein weiblicher Kopf der zu den Fenstern
hinauf sah Vorn saß neben dem Kutscher der Bediente der keine Miene machte
herabzuspringen und den Schlag zu öffnen Dankmar sah nur dass die Dame einen
Strohhut mit dunklem Schleier trug
Er näherte sich Die Dame zog sich zurück
Wie er auf dem Trottoir an dem Wagen vorüberging sah er wie sie sich in
die Ecke ihres Koupés drückte und den Schleier übergeworfen hatte
Er ging vorüber und wandte sich doch als der Wagen immer noch still stand
Du störst hier ein Stelldichein dachte er endlich und wollte nun gehen
Die Dame aber die sich beobachtet fühlte gab ohne Zweifel ihren Leuten
rasch ein Zeichen und im Nu flog das kleine elegante Fuhrwerk davon
Dankmar sah ihm lange nach Einen Zusammenhang mit dem todtenstillen Palais
und dieser nach den Fenstern hinaufforschenden eleganten verschleierten Dame
konnte er sich nicht herstellen
Aber noch etwas Anderes schien ihm abenteuerlich
Als er seine Schritte beschleunigend an der einsamen Gartenmauer des Palais
entlang ging und bald an ihr vorüber war um in sein Strassenviertel einzulenken
hörte er einen wunderschönen männlichen Gesang vom Garten her
Er blieb stehen
Der Sänger musste dicht unter den Fenstern des Palais die nach hinten
gingen seinen Stand haben so entfernt klangen die Töne und doch war es ihm
als unterschiede er deutlich dass dies Lied nicht deutsch war Es quoll aus
tiefer Brust und hatte etwas Melancholisches und dabei wieder Scherzendes wie
alle Volkslieder selbst die der Franzosen Denn französisch schien ihm die
Weise
Nicht lange hatte der Gesang gedauert als an dem wie ausgestorbenen Palais
ein Lichtschimmer sichtbar wurde Er beobachtete dies Alles durch ein Gitter
mit dem hier wie an manchen Stellen die Mauer unterbrochen war
Ein Fenster hinterwärts erhellte sich
Die Bäume aber verhinderten ihn zu sehen wer es vielleicht öffnete oder an
ihm erschien hinter den Vorhängen
Bald verstummte der Gesang und bald erlosch das Licht
Es war wieder so still und finster wie vorher Zögernd machte sich
Dankmar auf den Weg nun wo möglich noch gespannter auf die Enthüllungen des
folgenden Tages
Daheim endlich musste er stark klingeln bis ihm geöffnet wurde Es war ein
großes von vielen Familien bewohntes neues Haus wo er seit längerer Zeit
schon bei armen Vermietern wohnte die ihre ganze Habe in die Ausstattung
zweier Zimmer mit zwei »Kabineten« verwandt hatten Nach vielem Pochen und
Klingeln erschien endlich seine Wirtin und sagte schon drinnen im Torweg
Sie haben ja Ihren Schlüssel mit Herr Wildungen
Ich den Schlüssel dachte Dankmar Aha Mein Herr Bruder wird gemeint sein
Sieh sieh der wäre noch nicht daheim
So war es auch Als die große Haustür aufging traute die Wirtin ihren
Augen nicht den jüngeren Bruder zu finden und nicht den Maler
Sind Sies denn So spät rief sie indem sie die Haustür wieder zuschloss
Kaum angekommen wieder wie weggeblasen
Dankmar beschränkte sich auf die einfache Tatsache Sehen Sie Frau
Schievelbein nun bin ich wieder da unter Ihrem Schutz Ihrer liebenswürdigen
Obhut
Was haben wir auf Sie gepasst sagte Frau Schievelbein die eigentlich vor
Dankmar immer Furcht hatte und mit Siegberten zutraulicher stand wir glaubten
Wunder was Ihnen widerfahren ist
Ja ja Frau Schievelbein sagte Dankmar Wunder sind mir auch widerfahren
Ist mein Bruder nicht zu Hause So spät Wo steckt er noch
Damit waren sie erst eine Treppe hinauf
Seit Sie fort sind Herr Dankmar sagte Frau Schievelbein sind Herr
Siegbert fast jeden Abend aus
Sollt er sich fürchten dass Hackert das Geld reclamirt dachte Dankmar für
sich
Kein Geld angekommen sagte er dann laut kein Brief aus Angerode Keine
Besuche
Für Sie nichts antwortete die Wirtin die mit einer Nadel etwas den Docht
ihrer Lampe heraufzog ein Brief für Herrn Siegbert liegt oben
Aha Wahrscheinlich der meinige aus Plessen dachte Dankmar
Aber Geld wird kommen fuhr Frau Schievelbein fort Geld wird viel kommen
wissen Sies denn noch nicht das Bild ist ja verkauft
Das Bild ist verkauft sagte Dankmar freudig Gott sei Dank Wenns nur wahr
ist
Dass Frau Schievelbein es bestätigte für ganz wahr und gewiss konnte Dankmarn
auch deswegen lieb sein weil es ihm Mut gab sich jetzt an die dritte Treppe
zu machen denn auch die zweite führte noch nicht zum Ziele
Wer hat es denn gekauft Frau Schievelbein fragte Dankmar
Der Verein Herr Wildungen ja ja der Herr der so schlimm sein soll der
Herr Kunst ich kann immer den Namen von dem Herrn nicht behalten
Aha Herr Kunstverein bei dem man einen Vetter haben muss wenn er ein armes
Talent in Nahrung setzen soll
Derselbe Für Dreihundert Taler hats der Herr Bruder jetzt rundweg
losgeschlagen
Für Dreihundert Taler Arme Seele die du ein Jahr über diesem Stoff
geschmachtet hast drei Vorskizzen machtest einen Karton doppelte Untermalung
zehn Übermalungen gewiss wir leben im Periklëischen Zeitalter
Dankmar musste einen Augenblick stehen bleiben Die geringe Summe tat ihm
doch weh und die dritte Treppe war noch nicht die letzte Es gab noch eine
vierte und diese führte nicht etwa auf den Boden sondern wirklich erst in die
bescheidene Wohnung der Brüder Wildungen Freilich konnte Dankmar den Freunden
und Bekannten die bei ihren Besuchen über die vier Treppen fluchten und
wetterten immer sagen Ich liebe meinen Bruder Siegbert zu sehr als dass ich
mich von ihm trennen könnte und mein Bruder ist ein Maler und Maler müssen gutes
Licht haben Aber ebenso oft fühlte er doch selbst dass hier aus der
Notwendigkeit eine Tugend gemacht wurde und im Stillen machte er schon lange
gegen Frau Schievelbein das Komplot ob nicht auch mindestens drei Stiegen hoch
irgendwo ein gutes Malerlicht aufzufinden wäre War doch jetzt der Kontrast
seiner ebengespielten Prinzenrolle zu dieser bescheidenen Existenz im vierten
Stock auch gar zu jäh und abspringend
Die vierte Treppe hatte das Gute dass sie zwar sehr schmal aber auch sehr
kurz war Dankmar betrat sein Zimmer und das seines Bruders Siegbert war
ausgeflogen und die Wirtin versicherte er käme seit Dankmars letzter
Abwesenheit fast jede Nacht erst gegen zwölf Uhr nach Hause
Diese Stunde wartet heute meine brüderliche Liebe nicht ab ich gehe zu
Bette sagte er Frau Schievelbein einen Gruß an Siegbert wenn Sie ihn heute
noch oder morgen früher als ich sehen Für heute gute Nacht
Damit legte er schlaftrunken das Bild auf seinen Tisch enthüllte es
betrachtete noch einmal die freundlichen etwas vornehmen Züge der weiland
jungen Fürstin Amanda tastete an dem hinteren Holze das ihm verdächtig genug
vorkam noch etwas hin und her ohne das Glas heftig zu drücken sah auf dem
Tische des Bruders wirklich seinen Brief aus Plessen eben frisch angekommen
mit dem Siegel der Krone entkleidete sich löschte das Licht das ihm Frau
Schievelbein angezündet hatte und warf sich auf sein Lager in einem Alkoven
der jedoch auf dem Mietzettel der Frau Schievelbein an der Haustür als
»Kabinet« paradirte Das angenehme Gefühl bei allem Merkwürdigen das er erlebt
hatte nun doch wieder in seiner eigenen Behausung zu sein und auf einem Bett zu
ruhen das ihm selbst gehörte die Mutter hatte es ihm aus Angerode geschickt
erfüllte ihn bald mit jenem traulich sichern Behagen ohne das man sanft und
stärkend nicht entschlummern kann
Es war heller lichter Morgen als Dankmar erwachte und im Erwachen fast
erschrak erschrak über Siegbert der mit seinen reinen klaren Augen eben über
ihm in die seinen blickte Siegbert hatte sich über den Schläfer gebeugt und ihn
vielleicht mit dem Atem seiner sorgsamen Liebe aufgeweckt Seine blonden Locken
ringelten sich fast auf Dankmars frische schlaferquickte Wange herab
Nun da ist er ja der Furioso der sagte Siegbert zum Gruß er der mir
anrät den Ariost zu lesen um mich auf seine Abenteuer vorzubereiten Schöne
Dinge müssen Das gewesen sein dass man so alle Liebe vergessen und sich
hinsetzen kann einem armen verlassenen Bruder dermaßen bittere Dinge über die
Kunst und seine besten Einbildungen zu schreiben Wart Jetzt sollt ich dir das
Bett über die Ohren ziehen oder hier die Kanne frischen Wassers nehmen die
schon auf dich wartet und sie dir über den Pelz gießen
Damit ergriff Siegbert wirklich das Wasser und jagte damit den Bruder der
sich vor einem solchen unfreiwilligen Bade schützen wollte aus dem Bett
Dankmar besann sich jetzt erst auf die bitteren Wahrheiten die er in seiner
übermütigen Laune dem Bruder geschrieben hatte um im Scherz ihm diejenige
Überzeugung von seinen artistischen Irrwegen beizubringen die er im Ernst
hatte
Siegbert hielt in der einen Hand den Brief in der andern die Kanne und
stand in drohender Stellung
Dankmar mit einer geschickten Seitenwendung griff nach dem Briefe eroberte
ihn wirklich und wollte ihn zum Zeichen seiner Reue zerreißen
Halt rief Siegbert Er hat mich mein ehrliches Porto gekostet Der Beweis
deiner Unbrüderlichkeit ist nun mein und ich will mich bemühen das Wahre davon
herauszufinden und danke dir für die Anwendung des corpus juris auf die
Ästetik Abscheulicher Verräter du Doch lassen wir jetzt unsere Fehde und nun
gebeichtet was hast du Alles erlebt Wo geschwärmt Was getrieben Ich sehe dir
an dass du so voller Schnurren Brummkäfer und Schmetterlinge steckst wie
Fausts alter Mantel als ihn Mephistopheles im zweiten Teil ausschüttelt
Jetzt schüttle dich von selbst wenn ich dich denn doch nicht schütteln soll
Lieber Junge sagte Dankmar indem er rasch die nötigsten Kleider anzog
das Fenster seines Zimmers aufriß frische Luft schöpfte und sich wusch lieber
Junge fürs Erste gleich ich Faustens altem Mantel darin dass mein Magen so
schlaff ist wie ungekrämptes Tuch Was hast du zu frühstücken Mit gewöhnlichen
Schievelbeinschen Portionen bin ich heut nicht zu befriedigen
Das dacht ich schon sagte Siegbert du sollst deine Ankunft nach Gebühr
gefeiert sehen Ich hoffe dass du mir die Ehre antust heute einmal in der
Akademie und nicht in der Aula zu frühstücken
Wenn deine Farben nicht zu sehr nach Öl duften lieber Bruder sagte
Dankmar du kennst meine Antipathie gegen Eure Mischungen und wenn ich bei
Raphael frühstücken sollte ich ich dächte wir blieben doch lieber in
der Aula
Nein nein sagte Siegbert in der Akademie Verdirb mir meine Freude nicht
Die Farben sind eingetrocknet Seit drei Tagen hab ich zu Hause keinen Pinsel
berührt
Damit zog Siegbert seinen Bruder durch dessen Zimmer in das seinige Sie
nannten das Zimmer Dankmars die Aula und das von Siegbert bewohnte die
Akademie Die Akademie hatte gleichfalls ein »Kabinet«
In der Akademie fand Dankmar in der Tat eine sehr festliche Zurüstung Der
runde Tisch der vor einem mit Haartuch überzogenen mit gelben Knöpfen
beschlagenen Sopha stand war zur Hälfte mit einer weißen Serviette bedeckt In
der Mitte stand ein Glas mit den frischesten heute schon vom FrühMarkte
gekommenen Blumen Daneben der Kaffee und die Milch in einer Maschine in der
sich die Brüder ihre Morgenstärkung selber brauten Ein weit größeres Quantum
von frischem Weissbrot als gewöhnlich lag aufgehäuft in einem Korbe von dem
zwar hier und da der Lack schon abgesprungen war welcher Mangel aber durch
große Reinlichkeit ersetzt wurde Besonders wohlgefällig waren außer den beiden
Tellern und den blauweissen Tassen heute drei Extraschüsseln mit den
dazugehörenden Messern Gabeln und kleinen Teelöffeln Es war dies erstens ein
frisches Stück ungesalzner Butter das zierlich auf drei großen Weinblättern
ruhte und durch eine Form mit Sternen und kleinen Sonnen ausgeprägt war
Zweitens ein Teller mit einer Serviette in deren geheimnissvollem Innern wie in
einem Neste eine halbe Mandel gekochter Eier sich traulich versteckte und
endlich drittens ein Teller voll malerisch geordneter roher Schinkenschnitte
die weiß und rot in angenehmster Abwechslung zwischen Fleisch und Speck den
Gaumen unwiderstehlich reizten Auch hier war zur Verzierung eine Menge von
verstreuter Petersilie angebracht
Diese Strafe für seinen wilden übermütigen Brief war für Dankmar doch zu
großmütig Er umarmte fast den Bruder und sagte
Siegbert wie kann ich dein edles Herz jetzt herzlicher anerkennen als
durch meinen Magen Mein Appetit sei der Dolmetscher meiner Gefühle
Die Brüder setzten sich und begannen mitzuteilen und zu erzählen
Wie hab ich dich erwartet sagte Siegbert wie sah ich dir an jenem
Abende wo du wie im Traume von meiner Seite verschwandest verzweifelnd nach
Wie hat sich denn Hackert bewährt Bist du mit ihm wieder zurückgekommen
So war er also nicht da fragte Dankmar Hat sich noch nicht sein Geld
geholt
Zu unserer Ehre noch nicht sagte Siegbert ich hätte ihm aufrichtig
gestehen müssen dass wir es angegriffen haben Doch die Schievelbein erzählte
mir schon dass sie dir den Verkauf meines Bildes mitgeteilt hat Ja es ist
verkauft Dankmar und damit ein Stein vom Herzen
Dreihundert Taler sagte Dankmar ich hörte es mit Ingrimm gegen diese
Kunstvereinsknauserei Die Beleuchtung ist allein soviel wert Bildchen von
zwanzig Talern wollen sie kaufen damit in ihrer Lotterie viel Gewinne fallen
Und ist es nicht traurig sagte Siegbert dass ich kaum durch mich selbst und
meine Arbeit zu diesem Resultate würde gekommen sein wenn ich nicht für das
Getsemane der Frau von Trompetta ein Blatt malte Und noch schrecklicher Diese
Frau machte von meinem Bilde nicht etwa darum ein so großes Aufsehen dass man es
seines Wertes wegen ankaufen müsse sondern weil ein Albumsblatt von mir ihr
dann erst wichtig werden konnte wenn ich eine öffentliche Anerkennung erhielt
und unter die gesuchten Maler versetzt wurde
Das muss ich sagen fiel Dankmar ein und zerklopfte ein Ei das nenn ich das
Gelbe von der Sache O o Welche Lügen Welche Schändlichkeiten Frau von
Trompetta heißt die Posaune deines Ruhms Was machst du ihr denn in ihr
Getsemane Hoffentlich etwas vom Schweiße des Heilands der sich auf dem Tuche
der heiligen Veronika abdruckt Darunter würd ich schreiben Aus der ewigen
Leidensgeschichte des Genius
Genug sagte Siegbert Das Bild ist nun fort und die dreihundert Taler
werden uns Mut geben so lange zu warten bis du deine Million gewinnst Ich
hoffe diese Million wird uns doch recht bald ausgezahlt werden
Spottest du sagte Dankmar und schnitt an dem Schinken der trotz allen
guten Willens trotz symmetrischer Anordnung trotz der grünen Petersilie etwas
zäh war Spottest du und machst Witze so ledern wie dein Schinken Mache dich
würdig meine Abenteuer zu vernehmen sonst hüll ich mich in ein
undurchdringliches Dunkel
Siegbert suchte aus dem Schinkenteller für den Bruder weichere Stücke und
geriet durch die Sorge für Dankmars leibliches Wohl ganz von Dem ab was doch
seine Neugier reizte Er riet ihm ein schärferes Messer zu nehmen die Stücke
kleiner zu schneiden er hätte doch der Schievelbein gesagt sie solle
Beruhige dich Beruhige dich rief Dankmar Meine Zähne tun das Übrige und
die Eier sind vortrefflich wenn auch ein Bischen klein Ich hoffe sie kommen
nicht aus der Schievelbeinschen Kanarienhecke Iss Bruder Jetzt seh ich erst
dass du etwas schmal ausschaust Wie blass Wie schmachtend Was ist denn auch
Das bis zwölf Uhr Nachts zu schwärmen Hats dir der Mond angetan Verliebte
Kater und verliebte Maler die an den Häusern hinstreichen Lernst Mandoline
spielen
Siegbert nahm diesen Scherz nicht auf sondern blickte ernst
Viel wichtiger sagte er darauf mit unbefangener Miene viel wichtiger als
deine Kritik über meine blassen Wangen ist die Mitteilung was denn nun aus
deinem Wunderschranke geworden und wer der glückliche Finder ist Erzähle
Dankmar hatte noch nicht Lust sich in diese wichtigen Tatsachen und ihre
weitläufige Mitteilung einzulassen Er sagte
Lieber Bruder das sind so umständliche Dinge dass ich sie nicht beim
Frühstück abmachen kann Was ich dir von meinen seltsamen Begebenheiten schrieb
ist wahr aber sie sind verworren so unglaublich dass ich wirklich von vorn
anfangen und ganz metodisch erzählen muss Sage mir vorläufig zur Beruhigung
was hast du von dem Pferde gehört das uns jener Strauchdieb in die Lasallysche
Reitbahn zurückführen sollte
Er hat es abgeliefert sagte Siegbert Ich war selbst dort noch am selben
Abend und habe seitdem nur die Sorge gehabt jene hundert Taler wieder zu
vervollständigen Du nennst den Fremden einen Strauchdieb Hast du Beweise dass
er diesen Namen verdient
Ich denke wohl entgegnete Dankmar und sehr triftige Indessen bin ich froh
dass sich das Pferd sicher in Lasallys Händen befindet Ich wünschte wir hätten
ihm das Pfand zurückgegeben und kämen mit ihm in keine weitere Berührung Leider
fürcht ich aber dass ich gerichtlicher Zeuge gegen ihn werden muss Gerade
Lasally ist es der diesen Hackert verklagen will und sich dabei auf mich zu
berufen gedenkt
Siegbert war über diese Nachricht sehr erstaunt Er hatte von Hackert ein
gutes Vorurteil gefasst und bedauerte dass er es nun aufgeben sollte Um
indessen dafür auch gerechte Veranlassung zu haben fragte er Dankmar nach den
Gründen die Lasally zu einem solchen Verfahren bestimmen konnten
Dankmar meinte dass auch diese Gründe in die lange und prächtige Erzählung
gehörten die er ihm noch heute auftischen würde
Am liebsten sagte er heut Abend wenn ich noch weitere Ergebnisse
gewonnen habe Denn aufrichtig gestanden ich schäme mich fast vor einer
genauen autentischen Bestätigung aller meiner Entdeckungen so sicher und
bestimmt von ihnen zu reden Wie ich gestern Abend hier durch die stillen
Straßen schlenderte kam mir Alles wieder wie ein Traum vor als hätte mich
irgend eine Fee nur necken wollen und mich verzaubert Aber Himmel
In dem Augenblick sprang er auf Das Bild fiel ihm ein Er hatte es gestern
in der Übermüdung aller seiner Sinne so gedankenlos auf seinem Tische liegen
lassen dies wunderbar gerettete Bindeglied zwischen ihm und so vielen Menschen
die er noch heute sich eilen wollte als wirkliche Menschen und keine wesenlosen
Schatten zu erkennen
Wie er mit dem Portrait das er noch an der alten Stelle fand drinnen
rumorte um es wegzulegen rief Siegbert zu ihm hinein
Welch alten Zopf hast du denn da auf einem Trödel erstanden Oder ist das
vielleicht eine Schwiegermutter die du irgendwo auf der Reise erabenteuert
hast Hübsch muss in diesem Falle die Tochter sein aber ich wünschte dass sie
einen bessern Maler fände als einst die Mama
Mein lieber Bruder sagte Dankmar und legte drinnen das Bild in eine
wacklige nicht verschliessbare Kommode an diesem Zopfe hängt das Schicksal eines
Fürstentums Auch Das ist eine Neuigkeit die jetzt schon aufgeklärt lange
nicht so überraschend ist als im Zusammenhange meiner ganzen Geschichte Sage
mir ferner lieber wie es dir inzwischen ergangen und welche bösen Geister dich
verführt haben Nachts um zwölf Uhr nach Hause zu kommen Hat dich Leidenfrost
wirklich zum Mitglied seines Klubs gemacht hältst du Reden oder hörst du
welche
Manches der Art antwortete Siegbert der sich bescheiden musste seine
Neugier über des Bruders Abenteuer besonders über eine etwaige Bekanntschaft
mit Melanie Schlurck gezügelt zu sehen Ja Freund ich bin auf dem besten Wege
in Untersuchung gezogen zu werden
Dankmar erschrak
Wie fragte er Mein besonnener Siegbert macht Torheiten Du weißt ich bin
dafür dass man links aber nicht linkisch ist Unser gewöhnliches Klubwesen ist
das Grab der Freiheit nicht ihre Wiege
Befürchte nichts Dankmar sagte der Bruder lächelnd meine Unternehmungen
auf diesem Gebiete sind sehr friedlicher Natur Auch ist Das was aus meinem
nächtlichen Ausbleiben sich noch allenfalls entwickeln könnte erst im Entstehen
begriffen und kann mit deinem Urteile stehen oder fallen Vorläufig sag ich
dir nur dass ich in diesen Tagen deiner Abwesenheit zwei Menschen gefunden habe
die sich inniger als jemals Andre an mich angeschlossen haben und von denen es
mich glücklich machen würde wenn sie auch dir gefielen
Um des vierblättrigen Kleeblatts willen seis sagte Dankmar Aber auf
einem und demselben Stengel müssen wir sitzen sonst werd ich auf deine neuen
Freunde eifersüchtig Wer sind sie denn
Dankmar wurde hier von Frau Schievelbein unterbrochen die den Augenblick
wo die Brüder mit dem Frühstück fertig waren belauscht zu haben schien Sie
kam teils ein Urteil über ihre Anschaffungen zu vernehmen teils die Kleider
hinzubreiten die sie geputzt hatte Auch die Stiefeln gehörten da sie es so
dringend wünschte ihrem Wirkungskreise an Sie ließ sich diesen Verdienst an
ihren beiden Mietsherren nicht nehmen und war in der Tat sorgsamer als in
diesem delikaten Punkte Frauenhände zu sein pflegen
Dankmar überließ Siegberten das Lob ihrer Bemühungen für diese
Empfangsfeier Er selbst hielt sich mehr an die bürstende Bestimmung seiner
Wirtin schloss mit raschem Besinnen seinen Kleiderschrank langte die beste
Garderobe hervor und übergab sie Frau Schievelbein zu behutsamster Reinigung
Ihre Klage dass der Staub aus den Reisekleidern kaum auszutreiben gewesen wäre
ließ er gelten Auch auf die gewöhnlichen Stiefeln verzichtete er Er stellte
sehr glänzend gefirnisste in die Aula Alles zur Vorbereitung für eine gewählte
Toilette
Du ziehst dich ja an sagte Siegbert als Frau Schievelbein mit den Kleidern
sich entfernt hatte als wenn du heute zu einem Fürsten gingest
Das geschieht auch sagte Dankmar Verzeihe mir meine Zerstreuung Bruder
Ich schlage dir vor heut unser Mittagessen
Im Pelikan fiel Siegbert rasch ein an der Kegelbahn neben den
Johannisbeerhecken
Nein nein erwiderte Dankmar und legte ein Hemde weiße Wäsche und mit
Bedacht eine der Saison entsprechende Weste zurecht Das ist zu entlegen und ich
gestehe dir deine Verehrung vor dem Proletariat und wahrscheinlich auch wieder
vor Eierkuchen mit Schnittlauch teil ich heut nicht Wenn ich zwei wichtige
Besuche die ich machen muss hinter mir haben werde sehen ich mich nach einer
Flasche Kantenac oder Leoville und will mit dir im Ratskeller bei Lippi oder
lieber bei Grüns speisen im kleinen Kabinet wo wir abgeschlossen sind von
keinem Hundegebell gestört werden und ich dir mit Ausführlichkeit zwischen
Schüssel und Schüssel erzählen kann was ich erlebt habe
So sicher steuerst du wahrhaftig auf die Million zu Ratskeller Lippi
Grün sagte Siegbert dem indessen der Vorschlag doch außerordentlich gefiel Er
war gern bei einem gewählten gemütlich vorbereiteten Genuße und empfand schon
die Behaglichkeit so allein mit dem Bruder eine Mahlzeit zu verzehren die sie
nur bei außerordentlichen Veranlassungen sich gestatten konnten
Bist dus zufrieden fragte Dankmar immer in seinem Zimmer räumend und für
seine Toilette Dies und Jenes zurechtlegend
Siegbert der sich nun gleichfalls anzuziehen begann antwortete aus seinem
Zimmer
Nichts soll mir lieber sein Ich gehe jetzt ins Atelier arbeite fleißig an
meinem Albumblatte für die Trompetta die damit drängt und jede Stunde gelaufen
kommt meinen Eifer zu controliren Dann hab ich ein neues Portrait zu malen
Bis zwei Uhr bin ich so weit um mit mir hoffentlich zufrieden sein zu können
Dann noch ein Besuch bei dem einen meiner Freunde und um drei speisen wir Bei
Grüns wird es dann stiller Aber das Kabinet müssen wir belegen und nur gleich
sagen dass wir für das Kouvert einen Taler zahlen sonst nehmen es Reubündler
Offiziere oder andre Privilegirte in Beschlag
Willst du das besorgen fragte Dankmar Deine Kasse reicht doch
Sie reicht erwiderte Siegbert Die Dreihundert sind schon eingerückt Ich
verschwieg es der Schievelbein um erst zu hören wieviel du davon nötig hast
Wenn du recht mitteilsam bist nicht flunkerst und mir Gelegenheit zu
malerischen Situationen gibst so kann auf den Leoville auch wohl noch
Champagner rief Dankmar von drinnen scherzhaft drohend und von der Güte
seines Bruders gerührt Welche Excesse Mensch
Pst Ich spreche ja nur von Schaum weil ich den Barbier höre sagte
Siegbert lachend Guten Morgen Herr Zipfel Die Tür ging auf
Es war in der Tat der Barbier Herr Zipfel der mit Frau Schievelbein die
die Kleider zurückbrachte zugleich eintrat
Andre Leute bekommen jeden Morgen zum Frühstück nass und frisch die neueste
Zeitung Die Brüder hatten aber diese Ausgabe nicht nötig Die guten Zeitungen
lasen sie Nachmittags im Kaffeehause und für die laufende Chronik für Das was
sie das politische Wetter nannten genügte jeden Morgen der Besuch des Herrn
Zipfel
Siebentes Kapitel
Das politische Wetter
Herr Zipfel war eine seinem üblichen Berufscharakter entsprechende bewegliche
Figur Er liebte die laufende Zeitgeschichte Wenn er zu Kunden kam die schon
die Morgenzeitung gelesen hatten so erfuhr er von ihnen was er Denen
mitteilen konnte die nur die Abendzeitungen gelesen hatten Manche Irrtümer
der Nachmittagspresse war er schon im Stande durch die Morgenpresse zu
berichtigen Viele Tatsachen aber schöpfte er aus Quellen die nur seinem
Scheermesser zugänglich waren Sein frühbesuchtes Atelier seine zeitigen
Ausgänge über die Straße seine Besuche von Haus zu Haus bei Kunden die
zuweilen den Begebenheiten nahe standen trugen ihm immer einen reichen Schatz
von Notizen ein Er konnte schon jeden Morgen ungefähr die politische Witterung
des Tages angeben Manches was den Abend eintraf sagte er schon am Morgen
voraus Ebenso oft aber irrte er sich auch und mit der Vergrößerung
geringfügiger Dinge nahm er es nicht zu genau Es verschlug ihm wenig bei einer
kleinen Arbeiterstreitigkeit die auf dem Schlachtfelde gebliebenen Flaschen für
Menschen zu nehmen und ohne Weitres von einem Dutzend Todter und einigen Dreißig
höchst gefährlich Verwundeten zu sprechen Es war nicht gut für die auswärtige
Presse dass Zipfel auch einige ihrer Berichterstatter rasirte Sie benutzten ihn
für ihre Mitteilungen fleißiger als die Glaubwürdigkeit jener Zeitungen hätte
sollen wünschen lassen
Nach einer freundlichen Begrüßung des so lange erst im Harz abwesend und
dann kaum zurückgekehrt wieder verschwundenen Herrn Referendars Dankmar machte
sich Zipfel daran erst Siegbert von den Haaren zu befreien die nicht zu seinem
schönen blonddurchsichtigen Barte gehören sollten
Auf ein einfaches Nun Zipfel wie stehts das ihm aus der Aula zugerufen
wurde sagte er den Schaum schlagend mit ruhiger Miene als wenn er von etwas
sehr Gleichgültigem spräche
Der Telegraph spielt
Zipfel wollte damit sagen Im Werke ist irgend etwas und in ein paar Stunden
wird mans wohl erfahren
Dankmar aber der sich anzuziehen begann wollte etwas von einheimischen
Dingen erfahren und fragte ob Alles ruhig wäre
Alles ruhig sagte Zipfel mit einer Miene als wollte er ausdrücken Es ist
die Windstille vor dem Sturme Im Grunde aber hätt er doch lieber gehabt es
wäre schon sogleich irgendwo wieder zu einem »bedauerlichen« Konflicte
gekommen Mit den letzten stürmischen Aufregungen der Zeit hatte sich die
Phantasie ganzer Bewohnerklassen großer Städte und des flachen Landes daran
gewöhnt jeden Tag mit Gier etwas Neues aufzuschlürfen Das Bedürfnis nach
starken Anregungen dieser Art war so allgemein dass man die Beruhigung gewiss
sehr langweilig gefunden hätte wäre sie nicht für eine kurze Erholung des
Handels und der Gewerbe so dringend nötig gewesen
Als Zipfel das Messer geschärft und an Siegberts Kinn gesetzt hatte sagte
er
Alles ruhig aber oben wackeln sie doch
Wackeln sie fragte Dankmar und trat auf seine leichten Firnissstiefeln auf
Sie meinen die Köpfe der Minister Zipfel
Um Gotteswillen sagte Zipfel machen Sie mir keine Blutgedanken mein
Messer ist scharf Die Köpfe oben haben die Gefahr überstanden Das ist vorüber
Aber die Anstellungen Die Anstellungen Die mein ich die wackeln schon einmal
wieder
Wer soll denn nun ans Ruder kommen Zipfel fragte Dankmar Ich habe eine
Ewigkeit keine Zeitungen gelesen
Reubund Reubund Alles jetzt Reubund sagte Zipfel Fix und fertig In ein
Tager Vierzehn stehen wir wieder auf Anno Toback Die Errungenschaften werden
zurückgenommen Es ist Alles Schwärmerei gewesen
Glauben Sie doch Das nicht liebster Zipfel sagte Siegbert und wischte sich
die Seife von den Wangen nahm Wasser Handtuch und reinigte sich Ein
Ministerium aus diesen Elementen kann sich noch nicht halten Es wäre zu offen
zu ehrlich in seinem Wahnsinn Erst müssen noch einige Lügner kommen die mit
Phrasen um sich werfen und die Brücke für Das bauen was dann vielleicht kommen
soll Eher vermut ich dass man einige Beamte und Offiziere wählen wird die
durch ihr äußeres Auftreten die Regierungsgewalt wieder sollen kräftig und
nachdrücklich erscheinen lassen So erzählt es gestern Professor Lüders der
das große Empfangsbild vom Prinzen Ottokar malt Ich mag den Mann nicht aber er
sitzt jetzt an der Quelle oder die Quellen sitzen vielmehr ihm
Zipfel wusch sich die Hände um zu Dankmars viel verwilderteren Wangen und
seinem kräftigeren Kinn überzugehen
Er wiederholte sich dabei im Stillen
Professor Lüders Empfangsbild Prinz Ottokar sitzende Quellen
nachdrückliche Regierungsgewalt Beamte und Offiziere
Er hatte damit einen ungemein ausgiebigen Stoff der für die ganze Krisis
und Windstille ausreichte Es war Logik Zusammenhang und feine Kombination in
diesen Kettengliedern Um sich die Schlussfolge recht einzuprägen ergriff er
auch bei Dankmarn Anfangs einen Gegenstand der ihn weniger zerstreute Er
drückte ihm sein Erstaunen über den verwilderten Bart aus behauptete die
Winkel am Munde wären viel zu sehr überwachsen auch der Kinnbart hätte sich
schon zu hoch über die Wange hin verloren Dankmar überließ seinem Geschmacke
ihn wieder nach der üblichen Mode umzuformen Während Zipfel fast wie ein Maler
mit dem weißen schaumbestrichnen Finger die Konturen am Barte zeichnete die er
mit dem Messer verfolgen wollte sagte Dankmar
Zipfel lassen Sie sich von meinem Bruder nichts aufreden Der ist wie alle
Künstler ein halber Reactionair Mit unsern Errungenschaften stehen wir doch
zuletzt fester als die Reubündler glauben Ich will Ihnen auch sagen warum Die
Revolution hat leider den Staat jetzt noch teurer gemacht als er sonst schon
war
Wirklich unterbrach Zipfel Sehen Sie mal an Wirklich teurer Gestern
bekamen wir Alle in meiner Nachbarschaft Zettel zugeschickt wo Das auch gesagt
war und jeder rechtschaffene Bürger wurde aufgefodert bei den Wahlen nur Die zu
wählen die der Reubund vorschlagen würde Sie meinen also wirklich teurer
Hören Sie da behalten wir die Errungenschaften nicht Was dem Bürger zu teuer
ist Das kauft er sich nicht Ich rede nicht von mir aber von den Andern
Rasiren Sie mich nur erst sagte Dankmar ich werde Ihnen hernach meine
Ansicht sagen Zipfel
Ansicht sagen hernach eine Ansicht
Das war für Zipfel eine feierliche Pause Seine Spannung drückte sich in
allen Mienen des kleinen verschrumpften Kopfes aus Er hatte die üble
Gewohnheit seine »Kunden« um ihnen gut beizukommen bei der Nase zu fassen und
ihnen manchmal durch einen Fehlgriff die Flügel so stark zuzudrücken dass sie zu
ersticken drohten und ihn mit Gewalt zurückstossen mussten Auch Dankmarn fasste er
heute in seiner Spannung etwas zu kurz und erhielt dadurch trotz aller engeren
politischen Vertraulichkeit einen gewaltigen Rippenstoss von seinem fast
gleichgestimmten Gesinnungsgenossen
Bitte sagte Zipfel Entschuldigen Sie
Bitte antwortete Dankmar Nichts für ungut
Damit rasirte Zipfel fort und geriet fast in Verzweiflung als Dankmar in
aller Ruhe sein Werk im Spiegel musterte und erklärte er müsse heute noch
einmal nachrasiren Er hätte die Haarwurzeln nicht tief genug gefasst
Herr Referendar sind recht eigen geworden meinte Zipfel und schickte sich
mit schwerem Herzen an das zu erneuernde Werk
Und wie schöne Stiefel Sie anhaben setzte er in Besorgnis eben etwas
Ungeeignetes bemerkt zu haben bedächtig hinzu
Spritzen Sie nur keinen Schaum auf diese Stiefeln
Dankmar musste endlich zufrieden sein und die Spuren dieser wiederholten ihm
an jedem Morgen sehr fatalen Prozedur sich selbst zu rasiren hatte er nicht
die Geduld vertilgend begann er dann Herrn Zipfel folgende
Auseinandersetzung mit auf den Weg zu geben
Also mein bester Herr Zipfel wenn Ihnen irgend ein Geheimrat oder Major
außer Diensten den Sie rasiren sagt die Revolution hätte den Staat teurer
gemacht so machen sie ihm nur ein Kompliment von mir oder von wem Sie wollen
und sagen ihm der Staat würde nur dadurch teurer dass die Revolution nicht
ganz gesiegt hätte
Ach Also noch nicht ganz
Nicht ganz
Was Sie sagen Also Sie meinten
Wenn die alten Machtaber die sich gegen die vollendete Revolution
anstemmten sich gutwillig gefügt hätten so wäre das Staatmachen jetzt schon
wohlfeiler Aber teurer ist der Staat nur dadurch geworden dass nun die alte
Zeit und die neue zugleich bezahlt sein wollen
Natürlich Natürlich Doppeltes Konto
Weil nun die Revolution nicht fertig geworden ist und die Fürsten und ihre
Diener alles Erdenkliche aufgeboten haben um sie nicht bis zur vollen Reife
kommen zu lassen deshalb kostet der Staat jetzt das Doppelte
Allerdings Ganz klar unterbrach Zipfel und dachte bei sich Wieder eine
Tatsache mehr Das Schlagende in Dankmars Äußerung entging ihm nicht doch
besann er sich wegen der Äußerung Die Revolution ist nicht fertig geworden Bei
dieser beschloss er sich doch erst die Leute anzusehen wo er eine so
gefahrvolle wenn auch scharfsinnige Bemerkung fallen lassen wollte Die
Revolution ist noch nicht fertig Bedenkliche Worte
Nun war aber noch der zweite befruchtende Gedanke zu erledigen dessen Keim
Dankmar in den ergiebigen Boden der Zipfelschen Empfänglichkeit geworfen hatte
Und lern und neubegierig wie er war fragte Zipfel seine Gerätschaften
zusammenbindend
Aber wie sagen Sie denn Herr Referendarius dass justement weil die ganze
Wirtschaft jetzt teurer geworden ist gerade deswegen die Errungenschaften
nicht genommen werden können
Ganz einfach antwortete Dankmar und schlug sich vor dem Spiegel die
Tragbänder über die Brust und bürstete darauf sein dichtes helllichtbraunes
Haar Ganz einfach Zipfel Wenn der Staat jetzt mehr Geld kostet als sonst so
muss vor allen Dingen das Geld wirklich da sein
Es muss da sein Sehr richtig antwortete Zipfel Das Geld muss da sein
Wenn nun das Geld da sein muss fuhr Dankmar fort so muss die Regierung Sorge
tragen welches herzunehmen wo sies nur irgend finden kann
Sehr natürlich ergänzte Zipfel Wo nichts ist hat der Kaiser sein Recht
verloren
Was nun sagte Dankmar für uns Errungenschaft ist ist für Die die zur
Reaction halten Verlorenschaft gewesen
Verlorenschaft Sehr gut Darum soviele »Eingesandts« in der Zeitung
Verlorne Gegenstände
Der Staat aber der Staat aber
Erlauben Sie sagte Zipfel und sprang hinzu Dankmarn hinten die Weste
zuzubinden die er eben angezogen hatte
Der Staat also
Der Staat nicht zu fest Zipfel
Loser Der Staat also
Der Staat Zipfel muss haben und nimmt wo er etwas findet Die Revolution
hat ihm die bisherige Steuerfreiheit des großen Grundbesitzes zum Geschenk
gemacht hat ihm die Vermögenssteuer für die reichen Bankiers präsentirt die
gibt das gefrässige Ungeheuer der Finanzminister nicht wieder heraus
Der Finanzminister Ist der so sagte Zipfel erschrocken über das
gewaltige Bild Ah Ja so Sie meinen figürlich setzte er sich
selbstberichtigend hinzu
Natürlich Und der Finanzminister sagte Dankmar wird von jetzt an immer
liberal sein und wenn man den tollsten Reubündler zum Finanzminister nimmt er
wird die großen Zahlen der Ausgabe sehen die gierig wie der Rachen eines
Haifisches sind und ich gebe Ihnen mein Wort er stopft alle Rittergutsbesitzer
alle Bankiers alle Majors außer Diensten und den ganzen Reubund hinein um nur
Geld zu haben und dadurch setzen die Herren selbst die Revolution fort und die
Errungenschaften bleiben uns sicher
Bleiben uns sicher Hören Sie Das ist fein So klar hat noch Keiner im Klub
gesprochen obgleich ich ihn nicht mehr besuche Es ist jetzt zu gefährlich
Ich lasse mir nur rapportiren Aber schade Das muss wirklich unter die
Leute kommen Denn warum Wirkt so etwas nicht beruhigend Ich gebe Ihnen mein
Wort dass die Menschen die in unsre Barbierstube kommen die zu denen wir
gehen sind wieder anders gesinnt die aber die zu uns kommen sind so auf ihr
Wahlrecht versessen wie beim Essen auf ihren eigenen Löffel und wenn er von
Blech ist und lange nicht von Silber Aber ihr eigener Löffel Ihr eigener
Wählen Das gehört jetzt zur Reinlichkeit und gehört sich gerade so für den
Familienvater wie alle zwei Jahre einmal seine Stube weißen lassen Es
vertreibt die Motten Die Motten im Kopf die Grillen die Raupen den Ärger
den Kummer die Sorgen die Armut Alles Alles was Einen drückt und an sich
selber wissen Sie pauvre vorkommen lässt Nur Wählen Das erhält den Anstand
das hebt den ganzen Menschen das ist wie eine reinliche Weste Der Rock mag
noch so verschabt sein die Stiefeln geflickt die Hose zu kurz Nur ne
reinliche Weste Meinen Sie nicht auch Herr Referendarius
Zipfel sagte den Brüdern mit dieser Äußerung zugleich eine Schmeichelei
Denn auch Siegbert zog sich heute gewählter an und legte eben ein schönes Gilet
für sich zurecht Zipfel mit Dank gegen die »sitzenden Quellen« die demnach
auch ihm zu Gebote standen empfahl sich und überlegte die vier Stiegen entlang
die er hinabzuhüpfen hatte für welche von seinen Kunden Siegberts Mitteilung
über das nächste Ministerium und für welche Dankmars Auseinandersetzung über
die Sicherheit der Errungenschaften am besten passen würde Er war bei aller
Gesinnungstüchtigkeit doch etwas Diplomat und richtete sich nach den Umständen
wie die ganze Bourgeoisie jener Stadt die im Herzen von einer weit freiern
Auffassung war als sie seit einiger Zeit anfing vor den Machtabern und den
bedenklichen Umständen zu heucheln
Siegbert ohne Empfindlichkeit sagte jetzt zu seinem Bruder Wie kommst du
nur dazu mich für einen Reactionair zu erklären Wirfst du dich nicht so in
Toilette so ins Zeug dass ich dich eher einen Aristokraten nennen sollte
Dankmar hatte in der Tat seinen eleganten Anzug fast vollendet Noch war
der Frack nicht übergeworfen aber schon legte er die Manschetten seines Hemdes
zurecht und wetterte über einen an ihnen fehlenden Knopf Auch ein Paar ganz
neue Handschuhe in Paille hatte er noch im Vorrat und schickte sich an sie
wenigstens vorläufig einmal auf Probe anzuziehen
Warum müssen denn Glaçeehandschuhe sagte er aristokratische Gesinnungen
verraten Du bist ein conservativer HalbKommunist und trägst doch keine
Blouse nicht einmal im Atelier wo man dich verspottet weil du kein
malerisches Esprit de corps hast und wie die andern dummen und aufgeblasenen
Künstler die neue Zeit verachtest Ich will hoffen dass deine beiden Freunde
nicht wieder Proletarier aus dem Material dieses Hackert sind
Der Eine doch sagte Siegbert
Bruder verschone mich rief Dankmar An Hackert haben wir von dieser Sorte
genug Ich will dass man die Vernunft die Gerechtigkeit und Natur in die
Politik einführt aber ich mag nicht dass uns im Kampfe zuviel die Handwerker
unterstützen die da fechten mögen auf der Landstraße
Wie viel Juristen fochten auf den Barrikaden sagte Siegbert
Dankmar schwieg Die Erinnerung an Hackert hatte ihn verdrießlich gestimmt
Er besorgte auch das gute Herz seines Bruders ließe sich zu oft von Menschen
gefangen nehmen denen er mit seinem Mitleiden auch wohl gar sein Vertrauen
schenkte
Nun wohl sagte er fast bereuend und zur Verständigung einlenkend du hast
Recht und doch erfüllt michs oft mit Unmut wenn ich sehe wie auch von dieser
proletarischen Seite aus der Egoismus die Triebfeder zur Teilnahme an der
Politik ist Diese masslosen Ansprüche auf die ungleich verteilten Güter des
Lebens Diese verrückten Begriffe vom Rechte der Arbeit Wahrlich diese dumme
Diversion unsrer großen politischen Aufgabe hat uns mehr geschadet als genützt
Gib diesen Sozialisten ein Phalanstêre eine große Kaserne gemeinschaftlicher
FamilienKaninchenwirtschaft und Suppenausteilung und sie nehmen den
Despotismus wenn ihnen dieser ein solches baut lieber als die
Volkssouveränität
Es früge sich fast was besser ist sagte Siegbert Deshalb wünsch ich du
machtest die Bekanntschaft meines Sozialisten Es ist ein Franzose
Gar ein Franzose sagte Dankmar Und der Andre
Ist Leidenfrost antwortete Siegbert
Leidenfrost fuhr Dankmar erstaunt auf und erinnerte sich nun erst
deutlicher von Melanien diesen Namen gehört zu haben Apropos Leidenfrost Der
auf dich ein Spottgemälde gemacht hat Was ist es nur damit Ein Spottbild auf
dich Und du ladest nicht deine Pistolen Ich hoffe dass du der Freund eines
Menschen der dich verspottet hat erst geworden bist nachdem ihr ein paar
Kugeln gewechselt habt
Mit diesen Worten war es Dankmarn wirklich Ernst Er hatte oft der Äußerung
die er in Hohenberg von einem Bilde des Malers Leidenfrost das seinen Bruder
verspotten sollte von Melanien selbst gleich bei der ersten Begrüßung hörte
nachgedacht Er war so empfindlich über alles Das was sich an die Ehre seines
Namens knüpfte dass er schon dort über diese Bemerkung in Verwirrung geriet und
in dem Anteil der davon seinen Bruder betraf vergessen hatte wie sich auch
Melanie er wusste nicht recht wie als an dem Spotte Leidenfrosts beteiligt
darstellte
Hast du auch schon von dem Scherze gehört fragte Siegbert der im Stillen
erschrak dass Melanie vielleicht von diesem Bilde erfahren und dem Bruder davon
gesprochen hätte Man muss einem Maler seine Ideen nicht verkümmern nicht die
Rolle der abgeschaften Censur spielen Frei sei der Genius und erfinde
Schöpferisches selbst wenn es auf unsre Kosten geht
Das könnt ich denn doch nicht unterschreiben sagte Dankmar Ich würde eine
Portraitähnlichkeit überall da verbitten wo es sich um kein Portrait handelt
Und was ist denn auch so Schlimmes geschehen sagte Siegbert Du kennst
Leidenfrosts humoristischen Griffel
Er schreibt ebenso witzig wie er zeichnet und dabei hat er eine Auffassung
seiner Kunst dass er sie nur für eine Erholung seines Geistes erklärt und neben
der Malerei ein Dutzend andre Künste und Fertigkeiten treibt Schon dass er so
recht den alten Italienern gleicht und wie Michel Angelo Leonardo da Vinci
Benvenuto Cellini neben seiner Kunst auch in praktischen Dingen sogar im
Maschinenbau in der Baukunst im Kriegswesen nachdenklich und erfinderisch ist
Das allein schon könnte mich versöhnen wenn er mich wirklich verspottet hätte
Lammsmässige Geduld rief Dankmar ärgerlich Und wenn er etwas erfindet was
noch über die Zündnadelgewehre hinausschiesst so wollt ich ihm nicht raten
dass er dich verspottet hat
Er überraschte uns erzählte nun Siegbert ruhig nach vielem Hin und
Hertasten einmal durch ein Bild von großer Vollendung Ein Künstleratelier
Professor Berg ist unverkennbar als Tizian wiedergegeben Er unterrichtet in
einer schönen Nebenhalle seines Ateliers ein reizendes Mädchen das von den
entfernt sitzenden Schülern vielleicht ohne es zu wissen als Modell benutzt
wird Der Eine malt sie als eine Amazone der Andere als eine Melusine mit einem
Fischleibe der Dritte als eine Sphinx nur ich soll Derjenige sein der in ihr
eine Madonna findet und freilich muss ich gestehen dass ich mich mit meinem
frommen Glauben und dem sichern Aufschlag der Augen gen Himmel auf dem Bilde
fast ein wenig albern ausnehme
Und Das beruht auf Wahrheit fragte Dankmar erstaunt und gespannt
Gerade deshalb sagte Siegbert errötend nehm ich es auch leichter Ist
schon die Idee an sich gefällig und höchst launig ausgeführt zumal da auch die
Schülerin zu merken scheint dass sich das ganze Atelier sie zum Modell genommen
hat während ihr der Professor recht beflissen eben den Pinsel aus der Hand
nimmt um ihre eigne Leistung die man nicht sieht zu verbessern so seh ich
nicht ein was ich meine Neigung verbergen und mich schämen soll eine Madonna
in dem Wesen zu finden das Andern nur als wilde Amazone kalter Fisch oder
gefährliche Halblöwin erscheint Es gibt kaum eine sinnigere Apoteose der Liebe
und so groß meine Ähnlichkeit mit dem verzückten Maler ist ich habe sie
Leidenfrost nicht nachgetragen
Der Liebe wiederholte Dankmar immer erstaunter Aber was hör ich denn
Seitdem ich in Angerode war sind ja mit dir Wunderdinge vorgefallen Verliebt
Wirklich was man so nennt verliebt
Fast möcht ich über mich selbst erstaunen sagte Siegbert der eigentlich
aufatmete dass von ihm in Hohenberg bei Melanie nicht die Rede gewesen schien
und doch daraus ein schlimmes Zeichen für sich hätte entnehmen müssen Ich habe
mich lange geprüft wie wohl meine Empfindung für jenes Mädchen beschaffen sein
möge Aber seitdem ich sehe dass ich ihretwegen leiden kann und mich ordentlich
freue durch den Spott eines Andern des eignen Geständnisses überhoben zu sein
fühl ich auch dass dies die rechte Stimmung ist der man trauen darf Ja ja
Dankmar du spröder kalter Verächter der Frauen ich bin auf dem Wege viel
Torheiten zu begehen
Damit umarmte Siegbert fast den Bruder und verlangte gleichsam durch eine
erhöhtere Bezeugung seiner Liebe zu ihm die Erlaubnis sein Herz nun mit Jemand
in dem Dankmar Melanie selbst nicht voraussetzte teilen zu dürfen
Dankmar der in einer fast gleichen Stimmung war erwiderte nichts sondern
fühlte stumm die Wonne nach die seinen Bruder zu erfüllen schien Wirkte doch
auch in ihm die reizende Bestrickung durch eine Armida wie ein Opiumrausch Er
sah nur Himmel Glück und Seligkeit Jeder Luftauch der durch das geöffnete
Fenster über die hohen Dächer wehte war ihm wie ein balsamischer Kuss von
Melanies Lippen Ein Zauber rieselte durch seine Glieder und gab ihnen das
Gefühl einer so äterischen Leichtigkeit als wenn er in den Lüften schwebte Er
hatte schon den Hut ergriffen setzte ihn vor dem Spiegel auf aber er sah sich
nicht er sah nur über seine Schultern sich hinlehnend das schöne Mädchen das
ihn in ihren Netzen gefangen hielt
Siegbert hielt dies Schweigen für Das was es wohl auch zum Teil war für
das wärmste Mitgefühl und fast eine Bestätigung dass Dankmar Melanien doch wohl
nicht in Hohenberg gesehen hätte und erregt wie schon den ganzen Morgen fuhr
er sich selbst zum Ausgehen völlig fertig rüstend fort
Das kleine Gemälde ist viel belacht und bewundert worden und Prinz Ottokar
selbst hat es für eine Summe von fünfhundert Talern angekauft Leidenfrost war
aber über dies Glück seines Spottes trostlos Ich gestehe dass ich einige Tage
lang mit ihm nicht sprach Er hatte das Bild in seiner Art so rasch hingeworfen
so keck unter meinen eignen Augen vollendet dass ich denn doch etwas verstimmt
war wie ich den Spott erkannte Da ich aber das Modell liebe und dir gestehen
will wie ich dazu kam zu hoffen und was ich hoffe so ertrug ich den Spott und
dachte Lacht ihr nur Wer im Weibe das Schöne und Gute findet gefällt doch den
Menschen wie ihr auch seiner spottet Kaum auf der Ausstellung war das Bild
unter dem Titel »Ein Atelier« schon verkauft Am Tage nach unserer Szene im
Pelikan kam Leidenfrost auf der Straße zu mir bot mir die Hand und sagte
Wildungen ich habe miserabel an Ihnen gehandelt Ich habe ein Mädchen
portraitirt und Sie mit ihr Ich soll fünfhundert Taler für den Fetzen
bekommen aber ich will ihn zerfetzen unter der Bedingung dass Sie mein Freund
bleiben Leidenfrost sagt ich was fällt Ihnen ein Ich finde das Bild
wunderschön Es ist ein Gedicht Der Gedanke ist gut und die Ausführung wenn
auch flüchtig doch sicher bestimmt und ganz graziös Lassen Sie nur die
Menschen lachen und streichen Sie Ihre fünfhundert Taler ein Leidenfrost war
aber wahrhaft unglücklich Er polterte hundert Dinge heraus Um sich zu
beruhigen sagte er Sie müssen nun aber das Mädchen wirklich heiraten damit
Sie Beide uns Alle auslachen Oder rief er dann sogleich wieder Sie sollen mir
danken dass Sie nun erst gar auseinander kommen es ist eine Melusine Eine
gefährliche Sphinx Sie passt nicht für Sie Und so ging es durcheinander fort
bis er endlich mit mir sich so weit geeinigt hatte dass ich ihm versprach
Siegbert schloss da sie inzwischen gingen die Tür zu Dankmar zog schon
draußen auf der Flur seine Handschuhe an Frau Schievelbein nahm den Schlüssel
ab und wünschte für den Tag gute Verrichtung
Dass ich ihm versprach sagte Siegbert indem die Brüder die Treppen hinunter
stiegen ihm versprach wiederholte er als die Uhr schon neun schlug und er
im Gehen seine Uhr aufzog
Dankmar zog halb nur zuhörend auch seine Uhr auf und richtete sie nach
Siegberts
Dass ich ihm versprach sagte Siegbert ihm jetzt mehr Freund zu sein als
sonst und von den fünfhundert Talern die er durch mich eigentlich verdient
hätte von der Summe die er ein wahres Sünden und Heidengeld nannte während
ich für meinen Molay nur dreihundert hatte wenigstens die Hälfte als Vorschuss
zu einem neuen Bilde anzunehmen Ich bedankte mich Aber nein sagte er ich muss
Ihnen doch irgend ein Opfer bringen irgend eine Sühne Wollen wir uns
duelliren fiel er ein Auf Kanonen war meine Antwort Soll ich mit der neuen
Hebemaschine die ich construire sagte er mich zur Probe so oft in die Luft
schleudern lassen bis ich mich in einen unappetitlichen Brei verwandelt habe
Als ich auch dies großartige Opfer nicht annehmen wollte sagte er Verlangen
Sie dass ich mich zur Strafe in meinen chemischen Tincturen vergreife und eine
Portion Äther trinke und mit dem Motto Leichte Lüfte heben mich ins
Unendliche verschwebe Kurz ich lehnte alle seine komischen Opfer ab bis wir
auf unserm Schlendergange in der Wallstrasse vor einem Hause standen wo wir
einen kleinen Schild ausgehängt fanden mit der Inschrift Armand Doreur de
Paris Neben dem Schilde hingen in einem großen Glaskasten eine Menge sehr
feingearbeiteter bronzirter Goldleisten Da Leidenfrost sagt ich zur Strafe
sollen Sie zwanzig Taler zahlen und wissen Sie auf welche Art Ich weiß es
sagte er Wir gehen zu Lippi und bestellen zehn Flaschen Champagner von denen
Sie eine trinken ich muss die übrigen neun vor meinen Augen von Ihnen zum
Fenster ausgegossen sehen und nicht einen Tropfen bekommen Ist Das keine
Strafe Zu hart sagte ich Gut denn schlug er vor so trink ich davon so
viel bis ich nicht stehen kann und dann jagen Sie mich auf die Straße dass die
Jungen hinter mir herlaufen und ich ein Pietist werden muss um meinen verlorenen
guten Ruf wiederherzustellen Noch zu stark sagte ich Zur Strafe sollen Sie
mir hier bei dem aus Paris neuangekommenen Franzosen der allen Ateliers seine
Karte geschickt hat einen prachtvollen Rahmen zu einem neuen Gemälde schenken
durch das ich mich an Ihnen rächen will Bravo rief er und zog mich die Stiege
hinauf zu Monsieur Armand Doreur de Paris Wie wir bei diesem eintreten
Hier wurde Siegberts Erzählung und Dankmars gespanntere Aufmerksamkeit
unterbrochen
Ein Offizier ritt eben vorüber und hielt da er Siegbert zu kennen schien
mitten auf der Straße an
Siegbert zog artig den Hut und trat zu ihm vom Bürgerstiege näher
Das Bild wird vortrefflich sagte der Offizier eine hagere aber
strengmilitairische Erscheinung mit durchdringenden Augen und einem
eigentümlichen Lächeln das halb graziös halb sarkastisch erschien
Ich danke Ihnen Herr Major für die gute Vormeinung sagte Siegbert Doch
wissen Sie wohl wie bedenklich es ist ein Portrait in seiner ersten Anlage zu
beurteilen
Ich muss doppelt dankbar sein sagte der Offizier da meine Frau nicht genug
rühmen kann wie anregend sie von Ihnen unterhalten wird
Bitte Herr Major
Wann dürfen wir Sie heute erwarten
Ich wollte eben der gnädigen Frau anzeigen dass ich heute vielleicht eine
Sitzung überspringen werde und erst morgen fortfahre
Wie Sie wünschen Herr Wildungen Soll ich Ihnen den Weg ersparen und es
meiner Frau selbst anzeigen
Sie sind zu gütig Herr Major
Meine Schuldigkeit Guten Morgen meine Herren
Damit lenkte der Offizier vom Trottoir zurück und sprengte mit einer artigen
Begrüßung die auch Dankmarn galt von dannen
Siegbert war von dieser Unterredung etwas verlegen geworden
Das muss ich sagen begann Dankmar Du bist mir völlig fremd Du steckst ja
in lauter neuen Verhältnissen Wer ist denn Das
Der Major von Werdeck sagte Siegbert dessen Frau ich male
Frau von Werdeck fiel Dankmar sich besinnend ein eine Polin
Ganz Recht antwortete Siegbert eine geborene Kaminska
Eine vortreffliche Reiterin eine Amazone die dir scheinbar zu einem
Portrait sitzt und sich ärgert dass du keine Tête à Têtes aus diesen Sitzungen
machst
Abscheulich Dankmar Dankmar
Die Welt taugt aber nichts lieber Bruder
Aber die Menschen taugen noch hie und da etwas Diese Polin liebt nur Eins
ihr Vaterland
Hoffentlich nach dem Major von Werdeck
Ich glaube auch ihn nur wenn er die Gedanken teilt die durch ihr
glühendes Herz gehen
Dankmar besann sich dass er auf der Rückreise von Hohenberg noch vorgestern
von der Majorin von Werdeck wie von einer Demokratin hatte reden hören
Wem verdankst du diese Bekanntschaft fragte er
Auch meinem Max Leidenfrost sagte Siegbert Er trat mir diese Bestellung
eines Portraits ab Er ist rührend in der Art wie er mich versöhnen will Auch
glaub ich wohl dass Major von Werdeck Anstand nehmen musste diesen Cyniker den
er übrigens sehr schätzt in das Boudoir seiner Frau zu führen So entschloss ich
mich die Bestellung zu übernehmen und freue mich hier mehr als ein Portrait zu
liefern Diese leidenschaftliche Frau trägt den Typus ihrer Nationalität in
jeder Fiber ihres Antlitzes Die Bitterkeit ihrer Ansichten ist so grell dass
ich sie oft ersuchen muss sich zu mäßigen damit sie nicht unschön erscheint
Ich opponire ihr meist nur aus ästhetischen Rücksichten
Dankmar war durch den Anblick jenes Offiziers der wieder etwas von der
fesselnden Ausströmung besaß die ihn sogleich auch für Ackermann gewonnen
hatte noch teilnehmend beschäftigt Er verfiel in die Gedankenreihe wie wohl
ein Offizier in dem bekanntlich streng genug ihm vorgezeichneten officiellen
Ideenkreise sich behaglich fühlen könne wenn ein geliebtes Weib ihm den ganzen
Schmerz einer durch die Politik zerrissenen Nation und die Hoffnungen die diese
Nation gerade aus der Umwälzung aller Verhältnisse für ihre eigene
Wiederherstellung schöpft täglich vergegenwärtigt und ihn allmälig doch dahin
bringen müsste entweder ganz mit seinem Innern oder seiner äußern Stellung zu
zerfallen oder gar ein gedankenloser unzurechnungsfähiger Heuchler zu werden
Siegbert der keine Ahnung von der gewaltigen Krisis hatte in der sich die
Überzeugungen seines Bruders befanden ließ von diesem Gegenstande ab und kehrte
auf die Erzählung zurück die der Major von Werdeck unterbrochen hatte
Wir können kaum zweifeln dass Louis Armand der Vergolder derselbe junge
Mann ist der im Egonschen Palais der Vermittler der Wünsche Ackermanns und
der Bewilligungen des jungen Prinzen gewesen war
Achtes Kapitel
Louis Armand
Als wir Leidenfrost und ich fuhr Siegbert im weitern Gange fort bei dem
französischen Kunsttischler eintraten trafen wir zuvörderst den Probst
Gelbsattel doch du bist zerstreut Meine Ausführlichkeit langweilt dich
Nein nein fahre fort sagte Dankmar Doch will ich nicht hoffen dass eine
der hässlichen und mageren Töchter dieses alten Gönners unserer Familie dein
Madonnenideal ist
Gönner unsrer Familie sagst du Er war der ärgste Feind meines Molay
Es ist ein Schulkamerad des Vaters noch von Schulpforte her
Und gerade deshalb sein eifrigster Feind und auch uns misgünstig und hämisch
gesinnt Die Schulkameradschaften Von einem mislungenen Wettkampf bei einem
Exercitium spinnt sich oft ein Faden des Neides und der Misgunst an der durch
das ganze Leben geht Wie kann ich gute Bilder malen da er unsern Vater kannte
der neben ihm in ein und dasselbe Tintenfass die Feder tauchte
Bitter Siegbert aber wahr
Ich bin bitter weil ich wirklich sagen muss dass erst Frau von Trompetta den
Ankauf meines Bildes durchsetzte Nicht damit ich erst etwas für ihr Getsemane
male sondern weil ich ihr schon etwas malte deshalb musst ich erst durch
Ankauf meines Bildes ein geachteter guter Maler werden
Ärgre dich darüber nicht Die Mysterien des Ruhmes haben schlimmere Dinge zu
berichten Was wollte Gelbsattel bei dem Franzosen
Gelbsattel kaufte Rahmen zu einigen Bildern die vom Kunstverein verloost
werden sollen Er war ungemein freundlich fast kriechend und erkundigte sich
nach dir mit einer Umständlichkeit die mir fast auffiel
Nach mir sagte Dankmar halb befremdet halb teilnahmlos
Fast wie im Verhör musst ich ihm hunderterlei Fragen beantworten fuhr
Siegbert fort die ich selbst kaum wusste und was das Auffallendste war er
schien über deine Anwesenheit in Angerode aufs Genaueste unterrichtet und
geriet über die Mutter in Ekstase die ich seit dem schlimmen Tage wo er einst
in Taldüren uns besucht hatte nicht vermutete
Die Lection sagte Dankmar die ihm der gute Vater damals gab wirkte Er
drohte ihm für Alles was ihm der Vater sagte die furchtbarste Rache und doch
wurde er gleich darauf nach Angerode versetzt Diesen Menschen muss man nur die
Zähne weisen und sie werden zahm
Nach Angerode sagte Siegbert traurig wo der Vater starb Die Rache gelang
Nun erinnerte Dankmar diese Erinnerungen vermeidend an die Fortsetzung
der Erzählung
Du hättest Leidenfrost sehen sollen fuhr Siegbert fort wie der den Probst
sogleich hechelte den Kunstverein geisselte Der kolossale Herr wurde zornrot
und warf mit Frivolität der Genrebilder satirischen Bambocciaden und ähnlichem
Schwulst um sich während er die Rahmen behandelte und von dem Franzosen immer
kurz und treffend mit Würde und einem gewissen Stolz bedient wurde Leidenfrost
bestellte zwölf Ellen von der vorzüglichsten Arbeit die Monsieur Armand in
Proben ausgestellt hatte und als ich lachte und sagte Sind Sie toll Was soll
ich denn da hineinmalen Nun was denn sonst rief er mit einem Seitenblick auf
Gelbsattel was denn sonst als die Idee die Sie mir eben so vortrefflich
geschildert haben eine Sitzung der Akademie della Crusca Gelbsattel horchte
hoch auf über ein Bild an das ich gar nicht gedacht hatte Sehen Sie sagte
Leidenfrost zu Ihrem dicken Prälaten der bei dieser Gelegenheit die Regeln des
guten Geschmackes definiren will brauchen Sie allein drei Quadratellen
Leinwand Der Kerl muss sich in seinem Lehnstuhle hinflegeln wie eine in
Schweinsleder gebundene Ausgabe sämmtlicher Werke des Aristoteles Bis hierher
Bitte um Entschuldigung Herr Oberconsistorialrat bis hierher müssen
wenigstens seine Beine reichen bis dahin seine Arme hier oben streckt er die
Hand auf den grünen Tisch und legt sie mit plumper Vollsaftigkeit auf einen
grünen Lorbeerkranz der für ein Reihe herumgehendes Gedicht von den
versammelten Kunstrichtern als Preis bestimmt ist Der Eine rümpft die Nase der
kratzt sich hinterm Ohr der rechnet an den Fingern nach dass in der siebzehnten
Stanze Vers drei ein Fuß zu wenig ist der schlägt schon im Lexikon nach aber
der dicke Prälat der sich bläht wie ein verdauender Kalekut der gibt sich das
Air als grübelte er nur dem Geiste des zur Prüfung vorgelegten Gedichtes nach
und die Lorbeerblätter müssen unter seiner schweissigen Hand schon anfangen gelb
zu werden Würde der Kunstverein schloss Leidenfrost wohl einen solchen
Gegenstand ankaufen Herr Probst Gelbsattel stutzte fasste sich aber Der
schöne Rahmen sagte er salbungsvoll und sich wohl getroffen fühlend der schöne
Rahmen mein Bester den Sie da bestellen ist vorläufig eine sehr gute
Empfehlung dieser Sitzung der Academia della Crusca die ich mir sehr treffend
und sogar witzig denken kann vorausgesetzt dass der Pinsel des Künstlers edel
bleibt und durch Portraitähnlichkeit nicht zum Pasquillanten wird
Aha rief Dankmar Siehst du wie du die Unbesonnenheit dieses
unverbesserlichen Leidenfrost büßen musst
Lieber Dankmar sagte Siegbert mit großer Milde ich fühle Das wirklich
weniger als du und als es Leidenfrost fühlte Der Probst ging und unser Spötter
warf sich voll Unmut in einen Sessel Der Franzose der auffallenderweise recht
geläufig deutsch sprach fragte ob dieser Herr der Vorstand hiesiger Katholiken
wäre Als wir ihm diesen Irrtum benahmen sagte er er hätte Dies geglaubt
weil ein Jesuit der mit ihm von Paris gereist wäre viel von dem Probst
Gelbsattel gesprochen hätte Ein Jesuit fragt ich zweifelnd gibt sich
namentlich in jetziger Zeit ein Jesuit so offen Der Franzose lächelte und
erwiderte Er wäre von Brüssel bis Hannover mit ihm fast immer in einem Waggon
gefahren aber schon in Aachen wäre ihm kein Zweifel gewesen dass er einen
heimlichen Jesuiten neben sich gehabt hätte Auch wisse er ein Zeichen mit dem
sich die Jesuiten zu erkennen gäben wenn sie verwandten Brüdern oder
Affiliirten des Ordens zu begegnen glaubten Einige Herren die in Elberfeld
eingestiegen wären hätten dies Zeichen auch sogleich erkannt und sich mit
seinem Landsmann vielfach im Geheimen unterhalten auch ein Geistlicher der
sich in Bielefeld anschloss mit diesem wäre oft vom Probste Gelbsattel in der
Residenz gesprochen worden
Schöne ArsenikAdern Das die sich da durch Deutschland schlängeln sagte
Dankmar
Du kannst denken fuhr Siegbert fort wie mich nach solchen Mitteilungen
dieser Franzose ansprach Es ist ein noch ziemlich junger Mann der
Kunsttischlerei und das Vergolden zu gleicher Zeit gelernt hat und es zu einer
Vollkommenheit in seinem Fache brachte die noch bei uns Niemand erreicht Seine
Spiegel und Gemälderahmen sind von einem bewundernswerten Geschmack Er konnte
nur Proben auslegen da ihm die Gewerbeordnung untersagt anders hier
aufzutreten denn als Reisender und Kommissionär Er übernimmt aber jede
Bestellung und wird sie entweder von einem großen Lager aus das er in Paris
hat oder durch eine Verbindung mit irgend einer hiesigen Werkstätte ausführen
Er wohnt schon deshalb bei einem guten soliden Tischler Namens Märtens
Märtens fragte Dankmar
Es war ihm als hätte er diesen Namen irgendwo gehört
Märtens in der Wallstrasse
Dankmar horchte auf Doch fiel ihm nicht ein dass dies die Adresse war die
auf dem Gelben Hirsch der Förster Heunisch von seiner Nichte Fränzchen
Heunisch gegeben hatte
Siegbert der genauer ausführen wollte wie er dazu gekommen in Dankmars
Abwesenheit sich Leidenfrost und diesem Louis Armand näher anzuschließen fuhr
fort
Armands Fertigkeit in der deutschen Sprache fiel mir auf Er behauptete
das Deutsche teils von einer halbdeutschen Mutter teils von einem Beschützer
gelernt zu haben dem zu Liebe er hierher nach Deutschland gefolgt wäre
Vielleicht bliebe er vielleicht ginge er wieder Es hinge Das von seinem
Freunde und Beschützer und dessen verwickelten Angelegenheiten ab Er hatte kein
Hehl mir diesen Protector wie er ihn nannte mit Namen zu nennen Ich war
erstaunt als er eine hochgestellte Person nannte den jungen Prinzen Egon von
Hohenberg
Wer fragte Dankmar erstaunt Den Prinzen Egon
Von dem er nicht Rühmens genug wusste fuhr Siegbert fort und bei dessen
Namen ihm die Tränen in die Augen traten
Dankmar war jetzt überzeugt dass der Gefangene im Turm ihn nicht getäuscht
hatte
Nun Nun drängte er den Bruder fortzufahren Und der Prinz
Von ihm erfuhr ich nichts sagte Siegbert Aber Louis Armand der Franzose
interessierte mich Er sprach Einiges von der Politik und nach wenig Augenblicken
entdeckt ich dass dies ein pariser Sozialist ist Leidenfrost dessen
technologische und matematische Studien ihn mit seiner Malerei verbunden zu
einem Genie im alten Sinne des Wortes einem Albertus Magnus Paracelsus ja zum
Faust machten wenn er nicht zu sehr Mephistopheles wäre
O O unterbrach Dankmar Ich bitt euch Das ist ja schon eine Lobhudelei
unter euch wie wenn sich zwei junge Studenten ihre ersten Gedichte vorlesen
Leidenfrost fuhr Siegbert unerschüttert fort erhob sich aus seinem Sessel
und nahm an unserm Gespräch den lebhaftesten Anteil Dieser Franzose nun ist
Schuld dass ich seit einigen Abenden so spät nach Hause komme Gestern Abend
begleiteten wir Leidenfrost und ich ihn wirklich an das Palais des Fürsten
Hohenberg Er hatte wirklich einen eigenen Schlüssel zu einer Seitenpforte die
in den Garten führte wo wir Abschied von ihm nahmen
In den Garten sagst du fiel Dankmar ein War das nach zehn Uhr
Gegen elf antwortete Siegbert
Dankmar gedachte des Sängers von gestern Abend gedachte Egons Die Brust
wogte ihm freudig auf Er fühlte dass seine Erinnerungen keine Träume waren dass
sie aufleben sollten in einer neuen reizvollen Wirklichkeit
Da Dankmar schwieg schloss Siegbert seine Erzählung die er immer ruhig mit
dem Bruder fortschlendernd vorgetragen hatte mit den Worten
Nun aber wird es an dir sein endlich gleichfalls zu berichten Wir sind am
Atelier Um drei Uhr bei Grün oder jetzt ich will dir ganz gehören wenn du es
verlangst
Dankmar hielt ihn allerdings fest Es war ihm noch als wäre nicht Alles los
und frei in seiner und des Bruders Brust Er sah zu den Fenstern des eleganten
im italienischen Geschmack gebauten Hauses hinauf Es bestand dies Haus aus zwei
Teilen von denen der eine beide hatten Plattdächer für die berühmte
Malerschule des Professors Berg bestimmt war Der andre enthielt Wohnungen sie
waren durch eine Terrasse verbunden die mit Orangen Oleanderbäumen und Kactus
verziert waren und einen Gang bildeten über den Professor Berg zu seinen
Schülern aus seiner Wohnung hinübergehen konnte
Eben ging auch der gefeierte Meister im leichten Überwurfe aus der Glastür
des Wohnhauses über diese Verbindungsterrasse ins Atelier Er hatte ein
ernstes edles Gesicht das mit langen grauen Locken beschattet war Freundlich
grüßte er zu den Brüdern hinunter
Aha Dein Tizian sagte Dankmar Bruder ich weiß nicht Leidenfrost ist
doch wert dass man ihn durchprügelt Wie du Das so erträgst Hätte der Vater
nicht auf dem Todtenbette zu uns gesagt Wie lieblich wenn Brüder einträchtig
beieinander wohnen ich finge einen Heidenlärm mit dir an und zwänge dich mit
ihm wenigstens zu einem Gang auf geschärfte Rappiere Wetter Bruder Wie kann
man harmoniren wo eine solche unaufgelöste Dissonanz doch immer nebenher
brummt
Hab ich nicht sagte Siegbert durch dies Alles einen reichen Gewinn
Leidenfrosts geniale Natur ist mir näher getreten er zeigt mir aus Reue ein
Gemüt das er Allen verbirgt Was hätt ich nun wenn ich ihn hassen müsste
mich zwänge ihn zu hassen den wunderlichen in sich doch auch nicht
glücklichen Menschen Und bei dieser Freundschaft gewann ich noch eine andere
jenen Louis Armand der mir fast möcht ich sagen in reinlicherer graziöserer
Weise die Ideen von dem möglich gesteigerten Glücke des Volkes verwirklicht als
ich sie an unsre schmutzigen meist rohen und gedankenlosen Handwerker anknüpfen
könnte Wir sehen ihn vielleicht heut Abend wenn ihn der Fürst von Hohenberg
nicht in Anspruch nimmt
Prinz Egon wiederholte Dankmar mit einem Erstaunen das der Bruder nur auf
den Rang eines Mannes bezog mit dem ein einfacher Rahmentischler und Vergolder
bekannt sein sollte
Und von dem Tizian sprichst du sagte endlich Dankmar als Siegbert ihm die
Hand gab um ins Haus zu treten Von den Sphinxen und Melusinen sprichst du
und von deinen Freunden und deinen durch Großmut beschämten Feinden Aber die
Madonna Diese Vielgestaltige Wer ist sie denn nun Dieser weibliche Proteus
Der Jedem anders und dir als eine Heilige erscheint Ich habe geschwiegen
Ich wollte dir meine Bescheidenheit zeigen Aber du ehrst sie nicht So werd
ich indiscret und frage Wer ist sie denn
Hättest du nur nicht so viel Verstand Dankmar sagte Siegbert Von der
Liebe schäm ich mich mit dir zu reden
Wirst du nicht rot über und über Ich wette es ist Bergs Tochter Der
alte Tizian in Venedig hatte ja wohl auch eine Tochter die mit ihres Vaters
Schülern seine Schule fortpflanzte Wie Fräulein Berg ists
Du kennst sie also nicht sagte Siegbert Und doch glaubt ich in
Hohenberg
In Hohenberg fragte Dankmar erstaunt
Sie ist eine Schülerin Bergs hat Talent aber wenig Ausdauer Seit einigen
Tagen ist sie verreist du solltest wissen wohin
Ich
Zuweilen war ich bei ihr eingeladen Bis jetzt zog sie mich jedem Andern
vor Was Viele als Koketterie an ihr tadeln scheint mir ein künstlerischer
Sinn Könnt ich sie gewinnen ich hätte ein Ideal gefunden denn sie ist
vollendet schön
Dankmar wurde jetzt von einer Idee ergriffen die ihn erstarren machte Er
wusste dass Siegbert heute hier morgen da in Soireen und Teegesellschaften
gebeten wurde Dass ihn Melanie Schlurck kannte schien ihm sowenig auffallend
dass auch nicht ein Gedanke ihm gekommen war der in seinem Geschmacke an Frauen
so wählerische Bruder möchte sich in die Netze gerade dieser Siegberts ganzer
Natur widersprechenden Erscheinung verloren haben Aber als er schon von deren
Abwesenheit hörte von verreist von Hohenberg von Koketterie erschrak er
furchtbar und wie in dem sichern Gefühle einer Ahnung mit der ihm die Schuppen
von den Augen fielen sagte er
Doch nicht Melanie Schlurck
Du kennst sie antwortete Siegbert hocherglühend und fast begeistert Ja
gerade Die ist Bergs Schülerin und die Madonna Sahst du sie nicht in
Hohenberg Du schweigst So lass uns abbrechen Ich sehe du bist
verdrießlich du verurteilst sie wie Alle Alle oder was hast du
Nichts nichts
Du bemitleidest mich du hast einen wehmütigen Zug um den Mund warum
wendest du dich Was ist dir
Ich will gehen und die Kouverte bei Grüns bestellen
Du willst dort mit mir moralisiren Tu Das nicht Dankmar Lass mir diese
Täuschung diesen Wahn Ich liebe Melanie Schlurck und wenn ich das Gespött der
Welt würde
Und sie selbst
Darüber heut Mittag Ich will an mein Ölblatt für das Getsemane Du
sollst mir Rat geben Aber nicht moralisiren Hörst du Ich liebe wahnsinnig
Siegbert hatte keine Ahnung dass sein kalter gegen Frauen gleichgültiger
Bruder sein Nebenbuhler sein könnte Er hatte Dankmars erkaltete Hand
geschüttelt und nichts von dessen Leichenblässe bemerkt Dankmar war groß in der
Kunst der Selbstbeherrschung Siegbert trat in das Atelier
Und doch hätte Dankmarn als er nun so allein stand mit dieser gewaltigen
Tatsache sein erstes klares Gefühl dessen er Herr werden konnte Tränen
abpressen mögen Nicht an sich dachte er Der gute kindliche Bruder rief es in
ihm Der tiefste Schmerz ergriff ihn zu denken dass diese reine spiegelklare
Natur so von einem entschiedenen Irrtum von einem Wahne völligster
Unmöglichkeit überhaucht werden konnte An das sonderbare Schicksal dass zwei
Brüder von einem und demselben Mädchen erfüllt sein mussten dachte er gar
nicht Das war zu oft vorgekommen Ihn rührte weit mehr der Schmerz um
Siegbert den er obgleich älter als er selbst hier schon wieder unpraktisch
träumerisch zerflossen fand Wie klar durchschaute er den niezulösenden
Widerspruch zwischen Siegbert und Melanie Wie unmöglich schien ihm für jemals
diese Vereinigung Wie scharf treffend nur für seine Bruderliebe beleidigend
treffend war nun der Spott des kecken Leidenfrost der diesen Kontrast so
lebendig aufgefasst und in seiner ganzen Lebendigkeit wiedergegeben hatte Und
wen er noch mehr hasste als Leidenfrost das war wirklich Melanie selbst
Ein Mann kann gar nicht lieben sagte er sich ohne dass ihm ein Weib dazu
die Veranlassung gibt und Melanie hat sich einen Scherz erlaubt
Und als ihm diese Gedankenreihe zu tantenhaft zu gouvernantenmässig klang
sagte er sich doch O sie verdient uns Beide nicht Er überraschte sich auf dem
Geständnis dass er sie vielleicht wirklich nicht liebe nie geliebt hätte dass
sie ihm nur den Eindruck der Sinnlichkeit gemacht hätte Opium ist Das was in
ihren Blicken liegt sagte er sich Ich könnte sie zermalmen wenn es nicht
Leidenfrost auch schon mit ihr in seinem Bilde getan hätte Prinz Ottokar hat
es gekauft Das versöhnt mich jetzt mit Leidenfrost Das ist die schwerere
Schale die seine Schuld gegen den Bruder aufwiegt
Und doch trat dann wieder Melanie als Siegerin und im ganzen Zauber ihrer
Hingebung vor seine Seele
Er musste sich unter einige in der Nähe liegende Bäume flüchten eine Bank
suchen um sich zu fassen um sich zu sammeln
Dass für ihn an Melanie nicht mehr zu denken war schien ihm dem Bruder
gegenüber unerlässlich
Dass aber auch dieser von seiner Verblendung durch ein Mädchen das er erst
jetzt erkannte da er sie in der Seele eines Andern beurteilte geheilt werden
müsse erschien ihm ebenso notwendig
In dem Hin und Her dieser Empfindungen und Überlegungen versank er auf der
steinernen Bank unter Kastanienbäumen umrauscht von dem Lärmen des fashionablen
Viertels in dem er sich befand in Wehmut und in eine Traurigkeit die fast
alle seine Entschlüsse für den heutigen Tag lähmte Sein Anzug kam ihm jetzt
lächerlich vor Er riss die Handschuhe von den Fingern Prinz Egon der Freund
des Kunsttischlers Armand bedurfte dieser Aufmerksamkeit nicht und mit
Schlurck wollte er ungebundener sprechen Melanie die ihm wer weiß durch
welche Zweideutigkeit das Bild erworben hatte wollte er nicht sehen Er war
außer sich und unglücklich
Er saß dumpf brütend eine Weile bis er die Augen aufschlug und auf der
entgegengesetzten Seite des Platzes den die Kastanienbäume beschatteten eben
um die Ecke der dort einmündenden belebten Straße einen Mann und einen Knaben
schreiten sah der ihm Ackermann und Selmar zu sein schienen Erfüllt vom
freudigsten Schreck sprang er auf und mit dem Ruf in seiner Brust Es gibt noch
reine Fluten in denen des Mannes Seele sich läutern stärken erquicken kann
eilte er stürmisch nach der Gegend hin wo die lieben ihm so teuren Gestalten
eben aufgetaucht und wieder verschwunden waren Sein behender Fuß hoffte er
würde sie noch sicher erreichen Er eilte als jagte ihn die Reue über alles
Das was er in diesen Tagen erlebt begonnen hatte Jeder rasche Fußtritt war
ihm als müsste er mit ihm zu gleicher Zeit abschütteln was auf ihm Unwürdiges
und Zweideutiges lag
Hinweg Hinweg mit diesem Ballast rief es in ihm Sei Mann Schüttle deine
Mähne Lebe in der Wüste deiner Überzeugungen einsam aber wie ein Löwe
Aber es war nur der Schmerz der so in ihm schrie
Er irrte und irrte Ackermann und den Knaben zu finden er hatte ihre
Spur verloren Seine beflügelten Schritte ruhten erst als er vor dem Hause
stand an welchem er gestern Nacht auf messingner Platte den einfachen Namen
Schlurck gelesen hatte
Ob Dankmar eintreten wird
Dies der Kommune gehörende Haus mit dem Kreuze gebaut auf Grundstücken
die einst dem geistlichen Ritterorden und der Komturei von Angerode gehört
hatten trug zwar alle Spuren seines altertümlichen Ursprungs war aber von
innen sehr wohnlich bequem und in manchen Partien selbst elegant eingerichtet
Die Bogenwölbungen der Decken und die winkligen steinernen hier und da
ausgetretenen Treppen waren nicht zu verbergen Viereckte abgestumpfte Säulen
trugen die Treppenüberbauten Lange Gänge zogen ohne alle Symmetrie rein nach
dem Grundsatze der Bequemlichkeit durch die Stockwerke und gaben nach allen
Richtungen hin in den Zimmern Ausgänge ohne dass diese darum selbst wie leider
bei den neuen Bauten mit einer Überzahl von Türen versehen waren Fast in
allen Zimmern war darauf geachtet dass sie mindestens eine große völlig
türfreie Wand hatten an der die Wärme sich sammelt und der Rücken des
Bewohners traulich und sicher anlehnen kann Wenn nun auch viele Alkoven etwas
Düsteres und kleine einfenstrige Durchgangszimmer etwas Weitläufiges darboten
wenn die ausgebauten Erker die Fenster mit breitem Simse von denen man nur
durch im Zimmer angebrachte Tritte eine bequeme Aussicht auf die Straße haben
konnte mehr altfränkisch als ehrwürdig erschienen so hatte doch der lange
ungestörte Aufenthalt eines sehr wohlhabenden Luxus und Komfort liebenden
Mannes in diesen Räumen dem Ganzen den Charakter jener Eleganz aufgedrückt die
man in den alten Häusern Nürnbergs oder noch bezeichnender Basels und Berns
antrifft Was hier Malereien an den Wänden und moderne gefällige Formen nicht
bewirken konnten wurde durch Sauberkeit und Gediegenheit erreicht Die Fenster
der Treppen sogar hatten Gardinen die Vorplätze der niedrigen Zimmer waren
gebohnt und mit kostbaren Blumenstöcken in weißen Porzellantöpfen geziert Die
inneren Zimmer waren prächtig tapeziert und wurden durch bunte Vorhänge gehoben
Die Möbel entsprachen dem neuesten Geschmack und die reichbesetzten Etagèren und
Servanten entfalteten einen Überfluss von Gold Silber und Porzellan der nur
einer bessern Beleuchtung bedurfte um dann vielleicht nicht einmal so
geschmackvoll zu erscheinen wie jetzt wo gerade diese Äusserlichkeit dazu
gehörte sie zur Staffage eines Wohlstandes zu machen den man allenfalls
patrizisch nennen mochte
Schlurck bezahlte eine sehr geringe Miete für diese Wohnung die zum
Komplex aller der Häuser und Liegenschaften gehörte die er für die Kommune
verwaltete Dieser Umstand allein hätte ihn aber nicht hier festgehalten wenn
es nicht seine Bequemlichkeit gewesen wäre Seit fast zwanzig Jahren hatte
Schlurck hier gehaust und in allen Dingen Gewohnheitsmensch war er auch nicht zu
bewegen Melaniens Bitten um eine moderne Wohnung nachzugeben Er gestattete ihr
lieber hundert andere Dinge nur in diesem Punkte war er unerschütterlich Dies
Winkelwerk war ihm lieb geworden Er hatte über sich Mietbewohner die ihn
nicht störten Ställe Remisen Alles gehörte ihm so als wär er in seinem
Eigentum Unten hinter den vergitterten Fenstern waren seine Schreibstuben
wo oft zwanzig Federn unaufhörlich kritzelten immer ein halbes Dutzend junger
praxisloser Juristen unter seiner Anleitung arbeitete und die Acten bis zu den
Decken in einer Menge Schränken aufgetürmt lagen Sein eigenes Audienzzimmer
lag nach hinten hinaus war sehr düster aber traulich und die Wendeltreppe
die er sich von hier aus in den ersten Stock hinauf hatte bauen lassen tat ihm
vielfach erwünschte Dienste Dazu kamen die hohen gewölbten Keller für seine
Weine die er als Kenner kaufte lagern ließ und nach einem gewissen System
verbrauchte Dies ganze Winkelige Versteckte Altertümliche war ihm notwendig
geworden und oft sagte er zu den Gästen die er in dem kleinen oder dem größeren
Saale oben versammelte
Wir Menschen müssen über unsrer Wohnung stehen Sie muss unsern eignen
Gehalt unser Gepräge annehmen Eine Wohnung die meinem Nachdenken meiner
Phantasie voraus ist wird mir unbequem werden und wäre sie noch so schön Was
sollen mir Balkone Plattdächer Veranden Ich bin nicht italienisch gestimmt
Eine Wohnung die ich aus den alten Zeiten heraus mir nachbilde selbst forme
und nach Laune schmücke wird mein Schneckengehäuse Sie krustisirt sich aus
meinem eigenen Körper heraus
Für Melanie war aber die Wirkung dieser Wohnung verderblich Sie war durch
Bildung und Natur ein Kind ihrer Zeit und litt unter dem Druck dieser ihr nicht
gleichmäßigen Existenz Ihr war nie wohl daheim Sie musste immer hinaus aus
diesen Fesseln ihres Geschmacks musste immer träumen von üppigeren Existenzen
und erhielt dadurch die Unruhe und Beweglichkeit die sie schon zu so mancher
Torheit verleitet hatte Ihre Phantasie immer in dem Drange sich etwas Andres
zu schaffen als was sie besaß war nicht gebunden durch jene Häuslichkeit die
beim Weibe die lebendigste und in manchen Fällen oft einzige Unterstützung der
Tugend ist Wer sich in seinem gewohnten Dasein gefällt gerät nicht in die
Strudel jener unbefriedigten Gemüter die das Glück überall nur nicht am
eignen Herde suchen
Ohne nun Dankmar weiter im Auge zu behalten bemerken wir dass Melaniens
Erwartungen für den heutigen Tag aufs höchste gespannt waren Sie durchflog die
trotz der Hitze draußen kühlen Zimmer wie ein gefiederter Genius auf und ab
Einen stillen Platz wo sie selber waltete hatte sie nie gehabt Den kleinen
Cultus sinniger Gemüter die sich irgend ein Zimmer und wär es noch so klein
irgend ein Plätzchen und wär es noch so eng nach ihrem eigenen Gefallen
ausschmücken hatte sie nicht Sie schrieb ihre Briefe wo sie einen Tisch fand
Kein Arbeitszimmer das ihr allein gehörte Überall fand sich ein Stückchen Spur
von ihr Sich einzuspinnen an irgend einem ihr allein angehörenden Orte war ihr
unmöglich Sie hatte Schränke wo sie das Ihrige beisammen fand andre wo sie
Briefe aufbewahrte sie hatte Nippsachen und Andenken genug aber sich
anzusiedeln an einer und derselben Stelle mit Allem was ihr teuer war das
verstand sie nicht Es war ihr eine Epheulaube gebaut worden mit Hängelampen und
rankenden Gewächsen in zierlich gebrannten aufgehängten Töpfen sie hatte
darunter einen kunstvoll gebauten Schreibtisch sie saß aber nie davor Das war
ihr Alles zu eng viel viel zu pedantisch Entweder saß sie in einem der Erker
wenn sie schrieb Konnte sie doch da bei jedem Federzug auf die lärmende
Straße sehen Oder wenn sie zeichnete und malte worin sie etwas Fertigkeit
errungen hatte musste die Staffelei heute hier morgen da stehen Bald war sie
bei der Mutter bald bei dem Vater und wenn sie Beide genugsam gequält hatte
rief sie ihr Mädchen Jeannette um sich anzukleiden oder ging in ein
Hinterzimmer wo sie Büglerinnen Näterinnen Putzmacherinnen antraf die immer
für das große Haus und seine verschwenderische Ökonomie zu nähen stricken zu
wirken und zu arbeiten hatten
Am Abend vorher hatte sie dem Vater schon Einiges von Dem mitgeteilt was
er von dem Hohenberger Aufenthalt wissen sollte So sehr seine Neugier über den
Prinzen gespannt war so stand sie doch nur halb Rede Man ging ermüdet wie man
war früh zu Bette Am Morgen gab es dann Vieles zu ordnen nachzusehen zu
tadeln Der Tag sollte wichtig werden Man nahm die Vorbereitungen auf ihn nicht
leicht Da waren Kleider zerdrückt andre nicht mehr gefällig Es gab ein
Wählen Lärmen Laufen hin und her Des auch schon in der Frühe
vielbeschäftigten Vaters wurde sie kaum ansichtig Gegen zehn Uhr bekam sie
endlich eine ruhigere Stimmung Am liebsten hätte sie gewünscht es hätte schon
jetzt am Hause recht wild und stark geklingelt Jeannette erzählte ihr sie
hätte einen Bedienten des Geheimrates von Harder schon auf der Straße gesehen
die Excellenz wäre also angekommen Ernst hatte Jeannetten Alles erzählt was
er so offen nicht einmal der Geheimrätin beichten wollte Melanie lachte
über diese uns noch rätselhaften Vorfälle und überließ ihrem Mädchen den
Anteil den sie daran hatte nach Belieben zu erraten Den wahren Schlüssel
dieses Geheimnisses behielt sie noch selbst
Um elf Uhr war sie in einfacher aber geschmackvoller Kleidung bereit Jeden
zu empfangen und käme Kaiser und Fürst Den Gedanken an eine Selbsttäuschung
über Egon mochte sie durchaus nicht fassen Bekümmerter war sie um das Bild
Sie schien mit der Art wie es Dankmar empfangen haben musste nicht zufrieden
Oft wenigstens fragte sie Jeannetten ob man sich wohl auf Menschen verlassen
könnte die von einem Manne wie dem Prinzen so freundlich gegrüßt wurden Sie
meinte den Amerikaner und seinen Knaben Dann kam sie auf diesen Knaben den
sie anfangs und um Dankmarn zu necken ein Mädchen genannt hatte und ein Sinnen
überfiel sie wirklich ob nicht jener Knabe ein solches wäre und in Beziehungen
zu ihrer neuen Eroberung stünde die sie fürchten müsse Etwas was sie mit dem
Vater des Knaben im Heidekrug und mit dem Bilde der Fürstin Amanda erfahren
hatte schien sie darauf zu führen sich solche Vermutungen lebhafter
auszumalen
Es schlug halb zwölf Noch immer nichts was sich zur Aufklärung der letzten
Tage anmelden wollte
In ihrer Ungeduld rannte sie da und dorthin endlich zu den Mädchen die für
das Haus zu arbeiten pflegten Es war heute grade nur eine da ein heiteres
junges Mädchen von gefälligem Äußeren Sie arbeitete gerade an einem Besatz für
Melanie Jeannette stand neben ihr und Beide lachten eben als Melanie eintrat
Ihr seid sehr lustig Worüber lacht Ihr fragte Melanie
Das Mädchen stand ehrerbietig auf und wurde blutrot
Jeannette eine Zofe die sich gegen Melanie oft einen sehr vertrauten Ton
gestattete woran aber diese wohl selbst Schuld war Jeannette antwortete für die
Näterin
Fränzchen ist verliebt Fräulein und wie Sie sehen bis über die Ohren
Fränzchen in wen bist du verliebt sagte Melanie und setzte sich zu ihnen
Erzähle mir wie verliebt du bist
Jeannette ist eine Spötterin sagte das Mädchen das man Fränzchen nannte
Ein armes Mädchen fühlt leicht etwas so gut wie Andre aber sie nimmt sich wohl
in Acht es so rasch Liebe zu nennen wie Die
Der Tausend sagte Melanie Das klingt ja wie aus einem Buch
O sagte Jeannette es muss auch etwas ganz Absonderliches sein was ihr ins
Herz gefahren ist Seit wir fort sind ist Franziska Heunisch fast eine Gelehrte
geworden
Also ein Student fragte Melanie die Nichte unseres guten Heunisch aus dem
Walde Blond Schwarz Jura Medizin Fränzchen Fränzchen Lass dich mit
Studenten nicht ein Ihre frischen Wangen müssen erst recht welk werden bis sie
heiraten können und dann heiraten sie immer erst noch die Töchter ihrer
Vorgesetzten
Es ist kein Student sagte Fränzchen Heunisch verschämt
Sie sagts nicht wers ist meinte Jeannette Und doch ist er gewiss viel
hübscher als der alte Fürst von Hohenberg den sie noch ein Jahr vor seinem Tode
lieben sollte
Jeannette lachte zu dieser Äußerung laut auf
Fränzchen aber warf ihr einen ernsten Blick zu und wurde noch röter
diesmal aber vor Unwillen über Jeannettens lose Zunge
Was ist Das fragte Melanie Verliebt in den alten Fürsten Hohenberg
Fräulein sagte Fränzchen mit einem erneuten verweisenden Blick auf ihr
Mädchen Jeannette ist oft recht schlimm
Warum denn sagte die Zofe keck wissen wirs doch Alle Armes Täubchen Die
Wandstablers waren nahe daran ihr recht die Federn auszurupfen
Melanie drang wiederholt nach Aufklärung Fränzchen schwieg Die Nadel
zitterte in ihren Händen
Jeannette aber sagte
Ach ziere dich nicht Fränzchen Abenteuer wo man mit heiler Haut
davonkommt sind immer lustig anzuhören Fränzchen ist doch die Nichte des
Jägers Heunisch den wir mit seinem großen Fuchsbart bei Hohenberg öfters
gesehen haben Als noch der alte Fürst lebte empfahl sie Heunisch an die
Wandstablers um im Palais einen guten Posten zu bekommen Sie kennen doch die
Wandstablers Fräulein
Melanie sagte sie hätte von den drei Geschwistern gehört
Jeannette fuhr fort
Die Wandstablers ließ mein Fränzchen kommen und betrachteten es von allen
Seiten ja untersuchtens wie Herr Lasally tut wenn er Pferde kauft Endlich
behielten sie sie im Palais und Fränzchen zog heute hinein und morgen lief sie
wie sie ging und stand davon Was mit ihr geschehen ist davon hat nichts in
der Zeitung gestanden Fränzchen Ich hätte dich sehen mögen wie du in dem
goldenen Pavillon an Händen und Füßen gezittert hast als
Fränzchen entrüstet hielt Jeannetten den Mund zu
Und als jene doch reden wollte sprang sie auf und drückte so gewaltsam auf
Jeannettens unsaubere Lippen eine gewisse Handbewegung dass deren fahles Gesicht
kirschrot wurde und sie allenfalls sagen konnte ihr wäre so gut geschehen als
hätte sie eine Ohrfeige bekommen
Mädchen Mädchen rief Melanie lachend Du zerdrückst mir die Volants an dem
Kleide da Wollt Ihr wohl Beide Ruhe halten
Fränzchen war so zornig dass ihr die Tränen in die Augen traten
Für Melanie waren die Worte Goldener Pavillon im Hohenbergschen Palais
sehr gefährlich gewesen Indessen bekämpfte sie sich warf Jeannetten einen
verweisenden Blick zu und sagte um auf einen andern Gegenstand zu kommen
Also ein Franzose ists Fränzchen wie verständigst du dich denn mit ihm
Oder geht das Alles durch die Augensprache
Fränzchen schwieg wieder
Jeannette aber statt ihrer sagte
Er kann ja deutsch und was er nicht zu sagen weiß macht er mit ihr
figürlich ab Er wohnt in einem Hause mit ihr und muss es gewiss sehr redlich im
Sinn haben denn er hat ihr noch nichts geschenkt obgleich er mit lauter Gold
umgeht
Melanie fand an Fränzchens verschämter Schweigsamkeit und Entrüstung
Gefallen Fränzchen war klein aber sehr zierlich Ihre Augen hatten etwas
Heiliges Lange dunkle Wimpern lagen schwärmerisch über den braunen
feuchtschimmernden Sternen Die Haut war wie Hackert im Gelben Hirsch gesagt
hatte von jenem Wachs das nicht schön ist wenn es zu blass ist und an die
Bleichsucht erinnert aber sehr anziehend wenn mit ihm dunkle und frische Farbe
verbunden Alle Formen dieser kleinen Schönheit waren im lieblichen Ebenmass
Melanie beobachtete Das heute zum ersten male Kleine Gestalten haben den
Nachteil dass man über ihre Bildung zu flüchtig hinwegsieht und erst nach
liebender Betrachtung plötzlich ihres Wertes inne wird
Lass sie selber sprechen sagte Melanie zu Jeannetten Fränzchen weiß dass
ich gern höre wenn sie glücklich ist
Wie bin ich denn glücklich sagte das junge Kind endlich hab ich denn
schon ein Recht so dreist zu sein wie Jeannette Er wohnt im Vorderhause und
kam einige male hinten in den Hof wo ich beim Tischler Märtens wohne Er will
auf den Namen des alten Märtens hier ein Geschäft errichten von Spiegelund
Bilderrahmen und hat einige male freundlich mit mir gesprochen Leider gibt es
überall soviel Plaudertaschen wie Jeannette ist Man hat ihm schon erzählt
was die bösen Wandstablers mit mir im Sinne hatten die noch ohnedies meine
Kousinen sind Was der Franzose damals zu mir sagte war so schön und gut wie
wenn es ein Pfarrer spräche und wenn ich mich nicht geschämt hätte
Nun fragte Melanie
Ich hätte ich hätte ihm alle meine Sünden beichten können sagte das
erregte glühende Mädchen
Jeannette brach über diese Worte in lautes Lachen aus das ihr aber Melanie
verwies
Das ist viel Fränzchen sagte Melanie für einen Mann der uns den Hof
macht zuviel Gleich niederknieen vor ihm und anbeten und seine Sünden
beichten Allein man sieht dass du recht verliebt sein kannst Was hat er dir
denn so Erbauliches gesagt
Als die plauderhafte alte Märtens sagte Fränzchen ihm die Schlechtigkeiten
der Wandstablers erzählt hatte passte er mir am Abend auf wie ich von der
Arbeit nach Hause kam Er tat zwar als wenn er mit dem alten Märtens über die
größere Tischlerei sprechen wollte die er auf seinen Gewerbschein betreiben
möchte aber wie er aus dem Hut ein zierliches Rosenbouquet zog und mir in
seiner wunderschönen Art zu sprechen sagte Franchette so nennt er mich
Franchette ein Tribut an die Unschuld ein Geschenk an die Anmut die den
Stolz der Tugend kennt da wußt ich doch
Weiter konnte das gerührte Fränzchen nicht sprechen Ihre Worte erstickten
in Tränen
Kind Kind sagte Melanie und griff ihre Hand und fuhr sie ermunternd mit
den Worten fort die sie hatte sagen wollen
Da wusstest du doch Fränzchen dass der galante Pariser denn das wird es
hoffentlich sein nur deinetwegen und nicht wegen des Gewerbscheins geblieben
war Aber für ein solches Kompliment fällt man doch noch vor keinem Mann auf die
Kniee und beichtet ihm alle seine Sünden Es steht ja recht schlimm mit dir
Jeannette machte Melanien einen gewissen Seitenblick als wollte sie sagen
der arme Tropf ist närrisch geworden Und wirklich war Fränzchen in einer so
gehobenen feierlichen Stimmung dass ihr auch Melanies Zureden gar nicht
gefallen wollte Das war nicht der Ton der ihr wohl tat Das nicht der Geist
der ihr des Gedankens an jenen Mann würdig schien Dennoch raffte sie sich
zusammen und erzählte weiter
Ohne Das zu erwähnen was die alte Märtens ihm gesagt hatte sprach er ganz
zart von den armen Leuten die wohl auch ihren Stolz haben könnten Er erzählte
von einer Schwester die ihm gestorben wäre gar jung und sehr unglücklich
unglücklich nachdem sie ein paar kurze Jahre überglücklich gewesen wäre Durch
die Liebe glücklich sagte er denn nicht Gold nicht Edelstein können ein Weib
wahrhaft glücklich machen sondern nur das Gefühl geliebt zu werden und darin
wären sie Alle gleich die Vornehmen und Geringen die Reichen wie die Armen
Melanie blickte gerührt und sich getroffen fühlend nieder während sich
Jeannette um ihren Drang über diese verliebte Salbung laut zu kichern zu
unterdrücken auf die Lippen biss und immer so tat als wollte sie sagen
Das dumme Ding ist verrückt
Franchette sagte er fuhr Fränzchen fort du musst die Welt nehmen wie einen
Spiegel in dem du dich selber betrachtest Meine Spiegelrahmen machen mich
nicht eitel sondern sagen mir täglich Sei aufmerksam auf dich selbst Wo du
irgend etwas erfährst und erlebst was nicht so beschaffen ist dir sogleich
dein Bild und nur dich nur dich in voller Reinheit wiederzugeben da zieh dich
zurück denn es ist Gefahr da Und wo du etwas erlebst und erfährst und du
siehst dich zwar im Geiste leidlich dabei bist aber nicht so gestaltet wie du
dich sonst lieb hast gewohnt bist so fliehe wiederum denn dann hast du dich
zwar nicht schon ganz verloren aber du bist in Gefahr es doch für immer zu
tun oder eine Gestalt anzunehmen die nicht mehr deine eigne ist
Himmel rief Melanie Das ist ja ein Pfaff ein förmlicher Jesuit der dich
katholisch machen will und statt in die Ehe in ein Kloster praktizirt
Mir recht sagte Fränzchen träumerisch Aber ich denke Nein Er sprach wenig
Gutes von Denen die Alles von der Demut verlangen Er will den Menschen doch
recht stolz Man soll sich nur vor Denen beugen sagte er noch an dem Abend die
man nachzuahmen wünscht Wir könnten uns Gott nicht anders vorstellen als wie
einen hochvollendeten nachahmungswerten Menschen und deshalb wäre die
christliche Religion die beste weil sie gelehrt hätte der vollkommenste Mensch
wäre Gott
Fränzchen Fränzchen sagte Melanie Das klingt nun wieder gar wie Ketzerei
Nimm dich doch ja in Acht Der Teufel nimmt allerlei Gestalten an und in diese
französische Maske bist du schon so verliebt dass ich für meine Falbalas
fürchte Mit der Putzmacherei wird es wohl aus sein Fränzchen Er wird sich
etabliren dich heiraten und deine Freundin Melanie die keinen so schönen
Franzosen findet wird nichts zu tun haben als sich auf ein hübsches
Hochzeitgeschenk zu besinnen
Behüte antwortete Fränzchen erglühend und schamgefärbt Wie könnt ich
daran denken
Er hat sie ja noch nicht ein einzges mal geküsst fiel Jeannette ein
Das wird schon noch kommen meinte Melanie Wenn die Welt dir jetzt ein
Spiegel sein soll der dir immer sagt wie weit du bei gewissen Veranlassungen
gehen kannst so erleb ich dass du in seinen Augen dich ganz rein und
unschuldig erblickst je näher er dir gekommen ist und jemehr er dich geküsst
hat Er hat gewiss schwarze Augen
Wie Kirschen sagte Fränzchen verschämt niederblickend
Da sieh Einer rief Melanie während Jeannette übermäßig lachte und doch
eigentlich von einem gewissen Neide berührt wurde wie Kirschen Man sieht dass
Ihr schon im Obstgarten bei den Früchten seid Da werdet Ihr bald an dem Beete
stehen wo die verbotenen wachsen Fränzchen Fränzchen Dein moralischer
Franzos gefällt mir Kann man ihn nicht einmal hierher bestellen um uns einen
Spiegelrahmen zu machen Versteht sich nicht von der Sorte wie deine
Augenspiegel sein sollen Wir haschen ihn dir nicht weg Einen ordentlichen
Rahmen Was
Fränzchen schien über die Gefahr ihren neuen Freund zu verlieren ganz
beruhigt und hielt sich bei den Worten des Fräuleins nur an die Möglichkeit ihm
einen Verdienst zuzuweisen
Ich will es ihm sagen antwortete sie wenn ich ihn wiedersehe
Siehst du ihn denn nicht täglich fragte Melanie
Sie hat ihn seit vorgestern nicht gesehen die Ärmste berichtete Jeannette
O Das ist garstig sagte Melanie er vernachlässigt dich schon nachdem er
mit dir eben erst philosophirt hat Das darf man nicht oder man ist kalt oder
kokett Auch die Männer sind kokett Fränzchen
Fränzchen schüttelte den Kopf und sagte
Hab ich denn Ansprüche auf diesen Jeannette malt Alles anders aus als es
ist Er wohnt im Hause kommt oft zu Märtens und ist freundlich gegen mich Das
ist Alles
Wenn ein Mann mit einem Mädchen so philosophisch gesprochen hat wie dieser
Franzos mit dir vorgestern sagte Melanie so ist man ein ganz abscheulicher
Mensch wenn man am folgenden Tag sich nicht wieder sehen lässt Philosophiren
meine liebe Franziska ist bei allen Männern das erste Kapitel der Liebe
Er konnte nicht kommen entschuldigte ihn Fränzchen die in den
Verhältnissen ihres Freundes doch schon bewanderter war als sie sich den Schein
zu geben wagte ein vornehmer Herr den er sehr verehrt war gestern Abend
angekommen Er kennt ihn von Paris und ist die Nacht wohl bei ihm geblieben da
er viel mit ihm zu sprechen hätte
Ein vornehmer Herr
Ein vornehmer Herr bestätigte Franziska mit der größten Zuversichtlichkeit
Melanie lachte laut auf
Fränzchen rief sie was bist du für ein armer Tropf Gesteh es nur du
bist mit dem philosophischen Spiegelrahmenmacher viel weiter als du sagen
willst und der Bösewicht der des Nachts nicht nach Hause kommt macht dir
Windbeuteleien vor Sag ihm in meinem Namen Mein lieber Herr Wie heißt Er
Louis
Louis Also schon beim Vornamen Fränzchen Du bist ein rechter Duckmäuser
Eine Putzmacherin Wie kann man auch glauben dass eine Putzmacherin mit einem
Franzosen nicht weiter kommen wird als bis zum ersten Kapitel der Liebe bis zur
Philosophie
Er heißt Louis Armand sagte Fränzchen geängstigt über die Art wie ihr
diese beiden Mädchen zusetzten
Also sag ihm nur fuhr Melanie fort die diesen Namen doch schon einmal von
Bartusch gehört aber vergessen hatte Monsieur Armand Das sind Flausen Wer
ist Ihr Freund Ihr vornehmer Freund Verteidigen Sie sich mein Herr Sie
bleiben des Nachts aus Daran ist eine Nebenbuhlerin Ihre Untreue Ihr
Wankelmut Schuld Schämen Sie sich
Er hat ihn mir schon genannt den Freund sagte Fränzchen kopfschüttelnd Es
ist Jemand den er in Paris kennen gelernt hat und noch in einer andern Stadt
die ich nicht behalten habe Diesem zu Gefallen ist er nach Deutschland
gegangen Ich wollt ihn nicht gern nennen weil ich dabei an meine Kousinen
denken muss aber es ist Niemand anders als der junge Prinz Hohenberg Nun werden
Sie nicht sagen dass es Flausen waren Denn nach dem Prinzen Egon könnt ich
mich bei meinen Kousinen leicht erkundigen und Armand wusste ja auch Alles was
ich mit diesen schon vorgehabt hatte
Kaum hatte Fränzchen den Namen des Prinzen Egon ausgesprochen als Melanie
blutrot wurde und von Jeannetten die ihre rasch aufgeschossene Neigung kannte
scharf fixirt aufsprang Das Kleid an dem Fränzchen arbeitete hatte halb auch
auf ihrem Schoss gelegen Sie streifte es rasch von sich ungeduldig und
überrascht den Namen Prinz Egon wiederholend
Der Prinz ist gestern Abend spät von einer Reise zurückgekehrt sagte sie
Armand erwartete ihn mit Ungeduld schon seit einigen Tagen antwortete
Fränzchen
Er war in Hohenberg auf dem Schloss seines Vaters und hat auch mit Eurem
Onkel dem Förster Heunisch gesprochen
O Das wäre ein Glück für den Onkel fiel Fränzchen lebhaft ein So wird er
in seinem Amte bleiben Da er nicht verheiratet ist der gute Onkel so hat er
mir versprochen mich zu seiner Erbin zu machen Doch mag er noch lange leben
Zu jeder Weihnacht schickt er mir einen Dukaten
Wusste Armand nicht ob der Prinz in Hohenberg war wiederholte Melanie mit
großer Dringlichkeit
Davon hat er nichts gesagt erwiderte Fränzchen Wo sollt er aber anders
gewesen sein Ich denk es mir so Er ist vor vierzehn Tagen hier von Paris
angekommen hat sich ganz still in einem Gasthofe eingemietet Armand suchte
einen Meister seines Gewerbes auf bei dem er zwei Zimmer mietete eins zum
Wohnen eins für seine Muster und Proben
Aber warum wohnt er nicht bei dem Prinzen in seinem großen und prächtigen
Palais fragte Melanie
Das hab ich im Scherz ihn auch gefragt Aber ganz ernst gab er mir die
Antwort Der Prinz ist mein Gönner
Vielleicht sind wir sogar Freunde Aber es ist besser dass Jeder in seiner
Sphäre bleibt Die Fürsten wohnen in Palästen und die Tischler in Werkstätten
Und doch blieb er die Nacht dort
Vielleicht weil der Prinz spät ankam Er wird schon wieder in die
Wallstrasse No 14 eine Treppe hoch zurückkommen
Melanie machte jetzt ihrem Besuche im Garderobezimmer ein Ende
Fränzchen sagte sie zum Abschied dein Franzos ist ein Phrasenmacher Die
philosophischen Schwätzer wollen Alles nur keine ordentliche gerichtlich
bescheinigte priesterlich eingesegnete Heirat Sei auf deiner Hut Wenn er
wieder einen Rosenstrauss aus seinem Hute zieht und nicht wenigstens von Liebe
spricht falls du so großmütig sein willst ihm das Heiraten zu schenken so
sag ihm nur solche verblümte Magister hätten wir in Deutschland genug und
überhaupt bei einer Putzmacherin müsse man sich mit Winkelzügen in Acht nehmen
Die wüssten sehr bald was echt und was Flitter ist Den Besatz da Kindchen
setz mir etwas höher Wenigstens drei Finger breit Verstehst du Und nun Adieu
und vertragt Euch besser
Damit ließ Melanie die beiden Arbeiterinnen allein Fränzchen wird
Jeannetten wahrscheinlich den Vorwurf der Indiscretion machen und diese
wahrscheinlich einen neuen Beweis ihrer Plauderhaftigkeit dadurch geben dass sie
ihr über den Prinzen Egon und seine hohenberger Abenteuer mancherlei zuflüstern
wird was sie besser täte im Interesse ihrer von Sehnsucht und Zärtlichkeit
für Dankmar gefolterten Herrin zu verschweigen
Melanie haltlos schwankend aufgelöst ging in die vorderen Zimmer zurück
Auf allen Uhren des Hauses sah sie dass es gegen Eins war Noch immer kein
Lebenszeichen von Dem was in diesen Tagen sie so gewaltig erregt hatte Sie
litt furchtbar Sie hatte sich längst darauf gefasst gemacht dass irgend eine
Verwechselung stattgefunden und dennoch kamen immer wieder neue Anzeichen zum
Vorschein dass jener junge Mann der sich für den Bruder des Malers Wildungen
ausgab nur Prinz Egon war Und wenn er es nicht war so stand er in nächster
Beziehung zum Prinzen Mit Aufopferung jeder Rücksicht hatte sie ihnen Beiden
einen Dienst geleistet für den sie Anerkennung Dankbarkeit Enthusiasmus
wenigstens wenn nicht Liebe verlangen durfte Hatte ihre übermütige Laune auch
vielleicht nur die Gelegenheit benutzen wollen einem eingebildeten lächerlichen
alten Herrn einen mutwilligen Streich zu spielen so war doch das Mitergebniss
desselben eine große Gefälligkeit für den Prinzen gewesen Und von alledem
schien nun nichts gewesen zu sein nichts bot sich zur Wiederanknüpfung dar als
höchstens eben die ihr sonderbar klingende Mitteilung die ihr durch einen
Diener vom Parterre herauf gemacht wurde der Herr Justizrat ließe ihr sagen
sie möchte diesen Abend ihre Gegenwart an Niemanden vergeben als an ihn sie
möchte mit ihm zur Geheimrätin von Harder fahren die sie kennen zu lernen
wünsche
Im Begriff zur Mutter zu gehen und ihr diese Auffoderung des Vaters
mitzuteilen hörte sie in dem Zimmer derselben laut und angelegentlich
sprechen Die Mutter hatte Besuch Es war die Stimme eines älteren Herrn die
sie kannte aber nirgend hinzubringen wusste Fremden Menschen die mit ihrer
gegenwärtigen Erregung in keiner Verbindung standen jetzt zu begegnen war ihr
unmöglich Sie warf sich ungeduldig auf ein Kanapé des Nebenzimmers sprang nach
einem kurzen Augenblick der Ruhe wieder auf sah in den Spiegel sah zum Fenster
hinaus horchte wieder an der Tür ergriff ein in der Nähe liegendes Buch las
eine Viertelseite warf es wieder weg und verging fast in der Pein der Ungeduld
Endlich glaubte sie die Stimme des Sprechers zu erkennen Sie war zu fest zu
feierlich als dass ihr nicht zuletzt einfallen sollte wer es war Sie glaubte
sich nicht zu täuschen wenn sie annahm dass diese Stimme dem Propste Gelbsattel
gehörte Und obgleich es ihr Religionslehrer und Beichtiger war so würde sie
sich doch nicht entschlossen haben ins Zimmer der Mutter einzutreten wenn
nicht plötzlich die Namen Hohenberg Fürstin Amanda Plessener Pfarrei an ihr
Ohr gedrungen wären Jetzt öffnete sie rasch und trat ein
Propst Gelbsattel hatte schon den Hut in der Hand und wollte sich eben von
der Mutter die eine eifrige Besucherin seiner Predigten war empfehlen Seiner
Absicht den Justizrat zu sprechen kam die Meldung entgegen dass dieser ihn
unten bereits erwarte
Propst Gelbsattel war eine hohe stattliche Figur wohlgenährt und vom
Lampenlicht der Studien seit Jahren schon nicht mehr angedämmert Er hätte
äußerlich durch seine imponirende Würde wohl gut zu den Worten Veranlassung geben
können Auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen Schon längst hatte sich bei
ihm die Gottesgelehrteit mit dem Studium der Welt so verbunden dass er mehr
einem Hofmanne als einem Geistlichen geglichen hätte wenn nicht sein noch immer
schwarzes glänzendes Haar in einen Scheitel gekämmt gewesen wäre dessen beide
gleiche Seiten ziemlich lang übers Ohr gestrichen gar heilig niederflossen
Dieses einzige Merkmal schlichter Sitte erinnerte an die fromme Bestimmung
seines Berufes Sonst war er von gewandten wenngleich immer würdigen
Weltformen scherzte mit Grazie ohne ausgelassen zu werden sprach über alle
Vorkommnisse des Lebens ohne den Schein übergrosser Vertraulichkeit anzunehmen
Seine Reden hielten Viele für mustergültig Sie waren nach einem immer gleichen
Schema gearbeitet und rafften Mancherlei in die Betrachtung der Kanzel was
weniger mit dem Christentume als mit einer allgemeinen Lebensphilosophie
überhaupt zusammenhing Er galt für biblisch ohne dass er sich im Ortodoxen zu
weit erging Ein leiser Anflug von Pietismus fehlte nicht ohne dass er darum die
Vernunft herabsetzte Er hatte so seine eigene Art allen Parteien zu gefallen
Die Vornehmen und Reichen strömten auch seinen Vorträgen die er wohlweislich
nur alle vierzehn Tage hielt in großer Hingebung zu Obgleich er bei der ersten
alten Pfarrkirche der Stadt angestellt und überhaupt der erste Geistliche der
Kommune war so kam doch regelmäßig auch der Hof zu ihm und gab den Ton an sich
allgemein durch Propst Gelbsattel das christliche Gewissen wecken und rühren zu
lassen
Aber nicht nur auf der Kanzel war seine Wirksamkeit eine bedeutende nicht
nur durch seine Seelsorge für die vornehme weibliche Jugend und die
Beichtbeflissenen behauptete er einen großen Einfluss in der Gesellschaft
sondern ebensosehr auch durch seine rege Anteilnahme an fast jeder Frage die
in welchem Gebiete es auch sei das allgemeine Interesse der Residenz in
Anspruch nahm Die Stadt selbst bediente sich seiner zum Entwurfe von Addressen
denn man bewunderte die Geschliffenheit und lapidare Wucht seines Stils Der Hof
unternahm nie etwas was artistisch oder irgendwie geistig ins öffentliche
Leben treten sollte ohne Gelbsattel zu Rate gezogen zu haben Orden schmückten
seine Brust wie einen Minister In der Verwaltung der Schule und des
Kirchenwesens hatte er Sitz und Stimme Seine Gutachten entschieden über das
Schicksal mancher erledigten Professur und ihre neue Besetzung Ein gelehrtes
Werk behauptete er schon lange unter der Feder zu haben das ihm auch nach einem
veröffentlichten Probestück den Eintritt in die Akademie des Landes die
sogenannte »Societät der höheren Wissenschaften« gesichert hatte Aber nicht nur
das Wissenschaftliche und Künstlerische hatte sich diesen hervorragenden Mann zu
einer entscheidenden Instanz gewählt sondern auch in Kommunalangelegenheiten
aller Art war er heimisch ja bis zur gelegentlichen Begutachtung von Brunnen
und Kanalanlagen Die Residenz war seine Vaterstadt Er hatte ihre Altertümer
durchforscht Er war wirklich im Stande über die frühere Geschichte derselben
kundigst zu sprechen und kannte alle kleinen Heimlichkeiten des Stadtlebens um
auf diesem Gebiete immer etwas Schlagendes Sach und Fachgemässes beizubringen
Kurz man mag den vielen Gegnern die ein so hochgestellter Herr namentlich auf
seinem kirchlichen Gebiete und neuerdings durch die ihm viel zu üppig auf sein
Gebiet eingreifende »innere Mission« finden musste auch in vieler Hinsicht Recht
geben darin würde man ungerecht sein wollte man die gewaltige Rührsamkeit und
praktische Umsicht dieses stolzen Kirchenlichtes irgend verkennen Um Gelbsattel
recht schlagend zu bezeichnen könnte man sagen der Propst war auf dem Gebiete
der Kirche was der Heidekrüger Justus auf dem der Politik war Der große Mann
Als Gelbsattel sein wildes Beichtkind Melanie begrüßt hatte war er
außerordentlich freundlich und drohte ihr recht schelmisch mit dem Zeigefinger
dass sie so selten die Johanniskirche besuchte Und noch am letzten Sonntage
sagte er hab ich über die Vergänglichkeit alles Eiteln gesprochen mein
schönes Kind
Ich war leider sagte Melanie an diesem Tage von der Vergänglichkeit meiner
Schönheit in einem Orte tief überzeugt den ich Sie eben habe nennen hören Herr
Propst in Hohenberg Kennen Sie Hohenberg
Denke dir sagte die Mutter die Frage unterbrechend Guido Stromer Er
macht wirklich wahr was er beim Abschied äußerte
Was ist mit ihm
Er will in die Stadt versetzt sein
Und Fräulein Melanie sagte der Propst ist gewiss das hüpfende Irrlicht das
ihn hierher verlockte Kann ich zugeben dass er mir eine so brave Beichtbefohlne
raubt und mir wie ein Wolf in meinen Schafstall bricht
Ein so reicher Hirt sagte Melanie Geben Sie ihm getrost ein Paar von Ihren
doch verlorenen Seelen ab Ich versichre Ihnen Er predigt nicht so gut als er
spricht Wirklich gibt es nicht irgendwo eine offene Nachmittagspredigerstelle
Ich will mich weil ich Guido Stromer lieb habe mitten unter die alten
Spittelfrauen setzen die wahrscheinlich doch allein seine Gemeinde bilden
werden
Weil Sie ihn lieb haben rief der Propst mit seiner sonoren Stimme Da werd
ich eifersüchtig Wie Meine vernunftklare durchsichtige krystallne Melanie
will zu einem Pietisten der alten Schule Nein meine kleine Sünderin Diese
Methode Sie zu bessern hat sich überlebt
Pietist erwiderte Melanie Guido Stromer Pietist
Herr Propst ich glaube Sie irren sich Der Plessner Pfarrer ist nichts
weniger als Pietist
Aha antwortete schmunzelnd der freundliche Herr dessen Falten immer
glätter wurden vor Ihnen schwankte der starre Dogmatiker Haben Sie dochwol
nicht unter vier Augen einen Tartüffe einen »innern Missionär« in ihm erkannt
Ich berufe mich auf das Zeugnis meiner Mutter sagte Melanie Stromer hatte
vor uns Allen kein Hehl dass über ihn eine ebensolche Revolution gekommen wäre
wie über die Staaten Er hat jetzt entdeckt dass im Regenbogen wirklich sieben
Farben blinken Ja sogar die Kunst ließ er gelten und meinte die griechischen
Götter wären zu früh von der Erde verschwunden Wenigstens vermut ich dass Das
seine Gedanken waren als er von der Leda hörte oder wie Se Excellenz Herr
von Harder die Dame nannte von der Lady und so lange schwieg und grübelte
Gelbsattel lachte über die Kunstkenntniss des genannten Hofmanns und äußerte
dann
Haben Sie Kunstgeschichte mit dem Stromer getrieben Machen Sie denn Alles
verwirrt Die Maler und die Seelenhirten Nein nein diesen vertrockneten alten
Pietisten der mit der Fürstin Amanda von Morgens bis Abends gebetet hat und
sich recht in dem Extreme der Momiers oder wie wir diese Form der Gläubigkeit
unter dem Namen der Mucker erlebten gefiel diesen sollen Sie mir nicht auf
Bilder bringen die man vom Kunstverein aus Rücksichten ankaufen oder empfehlen
muss schon um die neue vielgestaltige Melusine in jeder Form ihrer Zaubereien
zu haben Nein nein der bleibt in Hohenberg und sorgt dort ein wenig besser
für die Schulen als er bisher getan hat Er schreibt von Zerstreuung
unglücklicher Zerrissenheit und Zweifelsucht Er soll Seidenzüchter werden wie
andre Pfarrer tun Brav Maulbeerbäume anpflanzen Seidenwürmer hegen und Kokons
gewinnen Die Regierung zahlt ja dafür nicht nur die höchsten Preise sondern
teilt auch Denen die sich in der Seidenzucht auszeichnen Medaillen aus Ich
kann ihm nicht anders schreiben als Guido Stromer Hübsch Seidenwürmer ziehen
Doch ich eile zum Justizrat mit dem ich dringende Geschäfte habe Und wenn ich
nächstens von der Kanzel spreche hoffe ich Fräulein Melanie mir vis à vis zu
sehen Ich werde über jenen Spruch reden über den wir uns einmal erzürnt haben
wissen Sie wohl noch Fräulein Vor wieviel Jahren war Das
Erzürnt fiel die Mutter ein die aufgestanden war um dem Propste das
Geleite zu geben
Lassen Sie sichs nur von ihr erzählen Dem holden Mädchen Sie weiß es
schon Sie wird ganz rot Ganz rot Adieu meine Damen Ha ha Auf
Wiedersehen
Damit küsste der Propst der Mutter die Hand Die Tochter litt diese Huldigung
nicht sondern kehrte ihm schmollend den Rücken
Als Gelbsattel hinunter stieg zum Vater fragte die Mutter was Das für ein
Streit gewesen wäre
Ach sagte sie ich bin wenig in der Laune an diese alten Torheiten zu
denken Ich sollte im Konfirmationsunterrichte einmal den Spruch hersagen Wenn
dich die bösen Buben locken so folge ihnen nicht Alle schnatterten obgleich
sie im Geheimen kicherten den Spruch nach nur ich weigerte mich und war durch
nichts dahin zu bringen ihn zu wiederholen Ich glaube gar ich ging soweit
ihn für einen dummen Spruch zu erklären da anständigen Mädchen niemals
einfallen würde bösen Buben nachzugehen wenn diese auch noch soviel lockten
Darüber gab es denn viel Gelächter von den Mädchen und soviel Zorn von Seiten
des Propstes dass wir hart aneinander gerieten und ich meinen Shawl und Hut
nahm und davon lief Hackert der mich abholen sollte wartete schon und wie ich
vor Ärger weinte meinte der in seiner trockenen Art Es wäre für junge Mädchen
doch der beste Spruch in der ganzen Bibel nur müssten die Pfaffen gleich
aufrichtig erklären dass unter den bösen Buben Leutnants und Referendare zu
verstehen wären Ich bin damals mit Hackert der mich in die Stunden bringen
sollte zweimal lieber ins Feld hinausgegangen nur um nicht wieder in die Lage
zu kommen den garstigen Spruch herzusagen
Die Mutter gedachte gerührt aber auch erschreckt der alten Zeiten
Melanie aber hörte mit Verzweiflung dass es nun voll ein Uhr schlug
Neuntes Kapitel
Ein luterischer Papst
Ehe Propst Gelbsattel mit dem Justizrate zusammentraf war dieser schon seit
einer halben Stunde sehr mismutig nach Hause gekommen
Unterwegs hatte mancher den sonst immer freundlichen Justizrat Franz
Schlurck gegrüßt er hatte heute nur kurz und flüchtig erwidert Die Art wie
ihm ein wildfremder Mann der sogar von ihm etwas zu wünschen und zu ersuchen
hatte im Hohenbergschen Palais begegnet war lag ganz außerhalb des Kreises
der Erfahrungen die er täglich machte Er hatte durch die glatte Art wie sich
Menschen die etwas begehren gefügig zeigen und von selbst Das aufdrängen was
eine Bestechung sein soll und nur als ein Geschenk geboten und genommen wird
sich eine so heitere sorglose Auffassung seiner Praxis angewöhnt dass ihm heute
zum ersten male als ihm das fürchterliche Wort Schurke zugedonnert wurde das
schöne Rosenlicht das ihn immer umfloss in Nacht verwandelt erschien Er tappte
auf der Straße hin wie im Finsteren Zwar hatte er noch Geistesgegenwart genug
dem berühmten Arzte Sanitätsrat Drommeldei der ihm begegnete und ihm zurief
Ei ei Justizrat was machen Sie Sie werden alt zu antworten Alt
Nimmermehr Das Altwerden ist eine dumme Angewöhnung Und der Arzt der wie alle
Söhne Äskulaps mehr das Geistreiche Witzige Abgerissene als das
Systematische Schulgerechte liebte hatte ihn veranlasst diese paradoxe
Äußerung rasch da er zu Egon musste den er für sehr bedenklich erklärte zu
beweisen aber an Das was er sagte glaubte er heute selbst nicht Er hatte
gesagt
Nie werd ich alt Drommeldei Das Altwerden ist eine dumme Angewöhnung
Nichts Anderes Wir kommen der lahmen und hinfälligwerdenden Natur ja immer auf
halbem Wege entgegen Nehmen Sie schon in der Jugend Der Knabe quält sich
förmlich ab ein Jüngling zu werden Er raucht Zigarren dass ihm grün und gelb
vor den Augen wird Er bindet sich Cravatten um den Hals und kräht Alt wie ein
Hahn während er noch den reinsten Kanarienvogelsopran in der Kehle hat Ist er
dann mit Ach und Krach ein Jüngling geworden so quält er sich schon wieder ein
Mann zu sein Er will heiraten solid werden spricht vom Glück der Ehe und
sieht Kinder an der Mutterbrust neben sich und schaukelt schon welche auf den
Knieen Gut Dann wird er ein Mann Nun will er gravitätisch erscheinen und
spricht von seiner Würde Bequemlichkeit wird die Belohnung seiner
Anstrengungen Brot zu verdienen Auf den Bällen tanzt er nicht mehr Mit den
gesundesten Schenkeln gebehrdet er sich wie ein Kasinogast und spielt Whist
Setzt er sich ans Klavier so konnt er sonst ganz leidlich singen Er kann es
auch noch aber aus Bequemlichkeit hebt er nicht mehr die volle Brust sondern
stöhnt und ächzt und lässt die Flügel hängen So geht Das fort bis dann
natürlich das Alter wirklich da ist und die Natur frohlockt ihren Sieg über den
Geist davongetragen zu haben Nein nein Doktor sagen Sies allen Ihren
Patienten Das Alter ist nichts als eine dumme Angewöhnung
Das war so flüchtig und schalkhaft von ihm hingesprochen worden und der Arzt
hatte darüber gelacht und sichs als Anekdote gemerkt er heilte viele seiner
Patienten mit Anekdoten aber Schlurck hielt heute seiner eigenen Laune nicht
Stand Er knickte und sank recht erschöpft in seinem kleinen dunklen
Arbeitszimmer in einem grünsaffianen Lehnsessel zusammen Das empörende Wort des
Fremden hatte ihn zusammengerüttelt wie er sich selbst sagte gleich einem
alten Sack Nüsse Das rasselte ohne Halt hin und her Das lärmte wohl und war
eine Art Widerstand aber schlaff schlaff sagte er sich Ich konnte ihm nicht
an die Kehle fahren denn ich war ein Esel gewesen mit meinem Jährlich Warum
ließ ich nicht Bartusch etwas abmachen wozu mir im Grunde das Geschick fehlt
Und wenn ich auch nicht das wahnsinnige Jährlich geflüstert hätte besäss ich
denn die Kraft ihm den Schurken zurückzuschleudern Nein Der Witz macht
schwach nur Pedanten haben Kraft
Bartusch hatte seinem Principal eine Menge von Papieren vorzulegen die er
ohne langes Besinnen und Prüfen unterschrieb Er bereitete jenen dann auf den
Empfang Ackermanns vor und erzählte zu Bartuschs großem Erstaunen in der
Hauptsache Das was er im Palais erlebt hatte Bartusch sollte ihm alle nur
irgend geprüften und sichern Papiere vorlegen und die Beratung mit ihm allein
pflegen Er wünschte des Handels überhoben zu sein
Bartusch stumm und ergeben merkte gleich dass der Justizrat nicht in
bester Stimmung war und unterließ alles Fragen pünktlich sich merkend was ihm
geheißen war Sein Überblick war so kundig dass es eigentlich keiner Worte
bedurfte wie es mit den Papieren gehalten werden sollte Mit fast stummem
Nicken und kopfschüttelnd flüsterte er dann aber doch
Unsere Hohenbergsche Verwaltung hört also auf
Die Administration hört auf sagte Schlurck tonlos
Werden sich wohl nun wählen lassen setzte Bartusch noch leiser hinzu
Dass ich ein Tor wäre antwortete Schlurck Meinen Ruin mit eigener Hand
bereiten Jetzt gilt es arbeiten fleißig sein Die Zeit der Allotria ist
vorüber Sind die polnischen Pupillengelder eingezahlt
Auf Heller und Pfennig Die beste Aufklärung über Max Leidenfrost gab
Frau von Werdeck Die Familienlegate der Kaminski
Genug Wir müssen Revisionen halten Bartusch Uns rütteln tummeln Viele
Adelige mahnen um Erledigung ihrer Angelegenheiten Die Familienhäuser in der
Brandgasse zahlen zu wenig der Magistrat wirft uns Saumseligkeit vor
Zuviel Armut Justizrat
Das sollen die Staatsökonomen und Philantropen ausmachen Die Kommune will
Geld Geld Geld Bartusch
Ich lasse pfänden Tag und Nacht
Setzen Sie Daumenschrauben an Ich kann die Lage der Menschheit nicht
ändern Das ist Gottes Sache Seine Welt ist ein Chaos Man tastet im Dunkeln
greift und würgt Ich weiß kein Mittel Die Politiker sollen es ändern Geld
Geld Bartusch Die Kommune ist in Verzweiflung über die Johannitererbschaft und
die Hartnäckigkeit des Ministeriums Wenn wir diese Branche meiner Geschäfte
auch noch verlören
Justizrat
Ich sehe heute schwarz gehen Sie Bartusch Setzen Sie die Legitimation für
den Generalpächter auf
Aber der Prinz
Ist krank
Hört es schon bedenklich
Adieu Bartusch Lassen Sie mir etwas Ruhe
Ich wollte auch nur noch ein Wort fallen lassen über eine sonderbare
Äußerung des Prinzen in Betreff
Bartuseh wollte an den Schrein erinnern
Schlurck obgleich er Vieles von ihm aufgeklärt wünschte ließ ihn doch
nicht zu Worte kommen sondern seufzte so laut dass Bartusch vorzog abzubrechen
und ihn sich selbst zu überlassen
Es waren die unmutigsten Gedanken die Schlurck bestürmten als er allein
war und so das Haupt auf die Lehne seines VoltaireSessels stützte Er rieb die
hohe Stirn um gefälligere zu wecken Er lüftete die Kleider putzte an den
Brillengläsern es half nichts er sah wenn der Prinz genas eine bedeutende
Klientel die ihm viel Geld eingetragen hatte völlig genommen und was ihm noch
störender sein musste die Vergangenheit derselben einer scharfen Prüfung
ausgesetzt Auch die Verhandlung mit Paulinen hatte ihn aufgeregt Dass der Prinz
sein Feind war ahnte er Er sah trotz der Rückreise mit seiner Familie deutlich
die Spuren davon Wird er wieder hergestellt sagte er sich wär es nicht
besser mich mit seiner Feindin zu verbinden und sie mir zu verpflichten Die
Frage nach dem Bilde die er doch an Herrn von Harder richten musste war er fast
geneigt schon ganz fallen zu lassen
In diesen Betrachtungen fiel sein Blick auf den Schrein der auf der Seite
seines Schreibtisches an der Erde stand
Er erschrak dass ihm hier eine neue Demütigung erwachsen konnte wenn sich
Derjenige meldete dem er gehören mochte
Heftig zog er jetzt die Klingel
Einer seiner Diener erschien und hastig ihm anbefehlend dass er warten
solle ergriff er die Feder und schrieb
»Da die vielfach angestellten Bemühungen ein auf der Landstraße zwischen
Angerode und der Residenz bei dem Dorfe Plessen gefundenes Frachtstück an den
rechtmäßigen Eigentümer gelangen zu lassen vergebens gewesen sind so wird
derselbe hierdurch öffentlich aufgefordert sich beim Justizrat Schlurck in der
alten JohanniterKomturei parterre links in den Frühstunden bis neun Uhr zu
melden«
Nachdem er diese Zeilen mit Goldsand bestreut hatte übergab er sie dem
Diener und erteilte den Befehl sie sofort in die beiden Hauptzeitungen der
Stadt einrücken zu lassen Schließlich rief er ihm nach jenes Ersuchen an seine
Tochter auszurichten das wir in Betreff des heutigen Abends und einer
Vorstellung bei Frau von Harder schon gehört haben
Unwillig stieß darauf Schlurck den Deckel von dem Schrein den er mit seinem
blanken Firnissstiefel erreichen konnte
Der Deckel flog auf
Die alten vergilbten Papiere lagen noch wohlgeordnet wie er sie bei der
eigenmächtigen und unverantwortlichen Öffnung eines fremden Eigentums
vorgefunden hatte
Er bückte sich nieder und fing an in ihnen zu blättern
Wer weiß dachte er welche neue Entwickelungen sich aus diesen
wurmstichigen Akten ergeben werden Ist es nicht als stiegen Geister aus der
Erde und schüttelten sich noch einmal um den Kampf mit den Lebenden zu
beginnen Wer wird der Kämpfer sein der diese Waffen führt Wo sind sie
gefunden worden unter welchem alten Hünengrabe Fast glaub ich dem Schilde da
fehlt doch wohl ein Arm der ihn führt dem Rosse da der Reiter
es sind vielleicht nur alte Manuscripte Dem der sie entdeckte nichts
Anderes Dass er dann nie ihre Bedeutung erkennen möge Ich verlöre den zweiten
Arm der mir arbeiten hilft nachdem ich den ersten gelähmt schon an diesen
Ackermann hingeben musste
Im bittersten Unmut wühlte Schlurck unter den Papieren und zerrte fast an
den Siegeln
Er überlegte ob es besser wäre dem Besitzer dessen Anmeldung er jede
Sekunde erwartete einfach zu gestehen er hätte um den Eigentümer zu
entdecken die Kiste öffnen lassen oder ob er sie das Schloss war durch ihn
verdorben mit einem neuen versehen sollte
Das Letztere war verdächtiger als für ihn einen Notar einen Mann der
öffentlichen Treue das erste
Auch auf den Gedanken verfiel er Wie Wenn der Eigentümer durch dich erst
belehrt würde welchen Gebrauch man von diesen Papieren machen könnte Wenn du
dich anheischig machtest ihm zu einem großen Reichtum zu verhelfen und er den
Gewinn mit dir teilte
Indessen erschrak Schlurck vor dem gefährlichen Scheitern eines solchen
Planes und vor der Notwendigkeit sich dadurch für immer das Patronat der Stadt
zu verscherzen für deren Interessen er nicht nur die alten Häuser und
Grundstücke verwaltete sondern auch in vielerlei anderer Hinsicht
fruchtbringend beschäftigt war
In diese quälenden Betrachtungen vertieft zog er diejenigen Urkunden
hervor welche unstreitig die wichtigsten der ganzen Sammlung waren
Es war zuerst diejenige in welcher der päpstliche Stuhl den Ritter Hugo von
Wildungen von seinem Ordensgelübde kein Eigentum zu haben freispricht und ihm
gestattet wie es darin hieß quasi ex pallio sancto ab haereticis et latronibus
dilacerato lumbum suum szippliciter adimere et togae suae equestri juxta crucem
immaculatam bona fide affigere dh von dem durch Ketzerund Räuberhand
gleichsam zerrissenen heiligen Mantel auch seinen Fetzen demutsvoll anzunehmen
und auf dem Ritterkleide neben dem unbefleckten Kreuze in gutem Glauben zu
befestigen
Diese Urkunde war nötig um zu beweisen dass Hugo von Wildungen das ihm
zuerkannte Teil der großen Verlassenschaft des Ordens wirklich antreten durfte
und sein früherer Protest auf dieselben Gründe die er für ihn angeführt hatte
auch aufgehoben werden konnte
Seine Bereitwilligkeit die ihm zuerkannten Häuser und Güter von den
protestantisch gewordenen und sich auflösenden Brüdern anzunehmen lag hier in
dem Fascikel das auf jene päpstliche Urkunde folgte Früher kannte man nur
seinen Protest Er war im Ratsarchive der Stadt niedergelegt und war die
Hauptkraft des Beweises dass der nächste Herr an diesen streitigen Gütern die
alte Kommune war hier in dem Schrein lag nun des Ritters Zurücknahme jenes
Protestes unstreitig mit dem päpstlichen Dispens das wichtigste Document
Beide alte Blätter hatte der Justizrat in der Hand als es klopfte
Rasch stieß er den Deckel des Schreins und diesen selbst zurück und warf die
Urkunden in ein Fach seines Schreibtisches
Der Eintretende war Propst Gelbsattel
Schlurck und Gelbsattel verstanden sich sehr gut
Es waren Menschen die eine ziemlich gleiche Lebensphilosophie hatten nur
dass sie sie anders aussprachen
Die gesellschaftliche Stellung und die äußere Etikette seines Berufes
bestimmte den Einen vorsichtiger und behutsamer zu sein als der Andere aber im
Grunde kamen sie fast auf die gleichen Prinzipien zurück und hatten sich gern
Die kleine pietistische Färbung die sich Gelbsattel gab störte Schlurck
nicht denn er war gar nicht in dem Grade Neolog wie man seiner frivolen
Äußerungen wegen schließen mochte Er hatte sogar Anfälle von Aberglauben ja
von Mystik Nur die kleinen hierarchischen Mucken die Gelbsatteln zuweilen
anflogen seine jeweilige sogar katholische Stimmung mochte Schlurck nicht
leiden und zuweilen in der Vertraulichkeit der Loge deren Brüder sie waren
hatte er ihm oft ganz scherzhaft gesagt Gelbsattel Sie sind ein heimlicher
Jesuit Davon abgesehen vertrugen sie sich sehr gut billigten fast Alles was
sie wechselseitig mehr durch Andre als unmittelbar von sich selbst erfuhren und
hatten jetzt auch durch den Prozess über die alte Johannitererbschaft
Berührungspunkte des gemeinschaftlichen Interesses genug
In dieser Angelegenheit war es auch dass Gelbsattel seinen Freund zu
sprechen wünschte
Doch schickte er die zeitgemässe Frage voraus
Nun Freund wie ist es Haben Sie Aussicht in Schönau gewählt zu werden
Weder Aussicht sagte Schlurck etwas erheitert durch diesen immer anregenden
Besuch weder Aussicht noch Absicht
Sie ergriffen die Gelegenheit doch mit so großer Lebhaftigkeit
Beim Dessert als wir Rosinen kauten und Mandeln knackten und einige
Reubündler mir zu viel Champagner eingeschenkt hatten Die ruhigere Erwägung hat
mir gesagt Schlurck bleib vom Feuer Verbrenn dich nicht Es ruinirt deine
Praxis und zwingt dich mehr Charakter zu haben als für deine Zufriedenheit
brauchbar ist
Aber Sie haben sich doch beworben und einen einflussreichen Mann wie den
Heidekrüger für sich in Schönau werben lassen
Hab ich sagte Schlurck aber der gerechte Verwalter meiner
Angelegenheiten dieser treue negotiorum gestor hat sehr ungerecht an mir
gehandelt Er lobte mich und zeigte sich im fremden Lobe so edel so
uneigennützig dass man seinen Edelmut und seine Entsagung bewunderte und ihn
den Edelen und Entsagenden nun selber wählen wird Seine Rede soll ein
Meisterstück bäurischer Verschlagenheit gewesen sein ein Seitenstück zu des
Antonius berühmter Rede gegen den Brutus am Leichnam des Julius Cäsar
Wenn Sie denn durchaus keine Neigung mehr haben als Bewerber aufzutreten
sagte Gelbsattel lächelnd so ist wenigstens so viel erfreulich dass in Justus
ein liberalconservativer Mann gewonnen wird
Richtig sagte Schlurck das ist so eine Art hölzernen Eisens wie es unsre
Zeit braucht Liberalconservativ Es ist mir immer so wenn ich Das höre als
wenn mir Einer künstliche Artischocken aus Schweinsohren geformt vorsetzt Man
bewundert den Koch nicht die Natur und lässt die Schüssel stehen Übrigens
werden Sie erleben dass dieser große Charakter der schon fünfzehn Jahre lang
durch seine Neckereien die Regierung beschäftigt hat zuletzt doch in ein Extrem
fällt und in dem Falle dass er Minister des Ackerbaues werden kann ganz rechts
in dem Falle dass man ihm irgendwo die Pferde ausspannt ganz links wird
Verlassen Sie sich darauf Oder er betrifft sich einmal bei einer unerwarteten
kleinlichen Dummheit und verkrümelt sich ins Unbedeutende
Sie hätten selbst auftreten und sich persönlich bewerben sollen sagte
Gelbsattel Ihre natürliche Art besticht die Menschen Ein glücklich
hingeworfener Scherz wirft den Effect einer ganzen patetischen Rede um Man
hatte im Wahlcomité des Reubundes so sicher auf Sie gerechnet
Machen Sie noch immer diese abgeschmackten Späße mit fragte Schlurck der
nun einmal in seine negative Art hineingekommen schien und seine
Verdriesslichkeit auspolterte Ist auch Das nicht Unsinn Ist da ein Zusammenhang
mit der gesunden Vernunft Sieht man diesen Menschen nicht allen an dass ihnen
die Gesinnung aus dem Magen kommt Wenn ich der Monarch wäre ich verböte dem
Volke ein solches Treiben Unser Staat muss die Initiative des Verstandes nicht
die der Dummheit haben Der König muss in seiner Bildung viel viel weiter sein
als seine dummen Bürger Kann Das ein gutes Beispiel wecken Wahrlich wenn sich
das Ministerium auf den reaktionären Wahnsinn der Beamtenweiber stützen will
ist es verloren Die erste kräftige gesunde Idee eines starken Kopfes bläst es
im Nu um und wenn es von allen Bajonetten der Welt gestützt würde
Sie sehen sehr schwarz sagte Gelbsattel schlau lächelnd Doch teil ich
Ihre Misachtung vor dem Reubunde von dem ich mich zurückziehen werde Es ist in
der Tat nichts daraus geworden als eine großartig organisirte Gelegenheit zu
Bällen und zu Verheiratungen Unter dem Verwande der Gesinnung drängt sich
jeder Familienvater hinzu der eine Tochter zu vergeben hat und nicht hoffen
kann in eine feinere Ressource oder das große Kasino aufgenommen zu werden
Ach es lebe das Menschliche fiel Schlurck mit komischem Seufzer lachend
und doch ärgerlich ein Es lebe die Naivetät der praktischen Bedürfnisse
Sokrates Christus und ihr Alle die ihr gestorben seid um dem Menschen einen
erhabenen Gedanken aufzustellen lehrt was ihr wollt der Mensch weiß alle eure
Himmel sich immer wieder zur Erde herabzuziehen und seine liebenswürdigsten
Armseligkeiten in euren Paradiesen unterzubringen Geben Sie mir eine Priese von
Ihrem Macuba Gelbsattel
Gelbsattel zog eine der Schlurckschen ähnliche Dose hervor Beide tauschten
ihren Taback Denn Gelbsattel nahm aus Schlurcks Dose Schlurck aus
Gelbsattels Beide wollten sich damit ein Zeichen ihrer Freundschaft geben
Über diesen Austausch lächelten Beide
Treiben Sie noch immer so ein bisschen Mysticismus sagte Schlurck Freund
ich weiß warum Sie mit dem Reubunde nicht mehr zufrieden sind Er schien Ihnen
anfangs eine gewisse hierarchische Form anzunehmen Er hatte so etwas von einem
offenen Maurerbunde Was Und nun hat es sich erwiesen dass außer einigen
respektablen aber unzurechnungsfähigen militärischen Elementen und einem
horriblen Maximum von beschränktem Untertanenverstand das absolut Leere in ihm
steckt Gedanken blieben fern Das ist schlimm für Euch Jesuiten denn wo
Jesuiten wirken sollen muss es Gedanken geben
Gelbsattel lachte wiederholt über die Jesuiten und nahm diese Bemerkungen im
vollen Einverständnisse harmlos und scherzernstaft auf
Ja sagte er Das mag es sein Ihre Jesuitenriecherei die Sie noch aus
Ihrer alten Leipziger Schule haben bester Freund lass ich dahingestellt aber
Gedanken müssen die Menschen regieren die bloßen Gefühle sind mir nur dann
nutz wenn Gedanken sie zu regeln wissen und das System das nur aus der rohen
Geltendmachung der Interessen entsteht das veracht ich vollends Diese
Landräte und reaktionstollen Subalternen haben wirklich keine Gedanken Was
lässt sich darauf pfropfen Man hat in lächerlicher Weise für den Reubund etwas
von uns Maurern entlehnt aber wissen wir selbst schon nicht was wir von
unserer Symbolik Vernünftiges zu halten haben was soll unter so oberflächlicher
Nachahmung entstehen Sie sprechen von den Jesuiten Können Sie leugnen Freund
dass in dieser Gesellschaft mag man nun ihre Tendenz auch noch so sehr
verwerfen doch eine große Kunst der Organisation und eine Vitalität eine
Lebenskraft liegt die jeden Menschenkenner mit Respekt erfüllen muss
Ohne Widerrede sagte Schlurck und meinte Dies mit aufrichtiger
Übereinstimmung
Und ist nicht das Ziel fuhr Gelbsattel erwärmter und gesteigerter fort ist
nicht das Ziel dieses Ordens in der Tat das zeitgemässeste das man sich denken
kann wenn man erwägt wie die Übergriffe des Staates gerade erst durch den Sieg
des Liberalismus immer gewaltiger immer nüchterner roher werden müssen Und
die Kirche Was erleben wir auf dem Gebiete unsrer Kirche Die innere Mission
sogar unterwühlt jetzt ihren Bestand die innere Mission ist unter dem Scheine
der Frömmigkeit und der Mehrung des Gottesreiches die eigentliche Demagogie der
Kirche die sich liebedienerisch an den Staat lehnt und Das was bisher für
Kirche gegolten hat unsre Gemeinden unsere Beichtstühle unsere praktische
Seelsorge in die Luft sprengen wird
Schlurck hörte aufmerksam zu
Aber ich will auf den Staat zurückkehren sagte Gelbsattel immer erhitzter
Nehmen Sie doch nur unsern eignen Fall Ich gelte für einen Mann vom
conservativsten Wasser und bin es und predige in diesem Geiste Die ältere Zeit
die nun vorüber sein soll erlaubte dass eine gewisse Kirchlichkeit bei allen
öffentlichen Angelegenheiten bescheiden mitsprechen durfte Die Periode ist
vorüber Ich mache teoretisch für die Kirche nichts gar nichts geltend als
einen gewissen Einfluss auf die Stimmung der Gemüter aber um diesen zu
behalten kann man da ruhig ertragen dass in diesem politischen Wirrwarr jede
höhere geistige Frage als nebensächlich betrachtet wird und die Ministerien
wenn sies nicht mit der innern Missionswühlerei halten rein nur noch
Triebräder der gedankenlosesten Geschäftsroutine werden Diese übermäßige
Verweltlichung erzeugt eine Isolirung der geistigen und geistlichen Interessen
die so nicht fortdauern kann Das absolut constitutionelle System ist der Tod
der Menschheit Die leersten erbärmlichsten Dinge werden auf die Ordnung des
Tages gesetzt alles Große vergangener Zeiten gilt für nichts mehr in diesen
Kammern wo Bauern Pächter Schreiber Gastwirte über das Staatsleben zu
Gerichte sitzen Was sind wir denn noch Was gelten wir denn noch Soll die
Geistlichkeit nur Bibeln austeilen nur Magdalenenstifte besuchen und sich mit
dem Kehricht der Menschheit befassen Nein mein Freund mag man von den
Jesuiten sagen was man will sie haben sich die Aufgabe gestellt die geistige
Herrschaft der Kirche aufrecht zu erhalten und den Menschen als Menschen zu
retten ihn nicht im Staate im Betkämmerlein oder irgend einer andern
Gemeinschaft mit Gott oder der Welt zu Grunde gehen zu lassen und wenn der
dumme Reubund auf eine solche tiefe Idee sich hätte erbauen können dann wäre
etwas mit ihm geworden während er jetzt die Stelle der Heiratsbureaux vertritt
und die Politik nur verwirrt statt vereinfacht
Schlurck wich von dieser Auffassung unstreitig sehr ab Doch gehörte es zu
seiner Art dass er jedesmal wenn er Jemanden von einer Idee recht warm erfasst
ja flammend durchglüht sah sogleich aufhörte sie zu bekämpfen Denn er wusste
dass ein solcher Kampf dann vergebens ist ja er scheute sich sogar vor Allem
was zu ernst und zu schwer auftrat und so begnügte er sich auch hier mit den
einfachen Worten
Sehr wahr Sehr wahr
Gelbsattel nun einmal im Zuge fuhr durch die scheinbare Zustimmung
ermutigt fort
Welche Anmassung dieses herzlosen kaufmännischen Ministeriums das wir jetzt
halten und gegen die Demokratie schützen sollen der Prozess den Sie für die
Stadt führen Man macht Ansprüche geltend als handelte es sich um einen alten
durch Böswilligkeit oder Nepotismus unbezahlt gebliebenen Steuerrest Immer nur
der Staat Immer nur dieses gefrässige Ungetüm das seine tausend Polypenarme
die wiederum mit tausend Saugwarzen bewaffnet sind überall hinausstreckt
überall das Mark jedem Lebenden entzieht und nichts duldet was nach seiner
eignen Verfassung leben mag Der Hof billigt nicht einmal den Prozess gegen die
Kommune aber der Hof ist selbst bei der freundlichsten Gesinnung viel zu
schwach um diese Bankiers und Advokaten die jetzt das Ruder führen in ihren
Unternehmungen zu verhindern Man hat die Hofkammer zu einem vollständigen
Prozess gegen uns instruirt und ich bin jetzt begierig zu hören bester Freund
wie diese Dinge stehen
Schlurck rückte seine Brille in die Höhe wie immer wenn er scharf sehen
wollte
Die zweite Curie der Hofkammer sagte er hat uns alle nur erdenklichen
scheinbaren Rechtsansprüche zugesandt Hier liegen sie
Er zeigte dabei auf ein Konvolut Schriften das in einem der Schubfächer
steckte
Sie sind fuhr er fort der Hauptsache nach schon vor funfzig und aber
funfzig Jahren geprüft und wenn nicht unhaltbar gefunden doch durch dazwischen
getretene größere Ereignisse unbenutzt geblieben Jetzt will man nun Ernst damit
machen und verlangt entweder die reale Überweisung aller jener Liegenschaften
oder eine Art Abkauf in Form einer von der Stadt zu emittirenden
Schuldverschreibung im Werte von zwei Millionen Man will zwei Millionen Taler
Papierscheine die man nicht den Ständen zu motiviren braucht mehr in Kours
setzen Das ist das ganze Manöver zu dem die KämmereiKasse etwa 50000 Taler
um allenfallsige Realisirungen der Scheine bewirken zu können deponiren müsste
Was sagen Sie Ich finde darin nichts als eine arge finanzielle Plusmacherei
Würdig der Erfindungsgabe unsres jetzigen Finanzministers rief Gelbsattel
Würdig der Theorie vom Staate als einem nimmersatten Vielfrass Glauben Sie
ernstlich Schlurck dass eine solche Operation durchgeht von den Schöffen und
Beigeordneten der Stadt gutgeheissen wird Ich glaube es nicht Eher würde man
die Liegenschaften selbst abtreten und ermessen Sie welche Nachteile dann für
Die damit verbunden sind die auf den Ertrag derselben angewiesen leben Sie
würden dies Haus zu verlassen haben ich selbst würde in meinen besten
Einkünften geschmälert werden und eine Menge der nützlichsten städtischen
Einrichtungen geriete ins Stocken wenn zB nur die Mieten ausblieben die
Sie von den Johanniterhäusern zu verwalten haben die Grundzinse hier und
auswärts gar nicht zu rechnen
Es ist so schlimm sagte Schlurck dass leider der Kläger und Richter hier
fast in einer Person auftritt Der Staat klagt und der Staat entscheidet
Ist der Staat wirklich auch schon in den Richtern rief Gelbsattel immer
erhitzter Ist es schon soweit dass auch die Gerechtigkeit nicht mehr eine
eigene unabhängige Institution ist Nein vom höchsten Gerichtshofe des Landes
kann soll man Das nicht sagen Und es freut mich Ihnen mitteilen zu können
dass sich der alte Obertribunalspräsident für diese Angelegenheit interessiert
Hat sie denn einen Zusammenhang mit der Zoologie fragte Schlurck lächelnd
Wie Sies nehmen erwiderte Gelbsattel Einen Zusammenhang mit der Loge hat
sie
Mit der Loge fragte Schlurck erstaunt Unser Grossmeister mag im Grade der
eleusinischen Geheimnisse stehen ich kenne sie nicht und habs in unsrer edlen
Kunst nicht weiter gebracht als bis zum ersten gehobenen Isisschleier aber was
dieser Prozess mit der Loge zu tun hat begreif ich nicht
Mit der Loge wohl auch zunächst nicht selbst sagte Gelbsattel Aber mit
ihrer Geschichte wenigstens mit derjenigen Geschichte der Loge für die der
alte Herr schwärmt Sie wissen dass er zu Denen gehört die unsre Kunst wirklich
aus urältesten Zeiten herleiten
Ah so Aus den egyptischen wo man die Pyramiden zu Ehren der Katzen baute
in denen der alte Narr göttliche Offenbarung erblickt
Er sieht in der Maurerei sagte Gelbsattel orientalische Tradition die wir
im Abendland der Vermittlung der Kreuzfahrer besonders aber der Tempelherren
verdanken
Haben die Tempelherren auch Katzen verehrt
Sie haben es nach vielen Zeugnissen sagte Gelbsattel nickend und ganz
ernst
Hören Sie rief Schlurck jetzt indem er lachend und wieder ganz erheitert
aufsprang so soll mir Einer jetzt die größte Torheit erzählen und mir
aufbinden es gäbe Menschen die sie für Weisheit hielten ich glaube es Wenn
die Katzen mit unserm Prozess in Verbindung stehen so nehm auch ich an
Begeisterung für ihn zu denn alle Mieter der Johannishäuser klagen über das
beispiellose Vermehren der Mäuse und Ratten so sehr dass Keiner mehr aushält
wenn ich nicht vierteljährig einen Kammerjäger dort auf die Jagd schicke
Ja noch mehr sagte Gelbsattel ich hege die Vermutung dass der
Obertribunalspräsident schon aus eigenem Antriebe dem historischen Zusammenhang
dieses Prozesses nachforscht Ein junger Referendar der in der zweiten Curie
der Hofkammer also in unserm Prozesse arbeitet und zufälligerweise ein
Nachkomme des Ritters Hugo von Wildungen ist dem ursprünglich diese Güter
sollen gehört haben hat sich im alten Tempelhause von Angerode eine
eigenmächtige Untersuchung des dort seit undenklichen Zeiten vermauerten Archivs
erlaubt was ohne Zweifel nur im Auftrage der Gerichte geschehen ist
Schlurck der sich wieder gesetzt hatte horchte hoch auf Die Brille
schob sich noch höher
Der neue Pfarrer von Angerode erzählte Gelbsattel hat mir diese Tatsache
angezeigt Man hat der Wittwe des verstorbenen Pfarrers die Nutzniessung der
alten Amtswohnung in dem dortigen ehemaligen Tempelhause gelassen und ihr
neuerdings auch noch in einem Anbau Räumlichkeiten zugewiesen Nach einem Jahre
hat diese Frau die Amtswohnung zu verlassen und es ist dem Nachfolger ihres
Mannes nicht zu verdenken dass er sich schon jetzt nach der Beschaffenheit
seiner künftigen Wohnung umsah Man entdeckte dabei dass der Sohn jener Wittwe
ein junger hier lebender Referendar ob absichtlich oder zufällig ist unbekannt
das alte Archiv des protestantisch gewordenen Johanniterordens wieder auffand
und einen mit Dokumenten gefüllten Schrein hieher mitgenommen hat
Schlurck in der größten Spannung den Worten des Propstes folgend
unterbrach Gelbsatteln mit dem Ausrufe
Einen Schrein
Mit dem Zeichen des Kreuzes auf dem Deckel wie Beobachter versichern
Mit einem Worte hier diesen Schrein
Gelbsattel blickte erstaunt zur Erde nach der dunkeln Gegend hin wohin
Schlurck in der gewaltigsten Aufregung halb mit der Hand halb mit dem Fuße
gezeigt hatte
Himmel rief er das Kreuz auf dem Deckel erkennend wie kommen Sie zu dem
altertümlichen Fund Das Zeichen der protestantischen Ritter von Angerode Die
vier Blätter des Kleeblatts an den Flanken des Kreuzes Wäre dies gelbe Papier
da auf dem Tisch schon ein Dokument das zu den Akten unsres Prozesses gehörte
Schlurck hielt die Hand auf dem Papier das Gelbsattel eben nehmen wollte
Sein erstes Gefühl bei diesen Mitteilungen war das der Freude Er sah
endlich einen Zusammenhang für den Ursprung seines Fundes und eine Möglichkeit
seine unredliche Verheimlichung desselben auf einen leicht zu entschuldigenden
Weg der Ausrede zurückzulenken
Als der Propst in ihn drang ihm genauere Auskunft zu geben wog er ihm
langsam die Worte zu
Gemach Gemach Erst sagen Sie mir Wer ist dieser Wildungen Gibt es also
wirklich einen Bruder des Malers Wildungen Was ich vor einigen Tagen schon
hätte untersuchen sollen als ich an Bartusch
Es gibt deren zwei unterbrach Gelbsattel mit einem eignen Ausdruck
forschender Ungeduld die Vorwürfe die sich der Justizrat über seine
Sorglosigkeit in so wichtigen Dingen machen wollte
Von einem Maler hört ich sagte Schlurck Hat er also wirklich einen
Bruder
Einen jüngeren berichtete der Propst aber einen an Scharfsinn und
Unternehmungsgeist dem Älteren weit überlegenen
Wie kommen diese Wildungen nach Angerode fragte Schlurck zerstreut Er
dachte nur an Egon an den Heidekrug an seinen Brief an Melanie
Durch ihren Vater der dort die Stadtpfarrei vor einigen Jahren antrat und
seit einigen Monaten nicht mehr lebt erzählte Gelbsattel Dieser Mann ist in
meine früheste Jugendzeit verwickelt Man konnte uns Freunde nennen wenn wir
uns nicht um eines Mädchens Willen überworfen hätten Eine gewisse Julie
Rodewald war der Zankapfel der zuletzt zu ihm hinüberflog Es war ein
wunderlicher grämlicher Mann den die Ehe mit dem Mädchen das wir Beide
liebten nicht heiter stimmte Er versauerte und verbauerte in Taldüren einem
türingschen Gebirgsdorfe wo man ihn als Pfarrer ließ weil er zu einer bessern
Stellung kaum passte Bald Pietist bald Rationalist bot er dem Konsistorium
kein klares Bild keinen Henkel schrieb ich ihm einmal auf seine ewigen Klagen
um Verbesserung um ihn anzufassen Auf einer Rundreise durch seine Gegend
wollt es die Amtspflicht dass ich bei ihm vorsprach Er wurde heftig Er sagte
mir die bittersten Dinge und nannte seine Ehrlichkeit den Henkel an welchem ihn
freilich die Lügner nicht zu fassen wagten Auf so wildes Reden hin tat man
besser ihm die nächste Vacanz zu geben Er bekam sie nach Angerode als
Stadtpfarrer und starb in den kaltgründigen alten Zimmern des Tempelhauses sehr
bald nach der Übersiedelung Von der Universität und aus Schulpforte her wo
ich Wildungen Rodewald und ein gewisser Rudhart Kontubernalen waren weiß ich
dass diese Wildungen von dem Johanniter Hugo von Wildungen stammen und oft sagte
er mir wenn sich gewisse Urkunden fänden könnte er ein überreicher Mann sein
Ich gestehe dass ich später da mir die Gegenstände seiner etwaigen Ansprüche
selbst so wunderbar zur Bedingung meiner eigenen Existenz wurden mit einem
gewissen sonderbaren Mistrauen ihn nach Angerode ziehen sah Wie nun wenn sein
Sohn auf Veranlassung des Prozesses in dem er arbeitet in Angerode
Nachforschungen gehalten hat die mit Entdeckung eines eingemauerten Archivs
endeten Ich habe sogleich Auftrag gegeben dort weitere Untersuchungen
anzustellen und bin erstaunt bei Ihnen schon die Spuren dieses unerwarteten
Incidenzfalles anzutreffen
Schlurck lächelte und sagte
Bester Freund Sie nehmen mir eine große Last vom Herzen Dieses alte Ding
da ist auf nicht ganz ostensible Art in mein Haus gekommen aber wenn ich dabei
etwas verbrach so entschuldigt mich der Eifer für unser gemeinschaftliches
Interesse Ich will Ihnen diese Sache erzählen
Gelbsattels Neugier wurde durch eine Unterbrechung gestört
Bartusch war eingetreten und flüsterte seinem Prinzipal ins Ohr dass der
Amerikaner da wäre
Rechnen Sie mit ihm sagte Schlurck Führen Sie ihn oben in ein anständiges
Zimmer Zählen Sie seine Kaution und stellen Sie ihm Scheine dafür aus soviel er
will ich werde sie unterschreiben Den Knaben kann ja Melanie unterhalten
Bartusch nickte und ging die Hand voller Papiere
Es währte einige Sekunden bis Schlurck den unangenehmen Eindruck dieser
Unterbrechung überwunden hatte Dann erzählte er dem aufhorchenden Freunde
Ich war vor etwa acht Tagen in Hohenberg Die Teilhaber der fürstlichen
Masse hatten sich dort versammelt und nach den bitteren Betrachtungen des Tages
folgten Abends gesellige Tröstungen und Erheiterungen so gut es gehen wollte
Ein kleiner Ball hatte ungewöhnlich spät gedauert Das schöne Mondenlicht
verführte mich eine Dame die ich sehr schätze nach Hause zu begleiten und
wie gesagt
Schlurck fuhr sich mit der Hand an den Hinterkopf wie er pflegte wenn er
eine künstliche Verlegenheit schildern wollte strich das wenige dort sauber
gelegte Haar glatt und warf die Brille wieder auf seine frivol die Öffnungen
aufblasende kleine Stumpfnase
Nun nun unterbrach Gelbsattel schelmisch diese sonderbare
Gebehrdensprache Sie verweilen ja sehr lange bei der Dame im Mondenschein
Nicht im Mondenschein fuhr Schlurck fort dafür sind wir nicht mehr
romantisch genug genug es war über zwei Uhr als ich wieder aus dem Dorfe
Plessen zum Schloss zurück will Komm ich da an eine Schmiede die am Fuße des
Berges liegt und sehe dass einem Güterwagen eben die Achse gebrochen ist Der
Fuhrmann hatte ohne Zweifel der Hitze wegen in der Nacht fahren wollen und war
etwas im Schlaf gewesen Genug der Arme lag halbtodt unter dem Rade dessen
gebrochene Felgen glücklicherweise nicht mehr von der ganzen Kraft des nicht
übermäßig bepackten Wagens gedrückt wurden Das laute Winseln eines gleichfalls
verletzten Hundes mein eigenes Rufen weckte die Leute in der Schmiede Man trug
den Fuhrmann hinein und entleerte etwas den Wagen um ihn leichter zur
Verbesserung des Rades in die Höhe schrauben zu können Bei dieser Gelegenheit
entdeckt ich als ich eben übermüdet zum Schloss hinaufsteigen will einen
Gegenstand unter den ausgepackten Sachen der mich wahrhaft überraschte diesen
alten Schrein Es war das Kreuz mit den vier Kleeblättern in seinen Enden Unser
Prozess im neuen ernsten Beginnen die Wichtigkeit der daran sich knüpfenden
Verhältnisse Befremden über diese seltsame Erscheinung des protestantischen
Johanniterkreuzes von Angerode eine Art von Aberglauben über die Weisheit des
Zufalls alles Das bestimmte mich die Bewohner der Schmiede zu veranlassen den
Schrein bei Seite zu stellen wieder aufzupacken und dem Fuhrmann wenn er sich
erholt hätte das Geschehene à tout prix zu verschweigen Nachdem ich mich über
den Fund orientirt hatte konnte man ihn ja unter irgend einem Vorwande dem
Besitzer wieder zustellen
Gingen die Bewohner der Schmiede auf dies riskante Ansinnen ein fragte der
Propst erstaunt und waren Sie ihrer so gewiss
Ich hatte mit einem alten Manne zu tun der blind ist sagte Schlurck und
seinem Sohne der an Taubheit leidet Meine Amtswürde nahm ich zu Hilfe und
wusste ihnen begreiflich zu machen dass es sich hier um eine wichtige Entdeckung
im Interesse des Staates handelte Sie trugen mir den Schrein an einen
verborgenen Ort Kaum hatt ich einige Stunden geschlafen als der alte Schmied
sich von dem jungen zu mir hinaufführen ließ und um Gotteswillen bat ihnen zu
erlauben den Schrein herauszugeben der Fuhrmann gebehrde sich wie rasend an
dem Schrein läge mehr als ein Mensch ahnen könne denken Sie sich Je mehr
sie baten desto mistrauischer wurd ich natürlich und zuletzt bestand ich
darauf dass der Schrein nur noch für mich existire und unverrichteter Sache
stiegen sie wieder hinunter
Gelbsattel schaltete hier erstaunend wieder die Bemerkung ein
Das brachten Sie mit Ihrem einfachen Befehl zu Wege
Doch nicht sagte der Justizrat Ich ergriff ein mir glücklicherweise zu
Gebote stehendes Mittel den Alten zum Schweigen und unbedingten Gehorsam zu
bringen Ich raunte ihm ein paar Worte zu die ihn so erschreckten dass er zu
Allem bereit war und mir den Schrein so lange bewahrte bis ich ihn auf meinen
Wagen lud und mit ihm hier ankam
Ein paar Worte fragte Gelbsattel erstaunt lächelnd Sie sind ja ein wahrer
Zauberer Lehren Sie mich doch auch so inhaltsschwere und mächtige Worte
Ich erinnerte die Leute antwortete der Justizrat einfach an eine alte
Geschichte in der der Vater eine Rolle gespielt hatte für die ihm noch für den
Rest seines Lebens eine gewisse fatale Belohnung gut ist wenn man ihn entdeckte
Sie Allwissender bemerkte Gelbsattel kopfschüttelnd
Vielerfahrener antwortete Schlurck Ich ließ den Schrein hier öffnen und
fand darin Papiere die mit unserm Prozess aufs innigste zusammenhängen Dass
dies jener Gegenstand ist den man in Angerode vermisst scheint mir
unwiderleglich Es frägt sich nur ob die Regierung selbst oder die zweite Curie
jene Untersuchung anordnete oder ob der junge Mann den Sie erwähnen ganz aus
eigenem Antriebe auf diese Entdeckung kam Jedenfalls hab ich jetzt das Recht
zu sagen ich hätte einen geraubten Gegenstand bei einem Hehler entdeckt und es
für meine Pflicht gehalten ihn mir bis auf Weiteres anzueignen Werden Sie
diese Wendung unterstützen
In einer so wichtigen Sache sagte Gelbsattel Ohne Widerrede
Meldet sich jetzt jener Wildungen fuhr der Justizrat wahrhaft aufatmend
und herzerleichtert fort so verweigern wir ihm noch obenein die Auslieferung
Eine Anfrage in der Zeitung hat meinerseits dann nur den Zweck gehabt hinter
eine unerlaubte Aneignung zu kommen Wir geben den Inhalt des Schreins zu den
Akten
Und was glauben Sie fragte Gelbsattel gespannt was glauben Sie dass durch
diese höchst wahrscheinlich in bestimmter Absicht verborgen gehaltenen Dokumente
bewiesen werden könnte
Nach flüchtiger Durchsicht sagte Schlurck ruhig sprechen sie weder für
uns noch für die Regierung Eher möcht ich glauben dass der Auffinder
desselben eine persönliche Absicht hat Er erschien bald darauf in Plessen und
forschte mit Leidenschaftlichkeit nach der Art wie jenes Frachtstück verloren
ging Meine Schmiede scheinen nicht Wort gehalten zu haben denn zu meinem
Erstaunen äußerte er über den Verlust selbst beruhigt zu sein Er wisse dass
ich den Schrein besäße Auf der andern Seite ist es auffallend dass Viele
behaupten der Forscher nach dem Schrein wäre der Prinz Egon gewesen
Prinz Egon von Hohenberg fragte Gelbsattel erstaunt
Der junge Hohenberg bestätigte Schlurck
Wie wäre Das Er soll ja heftig erkrankt sein erzählte man
Die Ärzte fürchten ein Nervenfieber Ein Zusammenhang des Prinzen mit jenem
Wildungen den Sie erwähnen ist mir gewiss ja ganz fest bewiesen Welches aber
der Zweck dieser Verbindung ist wie er mit einer Reise jenes Wildungen oder
Beider zugleich nach Hohenberg zusammenhängt welche Rolle darin das erbrochene
Archiv von Angerode spielt Das bin ich zur Stunde unvermögend anzugeben
Gelbsattel fiel darauf ein
O Freund Ihr Scharfsinn wird binnen kurzem alle diese Dunkelheiten
lichten Doch hüten Sie sich vor diesem Dankmar Wildungen Es ist ein
unternehmender verschmitzter Kopf voll planmässiger Schlauheit und mit einer
Federkraft begabt die ihm für die schwierigsten Dinge Mut und Ausdauer gibt
Auch gehört er mehr als seinen Vorgesetzten gefallen will zu den Demokraten
Schlurck gedachte nun voll Beschämung über seine Champagnerverwirrung des
Fremden im Heidekrug und fragte
Er ist klein
Mittlerer Statur
Braunes Haar
Mehr braun als blond Das ganze Wesen unternehmend und keck
Er trägt einen Bart auf der Lippe und am Kinn
Ich sah ihn längere Zeit nicht mehr Seit den politischen Kämpfen meidet er
alle die feinen Zirkel in die ihn sein Bruder der Maler Wildungen ein
ungleich geringeres praktisches Talent obgleich nicht ohne Schwung und Poesie
eingeführt hat
Schlurck schüttelte ärgerlich den Kopf Er sah ein dass er sich wie er an
Bartusch schrieb »im Champagnernebel« getäuscht hatte als er in Wildungen den
Prinzen Egon zu erkennen glaubte und seiner Familie diesen allerdings nicht
unbedeutenden jungen Referendar für eine so wichtige respectwürdige
Standesperson angedeutet hatte
Der Unmut über diese Täuschung wuchs als Melanie von oben die kleine
Wendeltreppe halb herabstürmte und ohne Rücksicht auf Gelbsattel oben auf den
Stufen in die ängstlichen Worte ausbrach
Vater Eben will ich dem kleinen Amerikaner da er so mädchenhaft aussieht
wie Cherubim eine Haube aufsetzen als er mir sagt Ich möchte ihn schonen er
wäre betrübt über die Krankheit des Prinzen Ist der Prinz krank So gefährlich
krank wie der Knabe sagt Du warst ja dort Sorgen die Ärzte wirklich um sein
Leben
Allerdings sagte Schlurck Doch geht dich Das wenig an Du bist über den
Prinzen in einem Irrtum
Melanie blickte den Vater starr an
Ich habe eine sehr große Torheit begangen sprach Schlurck in gewaltiger
Verstimmung zu ihr empor Es war ein junger Referendar Namens Wildungen der
Euch im Schloss besuchte Es ist ein Freund des Prinzen Es gibt zwei
Wildungen einen Maler
Und einen Referendar fügte Gelbsattel hinaufschmunzelnd hinzu
Melanie entfernte sich erblassend und ohne zu antworten schwankte sie die
engen Stufen hinauf
Bald aber hörte man dass oben ein Fenster aufgerissen wurde das in den Hof
führte und Melanie rief
Neumann Anspannen
Gelbsattel da es eben von seiner Kirche dumpf zwei Uhr schlug empfahl
sich Er sagte noch zu Schlurck
Sie haben viel auf dem Herzen bester Freund was Sie mir nicht mitteilen
wollen Ich denke Sie werden es wenn es reif ist oder um es zu werden meine
Mitberatung vielleicht in Anspruch nimmt Einstweilen hab ich hier merkwürdige
Tatsachen erlebt Soviel seh ich wohl dass wir verwickelten Schwierigkeiten
entgegen gehen und Manches erfahren werden was wir in den bisherigen Stadien
unserer Angelegenheit nicht für möglich hielten
Darin haben Sie recht Freund sagte Schlurck sammelte sich da es
Tischzeit wurde zu seiner sonst üblichen Heiterkeit und schlug seine Hand in
Gelbsattels mit den Worten
Sie wissen dass ich das Altwerden für eine schlechte Angewöhnung halte Noch
heute hab ichs dem Sanitätsrat Drommeldei gesagt Aber auch dadurch bleiben
wir jung dass wir vor Schwierigkeiten nicht erschrecken Immer die gerade Bahn
laufen macht krumm und schläfrig Es ist eine dumme Wahrheit die nur in der
Mathematik gilt dass der gerade Weg zwischen zwei Punkten der kürzeste ist Im
Leben ist im Gegenteil der gerade Weg immer der längste Nur was den Geist
spornt in Tätigkeit setzt zum Aufmerken zwingt belebt ihn und der Geist
ists doch allein von dem die Maschine abhängt oder meinen Sie dass die
Maschine den Geist regiert Manchmal wenn ich Appetit habe und mir die Gedanken
schwinden möcht ich fast das Letztere glauben
Lieber Freund sagte Gelbsattel den Türdrücker ergreifend Das machen wir
hier zwischen Tür und Angel nicht ab Nur darum möcht ich Sie noch bitten
gäben Sie mir wohl für einen Franzosen der hieher gekommen ist Herrn Professor
Rafflard aus Paris eine Empfehlung an den Criminaldirektor
Empfehlung an den Criminaldirektor sagte Schlurck lachend Er soll einen
honetten Einbruch machen dann braucht er meine Empfehlung nicht Wie heißt der
Herr
Gelbsattel erwiderte mit einiger Befangenheit
Professor Rafflard kommt von Paris als Agent einer Humanitätsgesellschaft
um sich über den Zustand der Gefängnisse bei uns zu unterrichten
Aha So ein philantropischer SalonQuäker sagte Schlurck Einer dem es
dafür um Orden Titel und Einladungen zu tun ist Wie viel gute Ideen müssen
doch dafür herhalten dass eitle Menschen auf sie reisen und sich lächerlich
machen Ich denke Sie sind nicht für die »innere Mission«
Professor Rafflard ist sehr gut empfohlen bemerkte Gelbsattel schon im
Gehen während ihm Schlurck das Geleite durch einen dunkeln Gang gab er hofft
an den Hof zu kommen und dient einem Zwecke dem sich einige uneigennützige
Gemüter doch auch schon praktisch ohne Phrasen ohne Christelei gewidmet
haben
Verbesserung der Gefängnisse sagte Schlurck Eine Feile und ein Strick ist
für die Spitzbuben die beste Verbesserung der Gefängnisse Ich wills übrigens
dem Criminaldirektor sagen
Damit trennten sich die Freunde
Schlurck kehrte nun in sein Bureau zurück schloss von innen ab und stieg
langsam und nachdenklich in den ersten Stock um zu lauschen wie weit Bartusch
in seiner Verhandlung mit dem Amerikaner gekommen war
Er begegnete Melanie die ihm auf die Frage ob sie heute mit ihm zur Harder
fahren würde keine Antwort gab
Sie hatte sich den Hut aufgesetzt einen Shawl umgeworfen und stürmte die
Treppe hinunter um sich in den offenen Wagen zu werfen der eben unten in der
Hausflur vorfuhr
Wohin befehlen Fräulein fragte der Bediente den sie getrieben hatte jedes
andere Geschäft die Zurüstung zum Mittagsmahl und was sonst zu seinen
Obliegenheiten gehörte fahren zu lassen und sich nur in die Livree zu werfen
In das Atelier des Professors Berg rief sie und warf sich in die weißen
Kissen des Wagens
Als ihr Vater vom Fenster nachsah wie sie erst im Wagen sich die Handschuhe
anzog und mit kalter Verachtung der Welt um sich her blickte dann den Schleier
überwarf und rasch davon fuhr dachte er bei sich selbst
Wohin tobst du um deiner Verzweiflung zu entfliehen Armes Kind Sie
hat sich doch wohl eingebildet einen Fürsten zu lieben und nun ist es nur ein
gewöhnlicher Mensch wie wir Andern auch Begeh keine Torheit wilde Tochter
Wenn dieser gewöhnliche Mensch so viel Verstand hat wie Gelbsattel an ihm
fürchtet so könnte er mich wenn er dich liebt zum Schwiegervater eines
Millionairs machen
Wie er so sinnend stand brachte Bartusch Papiere zum Unterschreiben und
meldete zugleich dass ihn Lasally zu sprechen wünsche
Lasally sagte Schlurck gezogen Er wird mich doch nicht zum Anwalt seines
albernen Prozesses gegen Hackert den Ihr mir erzählt habt machen wollen Er
soll zu meiner Frau gehen und heute einen Löffel gewärmter Suppe mit uns
speisen Gewärmt Dahin kommt es auch noch Melanie wird hoffentlich nicht zu
lange bleiben Die Papiere wollen wir in meinem Zimmer unterschreiben
Mühseliger Tag Er wiegt schwerer als seit lange einer und doch gehört er zu
denen die ich in anderm Sinne als Kaiser Titus einen verlorenen nenne
Bartusch ging zur Justizrätin bei der Lasally schon wartete
Schlurck stieg mismutig die Wendeltreppe hinunter in sein Zimmer zum
Abschluss der Verhandlung mit Ackermann die seit lange seine schmerzlichste
Erfahrung war Etwas Halbes war ihm Nichts
Zehntes Kapitel
Die Ganzen und die Halben
Eine Werkstatt der zeichnenden Künste musste so gebaut sein wie die des berühmten
Professors Berg um neben der Bestimmung dem Künstler Gelegenheit zu
ungestörtem Fleiße zu geben auch als ein freier Tummelplatz heiterer Laune und
scherzhaften Gespräches dienen zu können
Der große Anbau seines italienischen Hauses war eine Halle massiv gebaut
aber doch in Form jener antiken Bauart gehalten die den Ursprung aller
Architektur aus zusammengelegten Blöcken durch bunte Malerei Vergoldung und
Zierrat aller Art nicht verbergen will Schimmerte auch die Decke nicht in
goldenen Verzierungen so wurden ihre Balkengevierte doch durch Farbenschmuck
aller Art sehr frisch gehoben Die Form der Halle war eine dreiteilige Drei
große nach Norden gehende Fenster warfen das der Malerei nötige Licht in den
gewaltigen Raum der durch zwei von der halben Decke herabgehende schwere grüne
Vorhänge in zwei kleinere und eine größere Abteilung getrennt war Ließ man die
wuchtigen Vorhänge zufallen so waren die hinter ihnen beschäftigten Maler
voneinander getrennt Standen sie offen so gewährten sie die Möglichkeit einer
gemeinschaftlichen Unterhaltung durch das ganze Atelier
In dem ersten Dritteil saßen einige Schüler und Anfänger in dem großen
Zwischenraum die selbständigen jüngeren Kräfte die sich um Professor Berg
scharten im dritten war dieser selbst beschäftigt
Die große Südwand ganz massiv war in pompejanischem Geschmacke gemalt Die
rote Farbe hatte in dem bunten Gemisch den Vorrang
An der Ostwand war der doppelte Eingang einer von unten her und einer oben
von der Altane die das erste Stockwerk des Hauptgebäudes mit dem Atelier
verband Auf der Hälfte der Stiege die von oben her kam schloss sich ihr von
unten herauf eine andere an die in einer langen hölzernen mit grauer Ölfarbe
gestrichenen Brücke endete die durch das ganze Atelier ziemlich nahe an der
Südwand sich hinzog diese Brücke diente für große Gemälde welche von dem
Fußboden aus nicht gemalt werden konnten Hier und da ließ sie sich
auseinandernehmen und auf Rollen nach Belieben vor große Kartons oder Ölbilder
vorrücken An der Westwand im engeren Atelier des Professors Berg waren sehr
geschmackvolle Frescoverzierungen angebracht Zwischendurch standen Statuen
meist von einem Blumenetablissement umgeben Die Teppiche und Wandsophas die
ursprünglich in der ganzen Halle anzutreffen waren hatten sich nur noch in dem
engeren Raume des Lehrers in dem eleganten Zustande erhalten wie ursprünglich
dieser ganze kleine Kunsttempel gedacht war Hier fanden sich noch Stühle und
Polster die man den Fremden anbieten konnte An den andern Punkten hatte
jugendliche Zwanglosigkeit schon mancherlei Zierrat für seine Bestimmung
untauglich gemacht zum großen Ärger des mit Überwachung dieser Räume
beauftragten Dieners Auch die großen mit Steinkohlen nur heizbaren Öfen hatten
sich im Winter schon mit manchem anschwärzenden Protest gegen den Traum eines
sich hier nach Italien versetztglaubenden Idealisten geltend gemacht Die
parkettirten Fussböden waren selbst beim Professor nicht recht wieder zu erkennen
und trugen alle Merkmale dass der wahre Künstler wenn er einmal in die freie
Ausbildung seiner Herrschaft über Kreide und Farbe gerät an äußere Eleganz und
fashionable Bestimmung nicht mehr denkt
Siegbert arbeitete im Mittelraum
Nicht weit von ihm Leidenfrost Neben diesem ein junger schöner schlanker
Mann Namens Heinrichson derselbe dem zu Gefallen Frau von Harder den Ankauf
zweier Schwäne aus Island für die königlichen Gärten veranlasst hatte Neben ihm
stand jener Ofenschirm hinter welchem Frau von Trompetta die Bewegungen jenes
Schwanes der Jupiter vorstellen sollte und seine Angriffe auf eine hölzerne
Figur die die Leda sein sollte mit so vieler Angst beobachtet hatte
Dann kam ein junger Maler Namens Reichmeier ein Verwandter des Bankiers
von Reichmeier
Diese vier Maler arbeiteten in der mittleren Halle
In der Vorhalle standen drei oder vier Schüler
Der Raum den Berg allein einnahm war noch mit einem kleineren von Tapeten
gebildeten oben offenen Kabinet versehen für die Aufnahme lebender Akte
Siegbert Leidenfrost Heinrichson und Reichmeier waren in einem Gespräche
begriffen wie man es mit Unterbrechungen langen Pausen allenfalls bei
mechanischgeistiger Production doch führen kann Sie hatten vom Morgen an stark
an größeren Arbeiten geschafft und nahmen jetzt gegen Mittag leichtere vor die
wohl erlaubten dass dann und wann ein Scherz die gesammelte Stimmung
durchkreuzte die vielleicht gerade mit etwas vorher schon ernst Bedachtem
beschäftigt war
Siegbert arbeitete an seinem Albumblatt für Frau von Trompetta
Die drei andern Maler standen eben hinter ihm und wollten wissen was er
ins Getsemane »stiften« würde
Man sah noch in schwachen Andeutungen eine orientalische Gegend Palmen
Felsgestein Ölbäume Am Boden ein schlafender Christus Vor ihm eine noch
nicht fertige undeutliche Figur Negerknaben mit Fackeln In der Ferne ein
Kameel mit Dienern Andeutungen am Horizont zufolge die auf Sterne raten
ließ sollte die Beleuchtung Nacht sein
Ist das unklare Menschenbild da vielleicht sagte Max Leidenfrost eine
kleine Figur mit zusammengetrockneten sogenannten Silen oder Sokrateszügen
ist Das vielleicht einer von den heiligen drei Königen der nach dreißig Jahren
einmal wieder nach Jerusalem kommt um den inzwischen stattlich herangewachsenen
Heiland zu sehen Er scheint sich recht zu verwundern wie die kleinen Kinder
mit der Zeit so aus Krippen herauswachsen können
Siegbert antwortete indem er mit dem Gummi die Negerknaben etwas corrigiren
wollte
Diese Jungen tragen Fackeln um in die Nacht eine Art Rembrandtscher
Beleuchtung zu bringen Die schwarzen Mohrenjungen hätten sich unter den Fackeln
so prächtig ausgenommen sie kommen auch nicht fort
Nein Nein sagte Heinrichson und hielt die Hand mit dem Gummi zurück nicht
zu rasch mit dem Ändern und Vertilgen Ein vernünftiges Motiv muss man nicht so
bald aufgeben Leidenfrosts Idee scheint nicht einmal die rechte zu sein Ich
glaube nicht dass Sie der Frau von Trompetta humoristische Witze ins Album
malen wollen die sich nicht biblisch rechtfertigen lassen
Wäre denn Das bloß ein Witz fragte Leidenfrost wenn einer von den drei
Königen einmal wieder einen Besuch in Galiläa machte Könnt er Jesus nicht
gesagt haben
Braver Mann ich hielt so viel von Ihnen aber Sie sind auf dem Wege sich
ins Unglück zu stürzen Sie wollen eine neue Religion stiften und ich komme
weil ich mir etwas Anderes in Ihnen vermutete express aus Indien um Ihnen zu
sagen dass wir dort einige noch recht gute alte Religionen haben Die beiden
Mohrenjungen mit den Fackeln würden eine treffende Symbolisirung der näheren
Aufklärung über diesen Gegenstand sein Lesen Sie die Zendavesta und die
Vedas meine Herren Selbst Gützlaff gesteht dass Konfucius kein Konfusius war
Ich vermute eher sagte Reichmeier der an Eleganz mit Heinrichson
wetteiferte trotz der Atelierüberhemden die sie trugen ich vermute eher dass
wir einen Abgesandten des Hauptmanns von Kapernaum vor uns haben der Jesus zu
seinem Herrn beruft Der Heiland versichert ihm dass er das Wunder bereits
verrichtet hätte er möge nur nach Hause gehen und sich schlafen legen
Nein meinte Leidenfrost trocken ohne die Miene zu verziehen ich kann
nimmermehr glauben dass diese hohe stattliche Figur die ich da vor dem Heiland
entstehen sehe ein Unteroffizier oder eine Ordonnanz ist Ich will dem
militairischen Geiste der Juden nicht zu nahe treten aber so stattlich war doch
wohl die Rekrutirung
Ich glaube unterbrach Heinrichson diese frivolen Späße ich glaube dass sie
gar kein Kriegsheer hatten und dass der Hauptmann von Kapernaum ein römischer
Centurio war Die Mohrenjungen sind dann schon eher angebracht Man könnte
annehmen dass dieser römische Hauptmann aus jener Armee hervorgegangen ist die
schon unter Antonius bei der Kleopatra afrikanische Luxusstudien machte
Mein Himmel unterbrach Siegbert dem des Spottens und Schraubens doch am
Ende zu viel wurde diese für zwei Maler die auf einige Ausstellungen schon
Heiligenbilder geliefert hatten charakteristischen Äußerungen mein Himmel
welche Verwirrung über die Auslegung einer sehr einfachen und wie ich fast
glaube nicht genug ansprechenden Idee Ich will ja nichts Anderes als hier in
einfacher Tusche die Tatsache wiedergeben Nicodemus kommt zum Herrn bei der
Nacht Hier schlafen unter freiem Himmel die Jünger von denen nur einige
sichtbar sind Christus wachend hat sich erhoben und empfängt den nächtlichen
Besuch des vornehmen Pharisäers der von innerster Achtung vor dem
Religionswerke des Heilands durchdrungen doch noch nicht den Mut hat ihn
öffentlich zu bekennen Die beiden Mohrenknaben leuchten ihm in den Garten
Hinten steht das aufgezäumte Kameel auf dem er aus der Stadt gekommen nur von
einigen vertrauten Dienern begleitet Auch diese wie die Mohrenknaben wollt ich
in ehrerbietiger Andacht erscheinen lassen Hinten ganz fern sieht man die
Zinnen von Jerusalem
Sehr schön rief Heinrichson mit einer gewissen gentlemanliken Herablassung
Die Skizze ist würdig in Öl ausgeführt zu werden Wie herrlich diese
Beleuchtung durch die Sterne und die Fackeln Schon seh ich dass Sie
beabsichtigen das rote Licht grell auf die schlafenden Jünger fallen zu
lassen Es kann ein recht sanftes Leben in das Ganze kommen Diese Nachtstille
diese schlummernde Pflanzenwelt Und dabei das heilige Wachen des Glaubens und
die feierliche Beherrschung der schlummernden Natur durch die Macht des Geistes
Ich sehe das Blatt schon fertig vor mir und verspreche Ihnen davon eine gute
Wirkung
Auch Reichmeier stimmte dem feinen und so ausnehmend wohlwollenden Urteile
Heinrichsons das Siegbert fast stutzig machte bei und nannte das Ganze einen
»guten Gedanken« Doch tadelte er die Mohrenknaben Siegbert hätte selbst schon
angedeutet dass diese Vermutung auf Abwege führen und für nicht echt jüdisch
gehalten werden könnte Die Juden hätten niemals solche Sklaven gehabt
Ach was rief Leidenfrost Welcher Künstler wird sich denn an solche
Niemals Niemals kehren Wir haben auch keine Sklaven und doch Jockeis und wer
sich einen Neger halten kann und die Kreuzung der Racen unter seinem Gesinde
nicht fürchtet der lässt sich gerade von einem Neger dahin begleiten wo
einheimische Bediente vorlaut und unzuverlässig sind Bleiben Sie ja bei den
Negerknaben Wildungen Auch bei dem Kameel Die alten Italiener waren darin ja
so prächtig ungenirt Auf Paul Veroneses großen neutestamentarischen Szenen
kommen alle die Neger vor die man in den Häusern der vornehmen Venezianer
damals herumlaufen sah Papageien und Affen wie sie einmal zur orientalischen
Anschauung gehören
Siegbert ermutigt durch diesen Beifall und sonst schon den ganzen
Vormittag in aufgeregter Laune fiel mit den heitern Worten ein
Die Negerjungen lass ich schon der Frau von Trompetta wegen Sie werden ihr
die traulichsten Missionsgedanken wecken
Heinrichson und Reichmeier lachten über diesen Einfall
Leidenfrost trat nun näher betrachtete noch lange die Skizze und sagte
endlich
Bedenklicher freilich bester Freund ist der geistige Ausdruck Ihrer
Skizze Sie wollen doch gewissermaßen sagen Seht da Einen von Denen die nicht
den vollen Mut ihrer Überzeugung haben Nicodemus hat einen Anflug von Christi
göttlicher Sendung empfangen er fühlt dass dies der verheissene Messias ist und
hat doch nur den Mut bei Nacht zu ihm zu kommen Ich bin begierig wie dies
Urteil des Künstlers herauskommt Denn urteilen dürfen wir doch Nimmermehr
werd ich die feigen Pinsel anerkennen die nur die Tatsache geben wollen und
das Urteil dem Beschauer überlassen Der Künstler soll Partei nehmen wie es
die Alten taten Die Alten malten im Glauben Der Glaube war ihnen Partei Der
Zweifel konnte nichts malen er sah nur auf Effecte wie es seit Guido Reni
Karlo Dolce und meinem sonst prächtigen theatralischen Guercino Mode wurde Die
Neuen haben keinen Glauben und auch keinen rechten Zweifel gut sie sollen nur
gerecht sein und geschichtlich und wahr Sie mögen eine Tatsache einfach
hinstellen aber dann doch so gruppirt dass sie verraten sie hätten selbst
darüber nachgedacht und empfänden etwas über ihr Bild irgend eine warme
Überzeugung Wie kommt mir nun hier bester Wildungen die Erbärmlichkeit dieses
Nicodemus zur Anschauung der nur bei Nacht den Mut hat ein Christ zu sein
Zeigen Sie mir diese seine Erbärmlichkeit Diesen Augenspiegel unserer ganzen
Gegenwart
Ich weiß zunächst nicht antwortete Siegbert die ästhetische Tendenzfrage
fast vermeidend soll ich ihn sehr reich oder recht arm kleiden Das Erstere
würde im Einklang zu seinen Dienern und den geschmückten Kameelen stehen das
Letztere aber gerade durch den Kontrast mit diesen Umgebungen andeuten dass er
demütig und voll Reue ist und seines Prunkes sich begeben will Jesus sagt ihm
ohnehin es könne Niemand selig werden der nicht in den Schoos seiner Mutter
zurückkehre und von neuem geboren würde Arm aber oder reich gekleidet denk ich
doch dass hier die einfache Tatsache ihre Auslegung in sich selber trägt Wie
sollt ich hier mein Urteil anbringen ohne nicht in Gefahr zu geraten den
Frieden der Situation zu stören Sie möchten den Nicodemus mit dem Pinsel gern
geisseln Leidenfrost Geht Das
O rief dieser prügeln möcht ich ihn und nicht bloß mit dem Pinsel
O nein fuhr Wildungen lachend fort bleiben wir in der Welt meines
Tuschkastens Liegt nicht in des Heilands ernstem Blicke schon die ganze
versöhnende Kritik seines nächtlichen Besuches Wird Nicodemus nicht demütig
zur Erde schauen müssen und sich verneigen mit gekreuzten Armen wie der
Andächtige vor dem Kruzifix
Versöhnt Das nicht Und er kommt ja doch Er folgt ja doch zu irgend einer
Stunde dem innern Rufe wenn auch nur bei Nacht Er büsst doch seinen Fehler
dadurch dass er ihn büsst Mehr als das bloße »Doch kommen« »doch dem innern
Drange Erliegen« mehr würde Strafe sein unmöglich vorauszusetzen in der Absicht
des Erlösers Ich teile wie Sie den Zorn über die täglich uns begegnenden
Menschen die nicht den Mut ihrer Überzeugung haben aber ich gestehe ich habe
mit der schwierigen Lebensstellung eines Pharisäers wie Nicodemus soviel
Mitleid dass ich ihn liebe voll Wehmut liebe liebe seiner Schwäche wegen Und
gestehen Sie doch wenn ein reicher Mann und gefeierter Schriftgelehrter zum
Herrn kommt ists doch wohl etwas mehr als wenn arme Fischer und Handwerker von
vornherein sich gleich zu ihm hielten
Hm brummte Leidenfrost Zumal wenn man bedenkt dass die Tausende von
Müssiggängern die diesem galiläischen Wanderprediger nachliefen sich manchmal
um satt zu werden mit fünf Broten und zween gebacknen Fischen begnügen mussten
Gut Gut Wildungen Malen Sie Ihren Nicodemus zu deutsch Ihren Herrn von
Volksbezwinger so wie er für die fromme weichmütige Welt passt und im
Getsemane gewiss bei Hofe großen Effect machen wird schon der
Fackelbeleuchtung wegen Aber wenn ein Anderer einmal den Gegenstand ergriffe
Schweigen Sie endlich rief Heinrichson nicht ganz im Scherz Ihre verdammte
Ideenfülle Leidenfrost macht uns noch Alle confus Wenn wir einen guten
Gedanken zu haben glauben so setzen Sie immer noch einen Trumpf darauf und
bringen uns in Verwirrung
Reichmeier stimmte dieser Bemerkung kräftigst bei und wünschte die Kritik zu
allen tausend Teufeln
Malt was Ihr wollt sagte Leidenfrost kurz und bündig und kehrte zu seiner
Staffelei zurück auf der er architektonische Prospecte angefangen hatte
Siegbert aber fuhr ungestört und nicht im geringsten zürnend in seiner
Bleistiftskizze fort
Wie kann Euch aber sagte er nachdem Alle wieder an ihre Arbeiten gegangen
waren zu den beiden zürnenden Genossen wie kann Euch eine fremde Auffassung
nur irre machen Ihr wisst dass ich mit dem Namen des Künstlers nicht so oft um
mich werfe wie so viele Pfuscher unserer Kunst aber darin hab ich mich
wirklich doch als Künstler weg dass ich nicht von jedes Andern Idee so rasch
ergriffen werde um aus meiner eignen Anschauung aus dem mir notwendigen Leben
des Gemüts und den Grenzen meiner Phantasie herauszukommen Ich wünschte
gerade dass Leidenfrost aufrichtig sagte wie er diesen Stoff behandeln würde
Was tut Das Ich müsste mir vorkommen als wäre meine Malerei mein Elend und
Jammer wenn ich vor der Ideenwelt der Andern immer gleich erschräke
Diese Meinung teil ich nicht sagte Reichmeier Hat man von einer andern
Auffassung den Effect erkannt so bin ich der unglücklichste Mensch wenn ich
bei meiner eignen die vielleicht nüchterner ist bleiben muss
Diese Empfindung antwortete Siegbert haben Sie nicht aus Italien sondern
aus Paris mitgebracht Sie Glücklicher Sie hatten die Mittel auf Reisen zu
gehen und wählen Paris für Rom und Florenz Was haben Sie bei Vernet und
Delaroche gelernt Vortreffliche Farbenzusammenstellungen rasche Pinselführung
aber auch eine knechtische Verehrung vor dem Götzen Effect den Ihnen unser
guter treuer Eckart der Kunst Professor Berg nicht wieder austreiben kann Ihr
seid die wahren Eklektiker der Kunst Ihr malt die Heiligen die Griechen die
Fischerknaben die Betteljungen die Grenadiere Alles durcheinander wenn sie
einen brillanten Moment abwerfen wie Schauspieler denen jede Rolle jeder
Geschmack recht ist wenn sie nur Gelegenheit finden sich darin als Virtuosen
zu zeigen
Die Deutschen malen langweilig sagte Reichmeier kurzweg Jeder denkt wenn
er sich selbst gegeben hat wär er ein Poet mit dem Pinsel Das ist eine alte
Sage die von unsern Akademieen und den bezahlten Professoren noch aufrecht
erhalten wird Aber die Geldbeutel der Käufer glauben nicht mehr daran Sehen
Sie nur zu lieber Wildungen was geschehen würde wenn man von unsern
königlichen Frescomalern ihre Nibelungensuiten nach der Elle gemessen auf den
Markt brächte wer würde viel dafür geben auch wenn er die Wände hätte diese
schöngezeichneten bunten Tapeten passend aufzukleben
Drum Dank dem Himmel antwortete Siegbert dass noch Möglichkeiten sind die
Kunst von der Liebhaberei des Privatgeschmackes frei zu halten Sagen Sie nicht
ein Fürst der auf große Bauten viel verausgaben kann folge in ihrer
Ausschmückung doch auch nur den Eingebungen seines Privatgeschmackes Nein Wir
mögen über Geschmacksrichtungen streiten soviel wir wollen eine Kirche bringt
ihren eigenen Geschmack mit sich ein Königspalast gleichfalls eine offene
große Halle gleichfalls Jede Anknüpfung der Kunst an große Institutionen
veredelt das versteckte Gelüste der Privatliebhaberei und könnten wir es dahin
bringen dass alle Anknüpfungen der Künste noch wie in alten Zeiten großartige
allgemeine vom ganzen Staatsleben unterstützte wären so würden wir aller
Willkür der Kritik aller Anarchie der Production überhoben sein und Das malen
dichten meisseln componiren was die Zeit wirklich will und was sich für das
Allgemeine und die Würde der Kunst schickt
Ein wahres Wort mischte sich jetzt wieder Leidenfrost beistimmend ein Ja
Wildungen Sie sind auch so ein Nicodemus der nur manchmal bei Nacht in den Hof
der Wahrheit kommt Sie wissen das Bessere und handeln nicht immer danach von
Heinrichson und seinem alten mytologischen SchwäneKram und Reichmeiers
MelodramenMalerei ganz zu schweigen Ich habe Sie gestern mit Champagner
gelabt ich darf Ihnen heute Wermut reichen Wenn Ihr wahr sein wollt gibt es
eigentlich keine ideale Malerei mehr es gibt nur noch Landschaften Jagdstücke
Portraits und auch die sind schon verdrängt durch die Lichtbildnerei Die wahre
Bestimmung der neueren Malerei ist Zimmerschmuck und in allen andern
Bestimmungen erblick ich nur Krücken auf denen sie notdürftig so
dahinhumpelt Kirchengemälde Wer baut denn Kirchen aus Kirchendrang Sind denn
Kirchen nötig Schmelzen nicht alle Gemeinden der positiven Staatskirche so
zusammen dass sie in einem mäßigen Saale Platz hätten Und die Dissidenten die
Sektirer die eigentlich Frommen wollen keine Bilder Um die paar Kirchen die
der Gustav AdolfVerein bauen lässt wird man doch nicht sagen dass noch das
Kirchenbauen an der Zeit ist Kornelius mit seinem ganzen jüngsten Gericht ist
eine alte Reliquie von Anno Schwartenleder Da sind wohl mehr Gedanken sichtbar
als bei Rubens mit seinen dicken zu Gnaden angenommenen Blondinen und den alten
wasserbäuchigen Sündern die von den Teufeln gepiesackt werden ja Kornelius
hat Kohlrauschens deutsche Geschichte gelesen und weiß wer Segestes war und
Rubens hat nicht den Kohlrausch gelesen aber die ganze Geschichte mit den
jüngsten Gerichten und den Posaunenengeln und den Zornschalen ist alte
Schweinsschwarte Die Narrenspossen Und nun Gott Vater Gott Sohn Gott der
heilige Geist und solches bunte FarbenGepinsel mehr Sind denn Ruhmeshallen an
der Zeit Was ist denn Ruhm Ein König setzt sich zu Gericht und sagt was Ruhm
ist Ich will ein Volk sehen das seine Kränze durch millionenfache Acclamation
austeilt und was erleb ich Den den ein paar Tausend bewundern wollen ein
anderes paar Tausend mit Kot bewerfen Ehe nicht unsre ganze Gesellschaft
geändert ist ehe nicht die Herrschaft des Volkes entschieden hat was
heutzutage noch die Schultern des Menschen tragen seine Hirnfasern glauben
können ist alle Kunstpflege Spittalsuppe Der tut fromm und mischt seine
Farben statt in Öl in Tränenwasser der Andacht wie Sanct Fiesole der malt
lange Hünen und ausgereckte Recken die Cuvier zu Mammutszusammensetzungen
hätte benutzen können zu präadamitischen Zeuglodons der liebäugelt mit dem
allgemeinen Begriff des Schönen und lockt sich ein Situatiönchen aus einem
Gedichtchen oder einem Märleinchen hervor und das Gequängel und Gepimpel wird
noch dazu von einem ebenso confusen Geschmacke bezahlt beliebäugelt und
doch jammern die Herren dass diese Sachen nicht das Evangelium sind und die
Menschheit ummodeln können Mit den Dichtern und Komponisten ist es fast ebenso
Alle leiden daran dass unsere Zeit erst zu einer neuen Herrschaft großer
Tatsachen im Durchbruch liegt Alle klammern sich an Vergangenes und machen
sich eine künstliche Bildung weil für eine natürliche und zeitgemässe die
Anknüpfungen fehlen Oft denk ich Käme nur einmal ein rechtes Wetter und
übergösse Alles mit Hagel wie Quadersteine so groß was jetzt prangt und sich
brüstet Auch die Kalmücken nähm ich zu dem Ende mit Vergnügen an wenn sie nur
Alles kurz und klein hackten wie die Türken in Alexandria die nichts leben
ließ als den Koran
Unser ganzes Zeitalter ist ja ein solches buchmässiges und schriftgelehrtes
wie es das alexandrinische war
Heinrichson war über diese Humoreske sehr unwillig Er nannte sie geradezu
eine outrirte Barbarei und warf Leidenfrost vor dass er sich in auffallenden
Behauptungen gefalle die an burschikose Renommisterei grenzten
Sie wissen nicht recht Leidenfrost sagte er mit seinem feinen spitzen
Tone welcher Stimme Ihres Innern Sie folgen sollen Bei uns Malern sprechen Sie
wie ein Maschinenbauer und wenn Sie hinausgehen in die große Willingsche
Maschinenfabrik und dort Modelle zeichnen so werden Sie da gewiss wieder von
schönen idealischen Formen reden und hoffentlich die Lokomotiven mit hässlichen
Tintenfässern vergleichen ja nicht einmal mit diesen sondern mit plumpen
chemischen Zündfeuerzeugen oder Apotekerbüchsen für Pferdecuren Ich wette dass
Sie eben im Begriff sind einen neuen Hebebaum zu erfinden und wenn er gut ist
wird der Königshasser die Demütigung erleben dass man ihn beim Kölner Dom in
Anwendung bringt
Aha rief Leidenfrost und pfiff die Marseillaise
Die Politik sagte Siegbert zur Vermittlung die Politik lieber
Heinrichson spielt doch auch sehr in diese Fragen hinein Sie sind conservativ
und haben Ursache dazu Ein Maler dem man zu Gefallen echte isländische Schwäne
vom König ankaufen lässt würde undankbar genannt werden müssen wollt er
demokratische Auffassungen teilen Diese Gêne macht ja leider uns Alle so zahm
und verpflichtet uns Dennoch gibt es Demokraten unter uns Auch Reichmeier ist
Demokrat solange die Demokratie sich nicht auf communistischen Gelüsten
ertappen lässt Leidenfrost schüttet aber das Kind mit dem Bade aus und ist in
seinen Irrtümern um so gefährlicher als er selbst die Geheimnisse unsrer Kunst
kennt und in Weihemomenten noch Glauben genug an sie besitzt sie in seinem
Sinne zu üben Warum wollen wir in der hereinbrechenden Barbarei des
Materialismus die Flucht ergreifen Warum die Fahne Rafaels und Dürers im
Stich lassen und zu den Fabrikarbeitern und Nützlichkeitslehrern übergehen Auch
ich fühle für die praktischen Bedürfnisse des Volkes und die Notwendigkeit
Alles zu bekämpfen was die Tyrannei des alten Systems aus der Kunst entlehnt
um sich zu schmücken und scheinbar als Blüte der Humanität darzustellen aber
Nun rief Leidenfrost nun Sie sagen da etwas Entsetzliches Wildungen Sie
stocken schon Die Tyrannei entlehnt aus der Kunst um sich zu schmücken und
sich scheinbar als Blüte der Humanität darzustellen schlagendes Wort Bricht
diese nichtswürdige Lüge aber nicht der Kunst den Hals für immer
Nein sagte Siegbert ruhig sie beschämt nur die Tyrannei Die Kunst selbst
kann darf nicht leiden unter ihrer falschen Anwendung Der Sinn für das Ideale
darf nicht aussterben die neidische Feindschaft gegen das Schöne nicht gehegt
und befördert werden Sagen Sie selbst Leidenfrost in unserm neuen Freunde
dem liebenswürdigen Franzosen Louis Armand liegt nicht bei all seiner
Vortrefflichkeit und seiner warmen Empfindung für die Leiden des Volkes etwas in
ihm was man einen mangelnden sechsten Sinn den der Schönheit nennen könnte
Fünf Sinne brauchen wir nur antwortete Leidenfrost trocken
Reichmeier fragte noch einmal nach dem Namen des Franzosen den er eben
erwähnt hörte
Louis Armand wiederholte Siegbert
Louis Armand aus Paris Ich kenne einen Vergolder dieses Namens der dicht
an Delaroches Atelier wohnte
Heinrichson dem das Gespräch zu politisch wurde und es darum auf Anderes
lenken wollte sagte
Gewiss derselbe oder ein Agent seines Geschäftes der sich hier
niedergelassen hat Man rühmt die Proben seiner Gemälderahmen und hat Vieles
bestellt
Er hatte in Paris ein bescheidenes aber gesuchtes Geschäft ergänzte
Reichmeier Das ganz Landhaus einer vornehmen Dame der Gräfin dAzimont sah
ich ihn einmal mit Spiegeln auslegen wo er vielen Beifall erntete Ich habe
einige enkaustische Sachen für diese Einrichtung gemalt
Heinrichson verstand Reichmeiern und merkte die Absicht dass er ihm
behilflich sein wollte den politischen Faden abzuschneiden den er nicht
verfolgen wollte da er ein leidenschaftlicher Anhänger des Bestehenden war und
nur mit Vornehmen umging
Ein Handwerker sagte er der von Künstlern lebt sollte gegen die Künste
dankbarer sein Ich finde es sehr komisch Gemälderahmen zu machen
Spiegelpaläste zu zaubern und gegen Gemälde und den Luxus überhaupt
wahrscheinlich als Sozialist zu polemisiren Apropos Die Gräfin dAzimont
Tragisch ist Das bester Heinrichson unterbrach Siegbert der wenn er
einmal in Erregung war von seiner Glut für die richtige Überzeugung nichts
vergab und nun nicht dulden mochte dass Heinrichson zu der ihm völlig
gleichgültigen Gräfin dAzimont ablenkte Tragisch find ich Das wiederholte
er wenn ein Mann der in seiner Theorie etwas hasst in der Praxis davon zu
leben gezwungen ist Erinnern Sie sich Leidenfrost wie erschüttert Armand war
als er zufällig auf jenen Spiegelpalast zu sprechen kam Sagte er nicht dass er
dort den Prinzen Egon kennen gelernt hätte
Nein berichtete Leidenfrost er hat ihn dort nur nach früherer
Bekanntschaft in Lyon wiedergefunden
Wohl fuhr Siegbert fort Aber darin müssen Sie mir Recht geben dass unserm
Armand doch ein gewisser höherer Sinn fehlt für das Schöne das Träumerische und
Ideale in unserm Sinne Ich gebe zu dass man im Schweiße seines Angesichts vom
untersten Schmuze der Arbeit niedergezogen nicht im Stande ist sich zu einer
reinen und heiteren Auffassung auch der Dinge aufzuschwingen die zunächst
keinen handgreiflichen Nutzen tragen Aber aus dem Nichtvermögen entstand hier
auch das Nichtwollen Sie verwerfen die Kunst als Ausgeburt des Luxus diese
Kommunisten Und kann man im Grunde den Ursprung der meisten Kunstwerke in etwas
Anderem als in der Leidenschaft für den Luxus finden Solange noch dem
Überflüssigen die jammervolle Nichtbefriedigung des Notwendigen gegenüber
existiert solange ist auch die Kunst zur Gesellschaft schief gestellt Wer die
Kunst selbst anfeindet weil sie überhaupt da ist ist ein Barbar Wer aber
begehrt dass die Kunst aus andern Beweggründen da sein solle als nur in Folge
der ungleichen und grausamen Einteilung der Gesellschaft dem muss ich Recht
geben und halte ihn für einen um so größeren Menschenfreund je mehr er die
Kunst selber liebt Jetzt sind wir die Sklaven der Reichen Jetzt liegt an jedem
Pinselstriche den wir über die Leinwand ziehen der Fluch des Elends der
Gesellschaft Wer sich damit tröstet sich zu den Vornehmen zu den Begüterten
zu halten und in der Bezeichnung eines Reactionärs für sich etwas Ehrenvolles
findet der mag malen dichten componiren und von der Gunst der Großen Tausende
verlangen um seine Schöpfungen beim hellsten Lichte ins Leben treten zu sehen
Ich kann nicht zu diesen Glücklichen gehören Ich möchte dass die Kunst etwas
Notwendiges wäre und der Staat selbst der durch die Volkssouveränetät frei
gewordene Staat sie mit in seine Sphäre aufnähme Welch ein Gefühl zu schaffen
für eine Nation Welche Wonne mit seinem Talent einem großen schönen Ganzen zu
dienen Nicht Aufdringling mehr nicht geduldeter Sklave der Reichen
beschützter Schwächling den die Tyrannen in ihre Obhut nehmen müssen nein ein
Priester des Volkes berufen und geweiht vom Genius des Vaterlandes Welche
Bilder welche Gedichte welche Gesänge sollten dann entstehen Wie würde die
schwache Kraft des Einzelnen wachsen und mit Adlerschwingen emporfliegen Wie
würde Feindschaft Isolirung Geschmacksanarchie weichen und Alles zu
Gesammtschöpfungen sich vereinigen da hinfort nicht mehr aus uns die Willkür
sondern die Idee selbst herausbricht und in duftende bunte Blüten schießt
Jetzt leben wir versteckt fast wie Lessings Maler sagt vom Diebstahl der
Natur dann würden wir geborene Krösusse sein und die Natur zu bereichern
scheinen
Heinrichson schickte sich nach diesen Worten an zum Zeichen des Aufbruchs
seine Pinsel zu reinigen eine lästige Arbeit mit der die Maler wenn sie in
Öl arbeiteten ihr vormittägiges Tagewerk beschlossen Des Nachmittags kamen
Wenige in das Atelier so anziehend auch die Kühle des Raumes war
Reichmeier aber lobte diesmal zu Heinrichsons Ärger Das was Siegbert
gesagt hatte Nur bedauerte er dass man selbst in Frankreich wo doch das
nationale Leben am unmittelbarsten in jedem Einzelnen sich wiederfände es nicht
dahin hätte bringen können die von der Regierung selbst beschaften
künstlerischen Bestellungen ohne Neid von den Künstlern die leer ausgingen
betrachtet zu sehen Indessen fügte er hinzu ist es doch immer erhebend zu
beobachten wie die gewöhnlichsten Bauern und Handwerker durch das Museum von
Versailles wandern und sich die Heldentaten der französischen Nation von
Chlodwig bis zu den Feldzügen in Algier betrachten Auch die Theater und sogar
die Literatur sind in Paris weit mehr Volkssache als bei uns und Niemand murrt
darüber
Und doch noch Alles zu sehr Spekulation sagte Siegbert zu sehr Willkür des
Einzelnen
Mein Freund Wildungen nahm Leidenfrost in seiner ruhigen kaustischen Weise
die Erörterung auf mein Freund Wildungen will Griechenland wiederherstellen und
weiß nicht was er da erst Alles abschaffen müsste Ich will von unsern zwanzig
Grad Reaumur im Winter nicht sprechen Man hat bei uns die Kirchen gebaut ohne
Rücksicht auf das Klima rein aus Nachahmung der warmen Gegenden die die Wiege
des Christentums waren Aber dies Christentum selbst ist seinen Plänen im
Wege Gerade dieser Religion verdanken wir die gänzliche Unmöglichkeit die
schönen Künste irgendwie anders in den Staatszweck einzuführen als wir sie
jetzt haben schafft uns erst die Verachtung der Welt die mönchische Isolirung
den Miskredit des absolut Schönen die Zweideutigkeit alles Formenreizes ab und
hernach wollen wir mit der Menschheit sprechen Das macht sich aber nicht
Apollo steht auf dieser Wolkenschicht und Christus auf der andern Die Menschen
fallen nicht dort sondern hier nieder nicht vor dem schönen griechischen Gotte
mit den menschlich vollendeten Gliedern sondern vor dem ernsten strengen
verhüllten Lehrer der Entsagung Die Tugend und Enthaltsamkeit ist den Menschen
so ehrwürdig dass sie aus Einem der sie bis zur höchsten Vollendung übte Gott
selbst gemacht haben Ehe nicht einmal ein Prophet kommt und die beiden
Wolkenglorien verschmilzt dem Apollo einen Heiligenschein dem Christus eine
Leier in die Hand gibt ehe nicht Apollo das Kreuz trägt und Christus wie einst
die Ehebrecherin so auch die Musen die vor ihm knieen müssten frei spricht
eher wird sich auch in der Kunst und ihrer Stellung zum Leben nichts ändern
Wildungen möchte gern olympische Kränze austeilen und zu einem theatralischen
Schauspiele ganze Völker einladen wie zu einem alle Jahre einmal stattfindenden
Moment des fließenden Januariusblutes Die Zeiten dieser Wunder sind vorüber
Und wen es anekelt mit seiner Malerei um die Gunst der Großen und Reichen zu
betteln Kritiken zu lesen und nach Schulteorieen gefuchst zu werden der
verschönert die jungen Künste und Gewerbe die einmal im Charakter unserer Zeit
liegen und malt wenn es nicht anders geht Pfeifenköpfe und
Porzellanteller Das schönste Bild das ich malen könnte macht mir nicht soviel
Spaß als zB die Idee dem Stallmeister Lasally einen idealen Pferdestall
nebst daran stossender Reitschule zu bauen
Wenn es meinem Cousin gelingt eine reiche Frau zu heiraten fiel
Reichmeier lachend ein mit einem spottenden Blicke auf Siegbert der rot
wurde da durch Leidenfrosts outrirte Grillen das im Atelier beliebte
MelanieThema wieder in Gang kam
Heinrichson zog sich einen eleganten Frack an und rief
Leidenfrost profanirt das Atelier Er zeichnet hier Grundrisse zu
Pferdeställen Seine Phantasien von Kalmücken und hereinbrechenden Baschkiren
sind nun erklärlich Wie können Künstler so sich von der Unruhe des Tages
erschüttern ja wegreissen lassen setzte er ärgerlich hinzu Proletariat
Kommunisterei welche Worte in einem Atelier das Sie selbst so schön so
poetisch in Ihrem gefeierten Bilde geschildert haben Ist Das auch nichts dass
wir Künstler und Genossen von Ihnen Alle verspottet wurden dass Sie mich
darstellten wie ich in Fräulein Schlurck eine Sphinx sah
Reichmeier warf hinein
Und ich ein Meerweib mit goldenen Schuppen am Leib
Beide Kollegen wurden boshaft worunter mehr Siegbert als Leidenfrost litt
der jedoch Siegberten durch eine Bemerkung beisprang die er so obenhin einwarf
Warum nicht eine Leda sagte er Heinrichson hätte dann nicht nötig gehabt
die Auguste Ludmer zu copiren
Die Wirkung dieses Namens war auf die Maler eine komische Man lachte und
sah zu dem ärgerlich die Augen niederschlagenden Heinrichson hinüber
Leidenfrost hatte ein zweideutiges Mädchen genannt
Wissen Sie wo Auguste Ludmer jetzt wohnt fuhr Leidenfrost boshaft fort In
der Brandgasse Nr 9 Zimmer Nr 17
Sie sind maliciös sagte Heinrichson und dennoch loben wir Sie Solche
Gesinnung ist also auch nichts Künstleraufopferung Hingabe aller Eitelkeit
rein der Idee des Schönen wegen ist Das auch nichts Oder ist es eine
Gesinnung würdig der bezahlten Sklaven die den Reichen die Honneurs machen
Ich prophezeie Ihnen
Vergessen Sie Ihre Rede nicht Heinrichson sagte Leidenfrost da will Sie
eben ein Abgesandter des versammelten Volkes von Athen sprechen Freier
Künstler wahrscheinlich sollen Sie für den delphischen Apoll eine Skizze zu
einem geschmackvolleren Dreifuss machen damit Ihre Prophezeiung besser gedeiht
Heinrichson wandte sich um
Ernst der Bediente der Frau von Harder stand in glänzender Livree schon
länger hinter ihm hatte mit schlauem Lächeln die Späße über die verstossene
Nichte der alten Ludmer gehört und richtete den Auftrag aus
Frau Geheimrätin lassen Herrn Heinrichson ersuchen heut Abend zum Tee zu
kommen Es wird große Gesellschaft sein
Als Heinrichson bejahend und etwas errötend genickt und Ernst sich kurz und
bündig entfernt hatte rief Leidenfrost
Tusch Hurrah Tatterata Tusch
Er blies dabei als sollte ein ganzes Orchester sein Vivat unterstützen
Bester Freund setzte er zuletzt spottend hinzu gilt die Einladung dem
Maler oder Ihnen selbst sozusagen als schönem Modell Ist Das einfache
Anerkennung oder Anerkennung der Anerkennung Sollen Sie dieser alten Pytia an
dem Teekessel der Begeisterung Liebe einflößen O heiliger Apollo ich schwöre
dir auf diese Verirrung eines Kollegen mach ich keine Satire denn statt einer
Sphinx wäre ich da versucht eine alte Nachteule aus dem Geschlechte der großen
Neuntödter zu malen
Heinrichson biss sich auf die Lippen Äusserlich aber nahm er den Spott nicht
übel sondern antwortete in der ihm eignen feinen und gewandten Art
Damit würden Sie die ganze Wahrheit treffen bester Freund denn die Eule
ist der Vogel der Minerva Ich lerne Weisheit bei jener Frau Man sieht Ihnen
an dass Sie nicht zu ihren Protégés gehören
Reichmeier wandte sich und bemerkte verstimmt
Gesellschaft bei Harders Schade
Wie so fragte Heinrichson
Ich komme da in Verlegenheit
Ruhe Stille rief Leidenfrost spottend Apelles und Polygnot schütten ihre
Verlegenheiten aus Aspasia hätte wohl auch Beide zum Tee laden können
Leidenfrost schweigen Sie sagte Heinrichson zornig Was ist wandte er
sich leise zu Reichmeier
Ich wollte den Abend zur Geheimrätin sagte Reichmeier da mir die Gräfin
dAzimont der ich heute freilich schon sehr früh um elf meine Aufwartung machen
wollte um sie als Pariser Gönnerin zu begrüßen sagen ließ sie wäre unfähig
mich anzunehmen und ersuche mich wenn ich sie sehen wollte heute Abend zur
Harder zu kommen falls ich dort eingeführt wäre Sie würde sich dort einige
Augenblicke zeigen
Zweiter Tusch rief Leidenfrost Vornehme Verachtung Sie würde sich da
einige Augenblicke zeigen Für Geld sehen lassen Vielleicht lässt sie beim
Vorüberschlüpfen eine gnädige Bestellung fallen die Spiegelprinzessin
Siegbert lächelte still für sich über diesen ungeschlachten Gesellen und
arbeitete
Sie irren sagte Reichmeier zu Leidenfrost gereizt Die Gräfin weiß sehr
wohl dass ich den Grund ihrer Zurückgezogenheit verstehe Sie hat ein Verhältnis
mit dem Prinzen Egon von Hohenberg der in Paris mit ihr gebrochen hat Sie ist
ihm nachgereist hat ihn sehr krank gefunden und ist davon wahrscheinlich so
erschüttert dass sie sich vor Niemandem sehen lässt außer wo sie muss
Außer auf der großen Parade heute bei Heinrichsons Minerva ergänzte
Leidenfrost Haltet Euch an sie Jungen Sie braucht eine öffentliche
Demonstration ihres Schmerzes Wie wärs mit einer weinenden Heiligen aus dem
Kalender Oder mit Miniaturen zu einem Gebetbuche das ihre Augen benetzen
werden Hundert Louisdors für eine Magdalena die zur Abwechselung einmal im
gelben Duft interessante Tränen weint
Heinrichson ohne auf diese impertinenten Zwischenreden weiter zu achten
sagte zu Reichmeier er sollte ganz einfach zur Harder kommen er würde ihr so
willkommen sein wie immer und ihm gewiss den Gefallen tun auch ihn mit der so
vielgerühmten jungen Halbfranzösin bekannt zu machen
Siegbert hatte bei seinem Schweigen besonders da mit stillem Sinnen an
Melanie gedacht als die Rede auf Leidenfrosts Bild kam Die Erwähnung aber
dass der Prinz Egon krank wäre machte ihn aufmerksamer Er gedachte der näheren
Veranlassung seines Verhältnisses zu Louis Armand den er in kurzer Zeit
schätzen gelernt hatte
Reichmeier hatte sich gleichfalls zum Gehen gerüstet
es schlug schon lange ein Uhr Professor Berg kam von seinem
abgeschlossenen Fenster her um zu Tisch zu gehen Der lange freundliche Mann
mit grauem gelocktem Haare entblösstem Halse und altdeutschem Hausrocke sprach
mit den Malern einige wohlwollende aber gleichgültige Worte sah auch nicht nach
ihren Staffeleien Er tat Dies nur bei den Schülern die am Eingangsfenster
arbeiteten dort hielt er sich einige Augenblicke auf und stieg mit dem
Taschentuche sich die heiße Stirn trocknend die Stiege hinauf die zu dem Altan
führte
Auch die Schüler gingen
Heinrichson aber trat zu Leidenfrost heran und sagte
Was hat nun wohl der cynische Spötter gemacht während andere Menschen ihrem
Berufe leben und die Schranken der überlieferten Ordnung in Ehren halten
Auch Reichmeier näherte sich
Doch vortrefflich rief Heinrichson mit wahrer und aufrichtiger Begeisterung
und Reichmeier der kälter und kritischer auch nicht frei von Neid war musste
gleichfalls mit einstimmen und fragen
Das haben Sie in der einen Stunde gemacht
Als nun auch Siegbert hinzutrat wollte Leidenfrost seine Skizze mit dem
Bret auf dem sie ausgespannt war rasch wegziehen aber die Andern duldeten es
nicht
Leidenfrost sagte Heinrichson quand même Das müssen Sie ausführen Ohne
Kreide ohne Bleistift haben Sie diese Idee so mit dem Tuschpinsel frei
hingeworfen und wie gelungen ist sie Wie viel versprechend für ein großes
Gemälde Erschütternd Wahr Und durchaus neu
Ihr lobt mich nur sagte Leidenfrost um mich wieder in Eure Kunstspitäler
zurückzukuppeln Ihr denkt wenn man mich recht streichelt wegen meiner
Tapferkeit so bleib ich bei der Bande Ihr Räuber Ihr
Er wusch sich bei dieser Gelegenheit die rauen Hände und notdürftig das
verschrumpfte zwetschenartig getrocknete Gesicht und rüstete sich zu gehen
Siegbert der heute bis zwei Uhr arbeiten wollte betrachtete die Skizze
unter der Leidenfrost mit dem Pinsel geschrieben hatte Die Ganzen und die
Halben
Es war gleichfalls der Besuch des Nicodemus aber in Leidenfrostscher
Auffassung Der Entwurf bestand aus drei Gruppen In der Mitte stiegen von einem
Berge Weiber Männer Kinder in frommer demütiger Haltung nieder aber
vertrauensvoll zum Himmel blickend Palmen schwingend und mit Eifer sich
Pergamente zeigend auf denen sie nachzulesen schienen was sie soeben über die
alten Verheißungen gehört hatten Sie kommen von Christus den man nicht sieht
den man aber gerade Da ahnt wo die volle Glut der Abendsonne wie eine
aufgesprungene Pforte des Himmels erseheint Auf der ganzen Gegend sollte wohl
Dämmerung im Vordergrunde schon Nacht sein die von Christus Heimkehrenden sind
wahrscheinlich hinterwärts mit der Glut der untergehenden Sonne beleuchtet
In der zweiten Gruppe ganz in dem rechten Winkel des Papiers stehen die
Pharisäer Meist nur die Köpfe sind sichtbar Sie warten auf die Ankunft der
Christusanhänger Echte Zeloten boshaft und intolerant Einige ausgestreckte
Arme drohen mit Stricken und Steinen Die offenen Bekenner der Jesuslehre werden
so empfangen werden Mutvoll und gläubig gehen sie ihrem Schicksale entgegen
Der dritte Punkt der unsre Aufmerksamkeit fast als das Hauptsächlichste des
ganzen Bildes in Anspruch nimmt ist Nicodemus ganz allein Dadurch dass er in
der Tracht besonders am Haupte wie die intoleranten Pharisäer erscheint
erkennen wir sogleich dass er auch zu den Schriftgelehrten gehört Die Ruinen
eines alten Tempels verbergen ihn Durch die zerbrochenen Säulen schimmert in
der künftigen Ausführung die Glut der Abendsonne Ihn selbst umfängt schon
Nacht Mit gesenktem Haupte fast Tränen im Blick die rechte Hand ans Herz
legend die linke eine Gesetzesrolle haltend schreitet er dahin in der Nacht
von woher die Armen und Todesmutigen schon am Tage kamen Weder die Pharisäer
noch die Gläubigen konnten ihn sehen aber sein Emporsteigen lässt keinen
Zweifel dass er dahin will von wo die scheidenden Sonnenstrahlen kommen
Siegbert stand sinnend vor der flüchtigen nur andeutenden aber doch selbst
im möglichen Farbeneffect schon erkennbaren Skizze
Lassen Sie sich nicht irre machen Wildungen sagte Leidenfrost jetzt ruhig
und fast weich und seinen schlichten grauleinenen Gehrock überwerfend es ist
zwar Glaube in dem Bilde aber doch nicht der rechte weil kein rechter
Christus Die untergehende Sonne kann allenfalls auch die Feuerreligion
bedeuten den Spinozismus oder die Hegelei Bleiben Sie bei Ihrem Heiland und
wie Sie ihn fassten Den wollen die Menschen natürlich den wollen sie leibhaftig
sehen seine Nägelmale fassen die Hand in seine Wunden legen sonst glauben sie
nicht und sonst wirkt es auch nicht
Sie sagen da das Einzige erwiderte Siegbert was ich an dem Entwurfe
ausstellen möchte die fehlende Person Dessen der die Wahrheit lehrt mag es
nun Christus sein oder Sokrates Und doch vielleicht ist auch dies
geheimnisvolle Ahnen schön Ich finde das Ganze gut und bedeutend Welch ein
Ausdruck lässt sich da dem frommen freudig rückkehrenden Pilgerzuge geben
Welche Wut und Blutgier den Pharisäerköpfen von denen Sie nur die Köpfe die
Hände die Stricke und die Steine sehen lassen
Und hier Nicodemus aufsteigend hinter den Ruinen bedeckt mit dunklem
breitblättrigem Feigenlaub Die Füße sieht man nicht Fast Kniestück Man
hört ihn schleichen Und welcher Schmerz im Antlitz Welche Beklemmung und
welche Sehnsucht nach Wahrheit Ich ließ ihn im Gehen das Alte Testament lesen
und sich vorbereiten ob er den rechten verheissenen Messias finden würde Man
ist versöhnt mit ihm man zürnt ihm nicht man ahnt dass er einst anstatt zu den
Halben zu den Ganzen gehören wird und sich einst seines Glaubens wegen
steinigen lässt
Halten Sie inne rief Leidenfrost Von Alledem steht noch nichts in der
Pinselei Bleiben Sie bei Ihrer Auffassung
Besonders wenn Sie sagte Reichmeier um mit einem Witze seinen Abgang
effectvoller zu machen außer den gläubigen Mohrenknaben und den Bedienten auch
das Kameel hinten recht fromm und bekehrt darstellen
Damit ging Reichmeier gefolgt von Heinrichson der schon gelbe
Glacéehandschuhe angezogen hatte
Erbärmliche Effectascher rief ihnen Leidenfrost mit verbissenem Grimme
nach Was mag Reichmeier da wieder outrirt haben
Damit deckte er dessen Staffelei auf Es war noch immer das Portrait seiner
Verwandten der Frau von Reichmeier das er in den Spitzen der Gewandung den
Blumen und dem Sammetüberzug des Sessels auf dem sie saß zierlich übermalte
Leider sehr gut gemacht sagte er Es ist ärgerlich dass man ihm nicht
Eins versetzen kann
Wozu fiel Siegbert ein Sein Spott ist lehrreich Will ich mein Bildchen im
Charakter des Getsemane halten so muss allerdings das Kameel auch fromm sein
Ich werde es ganz andächtig hinstellen
Sie sind ein guter Mensch Wildungen sagte Leidenfrost und reichte ihm die
Hand Zu gut Zu gut Sehen wir uns heute Meine Maschinenarbeiter besonders
Alberti Heusrück Danebrand quälen mich den Franzosen kennen zu lernen Die
armen Jungen sind von unsern Demokraten zu läppisch an der Nase herumgeführt
worden Sie dürsten nach Vernunft Wahrheit und Uneigennützigkeit
Seien Sie in dieser Angelegenheit nur behutsam bester Freund antwortete
Siegbert Ich wünsche um Alles nicht dass man uns misversteht Ehe ich mich mit
meinem Bruder nicht ganz verständigt habe gehe ich auf diesem Wege nicht
weiter Heute hoff ich ihn mir in dieser Angelegenheit etwas näher zu bringen
und auch Armand mit ihm bekannt zu machen Wo sind Sie denn Abends
Sind wir nicht zusammen sagte Leidenfrost so schlag ich in meinem
Gedächtnisse nach ob ich nicht Jemanden seit längerer Zeit vernachlässigt habe
Da wünsch ich dass Sie ein Mädchen finden mögen fiel Siegbert lächelnd
ein
Ich möchte Sie wohl einmal sagte Leidenfrost kopfschüttelnd mit einer
Arbeiterfamilie bekannt machen in die ich durch Willingsche Maschinenbauer
eingeführt wurde Sie würden staunen über eine weibliche heroische Natur die an
der Spitze dieses ganzen kleinen Gewühls von Kummer und kleiner Freude von
Greisen und lallenden Kindern steht Waren Sie noch nie in den alten von der
Stadt verwalteten KommunalFamilienhäusern
Niemals
In der Brandgasse in dem Hause wo die Auguste Ludmer Nr 17 wohnt
Wie käm ich dahin die schöne Auguste Die so tief gesunken ist
Heinrichsons Verdienst
Lassen Sie Das Was geht Das uns an
Louise Eisold ist der Name des Mädchens das ich meine
Und das Sie lieben in einem solchen Hause
Lieben Nein Wildungen Ich meine Sie kommen doch auch noch dahin sich
für die Frauen zu interessieren ohne gleich Ihr Herz in Brand zu stecken
Tändeln Sie mit dem armen Mädchen Das wäre noch schlimmer
Louise Eisold Nein Nein sagte Leidenfrost fortgehend und sich Zigarren
aus seinem Portefeuille hervorsuchend Ich lasse sie in ihrem Element und
beobachte nur wie sich Das doch auch regt doch auch bewegt wie Das
plätschert zappelt und nach Luft schnappt gerade wie vielleicht die schöne
Gräfin dAzimont Sie werden doch bei der Werdeck die ich Ihnen zu malen
überließ nicht sogleich auch an Liebe denken
Ich bitte Sie Leidenfrost
Es ist eine schöne unternehmende Frau eine Polin Wenn Sie wüssten sagte
Siegbert fast errötend wie verächtlich mir die Männer sind die bei jedem
weiblichen Wesen sogleich an eine Eroberung denken Im Gegenteil weckt die
Bekanntschaft dieser Frau mir die dringendste Neugier gerade ihrem Manne näher
zu kommen Sie verachtet unsere politischen Zustände und hasst sie in einem
Grade dass ich nicht begreife wie ein Offizier in ihrer Nähe sich behaupten
kann ohne ein Heuchler oder Tyrann zu sein was Major von Werdeck doch wohl nicht
zu sein scheint Woher kennen Sie diese Werdecks
In Werdecks Innerm sagte Leidenfrost ausweichend und fast geheimnisvoll
zur Erde blickend gährt es wie in dem Herzen vieler Edlen die in Verzweiflung
geraten ihre bessere Überzeugung mit den Anforderungen ihrer Stellung in
Einklang zu bringen Schliessen Sie sich dem Manne an Wildungen
Seine scharfen Züge wirken fast abstoßend auf mich Jede bedeutende
Kapacität die handeln will muss etwas vom Mephistopheles haben Wir sind Alle
etwas borstig und widerhaarig die wir eine Meinung behaupten Ich weiß wohl
wie unangenehm ich durch meine Überzeugungen wirke Lieben kann man uns nicht
Aber Major von Werdeck wird noch einst in der Geschichte Epoche machen wenn er
nämlich auch von den Halben zu den Ganzen übergeht Adieu Freund Vergessen
Sie nicht Ihren Bruder zu sondiren
Damit hatte sich Leidenfrost eine der Zigarren angezündet seinen grauen
Filzhut über den Kopf gestülpt und in ruhigem Schlendergange das Atelier
verlassen
Die Worte Wenn er von den Halben zu den Ganzen übergeht hallten in dem
inzwischen leer gewordenen Atelier so nach dass Siegbert vor ihrem Widerklange
fast erschrak Es lag in Leidenfrosts Betonung etwas das ihn selber traf und
doch verdross ihn der Schein des Geheimnisses der plötzlich die ihm so
liebgewordene Gestalt des talentvollen mit sich und der Welt fast zerfallenen
jungen Künstlers umschleierte Zum ersten male sprach in ihm eine Stimme Folge
diesen dunklen Wegen nicht ohne Vorsicht und dennoch stand er sinnend vor der
Skizze die Leidenfrost vom Nicodemus entworfen hatte Das schleichende
ängstliche Aufsteigen des seines Irrtums sich bewussten Pharisäers zum Tempel
der Wahrheit erschütterte ihn tief Er sah die ganze Zeit wieder die ganze
Schwere die auf den Gemütern lastet den Widerspruch zwischen der bessern
Überzeugung und der irdischen Rücksicht bei Hunderttausenden Nicodemus
seufzte er
Es währte lange bis er zu seiner eigenen Staffelei zurückkehrte
Elftes Kapitel
Zwei Besuche
Siegbert war im Atelier allein er wollte lange arbeiten und gegen drei Uhr zu
Grüns gehen wo er den Bruder zu finden gewiss zu sein glaubte
Das behagliche Gefühl mit dem er den Augenblicken des traulichen
Beisammenseins entgegen harrte war ein wenig gestört worden Das Gespräch war
zu aufregend zu beunruhigend für sein innerstes Gefühl gewesen Er hatte einen
so edlen sittlichen Takt in allen Dingen Man hatte wieder von Melanie
gesprochen und wusste doch dass er sie liebte Man hatte mit der Einladung zu der
vornehmen Frau von Harder so laut geprahlt Ja selbst dass Leidenfrost der ihm
seit kurzem erst sympatischer wurde seine eigne Kunst so blindlings verwarf
und dabei so streng ja vielleicht eitel sein konnte ihm vor den Augen einen
Stoff den er eben behandelte anders zu gestalten als er ihn sich gedacht
hatte das Alles war doch für sein weiches offenes Herz eine nagende Pein
Als er Leidenfrosts Skizze betrachtete und ihre Schönheit wiederholt
anerkennen musste ging er noch weiter und hatte sich gesagt
Wie wenn der strenge Freund dich nur erziehen zum Tieferen und
Anschauungsreicheren zwingen wollte Machst du dir dein Schaffen nicht zu
leicht Denkst du genug über Das was zu existieren würdig ist nach und stehst
du ganz auf der titanischen Höhe der Bildung mit der man jetzt die großen
Meister schaffen sieht
Tiefe Bekümmernis ja Mutlosigkeit hatte ihn überfallen als er dieser
Gedankenreihe weiter nachdachte Es war ihm vorgekommen als hätte er alle
Teile der Kunst in seiner Hand und zu den mechanischen Fertigkeiten fehlte ihm
doch noch das geistige sie zusammenhaltende Band In tiefster Verstimmung hatte
er auf seine Skizze zurückgeblickt und siehe da plötzlich wusste er nicht wie
sie ihn doch wieder so ermutigend so neubelebend ansprach Es war der Geist
der Ruhe der in ihr waltete eine Ruhe die in Leidenfrosts Andeutungen
fehlte Jene regten auf seine Zeichnung füllte ihn mit lindem Trost erquickte
ihn Die Gestalt des Heilands die dort fehlte übte gerade hier den Zauber der
Erhebung und der wunderbarsten Stärkung Aufs neue tauchte er den Pinsel in die
zarten Aquarellfarben und begann mit jener eigenen gebundenen Wärme aus der
allein der Künstler und Dichter Andre Erwärmendes schaffen kann sein
bescheidenes einfaches und sinniges Werk weiter fortzuführen
So in Gedanken so in stilles heiliges Schaffen war er verloren dass er
kaum aufsehen mochte als er Jemanden an die Tür klopfen dann eintreten hörte
Mit zaghaften knarrenden Tritten nahte sich ein Besuch Es war jener Franzose
den wir im Vorzimmer des Prinzen Egon gesehen hatten Louis Armand der
Kunsttischler und Vergolder
Siegbert erschrak über Armands verstörte Miene
Es war die ihm schon gewohnte und liebgewordene Erscheinung aber auffallend
war ihm schon die äußere elegante Kleidung Der schwarze Anzug ließ die blassen
Mienen des scharfgeschnittenen Antlitzes nur noch mehr hervortreten und stand in
einem sonderbaren Widerspruche zu dem lose um den Hals geschlungenen fast
vernachlässigten Tuche dessen aufgezogene Zipfel über die Brust herabfielen
ohne dass es Armand zu bemerken schien Tiefer Ernst lag auf seiner Stirn
Schreck in seinen verstörten dunkeln Augen
In Hast und Ängstlichkeit mit der Absicht sich keine Minute zu lang
aufzuhalten trat Armand auf die Staffeleien zu
O cest heureux sagte er und fuhr dann in langsamer Betonung aber in gutem
gewandtem sonderbarerweise etwas polnisch accentuirtem Deutsch fort
Ich fürchtete Sie nicht mehr zu treffen Herr Wildungen
Mein bester Armand sagte Siegbert sich umwendend Was bringen Sie Sie
scheinen erregt Was ist Ihnen
Ich bin sehr unglücklich
In der Tat! Wie sehen Sie aus Setzen Sie sich lieber Armand Reden Sie
Wie ich gestern Sie verließ erzählte Armand fand ich den Prinzen zwar
zurück von seiner Reise aber so krank dass ich die ganze Nacht bei ihm gewacht
habe Die Ärzte erklären seinen Zustand für den Anfang eines heftigen
Nervenfiebers
Siegbert hätte an dieser Mitteilung Teil genommen auch wenn ihm Egon
seiner sonderbaren Beziehung zu einem einfachen Tischler wegen nicht
liebgeworden wäre
Wie kam Das so plötzlich fragte er voll Teilnahme Ein Nervenfieber
Ein Nervenfieber ist fast so viel wie der Tod
O machen Sie sich keine trübe Vorstellung Armand Wie kam Das nur
Der Prinz hat auf seiner Reise viel erlebt sagte Armand Das Wiedersehen
seiner Besitzungen der Grabstätte seiner Mutter hat ihn erschüttert Er kam
schon krank nach Hause zurück
Wo ihn vielleicht noch ergänzte Siegbert die Nachricht von dem Eintreffen
einer schönen Frau beunruhigte der Gräfin dAzimont
Woher wissen Sie fragte Armand erstaunt
Hab ich nicht Recht Er hat mit ihr in Paris gebrochen und dennoch reist
sie ihm nach und wird seinen krankhaften Zustand nur noch gesteigert haben Ich
erfuhr soeben diese Verhältnisse
Allerdings So ist es Aber ich erstaune wie Sie Dies erfahren konnten
Lieber Freund sagte Siegbert das liegt in der Natur solcher Liaisons
Diese Verbindungen haben für manche Seelen wenn sie verborgen bleiben sollen
nur den halben Reiz Die Frauen sind es oft selbst die ihrer natürlichen Scheu
ungeachtet diese Verhältnisse mit Gewalt an das Tageslicht drängen Wenn ich
mich nur einigermaßen in dieser Dame orientire so wird sie wenn das Verhältnis
nicht aus gegenseitigem Überdruss sich löste ihren ehemaligen Freund jetzt so
beunruhigen dass Sie ihn vor ihr schützen müssen
Ich erstaune rief Armand Sie sagen Alles was ich selbst denke Und
deshalb muss ich eilen zu meinem Kranken zurückzukehren Ja ja Es tut Not
dass ich ihn schütze vor Allen Allen Dutzende von Menschen die ihn bedienen
wollen und nicht ein Herz das ihn mit Entsagung liebt
Armand erzählte hierauf in flüchtigen Umrissen Einiges von der äußeren Lage
Egons wie wir sie schon kennen Als er sein Erscheinen hier im Atelier dadurch
entschuldigte dass er von Siegberten hätte für ein längeres Verschwinden
Abschied nehmen wollen kam er auf Ackermann durch dessen Anerbietung dem
Prinzen eine so große Wohltat geschähe und schloss mit einer Bemerkung die
Siegberten überraschte
Es ist mir ein so süßer und wohllautender Ton gewesen sagte Armand in den
Fieberphantasieen meines kranken Egon so oft Ihren Namen zu vernehmen
Meinen Namen fragte Siegbert
Wildungen Den Namen Ihres Bruders
Dankmar
Dankmar Wildungen
Der Prinz kennt meinen Bruder So hat er ihn in Hohenberg kennen gelernt
Der Gedanke an Ihren Bruder beschäftigt ihn aufs lebhafteste Gestern Abend
war er zu ermüdet mir Alles zu sagen was er auf dem Herzen hatte das
entsetzlichste Kopfweh peinigte ihn und in dem Ausbruch aller der Symptome die
auf seine schnell entstandene Krankheit deuteten konnte von einer Verständigung
nicht mehr die Rede sein Nur einmal heute vor einigen Stunden als ich ihm die
Anerbietungen jenes Herrn Ackermann vorzuschlagen wagte trat ein lichter Moment
ein indem er deutlich den Namen Ihres Bruders als den bezeichnete der ihm
Ackermann schon genannt und empfohlen hätte sonst erwähnt er ihn in seinen
Phantasien bald als einen Gefangenen spricht von einem Kerker von
Eisenstäben erwähnt ein Bild und ruft Da Da Verbergt es Mit einem Worte es
foltern ihn die verwickeltsten Erlebnisse Gern hört ich dass Ihr Herr Bruder
beruhigende Aufklärungen gäbe Wie leicht wär es dann irgend etwas so
auszuführen dass er in seinen schmerzenfreien lichten Augenblicken davon einen
lindernden Trost hätte
Siegbert versprach möglichst darin das Seinige zu tun
Louis Armand schied von ihm nachdem er noch die Versicherung erhalten
hatte Siegbert würde in der Wallstrasse Nr 14 bei dem Tischler Märtens die
Gründe angeben warum er vielleicht auf lange Zeit von seiner Wohnung keinen
Gebrauch machen könne
Aber Ihr Geschäft Armand
Märtens soll die Bestellungen annehmen Ausführen kann ich jetzt nichts
Egon bedarf eines Freundes ich verlasse sein Bett nicht es ist mir als
müsste ein Cherub niederschweben um ihn zu beschützen
Sie sind dieser Himmelsbote Armand sagte Siegbert und klopfte dem jungen
Handwerker auf die Schulter Tragen Sie mir alle Ihre Wünsche auf Leidenfrost
wollte Sie bei den Arbeitern einführen Man sehnt sich nach Ihren Belehrungen
O o lehnte der junge Mann mit Bescheidenheit ab
Man ist gespannt auf Sie Überall Armand wo man Wahrheit und keine
Vorspiegelung der Phantasie will Aber Sie werden nicht zu lange fern bleiben
Befehlen Sie über mich Haben Sie irgend noch einen Wunsch
Louis Armand stand eine Weile träumerisch und hielt in den Schritten ein
die beide junge Männer während dieser Worte schon an die Tür des Ateliers
gerichtet hatten
Endlich sagte er mit einem angenehmen Lächeln und mit halblauter Stimme
Bestellen Sie ich bitte ein freundliches Wort einem kleinen guten Mädchen
das bei Märtens dem Tischler wohnt Sie heißt Franchette oder Franziska Es
ist eine bescheidene Blume die zwischen Felsen auf hartem Stein wächst eine
jener unbeschützten Seelen die nur durch den Tau des Himmels gedeihen
Vielleicht finden Sie einmal Musse mir dies kleine Gedicht das ich auf dies
liebe Mädchen entwarf in deutsche Verse zu übertragen Ich fühle mich doch
nicht stark genug in Ihrer Sprache mich im Reim zu versuchen und Franziska
würde meine französischen Verse selbst dann nicht verstehen wenn ich sie ihr
übersetzte
Siegbert nahm dem bewegten Armand ein Blättchen Papier ab das er ihm fast
zitternd überreichte
Ich will es versuchen sagte Siegbert
Ein Scherz über diese Mitteilung eine Neckerei über Armands liebende
Galanterie lag ihm ganz fern Es war ihm etwas Heiliges da so einfach und still
in das Innere eines andern Menschen blicken zu dürfen
Meine größte Sorge sagte Armand indem ihn Siegbert an die Tür begleitete
ist jetzt das Schicksal meines armen Egon Ich glaube Ihnen Beweise gegeben zu
haben dass ich die Menschen nur nach ihrem wahren Werte schätze aber auf Egon
fällt mir noch ein reineres Licht als das der Freiheit von seinem Stande Ich
überschätze auch seinen menschlichen Wert nicht Ich habe leider Ursache ein
gewisses Schwanken seines Charakters als eine gefährliche Klippe zu bezeichnen
und kann wohl sagen dass ich ihn mir ganz gewonnen habe nur durch den Schmerz
Wenn wir uns näher stehen werden Herr Wildungen wenn Sie nicht ermüden einen
Mann meines geringen Berufes enger an sich zu ziehen so werden Sie erfahren
welches das schmerzliche Band ist das mich in dem fernen Frankreich an einen
jungen vornehmen deutschen Herrn fesseln sollte Ich hätte ihn nie lieben
können wenn nicht ein schöner Enthusiasmus für das Große und Erhabene in ihm
gelebt hätte und er war so weise so gerecht dass er suchte das Große und
Erhabene auch im Niedrigen zu finden Er vermisste Menschen aber er fand sie Er
hat sie dann verloren und hat sie wieder gewonnen Es gab Tage wo ich ihm
mochte den Dolch ins Herz stoßen und es gab andere wo ich musste küssen
seine Hände Mag ihn der Himmel uns erhalten mir und Ihnen denn ich hoffe
viel von seinem Geiste auch für die gute Sache Ihres Volkes für uns Alle
Die Tränen standen Louis Armand in den Augen als er diese Worte
halbgebrochen und nicht so zusammenhängend wie wir sie wiedergaben stammelte
Siegbert war selbst so ergriffen dass er nichts zu antworten vermochte
sondern stumm und still von Louis Armand Abschied nahm
Schüchtern und bescheiden wie er gekommen war verließ Louis Armand das
Atelier
Siegbert sah ihm nach und kehrte langsam zu seiner Staffelei zurück
Er konnte nicht arbeiten
Bergs Diener der die Aufsicht über die Räumlichkeit hatte kam um sie zu
schließen Siegbert bat ihm die Schlüssel dazulassen Er würde noch eine Weile
verharren und ihm dann das Schliesseramt abnehmen er möchte gehen und seiner
Mittagsruhe pflegen
Wie Siegbert allein war entfaltete er sogleich das Blatt um die
französischen Verse zu lesen
Sie gestalteten sich ihm rascher als er geglaubt hatte zu einem deutschen
Gedichte
Doch musste er sich sagen dass in diesen Versen ein gewisser für deutsche
Verhältnisse fast zu greller fast schneidend scharfer Hauch wehte
Er konnte begreifen dass man nur in Paris einer jungen Handwerkerin so
eigentümlich huldigen könne und doch gestand er sich es wäre schon gut wenn
auch die deutschen Arbeiter und Arbeiterinnen auf dieser Höhe edlerer
Empfänglichkeit und Charakterstärke sich hielten Er wusste jetzt was ihn
eigentlich an Louis Armand fesselte
Er selbst doch ein Künstler von höherer selbst gelehrter Bildung nahm an
diesem Handwerker Interesse nicht weil ihm seine socialistische Theorie gefiel
und er seine Träumereien von einer veränderten Gesellschaftsverfassung
vollkommen billigen konnte ihn zog das düstere ernste Wesen die
charakterfeste Persönlichkeit Armands an und noch jedesmal dass er mit ihm
zusammentraf nahm er einen neuen lebendigen Eindruck mit hinweg So jetzt den
dass Armand auch dichtete
Louis Armand brachte aber in seinem mit den Worten Fille du peuple pauvre
mendiante anfangenden Ne pleurez pas überschriebenen Gedicht der Fränz
Heunisch etwa folgende sonderbare halb ironische halb wehmütige und für
deutsche Handwerkerbildung völlig unpassende Huldigung
Weine nicht
Des Volkes Tochter arme Bettlerin
Du bist nicht arm was auch dein Elend spricht
Der Unschuld Krone trägt dein schönes Haupt
Und wenn ein Reicher ihr Geschmeide raubt
Bist du nicht arm Was tuts Sei klug Nur weine nicht
Des Volkes Tochter arme Bettlerin
Du bist nicht arm was auch dein Elend spricht
Ein Pfaffe ladet dich zum Beichtstuhl ein
Geh hin Er küsst dich Im Marienschein
Bist du nicht arm Sei klug und fromm Nur weine nicht
Des Volkes Tochter arme Bettlerin
Du bist nicht arm was auch dein Elend spricht
Die Nachbarin lässt ihre Truhe auf
Greif zu Zum Bagno geht dein Lebenslauf
Und wenn zum Tod Was tuts Nur stolz
Nur weine nicht
Des Volkes Tochter arme Bettlerin
Du bebst zurück Du liebst die Tugend noch
Sieh da Du kannst die Perlen fallen sehen
Aufs Kleid der Braut das deine Finger nähn
Bist reich Bist reich O Gott nun weinst
nun weinst du doch
So ungefähr dachte sich Siegbert die Übertragung dieses epigrammatisch endenden
wilden Liedes und verfiel dabei auf den Gedanken ob wohl einer deutschen
Nähterin ein solches Gedicht wirklich gefallen könnte ob sie nicht vorziehen
würde sich denn doch in schmeichelhafteren Klängen besungen zu sehen und ob
nicht die süße Phrase in Deutschland so regiere dass sie selbst in den untersten
Regionen das frische Gefühl und die wirklichen nackten Tatsachen überpinselte
Er nahm sich ernstlich vor Armand zu warnen mit einem solchen Gedichte bei
uns die Gunst eines Mädchens aus dem Volke erobern zu wollen
Unfähig zu arbeiten und doch noch in der Kühle des Ateliers die Stunde
abwartend wo er mit dem Bruder zusammenzutreffen gedachte nahm er das Wasser
das in verschiedenen antikgeformten gebrannten Krügen weniger für die
Erquickung als die Reinigung der Maler dastand und begoss die Blumen die hier
und da am zahlreichsten in der eleganten Abteilung aufgestellt waren Sie
hatten es nötig in der Sonnenhitze Der Diener vernachlässigte sie Sie
würden verwelkt gewesen sein wenn ein barmherziger Samariter da des Weges nicht
gezogen wäre und sich der Sterbenden angenommen hätte
Das aufregende bittere Gedicht die Blumen und Melanie verschmolzen sich in
Siegberts bewegter Brust
Wie oft hatte nicht die liebliche Gestalt auf diesen bunten Teppichen
gesessen und nur mit halbem Ohre den Lehren gelauscht die ihr der würdige
Professor gab Die Vorhänge waren herabgelassen gewesen Sie hatte im Grunde
kaum eine andere Beziehung zu den andern Malern gehabt als dass sie an ihren
vorüberschwebte und mit holdseligem Lächeln die ihr dargebrachten Grüße
erwiderte Aber auch welches Schweben Welches holdselige Lächeln Blieb dann
einmal gar durch einen künstlich vorbereiteten oder natürlichen Zufall der große
schwere Vorhang beim Lehrer eine kurze Zeit offen welche Verwirrung entstand
unter den Malern und wie zitterte Siegbert der nur die Schönheit in Melanie
sah und dass sie sich deren bewusst war wie das Erlaubteste entschuldigte Und
war es denn nur bloße Einbildung wenn Siegbert annahm dass er diesem
liebenswürdigen Mädchen nicht völlig gleichgültig geblieben war Für
Leidenfrosts kurze gedrungene ja hässliche Figur seine dunkeln
tiefliegenden strengen Augen sein sarkastisches Lächeln und vor allen Dingen
für seinen grauleinenen Kittel und plumpen grauen SchlappHut konnte sie keine
Sympatie haben Reichmeier war ihr ein zweiter Lasally Heinrichson ihr sicher
zu elegant zu sehr Gentleman und alle Welt wusste dass er von alten Damen sehr
verwöhnt war und den Petitmaitre der Salons abgab und noch öfter abgeben musste
was den schönsten Mann allmälig doch untergräbt und lächerlich macht In
Siegbert Wildungen aber war was Melanie oft gefunden hatte Haltung und Poesie
zugleich er galt für interessant seine feuchten verklärten Augen zogen an er
trug sich als Künstler ohne ins Barocke zu verfallen Konnte Siegbert nicht
erhöhteren Mut fassen wenn Melanie fast absichtlich mit ihm Gespräche
anknüpfte ihn in die Gesellschaften ihrer Familie einführte ja einige male
sogar plötzlich im Atelier erschienen war wenn sie wissen musste dass Alle fort
waren und vielleicht nur noch Siegbert arbeitete Sie hatte dann gewöhnlich
etwas vergessen oder verloren rannte an ihre Staffelei beachtete den
Überraschten gar nicht bis sie ihn wie zufällig entdeckte und sich vielleicht
nur an seiner Verlegenheit weidete und den Triumph genoss einen Mann bewegt zu
sehen einen Mann in der Rede stocken zu hören Die Abscheuliche Und doch hatte
sie ihn vielleicht gern und zürnte nicht als Siegbert einmal in einem solchen
Augenblicke der Überraschung ihre Hand ergriff und sie mit Küssen so lange
bedeckte bis sie ihn mit dem zufällig ausgezogenen Handschuh schlug und
vor seiner stürmischer werdenden Bewerbung lachend davonflog
An diesen seligen Augenblick kurz vor Melanies Reise dachte Siegbert und
fast dieselbe Glut wie damals durchströmte seine Adern So wirkte nur die
Vorstellung jener Szene schon Wie Wenn sie sich noch einmal wiederholte
Wäre Dies dachte er sich so läg ich zu ihren Füßen Ich ließe sie nicht
bis ich sie entweder zu mir nieder oder sie mich zu sich emporgezogen hätte
Wie Siegbert noch in diesen Erinnerungen schwelgte sich ankleidete mit dem
Bleistift an der Übersetzung arbeitete dann wieder einmal die Blumen
emporrichtete oder sich auf eins der Kanapés in Professor Bergs Arbeitsraum
warf geschah ihm das Wunderbare dass er einen Wagen vorfahren hörte die Tür
aufreißen und Melanie hereintreten sah
Sie war es Melanie Schlurck
Erst glaubte er sie in der weiten Entfernung vom Kanapé aus nicht zu
erkennen Sie schien eine Andere als sie eben in seinen Träumen gaukelte Sie
schien höher stolzer strenger und doch es war Melanie Sie selbst im
rauschenden Gewande sie selbst in dem zierlich leichten Strohhut eine rote
Echarpe über den hellen Kleidern Melanie wieder mit ihm allein Und er in
einer Stimmung die für ihn eine entscheidende werden konnte
Aber wie erstaunte er als Melanie entschlossen auf ihn zuschritt und ihn
kurz mit den Worten begrüßte
Guten Tag Wildungen Da bin ich von der Reise zurück Wie gehts Ihnen
Sind Sie allein Wildungen
Fräulein sagte Siegbert übergossen von dem edelsten Purpurrot dem der
männlichen Verlegenheit Fräulein welche Überraschung
Sie haben einen Bruder fuhr Melanie kurz und entschieden und ohne allen
Umschweif fort Er heißt Dankmar Nicht so
Dankmar Fräulein Dankmar Wildungen ist mein Bruder
Er war in Hohenberg
Er war in Hohenberg
Mit dem Fürsten Egon Er ist ein Freund des Fürsten Egon
Darauf kann ich keine bestimmte Antwort geben doch hör ich dass er dessen
Bekanntschaft in Hohenberg machte
In Hohenberg
Er sagte mir seine Reise wäre abenteuerlich gewesen Doch wie und wodurch
hoff ich heute erst näher von ihm zu erfahren
Melanie hielt sich an eine der Staffeleien die jedoch zu schwankend war um
Stand zu halten Sie musste ihre ganze Kraft aufbieten nicht
zusammenzusinken
Siegbert begriff ihre Aufregung nicht
Mit einer Entschiedenheit die in dieser Form nur dem Weibe eigen ist es
aber auch dann nicht mehr schön erscheinen lässt sagte jetzt Melanie
Nun denn so lassen Sie sich über diese Reise von Ihrem Bruder erzählen was
Sie wollen bedeuten Sie ihm aber im Namen eines Mädchens das nicht ohne
Charakter ist dass ich ihm verbiete über Das was zwischen ihm und mir
vorgefallen auch nur eine Sylbe zu sprechen
Siegbert stand erstarrt
Bedeuten Sie ihm ferner fuhr Melanie fort dass ich ihm untersage dem
Fürsten ein Wort zu erzählen von der Art wie er zu dem Bilde gekommen ist von
dem Bilde von dem Sie werden gehört haben ich sprach soeben den Amerikaner
dem ich im Heidekrug durch Zufall es überlassen musste er versicherte mich dass
es in die Hände Dessen gekommen ist dem ich es zugedacht hatte
Siegbert erinnerte sich des Bildes er erinnerte sich der Reden die vom
Prinzen Egon ihm eben Armand erzählt hatte Fast sprachlos aber über Melanies
Kälte und ihren Zorn gegen den Bruder verwirrt durch das ihm völlig dunkle
Chaos dieser Eindrücke bestätigte er einfach dass er von einem Bilde wisse
ja
Sagen Sie Ihrem Bruder unterbrach ihn Melanie im glühenden Zorn dass ich
von einem Manne den ich Ursache hätte zu verachten noch soviel billige
Rücksicht erwarte dass er dem Prinzen das Bild einhändigt ihm aber und jedem
Andern zu erzählen unterlässt wie er dazu gekommen
Als sie sich wandte um zu gehen bestürmte sie Siegbert mit seinen Fragen
um Aufklärung Er versicherte dass ihm und dem Bruder jeder ihrer Befehle eine
heilige Verpflichtung sein würde
Sie werden ihn sehen sagte er ich schicke ihn sogleich Wann darf er zu
Ihnen kommen Fräulein
Nie rief Melanie und wandte sich
Melanie nie wiederholte Siegbert und wie von einer rätselhaften
Ermutigung ergriffen hielt er sie mit männlicher Entschlossenheit fest
Ich lasse Sie nicht sagte er Was haben Sie mit meinem Bruder Er liebt
Sie Gewiss er liebt Sie
Die Lippen bebten ihm als er diesen ihm blitzschnell wie das Lachen eines
Dämons durch den Sinn fahrenden Gedanken aussprach
Er liebt Sie wiederholte er Wie konnte er Ihnen so nahe sein ohne Sie
anzubeten Allmächtiger Gott Was red ich Was muss ich reden Er muss Sie
lieben denn ich sein Bruder kam ihm ja zuvor und mein armes Herz ist ja nur
bestimmt zu entsagen und mich Denen zu opfern die mir mein Leben sind
Als dem jungen Manne dieses furchtbar schmerzliche Geständnis diese
qualvolle Ahnung in convulsivisch hervorgestossenen Worten von den Lippen
gekommen war und er fast ohnmächtig in einen Sessel sank blieb Melanie eine
Weile stehen und sah nicht ganz ohne Mitleid zu Siegbert dessen
leidenschaftlichem Festalten sie sich entrissen hatte nieder
Siegbert Wildungen sagte sie dann mit ruhiger Kälte Lassen Sie diese
Torheiten Ich liebe Sie nicht Und will auch Ihren Bruder nie mehr sehen
Melanie rief Siegbert und fasste nach dem Herzen das ein krampfhafter
Schmerz durchzuckte
Die kalte in ihrem Innersten geknickte und verwundete Melanie fuhr fort
Sie haben Beide sich ohne Zweifel im Leben Ziele gesetzt die über eine
flüchtige Mädchenliebe hinausgehen werden Halten Sie mich nicht für so
leichtsinnig als ich Ihnen scheine Auch ich habe mir ein Ziel gesetzt Es
liegt nicht da wohin Sie und Ihr Bruder steuern Wiederholen Sie Diesem meine
Bitte unterstützen Sie sie wenn Sie noch etwas Neigung für mich haben Im
Übrigen denken Sie nicht mehr an mich Sie müssen ein Weib lieben Wildungen
das wirklich eine Madonna ist nicht Ihrer Phantasie und Ihrer Weltunkenntniss
als eine solche erscheint Ich bin keine Madonna Und Ihr Bruder den kenn ich
nicht und mag ihn nicht kennen lernen nie mehr sehen
Du widersprichst dir Grausame sagte Siegbert mit bitterstem Schmerz Ach
mein Bruder sucht keine Madonnen
Reden Sie nichts für ihn Nein Nichts Er trifft mich nie heute nicht
morgen nicht nie Leben Sie wohl Wildungen Glühen Sie für Ihre Kunst nicht
für Mädchenherzen Wenigstens nicht für solche wie das meine ist Das sag ich
aus Stolz nicht für mich sondern für Sie
Damit ergriff sie die Tür Sie hatte das Letzte schon im Gehen gesprochen
Sie verschwand Der Wagen rollte dahin
Siegbert sank auf einen Sessel neben den Blumen die er eben erfrischen
wollte Er war sterbender als diese
So lag er über eine halbe Stunde fast bewusstlos
Das furchtbare Wort Ich liebe Sie nicht wühlte in seiner Brust wie
ein zweischneidiges Schwert
Dann zog sich die klaffende Wunde etwas zusammen als er dem letzten Worte
des stolzen schönen aber marmorkalt gewordenen Mädchens nachdachte
»Das sag ich aus Stolz nicht für mich sondern für Sie«
Es sollte dies ein Balsam für seinen Schmerz sein aber er mochte ihn nicht
nehmen er wies ihn von sich er wiederholte sich nur
»Ich liebe Sie nicht«
Als sich der tiefgedemütigte und im innersten Herzen verwundete junge Mann
wie aus einem langen düstern Traume aufgerafft schlug es drei Uhr
Er ermannte sich soweit wenigstens jetzt sich zu erheben den Hut zu
nehmen die Tür zu verschließen den Schlüssel abzugeben und wie ohnmächtig
durch die Straßen nach jener Promenade zu gehen wo sich mitten in der Stadt der
berühmte Restaurant »Grün« befand
Er traf den Bruder nicht wohl aber einen Brief den er in dem dennoch
von Dankmar bestellten Zimmer still für sich allein las
Zwölftes Kapitel
Junges Leben frisches Hoffen
Dankmars Brief an seinen Bruder Siegbert lautete
Gute Seele Ach Ach Dies Ach bedeutet erstens Wir werden keinen
Champagner trinken wir werden keine Trüffeln essen Lass dir ein Beefsteak
geben Herz so zubereitet wie du es liebst und höre dann gestärkt in Ruhe an
weshalb ich mein Wort nicht halten kann Es kommt jetzt das zweite Ach
Wie du heute in dein Atelier tratest und mir zwischen Tür und Angel das
Geständnis deiner Liebe zu Melanie Schlurck machtest hast du wohl nicht geahnt
dass du mich mit zwei dir genauer von mir zu spezificirenden Donnerschlägen
zurückliessest Donnerschlag eins du siehst ich bin noch immer bei gesunder
Logik betraf mich allein Donnerschlag zwei muss aber durchaus dich auch noch
treffen
Dies Gewitter kann ich dir nicht ersparen Kein Blitzableiter Keine
Vertuschung Es hängt aber Alles so zusammen
Beim ersten Gange unsres heutigen dinirenden Excesses wollt ich dir
erzählen dass ich die Torheit gehabt habe in Hohenberg einen Roman anzuspinnen
oder richtiger gesagt mich zu verlieben
Beim zweiten wollt ich dir sagen in Wen oder mit Wem
Lieber Bruder Die Götter haben es gut mit uns im Sinn Sie wollen dass wir
exemplarische Menschen werden oder wohl gar zu jenen Sterblichen gehören die sie
früh sterben lassen damit sie nicht zu vorzüglich werden
Das liebreizende Wesen das mich gefesselt hat ist Melanie
Einen sehr edlen Charakter würde es eigentlich verraten wenn ich dir Das
nicht sagte Es müsste die Olympier zu Tränen rühren sähen sie einen Menschen
einen Bruder einen Referendarius der entsagt eines andern Menschen eines
Bruders eines Malers wegen Aber glaube mir die Rolle so dankbar sie sein mag
für die Rührung für den Beifall aller Gefühlvollen so empfehlend sie sein mag
für den bekannten Montyonschen Tugendpreis in Paris sie gefällt mir nicht
Warum nicht Weil sie mir nicht stehen würde Natürlich muss der Mensch sein
sagte Eva als Adam neben ihr von den peinigendsten Gewissensbissen gefoltert
nicht schlafen konnte Natürlich bin auch ich Ich zerstöre die Ironie des
Schicksals und sage dir offen dass ich auch beim dritten Gange noch von Melanie
gesprochen hätte
Ich liebte sie
Ist Das erhört dass ich das Mädchen liebe das mein Bruder liebt
Es ist erhört
Beim Dessert wo wir vielleicht eine neueste frischangekommene Orange aus
Messina verzehrt hätten hätt ich dir gesagt
Feindlicher Bruder die Braut von Messina verlangt ein Opfer Du oder ich
Und ich hätte das Messer gehoben hätt ich Das Ja Und ich hätte mit dem
Messer dich gemordet Nein Ich hätte die Orange von Messina in zwei Teile
zerschnitten
Vielleicht aber auch nicht Und vielleicht doch Wer weiß
Und jetzt kommt der zweite Donnerschlag der dich mit betrifft
Ich werde moralisch Bruder
Frage Ist dir deine Liebe mit Melanie Schlurck Ernst Bist du ein Tor in
einem Wesen eine Madonna zu finden die aller Welt anders als dir erscheint und
mir jetzt jetzt wie eine grüngesprenkelte Eidechse Eine Eidechse Bruder
denke dir das gefährliche Tier Man hat Fälle dass Eidechsen zu den grünen
Zweigen hinaufblicken nach den freien Vögeln die sich sorglos oben auf ihnen
wiegen Denke dir den Aufblick einer Eidechse zu einem Vogel der nichts
Schlimmes ahnt und singt und vielleicht zur Erde hüpft in den Busch in den
Rosenstrauch auf die blumige Wiese wo die schöne Lazerte haust und verloren
ist er
Soll ich dir ein Stückchen von dieser unsrer Eidechse erzählen
Deinem besten Freunde und einzigen Bruder Dankmar lag sehr viel an einem
gewissen höchst rätselhaften Bilde Dies Bild soll einen geheimen Druck und
an der Rückwand Papiere besitzen die irgend einer Person ich muss sie einen
Prinzen nennen von Interesse sind die Eidechse hält mich für den Prinzen
und will mir das Bild verschaffen mir weil ich ein Prinz bin zwar
arm aber doch ein Prinz Zwar verschuldet aber doch ein Prinz Verstehst du
Das Bild liegt irgendwo versteckt unzugänglich Wo frägst du Ich sage in
einem großen Möbeltransportwagen der von Hohenberg nach der Residenz von zwei
Gendarmen zwei Bedienten und einer Excellenz dem Geheimrat von Harder
feierlich geleitet wird Melanie verspricht mir was sag ich dem Prinzen
das Bild zu schaffen Was tut sie Sie spinnt eine Intrigue mit der Excellenz
an die Excellenz geht ins Netz und ist verliebt geschmeidig wie ein Aal Es
hat Wolken herabgeregnet Alles ist nass und feucht Man trifft in einer
Herberge Namens Heidekrug zusammen Die Excellenz verlangt Beweise von Liebe
von Hingebung Er schmachtet sie schmachtet Die Eidechse ist
liebenswürdig aber doch zu schlau und zu grausam für Unsereins Sie will das
Bild und die Excellenz will einen Beweis ihrer Liebe Was erfindet sie Ein
Stelldichein Sie soll ihm damit natürlich nichts Anderes gewähren als nur
ein Zeichen Dessen was sie ihm zu gewähren im Stande wäre So denkt die
Excellenz Die Eidechse zögert schlängelt schwänzelt Endlich sagt sie Ja
ich habe dir viel zu sagen viel Gift in deine kleinen schönen Ohren zu
träufeln Ich bin unglücklich Die Excellenz wird jung unter ihrem verjüngenden
Atem Sie wagt Alles für einen zarten elastischen Druck der Eidechse Da sagt
diese Ich komme aber ich bin bewacht du bist bewacht wir Alle sind bewacht
wo sehen wir uns Drinnen ists zu laut draußen ists zu nass Wo seh ich dich
Wo sag ich dir was ich fühle was ich empfinde wenn ich freie Vögel auf den
Zweigen sehe und sie nicht mit einem Satz erschnappen kann Wo Wo Die
Excellenz ist zu Allem bereit und da schlägt die Listige vor Kein Ort ist
sichrer als dein großer Wagen Das ist ein Tanzsaal Das ist ein
Gesellschaftszimmer Dort flüstre ich dir die drei Worte zu die ich noch
Keinem sagte die drei Worte inhaltsschwer sie gehen von Munde zu Munde Die
Excellenz macht Schwierigkeiten Die Eidechse weiß Alles zu beseitigen die
Gendarmen die Bedienten den eisernen Schlagbaum Du öffnest um elf Uhr den
Wagen komm ich auch erst um zwölf Ich gebe dir den Beweis den du Einziger
verlangst Der Excellenz wird es schwindlig Der Mann denkt an die drei Worte
inhaltsschwer sie gehen von Munde zu Munde Was ahnt er nicht Was hofft er
nicht Es schlägt elf Er hat die Wächter entfernt Die zechen Die trinken auf
Königs Wohl Der Wagen wird offen Er hatte »nur etwas in ihm zu suchen« legt
die Stange an als schlösse er wieder zu und geht auf sein Zimmer um sich
sogleich heimlich wieder zurück zu begeben und die drei Worte zu vernehmen
inhaltsschwer Die Eidechse
husch rasch zur Hand kaum verschwand die Excellenz war sie im Wagen und
hatte was der »Prinz« wollte das Bild Nun entschlüpft sie aber hui Da
erschrickt sie vor Etwas das sie nicht ahnte Es war vielleicht nur eine
Katze ein großer Kater den sie fürchtete und vor dem sie Entsetzen überlief
Die Katzen lieben ja auch die freien Vögel auf grünen Zweigen und haben Brotneid
gegen die Eidechsen Katze oder Iltis genug die Eidechse erschrickt so
heftig dass ihr das Bild entfällt und sie vor der Tür des Prinzen fast die
Felsenspalte nicht wiederfindet wo sie unterkriecht Es gab Lärm
wenigstens trat ein Reisender ein Amerikaner wenn nicht von Geburt doch von
Gesinnung auf den Korridor Er erhebt das Bild nimmt an den im Mondlicht
erkennbaren Zügen ein Interesse das dem »Prinzen« noch jetzt nicht erklärlich
ist und folgt der Weisung der in der Ferne harrenden Eidechse die ihm rasch
noch zunickt Da Dort Dem schlummernden Prinzen gehörts Bitte Wollen Sie
Der bringts dem »Prinzen« und legts ihm feierlich unters Kissen während
er schläft oder nicht schläft gleichviel Das Bild ist da der »Prinz« hat
es daheim in der offenen Kommode seiner »Aula« Die Eidechse sagte dem
Amerikaner Brav mein Herr ich danke Ihnen und verschwand
Und von wem weiß ich das Alles
Eben jenes Gespenst hats mir erzählt vor dem die Eidechse so erschrak
ein somnambüler Kater der sich aufs Mausen versteht und den deshalb auch die
schöne buntgeringelte Eidechse nicht leiden kann Du kennst den somnambülen
Kater Er heißt Hackert
Brüderlein Die Geschichte ist eigentlich aus Denn das lustige Nachspiel
dass die Excellenz zu spät kommt sich in dem Möbelwagen häuslich niederlässt auf
die Eidechse und die drei Worte von Munde zu Munde Stunde zu Stunde vergebens
wartet endlich einschläft eingeschlafen und eingeschlossen fortgefahren wird
in die Residenz Das ist nur ein humoristischer Schnörkel des Wortes Punktum
und das satirische Nachspiel des Dramas bei Mondscheinbeleuchtung Das Bild ist
da der falsche Prinz ist da auch die Excellenz soll wieder aufgefunden sein
aber die Eidechse Die Eidechse
Darf ich nun moralisch werden Darf ich sagen dass eine solche schöne
liebenswürdige aber tollkühne listige Natter uns Gebrüder Wildungen nicht im
Ernst bei den Fittichen fassen darf
Die drei Worte inhaltschwer sie gehen von Munde zu Munde heißen doch wohl
nur Ich liebe dich
Ich liebe dich Himmlischer Weihegruss reiner Seelen Glockenaccord der
Andacht und Harfenton der reinsten Anbetung Lass ihn aus deinem Herzen klingen
wo er würdig widerklingt nur da nicht Bruder wo man über Melusinen lachen
mit ihnen kosen mit ihnen im Krystallbache plätschern aber immer auf den
sichern seichten Stellen bleiben muss wo sie uns nicht hinunter ziehen können
ins ewige Vergessen und man ihnen nimmermehr außer dem Munde auch das Herz und
das Leben geben darf
Ich bin über diese schöne Eidechse hinaus Ich will mich fassen und
trösten Aber du Du Siegbert Du den schon die Bilder wegen ihrer
verspotten Du der du Madonnen siehst wo Andre schönflossige geringelte
Fischweiber und nun gar dein eigener Bruder eine Eidechse
Denn Melanie ist die Eidechse Ach Melanie Melanie Ihr Weiber Wie
schmilzt uns bei eurem Namen so sanft und so weich das Herz gleich
Schneeflocken die von dem Frühlingsveilchen der erste Märzsonnenstrahl
hinwegküsst Ach Wehe Wehe Aber der Name Schlurck Ha dies Hinterher
rüttelt auf das mahnt gleich zur Besinnung Ich dank euch ihr Götter dass
dieser Name Melanie der so sanft dahingleitet selbst bei den verliebtesten
Menschen deren Phantasie mit Dampf fährt doch durch den Namen Schlurck
gebremst werden muss
Nun könnt ich wohl sagen Bruder zum Tändeln für mich reicht sie immerhin
aus Ich bin kein Mensch dem sich viel in der Seele vergiften lässt Ich habe
innerlich zu viel Gegengift Rattenpulver heilt Schlangenbisse Aber du Du
mit deinem aeterreinen Auge Du Sohn des Azurs sollst du ihr Azor werden
belächelter verspotteter Schoosshund ihrer Laune Nein ich selber verschmähe
sie nun sogar zum Tändeln Das bin ich dir schuldig deinem Schmerze deinem
Jammer deinen Tränen denn ich weiß du bist Tor genug zu weinen nicht dass
du Melanie verlierst nein darüber dass Melanie doch eine Eidechse ist
Zum Lachen ist das Abenteuer mit der Excellenz kostbar
Preisaufgabe für ein Seitenstück zum Froschmäusekrieg Ferner der
Besitz des Bildes kann sehr nützlich sein aber über alles Übrige mach einen
Strich so dick so fest wie die Eisenstange über dem Transportwagen war
Ich scherze Bruder Und doch bin ich betrübt wenigstens nicht so heiter
dass ich bei Grüns mit dir speisen kann Ich bin unfähig mich für den ganzen Tag
zu sammeln Erst deine Entdeckung dann der Rapport des somnambülen Katers den
du heute Abend wiedersehen sollst Ich erwarte dich nach neun Uhr in der
Brandgasse Nr 9 im zweiten Hofe drei Treppen hoch Adresse Fritz Hackert
Komm aber allein ohne deine neuen Freunde die erst einen Scheffel Salz mit
mir essen müssen bis sie die meinen werden Die hundert Taler kannst du auch
mitbringen wenn du willst Fritz Hackert Brandgasse No 9 Du wirst erstaunen
über diese Annäherung und Aussöhnung Hackert will Bekenntnisse machen aber nur
in deiner Gegenwart vor dir von dem er sagte du hättest den ersten Funken der
Liebe in seine Nacht geworfen
Bis dahin forsche mir nicht nach Die beiden Donnerschläge haben mich
erschüttert und zu jedem Entschlusse für heute unfähig gemacht Ich muss Natur
suchen muss frische Luft atmen Ich muss im Grase den Namen Melanie ausweinen
Nein keine Tränen Nein Wir brauchen Kraft für Das was endlich beginnen
soll Hinweg aus unsrer Bahn entnervende Frauengunst Weiß denn ein Weib zu
würdigen was ihm ein Jüngling der sie liebt zum Opfer bringt Ich kehre
zurück zu unsrer großen Aufgabe wie ich sie im Tempelhause von Angerode und im
Walde bei Hohenberg unter einer alten dreihundertjährigen Eiche geahnt
ergriffen mit lebendigem Auge geschaut habe Denk an die Taube über deinen
flammenverzehrten Templern Denk an das vierblättrige Kleeblatt am Kreuze das
mir ein Symbol geworden ist einen großen Gedanken zu suchen auf der platten
Wiese des Lebens wie man ein Vierblatt im Klee sucht und freudig ruft Ich
habs Am Abend Bruder grüße mich stark und entschieden Wir sind denk ich
einig über die Eidechse und fliegen nicht von unsern Bäumen zu ihr hinunter
mag sie auch mit Augen wie Rubinen glänzen und ein Bett von eitel Rosen zeigen
auf dem es schön dünken mag unsterblich sterblich mit ihr zu ruhen Bei dem
Geiste unsres Vaters Dein Bruder
Nachschrift Verschliess mir das Bild Ich gebs Morgen an den Prinzen Egon
von Hohenberg ab dem es gehört
Als Siegbert diesen Brief gelesen hatte weinte er wirklich Aber er
weinte nicht aus Schwäche um Melanies Verlust sondern aus Liebe für den
Bruder
Dies Wort Beim Geiste unsres Vaters öffnete die Schleusen seiner Seele
Das war ein Zauberwort der Liebe und der kräftigenden Erinnerung Was hatte er
wenn nicht die starke Hand des Bruders den er gelobt hatte zu erziehen und der
ihn erzog
Von dem Augenblicke an wo er schon aus Melanies gewitterblitzenden Augen
aus der dunklen Glut ihres Zornes gefühlt hatte dass sie wohl den Bruder oder der
Bruder sie liebe war sein Entschluss fest nach einer solchen Blüte nicht mehr
aufzublicken Die gab er hin Mit Schmerz denn er gehörte zu jenen Männern
deren Bestimmung es zu sein scheint gerade die Frauen zu lieben die am
wenigsten für sie passen Aber er gab sie schon dahin Nun aber bot der
Bruder auch einen Ersatz eine Heilung dar die Verachtung des erträumten
Glückes und ein höheres Ziel Er fühlte das Letztere nicht mit dem Feuer wie
Dankmar er fühlte die Verachtung nicht so tief wie Dankmar sie durch die
Erzählung von einem gewagten zweideutigen Abenteuer ihm er sah Das
absichtlich und geschärft förmlich einätzen wollte ja es entgegnete seinen
scharfen Worten in ihm die Gedankenreihe Wie kannst du Undankbarer Das so
heftig tadeln was doch nur die rasendste Leidenschaft und Liebe für dich
veranlasst haben kann aber der Rest seiner Betrachtungen war der dass er sich
sagte
Die schöne Welt die du dir aufgerichtet ist zerstört Und wo ich nicht die
Blüte mehr sehe mag ich keine Frucht
Er entschloss sich nur noch »unglücklich zu lieben«
Nachdem er sich für sein langes Fasten durch mäßige Kost entschädigt hatte
ging er ruhig und mit gesenktem Haupte schlendernd erst in die Wallstrasse um
Armands Auftrag beim Tischler Märtens und gelegentlich auch für Franziska
Heunisch auszurichten dann ging er nach Haus und zählte sogleich das Geld für
Hackert zurecht über den plötzlich so Günstiges zu vernehmen ihm innigst
wohltat
Die Wirtin wusste ihm nichts zu melden als dass der Fuhrmann aus dem Pelikan
mit seinem lahmen Hunde dagewesen wäre auch ein anderer ihr ganz fremder Herr
von finsterem strengem Aussehen der seinen Namen nicht genannt aber
versprochen hätte wiederzukommen
Fast anteillos warf er sich halb entkleidet auf das Kanapé das in
Dankmars Zimmer in ihrer sogenannten Aula stand
Eine Weile tat diese Ruhe dieses Brüten ihm wohl Er schlug die hundert
Taler ein die Hackert heute Abend in einer Wohnung zurückempfangen sollte die
ihm aus Leidenfrosts Äußerungen über die berüchtigte Auguste Ludmer früher
Malermodell sehr unheimlich vorgekommen sein würde wenn er nicht auch einer
dort hausenden Proletarierfamilie in wohltuender Weise erwähnt hätte
Aber so interessant es ihm war diese neuen Anregungen besonders über
Hackert zu dem er längst wieder Vertrauen gefasst hatte seitdem er an Lasally
das Pferd richtig zurückgestellt gefunden empfangen zu haben diese
Gedankenreihe konnte ihn von seinem Kummer nicht loslösen
Er suchte nach andern Gegenständen um aus dem tiefen Unmut der ihn
umschattete wieder zum Lichte eines freieren Gedankens zu kommen Er fiel so
auf das Bild dies vielbesprochene Bild Dankmar hatte ihm ja aufgetragen
es sorgsamer zu verwahren
Wie er an dem alten Rahmen des blassen Pastellgemäldes mit den Fingern
streifte und den alten Staub auf der abgesprungenen Vergoldung tilgte dann
hinten den neuangefügten Boden befühlte der etwas einer bedeutenden Familie so
Wichtiges verbergen sollte begriff er kaum wer es gewesen sein könne der mit
einem Andern auf so gefährliche Weise hätte sich verständigen wollen Durch ein
Bild Er glaubte kaum daran dass das Bild in seinem Rücken Papiere enthielt
Es war weniger Neugier als die zufällige Absicht sich irgendwie zu
zerstreuen dass er anfing einem etwaigen Mechanismus des Bildes nachzuspüren
Der wahre Besitzer dachte er wird sich leicht helfen er weiß entweder das
Geheimnis oder er zertrümmert den Rahmen Das Letztere durfte er nicht und ein
Geheimnis war nicht zu entdecken
Er gab seine Neugier auf und machte den Versuch irgend eine Beschäftigung
vorzunehmen vielleicht der Mutter zu schreiben vielleicht etwas zu zeichnen
In den Zurüstungen dazu traf es sich zufällig dass er auf einem Tische auf
dem er neben sich das Bild gelegt hatte einen harten Gegenstand sein
Tintenfass bei Seite stellen wollte um Papier aus einer großen Platz
wegnehmenden Mappe zu wählen Nicht achtend zufällig stellte er das schwere
Tintenfass auf das Glas des Bildes Doch ein starkes Glas dachte er erschreckend
und nahm das Bild um mit einem flüchtigen Blick die Stärke des Glases zu
würdigen Dies führte ihn zufällig darauf mit Kraft auf den oberen Rand des
Glases zu drücken und im selben Augenblick sprang hinten der Deckel der Kapsel
auf Durch Zufall hatte er das Geheimnis der Öffnung selbst gefunden
Erstaunt über diese wunderbare Enträtselung des Bildes zögerte er fast
dem weitern Inhalt der Kapsel nachzuspüren doch fielen darin entaltene
zartgeschriebene kleine Briefblätter von selbst heraus
Die Versuchung diese kleine gekritzelte blassgelbe Handschrift zu lesen
war Anfangs nicht groß
Auch widerstand ihr Siegbert Er war ein Gewissensmensch der selbst die
Geschenke des Zufalls zurückwies wenn er annehmen konnte dass sie einem Andern
gehörten
Wer hätte Siegbert ein großes Verbrechen daraus gemacht wenn er diese
Papiere gelesen hätte Er wusste so gar nichts vom näheren Zusammenhang dieser
Mitteilungen und kannte nicht im mindesten die Bedeutung die sie dem Prinzen
von Hohenberg haben mussten ja er wusste nicht einmal von Wem sie kamen
Darauf hin durchflog er flüchtig wenigstens die ersten Seiten
Er fand dass darin eine Mutter klagt wie alle Welt sich gegen sie
verschworen hätte wie sie keinen Freund mehr auf Erden fände als Gott und wie
sie nicht wisse wie Das was sie einem entfernten Sohne der seinem Stande
leider auch seiner Erziehung seiner Bildung entsagt hätte nach ihrem Tode in
die Hände kommen sollte Jedes bei Gerichten oder Notaren niedergelegte Dokument
würde Aufsehen erregen und von Seiten ihrer Feinde doch erraten werden Wie oft
wären nicht durch scheinbaren Diebstahl Geheimnisse gewaltsam entdeckt worden
Und doch wäre was sie zu sagen hätte so wichtig so folgenschwer
Hier brach Siegbert schon ab und ließ die Papiere wie glühende Kohlen
fallen
Nach einigen Augenblicken entschloss er sich sie wieder zusammenzulegen und
das Kästchen zu verschließen
Wie er sich eben dazu anschicken wollte und die Blättchen an einander
reihte fiel sein Auge das nur ganz obenhin und flüchtig auf die Buchstaben
sah auf einen Namen der ihm im höchsten Grade auffallen musste Dieser Name
hieß Rodewald Rodewald war der Familienname seiner Mutter
Er wagte noch einen Blick und glaubte sich nicht zu täuschen wenn er
annahm dass hier von seinem Oheim gesprochen wurde dem Bruder seiner Mutter
einem gewissen Heinrich Rodewald von dem er viel Gutes und viel Schlimmes in
seiner Jugend gehört hatte viel Wüstes und Verworrenes Heinrich Rodewald galt
als verschollen Er hatte eine Partie gemacht von der Siegbert ungefähr so viel
wusste dass sie seinen Verhältnissen nicht entsprechend gewesen war Dann wusste
er noch dass er nach Frankreich gegangen war mehr hatte man von ihm nie
erfahren Heinrich Rodewald Der Name stand jetzt fast auf allen diesen
Blättern Er musste sie fallen lassen sie mit Gewalt von sich tun um nicht der
Verführung zu erliegen sie im Zusammenhang zu lesen
Als er sich von dem Tische der ihn magisch anzog fast mit Gewalt getrennt
hatte fühlte er wie mächtig die Versuchung ihn doch gefangen hielt
Heinrich Rodewald sagte er sich Mein Oheim Der verschollene Bruder meiner
Mutter den sie so liebte der so schön und so leichtsinnig so geistreich und
so unglücklich gewesen sein soll Wenn ich hier etwas von ihm erführe Wenn ich
meiner Mutter die Freude bereiten könnte sie auf eine Spur des verlorenen
Bruders zu führen eines Menschen dem Alle die glänzendste Zukunft prophezeiten
und der unter schöner Frauen Gunst unter Frauenanbetung und gerade durch die
Frauen zu Grunde gegangen sein soll
So nur zerstreut war Alles was er von Heinrich Rodewald wusste Noch fiel
ihm ein dass er ganz klein war als sein Vater einmal gesagt hatte als von des
Onkels Wanderungen die Rede war Nach Amerika sollte Rodewald ziehen Da mag er
Wälder roden Dies Wortspiel hatte sich ihm tief eingeprägt und doch war es aus
so früher Zeit dass Dankmar nichts davon wusste denn es war im Hause
hergebracht von dem Oheim wenig zu sprechen und ihn als verschollen zu
betrachten Man sprach von Kriegsdiensten die er in Spanien genommen hätte oder
von der französischen Fremdenlegion in Algerien
Es war nicht ganz Neugier was Siegbert reizte es war der erwachte
Familiensinn das wirkliche Interesse für einen Mann dem er so nahe verwandt
war Wie bebte er aber zurück als er noch einmal die Papiere ergreifend und
sie durchblätternd auf einer Seite den Namen Taldüren und nicht weit davon
auch das Wort Wildungen entdeckte
Wieder ließ er die Papiere fallen aber jetzt in der bestimmten Absicht sie
zu lesen
Warum sollt ich nicht sagte er zu sich selbst Der wunderbarste Zufall
fordert mich ja auf in die Geheimnisse meiner Familie zu dringen Bin ich nicht
sogar gebunden wenn ich von einem Menschen höre dessen Schicksal uns
bekümmert die die von ihm wissen auszuforschen gleichviel ob sie offen von
ihm sprechen wollen oder ob ich sie nur belausche Wissen ist noch nicht
ausplaudern Wenn ich schweigen kann wenn ich Das was ich hier erfahre tief
in mein Innerstes verschliesse und die Gelegenheit ehre die mich zum Mitwisser
fremder Tugend oder fremder Schuld machte handle ich da gegen meine bessere
Überzeugung Ich sehe eine Quelle und sollte mich nicht an ihr erquicken weil
eine Mauer zu übersteigen wäre die nicht mein ist während ich vor Durst
verschmachte Ich lese diese Papiere Wer kann mich hindern Wer sagt mir dass
ich sie nicht lesen darf
Damit ergriff er einen Stuhl rückte ihn an den Tisch den Tisch dem Fenster
zu legte sich die Papiere zurecht und war eben im Begriff mit dem ersten Bogen
zu beginnen als es stark und kräftig draußen an der vorderen Tür pochte
Diese Störung war unwillkommen Er hatte vergessen zuzuschliessen oder sich
verleugnen zu lassen
Es klopfte noch einmal und während er rasch die Papiere die ungeordnet
neben ihm lagen bunt durcheinander wieder in die Kapsel steckte zudrückte und
das Bild bei Seite legte war schon Jemand in das vordere Zimmer in die
sogenannte »Akademie« eingetreten
Der Besucher war ein untersetzter Mann wohl schon ein Sechziger aber fest
gedrungen und für sein Alter kerngesund Er hatte eine Mütze auf die er beim
Eintreten abnahm und einen Kopf von harten strengen Zügen sehen ließ Die Stirn
trat etwas hervor die Nase war nicht fein geformt sie war kurz und von starken
Öffnungen das Auge lag tief in grauüberbuschten Höhlen
Das graue Haar musste einst dunkel gewesen sein noch war es ungemein stark
und ging bis tief über die Stirn herab Der Mund war ernst ohne das geringste
Zeichen von Sarkasmus oder Satire aber auch ohne Zeichen irgend eines üblen
Willens Recht düster und streng war der noch wenig ergraute Backenbart Die
Kleidung schlicht aber sauber Die Kamaschen an den Füßen gaben dem Fremden
sogar ein gewähltes Aussehen wozu freilich die grauen baumwollenen Handschuhe
über den Fingern nicht passten
Siegbert hatte diesen Mann noch nie gesehen
Als er aufgestanden war und sich in das vordere Zimmer begeben hatte wo er
den Fremden empfing sagte dieser dass er schon einmal dagewesen wäre um einen
der Herren Brüder Wildungen zu sprechen
Als ihm Siegbert entgegnete dass er der Ältere dieses Namens und Maler wäre
nannte auch der Fremde seinen Namen
Ich heiße schlechtweg Rudhard sagte er
Siegbert forderte ihn auf Platz zu nehmen und wartete mit Spannung auf Das
was er von diesem Besuche würde zu vernehmen haben
Auch diesen Namen hatte er noch nie gehört
Ich muss es für ein großes Glück halten begann Rudhard dass ich in einer
Angelegenheit die ich schon längst zu einem guten Ende hätte führen sollen nur
so kurze Wege einzuschlagen brauche Ich dachte auf die größten Schwierigkeiten
zu stoßen und bin erfreut dass sich mir Alles wie von selbst in die Hände gibt
den letzten Willen einer verstorbenen hohen Dame zu vollziehen Sie kannten die
Fürstin Amanda von Hohenberg
Siegbert verneinte diese Frage
So wird sie Ihr Herr Bruder gekannt haben
Auch für seinen Bruder bestritt Siegbert eine genauere Bekanntschaft mit
einer so vornehmen Frau Er hätte davon Kenntnis haben müssen
Dann bin ich erstaunt sagte Rudhard wie sie Beide meine Herren in eine
so geheimnisvolle Angelegenheit verwickelt sein können wie Die ist welche mich
zu Ihnen führt
Sie spannen meine Neugier sagte Siegbert und fand in dem Benehmen des
Fremden mehr Weltton und Formenglätte als dem schlichten Äußeren und dem
strengen Blick der Augen zu entsprechen schien
Auch wird Ihnen dann mein Name fremd sein fuhr Rudhard fort und ich muss es
daher für meine Pflicht halten von mir selbst zu sprechen Ich war in dem
fürstlich Hohenbergschen Dorfe Plessen und für eine ziemliche Anzahl in der
Nähe liegender Vorwerke vor Jahren Pfarrer und hatte wie es schien zur
Zufriedenheit meiner Gemeinde an diesem Orte eine lange Zeit gewirkt
Beförderung hatt ich freilich wenig zu hoffen da mein religiöses
Glaubensbekenntnis von jenem abwich durch das allein man damals auf dem
kirchlichen Gebiete leider auch in manchem andern sein Glück machen konnte Zu
heucheln war meiner nicht würdig So ertrug ich mein bescheidenes oft dürftiges
Loos Ich konnte es da Gott meine Ehe mit Kindern nicht gesegnet hatte und ich
nur für mein Weib einige Verwandte und mich zu sorgen brauchte
Siegbert fühlte sich von dieser Eröffnung schon angezogen Er gedachte
ohnehin bewegt seines Vaters und fühlte die Leiden auch seines
gesinnungsgetreuen Charakters um so schmerzlicher nach als dieser gerade noch
die Not um die Versorgung seiner Kinder gehabt hatte und sich selbst so Vieles
entzog um nur die Seinen glücklich zu sehen
Er hörte befremdet zugleich von der Ehre wie er zu diesen Mitteilungen
käme und mit gelassener wehmütiger Aufmerksamkeit zu
Rudhard fuhr fort
Mein Loos schien sich zu verbessern als die Fürstin Amanda von Hohenberg
sich entschloss ihren dauernden Wohnsitz in Hohenberg ihrem dicht bei meiner
Pfarre gelegenen Stammschlosse zu nehmen und ich daraus wohl eine Erleichterung
meiner Lage wenigstens eine freundlichere Anregung erhoffen durfte Zu gleicher
Zeit wußt ich dass sie sich der Erziehung ihres einzigen Kindes eines Knaben
in dieser Zurückgezogenheit ausschließlich zu widmen gedachte Ich erfuhr dass
sie sich sorgfältig nach mir erkundigte und die Absicht hegte mich mit in ihren
neuen Lebensplan hineinzuziehen Alle diese Anzeichen einer neuen bessern
Zukunft trübten sich plötzlich als die Fürstin mir gleich in den ersten
Gesprächen die ich mit ihr nach ihrer vollständigen Einrichtung wechselte als
eine fanatische Anhängerin der neuen frömmelnden Richtung entgegentrat Sie
betonte den Erlöser die Gnade die Rechtfertigung und die Nichtigkeit der guten
Werke in einem Grade der mich mit Befremden erfüllte Eine Weltdame die sie
war einst wie ich gehört hatte vielfach gefeiert Gattin jenes wilden
berühmten Kriegers über dessen Sitten wie über seine Tapferkeit nur eine
Meinung herrschte schien es mir unglaublich dass sie in die Netze der neuen
Verlockungen durch eine trübe oft unehrliche Welt und Lebensauffassung fallen
konnte Ich beging die Torheit mit ihr zu streiten Der Streit war gerade Das
was sie suchte Aber weit entfernt mir zu danken wie ich ihr doch Gelegenheit
bot für ihre Wahrheit und für ihren Heiland Zeugnis abzulegen warf sie
Mistrauen Groll ja zuletzt Feindschaft auf mich Zwar erhielt ich die
Oberaufsicht über den jungen Prinzen und begann mein Werk in meiner Weise
allein es verging nicht ein Tag wo ich über unsre entgegengesetzten Grundsätze
der Erziehung mit der Mutter nicht in Streit geriet Wie oft wollt ich nicht
die Zügel meiner Aufsicht in ihre Hand zurückgeben Eine gewisse Achtung vor
meinen mancherlei zerstreuten Kenntnissen die Liebe und Anhänglichkeit des
Knaben an mich trotz meiner Strenge endlich aber wohl die Verlegenheit dem
Kinde in dieser ländlichen Zurückgezogenheit irgend eine starke Nahrung des
Geistes zu bieten bestimmte sie doch immer wieder aufs neue mit mir
anzuknüpfen Aussöhnungen vorzubereiten und Waffenstillstände zu schließen Dies
dauerte einige Jahre bis es notwendig wurde fachwissenschaftliche Lehrer mit
zu Rate zu ziehen Statt den Knaben in ein Institut zu geben wollte die
Fürstin ihn unter ihren Augen behalten und umgab sich mit fortwährend
wechselnden Sprach und Musiklehrern und andern Präceptoren die im Schloss
viel Unheil anrichteten und sich selten länger als einige Monate auf ihren
Plätzen behaupteten Ich litt bei diesem Wirrsal am meisten denn selbst die
Kinderseele für die ich dabei am meisten fürchtete hielt die wilde
Planlosigkeit zur Not aus Wie stark ist nicht ein junges Gemüt in seinem
ersten Wachstum
Wieviel geht nicht in das dürstende Herz hinein wieviel hinaus ohne ihm zu
schaden Wär es nicht so so müsste man die Kinder in einen durchsichtigen
Glasschrank setzen und von der ganzen Welt abschließen
Ihr Werk ist gesegnet worden bemerkte Siegbert Der leider so heftig
erkrankte Prinz Egon soll sich in jeder Hinsicht auszeichnen
Siegbert sprach diese Worte mit einer Betonung die seine über diese
sonderbar aufrichtigen Mitteilungen zunehmende Verlegenheit deutlich zu
erkennen gab
Darüber fehlt mir ein genaueres Urteil fuhr Rudhard ernst fort Ich habe
nur die ersten Keime der Bildung in sein allerdings sehr begabtes Innere
pflanzen können Es war ein liebes Kind trotz Eigensinn und Starrheit und einer
überlebhaften Neigung zu Extremen Ihn krank zu wissen den nun herangewachsenen
Jüngling ja schon Mann macht mich traurig Nach so vielen Jahren hätt ich
ihn gern freudiger begrüßt Ich bin gewiss er hätte sich meiner ohne störendes
Misbehagen erinnert Hat mir doch auch die Mutter in ihren letzten
Lebensaugenblicken einen Beweis gegeben dass sie in weiter Ferne meiner noch mit
Achtung ja sozusagen Versöhnung gedachte
Sie schieden also von Hohenberg fragte Siegbert
Schon vor langer Zeit fuhr Rudhard fort Die Verstimmung zwischen der
Fürstin und mir war nicht mehr zu heilen Immer mehr Menschen immer heftigere
Bedürfnisse religiöser Schwärmerei drängten sich zwischen sie und mich und als
sie sich entschlossen hatte gegen mein Bitten und Flehen den Prinzen nach Genf
in eine bigotte reformirte Erziehungsanstalt zu schicken war ich ohne ferneren
Halt auf meinem Platze und zog vor Plessen zu verlassen Bei der Fürstin hatte
sich ein Predigtamtscandidat ein sehr befähigter aber grundsatzloser Mann
eingenistet Er wurde da ich merkte dass ich in jeder Hinsicht unbequem war
und nun eine andre Pfarre übernahm mein Nachfolger Ich darf mein Verehrter
bei Ihnen dem ich ganz fremd bin kein Interesse ansprechen wenn ich von
meinen ferneren Schicksalen erzählen wollte ich überschlage daher die Blätter
meines Lebens bis auf den Augenblick wo ich
Nein nein sagte Siegbert und ergriff treuherzig die Hand des Fremden kann
einem jungen Manne etwas lehrreicher sein als die Erfahrung des Alters sprechen
zu hören Ich fühle und lebe das Alles mit Ihnen mit was Sie erzählen Meine
Zeit drängt mich nicht und die letzte Aufklärung über Das was Sie zu den
Brüdern Wildungen führte bleibt mir ja doch wohl gewiss
Rudhard empfand ein sichtliches Wohlgefallen an diesen in so weichen Tönen
gesprochenen Worten des jungen angenehmen Mannes Er blickte auf ein reines
Gemüt wie er es lieben musste Seine Augen milderten sich der sanften Klarheit
des Blickes gegenüber den Siegbert auf ihn ruhen ließ Doch tat er Das nicht
was vielleicht jeder Andere getan hätte und sprach etwa mit Anerkennung über
die Gesinnung des jungen Mannes die er doch schätzen musste Er machte nur eine
kurze Pause und fuhr mit einer gewissen Strenge fort
Ich zog mit meinem kränkelnden Weibe an die fernste Grenze unsres
Vaterlandes Russland zu in einen Ort Namens Schmalelinken Dort in einer
Provinz wo man klare Begriffe von der Provinzhauptstadt aus beförderte und
beschützte glaubt ich für die spärliche Saat die jetzt noch Geistliche in
die Herzen der Menschen streuen können hinlänglichen Boden zu finden und fand
ihn Die Nähe einer Rittergutsbesitzung der angesehenen Familie von Osteggen
gehörend machte mich ganz besonders glücklich Diese Familie war am
begütertsten im benachbarten Kurland lebte aber lieber als in Russland auf dem
bescheidenen Schlösschen Ostegg bei Schmalelinken wo ich als Pfarrer wirkte
Dieses Glück dauerte aber nur kurze Zeit Meine Gattin starb Ich hätte es
verwinden können Aber dem Tiefgebeugten der gleichsam mit dieser guten Frau
auch die Kinder verlor die sie ihm nicht hatte schenken können der nun ganz
allein in der Welt dastand entzog sich auch der Trost jener Beziehung zu der
Osteggenschen Familie wo ich zwei jungen liebenswürdigen Mädchen Adèle und
Helene Erzieher geworden war In Plessen war ich von bigotten Deutschen
verdrängt worden in Osteggen verdrängte dagegen mein Erscheinen einen gewissen
Rafflard aus der reformirten französischen Schweiz Ich erlöste diese Familie
förmlich von der Sklaverei unter dem Joche dieses Rafflard eines eitelen
unwissenden Intriguanten und hatte die Genugtuung dass mein Wirken anerkannt
gewürdigt wurde Da starb aber mein Weib und meine einzige Anlehnung die
Osteggensche Familie wurde durch die glänzende Heirat Adèlens der ältesten
Tochter mit dem Fürsten Wäsämskoi bestimmt nach Odessa zu ziehen wo der Fürst
am russischen Gouvernement wirkte Was tat ich Ich entschloss mich den
dringenden Bitten der Familie der ausdrücklichen und ehrenvollen Anerbietung
des Fürsten Wäsämskoi zu folgen und ging nahe meinem fünfzigsten Lebensjahre
mit nach Odessa Dort am Ufer des schwarzen Meeres unter südlichem
Himmelsstrich verlebte ich glückliche Jahre Mancher düstere trübe Zug meines
Charakters milderte sich Was früher hart und starr war wurde weicher und
ebener Leider verschonten uns herbe Schicksalsschläge nicht Die alte Baronin
Osteggen starb Vor einigen Monaten ist auch ihr Schwiegersohn der Fürst
Wäsämskoi auf einer Reise nach der Krim an einem Fieber dahingegangen So fiel
die Sorge für die Fürstin Adèle und ihre drei Kinder auf mich Ihre jüngere
Schwester Helene Osteggen hatte in Odessa die Bekanntschaft des in Aufträgen
reisenden französischen Attaché Grafen dAzimont gemacht und war nachdem er
sie geheiratet erst nach hier dieser Stadt wo er fixirt war dann nach Paris
mit ihm gezogen
Die Gräfin dAzimont fragte Siegbert gespannt Irr ich nicht so ist die
Gräfin hier
Sie ist es sagte Rudhard mit düstrer Miene auch ihre ältere Schwester die
Fürstin Wäsämskoi ist hier Leider geriet mein jüngster Zögling Helene
dAzimont so in den Strudel des modernen Weltlebens dass sie mit der ganzen
Familie brach und durch ihre wilde phantastische Lebensweise die Liebe und das
Herz der Mutter zu frühe knickte Seit mehren Jahren schon ist jeder Verkehr
zwischen den Schwestern Helene und Adèle abgebrochen und selbst das unter andern
Umständen sehr erfreuliche Zusammentreffen in dieser großen Stadt wird keine
Aussöhnung zu Stande bringen Ich erwähne da Dinge die in der großen Welt
leider zu bekannt sind
Auf Siegberts Lippen schwebte die Frage ob Rudhard wohl wisse welche
Beziehung zwischen dem Prinzen Egon und der Gräfin dAzimont stattfände doch
schwieg er weil er dem Herzen eines Mannes wehe zu tun fürchtete dem ohne
Zweifel das Werk seiner Erziehung an der zweiten Tochter der Baronin von
Osteggen nicht gelungen war
Rudhard nahm aber diesen Gegenstand selbst auf und zeigte sich über die
Chronik der Schwester seines treugebliebenen Zöglings der Fürstin Wäsämskoi
vollkommen unterrichtet
Wie schmerzlich muss es mir sein sagte Rudhard dass sich die Nachrichten
die wir dann und wann über die Schwärmereien Helenens empfingen an meinen
plötzlich in Paris wieder auftauchenden Schüler Egon von Hohenberg anknüpften
Ich sah dass auch Egon durch seine Genfer Erziehung in den Strudel geraten war
in welchem Helene unterging als sie sich verheiratete an einen Mann der ihr
niemals eine sittliche Anlehnung bieten konnte Wie tief hab ich das
Konventionelle im Leben unserer vornehmen Stände damals verabscheut wie bitter
beklagt dass mir unmöglich wurde dies liebenswürdige reizende gutmütige
Kind Helene Osteggen nicht von einer wie man sie nennen musste glänzenden
Partie mit einem nicht mehr jungen aber reichen und interessanten französischen
Diplomaten fern zu halten Legte sich doch selbst der Wunsch des Kaisers in die
Wagschale russische Untertanen in Paris an der Quelle der Begebenheiten in
genauester Verbindung eben mit den Lenkern der Begebenheiten zu wissen Ich
begehe keine Indiskretion indem ich von diesen Dingen spreche denn ich muss sie
Ihnen sagen weil sie mit Dem zusammenhängen was mich zu Ihnen und Ihrem Bruder
führt
Ich erstaune über Das was ich hören werde sagte Siegbert und strich sich
über die Stirn als könnte sie kaum alle diese wunderbaren Beziehungen fassen
Mein Unmut fuhr Rudhard fort erstreckte sich in dem Grade auf Alles was
mit Helenen zusammenhing dass ich auch Egon verwarf und Niemanden mehr verwarf
als die Mutter Egons die Fürstin Amanda die mir so viele bittere Schmerzen in
meinem an Freuden nicht reichen Leben verursacht hatte Was sollte ich dazu
sagen dass ich vor anderthalb Jahren einen Brief von der Fürstin Amanda empfing
den sie auf ihrem Todtenbette geschrieben hatte Einen Brief der mich erst in
Schmalelinken suchte und ein halbes Jahr brauchte mich am Schwarzen Meere zu
finden einen Brief dessen Absicht ich versäumt glaubte als er ankam ja der
selbst rechtzeitig hätte eintreffen können und mir keinen Entschluss würde
abgewonnen haben so erbittert und gram war ich damals dem Andenken an Alles
was mich an Hohenberg erinnerte Doch lesen Sie selbst diesen Brief und erfahren
Sie damit zu gleicher Zeit den Grund der mich zu Ihnen führte und mich
bestimmte Ihnen einen Überblick meines Lebens zu geben Um jedoch Ihre Spannung
nicht zu lange hinzuhalten bemerk ich dass mein Besuch mit einem Bilde der
Fürstin Amanda zusammenhängt das Sie besitzen
Mit einem Bilde fragte Siegbert erstaunt
Ist es nicht so bemerkte Rudhard der sich in seinem sichern Auftreten
nicht stören ließ Sie besitzen ein Bild der Fürstin
Allerdings aber
So bitt ich Lesen Sie
Dreizehntes Kapitel
Eine neue Wendung
Rudhard zog ein großes Portefeuille aus der Brusttasche schnallte es auf und
nahm aus mancherlei Papieren und Dokumenten die in ihr angehäuft lagen einen
zierlichen Brief hervor der durch seine mit hundert Notizen und Strichen
überkritzelte Adresse einen wunderlichen Anblick bot Es waren darauf
ersichtlich die vielen Postzeichen und Bemerkungen des Hin und Hersendens nach
dem Adressaten in deutscher und russischer Sprache in blauer roter grüner
Tinte und wer weiß setzte Rudhard mit einem leisen Anfluge von Lächeln hinzu
ob nicht noch in unsichtbarer sympatetischer Tinte die nur die geheime
Polizei zu sehen und zu lesen im Stande ist
Der Brief selbst mit schwacher Hand unsicher wie von einer Todtkranken
geschrieben lautete
»Nach Allem lieber Rudhard was zwischen uns auf dieser Erde vorgefallen
ist werden Sie erstaunen wie Sie noch ehe ich dies Dasein verlasse von mir
einen Abschiedsgruss erhalten können Ja mein lieber Rudhard ich stehe an der
Pforte der Ewigkeit Die Stunden sind gezählt die mich die Langmut des Herrn
noch atmen lässt und ich frage mich warum der erlösende Engel noch immer nicht
kommen an mein Lager treten und mir die Augen zudrücken will Ich frage Was
gibt dir denn der Herr noch zu bedenken Was sollst du noch in deinem Hause
ordnen ehe du die Heimkehr zu deinem Erlöser antrittst Ich blicke um mich wo
wohl noch ein Herz schlägt das ich betrübte wo wohl noch ein Fehl zu sühnen und
zu büßen ist und der Erinnerungen an Schlimmes und Sündhaftes sind in mir so
viele lieber Rudhard dass ich noch eine Ewigkeit leben müsste jeden nagenden
Gedanken aus meiner Seele zu tilgen Ach mein Heiland muss ich beten ich
ermüde mich so zu schmücken wie du mich haben willst Nimm mich hin in deine
Arme und lass die Gnade mich rein waschen von meinen Sünden«
Siegbert stockte gerührt von diesen innigen Worten
Ein Wink Rudhards ein leichtes Kopfschütteln foderte ihn auf
fortzufahren Siegbert las
»Dennoch nutz ich jede Frist die mir die Anfälle der traurigen Krankheit
an der ich sterbe lassen es ist dies Übel jenes schmerzlichste an dem wir
Frauen uns auflösen müssen um doch irgend Etwas abzutun was mit meiner
schwachen Kraft mir erreichbar scheint und da bin ich zu einer ernstaften
Betrachtung gekommen die mich darauf führt Ihnen zu schreiben«
Sie wird Sie unterbrach sich Siegbert um Verzeihung bitten dass sie Ihnen
so weh getan Ihren aufrichtigen Sinn verkannt Sie von Haus und Herd
vertrieben hat
O nein sagte Rudhard mit ironischer Miene Erwarten Sie eine solche Reue
von einer Gottbegnadigten nicht Auch ich erwartete dass sie vielleicht alle
religiöse Parteiung bei Seite setzend sich auf einen rein menschlichen
Standpunkt stellen und mir als Menschen als ehemaligem Freund als Erzieher
ihres Sohnes in der letzten Stunde ein Wort der Versöhnung zurufen würde Nein
Davon finden Sie nichts Im Gegenteil sie verharrt in ihrem Bewusstsein
reinster Gottseligkeit und überlässt mir nur noch eine Gewissenspflicht die ich
nach einer allgemeinen rein praktischen und nur klugen Auffassung des Lebens
prüfen solle Sie anerkennt in mir den rechtlichen Mann Das ist Alles
Aber viel sagte Siegbert Viel wenn es ein Auftrag ist der einen
rechtlichen Mann erfodert und unter Hunderten die sie wählen konnte Sie es
sind an den sie in der Sterbestunde dachte Sie der Jahre lang ihrem
Gedächtnisse entrückt war
Ich bitte lesen Sie sagte Rudhard ruhig und ohne den mindesten Anflug
eines geschmeichelten Gefühls
»Was aus meinem unglücklichen Egon geworden fuhr Siegbert fort wissen Sie
vielleicht Ich weiß dass es Niemandem unbekannt geblieben ist Die religiöse
Weihe die ich seiner Erziehung geben wollte hat keinen Widerschein in seiner
Seele gefunden Mit zerrissenem Mutterherzen gesteh ich Ihnen dass kein Sohn
seiner Mutter geringere Aufmerksamkeit zeigt kein Sohn die Hoffnungen seiner
Eltern mehr getäuscht hat als dieser Unglückliche Tiefverblendete Dass ihn die
innere Haltlosigkeit seiner Seele anekelte und ihn antrieb nicht seinem Stande
gemäß zu leben will ich nicht tadeln Aber nicht das Gefühl der Reue ist es
was ihn veranlasste sich das Kleid des Handwerkers anzuziehen sondern leere
nichtige Originalitätssucht der schlimmste von allen Trieben nach Auszeichnung
Ich wenigstens kann nicht daran glauben dass die Erniedrigungen die er in Lyon
und Paris über sich verhängte aus Liebe zum Erlöser aus Geringschätzung des
Lebens aus wirklicher Demut kamen Eine Zeit lang hab ich es geglaubt Wie
ich erfuhr mein Egon ist von Genf nach Lyon zu Fuß gewandert wie er mir einst
einen guten edlen Brief von dort schrieb wie ich hörte ihn ekle die schaale
große Welt an er hätte fast denselben Beruf ergriffen den Anfangs auch der
Heiland von seinem Vater Joseph erlernte Rudhard lächelte überkam mich eine
Stimmung die ich nicht schildern kann und doch hab ich sie geschildert habe
versucht sie zu schildern und schrieb meinem Sohne einen Rückblick auf mein
Leben mit der Wahrheit die aufgedeckt ist im Buche des Lebens und zu der es
mich drängt mit unwiderstehlicher Erleuchtung Als ich diese Geständnisse kurz
vor dem Augenblick wo ich in einer Nacht glaubte an meinem Übel sterben zu
müssen vollendet hatte wußt ich nicht wohin damit Du stirbst und diese
Blätter wer bringt sie dem Sohne und ruft ihm durch sie zu Folge deinem Rufe
Übe Demut Sei was dein Heiland war Ach es war Nacht um mich die Wächterin
schlief Da griff ich nach einem alten Bilde das meine jugendlichen Züge
darstellte es hing über meinem Bette Es hatte ein Geheimnis ein Kästchen das
auf einen Druck am Glase aufsprang ein Scherz den ich in jungen Jahren zu
kleinem verstecktem Krame benutzt hatte Dort barg ich mein Gebet zu Gott mein
Geständnis das ich in einigen schlaflosen und doch entzückten Nächten
niedergeschrieben hatte und glaubte nun zu sterben«
Siegbert war über die plötzliche Aufklärung des Bildes so erregt dass ihm
das Lesen der schwierigen Handschrift wunderbar von Statten ging Er fuhr fort
»Ich starb nicht Dies Übel ist fürchterlich lieber Pfarrer Es gewährt
augenblickliche Pausen wo man an Genesung glaubt und dann bricht die Macht der
Zerstörung mit Hammerschlägen wieder auf die verwesenden Teile und man glaubt
zu sterben ohne es zu können Moschus und Opium führen über die grässlichen
Krisen hinweg Ich hatte oft Denkwürdigkeiten aus meinem Leben aufgesetzt und
wenn ich Bogen vollgeschrieben hatte sie wieder verbrannt Sie waren nicht die
reine Wahrheit sie schlüpften ohne Reue über meine größten Sünden hinweg ich
vernichtete sie weil ich mir vorkam wie der Pharisäer der stolz auf seine
Brust schlug und sich rühmte Ich danke dir Gott dass ich nicht bin wie Die In
jenem Jubelrufe an den Sohn aber war ich wahr gewesen doch ich schauderte wenn
ich bedachte was ich geschrieben Es war Anfangs meine Absicht jenes Bild zu
versiegeln und bei Gerichten niederzulegen Aber dann ergriff michs mit
furchtbarer Angst Wie kannst du Das von dir geben Wie kannst du dir die
Möglichkeit nehmen diese Blätter bei andrer Gesinnung rasch zu ergreifen und zu
zerstören Nein du musst sie zur Hand haben und schon streckte die Hand sich
aus um die Papiere zu vernichten Da zögerte ich wieder und warf mir vor
Siehst du dass du zitterst vor der Wahrheit Siehst du dass du in Kleidern
prangen willst wie die Gerechten und deine Blöße verdeckst und sie nur Gott
gestehen willst Als ich später Schlimmes von Egon erfuhr dacht ich auch O
wie gut wäre dirs Sohn der Himmel schüttete eine Schale über dich aus eine
Schale seines Zornes und du lerntest Demut durch äußere Dinge da sie nicht in
dir ist«
Was sagen Sie zu dieser Selbstqual unterbrach Rudhard den Vorleser
Siegbert fuhr ohne zu erwidern fort
»Ich schreibe an diesem Briefe schon den dritten Tag lieber Pfarrer Mein
Ende naht Ich fühle Das an jenem Pochen das nun schon oft bis ans Herz
reicht Ein Schlag dieses Klopfers der gut gezielt hat und ich bin nicht mehr
Ich habe inzwischen Manches angeordnet Der Fürst ehrte meinen Willen und lässt
die Verhältnisse Hohenbergs ein Jahr so geordnet wie sie sind wenn ich die
Augen schließe Auch die Einrichtung meiner Zimmer bleibt Dem Sohne empfahl ich
durch einige Zeilen die wohl die letzten sind die ich an ihn richtete wirklich
das Bild und sein Geheimnis Zugleich aber da meine Gedanken und Gefühle in
einen nimmer auszugleichenden Widerstreit geraten sind entschloss ich mich
über diese Papiere noch Einen zu Rate zu ziehen vor dem ich mich nicht scheuen
würde wenn er sie läse Ich suchte lange bis ich ein Wesen fand das mir
würdig schien Ich fand zuletzt einige Würdige Aber unter den Würdigen nur
Einen der nützlich weltlich und klug genug schien Sie Rudhard Dass Sie
leben weiß ich denn Ihren Tod würd ich in den Kirchenblättern die ich halte
erfahren haben Wollen Sie mir das Versprechen geben nach meinem Hingange aber
ich beschwöre Sie ohne Kenntnissnahme des Fürsten sich das Geheimnis jenes
Bildes zu verschaffen und selbst zu prüfen ob Egon diese Blätter lesen darf
oder nicht Ihnen entdeck ich mich weil ich weiß dass Sie schweigen wenn Sie
zu schweigen gelobt haben reden wenn Sie zu reden gelobten Sie werden aus
diesen Blättern erkennen warum ich Christus suchte Halten Sie sie schädlich
für Ihren Zögling der nach Allem was er über die Verläugnung seines Standes
und den Entschluss in Frankreich ewig als ein Arbeiter zu leben schreibt noch
treu an Ihnen und Ihren Principien hält so vernichten Sie sie Lassen Sie dann
meinen Sohn das Bild und nur ich nehme Ihr heiliges Wort mein Lieblingsbuch
den Thomas a Kempis darin finden Das ist meine Bitte Eilen Sie um jedem
Misbrauch zuvorzukommen Anliegend ein Wechsel für Ihre Reise Ihre Bemühungen«
»Wenn Sie mir schon in Ihrer umgehenden Antwort ein aufrichtiges Ja Ich
vollziehe diesen Auftrag zukommen lassen bestimm ich wie Ihre Mühe noch
ferner soll entschädigt werden Eilen Sie Einen Anfall wie den der verwichenen
Nacht überleb ich nicht Viel duldend aber freudig im Herrn Amanda Hohenberg«
Diesen Brief ergänzte Rudhard als Siegbert erschüttert schwieg erhielt
ich erst nach einem halben Jahre und wusste an dem Datum und einer in Odessa
gelesenen Zeitungsnotiz dass sie schon einige Tage nach Absendung desselben
gestorben war Ich gestehe Ihnen dass mein Eifer dem Vertrauen der Sterbenden
zu entsprechen nicht groß war
Sie waren in Odessa
Der Entfernung wegen nicht Die Donaudampfschiffe vermitteln das Schwarze
Meer mit Deutschland Die Summe die die Fürstin anwies war bedeutend
Diese großartige Anerkennung auf dem Sterbebette Sie fand in ihrem
Gedächtnis keinen Redlicheren als Den der ihre Ansichten nicht teilte dem sie
Übles getan hatte
Wohl Aber es empörte mich wieder dass sie gerade durch diese Analyse ihres
Weges wie sie zu Christus hätte kommen müssen sich vor mir rechtfertigen mich
vielleicht in ihrem Sinne bekehren wollte Ich sah die ganze Frau vor mir
Dieses Gemisch der freundlichsten Eigenschaften mit einer unglaublichen Menge
eitler unpraktischer confuser Vorstellungen Ich fühlte mich so erkältet durch
diese Widersprüche von ihr selbst die bis zum Rande des Grabes angedauert
hatten dass ich meiner Unentschlossenheit um so mehr nachgab als ich von Egon
gerade damals hörte dass er die communistischen Torheiten die er getrieben
hatte aufgab wohl wieder Fürst war und zu einer wahrhaft verlorenen Seele die
mir die bittersten Schmerzen schon gekostet hat zur Gräfin dAzimont in eine
jener Beziehungen trat die sich die verwerfliche Moral der höheren Stände wie
das Reinste und Edelste erlaubt Sagen Sie selbst ob ich tadelnswert handelte
indem ich den Ablauf des Jahres herankommen ließ ohne mich zu eifrig zu
bemühen
Ich weiß nicht entgegnete Siegbert ob ich an Ihrer Stelle mich beruhigt
hätte Die Geständnisse der Fürstin waren hoffentlich nur für den Handwerker
Egon bestimmt
Rechnen Sie noch Dies fuhr Rudhard fort dass ich erfuhr Egons Vater hätte
die ganze Einrichtung des Schlosses Hohenberg unter der Bedingung verkauft dass
von ihr nichts verändert würde bis zu seinem Tode dass ich ferner aus den
Nachrichten die wir in Odessa über die dAzimont hörten wusste Egon hätte
nicht die Absicht jemals Paris zu verlassen Fürst Wäsämskoi wollte eine Reise
hierher unternehmen und auf diese spart ich meine etwa noch mögliche Erfüllung
der mir zugemuteten Verpflichtung auf Der Fürst erkrankte aber auf einer
Dienstreise und starb Da bedenken Sie denn die Verwirrung in die eine mir
unendlich teure Familie geriet Bedenken Sie wie ich alle meine schwindenden
Kräfte zusammenraffen musste um diesen Verzweifelnden Stütze und Stab zu sein
Da gab es zu ordnen zu rechnen zu schreiben Die Reise hieher und ein
längerer Aufenthalt in dieser Stadt wurde der Kinder wegen beschlossen die hier
unterrichtet werden müssen wenn etwas von tieferer Bildung in diese
gutgearteten Seelen kommen soll Aber es verzögerte sich von Monat zu Monat
Endlich komme ich hier an höre von Egons Anwesenheit von Helene dAzimont
dass sie seit einigen Tagen hier ist Wir richteten uns vor dem Tore in einem
dort durch die Gesandtschaft schon bereit gehaltenen Gartenlogis ein und
Nun sagte Siegbert gespannt als Rudhard stockte
Nun wollt ich doch sehen ob es noch möglich ist eine vielleicht durch die
Gunst des Schicksals selbst verschobene Sache wieder aufzunehmen Ich besuchte
soeben das Palais des Prinzen höre von seiner Krankheit lerne einen Franzosen
kennen der mir ein so lebhaftes Interesse für den Prinzen für mich den er als
früheren Lehrer desselben schon kannte zu besitzen schien dass ich mich nicht
scheute ihn in das Geheimnis der Fürstin Amanda so weit tunlich einblicken
zu lassen Er sprach selbst von dem Bilde und nannte mir Sie und Ihren Bruder
als die zufälligen gegenwärtigen Besitzer desselben und da bin ich denn nun um
zu hören was Sie selbst von allen diesen Dingen halten und was Sie beschlossen
haben wie es damit ferner geschehen soll
Siegbert erhob sich ging mit einigen entschlossenen Schritten in das
Nebenzimmer und kam mit dem Bilde wieder
Da ist das Bild sagte er
Rudhard angenehm überrascht erkannte es sogleich als das der Fürstin in
jungen Jahren
Als er aber danach langen wollte hielt Siegbert seine Hand darauf und
Rudhard trat zurück
Siegbert sprach nichts und doch lag in seinem Blicke die beredtsamste
Verteidigung seines Vorentaltes
Sie haben Recht sagte Rudhard Ich kann keine Ansprüche darauf machen Auch
nur der Anblick der Fürstin überrascht mich Ich sehe die Spuren dieser
eigentümlichen Frau in meinem Gedächtnisse wieder wie lebendig auftauchen Die
Unglückliche kam schon krank nach Hohenberg und doch das schwärmerische
schmerzlichblickende Auge rührt mich Vergib mir liebe Frau ich habe einen
recht bitteren Groll gegen dich im Herzen gehabt du hast mir viel Leides
angetan vergib mir dass ich mich deinem Andenken nicht früher versöhnte und
deine dargebotene Hand ergriff Der Tod ist hart aber er ist nicht die Grenze
unseres Lebens Er soll nicht Alles ausgleichen Der Tod soll Charakter haben
wie das Leben Wann der Tod jede Tat des Lebens auslöschte stünde schon seit
Jahrtausenden die Geschichte still
Sie klagen sich an Herr Rudhard begann Siegbert indem Sie sich
rechtfertigen wollen Nach meinem Gefühle haben Sie allerdings das Recht
verwirkt die in diesem Geheimnis entaltenen Blätter zu lesen Aber eben wie
Sie eintraten fiel mein flüchtiger Blick in diese Papiere deren ganze
Geschichte ich erst von Ihnen erfahre und ich fühlte dass sie Schweres
Bedeutungsvolles enthalten
Der Geist der Fürstin Amanda ruft mir zu dass diese Blätter ungelesen
aufbewahrt bleiben sollten bis Sie kamen Ich würde Ihnen doch das Bild
geben wenn nur mein Bruder damit übereinstimmt
Ihr Bruder wiederholte Rudhard Er bot Siegberten die Hand und
betrachtete den jungen Mann voll Teilnahme Er erkannte in ihm eine jener
schwärmerischen Naturen die ihm nicht ganz sympathisch waren aber das
Ehrenhafte Würdevolle und Sanfte seiner Äußerungen gefiel ihm doch so
außerordentlich dass er eine wahre Liebe zu dem jungen Mann fasste
Nun wohlan sagte er Lassen Sie es von Ihrem Bruder dessen Ansprüche auf
das Bild ich nicht kenne abhängen Der Prinz wird hoffentlich genesen Ich
durchfliege dann die Blätter und auf den ersten Blick werd ich sehen ob ihm
diese Geständnisse einer bis übers Grab hinausgehenden Wahrheitsmanie oder die
Bücher des Thomas a Kempis nützlicher sind Zürnen Sie mir deswegen dass ich die
Bitte einer Sterbenden nicht sogleich erfüllte
Ja sagte Siegbert mit edler Offenherzigkeit die Rudhard anerkennen musste
Ich wäre nicht im Stande gewesen eine solche Bitte unausgeführt zu lassen
Werden Sie sechzig Jahre mein junger Freund antwortete Rudhard indem er
seinen Hut ergriff sehen Sie erst was Alles auf unser Urteil unsere
Willenskraft mit Zumutungen und Ansprüchen einstürmt und Sie werden zähe werden
im Erfüllen wie ich es bin Dieses Schwunges der Phantasie mich in Odessa von
allem mir Teuren loszureißen und eine Grille verkehrter Menschen auszuführen
war ich nicht fähig Verkehrt nenn ich dich arme Frau Vergib mir auch dies
Wort Ich mochte nicht in deine Falle gehen die noch nach funfzehnjähriger
Trennung mir gelegt wurde um mich zu bekehren Denn Das ist es lieber
Wildungen Was Sie auch auf flüchtigen Blick in diesen Papieren gefunden haben
mögen sie sind nur für mich berechnet für meine Erleuchtung für meine noch im
Tode von der Proselytin des Glaubens versuchte Erschütterung der eingebildeten
eigenen Vernunft
Siegbert schwieg über diese wohl zuweitgehende aber charakteristische
Vermutung eines starren Rationalisten und schloss das Bild in einen Schrank der
»Aula«
Nach einigen Worten die die neuen Bekannten über die Erklärung Dankmars
und den Ort des baldigen Wiederzusammentreffens gewechselt hatten sagte
Rudhard
Woher stammen Sie denn eigentlich Der Name Wildungen ist mir so geläufig
Er erinnert mich
Vielleicht an meinen Vater fiel Siegbert ein
Wildungen Wildungen sagte Rudhard Er war
Pfarrer in Taldüren und Angerode
Studirte aber mit mir glaub ich
Auf der Universität schwerlich sagte Siegbert Lebt er noch müsst er erst
ein Funfziger sein
Wohl Wohl sagte Rudhard Wildungen Sieh Es war mein Schüler Sieh
sieh mein Zeltgenosse contubernalis von dem Stifte her das uns bildete Im
schönen Saaltale bei Naumburg auf der Schulpforte wurden wir erzogen Ich war
Primaner und nach damaliger Sitte hatt ich jüngere Knaben unter meiner
Aufsicht Wildungen Ich entsinne mich Otto Wildungen
Otto Wildungen bestätigte Siegbert bewegt
Er war mein contubernalis sagte Rudhard Ich mochte sechs Jahre älter sein
als der kleine Quartaner der meiner Aufsicht anvertraut wurde Ich hatte deren
drei unter meiner Obhut In meinem alten akademischen Stammbuch hab ich von ihm
einen Denkspruch Als ich zur Universität ging schrieb mir jeder der Kleinen
etwas zur Erinnerung natürlich etwas was ich ihnen dictirte lateinisch oder
griechisch anders verewigte man sich damals nicht in den Stammbüchern von
Schulpforte in mein Album
Siegbert bezeugte eine große Neugier dies Erinnerungsblättchen an die
früheste Jugend seines Vaters zu lesen
Und als er gar noch vernommen hatte dass die beiden andern contubernales des
Primaners Rudhard Rodewald und Gelbsattel geheißen hatten wuchs seine Neugier
in dem Grade dass ihm Rudhard anbot ihn doch nun gleich zu begleiten und sich
die alte Reliquie anzusehen Siegbert schlug es aus da ihm doch die Sammlung
fehlte mit Jemandem der nicht ganz auf sein Innerstes gestimmt war jetzt zu
lang allein zu sein Er ließ sich genau von Rudhard die Wohnung der Fürstin
Wäsämskoi beschreiben und versprach ihm schon morgen über Das was sein Bruder
wegen des Bildes beschließen würde Bescheid zu geben
Rudhard ging mit den Worten
Ich freue mich nun doch dass ich dem Triebe folgen musste Etwas zu tun was
die auf mich abgesehene Bekehrungsmetode der Fürstin Amanda erleichterte Ich
habe Sie kennen gelernt einen Sohn meines kleinen Wildungen der so sinnig und
gut war Und der ruht nun auch schon Gelbsattel ist ein hochgestellter Papst
unsrer Kirche Rodewald nach dem Sie mich fragen scheint verschollen ich
verlor ihn ganz aus dem Gedächtnis Er war der Jüngste von Allen wild und
störrisch aber der Begabteste Und Sie sind nun Einer von unsrer jungen
Generation Ein Maler Neue Begriffe Neue Lebensanschauungen Auf eine Welt
versetzt in Zeitwirren aus denen wir bald erlöst sein werden Wir nämlich die
wir sie nicht mehr verstehen Ich bin nur über Eins froh dass die Menschen
offener und gerader werden Das ist noch das Beste von Dem was uns diese Tage
gebracht haben Das Übermaß von Freimut hat wenigstens das traurige Untermass
von früher die Heuchelei und das Kriechen entfernt Im Übrigen find ich mich
nicht mehr in dieser Zeit zurecht
Sie kommen freilich aus Russland sagte Siegbert lächelnd
Aber nicht aus Sibirien ergänzte Rudhard schon die Tür ergreifend In
Odessa friert der Verstand nicht ein und wo man das große allmächtige Meer
sieht das der menschlichen Dämme und Satzungen spottet da wird man niemals
Sklave Ja ja Des Meeres Anblick macht Alles gleich Aber Aber es lehrt
auch die ewige Grenze des Irdischen es lehrt uns Demut und Bescheidenheit Der
stolzeste Segler fährt zerschmettert an ein verstecktes Felsenriff Die
Menschen die der Natur und ihren großen Weihestunden entrückt sind bilden sich
zuviel ein auf ihre Pygmäenkraft Auf den Bergen wohnt die Freiheit Hast Recht
edler Schiller Aber am Meere wohnt die Beschränkung Leider liegen Paris Wien
und Berlin weder auf Bergen noch am Meere Der Dünkel des Flachlandes
beherrscht uns Die Täumerei der nackten Erdscholle die nur blauen Himmel um
und über sich sieht Die erfindet die Ideen die jetzt die Welt erlösen sollen
Ich verteidige Russland nicht ich achte die Menschenwürde Aber ein Land in
dem man schweigen muss lehrt uns denken Da wo man Alles sagen darf denken die
Menschen nicht mehr
Mit diesen Worten trat Rudhard an die Stiege bis zu deren Rande ihn
Siegbert begleitet hatte
Siegbert befand sich als er wieder allein war in einer eigenen Stimmung
Er hatte Merkwürdiges Überraschendes erfahren aber auch wieder eine Binde mehr
vor den Augen Diese Blätter die er eben hatte lesen wollen die ihn so
fesselten so reizten schlossen sich nun wie ein heiliges Geheimnis Er fiel
in die Wehmut über die Erfahrungen dieses Tages zurück Der Schmerz um
Melanie um den Bruder um Alles durchzuckte ihn
Dankmar kam nicht Bei jedem Geräusch hoffte er der Bruder würde eintreten
Er blieb aus
Siegbert fühlte das Leid des Bruders wie sein eigenes Beiden war eine lichte
rosige Wolke entflohen Beiden hatte derselbe Traum von Glück und Liebe
gelächelt Des Jünglings ringende Seele hat ja nur Eins was ihn ganz erfüllen
ganz und voll ergreifen kann die Liebe Alles Andre was sonst in sein Inneres
drängt ist ja noch unreif unfertig und bedarf tausendfacher Bestätigung durch
die Erfahrung und durch die unermessliche Bücherwelt Nur die Liebe bedarf keines
Buches sie liest die größten Schätze der Weisheit und der Wahrheit im Auge der
Geliebten Die Liebe bedarf keiner Prüfung sie sieht nur und glaubt ja und
vertraut Die Liebe bedarf der Erfahrung nicht denn sie liegt vom Anbeginn in
unsrem Herzen
Und diese Zauberkraft war Beiden plötzlich gelähmt Gelähmt Beiden durch
einen einzigen Schlag Beiden war nichts geblieben als das Bewusstsein ihrer
Unfertigkeit und vielleicht nie sich abschliessenden Vollendung Siegbert fühlte
es an sich was auch Dankmarn bewegen würde
Er sucht wie du jetzt sagte er sich die Fäden die ihn in die alte
gewohnte Auffassung seiner Mühen und Pflichten wieder zurückführen sollen Er
sucht wie du jetzt das in Kupfer verwandelte Gold seines Glückes in den Strom
des Vergessens zu werfen und steht am Ufer vielleicht in Tränen dem schweren
Falle nachhorchend Er bittet die Bäume vielleicht auf einsamer Wanderung ob
sie ihm den Namen der Geliebten nicht mehr zurufen würden um ihn zu quälen Er
bittet sie um mildernde Gedanken und Alles säuselt und rauscht doch vielleicht
nur das alte süße verlorne erträumte Glück Spare mir deinen Duft doch auf du
treuherzige vertrauliche Blume spar ihn mir auf ein künftiges Glück wenn ich
es finde Jetzt entlockt mir dein Gruß nur Tränen Die Sprache die du
sprichst darf ich ja nicht mehr verstehen
So durchbebte es Siegbert von Mitleid um den Bruder und um sich
Ja auch um sich Gibt es denn nicht ein Mitleid auch um sich selbst
Habt Ihr nie Tränen vergossen träumte Siegbert als er sich auf des
Bruders hartes Sopha streckte um Euch selber Nie geweint um die bitteren
Schläge des Schicksals die Euch trafen Nicht dass Ihr erlaget dass Ihr
unglücklich wart schmerzte Euch so tief Ihr hattet Kraft und Mut das
Widerwärtigste zu ertragen aber dass es kam dass es Euch gerade traf dass Ihr es
sein musstet denen das Füllhorn Fortunas immer und immer nur stachlichte Früchte
zuwarf dies Mitleid mit Euch selbst war Euch rührender als das Unglück selbst
Lebensfrohe hoffende glückberechtigte Jugend warum musst du weinen Stolzes
von Göttern geliebtes riesenkräftig arbeitendes Genie warum musst du leiden
Edler großer Wille warum musst du scheitern Warum du Warum du Diese bittere
Frage um Etwas Das deine Kraft längst stolz beantwortet hat Die ist es die an
deinem Herzen nagt und dein Gemüt verwundet
Siegbert war von seinem Kummer fortgerissen und so erfüllt von der
Vorstellung dass sein Bruder der ihn erst um neun Uhr bei jenem ihm plötzlich
sonderbarerweise so nahe gerückten Fritz Hackert in der unheimlich alten
verrufenen Brandgasse sehen wollte die Zeit bis dahin auf einer einsamen
Wanderung vor den Toren im Parke am Schlossteiche in den Alleen die zu den
Dörfern führten zubrächte dass er sich aufraffte und ihn dort suchen wollte
Es hatte sechs geschlagen Die Sonne warf freundliche Lichter Spaziergänger
suchten wie er die Tore Er flog nach der Gegend hin die ihm die stillste und
für den Kummer einladendste schien
In einer halben Stunde war er unter jenen Gärten und Villen die wir bei
Gelegenheit der Wohnungsangabe Paulinens von Harder kennen lernten Hier gab es
stille Plätze und enge Wege die hinaus ins Feld führten Kinder mit
Kornblumenkränzen begegneten ihm Liebende gaben sich hier hinter den Mauern der
Gärten ihre unbelauschten Stelldicheins Gelehrte setzten sich mit Büchern auf
eine einsame Bank und schöpften freie Atemzüge in ihre gebückte Brust
Hier siehst du sagte sich Siegbert den Bruder unter irgend einem
Lindenbaum Du kennst einen solchen dicht am Eingang in die Kornfelder Dort
sitzt er gewiss und denkt Warum ist Siegbert nicht bei dir und wir plaudern über
das Leben die Täuschungen der Herzen das allgemeine Ziel der Menschheit und
unser eigenes
So nachdenkend bemerkte Siegbert kaum dass er in dieselbe Gegend kam wo
ihm Rudhard gesagt hatte dass auch die Fürstin Wäsämskoi wohne
Wie erstaunte er als er an einem Spalier in einem kleinen Vorgarten
plötzlich wieder denselben strengen Mann mit einem Buche lesend fand umgeben
aber von zwei wunderschönen Kindern einem Knaben und einem Mädchen
Bald spielte der rüstige Greis mit den Kindern bald las er eine Stelle in
seinem Buche
Ein Teller voll Obst stand auf einem grünen Tische neben ihm Die Kinder
naschten und er stellte sich als sähe er es nicht
Wenn eins eine Kirsche ergriffen hatte fuhr er mit der Hand nach den
kleinen Dieben und diese freuten sich jubelnd ihn überlistet zu haben
Siegbert der Das so beobachtete wollte erst an dem Stacket vorüber und
wusste nun nicht ob er sich nicht lieber zurückziehen sollte Dem Besinnen über
seinen Entschluss blieb aber nicht viel Zeit denn Rudhard entdeckte ihn bei
einer Wendung die er um die Kirschendiebe zu haschen nehmen musste Er schien
sehr angenehm überrascht seinen eben verlassenen Bekannten schon wiederzufinden
und lud Siegbert ein jetzt nur gleich hereinzutreten Hier wohne er Dies
wären die jüngsten Kinder der Fürstin
Siegberten war es als wenn er zudringlich erscheinen könnte als wenn man
glauben müsste er hätte absichtlich schon jetzt diese Gegend aufgesucht Er war
in sichtlicher Verlegenheit
Aber Rudhard blieb dabei er müsse nun eintreten sein Zimmer seine Bücher
seine Sammlungen sehen
Wir haben uns eingerichtet sagte er hier ein paar Jahre zu bleiben
Wie er aber das fortgesetzte Sträuben Siegberts durch die Worte zu
widerlegen suchte Und mein Stammbuch aus Schulpforte Wie ists damit da
konnte Siegbert nicht widerstehen sondern trat durch die Pforte zur Wohnung der
Fürstin Wäsämskoi ein
Die von Gusseisen gefertigte Tür dröhnte gewaltig als sie hinter ihm durch
ihre Wucht von selbst zufiel
Vierzehntes Kapitel
Olga Wäsämskoi
Die kleinen Wäsämskois hießen Rurik und Paulowna sprachen deutsch und glichen
sicher mehr ihrer deutschen Mutter einer geborenen Adèle von Osteggen als ihrem
russischen Vater dem Knäs Wäsämskoi
Zutraulich machten sie die Bekanntschaft Siegberts von dem ihnen Rudhard
obgleich noch völlig unbekannt mit Siegberts Talent doch erzählte dass er ein
Maler wäre und herrliche Bilder machen könne
Gleich hatten sie ihm ihre eignen Versuche in dieser Kunst mitzuteilen und
versprachen ihm Proben zu zeigen
Siegbert fasste die kleine Paulowna an der Hand Rurik zog ja zerrte ihn
fast die Treppe hinauf in das Zimmer Rudhards den sie Papa nannten
Dies Zimmer war sehr traulich von der eben sinkenden Sonne beleuchtet und
obgleich erst seit kurzem bewohnt doch schon von Taback ziemlich eingeräuchert
Ich bin kein eleganter Hofmeister sagte Rudhard wie der moschusduftende
Monsieur Rafflard in Schmalelinken wo ich keine andere Unterhaltung als mein
Weib die Besuche aus Osteggen und den Taback hatte
Die Kinder ließ ihm keine Zeit seine eigene Einrichtung zu zeigen Alles
wussten sie genauer als Rudhard Sie schleppten Bücher Zeichnungen gestickte
Polster herbei um ihren Besuch zu unterhalten Ja es hätte nicht gefehlt sie
würden eine altmodische Stutzuhr heruntergeholt haben um ihm zu zeigen dass
daran in Bronze der Tod immer mit der Hippe aufklopfe wenn es eine neue Stunde
schlüge
Endlich hatte Rudhard unter Papieren kramend sein altes Stammbuch gefunden
und zeigte es Siegberten den teils die Kinder teils der anmutige Blick in
den Garten fesselten
Rudhard schlug in dem kleinen Buche mit altem abgestossenen Maroquinband die
vergilbten Blätter auf und zeigte Siegberten eins wo sein Vater recht mit einer
Knabenhand die Worte eingeschrieben hatte
Nemo ante mortem beatus In memoriam Ottonis Wildungen Portensis
Paulowna fragte wie das hieße und Rurik konnte schon so viel Latein dass er
auf Rudhards Aufforderung übersetzte
Niemand ist vor dem Tode glücklich Zur Erinnerung an Otto Wildungen
Bei Portensis stockte Rurik Rudhard musste es erklären und sagte
Das heißt Otto Wildungen ein fleißiger und sehr braver Schüler aus dem
berühmten alten Stifte zur Schulpforte
Rurik begriff nicht wie ein einziges Wort Portensis so viel ausdrücken
könne und wurde über die Vortrefflichkeit der alten Römersprache sehr
nachdenklich
Siegbert fühlte die Wahrheit dieses Spruches aus dem kummervollen Leben des
Vaters ergriffen genug nach Auf einem andern Blatte stand
Per aspera ad astra In memoriam Teophili Gelbsattel Portensis
Rurik übersetzte wieder streng schülerhaft
Durch Rauhes zu den Gestirnen Zur Erinnerung an
Gottlieb Gelbsattel ergänzte Rudhard
Heißt Portensis hier wieder ein fleißiger braver Schüler aus Schulpforte
fragte Rurik
Hier heißt es sagte Rudhard bloß Ein gut fortgekommener Schüler aus
Schulpforte
Rurik begriff diese neue Feinheit der Sprache nicht und übersetzte jetzt
ohne allen Kommentar das dritte Blatt von Heinrich Rodewald das so lautete
Nec the vestigia terrent In memoriam Henrici Rodewald Portensis
Und nicht dich Spuren schrecken Was heißt Das sagte der Knabe
Rudhard antwortete
Dieser Spruch ist schwer mein Sohn für einen Knaben zu begreifen und noch
unglaublicher wie man ihn als Knabe schon zum Denkspruch wählen konnte Sicher
hatte ein Lehrer diesen Spruch erläutert und für den wilden unternehmenden
Rodewald passte er wohl Dich erschrecken nicht heißt Das die Folgen deiner und
fremder Handlungen Ein trotziges Wort Und doch gefällt es mir wenn es der
Mutige und der Tugendhafte sagt
Siegbert mochte nicht hinzufügen dass es hier der Tugendhafte nicht gesagt
hätte Dennoch musste er erstaunen wie im Bruder seiner Mutter schon so früh
sich diese Sicherheit der eigenen moralischen Verantwortlichkeit ausgesprochen
hatte Nec the vestigia terrent Und Spuren ob eigne oder fremde Folgen oder
Gefahren schrecken dich nicht
Rudhard ergriff die Feder und sagte
Zu Ihrem Vater aber muss ich ein Kreuz setzen zum Zeichen dass er dahin ist
Niemand ist vor dem Tode glücklich Wann fand der Gute sein Glück
Siegbert nahm ihm die Feder ab und schrieb in bewegter Stimmung den
schmerzlichen Todestag des Vaters hin Unwillkürlich malte er dann das bei allen
Verstorbenen stehende Kreuz so wie es zu ihrer Familiengeschichte gehörte mit
dem vierblättrigen Kleeblatt Dazu schlug die merkwürdige alte Uhr über ihnen
eben sieben und der Sensenmann schwang richtig siebenmal seine Hippe
Die Form des Kreuzes fiel Rudhard auf Doch unterließ es Siegbert ihm
weitere Aufklärungen zu geben weil der kleine Rurik durch die Devise Niemand
ist vor dem Tode glücklich auf das Auskramen seiner kleinen Weisheit geriet
Er wusste nämlich dass diese Worte der weise Solon zum reichen Krösus gesagt
haben soll als ihm dieser seine Schätze zeigte Rudhard ermunterte ihn diese
hübsche Geschichte seiner Schwester Paulowna zu erzählen Er wollte ihn
vorläufig los sein
Indem Rurik sich dazu mit vielfachen Selbstberichtigungen und Wendungen
Nein so wars oder so in Atem setzte bemerkte Siegbert dass sich die
Gesellschaft des nicht zu geräumigen Zimmers um eine Person vergrößert hatte
Ganz leise und von ihm wenigstens unbemerkt war während des Blätterns in dem
alten Schulpforter Stammbuche ein junges Mädchen von eigentümlichem Wesen
eingetreten und hatte sich ohne Gruß ohne Anteil zu bezeugen ohne ein Wort zu
sprechen hinter Rudhard gestellt und den Erläuterungen der einzelnen Blätter
zugehört
Sie war älter als Rurik der etwa zwölf Jahre zählen mochte Paulowna
schien deren erst acht zu haben Dennoch hatte sie etwas was hinter ihren
Jahren zurück war und plötzlich wieder etwas was ihnen weit voraus schien Sie
war nicht groß diese zarte Gestalt von einer durchsichtigen weißen Haut Der
Kopf war entschieden russischnational Die Augen mehr länglich als rund aber
sanft mit langen schwarzen Wimpern beschattet die Lippen voll und schwellend
aber etwas bleich Die Form des Gesichtes sehr rund die Nase zart aber mehr
stumpf als regelmäßig schön die Augen blau ruhig tief und klar oder doch nur
so unheimlich wie ein zu stiller See von dem man nicht weiß wo er das frische
Quellwasser das in ihm rinnt hernimmt durch welche unterirdische Schleuse er
mit größeren unbekannten geheimnisvollen Gewässern zusammenhängt Das starke
pechschwarze glänzende Haar war vorn im Scheitel und hing in den Nacken in zwei
dick geflochtenen Zöpfen herab Dass dies Mädchen noch feine battistene
Spitzenpantalons trug war fast eine Anomalie und doch war bei allem Ernst ihres
Wesens bei aller Reife des Blickes der ganze Eindruck unbestimmt ja auf
Augenblicke völlig kindlich
Wie Siegbert diese stillgekommene Vermehrung der Gesellschaft bemerkte
sagte Rudhard zur Vorstellung die einfachen kurzen Worte
Meine liebe Olga Die Schwester meines guten Rurik der so gut aus dem
Herodot zu erzählen weiß den er binnen zwei Jahren hoffentlich im Urtext liest
Der junge Maler von dem ich der Mutter vorhin erzählte Herr Wildungen
Olga Wäsämskoi achtete wenig auf diese etwas förmlichen Worte sondern sah
fast tot und kalt in das Stammbuch das Rudhard eben weggelegt hatte Sie
betrachtete das Kreuz das Siegbert gezeichnet und schien dabei fast ohne allen
Anteil fast ganz apatisch
Siegbert befremdet über diese Art hielt Olga mit Recht für stolz und
besann sich dass sie nach russischem oder französischem Sprachgebrauch eine
Prinzessin war
Wir müssen in den Garten gehen Sie müssen die Mutter dieser guten Kinder
kennen lernen begann nun Rudhard
Siegbert entschuldigte sich und wies auf seine Kleider
Olga hob den Blick vom Stammbuche auf stellte sich rückwärts ans Fenster
und betrachtete Siegbert mit einem Blicke dessen Ruhe ihm wahrhaft
unbegreiflich war Noch hatte sie kein Wort gesprochen nicht das mindeste
Interesse verraten und doch setzte sie ihn durch diese Art ihn zu fixiren
fast in Verlegenheit
Rudhard lachte aber über Siegberts Bedenklichkeiten wegen der Kleidung
In ein so förmliches Haus sagte er sind Sie hier nicht gekommen Unsere
Jäger und Haiducken ließ wir in Odessa Wir brachten nur uns selbst mit
Menschen ohne Ansprüche die hier leben wollen um zu lernen einsammeln für die
Misjahre die in Russland genug noch kommen werden Begleiten Sie uns nur in den
Garten Sie sollen uns noch manchen Rat geben Ja ja wir halten diese
Bekanntschaft fest
Die Kinder hüpften voraus Olga blieb zurück und folgte Rudhard und
Siegberten nur in gemessener Entfernung Man trat aus dem Hause und bemerkte
leider dass ein Wagen vorgefahren war der der Fürstin wohl einen Besuch gebracht
hatte Siegbert entdeckte zur Mehrung seiner Verlegenheit sogar einen Bedienten
in Hoflivree
Wir lustwandeln etwas im Garten sagte Rudhard als ihm ein Diener der
Fürstin gesagt hatte die Oberhofmeisterin von Altenwyl wäre bei der Herrschaft
Der Diener sprach diese Meldung aus wie wenn es sich um das Gewöhnlichste
handelte Ein seltsamer Gegensatz zu Siegberts Empfindung der die hohe
Bedeutung dieser Frau Gräfin von Altenwyl vollkommen kannte Man ließ nun um
die Seitenfront biegend die hintere Front des Hauses liegen Hier gerade in der
Nähe eines grünen Rasens und eines Akazienbaumes dicht an der mit wildem Wein
bezogenen Wand des Hauses saß die Fürstin mit weiblichen Handarbeiten
beschäftigt auf einem Gartenstuhl vor einem einfachen ländlichen Tische auf dem
bunte Wolle zu Stickereien gemalte Muster angefangene Teppiche ausgebreitet
lagen Hier hatte die Fürstin eben die Gräfin von Altenwyl empfangen
Die Kinder wurden natürlich herbeigerufen um der Gräfin einer Freundin der
verstorbenen Mutter der Fürstin vorgestellt zu werden
Die Kleinen trennten sich ungern von Siegbert den Rurik und Paulowna schon
an der Hand gefasst hatten um ihm ihre großen Pläne und Anlagen zu zeigen die
sie im Garten anzuwühlen denn das war der beste Ausdruck dafür im Sinne
hatten
Rudhard der ein schwarzes Sammetkäppchen aufsetzte grüßte im Vorübergehen
leicht Siegbert zog den Hut mit schuldiger Ehrerbietung und bemerkte dass die
Fürstin noch jung war klein und zart und von einer Weiße der Haut die von der
Trauer die sie noch trug in einer dem Auge sehr wohltuenden Art abstach
Als Rudhard und Siegbert allein waren sagte jener
Diese Unmasse von Besuchen die auf uns einstürmen sind die lästige Seite
unsres hiesigen Aufenthaltes Und das Kennenlernen von Menschen ginge noch da
es lehrreich ist Aber Jeder will noch mehr als nur seine Person zeigen oder
die unsrige erforschen Man bietet sich zu hunderterlei Liebesdiensten an die
im Grunde keinen andern Sinn haben als sich in seiner Macht seinem Einflusse
und leider auch in seinen falschen Lebensauffassungen zu zeigen Da werden
Bedürfnisse geweckt die uns früher fremd waren Meinungen Unternehmungen sogar
werden als sich von selbst verstehend vorausgesetzt die wir weder kennen noch
uns an ihnen zu beteiligen Verlangen tragen Da hab ich meine Not im
Widerlegen im Entferntalten Glauben Sie mir Das was man die Gesellschaft
nennt ist der anmassendste Tyrann den man sich nur denken kann Er nimmt die
Menschen gefangen wider ihren Willen und bildet sie ohne dass sie seine
Berechtigung dazu anerkennen wollen
Der Eindruck dieser großen Stadt bemerkte Siegbert wird um so gefährlicher
sein als mir die Fürstin noch jung scheint und unmöglich zu den schon
abgeschlossenen Charakteren gehören kann
Sie zählt doch sagte Rudhard schon etwa sechs und dreißig Jahre während
Helene die Gräfin dAzimont etwa erst im dreissigsten steht Sie haben Recht
wenn Sie andeuten dass dies für die Frauen gefährliche Altersstufen sind Diese
und die erste zarteste Entwickelung der Jungfrau Die Knospe hat eine mächtig
überschwengliche Vorstellung von der Seligkeit ihrer künftigen Blüte und lacht
ihrer Zukunft mit zitternder Ungeduld entgegen
Und die schon volle Rose die dem Entblättern nahe ist die sträubt sich
dann auch noch gegen ihren Verfall Eine Frau in diesen Jahren weiß dass es nun
die Zeit des Abschieds ist dass Das was ihr bis dahin nicht geblüht hat nie
mehr blühen wird und so erlebt man oft dass die edelsten und besten Charaktere
von diesem Alter wahrhaft beunruhigt werden und in die gefährlichsten
Schwankungen geraten
Glauben Sie dass bei der Gräfin dAzimont dies der Fall war fragte
Siegbert den die vereinzelten Andeutungen die er schon über diese Frau
empfangen hatte doch interessirten
Helene dAzimont sagte Rudhard war ein liebes sanftes Kind Als ich sie in
Osteggen kennen lernte schloss sie sich mir mit wahrer Zärtlichkeit an inniger
fast als ihre ältere eben sich verlobende Schwester Adele Sie war damals
dreizehn oder vierzehn Jahre alt In Odessa versank Helene fast in eine stille
Traurigkeit Sie fand sich in der neuen Welt nicht zurecht geriet in ein
dumpfes Brüten und wurde träg Ich wollte sie durch die Bildung anspornen aber
sie trug wahrhaft schwer unter der Last der Dinge die sie lernen sollte Da hat
man denn gern zugegeben dass ein von der französischen Regierung mit Aufträgen
für Konstantinopel reisender Diplomat sie mit sich nahm Es war ein fröhlicher
Gesell nicht mehr jung dieser Graf dAzimont er fand gerade an der rein
physischen Schwere des Mädchens Interesse was ich mir aus sinnlichen Gründen
wohl erklären kann Denn es mag einen eigenen Reiz gewähren ein solches Träumen
durch die Liebe zum Bewusstsein zu bringen und das schlummernde Phlegma zu
beleben Man ließ Helene mit banger Besorgnis ziehen Sie ging schon fröhlich
schon fast ausgelassen DAzimont hatte sich nicht geirrt Sein feiner Blick
hatte wohl herausgefunden dass ein solches Wesen eigentümlich beglücken kann
Freilich hat das durch die Sinnlichkeit geweckte Glück keinen Bestand Bot ihr
der blasirte Mann keinen Halt oder mussten sich die versteckten vulkanischen
Elemente gewaltsam Bahn brechen wir erfuhren dass sie erst auf die
wunderlichsten excentrischen Einfälle geriet sich wie eine Verschwenderin
gebehrdete und jeder Grille kindisches Gehör gab Alles Das war nur das Vorspiel
Dessen was dann erfolgte Der Ehebruch versteckte sich hinter dem Namen der
Liaisons Wir hatten manchen Namen nennen hören der mit ihr wie man es nennt
liirt war bis sogar Egons mir nur knabenhaft erinnerliche Gestalt in diesem
trüben Nebel auftauchte was mir denn wie Sie wissen doppelt wehe tat
Diese Liebe soll aber von seiner Seite nicht mit gleicher Neigung erwidert
werden bemerkte Siegbert
Doch wohl sagte Rudhard Wie wäre sie sonst ihm nachgereist Ihre
Schwiegereltern sollen empört sein Graf dAzimont droht mit einer Ehescheidung
und Enterbung Es ist Dies ein Umstand der mir im Interesse der Kinder Adelens
nicht gleichgültig ist Fürst Wäsämskoi war nicht reich Es wäre seinen Kindern
wohl zu wünschen dass die Tante die durch dAzimonts Tod er soll sich
physisch ruinirt haben ein großes Vermögen erwerben kann es nicht durch ihren
Leichtsinn verscherzt Da sie der Zufall hierher führte mit uns in eine und
dieselbe Stadt so werd ich mich durch die gereizte Stimmung die zwischen den
Schwestern herrscht nicht irre machen lassen auf irgend eine Art in diese
Angelegenheiten einzugreifen Ich habe dazu die Vollmacht des Herzens und der
auf mich vererbten väterlichen Sorgfalt des braven Wäsämskoi und der Autorität
der alten Baronin von Osteggen die ein Juwel von einer Mutter war
Rudhard geriet über diese seine eigenen Worte so in Feuer dass er
innehalten musste um sich zu erholen
Siegbert fühlte wie groß das Vertrauen war das ihm dieser sonst so
besonnene strenge Mann dem selbst seine Scherze nicht ganz harmlos entglitten
schenkte Er wollte ohnehin gedrückt und fast unfähig nachzudenken noch von
innerem Schmerze es nicht misbrauchen und fing von dem Garten an der zwar
nicht sehr kunstvoll und sorgsam angelegt doch von manchen Naturreizen
verschönert war Ein Gärtner war schon in Tätigkeit Manches zu verbessern Es
wurde gepflanzt und gesäet um für die Zukunft noch mehr Bereicherungen der
Gartenzier zu gewinnen
Unter einem Spalier von Weinreben hinschreitend das von zwei Seiten her zu
einem gewölbten Dache zusammengezogen werden sollte begann Rudhard von dem
Plane den Kindern eine systematische Erziehung zu geben in der auch Musik und
Malerei nicht fehlen dürften
Reiten schießen schwimmen können wir sagte er selbst Olga reitet wie
eine Amazone Heute erst wieder soll sie gegen mein Wissen auf einer Manège
tolle Streiche gemacht haben Aber die Hauptsache muss jetzt kommen die edlere
Bildung
Siegbert wurde dann von ihm förmlich angegangen ob er nicht den
Zeichnenunterricht selbst übernehmen wollte Wie er noch darüber nachsann ob er
wohl Geduld genug besäße so tief zu den unteren Elementen seiner Kunst
hinabzusteigen wandten die beiden Spaziergänger in einen Gang der sich in
einem Blumenrunde endete das der Mittelpunkt mehrerer strahlenförmig hierher
geführter Wege war Noch die Schwierigkeiten solcher Unternehmungen erörternd
trafen sie in dem Blumenrunde an einem hohen Rosenstrauche von weißen Rosen
wiederum Olga die ihnen den Rücken kehrte und sie doch zu erwarten schien
Sie hatte sie kommen sehen sich dann an den Rosenstrauch gestellt und beugte
die Blumen zu sich herab als hätte sie in ihren Kelchen etwas zu suchen und zu
forschen
Wie Rudhard an ihr vorüberging strich er nur leise mit der Hand über die
festangezogenen Scheitel ihres schwarzen Haares und sagte ohne sich weiter
aufzuhalten nichts als
Olga suchst du aus Langeweile Marienwürmchen Oder Was
Olga sagte nichts auf dies scharfe absichtliche Wort blickte auch nicht um
sich erst als beide Männer vorüber waren bemerkte Siegbert durch einen
Seitenblick dass sie sich umwandte und ihm nachsah Kaum begegnete sein Blick
dem ihrigen als sie wahrscheinlich in einem plötzlichen Anfall kindischer
Verlegenheit so behend wie ein flüchtiges Reh auf und davon rannte
Das Fliegen der langen Zöpfe bot einen fast komischen Anblick
Das ist ein eigenes Wesen sagte Siegbert
Eine Träumerin bemerkte Rudhard lächelnd Und wenn ich nicht wüsste dass sie
an dem traurigen Übel junger Mädchen der Bleichsucht litte würd ich fast in
Angst geraten sie hätte mir zu viel Ähnlichkeit mit ihrer Tante dAzimont Nur
das schmiegsame zärtliche liebevolle Wesen Helenens ich möchte sagen ihre
deutsche Natur hat sie nicht Das ist eine Russin Das Ebenbild ihres Vaters
Eine fast immer ruhige Gemütlichkeit ohne die angenehmen Worte dafür zu haben
und plötzlich doch wenn etwas gerade ihrem Sinne widerstrebt eine Wildheit
dass man das stille Mädchen nicht wieder erkennt Sie sollten Sie zu Pferde
sehen Wenn es ihr einfällt sich auf das Dach des Hauses zu setzen so klettert
sie hinauf und ebenso langmütig und geduldig vollzieht sie wieder Alles was
man ihr aufträgt In Rurik und Paulowna herrscht Überlegung in Olga nur der
Instinkt Wohin sich noch ihre ganze Art werfen wird ist jetzt schwer zu sagen
Sie ist in der Entwickelungszeit und muss geschont werden Von Lernen festem
Einprägen Nachdenken ist nicht viel die Rede Was sie weiß muss sie sich selbst
auffinden oder durch eine Art connexer innerer Anschauung gewinnen Doch hat sie
Anlage für mechanische Fertigkeiten und gern hätt ichs wenn Sie das kleine
Talent zum Zeichnen das sie schon verriet vervollkommneten Ein Jahr lang
geht Das wohl noch ohne Gefahr für zwei so junge Herzen wie in Ihnen schlagen
Nicht wahr
Siegbert wurde fast rot über diese Äußerung und konnte jetzt vollends zu
keinem Entschlusse kommen Glücklicherweise schnitten die kleineren Geschwister
seine Verlegenheit durch die im vollen Galopp überbrachte Aufforderung ab die
Herren sollten doch Beide zum Tee kommen
Sollen kommen rief Rudhard
Dürften schrie Rurik
Müssten verbesserte Paulowna
Weder dürften noch müssten noch sollten sagte Rudhard Ihr habt in uns
keine Leibeigenen vor Euch und auch Denen würde man sagen sie möchten kommen
wenns ihnen gefällig wäre Verstanden So wird es wohl auch die Mutter
ausgerichtet haben
Sollten Dürften Müssten Möchten rief der humoristische Rurik und fasste
mit Paulowna Siegberten an beiden Armen und Beide zogen ihn so fort dass er fast
nur laufend ihnen folgen konnte
Die Fürstin die sich bei ihrer Annäherung freundlich erhob begrüßte den
fremden jungen Mann mit den leisen Worten die sie in der eigentümlichen
kurländischen Betonung sprach
Sie sehen schon da mein Herr wie gern Sie aufgenommen sind
Die Gräfin Altenwyl warf einen flüchtigen strengprüfenden aber nicht
unfreundlichen Blick auf Siegbert und den nach ihm an die wilde Rebenwand
tretenden Rudhard
Die Oberhofmeisterin der Königin Gräfin von Altenwyl schien im Sitzen eine
Gestalt mittleren Wuchses Sie hatte durch ihre etwas runden Formen und eine
leichte Korpulenz etwas frauenhaft Wohlwollendes Im Auge aber lag viel
Zurückhaltung und ein leiser Anflug von Mistrauen das wohl durch ihre schwierige
Stellung entschuldigt war Sie war in reichen Stoffen aber durchaus wie
unscheinbar gekleidet Graue Farben waren fast wie absichtlich gewählt Der
durchbrochene Hut war mit dem unkleidsamsten dunkelbraunen Seidenband
durchzogen Sie wollte einfach höchst einfach und nur einfach sein
Während ein Bedienter Tee darbot konnte Siegbert die Fürstin genauer
betrachten als vorhin bei der flüchtigen Begrüßung
Sie hatte die Züge ihrer jüngsten Kinder war von mittlerer Gestalt und
nicht eben auffallend durch irgend eine hervorstechende Schönheit Sie schien
noch außerordentlich vom Todesfall ihres Mannes und der Reise angegriffen und
sprach mit sehr gedämpfter Stimme Ihre Augen verrieten nicht gerade Geist
Auch ihr Wohlwollen schien mehr eine Art beflissener Geschäftigkeit als der
starke Drang eines vollen überquellenden Herzens
Man sprach von unbedeutenden Dingen von dem Residenzleben dieser
Ansiedelung der Furcht vor dem Winter erst die Kinder brachten durch ihre
Naivetät Frische Rudhard durch seine trockenen Bemerkungen Gedanken in das
Gespräch
Die Gräfin Altenwyl dieser von Pauline von Harder so gefürchtete Erzengel
Michael mit dem flammenden Hüterschwert am Eingang der »kleinen Zirkel« blieb
fast immer still wie eine Frau die sich nicht auslässt wo sie sich nicht auf
sicherem Terrain weiß Sie forschte zuweilen flüchtig im Auge Siegberts
zuweilen warf sie einen Blick auf Rudhard hinüber dessen Stellung im Hause ihr
nicht ganz in der Ordnung zu sein schien Sie verriet dass sie an einen
passenden Moment dachte sich zu empfehlen
Ein schlimmer Beobachter wie etwa Leidenfrost oder Pauline von Harder hätte
gewiss gesagt Die da ist das ganze Prinzip unseres Hofes nämlich so viel Null
wie möglich zu sein
Man begriff hier den Schmerz Paulinens unmöglich in jene kleinen Zirkel zu
dringen die von so negativen forschenden und immer nur ablehnenden Naturen
wie diese Altenwyl gehütet wurden
Rudhard brachte sogleich die Malerei und die Kunst auf das Tapet
Auch die Fürstin Adèle malte Blumen wenigstens und Käfer wie sie sagte
Siegberts Äußerung dass sie dann glücklicherweise ganz in derjenigen
Malerei sich übe welche wie er gehört hätte in Russland neben dem Portrait und
der Landschaft am meisten getrieben würde Genre und Historie wären ja wohl
von Obenher nicht einmal gern gesehen Diese Äußerung war eigentlich in
solchem Kreise furchtbar gewagt und von unserm guten jungen Freunde fast ein
wenig taktlos
Siegbert fühlte auch sogleich an dem Eindruck den sie hervorrief dass er in
solcher Umgebung einen gewaltigen Schnitzer gegen die Schicklichkeit begangen
hätte
Dass die Fürstin schwieg dass die Oberhofmeisterin ihn jetzt noch schärfer
und strenger mit ihren stummen Blicken examinirte war ihm begreiflich Dass aber
auch Rudhard etwas die Stirn runzelte und dieser klare durchgebildete Mann der
Anwalt russischer Regierungsmaximen sein konnte erfüllte ihn mit Befremden
Indessen sammelte er sich rasch und lenkte auf einige russische Bilder ein die
er sehr rühmte besonders einige gewaltige Städteprospecte die in
Mondscheinbeleuchtung Alles wiedergäben was man nur von einem Zweige der
Malerei der freilich zu sehr an die Decorationsmalerei der Panoramen erinnerte
erwarten könne
Die Oberhofmeisterin wusste auch sogleich den Namen jenes russischen
Künstlers zu nennen auf den Siegbert anspielte
Sein höfliches Ganz recht erwärmte ein wenig wieder die gestörte
reciproque Stimmung
Die Altenwyl hatte nun etwas gewusst und glaubte dass Dies ein richtiger
Moment war der sich zum Abschiednehmen eignete und von ihr eine gute Wirkung
zurückließ
Schon hatte sie sich erhoben als der Bediente eintrat und einen eben
angefahrenen ferneren Besuch meldete
Frau Landrätin von Harder hieß es
Von Harder Harder sagte die Fürstin
Wie die Oberhofmeisterin diesen Namen hörte sagte sie
Doch nicht Pauline von Harder
Die Schwiegertochter des Obertribunalpräsidenten eine geborene Marschalk
Meine Mutter hat einst Viel von ihr gesprochen Ich bin sehr erfreut
Der Bediente ging nach diesen Worten der Fürstin die sich besonnen hatte
Die Oberhofmeisterin geriet in große Unruhe
Ja ja sagte sie beide Harders sind Schwiegertöchter aber ich hoffe
die Landrätin von Harder hieß es
O wenn es jene Harder wäre fuhr die Altenwyl fort jene Harder die jetzt
in Tempelheide wohnt nicht die Geheimrätin Pauline von Harder so wäre sie zu
lebhaft gespannt Sie hätte des Schönsten und Gediegensten so Vieles von dieser
Anna von Harder gehört dass sie bleiben müsse um sie endlich einmal von
Angesicht zu sehen Sie würde mit dieser »Entrerevue« dem Hofe und den kleinen
Cirkeln ja die größte unverhoffteste Freude machen
Die Fürstin war wahrhaft glücklich Veranlassung einer so nützlichen
Begegnung zu sein bei deren Wiedererzählung doch am Hofe schon vor der
Vorstellung ihrer in Güte gedacht werden müsse
Siegbert fühlte wohl dass er nun hätte gehen müssen aber der Gedanke Das
ist ja sicher die gute liebe Dame die dir vor noch nicht acht Tagen den Becher
mit Wein zur Erquickung in der heißen Sonnenhitze schickte die Dame die dich
mit Hackert zusammenführte und heut Abend noch die Veranlassung seiner
Erklärungen sein wird fesselte ihn
Er war nun schlau genug sich den Kindern notwendig zu machen und sich
durch diese zum Bleiben gleichsam nötigen und zwingen zu lassen Zu dem kleinen
Zirkel der durch das dampfende Teecomfort den inzwischen gedeckten Tisch die
Bedienung endlich die Kinder etwas gar Wohnliches und Trauliches bekommen
hatte trat jetzt die angemeldete Dame
Funfzehntes Kapitel
Ein Äolsharfenton
Würde der Frauen Du lehrst die ewige Schönheit der Seele und die tiefe Wahrheit
eines reinen kindlichen Herzens Vergänglicher Reiz äußerer Formen Dauernd
verdunkeln dich das fleckenlose reine Gemüt Liebe Entsagung und das
unverdrossene treue Walten der Mühe
Die Mühe Ach Das ist der Schauplatz der kleinen Kammer wo ein gutes
Frauenherz sich ewige Kronen erwirbt Die Mühe nicht die Gesinnung allein nur
adelt ihre Seele Die Mühe Von dem ersten Liebesdienst einer Schwester
gewidmet der Sorge und Pflege ihrer jüngeren Brüder und Schwestern von dem
ersten Pflegamte bei einem kranken Vater einer leidenden Mutter welche
Stufenleiter edler Mühewaltung und schmerzverklärter Frauenwürde
Mühe Diese Freudigkeit des Gebens des Entsagens des Opferns Dies volle
nicht überströmende nicht darbende sondern gerade richtige Maß der erfüllten
Herzenspflicht Wo umstrahlt ein edles Weib die reinste Glorie ihrer Bestimmung
als in der engen Klause wo ein Mutterherz die ersten Pflichten seiner
göttlichen Sendung an ihrem Kind erfüllt Hülflos liegt der Säugling in ihrem
Arm die stille Nacht hallt von dem Schmerzensschrei des seit wenig Wochen erst
geborenen Kindes die Ungeduld der Umgebungen selbst die schnell ermüdete Liebe
des Vaters weiß nicht zu helfen Die Mutter aber harrt aus vergisst den
Schlaf versucht alle Beschwichtigungen der Schmerzen des noch mit seinem
Pflanzenleben ringenden kleinen Wurmes der Mutter ist dieser Wurm ein Hälmchen
das mit dem Sonnenschein der Liebe aufwachsen wird zum Allgemeinen und Ganzen
sie sieht schon Bewusstsein in dieser kleinen unreifen Bildung sie hört schon
eine Sprache in diesen Wehklagen sie gibt diesem glimmenden Fünkchen den ganzen
Hauch ihres eignen nach Freude doch so begierigen aber nun entsagenden jungen
Lebens um ihn anzufachen zu einem flackernden starken Lichte
Und wenn es erlischt Diese Prüfung traf Tausende und an keinem Weibe ging
in dieser oder anderer Form ganz die Mahnung ihres Berufes vorüber aber die
verklärende Abendsonne des Schmerzes blieb doch nur bei Wenigen im vollen Glanze
abgedrückt Wie bald erkennst du Die heraus aus dem Haufen die ihr Leid für die
Welt bald begruben und wieder fröhlich wurden Wie schwer Die die es ewig leben
ließ in ihrem Herzen Sanfte Seelen die ihr wohl noch lächelt wohl noch unter
den Menschen wandelt noch die Pflichten eures Berufes erfüllt und doch wie in
den Lüften schwebt und uns erscheint wie die Sendboten der Ewigen
Anna von Harder war eine Gestalt mehr groß als selbst Mittelfigur
Die Züge des Antlitzes waren sicher einst schön jetzt waren sie verfallen
von Leid durchfurcht in den Augen lag etwas Bittendes etwas Wehmütiges
Dennoch war ein schönes Lächeln diesen ernsten Zügen geblieben Die
unversehrten blendendsten Zähne mit dem ihre Gesundheit bezeugenden leichten
gelblichen Schimmer hoben dann die lächelnden Mienen und ließ sie noch
anmutig erscheinen wobei sie weit entfernt war von dem Fehler derjenigen
Menschen denen die Natur den schönsten Schmuck Zähne von Elfenbein gab dass
sie mehr lächelte als es in der Welt zu lächeln gibt Sie brauchte diese
Wirkung der Schönheit die Andere immer brauchen fast zu selten Wenn Anna von
Harder lächelte war es als fühlte sie sich von der Wirkung ihres schönen
Mundes überrascht und als täte sie es ungern Sie lächelte aus Milde und
Wohlwollen nie weil sie wusste dass es ihr schön stand
Die edle Frau war auch in Haltung und Toilette nicht von jener Einfachheit
die im Einfachen etwas sucht wie die Altenwyl bei der durch ihre grauen und
braunen Farben auf schweren Kleiderstoffen ein anspruchsvolles Prinzip
ausgedrückt wurde Sie drückte durch ihr Äußeres nichts aus als ihr einfaches
Bedürfnis und ihren natürlichen Geschmack Nicht einmal mit einer grauen Locke
deren sie die Fülle hatte tat sie schön wie so manche junge Matrone die ihr
graues Haar so nahe an ihr noch heißes Auge bringt dass man vor den »Flammen im
Schnee« erschrecken möchte Anna von Harder hätte recht gern noch einen
natürlichen schwarzen Scheitel auf der Stirn getragen und versteckte lieber ihre
grauen Locken durch den niedergedrückten und innen besetzten Hut Warum seinen
Winter zeigen in einer Welt die des Frühlings bedarf um weltglücklich zu sein
Es gibt eine Diskretion des Alters gegen die Jugend die nur ganz zarten Naturen
eigen ist
Was auch die Altenwyl von einem bescheidenen und doch bedeutenden Eindruck
erwartete sie konnte nicht getäuscht sein Anna von Harder war eine
Erscheinung die eben dadurch wirkte dass sie von ihrem Effekte keinen Vorteil
zog und sich gab in der völligen Unschuld einer reinen Seele
Sie umarmte die ihr ganz unbekannte und nur durch ihre Mutter nahegerückte
Fürstin und drückte sie zärtlich an ihr Herz
Dass ihr eine Träne ins Auge trat während die Augen der Altenwyl trocken
geblieben waren als sie die Tochter der Baronin Osteggen sah die mit ihr einst
so viele Briefe gewechselt hatte wer verdachte es ihr wenn man wusste dass sie
ihre einzige Tochter durch ein sonderbares Schicksal so gut wie für immer
verloren und nie wieder gesehen hatte
Mit stummer Rührung nahm sie auch die beiden Kinder Olga hatte sich
während aller dieser Szenen entfernt und drückte einen Kuss auf ihre Stirnen
Sie hatte ihren Vater nicht gekannt aber gleichviel es war ein Vater der den
Kleinen gestorben war
Von Ihnen weiß ich schon sagte sie zu Rudhard ihm die Hand reichend Die
Baronin schrieb Viel von Ihnen Sie besaßen ihr Vertrauen und sind nun wirklich
der Vater dieser Kleinen geworden Nicht wahr Sie sind Rudhard
Rudhard dankte für diese freundliche Bewillkommnung und erzählte wie warm
die Mutter Adelens der Landrätin Anna von Harder zu gedenken pflegte
Eine Vorstellung der andern Personen fand nicht statt doch kannte Anna
sogleich von Ansehen die Oberhofmeisterin der sie sich ehrerbietig verneigte
Auf Siegbert aber warf sie einen Blick als wollte sie sagen
Ei Du blonder junger Mann mit dem schüchternen ehrlichen Antlitz Wo hab
ich denn dich schon gesehen
Man hatte nun Manches auszutauschen was zu gegenseitiger Annäherung
diente Siegbert war ein wenig auf Kohlen wie das Gespräch so gar persönlich
wurde und auf eine Menge Erinnerungen zurückging bei denen Anna vertraulich die
Hand der Fürstin hielt ihr ins Auge sah und aus ihm die alte Zeit die Mutter
und die Vorstellung von dem Vater dieser Kinder hervorsuchen wollte Er dankte
recht der lustigen Paulowna die allerhand Späße mit ihm trieb und ihn wohl nicht
hätte gehen lassen wenn er nun auch aufgestanden wäre
Auch Rudhard erzählte vom Vergangenen während die Altenwyl schweigsam
lauschte und fast lauerte wie sich Anna von Harder entwickeln würde was sich
ihr wohl abmerken ließe und worin sie wohl so eigentümlich wäre wie man sagte
Und sonderbar Ihr Eigentümliches war eben Das dass sie ganz einfach war und
immer nur ein gütiges Ja und Nein sagte wo man vielleicht eine geistreiche
Entgegnung hätte anbringen können Zehnmal entfuhr ihr ein beistimmendes
herzliches So Zehnmal ein verwundertes Ach Ganz einfach wie jedem natürlichen
Menschen dessen Ohr und Herz dem Herzen Dessen folgt der mit ihm spricht
Vielleicht waren aber auch diese einfachen Zustimmungen ein klein wenig der
Ausdruck eines inneren Grübelns wo sie Siegbert hinbringen sollte
Endlich fand sie es
Nach einer Pause wo die Mitteilungen an die gefährliche Grenze der
Erwähnung Paulinens von Harder und der Gräfin dAzimont angekommen waren und
man über die betrübende Ähnlichkeit in den Verhältnissen zweier sich
entfremdeter Geschwisterpaare mit verlegenem Stocken innehielt sagte Anna von
Harder die jedoch über Helene dAzimont mit Güte sprach über ihre Schwester
völlig schwieg halb zu Siegbert halb zu den Kindern die freundlichen Worte
Die kleine Paulowna bindet da an den Finger Ringe von Blumenstengeln und
weiß doch hoffentlich dass sie die Hand eines Malers schmückt
Siegbert angenehm überrascht richtete sich jetzt auf und verbeugte sich
als machte er eigentlich nun erst die Begrüßung die er nicht gewagt hatte
Sie kennen sagte die Fürstin fragend
Rudhard hörte mit Aufmerksamkeit und sichtlicher Freude dass Siegbert so
bekannt war
Ich habe damals erläuterte Anna freundlich ich habe damals nicht gewusst
als ich dem fleißigen Zeichner in Tempelheide für das Interesse das er an
unsrer alten Kirche zeigte in der schrecklichen Hitze einen Becher Weins zur
Erfrischung anzubieten wagte dass ich den gefeierten Maler des Jakob Molay so
dürftig bewirtet hatte Frau von Trompetta und Fräulein von Flottwitz machten
mir eine Stunde darauf diese angenehme Entdeckung
Siegbert dankte für die schmeichelhafte Erinnerung und lehnte das ihm
gespendete Lob in aufrichtiger Bescheidenheit ab
Anmutig und herzlich erzählte Anna den uns bekannten Vorfall und verschwieg
auch den Raben verschwieg auch den alten Schwiegervater ja selbst die vom
Bedienten gemeldete Teilung mit einem Landstreicher nicht wie sie doch wohl
etwas zu schnell dem um den Becher geängstigten Diener das Urteil über Hackert
nachsprach
Siegbert hielt eine Berichtigung und Milderung dieses Urteils für zu
weitläufig sagte aber doch
Ihn dürstete wie mich Wir haben uns Beide erquickt
Frau von Trompetta fuhr Anna von Harder fort während die Altenwyl immer
horchte und sich gleichsam wörtlich einprägte was sie von diesen Begegnungen
heut in den kleinen Cirkeln berichten konnte Frau von Trompetta ist glücklich
über das Albumsblatt das Sie ihr schenken werden Wer Ihren Molay bewundert
hat kann nur etwas Schönes erwarten Ich freue mich dass der Kunstverein so
klug war ihn anzukaufen und würde noch glücklicher sein wenn ich ihn mit
meinen armen drei Loosen gewänne
Siegbert wuchs bei diesen Worten ordentlich in den Augen der ganzen
Umgebung Die Fürstin fixierte ihn mit erhöhtem Interesse Während er sich wie
eine Schnecke in ihr Gehäuse hätte zurückziehen mögen beobachteten ihn die
Andern mit ehrfurchtsvollen Blicken die Altenwyl besonders die in ihrer
Stellung doch angewiesen war jedem im öffentlichen Leben des Staates und der
Gesellschaft nur irgend hervortretenden Ereignisse oder Individuum eine gewisse
huldvolle Aufmerksamkeit zuzuwenden
Die Majestäten sagte sie auch mit einer herablassenden Wendung ihrer
sitzenden Stellung die Majestäten haben dies Bild mit vielem Wohlgefallen
betrachtet und nicht begreifen können warum der Propst der den Cicerone
machte soviel daran zu mäkeln fand Man wird doch oft ganz irr an diesem Mann
Ein feiner Kopf konnte aus dieser Äußerung viel entnehmen
Hätte sie Gelbsattel gehört er würde gezittert haben Denn sie bewies dass
man bei Hofe anfing gegen ihn eingenommen zu sein
Solche schlaue Barometermesser fehlten hier aber Nur Siegbert errötete und
sagte achselzuckend
Der Propst Ich verkenne die Fehler meines Bildes nicht Allein die Kritik
der Dilettanten ist wirklich unser Kreuz Wir leiden mehr unter ihr als unter
der der wahren Kenner die doch oft viel strenger sind
Rudhard hielt sich nicht und schnitt der Oberhofmeisterin die in der
Furcht fast zu viel gesagt zu haben wieder durch ein Lob des Propstes das
Gleichgewicht herstellen wollte fast die Rede ab
Ist das Propst Gelbsattel sagte er Mein ehemaliger Schüler der
Zeltgenosse Ihres Vaters Tadelt das Bild von dem Sohn eines Schulkameraden
jubelt nicht so etwas begrüßen empfehlen zu können Das ist garstig Garstig
Es war immer ein schlimmer Patron
Portensis ergänzte Rurik fast beleidigend für alle Schulpförtner
Siegbert lachte über die Weisheit des Knaben und die Damen wollten wissen
was dieser neue Charakter des Propsts zu bedeuten hätte
Rudhard erklärte es Während Anna von Harder dabei dies Kleeblatt dreier
Freunde sehr lieblich fand ergänzte Paulowna die auch etwas wissen wollte die
Namen Wildungen Gelbsattel und
Bei dem dritten Namen stockte sie
Rodewald sagte Rudhard und lobte das Gedächtnis der Kleinen
Wer sagte Anna betroffen
Rodewald wiederholte die Kleine der Alles bedeutend geworden war was mit
dem lieben neuen Freunde Siegbert in Beziehung stand
Bei dem Namen Rodewald aber erblasste Anna von Harder Ohne dass Einer in der
Gesellschaft begreifen konnte wie sie diesen Namen sich mehremale wiederholen
lassen und fragen konnte wann und wo Das war versank sie in eine Stimmung
deren Ernst gegen die durch die Scherze der Kinder angeregte Heiterkeit so
abstach dass Siegbert der Dies bemerkte nicht zu sagen wagte dass dieser
Rodewald sein Oheim wäre
Die Altenwyl aber bemerkte die Veränderung nicht und nahm nur Gelegenheit
auszurufen
Schulpforte O diese alten Stifte Diese alten Klosterschulen Die
Majestäten lieben diese alten Stifte und Klosterschulen so sehr dass schon
längst eine Rundreise auf ihnen im Werke ist
Damit aber kam die Oberhofmeisterin trotz ihrer hohen Stellung bei Rudhard
schlimm an Der wusste eine solche Menge von Misbräuchen in diesen alten Stiften
und Klosterschulen aufzudecken dass er fast pedantisch wurde und die Damen mit
Rügen unterhielt die viel zu streng wissenschaftlich waren
Die Altenwyl nahm auch Veranlassung ein einfaches etwas kaltes Meinen
Sie fast wegwerfend zu äußern und dann sogleich auf das Album der eben
erwähnten Frau von Trompetta überzugehen Mit sonderbarer Gelassenheit und nicht
ganz ohne Ironie äußerte sie
Also Frau von Trompetta sammelt wieder ein Album Weiß man denn schon für
welchen Zweck Glücklicherweise sind wir in diesem Frühjahr von Überschwemmungen
verschont geblieben Ich hörte kürzlich sie will jetzt die armen Weber
bedenken
Arme Weber sind allerdings zeitgemässer sagte Siegbert etwas ironisch
O Sie schlimmer Spötter rief Anna von Harder die sich von dem Eindruck
den der Name Rodewald auf sie gemacht jetzt allmälig gesammelt hatte Sie
dürfen mir nichts gegen Frau von Trompetta sagen Ich fürchte es finden sich
der Tränen genug die man mit dem Ertrage dieses neuen Albums trocknen kann
Nur der Titel den die gute Trompetta diesmal gewählt hat ist etwas zu wie
soll ich sagen Sie nennt es Getsemane
Getsemane sagte Rudhard und schlug die Hände zusammen
Ja bemerkte die Altenwyl die es merkwürdigerweise auf die Trompetta
abgesehen hatte es ist in der Tat
Ach fiel Anna durchaus entschuldigend ein Es ist ihre Idee Es klingt nur
ein wenig doch zu
Muckerisch brach Rudhard rund und kurzweg heraus
Die Wirkung dieser rationalistischen Derbheit war aber schlimm berechnet
Muckerisch riefen die Kinder und machten lustige Wortspiele
O so nicht sagte Anna fast verletzt
Die Altenwyl wandte gleichfalls ihr Haupt entrüstet zu dem alten Herrn
hinüber der denn nun auch von der Fürstin einen Wink bekam fast als wollte
sie sagen es wäre vielleicht besser du gingest in den Garten oder auf dein
Zimmer alter Bär oder schwiegest
Auch dieser Gegenstand konnte also nicht fortgesetzt werden
Anna von Harder griff da Siegbert diskret geschwiegen hatte wieder den
Feuertod des Molay auf und sagte zu ihm gewandt
Sollten Sie glauben lieber Herr Wildungen dass dies Süjet sogar meinen
guten alten Schwiegerpapa den neunzigjährigen Greis interessiert hat Ich musste
ihm ja Ihre Auffassung wörtlich erzählen Er nahm großen Anteil und lobte
Alles was ich ihm mitteilte Mit einer einzigen Ausnahme Zürnen Sie mir
nicht wenn ich Ihnen seine Rüge wiederhole
Siegbert bat um volle Offenheit Eine Äußerung von diesem würdigen Greise
könnte ihm nur lehrreich sein
Anna fast in Verlegenheit dem jungen Manne weh zu tun begleitete die
folgenden Worte mit einem außerordentlich milden und versöhnenden Ausdruck
Er sprach sagte sie von der über den Rauchwolken des Scheiterhaufens
schwebenden Taube die mir so außerordentlich als die Idee der höheren
Versöhnung und der gerechteren Zukunft gefallen hat
Die Idee ist einer Sage über Hussens Feuertod entlehnt ergänzte Siegbert
Gleichviel Mein alter Papa meinte fuhr Anna schüchtern und mit großer
Spannung für die auf jede ihrer kleinsten Äußerungen merkende Altenwyl fort
Papa meinte man könnte die in Paris verbrannten Templer nicht als Zeugen der
christlichen Wahrheit oder irgend eines geistigen Fortschrittes verehren sie
hätten im Gegenteil weit eher ein unheimliches Symbol eine Eule oder einen
Raben verdient
Wie so fragte Rudhard wieder barsch und kurzweg
Die Templer fuhr Anna fast erschreckend über dies raue Wie so fort die
Templer haben nach des alten Herrn Meinung sich sehr in die Geheimnisse jener
Länder verloren wo sie für die christliche Lehre streiten sollten öfter aber
vorzogen mit den Einheimischen in friedlichem Verkehr zu leben wie wohl jeder
Feind den man sich in der Ferne gehässig und abscheulich vorstellt in der Nähe
von seinen schlimmen Farben verliert und uns würdiger erscheinen kann belehrt
als bekämpft zu werden
Diese Meinung macht dem alten Mann Ehre sagte Rudhard Aber die Templer
die Templer Eulen und Raben
Ei Ei fiel forschend und lächelnd die Oberhofmeisterin ein es wird Dies
doch nicht derselbe Rabe sein den der alte Herr Präsident immer neben sich
sitzen hat und mit dem er sich wie die Majestäten dem General Voland von der
Hahnenfeder noch gestern bei Tafel nicht glauben wollten über die schwierigsten
juristischen Fälle unterhalten soll
Sie lächelte forschend und Anna errötete fast
Das gibt ja etwas für die Kinder fiel jetzt die schweigsame Fürstin die
nichts von solchen ernsten Dingen mit denen General Voland von der Hahnenfeder
den Kopf zu »fasciniren« wusste kannte lachend ein Solche Märchen haben Sie um
sich liebe Landrätin
Ja ja Ihr lieben Kleinen sagte Frau von Harder die auf den Scherz
einging wenn Ihr mich besucht und ich hoffe dass Dies bald geschieht werdet
Ihr glauben in der Arche Noäh zu kommen wo noch die Tiere alle fromm und
friedlich beisammen wohnten
Ein Männlein und ein Fräulein brummte Rudhard der unverbesserliche
Rationalist dazwischen
Ja Ja Bei uns werdet Ihr Hunde sehen die sich mit den Katzen vertragen
Katzen die nicht naschen Raben die nicht stehlen ja kleine Mäuse werdet Ihr
fangen können mit denen die Katzen spielen ohne sie zu speisen
Und glaubt der alte Herr wirklich an die Seelenwanderung fragte jetzt die
Gräfin ungemein neugierig fast zudringlich
O gnädige Frau
Das war Alles was Anna fast verletzt darauf antwortete
Die Oberhofmeisterin erschrak Der General Voland von der Hahnenfeder hatte
bei Tafel doch gestern ausdrücklich gesagt die alte Excellenz schiene ihm an
die Seelenwanderung zu glauben und der berühmte eingeladene Professor der
Egypten bereist hatte bekam noch ausdrücklich vom Könige beim ersten Ragout das
Wort über die Pyramiden sodass General Voland fast eifersüchtig wurde wie
Jemand bei königlicher Tafel länger als zwischen zwei Schüsseln allein reden
könne und beim Fisch nicht ruhte auch das Wort über die Pyramiden zu ergreifen
über die er sich wie über Alles zum Staunen der Herrschaften als Kenner
erwies
Nun wenn nicht die Seelenwanderung so möchte man aber doch glauben Sie
wohnten bei einem Hexenmeister bemerkte Rudhard
Ja Bei einem Zauberer fiel die Fürstin verbessernd ein
Die Kinder wollten von den kleinen Mäusen mehr erfahren
Erzählen Sie doch Erzählen Sie doch
Ihr lieben Kleinen sagte Anna fast verlegen da ist nichts weiter zu
erzählen Da ist nur zu lernen und zu spielen wenn Ihr zu uns kommt und hübsch
versprecht unsern Tieren nichts zu geben was sie etwa naschen sollen Der
alte Großpapa ist strenge und nur mit seiner Art zu füttern und der Entfernung
alles Naschens bringt er es eben dahin diese Tiere untereinander zu versöhnen
Das solltet Ihr sehen wenn die Stunde der Fütterung kommt Wie da die Hühner
krähen die Enten schnattern die Eichhörnchen springen und an ihren
Drahtgitterchen kratzen Aber Grossväterchen gibt nur Dem der geschickt war und
Alle wissen recht gut ob sie ihr Futter verdienten Wer etwas verbrochen hat
winselt dann und bittet so demütig bis man Mitleid bekommt Wenn man nun Gnade
für Recht ergehen lässt dann hüpft das wilde Völkchen und ist so lustig und so
dankbar dass es Einem die Hände küssen möchte Aber die Katze muss immer nur
neben dem Hunde essen und die Dohlen bekommen ihre Körner vom blanken Silber
damit sie Silber nicht für Futter halten und es stehlen
Als die Herrschaft über diese scherzhafte Mitteilung sich sehr unterhalten
fühlte meinte Rudhard ob der Herr Tribunalpräsident nicht schon versucht
hätte auch in den Gefängnissen solche Zähmungen mit den Verbrechern anzustellen
und wohin der Tierbändiger denn eigentlich mit diesen Experimenten hinauswolle
Die andern Frauen schienen ärgerlich über diese Frage die ihnen ganz unnütz
vorkam Ihnen genügte das Factum Die Oberhofmeisterin schwelgte im Entzücken
über die Tatsachen die sie dem auf alles Aparte so begierigen und vom General
Voland nur für Exclusives angeregten Herrscherpaare würde zu erzählen haben
Anna von Harder aber nahm Rudhards Frage auf
Ganz einfach zielt Großpapa auf die Ergründung der Tierseele sagte sie Es
ist rührend anzusehen wie dieser alte Herr der ganz außer seiner Zeit lebt
sich nur mit zwei Dingen in seinen Mussestunden beschäftigt mit der Freimaurerei
und den Untersuchungen über die seelischen Regungen in der Tierwelt In diesem
Sinne kommt er mir oft allerdings wie ein Zauberer vor Die Maurerei und ihre
Geheimnisse kenn ich nicht aber er behauptet sie hingen gewissermaßen mit
seinen zoologischen Studien zusammen
Alles war über dies Wort erstaunt
Selbst Rudhard der sich als Maurer bekannte und gestand er wäre nicht im
Stande hier ein Bindeglied anzugeben
Es muss doch eins sein sagte Anna von Harder Und wenn ich mich nicht ganz
täusche glaub ich den Schleier damals etwas gelüftet gesehen zu haben als der
gute Greis kopfschüttelnd wegen Ihres Bildes Herr Wildungen immer die Worte
wiederholte Keine Taube Keine Taube Ein Rabe Ein Rabe Die Templer nannte er
keine Christen Ich sollte nur Acht geben sagte er an unserer Kirche die Sie
Herr Wildungen damals zeichneten da wären in den Verzierungen der Fenster
Vögel und orientalische Tiere sichtbar und die von den Tempelherren an die
Johanniter übergegangenen Häuser wie sich deren mehre in unsrer Stadt befinden
und eins sogar an der Stelle stand wo später meine eigene Familie ein Haus
besaß alle diese Häuser hätten eine Architekturverzierung die sich nur auf den
Orient den Tempel Salomonis die alten geistlichen Ritterschaften die
Geheimnisse der Baugilden zurückführen ließe Und ich gestehe ich höre den
alten Mann gern sprechen wenn er nicht von diesen dunkeln Sachen wohl aber von
der gebundenen Tierseele spricht von den wunderlichen Trieben zu einer
eigentümlichen Moral in den Instincten von der Vereinzelung oder der Paarung
von der Treue der Tiere und ihrer Innigkeit in geschlechtlichen Beziehungen
ebenso wie von ihrer Gedankenlosigkeit An einem Tage wo ich über eine
Trennung die mein Innerstes traf keinen Trost finden konnte sprach er von den
Zugvögeln und ihrer Wiederkehr von der Gewöhnung der Taube und der traulichen
Anhänglichkeit der auch von Shakespeare so innig geschilderten Mauerschwalbe so
rührend dass ich recht erkannt habe wie doch Alles was wir von Gott sagen und
lehren nicht ausreicht wenn wir nicht in jedem Dinge sagen und lehren Er ist
die Liebe
Diese Worte brachten eine große aber nicht gesuchte Wirkung hervor
Rudhard hatte die Maurerei wohl nur in seiner frühesten Zeit getrieben und
vollends in Russland wo sie nicht geduldet ist alle Verbindungsfäden mit ihren
verschiedenen Sekten und Auffassungen verloren In seiner Art witterte er auch
in dem Allen was sich hier so wunderlich zu erkennen gab nur Mystik die er
hasste Er schwieg
Die Gräfin Altenwyl aber war tief ergriffen Sie hatte eine solche reiche
Ernte heute für den Hof nicht erwartet Die Tierseele die Templer die
alten Johanniterstifte die Zugvögel Shakespeare und das Alles verbunden
und verquickt durch das Eine Gott ist die Liebe Was konnte es heute
Befruchtenderes Anregenderes Schlagenderes für die »kleinen Zirkel« und jenen
eigentümlichen Geist der Romantik geben der die Schicksale dieses Staates und
durch ihn einen Teil Deutschlands regierte
Anfangs versuchte die allgewaltige Dame zu Siegberts größter Spannung das
Gespräch auf die schwebende Johanniterverlassenschaftsfrage zu lenken da aber
Niemand darüber unterrichtet schien und Siegbert von seinem Bruder damals im
Pelikan doch noch viel zu wenig darüber erfahren hatte wie sehr er selbst daran
beteiligt war so ging die Oberhofmeisterin um das Gespräch zu einem endlichen
Schluße zu führen zu einem allgemeinen staatspolitischen Seufzer über des
Inhalts
O eine Idee die die ganze Welt erquickt Nur ein Wort des Friedens in
diesen Hass und diesen Hader Wer wird dies Evangelium bringen das allem Kampf
der Parteien ein Ende machte und die Erde in einen Wohnplatz von Menschen
umwandelt die nur dem erlaubten Genuss der irdischen Güter und der Bildung ihres
Herzens als Vorbereitung künftiger Seligkeit leben Sie glauben nicht meine
Liebe sie wandte sich an Anna wie man bei Hofe nach Erlösung von diesem
Jammer der über unsere Erde verhängt scheint schmachtet Wo man auch nur in
seinem redlichsten Eifer etwas unternimmt was jetzt dem Werte des Ganzen
dienen soll sogleich muss man bei jedem Schritt den man wagt um zu einem guten
Ziele zu kommen hören dass man Andre verletzt hätte Ach nicht vor und nicht
rückwärts ist ein Weg mehr zu finden
Glauben Sie mir liebe Frau von Harder dass die Menschen wohl glücklich sind
die die Seele in den Blumen oder in den Tieren suchen Ach Auch Sie haben ja
viel gelitten Liebe
Frau Gräfin war Alles was Anna von Harder fast ablehnend und die Augen
niederschlagend auf diese etwas zudringliche Freundschaftsanerbietung erwiderte
Die Königin sagte die Altenwyl nimmt so vielen Anteil an Ihnen Gibt es
nichts was Sie der hohen Frau näher führen könnte O sie hat ein treues Herz
Kennte die Nation nur alle diese Menschen da oben
Gnädigste Gräfin sagte Anna Mein Leben ist zu dürftig für den Glanz des
Hofes Was soll ich dort Ich pflege meinen alten Zauberer von Tempelheide lese
ihm aus Büchern wie er sie liebt vor sticke wenn es mein Auge erlaubt und
treibe etwas Musik In der Musik hab ich Alles hinübergeleitet was in mir noch
sich regen aussprechen ja auch sich hingeben möchte In der Musik lach ich
in der Musik wein ich Auf den Tönen Glucks und Händels schweb ich da und
dorthin wo ich am liebsten sein möchte es sind ferne Länder ferne Haine und
Wälder und ich weiß nicht gehören sie noch dieser Erde an oder sind es schon
Jenseitsahnungen Mit meiner Musik bin ich leider egoistisch Ich fördere sie
nur für mich Die Trompetta hat mich oft gedrängt Vorstellungen in
geschlossenen Kreisen zu geben Wir würden es wagen dürfen mit manchem älteren
Werke hervorzutreten wir kleinen Dilettanten die wir uns zur classischen Musik
verbunden haben Wir haben einige gute Solistinnen Die Flottwitz singt edel und
rein Ich sträube mich aber dagegen Ich entziehe damit ich weiß es eine
Einnahme eine Unterstützung guten Zwecken aber ich kann mich nicht
entschließen Andere durch unsere Versuche belästigen zu wollen Ich weiß ich
bin egoistisch Die Trompetta flammt für die innere Mission Dass ich mich den
Werken derselben zu wenig widme werf ich mir oft bitter vor Aber ich bin eine
Einsiedlerin und träge träge liebe Gräfin Zu nichts zu bringen am wenigsten
zum Hofe
Gräfin Altenwyl war über diese bescheidenen Äußerungen etwas verstimmt
Anna hatte eine Huld eine Gabe die sie ihr verschaffen wollte geradezu
zurückgewiesen Die Königin hatte sie kennen lernen wollen und das nahm Anna so
auf
Dennoch ließ sich die Altenwyl nichts von ihrer Verstimmung merken sie
lächelte nur und sagte indem sie sich erhob um zu gehen Anna fast ins Ohr
Sie sind ein Engel
Nun noch eine halbe Umarmung mit der Fürstin ein freundliches Nicken zu den
Kindern ein flüchtiges Ignoriren der Herren und die einflussreiche kluge
aber vom Geschmack ihrer Umgebung ganz beherrschte Frau war dann endlich
verschwunden Siegbert hatte sich nur noch der flüchtigsten Notiznahme Rudhard
fast gar keiner mehr zu erfreuen gehabt
Man atmete auf
Anna erlöst von einem Druck umarmte jetzt erst noch einmal die Tochter
ihrer Freundin
Was wird die Brust leicht sagte sie wenn man nach einer zufälligen
Annäherung an diese Hofatmosphäre wieder frei atmen kann Und doch meint es die
Frau so gut Sie liebe Fürstin Sie müssen am Hofe als milder Stern aufgehen
Sie sind jung und schön Ihnen wird diese Welt allerdings keinen Trost gewähren
aber doch Zerstreuung Wenn Sie sich vorstellen lassen schreiben Sie mirs ja
Ich komme dann erst Ihre Toilette zu bewundern Darf ich mich darauf verlassen
Die Fürstin sah lächelnd zu Rudhard hinüber als wollte sie von ihm eine
Ermutigung zu irgend einer Antwort abwarten
Sie sind ein treuer dankbarer Zögling äußerte Anna sogleich diese
Unentschlossenheit bemerkend Sie hören noch jetzt auf Ihren Lehrer Und Das
dürfen Sie Vertrauen Sie dem erprobten Rudhard recht wenn er auch Unrecht
hatte mir das Getsemane der Trompetta gleich so rundweg mit dem garstigen
Worte zu verurteilen
Rudhard kehrte sich nicht viel an diese gemütliche Rüge sondern meinte in
seiner Art
In dieser Stadt meine Liebe muss man auf seiner Hut sein Wir sind
schlichte Naturkinder kommen aus den Steppen und Haiden des Ostens und wollen
uns recht gründlich hier Alles ansehen und erst prüfen was sich uns zum Kaufe
anbietet Das Glänzende wird uns reizen aber nicht bestechen Die Wahrheit die
wir fürs Leben eintauschen wollen muss probehaltig sein Und wenn mein
Freund da Herr Wildungen eine noch so schöne Zeichnung in das Getsemane
liefert ich wittere in dem Album doch Das was man Muckerei nennt
Er blieb dabei wie Justus der Heidekrüger bei seinem Refrain über den
Reubund
Die Kinder lachten über das komische Wort und die Frauen erröteten über den
doch allzuderben allzunüchternen Verstandesmenschen der sich mit Anna die ihm
doch entgegenkam nicht einmal über ein Wort versöhnen konnte
Siegbert fühlte dass es nun Zeit wurde zu gehen Er fürchtete ohnehin schon
zu lange verweilt und Erörterungen beigewohnt zu haben die für einen ersten
Besuch bereits zu vertraut waren Die Sonne sank an dem Rand des Horizontes
herab Er hatte es acht Uhr schlagen hören und gedachte seiner Verpflichtung
sich in der Brandgasse an der bezeichneten Stelle einzufinden
Die Fürstin forderte ihn mit größerer Wärme als sie bisher gezeigt hatte
auf sie bald wieder zu besuchen
Anna von Harder aber wünschte ihm die Gunst aller Musen und die frohesten
Stimmungen
Sie sprach dies Wort unendlich wohlwollend und gütig
Es lag Siegberten in dem Abschied von dieser Frau etwas was ihm zu sagen
schien Wir sehen uns gewiss wieder und werden unsern gegenseitigen Wert noch
besser kennen lernen
Anna blieb Siegbert trennte sich fast schwer von ihr
Die Kinder und Rudhard gaben ihm bis draußen das Geleite
An dem Spalier der Seitenfront des Hauses an dem man vorüber musste um in
den Vorgarten zu kommen stand der alte Bediente von Tempelheide mit einem Shawl
auf dem Arm und wartete seiner Herrin Vor dem Torweg stand die alte Kutsche
die Hackert so verspottet und eine Karrete genannt hatte
Nun sagte Siegbert zu dem Alten in gelb und blauer Livrée es war
derselbe der ihm den Wein gereicht nun es fehlte doch vor acht Tagen nichts
an dem Silberzeug auf dem Tische in Tempelheide
Der Alte horchte hoch auf und verstand nicht gleich
Als Sie mir den Wein gebracht hatten Wissen Sie noch sagte Siegbert mit
Nachdruck um das Gedächtnis des Alten zu stärken
Ah jetzt verstand der und sagte
Nein nein Alles ist richtig gewesen Bitte bitte
Siegbert ging nach dieser ihm und Hackerten gewordenen Genugtuung
wohlgemut vorüber
Wie er eben an der Ecke der Seitenfront war fiel von oben aus einem Fenster
eine Hand voll frischester Blumen über ihn her
Sie kamen von Jemand den man nicht sah
Die Kinder riefen Olga ohne dass diese sichtbar wurde
Siegbert raffte sich eine weiße Rose von den Blumen auf und sah empor um zu
danken
Es war aber Niemand da den er dankend noch grüßen konnte
An der Pforte versicherte er Rudhard dass er sich ihm außerordentlich
verpflichtet fühle für die Einführung in diesen interessanten Kreis morgen
schon hoffe er mit seinem Bruder verständigt zu sein um ihm wenn es ginge das
Geheimnis des Bildes einzuhändigen
Welches Bildes fragten die Kinder
Das Ihr bei Herrn Wildungen zeichnen lernen sollt sagte Rudhard und während
die Kinder darüber ihre Freude aussprachen setzte dieser hinzu
Ich hoffe dass wir uns auch über diesen Unterricht verständigen werden
Siegbert mochte nicht widersprechen
Seine Rose betrachtend antwortete er lächelnd um nur der Erörterung
auszuweichen
Freundlicher kann man um wiederzukommen doch wohl nicht gemahnt werden
Mit diesen Worten zog er die Pforte zu und trat mit beschleunigten Schritten
seinen Rückweg in die Stadt an
Vor einem ungeachtet es erst dämmerte doch glänzend erleuchteten Hause
dem der Schwester Annas hätte er unter vielen glänzenden Wagen die vor dem
gusseisernen Gitter auf der Chaussee warteten auch einen der dem Justizrat
Schlurck gehörte leicht heraus erkennen müssen doch war er zu bewegt um jetzt
auf Dinge zu achten die um ihn her vorgingen
Gerade durch die sich mühsam ausweichenden zur großen Soirée beim
Intendanten heranrollenden eleganten Wagen musste er hindurch
Hätte er aufgeblickt würd er bekannte Menschen genug wahrgenommen haben
die alle zu Paulinens Festabend fuhren Auch Melanie
Er sah aber nicht auf Er sah auf die weiße Rose die eben erst frisch
gebrochen schien denn noch war sie feucht von der Abendluft oder durch die
erquickende Hand des Gärtners der die Beete Abends netzte Er gedachte der
andern Blumen die er auf dem kleinen Rasen am Hause hatte liegen lassen er
hätte fast umkehren und sie sich noch holen mögen
Was Blumen sagte er aber zu sich selbst und raffte sich gewaltsam aus
seinen Träumen auf
Es war die höchste Zeit zur rechten Stunde in die entlegene verrufene
Brandgasse und dort das Haus Nr 9 zu kommen wo ihn das Wiedersehen des Bruders
und die erneute Bekanntschaft Fritz Hackerts erwartete
Ende des dritten Buches
Viertes Buch
Erstes Kapitel
Zwei unverstandene Seelen
Nicht hundert Schritte von der bescheidenen ländlichen Wohnung der Fürstin Adele
Wäsämskoi entfernt lag die uns schon bekannte reizende Villa der Geheimrätin
Pauline von Harder zu Harderstein
Gegen die stille gemütliche Abendunterhaltung der Siegbert Wildungen wie
durch die seltsamste Überraschung des Zufalls in jenem von Rudhard etwas
despotisch beherrschten Kreise beigewohnt hatte bildete den auffallendsten
Gegensatz die Vorbereitung der glänzenden Soirée die Pauline von Harder in
aller Eile noch für den Abend »improvisirt« hatte
Die Geheimrätin verfügte über einen gewissen Kreis den sie zu jeder Stunde
des Tages wie es in ihrer raschen Sprache hieß »zusammentrommeln« konnte
Ein Besuch wie der der dAzimont eine Bekanntschaft wie die der gefeierten
allgemein bewunderten Schönheit Melanie Schlurck musste ihre notwendige
»Staffage« haben und soviel sie auch veranlasst war beide Frauen nur allein zu
genießen die kleinen »Etablissements« fehlten in ihren Sälen nicht um mitten
im rauschenden Gewühle sich ungestört allein zu fühlen und sich »auszusprechen«
Der Eifer mit dem die Geheimrätin unterstützt von der
Gesellschaftliebenden und für ihr Alter sehr zerstreuungssüchtigen alten
Charlotte Ludmer diesen Abend in aller Eile »arrangirt« hatte wurde noch
angespornt durch ein Billet des Justizrates
Franz Schlurck schrieb nicht nur dass seine Tochter sich hochgeehrt fühlen
müsse in die Nähe einer so vornehmen Dame dringen zu dürfen sondern fügte noch
hinzu dass er im Stande sein würde ihr recht angenehme Dinge mitzuteilen und
sie sich darauf verlassen könnte schon am morgenden Tage im Besitz des
verlorenen Bildes zu sein dessen Spuren er entdeckt und auch gefunden hätte
dass es mit diesem Bilde eine geheimnisvolle Bewandtnis haben müsse Er fühle
dass es Zeit zum »Handeln« würde
Dieses Billet kam freilich gerade mitten in eine sehr verdrießliche
häusliche Szene hereingebrochen die sie und die Ludmer mit der Excellenz
aufführten
Die »junge Excellenz« hatte sich in der Tat erst gegen Mittagszeit
eingefunden und verriet so sehr alle Kennzeichen eines bösen Gewissens dass die
beiden Frauen denn auch die Ludmer nahm sich von selbst die Freiheiten heraus
die Pauline durch ihre Stellung behaupten durfte in einen grimmen Zorn
gerieten und ihm »kindische Streiche« vorwarfen über die er beichten sollte
Der Geheimrat machte eine sehr verblüffte Miene Er legte sich aufs Leugnen
und blieb bei den Versicherungen seines Diensteifers und der in dem Möbelwagen
deshalb absichtlich zugebrachten Nacht mit aller Hartnäckigkeit eines
Schulknaben der den alten Satz der Jesuiten Si fecisti nega mit einer
solchen Sicherheit durchführt dass die Lehrer selber an ihm irre werden und von
seiner Unschuld aufs vollkommenste überzeugt sein müssen
Excellenz gestanden den Verlust des Bildes ein bekannten sich aber für
völlig »unschuldig« und drohten mit einer Untersuchung die sie schon aufs
Nachdrücklichste gegen den Hohenbergschen Justizdirector von Zeisel hätten
einleiten lassen Kurt Henning Detlev Harder zu Harderstein vertröstete die
Frauen damit dass sie ohne Zweifel bald sehr klar sehen würden Wie gesagt
da die Geheimrätin den Brief von Schlurck empfing so ließ sie die »Bétisen«
ihres Gatten so »hingehen« und schenkte ihm nach dem scharfen Verhör in dessen
Klemme er mit Zittern gesteckt hatte mit dem Bedeuten er sollte die nähere
Unterhandlung mit Herrn von Zeisel ihr nur allein überlassen Pauline war diese
Weisung die ihrem Gemahl genug auffiel der Fürbitte schuldig die Schlurck für
seinen Freund von Zeisel am Morgen erhoben hatte endlich die Freiheit
Bei Tische wurde wenig gesprochen Pauline hatte der Gedanken zu viele zu
verarbeiten und Alles was Herr von Harder etwa Neues brachte zB das
allgemeine Aufsehen das die Erkrankung des Prinzen Egon machte die Ankunft der
dAzimont die Aussicht auf ihre Beziehungen zur Fürstin Wäsämskoi die
Schwankungen des Ministeriums die Wahlen der Reubund die drohenden
Zerwürfnisse zwischen der Stadt und der Regierung und das schlimme Beispiel das
daraus für die Provinzen entstehen würde alle diese Anspielungen in denen sich
Excellenz die sonst nur von ihren Schlössern und Gartenanlagen den
Dienstvergehen der Kastellane und Inspectoren den Angebereien der Subalternen
und ihren Ersparnissen in der Verwaltung ihres »Ressorts« sprachen heute
wahrhaft erschöpften um seine Gemahlin heiter zu stimmen und zu versöhnen
diente nur dazu in ihr Gemüt Stacheln und Dornen zu drücken Sie sah da ja
dass so Vieles sich ereignete was ohne sie Bestand hatte ohne sie sich angelegt
hatte und historisch entwickelte
Ernst und Franz hätten ihr nach Tisch beinahe auch einen unerwarteten Ärger
bereitet Denn eben wollte sie sich vor ihrer Toilette noch im grünen Boudoir
ein wenig durch leichten Schlummer stärken als diese beide an sie herantraten
und um die Erlaubnis baten heute Nacht den großen Fortunaball mitmachen zu
dürfen Sie schmähte sehr gegen diese Vergnügungssucht ihrer Leute tadelte den
Ort wo man Bediente ihrer Stellung nicht antreffen sollte und konnte sich erst
für halb und halb einverstanden erklären als Franz mit schlauer Miene sagte
Excellenz es wird ein großer Ball Tausend Billets sind verkauft Man macht
Bekanntschaften Die Wandstablers kommen auch
Schon oft hatten die Leute der Geheimrätin von diesen drei Geschwistern
Wandstablers erzählt die sich auf den Volksbällen für die Zurückhaltung
schadlos hielten die sie bei aller Freiheit doch im Hotel des Fürsten von
Hohenberg beobachten mussten
Auf diese Erinnerung hin sagte Pauline von Harder wolle sie den Abend noch
einmal auf die Sache zurückkommen
Damit legte sie sich ein wenig zur Ruhe ohne indessen wahre Stärkung in
einem kurzen Schlafe zu finden Sie träumte zu lebhaft Nadasdi der Held ihres
unglücklichen Romans erschien ihr in dem verhängnisvollen Schlafrock in dem
dieser weichherzige Magyar soviel Tränen vergossen haben sollte Jedesmal wenn
ein großes Ereignis sie beschäftigte erschien ihr Nadasdi in seinem Schlafrock
Sie nahm ein kleines homöopatisches Streukügelchen zur Beruhigung und war
froh dass sie auch für den Abend Herrn Sanitätsrat Drommeldei geladen hatte
Sie bedurfte wenn Schlurck nicht etwas sehr Entscheidendes brachte wirklich
der ärztlichen Beratung
Gegen sechs Uhr begann dann die Toilette und heute gewählter als seit lange
Während die Ludmer die oberen Salons hatte öffnen mit frischen Blumen
garniren lassen die Kerzen auf den Kronleuchtern untersuchen vervollständigen
die Wandlampen schon am hellen Tage zur Probe anbrennen ließ nebenbei den Tee
das Eis und die Konfitüren nach der Ordnung des Servirens angab die ihr für
heute die zweckmässigere schien schmückte sich die Geheimrätin mit den
frischesten Farben Sie wählte heute einen leichten Seidenstoff weiß und rot
gestreift Ihrem stolzen Semiramishaupte gab sie etwas von ihrer eigenen und
Heinrichsons Erfindung eine Art biblischen Turbans wie man sich etwa Rebecka
denken mochte bei Eliezers Gruße am Brunnen Dies weiße Kashemirgewinde stolz
und frei getragen stand ihr gar stattlich Das eine Ende des Bundes mit
goldenen Fransen hing schwer über die rechte Schulter herab die natürlich wie
die ganze Büste sehr stark weiß geschminkt wurde um durch eine große
umständliche »Florgeschichte« die wiederum ganz patriarchalisch jedoch mehr im
Stile der Hagar als sie mit Ismael in die Wüste zog um Nacken und Hals
geschlungen wurde blendend hindurchzuschimmern Die mageren Arme hatten sich
derselben Prozedur des Puderns zu unterwerfen Sie waren ein seltenes Wagnis
heute ganz frei und wurden mit den schwersten Armbändern behängt Wenn sie mit
einer leichten wellenförmig gerundeten Bewegung des rechten Oberarmes ganz wie
in Gedanken einmal an das hängende Ende ihres Turbans fuhr und die goldenen
Troddeln schwerer wiegend hin und herschwankten so gab das einen ganz
hübschen Effect den der elegante Maler Heinrichson oft bewundert und erklärt
hatte ihn sich für ein Bild zu merken das er noch einst von dem Antonius und
der Kleopatra malen wollte
In dieser Tracht die ihr wirklich viele »Frais« verursachte nämlich die
Mühe der Überlegung und die moralische Mühe einer ihr gar nicht mehr
»geläufigen« Eitelkeit stieg denn gegen sieben Uhr Frau von Harder in ihre
oberen Zimmer
Sie durchmusterte sie und fand sie noch nicht gelüftet genug Es war ihr
heiß in dem sommerlichen Abend geworden Der Maraboutfächer musste die Glut ihrer
Stirn kühlen die leider zu rot zu rot ach zu rot war Sie hasste
eigentlich diese oberen Appartements der Überzahl ihrer Spiegel wegen Welche
Verschwendung sagte sie oft an dieser verleumderischen indiscreten
Komposition Und noch an jedem Spiegel waren zwei Wandleuchter und jeder
Wandleuchter mit mindestens drei Kerzen angebohrt Aber sie musste diese Zimmer
und nicht den Gartensalon wählen denn hier nur gab es Nischen zu traulichem
Zwiegespräch zeltartig drapirte Alkoven mit Tapetentüren zu kleinen Kabineten
mit Divans die unter Blumen versteckt waren In einem dieser Zelte das später
von einer herabhängenden Ampel matt erleuchtet werden konnte prüfte sie wie
wohl ihr Anzug gegen den Hintergrund abstechen würde Pauline war
geschmackvoll von Natur und nur durch ihre üppige Phantasie manchmal etwas zu
überladen Aber darin zeigte sie sich als Virtuosin dass sie niemals in großer
Gesellschaft erschien ohne nicht ihre Toilette nach dem Farbenton der Zimmer
einzurichten in welchen sie erscheinen sollte Sie besann sich regelmäßig wenn
sie eingeladen war in welchem Zimmer die Gesellschaft sie begrüßen würde und
wählte danach die Farbe ihrer Kleider Es war ihr schon geschehen dass sie bei
der Trompetta die einmal nach Vollendung eines Albums das sie für arme
Überschwemmte herausgegeben hatte alle Dichter einlud deren Beiträge das Album
füllten ein neues wunderschönes grünes Kleid nur unter der Bedingung anzog dass
sie der Trompetta erst ein Sopha mit ceriserotem Samt überzogen schicken
durfte Die Trompetta hatte nämlich nur dunkle Möbel und sträubte sich sehr
besonders vor einigen frommen Lyrikern sich auch auf ceriseroten Sammetmöbeln
betreffen zu lassen Die Geheimrätin kam aber nur unter dieser Bedingung dass
sie ihr grünes Kleid auf rotem Samt zeigen durfte Si non e vero man
erzählte es wenigstens
Eben noch prüfte Pauline den Effect ihres hellen biblischen Kostüms gegen
das dunkelblau mit Gold drapirte Zeltgemach und erfreute sich des
wirkungsvollsten Abhubes ihrer Figur von der dunklen Umgebung als ein Wagen
vorfuhr und durch das offenstehende Portal gleich in das Haus einlenkte Dass
eine Dame leicht und behend vom schnell herabgelassenen Tritte herunter und auf
die Strohdecken sprang die unter dem Unterbau des Hauses vor der Eingangspforte
ausgelegt waren sah Pauline nicht sie sah nur das Einlenken des Wagens in die
geöffnete Gartentür ahnte aber wer es war ließ sich nicht erst anmelden wer
kam sondern ging der Kommenden entgegen Sie war vollkommen darauf vorbereitet
dass sich ihr die Gräfin dAzimont mit einem Strom von Tränen an die Brust warf
Welch ein Gegensatz zwischen zwei Geschwisterpaaren Drüben die ruhige fast
phlegmatische Adele Wäsämskoi im Kreise ihrer Kinder geregelt und bevormundet
von einem einfachen strengen matematisch geordneten praktisch bürgerlichen
deutschen Verstandesmenschen hier diese wilde leidenschaftliche Halbpariserin
die schon auf der Treppe so laut schluchzte dass die Ludmer die erstaunten
Bedienten entfernen musste Drüben die weiche sanftmütige Anna von Harder
die ihren Lebensberuf in der Pflege eines wunderlichen Greises in milden Werken
der Liebe und der prunklosen Ausübung der Musik fand und noch in diesem
Augenblicke die bescheidene Sorgfalt ihres Herzens gegen ihr fast ganz fremde
Menschen walten ließ hier ihre Schwester im blendendsten Schmuck ebenso
leidenschaftlich nur äußerlich kälter wie ihr Besuch den sie nicht am kleinen
Teetisch am dampfenden Komfort unter einem Akazienbaum an einer Wand
beschattet von wildem Weine empfing sondern in das blau und golddrapirte Zelt
führte auf einen Divan hinter Kamelien und rankenden Gewächsen die sich um
die schweren bronzenen Stäbe des Zeltes und die herabhängenden goldenen Quasten
ringelten
Helene dAzimont war klein und zart Woher sie schöner war als ihre ältere
Schwester konnte man kaum begreifen wenn man fast denselben Schnitt des
Gesichtes entdeckte Es war dieselbe Bildung der Formen und doch von unendlich
verschiedener Wirkung Das Ensemble an der Gräfin war reizend die Linien
unendlich harmonischer ihre Verbindung belebt und voll Anmut Sie ließ sich
obgleich der Fürstin ganz ähnlich doch mit dieser kaum vergleichen Jede
Bewegung der Helene dAzimont war Leben Die langen Augenwimpern zitterten der
schöne kirschrote Mund bebte die wie Emaille glänzenden Zähne zeigten sich
unwillkürlich wenn die Lippen wie vom Schmerze offen standen Die Form des
Halses des Nackens die Wölbung der Hüften Alles war zwar klein zwar
zierlich aber doch schlank und von regelmässiger Harmonie und voll und
fleischig trotz des Kummers der doch an ihr nagte Das Auge blau und im Nu so
groß geöffnet dass es unter den schwarzen Wimpern wie eine leuchtende
Krystallkugel aufzugehen schien Die ganze Schwärmerei einer italienischen
Sternennacht lag in diesem Auge wenn es sich öffnend starr den Blick festhielt
und den Gegenstand auf den es fiel fast in sich aufsaugend verzehrte Das
schwarze Haar lag im einfachen Scheitel dicht und glänzend über der kleinen
Stirn Wäre diese Stirn ein wenig größer gewesen man hätte das Bild einer
religiösen Denkerin einer entzückten Schwärmerin gehabt Da sie aber klein von
dem Scheitel beschattet war so versinnlichte sie nur das Gemüt die
Leidenschaft die gleichsam völlige Abwesenheit alles Nachdenkens Die Liebe
schien der Glaube dieser Frau zu sein die Zärtlichkeit das einzige Bekenntnis
ihres Herzens
Wir wissen dass Helene dAzimont dreißig Jahre zählt Eine gewisse
schwellende Rundung ihrer Formen war die einzige Bestätigung dieses Alters
Sonst glaubte man ein Kind vor sich zu haben eine zum ersten Male ins Leben
tretende Jungfrau voll Vertrauen Dreistigkeit angeborener Sicherheit Wie
dies Auge rollte Wie diese Brust wallte Pauline konnte sie ohne Hemmniss an die
Flordraperie ihres Halses drücken denn Helene war so einfach gekleidet Sie war
schwarz vom Kopf bis zur Sohle Man sah dass es nicht ihre Absicht war heute
bis zur Gesellschaft zu bleiben Und doch blendete die Weiße ihrer Haut unter
den schwarzen Flören wie der schönste Schmuck Sie trug an dem runden vollen
Arme lange schwarze Floretandschuhe Um den Hals funkelte wohl ein Kollier von
Brillanten aber dies schwarze Florchiffü über dem Flechtenneste und halb dem
Scheitel der Haare dieser Kopfputz mit den einfach in den Nacken herabhängenden
Spitzenzipfeln war so wenig auf gesellschaftlichen Reiz berechnet dass man an
die Ächteit der Tränen glauben musste unter denen sie ausrief
Da haben Sie mich denn Pauline So komm ich von Paris so sehen Sie in mir
die Verzweifelnde die Sterbende um einen Sterbenden
Helene ist die Gefahr so groß fragte Pauline halb wie zitternd
Egon stirbt Egon wird dieser Erde nicht mehr angehören
Ich bitte Sie Freundin Ein junger kräftiger Mann Wir haben keine
Epidemieen Ärzte umstehen sein Lager Sie selbst
Ich Pauline Ich Ihr wisst es ja Alle Wo ich hinblicke hat ja die
Welt kein Mitleid für mich nur lachende boshafte Augen Die Menschen die
Bäume die Vögel in der Luft lachen Verstossene verlorene Helene ruft mir ja
jedes Atom jedes Stäubchen zu über das ich ohnmächtig hinschwebe Zwei Jahre
des seligsten Glückes sind ja vernichtet geschändet o was sag ich
geschändet Egon Was du tust ist wohlgetan Tritt mich mit deinen Füßen
verstosse mich morde mein Herz Nur stirb mir nicht Lebe Lebe Lebe
Helene lag schluchzend auf dem Sopha
Pauline musste sich selbst wenn sie der kältesten Fassung fähig war von
einem solchen Ausbruch wildester Verzweiflung erschüttert fühlen Sie hatte seit
einiger Zeit in einer Welt gelebt die sich um sie her immer mehr erstarrte sie
hatte früher in dieser Weise selbst geliebt selbst empfunden Aber jetzt nach
so vielen Verknöcherungen und Versteinerungen ihrer nächsten Lebensbedingungen
war ihr diese Szene fast wie Traum aus ihrer frühesten Jugendzeit Die
fünfundzwanzig Jahre die sie mindestens vor der jungen verzweifelnden Frau
voraus hatte fühlte sie einen Augenblick nicht sie konnte das Zittern ihrer
Hand nicht unterdrücken konnte nicht von ihren Lippen wegwischen dass sie einen
Augenblick bebten Sie dachte an Heinrich Rodewald und ihre Jugend
Helene sagte sie nach einer Pause allmäliger Sammlung Helene Sie sehen
mich voll gerührtester Teilnahme aber auch voll Überraschung Ich weiß so
wenig von Dem was Sie betrifft Ich hoffte dieser Tage durch einen Besuch bei
Ihrer Schwester
Schweigen Sie von dieser Schwester rief Helene und in die zarte
Erscheinung fuhr plötzlich eine so elastische Beweglichkeit eine so
aufschnellende zornige Erregung dass man die in Liebe zerflossene Weiblichkeit
kaum wiedererkannte Der Mund und das Kinn traten entschlossen hervor und die
Augen blitzten von einem wilden trotzigen Feuer
Schweigen Sie rief sie von dieser Heuchlerin dieser lieblosen Moralistin
Für die glühendsten Schilderungen meines Glückes die ich ihr nach Odessa
schrieb hat sie mir im Tone einer Predigt geantwortet Wenn sie mich tadelte
dass ich für Belcotti schwärmte mit Addington tändelte die Leiden des
polnischen Volkes mit dem jungen litauischen Flüchtling Bardansky verwechselte
o alle diese Vorwürfe waren gerecht und ich nahm sie mit schwesterlicher Liebe
hin Aber endlich schrieb ich ihr ich trenne mich von dAzimont ich liebe ich
liebe zum ersten male ich liebe wie ein Weib lieben soll ein Weib das fühlt
ein Weib das da ahnt in ihr ruhe das Geheimnis der Schöpfung Als ich ihr
schrieb Der den ich liebe ist ein Gott und seinen Namen nennen die Irdischen
Egon Prinz von Hohenberg und als sie mir auch darauf Moral ewig Moral und
immer Moral predigte sehen Sie Pauline ich habe geschworen wer mir das
Kleinod meines Lebens beschmutzt mir die Sonne verdunkeln will die ich anbete
und mögen alle Priester der Erde sagen die Anbetung der Sonne wäre Heidentum
ich könnte den Dolch erheben und jeden Lästerer meiner Religion durchbohren
seis ein Bruder seis eine Schwester und diese Schwester existiert nicht mehr
für mich
Pauline gedachte der Zeiten wo sie auch mit Dolchen spielte Wäre sie eine
Philosophin geworden so hätte sie gelächelt aber sie lächelte nicht So wild
war zwar nicht ihr Hass gegen Anna wie Helenens Hass gegen die Fürstin Wäsämskoi
aber sie erwärmte sich daran doch wieder einmal auf dem Bereiche der
Herzensgeltendmachungen etwas Kraftvolles etwas Titanisches zu erleben Sie
jubelte jene halb wahnwitzige Sittenlogik anerkannt zu sehen in der sie früher
selbst gedacht dann geschrieben hatte und in deren ohnmächtigen letzten
Trümmern sie sich absterbend verzehrte O sie stand auf Sie hielt diese Sprache
der Liebe nicht aus ohne dafür mehr zu haben als bloße einfache Zustimmung Sie
wurde jung indem sie aufund abschritt und Helene selig über Paulinens
Erschütterung umschlang sie und zog sie zu sich unter die Kamelien und fuhr
ihre Hand festhaltend fort
Nichts von Adelen Pauline Sie wohnt hier in der Nähe ich weiß es Ich
kenne sie nicht Ich schrieb es soeben schon an dAzimont nach Paris Er wird
meine Meinung billigen er ist sehr gut und was an ihm das Beste ist er liebt
wie ich den Charakter
Wie geht es denn Desiré fragte Pauline
Recht übel bemerkte Helene
Desiré dAzimont war ihr kränkelnder Gatte
Wie lange ist es her dass wir zum letzten male hier waren fuhr Helene fort
Vor drei Jahren sagte Pauline Haben sich seine Übel verschlimmert
Desiré ist recht krank Man fürchtet für ihn Seine Korpulenz wird
beunruhigend Die Mutter gibt ihn auf und Sie wissen böse Augen sehen weiter
als die Augen guter Menschen
Keine Veränderung in den alten Verhältnissen
Nur noch gesteigerter Die Mama ist förmlich eine Megäre und foltert mich
Desirés himmlische Güte schützt mich allein Sie will die Scheidung vor
Desirés Tode und Desiré der Egon wahrhaft liebt
In der Tat?
O Desiré bleibt sich gleich Desiré ist ein Philosoph Er gefällt sich
darin wie Seneca zu sterben Ich weiß nicht ob ich ihn für größer halten soll
als
Warum stocken Sie
Darf ich denn unbefangen über Desiré sprechen
Helene
Sie liebten ihn Pauline und waren glücklich als er mich wählte Sie
drückten mich vor elf Jahren an Ihr Herz und nannten mich Schwester
Ich dächte mein Kind nannt ich Sie Helene
O Sie sind gut Pauline Sie blieben mir die treueste Freundin trotzdem dass
es Ihnen wehe tat das Band das Sie an den guten Desiré fesselte getrennt zu
sehen Aber wie bewundert man Sie auch Beide in Paris
O Helene
Ja alle Zirkel sind noch jetzt von Ihnen voll Balzac hat mir versprochen
über uns alle einen Roman zu schreiben Ich verbot es ihm weil ich nach dem
Nadasdi nichts mehr von Ihnen angezeigt fand
Deshalb Warum Nadasdi
Ich vermutete dass Sie selbst dieses Sujet behandeln würden Sie haben so
lange geschwiegen Warum erscheint nichts von Ihnen
O antwortete Pauline ablehnend
Wie lieb ich Alles was Sie schreiben fuhr die gute kritiklose Helene
fort die gar nicht ahnte welche wunde Stellen sie berührte und wie sie
eigentlich hinter dem Gegenwärtigen zurück war In Amaranta erkannt ich Ihr
Herz in Nadasdi Ihre vorgeschrittene Kunst Wäre ich nicht durch Egon um meine
Besinnung gekommen ich hätte ein Kapitel von Nadasdi unter dem Titel Moeurs
hongrois übersetzt Welche Phantasie haben Sie Hier dieses Zelt Ihr
Kostüme Pauline Sie sollten in Paris leben Man würde Sie aufsuchen wie eine
Priesterin des Geschmackes eine Velleda eine Druidin der Inspiration Wir
haben es jetzt sehr mit den Velleden und Druidinnen Ach was bleibt uns auch
nach dem Schmerze noch übrig als die Weissagung Auf unsern Trümmern wird man
uns entweder zerschmettert finden oder wenn wir uns erheben können so ist es
nur in der Mission der Prophetie
O meine liebe Pauline was erlebt ich seitdem Sähen Sie in Alles hinein
bis auf den Grund wie würden Sie wenn Sies beschreiben wollten die Menschen
rühren während denen freilich deren Herz Sie sicher verteidigen würden es
bräche
Pauline war über alle diese Bemerkungen überglücklich Es waren ihr Das
nicht die Phraseologieen der neuromantischen Schule sondern wirkliche Ergüsse
reinster Aufrichtigkeit und Hingebung ohne die Idee einer Ironie Das Lob das
sie so oft für ihre Feder empfangen hatte war meist satirisch gemeint gewesen
Sie war weltklug und in einem gewissen Punkte nicht eitel genug um auf diesem
Bereiche Wahres und Falsches nicht sogleich zu unterscheiden Aber diese
Huldigungen der dAzimont das wusste sie die waren ganz naiv und aufrichtig
gemeint Auch die förmlich auf den Kopf gestellte Moral der beiden Frauen war
zwischen ihnen chose convenue
Als ich von Odessa kam sagte Helene ich unerfahrenes dummes Ding was
wußt ich von der Welt Desiré gestand mir dass Ihr Beide Euch geliebt hattet
und ich fand Das edel und gut von Ihnen denn Desiré verdient dass man ihm wohl
will Sie drückten mich vor elf Jahren an Ihr Herz und die Tränen die Sie
weinten als Sie die kleine Komtesse dAzimont zum ersten male sahen werd ich
Ihnen ewig gedenken Wie oft fand ich diese Tränen in dem Nadasdi und der
Amaranta wieder Sie entsagten und förderten mein Glück Ihre Liebe Ihre
Freundschaft hat mich erst die Welt kennen gelehrt denn o Himmel was war ich
Was wußt ich Sylvester Rafflard in Osteggen war ebenso ein Ignorant wie er
jetzt ein Bösewicht ist und aus Rache dass wir ihn einem deutschen Pedanten zu
Liebe verabschiedeten mich noch jetzt verfolgt Er ist der treueste Ratgeber
meiner Schwiegermutter geworden dieser bösen Frau die trotz ihres Strebens
kanonisirt zu werden mein Unglück will
Rafflard sagte Pauline Ich fand den Namen kürzlich in den Blättern
angezeigt Ein Name dieses Klanges scheint mir ist hier angekommen
Der Himmel gebe dass Sie sich irren rief Helene entsetzt Ich hass ihn
trotz seiner Freundlichkeit und alle Welt sagt es ist ein Jesuit
Ich entsinne mich Rafflard Professor Rafflard reist um die Gefängnisse zu
studieren
Das ist er Rafflard ist hier
In den Zeitungen las ich dass er einer Gesellschaft angehört die es sich
zur Aufgabe macht das Loos der Gefangenen zu mildern
Lug und Trug Es ist ein Jesuit wie nur irgend einer in der Rue Jean Jaques
Rousseau gebacken wird Er verließ die reformirte Religion nach den schlimmsten
Streichen die er sich in Genf erlaubte und muss durch den boshaftesten Zufall
von der Welt der Ratgeber meiner Schwiegermutter werden Nach Egons Abreise
flog ich dem Geliebten nach und glauben Sie mir nicht die Gefangenen sind es
die ihn herführen Ich bin es Ich die er wie eine Schlange umringelt hält um
mich von Egon loszureißen
Die Gräfin teilt nicht die Toleranz ihres Sohnes
Sie betreibt eine Scheidung Sie will das Vermögen das nach Desirés
liebevoller Anordnung mir allein anheimfällt sich der Kirche dem Beichtstuhl
den Jesuiten erhalten Rafflard hier Auch Das noch O ich bin sehr sehr
unglücklich Pauline
Damit flossen Helenens Tränen wie die eines Kindes dem alle seine
liebsten Hoffnungen von der unerbittlichen Strenge eines Lehrers oder einer
weisen Mutter zerstört werden
Pauline suchte Helenen zu trösten und versprach ihr Rat und Beistand Nur
sammeln Sie sich sagte sie und vertrauen Sie mir Wie kommen Sie denn nur zu
dieser verzehrenden Flamme zu dem Prinzen Egon
Ach Als wir uns vor drei Jahren wiedersahen Pauline begann Helene mit
schwacher Stimme da war ich im Begriff aus Verzweiflung über dies Erdenleben
irgend eine Torheit zu begehen War ich katholisch wer weiß ob ich nicht die
Mauern eines Klosters aufgesucht und in der Liebe zum Christ Helene brauchte
diese französische Wendung in der Liebe zum Christ meine unverstandenen
Schmerzen gesammelt hätte O eine so dürstende Seele wie die meine und nichts
als das schale Wasser des Alltäglichen zur Erquickung Belcotti Addington
Bardanski ich schäme mich Abscheulich Es waren Flämmchen auf diesem Sumpfe
gewesen den ich Leben nannte Ich hatte den Einen gern singen den Andern gern
wetten den Dritten gern raisonniren hören und mit allen gern zu vier Händen die
Kapricen Chopins und Liszts gespielt Pauline Das war Alles Ich kann
sagen ich hatte in diesen Flammen nur die Flügel verbrannt Sie wuchsen wieder
als ich diese Menschen verachtete Ich wollte mich Desiré widmen Desiré war
gut o gut Er fühlte sich krank und sagte mir oft Helene werde etwas
philosophischer Wenn ich tot sein werde kannst du ein neues Leben beginnen
Eine Witwe von dreißig Jahren im Besitz einer Million und mit einem Herzen voll
Poesie und unerschöpfter Hingebung ist die Königin der Erde Ich gelobte ihm
sage zu sein und ich war es bis meine Stunde schlug Wir ziehen aufs Land
Desiré hatte eine wunderschöne Villa am See von Enghien gekauft sie ausbauen
sie verschönern lassen Ich lebte nur dieser Villa auf die mich die Eisenbahn
von StGermain in zehn Minuten führte O diese Villa ist so reizend Pauline
Man sagt Rousseau habe sie einst bewohnt und dort einige Kapitel der neuen
Heloise geschrieben Ach Sie wissen wie ich die neue Heloise und Rousseau
liebe Ich war glücklich An unserm Schlösschen plätschert der See von Enghien
und die lieblichsten malerischen Partieen sind durch die Eisenbahn recht der
Magnet derjenigen Pariser geworden die idyllische Freuden lieben Es war im
Juni Ich wohnte erst vier Wochen in meinem kleinen Paradiese malte zeichnete
componirte wollte dichten ich versuchte Alles ich las ich lachte ich
weinte Desiré war glücklich wenn ein Sterbender noch einige Zeit glücklich
sein kann Ich dachte sogar an Aussöhnung mit meiner Familie und schrieb
bogenlange Briefe nach Odessa die ich mit einem Kurier unserer Gesandtschaft
über Konstantinopel expedirte Da ereignete es sich dass eine muntere
Gesellschaft Handwerker wie es schien auf dem See an meinem Garten eine Partie
machte Sie kamen vom jenseitigen Ufer und wollten die Runde fahren und die
Besitzer der Gärten necken die an den Ufern die Kühle des Gewässers atmeten
Da schlug das Boot der fröhlichen Gesellschaft um während ich an einem Tische
sitze und gedankenvoll auf die schäkernde übermütige junge Welt hinausblicke
Ich schreie springe auf und stürze die steinernen Stufen hinab die am See
bespült werden von den Wogen in denen sich unsere angekettete Gondel schaukelt
Ich springe in die Gondel und wie meine Empfindung eine reine eine natürliche
war so entfuhr mir auch das deutsche Wort Hilfe
Sie starke Seele sagte Pauline bewundernd Eine jede andere an Ihrer Stelle
wäre in Ohnmacht gefallen und hätte nichts getan
In Ohnmacht gefallen rief Helene mit flammender guter schöner Erregung
In Ohnmacht wo Menschen ihren Tod in den Wellen finden Ha Retten konnt ich
nicht aber ein junger Mann nahm mir die Verpflichtung ab das Äußerste zu
wagen Es war ein schöner Jüngling der zur Gesellschaft gehörte sich in die
Wogen stürzte und mit kräftigem Arme ein junges Mädchen emporhielt das er in
den Wellen ergriffen hatte Er schwamm mit seiner glücklich Geretteten an unsern
Garten Ach Sie können denken Pauline wie ich glücklich war als man mir
zurief nur das junge Mädchen hätte das Übergewicht verloren und wäre nach
Wasserlinsen haschend über den Rand des Nachens gestürzt mit dem man
scherzhafter Weise schaukelte Meine Diener kommen Wir tragen das junge Mädchen
ins Haus der junge Mann der mein deutsches Wort Hilfe vernommen hatte
sprach deutsch mit mir Wie erstaunt ich über den gebildeten Fremdling Er war
groß und schlank von schwärmerischem Auge und sprach so geistreich dass ich auf
der Hut sein musste ihm die richtigen Antworten zu geben Das Mädchen ein
zartes etwas verblühtes Kind eine echte Französin erholte sich bald Ich gab
ihr Kleider ließ ihnen Tee vorsetzen aber sei es dass ihr Geliebter deutsch
mit mir sprach oder was war es sie wollte fort Sie schien mir hektisch
krankhaft aufgeregt und beherrschte den jungen Mann mit einem einzigen Blicke
Gegen Abend fuhr der ganze Train nach Paris auf der Eisenbahn zurück Am Tage
darauf hatt ich die Kleider wieder Der junge Deutsche brachte sie selbst
Vergeben Sie mir Pauline wenn ich Ihnen gestehe dass ich ihn schon liebte Ich
erfuhr dass ein wunderliches Incognito ihn umspann ich lüftete das mysteriöse
Dunkel in das er sich zu verbergen suchte ich entdeckte dass dies jener
vielbesprochene seiner Familie seinem Stande abtrünnig gewordene Egon von
Hohenberg ist Ein Fürst Solche Überraschung Pauline ich schildere Ihnen die
Anstrengungen nicht deren ich bedurfte um Egon von seinen communistischen
Torheiten zu heilen Die Begeisterung für all das Romantische was ihn umgab
lieh mir die Kraft ihn wieder zu uns zurückzuführen denn weil ich seine
Hingebung an die Sphäre des Volkes schön fand weil ich ihm Beweise gab dass ich
ihn verstand ihn begreifen konnte widersprach er mir nicht als ich ihn
allmälig doch von seinen Kameraden von armen Handwerkern und Grisetten trennte
Vortrefflich Vortrefflich Wie psychologisch Sie sind eine Weise geworden
unterbrach die Geheimrätin
Helene dAzimont fuhr fort
Egon wurde mein Ich durfte ihn mein nennen denn ich hatte ihn mir erobert
Er kehrte zurück in die Welt die für ihn bestimmt war und wie glänzte er in
ihr Pauline welch ein Triumph den Mann zu lieben der Alle blendete Wenn er
in die Salons trat in seinem edlen Wuchs mit dem fast lockigen Haar dem
sanften blauen Auge dem lächelnden Mund um den ein gewisser Schmerz die ganze
Seele verkündete o Pauline ist es denn möglich dass Das war Dass ich ihn zwei
ganzer voller wie eine göttliche Minute dahingerauschter Jahre mein nennen
konnte Mein mein und dann dann
Sie regen sich auf Helene Lassen Sie Das Erzählen Sie nicht Une rupture
Das sagt ja Alles Ich kenn es
O in dieser Form nicht Pauline in dieser Form nicht sagte Helene dumpf
Das war ja nichts was Menschen ertragen können Das war ja nichts von dem
Jammer aller Derer die schon vor uns am gebrochenen Herzen starben Pauline
und wenn ein Messer vor meiner Brust zückte und Jemand sagte Ich lass dich
leben aber du hast Das erlebt so würde ich antworten Lass mich sterben nur
nicht das erlebt Da da saß ich auf einem Sopha es war dasselbe auf dem einst
jenes Mädchen sich erholt hatte sein Arm war um meinen Nacken geschlungen
ich sog die Küsse der Liebe von seinen Lippen da tritt ein Handwerker ein
den ich seit einiger Zeit angenommen hatte um meine Villa schöner zu schmücken
Desiré war in Paris Ich wohnte in Enghien Egon in der Nähe Meine Phantasie
hatte ein Spiegelzimmer erfunden mit dem ich ihn überraschen wollte Ach Egon
bewunderte meine Phantasie im Erfinden O sagte er oft Helene du bist die
Göttin des Erfindens Du bist eine Schöpferin eine Künstlerin des Lebens Deine
Phantasie ist orientalisch Man sieht dass du eine Nachbarin der Cirkassierinnen
warst O Pauline der unglücklichste Zufall führte mich auf einen gewissen
Louis Armand den Bruder jenes Mädchens in deren intriguantem Netze der arme
Egon Jahre lang geschmachtet hatte Louison hieß dies Mädchen Schon von Lyon
aus hatte sie den aus der Pension in Genf entflohenen halb unreifen Knaben zu
all den Torheiten verleitet die hier und in Paris das Gelächter der großen
Welt machten Egon wusste nichts von den geheimnisvollen Arbeiten dieses Armand
nichts von den Malereien eines deutschen Malers Reichmeier der mir heute
aufwarten wollte und den ich zu Ihnen beschied Vergeben Sie mir die Maler
haben ja Zutritt bei Ihnen ich sehe Niemanden Niemanden Sind Sie nicht
bös
Pauline schaltete ein Bitte Er soll mir willkommen sein und freute sich
zugleich über die Aussicht dass die Gräfin trotz ihrer furchtbaren Aufregung für
den Abend vielleicht nun bleiben würde
Helene fuhr fort
Einige Tage war Armand nicht gekommen Unwillig hatt ich ihm geschrieben
und meinen Leuten gesagt ich wollte ihn selbst sprechen um ihn für seine
Nachlässigkeit zu zanken Da tritt er ein schwarzgekleidet Egon springt auf
Louis ruft er Ich ahne dass er ihn kennt Ohne auf Egon zu merken antwortet
der Handwerker Madame la Komtesse Sie haben Recht meine Verzögerung zu
tadeln aber Sie werden entschuldigen dass ein Bruder am Sterbebette seiner
Schwester seine Pflichten als Arbeiter vergisst Ich bin im Begriff sie
heute zu begraben und kam selbst nach Enghien nur um mich auch für heute noch
zu entschuldigen
Das ist ja entsetzlich rief Pauline Das war Louison Und Egon
Egon fuhr Helene in fieberhafter Aufregung fort Egon hört diese dumpfen
Worte meines Mörders stößt mich zurück mich Helene die sich ermannen und den
Störenfried entfernen wollte ruft Louison ist tot und reißt sich von mir los
und den Bruder mit sich fort Meine Leute hielten mich denn was lag denn mir
daran dass man mich für eine Rasende hielt Ich sah dass Egon nach Paris
zurückwollte ich ahnte dass er sich von mir trennen konnte denn furchtbar
war was er mir von der Macht dieses Armand über sich geschildert hatte Ich sah
Alles vor mir hielt ihn krampfhaft mit den Armen warf mich auf die Schwelle
vor die Tür des Hauses und schrie Tritt mich Egon ehe du mich verlässest
mich die Lebende um die Tote Mein Haar war aufgelöst meine eiskalten Hände
bebten meine Zähne klapperten vor Fieberfrost Und Egon Egon schritt über
mich hinweg schritt über mich hinweg
Ha er flog an den Bahnhof schon war zufällig das zweite Zeichen gegeben
worden Als ich aus meiner Betäubung erwachte ein Pfiff er war davon ich
allein Er hatte mich zurückgestoßen mich die ihn liebte und ihn noch liebte
als er sie verließ Ich fuhr nach Paris ach und konnte seine Spur nicht
entdecken Nur auf dem Kirchhofe des Boulevard Montmartre draußen bei den
Batignolles wollte man einen jungen Mann bei dem Leichenbegängnis der Louison
Armand gesehen haben der dort die Öffnung des Sargdeckels verlangte und die
Leiche mit seinen Küssen bedeckte Man warf dann die Erde über den Sarg und der
junge Mann sagte man soll bis in die Nacht auf dem Hügel geweint haben einige
Gräber weiter davon hätte der Bruder der Toten gesessen stumm die Hand auf das
Haupt gestützt Dann wäre der Bruder zu jenem herangetreten und versöhnt wären
sie Beide von dannen gegangen
O mein Kind Das ist ja ein Roman sagte Pauline erschüttert Das ist ja
furchtbar entsetzlich Ich sehe Das vor mir Ein Bild von dem man zu den
Künstlern reden möchte
Und Sie sind parteiisch Pauline Denken Sie nicht an mich
Helene
Ich erhielt einen Brief von Egon worin er von mir Abschied nimmt und mir
schreibt er müsse mich fliehen und die Mission seiner höheren Pflichten
beginnen Er reise in die Heimat Ha Pauline ich ihn ziehen lassen Nein
Ich stürzte zu Desiré der mein einziger Trost mein einziger Freund war Der
Gute gab mir Geld und zeichnete mir selbst auf der Landkarte den kürzesten Weg
vor um den Geliebten einzuholen Ich kam zu spät Hier bewacht ihn jetzt der
Tod und Armand der fürchterliche Rächer seiner Schwester Ich habe Egon nicht
wieder gesehen und wenn er stirbt sind meine Stunden gezählt
Erschöpft von dieser aufregenden Erzählung sank Helene Gräfin dAzimont in
die Kissen des Divans zurück
Pauline suchte sie zu trösten Sie verwies ihr die übergrosse Heftigkeit und
den Sturm ihrer Empfindungen Sie würde den Freund damit nur erkälten sagte
sie Sie schilderte ihr wie sie ihre Pläne mit Besonnenheit anlegen möchte Sie
pries das Glück in solchen Dingen von einem guten Gatten nicht behindert zu
sein ja sie wies selbst auf die Möglichkeit hin dass Rafflard hier zu einer
Ausgleichung führen könne da er den jungen Fürsten von Genf her kennen müsse
Sie bat sie ferner diesen Schmerz ums Himmelswillen nicht zu sehr zur Schau zu
tragen Sie lebe nicht in Paris Die Maximen der Gesellschaft hätten seit kurzem
einen merkwürdigen Umschwung erlitten Sie würde sich und alle ihre Freunde
compromittiren wenn sie diesen Roman hier so fortsetzte wie sie ihn in Paris
begonnen hätte Der Hof wäre in solchen Dingen von einer unglaublichen
Empfindlichkeit Sie könnte sich den abscheulichsten Demütigungen aussetzen
Helene blickte auf und sagte stutzend
Das Alles sind die Antworten einer Freundin Einer Dichterin
Pauline raffte den letzten Rest von Schwärmerei der ihr zu Gebote stand
zusammen warf das verlöschende Licht ihrer Augen noch einmal empor dass das
Weiße einen blitzenden Schimmer von sich gab und sagte
Helene Ach ich verstehe Sie ganz Aber
Helene schluchzte
Pauline hielt sie tröstend aber auch seufzend an ihrem »mitfühlenden
Herzen«
Zweites Kapitel
Begegnungen
Als sich Helene etwas erholt hatte begann die junge schöne Frau mit leidender
Stimme
Ich hörte die gute kluge Freundin ich schätze Ihren Rat aber um Egon
kann ich Alles dulden Wie oft schon hat er in Zornausbrüchen mich in meiner
Liebe gekränkt ich fühle die Bitterkeit seiner Worte wohl und jammere aber
lieben muss ich ihn doch
Machen Sie nur mich zu Ihrer Vertrauten ich beschwöre Sie Niemanden sonst
sagte Pauline dringend
Ich versprech es Ihnen antwortete Helene Ach Sie sind glücklich Ja Sie
sind Dichterin Wenn Sie aus allen Adern bluten und Sie die Wunden die Ihnen
die grausame Welt schlug dem Tode nahe bringen dann kommt die Muse als
Trösterin und Sie können sich wenigstens Ihre eigene Grabschrift schreiben Ich
habe keine Kunst die mich rechtfertigt kein Talent das mich tröstet Musik
Ein wenig Musik Aber nur im Tanze könnt ich mich eigentlich aussprechen im
rasendsten Tanze Wie ein indischer Shamane möcht ich mich so lange um mich
selbst drehen bis ich rasend werde und tot niedersinke
Sprechen Sie von der Kunst nicht liebe Helene sagte Pauline und legte die
fröstelnde Hand auf Helenens heiße Stirn Die Zeit der Kunst ist vorüber Ich
bin die nicht mehr die Sie vor drei Jahren kannten Helene Die starken Gefühle
sind einer frostigen prüden Analyse erlegen Nur die Unschuld noch wird
bewundert und das Naive groß genannt Tändelnde Kinder drückt man wie zarte
Lämmer mit roten Bändchen und Silberglöckchen ans Herz Die liebenden und
aufopfernden Ehegattinnen sind die einzigen die man von unserm Geschlechte noch
anerkennt Die Politik soll wie man sagt eine Art Reinigung der Gemüter
geworden sein Ich weiß Das nicht aber es ist so es soll so sein Man muss sich
vor den allgemeinen Tatsachen demütigen
Es ist auch in Paris so sagte Helene Wenn aber eine gewisse Stabilität
wieder hergestellt sein wird wird sich auch diese Verirrung legen
Sie sagen »Verirrung« bemerkte Pauline lächelnd und fuhr fort
Glauben Sie daran Sie sind noch jung Sie vermögen noch alle diese
Erscheinungen mit einem liebebedürftigen Herzen abzuwarten Für uns aber liebe
Helene lassen Sie uns besonnen sein Sie werden hier bleiben bis Egon
wiederhergestellt ist Auch ich nehme an Allem was die Hohenbergs betrifft den
lebhaftesten Anteil Sprach Egon niemals von mir nie von den Harders
überhaupt
Egon war ein Franzose geworden Er kannte Deutschland nicht mehr antwortete
Helene
Ließ er sich niemals auf das Leben seiner Mutter ein bemerkte Pauline
lauernd
Ich weiß von ihr nicht mehr als was ich von Ihnen erfuhr sagte Helene
aufrichtig und offen Wer Amaranta bewundert kann nur erschrecken dass Egon
Amarantens Sohn sein soll Lassen Sie Lassen Sie Ja Ja Man sagte mir Das
Was tut Das Ich lebte der Gegenwart und Zukunft Egon selbst sprach ungern vom
Vergangenen Gerade zur Zeit als seine Mutter starb waren wir Beide die
glücklichsten Geschöpfe der Erde
Sie sind auch darin so gut Helene sagte Pauline aufatmend dass Sie für
Ihre Freunde Partei nehmen und für Das was Sie einmal warm und treu ergriffen
haben Farbe halten Schliessen Sie sich mir an Ich bin zwar manchen Stürmen
preisgegeben gewesen Aber noch wurzl ich in festem Boden Bleiben Sie eine
Viertelstunde in der kleinen Gesellschaft die ich heute um mich habe
Beobachten Sie flüchtig Sie werden mit der Schärfe Ihrer Intuition bald
bemerken was jetzt die Menschen hier beschäftigt und beschäftigen darf
Versprechen Sie mir besonnen zu sein Besonnen um meinetwillen
Ich verspreche es sagte Helene und reichte ihre weiße schwarzbeflorte Hand
der auf Melanie die jetzige Rivalin Helenens gespannten Freundin die schon auf
Wagen im gekieselten Fahrwege lauschte und mit Helenen an ein von der Abendsonne
beschienenes Fenster der vorderen schon erleuchteten Salons trat
Sie wissen doch dass Adele Wäsämskoi dort drüben wohnt fragte Pauline
Und noch ehe sie Helenens Antwort abgewartet hatte brach sie schon in den
lebhaftesten Ausdruck ihres Erstaunens aus die königlichen Livreen vor dem
Hause zu erblicken
Sehen Sie rief sie Die Fürstin ist eine tugendhafte trauernde Gattin eine
zärtliche Mutter Da steht schon der Wagen der Oberhofmeisterin vor ihrer
Einfahrt
Meine Schwester scheint gefeiert zu sein sagte Helene verächtlich Der
zweite daneben haltende Wagen scheint ihr ebenfalls Besuch zugeführt zu haben
Was seh ich rief Pauline Das ist ja der alte Rumpelwagen meiner
Schwester Anna mit der Altenwyl zusammen Ludmer Ludmer Wo ist die Ludmer
Anna hat ein Rendezvous mit der Altenwyl
Die alte Charlotte Ludmer hatte sich schon längst in der Nähe gehalten und
bestätigte was sie schon ausspionirt hatte dass bei der Fürstin drüben so
wurde übertrieben »ein Wagen nach dem andern« vorführe und eben wären Anna von
Harder und die Gräfin Altenwyl dort zusammen
Helene begriff nicht was Pauline darin so Außerordentliches finden konnte
und hörte befremdet zu als Pauline in die Worte ausbrach
So müssen sich denn die schönen Geister wirklich schon begegnen O ich sehe
es wie sie aufeinander lauschen aneinander sich entzünden und entflammen Dort
die Tugend da die Tugend und überall die Tugend Ha Ha Ha Ludmer was
wettest Du Anna wird morgen in die kleinen Zirkel eingeführt Was wird die
Königin sie an ihr Herz drücken und ihr eingestehen wie sehr sie nach dem
Umgang mit solchen Naturen geschmachtet hätte Pfui Lächerliche Welt Helene
was sind die Männer zu beneiden Die Männer können Das was sie verachten zu
stürzen sich verschwören Sie können Stirn gegen Stirn ihren Widerwärtigkeiten
entgegentreten Wir Frauen müssen unsere Ideen wenn wir welche haben
niederkämpfen und nach Gebetbüchern greifen um nur nicht die Torheit zu
begehen einmal eine Tat zu versuchen
Ich erstaune sagte Helene dass man hier so vom Hofe abhängt Noch vor drei
Jahren
Alles ist anders geworden unterbrach die aufgeregte Pauline Wissen Sie
Helene Hier treiben die Frauen jetzt nichts mehr als Werke der Liebe der
christlichen Liebe
Oeuvres de charité Wie in Paris sagte Helene lächelnd
Wer liest noch ein Buch fuhr Pauline fort Wer spricht noch von einem
Roman Verachtet ist jetzt jede Frau von der man mehr weiß als dass sie ihre
Kinder selbst wäscht selbst anzieht und die Zeit die ihr sonst übrig bleibt
mit Kirchenmusik und Kolportage von Loosen für die Ausspielungen der
Frauenvereine zubringt Man nennt Das die innere Mission Man spricht von
Krankenpflege von Wärterinnen in den Hospitälern von der Armut und den
unehelichen Kindern von den Skropheln und Kartoffeln von den Gefangenen und
ihrer Besserung
Wie Rafflard und meine Schwiegermutter in Paris
O es mag vortreffliche gutmütige Leute darunter geben die sich gern damit
beschäftigen Charpie zu zupfen und die Warteschulen zu besuchen aber ich kann
es nicht Ich fühle mich zu schwach für diese Tugenden
Pauline von Harder konnte nicht ausreden denn die Tür öffnete sich und
einige Gäste traten schon herein
Es waren zwei Erstens der Hofmaler Lüders eine schleichende höfliche
Figur ein Mann der sein schönes Talent früh gelernt hatte an den
Meistbietenden loszuschlagen und Sanitätsrat Drommeldei
Ganz gegen die Abrede mit Paulinen stürzte Helene gleich auf diesen Letzteren
zu und fragte nach Egon den er mit mehren andern Ärzten behandelte
Drommeldei erwiderte mit einem eigentümlich gekniffenen lauschenden Blicke
seines scharfen Auges dass der junge Fürst sich durch mancherlei Aufregungen ein
Nervenfieber zugezogen hätte dem er deshalb den glücklichsten Ausgang
vorhersage weil es sogleich im ersten Stadium in ganzer Heftigkeit ausgebrochen
wäre und den ganzen Organismus ergriffen hätte Wenn es eine schleichende
unausgesprochene Form angenommen hätte sagte er würde er besorgt sein Allein
eine so gewaltige Erschütterung und der schnelle Ausbruch des Phantasirens
erzeugt rasche und gute Krisen Wir haben ein Nervenfieber nicht den Typhus
Phantasirt Egon und was wollte Helene in ihrer leidenschaftlichen
Teilnahme eben fragen aber Pauline zog sie fort und flüsterte ihr zu
Mäßigung
Drommeldei musste sich nun mit Paulinen beschäftigen mit ihrem Pulse den er
zu aufgeregt fand mit ihrem Appetit den sie für gering erklärte
Sie haben keine Badereise gemacht sagte Drommeldei Sie grübeln zuviel Sie
nehmen das Leben zu ernst
Als Pauline diese »Kur durch Leichtsinn« ablehnte vertiefte sie sich mit
Drommeldei in homöopatische Gespräche die ihr den Genuss verschaften mit sich
selber zu teoretisiren und eine Art von autodidaktischer Quacksalberei zu
treiben
Sanitätsrat Drommeldei war der gesuchteste Arzt der vornehmen Welt Er
mischte das allopatische Prinzip mit dem homöopatischen und praktizirte auf
diese Art à deux mains Wer an das Eine nicht glaubte dem half vielleicht das
Andere Besonders behauptete der kleine feine magere starkgerötete Herr mit
den stechenden listigen Augen dass die Seele des Patienten ein Hauptaugenmerk
des sorgenden Arztes sein müsse Er hatte durch dies Zauberwort alle vornehmen
Frauen gewonnen Denn eine verstimmte Seele wollen sie alle haben und mehr durch
das Gemüt und seine Anregungen als durch die Pharmakopöe kurirt werden
Drommeldei führte ein Buch über seine Patienten eine förmliche Chronik ihres
ganzen Lebens Man kann sich denken wie ihm die Gläubigen anhingen Die Malades
imaginaires behandelte er homöopatisch und ließ sie aus ihren kleinen
portativen Apoteken sich die unschädlichsten Dinge selbst dispensiren die
wirklichen Kranken griff er aber mit vielem Geschick allopatisch an Er galt
nicht nur bei Hofe sondern mit gleicher Autorität in einem ganzen Bezirk von
zwanzig bis dreißig Meilen bei allen Reichen und Vornehmen Er war fast in jedem
Monat einmal auf einer größeren Reise begriffen Ihm ganz besonders kamen die
Eisenbahnen zu statten denn sie gaben ihm eine Universalpraxis Im Übrigen war
er keineswegs so kopfhängerisch wie man nach seiner Verehrung vor der
Homöopatie und der medizinischen Wichtigkeit die er der Seele zuschrieb hätte
glauben sollen Er liebte ein Glas herben Ungarweins und stritt oft mit dem
Justizrat Schlurck ob die englischen oder holsteinischen Austern nahrhafter
wären Seine Philosophie war so ziemlich die des vorigen Jahrhunderts Er liebte
Anekdoten von Voltaire Friedrich dem Großen und der Kaiserin Katarina Ein bon
mot stand ihm höher als eine Abhandlung Sein Wissen wurde besonders von den
jungern Ärzten sehr bezweifelt allein darum hätt er es doch längst zu einem
höheren Titel als dem eines Sanitätsrates was in der medizinischen Welt soviel
wie ein Kommerzienrat in der bureaukratischen ist gebracht wenn er nicht als
halber Homöopat gewissermaßen außerhalb der offiziellen Medizinalverfassung des
Landes stand Die Homöopatie war noch nicht akademisch vertreten Er
verzichtete auf Ehrenämter begnügte sich mit seinen Orden und den Dukaten die
ihm von allen Seiten zuströmten
Die Säle füllten sich Offiziere Beamte Künstler kamen manche nicht
ohne Ruf Es kann nicht unsre Absicht sein sie Alle zu katalogisiren
Es war da die stehende Garde der Geheimrätin zugegen Sie bildete den Stamm
ihrer Gesellschaften und konnte recht verletzt werden wenn sie bei irgend einem
größeren Mittage oder Abende fehlte Alle gehörten sie der Richtung an die noch
bis vor kurzem von Pauline von Harder leidenschaftlich vertreten war Da es ihr
nicht möglich wurde sich nach der Krisis in der ihre ästhetische
Lebensauffassung zu Grunde ging auf die Werke der Liebe die Frauenvereine die
Institute der inneren Mission zu werfen eine »graue Schwester« Diakonissin
oder Schwanenjungfrau zu werden so hatte sie es leidenschaftlich mit der
Politik und dem conservativen Systeme Alle diese Anhänger ihrer Fahne waren
Beamte Adlige Offiziere aufs beflissenste damit beschäftigt die alte
Ordnung der Dinge wiederherzustellen und das demokratische Prinzip zu bekämpfen
Einige von ihnen sahen in diesem Prinzip nur die rohen und gemeinen
Strassenausbrüche der Demokratie Andere waren gerechter und gestanden zu dass
die Demokratie das Unglück hatte in ihren ersten Bildungsformationen eine Menge
Schlacken involviren zu müssen doch auch das reinere Metall erschien ihnen
verderblich und gefährlich Der Unschuldigste dieser Konservativen war noch der
alte Graf Franken den nichts in seinem Hochtorysmus berührte an dem Alles
abglitt und der erst seit kurzem wieder dauernd die Gnade gehabt hatte in der
Residenz zu wohnen Viel schroffer schon war der Kammerherr von Ried ein
Schwager Paulinens aus erster Ehe ein sehr reicher Gutsbesitzer der zu
verarmen fürchtete wenn die progressive Einkommensteuer und die neue
Grundzinsgesetzgebung in Kraft blieb Die Gespenster des Kommunismus ließ
diesen Mann nicht schlafen Er hatte eine große KornLigue gestiftet zwischen
allen Grundbesitzern des Landes um den Ministern und Kammern die Spitze zu
bieten ein Unternehmen über das der Hof nicht wusste sollte er Freude oder
Schrecken empfinden Kammerherr von Ried organisirte Bauernvereine die die
Gesellschaften der Demokraten bei passenden Gelegenheiten überfielen und Jeden
halbtodt prügelten der sich nicht bereit erklärte auf der Stelle eine gewisse
Landeshymne zu singen Diese patriotischen Banden wurden fast in der ganzen
Monarchie organisirt und von Gendarmen oder eben ausgedienten Soldaten die zwar
den Bauernkittel wieder anzogen aber nicht viel Lust zum Arbeiten hatten
geleitet In großen Städten wurden von Sackfiedern Lastträgern Karrenschiebern
solche KraftVereine gebildet Der Kriegsrat Wisperling der zugegen war
gehörte zu den schleichenden Naturen die es verstanden unter Kanalarbeitern
und Schiffsablädern mit einer gefüllten Börse Mannschaften zu werben zu solchen
loyalen knüttelhaften Demonstrationen Er mischte sich auf naive kindliche
Weise unter Brückenund Bauarbeiter scherzte spässelte teilte
Viergroschenstücke aus und veranlasste eine Zeit lang jeden Sonnabend spät in der
Dunkelheit einen Überfall der Klubs und einige halbtodt geschlagene Opfer dieser
unzurechnungsfähigen Loyalitätswut Einige Sendapostel der
Entaltsamkeitsvereine unterstützten darin diesen sanft flüsternden immer
liebevoll lauernden Kriegsrat Wisperling Dafür dass er bei seinen
SonnabendAbendsWerbungen manchmal irre ging und an die unrechten Elemente im
Volke kam und fürchterlich oft schon selbst geschlagen wurde hatte ihn das
Bedauern das Lob und manche Gratification seiner Vorgesetzten schadlos
gehalten Er wusste dass er auf der Liste stand bei nächstens tatkräftigerem
Durchbruch der Reaction für dieses eigentümliche Rekrutiren Geheimer Kriegsrat
zu werden Auch einer dieser Sendapostel war zugegen Baron von Held Er reiste
für die Ausrottung der sogenannten AlkoholVergiftung und gehörte zu den
gewandtesten »Kolporteuren« der innern Mission die ja die politische Krankheit
der Völker auch scharf genug ins Auge gefasst hat und sie als Teufelswerk
auszurotten sucht Das christliche Werben gibt sich da zum Deckmantel einer ganz
weltlichen Industrie für eine Menge Bücher Zeitschriften Gesellschaften
usw her warum nicht auch für das reactionäre Wühlen Einen der kecksten
Agitatoren lernen wir in dem anwesenden Grafen Brenzler kennen Dieser hatte um
Konflikte herbeizuführen sich nicht gescheut schon an den Strassenecken oft zum
Bau von Barrikaden aufzufordern und durch geschickte Manöver in solcher Art
gleichsam den Feind herauszulocken um ihn besser aufs Haupt schlagen zu
können Graf Brenzler noch jung war ein förmlicher Flibustier seiner Partei
und lag in einem fortwährenden bald listigen bald offenen Kampfe mit seinen
demokratischen Gegnern
Auch einige politisch sehr fanatische Frauen waren schon zugegen Sie
gehörten zu den wildesten Parteigängern unter denen man Erscheinungen in
neuerer Zeit getroffen hat die die grausamere Natur der Frauen in ein
entsetzliches Licht stellen Für die Aussicht ihre Männer könnten jährlich
hundert Taler weniger Gehalt beziehen waren manche vom schönen Geschlecht
Furien geworden Von denen die um einen bei dem Lärm der Aufstände flatternden
Kanarienvogel um einen winselnden Schooshund wüten konnten will ich nicht
reden auch die wollen wir bemitleiden die auf der Straße von einem betrunkenen
Arbeiter übel angeredet nach Hause kommen und in Ohnmacht fallen und die Welt
mit Feuer und Schwert vertilgt wissen wollen Aber die Damen waren entsetzlich
die die Besteuerung der Pensionen fürchteten die die etwas von den Abzügen der
hohen Gehalte gehört hatten Diese glichen Mänaden und hätten ruhig neben Karl
IX in der Bartolomäusnacht ausgehalten als dieser mit der Flinte an einem
Fenster des Louvre stand und immer schrie
Tuez Tuez Tuez
Begrüssen wir nun Diejenigen in Paulinens Salon die wir schon einmal nennen
hörten oder genauer kennen
Vor allen ist die Excellenz selbst zu nennen Kurt Henning Detlev von Harder
zu Harderstein kam mit dem Grosskreuz auf der Brust sehr gewählt toilettirt die
Perücke frisch gebrannt und neu gelockt Seine Haltung verlieh ihm Würde Er
belächelte Jeden sehr gnädig und war gegen Helene dAzimont in dem Zelte sogar
herzlich Diese fand ihn als er in dem blauen Zelte sich neben sie setzte
außerordentlich vergnügt Sie gestand ihm dass ein gewisses Etwas in ihm läge
was man kaum anders nennen könnte als Unternehmungsgeist
Finden Sie Das
Unverkennbar O O Sie haben etwas
Die Reisen auf die königlichen Schlösser bekommen mir gut
Man atmet dort eine so gesunde Luft
Das ist es
Auch die Zeit regt an
Die Zeit Wie so Frau Gräfin Die Zeit Ach abscheulich Sie tun als
wenn ich ein Greis wäre
Bitte Ich spreche von der Zeit nicht vom Alter
Ach so Werden Sie Papa nicht besuchen
Papa Wer ist Papa
Meinen Papa in Tempelheide
Dies Gespräch wurde für die erschöpfte Helene schon zu angreifend Es war
ihr drückend leidlich heiter sein zu sollen Sie machte Miene sich doch zu
entfernen während außerhalb des Zeltes Pauline empfing Der Geheimrat hielt
sie aber mit Schmeicheleien auf Er fand sie bewunderungswürdig Verdrüsslich
antwortete sie
Wovon sprachen wir
Von Papa Komtesse Papa
Nein nein nein Ihr Papa Es muss Ihr Großvater sein Sie sind zu
schalkhaft zu jung um nur noch einen Vater zu haben Treibt er immer noch
Zoologie der alte Herr Gehen Sie zu ihm Excellenz Er muss Sie noch zähmen
Sie blicken heut so wild Und dabei ist nicht einmal Ihre Cravatte fest
geschnürt
Cravatte Trägt man in Paris Cravatten Der Graf versprach mir Moden zu
schicken
Recepte
Recepte O
Ach Excellenz fuhr Helene seufzend fort so lang ich hier bin Schicken
Sie mir denn auch manchmal wie sonst Blumen aus Monplaisir und Sansregret
Wenn ich sicher bin nicht durch die Eifersucht eines gewissen
Sprechen Sie von Blumen Excellenz Ich will Solitüde besuchen Sie haben
dort Treibhäuser Was gibt es Neues in Solitüde
Ich habe eine neue Methode des Bewässerns erfunden
In der Tat? Erfinden Sie
Eine Giesskanne Komtesse die aus verschiedenen Schläuchen besteht
Eine Feuerspritze Excellenz das ist nichts Neues
Doch doch Komtesse Die Majestäten waren entzückt davon Die Giesskanne
ruht auf zwei Rädern statt des einen Halses gehen zwei Schläuche etwa in der
Länge von erlauben Sie dass ich Ihnen Das genauer vormache Hier steht die
Giesskanne
In dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung die das Element des
Intendanten der königlichen Schlösser war wurde er aber durch seine Gattin
gestört die mit den Malern Heinrichson und Reichmeier in das blaue Zelt trat
und Helenen in Letzterem einen alten Bekannten aus Paris zuführte
Helene empfing den Maler ihrer Villa von Enghien sehr freudig und
tiefbewegt Sie rückte sogleich so dass Reichmeier die eben von Excellenz
verlassene Stelle des Divans einnehmen musste Noch mit dem Worte Giesskanne auf
den Lippen stand Herr von Harder einige Sekunden schwebend und ließ sich dann
mit Heinrichson in eine weitere Auseinandersetzung über diesen Gegenstand ein
Harder gehörte zu jenen Menschen deren Ideenarmut es mit sich bringt dass sie
einen einmal gefassten Gedanken nicht wieder fallen lassen können Ganz
unbekümmert darüber ob Heinrichson der besondere Schützling seiner Gattin ein
Interesse haben konnte die Konstruction einer neuen Giessmaschine kennen zu
lernen setzte er diesem doch jene durch den Mechanismus des Denkens einmal in
ihm aufgezogene Einrichtung des neuen Bewässerungswerkzeuges auseinander
Heinrichson der an Alles dachte nur nicht an die Annehmlichkeit mit der
Excellenz in ein hydraulisches Gespräch verwickelt zu werden musste ausharren
Mit den Bücken hier und dorthin forschend die Gräfin dAzimont mit seinen
heißen sprechenden Augen fast verschlingend dann einmal wieder auch
pflichtschuldigst mit einer gewissen Schwärmerei nach dem biblischen Turban
Paulinens blickend unterbrach er die Auseinandersetzungen des Geheimrates
ohne ihrer im Mindesten zu achten fortwährend mit den näselnden Worten Ah
Sehr wohl Sehr schön Sehr praktisch Aha Und Excellenz waren entzückt
über die Gelegenheit des Beweises wie sehr das Vertrauen Sr Majestät
gerechtfertigt war als man ihm dem altgewordenen Kammerherrn und ehemaligen
Reisemarschall des Hofes die Intendanz der königlichen Gärten und Schlösser
überließ
Kaum war Heinrichson hierauf zu Paulinen geschritten und hatte sein Amt
angetreten das eben darin bestand ihr den ganzen Abend eine gewisse
»Assiduität« zu widmen das heißt eine gewisse beflissene Emsigkeit des
Aufmerkens und ein scheinbares leidenschaftliches Drängen immer in ihrer Nähe
sein zu dürfen als die unvermeidliche Trompetta mit ihrer ebenso
unzertrennlichen Begleiterin der blonden Friederike Wilhelmine von Flottwitz
eintrat
Man nannte sie die Inseparables falls sich wie Heinrichson boshaft
hinzusetzte naturhistorisch nachweisen lässt dass alte Kakadus sich mit jungen
Kanarienvögeln paaren
Wie dem sei die Trompetta brachte Leben in jede Gesellschaft Die kleine
kugelrunde Frau rollte sich bald da bald dorthin und schied von keinem Zirkel
in dem sie nicht mehrfach jedem Einzelnen à part einen guten Abend gewünscht
hatte Während Helene glücklich war mit Reichmeier allein von Paris vom See zu
Enghien und ihrem Spiegelzimmer reden zu dürfen zu dem er einige enkaustische
Wachsmalereien geliefert hatte wusste die Trompetta die ihrer noch nicht
ansichtig geworden war sogleich eine Fülle von Tatsachen über die Zeit und die
Menschen anzubringen die Alle anregte und unterhielt Da sie Jedes im Tone der
Liebe und des herzlichsten Anteils vorbrachte auch jede Verleumdung auch jede
Nachrede eines schlimmen Gerüchtes so war es recht boshaft von Heinrichson dass
er zu Paulinen sagte
Da hat man schon wieder die gute Dame aus Sheridans Lästerschule die nur
deshalb die böse Lästerung der Andern tadelt um wiederholen zu können was über
diese Menschen gelästert wird
Die Flottwitz aber war sogleich von einigen Militairs umgeben die mit ihr
über den neuen Achilles den Prinzen Ottokar sprachen und ihr Manches im
Vertrauen mitzuteilen wussten was sich auf der nächsten Avancementsliste
bestätigen würde Sie erzählte dafür ihrerseits dass im weiblichen Reubunde wäre
beschlossen worden für Weihnachten in jedem Kasernenzimmer der ganzen Monarchie
einen Weihnachtsbaum anzuzünden jedem Krieger für die bewährte Treue Äpfel
Nüsse und einen Pfefferkuchen zu bescheeren der wahrscheinlich den allgeliebten
Prinzen Ottokar darstellen würde falls es nicht schicklicher wäre den König
selbst in dieser Form seinen Landeskindern zum liebevoll flüchtigen Andenken zu
übergeben Das junge schwärmerische Mädchen war so demokratenfeindlich dass sie
mit großer Begeisterung auch von einigen neuen Verhaftnahmen sprach und die
guten Aussichten für die nächsten Wahlen lobte
Frau von Trompetta musterte die Anwesenden und fand sogleich heraus dass sie
nur dem politischen Kreise der Geheimrätin angehörten Pauline hatte sich also
noch immer nicht entschließen können die christlich soziale Richtung der Gräfin
von Mäuseburg einzuschlagen mit der sie die Trompetta in ihrer Weise schon vor
einiger Zeit glaubte liirt richtiger verkuppelt zu haben Pauline hatte
wirklich einmal schon einen schwachen Versuch in der »Krankenpflege« gemacht es
aber nicht sehr weit bringen können in so schweren den ganzen Menschen und
seine Eitelkeit in Versuchung bringenden Aufgaben Die Trompetta fand also nur
politische Elemente Ihr war Das ganz gleich der betriebsamen Frau Sie
plätscherte ja wie ein MeeruferFisch in beiden Elementen im Süsswasser der
sozialen Richtung wie im Salzwasser der Politik War sie doch auch schon zu der
Erkenntnis gekommen dass eine Frau die etwas auf sich hält in Gemeinzwecken
nicht ganz zu Grunde gehen dürfe Sie hatte ihre aparten Liebhabereien Sie
veröffentlichte Bücher Bildersammlungen Stickereien durch wohltätige
Lotterieen Dies war eine Agitation die sie ganz auf eigene Hand betrieb und
bei der sie sich eine gewisse Selbstständigkeit ihres Namens sicherte Sie
fühlte sich gehobener bedeutsamer durch die Bitten der Vereine doch ihrer
eingedenk zu bleiben und für sie zu wirken Denn wenn die Trompetta wirkte so
bekam ein Magdalenenstift eine Diakonissenanstalt ein Blindenasyl ein raues
Haus für verwahrloste Kinder usw gleich eine sehr bedeutende Summe Mit den
schweren Liebesdiensten der christlich sozialen Richtung selbst gab sie sich
nicht ab Dazu war sie zu flüchtig zu eitel zu vergnügungssüchtig Und oft
sagte sie so laut dass es ihre intimsten Freundinnen Pauline von Harder und die
Flottwitz hören konnten Was tut denn auch die Gräfin Mäuseburg anders als
dass sie jeden Morgen die Rapporte von einer alten Kammerjungfer und von ein paar
alten Nähterinnen anhört die statt ihrer zu den armen Wöchnerinnen zu den
Kranken und Hilflosen gehen und ihr die Tatsachen mitteilen denen sie durch
die disponiblen Fonds der Kassen auf ihrem Sopha eine andere Wendung gibt Sie
notirt sich die Fälle in ihren Büchern und setzt daraus die Statistik zusammen
die sie dem großen Centralausschusse vorlegt
Besonders wegen der lieben Flottwitz sah die Trompetta heute mit Vergnügen
dass im Salon der Geheimrätin die politischen Elemente überwogen Die Flottwitz
und die Trompetta gehörten zwar zu den musikalischen Akademieen der feindlichen
Schwester in Tempelheide allein Pauline hatte gerade gern eine Verbindung mit
dem jenseitigen Feldlager Die Trompetta sagte oft zu ihr
Pauline brauchen Sie mich bei der guten Anna als versöhnenden Parlementär
Aber Pauline schüttelte den Kopf und sagte lächelnd wie zum Scherz aber sie
meinte es ernstlich Nein ma chêre als Spion Pfui Pfui hatte zwar die
Trompetta darauf erwidert aber sie besaß ein merkwürdiges Talent in Form
harmloser spielender Berichte gleichsam nur wie beispielsweise und ohne alle
Absicht die ganze Chronik der großen Welt in Umlauf zu bringen Sie entzweite
und verband wie es kam Junge Mädchen die ein Herz schon gefunden hatten
mussten sich vor ihr in Acht nehmen Sie hatte die Leidenschaft »unpassende
Partieen« zu hintertreiben und blinder Liebe bei Zeiten den »Staar zu stechen«
Denen aber die noch nichts gefunden hatten hielt sie gern immer ein ganzes
Register vortrefflicher Partieen entgegen die sie allenfalls »vermitteln«
konnte So der Flottwitz Friederike Wilhelmine dachte bei ihrem Verkehr mit
Offizieren nur an das Wohl der Monarchie und die unbefleckte Ehre und Treue des
Kriegsheeres nicht an eine prosaische Heirat aber die Trompetta schob ihr
immer doch diese kleinlichen Gedanken an Liebe und Ehe unter Die Augen der
älteren Freundin kuppelten fortwährend für die jüngere und noch vorm Eintreten
in den Salon der Geheimrätin hatte sie auf der Treppe zur Flottwitz gesagt
Wenn wir unter den Malern die bei Paulinen sich versammeln heute einmal
den Siegbert Wildungen wiederfänden Sie waren zwar schon auf dem Wege nach
Tempelheide verletzt liebe Friederike Wilhelmine durch seine demokratischen
Äußerungen wie ich durch seine Blasphemieen allein es ist doch ein hübscher
artiger recht idealischer Mann
Die Flottwitz hatte darauf nichts erwidert sondern nur noch beim flüchtigen
Vorüberstreichen an einem von Oleandern versteckten Spiegel ihre langen blonden
Tirebouchons geordnet Aber als zu Aller Erstaunen jetzt ihre Antipathie
Fräulein Melanie Schlurck mit einem alten Herrn eintrat warf sie doch der
gleichfalls überraschten Trompetta einen Blick zu der etwa sagen sollte Das da
ist ja der Gegenstand für den dieser junge staatsgefährliche Künstler entflammt
ist
In dies Geschwirre und Gesumse rauschte wirklich gegen neun Uhr als man
schon die verschiedenen Sorbette herumreichte Melanie Schlurck geführt von
ihrem Vater
Drittes Kapitel
Meisterin und Schülerin
Melanie Schlurck hatte sich heute ganz weiß gekleidet und glich Aphroditen wie
sie dem Meeresschaume entstieg Man konnte ihre Toilette einfach nennen wenn
nicht hinter der gänzlichen Entfernung jedes Prunkes und jedes auffallenden
Behanges die Absicht durchschimmerte sich nur ganz allein ganz selbst zu
geben Die Taille hielten die einfachsten langen weissseidenen Bänder zusammen
Der Nacken war unverhüllt Das Haar in griechischer Einfachheit ohne den
geringsten andern Schmuck als den natürlichen der in den Nacken
zusammengewundenen starken Flechten die von einigen Locken durchzogen waren
Ein Fächer war das Einzige was wie ein besonderer tändelnder Schmuck erscheinen
konnte
Franz Schlurck trug einen neuen grünen Frack mit goldenen Knöpfen Er liebte
das todtengräberische leichenbittende Schwarz nicht und hatte sich von den
Gesetzen der Etikette hinlänglich freigemacht um in solchen Dingen seinen
eigenen Eingebungen zu folgen Er war wieder ganz frisch ganz aufgeregt Die
niederdrückenden Erfahrungen des Vormittags waren von dem leichtsinnigen Manne
vergessen und die unmittelbare Nähe seines geliebten Kindes elektrisirte ihn
immer
Pauline empfing Melanie mit großer Auszeichnung
Machte Melanie schon durch sich selbst den siegreichsten Eindruck so musste
sie der Mittelpunkt des Abends umsomehr werden als ihr die Geheimrätin
entgegenkam sie mit unbeschreiblicher Holdseligkeit auf die Stirne küsste und
sie auf das Hauptsopha des Salons zu sich niederzog sie mit Liebkosungen und
steter Bewunderung ihrer Schönheit fast überschüttend
Dieser Moment des Triumphes wurde nur leider zu früh dadurch abgebrochen
dass die Trompetta in ihrer Wanderung von Person zu Person und der Flottwitz
wegen Melanie vermeidend eben ins blaue Zelt geraten war und dort hinter den
Kamelien die Gräfin dAzimont entdeckt hatte Dieser Moment Dieses laute
Geräusch des Staunens Dieses was konnte man von der Trompetta anders erwarten
exaltirte förmliche Geschrei Helene musste vortreten und ein Gemurmel der
Begrüßung ging durch den ganzen Saal
Helene lächelte und sagte während sie näher kam
Liebe Frau von Trompetta Ich sehe Sie sind wohl Ich begrüsse Sie von
Herzen Aber Begrüßung und Abschied in demselben Augenblick In einem Besuche
bei meiner lieben Pauline überrascht mich diese glänzende Gesellschaft für die
ich nicht vorbereitet bin
Damit kam sie voll Grazie auf Paulinen zu um von ihr für heute Abschied zu
nehmen
Pauline die in der linken Hand fast noch den zarten weißen Handschuh der
rechten Hand von Melanie fühlte gab ihr ihre Rechte und zog sie zu sich nieder
und wollte von der frühen Trennung nichts wissen Sie hatte ja jetzt ihre
bestimmten Absichten mit den beiden Frauen die sie umgaben Zwar war sie durch
den Eindruck den Melanie machte für so schön hatte sie dies vielbesprochene
Mädchen nicht gehalten in der Meinung durch die dAzimont sie zu
»eklipsiren« ganz irr geworden Doch sah sie eben dass auch Helene ihren Reiz
hatte Ein so zartes sanftes Auge wie Helene in schüchternen Momenten
aufschlagen konnte besaß Melanie nicht bei der das Auge im Grunde doch nur
schelmisch irrend und fast nichtssagend war Helene erschien geistig
seelenvoll Melanie vielleicht nur schön vielleicht fast kalt nur eitel
Trotzdem dass Schlurck Paulinen die Versicherung gegeben hatte die Gefahr in
die sie durch Egons Kenntnissnahme von Enthüllungen seiner Mutter in der
Gesellschaft auf den Rest ihres Lebens geraten könne ließe sich noch abwenden
fühlte sie doch die Notwendigkeit sich auf alle Fälle mit Egon auf einen
sichern Fuß zu stellen und noch glaubte sie mit begründetem Rechte dass auf
jener Rückreise Melanie die siegende Rivalin Helenens geworden war Sie träumte
von Vertraulichkeiten zwischen den beiden Reisegefährten von Hohenberg von
Komplotten und allen möglichen bösen Dingen die Melanie durch Bekanntschaft mit
dem Inhalte des Bildes schon über sie könnte in Erfahrung gebracht oder
befördert haben
Das befremdete Erstaunen des jungen Mädchens über die Gräfin dAzimont
entging ihr nicht Sie konnte nicht ahnen wie es in ihr rief Das ist nun die
schöne Frau von Paris mit der du einen Mann im Schlossgarten von Hohenberg
geneckt hast der dich täuschte
Helene nahm an Melanie die ihr flüchtig vorgestellt wurde wenig Interesse
Sie war ohne Neid Sie duldete jeden andern Vorzug Sie konnte sich freuen wenn
Andere schön und glücklich waren Diese im Grunde gute Natur gab Helenen etwas
außerordentlich Sicheres und einen gewaltigen Vorsprung vor einem Wesen wie
Melanie das von einer fortwährenden Unruhe und allen nagenden Bedrängnissen der
Gefallsucht gepeinigt wurde Helene war aus einer völlig andern Form weiblicher
Schönheit geprägt Sie zählte zehn Jahre mehr als Melanie aber da sie klein
zart gebaut von rundlichen Formen war so tat ihr die Zeit nicht so viel
Abbruch wie sie größeren schlankeren spitzeren Formen zu tun pflegt In
Helenen lag der Zauber des rein Weiblichen den Melanie nicht besaß Diese
konnte sinnlich blenden aber kaum so das Bedürfnis der höheren Liebe reizen
wie die weichen Formen der dAzimont
Melanie ihrerseits fühlte das mit gewaltigem Eindruck Sie hatte doch irgend
eine geheimnisvolle Beziehung zum Fürsten Egon das wusste sie wenn sie auch
schmerzlich darunter litt dass der männliche herausfordernde kecke Dankmar der
Fürst nicht gewesen war Wie hatte sie diesen mit der dAzimont geneckt
Purpurglut der Scham und jede Wallung des Zornes überkam sie wenn sie daran
dachte dass Dankmar ihr ja immer die reinste Wahrheit gesagt und nur ihre eigene
tolle Verblendung ihre eigene dem Höchsten nachstrebende Verkehrtheit diese
Wahrheit nicht hatte hören wollen Das war nun die dAzimont mit der sie den
vermeintlichen Prinzen »aufgezogen« hatte Das jene schöne elegante Pariserin
auf die sie einem Schattenbilde einer Täuschung zu Liebe Eifersucht gefühlt
hatte Pauline bemerkte wohl welchen forschenden Blick sie auf Helenen
richtete Das ist der Blick einer Rivalin sagte sie sich und beobachtete und
verglich Beide von ihrem Standpunkte
Auf die Ströme von Fragen in denen die Trompetta auf Helenen sich ergoss
antwortete diese lächelnd mit einer ihr sehr angenehm stehenden schmerzlichen
Resignation
Wäre sie mager flüsterte Heinrichson Reichmeiern ins Ohr ich würde etwas
von der Madonna des Murillo in ihr finden Der Blick ist vollkommen der des
Spaniers
Eine Spanierin ja sagte Reichmeier Aber es ist noch mehr die heilige
Terese die leidenschaftliche Äbtissin der unbeschuhten Karmeliterinnen Ich
glaube dass sie alle Mysterien der irdischen Liebe kennt wie die heilige
Terese die der himmlischen
Helene hielt solchen Kritiken und Vergleichungen nicht zu lange Stand Sie
foderte die Trompetta auf ihr die Stunde zu sagen wo man sie sprechen könne
Diese antwortete sie wäre zu viel in Bewegung um eine feste Zeit einhalten zu
können aber schon morgen käme sie selbst zu ihr
Helene nickte graziös und erhob sich dann wirklich um zu gehen
Pauline begleitete sie Wie die Kleine in ihrer einfachen schwarzen Tracht
neben der phantastisch aufgeputzten jugendlichen Matrone über das Parkett
schritt hatte sie den ganzen Zauber reinster und natürlichster Menschlichkeit
für sich Sie war von Dem was sie heute Alles erlebt hatte erschöpft Man sah
ihr die Abspannung an In dem Vorzimmer umarmte Pauline sie noch einmal und
sagte
Helene Sie sind groß Sie haben sich wie eine Heldin bewährt Sie
beherrschten sich Es wird Aufsehen machen
Als die Gräfin statt aller Antwort die Augen gen Himmel aufschlug in denen
eine Träne glänzte drückte sie die Geheimrätin noch einmal ans Herz
Morgen seh ich Sie sagte Pauline und ich hoffe Helene ich bringe Trost
und finde Fassung
Bringen Sie Mitleid sagte Helene mit leiser Stimme drückte Paulinen die
Hand und ging ruhig über die glänzend erleuchtete blumenbesetzte unter den
Teppichen knarrende Stiege hinab
Ihr Bedienter folgte mit einem Shawl den sie umschlug als sie in den Wagen
stieg
Natürlich wurde im Salon jetzt über nichts als über die Gräfin dAzimont
über Egon und über die Fürstin Wäsämskoi gesprochen Ein Körnchen Wahrheit
breitgeschlagen wie unter der Hand des Goldschlägers der aus einem Körnchen
Metall endlosen Goldschaum fertigt Da wir die Verhältnisse genauer kennen
überlassen wir die Erfindung den Uneingeweihten und beobachten nur Paulinen die
sich frei genug fühlte jetzt ganz ihren nächsten Unternehmungen zu leben Auf
einen Blick sah sie sogleich dass zwischen Melanie und ihrem Manne eine Neckerei
stattfand Melanie hatte ihm einen zu komischen Gruß gegeben und er ihn zu
verblüfft fast schmollend erwidert Melanie erschien ihr sogleich wie die
verdächtigste Kokette Ruhig den linken Arm in die Ecke des Sophas stützend und
sich in die Rückenkissen überlehnend in der rechten Hand mit dem Fächer
spielend sah Melanie den Gruppen zu die sich im Salon gebildet hatten und gab
Jedem Gehör der sich ihr näherte und sie in ein Gespräch zu intriguiren suchte
Die Trompetta brannte vor Verlangen Melanie über ihre Reise auszuforschen
aber seit der letzten Störung in der Singakademie zu Tempelheide musste sie der
Flottwitz zu Liebe Farbe halten Die Flottwitz ignorirte nämlich Melanie mit
consequenter Verachtung und sprach unausgesetzt und auf das lebhafteste mit dem
Grafen Brenzler über eine neue Art beweglicher Barrikaden mit welchen die
Truppen bei künftigen Revolutionen gegen etwaige Empörer besser zu operiren
lernen möchten sie sprach so laut dass sie Melanien sogar etwas von der ihr
allgemein gewidmeten Aufmerksamkeit entzog
Sr Excellenz der Intendant benutzte diese Pause trat an die Sophalehne und
flüsterte zu Melanie halblaut
Guter Gedanke von meiner Frau Sie bei uns einzuführen Fräulein
Bitte Excellenz beschämen Sie mich nicht Es ist doch nur Ihr Gedanke
gewesen
Doch nicht Bin Ihnen ja bös recht bös Das wissen Sie doch schon Sie
Excellenz Bös Mir Warum
Sind recht listig recht gefährlich Ja ja ich schmolle
Wie so Sie Welche Ursache hätten Sie
Werden es schon wissen Sie kleine Abscheuliche
Sie haben einen Katarrh Excellenz War es kalt im Möbelwagen
O Pfui Pfui Sie spotten Recht lieblos In der Tat! Recht lieblos
Ich ohne Liebe Ich die deshalb im Heidekrug verzweifelte weil dort so
viel Katzen herumstreichen die ich nicht leiden kann
Und bestohlen bin ich auch geworden Habe einen schönen Auftritt gehabt mit
meiner Frau Fräulein
Ich seh es Excellenz Die kleinen Ohren glühen Das bedeutet Blutandrang
Kummer
O über Sie O o Sie sind nicht gekommen En vérité Sie haben mich
gefoppt Sie sind nicht gekommen
Excellenz Welch ein Wort Gefoppt Ich versichere Sie Die Katzen sind ganz
allein Schuld Sie schliefen doch recht sanft in der kleinen transportablen
Hütte Die Götter der Liebe wachten doch über Sie O Sie machen mich recht
unglücklich dass Sie sagen können ich hätte Sie gefoppt Excellenz
Ah Bah Bah Ich trau Ihnen nicht mehr Sie sind schlimm Recht schlimm
Und die Menschen nennen mich alle so gut Nur vor Katzen fürcht ich mich
Excellenz Und es war so finster und so nass und die Gensdarmen fluchten so laut
und Ihre Bedienten tranken so viel aber Sie hatten doch Ihr gesticktes
Nachtmützchen auf Excellenz als Sie in das Hüttchen schlichen Was Ihr
Schlafrock steht Ihnen auch gar zu schön O Hohenberg Hohenberg Unvergessliche
Stunden die wir dort erlebten und ich gefoltert wurde von meinem vis à vis das
mich anfangs nicht verstand nicht verstehen wollte denn nur im Mützchen und
im seidenen Schlafrock erschienen Sie anfangs am Fenster
Hätt ich ahnen können
Dass diese kleinen Ohren mich entzücken würden Excellenz Sie sind heute zu
liebenswürdig Gehen Sie Gehen Sie Oder ich komme heute doch noch in den
Möbelwagen
Pauline trat bei diesen boshaften Worten hinzu Sie hatte die letzten Worte
halb und halb verstanden und fragte durch galante Herablassung ihr Erstaunen
mildernd
Wovon sprechen Sie Sie flüstern mit meinem Gatten
Ei ei die schöne Melanie beunruhigt den Frieden meines Hauses Henning ist
von Hohenberg zurückgekehrt wie ein neugeschaffener Mensch
Wir sprachen vom Heidekrug gnädige Frau sagte Melanie mit einem so
zärtlichen Blicke auf Harder dass Pauline lachen musste Es sind so viel Katzen
dort sagte Excellenz und ich gestehe vor Katzen hab ich allen Respekt Nicht
wahr liebe Flottwitz Sie wissen was mich von unsern Maccabäern und dem Stamme
Judä verscheucht hat
Die Trompetta und die Flottwitz waren nämlich eben nur so lauschend
vorübergegangen Diese noch ganz erhitzt von den Auseinandersetzungen über die
fliegenden Barrikaden und überall nur tote und verwundete Insurgenten
erblickend Jene auf eine Gelegenheit lauernd doch mit der ihr ganz
sympatischen Melanie anzubinden
Ah rief die Trompetta erlöst wie von einer großen Spannung Nun schüttete
sie ihre ganze Freude und Wonne des Wiedersehens und ihrer Überraschung aus
während Friederike Wilhelmine ernst und hoheitsvoll lächelte
Das war ein Begrüssen ein Fragen ein Forschen Aber Melanie kehrte sogleich
auf die Worte zurück mit denen sie um den armen Henning von Harder von
weiteren Inquisitionen zu erlösen der Unterhaltung eine andere Wendung hatte
geben wollen
Es ist nur gut süßes Kind begann darauf erwidernd Frau von Trompetta mit
künstlichem Schmollen dass Sie Ihr Unrecht einsehen und von selbst auf diesen
Gegenstand kommen Sie haben diesen schönen Koncerten für lange den Todesstoss
gegeben Sie böses Kind
Wie so fragte Melanie Durch meine Antipathie gegen die Tiere oder meine
geringen Gesangsmittel
Pauline wünschte zu wissen wovon die Rede war
Frau von Trompetta ergriff mit aller in diesem Falle wegen Annas von
Harder zu beobachtenden Diskretion das Wort und erzählte von den musikalischen
Akademieen ihrer Schwester den Zerwürfnissen der verschiedenen Singstimmen und
dem Austritte des Fräuleins Schlurck
Seitdem haben wir erlebt schloss Frau von Trompetta dass die Zahl der Tenöre
und Bässe sich auffallend lichtete Ein Assessor zwei Referendare und drei
Lieutenants sind gleich nach dem Fräulein fortgeblieben Sie können sich denken
welche Lücke Das gibt Die gute Anna ist in Verzweiflung und unsere Absicht nun
den Paulus von MendelssohnBartoldy zu versuchen müssen wir geradezu aufgeben
Melanie stellte die Gefahren die sie dem Paulus gebracht hätte ganz in
Abrede Der Assessor wäre versetzt worden die beiden Referendare wären in einem
großen Prozesse beschäftigt den die Regierung mit der Stadt führe und was die
drei Lieutenants anlange so hieße das gradezu für Fräulein von Flottwitz das
Empfindlichste sagen da es nur eines Wortes aus ihrem schönen Munde bedürfe um
sie wieder unter die rechtmäßige Fahne zurückzubringen
Friederike Wilhelmine von Flottwitz entgegnete hierauf mit vieler Ruhe und
der vollen Wucht ihres schönen klangvollen Organs
Es ist besser Fräulein die Akademieen bleiben einige Zeit ausgesetzt bis
die Wahlen vorüber und die ersten Sitzungen der neuen Kammern so geordnet sind
dass man weiß ob die gute Sache keine Gefahr zu befürchten hat Es lebt ja Alles
unter dem Druck der ungewissesten Zukunft Die Demokraten wühlen mit unerhörter
Dreistigkeit
Der Kriegsrat Wisperling unterbrach die Sprecherin mit den untertänigsten
Worten
Wie uns Fräulein von Flottwitz eben von ihrem Herrn Bruder erzählt hat
Schauderhaft
Wer kann singen wollte die Flottwitz fortfahren wer kann singen wenn
Ihr Herr Bruder fragte Kammerherr von Ried Was ist denn Neues Was ist
denn schon wieder schauderhaft
O es ist unerhört meinte Wisperling und spannte noch mehr die Neugier des
reichen Herrn von Ried der wieder ein neues Attentat auf die besitzenden
Klassen vermutete
Man wünschte Aufklärung was mit dem Bruder des Fräuleins geschehen wäre
Mein Bruder Wilhelm Friedrich begann das Fräulein
Der Lieutenant unterbrach sie Melanie
Nein der Kadett
Der zweite Kadett
Der dritte
Ihr fünfter Bruder
Der vierte
Sie meinen doch Friedrich Heinrich Wilhelm
Nein Wilhelm Friedrich
Ah der dem sich jetzt die Stimme setzt Richtig Nun
Wilhelm Friedrich ging gestern über die rasende Rolandsbrücke Da trat ein
Demokrat geradezu auf ihn ein schlug ihm vertraulich auf die Schulter und
fragte Nun Herr General Wie viel kostet denn die Schachtel von Ihrer Sorte
Ah rief fast Alles mit höchster Entrüstung
Man trat näher man bat diesen Vorfall noch einmal zu erzählen man war
außer sich Fräulein von Flottwitz erzählte ihn noch einmal mit erhöhterer Glut
als schon das erste und zweite Mal Ihre zarte durchsichtige Haut färbte sich
die hellblauen Augen schienen Funken zu sprühen ihre blonden Locken strich sie
mit einer raschen Handbewegung zurück und setzte als sie geendet hinzu
Im weiblichen Reubund hat der Vorfall allgemeine Teilnahme gefunden Welche
Verwilderung wenn die heiligsten Besitztümer des Vaterlandes die Bürgschaften
unserer Kraft und Stärke vor dem innern und dem äußern Feinde nicht mehr sicher
sind Mein Bruder Wilhelm ist von dem Vorfall krank geworden und liegt zu Bett
Die Trompetta fügte ergänzend hinzu
Ja Der empörende Vorfall hat Gelegenheit zu einer sinnigen Demonstration
gegeben Die Baronin von Astern und die Hoflieferantin Herold schlugen im
Reubund wie aus einem Munde vor dem Kadetten von Flottwitz eine Säbeltasche zu
sticken die wir ihm aufbewahren werden wenn er einst zu den grünen Husaren
abgeht
O Das ist schön O Das ist charmant rief wiederum fast Alles einstimmig
Nur eine männliche Stimme die bisher nicht vernommen war legte zum allgemeinen
Erstaunen folgenden Widerspruch ein
Um dem kleinen erschrockenen Kadetten von Flottwitz III tut mirs leid
Aber wir leben ja nun einmal im gegenseitigen Kriege Unsere Offiziere verhöhnen
jeden Bart jeden grauen Hut so verhöhnen die Bärte und grauen Hüte wieder
unsre kleinen Spielereien Wenn man die Kadettenhäuser aufhöbe würde man
jedenfalls den Federungen unsrer Zeit am besten entsprechen Alle Achtung für
Ihren kleinen Bruder denn ich wünsche dass er die unverdiente Säbeltasche bei
den grünen Husaren einst mit Ehre trage aber solche Konflikte sind nicht zu
vermeiden wenn der König diese kleinen Repräsentanten des alten soldatischen
Kastengeistes noch so herumlaufen lässt Die Zeit der Kadetten in dem alten Sinne
ist vorüber
Der Sprecher dieser mit lautlosem Befremden aufgenommenen bitteren Worte war
selbst Militär Eine hagere Figur mehr groß als mittel Sein Haupthaar war in
sonderbarem Widerspruch zu der Jugendlichkeit seiner Züge grau ebenso der Bart
die starken Augenbrauen jedoch waren ganz schwarz und gaben dem scharfen
habichtartigen Blicke eine Kraft die niederschmetternd wirkte Beim Sprechen
entdeckte man in dem schönen Munde die weissesten Zähne Stirn und Schläfe waren
edel und klar Nur um den Mund lag eine gewisse Bitterkeit die den Zügen des
Antlitzes manchmal einen mephistophelischen Ausdruck gab ohne ihn jedoch
unheimlich oder beängstigend erscheinen zu lassen Er trug eine
Infanterieoffiziersuniform die auf der Brust nach unten zu halb gelüftet war
und ein Gilet von weißem Piquet sehen ließ und Epaulettes
Es war dies jener uns schon bekannte Major von Werdeck ein Offizier der
früher nur seinem militärischen Berufe und mancherlei Studien gelebt hatte seit
dem neueren Umschwunge der Zeit aber vielfach in politischen Kreisen gesehen
wurde und durch manche scharfe Äußerung die man von einem Manne seiner Stellung
nicht erwarten wollte hier und da schon aufgefallen war In neuester Zeit war
auch er in den Reubund getreten wie Viele versicherten mit der bestimmten
Absicht ihn zu sprengen Dies unerhörte Attentat auf einen Verein der es sich
zur Aufgabe gestellt hatte alle die von dem Throne gegebenen Koncessionen
zurückzugeben und gleichsam ihre Erteilung zu bereuen hatte ihn fast isolirt
Auffallend genug war es daher dass er im Salon einer früher sehr eifrigen
Reubündlerin Pauline von Hader erschien Pauline hatte ihn aber ausdrücklich
ersucht zu kommen denn sie war jener UltraPartei müde und längst auf den
Gedanken geraten eine gewisse Opposition gegen das Allgemeine gäbe ihr doch
wohl am Ende mehr Relief als das ewige Huldigen und Anerkennen
Major von Werdeck kam ohne seine Gemahlin die eine geborene Kaminska zu
den lebhaftesten Opponentinnen der Gesellschaft gehörte Man hatte schon
vielfach an dieser Frau Anstoß genommen ihr aber als einer Polin die extremen
Äußerungen hingehen lassen Dem Gemahl aber von dem man anfangs erwartete er
würde ganz in seinem militärischen Bereiche verbleiben und diese häusliche
»Wühlerei« nicht auf sich wirken lassen galt im Geheimen schon die allgemeinste
Entrüstung der Kreise in denen diese beiden Gatten lebten Es erregte eine
offenbar beklemmende Stimmung als Major von Werdeck hier so unbefangen
eingetreten war und sich gleich als Opponent gegen die gemeinschaftliche
Empfindung äußerte
Als ihn Pauline begrüßte und ihm gedankt hatte für die Annahme ihrer
Einladung antwortete er seine Frau entschuldigend mit feinem Lächeln er
würde sich nicht haben entschließen können heute Abend eine Vorlesung auf der
Universität Major von Werdeck schrieb sich dort alle Vorlesungen nach die er
hörte zu versäumen wenn er auf dem Zettel der Einladungen nicht auch Herrn
Justizrat Schlurck bemerkt hätte er grüßte diesen er hätte ihn dringend zu
sprechen
Schlurck verbeugte sich überrascht
Doch bitt ich sagte der Major meine Privatangelegenheiten sollen die
Erörterung wichtiger Dinge zB die Kadettenfrage nicht stören Sie wollten
etwas sagen Fräulein
Die Flottwitz bemerkte kühn und voll Verachtung vor diesem Offizier
Längst weiß man es Herr Major dass die Demokraten Sie zum künftigen
Generalfeldmarschall auserkoren haben Die neuesten Schwankungen des Reubundes
sind Ihr Werk Sie haben darauf angetragen ich weiß nicht ob im Ernst oder aus
Ironie dass Jeder von dem Bunde der Reue ausgeschlossen wird der eine Tochter
zu verheiraten hat
Natürlich wurde über diese Bemerkung trotz des Abscheus gegen Werdeck
gelächelt
Major von Werdeck wählte sich eben aus einer Schüssel von Riz glacé aux
confitures einige eingemachte Kirschen und erwiderte ohne aufzublicken ganz
ruhig aber sehr scharf
Mein verehrtes gnädiges Fräulein von Flottwitz Sie sind bekannt für eine
Schwärmerin Sie glühen wirklich für den Thron dem Ihre Väter so viele Orden
verdanken Die Andern sind aber leider nicht so uneigennützig Die Andern denken
größtenteils nur an ihr irdisches Wohl und würden auch den Kosacken
Weihnachtsbäumchen anstecken wenn ihnen die Kosacken stilles Familienglück
eine Pension und gute Schwiegersöhne garantiren Es gibt Menschen denen
unbedingt verboten werden müsste politische Meinungen zu haben oder wenigstens
sie zu äußern Ich rechne mehr Gattungen dazu als ich in diesem Augenblick
aufzählen darf aber unbedingt sollten von allen politischen Demonstrationen
diejenigen Väter ausgeschlossen werden die mehr als drei Töchter zu
verheiraten haben
Diese Bemerkung schien auch gegen politisirende Frauen gerichtet und endete
vorläufig den unerquicklichen Streit
Werdeck sah sich nach Schlurck um der ihm freundlich entgegenkam und an ein
Fenster tretend Rede stehen wollte
In demselben Augenblick aber schlüpfte auch der Arm der Geheimrätin unter
den des Justizrates und Schlurck wurde in das türkische Zelt gezogen
Es hat Zeit sagte Werdeck und verbeugte sich sehr artig gegen die Wirtin
Er sprach inzwischen mit den Malern und erkundigte sich angelegentlich nach
Leidenfrost der ihm wie wir wissen Siegbert Wildungen zum Malen eines
Porträts seiner Frau empfohlen hatte
Schlurck führte indessen die Geheimrätin in das türkische Zelt und begann
Meine teuerste Gönnerin Endlich ein ruhiger Augenblick
Ich brenne vor Ungeduld dass Sie endlich sprechen sagte Pauline Welchen
tröstenden Brief haben Sie mir geschrieben Was gibt es Günstiges
Ihr Scharfsinn hat manches Richtige geahnt sagte Schlurck und spielte
mit seiner Dose Meine Tochter beichtet aber nicht und da Sie das kleine Ding
nun heute gesehen haben was denken Sie selbst aus ihr ergründen zu können
O dies wunderbare Mädchen hat einen Willen Ich sehe dass ich da auf Alles
verzichten muss
Dennoch erfuhr ich soviel dass wirklich jenes Bild dem Prinzen von Wert ist
und von einem jungen Mann Dankmar Wildungen der ihm befreundet scheint ohne
Zweifel in seinem Auftrage und durch Melanies Vermittlung in einen Besitz
genommen ist dem man ihm nicht bestreiten kann Denn die Familienbilder bleiben
den Hohenbergs
Durch Melanies Vermittlung sagte Pauline überrascht Gestand sie Ihnen
Das Dankmar Wildungen Wer ist Das
Ich durfte sie nicht examiniren antwortete Schlurck sich nach seiner
Tochter umsehend Sie ist aufgeregt Ich konnte nur Aussagen Anderer
zusammenstellen die meiner Frau die Beobachtungen Bartuschs genug wenn Sie
noch an dem Bilde hangen
Um Alles in der Welt
Ihre Freundin diese liebenswürdige dAzimont sichert Ihnen ja Amandens
Sohn Was fürchten Sie
Glauben Sie Das Sie irren sehr Egon und Helene haben gebrochen
Eine so schöne einnehmende Frau wird den Genesenden leicht versöhnen Sie
erhalten dann die Denkwürdigkeiten in aller Güte von ihm Bis dahin verachten
Sie die Welt um so mehr als Sie ja Ihrer politischen Rolle eine neue Diversion
geben und zur Opposition zu gehen scheinen Ich sehe schon wie die Trompetta
und das loyale Wunderkind da diese Beziehung zu dem neuen Katilina dem Major
von Werdeck verbreiten wird Die Tür der »kleinen Zirkel« öffnet sich wenn
nicht aus Liebe zu Ihnen doch nun aus Furcht
Um so mehr muss die Vergangenheit beseitigt sein antwortete Pauline des
Spottes gar nicht gewahr werdend
Man möchte glauben Sie hätten einen Mord begangen
Wer weiß sagte Pauline lächelnd
Schlurck sah Paulinen groß an und zog die goldne Brille in die Höhe Da er
aber an Paulinens Auge abnahm dass sie wenn auch gewaltsam doch scherzte zog
er die Brille wieder herab und langte aufs neue seine Dose aus der Tasche
Was foltr ich Sie sagte er Sie überhörten vorhin einen Namen Dankmar
Wildungen Morgen früh stellt die Polizei in der Wohnung zweier Brüder Siegbert
und Dankmar Wildungen eine Recherche an Der Obercommissär Pax der Schützling
Ihrer guten Madame Ludmer deren Empfänglichkeit für die neuen Fortschritte der
Kochkunst ich immer geschätzt habe musste mit in unser Geheimnis gezogen werden
Welches Geheimnis Wer sind denn diese Wildungen
Schlurck nahm Anstand seiner Alliirten das Misverständniss
auseinanderzusetzen das er durch seinen GeldermannDeutz zuerst im Heidekrug
veranlasst hatte Er begnügte sich zu wiederholen
Sie erinnern sich von heute früh gnädige Frau dass ich vom Prinzen Egon
wunderliche Dinge über seinen Anteil an der Johannitererbschaft und Ähnliches
sprach Alle diese Voraussetzungen haben eine andre Wendung bekommen seitdem
sich herausgestellt hat dass ein gewisser Dankmar Wildungen es gewesen ist den
man in Hohenberg für den Prinzen Egon nahm Dankmar Wildungen ist ein
Verbündeter des Prinzen Ihm gelang es wie Melanie daran beteiligt ist weiß
ich nicht das Bild der Fürstin Amanda sich anzueignen Er besitzt es Wir
aber entnehmen es von seinem Zimmer morgen in aller Frühe
Pauline erschrak über diese Eröffnung erschrak über den Schein der
Gewalttat
Sie fürchten das Aufsehen fragte Schlurck
Ich glaube Sie wollen mich verderben meinte Pauline In dieser Zeit Bei
solchen Wirren dergleichen extreme Schritte
Ist Das mein Dank dass Sie mich für beschränkt halten antwortete Schlurck
in seiner ganzen Behaglichkeit Die Recherche hat einen völlig gesetzmässigen
Zweck Dankmar Wildungen hat sich in der Stadt Angerode eine eigenmächtige
Gewalttat erlaubt eine Aneignung öffentlicher Dokumente Glücklicherweise sind
sie in die Hände der Gerichte gefallen allein da anzunehmen steht dass er sich
mit Dem was man wiederfand nicht begnügte so werden die Beteiligten Sorge
tragen um so mehr noch eine Haussuchung bei ihm vorzunehmen als sich des
kecken jungen Mannes Spur seit einigen Tagen verloren hat Verstehen Sie nun
Sehr gut Man nimmt bei dieser Gelegenheit auch jenes Porträt wenn es sich
findet
Es findet sich Egon ist seiner Krankheit wegen unzugänglich Was bei ihm
abgegeben wird geht durch die Hände der Wandstablers
Ist jene Angelegenheit die Grund zu der Recherche abgeben muss bedeutend
genug um für sich allein eine so gewaltsame Handlung zu entschuldigen
Es ist die Angelegenheit wegen der Johannitererbschaft
Wie kommt aber jener verschmitzte junge Freund des Prinzen in so verwickelte
Verhältnisse
Das interessiert mich selbst Vorläufig frag ich Mach ich es recht
Sie sind ein Zauberer antwortete Pauline holdselig und ihre Brust atmete
wie erlöst und neu belebt
Das sagen Sie dem schönen eleganten Herrn dort der eifersüchtig zu uns
herüberschielt
Schlurck zeigte auf Heinrichson der die Methode ältere Damen zu verwirren
sehr wohl verstand und nur herübersah um sich gleichsam eifersüchtig zu zeigen
was er nicht im mindesten war
Mich aber entschuldigen Sie liebe Freundin dass ich mich nun heimlich nach
einigen Worten mit dem höchst vernünftigen aber unbesonnenen Major von Werdeck
empfehle und Melanie allein zurücklasse Der Wagen wartet auf sie Sie bedarf
meiner nicht
Was haben Sie denn noch Man servirt ja jetzt den Liebhabern erst gefrorenen
Champagner Sie Vortrefflichster aller Vortrefflichen Wir bleiben nun erst
recht beisammen hören Sie doch Die Flottwitz singt
Lassen Sie mich mit der Flottwitz und mit dem Gesang Um den Champagner tut
es mir leid Ich muss in die Loge Propst Gelbsattel will heute einen Fremden
einführen Ich habe viel heute erlebt viel Widerwärtiges viel Störendes Ich
will den Tag fromm beschließen und recht andächtig heut Nacht zu Tisch gehen
Schade dass man viel Französisch wird parliren müssen Ich hätte Lust heute nun
nichts mehr anzustrengen als nur noch meine Zähne was mir leider Mühe genug
kostet da es zwischen Zunge und Gaumen bei mir wie in Herkulanum und Pompeji
aussieht Adieu In aller Stille In aller Stille Ich nehme jetzt schon
französischen Abschied
Französisch sagen Sie Wer ist denn der eingeführte Bruder
Ein gewisser Sylvester Rafflard Er reist um die Gefängnisse kennen zu
lernen Ein Menschenfreund Wir werden viel Phrasen zu hören bekommen
Rafflard Rafflard
Kennen Sie ihn
Rafflard Wissen Sie wer Das ist Ich warne Sie Das ist ein Jesuit
Ah
Ich gebe Ihnen mein Wort Rafflard Richtig Rafflard Ja lieber Schlurck
erwerben Sie sich ein Verdienst um die Loge und warnen Sie sie Es ist ein
Jesuit
Ich danke Ihnen Nicht wegen der Loge Warnen Warnen Das gesteh ich Ihnen
aufrichtig der Loge wünscht ich es käme einmal wirklich ein recht gescheuter
Jesuit über sie Jesuiten haben wir genug aber nur offene nur sichtbare Das
ist so schlimm Diese Esel verraten sich gleich Aber ein geheimer Jesuit
einer der da reist um die Gefangenen und ihr Loos zu o Das ist prächtig
Geheimrätin der Mann macht mir Appetit sogar auf seine Phrasen Woher wissen
Sie Das nur Er wird also über die Menschenliebe sprechen und dabei
wahrscheinlich ganz auf etwas Anderes zielen Das reizt meinen Verstand Das
unterhält mich Warum Sie denken vielleicht ich gönne nicht meinen
SchurzfellKollegen einmal ein Abenteuer das sie belehrt Fällt mir nicht ein
Es ist ja unterhaltend zu sehen wie eine Spinne mit Honigfüssen die Fliegen
fängt Merci Merci Madame Die Jesuiten sind die einzigen Menschen auf dieser
Viehweide welche man die Erde nennt die den Namen Mensch verdienen Woher
haben Sie Das
Ich weiß es
Dafür küss ich Ihnen die Hand und wünsche Ihnen ganz in der Stille einen
guten Abend und für morgen früh einen heitern glücklichen Tag Die Polizei
besucht die Wildungens um vier Uhr Morgens nimmt das Bild Oberkommissär Pax
bringt es Ihnen um fünf sechs wann Sie wollen und ich will wünschen dass es
den Inhalt den Sie ahnen noch verschlossen enthält
Mit diesen Worten wollte sich Schlurck aus dem blauen Zelte zurückziehen
als ihm Werdeck artig entgegentrat und bei Seite zog
Sie mussten flüstern
Pauline deutete auf den Salon wo die Flottwitz eben am Piano sang
Das entusiastische Mädchen sang sehr ausdrucksvoll mit einer sonoren
vollen Stimme ein neues Lied von der Majestät das sich fünfzehn Komponisten
bemüht hatten in Musik zu setzen und deren Melodieen sie alle auswendig wusste
Sie wollte die Gesellschaft veranlassen ihre Meinung über diejenige Melodie
abzugeben die ihr die gelungenste schien
Die Geheimrätin hörte erst in ihrer glückseligen Beruhigung teilnehmend
zu unterbrach aber zuletzt doch die an sich so löbliche aber wenig amüsante
Absicht der Flottwitz indem sie ein allgemeines Thema zur Unterhaltung angab
und dafür Sorge trug dass Melanie Heinrichson und Reichmeier dem sie sehr
artig war am meisten in den Vordergrund traten Es wurde viel erörtert viel
Kluges und noch mehr Beschränktes mit Redseligkeit vorgetragen Pauline war über
die Massen angeregt Sie hatte eine Fülle von Tatsachen in denen sie sich
plötzlich wieder bewegen konnte An Melanie die ihr etwas Gleichartiges zu
haben schien richtete sie die meisten ihrer Apropos und hielt diese dadurch
mehr wach als heute in ihrem Charakter zu liegen schien Heinrichson und
Reichmeier waren Melanie vom Atelier nicht neu die politische Debatte erschien
ihr zu schroff der kleine Roman mit dem Geheimrat ermüdete sie es war unter
den zwölf bis zwanzig selbst jüngeren Männern nicht Einer der ihr den Gedanken
an den männlichen feurigen tatbewussten Dankmar hätte verscheuchen können
Sie lieben flüsterte ihr Pauline als sich wieder Gruppen gebildet hatten
flüchtig ins Ohr
Melanie errötete
Sehen Sie fuhr Pauline fort und Sie lieben erst seit kurzem
Gnädige Frau sagte Melanie schalkhaft und doch nicht ohne Ernst ich möchte
wohl von Ihnen erfahren wie ich es mit meinem Herzen halten soll Wie ein Mann
sein muss um ihn zu lieben weiß ich Wie er aber sein muss um ihn zu heiraten
Das bitt ich sagen Sie mir
Pauline lächelte sammelte sich einen Augenblick und entgegnete
Nehmen Sie Den der Sie entweder ganz zur Sklavin oder ganz zur Herrscherin
macht
Melanie überlegte sich diese Antwort und fuhr fort
Sklavin könnt ich einem Mann gegenüber nur dann sein wenn ich ihn liebte
oder das Gefühl einer unaussprechlichen unverletzbaren Schuld in mir trüge
Schuld Schuld Über Was setzt sich wohl ein Liebender Alles hinweg
Wenn er Sie wahrhaft liebt über den Mangel an Schönheit Wenn er Sie
wahrhaft liebt über den Mangel an Geist Aber die Tugend Melanie ist wie der
Dichter sagt kein leerer Wahn Über die setzen sich nur die Männer hinweg
denen Sie eine Herrscherin sind Allen diesen Schlüssen zufolge dürfen Sie also
entweder nur einen Bettler heiraten oder einen Fürsten Ein Fürst würde Sie
nämlich schon gar nicht nehmen würde durch Ihre Heirat von der gewöhnlichen
Ordnung des Herkommens gar nicht abweichen wenn er Ihnen nicht eben auch Alles
vergäbe
Melanie verfiel in ein ernstes Sinnen Es war ihr als riefe in ihr eine
teuflische hohnlachende Stimme
Entweder also Hackert oder Egon Dazwischen gibt es nichts
Pauline sah auf das türkische Zelt wo noch immer Werdeck und Schlurck
flüsterten
Der Sanitätsrat sprach gerade am lautesten Er unterhielt die Gesellschaft
durch manche Mitteilungen aus den höheren Kreisen in denen er sich bewegte und
die er ohne indiscret zu sein wiederholen konnte Dem größeren Teile der
Anwesenden hatte aber der Major Werdeck die Unbefangenheit genommen man
glaubte in keinem reinen Wasser mehr zu sein Hier stritt man nicht gern
sondern handelte Die Enragirtesten scharten sich zur Trompetta und Flottwitz
und sprachen oft so leise dass der Geheimrat glaubte es fehlte wohl irgend an
etwas und die Bedienten rief Harders Anblick war es dann der Melanies
erschreckte Lebensgeister weder schürte und ihr Gelegenheit gab eine leidliche
Unbefangenheit zu sammeln um sich mit dem hinterlassenen Eindrucke dass sie dem
Rufe ihrer Liebenswürdigkeit vollkommen entspräche vielleicht bald zu
entfernen Pauline die diese Absicht merkte hielt sie aber fest und schien sie
veranlassen zu wollen nach dem türkischen Zelte zu folgen
Was hat der Justizrat nur mit dem Major sagte sie lauschend
Man hörte die abgerissenen Worte aus dem leisen Gespräche
Kaminska Sibirien Kloster zum Herzen Jesu Frankreich
Schwester Jagellona Vermögensverteilung Certificate Leidenfrost
Depositalgelder
Geschäftssachen sagte Melanie Der arme Vater ist geplagt Selbst hieher
verfolgt ihn die stündliche Mühe und Sorge
Pauline wusste aber nicht dass sie nur das Wort Leidenfrost verscheuchte
weil sie durch diesen Namen an ein Bild erinnert wurde das ihr die
schmerzlichsten Empfindungen weckte
Melanie ging im Saal auf und ab Als sie zurückkehrte war ihr Vater
verschwunden Werdeck im Gespräche mit Paulinen
Sie musste Heinrichson und Reichmeiern Rede stehen die von ihrer Reise hören
wollten von ihren Plänen die Malerei fortzusetzen von ihren Aussichten für
die Geselligkeit des Winters
Sie antwortete zerstreut nicht in gewohnter Laune Es war ihr zu
geräuschvoll geworden sie war nicht mehr der Mittelpunkt des Cirkels die
Zudringlichkeit des Geheimrats verhinderte ihre Triumphe und sie fühlte
plötzlich dass eine ungeheure Last sie drückte Es drängte sie mit tausend
Stimmen die innerlich riefen Fort Fort
Sie ergriff die Hand der Geheimrätin
Gute Nacht Excellenz sagte sie
Keine Förmlichkeiten meine Liebe Aber Sie wollen wirklich gehen
Pauline erklärte sie hätte noch auf ein tête a tête am Schluss des Abends
mit ihr gehofft
Ich bin noch von der Reise ermüdet sagte Melanie
Ich rechnete auf eine vertrauliche Annäherung
Sie sind zu gnädig Erhalten Sie mir diese Gesinnung
Nun denn sagte Pauline und zog das ihr rätselhafte Mädchen noch einen
Augenblick bei Seite soviel ich Sie heute kennen gelernt habe liebe Melanie
gehören Sie zu den Unruhigen und Strebenden Sie haben ein Herz und fürchten
von ihm getäuscht zu werden Die Philosophie Ihres geistreichen Vaters den ich
so hoch verehre und der mir täglich neue Beweise seiner Anhänglichkeit gibt hat
Ihnen zu früh schon den Blütenstaub vom Leben gestreift überall fürchten Sie
Illusionen Fürchten Sie nicht zu lange wagen Sie Illusionen sind dazu da dass
man sie überwindet und sich in seinem Charakter stärkt Es hilft nichts Sie
müssen schon einmal sich entschließen einem Schmerze die Brust darzureichen
nicht ihm aus dem Wege zu gehen Vertrauen Sie manchmal einem Freunde einer
Freundin Wählen Sie mich dazu Ich bin so eine alte Wetterfahne die schon
lange im Sturme des Lebens steht und andern Menschen zeigen kann woher der Wind
und die Lüfte kommen und die nicht selbst mehr an ihren Sitz gelangt Ich
weiß wie es in jungen Knospen wogt und stürmt und wie die holden Blätter die
zu schlummern scheinen im Aufruhr sind Mein Leben ist Erinnerung Nutzen Sie
manchmal diese stille Arbeit meines Kopfes und Herzens Sie finden eine
Mildtätige die nicht für sich auch für die Andern sammelte
Diese ungemein weich und fast lieblich vorgetragenen Worte erschütterten
Melanie Dennoch konnte sie nicht umhin während Pauline so sprach einen
lächelnden Seitenblick auf den jungen Adonis Heinrichson hinüberzuwerfen Ach
auch Pauline verstand dies Lächeln und erwiderte es mit einem gewissen
schwärmerisch gelassenen Blicke als wollte sie sagen Der Schatz der Liebe ist
ja unergründlich Auch der Ludmer erwies Melanie die ihre Stellung kannte
viel Artigkeit und Pauline konnte als das junge Mädchen endlich verschwunden
war nicht leugnen dass Helene dAzimont einen großen Kampf würde zu bestehen
haben wenn wirklich Melanie entweder unmittelbar mit Egon oder durch jenen
rätselhaften Freund Dankmar Wildungen mit ihm in Verbindung stand
Die Gesellschaft löste sich nun auf Werdecks Rückkehr aus dem türkischen
Zelte brachte nur Zündstoff zu Hader und Streit Seine kaustische scharfe Art
verwundete nach allen Seiten und die Flottwitz stritt mit einer Heftigkeit dass
die Grazien flohen Drommeldei war längst schon zu Egons Krankenbett ins
Hohenbergsche Palais gefahren Graf Franken in die »kleinen Zirkel« Graf
Brenzler Baron von Ried hielten nicht mehr Stand gegen die scharfe Logik des
Majors Endlich ging auch dieser nachdem er Paulinen viel Artiges gesagt und
die universale Geschäftstätigkeit des Justizrats bewundert hatte der ihm
einen Kopf wie ein Repositorium mit tausend Fächern zu haben schien
Was wollen Sie mit ihm Doch kein Prozess fragte Pauline
Angelegenheiten meiner Frau
Wie geht es ihr
Sie sollten uns besuchen Sie sollten ihr Bild sehen Sie lässt sich für eine
alte Gönnerin ihrer Familie in einem polnischen Kloster malen
Von Ihrem Protégé dem bizarren Leidenfrost
Von einem jungen talentvollen Maler Namens Wildungen Sehen Sie sich ja das
Bild an Es wird vortrefflich Gute Nacht liebe Geheimrätin
Damit ging der Major und ließ Paulinen in Erstaunen zurück hier wieder den
Namen Wildungen zu hören
Die Trompetta und die Flottwitz hätten jetzt gern das Feld allein behauptet
und noch mit der Geheimrätin über Wahlen und mancherlei Demonstrationen
besonders über den »Bazar« zum Besten der verwundeten Krieger ja schon über die
große vorbereitete Weihnachtsbescherung in den Kasernen gesprochen
Allein sie sagte ganz kurz und schroff
Lasst mich heute mit Eurem dummen Zeug in Ruhe Gute Nacht
Die beiden Inseparables gingen verdrießlich Doch hatten sie im Wagen der
Trompetta reichlichen Stoff zur Erörterung aller Vorkommnisse dieses Abends Sie
glossirten auch darüber dass der einzige und letzte von Allen der zurückblieb
wirklich der Maler Heinrichson war
Heinrichson musste jeden Abend bei solchen Gelegenheiten die Schlusssentenz
gleichsam die Moral des Abends aussprechen
Wie ist Ihnen Pauline fragte er auch heute
Still und bewegt antwortete sie mit Goethe und reichte dem Freunde die Hand
zum Kusse und zum Abschied
Melanie aber war unten von ihrem Bedienten empfangen und in den Wagen
geleitet worden auf dem Neumann inzwischen wohl geschlafen hatte
Es mochte fast zehn Uhr sein
Die Luft war man fühlte es an den geöffneten Fenstern der Villa linde und
mild Zitternd bebten in ihrem Glanz am dunkelblauen reinen Himmel die Sterne
nur da und dort zog über sie her ein Nebelschleier der vielleicht nur der
Widerschein von unzähligen unsichtbaren Sternen war
Noch einen flüchtigen Blick warf Melanie durch den Vorgarten fliehend auf
die hellerleuchteten Fenster des oberen Stockes bewunderte die elegante
Einrichtung des Vorbaus die sorgsame Pflege der Beete
Fliehend sagten wir Denn der jungen Excellenz die ihr schon auf der
Treppe nachgetrippelt kam und durchaus noch mit ihr sprechen wollte mochte sie
nicht Rede stehen
Als sie im Wagen saß und dieser langsam durch die andern die auf ihre
Herrschaften warteten sich durchwand ergriff sie Mismut und Schmerz
Sie hatte die leidenschaftlichsten Eingebungen ihres Ehrgeizes
niederzukämpfen und fühlte aus Gründen die ihr selbst nicht klar waren einen
unaussprechlichen Neid gegen Helene dAzimont in der sie etwas entdeckt hatte
was sie selbst nicht besaß SeelenPoesie
Sie musste sich gestehen dass es Menschen gibt die um sich her selbst wenn
sie stumm und dem Allgemeinen abgewandt scheinen einen Zauber verbreiten mit
dem die vergängliche und noch so blendende Wirkung der Schönheit keinen
Vergleich aushält
Melanie war besonnen genug sich zu sagen dass sie sich diesen
geheimnisvollen Reiz nicht geben konnte Sie wurde geliebt von Menschen die sie
nicht wieder lieben konnte Selbst diese heutige Szene mit Siegbert Wildungen
Dies war nicht jener unternehmende starke sie bändigende sie in Asche
verwandelnde Geist Dem gegenüber war sie nicht Sklavin und auch nicht Fürstin
Sklavin an sich nicht aber auch eine Herrscherin nicht Sie hätte ihren Sklaven
geringschätzen müssen und Das konnte sie wiederum mit Siegbert nicht Dankmar
aber Dankmar Das war ein Sehnsuchtston der durch ihr Inneres wehklagend rief
Wie gewann Dankmar wieder wenn sie ihn verglich mit den Männern die sie eben
im Salon der Geheimrätin gesehen hatte Dieser Reichmeier dieser Heinrichson
Wie verächtlich erschien ihr diese Gattung von Salonmenschen die ihr Glück
durch eine Lüge machen und die Petitmaitres vornehmer Launen sind Selbst
Lasally der sie liebte und dabei offen gestand dass er durch ihr Vermögen doch
nur sich und seine Pferde retten wollte selbst der war ihr bedeutender und
erschien ihr liebenswürdiger Lasally log doch nicht Es war ein blasirter
desparater mürrischer junger Mann aber er kam von allen Männern die sich
ihrem Herzen eingeprägt hatten Dankmarn in der Tat am nächsten
In diesem Augenblicke gedachte sie auch Hackerts Kaum hatte sie mit
Grauen der Worte sich erinnert die Pauline sprach dass den Mangel an Tugend ihr
nur ein Bettler verzeihen würde oder ein Fürst als ihr etwas Entsetzliches
geschah
Sich allein im Wagen glaubend rollte sie durch die sternenhelle Nacht
drückte die Augen zu hüllte sich in ihren Shawl und glaubte sich nur von dem
kühlenden Luftauche belauscht der durch die herabgelassenen Fenster des
geschlossenen Wagens strömte
Da fühlt sie sich plötzlich von einem kräftigen Männerarme umfangen und ein
stürmischer Kuss brennt auf ihren Wangen
Der Todesschreck hinderte ihren Aufschrei
Sie fuhr in dem niedrigen Raume empor
Der aber der sie mit gewaltigem Arme niederdrückte und mit glühendem Tone
das Wort Melanie Bist ruhig flüsterte war Hackert
Sie sahs Sie fühlt es Sie wollte schreien
Aber halb ohnmächtig willenlos elend zum blassen Tod entsetzt sank sie
auf die Kissen des Wagens zurück der funkenstiebend donnernd in die Stadt
rollte
Viertes Kapitel
Brandgasse Nummer Neun
Das Viertel das zwei Stunden früher Siegbert Wildungen aufsuchte ist das
älteste in der Stadt
Die Brandgasse selbst ist so schmal dass in ihr kaum zwei Wägen sich
begegnen können ohne bis dicht an die Häuser auszuweichen Diese Häuser sind
hoch und mit überhängenden Stockwerken so gebaut dass sie sich von oben mehr
nähern als von unten Alle diese Häuser aus altem Sandstein und dicken
geschwärzten Eichenbalken gebaut haben eine ungewöhnliche Tiefe und werden
meistens noch durch Höfe verlängert von denen einige neuer sind als die
Vorderhäuser da zu verschiedenen Zeiten in diesem alten Stadtviertel
Feuersbrünste wüteten Ungeachtet der Name dieser Straße daher entstanden sein
mochte dass die Flammen sie öfter heimsuchten als andere ungeachtet eine
allgemeine durchgreifende Zerstörung zum Besten des gesunderen Luftzuges
vielleicht für die Stadt selbst zu wünschen wäre so schreckte man doch bei dem
Gedanken zurück welche große Anzahl ärmster Familien dabei in Lebensgefahr
geraten würde denn keine Straße war volkreicher als diese Brandgasse
Der Verlust an Hab und Gut würde vielleicht durch die Mildtätigkeit
ersetzt worden sein obgleich doch selbst in diesen dunklen alten Wohnungen mit
den Giebeln und Galerien sich mancher stille Sparer versteckt hielt und sich
durch weiße Gardinen Blumenstöcke und Vogelkäfige an seinen kleinen mit Blei
zusammengelöteten Fensterscheiben als ein Wohlhabender verriet Freilich alle
Blumen und Vogelkäfige vor den kleinen Fenstern in der Gasse selbst und den
Hinterhöfen konnte man nicht für ein Zeichen des freundlicheren Lebenslooses
halten denn diejenige Armut wenigstens die sich geistig nicht ganz
verwahrlost schmückt sich gern mit Blumen und gibt selbst einem Vogel im Käfig
von ihres Daseins spärlichen Brocken ab
Mehre der ältesten dieser Häuser in der Brandgasse waren mit jenem Angeroder
Kreuze der Ritter von StJohannes geziert Doch sah man nur die drei Blätter
des Kleeblattes an den Ecken des heiligen Symbols zum Zeichen dass diese Bauten
noch über den Zeitpunkt hinausreichten wo die größere Anzahl der Ritter dieses
Ordens in den Schoss der evangelischen Kirche überging
Aber auch diese Häuser gehörten zu jener Verlassenschaft die man damals dem
Ritter Hugo von Wildungen angewiesen als die unrechtmässigste und dreisteste
Besitzergreifung von der Welt durch die allgemeinen Wirren damaliger Zeit
zugelassen und stillschweigend anerkannt wurde Auch diese Häuser wurden von
Sehlurck für die Kommune verwaltet und oft genug sah man Bartusch in seinem
grauen Rock hier Trepp auf Trepp ab schleichen und die gerichtliche Execution
den Mietern androhen die ihm von den sogenannten Vizewirten als saumselige
Zahler bezeichnet wurden
Diese Vizewirte bewohnten oft die unsauberste Spelunke von allen aber sie
zahlten keine Miete Nur mussten sie sich als fleißige zuverlässige Männer in
der Hut des Hauses bewähren und die einzelnen Wochengroschen die sie von den
Bewohnern sammelten pünktlich in der großen Schreiberei des Notars und
Administrators Justizrats Schlurck abliefern
Der Vizewirt des Hauses Brandgasse Nr 9 war ursprünglich ein Schlosser
dann aber durch seine Frau halb ein Flickschuster halb durch seine eigene
Brauchbarkeit Polizeidiener Dieser vielseitige Mann hieß Mullrich Die
Flickereien alter Schuhe und Stiefel neue zu liefern übernahm Mullrich nicht
besorgte seine Frau die diese Arbeiten in Pech und Leder von ihrem ersten
seligen Gatten gelernt hatte Der zweite gab die Schlosserei auf da er in die
Lage kam dem Staate dem Gerichts und Polizeiwesen in treuen Funktionen zu
dienen zu deren äußerer Unterstützung sein mürrisches brummiges Gebahren ihm
sehr zu Statten kam Die Vergünstigung Vizewirt in diesem Kommunalhause der
Brandgasse zu sein verdankte er seiner polizeilichen Stellung denn was gab es
hier nicht in diesen Spelunken in diesen Höhlen des Jammers und Verbrechens zu
beobachten Der ehemalige Schlosser war ein Dietrich der Polizei geworden
Seine Freiwohnung bestand aus zwei Stuben nebst einem Kamin auf einem
dunklen Vorplatze Alles im tiefsten Kellergeschosse des Hauses Brandgasse Nr
9 Man behauptete die kinderlosen Mullrichs hätten durchaus nicht nötig
gehabt in einem Souterrain zu wohnen das bei den Frühjahrsüberschwemmungen oft
unter Wasser geriet und bei dieser Gelegenheit mit Glück die höhere Rattenjagd
zu betreiben erlaubte allein man nannte dieses würdige Ehepaar geizig eine
Meinung die wir durch das Wohnenbleiben in diesem Freilogis doch kaum bestätigt
finden möchten Ein Freilogis ist für jeden Stand eine so unschätzbare »Gabe
Gottes« dass sich Frau Mullrich von der wir diesen Ausdruck entlehnen hätte
der Sünden schämen müssen wenn sie es aufgegeben hätte zu geschweigen dass die
Einnahme von ihrem Verdienste als Flickschusterin noch durch die günstige Lage
des Ortes und jene Superiorität unterstützt wurde die der Vizewirt dieses
Hauses nicht nur über einige leidlich respectable Einwohner des Vorderhauses
sondern über das ganze Gewimmel von drei großen Hinterhöfen behaupten durfte
Auch in polizeilicher Hinsicht hatte Mullrich durch dies Freilogis das er im
Frühjahr mit den Überschwemmungen und dem Hervortreten des Grundwassers und in
allen Jahreszeiten mit den Ratten zu teilen hatte doch so viele
Annehmlichkeiten dass er die Gelegenheit hinter manche Diebshehlerei zu kommen
und sich in seinem Spionirberufe preiswürdig zu betätigen nicht gern aufgab
Frau Mullrich war eine Dame die die emsigste Tätigkeit liebte Wer weiß ob
sie in einem bessern Quartier hätte auf ihrem SchusterDreibein sitzen und
zugleich durch ein kleines Schiebfenster das durch die dunkle Hausflur und
durch das Kellerfenster das auf die nicht viel hellere Straße ging soviel ihre
Spürkraft Anregendes entdecken können Mullrich ohnehin war den ganzen Tag
unterwegs und hatte Gelegenheit genug auf den schönsten Promenaden wo es
Taschendiebe zu beobachten und Steckbriefe zu vergleichen gab frische Luft zu
schöpfen
In der Regel kam er wenn es nicht außerordentliche Fänge gab um acht Uhr
Abends nach Hause verzehrte dann sein Käs und Brot trank ein hohes Glas des
besten schäumendsten Dünnbieres und legte sich zeitig zur Ruhe während seine
Frau nun erst aufpasste wer zu spät nach Hause kam und für das Öffnen der
Haustür einen Pfennig oder Dreier zahlen musste Dem Nachtwächter der
eigentlich dies Privilegium des Hausöffnens für die Spätlinge beanspruchte
hatte sie glücklich diese nach Jahresschluss selbst bei den Armen nicht
unergiebige Quelle des Erwerbes abzuringen gewusst Einige Diebstähle befördert
durch den gutwillig hergegebenen Hausschlüssel des Nachtwächters hatten ihre
desfallsigen Auseinandersetzungen vor dem grauen Bartusch unterstützt Rechnet
man nun noch hinzu dass die vermögenden Einwohner des Hauses Brandgasse Nr 9
und seiner drei Hinterhöfe einen Hausschlüssel von ihr für monatlich drei
Groschen mieten konnten und in der Tat vierzehn solcher Hausschlüssel im
Gange waren so ergab dies eine Summe die wenn man einige unvermeidliche
Ausfälle dabei mit in Anschlag brachte sich immer jährlich auf das stattliche
Kapital von etwa fünfzehn Talern belief Die Pfennige aber oder die von
Betrunkenen in der Zerstreuung gegriffenen Groschen manchmal freilich auch
zinnerne Knöpfe brachten jährlich mindestens eben soviel ein und da war es
wohl zu begreifen wie Frau Mullrich vor zwölf ein Uhr nicht zu Bett ging und
des Morgens noch schlief während ihr Gatte schon »aus den Federn« kroch Feuer
anmachte und Sommers und Winters den Kaffee oder ein dem Kaffee nicht
unähnliches Surrogat selbst kochte für die erste innere Erwärmung des innersten
Menschen
Es war nach sieben Uhr als Mullrich seinen heutigen Abendimbiss der nicht
aus Käse sondern einmal zur Abwechselung aus drei geschlagenen oder gerührten
Eiern und Butter und Brot bestand verzehrte und ruhig die Rapporte seiner Frau
anhörte
Die Pinnen sind all sagte Frau Mullrich und meinte unter Pinnen gewisse
kleine Nägel die unter die Schuhe geklopft werden
So war Mullrichs bedeutungsvolle Antwort Er wusste dass es sich um eine
finanzielle Erörterung handelte
Nummer 76 will uns welche verkaufen das Schock zu fünf Pfennige
Der alte Nagelschmiedgesell sieht ja ganz reputirlich aus Stiehlt denn der
Kerl sagte Mullrich phlegmatisch
Bewahre antwortete die Ehehälfte Er muss sie wohl verkaufen Ist ja sein
Lohn Jeden Sonnabend bringt er einen Sack Nägel mit Baar Geld hat so ein
Meister nicht
Drum Drum meinte Mullrich Dacht ich doch neulich der Nagelschmied
bettelte Vorm Tor sah ich ihn so scheu immer in die Häuser gehen aus einem
heraus und ins andere hinein und die Rocktaschen ganz voll und ganz schwer
Dacht ich nicht er holte sich so Brot zusammen Waren Das die Nägel Fünf
Pfennige fürs Schock Nimm sie Er lässt sie Einem auch für viere Wenn du zwei
Dutzend Schock nimmst gibt er noch eine eiserne Kramme zu für den alten
Spiegel den die Mamsell Nr 17 dagelassen hat Das lange Windspiel hat uns doch
richtig betrogen Brennt uns mit 14 Wochen Miete durch macht vier Taler und
geht bei Nacht und Nebel davon Sollen uns an die Sachen halten Ein alter
zerbrochener Spiegel und eine Bettstelle Die Betten und das Waschlavoir nimmt
sie mit und was sie zum Anziehen hat trägt sie auf dem Leibe Sie ist nach
Hamburg und es ist eine Schande dass man nun so Was nicht gleich mit dem
Telegraphen hinterher melden kann Wozu sind nur die Dinger
Frau Mullrich berichtigte hier mehrfache Irrtümer ihres Mannes Erstens
tadelte sie ihn bei dieser Gelegenheit dass er sich gerührte Eier für die Nacht
bestellt hätte was eine zu hitzige Speise wäre dann aber sagte sie
Eine Kramme noch für ihren Spiegel Und die Bettstelle auch behalten Da
könnte Einer dabei bestehen
Heute gegen Uhrer viere war der alte Graue hier und ich sagts ihm gleich
Die Mamsell Nr 17 ist durchgegangen die Miete ist nicht gezahlt macht vier
Taler und der Spiegel und die Bettstelle macht einen Taler ist für Auslagen
die sie mir schuldig geblieben ist Seife und Licht und zwei Hausschlüssel
bleibt immer vier Taler
Zwei Hausschlüssel Wie denn so zwei Hausschlüssel
Ha Ha Wie ich von zwei Hausschlüsseln sprach drehte sich der alte Sünder
um und wollte sich nicht in dem Spiegel sehen lassen weil er ganz rot wurde
Rot Warum denn rot und zwei Hausschlüssel
Ach Schon vor elf Wochen Wie ich ihm da gesagt hatte Herr Bartusch
sagte ich die Mamsell Nr 17 zahlt keine Miete da wurde er dazumal grob wie
immer und kletterte selbst zu ihr hinauf Schon zwei Wochen nicht rief ich ihm
nach Nach einer halben Stunde kam er wieder und mit einer ganz jämmerlichen
Miene Armes Mädchen sagt er Muss sich von ihrer Hände Arbeit ernähren hat
keine Eltern und wie er dann tun kann als wenn er ein Erbarmen im Leibe
hätte wie die ewige Güte kaum ist er damals fort das sind nun elf Wochen
kommt die Lange herunter und will noch einen Hausschlüssel für einen Freund
Aha dachte ich für einen Freund Ich gab ihr den Hausschlüssel Kostet drei
Groschen monatlich Mamsell sagt ich Wird Alles bezahlt werden und so ging
sie schnippisch davon als wenn sie einen Ehemann gekobert hätte Und richtig
ich hab ihn wohl erkannt wie er dann am nächsten Abend ankam nach zehn Uhr in
einem großen Mantel
Herr Bartusch sagte Mullrich erstaunend über die »Enthüllungen« seiner
Frau
Schleich du nur dacht ich fuhr seine Ehehälfte fort Wer sind Sie Herr
Wo wollen Sie hier hin rief ich Nummer 17 piepte es und rasch in den Hof wie
eine Katze so genau fand er sich zurecht Und das dreimal Nachher gings ja
mit Mann und Maus auf das Schloss von dem alten Fürsten und richtig Mein
Männchen kommt auch nicht wieder und den Hausschlüssel hat er bei sich behalten
Die Mamsell zahlt keine Miete zahlt keinen Hausschlüssel der Freund ist fort
und eines Abends sie auch bis auf ihr Mobiliar ihren Spiegel und ihre
Bettstelle An die halten wir uns Männchen mag nun sehen wo er die Miete
kriegt Wer weiß wo die Lange steckt Es hat schon oft einmal geheißen
Hamburg und hernach wars bloß die Hamburger Straße
Diese harten Verleumdungen über Bartusch den eigentlichen Regenten dieser
Häuser wurden von Passanten unterbrochen die an dem Schaufenster des
Kellergeschosses von der dunklen Hausflur aus sich niederbeugten und in die noch
»schummrige« Stube des Vizewirts hinuntersprachen
Es waren dies zuvörderst Drehorgelspieler die wegen eines Hausschlüssels
parlementirten Sie hatten heute einige Tanzorte mit ihren melodischen Klängen
zu bedienen wo sie lange auszubleiben gedachten
Er wurde ihnen leihweise für einen Dreier und nur für diese Nacht bewilligt
mit vielen Mahnungen ihn zu schonen nicht zu verlieren Mahnungen die sich
mit einem höflichen Übergange in zweckentsprechende Drohungen verliefen
Es war nach sieben Die Handwerker und Arbeitsleute die im Hause wohnten
kamen nun von der Arbeit Kinder Frauen Mädchen Männer rüstig und hinfällig
bunt durcheinander
Frau Mullrich ließ sie Alle mit scharfprüfenden Augen die Revue passieren
Bei Jedem der ihr fremd schien öffnete sie das kleine Schaufenster und sah mit
ihrer langen Spitznase hinterher
Hat die Klapperfuss wieder einen Neuen fragte sie aufmerksam auf einige ihr
unbekannte Passanten
Gemeldet ist keiner sagte Mullrich und wies auf ein schmuziges Buch in dem
die ganze Bewohnerschaft verzeichnet stand
Es gehen heute so viel fremde Gesichter aus und ein
Bei Nr 40 ist viel Verkehr
Nein Mannspersonen mein ich Mannspersonen Da geht ja die Klapperfuss
Sieh den Staat Guten Abend Madame Klapperfuss Und die Mamsell Tochter
Mullrich ich glaube da ists schon wieder
Nicht richtig Das wäre das Fünfte
Diese Menschen Den frommen Herrn der sie neulich über ihr Sündenleben
ermahnen wollte haben sie fast zur Treppe hinunter geworfen
War lange keiner vom Verein da Die Bibeln sind ja bald all Nur noch
zwei aufm Lager Der Buchbinder in der Schulstrasse hat erst neulich gefragt
Herr Mullrich keine neuen englischen Bibeln
Der Nagelschmiedgesell dem wir eine anboten ist recht fromm und will sie
behalten meinte Frau Mullrich geschmeichelt von der Artigkeit des
geschäftsfreundlichen Buchbinders
Aber Nr 25 ließ uns doch eine an Zahlungsstatt Wir müssen einmal bei
dem Verein anklopfen es ist doch immer ein gutes Geschäft
Sei vorsichtig Mullrich Die durchtriebene Person die Louise Eisold hat
uns erst neulich gedroht sie wollte den ganzen Kommersch mit den Bibeln
anzeigen
Mullrich schwieg erschrocken
Zum Verständnis dieser aphoristischen Abendunterhaltungen des Herrn und der
Frau Vizewirtin wollen wir aus der reichen Chronik dieses Hauses nur einige
kleine Personal und Sittennotizen geben
Die mehrerwähnte Madame Klapperfuss zB beherbergte im ersten Hinterhofe auf
vier Zimmern eine Anzahl von Gesellen die sie kasernenartig in »Schlafstelle«
hatte Die Zahl schwankte meist zwischen achtzehn bis zwanzig Sie schliefen je
zwei und zwei in einem Bett und hatten für Waschwasser Handtuch Bett und
Leibwäsche und Frühstück eine Summe in Bausch und Bogen zu zahlen die jeden
Sonnabend berichtigt werden musste Madame Klapperfuss verdankte der Präcision
mit der sie dies Schlafstellengeschäft betrieb die Mittel sich auf Volksbällen
und Pikeniks der Vorstadt durch Garderobe und Appetit auszuzeichnen Ihre
Begleiterin vorhin war ihre Tochter Demoiselle Klapperfuss die von
verschiedenen gerade nicht sehr stabilen sondern ab und zugehenden Vätern
eine Anzahl Kinder aufzuweisen hatte die jedoch von der Großmutter mit ebenso
vieler Zärtlichkeit behandelt wurden als wären sie der legitimsten Ehe
entsprossen
Die Vereine zur Bekämpfung der Unsittlichkeit des Volkes hatten hier in der
Brandgasse Nr 9 ein weites Feld Allein die Treppen waren sehr steil die
Türen sehr eng Den Missionären dieser braven Institute geschah zuweilen das
Widerwärtige dass die verstockten frechen Sünder sie alle Unannehmlichkeiten der
Lokalität empfinden ließ Demoiselle Klapperfuss hatte zB einen Abgesandten
der Kirche der der am nächsten Sonntag stattfindenden Taufe ihres vierten
unehelichen Kindes eine strenge Rüge ja ein freilich katholisch klingendes
Wort von Kirchenbusse züchtigend vorhergehen lassen wollte jene schnöde
Abfertigung angedeihen lassen die Frau Mullrich vorhin andeutete
Überhaupt konnten die Vereine ohne Mullrichs Autorität und Unterstützung
hier nicht viel rein Moralisches und LehrStrenges zu Stande bringen Nur das
baare Geld wurde mit Artigkeit und Dank begrüßt Ein für allemal lag auch bei
Mullrich eine Anzahl Bibeln deponirt die er jedem sich der geistlichen
Erweckung zugänglich Erklärenden übergeben sollte Mullrich war zu gewissenhaft
diesen Auftrag unvollzogen zu lassen Er bot die Bibeln in der Tat allen diesen
Armen und Elenden an Sie nahmen sie auch verwerteten sie aber sogleich an der
besten Quelle die sich ihnen in Mullrich selbst darbot Mullrich behielt das
Buch der Bücher gleich an Zahlungsstatt für Miete oder verfallenen Versatz
denn auch auf Pfänder lieh die Frau Vizewirtin in aller Stille oder für
Hausschlüssel oder Feuerung die sie im Winter verkaufte oder Kartoffeln deren
sie große Vorräte anschafte und Mullrich hatte dann in der Schulstrasse einen
Buchbinder der die Exemplare unter Verhältnissen kaufte bei denen Mullrich nur
der Kommissionär der Bevollmächtigte der richtigen Empfänger jener Bibeln war
und per Stück immer zwei Groschen Vorteil zog was bei einem jährlichen Umsatze
von etwa funfzig Exemplaren immer eine Einnahme war
Freilich fanden sich denn doch auch manche trostsuchende leidensmüde
Seelen wie jener arme Nagelschmiedgesell der die Bibel behielt und nicht für
die Miete angab Dieser Ärmste las sich Trost aus ihr wenn er am Tage mit
seinem armen Meister Nägel geschmiedet hatte und mit ihnen Abends und Sonntags
früh in der Stille selbst hausiren gehen musste und seine Kinder gingen mit
hausiren und liefen auf die Dörfer barfuß und boten den Leuten Nägel an und ihre
Mutter wanderte sonst oft meilenweit mit um Nägel zu verkaufen aber mit den
letzten Nägeln die sie an einen Schreiner verkauft hatte ward ihr auch schon
der Sarg gezimmert sie war tot
Ach welche Fülle des Elends Wieviel körperlicher und sittlicher Jammer ist
da zusammengedrängt Ergebung in sein Loos neben der Verzweiflung es gewaltsam
zu ändern Armut und Verbrechen und zwischen beiden alle Laster der Sinne
Hundert Nummern waren in diesem Hause allein an Bewohner ausgeteilt und jedes
Zimmer bot ein andres Bild des Elendes und Jammers Da ein Kranker dort ein
Sterbender hier nebenan das kreischende Lachen einer unsittlichen Dirne oder
der tobsüchtige Ausbruch eines Trunkenbolds der seinem Weibe das Wenige was
sie besaßen in Scherben an den Kopf wirft Arme Käsemaden menschliche
Infusorien die sich noch im Tod einander selbst verfolgen mit Gier
verschlucken einer von des andern Armut zehren mit ihr wuchern wollen Wer
das Geheimnis des Lebens studieren will gehe hieher und beantworte die Frage
Warum sind wir Was sind wir Was werden wir
In dem schmuzigen Buche das die Bewohner nach ihren Nummern anführt sind
an vielen Namen Kreuze gemalt Das sind Observaten Sie kamen aus dem Zuchtause
und stehen nun unter polizeilicher Aufsicht Sie haben einen leidlichen
Erwerbszweig ergriffen und vermeiden vielleicht ihre alten Genossen bis sie von
ihnen doch wieder heimgesucht werden Mancher von diesen sie dann Versuchenden
und wieder Verführenden ist nur ein verkappter Verführer Die Polizei gewann ihn
zum Spion
Wohl Dem der seine Zunge wahrt und nicht von Wiederaufnahme alter Anschläge
spricht oder sie ausführt In diesem Hause selbst wohnen Spione genug Mullrich
ist der erste unter ihnen Im dritten Hofe wohnt ein Schreiber Namens Schmelzing
ein früherer Arbeiter bei Schlurck auch er rapportirt an den Oberkommissär
Pax Hütet Euch ihr Nachbarn Seht Ihr nicht wie rasch manchmal einer aus
Eurer Mitte verschwindet Da hüpfte noch vor kurzem ein keckes Bürschchen die
Stufen der engen Treppen hinauf scherzte mit den Nähterinnen und Fabrikmädchen
die bis unter das Dach wohnen und heute führen ihn die Häscher davon Ein
Bündel Wäsche unterm Arm geht er wohl auf zehn Jahre ins Zuchthaus Wer ahnte
dass er eingebrochen hatte und zu einer Diebsbande gehört Wer nicht tätig ist
erregt Verdacht Nur tätig und sammelte man Glasscherben wie die alte Frau
auf Nr 43 oder ernährte man sich vom Scheeren der Pudelhunde was ein alter
Mann im zweiten Hinterhofe parterre auf Nr 67 ausführt der mit der Brille auf
der Nase im Hofe sitzt und die Pudel scheert deren Wolle er samt den Flöhen an
Tapezirer verkauft Harfenspieler Tambourinschläger üben sich Morgens Gesänge
ein die sie Abends in den Schenken ableiern und die Leierkastenbesitzer
nein Leiher sparen um sich den musikalischen Brotbringer allmälig zu kaufen
oder von dem Mechanikus der ihn verleiht die Stifte zu einem neuen zeitgemässen
Liede sich umsetzen zu lassen Da taumelt ein Bierhaussänger daher der in
seinen jungen Jahren auf den Bühnen Buffopartieen sang und jetzt so
herabgekommen ist dass er in den Gambrinushallen zur Guitarre mit allerhand
Lazzis und in Szenen gesetzten Faxen singt Ein Violinspieler begleitet ihn der
in seiner Jugend ein Paganini zu werden versprach und durch den Trunk so herab
ist dass er mit jenem Sänger abwechselt und auf der Violine mit Strohfäden
angezündeten Fidibus statt des Bogens spielt Halb und halb sind beide
Improvisatoren geworden und wissen durch geschickt angebrachte Zweideutigkeiten
in einer von Tabacksqualm rauchenden Bierhalle ihr Publikum zum wiehernden
Lachen zu bringen während ihre »Zuhälterinnen« in einer CigarrenaschenSchale
das Honorar ansammeln und ihre Kinder von Tisch zu Tisch Strohblumengeflechte
anbieten die von einer alten Frau auf Nr 55 gemacht werden Diese alte Frau
wohnt bei Madame Schlimpanzer zur Miete von der man nicht weiß durch welche
Talente sie wiederum ihrerseits einen gichtischen rückenkranken Mann ernährt
Madame Schlimpanzer und Fräulein Klapperfuss sind sich an Jahren gleich und
hassen sich und lieben sich jenachdem sie sich Nachts auf den letzten Bällen
gegenseitig nicht geschadet und in ihren Wirkungskreisen beeinträchtigt haben
Ach die Polizei weiß hier Alles Lacht was Ihr wollt Sonntags früh ihr
zwanzig Gesellen bei Mutter Klapperfuss wenn sie »ihrer Betten wegen« darauf
dringt dass Ihr Euch von Kopf bis zum Fuß gründlich wascht man weiß doch dass
Eure Vorgänger vor einigen Monaten heimlich des Nachts Kugeln gossen und
Patronen wickelten Sie wurden alle eines Sonntags früh aufgehoben und mit allen
ihren Kugelformen und zinnernen alten Löffeln und bleiernen Fensterverlötungen
über die Brandgasse hin ins Profossenamt geführt von wo aus sie dann ins
Zuchthaus wanderten Welch ein Kommen und Gehen in diesem Chaos Auch die Geburt
und der Tod die Hebamme und der Leichenträger sind immer und immer zugleich
auf Besuch hier Der Tod tritt gleich sicher auf Er nimmt mit fester Hand Die
Geburten sind zaghafter mit scheuem Gewissen mit wenig Freude Manches Kind
eben gekommen erhält gleich die Nottaufe wozu die Wöchnerinnen da meist die
Väter fehlen den Vizewirt hinaufrufen oder den Alten der die Pudel scheert
oder den silbergrauen Uhrmacher Eisold vom dritten Hofe der noch sein Zöpfchen
trägt und mit philosophischer Ehrwürdigkeit in den Häusern altmodische Uhren
reparirt
Ganze Tragödien spinnen sich da an und enden ohne dass sie ihren Dichter
anders finden als höchstens bei Jahrmärkten die Bänkelsänger In den
Criminalakten stehen die einzelnen Rollen geschrieben Da heißts Aus
Brandgasse Nr 9 ein Observat lernte im Zuchtause eine Diebin kennen
sie hat Kinder aus früherer Bekanntschaft sie schließen frei gelassen auch
eine wilde Ehe er kehrt die Gassen und reinigt des Nachts Kloaken sie
verdingt sich zu jeder groben Hantierung die erwachsene Tochter der Frau
natürlich unehelich geht in eine Fabrik ein junger Arbeiter ihr
Liebhaber zieht zu ihnen die Mutter gefällt ihm wie die Tochter
wild geht das durcheinander der Trunk erhitzt den Zorn Eifersucht
und blinde Wut der Gassenkehrer schlägt den Arbeiter die Tochter würgt
fast die Mutter Und dieses Gemetzel noch nicht so schlimm wie die spätere
Versöhnung die Beruhigung bei dieser Verwirrung Trinkgelage lustiges
Lachen die Tochter verlässt die Fabrik und treibt sich auf den Gassen umher
der Vater zweischlächtiger Bastarde erhält seine Arbeiterstellen gekündigt
dennoch fließen Mittel Woher Heute Morgen wurde das ganze Nest
ausgehoben Jung und Alt davon geführt der Gassenkehrer die Mutter die
Tochter der Liebhaber Die übrig gebliebenen kleinen Kinder holt die
Besserungsanstalt
Frau Mullrich erzählte diese tragischen Begegnisse die in der Brandgasse
gäng und gäbe waren so leicht so obenhin wie wir etwa eine sogenannte
Müchlersche Anekdote von Friedrich dem Großen erzählen würden
Mullrich der Vizewirt hatte sein Nachtessen beendigt und kehrte auf
seinen nächst dem Oberkommissär Pax wichtigsten Vorgesetzten Herrn Bartusch
zurück
Hat der Alte nicht nach 86 gefragt
Und das ordentlich und gezankt hat er warum wir ihm nichts mehr über 86
meldeten sagte Frau Mullrich und klagte dann dass die Tage schon so kurz
würden
War ja zehnmal da in der Kanzlei und habs sagen wollen 86 ist einmal
wieder heidi Wie ich das elfte mal kam ging ich zum Justizrat selber der
eben von Hohenberg zurück war und da hieß es Danke Mullrich ich weiß es
schon Er gab mir einen halben Taler
Wenn der Bartusch das Herz hätte von dem guten Manne dem Justizrat Er war
heute ganz wild der Graue
Warum denn Gewiss weil Nr 17 ausgeflogen war Nicht Ha ha Das wirds
sein der alte Schleicher Wenn nur mal die Justizrätin dahinter käme die
Pst Stille Mullrich Wess Brot ich ess Lass ihn auf Nr 17 gehen und
rede von solchen Sachen nicht Nr 17 taugte nur nichts sonst hätte sie ihr
Glück machen können wie die Jule Spieß
Jule Spieß Die Frau Amtsdienerin Ah So wie Nr 17 hat sich doch die Jule
nicht aufgeführt
Ach Ach antwortete Frau Mullrich die tiefer zu sehen als ihr Mann immer
das Privilegium hatte Ach Ach das war eine Feine Die wusste es subtiler
anzufassen Wie oft hab ich zu Nr 17 gesagt Guste hab ich gesagt Sie haben
anständige Verwandte Sie sind schön wie ein Bild Sie haben Freunde die
vornehme Gönner haben nehmen Sie die Mamsell Jule die Frau Ratsdienerin Spieß
geworden ist und damit stichelte ich auf den Bartusch der doch die Jule Spieß
zur Ratsdienerin gemacht hat durch einen Ratsdiener und Executor der sich
nichts daraus macht dass Bartusch seiner Frau noch jetzt Jaconnetkleider
schenkt
Da gab Dir aber wohl Nr 17 eine Ohrfeige die Auguste Was
Ihre zerbrochene Kaffeekanne wollte sie mir über den Kopf gießen Das ist
ein Satan Und doch war der Alte ganz zornig als er hörte Nr 17 ist
ausgeflogen und hat uns bloß die zerbrochene Kaffeekanne den Spiegel und die
Bettstelle zurückgelassen
Ich bin froh dass sie fort ist tröstete sich Mullrich der hier noch von
einer defekten Kaffeekanne hörte ich bin froh durch die Person wäre noch
einmal Feuer ausgekommen Mit Nr 86 haben wir so schon unsere Not dass der
nicht einmal die Häuser ansteckt wenn er die Nacht auf die Dächer
Sei still von Dem Mullrich Sei still Es ist mir immer ängstlich mit Dem
unterbrach seine Ehehälfte und schüttelte sich als fröstelte sies
Mit diesen vorsorglichen fast erschrockenen Worten wollte sie überhaupt
dies Gespräch abbrechen aber der Diensteifer und die Dankbarkeit für den
Justizrat Schlurck war für den Viezewirt zu anregend Er fuhr fort
Ich möchte nur wissen was die Justizrats mit 86 eigentlich haben So ein
grober impertinenter rotköpfiger Schlingel Schreiben kann er schön Das ist
wahr Er hat mir manchmal was ins Buch hier geschrieben wie gestochen Aber
seine Krankheit abgerechnet
Er hats ja nicht mehr Sei doch still Sei still
Mullrich ließ sich nicht irre machen und fuhr um so mehr fort als er wusste
dass seine Gattin sich nur zum Schein gegen Schauerliches stemmte Sie hörte
gerade um so lieber von Dingen die ihr über den Rücken liefen je mehr sie sie
abzuwehren suchte Mullrich fuhr fort
Der Justizrat sagte gerade er hat die Krankheit noch Erst neulich hätt
ers gesehen Und so herzensgut ist der brave Mann dass er mir sagte Mullrich
sagte Herr Schlurck der arme Mensch ist zu bedauern Er hat für seinen Stand
viel gelernt weiß Manches und hat Kopf Er hat mein ganzes Herz gehabt aber
aus dem Hause musst er Er stiehlt nicht er ist ehrlich Mullrich sagte er
aber geizig und verschwenderisch zänkisch boshaft je nachdems kommt Seine
Krankheit ist sein Unglück Sind die eisernen Stäbe auch noch in Ordnung
Mullrich sagte er Ja Herr Justizrat sagte ich vier Stangen vor jedem
Fenster Und ganz traurig wurde er als ich ihm erzählte wie wir sie ihm
eingesetzt hatten auf Herrn Justizrats Kosten und was er für eine Miene gemacht
hätte als er eines Abends nach Hause gekommen wäre und hätte die Fenster
vergittert gefunden Da weint er fast der Herr Justizrat Ich ging zu ihm
hinauf sagt ich Herr Justizrat ich ging zu ihm hinauf und sagte Musje
Hackert nehmen Sies nicht übel Musje Hackert aber Sie sind ja vorgestern
ordentlich auf dem Dach herum spazieren gegangen Ein Freund von Ihnen wünscht
Das nicht dass Sie sich da mal den Hals brechen und hat Ihnen da einen kleinen
Denkzettel einmauern lassen wenn Sies vielleicht vergessen sollten dass Das
die Fenster sind Er sah mich grimmig an Ich hatte aber Mut Lieber Gott
sagte ich auf dem Dach ists kalt und wenn Sie auch noch so schön klettern
können Herr Musje Hackert es bricht Einer doch mal den Hals Was sagte er denn
da fragte mich der Justizrat Herr Justizrat sagt ich es ist ein recht
tückischer glupscher Kerl Nicht ein Wort hat er gesagt hat auch nicht
gefragt wer dieser edle Freund wäre und nicht ein Wort hat er geantwortet
übers Dachherumklettern und seine Krankheit Aber wie gesagt Herr Justizrat
war ganz gerührt und wie gesagt einen halben Taler hat er mir geschenkt
Nun muss es aber doch anders sein unterbrach Frau Mullrich diese etwas
weitschichtige Erzählung und deckte den Tisch ab wie auch das Bett in das sich
ihr von den gerührten Eiern angeregter Gemahl bald zu legen gesonnen war
Wie so anders
Wegen der Anfrage von Bartusch Der hat ja so grimmig über ihn hergezogen
und hat doch gesagt
Ein Jahr Zuchthaus wär ihm nun gewiss
Ei was Zuchthaus
Es sind schlimme Sachen von ihm herausgekommen hat Bartusch gesagt
Von Nr 86
Wenn er sich nicht selbst davonmacht könnts ihm übel ankommen und er
wollte ihm im Ernst raten dass er nun Paschol mache und am liebsten gleich
weit
War ich doch auf dem Criminalamte habe doch nichts
gehört
Ob er zu Hause wäre frug Bartusch Nein sagt ich Bis Mittag war Das Da
war ein Herr mit ihm gekommen ein feiner eleganter Herr
Mit Nr 86
Ich sage Dir ein ganz feiner schöner junger Mann Wie ein Baron Die
kleine Riekel Eisold hat erzählt dass sich der Herr zwei Stunden oben zu ihm
hingesetzt hat und immer geschrieben
Curios
Dem Grauen hab ich den Mann beschreiben müssen Er schüttelte dann den Kopf
und sagte Hackert muss fort Wann glauben Sie wohl dass ich ihn treffe Frau
Mullrich Das ist schwer zu sagen Herr Bartusch sagt ich Aber seit die
Eisolds oben Waisen sind hat er den Hausschlüssel abgegeben er wollte
eigentlich um neun Uhr jeden Abend zu Hause sein Ein paar Wochen gings so
Herr Bartusch sagt ich bis er vor fünf bis sechs Tagen gar nicht mehr nach
Hause kam und nun erst seit gestern ist er wieder da und so unruhig dass ich
nicht glaube er kommt vor neun Es wäre nicht das erste mal dass er die ganze
Nacht bis Morgens drei und vier ausbleibt
Ein Jahr Zuchthaus wiederholte erstaunt Mullrich sich ausziehend und die
Nachtmütze aufsetzend Gewiss falsche Schreibereien Er kann wie in Kupfer
gestochen schreiben
Es soll mich gar nicht wundern vermutete seine Gattin wenn Herr Bartusch
noch in der Nacht kommt Er hatt es zu eilig gehabt Klopft es nicht draußen
In der Tat hatte es an jener Tür gepocht die von der Hausflur erst in
einen Vorplatz führte dem ein Kamin das Aussehen einer Küche gab Mullrich
eben im Begriff in sein Bett zu steigen sagte Mach erst die Tür zu Ich will
schlafen gehen
Indem pochte es wieder
Die Frau Vizewirtin lehnte die Tür an die aus ihrer Schusterwerkstatt in
die Schlafkammer führte Mit den Worten Es wird wohl der arme Nagelschmied mit
den Pinnen sein Er hatt es mit dem Gelde nötig ging sie hinaus und stieg die
Treppe hinauf die zu der Haustürflur führte
Wie unangenehm überrascht war aber Herr Mullrich als er sich eben im Bett
behäbig dehnte und seine Rühreier in alter Bequemlichkeit verdauen wollte als
seine Ehehälfte nach einigen Augenblicken rasch die Tür aufriß und mit
erschrockener Hast und Eile und höchst ehrerbietig ihm zurief
Mullrich Mullrich Es ist der Herr Oberkommissär
Fünftes Kapitel
Die Lauscherin
O weh dachte Mullrich das raubt dir die Nachtruhe Da soll etwas ausgeführt
werden
Indem hörte er schon die freundlichen und complaisanten Wendungen seiner
Frau gegen den Herrn Oberkommissär Pax den sie zu unterhalten suchte bis
Mullrich sich leidlich angezogen hatte eintrat und kleinlaut grüßte
Guten Abend Herr Oberkommissär
Guten Abend Mullrich
Es gibt wohl noch etwas
Der Oberkommissär Pax ein militairisch sicher auftretender Mann mit
starker Bassstimme sagte
Mullrich ja Aber Sie können ein paar Stunden schlafen
Herr Pax morgen früh um fünf Uhr hab ich schon Was
Mit Kümmerlein die Untersuchung bei der Schievelbein in der Neustrasse Weiß
ich schon Aber es ist heute Nacht großes Gartenfest in der Fortuna Da gibts
allerlei Leute zu beobachten die mir soeben signalisirt sind Es hilft nichts
Sie können zwei Stunden schlafen Um zwölf müssen Sie aber in die Fortuna wos
bis zum Morgen hergeht Dann machen Sie gleich mit Kümmerlein die Recherche bei
den beiden Mietsleuten der Schievelbein und dann können Sie sich den ganzen
Vormittag zur Ruhe legen Hier sind ein paar Signalements auf die in der
Fortuna gepasst werden soll Ich werde selbst in der Nähe sein aber incognito
Mullrich nickte etwas verdrießlich und nahm einige dargebotene Papiere an
sich während seine Ehehälfte die Aufträge des Herrn Oberkommissärs mit den
ergebensten Interjectionen als Schön Sehr schön Sehr wohl angenehm
ausschmückte
Der Oberkommissär Pax war der gewandteste Agent der Residenz und ein
seltener Glücksjäger in dem Gebiete der praktischen Polizei In jüngeren Jahren
Wachtmeister der Kavalerie dann in gleicher Eigenschaft bei den Gendarmen
hatte er Veranlassung gehabt der vor zehn Jahren noch weltlustigen alten
Charlotte Ludmer jene Aufmerksamkeit zu erweisen die Heinrichson jetzt ihrer
Gebieterin widmete Aus ihrem Pflegling und Schützling war Pax eine Zeit lang
der Anbeter der unternehmenden und unbefangenen Frau geworden jetzt galt der
vierzigjährige sehr stattliche Mann für ihren Neffen und künftigen Erben Ihr
verdankte er seine Anstellung ihr eine sehr behagliche Existenz die ihn jedoch
nicht hinderte seinen Obliegenheiten mit seltener Pünktlichkeit nachzukommen
Er war der Ludmer und ihren Gönnern anhänglich und treu Die Aussicht
einmal die aufgehäuften Ersparnisse der gefährlichen Matrone zu erben spornte
seinen Diensteifer Schon hatte ihn Schlurck im Interesse der Geheimrätin
unterrichtet wie er es mit der Haussuchung bei den Wildungens halten sollte
Aber es gab noch manche andere Gelegenheit sich seinen Gönnern dienstwillig
zu erweisen Wir haben davon sogleich einen Beweis in der Frage die er an Frau
Mullrich richtete
Also die MalerGuste ist ausgeflogen
Nr 17 meinen der Herr Oberkommissär fragte die Alte
Auguste Ludmer
Richtig Ha Ha Die MalerGuste Hat sie den Namen Hier nannten sie die
Leute die Brennnessel weil ihr Keiner zu nahe kommen durfte Ja Herr
Oberkommissär vier Taler zehn Groschen und einen alten zerbrochenen Spiegel
und einen
Sie ist aber nicht nach Hamburg sie ist hier Mullrich
Mullrich war etwas schläfrig im Zuhören
Ja Herr Oberkommissär sagte er apatisch
Seine Gemahlin griff helfend seine Antwort auf
Ja sagte sie Die MalerGuste Nummer 17 Hörst du denn nicht
Passen Sie in der Fortuna auch auf die MalerGuste Sie soll auf ganz
neue Sprünge gekommen sein bemerkte Herr Pax
Sie wird doch noch einmal ans Spinnrad müssen meinte Mullrich nun sich
sammelnd
Seine Gemahlin schwieg jetzt Sie kannte den Hass des Oberkommissärs gegen
ein Mädchen das mit vollem Rechte behaupten konnte die Nichte der Madame
Ludmer zu sein während der Herr Oberkommissär der sich den Neffen derselben
nannte nicht die mindeste Verwandtschaft mit jener tollen und wilden
MalerGuste in Anspruch nehmen durfte Früher als dies bildschöne Mädchen den
Künstlern Modell stand und sich eines »soliden« Rufes erfreute konnte ihr der
Oberkommissär wenig anhaben seitdem sie aber aus mancherlei Ursachen immer mehr
gesunken war hatte er Grund eine unausgesetzte Hetzjagd auf sie anzustellen
wodurch sie zuletzt veranlasst wurde in diese dunkle abgelegene Brandgasse in
diese armseligen Familienhäuser zu ziehen wo es ihr schlecht genug ergangen
sein musste trotzdem dass sich Bartusch für ihre noch immer nicht ganz zu Grunde
gerichtete Schönheit interessierte
Auguste Ludmer war durch eigentümliche Schicksale die wir noch näher
werden kennen lernen ein Beispiel jener jammervollen Versunkenheit geworden in
die die haltlose Irrfahrt durch unser Leben und seine Bedrängnisse ein
ursprünglich nicht schlechtes weibliches Wesen führen kann
Der Oberkommissär schärfte Mullrich ein ein »fixes« Auge auf die
MalerGuste zu haben sie behielt diesen Namen obgleich sie schon seit
langer Zeit der Künstlerwelt entrückt war und ihr nur noch in einigen üppigen
Bildern angehörte zu denen sie früher die Anschauung ihrer schönen Formen
geliefert hatte
Es war schon völlig dunkel geworden aber das scharfe Auge des
Oberkommissärs entdeckte durch das Schaufenster die Beine eines Mannes mit dem
er in ziemlich naher Verbindung stand
Ist Das nicht sagte er
Herr Schmelzing Soll ich rufen Herr Schmelzing
Der Oberkommissär schärfte noch einmal die Signalements dem bewährten
Vizewirte ein und wandte sich zum Gehen mit den Worten
Teufel steckt doch hier Licht an Man bricht sich ja den Hals bei Euch
Frau Mullrich führte den Herrn Oberkommissär an ihrer eigenen pechschwarzen
Hand durch die pechschwarze Finsternis der Treppe die aus dem Keller aufwärts
führte während ein grinsendes Gesicht von einer sich bückenden Gestalt auf der
Hausflur in die Wohnung des Vizewirtes fragend niederschaute
Mullrich hörte oben den Schreiber Schmelzing dem Herrn Oberkommissär die
Honneurs machen
Beide verschwanden
Mullrich wollte als seine Gattin zurückkehrte nun seufzend und wehklagend
in sein Bett zurückkehren und holte nur noch seine Brieftasche aus dem Rocke um
die wichtigen Signalements hineinzulegen
Die verdammte Tänzerei da in der Fortuna brummte er zornig Alle Welt
schreit über Not und Elend und auf so ein Gartenfest gehen sie und jubeln als
wenn es Tresorscheine geregnet hätte Leg mir nur den guten Leibrock heraus Im
Staat soll man auch erscheinen damit man nicht gleich die Zuchtausschlüssel
bei Unsereinem rasseln hört
Das Elysium ist bankrott sagte seine Gemahlin tröstend die Fortuna wird
auch nicht lange machen Wo nur der Hitzreuter wieder das Geld her hat Das soll
ja eine Pracht in der Fortuna sein Der Kümmerlein erzählt ja die blauen
Wunder davon
Mullrich schwieg
Seine Gemahlin war etwas eifersüchtig und hörte ungern dass es in der
Fortuna so wild und zügellos herging ungern dass dort Alles von Krystall und
Bronze gemalt und von Gaslicht erleuchtet sein sollte Mullrichs lustiger
Kollege Kümmerlein hatte ihr schon die verfänglichsten Sachen von der Fortuna
erzählt
Mullrich wollte schlafen und antwortete nicht
Die Gemahlin die zwar von ihrem Gatten voraussetzte dass er sehr tugendhaft
war von Kümmerlein aber oft gehört hatte dass dieser die vielen delikaten
Begegnungen seiner sittenbefördernden Praxis zu manchen unerlaubten Abenteuern
und Abirrungen auszubeuten wusste fragte
Was ist denn Das für eine Frau Schievelbein in der Neustrasse
Während Mullrich nun von einer Vermieterin brummte von einer Haussuchung
bei einem Maler oder Referendar von Beschlagnahme von Bildern und ähnlichen ihm
gegebenen Winken schlug seine plötzlich etwas gereizte Ehehälfte Licht an und
wollte eben die kleinen Läden der Kellerfenster schließen als sie auf einen
Tritt hinaufsteigend überrascht äußerte
Sieh sieh Da steht ja wieder der junge Herr von heute Vormittag auf der
Straße und lauert Der passt auf 86 oder 87 Ich komme dahinter 87 ist nicht
ganz ohne Das schlägt die Augen nieder und trübt kein Wasser und dem Riekel
hab ich gleich angesehen dass die Tür zwischen 86 und 87 aufgewesen ist Wenn
ich doch einmal dahinter käme aber Du Mullrich Du Mullrich Schläfst du
schon Schläft der schon Schnarcht schon wie ein Ratz Jetzt kann ich nicht
hinauf zu ihr Schlaf du und noch Einer Hör Wie er sägt Die Eier machen
ihn immer schläfrig Er soll auch nicht so starkes Bier haben wie seit ein paar
Tagen In der Fortuna mag ich ihn gar nicht Bei dem verdammten Hitzreuter
gibts Punsch und Kuchen Und so traktirt werden die Polizeidiener da dass ihnen
zu Hause nichts mehr schmeckt Kümmerlein ist verdorben genug
Und so fort und fort plauderte Frau Mullrich mit sich selbst indem sie ihr
Dreierlicht ausputzte und sich anschickte ein paar alte vom Trödel gekaufte
Pantoffeln durch hinteren Ansatz von Leder wieder in ein paar Schuhe umzuwandeln
Sie setzte für diese einem ihrer Mietsleute bestimmte Arbeit eine Brille auf
nahm ihr Dreierlicht und stellte es hinter eine Glaskugel die mit Wasser
gefüllt war und an einem Riemen auf einer pyramidenförmigen Erhöhung einer
Schusterbank stand Das Lampenlicht fiel durch diese Kugel rund und klar auf den
in einen neuen Schuh zurückzuverwandelnden alten Pantoffel dabei richtete sie
durch das halb offengelassene Bret der Fensterlade unverwandt auf den draußen
wartenden Herrn den Blick Dieser stand mit einem leichten Spazierstöckchen und
schien seine Ungeduld durch ein Liedchen wegzupfeifen wenn er nicht alle die
Menschen musterte die in der geräuschvollen menschenüberfüllten Straße an ihm
vorübergingen oder in Nr 9 selbst eintraten Frau Mullrich achtete schon auf
diese letzteren nicht mehr Erst um 10 Uhr wenn sie das Haus schloss und die
Pfennige bezahlt werden mussten fing eigentlich ihr großes Kontrolegeschäft an
Heute aber fesselte sie doch von den Passanten ein kleines Paar dem sie
von ihrem Schemel aufspringend durch das Fensterchen das zur Hausflur führte
nachrief
Heda Line Willem
Ein Knabe von zwölf Jahren in einer Blouse und ein kleines Mädchen von etwa
acht Jahren wandten sich um und blickten niederwärts zu dem kleinen Schaufenster
der gefürchteten Vizewirtin vor dem man in diesem Hause gern rasch
vorüberschlüpfte
Da steht er ja vor der Tür sagte die Alte
Wer fragten die Kinder
Der Herr der zu Eurer Louise wollte
Zu Louisen fragte Wilhelm und ging etwas nach vorn um einen solchen Herrn
der zu seiner Schwester Louise wollte sich erst anzusehen
Der junge Mann war etwas weiter gegangen und schlenderte in einiger
Entfernung auf und ab
Zu Louisen kommt kein Herr sagte Wilhelm fast verächtlich zu Frau Mullrich
und ging weiter in den Hof
Linchen Linchen rief aber die neugierige Vizewirtin mit verstärkter
Stimme und reckte den gelben mageren Hals durch das Schaufenster
Linchen wie Mädchen neugieriger blieb stehen und folgte nicht so rasch
dem Bruder
Linchen komm mal her Kennst du den Herrn nicht rief die Alte
Linchen blieb unbeweglich
Er war wohl bei Eurem Fritz Was Komm doch Kindchen
Linchen sagte immer noch nichts
Er will wohl auch zu Eurem Fritz Was Ist denn die Küchentür bei Euch auf
jetzt die in Fritzens Kammer führt
Linchen war diskret und schwieg blieb aber doch stehen
Na der Herr will wohl zu Fritzen Komm doch ein Bischen näher Kind Zeig
doch mal deinen Korb Was hast du denn heute schon verdient
Nun wollte Linchen rasch davonlaufen Es war dem kleinen achtjährigen Kinde
schon zu oft geschehen dass die Mullrich ihr den Verdienst an der Tür
abgenommen hatte und sich selbst für kleine Schulden aus Nr 87 bezahlt machte
Die Kleine fürchtete dass ihr heute dies Schicksal wieder begegnen würde und
lief davon
Bleibst du Range kreischte aber die Alte jetzt aus dem Fenster mit voller
Kraft ihrer hektischen Lungen Ihr lag daran Bartusch etwas über Fritz Hackert
berichten zu können Bleibst du Willst du her Soll ich
Dies Soll ich begleitete ein rascher Griff nach ihren eigenen Pantoffeln
von denen der des linken Fußes schon drohend zum Schaufenster hinauslangte
Linchen war wie vor Todesschreck im Hofe still gestanden und wandte sich
halb neugierig halb ängstlich um als sie die Worte aus der Alten Munde ihr
nachgekreischt hörte
Willst du her Hier sind ja zwei Groschen für den alten Mann Da zwei
Groschen Nimm
Zwei Groschen für den alten Mann Das waren freilich verlockende Worte für
das Kind
Linchen kam etwas näher
Komm Linchen Komm Bist ja so hübsch gekämmt Macht dir Louischen die
Locken Komm Hinkelchen Der alte Mann hat zwei Groschen zu Gute für die Uhr
die er mir gestern ausgeblasen hat Da
Linchen kam nun näher und hielt die Hand hin
Während die Alte unter ihre Schürze griff an der sie eine Geldtasche
befestigt hatte und mit dem Gelde klapperte sprach sie auf dem Tritt der zu
dem Fensterchen führte und zu der Hausflur hinaus
Grossväterchen hat mir die Uhr ausgeblasen zwei Groschen warte nur ich
suche sie eben Sag einmal kennst du den Herrn draußen
Das Kind sah auf die Straße und schüttelte den Kopf
Zwei Groschen fuhr die Alte immer suchend fort er hat die Uhr schlagen
lassen sie blieb immer stehen sags mir es ist Louischens neuer Liebhaber
Was Der ist schön Nicht wahr der rote Fritze gibt ihm wohl den Hausschlüssel
von Schmelzing Was
Das Kind langte nach den zwei Groschen und antwortete nichts
Ja ja die Uhr sie ist ein Familienstück aber im Keller ists zu feucht
sagte der Alte mit dem Zopf Wo war denn Fritze dieser Tage Vier Tage nicht
zu Hause gewesen Klettert er denn noch manchmal bei Nacht Was
Linchen Eisold blieb diskret
Ich schenke dir zwei Pfennige Linchen wenn du mir sagst wer der Herr ist
O Armut Was ist dein Loos Zwei Pfennige Wer widerstünde da und täte
was nicht gerade Unrecht scheint
Ich kenn ihn ja nicht Frau Mullrichen sagte das Kind nun beredtsam mit
einem durch zwei Pfennige geöffneten Munde Aber als ich heute das Essen für
Karln holte sagte mir Riekchen es wäre bei Fritzen ein schöner Herr zwei
Stunden gewesen und er hätte auch unsere Louise gesehen und am Abend wollt er
wieder kommen um uns Alle zu besuchen und noch einen andern schönen jungen
Herrn mitbringen Wie ichs Karln sagte war der recht neugierig und meinte er
hält Nichts von den Herren die der Fritz Hackert kennt
Sieh mal an Sagt er Das He Höre Linchen Wenn der Herr zu Euch kommt
und Der andere auch erzählst mir doch morgen was sie gesprochen haben
Willst du
Da schwieg nun Linchen wieder
Ich wollte dir ja zwei Groschen für den Großvater geben
Und zwei Pfennige sagte das Kind das seinen Vorteil festhielt
Und zwei Pfennige Willst du mir morgen Alles sagen was die Herren oben
angegeben haben
Linchen schwieg
Noch einen Pfennig geb ich dir Linchen Was Willst du
Linchen lachte nun aber sie schüttelte doch den Kopf dass die Alte
ungebehrdig wurde und schrie
Wetter Range Mach dass du fortkommst Was hältst du mich hier auf
Mit diesen zornigen Worten schlug die Alte das Fenster zu hörte mit dem
Geldklappern auf und stieg den Tritt hinab an ihren Schusterplatz
Linchen die sich gefreut hatte außer ihrem heutigen Verdienst ihrem
Großvater noch zwei Groschen zu bringen blieb traurig stehen
Was willst du schrie die Alte die jetzt für Bartuschs späten Abendbesuch
schon Klatschgift genug hatte und sah wieder hinaus
Linchen zögerte noch immer
Willst du nun gehen rief Frau Mullrich und sprang zum Schustersitze um
einen in der Arbeit begriffenen Pantoffel zu holen
Was ist denn Was solls denn sagte in diesem kritischen Augenblicke eine
energische Stimme auf der Hausflur Sind wir Ihnen etwas schuldig
Nein bewahre Musje Eisold antwortete die Alte demütig und schlug rasch
das schon geöffnete Fenster zu Bitte Bitte
Frau Mullrich hatte große Furcht vor dem jungen stämmigen Manne von kaum
fünfzehn Jahren der seine Schwester an der Hand fasste und mit ihr in die
hinteren Höfe ging
Es war dies der junge Maschinenarbeiter Karl Eisold der älteste Bruder der
mehrerwähnten Louise Eisold ein hübscher frischer aber von seiner schweren
Arbeit etwas ermüdeter junger Mann
Frau Mullrich hatte doch einige gute Tatsachen erfahren und war in der
größten Spannung als in der Tat zu dem Herrn auf der Straße sich ein zweiter
gesellte diesem herzlichst ja überschwänglich die Hand schüttelte und ihn dann
in die Hausflur zog Ein rasselnder Wagen schien sie zu bestimmen in dies
Obdach zu treten
Als Frau Mullrich nun gar merkte dass unter der Hausflur diese schönen
jungen Herren laut zu sprechen anfingen blies sie rasch ihr Licht hinter der
Wasserkugel aus schlich auf den Fenstertritt und lauschte geduckt was diese
mit Nr 86 und 87 verkehrenden Menschen da im Dunkeln nun besprechen würden
Sechstes Kapitel
Nummer Sechs und Nummer Siebenundachtzig
Als Siegbert Wildungen sich endlich gegen neun Uhr dem Stadtteile genähert
hatte wo er den Bruder erwarten sollte wurden alle seine gemischten
Rückerinnerungen auf Melanie Rudhard Olga Wäsämskoi und besonders jenen tiefen
Akkord Anna von Harder durch die Sorge unterbrochen sich in dieser
verworrenen dunkeln menschenüberfüllten Gegend zurechtzufinden Die weiße
Rose die er von dem ihm nachgeworfenen Blumenstrausse bei der Fürstin Wäsämskoi
mitgenommen hatte war in dem Gedränge sogleich vom Stiele gebrochen und noch
ehe er sie hatte retten können von den Vorübergehenden zertreten vom
Strassenkot beschmuzt Er musste sie aufgeben Er musste jetzt nur noch nach den
Strassenecken sehen auf denen die Namen derselben kaum noch zu lesen waren
trotz der nicht gesparten Beleuchtung dieses Viertels Endlich entdeckte er die
Brandgasse und zählte sich das neunte Haus ab Eben hatte er es gefunden als er
zur Höhe blickend einen Schlag auf die Schulter erhielt
Er kam von Dankmar der ihn erwartete
Um nicht vom Gedräng gestört zu werden traten sie sogleich in die Hausflur
die ihnen ein gesicherter und ruhiger Begrüssungsort schien
Nun da bin ich sagte Siegbert voll Freude und voll Rührung
Abenteuerlicher Mensch Wohin verlockst du mich Ich brauchte einen freien
Platz wo ich geschützt vom Dunkel der Bäume dir um den Hals fallen wollte um
mein Herz zu erleichtern und hier in dem Wagengerassel in dem Tumult der
Menschen hier auf der Hausflur dieser alten Räuberhöhle was soll ich da
Ganz gut Ganz gut sagte Dankmar lachend und gefasst aber voll Wärme Ganz
gut dass uns die Umgebungen jede rührende Szene abschneiden Was ich heute früh
fühlte als du mit dem Geständnisse deines Glückes mir meine eigenen Träume
zerstörtest Das hab ich dir in meinem Briefe gesagt Ich schrieb dir weil ich
dir nicht mündlich verraten mochte dass mir die Trennung von einem so
fesselnden Gedanken doch die schmerzlichste Überwindung kostete Zu Grüns hätt
ich nicht kommen können es hat mir wirklich diesen ganzen Tag gekostet mich zu
sammeln und zurechtzufinden Die wichtigsten Dinge musst ich aufschieben und
hättest du mich noch vor wenigen Stunden gesehen würdest du gesagt haben ich
gehörte jetzt zu den Träumern während ich doch nicht einmal heute zu den
Schläfrigen gehöre
Du hast dich von einer Quelle des Glückes losgerissen sagte Siegbert die
mir doch nie geflossen wäre Heute Mittag sprach ich Melanie und wohl sah ich
dass ich ewig würde vergebens gehofft haben
Du sahst sie Und sprach sie von mir
Sie sprach von dir
Nun
Ich entdeckte und erlebte ohne dich heute so Manches dass ich dir in
geeigneter Umgebung ausführlich davon reden muss Soviel aber beobachtete ich
doch fast dass du nicht nötig gehabt hättest weil mir jene Quelle nicht rinnen
wird dir sie selbst zu trüben
Zu trüben Bruder Doch Recht umgewühlt hab ich sie Recht das Unterste zu
oberst gebracht Es muss so sein Trinke nun daraus wer mag
Siegbert seufzte und fuhr sich im Dunkeln umsehend fort
Was tun wir hier Was sollen wir bei Hackert den du mich so zu
verabscheuen gelehrt hast Glücklicherweise habe ich sein Geld bei mir
Pst sagte Dankmar und sah sich um als hätte er bei Erwähnung des Geldes
etwas wispern hören
Dann fuhr er fort
Ich bin diesem zweideutigen Menschen heute doch näher gerückt und hab ihn
zu meiner Freude in einer guten mir aus Interesse an der menschlichen Seele
doppelt werten Stunde gefunden Bei ihm schrieb ich den Brief an dich Den
Nachmittag verwandte ich darauf Lasally zu bewegen von einer Klage gegen
Hackert abzustehen worüber ich diesem heute Abend denn meinen Bericht abstatten
wollte Da ich zugleich die Gelegenheit benutzen mochte dich in eine rührende
deinem Geschmacke entsprechende Familienscene einblicken zu lassen so beschied
ich dich um neun Uhr selbst hierher Wir finden im dritten Hof drei Treppen
hoch Hackert dem ich leider keine gute Nachricht über Lasally bringen kann
Hoffentlich fühlt er sich aber dadurch nicht zu verstimmt mir sein Leben zu
erzählen was er mir heute früh versprochen hat Also du hast sein Geld bei dir
Ich hab es sagte Siegbert leiser sah sich um und fasste an seine Brust
denn die verdächtigsten Gestalten drängten sich jetzt durch die enge Hausflur an
ihnen vorüber Bettler und Arbeiter der niedrigsten Klassen die unheimlichsten
Figuren
Bruder sagte Siegbert flüsternd Hier scheinen alle Sträflinge die heute
Abend entlassen wurden ihr Quartier zu suchen Welche Dünste in dieser Straße
Und hier der Gang fast zum Ersticken so schwül
Das eben war es was ich dir zeigen wollte und ich weiß für einen Blick in
das Innere dieser alten räucherigen Wände wirst du mir dankbar sein Komm wir
wollen jetzt versuchen ohne uns den Hals zu brechen in Hackerts Wohnung zu
gelangen
Damit schritten die beiden jungen Männer einem Abendlichtschimmer zu der
aus dem ersten Hofe noch spärlich auf das äußerste Ende dieses Ganges
hereinbrach
Frau Mullrich erhob jetzt ihr mumienartig getrocknetes Haupt Sie hatte zwar
sehr viel Worte gehört sehr viel Namen deutlichst verstanden musste sich aber
doch gestehen dass diese Unterredung etwas hoch war etwas zu schwunghaft für
ihren niedrigen Kellerhorizont Dennoch hatte sie Namen wie Melanie Hackert
Grüns Lasally ganz deutlich behalten sogar von Geld etwas unwiderruflich
vernommen und auf Bartuschs nähere Angabe der Fährte auf die er sie bringen
konnte hoffte sie schon sich noch weiterer Dinge zu entsinnen aus diesem
Dialoge den sie für sich hoch näher bezeichnet »studiert« nannte Sie zündete
wieder ihr Dreierlicht an dessen rasches Ausblasen einen abscheulichen Gestank
verbreitet hatte kehrte zu dem in einen Schuh zu verwandelnden Pantoffel zurück
und dachte Wenn es nur erst zehn Uhr schlägt dann hab ich Alles in der Falle
und Keiner kommt heraus oder herein der hier nicht Stand Namen und sein
Anliegen zu sagen weiß
Die beiden Brüder hatten nun inzwischen schon glücklich die beiden ersten
Höfe hinter sich und tappten im dritten eine schmale finstere Stiege hinauf
die unmittelbar von dem Hofe in die oberen Wohnungen führte Bei dem ersten
Absatz zeigte Dankmar seinem Bruder die hier beobachtete architektonische
Einrichtung Von der Treppe links hinaus ging immer ein langer dunkler Korridor
um zwei Schenkel des Vierecks herum das den Hof bildete und alle Zimmer lagen
mit ihren Türen auf diesen Korridor hinaus mit den Fenstern in den Hof Dass
und wie die Zimmer numerirt waren konnte man der Dunkelheit wegen nicht mehr
erkennen Rechts von der Treppe ging eine offene Galerie hinaus um die beiden
andern Seiten jenes Vierecks das den Hof bildete Hier auf dieser
zerbrechlichen Galerie sah man wiederum eine Menge Türen die alle zu
abgesonderten meist nur aus einem Zimmer bestehenden Wohnungen führten deren
Fenster größtenteils auf die Galerie hinausgingen Dieselbe Einrichtung
wiederholte sich auf der zweiten Treppe
Schade sagte Dankmar dass die Furcht vor Diebstahl alle Lumpen alle
Wäsche Betten und Gerätschaften von den Galerien für den Abend entfernt hat
Am Tage war Das heute ein schönes Durcheinander Jetzt ist Alles ängstlich
hineingenommen da hier wohl kein Nachbar dem andern traut
Wie Siegbert nun dem Bruder in den dritten Stock nachkletterte und er an
einem dicken durch das viele Angreifen seifenglatt gewordenen Tau sich mehr
schwankend hinaufwinden musste als sicher gehen konnte wurde ihm die Erinnerung
an einen Menschen der hier wohnte in diesen Höhlen des Elends und ein Packet
von hundert Talerscheinen auf die Straße hatte werfen können so unglaublich
dass er Dankmarn darüber flüsternd sein Befremden ausdrückte
Still wisperte dieser Nichts von Geld hier gesprochen Wenn du ihm seine
Summe einhändigst tu es stillschweigend Die Nachbarschaft nach links von ihm
ist ehrlich aber die nach rechts soll nichts taugen obgleich sie sich für
Hackerts Freund ausgibt und die Veranlassung ist warum er hier wohnt
Indem waren die Brüder oben Dies Stockwerk sahen sie wohl in der
Dämmerung war nicht so vollständig wie die andern Links von der Treppe lagen
wohl noch dieselben Zimmer wie unten aber schon Dachzimmer rechts ging die
Galerie nur halb in den Hof hinaus Die andere Seite war ein Dach Die Fenster
gingen hier auf diese Galerie alle selbst hinaus und wie sie ihre morschen
durchsichtigen Bretter betraten fiel Siegberten eine mit einer Zahl bezeichnete
Tür auf die mit zwei mit Eisenstäben vergitterten Fenstern zu einem einzigen
Zimmer zu gehören schien
Hier ist ja ein Gefängnis sagte Siegbert
Nein antwortete Dankmar leise das ist Hackerts Wohnung Aber ich sehe
kein Licht Sitzt der im Dunkeln oder hält er nicht Wort
Indem klopfte Dankmar an diese Tür die Nr 86 bezeichnet war und klinkte
am Drücker Das Zimmer war verschlossen
Da haben wir eine beschwerliche Wanderung umsonst gemacht bemerkte
Siegbert dem dieser Schluss eines so aufgeregten Tages fast humoristisch vorkam
Vielleicht könnte man gleich bei Nr 87 vorsprechen flüsterte Dankmar und
auch ohne Hackert die Szene erleben die ich dir eigentlich bescheren wollte
Du machst mich neugierig sagte Siegbert Vielleicht öffnet sich eine dieser
Türen und wie in »Tausend und eine Nacht« sind wir statt in einer Höhle
plötzlich in einem wunderschönen Feenpalast
Romantiker sagte Dankmar lächelnd und pochte jetzt so nachdrücklich an
Hackerts Tür dass aus Nr 85 ein spitznasiger bebrillter Kopf herausschoss
ein wahres Original zur Karricatur eines Schreibers
Ah Herr Schmelzing grüßte ihn Dankmar Ich störe Sie doch nicht schon im
Schlafe Herr Hackert nicht zu Hause
Herr Schmelzing war eben auch erst wieder nach Hause gekommen voll vom
Herrn Oberkommissär der ihm sein besonderes Vertrauen schenkte und stand in
Hemdärmeln Rasch fuhr er wieder in sein Zimmer zurück und kam nach einer
Sekunde in einer grünen Jacke mit einem großen grauen befestigten Dintenärmel am
rechten Arm heraus Er hielt ein Licht das seine Glotzaugen seine stumpfe
kleine Nase den zahnlosen Mund die endlose Stirn das tierische Kinn noch
mehr illustrirte
Ganz gehorsamster Diener meine Herren Herr Hackert Ei ich meine doch
Damit drückte Herr Schmelzing auf die Klinke der Tür seines Nachbars
Nein sagte er dann erstaunt und überrascht von diesem späten Besuche seines
Nachbars Herr Hackert sind nicht zu Hause kommen manchmal etwas spät Wünschen
Sie vielleicht zu warten meine Herren Woher hab ich die Ehre Ihrer
Bekanntschaft meine Herren
Die saubere Aufschrift Ihrer Tür Herr Schmelzing die ich heut früh schon
gelesen habe Herr Schmelzing Privatschreiber nicht so
Schmelzing stand als wenn er diese Worte nicht verstanden hätte
Dankmar unterstützte sie durch einen Fingerzeig auf die Tür
Schmelzing wandte sich nun erst an seine eigene Tür Nr 85 und las den
Zettel gleichsam als wenn er ihm unbekannt wäre
Ja wohl Privatschreiber Aber auch Herr Hackert sind ein Meister in diesem
Fache Wünschen Sie vielleicht unsere Dienste im Kalligraphischen Ich schreibe
für viele der Herren Advokaten auch dichterische Erzeugnisse Rollen für die
Herren vom Theater wünschen Sie vielleicht einen Auftrag ausgeführt
Während Schmelzing seine Dienste unterwürfigst anbot hatte sich aber schon
die Szene verändert
Hier und da trieb die Neugier über das späte Lautsprechen auf der Galerie
des dritten Stockes jene Gesichter zum Vorschein die schon an der
Eingangspforte Siegberten so unheimlich erschienen waren Auch Frauen in Hauben
oder aufgelösten Haaren fehlten nicht Letztere mehr hexen als lurleiartig Die
angenehmste Vermehrung der Gesellschaft war aber aus Nr 87 ein kleines Mädchen
das wir schon kennen Linchen Eisold zu der sich sogleich auch Wilhelm ihr
kleiner Bruder gesellte Dieser war schon ziemlich verschlafen und gähnte so
laut dass es fast auf der Galerie ein Echo gab Jene aber knixte gar anmutig
und sagte gewandt und höflich ob die Herren nicht näher treten wollten Herr
Hackert würde gewiss gleich kommen
Das ist nun gerade was ich dir gönnen wollte flüsterte Dankmar und schob
Siegberten eine Tür weiter
Gute Nacht Herr Schmelzing rief er dann sehr laut denn er hatte schon
weg dass Herr Schmelzing wohl etwas taub war entschuldigen Sie die Störung
Dieser mit halb geöffnetem Munde und dem nachdrücklichsten und höflichsten
Bitte keine Ursache das ihm aber doch vor Neugier zwischen den fahlen Lippen
halb stecken blieb sah den jungen Männern kopfschüttelnd nach wie sie unter
der Tür Nr 87 sich bückend verschwanden Alle Augenblicke machte er sich
später auf der Galerie etwas zu schaffen um zu hören was in Nr 87 vorging
einer Wohnung die jedoch nur eine kleine Küche mit einem Fenster auf die
Galerie hinausgehend hatte Des Hauptzimmers Aussicht ging hinterwärts in ganz
andere Höfe hinüber
Der Raum den Siegbert und Dankmar anfangs in Nr 87 um sich hatten war
nicht größer als dass er für etwa acht Menschen die dicht nebeneinander
standen ausgereicht hätte und doch stand hier erstens ein Feuerherd zweitens
ein Küchenschrank drittens ein Bett mit einer Menge geringfügiger Gegenstände
die alle Platz haben wollten Eine Tür links führte zu Hackerts Zimmer doch
stand zum Zeichen dass sie ignorirt wurde ein Besen ein Zuber ein Eimer und
eine Waschbank davor und eine Tür rechts führte in das große Wohnzimmer
Dies große Zimmer war nun allerdings sehr geräumig und musste es sein denn
nicht weniger als acht Menschen waren darauf angewiesen hier zu wohnen und
teilweise auch zu schlafen Das Zimmer hatte drei Fenster von welchem zwei
geöffnet waren und die kühlende Abendluft der hinteren Aussicht hereinliessen
eins aber war verhängt und durch eine Schirmlampe beleuchtet Hier war Nacht an
den beiden andern kleinen Fenstern noch leidlicher Tag
An dem beleuchteten Fenster saß ein alter Mann der auf einem Tische vor
sich zwei oder drei alte Uhren in der Weise der Schwarzwälder Uhren aber viel
größere und unförmlichere stehen hatte in denen er mit einer Fahne von einer
Feder die Gänge und Triebräder vom Staube rein kehrte und dann und wann die
Uhren schlagen ließ Ein kleines Mädchen von vielleicht fünf Jahren stand hinter
ihm auf einem Fussschemelchen und löste ihm einen kleinen weissgelben Zopf
auseinander
Der nach dem uralten wie abgestorben scheinenden Greise älteste männliche
Bewohner dieses Raumes ein junger Mann von vielleicht fünfzehn Jahren saß
neben ihm und benutzte das ihm zuschimmernde Lampenlicht um in einem mit
mathematischen Zeichnungen ausgestatteten Buche zu lesen Kaum blickte er zu den
Besuchern die er ungern zu sehen schien empor
Auf einem Tisch am zweiten Fenster standen mehrere wie es schien eben
geleerte Näpfe in denen Suppe gewesen schien denn noch stand ein Rest davon in
einer großen irdenen Schüssel in der Mitte des Tisches Ein Laib groben Brotes
mit einigen blankgeputzten Messern lag daneben Eben streute sich ein winziges
Bübchen von vielleicht drei Jahren auf ein Stück Brot aus einem Salzfasse dicke
Körner Salz um es mit dieser Delikatesse schmackhafter zu machen
Am dritten Fenster sah man einen grossmächtigen aufgespannten Stickrahmen
der auf zwei Stühlen lag Daneben ein Tischchen mit allerhand bunter Wolle
Schachteln mit weißer Baumwolle Zeichnen und Stickmuster und kleine violette
englische QuadratPapiere mit feinen Nähnadeln
Außer dem alten Uhrmacher mit dem Zopfe bezeugten alle Anwesenden den
eintretenden Herren eine Art Aufmerksamkeit bei der jedoch die Überraschung und
Schüchternheit die Höflichkeit milderte Das freundliche Guten Abend der Brüder
wurde nur von einer einzigen wohltönenden unsichtbaren Stimme erwidert die
hinter einem Bettschirme hörbar wurde der in einer Ecke des Zimmers stand
Ich wundere mich lauteten die angenehmen Worte vom Bettschirme her ich
wundere mich dass Herr Hackert noch nicht zu Hause ist Er wollte doch präzis um
neun Uhr da sein Es muss doch schon halb zehn geschlagen haben
dabei schlug es an einer der drei Uhren die der alte Eisold reparirte mit
zwei Schlägen Bim Bim
Es tut uns leid sagte Dankmar Sie zu stören während Sie wahrscheinlich
schon Alle ans Schlafengehen denken
Ich noch nicht sagte die Unsichtbare und die Großen auch noch nicht
Großvater geht zu Bett Die Kleinen haben auch schon den Sandmann im Auge
Gewiss bringen Sie da hinten Ihr kleines Hannchen zur Ruhe
Ach das schläft schon mit den Vögelchen ein aber es ist recht unruhig
heute wacht leicht auf und da hab ichs einwiegen müssen und ihm ein paar
Löffel warmer Milch gegeben
Darf man denn wohl einmal hinter dem Vorhang die Bescherung sich ansehen Ich
bringe meinen Bruder mit Der malt gern die kleinen Engelsköpfe
Nicht Engelsköpfe sagte die Stimme bedenklich Kinder soll man nicht Engel
nennen sonst sterben sie ja
Sind Sie so abergläubisch fragte Dankmar während die Uhren einen
dreifachen Refrain gaben Bim Bim Bim
Wo der Aberglaube nützlich ist und wie hier vor Eitelkeit schützt
lautete die Antwort
Darf ich näher sagte Dankmar
Nein nein hieß es hinter dem Schirme dies ist eigentlich ein Zimmer ganz
für sich Der Kreidestrich da gilt für die Tür O wenn wirs genau nehmen
haben wir eine zwar recht hohe aber doch ganz vornehme Wohnung Freilich geht
der Eingang durch die Küche Aber wir haben eine Küche die auch zugleich
Schlafzimmer ist hier hinter dem Bettschirm ist mein Großvaters und meines
kleinen Hannchens Schlafzimmer hinter dem dunkeln Fenster ist Großvaters
Werkstatt am zweiten Fenster unser Esszimmer am dritten mein Arbeitszimmer An
der Tür wo Sie stehen müssen wir leider unsere Besuche annehmen das ist
unser Besuchzimmer und dabei sind wir so im Überfluss an Raum dass wir doch noch
an Herrn Hackert und Herrn Schmelzing zwei Zimmer vermietet haben Was sagen
Sie zu all dem Reichtum
Die Uhren schlugen zusammen als wenn ein Dirigent gerufen hätteTutti
Die Sprecherin kam zum Vorschein Mit beiden Armen hielt sie die Öffnung
zwischen der Mauer und dem einen Ende des Schirmes zu denn Dankmar wollte eben
dennoch Siegberten an die Wiege führen
Als sie aber im Dämmerlichte bemerkten dass hier noch zwei Betten und ein
sehr weißes und sauberes stand das wohl schon für die Sprecherin selber
aufgedeckt war zogen sie sich zurück und beobachteten nun bei halbem Sternen
und halbem Lampenlicht das junge Mädchen das die Mutter aller dieser Kinder
schien aber in Wahrheit nur die ältere Schwester war
Louise Eisold mochte nicht viel über achtzehn Jahre zählen Es war eine
blasse wie verklärte Erscheinung der man sogleich ansah dass ihr diese heitere
Plauderei nicht ganz natürlich kam Die Züge waren von einer in solchem Stande
seltenen Feinheit und Regelmäßigkeit
Nase Kinn mehr spitz als rund aber so anmutig dass den Lippen mehr
Frische dem Auge mehr unternehmendes Feuer dem blonden Haare eine etwas
dunklere Färbung zu wünschen gewesen wäre um die Wirkung dieser gefälligen
Erscheinung noch blendender hervortreten zu lassen Ein leichtes Kattunkleid
bis oben geschlossen umgab die im Widerspruch mit dem zarten wohl etwas
abgehärmten und erschöpften Gesicht stehenden volleren und runden Formen des
Körpers Das volle hellblonde Haar war in einen einfachen Scheitel gekämmt und
trug nur den einzigen Schmuck eines schwarzen Sammetbandes mit dem hinten die
Flechten zusammengehalten waren Dies Band erschien fast wie ein letzter Rest
von äußerer Trauer die in der Tat diese sieben Kinder erst vor wenigen Monaten
abgelegt hatten Die böse Seuche der Cholera hatte ihnen in Zeit von wenig
Stunden Vater und Mutter geraubt die Enkel des alten Uhrmachers der demnach
eigentlich der Urgroßvater dieser armen Waisen war
Aber wo werden denn all die übrigen Geschwister schlafen fragte Siegbert
den der Einblick in diese Welt der Entbehrung rührte
Da werden Sie erstaunen sagte Louise und räumte in Eile die Näpfe und die
Schüssel und Teller vom Tisch bedeutete auch im Vorbeigehen dem kleinen
Heinrich dass er viel zu viel Brot auf die Nacht ässe und sichs gegen ihre
Erlaubnis schon wieder selbst genommen hätte Es ist nicht wegen des Brots
aber er schneidet sich noch einmal in die Finger der kleine Nimmersatt sagte
sie im Gegensatz zu dem Arzte der sich hier doch wohl der Skrophelkrankheit
wegen würde umgekehrt ausgedrückt haben
dabei zog Louise Eisold aus einem alten Sopha das der Tür ziemlich nahe
stand eine untere Schublade hervor und siehe diese enthielt ein vollständiges
Bett Dann ergriff sie nacheinander vier Stühle und stellte sie in der Mitte des
Zimmers so auf dass für den Besuch nicht mehr viel Raum übrig blieb Nun hüpfte
sie hinter ihren Bettschirm brachte einen großen Strohsack geschleppt bei
dessen Transport sie jede Hilfe weil sonst nur etwas könnte irgendwo gestoßen
werden sagte sie ablehnte und zwei Breter Die Breter legte sie auf die vier
Stühle auf diese Unterlage warf sie den Strohsack legte eine leinene Decke
darüber ein breites Kopfkissen eine Decke und hatte somit wieder für zwei
Personen gesorgt In der Küche schläft sagte sie mein ältester Bruder dort
der unhöfliche Mensch der über seinen Büchern Artigkeit und Schlaf vergisst
Hier hinten Großpapa ich Linchen und Hannchen sind fünf In der Bettlade da
Heinrich und Wilhelm sind sieben Hier auf den Stühlen Riekchen die die
müdeste ist mit Wilhelm dem armen Läufer und daher auch ein Bett für sich
allein hat Sind unserer acht wie uns der liebe Gott wunderbar zusammengelassen
hat als Vater und Mutter an der schrecklichen Seuche vor fast einem Jahr
hinübergingen
Der alte Eisold schlug wieder an auf einer seiner Uhren und da er wohl halb
zuhörte gab er auch acht Schläge und seufzte Sein Zopf war nun ausgelassen
Riekchen stieg vom Schemel herab und ließ offen das ehrwürdige weissgelbe
Haar des alten Mannes sehen der jetzt halbtaumelnd aufstand von Karl geführt
wurde und ohne sich im mindesten um seine Umgebung zu kümmern hinter dem
Bettschirm verschwand
Siegbert gedachte beim Schlagen der Uhr jenes Sensenmannes bei Rudhard und
fühlte an einem Schauer der ihn überlief dass der Tod hier nahe sein musste
Dass Ihr Beruf der eines Engels ist der über Geschwistern wacht sagte
Dankmar zu Louisen sehen wir wohl Aber was treibt denn der fleißige Leser
dort der den Großpapa zu Bette bringt und die Uhren da an den Riegel henkt und
wovon ist Wilhelm so ermüdet
O antwortete Louise die Betten auflockernd und ausglättend schon wieder
Engel Ich kann die Ehre und Gnade ein Engel zu sein noch nicht annehmen Die
Engel im Himmel nicht wahr Heinerchen sie zog den kleinen Heinrich aus das
wissen wir schon die haben hier genug herum zu fliegen mit ihren goldenen
Flügelchen und uns auf das nächste Christbäumchen zu vertrösten das wir uns
trotz unserer Armut doch nicht entgehen lassen Wir müssen arbeiten Da sehen
Sie meine Tapisserie am Fenster Aber es ist zu dunkel Ich nehme wenn
Großvater zu Bett ist seine Lampe und sticke noch bis zwölf Uhr Die Arbeit
drängt Sie ist für eine Braut
Die Vergleichung mit einem Engel hatte ihre Überlegung so in Anspruch
genommen dass sie Dankmars eigentliche Frage überhörte
Siegbert aber gedachte des Gedichtes das er für Louis Armand übersetzt
hatte und der letzten Strophe
Des Volkes Tochter arme Bettlerin
Juwelen hast du und die Tugend noch
Kannst deine feuchten Perlen fallen sehen
Aufs Kleid der Braut das deine Finger nähn
Bist reich wie sie o Gott nun weinst du doch
Wie dacht er wenn dies das Mädchen wäre dem Louis Armand das Gedicht
gewidmet hatte und Max Leidenfrost der mich auf sie aufmerksam machte Nichts
von dieser Bekanntschaft wüsste Aber er hätte nicht einmal gewünscht dass
Armands greller schmerzlicher Seufzer in der Brust dieses in ihrer Entbehrung
glücklichen Mädchens niedergelegt wurde das in der unbefangensten Stimmung als
er schon die Frage nach Max Leidenfrost auf den Lippen hatte fortfuhr
Der Großvater der eigentlich unser Urgroßvater ist was wir aber nicht
sagen weil ihn die andern Leute schon den Uhrengrossvater nennen ja er ist
auch wirklich der Pflegevater von all den Uhren die noch nach dem alten Schlage
hier und da von den Leuten gehalten werden Von Jahr zu Jahr nahmen die alten
Wanduhren ab aber seit kurzem werden sie wieder Mode Die reichen Herrschaften
kaufen sie auf dem Trödel und lassen sie schön aufputzen und so ists auch dem
alten Väterchen da geschehen dass sein Zöpfchen wieder seit einigen Jahren Mode
wird und er manche Kunden hat denen er alle drei Monate einmal ins Uhrgehäuse
blasen darf und die Räder mit Öl gätter machen Das bringt Holz und Licht Die
Miete rechn ich durch Hackert und Herrn Schmelzing Essen und Trinken ist die
Sorge meiner Hände und dass die nicht klein ist sehen Sie wohl an den acht
gesunden Mägen denn auch Grossväterchen hat noch Gott sei Dank Appetit trotz
seiner zwei und achtzig Kleider Mietsabgaben Schulgeld das verdienen die
Andern Karl der da in dem Buch studiert ist Maschinenarbeiterlehrling in der
Willingschen Maschinenfabrik Das Buch da hat er wohl aus dem Handwerkerverein
von heute mitgebracht Nicht so Karl
Von Herrn Leidenfrost hab ichs sagte Karl Eisold etwas artiger als
bisher
Siegbert blickte ihm über die Schulter ins Buch und fand dass es ein
Lehrbuch der Mechanik mit Abbildungen war
Herr Leidenfrost besucht uns manchmal Sonntags sagte Louise zur Erklärung
und Ablehnung jeder Voraussetzung einer nähern Bekanntschaft mit studirten
Herren
Siegbert ergänzte dass er ihn kenne worüber Louise eine aufrichtige Freude
empfand da ihr Bruder Karl sich seines besonderen Schutzes erfreue und Herr
Leidenfrost bei Herrn Willing Alles vermöge
Nun unterbrach Dankmar Sie sind aber noch nicht fertig in Ihrem
Staatshaushalt Miete Holz Licht Essen Trinken ist da aber da
bleibt noch Manches übrig
Die Kleinen da verdienen auch schon sagte Louise Wilhelm und Karoline
gehen Vormittags in die Schule essen dann rasch und von zwei Uhr verdienen sie
Womit Wenn wir fragen dürfen
Sie sind in einer Druckerei beschäftigt die große Zeitungen druckt Bis
sechs Uhr legen sie die frisch gedruckten Zeitungen und bis neun Uhr Abends
tragen sie sie aus Im Winter wenn der Schnee die Posten aufhält müssen sie
oft noch um elf Uhr herumtrollen die armen Tröpfe aber was hilfts Die
Kaufleute und die Gelehrten wollen wissen wies in der Welt aussieht und wenn
sie noch so verschneit ist Die drei Jüngsten endlich verdienen auch ihren Teil
Was riefen die Brüder erschrocken
Louise lachte und sagte
Ja Ja Riekchen verdient wenn sie mir Garn wickelt Heinrich wenn er
hübsch artig ist und Hannchen das dreizehn Monate alte kleine Schwesterchen
das ich nach dem Tode der Mutter mit Milch aufziehe durch sein gutes Gedeihen
und frohes Lächeln Auch Das muss mit arbeiten In Freude und Sonnenschein
gedeiht ja Alles besser Aber Vergeben Sie mir Herr Hackert Wo bleibt er
nur Und ich kann Ihnen keinen Stuhl mehr anbieten außer den da vom Karl Steh
doch auf Karl
Lassen Sie liebe Louise sagte Dankmar Wir sehen Sie wollen Alle zur Ruhe
gehen Hackert hat nicht Wort gehalten Wir gehen und wünschen Ihnen eine
gesunde stärkende gute Nacht
Nein nein begann Louise mit Ängstlichkeit Das darf ich nicht ich kann
Sie nicht fortlassen Herr Hackert kommt sicher sogleich Sie glauben nicht wie
er sich auf Sie und den Herrn Bruder heute freute Ach es ist mir als wenn ihm
ein Unglück droht das Sie vielleicht abwenden können Wie Sie heute bei ihm
drinnen schrieben und er so ruhig neben Ihnen auf dem alten harten Sopha lag
das wir ihm doch noch hineinstellen konnten da war ich recht froh dass ein
guter Geist über ihn gekommen schien
Nehmen Sie denn so warmen Anteil an Ihrem Mieter fragte Siegbert
Sollte es nicht jede Seele die ein Herz in der Brust hat war die Antwort
Gibt es unglücklichere Menschen als die in der Nacht wandeln
Siegbert sah Dankmarn erstaunt an
Hackert ist somnambul sagte Dankmar zum Bruder Die eisernen Stäbe die dir
auffielen sind nicht ohne Absicht vor seinen Fenstern
Siegbert konnte sich kaum über diese Mitteilung zurechtfinden Er fragte
voll innigster Teilnahme wie lange Hackert an diesem Übel litte wann man es
zuerst bemerkt hätte wie und wo Der lebendige Anteil den er seit dem
Nachmittag in Tempelheide an Hackert nahm und den nur die Mitteilung Dankmars
von heute früh Hackert verdiene seine gute Meinung nicht etwas wankend gemacht
hatte gab sich in so lebhaften Fragen wieder kund dass Dankmar ihn an die
Notwendigkeit erinnern musste diese des Schlummers bedürftige große und kleine
Welt sich nun allein zu überlassen
Louise aber widerstand seiner Absicht zu gehen aufs bestimmteste Sie
verriet dabei einen Anteil an Hackert der über das allgemeine Mitleid wegen
seines körperlichen Zustandes hinauszugehen schien
Sie haben Recht sagte sie lassen Sie diese schlummern Aber ich mache
Ihnen den Vorschlag treten Sie in sein Zimmer selbst so lange ein bis er
kommt
Es ist verschlossen sagte Dankmar
Wohl auch von dieser Seite da antwortete Louise
Sie öffnete die Tür und zeigte auf die durch allerhand Küchengerätschaften
verstellte Nebentür die zu Hackerts Zimmer führte
Allein ich habe den Schlüssel zu dieser Nebentür fuhr sie fort Treten Sie
hier ein Ich bringe Licht und Sie warten noch einige Augenblicke
Die Brüder wurden so von des Mädchens bestimmtem Willen geleitet so von den
kleinen Geschwistern die gähnend aber auch neugierig sie umstanden gedrängt
dass sie sich gefallen lassen mussten zu bleiben Man räumte Alles von der
Verbindungstür fort und schloss sie auf Louise sagte den Kindern sie sollten
den Herren Gute Nacht sagen Dies geschah und einige Sekunden darauf waren die
Brüder in Hackerts dunklem vergitterten Zimmer ganz allein Louise rief von
der Küche sie käme sogleich nach mit Licht
Karl Eisold der älteste Bruder bewegte sich bei allen diesen
Unternehmungen seiner Schwester nicht im geringsten Nur als sie einen zu
lebhaften Anteil an Hackert verriet schlug er das Buch in dem er gelesen
hatte fast heftig zu und ging hinter die Tapetenwand Er schien mit seiner
Schwester über irgend etwas gespannt zu sein
Nun hatt ich Recht begann Dankmar als die Brüder in Hackerts Zimmer in
der Dunkelheit allein waren hatt ich Recht dir die Bekanntschaft dieser
eigentümlichen häuslichen Existenz deines Schützlings zu verschaffen Was das
Gemälde das du hier beobachtetest doppelt anziehend macht ist die Beziehung
auf Hackert der sprach ich auch heute in der Frühe gegen ihn dein erstes
Gefühl nicht getäuscht hat und wohl mehr bemitleidenswert als zu fürchten ist
Fast möcht ich glauben dass ihn dieses edle Mädchen das sich dem Wohle ihrer
Geschwister opfert liebt
Sprich nicht so laut flüsterte Siegbert hier nebenan horcht der Schreiber
Schmelzing
Es war so finster in dem wie Siegbert wohl merkte engen Zimmer dass sie
ungeduldig das Licht erwarteten mit dem Louise zurückkehren wollte
Indem fiel ein Lichtschimmer von der Galerie her durch die vergitterten
Fenster Man hörte ein Rascheln wie von Jemanden der sich an dem Stricke der
Treppe hinaufwand denn mehr sich daran hängend als mit freiem Tritt auf den
schmalen Stufen konnte man hinauf
Sollte Dies endlich Hackert sein flüsterte Dankmar Es wäre Zeit Ich
glaube nicht dass man bis nach zehn Uhr gut in diesen Häusern bleiben kann
St flüsterte Dankmar und horchte
Der Ankommende hustete und bewegte sich sehr schwer Er hatte ein Mützchen
auf das ziemlich weit über den Kopf ging und stützte sich auf einen Stock den
man vielleicht gut tat in diesen Räumen immer bei sich zu führen Die Laterne
die den Lichtschimmer verbreitete hielt ein altes Weib das die Brüder nicht
kannten Es war die Vizewirtin Frau Mullrich
Da ist Nr 86 flüsterte die Alte Herr Hackert muss doch zu Hause sein die
Herren sind nicht wieder gekommen
Der Mann in der Mütze klopfte an die Tür des Zimmers in dem Siegbert und
Dankmar noch im Dunkeln standen Sie hielten sich zwischen dem Pfeiler der
beiden Fenster um durch den von der Galerie hereinfallenden Lichtschimmer nicht
bemerkt zu werden
Der Mann in der Mütze klopfte wiederholt
Ei ei rief Frau Mullrich jetzt laut Herr Hackert nicht zu Hause Ei ei
Ei Ei
Sie münzte dieses Ei Ei auf die beiden Herren die wenn Hackert nicht
anwesend war sicher zu Louise Eisold gegangen waren
Klopfen Sie doch stärker fuhr sie boshaft fort Herr Hackert schlafen
vielleicht schon
Ich glaube den alten Störenfried zu kennen flüsterte Dankmar seinem Bruder
zu Irr ich nicht so ist es der Geschäftsführer des Justizrats Schlurck der
auch von diesen alten Häusern die Verwaltung besitzt Du weißt noch gar
nicht welches Interesse wir an diesen Häusern haben müssen
Noch hatte er seine Rede kaum ausgesprochen als sich beide Brüder von einer
weichen Hand ergriffen fühlten und einen warmen Atem dicht an ihrem Ohre
fühlten
Halten Sie sich ruhig Der Alte ist Hackerts Feind Er kann nichts Gutes
bringen Wir sagen er ist nicht zu Hause
Es war Louise die leise hereingeschlichen war und ihnen diese
Verhaltungsmassregel zuflüsterte
Kommen Sie Herr Bartusch Kommen Sie Die beiden Herren sind bei Fräulein
Louise Ich irrte mich Herr Hackert sind noch nicht zu Hause
Diese laut betonten recht absichtlich hervorgekrächzten boshaften Worte
der Frau Mullrich machten dass die Brüder das plötzliche Kaltwerden der Hände
des Mädchens fühlten von denen jeder von ihnen eine in der seinen hatte
Wie flüsterte Dankmar die Alte wäre frech genug anzunehmen dass wir
Lassen Sie uns sagen dass wir in Hackerts Zimmer sind
Nein nein bedeutete Louise
Aber selbst die beste Absicht Dankmars für ihre Ehre einzutreten war
nicht mehr rasch auszuführen denn schon hatte sich Bartusch brummend wieder zum
Ausgang der Galerie gewandt und mit einem lauten zweideutigen Husten und
Räuspern den Rückweg angetreten
Frau Mullrich leuchtete ihm und kicherte so grell und höhnisch dass es
Louisen schauderte
Wie können Sie nur zugeben sagte Siegbert als sie wieder im Dunkeln waren
dass diese Menschen sich in der Meinung entfernen wir wären bei Ihnen
Louise strich an einem Feuerzeuge und zündete nun ein Talglicht auf einem
blechernen Leuchter an
Sie sprechen so leise sagte sie lächelnd dass ich Sie kaum verstehe
Werden wir hier nicht belauscht von Schmelzing
Der ist sehr neugierig und boshaft genug aber der glücklichste Zufall
wollte dass er schwer hört Ich bin überzeugt er hat sich den alten
Kleiderschrank der hier an der Tür steht weggerückt und horcht jetzt Aber
wenn Sie nicht zu laut sprechen bleibt ihm Alles unverständlich
Während sich Siegbert nun in Hackerts Zimmer umsah und eine gewisse Ordnung
an dem niedrigen Bett dem schwarzbezogenen Sopha dem Schreibtische einem mit
einem Vorhange bedeckten Kleiderriegel eine Waschbank mit Schüssel und
Seifennäpfchen ja sogar einen kleinen Spiegel anerkennen musste tadelte Dankmar
wiederholt dass sich Louise den falschen Schein gegeben hätte als wären sie bei
ihr
Nehmen Sie doch Das nicht so genau antwortete Louise Mir ist die Freude
dass dieser alte Schleicher Hackerten nicht getroffen hat viel mehr wert als
der falsche Schein für meine Person Wir Mädchen aus den armen Ständen sind was
wir sind Unser ganzes Leben ist dem Verdachte preisgegeben Nur die die in
Wahrheit etwas zu verbergen haben ereifern sich wenn sie einmal in einem
falschen Lichte erscheinen Und dieser Alte weiß wohl dass ich mehr für mich
habe als den bloßen Schein
Wie so fragte Siegbert Kennen Sie ihn
Ich kenne ihn und er kennt mich Hackert zog zu uns auf Empfehlung dieses
Nachbars des Schreibers Schmelzing der viel bei dem Justizrat arbeitete Auch
entsann sich Hackert des alten Großvaters der sonst bei Schlurcks gearbeitet
hatte als noch die schöne Melanie nicht regierte und alles Altmodische wegjagte
und wegräumte Seitdem ist dieser Bartusch Bartusch heißt er oft hier gewesen
Er kennt jeden Winkel dieser Häuser und wuchert und presst der Armut ihre
Tränen in Geld ab Mich wundert wie er sich so spät Abends noch in diesen
dritten Hof wagt wo Manche wohnen die ihm das Schlimmste geschworen haben
Weiter ließ sie sich in Erörterungen nicht ein bat sie nun ihr Gehen zu
entschuldigen und ersuchte sie dringend doch nur noch eine Viertelstunde zu
warten Hackert wäre gewiss ohne seine Schuld verspätet Er käme sicher Er hätte
sich zu lebhaft gefreut auf diesen Abend Ja sie müsse ihnen sogar gestehen dass
sie selbst heute ausgegangen wäre und Tee gute Butter und Braten gekauft
hätte für den erwarteten hohen Besuch Ob sie denn in der Küche nicht den
siedenden Kessel mit heißem Wasser bemerkt hätten
Die Brüder gewannen jetzt erst die volle Übersicht des Zimmers in dem sie
sich befanden und entdeckten in einer dunkleren Ecke ein Tischchen mit Tassen
einer Teekanne und einem gehäuften Teller mit Braten Daneben ein großes feines
Brot und Butter und Zucker und Messer
O sagte Louise das ist zwar Alles sehr einfach und nicht besser als es
meine armen Eltern hinterliessen die beide in der Willingschen Fabrik
arbeiteten und doch nur wenig erübrigten um neben dem Nötigen auch für den
Luxus zu sorgen Für uns ist eine Teekanne Luxus Und doch ist sie da und ich
wünschte da sie vielleicht nie gebraucht wurde sie käme heute noch an die
Reihe eingeweiht zu werden und Sie säßen mit Hackerten bis in die tiefe Nacht
Bis zwölf Uhr kann man aus und ein und auch später noch St Hören Sie
nichts Ich glaube man kommt
Damit hüpfte Louise wie ein raschelndes Mäuschen davon
Es war aber nur eine List dass sie Jemanden zu hören glaubte sie hatte nur
die Absicht die beiden jungen Männer festzuhalten
Ihr Bruder Karl schien aber damit nicht einverstanden Er empfing wie die
Brüder hörten Louisen mit Vorwürfen über ihr Rumoren ihr Spektakeln ihre
Tollheiten
Sie erwiderte gereizt und trumpfte ihn ab
Denk an Danebrand sagte der Bruder mit zorniger lauter fast donnernder
Stimme
Darauf war Alles ruhig todtenstill
Danebrand Die Brüder flüsterten sich den Namen zu und sahen sich erstaunt
an Danebrand war wie Siegbert sich erinnerte der Name eines
Maschinenarbeiters Ihre Situation kam ihnen in dem spärlich erleuchteten
Zimmer hinter den Eisenstäben des Fensters in der Nähe des zornigen jungen
Karl Eisold vor diesem kleinen Tisch mit Esswaaren und der plötzlichen Ruhe
nebenan vor wie die Verzauberung eines Märchens
Siebentes Kapitel
Kaliban
Dankmar schwieg verstimmt über Hackerts nicht gehaltenes Wort
Siegbert aber hatte als sie sich auf das verbrauchte harte Sopha
niederliessen so viel Humor dass er anfing
Es scheint lieber Bruder als wenn wir jetzt erst an unser Grünsches Diner
kommen Ich habe Hunger und gestehe dir Ich bin geneigt dem Braten da
zuzusprechen auch ohne Tee und ohne Hackert Aber deine Aufklärungen würden
dabei das bescheidene Mahl würzen Bin ich satt so werd ich auch dir noch
manches Seltsame vorzutischen haben
Iss Siegbert Greif zu sagte Dankmar Ich kann mir denken dass dich der
Herzensjammer heute von aller Befriedigung deines tierischen Menschen fern
gehalten hat und nun rächt sich die verstossene Mutter Natur und kommt von
selbst ohne gerufen zu sein
Siegbert begann wirklich das Brot mit einem etwas stumpfen Messer zu
»zersäbeln« und dem Braten zuzusprechen zu dem selbst das Salz nicht fehlte
Mit Butter war er sehr delikat Er musste die Menschen schon sehr genau kennen
ehe er ihre Butter aß
Dankmar begleitete seinen Appetit mit der Bemerkung
Ich muss mir meine Hohenberger Reisebeschreibung auf günstigere Zeit
aufsparen Wozu nützt sie auch Ist doch mit dem Namen Melanie des ganzen Witzes
Spitze abgebrochen Kommen wir darauf fürs Erste nicht zurück
Was trieb dich nur heute früh in diese Spelunke wo wir wenn wirs genau
nehmen auf die gemütlichste Art im Handumdrehen verschwinden können Da
nebenan jetzt ganz still ein Riegel vorgeschoben und wir sind in der Falle
Als ich mich heute früh von dir entfernte begann Dankmar hatte mir der
Name deiner Angebeteten einen Schlag vor den Kopf gegeben Du weißt was mich
drängt und treibt Du hast hundertmal gehört dass ich einem Besitze nachjage
der unserer Familie auf die rechtmässigste Weise von der Welt gehört
Auch dieser prächtige Palast hier ist ja wohl in gewissem Sinne der unserige
sagte Siegbert spottend
Spotte nur Du hast ein Recht darauf Denn aus Mismut eine so wichtige
Angelegenheit wie die der Reclamation meines Schreins von heute auf morgen zu
verschieben das ist nur möglich wenn man der Romantik etwas zu tief in die
verschwommenen Augen geblickt hat und sich recht gründlich über die
Notwendigkeit ärgerte einem Gedanken so verführerischer Art wie dem an
Melanie Laufpass geben zu müssen Ich saß eben am Paradeplatz wie ein recht
lächerlicher Herzenskranker
Bruder Ich kann das Selbstironisiren seiner Gefühle nicht leiden sagte
Siegbert und legte das Messer fort
Nun iss nur Schone die Küche deines Proletariers nicht Ich will ernst
sein Wie ich am Paradeplatz endlich mit einem vernünftigen Entschlusse mich
erhob und wegen meines Schreines zu Schlurck gehen wollte glaubt ich in einer
Straße einen Fremden zu entdecken der mit seinem Sohne in Hohenberg mich
außerordentlich gefesselt hatte Ich eile jener Straße zu und finde im Gedränge
zwar den Fremden nicht sehe aber plötzlich Hackerten Du musst wissen dass ich
ihn mit der Bezeichnung Schurke oder Schuft oder einer ähnlichen Liebkosung
verlassen hatte
Und der Androhung einer Klage die ihm Lasally anhängen wollte
Richtig Wegen Pferdemordes
Pferdemordes Du willst mir den Appetit verderben
Wegen drei verdorbener Pferde
Da Bruder willst du den Rest dieses Bratens Ich esse nicht mehr
Dankmar erzählte aber im Ernst mit kurzen Umrissen diese Begebenheit und
Hackerts so gut wie erwiesenen Anteil daran
Bruder sagte nun Siegbert wirklich erschreckt Ich erlebe die Tür rechts
und links geht hier auf und wir werden von Männern mit langen Messern begrüßt
Die Mondsucht ist nur ein reiner Vorwand für diese eisernen Gitter
Doch nicht Dass Hackert im Monde wandelt sah ich auf dem Heidekrug mit
eignen Augen es war ein Anblick der mich und den Vater unserer Melanie tief
erschütterte Genug die Liebkosungen Schurke und Schuft mit denen ich
Hackerten später verlassen hatte hinderten nicht dass ich ihm heute früh
zurief wo jener Fremde Ackermann und sein Knabe eben verschwunden wären Erst
gab er mir keine Antwort und wollte mich nicht kennen Ich fing dann von seinem
dir übergebenen Pfande von hundert Talern an gratulirte ihm zu dem Sieg über
sein Gelüst auch das vierte Pferd dem Lasally zu morden und geriet darüber mit
ihm in ein anfangs sehr hitziges Gespräch Er führte mich bei Seite
Bruder Brauch nicht so aufregende Wendungen Bei Seite führen bei Seite
bringen ich möchte gern mein Appetit käme wieder
Gedulde dich ein wenig er kommt
Hackert sagte Siegbert und sprang halb scherzend halb ernst auf
Nein nein dein Appetit
Dankmar freute sich seinen Bruder trotz Melanie und der Entsagung so
scherzend angeregt zu finden
Ich wandte mich fuhr er fort mit dem Pferdemörder in eine entlegenere
stille Gegend der Stadt und da erzählte er mir dass er mit jenem Fremden und dem
Knaben die Rückreise von Hohenberg gemacht Sie hätten ihn freundlich
aufgenommen und ihm Gutes getan Gutes fragt ich Was meinen Sie damit Mich
milde getragen wie ich bin und Nachsicht gehabt mit meinen Fehlern
Siegbert unterbrach und sagte
Was willst du mehr ist Das nicht eine Sprache die sich hören lässt
Ich kam dann fuhr Dankmar zustimmend fort auf die unglückliche Krankheit
des Nachtwandelns Er wich mir aus Doch als ich ihm erzählte wie ich ihn auf
dem Heidekrug selbst in diesem Zustande beobachtet hätte sagte er Auf dem
Heidekrug müsse Magnet in der Erde sein dort hätte es ihn wieder getroffen
gerade in dem Augenblick als man mir das Bild brachte Das Bild fragt ich
erstaunt Denn ich muss dir gestehen dies Bild ist mir auf die seltsamste Weise
in die Hand gekommen Darauf hin ergab sich denn jene Erzählung die ich dir im
Bilde von der Eidechse und der Katze brieflich niederschrieb Melanie hat mir
einen großen und anerkennenswerten Dienst erwiesen aber dabei so viel
Rücksichten geopfert dass ich ihr statt dankbar gram wurde Wenn du meine
Hohenberger Abenteuer erfährst wirst du klarer sehen und mir vergeben dass ich
aus Liebe zu dir und zu mir selbst beschloss diesen Gedanken ganz an der Wurzel
aus unserem Herzen zu reißen und Hohenberg für einen Traum zu nehmen
Dankmar erwartete eine Antwort doch schwieg Siegbert und stützte den Arm
auf die harte Holzlehne des Sophas
Nach Allem was ich mehr gewaltsam aus Hackert herauslocken musste als
freiwillig erzählt bekam fuhr Dankmar fort hatt ich mir auch eine
eigentümliche Beziehung Hackerts zu Melanie zusammensetzen müssen Er war in
Schlurcks Hause erzogen Er ist plötzlich von dort entfernt worden Man
fürchtete seine Nähe und sorgte doch für ihn Lasally der um Melanies Hand
wirbt mishandelt ihn Er rächt sich durch eine scheussliche Gewalttat an seinen
Pferden Wie ich alle diese Dinge Hackerten vorhalte und mit der etwas groben
Logik die uns Juristen eigen ist ihm auf den Kopf meine Vermutungen
zuspreche milderte sich sein trotziger Ton legte sich fast sogar das struppige
rote Haar und mit weicher Stimme beginnt er O wenn Sie in mein Leben sähen
Wenn Sie Ihr Bruder wären was wollt ich nicht Alles sagen und meinen Kummer
vergessen Diese Worte rührten mich und herzlich sprach ich ihm zu doch auch
mir zu vertrauen Mit großem Blicke sah er mich darauf an und schwieg Wie leben
Sie Wo wohnen Sie Was sind Sie fragt ich Indem waren wir in unsern
Gesprächen in diese Gegend gekommen und wie von einem guten Gedanken ergriffen
sagte er Wollen Sie meine Wohnung sehen Kommen Sie Ich bin Ihrer Teilnahme
nicht ganz unwert Ich folgte ihm und er führte mich hierher
Ich werde eifersüchtig werden dass du mir einen Freund abwendig machst
sagte Siegbert die eigne Rührung nur hinter Scherz verbergend
Hier lernt ich nun diese Schwester fuhr Dankmar fort die sechs jüngeren
Geschwister Kinder zweier vor einem Jahre an der Cholera gestorbener Eltern
kennen den alten Uhrmacher und so viel Bescheidenes so viel Einfaches Gutes
Sittliches dass ich Hackerten aufforderte mir dasselbe Vertrauen zu schenken
wie dir Er lächelte ungläubig und sagte Sie werden gegen mich zeugen und ein
Jahr Zuchthaus ist mir wohl gewiss
Er stellt sein Verbrechen nicht in Abrede
Leider nein Ja im Gegenteil äußerte er Es ist gut dass ich dorthin
komme Wer weiß ob ich Lasally nicht noch einmal selbst umbringe wie seine
Pferde Meine Fragen um den genaueren Zusammenhang seiner Feindschaft gegen
diesen Mann ließ er unbeantwortet Um Zeit zu gewinnen dass er zu mir Vertrauen
fasse bat ich ihn auf diesem Tische da am Fenster einen Brief schreiben zu
dürfen Er rückte mir Alles hin und schien ein Wohlgefallen daran zu finden mir
die Ordnung seiner Schreibmaterialien zu zeigen Während er hier auf dem Sopha
ausgestreckt lag und eine Zigarre nach der andern halb anrauchte und dann
zerknittert wegwarf schrieb ich dort den Brief an dich Als ich ihn
zusammengelegt hatte fing er an Und wär es vielleicht besser ich ginge nicht
ins Zuchthaus Muss denn Lasally Recht behalten Ich antwortete ihm Hackert
wie können Sie glauben dass ich mit Jemanden zehn Minuten unter einem Dache
zubringen an seinem Tische sitzen und nicht Alles aufbieten würde um ein
solches Unglück abzuwenden Wollen Sie Das sagte er immer noch mistrauisch Es
ist nicht um mich mir möcht es doch wohl am dienlichsten sein aber diese
Menschen hier nebenan lieben mich Die Louise macht ihren Bruder Karl auf mich
zornig Sie soll einem Andern gehören Ich kann sie nie lieben und hasse die
Weiber fliehe wenigstens die guten aber diese Louise liebt an mir Das was
leidlich und wenigstens besser als mein übriges Schlimmes ist Sie will aus mir
einen braven Kerl in ihrem Sinne machen wozu ich Talent hätte wenn ich wüsste
wozu Ein braver Kerl Es ist das Langweiligste von der Welt Für mich so viel
wie Ihnen vielleicht das Wort ein guter Bürger ins Ohr klingt Gott verdamm
mich Ich wünschte ich wäre etwas Rechtes nein nein lassen Sie nur
Bezeugen Sie die Kugeln Ich will ins Zuchthaus Eine Bahn muss der Mensch
haben Menschen die unglücklich lieben sind Narren Tollhaus oder
Zuchthaus
Unglücklich lieben Wen liebt er denn
Er nannte seinen Gegenstand nicht Aber was hindert mich anzunehmen dass es
Melanie ist
Siegbert horchte ungläubig auf
Erkenne auch darin einen Grund zu den bestimmten Äußerungen und Abmahnungen
meines Briefes fuhr Dankmar fort Diese Melanie ist mit ihm erzogen worden
Unvorsichtig genug galten Beide so lange für Geschwister bis sie eines Tages
merkten dass sie es nicht sind Wenn ich aus dunklen Andeutungen mir eine Idee
zusammensetzen darf so glaub ich dass Hackert nur um Melanie aus dem Hause
Schlurcks entfernt wurde und mit seiner verzehrenden krankhaften Liebe für
seine ehemalige Gespielin der Familie eine Last und Qual ist
Ich erstaune Das hebt mir Hackerten sagte Siegbert
Melanie aber setzt es herab antwortete Dankmar Das wirst du eingestehen
Ich fühle so etwas
Und ich freue mich dass du meinen Brief nicht mehr für grausam hältst
Endlich drang ich in Hackert mir die volle Wahrheit zu sagen Ich verspreche
ihm sogleich zu Lasally zu gehen und Alles aufzubieten ihn von einer weitern
Verfolgung dieser Angelegenheit zurückzubringen Barmherzigkeit von diesem
Schurken rief er Sehen Sie das Maal hier an der Stirn Fühlen Sie diese Ritze
in der Kopfhaut Denken Sie sich diesen Kopf mit Blut besudelt Wollen Sie
meinen Rücken sehen Soll ich ihn entblössen Wollen Sie die Sporen erkennen die
mir der Unmensch und seine Knechte in die Hüfte traten
Um Gotteswillen
Ich erschrak wie du über die furchtbare Heftigkeit der Erinnerung an eine
Brutalität die man sich mit dem kranken Menschen erlaubt hatte Ich begriff
seine Rache Seine Stimme war so grell so kreischend geworden dass Louise
nicht durch diese Tür sondern von der Galerie hereinstürzte und in allen
Mienen eine Besorgnis aussprach die sich mir sehr bald als eine solche
verriet die von ähnlichen Wutausbrüchen nicht überrascht sein konnte da sie
häufig vorkamen Ich gehe Hackert sagt ich Mässigen Sie sich Ich spreche mit
Lasally Wann kann ich Sie heute noch sehen Er schwieg und stützte den Kopf
auf Drinnen schlugen die Uhren des alten Mechanikers Bim Bim wiederholte er
die Schläge und zählte weit über zwölf hinaus Wo ist Riekchen fragte er wie
abwesend Als ihm Louise sagte Sie wickelt mir Wolle frug er Und Hannchen
Die schläft sagte Louise Kommen Sie doch hinüber flüsterte er dann mit
schwacher Stimme und zog mich in das Zimmer wo wir waren den Weg den wir
selbst vorhin nahmen Da sah ich denn diese Armut diese Beschränkung und als
ich von sechs Geschwistern hörte und dass die alle hier des Nachts Platz hätten
sagt ich zweifelnd dann komme ich heute Abend um neun Uhr Das muss ich sehen
Ich bringe den Bruder mit Ich öffnete dann den Brief noch einmal und schrieb
dir dieses Rendezvous Er versprach mir nicht ausdrücklich hier zu sein Aber
Louise winkte ich sollte nur kommen Er würde nicht fehlen In solchen
Stimmungen der Wehmut kenne sie ihn
Und doch hat sich das arme Mädchen geirrt Hörst du drinnen die Uhren
schlagen Es ist zehn Er ist nicht da Hast du denn bei Lasally etwas
ausgerichtet
Leider nein antwortete Dankmar Als ich den Brief bei Grüns abgegeben und
selbst in der Eile gegessen hatte ging ich auf die Reitbahn und widmete mich
dieser Angelegenheit mit einem Eifer der mich alle meine wichtigen eigenen
Interessen vergessen ließ Es war zwei Uhr Ich hörte Lasally wäre bei
Schlurcks zu Tisch Anfangs wollt ich ihn erwarten Der alte Levi Lasallys
Factotum erzählte mir was ich schon wusste Die Entdeckung des Urhebers eines
an drei Pferden verübten Frevels
Durch Kugeln die ihnen Hackert in die Ohren gleiten ließ wiederholte
Siegbert was ihm Dankmar erzählt hatte Das ist ja entsetzlich
Siegbert sah das Bild dieser Szene als Maler vor sich Er stand auf und
ging von seiner Phantasie gefoltert hin und her
Komm Komm rief er Ich kann mich mit Hackert nicht mehr aussöhnen Ich
sehe diese gemordeten edlen Tiere immer vor mir Ich denke mir eine wilde Jagd
von Gerippen und Hackert auf diesen Gerippen geschleift von ihnen Komm
Komm
Beruhige dich sagte Dankmar Denke nicht mehr an diese Szene Mach es wie
ich in Lasallys Reitschule Mich amüsirten die Reitstudien einiger
Hypochonder die ihren Unterleib erschüttern wollten und einigemale kopfüber ihr
Gehirn erschütterten Junge Stutzer kamen mit silbernen Sporen und den
elegantesten Reitgerten sie setzten sich auf und im Nu war aller Pli alle
Haltung aller Übermut hin der Mund stand ihnen ängstlich offen und
zimperlicher waren sie als zwei allerliebste russische Kinder die sich in
Begleitung eines Bedienten auf den Pferden tummelten
Russische Kinder fragte Siegbert
Ein junges Mädchen besonders in Amazonentracht war so keck so gewandt
dass sie sich auf einem gar nicht überzahmen Pferde tummelte und während des
Galoppirens auf der Bahn wie eine Kunstreiterin erhob und die halbe Bahn entlang
an dem Zügel sich schwenkte und im Stehen sich aufrecht erhalten konnte Man
nannte sie Olga die Tochter einer Fürstin Wäsämskoi
Siegbert voll stillen Erstaunens lächelte bedeutsam
Warum lachst du fragte Dankmar Mir wurde himmelangst über das
halsbrechende Manöver
Weil ich die Kleine kenne und Rurik ihren Bruder Aber fahre fort
Ich bin mit meiner Odyssee zu Ende sagte Dankmar Die kleine Russin
interessierte mich so lange bis ich merkte die Kokette könnte sich um ihre
Reitkünste zu zeigen mir zu Liebe den Hals brechen Da ging ich wieder in den
Stall wo mich mehre alte Bekannte Lieutnant Aldenhoven Rittmeister von Astern
und Andre veranlassten mit ihnen auszureiten Ich ließ bei Levi die Bitte an
Lasally zurück ihn noch heute sprechen zu können und ritt mit den Offizieren
Die Erholung war angenehm was den Ritt und die Natur lästig was die Gespräche
betraf Die politische Reizbarkeit dieser Menschen nimmt in einem Grade zu dass
man mit ihnen nicht mehr verkehren kann Die Entrüstung die man über Major
Werdeck der uns heute früh begegnete und den sie an uns vorbeireitend kaum
grüßten weil er für liberal gilt äußerte führte fast zu Konflikten mit mir
selbst Doch beherrschte ich mich da ich der mich drückenden Sorgen genug habe
und keine neuen Verwickelungen wünschen kann Wir verspäteten uns bis gegen acht
Uhr Im Vorbeireiten vor Egons Palais vernahmen wir leider die Nachricht von
der traurigsten Verschlimmerung seiner Krankheit und von Lasally den ich in
seiner Reitbahn fand musst ich denn eben jetzt auch hören dass er von seinem
Vorhaben gegen Hackert nicht abstehen würde Die Familie Schlurck wisse er
wohl wolle alles Aufsehen vermeiden er wisse wohl dass sie Hackert schonen
möchte aber er sähe nicht ein warum er Anstand nähme dass gewisse Dinge ans
Tageslicht kämen Er war dabei so empfindlich so gereizt gegen Melanie dass ich
fürchten musste mit ihm selbst mich zu überwerfen Seine Bemerkungen über eine
gewisse zweideutige Rolle die ich in Hohenberg gespielt hätte streiften nahe
ans Verletzende So kam ich denn her um Hackerten zu veranlassen mit Hilfe
seiner hundert Taler diese Gegend rasch zu verlassen oder mir durch ein
aufrichtiges Geständnis aller der Umstände die sich auf seine Verhältnisse zur
Schlurckschen Familie beziehen die Mittel an die Hand zu geben als
Rechtsbeistand für ihn aufzutreten
Kaum hatte Dankmar diese wie das ganze Gespräch geführt wurde im
halblauten Tone gesprochenen Worte beendet als sich plötzlich von unten her ein
lautes heftiges Lärmen vernehmen ließ das von einem Zanke in den vorderen
Höfen herzukommen schien
Die Brüder horchten auf
Einige abgerissene Worte konnten wohl verstanden werden aber der
Zusammenhang des Streites war nicht gut aus dem Lärm zu erraten Soviel vernahm
man wohl dass es nur eine einzige Stimme war die allein das vorherrschende Wort
zu führen schien und von den Andern mehr beschwichtigt wurde als in gleicher
Heftigkeit erwidert bekam
Indem riss Louise die Tür auf und rief
Ums Himmelswillen Das ist Hackert
Glauben Sie Diese schreiende gellende Stimme
So tobt er im Zorn Was ist ihm nur
Das ist kein Zorn Das ist Übermut Hören Sie er lacht Er singt
Die Brüder und das besorgte Mädchen horchten
Der Lärm kam näher Schon nahmen andere Hausbewohner an ihm Teil Schon
hörte man Ausrufungen wie
Da hat ihn Einer Packt ihn fest Lasst ihn nicht los So ists recht Fallen
Sie nicht Herr MietsFrass Alte dir geschäh es auch nach Verdienst wenn er
dir deinen Zopf ausrisse Ha ha die Hausschlüssel werden wohlfeiler Setz Sie
doch den Preis herab ein Hausschlüssel kann auch einmal anderswohin als auf
Nr 17 führen Rutsch Vorwärts
Es ist Bartusch sagte Louise beruhigter
Nein Auch Hackert ergänzte Dankmar
Ja Hackert der mit Bartusch in Streit geraten ist sagte Louise
Der Lärm kam näher
Jetzt war Hackert mit Bartusch denn dieser zog ihn wirklich hinter sich
her auf der obersten Galerie und die Mullrich mit der Laterne folgte schimpfend
und mit ihrem Manne drohend der leider schlafen müsse
Schämen Sie sich in nachtschlafender Zeit einen solchen Lärmen zu verführen
Herr Hackert sagte Frau Mullrich Was haben Sie sich denn zu beklagen wenn
Andre ihren Spaß haben
Spaß alter Cerberus rief Hackert Lach du wenn du deine Pfennige zählst
und recht viel Stiefeln zu flicken bekommst Aber grinse nicht über Besuche die
in Nr 87 auf Nr 86 warten Wart ich will Euch subtrahiren lehren
Hackert Sie sind im Rausch schämen Sie sich wenn ein Freund zu Ihnen
kommt lauteten Bartuschs beschwichtigende Worte
Im Rausche bin ich Gevatter rief Hackert Im Rausche Lustig morgen ist
Hochzeit Willst du Pate sein Übermorgen ist Kindtaufe Du alter Grauschimmel
sollst mir zeigen wo hier Nr 17 ist Schurke was steht hier an der Tür die
ich jetzt aufschliesse Steht da Nr 17 Werden hier Besuche empfangen die nicht
mir gelten
Sie sehen doch dass Licht in Ihrem Zimmer ist sagte Bartusch zitternd
während es im ganzen aufgeregten Hause aus allen Fenstern und Türen scholl
Nummer Siebzehn Nummer Siebzehn ist ausgezogen
Man sah dass Bartuschs nächtliche Wanderungen zur MalerGuste kein
Geheimnis waren
Festgehalten von Hackert gezerrt am Rockkragen geschüttelt wie ein
Flederwisch konnte Bartusch hier jetzt vielleicht das Ende seiner Tage
erwarten denn die ganze Bewohnerschaft nicht nur von Brandgasse Nr 9 sondern
auch von den übrigen nachbarlichen Kommunalhäusern hasste ihn und hatte sich an
dem strengen Eintreiber der Mieten der bei jedem Auszug die Miete für den
Nachfolger steigerte oft genug schon tätlich vergriffen
Bartusch hoffte auf Rettung und Beistand durch die beiden Herren die bei
Louise Eisold warten sollten und ihm nach Dem was Frau Mullrich von ihrem
Gespräch an der Haustür behalten hatte nicht unbekannt sein konnten
Licht in meinem Zimmer sagte Hackert Licht in Eurem Kopf würde Euch
besser sein Heut soll noch ganz anders illuminirt werden meine Haare müssen
heut noch in Feuer aufgehen wie Ihrs mir längst gedroht habt Die Laterne
her Cerberus
Mit diesen der Mullrich zugerufenen Worten schloss Hackert die Tür von der
Galerieseite auf und im aufgeregten vielleicht halbtrunkenen Zustande trat der
überhjetzte glühende exaltirte junge Mensch herein
Bartusch und die Mullrich blieben im Schimmer der Laterne lieber auf der
Galerie
Louise hatte sich schon vorher entfernt und die Stubentür rasch verriegelt
Her Ratte du schrie Hackert als er die beiden Brüder auf dem Sopha
sitzend fand wo ist hier Hochzeit Ist Das Nr 17 Kommst her altes Fell oder
ich ziehs dir über die Ohren Maulwurf Hast falsch gehorcht Falsch spionirt
Spitzbube Was
Draußen aus allen Zimmern wurden diese Worte mit lautem Lachen und Hohn
aufgenommen sodass Bartusch nicht anders konnte als sich aufs Bitten legen
Hackert ich beschwöre Sie so schweigen Sie doch endlich still sagte er
flehentlich Ist Das der Dank für die Wohltaten die ich Ihnen eben zu erweisen
gedachte Guten Abend meine Herren Ach lieber Himmel Was seh ich Irr
ich nicht so hatt ich das Vergnügen
Ja Herr Bartusch begann Dankmar ich bin Ihr Reisegefährte von Hohenberg
Ich erstaune Sie in einer solchen Situation wiederzusehen Dies ist mein
Bruder Wie kommen Sie nur zu dem ärgerlichen Auftritt
Bartusch der bereits in Erfahrung gebracht hatte dass das während der
ganzen Hohenberger Rückreise auf Dankmar ausgebreitet gewesene Dunkel sich
insoweit gelichtet hatte als er in der Tat der Eigentümer jenes Schreines
war über welchen ihm der Justizrat der ihn in so subtile Sachen nicht
einblicken ließ keine nähere Auskunft gegeben hatte aber nicht im
entferntesten Prinz Egon war Bartusch der von Seiten Schlurcks ein Inserat in
die Zeitung besorgt hatte der Eigentümer jenes Schreins sollte sich melden
hielt es für durchaus unverfänglich und nützlich Dankmarn mit den für Diesen
erfreulichen Worten anzureden
Jede Stunde haben wir Sie erwartet Herr Wildungen
Der Schrein ist in der Tat vom Justizrat aufgefunden worden und steht ja
zu Ihrer Verfügung Ach ach Diese Hohenberger Reise
Dankmar fiel ein Stein vom Herzen und ein natürliches Gefühl der Dankbarkeit
war es dass er Hackerten der ihm etwas zudringlich und unverschämt Zigarren
anbot und dabei in der Tat wie ein Trunkener grüßend sich gebehrdete unsanft
abwies und ihm sein Geschrei und Poltern rügend vorhielt
Entschuldigen Sie nur Herr Maler wandte sich Hackert etwas beschämt statt
aller Antwort zu Siegbert Ihr Herr Bruder ist mein Freund nicht und wird mein
Freund nicht und in die Schule geh ich nicht mehr Excusez He Bartusch
Kommen Sie auf den Fortunaball Was Alle zusammen meine Herren Vier ist vier
Mensch ist Tier und auf Vieren mein Plaisir
O Gott O Gott rief die Mullrich die mit der Laterne in der noch offenen
Tür stand Was soll daraus werden
Und sich zu den neugierigen Horchern des Hauses zurückwendend rief sie
Was steckt Ihr die Nasen aus der Tür Ists das erste mal dass einer in der
Brandgasse Nr 9 in solchem Zustand nach Hause kommt
Zustand Flickschusterin stell Sie die Laterne dahin schnaubte Hackert
Was für ein Zustand Ist Das ein Zustand wenn man nach Hause kommt voll
Amüsement und solche Ratten springen gleich an Einen heran und grunzen Oben bei
Louise Eisold sitzen zwei Herren Ist Das ein Zustand wenn man dann so eine
alte Vettel beim Wickel nimmt und den Freund von Nr 17 und von Mutter
Justizrätin mit dazu
Hackert Hackert Ich beschwöre Sie Was reden Sie sagte Bartusch der sich
wieder am Rockkragen gepackt fühlte undankbarer Mensch Wissen Sie dass ich
hier bin Ihnen einen neuen Beweis der langmütigen Geduld und Liebe dieser
Justizrätin zu geben wissen Sie dass ich hier bin um Ihnen
Er zog sein Portefeuille
Kein Geld sagte Hackert und warf sich in die Brust Wir brauchen nichts
Nicht wahr Maler Wir haben Freunde die einen Becher Weins mit uns teilen
Kommen Sie mit auf den Fortunaball meine Herren Was
Siegbert statt aller Antwort tief abgestoßen von dieser wilden
tierischen Zügellosigkeit griff in die Seitentasche und überreichte dem
verwahrlosten ihm eine ganze Klasse der zwischen dem Volk und der Bildung
schwankenden Mittelschichten großer Städte darstellenden jungen Menschen sein
Packet mit hundert Talerscheinen
Sie haben alle Ursache vergnügt zu sein bemerkte dabei Siegbert bitter
enttäuscht Wem die Hilfsmittel so zuströmen
Und hier die gewissen drei Taler bemerkte Dankmar voll Entrüstung Da die
drei Taler für den Kutscher
Dankmar zog die Börse aus der er drei harte Taler nahm und auf den Tisch
legte
Sie wissen was wir bedungen haben im Walde hinter Tempelheide
Hackert stieß die drei Silbertaler von dem Tisch dass sie auf den Boden
hinrollten und katzenartig von der Mullrich unter dem Ausruf O die Sünde Die
Sünde aufgesucht wurden
Geben Sie mir wenn ich etwas verdient habe setzte Hackert mit dumpfer
Stimme hinzu geben Sie mir
Nun sagte Dankmar ists nicht so
Geben Sie mir knirschte Hackert und stockte doch
Sie waren mein Kutscher Herr Hackert Entsinnen Sie sich nicht drei Taler
Accord
Herr schrie Hackert und stellte sich vor Dankmar mit einer Miene
grimmigsten Zornes
Nun antwortete Dankmar so entschlossen vortretend dass ihn Siegbert halten
musste
Geben Sie mir Papier sagte Hackert dumpf und fast in sich hinein und
wandte sich ans Fenster an das er trommelte
Als Dankmar über diese Äußerung als eine Frechheit noch mehr in Zorn
geriet sagte Bartusch mit gekniffenem Lächeln
Bitte Sie wissen also noch nicht Herr Wildungen dass unser guter Herr
Hackert eine Aversion vor gemünztem Gelde hat Man sollts nicht glauben Alle
Welt jammert über das Papiergeld und ächzt und stöhnt dass man kein baares
Silber mehr zu sehen und zu hören bekommt Und für Herrn Hackert ist das
Papiergeld ganz wie erfunden
Er kanns Silber und Gold nicht vertragen Aber Papier bekommt ihm Das hört
er gern knistern Da Hackertchen da ist ein Fünfzigtalerschein Justizrat
lässt Ihnen etwas sagen was ich Ihnen nur ins Ohr wiederholen kann Komm
Fritzchen Komm Fritzchen Sei doch ruhig und gib dich
Aus allen diesen abgerissenen Reden stellte sich fast heraus dass Hackert
eigentlich in dieser Umgebung wie sehr er eben auch gewalttätig und wild
verfahren war wie ein Kranker behandelt wurde Er hatte die Hände in den
Rocktaschen die Zigarre ausgegangen im Munde und stierte mit weißen Augen auf
die Tür die zu den Eisolds führte und hinter der Louise verschwunden war
Sagen Sies nur laut begann er dumpf und unheimlich ich weiß es schon
Bartusch was der Alte will Fort soll ich Was Von wegen der Reitpeitschen und
was damit zusammenhängt Nicht Aber das Zuchthaus geht selbst für die
Spitzbuben nicht so rasch auf wie die ehrlichen Leute meinen Erst gibts
Vorkämmerchen wo inquirirt geplaudert und aufgeschrieben wird Protokoll Nr
8 Nr 9 oder Nr 17 wenns Ihnen süßer klingt Fascikel sechse Beklagter
erzählt die Gründe warum ihn der Justizrat aus dem Hause geworfen hat Was
Bartusch wandte sich zu Dankmar der über diesen Typus absoluter
Gemütlosigkeit starr war während Siegbert sich in die abgerissene ganze Szene
nicht finden konnte und die Mullrich immer noch behauptete Einen von den drei
Talern könne sie nicht finden
Sagen Sie selbst werter Herr richtete Bartusch das Wort an Dankmar ob
Herr Hackert Recht tut den Zorn Lasallys und der Reichmeierschen Familie
abzuwarten Sie kennen ja das Alles von unsrer Reise her Er will die
menschenfreundliche Absicht nicht nachempfinden die mich hierher führte dass
man ihm die Mittel gibt liebe Mullrich haben Sie den Taler gefunden Gehen
Sie nur jetzt Sie verstehen mich was ich meine Herr Wildungen Nicht
wahr
Vollkommen sagte Dankmar und ich stimme ganz dafür dass Herr Hackert sich
bei Zeiten aufmacht und zu allen Teufeln schert
Menschenfreunde bemerkte Hackert bitter Barmherzige Samariter Edle
Seelen die Jeden verwerfen der in ihre Modelle nicht passt
Aber noch bitterer fiel ihm Dankmar ins Wort
Menschenfreunde Wenigstens Tierfreunde sind wir Abscheulicher Spotten
Sie nicht über Dinge die Andern heilig sein können Ich finde den Vorschlag des
Justizrats edel und lobenswert und wenn ich Ihnen leider sagen muss dass es mir
nicht gelungen ist Lasally von seinem Vorhaben abzubringen was bleibt Ihnen
anders übrig als
Dankmar sprach gedämpft Plötzlich unterbrach ihn Hackert mit einem
donnernden
Ruhe hier
Und mit diesen Worten sprang Hackert auf Dankmar wie eine Katze zu
Die Zigarre schleuderte er von sich
Die Hände schlug er auf den Tisch dass die Teetassen klirrten
Ruhe hier schrie Hackert Das ist meine Wohnung und ich bin Herr hier
Lasally ist ein Hund Wer sagt Ihnen denn dass ich vom Hunde einen Knochen haben
will Zuchthaus will ich Wissen Sie dass Lasally nicht daran denkt meinetwegen
mit den Gerichten auch nur einen Schreiberbogen à drei Groschen zu wechseln
Herr es ist nun genug Nimm deinen Funfzigtalerschein graue Ratte Geben Sie
mir für die drei harten Taler Papier Herr Prinz von Hohenberg Ja ich habe
die drei Taler verdient aber Papier Papier gibt bessern Fidibus Und wenn
Sie wissen wollen warum ich lieber mein Vermögen immer in Papier bei mir habe
Wenn Einer ins Wasser fällt oder selbst hineinspringt macht Papier nicht dass
man so schnell untergeht wie mit Kourant Man behält noch Zeit diesem elenden
Leben zu fluchen Adieu
Voll Unwillen und Abscheu vor einer so katzenartigen Natur wie Hackert eben
offenbarte sprang Siegbert jetzt auf und drängte zum Gehen
Komm sagte er zu dem erschütterten Bruder wenn irgend etwas davon wahr
ist was du mir von Hackerts Reue und besserm Gefühl erzähltest und an des
Bruders Worten zu zweifeln hab ich keinen Grund so ist unter solchen
Umständen doch unsere längere Anwesenheit hier überflüssig
Hackert wandte sich dem Fenster zu und sah durch die Gitterstangen auf die
Galerie hinaus
Dankmar nahm seinen Hut und bemerkte in einer sich selbst bekämpfenden Ruhe
Wird Sie Lasally verklagen
Nein sagte Hackert dumpf aber fest
Woher wissen Sie Das
Ich weiß es seit einer halben Stunde weiß ich es
Und nun bin ich Ihnen überflüssig
Hackert schwieg
Dankmar fasste sich und sprach voll bitterster Verachtung zu Siegbert
Ich kann nicht leugnen lieber Bruder dass dein eigenes Interesse das du an
diesem starren und lieblosen Manne nahmst mich verführte ihm gleichfalls meine
Liebe und Teilnahme zuzuwenden Ich erkenne an wie Herr Hackert nicht begehrt
hat dass wir uns in seine Angelegenheiten mischen Wir sind von Lauschern
umgeben wir revoltiren dies ganze Haus ich sage nichts von der Schuld die
sich Herr Hackert vorzuwerfen hat der gebietende Herr dieser vier Pfähle mag
sich darüber mit seinem Gewissen abfinden Gelang es ihm die Gefahr die ihm
drohte selbst abzuwenden so kann er von Glück sagen Ich finde Das ganz in der
Ordnung dass man nun seine Freude nicht etwa mit einem Geldbeutel am Halse im
nächsten Sumpfe sondern mit geschenkten Tresorscheinen auf dem Fortunaball
austobt Gehen wir um Herrn Hackert nicht in seiner Toilette zu stören
Als Dankmar nun wirklich Bartuschen fortziehen wollte und Hackert
unbeweglich zum Fenster hinausstarrte und die Mullrich durch die eingetretene
criminalische Stille veranlasst wurde lieber den längst gefundenen dritten
Taler auf den Tisch zu legen als sich einer Untersuchung ihrer Schürzentasche
preiszugeben blieb Bartusch noch stehen Er machte die Tür zu und gebot der
Mullrich mit der Laterne draußen auf der Galerie ihn zu erwarten
Hackert sagte er die Tür noch einmal andrückend und mit kläglich
flehender weinerlicher Stimme Fritzchen ich darf nicht diese Schwelle
verlassen ehe ich nicht Gewissheit habe dass diese verdrießlichen Störungen der
Schlurckschen Familie aufhören Lasally mag ein Amüsement darin finden Ihre
eben nicht artige Behandlungsweise seiner Pferde auch deshalb öffentlich zu
machen damit eine Familie compromittirt wird die sich nicht entschließen kann
ihn als Eidam anzunehmen Machen Sie ein Ende mit diesen Abscheulichkeiten
Woher wissen Sie dass Lasally nicht gegen Sie klagen wird
Wie Bartusch geredet hatte schlugen bei der Eisoldschen Familie drei Uhren
durcheinander elf
Hackert horchte gespannt auf und sprach dann die Worte fast für sich hin
Neun zehn elf Das Gewicht ist zu schwer Alter Die zweite
keucht ja Zuviel Gewicht Eisoldchen Zuviel Gewicht Nimm eine
Kugel heraus
Die drei Männer schwiegen über dieses sonderbare Intermezzo
Warum hängen Kugeln in den ledernen Beuteln die deine Gewichte ziehen fuhr
Hackert still für sich fort Deine Weiser sagen was die Räder und der lederne
Beutel wollen Das Herz ist so ein lederner Beutel die Räder sind das Gehirn
und dann schneide nur Einer auf dem Weiser die Fratzen die die Welt schön
nennt Ha ha Hurrah Da nicken sie schon wieder die Pferdeköpfe Die dummen
Tiere wiehern als wollten sie mit mir sprechen Hurrah Hussah
Hackert sprechen Sie vielmehr fuhr Bartusch heraus dem es in den
entscheidenden Momenten gar nicht an Mut fehlte was wissen Sie von Lasally
Vögelchen liebt die Justizrätin die graue Farbe sagte Hackert mit
unheimlicher gemässigter Stimme Die Ohren eines Esels liebkosen kann nur Die
der Grau ihre Leibfarbe ist Aber die Katzen können sie Alle nicht leiden Lass
sie nur Lass die Justizrätin Sorgt Euch nicht die Mäuse nehmen überhand aber
noch fressen sie Euch nicht Tanzen wollen sie Lachen Fidelbogen streicht den
Kummer weg Wer geht mit auf den Fortunaball und lässt seine Mäuse im Kopf
tanzen
Diese Worte wurden so gesprochen als wüsste Hackert nicht mehr wer zugegen
war Er suchte im Zimmer und sah sich die drei gegenwärtigen Personen wie Fremde
an
Hackert ich weiß sehr wohl sagte Bartusch jetzt ängstlicher
zurückweichend während ihm Hackert fast dicht in die Augen sah Hackert ich
weiß sehr wohl dass Sie kleinmütig im Unglück sind Ihr Jubel ist nicht der der
Verzweiflung was murmeln Sie da so Sie wollen uns nur schrecken
Nein du schwärmerisches Einmaleins rief Hackert laut lachend als hätte er
durch seine sonderbaren Gebärden wirklich den grauen Aktuar nur ängstigen
wollen Es ist keine Verzweiflung Es ist Glück Meine Herren Sie kennen diesen
meinen väterlichen Freund noch gar nicht Sehen Sie mein Haar ist rot aber
echt Dem seines ist schwarz aber
Er griff nach Bartuschs Perücke
Hackert rief Bartusch und hielt seine Perücke fest
Dankmar schleuderte Hackerten mit den Worten zurück
Machen Sie ein Ende mit Herrn Bartusch Sie sehen der Mann meint es
besser mit Ihnen als Sies verdienen
Prinz antwortete Hackert bedeutsam stemmte die Arme ein und stellte sich
vor ihn moralisiren Sie nicht Kommen Sie mit auf den Fortunaball Durchlaucht
Die Klarinette soll klingen Zum Teufel mit Euren Pferdegerippen Was haltet Ihr
mir vor dass Menschen wahnsinnig sein können Soll ich um nickende und wiehernde
Pferdegerippe kummervolle Nächte haben und nicht mehr fühlen was eine weiche
Hand eine volle Brust ein Mund wie der der Göttinnen auf ein armes zerrissenes
Herz für Balsam träufeln kann Bartusch stecken Sie Ihre funfzig Taler ein
oder ich mache heute Fidibus für meine Zigarre daraus Lasally klagt nicht Das
ist abgemacht Ich habe bessere Verbindungen als Sie Alle Und nun Guten Abend
meine Herren Die funfzig Taler Bartusch Sagen Sie ja dem Alten dass ich sie
nicht genommen hätte Hören Sie dass Sie mir keine falschen Quittungen
schreiben Sie verstehen Das
Sie sind heute toll und Ihr Elend wird im Narrenhaus enden antwortete
Bartusch verbissen und schickte sich an zum Gehen
Leucht ihm Hausdrache fuhr Hackert fort indem er die Tür öffnete
Haltet den Strick fest dass er ihm nicht um den Hals geht Passt auf Nr 17 Frau
Mullrich Dass er nicht von Ungefähr hineintappt in die MalerGuste Wer noch
Miete schuldig ist heraus ihr Lämmer der Mietswolf ist da Zahlt Zahlt
Aber schlagt ihn nicht tot Großes Ungeziefer muss da sein um das kleine zu
vertilgen Schlaft nicht Frau Mullrich Wir müssen heute noch hinaus auf den
Fortunaball
So wollen wir Sie nicht stören fiel Dankmar ein flehentlich gezerrt von
Bartusch der nun ging und sich fürchtete allein zu gehen
Sie brechen sich den Hals bleiben Sie rief Hackert und hielt Dankmar
zurück ich führe Sie nachher
Ich bitte ich flehe meine Herren kommen Sie jetzt mit mir winselte
Bartusch Wir regen das ganze Haus auf
Hackert hielt aber Siegberten zurück
Maler Noch ein Wort Sie bleiben meine Herren
Es war jetzt den Brüdern fast als hätte Hackert nur vor Bartusch Komödie
gespielt und als wollte er ihnen nun erst sein wahres Gesicht allein zeigen
Meine Herren es ist elf Uhr Kommen Sie flehte Bartusch dringender
Frau Mullrich gedachte ihres Gatten den sie wecken musste Sie gedachte der
späten Ankömmlinge die möglicherweise vor dem Hause standen und Einlass
begehrten und dann auf einmal eindrangen Es entgingen ihr zuviel Pfennige durch
längeres Warten
Da es im Hause wirklich stiller geworden war zog sie Bartuschen mit den
Worten Haben Sie doch keine Bange Herr Bartusch an die Treppe und gab ihm den
Strick in die Hand und leuchtete ihm mit der Laterne an die Füße um ihm die
erste Stufe zu zeigen
Bartusch ging schleichend auf den Zehenspitzen von dannen immer noch in
der Hoffnung die Herren würden folgen
Sie wollen wirklich noch so spät auf den verrufenen Fortunaball gehen
begann jetzt Siegbert der sich mit Betrübnis auch in die Stimmung der sicher
lauschenden Louise Eisold versetzte und jetzt da sie allein waren von Hackert
ein Abwerfen seiner Maske erwartete
Meine Herren sagte Hackert und warf sich erschöpft aufs Sopha während die
Gebrüder Wildungen gespannt erwarteten was er nun für eine Miene zeigen würde
Meine Herren es stecken zwei Menschen in mir ein Bettler und ein König Sie
kennen nun den Bettler Kommen Sie mit auf den Fortunaball Sie sollen den König
kennen lernen
Wir gestehen Ihnen Beide sagte Dankmar dass uns Ihre Bettlerstimmung von
heute früh mehr Vertrauen abgewann Ich brachte den Bruder mit weil ich
glaubte Sie würden in der warmen Hingebung die Sie mir heute zeigten unser
Vertrauen zu würdigen wissen und die Hand die wir Ihnen schon oft darboten
nicht so übermütig von sich stoßen
Sagen Sie mir Das morgen erwiderte Hackert und ich weine vielleicht wie
ein Kind Morgen hängen mir vielleicht die Flügel matt und schlaff Ich jammere
um meine Zukunft ich geize und laure auf Erwerb ich bin ein Hund den man mit
Füßen treten kann Notabene morgen Heute bin ich berauscht nicht von Wein
Ich trinke wenig Wein nein vom Glück Jubeln jauchzen lachen möcht ich weil
ich einen Becher wieder an meinen Lippen fühlte mit dem köstlichsten Rebenblute
des Glücks Glück macht mich toll Sie nicht
Wir bemitleiden Sie sagte Dankmar und wollte gehen
O Ihr habt mich gut bemitleiden antwortete Hackert Euch sang eine Mutter
an der Wiege und geregelt gingt Ihr Euren Lebensweg Wenn ich Dem nachdenken
wollte raucht ich keine Zigarre dann läg ich hier zusammengekrümmt auf dem
Sopha und ächzte und würde reif betteln zu gehen wie neulich in Tempelheide
als ich im Korne lag Dann geht mir einmal wieder die Pforte des Paradieses auf
und ich klirre mit meinen Ketten verlache meinen Jammer tummle mich wie ein
Mensch und fühle mich dem Stärksten gleich Ich kann Ihnen heute Nichts von
meinem Leben vorwinseln die nächste Gefahr ist vorüber Lasally wird schweigen
und mein Blut ist in Wallung Kommen Sie mit oder lassen Sie mich allein bis
Sie mich einmal tot oder so lebend wieder sehen dass Ihre Teilnahme für mich
nicht von der Übereinstimmung mit Ihrem eigenen Herzen abhängt
Während dieser Worte war Hackert aufgestanden und hatte sich unter dem
Vorhang am Kleiderriegel einen Frack eine Weste einen Hut hervorgeholt und zog
alle diese Gegenstände ohne Rücksicht auf seinen Besuch rasch und wie
elektrisirt an
Karl schläfst du schon rief er dann an die Nebentür
Eine feine Frauenstimme fragte mit leidendem Tone
Was wünschen Sie Herr Hackert
Ich lasse das Licht brennen Fräulein Löschen Sie es aus Gute Nacht
Die Brüder sahen sich an und schüttelten den Kopf
Sie wandten sich zum Gehen ohne noch ein Wort zu sprechen Dieser
ungeregelten Natur fühlten sie sich zu sehr entfremdet
Hackert folgte
Als er aus seiner Tür Nr 86 trat kam aus dem auf gleiche Nummer laufenden
Zimmer Herr Schmelzing hervorgeschossen und leuchtete
Schläfst du noch nicht altes Tintenfass sagte Hackert und ging voran um
den Weg zu zeigen
Bei so lebendiger Konversation hustete Schmelzing höflich und schwänzelnd
Die du hoffentlich nicht stenographirt hast antwortete Hackert
herabsteigend Geh Geh Ich kenne den Weg Mach dass du deine Rollen fertig
schreibst für die Hoftragödie Vergiss die Stichwörter nicht Nimm immer sechs
Worte statt drei zum Stichwort damit du viel Bogen zusammenbringst und die
Schauspieler besser lernen Verwelsche die Fremdwörter nicht Sei nicht
gelehrter als die Dichter und verbessere nicht ihre Verse Hörst du
Schmelzing ganz frappirt von Hackerts elegantem Aufzug wünschte den
Herren eine höfliche gute Nacht Die Brüder kletterten in der Dunkelheit den Weg
nach den ihnen der plötzlich wie verwandelte ehemalige Schreiber des
Justizrats Schlurck angab Nach langem Tasten manchem Anrennen an
Gerätschaften die dem Wege in den Höfen zu nahe lagen kamen sie an die Tür
die auf die Brandgasse führte
Hier klopfte Hackert stark und trommelte sich niederbückend an das Fenster
der Vizewirtin
Schon aber kam Frau Mullrich mit dem großen Hausschlüssel
Aber noch ehe sie aufschloss sagte sie mit einer schlauen Verbeugung
Macht drei Pfennige
Siegbert gab was er in der Eile griff Frau Mullrich schloss nun erst auf
und die Männer traten auf die Straße
Ob sie ihrer drei zusammenbleiben werden
Wie Frau Mullrich wieder die große schwere Tür zuwarf trat Bartusch hinter
der Tür hervor die aus ihrem Keller auf die Hausflur führte
Es ist mir unbegreiflich was mit dem Taugenichts vor sich gegangen ist
sagte er Er geht auf den Fortunaball
Wie schade Herr Bartusch antwortete die Mullrich dass Sie nun selbst nicht
hin können Sie wollten doch da die MalerGuste finden
Reden Sie auch solche Sachen sagte Bartusch der gründlich ärgerlich
schien dass sich während seiner Hohenberger Abwesenheit in der Brandgasse Nr 9
so viel verändert hatte
Und doch ist sie gewiss dort sagte die Mullrich Alles rennt ja hin schon
Sechs hab ich heute aus unserer hiesigen Armut allein hinausgelassen mein
Mann muss um zwölf auch hinaus und wenn Sie nicht
Lassen Sie mich durch Ihren Mann wissen ob Nr 17 dort zu finden war
Verlassen Sie sich darauf Aber wie blass sehen Sie aus
Der Ärger mit diesem bösen Schlingel
Sagen Sie mir nur was hat er denn in des Heilands Namen bei den Schlurcks
für eine Greueltat mit
Gute Nacht Frau Mullrich war die seufzende Antwort
Bartusch schnitt jedes weitere Forschen der Frau Mullrich ab die heute so
viel erlebt so viel gehört und beobachtet hatte dass sie eines sehr
weitläuftigen Kommentars bedurft hätte um trotz ihres Scharfsinns sich alle
geheimen Verbindungsfäden dieser Tatsachen zusammenzustricken
Eben war Bartusch verdrießlich und sogar ohne Trinkgeld auf die Straße
getreten und noch glaubte Frau Mullrich seinen Tritt draußen schallen zu hören
als sie von der eben geschlossenen Tür sich entfernend durch eine weibliche
zarte Hand aufgehalten wurde
Frau Mullrich war im Finsteren Denn bei dem Zufallen der Tür war ihr durch
den Zugwind die Lampe ausgegangen
Ei wer ist fragte sie erschrocken
Machen Sie auf wisperte es
Wer Wer ist da
Machen sie auf
Ach wohl Nr 46 Fräulein Klapperfuss
Da da Machen Sie auf
Frau Mullrich fühlte einen Groschen in der Hand
Auch auf den Fortunaball Aha Aha Nr 35 Nicht wahr Madame Hannemann
Schläft denn auch Ihr Mann fest genug Hi Hi Ei so lassen Sie doch sehen
Da ist ja der Groschen Machen Sie nur auf
Ich will doch erst die Lampe
So enden Sie doch
Nun Nun Nun Wie hastig Sie wollen den ersten Walzer nicht versäumen Sa
Sa ein Walzer Wenn der hübsche Feldwebel wartet nicht wahr Madame Drucker
Um vier kommen Sie doch wieder Nicht wahr Madame Schlimpanzer Ihr Männchen
steht ja wohl schon um fünf Uhr auf Verspäten Sie sich nicht wenn ers nicht
weiß Madame Trübensee Er frug mich neulich nach dem Feldwebel
Indem ging doch die Tür auf
Eine verhüllte Gestalt huschte hinaus Um den Hut hatte sie um ihn
wahrscheinlich unkenntlich zu machen ein Tuch gebunden Aber den Mantel
Der Mantel verriet sie Frau Mullrich kannte alle Mäntel des Vorderhauses
und der drei Hinterhöfe
Ists die Möglichkeit Mamsell Nr 87 rief sie
Und in der unerschütterlichen durch den karrirten Mantel über alle Zweifel
sichern Gewissheit dass Louise Eisold nur den beiden jungen Herren folgen könne
kroch sie boshaft lachend und den Kopf schüttelnd in ihre Kellerhöhle zurück
zündete die Lampe wieder an leuchtete nach der Uhr und bemerkte dass es die
höchste Zeit war nun ihren Gatten zur Erfüllung seiner polizeilichen Pflichten
zu wecken Auf den Anruf Männchen du musst ja auf den Fortunaball raffte sich
dieser aus seinen süßesten Träumen empor zog sich verschlafen fast taumelnd
die beste seiner Staatslivreen an und hörte dabei nur halb was ihm seine holde
Gemahlin über die mannichfaltigen denkwürdigen Vorfallenheiten dieses Abends
erzählte
Achtes Kapitel
Der Fortunaball
Nachdem sich die Brüder Wildungen vor der Tür der Brandgasse Nr 9 von Hackert
kurz und kalt getrennt hatten und sie in einer andern Richtung den Weg nach
ihrer Wohnung einschlugen begann Dankmar sein Bedauern auszusprechen dass
dieser Abend so ganz anders enden musste als er ihn sich vorgestellt hatte
Welche Vorwürfe mach ich mir sagte er in dir wieder das Interesse für
diesen deinen »Proletarier« geweckt zu haben Gibt es einen erbärmlicheren
jämmerlicheren Gesellen Und um eine solche verwahrloste unsittliche
tollgewordene Natur führ ich dich in diese Höhlen des Jammers und zeige dir
dass hier nicht bloß Elend sondern auch Lüge Verstellung Geiz Schlemmerei
Nichtswürdigkeit und jedes Laster wohnt wie wir es nur bei den Reichen und
Gebildeten vorauszusetzen gewohnt sind
Siegbert fühlte dass ihm Dankmar seine Abneigung gegen die sogenannte
»soziale Frage« zu verstehen geben wollte
Das Bild des armen Mädchens mit ihren Geschwistern war aber doch rein und
ungetrübt sagte er um sich des Dranges dem Bruder beistimmen zu müssen
einigermaßen zu erwehren
Ich weiß nicht antwortete Dankmar Auch diese Farben werden mir vor den
Augen grau Wir gingen gewiss nicht ohne Grund von der Voraussetzung aus dass
Louise für diesen Mietsbewohner ein warmes menschliches Interesse hegt und
wenn sie an einer solchen bizarren krampfhaften und lieblosen Persönlichkeit
Gefallen findet so vermiss ich dabei Alles was mir diese Empfindung achtbar
und ehrenwert erscheinen lässt
Wir gingen vielleicht schon darin zu weit eine solche Beziehung
vorauszusetzen sagte Siegbert Von Hackerts Seite schien irgend eine Rücksicht
auf seine Nachbarin gar nicht angenommen zu werden und es war mehr sein
Übermut und seine Spottlust dass er der Verdächtigung des Mädchens durch den
alten hämisch schleichenden Bartusch wie du ihn nennst die Strafe auferlegte
uns in seinem Zimmer zu finden Auch hatte ihm dieser eine Mitteilung im
Vertrauen zu machen wodurch mir seine Herbeiführung des Alten in ganz anderm
Lichte erscheint als wenn ich annehmen müsste er hätte für die Ehre seiner
Nachbarin eintreten wollen
Bei alledem bin ich erstaunt sagte Dankmar indem sie die Brandgasse
verließen wie Hackert Lasallys so gewiss sein kann Wer hat ihm die
Versicherung gegeben dass keine Anklage stattfinden wird Noch vor wenig Stunden
fand ich jenen Mann aufs Äußerste erbittert
Wenn du eingestehst dass hier etwas rätselhaft ist bemerkte Siegbert so
möcht ich noch um den fatalen Eindruck der eben erlebten Szene zu mildern
hinzufügen dass sie uns doch wohl nur als eine neue Bestätigung der Wahrheit
dienen kann wie im Grunde jeder Mensch nach seinem eignen Standpunkte
beurteilt werden muss Wir haben uns über diesen Hackert in so vielerlei
teilweise sich sogar widersprechende Empfindungen hineinraisonnirt dass wir
gleichsam mit Gewalt verlangen sein Charakter müsse nun auch allen
Voraussetzungen die wir von ihm haben entsprechen Wir dachten uns nach den
Prämissen des Vormittags am Abend eine rührende Szene Ein unglücklicher
Nachtwandler in Gefahr für eine böse rachsüchtige Handlung die er längst zu
bereuen scheint bestraft zu werden wird uns seine Geschichte erzählen Man ist
auf diesen Empfang vorbereitet Da stehen Tassen und siedendes Teewasser ich
esse schon im voraus den für diese gemütliche Szene bestimmten Braten und nun
kommt der Haupteld ein völlig anderer alle unsere Ideen durch den tollsten
Rückfall in eine uns nicht homogene Natur durchkreuzend An wem liegt da mehr
die Schuld An unserer Kurzsichtigkeit oder an dem wunderlichen Charakter
dessen rechten Schwerpunkt dessen eigentlichen Schlüssel wir noch nicht
entdeckt haben
Dein milder Sinn ist auf dem bestem Wege sich diesem Taugenichts
unterzuordnen sagte Dankmar Dieser Hallunk weiß dass wir die Absicht hatten
zu ihm zu kommen und benimmt sich wie ein Gentleman der sich nicht einmal
entschuldigt wenn Andere auf ihn warten
Der Tee und der Braten waren leider nur eine Idee des Mädchens
Gut sagte Dankmar Ich werfe den Unglücklichen zu jenen immer nur als
halbfertig erscheinenden Menschen die im Unglück feige winseln und im Glücke
sich hochfahrend übernehmen Es fehlt ihm die Herrschaft des Geistes über sich
selbst Es ist der Mensch des tierischen Instinktes Und ist Hackert nicht
eigentlich der Ausdruck des Volkes selbst Jammervoll genug dass man eingestehen
muss wir malen uns den Charakter der Massen ganz anders als sie sind Nimm den
Bauer wie tückisch wie hämisch wie kurzsichtig wie verschlagen Nimm die
halbe Bildung wie eitel wie prahlerisch wie lügnerisch wie falsch Wir
pinseln uns etwas vor vom Volke Es ist nicht so wie es die Touristen und
Genremaler geben wollen Die treueste Magd die ganz Liebe und Hingebung für
ihre Herrschaft scheint pruhstet wie eine Katze auf wenn ihr »Weihnachten« zu
gering ausfällt Egoismus regiert Alle und ich stelle mir eigentlich als
Politiker die Aufgabe Hackerten für das schwankende unreife halbfertige oft
großartige dann wieder kleinliche bald herausfordernde bald feige bald
rührende bald abstossende bald poetische bald prosaische nachtwandelnde
ahnungsvolle und am Tage geistig verschlafene Volk zu nehmen und mir zu sagen
Wie bändigt man das Wie bessert man das Doch sprechen wir nicht mehr von ihm
Die Brüder waren eben im Begriff am Schlurckschen Hause vorüber zu gehen
an dem man Alles still und dunkel sah mit Ausnahme eines einzigen kleinen
Fensters im dritten Stock
Es war vielleicht Melanies Schlafzimmer
Und wenn sie sich täuschten eher mochte es das Zimmer Bartuschs sein wo
auf dessen Rückkehr eine brennende Lampe wartete sie blieben doch einige
Augenblicke voll Wehmut stehen und gedachten aller Täuschungen ihres heute so
mannichfach geprüften Herzens
Dann gingen sie seufzend weiter
Bei alledem sagte Dankmar nach einer Weile während sie die schon leeren
Straßen durchschritten ist es mir lieb von diesem Graurock die Bestätigung
jener Angabe über meinen Schrein zu hören die ich dem Prinzen Egon verdanke
Morgen in aller Frühe geh ich doch ich rede von Dingen die ich dir nun
mitteilen sollte wüsste ich nur an der rechten Stelle anzufangen
Bleib bei dem Prinzen Egon sagte Siegbert Denn auch ich habe eine
Beziehung zu ihm Sie betrifft das Bild das du mir zu sorgsamerer Obhut
empfohlen hast
Das Bild und du antwortete Dankmar erstaunt
Während die Brüder über die stillen Straßen gingen erzählte Siegbert seine
Berührung mit Rudhard dessen Anliegen und eigentümliche Ansprüche auf jenes
Bild über das sich Siegbert hütete nach seinen eignen Entdeckungen zu sprechen
Denn da ihm doch daran lag seinem innern Triebe zu folgen und die Übergabe des
Bildes an Egons Lehrer und Erzieher wirklich zu vermitteln so nahm er sich
wohl in Acht seinen in solchen Fragen nicht wie er besonders bedenklichen
Bruder darauf aufmerksam zu machen dass er das Geheimnis wirklich entdeckt ja
sogar Enthüllungen über ihre eigene Familie gefunden hätte Verrätst du davon
etwas dachte er so wird Dankmar Anstand nehmen durch freiwilliges Herausgeben
Das wieder gut zu machen was Rudhard in seinen Ansprüchen auf jene Prüfung und
Mitwissenschaft eigentlich doch wohl verscherzt hat
Vor dem Egonschen Palais stand ein kleiner Einspänner Dankmar noch ganz
erfüllt von der sonderbaren Wendung die das Schicksal jenes Bildes plötzlich
nehmen sollte fragte den Kutscher ob er nichts von dem Befinden des jungen
Prinzen melden könnte
Dieser gab die kurze Antwort er stünde hier nur um zwei Damen auf den
Fortunaball zu fahren
Der Blick auf die Wäsämskoische Familie auf die Ankunft der dAzimont
Alles was Siegbert über Rudhard über Anna von Harder erzählen konnte regte
Dankmarn so auf dass er statt heiter eher verdrießlich wurde
Welche Last rief er halb scherzhaft halb wirklich unwillig aus welches
Bleigewicht bindet uns das Schicksal an die Füße und hindert uns im eigenen
Gehen Ich wüsste nur zwei Dinge die mich wahrhaft erfreuen und beschäftigen
sollten meine Angeroder Papiere zurückzufordern und jenen Amerikaner und seinen
Knaben aufzusuchen die ich weiß es an mir das wärmste Interesse nehmen und
von allen diesen Vorsätzen die meinem Herzen am nächsten liegen ziehen mich
die starken Seile immer neuer Verwickelungen ab Wie froh bin ich dass ich in
vergangener Nacht so eisern geschlafen habe Denn die Aussicht morgen jenen
Rudhard zu begrüßen von dem ich des Guten soviel erfuhr ihm getrost jenes Bild
zu überlassen an das sich mir das hoffentlich in kurzer Zeit mögliche
Wiedersehen des unstreitig ächten aber mit den fabelhaftesten Rätseln
umsponnenen Prinzen knüpfen wird das Alles lässt mir keine Ruhe und ich sehe
ich werde mich unschlüssig und innerlichst gepeinigt auf dem Lager hin und
herwerfen Wie verwünsch ich diesen Hackert Wie ein Irrlicht hat er mich heute
von meinem vorgezeichneten Wege verlockt und wenn ich ihm auch verdanke dass
ich über die Nacht im Heidekruge einiges Licht erhielt
Sei still Bruder unterbrach ihn Siegbert scherzend Aus dem einen Irrlicht
werden hundert Ich glaube nicht dass wir dem bunten Schimmer da unten in der
neuen Feldstrasse werden ausweichen können Sieh nur wie die Menschen dort
hinströmen und die Wagen fahren Das ist die Fortuna bunt erleuchtet mit
chinesischen Ballons Ich erlebe dass wir mit in den Strudel geraten uns am
Eingang des Gartens ein Billet kaufen und das venetianische Maskenfest wie es
an allen Strassenecken angekündigt ist auf eine Viertelstunde näher mit in
Augenschein nehmen
Dankmar konnte in der Tat nicht umhin den verlockenden Reiz dieses bunten
nächtlichen Prospektes am noch weit entlegenen Ende der neuen Feldstrasse
anzuerkennen
Diese vergnügungssüchtige Bevölkerung schmähte er Sie werfen den Sommer in
den Winter und den Winter in den Sommer Die Politik hatte alle Meinungen
gespalten und ein erfinderischer Unternehmer weiß sie alle wieder um bunte
Lampen und die Polkaklänge der Blechmusik zu versammeln Pfui Sieh diese
kichernden Mädchen die ihre Larven in den Händen tragen Wollt Ihr auch auf der
Kugel der Fortuna tanzen Ihr Schmetterlinge Der Tanz auf einer Kugel ist
schwer
Immer rund rund rund antwortete ein Trupp von einem halben Dutzend
»Nähterinnen« die ihre luftigen Röcke höher gebunden hatten damit sie nicht
den Staub der Straße fegten
Der Umweg zu unserer Frau Schievelbein die seit einiger Zeit mein Schwärmen
gewohnt ist sagte Siegbert wird nicht zu groß sein Sehen wir wenigstens
einmal von außen diesen Tempel der Freude an und finden wir einen Ruheplatz so
schüttest du vielleicht endlich dein Herz aus und erzählst mir die Hohenberger
Reise
Die Brüder lenkten seitwärts in die neue Feldgasse ein die sich fast
unabsehbar in die Länge zog und am äußersten Ende dicht beim Tore schon die
besuchtesten Vergnügungsörter der Stadt enthielt
Die Fortuna war das neueste und größte Etablissement dieser Art Der
ScheinBesitzer desselben ein bankrotter Kaufmann war ein anschlägiger Kopf
der den Charakter der genusssüchtigen Bevölkerung zu treffen wusste und mit bunten
Strassenplacaten und den wunderlichsten Namen für seine Festivitäten die
Vergnügungslust immer in Atem erhielt Seine neue Anlage die Fortuna war nach
englischem Muster gebaut Hier fanden sich Gärten und Säle Galerieen Logen
von denen man in die Säle hinabblickte Tunnels Schaukeln Karrousels
Rutschberge kurz eine ganze kleine Welt die so lange kein anderes
Etablissement dieses neue verdrängte in der Vogue war
Das für heute angesagte große venetianische Maskenfest im Freien fand trotz
der allgemeinen Klage über die bedrängten Zeiten und die Unsicherheit der
Zustände den lebhaftesten Zuspruch Eine Menge von Wagen standen vor dem
Eingang den helle Gasflammen magisch erleuchteten Die goldene Kugel die auf
der Fortuna über dem Eingange schwebte schimmerte im blendendsten Lichte Von
etwa aussteigenden Charaktermasken war keine Rede Ein Jeder kam in seiner
üblichen Toilette Nur die Spekulation des Wirtes verband mit dem niedrigen
Eintrittspreise noch die Notwendigkeit dass sich Jeder eine Maske kaufen musste
Bis zwölf Uhr sollte Jeder maskirt sein worauf jedoch nur an der zweiten
Einlasstür festbestanden wurde Jeder Unmaskirte musste zurück oder sich
mindestens eine Wange oder eine Nase kaufen Der Polizei war mit dieser
Verordnung wie überhaupt mit den Fortunabällen sehr gedient Sie lockte alle
Gauner aus ihren Spelunken Da sie maskirt kommen durften blieben die die ihr
Signalement fürchteten nicht zurück Wenn die Vergnügungslust nicht schon von
selbst die Fallen aufstellte wo die meisten Verdächtigen gefangen wurden sie
hätten müssen vom Staate im Interesse der öffentlichen Sicherheit aufgestellt
werden Ohne die Unmoralität soll leider die Moral nicht bestehen können
Das Gewirre der Wägen vor der Pforte das Geschwirre der luftigen Vögel die
unter Fortunens goldner Kugel in die bunterleuchteten Gärten einzogen das
Schreien der Jungen die die Wägen öffneten die schmetternden Trompeten und die
Paukenwirbel der Ballmusik alles Das gab so sehr ein den Begriff der Nacht und
das Bedürfnis nächtlicher Ruhe verscheuchendes Durcheinander dass die Brüder
fast willenlos mit in die allgemeine Strömung gerieten und an der Kasse ein
Billet in der Garderobe zwei Stirnen und Nasen mit großen schwarzen
Schnurrbärten kauften und beschlossen sich einen stillen Gartenplatz zu suchen
Der Frack war hier keine Notwendigkeit und die Glacéehandschuhe mussten schon
der drückenden Hitze weichen
Ah bah Holen wir unser Grünsches Diner nach sagte Dankmar heiter erregt
Was plagen wir uns Vive la bagatelle Ich erzähle dir meine Hohenberger
Abenteuer
Siegbert dagegen fühlte sich in dem Menschenstrom beengt und lächelte etwas
zaghaft was ihm wie Dankmar ihm sehr glaubwürdig versicherte unter der
gewaltigen Nase mit den schwarzen Pferdehaaren philisterhaft komisch stand
Eine so neue Gartenanlage konnte natürlich nur sehr dürftig sein Die Beete
boten verwelkte Blumen und zertretenes Gras Wo die Bäume hätten schatten
sollen waren leinene Zeltdächer aufgespannt Aber die schimmernden grünen
roten gelben Ballons gaben aller Dürftigkeit ein freundlicheres Ansehen Eine
Grotte von Blumen berieselt von einem Wasserfall und erleuchtet von einer
großen Sonne aus einigen hundert Lampen machte in der Tat einen grandiosen
Effekt und verdiente das Staunen das sich auf den Rembrandtisch erleuchteten
Gesichtern die herumstanden rings zu erkennen gab Rechts und links führte der
Garten in dunklere Partien die nicht minder belebt waren und wie man hörte im
zweiten Teile des Festes ganz besonders gesucht sein sollten Geradeaus führten
Stufen die links und rechts von Kandelabern erleuchtet waren zu einem wirklich
im Lichte schwimmenden brillanten gewaltigen Tanzsaale wo sich Hundert von
Paaren schon in wildem Galopp tummelten und die rauschendste Blechmusik
schmetternd von den Wänden widerhallte
Hierher also zog es Hackerten sagte Siegbert indem er auf den ersten Blick
gleich nach ihm suchte Kein Wunder dass es ihm hier mehr gefällt als im
vergitterten Galeriezimmer des dritten Hofes Brandgasse Nr 9 neben einer Stube
schnarchender Kinder und den gespenstischen Uhrschlägen die an die
schnellverrinnende Zeit und an den Tod erinnern
Auch Dankmar hatte Hackerten noch nicht gesehen
Hier und dort fesselte ihn eine Bekanntschaft da ein Offizier in Civil
hier ein junger Advokat dort sogar ein junger Gelehrter der durch die Brille
mit zusammengekniffenen Augen lächelnd über die wilden Massen objektiv
philosophirte Siegbert fand einige Maler die da behaupteten Modelle zu
suchen Die Mehrzahl aber gehörte der dienenden und arbeitenden Klasse an Hier
war die Frage vom Proletariat zwar nicht gelöst oder widerlegt aber doch eine
Weile suspendirt
Was dein Franzose Louis Armand wohl über einen solchen Ball sagte flüsterte
Dankmar dem Bruder zu Ich fürchte er sieht in diesen Polkas und Kotillons die
bloße Desperation der arbeitenden Klassen
Siegbert statt darauf zu antworten zeigte dem Bruder die geschmackvolle
pompejanische Malerei des Saales die hübsche Einrichtung der Logen durch die
man durch versteckte Hintertreppen gelangte das wirklich Gefällige und
Kunstgerechte das sich heutiges Tages bis in die gewöhnlichsten Bauten
erstreckt und den freilich auch bedenklichen Schönheitssinn der Massen nur
entwickeln kann
Die Hitze war indessen hier trotz der geöffneten Türen und Fenster so
erstickend dass die Brüder wieder in den Garten zurückkehrten und sich ernstlich
nach einem Plätzchen umsahn wo sie einigermaßen ungestört sich unterhalten
konnten Sie fanden ein solches wenn auch ziemlich entlegen in jenen
unheimlichen düstern Regionen wo nur die Liebenden sich wohlbefanden Die
Trompeten und Pauken dröhnten hier nicht mehr so ohrenerschütternd herüber Es
war ein einfacher Tisch den sie fanden mit zwei Stühlen an einem vielleicht
erst vor einigen Monaten eingesetzten Apfelbaum der vielleicht noch nicht zwei
Blüten getragen hatte aber ein
Stachelbeerstrauch bot doch eine Art Rückwand und vor allen Dingen man
konnte hier sein eigenes Wort verstehen
Wollte Siegbert eben die Bemerkung machen es käme ihm hier vor wie an der
Kegelbahn im Pelikan so musste Dankmars Zustimmung zu dieser Vergleichung um so
treffender sein als die Brüder zu ihrem größten Erstaunen in dem Kellner den
sie anriefen ihnen Wein und die Speisekarte zu bringen Niemanden anders
erkannten als den leiblichen Ehegatten der Katrine Bollweiler aus dem Pelikan
den Angeroder Fuhrmann Peters
Aber Peters ist es denn möglich Sie hier riefen die Brüder
Ach du mein Himmel war Peters ganze auf den Lippen ersterbende Antwort
Sie hier in der kurzen Kellnerjacke Was ist Das sagte Dankmar lachend
Ja Ja stammelte Peters Was ist Das So heißts immer auf die zehn Gebote
Und die zehn Gebote hab ich immer perfekt gekonnt aber beim Was ist Das Da
hab ich immer gestockt Ja ja Was ist Das
Peters Sie sind melancholisch Freuen Sie sich denn nicht dass ich da bin
Sagte Ihnen denn Hitzreuter der dicke Pelikanwirt dass Alles in Ordnung ist
Wo waren Sie denn gestern
Gestern wo ich heute bin
Sie sind Kellner in der Fortuna geworden Ist es möglich Wie hängt Das
zusammen Haben Sie denn den Bello noch erkannt
Lahm ist lahm und hier soll Einer flink sein
Peters Aufwärter auf dem Fortunaball Aber wo ist denn die Katrine
Unten im Tunnel
Im Tunnel Peters ich glaube wir träumen oder den Pelikan hat man hier in
die Fortuna verlegt
Der Pelikan ist ein Tier das sich die Brust aufreisst für seine Jungen
fiel Siegbert ein Sie haben ja keine Kinder Peters Wie kommen Sie
Der Pelikan vorm Tempelheider Tor hat sich auch die Brust aufgerissen aber
für seinen Bruder sagte Peters mit einer sonderbaren Melancholie
Aufklärung Peters Das ist uns zu gelehrt Zuviel Fuhrmannslatein
Mein Dicker hat das Geld hergeliehen für einen neuen dummen Streich den
sein Bruder macht erklärte Peters
Ist Hitzreuter der Bruder des Hitz Ah Richtig Sind die Hitzreuters
Brüder
Das sehen Sie ja Wo soll das Geld herkommen für die Fortuna Der Pelikan
hat auf die goldene Kugel da vorn eine Hypothek von fünftausend Talern
Und auf dieser Kugel rollte auch die Katrine in den Tunnel und Peters
In die Marqueurjacke sagte Peters tiefaufseufzend mit einem
schmerzzerrissenen Blick zum Sternenhimmel
Aber das scheint Ihnen nicht zu behagen Peters Kein Wort über Bello
Nichts von dem Schrein Keine Frage nach Euren ehrlichen Zecks Peters was
habt Ihr
Was ich habe ist Alles eins aber Sie haben den Schrein und dafür bin ich
auf die Knie gefallen und habe Gott und allen himmlischen Heerscharen gedankt
Ja Peters wir wissen wenigstens wer den Schrein gefunden hat Der
Justizrat Schlurck hat ihn gefunden und morgen am Tage wird er in unser Palais
gefahren
Hört ich Alles schon vom Hitzreuter aber wie der Justizrat ihn hat finden
können
Ist Euch nicht klar Peters Auch mir noch nicht Aber gesteht nur eine
Achse die Einem vor der Nase bricht und ein Rad das Einem auf den Kopf fällt
nimmt die Sinne Ihr hattet sie alle fünf verloren
Mag wohl Ich war elend und mochts nicht sagen Es war meine letzte Fahrt
Angerode seh ich nicht wieder und Das muss ein Glück sein Fortuna ist ja wohl
die Glückshexe was
Richtig verdeutscht Nicht mehr und nicht weniger Aber zum Glück macht man
kein so saures Gesicht wie Ihr
Und Siegbert der wohl verstand was den Armen in der Jacke drückte und dem
als Maler die Poesie des deutschen Fuhrmannslebens gegenwärtig war setzte zu
diesen Worten Dankmars hinzu
Ihr wäret lieber Fuhrmann geblieben Das seh ich Peters
Das möchts wohl sein entgegnete Peters mit einem sichtlichen Ausdruck von
verbissenem Kummer O die liebe Zeit Ich schäme mich
Nach einem aus tiefster Brust gezogenen Seufzer fragte er die Herren was
sie denn nun »schafften« und zog dabei mit einer Art von stiller Wehmut
langsam und wie verstohlen den Speisezettel aus der Brusttasche
Dankmar fand dies Bild sehr komisch
Peters begann er wenn Sie diesen Beruf wider Ihren Willen ergriffen haben
setzen Sie sich doch Sagen Sie uns doch
Du mein Himmel ich setzen Wie darf ich mich unterstehen und mich hierher
setzen
Seit wann treiben Sie denn dies Ihren Wünschen nichtentsprechende Metier
Erst seit drei Tagen Die Fuhren zwischen hier und Angerode hören auf Die
Ausspannung im Pelikan ist nicht mehr der Rede wert der dicke Hitzreuter hat
Das so mit seinem Bruder abgemacht und wenn ichs auch nicht wollte die
Katrine wills
Die Katrine Die wills Peters Ihr ein Fuhrmann ein Freiherr der
Landstraße Besitzer einer sechssträhnigen Peitsche und die Katrine wills
Das ist wahr Freiherr war ich Wenn ich mit meinen Gäulen auf der
Landstraße fuhr die Dörfer schon von fern mit meiner Peitsche grüßte wenn der
Schmied schielend und prüfend auf meine Räder sah und ich mit dem
Schellengeklingel der Pferde die mit ihren ledernen Kummten ordentlich den Kopf
schüttelten und Nichts sagten ich auch Nichts sagte und Alles stolz und solid
und im besten Geschirr war
Bis einmal eine Achse brach und ein gewisser Schrein gestohlen wurde fuhr
Dankmar humoristisch fort
Ja Das war meine letzte Fahrt Ich wußt es nicht aber keine Schraube war
mehr in Ordnung am Wagen nicht und im Kopf nicht Ich wusste nicht was ich
hinfort nun noch im Leben soll und hätt ich ahnen können dass mir mein Gevatter
Hitzreuter diese Jacke anziehen würde wer weiß
Aber bester Freund sagte Dankmar Ihr Ehrgeiz ist höchst achtungswert
teilt ihn denn Ihre Frau nicht
Meine Frau sagte Peters ergrimmt Heute Vormittag wollt ich Sie ja
einmal besuchen
Schön ergänzte Siegbert die Schievelbein sagte mirs Es tut uns wahrhaft
leid Sie haben Kummer und beklagen sich über Ihr Weib Was ist Das
Was ist Das Immer was ist Das So heißts immer hinter den zehn Geboten
Die konnt ich aber was ist Das nicht Ich komme noch zu Ihnen derohalben
für heute sagen Sie mir was Sie anschaffen Der Rindsbraten soll gut sein und
vom französischen Wein sind alle gangbaren Sorten da Die Namen kann ich nicht
lesen aber wenn Sie recht deutlich Ihre Worte sagen behalt ich sie schon
Wohlan Eine Chateau Margeaux
Schatten Margo wiederholte Peters mit großer Unsicherheit und
Rindsbraten Was Nicht wahr
Gut behalten Peters macht sich
Bleiben Sie aber ja hier damit ich mich zurecht finde Seit den drei Tagen
hier in der Fortuna wird meine Grütze im Kopf immer dünner Das halt Einer aus
hier in dem Sündenspektakel
Peters ging schwerfällig wie seine Gäule
Dankmar musste herzlich lachen während Siegbert wahrhaftes Mitleid mit dem
armen neubackenen Kellner empfand
Ich hätte nie gedacht dass dieser Mensch ein solcher Esel ist sagte Dankmar
und doch bin ich nun fast gewiss dass ihn die durchtriebenen Zecks in Plessen
gefoppt haben
Du urteilst zu scharf sagte Siegbert Solche Menschen haben nur den
Verstand der auf ihrer gewohnten seit Jahren gefahrenen Straße liegt Aus
ihrem Beruf heraus sind sie um alle Besinnung Ich begreife dies ganze
Verhältnis im Pelikan nicht
Es liegt auf der Hand Dieser alte Ausspänner Hitzreuter hat Geld und gibt
seinem Bruder Luftig die Mittel zu einem Etablissement das besuchter ist als
die Straße nach Angerode Ich bin überzeugt die Katrine regiert unten den
Tunnel und die Fortuna wie den Pelikan und benimmt sich dabei geschickter als
ihr Mann dem die Kellnerei eine ungewohnte Sphäre ist Wenn ich die
spitzbübisschen Zecks
Wer sind denn die Zecks
Nun so höre
Hier begann denn nun Dankmar endlich die Mitteilung des seinem Bruder
versprochenen Reiseberichts Die Behaglichkeit dazu gab die fröhliche Umgebung
der milde Himmel der Sternenschein das Flimmern der Lampen vor allen Dingen
aber der Rindsbraten nebst dem »SchattenMargo« den sich Peters ausdrücklich
vom Besten erbeten hatte weshalb er auch einen halben Taler mehr kostete
als die Brüder ihn bestellt hatten
Eine weitre Anknüpfung des Gesprächs mit dem stillen Dulder in der
Kellnerjacke war nicht möglich denn schon riefen ihn andre Gäste
Mit einem schmerzlichen Seufzer und einem traurigen Blick zum bestirnten
Himmel empor folgte Peters den Pflichten seines neuen Berufes während die
Brüder durch den Wein und die trauliche Mitteilung sich jene behagliche
Stimmung nachträglich in der Nacht schufen die sie sich unter freilich viel
comfortableren Verhältnissen für den Mittag vergebens geträumt hatten
Indem wir sie diesem Austausch uns bekannter Tatsachen überlassen folgen
wir in dem Gewühl der Menschen die wir gern für unsre Charakteristik
festielten vorläufig nur zwei ganz bescheiden auftretenden Männern die ohne
Masken in das Innere der Gärten auf ihr wohlbekanntes Antlitz freien Eintritt
haben Es sind Dies Kümmerlein und Mullrich die beiden Diener der
Gerechtigkeit
Neuntes Kapitel
Die Signalements
Nun Das geht ja hoch her begann Mullrich Um solchen Heidenspektakel muss Eins
aus seiner Nachtruhe heraus Bekanntes Gesindel wo man hinsieht und Alles in
Sammt und Seide Gott ist recht langmütig geworden
Kümmerlein Mullrichs Kollege trug den garstigen und allgemein kenntlichen
Dreimaster der Polizeiagenten etwas übers Ohr denn der kleinere spitznasige
scharfäugige Agent liebte Fröhlichkeit und Weiber und Musik und verließ diese
Festlichkeiten nie ohne sich vom Wirt und den sogenannten Observaten den
unter Aufsicht stehenden ehemaligen Verbrechern regaliren zu lassen
Mullrich sagte er Sie werden je älter je gottesfürchtiger Das macht Ihr
Reichtum
Reichtum Kümmerlein Von meiner früheren Schlosserei meinen Sie Wie so
Wer wie Sie zwei drei Geschäfte betreibt der braucht sich den Kopf nicht
zu illuminiren der ist still lustig für sich
Kümmerlein Sie sind noch jung
Ach Mullrich Sie drückt auch nichts als bloß Ihr Geldsack
Meine Frau hat mir erst eine lange Predigt gehalten eh sie mir den
Dreidecker aufsetzte ich glaube wenn ich hier oft in die Fortuna müsste sie
wäre im Stande meinen Abschied zu fodern
Tun Sie Das Mullrich Machen Sie ärmeren Leuten Platz
Was Einen Knochen fallen lassen den man im Munde hat weil Einem der im
Wasser größer däucht Nein Kümmerlein Die Vizewirtschaft wird doch wohl am
längsten gedauert haben
Wie so
Wissen Sie denn nicht dass die alten Häuser nun all an die Regierung kommen
und diese Posten die ein paar Groschen einbringen verauktionirt werden
verpachtet oder sonst etwas
Da bieten Sie denn selbst für Ihren Keller Dreihundert Taler zum Ersten
was
Dreihundert Taler Freund auf die geht eine halbe Million Pfennige Wo
denken Sie hin
Nun ich parire Mullrich dass Sie monatlich lassen Sie mal rechnen
Diese Ergüsse einer wie Hegel sagt rein »auf sich selbst bezogenen
Reflexion« unterbrach ein Herr in eleganter feiner Kleidung mit einem großen
Schnurrbarte
Wir kennen ihn bereits würden ihn aber jetzt für einen reichen
Rittergutsbesitzer haben halten müssen der die Sitten der Hauptstadt studieren
wollte wenn nicht die dicken waschledernen Handschuhe ihm doch etwas mehr
Derbes und Militärisches gegeben hätten
Es war Dies der Oberkommissär Herr Pax
Bleiben Sie nicht zu lange auf einem Punkt sagte der imposante Herr Sehen
Sie sich um Es sind zwar viele von dem Schutzamt hier wie Sie beobachten
werden aber auch die Zahl der Vigilanden ist groß Wo man hinsieht alte
Bekannte Nehmen Sie Ihre Stellung in der reservirten Loge Nr 18 und beobachten
Sie von da aus den Ballsaal
Nr 18 Schön Herr Oberkommissär
Haben Sie Ihre Signalements bereits verglichen Nr 1 ist nur einfach zu
beobachten Nr 2 aber sogleich festzunehmen Es ist Polizei genug da um auf
den Pfiff unterstützt zu werden Sehen Sie sich auch die Frauenzimmer recht an
Die MalerGuste nirgend entdeckt
Nein Herr Oberkommissär lautete die unisone Antwort Auch Kümmerlein wusste
gleich wer die MalerGuste war
Der Oberkommissär ging wie ein stiller Beobachter die Arme auf den Rücken
verschränkt weiter Er war trotz des lauen Abends bis zum Halse zugeknöpft und
drückte den Hut bis tief über die Stirn
Das ist das Beste begann der kleine Kümmerlein dass wir auf die
Frauenzimmer sehen sollen Es ist hübsches Volk darunter die schiefe Male hat
doch Augen die Einem gleich unter die Weste brennen Guten Abend Male
Die schiefe Male lachte schoss aber in Privatangelegenheiten rasch vorüber
Kommen Sie Kümmerlein und lassen Sie uns lieber hier an der Laterne einmal
die Signalements vergleichen sagte der dienstbeflissenere Mullrich Wie viel
haben Sie denn
Ein ganzes Zuchthaus voll Meine Brieftasche ist dick wattirt damit
Ich habe aber nur zwei
Die von heute Mittag
Lesen Sie mir mal vor Weiß der Henker ich kann immer aus Paxens seiner
Schreiberei nicht recht klug werden meinte Mullrich
Halten Sie mal meinen Stock antwortete gravitätisch der mit
Schulkenntnissen begabtere Kümmerlein
Die beiden Polizeidiener hatten einen stillen Ort gefunden wo sie ziemlich
unbemerkt die beiden Signalements lesen konnten die ihnen der Oberkommissär als
sehr dringend bezeichnet hatte
Ein Franzose begann Kümmerlein fünf Fuß acht Zoll schwarzes
Haar blasse Gesichtsfarbe Mund mittel Augen braun Nase
gewöhnlich trägt einen Schnurrbart 28 Jahre Spricht gutes
Deutsch mit französischem
Kümmerlein buchstabirte das folgende Wort
Accent
Französischem Azent Richtig Deutsch mit französischem Azent das heißt
man hörts ihm nicht an dass er kein Franzose ist Oder vielmehr
Grade Man hörts ihm an
Aha Also man muss französisch
Ein Bischen muss man Können Sie französisch Kümmerlein
Kümmerlein behauptete als ehemaliger Klempnergesell in Frankreich gewandert
zu sein er wiederholte aber dass ja der Franzose deutsch spräche
Richtig sagte Mullrich aber Azent
Kümmerlein war etwas verlegen über die Auskunft die er geben sollte und las
deshalb kleinlauter im Papiere weiter
Hier stehts wie er heißt Louis Armand besondere Bemerkung
Man hat ihn im Umgange mit Handwerkern besonders Willingschen
Maschinenarbeitern aha zu beobachten
Ah so
Das ist politisch
Französische Aufwiegelei Deutsch mit nem Azent Da wollen wir doch
aufpassen denn das Politische
Pst Stille bedeutete Mullrich und sah sich rasch um
Eine maskirte Gestalt huschte an den beiden Lesern vorüber und warf aus
einer grünen gemalten Brille über der gewaltigen Nase einen scharfen Blick auf
die beiden in ihren Charakterstudien vertieften Polizeiagenten indem sie eine
Sekunde etwas hustend stehen blieb
Wünschen Sie etwas fragte Kümmerlein
Pardon war die Antwort und die Maske mit der grünen Brille huschte rasch
wieder ins Dunkel und verschwand mit ihrem etwas röchelnden Husten hinter den
Büschen
Pardon riefen die beiden Kollegen
Pardon Das war ja
Französisch
Mitm Azent
Kommen Sie doch sagte Kümmerlein ich glaube der echappirte auf den Saal
zu und überhaupt sollen wir auf Loge Nr 18 vigiliren Eine grüne Brille Merken
wir uns Das Mullrich Es war ein Franzose
Mullrich konnte diese Bezeichnung Nr 18 nicht hören ohne gleich an die
Türen seines Familienhauses zu denken und bei Nr 18 fiel ihm Nr 17 ein
Indem er sich die Möglichkeit dachte dass diese abgefeimte Nr 17 die
MalerGuste doch wohl nicht nach Hamburg gegangen und mit ihrer Schuld an seine
Ehegattin leicht auf dem Fortunaball auftauchen konnte folgte er Kümmerlein
der durch das Gedränge dem Saale zu sich Bahn machte und von dem Anblick der
Lichter die aus den Saalfenstern schimmerten und manche Mädchen die ihn
lachend grüßten so verblendet war dass er die Spur der grünen Brille bald aus
dem Auge verlor und Mullrichen erinnerte dass sie ja noch das zweite Signalement
zu lesen hätten
Um auf Nr 18 zu kommen durfte man jedoch nicht durch den Tanzsaal auch
nicht durch die eleganten Restaurationszimmer gehen sondern diese kleine Loge
war eigends in dem Bauplane des Unternehmers des Kaufmanns Hitzreuter von der
Polizeibehörde vorgeschrieben worden Diese kleine versteckte Loge hatte einen
eignen Aufgang vom Tunnel aus und machte eine dauernde Beziehung zwischen der
Beobachtung des Tanzsaales und der Beobachtung des Tunnels möglich »Verbotener
Eingang« lautete die Aufschrift der Treppe im Tunnel die zu dieser Loge führte
Es wurde diese kleine Loge Nr 18 in der kecken Sprache dieser zweideutigen
Sphäre die Sternwarte genannt Hier »vigilirte« man Von diesem Punkte aus
sollten sich heute Mullrich und Kümmerlein eine Übersicht über den Saal
erhalten Da sie in Amtstracht waren so hatte der kluge Pax wohl nur im Sinn
bei den zweideutigen Besuchern des Fortunaballes die Idee zu erwecken die
Beobachtung wäre ganz allein auf die »Sternwarte« beschränkt während die wahren
beobachtenden Füchse gerade da schlichen und witterten wo man sie am wenigsten
vermutete
Das zweite Signalement zu lesen war es die höchste Zeit
Im Tunnel wurde man zuvörderst von einem undurchdringlichen Rauche
empfangen Hier standen drei grünbezogene Billards und einige kindische
Glücksspiele die aber gerade um so besuchter waren je weniger sie Nachdenken
kosteten denn mit den großen Geistern haben es die kleinen gemein dass sie
wenn sie spielen nicht denken wollen
Hier im Tunnel wurden die feineren Observanzen der oberen Räume nicht
beobachtet Hier sah man den eigentlichen Stamm der Besucher solcher
Festlichkeiten leichtsinnige meist junge Geschäftsmenschen die das Vergnügen
lieben Während oben die im Tanze rasten die vielleicht erst auf dem Wege zum
Verbrechen waren hielten sich hier unten Manche auf die dem Arme der
Gerechtigkeit schon einmal verfallen sich zu bessern suchten und einmal gewöhnt
an Nachtschwärmerei hier unten einen Schein bürgerlicher Solidität fanden in
dessen Ausstrahlungen sie den Vigilanten bessergeworden erschienen
Nun so rasch rief eine Stimme vom Büffet wo man Getränke verabreichte den
auf die Tür Verbotener Eingang zuschreitenden scharfsichtigen spähenden
Dreimastern zu
Sie wandten sich um und traten näher
Man wich ihnen aus so besetzt auch das Büffet war Auf dem Fortunaball fand
sich jene Demokratie nicht ein die im ewigen Hader mit den Dienern der
Gerechtigkeit lebte Mancher scheue trotzige Blick begrüßte sie freilich auch
hier aber Zusammenrottungen Verhöhnungen äußerer Amtszeichen fanden nicht
statt umsoweniger als sich der ExKaufmann Hitzreuter als einer jener
outrirten Royalisten gebehrdete die bei jeder Gelegenheit sich mit ihrer
Gesinnung vordrängten und aus Dankbarkeit dass man ihm sogar von Seiten des
Hofes eine Summe für seinen Bau geliehen hatte in den Reubund getreten war und
mit diesen Fortunafestlichkeiten zuweilen auch patriotische Zwecke verband
überall royalistische Embleme anbrachte die Landesfarben und die Landeszeichen
und in seinen Räumen auf loyale Ordnung sah
Ei Frau Peters sagte Mullrich wie kommen Sie denn daher
Es war Katrine Bollweiler aus Angerode die Vielgewandte die Anschlägige
Ja sagte die kleine hinter dem Tische Getränke einschenkende und Geld
einnehmende Frau die sich mit unglaublicher Behendigkeit und Naivetät in ihre
neue Position zu finden wusste so sieht man sich wieder wenn man einmal den
Pelikan seit Jahr und Tag nicht besucht hat
Eben nicht sehr zarte Anmerkungen die sich Kümmerlein über die geheimen
Pelikanzustände hier erlaubte und vielerlei sich daran knüpfende Scherze mögen
wir um so mehr unterdrücken als in diesem Augenblicke Peters herantrat und
wieder einen »Schatten Margo« verlangte
Oben oben Männchen oben rief die Frau etwas ungeduldig
Es ist ja für die Thüringer die zweite Fuhre
Sieh Sieh sagte Katrine Meine Thüringer Jungen haben Durst Kommen sie
denn nicht einmal hier herunter
Statt die Antwort abzuwarten ging Katrine in die innern Gemächer des
Büffets wo sie diese ausnahmsweise hier unten effectuirte Bestellung besorgte
weil Peters die Garantie haben wollte für die beiden jungen Thüringer auch das
Beste und Unverfälschteste zu bekommen
Katrine stieg durch eine kleine Nebentreppe selbst in das obere Büffet
hinauf Sie hatte so zweideutig uns auch die Stellung dieser runden kleinen
Frau erscheinen mag doch ihre Anhänglichkeit an die abenteuergesegneten beiden
Pfarrerssöhne von Taldüren nicht aufgegeben Sie gehörte zu den leichten aber
hätschelnden Frauennaturen die eigentlich etwas unendlich Wohltuendes im
weiblichen Charakter repräsentiren wie gering auch sonst ihr innerer
moralischer Wert erscheinen mag
Sie sind hier noch nicht lange Kellner begann Kümmerlein indem er den in
seiner Jacke jämmerlich dastehenden und auf die zweite Fuhre »SchattenMargo«
harrenden Peters betrachtete
Wie so fragte Peters nicht ohne Empfindlichkeit
Weil Sie die Weine am unrechten Fasse zapfen Hier ist ja der Keller oben
sagte Kümmerlein
Die verkehrte Welt brummte Peters
Der ist kurz angebunden wandte sich Kümmerlein zu Mullrich der eins der
immer schon eingeschenkt dastehenden Gläser Bier ergriffen hatte und es mit
raschem Zuge leerte indem er langsam den Beutel zog und noch langsamer
aufknöpfte
Kurze Stränge fährt sich besser sagte Peters
Der ist grob wie ein Fuhrmann antwortete Mullrich
Und Euer Geldbeutel weit wie ein Bettelsack
Ein Gelächter der dicht Umstehenden begleitete diesen kurzen
epigrammatischen Dialog Kümmerlein eben im Begriff sich in seiner Würde zu
zeigen und von Mullrich unterstützt der einen gewissen strategischen Bogen den
er sehr in der Gewalt hatte um den rebellischen Kellner zu ziehen anfing wurde
in dem Beginn tatsächlicher Feindseligkeiten von Frau Katrine unterbrochen
die mit dem SchattenMargo noch zur rechten Zeit herunter kam um eine
schwierigere Verwickelung durch ihre Holdseligkeit und politische Mäßigung
abzubrechen
Eben war wenigstens der durch Katrinens Zuhalten seiner Börse
beschwichtigte Mullrich im Begriff beiläufig nach den beiden »Türingern« zu
fragen die vorhin so teilnehmend erwähnt und hier offenbar vor allen Gästen
bevorzugt wurden als Kümmerlein seinen Kameraden anstieß und diesen
verhinderte etwas Näheres über jene beiden jungen Männer zu hören bei zwei
»Türingern« sollten sie ja zwischen vier und fünf eine Recherche vornehmen
Pst Sehen Sie da Der Franzose
In der Tat stand die grüne Brille vor der kleinen Tür die auf die
Sternwarte führte und schien die Inschrift zu lesen
Die beiden Häscher schlichen näher
Die grüne Brille schien sich erkältet zu haben Sie hatte einen
rheumatischen Husten Eben wollte sie die Tür aufklinkend die kleine Treppe
besteigen als die Häscher herantraten und Kümmerlein von der eben genommenen
Herzstärkung noch resoluter geworden die Maske weil es in Französisch mit
deutschem »Azent« nicht recht gehen wollte einstweilen in Deutsch mit
französischem »Azent« so anredete
Erlauben Sie Musje da steht geschrieben hier nix Passage
Ah Merci sagte die grüne Brille und war mit der Gewandtheit eines Aales den
beiden verblüfften Agenten plötzlich entschlüpft Nur in der Ferne noch hörte
man sie hüsteln
Verblüfft war nämlich Mullrich besonders auch darüber dass Kümmerlein
französisch konnte und Kümmerlein wiederum seinerseits erstaunte dass sein
gewagter Versuch diese fremde Sprache wenigstens in Anklängen zu reden ihm
wirklich so schön gelungen war Staunend über diese neuen Entdeckungen die sie
darauf sich gegenseitig machten verloren sie zwar die Spur des plötzlich wie
verschwundenen flüchtigen Fremden aber sie sagten doch
Nun den kriegen wir heute Abend schon Auch sollen wir ihn ja nur
beobachten
Vigiliren meinte Mullrich und freute sich des auch ihm geläufigen
Fremdwortes
Mit dem Worte Vigiliren stiegen sie auf die Sternwarte hinauf indem
Mullrich seinen Kollegen wiederholt erinnerte sie hätten nun dringend Nr 2 zu
lesen oder wie Kümmerlein sagte zu collationiren was ein ihm geläufiger
Ausdruck vom PolizeiBüreau war
Da es auf der engen Treppe sehr dunkel war so vertröstete Kümmerlein für
dies wissenschaftliche Geschäft auf die brillante Beleuchtung von Nr 18 in die
der ganze Lichtstrom aller Gasflammen des Saales fiel
Zehntes Kapitel
Die grüne Brille
Die aalglatt entschlüpfte Maske hatte inzwischen den Tunnel verlassen
Sie bewegte sich dann und wann von einem eigentümlichen astmatischen
Husten unterbrochen mit großer Behendigkeit aber auch in jener unsteten
Emsigkeit die gewissen langen Würmern eigen ist welche auf einer ebenen Fläche
bald hier bald dorthin schießen und sich umwenden man weiß nicht warum und
sich alle Augenblicke zu erschrecken scheinen man weiß nicht wovor
Die Behauptung dass diese grüne Brille deshalb weil sie zwei französische
Worte Pardon und Merci gesprochen auch sogleich ein Franzose und Monsieur
Louis Armand war kann uns nur übereilt bedünken
Noch weniger aber schien das von den Polizeidienern verlesene Signalement zu
passen
Unter der großen Brille der Nase und dem gewaltigen Schnurrbarte steckte
zwar ein glattes Antlitz aber dem Haare unter dem feinen Kastorhute ging alle
natürliche Frische ab Es war jedenfalls eine sehr kunstvolle Perücke
Wir die wir Louis Armand kennen und bedauern müssen dass der junge
Franzose der eben mit so liebevoller Aufopferung an dem Krankenbette seines
Freundes und Gönners des Fürsten Egon von Hohenberg wachte schon den
Sicherheitsbehörden wahrscheinlich als ein communistischer pariser Agent
erschien wir würden für Louis Armand gutsagen dass es ihm unmöglich wäre wie
diese grüne Brille so unter den Schatten der Bäume herumzuschiessen jede
weibliche Erscheinung mit einer Lorgnette zu fixiren und dem zwecklosesten
Flaniren sich in einer Weise zu ergeben die uns über Zweck und Ziel dieser
Persönlichkeit völlig im Unklaren lässt
Besonders schienen es zwei weibliche Gestalten denen die grüne Brille eben
eine sehr aufmerksame Verfolgung zugedacht hatte
Es waren schlanke gefällige Wesen die eine sehr sorgfältige Toilette
gemacht hatten und deren Auftreten zwar von ziemlich kecken Manieren aber auch
einer gewissen Wohlhabenheit zeugte
Der zudringliche Ton der lustig und zweideutig hier herumflatternden Wesen
war ihnen nicht eigen doch forderten auch sie heraus An Verfolgern fehlte es
umsoweniger als ihre Art sich aneinander zu hängen und ohne zu verweilen bald
da bald dort zu erscheinen auffallend genug war
Zum Tanze schienen sie sich erst später entschließen zu wollen
Die grüne Brille hatte die Gewohnheit jedesmal wenn sie an diesen durch
weiße zierliche Halbmasken noch unkenntlichen Damen vorbeischoss ein Kompliment
hinzuwerfen das immer mit einem gewissen Kichern aufgenommen wurde ja als eins
seiner rasch hinfallenden französischen Worte sogar einmal durch ein Bon soir
Monsieur erwidert wurde wäre er ohne Zweifel in ein näheres Gespräch
verwickelt gewesen wenn nicht zwei elegante Herren unablässig bemüht gewesen
wären ihn von den beiden Weissmasken zu entfernen
Auch diese durch große Schnurrbärte und Nasen unkenntlich gemachten
eleganten Herren hielten sich unter den Armen aneinander fest Sie waren fein
gekleidet in schwarzen Fracks mit weißen Piquéewesten weißen Handschuhen
weißen Halsbinden Man musste sie für gewandte Erscheinungen der Salonwelt
halten hätte ihre Sprechart nicht auf einen geringeren Ursprung hingewiesen
Wie sich die grüne Brille einige mal durch diese beiden Herren gewaltsam von
den beiden Weissmasken abgedrückt fühlte schlich er diesen vorsichtig nach und
hörte auf einem Seitenwege an den Hecken hin dass die eleganten Männer folgende
Worte in gemeinstem Dialekt wechselten
Sie sinds
Glaubst du
Die mit der Rose im Haar ist die ältere
Doch nicht die älteste
Bewahre Die mittlere Sieh Sie sehen sich um
Wenn sie uns erkennen werden sie nicht mit uns tanzen
Glaubst du dass sie so stolz sind
Um uns zu heiraten nicht Aber so für einen Ball sind wir ihnen zu gering
Man kennt uns nicht Wir haben die feinste Garderobe
Die Ludmer hats gleich bemerkt dass wir auf fremde Unkosten hergingen
Sie wollte uns nachsehen gut dass wir ausrissen
Mein Frack ist mir doch zu eng
Bewahre Nach der Mode muss er eng sein
Nun dann trifft sichs gut dass der Alte so hager wie eine Spinne ist
Wenn er uns hier begegnete
Es wäre das erste mal nicht dass ich ihn in seinen eigenen Kleidern foppte
Aber er ist zu müd von seinen Strapazen
Vom Möbelwagen
Den hat die schöne Hexe die Melanie recht bei der Nase herumgeführt Wie
mag der Satan Das angefangen haben den alten langen Storch in das Nest zu
locken
Wo Weiber Sprenkel legen bleiben wir Alle sitzen
Weißt du was ich vorhin für eine Idee hatte
Wegen Punsch
Richtig Das lustge Ding die Jeannette
Von Schlurcks
Die ist hier
Wo Wo
Dann sollt es amüsant werden Wir suchen sie
Wo sahst du sie
Wenn sies ist ich glaube aber mit Neumann
Neumann ist ihr Bräutigam
Dem plumpen Tolpatsch wird sie hier nicht die Vorderhand geben die
Jeannette stieß und stumpfte ihn zurecht dass er einen ordentlichen Chapeau
machen sollte
Wenn sies nur war
Ich möchte darauf schwören Nur ein Bischen fuchswild schien sie
Das kann sie sein
Wahrhaftig Das ist sie wieder
Hier schienen die beiden jungen Stutzer deren Incognito wir sehr leicht
erkennen da wir wissen dass wir die vortrefflichen Bedienten Franz und Ernst
aus dem Hause der Geheimrätin von Harder in der Garderobe der Excellenz vor uns
haben zu bemerken dass die grüne von ihrem astmatischen Husten geplagte
Brille sie belauscht hatte Sie verschwanden in einer Gruppe von Neuankommenden
und drängten dem Saale zu wo auch die beiden Weissmasken hin verschwunden waren
Die grüne Brille war scharfsinnig genug zu erraten dass sie sich hier
unter dienendem Personale bewegte und schnitt unter ihrer Nase und dem
Schnurrbarte einige sardonische Gesichter
Dennoch musste sie gestehen dass die Weissmasken etwas Graziöses hatten und
eine gewisse herausfordernde Leichtfertigkeit die ihr zu pikant erschien um
die Verfolgung aufzugeben
Indem sie sich anschickte gleichfalls dem Saale zuzuschreiten der
eigentlich von der grünen Brille vermieden wurde hörte sie neben sich die Worte
flüstern
Komm Komm Die Weissmasken sind die Wandstablers die Lore und die Flore
Lass uns fort
Die grüne Brille wandte sich auf den Namen der Wandstablers um
Ihr schien dieser Name bekannt zu sein
Die Wandstablers verhauchte es auf den fahlen Lippen der schleichenden
Person als sie sich umgewandt hatte zu hören wer ihr diese angenehme
Aufklärung gegeben hatte
Wie erstaunte der hustende Schleicher als er geradezu das Eleganteste
entdeckte was er bisher auf dem Fortunaball angetroffen hatte
Zwei leichte sylphidenartige Gestalten schlüpften behend wie Elfen im
Mondschein vor ihm her Sie hatten die Tracht der sogenannten Fledermäuse aber
angewandt vom winterlichen Karneval auf die laue liebliche Sommernacht
Die eine größere weibliche Gestalt war ganz von einem leichten Rosastoff
umwallt und hatte eine weiße Kapuze auf Die andere ebenfalls mit einer weißen
Kapuze trug die kostbarste Umhüllung von demselben leichten Stoffe in
Himmelblau
Die Kapuzen entstanden aus weißen Überwürfen die frei und lose bis über den
Kopf gezogen waren und nichts von ihm sehen ließ als die maskirte Vorderseite
deren die grüne Brille so sehr sie sich mühte nicht ansichtig werden konnte
Denn die beiden Damen eilten wie auf geflügelten Sohlen und schnitten
dadurch jeden Versuch der Männerwelt ihnen zu folgen ab
Die grüne Brille hatte das Wort Es sind die Wandstablers nicht vergebens
gehört Sie musste ein zu lebhaftes Interesse an diesem Namen haben und folgte
bis in die Dunkelheit wo ihr die Blaue und die Rote nicht mehr sichtbar waren
Etwas erschöpft von diesen Anstrengungen setzte sich die grüne Brille
hustend auf eine zufällig unbesetzte Gartenbank lüftete auch da es überall
dunkel war einen Augenblick ihre Maskirung und sammelte wieder Kraft zur
Fortsetzung ihrer Anstrengungen die aus der Absicht sich nur zu vergnügen
nicht ganz allein hervorzugehen schienen
Ein leises Lüftchen das über die Gärten und Wiesen herwehte musste dem
Erschöpften wohl tun Die rauschenden Klänge aus dem Tanzsaale tönten hierher
nur noch matt und verhallend Man befand sich hier am äußersten Gitter der
ganzen Einfassung dieser neuen Anlage Im Sternenlicht konnte man in nächster
Nähe nur eine kleine Wiese dann aber ein großes festungartiges Bauwesen
erblicken Die ungeheuren in die Höhe ragenden Schornsteine ließ dort eine
große Fabrik vermuten
Es war hier in der Tat ganz in der Nähe die große Willingsche
Maschinenfabrik an welcher um die Glut der Öfen nicht für das Tagewerk
erkalten zu lassen auch in der Nacht aus den langen Essen heller Schein und
glühende Feuerfunken knisterten
Wie die grüne Brille sich auf der kleinen Bank ruhte mit der einen Hand ein
seidenes ostindisches Taschentuch nach dem Gesicht führte um sich den Schweiß
zu trocknen mit der andern an der weißen Farbe der frischgestrichenen Bank
fühlte ob sie nicht etwa noch abfärbte dann aber eine Bonbonnière hervorzog
und einige Pastillen in den Mund steckte hörte sie hinter sich wo sie
Niemanden vermutete und selbst durch die Wirkung der Pastillen und den
aufhörenden Husten unsichtbar war zwei Männer in einem ernsten mit der heitern
Regsamkeit des Abends in keinem Zusammenhang stehenden Tone sich unterhalten
Die Männer nahmen mit ihm Rücken gegen Rücken auf einer jenseit des
trennenden Gebüsches in einem andern Gange stehenden Bank Platz und ließ sich
nur dann zuweilen unterbrechen wenn von einem Vorübergehenden eine Störung
stattfand
Sie sind ein Tor sagte der Eine ziemlich rau und hart dass Sie Ihr junges
Leben so unnütz verzetteln und nicht endlich einmal Anstalt machen für Ihre
Zukunft einen dauernden Grund zu legen Was soll aus Ihnen werden Sie haben
Talent Kenntnisse freilich keine geregelte Erziehung aber dazu bedürfte es
einer nur kurzen Zeit und Sie würden Vieles nachholen was Ihnen noch fehlt Nur
müssten Sie dies Träumen und Lungern aufgeben und etwas Solides anfangen Es ist
die höchste Zeit oder Sie sind verloren
Der Andere antwortete mit einer schwächeren aber sanften und hochklingenden
Stimme
Ich bin krank Mein Leben ist verpfuscht Noch einige Jahre und ich breche
mir einmal den Hals durch Zufall oder mit Absicht Das wird das Ende sein
Gehen Sie weg Sie sind ein Tor sagte der Andere Freilich müssen Sie sich
ruiniren wenn Sie heute einmal im Felde schlafen morgen eine ganze Nacht so
durchrasen wie ich Sie vorhin im Saale bemerkt habe Sehen Sie Wie erhitzt Sie
sind Wie Ihre Brust keucht Wie Ihre Hände glühen Sie sind auf dem besten Wege
zur Schwindsucht
Das ist der Tanz nicht sagte der Andere Das ist mein Glück meine Freude
die an mir zehrt
Haben Sie Glück Sie Freude Ein Mensch der im dritten Hofe eines
erbärmlichen Hauses wohnt drei Treppen hoch links und rechts von Armut und
Elend umgeben Ich weiß dass Sie nicht darben Der Justizrat liebt Sie
väterlich liebt Sie wie einen Sohn Und wissen Sie manchmal kommt es mir vor
Halt Mir ist schon Vieles vorgekommen
Als wäre der Justizrat selbst Ihr Vater
Dass Sie der Teufel hole Das wäre mir nicht lieb antwortete der Andere
rasch
Warum nicht
Mein Vater Sagen Sie Das nicht wieder
Was wäre da Sie sind ein Waisen ein Findelkind Sie führen den Namen
Hackert von dem Paten den man Ihnen im Waisenhause gab Es war ein Kaufmann
der dem Waisenhause gerade gegenüber wohnt und nichts dagegen hatte Ihnen
seinen Namen zu geben weil er vom Waisenhause lebt Durch welche Teufelei wenn
mich doch der Teufel holen soll kamen Sie an den Justizrat
Das weiß ich nicht aber mein Vater Nein Das wäre eine weinerliche
Komödie wie ich sie einmal für zehn Silbergroschen im Theater sah Gehen Sie
weg Herr Oberkommissär Sie haben Musse Romane zu lesen Pfui Teufel Kommen
Sie Das könnte mich rasend machen Lassen Sie mich tanzen Hören Sie
Polkatöne Komme doch Komme doch holde Schöne
Aha Ich merke Sie können meine Vermutung nicht ertragen weil Sie nun
merken warum Schlurck
Der Andre pfiff
Sie aus dem Hause geworfen hat
Lassen Sie mich los Die Polka fängt an
Sie tanzen nicht Sie sollen vernünftig sein Wissen wir nicht Alle dass Sie
mit dem schönen kecken Mädchen mit der Melanie
Stille Erst Wir Wer sind die Wir
Die die scharfe Augen und nebenbei mit Schlurck Bartusch und andern
Stützen der Gerechtigkeit mancherlei zu tun haben Auch Dienstmädchen plaudern
Eben sprach ich Jeannetten
Sie ist hier
Die Schlurcks müssen toll sein Sie werfen alle Leute zum Hause hinaus und
bilden sich ein wenn man auf den Mund fällt wächst er Einem zu
Was ist mit Jeannette
Der Kutscher Neumann brachte sie her Sie wütet Ihr Fräulein hat ihr heute
Abend vor zwei Stunden den Dienst gekündigt
Sie tanzt aus Zorn ich aus Freude Ein andermal umgekehrt Es werden mir
noch manche folgen
Reden Sie vernünftig Diese Jeannette ist bös und wenn Sie Melanie lieben
Meine Schwester
Wirklich Glauben Sies nun
Nimmermehr
Oder ob nicht Sie schweigen doch wenigstens Obgleich Sie viel verrückte
Streiche machen schweigen Sie doch Ich schätze an Ihnen Ihre Diskretion und
Ihre schöne Handschrift Hackert Jeannette wird aber nicht schweigen Sie rast
sie droht Das Fräulein wäre heute Abend von Harders nach Hause gekommen
hätte getobt und gelärmt geweint geschrien die Hände gerungen einen Brief
geschrieben
An Lasally
Sie scheinen das Alles zu wissen
Dann Dann Fahren Sie fort
Dann wäre sie ins Schlafzimmer gegangen hätte sich ausgezogen das Licht
eben auslöschen wollen und mit der Lichtputze in der Hand
Kennen Sie keinen Geschwindmaler Ich wünschte man könnte das Leben
stenographiren
Mit der Lichtputze in der Hand ihr gesagt Jeannette deine Plauderei in
Hohenberg dein Zusammenstecken mit Hackert deine gottlose Zunge mit den
Knechten Lasallys dein Punschtrinken mit den Bedienten der Geheimrätin deine
angeberischen Schändlichkeiten dass ich den Prinzen Egon von Hohenberg in einem
fremden Abenteurer vermutet hätte alles Das macht dein Maß voll Morgen früh
will ich dich nicht mehr sehen Damit drängte sie Jeannetten zur Tür hinaus
riegelte zu löschte das Licht aus
Und schläft und träumt von ihrem Bruder Wo ist der Geschwindmaler
Bester Sie spotten doch nur Aber Jeannette ist viel schlimmer als Sie
die sagt rein heraus
Man schneidet ihr die Zunge aus
Dann spricht sie in Zeichen die so deutlich sind dass
Man sie würgt
Sie glaub ich könnten schneiden und würgen ohne Messer und Stricke Sie
haben den Verstand dazu deshalb komm ich auf meine Vorschläge zurück wählen
Sie sich einen Beruf zu dem Sie Talent haben
Die Jeannette Die verlässt auch das Haus
Die Zeit wird immer verwickelter Sie braucht Köpfe
Bläst das Licht aus und schläft
Sie haben das wunderbare Talent einer Handschrift in der Ihnen der erste
Schreibmeister der Akademie nicht gleichkommt Schmelzing ist ein Stümper
gegen Sie
Bläst das Licht aus und schläft
Geben Sie mir die Hand Schlagen Sie ein Sie werden von Morgen an im
Einverständnis des Polizeipräsidenten bei mir
Hackert stand wie abwesend gab die Hand und Pax wollte eben mit seinen
Anträgen deutlicher hervortreten als die grüne Brille die Worte rufen hörte
Maske vor Getanzt Getanzt
Dieser Ausruf kam nicht von dem Andern überhaupt nicht von den beiden
Sprechern sondern aus einem dritten und weiblichen Munde
Die grüne Brille hatte sich leise umgedreht und erblickte mit Erstaunen dass
zwischen die beiden Sprecher eben die blaue und die rote Maske gefahren waren
Die Rote hatte den wenig Widerstrebenden der auf die Vorschläge des Andern
halb schon einging leidenschaftlich in dem Moment des Handeinschlagens
ergriffen und ihn mit den Worten Getanzt Getanzt von der Bank auf und
fortgerissen
Die kleine Blaue hüpfte nach Mit einem Fluche war der Andere der
stattliche Herr Oberkommissär aufgestanden während die drei wie flatternde
Vögel davonschwirrten
Hackert denn dieser war der so plötzlich aus den Schlingen des
Oberkommissärs Pax Entführte Hackert wusste nicht wie ihm geschah
Die rote elegante Dame war ihm völlig unbekannt Ebenso wenig wusste er wer
die an seiner linken Hand nachhüpfende Blaue war
Rasch durchflog er die Reihe seiner Bekanntschaften Er hatte deren hier
unendlich viele Denn wir sagten schon dass er zu den leichtsinnigsten jungen
Männern gehörte und so wenig ihn sein Äußeres besonders aber das rötliche Haar
empfahl so unfähig er war dauernde Verbindungen zu schließen so konnte es wohl
ein Act alter Anhänglichkeit sein dass ihn hier ein schwärmender Nachtvogel
entdeckte und zur Erinnerung alter Stunden zum Tanze in dem er ein kunstvoller
Meister war entführte
Dennoch kam er von dieser Vermutung bald zurück
Der Anzug war so neu so elegant der Kopfputz so geschmackvoll und nach
eigener Idee ausgeführt die Ähnlichkeit der beiden Damen so auffallend und wie
im Einverständnis angelegt dass er hin und herriet aber von seiner
Begleiterin immer auf jeden Namen nur ein Kopfschütteln erhalten konnte
Es war nicht möglich so rasch in den Saal zu dringen Er hatte Zeit ein
Gespräch anzuknüpfen Er fragte rechts die Rote links die Blaue Mit
verstellten Stimmen wichen sie ihm aus und spannten seine Neugier nur immer mehr
auf die Folter
Endlich waren sie im Saale und die rote Dame die sich im blendenden Schein
des Gaslichtes nur noch anziehender ausnahm und die größte Begier erregen musste
ihre schwarze Maske gelüftet zu sehen trat mit Hackert zum Tanze an Aber die
blaue die nun allein stand blieb jetzt auch nicht ohne Tänzer Ohne lange Wahl
war sie in die Reihen mit hineingerissen und tanzte mit einem ihr völlig
unbekannten jungen Militär der unter seiner Uniform eine feine elegante
Piquéweste trug und an dem goldenen Streifen seiner Uniform zeigte dass er schon
einen höheren Grad erreicht hatte
Das Gewühl war zu stark Man konnte nur einmal herumtanzen und musste dann
eine Weile auf frische Lücken warten
Hackert aber ließ sich nicht hindern im Tanzen fortzufahren es war ein
gewandter wilder allgemein bewunderter Tänzer wobei er aber statt röter
nur immer blässer wurde
Während die blaue Dame so neben dem jungen Militär stand und sich gefallen
lassen musste dass sie trotz ihrer Eleganz hier von Denen zum Tanze aufgefordert
wurde die das Lokal einmal besuchten hörte sie hinter sich die Worte flüstern
Quelle aimable danseuse
Die Wirkung dieser französischen Anrede auf die kleine blaue Dame war
unglaublich
Sie wandte sich um sah dass die grüne Brille unter dem Barte ihr zulächelte
und geriet darüber so in Verwirrung dass sie sich von dem jungen hübschen
Soldaten losriss um Entschuldigung bat und davonstürzte
Dieser glaubte sie wäre krank und wollte ihr folgen
Nein Nein antwortete sie und hielt ihn zurück
Fast beschämt wurde der junge Krieger als er glaubte er hätte wohl Unrecht
getan eine so elegante Dame aufzufordern und traurig zog er sich an die Wand
zurück um denen Platz zu machen die ihren Tänzern nicht nach der ersten Tour
so spröde davongingen
Die grüne Brille irrte sich durchaus nicht wenn sie annahm dass ihrer
französischen Anrede wegen die Himmelblaue aus dem Saale eilte und ihren Tänzer
stehen ließ
Sie benutzte die Wahrnehmung und ging ihr hüstelnd nach
Die kleine Dame sah sich ängstlich um und floh förmlich
Mais ma belle rief die grüne Brille und wagte es den Arm der kleinen Dame
zu ergreifen
Dieser zitterte
O lassen Sie mich Ich schäme mich waren die Worte die an das Ohr der
grünen Brille drangen und darauf hin versuchte der Astmatische ein deutsches
Gespräch anzuknüpfen dessen gebrochene Töne auf die kleine Blaue nur noch
erschreckender wirkten
Sind Sies denn O Gott was werden Sie von mir denken rief sie als sie
Beide mehr in der entlegenen Partie des Gartens waren
Dass Sie sind ein kleiner Engel eine von den drei Grazien die verstehen zu
tanzen à merveille Machen Sie doch auf Ihre Maske kleiner Engel
Die Blaue schien nach diesen Worten zu begreifen dass sie sich doch wohl
geirrt haben mochte und viele Menschen in Frankreich wohnen die gerade hier in
Deutschland anwesend sein konnten nicht bloß der Eine Einzige von dem sie sich
zu ihrem Todesschrecken angeredet glaubte
Dennoch vertraute sie noch nicht ganz ihrer Täuschung sondern sagte mit
großer Naivetät
Es ist mir nicht im Traum eingefallen auf diesen Ball zu gehen aber meine
Freundin hat mich überredet und ihren Bitten konnt ichs nicht abschlagen
Diese rote Tänzerin sagte die grüne Brille hat sehr viel Geist zu
Unternehmungen und hat mich entzückt durch ihre Hardiesse
Hardiesse fragte die Blaue Ist Das
Die grüne Brille lachte über die Verlegenheit des Kindes und sagte
Sie kleiner Engel haben nicht so viel von Hardiesse
Der blaue Domino glaubte die grüne Brille spräche von einem Gegenstande der
Garderobe und sagte in aller Unschuld ob Das eine Mode wäre
Ha Ha Hardiesse ist eine große Mode aller Damen sagte der Franzose für
die welche besuchen die Bälle der großen Oper Ich bewundere Ihre Kostümes Es
sind Kostümes der Phantasie
Von Flor berichtigte die Kleine Es sind Ballkleider die nicht für uns
gemacht wurden Wie wir sie werden bezahlen können mag Gott wissen
Auf diese Äußerung hin musste die grüne Brille laut lachen
Die Naivetät dieser deutschen »Grisette« die sogleich eingestand dass sie
hier mit unbezahlten Kleidern auf dem Balle war machte die grüne Brille soviel
Vergnügen dass sie überdreist ja widerlich wurde und auf eine volle Börse
deutete
Mein kleines Herz sagte der Fremde komm Wir werden uns amüsiren Wir
wollen eine kleine Loge nehmen und speisen zusammen zu Nacht Und morgen früh
werd ich deine Kleider bezahlen
Als die Blaue diese Zumutung hörte und nun ihren vollen Irrtum erkannte
schien sie in eine Verzweiflung zu geraten die nicht künstlich war
Die grüne Brille hielt sie aber für künstlich schlang den Arm um die
schlanke Hüfte der gewaltsam Widerstrebenden und zerrte sie in die dunkleren
Bosketts indem er sich beugte um das halb weinende Mädchen zu küssen
Lassen Sie mich Ich rufe um Hilfe stöhnte das kleine Mädchen unter den
gewaltsamen Umarmungen des schleichenden Lüstlings
In diesem Augenblicke aber fühlte er statt eines Kusses den er auf der
rechten Wange erwartete auf der linken eine gewaltige Ohrfeige
Der rosarote Domino hatte ihn in dieser vertraulichen Form ihre weißen
Handschuhe fühlen lassen
Lachend zog die Rosarote die beängstete kleine Blaue aus des Erschrockenen
Armen und verschwand mit ihr hinter den Hecken
Die grüne Brille stand von dieser Störung sehr unangenehm überrascht da
Es entging ihr nicht dass diese Szene Zeugen gefunden hatte Man umschlich
ihn Er glaubte sogar jenen Oberkommissär zu erkennen der vorhin mit Hackert
gesprochen hatte und der ihn mit sonderbarem Blinzeln betrachtete während er
die rechte Hand in die Brusttasche steckte
Eine lustig daherkommende Gesellschaft Arm in Arm verschränkt befreite die
grüne Brille zu ihrem Glück von einer unangenehmen ferneren Beaufsichtigung
denn sie mischte sich wie zu ihnen gehörend unter die jubelnden Sänger die
auch seinen erwachenden Husten deckten
Hurrah riefen diese ihre Hüte schwenkend und zogen mit kleinen
chinesischen Traglampen unter den Bäumen vorüber Unter ihnen Mädchen leicht
und behend Hinterher schwerer Tretende in Reitstiefeln die entweder wirklich
ihr übliches Kostüme angelassen hatten oder dies nur trugen um Das zu scheinen
was sie vielleicht nicht waren dabei wurden Flaschen Gläser Hüte geschwenkt
und Lieder halb angestimmt halb wieder mit rauen Dissonanzen abgebrochen
Oberkommissär Pax fragte eine neben ihm stehende gleichfalls sehr
zugeknöpfte Person
Ah guten Abend Herr Assessor Müller Sehen Sie sich auch dies Treiben
an Wer sind diese
Der Angeredete der nicht bloß zum Vergnügen anwesend war antwortete
Der sogenannte Jockeiklub
Aus der Schlossstrasse doch nicht
Nein nein die wirklichen Jockeis die sich wie ihre Herren auch zu einem
Verein gebildet haben
Die wüsten Bursche Ich kannte Einige von Lasally nicht wahr
Die mit den kleinen Reitgerten Eingebildete Schlingel die sich in ihren
kurzen Jacken und Schnüren für schön halten In Schnurjacken durften sie
natürlich nicht kommen aber Sporen und Reitgerten haben sie doch an den Füßen
Zu tanzen ist ihnen mit Sporen verboten worden Deshalb lärmen sie hier herum
Wer mögen nur die eleganten Herren sein die mit den Wandstablers dort
angebunden haben
Kann ich nicht sagen Sie sind schon lange mit ihnen im Gespräch
Die koketten Mädchen wollen heiraten deshalb tanzen sie nicht und binden
lieber solide Verhältnisse an
Müssen sie denn aus dem Hohenbergschen Palais fragte der Assessor Müller
der auf der Polizei die ersten Verhöre führte und von Hackert wie wir uns
entsinnen werden auf der Landstraße in der Blouse des Prinzen Egon vermutet
wurde
Wenn der Prinz wieder gesund wird gewiss sagte Pax Jede neue Regierung
stürzt die Kreaturen der alten
Ich habe die Wandstablers gefragt der communistische Franzose ist wirklich
nur des Prinzen wegen von Paris gekommen Wenn der Prinz gesund wird werden
wir schöne Sachen erleben Der Polizeipräsident schüttelte den Kopf über diese
Verbindung
Auf Bällen und bei den Arbeitern sieht man den Franzosen noch nicht darin
waren die pariser Berichte falsch
Angekündigt ist Herr Armand im Maschinenbauverein sagte der unterrichtete
Assessor Müller Ich glaubte vorhin ihn sogar hier zu entdecken Aber es ist
ein Andrer Wer mag nur hinter der grünen Brille stecken
Es scheint ein Mädchenjäger zu sein Politik treibt der nicht Auch passt das
Signalement nicht
Hat man von Nr 2 noch nichts beobachtet ein Signalement das uns durch
gesandtschaftliche Vermittlung über England so dringend anempfohlen wurde
Von der schwarzen Binde Noch nichts
Sie kommt her behalten Sie ja das Signalement vor Augen Kümmerlein und
Mullrich auf der Sternwarte sollen alle Tänzer fixiren
Sechs und fünfzig Jahre und noch tanzen Herr Assessor
Wer sich so mit Gewalt jung macht So seine Züge versteckt So sich an die
Weiber hängt Friseur Schmidt behauptet er hätte einen kahlen Schädel
Begierig bin ich für wen er beim Juwelier Israëli die vielen Ketten und
Brochen gekauft hat
Ein Engländer ists nicht und wenn er zehnmal Murray heißt und amerikanische
Piaster ausgibt
Pst Herr Assessor treten Sie gefälligst zur Seite Es kommt da Einer Mit
Dem hab ich zu sprechen
Hackert sagte der Assessor Müller lachend Angeln Sie immer noch nach ihm
Der Narr soll in Güte kommen dass man ihn nicht einmal mit Gewalt holt
Der Assessor entfernte sich und der Oberkommissär trat auf Hackert zu der
in großer Aufregung suchend umsichblickend daherkam
Nun sagte Pax wen suchen Sie denn Ihre Rote Was ist denn Das für ein
Paradiesvogel
Das frag ich Sie So bin ich nie geneckt worden sagte Hackert atemlos
Mitten im Tanz ist sie von mir fort dem Soldaten der mit der Blauen tanzte
gings ebenso Der sucht die Blaue ich die Rote verdammte Fledermäuse
Schonen Sie sich Hackert Sie lassen einmal recht wieder die Zügel
schießen Vor zwei Jahren waren Sie durch Ihre Tanzwut der Schwindsucht nahe
und noch geb ich nichts auf Ihre Brust
Und doch soll ich schreiben immer schreiben das niederträchtigste
Metier das nur für die alten Mönche einmal gepasst hat die ihren Bäuchen von
Herzen die Schwindsucht wünschten
Und manchmal schließen Sie sich doch ab als wollten Sie ins Kloster Die
Welt ist Ihr Schauplatz aber Sie hören nicht auf die Stimme Ihres wahren
Berufes
Ich höre schon wenn Sie mir nur nicht wieder einen Vater geben den ich
nicht mag
Und eine Schwester die Sie heiraten wollen oder schon geheiratet
Pax Ich würge Sie oder ich rufe nur Ihren Namen noch einmal und alle
Observaten schlagen den Oberkommissär nach 12 Uhr selbst tot
Die Rote ist Melanie Hackert Das erste Mal wär es nicht dass Sie
Fräulein Schlurck tiefmaskirt auf die Bälle führten Nachts schlief Alles im
Hause und Melanie schlüpfte mit Ihnen auf einen Tanzsaal den das Mädchen nur
sehen wollte nur hören wollte Das Abenteuerliche lockte sie Nicht wahr
Hackert schwieg Der Oberkommissär wusste zuviel von seiner Jugend als dass
er hätte leugnen können
Jeannette sagte er bitter Jeannette wird Ihrer Wissbegier viel erzählen
müssen Herr Pax
Da wurd es freilich schon anders als die kam fuhr Pax fort Das Mädchen
bekam Begriffe von Schicklichkeit und die Augen der Eltern setzten Brillen auf
Aus Liebe wurde ja wohl sogar Hass Nicht Aha Sie schweigen Werden Sie
vernünftig Geben Sie Das auf Schlurcks haben Engelseelen dass sie Ihnen noch
heute wie ihrem Kinde gut sind Aber Melanie geht hoch hinaus Jeannette spricht
von Fürsten Warum nicht Sie ist das schönste Mädchen in der Monarchie glaub
ich Aber Sie sollten Ihre Träumereien in den Schornstein hängen oder vielleicht
Etwas werden was sie hebt vor Schlurcks Ihnen einen Charakter gibt Verstehen
Sie Dann könnten Sie hintreten und sagen Melanie ich bin jetzt
Was
Das findet sich Raffen Sie sich zusammen kommen Sie morgen mit mir zum
Polizeipräsidenten er hat etwas für Sie Wollen Sie Schlagen Sie ein
Eben wollte der Oberkommissär aussprechen wodurch Hackerts Genie sich eine
Bahn brechen könnte eben reichte dieser mechanisch und träumerisch seine Hand
hin als sie wiederum von der jungen roten eleganten Tänzerin ergriffen und
dem drängenden Werber zu seinem größten eigenen Erstaunen entführt wurde
Der blaue Domino hing schon halb widerstrebend am Arme des jungen hübschen
Soldaten
Der Oberkommissär von der Keckheit jener Unterbrechungen jetzt selbst
unangenehm berührt folgte den zum Saale fliegenden beiden eleganten Tänzerinnen
nun mit beschleunigten und wie zu irgend etwas entschlossenen Schritten
Elftes Kapitel
Der rote Domino
Welch ein Gegensatz zu jenem rauschenden Gewühl der Sinnenlust der
Vergnügungswut und des gedankenlosen Übermasses der Freude die dicht daneben
befindliche große Willingsche Maschinenfabrik
Am Tage rauscht es lärmt es und tobt es auch hier
Da steigen schwarze Wolken aus zehn turmhohen Schornsteinen die
Eisenhämmer dröhnen aus den gewaltigen Werkstätten in den Glühöfen siedet es
der große Ventilator mit dem gegen hundert Schmiedefeuer zu immer lichterloher
Glut geblasen werden stößt ächzende singende Töne aus und zu dieser Musik der
menschlichen Arbeit und des die Materie bewältigenden Gedankens wiehern die
Rosse die achtspännig die hier gebauten Locomotiven in die entferntesten
Gegenden führen um Kunde zu geben von der gewaltigen Tätigkeit vereinter
Menschenhände und der gefesselten Naturkräfte
Aber auch ein schlafender Riese schnarcht nicht wie ein gewöhnlicher Mensch
Die Hämmer wurden zwar jetzt um zwölf Uhr in der Nacht nicht geschwungen
die furchtbaren Raspeln dröhnten nicht markerschütternd in den Werkstätten der
helle Metallklang der hohlen Cylinder erscholl nicht dazwischen vielleicht
wohllautend für das abgestumpfte Ohr und doch war der Riese in seiner gewohnten
Tätigkeit nicht ganz erstorben Er schlummerte nur um neue Kraft zu sammeln
Auch im Schlummer hielt er seine starke Hand geballt und zuckte zuweilen mit den
Augenliedern als träumt er von neuen Heldentaten Sein Schnarchen war wie das
lebendige Atmen gewöhnlicher Menschen
In den Schmelzöfen ging die Glut die ganze Nacht nicht aus Die langen
Schornsteine durften nicht kalt werden Die große Dampfmaschine die das Gebläse
zu den Cupolöfen der Eisengiesserei trieb ruhte nicht In langsam feierlicher
Bewegung gingen ihre Hebel und Stempel auf und abwärts und hielten jene
furchtbare Kraft gleichsam in gelindem Atem die in der Frühe um sechs Uhr
wieder gewaltig ausholen und wie mit vollen Lungen vereint die Kraft von tausend
Menschen ersetzen sollte Die Nachtarbeiter lösten sich ab Bei den Vorräten
der Koaks der Steinkohlen der Holzkohlen fanden sich Wächter ebenso wie in der
angrenzenden Gasanstalt durch deren unterirdische Röhren die ganze Fabrik in
Winterabenden durch tausend Gasflammen erhellt war und auch im Sommer für die
Nächte die Bewachung erleichtern mussten In den Schmelzöfen und an dem Druckwerk
des großen Ventilators überall kauert sich ein Wächter der gelinde und
langsam das Tagewerk vorbereitet und die gewaltigen Kräfte nicht zu völliger
Ruhe kommen lässt
Dicht an einem riesigen Krahnen vorbei an einem Brunnen der aus einem
großen viereckigen Turme dem großen Wasserbehälter fließt und nur ein Zeichen
der vielen Wasserarme ist die hier unterirdisch in alle Werkstätten fließen und
überall nur durch einen umgedrehten Hahn jeder einzelnen Tätigkeit dies immer
notwendige Element zuführen erhebt sich ein freundliches Gebäude mit großen
bis zur Erde herabgehenden Fenstern
Hier im Mittelpunkt des Ganzen ist das Komptoir wo die Bestellungen
angenommen die Bücher geführt die Zahlungen geleistet werden
Durch die großen Glasfenster kann man von allen Seiten die gewaltige Anlage
übersehen Hier liegen nur die Glühöfen in der Nähe nicht die Werkstätten wo
das Eisen seine tausendfachen Formen empfängt und der Lärm zu groß gewesen sein
würde um nicht die Arbeit der Feder die die Arbeit der Hand und des Dampfes
hier zu controliren hatte zu stören Hier war der Unternehmer Willing von
Technikern und Buchführern umgeben und beherrschte durch eine einfache
freundliche besonnene nicht im Mindesten diktatorische oder sich in die Brust
werfende und doch mächtige Persönlichkeit das große vulkanische Reich
Auch in dieser Nacht während in der Fortuna die Trompete schmetterte und
die Pauke ihre Wirbel schlug war es zwar ruhig auf den vom Sternenlicht matt
erhellten großen Höfen der Fabrik aber im Innern heute lebendiger als sonst in
der Nacht
In jenem Komptoir beschienen von dem blutroten Abglanz der
danebenstehenden in Tätigkeit erhaltenen Esse sitzt eine Anzahl Männer in
verschiedenen Gruppen zusammen
Es ist ein Uhr Nachts und zwei Gasflammen brennen noch so rein und hell auf
einem grünen Tisch dass sie die Vorstellung etwaigen baldigen Erlöschens nicht
erwecken
Einige Flaschen Wein von denen zwei geleert stehen auf dem Tisch auch
Braten auch Brot auch feineres Gebäck als hätte sich ein Leckermund hierher
verirrt
In einem Nebenzimmer dem abgeschlossenen Kabinet des Herrn Willing brennt
gleichfalls eine Gasflamme über einem großen grünbezogenen Stehpult vor dem
eben Herr Willing selbst auf einem emporgeschraubten Drehsessel jetzt sitzt um
sich nicht zu übermüden
Er raucht eine Zigarre nach der andern während er rechnet und von einer
Menge vor ihm ausgebreiteter Zeichnungen bald diese bald jene genauer
betrachtet und in ihrem Kostenanschlage zu taxiren scheint
In dem großen Raume vorher sitzen an dem grünen Tische bei dem einfachen
Nachtimbiss zwei Männer der Eine jünger als der Andre und sind in einem warmen
angeregten Gespräche begriffen
Auch der Jüngere raucht Der Ältere aber ein hoher stattlicher Mann spielt
mit einem silbernen Crayon das er aus einer neben ihm liegenden Brieftasche
gezogen zu haben scheint Noch liegen viele Zeichnungen auch einige englische
Bücher mit eingedruckten Kupfern neben ihm
In einem Winkel liegen drei schwarzrussige Feuerarbeiter auf dem Boden und
sind vom halben Schlafe befangen In einer Stunde schon werden sie wohl
aufspringen und ihre Kameraden an dem Glühofen ablösen müssen dessen Schein
lebhaft ihr Lager auf Matratzen erhellt und einen andern dunkeln Winkel des
großen Zimmers wo auf einem Sopha ein Knabe eingeschlummert liegt mit dem wie
magisch vom Hofe hereinbrechenden Lichte überglüht
Am Eingange der großen Glastür steht ein einspänniger ziemlich bepackter
Wagen mit aufgerichteter Gabel ohne Pferd
Der jüngere Mann der eben aus der dritten Flasche einschenkt und von der
Zigarre die Asche am Stuhlrande abdrückt blickt aus einem scharf geschnittenen
sarkastischen zusammengetrockneten Antlitz mit Augen die so hell blitzen dass
es uns gar nicht wundern würde wenn er nach einer wie es scheint jetzt
vollbrachten späten Arbeit noch auf den Fortunaball ginge Er strich sich sein
struppiges etwas langes Haar und den großen blonden Knebelbart den er bis zu
einer solchen Länge trug dass er ihn leicht hätte in Knoten schürzen können Es
war dies der Maler Max Leidenfrost
Sein Gegenüber der noch immer sinnend und nachdenklich seinen silbernen
Crayon wiegt und zuweilen nach dem schlummernden Knaben auf dem roterleuchteten
Sopha blickt ist Ackermann Selmar hatte in jenem Winkel dem Schlafe nicht
widerstehen können
Das hat lange gedauert sagte Ackermann Ich glaubte nicht dass uns die
Garretsche Hebelsäemaschine so lange aufhalten würde
In die hab ich mich leichter gefunden sagte Leidenfrost als in Ihren
tollen Cincinnatipflug Mit dem müssen Sie ja in die Erde hineinschneiden wie
mit einem Rasirmesser in frische Butter
Es kommt auf den Boden an sagte Ackermann Überall würde er nicht zu
gebrauchen sein wie denn überhaupt die Landwirte darin fehlen dass sie
teoretische Verbesserungen für überall anwendbar halten Der Cincinnatipflug
soll mir auf moorigem Grunde vortreffliche Dienste tun während ich für kalkige
Gegenden mit der Zeichnung 14 besser fortkomme
Darf ich Ihnen einschenken Herr Ackermann
Ich danke Wenn ich in geistiger Anregung bin ist mir eigentlich das
Element des Wassers lieber
Sie sprechen über die Bestimmung dieser Maschinen die Ihnen Freund Willing
liefern soll so feierlich dass auf ihnen ein Segen ruhen muss Gebe der Himmel
dass Sie sich nicht täuschen
Leidenfrost schüttete ein Glas hinunter
Amen sagte Ackermann
Mir hat es immer einen wehmütigen Eindruck gemacht fuhr Leidenfrost fort
wenn ich eine Maschine fertig sah und mir ihre Anwendung dachte Sie kommt an
den Ort ihrer Bestimmung Macht sie Menschenhände brotlos so wird sie
betrachtet wie ein ruchloser Eindringling Mit tausend Flüchen beladen geht sie
an ihre Tätigkeit und leider haben wir die Erfahrung gemacht je geistvoller
sie zusammengesetzt ist je größer die Vorteile sind die sie zu versprechen
schien desto mislicher die Enttäuschung Man sollte große Werkstätten seis
nun im Ackerbau oder in der Technologie von Staatswegen nur deshalb anlegen
damit auf allgemeine Kosten vorher untersucht wird ob ein solcher teoretischer
Traum sich auch der Anwendung lohnt und bewährt Ich gestehe Ihnen wenn ich mir
denke dass alles Das oder nur ein Teil von Dem was Sie so wahrhaft neu und
erfinderisch uns heute hier angegeben haben sich nicht nach Ihren Wünschen
machte mir Das wahrhaft leid tun würde Denn Sie sehen an der späten
Nachtstunde mit welchem Vergnügen ich Ihren gedankenreichen Angaben gefolgt
bin
Was verlangen Sie da vom Staat sagte Ackermann Selbst erforschen auf eigne
Gefahr und Kosten was Andern schädlich oder nützlich sein könnte O mein Gott
Geschieht Das nicht wenigstens in Amerika
Auch da nicht Das Leben ist uns Menschen gegeben wie ein roher Block den
wir auf eigene Gefahr zu formen und zu gestalten haben Wer seine Wünsche
erreicht wohl ihm Wer an ihrer Erfüllung scheitert sein Beispiel ist
belehrend für Den der auf seinen Trümmern weiter baut
Grässlich ists doch
Das ists
Ließ es sich bessern
Annähernd
Warum nicht ganz
Weil alle unsre Staaten egoistisch sind Die eingefleischtesten IchStaaten
sind erst die asiatischen Nach ihnen kommen die europäischen und ich weiß
nicht ob nicht noch in Asien mehr Garantie des allgemeinen Wohles vorhanden
ist Denn die Dynastieen morden sich da und können die Staaten nicht auf die
Dauer für ihr Eigentum in Anspruch nehmen
Aber Amerika
Da ist man wenigstens verschont von dem Glauben dass die Staaten die
Emanationen irdischer Fürstenerscheinungen die notwendigen Existenzbedingungen
noch notwendigerer Dynastieen sind Aber jede Gesellschaft wenn sie auch auf
das Interesse der allgemeinsten Wohlfahrt begründet wäre bekommt auf die Länge
ihre Traditionen ihre besonderen Überlieferungen die sich festsetzen Form und
Gestalt gewinnen und Gesetze aufstellen die mit der Zeit mächtiger werden als
das allgemeine Bedürfnis Das schaffende Individuum vollends wird sich immer
erst seinen Weg bahnen müssen und durch seine eigenen Unglücksfälle weise
werden Ists im Moralischen nicht auch so
Sie haben eine trübe Lebensauffassung bemerkte Leidenfrost
Ich erheitre sie mir durch die Natur und die Arbeit
Ihrem Knaben werden Sie zuviel Philosophie mit auf den Weg geben Man liebt
als Kind die Väter sehr die zu leiden scheinen aber sie fördern uns nicht
Ins praktische Leben damit Mir ists so gegangen Ich habe nicht gewusst was
Vater und Mutter ist Ich bin in einem polnischen Nonnenkloster erzogen
obgleich ich gar nicht katholisch bin Da wurde ich anfangs wohl verhätschelt und
verzärtelt Dann gab man mich in Warschau in ein Priestercollegium ich sollte
convertiren Mönch werden Ich brachte mit Nichtstun mit Beten Singen Lesen
Schreiben Administriren beim Hochdienst obgleich ich evangelisch war bis in
mein fünfzehntes Jahr zu Da sollt ich zu den Weihen vorbereitet werden es
war in Warschau ich entfloh ward erst Bedienter bei einem reichen russischen
Diplomaten einem gewissen Otto von Dystra einem geistreichen buckligen Mann
der mich nur aus Lust an dem Abenteuer und um die Mönche um eine Seele zu
prellen mitnahm dann
Otto von Dystra sagte Ackermann er ist jetzt russischer Konsul in
Amerika
Sie kennen ihn
Von Washington her
Nun wohl Wir reisten damals von Warschau bei Nacht und Nebel davon Hier
angekommen sagte er Mein lieber Max hier hast du hundert Louisdors Zum
Mönch bist du zu verschmitzt zum Bedienten zu dumm lerne etwas und tummle
dich Als Kind schon hatt ich Heilige geschnitzt und den Erlöser aus Brotkrumen
gedreht ich ging also bei einem Drechsler in die Lehre Bald macht ich
einiges Aufsehen durch meine Bildhauerarbeiten von Holz ich war damals so
geschmacklos sie zu bemalen Aber weil die protestantisch und
ästetischgesinnten Leute hier sie nun nicht mehr mochten glaubt ich es läge
an meiner Unkenntnis der Farbe so wurd ich Maler die Malerei hab ich dann
mit Leidenschaft erfasst bin aber doch Alles durcheinander und ich kann wohl
mit einigem Stolz sagen in keinem Dinge das ich ergreife ein ganzer
Pfuscher Die Erziehung soll uns das Rüstzeug für gute und schlechte Zeiten
geben Ich besitze durch fremde Güte und Liebe einiges Vermögen ich lasse es
stehen wo es steht ich will es erst in Anspruch nehmen wenn diese Hände
lahm diese Füße müde sind
Ich danke Ihnen für diese interessante Biographie sagte Ackermann voll
Teilnahme und gab Leidenfrost die Hand Sie meinen dass ich melancholisch bin
weil ich so wenig Wein trinke Darauf schenken Sie ein und stoßen an Es lebe
das Leben
Das Leben Das bunte Leben Die Schule des Lebens sagte Leidenfrost und
ergriff die Flasche um Ackermanns Glas bis an den Rand zu füllen
Als sie angeklungen hatten erhob sich Leidenfrost der sehr aufgeregt war
und ging zu Willing hinein der zu ihm ohne aufzublicken lachend sagte
Da bist du nun schön angekommen Wärst sicher lieber auf dem Fortunaball
drüben und musst hier Zeichnungen machen und meine Kalcüls vergleichen bis nach
Mitternacht
Ein wunderlicher Mensch dieser Amerikaner sagte Leidenfrost mit gedämpfter
Stimme aber so seltsam wie ein Prophet Er hat mich gefesselt und ich bleibe so
lange bis du zusammengerechnet hast was alle diese Angaben etwa kosten würden
Ich will seine Miene sehen wenn du eine Garantie verlangst
Wär ich reich sagte Willing und müsst ich nicht mit fremdem Gelde arbeiten
und soviel arbeiten um nur arbeiten zu lassen ich könnte mich entschließen
ihm auch auf Treu und Glauben diese Maschinen auszuführen Der Verlust brächte
immer noch den reichen Gewinn der Belehrung für meine Techniker Wie er in dem
Einspänner vorfuhr und mit der ruhigen Haltung eines Ministers fragte ob ich
Zeit hätte ihm Maschinen zu bauen und ich Ja sagte Zeit genug wenn es keine
Locomotiven und nur kleine Sachen sind Wie er dann sagte Ob ich ihm den
Abend schenken wollte um seine Pläne anzuhören und ich dann antwortete Gern
aber ich muss zu meinem besten Zeichner schicken
Leidenfrost wollte eben das ihm gespendete Lob ablehnen als Ackermann näher
trat Er hatte einen kurzen Gang durch das große Zimmer gemacht einen
teilnehmenden Blick auf seinen schlummernden Selmar geworfen und stellte sich
die Hände auf den Rücken gelehnt an die Eingangstür die in das kleine Kabinet
des Fabrikanten führte
Es läuft wohl hoch hinauf sagte er gespannt als Leidenfrost schwieg und er
ein Gespräch nicht zu stören glaubte
Es ist nicht leicht sich jeden Anschlag ganz zu vergegenwärtigen
antwortete Willing Wenn Sie noch eine halbe Stunde Zeit haben
Ich raube Ihnen die Nacht Ich schäme mich Ihnen zudringlich zu erscheinen
Wenn Sie sagen dass Sie Eile haben und noch diese Nacht reisen wollen
Bestellungen die auf mehr als tausend Taler gehen nimmt man auch bei Nacht
an
Während Willing fortrechnete und sich Ackermann und Leidenfrost vom Kabinet
entfernten sagte der vielseitige Maler
Warum eilen Sie so Bietet Ihnen die Hauptstadt Ihres Vaterlandes nach so
langer Trennung nicht mehr Zerstreuung nicht mehr Gelegenheit das inzwischen
entstandene Neue zu besichtigen Und wenn Sie nicht für sich bleiben bleiben
Sie für Ihren Jungen da
Ich habe gleich bei meiner Ankunft sagte Ackermann bewegt einen für mich
sehr empfindlichen Schmerz angetroffen die Krankheit eines mir sehr teuren
Menschen des jungen Prinzen Egon kennen Sie ihn
Er ist seit kurzem von Paris angekommen Ich kenne ihn nicht
Er liegt am Nervenfieber so heftig darnieder fuhr Ackermann fort dass ich
die fernere Entwickelung dieses Leidens nicht abwarten mag Seine Güter gerade
sind es die ich in Pacht genommen habe und auf denen ich meine Erfahrungen
geltend zu machen hoffe Nichts ist unterwühlender als von der Pein einer
ängstlichen Spannung täglich gefoltert zu werden Gefasst auf das Äußerste
unvermögend zu helfen geh ich Auch weiß ich nicht ob Sie mich darin
verstehen Wenn Jemand jahrelang von der Heimat abwesend war und er sieht sie in
der Absicht wieder sich nicht bloß der Erinnerung gefangen zu geben sondern
auf ihrem Boden auch zu wirken und zu schaffen so soll man der Erregung des
Gemütes keine zu lange Herrschaft einräumen Ich brauche meine Vorsätze Sie
sind meine Stütze Ich brauche meine Lebensauffassungen wie ich sie mir nun
einmal gebildet habe Sie sind meine feste Anlehnung Soll ich nun hier all den
Menschen begegnen die ich von früher kenne ja liebe achte aber ich
fürchte mich an sie und sie an mich zu verlieren Such ich den Einen so wär
es lieblos nicht auch den Andern zu suchen Tät ich nun Das so fänd ich
kein Ende und von meinen ernsten Aufgaben käm ich ganz ab Deshalb hab ich
mich entschlossen dies Wiedersehen und Wiederbegrüssen dies Erinnern und
Gedenken auf eine Zeit aufzusparen wo ich mich schon wieder fester in dieser
alten Welt eingewurzelt fühle Ich will rasch ohne Zögern an die Aufgabe
gehen die mir fürs Erste die wichtigste istLeidenfrost konnte nicht umhin
diese Absich vollkommen zu billigen und zu erklären dass er im gleichen Falle
ganz ebenso handeln würde
Sie sind also Maler hör ich mit Erstaunen bemerkte Ackermann als sie
sich wieder gesetzt hatten
Dass Sie aber auch mehr als Ökonom sind glaub ich gleichfalls erraten zu
können antwortete Leidenfrost
Allerdings sagte Ackermann ich bin meines Zeichens ein Stubengelehrter
ein gelernter Jurist dann Philosoph Politiker ich habe Vieles wie Sie
durcheinander studiert bis ich von allen meinen idealen Flügen auf die alte
Muttererde zurückkam Allein zu allen Zeiten bin ich doch immer nur sozusagen
Eins gewesen Sie arbeiten aber à deux mains
Doch nicht sagte Leidenfrost Ich war immer Künstler wie Sie vielleicht
immer Denker Ich habe als ich im Kloster unter den Nonnen war schon Häuser
von Pappe gebaut Kästchen für die kleinen zierlichen Ostereier die die Damen
vom Herzen Jesu mit Seide umspannen und mit Goldfäden ausschmückten Dann gab
mich Äbtissin Sibylle damit ich ein Pole und ein Katholik würde nach Warschau
in ein Mönchskloster wo ich Musik trieb und die alten Gebetbücher abschreiben
lernte wobei ich zuerst mein Zeichnentalent in den bunten geschnörkelten
Initialen zu erkennen gab Bei gewissen geistlichen Passionen die wir in der
Charwoche und zur Weihnachtszeit aufführten war ich Schauspieler Die Zeit wo
ich Dichter war überspring ich Es ist die Zeit einer hoffnungslosen Liebe
Auch meine Bedientenrolle bei Otto von Dystra war eine Kunstaufgabe Ich wollte
nur aus Polen entfliehen unbekannt sein und meine Verzweiflung im Elend
ersticken Der bucklige Baron war ein Sonderling
Er ist es noch sagte Ackermann
Er liebte alle möglichen Raritäten für die er ein ungeheures Geld
verschwendete Damals hatte er es mit der vor fünfzehn Jahren etwa zum ersten
male auftauchenden Phrenologie zu tun Wo er einen interessanten Schädel
entdeckte hätt er am liebsten den Kopf gleich abgeschlagen und mitgenommen
Wie er in Niniveh die alten Tempeltrümmer mitnahm ergänzte Ackermann der
diesen berühmten Reisenden Otto von Dystra genau zu kennen schien
Da sich diese Scharfrichterei aber nicht gut ausführen ließ fuhr
Leidenfrost fort so formt ich ihm die Köpfe rasch aus Ton Er gab mir die
hundert Louisdors um Bildhauer zu werden ich war bescheiden und wurde erst
Drechsler bis sich der gährende brausende Künstlerdrang nicht mehr halten ließ
und ich plötzlich Bildhauer Maler Architekt Mechaniker war Die
Maschinenbaukunde verträgt sich vollkommen mit meiner Natur die in der Kunst
nichts Träumerisches sondern etwas Reelles sieht Wir haben zu vielen Dingen
zu gleicher Zeit Talent Der Mensch hat viel mehr als an jeder Hand nur fünf
Finger er sieht sie nur nicht alle
Das ist wahr antwortete Ackermann sehr befriedigt von dieser Bemerkung Es
juckt uns oft in Fingern die wir nicht haben und wenn ich schlechte Musik
hörte kribbelte es mir in allen Nerven bessere zu machen obgleich ich nur
etwas Klavier spiele und auf einer italienischen Reise Guitarre klimperte
Jedoch die mechanische Fertigkeit der fünf Finger das ist etwas Anderes Das
lässt sich doch nur an diesen allein üben und deshalb erstaun ich dass Sie Maler
und zugleich Techniker sind
Ich besuche Sie einmal auf Ihren Dörfern und wenn die Maschinen anschlagen
und es abwerfen bau ich Ihnen noch eine Villa nach meinem Geschmack
Ich halte Sie beim Wort sagte Ackermann erfreut Allein Eins nimmt mich
doch Wunder Wie machen Sie es bei solcher Vielseitigkeit mit Ihrem Horizonte
Die Anschauung eines Kunstateliers ist doch auch fürs Leben eine andere als
die einer Maschinenfabrik
Glauben Sie Das nicht sagte Leidenfrost Unsere Maler sind nur meist so
toll sich einen ganz kleinen Horizont abzuzirkeln zu dem sie aufblicken Den
nennen sie das Ideal Woher käme denn anders die eunuchenhafte
Erfindungslosigkeit unserer Schulen wenn die jungen Bursche die Leinwand
vollklexen nicht mit Gewalt in eine kleine Treibhauswelt eingepfercht würden
wo sie immer vom Schönen vom Schönen sprechen und es nur in ein paar Begriffen
finden
Die Bibel zB ist doch ein großer Begriff sagte Ackermann
O ja die Begriffswelt dieser Maler ist sogar noch ein klein wenig größer
denn zur Bibel kommt noch bei ihnen ein deutsches Legendenbuch ein paar
Volksbücher die Nibelungen Petiskus Mythologie voilà tout Ist Das nun
wirklich das Leben
Gut erwiderte Ackermann sagen Sie dass dieser Horizont klein ist aber er
ist rein er ist edel ungeschwärzt Nicht die Weite der Anschauungen ist es
die den Künstler beglückt sondern ihre Durchsichtigkeit und Klarheit Sind Sie
nun zB in dem Qualm einer Feueresse derselbe Mensch der Sie mit der Palette
in der Hand sein sollten
Ich heize ja hier nicht die Öfen meinte Leidenfrost lachend
Sie zeichnen hier nur Aber Sie haben matematische Anschauungen Geht denn
die trockene Mathematik in den Kopf eines Malers
Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer waren große Matematiker und wohl dem
Maler dem man ansieht dass er weiß was wage und lotrecht ist
Nun wohl sagte Ackermann und bot Leidenfrost die Hand ich streite nur um
zu streiten Ich fühle mich vollkommen hinein in Das was Sie denken Ich habe
Deutschland zu einer Zeit verlassen wo die Romantik alle unsere Anschauungen
mit einer Art Heiligenschein umgab England und Amerika boten mir dagegen so
viel Realismus so viel Ernüchterung dass ich manchmal den Versuch machte in
meinen alten romantischen Verklärungsdämmer wieder zurückzukommen Es ist aber
wahr man kann bei gesundem Sinne nicht zu lange in ihm verweilen
Indem schlug es bereits ein Uhr an einer im großen Wasserturme angebrachten
Uhr
Die Tür die vom Hofe führte öffnete sich nun und drei russige kräftige
Gestalten traten mit einem sehr frühen Guten Morgen herein während die Drei
die auf der Matratze geschlafen hatten sich anschickten statt der Angekommenen
hinauszugehen
Es war eine Ablösung der Wachen
Einen Trunk erst rief Leidenfrost und schenkte den abgehenden Männern ein
Diese leerten Jeder ein Glas und empfahlen sich freundlich ohne Kriecherei
und unverdrossen
Nun Alberti sagte Leidenfrost zu einem der Neuangekommenen der sich eben
etwas zu ruhen ausstreckte es macht wohl verdammt heiß bei den Koaks Soll
morgen viel in die Schmelze
Funfzehn Centner Roheisen antwortete der Angeredete Aber ich wette fuhr
er scherzend fort drüben in dem großen Saale der Fortuna haben sies fast eben
so heiß Zwei Tausend Menschen sollen da den Spektakel heute mitmachen
Sind wohl aus der Fabrik welche drüben fragte Leidenfrost
Glaub ich doch nicht sagte Alberti
Es hat einen Grund setzte lachend der Zweite hinzu
Nun Heusrück welchen denn fragte Leidenfrost
Übermorgen ist erst Zahltag
Deswegen nur erwiderte Alberti Welcher brave Maschinenarbeiter wird solche
Narrenspossen mitmachen
Wer Zeit hat des Abends geht in den Verein Die alten Tanz und
JuchheiZeiten sind vorbei
Das wollt ich auch meinen sagte der Dritte eine große wunderlich
geformte Gestalt ganz ärgerlich über Heusrücks Annahme dass Maschinenarbeiter
auf den Fortunaball gingen Da mögen Bediente Pferdeknechte Schneider
Lohnlakaien und Stiefelputzer hingehen Selbst die Barbiere sind aufgeklärter
und wollen sich von den Friseuren unterscheiden Wenigstens darf mir keiner an
den Hals der von einer durchtanzten Nacht das Zittern in der Hand hat
Ei Danebrand sagte Leidenfrost das ist ja löblich Glatter Bart und
moralische Grundsätze Aber wie kommts denn dass Ihr so lange nicht im Verein
wart
Kann ja nicht antwortete der seltsame Mensch der zu groß war um ihn nur
breitschulterig und stämmig zu nennen aber bei seinem schlanken Wuchse doch
unverhältnissmässig hohe Schultern hatte Muss ja so lange für den Eisold
einstehen bis sein Karl heran ist und die Stelle des Vaters einnehmen kann
Braves Haus das Ihr seid Danebrand fiel Leidenfrost ein und wandte sich
zu Ackermann der zuhörte Dieser gute Danebrand sagte er so laut dass
Danebrand es hören konnte ein Schleswiger wie Sie nach seiner sanften
flötenden Lispelsprache vernommen haben werden dieser brave Junge mit dem
Simsonskörper und dem zarten Stimmchen das ihm auch in seinen zu hohen
Schultern sitzen geblieben scheint ist die Menschenliebe selbst Er arbeitet
erstens für sich und Das muss nicht wenig sein wenn Sie bedenken dass Freund
Danebrand einem schleswigschen Stiere den Appetit streitig macht Zweitens
arbeitet er noch in Gemeinschaft mit einem jungen Lehrling Namens Eisold so
viel als früher zusammen der verstorbene Vater des jungen Eisold allein
arbeitete
Warum tut er Das fragte Ackermann freundlich zu Danebrand hinüber
blickend
Weil er dem jungen Eisold die Stelle des Vaters offen halten will bis er
sie allein ausfüllen kann Arbeitete er nicht für den toten Vater mit so würde
man schon jetzt die Stelle des Verstorbenen besetzen Das wird vielleicht Eure
Schultern schmaler machen Danebrand Ihr werdet viel schanzen müssen
Alberti und Heusrück lachten Danebrand aber streckte sich auf die Matratze
an der Erde und sagte den riesenhaften blondhaarigen Kopf zur Ruhe auf die
Arme legend die wie die ganze Gestalt mit Russ und Dampf geschwärzt waren
auch das Gesicht ließ sich vor Kohlenschwärze nicht erkennen
Was wird der Herr von mir denken Er wird mich für einen Narren halten wenn
Sie ihm nicht sagen warum ich Das für den Karl Eisold tue
Nun weil er sechs Geschwister hat antwortete Leidenfrost der von den
Verhältnissen dieser Arbeiter wie ihr Freund unterrichtet war
Liebe Zeit sagte Danebrand es gibt der Arbeiter die an der Cholera
gestorben sind und sieben Kinder hinterliessen die nun betteln müssen genug
Aber es gibt gewiss nur einen Danebrand sagte Ackermann den die
Bescheidenheit des misgestalteten Feuerarbeiters rührte
O Herr antwortete dieser mit seinem spitzen schleswigschen Stimmchen
ablehnend das ist ja ganz natürlich Das war vor anderthalb Jahren als ein
großes DampfPochwerk probirt werden sollte Die Maschine ist schon im Gange und
ich weiß es nicht Der Dampf steigt aus dem Kessel und das Ding fängt zu
arbeiten an ehe ich mirs versehe Donner ich liege unten an den Stempeln und
will sie bloß nur noch blanker putzen Jesus schreien die Leute Danebrand
Schon neigt sich von oben der furchtbare Hammer von zwanzig Pferdekraft nieder
so muss einem Menschen zu Mute sein über dem ein Berg zusammenbricht Alle
schreien und nur Einer springt hinzu und reißt das Ventil auf Zischend fährt
der Dampf heraus wie ein Ungewitter der Hammer bleibt an der Spitze meiner
Haare stehen und der Arbeiter der das Ventil aufgerissen hatte war selbst
dabei gefallen und hatte sich eine Sehne zerrissen dass er sechs Wochen nicht
gehen konnte Das war Eisold der vor soviel Monaten mit seiner Frau an der
Cholera gestorben ist So arbeit ich nun so lange für ihn mit bis sein Karl so
weit ist wie der Vater
Gott segne Sie für diese dankbare Aufopferung sagte Ackermann gerührt und
zu Leidenfrosts Freude dem der wohltuende Eindruck den die Erzählung auf den
Fremden machte gefiel Doch war er zu sehr Humorist um eine Rührung zu lange
andauern zu lassen Er wandte die Sache gleich ins Scherzhafte und sagte
Wetter wenn der Danebrand sich immer so weiß waschen könnte wie ers eben
getan hat und sein Barbier ihn rasirte auf dem Fortunaball liefen ihm alle
Mädchen nach Die Wahrheit hat er erzählt Der Hammer war eben im Begriff ihm
von den Schultern das große Stück herunterzuklopfen das er zuviel hat Aber
geflunkert hat er doch Was Heusrück Alberti hat er nicht geflunkert
Freilich hat er geflunkert sagte Heusrück Er hat was ausgelassen
Was hat er denn ausgelassen fragte Ackermann mit freundlicher Teilnahme
Dass er seit Eisolds zerrissener Sehne in seine Tochter bis über die Ohren
verliebt ist ergänzte Alberti
Danebrand brummte etwas und warf sich auf die andere Seite
Ist es nicht wahr Danebrand rief Leidenfrost Jetzt tut er als wenn er
schlafen wollte Danebrand ein Glas Wein Hier auf Louise Eisold Was Was
Tut Ihr nicht Bescheid auf Louise Eisold
Indem hatte Leidenfrost eingeschenkt
Als Danebrand zögerte trank Alberti das Glas
Als es Leidenfrost noch einmal gefüllt hatte und Danebrand wieder zögerte
trank es Heusrück
Und als Danebrand auch das dritte Glas ausschlug war Leidenfrosten fast der
Mut entsunken ihn zu fragen was er gegen Louise Eisold hätte
Danebrand schien so verdrießlich so missmutig über diese Erinnerung dass er
aufstand und sagte er müsse drüben noch etwas am Ofen nachsehen
Damit ging er hinaus
Als die Andern der gewaltigen kolossalen Figur die aber in den Schultern
wirklich etwas von einem Buckligen hatte und mit dem ungeheuren Kopfe tief im
Nacken saß nachsahen fragte Leidenfrost was Das denn mit dem Danebrand wäre
Er fänd ihn überhaupt seit einiger Zeit verändert Liegt ihm sein
meerumschlungenes Vaterland am Herzen Überarbeitet er sich Was hat er fragte
Leidenfrost die beiden andern Arbeiter
Er ist unglücklich aus Liebe sagte Heusrück lachend
Das ist nicht zum Lachen bemerkte Ackermann mit freundlichem Vorwurf
Wie so denn aus Liebe fragte Leidenfrost
Ei erklärte Alberti Louise Eisold ist ein feines und sehr gebildetes
Mädchen erst neunzehn Jahr alt Seitdem Danebrand bei den Verbänden die sie am
Fuße ihres Vaters machte sie sah hat er den Mut gehabt um sie anzuhalten Er
ist gar nicht ohne Mittel hat wohlhabende Bauern zu Eltern und wäre längst
weiter gewandert wenn ihn Louise nicht »gefesselt« hätte wie man zu sagen
pflegt Sie gab ihm kein Versprechen denn bei Gott so ein braver Kerl er ist
Zum Lieben ist er nicht gegossen sagte Heusrück
Warum entgegnete Ackermann Die Liebe hat seltsame Augen und ein treues
Gemüt macht Jeden schön
Leidenfrost blickte bei dieser Bemerkung nachdenklich nieder und seufzte
Es schien auch so eine Zeit lang fuhr Alberti fort Sie gingen Sonntags mit
einander wenn die Eltern dabei waren und Danebrand kann ganz charmant sein
trotzdem dass ein tanzender Bär mehr zum Lachen als zum Lieben ist Da starben
die Eltern Nun glaubte Danebrand Louischen die Hand anbieten zu müssen und zu
dürfen aber sie schlugs ihm rund ab Sie bat ihn mit Tränen um Verzeihung
aber es kam dann bald heraus dass ihr etwas Anderes im Herzen spukt
Ist Das wirklich wahr fiel Leidenfrost ein was man von einem Menschen
erzählt der bei ihr wohnt Ich war neulich dort um den Karl Eisold zu
sprechen dem ich Bücher gebe sich mehr zu bilden
O Das nicht entgegnete Alberti
Wohnt der Schreiber nicht etwa bei ihr fiel Heusrück ein
Bei ihr Nun ja Er wohnt bei ihnen Allen Sie haben zwei Zimmer vermietet
und den Einen einen schlimmen Burschen wie man sagt soll sie gern haben und da
hat uns noch neulich Einer der in demselben Hause wohnt erzählt dass es ihr
mit dem so geht wie dem Danebrand mit ihr
Er mag sie nicht fragte Leidenfrost auf Albertis freundliche
Verteidigung
Während sich Heusrück eben anschickte das Verhältnis noch anders zu
erzählen bemerkte Alberti und Leidenfrost dass Ackermann sich plötzlich
umgewandt hatte und in einiger Unruhe schien Er sah bald auf den Tisch bald
unter den Stuhl wo er gesessen er schlug an seine Taschen und schien etwas zu
vermissen
Leidenfrost trat näher
Suchen Sie etwas fragte er
Mein Portefeuille antwortete Ackermann Noch vor wenig Minuten sah ich es
auf dem Tische
Als ich einschenkte fehlte es nicht
Es muss sich finden
Mein Himmel es wird kostbare Papiere enthalten
Geld und manches Wertvolle
Es fehlt seit Danebrand
Eben wollten die Arbeiter erschrocken über diesen entsetzlichen Verdacht
aufspringen als aus der dunklen Ecke wo Selmar schlief eine zarte Stimme
rief
Vater Hier
Es war Selmar selbst der die Brieftasche emporhielt
Kind sagte Ackermann was machst du für Streiche
Ei warum gebt Ihr nicht Acht antwortete Selmar und sprang vom Sopha auf
Während Ihr da im wärmsten Gespräch wart hab ich geträumt die Locke wäre
fort und in meiner Angst steh ich auf ihr seht und hört nichts und habe
nachgeschaut ob die Locke noch da ist
Indem trat Danebrand ein
Ruhig und still ging er zu seinen Kameraden und legte sich auf das harte
Lager
Es lag eine gewisse Feierlichkeit in diesem Momente der Rechtfertigung eines
edlen Menschen der erste Verdacht war gleich gegen ihn gerichtet gewesen er
stand in der Möglichkeit eines schlimmen Unternehmens da und wie er nach dem
sofort entdeckten Irrtume ruhig durch die Glastür trat lag auf ihm trotz
seines schmuzigen Aussehens und seiner misgeformten Gestalt fast der Schimmer
einer Verklärung
Die beiden Arbeiter fühlten Dies auch mit wahrem Stolz und Ackermann und
Leidenfrost mit Beschämung
Das Gespräch über Louise Eisold war ohnedies abgebrochen und Ackermann
begann gegen Selmar einige ernstliche Verweise auszusprechen
Vater verteidigte sich dieser ich weiß ja kaum wie mir Das geschah Ich
lag und träumte von unserer Locke Bald war sie eine Schlange geworden mit einer
funkelnden Krone auf dem Haupte Bald sah ich ein anderes Ungetüm das Härchen
für Härchen an der schönen Ringellocke zerzauste In der Angst um unser liebes
Angedenken an den armen leidenden Freund wacht ich auf tastete noch wie halb
träumend nach den Lichtern hin trug die Brieftasche fort wie in der Furcht
die Locke könnte uns doch noch gestohlen werden
Und wahrscheinlich einige Tausend Bankzettel dazu sagte Leidenfrost
scherzend um wieder die frühere Heiterkeit herzustellen und des Vaters
plötzlichen düstern Ernst zu mildern Aber in der Tat, hier hat man nur etwa
die Metallgeister zu fürchten nicht die Diebe Unsere Willingschen Arbeiter
sind die gediegensten von der Welt und sind nicht nur ehrlich aus Instinkt
sondern auch ehrlich mit Bewusstsein was ich höher stelle Der politische
Miscredit in dem sie stehen zwingt sie dazu über ihre Tugenden nachzudenken
Ackermann war von der Erwähnung der Locke mehr verstimmt als erfreut Sie
erinnerte ihn ja an den vermeintlichen Egon an dessen Leiden er ein so tiefes
Interesse nahm Er hatte das Portefeuille eingesteckt und sah ungeduldig zu
Willing hinüber der noch immer mit dem Anschlag nicht fertig war Selmar aber
schien übermäßig ermüdet Er schmiegte sich an den Vater so innig an als wollte
er in seinem Arme schlummern
Eine Studie für mich rief Leidenfrost Lear trägt Kordelien im Arm Das
möcht ich zeichnen Halt Halt
Damit wollte er ein Blatt aus seiner Mappe nehmen
Erschein ich Ihnen so alt fragte Ackermann mit freundlichem Scherz
Die langen im Winde flatternden weißen Locken denk ich mir hinzu Selmar
ist Kordelia dazu bedarf es nur eines andern Kostümes aber der Ausdruck
Ihres Antlitzes Ihr Auge man möchte glauben Aber was habt Ihr Herr das
Kind schläft ja nur ist ja nicht tot lassen Sies doch gut sein ich zeichne
Sie nicht Herr Ackermann
Der Amerikaner hatte wirklich mit einem Ausdruck dagestanden wie Lear
indem er von seinem »toten Vögelchen« spricht und die Menschen auffodert mit
ihm zu weinen
Nehmen Sie wie König Lear eine leichte Flocke sagte Leidenfrost scherzend
einen Federflaum und halten Sie ihn unter dem Atem des Kindes es schläft ja
nur Bester
Ackermann setzte sich erschöpft und sprach mit leiser Stimme
Schon die Vorstellung ein teures Kind zu verlieren kann so überwältigen
Selmar aber im Halbschlafe Leidenfrosts Anspielung auf die Federflocke
wie sie Lear bei Kordelien anwendet misverstehend fuhr empor und fragte
Du hast sie doch Hast du sie
Kind Kind beruhige dich und mich sagte Ackermann Selmar damit zum
Schweigen verweisend
Leidenfrost aber meinte ob es unbescheiden wäre nach dieser teuren so
ängstlich bewachten Locke zu fragen
O sagte Ackermann mit einer Art Selbstbekämpfung weniger die Locke hat für
uns Wert als die sonderbare Art wie ich zu ihr kam Vor einigen Tagen kehrt
ich unterwegs in einem Wirtshause ein wo mir die Leute mit sonderbarer Angst
von einem jungen Manne sprachen der sich auf der Reise zu uns gesellt hatte
Der Nachtwandler riefen sie so deutlich dass ich ihr Grauen bemerken musste Bei
genauerer Erkundigung hört ich dass der junge Mensch der sich uns zutraulich
und doch scheu angeschlossen hatte an dieser traurigen Krankheit leide Es ließ
uns die ganze Nacht keine Ruhe Als ich gegen Mitternacht Geräusch zu hören
glaubte stand ich halb angekleidet auf und finde eine sonderbare Szene Ein
junges wunderschönes Mädchen zeigt bald entsetzt auf den in der Ferne stehenden
Nachtwandler den die helle Mondnacht hinausgelockt hatte Sie lässt ein Bild aus
der Hand fallen zeigt stumm und starr auf eine Tür und verschwindet voll
Entsetzen Ich hebe das Bild auf und gehe auf den Nachtwandler zu der aber bei
voller Besinnung war mich anlachte mir die Besorgung des Bildes empfahl und
mit einem sonderbaren Ausdruck Gute Nacht wünschend in sein Zimmer mehr entfloh
als mit gutem Gewissen ging Ich glaubte mich nicht zu täuschen wenn ich
annahm dass ich hier einen sehr zweideutigen Menschen kennen gelernt hatte der
sich das Ansehen eines Nachtwandlers gab und vielleicht nur damit einen Vorwand
für manchen schlimmen Zweck herauszukehren wusste Als er später bis hierher mit
uns fuhr war mein Vertrauen vollends gewichen und froh war ich als wir von
seiner peinlichen Gegenwart befreit waren
Und die Locke fragte Leidenfrost Ich hätte gewünscht jener Nachtwandler
hätte Sie nicht getäuscht Ich hätte gewünscht er wäre wirklich somnambül
gewesen Ich glaube an elektrische Leiter Von wem nahmen Sie die Locke
Vom Haupte eines jungen Mannes der in dem Zimmer schlief wo ich im Auftrag
der erschrockenen Dame das Bild abgab Es sollte Aber wie sagen Sie ein
elektrischer Leiter
Sie müssen nun schon Alles berichten Ich will sehen ob hier eine
magnetische Strömung stattfand
Der Lockenraub sollte eine Strafe sein für Menschen die schlafen ohne
ihre Tür zu verschließen
Schade Schade Nur eine Strafe Und dass jener Mensch nicht wirklich
nachtwandelte
Erklären Sie sich deutlicher Warum wirklich Warum nicht Strafe
Denken Sie sich diesen elektrischen Strom sagte Leidenfrost Nacht
Mondenschein eine erschreckte junge Dame also Schrecken ein Sie
überraschender Auftrag also wieder Schrecken ein Nachtwandler das
Ihnen fremde Zimmer der Schlafende die Locke Wenn das Alles so
zugetroffen hätte müsste die Locke mit Ihnen in einem Rapporte stehen dass
diesem Menschen dem die Locke gehört jeder Kuss auf sie angenehme Gefühle
erweckte und wäre er hundert Meilen weit von Ihnen entfernt
Selmar wurde blutrot vor Erstaunen über diese Auseinandersetzung die der
Vater mit einem lächelnden
Glauben Sie an so etwas aufnahm
Schade Schade wiederholte aber Leidenfrost dass dieser Mensch ein
Spitzbube war Zweifel Lüge Unglaube Strafe stört die Kette Die Berechnungen
des Verstandes dürfen den Strom der Gefühle nicht aufhalten
Nun lenkte Ackermann mit ernster Miene ein dann könnte ja noch der Fall
eintreten dass mich vielleicht das Bild selbst furchtbar überraschte
Auch Das noch sagte Leidenfrost Kannten Sie es
Ich erkannte es Ich war auf den Tod erschüttert Und nicht von Ahnung
nein es war Gewissheit Was ich in dem elektrischen Zuge durch die Enttäuschung
über den Nachtwandler an Kraft verlor die Verstandesreflexion die meine
Nervenströmung aufhielt und dämpfte wurde hundertfach ersetzt durch das Staunen
über jenes Bild
mein ganzer Mensch war ergriffen und so schnitt ich die Locke zur Erinnerung
Zur Erinnerung Sie sagten vorhin Zur Strafe für den unvorsichtigen
Schläfer Strafe ist Verstandesreflexion Erinnerung wäre besser Erinnerung ist
Gefühl Alles gut Alles gut aber in die Kette der Überraschungen kam im
Momente des Zweifels eine Verstandestätigkeit die die glühende Nervenströmung
aus den vier lebenden Wesen erkältete
Der falsche Nachtwandler also
Schade schade dass der Nachtwandler ein Betrüger war
Es war kein Betrüger rief in diesem Augenblick eine entfernte Stimme
Ackermann und Leidenfrost sahen sich um während Selmar die Brieftasche an
die Brust und die Herzgrube drückend wirklich wie im magnetischen Schlafe zu
liegen schien
Der Sprecher war Danebrand der sich aufgerichtet und zugehört hatte
Wenn Das auf dem Heidekrug war sagte er fragend
Ja antwortete Ackermann Es war auf dem Heidekrug
Wenn der Nachtwandler Hackert hieß
Er hieß Hackert Sehr richtig
So wars ein echter Nachtwandler Er kann aufgewacht sein als Sie kamen
Aber es ist ein rechter Nachtwandler Das möcht ich nun wohl von Ihnen hören
ob das Nachtwandeln vom Himmel oder von der Hölle kommt
Während noch Ackermann betroffen von dieser Unterbrechung schwieg sagte
Leidenfrost
Das sollt Ihr gleich hören Danebrand Die Nachtwandler treibt der Teufel
aus dem Bett und jagt sie auf die Dächer aber ein Engel vom Himmel kommt und
führt sie so dass sie sich kein Haar krümmen Es müssen denn Menschen so weise
sein wollen und den Namen rufen
Eben wollte Danebrand aufstehen näher kommen und sich vollständiger über
die gespenstige Natur seines glücklicheren Nebenbuhlers unterrichten lassen als
aus seinem Kabinet Willing hereintrat
Da ist mein Überschlag sagte der Fabrikherr auf die in seiner Hand
befindlichen Papiere zeigend so gut sich dergleichen im voraus bestimmen lässt
glaub ich etwa fünftausend Taler als die Summe bezeichnen zu müssen die alle
diese Gerätschaften kosten würden
Ackermann wurde jetzt Geschäftsmann Er verglich die einzelnen Ansätze fand
sie billig und erbot sich zu einer Anzahlung
Als Willing bedauerte diese annehmen zu müssen und Ackermann seinerseits
als feste Ablieferungszeit den ersten Januar bedingte kamen sie zu einer
Vorausbezahlung von fünfzehnhundert Talern überein
Ackermann nahm Selmarn das Portefeuille aus der Hand öffnete es und legte
diese Summe in Papieren auf den Tisch
Während darüber die Empfangscheine ausgefertigt und überhaupt Geschäfte
verhandelt wurden zog sich Danebrand auf sein Lager zurück nicht wenig
aufgeregt von den Worten die Leidenfrost über die Nachtwandler gesprochen
hatte
Selmar hielt sich jetzt mit Entschlossenheit wach
Der zarte Knabe fühlte dass er nun seinem Geschlechte Ehre machen an den
Wagen an das Pferd denken müsste
Leidenfrost veranlasste Alberti nach dem Pferde zu sehen das im großen
Stalle der Fabrik so lange untergebracht war
Alberti unterzog sich diesem Auftrage mit Freuden
Während dieser Zurüstungen und nach abgeschlossenem Vertrage trat Willing
mit Ackermann aus dem kleinen Kabinet heraus und wiederholte dasselbe Befremden
das vorher Leidenfrost über diese außerordentliche Beschleunigung des viel zu
kurzen Aufenthaltes in der Residenz ausgesprochen hatte
Ackermann wiederholte dieselben Entschuldigungsgründe indem er noch
hinzusetzte
Ich hoffe nach einem Jahre alle die Lebenden lebend zu finden auf die ich
mich freue hab ich doch heute sogar einen wirklichen Toten hier lebend zu
finden geglaubt Nicht wahr Selmar
Morton meinst du sagte der Knabe und nannte einen Namen den wir schon
einmal in Plessen an der Zeckschen Schmiede von ihm gehört haben
Ja denken Sie sich fuhr Ackermann der sich zur Abreise rüstete fort Ich
nehme in NewYork von einem Deutschen Abschied der sich in Amerika Morton
nannte Ich hatte ihn dann und wann in der Union gesehen und als Sonderling
schätzen gelernt obgleich er ein wunderlicher und abstossender Mensch war Noch
während ich in NewYork bin und mich zur Abreise rüste erfahre ich dass er sich
in einem Anfall von Melancholie an der er schon immer litt das Leben nahm Man
fand seine Kleider am Hudson seine Leiche war ohne Zweifel ins Meer
geschwommen Dass er sich das Leben nehmen wollte war aus einem Testamente
ersichtlich das sich für mich vorfand und worin er mir aufträgt seinen
Verwandten in Deutschland einige nicht ganz unansehnliche Summen auszuzahlen und
seinen jammervollen Tod nicht zu verschweigen er könnte ihnen als Lehre dienen
Das nenn ich Spleen sagte Willing seine Papiere zusammenpackend und
verschliessend
Aber sind wir nicht zu Tod erschrocken als wir ihn heute auf der Straße zu
sehen glaubten
Er war es nicht Vater sagte Selmar Die große schwarze Binde am Auge
Kind die könnte sehr leicht eine spätere Zugabe sein doch glaub ich
wohl dass der alte Grämling im kühlen Meeresgrunde schlummert Aber ich sage
drum hier würd ich jetzt mit Toten und Lebendigen zu tun haben und das spar
ich mir auf bis ich einmal Zeit habe zu einer vollständigen Musterung
Eine große schwarze Binde sagte Leidenfrost Das ist doch nicht ein
Engländer der wie nannten Sie ihn
Morton
Nein Murray besinn ich mich hieß der Alte von dem mir Reichmeier
erzählt Heut Nachmittag um sechs Uhr etwa war ein alter hinfälliger Engländer
mit einem bekannten zweideutigen Frauenzimmer zu ihm gekommen und hätte
verlangt er sollte ihm diese anstössige Dame
Leidenfrost stockte weil er nach Selmar sich umsah
Dieser aber hatte die Tür geöffnet dass der volle Strom der rauschenden
Musikklänge von dem Fortunaball hereindrang
Nicht aber diese Musik beschäftigte ihn so sehr an die er in London sich
gewöhnt hatte als das Einspannen des Pferdes das Alberti aus dem Stalle
brachte
Leidenfrost fuhr also unbekümmert fort
Dieser Murray hatte eine große schwarze Binde über dem einen Auge
Und fragte Ackermann gespannt
Verlangte Reichmeier der ein rascher Portraitmaler ist sollte ihm morgen
in einer einzigen Sitzung diese mit Gold und Juwelen behangene große schöne
aber sehr bekannte Person als Brustbild malen Als Reichmeier erklärte Das
könnte er nicht hätt er ihm sechszig Guineen geboten und Reichmeier will
nun doch wirklich daran Er ist ein Luca fa presto
Da bin ich über die Auferstehung meines Toten beruhigt sagte Ackermann
Dieser Murray mit der schwarzen Binde ist mein alter geiziger Morton nicht Der
Arme liegt im feuchten Meeresschooss Wer weiß welche Mühlsteine ihn
niederzogen
Eben schüttelten Willing und Ackermann sich zum Abschied die Hände eben
griff Leidenfrost nach seinem grauen Hut um auf dem Wägelchen mit in die Stadt
zurückzufahren eben erhoben sich die Arbeiter um ihre schwarzen Hände
darzureichen und Selmar hatte schon die Peitsche ergriffen die auf das halbe
Stündchen der Rückfahrt Leidenfrost führen wollte als vom Hofe her ein
gellender Schrei Hilfe Hilfe ertönte
Alles sprang erschrocken an die Tür
Im Sternenlicht sah man eine helle Erscheinung über die von Kohlenschutt
geschwärzten Höfe daher fliegen
Dem Lichte das aus den Gasflammen durch die Fenster des Komtoirs auf die
nächste Umgebung fiel näher kommend entwickelte sich die Hülferufende als ein
Weib das in flatternden Ballkleidern und fast aufgelöstem wirren Haare Rettung
vor einer Gefahr suchte die Niemand erblickte
Die Klänge der Musik auf dem Ball schwiegen gerade Von dorther musste die
Schreiende kommen Wie sie Menschen sah stürzte sie auf sie zu und wiederholte
den Ruf
Hilfe Hilfe
Alberti stand mit dem Pferde beschäftigt am nächsten und glaubte sie zu
erkennen
Danebrand rief er
Ist Danebrand da Gott sei gelobt ächzte die Hülfesuchende und flog in die
geöffnete Tür
Ein junges Mädchen im sonderbarsten Aufzuge stand vor den Männern Über den
armseligsten Anzug ein nicht gerade verwildertes aber doch dem Äußeren nicht
entsprechendes Haar waren ein glänzendes rotes Ballkleid und eine Florkapuze
von gleicher Farbe geworfen Eine schwarze Maske hielt sie in der linken in der
rechten Hand die Florbehänge die ihr wild vom Kopfe geglitten waren
Louise Eisold sagte Danebrand mit erstarrten Lippen
Dann sich ihr näher wendend flüsterte er mit heftigstem Schreck
Was wollen Sie
Danebrand Ich beschwöre Sie um Gottes Willen Sie schlagen ihn heute tot
Kommen Sie rief das Mädchen das jetzt auch Willing erkannte
Louise Eisold rief der Fabrikherr mit Entrüstung
Ist Das Ihre Armut dass Sie den Fortunaball besuchen Schämen Sie sich
Verurteilen Sie mich Herr Willing rief das Mädchen verachten Sie mich
nur Hilfe Hilfe Danebrand Hackerts Leben ist in Gefahr Ich habe Alles
gehört Lasallys Knechte den Neumann vom Justizrat Schlurck und eine Horde
andrer Bösewichter hat diese teuflische Jeannette aufgehetzt Hackerten soll sie
verdanken dass sie heute um den Dienst beim Justizrat gekommen ist und Neumann
wollte sie heiraten wenn sie bliebe was weiß ich Gott was weiß ich Aber
den Unglücklichen sie schlagen ihn tot Herr Willing es ist Alles abgemacht
Danebrand Eine von den Wandstablers soll ihn in den dunkeln Garten locken
Jesus Danebrand Alberti Sie Herr Heusrück helfen Sie
Der Fabrikherr war im größten Zorn
Welche Zumutung elende Dirne rief er Dieser brave Danebrand arbeitet für
dich und deine Geschwister Und du schändest das Andenken deiner Eltern auf
diesen Ball zu gehen Und für wen soll Danebrand sein Leben einsetzen für den
Burschen den du seiner treuen Liebe vorziehst Weißt du wem sein Leben gehört
Dem Schwur den er deinen Eltern tat deiner Mutter als sie im letzten
Todesjammer beruhigt auf seine treuen Augen sah Hinaus Dirne diese Stelle ist
zu rein für dich und deine Schande
Mit einem Schrei der Verzweiflung sank Louise zurück
Wo sind die Kleider her die du trägst riefWilling nach ihnen langend und
die entfallene Maske mit den Füßen von sich stossend
Louise antwortete nicht
Lumpen unter gestohlnem Flitter sagte Willing Ja gestohlen gestohlen
deinen Geschwistern Elende wer sorgt für das lallende Kind neben deinem Lager
wenn du in den Nächten deine Gesundheit im Tanze verrasest Hörst du das Kind um
Hilfe schreien der alte Großvater stirbt vielleicht in diesem Augenblicke
und wir sollen hören wenn du Hilfe rufst für einen jämmerlichen Liebhaber
Pfui Hinweg von diesem Hause
Furchtbar tobte der Schmerz in des Mädchens Brust Ihr todtenblasses Antlitz
zuckte und ihre Hand fasste nach dem Herzen
Das Kind schläft stöhnte sie Gott schützt es morden Sie mich nicht
Hackert ist elend Ich lernte ihn kennen als er schon einmal für tot in unsre
Wohnung getragen wurde Danebrand ich verdien es nicht um Sie aber
retten Sie Steigen Sie über den Zaun Noch eine Minute und es ist zu spät
Willing wandte sich mit der ganzen Strenge ab die er behaupten musste wenn
er in einem solchen Arbeiterstaate der Herrscher bleiben wollte
Von uns hier steigt Niemand über fremde Zäune rief er Hinaus hier
Danebrand aber ging nun zu Herrn Willing näher heran und sagte
Herr Willing ich habe Herr Willing ich habe im Buckel einige
Knochen zu viel ich will ihr helfen Was
Danebrand rief Louise freudig und sprang wie neubelebt empor von einem
Sessel den ihr die Arbeiter näher gerückt hatten
Willing sah auf Danebrand der ihn treuherzig anblickte voll Zorn
Danebrand fuhr getrost fort
Nicht einmal um dich Louise Deine Torheit zerreißt mir das Herz Aber
unser guter Maler der hat gesagt wer in der Nacht wandelt den treibt der
Teufel auf die Dächer aber ein Engel kommt vom Himmel und hält seine Hand über
ihn dass er nicht falle
Damit griff er langsam und wie verstohlen hinterrücks nach einer eisernen
Stange die in der Nähe stand und sie plötzlich mit der ganzen Gewalt seiner
Muskelkraft überm Haupte schwingend rief er
Wer will uns was
Dann aber wieder wie bittend sprach er
Herr Willing
Willing wandte sich ab
Nun stürzte Danebrand zur Tür hinaus über den Hof und rannte wie ein
Besessener davon
Louise folgte ihm wie ein Blitzstrahl so rasch ihn überholend um ihm den
Weg zu zeigen
Willing schüttelte den Kopf und sagte seine Erschütterung verbergend den
Andern Gute Nacht
Ackermann Selmar und Leidenfrost bewegt von der aufregenden unerwarteten
Szene setzten sich auf den Wagen und fuhren hinaus in die Nacht und mit dem
aufrichtigen Wunsche dass Danebrands edle Selbstbeherrschung umsomehr von einem
glücklichen Erfolge belohnt sein möchte als das allerdings in ziemlich
zweideutigem Lichte hier auftretende Mädchen ohne Zweifel durch Zärtlichkeit und
Mitleid an Hackert gebunden war und nicht so aussah als würde sie ihr Herz
einem Manne schenken der nicht noch die Bürgschaft einer besseren Entwickelung
bot
Alberti aber und Heusrück legten sich nieder auf die Matratze
Als sie gesehen hatten dass Herr Willing nachdem er noch Geld und Papiere
in ein Portefeuille gesteckt es dann mit sich genommen hatte und in einem
entlegenen Wohngebäude das Licht eines kleinen Fensterchens ausgelöscht sich
also zur Ruhe begeben hatte schlichen sie hurtig sich auch mit Eisenstangen
bewaffnend ihrem Kameraden an den hinteren leicht zu übersteigenden Zaun der
Fortuna nach
Nicht um den Nachtwandler ists sagte Alberti Aber um den guten
Schleswiger wärs doch Schade wenn es zum Kampf käme und er ohne Hilfe bliebe
Zwölftes Kapitel
Jeannette
Louise Eisold hatte Danebrand alle die Zeichen mehrmals wiederholt die sie ihm
geben wollte wenn die drohende Gefahr wirklich herangekommen wäre
Danebrand kauerte inzwischen ohne Vorwurf aber auch ohne ein weiteres Wort
zu sprechen mit seiner Waffe am Rande des Fortunagartens wo ein niedriger
Schuppen leichter zu ersteigen war als das Einfassungsstacket
Dann flog Louise triumphierend und fast lachend vor Schmerz und doch
innerster Befriedigung mit Windeseile an den vorden durch mehre Gässchen
abgesperrten Eingang der Fortuna zurück und reichte unterwegs ihr Kostüm
wiederherstellend an der Kasse die empfangene Kontremarke hin
Sie hatte Hackert der sie noch immer nicht kannte nicht wieder aus dem
Saale wo er mit Andern in toller Raserei und mit den kunstfertigsten
Schwenkungen und Figuren tanzte herausbringen können So sehr sie sich dagegen
sträubte ihm eine Teilnahme und Liebe zu verraten die er selbst nur
geringschätzte hätte sie sich ihm dann doch vielleicht entdeckt Hackert war
ihr freundlich zugetan hatte ihr oft Beweise von Dankbarkeit und Neigung
gegeben herzte sogar in stillen und ergebenen Momenten ihre kleineren
Geschwister aber im Übrigen waren seine Gedanken so weit von dem stillen
beschränkten Leben seiner Wirtsfamilie entfernt dass er sich unter der roten
Dame jede andere seiner frühern Bekanntschaften dachte nur nicht seine Wirtin
und sittsame Nachbarin
Als er die blaue Begleiterin am Arme des Soldaten erblickte mochte er
glauben die ihn neckende rote Freundin derselben hätte sich entfernt
Der junge Militär war ein freundlicher gefälliger Mann Er sagte seiner
ängstlichen und noch immer vor der grünen Brille die sie wie die Schlange
umzirkelte wie ein Vögelchen zitternden Begleiterin dass er Heinrich Sandrart
heiße aus dem Ullagrunde bei Plessen und heute zum Sergeanten befördert wäre
Die Gewohnheit eines dann bewilligten freien Tages hätte er einmal nachdem er
drei Jahre lang nicht getanzt zu seinem Vergnügen nicht zum Trinkgelage mit
seinen Kameraden benutzen wollen
Die kleine Blaue hörte mit Interesse zu konnte sich aber nicht
entschließen ihre weiße Maske anders als in der Dunkelheit des Gartens
abzunehmen
Heinrich Sandrart war in den Fragen nach den Ursachen ihrer Ängstlichkeit
zwar nicht zurückhaltend denn der Anblick der schönen Augen und der reizenden
Jugendfrische des kleinen Mädchens zog ihn nur noch mehr an allein in dem
Verlangen nach Gunstbezeugungen gab er sich so sittsam und wohlerzogen dass die
kleine Blaue ihn zu ihrem Schutze gern am Arme duldete und sich nur mit
Ängstlichkeit nach der plötzlich verschwundenen Louise Eisold umsah durch die
sie veranlasst worden war diesen gefährlichen Boden zu betreten und die sie nun
verlassen hatte
Im Saale wollte Heinrich Sandrart die kleine Blaue am Arm noch einmal
versuchen ob man nicht die rote Freundin entdecken könnte
Es war gerade eine Pause im Tanze eingetreten Man besprengte den Fußboden
um den immer lästiger gewordenen Staub niederzuhalten Während sich das
Orchester selber ruhte gingen die Paare Arm in Arm in der Runde da spazieren
wo sie der Strahl des wassersprengenden Dieners nicht treffen konnte dabei
wurden die Spiegel an den Wänden zu flüchtigen Musterungen der dérangirten
Toiletten benutzt tafftne Blumen am Haar wieder in Ordnung gebracht
aufgegangene Schleifen aufs neue gebunden Viele auch verloren sich in den
Nebensälen um Herrn Hitzreuters vielversprechende Speisekarte auf die Probe zu
stellen
Eben erzählte Heinrich Sandrart seiner im Saale wieder maskirten Freundin
dass er der Sohn eines wohlhabenden Bauern aus jenem Ullagrunde bei Plessen im
Hohenbergischen wäre einen guten Schulunterricht genossen hätte die
Landwirtschaft aus dem Grunde verstände lieber aber im Waffendienste bleiben
wolle zumal wenn man unter einem so trefflichen Offizier stände wie sein
Bataillon das der Major von Werdeck befehlige als ein Schwarm junger
eleganter Kavaliere ihnen begegnete
Sandrart geriet etwas in Verlegenheit als er unter ihnen den Leutnant von
Aldenhoven den Rittmeister von Asten einen Herrn von Tielo von Konnewitz und
viele andre Offiziere in Civil erkannte von denen wenigstens der Erste da er
zu Werdecks Bataillon gehörte ihn genau kannte
Guten Abend Sandrart redete ihn dieser an Blitz was hast du da für einen
verschleierten blauen Nachtschmetterling
Herr Leutnant von Aldenhoven sagte Sandrart mit einigem gereizten
Nachdruck ich bin heute Sergeant geworden
Es hatte ihn vor seiner Begleiterin gekränkt noch mit einem »du« angeredet
zu werden das man selbst als Gefreiter von seinem nächsten Vorgesetzten nicht
gern hört so »vertraulich« es klingen mag
Ah gratulire Ihnen war Aldenhovens etwas hämische Antwort der den Stich
wohl verstand
Nun fing aber Rittmeister von Asten Leutnant von Salza und andre der jungen
von Champagnerlaune montirten Kavaliere an der blauen Begleiterin des
Unteroffiziers die so elegant gekleidet war zuzumuten sie müsse die Maske
abnehmen Wer schön sei verrate es auch Sie wollten die künftige Frau
Sergeantin sehen und schon zerrten sie an des armen geängstigten Mädchens Maske
als Sandrart seine Schutzbefohlene zurückriss und sich vor sie stellte um jede
weitere Gewalttat zu verhindern
Meine Herren rief er aufgereizt wir sind nicht im Dienst
Ah Sandrart sagte Aldenhoven Sie sind auch Demokrat und wollen keinen
Gehorsam außer dem Dienst Bei Major Werdeck nicht anders zu erwarten
Es lag in diesen Worten allerdings nur flüchtiger Scherz auch dass alle
andern Militairs lachend sagten
Was Ein Demokrat und dabei den Ton auf Das Wort
»Gehorsam außer Dienst« legten auch das war mehr aus heiterer Laune allein
wenn einmal im menschlichen Gemüte eine Saite verstimmt ist so kann sie ohne
Gefahr auch nicht einmal im Scherze berührt werden Sandrart rief als
Aldenhoven dennoch nach der Maske seiner Begleiterin greifen wollte mit festem
und gebildetem Tone
Ich verbiete Ihnen Herr Leutnant diese Dame zu demaskiren
Unter solchen Umständen musste man wohl von Glück sagen dass ein zweiter eben
vorüberziehender Zug diese Verwirrung auf heitre Art löste
Ein junges übermütiges Mädchen das in der einen Hand ein Champagnerglas
hielt griff im Vorübergehen lachend mit der andern nach der Maske der kleinen
Blauen und während noch die Offiziere sich auf den kecken Ton Heinrich
Sandrarts ansahen und eben entschlossen schienen mit ihm eine andere Sprache
zu reden machte der Ausruf des Erstaunens Fränzchen Heunisch der Spannung ein
Ende
Jeannette war es Melaniens heut Abend entlassenes Mädchen Sie hatte
Fränzchen Heunischs Maske in der Hand und die kleine Blaue unsers guten und
auf die Sittlichkeit seiner Nichte so tief vertrauenden Försters von Hohenberg
ganze Hoffnung bis hundert Klafter tief unter die Erde beschämt
Das Erröten die Verzweiflung Fränzchens half da aber nichts Jeannette
führte sie an einem Arm Sandrart am andern und der lustge Zug mit dem jene
gekommen war sprengte die ganze Gruppe auseinander Die Offiziere fanden die
Kleine allerliebst schienen aber die Keckheit des Sergeanten nicht weiter
beachten zu wollen da inzwischen schon wieder neue Gegenstände ihre
Aufmerksamkeit fesselten Nur Aldenhoven sah ihm lange nach und sprach mit
Tielo und Konnewitz über das Thema der Disziplin und die »Mannschaften« des
Majors Werdeck die sie »demoralisirt« nannten
Aber du Duckmäuserin rief jetzt Jeannette in der der Geist des Tanzes der
Musik und des Zorns wirbelte Du frommes Mutterlämmchen wie kommst du Sünderin
denn hierher
Fränzchen Heunisch machte hundert Gebehrden um sie zu bewegen stille zu
sein sie wollte die Maske zurückhaben um sich zu verbergen
Dummes Zeug sagte Jeannette wer kein Gesicht von Tannenzapfen hat glatt
und hübsch ist wie wir der soll sich zeigen allen Leuten zur Lust nicht wahr
Ernst
Ernst von »Geheimrats« bestätigte diese Meinung und erklärte auf ein
eifersüchtiges Befragen der Lore Wandstabler dass er das junge Mädchen nicht
kenne
Die Wandstablers aber die in die Falle gegangen waren die beiden Bedienten
als Begleiter angenommen hatten und nach mehrmaliger Trennung von ihnen in der
Hoffnung andere Gesellschafter zu finden doch auf sie zurückkommen mussten die
Wandstablers kannten Fränzchen ihre Kousine sehr wohl Sie kicherten ohne
sich sogleich dem armen Täubchen das sie einmal so heftig erschreckt hatten
zuzuwenden
Die Fränz Die Fränz sagten sie und steckten verwundert die Köpfe zusammen
Ja ja schäme dich nur begann die durchtriebene Jeannette zur Nähterin
die heute früh noch so schwärmerisch über die Tugend philosophirt hatte jetzt
kommen wir hinter deine Schliche du Tugendspiegel Hier Herr Sergeant
festgehalten Drinnen steht unser Tisch runde Tafel Kouvert zehn neue
Groschen holen Sie nur Ihre Mutterpfennige hervor Landsmann Fränzchen muss
trinken lernen
Und dabei flüsterte sie der Zitternden zu
Dein Franzose ist ja nicht hier Sei doch lustig Ich verrate nichts
Fränzchen ließ Alles willenlos geschehen Sie hätte in die Erde sinken
mögen Sie konnte nicht Widerstand leisten dass man sie und Sandrart in die
Restauration zog und ihr einen Platz an einem mit Tellern und Gläsern besetzten
Tische gab wo sie noch Manchen antraf der zur Gesellschaft gehörte unter
Andern den Kutscher Neumann einen mürrischen widerlichen Menschen mit
fuchsigem fast bis ins Auge gezogenen Backenbart Ringen im Ohr und ein paar
ungeschlachten roten Händen Sie wusste dass Jeannette überall Liebschaften
aber Neumann als wirklichen Verlobten für die künftige Ehe hatte
Hier Herr Sergeant Sie rechts sagte Jeannette und placirte die
Neuangekommenen du hübscher Fratz links bei deiner Kousine Dore Oder willst
du lieber bei der Lore Die Flore ist nicht da obgleich dich Die am liebsten
hatte und bei der Durchlaucht dein Glück wollte Närrchen hier hergesetzt und
sich ausgesöhnt mit den Fräuleins Wandstabler
Und dabei flüsterte sie ihr ins Ohr
Halt dich tapfer Die haben schon deinen Franzosen auf dem Strich
Dieser Wink machte in der Tat, dass Fränzchen aufschreckend etwas wieder von
Besinnung und Geistesgegenwart gewann Wusste sie doch nur zu gut dass die
schlimmen Kousinen das Glück hatten jetzt täglich mit Louis Armand in Einem
Hause vielleicht in Einem Zimmer zu sein und wie die Liebe Jedem auch dem
schwächsten Wesen eine gewisse Kraft und einen mutigen Aufschwung verleiht so
gewann nun auch Fränzchen eine kräftigere Haltung über sich und warf ihren
Kousinen einen dreisten fast schnippischen Gruß zu der Fränzchens Reiz in den
Augen des von seinem Rencontre mit den Offizieren noch sehr bewegten Heinrich
Sandrart nur noch mehr hob
Franziska stoss an sagte die mittelste Wandstabler die Lore deren magere
Gesichtsformen sich durch die Glut des Tanzes und der Atmosphäre gefüllt ja
ganz angenehm gerundet hatten
Fränzchen stieß mit dem Glase ihrer Kousine an und nippte ein wenig von
einem Getränke das vielleicht ein helles Bier vielleicht künstlicher
Champagner war sie wusste es nicht bis der Sergeant aus dem Seitenfutter
seiner Uniform ein kleines Portemonnaie zog und sich wie es schien nicht ohne
eine gewisse Überlegung entschloss zwei Papiertaler an eine wirkliche Flasche
Champagner zu wagen Er mochte fühlen dass er sein Avancement etwas kostbar
feierte aber er bestellte echten Champagner
Die Wirkung dieses Momentes war groß Alles um den runden Tisch blickte
staunend und voll Bewunderung auf diesen jungen militairischen Rotschild
Echter ZweiTalerChampagner Dies hob oder setzte tief herab je nachdem der
Schwung der Phantasie sich für das Große berufen hielt oder sich keiner solchen
Flügel bewusst war Man schwieg eine Weile und blickte feierlich um sich her als
hätte man für diese Standeserhöhung Zeugen gewünscht
Die Wandstablers beschlossen jetzt mit Fränzchen die einen solchen
Liebhaber aufweisen konnte sich auszusöhnen
Dorette die Jüngste mit der es Franz von »Geheimrats« sehr geschäftig
hatte war blässer als ihre Schwester auch etwas verstimmter Sie hatte Ideen
die höher hinauf stiegen als die Sphäre in der sie sich hier bewegte und die
eigentlich Jeannette so gewaltsam improvisirt hatte
Guten Abend Fränzchen sagte sie und reichte ihrer kleinen Kousine jetzt
erst die Hand Muss es denn erst so kommen dass uns ein solcher Abend wieder
einmal zusammenführt
Ein solcher Abend fragte Heinrich Sandrart fast verletzt der seine zwei
Taler los war nun aber dafür auch lustig sein wollte Kann man traulicher und
vergnügter beisammen sitzen
dabei wollte er Fränzchens Hand ergreifen und sie an sich drücken Aber die
kleine braunäugige Spröde litt schrecklich auch über die Kosten die sie ihm
verursachte und zog die Hand zurück
Fräulein Dorette schmachtet nach stiller Einsamkeit sagte die nicht ganz
ungebildete aber zügellose Jeannette parodirend sie liebt Sie liebt einen
Franzosen stolz und feurig o seit ich weiß dass man diesem Franzosen so edle
Vorsätze verdanken kann selbst den Fortunaball nicht zu gering für Liebende zu
finden biet ich mich ihm für die Rückreise nach Paris als Gouvernante an ich
arme conditionslose Person
Fränzchen war in der Tat von Eifersucht nicht frei Sie sah ihre Kousine
Dorette starr an und musste sogleich fühlen dass diese wirklich bei dem Balle
nicht anwesend schien
Lorette aber die Mittlere sagte leise zu ihr
Du Glückliche Herr Louis Armand hör ich soll dir Blumen schenken und ich
wette auch Gedichte macht er auf dich Heute las er Floretten eins vor das er
gewiss auf dich gemacht hat
Fränzchen errötete Sie wusste wohl von den Blumen aber nichts von dem
Gedichte das ohne Zweifel ihr gelten sollte und Siegbert Wildungen erst
übersetzt und noch in seinem Portefeuille hatte
Indem knallte Sandrarts Champagnerkork und in einem der hingestellten
Spitzgläser zischte vor ihr der perlende Wein dessen Güte wir nicht zu
bestimmen wagen da wir über den Fortunawirt noch nicht wissen ob er der
Ehrlichkeit seines Bruders des Pelikanwirtes entsprechen wird
Kaum am Rande ihres Glases nippend fragte sie jetzt Jeannetten was diese
Übermütige von conditionslos gesprochen hätte
Ja Schatz sagte diese Das haben wir uns heute früh nicht träumen lassen
als wir Falbalas nähten von der Tugend sprachen und die Fortunabälle kaum dem
Namen nach kannten Melanie kommt um zehn Uhr nach Hause fordert mich wie vors
Tribunal hält mir eine lange Predigt Salomonis will ins Kloster gehen und
schickt mich vorläufig von Morgen früh an zu allen Teufeln
Jeannette Du hast den Dienst verloren Das ist ja unglaublich sagte Fränz
voll kindlicher Teilnahme
Unglaublich Seit ich dich hier Champagner trinken sehe neben einem so
liebenswürdigen Sergeanten ist Alles möglich Neumann erkläre du ihrs
Dieser die bebuschten Augenbrauen zusammenkneifend grunzte etwas hin was
etwa soviel sagen sollte als
Die Aufklärung wird bald hörbar werden Habt Ihr ihn aufs Korn genommen
Das sagte er zu einigen jungen Burschen Lasallyschen Reitknechten die
eben eintraten
Machts gnädig meinte Jeannette flüsternd Er hats zwar um uns verdient
aber wenn er noch einmal so traktirt wird wie damals erleben wir dass ihn das
Fräulein aus Mitleid heiratet
Wo sie ihn nur gesprochen hat bemerkte der Bediente Franz flüsternd Ich
gab ihr doch noch den Shawl um die Excellenz war dabei und wir gingen fast bis
an den Wagen mit
Ich fuhr sie sagte Neumann
Und kaum steigt sie aus ergänzte Jeannette so kam die Bescheerung Diese
Verräter schrie sie Elende Menschen die sie verkauften umgäben sie In
Hohenberg hätt ich sie verraten Jeder bilde sich ein ihr gefallen zu können
und damit zerriss sie ihre Kleider weil sie nicht rasch genug vom Leib
wollten und sagte mir auf
Das Fräulein dir Jeannette Ich kann mich noch gar nicht finden
Mir Ja Ja Fränzchen Das wäre nun ein Plätzchen für dich Aber du bist
ihr nicht mehr tugendhaft genug Seit heute früh hast du einen schrecklichen
Fehler angenommen Du bist heimlich gehst maskirt auf die Bälle in Garderobe
wie eine Königin jetzt besinn ich mich du kamst ja mit einer Roten Wer
war denn Die
Ja stimmten die Wandstablers neugierig ein wer war die Rote
Der junge Soldat schenkte ein erschrak aber über die bekannte Erfahrung
dass eine Flasche dieses tückischen Schaumweines sehr bald consumirt ist
Man wartete gespannt auf Fränzchens Antwort die sich aber nicht herbeiliess
eine Aufklärung zu geben
Halt rief Jeannette Sie tanzte nur mit Hackert rannte Dem nur nach immer
nur Dem es war Melanie
Ah hieß es bei den Harderschen Bedienten und sonst herum die Schlurck
Alle waren aufgestanden und sahen durch die Glasfenster die den Saal von
der Restauration trennten Es war ihnen als wenn sie nun aufstehen und die
Rätselhafte verfolgen sollten
Hackert schreibt schön und tanzt schön fügte Jeannette diesem Tumulte
boshaft hinzu es wäre nicht das erste mal dass Schlag zwölf Uhr der Torweg
leise aufknarrt und gewisse Leute in die Redoute gehen Mach uns keine Lügen
vor Fränzchen Sage wer war die Rote
Sandrart bot Jeannetten ein Glas mit den Worten
Lüge mein Fräulein Das ist Beleidigung Sie müssen sich mit mir duelliren
Man setzte sich lachend nieder
Jeannette nahm das Glas verneigte ihr niedliches gerötetes stumpfnäsiges
Gesichtchen den Typus der Verschmitzheit und jener flüchtigen
Kammerzofenschönheit die bei dunkler Beleuchtung mehr verspricht als sich bei
hellerer motivirt findet und sagte
Sehr artig Herr Sergeant
Mit einem wohlgefälligen herausfordernden Blick auf den jungen Krieger der
ihr seit den UnterfutterGeheimnissen seiner Uniform doppelt zu gefallen schien
trank sie das Glas
Fränzchen aber mochte den falschen Schein des Leichtsinnes und der Heuchelei
nicht länger auf sich sitzen lassen sondern nahm das Wort
Wie ich hierher gekommen bin sagte sie ist mir wie im Traume geschehen Es
war zehn Uhr Eben wollt ich zu Bett gehen und legte die Kleider die ich von
der Putzmacherin auf dem alten Markte der Florentine zu besetzen hatte sauber
zusammen Ich war müde Da klingelt es heftig im Vorderhause Die alten Märtens
schlafen schon Ich denke obgleich unser neuer Mieter
Der feine gelehrte Franzos lachte Jeannette
Ein Franzos sagte Heinrich Sandrart angeregt und eifersüchtig
Nicht jung Nicht hübsch Nein ein Alter mit einer Perrücke
Jeannette die bei all ihrem Leichtsinn einige Gutmütigkeit besaß sagte
diese Worte mit Beziehung
Nicht wahr ein Alter Sowie der da
Damit zeigte sie in den gegenüberstehenden Spiegel
Man wandte sich teils um teils zum Spiegel hin und bemerkte einen
schleichenden hüstelnden Herrn mit einer großen Nase und einem dicken schwarzen
Schnurrbart in dem wir die grüne Brille wieder erkennen
Schon lange hatte sie lauernd den runden Tisch umschlichen und lüsterne
Blicke zu dem demaskirten allerliebsten und rosig strahlenden Fränzchen hinüber
geworfen Seine Zudringlichkeiten schienen aber so allgemein gewesen zu sein
dass auch Jeannette schon die grüne Brille kannte
Guten Abend sagte ein Unisono des ganzen Tisches fast höhnisch zu dem
indiskreten Lauscher
Als dieser erschreckend merkte dass er Gegenstand der Aufmerksamkeit eines
ganzen Tisches wurde entschlüpfte er mit aalglatter Behendigkeit und nahm das
allgemeine ihn verfolgende Gelächter für eine Warnung sich solchen
Gesellschaften sobald nicht wieder zu nähern
Sandrart schenkte aufs neue die letzten Reste seines Excesses ein und rief
Also der alte Franzose klingelte
Nein nein sagte Fränzchen Heunisch nicht der
Ein Andrer fiel der Sergeant ein und rückte näher und legte ermutigt den
Arm auf die Stuhllehne Fränzchens indem er ihr weingerötet in die braunen
brennenden Augen sah
Genug genug unterbrach ihn Jeannette die schon merkte dass der Sergeant
mit Fränzchens Verhältnissen völlig unbekannt war und vielleicht nicht einmal
wusste wo sie wohnte es klingelte also Wallstrasse Nr 14 wo ich künftig auch
wohnen werde
Du fragte Fränzchen erstaunt über diese scharfbetonten Worte
Ja Fränzchen antwortete Jeannette ich werde Gelegenheit nehmen so lange
bei meiner Freundin Franziska Heunisch Wallstrasse Nr 14 zu wohnen bis meine
Angelegenheiten geordnet sind
Diese Erklärung in scharfen Worten vorgetragen erregte allgemeines
Erstaunen und bei Niemandem mehr als bei Fränzchen
Dein Zimmer ist klein schadet nichts ein Bett stellt sich schon noch
hin und
Aber Jeannette
Mein voller Ernst ich spreche mit den Märtens Wallstrasse Nr 14
Fränzchen konnte sich nicht fassen so überrumpelte sie dieses verschmitzte
Mädchen dem sie sich von früher gewohnt war gehorsam unterzuordnen
Aber die Rote Die Rote hieß es Wer ists
Sandrart merkte sich mit einem dankbaren Blick auf die wilde Jeannette die
Adresse des Mädchens in das er wie verloren war und dem zu Liebe er ein
wohlhabender Bauernsohn zu rechnen anfing ob er wohl noch zwei Taler aus dem
Unterfutter hervorziehen sollte Die Menschen sprechen vom Verschwenden Die
Gerechtigkeit zwingt uns aber einzugestehen dass sich alle Dinge in der Welt
selbst die bösen nicht immer sogleich ganz böse machen
Ja sagte Fränzchen kleinlaut über die schreckliche Aussicht an diese
Jeannette in ihrer bisherigen bescheidenen Existenz geknüpft zu werden ja es
klingelte Ich dachte es wäre unser Mieter Ich ziehe mich an und gehe
hinunter Wen find ich Eine Freundin die ich nicht nennen kann Sie machte
sonst Putz mit mir auf dem alten Markt bei der Florentine Franziska du musst
mit mir auf den Fortunaball gehen rief sie Komm nur Komm nur Ich weiß du
kannst helfen Damit zog sie mich durch den Hof an der Werkstatt vorbei in
mein Kämmerchen hinauf das sehr eng ist sehr eng liebe Jeannette
O man richtet sich ein ich will nur bei soliden Leuten wohnen Wallstrasse
Nr 14 im Hofe zwei Treppen hoch
Damit sah Jeannette wieder Sandrarten scharf an dieser nickte glühend er
hatte schon dem Kellner zugeflüstert eine zweite Flasche zu bringen Fränzchen
fuhr fort
Wie wir oben waren weinte sie und jammerte Sie müsse auf den Fortunaball
schrie sie Sie müsse wegen eines Menschen da sein der
Wegen Hackert fragten Einige durcheinander die am Tische saßen und immer
noch an Fräulein Melanie dachten
Fränzchen Fränzchen halt dich an die Wahrheit sagte Jeannette es war
Melanie Neumann weiß es ganz genau Neumann war im Hofe und fand da etwas
nicht in Ordnung Der Torweg ging einmal leise von innen auf Es schlich sich
Jemand vom Hofe fort
Jeannette Schäme dich rief Fränzchen das vornehme Fräulein Abscheulich
Wie kann man so verleumden
Hm hm hm sagte Jeannette mit Bosheit Sie ist jetzt verschwunden die
Rote seit sie mich entdeckt hat
Nein fuhr Fränzchen entrüstet fort meine Freundin heißt Louise und Der
den sie suchte den kenn ich nicht Fränzchen sagte sie ich bin arm und du
bist es wir haben keine Kleider um auf den Fortunaball zu gehen Aber unsre
Armut kommt auch daher dass Die die von uns leben uns nicht bezahlen Ich
wusste dass du diese kostbaren Kleider für die Florentine nähst Ich sah selbst
dass Florentine sie dir zum Besetzen einhändigte als ich bei ihr war und das
aufgeblasene abscheuliche Weib die mit fremdem Gelde ein Geschäft etablirt um
die mir nun seit drei Jahren schuldigen fünfzehn Taler mahnte Sie zahlt nie
Diese Kleider sind für den Verkauf in ihrem Laden bestimmt Ich verlange sie von
dir Hier ist Florentinens Schuldschein und nun Mut Franziska mein ist
dieser rote und dein ist dieser blaue Anzug
Bravo rief die ganze Gesellschaft ohnehin entzückt von der zweiten
Flasche die inzwischen ankam und klatschte in die Hände Der Spaß so zu einer
Garderobe zu kommen gefiel allgemein
Das nenn ich resolut
So muss man Schulden eintreiben
Louise soll leben
Holt die Rote Sie muss Champagner trinken
Sandrart sogar der sonst gesetzte und ruhige Sergeant rief in seinem
Wirbel und alle Bedenklichkeiten seines sonst sittsamen und vor dem strengen
Vater im Ullagrunde sich fürchtenden Gewissens hinunterspülend
So commandirt ein General wenn er sich in aller Kürze in schwieriger
Position zu helfen sucht Napoleon sagte
En avant Und diesem Manöver verdanken wir unser liebenswürdiges Fränzchen
Heunisch Wallstrasse Nr 14 auf dem Fortunaball Hurrah
Jeannette blinzelte dem gebildeten Sergeanten der eben französisch
gesprochen hatte und sagte ihm augenzwinkernd als er ihr einschenken wollte
Komment vous portez vous Musje
Sie können sich wohl denken fuhr Fränzchen unbekümmert um diese ihr ganz
ungeläufigen Koketterieen einer doch mechanten Nebenbuhlerin fort Sie können
sich wohl denken wie ich mich geweigert habe Aber es half nichts Eh ich mich
versah waren mir diese Kleider über meine gewöhnlichen kattunenen wie Sie
Alle sehen können übergezogen das Haar verdeckte die Kapuze Sie selbst nahm
den roten Anzug und so huschten wir über den Hof nahmen einen Fiaker und
hier kauften wir die Masken So bin ich hergekommen und denke mit Schrecken an
Mamsell Florentinen auf dem alten Markt die wegen ihrer Kleider zur Polizei
gehen wird
Sie soll ihre Schulden bezahlen sagte Heinrich Sandrart und schlug mit dem
Glase auf den Tisch dass es fast zerbrach zog wieder sein Portemonnaie und
wollte nun auch all das Essen bezahlen das immer während des Trinkens und
Erzählens genossen wurde Jeannette aber litt diese Großmut nicht Sie warf
Neumann einen Wink zu der sich dann in die Brust warf und sich den Wirt der
Gesellschaft nannte Indem er aufstand und etwas langsam berechnete während der
Sergeant schon zahlte kamen die Jockeis und flüsterten dem Kutscher etwas ins
Ohr
Jetzt dran sagte er mit brutalem Ton
Was ist fragte der junge Soldat
Wir wollen die Rote suchen sagte Jeannette die die geheimen Zeichen
verstand Steht auf Kinder der Tanz fängt wieder an Es schlägt drei Bis fünf
bleiben wir da nicht wahr Fränzchen Siehst du dass die Welt viel lustiger
ist als du dirs in deinem Hinterhof eingebildet hast Närrchen Gib mir einen
Kuss und ängstige dich nicht um mein Bett ich ziehe nicht zu dir
Damit wusste die Schlaue es so zu wenden dass sie zwischen das sich plötzlich
erleichtert fühlende Fränzchen und Heinrich Sandrart kam und diesem ihren linken
Arm zugeschoben hatte er wusste nicht wie Sie hatte Fränzchen am rechten Arm
Da es beim Eintritt in den Saal wieder sehr eng wurde war sie des Sergeanten
Tänzerin zu seinem eignen Erstaunen und wie es schien unangenehmstem
Befremden
Noch merkte man nicht dass sich die zum Tanze antretenden Paare lichteten
Der Garten mochte leerer sein aber hier unter den drei mächtigen
Kronenleuchtern und oben in den überfüllten Logen ringsum wo die feinere
Gesellschaft tafelte verriet nichts die Annäherung des Morgens der sich mit
einer sanften Röte in Osten schon ankündigte
Fränzchen hatte nach einer Tour in der Runde wieder Sandrart am Arm
Jeannette huschte in den Garten
Oben auf der »Sternwarte« ließ sich das neuerdings wieder zusammenströmende
Gewühl nun am besten unterscheiden
Dort saßen Mullrich und Kümmerlein auf kleinen Sesseln und schauten
schlaftrunken in den Saal hinab
Zuweilen kam Pax um Neues besonders über Signalement Nr 2 die schwarze
Binde wie er sie nannte zu hören Dann wieder schickte Frau Katarina Peters
aus ihren unerschöpflichen Bier und Punschvorräten eine Stärkung hinauf die
ihnen einmal sogar Peters selber bringen musste Sie wollte durchaus dass er sich
in seine neue Laufbahn fände und sich mit so wichtigen Personen befreunde die
er sehr oft auf ihr antreffen musste
Was machen denn Ihre Thüringer sagte Kümmerlein etwas spitz Man sieht ja
Herrn Peters jetzt immer nur drüben in Loge Nr 13 unter den Offizieren sind
die Landsleute doch im Garten nicht vergessen
Peters antwortete gleich lieber gar nicht um nicht ausfallend zu werden
Soviel konnte er aber doch nicht hinunterschlucken dass er die Bemerkung hätte
verschweigen sollen
Lieber schon wär mirs es ginge diese verfluchte Treppe nicht erst in den
Tunnel und ich könnte gleich in Nr 13 von hier hinüber wo meine Thüringer mit
den Offizieren sitzen
Die Agenten die um fünf Uhr etwas mit Türingern vorhatten lehnten sich
über die Brüstung und versuchten in Nr 13 zu sehen In der Tat waren Dankmar
und Siegbert nach ihrem langen stillen und traulichen Zwiegespräch wo der
Ältere über die Abenteuer des Jüngern fast sprachlos staunen musste eben wie
sie nach Hause gehen wollten von den neuankommenden Offizieren und vielen
andern Bekannten zu denen jetzt auch Reichmeier und Heinrichson gehörte so zu
sagen aufgegriffen und in die Loge Nr 13 die geräumigste und comfortabelste
zu einem dort veranstalteten Bankett fast gewaltsam entführt worden
Erst waren sie auf der Gartenbank trotz des sie umgebenden Geschwirres von
Dankmars Erinnerung an Hohenberg so gefesselt dass ihnen Stunde auf Stunde
verlief Nun wollten sie doch leidlich getröstet über das viele Widerwärtige
was sie an diesem Tage und Abende verlebt hatten sich zur Ruhe begeben und nun
zwang sie Heinrichson der den höchst Gefälligen höchst Liebenswürdigen machte
zu bleiben und in den scheinbar genialen Ton den er anstimmte mit
einzustimmen Sie taten ihm den Gefallen aber widerstrebend Ihre Anwesenheit
hatte jedoch in der Loge schon den Erfolg dass bei der Abstimmung über die
Frage ob man die hübschesten Mädchen aus dem Tanzsaale in die Loge mit
hinaufnehmen wollte die Minorität zur Majorität erhoben und mit 15 gegen 13
Stimmen den von Aldenhoven und Heinrichson beantragten Vorschlag eines
sabinischen Mädchenraubes oder einer Razzia wie Aldenhoven sagte zur
Niederlage brachten Das Gespräch beschäftigte sich also mit dem einzigen Thema
das sich hier verhandeln ließ
Frauen und Politik ohne dass die Ersteren daran Teil nahmen Aber es wäre
doch vielleicht besser gewesen sie zuzulassen denn der Streit über die zweite
würde dann weniger heftig geworden sein Es flogen die spitzesten Pfeile wie
immer hin und her Die politische Aufregung des Tages war so entzündlich dass
es im kleinsten Zirkel die schroffsten Gegensätze gab Es ging oft unter den
jungen Männern Juristen Malern Offizieren so heftig lärmend her dass Herr
Hitzreuter der Fortunawirt sich zuweilen in dieser Loge aufmerkend sehen
ließ Der allerdings gewandte Mann machte nur in den gewählteren Kreisen die
Honneurs Groß und stattlich von Figur mit einem viel pfiffigeren Zuge als
sein in pekuniärer Hinsicht rangirterer Bruder der Pelikanwirt trug er durch
seine diplomatische Vermittlung besonders aber durch eine Dose die er
herumreichte Vieles zur Milderung der sich etwas schroff gegenüberstehenden
Ansichten bei Schon dass er so überaus schwärmerisch für Alles was zur
Landesfarbe und zum »uralt« Bestehenden gehörte sich aussprach erzeugte
Einigkeit Denn man musste ein solches Entzücken für die Reaction doch komisch
finden
Den Austausch dieser Ansichten schildern wir nicht Nennt diese Streitenden
Söhne der Zeit nennt sie Dioskuren auf den weißen Lichtrossen der Legitimität
nennt sie die gefesselten Titanen der Opposition sie erörterten nur Das was
wir vorziehen durch die Hebel des Volkes und an ihm selbst zu schildern durch
eine allmälige Entwickelung von Persönlichkeiten deren Bedeutung für den
modernen Volksgeist im späteren Verlaufe sichtbarer hervortreten wird
Es ist aber doch einzig sagte Kümmerlein auf der Sternwarte wir haben
jetzt bald drei Uhr und von der schwarzen Binde sieht man nichts
Sie haben wohl nicht richtig gelesen erwiderte Mullrich
steht wirklich was von einer schwarzen Binde auf dem Signalement
Wie ich gelesen habe
Lesen Sie doch lieber noch einmal Kümmerlein
Kümmerlein breitete sein Papier noch einmal auseinander und las wiederholt
das Signalement Nr 2
Dreizehntes Kapitel
Die schwarze Binde
Murray ein Engländer oder Amerikaner las Kümmerlein mittlerer Figur schwarze
Perrücke eine seidene schwarze Binde über dem einen Auge Mund fast zahnlos
Kleidung abwechselnd ganz ärmlich bald ganz elegant Geht etwas gebückt an
einem Bambusrohr mit goldenem Knopfe Selbst bei ärmlicher Kleidung sieht man
zuweilen goldene Ketten an der Weste und Ringe am Finger Alter
etwa sechzig Jahre obgleich er bei eleganter Kleidung viel jünger aussieht
Im Falle zweideutigen Umganges zu verhaften
Als Kümmerlein geendet hatte musste Mullrich bestätigen dass Dies er sagte
es wenigstens auch ganz ebenso auf seinem Papiere stünde allein darin kamen
sie überein dass eine schwarze Binde am Auge ein gutes Gewissen verrate
Denn sagte Mullrich einen bunten Hund kennt Jeder Die den beiden
Gerechtigkeitsdienern auf den Lippen schwebenden kleinen Rügen über Paxens
übermäßige Feinheit und seine Leidenschaft es einem gewissen großen
Polizeimanne den sie nannten gleich zu tun verhallten im Lärmen des Saales
Denn als sie auf ihren Uhren drei anrücken sahen begann wieder die Musik des
Orchesters und das Rauschen des Tanzes
Die große im Saale befindliche Uhr zeigte zwar die Stunde schlug aber erst
von vier Uhr an Dies war eine eigentümliche Spekulation des Herrn Hitzreuter
im Einverständnisse mit der Kapelle Schlug es nämlich zwölf eins zwei drei
so wurden die Besucher der Fortunabälle die absichtlich nach der Uhr nicht
sahen doch in ihrem Taumel immer stutzig sie fühlten sich gemahnt zeitiger
sich zu entfernen als dem Besitzer lieb war Von vier Uhr an aber wünschten
Herr Hitzreuter und die Kapelle selbst dass man ging Daher wurde das Schlagen
von zwölf eins zwei drei verhindert Mit vier aber fingen die Mahnungen zur
Entfernung an und sogar die Angaben der Viertel dienten gewissermaßen als leise
winkender Kehraus
Eben wollten sich Mullrich und Kümmerlein wieder auf ihrer Sternwarte in die
Sessel strecken die eben nicht sehr bequem waren und ein bisschen »dämmern«
wie sie den diensterlaubten Halbschlaf nannten als plötzlich an den
Ausgangstüren ein Drängen entstand
Manche Paare hielten im Tanze inne und Mullrich fragte Kümmerlein
Kümmerlein heda Hören Sie nicht schreien
Schon aber hatten alle Tänzer die den Saaltüren nahe standen sich nach
draußen gewandt Denn ein so lauter Lärm ein solches Rufen und Wehklagen konnte
man vom Garten her vernehmen dass die allgemeinste Neugierde geweckt wurde und
diese sich allmälig Allen auch den in den Logen befindlichen Zechern und
Schmausern mitteilte
Mullrich kletterte die enge schmale Treppe hinunter gefolgt von Kümmerlein
dem eine Einmischung in handgreifliche Händel immer unwillkommen war
Setzen Sie sich nicht aus rief er Mullrich nach Sie wissen dass wir nach
Vier eine Recherche haben
Mullrich ärgerte sich über den Umweg durch den Tunnel der schon leerer
geworden war Denn Die welche nicht tanzten hielten sich nicht bis in den
frühen Morgen auf Sogar Frau Katrine war zu Bett gegangen und hatte ihre
Functionen einer andern weiblichen Bedienung überlassen und Peters war oben in
den Logen beschäftigt
Die Polizeidiener fanden im Garten ihr Einschreiten nicht mehr nötig denn
schon hatten sich mehre ihrer Kameraden ihres Incognitos begeben und halfen
einen jämmerlich zugerichteten Mann daher tragen für den um einen Wagen gerufen
wurde Einige jüngere Leute gingen schreiend und fluchend neben ihm her während
eine Frauenstimme wehklagte und den Fortunabällen wenn sie von Mördern
überfallen werden könnten den Untergang prophezeite
Man erzählte dann dass eine Anzahl junger Leute mit diesem Schwerverwundeten
und Halberschlagenen einem Andern aufgelauert hätte um ihn für irgend ein
Vergehen zu züchtigen Auf das Hülfegeschrei einer Frau aber wären über den
Zaun an dem Holzschuppen rechter Hand man zeigte in dem aufgehenden
Tageslichte nach jener Stelle eine Menge Vermummter mit Stangen und Eisen
erschienen hätten jenen Bedrängten befreit aber den wildesten seiner Gegner
auch in dem Grade kampfunfähig gemacht dass dieser schwerlich wieder aufkommen
würde
Den Verwundeten erkannte Mullrich sogleich
Es war Dies der Kutscher des Justizrats Schlurck Neumann mit dem
Backenbart und den goldnen Ohrringen
Die wildaufgeregte schreiende Anklage kam von Jeannetten die im Augenblick
der Gefahr ihre Tändeleien nicht mehr durchführte und sich wohl
vergegenwärtigte wie ihre fast dreißig Jahre es ihr zur Pflicht machten eine
so solide Anhänglichkeit wie die des Neumann wert zu halten Sie verwünschte
bald die Feigheit der Reitknechte Lasallys die wohl Jemanden überfallen aber
sich nicht verteidigen könnten wenn sie auf gefasste Gegner stießen Sie schwur
der Roten Rache die Hackerten diesen Schutz hatte herbeizaubern können und war
im ersten Zorn so heftig über Fränzchen Heunisch die von ihrem Tänzer geführt
wurde hergefallen dass diese vorzog zu flüchten und sich umsomehr bald von
Sandrart nach Hause begleiten zu lassen als Louise Eisold und Hackert
verschwunden schienen
Der Oberkommissär Pax verschafte sich während man Neumann mit Wasser
besprengte und in den Wagen trug alle nur zu ermöglichenden näheren Angaben
über die Begebenheit war aber insofern schon völlig im Klaren dass er den
Angreifern sagte ihnen wäre Recht geschehen Seine Teilnahme für Hackert gab
sich dabei vollkommen zu erkennen Und von den sogenannten Vermummten hatte er
die Überzeugung dass Dies Maschinenarbeiter von Willings Fabrik gewesen wären
am Zaune gelauscht und die Gewalttat eben so gewalttätig verhindert hätten
Auch er sah sich nach Hackert um der ebenso wie der mehrfach erwähnte und ihm
selbst aufgefallene noch immer nicht demaskirte rote Domino verschwunden war
Als die gleichfalls herbeigeeilten Kapellisten wieder an ihre Notenpulte
lachend zurückkehrten und der Tanz aufs neue nun gerade erst bachanalischer als
bisher begann wollten auch die beiden Polizeidiener Mullrich und Kümmerlein
wieder auf die Sternwarte Pax aber rief ihnen nach und fragte wieder bei Seite
Noch immer nichts von Nr 2 gesehen
Nicht ein Haar Herr Oberkommissär
Keine schwarze Binde überem Auge
Nirgends aber ein Franzose war da Herr Oberkommissär Nichts Verdächtiges
an ihm bemerkt als dass er französisch spricht
Eine grüne Brille
Ein schwarzer Schnurrbart
Es ist der Franzose nicht der beobachtet werden sollte und doch hätt ich
gern erfahren was hinter der grünen Brille steckt
Herr Oberkommissär sagte Kümmerlein der suchte nichts als die
Frauenzimmer
Schien mir auch so antwortete Pax lächelnd Als ich ihm einige Male
nachgegangen war und ein Gespräch anknüpfen wollte verschwand er Ganz geheuer
ist es mit dieser grünen Brille nicht Er schlich dem Sergeanten und dem blauen
Mädchen nach Aber die schwarze Binde Man versicherte uns sie ginge auf den
Fortunaball Nun gute Nacht Ich gehe Sie bleiben wohl bis zu Ihrer
Recherche
Es geht nun in Einem hin
Vergessen Sie nicht die Gebrüder Wildungen aus Thüringen Drei Treppen bei
Frau Schievelbein
Neustrasse
Was wir finden geht mit
Besonders ein Bild
Abzuliefern an
An Frau Ludmer Kammerfrau der Geheimrätin von Harder
Gut Besorgen Sie das Alles mit der größten Pünktlichkeit Nun gute Nacht
Damit verließ Oberkommissär Pax den Garten der Fortuna und seine getreuen
Organe kehrten auf ihren früheren Standpunkt die Sternwarte zurück
Wie sonderbar gleicht aber das Schicksal aus Was dem Einen Quell der Leiden
ist wird dem Andern zum Quell der Freude Wenn irgend etwas die Größe jener
unparteiischen Gewalt die unsichtbar über unsern Schicksalen tront
vergegenwärtigt so ist es dieser vollkommene Widerspruch in Dem was dem Einen
nützt und zugleich dem Andern schadet ein Widerspruch für uns der aber für
jene ewige Gewalt die eigentliche Seele ihrer Harmonie sein muss
Eine solche Ahnung nur nicht philosophisch ausgedrückt lag im Auge des
Kellners Peters der in der großen Loge bediente und seinen Türingern die bei
dem Lärmen zu spät gekommen waren mit vertraulicher Miene zuraunte
Eben ist der Kutscher des Justizrats Schlurck halbtodt vom Platze getragen
worden Vor sechs Wochen kommt der nicht wieder auf wenn er je wieder eine
Leine führen kann Was meinen Sie wenn ich mich morgen bei dem Justizrat melde
bloß dass ich diese gottverdammte Schürze und kurze Jacke ablegen darf
Freier Phaeton edler Sonnenlenker tue Das rief Siegbert der
sonderbarer Weise von dem Tumulte dieses Festes und Dankmars Reiseerzählung
mehr gesteigert war als der nachdenkliche Dankmar den grade in diesem Tumulte
Wehmut und die ernste Mahnung an die Lösung einer großen Aufgabe die er sich
für eine edlere Welt gestellt hatte still für sich überfiel
Wirf sie ab rief Siegbert und strich das blonde Haar aus dem erhitzen
schönen Antlitz wirf sie ab die Tracht des dienenden Heloten Werde wieder
Freiherr von der Peitsche Baron vom Sternenaufblick Ritter zum
Schellengeklingel Schleudere sie hin den Hitzreuters die Speisekarte die
deines edlen Busens nicht würdig ist Landsmann Schatten Margo zu apportiren
lasse Denen die pudelhafter ihre Seele von einem Weibe verkaufen lassen
Pegasus im Joche schwing dich in die Lüfte und werde wieder was du eher
warst ehe du wurdest was du bist
Peters machte Dankmarn ein Zeichen als wollte er sagen dem Bruder Maler
hätte wohl der Schatten Margo
Zu viel Licht gegeben Nein antwortete Dankmar zur Ehrenrettung seines
Bruders es ist seine wirkliche Überzeugung Wir bemitleiden dich Peters
Morgen früh um neun Uhr klingl ich an Schlurcks Haustür Wartet da auf mich
Hört Ihr Wir bringen dann alle unsere Angelegenheiten ins Reine
Herr Dankmar wirklich meinen Sie
Er ist reich er kann sich ohne Kutscher nicht behelfen
Dann bring ich aber den Bello auch mit
Bring auch den Bello mit Gegen vier brechen wir auf Vier Stunden Schlaf
ist genug für einen so tollen Tag wie den heutigen auf den drei Nächte gehören
wenn man die verlorenen Ruhestunden wett machen wollte Wir wollten verdorbenes
Volksleben studieren Schmerzen in uns selber töten Für einmal und nicht
wieder Also um neun Uhr
Mit Bello beim Justizrat
Abgemacht Wenn du Anwartschaft auf den Posten bekommst Peters trägst du
mir den Schrein nach Haus Nicht wahr Oder wird er zu schwer auf deinen
Schultern drücken
Nein Mein Gewissen erleichtern sagte Peters fast mit verklärtem Blick und
sah mit Ungeduld auf die Uhr die nicht fortrücken wollte und trotzdem dass
schon der lichte Sommertag durch die Fenster graute auf halb vier Uhr stand
Die Zahl der tanzenden Paare hatte sich sehr gelichtet Kümmerlein und
Mullrich gähnten und schliefen halb und halb wieder auf ihren Stühlen ein
Kaum mochten sie zehn Minuten »gedämmert« haben als bei dem geringeren
Toben der Menge es Mullrichen war als wenn er an der Wand die die Sternwarte
von einer kleinen Loge dicht neben ihr trennte ein Gespräch hörte das laut ja
zankend war
Sich sammelnd und aufrichtend horchte er und hörte leider nur den wilden
Galopp den jedoch kaum noch dreißig Paare tanzten Er hätte sich gern umgebeugt
und in die Loge eingesehen allein der kluge Erbauer des Fortunasaales hatte es
so eingerichtet dass Niemand aus einer Loge in die andere lauschen konnte Sehr
geschmackvolle Stukkaturen und Bronzearbeiten waren an den Verbindungswänden zur
Zierde des Saales angebracht Man hätte sich weit über die Brüstung lehnen
müssen wenn man um die Karyatiden herumsehen wollte die die Logen von einander
trennten Von der vollends etwas zurückgebauten »Sternwarte« war dies mit der
zunächst anstoßenden sehr kleinen Loge durchaus nicht möglich
Kaum hatte sich Mullrich wieder an die Verbindungswand gelehnt als er ein
jetzt plötzlich gar lautes und aufgeregtes Gespräch zu hören glaubte jedoch nur
von zwei streitenden Personen
Er weckte Kümmerlein und machte als sich dieser gesammelt hatte ihm
Gebehrden auf die Wand zu merken
Was ist denn fragte dieser
Hören Sie nur Hier
Beide legten ihr Ohr an die Verbindungswand die die Sternwarte von der
kleinen ganz unbeachteten Loge trennte
Was sie vernahmen war ein grämliches Zanken zwischen einem wie es schien
älteren Manne und einer jüngeren aber heiseren und tiefliegenden Frauenstimme
Schweig Maulwurf sagte die Frauenstimme was hab ich von dem Glanz wenn
ich ihn nicht zeigen darf
Eine fast grunzende mürrische Stimme grämelte irgend etwas dagegen was man
nicht verstehen konnte
Gold und Juwelen fuhr die Frauenstimme maliciös fort und in einem Käfig
sitzen Nein lieber Wasser und Brot aber Polka tanzen Ich habs satt morgen
gehst du oder ich
Die Stimme des Alten murmelte oder brummte wieder etwas Unverständliches
Fünf Tage nicht drei sagte die Frauenstimme hörst du Fünf nicht drei
Dann tu ichs Was sind drei Tage Oder nimm drei Tage aber zwischen jedem
einen von deinen mageren Tagen dazwischen Hörst du Nicht drei fette Tage
hinter einander
Hintereinander war die jetzt verständliche deutliche entschiedene Antwort
des alten Mannes
Dann bleiben wir nicht zusammen fuhr die Frauenstimme zornig fort Drei
Tage im Monate hast du mir versprochen mir so zu schenken dass ich alle meine
Vergnügungen und Wünsche befriedigen kann Nun ja ich habe gestern prächtige
seidene Kleider bekommen heute Juwelen und Gold und morgen soll ich mein wahres
mein echtes Bild haben das ich wirklich bin und keine Andere
Und gab ich heute nicht schon mehr sagte jetzt deutlicher und mit gehobener
Stimme der Mann als du begehrtest Ist dieser tolle Nachtschmaus wo man sich
vor dem anbrechenden Tageslichte schämen muss nicht eine Zugabe zu den Juwelen
und dem Golde Ich sah überall in die Logen dieses Saales Diese kleine stille
verborgene ist die schönste Hier sind Spiegel und weiche Polster Hier duften
Blumen und da hängen reizende Bilder Du hast Fasanen gegessen Champagner
getrunken Aber du weißt nichts zu würdigen Im gierigen Genuße schlingst Du
Alles hinunter und hast wie die Heisshungrigen erst dann einen Reiz dazu wenn du
es schon verzehrt hast
Nun gut sagte lachend die Frauenstimme Diesen Fortunaball schenktest du
mir auf den zweiten Tag als Zugabe aber ich will tanzen tanzen Ich trinke
hier Champagner esse Eis und verzehre mich vor Gier hinunter in den Saal zu
dürfen Sieh Alter Überall da unten sind meine Tänzer Sieh den kleinen mit
den feurigen Augenerkennst du mich wohl wenn ich he Junge He He
Willst du bleibst du wohl zurück Tritt nicht leichtsinnig mit Füßen was
ein Freund liebevoll heute über dich häufte
Man hörte fast dass die Hand des männlichen Sprechers die des weiblichen
packte und zurückriss
So komm mit Ich will mit dir tanzen Alter mit dir Ha ha ha Komm
Lass mich Schäme dich
So will ich nur einmal an deinem Arme durch den Saal schlendern Sieh es
ist gleich drei Viertel auf vier Um vier Uhr hast du den Wagen bestellt Komm
schlendre mit mir durch den Saal Brummbär
Das Alles ist wider die Abrede antwortete die Männerstimme Diese
Fortunabälle werden sich oft wiederholen Es werden andere Feste kommen wenn
die Jahreszeit unfreundlicher wird und man die geselligen Vergnügungen sucht Du
hast dann wieder drei Tage des Glücks und der Verschwendung
Und siebenundzwanzig der Armut und Langeweile der schrecklichsten Folter
Nein Männchen such dir eine andere Närrin für deine Possen ich kann arm
sein aber Langeweile haben und nicht nein nein
Und nicht lieben willst du sagen
Ich sagt es nicht
Und doch ist es Das Nur Männer die dich küssen willst du um dich
Ich will nicht Männer die mich küssen
Du sagtest mir Das vor vierzehn Tagen als ich dich im Elend in der
verworfensten Schande antraf die Tochter eines Mannes dem ich ewig
verpflichtet bin Hättest du mir gesagt ich muss lieben muss küssen und
leichtsinnig sein ich kann die Tugend nicht üben so hätt ich für dich gebetet
so aber sagtest du
Ich habe nicht gelogen
Nun denn wenn du die Freude das Vergnügen die Pracht und die Trägheit
liebst warum siehst du nach dem kleinen Schwarzkopf mit den feurigen Augen
Er tanzt und du nicht Komm wenigstens durch den Saal müssen wir
schlendern Es ist gleich vier
Wir sind ja nicht gebunden Die Pferde warten
Sie sind um vier Uhr bestellt
Andre Wagen warten genug unten wir bezahlen beide
Das kostet zuviel
Was kümmert dichs obs an den drei Tagen deines Glückes mich etwas mehr
kostet oder weniger
Hier schwieg die Frauenstimme einen Augenblick
Ihre heiseren Töne waren plötzlich sanfter geworden
Mullrich machte Zeichen des größten Erstaunens und der unglaublichsten
Überraschung
Nun fragte Kümmerlein flüsternd
Da verwett ich meinen Kopf
Worauf denn
Das ist Nr 17
Wo Nr 17
Nr 17 aus unserm Hause Die MalerGuste
Die nach Hamburg wollte
Die und Hamburg Horch Wart Du sollst uns mit dem alten Spiegel und
mit der Bettstelle und dem WaschlavoirSt Stille
Die ältere männliche Stimme begann wieder
Sonderbar sagte sie Schon die ersten drei Tage sorgst du ja für mich
Mädchen Bedenkst ja meine Kasse Sieh Sieh Wirst ja häuslich wirtschaftlich
Ha ha ha lachte spöttisch das Mädchen bilde dir nichts ein Männchen
Ich wette du lernst noch mit der Zeit dich in Manches fügen
Die Zeit wird dir doch zu lang werden Alter
Glaubs nicht
Wollen wir wetten Ich wette gern
Heute hast du eine Broche zwei Armbänder Ohrringe bekommen ich schenkte
dir ein Souper im Fortunaball als freiwillige Zugabe Eine Wette spar dir auf
deine nächsten drei fetten Tage im September
Die erleb ich nicht mehr In den siebenundzwanzig mageren lauf ich dir
davon oder sterbe
Bedenke im Februar sind es nur fünfundzwanzig wo du dich bezähmen und mit
mir Erdäpfel essen sollst
Nie Nie Ich gehe nach Hamburg
Hier sprang Mullrich auf und sagte halblaut für sich
Satan Du bists Juwelen und Gold und Fasanen und sich malen lassen und mir
lässst du einen zerbrochenen Spiegel eine lahme Bettstelle und ein Waschlavoir
für drei Monate Hausschlüssel und alles Übrige Kröte du
Mit diesem kräftigen Worte das alle seine Empfindungen und auch das
systematische Bestreben reich zu werden wie Kümmerlein gesagt hatte
ausdrückte fasste er Kümmerleins Hand um von diesem einen localkundigen Rat
irgend einen strategischen Angriffsplan auf die Nachbarloge zu hören
Kümmerlein aber winkte ihm mit spähend aufgerissenen Augen und zeigte stumm
auf die Wand wo noch folgende Worte hörbar wurden
Hör Alter sagte die Frauenstimme wenn die drei fetten Tage im September
kommen und ich sage an einem davon wir gehen auf den Fortunaball und du musst
tanzen so musst dus auch Das erfordert unser Kontract
So werd ich tanzen antwortete der Alte
Ha ha Das lassen wir für Geld sehen
Gelernt hab ichs
Das möcht ich sehen aber mit mir nicht Man lacht uns aus
Man lacht dich nicht aus wenn du schöne Kleider trägst von denen sie Alle
wissen dass ich sie dir schenkte
O Das muss lustig sein dich da unten hinken zu sehen Komm Es rückt auf
vier Tu mir wenigstens den Gefallen und mach noch einmal im Saale mit mir
die Runde
Um fünf
Nein wir fahren jetzt
Warum jetzt schon
Was die Stunde kostet dass der Kutscher hält dafür dafür trink ich
morgen Chokolade
Mädchen weil du zu sparen anfängst sagte der Alte lachend will ich dir
den Gefallen tun und einen Gang durch den Saal machen Glücklicherweise sind
die Logen fast leer und von den Tänzern nur noch ein paar Wilde da die sich
nicht zur Ruhe geben wollen Führe mich Auguste Ich kann nicht gut sehen
Komm Auguste
Auguste sagte Mullrich triumphierend
Ich kann nicht gut sehen fiel Kümmerlein ein
Wer
Der da
Nun
Nichts begriffen
Es ist die Auguste die mir für vier Monate
Zum Henker ja Aber der Andre
Was denn
Kommen Sie sagte Kümmerlein kopfschüttelnd über die Beschränktheit seines
Kollegen Rasch Der verdammte Tunnel Es muss von hier noch eine Treppe gerade
in den Saal hinunter gemacht werden Wir machen einen Kapitalfang Ziehen Sie
die Pfeife heraus wenn Succurs nötig ist
Mullrich der immer nur an Nr 17 und die ihm schuldigen vier Taler dachte
folgte verwundert dem klügern an die schwarze Binde denkenden Kümmerlein
Gerade aber fünf Minuten vor dem vollen Glockenschlag Vier begab sich unten
im Saale der Fortuna folgende seltsame Szene
Es war eben ein stürmischer Galopp den man den Tarantelstich nannte
beendigt die nur noch spärlichen Paare traten zurück und Manches rüstete sich
der tiefernsten sittlicherhabenen Mahnung des durch die großen Fenster
hereinschimmernden Tageslichtes zu folgen und nun still niederblickend
heimzugehen Die Kraft des zuströmenden Gases ließ in den Kronenleuchtern nach
ein unheimliches gespenstisches Helldunkel verbreitete sich in dem staubigen
Raume Die vorhin noch so freundlich schimmernden Toiletten wurden plötzlich
fahl und erschienen zerknittert die Gesichter eben noch prahlerisch machten
sich hässlich alt ja als ein Kronenleuchter plötzlich ganz verlöschte war es
als spräche eine Geisterstimme plötzlich ein schauerliches Wort das dem Feste
noch vor der Zeit ein Ende zu machen schien
In diesem Augenblicke stoben vor einem seltsamen Anblick entsetzt die
Tänzer auseinander
Die wenigen Tänzerinnen die eben eiligst ihre Shawls und Hüte suchten
stießen ein ängstliches unterdrücktes Ach aus
Alles sah mit dem Ausdrucke des fragenden unsicheren Erstaunens nach einer
Erscheinung hin die durch die große Haupttür eintretend erst Wenigen
auffiel dann Alle in Furcht und Schrecken versetzte
Ein Tänzer den Alle kannten weil er sich als der Gewandteste Witzigste
Ausgelassenste in ihren Reihen getummelt hatte kam in zerrissenem Anzuge
verwilderten Kleidern zerschlagenem Hute über dem rötlichen Haar Staub und
Gras an den Kleidern und Stiefeln mit einem jener Lichter wie man sie unter
Glasglocken die die Flamme schützen in öffentlichen Gärten aufstellt herein
feierlich schreitend gespenstisch mit geschlossenen Augen
Hinter ihm die rote Dame die Allen aufgefallen war und noch immer ihre
Maske trug
Ängstlich besorgt folgte sie dem Wandelnden und hielt Alle die von dem
Anblick überrascht erst lachend dann entsetzt stillstanden zurück den Finger
auf den Mund legend und förmlich mit den Händen um Schonung und Mitleid flehend
Die Musik begann nicht wieder
Die Tänzer flohen von jeder Seite weg wo der gespenstische Wanderer mit dem
großen Windlichte daherkam
Auch zu den wenigen noch besetzten Logen hinauf zischte man und erzwang Ruhe
und allgemeine ängstliche Aufmerksamkeit
Ein Nachtwandler ging es mit flüsterndem Grauen durch die Reihen aller
Anwesenden die beklommen den Atem anhielten und nicht wussten ob sie bestürzt
sich entfernen oder das Ende dieses Zustandes und seine mögliche Entwickelung
abwarten sollten
Manche waren freilich so frivol gespannt dass es ihnen das Liebste gewesen
wäre der Unglückliche hätte irgend ein gefährliches Unternehmen begonnen und
eine Tatsache ihnen bestätigt von der man allgemein wohl viel erfährt aber
selten so günstige Gelegenheit findet selbst von ihr etwas in Erfahrung zu
bringen
In diesem Augenblick schlug es voll vier
Der Nachtwandler horchte auf und lächelte
Er blieb stehen
Seine schützende Begleiterin war in Verzweiflung weil sie nicht wusste was
sie tun was unterlassen sollte
Indem setzt der Nachtwandler seinen großen Leuchter auf einen Tisch sieht
sich nach der Uhr um schlägt als wenn er die acht Klänge der Uhr wiederholte
acht mal mit der Hand langsam in die Luft und beugt sich bald nach rechts bald
nach links als suchte er etwas
dabei lächelt er
Dann nimmt er den Leuchter und gleichsam als wenn er sich über Schlafende
beugte leuchtete er hin bald hier bald dort
Die Begleiterin riss sich jetzt die Larve vom Gesicht
denn die Tränen rannen ihr aus dem Auge
Alle starrten nach ihr hin
Niemand kannte sie
Dies Raten und Forschen mehrte die Ängstlichkeit der Szene
Was tut er Was bedeuten diese Bewegungen der Hände als wenn er ein Kind
schaukelte
So sprachen die stummen Mienen der Umstehenden und forschten leise die
weinende Fremde aus
Diese verstand sehr wohl dass der Unglückliche durch das Schlagen der Uhr an
den alten Großvater Eisold in der Brandgasse und an dessen Urenkel die Kinder
erinnert wurde und dass diese Gebehrde die er in seinem träumenden Zustande
machte Szenen vorstellte die sie oft zu ihrer innigen Freude erlebt hatte wo
der Bemitleidenswerte auf milder weicher und ihr zugewandter besserer Stimmung
Abends kam zu den schlafenden Kindern auf ihre Lagerstätten niederleuchtete und
diesen eine gute von Engeln behütete Nacht wünschte
Der Nachtwandler hielt das Licht und leuchtete auf den Boden und lächelte
und die Flamme des Lichtes fasste bereits sengend seine eigenen zerfetzten
Kleider
Hackert rief die Fremde jetzt vor Schreck und der Gefahr des Verbrennens
und in ihrem überwältigten Gefühle stürzte sie auf diesen zu dem aber schon ein
mutigerer Zuschauer die Lampe aus der Hand riss und auf den Tisch stellte und
ihn selbst auffangen wollte wie er eben in Louisens Arme sank und sich
schaudernd besann auf Das was ihm eben geschehen war und noch geschah
Alles kam näher Alles wollte fragen die Pein war furchtbar für Louise und
Hackert der sich in diesem Aufzuge unter allen diesen Menschen und in seinem
Zustande sah
Glücklicherweise dauerte diese Folterqual für Hackert und Louise nur eine
Sekunde
Denn im Nu erscholl ein gellender markdurchbohrender Pfiff
Man sah sich um
Die Polizei umringte eben jenen Mann der Hackerten mit raschem Entschlusse
das Licht aus der Hand gerissen hatte
Es war Dies ein gebeugter älterer Mann sehr fein gekleidet mit dunkler
Perrücke und einer großen schwarzen Binde über dem rechten aufstarrenden Auge
Auch ein junges allgemein gekanntes Mädchen Namens Auguste Ludmer wurde
mit ihm zugleich verhaftet Die große bildschöne schlanke Figur war so reich
gekleidet so mit Gold und Edelsteinen geschmückt dass Alle starrten Der Grund
dieses überraschenden Zwischenfalls konnte Niemandem auffallen Der Mann mit der
schwarzen Binde hatte auf Kümmerleins einfache Frage Sie sind Murray einfach
geantwortet
Ich bin Murray
Ruhig hatte er sich in sein Schicksal ergeben während Auguste Ludmer
genannt die MalerGuste sich wie verrückt gebehrdete halb wütete halb lachte
und Mullrich mit den Worten anredete
War Das ein Pfiff auf einem von deinen Hausschlüsseln Pechdraht du
Diebsschlosser
Das Sträuben des schönen üppig geformten an die Statüen der Griechinnen
aus dem Zeitalter des Alexander erinnernden Mädchens half ihr aber nichts Zwei
Agenten die Mullrich und Kümmerlein zu Hilfe gekommen waren führten sie fort
Mullrich aber und Kümmerlein nahmen den Mann mit der schwarzen Binde der
sich Murray nannte in die Mitte
Er ging ruhig lächelnd
Hackert schlich am Arme des armen Mädchens Louise Eisold die die
entstandene Aufregung benutzte um Hackerten fortzuziehen Sie ging still und
unscheinbar Sie hatte den seidenen roten Mantel über dem Arm die Maske in der
Hand
Die Tänzer die Flöten die Geigen die Posaunen folgten
Die Gaslichter erloschen
Der Fortunaball hatte ein Ende
Vierzehntes Kapitel
Eine Morgenstunde
Es war sieben Uhr Morgens als Justizrat Schlurck mit seinem »guten Hannchen«
am Kaffeetische saß und das Frühstück verzehrte
Franz Schlurck war im seidenen leichten Schlafrock Johanna Schlurck in
einer leichten Morgenrobe über dem Haupte eine Dormeuse alten Geschmackes
jedoch neuester Mode Die Spitzen lagen bis tief über die Stirn der klugen und
besonnenen Frau die heute den Kaffee lobte weil ihn Jeannette nicht gemacht
hatte Auch die Aufmerksamkeit des zweiten Mädchens frische Blumen die gestern
Abend geschnitten aber frisch benetzt heute früh schon um sechs Uhr auf dem
Markte gekauft wurden neben den Zwieback in einer Vase auf den Kaffeetisch zu
stellen lobte Hannchen Schlurck ausnehmend und stellte dadurch die Ruhe des
Justizrats wieder her die von der Nachricht Melanie hätte eben der Mutter aus
ihrem Schlafzimmer zugerufen Jeannette wäre von ihr verabschiedet etwas
gestört schien
Auch die Mutter hatte diese Nachricht ungern vernommen Sie hasste alles
Gewaltsame alles Extreme
Da aber Melanie einmal darauf bestand musste diese Anordnung so bleiben wie
sie war
Auf des Justizrats Einrede dass solch verletztes Volk viel Gift und Galle
verspritze viel klatsche und austrüge erwiderte seine Gattin die ebenso
gedacht dass man wohl wenn Melanies Zorn vorüberwäre Jeannetten diesen oder
jenen Beweis freundlicher Gesinnung geben könne was Schlurck um so natürlicher
fand als er sich auch noch damit trösten zu können glaubte dass Neumann mit der
Zeit doch wohl die Jeannette heiraten würde
Jetzt wartete aber bereits eine andere unangenehme Nachricht Man hatte
Neumann wie die Frau Justizrätin heute in aller Frühe schon erfahren halbtodt
von einem nächtlichen Balle heimgebracht und während noch die bedächtige Frau
darüber nachsann ob sie oder Bartusch dies neue unangenehme Ereignis dem durch
solche Bedrängnisse der nächsten Umgebung überaus leicht zu verstimmenden Gatten
vortragen sollte wollte dieser denn doch ein wenig genauer wissen worüber die
Jeannette nach dreijährigem Dienst so über Hals und Kopf aus dem Hause fort
müsse Er hoffe sagte er dass sie noch auf ihrem Zimmer wäre und nur verboten
erhalten hätte zum Serviren des Frühstücks herunter zu kommen
Sie ist boshaft gefährlich und fügt sich nicht in Melaniens jetzt recht
empfindlichen Charakter sagte die Mutter
Ja ja setzte Schlurck hinzu Melanie ist seit kurzem wirblich und
wunderlich geworden Ich glaube dass es Zeit ist sie entschließt sich zu irgend
einer Partie Diese Tändeleien und kleinen Romane stumpfen das Interesse für ein
Mädchen ab Man muss nicht zu lange gefallen wollen und Alle blenden Das
Auftauchen einer hübschen Erscheinung sei wie das kurze Leben eines
Schmetterlings Weibliche Liebenswürdigkeit muss ein Ziel haben die Ehe Hernach
kann sie sich ja noch einmal entpuppen und sehen wie es sich in dieser Welt in
anderer Form leben lässt Die Ehe gibt ja erst die wahre Freiheit Ich wünsche um
so mehr ein Ende als es Zeit ist auch einmal über ihre Mitgift nachzudenken
die nicht groß sein wird
Nicht groß versetzte die Mutter etwas befremdet Was verstehst du unter
groß
Ich habe Verluste gehabt sagte Schlurck verdrießlich und werde deren noch
mehr haben Die Verwaltung der Hohenbergischen Güter ist in andere Hände
übergegangen die Administration der Johanniterhäuser wird mir auch noch
genommen werden
In Folge des Prozesses
So wie so Bei der Stadt bleiben diese Güter und Häuser nun schwerlich
länger und der Staat würde ihre Nutzung ganz anders ausbeuten als wir bisher
Man wird alle die milden Stiftungen die auf sie angewiesen sind wie früher
unterstützen aber den Ertrag wird man zu erhöhen die Kosten der Verwaltung zu
vereinfachen suchen Brechen damit zwei meiner Hauptstützen zusammen so wird
die Wendung unseres Gerichtsverfahrens mir nicht einmal mehr den alten Kredit
als Sachwalter lassen denn bei Einführung des mündlichen Verfahrens kann es nur
den Rednern gelingen sich einen Namen zu erwerben und ich bin kein Redner Das
Bischen Politik das ich angestachelt von den conservativen Vereinen und
besonders dem verdammten Reubunde getrieben habe hat mich bereits mit allen
meinen Arbeiten in Rückstand gebracht
Das sind ja traurige Aussichten Wir wollen uns einschränken sagte die
Justizrätin seufzend
Sprich das Wort nicht aus antwortete Schlurck Einschränken So wie mich
Mangel oder Sorge begrüßt ist mein Lebensende da Etwas entbehren etwas gehabt
haben und sichs nun versagen müssen nein liebes Kind Das wäre mein Tod
Du sprichst wie ein Verschwender Schlurck
Der ich doch nicht bin willst du sagen Herz wir haben keine Übersicht
über Das was wir besitzen und brauchen Wir geben aus und geben weil wir
einnehmen Plötzlich sich nun einrichten müssen die Reflexion bei sich zu
Tische sehen und mit der Weisheit soupiren das Alles würde vielleicht äußerlich
gehen aber du würdest erleben dass ich innerlich anfinge recht zusammen zu
fallen und an einem stillen Herzweh hinzusiechen Ich würde lachen scheinbar
heiter sein aber den Ruck hätt ich doch weg und eines Tages bliese mich ein
kühler Abendwind von dieser schönen Erde weg
Franz Franz Welche düstere Gedanken
Frau Schlurck weinte fast
Sie hatte ihren Franz lieb als Charakter als Gemütsmenschen wenn auch
die Sage ging dass der vorurteilslosen Frau Bartusch näher stehen sollte
Weltmann wie Schlurck war ignorirte er alle Mysterien und hielt sich an das
Offene an das Notwendige und Schickliche Auch ihm war sein Weib so nötig wie
er ihr Er hatte in ihr die mildeste Richterin und die bequemste Freundin Sie
duldete alle seine großen und kleinen Schwächen nahm sie für gegebene
Tatsachen und quälte ihn nie mit etwaigen Zumutungen sich zu ändern in sich
zu gehen oder dergleichen angewandter Moral die er um so mehr ablehnte als er
oft sagte Kind es gibt ein Dutzend moralischer Systeme Welches ist das
rechte Er liebte im Vollen zu leben und sie rechnete nie da sie reichlich von
ihm empfing Sie schonte selbst seine geheimen kleinen Neigungen von denen er
nicht frei war Gern hatte sie dabei freilich dass er sich unter seiner Sphäre
hielt Der kleine Roman mit der Justizdirektorin von Zeisel geborenen
NutzholzDünkerke der sich unter ihren Augen in Hohenberg entsponnen hatte
überraschte sie unangenehm und doch hatte sie sich auch bereits in diesen
gefunden
Du hast gestern Nachmittag nach Plessen geschrieben sagte sie um ihm einen
Beweis ihrer Güte zu geben
Ja antwortete Schlurck etwas verlegen ich habe dem Justizdirektor eiligst
angezeigt dass Prinz Egon die Verwaltung der Güter selbst antritt Ich habe ihm
gesagt er möchte auf seiner Hut sein vor dem neuen Generalpächter einem
gewissen Ackermann der aus Amerika gekommen ist um seine Dollars in allerlei
agronomischen Experimenten zu verpuffen Bis er völlig zu Grunde gerichtet ist
wird dieser anmassende Sonderling viel Menschen zusammenhetzen und recht quälen
können
Du hast doch Frau von Zeisel gegrüßt sagte die Justizrätin mit mildem und
versöhntem Ton Sie ist eine gute und liebe Frau die uns wohl einmal besuchen
könnte Meinst du nicht Franz
Schlurck war über solche Beweise von Güte leicht gerührt Schwach
charakterlos wie er war hatte er wirklich ein weiches Herz und fühlte nie
unzart Er sah scharf genug dass ihn seine Frau mit ihrer frivolen Philosophie
trösten und erheitern wollte
Du bist wehmütig gestimmt über unsere finanzielle Lage sagte er Noch lässt
sie sich aber ertragen Wir nahmen viel ein aber leider wir sparten nicht
Dennoch werd ich Melanie wenn sie endlich sich verheiratet funfzehntausend
Taler sogleich baar mitgeben können und mich gern verpflichten meinem
Schwiegersohn jede Erleichterung zu gewähren Viel größer liebes Kind ist
nämlich nicht mein baares Geld das durch den Fall der Papiere um die Hälfte im
Werte sank Deine Zukunft liebes Hannchen sichert dir eine in dem Londoner
»Janus« eingeschriebene Rente und die Gotaer Bank
Ich werde sie nie benutzen antwortete Madame Schlurck die sich lange
nicht von ihrem Manne mit liebes Hannchen angeredet gehört hatte und auch darin
ein ominöses Zeichen sah
Nie Nie wiederholte sie gerührt und weinerlich
Das wäre schlimm Herz sagte Schlurck jetzt wieder mit seinem gewöhnlichen
Humor soll ich London und Gota reich machen jährlich Gelder einzahlen in
Kassen die mir dann nicht einmal solvent würden Nein Kind den Gefallen tu
ich ihnen nicht ich sterbe vor dir
Frau Schlurck brach diese Gedankenreihe die zu trüb war und zu dem
comfortablen Frühstück der hellen Morgensonne und den Blumen in den
Porzellanvasen nicht passte ab und knüpfte eine andere an
Fünfzehntausend Taler sagte sie Wer gibt auch jetzt mehr von seinem
baaren Gelde einer Tochter mit Bei den reichsten Familien erstaunt man über die
geringen Summen die die Schwiegersöhne baar in die Hand bekommen und so viel
weiß ich doch auch dass der Kredit jede baare Summe im Geschäftsverkehr
verdoppelt
Ganz Recht Machte nur Melanie endlich Anstalten rief Schlurck halb
zufrieden halb ärgerlich und sah dabei auf einige alte Papiere die er unter
den Zeitungen neben sich liegen hatte
Sie hat heute in aller Frühe schon geschrieben antwortete die Mutter und
legte die Papiere so dass ihr altertümliches Aussehen nicht die schöne
Symmetrie und die Wäsche ihres Frühstückstisches störte um fünf Uhr war sie auf
und hier in den Zimmern Um sechs schon musste Johann einen Brief forttragen Sie
sagte mir nicht an wen Aber Johann zeigte mir die Adresse An Lasally
An Lasally Hm
Ich glaube fast dass sie sich entschließt dem wirklich treuen Bewerber nun
zuzusagen Zwar in Hohenberg wo sie sich einbildete den Prinzen erobert zu
haben hat sie ihn kalt fast zurückstossend behandelt allein Das ist noch kein
Beweis Die Partie hatte nie deinen Beifall
Schlurck zog die Achseln
Ein junger Mann sagte er von sehr reichen Eltern zurückgekommen aber im
Reichtum erzogen mismütig verstimmt verlebt halb bankerutt ein Israelit
ich muss gestehen etwas Seltsameres konnte uns nicht begegnen Aber aus dem
ganzen Leben weiß ich nichts kommt so wunderbar wie ein Schwiegersohn Man
träumt von einem Gelehrten und es ist ein Soldat von einem Pfarrer und es ist
ein Schauspieler Das menschliche Herz
Die Mutter suchte mancherlei Günstiges für Lasally vorzubringen Er wäre
längst getauft wäre gutmütig gefällig oft edel denkend nur etwas verwildert
und ohne Erziehung Auch sie begreife nicht wie ihnen Das geschehen musste ihr
schönes gefeiertes liebenswürdiges Kind gerade zu solcher Partie hergeben zu
sollen aber ein nachdrücklicher Bewerber stellte sich sonderbarer Weise ja
nicht ein Was wäre da zu tun Man würde Lasallys Finanzen verbessern und dann
vielleicht die Gewissheit haben dass gerade Melanie in dem lebhaften Treiben
seines Berufes sich gefallen würde
Schlurck schüttelte ungläubig verdrießlich den Kopf
Sonderbar sagte er ich liebe Vieles was gefährlich ist nur nicht die
Öffentlichkeit und auch du bist bescheiden und zurückhaltend und dies unser
Kind nimmt den Lasally vielleicht nur um immer gesehen zu werden immer von
Männern umringt zu sein sich auffallend tragen zu können auf allen Partieen
und Korsos in der ersten Reihe zu stehen zu Wagen zu Pferde wie eine
Komödiantin ich begreife nicht welche Geheimnisse in der Natur liegen und
manchmal glaub ich doch dass es mit den Sternen etwas Eigenes auf sich hat Wer
weiß zB ob ich nicht da etwas in der Hand habe was uns doch von der
Notwendigkeit aus Melanien die Frau Stallmeisterin Lasally zu machen
vielleicht befreit
In der Hand Diese alten Papiere
Die Sterne bringen mich drauf Es gibt mondhelle Nächte Hannchen in denen
die Geister geschäftiger sind als sonst So könnt ich fast den Wallenstein
parodirend sagen Du hast mir von der Verwechselung des Prinzen mit einem
jungen hübschen Manne Namens Dankmar Wildungen gesprochen Bartusch erzählte
mir Wunderdinge über Melanies Gefallen an diesem Fremden
So lange sie ihn für den Prinzen hielt ergänzte die Mutter mit
achselzuckender Bitterkeit
Es wäre möglich dass dieser junge Mann in die Lage kommen könnte mit dem
Prinzen Hohenberg nicht zu tauschen
Wie fragte die Justizrätin erstaunt
In seltsamer Aufregung war Schlurck aufgestanden die alten vergilbten
Papiere in der Hand die er als die wichtigsten Dokumente aus dem im unteren
Studirzimmer befindlichen Schrein mit dem Kreuze zu sich hinauf genommen hatte
Eben wollte er sich anschicken seiner Frau eine interessante
Auseinandersetzung zu machen als ein Wagen an sein Haus rollte und er durchs
Fenster blickte
Was rief er Das ist ja Drommeldeis Wagen Er steigt aus Was will denn
Drommeldei bei uns so früh Ist Jemand im Hause krank
Die Justizrätin erriet dass der Sanitätsrat eben kam um Neumanns ihm
gemeldeten Zustand zu untersuchen Einen nahegelegenen gewöhnlichen Wundarzt
hatte man schon in der Nacht gerufen Sie verwünschte den unangenehmen
Zufall dass ihr Mann nun doch etwas erfuhr was man ihm verschweigen wollte Da
er aber diese Absicht sogleich merkte drang er auf Wahrheit und ängstigte sich
schon es möchte Melanien selbst etwas begegnet sein da sie zu lange ausbliebe
Nun musste ihm seine Frau erzählen was die Nacht geschehen war Es berührte ihn
das Alles höchst unangenehm Die Notwendigkeit einen andern Diener für seine
Pferde zu dingen wenn auch nur für einige Zeit ja auch einen Kranken im Hause
zu haben das Alles sagte er griffe seine Nerven an Auch von moralischer
Seite zeigte er sich heute empfindlicher als sonst Er fand dies heimliche
Auslaufen auf Bälle und auf nächtliche Vergnügungen abscheulich und als gar auf
Hackert die Rede kam und die Mutter sagte Neumann wäre eigentlich Recht
geschehen da es wieder Hackerten hätte gelten sollen brach er in heftige
Verwünschungen gegen alle Welt und die Seinigen insbesondere aus und polterte
sich in diese Stimmung so hinein dass Madame Schlurck bedacht war sie rasch auf
Hackert allein zu lenken und sagte
Bartusch ist auch unverrichteter Sache aus der Brandgasse wiedergekommen
Fritz will Lasallys Prozess abwarten und nicht von hier fort gehen
Diese Worte hatte die eben eintretende Melanie gehört
Melanie war im weißen Morgenkleide mit einem langen Kragen der von den
reizenden Schultern fiel Obschon sie ihr Haar bereits geordnet hatte musste
doch etwas Überwachtes Gestörtes an ihr auffallen Sie schien sehr erschöpft
fast hinfällig fast leidend In aller Ruhe bot sie den Anwesenden einen guten
Morgen und setzte sich zum Frühstück
Die Eltern waren erstaunt War Das ihre heitre Melanie die immer so
sorgenlos hereinhüpfte War Das der Schalk der dem Väterchen um den Hals fiel
und ihn herzlich küsste Sprachlos sahen die Eltern auf diese feierliche
Umwandlung und hörten mit seltsamem Befremden dass Melanie den Zwieback sich in
ihren Milchkaffee brockend ganz kurz äußerte
Lasally lässt den Prozess fallen Das wird ja nun abgemacht sein
Schlurck näherte sich auf diese Worte Sein Unmut war vorüber Voll
Zärtlichkeit setzte er sich an die Seite seiner Tochter fasste ihren Arm von
dem die weißen seidenschnurbesetzten Oberärmel herabglitten und fragte
Mein Herzblättchen was hast du denn nur
Spracht Ihr nicht eben sagte sie stockend
Von Hackert leider von dem ewigen Thema unsres Hauses antwortete Schlurck
Eure Besorgnisse werden nicht mehr nötig sein fiel Melanie ruhig ein Weiß
der Himmel es ist eine große Plage die auf uns ruht aber sie wird ein Ende
nehmen Lasally wird nicht so boshaft sein diesen Gegenstand öffentlich zu
machen Ich habe ihm geschrieben und ihm bei Allem was ihn noch an uns bindet
gebeten die Vergangenheit ruhen zu lassen
Kind du hast ihm doch keine Versprechungen gegeben fragte Schlurck
besorgt
Warum Werden diese Dinge nicht damit enden müssen dass ich mich unter einen
sichern Schutz und in ein festes Schicksal flüchte Wessen Schuld ich so hart
büßen muss ich weiß nicht ob es ganz die meine ist
Diese Worte sprach Melanie mit großer schmerzlicher Bitterkeit
Du wirfst mir vor dass wir Hackert schonen sagte Schlurck Ich schone ihn
weil er gefährlich ist Schlurck sprach Dies mit einer Miene die es verriet
dass er nicht im rechten Ernste sprach ich schone ihn weil er in meinem
Geschäftsgange manches Durcheinander beobachtet hat
Melanie lachte höchst bitter auf
Du bist erregt sagte die Mutter zu ihr ungemein besorgt Schweig Franz
wir wollen nicht mehr davon sprechen
Immer nicht sprechen rief Melanie immer nicht die Wunde berühren
Allmächtiger Gott was bin ich doch unglücklich
Damit stürzten ihr die Tränen aus den Augen Melanie weinte Sie die
die Tränen hasste vergoss Tränen und ihre Eltern verstanden diese Tränen
Nach einer langen ängstlichen Pause sagte der Justizrat
Die Schuld ist unser Ich nahm ein Kind aus dem Waisenhause weil ich Kinder
liebe und keins hatte Ich wählte ein Findelkind aus Mitleid und erzog es wie
mein eigenes Da schenkt mir die Mutter dich Das Findelkind wird eine Stufe
herabgesetzt Ich erzieh es für mein Bureau Es ist anschlägig aber voll
schlimmer Eigenschaften Wir achten ihrer nicht weil wir das Vergnügen lieben
und das Leben genießen wollen Melanie und Fritz wachsen auf wie Geschwister und
sind es nicht Was dann später gekommen sein mag was der schlimme
leidenschaftliche Bursche getan hat
O Franz rief die Mutter vorwurfsvoll
Melanie sah in die Tasse und stützte das schöne Haupt auf den linken Arm
der rechte spielte mit dem Löffel Schlurck aber seufzte und sprach in sich
hinein
Es ist unsre Schuld und unser Kind muss uns vergeben
Melanie war da gewiss nicht ohne Gefühl wo es ihr nächstes eigenes Empfinden
berührte Sie liebte ihren Vater sie stürzte auf ihn zu sie weinte und
bedeckte ihn mit ihren Küssen
Von diesem Augenblicke an schwiegen alle drei und ließ die sonst so
stolzen Fittiche hängen
Endlich begann die Mutter
Du wolltest von jenen Papieren sprechen
Schlurck sammelte sich
Er hätte gern ein Thema angeregt das ihn oft beschäftigte ob nicht eine
bessere Entwickelung Hackerts eine Heirat zwischen ihm und Melanie möglich
machte Er wusste dass er jedesmal mit Entrüstung abgewiesen wurde er wusste dass
Melanie zitterte wenn sie nur den Namen Hackerts nennen hörte Er hatte
vielfache Forschungen nach seinem wahren Ursprunge angestellt Er hatte sogar
einige Resultate die er gern erzählte Er zeigte gern den zerbrochenen Ring
der bei Hackert in dem Korbe in dem man ihn am Waisenhause ausgesetzt hatte
gefunden worden war er schickte Bartusch oft in das Ratsarchiv um in den
hier gesammelten Registern der Gebornen und Getauften von der Stadt und der
nächsten Umgegend zu suchen er hatte eine Vermutung von einer heimlichen
Geburt die einmal unter sonderbaren Umständen einige Meilen weit von der Stadt
vorgekommen war und betrieb längst unter dem Deckmantel der größten Behutsamkeit
Nachforschungen aller Art selbst in den höchsten Kreisen aber er kannte
den Widerstand der Frauen die einmal glaubten ein Vorhang müsste diese
Vergangenheit für immer bedecken Er liebte Hackerten weil er anschlägig
talentvoll und so bizarr war wie er selbst zuweilen sein konnte Selbst dass der
unerzogne Knabe von Leidenschaft für das ihm sorglos zur Gespielin gegebene
Mädchen entbrannt war fand er menschlich und ganz in seinem Geschmack Er hatte
wohl als er erfuhr dass Hackert Melanie als Kind zu den wildesten Streichen zu
Männertrachten zu nächtlichen Spaziergängen Maskeraden überredet hatte im
wildesten Zornausbruche ihn schon öfters aus dem Hause geworfen und fast mit
Füßen getreten Allein er nahm ihn immer wieder auf Sah er doch wie Hackert
die Herrschaft im Hause hatte wie er Melanie und die Mutter tyrannisirte ja
Allen notwendig war Später aber kam Ärgeres Da Melanie heranwuchs durfte er
ihn nicht mehr dulden Aber auch nun rührte es ihn als er hörte dass die
dämonische kranke Anlage des Knaben sich bis zum Nachtwandeln da steigerte als
Melanie in wachsender jungfräulicher kälterer Überlegung sich von ihm
abwandte ihn hasste und verabscheute und er dennoch nächtlich an ihre Tür
schlich und vor ihrer verriegelten Schwelle auf dem nackten Erdboden schlief
ganze Nächte ihrer Rückkehr aus Gesellschaften wartete und sich in Sehnsucht um
seine Halbschwester verzehrte er war gerecht genug so etwas wie
tatsächlich ohne Einmischung persönlichen Mismutes zu beurteilen und hätte
sein eigenes Lebensglück hingegeben wenn er die leichtsinnigste Erziehung von
der Welt durch feinere Ausbildung Dessen der ihm so vielen Kummer machte hätte
wieder berichtigen und zu seiner eigenen Herzenserleichterung schließen können
Vergebens Die Frauen sträubten sich immer dagegen und glaubten alle diese
Schwierigkeiten würden sich befriedigend lösen lassen bis dann wieder die
leidenschaftliche Liebe des verstossenen kranken sich mishandelt fühlenden
Pfleglings alle ihre Berechnungen durchkreuzte und Gewalttätigkeiten
veranlasste wie jener gestrige Überfall im Wagen war dessen glückliches
Gelingen an dem Übermaß gesteigerter Lebenskraft und entflammter toller Freude
die wir bei Hackert beobachteten wohl sich abnehmen lässt
Gern hätte Schlurck diese höchst schwierige Angelegenheit in gewohnter Weise
zur Sprache gebracht aber seine Frau duldete es nicht
Sie drängte nun um Das was er aus jenen Papieren die er auf den Tisch
hingelegt hatte für Melanies Zukunft entnehmen wollte
Was ists mit den Sternen sagte sie fast frivol du schlimmer Patron was
solls mit den Mondnächten
Schlurck zog seine Brille auf die Stirn und sah in die Papiere
Ja fing er an wenn sich Alles so fügte wie man hoffen möchte Melanie
müsste die Frau eines Millionärs werden
Lass Das Vater sagte Melanie ruhig und gefasst Eure Millionärs kosten
gewöhnlich ein Leben Ich rüste mich in aller Duldsamkeit darauf dass Lasally
als Lohn für meine Bitte meine Hand begehrt und ich gebe sie ihm
Ich beschwöre dich sagte die Mutter nur keine Übereilung
Ich gebe sie ihm Lasally ist der einzige Mann mit dem ich mich über meine
Vergangenheit und Zukunft verständigen kann Er hat klare und vorurteilslose
Anschauungen Er bedarf mich er liebt mich Das seh ich aus seinem Schmerz
dass er mich nicht nehmen könnte wenn ich kein Vermögen hätte Nicht alle Männer
sind darum nur Spekulanten weil sie nach Vermögen heiraten Das macht ihn in
meinen Augen nicht geringer
Aber Herzlieb sagte Schlurck schmeichlerisch und tätschelnd Was wird denn
aus jenem jungen Mann in Hohenberg Jener prächtige Dankmar Wildungen Ich
entsinne mich ja seiner ei ich sah ihn ja auf dem Heidekrug bei Justus dem
Gerechten Er ist ja schön geistreich unternehmend Himmel ein Gott von einem
Mann
Vater
Kind Wenn dieser Mensch mir sagt Ich liebe Ihre Melanie so sag ich
Herr ich wiege Ihnen das Wort mit einer Million auf Diese Papiere lagen in dem
Schrein den der tolle Bursch sich anzueignen wusste und den ich auffinden
sollte Weiß er sie zu benutzen Kinder so bringen sie ihm alle die Güter und
Häuser und Liegenschaften um die jetzt der große Prozess zwischen dem Staate
schwebt und der Stadt
Die Frauen waren im höchsten Grade erstaunt und Schlurck setzte ihnen den
Zusammenhang auseinander
Natürlich war die Wirkung eine außerordentliche Melanie liebte Dankmar als
Persönlichkeit vergab ihm zwar nicht dass er ein unendlich Geringerer war als
sie vermutet hatte vergab ihm nicht dass sie ihm lächerlich erschienen war
vergab ihm nicht dass er nicht kam und selbst um Verzeihung bat Sie hätte ihn
aus Wut über sich selbst mit kaltem Blute »morden« können sie sagte das so
hin zur Mutter aber glaubte sie es selbst Es war ein Act von Verzweiflung
wenn sie vorzog Lasallys Gattin zu werden Dankmar hatte das Bild
empfangen der Amerikaner hatte ihr es gestern in diesem Hause gesagt wie
pünktlich er ihren stummen Auftrag vollzogen als sie Hackerts Anblick unfähig
machte es selbst in das offene Zimmer Dankmars hineinzureichen Zerrissen
von der Vorstellung nur misbraucht zu sein nur getäuscht von den abscheulichen
Männern entrüstet darüber dass man ihr gestern nicht zu Füßen sank Niemand
sich zeigte und sie wie eine Göttin anbetete ewig und ewig der schaudervollen
Möglichkeit ausgesetzt von Hackerten gefoltert zu werden wollte sie wenn auch
verzweifelnd selbst das Äußerste wagen um wenigstens von diesem frei zu
werden und Lasally nun erhören wenn er auf die Bedingung bestand aber ihre
Liebe gehörte Dankmarn
Der Justizrat ließ sich vollständig über seine Beziehung zu Dankmar
Wildungen aus auch das Bild kam zur Sprache Die Art wie Melanie es gewonnen
hatte verbreitete da sie nichts verschwieg sogleich wieder die heiterste
Stimmung Als Melanie dabei nicht umhin konnte errötend zu gestehen wie sie
sich vielleicht entschließen könnte ihren Zorn gegen Dankmar Wildungen zu
mäßigen wenn
Wenn er dir gesteht dass er dich feurig liebt unterbrach sie Schlurck Und
dir den Schein des Irrtums ersparte Den Schein dich lächerlich gemacht zu
haben als du ihn für einen Prinzen nahmst
Das wird er nicht Er wird mich ewig verspotten sagte Melanie Ich werde
das Gelächter aller jungen Männer der Residenz werden
Ah bah antwortete Schlurck Es kommt auf einen Versuch an Wie die Dinge
jetzt stehen sind zwei Fälle möglich entweder dieser Wildungen ist unser
Freund oder unser Feind Ein unternehmender kecker Mann muss es sein Kann ich
Hand in Hand mit ihm gehen so wird es einer kurzen Verständigung zur
Freundschaft bedürfen Dem der um meine Tochter wirbt Dem der eingesteht dass
er mein Sohn werden könnte geb ich freudig die Mittel an die Hand eine
Million zu erwerben Hat er aber Melaniens Freundlichkeit nur misbraucht
gehört er zu dem rätselhaften Komplot das sich mit der Zurückkunft des Prinzen
Egon von Paris gegen mich zusammenzuziehen scheint so zeig ich ihm meine Stirn
und einen Ernst den er schon heute früh kennen gelernt haben wird
Man brachte dem Justizrat in diesem Augenblick ein kleines zierliches
Billet
Die Frauen wollten von diesem Kennenlernen seines Ernstes etwas wissen
Aber Schlurck erbrach das Billet
Es kam von der Geheimenrätin von Harder und lautete
»Himmlischer Justizrat Teuerste Freudesseele Mit Zittern führe ich die
Feder und danke Ihnen aus innigstem Herzen für Ihre Güte Das Bild ist da und
das Geheimnis von mir endlich entdeckt Ich lese die Memoiren der Fürstin
Amanda von Hohenberg Jeder Nerv meines Daseins zittert Fühlen Sie es diesen
Buchstaben nach wie ich bebe Aber auch der Dank meines Herzens ist ohne
Schilderung Sie braver guter herrlicher edler Freund Um sechs Uhr hatt ich
das Bild Gott Welch ein Moment Das Äußere des Bildes geht zu den übrigen
Gerätschaften die heute noch mit Ausnahme der Ihnen und dem Prinzen
gehörenden Familienportraits an den Hof abgeliefert werden Verschweigen Sie
Alles Ihrer Tochter die höchst höchst liebenswürdig war Alles bezaubert hat
und ein wahrer Engel das Idol meiner Zärtlichkeit werden soll Einen Kuss auf
diese edle Götterstirn
Wann seh ich Sie Bester Bester Dank Dank Ihre Pauline«
Schlurck von den Frauen beobachtet lächelte und runzelte doch wieder die
Stirn
Er fühlte wie ernst das Alles wurde wie furchtbar seine Verantwortlichkeit
stieg
Man drängte in ihn etwas von diesem Brief zu erfahren seine Geheimnisse zu
durchschauen
Er wich aus
Die Geheimrätin ist von deinem Erscheinen entzückt sagte er
Melanie wollte Das selbst lesen
Er bog den Brief um und zeigte ihr die Stelle die ihr natürlich viel Freude
machte
Und das Übrige fragte sie
Geschäftssachen
Frau Justizrätin schüttelte den Kopf und seufzte leise
Es schien ihr fast als wenn auch hier das stark pulsirende aber flüchtige
Herz des Gatten mit im Spiele wäre Sie wollte scherzen aber Bartusch trat ein
Bartusch berichtete über Neumann der wohl ein Vierteljahr liegen könne wie
Drommeldei gesagt hätte über Jeannette die die Nacht bei ihm gewacht und ganz
die Kokette verläugnet hätte und auf diese Art auch wohl nicht aus dem Hause
käme zugleich auch über einen Kutscher Namens Peters der sich melde um für
Neumann einzutreten und unten warte
Schlurcks Erstaunen wie doch auf jeden Verlust sich in diesem grausamen
Menschenleben gleich ein Ersatz dränge seine weitern Betrachtungen über Wiege
und Grab und ähnliche Philosopheme zu denen der sehr aufgeregte Justizrat
geneigt war überzugehen unterbrach Bartusch durch die trockene Äußerung
Auch Herr Dankmar Wildungen ist unten Es ist wirklich der junge Mann von
Hohenberg den wir für den Prinzen Egon hielten Er fodert den Schrein mit dem
Kreuz und scheint in einer sehr entschiedenen Stimmung zu kommen
Schlurck musste sich zusammennehmen
Er wurde blass und die Papiere zitterten in seiner Hand
Die Frauen baten ihn sich nicht aufzuregen
Schalkhaft aber drohte er doch seiner Tochter mit dem Finger und sagte
Wart Hänschen wart Wenn er nun sagte Herr Sie haben wie gegen einen
Spitzbuben gegen mich verfahren und ich antworte Spitzbube du selbst Du hast
mir mein Töchterchen gestohlen Was
Vater ich beschwöre dich rief Melanie Welcher Einfall Was würd er
denken über einen solchen plumpen Antrag
Hm Wenn ich aber nicht plump sondern fein in meinem Antrage wäre und der
Trotzkopf sagte Herr Justizrat die Welt um Melanie
Nie sagt er Das
So wie ich sagt ers nicht Nein er sagt es schöner inniger als meine
fahlen Lippen Das malen können
und ich böte ihm dann die Rechte und sagte Schlagen Sie ein Hinfort gehen
wir ausgerüstet mit diesen hochwichtigen Papieren da Hand in Hand junger
Mann
Melanie fing hier in einer Weise an zu lachen dass man wohl sah ein
Herzenskrampf musste sich Luft machen
Sie lachte so anhaltend so ängstlich dass die Mutter in Sorge geriet
Melanie nahm die Blumen zerzauste sie tanzte im Zimmer klatschte mit den
Händen und riss um sich nur helfen zu können das Fenster auf und lehnte Allen
den Rücken kehrend sich hinaus in die freie frische Luft deren ihr krankhaft
erregter Zustand wirklich bedurfte
Schlurck ergriffen von diesem Ausbruche der wahnsinnigsten Liebe die
Melanie für Dankmar gefasst hatte ließ die wichtigen Papiere in der Zerstreuung
liegen und ging gefasst nach jenem hinteren Zimmer von dem die Wendeltreppe
hinunter zu seinen Arbeitsräumen führte
Die Frauen aber und Bartusch als sie Schlurcks seidenen Schlafrock nicht
mehr rauschen hörten folgten ihm behutsam um von oben zu horchen was man
unten verhandeln würde
Funfzehntes Kapitel
Der Schrein
Die Lauschenden vernahmen erst das Kläffen eines Hundes das jedoch nicht aus
dem Zimmer des Justizrates selbst emporscholl sondern aus dem vor ihm
befindlichen und auf die Hausflur hinausgehenden Wartezimmer
Dann hörten sie dass der Justizrat Etwas zu rücken schien
St sagte Bartusch Er versteckt den Schrein mit dem Kreuze Das eigentliche
Mark den Kern die Blume hab ich doch wohl hier in Händen
Er zeigte auf die alten Papiere die er in der Hand hielt Schlurck hatte
sie liegen lassen
Wieder bellte der Hund Wieder brummte der Papa etwas Unverständliches dann
rückte er an den Stühlen schloss das Fenster stellte die Klingel auf dem Bureau
zurecht und schloss nun erst von innen die Tür auf um aus dem Vorzimmer die
Besuche hereinzulassen
Ein noch gewaltigeres Kläffen war jetzt vernehmbar
Bello zurück hörte man scharf sprechen und ein lautes Schreien des Hundes
ließ annehmen dass sein Besitzer oder sonst Wer ihn vielleicht beim Hals gepackt
und in das Vorzimmer zurückgeworfen hatte
Das ist das lahme Tierchen sagte Melanie flüsternd
weißt du das ihm nachgefahren wurde Es war nicht sein Er pflegte es wie
ein krankes Kind
St sagte die Mutter Er spricht
Ja er ists wisperte Melanie es war seine Stimme
Ihr Herz bebte
Ruhig Fräulein flüsterte Bartusch höflich dass man hören kann wenns
erlaubt ist
Bartusch war in dem Grade mit den Angelegenheiten des Hauses vertraut dass
seine Anwesenheit hier eher gewünscht wurde als hinderte
Herr Justizrat erscholl jetzt Dankmars volle tönende Stimme wollen Sie
erst diesen braven Mann abfertigen der sich melden will für Ihren kranken
Kutscher einzutreten
Das hat Zeit antwortete Schlurck sehr verbindlich höchst geschmeidig und
liebenswürdig Was steht zu Diensten mein Herr Ich erkenne ja mit Vergnügen in
Ihnen den jungen Mann wieder den ich im Heidekrug so frei und treffend über die
Politik reden hörte
Umsomehr Herr Justizrat begann Dankmar mit plötzlich ziemlich starkem
Nachdruck umsomehr muss ich aufs Höchste entrüstet sein dass ich in Ihrer
Vorstellung für nicht viel mehr oder weniger als ein Spitzbube gelte
O Urteilen Sie nicht so rasch mein junger Freund
nicht wahr Herr Dankmar Wildungen sagte Schlurck sich zusammennehmend
Dankmar und Siegbert heißen die beiden Brüder fuhr Dankmar fort die heute
früh von einem Ball auf den sie der Zufall verschlagen musste nach Hause kommen
und sich unglücklicherweise von den singenden Vögeln dem frischen anmutigen
Anbruch des Tages dem goldenen Lichte der Morgensonne verlocken ließ statt
um vier erst um halb sechs Uhr ihre Schwelle zu betreten die inzwischen von
dem schändlichsten Attentate entweiht worden war
Ei ei ei ei
Zwei Hallunken von denen ich nicht glauben kann dass sie mit einer
gesetzlichen Vollmacht erschienen untersuchten unterdessen unsere Wohnung
erbrachen unsere Schränke öffneten unsere Kommoden und stahlen wie die Raben
hinweg was mit der Angelegenheit wegen der sie zu kommen vorgaben nicht in
der geringsten Verbindung stehen kann
Was Sie in diesem Falle wieder bekommen werden mein Lieber Es ist
unglaublich was eine solche gerichtliche Requisition rasch geht Sie waren gar
nicht zu Hause meine Herren Sie sahen die Sonne aufgehen
Schlurck tat als wär er voll innigster Teilnahme und reizte dadurch
Dankmarn nur noch mehr
Ich stürzte sagte Dankmar in meinem gerechten Zorn über dieses Attentat
zum Oberkommissär Pax und hörte dort zu meinem Erstaunen dass Sie selbst Herr
Justizrat Schlurck Sie den ein glücklicher Zufall zum Finder eines mir
zugehörigen Schreins machte Sie der Sie mich in den Zeitungen auffordern mich
zu melden Befehl gegeben haben gegen mich auf so abscheuliche ehrverletzende
Art einzuschreiten Mein Herr wie kommen Sie zu dieser Gewalttat
Bitte Bitte Nicht zu rasch Sie verwechseln die Momente
Die Momente Welche Momente Zum Henker Herr Herr Wildungen Ich ich
ersuche Sie leiser zu sprechen wärs auch nur des Hundes draußen wegen der
sich von Ihrem Lärm zu einem unaufhörlichen Accompagnement ermutigt fühlt
Schlurck konnte sich nicht ganz bemeistern Denn in der Tat Bello gab keine
Ruhe Das Tier schien außer sich kratzte an der Tür und gebehrdete sich so
unmanierlich dass sich Dankmar selbst unterbrach und die Tür öffnen wollte um
Peters zu bedeuten seinen Hund besser in Obacht zu halten
Ums Himmelswillen nicht schrie Schlurck machen Sie nicht auf Die Bestie
springt herein Ich fürchte sehr dass ich einen Kutscher der so zudringliche
Hunde hat nicht brauchen kann
Und an die Tür gehend rief er in der Gegend des Schlüsselloches
Gehen Sie bester Mann die Stelle ist schon vergeben O Herr Justizrat
sagte Dankmar gemässigter wie kann Das möglich sein Im Gegenteil ich ersuche
Sie selbst diesen Kutscher zu nehmen Er ist brav sehr ehrlich und Sie haben
Etwas an ihm gut zu machen
Wie so Was Ich gutmachen
Es ist Dies jener arme Fuhrmann der so unglücklich war mir den Schrein zu
verlieren den Sie so glücklich waren zu finden Ich gestehe Ihnen nach diesem
abscheulichen Attentat auf meine Wohnung von dem wir später sprechen wollen
bin ich in der Tat begierig zu hören auf welche Art Sie zu meinem Eigentum
gekommen sind
Eigentum sagte Schlurck lächelnd aber schon mit ganz abgestorbener
Stimme
Die Anwesenheit jenes verunglückten Fuhrmanns von der Plessener Schmiede und
des ihm nun plötzlich erinnerlichen Hundes war ihm verbunden mit dem heftigen
Tone des jungen Mannes fast wie ein Überfall und es gereichte ihm sehr zur
Beruhigung als er merkte dass seine Leute vielleicht oben über der Wendeltreppe
lauschten
Mein verehrter Herr Wildungen sagte Schlurck nach einer Pause der Sammlung
und während auch Bello schwieg man konnte annehmen dass sich Peters mit ihm
entfernt hatte lassen Sie mich zuvörderst Etwas zu meiner Verteidigung sagen
Sie kennen den Prozess über die StJohannesGüter
Ich arbeite selbst in ihm sagte Dankmar
Weiß ich jetzt Um so mehr Ich bin der Advokat der Stadt Man schreibt
mir als ich in Hohenberg bin auf dem alten Tempelhause in Angerode wäre von
einem jungen Rechtsgelehrten ein Archiv entdeckt worden mit wichtigen Papieren
Herr Dankmar Wildungen statt den Behörden davon Anzeige zu machen eignet sich
seinen Fund selber zu lässt einen Schrein durch einen bereits gerichtlich
vernommenen Schlosser erbrechen und reist mit seiner widerrechtlichen Aneignung
in die Residenz Der Schlosser gibt eine Beschreibung des Schreins Selbst Ihre
Mutter die Witwe des Predigers Wildungen kann nichts gegen diese Entdeckung
den städtischen Behörden einwenden Da macht mich der Zufall zum Zeugen jenes
Unglücksfalles an der Schmiede zu Plessen Ich sah einen zusammengestürzten
Frachtwagen dessen lose gepackte Güter abgeladen werden müssen um den Wagen
wieder herstellen zu können Ich finde jenen Schrein erkenne das genau
angegebene Signalement das Zeichen des Kreuzes mit dem vierblättrigen
Kleeblatt das Sie auch auf diesem Hause erkannt haben werden ich lege
Beschlag auf den Schrein weil ich wusste
Gerichtlichen Beschlag
Eine weitläuftige Prozedur war im Augenblick nicht möglich denn am Morgen
nach dieser Entdeckung fuhr ich von Hohenberg ab Verteufelter Hund Gibt das
Tier wohl Ruhe
Dankmar trat an die Tür und rief zum Schlüsselloch hinaus
Peters gehen Sie zum Teufel mit Ihrer Bestie Sie stört uns Der Justizrat
wird Sie behalten er muss es tun Der Justizrat fühlt zu edel um nicht zu
begreifen wie grausam er gegen Sie gehandelt hat Er fand Ihren Verlust freute
sich des gelungenen Werkes und ließ Sie jammern verzweifeln blieb taub bei
Ihren Klagen arme Seele er wird Sie schadlos halten Gehen Sie auf die
Hausflur hinaus und machen Sie dem Gekläff der Satansbestie ein Ende
Darauf wurde es still
Der Justizrat blieb in seinem künstlichen Humor und seiner erzwungenen
Selbstbeherrschung
Das muss ich gestehen rief er Sie wissen die Menschen in Angriff zu nehmen
Sie disponiren vortrefflich über mich Entschädigung für die arme verletzte
Seele eines Fuhrmanns Wenn Sie darauf bestehen Warum nicht Ei Sie gefallen
mir Bravo Bravo
Sie aber Herr Justizrat sagte Dankmar mit schwächerer und wenn auch
scherzender doch sehr entschiedener Stimme Sie gefallen mir noch gar nicht
Ich will Ihnen die glücklich bestandene Probe eines polizeilichen
Entdeckungstalentes in Plessen an einer gewissen Schmiede verzeihen Was
geschieht nun da Sie hier ankommen Schickten Sie zu dem rechtmäßigen Besitzer
Ihres Fundes Oder hatten Sie den Namen vergessen den Sie schon in Hohenberg
wollen gewusst haben
In der Tat hatt ich Das Ich ließ Sie in der Zeitung auffordern sich zu
melden
Zwölf Stunden vor dem Attentat auf meine Wohnung Die Anzeige sollte eine
Falle sein
Die Anzeige war in der Frühe des gestrigen Tages in die Zeitungsbureaux
gesandt worden Inzwischen kamen von Seiten meiner Vollmachtgeber die ärgsten
Anklagen gegen Sie und die erneuerte Nennung Ihres Namens Sie arbeiteten selbst
in diesem Prozess Sie kannten die Geschichte desselben und eignen sich durch
Einbruch die Urkunden des alten Tempelhauses an
Zum Henker Herr dies alte Tempelhaus ist die Wohnung meiner Eltern
gewesen Welches Gericht will mir verwehren in meinen eignen vier Pfählen eine
hohlklingende Wand zu untersuchen
Hör ich da den Juristen sprechen Unmöglich Gestehen Sie dass Sie sich von
dem Interesse das Ihre Person Ihre Familie an diesen Urkunden nehmen muss
haben verleiten lassen eine unerlaubte Handlung zu begehen
Meine Person Meine Familie Was wissen Sie
Glauben Sie dass ich den Inhalt des Schreines nicht kenne
Sie haben ihn
Wieder öffnen lassen wie billig War ich als Anwalt der Stadt nicht in
meinem Rechte Sie haben wahrscheinlich noch mehr entwandt dies Mehr musste
bei Ihnen gesucht werden
Dankmar schwieg weil ihm die furchtbarste Aufregung die Worte raubte
Der Justizrat setzte ruhig hinzu
Die in Angerode gelegenen Besitztümer der protestantisch gewordenen
Johanniter sind eine Dependenz der hiesigen StJohanniskirche Der Schrein mit
dem Kreuz gehört zu unserm Archiv und wird in unserm Prozess eine Rolle zu
spielen haben
Das hoff ich sagte Dankmar mit großem Nachdruck Ich begreife nun
vollkommen dass man mir einem Hülfsarbeiter dieses Prozesses zugetraut hat
ich hätte mir eigenmächtige Eingriffe in den Gang desselben erlauben wollen
So ist es Herr Referendar
Man gibt mir vielleicht Schuld ich hätte im Interesse des Staates dem ich
diene gegen die Stadt Etwas unternehmen wollen
Sie treffen das Richtige
Aber Sie haben in den Papieren gelesen
Geblättert
Entdeckten Sie meinen Namen
Wildungen Er ist seit dreihundert Jahren oft genug in diesem Prozesse
genannt worden
Fanden Sie nicht Urkunden die Ihnen auf den ersten Anblick zeigten dass ich
ein sehr begründetes persönliches Recht für meine Familie an diesen Akten
gefunden habe
Dass ich nicht wüsste stammelte unentschlossen Schlurck
Nun Herr Justizrat ich hoffe Ihnen noch in Zukunft beweisen zu können
dass ich die entschiedenste Absicht hatte nichts von meinen Entdeckungen zu
unterschlagen sondern sie zu einer ganz neuen Diversion der großen Streitfrage
zwischen dem Fiskus und der StadtKämmerei zwischen dem Fürsten und den
Bürgern öffentlich zu benutzen
Sie überraschen mich
Ihr Mistrauen das Mistrauen Ihrer Klienten hat Sie zu weit geführt Sie
haben geglaubt noch mehr Eroberungen aus dem Archiv von Angerode bei mir
anzutreffen
Allerdings
Ich fehlte darin dass ich wusste Sie haben meinen Schrein gefunden und nicht
gestern schon bei Ihnen vorsprach
Es erweckte Verdacht
Nun wohlan So bitt ich jetzt um zwei Dinge Erstens
Nehmen Sie doch Platz Regen Sie sich doch nicht so auf mein Verehrtester
Erstens Die Diener der hier so sonderbar eiligen Hermandad haben sich ein
Bild ein mir und andern Personen sehr teures Bild angeeignet
Das zum Angeroder Archiv gehörte
Die Dummköpfe müssen Das geglaubt haben
Oder Ihre Instruction war zu allgemein Was ist das für ein Bild
Ein Bild das einer Person gehört die Ihnen selbst sehr teuer sein sollte
dem Prinzen Egon von Hohenberg
Wie kommen Sie
Ich brachte es von Hohenberg
Ei ei Ein Bild Geheimrat von Harder wird das vermissen Sie wissen doch
dass ihm die Verlassenschaft der Fürstin Amanda nach der Residenz zu führen
aufgetragen war Doch tut Das nichts Die Familienportraits wenn es eins
derselben war bin ich beauftragt dem Prinzen zurückzustellen
Der Oberkommissär Pax bei dem ich eben war behauptet auch in der Tat, in
dem Bilde eine Reclamation des Geheimrats von Harder entdeckt zu haben und
schickte es Diesem zur Recognition
Es ist der kürzeste Weg es in meine Hand und dann in die des leider
erkrankten Prinzen Egon von Hohenberg zu bringen
Aber Sie wissen nicht dass sich an dieses Bild Geheimnisse knüpfen die das
Interesse der ganzen Hohenbergischen Familie betreffen Sie sind der natürliche
Anwalt dieser Interessen
Sie überraschen mich
Wenn eine unberufene Hand
Geheimnisse Ein Bild Fürchten Sie doch nichts
Alles Alles Auf dies Bild hat im Auftrage der seligen Fürstin Amanda nur
Ein Mensch auf Erden die gerechtesten Ansprüche der ehemalige Erzieher des
Prinzen Egon der frühere Pfarrer Rudhard
Pfarrer Rudhard Ich kenne ihn Ich weiß dass er hier ist mit der Fürstin
Wäsämskoi Aber ich staune Der Welche Ansprüche Was ist damit
O Gott Jede Minute der Verzögerung jeder Augenblick wo dies teure Bild
in den Händen einer Pauline von Harder ist kann die Quelle ewigen Leidens für
den Prinzen Egon werden
Ich zittere Bester Freund wie dank ich Ihnen Da soll eiligst Aber
geben Sie mir Aufklärung
Rudhard soll sie Ihnen geben Schicken Sie sogleich zu Herrn von Harder
fordern Sie alle Familienbilder zurück Sie wissen nicht welcher unsägliche
Aufwand von Schalkheit List und Charakter angewandt wurde um dahin zu
gelangen wo wir jetzt uns befinden an der Gefahr eingestehen zu müssen dass
Alles vergebens war
So schick ich sogleich zum Geheimenrat Warten Sie einen Augenblick
Schlurck schellte
Es kam ein Diener seines Bureaus Er schrieb während oben die drei Lauscher
sich bedeutsam und hoffnungsvoll anlächelten einige Zeilen an den Geheimenrat
siegelte sie nachdem er sie Dankmarn hatte lesen lassen Dieser war eben so
von der verlorenen Nacht wie von den gewaltigen Eindrücken des Morgens
erschöpft und saß fast abgespannt im Sessel Schlurck wurde immer
freundlicher und zutunlicher Seine Geistesgegenwart verließ ihn keinen
Augenblick Als der Diener sich entfernt hatte und Melanie durch die
eingetretene Stille und die Erwähnung des Bildes an dem sie so ernstlich
beteiligt war sich auf eine gemütlichere und wärmere Wendung des Gespräches
gefasst machte begann Schlurck
Und nun Ihr gefälliges Zweitens Sie sprachen doch von
Zweitens sagte Dankmar ich wünschte nun zu wissen wo ich den nur mir
gehörenden in der Wohnung meiner Eltern gefundenen Schrein mit dem Kreuze und
seinem wichtigen Inhalte wiederfinde Wo ist er Ich muss ihn haben
Der Justizrat machte hier eine große Pause
Deutlich hörte man dass er auf die Dose klopfte und sich zu einem
vertraulicheren Gespräche rüstete
Bello war still
Melanie die Mutter und Bartusch hielten den Atem zurück
Lieber Herr Wildungen sagte Schlurck erholen Sie sich Sie haben die Nacht
durchwacht Sie sind erschüttert von den Erlebnissen des Morgens Ich gestehe
dass ich ungern dem Drängen meiner Klienten nachgab Sie glauben nicht wie
reizbar über diese Angelegenheit die ganze Kommune ist und wie leidenschaftlich
sich einige der eifrigsten und hitzigsten Verfechter ihrer Interessen über die
Angeroder Archiventdeckung und Ihr leugnen Sie es nicht eigenmächtiges
Verfahren ausgesprochen haben Sie frühstückten noch nicht lieber Herr
Wildungen darf ich
Bitte Bitte
Ich freue mich wahrhaft Sie wiederzusehen Ahnte Das nicht im Heidekrug
als Justus so wohlbehäbig sein dummes JusteMilieu auftischte und der kecke
Handwerksgesell am Fenster schnarchte Ahnte auch nicht dass Sie meiner Familie
so viel Liebenswürdigkeit erwiesen
O Herr Justizrat Sie kehren die Rolle um Ich bin der verpflichtete Teil
Man war sehr liebenswürdig gegen mich
Nein Meine Frau hat mir nicht genug erzählen können von Ihrer Artigkeit
Ihrer Zuvorkommenheit
Es ist sehr komisch ja Man war höchst charmant gegen mich Nur Schade man
hielt mich für den Prinzen Egon
Schlurck lachte überlaut
Mein altes Faktotum sagte er und griff in seine Dose mein alter Bartusch
will immer schlau sein und von dem vielen Ohrenspitzen wachsen die Ohren auch
manchmal zu hoch und aus einem Fuchs wird ein Esel
Bartusch zuckte oben als er diese Anzüglichkeit hören musste mitleidig die
Achseln
Sie verwundete ihn nicht im geringsten so laut sie auch Schlurck hervorhob
um sie ihm anzuhören zu geben
Schlurck wusste dass oben gelauscht wurde
Ich hätte schon gestern Ihren Damen meine Aufwartung machen sollen sagte
Dankmar gelassener Ich bitte mich bei Ihnen zu entschuldigen Sie waren sehr
gütig gegen gegen den Prinzen Egon
Melanie biss sich auf die Lippen was ihr immer ein sehr leidenschaftliches
Ansehen gab
Essen Sie heute bei mir Was Hm Was Wollen Sie schmunzelte der Vater
Ich danke war Dankmars kalte Antwort
Meiner Frau haben Sies angetan Herr Wildungen
und Melanie nun Das werden Sie besser beurteilen können Sie haben
Menschenkenntnis Mann
Worin
Schlurck blinzelte mit den Augen
Nun sagte er mit künstlichem Lachen ich versichere Ihnen meine Frauen
sind fast verletzt dass Sie gestern nicht schon kamen Ich lebe in zu dürftigem
Zusammenhange mit den Meinigen Hätt ich Sie schon gestern wiedergesehen wie
leicht würde man sich verständigt haben Ihr Feuer Ihre Offenheit das sind
unwiderstehliche Sieger die sich den Eingang zu jedem Herzen zu bahnen wissen
Der Justizrat war dem jungen Manne den er zu seinem Schwiegersohn haben
wollte so nahe gerückt dass er ihm mit Vertraulichkeit auf die Kniee klopfen
konnte
Dankmar rückte seinen Sessel zurück und stand auf
Herr Schlurck sagte er ich bedaure dass ich nun fürs Erste aufbrechen
muss um meinen Bruder zu beruhigen der zu Rudhard geeilt ist Wollen Sie mir
nun nicht sagen
Sitzen Sie doch noch Ei was zu den Geschäften ist noch immer Zeit
Referendar Hm Hm Ein Bruder Rudhard Wie alt sind Sie denn Herr Wildungen
Vierundzwanzig Jahre Herr Schlurck
Vierundzwanzig Jahre Hören Sie da war ich noch nicht halb so weit wie Sie
Das heißt an Witz und Verstand Im Avancement freilich Wollen Sie denn die
Richtercarrière
Bin noch unentschlossen wozu ich mich doch genug ich
Das geht so In diesen Zeiten Ja ja Politik Das wäre ein Feld für Sie
Nur schlimm dass man zuviel einsetzt wenn man freimütig sein will und die
Zeit ist nicht reif für uns ein freimütiger junger Beamter ist bald abgenutzt
Und dem loyalen gehts kaum anders Man belohnt ihn mit dem Bewusstsein seiner
erfüllten Pflicht Der Teufel auch Wär ich jung ich hielte mich immer links
und nur Einmal passt ich auf den rechten Moment um nach Rechts zu springen
Wetter Warum lassen Sie sich denn nicht wählen Von vierundzwanzig Jahren kann
man jetzt ein Perikles sein und ich glaube Pitt und Fox waren noch jünger als
sie ins Parlament kamen
Es gibt bessere Kräfte als die meinigen
Also auch bescheiden Bravo Bravo Wissen Sie dass ich den Vorfall von
heute früh recht bereue Aber diese Fanatiker des Egoismus Was haben sie mich
gequält In den Ohren lagen sie mir wie die Verzweifelnden Ja ja Sie sollen
bei den Gerichten in dieser Sache recusirt werden Man will Sie entfernt wissen
aus der zweiten Abteilung des Obergerichts Ja ja Das Alles geht vor
Wissen Sies schon
Da ich bald selbst Partei in diesem Prozesse sein werde so kann ich
natürlich für eine andre nicht mehr arbeiten ich finde Das in der Ordnung
Selbst Partei Wie so fragte Schlurck gespannt
Herr Justizrat ich muss aufbrechen Wollen Sie mir also nun nicht
Ei sitzen Sie doch Ein Glas Champagner Was Sie waren auf einem Ball da
will der Magen eine Anregung Es ist heiß Dieser Hundstagssommer Ich klingle
na Ein Glas Madeira Portwein
Sie sind zu gütig Herr Justizrat Auch meine Nerven laufen nicht zum
Feinde über Sie bleiben mir treu und sagen Danke
O sehr fein Sehr schlau O ich wusste es ja Melanie war entzückt von Ihnen
Ja Sie Tausendsasa Meine Tochter zum ersten Male gesehen
Zum ersten Male Herr Schlurck Ich sprach schon im Heidekrug bedauernd
davon dass ich nicht früher die Ehre hatte
Im Heidekrug War etwas verwirrt im Heidekrug Ja Ja Ich besinne mich Was
wars doch
Sie erwähnten Egmont
Aha »Freudvoll und leidvoll«
Nein »Du wirst sie nicht verachten weil sie mein war«
Richtig GeldermannDeutz Reubund Nun weiß ich Alles Was doch
IdeenAssociation tut Ja ja mein Töchterlein Etwas keck wild nicht
wahr Sie ist hübsch sagt man Sie hats von der Mutter Die schlanke Taille
ist von mir ich bin mager spindeldürr Aber eine Taille muss sein wie bei einer
Wespe Die Neigung zu compakteren Formen kommt erst in späteren Jahren junger
Mann Wie sagt Heinrich Heine »Kolossale Gliedermassen« oder wie Ah Es
gab eine Zeit wo ich meinen Heine auswendig konnte Ein gutes Mädchen besser
als sie sich gibt meine Melanie Haben Sie sie reiten sehen
Sie wollten im Heidekrug nicht dass Ich von Fräulein Melanie als einer
Amazone sprach
Ah ja Ah ja Ich entsinne mich Richtig Nun wissen Sie
Wahrscheinlich dachten Sie an Herrn Lasally
Das wars Sehen Sie Sie kennen meine Empfindungen Ja dieser Lasally
Das ist auch so ein Thema wo der Mensch
Mein Bruder bewundert Ihr Fräulein Tochter wie ich es tat wie Alle
Ihr Herr Bruder Haben einen Bruder Ja ja ich besinne mich aber hören
Sie nicht Alle Wozu Alle Einer und der Rechte der die Zügel kurz zu fassen
versteht Das wäre mir lieber ein Mann Ein Eroberer Ein rechter Held
Herr Lasally sagte Dankmar boshaft Der versteht sich auf kurze Zügel
Als Melanie diese Äußerung hörte war es ihr als drehte sich ihr das
innerste Leben um
Sie fühlte einen Schmerz zum Aufschreien
Mit einem erstickten Ah ließ sie die beiden andern Lauscher stehen und
schlich sich halbohnmächtig hinweg
Dieses letzte Wort war zu grausam gewesen Schon die kalten Antworten die
Dankmar vorher gab durchrieselten sie aber dies letzte »Herr Lasally Der
versteht sich auf kurze Zügel« ging über das Maß Dessen was ihr Stolz ihre
unleugbare Liebe ertragen konnte hinaus
Schlurck hörte oben eine Tür gehen und verstand dass einer der Lauscher
sich entfernt hatte wer anders als der wichtigste ihm wie sein Leben
liebste
Sie gibt die Partie auf sagte er zu sich selbst mit Schmerz hier ist keine
Freundschaft möglich hier ist kein Bundsgenosse für mich
Noch einmal versuchte er noch an Dankmars Herz zu klopfen Noch einmal
sagte er
Heiraten Sie nur nicht zu früh Ein junger Mann der eine bedeutende
Zukunft erstrebt darf nicht in die Knäuel der Strickstrümpfe geraten
Ich danke Ihnen Herr Schlurck antwortete Dankmar kalt für diese
Ratschläge die ganz mit meinen eigenen Empfindungen zusammenstimmen Mein Herz
ist glücklicherweise derjenige Muskel meines Körpers dem ich seit frühester
Jugend vielleicht durch zeitige Übung eine große Kraft verlieh Dieser Muskel
besitzt viel Elastizität und ich habe ihn darin mit einem guten Magen auf eine
Linie gestellt ich fühl ihn nicht zu lebhaft
Ein Weiberfeind
Geist und Schönheit können mich fesseln doch nur vorübergehend
flüchtig
Und diese Erfahrung machen Sie überall
Bis jetzt überall Ich habe einen zu kalten Verstand Ich durchschaue zu
bald die Eitelkeit und die Schwäche der Frauen und wenn mich etwas entzückt hat
und ich sehe dann dass Das was mich blendete doch nur ein flüchtiger Schimmer
ist und keine Grundsätze keine Bürgschaften für die Zukunft geboten werden und
ich nun erst selbst als Mann ich Schwankender ich Egoistischer ich
Grausamer nur auf mich und meine Eitelkeit ohnehin Bedachter doch was
verschwend ich die Zeit Der kleine Kläffer Bello mahnt schon wieder dass wir
ein Ende machen
Damit stand Dankmar auf und Schlurck wusste nun entschieden dass er für
Melanie nichts zu hoffen hatte
Er wurde ernst und nahm sich zusammen und fiel in seinem Zorn erst auf
Bello
Sie haben Recht das Tier ist unerträglich sagte er und schien zu
erwarten dass sich Dankmar empfahl
Nun sagte aber dieser staunend und der Schrein Die Dokumente
Schlurck antwortete kalt
Sind im städtischen Archiv Die Papiere werden bei den Akten figuriren
In der Tat! Wirklich O Das ist seltsam
Schreiben Sie diese Unannehmlichkeiten dem Ihnen wohlbekannten Gange der
Gesetze zu
Wer hat die Aufsicht des städtischen Archivs
Einer unserer gefeiertsten Altertümler dem wir die treffliche Abhandlung
über die allmäligen Veränderungen unseres Stadtwappens verdanken Propst
Gelbsattel
Dankmar stampfte zornig mit dem Fuße auf
Er fühlte sich zu unglücklich über diese ihm unerwartete Wendung der Dinge
Er sah den Schrein im Geiste geöffnet die Dokumente die für ihn und seine
Familie sprachen vernichtet Wer konnte ihn schützen
Sie sahen die Papiere nicht rief er Wissen nicht dass ich in der Lage bin
Das was etwa fehlen sollte mit Aufopferung meines Blutes zurückzuverlangen und
dass ich beschwören würde Die die etwa gewisse Papiere unterschlagen hätten
gehörten als Schurken und Bösewichter an denselben Pranger der an der Ecke
dieses Rathauses durch eine eiserne Kette bezeichnet wird
Ich weiß nichts was Veranlassung zu so gewaltsamen Reflexionen gäbe
antwortete Schlurck kalt
In furchtbarer Aufregung und wie von dem raschen Entschlusse zu Gelbsattel
zu eilen getrieben öffnete Dankmar die Tür ohne ein Wort des Abschieds
Bello der längst schon mehre Mal wieder an die Tür des Vorzimmers gekratzt
und sich nicht hatte beruhigen lassen sprang nun wie wütend in das Zimmer und
fasste ungehindert durch sein lahmes Bein in grimmiger Verbissenheit die Zipfel
von Schlurcks seidenem Schlafrocke zerrte und kratzte an ihnen herum dass der
geängstete Justizrat im Zorn den in der Tür stehenden und die Mütze bescheiden
in der Hand haltenden Peters anfuhr
Die Bestie fort Zum Haus hinaus Zum Haus hinaus Ihr Gesindel
Dankmar stutzte biss die Zähne zusammen und sagte zu dem verdutzten Peters
Der Schrein ist verloren
Bello aber das treue wachsame Tier hatte eine andre Fährte als dem
menschlichen Organe möglich war Schon zehn Jahre war das kleine Tier ein
treuer Wächter auf den GüterWägen seines Herrn gewesen Es schien den Duft von
Angerode ja den Duft des Strohes zu erkennen mit dem man in Thüringen die
Frachtgüter verpackt Winselnd und wie lustig und ausgelassen kläffend war es in
eine Nische des dunklen nur von einem Hoffenster erleuchteten Zimmers
gesprungen hatte eine Tapetenwand fast umgeworfen und Peters schrie schon
lachend
Nichts verloren Da ist das Kreuz
Bello ists möglich Rief Dankmar
Aufgeladen sagte Peters der den vorigen ganzen Streit gehört hatte zu
sich selbst und in demselben Augenblicke schon hatte der treue Fuhrmann sich
gebückt den Schrein gepackt und war im Begriff das gefundene Gut auf die
Schulter zu heben
Das war zuviel für den Justizrat Er stand totenbleich hatte aber doch
noch den Mut rasch die Hand des Fuhrmanns zu halten
Dankmar sprang hinzu riss den Deckel auf griff in den Schrein fühlte dass
er voller Schriften war fühlte die Siegel der Pergamente und im Triumphe fasste
er an schleuderte den Justizrat zurück und hob den eroberten Schatz auf
Peters markige Schultern
Schlurck war einer Ohnmacht nahe
Er klingelte Bartusch fühlte dass es Zeit war ihm beizuspringen
Er gab die allein wichtigen Papiere die er in den Händen hatte rasch der
Mutter die von Alledem nichts begriff und nur zu Melanie eilte um ihr
zuzuschreien Schliess die Papiere ein und stieg polternd die Wendeltreppe
hinab
Ah rief der Justizrat und atmete auf Bartusch Sie werden eine neue
eigenmächtige Handlung des Herrn Wildungen bezeugen Mein junger Mann ich warne
Sie ernstlich Sie werden Ihre Vermessenheiten bitter bereuen
Und Sie Ihre Lügen Ihre Verstellungen Ihre Heucheleien Ihre
Sittenlosigkeit rief Dankmar als Peters schon vorausschritt und mit der
rechten freien Hand seinen Bello liebkoste
Welche freche Stirn antwortete Schlurck der die verletzenden Erfahrungen
von gestern in seinem eignen Hause nicht wieder erleben wollte
Die Stunde wird schlagen sagte Dankmar noch im Vorzimmer sich umwendend
für Vieles was schlummerte Die Zeugen gegen Ihr Haus mehren sich Die die auf
dem Krankenlager liegen werden genesen Die die bei der Nacht wandeln werden
noch auf andre Namen als den Namen »Fritz Hackert« erwachen Das geweihte Kreuz
auf dieser Truhe wird reinen Händen den Mut zu einem Kampfe geben dessen
Schlachten mehr erschüttern sollen als nur die Ruhe eines gewissenlosen Notars
Damit ging Dankmar und suchte die Luft der Straße um seine furchtbar
klopfende Brust zu erleichtern
Bartusch aber flüsterte rasch dem entfärbt und erschöpft in seinen
VoltaireSessel sinkenden Justizrat zu
Beruhigen Sie sich Die Papiere die doch der Rahm an der Sache scheinen
liegen ja oben
O wären sie mit ihm gegangen sagte Schlurck vernichtet Wären sie in dem
Schrein geblieben Ich fühle mich nicht stark solche Szenen zu ertragen Ich
bin kein Schurke Ich bin kein Dieb Weg von mir Bartusch Weg Weg Ihr Alle
seid mein Verderben Meine Schwäche ist mein Elend Ihr treibt mich auf schlimme
Wege die mir fremd sind Ihr treibt mich in die Schande Tragen Sie ihm die
Dokumente nach Fort Fort
Nimmermehr rief Bartusch Justizrat Besonnenheit Mut Bedenken Sie was
der Propst sagen würde Mann Warum haben Sie Heimlichkeiten vor mir vor Ihrem
treuesten Anhänger vor Ihrer linken Hand wenn Ihnen die rechte zu müde wird
ja vor Ihrer rechten wenn Sie mich schalten ließ und Farbe halten könnten
Justizrat Justizrat Wir unterschlagen diese Papiere Wir vernichten wir
verbrennen sie
Schlurck schwieg Er war seiner selbst nicht mehr bewusst Ein Bild stand vor
ihm das grauenhafteste das Bild seiner Schande
In Todesangst griff er nach seiner kalten Stirn und flüsterte
Welche Bahn wandl ich
Ein guter Genius fügte nun aber Folgendes
Peters öffnet schon das Tor und tritt mit dem Schrein auf die Straße
Dankmar liebkost den auf seinem lahmen Beine tänzelnden Bello und wirft im Gehen
einen flüchtigen Blick auf die mit Bildern gezierte Treppe die hinaufführte zu
Melanie zur Tochter eines solchen Vaters zu ihr der süßen himmlischen
Melanie zu ihr die im Mondenschein in seinem Arme lag Zu ihr die ihn noch in
diesem Augenblicke wie ein Zauber umstrickte trotzdem dass sein sittliches
Gefühl sie verleugnen musste
Da hört er Geräusch wie von einer leicht von einem Felsen herunter
springenden Gazelle
Er erstarrt Es ist Melanie
Freundlich und holdselig wie in Hohenberg ruft sie ihm von den letzten
Stufen von denen sie sich herabbeugte zu
Sie böser undankbarer Mann Das Bild das ich Ihnen mit so vieler Mühe
erobert habe ließ Sie sich wieder rauben Ist Das wahr
Melanie sagte Dankmar stammelnd und sprachlos
Hier fuhr sie fort hier was ich Ihnen jetzt bringe halten Sie Das
fester Gehört es nicht Ihnen
Dankmar nahm was sie ihm darreichte
Es waren auf flüchtigen Blick sah ers diejenigen Papiere auf die in
seiner Angelegenheit Alles Alles ankam die einzigen wichtigen die
entscheidenden Papiere
Sein Schreck über die Möglichkeit ohne sie gegangen zu sein die
Überraschung Melanie nun wiederum als eine treue aufopfernde hingebende
Freundin zu erkennen wirkten so mächtig auf ihn dass er sich nicht sammeln
konnte und in ihrem Anblick verloren dastand
Nun sagte Melanie harmlos es sind doch die Ihrigen Wildungen
Wohl Wohl Wie soll ich Ihnen danken stammelte Dankmar und griff nach
ihren Händen um sie beide zugleich zu küssen
O sagte sie sich leise entziehend lassen Sies sehen Sie diese Hände
Voller Staub Voller Moder Es ist meine Schuld nicht dass Sie mir immer solche
tolle Aufträge mit alten Bildern und Papieren geben Sie Lassen Sie
O Melanie wie tief beschämen Sie mich rief Dankmar und gab die Hände nicht
her er küsste sie und drückte sie an sein Herz wie ein Verzückter
Was wollen Sie denn fragte sie mit Lippen die ihr furchtbares Beben durch
scherzhafte Laune vergebens zu beherrschen suchten Grüssen Sie Ihren blonden
Bruder Lassen Sie sich nichts von ihm vorreden was ich ihm für Sie aufgetragen
hätte Er ist nur eifersüchtig auf mich weil ich den alten Professor Berg mit
den schönen weißen Locken mehr liebe als ihn und Alle Euch Alle
Melanie rief Dankmar musste Das so kommen Nach jener Nacht in Hohenberg
Die wenigen Tage sind wie Monden
Er konnte sich nicht trennen
Hüten Sie die Papiere besser wie das Bild sagte Melanie Was wird nun mit
dem Portrait das der schönen dAzimont ähnlich sieht Ja die ist schön Kennen
Sie sie Die sollten Sie sehen Die würde Sie bezaubern
Ein ein Bild nur das Ihrige Melanie lebt in meinem Herzen rief Dankmar
und sah tief in die zitternden braunen Augen des Mädchens
Die Mutter sagte mir Sie hätten dem Vater böse Dinge gesagt fuhr sie fort
Versprechen Sie mir ihm einige Zeilen zu schreiben und ihn um Verzeihung zu
bitten Wollen Sie Das Sie zögern Selbst Das nicht Wildungen
Melanie ich will zu ihm zurück ich will ihm zu Füßen fallen ihm danken
Das nicht Das nicht Jetzt nicht Sie schreiben ihm und bitten um
Verzeihung Tun Sies meinem Kindesherzen zu Liebe Ja Weiter nichts Nur
Achtung Schonung nur ein Wort der Bitte um Verzeihung
Ich tue es Melanie rief Dankmar willenlos Sie gehen Sie bleiben
nicht Melanie Sie steigen die Stufen hinauf Sie fliehen Immer eine
Staffel weniger zu meinem Glücke und meine Seele folgt Ihnen Melanie
Dankmar stand noch eine Weile sich besinnend auf Das was er erlebt
hatte
Melanie war verschwunden
Tief erschüttert steckte er nun die wahren Beglaubigungen der Ansprüche
seiner Familie zu sich und gab Peters der am Torwege wartete ein stummes
Zeichen voranzugehen
Er folgte schwankend Er stand still
Er wagte aber nicht noch einmal aufzusehen zu den Fenstern wo diese
Zauberin wohnte die ihn so mächtig überrascht so plötzlich aufs neue in den
Bann ihrer Liebenswürdigkeit und Schönheit eingeschlossen hatte Er bedurfte des
ganzen Hinblickes auf die große Aufgabe die er sich gestellt hatte auf die
neue und eigentümliche Anwendung die er im Interesse seines Vaterlandes und
des ringenden Geistes der Freiheit und der Menschheitserlösung von dem gehofften
glücklichen Erfolge seiner geltend gemachten Ansprüche auf ein großes Besitztum
versuchen wollte um sich von diesen rasch aufeinander folgenden Schlägen des
Schreckens und der Freude zu einem klaren Bewusstsein und der ihm eignen ruhigen
Selbstbeherrschung wieder zu sammeln
Schlurck aber der sich mühsam die Wendeltreppe zu den Seinigen
hinaufgeschlichen hatte und von der zornfunkelnden Mutter von dem die Hände
entrüstet zusammenschlagenden Bartusch dann von Melanie selbst hören musste dass
sein Kind soeben dem »abscheulichen« jungen Manne die Papiere übergeben hatte
deren ihm höchstwahrscheinliche Entscheidung ihm auch den zweiten Anhalt seiner
heitern bisher so sorglos gewesenen Existenz rauben musste Schlurck zürnte
nicht nein er umarmte sein Kind drückte es wie seinen Rettungsengel ans
Herz war sprachlos zitterte vor Freude und konnte sich vor Wehmut nicht mehr
fassen
Die Mutter wollte verzweifeln Bartusch wollte zanken
Melanie aber sagte
Seid doch ruhig Es ist noch nichts verloren Seht der Vater weint
Ende des vierten Buches
Fünftes Buch
Erstes Kapitel
Genesung
Einem regnerischen unfreundlichen Spätsommer folgte ein milder klarer
sonniger Herbst
Die Septembertage ersetzten was man vom August gehofft hatte gemässigte
Witterung linde Tage erquickende Nächte
Es hatte gestürmt wie im April Nun war es fast als ginge noch einmal der
Mai über die Erde und das kalte steinerne Tor des Winters würde sich noch
lange lange nicht öffnen Man führte nun doch noch die fast aufgegebenen
Reisepläne aus man flüchtete wieder aufs Land zurück man begrüßte die Gärten
die sich durch all die Regenschauer nur erfrischt hatten und noch aus Florens
Blumenhorne reiche bunte Spenden boten
Sechs Wochen nach den auf den voranstehenden Blättern geschilderten
Ereignissen an einem Morgen dieser holden Septembertage schritt eine schlanke
männliche Gestalt blass und hinfällig am Arme eines andern jungen Mannes durch
die Gänge eines kleinen Parkes durch dessen hie und da schon gelbes Laubwerk
die Sonne mit der ganzen Wärme jenes Strahles brannte an dem in gesegneteren
Gegenden als die wo wir uns befinden die Traube auf den Bergen ihre letzte
Glut und Reife empfängt
Kein Lüftchen regte sich Käfer die im feuchten August erstarrt schienen
erhoben sich zu neuem Leben Selbst noch ein dunkelfarbiger Schmetterling hüpfte
von einer der vollen Blumenglocken der schlanken Malve zur andern denn in einer
Seitenbiegung kam man aus dem kleinen Parke in einen Blumengarten Hier und da
stand ein Obstbaum und verbreitete den vollen würzigen Duft der reifenden Äpfel
den milderen weicheren von Birnen ja an der Einfassungsmauer der ganzen Anlage
blickte aus dem dunkeln grossblätterigen Grün eines Rebenspaliers sogar manche
Traube die für eine Pflege und Wartung lohnen und danken wollte die das
Spalier in diesem Jahre nur spärlich empfangen zu haben schien
Der am Arme des Andern langsam schleichende junge Mann deutete erschöpft auf
eine verwitterte steinerne Bank die an der Grenzscheide des Parkes und des
Gartens stand
Hier mochte lange kein ruhiger Freund der Natur kein so dankbarer Anbeter
der Herrlichkeit Gottes in stillergebener Betrachtung verweilt haben
Die Bank von einer Steinlehne bequem begrenzt mit einem in diese Lehne
gehauenen Wappen im Rücken geziert war verwittert vom Regen zerbröckelt Moos
überschimmelte sie wie eine flache Felswand In der den Rücken zierenden Krone
und ihren durchbrochenen Henkeln wenn man wie Richard II bei Shakespeare die
Krone einem Eimer vergleichen wollte stand noch Wasser das die Luft oder der
Stein so rasch aufzusaugen nicht die Kraft gehabt hatte Der Gefährte des
blassen Spaziergängers war auf diese Unbequemlichkeit gerüstet Er trug ein
großes Polster das er nicht der Länge nach sondern so in die Quere auf die
Steinbank legte dass der Ermüdete sich auch zugleich durch eine weiche Rücklehne
erfreut fand als er erschöpft vom Arme des Gefährten abliess und auf das Polster
niedersank
Ah Das tut wohl sagte der Leidende Das ist kein Gefühl des Schmerzes
mehr in den schweren Gliedern Das ist die Lust und Wonne der Genesung
Und zu seinem Gefährten sich wendend setzte er in französischer Sprache
hinzu
Aber Louis der Stein ist kalt für dich und hart Wir hätten das Kissen
in die Länge legen sollen
Damit wollte er aufstehen stemmte sich schon an die Seitenlehne und hob
sich mühsam in die Höhe
Nein nein sagte der Andere in derselben fremden Sprache und hielt ihn
nieder während er sich neben ihn setzte diese Steinbank ist für Gesunde wie
ich es bin Ja und die kleine Erhöhung über uns die Wappenkrone ist ein
Symbol dass nun bald die Rücksichten der Gesellschaft an die Stelle der
Freiheiten des Krankenzimmers treten werden Lass es nur so
Der Genesene ließ die großen noch schweren Augen liebevoll auf seinem
Gefährten ruhen legte ihm die noch heißen Hände in denen ein leises Zittern
bebte in die seinen und sagte die blassen Lippen des schöngeformten Mundes
mäßig öffnend
O nie Nie mein Freund
Sieh nur betonte lebhafter der Andere wie uns diese Krone auf der Rückwand
trennt
Es ist noch Regen in ihr erwiderte der Leidende mit scherzender aber mehr
wehmütig gemilderter Miene sie schwimmt fort Lass sie dahintanzen auf den
Wellen des Lebens Sinkt sie unter ich lohnte dem Taucher nicht der sie mir
wiederbringt
Sprich nicht zuviel Egon bemerkte sorgend der Gefährte Geniesse die linde
Luft Ziehe sie in deine Brust mit tiefem Atem ein Sie wird dich stärken
Egon gehorchte Er war in jener gehorsamen Schwäche die dem Genesenden so
rührend steht Der Kranke widerstrebt Lange währt es bis er sich den
Anordnungen Derer fügt die aus Liebe zu ihm streng sind Endlich schwindet in
seiner gebrochenen Kraft das Bewusstsein die Macht des Widerstrebens lässt nach
er muss sich gefallen lassen was besorgt mit ihm geschieht denn er weiß nicht
mehr was die Welt um ihn her bedeutet seine Sinne schwinden Endlich aber
bricht der Lichtstrahl des Bewusstseins wieder durch die Nacht des schon
drohenden Todes das Leben fasst mit starkem Arme den Wiedergewonnenen und drückt
ihn ans Herz und der Genesende wird ein Kind ein neugeborenes schwaches
hülfloses Kind gehorsam und ergeben sanft und duldsam wie umgewandelt wie
neuerschaffen jedes Gebot vollziehend jeder Weisung gehorchend und gerührt
über sich selbst
Egon sah auf die Blumenbeete hinüber Die Zeit der Rosen und Nelken war hin
Die Düfte hatten nicht mehr die süße Würze des Juli Aber es waren noch Farben
die seinem Auge wohltaten und durch allzu lebhaftes Kolorit es nicht reizten
Er sog sich förmlich hinein in dies sichere feste Leben der gesunden Natur
Jeder Luftzug berührte ihn wie die magische Gewalt eines Kusses der alle
Lebenskräfte des Menschen elastisch weckt Die Sinne gewannen Kraft das
Gegenwärtige festzuhalten und von ihm auf die Vergangenheit zurück auf die
Zukunft hinauszuschliessen Welch ein Chaos Welche unbekannte Länder über
die erst allmälig wieder ein heimatliches Licht fällt Was ist da Alles gewesen
Was hat man erlebt oder nur geträumt Was ist Erinnerung was nur Phantasie Die
Kräfte des Geistes halten diese Tätigkeit noch nicht aus Ermattet sinken die
Schwingen wieder nieder und es ist dem Gedanken als müsst er sich auf die
Flügeldecken eines Käfers setzen und nur um sich erhalten zu können mit
Käfern nur mit Bienen so fortsummen als gehörte man ein Nichts ins große
Ganze und könnte nur leben im zitternden Sonnenstrahl
Es ist mir so Louis sagte Egon als hätt ich eines Abends mit einem
Kopfschmerz der mir das Bewusstsein raubte an jenem Fenster dort gestanden er
zeigte auf das Palais und dich ein Lied singen hören als Frage ob ich daheim
wäre Du wolltest mich begrüßen wie in Lyon wenn du von Paris kamst und ich
aus Louisons Armen auffuhr horchend dem fernen Liede und der wohlbekannten
Stimme des Bruders Oder wars nicht das Gondellied das wir damals auf dem See
von Enghien sangen
Die mutwillige Barcarole antwortete Louis Armand Ich glaubte nicht als
ich mir die verborgene kleine Tür dort aufschloss deine Gestalt erblickte das
Liedchen anstimmte dich erkannte und zu dir hinaufsprang über die kleine
versteckte Treppe dass ich dich fast bewusstlos antreffen würde und Alles wecken
musste und die Hilfe grade der Menschen ansprechen die du von dir entfernen
wolltest
Sind wir also wirklich doch in meiner Heimat sagte Egon Ja ja Das ist
das Schloss meines Vaters Das ist der Pavillon über den ich gesprochen habe
wo zu wem O Gott wie schwer das Erinnern wenn man sich fürchtet vor dem
Vergangenen Louis mir ist so schwach dass ich noch am Grabe Louisons zu
liegen glaube Ich suche die Kreuze und Immortellenkränze des Cimetière
Montmartre Führe mich dahin Es wird mir schwer dies Erinnern
Mein geliebter Freund sagte Louis Armand und fasste Egons Hand Beruhige
dich Die Toten ziehen Niemanden nach Sie gönnen uns das Glück dieser
Erde damit wir seine geringe Vollkommenheit erkennen und sehnsuchtsvoller einst
dem Tode von selbst ins Auge blicken
Sie ziehen uns nicht nach wiederholte Egon und schwieg eine Weile Dann
fuhr er sich mit streichelnder Hand über sein leidendes edles Antlitz und hielt
lächelnd einige Haare hin die ihm dabei in der Hand geblieben waren
Immer mehr immer mehr sagte er schmerzlich Auf der Stirn sieht es
herbstlicher aus als unter diesen Bäumen und Blumen Sieh wieviel Laub wieder
in der Hand geblieben Da Noch mehr Noch mehr Ich sah mich gestern im Spiegel
Ich habe Mitleid mit mir selbst und könnte um mich weinen
Ein Nervenfieber sagte Louis nimmt viel vom alten Menschen mit und gibt
dafür einen neuen wieder Selbst wenn deine Stirn so hochgewölbt bliebe würde
sie jetzt erst recht die Stirn eines Denkers scheinen Allein die gütige Natur
nimmt nur die Zeugen deines Leidens mit und gibt dir bald die Begleiter neuer
Freuden
Und wenn sie nicht kämen fragte Egon lächelnd doch besorgt um sein
Äußeres das man bisher schön genannt hatte
Sie kommen sie kommen tröstete Louis Freilich wer weiß ob Alle die
dich lieb haben auch gerade die Stirn des Denkers an dir lieben
Louis sprach diese Worte ernst und voll Kummer
Egon seufzte Er verstand sie wohl Sie bezogen sich auf Helene dAzimont
deren Charakter man nur halb würde begriffen haben wenn man hätte glauben
können dass diese stürmische liebeglühende Seele es ertragen hätte so ganz von
Egons wiedererwachtem Bewusstsein ausgeschlossen zu bleiben
In der ersten raschen Entwickelung der mit großer Regelmäßigkeit
vorübergegangenen Krankheit hielten die vereinten Anstrengungen der Ärzte und
des treuen Wächters Louis Armand Helene dAzimont fern bald aber mit den
ersten in das freiwillige gesellschaftliche Exil das sie sich auferlegte
hereinbrechenden Hoffnungsstrahlen ruhte sie nicht länger und bot jede List
jede Berechnung auf um sich Egon zu nähern sogar sein Krankenbett zu erstürmen
und sich die Sorge für sein Leben ausschließlich anzueignen Das Letztere
mislang ihr freilich Louis hütete den Fieberkranken mit der Treue eines Hundes
Er schlief auf einer Matratze zu seinen Füßen ließ nichts in Egons Hände
kommen was nicht vorher von ihm untersucht war und wurde darin von den
strengern Ärzten unterstützt
Drommeldei der ärztliche Ratgeber der vornehmen Stände hatte wohl sonst
eine mildere Ansicht Man hatte auch Sorge getragen ihn mit der dAzimont
sogleich bekannt zu machen allein so rührend sie zu bitten verstand bis zu
einem gewissen Zeitraum der seinen Anordnungen zufolge erst heute eintreten
sollte duldete auch Drommeldei keine Aufregung seines Patienten So blieb
Helenen nichts übrig als sich jenem Rafflard anzuvertrauen dessen Ankunft in
dieser Stadt sie mit so vielem Misvergnügen bei Paulinen von Harder vernommen
hatte Wahrhaft erstaunt musste sie sein als dieser vertraute Freund ihrer
Schwiegermutter sich ihr selbst näherte und ihr die innigste Teilnahme für ihr
Leiden zu erkennen gab Von einer Prüfung seiner Absichten war keine Rede denn
er nahm ihren Schmerz für vollkommen begründet hin und weinte selbst über ihre
Tränen Sie fasste zitternd seine Hand Rafflard der geheime Jesuit küsste die
ihrige und sogleich war er mit in das Komplot gezogen das ihre vereinten
Geisteskräfte geschmiedet hatten um Egon nun zuvörderst die Nähe der Geliebten
zu verraten Rafflard bot ihr darin jeden Vorschub Man bestach alle Diener des
Hauses Rafflard setzte sich vorzugsweise mit den Wandstablers in Verbindung
und so war denn bald einmal eine Blume auf die grünseidene Decke von Egons Bett
geworfen die seine Gedanken verwirrte bald ertönte in den entlegenen Zimmern
des Palais der Klang einer Harfe die Helene mit einiger Virtuosität zu spielen
verstand Egon erfuhr zuletzt von Louis Armand selbst die Anwesenheit jener
schönen Frau aus deren Armen er sich in diesem Frühjahr auf der reizenden Villa
von Enghien gewaltsam losgerissen hatte Er seufzte Das Übermaß ihrer Liebe
schien ihn nicht zu beglücken Es kamen Briefe mit einer unverfänglichen
geschäftlichen Außenseite man erbrach sie harmlos sie waren von Helenen
Als sie die Überzeugung gewann dass diese Briefe gelesen wurden gab sie jeden
Morgen ihrem Geliebten das Tagebuch ihrer Sehnsucht und Beobachtung des kalten
steinernen Palastes der ihr so grausam noch den Angebeteten entzog
Ein solches Blatt überreichte Louis seinem Freunde auch heute
Egon nahm es mit gelassener Miene Er hielt das aus der Enveloppe genommene
zierlich duftende Papier mit feinen Arabesken und der gemalten Krone und den
silbernen Buchstaben HdA lange in der Hand ehe er sich entschließen konnte
es zu lesen
Wenn ich dem Leben erhalten bleibe sagte er nach einer Pause ernster
Betrachtung wie soll ich mich mit diesem Verhältnisse zurecht finden
Geliebt zu werden sagte Louis ist wohl nur dann eine Last wenn man nicht
wieder liebt
Wie soll ich das Gefühl nennen das mich an diese Frau fesselte fuhr Egon
fort Seit dem Tage am See von Enghien wo Louison ihren Tod wenn er einmal
beschlossen war glücklicher gefunden hätte als nach meiner Untreue welche
Umwälzungen meines Innern Ich floh um meinen Erinnerungen zu entrinnen und sie
überholen mich und lassen mich nicht wieder los Das sind die Erinnyen der
Fabel
Man muss sagte Louis mit Fassung und ohne die geringste Zurückhaltung zu
Nutzen seiner eignen Ansprüche auf Egon man muss den Lauf der Natur in seiner
Bahn nicht unterbrechen Mismut über eine verkehrte Erziehungsmetode die
angedrohte Rache eines frühern Lehrers treibt dich von Genf abenteuerlich in die
Welt hinaus
Glaubst du unterbrach ihn Egon dass ich Rafflards Bosheit fürchtete der
sich bei meinem zweiten Aufenthalte erinnerte dass er wegen meiner und eines
heimlich mir zugesteckten Kasanova die Anstalt des Herrn Monnard verlassen
musste Deshalb weil ich ihn an der offenen Tafel des Syndicus Lhardy einen
heimlichen Jesuiten genannt hatte deshalb allein wäre mir der Aufenthalt in dem
kleingeistigen beschränkten spiessbürgerlichen Genf unerträglich geworden Ach
nein Es war der Zug nach einem kräftigen Wettkampfe mit dem Schicksal der mich
auf die Wanderschaft hinauf zu den blauen Höhen des Jura trieb
Ich schließe mich auf der Landstraße ergänzte Armand dem Wanderer in der
Blouse an heimkehrend von einem Ankauf von Nussbaumhölzern in Poncin und nehme
dich als Zeltkameraden in meine bescheidene Hütte wo meine Grossältern meine
Eltern Verwandte erinnerungsreiche Menschen eine Schwester mit mir leben Du
ergreifst die Axt die Säge ja führst sogar mit deiner zarten Hand den Hobel
und ich glaube dass du der Sohn eines Kaufmanns in Deutschland bist verfolgt
als politischer Verbrecher Wie hab ich dich eingedenk meiner Grossältern und
ihrer Schicksale verborgen gehalten Wie gezittert die feige Politik unsrer
Regierungen würde dir eins der heiligsten Menschenrechte das Recht des Asyls
versagen Wie glücklich war ich dass du wie wir die Einsamkeit liebtest die
kleinen Freuden der Armut teiltest so vollendet dich auf französische Sitte
und Sprache verstandest dass das argwöhnische Auge der Polizei dich nicht
entdeckte und dich für einen Schweizer nahm
Und dennoch
Nein nein klage dich nicht an Ich habe dich gehasst Egon als Franz
Rudhard wie du dich nanntest die Liebe meiner Schwester seine eignen Schwüre
vergessen hatte Franz Rudhard so standest du vor meinen Augen Den rauen
Namen hattest du dir von deinem ersten Erzieher gegeben den du liebtest
Franz Rudhard sagte Egon lächelnd leise das gebeugte Haupt schüttelnd
Louis der mit den Gebrüdern Wildungen während seiner Wacht an dem
Krankenlager nur in geringe Beziehung hatte kommen können wusste wohl kaum davon
dass Egons alter Lehrer von dem er in Lyon den Namen geborgt hatte ihnen
inzwischen wieder so nahe gerückt war
Der Alte lebt noch in Odessa fuhr Egon fort Ich nahm diesen Namen weil er
in meiner Erinnerung mit einem stillen häuslichen und bescheidenen Frieden der
Familie im Zusammenhange stand Als ich in euer Haus trat der verfallene
Torweg das niedrige Dach die Blumenterrasse die Ziege die eben auf
ein Bruchstück alter Römermauer geklettert war und Louison die ihr
nachkletterte und sie mit keckem Griff an den Hörnern herunterlenkte fort
von ihren jungen Kürbissen und Melonen die sie auf der Mauer pflegte und zog
der freundliche Gruß des Vaters der im Hofe arbeitete das prüfende
mistrauische Grüssen der alten sarmatischen Großmutter der Jagellona einer
gebildeten noch aus Kosziuszkos Zeiten stammenden Polin sie tronte wie eine
Zauberin unter dem Dache eines Feigenbaums der eure Wohnung umwand auf einer
steinernen Erhöhung und klöppelte mit der alten Tante einer Deutschen ihrer
Schwägerin Teppiche von dieser wunderbaren Familie ergriffen gehalten von
deiner Freundschaft geblendet von Louison nehm ich für die Nacht vorlieb auf
einem Sack von Maisstroh als Lager es ist ein Sonnabend am Sonntag
begleit ich Louison schon in die Kirche Sie zeigt mir in der Frühe den
Reliquienschrein der heiligen Märtyrer in der Kathedrale am Abend holen die
Nachbarinnen sie ab und wir wandern nach der CroixRousse auf die Chaumière
schon am zweiten Sonntag hatt ich einen Blumenstrauß von ihrem Hut gewonnen
am dritten lohnte sie mich nicht mehr für meine Liebe sondern nur noch für
meinen Fleiß wir müssen uns beherrschen sagte sie arbeiten Glück
verdienen ich arbeitete um den ersten Kuss zu verdienen ich arbeitete
um drei Küsse zu verdienen ich arbeitete
Bis du sie ganz gewannst und sie ohne des Priesters Segen dein Weib war
fiel Louis ein
Beide schwiegen erschüttert Ein schwarzer verspäteter Schmetterling den
die Knaben am liebsten haschen obgleich er der Trauermantel heißt setzte sich
eben auf das Papier in Egons Hand
Als der bunte Sommervogel zu den Blumen entschwebte war es ihnen als hätte
sie die verwandelte Seele Louisons begrüßt
Ich klage dich nicht mehr an mein Freund sagte Louis Du hattest uns
getäuscht aber auch dich selbst Schon als wir von Lyon zur Erweiterung unsres
Geschäftes nach Paris zogen und von Jagellona der Tante ja den Eltern selbst
die Grabeshügel zurücklassen mussten war die Erkenntnis über dich gekommen dass
dir die Kraft fehlen würde diese Rolle länger fortzuspielen
Keine Rolle rief Egon Nie nie hab ich daran gedacht dass ich jenen
arkadischen Schäfern von Navarra nachahmen wollte die sich in Schäfer nur
verkleideten Ich war so mit mir einig als Franz Rudhard in Paris zu wirken
meinen deutschen Beziehungen zu entsagen dass ich es der Mutter kurz vor ihrem
Tode nach Hohenberg schrieb und für immer von meinem vergangenen Leben mich
lossagte
Eine Schwärmerei sagte Armand von der dich die Fahrt auf dem See von
Enghien heilte Jene weichen Arme der Liebe öffneten sich für die du geboren
bist Damals als ich noch glaubte dein Name wäre Franz Rudhard hätt ich dich
morden können dass du die Schwester verliessest die dir Alles geopfert hatte
Sie hielt mich zurück sie hoffte auf deine Wiederkehr Sie hoffte bis der Tau
der Nächte ausblieb und die Blume keine Tränen mehr hatte Sie verwelkte Ich
erhalte einen Auftrag für eine Villa in Enghien ich soll zu einem Tempel der
Freude und des Glückes den Schmuck die Vergoldungen und Spiegel zaubern ich
komme in das Boudoir jener Frau wo Louison einst in deinen Armen sich von dem
Unglück einer Wasserfahrt erholte
Schweige Louis schweige rief Egon
Und Louis erschreckend über sich selbst fiel rasch ein
Vergebung Vergebung Was beginn ich mit einem Kranken Der Schmetterling
auf diesem Papiere war das Bild der Versöhnung und ich hatte dir ja auch nur zu
sagen Egon dass ich um Egons willen Franz vergab Schon als du uns verlassen
hattest ahnten wir deinen höheren gesellschaftlichen Ursprung aber als ich auf
dem frischgeschaufelten Grabe Louisons erfuhr dass du ein Prinz bist Sprössling
eines vornehmen Hauses dass du aus Liebe zu dieser Toten aus Liebe zu dem
bescheidenen Leben der Armut aus Hingebung an die große Sache der Arbeit
deinem Stande deinen Titeln allen Vorteilen deiner Geburt drei Jahre entsagen
lernen arbeiten konntest o Egon und wenn die Grabeshügel der Eltern auf
den Tod meiner Schwester erst gefolgt wären statt dass sie ihr vorangegangen
wenn das Herz des zu seiner Sphäre zurückkehrenden Jünglings mir das Leben der
eignen Geliebten geraubt hätte wer weiß ob ich nicht vergeben hätte um
dieses heroischen Entschlusses willen um eine Tat so einzig und groß dass ich
alle eigenen Schmerzen vergaß und dein blieb Egon um der Sache des Volkes und
der Menschheit willen
Und ich verspreche dir sagte Egon feierlich dass diese von Patschouli
duftende Verlockung er zeigte dabei auf das noch ungelesene Papier mich
nicht aus der Bahn entfernen wird auf der wir uns wieder begegneten und dein
reines Herz meiner elenden Schwäche vergeben hat
Geliebt zu werden ist süß warf Louis ein um die Selbstanklage Egons zu
mildern
Ich sehe ratlos fuhr Egon fort auf die schmeichelnden Worte die ich nun
seit acht Tagen von dieser Unbesonnenen erhalte die mir von dem Herzen
Frankreichs hierher nachreist und an eine Trennung unserer Wege nicht zu denken
scheint Ich zittre vor dem Wiedersehen Es ist etwas in mir das mir sagt
Louisons Schatten verlangt die Sühne der Trennung von Helenen
Nein nein fiel Louis ein Louisons Schatten ist gesühnt durch unsere
Versöhnung an ihrem Grabe Hätte sie geahnt was du ihr zum Opfer brachtest wer
weiß ob die Vernunft nicht Trostgründe geboten hätte die heilend wirkten Man
soll nicht Liebe von sich stoßen nie nie Das Leben ist zu arm daran Wenn ich
nur nicht fürchten müsste
Louis stockte und blickte zufällig auf den Pavillon
Egon foderte ihn auf zu reden
Lies diesen Brief sagte Louis um noch auszuweichen
Egon entfaltete das duftende Papier und las was ihm Helene dAzimont mit
ihrer zierlichen kleinen Hand geschrieben hatte
Zweites Kapitel
Der Pavillon
Helene schrieb Egon in deutscher Sprache
»Heute mein geliebter Egon sind sechs Wochen vorüber als ich vor deinen
Fenstern im Wagen hielt mitten in der Nacht eben von der Reise gekommen Ich
konnte nichts von dir entdecken als den Schimmer eines Lichts das vielleicht
vor deinem Lager stand als du schon die Annäherung dieser schrecklichen
Krankheit die dich niederwerfen sollte fühltest O welches rauschende Leben
glaubt ich zu finden einen belebten Palast auf und abschwirrende Diener
hellerleuchtete Fenster Wagengerassel und ich fand ein fast ausgestorbenes
Haus in dem nur mein Egon lebte nur sein Pulsschlag mir hörbar erschien Wie
hab ich seitdem die Schläge meines Herzens gezählt Wie mich mit dem Ohr auf
die Erde gelegt um etwas von dir zu vernehmen O Gott Das ertragen zu sollen
Wenn ich zurück denke und mir noch einmal vorstelle dass ich in einer Stadt mit
dir leben und dich nicht sehen sollte ich begriffe nicht was einem Herzen
möglich ist das dulden kann und hofft Aber nun öffnen sich auch die Himmel und
die Genien der Liebe reichen mir den Kranz der Bewährung und des seligsten
Lohnes Egon ich werde dich wiedersehen dir ins Auge blicken den Kuss deiner
Lippen fühlen Ich zähle die Minuten ich begreife nicht wie mich die Vorsehung
mit dieser Langmut ausstattete ich erkenne mich nicht Mein geliebter Egon
Wie konntest du fliehen Fliehen vor einem Herzen das ohne dich brechen muss
Lass mich leben Leben in deiner wiedergewonnenen Liebe Ich habe unter den
Erinnerungsblättern an unser Glück heute das letzte angefangen eine kleine
Zeichnung des Tempels den ich unserer Liebe auf meiner Villa in Enghien bauen
wollte Alle diese Skizzen die ich nur mit ungeübter Hand entwerfen konnte
sind mein einziger Trost in dieser Einsamkeit gewesen Der See die Terrasse
der alte Eichbaum auf der Höhe des Waldrückens die große Ebene mit dem
Bahnhofe meine kleine Veranda die du so liebtest und so zierlich schmücken
halfst alle diese Blättchen hab ich im Vertrauen auf die Macht der Liebe die
auch die Schwingen des Talents kräftiger heben lehrt als sie von Natur fliegen
würden mit zitterndem Bleistift hingeworfen Ich suche einen Maler der mir
würdig scheint sie auszuführen dann überrasch ich dich mit den Erinnerungen
an schöne Tage O sie werden wiederkommen Egon hast du denn nicht Mitleid mit
mir Nur ein Wort der Erquickung für meine zehrende Sehnsucht O lass mich bald
an deinem Herzen ruhen mein Geliebter mein einziger einziger Egon«
Es war Dies eine Apostrophe wie sie Egon seit vierzehn Tagen in immer
gleichen Lauten der Verzweiflung der Liebe und der ohne Weiteres
vorausgesetzten Wiedervereinigung erhielt Als er das Papier gelesen hatte
summten ihm im Gedächtnis die Shakespeareschen Verse
Wenn Ihr Euch meiner nicht erbarmt mein Lieber
Baut ich an Eurer Tür ein Weidenhüttchen
Und riefe meiner Seel im Hause zu
Schrieb fromme Lieder der verschmähten Liebe
Und sänge laut sie durch die stille Nacht
Ließ Eure Namen an die Hügel hallen
Dass die vertraute Schwätzerin der Luft
Olivia riefe O ihr solltet mir
Nicht Ruh genießen zwischen Erd und Himmel
Bevor Ihr Euch erbarmet
Beide Freunde schwiegen
Was ist da zu tun begann Egon nach längerm schmerzlichem Nachdenken
Nur zu wachen sagte Louis ernst dass diese Liebe männlich bleibt deine
Gedanken nicht verweichlicht deine Entschlüsse nicht lähmt
Ah sagte Egon diese Liebe ist doch ein Unglück
Damit richtete er sich auf
Das Gespräch hatte ihn nicht erschöpft Die Sprossen auf der Leiter der
Gedanken die er langsam wieder zu erklimmen versuchte brachen nicht Er fand
sich in seinen Erinnerungen zurecht und aus der wiedergewonnenen Kraft des
Geistes teilte sich stärkend eine Belebung des ganzen Körpers mit Er fasste
Louis Arm und wandelte zwischen den Blumenbeeten
Sie kamen in die Gegend jenes Pavillons dessen Inneres Künstlerhände für
die lebhafte und bequeme Phantasie des alten Fürsten Waldemar des
Generalfeldmarschalls geschmückt hatten
Egon kannte dies Innere und betrachtete nachdenklich die angelehnten grünen
Jalousieen Er besann sich ob er nicht einst Jemanden eingeladen hatte sich in
diesem Saale unter Spiegeln Blumen und kerzenstrahlenden Lüstres die
Geschichte seiner Liebe erzählen zu lassen noch wollten aber solche Gedanken
nicht haften Nur wie auf flüchtigen Sommerfäden zogen sie an ihm dämmernd
vorüber und streiften sein Gedächtnis
Sie traten dem Pavillon näher Egon besann sich schmerzlich lächelnd auf
dessen Bestimmung und öffnete leise eine der Jalousieen
Kaum war Louis der sich eben weil die Gartentür ging umgewandt hatte
von ihm veranlasst worden gleichfalls einen Blick auf diese üppige Einrichtung
zu werfen als er die Jalousie auch sogleich fallen ließ
Träum ich rief Egon oder sah ich
Louis bemerkte seinen Schrecken und trat näher
Als auch er die Jalousie fallen ließ schüttelte er den Kopf und schien
nicht begreifen zu können warum er noch staunte
Es war ein Spiegelbild Helenens sagte Egon
Wol muss es die Gräfin dAzimont sein erklärte Louis
Irgendwo wird sie in dem Pavillon verweilen Der Spiegel fing sie von dieser
Seite her wie ein lebendes Bild auf
Sie schlief sagte Egon
Sie schien zu schlafen sie ruhte nur
Der Spiegel empfängt seinen Reflex von jener Seite her wo das Badezimmer
meines Vaters Komm Louis Komm
Damit wollte Egon stürmisch zu jenem Fenster hin wo die magische rote
Beleuchtung einer Kuppel auf eine zierliche Rotunde fiel deren Bilder Statuen
Vasen wir bereits oberflächlich kennen und erst später gründlicher betrachten
werden
Auch Louis begriff nicht wie die Gräfin dorthin gelangen dort auf einem
Divan in beinahe phantastischer Kleidung schlummern konnte Er glaubte an den
Reflex eines dort aufgehängten Bildes Er schickte sich an dem Prinzen zu
folgen der den Eingang nur vom Hofe aus gewinnen konnte und in stürmischer Eile
mit trunkenen Sinnen wie elektrisirt das schöne verführerische Ziel suchte
Doch in diesem Augenblick hielt sie Sanitätsrat Drommeldei auf
Ei ei wohin so rasch rief der Arzt und schlug Egon auf die Schulter
Dieser wandte sich unangenehm überrascht und hätte sich gern von dem Arzte
losgemacht
Aber der Gehorsam eines Genesenden hinderte ihn Der Arzt hatte schon den
Puls in der Hand und behauptete dass Egon zu lange im Garten verweilt hätte Er
müsste hinauf
Nein nein sagte Egon es ist nur eine augenblickliche Aufregung und so
wollte er zu dem Eingang des Pavillons hin
Der Arzt hielt ihn aber sehr entschieden zurück und sagte
Ich statuire keine Aufregungen Sie bleiben hübsch an meiner Seite
Durchlaucht
Damit fasste er Egons Arm und lenkte in eine Allee des kleinen Parkes ein
die der Tür die zum Hofe führte zunächst lag
Er machte mancherlei Vorschriften und endete damit dass er sagte
Unter diesen Bäumen ist es zu schwül und unter den Blumen dort lauern noch
immer die bösen Geister des Fiebers Sie müssen sich an frischer reiner Waldluft
stärken Ich schreibe Ihnen für heute Folgendes vor Nachmittag vier Uhr nehmen
Ew Durchlaucht einen Wagen und fahren mit Herrn Louis und sonst einem Freunde
auf das königliche Schloss Solitüde Dort kommen Sie um punkt dreiviertel auf
fünf ich sage punkt dreiviertel fünf der Sonne wegen an steigen aus
durchwandern die noch sonnenwarmen Boskette einige Gänge des Parks und setzen
sich auf dem kleinen Hügel wo man die berühmte Aussicht auf die Felder und den
dort so mächtig sich ausdehnenden Fluss genießt eine Viertelstunde in der Sonne
nieder dann lassen Sie den Wagen an der Südpforte vorfahren sind mit fünfzig
Schritten wieder auf Ihren Polstern und kommen einige Minuten nach sechs Uhr
wieder in Ihrem Zimmer an wo Sie sich etwas vorlesen lassen eine Suppe essen
und um acht Uhr zu Bett gehen Wird Das befolgt werden
Egon hatte nur halb zugehört Er war zu bewegt zu elektrisirt von dem
Gedanken dass Helene so in der Nähe war so auf ihn lauschte so vielleicht in
jenem Pavillon auf seinen Anblick gewartet hatte und darüber entschlummert war
Louis aber der aufmerksam zugehört hatte antwortete statt seiner
Pünktlich Herr Sanitätsrat
Nun begleit ich Sie auf Ihr Zimmer sagte Drommeldei einer kleinen Tisane
wegen die Sie doch noch nehmen sollen und die ich verschreiben muss Kommen Sie
Durchlaucht Bald besuch ich Sie nur um Ihnen von der Welt zu erzählen und mir
von Ihnen Pariser Anekdoten auszubitten
Mit feiner weltmännischer Gewandtheit fasste der diesmal allopatisch
gestimmte Arzt den träumenden erschütterten Egon unterm Arm und führte ihn
durch den Hof in die vordere Fronte
Louis aber folgte in einiger Entfernung
Zum Pavillon zu gehen und sich in den Kabineten zu überzeugen ob dort die
Gräfin dAzimont wirklich auf einem Divan schlief wie er in jenem Spiegel
gesehen hatte dazu konnt er sich nicht überwinden aber Doretten Wandstabler
die im Hofe sich tief knixend vor dem Prinzen verbeugte und nicht ohne
Gefallsucht zur Feier der Wiedergenesung des jungen schönen Herrn eine gewählte
Toilette gemacht hatte und recht auffällig mit einem ungeheuren Bunde Schlüssel
klingelte Doretten Wandstabler hielt er an und sagte energisch
Sie haben die Gräfin dAzimont in den Pavillon gelassen
Vergeben Sie sagte Dorette schon etwas trotzig Der Herr Sanitätsrat haben
es selbst befohlen
Wie Der Arzt wusste
Sie wollte in den Garten stürzen und den Prinzen
Ein Arrangement sagte Louis vor sich hin voller Entrüstung und die weitern
Worte der Beschliesserin überhörend Dann fragte er laut
War die Gräfin allein
Herr Professor begleiteten sie Hören Sie ihn nicht husten
Herr Professor Wer hustet
Dorette errötete dass sie von einem Manne wie von einem gewöhnlichen
Besucher sprach den sie doch gegen Louis Armand bisher verheimlicht hatte
Jetzt aber wo der Arzt selbst für das Komplot gewonnen war glaubte sie sich
nicht mehr so ängstlich zurückhalten zu müssen und ergänzte ihre Aussage dahin
dass sie den Professor Rafflard meine
Louis wollte reden aber Egon sah sich nach ihm um
Er folgte dem Prinzen der nun auf Louis gestützt zum ersten male wieder
die große Treppe bestieg und mit völliger Abwesenheit des Geistes den
materialistischen Auseinandersetzungen zuhörte mit denen Drommeldei gewohnt
war die Psyche seiner Reconvalescenten neu zu beleben und ihnen die letzte
Tisane zu verschreiben
Egon schritt die große Treppe empor In seinen Erinnerungen setzte sich die
Vergangenheit Steinchen an Steinchen wieder musivisch zusammen Die von der
Sonne erhellten Zimmer taten ihm außerordentlich wohl Er fühlte sich so
kräftig dass er als der Sanitätsrat sich empfohlen und die Nachmittagsfahrt
nach dem königlichen Schloss Solitüde ausdrücklich noch einmal bis auf die
kleinsten Punkte eingeschärft hatte Louis fast im Begriff war zu bitten er
möchte ihn über den Pavillon über Helene aufklären ja wenn es nicht Louis
gewesen wäre der seine Befehle erst an die Diener überbrachte wer weiß ob er
nicht augenblicklich das Wiedersehen mit einem Wesen gefeiert hätte das durch
eine einzige kurze Phantasmagorie seine ganze Einbildungskraft wieder
beherrschte
Es ist die Gräfin gewesen sagte ihm Louis aufrichtig Sie harrte vielleicht
des Augenblickes wo du im Garten dich zeigen solltest und entschlief oder
träumte wachend von dem Glück dir nahe zu sein
Es war nicht ganz wahr als Egon darauf erwiderte
Ich kann sie noch nicht sehen Ich fühle mich noch nicht stark genug ihre
Freude zu ertragen
Indem fiel sein Auge auf eine in seinem künftigen Arbeitszimmer auf einem
großen grün verhangenen Tische aufgestellte kleine Galerie alter Brustbilder mit
schwarzen oder verblassten goldnen Rahmen
Was sollen diese Bilder fragte er erstaunt
Schon lange antwortete Louis harrt diese kleine Galerie des Augenblicks
wo du in ihnen die letzten Reste des Andenkens an deine Mutter begrüßen würdest
mein Freund
Und mit diesem Anblick mit diesen erläuternden Worten fiel es wie Schuppen
von Egons Geiste
Gott im Himmel rief er diese Bilder da ist träum ich Wach ich
Ja ja Das wars worauf ich in der Nacht des Fiebers schon einmal fiel
da da ist es ja dies runde Pastellgemälde Es ist ja das Bild das
vielersehnte Bild meiner Mutter
Louis erzählte was er von der Übergabe dieses von Egon mit Leidenschaft
aufgehobenen und von allen Seiten betrachteten Bildes durch Schlurck wusste Auch
von dem Geheimnis dieses Pastellbildes hatte er ja schon früher etwas vernommen
war aber über die ferneren Schicksale desselben im Unklaren geblieben
An diesem Bilde Freund ist ein Geheimnis bestätigte Egon kaum Louis
Worten folgend Ich fasse nun Alles ich finde mich zurecht Louis sieh sieh
her findest du etwas an dem Rahmen dieses Bildes es ist schwerer als es
dem äußern Anschein nach sein könnte es muss eine geheime Feder haben ich
beschwöre dich
erfinde rate hilf Ich bin fast unvermögend meine Überraschung
auszubeuten
Louis sah mit Beklommenheit dass Egon aus den Aufregungen nun nicht mehr
herauskam Er bereute fast dass er es so mit dieser Galerie angeordnet hatte
Nach dem Spaziergange im Garten sollten ihn die Bilder erfreuen Den
Zwischenfall mit dem Pavillon hatte er nicht berechnet Er bat den Freund sich
in Alles gelassener zu finden und von dem Bilde gleich abzustehen
O ich fühle mich stark rief Egon Wo war ich Gerechter Gott das Alles
verschwamm in Nebel Ich muss wieder Menschen sehen ich muss hören sprechen
anknüpfen an das Leben Führe mich in die Welt Louis
Louis sagte mit Zögern dass er gehofft hätte ihm heute einige Personen die
schon öfters nach ihm gefragt hätten vorzuführen es stünden mehre im
Vorzimmer aber er wage nicht in dieser Aufregung in diesem steten
Wechsel der Eindrücke
Führe sie herein rief Egon Wer will mich sprechen Wer ist da Ich muss
Menschen sehen Menschen umarmen
Damit legte er das so wertvolle abenteuerliche Bild auf die grüne Decke
ging selbst an eine Seitentür und öffnete
Herein herein rief er mutig und kraftvoll Ich lebe wieder Kommt Ich
habe das Licht der Sonne empfunden ich habe den Duft der Blumen eingezogen
Kommt Menschen Kommt Ich bin genesen
Drittes Kapitel
Alte Bekannte
Egon suchte aber die Menschen nur weil er den Moment nun wirklich das von ihm
mit so vielen Abenteuern gesuchte Bild zu besitzen nicht ertragen konnte Das
Bild öffnen nach seinem Inhalte forschen er hätte es jetzt nicht vermocht Er
bedurfte eines Anhaltes an etwas was ihm erst Beruhigung bot Er glich in
diesem Augenblicke jenen Menschen die nicht im Stande sind ein Gefühl mächtig
und voll auf sich wirken zu lassen Menschen die weinen wo sie lachen lachen
wo sie weinen sollten Menschen die einen geliebten Freund das Teuerste auf
Erden das ihnen lange entrissen war nicht sofort wieder zu sehen vermögen
sondern in einen Winkel flüchten wenn Alles dem Ersehnten schon in den Armen
liegt ihn herzt und küsst in dem Winkel still für sich weinen weil ihr Herz
nicht im Stande ist eine so furchtbare Erschütterung wie ein der menschlichen
Kraft Mögliches zu erleben und das Unglaubliche wie wirklich zu ertragen
Nur um sich von dem Schrecken das Bild zu sehen es wirklich überschwer zu
finden das Geheimnis seiner Mutter nun er wusste nicht wie in Händen zu haben
zu sammeln riss Egon die Tür auf und rief
Wer begehrt nach mir
Der Erste der eintrat war ein schlichter gesundblickender heiterer
frischer Naturmensch Aus diesem Auge strömte Waldluft strömte Erkräftigung
Freude und Treuherzigkeit die sich zwar mit einer gewissen Überwachung mischte
lachten Egon an und mussten dem kranken jungen Fürsten innig wohltun
Wir erkennen an seinem gesunden vollen Gesicht dem fuchsblonden Barte und
der ruhigen Treuherzigkeit seines zahmen Löwengesichtes den Förster Heunisch aus
Hohenberg
Ich kenne Euch Heunisch sagte Egon als der Förster seinen Namen genannt
hatte und die lebendigste Erinnerung ihn an das Bild und was mit ihm
zusammenhing jetzt fast folterte ich hab Euch gesehen Bringt mich nur auf die
Spur wo Wo
Durchlaucht vor Allem meinen herzlichsten Glückwunsch zu Ihrer Genesung
sagte etwas zaghaft der Förster schlug aber mit waidmännischer Biederkeit seine
mit weißen waschledernen Handschuhen zierlich geschmückte kräftige Hand in die
magere des Prinzen
Jetzt weiß ich Heunisch wo wir uns gesehen haben rief Egon rieb sich
jedoch noch zweifelnd die Stirn
Heunisch lachte kratzte sich hinterm Ohr und sagte
Der Tausend Wohl haben wir uns schon gesehen Durchlaucht aber mein
Seel Der sind Sie doch nicht Durchlaucht der ich gemeint habe dass
Dass ich wäre Wer denn Wer bin ich denn
Sieh sieh fing Heunisch zu grübeln an und blinzelte mit seinem
scharfen Auge unter den langen weißen Augenwimpern prüfend zum Fürsten hinüber
Er trennte sich offenbar von der Vorstellung die sich auch ihm eingeprägt
hatte dass Dankmar Wildungen Prinz Egon gewesen wäre mit großer Mühe Noch lag
ihm im Ohre was im Gelben Hirsch der junge gefällige Mann ihm über das Anlegen
des Zeckschen Goldes gesagt hatte und nun fand er einen Andern den er aber
auch zu kennen glaubte
Halt sagte er Wär es nur möglich
Ja ja Heunisch Ihr seid der Jäger
Welcher Jäger
An dem Vormittag
Ei wie könnt ich denn die Dreistigkeit haben Durchlaucht zu glauben dass
Ja ja habt sie nur
Der Handwerksbursche Im Gelben Hirsch
Der Der bin ich
Durchlaucht machen Eins confus
Der Handwerksbursche bin ich
Der mich gefragt hat wo der Weg nach Plessen geht und in der Sägemühle
übernachten wollte
Der aber auf dem Kirchhof schlief am Grabe seiner Mutter die Ihr hier in
dem Bilde seht
O weh rief Heunisch und schlug sich mit den Händen an den Kopf und gedachte
sogleich seiner gewagten Anekdoten über die Fürstin Amanda
Damals sagte Egon botet Ihr mir von Eurem Imbiss an und heute müsst Ihr nun
bei mir vorlieb nehmen Louis ein Glas Madeira Ein Frühstück Allons donc
Durchlaucht ich habe gefrühstückt sagte Heunisch aufrichtig ohne
verbergen zu können dass ihm ein solcher Empfang neuen Appetit machte
Louis war schon auf dem Sprunge gewesen fast noch ehe Egon den Befehl gab
eine solche Idee auszuführen Er klingelte und lief selbst halb Herr halb
Diener Er wollte dass man ihm schon auf halbem Wege entgegenkam Wie froh war
er jetzt bessere Menschen zu sehen die zu des alten Fürsten Verlassenschaft
gehörten und denen er seinen Freund zurückließ wenn er nach Frankreich wieder
heimkehrte Wie gefiel ihm dieser treuherzige Förster im grünen Leibrock mit
goldenen Knöpfen und mit den waschledernen Handschuhen Vor Vergnügen war er
nahe daran für sich hin ein polnisches Liedchen zu trällern das er von der
alten Jagellona oft hatte summen hören
Nun setzt Euch Heunisch sagte Egon nehmt Platz Ja ich bin der
Handwerksbursch vom Gelben Hirsch Ich wollte Hohenberg sehen wie die Gauner
dort wirtschaften Legt den Hut ab Heunisch Setzt Euch Man bringt uns zu
frühstücken So wars bei meiner Mutter auch wenn der grimmige Marzahn kam
Sacre bleu Der war schlimm Der hatte Zähne wie ein wilder Eber aber er fing
sie auch am Messer auf aus freier Hand ein Teufelskerl
Können wir auch Durchlaucht aber die Eber kommen nicht mehr
Aha So ist gewirtschaftet worden Jetzt bester Freund sagt mir doch
einmal
Hier unterbrach der Förster plötzlich den glückseligen Egon der aber schon
über seine eigene Gemütlichkeit innerlich lächelte und sie den vielen Freuden
und Überraschungen des Morgens zuschrieb
Durchlaucht sagte er mit leiser Stimme und zeigte auf die Nebentür nehmen
Sies nicht übel aber es wartet da draußen noch Jemand
Wer denn
In Egon erwachte die lebendigste Erinnerung an Dankmar Schon hoffte er der
Förster würde diesen Namen aussprechen als er sagte
Der Herr Pfarrer aus Plessen Herr Stromer
Der Pfarrer aus Plessen wiederholte Egon und besann sich auch auf diesen
Aha sagte er vor sich hin Stromer der fromme Stromer
Na fromm meinte Heunisch und kratzte sich hinterm Ohr
Der die Blumen band sprach Egon für sich hin
Als die selige Fürstin eingegangen war zu ihres Herrn Freude da
Als sich der Zank erhoben hatte Abends
Einer hörte jetzt auf den Andern nicht Heunisch brach seine einmal
aufgezogene Gedankenreihe nicht leicht ab Das Denken hüpft bei solchen Menschen
nicht so behend hin und her wie bei den Dialektikern der Bildung und der Lüge
Er sagte fuhr er fort ich sollte nur vorerst gehen Ich würde doch gleich
absolvirt werden und da wolle er lieber nach mir kommen Und nun Sapperlot nun
fangen wir hier ordentlich zu frühstücken an Was wird der Pfarrer denken
Die Türen gingen auf
Zwei Bediente sprangen hinzu und deckten
Der alte Wandstabler leitete diese Unternehmung wie eine große
Staatsaufgabe Er wackelte vor Seligkeit dass nun etwas kam was an die alten
Zeiten erinnerte setzte die Stühle und warf so schmachtende tränenverklärte
Blicke auf den jungen Fürsten dass diesem himmelangst wurde über den Umstand
wegen eines kleinen Frühstücks Das lärmende Bedienen hatte er nie geliebt Doch
blieb er bei guter Laune und sagte zu Heunisch
Der süße Schleicher der so rasch von Eurem kurzen Empfang urteilte soll
nun gerade warten und hören wie hier die Teller und die Messer und Gabeln und
Gläser klingen
Ach Durchlaucht entgegnete Heunisch ängstlich und mit bittender Gebehrde
Ne ne Das nicht Lassen Sie den Herrn Pfarrer doch lieber auch gleich
hereinkommen Geheimnisse hab ich Ihnen keine zu erzählen und der Herr Pfarrer
möchte gar meinen der Förster Heunisch erlaubte sich etwas Despectirliches
wenn Der hier wie in Abrahams Schoss sitzen wollte
Auf Euer Fürwort will ich ihm diese schmeichelhafte Vergleichung ersparen
sagte Egon und rief
He Wandstabler
Der Haushofmeister und Vater der drei Huldgöttinnen des Hohenbergschen
Palais wusste nicht wie ihm geschah Angerufen von der jungen Durchlaucht
Berücksichtigt Geduldet Wandstabler gerufen aus seinem eigenen gnädigsten
Munde
Kaum noch hatte er sich umgewandt die starke schnurrbärtig gewichste Figur
auf dünnen beschuhten Beinchen um die Befehle zu vernehmen als Egon schon
sagte
Vier Kouverts
Vier Kouverts keuchte der Haushofmeister und schnurrte dabei wie wenn
seine Sprachwerkzeuge an einer innern Rolle abliefen astmatisch oder zu einem
Kropf disponirt Vier Kouverts Mit dieser Losung schwankte Wandstabler aus der
Tür und umarmte fast seine lauernde älteste Tochter die schon in voller
Tätigkeit war sämtliche Schränke alle Weisszeugkisten öffnete Gläser Messer
zählte doppelt für jeden Gang und die Bedienten in Galopp brachte
Wandstabler Vier Kouverts Mit dem Vollgewicht dieser ersten errungenen
Berücksichtigung musste sich der Haushofmeister an der großen Treppe über den
Strohdecken auf einen der dort befindlichen Wartesessel niedersetzen und seinen
glänzendgewichsten Schnurrbart mit einer Träne anfeuchten die das in einem
ewigen wie man es in der Volkssprache nannte »Tran« schwimmende gedunsene
Weinund Liqueurgesicht immer bereit hatte
Egon aber öffnete nun die Tür und ließ den zweiten Besuch auch herein Er
war dabei in seinen nun mit ganzer Macht hereingebrochenen Erinnerungen an
Dankmar und in seinem mit Gewalt niedergekämpften Gelüsten nach dem Bilde so
ergriffen dass es ihm war als spränge ihm der Kopf
Hätte Louis ahnen können was Alles jetzt mit wunderbarer Gewalt auf seinen
so gütig herablassenden Freund eindrängte er würde nicht so schüchtern bei
Seite getreten sein und wohl das gemütliche Wichtigeres verdrängende
weitläuftige Frühstück mit den Hohenberger Gästen hintertrieben haben Er
vergaß dass Egon Reconvalescent war der Schonung bedurfte und von Egon selbst
galt die Erfahrung Was mutet sich nicht Alles der Mensch an Kraft zu wenn
sein Herz bewegt ist
Der höfliche und mit vielen Verbeugungen Eintretende war in der Tat Guido
Stromer der Pfarrer von Plessen
Guido Stromer mit dem zurückgestrichenen graublondgelben Haare der hohen
Stirn dem aufgerissenen Auge der zwar hervorspringenden doch etwas stumpfen
Nase und dem ganzen unruhigen gespannten überreizten Wesen war gewählt
gekleidet trug schwarzen Frack schwarze Beinkleider Kamaschen an den Schuhen
eine weiße Piquéeweste und Halsbinde und die feinsten Glacéehandschuhe Das
lange Haar war nicht so sorgfältig gehalten wie ohne Zweifel zu Zeiten der
Fürstin Amanda oder wenn seine Gattin für die Ordnung dieses schon ins Graue
spielenden blondgelben Wulstes sorgte Es war nur von der hohen breiten Stirn
mit einer leichten genialen Tournüre zurückgestrichen Man glaubte einen
Dichter einen Künstler eine inspirirte Persönlichkeit zu sehen die sich mit
Wohlgefallen in die leichte Form der Mode geworfen hatte ohne indessen den
starken Geist ganz unter ihre strengen Gesetze beugen zu können Ein kleines
weißes Bändchen das hinten am Halse vorguckte verriet dass dieser jedenfalls
vor einem Spiegel gemachten Toilette doch die letzte weibliche Revision fehlte
Es war eine übertünchte Eleganz in welcher Eitelkeit Dorftournüre und wirklich
geniale Formverachtung zu einem sonderbaren Gemisch zusammenliefen
Zwei Boten aus Hohenberg rief Egon dem Eintretenden entgegen und auf den
durch den Pfarrer nun gedrückten Heunisch deutend setzte er hinzu der Wald und
die Kirche grüßen mich
Und dem Schöpfer der in Beiden wohnt fiel Guido Stromer sogleich mit der
ihm eigenen Geistesgegenwart und Wortfülle ein danken wir die Genesung unsres
geliebten jungen uns doppelt neugeschenkten Fürsten und Herrn
Da sich Louis sehr zurückgezogen hatte stellte ihn Egon anfangs nicht vor
Nehmen Sie Platz Herr Pfarrer sagte Egon Wir wollten eben den Göttern ein
Opfer bringen eine Libation des Dankes und hoffentlich auch allenfalls einen
Hahn den man jawol im Altertum opferte wenn man von einer Krankheit genas
nicht wahr
Stromer erwog den Ton den Vortrag sozusagen die Tonart aus der der junge
rätselhafte nun endlich entschleierte Fürst zu ihm sprach und setzte mit
seiner leise bedeutsamen Art in dem Streben einen Accord zu erzeugen
forschend und fast lauernd ein
Sokrates befahl einen Hahn zu opfern als er den Todesbecher trank Er
verstand darunter eine andere Genesung deren bitteren Kelch die Götter uns
erspart haben denn Ew Durchlaucht leben
Egon schwieg erschreckt von der Manier des Pfarrers Aber Heunisch der
auch sein Wort darein geben wollte sagte
Götter Herr Pfarrer Götter
Guido Stromer wandte sich mit gehobenen Nasenflügeln um und sah den Sprecher
von oben bis unten an
Heunisch biss sich auf die Lippen wie Einer der zu sich spricht Herr Gott
was hast du da gesagt
Egon vermittelte mit freundlicher Bonhommie die beiden ungleichen
Gesellschaftsstellungen seiner Gäste und meinte der Herr Pfarrer könnte sich
freuen ein Beichtkind zu haben das so fest an dem Gebote hielte Du sollst
nicht andre Götter haben neben mir
Beim Beichtkind vollends klappte Heunisch wieder mit den Fingern als wollte
er sagen
Ach liebe Zeit Beichtkind
Richtig sagte Egon diese Ablehnung wohl verstehend Jetzt besinn ich mich
vom Gelben Hirsch dass Ihr ja ein recht schlimmer Heide seid Heunisch Meine
gute Mutter und der Herr Pfarrer waren Euch viel zu heilig
Heunisch wurde vor Verlegenheit blutrot Er gedachte der vielen argen
Spottreden die er in Gegenwart des Handwerkers in der Blouse gesprochen hatte
Stromer aber horchte hoch auf und begriff nicht was »zuvörderst« die Erwähnung
des Gelben Hirsches sollte
Zu schweigen aber und lange eine Antwort schuldig zu bleiben war seine
Sache nicht
Mein guter Heunisch sagte er sein Staunen über den Gelben Hirsch
unterdrückend hat schon wie ich einzutreten die Ehre hatte vernehmen können
dass ich der Kirche den Wald an die Seite stelle Die Gottheit wohnt nicht
predigte ich oft in Tempeln von Menschenhänden gemacht Das Rauschen der
Blätter im Waldesgrün ist auch eine Offenbarung Wohl Dem der sie versteht
Mein guter Nachbar Heunisch machte sich diese Wahrheit immer zu Nutz Er gehörte
nie zu meinen fleissigeren Kirchenbesuchern
Heunisch konnte nichts dagegen einwenden schüttelte aber den Kopf und
brummte erst das kostbare sylbengezählte in Tonschwingungen vorgetragene Wort
»fleissigeren« nach und sagte dann
Es ist doch wahr Sieh Es ist doch wahr
Was ist denn wahr fragte Egon der zwischen den beiden Männern nicht klar
sah
Die Gottheit Die Gottheit betonte Heunisch
Nun Heunisch meinte Egon was haben Sie denn gegen die Gottheit Sind Sie
ein Ateist geworden
Ateist Was ist Das Durchlaucht ich meine nur
Gottheit Wissen Sie Herr Pfarrer vor neun Jahren es war
Reformationsfest vor neun Jahren war ich einmal bei Ihnen in der Kirche und
da gings recht über die Gottheit her Wissen Sie Sie sagten Herr Pfarrer
Eine Gottheit gäbs gar nicht sondern bloß einen allmächtigen Herrn des Himmels
und der Erde der da heiße Herr Herr Seligmacher und Friedensfürst Fürstin
Durchlaucht Lieber Heiland da steht ihr Bild zweimal dreimal das
ist sie auch ja ja Tausendmal steht sie da drinnen in unsern Herzen
Fürstin Durchlaucht nickten Ihnen sehr gnädig aus dem vergitterten Stuhl oben
quer übers Schiff weg auf die Kanzel zu als Sie sagten Es gäbe bloß einen
Gott Namens Seligmacher und Friedensfürst aber keine Gottheit Wie
Stromer lächelte
Anschauungen die auf einem bestimmten Standpunkte ihre Wahrheit haben
sagte er und nahm nun von den inzwischen aufgetragenen Speisen ein halbes kaltes
Rebhuhn auf seinen Teller während Egon Louis herbeirief und ihm während er
selbst nichts genoss den vierten Teller anbot und Heunischen selbst vorlegte
Herr Louis Armand sagte Egon dabei ein Freund aus Paris er versteht
hoffentlich sehr gut was deutsche Rebhühner sind Iss lieber Freund
Egon machte sehr gefällig den Wirt und schenkte aus Krystallflaschen
Madeira ein ohne selbst davon zu genießen
Louis setzte sich zögernd und verbeugte sich vor den beiden Andern
Ziehen Sie doch Ihre Handschuhe aus Herr Pfarrer sagte Egon nicht
merkend dass der Pfarrer von überwundenen Standpunkten sprechen wollte und
erzählen Sie uns was Sie herführt und auch Heunisch soll sagen was ihn gerade
jetzt von seinem Walde trieb wo es Hab acht heißt Ich hoffe ein Jeder von
Ihnen bringt mir noch einige Nachrichten wie es in Plessen Randhartingen
Schönau aussieht
Stromer merkte hier wirklich dass man noch nicht mit der Art bekannt war
wie er sich bei Auseinandersetzungen zu ergehen pflegte Man hatte kein Ohr für
dieses stille Aufschnurren seiner Gedanken sprach in seine Vorbereitungen zu
einer Rede ohne Weiteres hinein und hätte sich eigentlich sagen müssen dass er
in Plessen die Zeisels die Sängers die Sengebuschs die Bensheims und
andere Herrschaften schon ganz anders zum Cultus seines Genius abgerichtet
hatte
Ja ja ergriff Heunisch das Wort Das wäre nun wohl mit Verlaub des Herrn
Pfarrers die Hauptsache
Hat Schlurck schon die Ernte eingetrieben fragte Egon mit einer Miene die
sich etwas verdüsterte
Schlurck sagten beide Gäste einstimmig und blickten verwundert auf
Sie vergessen Prinz sagte Louis mit höflichem und sich völlig
unterordnendem Ton dass sich alle diese Dinge geändert haben
O o fiel Egon ein und bezog seine ablehnende Ausrufung auf die Rolle
die Louis plötzlich in Gegenwart der Andern wechselte
Doch fuhr dieser sogleich fort
Kurz vor dem vollen Ausbruch Ihrer Krankheit besaßen Sie noch die ganze
Kraft des Geistes einen Befehl zu erteilen dessen Vollziehung die besten
Folgen für Ihre Besitzungen gehabt hat
Durchlaucht sagte Heunisch wir sind glücklich dass wir in unserm alten
Verhältnisse bleiben und nicht an die Wucherer und die Juden kommen Der Herr
Ackermann fängt das Ding im Großen an Das ist ein Hexenmeister und muss den
Teufel im Bunde haben Entschuldigung Herr Pfarrer
Allerdings setzte Stromer hinzu allerdings hat das Auftreten dieses Herrn
Ackermann etwas Zauberhaftes Dem gemeinen Manne erscheint er in der Tat wie
ein Hexenmeister der Gebildete muss ihn für einen Adepten seltener agronomischer
Kenntnisse nehmen Wenn Ackermann in dieser Weise fortfährt die Bedingungen des
Bodens und die Fortschritte der neuen Landwirtschaftsteorieen zur Grundlage
seiner Verwaltung zu machen wird man über den Aufschwung den Ew
Durchlaucht Besitzungen nehmen werden allgemein erstaunen
O sagte Heunisch jetzt ist das Alles bloß noch das erste Buch der
Chronika Von Neujahr an wird Das ganz anders kommen wenn Ackermanns Maschinen
erst da sind
Ackermann Ackermann sprach Egon vor sich hin Er besann sich jetzt auf
Alles was in diesem Betracht vor seiner Krankheit geschehen war und Eins trat
so lebendig aus dem Andern wie ein plötzlich entwickeltes Nebelbild hervor dass
ihm schwindelte und er Louis statt seiner reden ließ der ohne zu tun als
wenn Egon über diese Veränderung noch nicht völlig unterrichtet wäre die
näheren Veranlassungen derselben deutlicher angab
Da hab ich mich auch fuhr Heunisch fort den die freundliche Aufnahme
seines Gutsherrn und der Wein ermunterte gar nicht lange besonnen und Herrn
Ackermann gebeten die zweihundert Louisdors die er uns selbst die ich für
Jemanden Anders aufzubewahren und gut anzulegen den Auftrag hatte ihm
anzubieten Er mochte sie nicht nehmen aber aus Gefälligkeit tat ers und die
Zinsen legte er gleich von dem Kapital zurück
So golden geht es jetzt auf meinen Gütern zu rief Egon mit einem mehr
künstlichen als natürlichen Erstaunen Denn sein Befremden galt jetzt weit mehr
seiner nun völlig geweckten Erinnerung als diesem einzelnen Falle
Man spricht fuhr Stromer fort von Verbesserungen der Kultur von
Entdeckung neuer bisher unbekannt gebliebener Braunkohlenlager von
Entwässerungen und Anderem
In den Wald sagte Heunisch muss eine ganz neue Ordnung kommen Es tut ihm
not denn noch vor kurzem als Herr Bartusch schon wieder drei Morgen
halbwüchsiges junges Holz schlagen ließ glaubt ich dass wir nun bald werden
roden säen und ernten können wo sonst Buchen und Eichen standen
Trinkt doch Heunisch sagte Egon zu dem gegen Stromer gehalten zaghaften
und zurückhaltenden Jäger erzählt uns was Euch hergeführt hat Herr Pfarrer
wirklich Sie kommen dem Geflügel nicht gut bei wenn Sie Ihre Handschuhe
schonen
Egon suchte jede Schranke die ihn von Stromern trennte wegzuräumen
freilich aber auch jede die Stromern von Heunisch trennte Sie sollten sich als
seine Angehörigen Sendboten von seinen Gütern fühlen Stromer vermochte nicht
sich ganz naiv und unbefangen in diese Situation hineinzudenken Er blickte um
sich musterte die Statuen wog die silbernen Gabeln maß seine Worte kurz er
wollte den bedeutenden Moment jetzt mit dem so vielfach abenteuerlich genannten
Sohne seiner weiland Gebieterin zusammenzusein auch in aller Schwere und
tatsächlichen Wucht genießen
Heunisch merkte dass er wenigstens den Pfarrer störte
Nachdem er einige Gläser getrunken beim Geflügel seine Tranchirkunst
zuletzt mit den Fingern unterstützt und sich den Mund abgewischt hatte sagte er
aufstehend
Durchlaucht es ist doch zuviel was sich Unsereins hier herausnimmt Ich
glaubte Das sollte ein Gläschen auf Ihre Gesundheit werden und nun wirds
ordentlich eine Mahlzeit und ich vergesse ganz dass mirs eigentlich gar
nicht appetitlich zu Mute sein sollte
Guido Stromer hob die Augen scharf auf den unbefangenen Waldsohn und schien
ihn in der Absicht sich zu entfernen bestärken zu wollen
Habt Ihr einen Verlust gehabt fragte Egon Ich hoffe eine gute Sache hat
Euch in die Residenz geführt
Nein Durchlaucht antwortete Heunisch verbesserte sich aber sogleich und
sagte
Das heißt wenn ich wegen unsers jungen schönen Herrn gekommen wäre aber
glauben Sies nicht Durchlaucht
Was soll ich nicht glauben
Dass ich wegen Ihrer und von wegen der Nachfrage nach Ihrem Befinden
hergekommen bin
Sehr naiv bemerkte Guido Stromer halb für sich mit einem vertraulichen
Blinzeln auf Egon und Louis da Beide lachen mussten
Nun warum Es wäre doch eine Lüge sagte der ehrliche Förster Der Herr
Pfarrer sind vielleicht deshalb hier der Justizdirector von Zeisel und die
gnädige Frau Justizdirectorin sind bestimmt auch deswegen hier
Auch Herr von Zeisel ist hier fragte Egon lächelnd und seines Verhörs noch
mehr seiner Wohnung im Turme gedenkend
Wird bald aufzuwarten die Ehre haben fügte Stromer bei
Sehen Sie Durchlaucht fuhr Heunisch fort dem der Wein etwas in den Kopf
gestiegen schien und der deshalb nun ernstlich sich zum Gehen entschloss Das war
ein Stich vom Herrn Pfarrer der soviel sagen sollte als Heunisch macht dass
Ihr Euch Eurer Wege schert
Heunisch verriet dass er wie alle Naturmenschen angetrunken etwas
händelsüchtig wurde
Bewahre bester Freund versicherte ihn Egon Herr Pfarrer freut sich wie
ich dass ich mich einmal im Schoss der Meinigen fühlen kann Kann ich Euch nur
in Etwas dienen Heunisch Wie lange bleibt Ihr Sucht Ihr hier Etwas
Ich wünscht es könnte mir Einer helfen meinte Heunisch und kraute sich in
den Haaren Aber Frauenzimmertücke
Eine weibliche Angelegenheit also
Herr Heunisch sagte Guido Stromer der diese Fährte als die rechte
vermutete Es wäre Zeit dass Sie dem Junggesellenstande entsagten
Wandstabler der Haushofmeister leitete inzwischen einen zweiten Gang des
Frühstücks ein indem er gewissermaßen die Honneurs einer Omelette aux
confitures machte die man eben in einer großen silbernen Schüssel
hereinbrachte
Guido Stromer verstummte über den behaglichen Anblick und sah mit
erwärmterem Anteil seinen mit Knöchelchen belegten Teller verschwinden und
einen neuen an dessen Stelle schweben
Heunisch aber hielt seine Gedankenreihe fest und schüttelte den Kopf
Herr Pfarrer sagte er an mir verdienen Sie keine Kopulationsgebühren
Nein da kommt aus Schönau der reiche Bauer Sandrart zu mir Durchlaucht kennen
wohl die Namen Ihrer getreuen Untertanen nicht der reiche Bauer Sandrart aus
dem Ullagrunde
Sandrart sagte Egon Wohl Wohl Er ist aus dem Ullagrund und hat einen
Sohn der hier beim Militär steht und vor sechs Wochen zum Sergeanten
avancirte
Heunisch erstaunte über diese genaue Kenntnis der nächsten Beziehungen
seiner Bauern die er hier bei dem jungen in der Heimat doch wildfremden jungen
Fürsten antraf
Aber auch Stromer und Louis Armand fanden die Antwort überraschend
Das muss ich sagen rief Heunisch Da wird Segen über unser Ländchen kommen
Beim Worte Ländchen warf Stromer dem Jäger einen bedeutenden Blick zu den
Egon wohl verstand aber Heunisch noch nicht
Recht so Heunisch sagte Egon Ein Ländchen ist gerade Das was sich gut
übersehen lässt Aber den Sandrart kenn ich durch Zufall
Und den Sohn auch bemerkte Heunisch gedehnt der noch nicht verstanden
hatte was eigentlich der strafende Blick des mächtig kauenden Stromer hatte
bedeuten sollen
Und den Sohn auch fuhr Egon fort Ein lieber heiterer Gesell Ja ja der
Alte hat Batzen aber der Junge bringt sie ihm auch gewiss an Ein Glück dass er
Soldat sein muss und unter Raison steht
Heunisch gab das Grübeln über die blitzenden Augen des Pfarrers auf und rief
voll Verwunderung
Aber Das muss ich sagen Grade wies ist Nicht um eine Linie vom Schwarzen
Mitten in die Scheibe
Während selbst Armand aufmerksam war ob diese Bekanntschaft nicht etwa mit
Egons Rückreise zusammenhing und er gespannt wartete ob der Freund sich über
jene Reise überhaupt jetzt genauer auslassen würde fuhr Heunisch fort
Kommt der Sandrart zu mir und sagt Heunisch sagt er ich hab einen
Jungen Ihr kennt ihn Ja sag ich Sandrart er ist jetzt Sergeant ich
kenn ihn Sagt er drauf Ihr habt in der Stadt eine Nichte Meiner Geschwister
Kind sag ich Fränzchen Heunisch Wallstrasse Nr 14 im Hofe eine Treppe hoch
links bei Tischler Märtens
Ohne Heunisch zu stören und den Andern aufzufallen horchte jetzt Louis dem
der Dialekt des Försters etwas schwer zu verstehen wurde an dieser Stelle hoch
auf Soviel begriff er dass hier plötzlich von Franchette Heunisch die Rede war
Heunisch fuhr fort
Nun Heunisch sagte Sandrart ich wünschte Eure Nichte wäre ein Bischen
saubrer als sie ist Das ist eine Mamsell Fahr ich auf und sage Sandrart
hier steht der Tisch zwischen uns redet mir nichts Unebenes von meiner
Geschwister Kind Sie macht Putz das ist wahr aber darum ist sie die sauberste
Person von der Welt und eine Mamsell werd ich nie in meine Försterswohnung
nehmen denn Das ist mein Wille dass sie mir die Wirtschaft führt wenn es mit
der alten Ursula Marzahn zu Ende geht Nun sagte Sandrart tückisch er kann
tückisch sein Er hat Geld nun Heunisch sagt er dann macht denn nur bald
dass Ihr sie in den Wald hineinnehmt denn sie läuft jetzt bei Nacht auf die
Bälle und hats auf zweierlei Tuch abgesehen Mein Sohn Heinrich Sandrart der
Sergeant will sie heiraten
Der Eindruck dieser Erzählung auf Louis stieg ohne dass die Übrigen seine
Aufregung bemerkten
Fränzchen Heunisch sag ich auf die Bälle Fränzchen Heunisch zweierlei
Tuch Das ist nicht wahr antwort ich und schlage auf den Tisch dass er knackt
und die Ursula ihr altes Lachen kriegt Sie ist närrisch die Ursula und lacht
wenn sie sich ängstigt
Psychologisch interessant bemerkte Guido Stromer etwas ungeduldig über die
breite Art wie sich dieser Förster eine fürstliche Audienz fast nur für sich
selbst nutzbar machte und dabei die Kenntnis von Namen voraussetzte die dem
Prinzen ja völlig unbekannt sein mussten
Ich habe Beweise davon bemerkte Egon dass Sandrart grob sein kann
Heunisch wurde bei aller Aufregung neugierig antwortete aber nur
Ja ja er kanns Er hat Geld
Fahrt nur fort Heunisch erwiderte Egon und bemerkte nichts von der
Spannung seines französischen Freundes
Mein Sandrart aber ärgert mich mit seiner Ballläuferei und dem zweierlei
Tuch so dass ich mich ganz vergesse und das Fränzchen so lobe dass die alte
Ursula immer noch mehr lacht aber auch nach Feuer Wasser Erde ruft um sich
begraben zu lassen Ich höre nicht auf ihre Hexerei sie meint es gut mit mir
die Alte und sage dem Bauer was ich von Fränzchen Heunisch denke und was sie
mir werden soll die Stütze und die Pflege meiner alten Tage Da sagt er denn
sein Sohn der Sergeant der Herr Sergeant der Alte trägt den Kopf höher als
der Junge die neuen silbernen Litzen der wollte das Fränzchen heiraten und er
sollte eigentlich bei mir um sie anhalten und ich ihr befehlen dass sie ihn
nimmt Allein aber Durchlaucht das war Alles Hohn Der Alte denkt nicht
daran dass sein Sohn der Sergeant so eine Partie macht
Aber das Mädchen die Franziska fragte Egon und flößte dem Pfarrer der
sich inzwischen in gelassener Geduld die Omelette schmecken ließ Bewunderung
über seine Leutseligkeit ein während Louis Armand mit dem lebendigsten
Interesse jedes Wort aus des Jägers Mund aufgriff und seine ihm schmerzlichen
Mitteilungen mehr erriet als verstand
Egons Frage elektrisirte ihn
Ja Das ists ja sagte Heunisch Die Fränz will ja den Sergeanten gar
nicht Ich mache mich stantâ pê gleich auf den Weg und hierher und sehe die
Bescherung Da krieg ich einen schönen Spaß zu hören Meine Fränz läuft
wirklich auf die Bälle und hälts mit einem alten Franzosen der sie besucht
ja ja sollte mans denken einem so jungen blutjungen Ding läuft ein alter
Franzose nach von dem sie vorgibt französische Lectionen zu nehmen Auch
Das sagte mir der alte Sandrart schon im Walde und da sagt ich schon ich
wollte doch hier einmal sehen wieviel Vokabeln die Mamsell von dem Franzosen
schon gelernt hat Donnerwetter Vergeben Sie Herr
Diese höfliche Milderung seines Zornes und erschrockene Rücksichtnahme war
an Louis gerichtet der unruhig und bewegt genug die vielen bedauerlichen
Nachrichten über ein junges Mädchen gehört hatte das ihm seines bescheidenen
und lieblichen Wesens wegen so teuer geworden war Seitdem er ihr Siegberts
Übersetzung seines Gedichtes geschickt hatte er nichts mehr von ihr vernommen
Und nun diese Entdeckungen über Soldaten alte Franzosen Bälle Heiraten
Vokabeln Es brannte ihm der Boden unter den Füßen Er hätte aufspringen und
fortstürzen mögen und nur mit Mühe und dem Glauben er selbst würde wohl jener
Franzose sein bezwang er sich zu der Antwort auf Heunischs an ihn gerichtete
Rede
Wenn die Tochter Ihrer Schwester französisch lernt so ist es wohl nur die
Eifersucht des jungen Sergeanten die in dem Lehrer gleich einen Liebhaber
vermutet
Das dacht ich auch fiel Heunisch seinen Zorn über das Französischlernen
aus Rücksicht auf Louis Armands gebrochenes Deutsch mildernd ein und sagte
dann der Ursula Lebewohl Ist sie noch zu retten bring ich sie mit du wirst
alt du musst eine Stütze haben Es war der Ursula recht Verbrennen und
ertrinken sagte sie kann man überall Gut Läuft sie nicht auf die Bälle so
kann der Sergeant wenn er ausgedient hat hier um sie anhalten als in meinem
Wald So bin ich hergekommen und da ich doch einmal da war und ich hörte
Durchlaucht sind durch Gottes Schutz am Leben erhalten so hab ichs gewagt
auch bei Ew Durchlaucht anzuklopfen und nun fahr ich morgen in aller Frühe in
Gottes Namen wieder heim Das ists Und Das wars Und nun Adieu Durchlaucht
und kommen Sie bald einmal sechsspännig nach Hohenberg dass man ein paar Büchsen
in die Luft knallen und wieder ordentlichen Staat mit seiner Herrschaft machen
kann
Damit wollte Heunisch gehen Aber Egon hielt ihn fest und sagte
Ja So wollt Ihr fort Mit der besten Spannung unserer Neugier Das geht
nicht Erst meldet uns von Fränzchen und vom Sergeanten
Guido Stromer seufzte hier etwas überlaut Da er aber die rege
Geschäftigkeit der Bedienung bemerkte und einen dritten Gang ahnte stillte er
seine Ungeduld Wandstabler der Haushofmeister eröffnete in der Tat noch
einen dritten Frühstücksakt der zwar nur in einer Szene aus einem Dessert von
Obst bestand allein die Vasen und durchbrochenen Porzellankörbe in denen die
Birnen Nüsse Weintrauben malerisch geordnet dargereicht wurden fesselten
doch seine Neugier Er glaubte vielleicht auf Spuren von Entbehrung zu stoßen
er hätte sich sagen müssen dass ein Frühstück von kalten Rebhühnern einer
Omelette aux confitures Obst und etwas Schweizerkäse mit Madeira mit den
Frühstücken der Madame Schlurck sich nicht vergleichen ließ allein die Art des
Servirens hatte doch etwas für ihn höchst Imposantes Der Haushofmeister der
jede Abwechselung gleichsam wie ein Herold mit geräuschvoll stummem Blicke
ankündigte die beiden Bedienten die seine bedeutsamen Winke und
augengeblinzelten Befehle mit stiller Sicherheit ausführten das Silberzeug das
Porzellan die Malerei der Teller das Wappen die weißen wollenen Handschuhe
der Bedienten die Art des Einschenkens hinterwärts unversehens das Alles
erfüllte seine Phantasie mit angenehmer Behaglichkeit und hob seinen die
Plessener Pfarrexistenz wie eine Fessel abstreifenden idealen Sinn um so mehr
als er bei der Liebenswürdigkeit die Egon zeigte hoffen durfte mit einem
Anliegen das ihm auf dem Herzen lag keine Fehlbitte zu tun
Egon dem das Arrangement des Frühstücks dessen eigentliche Seele Dorette
Wandstabler hinter den Kulissen waltete ein eigentümliches Interesse bot
war es doch die erste Benutzung seiner eignen Situation das erste Festalten
seiner neuen heimatlichen Existenz Egon ermunterte Heunischen nun auch noch
den Rest zu sagen
Der ist ganz kurz antwortete Heunisch Ich komme an höre und sehe dass
mein Fränzchen die Unschuld ist wie sonst Mit dem Ball und dem alten Franzosen
hats freilich eine kuriose Ursache aber sie will ihm den Abschied geben Und
den Heinrich Sandrart mag sie wirklich nicht obgleich den stattlichen braven
Jungen zu sehen eine Freude ist Was sie auf dem Herzen hat weiß ich nicht Sie
weint und in den Wald bei Hohenberg will sie auch nicht Da hab ich ihr gesagt
Kannst dus nicht so lass es wer weiß ob die alte Ursula nicht einmal ein
brennend Scheit Holz nimmt und zu guter Letzt mein Dach illuminirt und dann
verbrennen wir Alle im stillen Wald und das letzte Wild rennt mit hinein ins
Feuer oder wir löschen auch ohnedem wie die Lichtlein aus Da wollte sie
dann mitgehen Aber wie sie mir zuviel weinte mocht ichs nicht und so gehe
ich morgen in der Frühe allein Nun aber Gott erhalt Ew Durchlaucht
Adjes Herr Franzose Nichts für ungut wegen der Vokabeln Adjes Herr Pfarrer
Kommen Sie bald nach sonst schließen Ihnen die Bauern die Kanzel zu und machen
den Ackermann zum Pfarrer Wer Den sieht denkt gleich der muss auch gut
predigen können
Wäre Heunisch der die schärfsten Sinne für die Tiere aber nicht die
geringste Kenntnis der Menschen hatte ein besserer Beobachter gewesen so hätte
er sehen müssen dass der junge Franzose in einer auffallenden Erregung mit ihm
zugleich aufstand Louis musste sich gewaltsam beherrschen nicht loszubrechen
und dem Oheim des jungen Mädchens zu gestehen dass er Franziska Heunisch als ein
gutes ihren Pflichten treuergebenes engelreines Kind hätte kennen lernen So
aber brach Heunisch rasch ab und ließ ihn in der aufgeregtesten Spannung zurück
Da Stromer Miene machte sein Alleinsein mit Egon nun gründlich zu seinem Besten
auszubeuten so zog sich Louis Armand in aller Stille zurück um sich zum
Ausgehen anzukleiden Es hielt ihn nun nicht länger er musste seine alte
Wohnung den Tischler Märtens seinen eigenen Wirkungskreis und Franziska
Heunisch wiedersehen
Die Bedienten trugen das Frühstück ab Wandstabler erwartete fernere Befehle
und entfernte sich als er diese nicht empfing mit der letzten Serviette unterm
Arm gerührt fast dankend emporblickend
Egon war durch einige Tropfen des starken Weines den er versucht hatte
angeregt und ermüdete nicht nun auf Guido Stromer und die etwas umständliche
Art wie sich dieser Mann in Szene setzte einzugehen ja selbst noch zu wagen
den Gerichtsdirektor von Zeisel zu sprechen falls dieser sich noch sollte
anmelden lassen
Guido Stromer gesättigt vom Weine mächtig gehoben mit rollenden
blitzenden Augen entfesselt wie ein alter Bursch der mit seinen
Universitätsgenossen nach zwanzig Jahren sich zu einer Reminiscenz eines
Kommersches vereinigt brannte vor Verlangen mit dem Anliegen das ihn
hergeführt hatte nun hervorzutreten
Viertes Kapitel
Der Luxus des Geistes
Sie sind schon länger hier fragte Egon als der gute Heunisch gegangen war und
beide Zurückgebliebenen an einem Fenster Platz genommen hatten
Durchlaucht begann Guido Stromer mit einiger Feierlichkeit und den letzten
Wohlgeschmack des Gaumens mit der Zunge überstreifend Durchlaucht ich gestehe
dass die Veranlassung meiner Reise mit der Anhänglichkeit die ich an Sie Ihr
Haus Ihre edle Mutter haben sollte in keinem vollkommenen Einklang zu stehen
scheint
Sie sind wahr wie Heunisch sagte Egon Das freut mich Herr Pfarrer
Ich sehe da das Bild der teuren Frau Ihre herrliche Mutter fuhr Stromer
fort Mag sie mir vergeben wenn ich dem Sohne den ich nun so stattlich so
geistesreif so anschauungsklar vor mir erblicke wie ich es vor einer Reihe von
Jahren schon aus des Knaben Briefen ahnte die alte Treue nicht halte und vor
ihm nicht im günstigen Lichte der Dankbarkeit erscheine
Sie wollen sich doch nicht verändern Herr Pfarrer sagte Egon der nun
plötzlich mitten in seine kleinen Regierungssorgen eintrat Aber freilich wer
verdenkt Ihnen Das Sie haben Ansprüche auf eine bessere Pfarre Sie sind
übergangen vielleicht zurückgesetzt worden Sie werden nicht erleben dass ich
Ihnen zürne wenn Sie Ihre Lage verbessern können
Durchlaucht sprechen Das was ich auf dem Herzen habe nur zum Teil aus
antwortete Stromer Ich will von meiner bisherigen Stellung nicht ganz
ausscheiden Ich will mir den sichern Rückzug auf ein festbegründetes Leben
nicht ganz abschneiden Ich habe ein Weib Ich habe fünf Kinder Allein
Was möchten Sie
Wenn Ew Durchlaucht die Gnade hätten zu gestatten dass ich meine Pfarre von
einem Verweser besorgen lasse einem jungen erprobten Kandidaten den ich schon
gefunden habe
Und Sie selbst
Ich selbst Durchlaucht kann einem welterfahrenen Denker wie Sie wohl
aufrichtig eingestehen ich selbst bin in einer eigentümlichen Krisis befangen
Ich möchte staunen Sie nicht ich möchte noch einmal den Versuch wagen dem
Leben eine andre Seite abzugewinnen als sie sich mir bisher in meinem Wirken am
Fuße des Schlosses Hohenberg darbot
Sie wollten
Ich bin ein Geistlicher der
Stromer stockte Egon half ihm nach mit den Worten
Ein Geistlicher von einer sehr strengen Auffassung des Christentums Ich
weiß Das Meine gute Mutter schenkte Ihnen ihr ganzes Vertrauen
Ich war so glücklich in meiner früheren Seelenstimmung mit der edlen
Verklärten auf einen Ton zu erklingen Wir ergänzten uns Wir genügten uns
gegenseitig
Es war eine Seelenfreundschaft ich weiß es
Die reinste und edelste von der Welt Diesen Bund schloss die himmlische
Liebe
Und Sie sind mir darum doppelt wert Herr Pfarrer Soll ich Sie wirklich
missen
Ein Geständnis Durchlaucht Ich finde dass ich zu früh abgeschlossen habe
Ich stehe im Anfange meiner vierziger Lebensjahre und bin in einen so nagenden
Zweifel über meine bisherigen Auffassungen der Welt und der göttlichen Ordnung
geraten dass ich der unglücklichste Mensch sein würde sollt ich auf meiner
Pfarre in der Ergebung in mein früheres Denken und Glauben zu Grunde gehen
Doch kein Apostat
Kein Apostat Durchlaucht Ich stehe noch immer auf meinen bessern alten
Standpunkten und glaube dass dieses Leben eine Vorbereitung himmlischer Freuden
oder ewiger Verdammnis ist Christus ist noch mein Mittler Aber ich fühle dass
ich nicht durch den rechten Zweifel zum Glauben gekommen bin Ich fühle dass ich
zu rasch überwand Den Feind umging ich ich bekämpfte ihn nicht Ich fand das
gläubige Gemüt Ihrer verklärten Mutter Die edle Frau war glücklich in den
Anschauungen die ihr als die letzten die besten die dauerndsten nach vielen
Irrtümern und Gaukelbildern der Phantasie und des Herzens geblieben waren Ich
nahm diese Anschauungen ungeprüft an weil sie für eine vortreffliche Frau von
unumstösslicher Wahrheit waren Ich war glücklich mit einer reinen Seele mich
auf einen Accord stimmen zu können und glaubte rein zu klingen weil ich wie
sie klang Sie starb und die gleichgestimmte Terz fehlt nun Die Harmonie ist
hin und ich bin nicht glücklich
Guido Stromer sprach diese Worte nicht ohne Bewegung und Egon hörte sie
voller Teilnahme Er hatte in der Schweiz Gelegenheit genug gehabt zu sehen
wie frömmelnde Richtungen sich oft weltlich entpuppten hatte Rafflards
charakterlose Metamorphosen erlebt und hier zeigte sich eine Umwandlung die
eine wirklich reine eine geistige schien Stromers Auge blitzte es lag ein
zehrendes Feuer in den Blicken die seine Worte begleiteten Es war unfehlbar
doch ein Denker der mit ihm redete
Mein Herr Pfarrer sagte Egon wenn Sie es vor Ihrer Familie verantworten
können und einen geschickten würdigen Ersatz aufzuweisen haben so würde es
sehr eigensinnig von mir sein in Ihre innere Entwickelung eingreifen zu wollen
Ich wünsche dass Sie recht zur Klarheit über sich selbst kommen mögen wenn
Ihnen nicht dieser Wunsch im Munde eines jüngeren Mannes vorlaut scheinen
sollte
Durchlaucht sind sehr gnädig sagte Stromer sichtbar erleichtert von der
freundlichen Aufnahme seiner Wünsche bei dem neuen Kirchenpatrone vor dem er
in Erinnerung alter Irrungen Beklommenheit genug gefühlt hatte
Sie werden also in der Residenz bleiben wollen fragte Egon
Sie selbst haben sich in der Welt getummelt Sie kennen das Leben vielleicht
mehr als ich sagte Stromer verlegen
Sie wollen beobachten Oder ziehen Sie vor zu reisen
Zu einer Reise fehlen die Mittel Ich werde ohnehin schon Mühe haben
eine doppelte Existenz zu bestreiten Ich denke also hier zu bleiben Manches
Haus hat sich mir bereits erschlossen Manche bedeutende und einflussreiche
Persönlichkeit ist mir zuvorkommend schon entgegengetreten Ich habe mit
Erstaunen bemerkt dass die Erscheinung eines Menschen der nur lernen nur
auffassen richtig beurteilen will etwas Neues in der Gesellschaft ist
Wenigstens Der sagte Egon der eine solche Absicht von sich offen
eingesteht
Die Menschen finden es sonderbar fuhr Stromer ermutigter fort dass man
nicht mit ihnen streitet und darum doch nicht ganz ihrer Ansicht ist Ich finde
dass die Sucht Alles in Parteien zu zerklüften uns den Kern der Dinge raubt und
nur die Schale lässt Sie bewundern zuviel sagte man mir schon Sie geben jedem
Irrtum eine zu gefällige Entschuldigung O welche Unduldsamkeit Der Geist
wirft durch das Prisma des Lebens alle Farben des Regenbogens Wie kann ich eine
Mischung der Strahlen über die andre setzen
Guido Stromer sprach diese Worte mit einer gewissen schmiegsamen Grazie
Da können Sie ja der Verkünder eines neuen Evangeliums werden sagte Egon
lächelnd und teilnehmend Das alte auch das christliche ist sehr exclusiv
Doch nicht sagte Guido Stromer Auch die Christuslehre will keine objective
Wahrheit Sie will nur eine persönliche Wahrheit Warum ist der Herr für uns
gestorben Warum sollen im Leib seines Lebens und Blut seines Todes unsre Herzen
leben Der allmächtige Zauber der ergriffenen Persönlichkeit heißt Das ist die
Gewalt die selig macht der tote Buchstabe die objectiv sein wollende
Wahrheit ist es nicht
O Das ist ja herrlich Herr Pfarrer rief Egon in seiner nach allen Seiten
hin heute so glücklichen Anregung und dabei immer gespannt das Bild im Auge
behaltend auch manchmal wie auf Helene dAzimonts Nähe lauschend Predigen Sie
doch ja hier überall diese Lehre Sie tut der ganzen Welt so not dass ich gern
ertrage wenn Sie sie noch einige Zeit den Bewohnern von Plessen vorenthalten
Wie lange wollen Sie dass ein Vikar dort für Sie eintritt
Gestatten Sie mir ein Jahr Durchlaucht sagte Stromer bestimmt
Sprechen Sie mit dem Justizdirektor darüber Haben Sie schon Ihren
Ersatzmann
Propst Gelbsattel in dem ich einen Freund und Förderer gefunden habe wird
mir einige Vorschläge machen Ein gewisser Oleander ein sanftes dichterisches
Gemüt von Rechtgläubigkeit und nicht unerfahren im Schulfach möglicher
Schwiegersohn des Propstes gefiel mir
Gut Aber Ihre Familie Wäre es nicht besser wenn Ihnen diese
Nachzöge meinte Stromer gedehnt Ich kann es nicht wünschen Ich habe mir
eine nicht geringe Aufgabe gestellt und gerade Das was sie allein lösen kann
ist die Freiheit meiner Person Es mag Manchem bedenklich erscheinen wie ich so
Weib und Kind von mir gleichsam abschüttele aber ich werde später wenn ich
mein Ziel erreicht habe sie um so inniger an ein stärker gewordenes Herz
ziehen
Egon nahm keinen Anstand seinen Beifall zu geben gestattete ohne Weiteres
jenen Oleander zu wählen und sagte nur noch
Um dieses Ziel Welches ist es Herr Pfarrer
Stromer geriet in einige Verlegenheit Er schien mehr gesagt zu haben als
er wollte Egon nahm daher Veranlassung sich noch lebhafter in seine
Gedankenreihe zu versetzen und äußerte rasch
Fast merk ich etwas Sie werden vielleicht weder nach Plessen noch je
überhaupt auf eine Kanzel zurückkehren wollen Sie suchen einen ganz neuen
eigentümlichen Lebensweg Nicht wahr
Durchlaucht dass ich es offen gestehe fuhr Stromer nun ganz mit der
Sprache herausgehend fort Ich kann mich in dieser doppelten Existenz nicht
behaupten wenn ich nicht an eine neue Erwerbsquelle denke Meine Art zu
urteilen fiel in einigen Salons auf und Propst Gelbsattel war es vorzugsweise
der mich ermuntert hat die Feder zu ergreifen Ich werde schreiben
Ah Das war für Egon eine ganz neue Perspective Er hatte also einen
werdenden Autor vor sich In diesem Augenblick verstand er Guido Stromers
Weise seine Sprechart sein Äußeres seine hohe Stirn seine zurückgestrichenen
Haare die weit geöffneten Augen dieses eigentümliche Etwas das über des
Mannes ganzer Erscheinung lag Und weit entfernt ihn wegen dieses Geständnisses
für geringer zu achten schenkte er seinem Besuch eine im Gegenteil sich
steigernde Hochachtung Nur eine Art beklommener Scheu kam jetzt doch über den
jungen Fürsten eine gewisse Verlegenheit ja wenn er ganz aufrichtig sagen
wollte was ihm geschah so musste er eingestehen ein gewisses Mistrauen regte
sich in ihm und ein wenig auf dem Stuhle rückend gleichsam als wollte er
abbrechen sagte er
Und nach welchem Gesichtspunkte denken Sie zu wirken
Die Gährung des Geistes sagte Stromer diese nur so hingeworfene Frage
festhaltend kündigt sich nach allen Richtungen an Kein Feld des menschlichen
Wissens wo nicht ein alter Glaube neuer Prüfung unterworfen ist Das religiöse
mir verwandteste Gebiet ist mit der Weltlichkeit in eine bisher ungeahnte
Beziehung getreten Wie fordern die vielen kirchlichen Regungen nicht selbst die
Politik der Staaten heraus und wie nahe tritt die Religion überhaupt jetzt
wieder dem Leben dem täglichen Zusammenhange unseres Ichs mit dem Nächsten dem
Natürlichsten was unsere Existenz bedingt Weit entfernt darin eine Entweihung
des Gottesgedankens zu finden sollen wir die Möglichkeit eines neuen Triumphes
für ihn anerkennen Alles will neugeboren werden in einem neuen Lichte wandeln
die Taufe des Geistes empfangen die Feuertaufe der freien Überzeugung Nun
wohlan Da mag geirrt blindlings getastet das nächste Endliche und
Oberflächliche zu schnell als Beantwortung einer tiefen Menschheitsfrage
genommen werden aber es ist doch ein Drang ein Streben eine mächtig wirkende
Wahrheit des Gemütes da Ich sehe hier ein Chaos von Principien ein wildes
sich bäumendes Trotzen auf seine Endlichkeit ein Prahlen sogar mit seiner
Verzweiflung an der Unmöglichkeit über die Schranken des Diesseits
hinauszublicken allein selbst im Extrem selbst in der Karicatur muss ein Denker
staunen wie doch der Sinn der Menschheit an Idealität zugenommen hat Ich habe
hier sogenannte freie Gemeinden besucht deutschkatolische Zusammenkünfte ich
war unter jungen Philosophen die etwas wild und zügellos das Nichts ihres
Geldbeutels auf das Nichts des großen Alls bezogen ich stehe staunend und
verwundere mich über die Vermessenheit der Ohnmacht und doch hat dies Sehnen
und Schmachten der Kreatur nach Freiheit und Erkenntnis einen unendlichen Reiz
für mich einen größeren als früher mein allzuschroffes Verdammen jeder
Richtung die nicht zu meinem nächsten Ziele führte Man sagte mir dass meine
Analyse dieser Erscheinungen neu sei und deshalb will ich anfangen zu schreiben
so alt ich schon geworden bin
Und Ihr eigentliches Prinzip fragte drängender Egon den die
Zuversichtlichkeit dieses Tones bei der großen Unsicherheit über Das was man
jetzt für Wahrheit nehmen soll fast erschreckte
Ich gestehe fast sagte Stromer dass ich gegen diese Forderung eines
Principes überhaupt bin Man soll nicht mehr fragen was ist Wahrheit Man soll
den Menschen allein nehmen und die Wahrheit individuell nur auf ihn allein
beziehen Gott diese Fülle der Erscheinungen ist ja so interessant Wie
lieblich ist der Trieb zur Schönheit wie himmlisch wie göttlich das Schwelgen
in äußerer Form in der Harmonie der Teile im Belauschen der Feiermomente der
Natur Andererseits acht ich ehr ich den einsamen Denker der beim
Lampenlichte mit dem grünen Schirm auf dem blöden Auge ein zweiter Faust aus
pergamentnen Schriften Erkenntnis sucht Jede Freude an der Erscheinungswelt
auch wenn sie mich ganz erfüllt ganz entzückt hat wie lange dauert sie denn
Da kommen die Humboldts und zerstören mir alle Märchen der
Schöpfungsgeschichte da lösen die Liebigs alles Feste und Majestätische in
Wahn und kleine Täuschung auf und die Mechanik ist die vollends nicht ein
ungeschlachter Riese der mit der furchtbaren Keule seiner mathematischen
Gesetze Alles zertrümmert und fast die Erde aus den Angeln ihrer bisherigen
Vorstellung über ihre Kräfte gehoben hat Ja Durchlaucht was ist da Wahrheit
Der Mensch ist die einzige Wahrheit die wir begreifen können der Mensch in
seinem Sehnen Bedürfen der Mensch in seinem Hass und seiner Liebe der Mensch
in seiner Größe und seiner Ohnmacht und wenn der Schriftsteller jetzt einen
Beruf hat so ist es der die Ästetik der Wahrheit zu lehren dh das Fühlen
und Empfinden das Zittern und Jauchzen das Verzweifeln und das Triumphiren des
denkenden Ichs Ästetische Weltanschauung Durchlaucht diese wird uns zur
Vermittlung der Extreme führen In diesem Sinne hoff ich wenn die Feder mir
den Dienst nicht versagt segensreich zu wirken
Egon der auf Principien katonisch strenge hielt ja etwas Stoisches in
seinen Überzeugungen bewahrte erschrak fast über diese vague flimmernde
Erklärung obgleich er nicht im Stande war sogleich die Gefahr zu erkennen die
aus einer zu üppig wuchernden Beweglichkeit des Geistes für den Charakter und
die Reinheit aller Meinungskämpfe entstehen konnte Dennoch sagte er nicht ohne
Ironie
Da will ich nur nicht wünschen Herr Pfarrer dass Sie der Sultan kommen
lässt Ihnen den Sonnenorden umhängt und den Auftrag erteilt über Muhameds
göttliche Sendung zu schreiben
Guido Stromer war auch sogleich von der Vorstellung des Orients von dem
Sonnenorden und den Anschauungen des westöstlichen Divans so in seiner
beweglichen Phantasie geblendet dass er nichts erwiderte sondern die Augen
gewaltsam und mächtig aufschlug als würde ihm eine neue verlockende
Gedankenreihe eröffnet eine Perspective in die Gärten von Schiras und Damaskus
Er blickte wie ein von Opium Berauschter und flüsterte nur
Sonnenorden Muhameds göttliche Sendung
Also Schriftsteller unterbrach Egon sein Träumen das sich noch im Echo
seiner langen Rede zu wiegen schien O da wünsch ich von Herzen Glück Sieh
Sieh Wie überraschend Das ist Herr Stromer lassen Sie mich bald von sich
hören Schicken Sie mir das Erste was Sie veröffentlichen Wie begierig bin
ich Wie gespannt Besuchen Sie mich oft und die nähere Einleitung Ihrer Wünsche
treffen Sie mit dem Justizdirektor
Diese Worte waren denn wohl einer Entlassung gleich
Stromer fast erstaunt dass der junge Fürst eine solche Mitteilung über
sein künftiges Wirken sichtlich doch etwas verlegen ja ängstlich aufnahm
verbeugte sich Es schien über sein bewegliches Antlitz der Gedanke zu fahren
Der arme junge Mann Ich hab ihn in Verlegenheit gesetzt Ich bin ihm plötzlich
zu hoch gewachsen zu bedeutend überragte ich ihn
Stromer ging mit vieler Förmlichkeit und dankte für die ihm widerfahrene
Gnade
Nicht ohne eine gewisse gemachte Empfindsamkeit warf er als er schon die
Tür in der Hand hatte noch einen Blick auf die in einer Ecke des Zimmers
aufgestellten mehrfachen Bilder der Fürstin Amanda
Als sich Egon nach Louis umsah trat dieser ausgerüstet mit Hut und leichtem
Stocke herein um auszugehen
Es ist gut sagte er dass du nicht zugegen warst lieber Freund Eben hab
ich mich so albern benommen dass man von meinen geistigen Kräften bald eine sehr
geringe Meinung in Umlauf gesetzt hören wird Dieser Mann Geistlicher auf
meinen Gütern erklärt mir eben dass er die Absicht hätte die Feder zu
ergreifen und unsere Literatur zu bereichern Und statt dies Geständnis freudig
zu begrüßen statt ihn über die Pläne die er auszuarbeiten gedenkt zu
befragen gebehrd ich mich wie ein Mensch dessen Weisheit einem Schriftsteller
gegenüber zu Ende geht
Oder vielleicht wie ein geborener Aristokrat sagte Louis und suchte es
trotz seiner Aufregung noch über sich zu gewinnen den scherzenden Ton
beizubehalten So oft ich mit einem Maler zu einem reichen oder vornehmen Manne
kam merkt ich immer dass man die Schaffenden doch ängstlich und befangen
behandelt Ein Maler der mich hier in meinem kleinen Komptoir besuchte er
heißt Leidenfrost sagte mir als ich diese Bemerkung machte Mein guter Freund
Das geschieht weil zwischen dem Genie und der Prärogative der Abstand so groß
ist dass die Reichen und Vornehmen ihn meist nur durch Insolenz glauben
ausfüllen zu können Das passt natürlich auf meinen Freund Egon nicht wohl aber
auf viele Vornehme und vielleicht immer auf das Schicksal der Schriftsteller
Wenn ich aristokratisch erscheine sagte Egon so ist nur mein Freund Louis
Armand Schuld Wer heißt dich denn in fremder Gegenwart mir die lächerlichen
Ehren meines Standes antun mir Lüstre geben sich zum Schemel meiner Würde
machen
Louis der eben einen schwarzen Handschuh zuknöpfte sah den jungen Fürsten
mit einem von unten emporblickenden Auge voll Rührung an Er sagte nichts aber
es lag in seinem fragenden Blick der ganze Schmerz ausgedrückt dass dies seltene
Verhältnis das der sonderbarste Zufall und die Laune eines eigentümlichen
Charakters so gefügt hatte nun wohl nicht mehr lange in dieser Form bestehen
würde
Louis sagte aber Egon gerührt könntest du je an meiner Treue an meiner
ewigen Freundschaft zweifeln
Louis schwieg und sah zur Erde
Du bist gerettet sagte er nach einer Weile Louisons Schatten möge dich
schützen Ich bin nun dein Wächter nicht mehr nicht der Pfleger des jungen
Fürsten den Alle verehren Manche fürchten und nur Wenige wahrhaft lieben
werden Ich kehre nun zurück zu meinem kleinen Komptoir Ich bin Louis Armand
wieder der Kunsttischler und Vergolder
Egon drückte ihn gerührt ans Herz
Mein Bruder Mein Freund sagte der junge Fürst Ich danke dir mein Leben
Wenn ich je vergessen könnte
Erinnere dich unserer glücklichen Zeit sagte Louis bewegt und habe nie
umsonst gelebt im Schoss des Volkes Einige Tage noch und du bist in die
Herrlichkeit deines Standes so wieder eingeführt dass du davon überflutet sein
wirst Die Sorge um dein Eigentum hat dir ein kundiger braver Mann in
Hohenberg abgenommen Du hast das Bild dessen Geheimnis dir bald gelöst sein
wird Du hast die feurige Liebe wieder in deren Umarmungen du die Poesie finden
wirst die eher für dich passt als einst die Lyoner Idylle unter unsern alten
Nussbäumen
Nein nein Louis Ich wollte ich hätte mich getäuscht und diese Briefe
wären von einer fremden Hand geschrieben nicht von Helenens
Wir haben schon gesagt Freund unsere Zeit ist nicht danach Liebe von
sich zu stoßen Lass sie dein Glück sein aber auch deine Zierde dein Stolz
deine Erhebung
Das kann sie nicht sagte Egon düster Eine solche Liebe Louis bleibt
egoistisch Sie klammert sich wie die zärtliche Umarmung der Schlingpflanze an
uns an will erst nur lieben nur dienen nur gehorchen und bald ist uns das
Mark der Seele das Wachstum unserer Zweige ausgesogen wir verdorren und sind
nur noch der Schatten unserer selbst
O möge diese Erfahrung nie kommen mein Egon sagte Louis besorgt
Egon schwieg nachdenklich Dann umarmte er mit stummer Rührung noch einmal
den bescheidenen Fremdling mit dem er schon so viel Frohes und Trübes erlebt
hatte und der eben von ihm schied mit dem Gefühle das er sich wohl eingestehen
durfte Ich habe dich vom Tode gerettet Wer weiß ob mir noch länger dein Leben
gehören wird
Egon rief Louis noch nach ja nicht bei Tisch zu fehlen und durchaus der
heutigen Fahrt nach Solitüde sich anzuschließen
Ich muss noch einen Arm haben sagte er der mich stützt einen Fuß der mit
mir geht einen Kopf der für mich denkt Louis Glaube mir es wird mir Alles
schwer und ich denke ich bedarf deiner wohl für den ganzen Weg meines Lebens
Darunter würd ich selbst leiden antwortete Louis künstlich lächelnd und
suchte die schmerzliche Stimmung durch Scherz zu erleichtern Du siehst dass ich
auch meine Wege habe und recht geheime was du später hören sollst Leb wohl
Du bist erschöpft Nimm keine Besuche mehr an Ruhe dich auf diesen weichen
Ottomanen des Nebenzimmers aus und träume
Ich will es versuchen sagte Egon als Louis schon die Tür in der Hand
hatte Ich sah an diesem Guido Stromer dass man des Geistes zuviel in sich
fühlen kann ich habe das Bedürfnis jetzt arm daran zu sein Ich will nicht
denken Ich will vegetiren Mein Zustand erfordert es
Eine Weile warf sich Egon als er allein war nun auf ein weiches
schwellendes Polster
Er war furchtbar erschöpft
Stromers wühlerische grübelnde ziellose weichliche Dialektik hatte ihm
vollends die Nerven angegriffen Er sank in die Polster halb ohnmächtig
Nach einer Weile fiel sein Blick der erst langsam wieder Kraft gewann auf
das rätselhafte Bild er sehnte sich nach Dankmar Wildungen
Aber nur flüchtig Er stieß mit Gewalt den Reichtum von Eindrücken der
ihn plötzlich überströmte von sich
Das war Alles so überwältigend so voll so mächtig Helene Dankmar das
wirklich eroberte rätselhafte Bild dort das Testament seiner Mutter
Er schloss die Augen
Seine Knabenzeit überschlich ihn Dies waren die Zimmer die ihm einst
verschlossen waren Hierher ließ ihn der Vater niemals Es waren die Zimmer des
alten Fürsten die Teppiche die Statuen wie geschmackvoll wie weich wie
sanft die Seele einlullend den Sinnen sich einschmeichelnd
Seine fürstliche Geburt hatte er noch wenig empfunden In Hohenberg
herrschte kein Luxus und vor den Entbehrungen in Lyon und Paris kannte er nur
die bescheidene Bequemlichkeit des Pensionats in Genf
Nur das mit Helenen verlebte Jahr hatte ihn verwöhnt und weichlich gemacht
und vorbereitet dies Palais seines Vaters doch schön zu finden
Aber es hielt ihn nicht lange in dieser ausgestreckten Lage auf den
Polstern den Blick so auf die Bilder und die Blumen gewandt die ihm der
Aufseher des Gartens um sich zu empfehlen in die Zimmer zur Feier der Genesung
gestellt hatte
Er betrachtete die Züge seiner Mutter und wollte eben auf das Pastellgemälde
nun zuschreiten als ihm das Billet Helenens zur Erde fiel Da erschrak er Er
fühlte dass er ihr in das Hotel wo sie wohnte jetzt endlich ein Wort des
Grusses schicken musste Er öffnete rasch sich ermannend einen sauber
ausgelegten Schrank zog eine practicable Schreibplatte hervor und warf rasch
die Anrede hin
»Meine gute liebe Helene«
In diesem Augenblicke wurde ihm aber der Justizdirektor von Zeisel gemeldet
und der Referendarius
Er sagte die zweite Meldung überhörend
Ein Andermal
Dann sich besinnend
Morgen
Wie der Bediente ging dachte er dass doch sein erster Beamter die nächsten
Ansprüche an ihn hätte und rief
Ich bitte Herrn von Zeisel heute die Suppe bei mir zu essen um zwei weil
ich ausfahren muss Jetzt nicht Fort Fort
Der Bediente meldete aber noch den zweiten Besuch durch die überreichte
Visitenkarte
Herr Referendarius Dankmar Wildungen sagte er
Eine Karte gab den vollen und richtigen Namen
Da sprang denn Egon freilich von seinem Sessel empor stieß das Papier rasch
in die Schublade des Schreibtisches und ging mit dem Rufe Das ist etwas
Anderes O Endlich Endlich freudig erregt beiden Angemeldeten entgegen
Fünftes Kapitel
Verständigungen
In diesen sechs Wochen hatte Dankmar Wildungen nur der gesetzlichen Einleitung
seines großen Unternehmens gelebt
Die gewaltsame Untersuchung seiner Wohnung erzeugte einen gerichtlichen
Schriftwechsel dessen Folge allerdings die Auslieferung der Papiere sein musste
die sich Dankmar erlaubt hatte aus dem von ihm entdeckten Archive im
Tempelhause von Angerode sich anzueignen Doch gab er sie gern hin nachdem er
und Siegbert Tage und Nächte damit zugebracht hatten Abschriften zu nehmen und
diese gerichtlich beglaubigen zu lassen
Die Angelegenheit wegen des Bildes konnte er nicht weiter verfolgen
Siegbert hütete sich wohl ihm zu entdecken dass er in der Rückwand desselben
Schriften gesehen die Bezug auf ihre eigenen Anverwandten hatten Er fürchtete
das leicht erregte Gemüt des Bruders nur zu neuen Unternehmungen deren Ende
und Gefahr nicht abzusehen war zu entflammen und besprach sich mit Rudhard
dem die Verwickelung seiner ihm in dieser Sache noch kurz vorher möglich
geschienenen Mission außerordentlich schmerzhaft war ein anderes
Auskunftsmittel zu finden das den Verdacht des Prinzen über die stattgefundene
Unterschlagung ablenken sollte Denn darin waren sie einig dass eine
verwegene böse Handlung hier im Spiele war eine Intrigue die sie Alle
getäuscht hatte Als Schlurck die Bilder ablieferte wussten sie es mit Louis
Armands Beihilfe während der Krankheit des Prinzen dahin zu bringen dass Egon
im Fall er das Geheimnis der Öffnung des Medaillons entdeckte sich nicht ganz
getäuscht fühlen konnte Alle diese Unternehmungen aber schwanden vor der Größe
der Aufgabe die sich Dankmar dadurch stellte dass er gleichsam dem Staate und
der am meisten bei der Johannitererbschaft beteiligten Kirche den
Fehdehandschuh hinwarf und für die einzige freie Persönlichkeit einer Familie
eine Überlieferung der Jahrhunderte in Anspruch nahm Verjährt konnten seine
Ansprüche nicht genannt werden Denn der Staat hatte durch Proteste die sich
von Menschenalter zu Menschenalter wiederholten diese Entscheidung als eine
offene aufrecht erhalten Er fand keine Narbe sondern eine Wunde vor Der
Staat von welchem wir reden war einer von denen die sich ohne Umwälzungen in
einer ruhigen Entwickelung allmäliger Vergrößerung und leidlich rechtlicher
Begriffe gebildet hatten Hier konnte ein Prozess vom siebzehnten Jahrhundert her
noch unentschieden sein wie Friedrich der Große im Jahre 1740 einen alten
Prozess des Dreissigjährigen Krieges aufnahm und Schlesien eroberte Da aber die
Berechtigung des Streites zugestanden war und für die Kommune immer nur der
Titel des Besitzes gegolten hatte so war die Mitbewerbung eines Dritten zwar
ein unvorhergesehenes aber völlig begründetes Ereignis Es kam nur darauf an
dass die Unparteilichkeit der Richter die Ansprüche der Familie Wildungen auf
Grund jener Urkunden anerkannte
Das Aufsehen das diese merkwürdige Wendung eines vom großen Publikum bisher
nur gleichgültig beobachteten Streites machte war nicht gering Einige nur in
der Gesellschaft nur in kleinem künstlerischem Kreise bisher genannte Namen
kamen plötzlich in Aller Mund Jedermann sprach von den beiden Söhnen einer
armen Predigerwitwe in Angerode die in der Lage waren Besitzer eines wie dies
natürlich sogleich geschah übertriebenen Vermögens zu werden Man vergrößerte
nicht nur die Summen um die es sich handelte sondern auch die Rechtsgründe
deren schlagende Triftigkeit doch erst zu erweisen war Man nahm Partei erst
für das Wunderbare in dieser Sache an sich und gab Denen unbedingt Recht denen
das hier auf dem Spiele stehende Glück gleichsam aus den Wolken in den Schoss
fiel Bald aber zerteilte sich die erste günstige Meinung Bedenken Zweifel
wurden laut und wo die gründliche Prüfung schwieg stellte sich das verletzte
Interesse ein Besonders war es die städtische Kirche die in Zorn und Eifer
geriet Hatte sie schon gefürchtet in die Botmässigkeit des Staates zu kommen
und der patriarchalischen Verwaltung ihrer Pfründen und Institute entkleidet zu
werden so hatte sie jetzt nicht nur das schöne noch dazu zeitgemäss stutzbare
Prinzip der »Selbstregierung« zu verlieren sondern sah auch der völligen
Einbusse ihrer reicheren Dotation entgegen wenn die Häuser die alten
Grundgerechtsame und Zinse der StJohanniterverlassenschaft in die Hände jener
Familie kamen Dem Zorne und Poltern der verletzten Interessen folgte wie dies
immer in solchem Falle zu geschehen pflegt auch bald das Aufstellen scheinbar
parteiloser und doch nur im Interesse der Parteien gemodelter Principien Der
Eine verlangte die Verjährung der Andere räumte nur dem Staate und nur ihm als
Universalerben jedes verjährten Rechtes den Besitz ein Freimütige Seelen und
solche die am Neuen und Seltenen Gefallen fanden stellten dem Staate und der
Gemeinde die Persönlichkeit gegenüber und ihr ewiges unverjährliches Recht
fanden in dieser materiellen handgreiflichen und nur mit Geld und Gut
auszudrückenden Verhandlung eine höhere Symbolik und erklärten diese durch zwei
Jahrhunderte herrenlos gebliebene nur dem Stärkeren anheim gefallene
Hinterlassenschaft eines geistlichen Ritterordens wäre ja ein Bild der
Verwirrung unserer Zeit überhaupt die auch so das Unrecht und die Gewalt in den
Alleinbesitz der großen Verwaltung des Menschheitideales gebracht überkommen
hätte und sich jetzt entschließen müsse diesen Alleinbesitz an das
ursprüngliche Menschenrecht umsomehr wiederherauszugeben als die an dem
unrechtmässig erworbenen Eigentum haftenden Pflichten des heiligen Streites für
jenes Ideal das dem Mittelalter das Land war wo der Erlöser wandelte und der
neuen Zeit das Ideal eines höheren Tempels der Freiheit und der Glückseligkeit
ist von diesen gewalttätigen und eigenmächtigen Usurpatoren nur zu sehr
hintangesetzt würden
So ungefähr wurde die erste Nachricht von dem Prozess der Gebrüder Wildungen
aufgenommen denn eine weitere Parteinahme als für das erste blendende
Gerücht war noch nicht möglich Erst vor vierzehn Tagen hatte Dankmar seine
selbstverfasste Schrift eingereicht Aber nicht nur die Kunde der Tatsache
selbst sondern auch das nicht ungünstige VorUrteil des Gerichtshofes über die
mit großem Verstande und seltener Rechtskenntniss abgefasste Schrift verbreiteten
sich so rasch dass Dankmar und Siegbert von dem Andrang der Teilnahme die sie
so plötzlich über sich hereinbrechen sahen fast erdrückt wurden Da wollte
Jeder Glück wünschen Jeder staunen guten Rat geben und im günstigen Falle wohl
auch Teil haben an dem großen Erfolg Wo die Brüder früher nur durch ihr
Talent ihre liebenswürdige Persönlichkeit sich geltend machen konnten waren
sie jetzt so gesucht so gepriesen dass sie Not hatten sich vor dem
allgemeinen Sturme der Liebe und Freundschaft nur selbst zu bewahren Weise und
sich selbst beherrschend wie diese Jünglinge früh erzogen waren begnügten sie
sich mit den Beziehungen von denen sie ahnten dass sie ihnen auch ohne den
gehofften Sieg treu bleiben würden und beschränkten sich im Übrigen fast noch
mehr auf sich selbst als früher Sie mussten Dies schon darum tun weil der
Prozess bedeutende Geldmittel erforderte von denen sie kaum voraussahn woher
sie ihnen zufliessen sollten Vorläufig glaubten sie bestens das Ihrige zu tun
wenn sie fleißig und redlich arbeiteten um neben ihrem Unterhalte auch noch die
Mittel für ihren Prozess zu erübrigen Siegbert sah sich in der ihm unangenehmen
Lage nachdem das Bild der Majorin Werdeck sehr gefallen hatte viel zu
portraitiren und Dankmar der sich in eine andere Abteilung des Obergerichts
hatte versetzen lassen arbeitete auf Diäten schrieb auch unter fingirtem Namen
juristische Kompendien die nur Erinnerungen seiner eigenen Kenntnisse waren in
Eile geschrieben nichts Neues bringen konnten aber als gangbare Artikel bezahlt
wurden
Eben erst im Beginn dieser nun neu von ihm angelegten Tätigkeit hatte
Dankmar alle seine früheren Verwickelungen mit Personen und fremden
Verhältnissen von sich abzustreifen gesucht Er hatte dem Justizrat Schlurck
die von Melanie gewünschte Entschuldigung über das Vorgefallene geschrieben
aber den so heißen Drang Melanie ganz für sich zu gewinnen doch wieder mit
jener stoischen Selbstüberwindung die jungen Gemütern so leicht möglich wird
bezwungen Er hörte auch dass sich Melanie mit dem Stallmeister verlobt hätte
Freunde versicherten ihm dass sie in der Umgegend der Stadt reite fahre immer
umgeben von einem Schwarm von Verehrern Er bekämpfte sein Herz Der Ernst
seines jungen Lebens erfüllte ihn zu sehr und was er immer gesagt hatte Melanie
wäre von den Frauen Eine die man nur liebe wenn man sie sähe bestätigte sich
vollkommen an ihm selbst. Er wurde gegen Frauen um so schroffer als bei der
ersten Nachricht von der ihm und seinem Bruder lachenden Möglichkeit einer
glänzenden Zukunft sogleich ein ihnen widerliches Drängen bemerkbar wurde
gerade das weibliche Geschlecht in ihre Nähe zu bringen Von mancher Familie wo
die Absicht zu grell hervorstach zogen sie sich wie in ihren zartesten
Fühlfäden verletzt zurück
Während sich Siegbert fast ganz und ausschließlich auf sein Atelier die
nähere Beziehung zu dem anregungsreichen Leidenfrost und die ihm plötzlich fast
seine zweite Häuslichkeit gewordene Familie der Fürstin Wäsämskoi beschränkte
lebte Dankmar noch zurückgezogener Der sonst lebensfrohe überall sichtbare
junge Mann war ein Einsiedler geworden Er las er studierte mehr denn je Sein
kleines Stübchen bei der Frau Schievelbein die bescheidene kleine Aula war
jetzt für ihn heimischer und traulicher als die Kaffeehäuser in denen er früher
mehr als in seinen vier Wänden lebte Stöße von Akten lagen um ihn her Bücher
las er bis in die späte Nacht Besonders hatte er auf Philosophie und Geschichte
sein Augenmerk gerichtet Sogar die Politik die er früher leidenschaftlich
trieb war ihm durch ihre Monotonie die Unfruchtbarkeit der Debatte und die
geringe Bedeutung der meisten elenden nichtssagenden Persönlichkeiten die sie
in den Vordergrund der Tagesgespräche drängte zum Ekel geworden Der neue
Reichstag sollte nun abgehalten werden die Wahlen waren im Sinne des
schroffsten Gegensatzes der Parteien ausgefallen und als er auch den Heidekrüger
und Deputirten Justus eines Tages als eben angekommen und bereits als
Mittelpunkt einer »Fraction« angegeben fand musste er auflachen warf die
Zeitung weg und beschloss nur noch solche politische Schriften zu lesen die von
Köpfen herrührten die der Menschheit neue Gedanken brachten Er las
Macchiavell Montesquieu Hume die Briefe des Junius Leibnitz Herder und
vertiefte sich mit ernstem Nachdenken in die neueren staatsökonomischen und
socialistischen Schriften aus denen er sich manche Stelle auszog und manchen
befruchtenden Gedanken merkte wenn er auch für die Ideen neuer
Gesellschaftsformen nicht wie Siegbert gewonnen werden konnte und überhaupt fern
war aller modernen Geniehascherei aller auf den Universitäten und in den
Residenzen jetzt grassirenden Titanenhaftigkeit allem übermäßigen Anpreisen
einer neuen Zeit die erst ihre Neuheit zu beweisen hatte aller Anbetung eines
vaguen leeren wie Kraft sich gebahrenden Schreiens und Tobens in Schrift und
Sprache in Prosa und Poesie allem gesuchten und manierirten Treiben in welchem
sich talentlose Menschen wie Fauste gebehrden und noch nicht einmal reif sind
bei einem rechten Faust ein Wagner zu sein
Eine Dankmarn wahrhaft tröstliche und erquickliche Aussicht war die der
ersten Begrüßung des Prinzen Egon von Hohenberg
Dass sein Gefangener im Turme von Plessen der Prinz war unterlag keinem
Zweifel mehr und doch will der Mensch auch das Gewisseste und durch Gründe
Erwiesenste zuletzt erst durch ein handgreifliches Erfassen durch die Berührung
der Nägelmale wie bei jenen Jüngern des Herrn bestätigt haben Die Frage Wie
werd ich den dort so schnell gewonnenen Freund nun wiederfinden Wie ist er aus
dem Turm entkommen Wie verschweig ich ihm alle die Wirren die sich an das
Bild knüpften das wir gut tun werden ihm als etwas Unverfängliches und
Überschätztes darzustellen Diese Fragen gingen immer wieder in das Ende über
Und wird es wirklich Prinz Egon sein Siegbert war einmal bei Louis Armand im
Palais gewesen und hatte sich einigermaßen mit ihm über das Bild verständigt
Sonst war noch keine weitere nähere Annäherung und Nachfrage erfolgt Es
befremdete ihn fast dass Egon nicht seiner längst selbst gedachte und es war
wirklich nur Zufall dass ihm der Förster Heunisch eben von Egon kommend
staunend über seinen Irrtum begegnete und von einer so weit vorgeschrittenen
Genesung des Prinzen für den er Dankmarn gehalten unterrichtete dass er sich
entschloss sogleich zu ihm zu gehen Er eilte nach einigem Geplauder mit
Heunisch nach Hause kleidete sich flüchtig so wie er glaubte einer so
hochgestellten Persönlichkeit aufwarten zu müssen und betrat in einer
sonderbaren aber ihm doch wohltuenden Erwartung und Spannung das Palais des
Prinzen Wie er hier die stolze Treppe die Statuen die bronzenen
Kandelaber die Teppiche und Malereien mit dem neben seinem Einspänner
einherwandernden Blousenmann und dessen Wiedersehen in dem vergitterten kleinen
Turmgemache zu Plessen verglich kam ihm eine wahrhaft befremdliche
abenteuerliche ja durch die schon in ihm verklungenen Erinnerungen an jene
romantische Reise elegische Stimmung So ungleichartig der elektrische Leiter
seiner Erinnerungen war auf diesen steinernen Stufen wo das Echo seiner
Schritte an den marmorirten Wänden widerhallte wars ihm plötzlich als schlüge
die Nachtigall in der Mondnacht im Schlossgarten von Hohenberg als hörte er das
Rauschen des Waldes den er an Selmars Seite durchwandert war und als stünde
er unter jener Eiche wieder unter deren gezackten Wipfeln er durch Ackermann
veranlasst wurde über ein schöneres Walten auf dieser Erde und einen
lebendigeren Zusammenhang der guten und reinen Geister zu träumen
Im Vorzimmer fand er den Justizdirektor von Zeisel den er vom Turme her
und seinem Verhöre sogleich wieder erkannte
Die lange hagere zerstreute Figur entsann sich seiner offenbar nur dunkel
stellte sich aber als kluger Weltmann den die lange Abgeschiedenheit und
Isolirung des Landlebens in gewissen Höflichkeitsgesetzen nur noch ängstlicher
und übertriebener gemacht hatte über Dankmar vollkommen orientirt Er kam in
bänglicher Erwartung Schlurck war seiner früheren Functionen enthoben ein
neuer Administrator mit großen Vollmachten hatte das Ruder der Verwaltung
ergriffen die Aussicht vom Patrimonialverhältnisse in die allgemeine
Landesgerichtsverwaltung in gleichem Rang gleicher Besoldung wie bisher
aufgenommen zu werden verdüsterte sich und er wäre gern in seinem früheren
bequemen Verhältnisse geblieben Mit großer Besorgnis dachte er an die Resultate
dieser ersten Begegnung mit dem Sohne des alten Fürsten der ihn einst hatte
schalten und walten lassen wie er wollte Seine Frau die bei Schlurcks seine
Rückkehr erwartete hatte ihm Mut zugesprochen Eine Reihe von Vorstellungen
und dienstlichen Nachweisungen war wie an der Schnur in seinem Haupte
aufgezogen Er hoffte dass der junge Fürst diese Schnur anziehen er selbst aber
sich bei dieser Vorstellung gut behaupten würde selbst einem so sonderbaren
Manne wie Egon gegenüber von dem man so Vieles zu erzählen so Unglaubliches zu
fabeln wusste
Brachte den Justizdirektor nun schon Dankmar in Verwirrung und lenkte sein
Gedächtnis auf eine Begegnung die außerhalb der Administrationsgrundsätze über
das Fürstentum Hohenberg und jener Schnur lagen so musste er vollends das
Gleichgewicht seiner Geltung verlieren als nach der Meldung beider Namen Egon
die Tür aufriß und mit der liebenswürdigsten Freundlichkeit von der Welt rief
Ist es denn möglich mein Grossinquisitor und mein Posa zu gleicher Zeit
Willkommen Willkommen Ihr Beide
Wie der Justizdirektor sah dass der Prinz dem jungen Manne der sich Dankmar
Wildungen nannte eine stürmische Umarmung zum Gruße ihm dann bieder die Hand
bot und Dankmar dem freundlichen Empfänger lachend folgte und dabei immer rief
Doch Doch Ich glaubte nicht daran Doch Doch da schwindelten ihm
förmlich alle Sinne und er fragte verlegen
Durchlaucht haben mich schon gesehen Wo hätt ich die Gnade gehabt
Gibt es denn soviel Verbrecher in meinem Ländchen Justizdirektor rief
Egon dass Sie unter der Menge nicht eine Physiognomie behalten können die Ihnen
den Turm aber auch ihre glückliche Befreiung verdankt
Und während der Justizdirektor starrte und sich nun umständlich besinnen
konnte umarmte Egon Dankmarn nochmals und zog ihn auf eine Ottomane neben sich
nieder während der Justizdirektor sich nach einem Stuhle umsehen sollte und
umsehen musste um sich aufrecht zu erhalten
Wildungen rief Egon Ich bins Vom Tode erstanden durch jenen Freund den
ich in Lyon fand Du entsinnst dich meiner Erzählung
Dankmar aber der nicht gleich in den vertraulichen Ton hinein konnte
sagte
Wir wissen Alles Prinz wir kennen Ihre ganze Geschichte die Stadt kennt
sie wir wissen wer Louis Armand ist und unter dem gewissen Kronenleuchter im
Pavillon Ihres Vaters würd es sich ergeben dass ich schon orientirt bin aber
dass Sie im Turme zu Plessen saßen als ein Handwerksgesell den die Bedienten
des Geheimrats von Harder für einen Dieb erklärten
Durchlaucht fragte Herr von Zeisel erstarrt und schlug sich vor den Kopf
Sie wirklich Der Der den Herr von
Ja ja Herr von Zeisel ich Ich Aber ich habe mich überzeugt Sie üben
milde Justiz Sie entlassen die Gefangenen wie Sie sie aufnehmen und geben ihnen
nichts mit als höchstens das Todesurteil durch ein Nervenfieber das man von
seiner Alteration und der abscheulichen Hitze in dem eisernen Käfig davonträgt
Zeisel konnte sich nur allmälig fassen Er war sprachlos Er dachte O Gott
warum hat deine Frau diesen Fall für die Schnur nicht vorausgesehen Du bist auf
ein Verhör über Finanzreductionen gefasst und sollst über ein exceptionelles
Abenteuer Auskunft geben bei dem du ohnehin noch die Rolle eines bequemen und
willkürlichen Rechtsverschleuderers im alten spanischen Komödienstyle spielst
Sagen Sie mir nun aber ums Himmelswillen Prinz fragte Dankmar wie sind
Sie frei gekommen
Egon rückte einige Schritte zurück ließ die Arme von Dankmars Schulter
die er umschlungen hielt sinken und sagte
Kein Wort weiter Ein undurchdringlicher Schleier falle über das Vergangene
wenn mein teurer Freund Dankmar Wildungen in diesem Ceremoniel fortfährt
Wildungen war denn Das nur ein Traum dass ich einen herrlichen lieben Menschen
auf dem Heidekruge mit Schlurck reden hörte auf der Landstraße und im Walde
einen herablassenden Gefährten einen treuen Tröster im Turme ein mitfühlendes
Echo meiner Klagen fand als ich mein Leben erzählte bis zu dem Augenblick wo
ich versprach unter leuchtenden Blumen und Flammen einst von einer gewissen
elften Stunde zu sprechen wo mir ein teures Herz brach ein unvergessliches
Nein nein Wildungen das Wechselwort der Liebe das ich dir damals anbot
bleibt Bleibt Nicht wahr
Dankmar konnte zur Antwort auf diese liebenswürdige herzliche Anrede nichts
Anderes tun als gerührt schweigen und seine Hand in die Hand Egons von
Hohenberg wie eines Bruders legen
Schlagen Sie unsere Hände durch Justizdirektor rief Egon zum Zeichen dass
sie ewig verbunden sind Sie haben mir diesen Freund gegeben Sie milder Richter
Sie Sagen Sie mir aber nun doch warum ließ Sie mich plötzlich frei Kam ein
höherer Gedanke über Sie oder ein Befehl Ich suchte wie mir angegeben wurde
auf der Stelle das Weite und durfte nicht erst lange fragen wem ich meine
Rettung verdanke
Durchlaucht sagte endlich Herr von Zeisel die gute Laune des Fürsten
benutzend und sich in dem Falle auf den er sich jetzt erst besann
zurechtfindend Durchlaucht Sie verdanken sie meiner Frau
Bin ich das Schoosskind der Damen Ihrer Frau
Das hängt so zusammen Durchlaucht sagte Herr von Zeisel Frau von Zeisel
ist eine sehr charmante Person Dreizehn Jahre macht sie das Glück meiner Ehe
aus aber wenn ich wir sind unter uns durch Geduld und Sanftmut vielerlei
kleine Mucken in ihrem lebhaften Temperamente überwunden habe so steckt doch
ein Übel unausrottbar in ihrem so höchst soliden Charakter der Ehrgeiz
Durchlaucht In wilder Überrumpelung zwang man mich den eigenen Herrn und
geliebten Erben den Alle voll Sehnsucht erwarteten in den Turm zu werfen
Dies Versteckspiel des tollsten Zufalls seh ich nun wohl ist irgend einem
bösen Kobolde der uns zuweilen im Leben neckt gelungen Aber dass Sie frei
wurden und Ihr Freund der Herr da wahrscheinlich vergebens die Leiter an das
Turmfenster stellte die wir später fanden
Wildungen ist es wahr
Die Eisenstäbe hätten uns doch Mühe gemacht sagte Dankmar den Vogel aus
seinem Käfig zu befreien Dass es also leichter geschah Herr Justizdirektor
War die Folge eines Ärgers meiner Frau sagte Herr von Zeisel jovial Meine
Gattin ist eine geborene von NutzholzDünkerke seelengut ein braves Weib aber
etwas reizbar im Punkte der Ehre Zwei NutzholzDünkerkes sind bereits aus
Point dhonneur im Duell gefallen Mein gutes Weib fand sich etwas zurückgesetzt
durch die Behandlung der Frau Justizrätin Man lud sie an jenem
verhängnisvollen Tage nicht mit der Förmlichkeit ein die sie durch ihre Geburt
gewohnt ist Und als vollends Herr von Harder der mit einem NutzholzDünkerke
in die Schule gegangen ist sich auf dem Schloss wie der König selbst
gebehrdete kaum einem Menschen das Unschuldigste nämlich einen guten Tag
gewährte und an dem Tage wo das beklagenswerte Misverständniss mit Ew
Durchlaucht vorfiel die einzige aufs Schloss geladene Hauptperson schien und
allen andern Bekannten die sonst der Frau Justizrätin gut genug waren fast
angedeutet wurde sie möchten sich heute nicht aufs Schloss incommodiren da
stellte mir meine ahnungsvolle aber höchst zornige Gattin vor wie wenig
begründet Ihre Gefangenschaft wäre und
Bravo Justizdirektor rief Egon lachend ce que veut une femme
Ce que veut une femme Durchlaucht
Par dépit
Par dépit um zu zeigen dass wir nicht die Untergebenen der jetzigen
Schlossbewohner sind und
Die NutzholzDünkerkes schon vor einem Jahrhunderte mehr galten als die
Harders
Sie treffen es Durchlaucht Ha Ha Par dépit wurden Sie in Ermangelung
triftiger Indicien freigelassen und nur bedeutet augenblicklich das Fürstlich
Hohenbergische Gebiet zu verlassen
Ein Glück dass Herr Pfannenstiel mein Wächter ein gutes Herz hatte und
mich am Abend noch auf die Sägemühle führte wo ich übernachtete Von da wollt
ich obgleich ich mich krank von der Hitze im Turm erschöpft und übermüdet
fühlte mich über Schönau zu Fuß auf die Reise begeben war aber so angegriffen
fühlte mich so elend dass ich auf der Landstraße einen Bauer ansprach der mit
einem Soldaten an mir vorüberfuhr und übermütig in seine starken Gäule hieb
Auf Fürbitte des Soldaten nahm mich der grobe Bauer er hieß Sandrart auf und
hinten im Korbe des Wagens streckt ich mich müd und matt auf ein Bund Stroh
neben den mit Esswaaren überfüllten Kobern Der Vater fuhr seinen zum Sergeanten
beförderten Sohn selbst in die Residenz zurück wo dieser bei der Garde steht
Gegen Abend kam ein Regen der mich bis auf die Haut durchnässte Schon schlief
ich in einer Herberge halb im Fieber Mühsam schleppt ich mich am frühen Morgen
wieder auf den Korbwagen und kam halb tot gegen Abend hier am Tore an Ich
stieg ab dankte dem Bauer und seinem Sohn und schlich mich still in mein
väterliches Haus Das ganze Abenteuer schien misglückt und die Folge war dass
ich in ein elendes Nervenfieber verfiel von dem ich erst seit einigen Tagen zum
lichten Bewusstsein zurückgekehrt bin
Der Justizdirektor erschöpfte sich in Beteuerungen seines innigsten
freudigsten Anteils und fragte ob man den Bauer Sandrart so glücklich machen
könne ihm zu sagen wem er so hilfreich sich erwiesen hätte
Vielleicht besser sagte Egon der Grobe erfährt es nicht Er hat mir wohl
zehnmal zugerufen ich sollte seine Schinken und Eier unberührt lassen auf die
ich in der Tat keinen Appetit hatte
Es ist einzig sagte Herr von Zeisel künstlich humoristisch Diese Menschen
Der Schornstein hängt ihnen voller Würste und Speck das Geld lacht aus allen
Truhen und grob grob sind sie und so unterdrückerisch meine Frau sagte oft
so schlimm könnten die NutzholzDünkerkes nicht im Mittelalter gehaust haben
wie sich solche reiche Freibauern gebehrden Der Sohn ist ein charmanter Mensch
Er wird das Geld seines Vaters unter die Grisetten bringen
Es entspannen sich nun zwischen dem Justizdirektor und Egon einige nähere
Verständigungen über Gegenwart und Zukunft des Fürstentums Hohenberg Wegen
letzterer war Herr von Zeisel hier Egon versprach in diesen Tagen ihm über
Alles genauere Auskunft zu geben Vorläufig wäre er umsomehr entschlossen das
väterliche Erbe wirklich anzutreten und trotz der großen Schuldenlast nichts zu
veräussern als er ja in dem amerikanischen Agronomen Ackermann einen so
gerühmten und alles Vertrauens würdigen Verwalter gefunden hätte
Ja wandte er sich zu Dankmar jener Amerikaner von dem du mir im Turm
erzählt hattest und dessen Namen ich auf meinem Krankenbett im größten Drang
meines Elends wohlbehalten hatte der erhielt auf sein Ersuchen die Verwaltung
meiner Güter
Ich erfuhr diese angenehme Wendung leider zu spät sagte Dankmar und
bedauerte vor der schnellen Abreise des trefflichen Mannes und seines Sohnes
nicht noch einmal ihn begrüßen zu können
Seines Sohnes fiel Herr von Zeisel ein und lächelte fein sogar gereizt
Sie wissen also nicht dass dieser allerdings sehr ehrenwerte Ökonom der mit
großen Plänen und excentrischen Entwürfen seine Aufgabe angetreten hat damit
anfing uns in Betreff seiner Umgebung Alle zu täuschen
Täuschen Herr von Zeisel Ackermann scheint mir zu Täuschungen nicht fähig
zu sein sagte Dankmar
Vergebung für den Ausdruck Sie schätzen diesen Mann nicht höher als ich
selbst Zwar sind die Meinungen über ihn geteilt Die Mehrzahl hängt ihm
gläubig und voll Verehrung an Die Minderzahl die wohl an dem Fehler zu strenger
Prüfung und ungläubiger Zweifelsucht leidet fürchtet sein leicht entzündetes
Gemüt möchte zu sehr jenen Luftgebilden nachjagen die wie Feuerwerke schön
blenden aber auch im Nu verprasseln
Glauben Sie Das nicht sagte Dankmar erregt Aus wenigen Worten die ich mit
diesem Ökonomen wechselte weiß ich dass dieser Edle den Ernst des Lebens tief
erfahren hat und nicht umsonst in Amerika die Schule der Selbstbestimmung seiner
Schicksale durchmachte
Ich wünsche nichts sehnlicher sagte Herr von Zeisel mit einem furchtsamen
Blicke auf Egon als dass sich alle Versprechungen dieses Amerikaners erfüllen
mögen
Man muss ihm vor allen Dingen Zeit lassen und volle Freiheit gewähren meinte
Egon und sprach dies entschieden
Volle Freiheit
Herr von Zeisel war geschlagen und schwieg
Aber die Täuschung Herr Justizdirektor welche wäre denn das fragte Egon
Das ist spaßhaft war Herrn von Zeisels einlenkende Antwort Wir Alle sahen
Herrn Ackermann nach Plessen Randhartingen Schönau im Ullagrunde auf
Sandrarts neuer Anlage wird er wohnen zurückkehren und besannen uns dass man
diesen Mann als er früher sich beobachtend und wahrscheinlich den Boden und die
Verhältnisse erkundschaftend daselbst aufgehalten gesehen wie er ein liebes
Söhnlein bei sich führte ein Bürschchen mit zierlichem Mützchen Handschuhen
und leichtem Röckchen Dies Söhnchen hat er nicht mitgebracht wohl aber ein
Töchterlein
Dankmar hörte gespannt zu und verwünschte Herrn von Zeisels humoristisch
feinsollende naive Darstellung
Und nicht etwa ein zweites Kind des Herrn Ackermann sagte dieser ist diese
holde kleine Begleiterin sondern
Selmar wär es selbst unterbrach ihn Dankmar im wärmsten Anteil
Selmar so hieß die Kleine früher Nun ist es eine Selma Entpuppt und
umgekleidet Selma Ackermann ein allerliebstes Wesen Sie tut viel um die
etwas raue und abstossende Außenseite ihres Herrn Vaters zu mildern
Selma sprach Dankmar vor sich hin und verglich seine Erinnerungen an jene
ihm so liebe Begegnung mit dem Eindrucke den ihm jetzt diese Metamorphose
machte Hatte ihm schon der Knabe ein so großes Wohlgefallen eine brüderliche
Empfindung erregt wie musste sich seine Teilnahme für die nun verwandelte
liebliche Erscheinung steigern wenn er sich jener ihm immer noch rätselhaften
Mondnacht auf dem Heidekruge erinnerte wo nicht etwa Ackermann als Traum als
ein Bild seiner erregten Phantasie vor ihm mit dem Portrait das er küsste
erschien sondern dieser wirklich das Portefeuille öffnete wirklich eine Locke
von seinem Haupte schnitt denn die Locke fehlte ihm Und wie er noch so saß
mit Teilnahme von Egon betrachtet der an seinem Interesse selbst sich
interessierte fiel Dankmars Blick jetzt eben auch auf das Pastellbild der
Fürstin Amanda das er seitdem es ihm durch ein »Misverständniss« genommen war
nicht wiedergesehen hatte Da stand das goldene Vliess seines abenteuerlichen
Argonautenrückzuges Er gedachte der MedeaMelanie Da der Prinz Und Selmar
Selma
Der Erläuterungen des Justizdirektors über diese Metamorphose bedurfte es
eigentlich nicht
Dieser erzählte etwas von der Notwendigkeit ein junges Mädchen auf einer
so weiten Reise von Amerika über England nach Deutschland allein schützen zu
sollen von der raschen Gewöhnung an die neue Tracht von den wunderbar schnell
angenommenen Manieren des Knaben von der Beruhigung die der Vater gehabt
hätte mit seinem Kinde vor jeder Verlegenheit und Nachstellung in den
Gastäusern sicher zu sein von seiner endlich aber doch nun eingesehenen
Pflicht dass das Kind seinem Geschlechte zurückgegeben werden müsste
Für Dankmar waren alle diese Erläuterungen nicht nötig Er bedurfte keines
Wortes um zu fühlen dass Ackermann sehr weise gehandelt hatte Aber er bedurfte
noch weniger einer Erläuterung weil sein Gefühl ihm sagte Selmar musste sich
dir so enthüllen Das war eine Aufklärung die sich von selbst verstand Wie
konnte Selmar etwas Anderes sein als Selma
Als Egon des neuen Freundes innere Erregung bemerkte und den Blick
beobachtete den Dankmar voll geteilter Überraschung auf das plötzlich von ihm
entdeckte Bild gerichtet hatte ließ er es sich angelegen sein durch irgend
eine geschickte und nicht verletzende Wendung den Justizdirektor zu entfernen
Es gelang ihm mit aller Gewandtheit Herr von Zeisel war glücklich seinem
jungen Patrone schon unter so abenteuerlichen Verhältnissen nützlich gewesen zu
sein Er bat ob er denn diese merkwürdige Geschichte und die wahre Aufklärung
der plötzlichen Erkrankung Alles Alles was er in dieser gnädigen Audienz
gehört hätte der Welt erzählen dürfe
Wenn Sie nicht fürchten sagte Egon mit feiner Betonung dass man Ihre
Justizverwaltung ein wenig zu patriarchalisch nennen wird
Durchlaucht rief Herr von Zeisel und drückte Egons Hand die er lebhaft
ergriff mit komischem Enthusiasmus an die Brust Durchlaucht Sie mögen nun vom
Justizrat Schlurck urteilen was Sie wollen Dafür hab ich ihm gestern
gedankt dass er mich in die Komödie schickte um mir seine Lieblingswahrheit von
einem vortrefflichen Schauspieler sagen zu lassen »Wenn man das Leben auch gar
zu ernstaft nimmt was ist dann dran«
Amüsiren Sie sich noch ferner mit ihm sagte Egon übereinstimmend und
begleitete den zutraulich sich Empfehlenden an die Tür ich denke wir sprechen
uns noch und Sie werden im besten Einverständnis mit meinen ferneren
Verwaltungsmaximen nach Plessen zurückreisen
Dies Wort war eigentümlich verfänglich fast Zeisel stockte Aber
die Tür ging zu und er musste diese Schlussworte unterwegs überlegen und so wie
sie gefallen waren mit sich nehmen
Dankmar und Egon waren nun allein
Jener stand vor dem Bilde
Ja da ist es nun Und ich zittre vor seinem Inhalte sagte Egon Hat es
auch nichts bis jetzt zu Tage gefördert als unsere Freundschaft Wildungen so
wollen wir zufrieden sein
Noch einmal umarmte er den Freund
Dankmar drückte ihm die Hand und erzählte alle seine Bemühungen des
auffallend schweren Bildes habhaft zu werden verschwieg aber Melanie und jeden
Umstand der in Egon Verdacht erwecken konnte Rudhard Siegbert Louis und er
hatten sich das Wort gegeben um den Prinzen nicht wieder zu beunruhigen von
dem Schicksal dieses Gemäldes nichts zu erzählen als dass es durch Dankmar auf
dem Schloss noch rechtzeitig gerettet worden wäre und dass Schlurck ohne alles
Befremden die andern Familienbilder so freiwillig übergeben hätte Er wusste
auch dass man auf den Fall einer Öffnung der Hinterwand einen Gegenstand dort
finden konnte der ihn vollkommen beruhigen durfte
Und das Geheimnis fragte er
Fand ich noch nicht Ich wagte nicht zu jäh mein Rätsel zu lösen Ich
gehöre zu den Menschen die ihre empfangenen Briefe dreifach genießen erst im
Empfangen zuletzt im Lesen in der Mitte aber in einem längeren Liegenlassen
und erst allmäligen Eröffnen
Dankmar nahm das Gemälde und wandte es von allen Seiten ohne auf das Glas zu
drücken
Es enthält etwas ich fühl es an der Schwere des Bildes sagte er
Er spielte die Rolle die ihm die Sorgfalt der Freunde des Prinzen
übertragen hatte Er stellte sich neugierig drückte schüttelte schob und
klopfte an dem Bilde Endlich siehe da es sprang auf
Egon beklommen mit der ganzen lastenden Schwere seiner Erinnerungen an die
Mutter an seine Erziehung seine Jugend griff erstaunt nach dem Inhalt
Hier am Glase lag der Pfiff sagte Dankmar so treuherzig als wär er selbst
überrascht worden zufällig streift mein Finger über diese Stelle ich halte das
Bild an ihr fest und es springt auf
Egon langte aus der Kapsel ein Buch hervor Es war schwarz eingebunden mit
in Gold gepresstem Deckel und Rücken und mit Goldschnitt verziert
Er öffnete das Buch und las
Thomas a Kempis vier Bücher von der Nachfolge Christi
Sechstes Kapitel
Welt und Zeit
Gute Mutter sagte Egon nach einer Pause schmerzlichen Lächelns und wehmütig
gen Himmel blickend ja in seiner bitter getäuschten Erwartung sich zu bekämpfen
suchend gute Mutter dieses Testamentes hätt es nicht bedurft um mich in
deine Nähe zu rufen Das heißt in der Tat um Christi Willen leiden und sterben
Dies Bild hätte mich wenn ich von der Krankheit nicht erstanden wäre mein
Leben kosten können
Dankmar schwieg voll tiefen Mitleids über den getäuschten von bösen Feinden
betrogenen Prinzen
Wir sind denn also sagte er nach einer Weile ruhig da wieder angelangt
Prinz wo wir im Turme standen Ein neuer Moment ist in dein Leben nicht
eingetreten Es bleibt bei den alten Voraussetzungen und so wird es wohl auch bei
den alten Entschließungen bleiben müssen Du fühlst dich stark durch dich
selbst Lass die Vergangenheit und beherrsche die Zukunft
Da wo wir im Turme standen wiederholte Egon Dann bin ich dir noch viel
zu beichten schuldig
Ich ahne was ich noch erfahren sollte antwortete Dankmar ablehnend Dein
Leben ist nicht ohne Beobachtung geblieben Solche Sterne die einen leuchtenden
Namen tragen schon wenn sie auf die Welt ziehen verbergen sich niemals ganz
auch wenn die dunkelsten Nebel über sie fallen
Worauf deutet diese Schmeichelei Wildungen fragte Egon
Die Erwähnung eines Unglücks ist keine Schmeichelei Und ein Unglück nenn
ich wenn ich so hoch stehe dass ich mich nicht einmal mit meinen Tränen
verbergen kann Soll ich dir sagen was ich Alles von dir weiß ohne dass ich
unter den Spiegeln deines Pavillons saß und dich um die elfte Stunde erzählen
hörte
Also die Welt erfindet über mich fragte Egon
Dankmar antwortete er wolle hören ob folgende Verhältnisse Erfindungen
wären
Und nun begann er genau und ausführlich zu erzählen was sich in dem
öffentlichen Gespräch über den Prinzen schon festgestellt hatte Er erzählte ihm
seine Geschichte von Lyon an bis zu seiner Ankunft in dieser Residenz Er nannte
ihm Namen und Tatsachen Louis Armand und Helene dAzimont Alles Alles
selbst dass Louison um die elfte Stunde gestorben war
Nichts war der Welt entgangen und wie ein Roman lag es vor Aller Augen
Als Dankmar geendet hatte erwiderte Egon nichts Es hatte ihn tief
erschüttert so offen vor der Welt wie ein aufgeschlagenes Buch dazuliegen und
er dankte dem neuen Freunde dass er aufrichtig und wahr gewesen
Da hab ich nichts an Tatsachen zu erzählen sagte er schmerzlich Die
Menschen kennen alle Blätter meines Lebens was die Summarien anlangt Die
Kapitel und die Überschriften sind richtig Die innere Verknüpfung aber der
Pragmatismus ja der Text selbst steht nur in meiner Brust und im Buche des
Lebens verzeichnet
Und doch fühlt die Welt deinen Pragmatismus nach sagte Dankmar Freilich
Louis Armand ist und bleibt ein unverständliches Kapitel
Weil er schwieg weil er an meinem Krankenlager stand Aber die dAzimont
redete Die zeugte also schon für sich in der Sprache ihrer Tränen in der
Beredtsamkeit ihrer Litaneien Dies Kapitel versteht man denn aus Allem was
ich von dir gehört habe entnehm ich die Darstellung der Salons den blendenden
Styl der sogenannten Rechtfertigungen Rechtfertigungen Die Tatsachen sind
wahr aber ihre Verknüpfung haben Frauenhände gestrickt
Mein Freund sagte Dankmar in einem ernsten Tone der ihm seit einiger Zeit
zur andern Natur geworden war mein Freund wenn der Mann liebt verfällt er dem
Urteil Derer denen die Liebe ihr ganzer Lebensberuf ist Wir können über
Auffassungen unserer Herzensangelegenheiten streiten wie viel wir wollen die
Frauen lassen sich ihr Urteil nicht nehmen und bleiben bei dem gemeinsamen
Interesse das sie alle verbindet Ich habe diesem Urteil nachgesprochen Man
bricht den Stab über dich und deinen Glauben und deine Irrtümer Ganz so wie
man urteilt gab ich dir den Bericht Ich halte Das für das erste Erfordernis
eines Freundes der den Namen verdient
Und ich danke dir dafür wie schmerzlich es mir auch ist mich nicht der
Welt nach meiner Auffassung zu zeigen
Das wirst du für die Zukunft in deiner Hand haben Du bist nun hergestellt
die Welt erwartet dich ich sagte dir offen wie der Boden aussieht auf den du
trittst Dies sind die Tatsachen die man von deinem früheren Leben glaubt
bestätigt zu finden Willst du sie wahrmachen Willst du sie gelten lassen oder
verändern Das steht in deiner Macht
Was urteilt man über die dAzimont fragte Egon und stützte den Kopf auf
und blätterte in dem Thomas a Kempis mit einer Resignation als erschien er
sich bestimmt nur zu leiden und sich zu täuschen
Man findet sie so liebenswürdig antwortete Dankmar dass alle Welt wünscht
sie trennte sich von ihrem Gemahl und Euer Verhältnis würde ein legitimes
Wünscht man Das wirklich sagte Egon lächelnd
Noch mehr Man fürchtet dass Louis Armand diese Vereinigung hindert und dich
in Richtungen treiben wird die mit deinen hiesigen Lebensbedingungen im
grellsten Widerspruche stehen
Fürchtet man Das Wünschen Fürchten
Ich habe Männer von hoher Stellung folgendermaßen reden hören Dieser Prinz
Egon von Hohenberg ist nun gesund und wird bald in die Gesellschaft treten und
sich ohne Zweifel an der Lösung unserer Wirren beteiligen Schlimm wenn er sie
vielleicht noch vermehren sollte Es fehlte uns nur noch dass ein so
hochgestellter junger Adliger mit diesem Namen mit diesen glorreichen
Familienerinnerungen nachdem schon einige junge Adlige und Fürsten uns
Verwirrung genug gebracht haben in Deutschland als Kommunist auftritt
Entsinnst du dich denn nicht unserer Gespräche auf der Reise warf Egon hin
Die Gräfin dAzimont fuhr Dankmar nichtachtend fort wird für deinen guten
Genius gehalten Man hebt hervor dass sie eine Aristokratin auch der Gesinnung
nach ist So sehr Eure Beziehung gegen die Grundsätze verstösst die jetzt in
unserer Gesellschaft vertreten werden so wird man sie doch dulden anerkennen
und ihr Ziel die eheliche Vereinigung befördern wenn sie es durchführt dich
von deinen französischen Bahnen zu trennen Man nennt dich schon ehrgeizig man
behauptet du strebtest nach Popularität Man fürchtet du würdest durch
Aufstellung eines neuen Parteiprincipes die Verwirrung vermehren die so schon
an dem Grundbau und dem Fachwerke unseres Staates mehr rüttelt und ihn dem
Sturze näher gebracht hat als es äußerlich beobachtet werden kann
Dankmar gab diese Fingerzeige so ruhig so massvoll so bei aller Strenge
duldsam dass Egon statt der Antwort auf diese Tatsachen selbst sich nur an Den
hielt der sie ihm mitteilte
Ich bewundere sagte er und stockte
Was fragte Dankmar
Nichts als dich dich selbst Wildungen Wie verschmitzt du bist Wie fein
zugespitzt du das Alles vorträgst Man glaubt einen König der Salons zu hören
oder einen Diplomaten
Statt dieses etwas zweideutigen Lobes antwortete Dankmar lächelnd möcht
ich lieber hören was wohl Prinz Egon zur Widerlegung aller dieser nur
fraubasenhaften Befürchtungen tun wird
Vor allen Dingen mein Freund sagte Egon werd ich mich inniger und wärmer
denn je an meine Lieben anschließen Ich habe einen neuen mir ebenbürtigen
Freund in dir gewonnen und in Louis Armand besitz ich etwas was du mir nicht
einmal sein kannst Ich bin hier so gut wie fremd Meine Angelegenheiten treff
in der größten Unordnung Ackermann erstrebt das Beste aber ich kenne die
Chimärensucht der neuen teoretischen Ökonomen aus meinen englischen Studien
Nur die großen englischen Grundbesitzer sind im Stande von der alten
überlieferten Weise die Erde zu bebauen manchmal abzuweichen und mit Maschinen
Versuche anzustellen Das Zehnte bewährt sich nicht Die Einigkeit zwischen
Ackermann und Herrn von Zeisel dem nominellen Verwalter des Ganzen so zu sagen
das alte Ministerium scheint nicht die größte zu sein Schlurck mir längst
verhasst ist abgeschüttelt aber er hielt die Ansprüche der Gläubiger meines
Vaters zurück ich fürchte sie werden nun zudringlicher und begehrlicher als je
werden In dieser schwierigen Stellung ist mir eine solche uneigennützige
zwischen Freund und Diener schwankende Hingebung wie die meines Louis Goldes
wert denn der gute Mensch ist ohne Ansprüche und fügt sich in jede Rolle und
wäre es die des Lakaien Ich kann ihn nicht entbehren Wildungen Ich teile
seine communistischen Grundsätze nicht aber ich ehre viele seiner Principien
und werde für sie insoweit zu wirken streben als ich wie ich dir schon auf
unserer Reise sagte für eine größere Heilighaltung der Arbeit bin
Wenn ich den Prinzen kenne hab ich oft den Leuten gesagt so ist er ein
Aristokrat wie Ihr es nur selber seid
Dankmar warf diese Bemerkung leicht doch nicht ohne einen forschenden Blick
hin
Ich bin kein Aristokrat wallte Egon fast vorwurfsvoll auf Ich will dass
Gedanken herrschen nicht Überlieferungen Die Politik wie sie in Frankreich
getrieben wird gefällt mir nicht im mindesten Aber auch die deutsche ist mir
verhasst die zumal die hier bisher das Ruder führte Säss ich in einer Kammer
ich würde wie jetzt die Dinge stehen zur Opposition gehören
Vergib mir sagte Dankmar als er bemerkte dass Egon zu lebhaft wurde und
sich über sein Antlitz eine plötzliche Röte zog vergib mir dass ich die
Schonung des erst Genesenden vergessen habe Diese Dinge sind wichtig aber
aufregend
Doch nicht Doch nicht Wildungen sagte Egon und bat nur den Freund ihm zu
gestatten dass er sich auf ein Kanapé streckte Er forderte ihn auf zu rauchen
Er bot ihm türkische Zigarren an und erstaunte selbst dass Louis Armand Alles so
hergerichtet hatte wie er es zu seinem nächsten Bedürfnis stündlich nur
wünschen konnte
Wie sieht es denn in der Welt aus sagte er Sind die Kammern
zusammengetreten Steht das Ministerium noch
Es wird sagte Dankmar die Zigarre ablehnend mit den Kammern fallen die
sich eben versammeln Man macht ein neues Ministerium aus der Kammermajorität
Dies regiert vierzehn Tage Dann kommen einige Forderungen die die Krone
stellen wird Das Ministerium wagt sie nicht an die Kammer zu bringen und dankt
teilweise ab Einige die mehr Mut haben bleiben und verstärken sich durch
Offiziere Chefpräsidenten Bankiers Man wird dies Ministerium das
Ministerium der Taten nennen Man fordert jetzt was die Krone anfangs nur
wünschte Die Kammern doppelt durchwühlt an sich und vollends noch durch den
Ärger der abgetretenen Minister verwerfen diese Forderungen Sie werden
aufgelöst alle Freiheiten werden für unbestimmte Zeiten suspendirt und man wird
regieren wie es eben geht und so lange es geht bis der Zirkel durch eine neue
Kammerwahl wieder von vorn anfängt oder ein großes politisches Ereignis
dazwischen tritt Jede tiefer eingreifende Unternehmung für den Handel die
Gewerbe für das moralische Leben für Kunst und Wissenschaft ist dabei
suspendirt wenn nur die Steuern eingehen und die Beamten ihre Besoldung
erhalten
Mir aus der Seele geschildert rief Egon Und nur zu wahr zu wahr Welch
ein Zustand in diesem gegenwärtigen Europa Die Völker preisgegeben wie im
Mittelalter den zufälligsten Persönlichkeiten Welch ein Versteckspiel mit
diesen Konstitutionen die nur dazu da sind eine Überwucherung von Ehrgeiz in
den dilettirenden Staatsmännern zu wecken Dies Heer von Advokaten
Journalisten Beamten Geistlichen Soldaten die sich weil sie einmal gewählt
und genannt wurden als Volksvertreter Volksführer nun sich einbilden
zeitlebens unentbehrlich zu sein von Ministerportefeuilles träumen und nicht
ruhen bis die Reihe der Schicksalsgunst immer wieder an sie kommt Das ist
wieder das alte Faustrecht in vollkommener Ähnlichkeit nur dass die Waffen die
des dienenden biegsamen Geistes wurden die der Feder des Wortes es ist der
Krieg Aller gegen Alle den ein furchtbarer türkischer Despotismus einst
beendigen wird wenn die Guten nicht zusammentreten und selbst die ewigen Güter
der Menschheit von den Gefahren befreien die diese bei solchem Spiele laufen
müssen
Also wo liegt die Schuld Oben oder Unten
Überall
Und die Besserung
Darüber denk ich täglich nach sagte Dankmar Bald möcht ich diesen ganzen
Bau zertrümmern und ihn neu errichten bald seh ich mich nach einem minder
radikalen Heilmittel um Ich finde keins das in den Verhältnissen und in den
Dingen liegt Jeden klugen Einfall überbietet gleich ein noch klügerer Alles
was Weisheit scheint ist sogleich schon List Ich suche einen Ausweg und finde
ihn nur in dem Menschen und seiner eigenen freien Beschränkung Geb uns Einer
die und gesegnet sei sein Name in Ewigkeit
Amen Amen fiel Egon eben so feierlich ein Der Thomas a Kempis hier neben
uns tut schon seine Wirkung Wir blicken gen Himmel und verlangen Wunder Die
Menschen Eigene freie Beschränkung Großer Gott Wildungen ist dirs noch nie
klar geworden dass die Menschen Bestien sind Nur wer gearbeitet hat und sich
dann ausruhen will ist gutmütig Der fleißige Mensch ist ein Kind Wenn ich
Sonntags auf der Chaumière mit Louison und ihren Freundinnen tanzte dünkten wir
uns Götter und alle Die hatten Teil an diesem bescheidenen irdischen Himmel
die ihre sechs Tage Arbeit hinter sich hatten Die aber die in die Klubs liefen
und Zeitungen lasen saßen mürrisch und tranken mehr Wein als sie bezahlen
konnten Louis Armand sagt zwar die Verfassung der Erde müsse nur auf die halbe
Pflichterfüllung begründet werden sonst wäre dies Dasein eine Hölle Das
bestreit ich ihm und verweis ihm oft wenn er statt zu arbeiten Verse macht
und Aufsätze über das Loos der arbeitenden Klassen schreibt und mehr träumt als
er sollte
Ist Das nicht aber auch eine Arbeit dies notwendige Träumen fragte
Dankmar der die Verse Des Volkes Tochter arme Bettlerin von seinem Bruder
kannte
Die man nicht überwuchern lassen darf antwortete Egon Alles drängt sich
jetzt nach geistiger Arbeit und behauptet die wäre eben so schwer und
anstrengend wie die materielle Aber ich frage Wenn Alle Buch führen wollen
wer wird die Werte erzeugen die die Feder verrechnet Nein Wildungen sage
Denen die meine Freundschaft für Louis Armand fürchten ich bin kein Kommunist
Aber auch die hier übliche Landespolitik veracht ich und wenn mir Gelegenheit
geboten würde Das zu sagen was ich denke würd ich allerdings den Adel und
seine Aufgabe anders bestimmen als es diese trägen Drohnen der Gesellschaft
tun
Ich darf nicht fortfahren bemerkte jetzt Dankmar Ich sehe wie dich der
Gegenstand ergreift Glücklich werd ich sein mit einem Manne von deiner
wunderbaren Lebenserfahrung einen dauernden geistigen Verkehr zu unterhalten
Aber für heute geh ich Ich bin es dir schuldig
Du hast mich angeregt nicht aufgeregt sagte Egon liebevoll Du wolltest
mir die Aufgabe meines Lebens zeigen und mich auf den Empfang der Welt
vorbereiten Ich danke dir herzlich dafür
Wann wird Helene dAzimont erlauben dass ich dich wiedersehe fragte Dankmar
den Hut ergreifend und eine Menge schöner Dinge über die Reize dieser Dame ihre
Bildung ihre Liebenswürdigkeit wiederholend
Helene Hat sie etwas zu erlauben unterbrach ihn Egon Heut um vier
Uhr bitt ich dich sei an dieser Stelle Ich soll auf Schloss Solitüde fahren
Begleite mich mit Louis wenn dir der Handwerker nicht anstößig ist
O Freund sagte Dankmar Der den du liebst den liebe auch ich Willst du
aber nicht noch einen andern Menschen der viel besser ist als ich in unsern
Bund aufnehmen Es ist mein Bruder Siegbert älter als ich edler tüchtiger
schwärmerischer ganz deiner Liebe wert und wenn er einmal die Gräfin oder
dich selbst malt wirst du sein Talent schätzen lernen
Dein Bruder Seid mir Beide willkommen rief Egon Oder denkst du wieder
Wenn es Helene erlaubt Welch ein Wort war Das Menschen spottet meiner nicht
sondern habt Mitleid dass uns die schwachen Augenblicke in solche Bahnen führen
Paradiesesbahnen ergänzte Dankmar Ich sah sie flüchtig und war bezaubert
Sie ist schön lauteten Egons langsam und nachdenklich bestätigenden
empfundenen aber doch kargen Worte
Schönheit wenn sie dauernd zu fesseln im Stande ist kann nicht ohne Herz
sein sagte Dankmar und erwartete eine Antwort
Egon schwieg aber Er umarmte noch einmal den Freund begleitete ihn mit den
Worten Habt mich lieb Ich bedarf es an die Tür und rief ihm als Dankmar
schon ging noch nach
Um vier nach Solitüde mit dem Bruder
Dankmar nickte Als er auf der Straße im Freien war und den Weg zur Fürstin
Wäsämskoi einschlug wo sein Bruder seit einiger Zeit fast täglich zu Mittag
speiste sammelte er alle die Eindrücke die ihn da in so rascher
Aufeinanderfolge bestürmt hatten
Von seiner eigenen Angelegenheit hatte er nicht reden können und noch nicht
mögen
Er war es also sagte er sich Es ist der Freund aus dem Turme von Plessen
der dich seinen Posa sich meinen Karlos nannte Es ist der Egon um den du mit
Melanie Versteck spieltest und dich selbst aufs Spiel setztest Es ist Egon von
Hohenberg der Fürst der Flüchtling oder Schwärmer der Aristokrat in seiner
modernsten Fassung Umwoben von Poesie auf die Höhe der Zeit sich stellend
fühlend mit dem Volke für das Volk und doch Aristokrat
Dankmar gestand sich dass Egon einer der liebenswürdigsten Menschen war die
er je gesehen hatte und doch war ihm ein fremdes Element in die Erinnerung an
den Turm von Plessen gedrungen Er suchte nach einer Formel die diesen
Charakter bezeichnen sollte und fand sie nicht Schon dass er dem weiteren
Nachforschen entsagen und um Frieden zu gewinnen sich ganz an jenen Ackermann
und die Vorstellung wie wohl Selma in weiblicher Verklärung vor ihm stehen
würde verlieren konnte schien ihm als er so zu den Wäsämskois hinwanderte
ein ernstes mahnendes Zeichen
Egon aber auch in sich etwas erkältet erbittert durch die Enttäuschung
über das Bild und dass er um ein Phantom so prasselnd wie ein Strohfeuer mit
seiner Phantasie hatte vor fremden Menschen auflodern ja um dieses Nichts um
diese Qual mit der bigotten Lebensauffassung seiner Mutter Alles Ehre und
Leben hatte aufs Spiel setzen können Egon jetzt glühend nur durchlodert von
Helenen dAzimont jetzt nur erfüllt von der ganzen auf das Herz stürmenden
Macht männlicher Sehnsucht warf dem Leben und seiner Vergangenheit
wiedergegeben alle Fragen alle Skrupel alle lästigen Empfindungen von sich
und schrieb auf das schon angefangene Blättchen
»Weißt du einen Platz Helene wo der ermüdete Flüchtling sein Haupt an ein
warmes Herz legen kann o so nenn ihn mir Soll ich mit schwankendem Tritt dich
selbst aufsuchen so erwarte mich heute noch nicht ich bedarf fremder Hände
die mich führen Willst du aber selber kommen so wirst du das wehmütige vom
Schmerz halbgebrochene Auge des Freundes finden wirst Liebe finden wenn die
Menschen lieben können die zum Strome sagen Führe mich wohin du willst ob zum
Tode ob zum Leben nur führe mich zur Ruhe Dein Egon«
Diesen Brief sollte der Bediente der mit seiner Besorgung beauftragt wurde
erst gegen vier Uhr abgeben wenn der Wagen vorrollte der Egon und die Freunde
nach dem Lustschlosse des Königs Solitüde fahren sollte
Bis dahin bedurfte Egon ernstlich der endlichen Erholung von den Eindrücken
die für seinen Zustand schon zu lebhaft auf ihn eingestürmt waren
Er sank todtmatt auf sein Lager in dem noch dunkeln mit Teppichen belegten
Hinterzimmer und verbot jetzt unter allen Bedingungen ihn durch irgend etwas
bis um drei Uhr zu wecken
Siebentes Kapitel
Ein Stillleben
In dem Hinterhofe des Hauses Wallstrasse No 14 begegnet Dem der sich daselbst
nur eine Weile umsieht sogleich der freundliche saubere Sinn des kleinen
Mittelstandes
Den vorderen Hof konnte man herrschaftlich nennen Da gab es schmuzige
Wasserrinnen lang an den Wänden herabtriefend einen Pferdestall ein ewig
feuchtes Pflaster Durch ein Zwischenhäuschen in welchem der alte Tischler
Märtens seine geräumige und immer von vier bis fünf Gesellen in Tätigkeit
erhaltene Werkstatt hatte kam man wenn man einen großen mit Latten und Bretern
überfüllten Torweg durchschritt in einen kleineren Hof dessen Nebengebäude
zwar nur in Holzfachwerk feuergefährlich genug aufgeführt dastanden die aber
gar freundlich angestrichen und mit blumenbesetzten Fenstern geziert waren Das
Viereck dieses Raumes war zu klein um viel Licht aufzufangen Dafür rückte
Jedes was hier von armen meist arbeitenden Leuten wohnte mit seinem ganzen
Leben dicht ans Fenster und hob die wohnliche Traulichkeit dieses
kleinbürgerlichen Hinterhofes zu einem Hause das nach vornehin sehr stattlich
und eben »herrschaftlich« aussah
Sowie man aus dem großen lehmgedielten Torwege trat ging gleich links an
der Tischlerwerkstatt eine Stiege in die Höhe und führte in die Wohnung des
alten Christian Märtens Erst kam ein Breterverschlag für die Küche die
eigentlich nur ein eingezäunter Kamin war dann eine sehr geräumige Stube wo
die alten Tischlersleute wohnten und dann erst eine große Kammer in der
Fränzchen Heunisch wie eine Taube auf einem Giebel saß
Die auf dem Fortunaball ihr von Jeannetten gemachte wenig erfreuliche
Aussicht sie als Schlafgenossin in diesen engen Raum aufzunehmen war
glücklicherweise nicht in Erfüllung gegangen Jeannette war bei dem verwundeten
Neumann geblieben und hatte sich unter dem Vorwande der Pflege ihres Bräutigams
im Schlurckschen Hause gewaltsam festgesetzt Sie kannte die Nachgiebigkeit der
Eltern die sie gern duldeten Nur Melanie konnte sich vorläufig noch nicht
entschließen sie wieder in ihre Nähe zu lassen
Fränzchen Heunisch wohnte allein und war seit einigen Wochen mehr daheim als
sonst Melanie bei der sie wöchentlich oft vier Tage hatte arbeiten müssen
ließ sie nicht mehr so oft kommen wie sonst Seitdem man sagte Fräulein
Schlurck wäre mit dem Stallmeister Lasally verlobt schien sie weniger die
Gesellschaften zu besuchen und schränkte sich auf die Toilette ein die sie
schon besaß So blieben dem jungen überall gern gesehenen bescheidenen Kinde
nur noch einige wenige Herrschaften die sie mit ihrer Eitelkeit ernährten aber
auch plagten und wie gewöhnlich nichts nach Wunsch bekommen konnten Am meisten
war sie daheim und arbeitete still für sich an den ihr gegebenen Aufträgen
Friede und Stille umgab sie Die Tür des Nebenzimmers war fast immer
geöffnet die alte Frau Tischlermeisterin wirtschaftete in der Küche oder las
geistliche Bücher die Zeitungen Pfennigmagazine oder was sonst von
Kolporteuren wohlfeil in diese kleinen Hütten bescheidener Lebensansprüche
getragen wurde und bei dieser Frau eine etwas konfuse Bildung erzeugt hatte Der
alte Meister arbeitete noch rüstig in der Werkstätte In ihrem Kämmerchen hatte
Fränzchen gern das Fenster auf und saß anmutig wie ein Blumengeist mit ihrem
zarten feinen Köpfchen unter den Levkoyen und dem Goldlack der in Töpfen um
sie her stand In einem kleinen erdgefüllten Kasten wurde sogar Kresse gezogen
die sich jetzt im Spätsommer am Bindfaden schon hoch zum Giebel des Fensters
hinaufrankte Ein Kanarienvogel leider nur in einem hölzernen Bauer
Fränzchens Wunsch ging für ihren gelben kleinen Bibi sehr auf einen
drahtgeflochtenen hing fast über ihr wenn sie gedankenvoll halb vegetirend
saß und nähte Manches Hanfkorn fiel von dem hüpfenden Bibi auf die zarten
Wollbesätze und Puffen und Volants die sie nähte Vor ihr stand ein
Nähtischchen das ihr der alte Märtens zu monatlichen Abschlagszahlungen einmal
auf Weihnachten verehrt hatte in Anerkennung ihrer nun schon über vier Jahre
fleißig gezahlten Miete und ihres sittlichen lobenswürdigen Verhaltens Da
waren in der aufgezogenen Schublade Kästchen an Kästchen und soviel bunte Seide
soviel weißer feiner Twist lag vorrätig dass sie mit Ruhe jeder neuen
Bestellung entgegensehen konnte ob sie nun von Vornehmen kam oder nur darin
bestand dass sie für Dienstmädchen des Hauses und der Nachbarschaft ein Häubchen
zu stutzen oder einen Halskragen zusammenzusetzen übernahm Auch einiger Vorrat
bunter seidner Bänder lag in zierlichen Rollen in jenem Tischchen verborgen Im
Hintergrunde des Zimmers stand ein reinliches Bett auf der einen Seite auf der
andern eine alte geschweifte Kommode und neben einem alten eisernen Windofen
der für eine Kammer ein großer Reichtum fast eine Überraschung war stand noch
ein Waschtisch geschmückt mit kleinen unschuldigen Mitteln zur Pflege einer
Schönheit die eigentlich das frische klare Quellwasser nur als seinen
schönsten kosmetischen Beistand nötig hatte Aber ein junges Mädchen ist nicht
so einfach dass es sich nicht auch den Luxus einiger Seifen eines guten
Zahnpulvers und einiger Hilfsmittel zur Pflege des Haares gestatten sollte
Das Leben eines solchen kleinen Hofes ist wenn auch keine Gessnersche doch
eine Idylle Unten hörte man das Sägen und Hobeln aus der Werkstatt Gegenüber
klopfte ein Schuhmacher auf sein Kniebret ein armer Flickschneider der mit
kreuzweis geschlossenen Beinen wie ein Türke auf hohem Tisch vor einem offenen
Fenster saß sang sich oder pfiff zuweilen ein schnurriges Lied oder sprach
während er seine Fäden wichste zu andern Fenstern hinüber oder in die
Tischlerwerkstatt hinunter Eine Katze die einmal irgendwo an einem Fenstersims
oder am Dachrande ein equilibristisches Kunststück versuchte war ein Ereignis
für den ganzen Hof Man lachte lockte pfiff dem Tier und benützte die
Unterbrechung um die Köpfe aus dem Fenster hinauszustecken und sein
Zusammenleben manchmal harmonischer zu fühlen Zuweilen kamen auch Verkäufer von
der lauten wagenrasselnden Straße herein und schrien Besen Sand Lebensmittel
aus die zuweilen einen lauten Handel zur Folge hatten Fränzchen konnte da von
einigen erprobten und resoluten Hausfrauen die Kunst des Feilschens lernen Oft
erschrak sie wenn die Verkäufer geradezu nur die Hälfte ihres Vorschlags
geboten erhielten und traurig genug konnte sie sein wenn die Ware auch
wirklich dafür gelassen wurde noch trauriger wenn der Verkäufer abzog und beim
besten Willen für so wenige Pfennige seine Ware nicht lassen konnte
Spielleute die auch hereinzogen fanden zwar viel Anerkennung und lachenden
Dank aber selten Geld Kam dagegen eine Frau und sang im Vorderhofe ein
geistliches Lied und wurde von den Bedienten die aus den Hinterfenstern neben
den Seifenwassergossen lungerten ausgespöttelt so durfte sie nur getrost in
den Hinterhof gehen Ein Wer nur den lieben Gott lässt walten öffnete hier alle
Fenster der Armen und Jeder gab der Sängerin was er noch glaubte entbehren zu
können
Eine solche Sängerin hatte eben den Hof verlassen und mit dem letzten Verse
des Liedes Befiehl du deine Wege Fränzchens ohnehin tränenvolles Gemüt
gerührt Es gibt einen Zustand der Seele wo schon jede leiseste Berührung
einer wunden Stelle ein Überfliessen zur Folge hat wie bei einem übervollen
Gefäße Fränzchen hatte der Sängerin einige Pfennige gegeben Sie untersuchte
nicht wie mechanisch und geläufig schon jener Bettlerin dieser religiöse Gesang
sein mochte sie empfand ihn wie eine unmittelbare Eingebung gerade nur zur
Lösung ihrer eigenen gepressten Stimmung Wie einige große schwere Tränen auf
ein Häubchen fielen das sie der Frau Meisterin richtete für den nächsten
Sonntagskirchgang zu Propst Gelbsattel Frau Märtens liebte erhabene Anregung
zog sie die Schublade ihres Nähtischchens noch weiter heraus hob einen
gelbgebeizten kleinen Deckel auf und zog zwei Papiere hervor die sie neben sich
hinlegte Das eine enthielt von Siegbert auch in deutschen Lettern
niedergeschrieben seine Übersetzung des französischen Gedichtes von Louis
Armand das andere ein zweites Gedicht das ihr Heinrich Sandrart der junge
Sergeant verehrt hatte
Das französische Gedicht hatte sie Anfangs als eine Huldigung des Mannes
den sie mit so hoher Verehrung liebte überrascht dann aber bei mehrmaligem
Lesen war es ihr befremdlich geworden Sie hatte wochenlang nichts mehr von
Louis vernommen die vielen Bestellungen die für seine Bilderrahmen und
Spiegelformen einliefen wurden vorn von dem verschlossenen Komptoir hierher an
den Tischler Märtens verwiesen und auf eine große Schiefertafel für die Zeit
verzeichnet wo endlich zu hoffen stand dass Louis Armand aus dem stolzen
Palaste seines hohen Gönners zurückkehren würde Wie wuchs da des armen Mädchens
Verlangen doch irgend etwas von diesem einschmeichelnden sanften und so zarten
jungen Fremdling zu vernehmen und nun erschrak sie regelmäßig dass ihr sein
Gedicht so wenig verständlich war Da waren Wendungen so schrill so
schneidend dass es ein unschuldiges deutsches Mädchen kalt überlaufen musste und
doch entzückte sie wieder das stolze »Nur weine nicht« mit dem jeder Vers
trotz seines schlimmen und fast höhnischen Inhaltes schloss
Heinrich Sandrart dagegen der seit dem Fortunaball sich an sie geklettet
hatte wie mit einer wahren ToggenburgTreue der junge Sergeant hatte in seinen
Versen sogleich das Beste das Höchste das Schmeichelhafteste von ihr gesagt
Er redete sie mit so glänzenden so wohltuenden Bezeichnungen an nannte sie
seines Lebens Sonne und seiner Hoffnung Wonne sprach vom lichten Schimmer ihrer
Augen dem Kelch aus dem er Liebe wollte saugen und sah die Jugend und die
Tugend in ihr treugepaart und nannte sie einen Edelstein unübertrefflich in
seiner Art Das Alles klang besonders von Frau Märtens schmelzend vorgetragen
gar lieblich und schmiegsam und war bis jetzt das Einzige was für Heinrich
Sandrart bei ihr sprach Wie oft hatte sie ihn gebeten ihr nicht mehr des
Abends da wo sie gearbeitet hatte aufzupassen und sie nach Hause zu begleiten
Wie zürnte sie ihm dass er offen und frei mit den alten Märtens sprach seine
edelsten Absichten diesen Leuten zu erkennen gab und diese umsomehr für sich
gewann als er sich in der Eigenschaft eines reichen Bauernsohnes genügend
ausweisen konnte Wie litt sie unter den Vorwürfen der Frau Tischlermeisterin
die ihr wegen ihrer Sprödigkeit gegen den hübschen jungen Sergeanten in
gewählter Sprache gemacht wurden Dieser kam nie ohne eine Aufmerksamkeit nie
ohne ein kleines Geschenk Einen Blumenstrauß eine kleine Näscherei ein
Bildchen führte er fast immer bei sich wenn er sich sehen ließ Aus den
Rockschössen seiner feinen Patentuniform langte er das feinste Obst hervor und
hielt sich Abends und Morgens wo er nur Zeit fand stundenlang wenn nicht an
Fränzchens Seite selbst doch bei den alten Märtens auf die gern mit ihm
plauderten weil er gemütlich und noch über das Pfennigmagazin hinaus
unterrichtet war Fränzchen war nicht etwa kokett oder schnippisch gegen ihn
Gerade weil sie ihn nicht lieben konnte war sie einfach und duldsam gegen
seine Besuche und fand nichts darin dass er ihr oft während sie arbeitete
einen Kuss von der Hand stahl die im Nähen sich nicht verstecken konnte Sie
trug gern kurze Ärmel in der guten Jahreszeit musste nun aber ihr bestes
schönes blaues Kleid tragen nur um durch lange Ärmel zu verhindern dass
Heinrich Sandrart stundenlang auf ihre zarten weißen runden Arme blickte gierig
sich mit seinen liebesirren Blicken an der feinen Haut weidete und ehe sie
sichs versah in die weichen Formen einen brennenden Kuss drückte Ihn mit Gewalt
von sich zu weisen hatte sie den Mut nicht Wer gab ihr ein Recht an Louis
Armand wie an eine Hoffnung zu denken Hatte er sie nicht in diesen letzten
Wochen ganz vernachlässigt War ihr mehr von ihm noch geblieben als dass sie
manchmal mit zitternder Hand auf die Schiefertafel für seine kunstvollen
Arbeiten Bestellungen schreiben konnte die nach seinen Tonformen schon einige
Gesellen des alten Märtens auszuführen versuchten Dann kam es wohl dass sie denn
doch immer und immer Louis Gedicht vor sich nahm und es mit Heinrichs verglich
und trotz der schönen und freundlichen Wendungen des letzteren an jenen herben
und schroffen Worten einen Gefallen fand über das sie sich keine andere
Rechenschaft geben konnte als dass unglückliche Liebe doch wohl auch herb und
bitter mache
Zur Vermehrung ihres Leides war nun sogar der Onkel Heunisch angekommen und
hatte in rascher Weise mit allen ihren Bedenklichkeiten Kehraus machen wollen
Da wurden im Bunde mit Madame Märtens Heinrichs Glücksumstände gepriesen und
als sie immer darauf bestand sie wollte noch nicht heiraten hieß es so
möchte sie in das Forstaus nach Hohenberg mitkommen und dem Onkel die
Wirtschaft führen Die Ursula sträube sich zwar dagegen aber der Onkel dem
das Heiraten so vergällt worden müsse eine Stütze für sein Alter haben
Heinrich würde dann seinen Ernst beweisen können Nähme er seinen Abschied käme
er nach dem Ullagrunde der nur zwei Stunden vom Forstause läge und halte er
dann noch um die Franziska an so würde sich das Übrige finden Dann wollte er
schon wenn entweder auch noch die Ursula Marzahn um ihn herumspuke oder schon
jenseits wirtschafte sich allein zurechtfinden wisse er doch im Ullagrunde
bei dem reichen Bauer Sandrart wohne ein Paar das ihn lieb hätte und wo er
öfter verweilen würde als auf dem Gelben Hirsch ginge auch der Weg nach dem
Ullagrunde über einen Ort vorbei den er gern miede über das Kreuz am Strudel
und die Sägemühle
Fränzchen hatte selbst wenn ihr nicht Louis Armand im Sinne gelegen wäre
ein Grauen vor dem Forstause Sie war in ihrer Kindheit als ihre Eltern die
sie mit den Wandstablers verwandt machten gestorben waren einige Wochen beim
Onkel Heunisch bei ihrem Vaterbruder gewesen ihre Mutter war eine Schwester
des Wachtmeisters und Haushofmeisters Wandstabler allein die Ursula Marzahn
hatte diesen Besuch offenbar mit scheelem Auge angesehen und hinter zutunliche
Freundlichkeiten manche schlimme Absicht versteckt Wie oft hatte sie nicht das
kleine Mädchen an einen mit schönen gelben Blumen überwucherten Sumpf geführt
und ihr gesagt Hol einmal ein Büschel Blumen Fränzchen ich weiß ein
Kunststück und sage dir wer dein Mann wird
War das kleine Kind dann in den Sumpf bis an die Knie gesunken so lachte
sie und wollte sie nicht wieder herausziehen Weinte sie dann über ihre
beschmuzten Strümpfe so bot ihr die Alte zwar große Brotschnitte mit
Zwetschenmuss und ganz feinem weißen Zucker aus ihrem Geheimschranke darauf aber
einmal dass sie davon gegessen hatte war sie so elend krank geworden dass sie
die Schnitte mit dem Zwetschenmuss und dem weißen Zucker aus ihrem Geheimschranke
nicht wieder nehmen wollte Heunisch der sich überzeugte dass das Kind in
seinem Walde nicht viel lernen und unter der Wunderlichkeit der damals noch
rüstigen Ursula leiden würde nahm sie damals fort und gab sie in die Stadt zu
den Wandstablers die es freilich so arg mit dem jetzt herangewachsenen Mädchen
vorhatten dass es eines Tages aus dem Pavillon wo der alte Fürst badete mit
Schaudern entfloh und sich bei den Tischlermeisters Märtens die ihre Eltern
gekannt hatten einmietete um hinfort von ihrer Hände Arbeit zu leben
Heunisch sagte nun zwar die Ursula wäre alt und zahm und ganz kindisch aber es
graute ihr doch vor dem Gedanken in das Forstaus zurückzukehren und als der
Onkel gar hören musste In deinem Walde Onkel sterb ich da brach er lieber
vorläufig von seinen Vorstellungen ab und beschloss betrübten Herzens und
unverrichteter Sache aber mit Hoffnung auf den Sergeanten nach Hause wieder
heimzukehren
Den Hochmutsteufel sagte er sich zum Trost hab ich ihr doch vertrieben
Dies Zeugnis das er sich als Belohnung für seine Reise geben zu dürfen glaubte
bezog sich auf den Fortunaball über den sich Fränzchen ihrer Freundin Louise
Eisold wegen nicht völlig zu rechtfertigen wagte und es nun auch nicht mehr
nötig hatte da Heinrich Sandrart sie eben dort kennen lernte Noch mehr
Hochmutsteufel lag Heunischen in einem Luxus der in seinen Augen sehr
überflüssig war in der Erlernung der französischen Sprache Am Tage nach dem
Fortunaball nämlich wo sie im Gewühl das nach der gewalttätigen Szene im
Garten entstand mit Heinrich Sandrart wieder zusammengeriet und endlich nach
vier Uhr erst als Louise den Nachtwandler auffing mit dieser in einem Wagen
nach Hause entkam den Sandrart bezahlte war jener Franzose dessen grüne
Brille großer Schnurrbart lästiger Husten auf dem Fortunaballe allgemein
aufgefallen war in ihre Wohnung gekommen und hatte sich als einen Professor
Monsieur Sylvester zu erkennen gegeben Dieser alte Geck war anfangs von einer
so auffallenden Zudringlichkeit dass das junge Mädchen ihm verbot sich wieder
bei ihr sehen zu lassen und Madame Märtens unterstützte diese Weisung ihrerseits
mit feinstylisirten Drohungen die er in seinem gebrochenen Deutsch vergebens zu
beschwichtigen suchte Monsieur Sylvester war bejahrt verbarg diese Tatsache
aber durch Perrücke und mancherlei nur in der Nähe sichtbare Toilettenkünste Er
hatte eine sehr glatte aber fast leblose Haut Wenn er mit den scharfen grauen
Augen blinzelte sah man an den Schläfen hundert Falten die sich bis an die
Augenwinkel zogen Die hervorstehenden Zähne waren offenbar nicht echt Seine
feine Kleidung verriet den Mann von Welt und an einschmeichelnden gewandten
Manieren fehlte es ihm sowenig dass er es wiederholt wagte sich bei dem jungen
hübschen Mädchen das inzwischen schon von Heinrich Sandrart die ersten
Huldigungen empfing dennoch einzuführen Er gab vor eine Bestellung für den
Vergolder Louis Armand zu haben und ließ genau von Franziska die vor ihm
zitterte wie vor einem giftigen Basilisken seine Adresse aufschreiben Monsieur
Sylvester Königsstrasse Nr 13 im dritten Stock Er behauptete bei Armand
Aufträge für eine große Herrschaft zu haben Franziska mochte ihn nicht ansehen
wandte ihm selbst den Rücken aber sie wurde rot als Herr Sylvester anfing von
Louis Armand zu sprechen und einen langen forschenden Blick auf sie richtete Ja
als er sogar von Armands Äusserm seinen Verdiensten und Vorzügen sprach sogar
behauptete ihn von Ansehen zu kennen und Fränzchens Verlegenheit wuchs hätte
sie im Spiegel bemerken können dass er eine eigentümlich überraschte pfiffige
Miene machte Als er gegangen war fand die Frau Tischlermeisterin den gelehrten
Mann doch so übel nicht Fränzchen aber riss das Fenster auf und meinte er hätte
eine Atmosphäre hinterlassen dass sie frische Luft schöpfen müsse Dennoch
setzte sie sich an ihren Nähtisch und dachte dem Lobe nach das Herr Sylvester
seinem Landsmann Louis Armand gespendet hatte Der widerliche Mann erschien ihr
bei längerm Nachdenken jetzt schon minder abschreckend und eines Abends als der
»Zufall« wollte dass Sylvester ihr wie sie gerade von der Arbeit kam wieder in
den Weg trat war er so artig so manierlich so zuvorkommend dass sie zwar
Anfangs im Gehen nicht inne hielt nicht unter ihrem zierlichen Strohhütchen
dem ein blaues Band sehr gefällig stand aufblickte aber doch zuhörte was er
wenn ihn der astmatische Husten nicht plagte so neben ihr in seinem
gebrochenen Deutsch hinplauderte Er erwähnte wieder die großen Talente des
jungen Armand sprach von vielen unverfänglichen Dingen und empfahl sich an der
Tür ihres Hauses mit so viel Artigkeit und so wenig aufdringlich dass sie ihm
wenigstens das eine wenn auch kalte Wort Ich wünsch Ihnen einen guten Abend
gönnte Mehr hatte sie ihn nicht gesprochen Oben in ihrem Stübchen fand sie
damals einen Brief von Louis Er schickte ihr jenes Gedicht und bat sie seiner
zu gedenken so lange ihn ernste Pflichten fern hielten »Derselbe junge
Mann sagte er in dem Briefe der schon einmal so freundlich war an den guten
Herrn Märtens einen Auftrag auszurichten hat mir das beifolgende Gedicht
übersetzt das ich Ihnen widme meine liebe Franziska Möge es Ihnen den Trost
in Ihrer Einsamkeit gewähren dass wir Parias der Gesellschaft doch einen stillen
Bund geschlossen haben indem wir für unsere Empfindungen einen gemeinsamen
Cultus hegen Die Reichen und Vornehmen sind nicht so glücklich sie hassen
sich Wir Armen können uns lieben«
Das letzte Wort in diesem Briefe entzückte Fränzchen aber Paria in der
Gesellschaft und Cultus Das waren zwei Worte die Franziska selbst mit
Hilfe mehrer Jahrgänge des Pfennigmagazins der ganzen Belesenheit der
Tischlerin und selbst mit einer Anfrage bei dem gegenübersitzenden Schneider
nicht entziffern konnte und ihr unverständlich waren wie das Gedicht selbst
Sie empfand nun plötzlich das Bedürfnis einer höheren Bildung Wer sollte ihr
sagen was ein Paria der Gesellschaft und der Cultus ist In ihrer nächsten
Gedankenreihe fühlte sie dass es gewiss ein großes Glück wäre wenn man
französisch gelernt hätte und sonderbar Von dem Augenblicke an bildete sich ihr
der Gedanke Herr Sylvester hat sich so lange nicht sehen lassen ich möchte ihm
wohl einmal wieder begegnen Dies geschah zwei Tage später Herr Sylvester
begegnete ihr nicht nur sondern er wagte sich sogar noch einmal zur alten Frau
Märtens an einem Sonntage wo er vielleicht wusste dass diese strengen
Sittenrichter in die Kirche gegangen waren Heinrich Sandrart hatte Parade und
Fränzchen tat dem Sergeanten nicht den Gefallen in die große Allee zu gehen wo
er stolz mit seiner Gardecompagnie unter Befehl des ihm seit dem Fortunaball
nicht besonders gewogenen Lieutenants von Aldenhoven vor sich einen Flottwitz
und hinter sich einen Flottwitz in dem Bataillon des Majors von Werdeck
marschirte Vergebens sah sich der Sergeant rechts und links um ob unter den
Zuschauern nicht Fränzchens Strohhut mit dem blauen Bande sichtbar wurde
Vergebens hörte er den Lieutenant von Aldenhoven ihm zuraunen Was gaffen
Sie denn Sandrart Der Zorn trieb ihm das Blut ins Gesicht aber
Fränzchen war zu Hause kümmerte sich nicht um die Parade nicht um Heinrich
Sandrarts goldene Litzen sie saß unter ihrem gelben kleinen Bibi und knusperte
mit ihren weißen Zähnen an den Hanfkörnchen die der Verschwender über ihr
niederfallen ließ Da trat Herr Sylvester ein sehr elegant sehr fein wie ein
vornehmer Herr der sicher heute noch bei einem Minister speiste Herr Sylvester
sagte er wollte sich erkundigen wie es mit seiner Bestellung wäre der reiche
Herr drängte um die Einrahmung seiner Bilder die große Meisterwerke wären und
glänzende Ausstattung verdienten Fränzchen bedauerte Louis Abwesenheit
erzählte dass er sich der Pflege des kranken Fürsten Egon widme den er von
Paris kenne und zeigte sich so im Zuge so angeregt über Alles was Louis
betraf dass Herr Sylvester Mut fasste sich umzusehen und sich sehr beherrschte
nicht wieder in den lüsternen Ton zu fallen den er hässlich und widerlich
genug nach dem Fortunaball angestimmt hatte Das Gespräch kam auf die
französische Sprache und Fränzchen erkundigte sich was ein Paria der
Gesellschaft und der Cultus wäre Cultus sagte Herr Sylvester und lächelte so
stark dass man an seinen eingesetzten Zähnen fast die feinen Drähte und das
künstliche Zahnfleisch sah Cultus ist die Verehrung die Liebe ist ein Cultus
meine liebe Franziska und die Parias sind eine unglückliche Kaste von Menschen
in Indien die arm elend verstoßen sind und bleiben weil sie arm elend
verstoßen geboren wurden und nichts lernen können Sind Das einige Erinnerungen
aus den Gesprächen mit Louis Armand Fränzchen errötete und die Folge der
weiteren Forschungen und Schmeicheleien des Herrn Sylvester war die dass sich
der feine Mann erbot ihr französischen Unterricht zu geben Als sie halb
erschrocken halb doch innerlichst erfreut Anstand nahm und mit lächelndem
Scherz auf ihre leere Kasse deutete wies Herr Sylvester jede Zumutung an die
Voraussetzung eines materiellen Interesses zurück und drängte so lange und so
artig so wirklich gefällig in Franziska dass es dieser vorkam als wenn sich
die grüne Brille des Fortunaballes niemals in so abschreckender Gestalt fast
wie eine Schlange ihr offenbart hätte Sie fand ihn leidlich und ging auf die
Vorschläge ein bei ihm wöchentlich drei Stunden zu nehmen Sie sagte sie
wollte ihm dafür nähen was er wünschte auch Namen zeichnen in Taschentücher
oder was er begehre sie wollte sich ihm dankbar zeigen Ich will Sie nur
gelehrig sehen sagte Herr Sylvester und schlug vor die Stunden bei ihm zu
nehmen In der Königsstrasse Nr 13 sagte sie nein Das geht nicht Er
wiederholte vergesslich Königsstrasse Sind Sie ausgezogen fragte sie Er
schien in Verlegenheit und antwortete Ja wohl ja wohl Königsstrasse Franziska
meinte nun die Mühe zu ihr zu kommen müsse er sich nicht verdrießen lassen
sonst dürfte sie den Unterricht nicht nehmen Er versprach diese Bemühung
fürchtete aber die Wirtsleute seines Zöglings möchten Einsprache tun Das
soll meine Sorge sein sagte Fränzchen und richtig sie wusste den alten Leuten
als sie aus der Kirche kamen und von der Parade noch die Schlussmusik gehört
hatten das Glück der Bildung und geistigen Vervollkommnung so klar und
besonders der Tischlermeisterin anschaulich zu machen dass die Stunden ihren
Anfang nahmen Zwar hatte Fränzchen mit Herrn Sylvester viel auszustehen
Anfangs wollte er durchaus die Verbindungstür zwischen beiden Zimmern
geschlossen wissen dann als ihm Fränzchen dies abschlug wurde er
nichtsdestoweniger oft hinter den schützenden Blumen und der rankenden Kresse
wieder so unartig wie nach dem Fortunaball Aber auf ein ernstes Herr
Professor sammelte er sich und Fränzchen lernte so geschwind ihre Vokabeln
übte sich so fleißig in den Präparationen dass sie sichtbare Fortschritte
machte Das dauerte vier Wochen bis Onkel Heunisch kam Ärgerlich über die
Weigerung seiner Nichte den jungen hübschen und reichen Sandrart zu heiraten
kam er gerade mit einem Besuche des Herrn Sylvester zusammen maß diesen Mann
von oben bis unten und von unten bis oben ließ sich Dies und Jenes erzählen
hörte Heinrichs Klagen dass Fränz zu hoch hinaus wolle und dass sie mit diesem
Sprachmeister ins Gerede komme und erklärte ihr als die Stunde vorbei war
dass dies die letzte gewesen wäre Wie sagte Fränzchen entrüstet Heunisch
antwortete ruhig Er dulde diese Ausschweifungen nicht länger Sie wäre armer
Eltern Kind und müsse ihr Brot von anderer Leute Gnade essen Punktum Der
alte Kerl dürfte hier nicht mehr über die Schwelle kommen
Franziska war erst fast ergrimmt Dann aber fügte sie sich und war zuletzt
mit diesem Entschluss umsomehr zufrieden als sie doch von Louis Armand dem all
ihr Mühen und Lernen galt vergessen zu sein schien Louis Armand ließ nichts
mehr von sich hören Herr Sylvester kam sehr unregelmäßig blieb oft nur eine
Viertelstunde und nur wenn Niemand außer Fränzchen zu Hause war konnte sie
ihn nicht wieder fort bringen Er spottete so boshaft er wusste so viel
zweideutige Anekdoten er blieb so wenig bei der Sache dass sie in der Tat das
nächste mal zwar mit einer gewissen Befangenheit aber doch entschlossen
erwiderte dem Onkel seinen Willen zu tun und ihm sagen zu wollen Herr
Sylvester ich fühle dass ich für meine Verhältnisse zu viel Zeit auf eine
Sprache verwende zu deren Benutzung mir mein künftiges Leben keine Gelegenheit
bieten wird
So saß Fränzchen an ihrem Fenster las in der wehmütigen Stimmung die das
Lied der armen Frau angeregt hatte die beiden Gedichte wieder durch und nahm
das Einerlei ihrer Arbeit vor
Der Flickschneider von drüben machte manchmal einen Scherz mit ihr
Bon jour Mamselle rief er nach einiger Zeit Parlez vous français
dabei lachte er ohne es jedoch so bös mit seinem Spotte zu meinen wie ihn
die alte Märtens die nebenan eben die Zeitung laut buchstabirte nahm und sich
unterbrach mit den Worten
Portugal Dem Heiland sei Dank dass die Menschen bald nicht mehr solche
schändliche Reden hinter uns ehrlichen Leuten werden sagen können Schon
wieder ein Erdbeben gewesen Ich begreife nicht wie Eins dies so lange hat
dulden können Fünf Häuser sind eingefallen
Während Fränzchen diese harten von einem portugiesischen Erdbeben
unterbrochenen Worte überdachte verfloss wohl eine Viertelstunde und wieder rief
der Flickschneider nach einer Viertelstunde über den Hof
Habe ja die Flöduse so lange nicht gehört Guter Mond du gehst so stille
das ist mein Leibstück Mamsell
Frau Märtens musste wohl nebenan durchs Fenster ihm eine Miene des
traurigsten Achselzuckens machen denn ganz laut hörte Fränzchen den Seufzer
der mehr jene Gebehrde begleitete als den Vorfall dass in Mexiko eine
Bergwerksgrube eingestürzt war und dreizehn Indianer verschüttet hatte
Die Flöte aber blies Heinrich Sandrart wenn der junge Soldat von Fränzchen
nicht beachtet wurde und wohl eine Stunde neben ihr gesessen und kaum ein
Wörtlein von ihr vernommen hatte Dann ging er traurig nebenan und langte sich
eine Flöte her die er bei der Frau Märtens auf der Kommode unter den darauf
prangenden großen bunten und vergoldeten JahrmarktsDeckelgläsern und einigen
lehrreichen Schriften liegen hatte und blies dann so still für sich aber zur
Freude des ganzen Hinterhofes einfache Volksmelodieen wie er sie gerade
auswendig konnte oder im Ullagrunde von den Knechten seines reichen Vaters hatte
singen und jodeln hören
Die drückende Schwere des Herzens die Fränzchen durch die halb politischen
halb privaten Seufzer der alten Tischlermeisterin nur noch mehr beängstigte
löste ein Besuch der rasch und eilig die schmale Treppe fast herauf stürmte
Man hörte das Küchengatter draußen heftig öffnen und noch heftiger zufallen
Ist Fränzchen zu Hause rief eine weibliche Stimme im Eintreten und schon
war der Besuch durch die größere Stube hindurch in Fränzchens Kammer getreten
Es war Louise Eisold
Achtes Kapitel
Volksahnungen
Die Trauerkleidung in der Louise Eisold über die Straße ging konnte der durch
diesen Besuch angenehm überraschten Franziska nicht auffallen
War doch in der Nacht als beide Freundinnen den Fortunaball besucht hatten
zur tiefsten Betrübnis und zu einem ewig nagenden Vorwurfe für Louisen der alte
Urgroßvater mitten unter seinen Urenkeln still entschlummert
Einmal nur hatte Franziska Louisen seither gesehen Zwei Tage nach dem Ball
kam sie wegen der Kleider über deren Benutzung Mademoiselle Florentine die
Putzmacherin furchtbaren Lärm schlug und mit allen Gerichten der Welt drohte
Louise nahm diese Nachricht ruhig auf und wehklagte nur über den Tod des Alten
der so einsam so verlassen so lieblos hatte dahingehen müssen Die Kinder
hatten alle geschlafen so wie sie sie verlassen hatte das Jüngste hatte sich
nicht geregt die Uhren gingen wie sie aufgezogen waren sie war leise und still
mit der Morgendämmerung in ihr Zimmer zurückgekehrt selbst Karl der früh auf
die Arbeit musste schlief noch gegen fünf Uhr Nur ein Blick auf den Alten
zeigte ihr dass Das kein lebendiger Schlaf mehr war der so den Körper streckt
so die Züge des eingeschrumpften trocknen Gesichtes spitz hervortreten lässt
Sie fühlt auf die Stirn sie fühlt den Puls sie betastet die Hände die Füße
der alte Mann war entschlummert vielleicht von einem Lungenschlag getroffen
Mit einem Schrei der ihrem ohnehin bebenden und gepressten Herzen Luft machte
weckte sie alle Geschwister Diese fuhren empor Großvater ist tot Alle Kinder
schrien und weinten Nur Louise konnte vor innerem Schauder nicht zu Tränen
kommen Sie verurteilte sich selbst Sie sah den Alten sich nach ihr noch
einmal umblicken sie hörte ihn rufen sie glaubte an seinen Uhren zu bemerken
dass er noch einmal aufgestanden war Sie täuschte sich wohl aber ihre Phantasie
malte ihr dass er Allen vielleicht noch ein Lebewohl sagte aber sie fehlte
Sie die die Hüterin der Schutzengel dieser Räume sein sollte Erst als die
Kinder alle auf ihre Arbeit gegangen waren und die ganz Kleinen ihr ihren wahren
Kummer nicht ausfragen konnten machte sie ihrem Herzen durch Tränen Luft
Und dann die Sorge des Begräbnisses Glücklicherweise gehörte der Greis zu einer
sogenannten Todtenbrüderschaft bei der man sich durch Jahresbeiträge ein
anständiges Begräbnis sichert Einige schwarzgekleidete Männer nahmen ihr die
Sorge der Beerdigung ab Mit den schwarzen Kleidern angetan die sie erst vor
kurzem nach beendigter Trauer um die Eltern abgelegt hatte folgte sie dem Sarge
mit ihren Geschwistern Jedermann erstaunte wie sie vor der aufgeschütteten
Erde so trostlos weinen konnte Man glaubte doch dass ihr eine Last vom
Schicksal abgenommen war Niemand kannte ihren nagenden innern Vorwurf ihre
bittere Reue die Vizewirtin Mullrich ausgenommen die recht hämisch den
Kopf schüttelte als der Sarg durch die schmale Tür auf den vor ihrem
Kellerfenster stehenden Leichenwagen gehoben wurde Ihr Mann der gerade von der
Unternehmung bei der Schievelbein heimkam hatte wohl gesehen dass Louise Eisold
damals an der unteren Ecke der Brandgasse aus einem Fiaker stieg in dem noch ein
andres geputztes Frauenzimmer und ein Soldat saßen
Louise die in allen Dingen entschlossen handelte und Umstände nicht liebte
machte ohne Weiteres die Kammertür zu umarmte Fränzchen nahm sich einen Stuhl
und setzte erschöpft von ihrem raschen Gange zu ihrer Freundin sich nieder
Ich habe mir ein paar Augenblicke abgestohlen sagte sie und bin froh dich
zu Hause zu finden Du wirst nicht gewusst haben wo ich so lange geblieben bin
Auch ich hatte viel zu tun sagte Franziska
Lass dich nicht stören Arbeite fort Was wird Das
Ein Häubchen für eine Nachbarin
Wie hübsch die Spitzen Kind ich komme von Florentinen
Ach
Ich denke die Gefahr ist vorüber Ich hab ihr zum letzten male meine
Meinung gesagt und nun sind wir einverstanden
Gott sei Dank
Ich sagte ihr Wenn wir nicht so ehrlich wären hätte sies nie zu erfahren
brauchen dass wir mit diesen Kleidern auf dem Fortunaball waren
Wir hatten sie so gut erhalten
Aber betrügen wollten wir sie nicht Die fünfzehn Taler die sie mir seit
Jahren schuldet und die ich doch nie wieder bekomme würden den Flitterstaat
vollkommen bezahlen allein was sollen wir damit Ich gehe sobald auf keinen
Ball wieder Und du
Erinnere mich nicht
Genug sie nimmt die Kleider wieder ja kaum hatt ich sie hingeschickt so
hängen sie schon prächtig wie das Allerneueste in ihrem Magazin und zwei
vornehme Damen sah ich die sie sehr bewunderten sich Blumen als Besatz
bestellten und die Überwürfe zu förmlichen Kapuzen umnähen lassen Ich sah dem
Handel ruhig zu und schüttelte für mich den Kopf welch ein Ausbund die
Florentine ist Du hättest sie reden hören sollen Das Neuste das Schönste Sie
werden reizend aussehen meine Gnädige wie ein Engel ach wie ein Engel
Wie die Damen fort waren lachte sie und machte hinter ihnen eine lange Nase
Auf meiner Rechnung strich sie doch fünf Taler als bezahlt aus
Fünf Taler
Sie verkaufte beide Toiletten für dreißig Taler
Und doch fünf Taler für dich Das heißt zwei ein halb für dich und zwei und
ein halb
Wo denkst du hin
Ich kann es Louise Mein Onkel der Förster ist hier er hat mir einen
Louisdor geschenkt Das sind noch über fünf Taler
Meine Rechnung bekäm ich von der Florentine doch nie bezahlt Lass Lass
Lass
Um so mehr Sieh da ist das schöne Goldstück
Fränzchen zog ihr Nähkästchen auf wo neben den beiden Gedichten ihr
bescheidenes Geldbeutelchen lag
Louise wollte aber nichts nehmen
Louise begann Fränzchen was war Das nur in jener Schreckensnacht Die
Lichter erlöschten der Tag schien in den Saal mich hatte der Sergeant am Arm
du hieltest den Unglücklichen der dich den ganzen Abend allein beschäftigte und
den Alle einen Nachtwandler nannten der Vorfall mit der Auguste Ludmer wie
das geputzte Mädchen heißen soll die Polizei der Mann mit der schwarzen Binde
ach ich kann dir nicht sagen wie mir Das noch heute Alles im Kopf wirbelt
und summt Vorher der Lärm im Garten das Geschrei das Jammern die drei
schwarzen berussten Menschen die mit eisernen Stangen am Zaune lagen der
Große mit den hohen Schultern einen solchen Buckligen hab ich mein Lebtag
nicht gesehen wäre Der ausgewachsen das hätte einen Riesen gegeben ein
Glück dass der liebe Gott auf Den die Hand legte und ihm sagte Duck dich
Nein Louise es ist mir über diese Nacht noch heute so wüst im Kopf dass ich
ordentlich den Verstand verliere wenn ich zu lange daran denke
Liebes Kind manchmal hab ich ihn schon verloren und rede wahnwitzig
Louise Was sprichst du
Mein Elend ist grenzenlos sagte Louise Und nicht weinen dürfen Warum
nicht weinen Die Stickereien könnten leiden wenn sie feucht werden Ha ha
Fränzchen Das ist eine schöne Welt
Spotte nicht Louise Glaubst du nicht an Gott und eine Bestimmung
Louise blickte düster und grübelnd vor sich hin Sie faltete ihre Hände mit
den schwarzen Handschuhen und legte sie gedankenvoll in den Schoss Die beiden
Locken die sie hinterm Ohr trug glitten herab über die Brust die sich mit
schwerem Seufzer hob Die edle Stirn die feine Nase die Lippen konnten für ein
Marmorbild gelten So steinern und starr war ihr Ausdruck Dann wie von innerer
Glut erhitzt sprang sie auf riss den mit schwarzem Bande besetzten Strohhut vom
Kopfe eine schwarze seidene Echarpe von den Schultern warf Beides auf das
Bett gleichgültig ob die Gegenstände so oder so fielen und stützte das bleiche
Haupt mit dem Arm auf die Lehne des Stuhles in den sie sich niederwarf
Louise sagte Fränzchen mit Vorwurf über diese Heftigkeit legte ihre Arbeit
auf den Tisch glättete die Echarpe aus und legte sie sauber aufs Bett und
daneben den Hut den sie gerade bog und seine Bänder durch die Finger gleiten
ließ
Manchmal begann Louise nach einer Weile manchmal bringen mein Wilhelm und
Karoline von den Zeitungen die sie nicht haben verkaufen können einige Blätter
mit und ich lese darin bis sie Morgens wieder in die Druckerei müssen
abgeliefert werden Gestern Abend Alle schliefen da schrieb ich mir doch eine
Stelle auf die in einem Winkel der großen neuen Zeitung »Das Jahrhundert«
stand »Das verschlossene Jenseits« hieß es da »entriegelt der Tod Derer die
uns schon vorangingen Strahlender öffnen sich die dunkeln Pforten der Zukunft
wenn uns die abgeschiedenen Geister unserer Lieben winken und heimlich und leise
wie im Abendwinde rufen Ach folge doch nach« Der Name des Mannes der unter
diesen Worten stand wird mir ewig teuer bleiben Guido Stromer
Damit wiederholte sie noch einmal jene kurze Sentenz in der wir einen der
ersten schriftstellerischen Versuche unsres Guido Stromer kennen lernen
Die die gestorben sind Louise schalt sie Franziska rufen dir nicht
Folge nach Sie sagen dir Bleibe Sorge für die Nachgelassenen Erziehe sie
Sei ihnen Mutter
Louise lächelte bitter Ihr ganzes Wesen verriet Schmerz und Verzweiflung
»Heimlich und leise« sagte sie träumerisch »wie im Abendwinde Ach folge
doch nach«
Du denkst an deine Eltern an den alten Großvater der dir in der Nacht
starb wo du nicht an seinem Lager stehen konntest
Warum ist man leidlich tugendhaft sagte Louise bitter und hörte nicht auf
Fränzchens Einreden Warum hat man ein Gewissen Wie ich dann erst das Kind
glücklich und gesund neben meinem Bette schlafend fand mocht ich auf die Kniee
fallen so dankt ich Gott Jeden Schläfer sah ich an und betete Die Gardinen
zog ich zurück damit der erste Sonnenstrahl auf jedes ruhig schlummernde
Antlitz fiel Da steh ich bei dem alten Mann Er sieht so bleich so starr ich
berühre ihn Er ist tot Warum belog ich mich nicht und sagte Fataler Zufall
Ich las noch eine andere schöne Stelle von diesem herrlichen Guido Stromer Er
sagt »Es lässt sich leider nachweisen dass nur Die Menschen eine ewige Größe
erschwangen die auf der Leiter ihrer Taten selten zurücksehen und in ihr
Inneres nie« O Das ist dunkel Aber ich verstehe es schon Man ist und wird
nichts wenn man so dumm ist gut zu sein
Du verwirrest dich Louise Warum liest du solche schreckliche Sachen Ergib
dich deinem Schicksal tröstete Fränzchen
Ich trag es ja sagte Louise kopfschüttelnd Aber manchmal kommt ein Geist
über mich den ich gar nicht nennen und fassen kann Da ists mir als sollt
ich an einer Säule rütteln so groß und stark wie sie am Schloss stehen Ich
möchte das Haar aufbinden und über die Straße rennen und den Untergang der Welt
oder den Anfang einer neuen ausrufen
Die Last deiner Sorgen drückt dich und du liebst unglücklich Louise
Louise erschrak Dann aber raffte sie sich auf und sprach leiser
Wer sagt Das
Ist es dankbar von dem kranken Mann antwortete Fränzchen dem du soviel
Sorgfalt schenktest dass er dich verlässt Ich habe dich nicht fragen mögen
Louise Du bist heimlich und dein Zorn erschreckt mich oft Ich weiß nicht
einmal ob dieser Hackert es um dich verdient Im Hause des Justizrats Schlurck
ist er nicht gut angeschrieben das weiß ich von Jeannetten
Weil sie ihn gequält gefoltert haben fiel Louise ein Diesen Menschen
behandelten sie erst wie einen Sohn und erzogen ihn Wer verdenkt es ihm als
diese hoffärtige stolze kalte Tochter in ihrer ersten Gefallsucht ihn
ausfrägt was Liebe ist dass ers ihr sagt und an seinem eigenen Beispiel
beteuert Sie kommt zum Bewusstsein trägt den Kopf hoch darf ihn hoch tragen
aber will nun nichts mehr wahr haben was sonst zwischen ihnen gegolten hat Er
vergrämte sich und wachte die Nächte wenn sie von den Bällen heimkam er will
ihr nur das Licht vortragen Sie erinnert sich aber auf Nichts mehr Sie will
nicht hören dass sie mit ihm Versteck spielte und in ihrer Wildheit Nachts mit
ihm durch die Straßen lief in Knabenkleidern Weil sie jetzt Offiziere schöne
Kavaliere zu Dutzenden um sich hat ist ihr der Mensch den sie gefragt hat
Fritz sag mir was Liebe ist ein Gegenstand des Abscheues und des Schreckens
geworden Längst hätte man ihn aus dem Hause geworfen wenn ihn der Vater nicht
liebte als guten Arbeiter klugen gewandten Kopf vielleicht fürchtete als
verteufelten Pfiffikus der seine niederträchtigen Schliche durchschaut Ha
Hackert hat mehr Witz im kleinen Finger als mancher Professor im Kopf und wenn
man gewollt hätte wäre mehr aus ihm geworden als ein unglücklicher Mensch Wie
schreibt Der schön Wie kann Der lustig sein Wie toll sind seine Scherze Ja
sein Haar ist rot er ist einer von den Gezeichneten Sind die alle so schlimm
Du nennst Danebrand der ihn auf dem Fortunaball herausschlug
War Das Danebrand Der gute Schleswiger der für Euch arbeitete Den du
deinen Eltern zu heiraten gelobtest weil er ihnen versprochen hatte für Karl
so lange die Stelle des Vaters offen zu halten
Nun was sagt ich dass ich gelesen habe »Nur Die kommen auf die auf der
Leiter ihrer Taten selten zurücksehen und in ihr Inneres nie«
Franziska Heunisch vergegenwärtigte sich aus ihren eigenen Empfindungen
vollkommen diejenigen die Louise Eisold haben musste Das Unglück einem so
unschönen Manne wie Danebrand durch Älternwille und Dankbarkeit gehören zu
sollen musste sie für ein junges gefälliges Mädchen als eine große Aufgabe
anerkennen doch da sie selbst freilich unendlich lieblicher und reizender als
die ernste bleiche Louise in der Lage war zwischen zwei schönen und
gefälligen Männern mit ihrem Herzen in der Mitte zu stehen so begriff sie doch
nicht wie das wenig Anziehende in Hackerts äußerer Erscheinung für Louisen
Veranlassung einer unglücklichen Leidenschaft sein konnte Sie deutete Dies mit
großer Schonung auch ihrer Freundin in den zartesten Worten an
Fränzchen verstand eben Louisen nicht
Louise Eisold war eine seltene Erscheinung In diesem Mädchen zitterten alle
Regungen des neueren Volksbewusstseins Ihr Herz war von dem Hauche der Zeit
bewegt wie eine zitternde Silberpappel Ach und nur die weiße Seite der Blätter
kam immer zum Vorschein wenn sie bebten der Schmerz und eine gewisse
todesfreudige Ahnung Louise Eisold gehörte zu den Armen für die recht ein
neuer Christus hätte kommen müssen wie Jesus sagte Den Armen wird das
Evangelium gepredigt Ihre Seele hatte Schwingen aber sie stieg mit ihnen nicht
empor sie fühlte nur die gewaltige Schwungkraft dieser Fittiche die Luft lag
zu schwer auf ihnen sie konnte den Vögeln der Wüste gleich nicht aufwärts
Über die Sitte die Religion den Staat zuckte es in ihr an Gedanken krampfhaft
Sie darbte sich die Pfennige ab um alle Jahre einige male auf der obersten
Galerie das Theater besuchen zu dürfen Wie zehrte sie von dem empfangenen
Eindruck Wie wählte sie wenn die Groschen beisammen waren bis ein solches
Stück gegeben wurde wo ihre Nerven hoffen durften zu zittern ihr Herz sich zu
dehnen ihre geheimsten Ahnungen von leidenschaftlich bewegten Künstlern
ausgesprochen zu werden Schon ihre Eltern hatten da sie gemischter Ehe waren
und von der katholischen Pfarrei der Residenz viel Behelligung erfuhren sich an
die deutschkatolische Richtung angeschlossen Louise Eisold die nicht einmal
in dieser Richtung ihre volle Befriedigung fand las und hörte nur von freien
Gemeinden so war sie auch schon darauf bedacht ihre Versammlungen aufzusuchen
und sich mit ihren Geschwistern in ihre Register einschreiben zu lassen Sie
fand hier etwas was sie erregte erschütterte über das Gemeine erhob Sie
durfte da nicht nur lieben sie wurde auch ermutigt zu hassen Ja der Hass Das
linderte Dies volle Ausströmen eines zornentflammten Gemütes Das war ihr
Bedürfnis Was sich in Euch längst verwischt hat durch die Bildung die
historische Kritik die bei Euch längst eine ruhige Reflexion geworden ist Das
war bei Louise Eisold noch in lodernder Flamme Der Papst Rom die Hierarchie
und im Politischen die gleichen Traditionen des monarchischen Principes waren
ihr im Grunde der Seele so verhasst wie wir in unserm Egoismus nur Das hassen
was sich unserm nächsten Vorteil entgegenstemmt Louise Eisold hatte in den
Tagen der Revolution in der Nähe der Barrikaden gestanden Ihr Enthusiasmus
veredelte den Rausch gemeinerer Naturen die sie zum Kampfe anfeuerte Sie trug
Steine sie rettete Verwundete sie half wo ihre durch den Moment dreifach
gesteigerte Kraft zur Hilfe ausreichte Eine teatralische Eitelkeit war ihr
dabei fern Sich in Männerkleider zu werfen mit einem befiederten Hute zu
kokettiren die Amazone zu spielen Das würde ihr elend erschienen sein In ihr
lebte nur die Sache Die Liebe zum Volke dem sie angehörte hob ihre Brust sie
war die eigentümliche Verklärung alles Dessen was unklar unsicher und doch so
tief geahnt und tief gefühlt in dem modernen Bewusstsein der Volksmassen
schlummert
Da sagte sie nun auch über Hackert
Ach Fränz was ist äußere Schönheit Und wär ich reizend wie du wär ich
so schön wie Melanie Schlurck die Kalte die Hoffärtige ich liebte nur einen
Mann von starkem Geist Was läge mir an Danebrands Gestalt Aber er hat nur die
körperliche Kraft und ein gutes Herz und das ist Alles
Und das ist Alles Louise Nur ein gutes Herz fragte Franz fast geängstet
Das allein kann ich nicht lieben Franziska fuhr Louise bitter fort Ich
weiß es nicht ob Hackert gutmütig ist manchmal zeigt er ein Herz Aber er ist
wahr er ist wild struppig wie sein Haar Kaum dass er ein Wort redet Er wirft
sich aufs Sopha springt wieder auf und stampft mit dem Fuß und wettert Er hat
mich kaum beachtet Als man die Eisenstäbe vor sein Fenster schlug sah er mich
zum ersten male an und weinte Geh ich noch immer um fragte er mit zitternder
Stimme Ich erzählte ihm wie man ihn noch kürzlich getroffen hätte am Rande
der Galerie die auf ein Dach führt Es ist mein ruheloser Geist
sagte er und schluchzte fast Er wurde wie ein Kind und erzählte mir wie
ihm Das gekommen wäre und wen er liebe Und wenn ich sie einst sähe sagte er
und sie in meinem Arme mir nur eingestehen wollte Ja Fritz es ist wahr du
warst es der mich küssen lehrte Dann wollt ich alle Fesseln sprengen Alle
Kronen der Welt aus Himmelshand schlüg ich aus wenn ich Das nur hörte Licht
und Glanz fiele in mein Leben ich würde rasen jubeln und mich in den Strom der
Freude werfen Nehmt mich Bindet mich Macht aus mir was Ihr wollt Ich will
falsches Geld münzen will stehlen lügen mit jedem ehrlichen Manne oder auch
einem Gauner Freundschaft trinken und endlich einmal etwas ergreifen auf dieser
Welt das mich hält wenn sie nur sagte Fritz ich war die Melanie die
Ach Franziska dieser Augenblick musste damals gekommen sein als ich dich auf
den Fortunaball holte Am Morgen war er sanft und demütig freundlich gegen
gute Menschen die sein Bestes wollten und am Abend kam er nach Hause in einer
Aufregung so stolz so spöttisch so tückisch als gehörte die Erde sein So
lange er bei uns wohnte lebte er wie ein scheues Wild das vor den Menschen
flieht Er sagte er fliehe die Höhlen des Verbrechens er fühle sich nicht
stark mit seinem Vorteil einen moralischen Zank anzubinden Er wisse noch
nicht wohin er umschlagen sollte Wenn man die Menschen hasse könne man nicht
suchen ihnen durch Tugend zu gefallen Oft erzählte er mir von den Bällen
wohin ihn zweideutige Menschen einlüden und Das wußt ich dass er einmal nach
irgend einer glücklichen Begegnung mit Melanien das Leben von der leichtesten
Seite wieder nehmen würde Da kommt er an jenem Abend stößt Liebe und Güte von
sich und antwortet fast wie Einer der auf jede vernünftige Rede unvernünftig
genug sagt Lasst mich ich muss tanzen Da hielt es mich nicht Ich musste ihm
folgen und Gott sei gedankt ich rettete ihm sein Leben
Ganz gut gut sagte Fränzchen aber wie kann man nur so wilde Feinde haben
Sie sagte Das mit Anspielung auf den Überfall und als wenn Hackert diese Feinde
verdiente
Kluge und ungewöhnliche Menschen müssen Feinde haben antwortete Louise Sie
finden aber auch Freunde
Danebrand war edel genug Den zu schützen den du liebst und Hackert war so
undankbar dich zu verlassen sagte Fränzchen sich erhitzend da sie die
Neigungen ihrer Freundin nicht teilte
Er hatte Recht antwortete Louise nach längerem schmerzlichen Sinnen mein
Loos ist geworfen Am Morgen nach dem Fortunaball wie ich an der Leiche stand
kam er und sah mich weinen Er war eben erst gekommen und erfuhrs schon im
Hause unten was geschehen war Louise sagte er ich verlasse Sie Sie haben
mir große Freundschaft erwiesen Sie haben mich heute vielleicht vom Tode
gerettet Aber der Rausch der mich gestern wahnsinnig machte ist heute
vorüber Ich besinne mich auf meine Pflichten und will den Versuch machen ein
anderes Leben zu beginnen Ich schwieg ich fühlte selbst dass ich mehr getan
hatte als mich ihm achtbar erscheinen ließ Fränzchen es gibt Beweise der
Liebe die zu viel sagen und so war mirs ums Herz Ich saß auf dem Bett des
Toten und weinte Hackert reichte mir seine Hand und dankte für alle meine
Güte wie ers nannte Er wollte mir beistehen bei dem Leichenbegängnis Ich
sagte Ich danke Ihnen Hackert ich habe Brüder und Danebrand Auf den Namen
Danebrand sagte Hackert Ich schäme mich dieser Nacht und verdiene Ihre
Teilnahme so wenig dass ich anfangen will an meine Besserung zu denken Es hat
mir Jemand Verwendung und Tätigkeit versprochen Ich will sehen wie lange sich
mit den Menschen gehen lässt ohne sich selbst zuwider zu werden Ich fragte
Doch um Gottes willen nicht Pax Doch nicht die Polizei Er schwieg und sagte
Lassen Sie mir nur meinen Weg Die Miete zahl ich so lange fort bis sich ein
Anderer für mich gefunden hat Ich sagte wieder Hackert lassen Sie Das Nein
Louise Sie sind arm und Ihr Alle bedürft es antwortete er gab mir dann Geld
dann die Hand und ging ruhig aus der Tür Am meisten wußt ich wohl dass er
sich seines kranken Zustandes wegen der auf dem Balle sich wieder gezeigt
hatte schämte Ich hatte den Toten Hackert zog in der Stille aus und
Danebrand kommt wieder weil ich ihm nun doppelt danken muss
Das ist zu traurig sagte Franziska und hielt die Hand ihrer bitterlich
weinenden Freundin die ihren neuen Kummer dass Hackert vielleicht gar in die
Hände der Polizei geraten war noch einmal aussprach
Schmelzing fuhr sie dann fort Schmelzing zog dann auch aus Ich war froh
ihn los zu sein den neugierigen Schleicher der obgleich taub nur horchte
Nach einigen Tagen kam ein Mieter über den ich anfangs erschrocken bin
Erinnerst du dich vom Fortunaball des Mannes mit der schwarzen Binde
Den die Polizei festnahm sagte Fränzchen erschrocken
Mit dem frechen goldbehangenen Mädchen
Die sind doch nicht bei dir eingezogen
Nur er antwortete Louise Er hatte acht Tage gesessen sagte er ganz
unschuldig wie er versicherte
Louise Solche Menschen nähm ich nicht in meine Nähe rief Fränzchen und
ließ vor Schreck fast den Mund offen dass die weißen Zähne glänzten
Es ist ein feiner artiger alter Mann sagte Louise rasch in dem sich die
elende Polizei doch wohl geirrt hat
Wenn schon Aber das Frauenzimmer
Sie heißt Auguste Ludmer und ist eine Tochter eines ehemaligen Beschliessers
im Gefangenhause zu Bielau sagte Louise Ein verwildertes Mädchen das früher
in unserm Hause Nr 17 wohnte und keinen guten Leumund hat Sie ist schon am
Tage nach dem Fortunaball sogleich freigelassen Was sie mit dem Engländer er
heißt Murray vorhatte weiß ich nicht Er ist entweder geizig oder sparsam
darüber bin ich nicht im Reinen Als ich ihn an das Mädchen erinnerte seufzte
er Ich erklärte ihm dass ich wohl ihn aber diese Person nicht aufnehmen würde
Er blickte dabei scharf unter seiner Binde hervor und antwortete Sie haben da
zwei Kammern Seh ich aus wie ein Mann der noch auf schlimmen Wegen
Frauenliebe sucht Wenn das Mädchen bei mir ist steh ich für ihre Tugend Er
sah mich dabei so fest so streng an Fränz dass ich den Blick niederschlug Es
war mir fast als hört ich die Worte aus der Bibel Wer unter Euch sich rein
dünkt werfe den ersten Stein auf sie Er verlangte wenn das Mädchen zu ihm
zurückkäme dass ich ihr Schmelzings Kammer gab Da ich noch keinen rechten Mut
dazu hatte sagte er Soll die Schmach der Sünde denn ewig sein ein Verbrechen
nie vergessen werden Franziska wie mich der Mann darauf angesehen hat werd
ich in meinem Leben nicht vergessen Er wurde größer an Figur Durch die
schwarze Florbinde schimmerte das eine Auge durch als wollt er mich
durchbohren Aber nicht voll Wut war der Blick sondern voll Schmerz Wissen
Sie mein Kind fuhr er fort dass ich die Polizei nicht habe überzeugen können
warum ich arm leben will und eine von Gold behangene Buhlerin am Arme hatte
wissen Sie dass ich gezwungen wurde ein Haus als Wohnung zu wählen wo ich
unter den Augen einer heimlichen Aufsicht stehe Man nannte mir dieses Ich
protestirte wegen Augusten die bei mir bleiben und tugendhaft leben wollte Man
lachte mich aus Je mehr ich gegen dies Haus sprach desto kürzer war der
Bescheid ich wäre für einige Zeit ein Observat und müsste hier wohnen Dies Haus
ist bewacht Hier nebenan wohnte noch vor kurzem ein Spion Namens Schmelzing
So bin ich hergezogen Nehmen Sie mich also nur mein Kind und wenn jenes
unglückliche Mädchen kommen sollte so verstoßen Sie sie nicht Ich muss sie für
verloren halten aber käme sie zu mir zurück so hätte sie viel überwunden Sie
würde am Orte ihrer Schande arm und sehr sehr gering leben müssen
Und nun fragte Fränzchen fast zitternd über die Gefahren ihrer Freundin und
bei sich überlegend ob sie nun wohl jemals wagen könnte sie zu besuchen
Murray wohnt bei uns sagte Louise das Mädchen ist aber nicht gekommen
Und vor einem solchen Nachbar fürchtest du dich nicht
Er ist am Tage nicht viel zu Hause liest des Nachts schläft bis späten
Morgen und lebt still und einsam
Ich könnte des Nachts nicht ruhig schlafen meinte Franziska
Warum Ich halte ihn für einen weisen Mann Er sprach mit solchen Worten
wie sie mich immer erschüttern Er kennt ganz das Elend der Menschen und weiß
wie nahe das Unglück an den Rand des Verbrechens führt
Franziska gedachte jetzt plötzlich der Verse Louis Armands Jetzt verstand
sie sie schon besser Jetzt erregt von der höheren Begeisterung und
tatkräftigen Schwärmerei die in Louisens Augen lagen konnte sie nicht umhin
die Worte vor sich laut hin zu sprechen
Des Volkes Tochter Arme Bettlerin
Du bist nicht arm was auch dein Elend spricht
Die Nachbarin ließ ihre Truhe auf
Greif zu Zum Bagno geht dein Lebenslauf
Und wenn zum Tod nur stolz Und weine nicht
Was rief Louise Was summst du da
Wie Louise diese Worte hörte horchte sie hoch auf Erschüttert und
ergriffen fragte sie was Das für ein Lied wäre Und Fränzchen voll Wehmut und
durch die warme Hingebung der unglücklichen Freundin innerlichst selbst
erschüttert zog ihr Nähkästchen auf und wollte ihr das Gedicht des Handwerkers
geben Sie vergriff sich aber und gab ihr Heinrichs Verse Louise las davon
eine halbe Strophe
Nein rief sie Das ist Wasser Das sind die Feuerworte nicht Wo hast du
die
Fränzchen sah nach und verbesserte rasch ihren Misgriff indem sie die
rechten Verse aufschlug
Ah rief Louise las und sprang auf Das sind Worte des Lebens die vom
Himmel kommen
Und mit zitternder Stimme bebend vor innerer das ganze Herz umwühlender
Bewegung las sie die Verse mit steigendem Affekte auch im Vortrage laut und
nachdrucksvoll und steigerte sich in ihrer grenzenlosen Nichtbefriedigung in
eine so schwindelnde Höhe der Leidenschaftlichkeit dass sie vor Wehmut laut zu
schluchzen anfing und gerade die Absicht des Dichters erreichte der der
Proletarierin verbieten wollte zu weinen während sie dennoch weinte
Franziska hatte auf der Zunge einzugestehen wie sie in den Besitz dieses
Gedichtes gekommen wäre Auch sie hatte das Bedürfnis sich in die teilnehmende
Brust einer so gefühlsstarken Freundin auszuschütten Diese aber da eine
Turmuhr gerade laut in der Nähe schlug sagte
Franziska ich muss nun gehen und für unser Mittagessen sorgen Seit dem
Fortunaball ist mein Karl finster gegen mich Er hat bei Willings zuviel
Schlimmes über mich hören müssen Ach auch darum muss ich Danebrand freundlich
sein Erzähl mir was du auf dem Herzen hast am nächsten Sonntag Wir wollen
ins Feld gehen Ich tus der Kleinen wegen und auch Line und Wilhelm haben am
Sonntag keine Zeitungen auszutragen Ich trage das Kleine Du nimmst Heinrich
und Riekchen an der Hand Danebrand trägt in einem Ranzen was wir im Walde
verzehren können Oder ist dir Das zu arm Fränzchen Du bist vornehm Wie
schöne Kleider du hast und wie schön du bist
O Louise sagte Fränzchen errötend was sprichst du Ach ich will schon
glücklich sein mit dir gehen zu können
Willst du Nächsten Sonntag
Ich hole dich ab
Nein nein nicht in unser schlimmes Haus Wir kommen um zwei Uhr am
nächsten Sonntag dich hier abzuholen Und bringe mit wen du lieb hast Den
Sergeanten nicht wahr
Nein sagte Franziska entschieden und bestimmt
Von Dem sind die feurigen Verse nicht Wo hast du sie her Willst du mir
versprechen mir sie abzuschreiben
Ich schreibe sie dir ab
Ach Fränzchen sonst las ich solche Flammenworte einmal über und sie hatten
sich mir gleich eingeprägt wie in Erz gebrannt Jetzt drückt auf meine Gedanken
soviel mein Kopf geht so wirr dass ich das Leichteste nicht behalten kann Und
dann muss ichs Abends lesen wenn Alles um mich still ist die Kinder schlafen
die paar Uhren picken die ich noch immer aufziehe ich will Die verkaufen die
noch da sind und die dem Großvater gehörten die andern haben die Leute
zurückgeholt ach es ist mir oft als wenn der alte Mann im Zimmer huschelt
und kein Weiser rückt an ohne dass ich nicht denke Den hat er mit seiner toten
Hand eben gerückt und nun wird er gleich schlagen lassen Und immer ists mir
als schlüg es vier Ich sehe Hackerten die Kinder schlafen bringen und höre
nicht wie der Alte ruft Louise komm doch und drück mir nur die müden Augen
zu
Beide Mädchen weinten
Als Louise aufstand den Hut und die Echarpe holte und zum Abschied sich
rüstete griff Fränzchen ganz verstohlen in ihr Tischchen holte das Goldstück
und wollte es mit bittender Miene ohne ein Wort zu sagen in Louisens schwarze
Handschuhe gleiten lassen deren einen sie in der Aufregung sich ausgezogen
hatte und eben wieder anzog Louise lehnte aber lächelnd diesen Beweis von
geräuschloser mit einem einzigen stummen Blick der Bitte ausgesprochenen
Herzensgüte ab
Ich bin glücklich sagte sie dass ich dir anzeigen konnte wir haben die
Bosheit der Florentine abgeschüttelt Es geht jetzt so leidlich Lieber Himmel
von den Begräbnissgeldern des Alten haben wir ja noch gerade soviel übrig
behalten als ich an Florentinen verliere Gott ist in großen Dingen wo wir
Hilfe von ihm erwarten und denken es müsse durchaus nach unserm Wunsche und
Willen gehen fast immer hart und unerbittlich und in kleinen Dingen wo er
Verlust durch Gewinn wie durch einen Zufall ausgleicht ist er wieder so
grundgütig dass wir uns beschämt fühlen und unsern Kleinmut bereuen Bis
Sonntag schreibst du mir das göttliche Gedicht ab und wenn du was recht
Gescheutes anstellen willst so bringe Den mit der es gemacht hat und wärs
ein Student
Mit dieser unter Tränen hervorblitzenden Schelmerei schied das aufgeregte
Mädchen Sie umarmte Franziska und ging ohne viel Rücksicht auf die hinter ihr
herbrummende durch dies Ignoriren verletzte Frau Tischlermeisterin Märtens
durch deren Zimmer rasch davon Man hörte wie sie das Gitter der Küche zufallen
ließ und unverweilt die Treppe hinuntersprang
Für Fränzchen hatte dieser Besuch die wohltätige Folge dass er ihr Kraft
gab fest auf ihrem Gefühle zu beharren
Hatte sie geschwankt ob sie nicht den Onkel der so gut war und nichts
Unangenehmes im Leben leiden mochte beim Abschied durch die Bereitwilligkeit
erfreuen sollte Heinrich Sandrarts Bewerbung sich gefallen zu lassen so war
ihr von Louisens heldenmütigem Wesen eine wunderbare Kraft zugeströmt Lag
nicht in Allem was dies Mädchen ihr erzählt und von ihren stillen
Herzenskämpfen mitgeteilt hatte das volle große gewaltige Geständnis dass
sie ein unaussprechliches Bedürfnis einer großen und feurigen Liebe hatte Sie
vergegenwärtigte sich wie oft ihr diese arme Arbeiterin die vor einem Übermaß
von Pflichten kaum zu sich selber kommen konnte gestanden hatte dass in ihr ein
nicht zu bewältigender Drang der Liebe läge Sie hatte früher dies Geständnis
nicht fassen können jetzt fühlte sie den übermächtig stärkenden Hauch einer
reinen dem Herzen befehlenden Willenskraft Dass Louise jemals dem Danebrand
gehören würde glaubte sie nicht Sie sah in Allem was der Freundin seit dem
Fortunaball geschehen war nur eine Art Sühne für das Unrecht das sie bei ihrem
tugendhaften Pflichtgefühle begangen zu haben glaubte Aber Das wusste sie auch
ganz würde sich dies starke Herz niemals unter das Joch der Rücksichten beugen
Das ist nur sagte sie eine Zeit der Trauer die sich Louise auferlegt hat
aber unwahr gegen sich selbst wird sie niemals werden Die lügt nicht wie ich
nicht lügen will
So fand sie nach einiger Zeit während Frau Märtens brummte und über das
abscheuliche »keinem« Menschen »ästimirende« unhöfliche »Subjekt« die Louise
Eisold polterte die »die ganze Suppe« mit dem »Sprachmaitre« und Herrn
Sandrart und der Reise nach Hohenberg nicht etwa eingebrockt sondern
»eingefädelt« hätte der Onkel Heimisch
Neuntes Kapitel
Stilles Leid und stille Schuld
Der so gern nur wohlgemute Jäger Leberecht Heunisch kam in rosenrotester Laune
von seinem Prinzen Egon
Er der so gewohnt war nicht viel auf seinen Schultern zu tragen und der
selbst von dem Nächsten was um ihn her sich ereignete nicht viel sehen und
wissen mochte hatte eine Menge lästiger Drangsale von seinem Gemüte
abgeworfen
Gleich wie er von seinem genesenen zum erstenmale ordentlich gesehenen
hohen Patrone kam begegnete ihm Dankmar Wildungen den er seit dem Abschied vom
Gelben Hirsch für den Prinzen selbst gehalten hatte
Nun wusste er doch wo er auch diesen Freund und Gönner hinbringen sollte Es
war ein »Bekannter« des Prinzen Diese Tatsache nahm ihm als er Dankmarn rasch
eilen sah um Egon zu begrüßen alle Skrupel Es lag wieder das helle goldne
klare Nichts vor seinen Augen der ganze blaue Himmel schien in seine blauen
treuherzigen Augen zurück und nur Heinrich Sandrart der Sergeant und das
Fränzchen und der alte französische Sprachmaitre Die waren noch ein paar
lästige Wölkchen für seine Behaglichkeit
Er war von Egon und von dem frohen Wiedersehen des guten Ratgebers Dankmar
in die Kaserne gegangen um den Sergeanten abzuholen
In seiner Patentuniform wie er sie immer trug kam der Sergeant mit dem
Förster mit nicht ohne Hoffnung Fränzchen würde doch wohl vielleicht dem Onkel
zum Abschied eine für ihn tröstlichere Erklärung geben
Der junge Krieger hatte eine freundliche Zusprache nötig denn seit dem
Fortunaball geschah Vieles um seinen sonst so fröhlichen leichten Sinn zu
kränken
Sein rundes volles Gesicht dem ein Bärtchen an der Oberlippe und ein damals
noch erlaubter demokratischer Kinnbart gar männlich stand war seit einiger Zeit
nicht aus Liebeskummer allein entfärbt
Der Lieutnant von Aldenhoven hatte ihm die Äußerung Wir sind hier nicht im
Dienst Herr Lieutnant sehr übel genommen
Man fand Heinrich Sandrart schon lange nicht von der ordonnanzmässigen
Botmässigkeit die die Gesetze der Disziplin in ihrer soldatesken Übertreibung
mit sich brachte Gerade dass ihn gegen mancherlei Anklagen die man bis zum
Major seines Bataillons gegen ihn vorbrachte dieser in letzter Instanz in
Schutz nahm ihn entschuldigte eine brave Haut nannte die man nicht kopfscheu
machen müsse gerade darin lag ein Grund mehr für einige Offiziere ihm das
offenste Unrecht anzutun Man konnte ihm zwar nicht nachsagen dass er wie
einige vorlaute und schon mehrfach bestrafte Krieger von den neuen Ideen
angesteckt war er besuchte keine verbotenen Gesellschaften er war harmlos
gutmütig und liebte nur das Vergnügen und die Frauen man wusste dass er um
einer spröden Liebe halber schmachtete und zog ihn damit auf Allein schon
einige junge Krieger der Garnison waren ohne zu den absichtlichen Wühlern zu
gehören dadurch dass sie etwas Apartes für sich in Anspruch nahmen aus dem
Verbande der großen disciplinarischen Kette die das ganze Institut der
stehenden Heere aufrecht erhält herausgeglitten und hatten in den Teorieen
jener bald stilleren bald lauteren Wortführer einen Anhalt für rein persönliche
Misstimmungen gefunden Dem Major von Werdeck sagte man ja etwas Ähnliches nach
Er sollte früher nie über Politik nachgedacht ja sogar so ruhig so loyal sich
immer verhalten haben dass man ihn anfangs an der Spitze einer Kompagnie älter
werden ließ als es sein Wunsch sein konnte Später erhielt er Beförderung aber
wie lange ließ man ihn warten weil er immer zu den Geduldigen gehört hatte
Plötzlich wurde er verdrießlich Man wollte ihn in eine entfernte Garnison zur
Linie schicken er schlug die Stellung aus und zog die alte geringere vor Er
las Zeitungen bildete sich ein Urteil und machte mit Niemanden Partei Jedes
Ding jede Frage wollte er gewissenhaft prüfen und durch das Prüfen kam er vom
politischen Köhlerglauben den man Loyalität Treue nannte zum Zweifel den man
Liberalismus demokratische Gesinnungslosigkeit schalt Erst einmal in der
Minorität ging es dem Major wie jedem rechtschaffenen Manne Er fand seine Ehre
darin einem eigenen Nachdenken seine Überzeugungen zu verdanken und sonderte
sich immer mehr von den Andersgesinnten ab Längst würde er seinen Abschied
genommen haben wenn ihn nicht zwei Dinge daran verhinderten Einmal galt es von
dem Staate dem er angehörte für angenommen und feierlich beschworen dass ein
neuer volkstümlicher Geist die Seele des Ganzen werden sollte Andernteils
sagte er sich dass wenn auf einem schwierigen mit Kampf verbundenen Posten
Jeder immer sogleich weichen wollte man sich nicht wundern dürfte wenn das
Gute überall unterliege Seine Untergebenen hielten mit leidenschaftlicher
Vorliebe an ihm fest so streng er auch sein konnte und so hoch er auch
seinerseits die Notwendigkeit der Disziplin anschlug Er wiederholte oft den
Schillerschen Spruch »Ein freies Leben ist ein paar sklavischer Augenblicke
wohl wert« Dass Soldaten wählen sollten dass man den Geist der Parteiung in die
geschlossenen Glieder einer Armee verpflanzte war ihm ein Gräuel Die mutige
Art mit der er kurz und bündig manchem Parteihaupte gegenüber einen solchen
Satz aussprach hatte immer wieder zur Folge dass die ihn umwühlende Intrigue
sich etwas zurückzog und vorsichtiger zu Werke ging Aber seine sogenannte
Wiederherstellung in dem Vertrauen seiner Kameraden hatte nicht lange Dauer Er
verstiess nur zubald wieder gegen das System das nun einmal in diesen Reihen
gelten und die Kluft zwischen dem Alten und Neuen immer mehr erweitern sollte
Was man von ihm selbst nicht wusste setzte man endlich bei der offen zur Schau
getragenen Gesinnung seiner Frau über ihn voraus
Die Besatzung wurde gerade jetzt viel mit Exerciren gequält Schon am frühen
Morgen war der Major auf einer großen Ebene vor der Stadt gewesen und hatte die
schon tausendmal gemachten Manövres wiederholen lassen Sein schmerzliches
Guten Morgen Kinder als Alles vorbei hatten die Soldaten wohl verstanden Es
war elf Uhr und Sandrart war schon übermüdet Dies hinderte ihn aber nicht
sich rasch anzukleiden und mit dem Förster Heunisch der auch einst Soldat die
ewige Fuchserei namentlich »in dieser Zeit« nicht begreifen konnte zu
Fränzchen zu gehen
Onkel Heunisch war sehr angeregt Der freundliche Empfang des jungen Fürsten
hatte ihm wohlgetan Auch dem Madeira hatte er lebhaft zugesprochen Er war
etwas zum polternden Zank aufgelegt und wiederholte alle die schlimmen und
ärgerlichklingenden Reden die er schon mehrmals gegen Fränzchen ausgesprochen
hatte
Diese war ruhig und reizte ihn dadurch doch noch etwas mehr als nur zum
Scherz Endlich musste sich sogar Sandrart ins Mittel legen und ihn besänftigen
Brummend setzte sich der Jäger in einen Lehnsessel ließ sich um seinen
brennenden Durst zu stillen von einem Burschen der Werkstatt leichtes Bier
kommen steckte eine Pfeife an rauchte eine Weile trank nun und entschlief
Sandrart nahm seine Flöte und blies Ach wenn du wärst mein eigen Madame
Märtens klemmte die Brille auf die Nase und studierte mit Wissbegier das neueste
Hellerblatt das sie mit dem Schneider drüben zusammenhielt Dieser nickte
dankbar für die Flöte herüber Fränzchen nähte und malte sich hinter ihren
Blumen aus wie es wohl am nächsten Sonntag sein müsste wenn es ihr recht recht
gefallen sollte
Plötzlich ließ sie zitternd die Arbeit sinken Sie hatte Jemanden kommen
hören sie vernahm eine Stimme die Flöte schwieg der Onkel schnarchte leiser
die alte Märtens sprach über den Hof hinüber Sie hätte aufschreien mögen als
sie hörte dass drinnen im Zimmer die Alte aus dem Fenster erschrocken rief Hat
mirs doch geschwant Sie sah hinaus Eben kam Louis Armand
Eine Minute darauf war Louis Armand im Zimmer
In bewegtester Spannung von Freude und Furcht erregt wartete Fränzchen ob
Louis nach ihr fragen und zu ihr eintreten würde
Wie peinlich war dem armen Kinde die Anwesenheit Sandrarts Sie hätte ihn
heißen mögen mit seiner Flöte zum Kuckuk gehen und nie wieder kommen
Vor Unruhe vor Verzweiflung dass sich dies Wiedersehen so fügen unter so
ihre Neigung in den Schatten stellenden Verhältnissen begeben musste konnte sie
nicht sitzen bleiben Sie stand auf pflückte unruhig am Fenster welke Blätter
von den Blumen und zerknitterte sie in der Hand Sie nahm die Scheere und bohrte
ein wenig in dem Sande der Töpfe und raufte einige verwelkte Blüten aus dem
Kressenkasten
Louis Armand sprach von seinem langen Ausbleiben von seinem genesenen
Freunde und Gönner von den Bestellungen die er auf der Schiefertafel
verzeichnet fand und etwas mühsam mit Hilfe der gelehrten Frau
Tischlermeisterin entzifferte
Wenn Fränzchen an die Möglichkeit seiner Liebe hätte glauben können so
würde sie gefunden haben dass seine Stimme bewegt war und bei dem Anblick des
jungen Soldaten sogar wehmütig
Aber wie konnte sie an seine noch ihr erhaltene Teilnahme glauben da er
kein Wort von ihr sprach sich nicht nach ihr erkundigte
Endlich mochte sie diesen Zustand nicht mehr aushalten So sehr ihr Stolz
widerstrebte das liebekranke Herz zwang sie ein Zeichen ihrer Anwesenheit zu
geben Noch wusste sie nicht sollte sie tun als hätte sie an ihrem Bett oder
der Kommode etwas zu schaffen und rasch ganz wie von ungefähr an der
geöffneten Tür vorüberschlüpfen oder sollte sie etwas fallen lassen das etwa
soviel sagte als Hörst du denn gar nicht Hier ist ja auch Jemand dem sein
Herz wie ein Hammer klopft und der dir am liebsten gleich um den Hals fallen
möchte wenn so etwas in dieser schrecklich anständigen Welt möglich sein
dürfte
Aus vielen Rücksichten und besonders deshalb weil sie beim Vorüberhuschen
an der Tür fürchten musste zu ihm hinein zu müssen gedrängt von ihrem Gefühl
entschloss sie sich etwas fallen zu lassen und nun fragte sich nur was Die
Scheere gab nicht Klang genug obgleich die auseinanderfallenden beiden Schenkel
der Scheere gleich sagen mussten Das kann nur Franziska sein Ein
Nadelkissen mit Sägespähnen gestopft gab keinen Klang Der Fingerhut war auch zu
winzig Da dachte sie an eine Zwirnrolle Diese bot den Vorteil dass sie fiel
und gleich weit umher lief Sie durfte ihr nachspringen und sich beim Suchen
bücken verwickeln Und wenn sie sich bückte war sie sogar nicht sicher in das
Nebenzimmer mit Gewalt hineingezogen zu werden
Die Rolle fiel also und richtig Man kam
Aber leider gleich ihrer Zwei
Louis Armand kam und Heinrich Sandrart
Das hatte sie nicht bedacht dass auch der junge Sergeant das Ohr spitzte und
auf Alles lauschte was sich nebenan begab
Doch war es gut dass sich Heinrich Sandrart fast am emsigsten bückte und
Louis ungehindert war Fränzchen die Hand zu bieten und ihr die Freude
auszudrücken sie wiederzusehen
Ei Leben Sie denn auch noch Herr Armand fragte sie Wir glaubten schon
dass Sie nicht mehr an uns denken
Louis warf einen teilnehmenden Blick auf Sandrart der die Zwirnrolle
zurückgab und dem beim Suchen das Blut in die Wangen geschossen war
Es ist viel von Ihnen gesprochen worden Herr Armand sagte Sandrart mit
einer Art Eifersucht um sich in das Gespräch mischen zu dürfen
Fränzchen wollte schon sagen Doch mit Ihnen wohl nicht Sie unterdrückte
aber die Bemerkung weil sie ihr selbst zu schnippisch vorkam
Louis sprach manches Freundliche aber Unerhebliche mit großer Ruhe Er
prüfte Franziska er sah Sandrart an Endlich erwähnte er den französischen
Unterricht
Woher wissen Sie
Der schlafende Onkel da im Stuhle erzählte dem Prinzen Egon Alles was ihn
glücklich und traurig macht
Franziska sah zu dem schlafenden Förster den der Madeira überwunden hatte
Jetzt konnte sie sich denken was Louis Alles von ihr gehört hatte
Haben Sie den Onkel gesprochen sagte sie mit gezogenen Worten und sehr
kleinlaut
Wie heißt denn Ihr Lehrer
Herr Sylvester
Sylvester Das ist ein Vorname
Ich kenn ihn nur bei diesem Namen
Heinrich Sandrart wollte nun auch gesprächig launig sein sich in einem
günstigen Lichte zeigen Er fing an Herrn Sylvester zu schildern
Doch hörte Louis nicht viel darauf Er war zu bewegt den niedergeschlagenen
Blick des jungen hocherglühenden Mädchens zu beobachten Der Gedanke dass sie
Bälle besuchte und vielleicht von ihrer alten sittsamen Bahn gewichen war
drückte ihn peinlich
Ein näher forschendes Gespräch war nicht möglich Denn auch der alte Märtens
kam nun von unten aus der Werkstatt herauf und jetzt gab es ein Begrüssen ein
Fragen ein Erkundigen ein Dolmetschen und Vermitteln durch Frau Märtens das
endlos zu werden schien aber den festen gesunden Schlaf des Försters nicht
störte
Auf diesen endlich Rücksicht zu nehmen schien Louis eine notwendige
Pflicht des Anstandes Er ergriff seine Schiefertafel und wollte nach vorn
gehen
Frau Märtens sprach von den Wirtsleuten im Vorderhause Wie er es mit
seiner »Servirung« halten wolle Ob er jetzt immer wieder »präsent« bliebe
Ich denke wohl sagte Louis Armand Ich bedarf wenig Mein Zimmer wo ich die
Proben meiner schwachen Talente ausgelegt habe sieht wie der Eingang zu einem
vornehmen Herrn aus Nebenan hab ich eine Kammer ein leichtes Bett einen
Riegel für meine Kleider und bin zufrieden wenn mir die Leute vorn täglich nur
frisches Wasser bringen
Wenn Sie etwas rekommandiren sagte die alte Märtens Herr Armand so sagen
Sies nur
Und ihr minder gelehrter Gatte setzte hinzu
Ich glaubte unsre Sachen sollten nun recht Hand in Hand gehen
Mit aller Macht antwortete Armand Ich nehme meinen alten Plan mit Freuden
wieder auf Ich bleibe noch in dieser schönen Stadt die ich nun erst kennen
lernen will und gearbeitet muss nun werden nach Wohlgefallen
Die Tischlermeisterin die trotz ihrer Pfennigblätter nach beschränkter
Leute Art auf einem und demselben Gegenstande lange verweilte sagte
Es sind ganz accurate Menschen die die Appartements vorne logiren Heute
nahm die kleine Frau das Intelligenzzettel von der Haustür und sagte wie ich
gerade vom Markt komme Gott sei Dank nun ist Alles vermietet Es ist eine
reinliche Frau Ihr Mann war was begleitete er doch Märtens
Armand konnte die Abneigung des alten Märtens auf ein so weitläufiges wenn
auch gebildetes Gespräch einzugehen nur teilen Franziska bot er die Hand
Diese gab ihm die ihrige Da ihr das Blut zum Herzen drängte war die Hand
eiskalt Er drückte sie teilnehmend und sah ihr fragend und forschend ins
dunkle Auge das sie zitternd und bewegt niederschlug Heinrich Sandrart grüßte
er leicht So ging er
Unglücklich Liebende sehen schwarz Sie verdächtigen Alles auch das
Unschuldigste Wer will dem jungen Sergeanten verdenken wenn wie ein
Blitzstrahl in den ohnehin gehäuften Zündstoff seines Mistrauens der Gedanke
fiel dass Fränzchen diesen Franzosen lieber haben möchte als ihn Über diese
Vermutung in Vorwürfen sich Luft zu machen hatte er kein Recht So blieb ihm
nichts übrig als sich noch einmal an Franziska voll Liebe und Teilnahme zu
wenden
Fränzchen sagte er gehen Sie heut Abend mit dem Onkel und mir ins
Theater Der Hauptmann gibt mir frei bis zehn Uhr Es wird die Leonore gegeben
ein so schönes Stück für Soldaten und für Mädchen die einen Soldaten gern haben
können
Fränzchen aber statt der Antwort zeigte auf den Onkel der plötzlich sehr
unruhig schlief kirschrot wurde und sich im Schlafe krümmend bewegte
Er träumt schwer sagte Frau Märtens die eben den Tisch zum Mittagessen
deckte Es drückt ihn doch nicht die Alpe
Wirklich entfuhren dem Förster allerlei Ausrufungen die einen lebhaften
drückenden Traum verrieten
Fort Fort sagte er Urschel fort Urschel sie soll Feuer Feuer
Es brennt Sie soll
Damit riss er sich unterstützt von der Tischlermeisterin die von dem Druck
der »Alpen« Schreckliches zu erzählen wusste auf und erwachte
Wird schon gegessen sagte er rasch orientirt hab ich geschlafen
Damit zog er die Uhr mit einem schönen Horngehäuse Schon halb eins sagte
er
Sandrart stand stumm und still Er holte rasch seine Dienstmütze Er hatte
sich in seinem Flötenspiel und der Eifersucht auf den jungen gewandten
Franzosen verspätet In der Angst schon wieder eine Rüge »zu besehen« wie ers
nannte lief er davon Fränzchen hatte ihm ohnehin schon durch ein Kopfschütteln
den Besuch des schönen Soldatenstückes abgeschlagen
Die Alte gab ihm das Zeugnis hinterher
Ein guter aber »drömerischer« Mensch
Die Unterhaltung beim Mittagsmahle war eben so spärlich wie das bescheidene
Mahl selbst Die beiden alten Leute aßen wenig Fränzchen fast gar nichts und
Heunisch hatte zu gut gefrühstückt und einen garstigen Traum gehabt
Seine ersten Worte mussten der Frau Tischlermeisterin und ihrer Bildung eine
sehr schmeichelhafte Anerkennung zu Wege bringen
Immer sagte er wenn ich von der Schneidemühle und vom Feuer träume
schmeckts mir den ganzen Tag nicht Dann liegt mirs ordentlich wie ein Alp auf
der Brust Wenn nur die Marzahn nicht einmal das Haus ansteckt Jede Nacht steht
sie auf und leuchtet mir mit der Lampe in alle Winkel Ich kann von Glück sagen
dass ich die Hunde zu Hause ließ Erst wollt ich den Packan und die Jette
mitnehmen die sind die wachsamsten und schlagen gleich an Ja sie sind Gott sei
Dank vernünftiger als die Alte Seit sie von einem Bruder der in Amerika
gestorben ist das Geld gekriegt hat sieht sie alle Nacht Gespenster Ei
Muttersche sagt ich ihr erst vor ein paar Tagen ganz fuchswild Muttersche
Muttersche ist sie toll Ich schieße mal drauf los wenn sie wieder sagt Da
geht der Herr Baron über die Wiese und sucht unter der Eberesche seinen
Erstgebornen
Mann Mann sagte Madam Märtens und rückte ihrem Gatten das gekochte
Rindfleisch hin zum Zerschneiden schweigen Sie still Onkel So etwas kommt
Einem die Nacht vor dass man nicht schlafen kann
Sie erzählte darauf eine lange Gespenstergeschichte
Als sie zu Ende war sagte Heunisch bedenklich wenn sie noch so fortmacht
seine Alte so glaube er doch noch es gäbe Hexen
Wie sie hörte ich wollte hierher und die Fränz holen da mit ihrem
Seidenhaar und dem starren tückischen Sinn kam sie mir in der Nacht eh ich
fortmachte ans Bett
Jesus sagte die alte Märtens Da hätt ich den lebendigen Tod gehabt
Die Kourage muss man zusammen nehmen Heunisch sagte sie wenn er ans
Wasser kommt weiß er wo das Waisenhaus liegt dann sagt doch die Kinder
sollten im Waisenhaus nicht so schreien
Der alte Tischler lachte und schenkte von dem DünnBier ein das einer
seiner Lehrburschen die des Gastes wegen nicht mit aßen auf den Tisch stellte
Was für Kinder fragte die alte Märtens voll Interesse mit dem Beisatze
Diese Ursula ist wohl nicht recht gescheut
Was für Kinder antwortete Heunisch So muss man da gar nicht fragen
Urschel sagt ich schreien sie denn so die Kinder dass du nicht schlafen
kannst Ach sagte sie ich kann wohl schlafen Heunisch aber der Baron kommt
und sagt Schwester was schreien denn die Jungen so Die Gräfin wills nicht
hören
Die Gräfin fragte wieder verwundert Madame Märtens
Heute ists eine Gräfin morgen der Baron dann das Nantchen von der
Sägemühle und auch einmal die Line vom Gelben Hirsch Das geht Alles da
durcheinander und wenn mirs zu bunt wird ruf ich Jette Das ist mein
Windspiel Jette Eins zwei die Jette unterm Bett hervor angeschlagen
ihr an die Strümpfe ein Bischen gekitzelt Dann schimpft sie über die
Hunde und geht mit allen ihren Dummheiten zu Bett
Die Tischlermeisterin starrte
Heunisch sagte aber ihr Mann und schenkte von dem Bier ein das dem Onkel
nicht munden wollte dass Sie Das da im Wald so allein aushalten Und schon die
vielen Jahre
Es erbarmt sich ja Keiner eines so alten Hundes wie ich bin sagte der
Förster mit einem scharfen Seitenblick auf seine Nichte die kaum hörte und für
sich träumte
Frau Märtens besann sich jetzt von ihrem Schreck Sie wollte das ihr nicht
angenehme Thema der Mitreise nach dem Forstause nicht wieder anregen lassen
sondern setzte auf den Schrecken dieser Erzählung noch die Schrecken einer ihr
bekannten wirklichen Hexengeschichte
Als sie zu Ende war konnte Heunisch von seiner Ursula Marzahn desto
unbefangener fortfahren
In der Nacht eh ich abreiste kommt sie mir wieder mit dem Wasser und dem
Waisenhaus an Und weil ich gerade vor Unruhe wie immer wenn ich was vorhabe
nicht schlafen konnte so ließ ich sie heute mal reden und rief nicht gleich
die Jette Von wem Urschel sagt ich soll ich denn ein Kompliment ins
Waisenhaus sagen und die Jungens möchten ruhig sein Von der Gräfin sagte sie
und blinzelte mit ihren kohlschwarzen Augen Und der Baron will wohl auch nicht
gern das Kindergeschrei sagt ich Da lachte sie Es können viele Menschen das
Kinderschreien nicht leiden meint ich Wem muss ich denn sagen die Kinder
sollten nicht so laut schreien Ich dächte fuhr ich so im Spaß fort ich sagt
es lieber gleich dem König Was Alte Aber Das machte sie nun erst ganz
verdreht Was dabei der König sollte verstand sie nicht und ganz ruhig geworden
ging sie fort wie ein bellender Hund wenn man einen Stein von der Erde nimmt
Wenn Einer verrückt ist muss man nur so tun als wenn er ganz Recht hätte und
dann geht er gleich in sich
Der Tischler glaubte keine Wunder als die in der Bibel stehen seine
Gemahlin schüttelte aber den Kopf und ermutigte den Förster fortzufahren
Gleich darauf kommt sie wieder und sagt Heunisch sagt sie er muss das Geld
mitnehmen Schön sagt ich Urschel Wie viel denn Alles Alles Urschel gut
Die Erbschaft von dem Bruder aus Amerika warf Frau Märtens die über diese
schon unterrichtet war dazwischen
Die Erbschaft von dem Bruder aus Amerika Das Geld sagte sie nimm mit und
schlags nur in eine Windel und leg ers auch noch in einen Korb und dann geh
er an die Brücke wo das Waisenhaus liegt Gut sag ich Urschel ich gehe an
die Brücke wo das Waisenhaus liegt Husch schrie sie dann ins Wasser Ins
Wasser Donnerwetter sagt ich Urschel Geld wirft kein Mensch ins Wasser
Was sollen denn die zweihundert Louisdors ins Wasser Da schwieg sie weil ich
sie so wieder auf meine Art gefangen hatte
Märtens lachte über die Klugheit des Jägers seine Frau tadelte aber die
rationelle Auffassung solcher dunkelen Dinge und sie meinte
Man hat doch schon Exempel statuirt
Wo soll ich denn den Korb mit dem Geld hinsetzen Urschel fragt ich nun
Wol mitten auf die Brücke Sie schüttelte den Kopf Dann drüben ans Waisenhaus
Da nickte sie Wo denn Nun sah sie sich ängstlich um und flüsterte Komm es
ist Alles still Sie sehens nicht Hast du den Korb Pst Da steht eine
Schildwacht Hier bei der Laterne So Da An dem Brunnen da liegts Husch
Mach nun fort Fort Fort
Und das Alles können Sie bei nachtschlafender Zeit mit der Frau so zusammen
diskuriren fragte Madame Märtens und schüttelte sich
Also da soll ich das Geld hinlegen Ursula sagt ich fuhr Heunisch
unbekümmert um diese Frage fort Sie nickte Wills der Baron Sie meinte Ja
Wills auch die Gräfin Sie nickte wieder Gut Ursula sagt ich ich will
mirs überlegen Da lachte sie zufrieden nahm ihr Licht und ging Und nun
raten Sie mal was Neues
Ach mein Himmel was denn erschrak ordentlich Frau Märtens als käme nun
etwas Unerhörtes
Wie ich hierher komme hatt ich gestern bei einem Kaufmann der sich gutes
Schiessmaterial hält er heißt Hackert etwas Vorrat für den Herbst einkaufen
wollen Such ich den auf und finde ihn gerade gegenüber dem Waisenhaus Da ist
die Brücke da steht ein Schilderhaus da ist die Laterne da ist der Brunnen
Nun sag ich doch die Ursula war vor etwa zwanzig Jahren ehe sie den Marzahn
heiratete wohl einmal einige Zeit in der Stadt aber seitdem nicht wieder und
sie hats beschrieben just wies war ganz deutlich es war mir als säh ich
den Korb dastehen an der Laterne neben dem Brunnen mit den Windeln und die
zweihundert Louisdors darin und die Kinder schrien im Waisenhaus
Hören Sie auf winkte die Tischlermeisterin der es nun eisig überrieselte
Das Bild von Kindern die im Waisenhaus vielleicht nach ihren Vätern schrien
war ihr zu schauerlich
Bei alledem ist die Ursula schloss Heunisch die beste Seele von der Welt
Sie sorgt für mich armen einsamen Kerl und meinen Nachmittagsschlaf den den
hab ich ihr auch den hab ich ihr auch zu verdanken und die Stube
hält sie im Winter warm und reinlich ist sie auch und ihr Schrank
ihr Schrank den mag sie ihr Schrank
Diese Worte brachte Heunisch schon gähnend und wieder halb schlafend hervor
Er hatte wenig gegessen und nur mit beständigem Gähnen unterbrochen sich und den
Tischgenossen durch seine Erzählung die Zeit vertreiben wollen Der Rollsessel
auf dem er saß war ein Grossvaterstuhl der mit einem Ruck sich vom Tische
fortbewegte und ihn in Schlummer sanft in die Nähe des noch nicht gefeuerten
Ofens geführt hätte wenn seine letzte Besinnung ihn nicht auf einen höflichen
Gedanken an den alten Märtens gebracht hätte der auch gern seinen
Nachmittagsschlaf hielt Er erhob sich also rasch sagte Gesegnete Mahlzeit
und warf sich ohne viel Umstände in der Kammer auf Fränzchens Bett wo er in
einer Minute entschlummert war der alte Märtens unfähig sich von Gewohnheiten
zu trennen schnarchte im Grossvaterstuhl Seine Gattin nickte etwas am Fenster
freischwebend auf einem einfachen Stuhl mit hoher Lehne
Fränzchen aber deckte während Alles schlief ab Die Reste kamen in die
Werkstatt zu den Lehrjungen
Den Tisch stellte sie wieder aus der Mitte des Zimmers an die Wand und ihr
Bett schützte sie denn doch vor des Onkels staubigen Stiefeln durch ein altes
Tuch das sie ihm behutsam unterschob Dann begann sie die um sie waltende
Stille wahrnehmend einen Gedanken auszuführen der einigermaßen Das was sie
bedrückte erleichtern sollte Sie entschloss sich an Herrn Sylvester einen
Brief zu schreiben
Zehntes Kapitel
Geschichte eines Briefes
Fränzchen Heunisch hatte schon drei Tage auf Herrn Sylvester gewartet
Dieser sonderbare Mann war nicht mehr gekommen
Die wohlüberlegte Erklärung die sie ihm hatte geben wollen der in ihrem
Sinne artig gewandte Dank war ihr gleichsam auf der Zunge liegen geblieben sie
war ihn nicht los geworden
Jeden Augenblick konnte Herr Sylvester sich nun wieder sehen lassen Wie
leicht möglich dass er mit Armand zusammentraf
Erschrocken über diese Möglichkeit entschloss sie sich ihm zu schreiben
Wusste sie auch seine gegenwärtige Wohnung nicht so kannte sie doch genau seine
frühere Königsstrasse Nr 13 Sie hoffte dort schon erfahren zu können wo sie
den Brief würde abzugeben haben
Einen Brief Einen Brief schreiben Menschen die wie Franziska Heunisch in
beengten Verhältnissen leben nicht so schnell wie Leute die sich die Welt in
der sie leben früh mit dem Gänsekiel erweitern Nicht etwa wegen der Gedanken
Die lagen ganz klar und wohlgeformt schon im Kopfe des jungen sich immer mehr
entwickelnden Mädchens Aber die Schreibmaterialien Der ganze Umstand dabei
Was fehlte nicht Alles
Sie nahm rasch ihren Hut schlug ein leichtes Flortüchelchen um den Hals
klinkte die Tür leise auf und schlich die Treppe hinunter um eine geschnittene
Feder Oblaten und Papier zu kaufen Mit diesem Reichtum sprang sie in ihren
Hinterhof zurück nicht ohne einen Blick zu dem goldnen »Louis Armand
Vergolder« hinaufzuwerfen nicht ohne einen sonderbaren Schreck den sie hatte
als neben dem mit Gardinen verhangenen Fenster ihres angebeteten Freundes aus
einem andern Fenster ein Kopf rasch sich zurückzog bei dem es ihr doch fast
war als hätte sie ausrufen müssen Himmel Das ist ja Herr Sylvester
In der Hausflur blieb sie eine Weile ganz betroffen stehen Bald entdeckte
sie aber in ihrer Erinnerung an diese plötzliche Erscheinung ein verschiedenes
Haar und manches andere von Herrn Sylvester Abweichende Sie musste sich oben
sagen Du bist so lebhaft mit der Vorstellung an deinen Brief beschäftigt dass
du nichts hörst und siehst als Die Menschen die dich armes Kind wie einen
Spielball hin und herwerfen
Als sie wieder oben war fand sie Alles so still und schlummernd wie sie
die kleinen Zimmer verlassen Sie erschrak dass sie ihr Nähtischchen nicht
verschlossen hatte doch fand sie Alles unversehrt Sie hatte jenes Gefühl das
uns in solchen Augenblicken sagt Ohne Leben war es inzwischen in dem stillen
Raume doch wohl nicht Kleine Geister huschten gewiss auf und ab lasen was sie
nicht sollten kramten wo sie nicht durften legten aber Alles ganz wieder so
unversehrt hin als wäre nichts geschehen
Jetzt wollte sie schreiben und erschrak dass sie die Tinte vergessen hatte
Es war ein Gefäß dafür da es stand immer in der Ofenröhre aber es war
eingetrocknet Sie goss Wasser dazu und rührte mit einem Spahn den schwarzen
Brei um Er gab hinlängliche Flüssigkeit um einen kurzen und bündigen Brief zu
schreiben
Als sie fertig war schloss sie das Geschriebene mit einer von den
neugekauften Oblaten Sie hatte so oft sie in ihrem Leben schon Briefe
geschrieben und mit bunten Oblaten gesiegelt hatte immer solche Farben für
diesen Zweck gewählt wie sie dem Verhältnisse an das sie schrieb zukamen
Fröhlichen Menschen und Freunden leichter Art dem Onkel nach Plessen siegelte
sie mit roten Oblaten Treuen Beständigen mit blau an Louis Armand hätte sie
gewiss eine grüne Oblate die Farbe der Hoffnung gewählt Für den Professor
Sylvester wählte sie eine gelbe
Glücklicherweise erwachte jetzt die alte Märtens Fränzchen konnte also
ihrem Drange sogleich folgen und den fertigen Brief in die Königsstrasse Nr 13
tragen Sie ordnete das Band an ihrem Hute ihr Haar sie legte sich einen
hübschen gestickten Kragen um den schönen etwas brauninkarnirten Hals nahm die
weiße Florecharpe gar zierlich über Schulter und Arme zog sich ein paar alte
aber sehr gepflegte dunkle Handschuhe an verbarg den Brief in einem
Taschentuche und machte sich mit der Erklärung sie käme in einer kleinen halben
Stunde wieder auf den Weg Die Trau Tischlermeisterin hatte es gern wenn das
junge Mädchen dem sie im Ganzen sehr zugetan war sich nach Tische etwas
»Motion« machte Sie nannte sie »versessener« als sie sein sollte
Franziska war es als brennte der Boden unter ihr Sie fühlte da sie nun den
geliebten Freund wiedergesehen und er sie mit fragendem teilnehmendem Schmerze
betrachtet hatte dass sie Alles aus dem Wege räumen müsse was sie
möglicherweise von Louis Vertrauen trennen konnte Auch mit Heinrich Sandrart
gedachte die kleine Schönheit kurzen Prozess zu machen und überlegte sich schon
den Brief den sie auch an diesen gleich nach des Onkels Abreise schreiben
wollte Von einer Mitreise nach dem unheimlichen Forstause in den engen Wald
wo die gelben Blumen auf dem Sumpfe und die weißen Zuckerkügelchen auf den
gestrichenen Zwetschenbroten ihr eine grauenvolle Erinnerung boten war jetzt
wo ihr Louise Eisold den »Mut des Herzens« eingeflößt hatte keine Rede
Fränzchen kam in die lange geräuschvolle Königsstrasse und suchte nach der
Hausnummer Sie fand sie bald Es war ein großes stattliches Haus mit vielen
Stockwerken und mit einer großen Anzahl von Fenstern Ein Hinterhaus war nicht
sichtbar Sie hatte geglaubt die erste Anfrage schon würde ihr die Klingel
zeigen wo sie ihr Briefchen abgeben könnte Unten waren nur Läden im ersten
Stocke wohnten die Besitzer derselben Im zweiten verwies man sie in den
dritten Niemand kannte einen Professor Sylvester Niemals hatte ein
französischer Sprachlehrer dieses Namens hier gewohnt Der Gedanke dass sie von
diesem zweideutigen Manne der »grünen Brille« könnte getäuscht sein kam ihr
sowenig ein dass sie als man ihr im dritten Stocke sogar kurzweg die Türen vor
der Nase zuschlug und ein impertinentes »Wohnt hier nicht« zurief auch noch
über eine dunkle schmuzige steinerne Stiege in den vierten Stock stieg Hier
sah sie schon die Dächer der Nachbarhäuser Sollte Herr Sylvester hier gewohnt
haben Die Klingelschilder die sie fand konnte sie in der Dunkelheit kaum
lesen Keins zeigte Den Namen den sie suchte
Wie sie voller Betrübnis so stand und sich deutlich zurückrief wie ihr Herr
Sylvester anfangs dieses Haus und nur dieses das sie im Vorübergehen oft
darauf angesehen hatte als seine frühere Wohnung genannt war sie
unentschlossen ob sie nun hier doch noch klingeln sollte
In dem Augenblick hörte sie einen lebhaften Wortwechsel der hinter einer
dieser schon schwarzen verräucherten Türen geführt wurde
Schämen Sie sich sagte eine alte keifende Stimme Sie bringens noch so
weit dass Sie bald Ihr festes Quartier angewiesen kriegen
Eine andere hellere weibliche Stimme lachte laut auf
Lachen Sie nur sagte die ältere Stimme wieder seit dem letzten male wo
Sie gefasst wurden ist dem Oberkommissär schon die Geduld gerissen Er lässt das
Vögelchen nicht wieder fliegen wenn ers nun beim Fittich hat
Nur höhnischer Spott von der Andern war die Antwort
Wann bekomm ich meine vier Taler Machen Sie ein Ende oder Wesen ich
rate dir
Verklagen Sie mich war die Antwort auf diese wilde dreifach gesteigerte
Apostrophe Die Gerichte werden Ihnen anstreichen Miete für Hausschlüssel zu
fodern Haben Sie einen Gewerbschein auf Hausschlüssel
Die Alte dämpfte jetzt die Stimme und sprach etwas was Fränzchen nicht
verstand
Mag ihn nicht sagte übermütig lachend die Junge Wenn ich einen Alten
nehmen soll weiß ich Einen der viel flotter ist
Fränzchen wollte auf solche Äußerungen vor denen ihr sittliches Gefühl
schauderte gehen aber die Erwähnung eines Alten fesselte sie doch Sie dachte
sollte Das wohl der französische Sprachlehrer sein
Die Alte sprach wieder etwas leiser
Die Junge antwortete mit derselben höhnischen Zurückweisung wie vorhin
Dass Bartusch mir nicht hierher kommt Ich werf ihn die vier Treppen
hinunter dass er nicht wissen soll ob er fliegt oder stolpert
Die Stimme der Alten wurde etwas hörbarer
Was kann Ihnen denn sagte sie Gold und Juwelen helfen wenn Ihnen die
Polizei die Sächelchen öffentlich abreisst und Ihnen einen Namen als
Diebshehlerin anklext Der Alte den Sie meinen wohnt jetzt auch bei uns
hinter den Eisenstangen wo der Mondsüchtige gewohnt hat Wir wissen ja was Pax
von ihm hält Alles passt ihm auf Schrecklich jede drei Tage wird angefragt
was Der mit der schwarzen Binde treibt
Die Stimme der Jüngern sprach jetzt schwächer
Fränzchen konnte sie nicht verstehen Die Erwähnung von dem Manne mit der
schwarzen Binde fesselte sie Es war Der der bei Louise Eisold eingezogen
war In dem Glauben doch noch vielleicht etwas vom Herrn Sylvester zu hören
blieb sie stehen unschlüssig ob sie klopfen sollte
Sie hörte wohl dass beide Frauen fortsprachen aber sie konnte nichts
Deutliches mehr unterscheiden
Leute dieser Gattung streiten sich oft dann scheint es plötzlich als wenn
sie sich versöhnten sie lachen sogar und ehe man sichs versieht bricht wieder
die alte Wut hervor
So kreischte jetzt eine Stimme auf Es war die Jüngere
Meine Ohrringe schrie sie Alte ich bringe dich um
Nun lachte die Alte Sie hatte sich ohne Zweifel für die Schuld die sie bei
der Jüngeren beanspruchte selbst pfänden wollen
Hinaus schrie die Jüngere Spitzbübin Du hast die Perle abgerissen
Flickschusterin hinaus Drache Wo liegt meine Perle
Nun nun sagte die Alte sie beruhigend und ängstlich ich will suchen
helfen
Nicht unterstanden Keinen Griff auf die Erde Stehen geblieben Die Hände
hergezeigt Schändliches Weib meine Perle Wo liegt meine Perle
Glasperle Zwei Dreier an Wert lachte die Alte Der Plundermatz verkauft
welche für vier Pfennige
Es dauerte eine Weile bis wieder gesprochen wurde Wahrscheinlich suchte
die Jüngere auf der Erde während die Alte tückisch lachte und sich nicht rühren
durfte damit sie unter dem Schein zu suchen nichts einsteckte Wir kennen dies
Talent der Frau Mullrich von den drei Talern her die sie für Hackert suchen
half
Da ist sie ja rief sie aber doch zuletzt Und nun hab ich keine Geduld
mehr setzte sie ärgerlich und giftig polternd angeschwollen von ihrer
bewiesenen Ehrlichkeit hinzu Dem Grauen schließt sie die Tür meine vier
Taler gibt sie mir auch nicht Sie denkt wohl ich weiß nicht mit wem sie sich
herumzieht Für wen sie jetzt tut als hätte sie niemals auf Nr 17 bei mir
gewohnt Sie denkt wohl Der mit den Nankingkamaschen wird nicht bald dahinter
kommen dass sie
Weiter sprach die Stimme nicht Ihre nächste Äußerung war ein furchtbares
plötzliches Krächzen und Würgen Mühsam presste eine am Ersticken nahe Kehle die
Worte hervor
Hilfe Hilfe Sie würgt mich
Franziska Heimisch wusste nicht was sie nun tun sollte Schon war sie im
Begriff gewesen zu gehen schon zitterte sie jetzt vor Angst ob sie nicht Hilfe
rufen sollte als die Stubentür von innen aufgestoßen wurde und ein junges
schlankes schöngebautes Frauenzimmer eine Alte mit einem einzigen atletischen
Wurfe über die Schwelle schleuderte und scheinbar kalt aber zornglühend
sogleich die Tür wieder zuschlug und von Innen mit den Worten verriegelte
Das ist für Den mit den Nankingkamaschen
Dass hier Herr Sylvester nicht wohnen konnte sah Fränzchen nun wohl und
wollte entfliehen
Die Alte aber schrie ihr nach
Mamsell Fräulein Hören Sie Warten Sie
Und während sich Franziska nur umsah hatte die Alte sie schon mit ihren
schwarzen Pechkrallen gepackt und überschüttete sie unter lautem Geschrei mit
den Worten
Sie hat mir eine Rippe zerbrochen Sie müssens bezeugen Mamsell Sie
habens gesehen
Liebe Frau lassen Sie mich bat Fränzchen flehentlich
Sie hat mich morden wollen Sie habens gesehen Sie müssens beschwören
Bitte ich bin hier fremd ich suche nur ich hatte einen Brief hier
Ich reiss Ihnen den Brief weg wenn Sie mir nicht sagen wer Sie sind
Fränzchen versteckte ihren Brief mit Blitzschnelle und rief
Um Gotteswillen was wollen Sie denn von mir liebe Frau
Die Alte packte Fränzchen und krächzte
Bezeugen sollen Sies beschwören müssen Sies dass sie mich hat würgen
wollen Die Kehle hat sie mir zugeschnürt mit ihren Diebsfingern Da sind noch
die Krallen in meinem ehrlichen Halse Wie heißen Sie Gott Sie hat mir eine
Rippe zerbrochen Ich habe den Tod weg
Fränzchen wurde jetzt mitleidig und schickte sich schon an ihren Namen zu
sagen als wieder die Alte sie packte und rief
Wo wohnen Sie Wer sind Sie Sagen Sies oder Mamsell ich lasse Sie nicht
los und sollten die Straßen zusammenlaufen Ach Ach Mir wird schwach
Herr Gott Was ist Ihnen Soll ich Sie nach Hause fahren lassen Wohin denn
Wer sind Sie
Die ängstlichen Fragen der von einem merkwürdigen schauspielerischen Talente
der Flickschusterin getäuschten Fränz mit wem denn sie die Ehre hätte
beantwortete diese
Ich bin die Mullrich Vizewirtin von der Brandgasse Nr 9 Mein Mann ist
von Profession ein Schlosser von Gewerbeschein ein Schuster steht aber bei der
Polizei als Offiziant und ich bin die Vizewirtin Diese Mörderin heißt Auguste
Ludmer Das bringt sie auf zehn Jahre ins Criminal Wie heißen Sie Mamsell
Wenn es Sie beruhigen kann ich heiße Franziska Heunisch
Franziska Heunisch Und Ihre Wohnung
Wallstrasse Nr 14 Beim Tischler Märtens
Beim Tischler Märtens Ach du mein Heiland Das will ich mir merken Ach
ich sterbe Da hab ich doch meine Satisfaction O o diese Kreatur Sie
habens gehört dass ich Hilfe geschrien habe Sie habens gehört
Leider Leider
Sie habens gesehen dass sie mich mit Füßen getreten hat
Mit Füßen getreten sagte Fränzchen erschrocken über die Abweichung von der
Wahrheit
Mit Füßen getreten geschunden gekratzt hat sie mich
Damit heulte die Vizewirtin aufs neue
Fränzchen wollte entgegnen die Lebhaftigkeit der Phantasie dieser Frau
berichtigen allein der Lärm hatte alle Dienstmädchen des Hauses alle
Komptoirdiener der unteren Läden zusammengerufen und in der verzweifeltsten
Beschämung sich hier in eine so widerwärtige Begebenheit verwickelt zu sehen
gab sie Alles zu um nur fortzukommen
Glücklicherweise gelang ihr Dies Während Frau Mullrich den Umstehenden ihre
Schicksale mit diesem »abscheulichen Frauenzimmer oben« ausführlich und
übertrieben erzählte fand sie eine günstige Gelegenheit davonzuschlüpfen
Die Königsstrasse ist so lebhaft dass sie bald unter den Menschen verschwand und
von ihrer Verfolgerin deren Krallen sie noch immer im Nacken fühlte nicht mehr
entdeckt wurde Ihren Namen hoffte sie würde sie vergessen haben Sie entsann
sich dass dies der wachende Hausdrache bei Louise Eisold gewesen war und
bedauerte nur wie sie nun wohl kaum jemals wieder würde versuchen können jenes
Haus zu betreten Wie schöpfte sie mit angstbefreiter Brust Atem als sie
wieder frische Luft und Sonne und Sicherheit um sich hatte
Anfangs fühlte Fränzchen erlöst von der eben überstandenen Pein nur im
geringeren Grade die unangenehme Täuschung die sich Herr Sylvester mit ihr
erlaubt hatte Als sie sich aber wieder ihrer Wohnung näherte ärgerte sie es
denn doch empfindlich dass dieser ihr jetzt vollends abscheuliche Mann sich
vielleicht einer falschen Adresse bedient hatte Sie konnte nicht glauben dass
er da gewohnt hatte wo jener Zank vorgefallen war
Das entschlossene zweideutige junge Frauenzimmer hatte sie wohl erkannt Es
war jene schmuckbehangene Auguste Ludmer vom Fortunaball gewesen die mit dem
Glockenschlage vier von den Agenten der Polizei mit jenem älteren Manne
verhaftet wurde den sie nun schon unter dem Namen eines Engländers Murray
kannte Wie überlief es sie kalt bei dem Gedanken dass sie mit solchen
Menschen vor Gericht treten sollte Zeugnis ablegen ja nur mit ihnen zusammen
genannt werden
In dieser Qual vor Louis Armands Augen immer tiefer sich in einen falschen
Schein zu stellen immer mehr sich in ungünstige ohne ihre Schuld gegen sie
sprechende Beziehungen zu verwickeln betrat sie die Wallstrasse Da sah sie
wieder ihr Haus Armands leuchtendes Schild und jenes Fenster wo es ihr vor
noch nicht viel über eine Stunde gewesen war als hätte sie an ihm etwas
entdeckt was Herrn Sylvesters Kopfe so ähnlich geschienen dass sie im ersten
Augenblicke dachte Da ist Herr Sylvester bei Louis Armand selbst zum Besuche
Sie sprechen über die Bestellungen für jene Gräfin über dich Louis verurteilt
dich ohne dich gehört zu haben
Was tut es dachte sie als sie in die Hausflur trat du klopfst oben bei
der Frau an die so glücklich ist alle ihre Zimmer nun vermietet zu haben du
frägst wer neben Louis Armand jetzt wohne Ohne weiter zu zögern stieg sie
die Treppe hinauf In dem Augenblicke hörte sie oben eine Tür zuschliessen Sie
wandte den Kopf sah hinauf es war Louis der eben im Begriff schien
auszugehen Sie zögerte Sie war so erschrocken dass sie umwenden wollte Indem
hatte sie aber Louis schon bemerkt
Ah Mademoiselle rief er angenehm überrascht und über die ernsten
Gesichtszüge mit denen er seinen Zettel an der Tür der jede Bestellung
während seiner Abwesenheit an den Tischler Märtens im Hinterhofe verwies
flüchtig übersah flog ein Strahl sanfter Freude Wie kommen Sie hierher
Mademoiselle
Fränzchen stotterte etwas sah auf ihren Brief und wusste vor Verlegenheit
nicht welche Ausrede sie finden sollte
Louis blickte auf den Brief und war erstaunt eine französische Adresse zu
lesen A Monsieur Monsieur le Professeur Sylvestre de Paris
Die Worte waren ganz ortographisch geschrieben
Haben Sie Das geschrieben Franchette fragte Armand
Ja antwortete Fränzchen schüchtern Der Herr ist in dieser Zeit mein Lehrer
gewesen Ich wollte ihm schreiben dass ich kein Talent für Sprachen habe und ihn
bäte nicht mehr zu kommen
Nicht mehr zu kommen Warum liebe Franchette Kein Talent
Fränzchen hatte jetzt keine Antwort Sie blickte verlegen bald auf die
Stufen auf denen sie noch stand bald über das Geländer hinüber an die Tür
welche Louis eben verschlossen hatte und die Nebentür
Wer wohnt da fragte sie Ich sehe eine Karte an der Tür
Kommen Sie wir wollen lesen liebe Franchette
Fränzchen stieg die Treppe nun ganz hinauf und hörte dass Louis schon sagte
Ein Italiener ist mein neuer Nachbar Lesen Sie
Fränzchen sah auf die angeheftete Visitenkarte und fand die einfachen Worte
Signor Barberini
Signor Barberini wiederholte sie und sprach für sich Der ist es nicht
Es konnte Louis nicht entgehen dass Fränzchen in Verlegenheit und einer
gewissen Aufregung war Er wollte zu Egon um mit ihm zu speisen da hatte
er wohl noch eine halbe Stunde Zeit um die Gelegenheit zu benutzen einige
Worte mit einem Mädchen zu wechseln zu dem er sich so innig hingezogen fühlte
und das ihm durch diese lange von ihm nicht verschuldete Trennung auf eine sein
Inneres beklemmende Weise entrückt war
Ohne lange zu zögern schloss er die Tür seiner Wohnung auf und schlug
Franziska vor einen Augenblick bei ihm einzutreten
Sie sah ihn mit großen Augen an als wollte sie sagen Ist Das erlaubt Darf
ich Das Und wenn ich es wagte weil ich dich liebe würd es mich denn auch bei
dir nicht herabsetzen
So viel Gedanken und Empfindungen in einem einzigen Augenblicke
ausgesprochen müssen einem großen braunen von schwarzen Wimpern beschatteten
mit schwarzen Brauen umrandeten Auge wohl einen mächtigen Zauber geben Wie diese
beiden kleinen krystallenen Kugeln so zitternd und wie lebendig gewordene Worte
auf Louis ruhten fühlte sich dieser feurig bewegt schlug leise seinen Arm über
des Mädchens Schulter und sagte
Meine liebe Freundin Sechs Wochen Trennung Sie haben mich vergessen
In diesem Augenblick stand die Tür schon auf und Fränzchen wurde geblendet
von dem schönen Anblick Das elegante weisstapezirte Zimmer hatte keine andern
Möbel als rings an den Wänden einige mit rotem Plüsch überzogene Divans und
einige Tabourets von gleichem Zeuge An den Fenstern hingen weiße grossgeblumte
Gardinen mit goldbronzenen Haltern An den Wänden sah man Spiegel mit goldenen
Rahmen und große Kartons mit Rahmenmustern in den geschmackvollsten Formen Auf
einem großen Tische in der Mitte des Zimmers lagen Zeichnungen Goldleisten und
die zierlichsten Holzschnitzereien
Und dennoch würde sich Fränzchen von dem schönen Anblick nicht haben
sogleich blenden lassen und eingetreten seien wenn sie nicht plötzlich im
Nebenzimmer ein gewisses Husten gehört hätte Dies Husten erinnerte sie
schreckhaft an den Professor Sylvester Er behauptete sich seit dem Fortunaball
einen unausrottbaren Katarrh geholt zu haben schmähte über das Klima dieser
wilden Gegenden des Nordens und hustete oft so ununterbrochen dass er um sich
zu erholen aufstehen und einen Gang durchs Zimmer machen musste Ganz diesem
Husten ähnlich klang es jetzt von der dünnen Wand her die dies Geschäftszimmer
des jungen Franzosen von der Wohnung des Signor Barberini trennte Darüber
betroffen nachgrübelnd folgte sie fast willenlos der Aufforderung ihres ernsten
und so liebevoll bittenden Gönners dass sie zuletzt in seinem Zimmer war sie
wusste nicht wie Mit welcher Pein sank sie auf eins der zierlichen roten
Tabourets nieder Wie bebte sie wenn sie sich dachte die Tür die Louis
eingeklinkt hatte könnte aufgehen und irgend Jemand an dessen guter Meinung
von ihr ihr etwas gelegen sein müsste träte ein Dass Der an dessen Urteil ihr
selbst am meisten gelegen war sie selbst hier hatte eintreten lassen tröstete
sie und die erste Beklemmung wich bald einem froheren Gefühle
Franziska begann Louis Armand mit bescheidener Zurückhaltung und ohne den
mindesten Anschein als könnte er die gewagte Situation zu seinem Vorteile
benutzen wollen Franziska haben Sie meine kleinen Verse erhalten
Ich wollte Ihnen dafür danken sagte Fränzchen schüchtern aber ich fand
nichts was Ihrem Geschenk würdig antwortete
Das kleine Gedicht ist in der Teilnahme gedacht worden die ich für ein
weibliches Gemüt empfinde das sich vom Schicksal auf die große Aufgabe
angewiesen sieht unter Entbehrungen die Tugend zu lieben Ich bin betrübt
gewesen Franziska dass Sie die Gefahren selbst aufsuchen denen nicht jedes
Herz zu trotzen im Stande ist
Fränzchen schlug errötend die Augen nieder
Sie besuchen die nächtlichen Bälle
Herr Armand war Alles was Fränzchen stottern konnte
Sie haben auf einem Ball der bis tief in die Nacht währte jenen Landsmann
von mir kennen gelernt der wenn er Ihnen den Unterricht den Sie von ihm
empfingen ganz ohne Entschädigung gab sehr von der Natur meiner Nation
abweichen muss
Ohne Entschädigung Wie meinen Sie Das Herr Armand
Der junge Soldat den ich heute bei Ihnen traf ist ich weiß es
unglücklich dass er den Platz den er in Ihrem Herzen sucht von Herrn Sylvester
besetzt findet
Fränzchen hätte über diese Worte weinen mögen Sie fühlte nun wie sie Louis
Armand erscheinen musste Sie erkannte wie unvorsichtig sie sich dem Urteile
der Welt ausgesetzt hatte wer wusste denn warum sie Herrn Sylvesters Besuche
geduldet hatte
Statt aller Antwort riss sie das Billet auf und gab es Louis zu lesen
Dieser sah sie voll Zärtlichkeit an und lehnte es entschieden ab in ihre
Geheimnisse zu dringen
Meine liebe Franchette sagte er mit dem sanften Tone wieder der dem
deutschen Mädchen einst so wohlgetan hatte weil die Deutschen in der Sphäre
wo sie lebte noch nicht jene Weichheit und graziöse Zurückhaltung besitzen die
in Frankreich bei den Arbeitern schon die Folge der großen gesellschaftlichen
Umwälzungen geworden ist Liebe Franziska wie darf ich
Lesen Sie sagte Franziska entschieden
Als Louis zögernd gelesen hatte sagte er
Sie lehnen den ferneren Unterricht dankbar ab Ihre Zeit Ihre geringen
Talente sagen Sie verhinderten Sie daran
Drinnen hustete es jetzt so stark dass Franziska hätte aufspringen mögen und
sagen Das ist ja Herr Sylvester
Wenn Sie der Sprache meines Landes die Ehre antun wollen sagte Louis
lächelnd sie zu erlernen so würd ich mich gern zur Fortsetzung des
Unterrichts erbieten allein Sie haben Ursache den jungen Sergeanten der Sie
auf einem nächtlichen Balle kennen lernte zu schonen
In diesen ruhig gesprochenen Worten lag doch eine Bitterkeit die Franziska
so verwundete dass sie hätte aufschreien mögen Mit Leidenschaft für sich das
Wort zu ergreifen war sie aber nicht im Stande So blieb ihr nichts übrig als
zu weinen
Sie verkennen mich sagte sie mit erstickter Stimme
Louis sah zur Erde nieder Aufzuspringen sie zu umarmen ihr zu Füßen zu
fallen wagte er nicht Was konnte er ihr bieten Eine Trennung von der Heimat
Ein ungewisses Loos auf fremdem Boden wo sie allen neuen Lebensbedingungen
vielleicht erlegen wäre Ihn selber band es an Egons künftigen Lebenslauf
Wusste er wohin ihn dieser noch einst führen konnte Er traute auch seiner
Teilnahme für das junge Mädchen nicht War es Liebe war es Mitgefühl für ihr
Wesen das er bisher so still und sittsam erkannt hatte Er gehörte das hatte
er oft schon hören müssen zu jenen jetzt so vielfach anzutreffenden Menschen
die in der Reflexion heimischer sind als in der Welt der Tat Jede Sphäre auch
die unterste hat ihre Hamlets aufzuweisen und die französische Nation hat sich
seit dreißig Jahren völlig verändert
Da Louis nichts tat die peinliche Situation zu erleichtern so fühlte sich
Franziska sittlich gezwungen und durch die Wahrheit ermuntert für sich das Wort
zu ergreifen Sie erzählte ihm denn in der Kürze so viel als nötig war um die
Veranlassung die sie auf einen der berüchtigten Fortunabälle geführt hatte in
einem für ihre Moralität günstigeren Lichte erscheinen zu lassen Sie konnte die
ganze Wahrheit nicht sagen daran verhinderte sie die Rücksicht auf Louise
Eisold Aber auch die Umstände die sie erwähnen zu dürfen glaubte reichten
hin in Louis jeden Verdacht niederzuschlagen Er reichte ihr in freudiger
Bewegung seine Hand und bat sie um Verzeihung
Warum sind Sie aber nur so streng gegen mich sagte sie lächelnd als er die
Hand in der seinen hielt
Louis konnte der Liebenswürdigkeit dieses Blickes dieser Frage dieses
Lächelns nicht widerstehen Ohne sich jedoch fortreißen von seiner aufwallenden
Leidenschaft bewältigen zu lassen nahm er Fränzchens Hand streifte den Ärmel
ihres Kleides etwas zurück und drückte einen innigen Kuss auf die Stelle die der
Handschuh dort frei ließ
Fränzchen wurde es dabei so wunderlich so selig war ihr zu Mute dass sie
nun nicht anders als laut lachen konnte Es war die herzlichste innigste
Freude die in ihrer Brust überwallte und wenn sie nicht eine so hohe Verehrung
vor Louis Armand und so ängstliche Begriffe von Schicklichkeit gehabt hätte Das
musste sie sich sagen eigentlich hätte sie den pedantischen jungen Mann
nehmen sein krauses Haar ihm von der Stirn wegstreichen und diese edle weiße
Stirn küssen mögen
Natürlich geschah Das nicht und auch der selbstquälerische Louis bekämpfte
sich und legte auf seine Empfindung die Dämpfer seiner eigentümlichen
melancholischen und krankhaften Lebensauffassung die er mit einer ganzen
Schicht unserer arbeitenden Stände von jetzt gemein hat Wie Louis Armand
gibt es in allen großen Werkstätten wo mehr als ein Dutzend Arbeiter zusammen
wirken gewiss immer einen unter ihnen der eine Art Propheten abgibt Einer von
ihnen trinkt nicht zankt nicht spielt nicht tanzt nicht sondern liest und
schreibt sogar dichtet oder singt wird zuweilen ausgelacht meist aber geliebt
und bewundert Er ist sozusagen der Traumdeuter der Werkstatt der Hohepriester
und Schriftgelehrte dessen Traumauslegungen aber noch träumerischer sind als
die Träume der Andern In jeder großen Werkstatt gibt es einen Rabulisten einen
Possenreisser und einen Philosophen
Ihr Onkel sagte der selbstquälerische zurückhaltende Armand ist recht
unglücklich dass Sie den jungen Sergeanten foltern liebe Franchette Er sagte
dem Prinzen dass dieser junge Krieger der Sohn eines reichen Landmanns ist Ich
fand ihn fein und artig Auch sein Spiel auf der Flöte verriet mir dass er ein
Herz hat Und Liebe Liebe die sich auch bewährt in der Demütigung dass man
sie nicht erhört Die Welt ist sehr arm an solcher Liebe die nicht liebt um
wieder geliebt zu werden liebe Franchette
Ich mag ihn nicht war Fränzchens ganze kurze runde deutsche Antwort Sie
verstand die eigentümliche leidende und entsagende moderne Philosophie ihres
Gönners nicht
Er ist reich fuhr Dieser wie ein Stoiker fort
Wenn auch
Der Onkel will eine Beruhigung für sein Alter Er freut sich darauf
irgendwo gut aufgenommen und von Herzen geliebt zu sein
Ich weiß es ist recht lieblos von mir aber es geht nun doch nicht
Sie sollen mit ihm in den Wald
Fränzchen schüttelte den Kopf
Sie bleiben
Fränzchen nickte
Ah sagte Louis dem sich die Brust doch erweiterte dafür dank ich Ihnen
Wenn Sie gingen wüsst ich doch nicht ob ich noch in Deutschland bliebe
Bedurft es mehr um zu sagen Franziska hier schlägt dir ein Herz voll
Liebe und ewiger Treue
Aber teils des Nachbars Husten teils die eigene Befangenheit und
Unentschlossenheit Armands hinderte dass es trotz der zärtlichsten Wendung des
Gesprächs zu einer förmlichen Erklärung kam
Louis hielt Fränzchens Hand küsste und drückte sie sah ihr ins Auge voll
Güte und wiedergewonnenen Vertrauens aber einer stürmischen Leidenschaft war
seine melancholische krankhafte moderne VolksPhilosophie nicht fähig
Fränzchen hatte so viel Verehrung vor ihrem Freunde dass sie sich auch eine
andere Annäherung an ihn als diese zarte und zurückhaltende vorläufig nicht
möglich dachte Er fascinirte sie wie ein Zauberer Durch seine Huldigung
hatte sie vorläufig nur so viel Mut gewonnen dass sie jetzt sagte
Sie sollten mir und meiner Freundin Louise einen Gefallen tun
Einen Gefallen Mit Freuden
Nächsten Sonntag plauderte Fränzchen um zwei Uhr kommt Louise mit allen
ihren Geschwistern und einem ungeschlachten aber braven Menschen der sie gern
heiraten möchte und holt mich ab ins Wäldchen zu gehen Wissen Sie das ist
eine Stunde von hier Man geht von der Landstraße ab über Wiesen dem Strome zu
An dem das Schloss des Königs Solitüde liegt
Richtig da Rechts ist die Solitüde und links am Fluße das Wäldchen Im
Grase lagern sich da die frohen Menschen dürfen an eingemauerten kleinen Herden
Feuer machen scherzen jagen sich spielen im Grünen unter den alten Eichen
dass es eine Lust und Freude ist Gehen Sie mit
Louis nickte stumm
Sie tuns nicht gern Es ist Ihnen nicht vornehm genug
O meine gute Franchette sagte Louis
Aber Sie geben Ihr »Ja« so betrübt
Ach ich denke an mein Vaterland ich denke an die kleinen Freuden die die
Armen auch in Lyon und Paris genießen Wie hab ich diese Sonntage geliebt Die
teure Schwester die nun die Erde deckt war die Königin dieser kleinen Feste
Wenn es Sie aber traurig macht
Nicht traurig Nicht um die Vergangenheit bin ich gerührt Die ist begraben
Es bewegt mich dass Ihr in diesem Lande gerade so denkt und fühlt wie wir Eine
Kette ist es doch die uns Alle umschließt in Nord und Süd Ob Ihr nun in
dumpfen Höhlen bei der Lampe arbeitet oder wir an den niedergelassenen großen
Fensterladen unserer luftigen Häuser Ihr versammelt Euch am Tage der Ruhe
zur Freude wie wir Wir tanzen unter Nussbäumen Ihr vielleicht unter Eichen wir
verwechseln im VerwechselSpiele Ahornbäume Ihr vielleicht Tannen Ihr kränzt
Euer Haupt mit Kornblumen wir kränzen uns mit Weinlaub und wildwachsenden
Blumen die bei Euch nur in Treibhäusern gedeihen aber die Freude ist dieselbe
der Trost ist derselbe die Pause ist dieselbe wo sich die Arbeit erholt und in
ihren Hoffnungen neuen Atem schöpft Ja meine Freundin ich werde kommen
Fränzchen war über diese dichterische und wenn wir ironisch sein wollen
wie eine Einleitung zu Proudhons socialer Lehre vom Eigentum klingende
Erklärung sehr glücklich
Sie glaubte nun aufstehen zu müssen
Louis drückte sie mit einer flüchtigen Bewegung seines linken Armes leise an
die Brust Sie widerstrebte nicht sondern ließ die warme klopfende Fülle ihres
Busens an seinem Herzen eine Weile ruhen und sah dabei verschämt zur Erde Louis
lehnte sie sanft zurück und sprach
Ich danke Ihnen Françoise für das Vertrauen das Sie mir schenkten und dass
ich Sie nun wieder wie sonst verehren kann ach unterbrach er sich selbst Sie
zu lieben hatt ich nie aufgehört Am Sonntag also im Wäldchen
Fränzchen dankte ihm mit einem glänzenden Blick ihrer Augen und stand schon
an der Tür War sie doch selig dass endlich auch einmal das Wort Liebe gefallen
war
Und die Stunden in meiner Sprache nehmen Sie bei mir sagte er
Wenn es Sie erfreut antwortete sie
Und der Sergeant Wissen Sie Franziska dass ich Mitleid mit ihm habe
Wenn er uns in den Wald begleitete mit seiner Flöte
Fränzchen schüttelte den Kopf
Wir werden tanzen wollen Es wäre doch gut
Wir singen wenn wir tanzen wollen und Violinen und Harfen hört man unter
den Eichen genug
Der arme Heinrich Sandrart bat Armand Wie gut und tröstend ist es dem
Krieger sich unter seine Kameraden die Bürger und Proletarier der Arbeit
mischen zu dürfen Sind diese Proletarier des Müssiggangs nicht unsere Brüder
Lebt in ihrer Seele nicht etwas was sie von dem schlechten Geiste des Trotzes
gegen die übrige Gesellschaft den die Offiziere nähren abzieht und in unsere
fröhlicheren Reihen zurückführen möchte
Er wird nicht mitgehen wollen antwortete Fränzchen die weder von der
Flöte noch von der socialen Stellung Heinrich Sandrarts irgendwie gerührt war
und nur einen lästigen Liebhaber sah den sie nicht mochte
Bieten Sie es ihm an Franziska wiederholte Louis
Fränzchen blieb aber bei ihrem Sinne Sie lachte schüttelte den Kopf
öffnete die Tür und hüpfte davon Noch auf der Treppe warf sie einmal den Kopf
zurück nickte voll Innigkeit und huschte in glückseligster Stimmung in ihren
Hinterhof Der Husten des Italieners Signor Barberini verfolgte sie zwar wie
das giftige Zischeln einer Schlange die die Gestalt des Herrn Sylvester oder
der grünen Brille annahm aber nun da sie sich gerechtfertigt hatte vor Louis
Armand da sie wieder so viel zärtliche sanfte Worte von diesem elegischen
Schwärmer vernommen waren ihr alle Gefahren alle Beziehungen zu andern
anspruchsvollen Menschen gleichgültig sie zerriss ihren Brief sagte sich Er
mag kommen oder nicht Ich habe keine Furcht mehr ihm mündlich seinen Abschied
zu geben Es war ihr wie sie einst Melanie Schlurck gesagt hatte als käme sie
von einem Priester dem sie gebeichtet
Indem wir Fränzchen den letzten Verständigungen mit ihrem Onkel überlassen
und uns freuen müssen dass sie durch ein gütiges Schicksal vor mancher dunkeln
Gefahr auf dem Forstause im Plessener Walde bewahrt blieb begleiten wir den
glücklichen Louis Armand zu seinem Gönner und Freunde dem Prinzen Egon von
Hohenberg
Er fand ihn unruhig und besorgt darüber dass ihn Louis so lange allein ließ
Elftes Kapitel
Thomas a Kempis
Wie kann ich mich ohne dich zurecht finden Freund sagte Egon aufs
zuvorkommendste und von einem Halbschlafe gestärkt Wie diese Menschen die mich
hier umgeben alle so gierig lauern auf meine Winke Die kleinste Arbeit
vergrößern sie durch die Umständlichkeit ihrer Art sie anzufassen Alles ist
bei ihnen spielendes Riesenwerk Jeder will seine Notwendigkeit bezeugen und
geht laut statt leise klappert mit einem Teller statt ihn ruhig hinzusetzen
frägt zehnmal über eine Auskunft die er sich bei gesunder Vernunft selbst geben
kann Der Alte mit dem gewichsten Schnurrbart ist geradezu ein Hanswurst Es
tut mir seines Alters und der Erinnerung an meinen Vater wegen leid dass ich
ihn so lächerlich finden muss Schon drängte sich die älteste seiner Töchter an
mich und will die Befehle über meine Wäsche in Empfang nehmen Wie ich sagte
ich liebte Dies oder Jenes zur Hand zu haben und mich selber zu bedienen
verspricht sie in meinem gewöhnlichen Zimmer sogleich diese Anordnungen selbst
zu treffen Ich lese etwas aus den Blättern in den aufgehäuften Zeitungen Kaum
seh ich auf so ist die älteste Schwester mit den beiden jüngeren beschäftigt
an den Schubkästen zu poltern und zu ordnen Ich sehe hin Sie tun als merkten
sies nicht So dienend so unterwürfig gebehrden sie sich Die zweite gefällt
mir mehr als die jüngste Diese ist zwar hübscher jene hat jedoch pikantere
Augen Ich habe das Fenster geöffnet um nicht nach diesen Geschöpfen sehen zu
müssen Kaum lehn ich mich da hinaus so nimmt das Verbeugen und Grüssen kein
Ende Koch und Stallknecht Küchenmagd und Kehrfrau Alle machen sich zehnmal
auf der Straße zu tun nur um knixen und grüßen zu können Von
Vorübergehenden werd ich angestaunt Ich schlage das Fenster zu Da ekeln mich
aus den Zeitungen die ich mir allerdings selbst bestellte diese dummen
politischen Verwickelungen an Ich bin die Herrschaft der Phrasen so müde dass
ich lieber eine Abhandlung über den Dünger lesen möchte als diese Verhandlungen
des Ehrgeizes und der Intrigue Ich werde mich über Grund und Boden zu
unterrichten suchen und dann nach Hohenberg gehen dort wohnen dort mit
Ackermann Ökonomie treiben
Louis antwortete nicht auf diesen Erguss der Langeweile und des erwachenden
Lebensreizes Er sah auf dem Tisch zwei Gegenstände die ihm wichtiger schienen
als diese polternden Ausbrüche der Ungeduld eines Kranken der endlich genesen
sich in das Geräusch der Welt zurücksehnt und von Einsamkeit spricht Er sah den
für die Gräfin dAzimont bestimmten Brief und das schwarze Büchlein von der
Nachfolge Christi das durch seine Mitülfe in das Bild der Mutter gekommen war
Über Letzteres sprach sich Egon während man in dem Zimmer nebenan das
Serviren der Mittagstafel hörte umständlich und weitläuftig aus
Was ich bis jetzt in diesem wunderlichen Testamente meiner
bemitleidenswerten Mutter gelesen habe sagte er misfällt mir durchaus nicht
Dieser alte Mönch Thomas a Kempis war ein feiner Kopf und hat etwas Vornehmes
das ihn der Bildung zugänglicher macht als die gewöhnliche ascetische
Phraseologie Er schreibt vortrefflich Seine Sätze sind kurz und in Antitesen
gefasst wie bei Montaigne Er scheut sich nicht zuweilen einen alten Heiden zu
citiren und weiß ihn zweckmäßige mit einer christlichen Vorschrift in Einklang zu
bringen dabei hat er etwas Weltkluges ja sogar Etwas was an den Spruch
erinnert Schicket euch in die Zeit denn es ist böse Zeit Oder wohl gar an den
andern Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben Ich lese
seine Vorschriften mit Vergnügen Nicht etwa dass ich dem Willen meiner Mutter
gemäß daran denken könnte nach ihnen zu leben sie verlangen eine unmögliche
Entsagung und mönchische Christlichkeit Aber sie sind ein System das an sich
nichts Geschmackloses hat Es liegt eine so gefällige Abrundung in dieser
Auffassung des Lebens Sie ist dabei nicht ohne Heiterkeit und muss es sein da
sie den Namen des Heilandes so leicht so ohne viel Aufhebens bekennt wie wir
etwa in unserer Zeit von der Vernunft oder wenn man noch richtiger urteilen
will von einem großen Genius sprechen von Schiller und Goethe Ich kann mir
den beispiellosen Erfolg dieses Buches erklären Es ist in alle gebildete
Sprachen übersetzt und vieltausendmal gedruckt worden Es ist so klar so rein
wie die Luft Es lehrt die Weisheit die Demut und die Bescheidenheit Man
erstaunt freilich dass darin die Unwissenheit gepriesen wird im Gegensatz
dünkelhafter und nur die Zweifelsucht regemachender Gelehrsamkeit Aber man lässt
sich diese Polemik gegen die Bildung schon gefallen da es doch selbst ein so
feiner gebildeter Geist ist der mit uns spricht Dieses Buch richtig
aufgefasst müsste kindlich reine Gemüter bilden besonnene frohe Weltweise voll
Demut und Vertrauen Leider liegt darin auch ausgesprochen dass dies Buch ein
glänzendes Aushängeschild der Heuchelei und jener vornehmen religiösen
Abspannung werden musste die man Frömmigkeit und Erleuchtung nennt Und zuletzt
noch Dies Der Verfasser dieses Buches war ein Kommunist lieber Louis
Ein Kommunist fragte Louis erstaunt
Wohl sagte Egon lächelnd Er gehörte einer jener halbgeistlichen
Brüderschaften an die sich im Mittelalter auch unter den Laien bildeten Thomas
aus Kempen einer holländischen Stadt war selbst ein Mönch in einem kölner
Konvicte aber man kann ihn umsomehr einen mittelalterlichen Kommunisten nennen
als er außerdem zu einem Vereine gehörte der sich die Brüderschaft vom
gemeinsamen Leben nannte
Vom gemeinsamen Leben wiederholte Louis noch überraschter
Nicht wahr Das ist ja eure vollkommene Kommünauté
Man sollt es fast glauben sagte Louis errötend Aber ich begreife wohl
dass darunter nur das gemeinsame Leben in Gott und dem Heilande zu verstehen ist
Das ists sagte Egon Aber wer sich vom Laienstande ihr anschloss musste
doch wohl die Ansprüche seiner weltlichen Titel und Würden aufgeben und wenn man
sich in eine Art von Phalanstère begab das man im Mittelalter Konvict oder
Kloster nannte so geschah es doch fast unter solchen Bedingungen wie Ihr
communistischen Ikarier es Euch denkt Man aß aus einer Schüssel hoffentlich
mit mehren Löffeln Allons donc Monsieur Nous sommes servis
Damit setzte sich der junge Prinz mit Louis zu Tisch
Er hatte die letzten für Louis so bedeutsamen Worte sehr heiter
ausgesprochen Egon war kein reiner Anhänger der communistischen Ideen seines
Freundes und geriet jedesmal wenn dies Thema in Anregung kam mit ihm in einen
oft sehr lebhaften Hader Auch heute bei Tische wurde diese Saite wieder
berührt jedoch viel mäßiger und mit fröhlicheren Tönen als sonst in Paris oder
Lyon wo diese Saite trotz aller Freundschaft oft auch recht brummende Töne von
sich gab Egon hatte wie wir schon aus seiner Reise mit Dankmar wissen
selbstgewonnene Begriffe vom Staatsleben und der Gesellschaft und wenn seine
Ideen die er mit vielem Scharfsinn zu entwickeln wusste auch nahe an gewisse
demokratische Lieblingsvorstellungen der Zeit streiften so war er doch nichts
weniger als Kommunist
Das Mahl war lange nicht so einfach als es für Egons noch mannichfach zu
schonenden Körperzustand hätte sein sollen Auch eine gewisse ihm eigene
Sparsamkeit billigte diese Überzahl von Schüsseln nicht Er gab sehr ernste
Verweise über die gemachte Auswahl und erklärte rundweg er würde künftig jeden
Abend vorher sagen was er morgen essen wolle Wandstabler verneigte sich bis
tief zur Erde und schielte zu Louis hinüber den er auch in diesem Punkte als
einen wahren Dorn im fürstlichen Fleische als den Störenfried aller
standesmässigen Etikette und gehofften Wiederherstellung der alten
herrschaftlichen Zustände betrachtete und eigentlich mit Unrecht
Nach dem Essen ruhte Egon ein wenig aus und Louis las im Thomas a Kempis
der ihm plötzlich bedeutsam geworden war Louis hatte es sehr weit im
deutschen Sprechen und Verstehen gebracht Er musste ja seinen Ursprung halb von
Deutschland und Polen und nur halb von Frankreich herleiten Taddäus
Kaminski war im Jahre 1794 in der polnischen Insurrection bei Maciejowice
verwundet worden Glücklicher als sein Bruder Stanislaus Kaminski der in
Gefangenschaft fiel und nach Sibirien geschleppt wurde rettete er sich in der
Flucht von seiner Schwester Jagellona unterstützt mit Kosciuszko erst nach
Deutschland wo er im Württembergischen Pflege und ein Weib fand eine Deutsche
Namens Anna Oleander Verfolgt von dem Einflusse Russlands floh Taddäus Kaminski
nach Frankreich und ließ sich mit seiner Schwester Jagellona und seinem Weibe in
Lyon nieder Ihr Loos war Armut Früh starb Taddäus an seiner Wunde Die
Schwester Jagellona heiratete einen Industriellen bei dem sie gastfreundliche
Aufnahme gefunden hatten Namens Armand Jagellona war nicht mehr jung als sie
eine gebildete Polin der Dankbarkeit dies Opfer brachte und weit unter ihrem
Stande sich vermählte Die Revolution hatte die Standesunterschiede hier nicht
so sehr verwischt wie das Gefühl der Erkenntlichkeit für den Schutz und die
Pflege den die armen polnischen Flüchtlinge bei den Lyoner Freunden fanden
Jagellonas Sohn hieß ihrem in Sibirien schmachtenden Bruder zu Ehren
Stanislaus Stanislaus Armand heiratete die Mutter unsres Louis eine
Französin und gebar ihrem Gatten diesen Sohn im Jahre 1825 die Tochter Louison
ein Jahr später Diese aus so kosmopolitischen Mischungen zusammengesetzte
Familie gälische germanische slawische Elemente begegneten sich hier stand
unter dem patriarchalischen Einflusse der uralten Polin Jagellona Kaminski und
der deutschen ihren Gatten lange überlebenden Grosstante Anna Oleander einer
Schwäbin aus dem weiland württembergischen Gebiete der Grafschaft Mömpelgard
oder Montbelliard Die polnische Sprache war in diesem Kreise verschwunden aber
aus Rücksicht auf die Grosstante die des heldenmütigen Taddäus Kaminski wegen
tief verehrt wurde hatte sich neben der französischen die deutsche erhalten
die auch Jagellona wenngleich mit polnischem Accente sprach Louis Armand der
einzige noch lebende Enkel dieser nun ausgestorbenen Familie verbesserte sein
halbangeborenes Deutsch durch den Umgang mit Egon Aber mit den deutschen
Buchstaben hatte Louis Armand den neben der Liebe für Egon auch der Trieb nach
Anknüpfungen an seinen deutschen und polnischen Ursprung hierhergeführt hatte
mit diesem Druck hatte er seine Not Diese kleinen gotischen Buchstaben unsrer
Schrift im Geschriebenen und Gedruckten waren ihm peinlich Es wurde ihm
schwer in dem frommen Buche weit zu kommen und zu forschen ob sich wirklich
schon damals ein Anklang der modernen Kommünauté eine mehr als nur geistige
Brüderschaft vom gemeinsamen Leben darin finden lasse
Gegen vier Uhr hörte er aus dem Hofe den eleganten Landau des Prinzen an die
große Aufgangstreppe der unteren Flur anrollen und die Bedienten meldeten die
beiden andern Teilnehmer nach Solitüde die Brüder Wildungen
Louis wollte Egons Schlummer nicht stören und empfing die Angemeldeten
Siegbert hatte er seit Wochen nicht gesehen Dankmar war ihm eine ganz neue
Erscheinung
Das Bild das aufgeschlagene Buch gaben sogleich eine Anknüpfung
vertraulicherer Verständigung Dankmar hatte schon lange ein Vorurteil das er
anfangs gegen Louis Armand hegte abgelegt und freute sich seinerseits schon
wie sehr es ihn befriedigen würde wenn Siegbert an dem Fürsten soviel Gefallen
finden würde wie er schon an Louis gefunden hatte
Siegbert war auffallend gewählt und fein gekleidet Beide Brüder gingen in
schwarzem Frack weißen Westen jenem Kostüme das die Mode erfunden hat um
einem Höheren zu huldigen weiße Halsbinden helle Handschuhe fehlten nicht Ihr
guter Takt hatte durchaus nicht die Absicht in der Vertraulichkeit die ihnen
der junge Fürst gestattete irgend etwas von jenen Rücksichten aus dem Auge zu
lassen die man unter so nahen Verhältnissen dem geringer in der Welt Gestellten
gern erlässt aber doch immer anerkennt wenn man sie nicht vergisst Dankmar
war ohnehin mistrauisch Er konnte sich noch nicht in Egons aufrichtige Meinung
finden War hier etwas Zufälliges oder Notwendiges zu so eigentümlicher
Erscheinung gekommen Er prüfte und legte manchen Dämpfer auf Siegberts
glühende Erwartung
Denn Siegbert hatte gleich das vollste Vertrauen Sein gutes Herz ging immer
mit ihm durch Wir kennen ihn genug um uns zu vergegenwärtigen was Siegbert
empfand als Dankmar zur Fürstin Wäsämskoi kam und den Bruder aus einem der
sonderbaren têtesàtêtes aufschreckte die er seit einiger Zeit zwischen der
Fürstin und der immer reizender sich entwickelnden Olga beobachten musste
Siegbert Wildungen war seit jenem Abende wo er zum ersten male im Garten sich
der Fürstin Adele hatte vorstellen lassen der tägliche Freund jenes Hauses
Sonderbar genug Anfangs war die Fürstin so kalt so teilnahmlos gewesen dass
ihr Rudhard darüber sogar einige mürrische Vorwürfe gemacht hatte Später trat
nun das Gegenteil ein und weckte sogar Rudhards Besorgnisse Der strenge
Richter sah scharf Gleich am Abend als Olga die Blumen auf Siegbert
niedergeworfen hatte kam das Kind wie verändert in den Garten zurück Sie hatte
jene halbe Knabentracht abgeworfen die sie bisher trug und verlangte in einer
ihr eigenen kurzen und fast schneidenden Art eine neue Garderobe Alle ihre
Kleider wären ihr zu kurz Sie schäme sich so zu gehen wie sie sich heute in
der Reitbahn gezeigt hätte Sie wolle nicht nur ein langes Reitkleid wie alle
Damen zu Pferde tragen sondern auch für das Haus und die Gesellschaft die
Tracht der andern jungen Mädchen Schon hatte sie sich ihre langen Zöpfe zu
einer sonderbaren phantastischen Tracht aufgebunden die das Gelächter ihrer
Mutter und den Spott ihrer Geschwister erregte Sie hatte die Zöpfe mehrmals wie
Ammonshörner oder Schneckengehäuse gewunden und sie halb im Nacken halb hinterm
Ohr festgesteckt Rudhard fand die Idee allerliebst und geschmackvoll die
Mutter aber abscheulich Mit einem verächtlichen Blicke den Olga auf die Mutter
warf als wollte sie sagen Du bist nur neidisch dass ich so schöne Haare habe
wollte sie ins Haus gehen Die Kinder lachten hinter der Schwester her Da
ergriff diese eine Scheere die von den weiblichen Handarbeiten der Mutter auf
dem Gartentische lag fasste den einen aufgewundenen Zopf und war schon im
Begriff ihn herunterzuschneiden wenn ihr Rudhard nicht den Arm ergriffen die
Scheere entwunden und die heftige und übereilte Zerstörung eines so schönen
Schmuckes verhindert hätte Am folgenden Tage mussten Schneider und Modisten
kommen und aus Olga ein andres Wesen formen Rudhard billigte diese Metamorphose
vollkommen nur die Mutter geriet darüber in eine eigentümliche Reizbarkeit
Diese sonst passive Frau schien von der plötzlichen Emancipation ihres Kindes zu
einem jungen blühenden Mädchen und den dabei vorkommenden Beweisen eines
plötzlich gewachsenen Selbstgefühles so gereizt dass sie in einen Zustand
geriet den sie selbst nicht erklären konnte Sie wurde unruhig das Kleinste
verdross sie und weder Rudhards ruhige Beschwichtigung noch die Anerkennung
die doch ihr Kind bei jedem der zahlreichen Besuche die sie empfing erntete
konnte die Mutter zur Selbstbeherrschung bringen Nur Siegberts Eintreten in
den Familienkreis tat ihr wohl Dieser hatte mit Rudhard gleich am Morgen
nach der Beschlagnahme des Bildes und der Untersuchung ihrer Wohnung mit dem
darüber höchlichst erstaunten Manne eine lebhafte Unterhaltung Man beriet
Mittel und Wege um sich vor ferneren Gewalttaten dieser Art zu schützen Man
kam auf bedenkliche Vermutungen erwog die Verlegenheit und das Befremden
Egons wenn das Bild ihm würde übergeben werden und Dinge entielte die ihn
vielleicht nur aufregten und störten Erst zwei Tage später kam man zu der
Entdeckung dass das von Schlurck übergebene Bild die Papiere gar nicht mehr
enthielt Gesteigertes Erstaunen Hier war ein Geheimnis eine Intrigue Rudhard
gab sich die größte Mühe hinter Entdeckung einer bösen Absicht zu kommen Er
hatte Anzeichen die ihn auf eine sicher scheinende Erklärung führten Er
gelobte sich sie streng zu verfolgen Einstweilen riet er zum Ersatze durch
den Thomas a Kempis Der Eifer bei allen diesen Verhandlungen nicht nur
sondern auch die Teilnahme die Siegbert den künstlerischen Studien der Mutter
und Olgas schenken sollte veranlasste dass er täglich im Hause war Und nun
ergab sich dadurch eine neue Spannung in dem Gemüte der Fürstin Siegbert war
ihr notwendig geworden Sie lebte zurückgezogen nicht aus Prinzip sondern aus
Bequemlichkeit Sie wollte ihre Schwester vermeiden von der sie wusste dass sie
überall die schlimmsten Dinge von ihrer Bildung ihrem Verstande ihrem Herzen
sagte Die Trauer gebot ihr sich von der Gesellschaft fern zu halten Rudhard
war streng einsilbig oft mürrisch pedantisch sogar und durch sein sicheres
Auftreten ihr fast unbequem Siegbert Wildungen aber der gefeierte junge
Künstler Das war eine ideale Vermittlung mit der Welt Wenn er kam bot er den
süßen Reiz der Gewohnheit Wenn er ging ließ er eine Lücke zurück Er war so
ruhig bewegt so still glühend so schweigend beredtsam er wirkte so angenehm
es strömte wenn er sprach ein solcher Wohllaut von seinen Lippen jede Idee
die er äußerte schmeichelte sich schon durch den Vortrag ein und wenn er eine
Meinung aussprach so verband er die sicherste Männlichkeit und die Wärme der
Überzeugung mit liebevoller Duldung und Schonung der Andersdenkenden Ganz
abweichend von Rudhard der sogleich verurteilte keinen Irrtum anders
entschuldigte als durch das verletzte Interesse oder die mangelnde Bildung
Derer die ihn hegten von Rudhard der das Gemüt wohl einen Edelstein nannte
der aber nur klar und durchsichtig sein müsse nichts Trübes und Unklares
enthalten dürfe Siegbert hatte ihn bei der Fürstin vollkommen verdrängt
Rudhard merkte es wohl war aber ohne Empfindlichkeit darüber Er wünschte sich
Glück einen jungen Mann von so heilsamer Wirkung für diesen kleinen
Familienkreis gefunden zu haben und war nur bedacht dass in Olga keine
gefährliche Regung entstand und in Siegbert nichts was diese Regung nährte
Darüber kamen ihm denn nun freilich Zweifel Nicht dass etwa Siegbert
Veranlassung zur Verletzung der Konvenienz gab Rudhard musste vielmehr sich
selbst sagen Was kann der junge Mann dafür dass er mit einer fast überirdischen
Anbetung hier still verehrt wird Siegbert tat nichts als er gab sich selbst
Um seine Herrschaft über diese beiden Frauengemüter zu entkräften von dem
eigentümlichen Verhältnis das sich hier zwischen Mutter und Tochter ergab
hatte Rudhard schon eine besorgte Ahnung um einen Versuch zu machen ob denn
nicht das Eintreten eines andern Elementes in diesen Kreis der drohenden
Einseitigkeit dieser Herzen Liebe nannte Rudhard eine Einseitigkeit der Herzen
steuern konnte veranlasste er Siegbert Freunde einzuführen vor allen Dingen
seinen Bruder Dankmar Dankmar wurde eingeladen Er kam auch Olga erinnerte
sich seiner von der Lasallyschen Reitbahn Aber es war fast als hätte sie ihr
Ideal in dem lebhaften feurigen Dankmar nur vorgeahnt und es in Siegbert
verschmolzen mit alle Dem was dem kecken Dankmar doch zu fehlen schien
wiedergefunden Auch die Mutter fand Dankmarn interessant unterhielt sich da
überhaupt ein neuer reger Geist über sie Alle gekommen war außerordentlich
lebhaft mit ihm aber wenn man an die Ausströmungen des Magnetismus im innigeren
Verkehr der Gemüter glauben darf so wirkte Dankmars feuermagnetische Kraft
fast schmerzhaft auf diese lebhaften Naturen die wiederum selber um
musikalisch zu sprechen mehr in Dur als in Moll gesetzt waren Siegbert führte
auch Max Leidenfrost ein Der unterhielt sie Alle belustigte die Kleinen
interessierte die Großen aber es blieb bei den Frauen für die Phantasie kein
Eindruck zurück von Reichmeier und Anderen ganz zu schweigen Nur Heinrichson
hatte etwas Glattes das für ihn einnahm Seine Tournüre sein Witz seine große
Welterfahrung blendete Da aber die Fürstin gehört hatte dass Heinrichson bei
ihrer Schwester eingeführt war und dieser bei Zeichnungen die sie in ihrer wie
die Fürstin es nannte koquetten und frivolen Trauer um den Prinzen Egon
entwarf behilflich war so lud sie ihn nicht wieder ein Siegbert blieb demnach
das waltende regierende Prinzip und da Rudhard im Stillen sich freute dass bei
dieser Neigung in der Fürstin doch auch ihr rein sittliches Prinzip im Spiele
war und durch Siegberts edle taktvolle Natur nicht gefährdet wurde so ließ er
zur Zeit noch diese Dinge gewähren und versparte sich nur eine Rücksprache mit
Siegbert auf günstige Gelegenheit Siegbert war täglich in jenem Gartenhause
und arbeitete sogar dort Die Welt sagte vorläufig dass er ein Freund des
Predigers Rudhard war Dankmar aber zog den Bruder täglich auf nannte ihn
Heinrich Frauenlob den Sänger den Frauen zu Grabe trugen den im Venusberge
gefangenen Tannhäuser und scherzte nicht wenig darüber als er die Verlegenheit
der Fürstin und den Ärger der kleinen Olga die ihm selbst hätte gefallen
können bemerkte als es sich darum handelte ihnen für heute Nachmittag ihren
getreuen Siegbert zu entführen Komisch schien es ihm als Rudhard den
Vermittelungsweg einschlug beide Brüder wenigstens zum Diner dazubehalten denn
auch dieser Vorschlag hatte für die beiden Rivalinnen doch immer die Folge dass
Siegbert ihnen nicht ganz gehörte und die Unterhaltungen über den Prinzen Egon
an dem Rudhard soviel gelegen war mochten sie vollends nicht leiden Die
Fürstin und Olga Beide unterstützten Rudhards Vorschlag nur unter der
Bedingung dass sie erst um dreiviertel auf vier Uhr mit dem Wagen den sie
anspannen lassen wollten abfahren und von dem Prinzen nicht reden durften auf
dessen Bekanntschaft sich Siegbert für sie viel zu sehr freute Sie lehnten
diesen Vorschlag ihrer Toilette wegen ab gossen aber damit nur Öl ins Feuer
Olga war sogar auf die Idee schon eifersüchtig dass sich die Brüder für den
Prinzen Egon der ein so abscheulicher Mensch sein sollte nur überhaupt
prächtig ankleiden wollten Zu uns sagte sie kommt Ihr wie es Euch gerade
einfällt Wer ist denn dieser Prinz dass Ihr Euch um seinetwillen in kostbare
Kleider werfen wollt in denen wir Euch nie gesehen haben In der Art wie Olga
zankte und als beide Brüder wirklich nicht wenigstens zum Essen blieben
sondern um zwei Uhr sich entfernten weinte während die Fürstin ihre gleiche
Empfindung unter Lächeln und den heftigsten Vorwürfen gegen die Narrheiten
Olgas versteckte sah Dankmar denn doch dass dies Mädchen mit dem bleichen
Teint und den schwarzen Flechten trotz ihrer glühenden Augen noch ein halbes
Kind war und ließ diese wirren Dinge umsomehr gelten als sich sein guter
Siegbert in dieser träumerischen Existenz zu gefallen schien Zu Hause hatten
Beide dann noch einen herzlichen lieben Brief von der Mutter gefunden die über
Dankmars Projekte erklärte in einer ewig fieberhaften Aufregung zu leben und
so waren sie nach einem bescheidenen Mittagstische bei einem Restaurant an die
sorgfältige Wahl ihrer Kleidung und zuletzt ins Hotel des jungen Prinzen
gegangen
Louis öffnete die Tür weckte Egon von einem leichten Halbschlummer und
führte ihn den Freunden entgegen
Siegbert und Egon gefielen sich auf die erste Begrüßung und waren bald so
vertraut wie alte Bekannte
Ist der Wagen vorgefahren hieß es
Man bejahte
Also nach dem Schloss Solitüde
Man rollte durch die Straßen durch die Plätze Man kam an die Tore
In dem Wirrsal der Meinungen bei dem immer mehr beengten Gebiete der
materiellen Begründung seines Daseins ist die wahre Freude unter den Menschen
der Zivilisation ein seltener Gast geworden Einige Stunden so glücklicher
Anregung wie sie die eigentümlich zusammengesetzte Gesellschaft die da eben
im Wagen aus dem großen Portale des Palais fuhr zu genießen hoffte gehören zu
den Weihemomenten wie sie dem in seine Pflichten so eingepferchten Menschen des
neunzehnten Jahrhunderts selten geboten werden Ein junger Fürst ein
Rechtsgelehrter ein Künstler ein Handwerker saßen hier auf den weissseidenen
grossgeblümten weichen Polstern Egon und Siegbert im Fond Dankmar und Louis auf
dem Rücksitze Sie konnten in ihrer Lebensstellung nicht verschiedener sein
Aber Alle fesselte das Band gemeinsamen Vertrauens und jeder Einzelne war froh
gestimmt Egon durch die erfrischende Luft und das Vollgefühl der Genesung ja
im Stillen ohne sich es merken zu lassen auch durch die Spannung auf das
Wiedersehen Helenens die er musste es sich leider gestehen gerade auf das
wiedererwachte Gesundheitsgefühl und die erhöhte Glut seiner Phantasie durch
ihre hingebende Liebe bezaubernd wirkte Dankmar erregt von seinem vielleicht
sich günstig wendenden Processe Siegbert von den gleichen Hoffnungen die den
Bruder belebten und von der angenehmen Befriedigung seines nach Liebe und
Anlehnung schmachtenden Gemütes in der Wäsämskoischen Familie Louis endlich
sehr glücklich gestimmt sowohl durch die Aussöhnung seines Glaubens an das
liebreizende Fränzchen Heunisch wie durch die Erinnerung an seine
Selbstbeherrschung in der Szene auf seinem Zimmer Hätte er sich stürmisch
erklärt gehabt Hoffnungen geboten die er sich mühen musste zu erfüllen er
würde nur mit Beklommenheit an die glückliche Mittagsstunde zurückgedacht haben
Zu gleicher Zeit mit dem Wagen ging ein Bedienter aus dem Portal des Palais
um den kleinen Brief zu der Gräfin dAzimont zu tragen Egon verfolgte ihn
so lange er konnte
Es war ein Donnerstag Das Wetter so einladend Die Luft stärkend Die Sonne
goldgelb Der Himmel tiefblau Einige Wolken in weiter Ferne konnten Regen
bringen Sie waren noch nicht da Man ahnte das drohende Herannahen des
entblätternden Herbstes Noch hatte ihm aber die Natur den Eintritt nicht
gestattet nicht in den Wald nicht auf die Wiesenflur
Anfangs innerhalb der Stadt sprach man über mancherlei Unwesentliches Es
war notwendig dass diese vier Genossen erst den Ton der gegenseitigen Stimmung
erkannten Wer ist der Sprecher der Zweifler der Schweigende der Witzige der
Praktische der zB den hinten aufstehenden Bedienten diesen oder jenen Wink
gibt der Geographische der gern von der Gegend spricht Das Alles stellt
sich erst im Verlaufe der Unterhaltung zurecht Von dem Vergangenen wurde noch
Dieses und Jenes erörtert und bestaunt und belacht Dankmars Verhältnisse
kannte Egon noch nicht klarer und nahm sie wie sie sich ihm an den beiden
strebsamen Brüdern von selbst boten Auch Louis wusste nichts von dem Prozess
über den sich Dankmar gern ausgesprochen hätte Egon aber war der Redner
Egon führte fast allein das Wort oder bestimmte wenigstens die Gegenstände der
Unterhaltung Dies lag weniger in seinem Naturell als in seiner Stellung und in
dem glücklichen Gefühle sich genesen zu wissen dem Leben wieder gegeben von
Augenblick zu Augenblick sich stärker fühlend
Draußen vorm Tore wo man und zwar nicht zu rasch unter einer Allee von
vollen schwertragenden hier und da gestützten Äpfelbäumen hinfuhr kam durch
eine zufällige Wendung das Gespräch wieder auf den Thomas a Kempis zurück
Bei der Nennung dieses Namens wurde der schüchterne und Wahrheit liebende
Siegbert blutrot Dankmar spielte mit seinem leichten Stöckchen und kniff es
zuweilen oben am Knaufe zwischen seine blendenden Zähne Er konnte ganz
meisterhaft die Miene der Gleichgültigkeit annehmen Louis dachte schon gar
nicht mehr an die Art wie das berühmte Buch von der Nachfolge Christi in Egons
Hände gekommen war Seine Gedanken waren mit der »Brüderschaft vom gemeinsamen
Leben« beschäftigt
Egon hatte in der Allee zwischen den würzig duftenden Äpfelbäumen gesagt
Vor einigen Stunden las ich in dem Testamente meiner Mutter du weißt
lieber Wildungen dass ich die Mausgeburt des kreisenden Berges den Thomas a
Kempis meine und fühle nun recht dass Das eine Lektüre für Menschen ist die
nur zu Fuß wanderten selten über ihren Klostergarten hinaus kamen und alle ihre
Anschauungen durch die vier Wände ihrer Zelle und den an ihnen aufgehängten
Heiland regelten Wäre ein solcher Bussprediger rasch im Wagen gefahren hätte er
eine Ahnung von der windschnellen Bewegung einer Eisenbahn gehabt dies
trübsinnige Kleben an den mageren und kahlen Bedingungen des Lebens würde ihm
nie möglich gewesen sein
Dankmar erinnerte den Prinzen an Das was er ihm im Plessener Turm über die
Bigotterie der reformirten Erziehung in der französischen Schweiz gesagt hatte
Da wären doch die Gouvernanten Bonnen Erzieher Geistlichen immer unterwegs
und durch ganz Europa zerstreut und überall trügen sie doch die eigentümliche
Auffassung ihres Le Bon Dieu wie sie ihn nennen mit sich herum
Weil dies Heuchler sind lieber Dankmar sagte Egon Ein Thomas a Kempis war
ehrlich und liebte die Welt nur in dem düstern Nebelkleide das er über das
Schöne Frische Lachende zog Diese Erzieher aber die mit wenigen Ausnahmen
von ihrer Einseitigkeit ein Geschäft machen verschließen absichtlich ihr Auge
jedem Dinge das Farbe hat und jedem Dinge das angenehm tönt absichtlich ihr
Ohr O welche Heuchler Ich erinnere nur an jenen Rafflard von dem ich dir so
oft sprach Louis
Rafflard wiederholten die beiden Brüder Doch nicht Sylvester Rafflard
setzte Dankmar hinzu
Sylvester Rafflard Ganz recht sagte Egon
Der ist hier fiel Dankmar ein
Hier Wieder in Deutschland Und in welcher Eigenschaft fragte Egon
Er bereist die Gefängnisse sagte Dankmar und verstand den Wink nicht den
ihm Siegbert zuwarf Siegbert war nämlich durch Rudhard davon unterrichtet
dass Rafflard in manche Verwickelung mit Egons früheren und späteren Begegnissen
geraten war Louis kannte ihn durch Egon als einen Jesuiten und hatte Siegbert
schon erzählt dass er ihn auf seiner Herreise an der Eisenbahn die vom Rheine
abführt erkannt hätte Der Name Sylvester fiel ihm nicht weiter auf
Er bereist die Gefängnisse fragte Egon erstaunt und lachte über die
Unverschämtheit eines Mannes den er zu gut kannte um ihn nicht auch in dieser
Mission als einen Heuchler zu nehmen
Im Auftrag einer philantropischen Gesellschaft in Paris sagte Dankmar die
sich die Verbesserung des Looses der Gefangenen zum gemeinschaftlichen Zwecke
gewählt hat Man rühmt ihn in allen Blättern
Egon lachte und schüttelte ungläubig den Kopf
Glaubt doch Das nicht sagte er Ich kenne diese Gesellschaft sie ist sehr
ehrenwert ich kenne aber auch Rafflard und weiß dass er von ihr kein Mandat
empfing
Er besucht die Gefängnisse bestätigte Dankmar Ich bin ihm selbst begegnet
wie er von unserm Criminaldirektor höchst gewissenhaft umhergeführt wurde und
sich die sorgfältigsten Notizen machte vor denen die Beamten zitterten
Das muss ich gestehen sagte Egon lachend Dieser Rafflard ist aus Meudon im
Kanton Lausanne gebürtig war erst reformirter Geistlicher spricht Deutsch und
Französisch und übernahm eine Erzieherstelle in unsern östlichen Provinzen wo
er im Hause einer Baronin von Osteggen sich ziemlich lange zu behaupten wusste
Siegbert blickte bei Nennung dieses Namens nieder weil ihn Dankmar spottend
ansah
Von da fuhr Egon fort vertrieb ihn mein früherer Erzieher ein braver
Mann Namens Rudhard der jetzt entweder an den Ufern des Schwarzen Meeres lebt
oder verschollen ist oder tot
Egons Begleiter wandten sich ab um zu verbergen dass sie wohl wussten wo
Rudhard war Sie würden gern von ihm gesprochen haben wenn ihnen nicht bekannt
gewesen wäre dass Rudhard wegen der Gräfin dAzimont seinem Zögling zürnte und
aus Achtung vor der Wäsämskoischen Familie eine Wiederanknüpfung mit ihm nicht
zu eifrig suchte
Von Rudhard fuhr Egon fort aus der Nähe der Familie Osteggen vertrieben
kam Rafflard wieder zu meiner Mutter nach Hohenberg Dort zwar freundlich
aufgenommen fand er die Stellung die er zu erschleichen suchte besetzt Der
neue Pfarrer Guido Stromer übte schon einen großen Einfluss auf die
Entschließungen meiner Mutter und Rafflards Pläne mislangen Er kehrte in die
Schweiz zurück benutzte aber von da aus die Bekanntschaft meiner Mutter zu
einer sehr lebhaften Korrespondenz deren Endziel die glänzend vorgespiegelte
Möglichkeit war mir am Genfersee eine Erziehung zu geben die ihres Gleichen
suchte So kam ich in das Institut des Herrn Monnard bei dem Rafflard Lehrer
war und Rafflard wurde mein Specialerzieher Während die äußeren Formen der
geistigen Appretur die man mir zu geben trachtete streng kirchlich blieben
spekulirte Rafflard anders Er dachte die reifere Natur eines höher gestellten
Adeligen wirft doch wohl mit der Zeit diese künstliche Hülle eines ortodoxen
Mechanismus ab und weit besser ist es für deine Zukunft du wirst der
Vertraute als der Richter deines Zöglings Er buhlte auf die widerlichste
Art um meine Freundschaft hob mich weit über meinen Bildungsgrad empor
verspottete im vertrauten Umgange Das was er öffentlich vor den andern
Mitschülern gelehrt gutgeheissen empfohlen hatte Anfangs glaubt ich armer
befangener an Gewissensskrupeln leidender Knabe diese Methode des Professors
Rafflard meines Specialerziehers sollte mich nur prüfen Ich lächelte über
ihn ich schauderte ich erschrak Aber immer sicherer machte er mich und trug
mir völlige Freundschaft an ein Mann von damals wohl fast vierzig Jahren einem
Knaben von fünfzehn oder sechszehn Als diese Schändlichkeiten den höchsten Grad
erreicht und fast mein sittliches Gefühl untergraben hatten wurden sie
entdeckt Man fand einen Band des Kasanova in meinem Bett und ich gestand dass
ihn Rafflard mir geliehen Er wurde sogleich aus der Anstalt entfernt und musste
Genf meiden Von Annecy schrieb er mir einen zärtlichen Brief worin er mir
Vorwürfe machte dass ich die Pflichten der Freundschaft verletzt hätte Dieser
Brief machte mir großen Kummer doch wagte ich nicht ihn zu beantworten Später
schien Rafflard verschollen Ich hörte dass er nach Turin gegangen war Manche
behaupteten schon da er wäre katholisch geworden Ich verließ Genf studierte in
Bonn Göttingen und führte ein sehr verkehrtes Leben bis es mich nach dem
schönen Genfersee zurückzog Ein Vierteljahr mocht ich in Genf gelebt haben
als nach einer wohl vierjährigen Abwesenheit Rafflard wieder auftauchte Er
behauptete mit reichen Engländern in Italien als Hauslehrer gereist zu sein
wollte Rom Neapel und sogar den Berg Atos in Griechenland gesehen haben
Andere behaupteten aber er hätte in dem Jesuitenstifte zu Turin alle Weihen
empfangen und sich einer langen Vorbereitung auf eine künftige Wirksamkeit
unterworfen Sogleich suchte er mich auf und weinte über das Vorangegangene
Es ist die katzenartigste Natur die ich je in meinem Leben gekannt habe Denkt
Euch wie gefährlich ein solcher Mensch ist wenn er wirklich jenem Bunde dient
woran kaum ein Zweifel Er spricht vollkommen drei Sprachen kann überall
wirken in Deutschland Frankreich und in Italien Er kennt alle Länder nach
ihren Sitten und geographischen Bedingungen Die Gründe warum er aus Monnards
Anstalt entfernt war kannte man nicht Es lag zu sehr im Interesse eines
solchen in allen Ländern bekannten Pensionats dass über die inneren Vorgänge das
größte Geheimnis obwaltete So konnte Rafflard wagen in Genf wieder
aufzutreten Der alte Monnard ein schwacher pedantischer Mann war gestorben
Rafflard lebte wie ein reformirter Heiliger besuchte alle Kirchen und mischte
sich in alle religiöse und politische Streitigkeiten des kleinen Freistaates
Doch erregte er überall Mistrauen und stand so wenig sicher dass er gleich nach
einem Streite in den ich mit ihm an der Mittagstafel des Syndikus Lhardy
verwickelt wurde sich nicht mehr länger zu behaupten wagte Ich hatte nämlich
vor seiner Tartüfferie den größten Abscheu und lehnte alle seine
Vertraulichkeiten ab Als an jener Tafel das Gespräch auf den alten Monnard kam
und er die Frechheit hatte die reine reformirte Gesinnung des Verstorbenen in
Zweifel zu ziehen brach ich mit der Äußerung hervor Es ist freilich sehr wenig
rechtgläubig von dem alten Monnard gewesen dass er einen Lehrer aus der Anstalt
entfernte der seinen Zöglingen den Kasanova zu lesen gab Ich hatte viel von
dem guten Côte dor des Syndikus getrunken das rote Traubenblut war mir in den
Kopf gestiegen und so entfuhr mir die Äußerung die plötzlich auf die ganze
zweideutige Erscheinung des Professors Rafflard ein erläuterndes Licht warf
Rafflard schoss mir einen Blick wie ein Basilisk zu und verschwand bald Ich
ging überdrüssig meiner leeren nichtssagenden und mannichfach gehemmten
Existenz nach Lyon kam von da nach Paris und habe Rafflard dann im Hause der
Gräfin dAzimont seiner früheren Schülerin wiedergetroffen Er wurde aber auch
von dort entfernt weil er sich in die Familienangelegenheiten mischte Nur die
alte Gräfin dAzimont eine hochfahrende und den Jesuiten ganz ergebene Dame
behielt ihn für sich und intriguirt mit ihm gemeinschaftlich nach allen nur
möglichen Richtungen hin Wenn er hier ist sollte es mich gar nicht wundern
dass er den Auftrag hat mich und die Gräfin dAzimont zu beobachten zu trennen
zu entzweien sie nach Paris zurückzuführen mich zu umspioniren mir in meinen
Freunden wehzutun mir zu schaden wo er kann Wenn er vorgibt die Gefängnisse
zu studieren so ist Das eine Maske für andere Pläne In Paris hält man ihn für
einen Jesuiten und ich kann wohl begreifen dass dem Orden die Verwickelungen und
Wirren im Herzen Europas auf unserer deutschen Erde keineswegs gleichgültig
sind
Als Egon geendet hatte fuhr der Wagen gerade über den Einschnitt einer
Eisenbahn und bog zur Seite ab einer Gegend zu die immer anmutiger und
gefälliger wurde Es war ein Tal das sich dem in der Ferne blitzenden Strome
zu abwärts senkte und an seinen äußersten Grenzen über den Strom hinaus wieder
von der blauen Erhöhung eines Bergrandes geschlossen wurde Links und rechts
weideten Heerden auf den gemähten Stoppelfeldern und dem noch üppigen lachenden
Grün der Wiesen die in ein schimmerndes Birkengehölz sich verloren Dies
Vorgehölz ging zuletzt allmälig in eine dunklere Waldung über Der Charakter der
Gegend war einfach aber außerordentlich belebend und anregend
Louis fühlte über die leichte Art wie Egon von der dAzimont sprach einen
tiefen Schmerz Siegbert ergriff diese Erzählung Egons als Mittel um sich
über des Prinzen Charakter klarer zu werden Auch er kannte die Geschichte
Louisons und konnte es vor seinem Herzen nicht ganz gerechtfertigt finden dass
Egon etwas leicht über so schwierige und delikate Beziehungen hinwegging
Dankmar aber haftete an einer andern Gedankenreihe fest die sich bei ihm durch
die einfachen vor sich hingesprochenen Worte kundgab
Diese Jesuiten
Ja die Jesuiten wiederholte Egon und zu Armand sich wendend sagte er
Ja Das sind die rechten Brüder vom gemeinsamen Leben von denen wir heute
sprachen Louis und zu denen Thomas a Kempis auch gehörte
Thomas a Kempis ein Jesuit sagte Louis verwundert und verriet nun einmal
auch ein wenig stark seine historischen Mängel
Nein Louis antwortete Egon lachend Ich kenne da ich in Genf viel mit der
Kirchengeschichte geplagt wurde sehr gründlich manche Dinge die mir später von
geringem Werte wurden Thomas a Kempis gehörte zu einer Brüderschaft vom
gemeinsamen Leben Mein guter Louis erklärte ihn darauf frischweg schon für
einen Kommunisten
Lachen mochten die Brüder nicht weil sie fürchteten den wenig
unterrichteten ihnen aber ehrenwerten Handwerker zu verletzen
Es gab fuhr Egon fort im Mittelalter eine Menge von halbgeistlichen
halbweltlichen Genossenschaften die den Mönchs und Ritterorden nachgebildet
waren Sie hatten oft so eigentümliche Formen dass sie in den Ruf der Ketzerei
kamen Da waren die Beguinen die Begharden die Brüder und Schwestern vom
freien Geiste die Apostelbrüder die Brüder und Schwestern vom gemeinsamen
Leben Sie gehörten Alle der Welt an vereinigten sich aber zuweilen zu
ausschließlich religiösen Übungen Ihr innerer Zusammenhang war der der
gegenseitigen Unterstützung der Wohltätigkeit Manche vereinigten sogar
offenbar politische Zwecke mit ihrem nächsten Berufe Sie unterstützten die
öffentliche Sicherheit Wie es in Deutschland einen Vehmbund gab der die
Gerechtigkeitspflege in bekannter eigener Art förderte so gab es in Spanien
ähnliche Brüderschaften die dort aus freien Stücken und Fanatismus leider der
Inquisition dienten und förmlich deren Handlanger waren Die Gewerke traten
zusammen und schützten sich wechselseitig gegen die Gefahren der Gesellschaft
Die Bauhütten aus denen der Freimaurerbund entstanden sein soll hatten kaum
einen andern Zweck denn gerade die Maurer Zimmerleute Steinmetzen reisten
damals von Ort zu Ort um bei den großen Bauten des Mittelalters mitzuwirken
und bedurften einer solchen auf gemeinschaftliche Erkennungszeichen begründeten
Erleichterung einer überall leicht aufzuschlagenden Heimat Dieser Trieb zur
Vereinigung ging soweit dass die Kalandsbrüder fast nur zur Erheiterung und
gesteigerten Geselligkeit zusammentraten und auch bei einer so reinweltlichen
Bestimmung vom Papste keine Bestätigung mehr fanden Es ist dies ganze Wesen der
Anfang der Freimaurerei und des Jesuitenordens der beiden größten
Genossenschaften die sich in ähnlicher Art in unserer Zeit erhalten haben
Siegbert bewunderte diese reichen Kenntnisse
O sagte Egon mein Gedächtnis ist mit vielem alten Wust beschwert und ich
freue mich dass man Gelegenheit findet so etwas manchmal doch an passender
Stelle loszuwerden
Louis behauptete dass die Gütergemeinschaft von den Aposteln selbst wäre
gepredigt worden musste sich aber gefallen lassen dass Egon ihm scharf
entgegnete
Mein lieber Freund sagte er es ist ein Unterschied wenn eine kleine
christliche Gemeinde die in der großen unermesslichen Römerwelt sich bildete
sich entschließt um ein gleiches Interesse und gegenseitige Unterstützung zu
haben zusammenzutreten und aus einem Topf zu essen als wenn diese unermessliche
Römerwelt selbst damals ihr Eigentum hätte zusammenbringen und mit Durchführung
der langweiligsten Art zu rechnen und zu leben die Besitzquote des Einzelnen
verwalten wollen Wenn Das Kommunismus sein soll dass drei arme Familien sich
entschließen statt auf drei Heerden Feuer zu machen es nur an einem zu tun
so bin ich sehr für den Kommunismus Und in diesem Sinne bin ich überzeugt
hatten die Brüder vom gemeinsamen Leben einen sehr respektablen Mittagstisch und
Thomas a Kempis war ein Kommunist der es sich sehr gut konnte schmecken lassen
Egon der immer wieder zu der eigentümlichen Sicherheit und unvertilgbaren
aristokratischen Haltung emporwuchs die Dankmarn auf der gemeinschaftlichen
Reise nach Hohenberg schon aufgefallen war gab darauf Louis die Hand und bat
ihm seinen Spott ab
Ich liebe das Volk und die Arbeit sagte nach einer Pause der unterrichtete
denkgewandte Fürst Aber die falschen Lehrer sind um im biblischen Stile zu
bleiben die wahren Versucher die ihre Teufelsgestalt ablegen um uns
zuzumuten man könnte ganz Jerusalem gewinnen wenn man niederfällt und sie
anbetet oder sich einbildet Steine könnten in Brot verwandelt werden He
Louis was grübelst du
Dass ich morgen anfangen werde zu arbeiten sagte dieser ruhig
Und ich werde gleichfalls irgend etwas ergreifen sagte Egon um das Recht
zu haben so sprechen zu dürfen
Siegbert kannte die Gedankengänge seines Bruders und ermunterte ihn sich
doch einem so klaren und unterrichteten Kopfe wie diesem jungen Fürsten Egon
gegenüber der ihnen zu einer immer bedeutenderen Erscheinung heranwuchs über
seine Idee von einer eigentümlichen Abkürzung unserer Geisteskämpfe
auszusprechen
Mein Bruder sagte er beneidet sehr oft die Jesuiten um ihre Organisation
Er behauptet der Jesuitenorden in seiner Form aber mit einem edlen Inhalte
könnte die Welt erlösen
Egon und Louis horchten auf
Ich meine sagte Dankmar dass denn doch aus allen Beispielen die uns unser
Freund Egon da von vergangenen Tagen angeführt hat ein tiefes und altes
Bedürfnis der Menschheit sich ergibt sich von den zufälligen Bedingungen der
Existenz in der ein Jeder leben muss zu befreien Wir sind hineingeschleudert
in diese Welt ohne Schutz ohne Führer Wir müssen ringen auf eigene Hand
unsern Anteil an ich will nicht sagen Glück und Lebensfreude sondern nur an
der Möglichkeit zu existieren zu gewinnen Wir sind wie hungrige wilde Tiere
fallen ohne Schonung über die Beute her die wir erreichen können und mäßigen
uns nur durch jenes Quantum von Religion Sittlichkeit Gewissenhaftigkeit und
gemütlichem Temperamente das wir entweder schon bei unserer Geburt mitbekommen
haben oder in der Luft in die wir versetzt wurden gewinnen konnten Ein Mensch
zu sein ist das große allgemeine Band das uns umschließt aber gewährt uns
dieses Menschentum irgend einen andern Vorteil als den der Race den der
veredelten Potenz des Tieres Wo hab ich denn Brüder die stolz sind in mir
sich selber wiederzufinden Wo liegt denn irgend eine Bürgschaft dass wir die
großen Zwecke des Lebens auf die einfachste sicherste kürzeste und glückliche
Weise erreichen Da ist es nicht zu verwundern dass die Menschen zu allen Zeiten
gedacht haben sie müssten sich durch Verabredung und Gesinnung noch in eine
zweite moralische Welt einkaufen die enger umgrenzter ist als die große
sichtbare aber die Ihrigen auch liebevoller und wärmer hegt und beschützt Die
Religion das Christentum vor allen Dingen sollte einst diese zweite Welt
sein wo wir als Glieder einer unsichtbaren Kirche uns zu lieben haben Aber die
unsichtbare Kirche wurde leider zu früh eine sichtbare und ihr großer Bau wurde
wieder die Welt selbst die Niemanden schützt Es sonderten sich nun Stiftungen
Klöster Orden von ihr ab Konfessionen zerbröckelten diesen riesigen Tempel Er
ist Denen nur noch eine Heimat die irgendwo einen kleinen von verfallenen
Säulenschaften eingefriedigten mit dunklem Gebüsch überwucherten Seitenhof in
ihm finden wo sie in ihrer Weise Christen sind und im Abendschimmer von
Nachtgevögel erschreckt zu dem Geist der in diesen Trümmern lebte beten Der
Staat ist kein Bund der Menschheit die Gesellschaft ist grausam und lieblos
die Fürsten behandeln die Völker wie ererbtes Eigentum wie ich meinen ererbten
Garten behandeln würde ich säe und ernte auf ihm und lass ihn mir
wohlgefallen
Das Leben ist eine große Gefahr Wie schützt man sich anders vor ihr als
dass man zusammentritt sich verabredet und durch gemeinschaftliche Kraft die
Kraft des Einzelnen stärkt Ein jeder Bund dieser Art sollte die Aufgabe haben
einst der Bund der ganzen Menschheit zu werden Ich sehe keine Möglichkeit dass
die Hebel der Geschichte die jetzt im Großen und Offenen wirken das Glück der
Erde fördern können Wohin sollen diese Staatenumwälzungen diese Intriguen der
Parteien diese Leidenschaften führen Nirgends eine Verständigung über das
Prinzip des Streites nirgends eine freie freudige Unterordnung des Einzelnen
unter das Allgemeine Ich sehe nicht ab was uns anders retten kann als gerade
mitten in dieser Epoche der breitesten Verallgemeinerung wo Alles erkaltet
auseinanderfällt das enge die behaglichste Lebenswärme ausströmende Isoliren
Das hast du vortrefflich gemacht Dankmar sagte Egon als Dankmar mit
seiner begeisterten Rede zu Ende war Ja ja so ists Aber da müsste ein neuer
Messias kommen
Ein einzelner Mensch kann in unsern Tagen nicht mehr ein Messias sein sagte
Dankmar Die Ideen sind es die jetzt als Erlöser und Propheten auftreten Die
Menschheit selbst muss sich Messias sein Die Menschheit als Menschheit ist
verloren sie kann nur durch einen Bund wieder sich selbst gerettet werden
Einen Geheimbund fragte der Fürst zweifelnd
Durch einen Geheimbund sagte Dankmar
In der Form des Jesuitenordens rief Egon Nein nein Ich hasse Alles an
den Jesuiten ihr Inneres und ihr Äußeres Doch sag uns was du denkst
Louis und Siegbert hörten mit großer Spannung
Dankmar rüstete sich seine ganze Meinung zu sagen
Zwölftes Kapitel
Die Ritter vom Geiste
Ich denke begann Dankmar dass man etwas erfinden muss um den großen Prozess des
Zeitalters abzukürzen Welche verlorenen Worte Welche geopferten Anstrengungen
Alles rennt durcheinander Alles leidet an der schon unmöglichen nächsten
Verständigung Die Einzigen die da wissen was sie wollen sind die Jesuiten
und die Freimaurer Jene verfolgen in ruhiger Konsequenz unbekümmert um die
jeweiligen Störungen ihres sichren Friedens das Ziel die Menschheit in den
Fesseln kirchlicher Abhängigkeit zu erhalten Diese ihr schnurgerades
Widerspiel sind nicht ganz so friedfertig und still wie sie sich das Ansehen
geben Wo sie nur können suchen auch sie ihrem Ziele den Weg zu bahnen und dies
Ziel wird wohl die Freiheit des Menschen von jeder positiven Bevormundung und die
Ausbildung einer reinen Humanität sein Ohne Zweifel ist diese letztere Aufgabe
eine brave aber viel zu allgemeine Wenn man immer und immer von der Menschheit
spricht verliert man den Menschen selbst aus dem Auge und wenn man sagt, die
Besserung der Welt finge damit an dass man sich selbst bessere so artet eine
solche Lehre notwendig in Trägheit Sorglosigkeit Genusssucht aus die ja
bekanntlich auch längst der zerstörende Schwamm an den unsichtbaren Bauten der
Freimaurer ist Nimmer auch werden wir zu einem Ziele gelangen das wir uns ich
will nur sagen etwa über die Lage Europas willkürlich ausdenken Wer kann die
Bürgschaft geben dass diese oder jene Form der staatlichen kirchlichen
gesellschaftlichen Gestaltung die allgemein genügende und Jeden beglückende sein
werde Auf eine zukünftige Schöpfung hin kann kein Bund zusammentreten wohl
aber bedarf die Zeit einen Bund für den Geist dieser Schöpfung Der Geist ist
dies allgemeine flimmernde Sonnenlicht das über unserm Zeitalter unsichrer
zittert als jemals über einer Epoche Das christliche Zeitalter die mittlere
Zeit die Reformation wussten wofür die Herzen erglühten Wir aber gehen in der
Irre und benutzen die Waffen des Geistes zu jedem Kampf gegen ihn Der Kampf der
Finsternis gegen das Licht wird mit Waffen des Geistes geführt Lest nur was
so viele poetische Köpfe für die politische und kirchliche Abhängigkeit des
Menschen geschrieben haben Die Tobsucht der Massen die Wut des Umsturzes wird
von Waffen des Geistes unterstützt Nichts ist jetzt dienender als der Geist
und die Entscheidung soll nur noch von der Materie kommen Darüber wird die
sittliche Welt zu Grunde gehen denn die allgemeine Anarchie das Chaos der
Bildungslosigkeit die Tyrannei der Bildungsverachtung nenn ich den Untergang
der Welt In einer solchen Gefahr für die Scheinwahrheit der katholischen Kirche
trat einst Ignatius Loyola auf und predigte den nach innen gewandten Kreuzzug
stiftete einen geistlichen Ritterbund für die innere Mission machte das Wort
den Glauben zur Waffe mancher Jesuit unterstützte seine stumpfen Gründe durch
die Schärfe des Dolches Es war ursprünglich so schlimm mit Gift und Dolch nicht
gemeint Man wollte nur einen Bund des katholischen Geistes gegen die Ketzerei
stiften Wohlan So stifte man einen Bund des allgemeinen Menschengeistes gegen
den Misbrauch der physischen Gewalt Wo seh ich nicht die physische Gewalt
Überall Das Recht des Besitzes soll das Recht des Eigentums sein Der Eine
bewaffnet sich mit stehenden Heeren der Andre mit der Brandfackel des Aufruhrs
Wo seh ich Menschen die ich will nicht sagen wie die Jesuiten sagen dass sie
glauben nicht wie die Freimaurer sagen Menschen die sich lieben nein wo
seh ich Menschen die nur denken Es gibt eine kleine Leiter von Begriffen die
so einfach so tief in der Menschenbrust begründet sind dass sie die einfachste
Intelligenz erklimmen kann Auf diese Begriffe hin reiche sich die Menschheit
die Hand beschwöre sie und erkläre feierlich auf diesen Schwur hin nur noch
leben und sterben zu wollen Ein solcher Bund des freien Geistes nur funfzig
Jahre in Wirksamkeit und die Streitfragen werden vereinfacht die alten wie
Schlinggewächs wuchernden Unbilden werden von selbst verdorrt und
zusammengefallen sein
Egon schwieg nachdenklich
Louis Armand aber und Siegbert waren ergriffen und schenkten diesem Gedanken
ihre volle laute Zustimmung
Nur das Eine erlaubte sich Louis zu bemerken
Werden Sie uns dadurch nicht eine neue Aristokratie stiften Die
Aristokratie des Geistes die vielleicht nicht so schlimm wie die der Geburt
aber doch sicher eben so lästig werden kann wie schon die des Geldes ist
Dankmar lehnte diese Befürchtung ab
Der befreiende erlösende verständigende Geist sagte er wird niemals der
der Gelehrsamkeit sein Die Brüder des neuen Bundes beschwören gewisse Begriffe
für die sie wirken müssen Diese Begriffe sind einfach wie das Licht der Sonne
Sie sollen keinen andern Beweis für sich haben als dass sie erhellen und
erwärmen Sie sollen die Möglichkeit erleichtern dass gleiche Gesinnungen sich
durcheinander stärken Sie sollen dem großen Kampfe der Zeit den starken
unüberwindlichen Phalanx der Übereinstimmung geben Sie sollen die Fahne
aufstecken unter der sich die Gleichgesinnten rasch und ohne langes Ergründen
und furchtsames Ausforschen versammeln Warum erkennen sich denn überall die
Jesuiten Warum müssen es die Freimaurer Warum sollen sich nicht auch rasch die
Männer von gleicher Denkungsart über die wahre Aufgabe unsrer Epoche erkennen
Ich weiß dass sich Lüge und Verstellung auch in meinen Bund schleichen wird
Allein unter den Mördern die Jesuiten gedungen haben hat der Jesuitenorden bei
den gläubig Katolischen selbst nichts gelitten unter vielen herumziehenden
Lumpen und Bettlern leidet die Maurerei an sich ebenfalls nicht was können
Verräter da tun wo es sich nicht um verabredete Unternehmungen verabredete
Taten sondern lediglich um eine feste ihre Aufgabe von selbst begreifende
Gesinnung handelt
Ich wäre schon einverstanden sagte Egon wenn der Bund von dem du wirklich
sprichst als wäre er schon gestiftet nur kein Geheimbund wäre
O wohl lieber Egon rief Dankmar in hoher Erregung wohl er ist schon
gestiftet denn alle Welt sehnt sich nach diesem Bunde Nur die gesinnungslosen
Menschen und die Tyrannen haben nicht das Bedürfnis sich durch die
Übereinstimmung mit den Gleichgesinnten zu stärken Wer in dieser Welt lebt und
denkt wer da fühlt dass er um sein Teuerstes zu sichern nicht der
materiellen Mittel allein bedürfen möchte der steht schon an der Pforte meines
neuen Tempels und begehrt Einlass Und Geheimes haben wir nichts wenn wir auch
geheim uns halten wollen Wir werden einen Ritus der Aufnahme haben uns aber
nur auf Wahrheiten verpflichten die allgemein bekannt sein dürfen Das Kleinod
liegt eine Zeitlang in einem Schrein und wird herausgenommen offen zur Schau
getragen Allen gezeigt wenn es Zeit ist Nachdem es glänzte geht es in seinen
Schrein zurück Die Natur jedes polemischen Gedankens der sich durch
Gleichgesinnte stärken soll bedingt die geheime Bewahrung War das Christentum
nicht anfangs eine Lehre die bei geschlossenen Türen bekannt wurde Wohl uns
wenn unsere Geheimnisse so große Zeugnisse für uns ablegen dass der Bund immer
größer immer umfassender wird und endlich alle Menschen aufnimmt Einer
verwilderten Menschheit kann nicht anders geholfen werden als dass Die die das
Bessere wollen bei Seite treten und dem großen Haufen zurufen Sondere sich ab
wer wie wir fühlt und denkt
Und noch Eins fiel Egon ein der noch immer ungläubig blieb überlegst du
wohl lieber Freund woher die Jesuiten und soviel ich weiß auch die
Freimaurer ihre eigentliche Kraft nehmen Aus dem Gelde Freimaurer sind nur
wohlhabende Leute und die Jesuiten sind an Gütern so reich ausgestattet und
werden noch täglich so reich damit gesegnet dass die Gedanken dort auch
ermunternde und nachhelfende materielle Hebel haben Diese alten Brüderschaften
des Mittelalters waren unglaublich reich Sie hatten gut entsagen und die
christliche Kommünauté lobpreisen Die Brüder und Schwestern vom freien Geiste
lebten nicht vom Geist allein sondern ihr Geist war so frei sich es auch an
irdischer Speise nicht fehlen zu lassen Die Kalandsbrüder die ich nannte
diese mittelalterlichen Freimaurer die an jedem Kalandstage dem ersten des
Kalenders monatlich zusammenkamen um unter religiösen Formen gut zu essen und
noch besser zu trinken hatten Häuser Liegenschaften Zollgefälle Die große
Elbbrücke in Dresden warf ein Jahrhundert lang den grauen oder Kalandsbrüdern
auf der dortigen Brüdergasse den Brückenzoll ab Von den großen Reichtümern der
geistlichen Ritterorden zu schweigen Die Templer waren so reich dass sie ihre
große Aufgabe unter Schwelgereien vergaßen und von Philipp von Frankreich der
ihre Güter besitzen wollte mit Feuer und Schwert vertilgt wurden Die
StJohanniter und Deutschherren haben noch einen Überfluss von Gütern und
Liegenschaften und Sinekuren
Sinekuren unterbrach ihn Dankmar lächelnd Das ist das rechte Wort Will
mein Bund sich erhalten so haben wir durch diese Parallele wenigstens schon Das
gewonnen dass wir nicht zuviel Geld haben dürfen nicht so viel um sine cura
für die Hauptsache sein zu dürfen
Nicht zu viel aber auch nicht zu wenig sagte Egon
Gerade so viel als man für den Anfang braucht erwiderte Dankmar lächelnd
mit einer eigentümlichen Bestimmtheit
Bester Freund wo käme aber auch das Wenige her Die Männer von Gesinnung
sind arm
Richtig Deshalb brauchen wir etwas Geld Etwas Nicht viel aber auch nicht
zu wenig
Egon lachte über Dankmars sonderbare finanzielle Ruhe
Das ist komisch sagte er ein Bund für die Freiheit gestützt auf Actien
escomptirt vielleicht an der Börse
Das Geld wird sich finden muss sich finden behauptete Dankmar
Für einen Juristen bist du sehr Idealist sagte Egon fast gereizt Geld
findet sich niemals bester Freund Alles findet sich aber niemals Geld
Doch Doch Es findet sich wiederholte Dankmar und durch den Ton nicht
allein in dem er die Erneuerung dieser Hoffnung vortrug sondern auch durch
eine überraschende Entdeckung die die Freunde machten war dies Gespräch
vorläufig abgebrochen Sie waren nämlich schon längst in jenen anmutigen
schattigen Park in dem das Lustschloss Solitüde lag eingefahren als sie in der
Ferne langsam unter der großen Hauptallee die zum Schloss hinaufführte mehre
sechs und vierspännige königliche Wagen fahren sahen Die Anwesenheit des
Hofes auf Solitüde hinderte zwar nicht im geringsten die dort erlaubte freie
Bewegung des Publikums aber die sich dem Anstand von selbst darbietenden
Rücksichten machten es oft unmöglich dann die einzelnen schönen Punkte des
Schlossgartens so zu genießen wie sie es ihrer Lage frischen Luft und
angenehmen Aussicht wegen verdienten Egon vollends der eine Beziehung zum
Hofe nicht suchen mochte geriet in Verlegenheit und wäre gern umgekehrt
Dankmar und Siegbert wagten kaum ihm zuzureden denn sagten sie wer bürgt
dafür dass der junge Fürst nicht erkannt oder wenigstens mit der höheren
Hofbedienung in ein Gespräch verwickelt wird Und Dankmar setzte sogar hinzu
»Wer schützt dich wenn du durchaus die Begegnung noch vermeiden willst vor
einem Akte der Herablassung Die königlichen jungen Herrschaften machen es sich
zur Aufgabe wo sie können sich in Gespräche und Anreden zu verlieren Es wird
ihnen sehr schwer denn sie sind schüchtern und beklommen allein die
Oberhofmeisterin von Altenwyl sagt man dringt immer darauf und der regierende
Fürst selbst hat einen Reiz dazu sich volkstümlich zu machen seitdem sein
Bruder Ottokar so allseitige Huldigungen empfängt Der ältere Bruder ist ohne
Zweifel sehr unterrichtet und für Alles interessiert aber zurückhaltend und
sogar mistrauisch Nur der größere Mut seiner Frau ermuntert ihn Dann wirft er
sich so gewaltsam in den Drang sich Erfolge zu machen dass es beängstigend wird
und man aus einer solchen Begegnung mit dem Gefühle scheidet wie man hier nur
zu einem kalten Rechnenexempel der teoretischen Monarchie eine dumme und
armselige Zahl abgegeben hat Ein erwärmtes Gefühl eine gesteigerte Hingabe an
diese nicht sehr glücklichen einsam stehenden Menschen bleibt kaum zurück
Wie es nun aber bei solchen Bedenklichkeiten zu gehen pflegt man spricht
sie aus und tut doch gerade Das was man vermeiden wollte
Die Bedienten hatten den Schlag geöffnet das große gusseiserne Portal des
Schlossgartens stand geöffnet sie traten in die saubergehaltenen Wege und die
trotz der vorgerückten Jahreszeit noch bunt und mannichfach belebten Bosquetts
ein
Siegbert erbot sich zum Führer Er kannte hier alle verschlungenen Pfade
die an die große berühmte Terrasse führten und auch die welche erst die noch
geöffneten Treibhäuser und einen kleinen See mit Schwänen eine Volière mit
anmutigem Gevögel das eine ausgestopfte Eule umschwirrte eine andere
Umzäunung sehen ließ in welcher einige Rehe hausten die mit ihren sanften
weiblichen Augen durch die Gittersprossen lugten
Man entschied sich dafür den kürzesten Weg zu wählen Nach einer der Anmut
des Gartens gespendeten Anerkennung und einigen Vergleichen die Egon und Louis
mit Versailles besonders aber dem natürlicheren und parkähnlich gepflegten
StKloud zogen kam das Gespräch auf den Hof die Politik den Geheimbund
zurück und Egon ergriff die Gelegenheit sich über seine künftige Stellung zu
der Gesellschaft und zu diesem Staate selbst in dem er einen so glänzenden
Namen führte auszusprechen Dankmars Verzweiflung an allem Gegebenen schien
er sich auf Louis im Gehen stützend und in dem gekieselten Sande seine noch
etwas müden Füße nachziehend nicht zu teilen
Ich werde nicht ganz zurückgezogen leben sagte Egon Die große Sorge um
meine ruinirten Besitzungen hat mir einstweilen ihr Pächter dein amerikanischer
Landwirt Ackermann abgenommen Ich will sehen wie lange ich mich mit den
Hoffnungen auf eine mögliche Wiederherstellung dieser traurigen Verwüstung
beruhigen kann Inzwischen soll mein Hauswesen vereinfacht werden Es sind zu
viel Menschen um mich Wozu zwei Diener die da hinter uns schleichen und
aufpassen dass doch Einer von uns ja sein Taschentuch verlieren möchte nur um
sich durch dessen geräuschvolles Aufheben notwendig zu machen Wozu die vielen
Frauen in meinem Hause Den alten Haushofmeister pensionirt man Ich habe acht
Pferde und kann mich mit vier begnügen Mein Mittagstisch war heute überladen
In allen diesen Dingen hab ich die einfache Ordnung der Natur kennen gelernt
und Louis wird mir beistehen sie auch hier innerhalb der Grenzen in denen ich
nun einmal leben muss einzuführen Dann will ich suchen Bekanntschaften zu
machen die mir von Nutzen sein müssen sonst vermeid ich sie denn sie kosten
nur Zeit Und zuletzt hab ich einen Lieblingsplan den ich aus Paris
mitbrachte
Egon sah Louis an der beifällig nickte Die Andern hörten gespannt
Auch ich will einen Verein stiften sagte Egon Aber keinen geheimen lieber
Wildungen und keinen der sich auf das Wandelbarste im Menschen auf die
Gesinnung stützt Ich denke an einen Verein zum wechselseitigen Schutze der
Arbeit Ich habe nicht umsonst mein Stemmeisen und den Hobel geführt Ich kenne
die Bedürfnisse der Arbeit ich achte den Handwerker und fühle mit ihm Es muss
viel viel geschehen um ihn besser zu stellen als dies bisher der Fall war
Aber höher noch als der Arbeiter steht mir die Arbeit selbst Die wird nicht
genug geehrt die nicht heilig genug gesprochen Und was anders kann uns von
unserm Elend wahrhaft erlösen als die Arbeit Die Arbeit bester Dankmar die in
ihre Rechte in ihre Würde eingesetzt und das hohle Treiben der Leidenschaften
hört auf Ich bin streng ich habe die Theorie nicht der Menschenrechte sondern
der Menschenpflichten Alles will mit der Geburt Ansprüche erworben haben auf
ein Utopien von Glück und Freiheit Niemand lehrt dass uns die Geburt darauf
anwies das Recht ein Mensch zu sein durch die Arbeit zu verdienen Ist diese
Lehre erst allgemein dann wird auch die Gelegenheit die uns wurde geboren zu
werden als eine Quelle des Glückes und der Freude erkannt werden Freilich
fühl ich dass ich mit dieser Lehre allein stehen würde wenn ich nicht
versuchte mit ihr in die großen Debatten unserer Zeit mit einzugreifen
Schriftliche Darstellung gelingt mir nicht die mündliche müsste eine Tribüne
haben Ich glaube dass ich von einem Gegenstande gedrängt ein Redner sein
könnte Ein übervolles Herz ist ja das erste Bedürfnis eines Redners und ich
glaube ein solches übervolles zum Sprechen drängendes Herz besitze ich
Die Tribüne ist da sagte Dankmar als Egon stockte Lass dich in eine
unserer deutschen Kammern wählen In die hiesige
Dass ich noch mehr in der Welt Gegenstand des Spottes würde bemerkte Egon
zögernd
Der Gegenstand des Spottes wiederholte Siegbert und begriff diese
Zaghaftigkeit nicht
Die Welt kennt meine Geschichte sagte Egon Ich bin auf manche Bosheit
gerüstet die mir die Gesellschaft in den Weg legen wird
Siegbert lehnte eine solche Besorgnis gänzlich ab Man kenne sagte er des
Prinzen abenteuerlichen Lebenslauf und fände ihn allgemein so interessant dass
man ihn nur mit der größten Aufmerksamkeit begrüßen würde
O sagte Egon da haben Sie doch die exclusive Gesellschaft noch nicht weg
Ich habe ein Attentat gegen die Aristokratie der Geburt begangen Schon längst
nennt man mich vielleicht einen Kommunisten Ich fühle vollkommen das
Lächerliche das meine Vergangenheit vor der Blasierheit dieser Stände haben
wird
Nein sagte Siegbert mit großer Wärme Das muss ich unbedingt bestreiten Ich
bewege mich in dieser Sphäre und kann wohl sagen die Zeiten haben sich auch
hier gewaltig geändert Es ist ein Drang auch im Adel entstanden seine
Notwendigkeit durch ein ideelles Eingreifen in die Zeit zu beweisen Er hat
sich längst entschlossen die Sprache der Zeit zu reden und die Besten im Adel
stellen sich unabhängig von den Tronen zwischen Fürst und Volk als die
Vertreter nicht bloß des DauerBerechtigten sondern des notwendig
umzugestaltenden Alten Ja sogar die große Masse der exclusiven Gesellschaft ist
von der wilden Zeit so eingeschüchtert dass man von ihr wohl sagen kann Not
lehrt sie beten Man schmachtet förmlich in dieser Sphäre nach Ideen Ich kann
Ihnen sagen Prinz dass Ihr Auftreten in dieser Gesellschaft mit einer Spannung
erwartet wird die Sie kaum ahnen
Ah Wie wäre Das antwortete Egon ablehnend und doch nicht ganz ohne eine
angenehme Erregung
Glauben Sie mir sagte Siegbert und entfernte sich fast von Dankmarn und
Louis die für sich langsamer gingen glauben Sie mir in dieser Sphäre hat sich
das Meiste überlebt Ratlos tastet das Experiment dahin und dorthin Die alten
Künste sind ohne Wirkung geblieben und wahrhaft sehnsüchtige Blicke wirft der
Hof der denkende Adel der besonnene Beamtenkreis auf irgend ein Zauberwort
das da helfen soll in der allgemeinen Not und Verwirrung Nein ich gebe Ihnen
mein Wort man lacht nicht mehr über einen jungen deutschen Fürsten der in
Frankreich die Blouse trug und die Lage der arbeitenden Klassen studierte indem
er selbst arbeitete Die süffisantesten adeligen Bursche aus dem Jockeiclub
fühlen das allgemeine Leiden ihrer Kaste nach und ziehen den Hut vor Jedem der
ihrer Kaste Ehre macht Wenn Sie reden Prinz wird man horchen Wenn Sie
Unterstützung und Mitwirkung verlangen wird man Ihnen mit tausend Armen
beispringen und wenn man Pistolen abschiesst ich sage Das der Duelle wegen die
Sie als notwendig anzudeuten scheinen so wird es vor Freude sein dass einmal
aus der Sphäre der exclusiven Gesellschaft ein Gedanke eine Tatsache sich
entwickelt wie sie sonst nur von daher zu kommen pflegt wo man hinter dem
Fortschritt gleich das Überstürzen hinter der Reform die Revolution fürchtet
Während dieser Ermutigungen deren Fortsetzung und weitere Ausführung Egon
mit großer Aufmerksamkeit vernahm waren Louis und Dankmar etwas langsamer
gegangen und zurückgeblieben
Louis Armand ergriff sogleich diese günstige Gelegenheit auf Dankmars
Vorschlag von einer Bundsgenossenschaft des Geistes zurückzukommen und sehr
ernst darüber zu sprechen
Dankmar lehnte diesen Ernst noch ab und sagte dass solche Gedanken oft nur
in der Debatte zu entstehen pflegten und ebenso wieder in der Debatte wie
Seifenblasen platzten
O Das wäre nicht gut fiel aber Louis ein
Ich stoße mich sagte Dankmar den Egons Kühle jetzt gegen sich selber
mistrauisch gemacht hatte ich stoße mich an der Notwendigkeit für einen
solchen Geheimbund einen äußern Apparat den man die Symbolik desselben nennt
zu erfinden Da hat es der Prinz leichter
Er knüpft an gegebene Zustände an
Und wird wie Sie vielleicht nur für die Gelehrten so seinerseits nur für
die Besitzenden etwas Gutes stiften antwortete Louis
Das fürchten Sie entgegnete Dankmar Und man vermutet allgemein der Prinz
und Sie hätten doch eine gleiche Lehre von der Gesellschaft
Keineswegs war Louis Antwort
Ich höre es an Allem was ich nun von ihm über öffentliche Dinge vernommen
dass er zu den Aristokraten gehört die eigentlich die gefährlichsten sind zu
jenen nämlich die in ihr Wappen auch einige Symbole neuer Ideen aufnehmen
Sie sprechen antwortete Louis eine Besorgnis aus die mich selbst
bekümmert Er war in Lyon nicht so Er kam dort an wie ein Kind unreif zwar
überfüllt mit Wissen
In der Tat, ich bewundere seine Gelehrsamkeit
Glauben Sie mir Egon ist ein seltener Mensch und berufen eine große Rolle
zu spielen
Sie wollten von Lyon sprechen
Nun wohl Er kam zu uns unreif und doch schon blasirt Er hatte das Leben
zur Hälfte schon ausgekostet Nicht alle Verführungen waren so wie die des Herrn
Rafflard von ihm abgeglitten und doch war sein Herz unschuldig Es war der Zorn
über seine Familie über die geringen Mittel die man ihm für seine Existenz
schickte der ihn veranlasste seinem Stande zu entsagen und seine Angehörigen zu
reizen zu verletzen ich will sagen zu bestrafen Ein junger Mensch der seine
Eltern bestrafen will Das trieb ihn in jenes Extrem dessen Durchführung ihm
meine eigentümlich zusammengesetzte nicht ungebildete Familie besonders aber
ein sanftes heitres Mädchen meine Schwester angenehm und dadurch allein
möglich machte Er hielt lange aus oder sagen Sie meine Schwester war so
glücklich ihn lange zu fesseln Wir siedelten nach Paris über Meine Spezialität
in vergoldetem Schnitzwerk hatte in der Stadt des Luxus mehr Gelegenheit sich
ergiebig zu machen So zogen wir nach Paris Man weiß wie uns Egon dort
verloren ging Ich glaubte ihn am Grabe meiner Schwester ganz wiedergefunden zu
haben Aber es war ich fürchte mich es einzugestehen vielleicht nur eine neue
Abspannung die ihn aus den Armen der schönen Gräfin dAzimont an das Grab
Louisons führte Jetzt da die Gräfin hier ist da er sich gesund tatkräftig
unternehmend fühlt ist kein Augenmerk zu versäumen ihn den Ideen zu erhalten
die er einst im Umgang mit den Armen einsog Ich bürge für seinen besten seinen
redlichsten Willen aber eine Helene dAzimont ein Rafflard die Prärogative
seines Standes die Schmeicheleien seiner Stellung
Besorgen Sie nichts lieber Louis sagte Dankmar Dieser Aristokrat ist
trotz der guten Meinung meines Bruders von dem gebesserten Stolze des Adels so
himmelweit von der üblichen Bildung unserer exclusiven Stände entfernt dass ich
glaube er wird mit seinem Vereine zum Schutz und Schirm der Arbeit bei ihnen
allein schon genugsam anstossen Es käme nur auf Etwas an
Dankmar regte mit diesen zögernd gesprochenen Worten die Unruhe des
Handwerkers nur noch mehr auf
Worauf sagte er Sie sehen wie ich vor Sehnsucht zittere dem Volke ein
treues Herz zu erhalten
Dankmar war von der bebenden Stimme mit der diese Worte gesprochen wurden
gerührt und bot Louis Armand die Hand
Edler lieber Fremdling sagte er Wie warm fühlen Sie für die gute Sache
des Jahrhunderts
O mein Herr rief Louis ich höre Sie schon viel lieber von unsern Pflichten
sprechen als meinen verlorenen Egon von unsern Rechten
Geben Sie ihn nicht auf Louis antwortete Dankmar angenehm erregt von der
traulichen Art wie Egon am Arme seines Bruders sich stützte und unter den hohen
Lindenbäumen vor ihnen schritt Ich verspreche mir viel von dem Plane diesen
jungen Fürsten in unsre Kammer zu bringen Er hat das Alter Und über die
Möglichkeit ihn irgendwo in der Wahl durchzusetzen hab ich schon nachgedacht
Die Tribüne ist ein sonderbarer Ort Menschen die nie eine Meinung hatten
haben auf der Tribüne eine Meinung bekommen Wie man in der Physik das Gewicht
der Stoffe nicht auf der Wagschale absolut sondern nach einer Vergleichung mit
andern Wertbestimmungen specifisch ermittelt so wird Egon über seine Gesinnung
sich erst klar werden den Gesinnungen Andrer gegenüber Und wie wenig wohl auch
zu erwarten steht dass ihn unsre Radikalen für sich gewinnen so dürfte es doch
ebenso lange währen bis sich Egon in der ihm völlig fremden zu Allem
schmiegsam ergebenen Kanzleigesinnung des Beamtentums zurecht fände Erst auf
der Tribüne wird sich sein wahrer Wert sichtbar ausscheiden
Haben Sie schon über die Möglichkeit einer Wahl nachgedacht fragte Louis
Armand
Ich erwarte sagte Dankmar in diesen Tagen einen Deputirten dem es
gelungen ist dreimal gewählt zu werden Es ist ein einfacher Landwirt aber
ein vielgerühmter Politikus Namens Justus Extreme Richtungen können ihn nicht
gehoben haben und so glaub ich fast gewiss zu sein dass es nur seiner
Empfehlung bedarf um da wo er die Wahl ablehnt Jeden den er als Ersatzmann
vorschlägt durchzubringen
Unter diesen Erörterungen hatten sich Louis und Dankmar wieder den beiden
Vorausschreitenden genähert und teilten die angenehme Überraschung die ihnen
jetzt die freundliche Aussicht bot Welch ein gefälliges Gemälde Sie hatten
alle vier jene Terrasse erstiegen deren Rückwand dichte gestutzte Bosquets
Grotten und Lauben bildeten deren Vorderseite ein Gitter über das hinweg man
unten einen Wiesengrund über diesen hinaus aber den Fluss Wald und Berge sah
Alle Wege des Schlossparks sammelten sich auf diesem künstlich aufgedämmten aber
von der Natur überholten Berge Zur Linken führte eine verschlossene Tür auf
eine Verlängerung der Terrasse bis unmittelbar an die Fenster des Schlosses
dessen Stil älteren Zeiten angehörte Diese mit Orangerie geschmückte
Verlängerung die dem Publikum geschlossen war blieb der einzige kleine Raum
den sich der Hof für seine eigene Erholung vorbehielt Sonst war Schloss und Park
Solitüde allen Besuchern zugänglich und auch heute ging es auf dieser Terrasse
lebhaft genug her Kinder spielten im Kieselsande Müssige Soldaten mit ihren
Mädchen saßen in den Grotten Manche Gruppe feinerer Gesellschaft lehnte sich an
die eiserne Balüstrade und genoss das anmutige hier ausgebreitete
Landschaftsbild
Egon fühlte sich vom Steigen ermüdet und suchte eine Ruhebank Man fand sie
breit genug auch für seine drei Begleiter Sie nahmen neben Egon Platz und
teilten sich die Punkte mit die Jedem an der Landschaft lieblich schienen
Louis hörte sogleich mit großer Freude dass der links diesseit und jenseit des
Flusses liegende Wald der Schauplatz sonntäglicher Freuden des Volks war Er
trennte sich schon im Geist von der Gesellschaft die hier neben ihm saß und
genoss die für den nächsten Sonntag gehoffte Fröhlichkeit unter jenen Tannen und
jungen Eichen auf einer Wiese wo er in der Ferne Schaukeln und Kletterstangen
unterscheiden konnte Es sah Fränzchens zierliche Gestalt über den Rasen
hüpfen bewunderte schon die kleinen Erfindungen ihres Geschmackes die sie an
ihrer Sonntagstoilette zum Vorschein bringen würde und betrübte sich nur über
die von Siegbert ausgesprochene Vermutung dass dies schöne Wetter nicht mehr
lange halten würde Siegbert fing von den Wolken an Louis wollte sich aber auch
auf ihre Bildung verstehen Siegbert zeigte auf einige Nebelschleier im Westen
die gerade über einem weiß aus dem Grünen hervorschimmernden und in der Sonne
blitzenden Meierhof hingen und wollte eben jene kleinen Lämmerchen am Himmel
Wölfe in Schafskleidern nennen als seine Hand von zwei lieben jubelnden Kindern
gehalten wurde
Es waren Paulowna und Rurik Wäsämskoi
Siegbert und Dankmar blickten erstaunt wo die Kinder herkamen
Das ratet einmal riefen sie und klatschten jubelnd in die Hände
Von einer vernünftigen Erzählung war da keine Rede Rurik zog Siegberten von
der Bank auf und wollte ihm schon eine große kostbare von ihm entdeckte Blume
zeigen Paulowna verlangte dass er mit ihr zu den Rehen ging Er sollte Brot
kaufen am Eingang des Schlossgartens säße eine Frau mit weißem Brote dabei
zogen sie und zerrten ihn und wollten von schöner Aussicht und der Terrasse
nichts wissen Indem grüßte Dankmar sehr artig und Siegbert der sich
gelegentlich einmal umsehen konnte wurde eben glühendrot
Egon fand ein junges Mädchen dem ein Gruß von Siegbert galt sehr
anziehend Sie war klein aber außerordentlich zierlich Ein Bedienter trug ihr
Sonnenschirmchen Sie selbst hatte eine Art Negligéüberwurf an ein leichtes
nankinggelbes Zeug mit einem großen herabfallenden Kragen von gleichem Stoffe
Wenn der Rock vorn aufschlug sah man ein weißes Unterkleid mit einem goldnen
Gürtel Die schwarzen eng an die rundgewölbte Stirn gestrichenen Haare waren von
einem sehr kleinen durchbrochenen goldgelben italienischen Strohhut bedeckt
Tändelnd hatte das junge Mädchen ein Taschentuch in der Hand und schlug damit in
die Luft wie mit einer Reitgerte Es war eine Bewegung die die größte innere
Ungeduld verriet Mit einer sehr gefälligen fast vertraulichen Miene grüßte
sie Dankmarn Es war als wollte sie ein laut hervorbrechendes Lachen
unterdrücken als sie so stolz so graziös vorüberschwebte Sie warf auch mit
einer leichten Bewegung ihr gesticktes Battisttuch so dass ein Zipfel in den
Mund kam und sie auf ihm ihre Erregung gleichsam ausbeissen konnte Dieser
kindische Einfall verbunden mit dem entschiedenen fast herausfordernden Wesen
das in der übrigen Art des Mädchens lag verrät uns dass es wirklich Olga
Wäsämskoi war die vor der Ruhebank dahinschwebte und mit einem Bedienten
sogleich verschwand
Paulowna und Rurik erzählten dass die Mutter von dieser Fahrt gar nichts
wisse Dass sie die »Tante« von Harder in Tempelheide hätten besuchen sollen und
dass Olga dem neuen Kutscher der sehr gut und rasch fahren könne geboten hätte
Rechts um nach Solitüde Dankmar verzog die Lippen und hatte alle kleinen
Teufel des Spottes und der Ironie in seinen Mienen während Siegbert in die
größte Verlegenheit geriet und schon ahnen konnte welche schlimme Szene diese
eigenmächtige Idee Olgas bei ihrer Mutter zur Folge haben würde
Wer ist denn von Euch der Prinz Egon fragte Paulowna mit ungezwungener
Dreistigkeit
Der bin ich mein kleiner Engel sagte Egon und wollte sie auf den Schoos
nehmen Und wer bist du denn fragte er
Geh sagte Rurik und riss die Schwester wieder zu sich heran
Oho Das nenn ich einen sittsamen Bruder sagte Egon lachend und wollte
aufstehen um Paulowna zu haschen
Diese zog sich aber zurück und sagte mehr stolz als naiv
Mein Vater war auch ein Prinz
Daran zweifl ich gar nicht antwortete Egon lachend Welche Länder gehörten
ihm denn
Siegbert fühlte die ganze Pein dieser unerwarteten Begegnung Wie gern hätte
er die Kinder entfernt
Aber Rurik stellte sich keck vor seine Schwester und meinte
Er hieß Wäsämskoi Aber Onkel Rudhard sagt dass du schlimm bist Und wir
mögen dich gar nicht
Damit rannte aber Rurik in einiger Entfernung über seine gelungene
Impertinenz laut spottend davon Paulowna flog ihm nach und Siegbert sah
wohl ein dass er Olga ihr ganzes Abenteuer verderben würde wenn er nun nicht
sogleich aufstünde ihr nacheilte und den ganzen Ausbruch ihres Jubels über
dieses kühne Beginnen entgegen nähme Er sprang geduldig den Kindern nach und
holte am Fuße der Terrasse Olga ein die dort von den Andern ungesehen schon
auf ihn gewartet hatte und ihn wie er so verblüfft und verlegen herunterkam
mit einem Spott und Frohlocken empfing das zwar unendlich lieblich und
bezaubernd war ihn aber in nicht geringe Verlegenheit setzte
Inzwischen konnte sich aber Egon von seinem Erstaunen über den Namen
Wäsämskoi und Rudhard kaum erholen
Dankmar ergriff daher das Wort bat ihn sich wieder zu setzen und gab ihm
mit kurzen Worten eine Erläuterung
Dreizehntes Kapitel
Der König und die Königin
Mein verehrter Freund sagte Dankmar du siehst wie viel sich während deiner
Krankheit um dich her neu begeben hat Jede Stunde bringt dir eine neue
Aufklärung Helene dAzimont das Bild Rafflard Ackermann der Turm alles
Das tritt wie aus einem Nebelbilde wieder vor deine gestärkten Sinne So wisse
denn auch dass von den Ufern des Schwarzen Meeres die verwitwete Schwester der
Gräfin dAzimont hier angekommen ist mit ihren drei Kindern diesen beiden
vorlauten kleinen Schwätzern da und jener älteren Olga der mein Bruder der bei
der Fürstin die ästhetischen Honneurs macht sogleich wie ein treues Windspiel
nachgesprungen ist
Aber Rudhard Rudhard rief Egon und drängte um Aufklärung über diesen ihm
teuren Namen den er in Lyon einst selbst geführt hatte
Dass Rudhard in die Familie Osteggen eingetreten war schien dir nicht
unbekannt sagte Dankmar
Nein Er hatte Helenen und ihre Schwester Adele erzogen Sie kamen durch die
Heirat mit dem Fürsten Wäsämskoi nach Odessa Helene heiratete den Attaché
Grafen dAzimont und ist mit ihrer Familie gespannt Der Fürst Wäsämskoi starb
Das weiß ich
Rudhard begleitete die Familie um die Kinder besser auszubilden hieher
Rudhard hier
Wir fürchteten Alle den zu lebhaften Eindruck den diese Entdeckung auf dich
machen würde
Um so mehr als Ihr Alle Rudhards Urteil über mich kennt Aus dem Munde
dieser Kinder hab ichs ja vernommen
Egon blickte voll Betrübnis
Ich kann nicht leugnen suchte Dankmar die Wahrheit zu mildern dass Rudhard
streng über dich urteilt und unter der Stellung in welcher du dich zu einer
ihm teuren Familie befindest doppelt leidet Die Gräfin und die Fürstin sind
so verfeindet dass sie sich noch bis zur Stunde vermieden haben Rudhard ein
etwas trockener Pedant ist unglücklich dass er dem Zuge seines Herzens nicht
folgen kann wie er möchte Denn was ich ihm auch von deiner Liebe zu ihm von
deiner Dankbarkeit von deiner Verehrung vor seinen Grundsätzen erzählen konnte
im Turme von Plessen hattest du ihn gerühmt wie er es allerdings verdiente
es hat ihn doch nicht bewegen können sich schon jetzt mit dir auszusöhnen
Es ist ein Spartaner sagte Egon Ich kenne diese raue Tugend und wenn ich
sie einst nicht ertragen konnte jetzt fühl ich wie ehrwürdig sie ist
Armands Augen verrieten neue Hoffnung Er konnte sich nicht überwinden in
der Stille unbemerkt von Egon Dankmars Hand zu drücken So wollte er den
Prinzen Gehoben von sittlicher Würde Beherrscht durch sich selbst und ein
edles Beispiel
Hätte sich Egon jetzt aussprechen mögen er würde kaum die Fülle seiner
Empfindungen haben bewältigen können Er begann auch zuweilen wollte von der
dAzimont reden von ihrer Schwester von Rudhard von Vergangenheit und
Zukunft aber er kam über einen kurz ausgestossenen Seufzer über ein
schmerzliches Lächeln über ein ungläubiges Schütteln des Kopfes nicht hinaus
Nur die kindischen vorlauten Worte »Onkel Rudhard sagt dass du recht schlimm
bist Wir mögen dich nicht« wiederholte er zuweilen und knüpfte um seinen
Unmut zu verbergen einige spottende Reden daran deren Aufrichtigkeit man
bezweifeln musste
Dankmar nahm alle diese Begegnungen leichter und erzählte manches Drollige
von den Kindern und ihrer unveränderlichen russischen Natur Olga die Mutter
schilderte er sehr treffend und auch von Rudhard konnte er nicht umhin zu sagen
Bester Freund die Vergangenheit und Erinnerung verklärt Vieles Mein
Bruder der wie gesagt das Factotum des Hauses ist rühmt die pädagogischen
Grundsätze des alten Pfarrers sehr Aber wie es mir scheint hat auch er die
Erfahrung gemacht dass sich gegen die Natur nichts ausrichten lässt Diese Kinder
wachsen halbwild auf biegen sich wie Weidengerten wohl so und so nach seinem
Willen schlagen aber doch immer wieder in die Lage zurück die ihnen die
bequemste ist Rudhard hat sich sogar an das Czarentum akklimatisirt Ich finde
den Fond von Poesie den ich in dem Erzieher meiner Kinder voraussetzen möchte
nicht sehr reich bei ihm und wenn du ihn einen Spartaner nennst so denk ich
ihn mir als Director einer Kadettenanstalt ganz an seinem Platze
Und doch muss ich ihn sehen erwiderte Egon Der Zerfahrenheit meiner
späteren Erzieher der Lüge der Bosheit dieser Heuchler gegenüber die eine
jugendliche Seele verderben können steht er in meiner Erinnerung großartig da
Ein Erzieher soll immerhin wie ein hölzerner Stecken sein an dem die Blume des
kindlichen Gemütes sich aufrankt Ich dagegen wurde von Schlingpflanzen
umwachsen und mit ihnen emporgezogen zu einem künstlichen Gedeihen das mich
zwar schneller dem Sonnenlichte näher brachte aber auch die Kraft der Wurzeln
aussog
Eine Weile hatte Egon in trüber Stimmung vor sich hin geblickt und das Haupt
auf die Lehne der Bank gestützt als eine muntere helle Stimme ihn anredete
Was Durchlaucht So sitzen Sie hier auf der Terrasse von Solitüde
Bewegung Bewegung
Egon blickte auf
Es war der Sanitätsrat Drommeldei der in seiner immer gewählten Kleidung
wie ein eben zum Bau gehender Tänzer vor ihm stand die Herren neben Egon mit
zusammengekniffenen forschenden Augen prüfte und sich über sein plötzliches
Erscheinen an dieser Stelle dahin erklärte dass er sich richtig hätte überzeugen
wollen ob sein Reconvalescent auch die ärztlichen Vorschriften pünktlich
befolgte
Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen Doctor sagte Egon und bat ihn
Platz zu nehmen
Nein Sie müssen lustwandeln Sich Bewegung machen Durchlaucht Was sitzen
Sie da das Haupt aufgestemmt und suchen sich einen Watteau einen Klaude
Lorrain aus diesem Fernblick zusammen Sehen Sie nur die königlichen
Herrschaften die machen es anders da kommt die ganze Suite her Aber warum
eilen Sie denn Bleiben Sie doch Hier hier Es läuft ja Alles aus dem Parke
hierher was wollen wir uns denn entfernen
In der Tat hatte sich die Szene eigentümlich verändert Alles was nur im
Garten von Besuchern zerstreut war lief aus allen Wegen auf die Terrasse Auch
Paulowna und Rurik mit ihren Bedienten kamen zurückgerannt aber ohne Siegbert
und Olga Die überall sichtbare hintere Façade des Schlosses hatte offenbar
allgemein bemerken lassen dass sich aus den auf die Erde gehenden Fenstern eine
Anzahl Offiziere und mit Orden geschmückter Herren auf die Terrasse begab
Ihnen folgte das Königspaar Frau von Altenwyl die Oberhofmeisterin Herr von
Harder der Intendant der königlichen Schlösser und Gärten viele Damen und
Herren die sich durch die kleine Allee von Orangenbäumen gerade dahin begaben
wo das Gitter bereits von einigen Lakaien geöffnet wurde
Alles stellte sich in einer Kette teils an den Hecken teils an dem Gitter
auf um den Zug vorbei zu lassen Nur Egon mochte nicht bleiben und musste von
Drommeldei fast gewaltsam zurückgehalten werden wenigstens bewogen ihn nur
Äußerungen wie die Man hat Sie gesehen man beobachtet Sie ich bitte Sie um
Alles was wird man denken zum Bleiben Egon stellte sich als der Hof näher
kam an die eiserne Balustrade Drommeldei neben ihn Etwas entfernter da
sie bei der Absicht gehen zu wollen einen Vorsprung gewonnen hatten stellten
sich Armand und Dankmar Die Bedienten Egons die sich immer in einiger
Entfernung gehalten hatten waren richtig im übergrössten Eifer hinzugesprungen
um ihm sein Taschentuch zu bringen das er auf der Bank hatte liegen lassen und
standen nun gleichfalls neben ihm
Das eiserne niedere Gitter der Verbindungstür der Schlossterrasse mit der
allgemeinen für das Publikum bestimmten Hälfte der Terrasse war schon
aufgegangen Die Herrschaften kamen schon näher grüßten die Umstehenden
freundlich die junge Königin mit einer ganz besonders beflissenen Huld
Den König schien die Aussicht auf die friedliche Landschaft zu erfreuen Er
lenkte sogleich wieder nach dem Gitter zu blieb aber stehen als die
Oberhofmeisterin etwas überlaut sprach Die Gräfin Altenwyl stellte der
Königin die beiden kleinen Wäsämskois vor Diese beiden Wildfänge waren
nicht im geringsten blöde Sie selbst erkannten sogleich die alte Dame die in
dem Garten ihrer Mutter sie besucht und sie mit so viel anstandsmässiger Liebe
geherzt und geküsst hatte Da dachten sie kann uns kein König der Welt
verwehren dass wir auf diese Dame zugehen und ihr sagen Tante wir sind auch
hier Gräfin Altenwyl die den Bedienten erblickte sah wohl dass dies gar
sauber gekleidete Mädchen und der kleine dreiste Junge in seiner Strohmütze und
dem blauen Sammetkittel »hoffähige« Kinder waren Um sich zu orientiren rief
sie den Bedienten näher und brauchte nur das Eine Fürstin Wäsämskoi zu hören
als sie schon in eine herzliche Bewillkommnung ausbrach und die kleinen Russen
der Königin vorstellte Diese schlanke junge Dame der zu ihrem zweifelhaften
Glücke eine Königin zu sein nur das wirkliche Glück Kinder zu besitzen
fehlte beugte sich sogleich gar liebevoll zu den Kleinen herab und küsste ihnen
die Stirn Die Mutter hatte sich ja bereits bei Hofe vorstellen lassen und so
war auch der königliche Gemahl über die Beziehung dieser improvisirten
KinderKour im Freien völlig au fait und hatte heute Anregung Lust und Laune
genug sogar einige russische Worte mit den kleinen Moskowitern zu wechseln Die
Königin war besonders glücklich über diese Idee ihres sonst an naiven Einfällen
nicht reichen Gemahls Sie erkundigte sich daher nur um so herzlicher nach der
lieben Mutter und trug den Kindern auf sie von der Königin zu grüßen zu großer
Freude des Bedienten der auf diese Art einigermaßen die schlimmen Folgen der
eigenmächtig gewagten Spazierfahrt nach Schloss Solitüde abzuwenden hoffte
Inzwischen kamen die königlichen Herrschaften dem Gitter näher und
entdeckten Drommeldei
Louis und Armand beobachteten in der Ferne mit großer Spannung die folgende
Szene
Drommeldei der bei Hofe wohlbekannte der fashionable Arzt der großen Welt
hatte die leichtesten Formen spielte wie jeder Sohn des Äskulap nicht viel mit
der Etikette und fand es sie beobachteten Das deutlich ganz in der Ordnung
dem Hofe seinen Reconvalescenten den Prinzen Egon von Hohenberg vorzustellen
Wie erstaunten sie als die ganze Suite näher trat und Egon förmlich von ihr
umringt war Der Einzige der Intendant von Harder blieb zurück und wandte
ihnen das volle Antlitz zu auf welchem die glänzendste Genugtuung
ausgesprochen lag dass diese Natur diese Terrasse diese Aussicht hier
gleichsam doch nur für sein eigenes Werk gelten durfte Bäume Blumen Weg und
Steg das Alles beherrschte die Excellenz mit einem Blick als wären sie die
Bundesgenossen seiner gewaltigen Kraft und die dienenden Stützen seines auf
Tatsachen sich gründenden Einflusses Die andern Kavaliere ja die hatten hier
gut zusehen die mochten sich ärgern wie er heute in seinem Lüstre glänzte Wo
hatten diese Kammerherren eine Terrasse eine Aussicht einen Park wie diesen
den königlichen Herrschaften zum Genuße anzubieten Henning von Harder hatte
dieses Schloss zwar nicht gebaut diese Orangenbäume nicht gepflanzt dieses
Gitter so zu sagen war alt und die Hecken nicht mehr im neuesten Geschmack aber
es war doch Alles grün die Luft war doch blau die Wege waren doch buschig und
schön geharkt die Vögel zwitscherten die sich senkende Sonne blitzte so
golden nun das mache einmal Einer von Euch Kammerherren mir dem Geheimrat
und Intendanten von Harder nach Wenn ein Ball am Hofe ist nun wohl dann mag
der Intendant der Musik stolz sein Wenn man auf die Jagd geht tummle sich der
Oberjägermeister Aber hier hier herrscht die Excellenz Kurt Henning Detlev von
Harder zu Hardenstein Hier darf ich allein ich ganz allein die Mücken verjagen
und auch die neue freilich von meinem Inspektor Mangold erfundene Methode
auseinandersetzen die Mücken durch feine Luftspritzungen und kaum sichtbare
Staubregengüsse zu tilgen
Dankmar der vom Geheimrat der ein ungemein kurzes Gedächtnis hatte und
jetzt nur ganz in der lauschenden Aufmerksamkeit auf die Herrschaften lebte
nicht wieder erkannt wurde traute seinen Augen kaum als die Suite sich
plötzlich mit Egon und dem Sanitätsrat Drommeldei nach der Schlossterrasse
zurückbegab
Was ist Das raunte ihm Louis zu
Man entführt ihn förmlich sagte Dankmar
Sehen Sie wie freundlich die Königin mit ihm spricht
Und die Oberhofmeisterin mit dem Sanitätsrat
O mein Herr sagte Louis Armand ich ahne
Eine Verabredung Es scheint fast so Aber was könnte man mit ihm vorhaben
Dieser Arzt hat ein leichtes Gewissen sagte Louis Ich muss ihm dankbar sein
für Egons Wiederherstellung aber seit einigen Tagen zeigt er ein Lächeln so
frivol er gefällt sich in Scherzen so leicht er debütirt Anekdoten so
veraltet o wenn doch diese Ärzte sich nur um uns bekümmern wollten wenn wir
krank sind und uns nicht auch sagen wollten auf welche Art man gesund sein
müsse
Das ist eine Bemerkung antwortete Dankmar lachend deren nähere Erörterung
uns für den Ärger trösten muss dass man uns armselige Geschöpfe hier so ohne
Weiteres allein stehen ließ Ich bin begierig was uns Egon von dieser
sonderbaren Überraschung erzählen wird Einstweilen gehen wir
Die Suite mit Egon war im Schloss verschwunden Paulowna und Rurik sprangen
herbei und fassten Dankmars Hand um sich von ihm führen zu lassen Dieser gab
Egons Bedienten die Weisung sie sollten dem Fürsten wenn er wiederkäme als
gemeinschaftliches Rendezvous das Ausgangsportal des Gartens bezeichnen
Als Dankmar und Louis mit den Kindern den Weg einschlugen wo sie hoffen
konnten Siegbert und Olga wiederzufinden geschah ihnen eine seltsame
Begegnung
Ein sonderbares Paar das sich in dem Eifer die königlichen Herrschaften zu
sehen verspätet zu haben schien rannte man kann wohl sagen wie besessen auf
sie zu
Voran keuchend glühend vor Erhitzung eine elegante dicke kleine Frau mit
ceriserotem Shawl Hinter ihr in gemesseneren aber doch ebenso beflügelten
Schritten ein junges Mädchen mit langen blonden Locken und einer von den
Landesfarben gemischten Toilette
Dankmar kannte beide Damen nicht aber die Kinder sagten sie hätten unten
am Teiche wo die Schwäne wären schon mit Siegbert und Olga gesprochen und sie
kennten sie Beide wohl da sie auch zur Mutter kämen Den Namen wussten die
Kinder nicht sprachen aber von einem großen wunderschönen Buche das die eine
Dame die so schrecklich lief einmal mitgebracht und ihnen die darin
entaltenen herrlichen Bilder gezeigt hätte Es wäre ganz in Gold eingebunden
gewesen sagte Rurik und Paulowna fügte noch Samt und Seide hinzu Und die
herrlichen Bilder Aber das schönste hätte doch Siegbert gemacht
Dankmar lächelnd und erfreut über die schöne Parteilichkeit der Liebe sagte
sich
Sollte Das vielleicht Frau von Trompetta gewesen sein
Er sah sich noch einmal nach den beiden Damen um Er konnte noch deutlich
bemerken wie sie an dem von den Lakaien wieder geschlossenen Gitter standen und
wahrhaft schmachteten und sich verzweifelnd den Schweiß trockneten und
tiefbekümmerte Blicke nach dem Schloss hinüberwarfen Es schien ihnen zuviel
entgangen zu sein Aber auch zuviel Sie hatten etwas versäumt was ihnen
unwiederbringlich vorkommen musste
An den lebhaften Gestikulationen mit Egons Bedienten sah Dankmar wie
schrecklich Frau von Trompetta wenn sie es war unter dieser Versäumnis litt
Die von der Erhitzung rosig angeglühte Blondine zuckte hoheitsvoller die Achseln
und schien sich mit einer gewissen imposanten Ruhe zu ergeben
Die Kinder zeigten inzwischen auf den Lichtschimmer der das Ende einer
dunklen hochgewölbten Allee die sie einschlugen begrenzte Dort läge wie die
Dame im roten Shawl gesagt hätte der Schwanenteich
Springt nur vorauf erinnerte Dankmar die Kinder Wir kommen nach
Louis kam da die Kinder liefen als ging es um die Wette auf das
wunderlich eben Erlebte zurück Dies Zusammentreffen mit dem Hofe schien ihm so
gefährlich dass er in seiner ohnehin schon angeregten Besorgnis davon die
schlimmsten Folgen erwartete
Dankmar stellte seine Befürchtungen in Abrede Ich wette sagte er der
Fürst wird uns wenn wir noch vor einem Unwetter nach Hause fahren
Unterhaltendes erzählen
Unwillkürlich schlugen die beiden Wanderer um mehr nach dem drohenden
Himmel sehen zu können einen weniger grün beschatteten Seitenweg ein Jetzt
bemerkten sie erst welche gewaltige Menge von Wagen fern an der Pforte hielt
Die königlichen Sechsspänner waren höher hinauf dem Schloss zugefahren aber
außer dem ihrigen stand nun noch der des Sanitätsrates der der Fürstin
Wäsämskoi und der Frau von Trompetta an der Pforte Wie einer dieser Kutscher
von fern Dankmarn eifrigst grüßte konnte er sich kaum besinnen warum der
betresste Mann in seiner Ehrerbietung so eifrig war So zerstreut war Dankmar
dass er fast vergessen hatte wie der Kutscher der Fürstin Wäsämskoi Niemand
anders als sein alter Freund Peters sein konnte Peters den er selbst nach dem
vergeblichen Versuche bei Schlurck durch seinen Bruder bei der Fürstin Wäsämskoi
empfohlen hatte Peters erschien ihm heute zum ersten male in seiner
geschmacklos überladenen Livree und des Bellens eines ihm wohlbekannten Hundes
bedurfte es wirklich um aus jenem geputzten Pagoden seinen alten Freund Peters
den Vertrödler seines Schreins den unglücklichen Kellner vom Fortunaball
herauszufinden
Ei Bello rief Dankmar sich bald orientirend schon in der Ferne tronst du
da oben wie ein gnädiger Pascha von zwei Rossschweifen an denen du wieder deine
Freude hast Guten Tag Peters Guten Tag Bello Ihr seid da Im Staat So in
Gold und Silber und wohlgenährt dass Ihr ganz stolz ausseht und Einer vor Euch
und Euren Pferden Respekt haben muss
Peters warf sich in der Tat ganz behaglich in die Brust
Machen wir Ihnen denn nun Ehre sagte er Sie und der Herr Bruder haben ja
für uns Beide gutgesagt
Wie ein Kartenkönig haltet Ihr Euch Peters lachte Dankmar Und dem Bello
dem fehlt nur noch ein rotes Halsband und man hält ihn für einen verwunschenen
Kammerherrn oder den Schooshund einer holländischen Millionairin
Und doch haben wir wieder was Schlimmes begangen
sagte Peters und schüttelte bedenklich den Kopf was ihm bei der neuen
Tresse seines Halskragens etwas schwer wurde Das Teufelsmädchen Das
Wie so denn Wer denn Teufelsmädchen Die kleine Komtesse oder Prinzess was
sie ist die Olga
Nicht wahr Das ist ein Geniestreich dass Ihr hier seid
Sie mags verantworten sagte Peters Wir sollten nach Tempelheide zu dem
alten Metusalem Sie kennen ihn ja
Dem Präsidenten
Und zu Frau von Harder seiner Schwiegertochter aber kaum bin ich am
Pelikan und grüße den alten Hitzreuter dem die Fortuna seinen Bauch etwas
schmaler macht
Und die Katrine
Nein die ist ja nun ganz auf der Fortuna geblieben Ja die dreht da die
Kugel dass sie immer im Gange ist
He Ihr verliert ja die Leine
Just am Pelikan heißts Peters umkehren Nach Tempelheide umkehren
fragt ich Nach Solitüde fahren wir Was Nach Tempelheide Da springt ja das
Mädchen auf und reißt mir von hinten die Peitsche aus der Hand Ich drehe mich
um und die beiden Augenräder die ich da vor mir sah werd ich in meinem Leben
nicht vergessen Nach Solitüde also Und weil sie mir die Peitsche nicht
wiedergab und die Leute in der Vorstadt stillstanden und lachten musst ich
schon umwenden und hierher machen
Sie wirds verantworten Gegen Gewalt richtet die Vernunft nichts aus
Wie stehts denn mit dem Prozess Herr Wildungen fragte Peters diese
Gelegenheit zu einem Schnak benutzend Alle Leute sprechen davon Den Herrn
Siegbert seh ich oft bei unserer Herrschaft aber es schickt sich nicht recht
dass ich vor den Herrschaften bekannt mit ihm tue
Louis Armand hatte sich inzwischen an die Eingangstür die Dankmar schon
überschritten hatte auf eine Bank gesetzt und plauderte bald mit der Frau die
dort Lebensmittel feil hielt teils sah er nach dem Wetter teils und am
nachdenklichsten nach dem Schloss hinauf
An meinem Zank mit dem Justizrat Schlurck sagte Dankmar habt Ihr wohl
gemerkt dass das Alles langsam gehen wird
Ein paar Millionen ziehen sich schwer meinte Peters und machte die übrigen
hier haltenden Wagenführer aufmerksam
Und wenns auch nur Eine ist Peters von dem Bock müsst Ihr dann herunter
Peters schüttelte den Kopf und meinte
Sie vertraun mir nichts mehr an
Warum nicht sagte Dankmar Seit Eurem Unglück an der Plessener Schmiede
hab ich soviel Abenteuer gehabt soviel Bekanntschaften gemacht dass Ihr
eigentlich die Veranlassung eines ganz neuen Lebens für mich geworden seid
Peters fuchtelte nachdenklich mit der Peitsche ein wenig hin und her und
meinte dann nach einigem bedeutsamen Schweigen
Bello bedankt sich
Bello Warum Bello fragte Dankmar
In der Bibel steht sagte Peters Saul suchte einen verirrten Esel und fand
ein Königreich Dass der Esel durchging lag doch wohl an dem schlechten Hund der
ihn bewachen sollte
Das nenn ich Schriftauslegung Peters meinte Dankmar lachend Wahrhaftig
Ihr wart nicht zum Fortunakellner geboren Was sagt denn nun Katrine zu dem
schönen Tressenkragen da
Peters zuckte die Achseln
Peters Peters fiel Dankmar ein Zwischen Euch und Katrine zwischen
Bello zwischen dem alten PelikanHitzreuter und dem FortunaHitzreuter da
steckt mir was dazwischen was so ist wies nicht sein soll
Peters warf die Lippen nachdenklich auf und ließ die Peitsche tänzeln
Meine Mutter hat in Angerode darüber mehr gehört als wir damals an der
Kegelbahn im Pelikan und dann unten im Tunnel und oben in der Loge Nr 14 geahnt
haben Ihr spielt Mariage à troîs Schämt Euch
Was ist Das für ein Spiel fragte Peters und hob sich etwas aus seinen
Tressen heraus
Ein Kartenspiel das bei vornehmen Leuten sehr beliebt ist erklärte
Dankmar Ihr liegt auf der Landstraße die Frau führt im Pelikan die Wirtschaft
und im Theater kann man zuweilen ein Stück sehen wo ein tonnendicker Kerl in
Steifleinen vorkommt der sehr verliebt sein kann
Peters hob sich fast vor Zorn und innerster schmerzlicher Erregung auf
seinem Bocke empor und rief
Der aber Geld hat Der hergeben kann während den armen Fuhrmann die
Eisenbahnen zu Grunde richten
Sieh Sieh sagte Dankmar die Wirkung seiner Vermutung auf den armen
Peters wohl bemerkend Katrinchen ist also eine rechte Frau Quickly ich will
sagen die Unruhe selbst Lustig namentlich in Alles schicklich
Ja Ja
Lärm muss um sie her sein Trompeten Pauken da ein Zweigroschenstück
hier ein Taler gewechselt gelacht Charmante Dienerin Leben und
leben lassen
Mord und Todtschlag rief Peters und hieb mit der Peitsche vor Zorn auf die
Pferde als wenn sie und nicht seine Frau die Mucken hätten
Hab ich Das damals bei dem Eierkuchen wohl geahnt dass sie Nachts in die
Fortuna läuft und an dem Schenktisch präsidirt Aber sanftmütig Peters
Sanftmütig Ihr lest die Bibel Schickt Euch in die Welt
Die Bibel Wegen Sauls Esel meinen Sie Der ist mir nur noch so in der
Erinnerung geblieben wenn ich manchmal in der Irre ging und nicht wusste wozu
ich noch auf der Welt bin Tun Sie mir den Gefallen gewinnen Sie Ihren Prozess
Herr Wildungen
Ich tue mein Möglichstes Warum aber
Dann sagen Sie Peters ich vergebe dir die Dummheiten die du noch alle
machen wirst Ich behalte dich fürs Leben und für die Scheidungsgebühren
verlang ich nichts
Scheidungsgebühren Peters
Herr an dem Tage wo Katrine sagte Peters hier ziehst du die grüne
Marqueurjacke an und steckst die Speisekarte in die Brusttasche da wars mit
uns kopfüber Ich sagte nichts aber es war mir doch als wenn wir wieder am
Altar von der Johanniterkirche in Angerode ständen und der eine große
Posaunenengel unter der Orgel blies Hallelujah Aus Euch wird im Leben nichts
Wahrhaftig Peters
Ich sage wie David sagt Sela
Peters ich glaube Ihr werdet fromm
Aus Desperation Ja ich lese manchmal Abends die Bibel ich wills nur
gestehen aber ich verstehe sie zu wenig Ich will einmal unsern Pastor angehen
der zu Hause Alles lenkt und ins Geschick bringt den Herrn Rudhard
Wenn Ihr Das tut Peters müsst Ihr mir sagen was Euch Rudhard geantwortet
hat Übrigens wenn ich Euch und die Katrine auseinandersägen soll zu Der
Zimmermannsarbeit bin ich erbötig auch ohne die Million Wollt Ihr Euch
wirklich von Katrinen separiren lassen
Peters schwieg eine Weile und sagte dann feierlich
Ich bin jetzt beim Buche Chronika in der Bibel Wenn ich das durch habe und
dann das zweite Buch der Könige dann sprech ich mal mit Ihnen
Dankmar mochte nicht fortfahren Die andern Kutscher horchten er musste
innerlichst lachen ohne es zeigen zu können
Wie leid tat ihm der arme Schelm da auf dem Bock Seine Melancholie hatte
etwas rührend Komisches Er sah in den Wald ganz tiefsinnig hinaus und suchte
offenbar in der Religion einen Trost für sein zerknirschtes Gemüt und eine
Ablenkung für sein von Eifersucht vielleicht zu Gewalttätigkeiten geneigtes
Herz Armer treuer Peters Dankmar gelobte sich nur deshalb einmal wieder
auf die Fortuna zu gehen um der Katrine Bollweiler mit Nachdruck ins Gewissen
zu reden
Dankmar wollte sich eben zu Louis Armand zurückwenden der mit einem wie es
schien hier angestellten Gärtner oder Inspektor sprach als ihm Peters noch
einmal zurief
O sagte er sehen Sie sich doch einmal da den Menschen in Nankingkamaschen
an
Welchen Menschen fragte Dankmar
Den der da mit dem Andern spricht
Mit meinem Begleiter Wer ist Das
Ja Das möcht ich wohl auch wissen
Was fällt Euch denn an ihm auf
Wie Sie kamen vorhin und wie Sie ausstiegen
Da
Wart Ihr denn da schon hier
Freilich Wir standen nur drüben da im Walde und passten so lange auf bis
Sie ankommen sollten mit dem Prinzen Egon von Hohenberg
Sollten Sieh Sieh Nun
Wie Sie ausstiegen standen die beiden Bedienten des Herrn von Harder an dem
Portal
Ich kenne sie Zwei Hallunken Was ist mit ihnen
Wie Sie alle vier Herren zusammen ausstiegen gaben die beiden Schlingel
dem Menschen da ein Zeichen als wollten sie sagen Es sind die rechten
Ein Zeichen
Wie ichs Ihnen erzähle Die Fräuleins und der kleine drollige Junge der
Rurik habens mit angesehen
Und dann
Dann lief der Mensch da ganz eiligst ins Schloss hinauf als gleichsam als
wenn er sagen wollte Sie sind nun da
Wunderlich
Und nun steht er wieder unten und spricht da mit dem Herrn der bei Ihnen
ist
Es scheint ein Angehöriger des Hofes
Es ist ein feiner Mensch und wegen Mancherlei möcht ich doch wissen was
der Mann eigentlich ist oder was er treibt oder wo ihn Einer hinbringen soll
Dankmars natürliche Regung war die zu Louis zu gehen und ihm zu sagen Sie
haben Recht Hier war ein Arrangement Wir sind in der Tat hierher gelockt
worden Er betrachtete sich den bezeichneten Mann genauer Er hatte nur
durch einen Streifen an der Mütze ein Zeichen das auf eine Beziehung zum
königlichen Dienst deutete Sonst war er einfach in einen leichten grünen
Überrock von Sommerzeug gekleidet in weißer Halsbinde leichten weiten gelben
Pantalons und Schuhen mit gelben Nankingkamaschen Der Ausdruck des Gesichts war
ruhig und sehr angenehm Die Farbe sehr blühend sonnenverbrannt und gesund der
starke Bart blond Das Kopfhaar wie es schien etwas spärlicher Dieser Mann
konnte leicht schon vierzig Jahre zählen und machte einen so wohltuenden
Eindruck dass es Dankmarn befremdete ihn mit den schon sattsam genannten
Bedienten des Herrn von Harder zusammengenannt zu hören Er fragte auch deshalb
Peters welches denn die Gründe wären die ihn bestimmten sich für diesen Mann
der hier unstreitig ein Garteninspektor oder etwas Ähnliches vorstellte zu
interessieren
Möchte nicht Einer glauben sagte Peters dass dieser Mann etwas Feines und
Anständiges ist
Warum sollt er das Gegenteil sein
Es sollte mir Leid tun wenn ich dem Mann Unrecht täte Ich wundre mich
des Todes Den hier zu sehen
Ihr irrt Euch vielleicht
Er ists Die beiden Bedienten sind Zeugen genug Mit denen hat sich dieser
Mann noch vor drei Wochen in der Fortuna ganz gemein gemacht
Peters in die Fortuna verirren sich auch respektable Leute
Mit der Auguste Ludmer und solchen Springerchen
Auguste Ludmer Springerchen Was sind denn Das in der Fuhrmannssprache für
Irrwische
Dieser respektable Mann kommt auf den Ball mit der wilden Person Kennen Sie
diese Auguste Ludmer nicht
Inwiefern gehört diese mir unbekannte Auguste Ludmer zu den Springerchen
Die sagt zu Jedem der sie ansieht auch wenn sie ihn nicht kennt Guten
Tag Wie gehts Ihnen
Gute Definition Mir ists aber als könnt es Dem da drüben nicht schaden
dass ihn eine lebendig macht Man möchte glauben dass Das ein Professor ist Er
demonstrirt da an den Pflanzen Spricht wahrscheinlich eben Latein und zeigt
auf die Stäbchen die an den Bäumen ihre Namen nennen
Wenn Das wäre Herr Dankmar und das Frauenzimmer Auf der Fortuna
hab ich sie nur zweimal gesehen aber hernach bald hier bald dort
gestern Abend beim Spazierenfahren wieder auf den Anlagen Wenn der Mann
nicht wissen sollte wen er am Arme führt
Dankmar nahm Interesse an dieser Mitteilung und glaubte hier vielleicht ein
gutes Werk stiften zu können
Stehts denn mit der Auguste wie heißt sie Ludmer so schlimm fragte
er
O sagte Peters mit einer ablehnenden Bewegung wer darf den ersten Stein
aufheben und Gottes Gnade ist groß
Peters Peters Was für Sprüche
Langmütig ist doch der Herr und dunkel sind seine Wege Aber wenn Eins
so auf die Tanzböden läuft solchen Heidenlärm schlägt die Polizei in Trab
bringt nicht arbeitet singt und jubelt wie Die
Dankmar griff die Gelegenheit auf vielleicht ein gutes Werk zu stiften
Ehe noch Peters seinen ferneren Abscheu vor einem Charakter wie ihn diese
Auguste Ludmer zur Schau trug beendet hatte war er schon mit drei Schritten am
Portal in der Nähe Armands und des Mannes mit den gelben Nankingkamaschen
Ohne sich in seinen Auseinandersetzungen es waren botanische stören zu
lassen lüftete dieser Fremde artig sein Mützchen mit dem farbigen Streifen
es war ein schlanker kräftiger Mann gewiss doch schon hoch in den Vierzigen
in der Nähe ließ sich die kleinen Furchen des Antlitzes besser unterscheiden
die weißen Zähne die großen hellblauen Augen gaben ihm etwas Freundliches und
Gefälliges Er wandte sich in seiner Auseinandersetzung über die Pflege der
Georginen die gerade die Blumen dieses Monats waren gleicherweise bald
vertraut auch an Dankmar wie an Louis und sprach gerade über die eigentümliche
Kunst die Georginen durch Stoffe die man der Erde in der sie wachsen
beimische zB Asche nach Belieben zu färben Es lag in seinen Äußerungen eine
gewisse Kindlichkeit
Sie sind gewiss der Herr Schlossgärtner fragte Dankmar ohne sich dabei den
geringsten Schein von Indiskretion zu geben
Wollen Sie mich so nennen immerhin sagte der Angeredete und lüftete
bescheiden seine Mütze Ich habe nach Titeln nie gestrebt lebe nun schon
dreißig Jahre so mit der Natur zusammen und wenn man mich Herr Garteninspektor
ruft so hör ich manchmal weniger darauf als auf meinen einfachen Namen
Mangold
Was Sie sind der berühmte Parkologe Mangold fragte Dankmar erstaunt
Parkologe Berühmt sagte Mangold Du lieber Himmel
Weiß man nicht dass Sie die rechte Hand des Geheimrats von Harder sind
Alles schaffen Alles hervorzaubern wofür er den Namen hergibt und die
Anerkennung einkassirt
Das ist einmal so der Dienstbrauch Das ist in der großen Welt so wie in der
kleinen sagte Mangold lachend
Sie haben am Rhein das Schloss Buchau hergestellt sagte Dankmar Sie waren
im Gebirge und haben Selkental zu einem Paradies umgeschaffen Alles was in den
königlichen Schlössern Schönes und Geschmackvolles sich findet ist das Werk
Ihrer Erfahrungen die Sie in den Parkanlagen Englands sammelten
Ganz Recht Englands Da hab ich meine paar Brocken aufgeschnappt bin dann
erst in die Dienste des alten Präsidenten von Harder getreten hab ihm
Tempelheide für ihn und seine wilden und zahmen Mitbewohner wie eben Tannen
sich ziehen lassen eingerichtet und ging dann durch den Sohn als er Intendant
der königlichen Schlösser und Gärten wurde in Staatsdienste Aber wenn ich Ehre
und Ruhm genieße so weiß ichs nicht Wo sollte ich Das wissen Ich lebe nur
auf diesen einsamen Schlössern bald hier bald da in der Stille In den
Gartenzeitungen o ja die halt ich mir Da werd ich genannt und manche
Herrschaft hat mich verschrieben um Schatten und Licht in einen Wald zu bringen
aber Das dacht ich geht doch so in der Stille hin und ich bin froh wenn
mich meine Blumen und Bäume loben Komm ich des Morgens in der ersten Frühe auf
meine Wiesen und der Tau glänzt mich freundlich in der Sonne an so hab ich
Glanz genug
Louis Armand hatte nur nicht den Mut sonst würd er diesem einfachen so
still begeisterten Manne die Hand geboten haben
Dankmar aber der Das was er von Peters über Auguste Ludmer gehört nun mit
dem Eindruck den er hier empfing in der Tat nicht vereinigen konnte wagte
jetzt einige Fragen die allerdings zudringlich erscheinen konnten
Bleiben Sie auch den Winter auf Solitüde fragte er
Nein sagte Mangold ich soll ja ganz von hier fort und wieder an den Rhein
Ich bekomme den Titel als OberGarteninspektor und werde in Buchau bleiben
Auf die Glückwünsche zu seiner Beförderung kam Mangold allmälig in das
Geständnis dass er erst noch ein Weib nehmen würde
Ich bin nun sagte er sieben und vierzig Ein alter Knabe Hab immer in
Gärten und Schlössern gelebt fern von den Städten fast wie ein Einsiedler Die
Leute lachen wenn sie einen ledigen Junggesellen von sieben und vierzig Jahren
sehen Aber wie find ich Bekanntschaft Amtsratstöchter dünken sich hoch
Gärtnerstöchter standen mir zu tief Wo man befehlen soll muss man nicht
schmeicheln müssen Da war ich neulich bei unserer Excellenz dem Intendanten
und sehe ein charmantes Mädchen über den Hof gehen Prächtiger Wuchs eine
Staatsjungfer Die könnte mir schon gefallen sagt ich zur Frau Geheimrätin
als sie mich neckte dass ich noch immer keine Anstalt machte Und wie ich in
ihrem Garten eine Wasserleitung revidirt hatte und komme zurück und will mich
empfehlen sagt die alte Dame die schon viele Jahre bei der Geheimrätin Alles
in Allem ist Mangold das hübsche Mädchen ist meine Nichte Wenn sie Ihnen
gefällt dabei zog ich die Mütze und sagte Madame Ludmer die nähm ich gleich
mit nach Buchau aber man muss sie doch sprechen und rasch müsst es auch gehen
ich habe bis zum siebenundvierzigsten Jahre gewartet und nun aber kein langes
Besinnen mehr Da warf sie einen Blick auf die Geheimrätin so einen von ihren
Blicken die mehr sagen als man gleich verstehen kann Die Geheimrätin zog die
Lippen ein Bischen verächtlich und lachte Das ärgerte mich fast und ich sagte
Ist sie zu jung für mich Nein nein sagte die schwarzäugige Alte die Ludmer
Wenn es Ihr Ernst ist Mongold muss man Das nur richtig anfassen zweckmäßige
arrangieren Gut sagt ich arrangieren Sies Und da sah ich das Mädchen auf
einem Ball die Bedienten der Geheimrätin führten mich immer um sie herum
sie war auch nur wegen meiner da ging auch gleich fort das war Alles
abgemacht vorher besprochen ich sah sie wieder ich sprach mich dann
aus sie lachte zwar sie war schnöde und schnippisch sie wollte von dem
Buchau nichts wissen will auch noch nicht heran und spottet und neckt aber
sie gefällt mir ich schenkte ihr Dies und Jenes ich denke doch wenn
nichts dazwischen kommt und die Tante noch einmal recht vernünftig mit ihr
spräche so
Heiraten Sie diese
Der Name erstarb Dankmarn auf den Lippen Himmel dachte er während der
Erzählung des unschuldigen immer von den Städten entfernt lebenden Mannes
welche Intrigue steckt hinter dieser abscheulichen Täuschung Und eben wollte er
offen mit seiner Warnung hervortreten den einfachen harmlosen Mann bei Seite
nehmen schildern welchen Gefahren er seine Ehre aussetze als Louis der der
Erzählung nicht den gleichen Anteil gewidmet hatte weil er unverwandt die
Augen auf das Schloss richtete rief
Da kommt Egon
Dankmar wandte sich und erblickte Drommeldei mit Egon und den Bedienten
niedersteigen Auch Siegbert kam mit Olga und den Kindern Es war Dankmarn
jetzt nicht möglich das Gespräch mit Mangold fortzusetzen Nur noch die Worte
rief er ihm als er bei Seite trat zu
Können Sie mir keinen Gruß an Ihre Braut auftragen
Braut So weit ists noch nicht Aber ich danke Ihnen sagte Mangold
herzlich Heut Abend komm ich noch in die Stadt Wenn Einer sein letztes Feuer
noch einmal zusammennimmt gibts einen Brand Ich gehe gern auf das Café
Richter Kennen Sie Das In der Königsstrasse
Gewiss Gewiss sagte Dankmar Ich komme dahin
In der bestimmten Absicht Alles aufzubieten was Mangold über die Gefahr
in die er sich sorglos begab aufklären konnte trat Dankmar dem Prinzen
entgegen voll Spannung was dieser über seine Erlebnisse im Schloss würde zu
erzählen haben
Es schlug nun eben sechs Uhr vom Schloss Solitüde als sich an der großen
Eingangspforte des Gartens ein Gewirr und Durcheinander von Menschen Rossen und
Wagen verwickelte Von der aufwärtssteigenden verlängerten Allée kamen vom
Schloss herab erst einige zweispännige dann vierspännige Wagen zuletzt ein
sechsspänniges Gefährt mit den königlichen Herrschaften selbst Alles was
bisher im Park zerstreut gewesen war lief und drängte sich zu der Hauptpforte
um noch diese Abfahrt mit anzusehen Auch die kleine runde Dame die sich hier
beinahe schon wieder verspätet hätte kam spornstreichs von der Terrasse
gelaufen in einiger Entfernung von der jungen Begleiterin mit den blonden
Locken die nur in raschen Schritten ging nicht lief Ob die freundliche
Verbeugung der jungen Königin diesen huldigungsbeflissenen Damen vorzugsweise
galt ist schwer zu sagen Die Damen hielten mitten in ihrer Eile auf und
verneigten sich tief mit holdseligen Gebehrden indem sie mit einer Hand
gleichsam eine die andere näher heranziehen und dem Hofe mit der andern sagen
wollten Wir sind Beide da Endlich waren die Herrschaften abgefahren und die
kleine runde Dame in der Sanitätsrat Drommeldei sogleich Frau von Trompetta
erkannte hatte nun Gelegenheit die minder bedeutenden Menschenkinder zu
betrachten die sie hier versammelt fand Drommeldei lobte ihre rasche
Beweglichkeit tadelte sie aber an Fräulein von Flottwitz
Ihnen liebe Trompetta sagte er kann ein solcher Wettlauf mit sechs
Pferden einmal nichts schaden aber Sie mein liebes Fräulein bedürfen Schonung
und verlangen keine Amazonenkur
Die Trompetta sprach nur von ihrem unglücklichen »Guignon« auf der Terrasse
Wollten Sie sagte Drommeldei die Herrschaften an Ihr Getsemane erinnern
Ach antwortete die Trompetta es liegt allerdings noch auf dem Nähtische
der Königin Man blättert darin und kann sich nicht entschließen eine Summe
daran zu wagen die mich der Weitläufigkeiten einer Lotterie überhebt
Ich bin für die Lotterie Frau von Trompetta sagte Drommeldei schon im
Einsteigen
Warum sind Sie für die Lotterie heidnischer Sanitätsrat Geben Sie mir
doch Ihren Rat Warum
Weil Ihnen das Anbringen der Loose von einer vorteilhaften diätetischen
Wirksamkeit sein wird Wenn der Hof das Getsemane nicht ankauft ersparen Sie
eine Badereise
Frau von Trompetta hielt den allohomöopatischen Sanitätsrat fest
Es ist eine Intrigue gegen mich im Werke sagte sie ich weiß es die
Altenwyl gestehen Sie mirs Drommeldei
O behüte kein Mensch intriguirt als ich sagte dieser Beruhigen Sie sich
Frau von Trompetta Sie haben den Titel Getsemane ganz in meinem Sinne gewählt
Es sind in dem Ölgarten Tränen geflossen und von der Angst der Jünger ist viel
daselbst gewehklagt worden Das Schweisstuch der heiligen Veronika muss Ihre
nächste Sammlung heißen Aus diätetischen Gründen und zur Beruhigung für Ihre
Freunde dürfen diese Lotterien und die Mühen des Absatzes der Loose für Sie
nicht aufhören Adieu liebe Missionairin
Mit diesen für Frau von Trompetta mannichfach verletzenden Worten fuhr
Sanitätsrat Drommeldei ein kluger Mann der sich vortrefflich in seine Welt zu
schicken wusste und nicht Jeden nach seiner eigenen materialistischen
Seelenstimmung behandelte doch von Frau von Trompetta wusste er dass ihr der
Ärger und Streit über ihre erheuchelte Religiosität von größerem physischen
Nutzen war mit einer freundlichen Handbewegung zu Prinz Egon rasch davon
Frau von Trompetta hörte glücklicherweise diesen Spottreden auch schon nur
halb zu Ihre kleinen neugierigen Augen verschlangen den Prinzen Egon und
Dankmar Wildungen Einer von beiden war Prinz Egon und einer Dankmar Wildungen
der Bruder Siegbert Wildungens Das hatte sie schon durch die Bedienten
herausgebracht Aber welcher war der Eine und welcher der Andere Der Fürst war
Fürst und Dankmar ein Referendar der seines Processes wegen das allgemeine
Gespräch der Stadt die Aufmerksamkeit aller Mütter und jungen Mädchen geworden
war Friederike Wilhelmine von Flottwitz entschied sich für Dankmar und hielt
Dankmar für den Prinzen die Trompetta meinte Dasselbe drückte Dies aber so
aus dass sie den Prinzen für Dankmar hielt Sie flüsterten sich indem sie sehr
umständlich in ihren Wagen stiegen ihre gegenseitigen Vermutungen mit
lebhaften Gestikulationen zu und befahlen dem Kutscher zu halten als er eben
abfahren wollte und sie Siegbert bemerkten der mit den Wäsämskois eben aus der
Allee heraustrat Das war ein Nicken war ein Grüssen und Winken mit der Hand
Die mutigen oder vielleicht nur ungeduldigen Rosse wollten weiter aber die
Trompetta richtete sich im Wagen hoch auf und geriet so in ein taumelndes
Schwanken dass die Flottwitz sie halten musste Siegbert artig wie immer sprang
hinzu um vielleicht noch einen Befehl zu vernehmen
Adieu Adieu Adieu rief sie und als Siegbert am Wagenschlage stand
flüsterte sie
Welches ist denn der Prinz
Und Ihr Herr Bruder ließ sich sogar die Flottwitz herab zu forschen
Egon und Dankmar standen nahe genug am Wagen um näher zu treten Sie hatten
die neugierige Frage fast gehört den nach ihnen schielenden Blick bemerkt sie
ließ sich vorstellen
Frau von Trompetta
Prinz Egon von Hohenberg
Fräulein von Flottwitz
Mein Bruder Dankmar
Durchlaucht o Durchlaucht begann die Trompetta und weinte fast
Gnädige Frau sagte Egon betroffen
Ach Ach Ach Ich kannte Ihre Mutter sie war ein Engel sie war meine
Freundin Wissen Sie denn Das nicht Wie liebt ich sie Und diese
Ähnlichkeit Durchlaucht Zum Erstaunen und dem Generalfeldmarschall wie aus den
Augen geschnitten Die königlichen Herrschaften hatten die Huld Sie nach Ihrer
Genesung zu begrüßen Das Auge der Königin
Arme Trompetta Die Ungeduld deiner Pferde brach dies rührende Waldgespräch
gerade an solcher Stelle ab Die Füchse waren wie ihre Herrin von den
Sechsspännern angesteckt und liefen ihnen ohne Aufhaltens nach mitten in einem
Dankgebete das die Sammlerin des Getsemane eben unter den grünen Wipfeln der
Eichen für Egons Genesung anstimmen wollte und nun kein Wort an Olga
Wäsämskoi kein Gruß keine Frage mehr an Siegbert und da jener Dankmar und
das Alles abgebrochen durch die wilden Rosse
Es war geschehen die Pferde zogen an und der ärgerliche Kutscher ließ sie
laufen Von Wilhelminen von Flottwitz blieb ein Blick an Dankmarn hängen der
Manches sagen konnte Die rasche Wendung war der Wirkung dieses Blickes
außerordentlich günstig gewesen Weil er ganz links zur Seite ging bekam dieser
Blick eine Kraft so zu sagen eine Emaille die ihm so blendend in die Augen
widerbljetzte dass er lachend sagte
Himmel War denn das Die Sie Die die Retterin des Vaterlandes Sie
die Eine Einzige
Und als Siegbert sagte Die vielbesprochene Flottwitz rief er
»Es blieb an mir nur noch ihr Abschiedsblick
Ein Sommerfaden an der Trauerweide hängen«
Die wilden jungen Männer empfahlen sich den jungen Wäsämskois Olga entzückt
von dieser Männerwelt schlug den blauen Schleier ihres Hutes so dicht vor ihr
Antlitz dass man nichts von ihr sehen konnte als die zierliche Gestalt Sie
schien mit Siegbert zwar etwas zu schmollen kehrte Allen den Rücken
beantwortete keine Höflichkeit Dankmars wich jeder Absicht Egons sich ihr
vorstellen zu lassen aus saß aber im Wagen so sicher so fertig als wäre sie
schon neunzehn Jahre während sie doch nur fünfzehn zählte
Was hat denn Olga sagte Dankmar Sie weinte ja vorhin Sie soll
heiraten Nicht wahr
O nein sie weint dass ich nicht in ihrem Wagen zurückfahre
Heilige Tränen der Liebe spottete Dankmar Ist doch auch dein Taschentuch
deshalb feucht
Egon aber gleichfalls angeregt scherzte noch mit Paulowna und Rurik
Wenn ich auch noch so schlimm bin sagte er so hilft das dem Papa Rudhard
Alles nichts Morgen ganz in der Frühe hol ich Euch Kinder aus dem Bett und
lasse entweder mir oder Euch für unsere Unarten vom Papa Rudhard die Rute
geben Wollt Ihr ihm Das sagen
Dieser drohende Humor schien den Kindern doch zu bedenklich Sie setzten
sich zur älteren Schwester Siegbert half ihnen in den Wagen Dankmar und Egon
zogen als auch dieser Wagen abfuhr den Hut und grüßten Olga Diese beugte mit
großer Sicherheit und vornehmer Grazie etwas den Oberkörper und blieb mit
zusammengeschlagenen Armen ein Taschentuch in der Hand in der Ecke ihres
Wagens sitzen Peters jagte davon
Nun wollte Egon einsteigen und sah sich nach seinem Freunde um Louis
Armand der Tischler stand ganz in der Ferne fast eingeschüchtert
Egon verstand was ihn drückte Mit Herzlichkeit ging er auf ihn zu und
sprach in französischen Worten zu ihm
Aber Louis
Louis Armand sah zur Erde und folgte langsam und beklommen seiner
Aufforderung einzusteigen
Dankmar sah sich noch nach Mangold um Er war verschwunden Siegbert schien
zerstreut Er wusste nichts von Dem was auf der Terrasse vorgefallen war Die
Kinder hatten zwar erzählt dass sie den König und die Königin gesprochen aber
Egons Begegnung mit den hohen Herrschaften war ihm so neu dass er als davon
nun endlich erörternd und erzählend die Rede kam ausrief
Sagt ich es nicht dass die große Welt die Zeit nicht erwarten kann Sie im
Vorgrunde zu erblicken
Egon begann nun zu erzählen
Noch einmal sah er kopfschüttelnd auf das Schloss zurück das von einigen
Sonnenstrahlen die sich durch die vom Winde heraufgetriebenen Wolken drängen
konnten glühend erleuchtet war Die hohen Kronen der Bäume der Allee
schwankten Es wehte ein kühler Zug Der Abend schien nicht so freundlich den
Tag zu enden wie er begonnen hatte Egon knöpfte seinen Frack zu ließ seinen
Mantel über sich breiten und begann nun folgende Mitteilung
Was mir soeben widerfahren ist sagte er kopfschüttelnd muss ich eine
merkwürdige überraschende Ehre nennen Es ist aber eine Ehre gewesen die
eigentlich nicht mir sondern meinem Namen der Erinnerung an meinen Vater galt
und in diesem Sinne gesteh ich hat mir das Erlebte auch einen ganz
wohltuenden Eindruck gemacht Ich bin kein Aristokrat habe aber gefühlt wie
ernst wie bedeutungsvoll der Beruf des Adels ist wenn er seine Aufgabe nur
recht verstehen wollte
Louis Armand wandte sich und sah nach den sie verfolgenden Wolken
Ja ja Louis Ich bin nun durch und durch Aristokrat geworden Ihr sprecht
von einer Genossenschaft des Geistes Ich bin ein Paladin der Tafelrunde
geworden Der Adel ist ja schon ein solcher Bund wie ihn Dankmar bezweckt und
stellt ihn schon von Natur dar Wenn man um vollkommener Mensch zu sein sich
von den Menschen wie sie gewöhnlich sind abzusondern haben soll so hat hier
die Geschichte eine solche Absonderung schon von selbst erzielt Richtig
verstanden muss der Adel eine Aufforderung sein sich ganz besonders
auszuzeichnen
Wo man weiß fiel Siegbert ein dass man die Ehre eines gefeierten Namens
gleichsam wie ein Fideikommiss zu verwalten hat wird man sein persönliches
Verdienst nur in der Beförderung eines gleichsam anvertrauten objektiven Gutes
finden Man wird sich blindlings in Gefahren stürzen weiß man doch dass die
Gattung zu der man gehört erhalten bleibt Man wird eine Linie der Taten und
Auszeichnungen schon bei seiner Geburt vorfinden der man nur nachzugehen hat
um zu bedeutenden Zielen zu gelangen Hätte der Adel das Bewusstsein seines
wahren Wertes immer nur darin gefunden der geborene Vorkämpfer der Volksrechte
zu sein wir würden ein solches geschichtliches Institut segnen statt ihm für
seine Anmassung und die ausschliessliche Bundesgenossenschaft mit den
Unterdrückern zu fluchen
Gott sei Dank sagte Dankmar der ganz erstaunt zugehört hatte dass dein
aristokratischer Rebus diese Pointe hatte Ich glaubte schon das berühmte
Fräulein von Flottwitz hätt es dir mit einem ihrer Blicke links um die Ecke
angetan
Wer war das blonde Fräulein fragte Egon
Das Mitglied einer sehr achtbaren Kriegerfamilie sagte Dankmar Die
Flottwitz datiren sich auf die ersten ruhmwürdigen Entfaltungen unserer Fahnen
zurück und bevölkern die Kadettenhäuser auch schon für unsere zukünftige Glorie
Das blonde Fräulein hat den weiblichen Reubund gestiftet und steht an der
Spitze der großen Demonstrationen mit wollenen Socken und patriotischer
Hingebung Sie ist eine Schwärmerin wie nur je eine unter dem Drudenbaume saß
und in einem Anfalle von landeserrettender Verzückung ausrief Mein ist der
Tzako mir gehört er zu Sie vertritt die Principien der politischen Stabilität
wie die quecksilberne Frau von Trompetta die der religiösen Und doch gesteh
ich in dem Blick des blonden Mädchens lagen trotz der siegreichen Reaction noch
so viele höhere unbefriedigte Triebe dass ich wohl einmal an diese weißen zarten
Formen anklopfen und fragen möchte Erlaubst du wohl dass ich die innere
Organisation deines merkwürdigen Gehirnes studire und mich überzeuge wie man
phrenologisch gebaut sein muss um die Demokratie so gründlich zu hassen wie es
dies Mädchen bis zum Fanatismus treiben soll
Und Egon fiel ein
Was sich in dieser Stadt nicht Alles zusammenfindet
Was hier nicht Alles auf Unsterblichkeit oder das Narrenhaus spekulirt
Indes teilte er Zigarren aus und gebot dem Kutscher trotz des sich
verdüsternden Himmels langsam zu fahren und begann wieder
Wie ich mich rückwärts an das Gitter der Terrasse lehne treten die
königlichen Herrschaften auf Drommeldei zu den sie sehr huldvoll grüßen Ew
Majestäten erstaunen einen Arzt auf der Terrasse von Solitüde die reinste Luft
der Monarchie schöpfen zu sehen sagte er Hier mein Patient Fürst Egon von
Hohenberg ist Schuld dass ich ein so seltenes Glück genieße Ich musste mich
natürlich jetzt tief verbeugen und meine Zurückgezogenheit entschuldigen Mit
großer Güte spricht die Königin von meiner Krankheit an der jeder Fühlende
teilgenommen Der König erinnert sich allergnädigst dass ich zuweilen bei
ländlichen Festen mit ihm spielen durfte und zeigte mir an der Stirn die Narbe
eines Steines von dem er behauptete dass ich die unschuldige Veranlassung davon
gewesen wäre Er begrüßte mich herzlich wie einen alten Kameraden und die
Königin ihrerseits war nun erst recht erfreut den hohen Gemahl so angeregt und
von seinen Erinnerungen an die Jugend und die Narbe ergriffen zu sehen Da ich
etwas verlegen und einsylbig antwortete so glaubte eine alte Hofdame die der
Königin sehr nahe stand ich wäre vielleicht in der französischen Sprache
heimischer und wusste es so geschickt einzufädeln dass plötzlich die Konversation
vom Deutschen ins Französische übersprang und mehre Herren Militairs und
Civilisten Teil nahmen Dass ich wie das sonderbarste Wunder der Welt
betrachtet wurde sah ich wohl und fühlte die Notwendigkeit mich nicht zu
zaghaft zu schüchtern zu gebehrden Ich trat mit den Reminiscenzen meiner
früheren vorgenferischen Zeit mit möglichstem Nachdruck hervor Dadurch ergab
sich wie von selbst dass sich der Zug in eine halb stehende halb gehende
Bewegung setzte und wir unter die Orangenbäume zu wandeln kamen Der König der
eine sehr deutsche Gesinnung prononcirte begann aufs neue in den
vaterländischen Lauten und Alles schien erfreut zu bemerken dass der Sohn des
alten Generalfeldmarschalls der so vortrefflich Deutsch wenn nicht zu
sprechen doch zu fluchen verstand nicht ganz aus der heimatlichen Art
geschlagen war Unter solchen mehr oder weniger abgerissenen kürzeren oder
längeren Bemerkungen standen wir plötzlich vor den geöffneten großen
Fenstertüren der unteren Säle des Schlosses Mon prince sagte die Königin mit
vieler Anmut finden Sie hier nicht einige Erinnerungen an Ihre Kindheit Was
wiederhol ich ihre Worte Sie bedeutete mich einen Blick in die Säle zu werfen
und nachzusehen ob dort nicht angenehmere Erinnerungen für mich wären als die
an einen Stein den ich einmal unglücklicherweise an die Stirn Sr Majestät
geworfen hätte Ich war befangen wusste nicht was sie meinte und trat einem der
Säle näher Die Herrschaften gingen voraus und ich erblickte ein Ameublement von
größtenteils schwarzem gotischem Hausrat der dem ohnehin der Sonne
abgewandten Zimmer etwas ungemein Düsteres gab Noch besann ich mich was man
meinen mochte als eine kleine Uhr einen Choral zu spielen begann Nun besann
ich mich Ich war auf Hohenberg in den Zimmern meiner Mutter die Erinnerungen
der Knabenzeit tauchten zauberhaft in meinem Gedächtnisse auf und ich gestehe
Euch war es die Rückwirkung meiner noch physischen Schwäche war es die Macht
der kindlichen Erinnerung wie die kleine Uhr auf einer schwarzen Konsole mit
weißen Marmorfüssen den frommen Choral spielte dem ich als Knabe oft so
neugierig gelauscht hatte trat mir eine Träne in die Augen und kaum erblickte
man meine Rührung als sich auch die Königin und alle Damen abwandten um zu
weinen Der König ergriff zuerst gesammelt das Wort und sagte Mein lieber
Fürst es war ein Lieblingswunsch der Königin auf einem unserer Schlösser die
Einrichtung der Fürstin Amanda von Hohenberg von der man so viel
Geschmackvolles und Sinniges gehört hatte zu besitzen Jetzt kennt die Königin
aber kein angenehmeres Gefühl als dem Sohne dem schon die frommen Klänge
dieser Uhr die ganze unersetzbare Seligkeit der Jugendzeit zurückrufen die
Freude zu bereiten die Ausschmückung dieser Zimmer da wieder hin zu
verpflanzen von wo eine allzugrosse Indiskretion und Übereilung unserer Seits
sie vor einiger Zeit entführte ehe noch der Befehl dazu gegeben war Die
Bewegung die diese schönen gar zarten und rücksichtsvollen Worte im Saale
hervorriefen war um so mehr echt als ich bemerke dass sie auch auf Euch einen
Eindruck machen Meine Situation gesteh ich war etwas peinlich Sire sagt
ich mich fassend mein guter Vater war so ein braver Patriot und hat in seiner
Weise dem Vaterlande und Ihrem Hause so ruhmwürdige Dienste geleistet dass es
die Güte Ihres Herzens zu sehr in Anspruch nehmen hieße wenn ich zugeben
wollte dass Sie die kleinen Schattenseiten seines Charakters die alle Welt
gekannt hat mit dem Mantel der Liebe bedecken wollten Wenn dieses Zimmer Ihnen
die Erinnerung an einen alten Krieger zurückruft der Nein nein unterbrach
die Königin meine Ablehnung des sinnigen Rückgeschenkes Ich würde mir ewige
Vorwürfe machen Prinz wenn ich die stille Geisterspraehe die durch diese
scheinbar toten Gerätschaften eine Mutter mit ihrem Sohne reden kann stören
oder unterbrechen wollte Nein nein Prinz zur Feier Ihrer Genesung gestatten
Sie uns da wir hören dass Sie Ihre Güter unverändert behalten haben diese
Einrichtung dort wieder aufstellen zu lassen von wo aus sie ein übergrosser
Eifer der uns Alle erschreckt hat zu rasch zu verletzend für uns Alle
entfernte dabei fiel der Blick der Königin auf eine lange hagere wie
angedonnert dastehende Figur
Dankmar sagte ganz für sich
O weh
Egon fuhr fort
Auf einen hageren sterngeschmückten Mann der bisher eine außerordentlich
selbstzufriedene Rolle gespielt hatte und wahrscheinlich der Intendant der
Schlösser und Gärten mein schlimmer Freund Herr von Harder war Sämmtliche
Kammerherren und Offiziere bissen sich auf die Lippen Es tat Allen wohl nach
einem Momente der Rührung sich durch eine kaum unterdrückte Schadenfreude
humoristisch zu erholen Ich nahm nun die Angelegenheit heiter und leicht
erklärte wenn man die Gnade haben wollte
Pst rief jetzt Dankmar unterbrach Egon und blinkte mit den Augen nach
etwas was sich hinter ihnen begab und was er da er mit Louis rückwärts saß
leichter sehen konnte
Was ist fragte Siegbert und lehnte sich rückwärts über den Schlag hinaus
In demselben Augenblicke schoss ein zweispänniger Wagen im vollen Laufe
vorüber mit den bekannten beiden Bedienten Ernst und Franz Die Excellenz
von Harder Unmutig die schwarzen Augenbrauen tief heruntergezogen lag sie in
dem Wagen die Arme übereinandergedrückt
Auf dem Bocke saß neben dem Kutscher zu Dankmars Bedauern der
Garteninspektor Mangold der freundlich und heiter seine Mütze zog und die
Gesellschaft grüßte während der mit Mangolds geistigen Kälbern pflügende
Hofmann Dankmarn den er in seinem Glücksrausche auf der Terrasse nicht gesehen
hatte jetzt in seinem Misgeschick vollkommen erkannte und den spöttischen Gruß
den ihm der Entführer des Bildes der Mitverschworene Melanies mit großer
Beflissenheit zuwarf mit einem kaum achtenden Griff an seinen Hut erwiderte
Die Miene eines Hofmannes der so ganz allein mit einer langen königlichen
Nase in stiller Einsamkeit da vorüberfuhr war in dem Grade komisch dass Alle
herzlich lachten und sich von der peinlichen Stimmung die denn doch die
Erzählung des jungen Fürsten hervorgerufen hatte befreit fühlten
Egon setzte nun noch hinzu
Nach einigen allgemeinen Bemerkungen bat ich die Majestäten um die Gnade
mich nächstens im Schloss vorstellen zu dürfen und empfahl mich mit Drommeldei
der mich draußen auf der Terrasse erwartete unter den herzlichsten
Glückwünschen für meine Genesung Der Schalk hat mir indessen gestanden dass
dies Abenteuer nicht ganz zufällig war
Die Bedienten bestätigte Dankmar etwas bitter die dort eben vorbeifuhren
und der Mann in der Mütze auf dem Bocke ein Garteninspektor waren im
Einverständnisse und haben zum Schloss hinauf das Zeichen unsrer Ankunft
gegeben
Das ist mir sagte Egon das einzige Verdriessliche an dem Vorfall der an
und für sich mir sehr wohl getan hat
Warum wollen Sie diese Verabredung verdrießlich nennen sagte Siegbert der
sein Mildern Ausgleichen Versöhnen nicht lassen konnte Ich bin kein
begeisterter Monarchist aber ich finde die Aufmerksamkeit sehr artig und bin
überzeugt dass dies Abschütteln einer lästigen Acquisition des Mobiliars Ihrer
Mutter allgemein die Gesellschaft entzücken wird
Das Gute daran ist besonders auch die Nase der Excellenz von Harder sagte
Dankmar und zündete sich aufs neue die ausgegangene Zigarre an Die Bedienten
fuhr er fort waren wohl nicht aufgestellt weil sie den Gefangenen vom Plessener
Turme sondern mich den Begleiter von Melanien kannten Jetzt erinnere ich
mich der langen Hälse und Zeichen die diese Schlingel machten als wir am
Portal hielten
Wunderliche Welt sagte Egon kopfschüttelnd Was sich da Alles wie ein
Schneehaufen zusammengeballt hat und nun so einfach am Sonnenstrahl eines
königlichen Wortes auseinanderschmilzt Ich werde dich bitten lieber Louis dass
du Heunisch veranlassest seine Rückreise um einen Tag aufzuschieben und die
ganze Bescheerung wirklich nach Hohenberg mit zurückzunehmen
Louis deutete an dass er Dies gern besorgen wollte
Ja ja Louis sagte Egon scherzend nun sind wir im Netz Nicht wahr jetzt
werd ich mich wie Euer Barnave du kennst die Revolutionsgeschichte besser als
ich für die schönen Augen meiner Königin opfern und mit Blondel singen O
Richard mon roi si lUnivers tabandonne Das denkst du doch
Louis machte eine Bewegung die allenfalls sagen konnte Allerdings
Wenn ich auf Drommeldei hören wollte sagte Egon so war dieser königliche
Gnadenakt auch zugleich wirklich ein Aufruf an meine Loyalität der etwa soviel
heißen wollte Bester Hohenberg Sie haben sich in der Welt umgesehen man
beobachtet Sie man erwartet etwas von Ihnen wir brauchen Freunde tummeln Sie
sich jetzt machen Sie keine dummen Streiche wählen Sie vernünftigen Umgang
verwirren Sie die Debatte nicht durch neue sogenannte Gesichtspunkte und
dergleichen Torheiten mehr
Die Ärzte sind Optimisten sagte Dankmar
Er gestand mir kürzlich schon am Krankenbett bestätigte Egon dass er zum
Reubund gehörte und versicherte mich ich sollte ihn darum nicht für
geschmacklos halten Er sprach wie einst Schlurck im Heidekrug Es gäbe Zeiten
wo man das Auffallende mitmachen müsse um nicht selbst aufzufallen Er ist
schlau und deutete an ich sollte mir eine politische Stellung machen Dass er
als seine List gelungen war sie sogleich eingestand beweist eine gewisse
Gutmütigkeit
Herr Dankmar glaubt eine Kandidatur für den Prinzen Egon von Hohenberg
aufstellen zu können fiel Louis Armand ein Wie nun wenn der junge Staatsmann
auf der Tribüne stünde für die Rechte der Völker sprechen wollte und in
demselben Augenblicke fielen ihm die gerührt weinenden Augen seiner Königin ein
Du regst eine Frage an lieber Louis sagte Egon die durchaus nicht
persönlich sondern principiell ist Ich halte es allerdings für schwierig sein
Verhältnis zur freisinnigen Erörterung politischer Zustände mit jenem Masse von
Achtung in Einklang zu bringen das man der Monarchie und allen ihren
Traditionen persönlich zollen muss Ist der monarchische Begriff unvollkommen
vertreten hat man es mit schroffen anmassenden Fürsten zu tun so wird uns der
Kampf gegen das Übermaß ihrer Prärogative leichter werden Schmerzlich aber ist
es allerdings mit liebenswürdigen Persönlichkeiten in principiellen Konflikt zu
geraten
Ein anständiger Republikaner bestätigte Dankmar etwas ironisch und meinte
es doch ernst ist allerdings zu bedauern Man will denn doch nicht dastehen
als hätte man seinen Knigge nicht gelesen Die Henker sogar haben in der
Geschichte ehe sie die traurige Kunst ihres Schwertes zeigten gewisse Personen
selbst vorher um Entschuldigung gebeten
Siegbert meinte Das wäre ein sehr großer Fehler der bevorrechteten Stände
dass sie sich keine Politik ohne Misachtung der Personen denken könnten und
wiederum wären unsere Zeitgenoasen gerade noch deshalb für die Politik unreif
weil sie wenigstens in dem Staate in dem sie lebten die Personen ganz und gar
mit dem Principe verwechselten Nehmen Sie diese Flottwitz sagte er Tausende
sind wie diese Sie halten sich an die persönliche Erscheinung der Monarchie und
wollen wie Wundergläubige die Kraft ihrer Andacht nur durch die Unmittelbarkeit
der Berührung stärken
Oder sagte Dankmar der trotz einer gewissen Aufregung durch das Interesse
für Mangold und Auguste Ludmer besonders guten Humors war die Flottwitz und
die Nase der Excellenz hatten ihn belustigt oder sie stärken ihre Andacht
durch ein unmittelbares Eingreifen besonders in die königliche Chatoulle Ja
Egon ich gedenke von dem Heidekrüger Justus der dreimal gewählt worden zwei
Chancen für dich zu gewinnen und bei dieser Gelegenheit ihn zu fragen ob der
pensionirte Major vom Busche der in seinem Wahlkreise die großen Adressen für
Fürst und Vaterland presste jetzt auch noch das Geld für die Noten bekommt die
seine Tochter auf einem vom König ihr geschenkten Pianoforte spielt
Verkehrte Welt rief Egon nach Erzählung dieser Anekdote aus Hier haben wir
noch die arkadischen Sitten patriarchalischer Zeiten dort nagt die Zweifelsucht
schon Alles in Millionen zusammenhangloser Atome Nenne uns Einer das
Zauberwort das neue Menschen schafft die für die alte Welt passen oder eine
neue Welt die die alten Menschen nimmt wie sie einmal sind Nichts schickt
sich mehr ins Andre Der Stoff der Jahrtausende lang die Herzen kittete und
band scheint verbraucht Die Ecksteine sind verworfen und wo gibt es neue Das
Todesbeil kann kein Leben schaffen Aus dem Blute der Geopferten steigt die
Rache und kein Segen blüht wo einmal geflucht wurde Die Menschheit geht nicht
die richtige Bahn Wer greift die Zügel und schleudert das Gefährt auf die
Seite wo keine Abgründe drohen Ich suche eine Formel eine Lehre die größer
ist als alle Könige der Welt und vor der die Könige und Bettler zugleich
anbeten Pflicht Pflicht Trätest du aus den Wolken und zögest wie eine
entschwebende Glorie über die Erde hin dass Alle die Hände ausstreckten und
riefen Bleibe bei uns Verspottet mich nicht Freunde die Szene mit dem
Königspaare hat mich doch so aufgeregt dass ich blutige Tränen weinen möchte
wie Alles doch so verkehrt geordnet so toll verwirrt so unauflöslich und
unentwirrbar ist
Dankmar warf seine glühende Zigarre aus dem Wagen so erschreckte ihn die
Art wie Egon seine Scherze aufnahm Er fragte ob er Egon verletzt gekränkt
hätte
Nein sagte dieser bewegt und reichte allen Dreien die Hand ist es nicht
erschütternd dass wir vier die wir die Dinge wie sie jetzt gehen mit gleicher
Aufrichtigkeit hassen uns doch nicht vereinigen können über den Weg wohin sie
gehen sollen Da ein Kommunist hier ein Radikaler Freund Siegbert wie ich
schon hörte als wir auf die Terrasse stiegen ein idealer Sozialist und ich
In diesem Augenblicke ertönte in der Ferne ein greller Pfiff Der Kutscher
hieb so heftig in die Pferde dass der Ruck den der Wagen dadurch erhielt
Egons fernere Rede unmöglich machte
Die Eisenbahn riefen die Bedienten fast sich überneigend
Man sah in der merklich vorgeschrittenen Dämmerung den Rauch einer
daherbrausenden Lokomotive Der Kutscher wollte ihr zuvorkommen und den
Durchschnitt der Bahn noch gewinnen Aber schon fanden sie die Barriere
verschlossen und mussten halten
Wie sie so stillhielten kam von der andern Seite mit gleicher Schnelligkeit
eine Gesellschaft zu Pferde Auch sie glaubte noch das Schliessen der Schranken
überholen zu können kam aber ebenfalls zu spät In der vom dunkeln mit Wolken
gemischten Abendrot widerstrahlenden Beleuchtung nahm sich diese Kavalcade an
deren Spitze eine Dame hielt außerordentlich malerisch aus Wenn der Herbst
ohnehin so reich an schönen Wolkenmomenten ist so hatten sich gerade heute
dunkelrote blaue und gelbe Farben zu einem Hintergrunde gemischt aus welchem
diese Rosse diese Reiter und diese Amazone sich mit der lebendigsten Wirkung
abhoben Dazu rollte in weiter Ferne ein Donner und ein leichter Blitzschimmer
zuckte zuweilen durch das dunkle Gewölk das jene Reitenden nicht zu achten
schienen
Wie die Amazone in einem schwarzen Sammetrocke mit langherabhängender
Schleppe und einem förmlichen Männerhute der ihr jedoch mehr im Nacken als auf
der Stirn saß so gewaltsam mit ihren Begleitern heransprengte dass im
Augenblick als die Schranken geschlossen wurden die Pferde fast auf die Kruppe
zu stehen kamen erkannten die Brüder Wildungen Melanie Schlurck
Egon der von der Schönheit dieser majestätischen und in der grellen
Beleuchtung des farbenreichen Abendhimmels doppelt blendenden Erscheinung
mächtig ergriffen wurde entdeckte sogleich dass die Brüder die Reiterin
kannten Dankmar statt ihm zu sagen wer sie war fragte ob er sich nicht einer
ähnlichen Szene bei Hohenberg im Walde erinnerte
Wohl sagte Egon das ist Dieselbe die uns in dem Augenblicke begegnete
als uns von unserm Wägelchen der junge rothaarige Führer durchging Schlurcks
Schreiber
Und dies ist Schlurcks Tochter die schöne Melanie wie man sagt die
Verlobte jenes jüngeren Mannes der ihr zur Seite reitet des Stallmeisters
Lasally Ich täusche mich nicht es sind dieselben Herren wie damals Der
Justizdirektor Herr von Zeisel und der Banquier von Reichmeier die Andern
kenn ich nicht
Siegbert grüßte über die Barriere hinüber nicht minder bewegt wie Dankmar
der beim Anblick des schönen ihm zu jeder Stunde so liebevoll und freundlich
gewesenen Mädchens seine gewöhnliche Selbstbeherrschung verlor und nicht jede
Frage verstand die Egon an ihn richtete
Die Lokomotive kommt sagte Louis die Dame ist der Barriere zu nahe
Und Egon sich auf den Anblick dieses Mädchens in jener Mondnacht wo sie im
Nachtkleide zum Fenster seines Schlosses in Hohenberg hinausblickte von neuem
wohlbesinnend ergriffen von der Möglichkeit dass das Ross des schönen Mädchens
scheuen könnte sprang auf und rief hinüber
Ich bitte Sie Fräulein Reiten Sie zurück
Reichmeier und Zeisel zogen unablässig den Hut und schienen ganz die Meinung
des Prinzen zu teilen
Melanie lehnte sich von ihrem englischen Sattel ein wenig seitwärts um die
donnernd heranbrausende Lokomotive nicht zu sehen und kehrte ruhig lächelnd und
für die bewiesene Teilnahme sich leicht verbeugend als sie vorbei war wieder
in ihre alte Stellung zurück Lasally fasste ihre Zügel Sie schien es
verhindern zu wollen In dem Augenblick fuhr der Train mit seinem feurigen
Vorspann mit wuchtvoller centnerschwerer Sicherheit über die Schienen hin
Als er vorübergedröhnt war wurden die Schranken geöffnet Egons Pferde
zogen an Melanie mit einer eigentümlichen Befriedigung auf Dankmar Siegbert
und den ihr bisher nur in einer Blouse bekannt gewordenen jetzt endlich
endlich sichtbaren wahren Prinzen Egon herabsehend sprengte nicht ohne Stolz
und mit einem eigenen lächelnden Ausdruck an ihnen vorüber Die Andern
folgten außer Herrn von Zeisel der am Wagenschlage seiner Herrschaft hielt
und um die Befehle der Durchlaucht bat ihm Glück wünschend zu der ersten
Ausfahrt
Bei diesem Wetter reiten Sie fragte Egon Wir werden einen Sturm haben
Grillen eines schönen liebenswürdigen Mädchens Durchlaucht sagte Zeisel
etwas verlegen
Sagen Sie diesem Mädchen dass sie ein Engel ist Kommen Sie doch morgen mit
Heunisch ganz früh zu mir Ich habe weitläuftige Aufträge für Sie Aber jetzt
Adieu Adieu Grüssen Sie die Amazone Verspäten Sie sich nicht
Herr von Zeisel zog den Hut ehrerbietigst und ritt in etwas unfreiwilligem
Galopp seiner Gesellschaft nach
Egon blieb einen Augenblick aufgerichtet im Wagen hielt sich da die
Federn schwankten an der Rücklehne und schaute trunken vor Interesse
Vom schwarzdunkelblauen Hintergrunde aus nahmen sich die Reiter wie die
Boten des Sturmes aus Ein Blitzstrahl zuckte über Melanie hin eben als sie
sich noch einmal umwandte Der Schimmer erleuchtete bläulichweiss ihre
edelgeformten Züge in denen Siegbert leise zum Ohre des Bruders gewandt etwas
Melancholisches Kummervolles entdeckt haben wollte das ihr sonst so fremd war
Egon konnte als sie weiter fuhren nicht begreifen wie ihm diese
Erinnerung jemals hätte schwinden können
War es die Sorge um die Störung durch den närrischen Einfall deines
Begleiters sagte er oder lebten meine Gedanken nur in Dem was ich auf dem
Schloss meiner Eltern vorhatte ich erinnere mich wohl auch schon damals von
dieser blendenden Erscheinung überrascht gewesen zu sein allein der Eindruck
schwand und erst jetzt erneuert er sich in ganzer Frische Wie sind diese Formen
des Halses und der Brust so regelmäßig Wie vollendet gewölbt ist dieser Rücken
den ich mich nur erinnere an einer Statue der Venus im Pariser Louvre gesehen
zu haben Und diese Rundungen die von den freien Schläfen und der klaren Stirn
herab sich über die Wangen zum Kinn ziehen wie weich Wie Wachs In dem Munde
liegt ja ein ganzes Kompendium jener Mimik die Frauen von einer nicht zu
excentrischen Leidenschaft und einer bewussten Wärme ihrer Empfindungen so sehr
in der Gewalt haben
Die Gebrüder Wildungen sahen von ihrer eigenen Liebe getroffen wehmütig zu
Boden
Wie es zwischen jungen Männern zu geschehen pflegt ihre Gespräche beginnen
mit dem Universum und hören mit den Frauen auf Es ist das einzige Thema wo
alle Parteien sich rasch verständigen und über den Begriff der Schönheit soviel
Nüancen zulassen wie nie über einen ideellen andern Gegenstand Da ist der
entgegengesetzteste Geschmack zu vereinigen und es läuft bei den
verschiedenartigsten Wesen die man vergleicht immer darauf hinaus dass
Dasjenige für wahrhaft schön erklärt wird was gefällt
Louis hatte in dieser Unterhaltung die bei dem raschen Zufahren des Wagens
sehr lebhaft geführt werden musste um sich verständlich machen zu können die
angenehme Genugtuung dass Egon seine Beispiele lieblicher Erscheinungen aus der
Frauenwelt von seinen Erinnerungen aus Lyon hernahm und mit einem dem Bruder
Louisons gebotenen Handdrucke sagte
Louison hatte Alles um zu gefallen Augen die nicht unstät umirrten
Augen die wenn sie empfand stillstanden und Den den sie ansah ganz in sich
aufnahmen ja hinüberzogen wie in eine träumerische Vergessenheit aller Dinge
Louison hatte die schönsten Zähne und lachte doch nur selten Wer die Eitelkeit
der Frauen kennt wird begreifen was es heißt schöne Zähne haben und nicht
jedes Wort mit einem Lächeln begleitet sehen Stieg ihr dann aber auch der
Schalk in den Nacken wie konnte sie ausgelassen sein Wie schlug sie den Arm um
meine Schulter und blies mir wie ein Kind dem Stäubchen ins Auge geflogen
sind so von der Stirn jede Wolke des Unmutes Da konnte sie sich schmiegen
der zarten lieblichen Gestalt Wendungen geben wie der Knabe einer Weidengerte
Ja wenn ich oft zürnte und über Mancherlei schmollte wars da nicht wie mit
der Blume im Topfe die der Sonne zugewendet blüht Man dreht den Scherben um
lässt die Blumenkrone in den Schatten sehen und in wenig Stunden langt sie mit
ihren Armen doch schon wieder nach der Seite des Lichtes hin Ich will Louisons
Andenken nicht entweihen und von ihrem Kusse sprechen Aber Das kann ich ihren
Zärtlichkeiten nachsagen Louis dass sie die Eingebungen des Herzens waren Was
das Raffinement des Verstandes die kalte Leidenschaft die gemeine Erfindung
die Liebe entweihend an Mysterien der Hingebung nur ergrübeln kann das kam
unsrer armen Louison wie ein Einfall der Schalkhaftigkeit und Laune Ich
behaupte jede Zärtlichkeit eines Weibes die nicht der Herzensgüte entstammt
ist ein Gift und rächt sich durch den Überdruss Ich hasse das stürmische
hastige Naschen vom Baume der Erkenntnis Aber ekel sieht die Asche der
verglühten Leidenschaft aus Ah Louison Du hattest ein Geheimnis das so
Wenige verstehen Du schwiegst wenn du liebtest O wie beredtsam war dies
Schweigen Wie genügte diese ruhige stille stundenlange träumerische Umarmung
Dieser einzige Blick wenn sie zu meinen Füßen saß und nur aufschaute und sagte
Rühr dich doch nicht Ich brauche nur deine Augen zu sehen Und Das tat sie
stundenlang hielt meine Hand und schwieg Und nun schweigt sie für ewig
Die Einfahrt in die lebhafte Vorstadt der Hinblick auf die eben
aufblitzenden Gasflammen der dunkeln innern Stadt brach diese wehmütige Wendung
des Gespräches ab
Egon ermannte sich dankte den Brüdern Wildungen für den freundlichen ihm
bereiteten Tag und bat nur entschuldigen zu wollen dass er mit seinem Freunde
Louis die Ruhe suche Er fühle sich erschöpft bedürfe für morgen gestärkter
Kräfte und dann zu Louis sich wendend sagte er
Mit Heunisch wirst du vielleicht noch heute sprechen nicht wahr
Lass mir jede Sorge Freund antwortete Armand
Ihm und Zeisel übertrage das Delogement der wiedereroberten Andenken an
meine Mutter Ich nehme die Sachen nach Hohenberg Gnaden und Herablassungen
dieser Art muss man so nehmen wie sie geboten sind sonst ängstigt man den Geber
und lässt ihn glauben man fühle sich durch seine Güte verletzt oder wisse sie
nicht zu schätzen
Es trat eine Pause ein Man hatte zuviel erlebt zuviel Eindrücke führte man
mit sich heim
Der Wagen rollte pfeilschnell
Doch sagte Egon gleichsam um der Bekanntschaft des ihm so wohltuenden
Siegbert die letzte Weihe zu geben
Sprechen Sie noch heute die Fürstin Wäsämskoi
Siegbert bejahte
Nun so bereiten Sie mir daselbst für morgen einen günstigeren Empfang vor
als ich nach der schlimmen Meinung der Kinder scheine erwarten zu dürfen
Jedenfalls muss ich Rudhard sehen dessen Namen ich so verehre dass ich mich in
Frankreich nach ihm nannte Sagen Sie ihm Das Ich habe viel von Dem was meine
Mutter ihn so übel empfinden ließ wieder gut zu machen und sind auch meine
Mittel gering so gehört er das weiß ich zu Den Menschen die sich auch durch
Gesinnung belohnt fühlen
Nahe beim Palais des Prinzen stiegen Dankmar und Siegbert aus und mussten
versprechen morgen bei Egon zu speisen
Wir haben auch wegen der Deputirtenwahl zu reden sagte der Fürst lächelnd
Wohl erwiderte Dankmar diese Angelegenheit kann nicht schnell genug
betrieben werden
Als Louis den Schlag von innen zudrückte gab ihnen Dankmar dem Arbeiter
wie dem Prinzen mit gleicher Herzlichkeit die Rechte
Die Brüder sahen dann dem Wagen nach wie er rasselnd in das Portal des
Palais einfuhr
Bist du befriedigt fragte Dankmar als sie allein waren
Vollkommen erwiderte Siegbert Dieser Egon besitzt den Stoff zu einer
großen Zukunft
Was ich tun kann ihn hochzuhalten soll geschehen und müsst ich selbst der
Schemel dazu sein sagte Dankmar
Warum sprachst du nichts von unserm Prozess fragte der Bruder
Bei günstigerer Gelegenheit Wir sind ihm noch zu ideell Und nun Guten
Abend Bruder Du gehst zu
Wohin anders als zu meinen Kranken sagte Siegbert fast wehmütig Denn Das
sind diese Wäsämskois Sie bedürfen meiner um zu leben und ich fühle wie
qualvoll die Leiden eines Magnetiseurs sein mögen
Die Kleine ist lieblich voll Charakter reif zu einem Roman sagte Dankmar
voll Herzlichkeit die schmerzliche Wehmut des Bruders wohlverstehend Warum
weinte sie Gewiss nicht deshalb weil du nicht mit ihr fuhrst
Sie weinte sagte Siegbert bebend weil sie glaubt dass ich die Mutter liebe
Richtiger sagte Dankmar ernst und voll Schmerz weil diese Mutter dich in
Wahrheit liebt
Siegbert schwieg
Beide Brüder standen sich so voll innerstem Anteil gegenüber
Ich gehe nach Haus sagte Dankmar um für uns zu lesen zu schreiben zu
arbeiten Vielleicht auch noch etwas auf das Café Richter
Komm nicht zu spät
Die Brüder trennten sich mit innigem Händedruck
Hätten sie noch einige Minuten gewartet so würden sie noch Louis getroffen
haben der eben rasch verstört und in großer Unruhe aus dem Portale trat
Was war ihm begegnet
Nichts als dass er den Prinzen die Treppe hinaufführte und ein Licht aus
einer der dienenden Hände nahm um Egon in ein schon dunkles Zimmer zu begleiten
Wie er an das letzte kam dem Egon um sich auf seine weichen Polster zu
werfen mit rechtem Verlangen schon näher entgegentrat hörte er drinnen den
jubelnden Ausruf einer weiblichen Stimme Egon da bist du Er trat ahnend
näher das Licht erlosch er hörte den feurigen Kuss einer sehnsuchtsvollen zur
rasendsten Ungeduld gesteigerten Begrüßung er fühlte eine weiche Hand die
einen elektrischen Schlag auszusprühen schien die seine ergreifen und ihn mit
einer einzigen Bewegung fast an die Tür zurückschleudern Er trat von selbst
zurück Die Tür fiel ins Schloss und wurde von innen verriegelt
Louis stand eine Sekunde im Dunkeln besann sich und suchte mit raschem
Entschlusse weil sein beklommenes Herz zu ersticken fürchtete das Freie
Vergebens sah er sich nach den Brüdern um von denen er nichts mehr
entdeckte Ein ferner Donner rollte und helle Blitze zuckten Dennoch langsam
und tiefaufseufzend ging er der Wallstrasse zu um Heunischs Abreise noch um
einen Tag zu verhindern und sich durch einen freundlichen Franziska
dargebrachten Abendgruss für seine Befürchtungen über die Aussöhnung zwischen
Egon und Helene dAzimont zu trösten
Vierzehntes Kapitel
Wahre innere Mission
Als an demselben Tage Mittags Louise Eisold nach Hause gekommen war und sich in
ihrem Hinterhofe auf der Brandgasse die steile Treppe an dem glatten Seile
hinaufgeleiert hatte wenn man einen Ausdruck der Mägde am Brunnen auf die
Erleichterung des Emporsteigens über eine so halsbrechende Treppe anwenden will
waren ihre Kleinen über den Ausgang der doch eine Stunde gedauert hatte
ungeduldig genug geworden
Das Jüngste die kleine Johanna wollte sich von Friederike und Heinrich
nicht beschwichtigen lassen und schon auf der Treppe wo ihr eine Nachbarin
der sie die Aufsicht übertragen hatte sagte dass Alles gut stände hörte Louise
doch den kleinen Schreihals den sie schon auf der Galerie durch laute
Schmeichelworte beruhigte ehe sie noch eintrat und das nach ihr verlangende
Kind auf den Arm nahm
Das einfache Mahl war schon früh Morgens zubereitet und stand bei der warmen
Asche auf dem Feuerherd Der Brei für das weinende Kind war bald gewärmt und mit
hundert Liebkosungen und Schmeichelworten mit hundert scherzenden Anklagen
ihrer selbst auf ihrem Schoss ihm dargereicht
Als der letzte Löffel voll verspeist war tat es auf ein paar Strophen vom
schwarzen und weißen Schäfchen die Äuglein zu und schlief ein
Jetzt kamen Riekchen und Heinrich an die Reihe des Speisens Der kleine
Zweijährige lärmte auch und jammerte Dem gab Louise es aber schon derber mit
Anwendung der Strafrechtsprincipien nicht auf sich sondern den Kleinen selbst
Aber Heinrich beruhigte sich erst als er die Löffel klappern hörte und Riekchen
das Salzfass brachte das Louise immer zu vergessen pflegte Nun fehlten freilich
noch Linchen und Wilhelm aber auf diese kleinen Zeitungsträger war nie sicher
zu rechnen Oft blieben sie über Mittag ganz aus und halfen sich durch Brot und
schlechten Kaffee den sie sich dicht bei der Druckerei in einem Keller geben
ließ Karl der Älteste aß draußen in der Willingschen Maschinenfabrik
Als Louise gebetet vorgelegt Brot geschnitten sich und die Ihrigen mit
der einfachsten Kost gesättigt hatte deckte sie wieder ab und besorgte die
Wiederherstellung der Reinlichkeit in der Küche Dann lüftete sie das Fenster
um den Essgeruch zu vertreiben Hannchen schlief auch Heinrich streckte sich
jeden Mittag noch etwas in dem alten Lehnstuhl des seligen Urgrossvaters
Riekchen hatte im Zimmer keine Geduld sondern kletterte die Stiege hinunter und
hüpfte in dem Hof und auf der Straße umher Louise aber ging an ihren
Stickrahmen und eilte sich das Versäumte nachzuholen Heute nach der Anregung
durch Franziska durch das Gedicht durch die Erinnerung an Hackert ging die
Arbeit ganz besonders flink Und die Aussicht auf die Waldpartie am nächsten
Sonntag machte ihr die Hände vollends noch einmal so rührsam
Das äußere Leben armer Menschen die fleißig sind ist einfach Eine
Viertelstunde in Einem weg das Haupt gebeugt immer den Rücken gekrümmt dann
einmal ein Blick durch die bleigefugten kleinen Fensterscheiben ein Blick nur
ein ganz kurzer Es gibt immer etwas zu sehen Ein Spatz fliegt ans Fenster
ein Käfer brummt in den paar bescheidenen Lack und Resedastöcken draußen auf
einem seit langer Zeit verwitternden Blumengerüst Drüben auf dem Dache klettert
behend eine Katze und schleicht mit ihren sammetweichen Pfoten behutsam um den
großen Hauslaufknollen herum der unter einer Dachluke wild hervorgewachsen ist
Bei jedem Blicke den sich Louise alle Viertelstunden einmal gönnte blieb immer
etwas haften was sie von der wogenden unruhigen inneren Welt die in ihr lebte
ein klein wenig tröstend und beschwichtigend abzog und sollt es nur die Freude
über den blauen Himmel sein Die bösen Wölkchen die sich von der Terrasse in
Solitüde sehen ließ brauchten lange Zeit bis sie in dem kleinen Gevierte von
Himmelsluft das man von diesem Hinterhofe aus überschauen konnte gesehen oder
auch nur geahnt wurden
Ein Besuch fand sich hier oben seit der alte Urgroßvater in das große
Kunstwerk der Weltenuhr blickte und keine irdischen Zeitmesser mehr zu regieren
brauchte selten ein Bei Herrn Murray nebenan war es so still wie es bei
Hackert gewesen war Schmelzing der für Dichter Schauspieler Advokaten und
die Polizei Kopiaturen fertigte war auch nicht mehr da Der war oft verliebt zu
ihr gekommen und hatte sie mit seinen Zärtlichkeiten belästigen wollen ihr aber
mit seinen Schreiberärmeln nur ihre Arbeiten »verwuschelt« Einen Gast der sich
auch um die Mittagszeit zuweilen einfand den grauen Herrn Bartusch ließ sie
kalt und um so spröder an als sie in ihren spärlichen Finanzen Ordnung hielt
und sich vor ihm nicht zu demütigen brauchte Gestern erst hatte sie ihm
gesagt er möchte sie mit seinen Besuchen die immer mit soliden Dingen anfingen
und mit versuchten garstigen Zumutungen endeten verschonen Ja sie ging sogar
in ihrer jeweiligen kleinen Malice so weit dem alten unverbesserlichen und von
seinem Temperamente wahrhaft geplagten Herrn zu sagen sie wolle die
MalerGuste die Frau Ratsdienerin Spieß und ähnliche Favoriten Seiner
Gestrengen nicht auf sich eifersüchtig machen Dass sie ihn bei alledem doch
nicht ganz ungern kommen sah lag darin dass er Manches über Menschen plauderte
die ihr lieb und wert waren Von Hackert hatte er ihr zu ihrem Schrecken
erzählt dass er wirklich beim Oberkommissair Pax arbeitete und vielleicht bald
in einem »feurigen« Kragen am Rocke einherstolziren würde was sein Haar nur
noch angenehmer heben würde Schmelzing unterstütze ihn Wo Das hinaus solle
wisse noch kein Mensch Erst vor einigen Tagen wäre er beim Justizrat mit einem
fremden Prediger gewesen der bei einer russischen Herrschaft lebe und hätte den
Justizrat wie ein Staatsprokurator über eine alte Bildergeschichte förmlich zu
Protokoll genommen Über Melanie Lasally über den Prozess der jungen Thüringer
die er hier bei Hackert an jenem Abende getroffen über alle diese Gegenstände
der Tageschronik plauderte Bartusch bei Louisen immer so lange bis er die
Gelegenheit für günstig hielt sich für seine unterhaltenden Mitteilungen eine
Zutunlichkeit erlauben zu dürfen Damit kam er aber denn doch immer übel an
sodass ihm Louise zur Erkenntlichkeit nicht einmal ihrerseits Rede stand wenn er
von Danebrand von Murray von der Auguste Ludmer die sie nie genauer gekannt
hatte etwas wissen wollte In der Äußerung dass sie doch zu beklagen wäre
neben einem so zweideutigen Manne zu wohnen wie dieser Engländer mit der
schwarzen Binde wäre musste sie ihm Recht geben fügte aber hinzu dass er ihr
noch keine Ursache zu irgend einem Verdachte gegeben Dieser Sonderling wäre ein
stiller gedrückter Mann der von Morgens bis Abends spazieren ginge viel
englische Bücher lese und sich im Zeichnen übe das ihm in Zeiten wo ihm noch
nicht die Hand gezittert hätte sehr gut von Statten gegangen sein müsse
Alle diese Gedankenreihen von gestern und heute durchfliegend fiel Louisen
in einem Glase das auf der Kommode im Eck stand eine Karte auf
Sie griff danach und sah dass es eine Visitenkarte war die auf den Namen
»Sylvester Rafflard« lautete
Wo kommt diese Karte her dachte sie
Die Karte war so glatt so frisch so neu als hätte sie Jemand eben erst
abgegeben
Sie wird für Murray sein dachte sie und wollte ihrer »Riekele« rufen falls
die im Hofe war Sie von der Straße zu rufen war sehr umständlich und kostete
Zeit
Von der Galerie dachte sie werd ich ja sehen
Damit ging sie hinaus die Karte zufällig in der Hand haltend
Draußen beugte sie sich über die Brüstung der alten baufälligen Galerie sah
Riekchen nicht hörte aber Jemand mühsam die Treppe heraufsteigen Sie ging
einige Schritte vorwärts und erblickte schon Murrays zerknitterten Hut Ein
großer goldener Siegelring an der weißen zarten Hand des Alten stach sonderbar
gegen den Strick ab an dem sich die zuerst sichtbare Hand hielt
Ah sagte der Alte als er oben war Das ist steil Gesegnete Mahlzeit mein
liebes gutes Kind Ich weiß schon was Sie in der Hand haben
Ich war nicht daheim und finde die Karte Galt der Besuch Ihnen Herr
Murray
Das kleine Riekele hat mirs schon unten erzählt Wer ists denn
Damit war er an seiner Tür holte Atem schob seine über einen Draht
gezogene Taffetbinde etwas höher und las gegen das Tageslicht das etwas
spärlich auf die dunkle Galerie fiel jene Karte
dabei fuhr er sich über die Stirn und hob die schwarze Perrücke etwas höher
Wer ist Herr Sylvester Rafflard sagte er hielt sich aber mit diesem
Forschen nicht auf sondern schloss schon sein Zimmer auf Nr 68 mit den noch
immer vergitterten Fenstern
Kann ich Ihnen etwas helfen Herr Murray fragte Louise Eisold Das Wasser
wird nicht frisch sein Sind Sie mit irgend etwas unzufrieden so sagen Sie es
nur
Danke Danke Mein gutes Kind antwortete der Alte immer freundlich und
mild Aber die Miete ist fällig
O bitte Herr Murray
Nein nein Pünktlichkeit in Geld und Liebessachen Nicht wahr liebes
Fräulein
Geben Sie mir nicht zu hohe Titel Herr Murray sagte Louise Nennen Sie
mich schlechtweg wie ich heiße Louise Eisold
Darf ich denn Louischen sagen fragte Murray den Hut wegstellend und seine
Handschuhe die er schon ausgezogen hatte hinlegend
Wenns Ihnen bequem ist Herr Murray plauderte Louise bei noch halb offener
Tür
Gut Louischen kommen Sie her ich muss Ihnen die Miete zahlen
dabei zog Murray eine Schublade die er inzwischen aufgeschlossen hatte
ganz hervor Sie war zu Louisens Erstaunen so schwer dass er Mühe hatte sie nur
herauszubekommen
Louise mochte nicht näher treten und über die gebückten Schultern des Alten
hinwegsehen Aber sie hätte schwören mögen wenn sie näher träte müsste sie
nichts als große Geldrollen sehen so wälzte sich Das in der Schublade und es
war ihr auch als »klingte« etwas wie Gold Um so auffallender aber der
Kontrast als Murray nicht etwa eine große Geldrolle sondern ein kleines
ledernes Beutelchen hervorzog es langsam öffnete und in lauter kleiner
Scheidemünze zwei Taler auf den Tisch mühsam zusammenzählte
Louise zählte nach und fand die Summe richtig Wie sie sich wandte bemerkte
sie fast erschreckend an den Eisenstäben draußen vor dem Galeriefenster einen
inzwischen heraufgeschlichenen Besuch Es war eine hohe schlanke weibliche
Figur die ihr nicht unbekannt schien Indem sah sie auf Murray und bemerkte die
plötzliche Überraschung durch jenes Frauenzimmer das man nicht hatte kommen
hören auch bei ihm Der Besuch blickte lachend durch die Fensterscheiben und
das Gitter und schien neugierig zu forschen ob sie nichts von den Schätzen des
eben in Geldgeschäften begriffenen Alten entdecken konnte Rasch stieß Murray
die Kommode zu und zog den Schlüssel ab
Das Mädchen das darüber in lautes Gelächter ausbrach und die Tür mit dem
Fuße zurückstossend eintrat war Auguste Ludmer
Das ist deine Spelunke Alter rief sie Hier haust du jetzt und hast so
schöne Nachbarschaft
Louise erkannte nun vollkommen jenes Mädchen das in diesen Häusern auf Nr
17 gewohnt hatte und auf dem Fortunaball mit Murray verhaftet worden war
Betroffen wandte sie sich ab strich ihr Geld mit der hohlen Hand ein und
verließ ohne ein Wort zu sprechen das Zimmer Selbst wenn sie es mit ihrer
Würde für vereinbar hätte halten können zu lauschen würde sie sich nicht in
der Küche länger verweilt haben denn Murray das sah sie wohl öffnete das
zweite Zimmer das früher durch einen vorgeschobenen Schrank getrennt
Schmelzing bewohnt hatte und ersuchte Auguste Ludmer dort einzutreten Louise
legte auf ihrem Zimmer die Miete in ihre kleine Kasse notirte sie in einem
Büchelchen und setzte sich nieder zur Arbeit tiefergriffen von dem Nachdenken
über die Möglichkeit wie es weibliche Wesen über sich vermögen sich so tief
sinken zu lassen wie jene MalerGuste deren Nähe ihr unheimlich war und den
Alten mit seinem schweren Kommodenkasten plötzlich wieder genug verdächtigte
Tugendhafte Frauen fliehen Gesunkene wie jene Auguste aber sie denken viel über
sie nach und suchen sie nach den ersten heftigsten Anklagen meist mit einem
schmerzlichen Gefühl über das unsichere jammervolle Frauenloos im Allgemeinen
tiefaufseufzend zu entschuldigen
Da siehst du Auguste wie man dich flieht begann Murray als er mit dem
noch immer lachenden wilden Besuch allein war und die MalerGuste sich in
Schmelzings ehemaliger Klause umsah
Papa rief sie und warf sich fast der Länge nach auf einen Stuhl hin dass
dieser knackte und wackelte Papa die geht auch lieber auf einen Ball als
Sonntag Nachmittags in die Spittelpredigt Wir haben sie ja in der Fortuna
gesehen
Was bringt dich her Louise fragte Murray nahm einen Stuhl und wollte sich
ihr gegenüber setzen
In quecksilberner Beweglichkeit sprang sie aber sogleich wieder auf und
rief
Erst Alter lass mich deinen Palast sehen wo du deine Schätze vergräbst
Hierher denkst du steigen die Spitzbuben nicht nach Drinnen die Eisenstangen
die haben dich wohl gelockt oder unterhältst du dir das Mädchen die sich eben
die Hände wäscht von deinen schmuzigen Viergroschenstücken
Ich gewöhne mich siehst du sagte Murray mit scharfer Betonung an die
angenehme Gelegenheit hinter Schloss und Riegel zu kommen wenn man sich mit dir
öffentlich blicken lässt
Papa hat Furcht gekriegt Ha Ha Deshalb stand ich immer vergebens an
meinem Teetopf in der Königsstrasse und dachte dein Alter kommt nicht
Ich zu dir erhob sich Murray ernster Du weißt doch was ich dir sagte als
man uns von Gerichtswegen gehen hieß und ermahnte nunmehr anständig und
sittlich zu leben Ich suchte eine Wohnung für uns Beide Diese war dir zu
schlecht und eine bessere ist teurer
Geizhals Ha Ha Hier sollt ich wohnen Auguste Ludmer die deine
Brillanten trug in diesem abscheulichen Loche Heute ist schönes Wetter und
hier ists so dunkel dass man die Hand kaum vor den Augen sieht
Das machen die schönen Gardinen Siehst du nicht
Auguste lachte über diese ironischen Worte und zerrte an einem der rot und
weissgestreiften kattunenen Vorhänge
Nein Männchen sagte sie so haben wir nicht gewettet Das sollte ein Bett
sein Das wäre ja um sich Beulen zu liegen
Aber reinlich
Kein Sopha
Vier Stühle
Kein Spiegel
Murray mit einer eisernen Ruhe und Gelassenheit seine zarten Hände sich in
ihren Flächen reibend als wollte er Brotkrumen drehen immer lächelnd und mild
zeigte auf das Fenster
Auguste nahm einen kleinen Handspiegel vom Fenster und tanzte sich darin
besehend im Zimmer herum
Ha Ha lachte sie Der ist für dich Für Leute die nur ein Auge haben und
ihre Perrücke nicht sehen mögen Soll ich
Sie warf ihn in die Höhe spielte Fangball damit und drohte das kleine Glas
zu zerbrechen
Murray griff danach und hing es wieder an das Fenster
Was willst du Auguste fragte er dann mit großer Langmut und Geduld
Alter sagte sie setzte sich wieder und schlug dabei die Arme und die Beine
übereinander ich habe mich eben schwer geärgert Ich habe Schulden und kein
Geld sie zu bezahlen Gib mir Geld
Murray schüttelte den Kopf
Alter Geizhals dein Kopfschütteln hilft dir heute nichts rief sie band
den Hut ab und warf ihn auf das unbenutzte Bett des Schreibers Schmelzing und
rüstete sich zu einer gründlichen Belagerung des Alten Gib mir die Ringe die
Uhr die Armbänder die mir die Polizei abgenommen hat Wo sind sie Meine
Kleider Wo ist mein Barègekleid das Linonkleid Ich gehe heute nicht von der
Stelle hier bis ich meine Sachen habe
Damit stampfte sie auf stemmte beide Arme in die hohen gewölbten Hüften und
gab ihrem in der Tat edelgeformten plastischen Kopfe den Ausdruck des
widerwärtigsten Hohnes und Stolzes
Murray erwiderte in aller Ruhe
Da kannst du lange warten mein Kind
Murrkopf antwortete Auguste sich noch zähmend
Bleib dann nur lieber gleich hier Sonst nicht sagte die schwarze Binde
Auguste färbte sich kirschrot Sie warf die Arme auf den Rücken und trat
mit einer so kecken Gebärde auf Murray zu dass dieser einen Augenblick wie in
seinen Nerven erschreckt beweglich zuckte
Auguste ihren Vorteil wahrnehmend rief
Wirst du vernünftig sein oder
Oder wiederholte jetzt der Alte
Oder sagte das wilde Frauenzimmer und streckte beide Arme aus als wollte
sie den Alten an der Schulter fassen
Da aber änderte sich die Stellung Murray schien sich gefasst zu haben und
während die schönen muskulösen Arme des frechen Mädchens an seiner Schulter
zerrten zog Murray die Schulter in rascher Bewegung zurück und packte die
beiden niederfallenden Arme des Mädchens mit einer kräftigen Wendung so an den
Handgelenken und drückte diese mit furchtbarer Gewalt so einwärts dass die
Angreiferin mit einem unwillkürlichen Schrei sich bücken und lang vor ihm auf
die Knie stürzen musste
Da ist dein Platz sagte Murray zurücktretend mit bebender und furchtbarer
Stimme und wenn ich mich nicht anders besinne schliess ich dich hier ein und
lasse nicht Sonne nicht Mond mehr auf dich scheinen Elende
Murray hatte in diesem Augenblick sich wie umgewandelt Seine Arme
verrieten eine jugendliche Kraft Nichts mehr erinnerte an die Schwäche des
Alters Er schien wie gewachsen Der gekrümmte Rücken streckte sich empor Die
Perrücke erhob sich und die schwarze Binde lag nicht mehr auf dem einen Auge
das eben so funkelte wie das andere und nicht den geringsten Fehler zu haben
schien
Auguste erhob sich langsam und ächzend und an ihren Handgelenken reibend
mit einer Scheu als wenn ein Tier im Käfig plötzlich die Kraft der
menschlichen Bändigung gefühlt hätte Weniger die überraschende physische Kraft
des Fremden als der Blick seiner Augen war es der sie zähmte Verwünschungen
murmelnd kehrte sie auf ihren hölzernen Sessel zurück und schwieg und stützte
die Hand in den wie dreieckigen Schoss der sich ihr mit dem einen
übergeschlagenen Bein bildete
Du bist so schön Auguste begann Murray jetzt ruhiger und setzte sich ihr
gegenüber mit Sanftmut wie versöhnt Auguste du hast kein schlechtes Herz
Wie würd ich sonst gehofft haben den Strahl eines reineren Bewusstseins in
deine umnachtete Seele werfen zu können Aber verwildert bist du und wirst in
deinen falschen Begriffen in dem Mangel aller Erziehung zu Grunde gehen Hasst
ich nicht dieselben Menschen die du hassest ich würde nicht den kleinen Finger
rühren Mädchen etwas für dich zu tun weil ich an dem Erfolg doch verzweifeln
müsste
Auguste schwieg dann warf sie die Lippen etwas auf blinzelte mit den
zugedrückten braunen Augen schielte von der Seite und sagte schalkhaft und den
Ernst des Augenblicks verwischend
Pah Gib mir lieber den Ring da an deinen verdammten Fingern alter Junge
Das ist gar kein Herrenring Den hast du irgend einer Dame gestohlen als du
noch jung warst und die Tugend nicht so schrecklich lieben musstest wie jetzt
Alter Schenk mir den Ring
Damit hatte sie schon den Finger Murrays ergriffen
Doch krümmte ihn dieser gleich wieder so gewandt dass sie loslassen musste
Wetter schrie sie und blies auf ihren gequetschten Finger
Ich wiederhole dir was ich dir schon einmal sagte fuhr Murray fort ich
biete dir Glück und Freude drei Tage im Monat in den übrigen Entbehrung aber
an meiner Seite hier dies harte Lager diese dunklen Fenster diesen kleinen
Spiegel diesen Krug Wasser und an der Lampe dort Arbeit für mich für dich
Arbeit an meiner und deiner Wäsche sieh ich könnte dir drinnen Leinwand
zeigen die ich schon kaufte für meine Hemden auch für dich Baumwolle wenn du
stricken wolltest Schäme dich wie zerrissen sind die Strümpfe die du trägst
schäme dich nur die Handschuhe da an deiner Hand auszubessern bist du
schon zu träge
Auguste wurde über diese Rüge über und über rot und zornig Die Regung der
Scham aber rasch bekämpfend und wieder in ihren trotzigen Ton fallend sagte
sie
Alter Narr Was krächzst du da Halte erst dein Wort so werd ich
Nähterinnen haben Es war nicht gesagt dass ich dir die Geschenke zurückstellen
sollte Wo sind meine Sachen
Ich behielt sie sagte Murray weil noch der dritte Tag deines Glückes
fehlte würde sie aber auch behalten haben am vierten Tage wenn du nicht
siebenundzwanzig Tage an meiner Seite unter meiner Aufsicht mit mir
entbehrtest und mich erheitertest durch den Anblick deines Fleißes Ich habe
Bücher ich würde dir vorlesen Ich zeichne ich verstehe manche Kunst in Wachs
und Ton ich wollte dich schon erfreuen auch außer den drei Jubeltagen die
ich dir versprochen hatte
Auguste schüttelte den Kopf und schob die Lippen wie zum sarkastischen
Spott
Hast mich also betrogen Alter sagte sie Auch um das Bild das du von mir
wolltest malen lassen Gib mir das Geld das es kosten sollte Hab ich nicht
Ansprüche darauf Was kann denn ich dafür dass sich dieser Pinsel von Maler in
deine dumme Windbeutelei nicht einließ und das Bild nicht in einem Tage liefern
wollte
Warum nennen sie dich die MalerGuste fragte Murray Warum drängtest du so
um dein Bild Es war nicht Eitelkeit allein Du wolltest gemalt werden als du
selbst sagtest du mit deinen Kleidern deinen Ringen und Brochen deinen
Spitzen und deinem Shawl Du wolltest dass dein Name darunter geschrieben würde
Ich bot dreißig Louisdors für die Grille Aber in einem Tage Sonst nicht
Oder wenn du mir deine siebenundzwanzig Tage der Entbehrung hier in diesem
Zimmer schenkest so bestimmen wir deine nächsten drei fetten Tage für das Bild
dann wird es schön Willst du so
Bleib da Auguste Lass deine Sachen holen Ich hole sie selbst
Auguste Ludmer gab keine Antwort Starr brütete sie vor sich hin Dann
schüttelte sie den Kopf und sagte
Ich kann nicht mehr Alter Ich kann nicht mehr
Und gleichsam als drückte sie der zu ernste Gedanke an Das was Murray Alles
anregte rief sie polternd
Gib Geld Ich habe Schulden Ich werde gequält verfolgt beschimpft Und
ich will nicht mehr so scheinen wie ich war
Wie du warst Auguste fragte Murray Wie willst du nicht mehr scheinen
Warum nicht Bist du weise geworden ohne mich Gott sei Dank sage mir dass du
dich geändert hast ohne mich
Gäbst du mir dann auf der Stelle hundert Taler
Wenn ich Proben sähe
Gäbst mir meine Kleider meine Ringe
Proben Proben
Nicht zwanzig nicht zehn Taler
Nicht einen Proben
Murray schrie Auguste jetzt und sprang wie ein wütendes Tier auf in
ihrem Zorne nach etwas suchend das sie an des Alten Schädel zertrümmern konnte
Sie sah den Wasserkrug
Murray trat ihr aber entgegen griff nach dem Wasserkrug entriss ihr diesen
in dem Augenblicke wo sie schon nach ihm langen wollte hielt ihn mit dem
markigen Arme fest hoch in die Höhe so hoch dass es fast schien als wäre der
Alte viel größer als die schlanke Buhlerin und da sie ihn nicht ergreifen
konnte oder sich vor seinen Augen fürchtete sagte er ruhig
Gib mir eine kleine Probe und geh und hole mir in diesem Kruge frisches
Wasser Ich setze einen Taler drauf
Auguste weinte vor Wut Sie riss an ihrem dunklen glänzenden Haare das in
den kunstvollsten Flechten aufgebunden war Das war gewunden wie Spitzenarbeit
und duftete und strahlte und von dem zornigen Wühlen der Hand ging dieser
Schmuck nun auf und fiel in langen wie durchbrochenen sichelbreiten Flechten
über den entblößten Nacken und die Brust diese an ihr so schön geformten
Teile die aber schon etwas mager waren in Folge der unregelmässigsten
Lebensweise
Murray betrachtete sie eine Weile wie sie so erschöpft einer Magdalena
gleich sich auf das schmale Bett warf Er betrachtete sie voll Rührung und sagte
nach einer Weile
Wenn du mir folgen wolltest würdest du wieder schön werden Auguste
Diese Bitterkeit verwundete sie tief ohne sie zu reizen Sie fühlte die
Wahrheit der Bemerkung und schwieg
Nach einer Weile blickte sie bittend auf und sagte mit schmeichelnder
Stimme
Murray gib mir Geld Gib mir meine neuen Kleider Du weißt nicht dass ich
Geld und Kleider haben könnte wenn ich so fortführe wie ich gewesen bin Ich
will mich bessern aber so nicht so dumm nicht wie du es vorhast
Mein Kind sagte Murray ernst ich verkenne die Pein nicht die dir meine
Vorschläge machen Ich habe aber erlebt die gewöhnliche Art wie sieh die
Menschen bessern sollen mislingt fast immer Der Wille allein tuts nicht die
Gelegenheit muss da sein Die muss den Willen unterstützen Ich bin ja ganz
aufrichtig gegen dich Ich bin ein Deutscher ich habe lange in England
gelebt und nenne mich Murray weil ich englische Sitten und Manieren
angenommen habe und meine Verwandten nicht wiedersehen mag Ich habe dir
gesagt dass ich in meiner Jugend unglücklich war und ein Verbrechen
beging zu dem mich Hochmut Dünkel und die Gelegenheit
verleitete ein Verbrechen Auguste
Ha Sag mir nichts weiter Warum zittert Ihr Ihr haltet ja die Hand da
immer Teufel was soll Das Geht weg Greift doch nicht
Auguste glaubte unter dem Rocke des Alten eine blitzende Waffe bemerkt zu
haben
Und Murray wusste kaum selbst dass er während der wenigen Geständnisse die
er Augusten machte schon vor Aufregung in die Rockbrusttasche gegriffen und
ganz allmälig ein Terzerol in der Hand hatte das er bei jeder neuen Tatsache
die er nun nicht mehr sicher bei sich in seinem Herzen wusste immer mehr
hervorzog Wie er das Terzerol fast schon aus dem Brustlatz hervorblinken sah
besann er sich schmerzlichlächelnd steckte es ruhig zurück und bot der
erschrockenen Auguste die Hand zur Beruhigung
Auguste sagte er du bist nicht ganz gesunken dein Herz ist den bessern
Empfindungen zugänglich Als man uns an jenem grauenhaften Morgen auf der
Fortuna ergriff und mich für verdächtig erklären wollte weil ich dir glänzende
Geschenke machte und selbst arm lebte fürchtete ich du würdest die schwache
Stunde die ich dir gegenüber mich beschleichen ließ als ich in dir die Tochter
meines Lebensretters die Nichte jenes Weibes das ich
Murray stockte
Sammelt Euch Vater Murray sagte Auguste weicher Ei habt Euch doch nicht
Ich werde Euch nicht unglücklich machen Aber undankbar seid Ihr Papa komm
gib mir nun Geld
Das Pistol sagte er dabei lächelnd ist nicht für dich gewesen es ist
vielleicht für mich
Die MalerGuste erschrak über dieses Wort Ein Erschrecken bei solchen
Naturen ist meist mit Zorn über die Ursache des Schrecks verbunden
Ach was sagte sie ärgerlich Du hast da schon zehnmal auf mich angesetzt
und drückst das Ding auch nur auf mich los Satan wenn du glaubst dir den Kopf
zu sprengen Geh weg mit dem Ding alter Heuchler Genug jetzt
Sie sprang auf Sie wollte keine Rührung keinen Edelmut mehr
Ist Das der Dank sagte sie polternd Ich hatte dich in der Hand Alter Der
Oberkommissär setzte mir Daumschrauben Ich sollte sagen was ich von dir wüsste
Ob du wirklich ein Engländer wärest Wo ich dich kennen gelernt hätte Ich
sagte Geht Damals als ich nach Hamburg wollte und mir einen Pass holte da
stand ja der Alte der den seinigen visiren ließ und eine Aufentaltskarte
löste neben mir und wie ich meinen Namen genannt hatte und die Herren Anstände
nahmen und lauter Schändlichkeiten zu mir sagten und lachten und eine
vertrauliche Sprache sich mit mir erlaubten und mich auf morgen beschieden da
folgte mir ja der Alte und knüpfte ein Gespräch an und fragte mich aus
Da sagtest du ich hätte dir verraten dass ich deine Eltern deinen Vater
der Gefängnisswärter in Bielau war kenne
Wo würd ich denn Das sagen Pfui Papa
Nun Was sagtest du
Ich sagte du hättest mir deine Freundschaft angeboten wie eben ein Alter
einem jungen Mädchen seine Freundschaft anbieten kann du wolltest mir Geschenke
machen aber manchmal müsst ich wieder mit schlechten Zeiten vorlieb nehmen
Hoho Das war schlimm ausgedrückt wenn auch gut gemeint Kind Das heißt
doch bei Denen nur dass ich ein Spitzbube bin der zuweilen Glück zuweilen
Malheur hat
Was ist es denn auch anders Papa lachte die Unverbesserliche Du wirst mir
doch nicht weismachen dass hinter der ganzen Komödie die du mir vorschlugst
was anders stecken kann als
Pascherglück sagte Murray und schüttelte den Kopf über die Halsstarrigkeit
eines Menschen der einmal nicht glauben will
Nein mein Kind sagte er zitternd Du bleibst hartnäckig in deinem Irrtum
und wie oft sagt ich dir
Halte nur die Hand da fort
Wie oft sagt ich dir als ich deinen Namen auf dem Passbureau hörte ergriff
mich Freude Ich komme vom Meere und du bist das erste Wesen das mich an meine
vielverworrene Vergangenheit erinnert Wie weh tat es mir als ich an den
Mienen der Schreiber sah wie es mit deinem Rufe steht Ich erkannte die Züge
deines Vaters in dir wieder dieses edlen Menschen den ein rauer und
jammervoller Lebensberuf nicht zum herzlosen Sklaven und tierischen gehorsamen
Knechte fremder Willkür gemacht hatte Er sollte mein Mörder sein und ward mein
Lebensretter
Zu seinem Unglück wohl denn ich entsinne mich als Kind dass es ihm schlecht
genug ging
Ich glaube Das Er hatte eine Weisung nicht befolgt die dahin lautete mich
ohne einen Strick oder ein Messer ohne einen Tropfen Blut zu ermorden
Die MalerGuste stutzte zu dieser Eröffnung Diese Beziehung Murrays zu
sich und ihren Eltern hatte sie nicht erwartet
Ja sagte Murray mit gedämpfter Stimme Ich war ein Verbrecher Auguste
Jugendlicher Leichtsinn ließ mich fehlen Worin Ich kann es dir nicht sagen
Ich beging etwas was nach leichterer Auffassung vielleicht kein Verbrechen
vielleicht Keckheit nur Leichtsinn und der Beweis einer großen Kunstfertigkeit
und Geschicklichkeit ist Aber der Staat will sich schützen und nennt meine Tat
ein Verbrechen Ich verfiel einem Urteil das mich auf zwanzig Jahre in Schmach
und Schande warf Das ist auf ewig Ewig Und doch war ich noch jung Ich
konnte hoffen den Rest meines Lebens noch irgendwo jenseit des Meeres in Ehren
in geläuterter Busse hinzubringen Denn Auguste ich hatte ein Verbrechen
begangen das nur aus dem Hochmute kam Aber es gab Menschen die meinen Tod
wünschten Menschen die mich geliebt hatten weil ich nicht immer so gebückt
schlich Auguste wie jetzt Menschen die mich geliebt hatten weil ich Geist
Talent weltliche Liebenswürdigkeiten aller Art besaß Und da ich sie betrog
nein was sag ich da sie sich selber betrogen hatten hassten sie mich Sie
fürchteten meine Auferstehung von der Schande meine Flucht mein Ausbrechen aus
dem Gefängnis und wollten sich diesen Augenblick in der Zukunft sichern Sie
befahlen sie hatten die Mittel dazu sie befahlen dass man mir einen gewissen
Kerker in Bielau anwies der so ungesund so durchgiftet und verpestet war dass
man in kurzer Zeit dahinsiechen vom Faulfieber verzehrt werden musste Neun
Monate des Jahres stand in diesem Kerker das Wasser eines schmuzigen Flusses und
Jeder der nur einige von diesen Monaten in ihm zugebracht hatte war
dahingestorben Ich wurde auf rätselhaften mir aber erklärlichen Befehl gerade
in dies Verliess geschleppt Nach drei Wochen schon wo ich auf einem verfaulten
Strohlager ruhen sollte wo ich es um es vor der aus den Wänden sickernden
Feuchtigkeit zu schützen bald hier bald dahin breitete verfiel ich in
Krankheit Man brachte mich in einen gesunderen Gewahrsam Ich genas ich hoffte
auf Abführung in eine entfernte gemeinsame Strafanstalt Aber nein wieder der
Befehl mich in jenes unterirdische Gemäuer zu bringen dessen einzige trockene
Stelle eine Nische in der felsendicken Wand war Warum man mich nicht in der
Strafanstalt arbeiten mich nicht unter die übrigen Gefangenen dieser kleinen
Festung mich mischen ließ war mir wohl begreiflich Man wollte meinen Tod Ich
erzählte mein Leid deinem Vater der Gefängnissschliesser war und Schaudern
ergriff ihn als er wohl einsah dass es Menschen gab die einen Entehrten aber
Reuevollen töten wollten und er kannte diese Menschen mehr als Andre Er
wusste was sie im Stande waren er wusste was sie ja von ihm selbst verlangten
Hiess doch dein Vater Ludmer War er doch der Verwandte Doch genug
Auguste Dein Vater war besser als sein trauriges Amt Er ließ mir ob aus
Menschenliebe ob aus Zorn dass er Ludmer hieß und nur Gefangene hüten musste
weiß ich nicht die Mittel die Nische zu erweitern zu durchbrechen zu
entfliehen Er sah nicht wollte nicht sehen dass ich an meiner Befreiung in den
Nächten arbeitete Furchtbar stieg für mich die Gefahr Denn der Kerker stand
unter dem Spiegel des Flusses und nur die Nische lag höher Ach zuweilen bei
hohem Wasserstande kam die Flut von draußen auch dieser Nische gleich und in
einer stürmischen Frühlingsnacht wo ich die letzten Steine wegrückte brach der
ganze Strahl des Wassers durch die glücklichgewonnene Öffnung Erschöpft von der
Arbeit zum Tode erschreckt von der nun unmittelbar vor meinen Augen schwebenden
Gefahr sank ich nieder furchtbar strömte die schmuzige Woge durch die Lücke
der Mauer Da stopfte sie sich durch irgend etwas draußen plötzlich von selbst
Ich langte hinaus soweit ich über das Wasser noch sehen konnte Ich fasste etwas
Hölzernes einen Gegenstand wie ein sich vorlegendes Bret Aber das Bret ließ
sich zurückdrücken es schwankte Es war ein Kahn den dein Vater hatte
herantreiben lassen als wäre er etwa losgerissen durch die Frühlingsstürme
Freude und Furcht wirkten gleich entsetzlich auf mich Denn wie wenn ich durch
die Öffnung hindurch gekommen wäre und hätte zwar den Kahn aber nur in der
Entfernung gesehen Der Abfluss durch die Öffnung machte gerade dass der Kahn zu
mir herantrieb Ich griff hinaus und drückte das eine Bord des Fahrzeuges
fast schon mit letzter Anstrengung so herab zur Öffnung dass eine Weile das
Einströmen gestopft war Dann hielt ich mit dem linken Arme mit
Riesenanstrengung das Holz der Planke fest und erweiterte mit der rechten die
Öffnung immer mächtiger strömt das Wasser aber die Öffnung wächst
endlich dränge ich mich durch die Ritze sie ist weit genug die Schultern
durchzulassen schon bin ich mit dem Vorderkörper in dem Kahne die beiden
blutenden Hände langen nach der Weitung des Fahrzeuges ich fasse mit letzter
Anstrengung die gegenseitige Planke liege halb über der Höhlung und drücke den
Kahn in die Wogen nieder aber nur mühsam zieh ich den ohnmächtigen Körper
durch die Mauer die Hüften bleiben in der engen Öffnung stecken ich
brauchte eine halbe Stunde um neue Kraft zu schöpfen dabei der Sturm dabei
das Brausen des Flusses das Niederprasseln von Fensterscheiben die in dem
Wetter zertrümmern das Rufen der Wachen und Ablösungen das Schlagen der Uhren
aus dem Städtchen unterwärts des Flusses der verzweifelnde Blick auf das
Morgengrauen ach ich dachte zu sterben denn meine Kräfte drohten gänzlich
zu schwinden Da versuch ich eine letzte erneuerte Anstrengung Der Körper
zwängt sich durch ich sinke der Länge nach in den Boden des krampfhaft von mir
festgehaltenen Kahnes der befreit vom herunterziehenden Druck meiner Hände
aufschnellt und mich in der Dunkelheit der Nacht von dannen führt Ich schwamm
dem Städtchen zu geriet unter eine Menge kleiner Schifferbarken die
festgebunden in dem Hafen des kleinen Flusses lagen Ich war gerettet durch
Gott aber auch durch den Verstand den Vorschub die Güte deines Vaters Er
hatte meine Arbeiten an der Nische wohl bemerkt er hatte sie wohl verschwiegen
er hatte mich spitze Instrumente auf einzelnen Erholungsgängen finden lassen Er
hatte die Gefahr des Durchbruches überlegt Deshalb der Kahn Ich entfloh und
konnte ihm nichts zurücklassen als die Gefahr der Strafe für ihn selbst Ich
schrieb ihm einige male von Amerika Ich schickte Geld erhielt aber nie eine
Antwort Wie wollt ich ihm danken jetzt nach meiner Rückkehr aus Amerika Ich
find ihn tot sein Weib tot nur dich sein Kind find ich wieder Ich finde
dich ohne Schutz ohne Liebe ohne Halt im Leben gesunken elend Auguste
Murray schwieg Die Hörerin schien gerührt Doch diese Stimmung währte bei
dem abgestumpften Gefühle des Mädchens nicht lange Bald sagte sie
So könntet Ihr mir die Mittel geben bester Murray dass es mir gut ging
Euer Geld ist nie angekommen
Nein Auguste sagte schmerzbewegt der von seiner Erzählung mehr als Auguste
erschütterte Alte was sind Mittel Vergängliche kleine Schutzwehren Womit
hätt ich die Bresche in der Mauer stopfen sollen dass der Strom mich nicht
überflutete Einen rettenden Kahn trieb der Abfluss der Woge heran Den packt
ich mit diesen Händen an dem krallt ich mich ein und von ihm wurd ich
fortgetragen Denkst du denn dass ich in Amerika mich dadurch geändert habe dass
ich auf meinen alten Wegen blieb und mir nur vornahm nicht glänzend leben zu
wollen O nein Die alten Wege mussten ganz und für immer vermieden werden Eine
ganz neue Bahn nur sichert vor den alten Irrwegen Wer hat die Macht nach
seinem Willen gut zu sein Wer kann sagen Ich bekämpfe zähme fasse mich
Wenige nur Nur Die Menschen könnens die schon gut sind und nur noch ganz
weise werden wollen
Aus Schwarz in Weiß übersetzen wir uns nicht Und was ist Grau Ein
jämmerlich Mittelding
Du glaubst Murray sagte Auguste dass ich nicht mehr auf die Bälle gehe
nicht mehr Liebhaber annehme nicht mehr Schulden mache und Champagner trinke
wenn ich mir drei Freudentage durch siebenundzwanzig Fastentage erkaufe
Das glaub ich
Du willst durch die drei Tage mich nur reizen dass ich mir die andern
gefallen lasse
Das dacht ich
Und diese drei Tage sollen die prächtigsten von der Welt sein
Wie sie keine Tänzerin sich besser wünschen kann Auguste
Auguste schwieg eine Weile und schien sich den Vorschlag Murrays den sie
schon oft erwogen hatte ja sogar schon einmal eingegangen war und beim ersten
Neuheitsreize fast durchgeführt hätte noch einmal zu überlegen Sie sah sich
das Zimmer an das Bett den Wasserkrug dann aber schüttelte sie den Kopf
und erklärte
Bester Das haben wir schon Alles gehabt Hier in Nr 17 dieses schändlichen
Hauses wohnte ich ein paar Monate und wollte arbeiten es ging nicht Ein
Alter hässlich wie du aber verliebter besuchte mich und belog mich mit einer
Menge Verheißungen die er nicht wahr machte Da brannt ich hier durch und
wollte nach Hamburg Dann kamst du Ich hörte dir gern zu wenn du von der
Besserung sprachst du klimpertest dabei in der Tasche mit Geld und machtest mir
Komplimente wie ich sie nicht immer höre Du wolltest meinem Vater dankbar
sein Der Vater ist früh gestorben die Mutter nach ihm ich hörte dich gern
von ihm erzählen und die Tante die mich erziehen sollte hasstest du wie ich
Da freut ich mich in ein Ohr das geduldig zuhörte mich recht austoben zu
können Ich ging auf deinen Vorschlag aus Zorn ein Du weißt wie er schon am
Morgen des dritten Tages abgelaufen ist Ich war erst wütend auf dich Ich
wollte abwarten dass du mir deine Geschenke wiederschicktest sie kamen nicht
du ließest mich einladen hierherzuziehen und unsere Abrede auszuführen Ich
lachte dich aus Da ist denn etwas gekommen was mich ganz von dir abzog Ich
war neulich bei der Tante
Auguste stockte Murray horchte
Bei der Ludmer sagte Murray und man sah ihm an wie ihn dieser Name
entflammte
Das Mädchen fuhr fort
Eines Tages vor drei Wochen war ich bei der Tante
Du sprachst zur Ludmer von mir Auguste Tatst du Das rief Murray
Ich spreche zu Niemanden etwas von Dingen die mir als Geheimnis anvertraut
sind sagte Auguste nicht ohne Stolz
Was tatest du bei der Tante forschte Murray sich beruhigend
Die MalerGuste schwieg einen Augenblick dann fing sie leiser und fast
lächelnd an
Höre mir zu Alter Ich will dir jetzt auch eine Geschichte erzählen Es ist
leicht möglich dass du deine Absicht meinen Eltern im Grabe eine Freude zu
machen indem du mich auf andere Wege führst noch erreichst aber hörst du
Alter auf andere Art Jetzt pass Acht
Ich lerne gern Ich weiß Gott hat viele Wege uns zu bessern Sprich sagte
Murray und sein Auge leuchtete mild und voll Hoffnung
Wie mein Vater starb erzählte Auguste und bald nach ihm wie wir von der
Festung hierherzogen meine Mutter war ich eine Waise von etwa sechs Jahren
Die Leute die mich weinen sahen erkundigten sich nach meinen Angehörigen und
sie erfuhren denn dass ich eine Tante hatte die Schwester meines Vaters der
seinen Dienst der Gnade verdankte dass diese stolze vornehm gewordene Person
sich einmal seiner erinnerte Es war die einzige gewesen Später aber kam eine
Zeit wo sie besonders wieder freundlich und zutunlich sein sollte
Die Zeit meiner Gefangenschaft
Dann zog sie aber wieder ihre Hand zurück
Die Zeit meiner Flucht
Hier als ich Vater und Mutter verloren hatte sträubte sie sich mit Gewalt
dagegen etwas für mich zu tun Ein altes Kleid gab sie zuweilen her das für
mich verschnitten wurde Eine halbe Bettlerin bekam mich in Obhut und Pflege und
erhielt dafür nicht mehr als ein Almosen
Wie hieß diese Frau
Ah wir nannten sie nur die alte Lene Sie ging bei der reichen Frau von
Harder ab und zu bettelte trödelte
Murray schien auf einen Namen gewartet zu haben der offenbar nicht mit der
alten Lene übereinstimmte
Auguste fuhr fort
Der Lene gaben sie mich mit wie einen alten ausgetretenen Schuh Sie sollte
sehen was aus mir noch zurechtzuflicken war Wenn ich klagte dass ich hungerte
wenn ich zur Tante lief und weinte tröstete sie mich sie würde mich noch
einmal an einen schönen Ort schicken in einen grünen Wald zu einem Förster und
einer andern Tante die sie immer o wie nannte sie sie
Ursula rief Murray und legte die Binde höher auf die Stirn
Ursula Marzahn sagte Auguste selbst erstaunt dass ihr der Name einfiel
Ursula Marzahn Und du kamst dorthin In den Wald In welchen Wald
Was weiß ich Welcher Wald Der Mann der Ursula starb sie sollte wieder
heiraten und der Mann den sie wollte mochte sie nicht
Sie musste damals schon den Funfzigen nahe sein
Ich kenne sie nicht
Du kennst sie nicht Nun Fahre fort
Ich will in das Jägerhaus sagt ich oft wenn die alte Lene mich geschlagen
hatte und zum Betteln zwang Die Tante gab mir dann wohl einen Groschen ließ
mich aber wieder laufen und sorgte nicht für mich Einstmals als man mich
aufgegriffen hatte weil ich als nun schon zwölfjähriges Kind mit
Schwefelhölzern hausiren ging und Auskunft über Die geben sollte für die ich
auf den Straßen und in den Häusern so zudringlich bettelte und die alte Lene
genannt hatte wurde diese festgesetzt Sie hatte eine förmliche Gesellschaft
von Kindern abgerichtet die alle für ihre Rechnung Schwefelhölzer Band oder
Blumen verkaufen mussten Jeden Abend um neun Uhr kamen die Kinder in ihre
einsame Lehmhütte vorm Tore fast im Felde wo sie wohnte brachten ihr das
eingenommene Geld empfingen einen kleinen Anteil und bekamen neue Ware Wer
des Tags nichts eingenommen hatte bekam keine Vorräte mehr Wer Geld
unterschlagen hatte wurde von ihr mit einem Besen gestäupt und jämmerlich
geschlagen Sie wohnte so einsam dass die Nachbarn das Geschrei nicht hören
konnten wenn wir oft wohl an zwanzig Kinder die da und dorthin gehörten mit
unseren Körben standen und ihr beim Scheine einer alten Laterne Nachts im
Lehmhofe unsre Pfennige vorzählten Wie zitterten wir vor der Alten wenn unsere
Ernte nicht reich war oder wir uns hatten beigehen lassen etwas zu naschen
Sie wurde aber nun eingesteckt die Kinder die sie misbraucht hatte wurden der
schärfern Sorgfalt ihrer Angehörigen wenn sich welche finden ließ
anempfohlen ich der Tante Ludmer Diese vor Zorn dass ich ihr ein polizeiliches
Gerede gemacht hatte schickte mich da der Herr von Harder Geheimrat und
Aufseher aller königlichen Gärten geworden war nach Solitüde wo ich beim
Gärtner arbeiten sollte Eine Zeitlang gefiel mirs da recht wohl Ich bekam
doch zu essen Ich wurde größer stärker und entwickelte mich Vom Lernen war
keine Rede und Gott seis geklagt ich kann kaum meinen Namen schreiben Alter
Könnt ich dir etwas von meiner schönen Handschrift abgeben sagte Murray
und zeigte auf ein Papier wo er Einiges notirt hatte was Auguste nicht
verstand auch in ihrer Aufregung nicht erkannt hätte wenn sie überhaupt lesen
konnte
Ja sagte Auguste du bist ein Tausendkünstler Und gewiss hast du auch
einmal deshalb sitzen sollen weil du falsche Wechsel machtest Was
Etwas Ähnliches mein Kind sagte Murray ernst
Bei dem Schlossgärtner fuhr Auguste fort blieb ich zwei Jahre Er trieb
auch Landwesen Das gefiel mir Alles recht wohl Ich kann es sagen dass ich in
ein solches Geschäft Lust und Geschick habe Schon auf den Wald von dem die
Tante immer sprach hatt ich mich gefreut Ich kannte das grüne Feld nur von
den Schlägen her die wir draußen in der Lehmhütte der alten Lene bekamen
Gärten nur von den zusammengemausten Blumen die wir verkauften An Solitüde
denk ich gern zurück Ich war zwei Jahre draußen freilich nur als gemeine
Magd die das Heu zu mähen die Kühe zu melken hatte Auch die Milch trug ich
in die Stadt wenn eine ältere Magd krank war Um diese Magd kam ich fort Sie
behauptete ich hätte genascht und gestohlen und ich weiß es nicht ob es wahr
ist Das Naschen glaub ich wohl das Stehlen war aber doch sonst meine Sache
nicht und das Lügen ganz und gar nicht Genascht Alter Ja ja sie mag Recht
haben Aber am meisten hasste sie mich weil ich so allmälig bei guter Kost und
tüchtiger Arbeit ein schönes Ding geworden war und allen Männern gefiel Die
Bursche stellten mir schon von dreizehn Jahren nach und einige hatt ich schon
fresslieb Aber curios Die ganz jungen mocht ich nicht Ich war ein Ding von
vierzehn Jahren als ein Inspektor Namens Mangold auf Solitüde kam und den
ganzen Park wie neu umpflanzte Da wurden Bäume gesägt Wiesen ausgeschnitten
das Wasser wurde anders geleitet und eine Menge Menschen fanden dabei ihr
Unterkommen Der Gefälligste und Artigste war aber der Inspektor Mangold selbst
Der war nicht mehr ganz jung aber artig höflich und ich kann dir nicht sagen
Alter was Höflichkeit auf mich wirkt Ich habe die schönsten und vornehmsten
Jungen später nicht gemocht weil sie zu mir kamen sich auf mein Sopha
flegelten betrunken waren und mich dutzten Ein schüchterner manierlicher
Mensch aber tut mirs gleich an und wenn er auch arm ist Der Gärtner und alle
seine Gehülfen waren grob und derb Mangold nicht und in den waren auch alle
Mädchen verliebt am meisten aber die Magd die der Gärtner zur Haushälterin und
Wirtschafterin genommen hatte Die passte mir auf Die verhetzte mich Denn ich
verriet mich gleich und sagte ganz laut Den Inspektor nähm ich wenn er auch
zehnmal einen roten Bart hat und ich nähm ihn auch ohne lang Heiraten Ich
muss lachen
Über die früh entwickelte Großmut deines Herzens sagte Murray bitter
lächelnd
Das sollst du gleich hören Papa Damals kam mir der Inspektor schön wie ein
Bild vor Ich verehrte ihn und hätte ihm eigentlich bloß mögen immer die Hand
küssen Und weil ich Das einmal sagte und er als ich ein paar Blumenstöcke
richtig gebunden hatte und auf dem Grase kniete mir auf die zufällig nackten
Schultern hinten klopfte und die Wirtschafterin sahs am Fenster da musst ich
fort Ach was hab ich geweint Es half nichts Ich kam in eine Fabrik wo
ich zur Predigerlehre angehalten und confirmirt wurde Die Arbeit in der
staubigen Fabrik man machte wollene Decken und haarige Filze konnt ich
nicht ertragen Meine Brust war so an frische Luft gewöhnt Ich war auch
durch die Feldarbeit schwer in den Gliedern träge und träumte viel Die
Mädchen die mit mir arbeiteten erzählten nichts als Possen und Lüderlichkeit
Alter da wurd ich schlimm Nicht in Wirklichkeit sondern in Gedanken In
Gedanken küsst ich jeden Mann den ich sah und der mir gefiel Wenn ich schlief
so küsst ich das Kopfkissen und drückt es weil ich dachte das ist Der oder
Der Mit der Fabrik wars nichts So kam ich in einen Dienst bei einem berühmten
Maler Ich nahm diesen Dienst lieber als andere weil das Haus dieses Malers
er heißt Berg in den schönsten neuen Straßen unter Gärten und Blumen liegt
und ganz herrliche Bäume in der Nähe hat Da fand ich aber meinen Untergang
Papa Ein schöner junger Mann sah mich immer so verliebt so scharf und
schmachtend an dass ich ihn selber hätte verzehren mögen Er lernte die Malerei
bei meiner Herrschaft Der junge schöne Maler hieß Heinrichson ach Alter
ich sage nichts mehr Es lag mir schon in den Augen Die hatten so einen Zug so
eine Sucht Die Blume wollte an die Luft und die Teufelsbilder und das schöne
Haus und der Garten und die jungen Männer und mein Blut alle hatten mirs
angetan und ich lag dem schönen Manne im Arm so unversehens wie Einer fällt und
nicht weiß wie er auf die Erde kommt Das muss so mit den Schlangen sein denen
die Tiere in den Rachen laufen als wenn es zur Hochzeit ginge Ich sah und
hörte nun dass es Frauen gab die sich entschlossen den Malern für ihre Bilder
wie sie gewachsen sind zu sitzen Wie ich Das hörte Alter überliefs mich
siedendheiss Der Professor ein guter Herr sah mich auch oft so sonderbar an
als wollt er sagen dich hat Gott zu etwas Anderem erschaffen als mir hier die
Stube zu kehren und den Ofen einzuheizen Aber der Meister sagte mir nie etwas
von meinem Wuchs Nur die Schüler und Heinrichson verlockten mich Aber von den
Andern mocht ichs nicht hören Ich schämte mich und lief fort wenn sie davon
anfingen ich sollte ihnen sitzen Da lockte mich aber Heinrichson einmal auf
sein Zimmer die Schlange
Rege dich nicht auf Auguste sagte Murray zu dem Mädchen das zu zittern
anfing
In Gedanken fuhr sie fort in Gedanken war ich längst gefallen Seit ich an
die Maler dachte die ihre Bilder nach wirklichen Menschen malen war mirs am
hellen Tage wo ich ging und stand als hätt ich keine Kleider mehr an Ich
wurde rot und wusste nicht worüber Ich bedeckte mich bis zum Hals und kam mir
vor als müsst ich mich schämen Ich sah mich immer wie mir Heinrichson einmal
zugeflüstert hatte wie er mich so wunderschön malen wolle Was soll ich sagen
Ich gab ihm doch erst meine Liebe und dann erst meine Scham und Tugend Ach
Alter Das ist ein Teufel
Er wollte nur deine Schönheit war herzlos nachdem er sie gewonnen hatte
Alter dem Heinrichson so toll ich ihn liebte dem hätt ich später
manchmal das Herz aus der Brust reißen mögen aber er hat kein Herz Er nahm
mich vom Professor weg mietete mir eine Wohnung besuchte mich täglich
zeichnete malte mich
Nicht allein Auguste Es kamen Freunde mit ihm ihr schwärmtet ihr
tranket
Ja Ja Murray Aber das Kind war von ihm
Welches Kind fragte Murray erschrocken
Es ist tot sagte Auguste dumpf Es starb zu rechter Zeit Als Heinrichson
von mir eine Mappe voll Zeichnungen und ich von ihm das Kind unterm Herzen
hatte verließ er mich nein Murray ich war nicht untreu Er er schickte
nur die Freunde die mich zeichnen sollten Er wollte dass ich Allen gehörte
gemeinsam war wie ein Soldat ein Kunstreiter ein Trödler mit einem langen
Bart wo sie zusammenschiessen und Jeder für seinen Taler ihm ein Stück vom
Leibe abzeichnet Als ich aber das Kind trug Alter so nützte ich Keinem
Ha ha da war ich die Venus nicht mehr um die sie einen roten Purpurmantel
schlugen und als ich Mutter war hieß es meine Schönheit hätte den Rest
gekriegt
Auguste schluchzte Ihre Erzählung erstickte ihre Tränen
Murray schonte ihren Kummer so sehr er sich auch nur auf das Gefühl der
verletzten Eitelkeit zu stützen schien
Das Kind starb sagte er weich und teilnehmend
Ha rief Auguste aber die Mutter wollte leben leben aus Rache um diesen
Vater leben Sie lebte auf Sie fluchte dem Elenden der gesagt hatte Deine
Formen nehmen ab Er nur hatt es gesagt weil er zu viel Andere lieben musste
und sich nicht teilen konnte Er nur der heute bei einer Vornehmen morgen bei
einem Bürgermädchen ein Rendezvous hatte Der Elende Sein Kind war tot aber
die Mutter lebte
Lebte rief Murray Nennst du Das Leben dass du nun einen geistigen Tod
starbst Nennst du Das im Sonnenstrahl aufblühen dass du nun ein Kind der Nacht
wurdest Den Sonnenstrahl fliehst du wie er dich auch aufsuchen möge um dir
ins Antlitz zu leuchten und dich an Besinnung und Umkehr zu mahnen Kehre um
Auguste Noch stehst du nicht so tief auf der Leiter die hinunter in den
Abgrund führt dass es sich nicht noch lohnen sollte wenn du deine letzte
sittliche Kraft zusammennähmest und wieder aufwärts stiegest
Auguste schwieg Der Gedanke an ihr Kind an den Anfang ihrer Irrgänge an
Heinrichson hatte sie zu heftig erschüttert Sie stieß sich den alten Tisch der
in ihrer Nähe stand mit dem Fuße heran und stützte den Kopf auf dessen
zierlicher wie zur Festesfreude aufgebundener Haarschmuck in einem seltsamen
Abstich war gegen ihre plötzlich leidenden und schlaffen Züge
Nach einer Weile fuhr sie fort
Papa höre ob sich vielleicht noch etwas aus mir machen lässt
Sprich Auguste antwortete Murray voll aufmerkender Teilnahme
Die Tante hat in meinem Elend nichts mehr für mich getan sagte Auguste
Wie oft fleht ich sie fast fussfällig an mich aus dem Jammer herauszureissen
Sie verbot mir das glänzende Haus des Geheimrates zu besuchen ja sie
untersagte mir mich ferner nur ihre Verwandtschaft zu nennen Der Geiz der sie
brennt und aufzehrt
Ist sie so geizig die Ludmer
Geizig wie du sagte Auguste
Murray lächelte
Der Geiz und die Sparsamkeit für den Oberkommissair Pax den sie ihren
Vetter nennt als wenn der mein Bruder wäre machte dass sie mir jede
Unterstützung entzog Heinrichson mocht ich nicht bitten den hasste ich So
führte mich das Elend soweit als du mich angetroffen hast Die Tante drohte
schon oft mich gewaltsam von hier wegbringen zu lassen
Ist sie so tugendhaft die Ludmer
Haha Wenn sie wie ihre Herrschaft ist
Wie Pauline
Heißt die Pauline
Die Geheimrätin von Harder
Die ist alt und hässlich und nimmt doch noch auf was ich wegwerfe
Was du wegwirfst
Vor Eurer Ankunft Papa war mein Elend am höchsten gestiegen Ich wollte
fort nachdem ich die Tante so aufs Blut gereizt hatte dass sie in ihrem Zorn
ein Bund Schlüssel nach mir warf die mir fast das Auge ausschlugen
Sie ist wild
Da kamst du Papa Dann war es auch mit dir nichts Dein Kontrakt
wurde mir zu schwer und eigentlich ging ich ihn nur ein weil ich wieder einmal
gemalt sein wollte aber als Auguste Ludmer als ich selbst nicht als Venus mit
dem roten Mantel Aber unsere Sache endete in der Fortuna Ich musste sitzen
wie du Was wirst du dann anfangen sagte ein Herr der am dritten Tage dass ich
saß in mein Gefängnis kam was wirst du dann anfangen wenn du frei bist
Am dritten Tage ein Herr Doch nicht ein Franzose
Ein alter Franzose in feinem Rock mit Orden
Einer weißen Weste und einem roten Notizbuche in der Hand
Der
Der dieselbe Frage auch an mich richtete Murray was werden Sie dann
anfangen wenn Sie frei sind sagte er zu mir Was antwortetest du
Ich sagte Mein Herr ich fange nie etwas an ich lass es gehen wie es
Gott gefällt Da lächelte er und ich sah sogleich den Fuchs
Den Wolf im Schafspelz
Er wollte meine künftige Wohnung wissen und schielte mich an als hätt er
mich zu taxiren
Du irrst doch wohl Auguste Dieser Mann heißt Murray griff nach der
Visitenkarte Sylvester Rafflard und ist ein Abgesandter fremder Vereine die
sich die Verbesserung des Looses der Gefangenen die Untersuchung der
Gefängnisse den Einfluss auf die künftigen Schicksale der Verbrecher zur Aufgabe
machen Da ich mich nicht schuldig wusste und traurig war gab ich ihm wenig
Antwort Ich bin überrascht dass er mich heute besuchen wollte Ich fand seine
Karte abgegeben
Zu mir sagte Auguste wird er nicht kommen Ich war so voll Zorn dass ich
ihn mit allen seinen Redensarten von Besserung zur Tür hinauswerfen lassen
wollte und ihm einen Kalbskopf über den andern nachschimpfte In dem Zorn wurd
ich eben frei Die Kleider und Schmucksachen waren mir genommen und unter Lachen
und schlechten Witzen gaben mir die Aktuare gute Lehren Da rannt ich zur
Tante Man wollte mich abweisen Ich ließ mich nicht stören Es war mir als
hört ich die Stimme der Alten in den Zimmern der Geheimrätin Ich werfe den
Bedienten bei Seite reiße eine Tür nach der andern auf und stehe vor einem
wunderschönen Bilde das ganz frisch wie eben fertig mit noch halb nassen
Farben ich hab etwas von dem Handwerk gelernt beim Professor Berg auf einer
Stellage steht Das bin ich sagt ich mir Das hat Heinrichson gemalt und in
dem Augenblick geht die Tür auf und Heinrichson mit der Geheimrätin tritt
herein Ha ha ha fang ich an zu lachen Da zu lachen war Verrückteit Ich
war auch verrückt Ich weiß noch jetzt nicht ob ich in dem Augenblick Vernunft
gehabt habe Ich lachte und schluchzte und redete mit Heinrichson wie er schon
längst nicht mehr da war Heinrich Heinrichson rief ich bin ich Das Sags
deiner Liebsten das weiße Tier da der Vogel auf dem Bilde warst du du
tückischer falscher heuchlerischer Drache So kannst du lügen wie dies Tier
da Sieh wies mit dem Schnabel klappert wie der Held den Schönen spielt und
die arme Auguste Ludmer schläft oder macht die Augen zu um deine Teufelsaugen
nicht zu sehen Beiss mich nicht sprach ich Geh Geh ich verlange nichts für
mein Kind geh es ist tot Und in dieser Art sprach ich meine rasende Wut vor
dem geleckten Menschen aus seine zierlich gekräuselten geölten Locken hätt
ich zerzausen mögen Aber er war fort Die Geheimrätin zog die Glocke alle
Glocken im Hause schellten Die Ludmer kam und schleppte mich fast an den Haaren
hinaus Wahnsinnige schrie sie mich an du machst dass ich dich noch ins
Tollhaus stecken lasse
Schändliche was willst du hier Welche Frechheit gegen die Herrschaft
gegen einen fremden feinen Herrn ich war todtblass stieß sie zurück und
setzte mich auf ein Sopha um mich zu erholen Sie wollte mich aufreißen ich
schleuderte sie wieder zurück dass sie auf einen Sessel sank und ächzte Du
mordest mich noch stöhnte sie Ich sagte Ja das tu ich So saß ich wohl zehn
Minuten Ich war zu elend ich konnte nicht mehr sprechen Immer dacht ich
auch die Tür geht auf und Heinrich Heinrichson kommt wieder herein und sagt
dir Auguste vergib mir Ich bereue dass ich die Ursache deiner Leiden bin Ich
denke täglich an dich wenn ich in meiner Mappe blättere und diese schönen
Bilder male Vergib mir Du siehst ein vornehmes Weib liebt mich Was kann ich
für dich tun Aber Heinrich Heinrichson kam nicht Die Tante hatte sich erholt
stellte sich wenigstens so und verlangte dass ich mit ihr in ihre Wohnung ginge
die in einem Nebengebäude liegt Ich ging ganz willenlos hinter ihr über den
Hof Ich sage Das ausdrücklich weil ich wohl mag ausgesehen haben wie das Leiden
Christi Wer mich sah mag gedacht haben Die schlägt die Augen nieder und ist
sittsam wie ein Grabesengel
Warum erwähnst du Das Wer sah dich denn
Im Zimmer der Alten fuhr Auguste sinnend fort hielt sie mir eine letzte
Strafpredigt und gab mir zwei Taler Ich musste sie nehmen weil ich nichts zu
essen hatte Vor ihrem Spiegel ordnete ich meine Kleider und ging nun Ich
elendes Geschöpf mag doch gedacht haben Vielleicht sieht Heinrichson dir
durchs Fenster nach Ich will doch nicht dass er hinter mir herspottet und mich
auslacht Ich tat also nun als wär ich froh und hielt mich recht aufrecht So
kam ich nach Haus Nach einer Stunde etwa kommt Franz von der Geheimrätin ein
Lakai Er macht mir einen Vorschlag Ein Mann in seinen besten Jahren hat mich
draußen bei der Tante gesehen und Gefallen an mir gefunden Ob ich Den heiraten
und dann die Gegend verlassen wollte Habt Ihr irgend einen Gauner bezahlt rief
ich damit ich nur fortkomme und dem Liebhaber der Geheimrätin nicht die Augen
ausreisse Der Bursch ließ sich auf nichts ein sondern blieb dabei dass es
richtiger Ernst seiner Herrschaft wäre den Mann dürfte er nur nicht nennen ich
sollte mit ihm nächster Tage auf einen Fortunaball gehen und da mit ihm
anknüpfen aber sittsam sein und gescheut und dann fort von hier Es wär ein
Fremder der von der Stadt nichts wisse auch nur dann und wann herein käme
wenn er mich nähme und ich mit ihm davonzöge würde man mir ein Heiratsgeschenk
von zweihundert Talern machen Ich lärmte zwar und polterte und drohte ich
steckte doch noch einmal das ganze Haus der Geheimrätin an allein wie der
Mensch ist auf den Fortunaball ging ich doch und sah da meinen Freier Papa
was meinst du nun wohl wen sie mir ausgesucht haben
Ich bin begierig sagte Murray schaudernd über das leichte Gewissen
dieser ihm wohlbekannt scheinenden vornehmen Menschen
Den besten Engel auf der Erde sagte Auguste lachend meinen geliebten
Freund von Solitüde der mich einmal gelobt hatte weil ich Blumen mit Bast an
hölzerne Stäbe zu binden verstand und mir auf die Schultern klopfte als ich im
Grase kniete
Den Inspektor
Mangold Ein Kind von siebenundvierzig Jahren Nun zwar schon ein bisschen
von der Sonne getrocknet aber rüstig und gut wie immer
Kannt er dich
Wo wird Der mich Lieber Gott Der Mann kennt Bäume wieder die aus dem
Samen gezogen sind den er gesammelt hat aber Menschen Ich musste ihm ins
Gesicht lachen erst weil ich den Kopf schütteln musste dass ich in den steifen
Patron hatte verliebt sein können und dann weil er mir zu possirlich den Hof
machte und es wirklich ganz ernst nimmt
Aber Auguste rief Murray Man hat da einen rechtlichen der Welt unkundigen
Mann getäuscht Du wirst doch nicht
Getäuscht
Auguste getäuscht Man hat ihm falsches Gold für echtes gegeben
Falschmünzerei Ha Ha Das sind keine zwanzig Jahre Zuchthaus die Denen
blühen die schmuzige Seelen für reine in Kours setzen Die gehen frei aus Die
dürfen nur lachen
Papa
Auguste dass du nur eine Minute diesen redlichen Mann über dich hast können
in Zweifel lassen Das macht dich zur Hehlerin der Falschmünzerei Darauf stehen
zehn Jahre
Vater du bist toll Mässige dich quäle mich nicht Zehn Jahre Ich habe
Mangold gleich ausgelacht aber jemehr ich lachte desto mehr wars ihm Ernst
ich sollte sein Weib werden und ihm auf ein herrschaftliches Schloss folgen wo
er künftig wohnen würde Das Schloss läge einsam er müsse nun endlich eine
Gefährtin für sein Leben haben das abwärts ginge Ich habe mich sittsam
benommen weil Das ein Ehrenmann ist Aber gelacht hab ich doch und ihn
zitternd vor Wonne abgewiesen und wie ein Kind geneckt Dennoch will er mich
Alle drei Tage kommt er von Solitüde und geht mit mir Abends einsam spazieren
und spricht von einem Schloss Namens Buchau weit von hier wohin ich ihm folgen
soll Ich habe aber trotzdem dass mein Arm an seinem bebt soviel Achtung vor
ihm dass ich ihn durch mein Ja nicht betrügen will und neulich
Nun Auguste
Neulich gestand ich ihm meinen ersten Fehltritt
Das war brav Was sagte er Nicht wahr es ist nun vorbei
Auguste schwieg
Murray fuhr fort
Er sprang auf er riss sich aus deinen Armen los Und Das führt dich nun her
Du bist unglücklich verzweifelst weil dich Alle verstoßen Niemand dich
mag
Aus meinen Armen sagte Auguste und schüttelte den Kopf Papa denk doch
nicht zu schlecht von mir Ich bebe wie im Wind ein Blatt vor dem Manne ich
glaube nicht dass er mich schon einmal küsste
Was aber sagte er als du ihm gestandest dass du nicht mehr so bist wie du
aus der Hand Gottes hervorgingest
Er sprang auf wie du sagtest Papa er weinte sogar ein bisschen schien
mirs und lief dann auch davon Er sagte mir Abschied auf immer und nach
drei Tagen
Nach drei Tagen
Klopfts wieder an meine Tür
Die Vergebung kam
Die Vergebung
Auguste Und Dies zerreißt nicht dein Herz im innersten Busen Du sankest
nicht auf deine Knie und strecktest die Hand zum Allmächtigen empor der seine
Himmel öffnet und schon wieder einen Strahl seiner Gnade zu dir herabsendet Er
vergab dir Der edle Mann der nahe seinem funfzigsten Jahre noch auf Liebe und
Unschuld hoffte
Ach Papa sagte Auguste in der Tat schmerzzerrissen Was soll ich nun
tun Das Eine vergab er mir aber das Andre ach es ist so Vieles
Erzähle mir warum er dir vergab und ich sage dir ob ein Engel des Himmels
auch über das Andre hinwegkommt Warum vergab er dir dass du eine Gefallene
warst Mutter von einem Kinde
Weil Buchau weit und einsam wäre sagte Auguste und kein Mensch dorthin käme
als nur zuweilen der König und die Königin wenn ihnen die Krone zu schwer würde
und unter den alten Eichen wo der Mensch ganz allein sich selber gehörte
und nur vor Gott Rechenschaft abzulegen hätte da vergässe man Vieles und an
rechter Stelle nähme sich jeder Baum auch wenn er schief und krumm gewachsen
wäre angenehm aus ja an Teichen hätte man es ja gern wenn die Trauerweiden
die mit ihren langen Hängezweigen hineinlangen ein bisschen gebeugt stünden und
dabei gab er mir die Hand und sagte Er hätte mich wirklich auch schon als Kind
lieb gehabt
Murray schwieg eine Weile gerührt dann erklärte er
Der Teich ist die Busse und die Weiden sind die Reue O mein Kind ich
flehe lache nun nicht mehr Spotte die Regungen eines bessern Gefühles nicht
aus deiner Seele hinweg Wie ging es denn mir da dein Vater mich dem Leben
zurückgab Ich trotzte nicht mehr ich erkannte eine höhere Allmacht und fühlte
die starke Himmelshand sichtbar als wir auf dem Meere von den Stürmen
gepeitscht in den Wellen hin und hergeschleudert wurden Ich war noch
verstockt als ich in Hamburg das Schiff bestieg verstockt als ich Land sah
die Dünen der Schelde und des Rheins aber draußen im großen Ozean wurd ich
demütig und was ich in einem Sturme gelobte wo eine einzige Welle von dem
Schiff fünfzehn Menschen neben mir fortspülte in den Abgrund Das hab ich
gehalten habe gearbeitet gebetet und auf mich selbst gelauscht Ich bin kein
Frömmler Aber wenn es mir schlecht ging in Amerika nahm ich zwölf Bibeln von
einem Buchbinder gab meine letzten Kleider auf einen Tag bei ihm dafür zum
Versatz und ging mit meinen zwölf Bibeln in die Häuser Wo eine Dienstmagd am
Brunnen wusch stellte ich mich zu ihr und bot ihr das Buch der Bücher zum
Verkauf Kein Mensch ist so arm dass er nicht das erste Ersparnis anwendete
sich eine Bibel zu kaufen In einem Vormittage schon hatte ich bei den Ärmsten
zwölf Bibeln verkauft und mit Vorteil ich brachte das Geld bekam meine
Kleider und konnte am Nachmittag noch neue zwölf absetzen Ich machte aber kein
Geschäft daraus Nur immer wenn ich ganz darbte wenn nichts mir übrig blieb
als betteln zu müssen dann half ich mir mit den zwölf Bibeln O mein Kind ich
frömmle nicht ich bin nur ein Mensch der da fühlt dass er die Welt nicht hat
erschaffen können Wer Das sich sagt Dem hilft die große Hand die mit dem
Erdball wie mit einem Kreisel spielt Mädchen halte sie fest diese ersten
Schauer innerer Einkehr Wenn sich ein edles Herz fände das dich erlöste
Auguste schien zwar erschüttert zuckte aber doch schon wieder spöttisch mit
den Lippen
Mädchen rief Murray erregt Trotze nicht ewig so gegen dich selbst
Auguste wollte nun aufstehen
Nein Auguste du bleibst Hörst meinen Worten Verflüchtigst die bessere
Regung nicht Gib diesem Hämmern in dir diesem Klopfen deines Gewissens Gehör
Auguste versuchte aber zu trällern und wollte nun fort
Nieder rief jetzt Murray und warf die Binde auf die Stirn
Herr Gott was willst du Papa antwortete das zitternde Mädchen das
gleichsam nur sich selbst entfliehen wollte
Auguste erschrak vor Murray fürchtete sich nun fast vor ihm Er hatte ihre
beiden Hände ergriffen Er drückte sie mit Gewalt auf den Stuhl Sie von Furcht
gepackt fast zitternd vor Angst fast auch über sich selbst drängte von ihm
loszukommen Er bat er flehte sie sollte jetzt eingestehen dass sie elend
eine Verworfene eine Sünderin wäre Sie stieß ihn zurück Da warf er die Binde
ganz von seinen Augen Flammend und groß brannten zwei mächtige Augenkerzen auf
sie nieder Sie hätte schreien mögen
Lass mich flehte sie und wollte fort Den Hut hatte sie schon in der Hand
Murray aber schleuderte den Hut und den schwarzen Flor den er vorm Auge
trug von sich und rief
Nieder Auguste Nieder wiederholte Murray und schlug seine beiden Augen so
voll und so hell auf dass sie wie zwei Flammen in der Nacht leuchteten
Was hast du Was sollen meine Hände Was tust du
Falte die Hände rief Murray fast wie ein Tierbändiger in einem Käfig einen
Panter ergreifen und auf die Erde schmettern würde
Du zerbrichst sie Lass Lass stöhnte Auguste aber doch schon gedemütigt
von der mächtigen geistigen Gewalt des Alten und auf die Erde sinkend
Falte die Hände Bete mir im Geiste nach was ich laut sprechen werde Bete
Bete Auguste
Auguste ließ das Haupt sinken hielt die Hände die auf ihren Schoss wie
ohnmächtig und leblos niederglitten so zusammen wie sie Murray ihr gefaltet
hatte und hob die bebenden Lippen indem ihre Augen starr und wie irr an den
Augen Murrays hingen
Murray sprach
Nicht zu dir Herr des Himmels red ich Denn ich kenne dich nicht und
meine Augen sind trübe Zu mir selbst will ich sprechen Zu meinem eigenen
eigensten inneren Geiste In mich selbst will ich blicken in mein innerstes
Herz Der Gott der mich geschaffen hat wird mir zur Seite stehen und mir
deuten was ich jetzt sehe jetzt fühle Ich fühle mich elend und ich sagt es
mir nicht Ich fühle mich in tiefster jammervollster Trostlosigkeit und ich
lachte Derer die mir Erquickung boten Wer bin ich Allmächtiger Ein Haufen
Erde in dem die Würmer wühlen werden wenn meine Stunde gekommen ist Ich bin
Staub Asche Ein Totenkopf sieht mich einst an wenn ich in den Spiegel
blicke und die Lippen die einst so frevelten spöttelten sagen mir jetzt
schon Das ist einst dein Bild Ach gibt es eine Schönheit die unvergänglicher
wäre als die eines reinen Herzens Das fühl ich doch wie ein Kind so lieblich
und gehorsam in seiner spielenden Welt lebt die Freude der Menschen ist auch
Derer denen es nicht gehört und die es nur sehen nur wie fremd beobachten Wie
schmückt Jeden unter uns die Zier einer friedfertigen kindlichen Gesinnung Wie
schön steht uns zu dulden und nicht zu murren wider das Geschick Der Himmel hat
mir nie lächeln wollen Ich weine drob Ich armes Kind das ich unter
Unglücklichen und Bösen aufwuchs die Eltern nicht kannte und mit ihnen nichts
vom Jugendglück Aber prüfe dich recht mein Herz Nahmst du nicht jedes deiner
Misgeschicke für eine Entschuldigung deiner Fehler Sagtest du dir nicht Wie
kann ich auf die Zufriedenheit mit mir selbst bedacht sein hab ich doch keine
Freude als die flüchtige der Selbstvergessenheit Ach es wird die Stunde
kommen Auguste wo du an deinem Ohre die Worte hören wirst Wie war sie schön
und wie verblühte sie nun Du wirst hören dass man Andre preist und Die die du
am meisten verachtetest weil du ihre Seele kanntest die werden sich vor dir
brüsten und sich rühmen dass an ihren Blättern der welkende Herbst erst um
einige Tage später erscheint Ach dann werd ich nach ewiger Schönheit suchen
und sie nirgend finden als in Bescheidenheit und treuer Liebe Treue Liebe Du
süssestes Kleinod des edlen Frauenherzens Treue Liebe Du Schmuck der Armen Du
der einzige Stolz der Geliebten wie das Kind selbst ein schwaches und
unschönes doch der beste Schmuck seiner Mutter ist Treue Liebe Wer bringt mir
deinen Hauch dass ich ihn in meine Seele ziehe wie einen Duft der Opfer die
dem Herrn angenehm sind dass ich ihn wieder ausströme in ein Herz das noch
Hoffnung zu mir fassen kann Ach dass der Gute Edle Vergebende sein sanftes
Auge auf mir ruhen ließe Dass ich die letzten gesammelten Reste meiner bessern
Natur die ich doch aus mancher stillen Abendstunde kenne dem schon früh
Geliebten bieten dürfte wie die arme Witwe ihr Erspartes mit der Ärmeren teilt
Weiche nun von mir jede Verstellung Ich will mein Auge niederschlagen auf der
Straße ich will Dem der mich frägt was mir fehle sagen Ich bin krank Ich
will Schmach erleiden will noch einmal zum letzten male versuchen ob eine
gütige Hand mich aus diesem Dunkel führt Und wär es nicht wäre auf meiner
Stirn das Zeichen vergangener Irrtümer zu tief eingebrannt nimmt er mich nicht
hinüber in die Luft die läutert an die Quelle die reinigt auch dann auch
dann Herr des Himmels soll mich nicht die Verzweiflung fassen sondern nur
und nur die Reue Ich will mein Gott in mich sehen will den Trost der
Menschen suchen die mit mir beten und die ein gleiches Bedürfnis trieb mit
seinem eigensten Herzen zu sprechen und auf die ernsten Fragen der Seele mit
Ernst zu antworten Dies Beten hört ja nur Gott Der spottet deiner nicht Der
weint mit dir der freut sich mit dir Der ist dein Widerhall Und hörst du den
Widerhall der aus deinem Herzen tönt dies stille Trösten und diese Ruhe gern
dann ists Der Gott der in dir wohnt Dann ist er dir nahe Glaube ihm
Vertraue ihm Hoffe auf ihn Von nun an in Ewigkeit und die Zeit deines
vielleicht nur kurzen Lebens noch Amen
Wie Murray dies Gebet geendet hatte ergoss sich Auguste in einen Strom der
bittersten Tränen Sie die seit lange nur noch vor Ungeduld geweint hatte
weinte vor Reue und dem Gedanken an ihre tiefste Hoffnungslosigkeit
Murray der mit gefaltenen Händen vor ihr gestanden hatte griff nun
tröstend nach ihrer Hand und zog sie empor Sie ließ willenlos Alles geschehen
was er mit ihr begann Er ergriff die Binde wieder reinigte sie vom Staub und
legte sie ruhig über seine Stirn Dann sagte er
Wann kommt Mangold
Heute Abend aber spät Er isst immer erst irgendwo zu Nacht
In diesem Gebete und der Übereinstimmung mit Murrays Worten hatte sich die
ganze Sehnsucht offenbart dass Mangold sie von ihrem jetzigen Stande erlösen und
an seine reine Brust ziehen möchte
Du wohnst noch in der Königsstrasse sagte Murray
Neben dem Café Richter
So komm ich heute wenn Mangold kommt
Auguste stand ermutigter und gestärkter von diesen Worten dieser Aussicht
auf Trost und Beistand und guten Einfluss auf jenen Edlen von dem Sessel auf den
sie nach dem Gebete gesunken war auf zog ihren Shawl über trocknete ihre
Tränen und suchte ihr feuchtes Taschentuch zu verbergen
Sie wollte gehen ohne ein weiteres Wort zu sagen
Murray rief sie aber in der Tür noch zurück
Auguste sagte er ich habe Vertrauen Glück bessert Torheit Glück
bestärkt die guten Vorsätze Man muss nicht Alles vom Unglück erwarten Das
Unglück verhärtet verbittert uns Du bedarfst nun Glück Du musst nun nicht
darben Du hast Schulden Da Nimm
Damit hatte er die Schublade aufgezogen und reichte Augusten nach kurzem
Suchen ein Papier hin
Es war eine Banknote von funfzig Talern
Auguste gab ihm aber das Papier zurück schüttelte schweigend den
notdürftig geordneten Kopf und wollte fort Ihre Augen waren nicht zu dämmen
Es flossen die einmal geöffneten Schleusen des Herzens über Sie bedurfte der
Luft sie musste für sich weinen können Nur weinen Nur fort
Murray drängte ihr nun fast das Papier auf Sie nahm es aber nicht sondern
ging An der Treppe blieb sie stehen und wandte sich nur noch um die tonlosen
erstickten und heiseren Worte zu sprechen
Unten der Mullrich der Wirtin schuld ich vier Taler Sie lässt
mich vielleicht nicht durch wenn ich durch die Haustür will
Murray gab ihr diese vier Taler
Auguste nahm sie wickelte sie in ihr Tuch und ging ohne aufzublicken ohne
ein weiteres Wort des Abschiedes ohne eine Phrase ohne einen Seufzer still
und tiefbewegt von dannen Sie hatte keine Stimme kein äußeres Leben mehr Sie
ging wie geisterhaft wie ihrer selbst nicht bewusst
Murray kannte diesen Zustand und nannte ihn für sich den des gebrochenen
Rohres
Der Auftritt hatte auch ihn erschöpft Auch er bedurfte frischer Luft zur
Stärkung Es war zu eng um ihn zu dumpf Er wollte aus es dürstete ihn Er sah
nach dem Kruge er trank das Wasser war matt Er gedachte des
Anerbietens seiner freundlichen Wirtin Er ging an die Verbindungstür der
Küche und klopfte Louise Eisold wurde hörbar
Dürft ich Sie bitten sagte er
Sogleich war die Antwort und Louise kam über die Galerie an seine offene
Tür
Was wünschen Sie Herr Murray fragte sie
Dürft ich Sie bitten Haben Sie in Ihrer Küche frisches Wasser
Gewiss sagte sie und sah nach dem Kruge Aber das Wasser war auch da matt
geworden
Ein Gewitter liegt in der Luft bemerkte sie Ich hol Ihnen frisches
Nein nein Mademoiselle
Warum nicht sagte sie
Damit ergriff Louise Eisold den Krug und ging so gefällig sie angezogen
war selbst hinunter um im ersten Hofe Wasser zu holen
Murray lehnte sich und sah über die Galerie und beobachtete das Wetter Er
kehrte in sein Zimmer zurück
Er nahm einen alten Regenschirm setzte den Hut auf schloss die Tür und zog
auf der Galerie alte hellgrüne waschlederne große Handschuhe an
In Gedanken versunken ging ihm dies Alles langsam Er hatte den linken
Handschuh an und wollte eben den rechten anziehen als Louise mit dem Kruge
schon wieder da war Sie nahm ein Glas aus ihrer Küche schwenkte es und
schenkte es aus dem Kruge voll
Wie Murray so dies freundliche Walten eines gewissensreinen unbescholtenen
Mädchens sah wie sie ihm das Glas hinhielt das reine und klare krystallhelle
Wasser im reinen klaren krystallhellen Glase von reiner unbescholtener Hand
dargereicht mit klarem Auge und sittlichem Ernst da sagte er als er getrunken
und sich gestärkt hatte
Glücklich wer ein Gewissen hat das sich nur manchmal so trübt wie ein eben
am Brunnen gefülltes Glas das von den tausend Tropfen krystallreinen Wassers
beschlagen wird
Damit gab er Louisen deren traurige Trübe bei aller Reinheit diesem Bilde
entsprach das Glas Sie stellte den Krug zur Erde und wollte ihm das Geleite
bis an die Treppe geben Wie er nun hinunterstieg und fort war und sie in ihr
Zimmer zurückkehrte hörte Louise im Glase das sie wegstellen wollte einen
sonderbaren Klang Der prächtige Ring von Gold und Edelsteinen den Murray am
Finger gehabt hatte lag auf dem Boden des Glases
Seltsam dachte sie in längeren Pausen Hat er ihn vergessen Oder soll Das
ein Geschenk sein Wer ist dieser Mann So arm So reich So niedrig So groß
So schwach So stark So kindlich So weise So offen so rätselhaft
Wie gelähmt vor Schreck stand sie und betrachtete das funkelnde Geschmeide
wünschte aber die Nacht herbei um es dem wunderbaren Nachbar zurückzugeben
Funfzehntes Kapitel
Eine Hexenküche
Der Vorfall zwischen den königlichen Herrschaften und dem Fürsten Egon von
Hohenberg auf Schloss Solitüde hatte allgemeines Aufsehen erregt Alle Welt
sprach von der rührenden Szene dem Choral und den Tränen der Königin
Drommeldei hatte eine Anekdote gewonnen die mit seinem Wagen die Runde bei all
den vornehmen Herrschaften machte die in chronischen Fällen homöopatische in
acuten allopatische Behandlung verlangten Die Trompetta war dem Vorfalle so
nahe gewesen dass sich diese Nähe bald im Munde der Wiedererzähler in wirkliche
Anwesenheit verwandelte Hatte sie doch Ursache vom Hofe eine Entscheidung über
ihr Getsemane zu erwarten Warum sollte sie nicht dabei gewesen sein als jene
zarte Überraschung eines Sohnes mit den Andenken seiner Mutter vorfiel Sie gab
dem Solitüder Vorfalle erst die mystische Abrundung und Beleuchtung denn sie
war es die bei ihrer großen Beweglichkeit Hunderte von Urteilen darüber hörte
und diese Urteile in Tatsachen verwandeln konnte Man pries das Herz des
Monarchen man bewunderte den Takt seiner Gemahlin Man stritt darüber welchem
Gefühle die Szene am wohltuendsten müsse gewesen sein und kam darin überein
dass die junge Fürstin wohl die reinste Freude dabei genossen hätte denn sie war
es sagte man mit der eigentümlichen Sentimentalität jener Regionen die den
König glücklich sah Lauschte man doch von allen Seiten in des Königs Umgebung
auf Momente wo eine innere Freude aus seinem durch die Zeitverhältnisse
eingeschüchterten Gemüte drang Der König hat gelacht Ein solches Wort flog
oft mit Blitzschnelle bei einer Kour durch den Mund von hundert Menschen und
die »kleinen Zirkel« endeten dann noch einmal so gut denn die Hoffnung auf eine
Lösung der Wirren die die Krone bedrohten schimmerte dann doch etwas
leuchtender Man hoffte dann wieder auf energische Befreiung von einem
Ministerium das die Not des Augenblicks dem Regentenhause aufgedrängt hatte
Es war aus entschieden lästigen Bestandteilen aus Kaufleuten Fabrikanten und
ähnlichen »Emporkömmlingen« zusammengesetzt Einige renitente Beamte besonders
aus der Richtersphäre hatten die Verwirrung die in den höchsten Kreisen
herrschte nur noch vermehrt Das Vertrauen auf die alte unbedingte Hingebung
der Bureaukratie war auch schon bei Hofe untergraben Man sah sich da wie auf
dem stürmenden Meer nach einem rettenden Ufer einem Leuchtturm einem Lootsen
um Das Drängen um die Ehre des Steuerruders war so groß dass Keiner es
besonders kräftig erfassen konnte Eine allgemeine Ratlosigkeit lähmte den
ganzen Staatsorganismus der neue Formen sich aneignen sollte und noch nicht die
Seele für diese Formen hatte Der bevorstehende Landtag weit entfernt einen
Halt eine rettende Planke für die Schiffbrüchigen zu bieten war
voraussichtlich nur die Veranlassung neuer Verwirrungen neuer Stürme Man
konnte schon jetzt mit Bestimmtheit prophezeien dass sich das so notwendig sich
dünkende Ministerium ihm gegenüber nicht würde behaupten können Und zu
militairischem Druck zu Gewaltmassregeln allein schämte man sich jetzt schon
zu greifen Man wollte doch so gern den Schein der Gedankenfreiheit behaupten
und manche Idee verwirklicht sehen die ohne Unterstützung der Überzeugungen
keine Dauer versprach
Niemand war von allen diesen Wirren mehr ergriffen als eine vornehme Dame
die wir zwei Tage nach dem im Vorangehenden geschilderten Septemberdonnerstage
am Samstag Abend bei trübem und regnerischem Wetter schon um sechs Uhr Abends
auf ihrem gelben Sopha bei gedämpfter Beleuchtung einer großen Lampe
ausgestreckt die Füße mit einem Shawl belegt und melancholisch genug erblicken
Pauline von Harder befand sich in ihrem ostensiblen Boudoir dem uns bereits
bekannten Zimmer Gelb in Blau Sie schlug die Arme zusammen und sah auf eine
Schreibmappe nieder die mit einer Feder auf ihrem Schoss lag Das Tintenfass
war in der Schreibmappe selbst angebracht
Eine andere Dame die alte Ludmer breitete ihr den Shawl auf den Füßen
auseinander damit sie sich des Frostes erwehrte der sie bei dem trüben und
plötzlich sehr herbstlichen Wetter überschauerte Auch die Ludmer hatte eine Art
Schreibanstalt vor sich an dem runden Tische von Mahagony Auf einem Blättchen
notirte sie mit einem Bleistifte
Wie kalt es ist Es ist sechs Uhr und schon finster seufzte die
Geheimrätin
Der Herbst kommt dies Jahr so früh schnarrte die alte Gesellschafterin
Der Sommer war zu schön und wie wenig hab ich ihn genossen
Die Ludmer antwortete mit einer aufrichtigst zustimmenden Gebärde
Ein Bedienter trat eben ein und ließ die Vorhänge nieder Es war Franz
Bei den Wäsämskois drüben auch schon Licht sagte Pauline
Stichdunkel antwortete Franz
Hat der alte Herr von drüben wieder unser Haus so oft angeglotzt fragte die
Ludmer
Franz antwortete
Heut früh ging er wohl zehnmal vorüber und schien Lust zu haben zu
klingeln Immer besann er sich wieder und wandte sich dann nach der Stadt
Sollt er die kühle Visite der Fürstin gut machen wollen fragte die
Geheimrätin
Was sagte die Ludmer die vielleicht jemand Anders im Sinne hatte Ach du
meinst den alten Hauslehrer
Franz wusste darauf keine Antwort und ging mit der Bemerkung der Alte heiße
Rudhard aus dem Zimmer
Die Ludmer begann jetzt zu plaudern zu berichten zu unterhalten Sie
erzählte von dem jungen Maler der fast den ganzen Tag dort drüben bei Helenens
Schwester und ihren Kindern wie eingebürgert verweile Sie erzählte von dem
stadtbekannt gewordenen Rendezvous in Solitüde von großen Szenen zwischen der
Mutter und Tochter
Erinnere mich nicht an diesen Tag sagte Pauline leidend So sich in seinem
eignen Manne prostituirt zu sehen Gegenstand des Spottes in dem Menschen der
unser natürlicher Schutz Beistand unsre Ehre sein sollte Ich kann mir denken
dass in allen Gesellschaften nur von Hennings stupider Miene gesprochen wird
Die Ludmer richtete ihre stechenden Augen auf die Geheimrätin und sagte
voll tiefster Besorgnis
Ja ja Zu unserm DienstagDiner haben der Oberhofmarschall und Graf Franken
absagen lassen
Es sollte mich gar nicht wundern wenn wir in eine förmliche Ungnade fielen
erwiderte Pauline
Nur wegen der Solitüde sagte die Ludmer mit schärferem Blicke zu ihrer
Freundin und Gebieterin hinüberschielend und ihre Dose anschlagend
Ich weiß was du sagen willst antwortete Pauline Man erklärt mein Haus
jetzt für den Sammelplatz der Opposition
Man sagt ich machte Partei Lass sie Lass sie Das freut das ermutigt
mich Siehst du Ich tue in der Tat nichts gar nichts was diesen Vorwurf
verdiente und man kann von einer intelligenten Frau nichts Schmeichelhafteres
sagen als dass sie intriguire während sie doch nichts tut Ihre Intelligenz
ist schon Intrigue Null Null soll man sein ja noch unter Null und zu
Weihnachten nur für den Frauenverein sticken oder eine Boutike halten Das ist
Alles
Nichts tut Beste sagte die Ludmer und nahm eine Prise Ist nicht auch
Werdeck wieder zum Dienstag eingeladen Bist du nicht in offener Ausstellung auf
dem Kunstverein in Ekstase geraten über das Bild seiner Frau und hast diese
Person wieder an dich gezogen trotzdem dass sie Jedermann flieht und du seit
ihrer Spionage in Bielau ihr mistraust
Wie kommst du auf diese Zufälligkeit In Bielau Spionage warf die
Geheimrätin ein Welches Interesse könnte diese Frau die aus Polen stammt und
in mir ganz fremden Verhältnissen aufwuchs veranlassen sich um unsere
Vergangenheit zu bekümmern
Kind Du weißt nicht wie sie dich Alle umschleichen und belauschen Dass zum
Dienstag die Trompetta die Flottwitz Niemand vom Bundesrat gebeten ist gibt
sogleich Gerede Bist du nicht ein Herz und eine Seele mit der dAzimont die
die zweifelhaften politischen Gesinnungen des Fürsten Egon beherrscht und was
ist alles Das gegen deine neueste Grille
Pauline lachte mit der Überlegung eines starken Geistes über einen
schwächeren
Du sprichst sagte sie von meinem Ankauf eines gelesenen Journals Wer
allein nennt Das Grille als eine Natur wie die deinige die sich um öffentliche
Dinge nicht kümmert
Ich dächte wir hätten an unsern geheimen genug sagte die Ludmer scharf
und sah auf ihr Papier während sie den Bleistift probirte und aus einem
Futteral das neben ihr lag eine Brille zog die keine Bügelbrille sondern aus
alter Gewohnheit ein einfacher sogenannter Nasenquetscher war
Pauline schwieg eine Weile und kam dann durch eine leicht erklärliche
Ideenassociation auf Heinrichson
Wie selten sich seit einiger Zeit Heinrichson macht sagte sie seufzend
Deine Schuld gutes Kind antwortete die Ludmer jetzt durch die Brille
näselnd Wie konntest du in dem Grade jugendliche Leidenschaften verraten dass
du mit ihm eine Szene spieltest als das abscheuliche Ding die Auguste ihn in
unsern Zimmern wie rasend anfiel
Pauline schwieg eine Weile und stützte das Haupt auf
Ich hatte mein Alter vergessen sagte sie seufzend Sonst wenn ich
entdeckte dass meine Freunde treulos waren und nicht Farbe hielten hob ich
Dolche empor Wo sind diese Zeiten hin
Heinrichson ist doch aufmerksam und weiß was du ihm bist und wie du ihm
nützest Aber mit ihm zu boudiren
Um eine Leda
Du hast es nun Er nahm die Szene für Affectation und kommt seltener Diese
Männer wie Heinrichson fürchten sich vor Szenen
Doch ist er ja wärmer zärtlicher als sonst
Franz hat ganz Recht
Franz Lässest du nie dies Spioniren Charlotte Franz sieht was er merkt
was wir gesehen wünschen
Die Visiten Heinrichsons bei der dAzimont kann Keiner erfinden
Verleumdung Heinrichson arbeitet an ihren Erinnerungsblättern Soll ich
mich vor Helenen fürchten Dann wäre Treue und Glauben aus der Welt gewichen
Schwelgt sie nicht in dem Entzücken ihrer endlichen Aussöhnung mit Egon Sie lag
heute weinend an meiner Brust Diese Freudentränen Dieser Herzensjubel Die
Glückliche
Ah setzte sie nach einigen Augenblicken hinzu ich will meine
TagebuchNotizen machen
Und ich den Speisezettel für Dienstag ergänzte die Ludmer trocken und
schüttelte den Kopf und behielt die Gedanken von denen sie sah dass sie keinen
Anklang fänden für sich
Sonnabend den 20 September sagte Pauline halblaut und schrieb seufzend
Notizen auf die sie teils wiederholte teils nur flüsternd für sich hinsprach
Elf Uhr Besuch Helenens Glücklich und entzückt Rückfahrt von
Solitüde Überraschung Dunkelheit Kindliche Hingebung
Die Ludmer sprach aber auch gern etwas laut wenn sie dachte und schrieb
nachdenklich als wenn ein Feldherr seinen Operationsplan gegen einen gerüsteten
und kriegskundigen Gegner entwirft über das bevorstehende große Dienstagsdiner
folgende Ideen nieder
Pürée von weißen Rüben mit Filets von Enten und ParmesanCroutons
Egons Eindruck bei Hofe fuhr wieder ihrerseits Pauline fort Mein
Lächeln fällt Helenen auf Ich lächle über mich Warum Weil ich mir
manchmal wie die Sibylle vorkomme die in einer Höhle sitzt und die Menschen in
ihrem Wahne sich durchkreuzen sieht während ich im Buche ihrer Schicksale lese
Spanische Pasteten von Rebhühnern sagte die Ludmer und fügte still für
sich aber mit Nachdruck hinzu von Rebhühnern en Salbicon
Wüssten alle Menschen was ich weiß wüssten sie wie ich auf meinem Dreifuss
sitze der Priesterin von Delphi gleich ich lächle und warte meine Zeit ab
Die Ludmer in der Hoffnung den Pflegling ihrer Liebe von diesen quälenden
Träumereien und Tagebuchsschmerzen abzubringen flüsterte
Rinderbrust glacé mit Chalotten
Helene fürchtet für die Zukunft ließ sich Pauline nicht irre machen
trotzdem dass sie den Augenblick besitzt Egon will die politische Karrière
beginnen Nichts ist den Frauen gefährlicher als der Ehrgeiz der Männer Ein
Mann der den Ruhm liebt opfert ihm gewöhnlich zuerst sich selbst und dann auch
Alle die ihn lieben Helene fürchtet die Umgebungen Egons und hofft dass
Rafflard sein Versprechen sie sämtlich zu entfernen das ganze Nest
aufzuheben wahr macht
Die Ludmer hörte etwas hinüber zu den ihr nicht ganz gleichgültigen
Tatsachen die die Geheimrätin niederschrieb und sagte dann freudiger
notirend
Gänse à la Broche mit farcirten Gurken à la Sauce
Die Geheimrätin hatte aber trotz ihrer idealen Anschauung gleichfalls
nicht unterlassen auch auf die Ludmer manchmal hinzuhören und zu prüfen was
die erprobte Erfindungsgabe der Freundin zusammensetzte Sie nahm jetzt das
Blättchen und las die schriftstellerischen Produkte der Ludmer Die Ludmer nahm
eine Priese
Ist Das der erste Gang fragte Pauline
Der erste Gang
Ich vermisse sagte die Geheimrätin die gleichfalls gastronomische
Phantasien hatte eine Kennerin der Tafelfreuden und längst zu der Erkenntnis
gekommen war dass man sich viele und gerade die geistreichsten Menschen dauernd
und wahrhaft treu leider nur durch Diners und die sinnige Wahl ihrer
Leibgerichte verbindet ich vermisse sagte sie ein Hochepot von Wurzeln à
lAnglaise für meinen guten Justizrat der seine Frugalität immer drollig genug
zu beweisen sucht dass er nach Gemüsen verlangt und von guter Hausmannskost
spricht
Ist der Justizrat denn eingeladen
Schlurck Ich denke doch Der Vater und die Tochter Ich bin sehr undankbar
gegen den ehrlichen Menschen und hab ihm seit seiner edlen Aufopferung für
meine Interessen viel zu wenig Aufmerksamkeit erwiesen
Er war gestern hier um dich angelegentlichst zu sprechen
Wovon man mir nichts sagte erwiderte die Geheimrätin entrüstet
Ich mochte nicht Der Mann wird alt Er zeigte sich ängstlich
Ängstlich Worüber Ein Schlurck ängstlich du sprachst ihn also
Es kämen sagte er Anfragen Vorwürfe wegen der übereilten Haussuchung bei
den Gebrüdern Wildungen man setze ihm mannichfach zu wolle Auskunft über Dies
und Jenes er quengelte mehr als ich je von dem Manne erwartet hätte
Dann lad ihn nicht ein erklärte die Geheimrätin entschieden Furchtsame
Menschen stören unsern Lebensmut Man wird nie von Paulinen sagen dass sie ihre
Freunde vernachlässige aber nur keine Entmutigung da wo man Stärke erwartet
Von seiner Tochter sprach Schlurck auch berichtete die Ludmer
Sie ist verlobt mit Lasally
Noch nicht förmlich sagte er Auch bräche sie solche Verhältnisse ab
wie sie sie anknüpfe Sie wäre vorgestern gleichfalls wie es scheint die ganze
Welt in Solitüde gewesen und hätte sich nach Hause gekommen so gegen Lasally
gebehrdet dass diese Verbindung jetzt wieder weniger Möglichkeiten für sich
hätte als früher
Sie hat den Prinzen wieder gesehen Dankmarn Siegbert Wildungen die alten
Leidenschaften regen sich Wir wollen Schlurck und Melanie doch einladen
Vergiss es nicht
Und Werdeck und die Deputirten
Werdeck und die Deputirten Justus vor Allen
Was Justus Den Heide
Die Ludmer machte eine Miene als röche es plötzlich nach Dünger Sie hatte
für Politik wenig Sinn und schüttelte den Kopf und drückte wieder die Brille
die sie beim Sprechen abgenommen hatte auf die gequetschte Nase dass sie im
Sprechen einen schrecklich schnüffelnden Ton bekam
Die Deputirten näselte sie
Pauline fuhr abbrechend fort in ihren Notizen
Egon lässt sich wählen Dankmar Wildungen macht dabei den Vermittler
Helene fürchtet diesen Entschluss fürchtet die Wildungen fürchtet Louis
Armands Einfluss fürchtet Alles was sie von Egon trennt Nachrichten aus
Paris dAzimont wird immer kränker Egon spricht viel von der Notwendigkeit
und dem Glück legitimer Verhältnisse sie klagt mirs
Die Ludmer hatte eben sehr aufmerksam zugehört und fragte was legitim wäre
Pauline lächelte und sagte
Legitim liebe Charlotte heißt wenn nicht sittlich doch gedeckt durch die
Sitte Du guter Egon Wenn du wüsstest was sich Alles legitim nennt Du willst
für die legitimen Verhältnisse auftreten Ärmster Kenntest du die Memoiren
deiner
Pst sagte die Ludmer und schrieb satyrisch grinsend und lachend
Filet von Seezungen à la maître dhôtel Ha Ha Ha
Um zwölf Uhr Rafflards Besuch er soll nun doch kein Jesuit sein seitdem
Helene ihn erkannt haben will sie nimmt ihre Verleumdung zurück Rafflard
soll ein Herz haben das edelste ich finde ihn ergeben gut aus Erschöpfung
böse zu sein aber nicht zuverlässig sein Blick ist nicht offen er sagte
Madame der größte Herrscher ist der Schein des Dienens Eine Reminiscenz die
er wohl nicht selbst erdacht hat aber gut befolgt Seine Absichten sind in
Dunkel gehüllt er war bei Hofe er verkehrt mit Voland von der Hahnenfeder
er verbindet diesen Zauberer mit dem Propste Gelbsattel er ist überall und
nirgends Rafflard will den Bund sprengen der den Prinzen Egon von Hohenberg
umstrickt hält er fürchtet viel von einer Annäherung Egons an jenen Rudhard
eine Aussöhnung die Helene noch nicht einmal erfahren hat weil sie Rudhard
hasst und Egon sie wahrscheinlich damit zu kränken fürchtet Louis Armand
Egons böses Prinzip Rafflard wird in Egons Umgebung aufräumen und ihr den
Alleinbesitz ihrer Liebe sichern sein dunkles Wühlen Pariser Aufträge
Rafflard scheint mir fähig zu sein die Rolle selbst eines Banditen
Maccaroni à la Bechamelle sagte die Ludmer aber wie in der Zerstreuung
so erschrak sie vor dieser Charakteristik des Herrn Sylvester Rafflard der die
Geheimrätin so interessierte dass sie im Notiren fortfuhr
Rafflard hat eine gute französische Aussprache und corrigirt Andere ohne zu
verletzen Er ist rätselhaft Um ein Uhr eine Zumutung der Flottwitz
abgelehnt ein Besuch der Trompetta nicht angenommen Buchhändler Schröpfer
besucht mich auf meinen Wunsch und gibt mir Details über das politische Journal
»Das Jahrhundert« das ich kaufen will
Pauline unterbrach die Ludmer halb vorwurfsvoll diese letzte Tagebuchnotiz
die die Geheimrätin mit einiger Schalkhaftigkeit aussprach nur prüfend nur
forschend welchen Eindruck sie auf die Erfinderin ihres nächsten großen
Küchenzettels machen würde
Nun sagte die Geheimrätin den Kopf aufrichtend und lächelnd Schröpfer
das Jahrhundert Guido Stromer
Pauline
Die Ludmer dirigirte einen langen schmerzlichen Blick auf ihre Freundin und
langjährige Pflegebefohlene und da diese sich nicht irre machen ließ
sondern nur sagte Nun Nun so stieß sie über diesen Rückfall in die ihr
verhasste Literatur einen ihrer tiefsten Seufzer aus und sagte indem sie
notirte mit betrübtestem Ausdruck und gen Himmel blickend
Ach Kalekut Hirschziemer mit Salat Kirschengratin Gelée von
Citronen und geschlagener Sahne mit Marasquino und Biscuits
In diesem feierlichen Augenblicke den nur das schadenfrohe Lächeln der
Geheimrätin etwas profanirte trat Franz herein und übergab der Ludmer einen
Brief
Durch das Gartenamt vom Schloss sagte Jener Der Geheimrat hatte ihn
vergessen Er ist schon heute früh abgegeben
Die Ludmer betrachtete das Siegel und erbrach es Der Brief war an sie
gerichtet
Die Geheimrätin fragte bei dieser Gelegenheit wo Excellenz wäre
Im Theater hieß es
Franz dem dann nichts Weiteres geheißen wurde ging und die Geheimrätin
zog naserümpfend den Mund Im Theater sagte sie für sich Er hat gewiss wieder
ein kleines Verhältnis das mit irgend einer moralischen Niederlage wie im
Möbelwagen endigen wird Die gute Lehre die ihm Melanie gegeben hat nicht
lange gefruchtet Eine wirkliche Schauspielerin wird es verstehen ihm noch eine
längere Nase zu drehen als diese Dilettantin in der Komödie
Indem bemerkte Pauline dass die Ludmer durch die Lektüre des eben
empfangenen Briefes in große Aufregung versetzt war
Was hast du fragte sie als die Ludmer die Brille abnahm und aus ihren
schwarzen Augen einen stechenden erstaunenden Blick auf sie richtete
Das sind schöne Sachen sagte die Ludmer Lies
Pauline nahm den Brief dessen Äußeres etwas Unförmliches hatte und fast wie
ein Dienstrapport aussah
Von wem ist er denn fragte sie
Sieh nur Das sind schöne Sachen
Pauline sah zuerst auf die Unterschrift Sie lautete »Mangold königl
GartenInspektor«
Ist Das wegen fragte sie
Wegen Augustens sagte die Ludmer und ging schon zornig im Zimmer auf und
ab
Pauline las
Meine liebe Madame Ludmer In meiner Jugend hab ich so unter der Herrschaft
meines Blutes gestanden dass ich auf Vieh und Menschen zuschlug wenn mir etwas
zu tückisch und nicht nach meinem Willen entgegentrat Für jede Beleidigung
hatt ich sogleich mit fünf Fingern einen Habedank zur Hand Das waren meine
jungen Zeiten und aus den Händeln kam ich nicht heraus Wie ich aber einmal eine
Frau die mich auf jede Weise chikanirte die Frau meines Lehrherrn eines
Gärtners in einem Zornanfall fast mit Füßen trat und vor der Rache ihres Mannes
nicht entfloh sondern ihn weil er die böse Frau in Schutz nehmen wollte mit
der Peitsche durchhieb und dabei einem armen unschuldigen Kinde das in der Nähe
stand ein Auge ausschlug bin ich in mich gegangen und ein anderer Mensch
geworden Ich flüchtete jetzt und kam durch allerhand Irrwege nach Holland und
England wo ich die Gärtnerei im Großen studierte die richtige Art der
Parkanlagen besonders aber Ruhe Selbstbeherrschung und Mäßigung lernte Nach
meiner frühern Art glaub ich wohl dass ich in Ihrer Nähe liebe Madame Ludmer
jetzt wieder einem Kinde zufällig ein Auge ausgeschlagen hätte nach meiner
jetzigen Art sag ich Ihnen aber nur dass es ein Irrtum von Ihrer Seite ist
liebe Madame Ludmer wenn Sie geglaubt haben dass ich zu dem verlorenen Rufe
Ihrer Nichte Auguste Ludmer wie zu einem Brunnen den Deckel hätte abgeben
können Ich frage nicht Wie konnten Sie wagen Frau einem ehrlichen
unbescholtenen Manne zuzumuten eine Auguste Ludmer zu heiraten Wie konnten
Sie es wagen auf meine Leichtgläubigkeit Dummheit und von den Städten
zurückgezogen lebende lebendige Einfalt hin mir eine Partie vorzuschlagen die
ewig meine Ehre würde gebrandmarkt haben Wie konnten Sie so hinterlistig
Veranstaltungen treffen um mich und meinen guten Namen in diese schändliche
Falle zu locken Ich sage das Alles nicht auf alte Art weil ich
möglicherweise ein in der Nähe befindliches Kinderauge fürchte Lassen Sie sich
denn also mit der einfachen Nachricht genügen dass ich jenes schöne und in
vieler Hinsicht angenehme Mädchen vom Grund meiner Seele aus bedaure dass ich
selbst über einen gewissen Beweis menschlicher Schwäche und die Erbärmlichkeit
eines gewissen herzlosen großen Künstlers in dummer Einfalt hinweggekommen wäre
allein die Wahrheiten die ich sah als mir ein Ehrenmann Namens Dankmar
Wildlingen auf dem Café Richter gestern die Schuppen von den Augen nahm diesen
Überfluss der Schande und des Elends kann ich in keinen Wald der Welt mitnehmen
in keinem Sansregret der Welt verbergen das Laub würde darüber verderben und
die Jahreszeiten könnten mir in Unordnung geraten Ich hab es dem Mädchen noch
am selben Abend in Ruhe gesagt Ein alter Verehrer von ihr stand dabei Eine
schwarze Binde an seinem Auge erinnert zwar nicht an Amor den blinden Gott der
Liebe aber er soll reich sein er mag sie trösten Sie sah mich starr an und
lachte Da sie nichts erwidern konnte sagt ich ihr ein ruhiges Lebewohl und
ging wohin ich vor zwanzig Jahren nicht gegangen wäre nicht zu Ihnen
sondern nach Hause in mein Kämmerlein und dankte Gott dass er mich vor ewiger
und zeitlicher Gefahr behütet hat Leben Sie wohl Madame Ludmer und suchen Sie
sich andre Deckel für Ihre unsaubern Töpfe aus Es gibt Viele die so dumm sind
wie ich und nicht sehen was darin ist Aber es gibt nicht zuviel die wenn sie
einmal gesehen haben nicht gern dumm bleiben wollen Ihr ergebenster usw
Madame Ludmer war von diesem Briefe sehr geärgert Sie zerknitterte ihn wie
sie den Schreiber hätte zerknittern mögen Ihre Gebieterin lachte fast und nahm
die Sache leichter Sie begriff nicht warum ihre Führerin und langjährige auch
im Dienen nach Rafflards Theorie herrschende Freundin sich über diesen Ausbruch
einer gereizten Stimmung so aufregen konnte
Wer ist nur dieser Alte mit der schwarzen Binde sagte die Ludmer Mit ihm
ist sie arretirt worden Rafflard erzählte uns dass er nach einem Besuche im
Gefängnisse diesen Engländer für einen der unternehmendsten und schlauesten
Bösewichter halte die jemals die Aufmerksamkeit der Behörden in Anspruch
genommen hätten wird sie nicht in Gemeinschaft mit einem solchen Beistand
Alles unternehmen um sich für diesen Affront den ihr Mangold antut zu
rächen Seit sie in deinem Verehrer einen Menschen erkannte den sie hasst hat
sie ja angefangen uns empfindlicher als je zu quälen Kann es mir recht sein
dass mein Name von ihr im Schmuz herumgezogen wird Ist nicht selbst
vorauszusehen dass ihre nach Rache gierige Wut sich allmälig bis in die
Erinnerungen ihrer Kindheit zurückwühlt und mit Hilfe männlichen Beistandes bis
zu den Tagen ankommt wo wir in Bielau wie du weißt
Schweige doch rief Pauline und richtete sich nun groß und lang auf Welche
düstern Phantasien Ist es das Wetter das dich so aufregt oder was Ängstigen
dich die Kastanien die im Regen draußen von den Bäumen platzen Der Brief soll
uns nicht gleichgültig sein Ich erstaune sogar wieder den Namen Dankmar
Wildungen den jungen Mann der jetzt soviel Aufsehen erregt in Angelegenheiten
genannt zu sehen die mich berühren Ich wünschte Stromer beruhigte mich über
diesen wie es scheint gefährlichen Charakter der so sonderbar immer in der Nähe
von Dingen ist die sich auf uns beziehen Was Stromer lange bleibt Es ist
bald sieben Lass diese Grillen Denke wie glücklich die Angelegenheit mit den
Denkwürdigkeiten Amandens abgelaufen ist Wir erwarteten Rache Verleumdung
Wahrheit sogar Und was fanden wir Die mächtigste Waffe in der Hand Dessen der
den Mut nicht verliert Wenn ich einst diese Waffe schwänge wenn ich diese
Memoiren hingäbe und sagte Da Lest sie Ich weiß es sind Dinge darin die
auch mich vernichten würden aber ich hätte die triumphirende Genugtuung dass
in meinen Sturz ich eine allgemeine Verwirrung hineinzöge und Die die mich
gedemütigt glaubten vielleicht selbst ihr Haupt nie wieder erheben könnten
In dem Augenblicke meldete Franz Herrn Guido Stromer Doktor Stromer
nicht mehr Pfarrer Stromer
Soll willkommen sein sagte Pauline
Die Ludmer hielt Franz zurück
Noch ein Wort Franz Sie besann sich und wie einen Entschluss fassend
sagte sie Was ist für Wetter
Die Bäume triefen wie Regenschirme
Wie nasse willst du sagen meinte die Ludmer Nimm zwei trockne Franz du
musst sogleich in die Stadt
Könnte nicht Ernst sagte Franz verdrießlich Der Doktor ist in einer
Droschke gekommen
Ernst oder Franz polterte die Alte die wohl einmal aber nie zwei mal
schmeichelte Einer geht sogleich nach der Königsstrasse und erkundigt sich was
sie treibt Ob sie wieder mit dem Manne in der schwarzen Binde gesehen wird wie
damals auf der Fortuna oder
Sie geht mit Mangold
Mit Mangold ists nichts mehr Franz geh selber zu ihr Mangold ist
dahintergekommen Sie ist bösartig gegen Euch Ernst hat nicht Mut genug Geh
Fränzchen
Franz so cajolirt sagte er wollte selbst gehen Die Geheimrätin lobte
ihn für seinen Eifer Die Ludmer knitterte ihren Brief zusammen nahm den
Bleistift und ihre culinarischen Notizen und entfernte sich durch das
Schlafzimmer und das hintere Boudoir um einige Anstalten für den Tee zu
treffen Diejenigen Bedienten die sich treu erwiesen hatten es gut in
diesem Hause
Guido Stromer war seit einigen Wochen schon fast der tägliche Hausfreund der
Geheimrätin von Harder Er verdankte seine Einführung dem Justizrat Schlurck
und einem artigen Schutzbriefe mit dem ihn Melanie selbst empfohlen hatte
Melanie hatte gesagt Hier ist ein Mann gnädige Frau der in die Residenz kommt
und nach Geist dürstet Er hat die Torheit diese Quelle in meiner Nähe zu
suchen und schöpft und schöpft und schöpft vergebens Ich hab ihm gesagt ich
will ihm den rechten Waldgrund zeigen wo es in der Tiefe mächtig rauscht und
siedet und gährt und siehe so kommt er zu Ihnen
Seitdem hatten Guido Stromers Aufsätze im »Jahrhundert« einer großen
einflussreichen Zeitung schon Manchem gefallen Zwar hatte man ihm für seine
etwas verworrenen Anschauungen erst nur noch das untere Stockwerk das
Feuilleton eingeräumt allein für andre Leser wie Pauline war Dies gerade
eine Auszeichnung Man sprach allgemein davon ob Guido Stromer nicht steigen
in die politischen Spalten avanciren würde aber es fehlte ihm noch die
Grundlage positiver Tatsachen wie ers nannte Kenntnisse wie Dankmar es
genannt haben würde Er war reich in Principien arm in praktischen
Fingerzeigen Zufällig waren unter den Eigentümern des »Jahrhunderts«
Differenzen entstanden die sich am Besten ausgleichen ließ wenn irgend eine
bedeutende politische Macht etwas daran wagen und das Blatt kaufen wollte Guido
Stromer interessierte Paulinen für diese Idee Ein Blatt zu haben ohne dass man
ihr dies Eigentum das auf einen andern Namen geschrieben werden musste
nachweisen konnte jeden Morgen eine Parole austeilen jeden Abend in der Welt
seine sichere Wirkung zu haben abweisen annehmen voraussehen drohen
belohnen etwas wissen zu können was Andere nicht wussten sie war entzückt
von diesem Plane und hatte dafür nur Stromern Heinrichson und die Ludmer zu
Vertrauten Heinrichson versprach ihr über die künstlerischen Bestrebungen so
viel geheimes Material zu geben dass sie im Feuilleton unter einem angenommenen
Namen selbst als eine feine Kennerin der Kunst auftreten konnte Sie schwelgte
in dem Gedanken über die öffentliche Meinung eine Herrschaft zu gewinnen die
ihr einen Ersatz für die »kleinen Zirkel« bieten sollte von denen sie mit so
hartnäckiger Konsequenz ausgeschlossen blieb
Guido Stromer trat ein wie immer mit dem Bewusstsein in welchem Goethe
seinen Tasso sagen lässt Und wie der Mensch nur sagen kann Hier bin ich Dass
Freunde seiner schonend sich erfreun so kann ich auch nur sagen
Nimm mich hin
Er idealisirte sich nämlich von Tage zu Tage mehr Der Blick seines Auges
wurde immer freier und strahlender die Art den Kopf auf seinen Schultern zu
heben wurde beweglicher sein ganzes Wesen erschien wie elektrisirt und im
ganzen Gehaben fast überreizt Eine gewisse Pedanterie war dabei freilich nicht
zu vertilgen Die mangelnde feinere Erziehung die ihm Fürstin Amanda die auf
den innern geistigen Kern blickte völlig nachsah war durch feinere Wäsche und
eine wie aus einem Handbuche studierte Eleganz nicht zu verdecken Die Grazien
waren in seiner Nähe aber sie neckten ihn nur sie spielten mit ihm
Versteckens sie wohnten nicht in ihm selbst Dieser feine Kopf aß jetzt an
vielen vornehmen Tafeln aber er wiegte sich so sonderbar in diesen Genüssen
atmete so den Duft seiner Einladungen ein und aus wiederholte so sehr Alles
was ihm begegnete in der Erzählung sprach er so geräuschvoll und nachdrücklich
dass das ganze persönliche Interesse das Pauline an diesem so urplötzlich
aufgetauchten Autor genommen hatte dazu gehörte um durch ihn in ihren Nerven
nicht empfindlich gestört und verletzt zu werden
Meine gnädige Frau sagte Guido Stromer gleich im Eintreten während er
Paulinen die Hand küsste ich komme in Sturm und Regen und muss in weiter Ferne
von Ihnen bleiben denn ich bringe eine Atmosphäre mit die leicht den Katarrh
nach sich zieht
Nun bester Freund begrüßte ihn Pauline und bat ihn Platz zu nehmen wo es
seiner diätetischen Sorgfalt für ihre Gesundheit nur beliebe Was bringen Sie
über das »Jahrhundert«
Vor allen Dingen die heutige Nummer sagte Stromer griff in den neuen
schwarzen Frack dessen HyperModernität ihm beinahe komisch stand und breitete
das von der Druckerei noch nasse Blatt aus das Pauline gierig ergriff und
durchflog
Im Büreau war ich nicht fuhr Stromer fort nachdem Pauline sich etwas
orientirt hatte denn zu sprechen während Jemand etwas vielleicht von ihm
las dazu war er zu taktvoll Das Büreau ist zu entlegen Einem kleinen
Mädchen kauft ich es an einer Straßenecke ab Das Kind stand im Regen da wie
der zitternde Strauch auf einsamer Heide Ich weiß Ihr Exemplar kommt erst
später
Schröpfer war da warf Pauline im Lesen und blätternd fast neckisch und wie
zur Anregung hinein
Ah gnädige Frau sagte Stromer ich wusste es ich hab ihn selbst
gesprochen Die Sosier sind keine Freunde der Aktienunternehmungen welche
Zeitungen stiften Auch die kleinen Buchhändler auf der Straße sollen
weggeschnappt werden Kind fragt ich das kleine Mädchen das die Blätter feil
bot liest du denn schon und verstehst du auch was du verkaufest Meine
Schwester erzählt es uns manchmal sagte das Kind Hast du eine Schwester
kleine Proletarierin fragt ich Welchen Schriftsteller liebt sie denn am
liebsten in dem Blatt das du da verkaufst Stromer hielt inne denn die
Geheimrätin war so vertieft dass sie sowohl sein Bild von dem auf der Heide im
Sturme fröstelnden Strauche wie seine Unterredung mit der kleinen Line Eisold
überhört hatte Er wartete bis sie sich gesammelt hatte
Ah sagte sie dann und blickte zu Stromer um ihn zum Weiterreden zu
ermuntern
Denken sie sich gnädige Frau fuhr dieser fort wie man populair wird Und
dein Ruhm wird ertönen auf der lauten Gasse Jesaias würde mich beneidet haben
wenn er Das gehört hätte Wohl weiß ich dass auf der Gasse nicht bloß Glocken
tönen sondern auch Schellen klingeln und alte Töpfe krachen die man in
Scherben zerwirft aber auch ein solcher Polterabendruhm klingt einem Ohre süß
das bestimmt schien nur im Umkreise eines ländlichen Nachtwächterhornes seinen
Namen bekannt zu wissen
Im Umkreise eines ländlichen Nachtwächterhornes wiederholte das Bild
anerkennend Pauline indem sie weiter blätterte und nicht ganz bei der Sache
war Wovon sprachen Sie denn
Diese kleine fliegende Buchhändlerin sagte mir der liebste Schriftsteller
von dem ihre Schwester sich etwas abschriebe wäre ihnen Guido Stromer Gnädige
Frau Das so zu hören im Sturme eines nassen Herbstabendes an einer Straßenecke
unter Wagengerassel wie Macbet sein Schicksal am Wege von den Hexen zugerufen
bekommt Poesie mitten in der Alltäglichkeit
Nun erst sammelte sich Pauline von Harder Sie hatte das Blatt durchflogen
sich über den Stand der Parteien orientirt die neuesten telegraphischen
Depeschen gelesen einige kleine durch Stromer besorgte Notizen von eigener Hand
gefunden nun erst hörte sie halb was Guido Stromer sprach und fragte
Also was sagte Schröpfer Merkte er unsere Absicht
Guido Stromer war doch stark betroffen dass die gnädige Beschützerin seiner
Zwischenreden so wenig Acht gehabt hatte Er hatte in solchen Fällen die
Gewohnheit den Ton ganz leise einzusetzen und mit gezogener Empfindlichkeit und
einem gleichsam nur seinem eigenen Genius genugtuenden gelinden Strafverfahren
so wie hier zu wiederholen
Was Herr Schröpfer gesagt hat
Ja Sie sprachen doch
Wohl sagte Stromer seufzend und gelassen wie ein angeschmiedeter
Prometeus wohl Frau von Harder will zur Literatur zurückkehren sagte der
edle Sosier sie will vielleicht ein Blatt begründen Aber vom »Jahrhundert« war
keine Rede
Ah Ich habe mir begann Pauline die Arme übereinander schlagend und den
einen Fuß auf ihr Sopha legend ich habe mir Mancherlei von den Einrichtungen
einer solchen Unternehmung erzählen lassen von Druck Papier Versendung
Abonnentenzahl und dergleichen mehr Ich glaube dass die dreitausend Abnehmer
des »Jahrhunderts« ungefähr nach allem Kostenabzuge einem Kapitale von 10000
Talern gleich kommen
Höher nicht fragte Stromer der wie alle überfliegenden und haltlosen
Naturen auch in solchen praktischen Verhältnissen von dem Werte der eigenen
Tätigkeit chimärische Begriffe hatte
Finden Sie die Summe so unbedeutend
Das Kapital ist bedeutend Die Rente klein antwortete Stromer und
eigentlich müssen wir hinzufügen dass ihm Kapital und Rente neue Begriffe waren
die er nicht ohne einige Genugtuung seinem bisherigen üblichen Sprachgebrauche
einverleibt hatte
Es ist mir nicht um die Rente sagte Pauline die in Geldsachen geläufigere
Praxis hatte sondern um den Einfluss um die Unterhaltung und manchen nützlichen
Gedanken der sich wird fördern lassen Durch wen besorgen wir nur den Kauf Wer
leiht seinen Namen her um den unsrigen zu decken
Ich habe an Herrn Schlurck gedacht meinte Stromer
O sehr gut Schlurck Er ist
Doch zuverlässig
Wie Gold Aber seit der Hohenberger neuen Generalpacht scheint er mir
etwas en décadence
In der Tat? Man speist doch bei ihm wie bei einem Lucullus
Seine verlorene Curatel der Hohenbergischen Güter hat ihm in der großen Welt
geschadet Es ist erstaunlich wie ansteckend das Glück und wie noch
ansteckender das Unglück ist Beim Glücklichen versucht sich Jeder den
Unglücklichen flieht man Das soll mich aber nicht veranlassen diese Torheit
mitzumachen Ich will Schlurck bestimmen das »Jahrhundert« für meine Rechnung
anzukaufen
Indem trat die Ludmer ein hinter ihr folgte sehr bald Ernst mit dem
Teeservice Stromer hörte das Klappern von Tassen schon seit Jahren
außerordentlich gern Es wurde ihm dann immer so behaglich dass er sogleich
anfing Streckverse über das Sieden eines Teetopfes über das Singen eines
gebundenen Wassergeistes und den angenehmen Zusammenhang zwischen einem kalten
Septemberabend und einer Tasse braunen Peccotees zu jeanpaulisiren wobei er
nicht fürchtete sich zu wiederholen Er hatte ähnliche Empfindungen an dieser
Stätte schon mehrfach ausgesprochen sprach sie aber heute wieder aus
Die Ludmer hatte seit Jahren ein Zeichen das ihr sagte ob sie ein
têteàtête oder eine größere Gesellschaft der Geheimrätin durch ihre
Anwesenheit störte oder nicht Fand sie das feine battistene Taschentuch
Paulinens in ihrer linken Hand so durfte sie bleiben fand sie es in der
rechten so hatte die Gebieterin Ursache ihre Entfernung zu wünschen Da sie
das Taschentuch heute in der linken bemerkte so blieb die Ludmer und sorgte für
den Tee scheinbar dem Gespräche nicht folgend und doch sehr bei ihm
interessiert Denn sie war keine Freundin der literarischen Bestrebungen
Paulinens Sie fand in dem Umgange mit Schriftstellern nichts ihrer Würdiges
Sie hatte auch Scharfsinn genug sich zu vergegenwärtigen dass diese Art von
geistiger Tätigkeit zuletzt eine Unsumme von Verlegenheiten bereitet und sie
wusste dann was die nächsten Umgebungen der Geheimrätin zu leiden hatten wenn
die Schwierigkeiten wuchsen und sich alle Ausgänge verstopften und die Rückzüge
sich versperrt fanden Sie bereitete den Tee schwieg hörte aber mit scharfem
Ohr auf jedes Wort das hier gesprochen wurde
Man erörterte die Stellung die künftig das »Jahrhundert« in den Fragen der
Zeit dem Wirrwarr der Parteien einnehmen sollte Pauline tadelte die
schwankende bisherige Haltung dieses Blattes das zwar sehr leserliche aber
wenig entschlossene Artikel brächte
Irgend etwas muss gesagt werden erklärte sie Die Artikel müssen auf eine
gewisse Pointe zurückkommen Jeder Gedanke muss seine eigentümliche Spitze
haben Werdeck müssen Sie versuchen für die Artikel über Militairreform zu
gewinnen Justus den Heidekrüger für gutsherrliche und bäuerliche
Verhältnisse Schlurck kennt die Mängel unsres Gerichtsverfahrens Gelbsattel
ist sehr verstimmt sehr sehr der Hof nimmt keine Rücksicht mehr auf die alte
Tonangabe die man ihm in früheren Zeiten gestattet hatte das Alles sind
Elemente die Sie gewinnen müssen und woraus man eine Zeitschrift für
Misvergnügte bilden kann Glauben Sie mir die würde großen Anklang finden
Stromer nippte an seinem Tee und brockte Zwieback Wenn er aufrichtig war
musste er sich gestehen dass er in keiner Weise für solche Unternehmungen der
Mann war Es fehlte ihm jede Unterordnung unter fremde Denkweise So sehr er
eine Aufgabe daraus machte alle Menschen in ihrer Art gelten zu lassen so war
es ihm dabei doch nur um eine gewisse Kunst der Charakteristik und den Schein
der politischen Milde zu tun Zu objectiven Wahrheiten vollends wusste er sich
nicht zu erheben
Dürft ich nicht eine Ansicht äußern gnädige Frau sagte er jetzt in seiner
alten Art die wir von Hohenberg kennen in jenem leisen vorbereitenden die
Aufmerksamkeit erzwingenden Piano
Sprechen Sie sagte die Geheimrätin
Die Ludmer horchte
Ich gestehe doch aufrichtig sagte Stromer dass ich mir eigentlich gedacht
habe ob man nicht in dem »Jahrhundert« jede Parteiung umgehen könnte Wo man
hinhört wird der Hass gepredigt Wenn nun einmal Einer aufstünde und das
Evangelium der Liebe predigte Ich verlange Schonung für jede Ansicht unter der
Bedingung dass sie sich nur geistig ankündigt
Ah Ah rief Pauline ablehnend Sie fallen in den Ton zurück der meiner
guten Freundin der Fürstin Amanda so sympathisch war Unsere Zeit verlangt
Farbe
Sagen Sie Das nicht so entschieden gnädige Frau Unsere Zeit verlangt den
Regenbogen des Friedens Und im Regenbogen sind alle Farben vereinigt
Gelb und Rot herrschen vor Krieg Krieg Bester Pfarrer
Für unser Auge für unsere dunstige Atmosphäre gelb und rot Aber an
klaren Tagen sieht man mehr das Rot und Grün hervorstechen
Ohne eine Partei ohne eine Gesinnung hält sich keine Zeitung Nein nein
Stromer
O fern sei es von mir zu sagen flüsterte Stromer erregter dass ich keine
Gesinnung hätte Das aber eben ist meine Gesinnung dass ich die Extreme
verabscheue Nur der Willkür und der Gedankenlosigkeit wollen wir den Krieg
erklären Das aber was sich in einer Form der Schönheit und einer gewissen
individuellen Notwendigkeit ankündigt Das müssen wir gelten lassen wenigstens
eine Zeitlang prüfen Vom Berge Sinai kommt der Bote des Herrn der Gesetzgeber
seines Volkes Wie er aus den Wolken tritt siehe da sein Herz ist bekümmert
Sein Volk tanzt um ein güldenes Kalb Der Gott den ihnen Moses aus den Wolken
bringen sollte zögerte ihnen zu lange Sie zwingen Aaron ein güldenes Kalb zu
gießen das sie faute de mieux ihren Gott nennen Moses voll Entrüstung nimmt
die Tafeln des geschriebenen Gesetzes das er mit sich herunterbringt und wirft
sie nach dem Götzenbilde Die Tafeln zerspringen und alles Volk eilt herbei die
Scherben zu sammeln Jeder hat nun einen Teil der Wahrheit Jeder hat nun ein
Stück des Gesetzes und jetzt bedarf es der Mäßigung Ruhe der Verständigung um
die Scherben wieder aneinander zu setzen und aus den Trümmern wieder des Herrn
lebendiges Wort zur Auferstehung zu bringen
O das ist ein Myte rief Pauline Das ist sehr poetisch Pfarrer Ein
solches Gleichniss an die Spitze des Jahrhunderts gestellt als Einleitung des
neuen Programmes als Ankündigung kann Das Glück machen aber
Dennoch fühl ich fuhr Stromer fort dass wir im Vorhofe solcher
Allgemeinheiten nicht dürfen stehen bleiben Ja wir müssen uns an die Tatsachen
wagen Aber noch heute nahm ich Veranlassung zu Gelbsattel zu sagen Warum
streiten wir nur über die Frage wer regieren soll Ist es erhört dass unsere
Zeit den Königen nur das Regieren überhaupt zu oder abspricht und Niemand denkt
mehr daran wie regiert werden soll Das Schiff fährt dahin über die Wogen Der
Mann am Steuerruder lenkt seine Bewegung Er hat doch ein Ziel Er hat doch
entweder nach Kolchis zu segeln um das goldene Vliess zu holen oder er trägt
schon eine Beute und will zurück zu der Heimat Strand Einst gab es Könige die
nicht ans Regieren überhaupt dachten sondern nur daran dass sie gut und groß
regierten Ihr Minister und Volkshäupter streitet über das Regieren Wer
regiert Ei so halte dich nicht auf du Mückenseiher ei so tummle dich doch in
der Bahn und zanke nicht wie sie gezogen sein soll Ich will regieren sagt der
Fürst Regiere nur Aber rasch groß bedeutsam Was ist Das für ein
Staatenleben wo es immerdar nur heißt Wir leben in einer Maschine wo das
Recht des ersten Druckes Dem das Recht des Gegendruckes Dem gebührt Ist der
Staat ein wiederkäuend Tier ein jämmerlicher Selbstzweck Sind die Könige nur
da um Könige zu sein Mein Seherauge lehrt mich aus meinem Scherben am Fuße des
Sinai eine tiefe Wahrheit enträtseln Ich lese etwas von dem Satze in der
ewigen Offenbarung Die Könige regieren Aber sie sollen regieren gut weise
groß und schaffend Sie sollen regieren nicht um der Ewigkeit ihres Stammes
sondern um dessen Zeitlichkeit willen Sie sollen regieren um die Völker reif
zu machen sich selbst zu regieren Die Könige sind die einzigen berufenen
legitimen Apostel der Republik
Vortrefflich rief Pauline und reichte dem geschickten GedankenEskamoteur
diesmal im Style von Hamann die Hand dass er sie ergriff und küsste
So weit ihr Verstand reichte war ihr Das neu und im Grunde nicht sehr
gefährlich Es nützte allen Parteien
Was sagte Gelbsattel fragte sie dringend zum Entsetzen der alten Ludmer
die über die Art wie ihre Freundin auf ihre alten Tage da so in der Politik
schwamm und plätscherte in Verzweiflung geriet und sich nur helfen konnte
indem sie an die Zubereitung der Schüssel Filet von Seezungen à la maitre
dhotel dachte
Er ist verdrießlich antwortete Stromer Gelbsattel ist verstimmt hat
häusliches Leid er mag nichts Neues mehr denken Der alte Apparat der so viele
Jahre bei ihm gehalten hat ist ihm zu bequem geworden Passt eine neue Denkform
nicht in diese alten Modelle seiner Dialektik hinein so weiß er nicht mehr viel
mit ihr anzufangen und hat gleich seine Bezeichnungen wie Unpraktisch
Mystisch Naturphilosophisch zur Hand und glaubt die Sache damit abgetan Wenn
ich noch erwähne dass ihn der berühmte Prozess wegen der Johannitererbschaft
verdrießlich stimmt so tu ich Das mit Bedacht weil ich dadurch veranlasst
werde noch einer möglichen Verbesserung unseres »Jahrhunderts« zu gedenken Sie
kennen Dankmar Wildungen gnädge Frau
Nur dem Namen nach antwortete Pauline gespannt und die Ludmer horchte auf
Dieser junge Mann fuhr Stromer fort interessiert alle Welt Wo man ihn
sieht zeigt man nach ihm und Viele wetten dass er den merkwürdigen Prozess
gewinnen wird
In der Tat?
Schlurck Gelbsattel sind nicht umsonst so verstimmt das Ministerium
verfolgt die Schritte der Gebrüder Wildungen nicht umsonst mit so scharfem Auge
ist doch sogar eine Haussuchung bei ihnen vorgenommen
Die Ludmer und Pauline schlugen die Augen nieder
Ich lernte Dankmar sagte Stromer in Hohenberg kennen Man hielt ihn für
den Prinzen Egon und durfte es wenn Unternehmungslust Feuer edle Haltung von
dem Wesen einer in der Gesellschaft hervorragenden Erscheinung unzertrennbar
sind Ich nahm schon damals an ihm Interesse und habe kürzlich vorgestern an
einem öffentlichen Orte aufs neue seinen Scharfsinn seine hervorstechende
Eigentümlichkeit bewundert
Vorgestern fragte Pauline lächelnd Im Café Richter
Woher wissen Sie
Wir sind allwissend lieber Stromer
In der Tat! Es war acht Uhr Wildungen sprach lange in einem einsamen
entlegenen Zimmer mit einem mir unbekannten Manne
Mit rötlichem Bart In grünen Kleidern
Wohl Wohl Ei
Fahren Sie fort
Ich habe nichts zu sagen als dass er nach der lebhaften Unterhaltung mit
diesem Manne der sich bieder doch in großer Aufregung ihm die Hand schüttelnd
bald entfernte in die besuchteren Zimmer kam und so angeregt war so sprühend
und lebendig sich über die Angelegenheiten des Tages äußerte dass ich die alte
Bekanntschaft mit ihm gern erneuerte und ihn veranlasste sich gleichfalls dem
neuen Aufschwunge des »Jahrhunderts« zu widmen
Mein Freund rief Pauline entzückt Sie werden praktisch
Die Ludmer sah auf Pauline bedeutungsvoll ängstlich hinüber doch nahm diese
keine Notiz
Was antwortete er fragte sie
Es gab erst ein Misverständniss Er sagte dem Jahrhundert leb ich wohl und
möcht es aus seinen Angeln heben ich fühle alle Schmerzen der Zeit und ringe
sie zu heilen Da kam die Aufklärung dass nur von der Zeitung die Rede war Er
lächelte schien aber völlig bereit ganz einverstanden und teilte mir offen
mit dass er bis zur Erledigung seines Processes sich durch literarische Arbeiten
die Existenz fristen müsse ohne darum mit Goethe zu sagen Wer nie sein Brot in
Tränen aß ich fand einen Charakter einen Mann in ihm
Die Ludmer rümpfte die Nase als wollte sie sagen Welch ein Umgang Nichts
als Lumpen
Die Geheimrätin aber in dem Zuge in dem sie nun einmal war und der Tage
gedenkend wo sie einen Heinrich Rodewald liebte von dem sie oft sagte Titan
du spielst mit der Weltkugel Fangball rief
Fahren Sie fort Fahren Sie fort
Und nun fuhr Stromer fort kam ein Vorschlag Wildungens zur Sprache über
den ich doch erst die Ansicht meiner verehrten Gönnerin vernehmen muss Der
junge leidenschaftliche und von allen Verhältnissen unterrichtete Advokat
machte mich darauf aufmerksam dass der ihm wie doch auch mir so nahestehende
Prinz Egon sicherlich eine bedeutende politische Rolle spielen würde Der an
drei Orten gewählte Volksmann Justus hätte sich sogleich erboten die Wahl des
ihm benachbarten Prinzen für einen der Wahlorte den er refüsiren müsse zu
beantragen und man könne gewiss sein dass nun Prinz Egon von Hohenberg in die
Kammer träte Er wäre von einer seltenen politischen Reife besäße Kenntnisse
außerordentlich neue und befruchtende Grundgedanken und wenn man ihm noch den
Nachdruck gäbe dass er eine Partei bilden dürfe dass er eine Zeitung immerhin
das »Jahrhundert« zur Verfügung bekommen könnte
Hier brach Stromer ab denn die Geheimrätin schien in der größten
Aufregung Schon seitdem Dankmar Wildungen genannt war fingen ihre
Gedankenräder sozusagen zu schnurren an Die Ludmer hatte dafür ein
außerordentlich feines Ohr Sie kannte Paulinen wie sie grübelte und
kombinirte wie sie der Zerstreuung Anlehnung an lebendige Naturen bedurfte
wie sie ihr Ohr an das Sausen und Brausen der Zeit zu legen liebte Als aber
Egon genannt wurde und sie ihr Lächeln ihre Spannung ihr Interesse bemerkte
hätte sie mit irgend einem andern Gegenstande das Gespräch unterbrechen mögen
und wäre es das Niederwerfen der Tassen gewesen Eben wollte sie wenigstens in
die Verwunderung der Geheimrätin persönlich miteinstimmen als diese in ihrer
Unruhe sich von der kalten nur horchenden nur ihre Glut dämpfenden Horcherin
so belästigt fühlte dass sie das Taschentuch mit Entschiedenheit aus der linken
in die rechte Hand warf und diese rechte Hand weit über den Tisch streckte Das
war das ominöse Zeichen Ein Signal dass sich die Ludmer entfernen sollte Mit
welchem Widerstreben ging sie Mit welchem durchbohrend warnend Blicke Nun
sollte sie gehen Jetzt Jetzt wo vielleicht eine furchtbare Torheit
eingefädelt wurde eine Quelle bitterer namenloser Reue angebohrt für eine nur
noch kurze Zukunft jetzt
Aber sie ging
Als die Geheimrätin und Stromer allein waren sagte jene
Ich freue mich Stromer dass Sie so praktisch werden und so ernste Anstalten
für unsre gemeinschaftliche Sache treffen Allein mit Prinz Egon hat es seine
Bedenklichkeiten Ich schätze sein Verdienst Nach Dem was ihm in Solitüde
begegnete sind Aller Augen auf ihn gerichtet Aber ich habe keine Beziehung zu
ihm und wenn eine Beziehung schwerlich eine günstige
Ich war darauf vorbereitet und habe deshalb Sorge getragen mich genauer zu
unterrichten antwortete Stromer der die Verfeindung zwischen Pauline und
Egons Mutter kannte und einst in Hohenberg dem Geheimrat von Harder die
Ursachen derselben bitter genug angedeutet hatte
Sie haben mich doch nicht schon genannt unterbrach Pauline die etwas
verlegen stockende Rede
Gnädigste Was denken Sie von mir Ich bin ein Neuling in dieser papiernen
Welt aber nicht in der wirklichen Vollends weiß ich dass Sie mit dem Prinzen
gespannt sein müssen
Mit ihm Warum mit ihm Mit seiner Mutter war ichs Warum mit ihm
So rasch gehen Sie über die Empfindungen eines Sohnes hinweg Ich muss leider
der Wahrheit gemäß berichten dass ich mir selbst manchmal wenn ich hier bei
Ihnen sitze wie ein Mensch vorkomme der sich als seinen eigenen Antipoden
fühlt Die Fürstin würdigte mich derselben Teilnahme wie Sie gnädige Frau und
bei allem milden Sinne Amandens muss ich gestehen
Dass sie mich hasste
Ich kenne die Veranlassungen nicht und fürchte dass sie die Abneigung auf
den Sohn vererbte
Haben Sie davon Proben
Da ich vorgestern von Wildungen eine so beachtenswerte Idee empfing war
ich heute in der Frühe beim Prinzen Ich wollte discret sein und war es Er
empfing mich nicht freundlich Er hat seinen alten Lehrer Rudhard
wiedergefunden drüben bei der Fürstin Wäsämskoi
Ich kenne den Alten seine neugierigen Blicke auf mein Fenster belästigen
mich genug nun Nun
Die Folge dieses Wiedersehens sind Erinnerungen an die alten Zeiten gewesen
Ich konnte den Prinzen nicht in einen irgend wärmeren Ton gegen mich bringen
Wie sehr muss mich Das bekümmern wenn ich daran denke dass mein Urlaub von ihm
abhängt dass er die Wahl eines zeitweiligen Stellvertreters den ich in einem
jungen Manne Namens Oleander gefunden zu haben glaube zu billigen hat Heute
tadelte er die Entfernung von meiner Familie er verriet in jedem Worte dass
Rudhards strenger und unromantischer Rigorismus ihm wieder nahegekommen war Er
fragte dann nach meinem Umgang Ich nannte aufrichtig Sie gnädge Frau Ich
wollte hören was sich da für ein Widerhall von seinem Herzen würde vernehmen
lassen Ich gestehe Ihnen es war der rauheste
Lächeln Sie nicht gnädige Frau er sprach in Drohungen gegen Sie
Fahren Sie nur fort antwortete Pauline gespannt und sehr ruhig
Er sagte mir er wisse dass Sie ihm eine Feindin wären seit er auf der Welt
wäre
Seit er auf der Welt ist Da hat er Recht sagte Pauline träumerisch doch
kalt
Rudhard fuhr er fort hätte ihn aufs neue gewarnt
Rudhard
Dem alten Freunde seines Hauses wäre es gelungen schlimme Dinge zu
entdecken die Sie gegen ihn unternommen hätten
Ich gegen Egon
Wohl verschweige ihm sein väterlicher Freund und Führer Manches was ihm auf
dem Herzen läge aber es käme gewiss zum Vorschein wenn erst zwischen ihm und
diesem Edlen Alles klar und rein gelichtet wäre noch lägen zuviel der Wolken
zwischen ihnen
Helene dAzimont eine Wolke Hoffentlich eine rosige Wolke
Gnädige Frau ich war nicht im Stande die Saite länger zu berühren Ich
ergriff ein auf dem Tische liegendes Exemplar der Nachfolge Christi von Thomas a
Kempis Er sagte mir dass er dies Buch liebgewonnen hätte es wäre eine
Erbschaft seiner Mutter Ich entgegnete um ein harmloses Gespräch zu beginnen
Durchlaucht irren wohl Ich kenne alle Ausgaben dieses lieblichen Buches die
die selige Fürstin besaß alle Dies Exemplar war aber nie in ihrer Bibliothek
Ich glaub es wohl sagte er dass Sie dies nicht kannten Es befand sich hinter
jenem Bilde Damit zeigte er auf ein Pastellgemälde der seligen Fürstin in
Medaillonform
Pauline war schon längst erblasst ihre Lippen öffneten sich und blieben
starr und unbeweglich stehen Dann hauchte sie so hin
In jenem Bilde
Befand sich behauptete der Fürst fuhr Stromer dem diese Unruhe und
Änderung der Stimmung nicht besonders auffiel fort eine Verlassenschaft seiner
Mutter auf die sie ihn kurz vor ihrem Tode aufmerksam gemacht hätte Er hätte
Mitteilungen Ermahnungen Denkwürdigkeiten gehofft Sein ganzes Leben hätte
sich auf dieses Bild bezogen Er hätte seine Ehre Alles dafür gewagt und jenes
Bild hätte dies Buch von der Nachfolge Christi enthalten Er wollte mich mit
Vorwürfen überhäufen dass ich das Irrlicht seiner Mutter gewesen wäre Ich
drängte auf einen andern Gegenstand Indem hatt ich das Exemplar wieder
angesehen und musste ihm sagen Durchlaucht
Nun Durchlaucht
Stromer horchte
In dem Augenblicke als Pauline aufs Äußerste gespannt auf Stromers
Erzählung harrte vernahm man einen rasch anfahrenden Wagen der auf dem vom
Regen knirschenden Kieselsande dicht vor dem Portale zu halten schien
Sie bekommen Besuch gnädige Frau sagte Stromer sich unterbrechend
Nein nein Was sagten Sie dem Prinzen
Durchlaucht sagt ich das ist ja ein sonderbarer Vorfall Diese Ausgabe
des Thomas a Kempis ist niemals auch nur berührt worden von der Hand der seligen
Fürstin denn überzeugen Sie sich selbst hier auf dem Titelblatt
Aber Sie bekommen Besuch
An der äußern Glocke wurde eben außerordentlich stark geschellt
Pauline von Stromers Erzählung aufs Äußerste gespannt jede Unterbrechung
verwünschend war aufgestanden und wollte klingeln um zu sagen dass sie
Niemanden empfange
Aber sie war so begierig auf Stromers Erzählung dass sie selbst diese
Weisung an ihre Diener nicht ausrichten mochte sondern nur sagte
Und Und Auf dem Titelblatt
Überzeugen Sie sich Durchlaucht sagt ich fuhr Stromer der gleichfalls
aufgestanden war fort unter diesen Arabesken des Titelblattes steht ja ganz in
Perlschrift die Jahreszahl des Druckes Diese elegante Ausgabe des Thomas a
Kempis ist ganz in der Art wie die Fürstin solche Einbände liebte Aber dies
Exemplar ist erst ein Jahr nach ihrem Tode im Druck erschienen Wie ich Das
sagte
Indem hörte man draußen Türen gehen
Wie Sie Das sagten drängte Pauline
Trat Rudhard ein Egon entließ mich in einer mir allerdings erklärlichen
Aufregung denn wie konnte jenes Buch von der Fürstin selbst
Weiter trug Stromer seinen Bericht nicht vor denn die Tür wurde
aufgerissen die Ludmer leichenblass stürzte herein und rief mit erstickter
Stimme
Prinz Egon von Hohenberg lässt sich melden
Wie sagte Pauline und hielt die Hand krampfhaft an die Sophalehne
Er selbst Er lässt sich nicht abweisen Er will dich sprechen
Pauline riss sich wie von einer Natter gebissen auf stürzte an die Tür und
verriegelte sie
Es war das Werk eines Augenblicks
Welche Stunde rief die Ludmer Ist ein solcher Überfall erhört Er ist
ausgestiegen dem meldenden Bedienten auf dem Fuße gefolgt er wartet im
Empfangzimmer
In der Ferne hörte man durch die hallenden Zimmer her eine männliche Stimme
sich räuspern und einen kräftigen Schritt auf und abgehen
Pauline stand eine Weile unschlüssig Jetzt war der Augenblick da wo sie
einer »Seherin« gleichen konnte Sie begriff diesen Moment richtete sich
entschlossen empor und fragte
Warum soll ich den Prinzen Egon von Hohenberg nicht empfangen
Die Ludmer verstand einen gewissen Hohn in ihren Mienen wagte aber nicht zu
lächeln
Pauline aber mit triumphirender Miene setzte hinzu
Wohlan Er mag kommen
Schon klopfte Ernst an die verschlossene Tür und bat um
Verhaltungsmassregeln der Fürst ließe sich nicht abweisen
Wer sagt denn dass man ihn abweisen soll rief die Geheimrätin durchs
Schlüsselloch Ich bitte Durchlaucht einen Augenblick zu verziehen
Diese Worte sprach sie mit gemachter Süßigkeit als sollte Egon sie hören
Adieu lieber Stromer sagte sie dann rasch zitternd wohl aber gefasst Auf
Morgen Adieu Adieu
Stromer wollte reden wollte Aufklärung haben wollte wurde aber durch
das Schlafzimmer dann das ächte Boudoir zuletzt durch die Garderobe von der
Ludmer fast gewaltsam hinauseskamotirt Er war so fortgezerrt in diesem
Augenblicke ganz so überflüssig geworden wie Augustens hochfahrende Tante
wünschte
Mit all seinem Geist mit all seinen Seherblicken vom Berge Sinai mit
all seinen Jeanpaulismen und deutschen Gedankenüberschwenglichkeiten stolperte
er im Dunkeln über mehre Kisten und Koffer dass er sich fast verletzt hätte
Pauline folgte nach einem Moment Sie gab Befehl den Empfangssalon durch
einige Armleuchter schnell zu erhellen Mit Blitzschnelle gab sie ihrer
Toilette noch einige kühne Improvisationen und schritt dann fest und
entschlossen durch das Zimmer hindurch das ihr nun entriegeltes ostensibles
Boudoir von dem inzwischen erhellten Empfangszimmer trennte
Die Ludmer fühlte dass es notwendig war in der Nähe einer so wichtigen und
gefahrvollen Begegnung wenn nicht zu horchen doch behutsam und auf Alles gefasst
zu wachen
Sechszehntes Kapitel
Ein Zauberspiegel
Gnädge Frau begann Fürst Egon von Hohenberg und erhob sich von dem Sessel auf
dem er Platz genommen hatte ich hörte dass Sie wie Jeder der seine
Tagesstunden besser zu verwenden weiß Abends empfangen Irr ich mich
Pauline bedeutete Egon zuvörderst Platz zu nehmen setzte sich selbst nicht
ohne einige Befangenheit in einen der Sessel die schon für die bald zu
erwartende Feuerung am noch geschlossenen Kamine aufgestellt waren Die
beiden gemalten Sphinxe auf dem bunten Kaminschirme drückten vollkommen ihre
Spannung über das Rätsel dieses Besuches aus
Für Ew Durchlaucht würd ich zu jeder Stunde zu sprechen sein Ein Endlich
Endlich Ihnen auszusprechen musst es mich wohl drängen
Endlich Hatten Sie mich jemals erwarten können gnädge Frau fragte Egon
voll Bitterkeit
Den Freund meiner geliebten Helene Den Erklärten meiner dAzimont fiel
Pauline mit künstlichem Erstaunen ein
Ha Aber den Sohn der gehassten Amanda setzte Egon hinzu und ohne Paulinens
Erwiderung abzuwarten rückte er mit seinem Sessel ihr etwas näher und sagte
Gnädige Frau es sollte mir lieb sein wenn ich Ursache fände mich Ihnen
enger anzuschließen und die großen Eigenschaften in der Nähe zu bewundern von
deren Lobe die Gräfin dAzimont überfliesst Einstweilen stell ich diese
Annäherung freilich auf eine starke Probe Ich stehe vor Ihnen gnädge Frau
mit dem Ersuchen mir die Denkwürdigkeiten meiner Mutter auszuliefern
Pauline war auf diese kalte kategorische Forderung gefasst erstaunte aber
über die Hast und das entschlossene Vermeiden aller Präliminarien
Sie war darauf vorbereitet dass sie Gegner hatte die ihren so vorsichtig
berechneten Schritten gefolgt waren der Ablieferung des entleerten Bildes an
den Oberkommissair Pax auf der Spur waren und sie entlarven wollten
Dennoch sagte sie zitternd
Welche Denkwürdigkeiten Durchlaucht
Die Denkwürdigkeiten gnädge Frau antwortete Egon mit steigernder Erregung
und jene heftigste Wallung nicht mehr verbergend mit der er hergekommen war
die Denkwürdigkeiten der Fürstin Amanda von Hohenberg die sie auf ihrem
Sterbebette ihrem Sohne bestimmt und unfähig in ihrer letzten Lebensstunde
weitläufige gerichtliche Dispositionen zu treffen später in einem Bilde
verborgen hat das dem sonderbaren Schicksale verfiel Ihnen früher in die Hände
zu kommen als mir
Welches Bild fragte Pauline nun mit scheinbarer Ruhe um nur Zeit zu
gewinnen
Egon trug in aller ihm kaum noch möglichen künstlichen Ruhe die Geschichte
jenes Bildes vor wie sie durch übereinstimmende Aussagen Dankmars Rudhards
des Oberkommissairs Pax der Agenten Mullrich und Kümmerlein sich ergeben hatte
Es war darin mancher Umstand mehr erraten als bewiesen Allein die Überzeugung
dass Pauline von Harder schon durch die ganze Agitation über den Nachlass seiner
Mutter die Reise des Intendanten nach Hohenberg und was sich Alles später daran
knüpfte ihm ein Eigentum entzogen hatte das ihm von Wert sein durfte und
sollte stand bei ihm fest Er erzählte auch wie er durch Stromers Äußerung
über den Thomas a Kempis mistrauisch geworden und Rudhard seinen Verdacht
ausgesprochen hätte Rudhard hätte dann gestockt Er aber hätte seinem noch
zögernden alten Erzieher die Angelegenheit aus der Hand gewunden und führe sie
nun gegen dessen Willen gegen die Ansprüche die Rudhard selbst auf dies
Testament seiner Mutter machen wolle mit kurzem Processe durch
Lassen wir schloss er seine Auseinandersetzung jede weitere Erörterung und
geben Sie mir die Denkwürdigkeiten meiner Mutter deren Raub ich Ihnen verzeihen
will
Pauline schwieg eine Weile dann sehlug sie die Arme zusammen legte die
Füße übereinander und sagte
Ich habe Sie ausreden lassen Prinz Egon Erlauben Sie dass ich erwidere
Aber versprechen Sie mir jeden kleinlichen Gesichtspunkt aufzugeben Ich sage
Ihnen dass ich die Denkwürdigkeiten besitze
In der Tat!
Sie müssen mir aber ein aufmerksames Ohr leihen
Wozu Weshalb ist Das nötig Warum soll ich Sie achten rief Egon voll
Zorn und voll geheimer Freude die fast die Miene des bittersten Übermutes
annahm
Übermut war aber für Paulinen zuviel Sie erhob sich und schleuderte einen
durchbohrenden Blick auf den jungen Mann der jetzt das Recht zu haben glaubte
sie verächtlich zu behandeln
Ich kenne diese Denkwürdigkeiten wiederholte sie mit stolzer Miene aber
wie wenn ich sie vernichtet hätte
Wenn Sie mit dieser Möglichkeit nur drohen Madame so existieren sie
noch sagte Egon und ich schwöre Ihnen ich verlasse Ihr Haus nicht bis ich
nicht weiß was meine Mutter mir in ihrer letzten Stunde hat berichten auf
meinen Lebensweg zurufen wollen
Pauline lächelte jetzt verächtlich
Ich denke nicht an Drohungen sagte sie und ich denke nicht an
Rechtfertigungen aber ich will dass Sie von dieser Frage jeden niedrigen
Standpunkt ausschließen Deshalb beding ich dass Sie mich hören
So reden Sie sagte Egon und nahm ihr gegenüber an dem gemalten
Kaminvorsetzer Platz
Auch Pauline kehrte in ihre frühere Stellung auf dem Sessel zurück Nach
einigen Augenblicken begann sie
Amanda von Bury Anna und Pauline von Marschalk waren drei Freundinnen
innigst verbunden seit ihrer frühesten Kinderzeit Fast gemeinschaftlich war
ihre Erziehung gemeinschaftlich waren ihre Erholungen Ich die Mittlere unter
den drei Freundinnen wurde von Anna und Amanda nur noch inniger geliebt weil
ich plötzlich kränkelte und kein langes Leben versprach Dennoch gelang es einer
guten Kur mich von oft schrecklichen Anfällen eines Brustkrampfes zu befreien
und mich bis in mein achtundzwanzigstes Jahr wiederherzustellen wo ich aufs
neue die Anfälle jener Krämpfe bekam von denen man damals glaubte dass ich sie
nicht mehr ein Jahr würde aushalten können Amanda und Anna verheirateten sich
später als ich die früher einen Baron von Ried ehelichte Gerade als Baron von
Ried starb wurde Amanda die Gemahlin jenes berühmten Kriegers dem unser
Fürstenhaus zu ewigem Danke verpflichtet ist Anna heiratete einen jungen
Offizier der seinen Abschied nahm und eine Landratsstelle bekleidete den Sohn
des Obertribunalspräsidenten meinen künftigen Schwager Durch diese Heiraten
statt uns zu einen trennten wir uns Es ist so der Gang aller
Jugendfreundschaften Ich begab mich als Witwe wieder leidend wieder meiner
Gesundheit wegen auf Reisen meine Begleitung und treue Pflege war der Obhut
meiner älteren Dienerin anvertraut die noch jetzt die Führung meines Hauswesens
besorgt Ich war in der Schweiz in Frankreich in Italien Ich habe ein
bewegtes Leben in meine Erinnerungen eingeschlossen und vielfach versucht das
Glück der Erde das mir nur für kurze Zeit zugemessen schien wahr und an der
Quelle rein zu genießen Ich reiste selbstständig und war wenn man mich nach
jetzigem Sprachgebrauch und damaliger Sitte nennen will halb und halb
emancipirt Der Liebe dürstete mein ganzes krampfhaft bewegtes Herz entgegen
ich suchte ich wurde gesucht fand aber nur ein Band das mich ganz fesseln
konnte einen den ich liebte Der den ich anbetete hieß Heinrich Rodewald
ein junger Mann von seltener Prädestination Zu jeder Kunst besaß er die Anlage
zu jeder Wissenschaft die Vorkenntnisse Genial war seine Auffassung des Lebens
Es kommt so etwas nicht wieder in Eurer jüngeren zerstreuten oberflächlichen
Generation Er hatte erst dem Studium der Rechte obgelegen war dann in den
damaligen heiligen Krieg gezogen kehrte mit Ehrenzeichen geschmückt heim und
wollte zu den Studien zurück Durch einen Glücksfall erwarb er eine kleine
Summe die er auf eine italienische Reise verwenden wollte Er bedurfte dieser
Anregung um sein durch die Abenteuer des Krieges in Gährung geratenes Blut
das nicht am Studirtische ausdauern wollte einigermaßen zu beruhigen den
Tumult seiner Adern einigermaßen zu bändigen Er wollte zur Rechtskunde als
Lehrer dieser Wissenschaft zurückkehren und gedachte in Italien den alten und
manchen eben erst entdeckten Quellen der römischen und mittelalterlichen
Rechtssatzungen nachzuforschen dabei liebte er Malerei und Plastik und
schwärmte wie damals Alle Ach Ihr kennt in Eurem politischen Hader und
Eurer Zeitungsbildung die majestätischen Klänge nicht die damals durch die
Herzen der Jugend tönten Das war ein Ahnen ein Sehnen ein Suchen ein
Erfassen Das war ein Cultus der Musen ein Forschen nach Wahrheit Heinrich
Rodewald lebte nur in Goethe in Dante Rafael in Schelling Er kannte die
Alten studierte die mittlere Epoche und lebte fast in derselben Entwickelung wie
Byron Er dichtete nicht aber sein Leben war ein Gedicht O was preis ich ihn
da ich ihn doch hassen sollte Ich begegnete Heinrich Rodewald in dem
ahnungsreichen jugendlichen Rheintale das zwischen dem Bodensee und Chur den
Anfang der Straße bildet die durch die Via mala nach Italien hinüber führt In
Ragaz braucht ich die von Pfäffers an der wilden Tamina hin herabgeleiteten
Bäder O mein Prinz ich schildere Ihnen diese Erinnerungen nicht weil ich
weiß dass eine Zeit kommen wird wo sie Ihnen Wert haben dürften ich schildere
sie Ihnen um Ihnen zu zeigen dass zwischen Ihrem Zorn Ihrem Mistrauen Ihrem
Hass Herzen Erinnerungen vergangene Seligkeiten und überwundene Qualen zittern
und zu schonen sind Ich will Sie vom Standpunkte der gemeinen Neugier der Sie
mich vielleicht zeihen auf einen höheren führen Denken Sie an die Stunde wo
Sie einst Helenen dAzimont am See von Enghien zum ersten Male entgegentraten
oder der Tage da Louison Armand an den Ufern der Rhone Sie zum ersten Male sah
Egon machte eine Bewegung nicht der Rührung sondern des Unmutes Er
mochte von Paulinen an Verhältnisse nicht erinnert werden zu deren
Kenntnissnahme sie ihm nicht würdig schien von Jedem vielleicht von Paulinen
nicht
Pauline seine Kälte wohl bemerkend fuhr fort
Mein Prinz seit dem Tage als ich in dem kleinen Abteigarten von Ragaz mit
meiner Führerin Charlotte Ludmer lustwandelte und der Blumen mich erfreute
die dem steinigen Boden an einem kleinen Springbrunnen entsprossen als mir
Heinrich Rodewald da zum ersten Male entgegentrat in seiner hohen männlichen
Schöne in braunen Locken in edler freier Stirn halb noch etwas
Militairisches in seinem Wesen halb der sinnende Gelehrte und ein Ton aus
seinem Munde drang ein Organ ein Klang ein Hauch würdig die Worte eines
Geistes zu tragen der immer tief immer lieblich und eigentümlich in seinen
Wendungen war werden Sie nicht ungeduldig Prinz O es wird eine Stunde
kommen wo jedes Atom der Erinnerung an Heinrich Rodewald Sie erschüttern wird
Ich höre ja Ich höre ja sagte Egon ungeduldig aber was soll mir Heinrich
Rodewald
Rodewald fuhr Pauline scharf und den Ton jetzt desto schärfer auf diesen
Namen legend fort Rodewald war jünger als ich Unser Verhältnis war erst
Wertschätzung dann Liebe und als ich Elende von meinen Leiden gefoltert wurde
war ich selbst von der Freundschaft beseligt die einer Liebe folgte deren Band
durch eine neue Ehe zu heiligen von manchen Vorurteilen der Welt verhindert
wurde Ich muss mir leider versagen Ihnen zu schildern wie ich mit Rodewald
stand als ich nach neun Jahren des innigsten Zusammenhanges mit ihm der sich
auch nach der Rückkehr aus Italien von Weltvorurteilen nicht stören ließ in
einem tirolischen Badeorte Landeck die Freude hatte mit meiner geliebten
Amanda damaligen Gräfin Hohenberg zusammenzutreffen Welche Frau Wie sanft
und gut Wie weich und zart Prinz werden Sie nicht ungeduldig es ist Ihre
Mutter ich darf wohl hinzufügen dass die Gräfin Hohenberg sehr unglücklich
verheiratet war Ich lasse über diese Saison von Landeck über die Folgen
derselben einen Schleier fallen
Warum Erzählen Sie Ich kenne das unglückliche Loos meiner Mutter
Mein Prinz ich schweige Sie wissen nichts von dem Allen Ich will Ihnen
nur sagen dass die Freundschaft zwischen mir und der plötzlich zur Fürstin
erhobenen Amanda sich nicht erhalten hat Ich war von meinen Brustkrämpfen dem
Tode oft nahe und glaubte zu sterben In Ems erwartete ich mein Ende Meine
Schwester Anna kam sie kam mit ihrer Tochter einem Engel von sechszehn Jahren
einer halben Waise der Vater war soeben gestorben Rodewald stand mir zur Seite
man erwartete meine Auflösung Anna hatte sich nur losgerissen um mich noch
einmal zu sehen Sie musste zurück zur Ordnung ihrer Erbschaft Ich bat sie mir
ihr Kind Selma zur Seite zu lassen Sie willigte ein Die Ludmer bedurfte einer
Unterstützung in meiner Pflege Ich starb aber nicht ein Jahr lang glaubt
ich dass jeden Tag mein Ende nahe Rodewald und Selma sollten Das war noch mein
letzter Wille noch meine heiligste Lebensaufgabe sich dauernd vereinigen
Selma und Rodewald sollten
Egon hob sein Haupt und erstaunte über die Verwirrung die sich Paulinens
plötzlich bemächtigte Sie war schon längst aufgestanden atmete laut machte
einen Gang durchs Zimmer rückte an den Sesseln warf sich auf ein Kanapé
drückte den Kopf auf ein Kissen und bat um eine Minute Zeit sich zu erholen
Ist Ihnen nicht wohl gnädge Frau fragte er und wollte klingeln
Nein nein stöhnte sie Ich erhole mich
Nach einer Weile fuhr sie fort
Ich gestehe Ihnen Fürst dass ich mir damals einbildete eine Heroine ein
Engel an Kraft und Entsagung zu sein Ich wollte Selma und Rodewald verbinden
ich wollte dass sie einig würden ich lenkte das Herz des Kindes meiner Nichte
mit Gewalt ich zwang sie in Heinrich das Alles schon zu finden was sie
vielleicht noch nicht suchte Ich kann ich darf Ihnen nicht sagen Ihnen
nicht Prinz was mich bestimmte von der Welt scheidend die Beruhigung
mitzunehmen dass Rodewald und nur Selma sich liebten keine Andere keine Andere
Warum mir nicht Warum Ihr Zorn Ihr neu entflammter Hass Wen sollte
Rodewald nicht lieben
Dringen Sie nicht in mich Prinz Ich will nichts erzählen nichts
aufklären ich will Sie nur auf Wege führen wo Sie Achtung und Schonung für
mich lernen sollen Prinz Ja es mag Rache gewesen sein dass ich Rodewald und
Selma wie die Schlange am Baume des Paradieses verband Aber der Himmel strafte
mich Strafte mich durch seine Gnade Ich genas Prinz Ich genas Ein kluger
und kundiger Arzt lehrte mich eine Diät die ich nie gekannt hatte Die Bäder
von Ems linderten den Reiz meiner Nerven Ich genas Prinz Völlig Völlig Die
Natur hatte sich gefunden Und als ich froh ins Leben zurückkehrte nun wieder
nach Rodewald dem Geliebten suche ist er entflohen mir entflohen Selma war
ein Kind Sie dacht ich wird von ihrer Leidenschaft bald geheilt sein Aber
mein Freund Wo ist Rodewald Er war verschollen Nicht die Liebe zu Selma die
ihn wohl nie innerlichst ergriffen hatte hatte ihn fortgetrieben von unsern
Wohnungen Überdruss am ganzen Leben Ekel schrieb er mir einst an Allem Ekel
aber am meisten an dem Weibe Ekel am Weibe Vielleicht der Kummer und Unmut
über Erfahrungen die Sie einst noch entdecken werden aber Selma liebte ihn
Ich Törin hatte die Knospe ja selbst entblättert Das Kind lebte nur für Den
den ich es gelehrt hatte als einen menschgewordenen Gott zu verehren Rodewald
aus Motiven die ich nur ahnen kann floh mich floh alle Welt er war sich
selbst zur Last zur Qual geworden und mit den Worten Läuterung Läuterung
nahm er schriftlichen Abschied nach einer Gegend wo ich ihn nicht mehr sehen
sollte und wohin er mit Selma die nicht mehr von ihm lassen wollte auf immer
verschwunden ist
Aber meine Mutter bemerkte Egon und verriet aufs neue die Ungeduld auf
die Bahn ihrer Denkwürdigkeiten einzulenken
Ihre Mutter sagte Pauline vor sich hin und machte eine Miene voll
Bitterkeit
Dass Ihre Schwester Anna von Harder Sie hassen musste tötlich hassen muss
erkenn ich sagte Egon Sie haben die Blüte des jungen Gefühls ihrer Tochter
vergiftet haben wie Sie mir unbegreiflich sagen aus Rache die Genugtuung
haben wollen dass Rodewald durch den Tod von Ihnen getrennt nur Selma liebt
Sie haben einer Mutter ihr Kind geraubt Selma von Harder Selma Wer
erinnerte mich einst an eine Selma
Egon konnte sich nicht besinnen dass man ihm von einer Selma Ackermann
gesprochen hatte
Pauline fuhr fort
Meine Schwester hasst mich nicht Sie gehört zu Denen die überwunden haben
Weiß sie doch dass unter dem Raube ihres Kindes Niemand furchtbarer litt als
ich Ich hatte das Leben wieder und das Licht meines Lebens war ausgelöscht Was
war mir die Welt ohne Rodewald Er war dahin für ewig Das Gefühl das mich
ergriff war nicht das der innern Vernichtung der zerschmetterten Ohnmacht Wie
konnt ich auch Ich war ja gesund War ja dem Leben wiedergegeben Ich raste
Ich hatte keine Besinnung mehr Ich glaubte im Strudel der Welt meinen innern
Schmerz betäuben zu können Ich warf mich in diesen Strudel und beging Torheit
über Torheit denn die Menschen sollten sehen dass ich lachen konnte Alle Welt
kannte den Vorfall mit Selma meiner Nichte die ich zu meiner eigenen Mörderin
erzogen hatte Anna Witwe ihres Kindes beraubt vermied mich und trauert bis
diesen Augenblick Zehn Jahr mocht ich so gegen mich selbst gewütet und die
Freude gesucht haben um nur nicht zu hören dass man lachte und meine Tränen
sah als ich endlich ermattet niedersank und Einkehr halten wollte Amanda
Anna alle meine Freundinnen hatten schon seit Jahren diese Einkehr begonnen
Ach sie hatten sich Alle Irrtümer vorzuwerfen Alle waren sie von der
damaligen großen wogenden Frühlingszeit ergriffen und das Blut hatte ihnen in
den Adern gerollt wie aus Sympatie mit dem großen Wachstum der Zeit und der
Geister Prinz ich gestehe Ihnen dass ich die Art von Läuterungen die
damals Sitte waren nicht begreifen konnte Beten hinter gemalten Glasfenstern
knieen das Orgelspielen lernen das dies irae vierstimmig singen helfen
diese Läuterungen waren die Wiederkehr der alten Eitelkeit nur in andern
Formen Ich wurde bitter über die Vergangenheit über mich über Andre Ich
heiratete zum zweiten male Ich schrieb Ich schrieb »Amaranta«
Eine Satyre gegen meine Mutter
Sagen Sie nicht gegen Ihre Mutter Sagen Sie eine Satyre nein auch Das
ist nicht das Wort eine Anklageschrift ein Zorngericht über die Seelen die
Alle Alle gesündigt haben und durch Heuchelei die Vergebung des Himmels
antizipirten
Meine Mutter war schwach aber sie heuchelte nicht antwortete Egon
Sie war schwach Das ist das Wort Prinz Schwach Sie meinen doch wohl an
Charakter Aber diese Schwäche an Geist gaben diese Büsserinnen diese
Kantatensängerinnen für Stärke aus Das forderte mich heraus Ich warf ihnen den
Handschuh hin »Amaranta« die Allen galt nicht nur Ihrer Mutter auch meiner
Schwester Allen die empfindsam wurden weil sie nicht mehr empfinden konnten
Egon war zu scharfsichtig dachte zu klar über seine Mutter zu klar über
Das was er Alles in Genf erlebt hatte um Paulinen von Harder nicht im Grunde
der Seele Recht zu geben Er sah da eine leichtsinnige aber starkbegabte sehr
merkwürdige Frau vor sich die ihm in dieser aufrichtigen Busse die sie sich
durch ihre Geständnisse auferlegte sogar schon eine gewisse Achtung abgewann
Mein Prinz fuhr Pauline fort ich bin zu Ende Eine andere Zeit ist
gekommen neue Anschauungen haben den Thron der alten umgestürzt Wer glücklich
noch sein will schließt sich ab und sehnt sich nach Ruhe Alle Welt sprach von
den hinterlassenen Denkwürdigkeiten Ihrer Mutter ich wusste dass sie mich
hasste Ich mochte nicht dass der letzte Rest meines Lebens der an Reue und
Verdruss überreich ist noch verbittert werde durch die Enthüllung und Entweihung
des Begrabenen Zehn Jahre nach Rodewalds Flucht heiratete ich Herrn von
Harder meinen eigenen Schwager Ich war damals schon vierzig Jahre Sie sehen
Prinz wie aufrichtig ich in meiner Biographie bin Mein Gemahl steht dem Hofe
nahe es gibt der Rücksichten mancherlei ich will Ruhe haben und hasse
alle gewaltsamen Erschütterungen die Denkwürdigkeiten Ihrer Mutter musst ich
besitzen Zeitlebens hab ich immer dienende Hände gefunden die gern für mich
eintraten man hat viel aus Liebe zu mir getan mehr als ich wollte
mehr als ich oft mochte gutiess o Gott es knüpft sich viel an meinen
Namen was nicht ganz aus meiner Seele floss
Pauline wollte das Haupt senken aber sie musste aufhorchen Es war ihr als
hustete im Nebenzimmer die Ludmer
Wir werden gestört sagte Egon und fasste sich kurz Ich bin vollkommen auf
dem Standpunkt gnädige Frau den Sie mir bezeichnet haben Ich denke nicht
kleinlich von Ihnen Ich bin nicht befugt der Richter Ihres Lebens zu sein
Einen schlimmen Gebrauch von diesen Denkwürdigkeiten werd ich nie machen
Besorgen Sie Das nicht Nie Ich verspreche Ihnen
Sie glauben also Amanda hätte mich angeklagt unterbrach ihn Pauline
erschüttert von dem Wort das ihr so gekommen war »Es knüpft sich Vieles an
meinen Namen was nicht ganz aus meiner Seele floss«
O ich ahne es Frau von Harder rief Egon mit aufwallender leichter Rührung
Sie waren tief beschämt als Sie diese Blätter lasen und nichts nichts von
einem rachedürstenden Herzen fanden
Pauline schwieg
Räumen Sie Ihrer Feindin die Gerechtigkeit ein Sagen Sie dass meine Mutter
großmütig war
Sie war großmütig
Egon wurde ergriffener und sprach still für sich
Gute Mutter Vergib deinem Sohne
Dann wandt er sich an Pauline
Geben Sie die Blätter Noch diese Nacht will ich sie auf meinem Lager mit
Tränen netzen
Prinz sagte Pauline jetzt mit entschiedener Wendung diese Blätter Ich
gebe sie Ihnen nicht
Wie Das wäre das Ende Ihrer Mitteilungen rief Egon
Wenn ich diese Denkwürdigkeiten vernichtet hätte
Das haben Sie nicht Nein nein Oder doch Doch Die grossherzige Liebe
meiner Mutter beschämte Sie Sie vernichteten ein Denkmal Ihrer Scham Ihres
Neides Sprechen Sie
Die Blätter existieren Aber sie sollen Sie dürfen sie nicht lesen
Welche Ausflüchte
Überstürzen Sie sich nicht Ich meine es gut mit Ihnen Feuerkopf Die
Blätter lesen Sie nicht
Geben Sie mir das Testament meiner Mutter
Sie sind ein Ungestüm
Endigen Sie diese Ausflüchte diese Verstellungen ha diese Lügen
Madame rief Egon jetzt knirschend vor Ärger über solche Weitläuftigkeiten Sie
haben mich zähmen rühren wollen
O mein Gott stöhnte Pauline Noch denken Sie niedrig von mir Ich flehe Sie
an Begehren Sie diese Geständnisse einer Frau nicht die die Welt verachtete
nur Gott liebte und Niemanden Niemanden sonst nicht einmal Sie
Nicht ihren Sohn Nicht mich Madame Lüge
Prinz
In dem Augenblicke ertönte die Glocke des Hauses
Ha atmete Pauline auf Es war ihr als wäre sie ganz verlassen gewesen
ganz der Wildheit dieses jungen Mannes der keine Rücksichten kannte
überlassen
Ich weiche nicht von dieser Stelle rief Egon bis ich diesen Spuk diesen
ewigen Eingriff in mein Leben nicht endlich beseitigt habe Ich bin vor Ihnen
gewarnt Der Vater die Mutter bezeichneten mir Ihren Namen als den einer
Schlange die sich um mein Leben ringeln wird um mir das Herzblut auszusaugen
Pauline horchte eine Weile wer kam
Man hörte die Türe öffnen
Vielleicht ist es Franz dachte sie erleichtert Es war so still so dunkel
draußen Sie hörte die Ludmer nicht Ihre Diener waren nicht alle zugegen Es
regnete draußen in Strömen Sie war diesem Ungestümen so preisgegeben
Noch sagte sie fest und entschieden zu Egon
Prinz wenn Sie diese Blätter lesen droht Ihnen etwas was Ihnen nach einem
solchen Glauben über mich wirklich die Hölle sein müsste
Das wäre
Die Qual mein Freund zu werden
Egon lachte bitter auf und bat um Aufklärung einer solchen Möglichkeit die
allerdings wie er grausam hinzufügte ihr Bedenkliches hätte
Erlassen Sie mir sagte Pauline tiefverletzt aber mit immer mehr sich
beherrschender Ruhe die nähere Auseinandersetzung Genug Sie würden mein
Freund werden ja vielleicht setzte sie scharf betonend hinzu mein Sklave
Also wohlan Prinz Ich verbrenne die Blätter Gute Nacht
Damit erhob sie sich um zu gehen Egon aber hielt sie mit gewaltsamem
Entschluss an der Hand zurück führte sie ans Fenster und riss dies Fenster auf
es stürmte es regnete die Bäume krachten Pauline bebte sie
wollte sich losreißen sie wollte schreien da intonirte vor dem Garten eine
jugendliche Männerstimme ein kurzes Lied
Hören Sie diesen Gesang rief Egon in wilder Aufregung
Pauline von der Kälte der Nacht durchschauert sah ihn mit Entsetzen an und
rang sich von seinen Händen los
Es ist das Zeichen eines Wächters sprach Egon indem er das Fenster schloss
Meine Freunde drei an der Zahl sind entschlossen in dieser Stunde mit mir die
Fäden gewaltsam zu zerreißen die mein Leben umspinnen
Was bezwecken Sie Prinz Ums Himmelswillen rief Pauline und wollte mit
einer raschen Wendung entfliehen
Egon aber warf sie mit einer Armbewegung zurück und behielt die Tür im
Rücken
Ich dringe mit meinen Freunden die hier in dies Fenster steigen in Ihr
Arbeitszimmer und verlasse es nicht früher bis wir besitzen was mein ist Ein
Wink von mir und ich habe die Freunde die mich unterstützen hier zur Seite In
Ihrem geheimsten Zimmer das ich mir bezeichnen ließ bleiben wir so lange bis
wir diesen unerträglichen Intriguen ein Ende gemacht haben
Das war fast zuviel Ein Attentat auf ihre Häuslichkeit Wer hätte hier die
Untersuchung aller ihrer Schränke hindern sollen Die feigen Bedienten Wer
hätte beispringen sollen in diesen einsamen Gartenhäusern Aber Pauline lächelte
jetzt ruhig und sagte
Wohlan mein Prinz so kommen Sie Wir können es auch anders beschließen
Ich gebe Ihnen die letzten Geständnisse Ihrer Mutter
Damit gab sie Egon das Zeichen voranzugehen Als er öffnen wollte war die
Tür verriegelt Aha sagte Pauline Ihr Überfall stößt doch schon auf
Vorsichtsmassregeln Eine Horcherin hat die Gefahr abwenden wollen und ich bin
nicht so verlassen wie Sie denken Kommen Sie von dieser Seite Durchlaucht
Pauline nahm einen Armleuchter und ging durch eine zweite Tür durch
finstere Zimmer durch einen Gang Egon folgte Die Ludmer stand auf dem
Gange mit Franz und einem Gärtner im Dunkeln wie Gespenster aber ratlose und
selbst furchtsame Doch erschien ihm diese Ludmer wie eine der Dienerinnen
Hekates bei ihren Zauberkünsten wie eine der Hexen Macbets Es war ihm als
sollte er in seine Zukunft sehen und jenen Zauberspiegel in die Hand nehmen der
ihm die Geschichte seines Hauses offenbarte
Pauline ignorirte die zu Tode geängstigte Freundin und führte Egon in ihr
zweites Boudoir das geheime Sie schloss einen Schrank auf und übergab nach
mehrfacher Zögerung und erneuertem Andringen Egons dem Prinzen endlich die
Blätter Dieser erkannte die Handschrift seiner Mutter küsste sie und sagte zur
Geheimrätin
Also auf die Gefahr hin Ihr Freund zu werden Gute Nacht
Die Geheimrätin wiederholte lächelnd
Auf die für mich angenehmere Gefahr hin sogar mein Sklave zu sein Gute
Nacht
Der Prinz verschwand Bald hörte man Flüstern von Stimmen vor dem Stacket
das Übersteigen seiner ungeduldigen Freunde das Bellen angeketteter Hunde das
Sprechen sich Verständigen Egons mit den Freunden Lachen Spotten zuletzt
das Rollen seines Wagens im feuchten knirschenden Kieselsande
O sagte die Ludmer die erst eintrat als der Wagen nicht mehr hörbar war
welche Szene Welche Verblendung Pauline Welche Geständnisse Welche Gefahren
Das Haus war umringt Wir müssen in die Stadt ziehen Man könnte uns hier
ermorden
Lass mich antwortete Pauline und sank erschöpft auf eine Ottomane
Nach einer Weile fügte sie hinzu
Nie traf es sich dass ich Egon sah Als ich den ersten Blick auf ihn
geworfen hatte o Gott Welche Erinnerungen
Mehr vermochte sie nicht hervorzubringen Die Ludmer verstand was sie sagen
wollte und versuchte sie auf andre Gedanken zu bringen
Ich riegelte zu als ich Franz kommen hörte sagte sie Er war bei Augusten
und hat mir Schreckliches erzählt Er kam dort gerade zur rechten Zeit
Ehe das Mädchen am gebrochenen Herzen starb aus Verzweiflung sich von
einem Ehrenmanne verschmäht zu sehen sagte Pauline mit einem Ausdruck der die
ganze Schwere der Gedanken bezeichnete die auf ihrer Brust lasteten und ihr
jetzt wirklich etwas Prophetisches gab
Ehe sie ins Narrenhaus gebracht wurde sagte die Ludmer ruhig
Großer Gott rief Pauline teilnehmend Charlotte Charlotte Wie ruhig du
Das sagen kannst
Die Ludmer erzählte wie Franz gekommen wäre hätte er schon im Hause
gehört dass vorgestern Abend der Fremde mit dem Auguste seitdem oft ausgegangen
wäre sehr laut und heftig gezankt und dann sich entfernt hätte Oben hätte
Franz den sogenannten Engländer mit der schwarzen Binde gefunden um Augusten
die auf dem Bette lag beschäftigt Der Engländer wäre sehr ergrimmt gegen Franz
gewesen Auguste hätte aber Franzen nicht gekannt Franz wäre so gescheut
gewesen sich für einen Andern als Den auszugeben der sie mit Mangold bekannt
gemacht hätte Als Mangold vorgestern gegangen wäre erfuhr Franz hätte Auguste
nicht ein Wort gesagt sondern in einem todähnlichen Starrkrampfe dagelegen bis
nächsten Morgen Murray wäre nicht von ihrem Bett gewichen Am Morgen wäre sie
etwas aufgestanden und hätte in aller Stille das Fenster geöffnet um sich ohne
einen Laut von sich zu geben auf den Hof zu werfen Murray von dem plötzlichen
Gedanken den Niemand geahnt hätte überrascht hätte sie mit Riesenkraft
ergriffen und zurückgehalten Dann lag sie erzählte Franz bis zum Abend wieder
im Starrkrampfe Endlich hätte sie Speisen genommen und einige Worte aber
verworren gesprochen sie hätte fortgewollt man hätte sie gehalten Murray
verließ sie keinen Augenblick Man hätte den Arzt gerufen und dieser eine
Beruhigung verschrieben nach der sie einschlief Seit heute früh spräche sie
still aber verwirrt dann hätte sie geweint sich gesammelt aber den ganzen
Abend wäre sie so gefährlich irr gewesen dass man sich hätte entschließen
müssen sie in das Narrenhaus zu schaffen Franz wäre gerade angekommen als man
einen Wagen holte und Murray sie mit schönen kostbaren Kleidern die er irgendwo
hätte holen lassen mit Gold und Silber putzte in einen Fiaker schaffte und sie
selbst begleitete Er hätte ihr gesagt Es ginge auf den Fortunaball Da hätte
sie gelacht und mit der Zunge geschnalzt als ging es zum Tanze Ihre Kleider
musterte sie lachend im Spiegel alle die Ringe die Brochen die Armbänder die
sie plötzlich vor Wochen trug wären zum Vorschein gekommen und so wäre sie
lachend und als ging es zum Ball oder zu einer Hochzeit mit Murray ins
Irrenhaus gefahren Franz schloss die Ludmer hat mir die Geschichte so erzählt
dass es mich selbst kalt überlief und nun hier diese Szene noch dieser
Überfall wie von Räubern und Mördern
Du bist schauerlich Charlotte sagte Pauline entsetzt Gute Nacht
Charlotte
Es ist erst neun Uhr bemerkte die Ludmer
Ich gehe zu Bett Gute Nacht Charlotte
Die Ludmer kannte gewisse determinirte Stimmungen ihrer Herrin Sie
versparte alle Erörterungen auf morgen und fragte ob sie das Kammermädchen
rufen sollte
Pauline schüttelte den Kopf
Die Ludmer die jetzt mit einem male die lästige Nichte losgeworden war mit
einem male auch die Spannung zu dem Prinzen Egon sich lösen sah ging ziemlich
erleichtert zu Franz zurück der ihr das Vorgefallene wiederholt erzählen sollte
Pauline riegelte sich ein entkleidete sich rasch und warf sich erschöpft
auf ihr Lager
Als sie im Dunkeln war trat ihr im Halbschlafe Egons Gestalt entgegen Sie
seufzte auf und hätte ihn ans Herz ziehen mögen weil er ihr Erinnerungen
wachrief die zu ihren teuersten und schmerzlichsten gehörten Ihr unruhiges
Blut ließ sie nicht schlafen Sie musste aufstehen wieder Licht machen Zuviel
zuviel der Vergangenheit trat ihr gespenstisch entgegen Es war ihr als wenn
die alten Brustkrämpfe wiederkämen Röchelnd erhob sie sich als läge ein Alp
auf ihr Sie wollte klingeln unterließ es aber da sie hörte dass man noch
im Hause wachte Der Geheimrat kam aus dem Theater Sie hörte sogar die
Schüsseln seines Nachtessens klappern das man in sein Zimmer oben hinauftrug
Das beruhigte sie wieder Sie dachte an Schlaf Aber er floh sie Bilder aus
Italien aus der Schweiz traten ihr entgegen Eben lieblich und schön dann
verzerrt und beängstigend Eine Gestalt schien sie besonders zu ängstigen Sie
erinnerte sie durch eine seltsame Gedankenreihe an Wasser an einen
übergetretenen hohen Fluss Hilfe Hilfe glaubte sie gerufen zu haben Dann
fuhr sie auf und sah sich um fand Alles ruhig und legte sich auf eine andere
Seite Aber nun kam ihr Auguste Ludmer vor die Augen Sie sah sie im Ballstaate
mit geschminkten Wangen sie sah Kerzen Kronenleuchter alle Tanzenden waren
wahnsinnig der Mann mit der schwarzen Binde den sie so oft hatte nennen
hören führte Augusten in ihre Nähe und diese knixte vor ihr und sagte ihr in
wahnwitziger Rede Schöne Dame gib doch meinem Baron seinen Sohn Es war dann
wieder als wäre Mangold Der der dies Mädchen führte und ebenso rasch
gaukelte ihr ein Bild vor die Augen wo Auguste zerschmettert auf dem
Strassenpflaster lag und Franz mit einem Lichte drüber her leuchtete und als sie
nachsahen war es eine edle reine Gestalt die wie ein Engel schlummerte ganz
verklärt ganz verändert und sie sagte sich Das ist ja Selma aber mit
Engelsflügeln Ach Sie schläft still und ruht sich von einem Leben aus das ein
ewiges Opfer war
Dazwischen dann hörte es Pauline deutlich von den Stadttürmen herüber zehn
elf schlagen Aber es schlug schon halb zwölf und sie schlief noch nicht Sie
stand ungeduldig auf machte wieder Licht nahm Brausepulver wollte lesen und
kleidete sich an
Kaum hatte sie eine Weile in das erste naheliegende Buch geblickt als es
heftig an der Tür schellte die von der Straße in den Vorgarten führte Die
Glocke war groß und es schellte mächtig Pauline ging an das Fenster und sah
einen Mann an der Tür der eben zum zweiten Male schellte
Um zu sehen ob noch ihre Bedienung wach war zog sie ihre Glocke
Lange dumpfe Stille
Der Mann den sie durch eine Ritze ihres halbgeöffneten inneren
Fensterladens unterscheiden konnte schellte zum dritten Male
Sie zog wieder ihre Glocke
Endlich regte sich etwas im Hause Man ging und fragte vom Fenster was es
noch so spät gäbe
Sie hörte dass eine fremdartig klingende das Deutsche etwas gebrochen mit
polnischem Accent sprechende Stimme sagte hier wäre ein Billet vom Prinzen
Egon das man der gnädgen Frau morgen ganz in der Frühe beim Erwachen geben
sollte
Wie schlug Paulinen das Herz als sie diese Worte hörte
Man nahm das Billet durch das Gitter Der Fremde der kein Bedienter war
ging
Es wird Louis Armand sein dachte sie Sie kannte von Helenen die
Umgebungen Egons Es wird der Sänger sein der dem Prinzen durch seinen Gesang
verriet dass die Freunde wachten
Sie schellte wiederholt
Franz kam
Eben wurde ein Brief vom Prinzen Egon abgegeben sagte sie Ich will ihn
sogleich lesen
Franz kehrte um und nahm Ernsten erstaunt das eben empfangene Billet ab
Sie erbrach es hastig wandte sich von den verschlafenen zurücktretenden
Dienern ab und las
»Gnädige Frau erst eine Stunde lang hab ich in den Blättern meiner Mutter
gelesen und den Rest überflogen Dennoch bin ich schon zu der Überzeugung
gekommen dass ich Sie morgen in aller Frühe um neun Uhr wenn ich darum bitten
darf sprechen muss Ich erkenne was Sie sagten Die Selige liebte nur Gott und
sich Vergeben Sie mir dass ich so stürmisch so wahnsinnig war Ich fühle dass
ich des Rates einer weisen vom Schicksal geprüften Frau bedarf einer Frau
die über den gewöhnlichen Standpunkten des Lebens erhaben ist«
Pauline nickte als sie geendet hatte einige Male voll tiefster Genugtuung
mit dem Kopfe
Fühlst dus nun Prinz Egon Waldemar von Hohenberg rief sie die Bedienten
nichtachtend triumphierend aus Krümmst du dich nun vor Paulinen von Harder
stolzer Jüngling den die Schönheit Helenens nicht so fesseln wird wie hinfort
der alten Pauline Geisteskraft Zittere nicht Egon Ich bedarf deiner so wie
du meiner bedarfst und wenn du weise bist und mir deine starke Hand zur Stütze
für den Rest meines Lebens leihst so will ich dir zeigen dass ich dich mehr
liebe als Helene dAzimont mehr mehr als selbst Amanda deine eigne Mutter
Franz stand in der Ferne und harrte noch auf einen Befehl
Um sieben Uhr wecken sagte Pauline erschreckend dass sie nicht allein war
Franz ging
Pauline aber verriegelte die Tür las das rasch hingeworfene Billet
beseligt noch einmal und noch einmal entkleidete sich und warf sich heiter
beruhigt ja lachend auf ihr Lager Sie entschlief unter der süßen reizenden
Vorstellung eines neu für sie beginnenden Lebens
Im Bunde mit Egon und seinen geisteskräftigen Freunden was hoffte sie
nicht Alles Was konnte sie nicht Alles wagen und noch vom Schicksal erwarten
Ende des fünften Buches
Sechstes Buch
Erstes Kapitel
Sylvester Rafflard
Helene dAzimont bewohnte in einem sogenannten Hotel garni das erste Stockwerk
An Beschränkung nie gewöhnt bedurfte sie nicht nur aus angeborenen
Rücksichten ihres Standes sondern zur Ausdehnung ihrer ganzen überströmenden
Natur großer Räumlichkeiten Diener und Wagen hatte sie mitgebracht aber diesen
»Train« jetzt noch weit über den Bedarf vermehrt Jede Woche mussten Gärtner die
Zimmer mit neuen Blumen schmücken Ihr Empfangsalon war ein kleiner
DahlienFlor Was sie bei Wanderungen durch die Magazine selbst bei einer
flüchtigen Vorüberfahrt an den glänzenden Schaufenstern der Hauptstrassen nur an
Vasen Porzellan Kunstwerken Bronzesachen Gefälliges entdeckte musste wenn
sie sich davon einen Effect versprach sogleich ganz nach Goethes Theorie vom
Besitze des Schönen angekauft und in ihren Zimmern aufgestellt werden Wie sie
denn in Allem das Weib des unmittelbaren Instinctes schien die
lebendiggewordene Unruhe und Beweglichkeit des nur durch die Liebe
aufrechtgehaltenen Frauensinnes so musste sie was ihr gefiel besitzen was sie
dachte aussprechen was ihr in den Sinn kam vollenden Eine Entsagung ohne
sofortigen Ersatz würde ihr die größte Qual gewesen sein
In den sechs Wochen dass Egon krank war von Andern gehütet ihrer Sorge
vorenthalten wurde litt sie unsäglich Sie hatte das nimmerrastende Bedürfnis
der Aufopferung Sie wäre im Stande gewesen wie eine in Lohn verdingte
Krankenwärterin Egon zu pflegen Der Mann der sie erfüllte war ihr die ganze
Welt Wie konnte sie leben ohne seinen Atem zu hören ohne sich in seinen
Augen zu spiegeln selbst wenn diese vom Fieberwahn umschleiert wären und sie
nicht erkannt hätten Von dem Abend an wo sie bei ihrer Ankunft in später Nacht
vor Egons Fenstern hielt und zu ihnen wie eine Verstossene sehnsüchtig
hinaufblickte und bitter weinte ruhte sie nicht sich dem Freunde bemerklich zu
machen Erst als sie erfuhr dass er ganz krank dann völlig bewusstlos war
unterließ sie diese nächtlichen Aufblicke zu seinen Fenstern Aber Blumen
schickte sie Erkundigungen zog sie ein setzte sich mit der dienenden Umgebung
mit den Ärzten in Verbindung Sie litt peinliche Tage in denen sie nur von
Paulinen die durch Amandens Memoiren wieder Kraft und Fassung errungen hatte
aufrecht erhalten getröstet wurde Wie viel Tränen weinte sie an der Brust
dieser Freundin die sich für mitfühlend erklärte aber ihren Schmerz nur
studierte wie der Künstler an der Armut vorübergeht ihr Almosen spendet aber
seiner Phantasie auch die Gebärden des Hungers einprägt
Pauline gab sich ganz auf die »großen Gefühle« ihrer jungen Freundin
gestimmt aber Helene mit ihrem überflutenden liebesiechen Herzen war ihr doch
nur eine Studie jener Autorschaft an die sie zuweilen zurückdachte seit sie
durch Guido Stromer den vacirenden Pfarrer von Hohenberg den entpuppten
Schmetterling der schönen Phrase und des irren von Allem geblendeten
Idealismus wieder in literarische Beziehungen kam Helene im Jammer um Egon
erkannte Niemanden mehr der bei Paulinen verkehrte Ein Blick des Schmerzes und
sie wandte sich jeder Begegnung ab Nur Melanie blieb ihr von dem ersten Abend
her in Erinnerung als ein »schönes Mädchen« Als »schöner Mann« hätte sie
Heinrichson fesseln dürfen allein sie erbat sich nur die Unterstützung seiner
kunstgewandten Hand um Erinnerungsblätter an ihre EgonLiebe die sie
zeichnete an ihren egoistischen Egonismus wie der witzhaschende Heinrichson
dies Verhältnis nannte zu einer größeren Vollendung zu bringen
Kümmerte sich Helene während dieser Trauerwochen um Niemanden als wer sie
aufsuchte verschloss sie sich jeder Beziehung zu ihrer Schwester Adele
Wäsämskoi die sie ihres kleinen und engen Herzens wegen verachtete zu Rudhard
der ihr ein lästiger gefühlstrockener Pedant war so musste es auffallen dass
sie Sylvester Rafflard nicht gleich das erste mal dass er sich bei ihr melden
ließ abwies
Helene glaubte sonst keinen größeren Feind zu haben
Von Osteggen dem Gute ihrer Eltern war dieser Rafflard plötzlich entlassen
worden in Genf hatte er Ursache Egon zu hassen den er später zu Paris in
ihren Armen wiedersah Die alte Gräfin dAzimont Helenens Schwiegermutter mit
ihrem Ehrgeize und ihrer weltverachtenden Bigoterie hatte die Wahl ihres Sohnes
schon damals gemisbilligt als Graf Desiré am Schwarzen Meere in Helenen eine
Protestantin wählte Welche Klauseln wurden nicht alle in dem mit Paris über
Berlin und Petersburg verhandelten Ehecontracte erfunden um den Folgen dieses
Misverhältnisses vorzubeugen Anfangs nahm die strenge Bewohnerin des Faubourg
StGermain ihre Tochter mit gnädiger Herablassung auf bald aber zeigte sich
dass die alte jesuitische Klassizität der Mutter mit der romantischen Ketzerei
der Tochter sich nicht vereinigen ließ Welche Zirkel suchte Helene auf Welche
Menschen fand sie interessant Wie verworren sah es in ihrem Salon aus Der
»Horreur« den die Mutter durchweg vor der Tochter empfand steigerte sich als
Helene die Rücksichten auf ihren kränkelnden blasirten überbequemen Gatten
völlig aus den Augen ließ und sich mit ihm sogar auf eine Art Freundschaft auf
den Fuß einer gegenseitigen Schonung und Duldung setzte Der Graf wurde der
Vertraute seiner Gattin Er musste sorgen helfen vermitteln wenn ihr Herz
litt Und er gab sich dazu mit der ganzen modernen Philosophie die Sitte und
Gesetz auf den Kopf stellt und das Herz zum Gott dessen Eingebungen zur
Offenbarung macht bereitwilligst her zum großen Unmut der Mutter die diese
neuromantische Ehe mit keinen Kindern gesegnet sah Durch Zufall war der Neophyt
Sylvester Rafflard der alten Gräfin nähergekommen und der Vertraute ihrer
Wünsche geworden Die alte Dame hatte immer einen solchen zuverlässigen
Hausfreund nötig gehabt und hielt sehr treu zu ihm falls er sich bewährte
Seit einer Reihe von dreißig Jahren waren es Jesuiten gewesen Priester oder
Affiliirte die ihr nahe standen Der letzte ihrer Vertrauten Abbé StDor ein
Priester aus dem Konvicte der Gesellschaft Jesu in der Rue Jean Jaques Rousseau
starb und empfahl ihr Sylvester Rafflard einen Genfer der in Turin gläubig
aber nicht Priester geworden war und sich nur als ein in weltlichen Dingen
dienender Bruder zu den ehrwürdigen Vätern hielt die ihm seine Existenz
machten
Rafflard war nicht mehr jung aber von einer unverwüstlichen Regsamkeit
seiner fast tierischgebauten Konstitution Der große affenartig gebaute Kopf
mit dem gewaltigsten hervorstehenden Unterkiefer saß wie auf dem Nacken eines
Stiers Die Schultern waren breit und rund wie die eines Lastträgers Die Beine
lang und weitausholend die Arme fast über die Proportion ausgreifend und mit
Händen begabt die sich wie die ausgespreizten Füße eines watschelnden
Wasservogels machten Dieser Mensch verband die Giraffe mit dem Rhinoceros Die
ganze Natur Rafflards war die Sinnlichkeit nicht nur des Magens und des
Herzens sondern auch die Sinnlichkeit der Augen der Ohren der Hände des
ganzen Menschen
Sein Wesen war wie das Schnalzen des Fisches Er war die Aufdringlichkeit
selbst Seine großen Hände reichte er Jedem zum Gruße er umarmte er küsste
Jeden er floss in einem Strom von salbungsvollen Liebesworten über und bot Jedem
seine Freundschaft an Er hatte sich von einer gewöhnlichen Herkunft allmälig
emporgeschwungen durch das Prinzip die ganze Menschheit wäre zu gewinnen durch
die Süßigkeit der Vorstellungen die das Gegenteil unsrer Existenz in Jedem zu
wecken pflege Er näherte sich den jungen Mädchen und sprach mit ihnen von der
Ehe den Frauen und sprach mit ihnen von dem gebundenen Schicksal ihrer
unabänderlichen Wahl Jungen Männern malte er die süßesten Träume des Glücks
aus den Alten spiegelte er den Glauben vor man hielte sie noch für jung Jedem
aber den er leiden unbefriedigt sah nahte er sich mit der Versicherung er
errate sein verfehltes Geschick er ahne seine wahre Bestimmung Die Frauen
gewann er durch die teilnehmende Entdeckung dass ihr Geist gebunden gefesselt
an Gemeines entwürdigt wäre Die Männer belauschte er in der geheimsten
Sehnsucht ihres Ehrgeizes und beglückte die Strebenden mit glänzenden
Bekanntschaften die er in der Tat wie Visitenkarten aus seiner Westentasche
zog Sylvester Rafflard war der lebendige Versucher Ewig legte er Denen die er
umstricken wollte die Schätze ganz Jerusalems zu Füßen und verschenkte sie an
Den der sich ihm ergab Er bot Alles an Würden Ämter Ehrenzeichen
Geldmittel Erfolge schöne Frauen je nachdem er das weltliche Streben einer
Geisteskraft oder das träumerische Sehnen einer Phantasie vor sich fand
Und wenn man fragen wollte wozu Sylvester Rafflard sich einer so
unermüdlichen Verführung ergab so ist nicht erwiesen dass er geradezu schaden
wollte Er würde sich in diesem Falle bei seiner unausgesetzten Betriebsamkeit
großen Gefahren ausgesetzt haben Er wollte nicht einmal verwirren Er wollte
nur existieren sich behaupten im großen Stile existieren Dazu bedurfte er
hundert Beziehungen Er musste eine Beziehung auf die andre bauen einen Trumpf
gegen den andern ausspielen Sonst war eigentlich seine geheimste satanische
Freude Die jeden Menschen gleichsam im Zustande der Natürlichkeit zu sehen Wir
wissen wie Rafflard als Erzieher wirkte wie es ihn reizte schon das Gelüsten
der ersten Knabenzeit zu beobachten Wir wissen dass Egons früheste
Lebensverstimmung seine Verzweiflung am Dasein die ihn von Genf nach Lyon
fort von allen Beziehungen seines Standes trieb eine Folge der Verführung
seines eignen Lehrers war So aber wie Egon wollte Rafflard Jeden auf die
Nacktheit seiner natürlichsten Schwäche zurückführen Da wo der Mensch klein
wird setzte er den Hebel an da wo der größte Mann zuweilen seinen Beruf
vergisst wußt er ihn sicherlich zu überraschen und hatte ihn dann auch für alle
seine Pläne in der Hand Im gewöhnlichen Verkehr war er liebenswürdig gefällig
und noch immer gern gesehen wenn man ihm auch seinen astmatischen Husten
vergeben musste Diesen tückischen Dämpfer seiner guten Laune diesen Störenfried
seiner schleichenden Intriguen hatte ihm ein strafendes Geschick seit einigen
Jahren mit auf den Weg gegeben Dieser Katarrh hatte ihm schon wie Das in der
großen Welt geht viele Freunde entfremdet ja seinen liebsten Freund den
eignen Magen Der alte Gourmand kaute stündlich Pastillen und verdarb sich damit
eine Verdauung die sonst tierisch war und seiner herkulischen Natur entsprach
Ein solcher Charakter ohne Halt ein reiner Lebensvirtuose ein Künstler
auf dem schlaffen Tanzseile des gefährlichsten Egoismus muss durch innere
Notwendigkeit Jesuit werden Seine Kenntnis der Zeit und der handelnden
Personen überraschte Die die ihn zu diesem Schritte ermunterten Er hatte
Verbindungen wie ein zweiter Graf StGermain Selbst wo man ihm die Tür
gewiesen hatte wagte er wiederzukommen Er wagte Manchen sogar an Menschen zu
empfehlen die ihn verachteten Gelehrte Kenntnisse besaß er nur oberflächlich
Aber vortrefflich sprach er über Sachen die dem Gelehrtesten oft unentwirrbar
blieben über Lebensverhältnisse Sitten Staatsbeziehungen Da ihm
Deutschland die Schweiz selbst Russland bekannte Terrains waren so imponirte
er in Frankreich Als Abbé StDor starb ergriff er mit Freuden die
Gelegenheit seine eigentlich fortwährend bettelnde Existenz zu sichern die ihm
seit seinem astmatischen Husten vollends Bedenken erregte Er hatte schwören
müssen die Ideen StDors zu verwirklichen Es waren Dies mancherlei Aufgaben
größerer oder geringerer Bedeutung Eine derselben lautete die Heirat zwischen
Helene von Osteggen und dem Grafen Desiré dAzimont zu lösen das bedeutende
Vermögen des Grafen zum Rückfall an die Mutter zu bringen und von dieser es
somit zuletzt dem Orden zuzuwenden Dieser Aufgabe unterzog sich Rafflard mit
dem ganzen Aufgebot seiner Energie Es war seine Mission sein Unterhalt sogar
Die übrigen Einwirkungen die er da und dort und bei seiner Sprachengewandteit
auch in fernen Ländern auszuführen hatte kamen zur Lösung dieser Hauptaufgabe
ergänzend aber unwesentlicher hinzu War Rafflard in Paris und Enghien schon
tätig um Helenen und den Grafen zu entzweien so setzte er nach der Flucht der
jungen Frau diese ihm gestellte Aufgabe mit Gewissenhaftigkeit fort Egon warnte
Helenen vor Rafflard schon in Frankreich Sie glaubte Spuren zu haben dass Louis
Armand damals in Enghien nicht ohne Vermittlung Rafflards so grausam störend
in ihr Glück eintrat Sie fuhr schaudernd und ergrimmt auf als man ihr nach
ihrer Ankunft in Deutschland diesen Namen nannte der in der Residenz anwesend
ohne Zweifel ihr gefolgt war und sie nach allem Vorgefallenen eines Tages zu
sprechen wünschen konnte Wie aber gutmütige Naturen und eine solche war
Helene bis auf einen gewissen Punkt im höchsten Grade einmal sind sie fassen
die Menschen immer nach ihrem augenblicklichen Bedürfnis Klagen sie mit dem
Klagenden so heißt es Ich habe mich geirrt er ist gut er ist wenigstens
besser als ich dachte Helene dAzimont hatte auch noch die Eigenschaft
gutmütiger Charaktere dass ihr jedes Wiedersehen etwas Verschönerndes bot
Einem Menschen den man in der Heimat hasste wird man in der Fremde nicht
begegnen ohne sich zu denken Wenn er dir hier unter diesem schönen
Himmelsstrich unter diesen herrlichen Statuen unter diesen duftenden
Gewächsen die Hand böte du würdest sie nicht zurückweisen Bringt er nicht
Heimatsluft mit Geht er nicht wieder dahin wohin du gern einen solchen Gruß
aus lebendem Munde übersenden möchtest Rafflard benutzte diese Stimmung die er
bei Helenen offen genug vorfand Er war noch klüger Er machte gleich reinen
Tisch Er sagte Gräfin warum hassen wir uns Er ergriff damit gleichsam das
schillernde Gewand das seine geheimsten Absichten verbarg und zog die tausend
Falten desselben glatt in eine Fläche in die Fläche der Aufrichtigkeit und
Bonhommie Er sprach so natürlich so sich selbst ironisirend dass Helene schon
lächelte Er verspottete die alte Dame vom Faubourg StGermain er ahmte der
Gräfin so treffend nach dass Helene sie völlig wiedererkannte und mit zu lachen
anfing Seine grauen Augen wurden fast kindlich ja als ihn sein böser Husten
überfiel griff Helene in die Schubfächer ihres Schreibtisches und bot ihm
mitleidig wie sie war von der Pate Regnauld aus Orleans an die er täglich
kaute aber doch kostete doch als etwas ihm Unbekanntes annahm nur um dabei
über das schöne Paris sentimental werden zu können und Helenen zu rühren Und
vollends umstrickte er Helenen dann durch das offene Vertrauen das er ihr
zeigte als sie ihm seine Verbindung mit den Jesuiten vorwarf Er bekannte ganz
offen mit den ehrwürdigen Vätern in Verbindung zu stehen Sie sind Priester
hatte sie gesagt Nein antwortete er ich gehöre zu jenem amphibisschen Teile
des Bundes der in und außerhalb der Kirche steht Ich bin zu weltlichen
Zwecken affiliirt Und Sie gestehen mir Das so offen hatte Helene erstaunt
gefragt Warum sollt ich denn verhehlen was Sie wissen war seine Antwort
gewesen verhehlen setzte er hinzu was Sie verschweigen werden Die Vorsicht
die ich brauche dass ich in philantropischen Zwecken zur Verbesserung der
sittlichen Gefangenenpflege reise öffnet mir viele Türen selbst die Türen
der Gefängnisse sind nicht unwichtig Man entdeckt dort oft Menschen die
gewandt und brauchbar sind Helene wies ihn mit dieser Moral entsetzt zurück
aber er hatte ihr damals in französischer Sprache gesagt
Liebe Komtesse Sie müssen diese Welt betrachten wie ein großes Chaos in
das die Vernunft die Philosophie die tausendfach verzweigte gute Absicht der
Menschen Licht und Frieden bringen wollen Ich habe früher als Protestant als
Erzieher zu diesem Zwecke der vernünftigen Verständigung mitzuwirken gesucht und
meine Überzeugung war zuletzt die dass ich das Übel zur eignen Qual nur
vermehrte Da lernt ich Jesuiten kennen und fand eigentümliche am Dasein
merkwürdig erfreute Menschen Sie reisten und wandelten da und dort Hier kannte
man sie dort nicht Sie hatten Zwecke deren Notwendigkeit sie nicht
untersuchten deren Durchführung sie unterhielt und sie im Zusammenhang mit
einer großen geschlossenen Kette kluger Mitverbundener persönlich stärkte und
erheiterte Ich finde in den Jesuiten die Apostel des reinsten Menschentums
Was wollen sie denn anders diese Vielverschmähten als die Menschen von dem
Staate der sie quält von der Kirche die sie verdüstert etwas lockerer und
loser lassen Was wollen sie herstellen Nur die große bequeme Ordnung der
römischen Religion die am Ende wenn man aufrichtig sein will nichts als ein
freundlicher Verkehr zwischen dem Laien und dem Priester und eine Art von
GewissensArkadien ist Arkadien ist überall wo es keine Gewissensbisse gibt
Die Jesuiten können was sie bezwecken kaum sagen Es sind die eigentlichen
Triebkräfte der Welt die mehr die Freunde des gedrückten Volkes heißen dürfen
als alle Demagogen im Purpur und in der Blouse Was ist denn Das groß für
Sklaverei zum römischen Stuhle zu gehören Die leichteste die lindeste ists
Eine viel lindere als der weltlichen Obrigkeit ganz und gar verfallen zu sein
wie Dies nun durchaus der Gang der Geschichte werden soll Gegen diesen Gang
allein stemmen wir uns Wir wollen nicht Rom retten sondern den Menschen der
Niemanden nur Gott gehorche Wir müssen die absolutistischen Ideen der Könige
verfolgen weil sie den Begriff der Teokratie dh der großen GottesRepublik
der Welt vernichten aber wir müssen auch die Revolution bekämpfen nicht weil
sie den Kömgen schadet sondern weil sie ihnen zuviel nützt weil sie immer und
immer auf Centralisation dringt weil sie die Menschen zu Maschinen eines großen
Staatszweckes macht von dem die Priester dh die Anwälte des reinen
Menschentums ausgeschlossen bleiben Lieber Himmel man spricht von Verdummung
die wir beförderten Wir finden nur dass die Menschen selbst nicht wissen was
das Salz der Erde ist Absolute Staatszwecke ob die der Republiken oder der
Monarchieen sind nicht das Salz der Erde und wenn wir sagen, von Rom gehen die
Adern dieses Salzlagers aus so kämpfen wir ja nicht für den Papst sondern
durch den Papst für die ewige Macht Gottes die größer ist als die der irdischen
Gewalten Unser Orden denkt viel über die Zeit nach Es gibt in ihm eine rechte
und eine linke Seite Die rechte verdirbt leider viel was die linke gut gemacht
hat Es ist so schlimm dass man den Namen Gottes nicht nennen kann ohne gleich
zu sehen dass die Menschen niederfallen und darunter die Aufforderung zur
Bigoterie verstehen Unsere Bundesgenossin ist leider die fanatische
Religiosität leider die Verfolgung des rationalistischen Lichtes allein wir
verfolgen das Licht nicht um des Lichtes sondern um des Leuchters willen auf
dem es gemeiniglich steht und um der Wände willen die das Licht gemeiniglich
erhellen soll Eine Aufklärung die uns verderben will müssen wir verfolgen und
wir verfolgen sie nicht um unsertwillen sondern zu Gunsten der Menschheit denn
alle Aufklärung bringt wieder neue Anmassungen neue Fesseln Das ewig sich
Gleichbleibende ist Rom Das mildeste Joch das nur die Menschen tragen können
ist die Teokratie und ich gebe die Versicherung wie die Demokratie erst ins
Volk griff als ein römischer Priester Lamennais sie im kirchlichen Style
populair machte so wird auch der Socialismus von dem Sie liebe Gräfin die
Grundprincipien kennen werden dann erst siegreich für die jetzige Gesellschaft
anbrechen wenn ein so hohler KommisVoyageurKopf wie der des Herrn Proudhon
von Lyon seine Ideen einem Priester abgibt der über die Menschheit als Seher
nicht als merkantilischer Buchhalter spricht
Helene hatte nicht umhin können dieser Äußerung des Jesuiten einigen
Beifall zu zollen Sie war in der Literatur und den Zeitfragen nicht
unbewandert Ihr Salon war in Paris artistischliterarisch Ihr Tisch war von
aufgeschnittenen und mit Lesezeichen gezierten Schriften nie frei Weitläufig
ließ sie sich aber auf eine Prüfung nicht ein und erwiderte auch hier von dem
Standpunkte der ihr näher lag
Was wollen Sie denn aber in diesem Norden Was gibt es denn hier für Sie zu
tun
Rafflard hatte darauf geantwortet
Wo fände ein Jesuit nicht ein Feld seiner Tätigkeit Schicken Sie ihn nach
Ceilon nach Tombuktu er findet Menschen Priester Religionen Staaten Wo
Andere lehren Andere glauben hat auch ein Jesuit zu tun Wir wissen bei jedem
Verhältnis sogleich wo wir Partei zu ergreifen haben für wen für was
Deutschland fängt an wie im Mittelalter wieder der Schwerpunkt Europas zu
werden Es ist das Land wo beide Principien das römische und das
protestantische sich die Wage halten Die Verwirrung ist groß Es will sich das
protestantische Prinzip das im dreissigjährigen Kriege wenn nicht besiegt doch
erschöpft wurde aufs neue erheben nicht rein als Prinzip der Feindschaft gegen
das katholische aber doch in den eigentümlichsten Versetzungen mit allerhand
andern Stoffen Unsere Obern sind Politiker und denken weiter als die
erbärmlichen Minister die jetzt bei uns und hier auftauchen morgen versunken
sind und vergessen Die Fragen der Zeit gehen weiter als bis zur Herstellung
einiger trügerischen constitutionellen Scheinformen Auch die Jagd auf
Demokraten erscheint uns in der Rüe Jean Jaques Rousseau lächerlich denn
Republiken oder Monarchieen sind uns gleichgültig wenn doch immer die große
Frage wegen der Kirche und des Staates dh des freien oder des gebundenen
Menschen auftaucht Unsere Abgesandte greifen hier und da schon in die deutschen
Schicksale ein Von der Schweiz und Belgien aus wird viel gewirkt und geschürt
Hier im Herzen des Protestantismus ist vorläufig wenig Anderes zu tun als
mit gleichgestimmten Bedürfnissen nach Kirchlichkeit anzuknüpfen Wenn auch
ketzerische Kirche ist auf irgend einem gewissen Standpunkte Kirche immer
Kirche Wir hatten schon einige Hofprediger in Deutschland die Jesuiten waren
Ich will nicht sagen dass auch hier unter ihnen Affiliirte sind aber
kirchliche wie soll ich sie nennen kirchliche Hochtories gibt es auch hier
und Mehreren die ich nicht nennen will steh ich ziemlich nahe Ich habe sie
in einem gewissen Trotz gegen den gegenwärtigen hiesigen Staat bestärkt Erst
schienen sie zwar erschrocken von der Zumutung einer offenen Opposition sie
besitzen dafür zuviel Servilismus angeboren und anerzogen aber wir gewinnen
doch wenn wir die Kirche überall in Europa frei erhalten vom Staate und ihm
nicht wie schon in dem absolutistischen durch und durch verweltlichten Russland
geschehen noch gar die Kraft des Prophetentums die angemasste Bischofswürde
zuführen Was hindert uns nach fünfzig Jahren wenn hier die Zahl der
katholischen Kirchen wächst einen Bischof einzusetzen Wir können alte
Gerechtsame alte Proteste wieder geltend machen Es mag der protestantische
Staat in seinem absolutistischen oder radikalen Gebahren forttaumeln die in den
tiefsten Wurzeln doch noch immer nach Rom hin sich verzweigende Kirche auch die
ketzerische gibt ihm nichts von ihrer Kraft ab wenn wir sie isoliren Wir sind
hier an Allem beteiligt an jeder Frage des Kabinets und des Staatsrates an
der Gesetzgebung für die Provinzen an der Gestaltung der Gesammtform
Deutschlands an der Übertragung der Lehrämter an der Richtung des Geschmacks
und der Wahl der Lektüre ja wir haben hier zwei Katholiken von denen der Eine
die Stütze des Trons der Andere die ganze Hoffnung der Demokratie ist und über
deren geheimsten innersten Gedanken noch ein großes Dunkel schwebt
Rafflard gab sich völlig unverdeckt Einer so offenen auf ihre Diskretion
vertrauenden Sprache Wie konnte Helene ihr widerstehen Sie hatte zwar keine
Neigung zu solcher Bewährung ihrer Geisteskraft wie Pauline die von dergleichen
Enthüllungen elektrisirt worden wäre aber die Hingebung Rafflards glaubte sie
doch vollständig zu erkennen und da sie eine edle Natur war und Vertrauen zu
schätzen wusste so ließ sie den schleichenden Weltmann der die vertraulichen
Manieren eines Beichtigers geltend machte und alle Dinge von dem Zugeständnis
einmal nicht zu ändernder menschlicher Schwäche auffasste gewähren nahm ihn
öfter an dankte ihm für die Bekanntschaften die er ihr zuführte und hielt
seine schonende Sprache über Egon und ihre Liebe für den Beweis eines wirklichen
Interesses Und wenn sie nun auch erraten hätte dass Rafflard nur die Trennung
von ihrem Gatten betrieb was lag ihr daran Gut und Geld hatten keinen Wert
für Helenen Einiges mütterliche Vermögen besaß sie Sich um Anderes was noch
fehlen konnte zu sorgen lag nicht in ihrer Natur Wenn sie in ihre Börse
griff hatte es bis jetzt noch an den notwendigen Mitteln nie gefehlt Aber sie
blickte nicht einmal so weit hinaus Sie war befriedigt dass Rafflard einsah
ihre Liebe zu Egon wäre eine Notwendigkeit eine vom Gott der Götter dem
allbindenden Eros vollendete Tatsache Wenn sie weinte war Rafflard traurig
Wenn sie hoffte verklärte sich auch sein Blick Was sollte sie da grübeln
denken O Himmel das Denken das Vor und Nach war ihr ja das Peinlichste Nur
fühlen mochte sie empfinden verschweben wie ein Lichtatom in der Sonne ihrer
Liebe und Alles das Höchste das Herrschende war ihr der Moment
So rückte Egons Genesung heran Helene jubelte ihr entgegen wie dem
erwachenden Frühling Jeder der ein grünes Blättchen der Hoffnung ihr vom
Palais Hohenberg brachte wurde königlich belohnt Die Bedienten die
Wandstablers alle durften zu ihr geradezu hereintreten wenn sie nur zu melden
hatten dass der Prinz eine Stunde gut geschlafen eine Speise mit Appetit
verzehrt hatte Helene fuhr zu den Italienern um Früchte zu den Konfiseurs um
Näschereien zu kaufen Sie war so unkundig der wirklichen Gebrechlichkeit des
Menschen dass sie sich einbildete Ananas Trauben Melonen alles Das müsse
erquicken oder die Verdauung stärken Sie übte in ihrer Weise einen frommen der
Liebe gewidmeten Cultus der Rafflard im Geheimen beobachtet nicht wenig
belustigte Die meeresschaumgeborene Göttin erhörte Helenens Flehen Egon genas
und sie selbst die zarte kleine Gestalt mit den weichen runden Formen den
bewegten langbewimperten Gazellenaugen dem glänzenden schwarzen Haare dem
anmutigen Lächeln erholte sich wieder von der Wachsfarbe des Grams die ihren
zarten Teint überhaucht hatte zu dessen ganzer blendenden Weiße
Es war Oktober Wohl vierzehn Tage waren hingerauscht in den Wonnen des von
Drommeldei und Rafflard allmälig vorbereiteten Wiedersehens Das Wetter war
gleich nach der Partie von Solitüde auf die Helenens Glück folgte rau
stürmisch dann regnerisch geworden Wo weilte man da traulicher als im Arme der
Liebe Wo war es heimischer als hinter geschlossenen Fenstern in schönen
gefälligen Zimmern in denen schon Abends ein leichtes erwärmendes Feuerchen
knisterte Da wurde gelacht gescherzt geschmollt das Vergangene
durchgesprochen Da wurden Pläne ersonnen von künftigen Vergnügungen von
Reisen von Villeggiaturen des nächsten Jahres von Rom Neapel Egon und
Helene Helene und Egon Nur Beide allein auf der Welt nur selig in der Liebe
nur liebend wie im Paradiese Die Vergangenheit wurde mit Schleiern bedeckt
Helene sprach von Louison wie von einer toten Schwester nichts hatte sie
verletzt kein Stachel war zurückgeblieben die Gegenwart war ihr Eigentum
warum nicht Großmut üben Nur kleine Seelen sind ja auch für das volle
überschwengliche Glück der Gegenwart so undankbar dass sie immer mäkelnd über
Vergangenes im Genuße mistrauisch sind und sogar schon über die Zukunft
grämeln
Freilich in diesen Kelch der Freude mischten sich zwei große
Wermutstropfen Der eine hieß Die Freunde Egons Der andre Der Ehrgeiz des
Geliebten Beide Tropfen flossen aus derselben Schale die Helene oft in
aufgeregter Phantasie wie eine Giftphiole vor sich schweben sah Diesen Becher
wirst du austrinken müssen und sterben rief es ihr oft wie von Geisterstimmen
Kalt packte sie dann eine Hand mitten ins Herz Sie musste aufschreien weinen
Egon wusste nicht was geschah und musste lächeln über Befürchtungen die ihm ganz
grundlos schienen Ja Louis Dankmar Siegbert Rudhard waren seine Freunde
täglich sahen sie ihn sie waren fröhlich die Jüngern mit ihm das Leben
geniessend Den Professor Rafflard hatte Egon abgewiesen Egon gehörte zu den
Menschen die vielleicht nicht consequent in der Liebe aber consequent im Hasse
waren eine starke Art von Menschen schwer zu behandeln des Grössten fähig
und kluger Führung bedürftig Rudharden aber hatte er aufs neue liebgewonnen
Er fühlte dass er wegen Helenens nicht wagen konnte ihn im Kreise der Familie
Wäsämskoi oft zu besuchen desto öfter sah er den alten trocknen
Verstandesmenschen bei sich und freute sich wie tief und nachhaltig doch der
Grund war den der ernste Mann einst in seine Seele gelegt hatte Er war weit
öfter mit Rudhard als mit den andern Freunden einverstanden Auch Siegbert
konnte wegen der Fürstin Adele wie Rudhard nicht anders als jede Beziehung zu
Helene dAzimont vermeiden Das war Helenen freilich peinlich genug Sie sah da
immer Menschen mit ihrem Geliebten in Berührung die sie achten musste und doch
nicht für sich hatte Oft schlug sie gemeinschaftliche Partien vor man
entschuldigte sich durch das Wetter Sie sprach von Einladungen von Diners von
Soupers wie nur sie sie dergleichen zu veranstalten verstand Vergebens Man
hatte Abhaltungen Dankmar vollends den sie einige male wirklich sah machte
auf sie einen dämonischen Eindruck Das war eine Schärfe im Blick eine Ironie
um die Mundwinkel eine sichere Art des ideell Exclusiven dass er sie fast
reizte Sie dachte oft darüber nach Wie gewinnst du dir diese bedeutenden
jungen Männer Du möchtest wohl zB von Dankmar wissen ob seine spröde Schale
einen zarteren Kern verbirgt Sie neckte Egon mit Dankmars Zurückhaltung und
fragte ihn ob der schöne junge Mann absichtlich von ihr ferngehalten würde
Sein Prozess diente zur Entschuldigung und der einzige Grund warum sich Dankmar
zurückzog lag doch lediglich nur darin dass er mit den drei andern Freunden
Farbe halten wollte Sie bauten soviel auf Egon und sahen ihn nun umstrickt von
einer entnervenden Liebe Sie wirkten sie liefen sie arbeiteten für ihn und
wenn sie ihn für die Wahlen die Kammern für ihre idealen Pläne plötzlich zu
sprechen wünschten hieß es Er ist bei der Gräfin oder Die Gräfin ist bei
ihm Das nahm besonders Dankmar der seine Zeit schätzen lernte gegen Egon ein
und Niemanden mehr als Louis den Helene deshalb auch geradezu für ihren
Widerdämon und für Egons »böses« Prinzip hielt Rafflard hatte den Gedanken
einer dauernden Vereinigung in ihr Herz gepflanzt und sowenig eigentlich dieser
Plan ihrer Natur entsprach so ungern sie den armen kranken philosophischen
Gatten in Paris zu äußersten Entschließungen veranlassen wollte und lieber auf
seinen von den Ärzten für gewiss vorausgesagten Tod wartete so ergriff sie doch
diese Idee ohne alle Rücksicht auf ihre Zukunft eben darum so lebendig um
diesen sogenannten Freunden ihres Freundes als Alleinherrscherin über Egon zu
imponiren und sie durch einen Machtspruch entweder als Untergebene sich zu
gewinnen oder sie als Fürstin von Hohenberg ganz entfernen zu können
Diese vier Männer waren es die in Egon diejenige Flamme schürten auf die
Helene wie auf die Gunstbezeugungen der schönsten Frau der Erde eifersüchtig
war die Flamme des Ehrgeizes Ein Weib das unter solchen Verhältnissen liebt
wie Helene dAzimont wird niemals ertragen können dass sich der Gegenstand
ihrer Liebe teilt Nur die Liebe die die Sitte heiligt erträgt im Mann den
Aufblick zu einem großen Berufe und jene geteilte Stimmung die immer im
Gefolge eines Wirkens für die Welt sein wird Die sittenreine Liebe erfasst den
ganzen Menschen nicht den sinnlichen nur Sie wächst mit seinem Wachstum
empor Sie schmiegt sich wie der Epheu zu den Ästen des Baumes hinan und folgt
ihm bis in die Krone seiner Triebkraft Der Ruhm ist wohl eine schöne Zugabe zu
jedem Verhältnisse zwischen Mann und Weib Aber der Ruhm will erworben will
behauptet sein und an die stille Werkstatt des Geistes soll da die Liebe nie zur
unrichtigen Stunde pochen Egon war nicht der Mann der seinen Ideen entsagt
hätte um einer Liebe willen Er lächelte wohl zu Helenens Befürchtungen und
sagte ihr oft Du fürchtest nur mein graues Haar das sich schon durch mein
Fieber lichtete fürchtest die Nachtwachen denkst an die Staatsmänner die du
kennst die nach ihrer ersten Rede zehn Jahr jünger und nach der minder
gutaufgenommenen zweiten zehn Jahr älter wurden Dazu schüttelte Helene den
Kopf Sie sagte dass Egon immer schön sein würde aber sie müsse ihn allein
haben Wie litt sie schon jetzt unter diesen Vorbereitungen zur Wahl in die
Kammer Welche Verhandlungen welche Zeitverluste welcher Ärger welche
Absorption der Gedanken Sie wollte Egon nach Italien entführen Er dachte nicht
daran ihr zu folgen Er gönnte sich nicht einmal die Zeit in Hohenberg wie er
gewollt Ackermann zu besuchen von dem er soviel Treffliches und Beruhigendes
erfahren hatte
Seit einigen Tagen erlebte sie noch vollends dass Egon der schon von den
vier Männern genug in Anspruch genommen war mit Pauline von Harder in eine
Beziehung kam die sie nicht verstand Rafflard sagte ihr zwar der Fürst ist
nun gewählt er ist in die Kammer getreten Pauline von Harder spielt eine neue
politische Rolle es sammeln sich Männer von Ruf und Einfluss in ihrem Salon
Nein nein hatte sie ihm geantwortet Das kann es nicht sein Sie hassten sich
doch Er nannte sie die Todfeindin seines Hauses und sie beklagte es ewig dass
ich einen Mann liebte der ihre beste Freundin aus Familieninstinct verfolgen
würde Nun sind sie einig Jeden Abend haben sie ein têteàtête Was ist Das
Ein têteàtête an dem Heinrichson nicht teilnimmt doch nicht etwa hatte
Rafflard mit Lachen dazwischen geworfen
Er wollte damit sagen dass Heinrichson viel öfter bei Helenen als noch bei
Paulinen war und der Gräfin eine große Aufmerksamkeit widmete
Helene hatte dagegen nichts eingewendet als dass sie flüchtig von einem
jungen Mädchen einer wahren Schönheit sprach die seit einiger Zeit von Egon
erwähnt würde als Verschönerung der Zirkel der Geheimrätin Melanie
Schlurck Rafflard hatte darauf nichts erwidert als den einfachen Vorschlag
Helene sollte da die Verhältnisse doch nun in der Tat dringend und schwierig
würden gegen Egon mit offener Sprache heraustreten und von ihm eine Erklärung
über ihre beiderseitige Zukunft verlangen Helene gereizt durch die Erinnerung
an Melanie Schlurck fand diesen Rat weise hatte ihn in der Tat befolgt und
harrte nun an einem Octobermorgen der sich freundlicher anliess als die bisher
vorübergegangenen Wochen auf den Besuch des Vertrauten dem sie die Ergebnisse
einer gestrigen Unterredung mit Egon mitteilen vielleicht gar den Auftrag zu
einer Scheidung geben wollte zwischen ihr und dem Grafen dAzimont
Zweites Kapitel
Eine Intrigue
Die liebliche junge Frau lag in einem sehr gefälligen Schlafrock von weißem
Kaschmir bunt gefüttert und mit Bordüren besetzt auf dem Sopha und blätterte
in Briefen und Sendungen die sie von Paris erhalten hatte Die Herbstsonne
hatte sich wieder eingestellt und fiel neubelebend und so erwärmend durch die
Fenster dass man von den Rosetten die Vorhänge lösen musste deren gelber Schein
dem weißen Teint Helenens einen zarten orientalischen Überhauch gab Auf dem
Tische vor ihr stand eine Vase mit Blumen die sie sehr liebte Mit Ungeduld
blickte sie auf eine Pendüle die über dem geöffneten Schreibbureau stand und
schon auf elf zeigte Sie erwartete Rafflard Der Bediente brachte bald diese
bald jene Meldung Die Modistin wurde an ihr Mädchen verwiesen Koncerte zu
denen sie die Billets nahm ohne sie zu besuchen wurden rasch bezahlt So oft
sie fühlte dass der Zeiger der Pendüle doch auch gar zu langsam vorrückte
sprang sie auf dass die Troddeln und Schnüre ihres Schlafrocks klapperten und
setzte sich an ein geöffnetes Piano das in einer Ecke des Zimmers stand und
phantasirte in Tanzrhytmen eine Weile auf und ab Dann fiel ihr ein dieser
oder jener neuen Bekanntschaft rasch ein kleines Billet zu schreiben einen
Roman zu schicken über den gesprochen wurde oder sie jagte die Diener Dies
und Das zu besorgen Endlich gaben ihr einige Zeilen von Heinrichson eine
veränderte Stimmung Heinrich Heinrichson schrieb ihr dass er drei der
gemeinschaftlich gearbeiteten Bilder in zierlichen entsprechenden Rahmen
mitbringen würde und schloss seinen Morgengruß mit einigen Worten die in seinen
vielen an Helenen schon gerichteten Briefen immer Dasselbe sagten nämlich dass
sie schön gut und liebenswürdig wie ein Engel wäre Huldigungen die jedesmal
eine neue Wendung hatten seine Weltbildung und Esprit verrieten
Endlich war Rafflard da
Eilig wie bei Helenen immer trat er ein nachdem ihn sein Husten schon im
Vorzimmer angekündigt hatte Rafflard war es in seinem langen plumpen
ungeschlachten tappigen Wuchse Die weiße Halsbinde um den Hals der schwarze
Frack die weiße Weste die weißen Handschuhe milderten etwas die hartknochige
und unedle Physiognomie Von der Seite aus gesehen würde man ihn wenn er etwas
korpulenter gewesen wäre leicht für einen verkleideten Kapuziner haben halten
können
Rafflard küsste Helenen die Hand und überreichte ihr einen Strauss von
frischgeschnittenen Orangenblüten
O rief sie das haben Sie gut getroffen Professor Diese Blüten versetzen
mich nach Italien Den nächsten Karnaval feir ich in Rom
Mit fragte Rafflard gedehnt
Mit Mit Egon Sie haben ihn verleumdet Professor Er liebt mich wahr und
treu und kann mir jedes Opfer bringen Wie heiter wie glücklich schloss gestern
die Stunde als ich mich an ihn schmiegte und die schwierige Aufgabe sich vom
beklommenen Herzen trennte Aber Alles ist erörtert besprochen entschieden
Setzen Sie sich Professor Trinken Sie Chokolade
Danke meine Freundin Erzählen Sie sagte Rafflard und spitzte die Ohren
Ich schelle Kacao
Meine beste Gönnerin ich habe heute schon einige Gefängnisse besucht und
mir die Morgensuppen der Verbrecher zu kosten erlaubt Sie können sich denken
Also Maraschino
Helenens Gutmütigkeit war schon in Bewegung zu schellen Der Bediente kam
Sie gab ihm einen Wink Er verstand was sie sagen wollte Rafflard lächelte
erfreut Die Verbindung mit Egon war das Werk das er um jeden Preis zu
vollbringen hatte
Sie sollen überrascht werden sagte Helene ich will nicht dass Sie einen
schlimmen Tausch gemacht haben als Sie statt mit der Mama mit mir vorliebnehmen
mussten
Der Bediente brachte ein Kästchen das sie öffnete Rafflard war überrascht
Gerade ein solches Kästchen stellte jeden Morgen die alte Gräfin dAzimont auf
ihren Tisch wenn Rafflard seine erste Visite auf dem Quai dOrsay machte und
sie gemeinschaftlich kleine Pasteten aßen Es befand sich darin ein halbes
Dutzend Krystallflaschen mit Likören kleinen Gläschen einem silbernen Teller
Alles sehr zierlich und höchst portativ eingerichtet
Rafflard hustete jetzt gerade sehr dann aber küsste er der jungen Gräfin die
Hand und fand diese Idee einen Komfort der alten Schwiegermama hierher zu
verpflanzen allerliebst Der Bediente kredenzte Rafflard stärkte sich an
Maraschino und klagte dabei über den verdammten Geschmack den er von der
Gefängnisssuppe noch im Munde hätte Die Zunahme seines Hustens erklärte er
folgendermaßen
Ich war vorgestern in der benachbarten Festung Bielau in einem Loche das
man vor dreißig Jahren in dieser schon damals doch sehr aufgeklärten Verwaltung
ein Gefängnis nannte Denken Sie sich meine Gnädige eine Höhle unter dem
Niveau eines übelriechenden Flusses Man zeigte mir eine jetzt vermauerte
Nische durch die sich ein gefährlicher Verbrecher der verurteilt war in
einer solchen Kloake zu leben in den Fluss durchgebrochen hatte Er soll da das
Wasser auf ihn hereinströmte ertrunken sein Die feuchte Atmosphäre liegt mir
noch auf der Brust Doch liebe Helene erzählen Sie nur
Helene nahm auf ihrem Sopha Platz und schickte sich an dem ehemaligen
Lehrer dessen vertrauter Ton ihr eine angenehme Erinnerung an die Jugendtage
von Osteggen war von dem gestrigen Abend Bericht zu erstatten
Ich bin ganz Ohr sagte Rafflard und nippte an seinem Maraschino den er
sehr lobte und dabei still vor sich hin sagte
Echter Zara
Mein Entschluss begann Helene stand gestern fest Es hatte mich zu tief
verletzt dass mich vorgestern Egon warten ließ während er zu Paulinen fuhr und
dort wie ich höre en petit comité mit ihr und dem schmuzigen Schriftsteller
wie heißt er
Guido Stromer
Zu Nacht aß
Sie vergessen Fräulein Melanie Schlurck
Helene errötete dass Rafflards Chronik doch auch gar zu gewissenhaft war
und unterbrach ihn mit aristokratischer Aufwallung
Was weiß ich wer sich Alles mit gemeiner Berührung an den Prinzen klettet
Genug ich hatte Ihren Rat und meine eigene Eingebung für gestern
zusammengenommen und beschloss ihm den ganzen Zustand meiner Seele offen und
treu zu enthüllen Vormittag war er in der KammerSitzung
Nachmittag in dem volkswirtschaftlichen Ausschuss in dem er einstimmig als
Präsident gewählt worden ist
Erst um acht Uhr kam er nach Hause wo ich ihn erwartete Er kam begleitet
von seinen Freunden die nicht übel Lust zu haben schienen zu bleiben Ich
sagte ihm sehr entschieden Mein lieber Freund ich bitte dich sei heute der
Meine Ausserordentlich liebenswürdig küsst er mir die Hand und entließ die
Aufdringlichen Unausstehliehen Widerwärtigen Egon war verstimmt Egon sagt
ich du hast Kummer Ja antwortete er Entdecke dich mir Was hast du seit
acht seit vierzehn Tagen Du bist mein Egon nicht mehr Ich weiß es dass man
mir dich rauben will Egon Raubt man dich dir selbst
Sehr fein unterbrach Rafflard
Er lächelte
Wie billig über den Ausdruck
Und reichte mir die Hand Ja Rafflard glauben Sie mirs er war dem
Weinen nahe
Egon
Triumphirend fuhr Helene fort
Mein Egon sagte Helene ich bin nicht glücklich Denken Sie sich meinen
Schmerz über dies Geständnis Rafflard Ich sank ihm zu Füßen ich bedeckte
seine Hände mit Küssen Egon sagt ich du leidest Warum leidest du Weil du
andre Quellen des Glücks suchest als im Arm deiner Geliebten Warum diese
politische Laufbahn Sich gleichstellen mit dem Pöbel Ich habe der ersten
Sitzung beigewohnt habe dich gesehen unter Bauern Pächtern Gastwirten
ah mein Freund welche Verwirrung
Ich bin gespannt Sie sind hier aristokratischer Helene als Sie es in
Paris waren unterbrach der Neophyt
Er gab mir Recht Rafflard
In der Tat? Egon ist Sozialist denk ich
Er sagte Helene Ich fühle wie du Ich bin nun acht Tage in der Kammer Was
ist geschehen Nichts Man streitet über die erbärmlichsten Förmlichkeiten
Jeder ringt nach Einfluss nach Geltendmachung seiner geringfügigen
Persönlichkeit und so bedeutend manche Intelligenz ist ich habe gefunden dass
sie in den Schatten tritt gegen Denjenigen der eine starke Lunge hat und seine
Trivialitäten mit einer Stimme die durchdringt geltendmachen kann
Gut Er kommt zur Erkenntnis
Ich sagte ihm Egon du wirst deine Ruhe deine Heiterkeit preisgeben wenn
du dich nicht von diesen fruchtlosen Kämpfen losringst Seit du Paulinen kennst
und dich mit ihrem gefährlichen unternehmenden Geiste ausgesöhnt hast ist der
Friede deiner Seele gewichen Er seufzte und sah mich schmerzlich an mit einem
Blicke Rafflard so voll Rührung und Vernichtung dass mir die Stimme erstickte
und ich alle meine Vorsätze vergaß
Aber
Was verlangst du von mir Helene sagte er nachdenkend Egon das Erste was
ich verlange ist dass du mich liebst Und dann fügte ich lächelnd hinzu dass
du dich entschliessest diese Stadt zu verlassen mit mir nach Italien zu gehen
und dort wenn mein Bund mit dAzimont gelöst ist unsere Liebe legitimirst
Ich höre mit hundert Ohren sagte Rafflard und lauerte auf die
entscheidende Antwort des Prinzen um sie noch heute an den Quai dOrsay nach
Paris zu berichten
Helene in völliger Sicherheit sich wiegend und bei Rafflard nur die
Teilnahme für ihr Glück voraussetzend fuhr fort
Egon nahm diese Worte nicht stürmisch aber auch nicht kalt auf Rafflard
und ich fand dies ermutigend für mich Es ist doch meinen Sie nicht
Professor es ist doch ein Entschluss für das Leben den ich von ihm verlangte
Du stellst mir Alternativen sagte Egon ruhig lächelnd und fügte hinzu Helene
Das ist doch eigentlich nicht schön von dir und nicht deiner würdig nicht
Helenisch Lieber Egon sagt ich ich stelle dir keine Alternativen Ich werde
dich lieben das weißt du auch wenn du mich mit Füßen trittst Leider kennst du
meine Schwäche Aber ich will dein eigenes Glück Ich ehre dein sittliches
Gefühl es quält dich mich nicht durch die Bande der Ehe an deine teure
geliebte Person gekettet zu sehen Oder willst du die Ehe selbst nicht lass uns
wenigstens nach Italien gehen und unter milderen Voraussetzungen als die hier
üblichen sind glücklich leben Dieser Boden kann niemals die Heimat meines
Glückes werden Das fühl ich Egon Ich konnte nicht weiter denn Tränen
erstickten meine Stimme
Sie sind noch jetzt gerührt Helene Fassen Sie sich sprach Rafflard in
größter Spannung Er war Menschenkenner genug Egons Antworten keineswegs so
beruhigend zu finden wie sie sich Helene dachte
Egon war sehr lieb sehr gut Rafflard Wirklich er zog mich an sein Herz
und sah mir so kindlich ins Auge so gut wie in unsern glücklichsten Tagen am
See von Enghien Helene sagte er wie ich dich liebe weißt du Ich mache mir
Vorwürfe dass mein Herz geteilt ist Ich bin nicht so sehr Egoist dass ich dir
nicht nachempfände wie es dich schmerzen muss mich in so vielen Beziehungen zu
wissen die in keiner Verbindung mit den zarten Fäden stehen in denen dein Herz
sich einzuspinnen liebt Auch meine Beziehung zu Paulinen erfreut dich nicht
Ich bin aus mancherlei Rücksichten verpflichtet wenn nicht die Freundschaft
doch die Schonung dieser Frau zu wünschen Sie hat sich mir mit großer Hingebung
anvertraut
Sie wird ihn benutzen so lange er gilt schaltete Rafflard ein um
Helenens Befremden über Das was sie selbst erzählte zu mildern sie wirft ihn
weg wenn er sich überlebt hat was in unserer Zeit und bei der Gattung von
Politik die jetzt auf dem offenen Schauplatze getrieben wird das Werk eines
halben Jahres ist
Er selbst fuhr Helene fort räumte mir die gleiche Bemerkung die ich
machte gern ein und verwünschte den Einfluss unter den er so plötzlich geraten
wäre Ich sprach nun von seinen Freunden mit Energie mit Zornesworten
flammt ich auf Ja Rafflard ich glaube dass sie anfangen ihm lästig zu werden
Rafflard horchte ungläubig
Doch Doch Er sprach von großer Verschiedenheit der Ansichten und von
chimärischen Auffassungen die auf dem Boden der gegebenen Verhältnisse nicht
Stand hielten Er hatte Sie kennen diese Pläne sich vorgenommen fast alle
seine Leute zu entlassen sein Hauswesen bis zur Entsagung eines Diogenes zu
vereinfachen Alle diese Pläne sind aufgegeben Er wird seinem Stande gemäß
leben und sich sogar nicht scheuen in Hoffnung auf seinen umsichtigen
Generalpächter Ackermann mit dem Bankier Reichmeier ein neues Geldgeschäft zu
machen
Rafflard hörte nur und hustete
Ich gebe Ihnen mein Wort Rafflard er sprach so vernünftig so klar so
seinem Stande angemessen
Und die Heirat unterbrach der Späher
Freund ich mochte doch nun auf dies Thema nicht wieder gewaltsam
zurückkommen Er vermied es nicht Nein Aber ich begnügte mich ihm nur meinen
Refrain Italien Italien zu wiederholen Und da versprach er mir allen diesen
Beziehungen die ihn hier fesseln hier zerstreuen meiner Liebe entziehen
sobald es irgend mit seiner Ehre vereinbar wäre zu entsagen und mit mir über
die Alpen zu ziehen Ist Das nicht himmlisch
Rafflard stand auf Er war mit diesem Ergebniss nicht im Geringsten
zufrieden Er sah wie leicht die eigentümliche Natur Helenens zu täuschen
war Doch hütete er sich wohl ihren Verdacht zu wecken und seine Zweifel zu
laut auszusprechen Er räusperte sich hustete und wiederholte nur
Sehr schön Sehr schön Helene wird so glücklich werden wie sie es
verdient Sehen Sie Italien Ich wünschte ich dürfte Sie begleiten und Abends
auf dem Korso von Florenz spazieren gehen
Mit einem raschen Übergang kam Rafflard auf Briefe die vor Helenen
ausgebreitet lagen und Pariser Poststempel trugen Er wusste schon dass der Graf
todtkrank war Seine Mutter hatte ihm geschrieben und die dringendste Eile für
die Verbindung Helenens mit Egon angeraten So stellte er sich unwissend und
fragte was sie von Paris Neues hätte
Desiré ist sehr leidend sagte Helene Die Ärzte wollen ihm kein Jahr mehr
geben Ich lese mit Rührung die Scherze die er mir schreibt Er ist so gut Er
will mich unterhalten und hofft dass ich glücklich bin
Glücklich In Italien Zum Karnaval Nicht Desiré hört es vielleicht gern
wenn Sie mit ihm von Egons politischen Plänen sprechen
Rafflard warf diese Worte so lauernd und forschend hin um ihre Wirkung zu
beobachten
Nein nein rief Helene gequält Die Kammer gefällt Egon wirklich nicht Er
wird die lästigen Freunde abschütteln Wir sehen keinen deutschen Winter mehr
Ich schreib es Desiré Ich sehe Egon in Italien
Rafflard zog die Augenbrauen in die Höhe und trat nun da er Helenen zu
befangen zu beherrscht von Egons gewaltiger Persönlichkeit sah machtvoll mit
der entschiedensten Ungläubigkeit hervor
Guter Engel sagte er mit schneidender Schärfe Sie sind wie ich Sie immer
gekannt habe Ich habe Ihnen in Osteggen Märchen erzählt von Menschen die so
groß sind dass sie in einem Fingerhut wie in einem prächtigen Palaste wohnen
können von Riesen wieder die so groß sind dass sie über den Arc de lEtoile
hinweg den Tuilerien guten Tag sagen könnten Sie haben an die Zwerge
geglaubt und haben an die Riesen geglaubt Wissen Sie dass so lange Egon in den
Händen Paulinens Guido Stromers Rudhards der Gebrüder Wildungen und dieses
melancholischen Brutus Louis Armand ist für Sie keine Hoffnung blüht kein
Glück keine sichere Stunde der Zärtlichkeit keine Minute jener phantastischen
Idyllen die jeder empfindenden Frau vom Glücke der Liebe unzertrennlich sind
Egon sagt die Politik ekle ihn schon an Ich war einen Augenblick als ich aus
den Gefängnissen kam auf der Zuhörertribüne der Kammer Wissen Sie dass Alles
gespannt ist auf eine Rede die Egon heute oder morgen halten wird Er ist
Berichterstatter des volkswirtschaftlichen Ausschusses und wird über Dinge die
er versteht seine Meinung sagen Alles ist Ohr der Hof wartet mit Sehnsucht
wie sich der von ihm so ausgezeichnete Fürst entwickeln wird Glauben Sie dass
ihn diese Spannung nicht heben nicht begeistern wird Er wird Triumpfe ernten
und bald von dem Weihrauche der Parteiengunst so betäubt sein dass er aus diesen
Absorptionen nicht mehr herauskann wenn er auch wollte Arme Helene
Helene dAzimont verzog ihre Mienen als hätte sie den Schmerz der Kleopatra
gefühlt als ihr unter Blumen die Schlange in die entblößte Brust stach
Sie sind furchtbar Sie töten mich hauchte sie fast wie hinsterbend
Dann aber regte sich plötzlich die Wallung des Stolzes Ihre
leidenschaftliche Natur empörte sich sie sprang auf
Ihre Brust wogte ihre Augen funkelten So sanft sie sein konnte wenn
ihr Alles nach Wunsche ging so gläubig sie sich beschwichtigen ließ so
leidenschaftlich konnte ihr Unmut hervorbrechen wenn sich ihrem verwöhnten
Willen nur das geringste Hindernis entgegenstelle Hier nun handelte es sich um
Etwas was ihr die Aufgabe ihres Lebens schien In tobender Ungeduld die
Briefe Zeitungen zerknitternd wegwerfend im Zimmer auf und abschreitend
brach sie los und rief fast wie Norma dies Ideal der modernen starken Frauen
in der Oper
Bin ich denn der unglücklichen Priesterinnen des Altertums Eine die die
Flamme am Altare der Liebe in ewiger Glut erhalten sollen und von Dem der ihre
Sehnsucht ist ihr Leben ihr Tod ihr Verbrechen ihr Alles betrogen werden
Ich wüsste keinen Felsen am Meere der zu hoch wäre dass ich mich von ihm aus
Verzweiflung nicht in die Fluten stürzte Wehe mir was hab ich dieser Liebe
nicht geopfert Losgerissen hab ich mich vom Sterbebette eines guten Menschen
der in seinen letzten Stunden auf die liebende Sorgfalt meiner pflegenden Hand
angewiesen ist Urteil Achtung der Menschen hab ich in die Schanze geschlagen
was sind sie mir denn Alle die auf der Erde sind außer dem Einen den ich
liebe wie meinen Herrn und Gott Hätte mir der Himmel ein Kind gegeben ich
würde wissen wohin ich diese Regungen der Liebe und Zärtlichkeit niederlegte
wie an einen Altar Ich würde es pflegen ans Herz drücken über seinem Atem
wachen und nur in ihm leben in seinem Lallen in seinem lachenden Auge Nun
hab ich aber auf dieser ganzen Gotteserde nur Egon nur ihn Egon Egon Und
Der liebt mich nicht mehr
Das heftigste Schluchzen unterbrach diese Verzweiflung und erstickte
Helenens Stimme Die Liebe war stärker als ihr Zorn Übermannt von ihrer
Empfindung warf sie sich auf das Sopha und drückte ihr weinendes Antlitz an die
sich feuchtenden Polster
Rafflard konnte nichts tun als sie anfangs sich ruhig dem Ausbruche dieser
Empfindungen überlassen und mit scheinbar schmerzlicher Teilnahme laut seufzend
ihrer verzweifelten Stimmung Nahrung geben
Dann aber erhob er sich und bat sie ihm zuzuhören
Liebe Gräfin sagte er ich muss Sie jetzt tadeln
Mich tadeln Warum Mich noch tadeln
Weil Sie von Egon das Unmögliche begehren Geben Sie die Ideen von einem
Alleinbesitz des Geliebten auf Aufrichtigst Sie leiden an einer Überfülle von
Romanenstoff dem Sie die Huldigung bringen wollen ihm nachzuleben Diese
abscheulichen Poeten Warum können Sie sich nicht Ideale eigener Art erfinden
Sie mit Ihrem reichen Geiste mit Ihrer reichen Phantasie
Ah unterbrach ihn Helene ich bin arm Ich bin nur reich an Liebe
Und werden reich an Unglück sein wenn Sie mir nicht folgen Was wollt Ihr
jungen Frauen mit Eurer Manie auf italienischen Seen zu schwimmen in Rom an
den Wasserfällen von Frascati sich zu umarmen und ein schwelgendes sybaritisches
Leben zu führen Finden Sie sich doch in Egons Natur in Egons Aufgabe Ist es
denn so unmöglich dass Sie dieser politischen Laufbahn des Geliebten folgen
sich ihr aufmerkend anschließen Gehen Sie doch auf seine Pläne des Ehrgeizes
ein Geben Sie doch diese ungeheure Sehnsucht nach romantischem Glücke auf Ich
spreche im Tone des Erziehers
Als Jesuit Als kalter Rechnenmeister der das Herz immer mit dem Verstande
in Einklang zu bringen sucht
Damit die Rechnung aufgeht und kein Bruch entsteht
Bruch
Helene wiederholte dies Wort als wenn der falsche Ratgeber das
Entsetzlichste gesagt hätte
Bruch wiederholte sie und zitterte wie vor einem drohenden Messer und ihre
Lippen blieben starr und offen
Sie selbst liebe Helene fuhr Rafflard ruhig fort Sie selbst arbeiten auf
dies Ende hin Trauen Sie mir einem Menschenkenner Egon ist ehrgeizig
verbinden Sie sich mit dieser seiner Leidenschaft Werden Sie ihm ein Werkzeug
ein Bundesgenosse seiner Zukunft Ich sprach Gelbsattel der scharf beobachtet
Er sagte mir Egon würde zwar das Ministerium stürzen helfen aber nicht im
Interesse der Demokratie er hat mit Guido Stromer gesprochen der die Fülle
conservativer Elemente in Egon bewundere Gefährlich nur sind für Egons
Entwickelung zum Höchsten seine Umgebungen Entfernen wir diese so haben wir
ihn und sein Schicksal in der Hand Ich möchte doch wohl wissen ob die Gräfin
dAzimont Freiin von Osteggen ich will sagen wenn es sein muss geschieden von
ihren französischen Verhältnissen verbunden mit Egon durch das Band der Sitte
der Kirche nicht im Stande wäre mit einer Egons Stande geziemenden Laufbahn
gleichen Schritt zu halten Noch kann Egon nicht daran denken Sie zu opfern
Helene Noch liebt er sie zu innig Jetzt ein rascher Entschluss Legitimiren Sie
dies Verhältnis geben Sie Italien Balzac die Romantik auf schließen Sie sich
Paulinen und seiner politischen Kaprice an und Egon bleibt Ihnen und wer weiß
nicht wem Allem gerettet
Rafflard schwieg lauernd Sein Husten hatte ihn in der Ekstase verlassen
Helene schaute voll Wehmut Sie versetzen Berge sagte sie dann leise und
doch schon vor Wonne über die Möglichkeit einer solchen Wendung ihres
Verhältnisses bebend Entfernen Sie die lästigen Umgebungen das tut sich auch
so Sitzen diese Menschen nicht wie die Kletten an ihm Das sind seine Arme
seine Hände Mit denen wirkt er die heben ihn die tragen ihn Egon weiß sehr
wohl es gibt heute keine Erfolge ohne Faiseurs ohne Gallopins Die müssen für
ihn vollbringen was er nur angibt die trennen ihn von mir Wie sind sie zu
entfernen Man muss Scheidekünstler sein Chemische Dinge erfinden sagte
Rafflard und strich sich die Perrücke über die Stirn man muss Dinge erfinden
die Egon plötzlich isoliren er steigt auch ohne diese Menschen
Wie wollten Sie nur zB den einzigen Rudhard entfernen
Rudhard fürcht ich am wenigsten sagte Rafflard Rudhard ist conservativ
Warum sollt ich nicht wünschen dass Helene Osteggen sich mit der Schwester
durch einen Akt des Anstandes aussöhnt
Helene lachte hierauf bitter und verächtlich aber doch geschmeichelt von
den neuen Möglichkeiten Mit wiedergewonnener Laune sagte sie
Die gute Schwester folgte mir vielleicht in der neuen Ehe und ließe sich
herab die Frau eines Malers zu werden
Diese Beziehung auf Siegbert Wildungen verstand Rafflard sehr wohl
Schmunzelnd sagte er
Sie sind eifersüchtig auf die gute Adele Siegbert Wildungen hat etwas was
Sie an den Lago di Komo die Borromäischen Inseln und den Golf von Neapel
erinnert Wenn man es dahin bringen könnte dass die ganze Wäsämskoische Familie
mit dem blonden Siegbert über die Alpen zöge und noch viel früher in Rom wäre
ehe von der Engelsburg die große Girandole aufprasselt
Helene empfand den bittersten Neid auf dies Glück
Sie wollen mich töten sagte sie Sie wären Jesuit genug mich durch dies
Glück einer Andern zu foltern
Beruhigen Sie sich Helene antwortete Rafflard über diese Frau
kopfschüttelnd Rudhard ist für diese Art von Poesie zu sehr im alten
klassischen Geschmack Wir wollen schon zufrieden sein wenn Siegbert und
Dankmar von Rudhard sich entfernen und ein Zwiespalt unter den Freunden selber
eintritt
Sylvester Rafflard dämpfte die Stimme und trat mit seinen verschmitzten
Absichten deutlicher hervor
Rudhard empfängt sagte er heute wo man wie ich höre ein kleines
Gartenfest bei den Wäsämskois feiern wird wenn sich das Wetter hält
vielleicht um diese gegenwärtige Stunde schon ein Billet natürlich anonym und
von einer Hand die er nie enträtselt worin er aufmerksam gemacht wird dass
die Gesellschaft erstaune über Dinge die unter seinen Augen zwischen einer
Mutter einer Tochter und einem jungen Maler sich ereigneten
Boshaft fiel Helene ein
Die nächste Folge dieser Mahnung
Wirklich Olga und die Mutter Ist Dem so Rafflard
Die nächste Folge dieser Mahnung
Das arme Kind ist so unglücklich den Gegenstand ihrer Neigung sich von
dieser Mutter geraubt zu sehen
Die nächste Folge dieser Mahnung
Diese Olga Ich möchte sie kennen lernen Meine Nichte Was ich von dem
Kinde höre interessiert mich ich fühle dass ich diesem charaktervollen
Mädchen eine zärtliche Mutter sein könnte
Die nächste Folge dieser Mahnung ist ohne Zweifel eine Szene zwischen
Rudhard und der Fürstin oder der Fürstin und Olga oder Olga und Siegbert
enfin man wird einsehen dass man sich Opfer zu bringen hätte Siegbert wird
sich von Rudhard und den Wäsämskois zurückziehen
Falsch falsch gerechnet rief Helene wenn Olga ihrer Tante gleicht
Nun sagte Rafflard ruhig den ungeschlachten Kopf wiegend dann entflieht
sie Dann muss ihr Rudhard folgen der trifft das Mädchen wo denken Sie wohl
Helene In der neugebauten Kirche zu Schönau einem Hohenbergischen kleinen
Städtchen wo Propst Gelbsattel eine große leere weissgetünchte Wand entdeckt
hat die der Kunstverein beschlossen hat mit einem Freskobilde zu zieren
dessen Ausführung man Siegbert Wildungen überträgt Man hat in dem Album der
Frau von Trompetta die Skizze des Nikodemus der bei Nacht zum Herrn kommt
allgemein so schön gefunden dass Siegbert sein Freskobild ganz nach dieser
Zeichnung ausführen kann Diese Arbeit nimmt ihn den ganzen nächsten Sommer in
Anspruch Einstweilen reist er nach Schönau und besichtigt die Lokalität bleibt
aber mannichfach gebunden so lange dort bis er etwas noch drei oder vier alte
im Brande gerettete Bilder restaurirt hat die bis zum Einweihungstage jener
Kirche fertig sein sollen den man spätestens am Lutertage Martini also den
13 November anzusetzen wünscht
Ich erschrecke vor Ihnen Rafflard rief Helene erstaunt über dies
Durcheinander aus dem der Plan den Bund der sich um Egon gebildet hatte zu
sprengen deutlich genug hervorschimmerte
Dankmar Wildungen zu entfernen fuhr Rafflard ruhig und in seiner
Überlegenheit sich wiegend fort ist schwieriger Sein großer Prozess liegt
Niemanden schwerer auf dem Herzen als meinem Freunde Gelbsattel In erster
Instanz wird die Zulässigkeit dieses Processes schon heute oder morgen
entschieden sein Wie die Entscheidung auch ausfallen möge man weiß schon jetzt
mit Bestimmtheit dass die Familientraditionen des kühnen Waghalses werden
angezweifelt werden Vierundzwanzig Stunden nach Mitteilung der Sentenz sitzt
Dankmar Wildungen im Dampfwagen und eilt nach dem Harzgebirge wo er teils in
einem Dorfe Namens Taldüren teils in der alten Stadt Angerode eine
vollständigere Herstellung seines Stammbaumes versuchen wird Man kann leicht
darauf rechnen dass diese Untersuchung so lange dauert um bei seiner guten in
Angerode lebenden Mutter gleichfalls noch nach deutscher Sitte wenigstens die
Martinsgans verspeisen zu können
Helene atmete so auf war so überrascht so erregt von diesen Berechnungen
dass sich sogar ein ihr sonst nicht eigener Anflug von Humor einstellte und sie
ausrief
Renegat Wollen Sie Ihren Spott lassen über Dinge die mir heilig sind Ich
bin eine Luteranerin Lassen Sie mir die Martinsgänse ungerupft
So wäre denn sagte Rafflard dem einige kleine Schläge mit einem
naheliegenden Fächer von Helenens Hand so wenig wehe taten dass er sich
vielmehr gekitzelt duckte und mit faunischer Miene zu der schönen Frau
aufblickte so wäre denn auch Dankmar Wildungen entfernt Es früge sich jetzt
nur noch wie ist der schwierigste von Allen zu beseitigen Louis Armand
Das ist unmöglich sagte Helene Louis ist an Egon gebunden wie sein
Schatten Egon würde ruhelos werden vielleicht kalt vielleicht lieblos gegen
mich wenn er jemals zu bereuen hätte diesen Louis aus seiner Nähe entfernt zu
haben
Wer sagt dass er ihn entfernen solle
Louis selbst lässt nicht von ihm Er kann nicht einmal von Egon gedemütigt
werden Denn wenn Egon in der Lage wäre ihn wie einen Diener zu behandeln so
gibt sich Louis wie einen Diener Ich hörte dass Louis hier bleibt sich
eingerichtet hat Bestellungen annimmt Dies ist ein Bund der gerade deshalb
weil er anomal ist und Louis in seiner Sphäre bleibt nicht zu trennen ist
Will ich denn sagte Rafflard einen Bund trennen Ich will nur vorläufig
für einige Wochen die Kette dieser Vereinigung sprengen Wenn ich erreichen
könnte dass Louis nur auf einige Wochen wie Siegbert und Dankmar Wildungen aus
diesem tollen Freundschaftscirkel fern gehalten wird
In diesem Augenblicke klopfte ein Diener und trat sogleich ein
Was ist fragte Helene
Der Diener meldete dass ein wunderlicher alter Mann im Vorzimmer stünde und
den Herrn Professor zu sprechen wünsche Er war hierher bestellt
Ah sagte Rafflard Er nennt sich
Murray
Gestatten Sie Gräfin wandte sich Rafflard zu Helenen gestatten Sie dass
ich drüben in Ihrem Zimmer einen Mann empfange den ich hierher bestellte weil
er zu unsren Plänen gehört und meine Zeit dermaßen zersplittert ist dass ich
meine Gänge zusammenziehen muss Doch muss ich ihn allein sprechen
Drüben im gelben Zimmer sagte die Gräfin Der Diener ging um Murray in das
gelbe Zimmer zu führen
Als sie allein waren sagte Rafflard
Helene dieser Murray gehört zu dem Experiment den Ring der sich um Egon
zieht zu sprengen Benutzen Sie aber diese Zeit und fassen Sie nun auch einen
ernsten Entschluss um sich vor Qualen wie die sind die Sie jetzt foltern in
Zukunft zu sichern Sammeln Sie sich nun zur endlichen Energie gegen Egon
Wohlan sagte Helene ich will versuchen ob die Liebe denn so ganz
Dasjenige was man sonst Charakter nennt ausschliesst Zurücksetzung da wo man
sein ganzes Dasein zur Verfügung hingegeben Alles geopfert hat ist der Tod
Ich ertrage diese Halbheit nicht länger Ist Egon auf diese neue Laufbahn des
Ehrgeizes angewiesen hat Pauline Recht als sie mir sagte die alten Zeiten
sind vorüber die Gesetze der freien Selbstbestimmung haben nirgends mehr einen
Platz um neben den Gesetzen der Sitte die in eisernen Tafeln geschrieben
wären mit goldenen Buchstaben zu glänzen soll es eine Ehe sein so muss ich dem
armen Desiré die Hand zum Lebewohl reichen Was Sie aber auch beginnen
Rafflard um mich glücklich zu machen ich kann nichts billigen was gewaltsam
ist oder eine Verantwortlichkeit erfordert Wollen Sie Zufälligkeiten durch die
Gewandtheit Ihrer Erfindung herbeiführen so lassen Sie mich nichts von der
Maschinerie die dies Alles kostet mit ansehen Es ist demütigend genug wenn
man das Glück der Liebe nicht als ein freies Geschenk sondern als ein
zufälliges Zusammentreffen von Umständen empfängt Ich kann Ihnen sagen
Rafflard dass ich sehr unglücklich bin aber denn doch wirklich Egon behalten
will und ihn auf sein Versprechen in die Ehe zu willigen noch heute
zurückbringe
Einstweilen werden Sie Toilette machen sagte Rafflard ihr die Hand küssend
und den nackten runden Arm wiegend der unter den großen offenen Ärmeln des
Schlafrockes selbst für ihn verlockend hervorsah
Ich will Toilette machen sagte Helene traurig und mutlos
Rafflard aber hustete sich noch einige Augenblicke aus und ging dann durch
einen großen mit Blumen geschmückten Salon in das gelbe Zimmer hinüber
Drittes Kapitel
Der Meister des Meisters
Als Murray sich an jenem Samstag Abend den wir von der Erzählung der
Harderschen Diener kennen überzeugt hatte dass der traurige Zustand der
Tochter seines Wohltäters des Gefangenwärters in Bielau nur durch eine
geregelte psychische Behandlung in einem Krankenhause geheilt werden konnte
machte er sich die bittersten Vorwürfe dass er den Seelenzustand des
verzweifelten jungen Mädchens zu heftig geweckt die Ohnmacht ihres Gewissens zu
gewaltig aufgerüttelt hatte Auch die Reue bedarf der milden Übergänge Kein
menschliches Herz ist wie ein eisengegossenes Gefäß dass es bald eiskaltes bald
siedendheisses Wasser in rascher Abwechslung ertragen kann Es wird immer
springen wenn man es nicht allmälig erkalten allmälig erwarmen lässt Die
Kraft des Gebetes hatte Murray schon oft in wunderbarer Macht kennen gelernt
Wie glücklich fühlte er sich als er hoffen konnte Auguste in einer fernen
Gegend mit einem guten Manne zu einem neuen Leben aufblühen zu sehen Und wie
schmetterte ihn da gleich der Auftritt mit Mangold nieder zu dem er doch nur
schweigen konnte Er hoffte der Starrkrampf der sich damals auf Augustens
Brust gelegt hatte würde vorübergehen und ihm Raum geben sie auch über diese
vernichtende Erfahrung zu einer stillen Ergebung zu führen Umsonst Das Gefäß
ihres Geistes war zersprengt Es lag in Trümmern Der Wahnsinn hatte alle seine
Hoffnungen vernichtet
Auguste kannte Murray nicht mehr als den Freund ihrer Seele wieder sie
behielt nur die Vorstellung seines Alters seiner scheinbaren Schwäche seiner
Freigebigkeit Sie putzte sich unter den Irren mit jedem Lappen den sie
erhaschen konnte Stolz Gefallsucht Tanzlust Liebe waren die bösen Geister
die auf dem gesprengten Boden ihres Geistes nun doch das Feld behaupteten Kein
Wort des Zuspruches mehr konnte sie auf andere Gedanken als die der alten
Richtung führen Murray musste es aufgeben in dies Dunkel noch irgend einen
Lichtstrahl werfen zu wollen Er dachte zwar an manches Heilmittel Er war bei
dem Maler Reichmeier um den Versuch einer Sitzung der Kranken zu machen da
Auguste immer von ihrem Bilde phantasirte Er traf dort einen jungen Gentleman
dessen Name als er sich entfernt hatte ihm Heinrichson genannt wurde
Reichmeier selbst versprach auch sich den Vorschlag zu überlegen Seiter
geschah aber nichts Weiteres in diesem Versuch Auguste Ludmer zur Besinnung zu
bringen Murray empfahl sie der Pflege der Ärzte bezahlte ihren Unterhalt und
kehrte zu der eigentümlichen sich widersprechenden Lebensweise zurück die in
ihrem innersten Kerne irgend einen bedeutenden Gedanken eine gefahrvolle und
ihm doch unendlich notwendige Unternehmung zu bergen schien
Als er an jenem Donnerstage nach Hause gekommen war schlief schon die
Eisoldsche Familie Am Freitage lehnte er den Ring entschieden ab den ihm
Louise wiedergeben wollte Am Samstag als sie wiederkam wurde er von
innerster Teilnahme um Augusten bewegt fast zornig über die erneuerte
Rückgabe Am Sonntag als er schon ganz früh ausgegangen war um zu sehen wie
Auguste in ihrer neuen Lage die erste Nacht zugebracht hatte war er weicher
gestimmt und bat Louisen seine heftigen Worte ab die auf nichts Anderes hinaus
gingen als dass er ihr zugerufen hatte Halten Sie mich denn für einen Betrüger
Ich bin ja reich Ich habe nur meine Ursachen für arm zu gelten Er setzte sich
zu seiner Nachbarin und fragte sie warum sie traurig wäre Sie zeigte auf den
Regen der in Strömen an die Fenster schlug und erzählte ihm die getäuschte
Hoffnung auf eine ländliche Erholung Daraus war manches Wort hinüber und
herüber entstanden Man hatte Erfahrungen und Ansichten ausgetauscht Als
Louise unter den Teilnehmerinnen der vereitelten Partie auch Franziska Heunisch
nannte war ihm dieser Name aufgefallen und Louise hatte nichts Arges darin
gefunden dass er sich genauer nach den Verhältnissen dieses Mädchens erkundigte
Sie hing mit Heunisch dem Förster mit dem Jägerhause im Walde von Hohenberg
mit Ursula Marzahn zusammen und schon einige male hatte er Louisen gefragt ob
sie niemals von diesem gewiss artigen Kinde einen Besuch empfinge Louise sagte
ihm darauf Wir Menschen die wir arm sind und arbeiten müssen können mit
unseren Freunden wenig Anderes tun als sie recht von Herzen lieb haben und nur
nicht vergessen Die Zeit und Gelegenheit eine Freundschaft zu hegen und zu
pflegen findet sich selten Da muss man wissen Der oder Die denkt an dich wenn
sie arbeiten und plötzlich sieht man sich dann einmal und gibt sich die Hand
gleich als hätte man sich gestern gesehen oder man umarmt und küsst sich so
herzhaft dass es gleich für ein halbes Jahr wieder genug ist Und so fleißig las
das seltsame Mädchen in dem seit einiger Zeit sich ganz besonders prächtig
entfaltenden Journale »Das Jahrhundert« das von ihrem Linchen und ihrem
Wilhelm colportirt wurde dass sie von ihrem Lieblingsschriftsteller Guido
Stromer sogleich folgende Stelle zu citiren wusste
O wer kennt die geheimen Wege der wunderbaren Natur die den kleinen See auf
dem Sankt Gottard doch mit dem großen Weltmeere verbinden Wer ahnt den
Zusammenhang der Geister die sich niemals sahen und niemals kannten und die
doch an dem gemeinsamen Ziele der Menschenerlösung mitarbeiten
Murray musste lächeln über die Anwendung dieser Worte auf Louise Eisold und
ihre kleinen Verhältnisse Er erfuhr wie die Literatur die Zeit und ihre
gährende Richtung in diese bescheidene Wohnung drang und hatte zunächst das
innigste Mitleid mit den Kindern die im strömenden Regen sich gern bis auf die
Haut durchnässen ließ wenn nur ihre Zeitungen trocken blieben
Einmal schon war er im Begriff gewesen sich nun selbst bei Fränzchen
Heunisch einzuführen Er suchte ihre Wohnung auf Da fiel ihm sein
abschreckendes Äußere seine zweideutige Lage ein Er fürchtete das junge
Mädchen zu entsetzen und noch mehr sich durch eine zur Schau gestellte Neugier
in seinem Zusammenhange mit Dingen zu verraten die er tief verschleiern zu
wollen schien Schon stand er an dem Hause Wallstrasse Nr 14 schon wollte er
die Hausflur betreten als an ihm ein Mann vorüberhuschte den er sich entsann
schon einmal irgendwo gesehen zu haben Er konnte sich auf diese
langgeschenkelte Kreuzspinne nicht besinnen Es war allerdings jener
philantropische Besucher des Gefängnisses in dem er acht Tage lang hatte
ausharren müssen und doch war er es wieder nicht Er erkundigte sich bei einer
Magd die eben aus dem Hause trat und ihm sagte dieser Herr wäre ein
italienischer Sprachlehrer Namens Barberini wenig zu Hause und auch im
Begriff binnen einigen Tagen auszuziehen Um so gespannter war Murray als er
zu Hause ein Billet fand worin ihm Sylvester Rafflard so hieß jener
Philantrop der ihn schon einmal hatte besuchen wollen schrieb er nähme an
ihm so viel Interesse dass er ihn auffordere ihn morgen am achten Oktober in
der Wohnung der Gräfin dAzimont im Hotel garni am großen Markte gegen zwölf
Uhr zu besuchen Aus Neugier oder richtiger gesagt aus einem gewissen
Fatalismus der ihn bestimmte keinem vom Schicksal ihm zugeworfenen Winke aus
dem Wege zu gehen entschloss sich Murray wirklich das ihm bezeichnete Hotel
garni aufzusuchen
In seiner ruhigen bedächtigen Weise unter dem Schutze der schwarzen Binde
die ihm erlaubte von unten herauf scharf zu spähen folgte er dem Bedienten
der ihn durch den großen Salon rechts in ein geschmackvoll möblirtes gelbes
Zimmer führte Ein gewisses Vorgefühl eine scharfe Menschenkenntnis sagte ihm
dass auf dem Antlitze jenes Philantropen Etwas gelegen hatte was ihm eine große
Behutsamkeit zur Bedingung machen musste Jedenfalls sagte er sich hält dich
dieser Menschenfreund für einen Verbrecher Deine Lage das Mistrauen der
Polizei dein Äußeres führte ihn darauf Will er dich beten lehren bessern
will er deiner Zukunft den guten Weg der Tugend bahnen Ich bin begierig
Wie erstaunte Murray nun als Sylvester Rafflard eintrat und in der Tat
völlig dem Professor Barberini glich der so windschnell an ihm
vorübergeschlüpft war Weit entfernt diese Vermutung dass beide Personen eine
und dieselbe wären laut auszusprechen nahm er jetzt nur umsomehr die Miene der
größten Harmlosigkeit an und beschloss sogar einen gewissen Kretinismus zu
zeigen dem gegenüber die Menschen die sich etwas dünken oder die etwas mit uns
vorhaben immer am offensten ihr wahres Gesicht zeigen
Er verbeugte sich höflich und schüchtern und tat fast als wüsste er nicht
in welcher Hand er seinen Hut halten sollte
Rafflard durch diese Zaghaftigkeit sogleich ermuntert bedeutete ihn Platz
zu nehmen
Murray sah sich ängstlich nach einem Stuhle um und zögerte
Ei so setzt Euch doch sagte Rafflard mit ziemlich geläufigem Deutsch und
rückte ihm mit dem langgestreckten Fuße einen Sessel hin während er selbst ihm
gegenüber Platz nahm
Murray nahm den Sessel putzte ihn sorgfältig ab zog sein karrirtes
Taschentuch schwenkte es aus und breitete es auf das gelbseidene Polster das
er sich Mühe gab ja nicht verunzieren zu wollen
Ihr kennt mich fragte Rafflard
O Herr sagte Murray von da
Er machte eine Miene als wenn seine Arme übereinandergeschlossen wären und
deutete das Gefängnis an
Ihr kennt mich also Ihr habt mich seitdem nicht wieder gesehen
Murray schüttelte getrost den Kopf
Ich war schon einmal bei Euch Murray
Danke Herr War nicht zu Hause Ich weiß es
Ihr wohnt in einem elenden Käfig Ich habe Euch eine halbe Stunde suchen
müssen
Danke Herr
Ich wollt Euch Glück wünschen dass Ihr so rasch losgekommen seid
Danke Herr
Das weiß man schon ein Engländer seit Ihr nicht
Nein Herr Haha
Ihr seid ein ehrlicher Deutscher und reist zu Eurem Vergnügen als
Gentleman
Murray lachte fast stumpfsinnig
Habt Euch gewiss von Euren Geschäften zurückgezogen und wollt Eure Tage in
Ruhe beschließen
Murray lachte mit gleichem Ausdruck
Wie kann man wenn man Incognito leben will auf Bälle gehen und am Putze
seines Frauenzimmers verraten dass man viel Gold zu versilbern hat
Murray tat verschämt als wollte er sagen Was macht nicht aus dem Menschen
die Liebe
Rafflard hatte so rasch gesprochen dass er ins Husten geriet und sich erst
ruhen musste
Recht schlimmer Husten Das sagte Murray fast mitleidig
Katarrhalisch Die Sumpfluft meines Berufes die mephitischen Ausdünstungen
unsrer lieblosen altmodischen Burgverliesse
Murray hustete als läg es auch ihm auf der Brust
Auch davon schon viel eingeatmet fragte Rafflard schlau lauernd
Murray sich unschuldig stellend stöhnte
Das englische Klima
O das ist gut für das Astma feuchte Luft ist gut Freilich solche Kerker
wie hier Unterirdisch unter dem Niveau einer Kloake die man einen Fluss nennt
Murray horchte hoch auf Wenn sein bedecktes Auge ihn nicht geschützt hätte
würde Rafflard gesehen haben dass er plötzlich erschrocken war
Es ist unverantwortlich sagte Rafflard und nahm eine Prise was er selten
tat und hier als Beweis seines behaglichen Vertrauens einschaltete es ist
unverantwortlich dass man die unglücklichen Opfer schlechter Erziehung die
unsre Gefängnisse bevölkern müssen weil sie der allgemeinen Sicherheit und
Ordnung schädlich sind nach ihrer Entlassung niemals frägt Was beginnst du
nun Was tust du nun um dich mit der Gesellschaft die dich fürchtet
auszusöhnen Man stellt die entlassenen Sträflinge unter polizeiliche Aufsicht
und lauert nur gleichsam auf den Augenblick sich so rasch wie möglich wieder
ihrer bemächtigen zu können
Mit einem aufwallenden Gefühl der Übereinstimmung und der innerlichsten
Überzeugung sagte Murray
O Das ist wahr
Rafflard erschrak fast vor dem eigentümlichen edlen Ausdruck mit dem
Murray diese Worte aus tiefster Seele sprach Murray bemerkte Dies und
überhörte fast die Frage die nun Rafflard an ihn richtete
Man hat Euch Murray unter Aufsicht gestellt
Rafflard musste diese Frage wiederholen
Murray zog die Achseln machte eine komisch verlegene Miene und deutete mit
den Händen gleichsam an Was weiß ich Das sagt man Einem nicht
Ich weiß es Murray sagte Rafflard der nun fast gewiss war einen geheimen
sehr schlauen Verbrecher vor sich zu haben ich erfuhr es beim Oberkommissär
Pax Ein gewisser Hackert der bei ihm arbeitet sagte mirs als ich nach Euch
fragte dass man Euch für gefährlich hält
Murray zuckte wieder die Achseln mit gleicher Miene gleicher Zweideutigkeit
Es nahte sich jetzt der schwierige Augenblick wo Rafflard in der
Notwendigkeit war durch eine geschickte Wendung den Übergang zu gewinnen um
über Das was er mit Murray vorhatte die Maske zu lüften
Ihr werdet wohl schon gemerkt haben Meister Murray sagte er dass mich
reine Menschenliebe nicht Frömmelei oder sonst ein pedantischer Beweggrund in
die Gefängnisse führt Ich suche dort Menschen die mir nicht einfällt in Engel
verwandeln zu wollen Ich kenne unsre Natur Ich weiß wieviel dazu gehört um
ein praktischer Mensch zu sein reell zuverlässig gehorsam verschwiegen Die
Tugenden die den Engel ausmachen mag vollends einst der Himmel in uns bilden
Für diese Erde ist schon viel gewonnen wenn wir zB in den gebesserten
Verbrechern tätige Menschen wiederbekommen unschädliche nützliche Glieder der
Gesellschaft wie sie einmal ist Seid Ihr nicht meiner Meinung Murray
Murray lachte und meinte
Herr wenn Einer herauskommt und gleich etwas zu arbeiten zu verdienen
findet nimmt er sich wohl in Acht dass sie ihn sobald wieder bekommen
Diese Ausdrucksweise ermutigte Rafflard
Das ists was ich meine sagte er Etwas verdienen Arbeit Arbeit Irgend
eine Beschäftigung finden die ihren Mann nährt Und da will ich Euch etwas
sagen Murray Glaubt Ihr dass ich Euch zum Bussepredigen hergerufen habe
Die Kirchen sind ja Sonntags offen antwortete Murray trocken
Sehr wahr Und nun Murray wenn Ihr mir vertrauen wollt will ich Euch
Gelegenheit geben etwas zu verdienen
Danke Herr Danke
Ich bin begann Rafflard mit schlauer Miene forschend nach dem Eindruck
den er auf sein Gegenüber hervorbringen würde ich bin in ein sehr schwieriges
sehr wichtiges Familienverhältniss verwickelt Eine glückliche Lösung desselben
wird durch einen abscheulichen schlimmen Menschen verhindert der auf jede nur
erdenkliche Weise diese Lösung zu unterbrechen sucht Diesen Menschen aus der
Nähe der edlen Wesen die er nur quält nur belästigt zu entfernen ist mir
eine heilige Pflicht Mit Gewalt ist nichts auszurichten Aufsehen darf es keins
geben und so bin ich von der Notwendigkeit durchdrungen die Entfernung dieses
schlimmen Menschen auf eine stille besonnene und doch zum Ziele führende Art zu
bewerkstelligen
Murray mit unverstellter Spannung horchte hoch auf
Dieser Mensch fuhr Rafflard fort
Wie heißt er Herr sagte Murray rasch mit dem Ausdruck der bereitwilligsten
Ergebenheit
Der Name tut vorläufig nichts zur Sache
Vielleicht kennt ihn Unsereins
Nein nein er ist sehr gefährlich aber es ist nicht notwendig da auf ihn
nicht gewirkt werden kann dass sein Name genannt wird Dieser gefährliche
Mensch sag ich hat ein Mädchen das er liebt nicht eigentlich eine Braut
oder Verlobte wohl aber ein Wesen für dessen Wohl und Wehe er sich in einem
Grade interessiert den man seinem bösen Charakter kaum zutrauen möchte Ich bin
der festen Überzeugung wenn man bewirken könnte
Rafflard stockte
Nun Herr ermunterte ihn Murray mit scheinbarer Ungeduld
Ich bin der Überzeugung dass dieser Störenfried die angedeuteten edlen
Menschen nicht ferner beunruhigen bis aufs Blut quälen wird wenn man jenes
Mädchen an dem er leidenschaftlich hängt plötzlich von hier in aller Stille
entfernen könnte Versteht Ihr Murray
Wohl Wohl
Ich bin überzeugt dass jener schlimme Gesell auf den nichts wirkt den
keine Drohung von hier fortzubringen im Stande ist augenblicklich bis ans Ende
der Welt reisen würde wenn es plötzlich hieße Jenes Mädchen ist nach Hamburg
verschwunden oder man hat seine Spur am Rhein verloren oder man glaubt dass sie
ein gewisser Murray oder ein gewisser Sylvester wählt jeden beliebigen Namen
nach London entführte Man glaubt dass sie dieser Wagehals mit sich zu Schiffe
nach Amerika nimmt Genug ein solcher Glaube begründet auf ein Unternehmen
das in dieser Weise nicht einmal braucht ausgeführt zu werden nur vier Wochen
unterhalten dies Gerücht nur etwa vier Wochen geschürt würde die einzige Art
sein die edle Familie von dem lästigen Störer gerade beim Abschluss einer
wichtigen Verhandlung fernzuhalten Ein solcher Dienst mit einer gefüllten
Börse belohnt was sagt Ihr dazu Murray
In Murray kochte der Zorn Alle zurückgehaltene Glut drang ihm in die Brust
Er war nahe daran aufzuspringen den Heuchler an der Brust zu packen und ihn zu
schütteln mit den Worten Elender wofür hältst du mich In seiner ihm fast
die Rede erstickenden Aufregung konnte er nichts hervorbringen als die Frage
Wer ist das Mädchen
Eine unbedeutende arme Nähterin sagte Rafflard Ein Mädchen ohne allen
Anhalt ohne alle Verwandte Ich kann Euch den Namen sagen und muss es da Ihr
Euch nach ihren Verhältnissen doch erkundigen werdet Sie heißt Franziska
Heunisch
Franziska Heunisch
Kennt Ihr sie
Nein Nein
Aber Murray musste sich bei diesen Worten bekämpfen Gerade dies Mädchen war
ihm für gewisse geheime Pläne die er verfolgte schon längst von Wichtigkeit
geworden Ihr galt die Berechnung eines wie er schon durchschaute
abscheulichen Planes Er sollte sie mit Gewalt überfallen entführen Und nun
galt es die letzte Kraft seiner Verstellung zusammenzuraffen und mit dem Scheine
der größten Ruhe und dienstfertigsten Ergebenheit zu sagen
Herr Das ist ein Stück Arbeit Ich wills wagen aber wie greif ichs
an
Das Murray müsste eben Eure Sorge sein
Hm Hm simulirte Murray und schlug sich an die Stirn Meine Fäuste Herr
sind nicht mehr die stärksten Wenn es gelten sollte Einen zu knebeln und mit
verbundenem Munde Abends an den Toren in einen Wagen zu schleppen
Ihr müsstet Unterstützung haben
Das wäre nicht gut Herr
Bedenkt ein schwaches Mädchen
Ein schwaches Mädchen Franziska Heunisch Wo wohnt sie
In der Wallstrasse Nr 14 im Hinterhofe
Darf ich mirs aufschreiben
Ich rate Euch Das Merkt Euch jeden Umstand Sie wohnt bei einem Tischler
hat Verwandte im kleinen Fürstentum Hohenberg einen Förster des Prinzen von
Hohenberg sie näht bald hier bald dort bald zu Hause bald auswärts
verschwände sie plötzlich so ließe sich wenn Ihr Euch auch verborgen hieltet
Murray die Vermutung dass sie nach Hamburg von da nach England entführt wäre
wohl jenem Menschen mitteilen der sie augenblicklich verfolgen würde Man
kennt Euren Geschmack Alter Auf dem Fortunaball habt Ihr Euch verraten Der
Kummer den Ihr empfinden würdet die Unannehmlichkeit diese schöne Stadt zu
meiden würde sich leicht verschmerzen lassen und eine große Schuld ladet Ihr
nicht auf Euch In drei Tagen könnt Ihr das Mädchen wieder freigeben wenn sie
nur bewacht an der Rückkehr am Schreiben verhindert wird
Murray hatte das Portefeuille auf seinen Knien und schrieb mit einer Hand
die vor Erregung zitterte
Als er mit seinen Notizen scheinbar fertig war fragte Rafflard
Also Ihr übernehmt es Murray
Ich brauche drei Tage sagte dieser um mir doch zu überlegen wie so einem
Fange beizukommen ist Mädchen sind Forellen
Rafflard fand dies Bild charmant und so gut gewählt dass er von der größeren
Bildung die sich bei dem ihm Anfangs stumpfsinnig erschienenen Murray zu
erkennen gab jetzt nur noch mehr befriedigt wurde Es lag ihm daran lieber
einen Helfershelfer von Verstand zu finden
Das ist mir recht sagte Rafflard ich brauche ebensoviel Zeit um die
Vorkehrungen zu treffen dass der Verfolger erst nach Hamburg und von da nach
England dirigirt wird
Teufel Herr Wie stellt Ihr das Alles an
Durch Freunde die sich gern geneigt zeigen eine edle Unternehmung zu
unterstützen sagte Rafflard
Und wo find ich Sie wieder Herr fragte Murray fast kopfschüttelnd
Am liebsten sprech ich Euch hier
Hier Fürchtet Ihr für die silbernen Leuchter da nichts Herr
Ich denke Ihr behandelt uns als Gentleman Besonders wenn wir uns
einstweilen gleichfalls als solchen zeigen
Damit überreichte Rafflard Murray ein schon vorbereitetes Papier in welchem
Goldstücke in reicher Anzahl hin und herrutschten
Murray nahm sie ohne Bedenken mit künstlicher Gier und versprach schon
morgen um diese Zeit an dieser Stelle Bericht zu erstatten
Rafflard schlug ihm auf die Schulter und begleitete ihn durch den Salon
wartete aber wohlweislich bis Murray die Türklinke ergriffen hatte und hinaus
war Dann harrte er noch einige Sekunden um zu lauschen ob der halbe Bandit
auch wirklich ging und die Drohung mit den silbernen Leuchtern nicht wahr
machte Dann aber wandte er sich um zur Gräfin zu gehen denn der Bediente
begegnete ihm und sagte er hätte eben Herrn Heinrichson angemeldet Heinrichson
musste also im Vorzimmer sein Unangenehm berührt von diesem Namen aber
unendlich befriedigt von dem glücklichen Erfolg des Kaufes den er an dem
Entführer eines jungen Mädchens gemacht zu haben glaubte trat Rafflard wieder
zur Gräfin ein
Murray aber noch verwirrt von dem Erlebten stand eine Weile in dem
Vorzimmer Sollte er doch die Maske fallen lassen und mit hohnlachendem Ingrimm
über Sylvester Raffland den Philantropen in ein Strafgericht ausbrechen
Wie er noch stand ging ein Herr vorüber um in den Salon zu treten Er
streifte seine Kleider Murray blickte auf und erkannte Heinrichson den er bei
dem Maler Reichmeier angetroffen hatte als er diesen besuchte um den Versuch
zu machen ob man nicht durch eine Malersitzung die wahnsinnige Auguste heilen
könnte da Auguste unaufhörlich von ihrem Bilde phantasirte
Ha Ha rief er mit einem wilden Anfalle bitterster Ironie Sie hier Gibt
es hier auch Modelle Herr
Heinrichson wandte sich und sah zu dem Sprecher verächtlich zurück
Murray hatte bei Reichmeier nur seinen Namen erfahren und Heinrichson war
gegangen als er merkte dass dieser wunderliche alte Mann mit seinem
Kunstgenossen allein zu sprechen wünschte Schön und gefällig wie Heinrichson
war hatte er Murrays Interesse erregt und damals die Frage nach ihm veranlasst
Sie kennen mich nicht sagte Murray Ich habe die Ehre Herrn Heinrichson
eine junge Verwandte wollte ich von Ihnen malen lassen Sie wollte aber nicht
sitzen als ich Ihren Namen nannte Auguste Ludmer Herr Heinrichson
Heinrichson erschrak über diese Zudringlichkeit und wollte zur Gräfin
Murray hielt ihn fest und sagte ihm mit einem Tone der sich durch
scheinbaren Scherz selber mäßigte
Sie sollten sie malen Herr wie ich ein Stück in London gesehen habe als
ich im Theater war Ein tolles Mädchen trat auf der Einer den Kranz zerrissen
hatte Stroh und Blumen trug sie auf dem Kopf sang Lieder und war toll
Malen Sie Das mein Herr Auguste Ludmer kann Ihnen dazu im Narrenturm sitzen
Die Mutter Ihres toten Kindes sitzt im Narrenturm
Wovon sprechen Sie denn Was wollen Sie stotterte Heinrichson der zu den
Männern gehörte deren Mut nur bei solchen Gelegenheiten sich bewährt wo ein
witziger Einfall die Stelle einer Handlung vertritt Wo die ernsten Tatsachen
des Lebens sprachen verlor er jedesmal die Gegenwart seines sonst immer
schlagfertigen Geistes
Wer ist der Mann da fragte er ungeduldig fortdrängend den Bedienten und riss
sich los
Ich bin Murray sagte der Alte und hielt ihn nun zum Schrecken des feigen
Bedienten gewaltsam fest Murray ein Engländer Von Auguste Ludmer sprech ich
die in allen Ihren Bildern die Menschen entzückt hat und jetzt im Tollhause
sitzt Herr wie hieß die Prinzessin die ich in London sah Sagen Sie mir wie
das Mädchen mit einem Strohkranze um den Kopf mit Maasliebchen im Haare
geheißen hat
Ophelia wahrscheinlich sagte Heinrichson zitternd und riss sich mit letzter
Gewalt von dem unheimlichen Manne los der ihn am Rocke zerrte
Murray stand und grinzte ihm zornfunkelnd nach
Der Bediente schien als Heinrichson zur Gräfin eingetreten war nicht zu
wissen ob er mit diesem kecken Alten höflich sprechen oder ihn wegen seiner
Unverschämtheit zur Tür hinauswerfen sollte Nur der Gedanke dass doch Herr
Professor Rafflard sich mit ihm so lange unterhalten hatte mäßigte seine
schlimmen Voraussetzungen
Bester Freund sagte Murray mit einem eigenen Ausdruck von verwirrter
Ironie der den innern Zorn verbergen sollte bester Freund ja ja das Stück
hättet Ihr in London sehen sollen Ein Mädchen kam darin vor das sich
vernünftig stellte und toll war und ein junger Mensch schwarz von Kopf bis zur
Zehe der sich toll stellte der aber ganz vernünftig sprach Freund der Mann
spielte seine Rolle so natürlich dass man hätte schwören mögen er käme geraden
Weges vom Irrenhaus Aber ein Spitzbube wars Ein echter Spitzbube
Der Bediente warf ärgerlich die Tür hinter dem vorlauten unheimlichen wie
irr redenden Alten zu
Murray Atem schöpfend seine Brust an der Luft erweiternd stieg bedächtig
die mit Decken belegte von Gypsstatuen gezierte Treppe hinunter und überlegte
sich ob er da wiederkommen würde oder nicht ob es besser wäre zu einem bösen
Anschlage sein falsches Angesicht zu zeigen oder sein wahres Als er auf der
Straße war und das Gewühl der Menschen sah die aneinander vorüberrannten Jeder
geschäftig im Bewusstsein seiner eigensten Interessen da überkam ihn fast die
Lust es mit Sylvester Rafflard auf dem Wege den dieser eingeschlagen hatte
nun weiter zu versuchen das ihm gegebene Geld einstweilen zu behalten und
Franziska in der Tat, wenn auch nur scheinbar zu entführen
Übereinstimmung ist der Köder sagte er sich mit dem man die Füchse
hervorlockt aus ihren Gruben wenn man sie fangen will Diese Welt ist nicht für
die Ehrlichkeit Jedes Geheimnis hat seinen eigenen Schlüssel Die Weisheit soll
die Klugheit zu ihrer Dienerin haben Jene tront diese regiert Nur Die sind
übel daran die in ewiger Klugheit immer die Sprache der Menschen reden müssen
und darüber die Sprache des Himmels vergessen Das Flammenschwert der Wahrheit
das auf einmal alle Truggespinnste durchschneidet darf man nie aus der Hand
geben Aber man soll es auch nicht ewig schwingen man soll es auch nicht
brauchen gegen Jeden Mit diesem Elenden willst du gehen bis du ihn entlarvt
hast
Der Jesuit aber verließ bald darauf freudestrahlend die Gräfin um den
Propst Gelbsattel zu besuchen Sylvester Rafflard war in einer ewigen Bewegung
wie damals als er auf dem Fortunaball Fränzchen Heunisch umschwirrte die ihm
gefiel und für seine Huldigungen unbefangen genug schien Sein ganzes Wühlen und
Schleichen liegt nun am Tage Er hatte Franziska später in ihrer bescheidenen
Existenz aufgesucht sich die Mühe gegeben scheinbar ihre Sprachstudien zu
leiten aber bald dem Plane entsagt sie für seine niedrige Sinnlichkeit erobern
zu wollen Dennoch behielt er das schöne Mädchen im Auge als er bemerkte wie
wert sie jenem Louis Armand geworden war der über den Prinzen Egon eine
Herrschaft übte die er brechen musste um eine Verbindung zwischen Egon und
Helenen zu Stande zu bringen Sein Späheramt das er auf Louis Armand unter dem
Namen eines Italieners Signor Barberini ausüben wollte wurde gestört da er
als Besitzer eines Quartiers das er nie bewohnte bald verdächtig werden musste
Er hatte Louis Armand der Polizei als Kommunisten angezeigt doch davon noch
keinen Erfolg bemerken können Die alte Gräfin dAzimont schrieb Brief auf Brief
und hoffte von ihm die baldigste Bestätigung dass Helene auf eine Scheidung von
ihrem Sohne dringe den sie selbst beerben wollte So entschloss sich Rafflard zu
Gewaltschritten Dankmar Siegbert Wildungen schienen ihm schon so gut wie von
Egon entfernt Rudhard der für die Kinder seiner Pflegebefohlenen der Fürstin
Wäsämskoi auf Helenens künftiges Vermögen rechnete hatte zwar auch das
lebhafteste Interesse diese Scheidung und die neue Heirat mit dem mittellosen
Fürsten von Hohenberg zu hindern aber auch für Rudhard sann der Jesuit auf eine
Gelegenheit ihn unschädlich zu machen Am liebsten wär er in den Kreis der
Fürstin Adele selbst eingetreten Doch nahm man ihn dort nicht an Er stand der
inneren Verwickelung dieser Familie fern und konnte nur durch den Propst
Gelbsattel und besonders dessen Töchter erfahren was sich in jenen Kreisen
begab denn Gelbsattel hatte die alte Schulfreundschaft mit Rudhard wenn nicht
wegen Rudhard doch wegen einer Fürstin bei der Rudhard so einflussreich war
wieder angeknüpft
Rafflard hatte nun den Trost dass Egon plötzlich allein stehen würde denn
Louis Armand durch einen gefährlichen Anschlag auf Franziska Heunisch mindestens
bis London zu jagen schien ihm nun ein Leichtes
Er wandte sich der alten Propstei zu um seinen dortigen Beschützern noch
einmal ans Herz zu legen dass man über Alles was heute Nachmittag auf einer
von der Fürstin Wäsämskoi in ihrem Garten veranstalteten Weinlese sich ereignen
würde ihm den genauesten Bericht erstatten sollte Auch hatte der Propst dem
Jesuiten schon lange versprochen ihn mit einigen bedeutenden tonangebenden
außerhalb der Partei stehenden Männern der Residenz näher bekannt zu machen mit
Franz Schlurck mit Drommeldei mit Guido Stromer ja wenn es irgend ginge bei
zufälliger Begegnung sogar mit dem General Voland von der Hahnenfeder der
schwer zugänglich und stets vom Hofe in Anspruch genommen war Der Propst hatte
ihm gesagt es müsste Dies an irgend einem dritten Orte geschehen damit es den
Schein der Zufälligkeit gewänne Die Welt wäre mistrauisch und das Unschuldigste
verfiele der Beurteilung die Harmlosigkeit der alten Tage wäre vorüber und
selbst die Loge dies sonst so friedliche Asyl der reinsten Bruderliebe und der
duldsamsten Neutralität böte nicht mehr den alten Schutz wo denkende Menschen
sich unbefangen aussprechen und eine gewisse Universalität der Standpunkte
voraussetzen könnten
So sehen wir einen Menschen mehr aus angeborener Lust am Bösen als um
eigener Vorteile willen die harmlos dahinlebenden uns liebgewordenen Wesen
umwühlen und außer den Gruben die sich jede lebhafte Empfindung und starke
Willenskraft schon durch ihre eigene Leidenschaft gräbt ihnen noch neue
Gefahren bereiten unvorhergesehene unverschuldete verderbenschwangere
Viertes Kapitel
Mutter und Tochter
Zur Freude der kleinen Wäsämskois hielt sich das Wetter und über Mittag war
keine Wolke mehr am Himmel Das tiefdunkelste Blau überzog den ganzen Horizont
Die hier und da schon halbentlaubten Bäume ließ die letzte Fülle der
hochgewachsenen Herbstblumen vergessen Den gelbgewordenen Schmuck der Gärten
entfernte die geschäftige Hand des Gärtners Man hatte noch Grün man hatte noch
Blumen die Fülle Niemand konnte glauben dass es schon zum Winter ging
Der große Garten der sich an die auch für den Winter behaltene Wohnung der
Fürstin Wäsämskoi lehnte war an Blumen nicht minder wie an Obst und allen
Früchten reich Das große Rebenspalier mit seinem gewölbten Dache unter dem man
im Sommer kühlenden Schatten ja Schutz vor dem Regen gefunden hatte kennen wir
schon Der Gärtner hatte schon im September die reiche Traubenernte für reif zum
Abnehmen erklärt und die Kinder hatten ihn in dieser Meinung unterstützt da sie
selbst abbrachen was sie nur erreichen konnten Die letzte Hand aber anzulegen
verhinderte das darauf eintretende Regenwetter Nun ists aber Zeit die Trauben
verderben hieß es Da musste man sich entschließen einen Tag zur Lese zu
bestimmen Die Kinder hatten soviel von der künftigen Lese der Trauben von den
Festlichkeiten dem Gebäck dem Feuerwerk hören müssen dass sie nun auch trotz
des Wetters darauf bestanden dass es Festlichkeiten Kuchen und Feuerwerk geben
sollte Kein Einwand konnte helfen Man lud auf einen bestimmten Nachmittag
einen Kreis von Freunden des Hauses ein gleichviel ob sie drinnen oder draußen
dem Jubel der Kinder zusehen wollten Und nun spannte der Himmel einen sonnigen
Baldachin über diese Freude aus gab Wärme trocknete die Wege die Bänke
lachte mit der Freude der Menschen
Die Fürstin zeigte heute ein gewisses Anordnungstalent War doch überhaupt
ihre Bequemlichkeit ihr Phlegma schon seit einiger Zeit gewichen Sie nahm sich
der Ordnung des Hauses mehr als sie sonst gewohnt war an Veranlassung genug
mit Olga die von einem gleichen Drange nach Betätigung beseelt war
fortwährend dabei in Konflict zu geraten Wie lebhaft hatten sie nicht den
ganzen Vormittag gestritten über die Anordnungen die zu dem kleinen Feste
getroffen werden sollten An der Stelle wo in schöneren Tagen Abends der Tee
getrunken wurde sollte ein großes Parquet von Bretern gelegt werden um die
feuchte Erde den Füßen nicht fühlbar zu machen Darüber war Mutter und Tochter
einig Nun aber wollte die Fürstin ein Zelt geschlagen wissen das sich von
diesem Parquet erheben und die Gäste vor jeder Laune der Witterung schützen
sollte Olga protestirte gegen das Zelt und berief sich auf das schöne Wetter
und die erquickende Gewalt der freien Luft Man stritt ob das Wetter Bestand
haben würde Olga behauptete es fest verbürgen zu können Die Mutter fand diese
Bürgschaft lächerlich kindisch sie erhitzen sich darüber bis Rudhard
dazwischen kam und oben von seinem Zimmer hinunterrief der Sensenmann an seiner
Uhr der lange gestockt hätte wäre wieder von selbst in Tätigkeit das bedeute
schönes Wetter Ärgerlich über diese Entscheidung entfernte sich die Fürstin und
sagte sie wolle Olga nun ganz gewähren lassen Lass du mich nur sagte diese
ruhig und traf ihre Anstalten Das Parquet war geschlagen und mit Teppichen
belegt An der einen Seite wurde ein Tisch für die Erfrischungen die genommen
werden sollten aufgestellt Auf der andern ließ Olga einen großen Fruchttisch
errichten Sie hatte schon gestern den ganzen Tag Blumengehänge flechten und
verbinden lassen Diese wurden an dem Hause und den nächsten Bäumen befestigt
und hier und da noch von grünen Stäben unterstützt So gab das ein freundliches
Dach unter dem sich der große Fruchttisch ganz malerisch ausnahm Sie hatte ihn
mit bunten Decken belegt und mit allen in dem Garten gewonnenen Früchten
geziert In Porzellankörben in krystallenen Schalen lagen hochaufgetürmt
Äpfel Birnen Zwetschen im höheren Zentrum Pfirsiche Aprikosen und eine
Melone bildete den höchsten Mittelpunkt Dazwischen lagen Weinblätter mit denen
die Gefäße garnirt waren Man konnte diesen Tisch kaum mit dem Verlangen
betrachten davon zu essen Man konnte nur wünschen dass dies schöne Ensemble
unangerührt und ungestört bliebe Die Mutter würdigte diese ganze Veranstaltung
kaum eines Blickes und war doch so eifersüchtig dass sie Olga anwies sich nun
um das Weitere was die Weinlese selbst betraf nicht zu bekümmern Aber auch da
ging es ihrer Autorität schlimm Die Fürstin verlangte dass alle gewonnenen
Trauben von den Dienern und Mägden auf einem großen Tische wo Jeder nach
Belieben davon nehmen könnte in der Mitte des Gartens aufgehäuft würden und
rückte nun an diesem Tische und ließ ihn da dorthin transportiren Olga fand
diese Einrichtung komisch und der Weinlese nicht im mindesten entsprechend Sie
sagte Das in aller Ruhe reizte aber die Mutter gerade durch diese Ruhe mehr
als durch Heftigkeit Wie denkst du dirs denn Olga fragte Rudhard gelassen
Olga sagte Es müsste sogleich in die Stadt auf den Markt geschickt und ein
Dutzend kleiner Handkörbe gekauft werden und ein Dutzend kleiner Gartenmesser
von krummer Gestalt Messer zum Einschnappen Diese Körbe und diese Messer müsste
dann die Hausfrau jedem Gaste der helfen wolle mit höflicher Bitte feierlich
überreichen und so müsse zu gleicher Zeit von Allen der Wein geschnitten werden
Rudhard konnte auch diesen Vorschlag nur billigen und der Fürstin so peinlich
es ihm war wieder Unrecht geben Diese kopfschüttelnd rief verdrießlich einem
ihrer Diener und schickte ihn in die Stadt sogleich zwölf kleine längliche
Handkörbe und zwölf krumme Messer zu kaufen Der Diener ging nachdem er vorher
Rudhard einen soeben für ihn von dem Postboten gebrachten Brief überreicht
hatte
Rurik und Paulowna hatten wie Das unter Kindern bei solchen Anlässen immer
ist eine so überselige Erwartung dass keine Wirklichkeit ihr hätte gleichkommen
können Bei Tisch entspann sich neuer Zwiespalt zwischen Mutter und Tochter Man
aß ausnahmsweise weil die Gäste um drei Uhr erwartet wurden sehr früh Die
Fürstin wollte dass die Kinder sich wie gewöhnlich satt aßen damit sie von den
späteren Torten Früchten und dem Eise nicht zu gierig naschten und ihrer
Erziehung Schande machten Olga verlangte gerade im Gegenteil dass sie wenig
aßen und sich nachher desto unschädlicher an den Näschereien erfreuen könnten
die einmal doch nicht unterbleiben würden Rudhard hörte absichtlich nicht auf
den Streit Er legte mechanisch die Speisen vor Er schien zerstreut der Brief
den er empfangen hatte ihn übellaunig gestimmt Fast mechanisch fast
gedankenlos gab er zuletzt doch wieder Olga Recht worüber die Mutter sich so
erzürnte dass sie aufsprang und weinte Rudhard folgte ihr und bat sie sich zu
beruhigen Er verwies Olga dies ewige Streiten und Rechtaben Worauf Olga ganz
kalt fast trotzend erwiderte Ja Es ist sehr Unrecht Recht zu haben
Dieser gereizte Ton zwischen Mutter und Tochter war seit der eigenmächtigen
Partie nach Solitüde eingerissen Die Fürstin hatte damals nicht Worte genug
finden können um ihre Missbilligung über diesen kecken Einfan zu erkennen zu
geben Nichts von den Erzählungen der Kinder konnte sie beruhigen Der Gruß der
Königin war ihr beklemmend ja compromittirend wenn sie sich sagen musste dass
diese drei Kinder ohne Aufsicht am Schloss zu Solitüde waren gesehen worden
Olga antwortete keine Sylbe bis sie plötzlich hinwarf Hätten wir Siegbert nur
nicht getroffen so würdest du uns ausgelacht haben Da wir ihn aber trafen
haben wir ein Verbrechen begangen Es lag in dieser scharfen Entgegnung eine
Wahrheit die auf die Fürstin entwaffnend wirkte Aber ihre Niederlage dauerte
nur einen Augenblick Von Stund an begann sie fortwährend an Olga zu tadeln
sie eitel verkehrt nachlässig zu schelten während Olga schwieg und sich nur
zuweilen durch irgend ein kurz hingeworfenes scharfes Wort gegen die Anklagen
ihrer Mutter zu verteidigen suchte Rudhard zu sehr in Anspruch genommen von
der wiederangeknüpften Freundschaft für Egon von der Entdeckung einer mit dem
Bilde der Fürstin Amanda vorgenommenen Gewalttätigkeit ließ diese Störungen
des häuslichen Friedens so hingehen und bemerkte sie kaum da er wenigstens
dann wenn Siegbert kam eine Art Waffenstillstand fühlte Mutter und Tochter
schwiegen dann und zeigten sich in dem natürlichen Verhältnisse dass die Eine
befahl die Andere gehorchte Es muss schon eine große Verwilderung in den Sitten
einer Familie eingerissen sein wenn man die Verstimmungen die im innersten
Schoss derselben herrschen auch vor dem Auge Anderer zeigt Siegbert gehörte
wohl schon wie ein Sohn oder ein Bruder zur Wäsämskoischen Familie aber Mutter
und Tochter fühlten doch noch eine tiefinnerliche sittliche Veranlassung sich
ihm so zu zeigen wie es in der Ordnung der Natur und dem feineren Zartgefühle
des Herzens eigentlich begründet war Takt ist die einzige erlaubte Notlüge der
Tugend
Die Fürstin war ihrer Absicht zurückgezogen zu leben treu geblieben Sie
hatte nur wenige Namen der großen Welt besucht und sich auf die Menschen
beschränkt die sich so zu sagen selbst bei ihr einführten Die Oberhofmeisterin
konnte nur selten kommen Anhänglicher war Anna von Harder die sich oft die
Kinder nach Tempelheide citirte und sie an der Tierwelt des alten
Schwiegervaters sich ergötzen ließ Es lag so etwas Mütterliches in ihrer ganzen
Art dass die Kinder sie Tante Anna nannten und sich freuten einmal einen ganzen
Sonntag oder wohl eine Nacht in jenem kleinen Schloss und bei dem Tannenparke
bleiben zu dürfen in welchem es so viele kleine chinesische mit Geflügel
bevölkerte Pavillons so viele Ställe und Hürden und bei allem Geblök und
Geschnatter so viele melodische Windharfen gab Anna von Harder hatte
versprochen zur Weinlese zu kommen und kam auch mit einem prächtigen vom
Bedienten aus dem alten Wagen nachgetragenen Kranze von Georginen den sie nach
dem Willen der Kinder sich über die Schulter werfen sollte aber bescheiden
ablehnend auf das Gewinde an den sinnig geordneten Fruchttisch wie eine
bescheidene Opferspende zum Feste hängte
Natürlich fehlte auch die unvermeidliche Frau von Trompetta mit ihrem ebenso
unvermeidlichen Inseparable Fräulein von Flottwitz nicht
Unsere gute Frau von Trompetta war seit einiger Zeit gar verstimmt Der Hof
hatte den Ankauf des Getsemane abgelehnt und sich nur zu einigen Aktien oder
Loosen bereit erklärt Sie war darüber in eine doppelt begründete Betrübnis
verfallen Einmal schmerzte sies der nun gehinderten rascheren Beförderung
wegen andernteils war sie in großer Besorgnis nicht mehr in der Gunst des
Hofes zu stehen Die Altenwyl die strenge Richterin der Sitte sollte wie ihr
»gesteckt« wurde in den »kleinen Cirkeln« etwas von der »Ruhmsucht der
Wohltätigkeit« gesagt haben Man hatte erfuhr sie viel Anekdoten von ihren
Zwangsmassregeln um ihre Sammlungen einmal den Künstlern ein andermal den
Dichtern abpressen zu können erzählt und wie gern man das herrliche Werk dies
bunte fromme Getsemane bei Hofe besessen hätte man gab sich doch wieder jener
besorgten Rücksicht hin ob nicht an so hoher Stelle eine Unterstützung dieser
Zwangs und Ruhmsuchtswohltätigkeit ein schlimmes Gerede geben und Anstoß
erregen könnte Die Trompetta fand jedoch ihr Unglück in noch hundert andern
Ursachen Sie sah Feinde Verleumdungen sie projektirte einen Fussfall bei der
Königin und wurde vor Kummer und Nachgrübeln über ihr »Malheur« um einige Linien
magerer Sie mistraute ihren besten Freunden Von Pauline von Harder die sie
schon längst geringschätzig behandelt hatte glaubte sie sich zuerst
zurückziehen zu müssen was ihr bei der plötzlich so wunderbar gestiegenen
Bedeutung jener Frau schwer fast unmöglich wurde Für Anna von Harder die bei
Hofe in so hohem Ansehen stand wurde sie eben deshalb eine unerträgliche Plage
Sie ruhte nicht bis eine Aufführung des Judas Maccabäus »innerhalb der
Gesellschaft« zur Unterstützung einer Kleinkinderbewahranstalt angebahnt war
Sie sang geistlich wo sie nur konnte und hatte auch für diesen
Weinlesenachmittag einige OsterLamentationen aus der römischen Peterskirche
mitgebracht Auch der Flottwitz ihrem unermüdlichen Trabanten mistraute sie
zuweilen und machte ihr Vorwürfe dass sie seit dem verunglückten Hinterhalt auf
der Terrasse von Solitüde so oft mit Neigung von jenem Dankmar Wildungen
spräche der doch allgemein durch seine Grundsätze sowohl wie seinen vermessenen
Prozess als ein Feind des Staates und der Kirche bekannt wäre Sie hatte von
Gelbsattel der durch Rudhards alte »Zeltkameradschaft« von Schulpforte her
gleichfalls bei der Fürstin Wäsämskoi eingeführt war und für heute Nachmittag
mit seiner Gattin und seinen Töchtern erwartet wurde die ganze Bedeutung der
von den Brüdern Wildungen erhobenen Ansprüche vernommen und war nicht wenig in
Verlegenheit als sie sich gefasst machen musste ihnen hier Beiden zu begegnen
Vor Siegbert schämte sie sich sogar ihres Getsemanes wegen das der Hof nicht
angekauft hatte
Propst Gelbsattel nahm die Einladung in nicht geringer Spannung an Hätte er
gewusst dass er seinen scharfen Antagonisten den demokratischen Maler Max
Leidenfrost gleichfalls finden sollte wer weiß ob er gekommen wäre
Leidenfrost aber war recht eigentlich gerade die Hauptperson des Festes denn er
hatte versprochen es durch Kunstfeuerwerkerei die er meisterhaft verstand zu
verschönern und auf das Brillanteste zu beschließen Er war es der schon am
Tage zuvor einen stattlichen kleinen Böller von einigen Arbeitern der
Willingschen Maschinenfabrik natürlich verdeckt in einem großen Kasten hatte
in den Garten fahren lassen Er war es der mit der Dämmerung Heusrück Alberti
und den hochgeschulterten Danebrand erwartete um mit ihnen gemeinschaftlich
unter dem klaren Sternenhimmel des Herbstes Pulver und Arsenik unter den
mannichfachsten Formen in Brand zu setzen
Gegen vier Uhr saß die ganze Gesellschaft beim schönsten Sonnenschein auf
dem Gartenparkett in der Runde und schlürfte einen vorzüglichen Mokka An
Süßigkeiten ein Überfluss Neben den gebetenen waren Bienen und Käfer die
ungebetenen Gäste Alles atmete Luft und Behagen Es war ein heiterer Anblick
dieser blaue Himmel dieser grüne Rasen die vollen Obstbäume die Blumen die
festlichen Anordnungen die geschmückte Gesellschaft Und die Trompetta führte
das Wort Das war nicht minder lebendig Auch Anna war sehr angeregt Die Gute
fühlte sich immer glücklich wenn sie von den Pflichten in Tempelheide die sie
gern übte doch einmal erlöst war Gelbsattel gab manche gewichtige Meinung
anzuhören seine Gattin die Pröpstin war freilich stumm Die drei Töchter
aber sonderbarerweise sitzengebliebene und doch sehr angeregte junge Damen
schossen mitredend auf Alles zu was nur erörtert und berührt wurde
Leidenfrost wie man es erwarten konnte im Überrock ohne alle Festestoilette
mit seinem grauen Hut ohne Handschuhe hielt sich glossirend zurückgezogen
Siegbert dagegen machte fast den Wirt umsomehr als Rudhard etwas auf dem
Herzen hatte und nicht recht auftauen konnte Die Flottwitz schien etwas
ungeduldig Dankmar fehlte noch Sein Bruder entschuldigte ihn durch die vielen
Mühen die ihm der Prozess koste wobei er einen fast abbittenden Blick auf den
Propst warf der seinerseits das Wort ergriff und sogleich mitten in jene
Stimmungen hineinfuhr die in ihm diese inzwischen immer mehr vorgeschrittene
Angelegenheit wecken musste
Seine älteste Tochter Emmy warf ihm einen verweisenden Blick zu als er so
polterte er möchte sich mäßigen die Umgebungen in Anrechnung bringen
Allein noch erwärmt von dem Besuche Sylvester Rafflards der eben bei ihm
gewesen war legte der Propst seinem Redeeifer keinen Zügel an sondern
versetzte alle Anwesende rasch auf den Standpunkt in dem sich gegenwärtig die
merkwürdige JohannitererbschaftsAngelegenheit befand
Fünftes Kapitel
Gegensätze
Es ist erstaunlich begann Gelbsattel wie tief diese Sache in Fleisch und Blut
der wichtigsten Interessen eingreift Ich will von einigen kleinen Stiftungen
nicht sprechen die selbst in dem Falle dass der Staat den Prozess gewönne
verloren wären
Davon nicht sprechen unterbrach den Propst sogleich voll Eifers Frau von
Trompetta Von frommen Stiftungen nicht sprechen
Allerdings sagte der Propst Wenigstens solche Stiftungen die in einem
frommen Sinne begründet wurden
Zu denen du doch fiel Rudhard ein nicht etwa die Sonnabendspredigt rechnen
wirst die regelmäßig in der kleinen Dreieinigkeitskapelle ein Kandidat zur
Judenbekehrung halten muss
Lieber Freund antwortete Gelbsattel ich teile vielleicht ganz dein
Bedenken gegen diese hundertjährige Veranstaltung der es noch nicht gelungen
ist nur einen einzigen Juden zu bekehren allein es ist die äußere Form eines
Stipendiums für einen jungen Kandidaten der sich auf diese Art homiletisch übt
und unter dem Schirm eines christlichen Zweckes die noch christlichere Wirkung
einer Wohltat genießt
Bester sagte Rudhard lachend das ist sehr hübsch gesagt für den Kandidaten
Oleander der gegenwärtig diese Predigten hält und dein Schwiegersohn werden
soll allein nimm mir nicht übel diese Art von Überlieferungen taugt nichts
Gehts nicht mit dem ganzen Christentum so dass man es gleichsam für ein
Vermächtnis hinnimmt das Niemand untersucht und das nur für den Schild eines
völlig heterogenen ihm untergelegten Begriffes dient
Anna von Harder blickte bei Erwähnung des Schwiegersohnes teilnehmend auf
Emmy Gelbsattel die sich verfärbte und über den Namen Oleander in Verlegenheit
zu geraten schien Anna wollte mit holdem Blicke der ältesten Tochter
Gelbsattels der sich schon viele Partien zerschlagen hatten zu dieser Glück
wünschen Aber das nicht mehr junge Mädchen erschien ihr plötzlich keine Braut
Sie unterdrückte ihren guten Willen und wagte es sich in das Gespräch der
Männer zu mischen Während sie den Kindern Früchte abnahm die diese ihr
verschwenderisch anboten wagte sie eine bescheidene Äußerung die sie
schüchtern und beklommen genug vortrug
Ich will die Verstellung nicht in Schutz nehmen sagte sie ebensowenig wie
eine gleichsam für gültig erklärte Täuschung aber ist es nicht wirklich mit dem
Glauben so dass sich das angeborene und durch schmerzliche oder dankbar
aufgenommene freudige Lebensschicksale in uns entwickelte gläubige Bedürfnis an
die Wahrheiten des Christentums anschmiegt und ohne viel zu prüfen was sich
davon beweisen lässt soviel als nur beseligend auf uns einwirkt in sich
aufnimmt
Natürlich sagte die Trompetta mit verklärtem aber stolzem und verächtlichem
Blick So ist es Nicht anders Schleiermacher hat Das jeden Sonntag gepredigt
Und gleichsam als wollte sie fernere vorwitzige Erörterungen heiliger
Fragen abschneiden setzte sie hinzu
Würden denn auch Witwen und Waisen unter der Entscheidung dieses
merkwürdigen Rechtsfalles leiden Herr Propst
Das zwar nicht unmittelbar sagte der Gefragte seine Tasse mit Würde
haltend allein wo fließen in dieser Welt aussergewöhnliche Hülfsquellen die
nicht irgendwie auch mit den Bedürfnissen der Witwen und Waisen zusammenhingen
Max Leidenfrost verzog die immer sarkastischen Mienen zu einem entschiedenen
Lächeln und platzte hervor
Nun Das muss ich gestehen ich wollte eben eine Mücke todtschlagen als mir
einfiel dass sie vielleicht einen alten Vater zu ernähren hat
Man lachte wohl über dieses Gleichniss aber Propst Gelbsattel der das Bild
von der Academia della Crusca das Leidenfrost einst bei Louis Armand mit
Anspielung auf Gelbsattels Kunstansichten angegeben nicht vergessen hatte
warf einen verächtlichen Blick auf den Sprecher der sich in dem Bewusstsein die
Gesellschaft heute noch als Pyrotechniker unterhalten zu dürfen ganz behaglich
auf seinem Gartensessel wiegte und mit den Kindern allerhand Kurzweil trieb
auch Siegberten dadurch neckte dass er sich stellte als wenn er nicht wüsste
wie man in solcher Gesellschaft Kaffee tränke und Gebackenes ässe Er fasste den
Teelöffel manchmal absichtlich verkehrt oder gab sich die Miene als wollte er
sein Getränk in die Untertasse gießen und aus dieser schlürfen worüber
Siegberten der gleichsam hier für ihn wie für ein wildes Tier gut stand ein
Schrecken überfiel Leidenfrost machte als er seine Tasse auf den Tisch zurück
stellte sogar einmal die Miene als wenn er den Tassenkopf wie die Bauern
tun umwenden wollte Siegbert merkte wohl dass ihn Leidenfrost nur neckte
aber er dachte sich doch die Möglichkeit dass ihm der wilde Cyniker wirklich
einen solchen Streich vor der Fürstin spielen konnte Dass er ihm seinen Überrock
und den Slowakenhut nicht vorhalten durfte peinigte ihn schon genug
Ich habe mich fuhr Leidenfrost fort ganz genau nach allen wohltätigen
Dependenzen jener Erbschaft erkundigt Mein Freund Siegbert ist zu gewissenhaft
Mücken todtzuschlagen die einen alten Vater ernähren müssen Er würde wenn der
Familie Wildungen Das wird was von Gott und Rechtswegen ihr gebührt sicher
Niemanden entgelten lassen dass das Unrecht früherer Zeiten ihm Wohltaten
spendete die das Recht der Gegenwart ihm entzöge Was ist nun da zum Vorschein
gekommen Nichts was sein Gewissen beunruhigen könnte Die alten Häuser werden
luxuriös verwaltet und verfallen in Trümmer Wo man Familienwohnungen für die
Armut hätte bauen sollen duldet man den Fortbestand von Höhlen des Lasters und
des Elends deren Ertrag zu Zwecken verwendet wird die keine innere
Notwendigkeit haben Diese Häuser diese Liegenschaften und Grundzinsen bringen
enorme Summen ein Wozu werden sie verwendet Zur Herstellung eines Überflusses
neben dem Notwendigen für das schon von anderer Seite gesorgt ist Gründlichen
Besitz wagte die Stadt nie von jener Verlassenschaft zu nehmen Schulen Witwen
und Waisen sind nicht darauf angewiesen wohl aber frivole überflüssige Zwecke
als da sind Judenbekehrungspredigten Missionsbeiträge
Bibelgesellschaftsunterstützungen und dergleichen Frivoles mehr Das einzige
Praktische sind die bedeutenden Vergrösserungen der Emolumente des hohen Rates
der Stadt der Geistlichkeit derjenigen Kirchen über die der Magistrat das
Patronat hat eine Kutsche für jeden der vier Syndici eine Kutsche für ich
bedaure es sagen zu müssen für die Propstei und damit ich nichts verschweige
allerdings der sehr ehrenwerte Fond für diejenigen Geistlichen die an den drei
Hauptkirchen der Stadt angestellt sind und Töchter haben um deren Ausstattung
sie in Verlegenheit sind Denn jede Pfarrerstochter die ein drittes Aufgebot
nachweist bekommt eine Aussteuer von tausend Talern An dieser
philantropischen Institution versündigen sich allerdings die Gebrüder Wildungen
sehr wenn sie den Prozess gewinnen sollten
Leidenfrost unterbrach sich hier selbst und bat um Entschuldigung da ihm
der Gärtner wegen einiger Vorbereitungen zum Feuerwerk in angemessener
Entfernung winkte
Er erhob sich rasch und ging Paulowna und Rurik sprangen ihm nach und
verließen die Gesellschaft die über die bitteren Worte des schroffen Mannes fast
erschrocken war Es währte einige Zeit bis sich eine harmlose Stimmung
wiederfand Man wollte das Thema der Erbschaft verlassen fing über zufällige
andere Veranlassungen eines lauten Urteils zu sprechen an aber die Trompetta
konnte sich nicht mäßigen Man hatte die ihr heiligsten Dinge jene Stiftungen
jene Zweckvereine frivol genannt Da half nichts sie musste die Hände
zusammenschlagen und mit einem Blick hinter dem in den Gängen des Gartens mit
den Kindern verschwindenden Leidenfrost her ausrufen
Großer Gott Was man nicht Alles hören muss in dieser Zeit Die
Bibelgesellschaften frivol
Die Fürstin wollte Leidenfrost seiner Sonderbarkeit wegen entschuldigen
Siegbert sprach von seiner gewöhnlichen rücksichtslosen Art aber die Trompetta
verlangte von den Männern ein Urteil ein Verdammungsurteil eine entrüstete
Äußerung eine Indignation ein Anatem
Gelbsattel wollte da gar nicht recht mit der Farbe hervor Er pries die
Bibel nannte sie das Buch aller Bücher rühmte die Tätigkeit der
Bibelgesellschaften gab statistische Angaben über die Zahl der von England
herübergekommenen und verteilten Exemplare
Das war aber Alles nichts Die Trompetta beruhigte sich nicht und forderte
dadurch den etwas unwirschen und verdrießlichen Rudhard heraus zu der Äußerung
Meine gnädige Frau Die Bibel ist ein herrliches Buch Sie ist gar kein
Buch sondern ein Stück von der Geschichte selbst Sie ist das Leben selbst und
wohl von Gott eingegeben wie alle Zeugnisse seiner Größe seiner Allmacht wie
alle Wunder wo man die Züge seines Atems zu hören glaubt Allein beste
gnädige Frau die Bibel will gelesen will verstanden sein Ich bin dieser Tage
einmal in den Fall gekommen einem Menschen der mich fragte ob er die Bibel
lesen solle zu sagen Guter Freund hier habt Ihr ein Buch Lest darin Es ist
nicht die Bibel aber besser für Euch Es war der Don Quixote
Großer Gott schrie die Trompetta auf und auch Anna von Harder fühlte sich
doch wie von einer kalten Hand ergriffen
Die Bibel und der Don Quixote rief man entsetzt
Alle Töchter des Propstes waren vor Erstaunen sprachlos
Das ist ganz einfach sagte Rudhard sehr gelassen Unser Kutscher verfiel
kürzlich in eine Art Trübsinn und fing in sonderbarster Weise an über Leben und
Sterben zu sprechen Den Namen Gottes führte er selbst beim Striegeln seiner
Pferde im Munde und unterließ alle die herzhaften Flüche die früher die Tiere
von ihm gehört hatten und an die sie schon gewöhnt waren Sie zogen nun auch
viel schlechter Peters fragte ich ihn eines Tages du bist so trübsinnig was
fehlt dir Herr Pfarrer antwortete er schon lange wollt ich einmal mit Ihnen
sprechen und mein Gemüt stärken Was hast du Peters fragt ich Er erzählte
mir dann eine traurige Geschichte von seinen häuslichen Leiden Seine Frau wäre
weltlich gesinnt lebte unter Spöttern und Ehebrechern und es verlange ihn recht
die Bibel zu lesen Warum willst du die Bibel lesen fragte ich Um mich
vorzubereiten mich von meiner Frau scheiden zu lassen sagte er
Anna von Harder fand diesen Zug Rudhard unterbrechend sehr bedeutungsvoll
und nannte eine solche im Volke noch wurzelnde Empfindung eine Seltenheit da
man gerade jetzt auf die leichtsinnigste Art sich verbände und wieder trennte
Gut sagte Rudhard ich hätte auch nichts gegen eine solche Vorbereitung
einzuwenden gehabt Ich erkundigte mich aber genauer nach den Verhältnissen des
Mannes dem Charakter und der gegenwärtigen Hantierung seiner Frau und da
merkt ich wohl dass unser guter Peters nur ein Hypochonder war die
unschuldigsten Dinge schwarz sah und auf seinem Kutscherbock Grillen fing Unter
solchen Umständen hielt ich es für besser ihm statt der Bibel eine heitere
Lektüre anzuraten Wir kauften ihm eine hübsche Ausgabe des Don Quixote mit
schönen Bildern Er hat sich nun in die Heldentaten des sinnreichen Junkers von
La Mancha so verlesen und lacht auf dem Bocke noch hinterher wenn ihm plötzlich
einfällt was er Abends in seiner Stallkammer in sich aufgenommen hat so
lustig dass die Pferde jetzt viel besser ziehen und ich meine Das ist ein
Resultat wie wir es durch die Bibel nie gewonnen hätten
Rudhard endete damit eine Erzählung die die Unbefangenen besonders
Siegbert befriedigte nur vorzugsweise Frau von Trompetta nicht Sie schüttelte
den Kopf und fand hier etwas was nicht nach dem landesüblichen Systeme war
Der Blick nach dem Kutscher und die Erwähnung des Stallkämmerchens hatte die
Augen auf den Eingang des Gartens gelenkt durch den jetzt eben Dankmar
Wildungen eintrat
Dankmar kam in großer Erregung Das Erscheinen des anziehenden jungen
Mannes der von Tag zu Tag an Kraft des Willens und edler Männlichkeit gewann
erregte das allgemeinste Interesse Man fühlte dass der Kreis erst jetzt
vollständig wurde Die Damen grüßten ihn durch eine leichte Erhebung die Männer
standen auf um ihm die Hand zu reichen selbst Propst Gelbsattel übte einen Akt
der antiken Heroenzeit er ehrte sich selbst in seinem Gegner und machte die
nähere Bekanntschaft desselben gleichsam so dass er die Waffen erst zu seiner
Begrüßung senkte Er erwähnte sogleich den Vater der Brüder die alte
Zeltkameradschaft von Schulpforte und spielte nekkend auf das zukünftige Glück
der Söhne seines alten »Freundes« an ohne jedoch die Mutter zu erwähnen weil
ihn dies Thema in Gegenwart seiner Familie zu weit geführt hätte
Die meiste Achtung zollte Dankmar der Fürstin die ihn gar freundlich
begrüßte und ihn der neben ihr sitzenden Anna von Harder vorstellte So sah denn
Dankmar endlich auch diese vielbesprochene und ihm selbst so wertvolle Frau zum
ersten male in der Nähe Anna betrachtete den jungen für unternehmend und
charakterfest bekannten Mann mit Wohlgefallen und konnte wohl begreifen dass die
Flottwitz über und über errötete als ein kurzer flüchtiger aber sonderbar
herausfordernder Blick aus Dankmars blitzendem Auge statt aller Begrüßung zu
ihr hinüberstreifte Die Trompetta fragte ob er sich erst so spät von seinem
Freunde dem Prinzen Egon losgerissen hätte
Ich komme soeben antwortete Dankmar den Kaffee den ihm der Bediente bot
rasch niederschlürfend von Hause vor zwei Stunden aber aus der Kammer
Was ist vorgefallen fragte man gespannt
Eine eigentliche Herausstellung der Parteien antwortete Dankmar wird sich
erst heute Abend in der Beratung eines Paragraphen zur Geschäftsordnung
ergeben
Also eine Abendsitzung schaltete die Trompetta ein und überlegte ob sie
einen Versuch machen sollte sich ihrerseits an das constitutionelle Leben zu
gewöhnen und ob sie den Abend frei hatte
Man will das Beispiel einer großen Beflissenheit geben fuhr Dankmar fort
Man will Abendsitzungen halten und Niemand trug auf Zeitersparniss und Fleiß
eifriger an als der Fürst von Hohenberg
Im Stillen dachte die Fürstin Wäsämskoi etwas spöttisch Arme Helene
Die Gruppen fuhr Dankmar fort werden sich erst scheiden bei dem Antrage
der Regierung dass die Minister das Recht haben sollen zu jeder Stunde auch
nach schon geschlossener Debatte in der Kammer das Wort zu ergreifen Es wird
sich dabei herausstellen auf welche Majorität das Ministerium überhaupt rechnen
kann Einstweilen hat die Bildung der Ausschüsse die Tätigkeit der Kammer
allein in Anspruch genommen und bei dieser Gelegenheit war es dass Egon heut
eine Rede hielt die einen Sturm von Beifall die Bewunderung des ganzen Saales
den Jubel aller Tribünen und die höchste Spannung selbst des Ministertisches
hervorrief
Erzählen Sie davon hieß es
Dankmar voll innigster Teilnahme rasch und feurig bewegt fuhr fort
Der Fürst war in den industriellen Ausschuss gewählt und trug darauf an ihn
aufzulösen und neuzuwählen Man opponirte Er sagte Ich bin der
Berichterstatter des Ausschusses meine Gründe haben ihn bestimmt selbst eine
Auflösung zu erbitten Ich referire für ihn Die Partei der Linken hatte aber
das Übergewicht in diesem Ausschusse gehabt und widersetzte sich der Neubildung
Darüber nahm denn Egon Veranlassung von dem Parteigeiste überhaupt und von der
Zerrissenheit der staatsrechtlichen Principien gegenüber den wahren
Bedürfnissen der Völker in so ergreifender Weise zu sprechen dass der Ausschuss
neu gebildet und durchaus nur von Männern die über diese Gegenstände kompetent
sind zusammengesetzt werden wird
Brav rief Rudhard Ich gebe die Versicherung dass Egon der Begründer einer
neuen Politik der der Unparteilichkeit und alleinigen Geltendmachung des wahren
Volkswohls sein wird
Das wäre eine echte Errungenschaft rief innigst Anteil nehmend Anna die
in einer solchen vermittelnden Politik eine Bürgschaft des Friedens und der
Liebe sah
Aber die Trompetta Flottwitz Gelbsattel verlangten doch noch näheren
Aufschluss über die Parteifarbe und wollten ohne Parteifarbe in der gegenwärtigen
Zeit nichts gelten lassen Auch Siegbert blickte den Bruder gespannt an und
wollte von ihm hören wie sich Egon auf den die jungen Männer so viel
Hoffnungen setzten »gemacht« hätte
Ich kann sagte Dankmar nur berichten dass Egon sehr gewandt sehr
anziehend sprach Er vermied jede Verletzung irgend einer Partei Er bat die
Parteien höhere Gesichtspunkte zu gewinnen Die Rede floss ihm so gefällig so
gewandt vom Munde man sah ihm so die lange Beobachtung eines vorzugsweise
rednerischen Volks der Franzosen an dass es mir manchmal war als dächte er
Das was er deutsch sprach erst französisch Gewisse Schlagworte gewisse
Antitesen brachte er so wohlangelegt vor dass sie ihm stürmische
Unterbrechungen seiner Rede zu Wege brachten
Dass ich Das versäumte meinte die Trompetta mit Melancholie und stiller
Gewöhnung an die Neuzeit
Man kann sich denken bemerkte die Fürstin etwas verstimmt über diese lange
Apoteose des Freundes ihrer Schwester man kann sich denken wie pikant es der
Galerie sein muss sich zu sagen Dieser Redner trug in Frankreich die Blouse und
führte den Hobel eines Tischlers
Man lächelte über diese Bemerkung aber Dankmar nahm sie im Ernste auf und
äußerte
Ja Durchlaucht Das ist es auch Als Egon auftrat murmelte der ganze Saal
vor Spannung Es war als hörte man wie Jeder den Andern anstieß und flüsterte
Das ist der entartete Sohn des berühmten Kriegers Das ist der junge Hohenberg
der in Lyon Kommunist war und als Handwerker auf der Landstraße »fechten« ging
Denn natürlich Das Gerücht übertreibt sogleich Ein einziger abenteuerlicher
Zug wird sogleich die Veranlassung eines Märchens
Die unglückliche Amanda schaltete Anna ein wenn sie Das sähe Wenn sie für
soviel grausame Schläge die das Schicksal nach ihrem Herzen führte diese
Mutterfreude erlebt hätte
Propst Gelbsattel der wiederum voll Unmut sah dass doch so außerordentlich
viel in der Welt jetzt geschah ohne sein Zutun ohne eine Anfrage bei ihm
ohne ein Gutachten wie es sonst in den heterogensten Dingen von ihm gefodert
wurde Gelbsattel wünschte etwas von Dem zu hören was Egon geäußert besonders
über die Gewerbe geäußert hätte
Dankmar sagte dass Dies die Zeitungen heute Abend ausführlich berichten
würden Egon hätte in der Gewerbspflege seine Vermehrung der Reichtümer einer
Nation nachgewiesen denn die Arbeit schaffe Werte und Werte der Arbeit wären
Dasselbe was Werte des Besitzes ja moralisch genommen wären sie noch
kostbarer Die Pflege der Gewerbe könne nur erblühen in einem freien in einem
mächtigen Staate Wenn unsre Monarchie in Deutschland erstarke so könnte der
Wettkampf mit England gewagt werden ich meine rief er jener unblutige Krieg
der Arbeit mit der Arbeit des Fleißes mit dem Fleiße des Menschenberufes mit
dem Menschenberufe eine Stelle die großen Beifall hervorrief
Anna unterbrach Dankmar mit den fast wehmütigen Worten
Sie ist auch schön Ich gestehe dass der Gedanke wie in diesem jungen Manne
die edle Natur seiner Mutter so hervorbricht mich unendlich rührt
Von der Verfassung der Gewerbe fuhr Dankmar fort sagte Egon dass man sie
durchaus schützen müsse ohne die veraltete Form dieses Schutzes beizubehalten
Bei Aufhebung des Zunftzwanges rief er hat sich der Zeitgeist der es liebt
sich zu überstürzen
Sagte er Das fragte schnell die Flottwitz angenehm überrascht
Ja mein Fräulein antwortete Dankmar bitter aber doch mit einer Art
schalkhafter Galanterie er sagte Das kurz vor einem Angriff auf Vermehrung der
Armee
Halten Sie Das für mein einziges Prinzip fragte das junge Mädchen den Kopf
mit Grazie erhebend dass die Locken in ein angenehmes Schaukeln gerieten
Das nicht sagte Dankmar aber ich kann Sie versichern dass er auch dem
Reubund einen recht schneidenden Seitenstich versetzte Hören Sie nur Bei
Aufhebung des Zunftzwanges sagte Egon hat sich der Zeitgeist der es liebt
sich zu überstürzen darin geirrt dass er das Kind gleich mit dem Bade
verschüttete Das Gute am Zunftzwange hätte schon bleiben sollen Allein unser
damaliger Staat der Militairstaat rief er wie tief stand er Wie
oberflächlich waren seine Neuerungen Wie verbrecherisch seine Bestrebungen
sich auf Kosten der innern Kraft äußerlich auszudehnen Er gab die Gewerbe frei
nicht um der Gewerbe willen sondern um seiner Armee willen Er sagte Ruinirt
Euch wenn Ihr mit dem gescheiterten Versuche glücklich zu werden mir nur die
Patente die Freiheiten des Gewerbes bezahlt Dieser schlechte Staat von damals
rief er derselbe Staat den die blinde Reue bündlerisch wiederherstellen will
Ah rief die Trompetta War Das die Stelle
Das war die Stelle gnädige Frau sagte Dankmar
Aus dem Munde des Sohnes
Eines Generalfeldmarschalls griff Dankmar die zweite Rüge die vom Fräulein
von Flottwitz kam auf Die Galerieen waren außer sich darüber nicht etwa vor
Zorn sondern vor Jubel Der Präsident musste die Glocke ziehen und den Zuhörern
alle Zeichen des Anteils und der Misbilligung untersagen
Ah Das war seine Schuldigkeit bemerkte die Trompetta die sich
constitutionell zu bilden anfing Aber wie weiter
Dieser schlechte Staat fuhr Dankmar fort Egons Worte zu wiederholen den
jetzt die blinde Reue bündlerisch wiederherstellen will hatte zur Förderung
einer unverhältnissmässigen Kriegsmacht nur die üppige wuchernde Fortpflanzung
der Bevölkerung zum Ziele Dieser Staat vernichtete die Gewerbe indem er sie
der Willkür preisgab Er erleichterte das Recht des Ansiedelns des
Meisterwerdens der Heiraten Er wollte nur Menschen und raschgewonnene
Einnahmen für den Fiskus Kurz Egon schilderte die Notwendigkeit der
ernstesten Erwägungen dieser Verhältnisse mit so lebhaften Farben dass man auf
seinen Wunsch einging und den Gewerbeausschuss aus den Elementen der Kammer
zusammensetzte die über die Interessen der Arbeit kompetent sind Es ergab sich
zwar nunmehr dass die linke Seite bei der Zusammensetzung dieses Ausschusses im
Nachteile war sie verlor drei Stimmen und hatte die Majorität nicht mehr aber
man beachtete kaum dies Resultat so wirkte der Zauber der Persönlichkeit des
Prinzen und seiner aus der unmittelbaren Anschauung des Volkslebens gewonnenen
Überzeugung nach
Die Trompetta Fräulein Wilhelmine die drei Gelbsattels selbst Rudhard
waren nur froh dass die linke Seite in der Minorität geblieben war und
bezweifelten jetzt keineswegs die gewaltigen Talente des neuen Staatsmannes
Siegbert sah Dankmarn bedenklich an Dankmar flüsterte ihm zu Ich habe viel mit
dir zu reden Ich verlange entschieden dass wir Beide um acht Uhr heute frei
sind Siegbert nickte ihm zu dass er sich darauf verlassen könne Die
Fürstin erhob sich und bat die Gesellschaft ihr behilflich zu sein nun die
Trauben vom Stock zu lösen Einer der Bedienten präsentirte die Körbchen mit den
Messern Die Damen fanden die Idee allerliebst und Alles folgte der Fürstin um
das Werk zu beginnen und dem Dienste des Bacchus in holdesten Grenzen zu opfern
In der Ferne ertönte auf ein von Leidenfrost der sich wieder genähert hatte
gegebenes Zeichen eine sanfte Musik die irgendwo in einem hintersten Winkel des
Gartens versteckt sein musste Die Fürstin war davon aufs Angenehmste überrascht
und als es sich herausstellte dass dies eine Idee von Leidenfrost selbst war
söhnte man sich mit dem wunderlichen Manne der sie Alle durch seine Äußerungen
verletzt hatte im Geiste leidlich wieder aus und ging wohlgemut unter den
sanften Accorden scherzend und neckend an die spielende Arbeit
Die Näscherei Paulownas und Ruriks hatte nun freilich schon früher dafür
gesorgt dass diese »Weinlese« keine zu lange Zeitdauer in Anspruch nahm Unter
mancherlei Scherzreden und Neckereien war man bald mit der »Ernte« fertig und
überließ den Kindern den helfenden Dienern und Mägden hie und da die Beeren
die noch versteckt oder schwer zu erreichen waren vom Stamme zu lösen Man
sollte nun die gefüllten Körbe bei sich behalten ihren Inhalt entweder selbst
verzehren oder mit sich nehmen Das war die Antwort die die Fürstin Jedem gab
der einen Ort zu wissen wünschte wo er seine Beute niederlegen sollte Die
Fräuleins Gelbsattel die sehr lang waren kamen dabei gut fort Sie hatten
reichlich gesammelt Die Trompetta die Lebhafteste hatte nur geringe Ausbeute
Sie war zu klein um mit ihrem Messer besonders hoch zu langen und das
Anerbieten von Stühlen Schemeln und Leitern die die Diener in Bereitschaft
hielten schien ihr bei ihrem corpulenten Wuchse zu halsbrechend und gefährlich
Sie irrte von Blatt zu Blatt und klagte wie der Fuchs in der Fabel aufblickend
dass man ihr Alles vorweggeschnitten hätte Wo ist denn noch eine Traube Wo Wo
rief sie Kinder Ich sehe nichts Wilhelmine Wilhelmine Aber Fräulein
Wilhelmine von Flottwitz stand ihr nicht mit gewohnter Treue zur Seite Sie war
fortwährend mit Dankmar in neckendes Gespräch verwickelt Die Fürstin nahm
die Lese sehr umständlich und ernst fast pedantisch Siegbert musste ihr den
Korb die Hand den Schemel halten Rudhard und Gelbsattel erzählten sich von
einer Weinlese bei Naumburg die sie einst in lateinischer Sprache hätten
mitmachen müssen und lächelten über die Erinnerung wie die Portenser wenn
Einer eben sagte O quam dulcis haec uva est und eine Traube in den Mund
herablassen wollten sie immer vom Andern geraubt bekamen wobei sie auf
Wildungen übergingen der zu Denen gehörte denen man nur zu oft den Genuss
verdarb wenn er eben sagen wollte O quam dulcis haec uva est
Die eigentümlichste Erregung unter Allen zeigte Olga Sie hatte den Trieb
gleichsam die Ehre des ganzen Festes zu vertreten war hier und dort sprach mit
Dem und Jenem half überall nach und befahl in der Stille was die Mutter ihr zu
laut zu befehlen schien oder wohl gar ganz vergessen hatte Und bei alledem zog
sie sich von Jedem zurück blieb allein hüpfte bald da bald dorthin und
schien nur von Einem Gedanken beseelt dem ihren geliebten Freund Siegbert nur
einen kleinen Moment für sich allein zu besitzen Die Mutter die Flottwitz die
Fräuleins Gelbsattel Alle machten ihr den Verdruss dass sie auch an Siegbert
zuviel Gefallen fanden und ihn immer nur für sich behielten während sie nicht
ein Wort von ihm erhaschen konnte und nur zuweilen einen freundlichen Blick der
sie mehr verwundete als erfreute denn in diesem Blicke lag Das nicht was sie
in seiner Seele suchte So kam es dass sie von einer quälenden Unruhe hin und
hergetrieben wurde und nur bei Leidenfrost zuweilen Stand hielt mit dem sie
wenigstens lachen über Alle spotten konnte Sie ging mit dem kleinen unschönen
Mann in den hintersten Teil des Gartens wo ein Hügel zum Feuerwerk
hergerichtet war In der Mitte stand der Böller Ringsherum waren Stakete
festgepflanzt an welchen schon am Morgen Leidenfrost seine pulvergefüllten
Papiere befestigt hatte Am Fuße des Berges in einer Laube saßen fünf
Musikanten die von Blaseinstrumenten eine weiche für Gartenräume zweckmässige
Musik aufführten Olga sorgte dafür dass diese Leute Erfrischungen bekamen Die
Mutter achtete nicht solcher Dinge die ihr kaum einfielen und die wenn man sie
daran erinnerte immer Veranlassung gaben zum Streit Denn sie hatte dann immer
dieselbe Sache längst bedacht aber natürlich ganz anders und viel besser
ausführen wollen
Die Gesellschaft wandelte im Garten auf und ab bald vereint bald
zerstreut Olga galt für ein Kind man nahm wohl Notiz von ihr aber scheute sich
nicht ein Gespräch abzubrechen wenn sie sich nahte Sie streifte an den Beeten
entlang und schloss sich Niemanden an Rudhard verbot ihr diese Isolirung und
sagte ihr im Vorübergehen sie müsse sich an die Mutter halten
Wird sie mich denn wollen fragte sie und warf die großen Augen sicher und
fest auf Rudhard der ihr keine weitere Antwort darauf gab denn er blieb im
Vorübergehen mit der Pröpstin nicht stehen wie sie Sie sah ihm eine Weile nach
und wandte sich dann gedankenlos hin und herirrend und Manchem der mit ihr
sprechen wollte nicht einmal Rede stehend wieder zu den Musikern Unter diesen
war ein alter Mann mit weißem Barte Er blies das Waldhorn
Wäre Das ein Harfner sagte eine Stimme hinter ihr als sie an der Laube
stand und die Notenblätter der Leute musterte so würde man an Mignon und den
Alten erinnert werden
Es war Dankmar der diese Ähnlichkeit fand und alle Damen stimmten ein
Was wusste Olga vom Harfner und von Mignon Was hatte sie von dem Gespräch
das die weiterwandelnde Gesellschaft über Goethe und Wilhelm Meister und die
Bekenntnisse einer schönen Seele begann Sie folgte dem Zuge der Lustwandelnden
kaum teilnehmend am Äusserlichen noch weniger an dem Gegenstand des Streites
der sich sogleich zwischen Dankmar und der Trompetta ergab über Goethe über
Wilhelm Meister über die Bekenntnisse einer schönen Seele über Alles
durcheinander Anna von Harder fasste Olgas Arm und ließ sich von ihr führen
Was verstand noch Olga stillträumend wie ein unerschlossner Blumenkelch von den
Worten die eben die sanfte Frau zu Dankmars Freude sprach
Liebe Trompetta sagte Anna von Harder Verurteilen Sie den großen Dichter
seiner Unchristlichkeit wegen nicht Sagen Sie auch nicht er wäre unwürdig
gewesen durch die ohne Zweifel von ihm wörtlich aufgenommenen Geständnisse des
Fräuleins von Klettenberg sein schlimmes und wie Sie es nennen frivoles und
unsittliches Buch zu schmücken Dass Goethe diese glaubensstarke Natur in seine
Dicht und Denkweise eintreten ließ ganz unverbunden ganz unzusammenhängend
mit dem Werke das er uns geboten hat beweist nur wie er doch wohl einen tiefen
Blick für alles Ursprüngliche im Menschen hatte und uns in den krausen und
wilden Erlebnissen des jungen Meister nur das Leben selber geben wollte in
seiner Rückwirkung auf die große Mannichfaltigkeit menschlicher Charaktere Da
ließ er denn auch jenes Fräulein gelten nicht um der Frömmigkeit sondern um
ihrer Eigenheit willen Ich fühle dass man jenem Buche vom Standpunkte der
Erfindung aus viel Schlimmes nachsagen kann aber Menschen sind es doch die da
durcheinandergehen Situationen sind es doch des wirklichen Lebens Man sieht
Das ordentlich und erlebt es mit So passte auch das fromme Fräulein ganz hier
herein diese wunderliche Seele der ich eigentlich nicht einmal recht zugetan
bin
Was rief die Trompetta Sie tadeln die schöne Seele Das Kleinod aller nach
innengewandten Herzen seit einem halben Jahrhundert
Tadeln sagte Anna sehr ermutigt welch hartes Wort Ich sage nur dass ich
sie nicht von Herzen lieben kann
Nun Das ist wunderbar erstaunte die Trompetta und bat um Aufklärung indem
sie fast die Hände faltete Alle waren gespannt
Ich finde sagte Anna gesammelt und ruhig dass dies Fräulein eigentlich
recht eigenwillig ist Sie nimmt sich das so vor einmal in Gott ihren einzigen
Freund zu suchen und weist fast kalt fast gleichgültig alle Zweifel alle
Sorge alle Lehre der Menschen zurück Sie bricht mit ihrem Verlobten wie er
mit ihr bricht Sie sagt ihm Magst du mich so mag ich dich Magst du mich
nicht so mag ich dich auch nicht Ich gestehe Ihnen dass eine solche
Ergebenheit in die Wege des Schicksals bis ans Fahrlässige grenzt Und weil ich
doch aus ihrer Erzählung herausfühle dass sie keineswegs in andern Dingen
fahrlässig sondern eifrig emsig ist so kann ich mich nicht erwehren sie
sogar für ein ganz klein wenig trotzig zu halten und ich glaube ihr alter Onkel
schickt ihr seine kleinen Nichtchen deshalb so selten auf ihr einsamgelegenes
Schlösschen nicht weil er fürchtet dass die kleinen Mädchen bei ihr
herrnhuterisch werden sondern weil sie ein reizbares und recht apartes altes
Jüngferchen ist
Die Männer billigten diese eigentümlich vorgetragene fast wie zwischen
Zerbrechlichem mit verbundenen Augen behutsam auftretende Auffassung vollkommen
und Rudhard wollte sogar noch weiter gehen und wieder von seiner beliebten
Muckerei anfangen
Nein nein sagte Anna mit freundlicher Drohung weiter nicht Sie sollen
auch gar nicht loben Herr Pfarrer ich bin Ihnen doch noch etwas bös mit Ihrem
DonQuixote
Dankmar bekam von den Andern die Aufklärung über diese Erwähnung des
DonQuixote
Dass ich Recht habe gnädige Frau sagte Rudhard bestätige Ihnen der Anblick
da oben
Die Gesellschaft war nämlich wieder an den Anfang des Gartens gekommen dem
zur Seite der Hof mit einem Wirtschaftsgebäude einer Remise und dem Stalle
lag Über dem Stalle war ein kleines zwar längliches aber niedriges
Mansardenfenster Es war offen Ein Mann in weißer Piquéjacke saß an dem
Fensterbret und las mit aufgestütztem Kopfe tief in einem Buche verloren
Alle lachten denn sie waren überzeugt dass dies Peters war der eben den
DonQuixote las
Nun rief Dankmar hinauf hat Saul den Esel seines Vaters gefunden
Peters der die Anspielung auf seine Bibel und die Begegnung im Park von
Solitüde nicht verstand fuhr erschrocken auf und wollte sich zurückziehen
Ei so bleibt doch Peters sagte Rudhard hinauf zu dem in größter
Verlegenheit nach dem Kopf greifenden Peters der nicht wusste wie man ohne
Mütze oder Hut grüßen sollte Mit wem hat es denn jetzt der tolle Junker
Peters lachte nur mit verklärtem abwesendem Angesicht
Dankmar wollte etwas von der Katrine hören
Ich wette sagte Siegbert als Peters nicht antwortete er besinnt sich ob
Katrine eine von den Mägden ist die dem Junker DonQuixote für Edelfräulein
gelten
Kennt Ihr uns denn nicht sagte Dankmar
Nun erst besann sich Peters und kam grüßend aus seiner Lektüre wieder in den
Zusammenhang mit der Welt Alle lachten und mussten dem Pfarrer bestätigen dass
er ein vortreffliches Mittel gefunden hatte einen eifersüchtigen Mann von
seinen Grillen abzubringen Man kehrte auf das Parquet zurück und folgte der
Aufforderung von dem Fruchttische zu genießen den man nicht genug bewundern
konnte
Olga entzog sich verschämt allen Lobeserhebungen über Das was Rudhard heute
für ihre Idee und ihre Schöpfung erklärte Man fand das eigene Mädchen allgemein
schön liebenswürdig und sagte als sie sich entfernt hatte der Mutter
mannichfache Artigkeiten über ein Kind das sich seit der kurzen Zeit ihrer
Anwesenheit so auffallend entwickelt hatte Die Fürstin nahm diese
Freundlichkeiten mit jenem Takte hin der dem Gebildeten unter allen Umständen
eigen ist und ihn immer Das treffen lässt was sich nach den allgemeinen Gesetzen
in solchen Fällen geziemt oder am Platze ist Rudhard sah schon tiefer und
blickte voll Unmut zur Erde Er beschäftigte sich mit den Kleinen denn die
Gesellschaft zerstreute sich teilweise im Garten und fing an sich in
gleichgestimmte Paare aufzulösen während die Fürstin und die Gelbsattels auf
dem Parquet blieben
Der Propst und die Trompetta schienen es auf Siegbert abgesehen zu haben
Sie nahmen ihn bei Seite und begannen vom Getsemane Der Propst rühmte die
ausgezeichneten Blätter dieses Albums vorzugsweise aber die Farbenskizze
Siegberts Einen Vorschlag den er an sein Lob anknüpfen wollte unterbrach die
Trompetta mit dem Jammer über das Unglück das ihr eine Laune des Hofes bereitet
hätte Sie wollte von den Männern Vorschläge hören wie sie ihre Sammlung zum
Besten eines wohltätigen Zweckes veräussern könnte Es blieb nichts übrig als
ihr eine Lotterie anzuraten Sie schlug den Wert des Albums auf den Betrag von
tausend Talern an und zweifelte durchaus nicht tausend Loose jedes zu einem
Taler absetzen zu können Das Album sollte zu dem Zwecke einer Einladung und
Ermunterung in den Sälen des Kunstvereins aufgelegt werden Nun aber handelte es
sich um die Verwendung des eingegangenen Geldes Frau von Trompetta hatte damit
etwas Zeitgemässes im Sinne Sie sprach von den im Kampfe gegen die Demokratie
hier und da gebliebenen oder verwundeten Kriegern und von deren Angehörigen
fand aber bei Siegbert sowohl wie beim Propste lebhaften Widerspruch Jener
erklärte eine solche Verwendung für eine politische Demonstration die er
nimmermehr unterstützen ja gegen die er sowohl wie mancher seiner Freunde die
zu dem Album beigetragen hätten entschieden protestiren würde Dieser konnte
nicht umhin Siegbert Recht zu geben Er lehnte zwar jede Übereinstimmung mit
Siegberts politischen Motiven ab meinte aber doch auch dass die Zeit noch
nicht reif wäre in einer solchen Verwendung des Albums jene Harmlosigkeit zu
erblicken die denn doch von den Künstlern die diese Idee unterstützten
vorausgesetzt wurde Zu diesem Streit gesellte sich in diesem Augenblicke
Leidenfrost der nach seinen Feuerwerksvorbereitungen sehen wollte Der Propst
wusste es so geschickt zu wenden dass er mit Siegbert plötzlich abbog und die
Trompetta mit Leidenfrost allein ließ bei dem sie da er sehr praktisch war
noch einige Winke über ihre Pläne zu gewinnen hoffte so abgeneigt sie ihm
seiner Richtung nach auch sein musste Man kann sich vorstellen wie komisch
diese Unterhaltung ausfiel Leidenfrost hielt durchweg den Ton der Ironie fest
den die Trompetta erfüllt von ihrem Gegenstande nicht fühlte Er riet ihr
ohne Zweifel die wunderlichsten Wege an und machte die Frau wohl nur noch
verwirrter als sie schon war
Der Propst aber sprach sich so misbilligend über die Ostentation dieser Frau
aus dass Siegbert Vertrauen gewann und das ihm für seinen Nicodemus gespendete
Lob nicht zurückwies
Ich habe eine Idee mit dieser Skizze sagte der Propst Ich wünschte wohl
dass Sie Veranlassung fänden sie in größeren Dimensionen und am liebsten al
fresco auszuführen
Die Frescomalerei sagte Siegbert ist mir noch zu wenig geläufig Ich habe
darin Übungen gemacht würde aber kaum wagen sie vor Jemanden sehen zu lassen
Und dennoch fuhr der Propst fort muss man Wände haben um sich daran
vervollkommnen zu können Ich schlage Ihnen vor Ihre Skizze in einer Kirche
auszuführen die im vorigen Jahre teilweise abbrannte und neuerdings
wiederhergestellt ist Die Gemeinde ersucht mich ihr Vorschläge zu einigen
durch Künstlerhand auszuführenden Zierraten zu geben Da sie reich ist da dem
Bau noch manche Summe zu Gebote steht so schlag ich Ihnen vor die Gemeinde zu
besuchen und sich mit ihr über diese Idee zu verständigen
Siegbert war von dem Vorschlage sehr angenehm überrascht und fragte nach dem
Namen des Ortes
Das große und reiche Dorf Schönau auf dem Wege von hier nach Hohenberg
Siegbert lehnte das Anerbieten durchaus nicht ab Er erklärte sogar dass ihm
nichts erwünschter sein könnte als die ersten Proben der Technik die er sich
in der Frischmalerei erworben hätte an einem Orte zu versuchen wo er die
allzustrenge Kritik nicht herausforderte
Das ist sehr weise gedacht sagte der Propst Reisen Sie hin Beginnen Sie
das Werk
Sie vergessen Herr Propst sagte Siegbert dass diese Unternehmung nur im
warmen Sommer begonnen werden kann
Das ist wahr besann sich künstlich der geübte Kunstkenner Allein man macht
vorläufig seinen Überschlag Sie prüfen die Örtlichkeit Sie nehmen mit dem
Vorstande der Gemeinde Rücksprache Auch wüsst ich sogleich eine Veranlassung
sich in Schönau den Leuten wertvoll und angenehm zu erweisen Man wünscht bei
der Einweihung der Kirche die am Martinstage stattfinden soll die
Wiederherstellung einiger glücklicherweise aus dem Brande geretteter Bilder aus
der altdeutschen Schule Ich entsinne mich bei früheren Inspektionsreisen in
der Schönauer Kirche zwei vortreffliche Kranachs und einige Bibelscenen gesehen
zu haben die wenn nicht von Albrecht Dürer selbst doch aus seiner Schule
sind Zu dem neuen frischen Anblick der wiedererrichteten Kirche wünscht man
diese Bilder so lebhaft und anmutig als möglich zu restauriren Auch dafür
hab ich gedacht entschiede sich gewiss Ihre kundige Hand und Sie nähmen die
Entschädigungen mit die man Ihnen dafür bieten würde
Siegbert freute sich der wohlwollenden Versöhnlichkeit die aus diesen
Anerbietungen des Propstes zu sprechen schien und drückte ihm unverhohlen die
angenehme Überraschung aus die er über diese Anträge empfand
Bester Freund setzte Gelbsattel mit einem eigentümlichen kaustischen
Ausdrucke hinzu bis zu dem Tage wo Ihnen das Obertribunal in letzter Instanz
eine Million zu Füßen legt dürfte es noch ziemlich lange hin sein
Glauben Sie nur nicht sagte Siegbert dass ich irgendwie die sanguinischen
Hoffnungen meines Bruders teile Ich darf mich natürlich seinen Unternehmungen
nicht entziehen und lasse Das was eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich hat
ihm zu Liebe gern für Gewissheit gelten Seh ich doch dass ihn diese
Angelegenheit nicht lässig sondern im Gegenteil eifrig macht Sie schlägt in
sein Fach sie nährt seine Studien Und ich selbst finde wenigstens Den Gefallen
an den Verhandlungen dass ich mich des Überblickes der Zeiten erfreue an
vergangene Zustände meiner Familie zurückdenke und an den großen Widersprüchen
der Verhältnisse die unser Leben erfüllen einen persönlichen Anteil habe
Dies Vergnügen wird Ihnen aber viel Geld kosten warf Gelbsattel etwas
bitter hin
Das ist wahr sagte Siegbert wir müssen schon jetzt Opfer bringen und haben
alle Ursache uns einzuschränken Sie sehen mich auch deshalb nicht abgeneigt
eine Gelegenheit zu ergreifen mir meine Kunst ergiebig zu machen Leider
fesseln mich für den Augenblick so viele Dinge
Schütteln Sie doch diese Fesseln ab sagte der Propst Ihr jungen Männer
lebt in einer glücklichen Zeit Welche Mühe hatten wir einst unsre Wünsche
auszuführen unsre Wirkungskreise zu verändern Jetzt reist Das hin und her im
Fluge ist man unter andre Verhältnisse versetzt Ein junger Geistlicher
Oleander hört heute von einem Vikariat in Plessen von der unbesetzten Stelle
des einige Zeit beurlaubten Pfarrers Stromer morgen ist er schon unterwegs und
tritt dieses Amt an das ihm den Weg zu besseren Ämtern bahnen soll
Oleander fragte Siegbert der den Namen schon oft auch einigemale
sonderbarerweise von Louis Armand gehört hatte Irr ich nicht
Sie werden Manches von ihm gelesen haben
Es ist der Verlobte
Meiner ältesten Tochter Glauben Sie Das nicht Wo junge Mädchen sind
stellt sich sogleich bei jedem männlichen Besuche ein solches Vorurteil ein Es
ist wahr ich habe diesen Oleander gehoben Er hat das
Sabbatspredigerstipendium in der Dreieinigkeitskapelle er genießt manchen
Vorteil der für seine Jahre und Einsicht unverhältnissmässig ist da zeigt er
sich auch als Einen der Undankbaren und Vermessenen die Alles nur sich selbst
danken wollen reißt sich von den behaglichsten Verhältnissen los und übernimmt
jenes elende Vikariat
Siegbert war fast im Begriff diese Handlungsweise Oleanders edel und schön
zu nennen als ihr Gespräch durch eine Störung unterbrochen wurde Sie waren dem
Hause wieder näher gekommen als Siegbert am Gitter des Gartens im Hofe einen
jungen Soldaten erblickte der schüchtern die Tür öffnete und sich nach
Jemanden den er zu suchen schien umsah Siegbert ging zu dem jungen Soldaten
hinüber um ihn nach seinem Anliegen zu fragen Dieser trat mit dem schönen
Anstande der einem gebildeten Krieger eigen ist näher fasste an seinen Tschako
und wünschte Herrn Dankmar Wildungen zu sprechen
Warten Sie einen Augenblick sagte Siegbert und empfahl sich dem Propste Er
wollte den Bruder im Garten suchen
Da trat ihm dieser aus einem schattigen Gange Fräulein von Flottwitz
begleitend schon entgegen Er erkannte sogleich den Sergeant Heinrich Sandrart
dessen sich der Major von Werdeck öfters zu Aufträgen bediente bei der nähern
Beziehung die zwischen diesem Offizier und den Brüdern seit einiger Zeit
besonders durch Leidenfrost eingetreten war
Heinrich Sandrart der etwas leidend aussah überreichte Dankmarn ein Billet
von dem Major Während dieser las trat Fräulein Wilhelmine dem Sergeanten näher
und fragte
Garde
Garde
Erstes Regiment
Zweites Regiment
Dritte Kompagnie
Dritte Kompagnie
Lieutnant von Aldenhoven
Sandrart musste alle Fragen der unterrichteten kriegskundigen
Offizierstochter fast zustimmend beantworten
Dankmar trat näher und sagte dem Sergeanten
Eine Empfehlung an den Major Sehr erwünscht Wir würden die Ehre haben ihn
zu erwarten
Damit legte Sandrart die Finger an den Tschako und wollte sich entfernen zum
Entzücken der Flottwitz die sich an seiner Haltung und dem Hereinragen auch des
Militairischen in dieses Fest nicht genug weiden konnte Aber schon hatten auch
Paulowna und Rurik von einem Soldaten gehört waren herbeigesprungen und
betasteten diesen Krieger seinen Säbel die Aufschläge seiner Uniform die
Tressen wie den Schmuck einer Figur
Sie sind Heinrich Sandrart fragte Dankmar
Zu dienen mein Herr
Es ist schon einige male dass wir uns sahen Sie blasen die Flöte sind
fleißig wollen Ihr Fähnrichexamen machen
Hat Ihnen Das der Major gesagt
Der Major hält große Stücke auf Sie
Er verdient dass sein Bataillon für ihn durchs Feuer geht
Die Flottwitz hatte etwas auf der Zunge was sie auszusprechen durch die
Kinder verhindert wurde Olga die das Gespräch in der Ferne beobachtet hatte
war gleich so wohlwollend gewesen ein Glas mit Wein füllen zu lassen es auf
ein lackirtes Bret zu stellen ein Stück Kuchen hinzuzulegen und den Kindern zum
Überbringen an den hübschen Soldaten zu übergeben Diese fassten den Teller Beide
zugleich an und trugen ihn behutsam doch nicht ohne bedeutende Schwankungen und
Verschüttungen Dankmar redete Sandrart zu zu nehmen und wollte Olga einen
freundlichen Blick zuwerfen doch war Olga schon wieder verschwunden Es
trieb sie eben wie ein Irrlicht unruhig bald da bald dorthin ruhelos unstät
wie ihre dunklen Augen selbst hin und wieder gingen
Die dritte Kompagnie steht in keinem guten Rufe sagte die Flottwitz
Wer sagt Das antwortete Sandrart
Die ganze Armee
Sandrart schwieg Es lag außerhalb der Disziplin hier Ansichten
auszusprechen
Ein guter Soldat fuhr die Flottwitz begeistert fort soll treu seinem
Könige dienen treu der Fahne auf die er geschworen hat
Sandrart aß in steifer Haltung seinen Kuchen trank seinen Wein und schwieg
Die Ehre des Kriegers fuhr das gerötete jetzt flammende Mädchen fort ist
der Gehorsam Wenn sich die Bande der Disziplin lockern wird die Kraft eines
Heeres gelähmt Das unsrige hat seine Schlachten nicht dadurch gewonnen dass ein
Jeder dazwischen redet und vom Volke fabelt sondern dadurch dass es für seinen
König Blut und Leben dahingab und seinem Vorgesetzten selbst dann gehorchte
wenn eine Armee auch nur unter den Waffen steht und zusehen muss was die
Weisheit seines Fürsten so oder so beschliesst
Sandrart schwieg
Krieger fuhr das seltene Mädchen die in der Tat den Namen einer neuen
Jungfrau von Orleans verdiente fort Krieger die sich von der Demokratie irre
machen lassen in ihrer Pflicht verdienen den Namen der Tapfern nicht Sie
schänden die glorreiche Uniform die sie tragen Sie verletzen ihren Eid den
sie dem Fürsten geschworen und ein Eid ist heilig heilig wie das Evangelium
Sagen Sie Das der dritten Kompagnie die eine Fahne trägt die von Kugeln
zerfetzt ist in zwanzig Schlachten eine Fahne die eine Ahnin des königlichen
Hauses selbst gestickt hat
Sandrart wischte sich den Mund trat einen Schritt zurück und machte seine
Honneurs um zu gehen Die Kinder gaben ihm bis auf die Straße das Geleite Der
junge Soldat hatte nichts erwidert nichts politisirt er schwieg
Dankmar aber musste als er mit dem Fräulein allein war in ein lautes Lachen
ausbrechen
Bestes Fräulein sagte er in Ihrer Rede war für meinen verlorenen
unglücklichen Standpunkt jedes Wort ein Lustspiel aber auch für den tragischen
Standpunkt dieses jungen Mannes keine Tragödie
Wie so fragte Wilhelmine mit einer Mäßigung die im Widerspruche zu ihrer
aufwallenden Mahnung an die berüchtigte dritte Kompagnie des zweiten
Garderegimentes stand
Sie gingen wieder allein Beide dem dunkeln Gange zu
Dies Paar war heute zum ersten male in eine persönliche durch Gespräch
verbundene Beziehung gekommen und wunderbar rasch wie zwei chemische Stoffe
die sich vereinigen um zu explodiren hatten sie sich während des Festes
gesucht und gefunden Es gibt Begegnungen die gleich bei der ersten Begrüßung
das Facit längst angelegter Beziehungen sind Dankmar und Fräulein von Flottwitz
kannten sich ohne sich gesprochen zu haben Sie gewannen sogleich eine
Vertraulichkeit die schnell über die ersten Vorbereitungen einer Verständigung
hinausging Da das junge Mädchen etwas vorstellte und bedeutete da sie ein Ziel
und Streben hatte so musste sie dem jungen Manne von Interesse sein Nichts
kürzt ja die Verlegenheiten die man der unbestimmten Gefühlswelt und der
geheimnisvollen Existenz eines Frauenherzens gegenüber empfindet so sehr ab
als wenn ein weibliches Wesen doch auch einmal ein wenig mehr ist als nur eine
bloße Tabula rasa die erst die Liebe die künftige Begegnung mit dem Manne der
sie wählt mit Charakteren beschreibt Anders wenigstens ist es kaum zu
erklären wie sich Dankmar und Friederike Wilhelmine so schnell in eine gewisse
Allen auffallende Vertraulichkeit fanden
Sie haben sagte Dankmar diesen jungen Soldaten wie eine Puppe von Holz
behandelt und ich kann Ihnen die Versicherung geben dass das trotz seines
Schweigens ein sehr gebildeter Mensch ist Er bläst die Flöte liebt die
Empfindsamkeit denkt schwärmerisch macht leidliche Verse hat Kenntnisse in
allen Fächern und ist der Erbe eines sehr bedeutenden Vermögens Er nahm den
Wein und Kuchen mit einem Anstand den Sie müssen gewürdigt haben Er hätte gern
gesagt Ich bin kein Bettler kein Bote ich bin ein freier Mann und ich
schweige auch zu den Ermahnungen des Fräuleins nur weil sie wunderschöne blonde
Locken einen reizenden Teint sprechende dunkelblaue Augen kirschrote Lippen
und Zähne wie von Elfenbein hat
Spotten Sie rief Wilhelmine fast erbebend und warf einen ihrer in der Tat
schmelzenden Blicke ernst und vorwurfsvollzitternd auf Dankmar den sie ohne
Zweifel in Folge der Gesetze von der Polarität seit der Begegnung an der
Terrasse von Solitüde fast zu lieben schien
Ich spotte nicht Fräulein sagte Dankmar mit seinem gewohnten feinen
Lächeln Ich kann mir keine reizendere Form der Bellona denken Sie haben etwas
von einer Hohenpriesterin Ihrer Überzeugung Und aufrichtig gestanden ich gönne
unsern Lieutenants wie sie so kommen und gehen und das Trottoir der Residenz
beherrschen nicht die Poesie die in Ihrer entusiastischen Verteidigung der
reactionairen Staatsprincipien liegt
Es geht mir mit Ihnen fast ebenso sagte das junge Mädchen beklommen
schüchtern und hocherrötend Ich gönne den Demokraten nicht dass Sie zu ihnen
gehören
Dankmar warf die Augen flüchtig in die Runde ergriff ihre linke Hand küsste
sie rasch und erwiderte
Bekehren Sie mich Fräulein
Wilhelmine zuckte zusammen Sie ließ die Hand in Dankmars Rechten er musste
fühlen dass sie zitterte
Ihr Bruder sagte sie nach einer Weile sich sammelnd und die Hand wieder
zurückziehend Ihr Bruder schwärmt über die Gesellschaft und verfolgt bunte
Träume die sich nie verwirklichen werden Sie aber sind viel schlimmer Sie
haben Ihren Geist wie ein Arsenal mit lauter feindseligen Waffen gegen das
Bestehende ausgerüstet In Ihrem Kopfe leben nur Mordgewehre Dolche
Barrikaden Jedes Wort das Sie über öffentliche Dinge sprechen klingt mir wie
Hohn ins innerste Herz Es ist die Trommel des Aufruhrs die Sie rühren und
mich schmerzt es dass Sie vielleicht in Verbindungen stehen die Ihnen
gefährlich werden können Was haben Sie mit diesem unglücklichen Werdeck zu
tun
Wir treiben zusammen Schädellehre sagte Dankmar Er hat einen prächtigen
Kopf der mich physiognomisch unterhält und ihn unterhält wieder mein Kopf So
befühlen wir uns gegenseitig und sagen uns phrenologische Schmeicheleien
Weichen Sie mir nicht aus Ich weiß sehr wohl wie Sie mit Werdeck bekannt
geworden sind
Wie denn mein Fräulein
Sie ritten mit Lasally Aldenhoven und einigen Offizieren vor mehren Wochen
nach Burgheim Nicht wahr
Sehr oft tun wir Das
Eines Tages begegnete Ihnen zu Pferde Werdeck
Sehr oft begegnet er uns
Er schloss sich Ihnen an Es gab Unterhaltungen und zwei Parteien Sie und
Werdeck bildeten die Minorität Es entstand Bekanntschaft Verständigung
Freundschaft
Und zuletzt eine Verschwörung Nicht wahr
Bewahre Sie der Himmel davor Ich warne Sie vor Werdeck Erschraken Sie nie
vor seinem unheimlichen Auge Oder fesselt Sie doch nicht die wilde
Leidenschaftlichkeit seiner Frau
Ah Ich hätte nie geglaubt dass die Inquisition so schöne Dienerinnen hat
wie Sie Fräulein Wilhelmine
Ich habe mehr von Ihnen und Ihren Umgebungen gehört als ich Ihnen
wiederholen möchte
Was wissen Sie von mir und jener Frau
Der Majorin von Werdeck
Ich hoffe Sie wissen dass ich sie noch in meinem Leben nicht gesprochen
habe Mein Bruder malte ihr Bild und aß zuweilen bei den Werdecks polnische
Pirotkis
Und Leidenfrost Dieser Aufwiegler der Werkstätten dieser Führer der
Handwerker dieser cynische Robespierre
Steht in einer geheimnisvollen mir dunkeln Beziehung zu jener Familie das
ist wahr Aber ich glaube nicht dass dabei die Politik eine Rolle spielt
Die gefährlichste Die Verbindung mit Polen soll in jenem Hause unausgesetzt
unterhalten werden Der leidenschaftliche Katholizismus der Majorin ist der
Deckmantel ihrer wahren Gesinnung Man weiß dass sie Seelenmessen für Menschen
lesen lässt die in Sibirien gestorben sind Durch Klosterverbindungen
verständigt man sich mit Denen die in Krakau und Warschau nur auf den
Augenblick harren um doch wovon unterhalt ich Sie
Ich staune Fräulein rief Dankmar dem alle diese Äußerungen übertrieben
und verleumderischen Entstellungen nacherzählt vorkamen Welche Chronik
Trennen Sie sich von diesen Umgebungen sagte das Fräulein drängend und mit
großer Innigkeit Über Allen die mit Werdeck verkehren zieht sich eine
mächtige dunkle Wolke zusammen Ihr Prozess Herr Wildungen wüssten Sie nur
was man davon spricht
Ich lausche mit Spannung
Wolle der Himmel verhüten dass Sie jemals diese großen Reichtümer gewännen
Sie würden sie nur dazu anwenden die Revolutionen aller Staaten zu
unterstützen
Ah so Nein mein Fräulein Ich würde sie nur dazu anwenden einmal irgend
ein Wesen das ich liebe mit allen Reizen des Glückes zu umzaubern Ich baute
diesem Wesen Villen hängende Gärten Paläste Aber im Ernst Fräulein sind
diese Gesinnungen der Loyalität die Ihre schöne Stirn mit einem Heiligenschein
umgeben haben wirklich Ihre innersten Überzeugungen Ich weiß es ich frage
fast so dreist wie man eine Prophetin fragen würde ob sie wirklich an den Gott
glaube von dem sie sich ergriffen erklärt Aber wir haben denn doch die Bücher
der Geschichte aufgeschlagen vor uns liegen Sie sind doch auch den Frauen
zugänglich und ich weiß es die Bildung ist Ihnen mein Fräulein ein teures
Wort Sagen Sie mir nur ums Himmelswillen kennen Sie denn Das nicht was wir
Männer Kritik nennen Es ist Ihnen also unmöglich die Zeit im Großen und Ganzen
aufzufassen und zu fühlen dass Ihr und Ihrer Genossen Wirken und Denken eine
reine Selbsttäuschung ist
Fräulein Wilhelmine bat Dankmar auf einer Bank die ziemlich am Ende des
Gartens unter dem Weinlaubdache stand Platz zu nehmen Sie setzten sich
Sie sagen begann sie gesammelt und mit einem Sonnenschirme spielend dass
Ihnen etwas an uns unbegreiflich ist und wir sind in dem gleichen Falle über Sie
und die Ihrigen Kann man gemeinschaftliche Sache mit Menschen machen die die
Fackel der Empörung anzündend nur Verwirrung wollen um sich zu bereichern oder
zu Ehrenstellen aufzuschwingen Wie schonungslos hat man zerstört Forschen Sie
den Tonangebern nach Es sind meist nur ruinirte zweideutige Mitglieder der
Gesellschaft Kann man Freiheit da finden wo nur die Rohheit und
Sittenlosigkeit das Recht bekommt glänzende Gewänder um sich zu werfen Sehen
Sie die kecken Gebehrden der verworfensten Individuen die es jetzt wagen der
Sitte und dem Anstande Hohn zu sprechen Kann man wünschen dass je die
Gesellschaft diesem Pöbel preisgegeben wird diesem Pöbel der in meinen Augen
auch unter den Menschen steckt die äußerlich anständig gehen Man wühlt nur um
seiner jämmerlichen ehrgeizigen und habsüchtigen Leidenschaften willen
Die Musik spielte in der Ferne Die Kinder jagten sich Die Paare wandelten
auf und ab Man mied das von seinen Früchten befreite Weinlaubdach
Dankmar dem diese Unterhaltung von psychologischem Interesse war und dem
die Situation einer Verständigung zwischen zwei so verzweifelten Gegensätzen
wie sie von ihm und diesem Fräulein vertreten wurden fesselnd erschien
erwiderte
Sie sind in diesem Augenblicke viel aufrichtiger gegen mich als Sie es
gegen die Welt sind
Wie so fragte Wilhelmine
Der Welt gegenüber stellen Sie die Hingebung an den Thron und die Interessen
der absoluten Monarchie wie etwas Ursprüngliches dar wie eine Art Religion
während Sie doch eben verrieten dass dies System wie ich es nennen möchte nur
die Folge einer sehr klug angestellten Reflexion ist
Welcher Reflexion
Sie fühlen dass mit der Demokratie in der Art wie sie Ihnen erschienen
nicht gut zu leben ist und verwerfen sie deshalb ohne Weiteres indem Sie eine
Anbetung der Monarchie eine Vergötterung der Hebel derselben befördern die das
Übel das Sie bekämpfen wollen nur ärger machen wird
Man muss dem Throne Kraft geben den Arm der Fürsten stärken die
Bürgschaften der Ordnung befestigen
Alles Politik Alles Reflexion Durchaus keine Religion durchaus keine
Andacht rief Dankmar und rückte seiner Gegnerin näher indem er einige welke
Weinblätter die auf ihren Nacken gefallen waren weglas
Nennen Sie es Tugend wenn man sich dahin stellt wo man die Gefahren der
Gesellschaft abgewendet sieht antwortete das Mädchen bestimmt und von Dankmars
Spiel durchrieselt
O nein Das nenn ich Instinkt Selbsterhaltungstrieb erwiderte Dankmar und
nahm ihr wie spielend den Sonnenschirm aus der Hand Mein bestes Fräulein Sie
verteidigen sich nicht gut Sie müssen so wie Sie einmal sind sagen Ein
Demokrat ist das nicht relativ sondern absolut Verwerflichste und die Liebe
die ich zum Könige zu den Prinzen zu den guten Ministern zu dem Adel zur
Armee habe die ist etwas Unerklärliches die entspringt aus dem Gefühle das
einst die Christen trieb das Kreuz zu nehmen und ins gelobte Land zu ziehen
Sie zerstören mir ja durch Ihre Theorie den ganzen Heiligenschein den ich um
Ihre schönen Locken erblickte
Wilhelmine sah gedankenvoll empor Es durchbebte sie etwas von einem
Gefühle von dem sie sich keine Rechenschaft zu geben wusste Sie ahnte fast dass
Dankmar für sich Recht hatte Sie konnte ihm nur nicht sagen dass es eins der
schmerzlichsten Gefühle das die Seelen unserer Zeit zerreißt genannt werden
muss Menschen die man liebt und verehrt in Ansichten gefangen zu sehen die
man selbst nicht teilen kann Sie hatte sich im Stillen auf Dankmars
Standpunkt gestellt mit ihm verhandeln ihn in ihre Gedankensphäre hinüber
ziehen wollen und nur deshalb für etwas was allerdings auch in ihr rein
ursprünglich wie eine visionäre Anschauung lag äußere Gründe des Verstandes
gesucht Sie sagte
Darf ich denn wagen mich Ihnen so zu geben wie ich bin ohne von dem
stärkeren Geiste verspottet zu werden Ich sehe Ihre Menschenkenntnis fühlt mir
vollkommen die Empfindungen nach die meine wahren sind Sagen Sie mir aber Das
Warum ergreift Sie nur nicht auch das Gefühl Ihren König geehrt und mächtig zu
sehen seinen Herrscherblick vielleicht auf Sie selbst niederzulenken die
Fahnen unserer Krieger stolz entfaltet zu schauen von unsern Schlachten zu
lesen und sich gläubig nichtig ergeben zu fühlen in dem großen gefeierten
heiligen aber von Andern geleiteten Ganzen das man den Staat nennt
Das will ich Ihnen sagen mein Fräulein antwortete Dankmar ernst und voll
Anteil Die Geschichte und das Leben haben mich gelehrt dass die großen Ideen
nur an der Wiege als sie geboren wurden unschuldig und heilig waren Das
Christentum war unschuldig und heilig als es in Galiläa gepredigt wurde Als
es heranwuchs gedieh erstarkte musste sich der Denker schon wieder von ihm
abwenden So kann ich in politischen Dingen auch nur die Vasallentreue eines
Bayard unschuldig und heilig nennen und für die Dichtkunst haben die
Empfindungen die in Ihnen mein Fräulein leben einen großen auch mir sehr
bedeutenden Wert Anders aber ist es auch hier mit der erstarkten Idee der
Loyalität wenn auf ihr Institutionen wurzeln Systeme Da seh ich dass zuviel
Lüge zuviel Egoismus von jenen Institutionen in Schutz genommen wird Ich sehe
dass sich böser Wille Unterdrückung Anmassung zu gut bei jenen Systemen
unterbringen lässt und muss deshalb auch das Gute das ihnen zum Grunde liegen
mag leider zerstören der Schlupfwinkel wegen die das Böse hier im Guten
findet Ich bin nicht blind für die Fehler der Revolution Auch sie war an ihrer
Wiege in Rousseaus Schriften ein reiner keuscher Gedanke Man kann nicht reiner
und unschuldiger über den Staat denken als damals gedacht wurde als im
Enthusiasmus für Freiheit und Gleichheit aller Menschen die Adeligen Frankreichs
ihre Privilegien selbst auf den Altar des Vaterlandes legten Aber auch die
Revolution ist entartet degenerirt Nun kann der Denker nur in der Mitte stehen
und da seine Hand bieten wo noch der meiste Rest von der Wiegenunschuld der
Ideen übriggeblieben ist und ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen dass das
Zeitalter der Revolution jünger als Bayard ist Die Pflicht der Menschen soll
sich an das Gute der Revolutionen anschließen von Nichts aber bei aller
Notwendigkeit der Mäßigung des langsamen Fortschreitens des Abwägens der
Übergänge von Nichts sich entfernter halten als von dieser rein vegetativen
alles Denken verbannenden instinktmässigen Verehrung der Institutionen die das
neue Zeitalter anzweifelt Man kann diese Institutionen noch eine Weile stützen
man soll es aber man versündigt sich an Gott wenn man sie anbetet und zB mit
einem Soldaten so spricht wie Sie es eben mit diesem Heinrich Sandrart getan
haben
Friederike Wilhelmine blieb eine Weile nachdenkend und schwieg Dann sagte
sie rasch und aufseufzend
Wir verständigen uns nicht
Sie erhob sich gerade noch zur rechten Zeit ehe die ganze Gesellschaft sie
Beide in dieser Situation auf der einsamen Bank überraschte
Es war nun fast sieben Uhr und schon ziemlich dunkel Jeden Augenblick
erwartete Leidenfrost seine Unterstützung zum Lösen des Böllers und zum
Steigenlassen der Raketen Die Musiker die unermüdet fortfuhren sanfte
Harmonieen durch die Büsche hin aus der Laube zu entsenden hatten schon Licht
Auch in dem Salon in den unmittelbar eine Tür des Hauses vom Garten führte
brannten Kerzen Die Trompetta verlangte von Anna von Harder ein Musikstück auf
dem Klavier Die Schwester Paulinens hatte aber ihre Freude meist nur mit den
Kindern und dachte daran heimzukehren nach Tempelheide Selbst Siegberten der
ihr so sympathisch war mochte sie in seinem Verkehr mit den jüngeren weiblichen
Anwesenden nicht stören Man bat man drängte in sie noch zu bleiben zu singen
zu spielen wenigstens jedenfalls die Raketen abzuwarten Sie konnte sich denn
der Bitten nicht erwehren und willigte ein auch am Piano das Duett zu
begleiten das die Trompetta und Wilhelmine singen wollten Bald auch erscholl
von den zwei kräftigen Stimmen ein Duett aus dem Judas Maccabäus
Ein krachender Böllerschuss unterbrach diesen Gesang und die Aufmerksamkeit
der um den Flügel geschaarten Zuhörer Zu gleicher Zeit zischte unbekümmert um
die Kadenzen der Trompetta eine Rakete in die Höhe Die Musik war abgebrochen
Alles trat in Shawls und Mantillen gehüllt hinaus in den schon kühlen jetzt
völlig dunkel gewordenen Garten Leidenfrosts drei Gehülfen mussten angekommen
sein Die Kinder rannten über die Beete die Damen suchten den günstigsten Ort
um sicher vor dem Niederschlag der abgebrannten Präparate doch von dem
Lichteffekte derselben sich nichts entgehen zu lassen Überall her in den
umliegenden Gärten wurde es lebendig Das Feuerwerk fand Zuschauer die draußen
am Hinterzaune der schon ins Feld führte bei besonders gelungenen Effekten
Beifall spendeten
Der erste Böllerschuss und die Rakete war nur ein Signal Es folgte nach
einiger Pause ein zweiter und wieder eine Rakete Dann ein dritter und jetzt
eine Leuchtkugel Ah ertönte es in diesem ganzen fashionablen Quartier Anna
von Harder die Unruhe und Eile hatte dachte ob wohl auch drüben die Schwester
sich ans Fenster stellen und an dem Scherze ihre Freude haben würde
Leidenfrost legte große Ehre ein Erst spielte in ununterbrochener Folge ein
kleines Geplänkel von Leuchtkugeln Es war wie das Spiel eines Equilibristen
der Fangbälle wirft und aufgreift ohne dass einer von der gewandten Hand
verfehlt wird Dann kam ein Pot à feu der plötzlich einen lebendigen Blumenkorb
von Schwärmern vorstellte Das war ein Zischen ein Züngeln Platzen und Knallen
in der Luft Von diesem Momente hatten die Näherstehenden mehr Genuss als die
Entfernteren denen nur die Leuchtkugeln volles Vergnügen gewährten Es kamen
deren auch wieder neue nun mit bunten Lichteffekten die blau und rot in der
Höhe sich auflösten andere entwickelten oben noch einen Schwärmer und
ängstigten die im Felde Stehenden denn der züngelnde Auslaufer der gestiegenen
Rakete suchte gerade sie auf Nun brannte Leidenfrost der mit seinen drei
Gesellen und dem einzgen Lichtchen das sie auf ihrem dunkeln Berge
unterhielten einen eigentümlichen Eindruck machte fast wie Seeleute die sich
heimlich ducken um einen Brander anzuzünden einen Tourbillon ab der wie eine
herabfallende Fontaine gestaltet schnurrend in die Höhe fuhr und einen
Feuerregen in unzähligen blinkenden Tropfen niederrieseln ließ Auch Feuerräder
machten einen ähnlichen Effekt Zwei Sonnen die dicht hintereinander in
Rotation kamen ergänzten sich in ihren Strahlen so dass sie in der Ferne den
Eindruck einer einzgen gewaltigen Sonne machten Zuletzt brannte das Bouquet in
einer für den kleinen Raum unglaublichen Menge von Schwärmern Raketen
Leuchtkugeln und Donnerschlägen ab Nun gab der Böller noch drei kräftige
Schläge und die Herrlichkeit war unter einem unaufhörlichen Tuschblasen der
Musikanten zu Ende
Bravo scholl es von allen Seiten und in der Tat hatten sich die
Feuerwerker mit Ruhm bedeckt Leidenfrosts mannichfache Talente hatten sich
auch hier wieder glorreich bewährt Die Fürstin dankte ihm und ersuchte ihn ja
dafür zu sorgen dass seine Genossen noch blieben und sich von einer für sie
bereit gehaltenen Kollation nach so kühner Arbeit stärkten Alle kehrten in den
Saal zurück wo sie mit Eis und einer großen silbernen Vase voll gefrornen
Champagners einer von Olga angegebenen Idee empfangen wurden
Siegbert der hier und da fast wie der Wirt oder der Sohn vom Hause nach
dem Rechten sah hatte sich an dem Berge verspätet und besprach mit den
Arbeitern das Abbrechen der Zurüstungen und den Transport des Böllers den
Danebrand wie ein Spielzeug auf die breiten Schultern hob und erklärte ihn so
nach der Willingschen Maschinenfabrik zurücktragen zu wollen
Wie ist es denn Herr Wildungen fragte Alberti bei dieser Gelegenheit wann
kommt denn der Franzos in unsern Verein
Und Sie selbst und Ihr Herr Bruder sagte Heusrück Wollten Sie uns denn
nicht einmal einen Abend schenken
Schon längst antwortete Siegbert längst wären wir gekommen wenn uns nicht
mancherlei Sorgen in Anspruch genommen hätten Auch gestehen wir Euch Freunde
wir haben noch mit uns selbst in Zwiespalt gestanden
Wir waren Ihnen nicht sauber genug sagte Alberti
Wo denkt Ihr hin fiel Siegbert ein Unser Herz schlägt nur für die Sache
des Volks Wir hatten immer ein Ohr um hören zu können was in Eurer Brust für
Zeugnisse über den höheren Wert der Menschen und die Möglichkeit einer
Fortbildung der arbeitenden Klassen leben Denen sollten wir nicht trauen
Sollten feige sein und mit unserer Meinung zurückhalten
Sie leben unter Fürsten und Fürstinnen ließ Heusrück schüchtern fallen
Und habt Euch doch heute überzeugen können dass die Schranke zwischen denen
und uns und Euch nicht mehr gar zu hoch ist Nein Freunde der Grund warum
Louis Armand Dankmar und ich zögerten ist ein anderer Wir bezweckten
Ihr Kohlenbrenner geht nun zum Teufel unterbrach Leidenfrost in seiner
polternden Art die Siegbertsche Ergiessung und zündete sich eine Zigarre an Da
habt Ihr Jeder noch eine Zigarre auch Ihr Danebrand und nun examinirt uns
nicht lange Wir werden schon gackern und Euch rufen wenn unsere Eier gelegt
sind
Die Arbeiter lachten nahmen die Zigarren und zündeten sie an Leidenfrosts
brennendem Glimmstengel an Danebrand gebehrdete sich dabei ungeschickt genug
Sie wollten gehen
Nein nein sagte Siegbert die Fürstin lässt Niemanden von Euch jetzt fort
ehe nicht der Tisch der in einem vorderen Entréezimmer gedeckt wurde ganz
geleert ist Das sind unerlässliche Sachen die von Olga so vorbereitet wurden
und nun auch nach ihrem Willen ausgeführt werden müssen
Sie meinen wohl die Kleine mit den schwarzen gewundenen Flechten im weißen
Kleid
Es ist die Tochter der Fürstin
Die ist mutig sagte Heusrück Sie stand am nächsten fast mitten unter den
Schwärmern Wenn sie nur nicht böse ist ich habe sie etwas grob zurückgeschickt
Da hat es gute Wege sagte Siegbert Am liebsten hätte sie wohl selbst mit
Hand angelegt Aber Freund Ihr haltet den Böller mit einer Hand über den
Schultern und raucht mit der andern die Zigarre
Die Arbeiter lachten über Danebrand der wirklich dies possierliche Bild
eines so zu sagen die Weltkugel tragenden und zu gleicher Zeit rauchenden Atlas
darstellte
Stellt ihn herab Ihr bleibt und leert erst den Tisch und die Flaschen
Na sagte Danebrand stehen lassen wir den Böller hier nicht Artillerie ist
jetzt so verlockend wie Baumobst Die kleine Pfefferbüchse könnte mir über den
Zaun gestohlen werden
Danebrand sagte Leidenfrost nehmt die Büchse mit zum Tisch und was Ihr
nicht essen könnt stopft in den Böller hinein und nehmt die wohlschmeckende
Ladung für morgen mit in die Fabrik
Topp
Darauf gingen die Arbeiter ein und sagten sie würden sogleich kommen
Siegbert wandte sich nach vorn
Wie er rasch dahin sprang und im Dunkel an einer Gruppe von Hängeweiden
vorüber musste sah er an einer derselben Olga ganz allein an den Stamm gelehnt
Es war ein kleines Rund fast abgeschlossen Die Zweige der Weiden hingen so
dicht und tief dass sie fast um die Stämme herum eine Laube einen Versteck
bildeten So halb eingehüllt stand Olga an einem Baume lehnte den Kopf
träumerisch auf den Arm und den Arm an den Stamm Siegbert erkannte sie nur an
dem weißen Kleide Vorübereilen sie in diesem ihn rührenden Bedürfnis nach
Einsamkeit allein stehen lassen vermochte er nicht Er hielt seinen eilenden
Schritt an wandte sich zu dem still nachdenklichen Mädchen und sprach mit einem
so weichen Tone wie er nur von seinem gerührten Herzen und von seinen Lippen
kommen konnte
Olga
Das träumende Mädchen hatte ihn nicht erwartet und hätte überrascht sein
sollen Sie war es aber nicht Sie gab ihm die linke Hand hinüber während der
rechte Arm als Stütze des unverwandt ruhenden vom Sternenlichte milderhellten
Hauptes am Stamme liegen blieb
Olga Es ist kalt Gehen Sie nicht zur Gesellschaft Man musicirt wieder
In diesem Augenblick änderte das Mädchen ihre Stellung wandte ihr Antlitz
ab und Siegberten war es als hörte er sie schluchzen
Er ergriff ihre Hand
Olga was ist Ihnen fragte er sanft
Olga wandte sich und sah ihn mit großen tränenerfüllten Augen an
Sie erkälten sich in der Abendluft Olga Kommen Sie
Olga schüttelte das Haupt und lehnte es wieder an den Stamm der Hängeweide
War das Fest nicht nach Ihrem Wunsch Es ging Alles so heiter so
wohlgeordnet Warum sind Sie nicht zufrieden
Siegbert hatte wieder ihre Hand ergriffen und war so von dem Abende
angeregt dass er Olga leise an seine Brust zog und ihr ins Auge sehen wollte
um ihr Mut zuzusprechen und Freude Heiterkeit Teilnahme
Wie sie aber seinem Herzen so nahe sich fühlte schlug Olga die Arme um ihn
und legte sich so in die seinigen dass er sie halten musste wenn sie nicht zur
Erde gleiten sollte
Unwillkürlich kam es Siegbert über die Lippen in sanftem zärtlichem Tone
zu sagen
Olga Was tust du
Liebst du mich fragte Olga zu ihm aufblickend
Olga Olga Lass uns gehen rief Siegbert durchrieselt von Wonne und
Schrecken
Nein ich mag keinen Menschen mehr in der Welt sehen außer dir
Man wird uns vermissen Olga komm
Sie sollen mich in deinen Armen sehen Lass mich Lass mich
dabei hielt sie sich so fest an Siegberts Halse dass dieser von innerster
Empfindung durchbebt kaum noch wusste wie er sich ihrer und seiner wehren
sollte Er war zärtlich er musste es sein er streichelte ihr Haar und drückte
einen Kuss auf ihre Stirn nur um sie zu beruhigen sie abzulehnen zur Besinnung
zu führen Aber kaum fühlte Olga die warmen Lippen des angebeteten Freundes auf
ihrer kalten Stirn als sie ihm mit erneuter Wonne ins Auge blickte und durch
ihre Zärtlichkeit durch ihr Verlangen nach einer Versicherung auch seiner Liebe
ihn verlockte auch ihre Lippen mit dem warmen weichen Munde zu berühren
Wie ihm Das so geschehen war besann er sich und hielt mit plötzlich
erwachender männlicher Kraft das liebekranke Mädchen von sich zurück
Olga rief er was tun wir sehen Sie die Mutter
Er zeigte auf die Tür des Saales die geöffnet war Geblendet von dem
Lichte eines Armleuchters den sie in der Hand hielt stand die Fürstin und
suchte im Dunkeln Siegbert oder Olga vielleicht Beide
Olga wie von einer bacchantischen Lust und einer jubelnden Schadenfreude
ergriffen lachte laut schlang den Arm um Siegbert zog ihn mit sich und
behielt dabei seine rechte Hand küsste sie und rief
Du bist mein Siegbert Dich lieb ich
Siegbert der sonst so Rücksichtsvolle sonst sich so Beherrschende hatte
die Besinnung verloren Er wollte widerstehen und konnte nicht Er drückte Olga
an sein Herz schlang den Arm um ihren Nacken und hauchte bebend
Meine Olga
So standen sie geschützt vom Dunkel eine Weile Dann riss sich Olga los und
rannte zu dem hellen Hause hin wie ein flatternder Nachtvogel
Siegbert folgte langsam und sprach vor sich hin
Verhiess dir Das damals die weiße Rose
Sechstes Kapitel
Eine ernste Nacht
Als Siegbert Wildungen wieder bei der Gesellschaft war sprach er zur
eifersüchtig forschenden Fürstin Worte die er nicht bedachte und erwiderte eine
Anrede der Trompetta ohne sie verstanden zu haben Er aß von dem gefrornen
Champagner ohne zu wissen was man ihm bot Er bereute schmerzlich was
geschehen war umsomehr als er die Wirkung entdeckte die diese Szene auf die
wie umgewandelte Olga hervorbrachte Olga trällerte hüpfte schlug das Piano zu
einem Tanze an sie sang ein kurzes rasches Volkslied aus der Ukraine ein
Kriegslied der Tscherkessen sie umschlang Anna von Harder und bestellte hundert
Grüße an die Perlhühner und türkischen Enten an die Tauben und die Mäuse sogar
und Kaninchen die zu Tempelheide zusammen in einem Käfig hausten Ja als die
Gesellschaft aufbrach als die Wagen vorfuhren der Propst sich empfahl die
Pröpstin knixte die Töchter für den übergenussreichen Abend dankten als die
Trompetta mit Umständlichkeit nach ihrem Shawl rief die Flottwitz noch
zerstreutgefesselt mit Dankmar plauderte war sie bei Allem behend zugegen
half schwatzte lachte sodass die Mutter mit strengem Blicke ihr verbot so
ausgelassen die Honneurs zu machen und sie in den Schatten zu stellen suchte
Leidenfrost der inzwischen auch noch wie ers nannte von dem »gefrorenen
Zeuge« etwas gekostet hatte erntete noch manchen Lobspruch Dankmar schüttelte
Rudhards Hand und warf im Vorübergehen noch der Flottwitz die Worte hin Also
wir zürnen uns doch Die junge Freundin der Trompetta konnte aber im Augenblick
gerade nicht antworten denn die Trompetta dominirte jedesmal wenn es die
Benutzung ihres Bedienten und ihres Wagens das Zusammensuchen ihrer Garderobe
galt Siegbert gab dem Propst die Versicherung er würde sich seine gefälligen
Vorschläge ernstlich überlegen und mit ihm darüber genauere Rücksprache nehmen
Als er Rudhard die Hand bot war dieser etwas verstimmt oder wenigstens
nachdenklich Die Fürstin aber trat ihm einen Schritt näher und sagte mit
klagendem Nachdruck und in langgezogenem Ton
Sie gehen auch schon
Gute Nacht Gute Nacht unterbrach Olga heiter und mit einer fast
triumphirenden Sicherheit gradezu die Frage der Mutter abschneidend
Gute Nacht Gute Nacht
Was ist denn Was soll Das wandte sich die Mutter streng zu der Tochter
Gute Nacht Gute Nacht rief Olga wieder und geleitete den Scheidenden
hinaus noch ehe er der Fürstin auf ihren Wunsch dass er bliebe Rede stehen
konnte
Endlich waren Alle verschwunden Die Wagen fuhren ab und an dem Gitter
vorüber schritten Leidenfrost Dankmar Siegbert hinter ihnen die drei
Willingschen Arbeiter Danebrand trug den Böller hoch auf den Schultern
Olga begleitete die sich entfernenden und die Hüte ziehenden Freunde noch das
Gitter entlang bis zu der kleinen Estrade wo einst Rudhard den vorübergehenden
Siegbert angehalten hatte Eine Rose konnte sie dem Freunde nicht nachwerfen
Die Zeit der Rosen war im Garten vorüber aber in ihrem Herzen war es ein ganzer
Frühling der ihm folgte Da brachen alle Knospen auf Da duftete es wie von
einem Walde voller Blüten
Als Olga zurückkam fand sie die Mutter in der gereiztesten Stimmung
Ist es schon an und für sich eine eigentümliche Leere die sich meist nach
allen Festen wo es ganz ohne Zwang und künstliche Anregung doch niemals
abläuft einzustellen pflegt so war die Fürstin vollends unbefriedigt von sich
von den Andern von Olga von Rudhard von Jedem Dass Siegbert gehen konnte sie
allein zurücklassend in dem wüsten Gefühlschaos der Folge solcher künstlichen
Aufregungen verletzte ja erbitterte sie Zuerst mussten die Kinder entfernt und
zu Bett gebracht werden Sie gingen übermüdet und von Allem was ihnen als
Vergnügen geboten war eher erdrückt als gehoben Olgas Geschäftigkeit ihr
Aufräumen ihre Kritik der Personen und Gespräche erklärte die Fürstin für
nervenangreifend Rudhard sprach gar nichts was ihr ebenso drückend erschien
Obgleich es erst acht Uhr schlug wollte sie sich auf ihr Zimmer zurückziehen
und früh zu Bett gehen Sie gab Olga nicht undeutlich zu verstehen dass es ihr
lieber wäre wenn sie allein bleiben könnte Olga griff diese Gelegenheit sich
das eben Vergangene noch einmal zurückzurufen und noch einmal in seiner ganzen
berauschenden Seligkeit durchzukosten mit Freuden auf Hatte sie doch nichts
Heiligeres vor als noch einmal in den Garten zu schlüpfen noch einmal jene
Stelle aufzusuchen wo sie an Siegberts Herzen ruhen das Haupt auf seine
Schulter lehnen durfte und den Kuss seines Mundes fühlte An der Hängeweide hätte
sie die ganze Nacht durchwachen mögen
Adele Wäsämskoi die Fürstin ging auf ihr Zimmer Es war bescheiden
eingerichtet wie die ganze Wohnung die nirgends einen ursprünglichen Luxus und
nirgends auch die Spur verriet Das aus eigenen Mitteln hinzuzufügen was zum
Komfort dieser gemieteten Einrichtung schon von vornherein fehlte Adele warf
sich auf ein Kanapé das an einer dünnen Wand stand die dies Zimmer von dem
nebenan befindlichen Schlafkabinet der Fürstin trennte Eine große Öffnung
dieser Wand war mit einer Portière versehen die eben aufstand Verdriesslich
ließ die Fürstin die Portière fallen streckte sich ermüdet auf das Kanapé und
ergriff indem sie eine ihr nachgetragene Lampe sich näher rückte eins von den
Büchern die neben ihr auf dem Tische lagen Es waren dies Bücher die Rudhard
zu wählen pflegte Seit Jahren hatte sie Das gelesen was er empfahl
größtenteils Reisebeschreibungen leichte geschichtliche Werke populaire
Denkübungen Schriften die der Phantasie keinen Schwung gaben Sie hatte
Goethes Wilhelm Meister heute nennen hören Sie kannte dies Buch gar nicht Sie
besaß es in der kleinen Bibliothek die zu der Einrichtung des gemieteten
Hauses gehörte Es standen da Goethes sämtliche Werke in einer kleinen
unschönen Ausgabe in einem Glasschranke des Zimmers den sie noch nicht einmal
geöffnet hatte Sie tat dies heute zum ersten male und suchte von Goethes
Werken den Teil heraus der Wilhelm Meisters Lehrjahre enthielt Sie wollte
sie kennen lernen Es quälte es drückte sie dass sie in so vielen Dingen nicht
au niveau eines gebildeten Gespräches stand und durch ihre gesellschaftliche
Würde durch das Vorschützen der Mutterpflichten die Lücken verdecken musste die
sie in sich selber fühlte Sie begann die Blätter des ungelesenen Buches die
noch zusammenklebten aufzuschlagen und durchflog sie
Aber auch zum Lesen gehört Virtuosität Adele besaß nichts davon Ein
Schriftsteller musste sie sogleich auf der ersten Seite ergreifen anders konnte
sie ihm nicht folgen Erst ihn gewähren lassen erst lauschen wohin er uns wohl
führen würde Das ermüdete sogleich ihre Spannung und die Erzählungen über
Puppenspiele mit denen jenes so situationsreiche Werk beginnt widerstanden ihr
sogleich Sie nannte sie wie einst Lasally auf Hohenberg kindisch Sie besaß
nichts von jener Naivetät die das Kennzeichen des Genies oder der Bildung ist
Sie hatte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch gelegt als es klopfte Sie
gab keine Antwort denn sie glaubte einer der Bedienten käme und brächte
vielleicht Briefe oder Zeitungen Ein flüchtiger Blick auf Egons so viel
gerühmte Rede würde ihrem gedrückten Geiste etwas Spannung geben hoffte sie
Aber es klopfte wieder Sie rief Wer ist da Und Rudhard war es der draußen
fragte ob er eintreten dürfe
Kommen Sie doch Was gibt es denn sagte sie erschrocken dass ihrer
vielleicht etwas Unangenehmes harrte
Rudhard trat mit einer gewissen Feierlichkeit ein mit Papieren in der Hand
Meine liebe Adele sagte er mit so viel Milde als ihm zu Gebote stand Ich
muss Sie noch heute Abend stören Ich habe mit Ihnen zu sprechen
Was ist Worüber Nur nichts was mich aufregt Bis morgen
Nein nein sagte Rudhard und nahm sich ohne Weiteres einen Stuhl am Abend
fasst man Entschlüsse beschläft sie des Nachts prüft sie morgens und führt sie
den Tag über aus
Was haben Sie denn Wegen der Kinder
Ich möchte Ihnen meine gute Adele sagte Rudhard ruhig und gemessen ich
möchte Ihnen vorschlagen dass wir den längeren Aufenthalt in dieser Stadt
abbrechen und uns ehe noch der Winter da ist beeilen nach einer südlichen
Stadt zu ziehen
Adele sah ihren alten Erzieher erstaunt an
Wie kommen Sie darauf fragte sie
Ich stand früher mit Frau von Osteggen mit dem Fürsten Wäsämskoi und seiner
Gemahlin so dass wenn ich irgend einen Gedanken zum Heile der Familie mit einer
gewissen innern Überzeugung von seiner Notwendigkeit aussprach dieser nicht
erst lange geprüft sondern wirklich ausgeführt wurde Lassen Sie uns reisen
Fürstin Morgen lieber als jeden andern Tag Ich bitte Sie darum
Adele richtete sich von ihrer liegenden Stellung auf und gab dem väterlichen
Freunde ihr Erstaunen zu erkennen was ihn zu diesem Entschluss veranlassen
könnte
Bekommt Ihnen das Klima nicht Bekommt es mir den Kindern nicht sagte sie
Und als Rudhard schwieg fuhr sie fort
Sind die Unterrichtsanstalten nicht vorzüglich Hab ich nicht guten Umgang
Oder soll ich der Möglichkeit ausweichen mit Helenen in Berührung zu kommen
Als Rudhard alle diese Fragen verneinte sagte Adele sich wieder legend
Dann bleib ich auch da und reise nicht mehr
Rudhard nahm darauf eins von den Papieren die er in der Hand hielt und
überreichte es ohne ein Wort zu sprechen der erstaunten Fürstin
Diese las in französischer Sprache
»Mein Herr es ist unverantwortlich wie Sie der öffentlichen Meinung die
Blöße geben und durch Ihre Beziehung zu Herrn Wildungen die Moralität der Ihrer
Obhut anvertrauten Familie verdächtigen können Es ist das Gespräch aller
Zirkel dass in Ihrem Hause Mutter und Tochter in der Leidenschaft für jene
genannte Persönlichkeit wetteifern Erkennen Sie hierin die Warnung eines
Freundes«
Wer hat Das geschrieben fragte Adele und erhob sich mit leidenschaftlicher
Gebehrde
Eine Person sagte Rudhard in aller Ruhe seine Aufregung unterdrückend
eine Person die in der Lage ist ihre erbärmliche Insinuation durch Motive zu
heiligen die leider auf unwiderruflichen Tatsachen beruhen
Wie rief Adele mit dem Ausbruche des ganzen Zornes dessen phlegmatische
Naturen in äußersten Fällen fähig sind Wie auf diese jämmerliche Anonymität
hin wollen Sie mich aus meinem Frieden meiner Ruhe stören Erkennen Sie nicht
die Bosheit Helenens aus diesen Zeilen Von wem können sie anders kommen
Mein gutes Kind sagte Rudhard der die alten eingeräumten Rechte seiner
Vormundschaft nicht aufgab mein gutes Kind es ist eine Eigenheit des
menschlichen Charakters dass wir Alles was uns zu tun oder zu lassen
unangenehm ist dadurch in seiner mahnenden Notwendigkeit herabstimmen wollen
dass wir die Motive Derer die uns zum Guten auffordern verdächtigen Lassen
Sie liebe Adele die Worte kommen von wem sie wollen Lassen Sie einen Teufel
oder einen Engel diesen Brief geschrieben haben er soll uns mahnen an die
Wahrheit
Die Wahrheit ist darum nicht verschleiert wenn es hier auch ihr Verkündiger
ist Handeln wir nun so dass wir uns selbst überwinden und eine besonnene uns
ehrende Entschließung fassen
Wahrheit sagen Sie rief Adele Warum sagen Sie mir Dinge Rudhard die
mich empören müssen Wahrheit wäre dieses abscheuliche Wort von der Mutter und
Tochter Wie könnte Olga wagen
Olga
Auf keine andere Tatsache werd ich Rede stehen Wird Wildungen von Olga
geliebt Haben Sie dafür Beweise
Ich rede von Olga nicht
Nicht von Olga Sie könnten kommen nur mich zu quälen Sie könnten sagen
wir müssen reisen und denken nicht an die Gefahren denen höchstens meine
Kinder ausgesetzt sind
Rudhard schwieg Das war eine so kühne Parade der gereizten jungen Frau dass
ihm seine Waffe fast aus der Hand flog und er anfangs nichts erwidern konnte
als ein kopfschüttelndes
Hm hm hm
Machen Sie Vorschläge Olga in ein Institut in eine Pension zu geben sagte
Adele ohne ihre gewaltigen fast hörbaren Herzschläge bekämpfen zu können
Rudhard stand auf Sein ganzer innerer Mensch war ergriffen erschüttert Er
sah eine Mutter so beherrscht von Leidenschaft dass sie ihr eigenes Kind aus
Eifersucht von sich entfernen wollte Heftig schritt er auf das Fenster zu als
fürchtete er dass es offen stünde Er lüftete die Portière und sagte
Adele hier die Eingangstür Ihres Schlafkabinets ist wohl nicht
verschlossen
Es ist Alles verschlossen lassen Sie lassen Sie antwortete Adele
ungeduldig
Wenn man uns hörte belauschte wenn Olga
Welche Schonung fuhr Adele mit gesteigerter Ungeduld fort Ich werd es ihr
ins Gesicht sagen dass sie die schlechteste französische Aussprache von der
Welt hat dass man englisch lernen muss dass es in Brüssel Institute gibt in
denen die Töchter eines Reichskanzlers noch Fortschritte machen können
Adele Adele rief Rudhard und hielt ihr den andern Brief entgegen Olga ist
sechszehn Jahre reif für das Leben reif für jede Zukunft die Frauen nur
erwarten können und hier ist ein Brief des Barons Otto von Dystra Verheiraten
Sie Ihr Kind aber verpflanzen Sie einen Baum nicht mehr unter die kleinen
Gesträuche
Adele nahm den Brief jenes Otto von Dystra den Rudhard erwähnt hatte und
durchflog ihn Wenn Rudhard nicht in unruhigster Bewegung auf und abgeschritten
wäre hätte er ein Geräusch hinter dem Vorhange hören müssen Es war Olga die
in einem Drange den sie früher nie gekannt hatte heute wo ihr das
unaussprechlichste Glück vom Himmel gespendet war nicht ohne einen Nachtgruss
von der Mutter scheiden wollte Sie wusste selbst nicht war es Neckerei
Übermut oder Großmut was sie trieb an das auf den Korridor gehende Pförtchen
des Schlafkabinets zu klopfen Sie hatte den Drücker erfasst und die Tür offen
gefunden Da sie Gespräch hörte wollte sie sich zurückziehen Wie sie aber
ihren Namen nennen hörte den ihr oft genannten und von Odessa her noch in ihr
Ohr tönenden Namen Otto von Dystra vernahm hielt sie den Atem an und blieb
stehen Da es während die Mutter den Brief las wieder ruhig wurde wäre sie
fast durch den Vorhang geradezu eingetreten Nur Rudhards heftiges Auf und
Abgehen sagte ihr dass sie doch wohl stören würde
Die Mutter begann jetzt
Nun gut Nun gut So ist es ja in der Ordnung Der Plan ist ja alt und hat
immer meine vollste Billigung gehabt Der Fürst hatte nur unser Bestes im Auge
Die merkwürdigsten Umstände vereinigten sich Olgas Hand einst für den Baron
von Dystra zu bestimmen Er wird von Amerika kommen Sie ist entwickelt genug
um sich ihm zu verloben Ich war wenig älter als ich dem Fürsten nach Odessa
folgte
Rudhard blieb stehen Olga lauschte mit Herzschlägen die ihr eigenes Ohr
vernahm
Finden Sie diese Partie so unangenehm fragte Adele als Rudhard
unentschlossen blieb
Otto von Dystra ist ein merkwürdiger seltener Mensch aber den Funfzigen
nahe verwachsen ein Sonderling sagte Rudhard
Sie kennen ihn nicht persönlich antwortete die Mutter Es ist der Mann der
ewigen Jugend Reich ein Jugendfreund des Fürsten treu ausharrend edel Die
Verbindung mit unserer Familie war ein Lieblingswunsch meines Mannes Wäsämskoi
starb beruhigt als in seinen letzten Augenblicken ein Brief aus Washington kam
und ihm Dystra schrieb Freund meine Fahrten zur See und zu Lande sind zu Ende
ich lege meine Stelle als Botschafter des Kaisers bei den Vereinigten Staaten
nieder ich komme nach Europa und biete den Deinen an was ich besitze Ist
deine Schwester oder irgend eine alte Tante oder sonst wer geneigt einen
Philosophen zu heiraten so hoff ich die trüben Bilder die du von der
Zukunft hast zu verscheuchen und durch meinen Tod einmal den Deinigen geben zu
können was wenn ich unvermählt sterbe leider meiner Familie gehört
Eine Vernunft eine Geldheirat fuhr Rudhard da Adele stockte mit fester
Stimme fort Sie wissen in dem Falle dass wir vor den Torheiten der dAzimont
geschützt bleiben in dem Falle dass Ihre Kinder einst die Erben Ihrer Tante
werden dass sich die zerrütteten Vermögensverhältnisse des Hauses Wäsämskoi auch
ohne eine Verbindung mit dem Baron Dystra wiederherstellen können
Sie glauben dass Helene von dem Prinzen Egon lassen durch eine Scheidung
von dAzimont die schon im Werke sein soll uns die Hoffnung auf ihre
Reichtümer nicht nehmen wird Ha Ha
Ich zweifle sehr daran sagte Rudhard fest ich zweifle dass Egon der sich
täglich mehr wiederfindet täglich sein Inneres kräftiger entwickelt und einen
Wall reinster Sittlichkeit gegen die alten Torheiten aufrichtet sich jemals zu
solchen excentrischen Schritten wie eine Heirat zwischen ihm und Helene sein
würde herbeilässt
In diesem Falle hätten wir Aussichten Gut Aber sie reichen weit hinaus
So weit Adele wie der Fürst selbst sah Ihre und die JugendExistenz Ihrer
Kinder ist gesichert Sie werden niemals glänzend leben können das ist wahr
Sie haben es aber nicht nötig da Sie nicht glänzend erzogen wurden Was Sie
zur Unterhaltung Ihrer Würde zur Ehre Ihres Standes bedürfen das besitzen Sie
Der Fürst wollte nur die entferntere Zukunft seines Hauses seinen Namen das
spätere Loos seiner Kinder gesichert sehen Er war nie reich Die Familie
verarmte vollends und fühlte nur zu tief wie mislich es ist von den Launen des
Kaisers abzuhängen und von den Wechselfällen des Geschickes Er wollte in jenem
alten russischen BojarenStolze der Selbstständigkeit seiner Familie eine Stütze
geben und hoffte auf zwei Möglichkeiten entweder die Erbschaft von der reichen
Gräfin dAzimont oder die Verheiratung seiner Kinder Baron Otto von Dystra ist
sein Freund gewesen Ein unruhiger Charakter der zweimal die Welt umschiffte
und von der Regierung zu ihren großen überseeischen Missionen benutzt wurde Es
ist wahr er soll Schätze besitzen die er längst schon dem Fürsten zur
Verfügung stellte Der Fürst schlug sie für sich aus nahm aber die mir immer
nur frivol erscheinenden Anerbietungen des Barons sein unruhiges wechselvolles
Leben mit einem Mitgliede seiner Familie und wärs mit Olga oder Paulowna
beschließen zu dürfen erst eben so scherzend eben so frivol entgegen bis aus
ihnen ernstlichere Versicherungen entstanden und Baron Otto von Dystra jetzt in
der Tat unterwegs ist sein leichtsinnig verpfändetes Wort zu lösen Dieser
Brief den ich heute aus London empfing kündigt seine Ankunft so plötzlich an
dass wir ihn binnen drei Tagen erwarten dürfen
Olga fühlte etwas wie einen kalten Griff in ihr Herz
Die Mutter blieb bei der Vortrefflichkeit dieses Arrangements stehen lobte
die weise Sorgfalt des Fürsten pries die Umstände Dystras nannte ihn trotz
seiner barocken Gestalt einen Philosophen ohne angeben zu können worin seine
Philosophie bestände behauptete dass der Fürst nur Ehrenmänner zu Freunden
gehabt haben könne und schloss damit dass auf diese Art Olgas Zukunft ja
vortrefflich bestimmt wäre und es keiner Böswilligkeit ferner einfallen könne
sich in die innern Angelegenheiten ihres Hauses zu mischen
Und Alles Alles Das Adele weil rief Rudhard seinen Zorn
unterbrechend
Sein Gefühl die Rücksicht übermannte ihn
Weil fragte die Fürstin mit einer Sicherheit die ihm verriet dass ihr
Charakter jetzt erst in ihrem vierunddreissigsten Jahre in seine Entwickelung
getreten war
Weil Sie selbst es sind brach Rudhard hervor Sie selbst die Wildungen
lieben und in Olga die glücklichere Nebenbuhlerin fürchten
Rudhard glaubte in der Fürstin eine gewaltige Bewegung hervorgerufen irgend
den Ausbruch eines gewaltigen Zornes eines längst gegen seine Bevormundung
verhaltenen stillen Ingrimmes geweckt zu haben Nichts von alledem Die Fürstin
rümpfte die Nase und sprach mit einer wegwerfenden Miene
Wie zart und rücksichtsvoll Sie sind
Sag ich etwa die Unwahrheit fuhr Rudhard durch diese Antwort sich
steigernd fort Muss ich mir nicht die bittersten Vorwürfe machen dass ich in
blindem Vertrauen auf Ihre Selbstbeherrschung einen Freund der Kinder einen
teilnehmenden gebildeten jungen Mann in dies Haus einführte der ohne selbst
die geringste Veranlassung zu geben in die jungen Gefühle eines Kindes den
ersten Funken wirft und auch in der Asche eines Mutterherzens noch die letzten
Funken zur Flamme entzündet
Diese Worte entrüsteten die Fürstin
Es ist genug rief sie sich erhebend Es ist genug Rudhard Ich habe das
Joch Ihrer Weisheit so lange getragen dass ich selber dumm darüber wurde Ich
habe Sie denken lassen und getan Jahre lang getan was Sie mir als gut und
recht zu tun anempfahlen Aber ich fühle dass ich gegen Andere zurückgeblieben
bin dass ich verkürzt wurde um meine Freiheit um mein wahres Lebensglück Diese
Zeit ist aus Von der Botmässigkeit in der ich unter Ihnen stand jetzt in eine
Sklaverei kommen zu sollen bei der ich unter meiner eigenen Tochter stehen
würde Das ist zu viel Das vermag ich nicht zu ertragen
Ich würde gehen sagte Rudhard wenn ich dem Fürsten nicht geschworen hätte
über die Kinder zu wachen bis mein Auge bricht
Quält Ihr mich rief Adele foltert Ihr mich so wähl ich den äußersten
Fall
Fürstin
So bleiben Sie und ich gehe
Die Mutter von ihren Kindern Adele
Rudhards Stimme zitterte Er musste einen Sitz suchen um sich aufrecht zu
erhalten
Adele aber fuhr fort
Versteh ich denn jetzt was meine Schwester bestimmen konnte entehrende
Fesseln zu brechen Fass ichs denn jetzt was es heißt das Leben hingehen
lassen ohne seine Blüten zu brechen ohne seine Früchte zu genießen Du kalter
Mann du schiltst das Herz dass es liebt Hab ich denn je geliebt Hab ich
denn je die Wonne empfunden in eines Mannes Ferne vom Schauer der Sehnsucht in
seiner Nähe vom Schauer der zärtlichsten Freundschaft ergriffen zu werden Ich
habe den Fürsten geheiratet weil es so beschlossen wurde Ich achtete ihn ich
verehrte ihn Ich war die treue Pflegerin seiner gemessenen Lebensjahre Mein
Leben verstrich wie der Traum einer verpuppten Raupe Ich ahnte eine schöne
Welt ich fand sie in den mütterlichen Pflichten Ich habe mich nie gesträubt
sie zu vollziehen Ich lebte ihnen bis diese Stunde Aber wenn sich ein Kind in
das eigene Herz der Mutter krallt wenn es über uns hinweghüpfen über uns
hinwegtändeln über uns hinweglachen lieben will und die Jugend wie ein
trotziges Vorrecht übt dann komm ich mir vor wie ein Mensch den man lebendig
begraben will und ich schüttle mich ich springe auf ich lasse mich nicht in
die Erde werfen ich sage Ich liebe Ich liebe Siegbert Wildungen und das
Schicksal ist gütig Gott ist liebevoll wie unser Herz ich weiß es ich werde
durch ihn nicht unglücklich sein
Hier unterbrach ein gellendes Lachen die Worte der Fürstin
Rudhard wandte sich und sah hinter dem halbgeöffneten Vorhange Olga stehen
wie wahnsinnig mit geisterhaftem Blicke
Du hier Was willst du herrschte die Mutter zornentbrannt
Mutter rief das Mädchen halb ohnmächtig mit schmelzendem Ausdruck und
wollte sich in die Arme der Fürstin werfen
Hinweg schrie diese im höchsten Ausbruch ihres Schreckens und ihres Zornes
Olga so zurückgewiesen blieb stehen sah die Mutter mit zitternden Lippen
funkelnden Augen lange wie eine Irrsinnige an dann lachte sie plötzlich
klatschte in die Hände und rief Gute Nacht Gute Nacht lachte wieder und
stürzte mit dem convulsivischen Ausbruch ihrer Gefühle schluchzend aber auch
triumphierend hinter dem Vorhange davon
Die Fürstin folgte ihr sah dass das Kabinet auf den Korridor hin nicht
verschlossen gewesen war und warf sich halb ohnmächtig und erschöpft auf ihr
Kanapé
Rudhard nahm die Briefe und kämpfte einen Augenblick mit sich ob er dem
Starrkrampf in den die Fürstin gefallen schien eine mildere Lösung geben
sollte Er war aber zu entrüstet zu streng dazu Auch überwältigte ihn die
Trauer dass alle Erziehung alle Lehre nicht ausreicht in gewissen äußersten
Krisen des Lebens die Eingebungen des Naturells zu unterdrücken Er sagte
nichts als ein einfaches
Sammeln Sie sich Adele Prüfen Sie ernst was Sie bewegt Tödten Sie Ihr
Kind nicht Es gibt einen moralischen Tod den ich bei Olga mehr fürchte als
den physischen Ich finde Sie morgen anders als ich Sie jetzt verlasse Das weiß
ich Das hoff ich
Damit ging Rudhard und überlegte als er die Treppe zu seinem Zimmer
hinaufstieg ernstlich was nun zu tun sei Als der Sensenmann an seiner Uhr
zehnmal anschlug stand es ihm nach längerer Prüfung fest dass hier nur Siegbert
Wildungen selber helfen konnte Er war überzeugt dass es nur einer kurzen
Aufforderung bedürfen würde um diesen edlen jungen Mann zu bewegen sich auf
einige Zeit nicht nur von diesem Hause sondern auch aus der Stadt und ihrem
nächsten Umkreise ganz zu entfernen
Adele aber überlegte wie viel von Dem was Olga möglicherweise belauscht
hatte hinreichen würde ihre Wünsche zu erleichtern oder zu erschweren
Goethes Wilhelm Meister nahm sie nicht wieder vor Sie sah durch ihr Fenster
hinüber in die dunklen Gärten Im Hause der Geheimrätin von Harder war es hell
und belebt Sie mochte nicht länger hinsehen es war ihr Alles peinlich Alles
zu eng um sich zu klein Erst in den heftigen Vorwürfen mit denen sie ihr
Kammermädchen wegen der nicht geschlossenen Tür überschüttete fand sie sich
zurecht und warf sich erschöpft in verdriesslichster Misstimmung von der Welt
schmerzzerrissen auf ihr einsames Lager
Diese Nacht einer uns werten Familie so ernst und bedeutsam sollte auch
dem Kreise der Freunde deren Schicksalen wir folgen mit verhängnisvollen
Sternen aufgehen
Versetzen wir uns in das innerste Gewühl der großen Stadt an die Stelle
ihrer reichsten historischen Erinnerungen Da wo die alte Johanniskirche und
die Propstei wo die Dreieinigkeitskapelle und die von Schlurck bewohnte
Johanniterkomturei und das Rathaus liegen befindet sich auch der sogenannte
Ratskeller einer der beliebtesten Besuchsörter ein von der gewähltesten
Gesellschaft gepflegtes altertümliches Local Dicht an dem Rathause selbst
gelegen waren seine oberen Räumlichkeiten zur Aufbewahrung der im Laufe der
Zeiten flutartig emporgewachsenen Registraturen und Akten bestimmt und standen
durch einen Hof mit dem ehrwürdigen alten Rathause selbst in nächster
Verbindung Das untere Geschoss hatte seit den ältesten Tagen der
Ratskellermeister in Besitz Es waren dies große feuerfeste Gewölbe zu denen
man durch eine niederwärts gehende Treppe von der Straße herabstieg und die nach
jenem Verbindungshofe mit dem Rathause wieder ihren Ausgang hatten Der
Ratskeller war immer nur den tüchtigsten und empfohlensten Küfern anvertraut
worden Es war eine Pachtung die man vom Rate nicht meistbietend sondern nach
einer Prüfung erstand Die gewaltigen Vorräte aus alter Zeit die man mehr der
Curiosität als der Nutzniessung wegen gesammelt hatte standen unter der Pflege
dieses Ratskellermeisters während der übrige Teil seines Geschäftes auf
eigene Rechnung ging
Der gegenwärtige Ratskeller war eins der beliebtesten Stelldicheins der
Stadt geworden Man fand nicht nur an den vorzüglich gehaltenen Weinen seinen
Gefallen sondern auch an der außerordentlich gemütlichen Einrichtung dieser
vielen kleinen Souterrains Wenn man von der Straße etwa acht Stufen
niedergestiegen war betrat man einen langen Gang der auch den ganzen Tag schon
durch Gaslicht erleuchtet und an den Wänden nicht ohne Geschmack in Fresko
bemalt war Links und rechts gingen schwere eichene größtenteils neue Türen
zu kleinen fensterlosen grünangestrichenen Kabineten die alle von einer
Gasflamme erhellt waren Diese durch dicke Grundmauern getrennten Kabinete waren
groß und klein je nachdem man möglichst allein oder in größerer Gesellschaft
sein wollte Klingeln führten auf den Gang hinaus und setzten jeden noch so
isolirten Besucher mit den Kellnern die im Schurzfelle als Küfer auftraten in
Verbindung Mit der Kellerei war eine sehr gut unterhaltene Speisewirtschaft
verbunden
Dieser Ratskeller war eins der ältesten Gebäude der Stadt Man setzte es
auf die Zeiten des vierzehnten Jahrhunderts zurück und mancher Altertümler
betrachtete voll Teilnahme seinen Giebel oder ließ sich den innern Bau zeigen
der verfallen war unwegsam durch die hier aufgeschichteten Papiervorräte
alten Schränke Pulte Stühle aber durch seine Bauart und die Behandlung des
Balkengefuges noch mannichfaches Interesse bot Ursprünglich gehörte dies Haus
denselben Templern die in Tempelheide einen Hof hielten Es war das Professhaus
des Ordens gewesen der in Deutschland sich länger erhielt als irgendwo und wie
wir wissen auf Befehl des Papstes in den StJohanniterorden ohne weitere
Anfechtungen zu bestehen überging Bis zur Reformation gehörte dies Professhaus
den Johannitern und nach ihr als diese norddeutschen geistlichen Ritter
protestantisch wurden rechnete man es gleichfalls zu jenen Besitzungen die bei
der Teilung der unglaublich ausgedehnten Güter des Ordens dem Ritter Hugo von
Wildungen überwiesen wurden Noch jetzt sah man das alte dreiblätterige
Kleeblatt an den vier Enden des Kreuzes am höchsten Giebel des Ratskellers und
fand es auch sonst auf sinnige Weise hier und da so zu architektonischer
Verzierung benutzt dass der kreuzliebende Don Eusebio in Kalderons Andacht zum
Kreuze darüber seine freudigsten Schauer würde empfunden haben
Es war nach sieben Uhr und schon dunkel als in dem Verbindungshofe des
Rathauses und des Ratskellergebäudes zwei Männer standen die einen Dritten zu
erwarten schienen Der Eine war eine hohe stattliche Gestalt mit dickem
Backenbart und einem tief über die Stirn gedrückten Hute Der Andere klein und
schmächtig und wie von Hektik gebeugt kurzatmend und klapperdürr
Zum Henker mit Ihrer Schwerhörigkeit sagte der Starke und Stattliche zu dem
Schmächtigen der ihn schon einige Dutzendmale mit seinem Wie Wie sagten Sie
geplagt hatte
Und sich dicht an das Ohr des Fragenden lehnend rief er hinein
Haben Sie ihm punkt Sieben gesagt
Punkt Sieben Herr Oberkommissair
Der Oberkommissair Pax zog seine Uhr und ließ sie repetiren Es war sieben
Uhr Der Erwartete kam noch immer nicht Ungeduldig ging der Harrende auf und
ab Hier lagen alte Balken da standen Tonnen die zur Kellerei gehörten In
mancher Ecke hing noch eine eiserne Kette oder ein Ring der früher zu den in
den Rathaushöfen üblichen Executionen benutzt wurde Der Oberkommissair spielte
ungeduldig mit einem dieser Ringe und sah zu den Fenstern des Rathauses hinauf
die nach dieser Seite hin vergittert waren Ein menschliches Wesen ließ sich
sonst nicht blicken Abgelegen und still lag dieser Hof nur zugänglich den
Leuten des Ratskellermeisters und den Subalternen des Rathauses wenn sie in
den Fall kamen aus den Verschlägen des alten Professhauses Akten oder zu
feierlichen großen Sitzungen Stühle und Tische holen zu müssen Eine andere Tür
zu dem alten Gebäude als die zu der man auf einer halben Leiter hinaufstieg
war nicht sichtbar Ohne Zweifel hatte hier früher eine größere Steintreppe
gestanden war baufällig geworden abgerissen und nun durch eine hölzerne
Nottreppe ersetzt die in der Tat mehr den Namen einer Leiter verdiente
Kommen Sie Schmelzing rief der Oberkommissair wir bleiben einstweilen
beim Ratsdiener Spieß oder wir schließen auf und gehen immer hinein
Der zu einem Rate in diesem Falle Aufgeforderte war in der Tat der
ehemalige Schreiber Schmelzing der schon lange in mancherlei Relationen zur
Polizei gestanden hatte seitdem aber Hackerts Talente von Pax erkannt und für
die öffentliche Sicherheit gewonnen waren sich gleichfalls dem Oberkommissair
offener zur freien Verfügung gestellt hatte Er war mannichfach zu verwenden
Schrieb er auch nicht so kunstvoll wie Hackert der in der Kalligraphie ein
Künstler war so war seine Feder doch rascher sein Auge geübter im Enträtseln
schwieriger Handschriften und seine Kenntnis des Kanzleistyles zuverlässiger als
bei Hackert dem oft einfiel seine eigenen Wege zu gehen und in die von dem
Oberkommissair verlangten Berichte seine eigenen Ideen einfliessen zu lassen Die
heutige Expedition war eine von denen denen Schmelzing sich gern unterzog da
sie besonders gut bezahlt wurden und ohne ein besonderes Vertrauen der Behörde
nicht gut ausgeführt werden konnten Leider störte ihn seine Hartörigkeit die
wir schon von Nr 87 her in der Brandgasse Nr 9 kennen und auch jetzt gab er
keine andere Antwort als dass er äußerte
Frau Ratsdienerin Spieß Eine schöne Frau
Ungeduldig hatte der Oberkommissair mit einem großen Schlüssel den er aus
der Brusttasche zog sich an die Treppe begeben und auf ihr die Tür des alten
Professhauses aufgeschlossen und Schmelzing aufgefordert nach ihm einzutreten
als man eilende Fußtritte hörte Pax hielt die Tür noch zu und sah sich um Es
war der Erwartete
Sie kommen so spät Hackert Haben Sies nicht finden können
Da bin ich jetzt sagte Hackert Was solls nun Die Fässer hier kenn
ich auch die Ratten die sich hier im Hofe jagen sind alte Freunde
Finden Sie sich hier zurecht fragte Pax voll Anteil für seinen Schützling
der in gewählter Kleidung leicht heiter und sorglos schien
Wenn Schlurck oben auf dem Amt zu tun hatte sagte Hackert sprang ich
kleiner Bursch hier auf dem Hof herum zupfte das Gras aus und band alte
Stricke an die Halseisen und kugelte die Tonnen herum bis die Ratsdiener kamen
und mir Ruhe geboten Hier hab ich leider zu früh Wein trinken lernen Als
zehnjähriger Junge hab ich da in der Ecke oft betäubt gelegen und schlief meine
ersten Räuschchen aus die freilich mehr vom Dunst in den Kellern kamen als
Sie waren von jeher ein Taugenichts unterbrach Pax lachend Machen Sie sich
nicht besser wie Sie sind
Hackert schüttelte den Kopf
O ich saß hier oft ganz allein im Hofe fuhr er sich umsehend fort und
freute mich über die Schwalben die da oben in den alten rotbraunen Fenstern
nisteten Sehen Sie nur da Fratzen von Füchsen Wölfen Kranichen die die
alten Steinmetzen hinein gehauen haben Die schienen mir alle lebendig zu
werden auch ohne Rausch Da kam denn manchmal der alte Ratskellermeister
heraus und kannte mich als Schlurcks Pflegesohn und Schreiberjungen Da hieß es
denn Fritz komm Willst einmal Wein kosten Ich schmunzelte bloß und sagte gar
nichts Aber der Alte ging und kam mit einem grünen Römer angewackelt voll vom
ältesten Niersteiner Ich hatte bei Schlurcks früh Wein getrunken aber der
Niersteiner aus dem Ratskeller brachte mich gleich fertig
Dem Alten quollen die Augen über vor Lachen wenn er sah dass ich das Glas
hinuntergoss und gleich darauf Augen machte wie ein angestochenes Kalb Er
wollte ich sollte nun gleich tanzen und ich tanzte auch und wurde so verwirrt
dass ich umfiel Da lachte er aus Leibeskräften und ging in den Keller zurück
Noch ists mir als hört ich das alte Schurzfell rascheln wenn er so klatsch
klatsch klatsch wieder in die Verliesse hinunter stieg Er ist nun tot
Seitdem bin ich nicht wieder da gewesen Und was solls nun hier
Die drei Diener der öffentlichen Sicherheit waren während dieser
Unterhaltungen in dem innern Raum des alten Professhauses angekommen
Aufgeschreckte Ratten huschten an ihnen im Dunkeln vorüber Pax zog eine kleine
Handleuchte aus der Tasche zündete sie durch ein Streichhölzchen an das er
behutsam auslöschte und der vielen Papiere wegen die hier schon herum lagen
nicht etwa hinter sich fortwarf
Schmelzing war hier bereits bekannt Hackert kam zum ersten male
Das sieht da aus rief er hier war ich nie
Er erblickte zunächst eine große gewölbte Halle die jedoch ihre Wirkung
durch die vielen Schränke und Repositorien verlor die hier aufgerichtet
standen Schrank an Schrank Kiste an Kiste angefüllt mit Papieren Dazwischen
waren Tische Stühle Leitern zusammengeschichtet Beim weitern Fortschreiten
sah man eine steinerne Wendeltreppe die aufwärts ging und auf allen ihren
Stufen dieselbe Unordnung verriet Links und rechts standen Türen auf die in
Gemächer führten die seit langer Zeit ohne irgend eine Bestimmung schienen Es
kam nun ein Treppchen das aufwärts und sogleich eins das wieder niederwärts
führte Endlich hielt der Oberkommissair an setzte seine kleine Handlaterne auf
einen Sims und bedeutete seine Begleiter ihr Ohr näher zu halten da er leise
sprechen müsse
Hackert sagte er ich habe Sie deshalb herbestellt damit Sie Schmelzing
unterstützen
Worin
Im Hören sagte Pax Ich habe ihm schon alle seine verdammten Gehörgänge
untersuchen lassen Sie waren zwar seit Jahren nicht ausgefegt worden wie alte
Schornsteine aber schreien muss man doch wenn er etwas autentisch in seinen
Hirnkasten aufnehmen soll
Was gibts denn hier in der Dunkelheit zu hören fragte Hackert erstaunt
Die Regierung sagte Pax ist einer Menge gefährlicher Umtriebe auf die Spur
gekommen Fremde Emissaire sind von Paris und Amerika eingetroffen Man hat die
genauesten Anzeichen einer sich ausbildenden neuen revolutionairen Bewegung Die
Notwendigkeit wachsam zu sein liegt auf der Hand und unsere Kräfte reichen
kaum aus überall aufzumerken und aufmerken zu lassen was im Stillen
angesponnen wird hier nun befinden wir uns
Über dem Ratskeller unterbrach ihn Hackert
Einer Lokalität setzte Pax hinzu die ihrer eigentümlichen Bauart wegen
von einer gewissen feineren Revolutionspartei sehr gesucht ist
Es herrscht hier das Zellensystem sagte Hackert trocken
Pax lächelte über diese Anspielung auf die pennsylvanischen Gefängnisse
Allerdings bemerkte er hat diese Lokalität das Einladende dass sich kleine
Gesellschaften hier völlig abschließen und beraten können
Dicke Eichentüren Mauern so breit wie Kirchenfundamente da soll
Schmelzing etwas hören Herr Oberkommissair die Posaunen von Jericho muss er
sich ans Ohr setzen um durch solche Wände eine Verschwörung zu entdecken
Sie verstehen sich auf Akustik seh ich sagte Pax Erfahren Sie denn dass
hier drei der gesuchtesten Trinkstuben unter uns mit einer Vorrichtung für
Schwerhörende versehen sind
Hackert erstaunte und Schmelzing der ahnte wovon die Rede war bestätigte
was der Oberkommissair ihm eben gesagt zu haben schien
Ist in die Decke unter uns ein Schallrohr eingemauert fragte Hackert
ungläubig
Das nicht sagte Pax verschmitzt Aber diese alten Baumeister waren nicht
dumm Jene drei Zellen sind der Art dass man hier im ersten Stock jedes darin
gesprochene Wort hören kann
Das ist ein Wunder Wie wäre Das fragte Hackert
Ich kann es Ihnen nicht an Ort und Stelle beschreiben sagte Pax denn dort
wo das Wunder stattfindet müssen wir schweigen Die Einrichtung ist sehr
eigentümlich Die in jenen Zellen Sitzenden glauben von dichten Wänden und
Eichentüren verschlossen und geschützt zu sein und sind es auch
Also keine Hohlwände
Keine Hohlwände Wohl aber wölbt sich die Decke in Bogen der Art empor dass
sie oben sich in der Figur eines Kreuzes vereinigen Dies Kreuz an den Ecken in
Form eines dreiblättrigen Kleeblattes ist eine Öffnung die unfehlbar keinen
andern Zweck als zum Luftzuge hatte
Sagen Sie Das nicht fiel Hackert ein Die geistlichen Ritter die hier
hausten waren halbe Pfaffen aber sie verstanden Künste wie die ganzen
Pfaffen Das waren Gefängnisse oder Bussestuben durch das Kreuz sprachen die
Engel mit den Gefangenen und Büssenden oder die Profossmeister wie es gerade kam
Ich entsinne mich mein alter Ratskellermeister hat mir Mordgeschichten von
seinen Trinkstuben erzählt Der musst es wissen Ich sag Ihnen in seinem
Schurzfell und der sehwarzen Sammetkappe sah der Alte aus als wenn er den
geistlichen Rittern hier schon vor fünfhundert Jahren Niersteiner kredenzt
hätte
Genug fuhr Pax fort Sie werden sich überzeugen Hackert dass der Schall
der unten gesprochenen Worte durch die Wölbung in das enge Kreuz hinauf dringt
wie durch die klügste akustische Vorrichtung Man vernimmt hier oben jedes Wort
und ich kann Ihnen sagen dass ich mich vollkommen auf Schmelzing verlassen
würde wenn er nicht zu furchtsam wäre hier oben allein zu bleiben und freilich
auch wenn nicht gerade jetzt sich Menschen dort unten versammelten bei denen
man zwei Zeugen haben muss um ihrer gefährlichen Verabredungen gewiss zu sein
Aber bester Herr Kommissair begann nun Hackert der plötzlich über eine ihm
gestellte Zumutung dieser Art die erste in diesem Fache der praktischen
Polizei fast überrascht schien glauben Sie denn dass sich da Menschen
hinsetzen und dicht unter dem Schallloche verfängliche Reden führen werden
Ich wünschte sagte Pax Sie hätten einmal von unten aus eine dieser
Trinkstuben des Ratskellers gesehen Sie treten ein und sind in einem kleinen
abgeschlossenen Zimmer Eine schwere mit Eisen beschlagene Eichentür fällt
hinter Ihnen zu Die mit grüner Ölfarbe bestrichenen Wände sind gemütlich
einladend Man sieht wohl dies Kreuz in der Decke das mit weißem gegipsten
Stukkaturrande zierlich gearbeitet ist aber dicht daran hin ist die Röhre der
Gasbeleuchtung geleitet Die Gasflamme gedeckt von einem Schirme geht gerade
so empor dass ihr Dunst durch das hohle Kreuz seinen Abzug findet Diese
Einrichtung ist so willkommen scheint so sinnreich und unerlässlich notwendig
dass Niemand die Ahnung hat es könnte durch die Wölbung Das was unten
gesprochen wird oben hinauf geleitet werden
Also sein Ohr darf Schmelzing nicht darüber halten sonst würd er sich
seine schönsten Haare verbrennen fragte Hackert lachend
Allerdings dringt genug von dem heißen Dunst herauf erklärte Pax Allein
das Zwischengebälk des Kellers und des ersten Stockes ist doch wohl zwei Fuß
auseinander Ich entdeckte diese sinnreiche Vorrichtung wie ich mir einmal die
Trinkstuben des Ratskellers ansah Ich fand den Ton unten so hohl so schallend
und stellte ohne dass der jetzige Ratskellermeister eine Ahnung davon hat
Versuche an die selbst mit dem hartörigen Schmelzing ergiebig waren
Das glaub ich sagte Hackert Diese Vorrichtung ist eine Schalltrompete
Husch
Schmelzing erschrak Hackert hatte sich den Scherz gemacht ihn durch einen
Schreckensausruf zu ängstigen
Lassen Sie Hackert sagte er ängstlich Ich versichre Sie Es spukt hier
Wirklich antwortete Hackert haben Sie einen alten Ritter gesehen
Schmelzing der vielleicht mit dem Finger drohte Will der vermaledeite Horcher
da vom Fußboden weg
Das erste Mal flüsterte Schmelzing schloss ich die Tür nicht zu Da war
Alles still Ich blieb eine halbe Stunde Es wurde nicht viel Besonderes
gesprochen Das zweite Mal schloss ich hinter mir zu weil die Tür aufgeht wenn
man sie nicht zuschliesst und einem Küfer der zufällig in den Hof kommt doch
die offene Tür auffallen könnte Da sah ich etwas
Ja sagte Pax lachend er sah etwas und hörte nichts Es waren gerade zwei
sehr gefährliche Persönlichkeiten in der einen Trinkstube wo ich schon Minister
und Geheimräte angetroffen habe der bekannte Major Werdeck und noch einige
Geheime und er hörte nichts will aber etwas gesehen haben
Ein Skelett sagte Hackert Sich selbst hat er irgendwo in einem Spiegel
gesehen der vielleicht vom Pfandhaus sich hierher verirrt hat
Schmelzing sah sich um Die Stille des Orts war in der Tat geheimnisvoll
und Hackert bewunderte Schmelzings Mut auch nur einmal hier ausgehalten zu
haben
Was sah er denn fragte er den Oberkommissair
Es war ihm antwortete dieser als hätte Einer die Tür hinter ihm
aufgeschlossen Dann hätt er es rascheln hören Auch ein Lichtstrahl wär in
der Ferne sichtbar geworden und zuletzt hätt er einen kleinen Mann im grauen
Rocke an sich vorüber schleichen sehen
Die aufgeschlossene Tür sagte Hackert lachend Schmelzingen ins Ohr war
der Wind das Rascheln kam von den Mäusen und Ratten Der Lichtstrahl kam aus
dem Hofe von irgend einem ehrbaren Ratsküfer und das graue Männlein sah die
gesteigerte Angst
Schmelzing schüttelte mit dem Kopf und protestirte entschieden gegen diese
natürliche Auslegung Seitens eines Menschen von dem er wusste dass auch er nicht
recht geheuer war Er blieb dabei es wäre Jemand in dem Gebäude mit ihm
zusammen gewesen aber er hätte ihn auch fortgehen sehen und deutlich gehört
wie er wieder zuschloss Es wäre ein Mann mittlerer Statur gewesen Er
Schmelzing hätte seine eigene Laterne gleich beim ersten Rascheln ausgelöscht
und beim Schein der kleinen Leuchte des unheimlichen Besuchers sich überzeugen
können dass er ganz grau war Freilich hätte er ihn nur am Ende eines Korridors
gesehen In der Nähe hätte er unfehlbar den Tod gehabt
Nun wohl sagte Hackert scherzend und doch grübelnd das ist der Geist von
einem alten Pfaffen der Johanniter der keine Ruhe hat Schmelzing der wählt
Sie am Ende um ihn zu erlösen
Machen Sie nur keine Scherze Hackert sagte der Schreiber Was ich sah sah
ich Ich beschwöre dass Alles wirklich war
Genug unterbrach Pax die Streitenden Ich habe Eile Schmelzing fürchtet
sich allein zu sein auch vor Ihnen Hackert fürchtet er sich eigentlich Aber
durch wen soll ich ihn unterstützen lassen Mullrich und Kümmerlein waren früher
handfeste Metallarbeiter sind aber jetzt da es ihnen gut geht Hasenfüsse
Fürchten Sie sich Hackert hier mit Schmelzing allein zu bleiben
Nicht vor zehn Teufeln sagte Hackert fürcht ich mich hier Wo sind die
Kreuze die uns beschützen werden
Ehe ich Sie dorthin führe bemerkte Pax sprechen Sie mit Schmelzing Alles
ab Denn dort an dem Fußboden dürfen Sie nichts mehr zusammen reden Es würde zu
gefährlich sein und uns die ganze Unternehmung verderben
Geben Sie Acht sagte Hackert wir verständigen uns schon
Damit fing er ein sonderbares Gebehrdenspiel an schnalzte mit den Fingern
zupfte bald am linken bald am rechten Ohre tippte auf die Nase und machte die
sonderbarsten Gestikulationen
Was treiben Sie denn für Narrenspossen fragte Pax
Nichts Narrenspossen antwortete Hackert Ich spreche mit Schmelzing
Und Schmelzing bestätigte dem Oberkommissair dass er sich ehe seine
Gehörkanäle polizeilich gereinigt wurden oft der fürchterlichsten Melancholie
ergeben hätte und vollkommen des Glaubens gewesen wäre er würde einmal ganz
taub werden Da hätte ihn denn schon Hackert als guter Nachbar getröstet und ihn
von den vielen tausend Künsten die er verstünde auch die Kunst der
Zeichensprache gelehrt So könnten sie Stundenlang zusammensitzen und sich ohne
den Mund zu öffnen auf das Lebhafteste unterhalten
Das trifft sich vortrefflich fiel Pax erfreut von den Talenten seines
Lieblings ein Und wenn Sie vollends noch Wein vorrätig finden so kann Ihnen
die Zeit nicht lang werden falls das graue Männchen die Flaschen nicht
ausgetrunken hat
Wein sagte Hackert erstaunt
Wir wollen sehen bestätigte Schmelzing Der Herr Oberkommissair gab mir das
zweitemal einen Korb Wein mit den ich in der Dunkelheit herein trug um für
öftere Besuche nicht ohne Erquickung zu sein
Ja sagte Hackert Schmelzing und Wein Nun weiß ich Beim ersten Glase
schon haben sich ihm alle Gräber der Vorzeit geöffnet
Schmelzing schüttelte den Kopf und blieb fest dabei dass er wirklich hier
oben einen nächtlichen Besuch empfangen hätte
Der Oberkommissair bemerkte jetzt dass es ihm besonders lieb wäre die
Äußerungen des Majors Werdeck zu hören Er wisse aus bestimmtester Quelle dass
er mit einigen Freunden heute Abend im Ratskeller soupiren würde Er hätte auf
die elegante feinere Trinkstube Beschlag gelegt Wer die Gäste wären wisse er
noch nicht Aber er zweifle nicht dass es dieselben Personen sein würden auf
die die öffentliche Sicherheitspflege schon längst ihr Augenmerk gerichtet
hätte
Damit zog er Hackerten und Schmelzing vorwärts und bedeutete sie leise
aufzutreten
Sie kamen alle Drei jetzt auf einen steinernen Fußboden Anfangs war es um
sie her dunkel Bald aber zeigten sich auf den steinernen Vliesen lichte
Stellen
Sehen Sie da flüsterte Pax den Widerschein der Gasflammen Aber nun kein
Wort mehr
Zugleich bemerkten sie den Schwefelgeruch des Gases
Schmelzing bedeutete Hackerten nur auf den Zehen aufzutreten
Sie waren an einem der Lichtschimmer Es bildete sich hier ein Kreuz mit
drei Kleeblättern an den vier Enden Geisterhaft wie aus Licht gewoben
schwebte das Kreuz im Dunkeln Ebenso an einer andern und noch an einer dritten
Stelle
Mit dem Auge zu nahe kommen durfte man dem Schimmer nicht und an ein
Hinunterblicken war nicht zu denken Wie Irrwische schwebten die heiligen
Zeichen in der Nacht auf dem großen steinernen Estrich der eine Speisehalle
gewesen zu sein schien Indem winkte Schmelzing sehr lebhaft Die beiden Andern
schlichen näher Schmelzing zeigte auf einen Korb und machte Gebehrden der
angenehmsten Überraschung
Noch Alles da wie es war fragte Hackert durch die Zeichensprache der
Taubstummen
Schmelzing zog eine Flasche nach der andern in die Höhe und winkte dass sie
schwer waren
Also flüsterte Hackert dem Oberkommissair ins Ohr die Geister haben hier
oben inzwischen keinen Durst gehabt
Pax bedeutete ihn ernstlich zu schweigen Er zeigte ihm mit besonderm
Nachdruck das Lichtkreuz das in der Mitte flammte und winkte ihm dort am
meisten Acht zu geben Schmelzing trug den Korb an das mittlere Kreuz und erbot
sich dem Oberkommissair das Geleite zu geben damit er hinter ihm wieder
zuschliessen könne Pax nickte dazu Schmelzing folgte ihm mit der kleinen
Laterne und ließ Hackerten mit dem Bedeuten er würde sogleich wiederkommen im
Dunkeln allein
Als sich Pax und Schmelzing entfernt hatten warf sich Hackert in der Nähe
des mittleren Kreuzes auf die Erde Er fühlte dass er auf etwas Weiches fiel
Schmelzings Mantel schien es ihm den er an seinem groben Tuche und einem
abgeschabten Halskragen erkannte
Aha dachte er der Spion hat sich hier schon ganz häuslich eingerichtet
Und nun erst ergab er sich einem genaueren Nachdenken über die sonderbare
Situation in die er hier so plötzlich er wusste nicht wie versetzt worden war
Siebentes Kapitel
Die flammenden Kreuze
Wir haben in Fritz Hackert einen Menschen des Instinktes kennen gelernt
Unbekannter Herkunft stehen uns seine Schicksale vor Augen seit der Aufnahme in
das Haus des Justizrates Schlurck und seinen jugendlichen Verirrungen mit
Melanie bis zu dem Augenblick wo wir ihn am Schluße des Fortunaballes in einem
erneuerten Anfall seiner Krankheit verließen In dem ersten Momente wo uns
Hackert persönlich bekannt wurde in Tempelheide wo er im Kornfelde lag und den
Becher Weins mit Siegbert teilte erkannten wir in ihm eine nicht ungewöhnliche
Natur die aber damals völlig zerfahren mit sich selbst zerfallen war
innerlich und äußerlich verdüstert und heruntergekommen Später fielen uns
lichtere Momente auf sein widerspruchsvolles Wesen und wir werden uns wohl gesagt
haben dass dies Individuum durch Krankheit geringe äußere und meist durch sich
selbst gewonnene Erziehung endlich durch sein angeborenes Naturell dem Urstoff
des Menschen näher stand als die meisten andern Menschen die man eher
vermittelte Naturen nennen möchte In Hackert lag noch unmittelbar das ganze
Chaos des Guten und Bösen wie es aus der Hand des Schöpfers in uns so
geheimnisvoll gepflanzt scheint Wohin seine Entwickelung ihn führen wird ob
zum Schlimmen oder zum Guten wird uns schwer werden schon vorauszusagen Wir
sahen ihn in den Beziehungen zu Melanie von einem Sensualismus der nur durch
den üppigen Ton des Schlurckschen Hauses und die epikuräische Weltauffassung
des Justizrats entschuldigt werden kann Melanie war ihm wohl so ziemlich
gleichartig nur dass sie die Vorzüge einer gefälligeren Bildung vor dem früh
verwahrlosten und durch die Farbe seines Haares entstellten Spielgenossen voraus
hatte Einen Beweis für ihre wirkliche aus dem Herzen fliessende Güte ist uns
Melanie noch schuldig geblieben Was sie uns an freundlichen Gesinnungen und
wohlwollenden Gedanken offenbarte floss aus ihrer Leidenschaft aber auch diese
kam nicht rein aus dem Herzen sondern aus der Eitelkeit und dem Drange nach
Auszeichnung In Hackert schlummerte der Ehrgeiz Zu seinem Glücke unbewusst
Hätte ihn der Gedanke des Ruhms der Auszeichnung erfasst er hätte nur auf
schlimme Bahnen geraten können auf solche Bahnen an deren Beginn wir ihn eben
jetzt erblicken
Mut und Zaghaftigkeit waren in diesem Naturmenschen auf eigene Art
gemischt Wenn wir sagen, dass etwas Weibliches in ihm lag eine große
Empfänglichkeit und das Bedürfnis einer Liebe wie sie ihm nach seinem bessern
Sinne selten zu Teil wurde so wird man sich der Lösung des psychologischen
Rätsels das er darbietet schon eher nähern Ein Mannweib wenn es denkbar
wäre brächte wohl ähnliche Mischungen die an Tierisches erinnern an den Mut
und die Furcht des Löwen zugleich zum Vorschein Hackert hatte oft großartige
Regungen und verfiel sogleich wieder bei der geringsten Verletzung in die
niedrigsten Wir haben gesehen wie er der Rache fähig war Man hatte ihn
furchtbar entwürdigt hatte ihn durch jene Züchtigung wie ein Tier mit Füßen
getreten aber statt offen seinem Gegner gegenüber zu treten tödtete er ihm
durch die raffinirteste Grausamkeit sein Eigentum Ihn zu verdammen steht Jedem
frei Wer wird ihn beschönigen wollen Aber wer wird auch so weichlich gestimmt
sein nur Die Menschen menschlich zu finden die nach den Regeln des Katechismus
entweder gut oder böse sind für den Himmel oder die Hölle passen nur Liebe
oder Abscheu erregen Wir Menschen sind nicht so kurz zu nehmen wie wir in
einem polizeilichen Signalement oder in lebensunwahrer Dichtkunst angegeben
werden Die Mehrzahl der Lebenden sind Hackerte Individuen schwierig
unterzuordnen unsrer Liebe und doch auch nicht hassenswert Die reine
geläuterte Vortrefflichkeit gibt es ebensowenig wie es eine abstrakte
Schlechtigkeit nicht so nackt gibt wie man ihr in den Kriminalgefängnissen zu
begegnen glaubt Wir sprechen immer von Menschen die wir lieben und achten und
immer von Menschen die wir hassen Aber zwischen Beiden gibt es Millionen die
sich aus unsrer Liebe und unsrem Hasse sehr wenig machen die so sein wollen wie
sie sind und die man gelten lassen muss weil ihnen die Welt so gut gehört wie
uns Unsre Massstäbe von Verstand Herz Gemüt passen in den seltensten Fällen
auf die Menschen Dieser Hackert konnte demütig werden bis zum Kleinmütigen
ja bis zum Überschlag in eine weiche und klagende Hingebung und der geringste
Erfolg wie wir an dem Abend gesehen haben als er Melanie in ihrem Wagen
überfiel schnellte ihn zum Ausbruch des Trotzes und zur widerlichsten Prahlerei
empor In jener Nacht als er den Brüdern Wildungen ihre üblichen moralischen
Voraussetzungen über den Haufen stieß strafte ihn freilich das Geschick Eben
noch jubelnd von Lust drohte ihm zum zweiten male ein Überfall eine noch
schimpflichere Mishandlung Damals gerettet durch die sorgsame Liebe des jungen
Mädchens dem sein zerrissenes Gemüt seine Bizarrerie imponirte flüchtete er
sich in einen Versteck und verfiel vor Zorn und Jammer über sein Loos in
Krämpfe Zuckungen und ein stilles Schluchzen das erst aufhörte als er vom
genossenen Weine übermannt halb und halb entschlief Und in diesem Halbschlafe
trieb ihn sein unruhiger kranker Geist empor und führte ihn als Schlafwandler in
den Tanzsaal zum allgemeinen Entsetzen Damals kam ihm die Ideenverbindung der
regen Phantasie von selbst auf Louise Eisold die neben ihm war und ihn stützte
Er sah die Kinder im Geist Er lehnte sich über ihre Lagerstätten um ihnen
Gute Nacht zu sagen Er sah den Alten griff nach ihm und fühlte ihn kalt Er
sah dass er starb Die Uhr schlug in dem Augenblicke vier Er erwachte und sank
in die Arme jenes seltsamen Mädchens das in ihm gerade den kranken Genius
liebte
Wie Hackert damals von Sandrart Louisen und Fränzchen nach Hause geführt
wurde in der Frühe noch zu Bett ging dann aufstand sich auf Alles besann und
tief tief über sich schauderte da hatte er gedacht Du musst dich in ein festes
Lebensjoch schmieden Du musst irgend etwas beginnen was diese bösen Geister
deines Innern diesen ewigen Aufruhr deines Dämons zur Ruhe bringt Mit Gewalt
zwang er sich den Vorschlägen des Oberkommissairs Pax Gehör zu geben Und ohne
zu prüfen was doch wohl Alles dieser neue Beruf ihm auferlegen konnte ohne
irgend zu überdenken welches die Bedeutung seiner neuen Tätigkeit werden
müsste schleuderte er sich mit Gewalt in diesen Beruf nur um von dem
gefahrvollen wilden Vegetiren freizukommen Er hatte Melanie versprochen wenn
sie bei Lasally die Einstellung seiner Klage gegen ihn durchsetzen würde sie
und Alle in Ruhe zu lassen Zu Louise Eisold zog ihn nur Wehmut nur Schmerz
nur Reue Er wurde feig unmännlich wenn er sich die Möglichkeit dachte ein so
edles tugendhaftes Mädchen zu lieben er floh sie wie die Tugend Und weil er
auch schon längst das grobe Laster verabscheute so warf er sich nun zum ersten
male wieder in die Arbeit Er kannte keine andre Arbeit als die mit der Feder
Bei Schlurck war er außerordentlich geschäftskundig geworden hatte eine
Schlauheit Pfiffigkeit eine Gewandtheit im Auffassen einen Reichtum von
Detailkenntnissen sich erworben die der Oberkommissair Pax sehr zu schätzen
wusste und gern darauf einging für gröbere Arbeiten eher den Schreiber
Schmelzing zu beschäftigen So hatte Hackert seither hingebrütet in
Büreautätigkeit Er hatte die Genugtuung dass ihm diese Lebensweise für die
Beruhigung seiner Nerven besser gedieh als das planlose Umherdämmern in Busch
und Feld auf Kreuzweg und hinter Hecken und das Verfolgen seiner
leidenschaftlichen Eingebungen Bald dachte er früher Du musst sparen Es kommt
eine Zeit wo Schlurck dir nichts mehr gibt oder du nichts mehr von ihm nimmst
Es kommt eine Zeit wo du verhungern kannst Da wurde er geizig schmuzig
geizig Dann warf er wieder das Geld fort das er ohnehin in baarem Metall nicht
leiden mochte weil er wie er sagte physische Schmerzen davon hätte Da
geschah es ihm wohl dass er so frech war einen Fünftalerschein als Fidibus zu
einer Zigarre zu verbrennen In solchen Krisen war er krank und stand in der
Nacht auf unruhig gequält und erschreckte die Menschen durch sein
Nervenleiden das ihn zum Nachtwandler machte Seitdem er bei Pax arbeitete in
der einzigen Tätigkeit die ihm zuletzt doch nur allein möglich machte sich
einen Beruf zu bilden war sein Wesen ruhiger geworden Er schlenderte so hin
und schlief ruhig Er dämpfte seine Überreizung ab und sah nicht mehr rechts
nicht mehr links und war auf dem Wege ein consequenter Menschenhasser zu
werden ein Peiniger ein Tyrann aller Lebendigen
Heute zum ersten male kam ihm nun eine Zumutung wie sie ihm der
Oberkommissair noch nicht gestellt hatte Anfangs zog ihn die Art wie er in
diese Situation geriet an Das kam so eigentümlich so geheimnisvoll Die
Erinnerungen an die Kinderzeit taten ihm wohl Der Spott über Schmelzing der
Scherz über den Spuk das Alles stimmte ihn anfangs launig Wie er nun aber hier
auf dem Estrich hingestreckt so allein kauerte wie da drei gespenstische
Kreuze flimmernd und flackernd so auf dem Boden wie Irrlichter ihn umtanzten
wie er sich sagte Was sollst du hier Horchen Lauschen Da überfiel ihn die
Überlegung und sie stimmte eigentlich nicht mit Dem was ihm genehm war So
Manches war schon vorgekommen was ihm der Oberkommissair übertragen hatte und
was ihm bedenklich schien Er hatte sich Dem unterzogen ohne lange zu prüfen
Diese Horcherrolle aber machte ihm Kopfschütteln dennoch hatte sich sein
Menschenhass schon so entwickelt dass ihm etwa eine Verhinderung der Paxschen
Absichten nicht im geringsten einfiel
So lag Hackert eine Weile und horchte ob nicht Schmelzing zurückkäme Er
hatte das Aufschliessen der Tür und das Zuschliessen gehört aber Schmelzing kam
nicht wieder Wie fuhr er auf hat man dich eingeschlossen und dir das Geschäft
des Lauschers allein übertragen Noch eine Weile geduldete er sich In dem
Augenblicke glaubte er etwas knistern zu hören Er lag ganz im Dunkeln und hätte
kaum den Rückweg finden können Zornig sprang er auf Wie seine Natur war hatte
er sogleich die schlimmste Vorstellung Er sah sich gefangen betrogen
irgendwie verraten Die verzerrtesten Möglichkeiten tanzten vor seiner im Nu
entzündeten Phantasie Er wollte Lärm machen durch die Kreuze hindurch um Hilfe
rufen Jetzt zaghaft und sogleich kleinmütig gab er nicht nur sich sondern
sogleich auch Die die ihm vertraut hatten auf Da hörte er etwas in der Ferne
knarren Es musste die Tür sein die aufgeschlossen wurde Die Erzählung von dem
grauen Manne kam zur Mehrung seiner Aufregung noch hinzu Er horchte Er glaubte
Tritte zu vernehmen Ein Lichtschimmer fiel durch irgend eine Scheibe in der
Vorhalle Er hielt den Atem an und rüstete sich auf jede Gefahr Da kamen die
Fußtritte näher der Lichtstrahl beleuchtete die Wände Hackert stand auf dem
Sprunge dem verdächtigen Ankömmling jedenfalls sogleich die Laterne zu
entreißen Es war aber Schmelzing der in der einen Hand mit der Laterne in
der andern mit einem großen Papiere in das etwas eingewickelt schien näher
schlich Seine Phantasie hatte ihn von der Möglichkeit dass der hartörige
Kollege wiederkam ganz entfernt gehabt Schmelzing kam und nickte Hackerten zu
ihm das Papier abzunehmen Es war Brot und Fleisch Schmelzing war noch auf die
Straße gegangen und hatte Vorräte eingekauft wofür ihn Hackert loben musste
Behaglich kauerten sie sich nun zur Erde nieder an dem mittleren
Gasflammenkreuz zogen Messer hervor und zerschnitten sich den reichlichen
Proviant Leider hatte Schmelzing vergessen für ein Glas zu sorgen Da zog er
ein hölzernes Pennal aus der Tasche nahm die Federn und Bleistifte heraus und
verwandelte dies Pennal in zwei Trinkbecher einen großen und einen kleinen Den
kleinen nahm Schmelzing der nicht viel vertragen konnte den größeren Hackert
Mit der Fingersprache sagte Hackert so hätten die Humpen der alten Ritter
ausgesehen nur wären sie größer gewesen Die beiden Schreiber stießen mit ihren
Trinkpennalen an und unterhielten sich obgleich stumm auf die heiterste Art
Endlich hörten sie Geräusch Die Tür der Trinkstube unter ihnen ging auf
Männer traten ein ein lautes Gespräch begann jedes Wort schallte in der
Wölbung so wieder wie es unten gesprochen wurde Die beiden lauschenden
Schreiber spitzten die Ohren
Unsre Freunde aber Dankmar Siegbert und Leidenfrost hatten als sie von
dem Feste der Weinlese bei der Fürstin Wäsämskoi kamen am Tore sich von den
Arbeitern getrennt die an der Stadtmauer entlang in die Willingsche Fabrik
zurückkehren wollten
Sie schritten die kleinen Einzelheiten des Nachmittags wiederholend und
Manches was ihnen den stillbewegten Siegbert ausgenommen spaßhaft erschienen
war belachend dem altertümlichen Viertel der Stadt zu Am Ratskeller wollte
sie Louis Armand erwarten Dass auch Major Werdeck kommen würde war der Inhalt
des von Sandrart überbrachten Billets gewesen Der Major hatte hinzugefügt dass
er zur Erörterung der längstersehnten Wünsche ganz für den Ratskeller wäre
dessen kleine abgeschlossenen vielgesuchten Zellen der gemütlichen Unterhaltung
sehr entgegen kämen er hätte schon die beste in der selbst General Voland von
der Hahnenfeder der Altertümler nicht verschmähe sich zuweilen einen Trunk
Lacrimä Christi zu gönnen für sie mit Beschlag belegt
Die Freunde hatten diesen Abend bestimmt um sich über die große Aufgabe der
Zeit die sie Alle beschäftigte in ihrem Sinne gründlich auszusprechen und
diejenige Rolle zu bezeichnen die sie entschlossen sein wollten in dem
allgemeinen Kampfe der Interessen und Ideen zu übernehmen
Werdeck war durch Leidenfrost mit Siegbert und Dankmar bekannt geworden
Schon öfters waren sie hie und da zusammengetroffen und hatten wechselseitiges
Vertrauen gewonnen Zwar lag in Werdecks scharfhervortretenden Zügen Manches
was beim ersten Begegnen einschüchtern konnte doch überwanden die sich
Annähernden die erste Scheu hatte doch auch Dankmar lange damit zu tun gehabt
sich mit Leidenfrost zu befreunden der von der Malerei immer mehr abkam und in
neuester Zeit sogar angefangen hatte sich auf Strategie zu legen Es war in der
Tat kein Scherz wenn Siegbert erzählte dass Leidenfrost auf einer bescheidenen
Erkerstube die er bewohnte eine Menge strategischer Werke die ihm Werdeck
geliehen aufgeschlagen vor sich liegen hatte und auf einem Tische mit
kleingeschnittenen Schwefelhölzchen den großen und kleinen Krieg studierte Er
fand ihn oft in die Stellungen seiner Schwefelhölzer so versunken und machte mit
ihm die berühmtesten Schlachten Alexanders des Großen Cäsars Eugens von
Savoyen und Friedrichs des Großen so tapfer durch dass man die Entzündung der
Hölzer befürchten konnte Die Schwefelhölzer waren je nach ihrer Nationalität
und ihrer Truppengattung bunt bezeichnet Leidenfrost konnte sich in seinen
taktischen Studien so verlieren dass er unter seinen Tausenden von
Schwefelhölzern wie ein Schachspieler saß und irgend einen neuen unbekannten
Sprung erfinden zu wollen schien Er hatte Siegbert ersucht ihn nicht wegen
dieses Unsinns dem Major zu verraten Der Zunftgeist sagte er ist überall
derselbe und wie wir Niemanden einräumen wollen dass man Maler sein könne ohne
Hände so begreift auch ein Taktiker nicht wie man ohne Epaulettes sich über
Kriegführung orientiren kann was doch nachgerade eine unerlässliche Bedingung
eines jedes gebildeten Mannes unsrer Zeit werden und bald so notwendig für die
Erziehung sein wird wie das Turnen
Etwas besorgt waren die Freunde über den Eindruck den Werdeck und Louis
Armand gegenseitig auf sich machen würden An dem Stande dieses in der ganzen
Residenz schon bekannten und durch seine Beziehung zum Prinzen Egon
wohlgewürdigten französischen Kunsttischlers nahm der Major keinen Anstoß Er
hatte einmal vom Wirbelwinde der Zeit gefasst sich die ungeheure Abweichung von
seiner vorgeschriebenen Lebensweise zu Schulden kommen lassen seinen
Kriegerstand zu vergessen und erst durch die Ideen sich mit den Menschen zu
vermitteln So lag ihm auch nun nichts mehr an einer solchen Begegnung mit einem
wirklichen Manne aus dem Volke Bedenklicher hätte es ihm freilich scheinen
können dass der neue Genosse der schon mehrfach angeknüpften Unterhaltungen ein
Franzose war Werdeck besaß aber nicht die Nationalvorurteile die uns von
unsern Erziehern mitgegeben werden und in unser Blut übergegangen sind Seine
Frau hatte ihn früh über diese Voraussetzungen hinweggebracht Eine starke
leidenschaftliche vom Hasse getragene Seele wie sie war lebte sie nicht in
der Welt die ihres Gatten nächste Lebensbedingung war Religiöse und nationale
Elemente führten sie in jene eigentümliche Schwärmerei hinüber die sich aus
der Schule Adam Mickiewiczs in Paris mit Flügeln emporschwang die ihr die
Märtyrerschaft als das schönste Ziel der Tugend zu erstreben lehrte In der
Minorität zu leben mit dieser zu dulden mit dieser zu hoffen war dieser Frau
eine GeistesSeligkeit und wenn auch Werdeck aufs entschiedenste die nationale
Berechtigung der Polen verwarf seiner Frau ihre katholischen Träumereien ließ
ohne aufzuhören sie sogar deshalb zu belächeln den Hauch der neuen Zeit hatte
er in jeder andern Beziehung in seinem Gemüte alles Starre und Eisige auftauen
lassen und sah mit Ruhe einer ihm drohenden Katastrophe entgegen Louis Armand
sagte dagegen die Militairs würden doch nie die wahre Freiheit der Völker
befördern Sie wollten nur steigen nur herrschen glänzen Louis behauptete von
Werdeck gehört zu haben dass er hypochondrisch verstimmt längst mit seinen
Standesgenossen zerfallen wäre und sich nur darin gefiele den Hof durch
liberale Gesinnungen zu ärgern Dennoch fügte er hinzu hätte er von Heinrich
Sandrart dem Sergeanten der dann und wann noch zu den alten Märtens käme
erfahren die dritte Kompagnie wenigstens ließe ihr Leben für den Major und
daraus ließe sich die Macht einer bedeutenden und gemütvollen Persönlichkeit
doch schon teilweise erkennen Wenn ich ihm kein Anstoß bin hatte Louis
erklärt so komm ich gern und bin gewiss von einem so ausgezeichneten Manne
viel lernen zu können
Louis harrte schon in der Nähe des Ratskellers Die Freunde schüttelten ihm
die Hand Alle Drei hatten ihn nur noch inniger in ihr Herz eingeschlossen als
bisher Louis war nach all den Ansprüchen die Egons Freundschaft auf ihn
gemacht hatte jetzt mit erneutem Eifer an seine Arbeit gegangen und hatte
Talente entwickelt die jedem Einsichtsvollen Achtung abgewannen Mit
Genugtuung sah man wie unausgesetzt teilnehmend er dem öffentlichen Leben
seines neuen Aufentaltsortes folgte wie gespannt er die Entwickelung Egons
überwachte und jeden Einfluss den ihm dieser nur gestattete darauf verwandte
ihn seinen früheren Gesinnungen treu zu erhalten Freilich hatte er den Freunden
eingestehen müssen dass seit einiger Zeit mit Egon eine Veränderung vor sich
gegangen war Er hatte ihnen genau den Tag die Stunde bezeichnet seitdem ihm
vorkäme als hätte Egon ein neues fremdes Element in sich aufgenommen Es war
dies jener Abend an welchem die Freunde einer Aufforderung Egons gefolgt
waren ihm in einer gewagten aber von seiner wildesten Erregung für notwendig
erklärten Unternehmung beizustehen Rudhard hatte dem jungen Fürsten die
Verwechselung mit dem Thomas a Kempis eingestanden er hatte von Pax von
Schlurck selbst in der Hauptsache erfahren was mit dem Bilde vor sich gegangen
war Dass Pauline von Harder die Denkwürdigkeiten der Fürstin Amanda besaß stand
ihnen Allen fest Wozu sich neuen Unterschlagungen einer völligen Vernichtung
derselben aussetzen Nein hatte Egon gerufen die Nacht birgt uns in ihr
schützendes Dunkel Wohlan ich gehe zu jener Elenden ich verlasse nicht ihr
Haus nicht ihr geheimstes Zimmer bis diese Umtriebe entlarvt die entwandten
Schätze zurückerobert sind Louis und die Brüder Wildungen sollten Egon sein
kühnes Werk auszuführen unterstützen Rudhard widerriet aber die jungen Leute
fühlten sich von dem Abenteuer zu sehr gereizt Sie folgten Egon und standen
schon in Begriff gewaltsam in das einsame Haus zu dringen und der gefährlichen
Frau das geraubte Gut zu entwinden als sich der uns bekannte mildere Ausweg
gefunden hatte Aber Egons seither mannichfach geändertes Wesen konnte nicht
geleugnet werden Man hatte vermutet dass die aristokratische Gesinnung der
Gräfin dAzimont sicher versuchen würde Einfluss auf den Prinzen zu gewinnen
Dies hatte Louis in Abrede gestellt Eher gestand er zu dass Rudhards
politische Ansichten die den ihrigen völlig entgegengesetzt waren wohl einmal
einen bedenklichen Einfluss auf Egon gewinnen könnten In der Hauptsache aber
gestand er dabei dass seit dem SeptemberSonntage eine auffallende Veränderung
mit dem Fürsten vorgegangen wäre Er hätte ihn damals an diesem regnerischen
Sonntage selbst verstimmt besucht um sich aufzuheitern hätte Egon aber in
eine Trauer eine Abwesenheit versunken gesehen die ihn wahrhaft erschreckt
hätte Auf genauere Fragen hätt er nicht Rede gestanden und nur zuletzt
eingeräumt dass ihn die endlich von Pauline von Harder abgerungenen
Mitteilungen seiner Mutter mit tiefster Trauer über die Vergangenheit
erfüllten Wie man aber fügte Louis Armand hinzu wie man aus Trauer
leichtsinnig aus Schmerz verschwenderisch werden kann begreif ich nicht Die
Freunde hatten Louis um Aufklärung dieses Widerspruchs gebeten und Louis hatte
ihnen gesagt Alle guten Vorsätze die Egon für sein Hauswesen gefasst sind
plötzlich verschwunden Jede Mahnung an die Ersparnisse die er sich auferlegte
wies er ab Menschen die ihm verhasst waren die er nicht mehr um sich leiden
mochte behielt er Als ich ihn nach der Ursache dieses Widerspruchs fragte
sagte er scheinbar scherzend aber doch voll Ernst Bester Freund die Rücksicht
auf Ahnen ist kein leerer Wahn Mein Vater hat Das so geordnet Ich will es so
lassen Und nun statt irgend etwas von Dem was er sich vorgenommen
wahrzumachen erlebt ich dass er den Bankier von Reichmeier zu sich kommen
ließ sich erst mit ihm über dessen Ansprüche verständigte und sogleich ein
neues bedeutendes Anlehen schloss
Darüber waren die Freunde erstaunt genug und begriffen nun wie Egon
plötzlich einige neue glänzende Equipagen zeigte seinen Stall von Lasally und
dem pferdekundigen Levi neu ergänzen ließ die Zahl seiner Bedienten vermehrte
und ihnen allen eine Livree vorschrieb die er selbst zeichnete Alles Das in
einem Zeitraum von vierzehn Tagen mitten in der raschen ihm von Justus dem
Volksmanne erwirkten Nachwahl mitten in den Vorbereitungen des Zusammentrittes
der Stände
Auch die Beziehung zu Pauline von Harder zu Guido Stromer zu der Zeitung
»Das Jahrhundert« war zur Sprache gekommen Niemand begriff wie nun sich Egon
jener Frau so eng anschließen konnte Alle Welt wusste bereits was sie der
Mutter des Fürsten und ihm selbst schon angetan hatte und dennoch dieses enge
Band Über Guido Stromer hatte Dankmar selbst schon vor einigen Tagen zu Egon
gesagt Lieber Freund diese traulichen Bezeichnungen dauerten natürlich noch
fort Lieber Freund du duldest da einen sehr zweideutigen Mann in deiner Nähe
Dieser Stromer ist Pfarrer Vater Gatte und schleudert sich hier mit Gewalt in
eine Laufbahn bei der er Würde und Alles daran gibt Ich streite ihm die
bedeutendsten Gaben nicht ab Er hat unfehlbar einen reichen cultivirten Geist
und viel Beruf Dinge die in der Menschenbrust schlummern auszusprechen
Allein wenn mir jemals die verkehrte Anwendung des Genies in einem recht grellen
Beispiele vorgekommen ist, so ist es bei diesem Guido Stromer Ein Gelehrter
ein Stubenmensch ohne Weltton ohne Lebensauffassung wird plötzlich wie soll
ichs nennen wild Es fällt ihm ein dass er schwärmen könne und wie schwärmt
er Die Seinigen lässt er daheim seine Pfarre verwaltet ein gewisser Oleander
und hier taumelt er im Irrgarten der Ideen von einer Lüge zur andern Das sind
die gefährlichsten Repräsentanten des Geistes die alles Charakters baar nur
nach ihren persönlichen Stimmungen sich bald für Dies bald für Jenes erklären
Weiß er nicht jeder Auffassung eine gefällige Form zu geben Erfüllt er nicht
die innere Leere seines Charakters dadurch dass er mit Haut und Haar in jede
fremde Natur hineinspringt und aus ihr sie lobpreisend hervorkokettirt Gib
diesem Menschen irgend eine positive Frage zu vermitteln irgend eine reelle
Aufgabe des Lebens durchzuführen er wird sie verfahren und wenn er sie nicht
ehrlos mit Füßen tritt sich dabei wenigstens wie ein Schulknabe entwürdigen
Unfähig irgend eine geschlossene Production hervorzubringen raisonnirt er nur
und lässt die Wahrheit in der Sonne ihre Lichter brechen wie die Facetten eines
Diamanten dabei ist er der plumpsten Schmeichelei zugänglich Wer seinen Styl
lobt dem gibt er alle seine Ideen preis Wer vollends sagt dass seine stumpfe
Nase griechisch seine geschlitzten Augen kaukasisch seine Hände ebenso zart
und weiß wie sie rot sind wären dem stellt er alle seine Eingebungen das
ganze Arsenal seines Verstandes zur Verfügung Er wird rot wenn man seine
Manschetten lobt Kurz er ist ein Mann der aus der Koncentration eines
gediegenen und achtbaren Stubendenkers heraus ist und in seiner jetzigen
Zerfahrenheit noch viel Unheil in der Welt anrichten wird Anstössig ist schon
die geringe Achtung in die er sich versetzt durch sein leicht entzündliches
Herz und die Narrheit mit der er sich in jede Frau die einmal seine
jeanpaulisirende Schreibweise lobte verliebt stellt
Egon hatte damals über diese Schilderung gelacht und von Melanie Schlurck
gesprochen die sich Stromers zudringlicher Huldigung nicht erwehren könne
während er doch glaube dass dieser wildgewordene Pedant selbst den Fräuleins
Wandstabler nachliefe wenn diese ihn zufällig einmal in einem Beugungswinkel
wenn auch nur von 175 Graden ansähen
Egon erzählte dann auch dass er die liebenswürdige Tochter des Justizrats
Schlurck zuweilen bei Paulinen träfe und verlangte von Dankmar eine genauere
Angabe der eigentümlichen Beziehungen in denen er zu diesem bildschönen Wesen
gestanden hätte Dankmar wich mit seiner Antwort entschieden aus und berief sich
auf Das was Egon von der Hohenberger Reise schon wusste Auf die Frage die er
dafür an Egon richtete ob er ihm nicht eine Parallele zwischen Melanie und
Helene ziehen könne wollte seinerseits wieder der Prinz nicht antworten Man
scherzte man lachte man war über die Maassen vertraut gegen einander und doch
hatte sich zwischen Egon und die Freunde etwas gedrängt wofür sie keinen Namen
anzugeben hatten
Die vier Gefährten stiegen nun die Stufen hinunter die in den Ratskeller
führten Wie die in einem Gewichte gehende Tür hinter ihnen zufiel sahen sie
am Ende des Ganges zwei elegante Damen in eine Tür huschen
Kommen auch Damen in den Ratskeller fragte Dankmar erstaunt und wandte
sich zu dem Küfer der sie schon erwartet hatte und in das vom Major bestellte
Kabinet führte
Es sind wohl Fremde sagte der Angeredete lachend Ein Herr mit zwei Damen
will dort Champagner trinken
Wohl bekomms Ihnen sagte Leidenfrost Worüber werden wir uns denn einigen
Sie waren in der grünen gaserleuchteten Trinkzelle und stellten die
kräftigen neu gebeizten Eichenstühle um einen runden Tisch Der Major war noch
nicht da Der Kellner aber sagte dass er des Majors Geschmack kenne
Rüdesheimer
Bringen Sie Rüdesheimer antwortete Dankmar und so viel Beefsteaks wie Sie
fertig haben
Das ist vernünftig sagte Leidenfrost denn ich esse deren mindestens zwei
Die Leckereien bei der guten Moskowiterin haben mir so den Magen verdorben dass
ich mich nur mit Beefsteaks wieder herstellen kann
Sie sind ja so einsylbig Louis fragte Siegbert Was haben Sie
Ich war bis jetzt in der Kammer antwortete Louis Armand
In der Abendsitzung Nun wie war es rief man einstimmig
Die Regierung verlangt eine Abänderung der Geschäftsordnung Das Ministerium
will zu jeder Zeit die Erlaubnis haben vor während und nach der Debatte seine
Meinungen zu äußern
Empörend unterbrach Dankmar Als wenn das Ministerium die Kammer bei sich
zu Gaste hätte und nicht die Kammer das Ministerium Aber der Antrag geht nicht
durch
Das Ministerium machte die äußersten Anstrengungen
Das glaub ich wohl ergänzte Leidenfrost und trommelte auf den Tisch der
ihm so glatt so eben schien dass er vielleicht an seine Schwefelhölzer dachte
eine Debatte kann da im besten Abschluss sein die Halben die Furchtsamen sogar
sind vielleicht für die populaire Auffassung gewonnen man will abstimmen und
plötzlich erheben sich die Herren Minister und bringen wieder neue Materialien
an sollten sie auch nur in einer Drohung gegen Die bestehen die von ihnen
abhängig sind und gegen sie stimmen wollten
Die Minister haben ja aus diesem Gegenstand eine Kabinetsfrage gemacht
ergänzte Dankmar
Das lässt sich leicht erklären sagte Leidenfrost Sie wissen dass sie
unhaltbar sind und ergreifen die erste Gelegenheit sich aus allen
Schwierigkeiten mit guter Manier herauszuziehen
Es hieß nun Sprach Egon nichts
Louis erzählte dass Justus der eine Partei in der Kammer zu vertreten
scheine Egon veranlassen wollte diese Debatte kurz durch einige treffende
Worte zu beenden Er hatte Das deutlich von der Galerie herab an Justus
Benehmen seiner Unterhaltung und Gestikulation erkannt Befremdet aber hätte es
ihn wie Justus selbst dass Egon ihm Auseinandersetzungen machte die nicht mit
der Majorität übereinzustimmen schienen
Man behauptete erstaunt dass sich Louis wohl geirrt hätte und war der festen
Meinung Egon hätte nur nicht sprechen wollen würde aber mit der Majorität
stimmen Louis konnte nichts erwidern denn er erzählte in Mitte der heftigsten
Debatte wäre er gegangen da er um halb acht Uhr bei dem Rendezvous nicht fehlen
wollte Die Sitzung könnte sich so wie sie angefangen bis in die Nacht
hinziehen
Indem trat der Major von Werdeck ein Er kam in seiner Uniform die ein
Mantel verhüllte grüßte sehr freundlich bot Louis Armand der ihm vorgestellt
wurde leutselig die Hand und fragte ob er es mit der Wahl dieses kleinen
Klosetts recht getroffen hätte
Man fand dies kleine grüne blendendhelle Kabinet allerliebst und kündigte
dem Major an dass man schon in seinem Sinne gehandelt zu haben glaubte als man
Rüdesheimer bestellte
Wohl sagte er die Traube vom Turm des alten Brömsers gehört in diese
Kellerhöhle Er soll uns die Zunge lösen und die Flammen der Mitteilung
schüren Wissen Sie schon dass das Ministerium diese Nacht nicht überlebt
Wir hörten eben dass es aus einer Frage der Geschäftsordnung eine
Kabinetsfrage gemacht hat sagte Dankmar
Es ist ein Koup der Verzweiflung meinte Werdeck Die Herren nehmen den
ersten besten Strick von unten und warten nicht erst bis die seidene Schnur von
oben kommt Hanf oder Seide es tut hier denselben Dienst
Der Kellner brachte die Beefsteaks Man setzte sich um den runden Tisch
Louis voll Spannung und schüchtern doch bald von Werdecks feinem
weltmännischen Tone ermuntert Der Major wandte sich vorzugsweise an ihn
bewunderte seine Fertigkeit sich deutsch auszudrücken pries die politische
Haltung seines Freundes des Prinzen Egon der unstreitig der Volkssache große
Dienste leisten würde und dafür sei das Vaterland eigentlich ihm verbunden
Denn man wisse Alles was Egon und Louis zusammen erlebt hätten
Louis wagte so viel Zugeständnisse kaum anzunehmen Er erwiderte und wenn
diese Zeit in ihrer Verwirrung nichts zu Stande gebracht hätte als dass die
Stände einmal ein wenig durcheinander gerüttelt worden so wäre Das schon ein
Resultat
Siegbert taute ein wenig auf Bewegt von dem Vorfalle mit Olga
vorwurfsvoll über sich selbst und ernst gestimmt hatte er zuweilen empor
geblickt und seine Gedanken wie manche matematische Denker pflegen an der
Decke gesammelt Da fiel ihm auf dass hinter dem Blechschirm der die Gasflamme
umgab die Wölbung dieses Raumes in dem ihm und dem Bruder so wichtigen Kreuze
zusammenlief Mit einem Winke machte er den Bruder auf das Kreuz aufmerksam
Wohl sagte Dankmar Das weißt du nicht dass wir hier auf eigenem Grund und
Boden sind Dies kleine Luftloch führt durch die dicke Zwischenmauer in das
Rathausarchiv in die Aktensammlungen unserer wohllöblichen Gegnerin der
ehrsamen und tugendbelobten Stadt Wir wollen wenn wir auf dies Kreuz blicken
denken in hoc signo vincemus
In diesem Kreuze werden wir siegen wiederholte der unterrichtete Werdeck
Wie ist es denn mit Ihrem Prozess
Man zündete sich Zigarren an stellte die Gläser Leidenfrost füllte sie
Wir erwarten in diesen Tagen die Entscheidung erster Instanz sagte Dankmar
Dass wir durchfallen weiß ich schon Nur die Entscheidungsgründe sind mir noch
unbekannt
Ich will sie Ihnen sagen Wildungen fiel Leidenfrost ein Man wird Ihnen
erwidern
Schickt denn das Beinhaus und die Gruft
Uns die Begrabenen zurück Sonst wenn
Ein Mann gestorben war es aus mit ihm
Jetzt steigen sie mit zwanzig Todeswunden
An ihrem Kopfe wieder aus dem Grab
Und treiben uns von unsren Stühlen
Das hört ich einmal im Theater sagte Werdeck Ist Das eine Reminiscenz Ihres
Schauspielerlebens Leidenfrost
Heute hätten Sie den Propst Gelbsattel so hören können sagte Leidenfrost
ausweichend ehe Sie kamen Dankmar Er saß da wie Macbet als er Banquos
Geist an seiner Tafel erblickt und ein andermal wurd er wehmütig Es war mir
als hört ich
Du Geist des alten Ritters Wildungen
Du kommst in so fragwürdiger Gestalt
Lass mich in Kummer nicht vergehen Nein sag
Warum dein fromm Gebein verwahrt im Tode
Die Leinen hat zersprengt Warum die Gruft
Worin wir ruhig eingemaurt dich sahen
Geöffnet ihre schweren Marmorkiefern
Dich wieder auszuwerfen Was bedeutets
Dass todter Leichnam du in vollem Stahl
Aufs neu des Mondes Dämmerschein besuchst
Die Nacht entstellend dass wir Narren der Natur
So furchtbarlich uns schütteln mit Gedanken
Die unsre Seele nicht erreichen kann
Bravo rief man allgemein Zum größten Erstaunen Louis Armands der diese Art
deutschen Humors beim grünen Römerglase noch nicht kannte hatte Leidenfrost
wirklich so gesprochen und fast gespielt als wenn er einen Geist im
Mondenlichte vor sich herschreiten gesehen hätte
Dankmar erzählte nun zuvörderst vielerlei von den Schwierigkeiten von den
unglaublichen Chikanen die seinem Processe in den Weg gelegt wurden Schlurck
führte die Sache des Magistrats mit dem ganzen Aufwande seines berühmten
Scharfsinnes Die Regierung hatte einen nicht minder gewandten Rechtsgelehrten
für ihre Ansprüche beauftragt Dankmar sagte er hätte Analogieen in dem
bekannten Wallensteinschen Processe gefunden der von Menschenalter zu
Menschenalter verschleppt wurde und jetzt in Böhmen in vollem Gange und
endlicher Entscheidung wäre und die Rückgabe der den Erben Wallensteins
ungerechterweise entzogenen Güter zur Folge haben würde
Soll ich Ihnen aufrichtig sagen mein verehrter Freund begann Werdeck was
mir an Ihrem schon so berühmt gewordenen Processe nicht in den Sinn will
Sagen Sie es offen Herr Major antwortete Dankmar
Ich verkenne nicht das Gewicht Ihrer Ansprüche Ich fühle wie
außerordentlich günstig Ihnen der Umstand sein wird dass die fürstliche Gewalt
gleich in den ersten fünfzig Jahren gegen die Besitzergreifung der
Johannitergüter durch die Kommunen protestirte und diesen Prozess nie ganz hat
einschlummern lassen ja selbst Vergleiche und gütliches Abfinden ausschlug
Freilich sagte mir kürzlich ein Rechtsgelehrter es früge sich ob ein Dritter
von einer die Verjährung hintertreibenden protestation eines Zweiten Vorteil
ziehen könne
Das ist allerdings die Hauptfrage sagte Dankmar Allein auch hier werd ich
meinen Mann stehen
Meinen Mann stehen Den Ausdruck hab ich nur hören wollen sagte Werdeck
Wieso diesen Ausdruck sagte Dankmar und die Andern hörten voll Teilnahme
Sehen Sie mein Teuerster sagte Werdeck es liegt etwas Kühnes etwas
Tapferes in Ihrem Prozess und doch findet er nicht bei Jedem die Sympatie die
Sie wohl voraussetzen möchten Man lässt Ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren
aber kein Mensch wünscht eigentlich dass Sie Ihren Prozess gewinnen
Siegberten war es als wenn ihm ein Stein vom Herzen fiel Er hatte längst
dasselbe Gefühl gehabt
Ja sagte er und reichte Dankmarn bewegt die Hand ja Bruder Das ist das
Gefühl was auch mir vom ersten Tage an wo du in der Freude deiner Entdeckung
mir dein Unternehmen ankündigtest die Lust an ihm benahm Es schnürte mir die
Brust zu mit dir darüber zu sprechen und ich sollte doch deine Freude teilen
Ich konnte nicht Ich sollte deine Hoffnungen unterstützen Der eigene Mut des
Herzens reichte nicht aus dafür
Wir wollen rief eine Stimme in mir diese Reichtümer für uns wir wollen
sie zu persönlichem Zwecke Wir wühlen in Akten und alten Erinnerungen und
entziehen allgemeinen Zwecken sie mögen auch Misbräuche befördert haben
Mittel die wenn sie zB der Staat gewinnt oder wenn die Stadt sich in der
Lage sieht diese Fonds besser zu verwenden doch gegebenen und umfassenden
Schöpfungen zu Gute kommen Man wünscht uns in die Augen Glück zu Aussichten
von denen hinter unserem Rücken Niemand will dass sie sich verwirklichen
Ihr Herr Bruder sagt es bemerkte Werdeck Und ich versichere Ihnen es ist
fast die allgemeine Stimme
Dankmar schrak fast zusammen Es liegt etwas Furchtbares in diesem Drucke
der auf unser Gemüt lastet wenn man so plötzlich über unser innerstes Wollen
und eigenstes Schaffen ein Urteil hört das sich für das allgemeine der Welt
ausgibt Man hat in der Stille sein Werk gezeitigt man hat es den nächsten
Freunden und Teilnehmenden enthüllt es gehört nun dem Allgemeinen an Die
Urteile fließen anfangs spärlich Sie sind wohlwollend sie scheinen
befriedigt Da geht es plötzlich wie ein Vorhang auf Das Werk das vergessen
unbeachtet geblieben schien hat Alle im Stillen interessiert und nun bricht ein
Lärm ein Durcheinander von Meinungen Ansichten Widerlegungen auf uns ein dass
man erschrocken fast die Besinnung verliert und sich vorkommt wie überfallen von
einer heimlichen Verschwörung
In dieser peinlichen Lage war Dankmar als ihm Max Leidenfrost beisprang
den grünen Römer auf den Tisch schlug das lange Haar zurückstrich und ausrief
Das unterschreib ich nicht Wer wird sich denn erstens an die Menschen
kehren was die sagen und die meinen Können Unbilden durch die Jahrhunderte
jemals gerecht werden Wenn wir zugeben dass Jahre die moralischen Fragen
zudecken beseitigen entfernen dann ist ja unser ganzer Kampf um die großen
Ideen des Weltalls nichts und an die elektrische Strömung der Offenbarung die
wie durch den Raum auch durch die Zeit gehen soll kann dann schon kein Mensch
mehr glauben Das Erbrecht ist eine der wunderbarsten Strömungen der Zeiten
Wollen wirs weil es mit Unrecht verbunden wäre abschaffen so gebt etwas
Neues dafür Aber etwas Vernünftiges Kohärirendes Kohäsion muss sein
Zusammenhang ist Leben Bis jetzt bin ich noch der Meinung dass man mit der
Aufhebung des Erbrechtes die ganze Menschheit aus ihren sittlichen Fugen bringt
Das sag ich trotz meiner Schwefelhölzer mit denen ich Taktik studire um
unseren Aristokraten eine Schlacht aus freier Hand zu liefern mit einer Armee
die sich finden muss
Man lachte weil man Leidenfrosts strategischen Selbstunterricht kannte
Louis Armand aber meinte das Erbrecht wäre doch der eigentliche Grund aller
Leiden der Menschheit Ihm verdanke man die Aufhäufungen der Kapitalien ihm die
ungerechte Verteilung der Lebensgüter ihm den Fluch der auf ganzen
Generationen läge Das Erbrecht wäre ein fortlaufender Protest gegen das Glück
der Menschheit
Wohlan rief Dankmar sich sammelnd Da wären wir ja gerade bei unserm
Gegenstand Heute wollten wir uns über den Feldzugsplan jedes aufgeklärten und
ehrlichen Mannes in dieser Zeit unterrichten sogar Verabredungen für irgend
eine gemeinschaftliche Unternehmung treffen und nun ist meine eigene und meines
Bruders persönliche Angelegenheit förmlich ein Symbol der Frage unseres
Jahrhunderts wie sie einmal ungelöst dasteht Es ist unwiderleglich um das
Recht der Person um die nachwirkende Kraft der Vergangenheit handelt sich
Alles Ist der Staat etwas Allgemeines das aus dem Wohle jedes Einzelnen und
dem Wohle von Familien Geschlechtern Gruppen und Sippen oder nur aus lauter
sich selbst bestimmenden Individuen zusammengesetzt ist die nur lose
zusammenhängen und sich nicht gegenseitig bedingen Wenn mein Prozess unpopulair
ist wie Sie sagen Herr Major und wie ich es selber fühle seitdem Siegberts
Takt mich irre macht so sollte Vieles unpopulair sein was sich von der
Vergangenheit als reines Personeninteresse forterbt
Die Monarchie und der Adel vor Allem brach Leidenfrost hervor Ob der alte
Ritter Wildungen seine Erbschaft antrat oder nicht bleibt sich doch wohl gleich
sogut wie Einer zufällig seine Krone verliert und darum ihr Recht nicht
aufzugeben braucht Beweist man Jemanden dass ein Recht schädlich ist und der
Verlust seiner Krone ein Glück für die Völker gut so ist sein Personenrecht
todtgeschlagen aber wer beweist Ihnen dass Ihre Million die Sie beanspruchen
dürfen ein Nachteil für den Gegner ist Ich will gerade dass dies Ihr
lebendiges Beispiel den Aristokraten und Monarchen zeige was sie an sich selber
nicht glauben wollen dass das fortwirkende Recht der Vererbung allerdings seine
Grenzen haben sollte
Ah sagte Louis da geben Sie doch schon von dem Erbrechte etwas heraus Sie
wollen nur eine Konsequenz ziehen nur eine Lektion geben
Nur vernünftig nur poetisch beschränke man das Erbrecht fuhr Leidenfrost
fort Es muss durch Ideen nicht durch willkürliche Taxen oder Klugheitsregeln
beschränkt werden Wer eine Million erbt muss dem Staat nachweisen dass er
diesen oder jenen allgemeinen Gebrauch von seinem Vermögen anstellt Er behält
dabei nach dem Willen des Erblassers den Genuss Ruhm aber ist auch Genuss
Dankbarkeit Ehre Achtung ist auch Genuss Nur nicht das Erbrecht völlig
aufheben Das hieße jedes Band der Liebe Zärtlichkeit der Hoffnung aus dem
Leben nehmen zu geschweigen dass uns kein Schneider mehr einen Rock borgen
würde wenn er immer beim Massnehmen auf unser Gesicht sähe ob wir nicht etwa
den hippokratischen Zug haben und einen Tag nach dem ersten Sonntag wo wir den
neuen Rock tragen seine Rechnung durch den Tod quittiren
Man sieht aus den Widersprüchen in denen Ihre Gedanken noch mit sich selbst
befangen scheinen lieber Leidenfrost sagte Dankmar wie schwierig diese Fragen
sind und wenn wir geschellt haben die Trümmer unsrer Beefsteaks beseitigt
sehen und eine Ergänzung des Rüdesheimers vor uns steht so wollen wir uns an
unsre heutige Aufgabe machen umsomehr als der Willingsche Maschinenbauer und
der Handwerkerverein die tüchtigsten und massgebendsten Mustervereine im ganzen
Staate uns drängen ihnen eine Parole zu geben
Louis hatte die Schelle gezogen Der Kellner kam räumte ab ergänzte was
fehlte und entfernte sich
Mein Prozess begann jetzt Dankmar der Werdecks und der Freunde Interesse
an diesen Erörterungen nicht zu schüren brauchte da sie ihm Alle in dem
eifrigsten Streben sich klar zu werden entgegen kamen mein Prozess ist denn
nun also ein Bild unsrer Zeit geworden In Ihrem Sinne Leidenfrost zieh ich
gleichsam die humoristische Konsequenz aller Torheiten unsrer Epoche Ich sage
gleichsam den überlieferten Halb und Scheinrechten Da ist ja nun auch ein
Recht das dreihundert Jahre alt ist wie Eure Gewalt Ich will es haben und
fort mit Denen die von meinem Rechte Vorteil genossen Steht auf Ich setze
mich mit meinem Bruder dahin wo Ihr sitzt Wir wollen für uns allein was durch
den Lauf der Zeiten allgemeiner wurde Der Major Werdeck sagt dass diese Sprache
unpopulair ist und ich stelle mich auf seine Seite Ich weiß nicht nur die
Schlurcks und Gelbsattels sind gegen mich ergrimmt sondern viel achtbare
Menschen und wenn sie einen Titel in den alten Papieren hier über uns in dem
Archive vielleicht finden könnten die alle unsre Hoffnungen zu Schanden
machten sie täten es nicht mehr wie gern Deshalb hab ich mich entschlossen
auch nicht persönlich zu erben
Was heißt Das fragte man Nicht persönlich
Mein Bruder ist schon davon unterrichtet er kann es erklären sagte Dankmar
und füllte rundum die Gläser
Dankmar hat einen kühnen und großen Gedanken ergänzte Siegbert dessen
Ausführung weltistorisch sein könnte wenn es noch möglich wäre dass ein
Einzelner etwas Weltistorisches durch seinen einfachen Willen hervorriefe
Einfacher Wille berichtete der Bruder Vergiss nicht dass ich von mir und
dir eine Million in Händen habe Geld ersetzt den Glorienschein der alten
Propheten
Sie machen uns neugierig sagte Werdeck Was projektiren Sie denn
Dankmar weiß dass ich mich in den Gedanken des Reichtums nicht finden kann
Für unsre gute Mutter ist leidlich gesorgt Der Bruder und ich wir Beide werden
uns schon im Leben zu behaupten wissen Aber
Ihr wollt den Prozess aufgeben fragte Leidenfrost
Das nicht antwortete Siegbert Nur eine andre Wendung soll er erhalten
Warum sprichst du dich nicht selber darüber aus Dankmar Deine abenteuerliche
Chimäre die Erbschaft nicht für uns sondern für den Templer und
Johanniterorden der in alter Weise nicht mehr existiert zu verwenden musst du
mit eigenen Worten wahrscheinlich machen Du verstehst zu überreden
Natürlich erregte die Erwähnung eines Ordens große Spannung
Eh ich spreche sagte Dankmar tu mir jetzt Jeder von Euch den Gefallen
und sage mir erst was er für die Pflicht des ehrlichen Mannes in diesen
schwierigen Tagen hält Da werdet Ihr sehen dass guter Rat teuer ist und meine
Vorschläge vielleicht noch das Billigste sind Indessen lass ich Euch die
Vorhand Wisst Ihr Besseres wohlan so folg ich Eurem Plane Soll zugeschlagen
werden Soll nur zugeschaut werden Soll die Flamme der Empörung lodern Soll
das Blut
Bruder rief Siegbert Was sprichst du Sind wir hier sicher
Diese Wände sind elephantendick sagte Leidenfrost Nur der Akustik dieses
Kreuzes da oben trau ich nicht
Man blickte hinauf zur Gasflamme
Wie ruhig da die Flamme emporzüngelt sagte Dankmar Oben könnte uns
höchstens eine Ratte belauschen und käme sie der Öffnung zu nahe würde sie sich
die Nase verbrennen Wir haben hier kein andres Ohr als unser eigenes Siegbert
sage du was dir jetzt die Pflicht eines ehrlichen Mannes scheint aber drücke
dich so aus dass wir den Arbeitern dem Handwerker dem Bauer wie dem Dichter
und Denker davon eine Anweisung zum Handeln zum Glauben und Hoffen geben
können
Es entspann sich zwischen diesen fünf Männern jetzt eine Erörterung von den
eigentümlichsten Folgen und einem Ernste der uns zur Pflicht macht jede ihrer
Äußerungen auf das Gewissenhafteste zu berichten
Achtes Kapitel
Die neuen Templer
Siegbert zuerst lehnte jede Gewalttätigkeit ab Er läugnete nicht dass ihm der
ganze status quo unserer Verfassungen politisch und gesellschaftlich misfalle
und das Meiste davon überlebt scheine Aber sagte er Ich kann mir unser
Leben nur so denken wie einen Garten den der Gärtner im März zum Frühling und
Sommer vorbereitet Der Schnee ist geschmolzen mildere Lüfte wehen aus Westen
wenn auch noch sturmartig doch nicht mehr schneidend Schon bricht neben dem
Laube das noch nicht ganz von dem letzten Herbste abgefallen ist der kleine
grüne Keim des neuen Wachstums an den Zweigspitzen der Sträucher und Bäume
hervor Der Gärtner schont aber weder das Alte noch das keimende Neue Er hat
die Säge in der Hand und klettert mitten in die Baumkrone und tilgt was ihm
überflüssig und der gesunden Triebkraft hinderlich scheint Da liegt der Boden
voller Äste und nicht bloß voll alter schon verdorrter sondern auch manches
vorwitzige Frühlingsreis musste schon mit Unsere Gartensäge ist die Debatte und
das Gesetz Ich verwerfe jede Gewalttat Der Mensch ist immer ein wildes Tier
Er mag nur einmal Blut vergießen so edel so grossherzig wie nur je ein
Timoleon Tyrannenmörder war das geleckte gekostete Blut macht ihn sogleich
wild Es fließt sogleich mehr als sollte Ausrotten können wir nur das Tote
dh es aus dem Wege schaffen ausrotten können wir nur das falsche Wachstum
dh es im Keime ersticken Ich bin dafür den Menschen zu predigen Glaubt doch
nicht dass die Geschichte morgen aufhört Die größten Ideen haben Jahrhunderte
gebraucht um sich geltend zu machen Warum soll denn in so kurzer Zeit Alles
fertig werden was wir jetzt für nötig denken Wir wollen fest im Auge behalten
das edlere Ziel und nichts tun nichts Anderes befördern als was zu jenem
Ziele führt Müssen wir einmal der noch zu starken Gewalt nachgeben so tue man
es ja Das zweite Mal schon wird es nicht mehr nötig sein Wenn ich unsern
Feldzug für einen unermesslich langen halte so geh ich auch viel weiter als
Die die sich für liberal halten Ich bin nicht bloß für die Einschränkung der
fürstlichen Gewalt ich bin sogar für die Republik ich bin für die sociale
Änderung unseres Gesellschaftslebens Ich sage nicht dass diese Änderung
wirklich eintreten wird ich sage nur dass ich sie mir möglich denke und so
lange unter der Republik nichts Wildes Tierisches Unsittliches gelehrt wird
sie für anstrebsam halte So bin ich freisinniger als manche Überhjetzte die
sich mit weniger Änderungen begnügen wenn sie nur gleich Morgen eingeführt
sind Arbeitet würde ich den Arbeitern sagen
Bildet Euch und die Eurigen Stärkt Euch in einer freien Gesinnung Macht
Euch klar über Euren Lebensberuf Stiftet Vereine aus denen Ihr Alles entfernt
halten müsst was einer Verschwörung gleich sieht Wenn Euch Einer auffordern
will für morgen ein Gut mit Gewalt zu erringen so sagt Wir warten bis über
acht Tage Da kommt es von selbst und viel größer und besser als morgen Nur
nicht geistig die Hände in den Schoss legen Denken sich bilden stark und
gewissenhaft im Kampf der Meinungen keine Gelegenheit abweisend die Gesinnung
offen zur Schau zu tragen So kommt das Gute von selbst Das ist meine Lehre
Bester Freund polterte Leidenfrost sogleich auf Diese Lehre ist zum
Auslachen Damit soll Einer in die Willingsche Maschinenfabrik kommen Solche
himmlische Güte wäre selbst für Willing den die Umstände zwingen vorsichtig
und behutsam zu sein zu schmachtend Mein lieber Wildungen Ihr Gleichniss von
den Gärten im März passt nicht Denn so stumm und dumm wie die Bäume im März
dastehen und sich die Schneiderei des Gärtners gefallen lassen müssen stehen
die Ideen und Interessen des Augenblicks nicht da Die schlagen Purzelbäume
unter der Hand Das ist ein großes Stiergefecht wie es jetzt hergeht Die
großen Büffel wollen Farbe sehen um Mut zu bekommen Rot ist die Losung Ohne
Mut und unmittelbare Entschlossenheit kommt nichts mehr zu Stande Die Menschen
müssen selbst Geschichte machen sonst geschieht nichts Die Gesinnung allein
reicht nicht aus Sollen sich die Väter von ihren Enkeln verspotten lassen
Nichts rächt sich in der Geschichte mehr als der versäumte Augenblick Wer die
Krisis unbenutzt vorübergehen lässt holt sie niemals wieder ein Und haben wir
nicht der Fälle genug erlebt dass die Machtaber der Welt vollkommen wissen
welche Halfter sie den störrischen Völkern überwerfen sollen Aus dem
politischen Hader wurde die Debatte in das Religiöse hinübergespielt und ganze
Epochen sind darüber eingeschlafen Die Jesuiten die Armeen regierten die Welt
Sie haben die Hand immer am Griff des Dolches oder Schwertes Warum sollen wir
sie in den Schoss legen Gesetzt auch wir wollten uns mit frommem Glauben auf
bessere Zeiten und mit dem endlichen Siege der Gesinnung begnügen es würde
nichts helfen Die Stunde hat ihre dringende Mahnung Wir wollen träumen und die
Posaune ruft uns vom Lager auf Es brennt da wo wir sitzen über und unter uns
Es müssen Entschlüsse gefasst werden Ich gesteh ich hasse Alles was unlogisch
ist Ich hasse auch verkehrte Teorieen und gäben sie sich noch so sehr das
Ansehen der Volksbeglückung Man will damit nur dem Mute und der Ehrlichkeit
aus dem Wege gehen Die Frage unserer Zeit ist sehr einfach Wer sie schwierig
macht meint es nicht redlich Schwierig nenn ich die gewöhnliche ordinaire
Kommunisterei Solche Sätze hinstellen die ihre Unmöglichkeit in sich selber
tragen heißt die Menschen nur verwirren Man zeigt ihnen hundert Spatzen auf
dem Dache während einer in der Hand viel vorteilhafter ist
Die Kommunisterei ist von Stubenhockern ausgegangen die unterleibskrank
sind Rühren und tummeln muss man sich und die Welt für kein Schlaraffenland
halten Gebratene Tauben in die Luft gemalt sind geschmacklos Wir leben in
einem wilden Chaos in das nie nie volles Licht kommen wird Arkadien ist vor
der Schöpfung gewesen und mag nach der Schöpfung kommen Hier auf Erden gibt es
nur Reibung Lärm Zorn Leidenschaft Drängen Stoßen Das Einzige was wir
erreichen ist Leidliches Glück Das leidliche Glück muss man am Zipfel
festhalten wenns an uns vorübergeht Es kommt nicht alle Tage Was du der
Stunde ausgeschlagen bringt keine Ewigkeit dir mehr zurück sagt der Dichter
Wollen Sie Ihre Million gut anwenden Wildungen so lassen Sie dafür Waffen
kaufen Pulver und Blei Die Trommel wirbt an Major Werdeck wird Generalissimus
und wenn wir Alle erliegen wenn unsere Glieder entweder im Felde oder auf dem
Henkerplatze erbleichen so ist doch Mut und Poesie dagewesen und der
moralische Sieg unwiderleglich
Allgemein war man der Ansicht dass Leidenfrost in seiner gewohnten Weise
hier übertrieben hatte und es schwerlich mit einer so blanken Rebellionsteorie
ehrlich meine Und dennoch blieb er dabei
Worauf anders sagte er soll man denn hinauskommen wenn man sieht wie
wenig uns die Debatte weiterbringt Was hatten wir durch einige tatsächliche
Erhebungen des Volkes nicht sogleich gewonnen Und wie kommen wir immer wieder
zurück je milder die Miene des gereizten und gleich wieder schlummernden Löwen
ist Aber noch mehr halten Sie mich für keinen Phantasten oder für keinen
plumpen und gedankenlosen Radikalen Tod Der Tod O Gott der Tod ist jetzt
unsere einzige Loosung Ich versichere Sie wenn man im Volke lebt wie ich so
bemerkt man eine tiefe Sehnsucht nach dem Tode in den Gemütern Aller Gehen Sie
Sonntags Nachmittags vor die Tore Kein Spaziergang ist so besucht wie es die
Kirchhöfe sind Es ist eine Lust am Opfertode in den Menschen dieses Zeitalters
die an die christliche Märtyrerzeit erinnert Man hat entweder zuviel Gefallene
feierlich bestattet zu sehr geehrt gepriesen oder woran liegt diese
Geringschätzung des Lebens Ehemals war eine Hinrichtung mit dem Schwerte ein
grauenvolles Schauspiel von dem man Jahre lang sprach jetzt hat man an die
Stelle des Schwertes Pulver und Blei gesetzt und die Hinrichtungen folgen sich
wie die Amputationen in einem großen Lazaret Man erzählte sonst Wunder davon
wenn einer großartig und gefasst in den Tod ging Jetzt knirschen sie alle die
Zähne und gehen mutiger als Egmont oder der feige Kleistsche Prinz von Homburg
aus dem Leben Haben die Menschen zuviel Trauerspiele gelesen oder woran liegt
es dass wir nach so verweichlichten Zeiten plötzlich eine so spartanische
bekommen Bietet das Leben so wenig Freude Hat man vergessen dass wir vor zehn
Jahren noch ein Buch nach dem andern erscheinen sahen worin bedeutende Köpfe
die persönliche Fortdauer nach dem Tode leugneten Wie kommt es dass man nun so
gern stirbt so gern sein Leben an eine Idee setzt so mutvoll auf Die blickt
die uns ihre Teilnahme wohl nicht versagen werden wenn wir fallen sei es im
Kampf sei es von der Hand des ungrossmütigen Siegers Der Zug zum Tode ist
wehmütig genug jetzt in unserm Leben da Die Geschichte will ihn die
Geschichte hat uns die Cholera nicht umsonst gebracht diesen grauenvollen Tod
der Niemanden schont Niemanden achtet Jeden wie ein Dieb in der Nacht
überfallen kann Unenträtselt ist noch wie diese Pest aus Asien mit dem
erwachenden Fieber der Revolutionen zugleich kam Ich vergleiche diese Zeit mit
dem Mittelalter wo die Menschen hinstarben den Kornähren gleich die der
Schnitter niederwirft Damals rückten die Menschen näher zusammen schlossen
Bundsgenossenschaften Brüderschaften und gingen in grauen Kleidern demütig
pilgernd durch die Welt und bestreuten das Haupt mit Asche Es war ein Zug der
Trauer und des Todes damals in allen Herzen und man starb gern Nach fünfhundert
Jahren ist es nun wieder so Wir aber wollen dem Tode zu Liebe keine
Flagellanten keine Geisselbrüderschaften und Weltverachtungsgilden stiften
sondern dies armselige Leben getrost hingeben in den Kampf für Recht und
Unrecht Es werden bald genug üppige feige Zeiten kommen die Das was wir in
diesen starken versäumten nicht einholen Also nichts in die Länge ziehen
Nichts auf die Zukunft verschieben Fordern sagen was man will und für Recht
hält und dann als Mann dafür einstehen und sterben
Eine tiefe Stille folgte diesen zuletzt mit Ernst gesprochenen Worten
Werdeck stützte sein Haupt und konnte nicht umhin Das was Leidenfrost von der
Tapferkeit und Todesverachtung unserer Tage fast mit erstickten Tränen sprach
zu bestätigen
Ja es ist ein anderer Geist sagte er sinnend über uns Alle gekommen Ich
sehe Das am Leben des Kriegers Wie schonte man sich sonst wie vermied man die
Gefahr Was mislich und schwer auszuführen war mutete man Niemanden zu Jetzt
drängen sich zehn heran wo man nur Einen begehrt Niemand verzieht die Miene
wo es eine Tat gilt Man scherzt man schlägt sein Leben mutwillig in die
Schanze es ist als gehörte man schon einer doppelten Welt an der irdischen
und einer himmlischen
Und woher kommt diese Erscheinung rief Siegbert begeistert Von der Bildung
kommt sie Die Bildung hat Platz gegriffen bis in die untersten Schichten Die
Frage vom Proletariat hat nicht feige sondern tapfer gemacht Eine Idee eine
Idee der Diskussion hat die Herzen gehoben Man fühlt sich als Glied der
Gesellschaftskette man fühlt sich als Hebelkraft der Geschichte Das
Vereinsleben die Ahnungen besserer Institutionen haben Wunder gewirkt Wer
klammert sich noch ängstlich an sein armseliges Ich wo es etwas Allgemeines
gilt Stirbt man so hat man sich für eine Idee hingegeben Glaubt Ihr denn dass
es ohne Wirkung für die unteren Klassen ist wenn sie geschichtliche Tatsachen
erfahren und von alten Zeiten hören wie es damals war und wie jetzt und wie
jede Tat im Buche der Geschichte verzeichnet steht Allein grausam wäre es
wenn wir diese Folge der umsichgreifenden Bildung misbrauchen und auf das voller
und mächtig schlagende Herz hin eine wirkliche Sehnsucht zum Tode statuiren
wollten Man verachte das Leben aber man jage Niemanden in den Tod ehe man ihn
nicht teilnehmen ließ an einer möglichen Verbesserung des Lebens O diese
Sehnsucht zum Tode kann in eine blutige Grausamkeit umschlagen Schon jetzt ist
es grauenhaft wie kalt man hinopfert wie forcirt man sich in den
militairischen und Beamtenkreisen ja auf den Tronen als Brutusse gebehrdet
die ihre eigenen Söhne ruhig auf den Block liefern Wenn dieser zweideutige
Heroismus überhand nähme Wenn man vor dem Blute nicht mehr schauderte und es
lieb gewänne nicht bloß selbst zu sterben sondern auch sterben zu sehen
Nein nein Leidenfrost lassen Sie uns versuchen eine mildere Formel zu
finden die das große Rätsel unserer Zeit löse und die Menschenlebenfordernde
Sphinx zum Sprunge in den Abgrund bringt
Louis Armand ergriff nach dieser ernsten Rede das Wort und stellte sich
seine Einmischung seine Teilnahme an diesem Gespräche hochgebildeter Männer
entschuldigend auf Siegberts Seite ohne jedoch die drohende Stellung eines
bewaffneten Widerstandes nach Leidenfrosts Meinung ganz überflüssig zu finden
Es ist schlimm genug sagte er dass derselbe Arm der kaum stark genug ist
seine Arbeit zu verrichten nun auch noch die Waffe führen soll und dass
dasselbe Leben das so arm an Freude ist sich auch noch hinzugeben hat gegen
die Tyrannen Ich nenne Tyrannen Die Menschen und Die Stände die von der
überlieferten Ordnung der Dinge unverhältnissmässige Vorteile für sich und die
nächsten Ihrigen ziehen Unsere Zivilisation hat uns einen Raubstaat geschaffen
Das höchste Recht der Gipfel des Rechts die Konsequenz des Rechtes ist zum
größten Unrecht geworden Dass ein Vater seinen Kindern die Früchte seines
Fleißes hinterlässt gehört ohne Zweifel zu den ewigen Menschenrechten Dass sich
dieses Recht aber in ununterbrochener Aufeinanderfolge in allen Zeiten
wiederholen darf ist der Fluch der Gesellschaft geworden Die Könige denken
nicht daran dass sich das Erbrecht einmal modifizirt die Adeligen denken es
nicht die Reichen nicht Die Könige hat man aber gezwungen ihr Erbrecht zu
modifiziren durch die Konstitutionen die Adeligen gleichfalls durch die
Aufhebung der Leibeigenschaft die Reichen zwingt Niemand ihr Erbrecht zu
modifiziren Was ist die Einkommensteuer Eine Lüge Eine Illusion Sie gibt ein
kleines Procent in die Staatskasse und erleichtert dadurch nur mittelbar die
Lage Derer die gegen die sich aufhäufenden Reichtümer nichts gegenüber zu
stellen haben als die sich aufhäufende Armut Die Riesen die sonst die Welt
unsicher machten und Menschen frassen sind ausgerottet wenn sie jemals lebten
Aber die viel größeren Riesen die Kapitale sind da und Niemand kann ihre
Existenz leugnen Sie sind die wahren wilden Ungetüme die die Gesellschaft
unserer Zeit unsicher machen die ihre Mitglieder in Höhlen locken wo die
Gebeine der Geopferten modern Ich weiß dass es eine gleichmäßige Verteilung
der Güter nicht geben kann Ich bin kein so törichter Kommunist dass ich
glaubte mit der numerischen Anzahl der Menschen ließe sich in die numerische
Anzahl der Werte dividiren und was da herauskäme wäre Das was jedem Einzelnen
gebühre Allein der Krieg des Zufalles gegen die milde Fürsorge die wir doch
als Gottes Weltplan anerkennen müssen darf nicht fortdauern Der Staat darf
keine Ausbeute Derer bleiben die seinen Sprungfedern nahe stehen und die
elastische Kraft derselben nur benutzen sich selbst zu heben Die Staatsmänner
müssen Erfindungen machen die auf anderen Gebieten liegen als die Ideen mit
denen Richelieu und Mazarin ihre Zeit regierten Machen Sie mich meine Herren
mit diesen Arbeitern Ihren Freunden bekannt Ich will sie nicht lehren
übermütige Forderungen zu stellen Ich kenne die verderbliche Macht der Phrase
Ich habe mich überzeugt dass in Paris der Trägste und Genusssüchtigste am meisten
jammert und künstliche Tränen in den communistischen Klubs vergisst Ich stelle
neben das Recht der Arbeit auch die Pflicht der Arbeit aber ich glaube dass die
Lage der hiesigen Arbeiter dieselbe ist wie die der unsrigen Sie leiden am
Kapital Sie dienen nur dem Unternehmer Sie sind dem Jammer der ungeschützten
Production ausgesetzt
Sie erzeugen Werte ohne sie absetzen zu können Sie können nicht von heute
auf morgen denken da sie in ewiger Ungewissheit über ihr Loos zittern müssen
Der Staat denkt an Alles nur nicht an sie Er beachtet sie nur wenn sie als
Rekruten in das Heer zu treten haben oder wenn man fürchtet dass sie sich zu
Emeuten zusammenschaaren Die socialdemokratische Lehre will dass der Staat des
Mittelalters aufhöre und auf der Basis der Menschen die arbeiten neu erbaut
werde Es sind vielfache Vorschläge gemacht worden diese Forderungen zu
verwirklichen sie scheiterten weil man glaubte an die Stelle der früheren
Isolirung die Allgemeinheit setzen zu müssen Man irrte sich meine Herren Die
Allgemeinheit muss die vernünftige Isolirung mit in sich aufnehmen können Die
Isolirung liegt einmal im Menschen Der Mensch wird immer darauf hinauskommen
eine Familie zu begründen Allein dieser Isolirungstrieb darf nicht überwuchern
Der Staat darf nicht dafür da sein nur die Familie allein zu garantiren er muss
Institutionen bieten die die Familien und die Allgemeinheit ausgleichen Weist
er diese Forderung als utopistisch zurück wohlan so ergreift die Flinte und
sterbt eher auf der Barrikade als dass ihr länger duldet eine Existenz die nur
den Rechnenmeistern den Börsenmäklern den Vornehmen zu gehören scheint In
Rom weiß ich war es einst mit dem Volke ebenso Es ruhte nicht bis es gehört
wurde und die Macht der Patricier wurde gebrochen Es ist Dies dieselbe Frage
die im Großen sich jetzt wiederholt Wir zertrümmern die Ordnung die wir
vorfinden um aus unsren Interessen heraus neue Institutionen zu gründen Bricht
nun vollends etwas Neues an stiftet man eine Republik und man benutzt sie doch
nur wieder für die alten Regierungsmaximen für die alten Börsenmäkler für die
alten Kapitalisten wohlan so müssen diese ewigen Feinde der Menschheit in
Ketten gelegt und unschädlich gemacht werden bis man sich verständigt hat ob
dies Alles nicht auch anders gestaltet werden könne Diese Kammern sitzen auch
hier und sprechen über links und rechts über die Geschäftsordnung über
erbliche nicht erbliche Pairs über die Rechte der Krone der Stände der
Wähler aber Niemand denkt daran den Staat von unten herauf neu zu bauen
Darum weil die Nationalwerkstätten in Paris scheiterten soll das Recht der
Arbeit widerlegt sein Darum weil ein Experiment misglückt soll man ein
anderes nicht versuchen Die Armut das Elend die Verzweiflung der Massen ist
da also auch die noch immer nicht gelöste Aufgabe der Zeit Ich fürchte eine
Revolution der Massen wie noch keine da war Man beeile sich ihren Gräueln
die nicht ausbleiben werden bei Zeiten vorzubeugen Man organisire die Arbeiter
zu Vereinen stelle erleuchtete Köpfe an deren Spitze und lasse sie mit jedem
Nachdruck den die Wichtigkeit der Angelegenheit nur fordert den Menschen
gegenüber die jetzt den Staat machen nicht mehr allein nicht mehr hilflos
nicht mehr in dumpfer Verzweiflung Das ist die Meinung eines Arbeiters der die
Lage seiner Brüder kennt
Louis Armand hatte diesen Vortrag unterstützt von Siegberts Nachhülfe in
ausreichendem Deutsch lebendig und erwärmt beendet und Dankmar gab ihm das
Zeugnis dass er auf Egon großen Einfluss müsste gewonnen haben stimmte er doch
fast wörtlich mit manchen zufälligen Bemerkungen des Prinzen zusammen nur dass
dieser wie Dankmar hinzusetzte leider noch immer zu glauben scheine wie
mit dieser Auffassung auch mancherlei Mittelalterliches getrost bestehen könnte
Leidenfrost murmelte und brummte Er meinte seine Arbeiter wären keine
Philosophen Die wollten arbeiten auch manchmal hungern nur sollte Recht und
Gerechtigkeit in der Welt herrschen Die Kommunisten im Handwerkervereine wären
Näscher Faullenzer Lärmmacher Er nannte mehre Doch unterbrach er sich
selbst da er Louis Armands Äußerungen wegen einer gewissen sentimentalen
Wehmut seines Vortrages achten musste Auch Werdeck an den nun die Reihe kam
sprach seine Zustimmung zu Vielem aus was dieser ihm immer mehr gefallende
junge Franzose gesprochen hatte
Der Major der Garde ein Adeliger Herr von Werdeck in einer solchen
Debatte mit einem Advokaten einem Techniker so wollte sich Leidenfrost
bezeichnet wissen einem Maler und einem Handwerker Das ist allerdings das
Bild einer aufgeregten Zeit Die öffentlichen Angelegenheiten hatten Alle
ergriffen Jede Schranke war wenigstens für einige Zeit gefallen Man kehrte
zwar bald in seine alten Lebensstellungen zurück aber Mancher behauptete sich
doch noch auf dem vorgerückten Standpunkte und verbrannte wohl gar die Schiffe
die ihn zu seiner früheren Existenz zurückführen konnten Werdeck fühlte und
sagte dies selbst Er begann
Meine Herren dass ich mich in Ihrem Kreise befinde ist für mich eine
Veranlassung persönlich zu werden denn wenn irgend Jemand ein verlorener
Posten ist so bin ich es Sie meine Herren können sich kaum so in der
Notwendigkeit einen bestimmten Entschluss zu fassen befinden wie ich Sie
lehnen sich an gleiche Gesinnungen Ihrer Freunde Ihrer Standesgenossen an Ich
dagegen stehe mit meinen Auffassungen ganz allein Ich fühle vollkommen wie
sehr meine Stellung exceptionell ist Es ist ein gehässiger Anstoß den ich nach
allen Seiten gebe Vor einigen Monaten fiel es nicht auf dass ein Offizier
Politik trieb Man hatte das Heer aufgegeben gedemütigt man wollte es dem
allgemeinen Bürgergeiste unterordnen und sah es gern wenn der Offizier auf
diese Kalamität einging gute Miene zum bösen Spiel machte und sich der
allgemeinen Debatte anschloss Der Hof gewann dadurch die Beruhigung dass die
Zugeständnisse die man gegeben hatte auf einer innern Notwendigkeit beruhten
Wenn der Adel wenn der Offizierstand politisirte dachte man so merke man
nicht was oben die Angst des Gewissens sprach Ja man hat uns sogar
aufgefordert uns an der Debatte zu beteiligen Man hat es gewünscht dass wir
uns hier und dorthin wählen ließ und nicht nur unsere Fachkenntniss geltend
machten sondern auch unseren disciplinarischen Geist verbreiteten und vor allen
Dingen dem alten Stock oder ZopfSoldaten bewiesen wie wenig sein Kastengeist
noch für diese Zeit ausreiche Bald änderte sich Das Die Ausschweifungen jener
Demokratie die man die einfache Strassenherrschaft nennen musste machten das
demokratische Prinzip selbst verdächtig Manche zogen sich zurück um nicht mit
dem Pöbel in Berührung zu kommen Andere weil sie sahen dass die Politik der
Fürsten bereits eine andere war als selbst vorläufig noch die der Ministerien
Es galt nun für guten Ton als Offizier sich von allen öffentlichen Kundgebungen
fern zu halten höchstens in den Ton der Reaction mit einzustimmen der zuerst
von den Gutsbesitzern Landräten den Pensionairs angeschlagen wurde Auch ich
zog mich zurück und folgte dem Beispiele fast jedes höheren Militairs und trat
in den Reubund Meine Herren der Mensch muss sich immer am Gegenteil seines
Wesens prüfen noch klarer aber wird er sich wenn er die scheinbar
gleichartigen Elemente die sich an seine Natur ansetzen wollen nicht ertragen
kann Ich entdeckte jetzt erst in den Beratungen des Reubundes meinen
Unterschied von den gewöhnlichen Persönlichkeiten Ich sah überall Egoismus und
Furcht Ich sah Menschen die sich mit Leidenschaft auf die Principien der
Stabilität warfen nur um sich und den Ihrigen ihre zeitlichen Vorteile zu
erhalten Die einzigen Doktrinaire darunter waren Adelige die aber zuletzt auch
für die Besteuerung ihres Grundbesitzes fürchteten Besonders verletzten mich
die ausrangirten alten Offiziere die in der Angst ein Pensionsgesetz könnte
ihnen die Belohnung für Das was sie mit Gott für König und Vaterland getan zu
haben glaubten verkürzen sich zu den seltsamsten Demonstrationen hergaben Ich
widersprach Erst ausführlicher dann immer kürzer und kürzer zuletzt in
Epigrammen Ich schied aus Wenn ich nun dem Beispiele aller meiner
Waffengefährten folgen wollte so musste ich die ganze Gährung der in mir
aufgeregten Begriffe gewaltsam niederschlagen und mich mit einem blinden
Demokratenhass darauf beschränken nichts sehnlicher als einmal ein allgemeines
Blutbad abzuwarten wo die Spitzkugeln und Bayonette Alles durchbohren und
aufspiessen sollten was nur irgendwie in einer Beziehung zu dem negativen
Principe unserer Zeit steht Ich gehöre zu diesen Bauchschlitzern nicht Ich
habe meine eigne Idee über den Adel sogar Ich glaube dass der Adel nur darum
vorhanden ist dass er erblich traditionell jene Vorzüglichkeit des Berufes für
das allgemeine Wohl empfängt die bei Dem für dessen Erziehung Eltern nichts
tun können eine aus ihm selbst geborene zufällige oft auch ausbleibende
Vocation ist Ich erkenne in meinem ziemlich alten Adel die Mission nicht eines
Genusses sondern einer Aufgabe Ist dies schon Torheit in den Augen meiner
aristokratischen Waffengefährten so wächst sie zum Verbrechen da ich mir eine
Vermittlung mit den Ideen des Jahrhunderts möglich denke Ich leugne nicht der
Krieger ist in einer verzweifelten Lage Man hat uns einen Eid abgenommen der
nach jesuitischer Moral wohl gelöst werden könnte ja es ist immerhin möglich
dass ein Einzelner sich durch eine tiefere moralische Betrachtung von den Banden
einer mathematischen Eidesformel loszulösen vermag allein es ist mit solchen
Verpflichtungen wie mit jenen Verpflichtungen der Ehre die zum Duell führen
Man verwirft das Duell und kann sich ihm doch nicht entziehen Der Fahneneid ist
einmal geschworen geschworen unter andern Verhältnissen wie sie jetzt
stattfinden Ich würde ihn so wie ich ihn geschworen nicht wiederholen Aber
er ist geschworen Nun kann man sagen Tritt aus den Reihen der Krieger die nur
den Landesherrn als Befehlshaber anerkennen aus Dies ist aber für Den der den
Beruf des Militairs einmal gewählt hat gerade so als wenn ein Prediger die
Kanzel nicht mehr besteigen soll auf der er anders predigt als das
Konsistorium will Der der sich als Christ fühlt wird sich aufs Äußerste
sträuben aus der Gemeinde auszutreten Der Lebenslauf den man wählt kann mit
Jemandes ganzer Natur zusammenfallen Ich bin ein Krieger Ich bin kaum etwas
Anderes Ich habe früher wenig Avancement gehabt die Friedenszeit war Schuld
daran Warum soll ich das Feld räumen Warum soll ich nicht hoffen die
politische Debatte dringe so weit durch dass unser Eid modifizirt wird und man
uns von der Einseitigkeit unseres Gelöbnisses freispricht Auch drängt es mich
das Beispiel einer Gesinnung zu geben wie sie sich leider in unseren Reihen so
spärlich nur gesäet findet Ach meine Herren welche Geistlosigkeit welche
blinde Leidenschaft welche brüske Impertinenz welch brutales Nichtdenkenwollen
in meiner täglichen Nähe Tritt irgend ein unabhängiger junger Mann von freiem
Urteil in den Dienst entdeckt man irgend einen Unteroffizier der eine
Broschüre eine Zeitung liest erhält man einen Reservisten der sich wohl gar
schon compromittirt hat wie wird er empfangen Da stellt sich der alte Oberst
in dem Kasernenhofe hin und hält eine Rede im Bauernstyl vom Siebenjährigen
Kriege und weckt den rohen gewaltsamen Sinn der Menge zur rohesten und
ungeschlachtesten Kundgebung durch Schimpfreden Kraftworte und Polissonerieen
die aus dem Munde oft weisshaariger alter Krieger kommen Die jüngeren Offiziere
greifen diesen Ton auf und setzen ihn in ihrer kleinen Sphäre fort Da hab ich
einen Sergeanten Heinrich Sandrart Vermögender Leute Kind hatte er etwas
Lockeres und klapperte gern mit seinen Mutterpfennigen ließ sich auf Bällen
sehen und war verliebt
Louis schlug die Augen nieder
Dieser junge Mann ist nicht Demokrat fuhr Werdeck fort aber meine
Leutenants machen ihn dazu Raucht er eine Zigarre so fragen sie ihn ob er Das
im Klub gelernt hätte Bläst er die Flöte in der Kaserne so lässt man ihm sagen
er sollte sich Das aufsparen bis er wieder in seinem Dorfe wäre Der junge Mann
dauert mich Er liebt unglücklich
Louis geriet in größere Spannung
Genug brach aber der Major ab solche und ähnliche Fälle beweisen wie sehr
man schon eine gewisse träumerische Selbstständigkeit an dem Krieger als
unzulässig verfolgt wie nun erst wenn er einmal ein Wort entgegnet oder wohl
gar sich einfallen lässt wie es Manche schon in meinem Bataillon taten dass sie
sich Staatsbürger nennen die nur momentan unter den Waffen ständen Ob es
jemals möglich werden dürfte die Armeen auf demokratische Grundlagen zu
organisiren dass darüber die unerlässliche Disziplin nicht zu Grunde ginge ob es
jemals möglich werden dürfte den Adelsgeist der hier und da sein Gutes hat
dem großen Zwecke eines Volksheeres dienstbar zu machen Das möcht ich wohl
wissen Ich gestehe dass ich ein Grauen empfinde vor dem Tage der früher oder
später kommen wird wo wir Soldaten in der Lage sein werden gegen den Geist der
Zeit einzuschreiten und gegen bessere Überzeugung mit der Waffe aufräumen zu
müssen Ich leugne gar nicht dass ein von jeder schwankenden Meinung der Zeit
herumgezerrtes Heer ein Heer das etwa einem Parlamente verpflichtet wäre und
nicht wüsste wer ihm Befehle zu geben hat sich bald auflösen würde Ich weiß
aber auch dass Heere die starr und beharrlich bei einem veralteten Principe
festielten wie Karten vom Sturme umgeblasen wurden denn mögen unsre alten
Obersten noch soviel in den Kasernenhöfen fluchen mögen sich die Leutenants
noch sosehr bei den vom Reubunde herausgegebenen Zeitungen in den Kaffeehäusern
Muts erholen mögen die jungen avancementssüchtigen Referendare und Assessoren
die bei der Volkswehr in kritischen Momenten als Offiziere eintreten noch so
bramarbasiren ich sehe doch dass der Unterbau morsch ist Die Gesinnung des
gemeinen Soldaten steht nicht so fest wie sich die Offiziere den Anschein
geben sie überall vorzufinden Das Reglement des Schiessens reicht aus Die
Attake wird schon schwieriger sein und für einen Feldzug voll Mühen und
Entbehrungen glaub ich bei unsren Armeen ohne große neue volkstümliche
Begriffe nicht einstehen zu können
Leidenfrost pries die Krieger die es in zweifelhaften Momenten mit dem
Volke hielten
Sagen Sie Das nicht alter Freund bemerkte der Major Ich habe die Art wie
in Frankreich die Regimenter schwanken nie billigen können und immer eine
moralische Abneigung empfunden wenn es hieß Die Linie ging über Glauben Sie
mir Leidenfrost Sie haben von dem in unserer Epoche liegenden Zuge zum Tode so
rührend gesprochen dass ich innerlichst davon bewegt war und erst jetzt
begreife warum eine Kugel vor den Kopf eine Wohltat sein kann Allein nicht
bloß dieser Zug der mir vorkommt als sollt ich sagen Unsre Zeit ist gleich
einem Standbilde von Marmor dessen Augen ohne Augensterne sind nicht nur
dass diese toten Augen uns rühren rührend ist auch in dieser Zeit der Jammer
der Pflicht Die Pflicht meine Herren ist die Träne im Auge des Kriegers Es
liegt etwas Majestätisches in dieser Fessel durch ein gegebenes Wort Lassen Sie
mich wieder ein Bild brauchen Diese schweren Pflichterfüllungen erinnern mich
an jene sterbenden Gladiatoren die hingesunken erschöpft und todesmatt an der
Erde liegen noch einmal die Arme stützen um sich zu erheben und doch schon den
Kopf sterbend sinken lassen freie Menschen die gefangen in der Lage waren
gegen ihren Willen ihre eignen Landsleute die in gleichem künstlichen und
beklagenswerten Ingrimm ihnen gegenüberstanden bekämpfen zu müssen eine
Zeitlang der Ehre wegen standhalten und dann gern sterben um ein Leben voller
Schande und Sklaverei loszuwerden für ewig
Der Major schwieg Der sonst so scharfe Ausdruck seiner Gesichtszüge hatte
sich verloren Die hochgezogenen schwarzen Augenbrauen senkten sich mit dem
Blicke der kummervoll auf der runden Tafel des Tisches ruhte Die rechte Hand
hielt mechanisch den grünen Römer ohne dass ihn Werdeck zur Lippe führte Ein
tiefer Schmerz hatte den sonst so elastischen Körper und dessen lebhafte
Bewegungen gelähmt
Leidenfrost reichte dem Major die Hand über den Tisch Es lag etwas so
Schmerzliches in dieser Begrüßung dass es Allen auffiel und dem Major
Veranlassung wurde in seiner gerührten Stimmung mit den Worten hervorzubrechen
Dass ich hier unter Ihnen bin meine Herren Ich dank es nicht dem Geist
sondern dem Herzen Maximilian Leidenfrost sollte den wunderbaren Roman
erzählen der mich an ihn fesselt Sie wissen sicher welche abenteuerliche Bahn
seine Jugend durchlief Er ist ein Soldatenkind und führt den Namen Leidenfrost
nur aus Gefälligkeit Leidenfrost Leiden im Froste Wo gab es grimmigere
Leiden im Froste als 1812 Ein hülfloses kleines Kind ein Mädchen liegt in den
Armen eines sterbenden Wanderers der aus Sibirien entfloh und die Freiheit und
die Erlösung von seinen Leiden auf den Schlachtfeldern fand in deren Schrecken
er sich auf seiner Flucht verirrte Unter Leichen unter Eis und blutgetränktem
Schnee verschmachtet der Vater jenes Mädchens und die Kleine ist dem Tode nahe
als ein vorüberziehender halberfrorener fliehender deutscher Soldat das
hülflose Schreien des Kindes hört und es aus den Armen des toten Vaters nimmt
Er eignet sich die wenigen Habseligkeiten des Toten zum Besten des Kindes an
und trägt den verschmachtenden Wurm mit sich durch Russlands Schneefelder und
Eissteppen Er gedachte eines Knaben den er selbst daheim bei seinem jungen
Weibe eben vor seinem Ausrücken unter Napoleons Fahnen zurückgelassen hatte
Dieser arme Soldat war ein Deutscher und hieß Brüning Sein Knabe hieß
Maximilian nach seinem König es war ein Baier Seinen Pflegling aber den er
aus Russland hinweg auf den Armen trug nannten entweder Er oder Andere Josephine
Leidenfrost Wenigstens tauchten beide Kinder Max Brüning und Josephine
Leidenfrost unter diesem Namen in einem polnischen Kloster zum Herzen Jesu auf
Vielleicht hatten die Nonnen dem Findling diesen sinnreichen Namen gegeben Der
verwundete Baier konnte nur bis Gnesen kommen Dort brach seine Kraft zusammen
er verfiel dem Typhus sein Pflegekind die kleine Tochter des sibirischen
Flüchtlings eines Polen wurde dem Kloster übergeben Da suchte den erkrankten
Soldaten im Frühjahr 1813 sein Weib auf dag zu Fuß elend und arm ihren Knaben
in einem Tuche das sie über die Schultern band tragend durch Franken
Thüringen und Sachsen nach Gnesen wanderte wo sie wusste dass ihr Gatte Brüning
krank darniederlag Das treue Weib findet den Mann im Fieberwahnsinn sie pflegt
ihn erkrankt selbst stirbt und ihr genesener Gatte begräbt sie Seinen
Knaben Max gibt er zu Josephinen in das Kloster zum Herzen Jesu und er selbst
tritt unter die neuentfaltete preußische Kriegsfahne folgt der Proklamation von
Kalisch ich habe nie wieder von diesem ehrlichen Brüning etwas vernommen Es
ist der Vater unsers Max da
Der Major schwieg eine Weile Die Andern blickten teilnehmend erstaunt auf
den Maler der mit gestemmten Händen den Kopf hielt und in seinen Römer blickte
wie auf den Grund eines rätselhaften Sees oder wie man am Rhein auf die Stellen
blickt wo die Sage von verschütteten Horten erzählt
Der Major fuhr fort
Max das Soldatenkind da und Josephine die Polin galten für Geschwister
ohne es zu sein Sie liebten sich wie sich Kinder lieben die zusammen lernen
und spielen und die Nonnen flössten Beiden die ganze Schwärmerei in die jungen
Herzen die sie der Welt entsagend nur in ihren Träumen oder in ihrer
Hingebung an Christus und die Heiligen aussprechen konnten Es war leicht
erklärlich dass man Max als Katholiken erzog ebenso dass man auch ihn
Leidenfrost nannte weil die Nonnen auf ihren vielleicht von ihnen erfundenen
Namen stolz waren Max Leidenfrost wurde zuletzt ein gefährliches Element unter
den Nonnen Man führte ihn nach Warschau in ein Mönchskloster Entführen hätt
ich sagen sollen Denn die Trennung von seiner Schwester soll List und
Hinterhalt genug nötig gemacht haben Dort im Warschauer Kloster erzählt die
Chronik viel Streiche von dem ketzerischen Knaben Max Brüning genannt
Leidenfrost Streiche die nicht in die Legende der Heiligen kommen werden
Josephine blieb bei den Nonnen bis Sibylla die Äbtissin eine herrliche
verständige Dame den geringen Beruf des Mädchens für die geistliche Welt
erkannte und sie nach Warschau zu hohen Verwandten schickte Äbtissin Sibylla
gehörte dem altpolnischen Adel an Josephine und Max sahen sich wieder und die
Liebe des jungen Halbnovizen für seine Namensschwester wuchs Ich will die
Abenteuer nicht ausmalen die der romantische Sinn der zusammenerzogenen für
Geschwister geltenden jungen Leute
Der Major unterbrach sich
Hab ich nicht Recht Max
Leidenfrost hob den Kopf und schüttelte ihn lächelnd
Ich bin stumm gewesen und höre nur sagte er
Es war mir doch bemerkte der Major zur Flamme emporsehend als hört ich
doch ich bin bewegt und meine Phantasie überhört vielleicht dass ich selbst
der Sprecher bin Genug Josephine ist jetzt das Weib des Majors Werdeck aber
welche Kämpfe hat es gekostet bis ich sie mir errang Ich lernte sie vor zwölf
Jahren in Warschau kennen hangend und bangend in Liebe um ihren teuren Max
der um nicht Priester zu werden vor zehn Jahren entflohen war verkleidet als
Bedienter eines russischen Vornehmen Ottos von Dystra Welch ein Verkehr
hatte sich zwischen ihnen entsponnen Max lernte vom Kleinsten auf und rang nach
äußerer Bewährung eines innern Genius der in ihm rauschte ohne dass er ihn
bändigen konnte Was hatte er bei den Mönchen gelernt Nichts als nur schreiben
aber zierlich malerisch schön Eine Künstlernatur lebte in ihm ihm
unverständlich Er konnte kaum noch richtiges Deutsch er musste in Allem von
vorn beginnen und vergriff sich in den Mitteln seinen Geist zur Höhe zu
bringen Statt Maler Anstreicher statt Bildhauer Drechsler Josephine galt
in dem Hause wo sie lebte für eine Waise ohne Lebensansprüche Sie liebte Max
und empfing seine Briefe die sie beantwortete wie Heloise die Briefe des
Abälard beantwortete Max raffte sich immer gewaltiger empor Immer bedeutsamer
wurde sein Talent Er war Künstler Maler er konnte stolz sein Josephinen
einst seine Hand zu bieten Da sah ich dies reizende Mädchen in Warschau wie
ich als Hauptmann dort in einem militairischen Auftrag anwesend bin Ich liebe
Josephinen sogleich trag ihr meine Hand an und trotzdem dass durch die
Papiere die Brüning in Russland dem toten Vater abnahm des Mädchens wahrer
Name ihre adlige Herkunft allmälig entdeckt wird schlägt sie meine Bewerbung
aus und reist nach dieser Hauptstadt um den inzwischen hier zur Geltung zur
selbstständigen Freiheit gereiften Bruder zum Gatten zu nehmen da
Der Major stockte und unterbrach sich mit den Worten
Bin ich ein Tor dass ich diese Erzählung begann Was führt mich darauf
Die Freunde drückten ihren Dank ihre größte Spannung aus Louis Armand der
sich seines halbpolnischen Ursprungs erinnerte schien besonders bewegt
Aber der Major sagte
Nur der Trieb Ihnen zu sagen warum ich gern mit Ihnen lebe gern in Ihrem
Kreise bin meine Herren öffnete mir die Zunge zu dieser Geschwätzigkeit
O wohl lachte Leidenfrost auf Mit den sogenannten Verstandesmenschen
wofür der Major gilt geht gewöhnlich die ganze Logik durch und reißt der
Verstand alle Stränge wenn die einmal auftauen und ihr Herz zeigen wollen Die
Geschichte ist ganz einfach Josephine kommt hierher Der Hauptmann von Werdeck
bestürmt sie mit seiner Liebe Ich sehe sie sie sieht mich wieder Nach sechs
Jahren Abälard und Heloise Lacht nicht Kinder es ist zum Weinen Betrachtet
mich Was Nicht wahr Ich bin hässlich Diese Citrone die ich hier fasse ist
mein Gesicht Diese Löcher sind meine Augen Diese getrocknete Zwetsche ist
meine Nase Ideal und Wirklichkeit Josephine sieht mich wieder entsetzt sich
erwacht von ihrem Jugendtraum und heiratet den Hauptmann von Werdeck den sie
liebt wie einen Gatten mich liebt sie noch jetzt wie einen Bruder
Als Max Leidenfrost diese Erzählung lachend aber mit unterdrückten Tränen
zum Besten gegeben hatte waren Alle stumm von Schmerz und rührender Teilnahme
ergriffen
Genug Genug fiel er aber selber ein Vorwärts jetzt Dankmar sagen Sie
jetzt Ihren Plan
Dankmar konnte sich nicht sogleich aus dem Staunen über dies eigentümliche
Verhältnis zwischen drei edlen Menschen emporraffen und schwieg
Da ergriff Leidenfrost den Römer und sagte
Dir holder Genius meines Lebens dieses Glas Dir Josephine um die ich
rang und arbeitete Dir zu deren Ruhm und Preis ich mein Leben aus dem Gemeinen
und Zufälligen emporrichtete Du warst der Stern meiner Nächte die Sonne meiner
lichteren Tage Um dich darbt ich um dich dient ich Und als ich ein
Herrscher zu sein glaubte und meine Krone mit dir zu teilen wagte da weintest
du und verhülltest dich Lebewohl Josephine rief ich und stürzte mich wie ein
Wahnsinniger ins Leben ich trat meine Kunst mit Füßen Ich wurde ein Verräter
an mir selbst Die Verzweiflung peitschte mich wie mit Furiengeisseln Ich ein
Scheusal Eine Abirrung der menschlichen Formen Ich ein Plastiker unschön Da
trieb es mich auf die Bühne Schauspieler wurd ich heute um mich zu schminken
und schön zu sein morgen um mir einen Buckel überzuschnallen Gesichter zu
schneiden rote Haare aufzukleben und vor den Spiegel zu treten und zu sagen
Jetzt bin ich erst hässlich Jetzt erst entsetzen sich die Engel vor dir Das
bist du nicht selbst Du bist ein Adonis ein Gott gegen diese Fratze Und so
trieb ichs fort bis ich wiederkehrte mich besann mich ergab ergab als
Menschenfeind Ich fand die Geliebte die Schwester ernst vornehm aber wieder
gut Sie war nicht die alte Josephine mehr sie war jetzt nach entdeckten
Familienpapieren Jagellona
Jagellona unterbrach Louis Armand
Jagellona von Werdeck Franzos fuhr Leidenfrost fort Jagellona die Polin
die Adlige wie es die Gesellschaft verlangte Aber sie hat noch ein Herz noch
Liebe Sie liebt Ideen Menschen die Ideen tragen und verkörpern sie liebt
Polen und die Freiheit Jagellona ist meine Josephine nicht mehr aber Werdeck
wurde mein Freund
Dein Bruder Max sagte Werdeck und reichte dem Sprecher tiefgerührt die
Hand Im Geiste bliebst du meinem Weib ihr alter Max
Im Geiste ist Alles möglich sagte Leidenfrost Stosst an auf Jagellona
Siegbert der des Rühmlichsten genug von der Majorin zu erzählen pflegte
stieß mit Enthusiasmus an Dankmar mit Vorwürfen die er sich selbst über seine
Zurückgezogenheit von der Gesellschaft machte Louis mit der Frage auf den
Lippen wie denn wohl der fernere Name dieser Jagellona heißen mochte
Da machte Leidenfrost gleichsam einen Strich über diese ganze Unterbrechung
und sagte entschieden
Und nun kein Wort mehr davon Ihr kennt jetzt die Tragödie die ich in
meinem Herzen spiele besser hoffentlich als ich einmal sechs Monate lang
früher in Wirklichkeit auf den Bretern spielte Jetzt zur Sache Dankmar
Wildungen Unsre Stimmung ist hinlänglich feierlich Reden Sie
Dankmar entschloss sich nun in den angeregten Gegenstand einzulenken und
sprach
Sie haben Herr Major in Ihren früheren Äußerungen das tiefe Weh dieser
Tage ausgesprochen Sie haben an Ihrem Beispiele gezeigt wie lang die Bahn
gemessen ist die unser redlicher Wille durchlaufen muss wenn er sich in eine
Tat umsetzen will Hundert Gründe etwas zu tun tausend etwas zu
unterlassen Das Ideal ahnen wir aber Nebel umgeben die Sonne Auf dem Wege zur
Wahrheit hundert Lügen und Lügen nicht einmal die wir verachten dürften nein
wir sollen uns mit ihnen abfinden sollen selbst lügen um von ihnen ehrlich
loszukommen Wir Alle hier sind Demokraten Das Wort ist alt Seine Geschichte
lehrreich Die Moral dieser Geschichte abschreckend Ich gebe zu dass die
Chronisten dieser Geschichte meistens Aristokraten waren wenn auch nur
Aristokraten der Bildung und Gelehrsamkeit
Aber unverkennbar ist es dass zu allen Zeiten sich in ein lauteres reines
Prinzip unlautere Elemente mischten Könnten wir diese von unserer Debatte
ausscheiden Das demokratische Prinzip galt bisher nur für kleinere Staaten
jetzt erst ist es ein Weltdogma geworden ein geschichtlicher Hebel Da ist es
fast so groß so heilig zu erachten wie eine Religion Eine Religion muss
unendlich einfach sein Die Offenbarung gibt die Geschichte Drei Sätze genügen
Das Übrige tut der Geist die Gesinnung die Hoffnung Wir haben vier Meinungen
gehört Alle wurzelten sie in einem Stamme und waren so verschieden und
stritten wir noch länger darüber so würde statt Einigung Veruneinigung kommen
Der Eine empfiehlt eine augenblickliche Tat der Eine will nur die Gefahr des
Experimentes wagen der Dritte lieber mit dem Alten untergehen nur um nicht das
bedenkliche Neue zu versuchen So werden wir uns nie vereinigen So werden wir
immer nur die Repräsentanten des Chaos sein das jetzt in den Gemütern gährt
und allen erleuchtenden und erwärmenden Lichtstrahlen unzugänglich scheint weil
jede Subjektivität leidenschaftlich reizbar eigensinnig ist Freunde wir
müssen unsre Lehre vereinfachen aber die einfache Lehre kraftvoller
durchsetzen Wir müssen es aufgeben positive Schöpfungen hervorzurufen und uns
begnügen nur den Geist in dem sie erwachsen sollen zu befördern Keine
Theorie Aber für den Geist der Theorie das Leben Hört mir zu Freunde Die
Stunde ist heilig Stosst auf eine Idee an Ich wünsche dass es so wie in unsern
Gläsern auch in unsern Herzen widerklingen möge
Man stieß mit Dankmar dessen Augen leuchteten feierlich an Vom Ratsturm
schlug es zehn Als die Gläser gesenkt waren begann Dankmar mit fester Stimme
von der Notwendigkeit zu sprechen über den Bund der Freimaurer hinaus einen
neuen zu stiften einen Bund den er den der Ritter vom Geiste nannte
Neuntes Kapitel
Die Stiftung des Bundes
Kaum hatten die beiden Schreiber Schmelzing und Hackert auf dem Estrich
kauernd die Gesellschaft ehe noch Werdeck kam unter sich in die kleine
Trinkstube eintreten hören als sich auch der Letztere sogleich von einigen
Stimmen an ihm bekannte Menschen erinnert fühlte Noch wusste er nicht deutlich
zu unterscheiden wo er das eine oder das andere Organ hinbringen sollte Die
Worte die unten gesprochen wurden bekamen durch die Wölbung und die Resonanz
etwas Schnurrendes ja Unangenehmes Man musste etwas von der Kreuzesform
zurückbleiben um nicht durch das Schnarren der Stimmen verletzt zu werden Für
Schmelzings Ohr waren diese Töne gerade so wie er sie haben musste Er hielt
sich so dicht an dem flammenden Kreuze dass ihn Hackert einige male zurückzog
und ihm durch die Fingersprache sagte
Sie werden sich Ihre paar Haare noch vollends abbrennen Schmelzing
Schmelzing zeigte boshaft auf Hackerts rotes Haar dem das Sengen nicht
viel schaden könnte zog dann ein Portefeuille und legte es sich zum Notiren der
unten gesprochenen Worte förmlich zurecht
Hackert sah diese Zurüstung mit Gleichgültigkeit Er war ein Mensch des
Augenblicks Weil die Stimmen ihm im Ohre wehtaten so gönnte er ihnen dass
Schmelzing ihr lautes Lachen und Scherzen aufschrieb Ruhig streckte er sich am
oberen Ende des Kreuzes hin während Schmelzing am unteren kauerte und bald
horchte bald schrieb bald das Brot und den Wein zurechtlegte für ein
geordnetes später einzunehmendes Souper denn deutete er Hackerten an diese
Sitzung da unten würde gewiss lange währen es schiene heute ein Hauptschlag
beraten zu werden
Hackert riet hin und her wer die Sprecher sein mochten endlich vernahm er
in dem Durcheinander bei dem der ihm unbekannte Leidenfrost am meisten hörbar
war eine sanftere mildere Stimme Es war Siegberts Unwillkürlich kam es
Hackerten als müsste er nun durch das Kreuz sehen Schon hielt er den Kopf hin
als er vor der Hitze der Flamme erschreckt zurückfuhr
Das ist Siegbert Wildungen dachte er sich Mein wackerer Freund der so
liebevoll für mich gesinnt gewesen und den ich an jenem Abend vor dem
Fortunaball so niederträchtig kränkte dass ich ihn für immer vermeiden muss
Und nun erkannte er auch Dankmars Stimme
Jetzt erst schwebte ihm klar und deutlich vor welche Rolle er hier spielte
Menschen die ihm fremd zu belauschen und neue Entdeckungen im Gebiete des
bunten Lebens zu machen wäre ihm vielleicht sonst eine Unterhaltung gewesen
Als er aber die Stimmen befreundeter Menschen hörte als er sich erinnerte wie
freimütig Dankmar auf der Fahrt vom Heidekrug nach Hohenberg gegen den
verkleideten Prinzen Egon sich geäußert hatte als er sich vorstellte in
wieviel gefährliche Dinge schon Dankmar verwickelt war und wie er sich doch
gleichfalls an jenem verhängnisvollen Abend geneigt gezeigt hatte ihm zur
Aussöhnung und Verständigung die Hand zu reichen da befiel ihn über die
Möglichkeit ihre Äußerungen könnten ihnen Gefahr bringen eine unbeschreibliche
Angst Er lauschte nochmals Er glaubte sich getäuscht zu haben Aber es blieb
unwiderleglich dass die Brüder Wildungen unter ihm waren Als man allgemein
Guten Abend rief und einen Neuangekommenen begrüßte hoffte er das Gespräch
würde sich in Allgemeinheiten verlieren Er machte deshalb Schmelzing ein
Zeichen als wollte er sagen Es sind wohl die Rechten nicht Dieser aber
bemerkte dass gerade der Neuangekommene der Rechte wäre Hackert möchte ihn
jetzt nicht stören sondern lieber auch seine Schreibtafel ergreifen damit sie
hernach ihre Notizen vergleichen könnten
Hackert um Verdacht zu vermeiden befolgte diese Weisung Er zog eine
pergamentne Schreibtafel und stellte sich als wenn er außerordentlich begierig
wäre zu erfahren was gesprochen wurde In der Tat war er es auch Noch immer
hoffte er auf Allgemeinheiten und persönliche Gegenstände Als er aber den
Accent eines Franzosen hörte den Staat die Zeit die Willingschen
Maschinenarbeiter nennen hörte stand es ihm in der Tat fest dass die Polizei
außerordentlich gut unterrichtet war und wohl Ursache haben konnte Gesinnungen
dieser Art zu überwachen
Zugleich aber kämpfte gegen die offenbare Überzeugung dass es sich hier um
ein gefährliches Staatskomplott handelte alles Das an was er von Siegberts
mildem und Dankmars besonnenem Charakter wusste Unmöglich konnten sie
gewalttätigen Unternehmungen Vorschub leisten aber wenn sie sich hätten
hinreißen lassen wenn sie der Überredung eines ehrgeizigen Kriegers eines
französischen Emissairs hier Gehör gäben Hackert war von der Vorstellung der
Gefahr in der die unten versammelte Gesellschaft schwebte so ergriffen von
Teilnahme für die Brüder Wildungen so bewegt dass er beschloss Alles
aufzubieten um Schmelzing zu verwirren und für den Fall dass wirklich Ernstes
unten besprochen wurde ihn in irgend einer Weise unschädlich zu machen
Zunächst fing er an Schmelzingen an die Pennalhälften zu mahnen Er gab ihm
die größere und füllte sie mit dem etwas säuerlichen HautSauterne den die
Polizei für diese Expedition auf Rechnung der »geheimen Fonds« setzte
Schmelzing lehnte die längere Hälfte ab und wollte nur aus seinem kleineren
Fingerhute trinken Dem Essen das Hackert vorzulegen anfing sprach er eher zu
dabei aber unaufhörlich winkend kein Geräusch zu machen und seine
Aufmerksamkeit nicht zu stören
Hackert ließ sich aber nicht beirren Er dachte ich muss dich bei deinen
schwachen Seiten fassen Die nächste Schwäche des schleichenden tückischen
Schreibers war seine Eitelkeit Hackert musterte den Mantel auf dem er lag und
gab ihn Schmelzingen da er zu kostbar wäre als Fussdecke benutzt zu werden Das
hörte Schmelzing schon gern Dann lobte er seine Halsbinde und fragte ihn wo er
seine Halsbinden jetzt waschen ließe Schmelzing antwortete auf alle diese
Fragen mit der Fingersprache Es bot einen eigentümlichen Anblick diese zwei
Menschen am Boden kauernd zu sehen zwischen ihnen ein flammendes Kreuz oben
Alles todtenstill und sie Beide doch sprechend die Finger reckend die Arme
bewegend bald an die Brust bald ans Kinn bald an die Nase die Ohren die
Haare fassend Sie hatten sich in müßigen Stunden Beide eine solche Fertigkeit
in dieser Art der Mitteilung und des Gedankenaustausches angeeignet dass sie
sich nicht nur über äußere sinnlich ins Auge fallende Gegenstände
verständigten sondern so auch über Ansichten und Empfindungen
Wissen Sie wohl Schmelzing sagte Hackert mit der Fingersprache während er
mit Herzklopfen hörte dass eben Dankmar die Frage beantragte welchen Entschluss
man für die nächste Zeit fassen müsste wissen Sie wohl was man von Menschen
denken muss die ihr Gehör verlieren
Lassen Sie mich jetzt zufrieden antwortete Schmelzing mit der
Zeichensprache horchte und schrieb emsig
Nein im Ernst Schmelzing Lassen Sie doch unten die dummen Kerle ihren
Rüdesheimer trinken Ich geb Ihnen mein Wort es hat etwas auf sich mit dem
Gehör
Schweigen Sie Hackert
Das Gehör Schmelzing ist der niedrigste schlechteste und erbärmlichste
Sinn des Menschen Männer von Geist verlieren immer erst das Gehör
Wirklich
Wissen Sie denn Schmelzing dass der Mensch eigentlich stufenweise abstirbt
Sprechen Sie hier nicht von Sterben Hackert Ich verbitte mir Das
Wie alt sind Sie Schmelzing Neunundzwanzig nicht wahr
Schmelzing konnte nicht umhin etwas zu schmunzeln Er hatte sicher schon
sein Vierzigstes auf dem Rücken
Vom dreissigsten Jahre an sterben wir allmälig ab und zwar an unsern fünf
Sinnen
Zum Donnerwetter Seien Sie still Hackert
Hackert hörte dass Siegbert eben einen langen politischen Vortrag hielt und
ununterbrochen redete Er ließ sich nun nicht stören sondern wandte die ganze
Kraft seiner Fingerberedtsamkeit an um Schmelzing vom Nachschreiben abzuhalten
Gemeine Menschen sagte er sterben von oben herab edle Charaktere von
unten herauf
Wie so fragte Schmelzing der dabei an seine Füße dachte die ihm beim
Sitzen oft einschliefen oder kalt wurden
Was sehen Sie denn auf Ihre Füße Schmelzing Ich rede ja von Ihrem Gehör
Lassen Sie mich in Ruhe
Das Gehör ist wirklich das Gemeinste am Menschen Nur bei den Dummen ist der
Gehörsinn am schärfsten ausgebildet
Wie so
Je furchtsamer ein Tier ist desto besser hört es Alle feigen Tiere
Hasen Rehe Maulwürfe hören gut
Wirklich
Ein geistreicher Mensch lebt in sich und hört darum so wenig Plato und
Aristoteles kann ich Ihnen die Versicherung geben Schmelzing waren schon in
ihrem dreissigsten Lebensjahre stocktaub und wenn Sies nicht wissen wer Plato
und Aristoteles waren so sag ichs Ihnen das waren die beiden weisesten von
den sieben Weisen Griechenlands
Sie wollen mir etwas weismachen Hackert
Ich gebe Ihnen mein Wort Erst kommt das Gehör dann
Halt halt fingerte Schmelzing mit Zorn und zeigte nach unten
Hackert horchte hin es war von den Willingschen Maschinenarbeitern und dem
Handwerkervereine die Rede
Jetzt erst recht gab Hackert keine Ruhe
Gut zu hören fuhr er fort ist gemein dann kommt gut sehen das ist
weniger gemein aber noch immer gemein dann kommt gut fühlen Das ist
Mittelsorte Dann steigts aber ins Feine Erst gut zu schmecken Dann aber das
Feinste Schmelzing
Gut zu riechen fragte Schmelzing erstaunt
Der feine Mann hat seinen schärfsten Sinn in der Nase
Gehen Sie weg
Glauben Sie Das nicht Sie wissen also nicht dass alle Weisen Griechenlands
am stärksten in dem Organe der Nase waren
Ich meine doch dass erst der Geschmack kommt sagte Schmelzing von diesen
Auseinandersetzungen aus Eitelkeit interessiert
Ach wie irren Sie sich Schmelzing Geschmack ist fein aber Geruch viel
feiner
Ich rieche sehr fein
Wirklich
Sehr fein
Riechen Sie zB ob Das hier Kohlen oder Teergas ist ich meine das Gas
das von den drei Kreuzen kommt
Dafür kann ich nicht Chemie genug sagte Schmelzing Aber ich rieche dass
hier viel Mäuse und wenig Katzen sind
Sehen Sie einmal an das riech ich nicht Schmelzing sagte Hackert immer
trocken und in der Miene ruhig Plato soll in seinen letzten Lebensjahren seine
künftige Verwesung schon voraus gerochen haben An sich selbst, Schmelzing
Ach schweigen Sie von Verwesung Hackert
Sie haben gut reden Sie haben den feineren Stufengang der Sinne
Schmelzing und ich fürchte sehr ich habe nur den gemeinen
Sie machen Possen
Im Ernst Sehmelzing Ich sterbe umgekehrt ab Ich rieche schon jetzt gar
nichts Mein Geschmack ist dürftig Der Wein zB mundet mir keineswegs und doch
seh ich an der Etikette dass es der feinste ist den der Polizeiminister kaum
besser hat Mein Gefühl ist leidlich Aber sehen kann ich durch ein eichen Bret
und hören ist meine Leibpassion Ich höre zB jetzt eben
Was hören Sie
Hören Sie nicht die Tür knarren
Machen Sie mir keine Angst Lassen Sie Das
Es ist möglich dass ich mich täusche Wissen Sie was Schmelzing ich will
mich hinlegen und schlafen
Hier sprang Schmelzing auf Hackert hatte die Bezeichnung des Schlafens so
eigentümlich dargestellt dass Schmelzing an die alte Nachbarschaft und das
frühere Nachtwandeln Hackerts dachte von dem dieser behauptete jetzt gänzlich
geheilt zu sein
Es fehlte nicht viel so hätte Schmelzing nun laut gesprochen Der Dialog
über die feine und die grobe Stufenleiter der Sinne ging durch die
Zeichensprache sehr leicht zu versinnlichen Die beiden Sprecher hatten immer
nur nötig auf die betreffenden Organe zu zeigen Diese Andeutung aber dass
Hackert hier schlafen wolle und wohl gar in seinen alten Zustand verfallen
könnte diese Möglichkeit verbunden mit so scharfem Gehöre dass er eine Tür
wollte knarren gehört haben war Schmelzingen zuviel Hätte er nicht das
Geräusch gefürchtet er hätte Hackerten sein Holzpennal an den Kopf geworfen
oder einen Tintenstecher den er schon aus der Tasche zog
Hackert ließ in seinen Angriffen auf Schmelzings Ruhe nach denn Siegbert
hatte aufgehört zu reden Das Durcheinander von Stimmen das herauftönte
brachte jetzt nicht ein einziges gefährliches Wort Schmelzing war außer sich
vor Zorn als er auf seine leeren Blätter blickte
Es wurde unten ruhiger Eine Stimme sprach die Hackert nicht kannte Es war
dies die Stimme von Leidenfrost Anfangs dachte er der mag reden soviel er
will Plötzlich nahmen Leidenfrosts Äußerungen aber einen Charakter an der
Schmelzingen bestimmte unwillkürlich auszurufen
Herr Gott Nun kommts
In der Tat war Das die Rede eines vollständigen Demagogen
Ja dachte Hackert Das wird nun arg Es sind in der Tat die
unvorsichtigsten Menschen von der Welt da unten Wie kann Siegbert Wildungen
ableugnen dass er in Gemeinschaft eines solchen Aufrührers politische
Beratungen gepflogen hat
Und nun entschloss er sich rasch Schmelzingen aufs neue in Verwirrung zu
bringen
Die erste Schwäche des Schreibers sein Ehrgeiz war schon ergiebig gewesen
Er entschloss sich mit einer neuen anzubinden Schmelzing war verliebt Hackert
wusste Das nicht nur im Allgemeinen sondern hatte sogar an mancher
Zudringlichkeit gegen Louise Eisold beobachtet dass er einen Eindruck seiner
hageren gespenstischen Figur auf das junge ihn verachtende Mädchen für möglich
hielt Ihm Hackerten war der Gedanke an Louisen etwas Heiliges Er liebte sie
nicht er fürchtete sich vor ihr er entfloh sogar in allen seinen Gedanken der
Erinnerung an dies edle sittenreine Mädchen Sein Atem stockte seine Brust
beklemmte sich wenn er ihrer gedachte ihrer die er verlassen die er nie
wieder aufgesucht hatte auch im Geiste geflohen war Aber nun musste er ihr
Andenken heraufbeschwören Wachrufen in der gemeinen Seele dieses dürren
Schmelzing Er besann sich ob er denn nicht irgend ein anderes Mädchen wisse
dessen Namen er entweihen durfte um Schmelzings Phantasie zu verwirren Er
fand keine Da hörte er dass der Sprecher unten die Barrikaden erwähnte und
ohne lange Besinnung machte er einen Griff an seinen linken Ringfinger und
zeigte auf denselben Finger an Schmelzings Hand
Schmelzing wollte nicht hören
Hackert wiederholte das Zeichen
Wo haben Sie denn Ihren Ring Schmelzing sagte er
Zum Donnerwetter Welchen Ring
Den Ring von Louise Eisold
Ich einen Ring von Louise Eisold
Wie Sie auszogen
Wie wir auszogen
Den Ring den sie Ihnen zum Abschied an den Finger steckte
Mir einen Ring Sie schlafen wohl
Schlaf ich Träum ich vielleicht
Hackert seien Sie still In meinem Leben nehm ich Sie nicht wieder hier
mit
Was wollen Sie denn Ich weiß doch dass Sie da an der linken Hand immer
einen Ring trugen und Louise hat mir selbst gesagt dass sie Ihnen noch einen
Ring geben wollte Wars der nicht
Mir einen Ring geben Sie verwechseln sich wohl mit sich selbst
Halten Sie mich für eitel Die Louise hat Nachsicht mit mir gehabt weil ich
Ihr Freund bin
Lassen Sie mich in Ruhe
Aber ich habe ja die Haare selbst gesehen die sie für Sie abschnitt
Köstliche braune Haare Schmelzing Sie gab sie zum Haarflechter und es sollt
ein Ring für Sie werden Hernach zogen Sie aus und erkundigten sich nicht mehr
nach einem Mädchen das Sie überraschen wollte Sie staunen Schmelzing Sehen
Sie dass Sie doch zu kurz kommen mit Ihrem schlechten Gesicht und Gehör Plato
hatte auch kein Glück in der Liebe denn er war kurzsichtig
Man nennt Das die Platonische Liebe Man muss ein scharfes Auge haben um
ins Herz zu sehen und wenn Eins laut seufzt und man ist stocktaub und hörts
nicht so war man freilich ein Esel Vergeben Sie mir meine Freimütigkeit
Hackert Sie machen mich ganz confus
Aber wonach riecht Das hier rief Hackert plötzlich sich aufrichtend
Schmelzing zog mit der Nase die Luft ein
Eau de Kologne Schmelzing sagte Hackert Hier sind Frauenzimmer in der
Nähe
Die Wirkung dieser rasch gesprochenen Worte auf Schmelzing war elektrisch
Im Nu verlor er wirklich alle Besinnung Hatte schon der Wein die Erwähnung
Louisens der Ring mit den Haaren die Platonische Liebe ihn in eine Steigerung
seiner Empfindungen versetzt so überfiel ihn bei der Vorstellung von Eau de
Kologne und von in der Nähe befindlichen Frauenzimmern ein förmlicher Schwindel
Hackert in aller Ruhe trocken und kaustisch blieb bei seiner Vorstellung von
einem feinen Parfüm stand auf und behauptete der Duft käme von dem zweiten
Kreuze her Er blieb stehen Fortgehen wollte er nicht Schmelzing bekam sonst
zu viel Gelegenheit nachzuschreiben So setzte er sich dicht wieder in seine
Nähe umschlang Schmelzing zog ihn an seine Brust und flüsterte ihm ohne
Zeichensprache ins Ohr
O Schmelzing was sind doch die Weiber für paradiesische Teufel Eau de
Kologne Die künftige Seligkeit schlägt man um sie in die Schanze Aber man muss
sich recht umarmen sich richtig küssen Schmelzing Die Meisten wissen gar
nicht was in den Lippen für Geheimnisse schlummern Sie haben gute Lippen
Schmelzing Nicht lachen Nur nicht lachen hier Da hört alle elastische Kraft
auf Ernstaft Schmelzing Und nun den Mund voller genommen Luft gepumpt dass
die Segel schwellen Schmelzing Sie müssen wunderschön lieben können Wenn ich
Louise wäre und ich neigte mich so zu Ihnen und Sie fühlten mich hier dicht am
Herzen und ich sagte Schmelzing Schmelzing Göttlicher Schmelzing
Der verwitterte alte Schreiber zerfloss in der Tat bei diesen von Gebehrden
unterstützten Schilderungen seines Kollegen in völlige Besinnungslosigkeit Das
Portefeuille der Bleistift waren ihm entfallen Er hörte nicht mehr er
kicherte nur noch und meckerte Dennoch musste Hackert fürchten dass er sich
besinnen und ihn mit Gewalt von sich stoßen würde In dem Augenblick kam seiner
Keckheit ein weibliches Lachen zu Hilfe das wirklich von der Seite des linken
Kreuzes her emporschallte Es klang ganz dumpf ganz fern aber Hackert hörte
deutlich dass weibliche Stimmen in der Nähe scherzen mussten
Hören Sie Schmelzing rief er Hören Sie Weiber Eau de Kologne wie Sies
gleich gerochen haben Kommen Sie Kriechen Sie mir nach Kriechen Sie
Schmelzing konnte sich in der Tat nicht mehr aufrechtalten Seine Sinne
waren so verwirrt Hackert hatte so beredtsam alle schlummernden Geister seiner
Sehnsucht geweckt dass ihm war wie einem Taumelnden Er kroch auf allen Vieren
hinter Hackert her an den linken Flammenschein Anfangs hörte er nichts von dem
Lachen das Hackert vernommen haben wollte Wie er aber so dicht an der linken
Kreuzesöffnung war wie vorhin an der mittleren machte die Wölbung dass man
Ohrenzeuge einer wie es schien sehr heitern Szene war Man hörte Gläser
klingen das Lachen von Frauenstimmen und eine männliche etwas patetische
Stimme die sich in phantastischen Huldigungen zu ergehen schien
O verdammt flüsterte Hackert dass man nicht hinunterblicken kann Nächst
dem Genuße selbst zu lieben gibt es ja keinen größeren als Andre sich lieben
zu sehen Wie viel Frauenzimmer sind Das wohl
Schmelzing bedeutete Hackerten zu schweigen Ihr Rutschen ihr Plaudern
sagte er würde sie noch verraten Er fing wieder in der Zeichensprache zu
gestikuliren an und lauschte so gierig auf die Szene die in diesem Gemache
aufgeführt zu werden schien dass er die Politik die Demokratie die
Arbeitervereine vergessen hatte Hackerts mephistophelische Natur war im
vollsten Gange Er bediente sich aller nur möglichen Einfälle und Schnurren um
Schmelzing zu betäuben Die ganze Ungebundenheit seiner wilden Phantasie tobte
sich aus
Schmelzing schnalzte mit der Zunge wie ein Hecht der vom Trockenen in
frisches Wasser kommt Sein ganzes Wesen schwänzelte Hackert sagte aufregend
genug mit der Fingersprache in der bekanntlich die Neapolitaner noch mehr
sagen als man mit der Sprache sich zu sagen getraut
Ich wette es sind sechs Mädchen Schmelzing und nur Ein Mann
Gehen Sie weg sechs Mädchen
Ich unterscheide wenigstens vier Stimmen Es ist ein Herr der nicht zu den
jüngsten gehört Zwei sitzen ihm auf dem Schoss Eine Schmelzing legt sich ihm
eben quer über die Schulter und eine hat sich einen Fussschemel heran gerückt und
legt den Kopf auf seine linke Kniescheibe
Das sehen Sie Alles Hackert
Ich hör es ja alter Freund Es sind Tänzerinnen Sie stehen jetzt auf und
wollen ihm eine Polka vortanzen Sie rücken die Stühle zurück Platz gemacht
Sie treten an Ha Wie sie die Kleider fassen Sehen Sie Schmelzing nein sehen
Sie diese Füße Sehen Sie die weißen Strümpfchen Die hat rote Strumpfbänder
mit einer emaillirten Schnalle Sehen Sie denn die Schnalle nicht Ich sehe die
Schnalle wie sie blinkt Schmelzing
Sie sind verrückt Hackert Wo sehen Sie denn die Schnalle rief Schmelzing
und verbrannte sich fast die Nase
Jetzt nehmen sie die Champagnergläser und tanzen an ihm vorüber fuhr
Hackert fort Jedes mal wenn Eine vor ihm vorbei kommt muss er rasch trinken
Dann kommt die Andere die Blaue Dann die Dritte die Rote Jetzt die Vierte
die Weiße Jetzt die Fünfte
Halten Sie ein Es sind nur Drei
Woraus merken Sie Das
Sie sprechen ja so deutlich dass man ihre Stimmen unterscheiden kann Die
Eine spricht ein Bischen tief
Das lieb ich Schmelzing Je tiefer die Stimme desto mehr Feuer Der Mann
muss zweiten Tenor die Frau zweiten Sopran sprechen Das ist das wahre Duett der
Liebe Schmelzing Sie Ihrerseits sprechen ganz in der rechten Mittelhöhe
Schmelzing
Sie machen mich noch toll Hackert
Schmelzing musste sich mit Gewalt losreißen Hackert wühlte zu grausam seine
Phantasie in Grund und Boden um Er lag erschöpft Hackert lehnte sich zu dem
Lichtschimmer hin Beide horchten
Es schienen ein Herr und nur zwei Damen zu sein die unten völlig
unbelauscht zu sein glaubten Das Klingen der Gläser hatte aufgehört das Lachen
sich gemässigt Man konnte die Worte der Unterhaltung deutlicher vernehmen
Diese lautete eben
Aphroditische Wesen sagte die männliche Stimme lasset uns zum letzten male
noch von dem Schaum opfern dem die Göttin entstiegen ist deren würdige
Priesterinnen Ihr Euch nennen dürft Steige auf cyprische Welle Lodre brodle
schäume
Ein Geräusch verriet dass ein Champagnerkork aufflog
Zwei Mädchenstimmen schrien vor künstlichem Schreck
Die Gläser her fuhr die männliche Stimme fort das Glück verrauscht Kurz
ist der Augenblick der Freude
Mit Brotrinde umgerührt sagte das eine Frauenzimmer so dauerts länger
Künstlich Künstlich Allzukünstlich Diotima sagte die männliche Stimme
Diotima fragte das Frauenzimmer Ich heiße
Man hörte nicht recht den Namen den sie sprach
Pst rief Hackert Sie heißt haben Sies gehört
Schmelzing nickte als wollte er sagen er verstünde Alles
Nein Diotima sagte wieder die patetische Stimme
Was soll mir des Brotes Rinde Was soll mir der künstliche Perlenflor Die
Natur verschmäht die Nachhülfe der Kunst Oder bist du mehr für die Kunst du
schlanke Aspasia
Spasia sagte Schmelzing Das war deutlich
Aspasia wiederholte die andere Stimme Ich heiße
Man verstand wieder den Namen nicht
Wie bedeutete Hackert seinen Kollegen
Spasia wiederholte dieser kichernd
Aspasia Mädchen Es sind die Namen die Ihr in den Sternen führen werdet
Platos Freundinnen hießen Aspasia und Diotima
Platos fiel Hackert zu Schmelzing ein Verstehen Sie
Das ist ein Gelehrter da unten Plato hatte kein Glück in der Liebe
obgleich er kurzsichtig und hartörig war und sehr früh eine Brille trug
St winkte Schmelzing
Trinkt Mädchen rief der Redner unten Trinkt aus des Spitzglases unschöner
Form Krystallene Schalen von gewobenem Glase rötlich angehaucht sind des
Schaumweins würdigere Pokale Trinkt oder tut wie ich
Ah riefen die Mädchen Sie verschütten ja
Das köstliche Nass auf des Hauses geheiligten Estrich
So musst du den Göttern opfern Diotima
Mit Erlaubnis antwortete Diotima zum Aufscheuern ist Champagner doch wohl
zu kostbar
Opfre schrie der Sprecher in der Trunkenheit
Diotima sträubte sich
Opfre
Aspasia schien dem bacchischen Priester das Glas wegzunehmen Dann sagte sie
mit gurgelndem trinkenden Tone Da Nicht auf die Erde
Die verstehts sagte Schmelzing der für die Barrikaden und Arbeitervereine
nun kein Ohr mehr hatte
O hätt ich Rosen hätt ich Kränze rief der Sprecher unten könnt ich
mich schmücken wie Apollo Und Ihr Freundinnen im griechischen Gewand Ihr
schrittet mir zur Seite wie Priesterinnen Ha könnte ich dieses dumpfe
Kellerloch umzaubern zu einer Tempelhalle Rufen möcht ich wie Faust nach dem
Tranke der Hexe damit ich losgebunden frei erfahre was das Leben sei
Schmelzing zeigte nach dem Kopfe
Zu viel fragte Hackert
Zu wenig antwortete Schmelzing schüttelnd
Er hat entweder oder ist sagte Hackert bestätigend
Aber da oben da oben seht Ihrs rief die exaltirte Stimme plötzlich
Rasch fuhren die beiden Lauscher zurück Unwillkürlich kam ihnen diese
Bewegung Im ersten Augenblick glaubten sie sich gesehen Aber die Stimme
sprach
Seht Ihrs da oben das Kreuz in der Mauer Bist du schon wieder da
nazarenische Mahnung Spukst du denn überall trauriges Memento mori Hinweg von
Griechenlands Göttersöhnen jagst du mich Nein Mit Rosen nicht mit Dornen
erlöst man die Menschheit Küsst mich Mädchen Nach Korint Nach Korint Die
Trümmer des Altars den Paulus zertrümmerte den Altar des unbekannten Gottes
helft mir suchen Es lebe der unbekannte Gott von Korint
Schmelzing machte wiederholte Zeichen des Wahnsinns den er bei dem Sprecher
unten voraussetzte Hackert aber sagte dass er ihn für irgend einen verdorbenen
vielleicht abgesetzten Geistlichen halte der hierher gekommen wäre um beim
Ministerium sich auszuklagen und in der Desperation sich mit diesen Damen in den
Ratskeller verirrt hätte um im Champagner seinen Zorn zu ertränken Die
Mädchen schienen ihn zum Besten zu haben sie lachten und neckten ihn trotz der
Zärtlichkeiten die sie ihm gestatteten
Plötzlich schwieg der Sprecher Die Gefährtinnen fragten ihn ob er seinen
Text zu Ende hätte Er antwortete nicht Sie stießen mit ihm an Es klang hohl
wider aber er antwortete nicht Sie plauderten vom Wetter vom Putz vom
Theater Er antwortete einsylbig Sie erwähnten den Prinzen Egon ihre große
Freude dass im Hause und der Verwaltung desselben nicht nur Alles beim Alten
bliebe sondern diese noch vergrößert noch erweitert würde Alles würde
prächtiger herrlicher glänzender
Im Hause des Prinzen Egon fragte Hackert
Er ist wohl eingeschlafen sagte Schmelzing der nur auf die Orgie selbst
Acht hatte
Nein nein er brummt bald Danke Diotima bald Danke Aspasia berichtete
Hackert
Er scheint nichts vertragen zu können er wird einschlafen
Und die Mädchen plündern ihn aus Das geschieht schon so
Aber im Ratskeller
Seltsam Es ist ein Fremder oder ein Gelehrter der eigentlich mit diesen
Damen noch lieber in die Halle des Gambrinus gegangen wäre Wer sind sie nur
Er klirrt mit einer vollen Börse
Die ganze Geschichte kommt mir lateinisch vor Es ist als wenn ein
schweinsledernes altes Buch auf einer modernen Damentoilette läge
St St
Die Mädchen beklagen sich über ihres Freundes schlechten Humor Der Kellner
wird bezahlt und scheint zu gehen
O o hörte man jetzt den Sprecher wieder seht seht das Kreuz Als wir
eintraten hatt ich es nicht bemerkt Seit mein Auge darauf gefallen ist der
Blick verdunkelt
Aspasia Diotima
Nenn uns Dorette und Florette
Was rief Hackert nach diesen laut und ärgerlich gesprochenen Worten Sind
Das die
Lasst mir den Traum Euch für Wesen zu halten rief der Redner für Wesen
die früher lebten ehe man die Pariser Moden erfand Du bist schön Aspasia und
bildsam Diotima ist lieblich und hat einen Anflug von Seele Ihr solltet Euch
bilden Kinder Es schlummern Ideale in Euch
Du bist gerade wie unser Alter sagte die Eine wahrscheinlich die mit dem
Seelenanflug
Wie so
Dem gehen auch beim ersten Glas die Augen über
Gingen mir die Augen über Mädchen fragte der immer verstimmter werdende
Entusiast Saht Ihr Perlen nicht bloß im Glase Wo saht Ihr Perlen ihr
schlanken Bacchantinnen In meinem Auge Als ich zum Kreuze aufblickte
Stummes Wahrzeichen das du über uns schwebst welche Freuden schließt der
Himmel ein an dessen Pforte du gezeichnet stehst Senke dich nicht herab auf
mich todtes Holz Soll ichs tragen zur Schädelstätte Soll ich dir die Last
abnehmen Erlöser Kommt kommt Mädchen
Das Haus fällt zusammen hier ists entsetzlich Die Decke bricht Die Bogen
wanken Hilfe Hilfe Kommt kommt
Schmelzing zitterte an allen Gliedern Hackert horchte
Die Mädchen wollten so nicht fort Sie glaubten ihren Freund verletzt zu
haben Sie nannten ihn mit mehr Ehrerbietung Sie verwünschten dass sie seiner
Einladung gefolgt wären und sich zu einem Abend verstanden hätten der nun
verdorben wäre
Seid Ihr von den törichten Jungfrauen fragte der melancholische Sprecher
Was geht Euch denn meine Kreuzesfurcht an Haltet Eure Lampen hell Mädchen Der
Bräutigam sammelt sich Denkt Ihr dass Euch ein Mann liebt dessen Seele leer
und hohl wie ein Tanzsaal ohne Tänzer ist Ich zieh Euch ja nicht hinunter in
den Abgrund meines Herzens Ihr bleibt ja oben wo die Sonne scheint und grüne
Sträucher stehen Kommt an die Luft Unter die Sterne Hängt Euch an meinen Arm
Es scheint still draußen Man wird mich nicht kennen Rasch hinausgehuscht
Klinkt die Tür auf Niemand da Niemand Leb wohl du düstres Galiläa da oben
Gekreuzigter Lass mich Arkadien suchen und weinet mit mir
Damit verschwanden die Sprecher Erst Alles still Man hörte den Kellner
brummen die Flaschen und Gläser wurden weggenommen und im Nu erlosch auch das
flammende Kreuz Der Kellner hatte den Hahn der Gasflamme umgedreht
Hackert und Schmelzing lagen nun im Dunkeln und ganz betäubt Diesen
melancholischen Ausgang einer leichtfertigen Szene hatten sie nicht erwartet
Hackert hatte eine Ahnung was sie wohl bedeuten konnte Schmelzing verstand sie
nicht Er war so abgekühlt so getäuscht in seiner Spannung so voll Ärger dass
er fast zum lauten Verwünschen dieser Störung fortgerissen wurde und zu dem
mittleren Kreuze zurückschlich Hackert grübelnd über Den der unten mit den
Fräuleins Wandstabler eine solche Szene der Lust und Reue ja die Monologe eines
gefallenen Luzifers hatte aufführen können kroch nach Der der eben am
mittleren Kreuze sprach war der Major von Werdeck Man vernahm Ausdrücke wie
Todesverachtung Sein Leben in die Schanze schlagen Fast wütend dass ihm der
ganze Abend mislungen war ergriff Schmelzing seinen Bleistift und fing
blindlings zu notiren an Jetzt ergriff es Hackerten als müsste er einen
äußersten Entschluss wagen Die Worte jenes übersättigten und vielleicht von Reue
gequälten Mannes hatten eine eigentümliche Wirkung in ihm hervorgebracht Er
war plötzlich zum Scherze nicht mehr aufgelegt Es hatte etwas auch in sein
Innerstes hineingegriffen das er nicht gut enträtseln konnte Übersättigung
kannte er wohl Der unterirdische Sprecher hatte etwas davon angedeutet und doch
war noch ein anderer Geist in seinen Worten gewesen den er nicht zu fassen
vermochte Ungeduldig über das Nachdenken in das ihn die Szene versetzte
verstimmt über das Scheitern seiner Störungen eines abscheulichen
Spionengeschäftes war er nahe daran Schmelzing von hinten zu packen Wie wenn
ich ihm die Gurgel zudrückte und ihn von der Zelle fortschleppte dachte er und
erhob sich und schritt jetzt auf und ab ohne sich um Schmelzings wütende
Winke zu bekümmern
Bei diesen Wanderungen die wiederum bewirkten dass Schmelzing nicht
aufhorchen konnte kam Hackert an das rechts liegende dritte Lichtkreuz wo
ebenfalls gesprochen wurde Er hörte überrascht hin und vernahm eine gebrochene
französische Aussprache wie an dem Mittelkreuz Andere Stimmen mischten sich in
den Vortrag des prononcirteren Franzosen Eine gewichtige Bassstimme stimmte in
die Äußerungen des Franzosen mit ein während eine andre opponirte Der Schall
mochte ihn verführen die Gesellschaft für zahlreicher zu halten als sie war
Deutlich hörte er das Klappern eines Degens musste also annehmen dass auch ein
Offizier in der Nähe dieses dritten Kreuzes war Bald unterschied er das Thema
das besprochen wurde Es war ein politisches Er hörte den Namen der Jesuiten
nennen Man bat mehrfach den Franzosen sich offen über diese Gesellschaft
auszusprechen Man versicherte ihn dass er sich unter Freunden befände unter
den aufrichtigsten Verehrern einer Politik die nicht auf Kleinliches und
Geringes sondern auf Weltplane lossteuere Als die Bassstimme mit priesterlicher
Salbung sagte Dies ist der berühmte General der mit dem Jahrhundert Fangball
spielt gleich dem Eskamoteur des Zaubertisches der vielgefürchtete sogenannte
Jesuitenfreund als Hackert diese Worte überlegte für seinen Fall erwog
kehrte er zu Schmelzing zurück und machte ihm Gestikulationen die nichts
Anderes sagen wollten als
Esel Esel die wir sind Hier liegen wir und vergeuden die Zeit Da ist die
Stelle wo Pax unsre Ohren hinbeordert hat Ein Franzose nicht wahr
Ja wohl nickte Schmelzing
Ein Offizier
Natürlich
Donner Hier sind ja die Rechten Hier sitzen die Mordbrenner Ich bin
starr was ich gehört habe Königsmord
Allmächtger Gott
Schmelzing Hier ists ja Stimmen so heiser wie die Banditen Sie hören
hier jedes Wort Kommen Sie einmal her
Damit zog Hackert den erstaunten Schmelzing empor
Dieser der ein Misverständniss für nicht unmöglich hielt folgte Als er den
Franzosen husten und näseln den Degen des Generals klappern hörte war ihm kein
Zweifel mehr Die Phrase die eben ausgesprochen wurde Wir leben nun einmal im
Zeitalter der Revolutionen zog ihn wie aufs Kommando sogleich zur Erde nieder
Und wie ein Stenograph sich nicht erst lange besinnen darf sondern mechanisch
die Hand dem Ohre sogleich folgen lässt so schrieb auch schon Schmelzing
während er sich noch niederließ An den Wein und den Essproviant den Hackert in
seine Nähe rückte dachte er nicht so emsig holte er das Versäumte nach und
schrieb und schrieb und blickte nicht mehr auf denn sein Pergament füllte sich
Streifen auf Streifen Er schrieb wie atemlos
Während Schmelzing die gemütliche Unterredung des Propstes Gelbsattel mit
dem General Voland von der Hahnenfeder und dem Emissair einer philantropischen
Gesellschaft Herrn Sylvester Rafflard die man in einer völlig abgeschlossenen
Trinkzelle des vielgesuchten altertümlichen Ratskellers veranstaltet hatte
Wort für Wort für die Polizei niederschrieb und nun nicht im Mindesten mehr von
Hackert in seinem Amtseifer gestört wurde wandte dieser ihm den Rücken und
hörte endlich freiatmend die ihm nun allein vernehmbare Erzählung die nach
einem lebhaften Zusammenklang der Gläser eben der Offizier unter seinen Freunden
vortrug und in welcher ihn anfangs nichts interessierte nichts ihm verfänglich
schien Er hörte gleichgültig bis auf die Stelle wo ein Verhältnis erwähnt
wurde das dem seinigen zu Melanie Schlurck außerordentlich ähnlich sah Als er
hörte dass dort unten von einem vermeintlichen Bruder eines Mädchens die Rede
war das dieser durch Bildung Eifer und Anstrengung sich erobern wollte
entfuhr ihm so laut jener unten vom Major gehörte Seufzer dass sich Schmelzing
umwandte und ihm drohte Die Erzählung brach aber ab oder wurde leiser weil
wehmütig Er hörte nichts von dem ferneren Unglück Leidenfrosts Er war in ein
düsteres trübes Sinnen verfallen Erst als Dankmar seine Stimme erhob und
wieder kräftig über die Zeit und die Menschen im Allgemeinen zu reden begann
verstand Hackert deutlich was verhandelt wurde
Dankmars Rede konnte er sich natürlich nur in den Hauptideen merken
Wörtlich aber lautete sie wenn wir wieder zu der Gesellschaft zurückkehren
wollen wie folgt
Zehntes Kapitel
Dankmars Weiherede
Das Erbe der Gebrüder Wildungen sprach Dankmar erscheint also im Lichte der
öffentlichen Meinung als ein ungerechter Rückgriff in den Lauf der Zeiten Und
doch ist es ein sprechender Beweis für den Kampf der Interessen wie sie sich
befehden vernichten Auch wir berufen uns auf dasselbe Siegel von dem der
Staat und die Kirche das Allgemeine und die Gemeinde ihre Rechte herschreiben
Wir zeigen an einem grellen Beispiele dass sich Gesetze und Rechte wie eine
»ewige Krankheit« forterben
Ob wir gewinnen ob wir verlieren die Zukunft wird es zeigen Man wird
Lücken in meinen Beweisführungen entdecken man wird Papiere finden man sucht
sie wenigstens die unsere Ansprüche entkräften sollen Gesucht nur oder
gefunden ich schwinge mich auf einen höheren Standpunkt und will in dem
Wettkampfe den die berechtigten Gewalten aus ererbter Autorität täglich
aufführen einen neuen Mitstreiter auftreten lassen eine Wiederherstellung
jenes Ordens von dem unsre Erbschaft im Grunde herrührt
Wenn ich mich in der Geschichte umsehe und eine Macht vermisse die das
Individuum gegen das Allgemeine in Schutz nimmt so muss ich beklagen dass jene
Idee der geistlichen Ritterorden an dem freilich begründeten Mistrauen der
weltlichen und geistlichen Gewalt scheiterte Philipp der Schöne von Frankreich
ließ Hunderte von Tempelherren foltern verbrennen Man sagt weil er sie um
ihre Schätze beneidete Treffender ist der Grund wenn man sagt, weil er eine
Ritterschaft fürchtete die das heilige Grab nicht mehr behaupten konnte sich
nur noch auf Rhodus und später Malta hielt und in Frankreich allein über
dreissigtausend in jedem Augenblick marschfertige Reisige zu gebieten hatte
Neben einer solchen von sich selbst abhängenden Wehrkraft konnte die königliche
Gewalt nicht bestehen Jeden Wink des Papstes konnte der König gewärtig sein von
diesen mächtigen Tempelherren ausgeführt zu sehen Aber auch die Geistlichkeit
fürchtete die Tempelherren Sie hatten im Oriente Duldung gelernt Statt die
Sarazenen zu vernichten lernten die Templer das Menschliche Gleichartige
Brüderliche an ihnen schätzen Tempelherr und Emir schlossen Freundschaftsbünde
und sogar die Religionen näherten sich Diese Ritter hatten die Welt gesehen
ihr geistliches Kleid moderte nicht mit ihnen in der Klosterzelle ihr Skapulier
war das Schwert sie tummelten sich durch das Leben mit Tatkraft und
Selbstgefühl Frei waren sie von dem Plagedienst der Observanzen Sie konnten
Messe lesen lassen auch in Gegenden wo ein Fluch der Kirche die Glocken zu
schwingen verbot und die Sakramente nicht verabreicht wurden Sie waren auch der
Geistlichkeit der sie damit großen Eintrag taten zu frei zu weltlich zu
weltmännisch und zu vorurteilslos
Die Templer wurden vernichtet Die StJohannesritter setzten die Mission
derselben fort Leider fand man sie nur in der Eroberung des heiligen Grabes in
dem Kampfe mit den Türken Dieser zuletzt unwahr gewordene Zweck bot kaum einen
anständigen Deckmantel für den behaglichen Genuss der reichen Güter des Ordens
Wohlleben Üppigkeit nahmen überhand Nur die Malteser behielten ihren Beruf
noch als bewaffnete Missionaire zu wirken Der Gedanke Mittler zu sein
zwischen Kirche Staat Gemeinde kam zu keiner Ausbildung mehr Nur die Vehme
die heilige unterirdische war die letzte Ergänzung des wilden rechtlosen
verworrenen damaligen Lebens gewesen Die Gerichte der roten Erde vertraten die
Gerechtigkeit die keinen weltlichen Hof mehr zu finden schien Die geistlichen
Ritterorden verfielen Sie die den Tempel von Jerusalem bewachen sollten
wussten nicht dass man einen neuen Tempel im eigenen Herzen einen Tempel der
Menschheit gründen den ausbauen den bewachen musste Sie die auf Johannes den
Täufer verpflichtet wurden dh auf den Geist nicht auf den Buchstaben des
Christentumes sie schoben für den Prediger in der Wüste der vor Christus
schon christlich dachte und lehrte Johannes den Jünger unter und kamen nun
immer weiter von ihrem Ursprunge ihrer ersten Bedeutung ab
Die geistlichen Ritterorden die der Papst immer und immer wieder bis auf
die neuesten Tage erwecken wollte hatten sich überlebt In einer neuen höheren
Verklärung mussten sie neu geboren werden und dies geschah für die päpstlichen
Interessen in der geistlichen Ritterschaft des Ignazius von Loyola Die Jesuiten
sind nicht weltlich nicht geistlich allein sie haben die Klöster verlassen und
tummeln sich auf offenem Felde unter den Lebendigen Es sind die neuen
geistlichen Ritter der römischen Hierarchie Sie haben Schild und Lanze mit dem
letzten Ritter dem Don Quixote von la Mancha in die Raritätenkammer geworfen
und kämpfen mit den Waffen des Geistes für die alte Welt im Gegensatz zur neuen
Die Philipps von Frankreich ohne oder mit der Möglichkeit die Schönen
beigenannt zu werden wiederholen sich überall und zu allen Zeiten in Europa In
Portugal Frankreich Russland vertrieb man die Jesuiten als eine geistbewaffnete
Heeresmacht die im Organismus des modernen nur dem Fürsten gehörenden Staates
keinen Platz gewinnen dürfe wie die Templer nicht in Frankreich Platz greifen
sollten Man würde nur blind urteilen wenn man glaubte dass Pombal und
Choiseul die Jesuiten verfolgten aus Begeisterung für das Licht der Aufklärung
Nein Die despotischen Alleinherrscher waren es die ihre Macht nicht geteilt
sehen wollten Sie wollten sich auch sogar der Freunde entledigen wenn sie
ihnen mit der Zeit als Zweideutige oder zu Mächtige erschienen Da wo die
Jesuiten den Machtabern eine verlorene Gewalt erwerben sollten sind sie ihnen
immer willkommen gewesen Da aber wo sie eine errungene Gewalt nun auch zu
teilen wünschen wird man immer geneigt sein sie wieder zu entfernen
Ich sprach von dem Tempel den man in Jerusalem suchte und den man überall
hätte finden können Eine Vorstellung dieser Art war es die die Freimaurerei
entstehen ließ Wie ein Neugeadelter hat diese Gesellschaft gesucht ihre Ahnen
sich aus der Vergangenheit weiter zu verschreiben und sich Vorfahren
beizulegen die nie daran dachten die Geheimnisse des Schurzfelles zu kennen
Diese Gesellschaft hat das Glück gehabt in einer Zeit wo Ungeschmack und
Unpoesie die Welt regierte sich einen gewissen Nimbus organischer Natürlichkeit
zulegen zu können und nicht dem Fluche aller künstlichen Mysterien der
Lächerlichkeit vor Laien anheimzufallen Ihre Zeremonien erscheinen Vielen
ehrwürdig Das will etwas sagen in einer Zeit die jede neue Religions oder
Sektenstiftung nicht nur sogleich mit der Polizei sondern auch mit dem Witze
verfolgt Die Freimaurer haben das Glück gehabt weder der Polizei noch dem
Witze zu erliegen und mancher denkende Kopf sogar hat versucht aus den
Spielereien ihres Ceremoniels abstrakte Wahrheiten wenigstens der guten Sitte
zu entwickeln Die moralische Dehnkraft dieses weltlichen Ordens ist aber sehr
gering Sie geht über einen gewissen anständigen Egoismus nicht hinaus
Anständigen Egoismus nenn ich Den der seinem Jahrhundert nichts Anderes als
Wohltätigkeiten spendet Eine rüstige polemische Kraft liegt in der
Freimaurerei nirgends Nur da wo hinter der Maurerei Karbonarismus steckte hat
man von Märtyrern dieses Ordens gehört Die Freimaurer haben als Tatprincip
höchstens eine entschiedene Antipathie gegen die Jesuiten Eben so ist es
umgekehrt Sie bekämpfen sich gegenseitig Mit Recht denn sie sind die
entgegengesetzten Pole eines und desselben elektrischen Stabes Dass die
Freimaurer sich erhalten konnten trotzdem dass sie von der Vollendung und
Besserung der Menschheit sprachen verurteilt sie allein schon im Auge des
leidenschaftlichen Menschenfreundes der da weiß wie ein wahres Streben nach
diesem Ziele sie sehr bald würde vernichtet haben Oder soll uns diese Tatsache
doch ermutigen an die Möglichkeit einer geheimen Verbrüderung die nur
geistige Zwecke verfolgt noch glauben zu können
Die Gefahr einen neuen Geheimbund zu stiften ist nicht gering Wenn ich
den Gedanken der Templer und der Ritter vom heiligen Johannes dem Johannes der
Wüste dem Täufer wieder aufnehme und den Bund der Ritter vom Geiste beantrage
so kenn ich die gewaltigen Schwierigkeiten Allein diese Schwierigkeiten sind
zu beseitigen wenn nur der Gedanke klar und es bewiesen ist dass eine solche
Bundesgenossenschaft der gleichen Geistesstimmung wünschenswert notwendig
erscheint Eine Wahrheit die einmal erkannt ist bricht sich in jeder noch so
schwierigen Form ihre Bahn Welchen Ausweg soll uns unser jetziger Kampf
bringen Ich sehe Interessen ich sehe Teorieen Jene sind ebenso
leidenschaftlich wie diese Die Interessen und die Teorieen beide beanspruchen
ein ursprüngliches Recht Was lässt sich dagegen einwenden Soll Blutvergießen
entscheiden Ich bin nicht für das Blut Ich weiß wohl die Geschichte ist aus
dem Blute erwachsen Aber der moralische Mensch kann darf nicht sagen Ich will
diese oder jene Wahrheit dadurch beweisen dass ich ihr diese oder jene Menschen
zum Opfer bringe Kein Einzelner kann Das sagen was eine Gemeinde ein Staat
ein Volk sagen darf Solche Stimmungen der Gewalt hängen auch von der größeren
oder geringeren Entzündlichkeit der historischen Krisen ab Der Denker der
sittliche Mensch der sich nur auf sich und die Menschheit bezogen fühlt kann
nicht Blut predigen nicht fordern dass aus der Vernichtung des Lebens Leben
spriesse Die Interessen der Existenz sind berechtigt Die Menschen die uns die
Träger der Irrtümer scheinen leben wie wir Allen droht einst das Maß der
ewigen Vergeltung Was erlaubt uns wohl vorzugreifen und die Geschichte mit
Gewalt zu bestimmen Mags ein Attila ein Napoleon tun Mags ein Timoleon
oder ein Ravaillac tun Der Pranger das Blutgericht vielleicht eine
Ehrensäule wirds ihm lohnen Sein Name wird bleiben mit goldenen oder mit
schwarzen Buchstaben Das ist die ewige Persönlichkeit die nicht aussterben
wird Aber wenn man zu uns kommt in unsre Denkerwüste und frägt Was sollen wir
tun um ins Himmelreich zu kommen Was sollen wir tun um unsern Beruf als
Menschen und Staatsbürger zu erfüllen Dürfen wir da sagen Dies und Das ist
richtig Dies und Das ist notwendig ergreift diesen Stab oder diese Fahne Man
sagt es alle Tage man lehrt und predigt so an allen Strassenecken aber wir
kommen nicht weiter damit Die Teorieen bleiben unpraktisch und die Interessen
regieren doch die Welt
Wenn mich Einer frägt was soziale Wahrheit ist ich weiß es nicht Ich kann
den möglichen communistischen Staat nicht beweisen Und doch will ich auch nicht
raten dass man im gemeinsamen Verkehr des Ideen und Vorsatzaustausches sich
mit Allgemeinheiten begnüge wie die Freimaurer Bilde dich selbst dann bildest
du die Welt Bessere dich selbst dann wird die Welt besser Das sind
Trivialitäten gefährliche Gemeinplätze sogar und ganz ohnmächtige den Jesuiten
gegenüber Die wissen Alles in nächster Nähe zu fassen die erblicken überall
die Möglichkeit einer Anwendung ihrer Principien die treten sogleich in medias
res und haben Gift Dolch Strang Bibel Himmel und Hölle Dialektik und
Weisheit sogar zur Hand und wissen sie anzuwenden Das jesuitische Gegengift
das die Freimaurer bieten ist laues Wasser Man wäscht damit seine Hände wie in
lauester Unschuld und bleibt ein aparter selbstzufriedener Egoist
Ich sehe die Menschheit ist zersprengt nicht nur den Interessen auch
schon dem Geiste nach Wir haben eine Religion die christliche die in ihrer
eigentlichen Bedeutung nur noch Wenige bindet Man sieht sich in den Kirchen
man befolgt den Ritus seiner Konfession man erklärt sich auch leidenschaftlich
für den Namen des Heilandes doch legt sich Jeder die Bedeutung desselben anders
aus und eigentliche Christen gibt es gar nicht mehr Also gerade diese Auslegung
ist das Wichtigste um diese Auslegung streitet man sich und vergoss um sie sogar
Blut Im Staate sehen wir uns erst dann wenn uns der Kampf zusammenführt Wir
rufen immer erst mit der Trommel mit dem Lärmsignal der Gefahr wo schon die
gute Sache halb verloren ist Da ist es für die Gleichgesinnten zu spät Da sind
gleich Tausende die gerade für den Kampf nicht abkommen können Tausende die
uns missverstanden Abertausende die in einer Lage sind heucheln zu müssen Das
ist der wahre Jammer der Zeit diese Lüge diese Zaghaftigkeit dieser
Scheindienst der Wahrheit eine Folge der völligen Nichtorganisation der
Geisteskämpfe Erst auf dem blutigen Schlachtfelde erkennen wir Den der neben
uns im verschlossenen Visir kämpfte Und Den der mit der Fahne in der Hand
niedersank oder der die Bresche des feindlichen Lagers siegreich stürmte Den
hat man sonst vielleicht für seinen Gegner gehalten
Ich will einen geheimen keinen heimlichen Orden stiften Die
Gesellschaften aus deren Schoss die Verschwörungen und Revolten hervorzugehen
pflegen sind heimliche Gesellschaften Die Jesuiten und Freimaurerbünde sind
geheime nicht heimliche Ihr Ritus bringt es wohl mit sich dass sie nicht Jeden
zulassen der auf ihre Symbole nicht vereidigt ist aber ihr Wirken so
versteckt es ist ist nicht eigentlich heimlich auch ihre Symbolik ist es
nicht Sie sind geheim ohne unzugänglich zu sein Ich will gar nicht unmöglich
machen dass man von Diesem oder Jenem sage Er ist Einer von den Rittern und
Reisigen vom Geiste Nur dürfen wenn die Genossen einen Konvent halten nicht
Fremde nicht Laien zugegen sein Das Dunkel soll auch anziehen und schützen
Jeder Geheimbund braucht erstens einen Gedanken zweitens Symbole drittens
Hilfsmittel
Die Ritter vom Geiste sind die neuen Templer Sie haben den Tempel zu
schützen und zu bewachen den die Menschheit zur Ehre Gottes auf Erden zu
erbauen hat Ihre Waffe ist der Geist Ihr Leben ist die innere Mission eines
Kreuzzuges gegen die Feinde dieses Gottestempels Der Geist als Lehre ist die
Wissenschaft Der Geist als Glaube ist die Gesinnung Den Geist der dem
Verstande entstammt kann Niemand bannen Niemand zum einheitlichen Gedanken
eines Bundes machen wollen Der Geist aber der dem Herzen entstammt ist der
Wecker zu den edelsten Verpflichtungen Die Religion hat nun Formen um unsre
sittlichen Verpflichtungen der Staat Formen um unsre politischen schon von
vornherein gefangen zu nehmen Die Religion des Geistes sollte keinen solchen
bindenden Cultus haben dürfen Ich sage gebt dem Geiste einen Cultus und in
hundert Jahren ist die Welt weiter als wohin wir sie bei der jetzigen
Verworrenheit der Zustände erst nach einem halben Jahrtausend werden kommen
sehen Religion das Bindende das Gleichgesellende liegt in unsrer Epoche
Überall zeigt sich ihr Bedürfnis Nur befriedigt es nicht auf dem alten Wege
Nur nicht innerhalb des alten Zwanges und der alten Dogmen Man binde sich auf
den Glauben unsrer Freiheit auf den Glauben des Geistes auf die gleiche
Gesinnung Aus solcher Grundlage aus so geackertem gesäetem Boden muss eine
gute Frucht hervorgehen
Ritter vom Geiste sind Mitglieder eines geheimen Bundes den ich lieber
Brüder vom Geiste nennen würde wenn ich nicht streitbare gewaffnete Brüder
begehrte Ich will einen Bund von Männern die ihr Leben ihre nächsten und
entfernten Pflichten nur auf ein Ziel beziehen den endlichen Sieg von
Wahrheiten die leider noch immer in Frage stehen noch immer von Willkür
beanstandet werden Dieser Bund soll den Kampf der Zeit nicht aufheben zu wollen
sich anmassen wohl aber der Aufgabe vertrauen diesen Kampf abzukürzen Man hat
den Reubund lächerlich gefunden Und doch ist sein Einfluss nicht gering Er wird
nicht ruhen bis er mindestens die Wahlen in seinen Händen hat Lasst uns einen
größeren einen Treubund stiften dem Geiste Die Wahrheiten liegen auf der Hand
aber Tausende entziehen sich ihnen Die Blätter der Geschichte sind
aufgeschlagen Man will sie nicht lesen Wir wissen wohin die Menschheit
steuert und stecken falsche Flaggen falsche Leuchtflammen auf Oder sollte es
so schwer sein das Wesen der Gesinnung auf einige große Wahrheiten zu
abstrahiren die feststehen wie den Völkern Jahrhunderte lang die Wahrheiten
der Bibel feststanden Es mögen nur wenige Sätze sein Aber einige Tausend
Menschen in allen Teilen der Erde auf diese wenigen Sätze in Eid und Pflicht
genommen macht dass gewisse Gebäude umstürzen wie Aschenhaufen zerreißt dichte
Vorhänge wie Spinneweben lockert die Lüge von selber ohne Handanrühren Jetzt
gewinnt man plötzlich Menschen die sonst ruhten für die Arbeit des Geistes
Jetzt sieht man Kämpfer die kämpfen müssen aus Ehrgefühl Jetzt wird es heißen
Nicht mehr beten für die gute Sache sollt Ihr sondern auch arbeiten für sie
Die Ritter vom Geiste streiten sichtbar und unsichtbar allein für die
Gesinnung für nichts also was sich als positive Schöpfung ankündigt Dass es
Republikaner Freigeister Monarchisten sein sollen sag ich nicht ebensowenig
was sie sonst sind Sie haben nur zu schwören dass sie Alles tun werden was in
ihren Kräften liegt um zB der Monarchie wo sie herrscht diejenigen
Bedingungen vorzuschreiben die es möglich machen sie der Republik vorzuziehen
Es liegt in der Natur einer Zeit die mehr aufzuräumen als zu bauen hat dass
ihre Wahrheiten mehr negativ als positiv sind Die Ritter vom Geiste werden sich
klarer über Das sein wozu sie sich nicht verwenden lassen als über Das was
sie von selber wollen Die Gewissenscollisionen der Fluch unsrer Zeit müssen
seltener werden Ein Geistesbruder der in seiner Überzeugung gebunden ist wird
sich nicht zu Dingen hergeben die seinem Schwure widersprechen Er wird für das
Opfer das er zu bringen hat vom Orden schadlos gehalten Die Apostasieen die
Verfolgungen in denen die Apostaten gehässiger sind als Alle werden
gebrandmarkt und seltener werden Man wird nicht mehr eine Meinung für sein Haus
und eine für den Staat eine für sein Gewissen und eine für seinen Erwerb haben
Die Anlehnung an Gleichgesinnte macht stark Das Vorbild edler Männer reizt zur
Nachfolge und eine unreine niedrige Seele die sich des glänzenden Schildes der
hohen und reinen Gesinnung bedient wird nicht mehr Bestand haben und Verwirrung
unter die Kämpfenden bringen können
Wie der Tempel der Menschheit beschaffen sein muss um Raum für den Glauben
reiner Herzen für Freiheit und Glück des irdischen Lebens zu gewähren kann man
mit dem Griffel des Malers nicht anschaulich machen Aber der Architekt kann uns
schon soviel sagen er wisse was Harmonie was Ebenmass ist er wisse was in
den Grundbau und was in die Kuppel gehört Die freie Presse ist vom Fundamente
während das Recht der Arbeit in die Kuppel gehört Nicht was wir bauen wissen
wir nur wie wir zu bauen haben ist uns klar nach ewigen und in der Brust
eingeschriebenen Gesetzen Der Tugendbund unter Napoleon wurde nicht gestiftet
um Deutschland diese oder jene Verfassungsform zu geben nicht um den fremden
Eroberer vom Boden des Vaterlandes zu verjagen sondern nur um diejenige
Gesinnung zu erzeugen die von selbst auf die Vaterlandsliebe die politische
Tugend und jene unausgesprochnen Zwecke führte Wohlan Auch die Ritter vom
Geiste kämpfen nur für die endliche Vernichtung des von der Theorie längst
verworfenen und in der Praxis förmlich unvertilgbar scheinenden Alten Dieser
Bund soll aufräumen und das rasch
Der Katechismus der Grundwahrheiten des neunzehnten Jahrhunderts ist so groß
nicht Man hat über des deutschen Volkes Grundrechte sich geeinigt man hat
einst in Frankreich die Menschenrechte zusammengefasst als die Revolution dort
noch gehalten und eine historische Offenbarung war Die Grundrechte aller Völker
sind den Rittern vom Geiste Grundpflichten In schwierigen Dilemmen die eine
Tagesfrage wohl veranlassen könnte würde unbedingter Gehorsam gegen die
Vorschriften des höchsten OrdensKapitels unerlässlich sein
Ein Orden muss nicht nur Organisation sondern auch Symbole haben Wohl weiß
ich dass künstliche Grillen ein historisches Wachstum nicht ersetzen Dennoch
war Alles in dieser Art historisch Gewordene das erste mal auch nur ein
begeisterter Einfall Als Jesus bei Tische saß und zum letzten male mit den
Seinen zur Nacht speiste ergriff er das Brot und den Wein und setzte diese
beiden ihm naheliegenden Zufälligkeiten als Erinnerungssymbole seines Wirkens
und seines Lebens ein die heilig geblieben sind Er sah sein Ende in der Nähe
er gab das Brot zum Gedächtnis seines Lebens den Wein zum Gedächtnis seines
Todes Das Kreuz am Mantel der Templer so einfach ließ diese bald erkennen
Die Devisen des Mittelalters die oft ein ganzes Geschlecht durch alle
Menschenalter begleiteten waren Eingebungen des Augenblicks Ein Wappen
entstand zufällig und den Zufall heiligte die Gewohnheit Die Freimaurerei ist
künstlich ersonnen Lessing hat bewiesen dass ihre Symbolik durch einen Wortwitz
entstanden ist Masonie statt Massenie man hat eine Symbolik sich hier sogar
wie man zu sagen pflegt aus den Fingern gesogen und sie hat sich erhalten Ich
will die Symbolik die ich mir für die Ritter vom Geiste ersonnen habe nicht
heute schon ausführlicher erörtern nichts anführen von der Stufenfolge der
Grade und Ämter die ich den alten Templern nachzubilden gedachte ich will nur
noch da es zu spät wird von dem dritten Punkte sprechen von den Mitteln
Ohne äußere Mittel fürcht ich kann auch dieser Orden nicht bestehen
Wohltätigkeit Unterstützung der um ihrer Überzeugung Willen Leidenden gehört
ganz eigentlich zu seiner Aufgabe Die Gefahren in die sich der mutige
Volkstribun der gewissenhafte und überzeugungstreue Beamte stürzt sollen
verringert werden Der Jüngling soll nicht mehr zittern einen Weg
einzuschlagen der ihm vielleicht unmöglich macht die Wahl seines Herzens an
sein Leben zu ketten einen greisen Vater eine hinterlassene Mutter zu
ernähren Mit Freuden bieten wir Beide Siegbert und ich die Reichtümer die
uns vielleicht zufallen dürften zu diesem großen Zwecke dar Es ist leider
nicht eine einzige höhere Wahrheit in der Welt nachzuweisen die ganz ohne
irdische Beihilfe zum Siege gelangte Auch die Apostel lehrten Schicket Euch in
die Zeit denn es ist böse Zeit Als Mohammed anfangs eine entsagende
Gotteslehre predigte sammelte er wenig über ein Dutzend Bekenner um sich Als
er sie mit irdischen Elementen mischte und sie auf die Stammesinteressen der
arabischen Häuptlinge bezog wuchs sein Anhang von Tag zu Tag um Tausende und
Abertausende Vom zweideutigen Siege der Reformation ganz zu schweigen Der
Orden der Ritterschaft vom Geiste kann die Güter dieses Lebens nicht entbehren
Der Gegner muss mit derselben Waffe die ihn so stark macht besiegt werden
Gleichviel ob wir dem Orden eine harmlosere oder strengere Symbolik geben ob
wir an die Jesuiten oder die Freimaurer anknüpfen der Staat wird uns verfolgen
er wird Alles aufbieten uns mit Stumpf und Stiel auszurotten Wie vermeidet man
da wenigstens das Übermaß der Gefahr Wie parirt man wenigstens den Stoß des
Gegners Wir sind fünf Bekenner schließt sich Egon von Hohenberg uns an so
sind wir sechs Sechs brave Menschen haben sechs brave Freunde Mit zwölf
Aposteln hält sich eine Lehre Kann uns das Kreuz dort über uns erschrecken
Ermutigen soll es uns Ich scheine Euch fortgerissen von meinem Gefühl aber
ich sage Euch der Tod schreckte mich niemals wenn ich ihn mit einem Freunde
erlitte Die Templer starben in Masse und sangen freudig vielstimmig
todesmutig aus den Flammen Schon als Knabe tröstete mich Friedrich von Baden
der neben meinem geliebten Konradin auf Neapels Blutbühne stand Sie starben im
Bunde als Freunde als Brüder Doch denk ich bis zum Tode wird es nicht
kommen und was die Gefangenschaft betrifft so wäre einer der ersten Paragraphen
unsres Ordens Der dass wir Die die um den Orden leiden zu befreien haben
Gelingt es auch nicht immer so ginge doch Niemand in den Kerker ohne dass die
Aussicht auf eine rettende Hand wie die Apostel die Hoffnung auf Engel ihn
begleitete Eine Nebelgestalt in weißem Geistergewande die Hoffnung wenigstens
würde mit ihm durch die geöffneten eisernen Pforten schlüpfen und traulich ihn
trösten wenn er über die Folgen seiner redlich erfüllten Ordenspflichten
mutlos verzweifelte und ihn nur das Eine emporhalten könnte
Die Ritter vom Geiste werden dich nicht verlassen du wirst sie hören ihre
Nähe empfinden sie wachen über dich
Dankmar endete mit diesen Worten und es trat eine lautlose feierliche Stille
ein
Elftes Kapitel
Das Gespenst
Hackert lag und horchte wie betäubt Ergriff ihn schon die begeisterte
Einsetzung einer großen Tatsache an sich hatte sein kühler verneinender Sinn
gehofft man würde nun widersprechen alle diese Vorschläge für unmöglich
erklären so beunruhigte ihn noch mehr dass dies nicht geschah dass Niemand
zweifelte Niemand widersprach Schon begann man die nähern praktischen
Möglichkeiten dieser Idee zu erwägen als sich Hackert der fast träumend
lauschend und stierend dalag von Schmelzings Hand berührt fühlte
Was haben Sie Wie sehen Sie denn aus fuhr Hackert erschrocken auf
Ängstlich mit halbgeöffnetem Munde starrte Schmelzing in den dunklen
Hintergrund und fragte lauschend
Haben Sie nichts gehört
Sie hören Gespenster die hinter dem Gelbsiegellack da im Korbe stecken Sie
sind überhjetzt trunken Schmelzing Scheren Sie sich zum Henker
Schmelzing zeigte die lange Pergamenttafel die er vollgeschrieben hatte Er
ließ sie auseinanderfallen wie Leporello Don Juans Register
Sind Ihre Spitzbuben fort fragte Hackert Fürchten Sie sich jetzt dass wir
gehen werden
Indem hörte aber auch Hackert in der Ferne das Knistern eines Fussgängers auf
den steinernen Fussböden
Schmelzing bedeutete ihn zu schweigen
Kommen Sie winkte Hackert Wir wollen sehen was Das ist
Ums Himmelswillen nicht ich bleibe hier flüsterte Schmelzing
Indem erlosch blitzartig auch das flammende rechte Kreuz an dem Schmelzing
die Gespräche nachgeschrieben hatte sodass jetzt nur noch das mittlere
leuchtete Man sprach unten lebhaft durcheinander und brauchte die Ausdrücke
»Geheimbund« und »Bundesglieder« so oft dass Hackert in Besorgnis geriet
Schmelzing würde wieder anfangen an der richtigen Stelle zu lauschen während
er doch jetzt glaubte auf seinem Pergamente die wichtigsten Geheimnisse
dunkelschleichender Intriguen notirt zu haben
Ich schreie laut auf sagte Hackert wenn Sie nicht kommen und mit mir dem
Gespenst nachstellen
Schmelzing legte ihm die Hand auf den Mund und flüsterte
Gehen Sie Ich bleibe hier
Bester Freund Sie haben die Umtriebe eines Offiziers eines französischen
Emissairs und wie es mir schien einer dritten hohen Person in der Tasche nun
kommen Sie und machen Sie mir auch eine Unterhaltung Ich spreche gern mit
Geistern Wir wollen das Gespenst anreden
Nicht um hundert Taler sagte Schmelzing
Jetzt fiel von einem oberen Fenster das in diese Halle führte sogar noch
ein Lichtschimmer
Schmelzing zuckte zusammen
Es steigt hinauf zeigte Hackert da Ich wette das ist einer von den
ruhelosen alten Johannitern die durch den großen Wildungenschen Prozess aus dem
Grabe getrieben wurden und nicht anders erlöst werden können als durch einen
ledigen Junggesellen von vierzig Jahren der eine weiße Halsbinde tragen muss und
eine gelbe Weste mit acht Knöpfen Erlauben Sie Schmelzing Eins zwei drei
Damit zählte Hackert zu Schmelzings Entsetzen dessen Westenknöpfe
Schmelzing riss sich von ihm los
Da Da rief Hackert Eben sah ich das graue Männchen Da oben an dem
Fenster Es steigt ins Archiv hinauf Sehen Sie doch Schmelzing Es steht
still und grüßt Sie Schmelzing der alte Ritter kennt Sie Er hat eine
Nachtmütze auf und schwenkt sie ganz ehrerbietig vor Ihnen Danken Sie doch
Schmelzing wusste nicht wie ihm geschah Er sah nichts mehr Selbst der
Lichtschimmer in der Ferne war verschwunden In demselben Augenblicke erlosch im
Nu neben ihnen die dritte Flamme Die Gesellschaft unten schien sich gleichfalls
entfernt zu haben Es schlug ein Viertel auf zwölf Uhr vom Rathause Alles war
dunkel und gespenstisch still um sie her
Unwillkürlich fasste Schmelzing Hackerts Hand und flüsterte winselnd
Nun wirds schön Alles finster Wo haben Sie die Laterne
Kommen Sie nur Wir haben ja Streichzündhölzer
Was machen wir dass wir davonkommen Wir müssen hier übernachten
Nein Hier ist die Laterne
Hackert zog Schmelzingen als wollte er die Laterne ihm in die Hand geben
In Wahrheit aber führte er ihn nur an die Treppe die sie herabgestiegen waren
Wo sind Sie Sie lassen mich ja allein Hackert
Gerade aus
Ich falle
Es ist die Treppe Steigen Sie doch
Die Laterne
Hier Hier
Hackert besaß auch in der Sehkraft etwas von Katzennatur Er konnte sich im
Dunkeln orientiren Es war ihm ein Leichtes den Weg zurück zu finden während
Schmelzing taumelte überall anstieß und nur von Hackerts leitender Hand
zurechtgeführt werden konnte
Oben auf der Treppe sagte Hackert
Ich steige jetzt höher Schmelzing Folgen Sie
Nicht um funfzig Taler
Sie lassen sich ja schon handeln Vorhin nicht um hundert Kommen Sie
Nimmermehr Ich beschwöre Sie Hackert Hackertchen führen Sie mich an die
Tür
Wenn Sie zärtlich sein können Schmelzing bin ich jedes Opfers für Sie
fähig Hier geht der Weg Da Den Fuß ausgestreckt So Die Stufen abwärts
Finden Sie sich zurecht
Ja Hackert
Hier ist ja die Vorhalle Bei Licht waren Sie so mutig Sie müssen
schreckliche Sachen aufgeschrieben haben
Das hab ich
Pax wird sich freuen
Und wie
Halt
Was ist
Hörten Sie nicht oben knarren
Eine Tür
Das ist ein Ritter der einmal gefänglich eingeschlossen war weil er eine
Nonne liebte die blond war Diese geistlichen Ritter durften keine Nonnen
lieben die blond waren
Kommen Sie Ich höre Eisen
Wenn es zwölf schlägt hört man den Ritter an der Kette klirren und die
blonde Nonne ächzen weil die auch noch nicht erlöst ist Sie wartet auf einen
Jüngling der durch Zufall dreimal Kommen Sie sagt Wenn er zum dritten male
hier über dem Ratskeller sagt Kommen Sie dann geschieht etwas
Der unglückliche Schmelzing musste nun er wollte oder wollte nicht
verstummen Selbst sein wiederholtes Kommen Sie konnte ja nur Unheil bringen
Er zerrte Hackerten der ihn völlig verwirrte mit Gewalt vorwärts
Sie werden noch in das Grab der Nonne fallen die hier entauptet worden
ist flüsterte Hackert Hier sind alle Leichensteine jetzt aufgedeckt Nehmen
Sie sich in Acht
Schmelzing fürchtete sich aber nicht mehr Er sah die offenstehende Tür
die über die kleine Holztreppe in den Hof führte Dass er sie als er den
Oberkommissair begleitet hatte selbst verschlossen und nun offen fand
entsetzte ihn freilich allein er fühlte die Nachtluft sah den Himmel wieder
und war schon im Begriff die Holztreppe hinabzusteigen
Jetzt sagte Hackert irren Sie sich Schmelzing wenn Sie glauben dass ich
eine nächtliche Visitation dieser Registraturen irgend einem Geiste oder
Menschen gestatte Im Hause ist Jemand Der Lichtschimmer konnte Täuschung sein
das Knistern auf dem Sandsteine konnte von den Ratten kommen deren ich
gräuliche gesehen habe aus Schonung für Sie schwieg ich über die Augen dieser
Ratten Schmelzing aber diese Tür steht offen Ich muss wissen wer hier
nächtliche archivalische Studien macht
Lassen Sie Das bedeutete Schmelzing der jetzt an der Luft in dem stillen
Rathaushofe neuen Mut geschöpft hatte Lassen Sie Das Man würde immer in die
Lage kommen können sagen zu müssen was man hier wollte Die Entdeckungen die
ich machte sind zu wichtig
Hackert hatte aber schon seine Stiefeln ausgezogen und sie unter den Arm
genommen
Was tun Sie sagte Schmelzing erschrocken
Leben Sie wohl Schmelzing antwortete Hackert Ich will die blonde Nonne
wenn es geht selbst erlösen und zu dem Ritter dreimal sagen Kommen Sie
Schmelzings Bitten half nichts Hackert ersuchte ihn hier wenigstens an
der Tür Wache zu stehen Er war dann schon unterwegs gleichviel ob Schmelzing
blieb oder nicht
Auf den Socken schlich er sich den Weg zurück bestieg wieder die Stufen
die emporführten und sah sich bei jedem Absatze der Treppe um ob er nirgends
Lichtschimmer entdeckte
Im ersten Stock sah Hackert nichts Auch im zweiten nichts
Im dritten über sich hörte er das Knarren einer Tür
Er schlich vorsichtiger
Als er oben im dritten Stockwerk war spähte er nach dem Lichtschimmer Er
entdeckte nichts Er musste sich in Acht nehmen weiter zu schreiten Bei irgend
einem Fehltritt konnte er von den verwahrlosten Brüstungen herabstürzen Er
tastete sich weiter und prüfte erst jeden Schritt mit einem Fuße ehe er ihn mit
beiden machte
Er war auf einem Gange
Nun hörte er hüsteln Dies Hüsteln schien ihm bekannt zu sein
In dem Augenblick musste der nächtliche Besucher dieser Räume wohl seine
Laterne anders stellen Die Seite des Lichtschimmers fiel auf den Gang auf dem
sich Hackert befand Hackert fand sich dadurch zurecht Er kannte diese Räume
die er oft im Auftrage Schlurcks und in Begleitung des städtischen Archivars
der ein sehr vertrauter Freund des Justizrats war besucht hatte Hier zur
Linken ging es in die Aktensammlung über vormundschaftliche Angelegenheiten
Wie er näher kam und von einer dunklen Stelle aus in ein kleines Gemach
sehen konnte erkannte er auf den ersten Blick seinen grämlichen alten Gegner im
Schlurckschen Hause den vertrauten Ratgeber der ganzen Familie des
Justizrats Bartusch Der nächtliche Forscher im Archiv wandte ihm zwar in
Papieren blätternd den Rücken aber an seinem grauen Rock erkannte er den alten
Schleicher sogleich
Bartusch blätterte eifrig in Akten die er bald aus einem geöffneten
Schranke herausnahm bald wieder zurücklegte
Anfangs glaubte Hackert ganz erfüllt noch von Dankmars Vortrag tief
ergriffen von der hohen Bedeutung die er jetzt den Ansprüchen der
Wildungenschen Familie beimessen durfte dass Bartusch in Schlurcks Auftrage
vielleicht Papiere suchte die auf einen für den Justizrat so wichtigen Prozess
Bezug hätten
Dann aber sagte er sich Warum besucht er diese alte Registratur bei Nacht
Was wäre dabei Geheimes und Ängstliches zu beobachten
Er bewunderte den Mut Bartuschs der sicher hier der Schmelzingschen
Erzählung zufolge schon zum zweiten male erschien
Sollte er dachte er sich sollte er die Absicht haben Dokumente zu
vernichten Was sucht er so eifrig Was schüttelt er so den Kopf Ist es nicht
das rechte Papier was er eben so emsig durchlas
Bartusch ging an einen andern Schrank an dem er ein Bund Schlüssel
probirte
Diese Schlüssel gab ihm der städtische Archivar sagte sich Hackert Oder er
stahl sie ihm Halt die Ratsdienerin Spieß vielleicht Oder sie verabredeten
sich Beide dass er sie sich selbst nahm und der Archivar so tat als sähe er
es nicht Wenn Schlurcks Champagner strömt fließen alle Bedenklichkeiten mit
ihm Man ist ja ehrlich man wird ja nur betrogen Schnöde Welt Die Blinden
gelten alle für gut und sind meist die durchtriebensten
Die Laterne war hinterwärts auf einem Fussschemel stehen geblieben
Noch besann sich Hackert auf seine eigenen Erinnerungen an die
Angelegenheiten der Häuser und Liegenschaften die Schlurck verwaltete und
malte sich für gewiss aus dass dieser nächtliche Besuch mit dem
JohanniterProcesse in Zusammenhang stand sann und grübelte hin und her ob er
den Gebrüdern Wildungen hier nicht aufs neue von Nutzen sein könnte als er
erstaunte auf dem Schranke die Jahreszahl 1825 geschrieben zu sehen Was konnte
ein so junges Datum mit jenem Processe zu tun haben
Auch besann er sich dass er sich sonst hier immer nach vormundschaftlichen
Papieren umgesehen hätte
1825
Es war ihm immer gewesen als müsste dies sein Geburtsjahr sein Obgleich er
in den Angaben seines Alters bald diese bald jene Zahl nannte liebte er doch
die Zahl 1825 Er kannte nichts von seiner Geburt von seinen Eltern nichts
von seiner Heimat Allein soviel konnte er berechnen dass er wenn er etwa sechs
bis acht Jahre alt war als er aus dem Waisenhause zu Schlurck gekommen wohl um
das Jahr 1825 geboren sein musste
Nicht dass er annahm Bartusch suche nach Papieren die ihn beträfen Aber
etwas mächtig Verführerisches lag darin dass er gerade sein vermeintliches
Geburtsjahr 1825 über dem Schranke erblickte Sein Entschluss stand so wie so
fest
Bartusch hatte ein Papier in der Hand Er überflog es und laut entfuhr ihm
ein Ah Das ist es Er las noch einmal nickte dann mehrmals und wollte
selbstzufrieden eben den Schrank zuschliessen Vorher steckte er das Papier in
die linke Brusttasche Eben schlug das Schloss in dem Schrank wieder zu als er
sich plötzlich im Dunkeln fand Bartusch zuckte erschrocken auf Im Nu hatte ihn
eine kräftige Hand umklammert Todesschreck schnürte dem Alten die Kehle zu Er
wollte schreien Der Ton erstickte ihm Er fühlte eine Hand die ihm das
Halstuch fast mörderisch zusammen würgte Aus seiner Brusttasche wurde von einem
Unsichtbaren das eben gefundene Papier entrissen Halb ohnmächtig unvermögend
zu schreien lag Bartusch rücklings auf der Erde Der Gedanke an die Erzählung
der Bibel von einem nächtlich auf dem Wege mit Jakob ringenden Engel mochte ihm
in der grauenhaften Einsamkeit eingefallen sein Kannte er die Erzählung nicht
so war dieser ungeahnte Überfall nicht minder schauerlich und gespenstisch genug
für ihn
Schmelzing harrte inzwischen unten in der Tat noch seines Kameraden Er
fürchtete sich durch die mehreren Höfe und Durchgänge die noch bis zur
Schildwacht am Eingange des Rathauses zu durchwandern waren allein zu gehen
Es schlug halb zwölf Uhr An eins der leeren Weinfässer lehnte er sich um Luft
zu schöpfen Jeden Augenblick erwartete er irgend einen Schrei im Innern des
unheimlichen Hauses irgend einen Hülferuf zu hören So stand er zitternd bis
Hackert plötzlich am Rande der Treppe erschien
Pst Schmelzing Wo sind Sie
Hier
Leben Sie denn noch Ha Die Nonnen
Herr Gott
Die Ritter Die Geister Fort fort Kommen Sie Die blonde Nonne hatte
wirklich keinen Kopf
Hackert
Sie kommt uns nach Eilen Sie Schmelzing die Polizei erlebt mehr als
gewöhnliche andere Menschen Grauenvoll
Damit zog Hackert den taumelnden von der Luft und dem Wein und dem
Schrecken an Hand und Fuß zitternden Schmelzing vorwärts Die Höfe die sie im
Flug durchschritten widerhallten Durch einige Durchgänge mussten sie an den
Wänden sich streifend Da und dort ein mattes flackerndes Lämpchen Sie kamen an
die offene Tür des Rathauses die immer von einer Feuerwache in der Flur von
einer Militairwache am Eingange besetzt war Die Feuerwächter kannten die beiden
neuen Polizeiagenten hinlänglich und ließ sie um so mehr passieren als sie
überdies noch eine geheime Parole sagen konnten
Nach einer halben Stunde kam ein graues Männchen durch den Hof geschlichen
wandte sich ächzend und stöhnend nicht durch den Torweg auf die Straße sondern
schlich sich in eine offene Tür wo eine Stiege zu einem Fenster führte in dem
noch Licht brannte Dort wohnte der Ratsdiener Spieß der eine hübsche junge
Frau hatte die an Abenden wo ihr Mann zu Pfändungen und gerichtlichen
Executionen in der nächsten Umgegend reiste und zuweilen eine Nacht ausblieb
immer länger Licht zu haben pflegte als gewöhnlich
Bartusch der das geheimnisvolle Wort der Polizei nicht kannte wäre
schwerlich an der Feuer und Torwache hindurch gekommen Wir glauben dass er
mit dem Glockenschlag zwölf sich anschicken wird einen beruhigenden Tee zu
trinken den ihm die Ratsdienerin gewiss mit größter Gefälligkeit kochen wird
da sie und ihr Gemahl diesem guten vielvermögenden Herrn Bartusch einen solchen
Posten und hier in dem ehrwürdigen alten Rathause die bequemste freie Wohnung
verdankten
Zwölftes Kapitel
Der Sechste im Bunde
Am Morgen nach diesem ereignissreichen Tage und der ihm folgenden ernsten Nacht
finden wir die Brüder Wildungen in einem Gespräch auf dem Sopha der »Akademie«
Die Akademie wissen wir ist Siegberts die Aula ist Dankmars Wohnzimmer
Sie waren trotzdem dass sie so spät zur Ruhe gegangen waren früh erwacht
Trotz des Weines trotz der Reden trotz der gewaltigsten Aufregung des Geistes
fühlten sich die kräftigen jungen Männer nicht angegriffen
Nur Siegbert konnte sein inneres Leid nicht verbergen
Bist du unzufrieden mit mir sagte Dankmar dass ich mich gestern von dem
traulichen Beisammensein so erregen ließ und so offen mit meinen Träumereien
hervortrat Sage mir nichts Weises darüber Du kennst meinen Unmut wenn ich
mich des Morgens besinne dass ich am Abend zu viel sprach zu exaltirt und zu
offenherzig war
Mein schlimmster moralischer
Siegbert stellte eben der Katze der Frau Schievelbein den Rest ihrer Milch
an die Erde und ergänzte
Katzenjammer
Katzenjammer Was ist Das nur fuhr Dankmar fort Gebrochene Wehmut Reue
die bei mir die Morgenstunde mehr im Munde hat als Gold
Er legte die Zigarre fort die ihm nicht schmecken wollte und spitzte sich
Federn zum Arbeiten
Siegbert sprach ihm Mut zu Er sagte dass er sich fast gefürchtet hätte
als Dankmar mit seinem kühnen Plane so offen hervorgetreten wäre Allein die
Wirkung wäre auf Alle doch die mächtigste gewesen
Und setzte er hinzu es sind doch Das nur gemeine Naturen die bei
nüchterner Stimmung die Entschließungen nicht wahr haben wollen die sie in
aufgeregten Augenblicken fassten Nur Die Menschen sind groß und bedeutend bei
denen sich der Morgen erfüllend an den prophetischen Abend knüpft
Man vereinigte sich nun darüber dass die Freunde es aufrichtig gemeint
hätten in ihrer Zustimmung zu Dankmars Planen Selbst Leidenfrost der ihnen so
plötzlich und rührend als Max Brüning Entüllte wäre ergriffen gewesen und
hätte die blanke Revolutionsidee preisgegeben von der man ohnehin nicht wisse
ob er sie im Ernste oder humoristisch verstehen wollte Des edelen Werdecks
Augen hätten geglänzt wie zwei funkelnde Sterne jetzt in warmer nicht mehr
in kalter Winternacht setzte Siegbert hinzu Diese Natur sonst so
verschlossen wäre durch die Erinnerung und die Ahnung endlich aufgetaut
gewesen und der Händedruck den er den Freunden gegeben als sie auf der Straße
schieden hätte etwas Krampfhaftes ja tragisch Bedeutendes gehabt Nur von
Louis Armand mussten sie sich eingestehen dass es ihm schwer wurde sich von den
unmittelbaren Aufforderungen der politischen Sachlage zu trennen und jetzt mehr
für die Zukunft wirken zu sollen als für die ihm der dringendsten Beihilfe
bedürftig erscheinende Gegenwart Auch wär er nach der Erzählung über Jagellona
Werdeck plötzlich sonderbar zerstreut gewesen
Aber du Aber du unterbrach Dankmar Du kamst ja schon verstimmt und mit
Gespensteraugen in die Sitzung
Verstimmt nicht nachdenkend
Du hast etwas mit Olga gehabt
Siegbert schwieg
Wer sah es dem Mädchen nicht an Diese Fröhlichkeit als wir schieden Ihr
kamt zum Gesang der Trompetta und der Flottwitz als Nachzügler aus dem dunkeln
Garten Ich sah dir an dass du zittertest Olga glühte dagegen und hätte lieber
selbst tanzen mögen als Tänze spielen Wie sie auf das Klavier schlug merkt
ich dass sie die gewaltigste Aufregung zu beherrschen suchte
Die Situationen sind doch immer unser Fluch
Aha Die Raketen waren zerplatzt die Leuchtkugeln flimmerten noch vor den
Augen Es wurde still Das Herbstlaub raschelte an den Bäumen Die Sterne
funkelten
Zwei Herzen liegen aneinander und jubeln Himmlischer Sternengewaltiger
sieh herab auf deine kleinen Kinder Wir wollen uns lieben wie die Lämmerchen
weil deine Erde so schön ist
Siegbert nickte mit schmerzlichem Ausdruck
Wenn es dich trösten kann sagte Dankmar so sag ich dir dass ich fast
deinem Beispiele gefolgt wäre Die blonde Reubündlerin ist doch eine
schwärmerische Natur Es hätte nicht viel gefehlt so hätte ich sie im
Vorüberflug an mein Herz gezogen ihr einen demokratischen Kuss gestohlen und
ausgerufen Soll uns denn unser politischer Glaube trennen Ist Das das moderne
Schicksal liebender Herzen sich fliehen zu müssen wie die Kapulets die
Montagues flohen
Deine selbstgefällige Vergleichung mit Romeo tröstet mich nicht sagte
Siegbert nachdenklich Du verrätst dass mich nur eine Erregung der Sinne
treiben konnte Olga in die Arme zu schließen und ihre Lippen zu berühren
Sinne Sinne Lieber Bruder was sind die Sinne Tote Diener Elende
Sklaven Der Vollmachtgeber ist die Seele Ich wenigstens fühle wirklich etwas
für meine Reubündlerin Ihr Auge ist feucht wie der See Es zieht herab Ihre
Locken kann ich mir freier denken hängender weniger nach dem Lockenholz
aufgerollt Aber ihre Zähne sind ohne Widerrede schön Die Lippen kirschrot
Dankmar unterbrach Siegbert Du wirst ein solches Mädchen unglücklich
machen Ich hab es wohl bemerkt wie lange Fäden ihre Augen zu dir hinüber
spannen Fast verzehrt fast lechzend nach Liebe Du kommst mir wie einer der
Religionsstifter vor Alle zogen erst die Frauen an Aber sie waren
gewissenhafter als du und entsagten
Ihr Wuchs ist untadelhaft
Hörst du nicht
Aufrichtig beteuerte Dankmar Sie zieht mich an und gerade deshalb weil
sie mein vollkommenstes Gegenbild ist Sie hat etwas zerflossen Weibliches wie
ich es liebe Die schönsten Weiber Melanie an der Spitze machen mir keinen
dauernden Effekt Ich war von Melanie auch nur geblendet Ich bedurfte ihrer
Ich weidete mich an ihrer Haltlosigkeit ihrer eitlen Hingebung Ich war auf
Augenblicke entzückt und habe mich doch so von ihr getrennt dass ich sie mit der
größten Ruhe ihrem Ziele den Prinzen Egon nun wirklich noch zu erobern
zusteuern sehe
In der Tat? Wäre Das jetzt schaltete Siegbert voll Schmerz und doch
überraschtem Anteil ein
Melanie ist seit wir ihr an dem Eisenbahndurchschnitt begegneten sehr oft
bei Pauline von Harder Egon spricht mit Wärme von ihr
Und Helene dAzimont
Bahnt ihrem Gewissen eine Brücke um von der Verzweiflung über Egon sich zu
neuem Leben wieder in eines Malers Armen zu sammeln
Eines Malers Heinrichsons unterbrach Siegbert entrüstet stand auf und
ließ zuvörderst die Katze hinaus
Du phantasirst rief er dann schmerzergriffen über die Voraussetzung dass
menschliche Herzen solcher Lügen solcher Irrtümer und Wandelungen fähig sein
sollten
Mein guter Bruder sagte Dankmar Psychologie und etwas Schädellehre Die
länglichen schlanken Formen des Ledamalers kennst du
Er wäre gewissenlos genug
Die runden Formen der dAzimont bedeuten Das was die Menschen Gemüt nennen
und was ich Leidenschaft und excentrische Gegensätze nenne Bei einer gewissen
Klasse von vornehmen Frauen ohnehin siegen erst Die die ihnen ebenbürtig sind
Bei der ersten Furche auf der Stirn wählen sie einen berühmten Musiker zum
Freunde bei der zweiten einen berühmten Maler und wenn es abwärts geht findet
sich wohl noch irgendwo ein flammender Naturpoet der für seine lyrischen Vokale
einen Konsonanten braucht Guido Stromer mein ich zB könnte noch bei Paulinen
von Harder Glück machen und Heinrichsons Nachfolger werden
Abscheulich Abscheulich rief Siegbert mehr von den bizarren
menschenfeindlichen Ansichten des Bruders entrüstet als an die Möglichkeit
solcher Verbindungen glaubend
Und Adele Wäsämskoi fuhr Dankmar unbarmherzig fort liebt die Fürstin nicht
auch einen Maler Warum sollte Helene dAzimont nicht an Heinrich Heinrichson
Ersatz für Egon
Siegbert hielt dem grausamen Spötter den Mund zu Er konnte seine
Anschuldigung nicht vollenden
Abscheulicher sprach er dann voll ernsten Unwillens Wie spielst du mit
Frauenherzen Irren diese schwachen Wesen so sind sie bemitleidenswert und die
meiste Schuld trifft uns Dass Egon Helenen nicht mehr liebt ist wohl gewiss Es
ist ein schmerzlicher Beweis der Umkehr seines Charakters Diese Hingebung
diese Liebe Helenens war ein Wunderwerk eine Fabel unglaublich und doch wahr
Lauschte sie nicht seinem Atemzuge betete sie ihn nicht an Was soll ein Weib
beginnen das nun einmal im Manne lebt und sich von der Seele des Geliebten dann
ausgeschlossen sieht nur angewiesen auf einen Pflichtteil der Achtung und
öffentlichen Schonung Kann man Helenen verdenken dass sie Egon statt zu lieben
wird hassen lernen
Und dass sie dem Prinzen einen berühmten Maler gegenüberstellt sagte
Dankmar
Das ist nicht wahr Verleumdung Heinrichson zeichnet mit ihr die
Erinnerungen an der See von Enghien er übermalt ihre schwachen Leistungen zu
denen sie die Liebe spornte ohne dass sie die Kraft besaß Das was ihr in
voller Seligkeit der Erinnerung vorschwebte zu vollenden Er ist
einschmeichelnd das ist wahr ist verführerisch charakterlos Ich zweifle
nicht dass er sich von seiner brillantesten Seite zeigt sie mit Artigkeiten
überhäuft sie durch eine scheinbare Zurückhaltung verwirrt und durch seinen
trockenen zuweilen geistreichen Witz unterhält
Nun nun und dem Allen widerstände ein beleidigtes Frauenherz und
benutzte es nicht um dem Treulosen zu zeigen Sieh Da weckt ich doch noch
neue Flammen
Siegbert schauderte und blickte fast vernichtet zur Erde Es war ein zu
greller Schatten gewesen den Dankmar da auf die Menschenseele fallen ließ
Lieber Bruder sagte Dankmar ruhig und ergriff Siegberts Hand Ich wünsche
dass ich mich immer täuschte wo du anders und gläubiger siehst Du siehst die
Dinge schön und warum sollt ich nicht wünschen dass die Menschen gut ihre
Taten schön sind Aber kannst du leugnen dass dich die Fürstin Wäsämskoi liebt
dass sie zittert in deiner Nähe zu sein dass sie Augen nur hat für dich dass sie
in Zorn gerät wenn Olga dich eine Weile anblickt Und du selbst Siegbert
bist du frei von der Einwirkung dieses eigentümlichen Verhältnisses Es macht
dich unlustig zur Arbeit Du tändelst deine Zeit so hin Du beginnst nichts
Neues mehr vollendest nichts Altes Gestehe nur dass es in deinem Innern bewegt
und bunt genug aussieht
Siegbert ging im Zimmer auf und ab Er fühlte nur zu tief die Wahrheit
dieser Vorwürfe und widersprach ihnen nicht
Du hast Recht sagte er leise und mit feuchten Augen und setzte sich neben
den Bruder das Haupt auf die alte Sophalehne stützend Du hast Recht Rate
mir
Liebst du die Fürstin fragte Dankmar
Siegbert antwortete nicht schüttelte aber zuletzt entschieden sein
ernstes Haupt
Und Olga
Siegbert schwieg wiederum und blickte zur Erde nieder
Du hast vielleicht fuhr Dankmar um die drückende Stimmung zu erleichtern
scherzend fort du hast vielleicht ein Gefühl wie ich gestern Der Gegensatz
reizt die Ungleichartigkeit der Naturen stachelt
Sage mir lieber unterbrach Siegbert was du empfindest seit du weißt dass
der Knabe der deinen so hochverehrten Ackermann begleitete kein Knabe sondern
ein Mädchen ist
Dankmar sah betroffen auf
Du bist scharf erwiderte er nach einer Weile Ich glaube wenn ich mich im
Spiegel untersuchte ich würde finden dass ich errötete Bin ich rot geworden
Blass und marmorgelbgraukalt wie immer sagte Siegbert vorwurfsvoll
Dann lügt mein Gesicht antwortete Dankmar Ich kann mich an meine Freunde
im Ullagrunde nie ohne tiefste Erregung gemahnt sehen Ich sage gemahnt Denn
wenn ich ihrer gedenke ists nicht Erinnerung nur sondern wie Vorwurf
Selma und Olga sagte Siegbert Was darf man für so beginnende noch im
grünen Kleide versteckte Knospen fühlen
Ehrfurcht sagte Dankmar Heilige Scheu Oft versink ich in ein stilles
Grübeln Ich bin dann im Walde von Hohenberg in der Ferne rauscht die Mühle
der Specht hackt im Baume die Vögel singen ich schreite mit Selma durch die
junge Eichenschonung Sie spricht ebenso heiter so klar so nachdenkend wie
damals als ich nicht wusste welch ein Zauber mich zu ihr zog Wie mag als
Mädchen sein Ich träume davon Wenn ich gearbeitet habe und aufblicke steht
sie vor mir in leichtem weißen Kleide Sie ist immer um mich Ich scherze
schwesterlich mit ihr Weißt du unser kleines Schwesterlein Die holde Mechtild
Wie liebten wir sie Wie herzten wir das liebe Kind und weinten als es im Sarge
lag mit Blumen bestreut Selma ist mir wie Mechtild Und wenn ich ihrer gedenke
so senken sich alle Spitzen meines Wesens wie man die Waffen senkt wenn man
sich gefangen gibt Ich denke dann an Nichts mehr von Dem was mich so foltert
und quält Unser Streitandel die Weltlage die Zeitfragen die Stiftung des
Ordens was ist das Alles wenn ich an Selma denke Sie kommt dann und nimmt
mir Schild und Speer aus der Hand sie legt das Schwert unter Blumen entwaffnet
mich ganz und sitzt dann auf meinem Schoss und herzt mich und küsst mich ohne
dass die Küsse mich erregen oder mir etwas Anderes bedeuten als eins ihrer
traulich gesprochenen Worte Selma Wenn ich sie sehen könnte
Du liebst sie Bruder sagte Siegbert in seine Nähe rückend Wie kannst du
von den Lippen Wilhelminens von Flottwitz sprechen
Aber schaltete Dankmar rasch ein Selma ist ein Kind wie es Olga ist
Genug Wir wollen vernünftig sein
Er stand auf und wollte seine Gefühle wie er immer tat abschüttelnd in
die »Aula« gehen als der Postbote eintrat und einen Brief brachte Er kam von
der Mutter Siegbert las die sonst so feste Handschrift die ihm heute
schwankend schien Die Mutter wird leidend sein bemerkte Dankmar erschreckend
Das verhüte Gott sagte Siegbert und durchflog die Zeilen
Sie klagte in der Tat. Auch ihr wollte der Aufenthalt in den großen kalten
Räumen des alten Tempelhauses nicht bekommen Sie sprach von der Rückkehr alter
Leiden und beängstigte ihre Söhne so lebhaft dass Siegbert sich die bittersten
Vorwürfe machte
Was haben Eltern von ihren Kindern sagte er wenn diese selbstständig
geworden Jedes Band ist da wie abgeschnitten Der flügge Vogel ist aus dem
Neste und denkt nicht mehr daran zu den trauernden Alten zurückzukehren
Dankmar nicht minder bewegt kleidete sich an und beruhigte den Bruder dass
es leicht möglich werden könnte er müsse noch in diesem Herbste nach Angerode
Ob ich nicht sogleich lieber selbst ginge sagte Siegbert und wiederholte
einige Stellen aus dem Briefe der Mutter die ihm ganz besonders bedenklich
schienen Du weißt dass sie nicht zu Denen gehört die von sich selbst viel
Aufhebens machen
Sie beschlossen bei dieser Gelegenheit die Mutter wenn das Trauerjahr im
Pfarrhause vorüber wäre zu sich in die Residenz zu nehmen wobei sie sich
freilich nicht verschweigen konnten dass sie ungern ihren Bitten nachgeben und
den Aufenthalt innerhalb ihrer gewohnten kleinen Lebensbeziehungen vorziehen
würde
Auch Siegbert hatte sich angekleidet Beide Brüder waren im Begriff
auszugehen Siegbert gedachte das Atelier zu besuchen und heute dort länger zu
arbeiten als er schon seit geraumer Zeit gewohnt war Dankmar dagegen wollte
aufs Gericht um zu hören ob der richterliche Senat die wie er schon wusste
ihm ungünstige Entscheidung des Referenten bestätigt hätte Es lag ihm daran
die genauere Ausführung des Urteils zu hören und sich vorbereiten zu können in
zweiter Instanz neue Materialien zu sammeln
Wie sie aus dem Hause traten sahen sie Louis Armand hastig die Straße daher
kommen Schon in der Ferne zog er ein Zeitungsblatt aus der Rocktasche und hielt
es in die Höhe
Louis brachte die neueste Nummer des »Jahrhunderts« das seit einiger Zeit
auch in einer Morgenausgabe erschien
Egon fing er stammelnd an ohne weiter sprechen zu können Egon
Die Brüder staunten über seine Erregung
Das Ministerium hat abgedankt Es hatte eine Differenz von fünfzehn Stimmen
gegen sich
Aber der Fürst fragte Siegbert
Stimmte mit der Minorität sagte Louis
Ministeriell
Mehr als ministeriell Lesen Sie seine Motivirung
Man trat in die offene Flur des nächsten Hauses breitete die Zeitung
auseinander und las
»Fürst Hohenberg Meine Herren Sie wollen in dies Haus eine Ordnung
einführen die eine Tyrannei ist und allen Gesetzen des Anstandes widerspricht
Ich billige vollkommen wenn Sie sagen in diesem Hause wären Sie die Herren und
die Herren Minister nur Ihre Gäste ich teile durchaus nicht die Ansicht der
Herren Minister denen dies Verhältnis umzukehren beliebt Allein wer sich
vorgesetzt hat nur seinen eigensten Überzeugungen zu folgen wird unfähig sein
sich in dieser Frage auf irgend einen Parteistandpunkt zu stellen Die Minister
haben Tatsachen zu vertreten während Sie nur Meinungen Ein Minister kann in
jedem Augenblick in der Lage sein einen neuen Brennstoff in die Debatte zu
werfen
Eine Stimme Öl ins Feuer
Fürst Hohenberg Wohl Mein Herr Öl ins Feuer Dass es lodere dass es
flamme dass die Wahrheit heller erkannt werde Und wenn hier ein Minister des
Absolutismus oder ein Minister in der Blouse stünde er müsste das Recht haben
die furchtbare und leider meist unwiderstehliche Kraft der ihm anvertrauten
Tatsachen zu vertreten zu geschweigen meine Herren dass die einfachsten
Gesetze des Anstandes Demjenigen den man bei sich eingeladen hat das letzte
Wort zuzugestehen Ich stimme gegen den Antrag der Kommission Bewegung Bravo
Zischen«
Es ist acht Uhr sagte Dankmar nach einem Augenblick des Erstaunens rasch
auflodernd wollen wir Egon besuchen
Ich muss es tun sagte Louis ich hab ihm versprochen Bericht zu erstatten
von unserm gestrigen Abend an dem er Anteil zu nehmen schien als ich ihm
davon erzählte Wenn ihn irgend ein Gedanke ergreifen kann so sollte es dieser
hochherzige Egon ist ja schon ein Ritter vom Geiste denn Sie sehen wie er
sich vom Buchstaben der Partei lossagt
Dieser Buchstabe bemerkte Dankmar auf eine so zweifelnde schmerzliche
Wendung ist leider in Übergangskrisen wie wir sie jetzt erleben der Geist
selbst Wer nicht die Kraft hat selbst eine Partei zu bilden muss sich
bezwingen die Zahl Derer die ihm am verwandtesten denken durch seine
Zustimmung zu vergrößern Die edelste Aufgabe meines Bundes wird auch die sein
die Kunst zu lehren und zu üben Majoritäten zu bilden Wir wollen zu Egon
gehen
Als die Freunde eine Seitengasse einschlugen bestätigte Louis aufs neue
wieviel Sorgen ihm der hochgestellte Freund mache Seit vierzehn Tagen schiene
er an einem tiefen Kummer zu leiden und wäre nicht mehr der Alte Leider hätte
diese Verstimmung zur Folge dass er alle seine alten Pläne aufgäbe und nur noch
dem Ehrgeize lebe Louis erzählte von Wiederherstellung eines verwitterten
Wappens über seinem Palais eine Unternehmung die Siegbert noch mit den Worten
entschuldigte Warum soll er das Wappen vermodern lassen Entweder musste die
steinerne Tafel ganz abgenommen oder restaurirt werden Aber man hörte von
Vermehrung der Bedienung von neuen Livreen nach englischem Schnitte von einer
verschwenderischen Anwendung des Hohenbergschen Wappens auf Briefcouverten
Büchern Tellern Pferdegeschirren usw Unsre Freunde gestanden sich dass die
sonst so demütigen Blicke der Diener impertinent geworden waren Die
Wandstablers die sich schon anschickten das Haus zu verlassen rümpften die
Nase als wollten sie sagen Unsre Zeit bricht wieder an Die Art der Anmeldung
bei Egon wäre umständlich complizirt erkältend noch ehe man ihn sähe Er
erweise sich herzlich nach wie vor aber er wäre zerstreut oder ein Kummer
drücke ihn den Niemand erraten könne
Man war bei dem Thema über Helene dAzimont angekommen und schwieg Der Weg
zum Palais war noch nicht zurückgelegt So knüpfte man an den gestrigen Abend an
und Louis Armand sprach nun aus was er gestern zurückgehalten hatte
Also nur der Geist soll triumphiren sagte er Nur der Gedanke soll uns frei
machen Wir sollen uns also die Hand reichen über Länder und Völker hinweg
Anfangs meine Freunde fürchtete ich die Idee der Ritter vom Geiste würde auf
jene Sekte hinauskommen die sich in Paris unter dem Namen der neuen Templer
begründet hat Ich war Zeuge einer Sitzung dieser neuen Templer Es sind Affen
alter Zeremonien schwache eitle Kopieen der Freimaurer Sie scheinen keinen
andern Zweck zu haben als sich wie auf der Maskerade im Kostüme des
Mittelalters zu brüsten gut zu essen sich mit großen fabelhaften Titeln zu
beladen und alle diese Narrheiten entschuldigen und beschönigen sie dann mit
einigen Phrasen über Menschenliebe Wohltätigkeit den ewigen Frieden die
Fraternität der Nationen und die Ehrwürdigkeit aller Religionen Mit Egon war
ich bei einer dieser Sitzungen zugegen und schon damals sagte er
Das Streben auf die überlieferte Ordnung in der wir geboren werden
gleichsam eine neue zu pfropfen die Ordnung einer eigenen Wahl ist gewiss
ehrenwert aber wie müsste es doch großartiger und heroischer ausgeführt werden
Sagte er Das Ich kenne die Statuten dieser neuen Pariser Templer schaltete
Dankmar ein
Egon rief damals aus fuhr Louis Armand fort Welche Affen welche
Komödianten Ich sehe mit klaren Augen die alten Templer auf dem geweihten Boden
Palästinas mit den Sarazenen im Kampfe Hugo des Payens schwingt sein tapfres
Schwert ich sehe Tausende hinsiechen an der Pest ich sehe den Sturm auf
Ptolomais und den Tod der letzten Ritter die das Kastell des Tempels
verteidigen der Grossmeister stirbt an einem vergifteten Pfeile ich sehe
Jakob von Molay in den Flammen Hunderte ihm vorangehen Hunderte folgen und nun
da diese Advokaten Börsenmäkler Banquiers Quacksalber Polizeiagenten
die setzen sich da in weißen Mänteln mit dem roten Kreuz in befiederten Barets
hin und essen Austern und Pasteten zum Zweck des allgemeinen Weltfriedens der
Bruderliebe und der Gleichartigkeit aller Religionen pfui welche
Gemeinplätze und welche Possenreisser
Siegbert sah unwillkürlich zu Dankmar hinüber und lächelte
Beruhige dich lieber Bruder erwiderte dieser Das gemeinschaftliche Essen
ist ausdrücklich aus unsern Statuten verbannt Die Ritter vom Geiste werden
sogar in Betreff des Trinkens mäßiger sein müssen als wir es gestern Abend
waren Ich spüre Kopfweh Doch glaub ich fast es kommt von der Nähe des Palais
da das ich gar nicht mehr mit den alten frohen Empfindungen sehen kann mit
denen ich es sonst begrüßte Sonst schien es mir die hässliche Raupenhülle eines
Schmetterlings zu sein jetzt gehört es zu dem Besitzer so organisch so fast
notwendig hinzu wie das Haus zur Schnecke
Schon seit einigen Tagen begrüßten die Diener ihres Herrn Freunde nicht mehr
mit der Furcht und Ehrerbietung wie sonst Dankmar flüsterte den beiden
Begleitern zu dass es gut wäre wohl auch solche äußeren Zeichen zu beachten und
sie bei Egon zur Sprache zu bringen Nur Dorette Wandstabler die Älteste war
besonnen und wusste sich zu beherrschen Sie unterließ als sie den Ankommenden
auf der Treppe begegnete nicht im geringsten die Beweise äussrer Achtung Louis
erhielt sogar von ihr im Vorbeigehen zugeflüstert es wäre soeben vom Hofe ein
Brief in RosaUmschlag angekommen Ein Brief in RosaUmschlag wisse sie noch
vom alten Fürsten her käme aus dem Kabinet des Königs
Ein Brief vom König bemerkte Louis und sah die Brüder fragend an
Man wird seinen Rat begehren sagte Siegbert
Und Dankmar setzte hinzu
Man wird ihm das Ministerium anbieten
Indem hatte sie ein neuer Kammerdiener schon gemeldet und kam mit dem
Bescheide dass Sr Durchlaucht sie bäte eine Viertelstunde zu warten Er zöge
sich an Sr Majestät hätten ihn um zehn Uhr aufs Schloss beordert
Die Freunde betrachteten sich bedeutungsvoll und harrten im Vorzimmer Sie
sprachen nichts Es war ihnen als wären sie im Begriff von einer geliebten
Person für ewig Abschied zu nehmen Diese Bilder Statüen Vasen die hier
ringsum standen hatten ihnen früher nur flüchtigen Eindruck gemacht Es war
ihnen immer gewesen als wenn diese Gegenstände weit unter ihnen ständen Heute
blickte sie Alles vornehm und fast verachtend an Eine alabasterne Tänzerin auf
einem Säulenpiedestal von Marmor schien ihnen zu sagen Wer seid Ihr Was wollt
Ihr hier Der Geist des alten Generalfeldmarschalls spukte um sie her und wies
ihnen mit ihrer nicht hierhergehörenden Gesinnung fast die Tür
Endlich wurden sie vorgelassen
Sie trafen Egon in gewähltester Toilette Sein Haar war frisirt der
Kinnbart mit großer Sorgfalt behandelt Es lag etwas Imponirendes in dieser
schönen jugendlichen Gestalt deren mit der Krankheit sehr hochgewordene Stirn
recht den Denker verriet Die Augen waren ein wenig eingefallen blitzten aber
aus den tieferen schattigen Höhlen nur um so feuriger voll Geist und Anregung
hervor Um den Mund lag unverkennbarer Mut und schnelle Entschlossenheit
ausgeprägt doch milderte ein gefälliges Lächeln den allzustrengen Ernst der
Züge Auf dem Frack glänzte zum erstenmale der Stern des Grosskreuzes vom
Verdienstorden das ihm der König bei seiner ersten Vorstellung am Hofe vor
etwa zwölf Tagen selbst mit den huldvollen Worten überreicht hatte Er hätte
sämtliche einheimische Orden des großen Helden seines Vaters bei Seite
gelegt und hoffe sie mit der Zeit einen nach dem andern dem Sohne wieder
einhändigen zu können Es war dies eine Artigkeit gewesen durch die Egon zu
Nichts verpflichtet wurde Sie galt seinem Stande und gehörte fast zur Etikette
einer solchen Präsentation
Ich bin zum König gerufen sagte Egon und begrüßte die Freunde wie sonst
durch den alten Handschlag Was habt Ihr beschlossen Ich höre nichts mehr von
Euren Plänen Ihr feiert Weinlesen seht Schwärmer prasseln macht schönen
Mädchen den Hof während ich Armer den Dunst unsrer schlechten Ölbeleuchtung in
der Kammer einatmen muss Siegbert wie geht es der kleinen Olga Ihr
Glücklichen Sie und du Dankmar was seid Ihr beneidenswert Die eine
Hälfte der schönen Welt spekulirt auf Eure Million und die andere tröstet sich
wenn es nichts damit ist doch wenigstens mit zwei liebenswürdigen Männern
kokettirt zu haben Und Louis hat auch seine stillen Freuden und sieht lyrisch
aus Ich wette er wetteifert schon wieder mit Béranger und Lamartine Ihr seid
nicht aufrichtig Alle Alle seid Ihrs nicht
Vor dem neuen Minister des Innern bemerkte Dankmar wird man bald keine
Geheimnisse mehr haben
Egon blickte auf Dankmar mit einem eigentümlichen sichern lächelnden
Blick
Glaubst du sagte er nach einer Pause glaubst du lieber Freund dass ich
deshalb weil ich gestern Abend einmal meiner eigenen Grille folgte nun auch
gleich die Grillen des Hofes wahrmachen werde
Es ist gefährlich eigene Grillen zu haben bemerkte Dankmar mit kalter
Ruhe Wenn man sich von seinen Freunden trennt werden die Feinde der Freunde
immer glauben einen Verbündeten zu haben
Und sie werden sich täuschen in diesem Glauben lieber Dankmar sagte Egon
ruhig Ich glaube in der Tat, dass man die Absicht hat mir heute um zehn Uhr im
Schloss ein Portefeuille anzubieten Ich werde ein Programm stellen Erlaubt
man mir nach diesem Programm zu regieren so werd ich das Portefeuille
annehmen
Die Lage des Hofes erwiderte Dankmar ist nicht von der Art ein Programm
wie du es mit Ehren nur stellen kannst annehmen zu können
Dies Wort verletzte Egon sichtlich Doch behielt er seine Mienen in der
Gewalt und fragte Siegbert und Louis ob sie gemeinschaftlich frühstücken
wollten
Ich habe sagte er launig den Keller meines Vaters revidirt und gefunden
dass da unten viel Poesie versteckt lag Wie ich die Etiketten las Alicante
Xeres Marsala welche Vorstellungen weckt Das Man fühlt sich in die Gegenden
versetzt wo diese gekelterten Trauben einst am Stocke hingen man sieht das
Ultramarin des südlichen Himmels man hört die Woge des Meeres an den hohen
steinigten Ufern branden und streckt sich unter Palmen und Olivenbäumen hin und
träumt dolce far niente
Damit klingelte Egon und bestellte ein Frühstück
Unten im Pavillon sagte er Aber rasch rasch Bringt was Ihr zur Hand
habt und Alicante und Xeres
Der Kammerdiener flog
Ich kann mir denken sagte Egon dass Euch meine gestrige Abstimmung
überrascht hat Ich kann mir aber nicht helfen Ich muss so reden wie ich fühle
Tretet nur einmal in eine dieser Vorberatungen der Parteien hört diese blinde
tolle sich überstürzende Hast der Menschen die die Parole austeilen ich
wette Ihr haltet es mit aller Eurer Überzeugung von der Notwendigkeit Partei
halten zu müssen nicht drei Tage aus Ich hielt es vierzehn Tage aus Aus der
Partei der Linken bin ich ausgetreten
Und welcher Seite des Centrums schließt du dich an fragte Dankmar
An keine
Nicht einmal an den Klub Justus sagte Dankmar immer erregter
An diesen am wenigsten antwortete Egon Was soll ich dasitzen und dies
Durcheinander der Intriguen hören Alles soll Taktik und immer Taktik sein an
die Tatsachen denkt Niemand Sie sitzen und zählen Stimmen Immer ist Einer
unterwegs der bald zu der bald zu jener kleinen Fraktion läuft und ein
Kompromiss beantragt gebt uns acht Stimmen für Das so geben wir Euch acht
Stimmen für Das o pfui ich habe diese Methode Politik zu treiben satt Es
ist ein kleiner Schacher kein großer Handelsgeist der dort herrscht Ich will
von heute an stimmen wie ich denke
Die Freunde konnten diesen Entschluss eigentlich doch nur billigen
befürchteten aber dass sich Egon isoliren würde
Nein sagte Egon es gibt Männer genug in der Kammer die unter dem Druck
der vorlauten Intrigue seufzen Sie Alle sehnen sich nach Befreiung Sie werden
sich mit Freuden unter dem Banner schaaren das irgend ein Retter der gesunden
Vernunft aufsteckt Ob ich dieser Retter sein werde weiß ich nicht Will man
sich mir anschließen wohlan da ist meine Hand Aufsuchen werd ich Niemand
Aristokratisch oder bequem fragte Dankmar mit feinem Lächeln
Egon schien an dieser Alternative keinen Anstoß zu nehmen Im Gegenteil
sagte er
Entsinnst du dich unsres ersten Gespräches im Walde hinter dem Heidekrug
Wohl sagte Dankmar Damals trugst du eine Blouse
Allerdings würde ich jetzt dieselben Ansichten von einem Fürsten in
gesterntem Fracke vorgetragen vorsichtiger auffassen Du protegirst die
Zeitung das Jahrhundert Man nennt den Ton derselben doctrinair Die
Doctrinaire sind die Aristokraten der Idee
Beruhige dich Freund erwiderte Egon ich werde auch nicht mit den
Professoren stimmen In einer Zeit des Handelns ist Niemand überflüssiger als
Der der ewig nur rät und lehrt Aber kommt Kommt Es ist bald neun Uhr Wir
gehen in den Pavillon
Durch mehre Zimmer Kabinete einen Korridor und dann eine kleine
Wendeltreppe herab führte Egon die Freunde nach jenem geheimnisvollen Pavillon
seines Vaters Niemals hatte er gern von diesem Orte gesprochen die Freunde
niemals veranlasst ihn zu besuchen Heute sprach er von ihm wie von einer seiner
gewöhnlichen Retraiten Die Freunde folgten ihm in einer eigenen beklommenen
Stimmung Sie fühlten es war zwischen ihnen und dem jungen Fürsten nicht mehr
wie sonst Die Unbefangenheit fehlte der Duft des Verhältnisses war verflogen
Sie fühlten dass er ihnen nicht wehtun sie in ihren Grundsätzen nicht
verletzen wollte und nichts verletzte sie doch mehr als gerade dass sie sahen
wie er ihnen auswich und durch Artigkeiten und Scherze den tieferen Bruch
zwischen ihnen zu verdecken suchte Siegbert hatte noch den meisten Glauben
oder er fühlte in Dem was ihn sonst drückte nicht den Zwang dieser Szenen
denen er doch nur halb beiwohnte Seine Phantasie weilte bei Olga bei der
Vorstellung wie er ihr nun heute begegnen ihr ins Auge sehen sollte Louis
war erschüttert Dankmar verstimmt Er stand sogar einige male auf der Wanderung
nach dem Pavillon still als ob er sich besänne zu folgen und nicht besser
täte sich heimlich zu entfernen
Sie hatten die kleine Wendeltreppe hinter sich Ein Bedienter der an ihrem
Fuße harrte stieß zwei Torflügel auf die in ein Vestibül führten das rings
mit Blumen geschmückt war Zwei Victorien von Bronze hielten den Eintretenden
Kränze entgegen Der Fußboden war mit bunten dichtwollenen Teppichen belegt
Hinter den Victorien rauschte ein Vorhang auf von schwerem rotem Samt Man
befand sich in einer Rotunde Rings an den Wänden Spiegel mit Goldleisten und
neben ihnen Kandelaber An den Wänden eine einzige Ottomane rundum unterbrochen
nur von den Eingängen in kleine durch Vorhänge unterschiedene Kabinete
Als sie über die schweren Teppiche hinschritten sagte Egon
Ich entsinne mich dass Ihr zum ersten male hier seid Seht da die
Erfindungsgabe meines Vaters Von der rechten Seite hier bis zur Linken ziehen
sich kleine allerliebste Gemächer Über jedem ist in Wachsmalerei angegeben
wozu die Bestimmung der Gemächer dienen soll Hier über dem Vorhang der
erschöpfte Mars Amor nimmt ihm die Waffen ab Es ist das Entrée eines
Badezimmers das sich hier nebenan befindet Die badende Nymphe macht es
kenntlich Daneben sitzt Pan und bläst auf seiner Flöte während Tritonen aus
Hörnern Wasserstrahlen spritzen Ich weiß nicht welche Tändeleien für das
dritte Kabinet bestimmt waren Über jenes vierte seht Ihr Hebe mit der Kanne und
einem Teller schweben Wahrscheinlich ist in der Kanne Nektar und auf der Schale
Ambrosia Soviel weiß ich dass in diesem vierten Kabinet vortrefflich gespeist
worden ist und sich die Ambrosia als die Praxis eines guten Pariser Kochs zu
erkennen gab In dem fünften waltete die Nachmittagsruhe Es ist das Kabinet der
türkischen Pfeifen Der talentvolle Künstler der diese Medaillons über die
Türen malte muss in Verlegenheit gewesen sein die türkischen Pfeifen in den
Kreis seiner mytologischen Allegorieen einzuführen und doch hat er sich sehr
artig geholfen Seht die drei schönen Mädchen die über einem toten von
Flammenglut umgebenen Knaben weinen und die Hände ausstrecken Sie verwandeln
sich eben in Pappeln und die Tränen die ihnen entfallen flimmern von dem
gelben Schein des Knaben gelb
Recht geschickt sagte Siegbert Der gelbe Knabe ist der soeben von der
Sonne herabgestürzte Phaeton Die Schwestern beweinen seinen Fall und
verwandeln sich in Pappeln Ihre Tränen die in dem gelben Scheine des
versengten von der Lichtmaterie des Sonnenballs gedörrten Phaeton gelb
erscheinen sind der Bernstein
Richtig fuhr Egon fort und diese Sage vom Ursprung des Bernsteins passt in
der Tat für ein Kabinet mit türkischen Pfeifen deren Spitzen von Bernstein
sind Ich kenne den Maler nicht
Es ist unser herrlicher Berg selbst sagte Siegbert der diese
Wachsmalereien fertigte Sie sind berühmt
Ich bekomme Ehrfurcht vor dem Geschmack meines Vaters des alten Haudegens
Seht da das sechste Kabinet hat als Medaillon eine Nymphe die sich im Wasser
spiegelt und sich dabei selber kopirt mit einer Stecknadel nämlich auf einem
großen Feigenblatt das ihr ein Satyr hinreicht Seht den Satyr mit dem
Feigenzweig Wie zierlich und schalkhaft die ritzende Nadel auf dem Blatt In
diesem Kabinet sind Bildersammlungen die ich Euch nicht zeigen mag Und hier im
siebenten und letzten Kabinet befindet sich sogar eine Bibliothek verbotener
Bücher Mein loyaler Papa war ein eifriger Sammler in diesem Fache der
Literatur das der Maler in jenem Medaillon kenntlich machte Ein Faun sitzt und
lehrt Amor schreiben Der kleine Junge weint weil die Feder vielleicht kritzelt
oder ihm die Mühe zu sauer wird Der Faun liest behaglich was Amor geschrieben
hat Die beiden Tauben die sich über dem Busch wo die Schulscene passiert
schnäbeln drücken das Thema der hier gesammelten wilden Literatur aus
Inzwischen waren die Diener gekommen und hatten in das vierte Kabinet
silberne Schüsseln Körbe Servirbreter Flaschen getragen Der Kammerdiener
schlug den Vorhang zurück Egon forderte die Freunde auf einzutreten
Ein zierliches behagliches Gemach umfing sie Die kleine gedeckte Tafel in
der Mitte widerstrahlte von Krystall und Silberzeug Die nach außen zu
unscheinbaren Fenster waren durch ein zweites Fenster verdeckt das von innen
vorgebogen werden konnte ein Fenster von mattgeschliffenem Milchglase mit
eingefugten Litophanieen Die Sessel waren außerordentlich bequem mit Lehnen
von blau und weissgestreiften Gurten Von derselben Farbe waren ringsum
Ottomanen Ein Gemälde an der Wand erwies sich alsbald als Flötenuhr und spielte
mit reingestimmtem Glockenton die Gnadenarie aus Robert dem Teufel Der
einfachere Charakter dieses kleinen Kabinets entsprach seiner Bestimmung denn
in einem Esszimmer sollen die Sinne des Auges nicht durch eine überladene
Staffage zerstreut werden
Egon machte den Wirt mit gewohnter Freundlichkeit
Drei galonnirte Diener schon in Bereitschaft mit nach Hofe zu fahren
servirten in weißen Handschuhen Es war ein Ton in das Hauswesen gekommen gegen
den Egon früher selbst protestirt hatte und der sich nun seit etwa vierzehn
Tagen von selbst verstand
Seine Gäste aßen nur wenig Sie machten sich Vorwürfe ihn jetzt wo er
seine Gedanken zusammenzufassen hätte noch aufzuhalten Dankmar fragte ihn
sogar ob er das Programm schon fertig hätte
Seit Jahren denk ich darüber nach und schrieb es in zehn Minuten nieder
erwiderte Egon
Und darf man nicht einen der Paragraphen erfahren
Ich werde dem Hofe Bedingungen stellen die er niemals eingehen kann Denn
leider haben diese bedrängten Machtaber schon eine solche Furcht von der
Sprache unsrer Tage abzuweichen dass sie eher die Richtung die sie selber
fürchten ans Ruder bringen als etwas Neues zu versuchen
Dies vortreffliche Dejeuner bemerkte Dankmar sarkastisch ist wenigstens
Bürgschaft dass du keine so spartanischen Vorschläge machen wirst wie ich
zuweilen deinen Ideen abgelauscht habe Welche Rolle wird denn in diesem
Programm die vielbesprochene Arbeit spielen
Dieselbe Arbeit sagte Egon mit ruhigem Ernst die ich immer pries wird
auch in meinem Programm die Hauptrolle haben Ich kenne nur den Staat der
Pflichten Einer Zeit gegenüber die nur ewig von den Rechten der Menschheit
träumt muss man es offen aussprechen dass die Pflichten es sind deren
gewissenhafte Erfüllung allein die Rechte gewährleistet Wenn Alles von seinen
Rechten spricht wo bleiben die Pflichten Nur da wo Jeder bereit ist zu
geben was er geben muss nur da kann ein freudiges Empfangen und ein reichliches
ermöglicht werden Das was uns überliefert ist ist des Menschen erste
Lebensbedingung Ich bin der Tor nicht der da auftreten und das Unrecht
deshalb verteidigen wird weil es überliefert ist Dem Unrecht als solchem
dien ich nicht Aber auch in dem überlieferten Unrecht liegt eine
Menschenpflicht und ein Menschenrecht Die Tradition ist die Aufgabe die wir
friedlich lösen sollen Die Tradition ist das Chaos das wir zu lichten der
Knoten den wir zu entwirren haben Wer darf auftreten und mit dem Schwerte alle
diese Schwierigkeiten durchhauen Ich verlange dass man das Leben reformirt nach
einer überlieferten Gestaltung dh die Methode des neuen Lebens muss das Leben
selber sein Ich werde Jedem der trotzig von seinem Rechte spricht auch eine
Pflicht entgegenhalten dem Armen wie dem Reichen dem Niedrigen und dem
Vornehmen
Ich fürchte bemerkte Dankmar unerschütterlich dass diese Grundsätze dem
Hofe und den kleinen Cirkeln die am Ende doch Alles regieren zu allgemein sein
werden Man wird ganz einfach den Verfassungsentwurf der frühern radikalen
Ministerien nehmen und dich fragen was du mit ihm zu tun gedenkst
Ich bin auch darauf gefasst sagte Egon Ich nehme diesen Verfassungsentwurf
nicht an Ich erkläre ihn nicht verteidigen zu können Ich habe die
Vorstellung von einer andern Urkunde unsres gesellschaftlichen Paktes Von unten
herauf vom Zweck der gesitteten Gesellschaft aus muss der Aufbau vollendet
werden
Damit wirst du den kleinen Cirkeln nicht gelegen kommen bemerkte Dankmar
fast erschrocken über diese Kühnheit Diese wollen nur einen überlieferten
historischen Staat der in die traurige Lage gekommen ist zu den schon
berechtigten Gewalten eine neue Berechtigung das Volk mit hinzuzulassen Man
streitet dort nur über das Maß von Freiheiten das man an die neuen stürmischen
Dränger abzulassen gedenkt Wenn du von der Überflüssigkeit zB einer ersten
Kammer sprächest würdest du sogleich bemerken dass alle Hofdamen die Euer
Gespräch belauschen dürften die Nase rümpfen werden
Ich bin für eine erste Kammer sagte Egon
In der Tat? bemerkten erstaunt die Freunde
Jede Frage verlangt eine doppelte Erwägung Prometeus und Epimeteus Das
ist eine alte Wahrheit Aber ich verwerfe das nur geschichtliche Element das
die erste Kammer bilden soll Ich verlange von der Gesetzgebung zwei Instanzen
Die eine soll die der Interessen die andere die der allgemeinen Freiheit sein
Um ein Beispiel zu geben würd ich gleichsam in die erste Kammer die Meister
in die zweite die Gesellen bringen Unser ganzes Wirken ist aus den Faktoren des
Besitzes und Erwerbes des Stabilen und des Strebsamen zusammengesetzt Ich
verachte die Stabilität der Beamtenwelt des Geldsackes selbst die der Geburt
einzelner vornehmer Geschlechter Ich erkenne nur die Arbeit als das Prinzip des
Staates an schließe das Kapital als arbeitende Potenz eine Lüge völlig aus
anerkenne nirgendwo die tote Hand auch die tote Hand des Besitzes nicht ich
anerkenne nur die lebendige individuelle Arbeit Meine erste Kammer besteht aus
den Bevollmächtigten der positiven Interessen der einzelnen Arbeitsbranchen des
Lebens meine zweite aus den Bevollmächtigten gleichsam des arbeitgebenden
Publikums In der ersten wird gleichsam der Zunftzwang in der zweiten die
Gewerbfreiheit sitzen Ich lasse nicht nach Ständen Städten Census und
ähnlichen Unterscheidungen wählen sondern in die erste Kammer nach den
speziellen Tätigkeitsbranchen des Lebens in die zweite nach dem öffentlichen
Bedürfnis Es ist möglich dass in meiner zweiten Kammer Fürsten und Grafen in
meiner ersten Blousenmänner sitzen
Das kommt auf Eins heraus fiel Dankmar lächelnd ein Man würde diese
Einrichtung allenfalls bei Hofe und in Petersburg als einen Druckfehler
entschuldigen können
Doch nicht lieber Freund sagte Egon sich bekämpfend Das Wahlprincip der
zweiten Kammer fass ich numerisch Das Publikum ist unbeschränkt Nur einige
Modificationen mit Ansiedlung und Bürgerrecht sonst ist jedes Staatsglied
Wähler In die erste Kammer setz ich Die die die Träger des Staates sind die
fleißigen Hände Erschrickt der Hof vor Pairs die keine Glaçeehandschuhe
tragen so ist die Zeit dieser Ideen noch nicht gekommen und ich ziehe mich gern
zurück um das Chaos zu beobachten bis unsre Zeit gekommen ist
Louis und Siegbert waren von diesen Auseinandersetzungen überrascht und
freuten sich der noch immer so stark in ihrem hochgestellten nun zu so
glänzender Laufbahn berufenen Freunde nachwirkenden alten volkstümlichen
Einflüsse
Dankmar aber äußerte sich entschieden zweifelnd und bemerkte
Ich habe mein verehrter Freund seit ich dich kennen lernte und du mir
einst sagtest unter diesen Spiegeln und Kronenleuchtern würd ich einmal noch
in dein tiefstes Innere blicken nie anders von dir gedacht als bedeutend und
groß Etwas Gewöhnliches wirst du niemals bieten Allein ich fürchte sehr dass
sich bei dir eine alte Erfahrung bestätigt Die Richtung der Zeit ist wie der
reissende Strom eines Flusses der aus einer seeartigen Breite plötzlich in
engere Ufer tritt Man wird fortgerissen Die Zeit lässt sich durch einen
Einzelnen nur in den seltensten Fällen bestimmen Diese Begriffe von Links und
Rechts von Liberal und Konservativ sind in der Tat furchtbar einseitig und
jeder geistreiche Kopf der positiv denkt und nicht von einer bloßen Manie der
Neuerung getrieben wird leidet unter der gegenseitigen Ausschliesslichkeit
dieser Antitesen allein diese Antitesen sind einmal die größten Tyrannen
unsrer Zeit Man glaubt sie beherrscht ihre Klippen vermieden zu haben und
scheitert an ihnen Die Umstände zwängen uns immer wieder in die alten
Schattirungen Schwarz oder Weiß Licht oder Schatten Und sieh Wenn ich mir
dächte
Dankmar sprach nicht weiter denn sie wurden unterbrochen Einer der
Bedienten brachte dem jungen Fürsten den die Äußerung Dankmars von dem Blick
in die Vergangenheit unter den Spiegeln und Leuchtern dieses Pavillons ernster
gestimmt hatte ein zierliches Billet Über der Methode Briefe auf silbernen
Tellern zu überreichen hatte Egon früher selbst gelacht Heute fand diese
Abgabe ganz in dieser komischen Form statt
Egon erbrach das Billet und schien zerstreut verstimmt
Die Gräfin sind selbst da sagte der Bediente
Nein Nein rief Egon Ich bin unter meinen Freunden
Ich sagte es
Ich fahre zum König
Eben deshalb sagte die Gräfin
O Gott O Gott schrie Egon auf Er begleitete diesen Ruf mit Gebehrden wie
ein wildes verwundetes Tier
Er sprang auf und warf das Billet den Freunden hin dass sie es lesen
sollten
Entschuldigt mich sagte er Lebt wohl
Damit verschwand er noch die Serviette in der Hand die er zornig
zerknitterte und unterwegs mitten in der großen Rotunde von sich warf
Die plötzlich verlassenen Freunde ahnten dass ihn die Gräfin dAzimont
abgerufen hatte
Siegbert dem das Billet am nächsten lag nahm Anstand es zu lesen
Auch Louis meinte er könnte nichts hören was von dieser Hand käme
Dankmar fand es wenigstens nicht erlaubt das Briefchen liegen zu lassen
Warum wollen wir einen letzten Beweis von Freundschaft den wir noch von
Egon empfingen nicht ehrend entgegen nehmen sagte er
Die drei Freunde schwiegen erschüttert Sie traten in die große Rotunde Das
von oben herabfallende Licht erhellte den Raum hinlänglich um die kleinen
zarten Schriftzüge lesen zu können Sie lauteten
»Ich sterbe Du wühlst den Dolch in meiner Brust Zertritt mich ganz Sage
mir nur dass ich mich unter den Huf deiner Pferde werfe Dann ists doch aus
Aus O Gott schenke mir Wahnsinn Tod oder Wahnsinn Egon ich beschwöre dich
sei Mensch Entsetzlicher Foltre mich nicht Lass mich sterben Morde mich
Nur Entschiedenheit Erlösung Licht mindestens die Freiheit des Todes«
Die drei Freunde sahen sich entsetzt an
Sie fühlten dass Dies der Verzweiflungsschrei einer Frau war die ihr Alles
an Egon gesetzt hatte und wahrscheinlich fühlte dass sie ihm von keinem Werte
mehr war
Die Genugtuung für Louis Armand hätte damit vollständig erreicht sein
können wenn sein fühlendes Herz eines so kalten Triumphes fähig gewesen wäre
Arme Louison sprach er du hast nicht gewollt dass der Genius der Liebe so
dein Andenken rächt
Und doch sagte Siegbert den diese Worte der Schwester Adelens tief ins
Herz schnitten doch ist Egon vielleicht unglücklicher als Helene Ein Weib
geliebt haben und heraussein aus dem magnetischen Rapport der in ihr noch voll
und glühend nachwirkt während man selbst erkältet übersättigt ist Das ist
Qual Man will nicht verwunden man will nicht lügen Man hat ein Herz und
darf ihm nicht folgen Armer Egon Der Schmerz mit dem er aufstand war
furchtbar fast wahnsinnig
Kommt Kommt sagte Dankmar Die Luft dieses Pavillons der Staub dieser
Teppiche das Lachen dieser Bilder das Alles ist erstickend An die frische
Luft Ich kann nicht mehr Atem schöpfen
An der kleinen Treppe die hinauf zu Egon führte führte auch eine Tür
gleich in den Hof Dieser eilten sie zu und sogen die stärkende Oktoberluft wie
Balsam ein Es trieb sie fort als brennte der Fußboden unter ihnen Stürmende
Gespenster schienen sie zu jagen Sie sahen sich nicht um sie flohen fast
Auf der Straße rief ihnen eine Stimme nach
Sie wandten sich um
Es war Rudhard an dem sie vorübergeschritten waren ohne ihn zu sehen
Nachdenklich ruhig stand er am Portal des Palais auf einen Stock sich
lehnend
Er winkte Siegbert
Siegbert bat die Freunde einen Augenblick zu warten
Als Siegbert sich Rudhard nahte erschrak er fast über des alten Mannes
ernstes gemessenes Antlitz
Ich wollte zu Egon sagte Rudhard Ich hörte dass er nicht allein ist Er
fährt zum König Er fliegt einem glänzenden Gestirne zu Lieber Wildungen
ein Wort
Siegbert ahnte etwas aus den Mienen des Greises
Glauben Sie dass ich Sie in mein Herz geschlossen habe Siegbert fragte
Rudhard mit einem nach Bestimmtheit ringenden bewegten Tone
Rudhard antwortete Siegbert und ergriff seine Hand
Ahnen Sie nichts was ich Ihnen sagen muss muss mit widerstrebendem
Herzen
Rudhard ließ seine Augen die wie immer klar und ruhig waren eine Weile
fragend auf Siegbert ruhen
Siegberts Blick füllte sich mit Tränen
Ich weiß es Rudhard sagte er nach einigen Augenblicken der Sammlung Ich
habe einen Auftrag zu einer künstlerischen Aufgabe empfangen die mich vorläufig
auf einige Wochen von hier entfernen wird Sagen Sie den Damen Ihres Hauses den
lieben Kindern ein herzliches Lebewohl
Rudhard drückte die Hand des jungen Mannes und sprach nur das Einzige
Ich danke Ihnen dafür Wildungen Es war Ihrer würdig Wir sehen uns wieder
Siegbert wandte sich und Rudhard ging langsam zum Palais des Fürsten
Als Siegbert zu seinen Begleitern zurück wollte waren sie etwas
vorausgegangen Er konnte so noch Zeit finden sich zu sammeln und die Tränen
zu dämmen die fast übermächtig in seine Augen schossen
Louis und Dankmar standen an einer Straßenecke wo sie sich zu trennen
hatten Siegbert überraschte die Freunde durch den Entschluss nach Schönau zu
gehen und den künstlerischen Vorschlag Gelbsattels den er erzählte für den
Sommer schon jetzt in Angriff zu nehmen Auch Dankmar der ihn fragend fixierte
sprach von der Möglichkeit dass ihn die Entscheidung der ersten Instanz seines
Processes zwingen würde nach Angerode zu reisen
Dann wünscht ich vorläufig dass wir den Prozess verloren hätten sagte
Siegbert Der Mutter wegen mein ganzes Herz fliegt ihr zu
Louis erschreckend dass beide Brüder entschlossen waren die Residenz zu
verlassen hoffte sie wenigstens noch zu sehen ehe sie reisten
Siegbert wollte sich eben seinem Atelier Dankmar dem Gerichtshofe Louis
seiner Werkstätte zuwenden als ein Wagen an ihnen vorüberrasselte und sie aus
dem Schlage gegrüßt wurden
Es war Egon der mit zwei Bedienten in voller Gala zum König fuhr
Es schlug zehn von den Kirchtürmen
Die Freunde trennten sich Egon der sich von einer Szene mit der Gräfin
losgerissen haben musste hatte furchtbar ernst ausgesehen
Dreizehntes Kapitel
Eine Entscheidung
Es war gegen zehn Uhr Abends
Die Lampe brannte düster in einem Zimmer dessen grünseidene Fenstervorhänge
tief herabgelassen waren Im Kamin glühte noch etwas die eben verkohlende Asche
Draußen jagten Karrossen Die Theater sind beendet Die großen Gesellschaften
füllen sich Auch Volksmassen tummelten sich noch Man hörte an dem lebhaften
Sprechen der Vorübergehenden das von unten herauf scholl wie die Gemüter
erregt waren Auch der Schritt wandernder MilitärPatrouillen war dem Ohre
hörbar das hören wollte und konnte
Helene dAzimont die zu diesen nicht gehörte lag ausgestreckt auf einer
Chaiselongue die in die Nähe des Kamins gerückt war Das Zimmer war fast
überhjetzt Sie fror Eingehüllt in einen großen Shawl konnte sie sich nicht
erwärmen Ihre Hände fröstelten So zitterte das Kinn dass sie laut stammelte
Diener und Kammermädchen hatte sie abgewiesen Sie wollte keine Hilfe sie
erwartete den Tod
Schon seit dem Morgen um halb elf Uhr lag sie so
Sie war nach Hause gekommen aus dem Wagen mehr gesunken als gestiegen und
hatte sich gleich auf ihr Bett geworfen Die Mädchen entkleideten sie was auf
ihren stummen Wink geschah Man wollte zum Arzte schicken Sie hatte es heftig
ablehnend untersagt
Wer an der Tür lauschte hörte sie oft laut schluchzen Dann lachte sie wie
wahnsinnig dann weinte sie wieder
Von einer Nahrung die sie zu sich nahm war keine Rede Sie schüttelte nur
todtenblass ihr entstelltes von Tränen fast ungleich gefärbtes Antlitz
Meldungen sogar diejenigen die Besuche von Rafflard von Heinrichson
ankündigten wurden abgelehnt Sie lag halb erstarrt Ihr Kopf wühlte sich in
ein Kissen das von Tränen schon durchnässt war Nur auf vieles Zureden ihrer
Mädchen erhob sie sich und ließ sich auf die Chaiselongue führen die man an
den Kamin rückte Gegen Abend heizte man
Um sechs Uhr etwa begehrte die Gräfin einige Löffel Suppe Sie aß nicht den
vierten Teil eines Tellers und stieß den Rest zurück Die Arme hingen herab vom
Körper willenlos schlaff Die Augen sahen starr oder schlossen sich vor
Erschöpfung Oft griff sie plötzlich nach dem Herzen Man hatte alle Bänder an
ihren Kleidern aufknüpfen müssen Jeder Druck machte ihr Beengung So streckte
sie sich wie leblos
Gegen Acht wurde sie hörbar Sie klingelte Sie machte eine Miene etwas zu
begehren Sprechen konnte sie nicht Die Hand streckte sich nach einem kleinen
Tisch am Fenster hinüber und deutete auf die dort gesammelten Zeitungen Man
wollte sie bringen Sie schüttelte den Kopf und deutete hinaus auf den Eingang
ihrer Wohnung Man verstand sie jetzt erst Sie wollte die Zeitung von diesem
Abend haben Man ging hinaus sie zu holen
Sie war noch nicht angekommen
Ein tiefer Seufzer war ihre Antwort
Endlich kam das ersehnte Blatt
Sie erhob sich geisterhaft Krampfhaft schlug sie das noch nasse Papier auf
und durchflog es
Bald entdeckte sie die mit großen Lettern gedruckte Stelle die sie suchte
Sie lautete
»Die Krisis ist noch nicht beendigt Fürst Egon von Hohenberg hat ein
Programm vorgelegt das die vollständige Billigung des Hofes erhielt Die Frage
ist nur die ob der Fürst sein Ministerium wird vervollständigen können Die
Nachricht einiger Blätter dass er einige jüngere Beamte und Offiziere als
Kollegen vorgeschlagen hätte ist eine Verleumdung Vorläufige Liste
Konseilpräsident und Minister des Innern Fürst Egon von Hohenberg Auswärtige
Angelegenheiten General Voland von der Hahnenfeder Krieg General Arnheim
Cultus Propst Gelbsattel Handel und Gewerbe Justus Königliches Haus
Geheimrat von Harder«
Helene warf die Zeitung hin als wär es ihr lieber sie fiele gleich in die
Flamme des Kamins Sie sah nicht dass der Bediente sie aufhob Sie hörte auch
nicht ob er ging oder blieb
Ein sanfter Tränenstrom entfloss ihren Augen Eine unendliche Rührung schien
sie über ihre eigenen Schmerzen zu ergreifen Erst erquickten sie diese
rinnenden Perlenbäche die aus den heißen fieberhaften Augen flossen Dann aber
geriet sie doch wieder in lautes Schluchzen und wieder der Brustkrampf stellte
sich ein Sie musste husten als wenn sie ersticken wollte Das Blut das sie
zuweilen in ihren Tüchern erblickte schien ihr eine Erleichterung
Rafflard und Heinrichson ließ sich zum zweiten male melden Sie nahm sie
wieder nicht an
Gegen neun Uhr kam ein Billet von Paulinen
Ohne Hast ergeben und schmerzlich öffnete sie es
Pauline schrieb
»Helene was hör ich Sie sind unglücklich über die glänzende Laufbahn
unsres Freundes Eben sitzt Egon an meinem Schreibtisch und redigirt eine
genauere Erläuterung seines meisterhaften Programms Zwei Worte die er fallen
ließ verrieten mir dass Sie eine Szene hatten Warum Das Helene Warum
fliehen Sie mich Warum schließen Sie sich nicht unsern großen bedeutungsvollen
Plänen an Egon liebt Sie Helene Aber stellen Sie sich nicht in den Weg der
zu seinem Ruhme führt «
Egon liebt mich rief Helene und zerriss kurz den Rest dieses Billets
überfliegend es in hundert Stücke die sie zornig in den Kamin warf Er liebt
mich Und kann mich mit Füßen treten mich fast an den Haaren schleifen wenn
ich ihm sage Vernachlässige mich nicht Waren die zwei Worte die er fallen
ließ vielleicht die dass ich auf der Erde vor ihm lag und ihn um den Tod bat
Waren die zwei Worte vielleicht die dass ich sagte So will ich dein Weib sein
War es die kalte herzzerschneidende Antwort Helene ich muss zum König
Beschäme mich nicht mit einem Geschenk für das ich dir würdig zu danken keine
Zeit habe
Ein krankhaftes Lachen befiel sie bei diesem Selbstgespräch Sie sprang auf
Sie wollte nun Menschen sehen Sie rief nun nach Rafflard nach Heinrichson Es
war aber nach zehn Uhr Zu spät um sie noch entbieten zu können Sie
durchschritt die Zimmer riss die Fenster auf wollte ausgehen zog an den
Klingeln die Diener und Mädchen standen hinter ihr sie wusste nicht was sie
ihnen befehlen sollte
Lasst uns allein rief sie endlich den Dienern Entkleidet mich stöhnte sie
den Mädchen
Langsam schritt sie in ihr Zimmer zurück ließ mit sich geschehen was man
beginnen wollte und sank ins Bett bewusstlos ohne Schlaf und ohne Wachen
Immer horchte das Ohr ob nicht doch noch Egon käme und wenn auch nach
Mitternacht Erst gegen Morgen ergab sich das gequälte Gemüt den Forderungen
des erschöpften Körpers Sie entschlief
Die Sonne stand schon hoch am Himmel als Helene erwachte
Rafflard und Heinrichson hatten sich schon in aller Frühe nach ihrem
Befinden erkundigen lassen Von Egon fand sie keine Anfragen vor
Sie ließ sich langsam ankleiden Sie fühlte sich vom Schlafe nicht gestärkt
Die Rückerinnerung an die gestrigen Erlebnisse war ihr grauenhaft
Um elf Uhr kam Drommeldei der ihr Aussehen ihren Puls bedenklich fand
Er war nicht ohne Neugier der Sanitätsrat Er kannte die eigentümlichen
Verhältnisse dieser gestörten Liebe noch mehr da er ein vornehmer Frauenarzt
war verstand er sich auf die Patologie der »brechenden Verhältnisse« Er
erklärte sie für einen jener Seelenzustände bei denen man vorzugsweise dem
gastrischen Rückschlage vorbeugen müsse Er billigte die Diät der Gräfin und
schied von ihr mit den Worten
Verehrte hüten Sie sich zwar vor dem Übermaß der Gefühle Aber dennoch
gesteh ich dass ich mehr für das volle Ausbluten des Herzens bin als für die
gewaltsame Unterdrückung Ich weiß nicht was Sie so stören so bewegen kann
Aber wenn Sie Kummer haben meine Gnädigste so nehmen Sie nur den Kelch des
Schicksals gleich ganz trinken Sie den bitteren Schierling hinunter bis zum
letzten Tropfen In der Wahrheit gegen sich selbst liegt die Genesung Nur nicht
fliehen vor dem Schmerz Nur nicht dem Fatalen aus dem Wege gehen Beileibe
nicht Das gibt geistige Blutzersetzungen und erzeugt unterlaufene
Seelenzustände die sehr entzündlich werden können Für heute aber tun Sie mir
den Gefallen lassen Sie anspannen und genießen Sie die stärkende erfrischende
Luft nicht nur sondern auch die viel trostreichere und erquickendere
Abwechselung der Gegenstände die sich Ihnen bei einer raschen Spazierfahrt
darbieten werden Versprechen Sie mir Das
Die Gräfin versprach es nicht nur sondern erfüllte auch des Sanitätsrats
Begehren sogleich anspannen zu lassen Er wollte sie ausfahren sehen
Ich bin noch nicht angekleidet
Sie müssen einen Mantel nehmen Es ist oktoberfrisch
dabei zog Drommeldei sein Portefeuille und gab ihr aus der kleinen
portativen Apotheke die er bei sich führte einige Streukügelchen Er erklärte
also die Krankheit der Gräfin für eine von denen bei welcher die Homöopatie
zulässig war
Drommeldei ein sehr kluger Weltmann rührte die Streukügelchen selbst in
einem Glase Wasser ein und plauderte dabei von Politik Ministerium Egons
glänzenden Talenten Paulinen von Harder vom »Jahrhundert« Allem
durcheinander Charakteristisch war dass er bemerkte man nenne das Ministerium
Egon schon das BlousenMinisterium und erwarte dass er seine vier bis fünf
Inséparables zu Ministern mache Die gestern angegebene Liste des »Jahrhunderts«
hätte sich schon zerschlagen und man wette noch dass der Kunsttischler Louis
Armand der ohnehin Heimatsrechte haben solle das Portefeuille der öffentlichen
Arbeiten erhalte
Während Helene in seiner Gegenwart leichte Toilette machte und über alle
diese Äußerungen des vorsichtig lauschenden Asklepiaden schmerzlich lächelte
sagte er
Apropos was haben Sie denn mit der Trompetta Ist sie Ihnen bös
Möglich sagte Helene Ich habe alle Menschen vernachlässigt Sie gehört wohl
zu Denen die Dergleichen nicht verzeihen
Gestern als sie in einer Gesellschaft vom Ministerium Hohenberg reden
hörte fuhr sie entrüstet auf und sagte
Wenn sich der Hof so mit der Demokratie und Immoralität verbündet brech
ich mit ihm Ich widme mein Album der deutschen Flotte
Welches Album fragte Helene die vielleicht schon oft vom Getsemane
gehört aber für nichts Sinn hatte was nicht mit dem geliebten Egon
zusammenhing
Drommeldei erklärte ihr diese Sammlung und schloss damit dass die Trompetta
sich nun aus Opposition gegen die ihr und dem Reubunde bewiesene Feindseligkeit
des Hofes entschlossen hätte das Getsemane zum Besten eines Schiffes der
deutschen Flotte zu verloosen und demselben Zwecke so viel fernere
Betriebsamkeit zu widmen dass sie ganz für sich allein ein Fahrzeug vom Stapel
laufen zu lassen sich entschlossen hätte Sie studire jetzt Marine und würde
sich nächstens entscheiden ob sie die fernere Aufgabe ihres Lebens in der
Begründung eines Kanonenbootes oder eines Kutters oder einer einfachen
schwimmenden Batterie finden solle
Mit diesen absichtlichen Scherzen geleitete Sanitätsrat Drommeldei Helenen
an den Wagen und gab dem Kutscher eine genaue Anweisung des Weges welchen er
eine Stunde lang im Park oder sonst vor den Toren einschlagen sollte
Helene war als sie mit schwankenden Schritten durch ihre Zimmer ging an
der Treppe einem alten gebückten Manne begegnet der eine schwarze Binde um die
Augen an der Wand stehen blieb und sie in ihren Gewändern vorüber rauschen
ließ Als einer der Bedienten vom Wagenschlage zurückkehrte fragte der Alte
der sich an einer Fussbürste sorgfältig die Stiefeln reinigte ob er den
Professor Rafflard sprechen könne
Er ist im Augenblick nicht da
Ich hab ihn in seiner Wohnung gesucht und möchte ihn hier erwarten
Der Bediente besann sich dass Dies jener Fremde Namens Murray war mit dem
der vertraute Ratgeber sich vorgestern so lange unterhalten hatte und den er
beauftragt war mit Vorsicht zu behandeln
Professor Rafflard sagte er kann jeden Augenblick wieder kommen Setzen
Sie sich wenn Sie ihn erwarten wollen
Eine Weile hatte Murray still in sich versunken auf einen Stuhl im
Vorzimmer sich niedergelassen als es draußen klingelte und der nebenan in die
Bedientenstube gegangene Diener öffnete
Die Gräfin zu sprechen
Sie ist in diesem Augenblick ausgefahren
Wohin
In den Park um sich zu erholen Der Arzt brachte sie selbst in den Wagen
In den Park wiederholte der Sprecher der sich als er einige Schritte
vorwärts tat als Heinrichson erwies Er war in weißen Glaçehandschuhen und
einem kalksteinfarbigen gelbweissen leichten Paletot über seinem Frack
Halb unter der Tür stehend konnte er Murray nicht sehen
Als er sich besann ob er nicht der Gräfin im Park sollte zu begegnen
suchen stand plötzlich Murray vor ihm
Herr rief Heinrichson erschreckend hier schon wieder jenen unheimlichen
Mahner an eine alte verdrießliche Geschichte zu finden Was wollen Sie
Sie ist nun tot
Wer ist tot
Ophelia Ich sah das Stück in London Sie war toll Aber in den Bach sprang
sie nicht Sie fiel von ungefähr aus dem Fenster Sie hätten es sehen sollen
Bester Jesabel starb so Es hätte ein Bild gegeben
Heinrichson machte es heute so wie vorgestern Er ließ Murray reden und
entzog sich einer weiteren Erörterung durch die Flucht Dieser geistreiche
Künstler gehörte zu den Menschen die wenn man ihnen eine Beleidigung sagt
behaupten dass sie taub sind Er war verschwunden wie gekommen
Murray setzte sich ächzend Er hatte die Worte in gewaltiger Aufregung
gesprochen und sich doch beherrschen müssen Der Bediente sah ihn staunend an
Kennen Sie den Herrn fragte er
Der große Künstler Heinrichson sagte Murray
Wer ist denn aus dem Fenster gesprungen
Eine Gliederpuppe die er malen wollte sagte Murray seufzend Habt doch
schon so ein Ding bei den Malern gesehen
Freilich Ich trage ja oft Billets zu dem Herrn Da sitzt immer eine große
Puppe mit Kleidern behängt Daran studiert er
Den Faltenwurf mein Sohn Eine solche Puppe hatte er einmal vor Jahren Sie
war schön Augen im Kopf wie lebendig und Gliedmaßen schlank wie ein
englischer Renner Die Puppe hat ihm mit einem male nicht mehr gefallen Da
wurde sie erst traurig dann wild und zuletzt toll Sie tanzte so lange bis sie
sich im Wirbel drehte an ein Fenster kam und husch im Grase lag sie mit ihren
schönen gelenken Gliedern Morgen früh begrab ich das arme Ding
Der Bediente schüttelte den Kopf und deutete für sich nach der Stirn als
wollte er sagen bei Dem ist es wohl nicht richtig Wie er sich in sein Zimmer
zurückgezogen hatte das durch eine Glastür vom Vorzimmer getrennt war hörte
er wie Murray öfters tief aufseufzte und sich die Augen trocknete Dann sang
der Alte zuweilen vor sich hin ein Liedchen oder trommelte an den
Fensterscheiben in deren Nähe er saß Dem Diener war es jedesmal unheimlich
wenn es klingelte und er zum Öffnen hinaus musste
Zuletzt hörte er endlich zu seiner Beruhigung den bekannten Husten des
Professors Rafflard der sich schon auf der Treppe ankündigte Sogleich ging er
ihm entgegen öffnete und zeigte auf Murray der ihn erwartete
Ah Sind Sie endlich da Was hab ich Sie erwartet
Wo ist die Gräfin
Ausgefahren Herr Professor
Kommen Sie mein Bester Kommen Sie Jean wir gehen in das gelbe Zimmer
Man soll uns nicht stören Hörst du Jean Kommen Sie Murray Gehen Sie voran
Rafflard öffnete lang ausschreitend und ließ Murray der sogleich
ehrerbietig aufgestanden war vorangehen
Rechts Rechts sagte Rafflard Ihr wisst doch noch So Hier herein
Damit folgte Rafflard drückte die Tür des gelben Zimmers fest hinter sich
zu legte den Hut ab und setzte sich erschöpft
Was bringen Sie Wie steht es Was habt Ihr heraus fragte er und zog eine
Schachtel voll Brustpastillen erwartungsvoll was ihm der demütige und sich
überall umblickende Murray würde mitzuteilen haben
Ei Herr ich denke ja begann Murray verlegen ich denke ja es wird sich so
schicken wie Sies wünschen
In der Tat, Murray Ihr verdient Euch den wärmsten Dank der rechtschaffenen
Familie von der ich schon gesprochen habe Erzählt Wie weit seid Ihr
Wie ich von Ihnen ging Herr Darf ich denn
Erzählt AllesAlles
Da ging ich sogleich in meine Wohnung
Brandgasse Nr 9
Nein in eine neue die ich mir gleich nach unsrer Unterredung neben der
alten mietete
Ihr seid schlau Wo ist Das
In der Wallstrasse Nr 13
Wallstrasse
Eine Treppe hoch vorn heraus ein Sprachlehrer Signor Barberini war
eben ausgezogen
Signor Bar
Es soll sagte man mir ein Herr gewesen sein von langer Statur mit
schwarzer Perrücke und einer verdammt kleinen Nase aber einem Kinn wie ein
Pavian
Ei ei Ein Italiener
Und Spitzbube Nicht zwei Stunden des Tages soll man ihn in seinem Zimmer
gesehen haben nie hat er dort geschlafen Fast glaub ich dass er nur dort
wohnte um seinen Nachbar zu belauschen
Ich verstehe Aber wie kommt Ihr
Gerade zu dieser Wohnung Das will ich Euch sagen Herr Ihr hattet von
Fränzchen Heunisch gesprochen und sagtet mir wo sie wohne
Richtig
Im Hause bemerkt ich denn auch bald dass der junge Mann der seiner Familie
so vielen Kummer macht ein Soldat ist Namens Heinrich Sandrart
Wer
Es ist ein Sergeant Er liebt Fränzchen er ist wie die Taube sie ist wie
der Geier Sie mag ihn nicht
Nein Nein Das
Ich versichere Sie Herr Er kommt trotz alledem zu dem Tischler Märtens und
bläst die Flöte Sie bringen den ans Ende der Welt wenn Franziska Heunisch
entführt wird
Aber
Ohne Ratgeber fuhr Murray in seiner trockenen ruhigen Weise fort ohne
Ratgeber und Vertraute kommt man in großen Wagstücken nicht weiter
Aber
Ich vertraute mich meinem Nachbar
In der Brandgasse
Nein in der Wallstrasse Es ist ein Landsmann von Ihnen
Louis Armand Ein Pariser Kunsttischler Vergolder
Freund des Prinzen Egon
Ich hoffe Freund Ihr habt keine dummen Streiche gemacht
Euren Landsmann wollt ich zum Vertrauten wählen
Seid Ihr toll
Vorgestern Nachmittag wollt ich meinem Nachbar erst die Aufwartung machen
Er stand unten in der Werkstatt im Hinterhofe Oben war sein Komptoir
verschlossen Ein Anschlag verweist in den Hinterhof
Also
Konnt ich mich ihm vorgestern noch nicht anvertrauen
Zum Henker Was wollt Ihr Euch denn diesem Armand anvertrauen
Ich schätze den Mann seit lange
Ihr kanntet ihn ja nicht
Louise Eisold meine Nachbarin lehrte mich ihn kennen
Aber Freund Ihr verwickelt die ganze Angelegenheit
Nein Ihr müsst wissen Herr dass ich nach vielen wilden Dingen die schwer
auf meinem Gewissen lasten zuweilen trübsinnig bin schwarzsichtig Da ists
mir eine Freude geworden neben der Louise Eisold zu wohnen Sie fürchtet sich
zwar vor mir das närrische Ding aber singen hör ich sie doch gern und wie
sie einmal ein Lied sang das mir ausnehmend gefiel ging ich zu ihr und klopfte
an Das sind acht Tage her
Wozu soll Das
Ich klopfte bei ihr an und sagte Louise seit dem Tage wo Ihr mir das Glas
Wasser vom Brunnen holtet sprachen wir uns nicht Ich habe seitdem viel Leids
erlebt Ich kam in dies Land um hier zu sterben Ich habe eine ernste Pflicht
vor meinem Tode zu erfüllen einer von elenden nichtswürdigen Menschen mit
Füßen getretenen Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen dann will ich mein
zweites Auge zutun das erste hab ich schon daran gewöhnt nichts mehr von der
Welt zu sehen
Rafflard rückte mit seinem Stuhle ungeduldig hin und her und riss zornig
seine Augen auf
Ihr singt so schön sagt ich dem Mädchen fuhr Murray in ungestörter Ruhe
fort Ihr singt so schön mein gutes Kind und ich muss Euch danken dass Ihr
meine Hoffnung damit aufrichtet Was ist Das für ein Lied das Ihr eben sangt
Da nannte sie einen Franzosen Louis Armand der es gedichtet hat
Rafflard horchte beruhigter Diese Mitteilung schien ihm nicht ganz
ungehörig zu sein
Ich bat um die Strophen fuhr Murray fort und sie gefielen mir Das waren
Worte wie sie im Herzen des fühlenden Freundes der Armen widerklingen müssen
Louise Eisold hatte sich selbst dazu eine Weise erfunden Es war Schwung darin
Rhythmus Harmonie
Wetter sprang Rafflard auf und stand wie starr über diese gebildeten Worte
Treibt Ihr Musik fragte er tonlos Was ist Das
Murray besann sich stockte eine Weile und sagte dann
Eh ich meinen Eltern davon lief hatten sie viel auf mich gewandt Ich
strich die Violine und verstand mich besonders auf die Doppelgriffe
Ha Ha lachte Rafflard der den Doppelsinn auffasste den Murray mit
schlauer Miene absichtlich in die musikalische Terminologie legte und sich
beruhigte
Seitdem fuhr Murray fort schätz ich Louis Armand und wünschte ihn kennen
zu lernen Die Gelegenheit fand sich Das Vertrauen das Ihr mir geschenkt habt
Herr führte mich dem Fränzchen Heunisch in die Nähe Gestern früh macht ich
des Dichters persönliche Bekanntschaft
Und
Es war nach zehn Uhr Er kam verstimmt nach Hause Ich hörte ihn von dem
Zimmer aus das ich mir für acht Tage gemietet hatte Ich ging zu ihm und fand
einen jungen gefälligen Mann
Wozu gefällig
Erst sprach ich von seinem Gedicht von Louise Eisold ihren Geschwistern
und was sich so ergibt aus der kleinen Welt in der diese Menschen leben Dann
kam auch Heinrich Sandrart
Was wollt Ihr denn mit
Der junge Mann der seine Eltern so bekümmert
Ich bin auf der Folter
Louis Armand gestand es ja ein
Gestand es ein Was
Dass Heinrich Sandrart Fränzchen liebt Und als ich ihm den Wunsch der Eltern
oder Verwandten aussprach durch eine Entfernung Fränzchens auch Heinrich
Sandrart zur Vernunft zu bringen erbot er sich mir um so mehr die Hand zu
reichen als eben an ihn ein Brief von dem Onkel des jungen Mädchens angekommen
war
Welcher Onkel
Den Ihr kennt Ihr kennt ja die Verwandten Herr
Murray Murray Ihr habt klüger sein wollen als ich
Herr sagte Murray ich habe Gewalt vermeiden wollen
In Teufels Namen wenn Sie einem Banditen sagen Stich Den und Den nieder
und der Bezeichnete ist eben im Begriff sich selbst an den nächsten Baum
aufzuknüpfen wird der Bandit ein Esel sein und erst noch einen überflüssigen
Mord auf seine Seele laden Der Onkel schreibt an Louis Veranlassen Sie
Fränzchen zu mir zu kommen Ich bin nicht wohl Die Ursula Marzahn will sterben
Fränzchen soll nur diesen Winter bei mir bleiben Die Ursula Marzahn Herr
darf nicht sterben Wissen Sie Herr sie darf nicht Kennen Sie die Ursula
Herr
Damit war Murray aufgesprungen und hatte sich dicht vor Rafflard
hingestellt der nicht wusste wie ihm geschah Er sah die Aufregung des Alten
und musste ihn aus Furcht ihr Gespräch dürfte zu laut werden gewähren lassen
Murray besann sich und nahm wieder Platz
Nach einer Weile währenddem Rafflard nicht mehr wusste was er aus seinem
Gegenüber machen sollte fuhr dieser fort
Ist einmal Franziska im Hohenberger Walde so nimmt Sandrart dem es schon
längst in seiner bunten Jacke zu eng ist den Abschied und der Zweck den Ihr
wollt ist erreicht Nicht so Herr
Rafflard erhob sich jetzt und warf seine Zuckerdose ärgerlich auf den Tisch
Welch ein Tor Ihr seid Alter rief er Welche alberne kindische
Geschichte Ihr erfunden habt Wer hat Euch denn geraten weise zu sein
nachzudenken Finessen zu machen Wenn Leute Eures Schlages diplomatisch werden
wollen kommt nur Verkehrtes an den Tag Sie soll fort Heute noch Und Der der
Ihr folgen soll Der den sie liebt und der sie wieder liebt ist nicht der
Soldat da sondern
Ha Ha Ich weiß es rief Murray rasch der der sie liebt ist ein
Sprachlehrer Namens Sylvester
Rafflard wandte sich um nicht sein Erschrecken zu verraten
Herr Sylvester fuhr Murray fort Ja Ja Sie hat ihn auf dem Fortunaballe
kennen gelernt Er hat ihr Sprachunterricht geben und sie verführen wollen
Herr dieser Sylvester ist es Eine lange Figur schwarze Perrücke auch die
verdammt kleine Nase auch das Kinn des Pavians wie ich sehr vermute der
Doppelgänger des Signor Barberini Herr Meinen Sie nicht Es ist Der
Rafflard ohne sich umzuwenden und von Murray auf den Spiegel gewiesen
sagte leise und zitternd
Auch Der nicht
Zum Henker So sagen Sies wer es ist donnerte Murray
Dieser selbe Louis Armand ists Habt Ihr Wahnsinniger denn nicht bemerkt
dass nur er er es ist den Franziska liebt Habt Ihr Euch in Eurer tollen
Weisheit so hinters Licht führen lassen dass Ihr nicht merktet dass er sie
vergöttert und sie bis ans Ende der Welt aufsuchen würde wenn es hieße sie
ist in Hamburg in London wo weiß ich Ihr alter Sünder Ihr
Murray blieb auf diese Worte in einer eigentümlichen Stellung sitzen Er
hatte das linke Bein über das rechte gelegt und hielt es mit beiden Händen
unruhig an ihm rüttelnd fest Es schien als müsste er durch diese Bewegung eine
große innere Unruhe im Zaume halten
Dieser Louis Armand ist es fuhr Rafflard fort dessen communistische
Träumereien hiesigen achtbaren Familien mit denen er in Verbindung steht die
größten Gefahren drohen Wenn etwas ihn entfernen kann etwas ihn in die Welt
jagt um sich zu ändern zu bessern Menschen kennen zu lernen so ist es die
Unruhe über das Loos jenes Mädchens das er zu heiraten entschlossen ist Es
ist ein Werk der Sittlichkeit der Erziehung der Besserung das Ihr fördern
solltet Murray und so verkehrt habt Ihr es angefasst
Nun denn sagte Murray ruhig Warum wart Ihr nicht gleich gegen mich offen
Herr Was erhalt ich wenn ich heute Abend mit Franziska Heunisch nach dem
Walde von Hohenberg abreise und morgen früh Louis Armand es ist der uns dorthin
folgt
Das ist nichts sagte Rafflard Auf Monate muss er entfernt bleiben Entführt
das Mädchen wohin Ihr wollt Louis Armand muss weit weg avisirt werden
Wie aber wenn Louis Armand den ganzen Winter aus freien Stücken auf dem
Schloss Hohenberg bliebe
Rafflard horchte auf
Murray zog seine Brieftasche öffnete sie langsam und nahm ein Billet
heraus das er dem jeder seiner Bewegungen erstaunt folgenden spinnenbeinigen
Professor mit den Worten überreichte
Der Bravo lauerte hinter einem Baume an dem sich sein Opfer eben selbst
erhängt
Von wem ist das Billet fragte Rafflard befremdet wieder über das Wort Bravo
Louis Armand empfing es gestern Abend um die zehnte Stunde
Rafflard las
»Mein teurer Louis soeben komm ich vom Schloss Der König und seine ganze
Familie haben mir ein Vertrauen bewiesen das ich ehren muss Mein Programm ist
angenommen Es kommt nur noch darauf an Männer zu finden die sich in meine
Ideen einzuleben vermögen und meine Kollegen werden Sind diejenigen Namen die
selbst eine Politik vertreten möchten zu stolz sich meinen Ansichten zu fügen
so befiehlt der Monarch einigen Bureauchefs sich meinen Befehlen unterzuordnen
Jetzt Louis hab ich eine Bitte Die Geschäfte des Staates werden mich so in
Anspruch nehmen dass ich mich meinen eignen Angelegenheiten völlig entziehen
muss Erweise mir die Gefälligkeit und reise in meinem Auftrage nach Hohenberg
Es wäre mir lieb wenn du schon morgen gingest Ich muss wissen wie es dort
aussieht was der neue Generalpächter beginnt ich habe Ursache auf die
Wiederherstellung meiner äußeren Verhältnisse den größten Wert zu legen Sollte
ich bei der Überfülle der Zumutungen die mir jetzt werden gestellt werden
dich meinen teuersten Gefährten und Bruder nicht mehr sehen können so
entnimm vom Banquier von Reichmeier Alles was du zur Bestreitung dieser Reise
bedarfst Beaufsichtige den Zustand meines ganzen kleinen Fürstentums den ich
nicht länger vernachlässigen will Nimm dir Zeit dazu und sorge dass für das
bevorstehende Frühjahr Alles so in Angriff genommen wird als es nötig ist um
mit Ackermann einverstanden zu bleiben Lebe wohl Louis Der unsichtbare
Genius der uns verbunden schütze dich und mich Dein Egon«
Rafflards Mienen verklärten sich sonnenhell Einen solchen Einblick in die
innersten Angelegenheiten seines ihm so feindseligen Zöglings hatte er nicht
erwartet
Wo habt Ihr das Billet her Murray fragte er und hustete sich aus Das
Bücken beim Lesen hatte ihn angegriffen
Von Louis selbst sagte Murray in seinen früheren dumpfen brütenden Ton
zurückfallend
So vertraut seid Ihr mit ihm
Ea war zehn Uhr Abends als dieser Brief ankam Ich hatte drei Stunden mit
ihm allein gesessen
Drei Stunden
Ich hatte ihn traurig gefunden denn er nahm Abschied von einem Freunde
Namens Siegbert Wildungen der nach einem Dorfe Schönau reist
Schönau In der Tat! rief Sylvester mit großer Befriedigung
Er nahm Abschied von einem anderen Freunde Namens Dankmar Wildungen der
einen wichtigen Prozess in erster Instanz verloren hat und nach Angerode in
Thüringen reist um sich neue Hilfsmittel zu einem großen Unternehmen zu holen
und eine kranke Mutter zu sehen
Murray Du bist ein Freudenbote
Er nahm Abschied von einem Geistlichen Namens Rudhard der in diesen Tagen
die Residenz mit der ganzen Wäsämskoischen Familie die Fürstin ausgenommen
verlassen will
Rafflard stand auf Dieses natürliche Lösen der Kette die sich um Egon
geschlungen hatte erwartete er nicht
Ich fand Louis Armand fuhr Murray fort gestört unglücklich in Tränen
Ich wollte ihn zerstreuen trösten Ich bin unglücklich mit meinen Tröstungen
Als es zehn Uhr schlug kam dieser Brief
Er wird gehen
Er ist schon fort Morgen wenn ich eine Tote begraben habe folg ich ihm
mit Franziska Heunisch
Ihr mit dem Mädchen
Warum nicht
Euch vertraut er sein Teuerstes
Mir nicht warum nicht mir
Murray Ha Ha Murray wodurch habt Ihr ihn so bezaubert
Durch die Wahrheit
Welche Wahrheit
Die Wahrheit meines Lebens mit der ich in drei Stunden ihn zu zerstreuen
suchte
Ha ha Und da glaubt er Euch Das ist lustig Murray Ha ha Aber Ihr
wollt das Mädchen nun in den Wald führen zu Louis Armand Alterchen wie wär es
doch wenn man lieber einen Ort ausfindig machte wo der allerliebste kleine
Engel nur Euch und zuweilen mich sähe Wenn man mit dem Nutzen im Allgemeinen
hier noch einen Vorteil für sich im Besondern verbände Murray wenn man das
schöne Mädchen irgendwo versteckte knebelte Ihr wisst zu bezaubern Wodurch
habt Ihr diesen Armand gewonnen
Noch mehr Durch die Wahrheit über Euch Rafflard habe ich ihn ganz
gewonnen
Rafflard richtete sich auf wie vom Donner gerührt Das war ein Wort das
ihm die lüsternen Lippen erstarren machte
Durch die Wahrheit die ich Euch verschwiegen habe Elender
Murray
Rafflard
Seid Ihr toll rief Rafflard dem es war wie ein plötzlicher Überfall
Barberini Sylvester Jesuit
Wahnsinniger stöhnte Rafflard und sprang an die Tür
Murray ihm zuvor Beide rangen um den Ausgang
Durch die Wahrheit donnerte Murray und packte den langen Feigling fest im
Genick durch sie hab ich einen Edlen gewonnen der schauderte als er erfuhr
dass ich zu Eurem verbrecherischen Antrage nur schwieg weil ich ihn hören ganz
hören Euch ganz entlarven und Die die er betraf warnen wollte
Lügner krächzte Rafflard und wollte die Tür gewinnen
Ich log mich als Sünder sagte Murray ihn zurückschleudernd als elenden
Helfershelfer Eurer tückischen Pläne weil ich das erste mal dass ich den Namen
Franziska Heunisch hörte zitterte denn ich habe Ursache Menschen die mit dem
Geheimnisse meines Lebens zusammenhängen zu schonen zu schützen wie ein Engel
zu bewahren Du Teufel glaubst dass ich der Hölle entstammt bin wie du Was
Heinrich Sandrart Was die gemietete Wohnung Nichts von Allem ist wahr als
dass dein Nebenbuhler dir von selber weicht Aber auch das Opfer das du ihm
nicht gönntest ist die entrissen Ich werde Franziska schützen Diese Tücke ist
dir mislungen Elender
Rafflard war auf seinen Stuhl zurückgesunken totenbleich Murray hatte
sein Terzerol gezogen Rafflard verzog keine Miene Seine Geistesgegenwart war
erschüttert aber sie verließ ihn nicht ganz Aus den letzten Worten Murrays
entnahm er dass er bei ihm nur ein Attentat auf die Tugend eines jungen
reizenden Mädchens voraussetzte Er ergriff rasch den Gedanken sich durch Humor
zu helfen Frech zog er eine Börse hervor und sagte sie in die Luft werfend
lachend
Murray Das war dir bestimmt Nimm Ich erkenne du gehörst zu Denen die
sich hüten rückfällig zu werden Es ist nie gut Ihr habt Recht Ja ja Alter
Ich habe den Fehler verliebt zu sein in Mädchen mit wächsernen Augenlidern und
schwarzen langen Wimpern Es ist eine Narrheit der zu Liebe ich sogar Komödie
spiele und den Sprachmeister mache französischen und italienischen Unterricht
gebe Ha ha Alter nimm Wir wollen uns versöhnen im Geiste der Liebe
Murray stieß die Börse zurück Sein Scharfsinn sagte ihm jetzt dass er sich
in der Voraussetzung eines Attentats auf die Unschuld Franziskas möchte geirrt
und die Ursache der Rafflardschen Anträge vielleicht noch eine ganz andere
wäre Er wollte forschen und mäßigte sich
Dankt Gott sagte er dem Gott dessen Namen Ihr in meinem Kerker und dem
des Mädchens das ich morgen begrabe unnützlich führtet
Das schöne Mädchen mit dem Ihr auf dem Fortunaballe ergriffen wurdet
lenkte Rafflard ein erleichtert dass er auf einen andern Gegenstand kommen
durfte
Ist tot sagte Murray der bei diesem Gedanken alle Vorteile seines
Sieges über den Elenden aufgab
Wie kam Das Alterchen
Wohl so wie es manchem Mädchen von wächsernen Augenlidern und langen
Wimpern gegangen wäre wenn Ihr eine schönere Nase hättet und ein menschlicheres
Kinn
Ich wünschte Murray versuchte Rafflard zu scherzen Ihr nähmet lieber das
Geld und liesset etwas mehr von meiner Schönheit gelten Ihr macht Euch bitter
bezahlt
Bessert Euch und belügt die Welt nicht mehr sagte Murray legte die früher
empfangenen Dukaten auf den Tisch und wandte sich zum Gehen da er in dem
Nebenzimmer Geräusch Türenschlagen rasches Laufen hörte
Rafflard aufatmend begleitete ihn mit aller Freundlichkeit schlug ihn
auf die Schulter zur Versöhnung und ließ ihn aus dem gelben Zimmer mit den
Worten
Alterchen wir bleiben doch Freunde Die Philosophie verbindet uns Auf
Wiedersehen wenn Ihr aus Hohenberg zurückkommt Ihr seid in das kleine Ding
verliebt und eifersüchtig auf mich Verstellt Euch nicht Führt sie in den Wald
Lebt glücklicher mit ihr als mit den Damen unter deren Ruf Ihr leidet und die
Euch sterben wenn sie Euch Geld gekostet haben Auf Wiedersehen Murray Lebt
wohl alter Freund
Der lange zudringliche Mann entließ Murray scheinbar wie seinen besten
Freund
Murray ging und seufzte über die verwilderte Phantasie eines Schurken der
nicht im Stande war irgend noch ein Verhältnis rein und sittlich aufzufassen
Das Entzücken in dem Rafflard über die freie Bahn die sich nun zwischen
ihm Egon und Helene dAzimont eröffnete sollte aber nicht lange währen Er
sollte bald kennen lernen dass Egon einer jener Menschen war die über jede
Berechnung hinauswachsen Kein Maßstab passt auf Individuen so flugschneller
Entwickelung
Wie der Jesuit die Bedienten nach der Gräfin fragte wie man ihm sagte sie
wäre zwar soeben von ihrer Spazierfahrt zurückgekommen hätte aber vom Fürsten
Egon einen Brief erhalten und sich eingeschlossen wusste er ohnehin noch
erschüttert nicht was er tun sollte Seit zwei Tagen hatte er sie nicht
gesprochen Alle seine Pläne gingen so günstig vorwärts Er hatte der alten
Gräfin nach Paris die besten Versicherungen schreiben können dass er sich ihrem
Auftrage eine Scheidung zwischen ihrem Sohne und Helenen zu befördern mit dem
günstigsten Erfolge unterzöge Helene hatte er seit vorgestern früh nicht
gesehen Er hoffte sie mit der Aussicht dass der Bund der sich um Egon
gebildet hatte zersprengt zerstreut entfernt war aufs angenehmste zu
überraschen und nun hörte er dass sie weine krank wäre ihn abweise und sich
schon wieder eingeschlossen hätte
Eine längere Ungewissheit ertrug er nicht Er näherte sich der verschlossenen
Tür und lauschte Es war ihm als hörte er weinen
Um des Himmels Willen dachte er was hat die Gräfin vor Was ist geschehen
Er öffnete leise das Metallplättchen über dem Schlüsselloch Die Bedienten
denen der Zustand ihrer sonst so gutmütigen und freundlichen Herrin Besorgnisse
einflößte unterstützten ihn in seinem Beginnen
Er konnte Helenen nicht sehen Der Schlüssel der von innen steckte
verhinderte es
Aber deutlich hörte er dass sie weinte und mit den Zähnen klapperte wie eine
Fieberkranke
Jetzt hielt er sich nicht länger Er klopfte
Helene antwortete nicht
Er klopfte stärker und rief durch das Schlüsselloch
Beste teuerste Freundin was beginnen Sie Lassen Sie mich hinein Ihr
wärmster aufrichtigster Freund muss Sie sprechen Es sind Wunderdinge geschehen
Öffnen Sie Gräfin
In der Tat hörte er die Gräfin gehen Sie erhob sich Er hörte ihr Kleid
rauschen Sie schloss auf
Wie er eintrat sah er eine Jammergestalt Die Wangen der schönen Frau waren
wie grau Die Augen erloschen Die Hände schlaff herabhängend Er fasste die
Rechte sie zu küssen Sie war eiskalt
Aber was ist Das rief er Gräfin Ich komme um Ihnen zu sagen dass von
morgen vielleicht schon von heute an der Fürst von allen seinen Umgebungen
gänzlich verlassen ist Er wird Minister Das ist wahr Aber die Stunden der
Musse der Erholung deren er nur zu sehr bedarf werden unverkürzt Ihnen
gehören Wieweit sind Sie
Statt aller Antwort gab Helene dem Sprecher einen Brief
Es war dieselbe Handschrift wie die die er eben an Louis gerichtet gesehen
hatte Egon schrieb an die Gräfin eine Entscheidung ihres Schicksals
Vierzehntes Kapitel
Zum Lebewohl
Der schmerzliche Accord der durch unsre ernster tönende Erzählung fährt
lautete
»O es ist wohl eine der herbsten Entbehrungen Helene die sich der Mensch
auferlegen kann wenn er sich dem Arme der Liebe entwindet Ich habe lange
gerungen mich von den grauen und düstren Vorstellungen die mein Gemüt
umschatteten zu befreien Ich kann nicht anders ich bin den finsteren Mächten
der Überlegung verfallen und was ich auch beginne mich wiederaufzuschwingen zu
einem großen vorurteilslosen freien Blicke über das Leben hin ich kann es
nicht Ich erfülle mein Schicksal
Was mich zu dir führte geliebte Helene hab ich oft dankend gestammelt Es
war nicht deine Schönheit allein nicht die Güte deines Herzens die sorgsame
Liebe und Sorgfalt ja leidenschaftliche Vergötterung Dessen was du einmal in
das Heiligtum deines Herzens eingeschlossen hattest es war ebensoviel von
meinem eignen innern Drange gerade Das was ich in dir fand gerade Das zu
besitzen Ich Ärmster hatte der Liebe so wenig gefunden im Leben Liebe ist das
behagliche Glück der reinsten Menschlichkeit Liebe ist das stille Ausruhen an
einem Platze wo es allen Sinnen den innern und äußern wohlergeht So
glücklich war ich zwei mal In Lyon und in Enghien
In Paris verlor ich Louison Ich verlor diese Liebe an Paris selbst Es
gehört zur Liebe ein schlummernder Mensch der wenig bedarf wenig begehrt viel
träumen kann Ein solcher war ich nicht mehr als ich die große Weltstadt sah
das Gewühl der Menschen die von Interessen und Meinungen durcheinander gejagt
werden Louisons liebliche Gestalt reichte bis zu den Phantasien nicht mehr
hinauf die mich in der großen Weltstadt zu umgaukeln anfingen Und doch wollt
ich entsagen wollte nicht sein und scheinen was ich war wollte mich verbergen
lernen mich bilden Ich mochte den Begriffen denen ich in Lyon Treue
geschworen hatte nicht entsagen Da fand ich Alles was ich vermisste in deiner
Liebe Du hast mich geliebt Helene wie die Mutter die sich vom Gatten
abwenden muss ihr Kind anbetet und in reinen Flammen ihre ganze Seele zu läutern
glaubt Du fingst an dich selbst zu lieben dir selber zu gefallen als du
deine ganze Kraft der Aufopferung mir dahingabst Aber auch damals teures
Wesen warst du mir nur der Widerschein eines innern Bildes die Befriedigung
eines von mir selbst gefühlten Bedürfnisses ein Gedanke eine Stufe der
Entwickelung ein Standpunkt zur Anschauung des Lebens Ach dass es so ist Aber
wer kann es leugnen Ich war glücklich bei dir von einem Irrtume einer Grille
auszuruhen Du nahmst mich ohne Ansprüche Du wolltest nicht dass ich glänzte
meinen Ruf wiederherstellte Du liebtest nur mich die Person mein Lachen mein
Weinen mein Hoffen mein Klagen den Menschen den schwachen träumenden
bequemen Menschen der mit der Welt grollte mit den Seinigen gebrochen hatte
und über eine Zukunft philosophirte die er sich nach den Stimmungen des
Augenblicks wechselnd und immer anders ausmalte Die Flamme brannte und nahm den
Docht wo sie ihn fand Das Zufälligste machte uns glücklich und Unterhaltung
fanden wir in uns selbst
Eine schmerzliche Reue trennte uns Du weißt Helene wie ich mich plötzlich
aufgeschreckt fühlte Ich konnte so wie sonst nicht zurückkehren zu dir Ich
hatte Louis Armand wiedergesehen und fand in ihm noch alle die Keime der
Gedanken wieder die ich in mir selbst erstickt hatte Ich gab dich nicht auf
Helene Das weißt du wohl Ich floh nicht vor dir sondern vor mir selbst Ich
floh vor dem Bilde der Trägheit der zwecklosen Träumerei das mir von mir
selber vorschwebte Ich floh vor den Jahren um die ich den Schöpfer betrogen zu
haben glaubte Unschlüssig über mich selbst kam ich hier an Louis dachte für
mich handelte für mich Ich folgte seinen weiseren Anordnungen Die Reise nach
Hohenberg die Krankheit ist dir bekannt auch unser Wiedersehen Helene Frage
den Gott der Liebe ob es falsche Schwüre waren die ich in der Seligkeit dieses
Wiedersehens gelobte sie waren nicht untreu gemeint Aber ich fühle es die
Art in der ich allein noch was ich damals verhieß ausführen kann wird dir
nimmer genügen
Ich habe angefangen Alles was ich seit Genf seit den deutschen
Universitäten seit Lyon und Paris über die Gesellschaft und das Staatsleben
gedacht habe jetzt in ein System zu bringen Ich muss den Anfang eines
männlichen Berufes machen Ich bedarf jetzt einer unendlichen Freundschaft kann
aber nur sie nicht die Liebe erwidern Ich fühle mich zur Liebe zur Hingabe
ebenso zerstreut matt ohnmächtig wie glühend ich die uneigennützige
blindeste treueste Freundschaft bedarf Es ist mir jetzt als wenn Männer die
etwas Großes wollen nicht in der Weise wie es die Dichter besingen lieben
können Werf ich dir vor dass du es verschmähst von meinen Almosen zu leben
von den Blicken zu zehren die ich in Sturmeseile einen Augenblick innehaltend
dir flüchtig zuwerfe Wärst du selber ehrgeizig du begnügtest dich mit ihnen
Aber du bist es nicht Du willst nur Liebe das Glück des stillen ungestörten
Besitzes Du bist eine Lebensdichterin Ich bin wenn ich in allen meinen
Hoffnungen und Entwürfen einst scheitern werde höchstens so glücklich der
Gegenstand eines Dichters zu werden der mich mit einem Gebet für meine Seele
mit einer Entschuldigung für die Welt in seiner Darstellung einschaufelt
Du hast dies Leiden gefühlt Helene und mir gestern als ich so grausam so
kalt war wieder von dem Worte gesprochen das du schon einmal fallen ließest
du wolltest mein Weib werden Helene dass ein Wort worin für ein Weib ihre
ganze Kraft ihre ganze Allmacht liegt hier wie ein Almosen klang das nicht
einmal du gabst sondern du nahmst Mein Weib Helene du mein Weib Dass ich
verneinend so auffuhr dass ich so wild stürmte was war es denn als dass ich
dich für zu hochhalte um mit dem Bettelpfennig der Ehe die Schuld abzutragen
die du an meiner Liebe zu fordern hast Soll die Berechtigung der Ehe harren und
warten bis ich geneigt sein kann gedrungen mich fühle die starre Form zu
beleben und zu beweisen dass die Ehe nicht das abfallende Saamenkorn der Blüte
sondern die Blüte in ihrer vollsten Schöne und reichsten Entfaltung sein soll
In dem Augenblick Helene als du von der Ehe sprachst da sah ich dich mit
einem Blatt Papier und einer Feder in der Hand Schreibe dass du mich lieben
willst oder kraft dieses Blattes mach ich dir das Leben zur Hölle So klang es
mir ins Ohr Musst ich nicht fliehen
Ich bin nun Minister eines großen Staates Ein Beruf von unsterblicher
Bedeutung Ich habe volle Gelegenheit mich zu tummeln und werde wenig Abende
von Tagen red ich nicht wenig Nächte ganz mein nennen können Träumen
Helene wird von dir der erschöpfte Geist Im Traume von dir werd ich
Erquickung finden Diese Furcht vor Dem was mich binden mich von meinen
Geisteszielen entfernen könnte geht so weit dass ich auch von Louis Armand für
diesen Winter Abschied genommen habe Er geht nach meinem väterlichen Schloss
Hohenberg
Auch die jungen Wildungen die Beide die Residenz verlassen lass ich gern
ziehen Alle Drei sind mir teuer geworden aber ihre Idealität und träumerische
Unbestimmteit drückt mich Sie stellen mir Zumutungen auf den Grund von
Voraussetzungen in denen sie sich irren Ich habe die Blouse getragen habe den
Hobel geführt es war keine Grille Aber wer sagt denn dass ich darum die
Ordnung der Welt auskehren will Ich habe mir das Leben selber gestalten wollen
ich mochte vom Schicksal keine Gunst die ich mir nicht erworben Allein Das
was mir persönlich zu Nutzen kommt wird doch nie eine Verbindlichkeit für Andre
werden sollen Ich bin froh auch von dieser Seite frei zu sein und von einem
der fatalsten Übel nicht gepeinigt zu werden der Behinderung durch
freundschaftsberechtigte Ratgeber vor Denen man Alles vorher erörtern und
nachher rechtfertigen soll Fühl aus diesen Worten nichts Kaltes nichts
Liebloses heraus Die Menschheit kann halbe Persönlichkeiten nicht mehr
brauchen Man muss sich ganz einsetzen und für seine Wahrheiten oder Irrtümer
allein aufkommen sagte auch die Welt dieser Mensch ist ein Dämon
Ich schreibe dir diese Worte nach einer schlaflosen Nacht in frühester
Morgenstunde Es ist ein Abschied Helene Ich kann ich darf dich vor einem
langen Zeitraume nicht wiedersehen Kehre nach Paris zurück Such einen stillen
Ort an einem italienischen See Bete für mich Knie an einem Kreuz im Tale und
bitte Gott den Wanderer da oben auf hohem Felsenriff zu behüten
Ich kann dich in meinem jetzigen Leben vergib mir den kalten Ausdruck
nicht unterbringen Versprich mir ruhig zu scheiden Versprich mir wie Einem
der zum Tode geht ihn durch deine Liebe nicht mehr zu erweichen und zu
verhindern dass er gefasst und seinen Henkern zum Trotze ohne Tränen sterben
kann Ich bitte dich darum Helene Es kommt eine Zeit ich ahn es wo ich
wieder Liebe bedarf Dann werd ich am Wege liegen verwundet verschmachtet und
hört ich dann den Ton deiner Stimme säh ich dann den Saum deines Kleides wie
wollt ich die Samariterin segnen Jetzt lass mich ziehen Dank für deine Liebe
Helene Lebe wohl Lebe glücklicher als du durch mich geworden wärst Bekämpfe
deinen Schmerz durch deinen Stolz Gehöre dem Leben das du so hold verschönern
kannst Verlass diese Stadt Es kommt eine ernste Zeit Was du auch von mir
hörst verzweifle nicht ganz an mir Lebe wohl Nicht auf ewig Aber für jetzt
Lebe wohl«
Als Rafflard sah dass die Gräfin entschlossen war diesem seltsamen Briefe
Gehör zu geben als er sah dass sie ausgerungen ihre Rechnung nach tausend
Tränen abgeschlossen hatte wagte er nichts mehr von den alten Plänen
vorzubringen Er sah seine Hoffnungen vernichtet
Sie werden reisen fragte er tonlos
Morgen in der Frühe
Wohin meine Gnädigste
Ich weiß es nicht Schreiben Sie nach Paris Ich werde von mir hören lassen
wenn ich weiß wo ich bleiben soll
Aber allein wollen Sie
Allein sagte Helene Ich werde versuchen mich zu retten
Indem trat der Diener ein und meldete ein junges Mädchen das draußen stünde
und sich nicht genannt hätte aber die gnädige Frau zu sprechen wünsche
Jetzt nicht Jetzt nicht sagte Rafflard vorlaut Und dann sich zur Gräfin
wendend
Das Ministerium ist nicht vollständig Man sagt jeden Augenblick der ganze
Plan könnte scheitern
An solche Trümmer kann ich mich nicht mehr klammern antwortete Helene
gefasster und sich zum Bedienten wendend sprach sie
Was will das junge Mädchen Wer ist sie
Und in selbem Augenblick ergriff sie der Gedanke an Melanie Schlurck Von
ihr wusste sie dass Egon sie bei Paulinen sah Melanie hatte sich in Egons
Phantasie eingeschmeichelt Er hatte sogar gewagt von diesem schönen Mädchen in
ihrer Gegenwart zu scherzen Sie war zu stolz gewesen der Eifersucht Raum zu
geben Sie hatte nur Paulinen vermieden die ihr zweideutig vorkam Pauline die
trägt Egon jene Freundschaft an hatte sie sich gesagt die er bedarf Das ist
nichts als Bewunderung nichts als Sklaverei nichts als Stolz ihn nur zu
haben zu besitzen zu benutzen um sich zu heben Oft grübelte sie was Egon
nur an Paulinen bände Einmal hatte Egon gesagt Ein Geheimnis Welches hatte
sie gefragt Ach Helene war Egons Antwort Das elendeste und jammervollste
Da mochte sie nicht länger forschen aber ihre Eifersucht auf Melanie wuchs
Jeden Abend hörte sie von Heinrichson der nicht mehr zur Geheimrätin ging
dass Melanie noch bis elf zwölf Uhr bei der Geheimrätin die keine großen
Gesellschaften mehr gab mit Egon zusammentraf Und nun dachte sie Die da jetzt
zu mir kommt ist Melanie Auch sie ist geopfert auch sie ist elend Sie kommt
um ihre Tränen mit den meinen zu mischen
In dem Augenblick trat aber ein kleines verschleiertes Mädchen das dem
Diener gefolgt war ohne Zögern herein und stürzte auf die Gräfin zu sie zu
umarmen
Wer sind Sie fragte diese erschreckend und trat ablehnend zurück
Es war nicht Melanie aber es war ein Mädchen das weinte
Warum weinen Sie Kann ich Ihnen helfen
Das junge elegant gekleidete Kind in schwarzer Seide weißem Hute und
feinem türkischen Shawl schlug den Schleier zurück
Die Gräfin kannte sie nicht Auch Rafflard nicht
Wer sind Sie mein Kind Sie sind unglücklich Was haben Sie
Rafflard winkte dem Diener zu gehen Das junge schöne blasse Mädchen mit
seelenvollen Augen vergeistigtem hoheitsvollen Blicke sammelte sich und sprach
Ich heiße Olga
Sie küsste die Hände der Gräfin
Olga sagte Helene erstaunt Olga Sie sind
Das Mädchen hielt die Gräfin umschlungen und antwortete nicht
Sie sind Olga Wäsämskoi Adelens Kind
Ma chère tante sagte Olga schluchzend und liebkoste sie
Der Augenblick brach Helenens ganzes Herz Sie weinte mit dem Kinde
Engel Himmlisches Kind rief Helene was führt dich zu mir zu deiner
Tante die du lieben willst Was ist dir
Olga schwieg
Du suchst Hilfe Olga Liebst du mich Liebst du deine Tante
Olga sah bittend und zutraulich in die Augen Helenens
Man verfolgt dich Die eigne Mutter ha ich verstehe ich weiß es
Siegbert Wildungen
Olga verhüllte ihr Angesicht an Helenens Herzen Der Hut entglitt ihr
Rafflard hob ihn auf Helene war so gerührt dass sie mehr über die Tränen des
Kindes als über sich selbst weinte
Rafflard erschreckend über diese Annäherung und diese neue Gefahr für das
Vermögen des Grafen und die Besorgnisse seiner Mutter ergriff das Wort und
sagte heuchlerisch
Rudhard Ihr Erzieher mein Fräulein hat die Absicht eine Reise mit Ihnen
zu machen
Als Olga diese Frage mit stummer Gebehrde bejahte sagte Helene mit
überquellendem Gefühl und in ihrem eignen Schmerz die Größe des fremden Leids
ermessend
Arme liebevolle Olga Ich weiß Alles Alles Olga du liebst Siegbert
Wildungen die eigene Mutter gönnt dir das Glück deines jungen Herzens nicht
du sollst fort mit den Geschwistern fort Rudhard soll Euch entführen damit
der Mutter allein das Glück deines Lebens bleibt
Olga bejahte Alles und schluchzte
Ha rief Helene begeistert Du bleibst zurück ich schütze dich du bleibst
Helene sprach diese Erklärung mit der ganzen Entschiedenheit deren ihr Herz
in leidenschaftlichen Aufwallungen fähig war
Nicht bleiben Tante sagte Olga Ich darf nicht Fort Fort Er ist da
Wer ist da
Wer wer mein Kind sagte Rafflard schmeichelnd zudringlich ängstlich
als Olga schwieg
Otto von Dystra sagte Olga tonlos
Während Rafflard hin und her combinirte und im Geiste sich schon
vergegenwärtigte dass der alte Plan einst das Vermögen des Grafen dAzimont an
die Kinder der Familie Wäsämskoi zu bringen jetzt durch eine merkwürdige
Wendung des Geschickes und die entstehende Liebe Helenens zu diesem Kinde in
vollster Entwickelung war und alle seine Hoffnungen für die alte Gräfin
dAzimont scheiterten besann sich Helene und sagte rasch
Otto von Dystra Was soll er Aus Amerika Der Sonderling Er ist verwachsen
der Freund des Fürsten ein Äsop ein Narr was solls
Olga hauchte die Erklärung hin dass die Mutter verlange sie müsse sich mit
Otto von Dystra verloben
Helene starrte
Gestern Abend fuhr er vor sagte Olga Heute sollten wir entweder mit
Rudhard reisen oder ich soll mich erklären dass ich mich mit diesem Ungeheuer
verbinde
Das war genug um Helene dAzimont zu elektrisiren Die heldenmütige
liebesstarke verlassene Frau die in Olga ihr ganzes Ebenbild gefunden hatte
rief
Und du
Ich floh zu dir
Olga Warum zu mir
Das Mädchen schwieg Dann sagte sie durch Tränen lächelnd zuversichtlich
treuherzig
Weil du lieben kannst
Wie Olga diese Worte fest und sicher gesprochen hatte stürzten aufs neue
die Tränen aus Helenens Augen Sie umarmte stürmisch das junge Mädchen riss
ihr den Hut fort den sie in der Hand hatte nahm ihr den Shawl ab und sprach in
äußerster Exaltation
Noch heute reisen wir Du bist mein mein Kind meine Olga Wir Beide sind
verbunden durch den Schmerz der Liebe Gehen Sie Rafflard besorgen Sie unsre
Pässe Schicken Sie sie uns nach Wir reisen so wie wir hier sind Fort Fort
Fort In die Welt Wir müssen uns retten Mädchen vor diesem Elend des Lebens
vor dem Frost des Winters der sich auch an die Herzen ansetzt Auch Siegbert
hatte den Mut nicht dich sein zu nennen Entblättert sich dir schon so früh
der schöne Glaube an diese Männerseelen Ha Du bist von meinem Blute Mädchen
Dein Herz schlägt wie meines Fort Fort Wir bedürfen andre südliche Luft
Nach Italien In diesem Norden erfrieren wir
Damit drängte sie Rafflard der vernichtet dastand hinaus
Rafflard stand noch unschlüssig und wollte verdrießlich werden
Aber Gräfin Was beginnen Sie Welche neue Verirrung
Rafflard rief Helene Kein Wort der Entgegnung Ich hasse Egon Ich bleibe
meinem Gatten treu Desiré dAzimont ist ein Engel Olga ist meine Seele Olga
jetzt mein Leben Olga in dir find ich mein Glück meinen Reichtum meine
Zukunft mein Alles Ein Kind ein Kind gewonnen durch den Schmerz des gleichen
Schickals Olga Lass uns die Welt sehen und unser Leid verbergen Ich ohne
Hoffnung für das ganze Leben Du für Siegbert Wildungen aufblühend in meiner
Pflege wenn er dich verdient Ich deine Mutter Dein Schutz gegen Rudhard
gegen Dystra und wenn Sie wagen Rafflard wenn Sie wagen Adelen zu sagen
wohin ihr Kind sich flüchtete
Gräfin Was denken Sie
Postpferde rief Helene und Rafflard war hinaus
Er überlegte was zu tun Sollte er vors Tor eilen und die Fürstin von
der Gefahr ihr Kind zu verlieren unterrichten
Während er so auf der Treppe stand kam Heinrichson
Sie kommen gerade recht sagte er diesem
Wozu
Die Gräfin will nach Italien und noch heute
Heinrichson stand wie vom Blitz getroffen
Das ist eine Trennung sagte Rafflard bitter
Nein antwortete Heinrichson lächelnd ein Wiedersehen Ich selbst wollte
der Gräfin sagen dass ich in einigen Tagen nach Rom zu reisen gedenke Sie
weiß es ich sprach immer davon
Rafflard stand voll Erstaunens Er überblickte dass Heinrichson die Gräfin
liebte Anzunehmen dass die Gräfin schon von ihm für die Idee einer
italienischen Begegnung gewonnen war hatte er keinen auch nicht den mindesten
Grund Aber dennoch erstarrt ergriff er die Gelegenheit die ihm von der Gräfin
gegebenen Aufträge abzuschütteln
Leisten Sie ihr für diese schnelle und übereilte Abreise hülfreiche Hand
sagte er zornig Ich für meinen Teil bin zu beschäftigt um ihren Aufträgen
nach Wunsch zu genügen
Heinrichson in glückseligster Geschäftigkeit ging zur Gräfin Rafflard
hustete noch lange die Straße entlang
Unten überfiel ihn die verdriesslichste Stimmung wie nun all seine
klugberechneten Pläne umsonst gewesen und die Menschen mit ihren Leidenschaften
weit über alle Schlingen und Netze des Verstandes hinauswachsen
Diese Familienbeziehungen erschienen ihm gering armselig Er spitzte im
Geist schon die Feder um auf den Quai dOrsay in Paris einen epigrammatischen
Brief zu schreiben dessen Thema so lauten sollte
In der Komödie der Liebenden darf man nur mit seinem Herzen nicht mit
seinem Verstande mitspielen
Verdriesslich über Das was er sich Alles seither an größerer Geltendmachung
seiner Mission hatte entgehen lassen wie er Zeit Mühe List eigene kleine
Unterhaltungen den Interessen einer vornehmen Familiencoterie geopfert hatte
überfiel ihn sein alter rheumatischer Husten so heftig dass er an der nächsten
Straßenecke stillstand in einen Fiaker stieg und mit den dem Kutscher
zugerufenen Worten davonfuhr
Ans Komödienhaus bei der katholischen Kirche Zum General Voland von der
Hahnenfeder
Noch in der Nacht gegen ein Uhr rollte ein Wagen mit Helene dAzimont
Olga Wäsämskoi einem Mädchen und einem Diener zum Tore hinaus Es war das das
nach dem Süden führte
Ende des sechsten Buches
Siebentes Buch
Erstes Kapitel
Die ersten Winterschauer
Der Vorwinter war da An die Fenster desselben Eckzimmers im Schloss Hohenberg
wo die uns bekannten Sommergäste ihre fröhlichen Abendgesellschaften gehalten
hatten schlug jetzt der Regen eines mürrischen nasskalten Herbstes Der
Sturmwind rüttelte die schlechtverwahrten Jalousieen und machte sich pfeifend
auch durch die Ritzen der Fenster Bahn auf deren innerem Simse sogar sich die
hellen Regentropfen sammelten Der Blick in den Garten fand die Bäume entlaubt
die Wege unsauber regenglatt Hier und da krachte ein Zweig der dem
plötzlichen Stosse des Nordwest nicht widerstehen konnte Der Blick selbst am
Tage ging nur bis zum Dorfe Plessen hinunter das mit seinem Kirchturme wie im
magischen Nebel schwamm Von Wald Berg und Flur waren selbst dem schärfsten
Auge nur einige matte graugrüne Umrisse ersichtlich
Dennoch war es in dem hohen Eckzimmer wo in der Mitte noch das Piano stand
auf dem Melanie damals die Tanzanklänge gespielt hatte nicht ganz ungemütlich
Ein altertümlich geformter Ofen von Gusseisen in Form einer Pyramide
verbreitete die Behaglichkeit der ersten winterlichen Zimmerwärme Der alte
Winkler trug das Holz herein Brigitte warf es von der Mitte des Ofens hinunter
gerade durch die mit einer Jahreszahl versehene eiserne Denktafel der Pyramide
die nur die Tür des Ofens war Der Alte schleppte schon den zweiten Korb herein
und packte ihn sorgsam in der Nähe des Ofens unter das Kanapé Waren doch er und
die alte Brigitte jetzt die einzigen Diener des Hauses die einzigen Wächter des
Schlosses alt und müde wie konnten sie zu oft diese Treppen steigen zu oft
durch diese Zimmer die schweren Trachten Holz schleppen Da musste eine Tracht
für zwei Tage ausreichen Freilich mochten sie gern in der Nähe ihrer Gäste
sein Sie hätten so gern gehört wie es denn nun werden sollte in Zukunft mit
den hochfürstlichen Besitzungen Ob sich denn keine junge Fürstin einstellen
und da doch einmal das Alter geht und das Junge kommt mit einem lustigen
Gefolge hier im nächsten Sommer wohnen würde Ob Sr durchlauchtigsten Gnaden
von dem der diplomatische Herr von Zeisel nicht zu verbreiten wagte dass er
diesen Sommer im Incognito ihn in den Turm gesperrt hatte nicht einmal selbst
kommen und das Erbe seiner Väter betrachten würde Das zurückgekehrte Mobiliar
der seligen Fürstin gab fast Hoffnung dazu Das hatten Heunisch und Herr von
Zeisel im Triumph heimbegleitet und mit einer Art Stolz blickten die Sessel die
Divans die Gebetpulte die Tische und Schränke wieder in den Zimmern um sich
die sie zu schmücken hatten Aber die weiteren Schicksale die ihnen und dem
Schloss bevorstanden waren den beiden alten Leuten denn doch für die kurze
Zeit ihres Lebens noch zu sehr verschleiert
Nun freilich hatte sich das Seltsame ereignet dass ein alter Mann und ein
junger sich durch einen Brief des Fürsten als rechtmäßige Bewohner des Schlosses
auswiesen und von dem Gerichtsdirektor Herrn von Zeisel mit großer
Aufmerksamkeit empfangen wurden Wer waren diese beiden neuen Ankömmlinge
Vornehme Gläubiger gewiss nicht Sie gingen so einfach so schlicht dass Winkler
manchmal das Grüssen vergaß was wohl auch an den immer schwächer werdenden fünf
Sinnen der alten Haut lag die noch immer vergebens auf die Beförderung durch
den vornehmen Herrn wartete der einmal zu ihr so gnädig geäußert hatte Gut
geharkt Schöner Strich Kenne Das Die Brigitte war sogar verstimmt dass diese
Herren die nur der Alte und der Junge hießen auch nicht einen einzigen
Dienstboten mitgebracht hatten Nicht wegen der Arbeit Denn die Gäste waren
sehr anspruchslos sondern nur wegen der Nachfrage und der Unterhaltung So
lange die alte Brigitte denken konnte dass hier in den Tagen des Glanzes auf
Hohenberg Besuche ein und ausgingen hatte es eine reiche Chronik von
Geschichten und unterhaltenden Tatsachen gegeben Diese zwei Menschen aber
kamen ganz nüchtern ganz unbekannt sprachen nichts befahlen nichts baten nur
und nahmen mit der einfachsten Kost vorlieb
Da saß der Eine auf dem Kanapé und ersuchte die alte Brigitte sehr höflich
um Licht
Und Ihr Abendbrot Herr fragte sie rasch
Der Angeredete war schwarz gekleidet und hatte über dem einen Auge eine
Binde von gleicher Farbe
Höflich sagte er
Wie gestern liebes Mütterchen Tee trink ich und etwas Brot wenn man es
haben kann
Aber die Frau Directorin lässt sichs nicht nehmen Ihnen vorzusetzen was
Sie wünschen Befehlen doch die Herrschaften etwas Braten Schinken Wir haben
ja Alles oder wenn Sies befehlen muss es da sein
Danke für mich Mütterchen Freilich mein junger Freund und Begleiter
Murray denn er war es sah eben auf den Alten der das Holz unter das Ende
des Kanapés packte auf dem er saß Er wollte helfen
Brigitte litt es nicht und sprach von Schinken Hammelkeulen und ähnlichen
Mysterien ihrer Gnaden der Frau Gerichtsdirektorin von Zeisel
Murray der das Feuer in der Ofenpyramide behaglich knistern hörte brach
ihre Mitteilungen ab mit den Worten
Licht Mütterchen Und die Hammelskeule immerhin wenn mein Reisegefährte
kommt Es ist dunkel Ich hoffe dass er bald da sein wird
In der Tat ging es auf sechs Uhr und schon war es stichdunkel Murray
besann sich wie lange er schon so gesessen und still vor sich hin geträumt
hatte Es war so finster dass das offene Zugloch der großen Pyramide leuchten
musste So schritt er als seine Bedienung gegangen war auf den Flügel zu der
in der Mitte des großen Zimmers stand Er öffnete ihn und schlug die Tasten an
Wir kennen diese Tasten Es war ein altes dünnes Instrument das mehr wie
eine Citer klang Ohnehin war es verstimmt und was fehlte nicht an Saiten
Dennoch hatte sich Murray seit den drei Tagen dass sie hier auf Hohenberg
eingekehrt waren schon oft an den notdürftigen Tönen erfreut Und da ein
längerer Aufenthalt vorauszusehen war hatte Murray sogar eine Stimmschraube
sich in der Dorfschmiede wollen wenn auch roh nur und plump anfertigen lassen
um damit die Wirbel der Saiten fassen und sie besser anziehen zu können Als man
ihm freilich den Namen des Schmieds Zeck nannte hatte er den Plan wieder
aufgegeben Der Name der Zecks schien ihn zu sehr zu befremden Er spielte nun
auch so auf dem verstimmten Instrumente auch so schien ihn zu erfreuen
Reminiscenzen an eine alte Kunstfertigkeit herauf zu beschwören die freilich
aus den steifgewordenen Fingern etwas verschwunden schien
Brigitte brachte langsam und vorsichtig eine große Astrallampe mit einem
Gazeschirm die sie schon gestern ihren Gästen angekündigt hatte als sie ihnen
Lichter gab Es war die Zimmerlampe der seligen Fürstin lange nicht gebraucht
und so altmodisch dass
Sie ausgehen wird bemerkte Murray
Versuchen Sies einmal damit meinte die Alte Wenn sie nicht brennen
sollte so liegts am Docht
In dem die Motten sitzen werden Seht seht da geht sie schon aus sagte
Murray geduldig lächelnd
In der Tat erlosch die Lampe mit unfreundlichem Duft Murray wünschte die
Leuchter von gestern Brigitte schüttelte den Kopf trat an die Tür die nicht
ganz geschlossen war und sprach hinaus
Na ja Zeck Die Lampe hier muss er auch in die Kur nehmen
Murray hörte kaum diese Worte als er Brigitte festhielt die Tür zuwarf
und fragte
Wer ist da draußen
Der alte Zeck und der Junge sagte Brigitte die sich auf Alles verstehen
Pferde und Vieh und Öfen und Lampen
Was sollen Die sagte Murray in peinlichster Ungeduld und die Tür
zuhaltend
Der junge Herr hat sie ja bestellt wegen dem Klavier
O sagt den Leuten nur dass es keine Not damit hätte Lasst sie nicht
kommen Nein nein Schickt die Leute fort Holt den Leuchter alles Andre was
ich nicht bestimmt bestelle lasst gut sein Hört Ihr liebe Frau Geht rasch
ich kann im Dunkeln bleiben
Murray sprach diese Worte in einer Aufregung als stünde ihm die
unangenehmste gefährlichste Begegnung bevor Er drängte Brigitten von sich
protestirte jetzt lebhafter gegen den Duft der ausgegangenen Lampe und riegelte
die Tür zu als Brigitte brummend hinausging
Murray überzeugte sich an schweren plumpen Schritten die er draußen hörte
dass die Zecks sich gleichfalls entfernten und schob den Riegel nun wieder
zurück und gab die Tür frei
Erschöpft warf er sich auf das Kanapé Tief holte er Atem wie nach einer
großen Anstrengung So saß er nachdenklich erschüttert eine Weile Dann ging
er an eins der Fenster die auf den Garten sehen ließ und drückte die Stirn
an die Scheiben So bewegt schien er dass er kaum merkte wie die Tropfen von
außen an das Glas schlugen und wie der Sturm die Bäume und Sträucher peitschte
Die Dorfhunde heulten in der Ferne Es war doch einsam schauerlich hier oben
Es sah nach den Sternen Kein einzger war in dem dicken Nachtnebel sichtbar Er
suchte so lange bis er erstaunt war sich umsehend die beiden Lichter schon
anzutreffen die ihm Brigitte ohne dass er es merkte hereingetragen hatte Da
er ihr den Rücken kehrte und auf ihr Räuspern und Fragen nicht antwortete war
sie wieder gegangen umsomehr als sie in das Amtsgebäude hinunter musste um
sich von Frau von Zeisel geborenen NutzholzDünkerke die bewussten animalischen
Vorräte auszubitten
Murray wandte sich jetzt einem Tische zu den er an einem andern Fenster des
großen Zimmers für sich hergerichtet hatte Hier lagen Papiere
Zeichnenmaterialien feine kleine Instrumente durcheinander Er setzte sich
nahm einen grünen Schirm der auf dem Tische lag noch über die Binde und setzte
sich zur Arbeit die keine andere war als dass er auf eine Kupferplatte
Buchstaben ätzte Das Licht der beiden Talgkerzen war wohl zu schwach für seine
Arbeit Einige kleine Gläser die am Fenster standen verrieten dass Murray
sonst mit allen Hülfsmitteln der Kupferstecherkunst ausgerüstet war Er stellte
die Lichter dicht vor die Platte über die er sich mit seiner Ätznadel beugte
er wollte arbeiten Doch musst er bald aufhören Das Licht war zu flackernd zu
düster Er schüttelte den Kopf und gab sein Werk an dem er den Tag über
gearbeitet hatte für jetzt auf
Indem hörte er kommen Rasch warf er einen größeren Papierbogen über die
Kupfertafel und erhob sich
Ich bin es Murray rief draußen im Vorzimmer eine Stimme die er sogleich
als die Louis Armands erkannte
Da Louis nicht eintrat ging ihm Murray mit Licht entgegen
Hinausleuchtend begrüßte er den Ankömmling mit den Worten
So spät Und in diesem Wetter Himmel wie sind Sie durchnässt
Das bin ich sagte Louis und schwenkte den nassen Hut im Vorzimmer und trat
heftig mit den Füßen sich schüttelnd auf
Sie müssen sich umkleiden Freund
Ich fühl es wohl ich bin nass bis auf die Haut Ein Wetter wie in den
Ardennen wo ich einmal einen Vetter auf einem Eisenhammer besuchen wollte Nur
die Wölfe fehlen
Die werden sich hier mit dem Schnee auch einstellen sagte Murray Aber
kommen Sie doch an den Ofen Trocknen Sie sich
Ich will nur ein Hemd und Kleider aus meinem Koffer nehmen
Murray leuchtete und geleitete seinen neuen jungen Freund an den warmen
Ofen
Darf ich Papa fragte Louis Armand und deutete auf seine Absicht hin sich
ganz frisch umzukleiden
Ich helfe versteht sich antwortete Murray Die Wäsche muss gewärmt sein
Geben Sie her ich halte sie gegen diese Pyramide die unser Heiligtum werden
wird als wären wir Ägyptier Die hatten Kühlung von ihren Pyramiden wir Wärme
Grund genug zur Verehrung
Louis kleidete sich in wenig Augenblicken um und würde schon begonnen haben
Murrays Verlangen nach Mitteilung seiner Erlebnisse im Walde zu befriedigen
wenn nicht Brigitte jetzt in pünktlicher Aufmerksamkeit mit dem Tee und dem
Zubehör erschienen wäre Der alte Winkler trug das Kohlenbecken und die heiße
Kanne sie selbst die Teebüchse Brot Butter und zwar nicht den ganzen
Hammelsbraten der Frau von Zeisel wohl aber eine ansehnliche Anzahl von glatt
ihr entschnittenen Scheiben
O Das ist angenehm sagte Louis dem es ganz wohl und behaglich in seinen
erwärmten Kleidern wurde und der sich sagen konnte dass er im Auftrage des
Fürsten hier fast wie in seinem Eigentum wohnen durfte Danke danke
Mütterchen Wie behaglich wie gastfrei Das soll uns gut schmecken
Murray der hier von Louis Armands Flügeln geschützte Gast würde freudig
in dieses Lob mit eingestimmt haben wenn nicht Brigitte mit einem Blick auf
Louis wieder von den Zecks angefangen hätte die wegen dem eisernen Ding das er
bestellt hätte doch nun wieder draußen warteten
Ja sagte Louis die Stimmschraube glaubt der Alte liefern zu können
Nein nein fuhr Murray wie vorhin auf ich sagtes schon Es ist gut so
Ich spiele zu wenig
Murray geriet wieder in Aufregung
Der Alte meinte er verstünde mich vollkommen Ich musst es ihm
handgreiflich beschreiben da er blind ist sagte Louis
Ist er blind fiel Murray mit einiger Bewegung ein
Der Vater ist blind antwortete Louis und der Sohn taub
Und nun lehnte Murray entschieden den Dienst ab
Heute nicht Genug von der Sache Guten Abend Frau Brigitte Morgen
Morgen Gebt ihm die Lampe Lasst die von ihm repariren er kann es es ist ein
Tausendkünstler oder vielleicht kann ers Guten Abend
Damit drängte Murray die Alte hinaus und schob noch den Riegel vor Dann
knüpfte er seine Aufregung zu verbergen sogleich seine Bemerkungen an Louis
Appetit an und forderte ihn auf Platz zu nehmen auf dem Kanapé neben ihm und zu
erzählen wie er nun im Forstause Alles angetroffen
Den Einen drängte es ebenso zu reden wie den Andern zu hören Das Feuer im
Ofen prasselte das Wasser in der Maschine zischte draußen regnete es Der
Gegensatz weckte die gemütlichste Behaglichkeit
Zweites Kapitel
Morton
Nun zuerst einen Gruß von Fränzchen begann Louis Armand und nochmals tausend
Dank für die freundliche und sorgsame Art wie Ihr sie hierherbegleitet habt
Sie hat mir gestanden
Hundertmal dass sie Euch liebt schaltete Murray scherzend ein
Nein Dass sie Euch fürchtete
Mich
Anfangs
Nun
Ich hätt es kaum gedacht fuhr Louis fort Als ich ihr sagte Fränzchen
wir haben Feinde die uns Böses wollen nehmen Sie die Bitte des Onkels an
gehen Sie auf diesen Winter zu ihm Ich werde in Ihrer Nähe sein denn ich muss
nach Hohenberg und wie sie gleich freudig einstimmte Darf ich denn mit Ihnen
reisen Da hatt ich ihr von Ihnen das Beste und Schönste gesagt
Weil sie selbst nicht daran glaubten so fehlte wohl die Wirkung
Louis nahm die Tasse Tee die ihm Murray entgegenhielt stellte sie auf den
Tisch und legte sanft die Hand über Murrays Schulter
Ich nicht daran glauben Papa sagte er Weiß ich doch nur wenige
Augenblicke meines Lebens die mir so denkwürdig bleiben werden wie der wo ein
ganz fremder Herr zu mir tritt und sagte Lieben Sie Franziska Heunisch
Haha Sie sagten nicht Ja Sie waren nicht aufrichtig oder Ihr Gefühl
schwankte während das arme Herz des Kindes wie ein Anker felsenfest im Meere
stand
Ich sagte leider nicht mehr als dass ich Franziska mit meinem Leben schützen
und dass ich sie nur Dem abtreten würde von dem ich überzeugt wäre dass er sie
glücklicher machen würde als ich noch bis jetzt im Stande wäre
Haben Sie ihr Das so wörtlich wiedererzählt Ein Mädchen hört das einfache
Wort Liebe viel tausendmal lieber als die prächtigsten Umschreibungen desselben
Franziska kennt mich fuhr Louis fort Sie vertraute mir sogleich als ich
ihr sagte Freundin Ihre Ruhe ist bedroht Glauben Sie Feinde zu haben Und als
ich die Andeutungen wiederholte die ich von Ihnen gehört hatte erschrak sie
heftig und wiederholte Namen
Die ich Ihnen doch nicht genannt hatte bemerkte Murray
Sie waren geheimnisvoller als ich wünschen musste Aber ich vertraute Ihnen
Ich glaubte Ihnen dass die Nachstellungen die der Eine verweigern würde bei
einem Andern leichteres Gehör finden konnten und gesteh ichs nur da ich
selbst nach diesem Schloss sollte
So glaubten Sie meinem Märchen und haben sich mit Ihrem guten Herzen fangen
lassen
Louis nahm eben einen Imbiss den ihm Murray der selbst sehr wenig genoss
zurecht gemacht hatte
Sie haben mir kein Märchen erzählt sagte Louis Armand ernst und blickte in
das eine unruhige offene Auge das Murray niederschlug und nicht wollte prüfen
lassen Wenn Sie mir eine Reihe von großen Verdiensten aufgezählt hätten o ja
Dann würd ich gezweifelt haben Aber Sie haben nur Schlimmes von sich gesagt
Was Sie Franziska wiederholten Nun begreif ich freilich dass das Mädchen
in mir nur den Besucher des Fortunaballes finden wollte und recht scheu recht
in den Tod erschrocken war als ich sie in dem Wägelchen abholte um mit ihr
hierher zu reisen
Das hat sie mir erzählt sagte Louis aber auch hinzugefügt dass Sie
Tränen im Auge hatten
Ich kam vom Kirchhof
Wo Sie jenes Mädchen bestatteten das Fränzchen in jener Nacht an Ihrem Arme
gesehen
Die
Sie sprachen stundenlang kein Wort und seufzten nur
Grabesstimmung
Und dann fingen Sie von der Natur an die nun scheidet von den Blättern
die schon gefallen waren und vom Tode der uns Allen Ruhe geben wird
Verhaltene Predigten Wir möchten Alle am liebsten Fürsten oder Priester
sein
Ists nicht so
Schon recht Ich war bewegt Ich ganz allein stand an dem Grabe einer
Unglücklichen Ach Ich ganz allein Der Kirchhof wie war der noch neu noch
ohne Bäume und Blumen Wie frostig wehte der Wind darüber und fand nicht einmal
Halme zum Niederbeugen Die Gräber ohne Schmuck Die Toten der öffentlichen
Krankenpflege wer feiert ihr Angedenken Wer sieht ihnen mit Liebe in die
gelbe Grube nach Ein Handwerker lag da im Todtenhaus fern sind seine
Eltern die vielleicht gar nicht wissen dass er schon nicht mehr unter den
Lebenden Sie sagen nur Wie lang er nicht schreibt Was ist ihm nur Da liegt
er Da ein Dienstbote da ein Verunglückter der nicht einmal in die Erde
nein zu den jungen Ärzten dort kommt die ihn zerstückeln und präpariren
werden Welche Mühe hat es mir gekostet meine arme Tote aus ihren Händen zu
retten Wie war sie schön noch auf der Bahre Die Messer der Ärzte zuckten recht
nach diesen Formen Das blutschwarze Mahl an der Stirn auf die sie beim Sturze
aus dem Fenster gefallen war entstellte sie nicht Ich strich eine Locke
darüber her nun wars verdeckt Aus dem Todtenhause trugen sie den Sarg Ich
folgte allein und betete ein Vaterunser Dann drei Handvoll Erde die Spaten
taten das Übrige Adieu
Murray blickte nieder
Der Lebenslauf von Tausenden sagte Louis bewegt und sein Nachtmahl eine
Weile leise zurückschiebend Ein schönes Mädchen arm ohne Freunde verführt
wahnsinnig wer sieht auf all die Opfer die auf unsrem Lebenswege liegen
Das Alles geht so still vor sich hinter Mauern und verschlossenen Türen Wer
sucht das eigentliche Mysterium des Lebens auf den Kirchhöfen
Sich aufraffend fuhr aber Murray fort
War es nicht gut dass ich trauerte Franziska hätte sich sonst vor einem
Manne entsetzt der vor ihren Augen ins Gefängnis geführt wurde Eine Träne
wirkt soviel
Nein Nein sagte Louis Ich hatte sie vorbereitet auf einen jener
Philosophen die die Weihe des Geistes nicht durch die Wissenschaft und ihr
Studium sondern durch das Leben empfangen haben Ich hatte ihr gesagt dass Sie
Gründe hätten diese Umgebung des Schlosses Hohenberg zu besuchen und ein
Geheimnis sogar an sie und ihren Namen Sie kette
Ein Geheimnis das ich ihr leider nicht auf unsrer Reise erzählen konnte
sagte Murray aber Geheimnisse die man nicht nennt knüpfen gerade nicht
aneinander Ich sah es ihr an dass sie frohlockte hier endlich Sie
wiederzusehen Sie waren schneller gereist als wir Wie findet sie sich denn
nun in dem Walde zurecht
Louis erzählte
Der Förster sagte er rührte mich gestern wie liebevoll er sie empfing Er
fuhr sie selbst in seine Wohnung die nicht zu weit von uns entfernt ist Dort
angekommen zeigt er ihr das Stübchen das er ihr eingerichtet Es ist so still
und traurig hinauszusehen in den entlaubten Forst aber so lebendig im Zimmer
als wär der Wald hier so lange einquartiert bis zum Frühjahr Da singen Vögel
in Käfigen da stehen große Blumen in Töpfen da hängen Hirschgeweihe an den
Wänden und wenn es recht still ist und der Sturm einmal nachlässt hört man die
Turmuhr von Plessen nach dem Jägerhause deutlich hinüberschlagen und das ist ja
gerade als sprächen wir miteinander so weit zusammen
Und Ursula Marzahn fragte Murray mit forschendem Blick
Liegt krank im Bett
Bedenklich
Der Onkel gibt sie auf Ich hörte sie ächzen in einer oberen Kammer über
Fränzchen Ich wollte auf einen Arzt dringen Da hilft nichts sagte Heunisch
Sie hat ihre Kräuter ihren Tee den sie sich selbst bereitet Sie studierte bei
Doctor Lehmann sagte er Sie nimmt nichts und will nur Ruhe haben
Murray stand auf Die Nachricht schien ihn zu ängstigen
Was haben Sie Sie sind bewegt fragte Louis
Und wie Und wie rief Murray Hängt doch diese Frau mit meinem Geheimnis
zusammen ohne dass ich mich ihr entdecken möchte Wenn sie aber stürbe
Sie ist die Schwester des blinden Schmieds
Ich weiß es die Tante des Tauben Erwähnen Sie diese Menschen nicht wieder
Die Zeit ist noch nicht günstig um mich in das Andenken dieser beiden
Geschwister zurückzurufen
Ich verhehle Ihnen nicht sagte Louis dass der Ruf dieser Geschwister kein
guter ist Franziska hat mir anvertraut dass sie vor Ursula Marzahn Grauen
empfände und dem blinden Schmied weicht Jeder aus
Murray schwieg nachdenklich
Neuerdings haben sie fuhr Louis fort aus Amerika eine Erbschaft empfangen
von einem dort verstorbenen Bruder
Haben sie sagte Murray lebhaft
Und sonderbar der diese Erbschaft überbrachte erzählte mir der Förster
ist jener Ackermann der nun diese Besitzungen Egons in Pacht genommen und über
dessen Anstalten ich die Urteile einziehen soll
Wer sagte Murray und blieb erstarrt stehen
Wer brachte das Geld fragte er dringender
Der jetzige Generalpächter drüben Ackermann Ich selbst überbrachte ihm
Egons Genehmigung zu seinem Anerbieten kurz ehe des Fürsten Krankheit in ein
gefährliches Stadium überschlug
Ackermann Ackermann wiederholte Murray
Befremdet Sie dieser Name fragte Louis
Ich kenne ihn nicht sagte Murray und dennoch erfahre ich nun von Ihnen
Dinge die mich bestimmen hier wie ein Einsiedler zu leben Ich komme auf Das
mein Freund was ich Ihnen vor acht Tagen sagte zurück Ich nannte mich damals
einen Schatten der über die Erde in der er einst als Mensch lebte fehlte und
büsste noch einmal hinstreift und keine Ansprüche mehr auf eigenes Glück ja
nicht einmal mehr auf das Glück der richtigen Beurteilung macht Ich gestand
Ihnen dass ich einst der sittlichen Welt entrückt war durch den Drang des
Ehrgeizes entrückt von Liebe geblendet Das Verbrechen das ich beging soll
ich es Ihnen nennen
Nein nein sagte Louis Schliessen Sie in Ihr Herz ein was Sie gebüßt
haben Sie sind ein Weiser den ich hoch verehre Ich will nicht wissen wie Sie
es geworden sind
Wissen Sie wohl sagte Murray dass das Bedürfnis der Beichte ein tiefes
Mysterium ist
Ich bin Katholik antwortete Louis
Das sagt Alles Es ist eine der festesten Stützen des alten römischen
Glaubens Es ist eine Stütze die sich auf die menschliche Natur gründet Das
Geheimnis der Beichte ist die Zauberformel die den Laien an den Priester
bindet die Bürgschaft einer über alle menschlichen Umgangsformen hinausgehenden
Vertraulichkeit eine Ehe der Herzen Das Bedürfnis der Beichte ist der
Wahrheitsdrang des Menschen ja oft die einzige Ermutigung zur Tugend Nur wer
sich in einem Andern darlegen kann in einem Andern ausruhen mag fühlt wahre
Reue und ist der Andre edel und gut ein sanfter Priester auch ohne
Priesterrock und Weihe wahre Ruhe
Ich kenne sagte Louis zwei Priester die würdiger wären als ich Sie zu
hören
Wer wären diese
Louis nannte die Brüder Siegbert und Dankmar Wildungen und freute sich
innerlichst mit kräftiger Betonung dieser Namen gleichsam Zeugnis für den
großen Wert dieser beiden Menschen abzulegen
Ich kenne sie nicht sagte Murray Ich darf die Kette der guten Menschen
denen ich mich vertraute nicht zu weit ausdehnen Ich darf aber auch nicht
länger schweigen Ich bedarf einer Unterstützung der letzten Absichten die mich
noch an dies Leben knüpfen Ich darf nicht länger so hinschleichen und suchen
und muss es wagen endlich einmal aus mir herauszutreten Wissen Sie dass das
Bedürfnis der Beichte mich schon oft trieb jenem Manne mich anzuvertrauen der
den Geschwistern Zeck eine Erbschaft aus Amerika brachte
Er ist in der Nähe Vertrauen Sie sich ihm Murray
Wie kommt er zu dem Namen Ackermann
Wäre dies nicht sein rechter
Murray schwieg und überlegte Er gedachte seines eigenen amerikanischen
Namens Morton Ackermann hatte anders geheißen
Nein nein sagte er endlich auch für ihn darf ich nichts als Murray sein
Auch ihm muss ich verborgen bleiben und doch und doch
Louis stand auf und ergriff Murrays Hand
Sie leiden sagte er Hab ich etwas das Ihnen würdig scheint Ihr
Vertrauter zu werden so mistrauen Sie wenigstens nicht meiner Jugend Ich kann
verschwiegen sein und verstehe die Irrgänge der Herzen Wer dem Volke nahe lebt
lernt mit Schmerz die wunderbaren Verwandtschaften kennen zwischen Gut und Bös
Mut und Verbrechen Größe und sittlichem Elend
Recht sagte Murray als Louis zögerte die Gegensätze so schnell
auszusprechen Recht Ich darf kein Schatten bleiben Ich muss einen Körper
haben Ich brauche einen Freund der mich unterstützt um noch einmal
aufzuleben Sie stehen den Menschen bei denen ich zuerst zu fragen zuerst zu
suchen und zu forschen habe am nächsten Hören Sie also Sie müssen hören Sie
Sie und schaudern Sie vor mir
Louis ging an die verriegelte Tür öffnete und sah ins Vorzimmer Es war
Alles still Er kehrte zurück und schüttelte den Kopf als fürchtete er nicht
das Mindeste was er hier hören sollte
Als er sich gesetzt hatte wandte sich Murray an den Tisch an dem er zu
arbeiten versucht hatte Er hob das Papier ab nahm die Kupferplatte die es
bedeckt hatte hielt die Platte gegen Louis hin und zeigte sie ihm
Sie sind ein Künstler sagte Louis Schon gestern sah ichs an den
Zeichnungen auf dem Tisch
Lesen Sie sagte Murray ruhig
Louis betrachtete die Platte
Es ist verkehrte Schrift sagte er Ich will versuchen sie zu lesen
Er buchstabirte
»Louis Armand Kunsttischler und Vergolder«
Ich wollte Sie überraschen sagte Murray zu Louis der von dieser
Aufmerksamkeit angenehm berührt war ich wollte Ihnen ein Geschenk machen und
hoffe diese Visitenkarten auch noch zur Ausführung zu bringen Sie sehen daraus
mit wenig Worten dass ich eigentlich ein Kupferstecher bin
Louis betrachtete die Platte mit großem Wohlgefallen und freute sich der
Verwandtschaft des Arbeiterberufes
Murray aber mit jenem sichern Gefühle der Anlehnung das uns in dieser Welt
zu selten zu Teil wird mit jenem anschmiegsamen Behagen an eine völlig
interesselose und doch tief wohlwollende und rein hingegebene Natur fuhr fort
Ich bin der Sohn gewöhnlicher Eltern Es gibt aber gewöhnliche Menschen die
alle Keime besserer Entwickelung in sich tragen So war es bei dem Ehepaar das
mir einem Bruder und einer Schwester das Leben gab Nun geht Das aber so das
Bedeutende kommt wo es seine wahre Richtung gesund und ungehindert
aufwachsend nicht findet verkehrt zur Welt Der innere Gehalt kann die äussre
Form nicht verklären nicht veredeln So wuchert das Bedeutende in Misgestaltung
auf und es kommen statt guter ungeschlachte Dinge zum Vorschein Meine Eltern
rohe Menschen wenn mans so nehmen will gingen in Selbstplage Verschwendung
wenn sie etwas besaßen Schulden wenn sie darbten verworrenen sittlichen
Begriffen zu Grunde Ihr wirres Wesen vererbte sich zumeist auf die Schwester
die älteste von uns Dreien die wie ein wildes Gewächs aufschoss und keine andre
Schranke ihrer Begierden hatte als die immer erneute Begierde selbst Sie hatte
gute Keime Hingebung Aufopferung Grossherzigkeit aber da sie nur ihrem
Instinkte folgte so ergriff sie um diesen Regungen zu genügen jedes Mittel
und war im Lasterhaften fast tugendhaft in der Regellosigkeit wahrhaft strebsam
und treu in der Verachtung jeder Rücksicht großartig wie einer jener
Verbrecher die die Geschichte zu Helden machte weil ihnen irgend ein großes
verbotenes Wagnis gelang Doch ich störe Ihr Abendessen mit diesen
Reflexionen unterbrach sich Murray
Nein nein ich genieße schon sagte Louis bediente sich wieder ein wenig
der Vorräte die vor ihnen standen und hörte einer Auseinandersetzung zu die
er gerade sehr lehrreich nannte Murray erschien ihm wie ein Weiser So ruhig
so klar blickte dieser seltsame Mann auf die Vergangenheit zurück so tief waren
die Gänge angelegt die er sich durch das Menschenherz zu bahnen wusste Er musste
viel gelitten viel beobachtet haben
Diese Schwester fuhr Murray fort war natürlich denn ich spreche von den
gewöhnlichsten Menschen nur ein Dienstbote und dennoch trotzdem dass sie ohne
Bildung und Form war gibt sie mir Anlass sowie ich vorhin andeutete über sie
nachzudenken Der ältere Bruder war roh von gewaltiger Muskelkraft
gewinnsüchtig heimtückisch und nicht ohne Anschlägigkeit zu mancherlei
Fertigkeiten Er wählte das Handwerk des Vaters und wurde Schmied wie mein
Vater war
Louis Blick fiel zufällig auf das Fenster und sah durch Regen und Nebel
einen kleinen glühenden Schein in der Ferne und ein gewaltiges klingendes
Aufpochen der Hämmer wie im Takte Es kam von der Zeckschen Schmiede
Ohne näher anzugeben dass der blinde Zeck sein Bruder war folgte Murray dem
Blicke Louis und erkannte was ihn fesselte Er musste einen Augenblick
schweigen so ergriff ihn die Vorstellung dass der Schlag des Hammers den sein
Bruder schwang seine Erzählung von ihm begleitete und anregend genug ist eine
Schmiede so in der Herbstnacht glühend so fernhin hörbar und an ihrem Scheine
durch den Nebel leuchtend
In einer Schmiede fuhr Murray fort verkehrt viel Volks und zu allen Zeiten
hatten die Söhne Vulkans ihr apartes Wesen Ein Hauptkunde meines Vaters der
dicht an dem Tore der Stadt sein Geschäft trieb war ein berühmter Pferdearzt
der aus nicht seltener Liebhaberei auch das Amt eines Scharfrichters nicht weit
vom Tore bekleidete Zu diesem zog meine Schwester Ursula und lebte eine Reihe
von Jahren mit ihm bis sie einen Soldaten kennen lernte den sie später
geheiratet hat als er eine Förstersstelle beim alten Fürsten von Hohenberg
erhielt Früh schon entfernte ich mich von den Meinigen und hatte das Glück in
gute Hände zu geraten Anfangs war ich Uhrmacher bei einem französischen
Schweizer aus La Chaud de Fonds einem wunderlichen Kauze der mir viel von der
Philosophie Rousseaus und Voltaires beibrachte das lange in mir sitzen blieb
aber auch sein Französisch blieb sitzen Ich lernte von ihm denken und sprechen
aber mit dem Parliren und dem leichten Philosophiren meines Schweizers begannen
auch meine Irrtümer Die Zusammensetzung der Uhren machte mir keine Freude
mehr Ich bemerkte dass ich ein Talent besaß auf den Gehäusen Chiffern
einzukratzen sogar falsche denn diese Uhren sollten oft für Breguets gelten
und waren keine Da blieb ich auf dem Wege zu der Kunst von der ich Ihnen hier
eine Probe zeigte Ich wurde Kupferstecher und vervollkommnete mich bis zum
Künstler Ein Auftrag führte mich nach England Ich sollte dorthin einen hohen
Polizeibeamten begleiten der falschen in England angefertigten Tresorscheinen
unsres Staates nachzuspüren hatte Wir entdeckten die Quelle des Betrugs
ernteten große Anerkennung und konnten ehrenvoll zurückreisen Ich blieb aber in
England und führte ein wildes genusssüchtiges Leben Schon war ich über dreißig
Jahre aber von vorteilhaftem Äußeren Sie lächeln Freund Verurteilen Sie
meine Eitelkeit nicht zu rasch Ich besitze Toilettenkünste um die mich
Schauspieler beneiden könnten
Wissen Sie sagte Louis dass Sie mir oft vorkommen wie ein jugendlicher
Held der nur die äußern Formen des Alters angenommen hat Ich wette unter
dieser dunklen Perrücke steckt ein Haar das nicht ein einziges graues zählt
Wollen wir es untersuchen sagte Murray und nahm die schwarze Binde und
seine Tour ab
Louis erschrak ein kurzgeschornes dickes volles aber ganz weißes Haar zu
sehen
Nicht wahr ich bin eitel sagte Murray lächelnd Der Adonis weiß sich
herzustellen
Louis sah dies weiße Haar und den plötzlich geänderten ehrwürdigen Kopf
eines kräftigen Greises nicht ohne Rührung Doch musste er hinzufügen
Ich nenne Sie doch keinen Greis Ich sehe weißes Haar aber ein viel
jugendlicheres Antlitz viel mehr Kraft als unter der abscheulichen Binde die
Sie nicht einmal nötig haben da ich nicht die geringste Verletzung an diesem
Auge bemerke
Doch Doch sagte Murray Ich sehe schlecht an dieser Stelle Eine Explosion
hat hier die Sehnerven dieses Auges geschwächt Dieselbe Explosion die meinem
Bruder ganz das Augenlicht raubte
Louis staunte und sah nicht ohne eine Art von Grauen das ihn durchrieselte
wie Murray wieder die Tour auf den Kopf drückte die Binde wieder aufsetzte und
unwillkürlich mit dieser Bewegung auch den Rücken wieder krümmte und
zusammensank
Murray indessen fuhr fort
Von London kam ich als vollendeter Gentleman zurück Ich sprach fertig zwei
fremde Sprachen und hatte mir durch die großartigen Eindrücke des Auslandes
Anschauungen erworben die mich für die Heimat hier weit über meinen Stand
erhoben Seit frühester Kindheit litt ich an einer grenzenlosen Eitelkeit
Nichts lieber trug ich als kostbare Ringe an den Fingern Uhren Ketten auf der
Weste Sporen Reitgerten Ich hatte in England das Spiel liebgewonnen und mit
ihm Einnahmen gemacht In vollendeter Fertigkeit des Pharo kam ich nach
Deutschland zurück und schlenderte wie ein Gentleman mit voller Börse durch die
Bäder deren Saison gerade in Flor war Mein Hochmut litt nicht dass ich mich
als den ehemaligen Kupferstecher Zeck zu erkennen gab Ich nannte mich Baron
Grimm und wusste mich durch Toilette einnehmende Gestalt Fortüne im Spiel
Sücces in der großen Gesellschaft so zu behaupten dass ich mehre Jahre lang in
meinem Incognito verharrte und die glücklichsten Eroberungen machte Mein Spiel
am grünen Tisch war ehrlich Alles Alles an mir war damals ehrlich kühn
unternehmend nur mein Name war eine Lüge In derselben Residenz wo wir uns
kennen lernten junger Freund setzt ich das Glück fort das ich in den Bädern
bei den Frauen gemacht hatte Ich war kein gewöhnlicher Stutzer Gerade weil ich
mir mein Leben selbst bestimmte wandte ich allen Fleiß auf die Möglichkeit es
auch geistig behaupten zu können Ich las sogar nahm Unterricht in allen
Wissensfächern und bildete mich mit Leidenschaft für Jemand aus der ich nicht
war Bildung zu erwerben mein lieber Freund soll eine Religion ein Cultus
sein Ich trieb diesen Cultus Kann es aber etwas Blasphemischeres geben als die
Entweihung die ich mit den Wissenschaften trieb Ich lernte ja lief in
öffentliche Vorlesungen ich brachte die Nächte mit Lektüre zu Aber nicht etwa
um der Bildung selbst willen sondern um eine Lüge möglich zu machen eine
Verstellung durchzuführen den falschen Namen die erlogene Existenz eines
Barons Grimm Ich las nicht um zu wissen was ein Autor wollte sondern um
sagen zu können dass ich Das kannte was Andre der Sache selbst wegen lasen Aus
Ehrgeiz füllte ich mich mit Tatsachen die ich nicht um ihrer selbst willen
liebte Dies ist jene Bildung mein Freund die uns niemals Segen bringt Ein
einziges Buch tief aufgenommen dem Verfasser nachgefühlt und nachgelebt
stiftet in unsrer Brust größere Umwälzungen als ganze Bibliotheken die man nur
aus Eitelkeit und ohne sittlichen Halt durchliest Mein Glück bei den Frauen war
nicht gering Besonders gelang es mir das Interesse einer Dame zu gewinnen die
Hören Sie nicht Geräusch unterbrach sich Murray
Die Tür ging draußen
Man horchte Es war die alte Brigitte die sich meldete ob sie das
Teegeschirr wegnehmen dürfe
Lasst Das nur Mütterchen sagte Louis Wann geht Ihr zu Bett Gewiss fallen
Euch schon die Augen zu Sorgt Euch nicht um diese Gegenstände Das Feuer
brennt Holz ist da Habt gute Nacht und wünscht nur dass wir morgen besseres
Wetter haben
Die Alte schlief schon halb zu all diesen Ermunterungen antwortete nichts
und ging staunend über Gäste die sich selbst bedienten
Louis rief ihr noch nach dass man wenn es so fortführe zu regnen und zu
stürmen morgen für ein Wägelchen sorgen möchte Er würde Vormittags in den
Ullagrund fahren zum Herrn Ackermann
Die Alte rieb sich die Augen raffte sich auf und wandte sich mit den
Worten
Dass ichs fast vergessen habe Herr Oleander fährt nach dem Ullagrund Jeden
Morgen um elf Uhr Wollen Sie nicht mit ihm
Wer ist Herr Oleander fragte Louis doppelt interessiert Der Name Oleander
fiel ihm auf wie kürzlich der der Jagellona
Der Herr Pfarrverweser der unten bei der Frau Pfarrerin wohnt erklärte
Brigitte
Nun wohl sagte Louis träumerisch so bittet Herrn Oleander in meinem Namen
das er mich mit sich nimmt wenn er in den Ullagrund fährt
Oleander setzte er dann wieder leise hinzu
Herr Oleander gibt dem Fräulein im Ullagrunde Lektionen sagte die Alte
Schön Und damit waren die beiden schnell sich vertrauenden Freunde wieder
allein
Sie werden Ackermann morgen sehen sagte Murray
Begleiten Sie mich
Unmöglich Wie bin ich eingeengt seufzte Murray Wie sehr bedarf ich eines
Freundes der meine letzten Pflichten mir erleichtert und mich dann allein zu
Grabe geleitet sowie ich jenes Mädchen
Nicht so Papa sagte Louis Keine Trauer Die Erzählung erleichtert Ihren
Kummer Fahren Sie fort wenn ich Ihres Vertrauens würdig bin Die vornehme Dame
also
Murray drückte Louis die Hand und fuhr fort
Ich lebte in der großen Welt und verstand mich trefflich auf ihren Ton
Ehrgeiz und Liebe sind die beiden Hauptebel aller Rührigkeit in dieser Sphäre
Ich lernte Verhältnisse von unglaublicher Zerrüttung kennen und verstand mich
vortrefflich auf die Philosophie mit der Untreue und Leichtsinn sich hier zu
entschuldigen wissen Eine Dame die ich nie nennen werde lernt ich kennen
Sie fand an meiner Persönlichkeit Gefallen Sie war nicht mehr jung niemals
schön Sie hatte ein Verhältnis mit einem Rechtsgelehrten einer wie ich für
bestimmt weiß sehr energischen Persönlichkeit gehabt Dieser war ihr untreu
geworden aus Gründen die ich wohl begreifen kann Sie gehörte zu den Frauen
die früh alle Bande der gewohnten Ordnung abgeworfen und sich ihr Leben selbst
zu bestimmen gesucht hatten Sie reiste als junge Witwe für sich sie nahm das
Leben umsomehr nach ihrer bequemsten Art als sich eine zerfallene Stimmung
ihrer bemächtigt hatte über ein Körperleiden das mehr auf Einbildung als in
der Wirklichkeit beruhte Jener Freund hatte lange in ihrer Nähe geduldet und
jenes elende Joch der Abhängigkeit von einem Wesen dem die ächte Weiblichkeit
fehlte mit sich hingeschleppt Da lernte er in einem Badeorte eine sehr
unglückliche Frau kennen die Freundin seiner Geliebten Sie war jünger
lieblicher reizender duldender weiblicher Was man von ihr weiß was sie
selbst an Spuren ihres Daseins hinterlassen hat
Murray blickte sich um und schüttelte den Kopf wie über etwas Wunderbares
das ihn freilich diese Erinnerung an Amanda bedünken musste hier in diesen
ihren Zimmern auf ihrem Schloss Murray war über Alles was sich uns allmälig
entschleiert unterrichtet
Louis bemerkte seine Erregung und dies Erstaunen
Was fällt Ihnen hier so auf fragte er
Murray der sich vorgenommen hatte nur über sich selbst nichts zu
verschweigen erwiderte
Ich glaubte es rauschte etwas an der Decke an den Wänden Es ist nur der
Wind der sich meldet dass er auch zuhorcht Lass mich nur reden du wilder
Mahner draußen Ich entweihe diese Räume nicht
Louis wusste nicht worauf diese Worte gingen und hörte nur
Ein verlassenes Weib fuhr Murray fort denkt wenn sie einen ungebändigten
Charakter hat erst an Rache dann versinkt die Rache in eine Art von innerer
Vernichtung dann die Vernichtung in neue Hoffnung Das dreissigste Lebensjahr
ist überschritten Der Vorhang der Ansprüche auf Huldigung wird bald für immer
fallen
Noch einmal rafft sich das durch Entbehrung nur gesteigerte Bedürfnis der
Liebe empor und blindlings stürzt die Sehnsucht eines unbefriedigten Herzens Dem
in die Arme der ich muss so grausam sein und Dies sagen am nächsten steht Der
Zufall wollte dass ich in dem Bade Ems das jene Dame regelmäßig besuchte ihr
nahe stand Mein gewandtes Wesen der Schein von Esprit den ich mir zu geben
wusste meine anscheinend glänzende Situation in die ich vom Spielen gekommen
war führte mich den Baron Grimm den süddeutschen Adligen in die vertrautere
Beziehung zu einer Eroberung die ich mit leichter Mühe machte Eine
Zwischenhändlerin die Alles rasch zum Ziele führte war die Begleiterin meiner
neuen Freundin Ich erfuhr ihre früheren Lebensverhältnisse ihren Jammer über
eine erlittene Untreue ihren Hass gegen eine Jugendfreundin die ihr das
stolzeste Herz der Erde entrissen hätte und wie es zu geschehen pflegt mein
lieber Freund die Frauen werden mit den Jahren in einigen Punkten besser in
andern schlimmer Schlimmer wurde bei meiner in der Welt hochgestellten adligen
Gönnerin der Stolz die Weltverachtung das Bedürfnis der Intrigue besser ihre
innere Erkenntnis des Wenigen was sie am Ende einem Manne zu bieten hatte Wie
einst bei dem verloren gegangenen ersten Freunde die Rede von einem Ehebunde
war den man der geistigen Vorzüge jenes Mannes wegen keine Mesalliance nennen
konnte war nun auch bei Baron Grimm von einer dauernden Verbindung die Rede
Baron Grimm war so tollkühn mit seiner Eroberung offen in der Gesellschaft zu
prahlen Er liebte sie sogar da sie doch von vielen starken und bedeutenden
Eigenschaften gehoben wurde Sie war zärtlich aufmerksam alles Gute der
Frauennatur kam in der Hingebung an den Mann ihrer Wahl zum Vorschein während
sie Jedes was außer dieser Wahl lag mit Geringschätzung behandelte Ach mein
Freund Das ist das Tragische an einer Schuld dass man sie liebgewinnt und es
für tugendhaft hält sie bis aufs Äußerste durchzuführen Ich war gerührt von
jener Frau und mochte ihr durch Entdeckung meines Standes nicht wehe tun Ich
hatte von meinen Gütern sprechen müssen und wurde doch täglich mittelloser Da
ich bei meiner Geliebten war konnt ich nicht mehr in den Spielgesellschaften
sein Sie besaß Vermögen großes Vermögen durch ihren ersten Mann aber ich war
zu stolz ihre Mittel in Anspruch zu nehmen Woher aber meine versiegte Kasse
neu füllen Woher den Mut nehmen meine tollkühne Rolle durchzuführen
Entdeckung fürchtete ich noch nicht Jener Polizeibeamte den ich nach London
begleitet hatte war gestorben Meine Eltern lebten nicht mehr Ursula stand
auswärts in Diensten nur den einzigen Bruder hatt ich einmal gesehen wie er
vor der Schmiede unsres Vaters stand und ich vor ihm zum Tore hinausritt Ich
gab dem Pferde die Sporen und ritt dem Hochgericht zu unter dem Ursula einst in
Diensten stand
Wie lange waren Sie in England gewesen unterbrach Louis da es Murray
schauderte
Fast acht Jahre sagte Murray Ich hatte mich sehr verändert und dennoch
erkannte mich vielleicht mein Bruder Er sah mir nach Ich bin überzeugt jetzt
wo er blind ist noch jetzt würde er mich am Tone meiner Stimme erkennen
Louis blickte um sich Es war so einsam so schauerlich still auf dem
Schloss Der Regen schoss in tausend Tropfen unaufhörlich an die Fenster der
Sturm sauste Das Feuer drüben in der Schmiede war erloschen Der Gedanke dass
sie nicht allein wären ergriff Louis so dass er einen der Leuchter nahm in das
Vorzimmer ging dies durchsuchte und es nach dem Korridor zu auf dem er Alles
dunkel und still fand abschloss
Als er zurückkehrte sagte Murray
Ich danke Ihnen mein Freund für Ihre Vorsicht denn Sie ahnen wohl dass
ich mich der dunkelsten Stelle meines Lebens nähere
Louis setzte sich und stützte trauernd über Das was ihm Murray jetzt sagen
wollte den Kopf auf die Lehne des Kanapés
Ja mein Sohn fuhr Murray fort Das waren sechs schlimme Monate die ich
nicht aus meinem Dasein auslöschen kann Sie brennen auf der Seele wie die
Buchstaben die man dem Leibe einäzt Oft hab ich gedacht und damals ganz
gewiss was ich tat wäre nur ein Wagnis kein Verbrechen Wer hat denn den
Staat berechtigt sagte ich mir den Wert der Dinge zu bestimmen Wer hat ihm
denn nach der sittlichen Ordnung der Dinge allein zugestanden dass er lügen
darf Denn Lüge ist es doch dem Papiere einen Nennwert zu geben dem nur eine
conventionelle Tatsache als Realisation zum Grunde liegt Verstehen Sie wovon
ich rede Louis
O sagte dieser mit lächelndem Schmerz und großer Aufregung nur zu gut
verstehe ich Sie haben Das getan was der verzweifelnde Arbeiter jeden Tag
tun möchte wenn er das Werk seines Fleißes vor sich stehen sieht es zur
Ausstellung in einem Gewölbe trägt wochen monate jahrelang wartet bis es
sich verwertet Sie haben Das getan was die Not in verzweifelten Momenten
hundertmal erfunden hat wo man Stücke Papier nahm und darauf schrieb Das sind
fünf Sous Diese nimmt der Bäcker und gibt mir Brot Mag sie mein Schuldner
einlösen
O mein Freund unterbrach ihn Murray Entweihen Sie nicht eine Frage der
Armut und der Arbeit mit meinem frivolen Beginnen Ich habe Geld gemacht nur
weil ich es zu machen verstand Wohl begreif ich wovon Sie sprechen Wohl
versteh ich die Verzweiflung des Arbeiters der einen Wert in Händen hat den
er durch seinen Fleiß erschuf und der den Ausdruck für diesen Wert erst
bekommt wenn das Werk verkauft wird Auch ich sage die Gesellschaft hat hier
ein Recht der Selbsthilfe
In der Tat, hat sie Das fragte Louis begeistert
Sie hat es aber unter gesetzlichen Bedingungen antwortete Murray Geld ist
Das was gilt Was kann was soll mehr gelten als die Arbeit Die Arbeit ist
schon Geld Die Arbeit vollendet ist sogleich Geld Dass sie warten muss bis
sie durch Zufall Geld wird ist der schaudervollste empörendste Mord der
Menschheit den leider täglich unsere Gesetzgeber verüben Fluch der
Gesellschaft die das Geld nur zum Ausdruck des Bedürfnisses und der Fähigkeit
Bedürfnisse zu befriedigen gemacht hat Adam Smit hat den alten Glauben
gestürzt dass Geld Geld ist das heißt Metall Gold Silber Adam Smit hat das
Geld als Ware verworfen und gesagt Geld ist der Kredit das Tauschmittel des
Verkehrs die Abkürzung des Verkehrs das Triebrad der Cirkulation Aber dieser
Grundsatz eines handeltreibenden Volkes mochte für das verflossene Jahrhundert
ausreichen Unser Jahrhundert soll sagen Geld ist Arbeit Nicht auf Bergwerke
soll man Geld aufnehmen sondern auf ein Magazin der Arbeit Der Staat muss das
Geld zum Ausdruck der moralischen Lebenstätigkeit und des Fleißes machen Ehe
wir nicht dahin kommen ehe wir nicht frei werden von den Tyrannen die das Geld
immer und immer wieder zur Ware zum sich aufhäufenden Nennwert für Nichts
machen ehe wir nicht mit dem Geldmachen auch das Geldtilgen unter die Garantie
des Staates stellen eher hört auch das Elend der Menschheit das Unrecht und
der Fluch unsres Daseins nicht auf
Louis war so von diesem Ausbruch einer tiefen Überzeugung und dem Gefühl der
Übereinstimmung hingerissen dass er in seiner südlichen Glut aufsprang durch
das Zimmer schritt und dem bewegten Sprecher die Hand schüttelte mit den Worten
Murray verurteilen Sie sich nicht Sie sind kein Verbrecher Mordeten Sie
Was taten Sie Ihre Schuld ist gebüßt
Murray Louis Hand zurücklehnend erwiderte
Ach verwechseln Sie diese Ergebnisse meiner späteren Betrachtungen nicht
mit dem unreinen Geiste aus dem ich damals mir sagte Warum sollst du nicht Das
tun dürfen was sich der Staat erlaubt Ich philosophirte damals wie jetzt
aber ich Elender wo waren denn die Werte von Fleiß und Arbeit denen ich die
gesellschaftliche Benennung »Geld« gab Darf ich mein Haupt in die reine Sphäre
erheben in der Sie leben Louis wenn Sie über das Wohl der tugendhaften
Menschen nachdenken
Nein sagte Louis der seine alte Gedankenreihe noch nicht aufgeben mochte
hat denn der Staat das Recht willkürlich Nennwert auf Nennwert zu schaffen
und größtenteils nur zu frivolen Zwecken anzuwenden zu Krieg zum Glanz zum
Beamtenluxus
Kommen Sie heraus aus Ihrem Himmel sprach Murray Hier ist ein Unwürdiger
der diese Rechtfertigung nicht verdient Ich weiß es der Staat hat gegen das
Verbrechen das ich meine kein Naturrecht kein Recht dem es gelänge die
Gründe irgend eines alten römischen Rechtslehrers zu entkräften er hat nur ein
fiskalisches ein Recht der Notwehr Allein man braucht nur in sein Inneres zu
greifen und den kategorischen Imperativ des Herzens zu fragen Der sagt Mögen
die Menschen nicht erröten die an dem großen Prägstempel der Münze stehen und
ins Gelag hinaus Geld schlagen und noch dazu aus Papier Der der dem Staate
diese gedankenlose Fabrikation nachmacht ist ebenso unmoralisch wie oft der
Staat Der Staat sagt der Wert den ich hier benenne ist das öffentliche
Vertrauen Gestattet es das öffentliche Vertrauen dass man auf seinen Wert hin
Geld macht wohlan Das große Sündenregister der öffentlichen Anleihen und des
Papiergeldemittirens wird sich einst furchtbar rächen aber der Einzelne der
nicht einmal die Chimäre jenes Vertrauens den Kredit den Glauben auf Ruhe und
Frieden und allgemeinen Wohlstand für sich hat und nur zu seinem Gelüsten Geld
schlägt ist ein Elender und Das war ich Louis entschuldigen Sie mich nicht
Louis bekämpfte seine Aufregung setzte sich und sah voll Teilnahme milde
und liebevoll auf Murray der so strenges Gericht über sich hielt
Als sich Murray von dem Zittern das seine Stimme befallen hatte erst
allmälig erholte fragte ihn Louis ob er denn im Stande gewesen wäre so eine
schwierige Aufgabe allein durchzuführen
Jemand half mir sagte Murray und wollte ihn nicht nennen
Aber Louis sagte
Ihr Bruder half Sie sprachen von einer Explosion die ihn blendete Sollte
sie nicht von Ihren gemeinschaftlichen Arbeiten herrühren
Murray schwieg eine Weile dann fuhr er gesammelt fort
Ich muss Ihnen die volle Wahrheit sagen Louis denn nur wenn Sie Alles
wissen können Sie mir so helfen wie es mich für den Rest meines Lebens
beruhigen soll Ich habe viel zu vollenden viel zu wagen Ihren Beistand will
ich mir durch Aufrichtigkeit verdienen
Louis gelobte nochmals jede Hilfe und vor Allem die heiligste
Verschwiegenheit
Drittes Kapitel
Der Falschmünzer
Es war an einem stürmischen Oktoberabend wie der heutige erzählte Murray Nur
später schon Die Nacht war schon angebrochen Ich wohnte in demselben Hause wie
jene Frau die mich liebte Wir waren im Begriff die Stadt nächstens zu
verlassen und uns nach Italien zu begeben Den Grund sollen Sie bald erfahren
Sechs Monate lang hatt ich in aller Stille schon ein Verbrechen getrieben zu
dem mich wahnsinniger Ehrgeiz verleitet frivole Philosophie ermuntert hatte Im
oberen Stockwerke hatt ich eine Kammer in die ich Niemanden einließ als meinen
Bruder den ich selbst aufsuchte und da er in zerrütteten Umständen lebte für
meinen Anschlag leicht gewonnen hatte Er baute in jener Kammer einen
Schmelzofen fertigte eine Prägmaschine für die von mir gemachten Stempel und
fand sich zu gewissen Zeiten Nachts bei mir ein wenn ich aus nicht ganz
wertlosen Mischungen Goldstücke schlug Mit kleinerer Münze befasste ich mich
nicht Mein Talent zum Kupferstecher machte mir nebenbei die Fabrikation des
Papiergeldes zu einer leichten wenn auch langsam auszuführenden Aufgabe Der
Mensch ist im Grunde ein Tier Seine edelsten Gaben benutzt er zum
Ungebührlichen Ich freute mich der gelungenen Beweise meines Talentes und
lachte zu den Besorgnissen meines Bruders dem ich niemals von dem falschen
Gelde gab Es waren ansehnliche Summen die ich selbst in der großen Welt in
Umlauf setzte
Betrüger haben Sie betrogen sagte Louis Verschwender haben Sie getäuscht
Dieben mit ihrer eignen Münze gezahlt
Das entschuldigt nichts sagte Murray hielt eine Weile schmerzlich lächelnd
inne und fuhr dann fort
In jener Nacht sollte uns eine Mischung gelingen auf die ich besonderen
Wert legte Sie war aber für die kleinen Hülfswerkzeuge die uns in der Kammer
zu Gebote standen zu stark und endete mit einer Explosion die den Ofen
zertrümmerte und eine so gewaltige Lohe aufsteigen ließ dass man eine
Feuersbrunst befürchten musste Der Zufall wollte dass in demselben Augenblicke
wo ich an diesem einen Auge mein Bruder aber an beiden geblendet wurde zwei
andere eigentümliche Momente eintraten Meine Freundin war seit einiger Zeit
schon in einem aufgeregten krankhaften Zustande Sie wachte Nächte lang Sie
nicht nur sondern auch ein schon längst gegen mich obwaltender Verdacht
organisirt durch einen in das Haus gezogenen spähenden Polizeibeamten kamen
fast zu gleicher Zeit an die Stelle wo auffallend genug das fürchterliche
Unglück geschehen war Mein Bruder alle Gefahr vergessend hatte im Moment der
Explosion geschrien Wie ein vom Blitz Gestreifter taumelte er hin und her
während die Tür aufgerissen wurde und meine erschreckte Freundin die zu einem
an einer versteckten Treppe befindlichen Kabinet meiner Wohnung einen eignen
Schlüssel hatte mit ihrer Kammerfrau hereinstürzte Sie hatte die nicht zu
bewältigende Flamme in dem zum Hof hinausgehenden Kämmerchen in der Nacht
sogleich aufschlagen sehen hatte schreien hören und war heraufgestürmt ob ich
in Gefahr wäre Sie entdeckt die Verwirrung in der ich mich befinde ihre
Begleiterin wirft Kleider auf die Flamme um sie zu ersticken aber diese werden
im Nu von der furchtbaren intensiven Hitze verzehrt Der Anblick der auf der
Erde liegenden zerstreuten Goldstücke die geheimnisvollen Gerätschaften der
wimmernde Bruder der mit Wasser seine Augen kühlen will und wie ein Kind weint
da er nichts mehr unterscheiden das Nächste nicht sehen kann mein eigener
Augenschmerz dazu die beiden Frauen und das inzwischen eintretende Pochen von
herzuströmenden Menschen an der Haupttür das Klingeln der Ruf im Hofe
Feuer Feuer Ich begreife nicht dass mich nicht augenblicklich Raserei
packte Ich verlor aber die Besinnung nicht Mit furchtbarer Bestimmtheit
drängt ich die Frauen zurück und stieß den Bruder ihnen nach Alle Drei gingen
durch das Kabinet und die kleine Lauftreppe in die Wohnung der Freundin Ich
band ihnen den Bruder auf die Seele Nun räumte ich rasch in der Kammer auf
ließ den Ofen ausbrennen und rückte Alles was die Flamme hätte ergreifen
können aus ihrer Nähe fort Dann öffnete ich und stellte mich heiter
überrascht als ich das ganze Haus versammelt sah das mir Hilfe anbot Man
brachte nassen Sand Diese Gefahr ging vorüber Ich selbst aber wurde sogleich
verhaftet Meine Wohnung wurde untersucht Man fand alles Das bei mir was man
längst geahnt hatte
Und Ihr Bruder sagte Louis
Der arme Geblendete fuhr Murray den die Erinnerung an diese Schrecken weiß
wie die Wand bleichte fort In die Wohnung meiner Freundin einzudringen wagte
man nicht Da man sich meiner versichert hatte fand der Unglückliche Zeit am
Morgen mit einem Mietswagen aus dem Hause geschafft zu werden Sein erstes
Gefühl war Das Hilfe bei dem Manne zu suchen bei welchem unsre Schwester
diente dem langjährigen Freunde unsrer Eltern einem wirklich vorzüglichen
Tierarzte dem Scharfrichter Lehmann Dort gab er vor in seiner Schmiede sich
durch zu nahe Berührung der Glutausströmung des Herdes und einen Fall geblendet
zu haben Er blieb bei der Schwester der er sich ganz vertraute Man suchte
ihn den man für meinen Mitschuldigen hielt in der Schmiede und fand ihn nicht
Seine Frau lebte nicht mehr Sein Knabe ein geistesschwaches Kind konnte keine
Auskunft geben ich im Kerker verweigerte sie nicht minder So galt er für
entflohen wurde mit Steckbriefen verfolgt und kein Mensch dachte daran ihn an
einem so unheimlichen Orte wie die Scharfrichterei vorm Tore war aufzusuchen
Er hatte in der Tat das beste Asyl getroffen und konnte meinem ganzen
unglücklichen Processe in Ruhe zuwarten
Murray schwieg eine Weile um sich zu erholen und sich über den Eindruck
den diese Erzählung auf Louis machte zu sammeln
In Louis Brust stockte der Atem Sein Herz war beklommen Seine Hand
fühlte sich ihm selber eisig an
Meine nächsten späteren Schicksale sagte Murray will ich übergehen Ich
wurde zu einer zwanzigjährigen Kerkerhaft verurteilt Ich habe alle Ursache
anzunehmen dass ich die Dame die einen Baron Grimm zu lieben glaubte durch die
Maske die ich gezwungen war nun abzuwerfen öffentlich nur wenig compromittirt
hatte Ich galt für leichtsinnig und wankelmütig in meinen Neigungen Man wusste
wenig davon wie eng schon das Band war das mich mit ihr verbunden hielt da
sie zufällig auch unter mir in einem und demselben Hause wohnte Das Geheimnis
erhöht den Reiz solcher Verbindungen Allein um so peinlicher musst es jener
Frau sein stündlich gerade von mir selbst eine Entdeckung zu fürchten Ich
hatte mich mit ihr durch ein Band verbunden das der grenzenloseste Leichtsinn
geschlossen hatte Gewandt und gefällig wie ich war hatt ich bei ihr keinen
Widerstand gefunden und ich muss es Ihnen sagen darf es als das eigentliche Ziel
meiner Beichte nicht verschweigen sie trug damals als der Roman des Barons
Grimm ein so schreckliches Ende nahm unter dem Herzen
Murray stockte Seine Stimme war bewegt
Louis verstand was er sagen wollte
Sie wird Ihnen keinen Hass genährt haben wenn sie unter ihrem Herzen ein
Pfand der Liebe trug sagte Louis
Doch mein Freund fiel Murray ein Um so größer war dieser Hass Ich
verdiente ihn Meine Täuschung war zu elend Deshalb zürn ich ihr auch nicht
zürn ihr nicht wenn sie der bösen Frau die in ihrer nächsten Umgebung lebt
gestattete einen Mordplan gegen mich anzulegen Ich will Ihr Herz nicht
betrüben Louis indem ich Ihnen die Rache schildere deren zwei verletzte und
gedemütigte wilde vor Verzweiflung rasende Frauen fähig sind
O sagen Sie mir Alles
Nein nein Genüge Ihnen dass ich Gelegenheit fand einem Angriffe auf mein
Leben zu entgehen Ich entfloh
Das gelang Ihnen
Mit fremder Hilfe
Vielleicht durch die Frauen Sie irren sich vielleicht Vielleicht gaben sie
die Mittel her Ihre Flucht zu erleichtern
Nein mein Freund Wie leid tut es mir diese gute Meinung die Sie von
Frauenherzen hegen nicht bestätigen zu können Ich entfloh durch den Beistand
eines mitleidigen Mannes
Wie segn ich ihn
Haben Sie Mitleid mit mir Gönnten Sie mir wirklich nach solchen Verirrungen
die Freiheit
Sie haben die Freiheit dächt ich zu benutzen verstanden
Das lehrte mich nicht die Freiheit selbst nicht der Dank gegen die
Gottheit die an mir ein Wunder vollzog als sie mich unter den schwierigsten
Verhältnissen einen tiefen Kerker durchbrechen und entfliehen ließ Erst auf dem
Meere als ich nach Amerika floh kamen mir stillere Gedanken und der Trotz auf
meine Kraft und das Gefallen an meiner Wildheit nahmen ab Ich betrat den Boden
der neuen Welt mit ernsten Vorsätzen Ich nahm da ich englischer Sitte
vollkommen mächtig war einen englischen Namen an
Murray
Morton nannt ich mich
Morton Und wovon ernährten Sie sich
Von derselben Kunst die ich misbraucht hatte Ich wurde wieder
Kupferstecher
Und jeder Versuchung widerstanden Sie
Du hörst mich Herr Ich kann wohl sagen jeder
Reichte der Erwerb hin Ihre verwöhnten Ansprüche zu befriedigen
Das wars mein Freund Ich gab diese verwöhnten Ansprüche auf Ich habe
gefunden dass wir außerordentlich glücklich sein können wenn wir plötzlich
mitten in unserm Leben einmal innehalten stillstehen Alles ändern zurückgehen
können Was macht uns so unglücklich was treibt uns so von Extrem zu Extrem
als diese atemlose Begier ein Leben so wie es nun einmal ich möchte sagen in
Schluss gekommen zu Ende zu bringen Ja wir wachsen anfangs empor Wir kommen
von Jahr zu Jahr vielleicht in günstigere Lagen Aber wehe uns wenn wir diesem
Zuge des Schicksals dieser freundlichen Gunst der Gestirne immer nachgeben Das
Bett einmal erweitert zum Genuss will immer gefüllt sein Eine Existenz einmal
bequem und behaglich angelegt wird unsre Qual unsre Folter unsre Verlockung
zur Sünde werden Der Emporkömmling der nicht mehr zurückkann wird fast immer
scheitern Verwirren sich seine Begriffe von Recht und Tugend nicht in dem
Drange des Erwerbs so sinkt er erschöpft am Ende seiner Tage zusammen Der
Zwang jenes bequeme Bett seiner Existenz immer gleich weit auszufüllen hat ihm
jede Freude des Lebens geraubt
Jetzt versteh ich sagte Louis warum so viele Handwerker in Paris zwanzig
Jahre fleißig sind und dann aufs Land ziehen um weniger arbeiten und sichrer
genießen zu können
Das nenn ich einen Epikuräismus antwortete Murray den ich niemals
empfehlen werde Man soll nicht früher aufhören zu arbeiten ehe nicht die Hände
und der Mut erlahmen Nein Ich richtete mich in NewYork sogleich arm und
bescheiden ein Die Anmassungen des Barons Grimm lagen hinter mir Man nannte
mich den Diogenes in der Tonne und wollte Geiz darin finden dass ich so wenig
ausgab und so viel verdiente
Taten Sie Das
Ja mein Freund In Amerika ist jede praktische Kunstfertigkeit hochgeehrt
Ich erwarb deshalb viel weil ich wenig brauchen wollte Ich habe ein nicht
unansehnliches Vermögen gesammelt noch reicher aber bin ich an innern
Erfahrungen geworden Ich verschloss mich auf der neuen Erde den Menschen nicht
Ich prüfte die Charaktere und unterrichtete mich über die Einrichtungen Die
Gewissensbisse die an mir nagten führten mich auf das Bedürfnis der
Versöhnung Glauben Sie nicht dass ich ein bigotter Christ wurde aber ich
gestehe Ihnen dass ich eines Mittlers bedurfte Der Mittler Jesus den uns das
Christentum bietet sprach zu mir wie ein verborgener Freund Er sagte mir
nichts von Dem was man wohl so gewöhnlich in den Kirchen hört er sagte mir Du
bist ein Mensch und hast gesündigt Deine Bahn war gestört aber vielleicht
führte dich die Störung auf den rechten Weg den du nie gefunden hättest wenn
du ohne Innerlichkeit als leidlich guter Mensch so fortgegangen wärest
Sie schlossen sich einer Sekte an fragte Louis dem mit dieser religiösen
Wendung des Gespräches eine neue Verklärung auf Murray fiel ohne dass er sich
freilich hätte eingestehen können dass er ihm deshalb lieber geworden wäre Er
hing wie jeder junge Mann an seinem irdischen Berufe und an der reinen
Weltlichkeit unsrer nächsten großen Bestimmungen und mistraute sogar dem
Einflusse der religiösen Betrachtung auf die Energie die er von dem Menschen
der Jetztzeit verlangte
Ich schloss mich keiner Sekte an sagte Murray sondern beobachtete nur
Wiedergeboren im Geiste kann man nur in sich selber werden Was ich innerlich
gelitten verschuldet mir vorzuwerfen und abzubüssen hatte eignete sich Das für
die Mitteilung Ich dachte mir jedesmal wenn ich die Sekten in ihren Cirkeln
beten hörte Wenn Ihr wahrhaft gottselig seid muss Euch der Kampf um den innern
Frieden leichter geworden sein als mir Ich betete für mich Auch hab ich nie
hinaufbeten können zu einem großen Wesen das außer mir wäre Das hätte mich
nicht erquickt und erfüllt Wie kann mich etwas erquicken das nicht aus mir
selber strömte Die Macht des Gebetes liegt in der Ruhe die nach ihm auf unser
Inneres sich breitet Ich betete ich kann wohl sagen zu mir selbst Ich betete
zu dem tiefen Geheimnis das in meiner Brust schlummert und mir alles Das
entgegenhält was gut und schön und unsre Pflicht ist Das Böse lag klar vor
meinem Blick Ich verschönerte es nicht ich entschuldigte es nicht durch bunte
Farben Ich sah es in seiner ganzen verworfenen abschreckenden Gestalt und
entrann dieser Gestalt zu reineren Genien mich flüchtend die mir ihre rettende
Hand boten Aber was ich auch tat um mich zu läutern nichts wäre mir
gelungen wenn ich nicht die Freuden einer bescheidenen Lebensweise gesucht und
an Entbehrung mich gewöhnt hätte Mein einzger Luxus waren Reisen in das Innere
der Staaten die mir unendlich lehrreich wurden und unter Andern auch die Freude
bereiteten den Mann kennen zu lernen der meinen Geschwistern die Kunde meines
Todes brachte
Wie ist es nur mit diesem Tode fragte Louis ergriffen von der weichen und
sanften Stimme in der Murray seine religiösen Empfindungen ausgesprochen hatte
Wenn mein junger Freund fuhr Murray fort die Aussöhnung des innern
Menschen mit sich selbst und die Wiedergeburt im Geiste darin liegt dass man
jede Kluft zwischen seinem Schicksal und seiner Ergebung in dies Schicksal
ausfüllt so muss ich Ihnen gestehen dass es zwei Dinge gab die beim erwachenden
Glück meiner Seele dennoch die Freudigkeit derselben störten Der eine Gedanke
der mich peinigte war die Flucht vor dem Loose das mich in Europa heimgesucht
hatte Der andre die Erinnerung an meinen Sohn
Wissen Sie nichts von Ihrem Kinde Es ist ein Sohn fragte Louis
teilnehmend
Es ist ein Sohn
Und keine genauere Kunde von ihm
Nicht mehr als was ich Ihnen erzählen werde Jene beiden Gedanken folterten
mich
Auch der Ihrer Flucht Wie wäre Das Wie konnte Sie der Gedanke an Ihre
Rettung foltern
Murray schwieg eine Weile dann sagte er
Sie stehen ein reiner unbescholtner in sich friedlicher Jüngling auf dem
Standpunkte nicht der der meinige werden musste Ich habe dem Herrn gedankt als
ich mir sagen konnte diese Flucht rettete dein Inneres In dem Kerker hättest
du mit der Kette geklirrt und dir in ungebehrdigem Zorne den Schädel an der Wand
eingerannt Erst durch die Flucht fandest du die Stimmung in dir einzukehren
und über dich den Stab zu brechen
Um so mehr
Wie ich aber Frieden mit mir selber hatte wissen Sie was mich peinigte
Doch nicht der Vorwurf dass Sie dem ungerechten Akte dieser weltlichen
Gerechtigkeit nicht genügt haben
Murray schwieg und wurde nachdenklicher
Sie antworten nicht Wär es möglich dass Sie die Absicht hätten
Mich den richterlichen Behörden hier selbst wieder auszuliefern fragte
Murray lächelnd und richtete sein Auge lange auf Louis der diese Verirrung des
von ihm so hoch geschätzten Mannes nicht zu begreifen im Stande war
Nein nein sagte er Das ist keine lebenskräftige Tugend mehr Das ist
mönchische Selbstqual Das ist Hypochondrie
Haben Sie keine Sorge mein Freund sagte Murray dass ich die Torheit
besitze in diesem Punkte blindlings einem Gefühle zu folgen Wie wenig reif
dieser Gedanke bei mir ist
Er zog sein Terzerol und fuhr fort
Beweise Ihnen diese Waffe mit der ich im Stande wäre meinem Leben ein Ende
zu machen wenn ich so unglücklich sein sollte erkannt zu werden Und doch
hass ich Selbstmord Und möchte Christ sein Sie sehen dass ich noch nicht zur
rechten Erleuchtung gekommen bin
Louis erwiderte nichts Der Anblick der Waffe machte ihn vollends irr Er
konnte bei Murray eher Alles als eine gewaltsame Beendigung seines Lebens durch
eigne Hand voraussetzen Mit seinen religiösen Grundsätzen schien diese Drohung
nicht übereinzustimmen
Murray verstand sogleich was seine letzten Worte bestätigend in Louis
Seele vorging
Nicht wahr sagte er wie wenig entsprechen solche Entschlüsse dem Bilde
das Sie vielleicht von mir gewonnen haben Ich spreche von Selbstmord Erkennen
Sie daraus wie wenig ich in mir selber schon reif und klar geworden bin Ein
völlig unbestimmtes Tasten im Dunkeln verwirrt mich noch wenn ich an diese
Gefahren denke Soll ich sie aufsuchen Soll ich sie fliehen Eine Stimme in
meinem Innern sagt Kehre am Schluss deines Lebens in den Anfang zurück und
dulde was du dulden musst
Louis sprang auf und unterbrach Murray auf das Heftigste
Sprechen Sie Das nicht aus rief er Sagen Sie nicht dass man verpflichtet
wäre dieser irdischen Gerechtigkeit Wort zu halten Wenn irgendwo ist hier das
Recht der Notwehr an seiner Stelle Sie würden diese Gerechtigkeit beschämen
wenn Sie in den Kerker zurückzukehren wünschten
Nein mein Freund ich würde noch mehr tun sagte Murray ich würde sie
veranlassen großmütig zu sein ich würde die Aufmerksamkeit des Publikums auf
mich ziehen belobt gerühmt gepriesen werden kann ich Das wollen Müsst ich
Das gerade nicht verachten Nein mein Freund nicht sich selbst angeben
sondern angegeben werden fortgeschleppt von der Gerechtigkeit die sich der
Beute freut Das Das könnte leicht mein Schicksal sein
Louis wehrte gewaltsam diese melancholischen Äußerungen fast mit den Händen
ab Es war ihm als träte einer der alten Märtyrer aus den Nebeln der Geschichte
und drängte sich an den Holzblock nur um für Christus zu sterben und seinen
Heiland bald zu sehen
Nun nun sagte Murray und streckte ihm das Terzerol entgegen Sie merken
da dass ich noch ziemlich weltlich gesinnt bin wenigstens so lange fügte er
mit gedämpfter Stimme hinzu bis ich meinen Sohn gefunden habe
Sprechen Sie davon Murray Das ist tröstlicher für mich
Ich sehe aus Ihrem Eifer Ihre Liebe Nun wohlan Der zweite mich peinigende
Gedanke ist mein Sohn Ich weiß ich ahne es dass er im Elend lebt verworfen
verkümmert Wenn er lebt Ich hatte keine Ruhe über diesen Gedanken Ich weiß
dass ihn seine Mutter verstiess weiß dass sie ihn wenn er noch lebt hassen
wird wie sie den Vater hasste Es gibt unblutige Mörderhände Man kann töten
o mein Freund man kann töten mit Gift und Dolch das ist alt Man kann töten
mit scheinbarer Liebe übertriebener Pflege durch tausend Mittel der Bosheit
die langsam aber sicher treffen Auch Das ist erwiesen wenn auch meist im
Dunkel begraben und nur für das jenseitige Gericht reifend Aber ein noch
langsamerer Tod durch Unterlassungen ein sittlicher Mord durch Nichterziehung
Verwilderung Elend sehen Sie Freund das Alles steht klar vor mir stand
vor mir seit ich mein Elend begriff und meine Ruhe meinen Frieden stört dies
Bild so dass ich mir verworfen vorkomme wenn ich die natürliche Pflicht die
mir die Ordnung der Natur aufgegeben aus jämmerlicher Feigheit um mein eigenes
Loos hintansetzte und von dieser Erde scheiden wollte ohne mich noch wenigstens
einmal umzublicken wo wohl das Kind ist das sich so jammervoll durch sündige
Eltern ins Leben stehlen musste
Louis war von diesen mit hoher Weihe ausgesprochenen Worten erschüttert
Ja sagte er Murrays Hand ergreifend das ist ein Gefühl hochzuehren
heilig und edel Diesem Gefühle widmen Sie Ihr Dasein aber ihm schonen Sie es
auch Denken Sie an Ihren Sohn Suchen wir ihn Retten wir ihn wenn er noch
lebt und durch die unnatürliche Wut einer betrogenen Mutter wohl zu den
Ausgesetzten und Verdammten dieser Erde gehört
Das war meine Aufgabe fuhr Murray fort Ich raffte mein Vermögen zusammen
nahm Abschied von den Wenigen die mich kannten und schrieb jenem Manne den
ich einst auf seiner Farm am Missouri kennen lernte und von dem ich wusste dass
er zum Kontinente zurückkehrte er sollte meinen Verwandten die ich ihm
bezeichnete einiges Geld überbringen und sagen dass ich tot wäre Als mir
einfiel dass ich großen Gefahren entgegen ging ließ ich den Verdacht entstehen
als lebt ich wirklich nicht mehr
Heunisch sagte mir bemerkte Louis dass die Ursula und der Schmied von einem
toten Bruder geerbt hätten
Tausend Dollars ein Jedes
So wird es sein
Ich komme nach Deutschland Was beginnen Leb ich noch entdeck ich mich
den Meinigen so setz ich mich der Gefahr aus erkannt ergriffen zu werden und
meine Mühen um den Sohn wären vergebens
Ja Murray schließen Sie sich ein Lesen Sie Arbeiten Sie Denken Sie Ich
will für Sie handeln Ich
Murray war gerührt
Was wissen Sie von Ihrem Kinde wo wollen Sie hoffen es wiederzufinden
Fünf Monate nach meiner Verhaftnahme erzählte Murray erfuhr ich durch
einen Besuch meiner Schwester der mir als Abschied gestattet wurde weil ich
mein Urteil erfahren hatte dass meine Freundin einige Wochen nach jenem
verhängnisvollen Abende die Stadt verließ und ihr schrieb sie sollte in einen
nahegelegenen Ort sich begeben um dort eine Mitteilung zu empfangen Meine
Schwester stellte sich ein traf aber nur jene ältere Vertraute die ihr
erklärte in vier Monaten etwa würde ihre Gebieterin von einem Kinde genesen
das mir elendem Menschen angehöre Sie würde diese Erlösungsstunde von dem
qualvollsten Zustande in einem Dorfe das ihr näher bezeichnet wurde abwarten
und bis dahin sich in Verborgenheit halten An dem Tage wo sie die Anzeige der
bevorstehenden Geburt empfangen würde sollte sie kommen und das Kind abholen
Man wollte ihr ein für allemal eine nicht unbedeutende Summe zahlen wenn sie
das Kind als das ihre annähme und einen Schwur leistete nie mehr im Leben von
diesem Vorfalle und Verhältnisse Erwähnung zu tun Wenn sie es verspräche so
könnte sie gewiss sein dass die hohen und einflussreichen Verwandten der Dame
Alles aufbieten würden das Loos ihres gefangenen Bruders dieses ruchlosen
Abenteurers und Betrügers zu mildern Meine Schwester Ursula noch entsetzt von
dem Anblick des blinden älteren Bruders voll Teilnahme auch für mich mehr
noch aber gereizt durch den Gewinn versprach das zu erwartende Kind zu sich zu
nehmen und für dessen Schicksal zu sorgen Acht Tage vor meiner Verurteilung
hatte die Entbindung von einem Knaben stattgefunden Meine Schwester hatte
dreitausend Taler empfangen klagte aber dass sie schon dem blinden Bruder
davon die Hälfte abgeben sollte Dieser war noch immer an dem schrecklichen
Orte wo meine Schwester in Diensten stand Freilich hatte sie jetzt diesen
Platz zu verlieren Ihr Herr hatte meines Bruders Verbrechen erfahren und würde
nicht gelitten haben dass sie mit dem Kinde bei ihm geblieben wäre Wo ist denn
nun das Kind fragt ich damals und wohin willst du dich mit ihm wenden Meine
Schwester hatte zu allen Zeiten etwas Verwirrtes und Seltsames Statt auf meine
Frage zu antworten antwortete sie darauf selbst mit Fragen Nach Allem was mir
Franziska Heunisch von ihr erzählte wundert es mich nicht dass sie in ihren
alten Tagen das Wesen einer Hexe angenommen hat Wenns nur erst über den grünen
Klee ist sagte sie damals Was sie damit meinte fragte ich Ist das Kind
schwächlich Ist es krank Wie wird es genährt In diesem Augenblick erfüllt
von der ganzen gewaltsamen Teilnahme für ein Wesen das mir noch für die
Zukunft einen gewissen Zusammenhang mit dem Leben gab trat der Gefängnisswärter
ein Die Frist der Unterredung war abgelaufen Ursula musste fort Besorg Alles
gut sagt ich noch und drückte ihr die Hand nicht voll Rührung sondern voll
Ingrimm Sie ging antwortete auf meine Fragen nicht mehr und das ist Alles
was ich von meinem Kinde weiß und als Beruhigung mit hinüber nahm in die neue
Welt
Louis erwiderte dass hier ja Anhalt genug zum weitern Forschen gegeben wäre
Das wohl sagte Murray aber ich ahne nichts Gutes von dem Ergebniss Eine
Nachfrage bei jenen Frauen
Leben sie noch fragte Louis rasch
Sie leben noch sagte Murray Sie leben in Glück und Freude Ich will sie
nicht stören in der Ruhe ihrer Herzen wenn diese Herzen ruhig sind
Ah sagte Louis doch nur weil es gefährlich ist den Verdacht solcher
Tigerinnen zu wecken Denn sonst
Ich will keine Rache erklärte Murray Hätt ich auch ein Recht dazu Kaum
zur Strafe für Das was mir wirklich Schlimmes von ihnen widerfuhr Bei ihnen
wagt ich nicht zu forschen so ging ich schaudervoll zu sagen wo
ich zuerst um das Schicksal eines so elend auf die Welt gekommenen Wesens
nachfragte
Am Hochgericht
Entsetzliches Gefühl mit dem ich die Anhöhe hinaufstieg die zur
Schädelstätte der Verbrecher führt Wie tief rjetzten die Dornen die ich mir
selbst aufs Haupt setzte ins Fleisch Wie blutete ich unter dem Druck des
Märtyrertums der Reue zu dem ich mich freiwillig darbot Ich klopfte an die
Pforte der unheimlichen Wohnung auf der Höhe und fragte nach dem Doctor Lehmann
so nannte man sonst den Pächter Er war tot Sein Nachfolger wusste nichts von
Ursula Marzahn nichts von Jakob Zeck Ich ging den Berg hinunter als wenn
feurige Flammen unter mir aus dem Boden schlügen Ach ich nahm es für eine gute
Vorbedeutung dass man hier nichts von dem Vergangenen wusste Eine neue
Generation hatte die alte verdrängt Die Vögel sangen in der Luft die Ernte
stand so voll und hoch und reif Ich setzte mich ins Korn unter blaue Blumen
und dankte Gott dass ich nichts erfahren hatte
Murray schwieg eine Weile um sich zu erholen Dann fuhr er fort
Ich suchte den Wächter meines Gefängnisses auf
Den fürchteten Sie nicht
Er hatte mich entfliehen lassen
Der Brave
Weil er seine Pflicht verletzte brav
Wir vereinigen uns nicht Murray sagte Louis kopfschüttelnd
In diesem Falle doch wenn ich Ihnen sage dass dieser Gefangenwärter mir
entdeckte warum ich nicht in das Zuchthaus kam sondern zu einsamer Haft
begnadigt wurde
Murray erzählte die Umstände die wir wissen
O diese Teufel in Frauengestalt rief Louis Sagen Sie mir wer sie sind
Murray auf diese Worte nicht achtend fuhr fort
Auch hier hatte der Tod schon den Posten abgelöst Ich entdeckte eine
Tochter jenes braven Mannes jenes Mädchen
Das Sie allein zu Grabe begleiteten
Murray nickte
O glauben Sie mir rief Louis was Sie für Herbststurm gehalten haben als
Sie an der aufgeschütteten Erde des Friedhofes standen Das waren die Chöre der
Engel die ein Requiem der armen Seele sangen und ein Hosiannah Ihnen
Murray lehnte dies Lob ab und fuhr in seinen Angaben fort
Von jenem Mädchen hört ich zum ersten male dass eine Ursula die sich
Marzahn nennt mit jenen Frauen noch in einem gewissen Zusammenhange steht Nach
diesem Namen forschend hört ich dass Marzahn der Name eines verstorbenen
Försters in Fürstlich Hohenbergischen Diensten war dessen gegenwärtiger
Nachfolger Heunisch ist Den Namen Franziska Heunisch hört ich zuerst bei
meiner Nachbarin Louise Eisold dann von jenen Feinden dieses jungen Mädchens
die mich veranlassen wollten sie zu entführen In dem Drange den Beziehungen
meiner Verwandten auf die harmloseste Art näher zu kommen ging ich scheinbar
auf die mir gemachten Vorschläge ein
Von Wem kamen sie sagte Louis Wie oft versprachen Sie mir diese
Aufklärung
Lassen Sie mich schweigen sagte Murray Sie würden sie strafen wollen und
mir nur Verfolgungen zuziehen die ich jetzt noch nicht wünschen kann Genug
ich wusste nun von Franziska von den Märtens Ihnen und Ihrem gutmütigen
Nebenbuhler Heinrich Sandrart dass Ursula Marzahn und ihr Bruder Jakob Zeck beim
Fürstlich Hohenbergischen Dorfe Plessen wohnen Ich folgte Ihnen Ich schützte
Ihre Freundin Und da bin ich nun und weiß nicht wie ich ohne von den Toten
leibhaft aufzustehen nach dem Schicksal jenes Kindes forschen soll das in
allen meinen Anfragen nach der etwaigen Umgebung dieser Menschen nie genannt
wurde Wie ich jenes Mädchen auf dem Wege des Lasters fand wer weiß ob ich
meinen Sohn nicht als Verbrecher finde
Dann wäre Ihnen besser Sie entdeckten ihn nie bemerkte Louis
O O Ich glaube an die Möglichkeit moralischer Besserung nur kommt es auf
die richtigen Mittel an Ein Verbrecher gleicht einer erstarrten Schlange die
man an seinem Busen aufwärmen muss
Um sich zum Dank von ihr verwunden zu lassen
Ich wählte kein gutes Bild Nehmen Sie den Verbrecher sich selber nah
entziehen Sie ihm die Möglichkeit des Fehlens erwärmen Sie ihn durch Liebe und
Vertraulichkeit erheben Sie ihn dadurch dass Sie zu ihm niedersteigen ich
will nicht sagen dass Alle dem Besseren zu gewinnen sind Mancher ist es warum
sollt ich ihn nicht suchen
Ich helf Ihnen schloss Louis und horchte Es schlug zehn Uhr vom
Kirchturme im Dorfe Es war kalt geworden Man hatte vergessen im Ofen
nachzulegen Murray fröstelte wie ein Fiebernder
Sie sind krank Sie regten sich auf Was haben Sie sagte Louis Armand
Das erste Gefühl einer Frau die Mutter wird antwortete Murray lächelnd
ist Fieberfrost Mein Geständnis hab ich abgeschüttelt Sie werden es pflegen
und schützen Aber es überrieselt mich doch
Besprechen wir morgen sagte Louis die Mittel um bei der Schwester und bei
dem blinden Bruder nachzuforschen welches Schicksal einem Kinde geworden ist
das ihnen einst der Zufall anvertraute
Keine Übereilung rief Murray
Wir haben ja Zeit sagte Louis Sie arbeiten hier in der Stille Ich soll
noch einige Tage bleiben und wer weiß ob meine Abwesenheit von der Stadt
nicht wohl gar Er stockte voll Betrübnis
Gewünscht wird fragte Murray
Als Louis schwieg sagte der Alte
Louis Armand Sie müssen morgen meine Aufrichtigkeit vergelten und mir
sagen ob auch Sie Kummer haben
Louis gab Murray den einen Leuchter während er selbst den andern ergriff
und sagte ruhig ausweichend
Gute Nacht für heute Sie suchen einen Sohn edler Mann Nehmen Sie
vorläufig mich an seiner Statt Sie haben mich tief erschüttert und das Gefühl
der Wehmut das seit einiger Zeit über mich und einige Freunde gekommen ist
vollends aufgelockert bis zum tiefsten Lebensernst Es gibt denn doch nur wenig
Wahrheiten die uns so aus der Luft zufliegen und gleich unsern innersten
Menschen befriedigen können Aus der eignen Brust heraus müssen wir weise
werden aus dem Bedürfnis unsrer eignen Seele zum Guten kommen Dank Dank Ihnen
für Ihr Vertrauen Sie haben es nicht verschwendet Der Fremdling ist Ihr
Freund Ihr Schüler Ihr Sohn
Murray lächelte milde Er sah sich dann im Zimmer noch etwas mistrauend um
leuchtete an das Fenster bemerkte dass der Sturm etwas nachgelassen schloss die
Fenster bedeckte seine kleine Werkstatt schloss den Flügel und konnte sich
nicht so rasch von dem Zimmer trennen
Ist es mir doch sagte er schon im Gehen als wenn diese Wände zu viel
erfahren hätten Oder ergreift mich ein Bangen in der Nähe meines Bruders Ich
glaube er würde mich trotz seiner Blindheit erkennen wenn er meinen Atemzug
hörte
Träume der Aufregung Murray Beruhigen Sie sich Ihr Geheimnis schlummert
in meinem Herzen
Murray drückte Louis die Hand und folgte in das Vorzimmer wo Louis schlief
Er selbst ging über den Korridor in ein entgegengesetztes Gemach das er gerade
aufschloss als die Kirchturmuhr schon ein Viertel auf elf Uhr schlug eine
Stunde wo auf dem Lande auch im Sommer wie vielmehr jetzt Alles im tiefsten
Schlummer liegt
Der Morgen brach an wie der Abend endete Das Wetter hatte sich noch nicht
aufgeklärt Derselbe nebelgraue feuchte Himmel Louis hätte ihn so gern
gewünscht seiner Stimmung gemäß Er hätte nach Dem was er gestern von einem der
seltsamsten Menschen denen er im Leben bisher begegnet war gehört die neuen
gewaltigen Eindrücke so gern in Luft und Natur hinaustragen mögen um sich der
ihn drückenden Schwere dieser geistigen Last etwas entbunden zu fühlen Der
Himmel bot sich aber nicht zu dieser Hilfe an Er blieb verstimmt und
verstimmend verschlossen dem Blicke der so gern zu seinem Blau emporgeschaut
hätte
Der junge Arbeiter der hier zu einer unfreiwilligen Musse verdammt war
sprang aus dem Bett und bekleidete sich Er fühlte das lebendigste Bedürfnis
Murray freundlich zu begrüßen und ihm durch seinen eignen unbefangenen Sinn die
Angst zu nehmen die uns doch befällt wenn wir verführt von einer günstigen
Situation aus uns zu gewagt heraustraten und mehr über uns entüllten als wir
sonst dem Blicke der Menschen zu verraten gewohnt sind Hier war nun vollends
noch die Last eines Verbrechens das Geständnis einer unter allen Umständen
bedenklichen Schuld abgeschüttelt worden und Louis fühlte zart genug um die
Lücke die in Murrays Gemüt entstanden sein musste durch freundlichste
Begrüßung wieder auszufüllen
Er ging über den Korridor klopfte bei ihm an trat leise ein und fand ihn
gleichfalls schon angekleidet ruhig auf seinem Bette sitzend und lesend
Ich lebte bisher so wenig in der wirklichen Welt sagte Murray dass ich mich
immer an Bücher gehalten habe und in der Tat sind richtig gewählte Schriften
ein Ersatz für das Leben Geschichte Naturkunde leichtfassliche Philosophie
sind Gegenstände über die ich mir schon seit dem Baron Grimm nicht gern eine
wichtige Erscheinung entgehen lasse Diese alte Gewohnheit ist mir im bessern
Sinne geblieben
So hab ich wenigstens die Beruhigung sagte Louis auf den Vorrat von
Büchern die Murray mitgebracht hatte blickend dass Sie in der Zeit wo ich
suchen werde die Verhältnisse Ihrer Geschwister genauer zu erforschen
wenigstens eine Beschäftigung haben
Ich werde verstimmte Musik machen lesen eine Visitenkarte für Ihr Geschäft
stechen und mich so nützlich als möglich zu machen suchen
Damit gingen Beide gemeinschaftlich in das Eckzimmer hinüber fast auf dem
Fuße von Brigitten gefolgt die das Frühstück mit klappernden Tassen brachte
Winkler tappte hinter ihr her um einzuheizen
Es wurde von einem Wagen des Herrn Ackermann aus dem Ullagrunde gesprochen
der den Kandidaten Oleander zum Fräulein Selma täglich abhole das Stunden bei
ihm nähme der Wagen würde heute hier erst vorfahren und dann wie immer am
Pfarrhaus halten
Wie weit ists in den Ullagrund fragte Louis aufs Neue betroffen über den
Namen Oleander der der Name jener Deutschen war die Taddäus Kaminski auf
seiner Flucht aus Polen ehelichte und mit nach Frankreich nahm
Eine Stunde zu fahren zwei zum Gehen hieß es
Wann fährt Herr Oleander zurück
Gegen Abend erst
Ich muss sehen wie ich selbst zurückkomme Rechnen Sie auf ein Mittagessen
für mich nicht Aber mein würdiger Begleiter bleibt daheim und lassen Sie ihm
nichts abgehen
Es würden die darauf folgenden Auseinandersetzungen und Ablehnungen noch
länger gedauert haben wenn nicht ein Klopfen draußen an der Vortür sie
abgeschnitten hätte
Herr Justizdirektor von Zeisel war es der seinen Morgengruß schon in aller
Frühe selbst bestellen wollte und sich die Ehre ausbat morgen beide Herren bei
sich zu Tische zu sehen Louis blickte dabei auf Murray der sich entschuldigte
aber die Gründe widerlegte warum auch sein junger Freund Anstand zu nehmen
schien die Einladung anzunehmen Frau von Zeisel erhielt später durch ihren
Gemahl die Versicherung dass sie auf die Vermehrung ihres Tisches wenigstens
durch ein Kouvert rechnen durfte Auch Herrn Oleander würde man finden und wenn
die Einladung Erfolg hätte auch Hernn Ackermann und Tochter Herr von
Zeisel der das freundschaftliche Verhältnis zwischen dem Fürsten Egon und Louis
Armand kannte unterließ nicht diesen kritischen Besuch auf jede Art zu ehren
Er überreichte Louis ein Packet der neuesten Zeitungen und erbot sich zu jeder
Gefälligkeit die er ihm nur unter den traurigen Umständen dieser üblen
Jahreszeit erweisen könnte Louis dankte und bat nur ihn wegen Fortsetzung
dieser Zeitungen öfters in Anspruch nehmen zu dürfen
Das kann ich mir denken sagte Herr von Zeisel wie sehr es Sie interessieren
muss diese glänzende Laufbahn in die sich Sr Durchlaucht plötzlich geworfen
haben zu verfolgen Ich freue mich wahrhaft dass die schönen Versicherungen
die Justus in den nahegelegenen Wahlkreisen für seinen Schützling gegeben so
schnell in Erfüllung kommen Dennoch herrscht bei Allen die für die allgemein
hier herrschende Liebe zu Sr Durchlaucht einen sichern Ausdruck haben und
wissen warum sie ihn verehren eine Art Bedauern über diese Nachricht Denn der
Beruf eines Ministers gehört in diesen Tagen nicht zu den beneidenswerten
Murray schwieg aus Absicht Louis aus Schüchternheit und bescheidener
Einhaltung seiner Sphäre
Über Ackermann seine Pläne seine Vorbereitungen zu sprechen war Herr von
Zeisel zu sehr Diplomat Er lebte mit dem neuen Generalpächter fast auf
gespanntem Fuße was jedoch eine Einladung nicht ausschloss Er rühmte sogar
ausdrücklich Alles was man sich von der zukünftigen Neugestaltung der
wirtschaftlichen Verhältnisse des Fürstentums versprechen dürfte Sein ganzes
Wesen war rücksichtsvoll und zeigte Takt
Als Herr von Zeisel gegangen war hatte Louis nicht mehr viel Zeit die
Neugier was wohl die Blätter enthalten würden zu befriedigen Er sah einige
Nummern des »Jahrhunderts« durch die er schon kannte Die neuen Nummern
entfaltete er kaum als schon unten der Peitschenschlag des kleinen Einspänners
hörbar wurde der ihn nach dem Ullagrund abholen sollte Er überließ die
Zeitungen Murray der dafür ein geringes Interesse hatte und nahm von ihm für
den Lauf des Tages herzlichen Abschied
Sorgen Sie doch nicht rief ihm zum Troste Murray noch nach dass mir die
Zeit lang werden wird Nehmen Sie ja einen Mantel Das Wägelchen ist nur halb
geschlossen Auf Wiedersehen
Unten halfen Brigitte und der Gärtner Louis einsteigen Der Kutscher schien
ein Bauerbursche Er saß schon durchnässt auf seinem Bock und war nicht wenig
erstaunt heute nach Herrn Ackermanns Wohnung statt des jeden Morgen von ihm
abgeholten Herrn Kandidaten Oleander noch einen andern Besucher mitzunehmen
Langsam fuhr der kleine Wagen den schlüpfrigen Weg hinunter bog dann um den
Turm an dem Herrschaftsgebäude vorbei in das schmale kaum fahrbare Örtchen
ein Wie hatte sichs hier gegen den Sommer geändert Wo war das Grün der Bäume
hin Wo der Sonnenschein wo die funkelnden Diamanten in dem Wasserstaub der
Mühle Wo die Blumen an den Staketen und Einfriedigungen Wo die muntere
Entenschaar auf dem Teiche Wo die fröhlichen Kinder Ein grauer Regen hüllte
die ganze Natur ein Man ahnte kaum dass in der Nähe das Gebirge sich emporhob
und auf diesen verschleierten Matten einst die Glocken der Heerden geläutet
hatten
Der kleine Wagen hielt vor der düstern Pfarrwohnung Guido Stromers
Viertes Kapitel
Der Ullagrund
Es war Louis Armand ein eigenes Gefühl sich zu denken dass dies niedere Haus die
Wohnung jenes Guido Stromer war dem er ohne ihn genauer zu kennen doch hier
und da schon beim Fürsten oder seit einigen Wochen in der Zeitung »Das
Jahrhundert« begegnet war Er wusste von ihm dass er vom Fürsten auf ein Jahr
Urlaub erhalten hatte um dem Triebe seines Genius zu folgen wie Egon einmal
von ihm gesagt hatte Er wusste dass sein Weib die Kinder daheim geblieben waren
und dass statt Stromers die Pflichten seines Amtes ein Vikar verrichtete dessen
Name ihn an seine eigne Herkunft erinnerte
Louis warf über das Fussleder hinweg einen Blick in das Pfarrhaus Er sah an
den kleinen Fenstern Kinder die neugierig auf den Wagen schauten Irrte er sich
nicht so stand auch eine Frau lauschend hinter der Gardine Die Rouleaux waren
halb niedergelassen Blumentöpfe standen inwendig auf den Fensterbretern Die
Linden die das Haus im Sommer beschatteten waren entlaubt Der ganze Eindruck
war der der Einsamkeit der öden verlassenen Traurigkeit die in einem
wehmütigen Widerspruche stand zu dem Vater dieser Kinder dem Gatten dieses
Weibes der jetzt vielleicht noch von den Anstrengungen einer vornehmen
Abendgesellschaft ermüdet im Bette lag oder für die große Welt wirkte in der
rauschenden Hauptstadt
Die Tür des Hauses ging auf und ein langer schlankaufgeschossener junger
Mann trat heraus in einem grauen verschlissenen Mantel eine Brille vor den
Augen einen alten roten Regenschirm in der Hand Einige Bücher steckte er eben
in die Brusttasche des Mantels als er rasch von den zwei Stufen die vor der
Haustüre die Schwelle bildeten mehr herabstolperte als schritt um unter dem
Regen hinweg bald in den Wagen zu kommen Der Knecht öffnete das Deckleder
Louis rückte zur Rechten und grüßte mit der Entschuldigung dass er sich dieses
Wagens mit ihm zugleich bediene um zu Herrn Ackermann zu fahren
Herr Oleander musste sich sehr bücken um unter dem Schirmdach der kleinen
Halbchaise Platz zu finden Errötend sagte er einen guten Morgen und bemerkte
lächelnd dass er schon erfahren mit wem er die Ehre hätte
Damit brach er sogleich ab und murmelte nur noch einige unverständliche
Worte über das schlimme Wetter Der Knecht gab dem Pferde die Peitsche und
weiter ging es langsam durch den Plessener Kot an der Schmiede vorüber in
welcher es heute still war Diese Werkstatt mit Dem was Louis gestern Abend
Alles erfahren hatte in Verbindung zu bringen machte auf ihn einen eigenen
Eindruck Auch gedachte er des Försterhauses des einsamen Fränzchens der
alten Ursula Am Abend hoffte er bei Heunisch vorzusprechen Einstweilen
beschäftigte ihn der Dialekt des Herrn Oleander der wirklich an die etwas
breite Art der deutschen Aussprache erinnerte die in seinem grosselterlichen
Hause geherrscht hatte
War Louis ein leicht eingeschüchterter junger Mann der nicht gern mit
seinen Empfindungen und Meinungen von selbst hervortrat so war dies Herr
Oleander noch in weit höherem Grade Dieser Begleiter blieb immer höflich wenn
es sich einmal um den bessern Sitz um das Ablaufen des Regens um das Losgehen
des Fussleders handelte aber sonst kam auch keine Sylbe aus seinem Munde die
nur irgendwie auf das Bestreben gedeutet hätte seinen Nebenmann zu unterhalten
seine nähere Bekanntschaft zu machen nach dem wahren Zweck seiner Anwesenheit
in dieser unfreundlichen Jahreszeit zu fragen
Auch Louis mochte nicht der Erste sein ihn in ein Gespräch zu verwickeln
oder gar nach seiner Herkunft zu fragen Er dachte an seinen Stand an den
Unterschied seiner Bildung an die Bildung eines Gelehrten Er wagte nicht
irgendwie zu verraten dass er ein Tischler von manchen höheren Dingen Kunde
besaß Da Oleander nichts sprach sondern in sich versunken dasaß und in die
öden Felder blickte oder den Krähen nachsah die träge auf und abschwebten so
folgte er dem Beispiel seines Nebenmannes und versank vorläufig wie er in
Träumerei Es gestaltete sich ihm in Hinblick auf die öde Natur ein
französisches Gedicht das ihm später so von Siegbert übertragen wurde
Du grauer Nebel spinnst du Leichentücher
Singst heisrer Vogel du ein Todtenlied
Erschrickt das Auge das im Buch der Bücher
Die letzten Blätter aufgeschlagen sieht
Sie fallen nieder die Natur haucht leise
Ihr letzt Geheimnis aus und will sich ruhn
Da hebt sich schüchtern unterm Wintereise
Der grüne Halm der Frage Was kommt nun
Kommt wieder Lenz und prangen alle Blüten
Auf Feldern nur im grünen Gartenhag
Begrüssen wir mit den geschwungnen Hüten
Nicht endlich auch der Freiheit Frühlingstag
Bleibt Alles so im alten Weh und Kummer
Sowie die Sterne gehn am Himmelszelt
Derselbe Tag Derselbe nächtge Schlummer
Nicht endlich endlich auch die neue Welt
Was will ich denn Nur dann und wann ein Lächeln
Auch in den Seelen wie des Maien Luft
Ein Zephyr Menschenliebe Nur ein Fächeln
Der Hoffnung in die kranke Menschenbrust
O muntrer Quell du frohe Wiesenblume
Zieht frohe Augen zu Euch niederwärts
Zum Blütenast zum Sternenheiligtume
Blick ängstend und entsagend nicht das Herz
Wie müsst es schön auf dieser Erde werden
Umfing einst die Natur zu gleicher Zeit
Auch dieses Lebens nackteste Beschwerden
Mit ihrer Liebe buntem Feierkleid
O Zauberland wo auch die Herzen sprossen
Das Leben selbst in solchen Farben lacht
Die wie ein Regenbogen ausgegossen
Bleibst du der Traum nur einer Winternacht
Die Dohle krächzt die Nebel hüllen Alles
In der Verzweiflung graues Einerlei
Die Todtenglocke läutet dumpfen Schalles
Und ruft den Hoffenden Vorbei Vorbei
Der Stein bleibt Stein Nie wird die Welle fließen
Zum Berg hinan Was kann im Eise ruhn
Gott lässt uns wohl die alten Blumen spriessen
Doch seine Wunder solln wir selber tun
Herr Oleander war durchaus bei all seiner Schweigsamkeit nicht unfreundlich Er
blieb in seiner wohlwollenden Miene während der ganzen Fahrt Oft rückte er zur
Seite als wenn er möglicherweise seinen Begleiter störte oder ihm unbequem
säße Dann starrte er wieder auf die kahlen Felder hinaus und schien eine innere
Geistesarbeit zu verrichten wie Louis Dichtete er vielleicht auch wie dieser
Auffallend genug dass er zu den wenigen Worten die er auf der Fahrt sprach die
Veranlassung von der Natur hernahm und immer etwas Eigentümliches zu verfolgen
schien oder beobachtete So sprach er von den Dohlen die sich noch die
vergessenen Körner aus den durchweichten Äckern suchten von der unschönen Form
der entblätterten Weiden die wie abgehauene Stumpfe oben dicker als unten an
einem Graben standen von der immer grünen Tannenwand der Berge von der er
sagte dass sie den Kindern zu Liebe für die Weihnachtszeit grün bliebe Wie
Louis von dieser Äußerung Veranlassung nehmen wollte nach den Kindern des
Pfarrers zu fragen für den er vicarirte gab Oleander eine flüchtige Antwort
und sah wieder hinaus in die graue Weite
Endlich kam das kleine Gefährt dem Ullagrunde näher an dessen Einfahrt
Ackermann ein Haus bewohnte das der reiche Bauer Sandrart in einem Anfall von
Prachtliebe für sich erbaut hatte aber immer noch nicht bewohnen mochte weil
er sich schwer von seinem gewohnten Giebeldache trennte Das Bauerhaus war
einige hundert Schritte weiter und tiefer schon hinein in die Schlucht gelegen
die von einem kleinen durch sie hinrieselnden Flüsschen der Ullagrund genannt
wurde Das stattliche zweistöckige massive Haus das Sandrart an den neuen
Pächter des Fürsten vermietet hatte lag noch mehr der Ebene zu und höher Es
war umgeben mit Wirtschaftsgebäuden einem großen Hofe und eingefriedigten
Obstgärten Überall sah man noch die Spuren einer neuen Anlage die indessen
einen sehr geeigneten Platz getroffen hatte
Ackermanns Wohnhaus lag vom Wege zurückgebaut und wurde erst erreicht wenn
man einen gewaltigen Hof mit Ställen und Scheunen hinter sich hatte Trotz des
Regens trotz der dem Ackerbau keinerlei Beschäftigung darbietenden Jahreszeit
war es in diesen Räumen nicht still Man hörte dreschen hämmern sägen
Ackermann hatte sich schon jetzt auf seinem Pachtof die Menschen gemietet die
er erst mit dem Frühjahre in eine neue großartige Tätigkeit einführen wollte
Er prüfte schon jetzt Den den er brauchen konnte und gewöhnte diese Menschen
jede Jahreszeit auf nützliche Weise zu verwenden Am unteren Ende des ganzen
Hofes wo die Ulla floss wurde trotz des Regens sogar gebaut Ein ganz neues
Haus stand dort fast bis zum Dache aufgerichtet Drinnen hörte man das Hämmern
und Sägen von Zimmerleuten
Dies wird die amerikanische Mühle sagte Oleander der Louis neugieriges
Hinausblicken nach diesem Baue bemerkte
Auf Louis Fragen wann sie begonnen wurde wann sie beendigt sein würde
wie ein solches Werk eingerichtet wäre gab Oleander den kurzen aber artigen
Bescheid
Sie müssen sie sich ansehen
Es schien als wenn eine amerikanische Mühle nicht zu den Begriffen gehörte
von denen Herr Oleander ein vollständiges Bild lange mit sich herumtragen
konnte
Das Wohnhaus noch nicht mit Kalk überworfen stand etwas höher als der
Vorhof Es war zweistöckig und bot in seinen Fenstern einen freundlichen
Anblick Links und rechts war es von Bäumen eingeschlossen die jetzt kahl doch
seine Wirkung lebendiger hervorgehoben Der Eingang war von der Seite an einem
ganz von Gebüschen umgebenen Brunnen vorüber Schon stand von weißen
neugezimmerten Latten ein Dach um die steinernen Stufen die in die Haustür
führten Dieser Eingang sollte also künftig von einer Laube überschattet werden
Louis war ausgestiegen und unter dem schützenden großen roten Regenschirm
der Frau Pfarrerin von Plessen neben Oleander über den gekieselten Boden
hingeschritten Erst jetzt besann er sich auf Das was er Ackermann zu sagen
hatte Er beschloss sich so einzuführen als wollte er eine zufällige
Anwesenheit auf dem Schloss Hohenberg zugleich benutzen um dem Fürsten von
seinem neuen Pächter einen Gruß und manches nützliche Versprechen für die
Zukunft zu überbringen Um ein weiteres Erforschen der Absichten des Pächters
war er unbesorgt Schon der erste Blick auf diese wachsende Niederlassung zeigte
ihm ja wie ernst Ackermann seinen Beruf ergriffen hatte
Eine hinzugesprungene Magd nahm mit freundlichem Guten Morgen Herr
Kandidat Oleanders roten durchnässten Regenschirm in Empfang und spannte ihn
mit neugierigem Blick den zweiten Ankömmling musternd in der großen reinlichen
Küche aus die sich gleich zur Linken dicht am Eingang befand
Herr Ackermann zu sprechen fragte Louis
Indem öffnete sich im Gange eine hintere Tür und ein junges Mädchen
huschte Oleander grüßend rasch in eine entgegengesetzte hinüber
Louis bemerkte dass Oleander der seinen Mantel auszog errötete
Es gibt auch wenig Eindrücke die so lieblich sind als ein junges Mädchen
in einer Toilette die für das Zimmer berechnet ist rasch durch ein Haus oder
einige Sprünge über die Straße hüpfen zu sehen
Louis zweifelte nicht dass dies Selma gewesen war
Er erinnerte sich wohl des Knaben den Ackermann damals als er ihm die
Pachtung zugestand bei sich hatte
Oleander ohne sich um seinen überbescheidenen Begleiter weiter zu kümmern
ging mit einigen Büchern die er aus dem Mantel genommen in das Zimmer in
welches eben jenes junge Mädchen hinübergeschlüpft war Louis aber wurde von der
Magd in das entgegengesetzte Zimmer gewiesen
Er klopfte an
Beim Eintreten in die warme behagliche Stube fand er Ackermann auf dem Sopha
liegend eine Zigarre im Munde eine Zeitung in der Hand vor sich deren noch
eine größere Anzahl und eine Menge Bücher
Kaum hatte noch Louis ein Wort gesprochen als ihn Ackermann schon erkannte
und vom Sopha sich erhebend ihm die Hand zum Gruße bot
Seien Sie uns willkommen Herr Louis Armand sagte er Was führt Sie in
dieser traurigen Jahreszeit zu uns Einsiedlern Gewiss schickt Sie der Prinz dem
meine Briefe zu kurz und oberflächlich sind
Kennen Sie mich noch fragte Louis
Ich vergesse kein Antlitz das ich mir einmal einprägte so leicht Und wie
sollt ich das Ihrige vergessen der mir die Botschaft brachte wie ich für das
Wohl und Wehe des Fürsten sorgen darf
Louis wollte von Zufälligkeiten die ihn herführten reden aber Ackermann
unterbrach ihn mit der aufrichtigen Erklärung dass er es ganz in der Ordnung
fände wenn man einmal bei ihm Visitation halte
Verstehen Sie sich auf die Landwirtschaft fragte er
Louis verneinte
Aber Das begreifen Sie doch sagte Ackermann dass die Intelligenz auf diesen
Fluren und Triften noch nicht gewaltet hat Hier gab es Schwierigkeiten und
Vorurteile genug zu überwinden Die Lehre von der Vermehrung der Bodenkraft
kennt man hier nur aus den oberflächlichsten Anwendungen der Dungteorie Die
die hier wirtschaften wollten waren noch nicht einmal über die Sicherheit der
hier erzielbaren Früchte einig Und wie ließ man den Unarten der Natur freien
Spielraum Was standen sich die Unkräuter so gut im Fürstentum Hohenberg Nein
es kommt jetzt darauf an durch passenden Fruchtwechsel dem Boden die nötige
Ruhe zu gewähren Stroh und hauptsächlich Futterkräuter auch als Dungmittel zu
gewinnen damit durch das Medium der Tierernährung dem Boden wieder Kraft
zugeführt wird Man experimentirte hier fortwährend mit der Agrikulturchemie
mit mineralischem Dünger dem ich seine Kraft gar nicht abspreche aber ist
einmal der Viehstand eine unerlässliche eigentlich drückende Notwendigkeit der
Landwirtschaft so muss man daraus auch seine Vorteile zu ziehen und ihn der
Landwirtschaft wieder ergiebig zu machen wissen Es kommt nur auf gute Race der
Zucht an die ich mir denn auch aus Kent aus Durham in England verschrieben
habe Über die neuen Schaafe und kurzgehörnten Rinder sollen unsre Bauern
erstaunen Ein paar Exemplare die schon da sind sehen sie an wie Abgesandte
der Hölle Aber ich will auch deutsche Rosse aus Jütland Zugochsen aus dem
sächsischen Voigtlande kommen lassen denen sich meine Nachbarn Herr Sandrart
an der Spitze schon verwandter fühlen werden Freilich geht es mit einer
solchen Besserung des Viehstandes langsam Da lass ich mir denn die gute
Gottesgabe der peruanischen Vögel oder den Guano einstweilen als Ersatz zur
Düngung kommen Haben Sie nicht wenn der Nebel nicht hinderte Leute im Felde
arbeiten sehen Die sind mit der Drainage beschäftigt Sie legen tönerne Röhren
im Erdreich um der Entwässerung Kanäle zu bahnen die ihr hier fehlten Alle
Hohenbergischen Wiesen waren sauer dh sumpfig ohne Abzugskanäle der
Überfeuchtigkeit ohne Einlass der Luft die den Wurzeln Kräftigung gibt Die
Engländer wissen was entsumpfen ist O mein junger Freund Sie sind ein
geborner Franzose das deutsche Volk steckt geistig und physisch so noch in
seinen Sümpfen wie damals als die alten Germanen die Herrschaft über ihr
Vaterland erst den Auerochsen streitig machen mussten Aber auch die Sümpfe sind
hier nicht zu etwas Anderem benutzt als noch zum Tummelplatz der Irrwische und
der Teufelsfurcht auf ihnen Sind die Sümpfe nun einmal doch trotz gesunder Luft
unausrottbar so versuche mans mit dem Feuer Man steche sie als Torf ab und
wenn ich erst von der Willingschen Fabrik meinen Brosofskyschen Torfstecher
habe so sollen Sie sehen dass wir einen schönen Handel mit der Hauptstadt
eröffnen werden Ist hier der Lehmboden benutzt Findet sich hier wohl nur der
Versuch einer Ziegelei Dieses Haus hier ist mit Mühe und Kosten aus fernher
entbotenem Material erbaut Wozu Das Wir brennen die Ziegel selbst und
verkaufen was wir an Überfluss haben Allein damit noch nicht genug Wir
Ökonomen werden die Hand auch Euch Industriellen zum gemeinsamen Wirken reichen
müssen Landwirtschaftliche Gewerbe dürfen nicht fehlen denn wo nicht Alles
Hand in Hand geht wo nicht jeder Anbau seine mehrfache Nutzung auch die
Menschenkraft auch die sich oft ergebende Musse und die Ruhezeit benutzt wird
bleibt ein Kapital tot liegen Gegen Kartoffelbrennerei sträub ich mich
obgleich der Mehrbedarf von Kartoffeln sich dadurch so lebhaft aufdrängt dass
sie als Hackfrüchte dem Boden eine gute Ausrodung garantiren Aber ich denke
doch die Rübe vorzuziehen und werde Zucker fabriziren Die Methode ist
vereinfacht worden der Apparat nicht mehr allzu kostspielig Und welches
Futtermaterial gewinn ich nicht Wie kann ich den Arbeiter im Winter so
behaglich beschäftigen Sehen die Leute hier was Maschinen so treu verrichten
helfen die Abneigung gegen sie wird sich legen sie werden mir dann jene
Unterstützung gewähren die ich leider jetzt noch nicht allzubereitwillig
antreffe
Angenehm unterhalten von dieser offenen sachkundigen Auseinandersetzung
sagte Louis
Ich finde auch eine amerikanische Mühle im Bau begriffen
Zum Entsetzen aller Müller der Umgegend fuhr Ackermann wohlwollend und in
seinem schönen Organe fort Das ist nun nicht anders Feindschaft des
Zunftwesens folgt überall den Fortschritten des menschlichen Geistes Es tut
mir leid um die Herren in ihren blaugrauen Mehlröcken glücklicherweise sind
alle Müller der Gegend reich Nun mögen sie von ihren Zinsen leben oder die
Preise die meine Mühle stellt auch an ihr schwarzes Preiscourantbret
schreiben Bis zum Frühjahr sind wir mit dem Mühlenbau fertig Sie sollen diese
erfindungsreiche Konstruction sehen wo derselbe Umschwung der Räder das
Getreide sichtet es aufschüttet zermalmt das Mehl siebt und von der Kleie
scheidet Man wird das Brot hier künftig wohlfeiler essen und man braucht diese
Erleichterung denn die Ortschaften ringsum sind arm alle Hantierung ist
heruntergekommen und je tiefer hinein Sie in die Berge gehen je elender fristen
die Einzler in baufälligen Hütten ihr Dasein das doch ohne Brot nicht sein
kann
Der Prinz wird eine Freude haben von allen den Dingen zu hören sagte Louis
mit aufrichtigem Herzen Egon darin wohl kennend
Umsomehr wird er es fiel Ackermann ein als ich aus den Zeitungen hier
sehe dass er ja ganz auf die hohe See der Politik hinaussegelt Er ist Minister
geworden Glauben Sie dass ihm dieser Wirkungskreis Freude machen wird
Egon gehört zu den Naturen die in der Arbeit ihren Genuss finden antwortete
Louis
Ackermann hörte diese Bemerkung mit sichtlichem Wohlgefallen
Erzählen Sie mir von Ihrem Gönner sagte er rückte Louis einen Stuhl
zurecht und öffnete den Deckel einer Havanakiste um ihm Zigarren anzubieten
Louis nahm zögernd
Eine chemische Zündmaschine deren Hahn Ackermann nur drehte gab im Nu
Feuer und ohne sich von der fremdartigen neuen Umgebung nun noch beengen zu
lassen teilte Louis so viel von seinen persönlichen Beziehungen zu Egon mit
als er nur irgend glaubte davon erzählen zu dürfen Die Beziehungen zu seiner
Schwester und zu Helenen verschwieg er
Ackermann hörte sehr aufmerksam zu und bestätigte das Ergebniss dieser
Mitteilungen mit den Worten
Ja Ja Der Fürst ist keine gewöhnliche Natur Wie hätt ich sonst mich
entschließen können in seinen zerrütteten Vermögenszustand meine Hand zu
stecken Er machte mir einen bedeutenden und ich kann wohl sagen wohltuenden
Eindruck so spröde ich mich auch anfangs gegen ihn erwies
Sie kennen ihn genauer fragte Louis erstaunt dass ihm Egon niemals davon
gesprochen hatte
Wohl sagte Ackermann von jenem Incognito her das er im Sommer
beobachtete um sich hier den Zustand seiner Güter anzusehen
Louis fand in dieser Äußerung nichts was ihn bestimmen konnte irgendwie zu
ahnen wie Ackermann den Prinzen mit Dankmar verwechselte Egon war in Hohenberg
gewesen Egon hatte Ackermann selbst in seiner Gegenwart gerühmt ohne sich auf
den Ursprung seiner Bekanntschaft mit ihm weiter einzulassen
Ich bin durch diese für seine Jugend überraschende Laufbahn als Staatsmann
umsomehr befriedigt sagte Ackermann als ich die Gefahren zu kennen glaube in
die ein hochgestellter junger Adliger nur zu leicht gerät wenn seinem Geiste
nicht die rechte Nahrung geboten wird Ich fand ihn nahe daran der Spielball
koketter Frauen zu werden Ein Portefeuille rettet gewiss aus jedem Strickknäuel
und wenn es verwickelt wäre wie der gordische Knoten
Louis errötete fast Er gedachte Helenens
Wohl muss ich sagen fuhr Ackermann fort dass ich selten ein schöneres
Frauenbild gesehen habe als Melanie Schlurck Welche hohe Vollendung der
Formen Man glaubt jene Statue lebendig zu sehen um die Pygmalion so
unglücklich wurde als sie nur von Marmor war Ja noch richtiger möcht ich dies
Mädchen jener Armida vergleichen die die ernstaftesten Menschen bezauberte und
Weise gezwungen hat sich in ihrer Gegenwart für dumm zu erklären Dauert dieser
Roman noch
Leider konnte Louis nicht sagen Nein Es war ihm nur zu bekannt dass
Melanie Schlurck einen großen Einfluss auf Egon seit seiner ihm und aller Welt
rätselhaften Verbindung mit Paulinen von Harder gewonnen hatte Schon seit
Wochen war Egon ja gegen ihn der Alte nicht mehr Seine Aufrichtigkeit hatte zu
stocken angefangen Dennoch wusste er dass er bei Paulinen wie von seinen
Erschöpfungen sich ausruhte bei ihr sich in seiner natürlichen Art heiter und
unbefangen gehen ließ und von Melanies immer gleicher Laune und ihrer kleinen
liebenswürdigen Gefallsucht höchst angenehm unterhalten wurde Dass Ackermann von
einem älteren Verhältnisse sprach Louis nur von einem jüngeren wusste kam in dem
Druck der Tatsache selbst die schwer genug auf Louis lastete nicht zur
Sprache Auch die folgende Bemerkung Ackermanns dass es dem Prinzen unter
diesen Umständen viel Selbstüberwindung gekostet haben müsse die Verwaltung
seiner Güter ganz von dem Vater des schönen Mädchens zu trennen kam nicht zu
genauerer Erörterung denn Louis wusste wie weit der Terrorismus gehen konnte
mit dem sich Egon selber zügelte und sich bis zum Herzlosen auch darin bändigen
konnte dass er Melanien liebte und ihrem Vater dennoch darum nicht den
geringsten Vorteil bot Das war ganz in Egons Art
Ackermann konnte sich von den Nachforschungen über Egon nicht so bald
trennen Der Gedanke an den jungen Prinzen den er so genau zu kennen glaubte
schien ihm von solchem Werte dass er Louis nach allen Umständen seines jetzigen
Lebens fast ausforschte
Als Louis seine Neugier befriedigt und ihm besonders von Egons politischer
Entwickelung erzählt hatte ergriff Ackermann die Zeitung die er bei Louis
Eintreten gelesen und sagte
Nach Dem was ich von Ihnen und von ihm selbst weiß überfällt mich da oft
ein sonderbarer Zweifel wenn ich seine Äußerungen in der Kammer lese Ich finde
ihn außerordentlich schroff
Er ist von seinen Überzeugungen erwärmt
Er aber diese Überzeugungen sind für Andere von einer ich möchte sagen
puritanischen Kälte Es wird Ihnen nicht unbekannt sein dass es in Frankreich
eine politische Partei gab die der Doctrinäre
Ihre Politik compromittirte das Königtum
Egon ist nicht viel besser
Er hasste jedoch immer die Politik der Professoren
Es ist gar nicht gesagt dass die Doctrinäre Professoren sein müssen auch
Kaufleute und Advokaten können es sein wenn sie an bestimmten Doctrinen zu fest
kleben und sie um jeden Preis geltend machen wollen Die Politik der jetzigen
Übergangszustände unserer Staaten ist keine Wissenschaft sondern eine Kunst
Wer dem Geiste der Massen mit einer Lehre und sei es welche es wolle
entgegentritt findet Widerspruch von allen Seiten Ich fürchte sehr dass sich
Egon außer seinen politischen Gegnern die an und für sich schon durch die
Parteien und deren Interessen gegeben sind auch noch die Teoretiker auf den
Hals ladet Kennen Sie diese Rede Ich finde sie bereits zu excentrisch für ein
so junges Ministerium
Ackermann zeigte auf eine Stelle der Zeitung die er Louis hinhielt Es war
wieder das »Jahrhundert« Man sah dass diese Zeitung hier überall auf bestimmte
Veranlassung gehalten wurde
Louis las den Tag der Sitzung Es war einige Tage nach seiner Abreise dass
Egon die folgenden Worte die Louis laut vorlas gesprochen hatte
»Denn meine Herren woran leidet unsere Zeit An dem Mangel einer sichern
und festen Lehre über den Staat Glauben Sie Das nicht Sie leidet unter dem
Mangel an Geduld und Prüfung Sie leidet unter dem Mangel der Unterordnung und
des bescheidenen Bewusstseins seiner nächsten Pflichten Wo Sie hinblicken
werden Sie arbeitende Köpfe und feiernde Hände finden Ein Jeder bildet sich
ein wenn nur die teoretische Formel das matematische Gesetz unserer Existenz
gefunden wäre würde diese sich sogleich danach ändern ohne unser Dazutun Die
Gesellschaft ist sagt man krank meine Herren Sie ist es ich leugne es
nicht Aber die Heilung liegt in uns nicht in den Geheimmitteln der bisher
gerufenen Ärzte Woran fehlt es überall An der wahren Diät der Geister
Entaltsam nüchtern streng gegen sich selbst zu sein wem fällt Das noch ein
Luxus ist die Vorstellung des Reichen und des Armen Die Phantasie gaukelt sich
in den kühnsten Idealen von Erdenglück und suchen will Niemand das Erdenglück
nur finden wollen es Alle O meine Herren diese Welt kommt mir vor wie das
Spiel der Kinder wo Alle Feldherren keiner Soldat sein will Vergeben Sie mir
dass ich mich an Sie selbst wende an Sie die hier versammelten Gesetzgeber
eines großen Staates Ich ehre das Recht des Volkes sich die Bevollmächtigten
seiner Wünsche zu wählen Aber gestehen Sie auf jeden von Ihnen kommt ehe er
gewählt wurde eine solche Fülle der Aufregung an Jeden knüpfen sich so viel
Leidenschaften des Ehrgeizes und der Streitsucht dass man ernstlich für eine
Gesellschaft fürchten muss die so durchwühlt wird vom Unbestimmtesten so in
fieberhafter Hast auf Ihre Entscheidungen wartet so nur vielleicht wartet bis
ein Jeder von Ihnen sich als Persönlichkeit und Träger des ihm geschenkten
Vertrauens würdig zeigt Ich ehre Ihr Recht der Prüfung aber fragen Sie Ihr
innerstes Herz ob Sie hier Alle auf diesen Sesseln sitzen in dem Bestreben das
Staatsleben zu vereinfachen und nur die Tatsachen geltend machen zu wollen die
Murren Unterbrechung«
Lesen Sie nur weiter sagte Ackermann
Louis las indem sich seine Züge verdüsterten
»Eine Stimme Sie sprechen für den Absolutismus
Der Ministerpräsident Ich nehme das Wort auf das Sie mir zurufen Was
nennen Sie Absolutismus Glauben Sie dass ich eine der Freiheiten verkümmern
will die diese Zeiten dem Volke gegeben Neue Unterbrechung
Eine Stimme Das dürfte nicht wohl möglich sein
Der Ministerpräsident Ich verachte den Absolutismus früherer Zeiten den
diese Tage niedergeworfen haben Es ist ein gefälltes Ungetüm das vom Schwerte
des Zeitgeistes StGeorg getroffen zu Boden liegt Der Absolutismus der
Polizeigewalt und der patriarchalischen Despotie wird nie wieder sein Haupt
erheben dürfen Aber ich frage Sie auf Ihr Gewissen ob Sie den Staat wie ihn
einmal die Geschichte nicht als Zufallsprodukt der Privilegien sondern als
Naturprodukt der Gesellschaft der Existenz des Lebenmüssens meine Herren des
Lebenmüssens überliefert hat ob Sie sag ich diesen Staat jemals für etwas
nur Relatives halten können
Eine Stimme Sophistik
Der Ministerpräsident Sophistik Sagen Sie Logik mein Herr Wer ist
ehrlich mit dem Wohle der Menschheit meint kann keinen Staat und wär es den
kleinsten zufälligsten für etwas Relatives halten für ein zufälliges Ergebniss
ewig schwankender Bestimmungen Das Absolute im Staate ist die Gesellschaft Das
Absolute ist der gegebene Mensch Dieser Absolutismus soll das Ruder aller
Politik sein oder die Politiker werden Verräter am allgemeinen Wohle
Friedensbrecher Rebellen nicht gegen den Fürsten und die Krone allein Nein
Rebellen gegen den Armen der leben soll und nicht leben kann Rebellen gegen
das große Rätsel unsers Daseins das man zu lösen haben wird nicht in den
Lehrstuben der Doktrin nicht in den Bureaux der Beamtenwelt nicht in den
Palästen sondern in den Hütten in den Werkstätten in den Kranken und
Siechhäusern ja auf den Friedhöfen meine Herren unter den Gräbern Denn der
Tod ist das gelöste Rätsel dieses Lebens Rauschender Beifall von allen Seiten
des Hauses«
Da sehen Sie nun unterbrach Ackermann den erschütterten Louis da sehen Sie
nun wie die Phrase die Menschen regiert
Ah unterbrach Louis hier ist mehr als Phrase
Nennen Sie es lieber antwortete Ackermann lächelnd ein Einlenken auf die
übliche Heerstraße der Rhetorik Ich gestehe in Allem was ich von dem Fürsten
in diesen Berichten nun seit acht Tagen gelesen habe bewundern zu müssen wie
er es versteht die Schlagworte der Zeit in Augenblicken der Gefahr zu Hilfe zu
rufen Aber ich sehe doch er eskamotirt sie
Wie verstehen Sie das fragte Louis besorgt
Er ficht mit den Waffen seiner Gegner Er entwindet ihnen die Rappiere die
sie gegen ihn brauchen wollten und schlägt vortreffliche Paraden Noch bin ich
nicht klar ob er wirklich ein Taschenspieler der Begriffe ist Nur ehrlich
sein Nur aufrichtig Prinz Er soll sagen ich bin ein Absolutist Ich bin
beauftragt von der Monarchie ihre schwankende Sache zu führen Was windet er
sich so durch die Doctrin von Arbeit und Tätigkeit und Existenz
O mein Herr unterbrach Louis den skeptischen Agronomen der in diesem
Augenblicke an die hohe Stellung seines Patrons nicht dachte diese Doctrin ist
sehr heilig und für den Fürsten unendlich wichtiger als die Spitzfindigkeiten
der Advokaten
Die lieb ich nun erst gar nicht die veracht ich wie unser lieber Fürst
Aber Sie sehen aus dieser kleinen Probe seiner schwierigen Stellung Sie werden
die Sitzungen mit Aufmerksamkeit verfolgen Mein Exemplar steht Ihnen immer zu
Diensten lesen Sie und Sie werden bald merken dass sich Egon mit dieser
Theorie von der Entsagung und der Pflichterfüllung der Menschen in eine
Sackgasse verliert in der ich für ihn sehr viel Unglück erblicke Es ist von
Genf her etwas Kalvinistisches in ihm stecken geblieben er ist trotz der
schönen Melanie ein Puritaner und ich wollte ich dürfte ihm einmal recht den
Text lesen
Ackermann fiel in einen so warmen vertrauten doch liebevollen Ton über
Egon dass Louis nicht umhin konnte ihn zu fragen was er ihm dann wohl sagen
würde
O sagte Ackermann Sie sind sein Freund er hat Ursache Sie zu lieben
denn durch das wunderbare Labyrinth seiner Jugend haben Sie ihn treu geführt
Lehnen Sie dies Lob nicht ab Egon ist eine merkwürdige Erscheinung Ja ja So
jung So reif So weltklar Ich sah es gleich an seinen Augen dass in denen ein
Geheimnis schlummert Wenn Sie ihn von mir grüßen und ihm Versicherungen geben
wollen über Das was ich Ihnen Alles noch von der Praxis meiner Pläne zeigen
werde so sagen Sie nur in der Politik verirre er sich Ihm das säh ich
schon wären Kammerauflösungen Verfolgungen Einkerkerungen ein Leichtes Er
wird bald alle Mittel verschossen haben um auf friedliche Art zur Herrschaft
seiner Teorieen zu kommen Er soll sich sagen Sie es ihm er solle sich vor
den gewaltsamen Mitteln in Acht nehmen die sind zweischneidig treffen ihn
selbst Und unsre Zeit will keine Lehre keine Doctrin wenigstens sieht die
seine so aschgrau aus wie da die ganze Flur draußen Sehen Sie hinaus wie der
Regen tröpfelt Der ganze Himmel ein großes Sackleinen Langweilige Raben
fliegen mit matten Flügeln träge über die entlaubten Bäume hin Sagen Sie doch
Egon ob er vergessen hätte dass das Alles grün werden muss und dass es im Walde
wo er mit Selma einst wandelte viel fröhlicher aussieht Es ist gar nicht
möglich in unsrer Zeit das Evangelium der Pflichten zu predigen Es ist grausam
sogar den Menschen allein auf die Arbeit zu verweisen Wer arbeitete denn nicht
gern Nur die Belohnung fehlt nur der Genuss fehlt Und von dem soll er nur
machen dass er sich in den Grenzen hält Ich sage man schlage der Menschheit
das Kapitel von der ächten Freude auf das doch irgendwo in unsern Herzen
geschrieben stehen wird Egon wäre sehr gut eine Quäkerkolonie zu gründen Da
mag er sein Evangelium der Pflichten seine Theorie der Arbeit lehren Der Adel
und die Beamten werden so viel als sie von seiner Lehre brauchen können
auspressen und ihn dann als einen politischen närrischen Ascetiker bei Seite
werfen Er bläst zu rau dieser Boreas Er soll sich den Sonnenschein zu Hilfe
nehmen Er soll Freude verbreiten erlaubte unschuldige Freude Besäss ich
seine Gabe der Rede durch Scherz entwaffnete ich meine Gegner und machte alle
möglichen Gesichter nur nicht die eines Schulmeisters
Louis lächelte über die gute Laune des Generalpächters den er ersichtlich
durch seinen Besuch erfreut hatte Er begriff wohl wie man hier in so einsamer
Welt aus den innersten Geistes und Gemütsquellen schöpfen müsse um sich wach
und froh zu erhalten Er fühlte auch bald heraus dass Ackermann eine sehr feine
gebildete Intelligenz war und auf einem höheren Standpunkte als dem eines
exclusiven Landwirtes stand dabei erwärmte ihn seine Hingebung an Egon von
dem er so menschlich so treu und teilnehmend sprach ganz so wie es Egon
einst liebte einst sagte er sich und verfiel in trübes Sinnen warum das
Alles im Grunde doch so viel anders war als es Ackermann bekannt sein konnte
Ackermann sagte nun noch
Es versteht sich von selbst lieber Herr Armand dass Sie über Mittag unser
Gast sind Wir essen schon um zwölf Uhr Bis dahin zeig ich Ihnen meine kleinen
Vorbereitungen die erst in Gang kommen werden wenn zu Weihnachten und Neujahr
meine Maschinen eintreffen
Ich soll Ihnen unterbrach ihn Louis von Herrn Leidenfrost viel Grüße sagen
Dem wackren Techniker
Ihre Maschinen sind in Arbeit und werden zur bestimmten Zeit fertig werden
Für diese Nachricht dank ich Ihnen Hoffentlich wird man nicht erst die
Dreschmaschinen und dann die Säemaschinen machen wie es einem Bekannten von mir
in Amerika ging der zum Frühjahr Alles bekam was er im Herbste brauchte und im
Herbst was er im Frühjahr hätte haben müssen
Louis lachte über eine Bemerkung die Ackermann mit den Worten ergänzte
Glücklicherweise traf diese Nachlässigkeit einen Mann der gewohnt ist die
Pferde manchmal hinter den Wagen zu spannen den Baron Otto von Dystra von dem
ich gestern mit der angenehmsten Überraschung gelesen habe dass er seinen Plan
einmal Europa wieder zu besuchen bald nach mir ausgeführt hat
Louis hatte vom Baron Otto von Dystra noch nichts gehört und nahm keine
Veranlassung länger bei Erwähnung dieses Namens zu verweilen Er kehrte auf
Leidenfrost zurück und sprach voll Teilnahme über das umfangreiche Streben
dieses vielseitigen jungen Mannes
O sagte Ackermann Das ist eine der Naturen die mir am verwandtesten sind
Reger Geist fern von jeder Grübelei fern von jedem sentimentalen Despotismus
Denn Das sag ich Ihnen lieber Freund Niemand ist despotischer als die bloß
Gefühlvollen und kein Mensch ist meist herzlicher als der der für einen
Verstandesmenschen gilt
Der Verstandesmensch ist gleich bei der Hand wo Hilfe nottut Der
Gefühlvolle betet wünscht uns das Beste hienieden und im Jenseits und geht
abscheulicher als der Pharisäer an dem von Mörderhand getroffenen Wandrer
vorüber über den er nachher eine Elegie schreibt Das rechte Herz glauben Sie
mir ist nur da wo der Verstand klar ist So ein Gefühlvoller der sinkt gleich
in Ohnmacht und ruft um Hilfe Hat er sich einmal aufrecht erhalten ist er
einmal rasch herbeigesprungen und hat Jemanden aufgehoben o welch ein
Aufhebens weiß er dann auch zu machen Wie spiegelt er sich in der Glorie seiner
Tat Wie bescheiden lächelt er auf seine stillen und nun doch plötzlich ans
Tageslicht gekommenen Verdienste herab Ich halte es mit den Verständigen die
auch darin Verstand zeigen dass sie weit weniger sprechen als ich heute tue
Kommen Sie Kommen Sie Sie sollen jetzt etwas von meiner Niederlassung sehen
Mit dieser lakonischen Wendung hatte Ackermann ein leichtes Käppchen
ergriffen und forderte Louis auf ihm in den Hof zu folgen Die Magd brachte
draußen einen Schirm und erhielt im Vorübergehen die Weisung dass sie sich doch
wohl schon auf ein Kouvert mehr eingerichtet hätte Die Magd nickte resolut als
wollte sie sagen Was denken Sie Herr Ackermann Alles besorgt Sie sagte aber
So politisch werd ich doch sein
Diese Äußerung muss uns auffallen denn sie war gerade jene unpolitische
Liese dieselbe Magd die beim Heidekrüger Justus unter den Weltstudien ihres
Herrn so viel gelitten hatte und jetzt in diesen neuen Dienst getreten war
während Justus in der Residenz eine große politische Rolle spielte und den Chef
einer »Fraction« machte
Rasch eilten die Männer über den Kieselboden und das nasse Hofpflaster hin
Louis überzeugte sich jetzt erst wie jugendlich das Aussehen des
Generalpächters war wie hoch und schlank sein Wuchs wie fein sein ganzes
Wesen Er musste sich sagen dass Ackermann sicher einst eine der schönsten
männlichen Erscheinungen war Sein Auge hatte etwas Durchdringendes seine Stirn
glänzte edel und hell die Nase und der Mund waren von großer Feinheit Sein
ganzes Wesen hatte etwas unendlich Harmonisches Oft erinnerte er ihn an
Personen die ihm im Leben schon wert geworden waren Rudhard kannte er zu
wenig aber doch fühlte er heraus dass Ackermann ihm zwar an Verstand gleich
kam aber mehr Poesie um sich verbreitete Auch an Murray dessen Name ihm oft
auf die Zunge kam ohne dass er wagen konnte ihn auszusprechen erinnerte er
ihn Ihre Ansichten hatten zuweilen etwas sehr Ähnliches Doch war Murray von
Melancholie umdüstert und erweckte nicht die klare erwärmende Behaglichkeit
die Ackermann ausströmte Man sah diesem Manne an dass er viel erlebt viel
gerungen hatte Trotz seiner Freundlichkeit gegen Louis die fast eine
herablassende war tronte ein hoher Ernst auf seiner Stirn Nur milderte er ihn
durch seine Gefälligkeit und den biederen Ton
Wie unermüdet zeigte er sich seinen Besuch von Allem zu unterrichten was
wenn nicht diesen doch den Fürsten interessieren konnte Er knüpfte an jeden
Raum den er ihm in den Wirtschaftsgebäuden öffnete lehrreiche
Auseinandersetzungen Schon erblickte Louis im Geiste die rührigen Hände die
einst hier wirken und arbeiten sollten Die Maschinen sah er schon in voller
Tätigkeit Auch in die Mühle führte ihn Ackermann Hier wurde von Zimmerleuten
rege gearbeitet auch den Schlag des Hammers auf Eisen hörte er und nicht wenig
war er erstaunt als er den blinden Zeck erblickte der mit seinem Sohne
gemeinschaftlich auf einem kleinen in den Boden eingerammten glühenden Heerde
die Klammern und Haken noch nachträglich erweichte die in diesen oder jenen
Balken getrieben werden sollten
Ackermann zeigte auf das arbeitende Paar und sagte
Es ist eine merkwürdige Sicherheit mit der der Blinde bei den schwersten
Aufgaben verfährt Wie ich hierherkam hatt ich ihm von einem in Amerika
verstorbenen Verwandten über den ich eigentlich nach seinem Wunsche schweigen
sollte eine kleine Erbschaft zu bringen Diese Leute macht ein kleiner Besitz
gleich wunderlich Wie ich mich hier niederließ bot er mir das Geld an um sich
an meinen Unternehmungen zu beteiligen Er verhieß mir sogar noch das was ich
einer in der Nähe wohnenden Schwester ausgezahlt hatte
Ursula Marzahn sagte Louis
Sie kennen die Frau
Sie wohnt im Forstause
Ganz recht Ich habe sie einmal in meinem Leben gesehen und muss leider
gestehen dass sie zu den Menschen gehört von denen man sagt sie hätten den
bösen Blick Aus der Art wie sie das Geld in Empfang nahm erkannt ich dass
sie geisteskrank ist und bewunderte die Geduld des Jägers der eine beschränkte
gutmütige Natur zu sein scheint und eine solche Person nun schon so viele Jahre
um sich duldet
Seine Nichte ist jetzt aus der Stadt zu ihm gezogen
Viel Aufopferung Das Ich gestehe dass es mir unheimlich wurde in dem
baufälligen einsamen Hause Sehen Sie nur wie sicher der Alte arbeitet Ich
begreife diese Augen nicht Sie sind klar wie sehende und doch umhüllt sie
undurchdringliche Nacht Er hat etwas von der Geschicklichkeit seines
Verwandten der ein großer Künstler war
Louis wagte nicht zu forschen Er sah dass Ackermann im Begriff war über
Murray zu sprechen Um seine Unruhe nicht zu verraten wandte er sich zu
einigen Zimmerleuten die eine gewaltige Holzschraube von der Höhe eines ganzen
Stockwerkes probirten Ackermann ging zu den beiden Zecks hinüber die ihn
ehrerbietig grüßten Es drängte Louis näher zu treten und zu hören wie sich
Murrays Bruder den er nur zu Bestellung der Stimmschraube ganz flüchtig
gesprochen äußern würde
Ich sehe sagte Ackermann Ihr seid Beide hier Habt Ihr denn Leute
gefunden die in der Schmiede arbeiten
Zwei Herr sagte Zeck und hielt ein glühendes Eisen seinem Sohne hin das
dieser mit der Zange nahm und an dem Balken wohin es gehörte behutsam
einsetzte während der Blinde folgte und mit dem Hammer zuschlug richtig die
Stelle treffend wo die Kraft seines Armes nötig war
Zwei Herr wiederholte er Im Frühjahr haben wir ihrer noch mehr
Nur gewandte Arbeiter sagte Ackermann mit denen Ihr Ehre einlegt Wir
haben viel zu schaffen Unsre Wägen machen wir uns selbst Es soll schon rüstig
bei uns hergehen
Der Alte verzog die Miene zu einem sonderbaren Lachen das aber ein
offenbares Wohlgefallen an der Arbeit und sicher auch die Hoffnung auf Gewinn
ausdrückte Zugleich lag Neugier in dieser Miene Denn Zeck hatte wohl gehört
dass Ackermann nicht allein kam
Dies ist der Besuch vom Schloss sagte Ackermann nach dem herangetretenen
Louis hinsprechend er freut sich wie wacker es Euch von der Hand geht
Zeck riss die Augen auf und nickte nach der Seite hin wo er sich Louis
dachte dem der Anblick dieses Blinden in einem für sein Gefühl erschütternden
Zusammenhang mit den ihm bekannten Tatsachen stand
Wir kennen uns sagte Louis und um nur über die mögliche Erwähnung seines im
Schloss gebliebenen Begleiters rasch hinwegzukommen bemerkte er
Drum fand ich es in Eurer Schmiede nicht zu lebhaft
So Herr sagte Zeck ja es sind zwei Arbeiter eingetreten
Der Eine versteht sich auf feine Sachen und kann als Klempner arbeiten Aber
sie sind faul Die Schraube an dem Klavier können Sie uns schon anvertrauen
Sind Sie musikalisch fragte Ackermann
Louis war es im Gesang aber nicht auf dem Klavier Er konnte die Wahrheit
nicht umgehen und musste einräumen dass ihn noch ein Freund begleitet hätte der
kränklich wäre zurückgezogen auf seinem Zimmer lebe und sich mit Musik
unterhalte
Zeck horchte gespannt und bemerkte zu Louis Erstaunen dass der Blinde in
seiner neugierigen dreinlachenden Weise sagte
Die Brigitte sagt dass der Herr ja auch etwas vom Fach ist Er hats mit
Kupfer wie wir mit Eisen
Mit Kupfer fragte Ackermann sorglos
Louis der Murrays Einfall ihm eine Visitenkarte zu stechen ebenso sehr
verwünschte wie die Plauderhaftigkeit ihrer Bedienung bemerkte dass sein
Begleiter chemische Experimente mache und zuweilen auf Kupferplatten ätze
Als Ackermann sich zum Gehen wandte bemerkte er
Ein Verwandter dieses Blinden nannte sich schon in England Morton und war
ein Kupferstecher Wie er dazu kam hat mir Keiner von ihnen klar machen wollen
Es sind versteckte unheimliche Menschen
Auch Morton frug Louis ohne an dem Namen Morton statt Murray Anstoß zu
nehmen
Morton war ein Sonderling sagte Ackermann Ich lernte ihn auf eigene Art
kennen Er reiste einmal mit einem nicht minder eigentümlichen Manne dem
Diplomaten Otto von Dystra durch die Vereinigten Staaten fast immer zu Fuß
viel rüstiger als ich ihn in nicht gar langer Zeit darauf in Newyork wieder
antraf Die beiden Wanderer kamen an den Missouri wo ich meine Niederlassung
unter Engländern hatte Sie hörten meine verstorbene Frau in der Farm ein
deutsches Lied singen Sie hatte eine helle zum Herzen dringende Stimme So
klopften sie an mein Tor und blieben lange genug um die Sängerin schätzen zu
lernen Otto von Dystra wohnte als russischer Konsul in Newyork Er war ein
Tourist von Profession hatte die halbe Welt gesehen und war der
eigentümlichste Bequemlichkeitsphilosoph der mir jemals vorgekommen
Bequemlichkeitsphilosoph unterbrach Louis die freundliche Mitteilung
Verstehen Sie darunter einen Epikuräer
Ja Einen Epikuräer des Geistes sagte Ackermann Es gibt Epikuräer der
Sinne Ein solcher soll zB der Justizrat Schlurck sein der früher hier
schaltete Es gibt aber auch Epikuräer des Geistes Unter ihnen versteh ich
Menschen die auf Alles nach Wohlgefallen dilettiren die jede Wahrheit zu
schätzen wissen ohne sich für eine zu erklären Männer des Studiums und eines
unermüdlichen Wissenstriebes Reisende denen es nirgends Ruhe lässt
Verschönerer der Natur mit einem Worte Menschen die glücklicherweise so reich
sein müssen wie Otto von Dystra um sich so durch die Welt tummeln zu können
wie er es liebt
Und ein solcher Komet passt in die russischen Bahnen fragte Louis erstaunt
Für Petersburg schwerlich sagte Ackermann Aber Russland hat die weise Art
seine Diplomatie nach den Ländern einzurichten in denen sie wirken soll Die
deutschen Gesandten des Zaren sind oft halbe Gelehrte seine italienischen
Gesandten sind Kunstliebhaber die französischen sind Liebhaber der Intrigue
die englischen sind Wettrenner und Dandies In Nordamerika lässt sich der Zar
durch halbe Republikaner vertreten die in den Ton und die Denkweise jener
Länder wenigstens einzugehen verstehen Dem reichen Kurländer Otto von Dystra
hat man vergebens große Summen geboten die eigentliche Botschafterstelle in
Washington anzunehmen Er begnügte sich mit dem Konsulat in Newyork weil es ihm
Gelegenheit zu Menschenstudien bot die ihm die liebsten sind Dass er jetzt in
Europa in unsrer Nähe ist überrascht mich Ich versäumte von ihm Abschied zu
nehmen In Europa kann der Zar diese Persönlichkeit zu keinem seiner Zwecke mehr
brauchen umsoweniger als er abschreckend hässlich ist
Wie wurde wohl Murray mit diesem Manne bekannt fragte Louis
Murray sagte Ackermann und verbesserte Morton
Morton wiederholte Louis
Morton war ein Kupferstecher und hatte für Otto von Dystra Karten gestochen
Dies wurde die Veranlassung gemeinschaftlicher Reisen Zwei wunderliche
Gegensätze Otto von Dystra klein verwachsen ganz Epikuräer Morton ganz
Stoiker Von seinem frühern Leben hab ich aus diesem alten Zeck nicht viel
herausbringen können Er war tiefsinnig religiös hypochondrisch Ich glaube
dass ihn die Sekte der Shakers deren Religionsübungen er zuweilen beiwohnte
verwirrt gemacht hat Dystra nahm Morton so wie er sich gab und ließ ihn als
eine Curiosität gelten Einige Male dass ich in Neuyork war entdeckt ich
sogar dass Morton wohlhabend genannt werden konnte Er hatte ein ausgebreitetes
Geschäft auch mit Metallbuchstaben die er neu bei uns einführte Ich erinnere
mich noch der schönen Überraschung die er mir durch eine Kiste Metallbuchstaben
machte als meine Frau starb Da haben Sie schrieb er in vierfacher Anzahl das
deutsche Alphabet Setzen Sie daraus ein Wort der Erinnerung an Ihr gutes Weib
zusammen Die Buchstaben die in dem Worte »Dulderin« vorkommen schick ich
Ihnen doppelt Sie werden sie brauchen können in Ihrer Inschrift die Sie an dem
metallenen Kreuze mit kleinen Schrauben die ich gleichfalls beilege befestigen
müssen
Ackermann schwieg eine Weile Auch Louis war durch einen Zug der seinem
neuen Freunde und Vertrauten so ähnlich sah gerührt
Morton schloss Ackermann schrieb mir als ich ihm auf diese Sendung dankte
und anzeigte ich würde nun nach Europa wenn nicht für immer doch für einige
Zeit zurückkehren ich möchte mich einigen Aufträgen für Deutschland
unterziehen Er wies mir die kleinen Summen an die ich seinen Verwandten
bringen sollte und empfahl sich mit einem sonderbaren Ausdruck meinem Andenken
und meiner Gerechtigkeit Als ich in Newyork nach ihm suchte hieß es er wäre
spurlos verschwunden Sein Besitztum hatte er verkauft und wahrscheinlich einer
milden Stiftung übermacht Ihn selbst suchte man überall vergebens Die
Entdeckung von Kleidern die ihm gehörten an einer Uferstelle des Hudson lässt
fast vermuten dass er in einem Anfalle von Hypochondrie sich das Leben genommen
hat
Ackermann und Louis waren während dieser Mitteilungen wieder zu dem
Wohnhause zurückgekehrt Louis vertieft in die Möglichkeit dass sich Ackermann
und Morton begegneten Er merkte kaum dass ihnen ein Kind entgegengesprungen war
und gerufen hatte
Selmas Stunde ist aus Zum Essen Onkel
Ackermann bemerkte dass diese Kleine dem Pfarrer von Plessen Herrn Guido
Stromer gehörte und von ihm und Selma auf längere Zeit in den Ullagrund genommen
wurde Wäre sie lange genug da so käme ein andres von den Kindern an die Reihe
und Alle müssten ihn Onkel nennen damit die armen Kleinen die einen Vater
hätten und doch auch wieder keinen an Menschenliebe nicht irre würden Von
Oleander bemerkte Ackermann dass er seiner Tochter täglich Stunden gäbe und ihn
als einen sinnigen vielleicht zu bescheidenen und träumerischen Menschen
schätzen müsse
Die kleine Hedwig so hieß Stromers zweite Tochter die gerade jetzt an der
Reihe war im Ullagrunde weilen zu dürfen zog den Onkel in das Haus und in die
Tür die neben der zu Ackermanns Zimmer führenden lag Geöffnet bot sie den
Anblick eines zwar niedrigen aber traulichen Wohnzimmers Alle Möbel von
Kirschbaumholz waren neu und stachen mit ihrem blassen Glanze gegen die dunkle
Färbung der Wände angenehm ab Ein großer Flügel stand aufgeschlagen In der
Mitte des Zimmers war ein runder Tisch gefällig gedeckt Im Ofen prasselte ein
belebendes Feuer Am Fenster stand ein Nähtischchen für Selma Über ihm hing ein
Bücherbord mit zwei Reihen englischer und deutschen Klassiker Im Eck stand ein
Fachwerk mit bronzenen und gläsernen Nippsachen Es schienen langgesammelte
Andenken Manches war ohne Zweifel vom Transport zerbrochen stand aber doch wie
eine heilige Reliquie wohlgeordnet unter allerhand kleinen scherzhaften
Spielereien
Oleander der am Bücherborde in einem Goldschnittbändchen blätterte grüßte
die Ankommenden
Da steht ja schon die Suppe sagte Ackermann Wo ist Selma
Sie zieht ein schönres Kleid an verriet Hedwig Stromer
In dem Augenblick öffnete sich das Nebenzimmer und Selma hocherrötet sich
gegen Louis leicht verneigend und um Entschuldigung bittend ob der Verzögerung
trat herein und gab sogleich einen Stuhl ergreifend das Zeichen dass man sich
zu Tische setzte
Fünftes Kapitel
Deutsche Liebe deutsches Leben
Selmas Erröten hatte ohne Zweifel seinen Grund darin dass sie sich des
Besuchers sehr wohl von jenem Tage erinnerte wo ihr Vater mit dem Justizrate
Schlurck so heftig aneinander geriet und Louis mit der vom Vater so sehnlich
erwarteten Botschaft eintrat der todtkranke junge Fürst genehmige die Anträge
des Amerikaners Damals war sie Selmar der Knabe Heute sah sie Louis als
Mädchen und so wohlbekannt ihr auch der geringe Stand dieses Besuches war so
wusste sie doch wieviel der Fürst auf Louis hielt Vor aller Welt war sie mit
leichter Mühe in die neuen ihr eigentlich gebührenden Kleider geschlüpft Bei
Louis ahnte sie zuerst was sie wohl fühlen würde wenn sie einmal wie sie doch
hoffte dem ihr so teuer gewordenen Fürsten Egon selbst begegnen sollte
Da Louis aus Bescheidenheit Oleander aus Gewohnheit schwieg so musste sich
wohl Selma zusammenraffen um das Gespräch zu führen Sie legte mit großer
Geschicklichkeit vor Louis beobachtete ihr Wesen ihre innere und äußere
Erscheinung mit großem Gefallen Sie war zierlich gewachsen schlank und
behend Das kastanienbraune Haar trug sie noch kurzgeschnitten Es war noch von
der Knabentracht her nicht länger gewachsen Die lockige Biegung in der es auf
den weißen Nacken fiel machte einen sehr einnehmenden Eindruck Das Kleid das
sie rasch angezogen hatte war blau Über den oberen Teil desselben fiel ein
reicher gestickter Kragen Ein blaues geripptes Band umschloss die Taille und
kreuzte sich unter einer emaillirten Schnalle Von Fischbein und engem Geschnür
war keine Spur Man hatte in dem weiten und vollkommenen Kleide den reinen
Ausdruck ihrer natürlichen Formen Das dunkelblaue Auge die weißen Zähne ein
schöngeschnittener Mund waren die Zierde des lieblichen Antlitzes Besonders
anmutig machte sie ihr Lächeln Um den Mund spielte dann eine Schalkhaftigkeit
die Jeden bestricken musste
O sagte Selma als die Suppe von einer zweiten Magd abgetragen wurde es
ist nur gut dass ich dem Fürsten einmal durch Sie Herr Armand ein ernstes Wort
sagen lassen darf Ich bin ihm nicht mehr gut
Warum mein Fräulein
Als er in Hohenberg war sagte Selma und ich mit ihm zum Forstause durch
den Wald ging wie sprach er da so warm und teilnehmend von Amerika Ich
albernes Kind tappte recht wie die Fliege in die Milch so süßen Zucker streute
er auf Amerika Aber was hab ich nun erst vor kurzem lesen müssen In der
Kammer wo sie sich im Zank und dem Allesbesserwissen üben hat er so
abscheulich über Amerika gesprochen so abscheulich
In der Tat? sagte Louis erstaunt
Haben Sies denn nicht in der Zeitung gelesen sagte Selma und schob dem
Vater das inzwischen hereingebrachte Rindfleisch zum Tranchiren hin und machte
es ihm dazu mit Messer Gabel und dem Wegräumen aller hindernden Gegenstände
bequem haben Sies denn nicht in der Zeitung gelesen wie schlimm er es nun mit
uns meint
Ich bin seit acht Tagen von der Residenz entfernt
Ich weiß es auswendig ob es gleich so klingt dass ich es lieber gleich
hätte vergessen sollen »Ihr beruft Euch auf Amerika« sagte er »einen Staat
den ich verehre wie ich etwa eine solide Handelsfirma verehre Ich habe die
größte Achtung vor der Geschäftskenntniss und der Zahlungsfähigkeit eines
Londoner oder Hamburger Hauses allein werd ich das Haus Rotschild fragen was
es von dem Schienenbau der Eisenbahnen hält zu denen es das Geld vorstreckt
Werd ich Hope in Amsterdam fragen ob Schelling oder Hegel der philosophischen
Welt näher stehen Lassen Sie Amerika über Alles entscheiden was in sein
Bereich gehört aber über Europa über dies nun einmal so und nicht anders
geformte Gewächs der Geschichte lasst Europa zu Gericht sitzen«
Fräulein ich bewundre Ihr Gedächtnis sagte Oleander erstaunt So gründlich
haben Sie bis jetzt noch keine historische Tatsache behalten
Und doch ist auch dieser Satz eine Tatsache fiel Ackermann ein Der Fürst
hat Recht Nur sollt er vorsichtiger sein mit den Dingen die er von den
Kaufleuten nicht voraussetzt Die Kaufleute sind sehr empfindlich und für einen
Staatsmann scheinen mir Scherze über das Haus Rotschild gewagt
Nein Nein fiel Selma ein Den Fürsten hab ich aus diesen kalten Worten
nicht wieder erkannt So bitter sprach er im Walde nicht Und du Väterchen
gesteh es nur ein dass du selber sagtest Wie inconsequent Er verspottet die
Banquiers und borgt doch von ihnen
Ackermann warf Selma einen verweisenden Blick zu
Louis sprach offen seine Vermutung aus dass Ackermann wohl von des Fürsten
Anleihe bei dem Hause Reichmeier gehört hätte
Leider sagte Ackermann Ich hätte nicht gewünscht dass sich der Fürst die
Schwierigkeiten seiner Lage vermehrte
Er setzte dabei offen die ganze Mislichkeit der Lage Egons auseinander Er
erzählte wie entmutigend die Resultate wären die er aus den Büchern bei dem
Justizdirektor entnommen Er hätte Verwirrung über Verwirrung angetroffen und
könnte für nichts gutsagen wenn der Fürst immer wieder aufs neue die
Schuldenlast vermehrte Sonst hätt er geglaubt in zehn Jahren Einnahme und
Ausgabe Soll und Haben auszugleichen
Ei sagte Selma spottend als Louis schwieg Das seh ich nicht ein Der
Fürst will leben wie ein Fürst Seit er bei Hofe geliebt und verehrt wird seit
ihn die vornehmen Damen verziehen hat er sich glänzende Livreen neue Wagen und
Pferde anschaffen müssen Ist es denn wahr dass er so eitel ist und auf jeden
Teller sein E mit der Krone malen lässt
Alles Das sprach Selma mit der kindlichsten Unbefangenheit Man sah sie
glaubte mit dem Fürsten sich etwas erlauben zu dürfen Er hatte ihr in ihrem
Glauben so nahe gestanden sich ihr so zutraulich angeschmiegt Warum sollte sie
nicht so weit gehen sogar zu sagen
Hätt ich ihn nur hier Wie würd ich ihn auslachen mit seinen bunten
Tellern die mir für die kleine Hedwig da zum Buchstabirenlernen am passendsten
scheinen
Oleander betrachtete die Eifernde mit Wohlgefallen Louis nicht ohne
Verlegenheit denn er fühlte sich selbst in Egon beschämt
Herr Oleander kam nun ein wenig mehr aus seiner Einsilbigkeit heraus
Da wir wissen dass dieser junge Gottesgelehrte es verschmähte auf den Grund
einer Heirat mit dem ältesten Fräulein Gelbsattel befördert zu werden und es
vorzog dies stille und wenig einträgliche Vikariat auf dem Lande zu übernehmen
so empfinden wir schon eine gewisse Hochachtung vor ihm Louis bemerkte bald
dass der junge Gelehrte den er seines Namens wegen noch immer nicht zu befragen
wagte die liebliche Selma in sein Herz eingeschlossen hatte Die Art wie der
Herr Kandidat Selma bei Tische kleine Aufmerksamkeiten erwies verriet Dies Er
konnte ihn jetzt erst recht von seinem völlig zugewandten Antlitz betrachten
Oleander war sehr groß und mager Den Kopf trug er etwas übergebeugt Seine Züge
waren starkknochig verrieten aber Geist Das Haar hing schlicht und wohl zu
wenig gepflegt herab Das Auge verriet eine stille ernste Ruhe stand aber oft
wie nach innen gekehrt und schien einen abwesenden träumenden Sinn zu
verraten Es war gerötet wie von starkem Blutandrang oder von Nachtlektüre
Sein ganzes Wesen hatte etwas das Louis sehr an seinen geliebten Siegbert
erinnerte Doch fehlte Oleandern dessen aufmerksamer teilnehmender Jedem
liebevoll zugewandter Sinn Oleander schien mehr ein Egoist des Gemütes eine
jener unschuldigen Naturen zu sein die wie der Vogel auf den Zweigen
unbekümmert um Andre ihr Dasein hinleben Er gestand sich er hätte ihn wohl
einmal mögen predigen hören In manchen französischen Werken erinnerte er sich
junge lebensunerfahrene Geistliche so geschildert gesehen zu haben wie er hier
wirklich einen protestantischen fand Von den katholischen musste er sich sagen
dass die Dichter besonders Lamartine diese Gattung DorfVikare zu sehr
verschönerten und die idyllische Natur der Schweiz oder Südfrankreichs in denen
sie leben und wirken sollten auf ihr eigenes Wesen übertrugen Louis Armand
erinnerte sich bei allen katholischen Geistlichen einen Trieb zur Weltlichkeit
und Geselligkeit gefunden zu haben der diesem träumerischen Oleander gänzlich
zu fehlen schien
So hatte er die Einladung die ihm höchst dringend gestern Abend und heute
früh die Gemahlin des Herrn von Zeisel an Herrn Ackermann und Fräulein Selma für
morgen aufgetragen ganz vergessen Erst als Louis zufällig von der erneuten
Nachfrage nach den Büchern der Verwaltung auf Herrn von Zeisel kam und seine
Freude ausdrückte dass doch wie die Einladung auf morgen beweise zwischen dem
neuen Generalpächter und dem alten Verwalter keine Spannung obwalte und
Ackermann und Selma gefragt hatten welche Einladung erst da besann sich
Oleander auf den ihm gegebenen dringenden Auftrag
Und Das konnten Sie vergessen Freund lachte Ackermann eine so
überraschende Einladung Die erste seit wir Nachbarn und freilich auch die
unwillkommenen Gegner der Frau Justizdirektorin sind Was sagst du dazu Selma
Ich überlege schon meine Toilette antwortete Selma mit der größten
Offenherzigkeit Einer so strengen Richterin der Mode wie Frau von Zeisel wag
ich mich noch nicht auszusetzen Es ist gewiss wir finden dort zu Ehren des
Herrn Louis Armand Alles zusammen was sich nur an Honoratioren auf drei Meilen
in der Runde auftreiben lässt
Es ist gut dass du sagst zu Ehren des Herrn Louis Armand sonst würd ich
nicht hingehen bemerkte der Vater
Ums Himmelswillen fiel Oleander ein Tun Sie mir Das nicht an Wie dank
ich Ihnen Herr Armand dass Sie mich an diesen Auftrag erinnert haben Sie
kennen Frau von Zeisel nicht Ich versichere Sie dass sie seit Ihrer Ankunft
nicht schläft und über die Vorbereitungen zu dem morgenden Diner Alles Alles
vergisst höchstens ihren Stammbaum nicht
Oleander taute wie Louis sah allmälig auf
Ich habe mir in mein Taschentuch sagte er vor ihren Augen drei Knoten
machen müssen das Tuch in meinen Hut gelegt und nun will der Zufall dass ich
wegen des Regens die Mütze nehme und obenein ein neues Taschentuch Wenn ich Das
nun vergessen hätte Sie hätte mich nächsten Sonntag in meiner Predigt irre
gemacht durch die rollenden Augen die sie Einem zuwerfen kann Dank Dank
Ihnen
Man musste lachen Ackermann gab sich darein zu kommen
Nach Tische sagte Selma können wir ja einmal das Schloss besuchen Noch
niemals waren wir in den Zimmern und immer versprichst Du es Vater Jetzt wäre
die beste Gelegenheit
Ackermann antwortete darauf nicht Es schien ihm nicht lieb zu sein an dies
Versprechen erinnert zu werden Um von dem Gegenstande abzukommen gab er Louis
Veranlassung wieder von sich selbst von seiner Heimat seiner Jugend zu
sprechen Auch nach seiner Schwester fragte Ackermann jetzt und erzählte was er
von Egons Beziehung zu ihr wusste mit absichtlich hervorgehobenem Nachdruck
Louis erschrak über diese Fragen und auffallend war ihm dass sich Ackermann mit
der Erwähnung seiner Schwester nicht beruhigte sondern auch von Helene
dAzimont und zuletzt von Melanie sprach und wie absichtlich er hervorhob dass
Egons Charakter den Frauen gegenüber leichtsinnig wäre und von einem sittlichen
Standpunkte aus keine Rechtfertigung finden könnte
Die Wirkung dieser für Louis peinlichen Erörterungen auf Selma fiel ihm auf
Das Blut stieg dem holden Mädchen in die Wangen Sie wurde unruhig Sie
plauderte mit dem Kinde ohne dass sie darum aufhörte dem Gespräche der Männer
zuzuhorchen Oleandern den die Mitteilungen interessirten zog sie sogleich
von ihnen ab und verwickelte ihn in ein andres Gespräch Erst als Ackermann
merkte dass seine wie es schien absichtliche Erörterung dieser Herzenschronik
des jungen Fürsten von Selma nicht mehr beachtet wurde brach er ab und ging auf
gleichgültige Dinge über
Seid Ihr fertig rief jetzt Selma fertig mit diesen Verleumdungen Freilich
der Tod Ihrer guten Louison ist keine Verleumdung Sie wissen wohl wo sie ruht
und woran sie starb die Gute Aber Helene und Melanie Das Alles mag in
Wahrheit viel anders aussehen als die Justizdirektorin es Dir neulich
aufgeheftet hat In der Zeitung steht Helene dAzimont ist abgereist und
Melanie
Nun Selma fragte Ackermann lächelnd aber mit scharfem Blicke
Melanie ist schön sagte das gepeinigte Mädchen Ich sah sie hier zu Pferde
wie eine Königin o so schön
Louis freute sich der Bemerkung dass Helenens Abreise in der Zeitung
bestätigt war Er hatte davon gehört es nicht glauben mögen nun schien es doch
gewiss dass Egon wenigstens von dieser Seite frei war
Die Zeitungen brachten Ackermann jetzt auf den Wildungenschen Prozess der
ihn gleichfalls zu interessieren schien Lebhafte Freude empfand er über die
Mitteilung dass Louis diese beiden Brüder Wildungen kannte Er fragte nach der
Mutter der Brüder und hörte voll Bedauern dass sie krank sei und Dankmar nach
Angerode auch deshalb gereist war um sie aus der Pfarrwohnung die kalt und
ungesund sein sollte in eine behaglichere überzusiedeln Als Louis das
Tempelhaus von Angerode erwähnte sagte Ackermann fast vor sich hin mit eigenem
aber auffallendem Ausdruck
Das Tempelhaus von Angerode
Kennen Sie es fragte Oleander
O wohl kenn ich es aus meiner Jugend bestätigte Ackermann bin ich doch
selbst ein Thüringer und nicht weit von der güldenen Aue geboren Wohl kenn ich
das stolze Gebäude von roten aus dem Harz gebrochenen Sandsteinen Die Fenster
immer zu zwei und zwei dicht beisammen verbunden durch einen Pfeiler den ein
Tier oder ein Engel oder ein Heiliger ziert Die Fronte ist in Form eines
Giebels gebaut der immer spitzer und spitzer zugeht Hinter dem Tempelhause die
StJohanniskirche Zur Seite ein altes Konvikt
Dort fand Dankmar Wildungen die Papiere die die Ansprüche seiner Familie
verbürgen ergänzte Louis
Ich kenne diese Ansprüche sagte Ackermann Die Familie Wildungen ist eine
der ältesten in Thüringen Sie stammt von einem Grafengeschlechte deren Ahnen
ihr Grab bei den Sarazenen fanden Hugo von Wildungen war ein Mann von ernster
Strenge nicht verweichlicht durch den weltlichen Sinn der die Auflösung der
Johanniter in Thüringen die weithin Besitzungen hatten zu einem leichten
Spiele der Reformation machte Ich kenne die Familientradition der Wildungen
Den Jüngsten sah ich nie Den Ältesten hab ich oft als kleinen Buben auf meinen
Knieen geschaukelt Ist er Maler geworden der kleine blonde Siegbert
Louis wurde nicht müde von den Brüdern zu berichten und bat zuletzt ob er
ihnen von Herrn Ackermann nicht eine ausführlichere Kunde bringen dürfe
Der Name Ackermann wird im Gedächtnis dieser Kinder nicht leben sagte
Selmas Vater Sagen Sie ihnen nichts von mir wär es auch nur um zu
verhindern an die Vergangenheit zu denken Der Rückblick auf ihre Jugend kann
diesen Jünglingen nicht in die schöne violette Färbung getaucht sein in welcher
die türingischen Berge am Horizonte sich malen Ach sie hatten einen Vater
den alles Misgeschick verfolgte eine Mutter die erst über die Brücke der
Kinderliebe ganz zum Herzen des Gatten sich neigte Um so glücklicher wenn sie
einer märchenhaften Zukunft zusteuern und sich mit entschlossner Hand ihr eigenes
Lebensloos zu ziehen wagen aus einer hochgestellten Urne Sagen Sie ihnen nichts
von mir
Bewegt stand Ackermann auf Das kleine für die ländlichen Entbehrungen sehr
gewählt gewesene Mahl war vorüber Man wandte sich in das offenstehende Zimmer
Ackermanns wo die Zurüstungen mit Tassen und Kannen schon in aller Stille von
den Mägdehänden hergerichtet waren
Ackermann bot seinen Gästen Zigarren ohne jetzt selbst zu rauchen
Selma sagte er zeige Herrn Armand wie wir am Missouri und an der kleinen
deutschen Ulla unsre Feste feiern damals als die Mutter lebte und jetzt wo wir
von ihrem Andenken zehren
Selma setzte sich an den Flügel und präludirte einige Takte während der
Tisch abgedeckt wurde und die kleine Hedwig die schon lesen konnte fragte
welche Noten sie ihr suchen sollte
Beethoven bat Oleander
Fallen Ihnen da die besten Reime ein fragte Ackermann
Gedanken nicht Reime sagte Oleander Und dann mit den Gedanken auch die
Reime
Und mit dem Beethoven rief Selma vom andern Zimmer herein wirkt bei Herrn
Oleander auch die Digestion auf die Phantasie
Wie die Verdauung sagte Ackermann Schämen Sie sich Sind Sie da noch ein
wahrer Dichter
O bemerkte Oleander errötend leider hab ich neulich Selma gestehen
müssen dass ich die prosaische Bemerkung gemacht habe wie ich unmittelbar nach
Tisch die größte Elastizität des Geistes habe und Bilder Anschauungen Gedanken
plötzlich finde die ich sogar in nächtlicher Stille vergebens suchte Fräulein
Selma hat darüber einen Spottvers gemacht Sagen Sie ihn
Statt aller Antwort schlug aber Selma mit gewaltiger Kraft die ersten
Accorde der Sonate patétique an und schnitt damit die weiteren Erörterungen ab
Ackermann lehnte sich ein wenig in die Sophaecke Oleander seinen Kaffee
trinkend folgte dem fertigen und gewandten Spiele des jungen Mädchens das der
Musik zu bedürfen schien um sich von namenlosen Empfindungen die sie
beschlichen hatten zu befreien
Während noch Selma in dem Adagio begriffen war und mit großer Reinheit die
ersten Läufe perlenden Tautropfen gleich wie aus ihren Fingern gleiten ließ
überdachte Louis Armand die Situation in der er sich befand Er konnte sich
nicht verschweigen dass in diesem kleinen einsamen Kreise ein Element waltete
das ihm neu und fremdartig war Die sinnige kleine Welt des höheren
Bürgerlebens verbunden mit den freien und großartigen Anschauungen eines
fremden Weltteils verbreitete hier eine Atmosphäre die um so wohltuender auf
ihn wirkte als er überall im Gespräche auf die Grenze der reinsten Sittlichkeit
gestoßen war Er hatte so viel Ungewöhnliches Abnormes seit einer Reihe von
Jahren erlebt dass ihm diese Lebenskunst die hier nach dem Tumult einer großen
Reise schon so rasch einen kleinen Tempel der Häuslichkeit aufbauen konnte
etwas Ehrwürdiges hatte und er sich nur untergeordnet und aufnehmend fühlen
musste Es gibt auch kaum etwas Gefälligeres als einen feingebildeten
weltklugen Vater der sich ganz der Erziehung eines einzigen geliebten Kindes
widmet in der Tochter die hingeschiedene Mutter ehrt und für sich zuerst all
die milde Liebe und sittliche Unschuld eines solchen sich entwickelnden jungen
Wesens einatmet Wie bewegt lauschte Ackermann dem unbewusst gefühlvollen Spiele
Selmas Klar erkannte man bei Selma die Absicht mit ihrem Spiele nur den
Beweis ihres Talentes ihrer Fortschritte ihrer guten von der Mutter gelegten
Grundlage zu geben sie sentimentalisirte nicht mit der Musik sie gab eine
Übung die ihrer Bildung entsprach sie spielte Denen zu Liebe die sie hörten
und doch war ihr Spiel voll Seele und Schmelz
Zum Gesange zu dem sie Oleander aufforderte konnte sie sich nicht
entschließen Dafür suchte sie noch einige andre Meisterwerke hervor und wusste
sie alle mit gleicher Korrekteit wiederzugeben Zuletzt klagte sie dass sie
Kopfweh hätte und tat sogar gegen die beiden Stunden die sie heute noch bei
Oleander zu nehmen hatte Einspruch
Lass es mit einer bewenden sagte der Vater Ich führe indessen unsern Gast
noch einmal in das Gehöft meines Nachbars Um drei Uhr mögen Sie dann mit unserm
guten Oleander zurückfahren der wenn wir morgen bei Zeisels sind dann bis
übermorgen von uns verschont ist und einige seiner lyrischen Winterschauer
dichten kann
Oleander setzte auch mit Selma die sich mit leichter Verbeugung Louis
empfahl in ihrem Zimmer den gewohnten Unterricht fort den er ihr nun schon
seit zwei Monaten in Geschichte Erdkunde Geschmackslehre Literatur erteilte
Louis verstand die Andeutungen die über den Vikar gefallen waren hinlänglich
um sich zu entnehmen dass er in ihm einen Genossen zu begrüßen hatte einen
Priester der dichtenden Muse Nun begriff er erst warum Oleander auf der
Herfahrt tief in sich gekehrt war und an einzelnen flüchtigen Erscheinungen ein
so lebhaftes Gefallen fand Er gedachte des bitteren Gedichtes das er heute
früh selbst flüchtig entworfen und hielt es mit Recht anziehend dass zwei ohne
Zweifel im Geschmack sowie in der Bildung völlig entgegengesetzte Fähigkeiten
unbewusst sich mit derselben Geistesübung beschäftigten die Louis einen Akt des
höheren Cultus im Menschen zu nennen pflegte Wohl hätt er gewünscht zu wissen
was wohl während dem dass er an dem Frühling der Welt verzweifelte und von den
Blumen eigentlich geringschätzend sprach in diesem deutschen Gemüte entstanden
sein mochte Er war zu bescheiden danach zu fragen hoffte aber auf der
Rückfahrt sich diesem einfachen und harmlosen Manne der ihm nichts Drückendes
hatte doch noch zu nähern
Es hatte zwei Uhr geschlagen Ackermann fragte die in der Küche waltende
unpolitische Liese ob für die Leute gesorgt gewesen wäre Diese erwiderte
Wir hatten heute nur acht drüben zu speisen Wenns nicht höher kommt Herr
Ackermann verlier ich den Kopf nicht Auf dem Heidekrug hatt ich in der
Erntezeit oft dreißig Näpfe zu füllen
Ackermann der leider wieder den Regenschirm ergreifen musste erklärte
Louis dass er sich dies gewandte Mädchen vom Heidekruge herübergenommen hätte
wo die Leute nicht bleiben wollten seitdem Herr Justus überstudirt wäre
Es ist nun einmal die Art des gemeinen Mannes sagte er dass ihm da nur wohl
ist wo er auf sein Wirken und wenn es noch so klein ist ein Auge gerichtet
sieht Als dieser Justus von dem ich in den Zeitungen sehe dass er keine
geringe Rolle in der Politik spielt noch Ökonom war und auf die Hände seiner
Arbeiter sah hing ihm Alles an Jetzt wo er seinen Leuten größere Freiheit
als bisher lassen muss sollte man glauben sie gefielen sich in ihr Nein Sie
wollen dienen ohne Verantwortung dienen sie wollen untergeordnet bleiben und
haben ihm von dem Tage gekündigt dass er in die Kammer trat und auf Monate
Abschied nahm Ein gewisser Drossel wirtschaftet nun bei ihm
Links vom Hause sich auf einen Weg abwendend der durch ein Staket ins
Freie führte sagte Ackermann als Vorbereitung zu dem nun folgenden Besuch
Ich will Sie zu meinem Nachbar führen der gewohnt ist dass ich täglich
einmal bei ihm vorspreche Ein rechter Dorfmagnat Das Wenn Justus gescheit
wäre ging er wie dieser nicht über seine Sphäre hinaus und genösse sein
Wohlbefinden mit Behagen Hören Sie da das wohlgefällige Brüllen seiner Kühe aus
den Ställen Seine Schafe liefern eine solide deutsche Wolle Dies ist einer der
Menschen die sich bei Lebzeiten in ihrem Besitz nicht taxiren lassen Ihre
Zinsen fallen immer wieder zum Kapital denn sie brauchen nichts und schaffen
buchstäblich nur für die kommende Generation der Ihrigen die ihnen noch dazu
alle diese Vorsicht und Liebe durch den Eigensinn verderben der sich solcher
wohlhabenden Kinder doch in aller Stille bemächtigt
Louis ahnte sogleich dass ihn Ackermann zu dem Vater des Sergeanten Heinrich
Sandrart führte Er wusste dass dieser Ackermanns Nachbar war und zu den
Begüterten gehörte Schon machte er sich gefasst Verwünschungen über den
Soldaten über Fränzchen vielleicht über sich selbst zu hören
Der Regen war nur noch feuchter Nebel der Alles einhüllte Der Boden tief
durchweicht Um eine trockene Stelle zu finden musste man bald da bald dorthin
springen Von Bequemlichkeit Schönheitssinn von einem gedämmten Wege von
einer gefälligen Allee oder Hecke sagte Ackermann ist bei unsern Bauern nicht
die Rede Nur der unmittelbare Ausdruck des Nutzens hat für sie Wert Ist Das
bei Ihnen auch so
Nein musste Louis erwidern im Süden verrät der ärmste Hüttenbewohner eine
erlaubte Gefallsucht Er schmückt sein Häuschen und wenn es mit einigen
Blumenstöcken wäre
Es ist wahr sagte Ackermann ich war in Italien Schon im südlichen
Deutschland und der Schweiz trachtet man nach dem Gefälligen während hier Alles
auf den reichsten Erwerb von Schinken Speck Würsten Kartoffeln Korn und
baarem klingenden Gelde hinausläuft
Indem waren sie bei dem Gehöft des Bauern Sandrart angekommen Ein großes
Holztor musste in ganzer Weite geöffnet werden um in den Hof zu kommen An
Scheunen und Ställen ein Überfluss Hunde von allen Racen schossen aus kleinen
hölzernen Hütten Ihr Gebell war aber eine frohe Begrüßung denn mit Ackermann
waren sie Alle befreundet Die niedrige Eingangstür des bescheidenen Hauses
dessen einziger Schmuck grell angestrichene rotgrüne Fensterläden waren hatte
eine Klingel die beim Öffnen durch das ganze Haus dröhnte
Sandrart schläft doch nicht fragte Ackermann eine alte Magd
Sie schüttelte den Kopf neugierig auf einen Fremden lugend den heute Herr
Ackermann mitbrachte
Ackermann öffnete eine Tür aus der der Qualm des überheizten grünen
Kachelofens ihnen entgegenströmte Die Decke des Zimmers war niedrig Die Wände
hingen voll geringer Kupferstiche und bunter Farbenklexereien
Hinterm Ofen sich ausdörrend saß der alte Sandrart in einem Sorgenstuhl und
erhob sich Eine kleine stämmige Gestalt in kurzer Jacke mit großen silbernen
Knöpfen Dem runden ziemlich ebenmässigen Antlitz konnte man seine gewöhnliche
Physiognomie nicht entnehmen da der Alte verdrießlich schien und gleich voll
Zorn auf einen Brief wies den er heute empfangen
Zuerst bester Nachbar sagte Ackermann mit spielender ironischer
Leichtigkeit zuerst stell ich Euch einen Besuch aus der Residenz vor Herrn
Louis Armand
Sandrart wusste nichts von diesem Namen und nickte mürrisch verlegen
O mein Sohn fing er sogleich an mein Sohn mein Sohn Herr Nachbar
Schon wieder Kummer über Euren Sohn Schon wieder Schlimmes von ihm
Louis horchte mit großer Spannung und setzte sich auf einen der gepolsterten
kattunüberzogenen Stühle die in dem Zimmer standen
Ich wette es ist wegen der Heirat Eures Sohnes Nachbar Ich hab es immer
geraten Nachbar lasst ihn freien wen sein Herz begehrt
Die nicht Die nicht sagte der Alte und wenn sie sich auch dicht hier
schon an die Haustür hergepflanzt hat
An die Haustür schon sagte Ackermann sich umblickend Da seh ich nur Eure
wilden Hunde denen es bald zu kalt werden wird
Drüben im Forstause ist sie ja
Im Forstause
Sie haben ja nicht geruht bis sie nur noch einen Sprung in meinen
Waizenkasten hat
Sie müssen wissen Herr Armand sagte Ackermann immer launig und scherzend
Vater Sandrarts Waizenkasten ist sein Geldkasten Ich möchte doch wohl wissen
wo er steht Nachbar der Waizenkasten
Sandrart lachte pfiffig in sich hinein Wenn man von seinem Gelde sprach
wurde er immer launig aus einer Art von Schabernack Heute fiel er aber bald
wieder in seinen grimmigen Ton zurück
So viel weiß ich drüben ins Forstaus kommt der Waizenkasten nicht Ich
habs auch heute dem Heunisch gesagt
Waren Sie drüben fragte Louis angeregt
Das fehlte noch antwortete der Bauer hochfahrend Ich Dem nachlaufen Hier
ist er gewesen der Heunisch und hat wieder von der Geschichte angefangen Ich
leids nicht Heinrich soll sich nach seinem Stand umsehen und mir ein Mädchen
bringen die mehr versteht als Staatshauben
Ackermann war einigermaßen über diese Verwicklungen unterrichtet
Ist das Mädchen im Forstause fragte er Franziska Heunisch die Nichte des
Försters Aber Alter hört doch Fränzchen Heunisch wie Das hübsch klingt
Fränzchen Das müsst Euch ja sein wie wenn ein Kätzchen um Euch wäre und Euch
streichelte Denkt nur wenn so eine weiche Hand da über Euren Bart fährt wie
gut Euch Das täte Ist sie schmuck Sie kennen sie ja Herr Armand Wollen Sie
nicht ein gutes Wort für diese Verbindung einlegen
Louis war in Verlegenheit Doch lobte er Fränzchens Schönheit
Ah glatt hin glatt her sagte der Alte Ich habe sie ja gesehen vor drei
Monaten Eine Mamsell passt nicht für die Diele draußen Soll ich mit einem Jäger
in Freundschaft kommen
Das ist wahr sagte Ackermann ein Lohndiener des Fürsten und Ihr ein
Freiherr vom Ullagrunde Nein Das wäre nicht nach der Ordnung Aber Nachbar
die Ordnung könnt Euch am Ende eine Tochter ins Haus bringen die wohl Batzen
aber garstig raue Hände hat mit Euch zankt Euer Leibgericht nicht kochen
will und warum Weil ihr selbst die Klösse im Magen drücken
Sandrart lachte
Ich ging einmal von der Ordnung ab
Der Bauer schüttelte den Kopf
Jetzt erst recht nicht sagte er wo ich keine Ruhe vor ihr haben soll wo
sie schon angezogen kommt und sich in der Nachbarschaft will sehen lassen Jetzt
grade nicht
Aber Nachbar wie ist mir denn so viel ich weiß ist das Mädchen Eurem
Sohne nicht einmal zugetan Jeder Brief den ich Euch vorlesen muss erzählt von
seinem Kummer dass es Fränzchen mit ihm nicht mehr mag wie sonst
Heimtückerei sagte Sandrart Sie wird wohl Gott danken wenn sie meine
Permission kriegt Mit dem Förster Mit denen da in dem Forstaus verwandt Mit
dem Blinden in der Schmiede
Die haben Geld
Wer weiß wie gewonnen Landläuferisches Volk Wenn mir der Heinrich so käme
wozu hab ich denn das Haus aufgerichtet das Ihr bewohnt Nachbar Wozu
ließ ich ihn den Jungen denn was lernen lesen schreiben rechnen er bläst
Flöte er wird Soldat das musst er nimmt seinen Abschied er bringt
mir ein Mädchen zu aus Randhartingen oder Schönau wo die fettesten Bauern
sitzen Will ich sie doch hier nicht in dies alte Haus führen obgleich es vor
zehn Jahren erst renovirt ist ich lege den Bau da oben an und nun für wen für
die da im Forstause Nein
Dies Nein hatte etwas im Ton das man nur mit fletschenden Zähnen
hervorbringen konnte Der Alte war gewiss fern von aller ursprünglichen Bosheit
aber im Punkte seines Stolzes und seines Eigennutzes kannte er nichts was seine
Empfindung milderte
Vorläufig hoff ich sagte Ackermann dass Euer Sohn General wird und seinen
Abschied erst auf dem Felde der Ehre nimmt Das von wegen des Hauses
Nun sagte Sandrart beschwichtigend für drei Jahre Nachbar ists ja Euer
Wenn er eine brächte der Heinz die mir gefällt muss sie erst noch
Hier hinter dem grünen Kachelofen mit Euch schmoren unterbrach ihn
Ackermann Ich sag Euch Nachbar gebt Euren Eigenwillen auf Der Heinz tut
einmal nicht was Euch gefällt Was habt Ihr ihn Flöte blasen lassen Wer Flöte
bläst Alter setzt sich hier nicht im Winter unter Eure Lerchen da im Bauer
die bei jedem Sonnenblick denken draußen ist Frühling und stoßen sich den Kopf
weil sie singen wollen Der sucht die Lerchen draußen auf dem Feld Rechnet doch
auf Kinder nicht die sich verlieben und im Kummer Flöte blasen können Seid
froh wenn ihn nicht das Auswanderungsfieber befällt
Das wäre sagte der Alte zum Tod erschrocken
Nun
Ein Vagabund
Oho
Ja so Nachbar Vergebt Das hatt ich ganz vergessen Ihr wart auch
draußen Aber lest mir den Brief wenn Ihr die Güte haben wollt
Ackermann nahm das Papier das der Bauer in Händen hatte warf einen
verstohlnen Blick auf den mannichfach bewegten Louis und las ein Schreiben vor
in welchem zuvörderst nur von Schinken Würsten Butter und Käse die Rede war
Der Feldwebel ließ danken drei Unteroffiziere dankten Alle versorgte der Bauer
aus dem Ullagrunde mit Lebensmitteln »Vater hieß es aber nun weiter Vater
ich muss Sie recht um Gottes Willen bitten seien Sie christlich mit der
Franziska die nun jetzt doch zu ihrem Onkel nach Plessen ist Sie hat von mir
in Güte Abschied genommen und mir gesagt Sandrart wenn ich im Frühjahr noch
lebe und Sie kommen zu Ihrem Vater so will ich Ihnen recht gut werden wie eine
Schwester Ich weiß nun auch dass sie gern einen Andern möchte lieber leiden
aber ich habe doch von Märtens die grüßen lassen auf Ehre und Seligkeit
gehört dass es bei dem nur guter Wille ist und Freundschaft aber keine reelle
Absicht Sagen Sie ja in das Försterhaus hinein dass ich Franziska grüße und ihr
wünsche dass ihr die Zeit nicht sollte lang werden bis zum Frühjahr und dass ich
keinen Ball in diesem Winter besuche Lieber Vater ich habe dieser Tage ein
großes Malheur können haben Ich muss es Ihnen doch auch schreiben was es war
Es war wieder wo ich Ihnen schon öfters geklagt habe von wegen meinem
Lieutenant Ich hatte weil die Franziska nun abgereist ist die Flöte
mitgenommen in die Kaserne und Alle hören gern wenn ich manchmal des Abends
blase So blas ich vorgestern Abend um fünf Uhr wies schummrig ist und da
kommt der Lieutenant hereingestürzt und der Portepéefähnrich auch und sie
fluchen ein Donnerwetter über das andre weil ich hätte ein demokratisches Lied
geblasen Das war aber nur die Melodie gewesen die ich
Ackermann meinte hier wäre etwas verwischt
Blus sagte der Bauer blus blus heißt es wohl
Blus
Blus Blus wiederholte der Alte Nun setzte er drängend hinzu
Allein fuhr Ackermann fort zu lesen was ist es meine Schuld gewesen dass
die Soldaten nun Alle laut ein Lied sangen das auf diese Melodie gar nicht
gesetzt ist Der Lieutenant schimpfte uns einen Strauchbuben und Demokraten über
den andern worauf ich ärgerlich wurde und ihm etwas sagte was er sagte dass
ich es ihm schon einmal gesagt haben sollte Ich sagte aber nichts als Herr
Lieutenant wir sind jetzt nicht im Dienst Da wurde er fast toll zog die
Plempe und schrie dass ich ein Landesverräter und alle Tage wohl capabel wäre
dem König meinen Eid zu brechen Und eher wollt er mich niederstechen wobei
ihm der Portepéefähnrich Sie kennen ihn ja es ist der kleine blonde er heißt
von Flottwitz den Arm hielt dass er nicht so schändlich konnte ausführen was
er drohte Aber eine Rede hielt er nun dass er schon längst wisse was die
dritte Kompagnie zum Abschaum in der Armee mache und dass wir die Kocarde
verlieren sollten und solche niederträchtige Sachen mehr bis er dann sagte dass
er alles Dieses aufschreiben und mich wegen meiner Rebellion auf acht Tage in
Mittelarrest bringen würde Das nahm auch seinen Fortgang Beim Appell wurde ich
vorgerufen und mein guter Major der Herr Major von Werdeck für den das
Bataillon sein Leben in die Schanze schlägt sagte mir Hören Sie Sandrart ist
es wahr Sandrart sagte er dass Sie ein demokratisches Lied geblasen haben
Herr Major sagt ich ich habe eine Melodie geblasen auf die die Soldaten
einen Vers sungen der darauf passte wie die Faust aufs Auge Was blusen Sie
fragte der Major »Wenn ich in stiller Mitternacht« sagte ich Und was sungen
die Soldaten »Was ist des Deutschen Vaterland« Darauf kehrte sich mein braver
Major zu unserm Lieutenant um sagte gar nichts sondern nahm seinen Tschako ab
Das war prächtig Auf unserm Tschako haben wir jetzt nämlich zwei Kocarden die
von unserm Landesvater und die vom deutschen Vaterland Da sagte er gar nichts
sondern zeigte bloß auf die kleine Kocarde dass die noch gälte und er ging dann
seiner Wege Der Lieutenant warf mir aber einen giftigen Blick zu und wird mirs
wohl noch gedenken Lieber Vater es ist hier nicht Alles so wie es sein sollte
Unser Fürst Egon ist Minister geworden Ich sah ihn heute früh in die Kammer
fahren Er sah schon recht blass aus Den werden sie bald mürbe kriegen Adie
lieber Vater Sie brauchen mir vor Weihnachten nichts mehr zu schicken seien
Sie nur freundlich mit Franziska und grüßen Sie sie von mir auch Herrn Armand
der jetzt auf dem Schloss ist aber bald wiederkommen wird Er ist Franziska
zugetan und sie hat ihn gern das weiß Gott Leben Sie wohl lieber Vater und
bleiben Sie noch lange am Leben Dies wünscht Ihr Sie aufrichtig liebender Sohn
Heinrich Sandrart Sergeant in der dritten Kompagnie Leibregiment«
Der Eindruck dieses Briefes war auf jeden der drei Anwesenden ein andrer
Ackermann schien erst an den naiven Wendungen und dem gutmütigen Charakter
des jungen Bauernsohnes den lebhaftesten Gefallen zu haben stockte aber am
Schluss bei der Stelle über die Nachricht von Egons schwieriger Stellung und
seinem bedenklichen Aussehen
Auch Louis hörte die Mitteilung voll Besorgnis war aber von dem gläubigen
vertrauenden Tone seines Nebenbuhlers beschämt während er sich vorwurfsvoll
sagte Wie unwahr bist Du Wie grausam und wie töricht Der Bauer aber der
eben als der Brief zu Ende ging sich anschicken wollte auf die verdammte
demokratische Richtung seines Sohnes loszuwettern erschrak über den Schluss bei
welchem Ackermann im Lesen auf Louis Armand deutete so sehr dass er in
Verlegenheit geriet jetzt erst zu begreifen wen er vor sich hatte Den
bekannten Freund des Prinzen Den Abgesandten desselben Egon den er auf der
Landstraße einst zu sich genommen hatte in seinem Wagen in die Stadt führte und
für einen Landstreicher hielt und so behandelte Er hatte Ackermann oft genug
davon erzählt mit Beklommenheit sich von Heunisch und Herrn von Zeisel
berichten lassen was Se Durchlaucht selbst über diesen Vorfall gemunkelt
hätten und nun war dies jener im ganzen kleinen Fürstentume bekannte Freund und
Gefährte der sonderbaren Jugendschicksale des Fürsten der wie Alle einstimmig
versicherten ein einfacher Tischlergesell sein sollte Vor Erstaunen blieb ihm
der Mund offen In seiner Verlegenheit hätt er gern dem Franzosen einen Beweis
seiner Achtung auch gern einen Einblick in seine gute Lage geben mögen
Er sprach von einem Staatszimmer das er hätte sollen aufschließen lassen
und äußerte sogar etwas von Wein den er doch im Keller hätte
Da kommt es heraus sagte Ackermann der wieder zu seiner Laune
zurückkehrte Nun schämt er sich dass er uns so bärbeissig empfangen hat Am
besten Nachbar könnt Ihr es dadurch gut machen dass Ihr diesen freundlichen
Herrn ersucht bei dem Fränzel das ich nun auch kennen lernen muss ein gutes
Wort für Euren Sohn einzulegen damit der arme Flötenbläser der für den König
nicht zu taugen scheint erhört wird seinen Abschied nimmt und hier zum Vater
herzieht Eine Probe ihrer Liebe soll die sein dass sie noch drei Jahre mit
Euren heißen Kachelöfen in deren Nähe eine luftliebende Lunge umkommen kann
vorlieb nimmt
Ne sagte der alte Bauer wieder mit demselben Ausdruck bestimmter ruhiger
und kalter Malice So nicht
Eigensinniges Volk das Ihr seid polterte Ackermann und brach nun auf
Kommen Sie Freund es ist hier zu heiß
Der Bauer begleitete mit vieler Umständlichkeit und dem Drange sich
eigentlich jetzt erst recht lebhaft mit dem jungen Franzosen zu verständigen
seinen Besuch vor die Tür und über den Hof Es regnete nicht mehr Der Weg war
nur zu schlecht sonst hätt er Louis gern ausführlicher über seinen Sohn ob er
ihn kenne wo er ihn gesehen hätte wie er ihn gesehen hätte ausgefragt Den
Fürsten den er auf seinem Leiterwagen gar schnöde behandelt haben musste wagte
er nicht zu erwähnen
Louis Armand war in der eignen Lage von Heinrich Sandrart mit Interesse
sprechen zu müssen Er räumte ihm all die vortrefflichen Eigenschaften von
Herzen ein die er an dem jungen Nebenbuhler kannte und trotz seiner geteilten
Empfindung zugestehen musste
Als Ackermann mit Louis allein war und zu seinem Wohnhause die Schritte
zurücklenkte verwünschte er den Eigennutz dieser besitzenden Klasse auf dem
Lande und fand alle Fehler des deutschen Charakters in unserm Bauernstande
wieder Man spräche sagte er vom Egoismus der Fürsten und des Adels diese
Bauern wären die ärgsten Verbündeten jenes auf Vorrechte und ein gieriges Mein
oder Dein begründeten stabilen Prinzipes
In der weiteren Ausführung dieser Tatsache und ihrer Vergleichung mit den
Verhältnissen andrer Länder besonders dem freien Blicke der amerikanischen
Farmer kehrten sie zu dem Wohnhause zurück wo schon der Knecht mit dem
Einspänner harrte Selma und Oleander waren noch nicht sichtbar Ackermann
horchte an der Tür wo die Lection gehalten wurde und ersuchte Louis da sie
noch nicht zu Ende schien noch so lange bei ihm einzutreten
Louis fand dadurch Gelegenheit die Eindrücke dieses Besuches noch einmal
zusammenzufassen für die freundliche Aufnahme zu danken und Ackermann den
glücklichsten Fortgang seiner Unternehmungen zu wünschen
Empfehlen Sie mich dem Fürsten sagte Ackermann indem er Louis Hand
ergriff sagen Sie ihm dass ich mich bemühen werde das in mich gesetzte
Vertrauen zu rechtfertigen Zu Neujahr treffen die Hilfsmittel meiner künftigen
Tätigkeit ein Sehen Sie der elende und geringe Sinn den Sie bei jenem Bauer
meinem Nachbar gefunden haben ist er nicht eine Folge der elenden und geringen
Hilfsmittel mit welchen man bisher der Natur ihre Geheimnisse die sie ungern
hergibt zu entlocken suchte Da wo der Mensch und immer nur der Mensch allein
höchstens mit einem dummen Stiere einem geduldigen Pferd der großen
allgewaltigen Natur gegenübersteht und sie sich allerdings in gewissem Sinne
dienstbar macht da wächst auch der Dünkel der Hochmut wenn nun wirklich
diese kleinen Handgriffe gelingen und sich ihre Erträgnisse in Geld verwandeln
das man nicht zu benutzen versteht Sagen Sie dem Fürsten doch ich spreche
Sie ja morgen noch Wie lange denken Sie zu bleiben
Wenn Egon leidet sagte Louis wenn ich höre dass ihn sein politisches
System vielleicht zu gewaltsamen Schritten treibt so hab ich einen Drang bei
ihm zu sein der mich in wenig Tagen von hier entfernen wird
Bleiben Sie in seiner Nähe schloss Ackermann mit einem eignen Tone der
Rührung Schützen Sie ihn vor der Welt auch vor sich selbst Ich fürchte er
kam zu jung auf einen Platz der gereifte Männer erfordert Ich fürchte die
traurige Ideenlosigkeit des Momentes die schwierige Lage des Hofes und die
Ratlosigkeit mit der sich die privilegirten Stände nach Geistern umsehen die
für sie mit einer leidlichen Theorie in die Schranken treten hat hier etwas zu
Stande gebracht was weder jene zu ihrem noch ihn zu seinem Ziele führt
Entweder zerfällt jene Gesellschaft mit Egon oder Egon mit sich selbst das
Letztere
Wäre entsetzlich fiel Louis ein
Wenn Sie Ihren Freund und Gönner recht in Gefahr wissen in geistiger
Gefahr wollen Sie mir es dann schreiben sagte Ackermann Versprechen Sie mir
Das
Ich versprech es Ihnen antwortete Louis überrascht
Ich verstehe mehr als den Feldbau fuhr Ackermann fort Ich kenne das Leben
und die Wissenschaft war einst mein Beruf
Wie ist es nur möglich musste ihn Louis den diese Bemerkung schon lange
brannte jetzt fragen wie ist es nur möglich dass ein Mann von Ihrer
Weltbildung die ihn recht eigentlich auf den Verkehr der großen Städte
anzuweisen scheint sich durch dies einfache Landleben befriedigt fühlen kann
Sie stehen geistig so hoch und müssen hier so niedrig steigen Es umgeben Sie
Menschen die unbedingt keine andre Sprache verstehen als die der Beschränktheit
und Selbstgenügsamkeit
O mein junger Freund antwortete Ackermann schon seit einer Reihe von
Jahren hab ich mir dies Leben der Beschränkung und Einsamkeit anfangs als eine
Läuterung die mir schwer wurde dann als eine Pflicht die mir Vergnügen
machte auferlegt Was ist diese Welt Ich habe sie durchgekostet bis zur Hefe
Ich bin in den Irrtümern des ringenden Ehrgeizes der ungebändigten
Herzensregungen aufgewachsen Ich habe mich auf seidene Polster gestreckt und
aus goldenen Bechern die Lust des Lebens getrunken Ich war nie vermögend aber
ich besaß angeboren das Talent des Reichtums Ich konnte Denen die besaßen
meine Phantasie leihen und ihnen sagen was den Genuss steigere und veredle Ich
lag wie auf Rosenblättern und über mir herab hingen die vollen braunen Trauben
Ich durfte nur zugreifen Freilich war ich dabei ein Sklave Ich hatte die
Freiheit des Herzens nicht Für Glück und Annehmlichkeit die mich umgaben für
Liebe sogar die mich mit weichen Sammetänden pflegte musste ich doch die Kette
dieser Liebe die meinem Ideale nicht entsprach hart empfinden Wissen Sie was
eines der kläglichsten Loose des gebildeten Menschen ist Empfindungen heucheln
zu müssen die man nicht hat erkenntlich sein müssen für eine Hingebung deren
Gründe uns verdächtig scheinen Ich war jung strebsam ehrgeizig Ich hatte
eine Phantasie wie Sardanapal Ich konnte mir die glänzendste Welt in der ich
leben mochte zaubern Da fand ich sie Ein Weib das mich liebte schüttete die
Freuden der Bequemlichkeit auf mich herab Ich reiste mit ihr Sie liebte mich
ich erwiderte wenigstens äußerlich ihre Hingebung und musste mir sagen weil ich
besser weil ich edler in meinen Regungen war als sie selbst in ihren
angeborenen ehrgeizigen unwahren so hielt ich sie in ihrer sittlichen Haltung
empor und diente ihr als Stamm und Anlehnung
Allein es war eine Sklaverei Lieben sollen wo man nicht liebt Schön
finden müssen was uns nicht gefällt O mein Freund ich erkenne in dem Freunde
des Fürsten Egon so bescheiden und anspruchlos Sie auch sind doch ein Auge
das auf die Tiefe des Herzens geht und sage Ihnen ich verachtete mich Ein
junger Mann geliebt von einer älteren Frau die für ihn sorgt ihn nur für sich
und nur für sich in Beschlag nimmt ist in neunzig bei hundert Fällen tief tief
verächtlich Ich klirrte mit meiner glänzenden Kette Ich riss mich heimlich
zuweilen los Ich fand Wesen die mich bemitleideten weibliche Wesen die
schöner lieblicher edler als meine Herrin waren Ich genoss kurze Triumphe
meiner Freiheit und musste doch zu meinem Joch zurückkehren denn ein eigener
Zufall wollte dass meine Gebieterin von der festen Vorstellung beherrscht war
dass sie früh sterben würde Ich kann Ihnen den ganzen Roman meines Herzens nicht
erzählen Nur andeuten wollt ich was mir dies Leben da in den Städten und
unter den civilisirten Menschen zum Ekel vergällte Ich fand ein kindlich reines
Gemüt das mich liebte die Mutter meiner Selma Es war eine einfache
Weiblichkeit die nichts zu bieten hatte als sich selbst Wie fühlt ich mich
veredelt von ihrer reinen Ursprünglichkeit Da lag noch Alles unentweiht in der
jugendlichen Brust nichts vergeudet nichts angegriffen von Dem was zu ihren
edelsten Schätzen gehörte Ich fühlte wohl dass bei diesem jungen Kinde das
durch eine sonderbare Fügung von meiner früheren Geliebten systematisch dahin
erzogen wurde mich liebenswert zu finden und ihr Grauen vor mir zu besiegen
ich fühlte wohl dass eine bedeutende ihre Umgebungen umgestaltende Entwickelung
bei Selmas Mutter nie eintreten würde aber gerade dass ich ihr so viel von dem
Meinen zu geben hatte und dass es nur das Gute war was ich aus meinem Wesen
ausscheiden musste zu ihrem Dienste das hob mich wieder sittlich empor und
bestärkte mich in meinem Entschluss mir eine große starke lebenerschütternde
Läuterung aufzulegen Ich ging nach Amerika Da hab ich am Missouri einsam
gelebt und mir die Reste der besseren Bestimmung noch wohlweise und sorglich
einmal zusammengelegt Es gab ein Ganzes Es war nichts Halbes mehr was mich
erfüllte Ich lebte einem Berufe der mir anfangs schwer wurde dann mich aber
unterhielt mich sogar begütert werden ließ Ich sah wohl dass Selmas Mutter
durch die Trennung litt Da hatt ich eine geistige Aufgabe zu lösen einen
Mollton durch unser Leben durchzuführen Auch dieser Schmerz dessen Ursache ich
sogleich doch nicht aufheben konnte wirkte milde und gut Ich verwies auf
zukünftige Hoffnung und versprach Rückkehr nach Europa Die Gute erlebte sie
nicht So musst ich ihrem Kinde Selma mein Wort halten Ich kehrte ungern
zurück Aber wenn ich diese Ehrenschuld die ich abzutragen hatte gern bezahlen
soll so musst es so kommen wie jetzt Ich bin ein Ascetiker der Weltlichkeit
Ich bin ein Egoist der Universalität Ich weiß nicht ob ich Ihnen verständlich
bin Ich will nur sagen dass ich in meinem kleinen Dasein das ganze All
wiederzuspiegeln suche und nichts tue nichts im Geringsten und Kleinsten
ergreife ohne mir zu sagen Das muss so sein Das ist gut so Die alte Zeit wo
mir Alles nur provisorisch war wo ich immer rannte hoffte mich und Andre
vertröstete liegt hinter mir Was ich beginne ist nützlich und was ich sehe
und erlebe ist gut Ich will nichts mehr vom Überfliegenden Da jenen Strauch
an diesem Fenster zu beobachten wie lange ihn der Schnee decken wird und wann
er sein erstes grünes Keimchen schießen wird Das ist mir eine Wonne und auf
solche Freuden beschränk ich mich So sehen Sie denn dass ich mit Bauern
bäurisch mit Handwerkern handwerksmässig mit Dichtern dichterisch empfinden und
reden kann ohne verdrießlich zu werden und wie in jungen Zeiten etwa mein
Schicksal zu beklagen
So sprach Ackermann
Hätte ihn Pauline von Harder reden hören den geliebten Heinrich Rodewald
sie würde doch vor Wehmut und Wonne gezittert haben ob er sie gleich anklagte
Sie besaß die Fähigkeit auch diese Größe seiner Worte zu verstehen
Louis Armand musste während dieser ihn ehrenden Geständnisse eines solchen
Mannes an Murray denken Es war derselbe Geist der Reue der beide Männer
ergriffen hatte hervorgegangen aus unähnlichen Zuständen Er hätte gern
gewünscht zu wissen ob in Ackermann die religiöse Färbung seiner Gefühle auch
so stark war wie bei dem ehemaligen in sich gekehrten leichtsinnigen
Verbrecher Deshalb warf er das Wort hin
Die strebende Jugend die nicht ruhen kann muss Sie um diese Läuterung
beneiden Sollte man diese Weisheit zu der Sie sich aufgeschwungen haben nicht
Religion nennen
Es ist meine Religion erwiderte Ackermann mich gebunden zu fühlen Früher
war die Ungebundenheit meine Religion Ich bin noch rüstig ich fühle die Kraft
in mir mit Vielen in der großen Welt einen Wettlauf zu beginnen Ich würde mich
aber verachten wenn ich ihn anträte Religion ist das als eine
Lebensnotwendigkeit tiefempfundene Gefühl der Abhängigkeit Freilich die
meisten Religiösen machen aus der tiefempfundenen Tatsache ein tiefempfundenes
Bedürfnis dieser Tatsache Das kann ich nicht Diese Religiosität die an sich
schon das Bedürfnis der Schranke hat das Bedürfnis der Gebundenheit ist
Schwärmerei und mit Schwärmerei ist Gefahr verbunden Diese Art von Religiösen
spricht von Läuterungen und läutert sich meist nur durch Das was ihnen grössres
Wohlgefallen verursacht Ich kannte eine Frau die sich für die Sünden ihrer
Jugend dadurch läutern wollte dass sie die Feder ergriff und schrieb Lieber
Himmel die Zeit der Blüte war vorüber Sie hatte gut sich läutern durch etwas
was ihr einen neuen Lebensreiz bot Ich kannte Andre die sich läuterten indem
sie aus unsrer Kirche in die Ihrige übertraten Die Wollust des Geistes spielt
mit der der Sinne geheimnisvoll zusammen
Eine Läuterung kann ich nur da finden wo man sich in etwas seiner Natur
und Neigung Widersprechendes aber objectiv als gut und vollkommen Anerkanntes
hineinlebt und in der Pflichterfüllung eine süße Freude genießt
Bei diesen Worten öffnete sich die Tür Selma und Oleander traten ein
Dieser um für heute Abschied zu nehmen Jene um zu fragen ob es nun für
morgen bestimmt dabei bliebe dass sie im Plessener Amtshause zu Tische wären
Warum nicht sagte Ackermann Gewiss gewiss Sagen Sie der Justizdirectorin
zu dass wir kommen
Damit begleitete er die Scheidenden an den Wagen der ihm gehörte Die
kleine Hedwig musste auf Selmas Verlangen Grüße an die Mutter und Geschwister
bestellen Louis bat Selma sie möchte sich der rauen Luft nicht aussetzen und
in das Haus zurücktreten Sie war erhitzt Ihre Farben glühten wie vom Pinsel
des Malers aufgesetzt Louis nahm noch einmal den vollen Eindruck ihrer Anmut
hin dankend für die freundliche Aufnahme versicherte dass er Egon auf ihren
Wunsch die Lection lesen würde für seine Urteile über Amerika und fuhr dann mit
dem wieder schweigsam gewordenen Oleander begleitet auch noch von einem
zutunlichen Nachnicken der etwas dreisten Magd aus dem Heidekruge über den Hof
auf die Straße hinaus die sie heute früh gekommen waren
Sechstes Kapitel
Waldeinsamkeit im Winter
Regnerische Herbsttage enden oft mit einem Abend wo sich der Himmel aufklärt
und ein roter Streifen am westlichen Horizont die scharfe gereinigte Luft
verkündet die nun bald den ganzen Winter bringen wird
Ein solcher roter Streifen lag weit über die Ebene hin die sich vom
Ullagrunde immer mehr niedersenkte und nur noch bei Plessen und Hohenberg einmal
in die Höhe stieg
Louis konnte dem Drange nicht Einhalt tun sich über diesen Empfang und
diese beiden Wesen Vater und Tochter mit voller Teilnahme auszusprechen Er
sagte wenn Selma in dem Geiste ihres Vaters reife müsste sie ein weibliches
Ideal werden
Es war nicht ganz der Widerschein des Abendhimmels dass Oleanders Wange bei
diesen Worten dunkel erglühte
Da Sie Dichter sind sagte Louis haben Sie in Ihrer Schülerin eine Muse
die Sie zu manchem Verse begeistern wird Darf ich Sie nicht bitten mir einmal
einige Mitteilungen Ihres Talentes zu machen
Besuchen Sie mich in einer Abendstunde sagte Oleander Am Tage hab ich oft
in der Frühe die Plessener Schule zu besuchen an zwei Wochentagen ist
Religionsunterricht dann fahr ich auf den Ullagrund finde Abends heimgekehrt
noch manche amtliche Pflicht Samstags bereit ich mich auf meine Predigt vor
so kann ich nur des späten Abends mich mit dem Niederschreiben der Verse
beschäftigen die mir freilich schon den ganzen Tag wie mouches volantes vor den
Augen tanzen
Suchen oder finden Sie Ihre Ideen fragte Louis dem es lehrreich war in
die Werkstatt einer Kunst zu blicken die er mehr als Naturalist und nur des
Tendenzzweckes wegen trieb Man hatte ihm auch schon den Unsinn beweisen wollen
dass die Tendenz mit der Poesie unvereinbar wäre oder die Schwingen des Talentes
nicht in reine Sphären tragen könne
Ich suche die Ausführung antwortete Oleander aber ich finde die
Veranlassung Beim Ausführen muss der Verstand helfen Das Finden ist zufällige
Anregung Ich möchte diesen Zustand mit dem Blick in den Nachthimmel
vergleichen wo plötzlich von den Sternen uns ein Lichtglanz abzufallen scheint
Die besten Gedichte müssen solche Sternschnuppen sein
Aber im August und November sagte Louis nicht ohne Feinheit fallen die
Sternschnuppen mit einer gewissen Regelmäßigkeit Dann muss es Gedichte geben
man mag wollen oder nicht Ist nicht die Liebe eine solche ewige August und
Novembernacht des Dichters
Oleander der eine tiefe Neigung für Selma gefasst zu haben schien schwieg
fast verlegen
Nach einer Weile wiederholte er seine frühere Aufforderung
Wenn Sie noch eine Weile bei uns bleiben kommen Sie einmal des Abends auf
mein Stübchen Ich will Ihnen dann etwas von meinen Versen lesen Das Beste wird
wohl vorläufig daran sein dass ich sie alle sehr zierlich in ein Buch eintrage
das ich früher für gelehrte Zwecke bestimmte Da steht immer eine lateinische
Phrase auf dem Anfang des Blattes und hinterher folgen meine deutschen
Reimereien
Das erinnert mich sagte Louis an jenen jungen Mönch den die Brüder seines
Klosters zum Vorsteher der Bücherei gemacht hatten Er saß unter all den
heiligen Werken und sollte sie durch Abschriften noch vermehren Am Fenster vor
den bunten Scheiben stand ein Lindenbaum dessen Zweige schattig und kühlend in
die Bücherei fielen Da stand sein Tisch da am Fenster sollte er schreiben Nun
aber kamen die jungen hübschen Mädchen am Kloster vorüber und Alle grüßten den
jungen Schreiber Wie gern hätt er sie aufgehalten Wie gern mit ihnen
geplaudert Von seiner Liebe durfte der Arme ja nicht sprechen und doch
plauderte er so gern mit der Jugend und der Schönheit So suchte er sie anfangs
mit dem Lindenbaum zu fesseln und pries ihn als so kühl und schattig Setzt Euch
doch Aber sie gingen bald wieder fort die jungen Mädchen Dann pries er den
Gesang der Vögel in dem Baume Aber sie zwitscherten nicht gerade dann immer
wenn die hübschen Mädchen kamen
Da nahm er die alten Legendenbücher mit den bunten kostbaren Buchstaben und
den herrlichen Heiligen auf Pergament gemalt Jede die nun kam und vorüber
wollte fragte er wer ihr Schutzpatron wäre und Jeder schenkte er wenn sie mit
ihm geplaudert hatte und auch wohl an einer Bank unter dem Fenster
hinaufgestiegen war und ihm einen Kuss gegeben hatte ein schönes Bild ihres
Schutzpatrons Bald hatte der Glückliche einen solchen Zulauf von allen Schönen
der Umgegend dass er die ganze Bücherei zerschnitt bis die Klosterbrüder
dahinter kamen und er seine Liebe zu den schönen Mädchen und seine Misachtung
der Wissenschaft durch lange lange Leiden teuer bezahlen musste
Die Geschichte kenn ich sagte Oleander Sie endet besonders gut mit dem
naiven Geständnisse des verliebten Bibliotekars dass ja in der Bibel alle
Bücher der Welt enthalten wären Ja ja um die Poesie möchte der Dichter auch
alle Weisheit der Welt hingeben alle Sprachen und alle andern Künste
Nach einem längeren Gespräch in welchem sich Louis Armand wohlweislich
hütete seine eigenen Verse zu erwähnen fragte er Oleander wo er herstamme ob
nicht seine Geburt auf das südliche Deutschland verweise
Wohl sagte Oleander Ich bin auf der schwäbischen Alb geboren
Louis war nicht Geograph genug um die schwäbische Alb sogleich im
Königreich Württemberg unterzubringen Er ließ also nur so obenhin die Bemerkung
fallen dass auch er von einer Deutschen herstamme Namens Anna Oleander
Und nun hatte er die Freude zu vernehmen dass Oleander sogleich mit der
Frage einfiel ob er jene Oleander meine die den flüchtigen Polen Taddäus
Kaminski heiratete und mit ihm nach Frankreich zog
Dieselbe sagte Louis Armand Es sind meine Grosseltern
Diese Entdeckung brachte die Gefährten inniger zusammen Zwar war die
Verwandtschaft sehr entfernt aber sie bot doch Gelegenheit zum Austausch
mancher Frage mancher wohltuenden Antwort Louis Armand fühlte sich heimischer
und Oleandern bot diese seltsame überraschende Begegnung einen solchen Fernblick
in fremdes Leben fremde Sitte dass er sich bei seinem naiven Sinne kaum fassen
kaum beruhigen konnte
Als Louis endlich den Wunsch äußerte ob man nicht hier auf kürzerem Wege
nach dem Forstause einlenken könnte wollte Oleander da es nur einen Fußsteig
dorthin gab aussteigen und ihn begleiten Louis lehnte diese Gefälligkeit ab
und begnügte sich mit des Vikars genauerer Beschreibung Es hieß dieser Weg
führe an der Sägemühle vorüber dann an das sogenannte schwarze Kreuz und von da
in wenig Hundert Schritten auf das Jägerhaus
Louis stieg aus Oleander gab ihm herzlich noch immer überrascht von der
entfernten Verwandtschaft die Hand Der Knecht schlug anfangs eine
Erkenntlichkeit die ihm Louis anbot aus dann nahm er sie gab aber Louis
dafür noch den Rat sich von der Sägemühle an immer oben auf dem Felsenwege
nicht unten an dem Waldbach zu halten Nur gerade auf das schwarze Kreuz zu
sagte er und dann bergab Da wirds trockner sein bis zum Jägerhaus
Louis hörte wie er schon auf dem Seitenwege wandelte noch in der Ferne das
Knallen der Peitsche und den Widerhall des rasch dahinrollenden kleinen Wagens
Es war schon dunkel als er sich der Bergwand näherte Es trieb ihn mit
einer unerklärlichen Sehnsucht zu Franziska Mit Gewalt drängte er die
neugeweckte Teilnahme für Heinrich Sandrart zurück
Warum soll ich es nicht wagen sprach er zu sich endlich das entscheidende
Wort zu sprechen das schon so oft auf meinen Lippen lag Kann ich es länger vor
ihr und dem Onkel verbergen Ich werde in Deutschland bleiben diesem Boden der
meine mütterliche Heimat ist Wie fühl ich mich in dies neue Leben so wunderbar
schnell hinein Wie traulich sprechen mich alle diese Menschen an Wie wecken
sie in mir das Tiefste und mildern meine Leidenschaften statt sie aufzuregen
Wohl mahnte den jungen Mann der Ruf seiner sozialen Bestrebungen Doch seit
dem Abend wo Dankmar den Bund der Ritter vom Geiste begründet und die Aufgabe
jedes gesinnungsvollen Menschen als nicht zu unmittelbar nicht zu dringend
herausfordernd dargestellt hatte war eine große Beruhigung über ihn gekommen
Er fühlte wie sonst lebhaft für die Sache des Volkes aber es trieb ihn
nicht mehr so gewaltsam gleichsam den ersten besten Stein der ihm nahe lag zu
heben und auf die Feinde des Erdenglückes zu schleudern Wie sehnte er sich nach
Siegbert und Dankmar denen jetzt sein Herz mehr gehörte als Egon der so
Vieles tat sich seine Freunde zu entfremden In der Ausmalung seiner nächsten
Aufgabe für Murray bei Zeck oder der Ursula Nachforschungen anzustellen nach
dem Kinde jener kalten vornehmen Dame und dann nach einem offenen Bekenntnisse
seiner Liebe von Franziska für den Winter Abschied zu nehmen und in die Residenz
zurückzukehren schritt er rüstig vorwärts und achtete des Dunkels nicht das
sich inzwischen ganz über die stille trauernde Gegend herabgesenkt hatte
Er war im Wald Das Grün der Tannen verscheuchte hier die Vorstellung vom
herangenahten Winter Am Fuße der entlaubten Bäume die hier und da noch
zwischen den Tannen standen grünte unbekümmert vor dem Herbste das immergrüne
Moos Der Weg war viel fester als im Felde Wo man dort einsank wurde man hier
durch die weitgestreckten aus dem Boden hervorstehenden Wurzeln der Bäume oder
durch das zusammengeballte Laub im Gehen erleichtert Fröhlich pfiff Louis
leichte Liedchen vor sich hin und suchte mit seinem spähenden Auge in der Ferne
irgend ein Licht oder mit dem scharfen Ohre irgend einen Schall wenigstens von
den Rädern der Sägemühle
Bald hörte er das Bellen eines Hundes bald auch das Rauschen des
Waldbaches der die Sägemühle trieb Es war so finster geworden dass er diese
einsame Niederlassung erst erblickte als er dicht an ihr vorüberging Sie lag
tief Die Dächer waren breit und gedrückt Ohne Zweifel wurden geschnittene
Dielen unter ihnen aufbewahrt Da lagen Blöcke vom Regen durchfeuchtet die
frischgesägten Breter schimmerten durch die Dämmerung Doch schwieg die Mühle
Alles schien hier wie ausgestorben Nur weniges kaum hörbares Leben deutete auf
Bewohner
Louis fand hier die beiden Wege von denen Ackermanns Knecht gesprochen
hatte Der eine ging an dem Waldbache entlang der andre stieg aufwärts und
folgte immer dem bald höheren bald sich senkenden Felsufer dieses Baches
Louis ging den letzteren Er war trockner aber beschwerlich und nicht ganz
ohne Gefahr Steine lagen links und rechts im Wege und leicht konnte man bei
einem Fehltritt ausgleiten und in den Waldbach stürzen Sich in die Verspätung
ergebend schritt er langsam vorwärts und suchte das schwarze Kreuz auf von dem
Oleander und der Knecht gesprochen hatten
Er fand es endlich Eine Inschrift die darauf zu lesen war konnte er nicht
mehr erkennen Er riet auf einen Unglücksfall der sich hier einst ereignet
haben musste und nahm das Kreuz umsomehr für eine Warnung vorsichtig zu sein als
gerade hier unter dem Vorsprunge auf dem das Zeichen errichtet war der
Waldbach ein tieferes Bett gewonnen zu haben schien und wild im Strudel rauschte
und schäumte
Wie er noch so stand und dem Winde lauschte der die Bäume schüttelte war
ihm als hörte er einen Schrei aus weitester Ferne von der Luft herübergetragen
Im ersten Augenblick bebte er zusammen Es war ein einziger schreckhaft
hervorgestossener Ton den er nicht von den krachenden Zweigen nicht von einem
Vogel herleiten konnte Es war ein Ton aus menschlicher Brust
Wie er entsetzt lauschte ob sich der Ruf wiederholen würde und nichts
hörte als nur den Wind nur das Rauschen des Waldbaches glaubte er doch dass er
sich geirrt hätte und setzte beruhigter seine Wanderung fort
Sie war jetzt nicht mehr so schwierig Von dem Kreuze führte ein
gepflegterer Weg abwärts Rüstig schritt er vorwärts und hatte die Freude
deutlich von Plessen herüber die Kirchturmuhr fünf schlagen zu hören Nun wusste
er dass er in der Nähe des Jägerhauses war Schon glaubte er sich zurecht zu
finden Die jenseitige Wand des Waldbaches war eine schroffe mit Bäumen besetzte
Anhöhe das diesseitige Ufer führte zuweilen schon durch Weideplätze grüne
Moos und Grasstellen Zuletzt stand er an einer kleinen Brücke von Erlenholz
Der Waldbach schweifte links ab nach Plessen zu Er kannte diese Biegung und
nahm keinen Anstand über die kleine Brücke hinüber zu schreiten und sich von dem
Flüsschen ganz zu trennen
Ein bestimmter fester Glaube führte ihn den Weg den er für den richtigen
und den zum Forstause leitenden erkannte Um so entsetzlicher musste es für ihn
sein als er nach einigen Minuten raschen Fortwanderns wieder jenen Ton hörte
der ihn schon oben an dem schwarzen Kreuze erschreckt hatte Jetzt war es sicher
kein sich biegender Ast kein Vogel mehr Es war eine menschliche Stimme die
einen erstickten Entsetzensschrei hören ließ Es ist Franziska sagte sich seine
aufgeregte Phantasie Sie ruft um Hilfe Und ohne die Gefahr zu achten dass er
in der Dunkelheit gegen einen Baum anrennen konnte stürzte er in die Nacht
hinaus vertrauend er würde zum Ziele kommen Er rannte gegen Gesträuche und
hielt einen Ast in der Hand Er brach ihn so stark er war mit gewaltiger Kraft
von seinem Stamme los um eine Waffe zu haben So stürmte er fort und rief mit
einer Löwenstimme Franchette Franchette dass es im Walde schauerlich
widerhallte
Endlich lichtete sich der Weg Da lag die Wiese Da lag das Jägerhaus Ein
Lichtchen brannte an Franziskas Fenster Quer über das sumpfige Grün hinweg
Franchette Franchette Die Hunde bellten im Forstause Fränzchen lebte Sie
öffnete das Fenster
Louis Ach Gott Sind Sies
In demselben Augenblicke fiel in der Ferne ein Schuss
Das ist der Onkel sagte sie als sie totenbleich draußen schon an der Tür
in Louis Armen lag
Was ist geschehen
Kommen Sie Kommen Sie sagte Franziska und zog Louis in das Jägerhaus
einen entsetzten Blick auf die Treppe hinwerfend an der sie vorüberhuschte
Wie sie mit Louis im Zimmer war wo ein Lämpchen brannte riegelte sie die
Tür zu und fiel erschöpft auf einen Lehnstuhl der in der Nähe des Fensters
stand Das Fenster war noch offen und wurde von Louis sogleich geschlossen
Ich kann in dem Hause nicht bleiben begann Fränzchen als sie sich
gesammelt hatte Alle Gespenster aus der frühern Zeit dass ich hier war stehen
wieder vor mir Ich muss fort
Was war Das nur Franziska Sie riefen um Hilfe War hier ein Überfall
Rief ich um Hilfe Ich weiß es nicht
Wer war hier Ich bitte Sie Und jener Schuss
Fränzchen antwortete nicht sondern blickte sich nur scheu um und horchte
nach oben hinauf
Als sie Louis inständiger um Aufklärung bat lächelte Fränzchen und fragte
Hab ich so laut gerufen
In der Stille des Waldes hört ich es über tausend Schritte weit
Das tröstet mich etwas und beruhigt mich für die Zukunft nein nein ich
kann nicht bleiben Ich fürchte mich zu Tode Und doch geschah hier eigentlich
gar nichts
Was haben Sie liebe Franziska Was war Ihnen
Franziska erzählte nun mit gedämpfter Stimme immer nach oben blickend dass
sie seit ihrer Anwesenheit im Forstause die alte Ursula nicht erblickt hätte
Wie sie aber vorhin allein gewesen verlassen von dem Onkel der auf der Jagd
pirsche wäre die Alte die sie im Bette geglaubt hätte herabgeschritten
feierlich mit einem Lichte in der Hand lang und hager wie ein Gespenst Mit
hohlen Augen wäre sie eingetreten an jenen Schrank gegangen hätte den
aufschließen wollen dann aber wäre sie herangetreten das Licht gegen sie
haltend Ohne zu sprechen ohne sie zu begrüßen wäre sie dicht an sie
herangeschlichen dass sie im ersten Schreck hätte glauben müssen sie
beabsichtige ihr und wenn nur durch Anhauchen ein Leids zuzufügen Da hätte
sie wie sie dicht an ihrem Munde gewesen wäre aufschreien müssen wie in
Todesgefahr Die Alte wäre nun zurückgegangen hätte sich an die Tür gestellt
und ein lautes Lachen aufgeschlagen So hätte sie während einiger fürchterlichen
Minuten gestanden dann wäre sie noch einmal gekommen in derselben geraden
Linie auf sie zu mit derselben starren Miene wieder das Licht gegen sie
hinhaltend um sie zu erkennen In der Angst ihres Herzens hätte sie Hilfe rufen
müssen da wäre in der Ferne ihr Name von Louis gerufen worden die Alte hätte
wieder wie eine Irre gelacht und dann sie verlassen um nach oben auf ihre
Kammer zurückzukehren
Franziska verstärkte den ängstlichen Eindruck den auch Louis von diesem
Vorfalle empfing durch die Erinnerungen an ihre Jugend die sie ihm erzählte
Sie behauptete dass sie glaube die Alte möge in diesem Hause Niemand dulden und
hätte trotz ihrer Jahre eine Art Eifersucht auf Jeden der ihr die alleinige
Herrschaft über den bequemen Onkel der sie einst hätte heiraten sollen
streitig machen würde
Louis fand es geratener dass Franziska wohl in der Nähe aber nun nicht
selbst im Jägerhause länger bliebe Er schlug ihr vor morgen mit Ackermann zu
sprechen und diesen einsichtsvollen freundlichen Mann zu bewegen sie in sein
Haus zu nehmen Freilich setzte er als Franziska freudig einstimmte hinzu
Sie werden liebe Freundin dort in der Nähe des alten Sandrart sein der
nicht Ihr Gönner ist
Und ich bin nicht seine Gönnerin sagte Franziska die von ihrer beklommenen
Stimmung aufzuatmen begann Erwähnen Sie doch diesen Namen nicht
Franziska Sie wissen dass Heinrich vermögend ist und Ihnen eine glänzende
Zukunft bieten kann
Ich mag ihn nicht Es ist schlimm wenn ein Mann zu wenig Herz hat aber
noch schlimmer lässts ihm hat er zu viel
Wie beschämt steh ich vor Ihnen da Franziska Sie kennen die Freundschaft
Der Onkel kommt sprach Franziska und sprang zur Tür hinaus
Louis verwünschte die Störung Er hatte sich erklären wollen Er hatte
endlich das entscheidende Wort der Liebe auf den Lippen Die Reflexionen waren
von ihm gewichen Die Einsamkeit des Waldes die Nähe des blühenden Mädchens
ihre Freude ihn zu sehen von ihm aus einer peinlichen Lage befreit zu werden
die sanfte Hand die kalt geworden von dem nach dem Herzen gedrängten Blute
sich in der seinen erwärmte Das Alles sprach ihm so viel Mut und
Ermunterung zu dass er endlich ein festes und sicheres Verständnis zwischen sich
und dem Mädchen begründen wollte Wieder vergebens Jeder Andere hätte kühn mit
einer einzigen Umarmung diesem peinlichen Zustande ein Ende gemacht Das konnte
Louis Armand nicht Dafür war er zu sehr ein Hamlet des Herzens die Blässe des
Gedankens kränkelte seine Empfindungen an Er konnte in Dingen die eine so
große Lebensänderung würden nach sich gezogen haben wie diese Erklärung seiner
Liebe für Fränzchen Heunisch nicht aus einer gewissen Pedanterei einer
zaghaften Scheu heraus wie im Grunde so viele junge Männer die wie uns die
Leserinnen bestätigen werden schon lange nicht mehr den »Mut der Erklärung«
haben
Heunisch hatte da der Wind nicht nach seiner Richtung stand von dem Schrei
nichts gehört und war nicht wenig erstaunt als ihm Louis den Vorfall erzählte
und daran die notwendige Überzeugung knüpfte dass der Förster seine Nichte aus
dem Hause geben sollte Der Vorschlag mit Ackermann gefiel ihm der Nähe
Sandrarts wegen sehr wohl obgleich er diesen Grund nicht aussprach
Die Ursula dacht ich mir gleich sagte unser alter Freund in seinem
sorglosen bequemen Tone die Ursula hat nur eine verstellte Krankheit Sie ist
tückisch weil sie Niemanden im Hause leiden mag Das ist nun ein Kreuz das man
tragen muss Glücklicherweise ist Liebe damit verbunden Sie meint es gut
Louis zweifelte
Gegen mich gewiss fuhr der Jäger fort Sie hat mich ordentlich in Pacht
genommen Ich bin ihr Herzblatt ihre Augenweide Es ist wahr sie hat oft einen
Blick als wollte sie damit die Ratten vergiften aber mich blinzelt sie an wie
eine verliebte Katze Urschel Urschel ich muss doch noch ein Ende machen und
dich in die Kirche führen
Wissen Sie nichts vom frühern Leben dieser Frau forschte Louis und gedachte
seines im Schloss harrenden Murray
Heunisch plauderte was wir wissen vom Doktor Lehmann vom blinden Schmied
ja sogar von der Erbschaft und schloss
Sie kurirt jede Rose und jeden steifen Hals renkt sie ein
Louis sah wohl dass von diesem Virtuosen im Vertrauen diesem starken Geiste
der Denkmüdigkeit nichts über die frühern Verhältnisse der Ursula für seinen
guten Murray zu gewinnen war Heunisch stopfte sich eine Pfeife hing sein
Gewehr an die Wand legte die Jagdtasche ab und sagte nur immer vor sich hin
Ja ja Fränzchen Ich habe nichts dawider Sie nehmen dich auch Das
Fräulein nimmt dich auch Der Ackermann ist ein guter Herr Es ist mir auch so
recht Da sprech ich im Ullagrund vor und gehe nicht so oft auf den gelben
Hirsch Und wenn Sandrart der Alte grob bleibt wie heute so stopf ich mir
immer bei Ackermann die Pfeife und rauche ihm hinter seinem Zaun gerade auf die
Nase
dabei lachte Heunisch und machte sichs bequem und sah sich nach seiner
Suppe um die ihm Fränzchen lange nicht so gut zubereitete wie die Ursula die
sich nicht mehr wollte sehen lassen und eigentlich so trotzte dass Heunischs
Bequemlichkeit darunter litt
Louis warf Fränzchen beim Gehen einen liebevollen Blick zu und flüsterte
Morgen Nachmittag komm ich in Wind und Wetter und bringe den Bescheid von
Herrn Ackermann Rüsten Sie sich dass Sie mir dann gleich folgen können
Fränzchen dankte mit innigem Blick
Als Louis dem Förster die Hand gegeben hatte rief ihm dieser nach
Nehmen Sie den Weg rechts an der Wiese herum und dann links von der Eiche
abwärts Sie sollten auch einen Stock bei sich tragen Ich halte Herrn
Ackermanns neue Geschichten sehr hoch aber sie ziehen allerhand Gesindel in
die Gegend Der Justizdirektor hat mir von einem Brief gesprochen den er aus
der Residenz bekommen Es soll nicht recht geheuer sein Die beiden Gesellen
die die Zecks angenommen haben gefallen mir nicht Da In der Ecke steht ein
alter Ziegenhainer Oder wollen Sie einen Hirschfänger
Louis dankte und meinte der Baumstamm den er draußen hätte liegen lassen
täte Dienste genug wenns Not am Mann wäre
Fränzchen zitternd und aufgeregt bat den Hirschfänger zu nehmen
Nein nein sagte Louis Der Ast draußen genügt
Damit verließ er das unheimliche Haus mit dem tiefsten Mitgefühl für die in
ihm zurückbleibende Franziska die bei aller Bangigkeit ihres Herzens nicht
aufhörte zu ihm aufzublicken wie zu einem verklärten Heiligen der über den
gemeinen und geringen Bedingungen dieses Lebens stand
Louis kam unangefochten im Schloss an Nichts hatte ihn im Walde gestört
Fast seiner selbstspottend warf er am Fuße des Hohenberges den schützenden Ast
von sich
Das gemeinschaftliche Wohnzimmer sah Louis den Berg emporsteigend hell
durch die Nacht schimmern Es schlug sieben Uhr als er bei Murray eintrat
Unwillkürlich musste er die Tür auflassen die er in der Hand hielt
Himmel rief er was machen Sie Murray Hier ist ja eine Hitze zum
Ersticken
Ich habe so stark geheizt sagte Murray um mir einen alten Schlüssel den
mir Brigitte gab so zu feilen und zu schmelzen dass ich ihn zum Umdrehen der
Wirbel des Klaviers brauchen kann Es will nicht gehen und ich möchte doch
Wohllaut im Ohre haben
Kommen Sie heraus ich beschwöre Sie sagte Louis das ist von dem glühenden
Ofen eine Hitze die Ihnen für den ganzen Winter einen Katarrh zuzieht
Murray öffnete die Fenster und kam da Louis wirklich nicht eintreten
mochte ins Vorzimmer
Sie müssen Ihrer Liebe zur Musik und der Notwendigkeit sich in Ihrer
Einsamkeit zu unterhalten ein Opfer bringen und mir erlauben diese Arbeit
unten in der Schmiede verrichten zu lassen Umsomehr als ich nach meinen
heutigen Entdeckungen auch kein andres Mittel weiß Ihre Nachforschung
anzustellen als zuvörderst bei den Zecks im Dorfe
Louis gab einen Bericht über seine reichen Erlebnisse
Murray folgte mit Teilnahme und verweilte mit großer Rührung bei Dem was
Louis über Ackermann erzählte
Ja ja sagte er Das ist Ackermann selbst der in Amerika einen andern
Namen führte und nicht weiß was mich zu ihm zog und wen ich in ihm was er in
mir wiederfand
Zu hören dass Otto von Dystra in Europa war machte ihm keine Besorgnis
eher Freude
Ackermann hat Recht sagte er wenn er diesen Sonderling einen Epikuräer des
Geistes nennt Ich kenne keinen Gerichtshof der Welt wo man leichteren Stand
hätte als vor diesem Äsop Er kommt mir wie eines jener Asyle vor in welchen
die Verbrecher vor der Hand der Gerechtigkeit gesichert waren
Erschreckend wirkte auf Murray was Louis aus dem Jägerhause erzählte
Ich erkenne sagte er die dämonische Natur meiner Schwester Sie war die
Älteste von uns Was sie gab drückte mehr als es erfreute Sie hatte schwarze
Augen ganz beschattet von dichten Brauen und hielt mit Niemanden Freundschaft
da Alles schon vor ihrem Blicke floh Dennoch besaß sie gute Eigenschaften Sie
war gefällig dienstergeben treu bis zur Last Sollten alle diese Keime
besserer Regung in kalte Versteinerung übergegangen sein Jetzt scheint sie
geistesschwach zu sein Wenn sie das Gedächtnis verloren hätte
Indem kam Brigitte mit dem Tee Sie hatte vom Justizdirektor hundert
Empfehlungen auszurichten und aufs neue zu mahnen dass die Herren die morgende
Einladung nicht vergessen möchten Nachdem sie die Fenster mit Erlaubnis
geschlossen und sich wegen des Nichtabholens des Geschirrs entschuldigt hatte
ging sie und ließ nur noch die neuesten Zeitungen zurück
Louis hatte wenig Appetit Er war zu aufgeregt und bewegt dafür Murray
genoss ein geringes Maß und nahm sich vor seinen jungen Freund zu veranlassen
früh das Bett zu suchen Während Murray in den Zeitungen blätterte schrieb sich
Louis das Gedicht auf das ihm unterwegs eingefallen war
Als Murray ein Licht ergriff und sich zur Ruhe begab deutete er auf eine
Stelle der Zeitungen und ging mit dem Bemerken dass sie Louis interessieren
würde für heute zur Ruhe
Es war freilich eine Mitteilung die insofern recht zur Unzeit kam als sie
Louis der ohnehin schon von so vielen Dingen erfüllt war noch vollends
erschütterte und in der Tat nicht schlafen ließ
Sie lautete am Ende der Zeitung mit großen Buchstaben
»Heut Mittag um zwei Uhr ist die bisherige Volksvertretung vom Ministerium
aufgelöst worden Die neuen Wahlen sind auf den ersten November angeordnet Die
Stadt ist unruhig Einige Volksaufläufe sind mit dem Bajonnet
auseinandergetrieben Man fürchtet für den Abend Das Militär ist in den
Kasernen consignirt Eben werden über den Schlossplatz Kanonen gefahren«
Siebentes Kapitel
Ein Land Diner mit Honoratioren
Am Vormittage des folgenden Tages herrschte im Amtshause der Wohnung des
Justizdirektors von Zeisel eine erhebliche Unruhe Frau von Zeisel geb
Nutzholz Dünkerke war vollkommen überzeugt von der Notwendigkeit den wie
man allgemein wusste vertrautesten Freund des Fürsten trotz seines geringen
Standes irgendwie feiern zu müssen Sie tröstete sich bei ihren Anordnungen
damit dass Louis Armand doch wohl nur ein verkapptes Mitglied der höheren
Gesellschaft wäre und ebenso auf wunderlich versteckten Wegen ginge wie sie ja
den Fürsten Egon selbst hatten kennen lernen Jeder Blick auf den Turm der in
schräger Richtung dem Amtause gegenüber stand feuerte ihre kleine rundliche
Figur zur lebendigern Sorge an um heute dem jungen Freunde des Fürsten einen
Eindruck für die Residenz mitzugeben der auf die gute Meinung von der Hingebung
ihres Mannes eine dauernde Nachwirkung üben sollte
Was gehört nicht dazu mit beschränkten Hülfsmitteln auf den gebahnten
Straßen täglicher kleiner Ordnung plötzlich ein solches außerordentliches
Mittagsmahl herzustellen
Jetzt in der Morgenfrühe wo man ohne Lauscher war konnte man sich in der
ganzen Verwirrung solcher Zurüstungen noch gehen lassen Das war ein Laufen und
Rennen Die Türen schlugen zu und klappten auf Frau von Zeisel rannte ohne
Toilette mit aufgewickelten falschen Locken bald hier bald dorthin und machte
eine Bewegung die öfter wiederholt sicher ihr Embonpoint gemildert hätte Was
gab es da zu befehlen zu klagen zu verzweifeln Welche Töne drangen schneidend
durch das stattliche Amtsgebäude unbekümmert um die Justizkanzlei die
Kammerkanzlei und alle die ehrwürdigen Zwecke dieser Amtswohnung die heute für
Frau von Zeisel nicht vorhanden waren Herr von Zeisel kam nicht zu einem
einzigen vernünftigen Avis den er an einen Ortsschulzen hätte aufschreiben
können und doch hatte er gestern von der Regierung einen wichtigen Brief
erhalten Und die Kammer war entlassen Neue Wahlen sollten angeordnet werden
Ein Oppositionsblatt sprach von einem neuen aus der Willkür der Majestät
fließenden Wahlgesetze Wenn nach diesem gewählt werden sollte welche neue
Mühen welche Weitläuftigkeiten um die Wahlkörper zu bilden die
Stimmberechtigten auszuscheiden die Wählenden und Wählbaren zu prüfen Und nun
dies Diner
Pfannenstiel der Gerichtsbote und Amtsvoigt der mit einigen Akten hinter
dem Schreibpulte des Justizdirektors stand hatte tiefes Mitleid mit seinem
Vorgesetzten
Das auch heute noch sagte er anteilnehmend wo die Frau von Zeisel so
nicht weiß wo ihr der Kopf steht
Ja Pfannenstiel ich weiß nicht was ich unterschreibe Alle Buchstaben
laufen mir durcheinander
Eine Magd kam und wollte wissen wie viel Flaschen Wein wohl herausgestellt
werden sollten
Wieviel meinte meine Frau
Sechs sagte die Magd
Katrinchen Hat meine Frau sechs gesagt
Pfannenstiel ergänzte dass die gnädige Frau wohl hätte sechszehn gemeint
Sechs hieß es
Herr von Zeisel räusperte sich in großer Verlegenheit legte die Feder auf
das Pult schlug den Schlafrock über die langen Gliedmaßen und begab sich ohne
ein Wort weiter zu sagen zur Tür hinaus um mit seiner Frau über diesen
Gegenstand eine notgedrungene freie Konferenz zu halten
Wer kommt denn Alles fragte inzwischen Pfannenstiel
Die Magd klagte dass sie keine Besinnung hätte Diese Aufgabe wäre zu groß
Die Justizdirektorin käme nicht mehr aus dem Zanken heraus Sie selbst wisse
nicht mehr was ein Teller und was eine Schüssel wäre
Wenn wir nur Alle dafür ordentlich avancirten meinte Pfannenstiel mit
verzeihlichem Egoismus Wir haben nun Alles aus erster Hand Der Fürst ist
Minister Ich schreib an ihn dass er sich des Turms da und meiner Höflichkeit
erinnert und mir ein gutes Fortkommen fürs Alter gibt
Indem brach Frau von Zeisel herein
Mein Mann
Er sucht Sie gnädige Frau
Ich kann nicht mehr Diese Menschen von denen man umgeben ist Das ganze
Jahr erträgt man den hülflosen Zustand weil man nachsichtig ist seinen Ärger
verschluckt nun kommt es einmal darauf an nun soll man einmal seinem Stande
gemäß sich der Welt zeigen nun verrät sichs was ein Haus ohne Bedienung ist
Christoph nimmt sich doch ganz gut aus in der Livree meinte Pfannenstiel
und suchte die auf den Ledersessel ihres Mannes niedergesunkene Dame zu trösten
Aber wer sagt ihm dass er schon jetzt damit in die Küche kommt jetzt schon
mit der Livree die Wände abschabt
Er hat sie seit drei Jahren nicht getragen und freut sich dass er stärker
geworden ist
Drum dehnt er sich so aus und reckt sich dass alle Nähte platzen
Die Magd die durch das ganze Haus den Justizdirektor gerufen hatte kam mit
dem endlich Gefundenen zurück
Kind sagte er mit ängstlicher Miene sechs
Acht gab die Gemahlin gleich zu Ich suche dich überall Ich war im Keller
und du bestimmst nichts du sorgst für nichts du bist für nichts du denkst an
nichts Die roten oder die gelben So sag doch Vier rote zwei gelbe
Aber Herzchen wir sind
Achtzehn
Neunzehn
Der Alte mit der schwarzen Binde kommt nicht
Also siebzehn
Was rechnest du denn
Aber die Frau Pfarrerin Stromer Pfannenstiel hier schreiben Sie einmal
auf
Pfannenstiel setzte sich zum Schreiben
Erstens dictirte Frau von Zeisel Herr Louis Armand
Der Schreinergesell ergänzte Pfannenstiel
Der Stand bemerkte Frau von Zeisel empfindlich der Stand ist hier nicht
nötig Wir waren nie stolz
Die rechte Hand des Fürsten und Sekretair des Premierministers bemerkte
Herr von Zeisel und schnitt damit alle weiteren Erörterungen ab Zweitens
Herr Ackermann bemerkte der Amtsvoigt kräftiglich
Nun nun sagte Frau von Zeisel pikirt der Name brennt Ihm ja recht auf der
Zunge Wer weiß wie bald die Komödie zu Ende ist Der Fürst wird bald erkennen
dass er es mit einem Projektenmacher zu tun hat Den neuesten Briefen des
Justizrates nach zu urteilen wird die Welt binnen Kurzem von Dingen
überrascht werden
Drittens sagte der Justizdirektor
Lass mich unterbrach ihn seine Frau Zweitens Nummer Zwei Frau von
Zeisel sagte Pfannenstiel der sich in die Umstände zu fügen wusste Nummer
Drei Herr von Zeisel
Nummer Vier Herr Ackermann sagte jetzt der Justizdirektor selbst
Nummer Vier Herr Oleander unterbrach determinirt seine Gemahlin Wer ist
dieser Ackermann Kann er sich einen Studierten nennen Wer weiß wo er herkommt
und wo er noch hinfährt
Nummer Fünf die Frau Pfarrerin Stromer bemerkte der Justizdirektor und um
nur Ackermann ganz hinten zu bringen setzte er hinzu
Nummer Sechs Herr Doktor Reinick aus Randhartingen
Nummer Sieben Herr Ackermann bemerkte aber der unermüdliche Amtsvoigt
wieder dem einmal dieser Name so wertvoll und bedeutend war wie allen
Bewohnern des kleinen Fürstentums
Nein schalt Frau von Zeisel fast zornig
Nummer Sieben verbesserte ihr Gemahl Herr Apotheker und Spezereihändler
Sonntag aus Randhartingen
Nummer Acht fuhr seine Gattin fort Herr Aktuar Weiße aus Plessen
Nebenan hustete Jemand der unstreitig Herr Weiße war und sich gleichsam für
die Ehre der Achte zu sein bedanken wollte
Nummer neun Ihr Herr Schwager bemerkte der Justizdirektor verbindlich zu
Pfannenstiel Herr Drossel vom Gelben Hirsch die Frau nebst Lenchen ist auf
dem Heidekrug
Also Fräulein Emmeline Drossel und Fräulein Alwine Drossel setzte seine
Gattin hinzu als wollte sie sagen
Unsre Herablassung
Pfannenstiel verbeugte sich und bemerkte nur in den Bart hinein
Macht Zehn und Elf oder eigentlich das Doppelte denn Drossel speist und isst
für Zwei auf die heutige Zeitung hin vielleicht
Dann Zwölf unterbrach Herr von Zeisel um seine Frau nicht durch einen
vielleicht dreifach gesteigerten Appetit des gefürchteten Radikalen zu
erschrecken
Jetzt glaubte aber der Schwager des Wirts vom Gelben Hirsch in der Tat
sagen zu dürfen
Zwölftens Herr Ackermann
Aber wieder schnitt ihm die Justizdirektorin den Namen ab indem sie fast
gleichzeitig diktirte
Zwölftens und dreizehntens Herr und Frau Rentmeister von Sänger aus
Randhartingen
Vierzehntens Herr A
Herr Anverwandter Ökonom aus Randhartingen sagte Frau von Zeisel Mit
seinem Besuche aus Schönau wie heißt er doch Dem Ortsvorstand Marx
Macht fünfzehntens
Und vielleicht noch dem Herrn Maler bemerkte Herr von Zeisel
Welchem Herrn Maler
Den Marx mit nach Randhartingen gebracht hat um Herrn Anverwandter zu malen
zum Weihnachtsgeschenk für seine Tochter
Ich las den Brief so flüchtig ich besinne mich
Also fünfzehntens Herr Marx sechszehntens der Herr Maler aus Schönau
recapitulirte Pfannenstiel und glaubte nun für ganz bestimmt endlich sagen zu
können
Siebzehntens Herr Ack
Aber auch hier beugte der besonnene Herr von Zeisel vor und bemerkte
Siebzehntens Fräulein Ackermann Achtzehntens
Dies Auskunftmittel war sehr fein Nun verstand sich von selbst dass der
achtzehnte Herr Ackermann war Denn es war auch wirklich der Letzte
Jetzt begann die Erörterung der Weinvorräte
Zwölf Herren sechs Damen sagte Frau von Zeisel seufzend über die
Notwendigkeit einmal so unebenbürtige Menschen nicht die Adligen der
Umgegend bei sich zu Tisch zu sehen
Acht Flaschen auf den Tisch liebes Kind erörterte ihr Gemahl
Und zwei in Reserve bemerkte die vortreffliche Wirtin
Hier räusperte sich Herr von Zeisel und sah Pfannenstiel an als hofft er
von diesem Succurs
Acht auf den Tisch fiel dieser ein und acht untern Tisch Macht
sechszehn Wie ich gesagt habe
Sechszehn rief Frau von Zeisel Das wäre ja ein Trinkgelag
Frau Justizdirektorin wenn die Männer lustig werden und für meinen
Schwager der die Ehre hat geladen zu sein und weils wieder unruhig in der
Hauptstadt ist
Nur wegen der Wirtschaftsrätin Pfannenstiel und Frau Justizrätin Schlurck
fiel Frau von Zeisel berichtigend ein
Dero oder Deswegen Wenn Drossel auf die Politik und die neuen Wahlen und
die geladenen Kanonen kommt ladet Der zwei Flaschen mehr für sich allein
Ich will hoffen bemerkte Frau von Zeisel dass er uns mit seinen
demokratischen Reden verschonen und sich erinnern wird bei wem er dinirt Es
hat lange genug gedauert bis wir uns entschlossen haben
Den wahren Grund der Entschließung der darin bestand dass Emmeline und
Alwine Drossel die ältesten Mädchen vom gelben Hirsch viel hässlicher als die
jüngere Lenchen waren und nur als Folie ihrer eignen Reize gebeten wurden
verschwieg Frau von Zeisel die sich nun erhob um sechszehn Flaschen teils
Rot teils Gelbsiegel aus dem Keller zu holen Schlurck hatte dafür gesorgt
dass sein guter Freund und seine gefällige Freundin in ihren kleinen
Weinvorräten anständig ausgestattet waren Schlurck hatte mit Melanie gemein
dass er gern schenkte und sich von allen seinen Bekannten die Geburtstage merkte
Nach dieser wirtschaftlichen Erörterung erbat sich Pfannenstiel nur noch
einige Augenblicke zu einer amtlichen Wahrnehmung
Ich habe sagte er Ihre gestrige Weisung auf alle verdächtigen Personen
der Umgegend zu wachen auch dem Förster Heunisch mitgeteilt Herr
Justizdirektor Bis jetzt ist uns nichts aufgestoßen außer den zwei Arbeitern
die vorgestern mit einem Bauerwagen hier eintrafen und in der Krone abstiegen
um bei Herrn Ackermanns neuen Anlagen Arbeit zu suchen Ich fragte sie nach
ihren Papieren Sie hatten ganz schöne neue Pässe und gaben sich der Eine für
einen Schlosser der Andre für einen Klempner an Genauer besehen kamen sie mir
sonderbar vor Beides alte Knaben schon Der Eine der Schlosser war sicher
schon an die Funfzig Ihre Hände glatt eher wie zum Spazierengehen als zum
Arbeiten Der alte Zeck nahm sie weil er Arbeit vollauf hat Heute früh aber
hör ich schmälte und tobte er dass sie wenig von rechter Feuerarbeit
verstehen faul und unbeholfen sind und besser täten weiter zu ziehen Da
haben sie ganz volle schwere Beutel gezogen und ihr Handgeld zurückzahlen
wollen Zeck aber hats nicht nehmen wollen sondern gesagt Bis Samstag sollten
sies in allerhand kleinen Arbeiten abverdienen Das rief er mir heute zu als
er nach dem Ullagrund ging mit seinem Jungen Er bat mich ein Auge auf die
beiden alten Kerle zu haben Ich ging auch zu ihnen in die Schmiede und fand
dass sie in Verlegenheit waren als ich eintrat Bis Sonntag sagt ich ihnen
könnt ihr noch dableiben Dann trollt euch Wir gestatten hier keinen
Aufenthalt Dazu zogen sie eine Miene dass ich fast grimmig wurde Heunisch rief
mir einen guten Morgen zu Er ging gerade vorüber und wollte aufs Schloss So
kam ich von den beiden Gaunern ab Ich will sie scharf im Auge behalten
Tut Das Tut Das Pfannenstiel sagte der Justizdirektor zerstreut Gebe
der Himmel dass das heutige Diner in Ehren überstanden ist Es ist elf Uhr Ich
muss mich nun wohl anziehen
Damit überließ Herr von Zeisel den Staat die Wahlen die Krisis die
öffentliche Sicherheit dem Gerichtsboten und Amtsvoigte der in seine
Turmwohnung ging um sich nun doch auch etwas festmässig anzukleiden Der
Gedanke alles Das um einen ausländischen Tischlergesellen ließ ihn manchmal
erstaunt genug dabei den Kopf schütteln
Der Mittag kam heran und gleich nach zwölf Uhr geriet ganz Plessen in
Bewegung Die am entferntesten wohnten kamen früher als die näher Wohnenden
Doktor Reinick war einer der Ersten Er besuchte einige Patienten und Genesene
Leider musste er statt in Plessen in Randhartingen wohnen weil der
Spezereihändler und Apotheker Sonntag dort ein Gut bewirtschaftete und deshalb
nicht in Plessen wohnen konnte Auch Herr Sonntag fuhr in einem kotbesprjetzten
Einspänner vor Der Wirt in der Krone sah es in seinem Hofe einmal wieder recht
lebendig werden Drossel aber der Hirschwirt jagte mit seinem Einspänner wie
im Schuss beim Kronenwirt vorbei Seine beiden ältesten Töchter saßen neben ihm
Aber hier und da rief er von der Krone an langsamer fahrend diesem oder jenem
bekannten Bauer zu Neue Wahlen Was sagt ihr Neue Wahlen Unser Fürst Neue
Wahlen Kanonen Wir erleben etwas Justus hat geschrieben Heut Abend kommt
mehr Es sieht unten schlimm aus Schlimm Hurrah
Er schickte seinen Einspänner aus Brotneid nicht in die Krone sondern auf
einem beschwerlichen morastigen Wege durch den Wald in die Sägemühle Der
Sägemüller war sein Freund Sie hatten beide das eigne Schicksal erlebt dass vor
Jahren ihre Schwestern die den Förster Heunisch heiraten sollten durch
unglückliche Zufälle ums Leben kamen
Herr Rentmeister von Sänger ein ehemaliger Offizier und alter Kamerad aus
dem Husarenregimente das nach dem Generalfeldmarschall das Fürstlich
Hohenbergische hieß fuhr mit seiner Frau Gemahlin in einem Zweispänner Sie
stiegen am Amtause aus und ließ ein Vorrecht alter Zeiten benutzend ihre
Kalesche dem Schloss zufahren wo sich leere Remisen und Ställe genug fanden
Louis Armand im schwarzen Frack ein leichtes Tuch nicht steif sondern
leicht um den Hals geschlagen in Stiefeln die er sich selbst geputzt hatte und
unbekümmert mit schwarzen Handschuhen begegnete dem Wagen und schloss aus seinem
Aussehen auf eine gewähltere Gesellschaft Er hatte den Vormittag mit Briefen in
die Heimat an Märtens zugebracht auch Fränzchen ein paar freundliche Worte
geschrieben die Heunisch mitnahm der gekommen war nochmals den ihm immer mehr
gefallenden Plan zu besprechen dass seine Nichte zu dem Generalpächter kommen
könnte Murray hatte ihm viel Vergnügen gewünscht und ihn getröstet dass er
sich schon zu unterhalten wissen würde
Wer die Einsamkeit nicht liebt hatte er gesagt ist nur ein halber Mensch
Wer nicht einsam sein kann ist auch nicht versöhnt mit sich Die Verbrecher
fürchten sich vor nichts so sehr als vor der Einsamkeit Es ist ihre
fürchterlichste Strafe Dennoch muss sie wie jede Strafe mäßig angewandt
werden Einsamkeit soll bessern nicht abstumpfen Sie soll anfangs nicht gleich
ganz gegeben werden sondern nur nach und nach Dann wird sie zu einer heilenden
Strafe Man gewinnt die Einsamkeit lieb und spricht mit ihr und versöhnt sich
mit seinem Schatten
Am Eingange des Amtshauses begegnete Louis seinem entfernten Verwandten dem
Vikar Oleander und der Frau Pfarrerin Jener kam einfach diese mit ängstlichem
ärmlichem Putz Sie grüßte Louis als wär es Egon selbst gewesen Die Ärmste war
eine durchweg eingeschüchterte Natur lebte nur in ihren Kindern und der äußeren
Sorge für ihren Gatten der ihr auf so überraschende seltsame Art plötzlich
entschwunden war Gewiss war es eine Frau die in ihrer Sphäre erkannt sein
wollte um bei aller Einfachheit nicht ohne Wert zu erscheinen Was konnte sie
dafür dass sie von einem Manne gewählt als Gattin heimgeführt war und ihm nun
nicht mehr genügte Unter ihren Kindern fand sie sich in ihrem ewigen
Mutterrechte Ach und im Grunde murrte sie denn über ihr Loos Ließ sie es sich
nicht genügen so einfach und freudenleer es war Wenn eine Frau von geringen
Fähigkeiten und ohne äußeres Verdienst durch den Misgriff eines Mannes zu
Rechten kommt die sie anspruchsvoll geltend zu machen sucht so wird man dem
Worte Er hat mich doch nun einmal genommen wenig Überredung und Bindekraft
beimessen können Wenn aber ein so zu einer gewissen Haltung gekommenes Wesen
doch wie eine niedrig wachsende Schlingpflanze nur an dem festen Stamme ihres
Rechtes sich hinzieht und nur dahin sich ausdehnt wo er ihr und ihren Kindern
wärmer von der Sonne beschienen dünkt wer möchte da nicht duldend herabblicken
und dem bescheidenen Dasein jede Freude wünschen
Zu den Gästen die ein großes aufgeputztes Zimmer empfing gesellten sich
bald auch Ackermann und Selma
Es lag eine eigne Ironie in den Zügen des geistreichen Mannes wie er so mit
seinem lieblichen Kinde in diesen geputzten Kreis ländlicher Bedeutsamkeit
eintrat Freundlich neigte er sein Haupt mit der offenen freien Stirn nach allen
Seiten und Selma bot Jedem die Hand der ihr nahe stand nur Louis nicht den
sie zu vermeiden schien und nur flüchtig grüßte
Oleander der für Äußerlichkeiten sonst keinen Sinn hatte pries ihren
Anzug zum Erstaunen der in einem blau und rotschillernden Seidenkleide die
Honneurs machenden Frau Justizdirektorin die sein Entzücken verspottend ihm
sagte
Herr Vikar Sie bewundern und wissen sicher nicht worin eigentlich der
wahre Reiz dieser geschmackvollen Toilette besteht
O stellen Sie mich nicht auf die Probe antwortete Oleander Ich analysire
Ihnen sonst das schöne himmelblaue Kleid so dass ich unten die Besätze abtrete
Oleander verlor sich im Anschauen Er folgte Selma wie sie den Damen sich
näherte und deren Bekanntschaft erneuerte mit strahlendem Blick
Louis aber benutzte den Umstand dass man noch auf den letzten Randhartinger
Wagen wartete um Ackermann bei Seite zu nehmen Ohnehin von allen Anwesenden
mit der größten Neugier betrachtet kam ihm die Gelegenheit sich zurückzuziehen
und den vielen Fragen auszuweichen sehr erwünscht Er stellte sich da zwei
Zimmer geöffnet waren in das Nebenzimmer zu Ackermann und trug ihm sein Gesuch
wegen Fränzchens vor
Diesem kam der Antrag ganz erwünscht Erst heute bei den Vorbereitungen zu
dieser Einladung hätten sie ein Wesen vermisst das seiner Tochter näher stünde
als eine gewöhnliche Dienerin
Mit Freuden sagte er Wenn Sie für das junge Mädchen bürgen Doch warum
werden Sie nicht da eine Liebe wie die des jungen Sandrart beweist dass sie
deren würdig ist Schon um den Alten ein wenig zu ärgern nehmen wir das Kind
Selma trat hinzu und erfuhr worüber es sich hier handelte
Nun sagte sie da ist ja all mein Wünschen heute erfüllt Wie sehr hab
ich mich der Rücksichten ein Mädchen zu sein entwöhnt Wie verlassen bin ich
wenn ich einmal glänzen und den Menschen gefallen will
Sie küsste den Vater Die kastanienbraunen sich ringelnden Haare hingen auf
den Nacken herab und das Auge das sich emporrichten musste bekam dadurch einen
Aufschlag von durchdringender Kraft und schwärmerischer Milde
Darüber sind wir nun einig sagte Ackermann Die Gründe warum Sie sie vom
Forstause entfernen wollen erzählen Sie mir ein andermal Wenn sie ein
leichtes Gepäck hat und bis fünf Uhr etwa zur Hand ist bis wohin ich hier
mancherlei Geschäfte abzumachen habe und Selma bis dahin bei der Pfarrerin
bleibt nehmen wir diese Pflegebefohlne sogleich heute mit uns
Indem rasselte endlich der ersehnte verspätete letzte Wagen vor Die
Justizdirektorin hatte schon vor Ungeduld und der Angst ihre Speisen möchten
verbrennen keine zusammenhängende Antwort mehr geben können sondern war von
Gast zu Gast gewandert und hatte zu Jedem über die Unschicklichkeit der
Verspätungen gesprochen Herr von Zeisel hatte Mühe sie nur zu beruhigen
Endlich kam ein großer Vierspänner aus dem drei Männer stiegen Herr
Anverwandter ein reicher Gutsbesitzer in Randhartingen der Ortsvorstand Marx
aus Schönau und ein Dritter den Niemand kannte
Louis stand gerade im politischen Gespräch mit dem sehr lebhaften
aufgeregten Ökonomen vom gelben Hirsch Herrn Drossel als die Tür aufging der
starke Herr Anverwandter eintrat nach ihm Herr Marx und der Dritte der von
allen Anwesenden wenig Notiz nahm sondern mit scharfem Blicke sich gleich Louis
hervorsuchte
Louis wandte sich und erschrak Siegbert Wildungen zu sehen
Die Frage Wie ist Das möglich ging in der Umarmung verloren
Die Anwesenden nahmen das lebhafteste Interesse an dieser Begrüßung und
waren als sie den Namen hörten gleich davon unterrichtet dass auch dieser
junge Maler zu dem engeren Freundeskreise des Fürsten gehörte dieser Wildungen
der in den vielbesprochenen Johanniterprozess verwickelt war dessen Kunde schon
überall hin gedrungen schien
Siegbert auf dem die Blicke der Frauen mit Wohlgefallen ruhten erzählte
mit wenigen Worten dass er in dem vier Meilen von hier gelegenen Örtchen Schönau
das freundlichste Entgegenkommen gefunden hätte Herr Marx hätte ihn
aufgefordert mit ihm nach Randhartingen zu fahren und Herrn Anverwandter zum
Geschenk für seine Frau die Herrn Anverwandters Schwester wäre zu malen Er
hätte diesen Antrag angenommen um flüsterte er Louis mit gedämpfterer Stimme
zu in seine Nähe zu kommen da er vermutet hätte dass er sich noch auf dem
Hohenberg befände
Eine weitere Auseinandersetzung war nicht möglich da eben die Aufforderung
zu Tische erfolgte Paarweise schritt man über einen steingepflasterten Korridor
nach einem sehr schön gelegenen Eckzimmer das an freundlicheren Tagen eine
herrliche Aussicht in die Ebene bieten musste Siegbert wurde dabei von der
Justizdirektorin wie im Traum entführt Louis wagte Niemanden die Hand zu
bieten Ackermann gab ihm seinen eigenen Arm denn Selma auf die es der Vater
für Louis abgesehen hatte war schon von dem Hauptmann und Rentmeister von
Sänger entführt der trotz seiner Jahre die Frauen liebte wie sein alter Chef
und schon die dritte Gemahlin hatte Frau von Sänger eine hübsche lebhafte
Blondine schien nicht zufrieden dass sie mit dem einfachen Doktor Reinick
vorlieb nehmen musste
Auf dem Korridor sagte Ackermann zu Louis
Wer ist der junge Mann der mit Herrn Anverwandter kam
Hörten Sie ihn nicht nennen sagte Louis Derselbe Siegbert Wildungen von
dem Sie gestern erzählten dass Sie ihn als Kind auf den Armen trugen
Ackermann war von dieser Mitteilung so erschüttert dass er den Arm sinken
ließ und sprachlos neben Louis in das helle heitere Esszimmer trat Starr blieb
er hinter dem entferntesten Stuhle stehen und richtete den Blick auf Siegbert
der seinerseits auch ihn dessen Kopf ihm so wohlgefiel flüchtig fixierte
Frau von Zeisel duldete aber nicht dass schon Alles Platz nahm denn gestern
Abend schon war ihre Sorge gewesen mit Oleander den sie deshalb vom
Whistspiele dispensirte gründlichst zu überlegen wie jeder Gast placirt sein
sollte Der Aktuar Weiße hatte in sauberster Kanzleihandschrift alle Zettel
geschrieben die auf den etwas altmodischen Gläsern lagen und Jedes Namen in
einer auf Psychologie und die Schule der Höflichkeit begründeten Ordnung
möglichst ortographisch wiedergaben Für Siegbert lag ursprünglich neben einem
der Fräulein Drossel ein leerer Zettel und Frau von Zeisel hatte Herrn Ackermann
neben sich trotz der Rivalität Gleich aber wusste die kleine Frau diesen Irrtum
zu eskamotiren und vertauschte die Zettel so dass Siegbert Wildungen der blonde
Maler mit den blauen Augen den frischen Lippen und den weißen Zähnen die bei
seinem geistreichen Lächeln so freundlich hervortraten an ihre Seite Ackermann
aber zu den Gelben Hirschtöchtern in die Nähe des ultrademokratischen aber wie
man sagte auch ultrafinanzzerrütteten Ökonomen Drossel kam
Endlich saß die Gesellschaft zu großer Beruhigung des Herrn von Zeisel dem
einige gelinde Schweißtropfen schon auf der Stirn standen Er gab heute ein
Diner der Herablassung ein Diner der Rücksichten als Stellvertreter des
Fürsten dem Freunde des Fürsten zu Ehre Es war nur der einzige Adlige Herr
von Sänger zugegen und auch dieser nur als fürstlicher Rentmeister Dennoch
setzte ihn selbst diese Aufgabe wo er doch nur gnädig nur herablassend zu sein
brauchte in Verlegenheit Er hatte dabei den Takt Louis Armand neben sich zur
Rechten zu setzen und ihm die Unterhaltung der Frau Pfarrerin zuzuweisen
Frau von Sänger war eine sehr heitre eine sehr kokette Frau Sie zeichnete
sich durch schöne Gesichtsfarbe aus und erweckte durch ihre Lebendigkeit eine
große Vorstellung von dem ihr innewohnenden Temperament Sie pflegte mit der
Justizdirektorin in Kleidung Lebensweise und Neigung zu wetteifern und hatte
eigentlich seitdem Frau von Zeisel Gefallen an Oleander fand in der ganzen
Gegend Niemanden ihres Attachements Würdigeren gefunden als geradezu Selmas
Vater der wohl im Stande war noch auf mittlere Frauen einen lebhaften Eindruck
zu machen Nun aber war ein junger Franzose Louis Armand und ein hübscher
Maler Siegbert Wildungen in den meist philisterhaften und bequemen Kreis
getreten Da ihrem Stolze denn doch Louis Stand zu geringfügig erschien so
ergrimmte sie nicht wenig über ihre Rivalin die den andern neuen Ankömmling so
ohne Weiteres schon in Beschlag nahm Ihr Gatte entfaltete inzwischen gegen
Selma jene Liebenswürdigkeit der alten Herren die in gewissen Schranken sich
haltend den Frauen immer gefällt und von den jungen Männern nur zu selten zum
Muster genommen wird
Frau von Zeisel hatte ein zwischen der Malerei und der Küche geteiltes
Herz Ihre Blicke schossen bald auf ihren Nachbar bald auf die Schüsseln die
die Mägde hereintrugen Sie erntete alle Anerkennung Man begrüßte jede neue
Speise mit einem Blicke auf die präsidirende Wirtin die zwar die Würde des
Standes im Allgemeinen vortrefflich behauptete zuweilen aber doch besonders
wenn es sich um Ergänzung der leergewordenen Flaschen handelte sich hinreißen
ließ Winke zu geben ja sogar selbst einmal fast aufstand wofür Herr von
Zeisel aber den Mut hatte sie mit einem ernsten Blicke zu bestrafen
Ackermann beobachtete voll Rührung die Freundschaftsblicke die Siegbert und
Louis zuweilen über den Tisch wechselten Er war unstreitig der schweigsamste am
Tisch Selma plauderte mehr als ihm lieb war Das junge Mädchen die Blume der
Tafel und der eigentliche Mittelpunkt der Gesellschaft schien nur zu sprechen
um eine innere Aufregung zu verbergen Oft warf sie einen verstohlenen Blick zu
Louis und einen ganz flüchtigen zu Siegbert hinüber der seinerseits von dem
Reize dieses frischen Kindes träumerisch gefesselt war
Oleander der Vikar stand natürlich zuerst auf und brachte einen Toast auf
den Fürsten Er nannte Egon von Hohenberg Einen der auf der Menschheit Höhen
ebenso scharfblickend empor wie niederwärts zu schauen verstünde Er hat
schloss er in gebundener Rede er hat des Lebens tiefste Wurzeln aufgesucht das
innere Sein und der Erscheinung Flucht mit Denkerblick erspäht den Thron der
Wolken fand sein Alpenstab und was ihm schon das Schicksal selber gab er nahm
es nur als seines Wanderns Lohn
Der Beifall war einstimmig Nur Drossel brachte sogleich bitter genug die
neuen Wahlen und die geladenen Kanonen auf das Tapet Es war ein Miston den
Louis und Siegbert sich gegenseitig bedeutsam ansehend wohl in der ganzen
Dissonanz zu dem Akkord den Oleanders Worte hervorgerufen hatten fühlten
Ihre Freundschaft für Egon gab dem Rentmeister Recht als er Drosseln drohte
den Rand zu halten Freilich ließ der alte Herr auch sogleich eine Anzahl
grimmigster Verwünschungen über die Demokratie aufprasseln die nun endlich in
dem Sohne des alten Generalfeldmarschalls ihren rechten Bändiger fände Er
richtete dabei mit einer gewissen Absichtlichkeit die dem amerikanischgesinnten
Ackermann nicht entgehen konnte ein förmliches Pelotonfeuer gegen die
Republikaner die er mit Stumpf und Stiel ausgerottet verlangte Auch der
Apotheker Sonntag der Aktuar Weiße und der Ortsvorstand Marx waren ganz
derselben Meinung und konnten die Gefahr die dem Staate durch seine neuen
demokratischen Grundlagen drohe nicht bedenklich genug schildern Herr
Anverwandter war zu sehr Fettmasse um eine Meinung über das Prinzip der
Bewegung zu haben Herr von Zeisel lavirte Er meinte die Politik des Fürsten
läge wohl noch nicht ganz offen da Heut Abend wär er vorläufig auf die
Zeitung gespannt
Nicht offen rief Drossel Wer mit dieser gemässigten Kammer nicht regieren
kann wem selbst solche Moderirte wie Justus zu liberal sind der kann nur mit
einer Beamten Kammer regieren oder wird als Absolutist enden falls sich
solche Komödien noch aufführen lassen
Ja Herr rief der Rentmeister nach Pulver und Blei sollen Sie noch Ihre
Puppen tanzen sehen dabei vergoss vorläufig Herr von Sänger schon mehr von
dem Rebenblute als Frau von Zeisel lieb war
Es ist doch gut sagte der Arzt Reinick ein kleiner Mann von schlichtem
Aussehen und verständiger Mäßigung im Ton und seiner ganzen Haltung es ist doch
gut dass es dabei außer Toten manche Verwundete geben wird die man durch unsre
Kunst wiederherstellen kann Man muss auch wieder an die Ärzte denken
Diese scherzhafte Wendung gefiel Siegbert der schon in Randhartingen mit
dem Doktor Reinick Bekanntschaft gemacht hatte
Drossel aber stellte gegen die Kanonen gleich auch Kanonen Er meinte dass
Salpeter überall in der Erde läge Blei auch und Schießen wäre jetzt ein
Kinderspiel Die gefüllten Blechbüchsen die man Kartätschen nenne wollte er
eben sagen
Herr Drossel unterbrach ihn aber Frau von Zeisel Ich bitte mir aus Hier
werden keine Schlachten geliefert und keine Revolutionen gemacht Essen Sie
meine Kotelettes und bewundern Sie meine jungen Gemüse die ich auch in
Blechbüchsen verwahre
Man musste über den Übergang lachen Frau von Zeisel verriet dass sie nicht
ohne Verstand war Ihre eigentliche Absicht merkte aber doch nur ihr Gatte Er
sah wie die Aufregung des Gelben Hirschwirtes den man als Mittelpunkt der
noch nicht niedergeworfenen Demokratie der ganzen Gegend schonen musste sich in
der Entleerung der in seiner Nähe stehenden Flaschen vorzugsweise zu erkennen
gab Er rechnete dass wenn Das so fortginge und sich die Männer hier politische
Scharmützel lieferten mehr Blut fließen würde als durch die Adern der
disponiblen sechszehn Flaschen rann Frau von Zeisel begann auch bereits
gewisse auf diese Beobachtung hindeutende Blicke des Herrn von Zeisel zwar mit
Ingrimm aber doch mit weltkundigem Takte zu verstehen Glücklicherweise zeigte
sich Siegbert Wildungen der Nachbar der Wirtin von einer mannichfach
liebenswürdigen höflichen aufmerksamen Seite und erzählte ihr von seiner
Absicht in der Tat den dicken Herrn Anverwandter zu malen und sich längere
Zeit in der Gegend zu halten so viel Fesselndes dass sie mit einem rasch
verklingenden Seufzer die Kellerschlüssel wirklich hinterrücks durch den Stuhl
der Bedienung zureichte und den Weinvorrat auf Gnade und Ungnade in fremde
Hände gab
Man brachte einen Toast auf die Wirtin den Wirt die Damen die Gäste ja
auch auf Louis Armand den Freund und Genossen des Fürsten Diese Aufmerksamkeit
hatte Oleander gehabt der Alles was poetisch war lebhaft ergriff und jenen
Mut besaß unter Schaalheit und Philisterei sich an das Bedeutendere zu halten
mocht es erst auch wunderlich erscheinen Er erlebte aber damit den
eigentümlichen Fall wie Jeder der an das Edle im Menschen glaubt dass das
Poetische immer verstanden immer freudig aufgenommen wird selbst unter
nüchtern Scheinenden und rein materiell Gestimmten Er sagte hier einige schöne
Worte über Egons allbekanntes vergangnes Leben und Jeder verstand sie und
Jeder fühlte wie sie diesen einfachen Fremdling verklärten und hoben
Louis Armand aber der schon längst bemerkt hatte dass man sich des
Justizdirektors wegen Zwang auferlegte offen und frei die Verehrung vor
Ackermann auszusprechen Louis erhob sich mit raschem Entschluss lehnte den
Einfluss den man ihm auf den Fürsten zuschrieb bescheiden ab und sagte
Denen wollen wir Dank sagen die dem Fürsten die Hand geboten haben
festzustehen auf dem Boden seiner Väter Es lebe Herr Ackermann
Dieser Toast so kurz so einfach so natürlich drückte doch Aller Stimmung
aus und die langverhaltene Empfindung machte sich in dem freudigsten Jubel Bahn
der nur noch von Drossel der gleich hinzusetzte Der Republikaner hoch
unmelodisch genug überschrieen wurde
Ackermann hielt sich an den herzlichen Gruß der ihm in den Gläsern
widerklang die Reinick Oleander Sonntag Anverwandter ihm entgegenhielten und
sagte dem Justizdirektor die Hand bietend die dieser auch gerührt ergriff und
schüttelte
Lassen Sie den Frühling leben meine Freunde Lassen Sie die Hoffnung leben
Der Winter rüttelt schon an der Tür ein schlimmer Gast der uns noch eine
lange Prüfungszeit bringen wird Wenn aber dann der Schnee auf diesen Höhen
schmelzen wird wenn die Lerche steigend singt die Erde zerschnitten vom
Pfluge Frühlingsodem ausströmen wird dann wollen wir Alle zusammenwirken und
im Glücke eines Mannes den wir lieben unser eigenes finden Auf treue gute
fröhliche Nachbarschaft
Das war wieder ein Wort so recht alle Herzen entzündend denn nun bekam
Jeder doch auch etwas für sich So sind die Menschen Erst allenfalls Einer
dann aber auch gleich Alle Die Gläser klangen die Hände wurden geschüttelt
Als man dann saß und sich von den angeregten schönen Gefühlen sammelte um
wieder zur Tafelfreude zurückzukehren kam noch ein Glas als Nachzügler zu
Ackermann hinüber Selma hielt es hin mit schalkhaftem lächelndem Blick Dem
Kinde glänzte eine Träne im Auge die der Vater durch einen Scherz nicht
entfernen konnte Auch er war gerührt und drückte die Hand der holden Tochter
über den Tisch hinüber
Wie vorauszusehen war musste zuletzt auch der Gegenstand berührt werden den
damals alle Welt an den Namen Wildungen anknüpfte Gleich bei Siegberts
Eintreten hatte man geflüstert ob dies jener Wildungen wäre der ja ja
hatte es geheißen und mit um so gespannterem Interesse betrachtete ihn jedes
Mitglied der Tischgesellschaft
Herr von Zeisel war es der das Eis dieser Spannung brach und mit den
beziehungsreichen spürend belauschten Worten Siegberten sein Glas entgegenhielt
Zwar hat sich Vieles in unserm Hohenberg geändert Alte Irrtümer sind
erkannt worden und neue Hilfe ist gefunden Aber man soll Niemanden verleugnen
der uns Freund ist wenn er auch irrte Der Justizrat Schlurck mag der Zukunft
des Fürstentums nicht gewachsen gewesen sein Dennoch schätz ich ihn als
meinen Freund Ich wünsch ihm die reichsten Belohnungen für seinen
allbewunderten vielgerühmten Scharfsinn Nur in einem Gegenstande soll er
unterliegen in einem Punkte die Waffen strecken müssen in einem eine
schmähliche Niederlage erleiden Herr Siegbert Wildungen ich meine in Ihrem
Prozess
Da war der Damm weggerissen Alle Blicke alle Fragen der Neugier hatten nun
eine freie Strömung Jeder sah nun in Siegbert Wildungen den künftigen Krösus
und Louis besann sich durch die Röte die den Freund überflog sogleich auf die
Äußerungen die noch vor kurzem über diesen Gegenstand Siegbert im alten
Ratskeller der Residenz getan hatte
Mit wärmerem Interesse aber als alle Übrigen ließ Selma und Ackermann
ihre Blicke auf Siegbert ruhen und bald wussten es Alle dass Ackermann in jüngeren
Jahren den Fremden wollte auf den Armen getragen haben
Wo Das rief Siegbert erstaunt
In Taldüren
Kannten Sie meinen Vater
Vater und Mutter
Ich entsinne mich nicht Ihren Namen
Wie geht es der Mutter
Sie kränkelt
Siegbert begriff nicht wie ihm wurde als er Ackermann ins Auge sah Es
stiegen ihm Empfindungen auf denen er keinen Namen geben konnte Ganz verloren
in die Züge Ackermanns und Selmas hörte er nicht dass man ihn um Auskunft über
den Stand seines Prozesses bat
Erst Frau von Zeisel musste ihn erinnern dass man mit ihm sprach
Er sagte nun
In erster Instanz hat mein Bruder der diese Angelegenheit mit Eifer
verfolgt unsre Ansprüche von denen er so fest überzeugt ist nicht behaupten
können Wir haben verloren Jetzt ist der Bruder in Angerode wo wir schon
einmal über diese alte Streitfrage Dokumente fanden Es handelt sich um die
genauere Feststellung unsres Stammbaumes Mein Bruder schreibt mir dass es ihm
gelungen ist Tatsachen die ein neues Licht verbreiten aufzufinden Schon ist
die Appellation im Gange
Wissen Sie sagte Oleander dass Propst Gelbsattel dem ich die hiesige
Vikarstelle verdanke einer der heftigsten Gegner Ihrer Ansprüche ist
Nicht bloß der Propst sagte Siegbert Ich fürchte dass wir alle Welt zu
Gegnern haben
Diese bescheidene selbstlose Äußerung bestritt man Drossel meinte so müsse
es mit allem Unrecht gehen das durch Verjährung Recht geworden wäre Er
verwünschte dabei die Pfaffen die Tyrannen die Advokaten die
Menschenschinder die vertierten Söldlinge die Staatsanleihen Alles
durcheinander Der Apotheker war sehr für den Satz Jeder ist sich selbst der
Nächste Frau von Zeisel bedauerte unendlich dass es der schönen Melanie nicht
mehr möglich sein würde fast alle Tage ein andres Kleid anzuziehen allein
darum gönne sie doch Herrn Siegbert Wildungen ein Vermögen das sicher einem
Halbdutzend großer Rittergüter gleichkäme
Die Erwähnung Melanies der Übergang auf ihre Anwesenheit in Hohenberg die
Nachfrage wegen ihrer wieder abgebrochenen Verlobung mit dem Stallmeister
Lasally der hier durch sein mürrisches Benehmen Alle verletzt hatte die
lächelnden Mienen über Melanie und den Fürsten alles Das war ein Durcheinander
das für Niemand chaotischer und unbehaglicher wurde als für Selma Siegbert
Louis Alle wurden ihr in diesem Augenblicke verhasst Es kreischte um sie her
wie von Dissonanzen Das war Alles unaufgelöst widerlich Wahrhaft frei fühlte
sie sich von einem lästigen Drucke als man in diesem Tumult aufstand und sie
sich an den Vater hängen konnte dem sie zuflüsterte
Fort Fort Vater Hier ist es erstickend Die Brust zerspringt mir
Ackermann küsste ihre brennende Stirn und sagte in mildem Tone
Gewöhne dich Kind an Rechnungen die nicht aufgehen Ich fühle dir das
Peinliche solcher Dinge die du alle nur halb verstehst wohl nach Das Leben
ist so Es ist aus Gegensätzen und unvermittelten Widersprüchen zusammengesetzt
Wenn man so sieht dass Alles anders ist als man es gern haben will möchte man
verzweifeln und in die Wildnis fliehen
Nach den gesegneten Mahlzeiten die man nun weingerötet speisenduftend
gegenseitig sich noch wünschte wurde Kaffee gereicht und manches vertrautere
Wort gesprochen Frau von Sänger rechnete darauf jetzt auch von dem jungen
Maler einige Vorteile der Unterhaltung zu ziehen und war nicht wenig verstimmt
als dieser nur mit Louis allein zu sprechen Lust zeigte Sie ging ohne Zwang
Beiden nach und duldete nicht dass sie sich isolirten Zu ihrem Verdrusse hörte
sie hier dass Siegbert nicht einmal mit ihnen nach Randhartingen zurückfahren
sondern die Nacht wie schon zwischen ihm und Louis verabredet war auf dem
Schloss bleiben würde Für morgen erst versprach er ihr seine Aufwartung zu
machen
Himmel sagte sie man ist hier so verlassen von Menschen die uns einmal
über das Gewöhnliche hinwegführen dass Sie sich nicht wundern dürfen wenn ich
Ihnen gestehe ich dulde Ihr Hierbleiben nicht
Nein nein sagte Siegbert lächelnd Ich muss mich vor dem Reize Sie zu
erobern bewahren
Keine Eroberung erwiderte die hübsche junge Frau Nur Nächstenpflicht
Haben Sie sich einmal verschlagen in eine Gegend wo nur Wilde wohnen so müssen
Sie sich Denen widmen die Sie zähmen sollen
Siegbert konnte die pikante kleine vertrauliche Unterhaltung nicht
fortsetzen denn Ackermann der auf ein Kanapé sich niedergelassen hatte
richtete einen so bedeutungsvollen teilnehmenden Blick zu ihm hinüber dass er
sich losmachte und zu ihm entschlüpfte
Frau von Sänger erfuhr von Louis dass Beide er und Siegbert die Absicht
hätten gemeinschaftlich nach dem Forstause zu wandern Das Wetter wäre schön
Gegen fünf Uhr wollten sie wieder zurück sein Siegbert würde dann auf dem
Schloss über Nacht bleiben und am Morgen eine Gelegenheit suchen nach
Randhartingen zurückzukommen
Dies war genug um Frau von Sänger zu bestimmen Siegbert nachzuspringen und
ihm zu sagen dass er ihren Wagen der in der Schlossremise stünde hier behalten
und mit ihm morgen nachkommen solle Sie würde mit ihrem Manne in dem großen
Wagen des Herrn Anverwandter fahren Und ehe noch Siegbert ablehnen danken
konnte war sie schon ihre langen aufgegangenen Locken schüttelnd zu den Männern
hinüber um diese Anordnung kurz und rundweg anzuzeigen es ihren Kutscher
wissen zu lassen und sich dann die Locken vorm Spiegel als Scheitel zu ordnen
Siegbert erfuhr bei Ackermann dass Selma schon zu den Kindern des Pfarrers
hinüber wäre wo sie bliebe bis er einige Geschäfte geordnet und auch
vielleicht die neue Begleiterin aus dem Forstause in Empfang genommen hätte
Einer weitern Nachfrage über seine Beziehungen zu Siegberts Eltern wich er
sonderbarerweise jetzt aus Er war einsylbig nachdenklich geworden Fast schien
es als bereute er die Hingebung die er über Tisch verraten Siegbert fand
dass dies Antlitz das ihn seiner männlich schönen Formen wegen so gefesselt
hatte auch den Ausdruck eines tiefen Ernstes annehmen konnte und erschrak fast
vor dem Anflug von Kälte der ihm plötzlich aus Ackermanns Benehmen entgegen
wehte
Louis flüsterte ihm zu sie wollten gehen und von der Gesellschaft ohne viel
Aufsehens scheiden Doch gelang ihnen dieser Rückzug nicht ganz Die
Justizdirektorin und ihr Gatte wenigstens sahen scharf genug um sie nicht so
entschlüpfen zu lassen Louis gab das Versprechen baldigster Wiederkehr und
Siegbert gelobte so lange er in Randhartingen an Herrn Anverwandter male und
Sie sehen fügte er auf den starken Herrn deutend es gehört Farbe dazu
wenigstens einen Tag um den andern sich in Plessen sehen zu lassen Für heute
Abend schon zur Whistpartie wiederzukehren musste er ablehnen da er sich ganz
dem Wiedersehen Louis Armands widmen wollte
So gelang es denn den Freunden davon zu kommen Wie sie allein waren Jeder
sich mit einem Paletot gegen die Novemberluft die sich schon rau genug
ankündigte gerüstet hatte und nun sogleich auf dem nächsten Wege dem Forstause
zuschritten reichten sie sich nochmals die Hand um ihre Freude über dies
glückliche Zusammentreffen auszudrücken Und die Worte entfuhren ihnen Beiden
fast wie im Zusammenklang
Gott sei Dank Dies Diner wäre überstanden
Achtes Kapitel
Die beiden Gesellen
Ich dachte gleich sagte Siegbert auf der Wanderung durch das Dorf nach dem
Walde zu dass Sie noch in Plessen sind lieber Louis Hier also weilte mein
Bruder und erlebte Dinge die so verhängnisvoll für uns Alle wurden Ist das
also da das Schloss
Bleiben Sie länger hier Genießen Sie die Gegend die viele Schönheiten
bietet
Ich denke in acht bis zehn Tagen drüben fertig zu werden und lasse mich oft
hier sehen Wie lange bleiben Sie noch
Louis gedachte des einsamen verlassenen Murray und ihrer gemeinsamen so
schwierigen Forschungen Der Blick nach dem Eckfenster tat ihm um so mehr leid
als er nicht wagen konnte Siegbert mit Murray bekannt zu machen der Fragen und
Erörterungen wegen die davon die Folge gewesen wären
Ich denke freilich schon in einigen Tagen zurückzukehren Was sagen Sie zu
den neuesten politischen Nachrichten
Seit wir so plötzlich auseinander kamen hat jeder Tag eine neue
Überraschung gebracht Egon tritt wie ein Dictator auf Wenn ich auch die Kraft
liebe so ist es doch bedenklich dass sich nur die conservative Partei über
diese Auflösung der Volksvertretung gefreut hat
Ich kann Ihnen nicht sagen wie ich vor Begier brenne ihn zu sehen und zu
sprechen
Ich will wünschen dass Sie ihm gelegen kommen Als ich einen Tag nach Ihnen
reiste konnt ich ihn nicht sprechen Er trägt wie ein Atlas so schwer auf
seinen Schultern
Ich wünschte er hätte unserm Abende im Ratshause beigewohnt ich glaube
an dieser Verwirrung der Interessen hätte ihn ein Überdruss ergriffen wie uns
Glauben Sie Egon ist ein Mensch der Tatsachen Er würde uns Ideologen
nennen und unsre Chimären verspottet haben
Und doch schleicht sich die Erinnerung an jenen Abend in jede freie Lücke
des Nachdenkens und füllt sie sogleich ganz Ich denke immer daran und hefte im
Geiste schon jedem Menschen der mir gefällt das Kreuz unsres Bundes auf die
Schulter
Auch mir geht es so sagte Siegbert überrascht von der gleichen Erfahrung
Ich riss mich von der Residenz mit einem heroischen Entschlusse los Ich musste es
tun aus Gründen die ich wohl verschweigen soll
Louis bat ohne Sorge zu sein Und wenn er auch vor ihm Geheimnisse hätte
er wäre darum von seiner Freundschaft nicht weniger überzeugt
Ich kam nach Schönau fuhr Siegbert fort besuchte dort die Männer an die
mich der plötzlich so auffallend entgegenkommende Propst empfohlen hatte Man
bot mir in der Tat eine ansehnliche Summe für ein Frescobild in einer neu
ausgebauten freundlichen Kirche und billigte meine Pläne für den zu behandelnden
Gegenstand Nachdem fing ich für die Einweihung der Kirche an einige alte
Gemälde von achtbarem Werte wiederherzustellen und lernte in dieser Zeit manche
tüchtige Persönlichkeit kennen Sonderbar dass ich Alle in einer gleichen
Stimmung fand wie wir Alle waren aufs lebhafteste an der Zeit und ihren
Entwickelungen beteiligt Wenige aber konnten sich mit dem Parteigeiste wie er
nun einmal geworden ganz befreunden Fast Alle warten auf einen politischen
Messias die Einen in Gestalt eines Napoleon die Andern in Gestalt eines
Washington Ich gestehe dass das Vertrauen auf Egon nicht gering ist Man hat
ihn schon so oft die Verachtung vor dem bisherigen Laufe der Dinge auf der
Tribüne aussprechen hören dass Jedermann glaubt er würde einen völlig neuen
Staat aufbauen Mit Ungeduld erwartet man das Wahlgesetz das er wie man
vermutet oktroyiren wird Und doch bemitleidet man ihn da er mit denselben
Steinen die er eben abgetragen doch wieder wird bauen müssen Mir nun dem
Maler glaubt Jedermann sagen zu müssen dass die Künste in solcher Zeit keine
Freistatt mehr genössen und ergeht sich in Anklagen gegen die Welt die
unwillkürlich mir doch den Plan meines Bruders als eine große in der Zeit
schlummernde Idee darstellen
O gewiss sagte Louis Ich gestehe Ihnen bin ich zerstreut durch Manches
was mir seitdem begegnete oder ist es die Folge jenes Abends meine
Gesichtskreise haben sich erweitert Ich fühle mich höher gestellt in dem
Standpunkt von dem aus ich die Schwierigkeiten des Augenblicks beurteile Und
ich wiederhole Ihnen ich habe eine Neigung Genossen für die Ritterschaft des
Geistes zu gewinnen die unwiderstehlich ist
Das ist auch mein Fall Und ich sollte meinen der Drang Proselyten zu
finden ist das beste Kennzeichen einer in uns lebendig gewordenen Wahrheit
Ich sehe fuhr Louis fort so viele Menschen die außerhalb der Tagesdebatte
stehen Warum sollen sie nur stumm reflectiren Warum soll ihr Geist ihre
Gesinnung daliegen wie das tote Pfund in der Erde Sie brauchen ja nicht Hand
anzulegen irgend in den Gang der Geschichte einzugreifen nein Es genügt
schon dass Gesinnung an Gesinnung sich kette und der Geist selbst aneinander
sich entzünde Unter den Gästen die Sie heute sahen würd ich wenige für
würdig halten zu Rittern vom Geiste geschlagen zu werden aber die die ich
meine würde das vierblättrige Kleeblatt das Symbol des seltenen Fundes wohl
zieren
Hat Ihnen das Symbol gefallen fragte Siegbert der sich erinnerte dass auf
dem Heimwege vom Ratskeller davon gesprochen wurde
Ich dachte mir sagte Louis als Ihr Bruder von dem Kreuze und seinen Enden
sprach wie meine Schwester mit ihren Freundinnen spazieren ging Man wandelt
fröhlich und an der Abendsonne sich ergötzend über den grünen Wiesenplan und das
Auge sucht unter den Tausend Dreiblättern nach einem Vierblatt Man findet es
man jubelt man ruft die Genossen Ein Vierblatt Jeder will es sehen Jeder
bewundert das Spiel der Natur und Jeder wünscht Dem der das Vierblatt gefunden
Glück denn ein vierblättriges Kleeblatt bedeutet Glück
Und wem möchten Sie die vier Punkte auf die Schultern drücken von Denen die
dort heute zusammengewürfelt waren
Zuerst dem edlen Vater des schönen Mädchens
Ackermann Entsinn ich mich doch vergebens in meiner Kindheit je von einem
Manne dieses Namens gehört zu haben
Ich fand dass er gestern als ich Ihrer erwähnte mit größerer Herzlichkeit
der Ihrigen gedachte als heute wo er sich Zwang anzulegen schien
Er wies meine Freundlichkeit eben fast zurück
Auch dafür muss er irgend einen Grund haben denn dies ist ein Charakter der
niemals eine Laune über sich Herr werden lässt
Entsinnen Sie sich dass ich schon an jenem Abende äußerte wie wenig wahren
Anteil wir Brüder für unsern Prozess voraussetzen dürfen
Grübeln Sie darüber nicht Wüsste er welche Gedanken Ihr Bruder mit dieser
Erbschaft verbindet wie groß er die an ihn gestellte Mahnung der Zeit auffasst
wie er mit diesen Hülfsmitteln den in Trümmer zerfallnen Tempel der Menschheit
wieder aufbauen will
Er würde uns Phantasten nennen Ihn erinnert das vierblättrige Kleeblatt
vielleicht nur an die Ökonomie
Den Vater eines solchen Mädchens
Selma Ein Kopf den ich wohl lieber malte als die Stierphysiognomie drüben
in Randhartingen
Auch auf den Pfarrvikar Oleander möcht ich rechnen und vielleicht den Arzt
Reinick der so wenig und so milde und so klar sprach
Auch mir prägten sich in Schönau einem kleinen aber sehr wohlhabenden Orte
viel ernste und ein inneres Leben verratende Physiognomieen ein Nur schade
dass man sie aus der Masse solcher Köpfe wie jener Drossel erst ausscheiden
muss
Es ist erstaunlich sagte Louis dass ich einen Republikaner wie diesen
exaltirten Mann noch vor kurzer Zeit als eine große Stütze meiner Vorstellungen
über die umzuändernde Gesellschaft angesehen hätte und doch glaub ich gewiss zu
sein dass man mit ihm zwar das Alte zerstören aber Neues nicht aufbauen könnte
Er würde vor allen Dingen danach trachten in der allgemeinen Verwirrung erst
seiner Verbindlichkeiten von denen ich höre dass deren viele auf ihm lasten
ledig zu werden und nachher ein ebenso gewaltsamer Despot werden wie die
Despoten waren die er stürzte Mein Vaterland gibt ja für diese traurige
Tatsache täglich die Beweise Die eine Partei verdrängt die andere und bedient
sich um sich zu behaupten derselben gewaltsamen Mittel die die frühere Partei
so gehässig machte Und Alle berufen sich mich überglüht es vor Zorn wenn ich
daran denke Alle berufen sich auf die Notwendigkeit der Ordnung die
Herrschaft der Gesetze den Zwang der Disziplin Diese Elenden Nur deshalb
wollen sie Gehorsam um den Staat für sich ausbeuten zu können und Mittel zu
sammeln ihren vorauszusehenden Sturz auf die Länge minder schmerzlich zu
ertragen
Bei diesen Worten lenkten Louis und Siegbert in den Wald ein und gingen
denselben Weg auf welchem im Sommer an einem Vormittage als das goldne
Sonnenlicht durch die grünen Zweige schimmerte vom Jägerhause zurückkehrend
durch Ackermann angeregt Dankmar so lebhaft von der Notwendigkeit eines
Erkennungszeichens Gleichgesinnter überzeugt war und über seinen Bund der Ritter
vom Geiste nachdachte
Es ging ein scharfer kalter Wind Das welke Laub wurde wirbelweise erfasst
und fortgeschleudert Geknickte Zweige lagen am Wege oder hingen noch halb oft
gefährlich an den Stämmen
Louis erzählte nochmals ausführlicher sein Vorhaben mit Franziska Heunisch
die Siegbert dem Namen nach schon kannte Hatte er doch das ihr bestimmte
Gedicht
Des Volkes Tochter arme Bettlerin übersetzt Er fragte Louis ob er von
ihr wie von seiner Geliebten sprechen dürfe
Louis schüttelte den Kopf
Dies verlegene Schweigen erinnerte Siegbert so lebhaft an Das was in seiner
eignen Brust verschlossen lebte dass er trüben Blickes über die welken Blätter
hinausschaute und nach einer Weile wie für sich selber sagte
Die erschlossene Knospe ist das Geständnis der Liebe Nicht zu spät komm
es aber auch nicht zu früh
Und wieder nach einer Weile sagte er
Wissen Sie dass Helene dAzimont nach Italien ist
Ich erfuhr es
Aber erstaunen werden Sie wer sie begleitet Die junge Tochter der
Fürstin Wäsämskoi Olga
Louis schwieg Er hatte von Egon gehört dass Siegbert Wildungen im Hause der
Schwester Helenens geliebt wurde
Was denken Sie von einer solchen Schule des jungen Mädchens sagte Siegbert
bewegt Ich leugne nicht dass Olga von den ersten Regungen ihres jungen Herzens
irre geführt mir Beweise mehr kindlicher als denkend empfindender Liebe
gegeben hat
Die Eifersucht auf die Mutter hatte die Flamme genährt sagte Louis
zurückhaltend
Auch Das ist der Welt bekannt rief Siegbert mit schmerzlicher Erregung
Alle Alle sahen es Nur ich Tor war verblendet und wiegte mich dem trägen
schlummernden Goldkäfer gleich in dem Kelche der Blumen Wie bereu ich diese
glücklichen Tage Wie viel qualvolle Stunden werden ihnen folgen
Unerklärlich ist wie Olga entfliehen konnte
Doch nicht sagte Siegbert Rudhard hatte mit Gewalt beschlossen mit ihr
und den andern Kindern zu reisen Noch hör ich dass ein von ihrem Vater ihr
bestimmter Verlobter eingetroffen sein soll Es blieb ihr nur die Wahl entweder
mit Rudhard zu reisen oder sich mit Otto von Dystra zu verloben
Otto von Dystra sagte Louis überrascht Ein russischer Diplomat Aus
Amerika
Ganz recht
Ein Freund Ackermanns ein Bekannter
Fast hätte Louis Murrays Namen den er doch verschweigen wollte
ausgesprochen
Wie sie Alle bestätigen werden fuhr Siegbert fort ein Mann der nicht ohne
Bedeutung sein soll
Ein Sonderling Unstät Reisender Überdies hässlich
Menschen von Geist sind nicht hässlich
Einer solchen Verbindung könnten Sie das Wort reden
Rudhard verschwieg mir nichts von den Wunderlichkeiten dieses Mannes doch
musste er ihn einen Philosophen nennen und gestand mir dass grade eine solche
Natur im Stande sein würde Olgas Erziehung zu vollenden
Nein Nein Abscheuliche Sklaverei Erziehung in der Ehe Philosophie wo
das Herz glücklich sein will Wie lob ich das entschlossene Mädchen dass es den
Mut hatte zu entfliehen und das Herz zu retten in dem Siegbert Wildungens
Bild lebt
Sie brauchen fast dieselben Worte lieber Louis sagte Siegbert lächelnd
wie sie selbst
Sie schreibt Ihnen
Aus der ersten Stadt wo sie rastete Es sind die lyrischen Ergüsse eines
schwärmerischen Mädchens das durch die Welt reist um sie mit ihren Idealen zu
vergleichen Ich würde diese Wendung mit Freuden verfolgen wenn nicht auch
Helene von Olga mit leidenschaftlicher Liebe angebetet würde O nur Helene weiß
zu lieben schreibt sie mir Helene ist die Liebe selbst Die himmlische die in
diese abscheuliche Erde nicht passt Egon ist einer von diesen herzlosen Göttern
der Erde die Menschenopfer verlangen Er ist kein Teufel und kein überirdischer
Gott er ist nicht ganz böse und nicht ganz gut nur er selbst ist er der
Schatten seines Schattens das Echo seines Echos einer der herzlosen Dämonen
die Alles wegzuspötteln wegzulächeln wissen und an Wahrheit erst glauben wenn
einmal ein betrogenes Weib den Dolch erhebt und sie für die Lüge ihres Geistes
den Stahl einer wirklichen Rache empfinden lässt
Ums Himmelswillen rief Louis lachend Das ist ja ein Plagiat Das sind
Worte die Olga Helenen nachschreibt und Helene hat sie von der Phädra oder
sonst einer wilden Heroine aus dem Téâtre Français
Ich würde lachen wie Sie Louis bemerkte Siegbert wenn nicht diese
Stylübungen eine neue Wendung erhielten durch den Trost den Helene dAzimont
finden wird suchen muss Leidenfrost schreibt mir dass der Maler Heinrichson
Sie kennen den schönen allen Frauen gefährlichen Mann nach Rom ginge wie man
sagte um sich dort mit Gräfin Helene dAzimont ein Zusammentreffen zu geben
Verleumdung rief Louis Befürchten Sie Das nicht Die Gräfin war
leichtsinnig als sie keinen Mann gefunden der der Liebe einer Frau würdig war
Sie fand aber Egon Trotz der Schmerzen die mit diesem ihrem Glücke andern
Menschen bereitet wurden versichre ich Sie dass nach der Liebe eines solchen
Mannes Helene nicht im Stande ist Gefallen zu finden an einem so glatten Dandy
einer solchen geleckten Eleganz
Sie irren sich Louis Heinrichson besitzt Esprit Er weiß mit den Worten
Fangball zu spielen und besitzt jene blasirte Kälte die mit Geist und schöner
Figur verbunden allen Weibern gefällt Dazu ist er Maler Ich erkenne an mir
selbst wieviel wir bei dem Glücke das wir in der Welt machen abscheulich
ich spreche wie ein Don Juan
Fahren Sie fort Ich kenne die Maler Ich war in Paris täglich mit ihnen in
Verbindung Ich weiß was sie ihrer Kunst zu verdanken haben
Nun gut Auch diesem Heinrichson fließen alle Vorteile seines Talentes zu
dabei kann man nicht umhin sein Talent anzuerkennen Er führt einen
geschmeidigen anmutigen farbengrellen Pinsel Es ist Lust und Leben in Dem
was er auf die Leinwand wirft Was er auch malt blenden fesseln wird es immer
Befriedigen freilich kann es nur Die die von Effekten gepackt sein wollen Ich
weiß nicht ob Heinrichson in Rom bei den Kunstgenossen Glück machen wird In
Paris würde ers Für Rom fürcht ich dass man ihn oberflächlich und frivol
nennt Er wird sich aber Anerkennung verschaffen durch Witz Satyre Man wird
Angst vor ihm haben weil er treffende Urteile schleudern kann Genug mein
Freund nehmen Sie noch ein seltnes Sprachtalent Konversationston im Salon
vortreffliche Toilette vornehme Empfehlungen hinzu und ich versichre Sie er
wird Helenen fesseln für Egon entschädigen eine Verbindung mit der Gräfin
anknüpfen und Olga dies junge noch reine Gemüt Olga dieser Engel soll
jetzt schon Zeuge solcher elenden modernen Verirrungen werden soll
Sie sehen zu weit unterbrach Louis den trostbedürftigen Siegbert der seine
lebendigste Liebe für Olga nicht verbergen konnte Ich kann nicht glauben dass
ein Weib das einen Egon liebte und von ihm wieder geliebt wurde so sehr das
Bedürfnis eines zärtlichen Verhältnisses verraten könnte um diesen Tausch
einzugehen
O rief Siegbert in mir erhebt sich Alles Alles um diesen Verdacht zu
bekämpfen Jede Fiber meines Herzens spricht für die Unmöglichkeit solcher
Gesinnungslosigkeit des Herzens am Weibe überhaupt und doch klingen mir die
Worte im Ohre die Dankmar einmal zu mir sprach O Das sind die Frauen die mit
ihrem Herzen Alles möglich machen können wie mit Handschuhen die man wäscht
färbt umkehrt wie mit Polypen die man aufschneidet herumwendet und die
dennoch leben auch wenn der Bauch ihr Rücken der Rücken ihr Bauch geworden
Bitter sehr bitter und gewiss oft wahr rief Louis erschreckend Aber geben
Sie diese trübe Vorstellung auf Hoffen Sie auf eine schönre Entwickelung des
jungen Mädchens das Ihnen so teuer ist Oder treten Sie mit Entschiedenheit
bei der Fürstin auf
Bei der Fürstin wiederholte Siegbert in einem Tone der Louis bestimmte
fragender als er sich sonst erlaubt hätte auf seinen Freund zu blicken
Weshalb hab ich mich wohl entschlossen sagte Siegbert das geistlose
Gesicht jenes reichen Gutsbesitzers in Randhartingen zu malen Wissen Sie dass
ich von Schönau geflohen bin Die Fürstin ließ mich einen Besuch in dem kleinen
Orte erwarten
Himmel rief Louis erschreckend
Wohl wusste sie über diesen Entschluss fuhr Siegbert fort den Mantel einer
glaublichen Entschuldigung zu werfen Sie sprach von einer Verwandten ihrer
Mutter die in der Nähe wohne von Otto von Dystras Verlangen mich kennen zu
lernen doch mit den Vorwürfen die sie mir über meine Flucht machte
verglichen glaub ich fast sie will sich selbst überzeugen ob ich wirklich in
Schönau bin oder nicht gar mit Olga und Helenen irgendwo schwärme
So wünsch ich sagte Louis lachend sie kommt nach Schönau findet Sie
nicht und reist wie es sich gebührt ihrer Tochter nach Italien nach einem
Aufenthalt an den sie nicht glauben will
Das Seltsamste schreibt mir über diese Dinge mein Bruder Dankmar das
Seltsamste ist dabei dass in diesen Frauenköpfen von den Lebenspflichten des
Mannes so gut wie gar keine Vorstellung existiert Der Weltbau kann in Trümmer
gehen wenn nur noch Platz zu ihrem Glücke übrig bleibt So unersättlich sind
diese Leidenschaften in der großen Welt dass man zuletzt wirklich mit Wonne vor
einem beschränkten Mädchen stehen bleibt das noch Sternblümchen zerzupft und
dabei fragt Liebt er mich liebt er mich nicht
Mit diesen Worten schwenkten die beiden Freunde an der Eiche rechts zur
Wiese hin an deren Rande das Forstaus vor ihnen lag Es war schon dunkel
geworden Doch sah man unten kein Licht Die Hunde bellten der Annäherung der
Fremden entgegen
Heunisch wird zu Hause sein sagte Louis und beschleunigte die Schritte
Ich bin begierig diese stille Liebe kennen zu lernen sprach Siegbert
erwartungsvoll und verschob seine Mitteilungen aus Dankmars und Leidenfrosts
Briefen auf den Abend wo er mit Louis im Schloss allein zu sein hoffte
Wir sind allein bestätigte Louis nicht ohne Verlegenheit wie er es mit
Murray halten würde
Fränzchen hatte die Ankommenden trotz der Dämmerung erkannt und kam ihnen
unter der Haustür fragend entgegen
Siegbert freute sich an dem zarten blühenden Mädchen und dem romantischen
Aufenthalte Der Wald die Wiese das Jägerhaus die liebliche Bewohnerin
schienen ihm zusammenzupassen wie ein Märchen von Grimm
Für ein Bild sehr romantisch sagte Louis In der Wirklichkeit ist es aber
besser dass Fränzchen in den Ullagrund zieht Herr Ackermann ist einverstanden
und erwartet Sie schon jetzt schon für heute Er ist in Plessen und nimmt Sie
sogleich mit
Franziska sprach so laut ihre Freude aus dass Heunisch der eben mit der
Pfeife aus der Haustür trat schon unter der Tür hörte dass der neue Pächter
eingewilligt hatte Er dachte dabei mit Spekulation an den alten Sandrart und
hatte seine vollkommenste Freude an diesem Ausgang
Jetzt aber rasch sagte Louis Das Nötigste trag ich selbst und das Übrige
schaffen Sie nach Herr Heunisch
Da liegt schon vorläufig ein Bündel warten Sie ich lege meine Pfeife weg
Bleiben Sie nur bedeutete ihn Louis Das trag ich selbst da ist keine
Hilfe nötig
Damit hob er den Bündel auf der mit der nötigen Wäsche versehen war
Franziska sagte
Wir wechseln ab Nur fort Adieu Onkel Behüte Sie Gott und kommen Sie
gleich morgen
Heunisch hatte nicht das geringste Mistrauen in dies Verhältnis zwischen
Franziska und dem jungen Fremdling der sich ihrer Angelegenheiten so
teilnehmend annahm Er sagte
Die Katze kriegt doch noch ein Pfötchen Sieh wie sie sich anschmiegt
Komm Mutz gib dein Patschchen Der fremde Herr macht sie confus Ja Herr so
wohnen wir hier im Walde sehen Sie sich um Schießen Sie gern Aber
Fränzchen doch noch ein Licht Ei willst mich im Dunkeln lassen Ein Licht
dass der Herr da sieht wies bei einem alten Jägersmann sich wohnen lässt Den
Eilf Ender da an der Wand schoss ich selber
Louis machte Licht mit einem Streichfeuerzeuge das er nach seinen
praktischen Gewohnheiten immer bei sich führte
Ich gehe nicht mehr in die Küche flüsterte ihm Fränzchen zu kommen Sie
nur
Siegbert sprach einiges romantische Durcheinander vom freien Jägerleben und
vom lustgen Waldrevier Er betrachtete die Bilder die Vogelkäfige den Eilf
Ender und die Rehbockhörner über der Tür die Büchsen an der Wand Fränzchen
das mit ihrem Bündel stand wie er sich Goethes Dorotea gedacht haben würde
nur war sie kleiner aber lieblicher und wohl frischer wie jene Emigrantin
gewesen sein mag
Es gelang Heunischen nicht den Auszug noch länger hinzuhalten Man verließ
das Haus Er begleitete die Scheidenden noch die Wiese entlang Er hatte so ein
dringendes Verlangen so eine Freude über die Nachricht der Erlaubnis des
Generalpächters Fränzchen in die Nähe des alten Sandrart zu bringen dass er
über diesen Abschied ordentlichen Jubel empfand und versicherte ihr morgen alle
ihre andern Habseligkeiten nachzubringen
Was ist Das für ein Vogel fragte Siegbert sich plötzlich umdrehend
Der so lacht meinte Heunisch und lachte selbst Eine Lachtaube ist es
nicht Herr
Fränzchen zog Louis der den Bündel trug mit Gewalt weg
Louis hatte aber auch ein grelles tierisches Auflachen gehört und blieb
stehen
Das ist die Urschel meinte Heunisch und konnte nicht anders als selbst
über die Alte lachen die ihrer Rivalin ihrem Störenfried der nun abzog einen
Spott nach ihrer Art nachsandte
Meine alte Haushälterin setzte er für Siegbert der über diese Bosheit hier
in Gottes stiller Natur erstarrt war hinzu Meine alte Ursula Marzahn So wie
ich sagte
Fränzchen kommt kroch sie oben auf ihre Kammer und legte sich ins Bett
Nun sie hört Fränzchen geht kichert sie hinter uns her Alte schweig rief
Heunisch jetzt hinauf und klatschte wie man etwa einem Tier tut das man
verscheuchen will einige Male in die Hände Da hörte das boshafte Lachen auf
An der Eiche unter der einst Dankmar von dem Bunde der Guten und Denkenden
zuerst geträumt hatte nahm Heunisch Abschied nach der Art dieser Leute
umständlich ohne fertig werden zu können und die Rührung durch tausend
Kleinigkeiten verdeckend Fränzchen erhielt darauf von Siegbert den Arm
angeboten Warum sollte sie ihn nicht annehmen War sie doch in einer Stimmung
als hätte sie sich jetzt allen Menschen an den Hals werfen und rufen sollen Ich
lebe wieder Ich bin gerettet
Louis regte eine Aufklärung Siegberts an Man erzählte ihm was diese
Freude begründete Da sah er wohl ein wie glückliches Wesen er am Arme führte
Fränzchen trat behend wie ein Reh und hing ihm wie im Tanz so leicht am Arme
Sie hatte da es kalt war ein Mäntelchen über und einen Strohhut mit rotem
Bande der die Blässe ihres Gesichts noch zarter hervorhob Sie erzählte wie
sie die Nacht in Ängsten zugebracht hätte und heute früh während Heunisch aus
war hätte sie jeden Augenblick erwarten können die böse Frau würde die Treppe
heruntergeschlorrt kommen und sie wieder so durchbohrend und hexenartig ansehen
wie gestern
So und ähnlich plaudernd und dabei überrasch vorwärtsschreitend kamen sie
mit dem fünften Glockenschlage in Plessen richtig an Es war die höchste Zeit
denn vor dem Pfarrhause sahen sie schon den kleinen Wagen Ackermanns und bei
dem Licht in der Stube harrende Figuren am Fenster Näher kommend unterschied
Louis Ackermann Oleander und Selma Am Amtause war schon Alles still
Eintretend in das Pfarrhaus und in die Wohnstube gleich linker Hand übergab
Louis der den Bündel auf die Hausflur geworfen hatte Ackermann und Selma die
neue Schutzbefohlne Ackermann verriet durch einen flüchtig musternden Blick
dass ihm das Mädchen gefalle und Selma bot ihr freundlichst die Hand
Da hab ich ja sagte sie was ich wünschte Wir wollen fröhlich
zusammenleben und uns schon gut vertragen
O Fräulein stammelte Franziska
Und so prächtigen Putz machen Sie Wie schön ist das Band am Hute
aufgesteckt Ich verstehe gar nichts von diesen Dingen auf die die Leute so
streng sehen Heute am Tisch bin ich so gemustert worden dass ich immer dachte
Wartet das nächste Mal sollt Ihr sehen dass ich die neueste Mode trage Ich
dachte an Sie liebe Franziska
Wie sind Sie gütig
Ich gestatte Euch Eure Toilettengespräche im Wagen fortzusetzen während
ich vielleicht schlafe bemerkte Ackermann Es wird zu finster Gute Nacht Frau
Pfarrerin
Großer Stromer Dein Weib wischte sich erst die Hand ab ehe sie die ihr von
Ackermann gebotene annehmen konnte Die Küche die Mägde die Hühner die Eier
das Füttern das Waschen das Putzen und die Kinder Die Kinder Die Kinder
Oleander sagte dass morgen zeitig eingeholt werden müsste was heute versäumt
wäre
Selma antwortete nichts darauf Sie schien zerstreut und noch nicht frei von
den beklemmenden Gefühlen die sie heute in Louis Nähe drückten Siegberten
der einige freundliche Worte mit Ackermann gewechselt und von diesem eine
herzliche Einladung zum Besuche im Ullagrunde erhalten hatte verneigte sie sich
flüchtig aber mit einem jener wohlwollenden Blicke die nur so im
Vorüberstreifen hingeworfen an Frauen immer bezaubern müssen Leidenfrost hatte
einmal zu Siegbert diese Blicke die auch Melanie sehr in der Gewalt hatte wenn
sie durch das Bergsche Atelier schwebte panteistische genannt und seine
Bezeichnung so erklärt Die Frauen wollen gewissermaßen mit diesen Blicken
sagen Freund auch du bist liebenswürdig und ich würde dich gern nehmen wenn
ich nicht schon schwärmerisch liebte und bei unsern düstern monoteistischen
Ideen nur Einen Gott und keinen Andern neben ihm haben dürfte
Louis reichte dem Knecht das Päckchen hinauf das er neben sich legte Im
Wagen war es ziemlich eng denn statt der kleinen Hedwig die Ackermann
zurückgebracht hatte ging heute der mittelste Knabe mit Waldemar dessen Pate
der alte Fürst Waldemar von Hohenberg gewesen war Alle zwei drei Tage
wechselte Selma unter den Kindern der Frau Pfarrerin ab die noch an dem
Wagenschlage stand und für die Liebe dieser guten Menschen dankte Ackermann
der noch immer in einer gedrückten nachdenklichen Stimmung blieb schien froh
als sich endlich sein Gaul in Bewegung setzte Fränzchen reichte voll Innigkeit
und freudigen Dankes Louis noch die Hand während der Wagen schon rollte
Louis und Siegbert mussten da sie ihre Hüte in dem Pfarrhause gelassen
wieder zurück eintreten und Oleander mochte sie nun nicht weglassen
Sie wissen was Sie mir gestern versprochen haben sagte er zu Louis
Louis dem es peinlich war Murray aus seiner einsamen Ruhe aufzuschrecken
dachte sehr lebhaft daran ob nicht Siegbert er und Oleander den Abend zusammen
zubringen könnten
Herr Oleander wollte die Güte haben mir von seinen Gedichten vorzulesen
bemerkte er mit fragendem Blicke nach Siegbert hin
Dieser erwiderte sogleich
Ein Dichter dem andern Wissen Sie Herr Oleander dass Louis die artigsten
französischen Verse macht und ich sie zu übersetzen versuche
Diese Nachricht erfreute den schwäbischen Vikar so dass er nicht ruhte und
die Freunde durchaus bei sich zu behalten erklärte
Frau Pfarrerin Sie schicken uns einen Tee auf mein Zimmer heizen ein und
das gleich Erst hab ich noch einen kleinen Gang Dann kommen Sie hinauf oder
gehen Sie sogleich selbst und machen Sie sichs oben bequem
Louis sagte er zöge vor erst auf das Schloss zu gehen und Sorge zu tragen
für das Nachtlager seines Freundes Siegbert bat keine Umstände zu machen
Louis der nur gern ein Wort mit Murray sprechen den armen Verlassenen
Einsamen begrüßen wollte hielt Siegberten zurück und ging mit Oleander der
eine Kranke die Müllerin in der Mühle besuchen wollte hinaus in die
inzwischen vollständig herabgesunkene Nacht
Wie trieb es Louis hinauf zu Murray Es lastete auf ihm wie eine Schuld der
Lieblosigkeit Er hatte ein Fest genossen einen Freund gefunden das Glück
gehabt Franziska glücklich zu machen und da oben sitzt in stiller Verlassenheit
der freudlose nur in sein Inneres blickende wehmütige gewissenskranke Alte
der dies Erdenleben nur noch für eine letzte Prüfung ansah und alles
Trauerbringende für seine Bestimmung Es trieb Louis als hätte er ihm um den
Hals fallen und diesen ganzen reichen glücklichen Tag abbitten müssen
Auf dem Emporwege begegnete ihm Brigitte mit der er rasch besprach dass sie
noch ein Zimmer zu öffnen noch ein Bett zuzurichten hätte Und ob das Fuhrwerk
der Frau von Sänger die Nacht über versorgt wäre Alles Das fragte und bestellte
er rasch hintereinander Die Alte nickte und gab auf Jedes ihren höflichen
Bescheid Nur eine Bemerkung war ihm peinlich Der Amtsvoigt Pfannenstiel wäre
bei ihr gewesen und hätte nach dem alten Herrn oben gefragt wäre auch selbst zu
ihm gegangen und hätte ihn ersucht der Ordnung wegen seinen Namen und seinen
Stand aufzuschreiben
So So sagte Louis und wollte seine Besorgnis verbergen Das ist ja Alles
in der Ordnung Vergesst das Bett nicht
Nun erst hatte er recht Eile zu Murray zu kommen
Er fand diesen wirklich in einiger Bewegung und begrüßte ihn sogleich mit
den heftigsten Vorwürfen gegen sich selbst
Ich lasse Sie allein Verurteilen Sie mich Ich bin ohne Aufmerksamkeit für
meine Freunde Vergeben Sie mir
Beruhigen Sie sich lieber Louis sagte Murray mit weicher Gelassenheit Ich
bin nie in Verlegenheit mich mit mir selbst zu beschäftigen Nur wenn ich grade
sagen soll was ich treibe beunruhigt michs So vorhin wo ich der Ortspolizei
über Sie und mich der Ordnung wegen einen Nachtzettel habe ausfertigen müssen
Über Sie und mich Wenn auch ich verdächtig erscheine beruhigt mich diese
Nachfrage So sollte nur eine Förmlichkeit erfüllt werden
Besorgten Sie dass mein Erscheinen auf diesem Schloss und meine
Zurückgezogenheit auffällt Hörten Sie etwas darüber
Man bedauerte dass Sie nicht zu dem Diner kamen Niemand verlangte dass ich
von Ihnen mehr sagte als dass Sie ein älterer Freund und Gönner meiner heute
über Gebühr gefeierten Person sind
Louis teilte nun Murray in gedrängter Kürze seine Erfahrungen mit
Ackermanns Benehmen in dieser Gesellschaft schien Murray recht ein sprechender
Beweis für den Charakter den er in ihm schon am Missouri erkannt hatte
Ich sehe die Ironie auf seinem Antlitz sagte er Denn Sie müssen wissen
dass mir Ackermann oft erschien wie ein den höchsten Ständen angehörender
Flüchtling Sein Incognito war sozusagen wie das eines Fürsten Bei jeder
Lüftung seines Rockes glaubte man einen Stern auf der Brust zu sehen
Louis erzählte von den Huldigungen die man dem Fürsten Egon dargebracht
hätte verweilte aber am längsten bei der überraschenden Begegnung mit Siegbert
Wildungen Das was Murray am meisten interessieren musste Fränzchens
Übersiedlung aus dem Forstause schien er ganz zu vergessen
Endlich kam auch Louis auf diese und konnte nicht umhin von Murrays
Schwester eine Schilderung zu machen die Niemanden mehr bekümmerte als diesen
selbst
Ist sie sagte er wie ich fast für gewiss annehmen muss in einem kindischen
Zustande denkt ihr Geist nur an das Nächste wie soll ich von der Vergangenheit
etwas erfahren können Was hoffen Sie überhaupt von meinen Absichten lieber
Louis Ich sitze hier still in diesem Eckzimmer lese gravire klimpere auch
auf dem verstimmten Flügel wird der Zufall mir Das was ich suche in den
Schoss werfen
Ich fühle Ihren Vorwurf Murray
Keinen Vorwurf junger Freund Wenn ich mir zum Neide auch manchmal eine
Tugend die uns zum Guten spornen kann denken muss so kann ich wohl sagen Wie
beneid ich Sie um diesen frischen sorglosen Genuss Ihrer kleinen anregenden
Begegnisse Wie frisch wie herbstlich angerötet sehen Sie aus Wie heiter
scheint Sie all dies Einblicken in fremde Herzen und fremde Interessen zu
ergreifen Und Sie lieben Freund Sie sahen einem jungen Mädchen ins Auge Wie
könnt ich da verlangen dass Sie auf die Busse denken die ich mir für alte
Sünden auferlegte Vergeben Sie dass ich Sie Ihren Fuß in meine finsteren Kreise
setzen ließ
Murray Murray Was reden Sie Ich Ihnen vergeben Vergeben dass Sie mich in
das innerste Getriebe Ihrer geläuterten Seele haben blicken lassen Ach ich
lauer träger Freund Morgen versprech ich Ihnen dass wir Hand anlegen und zu
einem Ziele kommen Ich bin nicht so leichtsinnig gewesen nur an mich zu
denken Ich habe überlegt
Mit Vorsicht
Ich denke wir knüpfen an das verstimmte Instrument an Ich gehe und lade
Ihren blinden Bruder ein mit seinem Sohne der nicht hört
Aber sieht
Das ist schlimm Ich möchte Zeck träte hier ein Sie sitzen in einer Ecke
und beachten unser Gespräch Ich beginne von Zecks Verhältnissen und lenke
immer mehr auf den Punkt hin wo ich etwa mich stellen könnte als wenn ich von
Ursula Marzahn Dinge gehört hätte die ich von ihm bestätigt wünschte
Dies System macht einem Inquirenten Ehre sagte Murray lächelnd Aber ich
fürchte die Gegenwart eines Solchen der mich sehen kann
Ich will etwas ausdenken den Sohn zu entfernen und nur den Alten im Zimmer
zu behalten er ist trotz seiner Blendung von einer bewunderungswürdigen
Geschicklichkeit und wird an dem Instrumente bald erkennen was wir wünschen
Wohlan Es gibt keinen andern Weg Und wissen Sie dass ich das Nächste
Beste wählen muss aus einem mir plötzlich doch aufgestiegenen sonderbaren
ängstlichen Gefühle
Fürchten Sie etwas
Wenn ich den Gedanken an meine Sicherheit Furcht nennen soll so fürcht ich
wirklich
Weil man nach unsrem Namen fragte
Nein weil man mich beobachtet Sehen Sie dort zum Garten hinüber hinter
den Büschen
Louis stand betroffen auf und wollte an das Fenster auf das Murray deutete
Murray hielt ihn aber mit den Worten zurück
Nein Nicht so Erst nehmen Sie das Licht und stellen Sie es an ein andres
Fenster Dann werden die Lauscher glauben dass wir dort stehen und da
hervortreten wo wir sie sehen können ohne gesehen zu werden
Ich bin erstaunt sagte Louis stellte das Licht gegen ein andres
Fenster und folgte Murray hinter eine Gardine
Sehen Sie hinter den entlaubten Büschen jene beiden Männer
Nicht deutlich Es ist zu finster
Warten Sie eine Weile bis sich Ihr Auge an die Dunkelheit gewöhnt hat
Sehen Sie nur starr in die Nacht hinaus
Ich erblicke etwas
Die Büsche bewegen sich
Ich erblicke zwei Männer in niedergedrückten Hüten
Die sich vorbeugen
Und die Fenster fixiren Das sind Landstreicher Seien Sie unbesorgt Ich
habe schon gestern von Heunisch gehört dass Anzeige gekommen ist man möchte
alle Fremden streng bewachen
Schon gestern umschlichen diese beiden Männer das Schloss
Lassen Sie Ich gehe hinunter
Ums Himmelswillen Setzen Sie sich keiner Gefahr aus
Die Männer entfernen sich Ich folge ihnen
Nein nein Lassen Sie
Sie sind verschwunden
Genug ich will nicht dass Sie ihnen folgen Bleiben Sie da
Das kann ich nicht Murray
Louis bat den Alten nun um Vergebung dass er ihn heute Abend wieder allein
lasse Er wolle mit Siegbert bei Oleander den Abend zubringen
O gewiss Tun Sie Das sagte Murray Wenn drei so reine Flammen ineinander
flackern Das muss ein behagliches Licht geben Gehen Sie Aber erst nach einer
Weile
Murray fesselte Louis durch die Wiederholung Dessen was sie für morgen
versuchen wollten Dann kam Brigitte ordnete das Bett gab auf die Frage nach
zwei Männern im Garten die Antwort dass sie nichts gesehen hätte und es
vielleicht der Kutscher und der Bediente der Frau von Sänger wären kurz Murray
war endlich beruhigt und gestattete Louis hinunter zu gehen in die Schmiede um
seinen Bruder für morgen zu bestellen Er wünschte Louis jede nur mögliche
Anregung durch einen mit einem Künstler und einem Dichter zugebrachten Abend
Louis sah sich unten nach allen Richtungen um die beiden Männer zu
entdecken Er fand sie nicht In der Schmiede war Alles wie ausgestorben Das
Handwerkszeug lag umher Die Kohlen waren verglüht auf dem Herde Louis rief
Niemand antwortete Eine Treppe bemerkte er in der Dunkelheit ging von der
Werkstatt empor Er rief hinauf Die Stimme eines alten Weibes ließ sich hören
Ist denn Niemand hier fragte Louis laut hinauf
Niemand hier wiederholte es fast echoartig
Alles fort
Alles fort
Wie ausgestorben und ausgeflogen
Jetzt hörte er Holzpantoffeln
Eine kleine gebückte Alte kam mit einer Laterne
Du mein Gott lärmte sie sind die beiden Taugenichtse fort
Der alte Zeck und sein Sohn fragte Louis erstaunt über dieses Prädikat das
im Munde eines wie es schien hier dienenden Wesens etwas vermessen war
Nein hieß es die beiden Gesellen
Hier ist Niemand Wo ist der Meister und sein Sohn
Dieses Volk
Wetter rief Louis Ich frage nach Denen die ihr nicht Volk nennen werdet
Sind sie im Ullagrund
Die beiden alten Schlingel
Die krumme Alte kam aus dem Zorn über die unerlaubte Abwesenheit der beiden
Gesellen nicht heraus Sie wetterte über diese unzuverlässigen Spitzbuben die
jedoch morgen Gott sei Dank mit dem letzten Wochentage das Weitere zu suchen
hätten
Louis zweifelte kaum daran dass die beiden so heftig vermaledeiten Gesellen
die Späher im Garten waren und beschloss ernstlich auf seiner Hut zu sein
Als er den alten und jungen Zeck zu morgen früh zehn Uhr falls er nicht im
Ullagrunde arbeitete auf das Schloss bestellt hatte konnte er nicht umhin die
Alte zu fragen ob sie schon lange bei dem Meister diene Sie sagte
Funfzehn Jahre
Es drängte ihn sie weiter auszufragen doch fürchtete er dem mistrauischen
Blinden der gewiss jedes seiner Worte wiedererzählt bekam damit Verdacht zu
erwecken Er wiederholte daher nur einfach seine Bestellung und verließ die
Schmiede während die Alte sich nicht beruhigen konnte wo die beiden Gesellen
wie sie sagte ein Ende genommen hätten
Louis beflügelte jetzt seinen Schritt um an das Pfarrhaus zu kommen Wie
erstaunte er als er in der Ferne deutlich wieder jene beiden Gestalten
entdeckte aber nicht allein sondern mit einem Manne in Amtskleidung im
Gespräch begriffen Sie trugen kurze Jacken und waren ohne Zweifel die beiden
unfleissigen Arbeiter Den Mann in der Amtskleidung hatte er bei dem Diner heute
auf dem Korridor gesehen Er folgte den Dreien die ruhig und wie im
vertraulichsten Gespräch nebeneinander schlenderten Sie schlugen den Weg zum
Amtause ein Jetzt wandten sie sich blieben eine Weile stehen zeigten auf das
Schloss hinauf und traten dann wieder ihre Wanderung zum Amtause an wo sie
zuletzt durch einen Vorbau Louis weiteren Blicken entzogen waren
Er war dabei über das Pfarrhaus schon hinausgekommen
Nachdenklich musste er stehen bleiben und sich zu erklären suchen was er von
diesem Vorfalle denken sollte Die Furcht vor Dieben gab er auf Da ihm nichts
beifallen wollte was ihm ganz wahrscheinlich dünkte so glaubte er zuletzt sich
beruhigen zu können und voraussetzen zu müssen dass diese Arbeiter in das
Amtshaus wären gerufen worden zu irgend einer mit dem Schloss in Verbindung
stehenden Reparatur oder einer sonstigen Dienstleistung
Er kehrte zum Pfarrhause zurück und sah in das nicht geschlossene matt
erleuchtete Fenster Es war eine Szene die ihn fesselte Zwei Kinder saßen um
einen runden Tisch und hatten große Zeitungen vor sich aufgeschlagen aus denen
Siegbert sie vorlesen ließ Die Mutter das jüngste schlummernde Kind im
Schoss mit einem Strickstrumpf in der Hand sah bald auf diesen bald auf das
Kind bald auf Siegbert der seine Freude an dem geläufigen Lesen der Kinder
hatte und ihnen das Gelesene zu erklären schien Sie lächelte vor Vergnügen über
die Fertigkeiten besonders Hedwigs die alle von Siegbert ihr vorgelegten
Fragen gewandt beantwortete Dazu das matte Licht einer kleinen Lampe die
lautpickende bis draußen hörbare Wanduhr die Stille im Dorfe Louis mochte
sich kaum entschließen die einfache friedliche Szene zu stören Aber der Hund
der unterm Tisch lag witterte ihn und schlug an Da musste er in die Haustür
und seinen guten Abend sagen
Ich bin lange geblieben
Oleander ist auch noch nicht da bemerkte die Pfarrerin Die Müllerin hat
ein zehrendes Siechtum und bittet immer den Guten ihr Abends ein Kapitel aus
der Bibel vorzulesen Heut sind es mehr geworden sagte sie Er bleibt lange
Inzwischen haben mir die Kleinen aus dem »Jahrhundert« die Werke ihres Papas
vorgelesen sagte Siegbert und zeigte auf die großen Blätter die über den Tisch
ausgebreitet lagen
Wir bekommen sie vom Justizdirektor sagte die Pfarrerin Sie sind immer
schon längst gelesen Wenn sie die Reihe herum sind bekommen wir sie auch noch
und die Kinder freuen sich immer wenn da steht Guido Stromer
Hier ist noch etwas vom Vater rief Hedwig und zeigte auf ein Gedicht
Oleander bleibt lange aus Das Teewasser steht schon oben bemerkte die
Pfarrerin
Lies dem Herrn Louis Armand auch etwas vor Hedwig bemerkte Siegbert Du
hast einen Vater den alle Menschen hochverehren weil ihm Gott die herrlichsten
Gaben verliehen
Einen leisen Seufzer der durch das Zimmer fuhr hörten Louis und Siegbert
nicht Er kam von der Pfarrerin
Hedwig las »An Diotima«
Wer ist Diotima fragte sie
Diotima sagte Siegbert und blickte auf die Zeitung die in ihrem Feuilleton
ein Gedicht auf Diotima enthielt mit der Unterschrift Guido Stromer
Diotima sagte er mein Kind Diotima und Aspasia waren Freundinnen
berühmter Weltweisen des Altertums und werden noch jetzt als Bezeichnung
schöner sehr edler Frauen gebraucht Diotima heißt auf Deutsch die
Gottesfürchtige
Die Uhr hatte einen singenden Ton bei ihren Pendelschwingungen Es raschelte
fast geheimnisvoll im Zimmer
Hedwig las »An Diotima Windest du Rosen ins Haar dir Göttliche wähle
die weißen Denn in den weißen noch glüht zart ein beschämendes Rot«
Der Hund schlug an und schnupperte
Liebt der Vater die weißen Rosen fragte Siegbert dem diese Distichen nicht
für Kinder geeignet vorkamen und der Olgas gedenken musste
Wir haben im Sommer mehr weiße als rote im Garten sagte Hedwig
Der Kirchhof fiel seufzend die Mutter ein liegt dicht an unserm Garten
Siegbert machte Louis eine Miene ob sie nicht hinaufgehen wollten
Aber Hedwig hielt ihn zurück und rief
Da ist noch ein Gedicht an die andere gute Dame
Aspasia Soll ich es lesen
Die Pfarrerin blickte auf ihr schlummerndes Kind Ach es lag ein
unendliches Weh in ihren Augen so drückend so schwer wie diese Schwüle im
Zimmer
Ohne die Erlaubnis abzuwarten las Hedwig »An Aspasia Dir der Schwester
das Rot Die Centifolie pranget wie in Kohlen die Glut schöner im glänzenden
Schwarz«
Die Uhr schrillte wie immer wenn sie eben schlagen wollte
Oleander kam nun und erlöste Siegbert der von Guido Stromers excentrischem
Leben mehr wusste als hier Alle erlöste ihn von der Pein die Kinder das Lob
entziffern zu hören das der »seinem Genius folgende« Vater wohl schwerlich hier
an die alten Freundinnen des Sokrates gerichtet hatte
Ach in die leise Wehmut die auf diesem Nebelbilde des Lebens ruhte kam
noch Oleanders Wort
Die Müllerin ist eben entschlafen
Die Pfarrerin erschrak
Reinick war von der Tafel gleich zu ihr gegangen sagte Oleander und blieb
bis jetzt
Indem rollte auch der Wagen des treuen Arztes am Hause vorüber
Ihre Augen sind zu sagte Oleander Ihr Ohr hörte noch lange was ich las
und sprach Dann hielt sie mir die Hand so hin dass ich sie fasste Sie starb
wie ein Licht erlischt Und dabei hielt die Mühle nicht still Die und der
Müller waren seit Jahren an das Sterben der Müllerin gewöhnt Das Mühlrad rundum
und sie stirbt Ich hätte nicht einmal gemocht dass es schwieg Wir fahren so
hin Leben Tod Tod Leben Eins lehnt sich ans Andre Und es ist
tröstlich so Genug Es ist vorbei Kommen Sie nun hinauf lieben Freunde
Louis und Siegbert folgten bewegt dem Vikar der hinausschritt auf die
Treppe zu und auf ihr voranging Die Pfarrerin leuchtete
Oben ist Licht sagte sie tonlos
Oben ist Licht wiederholte Oleander sinnig das Wort deutend auf die
Entschlafene
Die drei guten sanften Menschen stiegen hinauf
Die Pfarrerin aber weinte noch lange um die Nachbarin Von dem Engel der
im Zimmer unsichtbar stand und über diese Gedichte auf Aspasia und Diotima
vorgetragen von den eignen Kindern gewidmet zweien unwürdigen Frauen weinte
bemerkte sie wohl nichts Dieser Engel hielt ihr wohl nicht das Buch entgegen wo
sie hätte gezeichnet sehen können Oleander den Pfarrverweser an dem Sterbebett
der Müllerin und Den dessen Dienst und hohen Beruf er vertrat vielleicht im
selben Augenblick in einem Salon unter hellen Kerzen Geist zerzupfend Ideen wie
Brillanten in den Augen schöner Weiber sich brechen lassend vielleicht
schmachtend zwischen Melanie und Pauline und Egon vielleicht gar unter dem
gespenstisch warnenden finster drohenden flammenden Kreuze wieder wie damals
die gute Frau sah die Himmlischen bewahrten uns vor zu ferntragenden Augen
nur den Tod der Müllerin hörte nur das ferne Verrollen des Wagens der den
treuen Arzt nach Randhartingen zurückbrachte hörte nur das Rauschen der Mühle
das wie ein Sterbelied ihr erklang und ermahnte die Kinder zu Bett zu gehen und
mit ihrem gewohnten Abendsegen und in Liebe zu ihrem Vater einzuschlafen
Oben aber brachten drei edle Menschen bis gegen Mitternacht im glücklichsten
Gespräche über die Fragen zu Was ist Poesie Was wahre Kunst Was Tugend Was
Pflicht Was Leben Was Tod und Unsterblichkeit
Mit dem Aufgang des Mondes lange nach zehn Uhr stiegen Louis und Siegbert
unbehindert zum Schloss empor und ruhten von einem schönen dankenswerten Tage
aus
Neuntes Kapitel
Die Stimmschraube
In der Zeckschen Schmiede standen schon am frühen Morgen drei Arbeiter
beschäftigt
Der junge Zeck und die beiden neuen Gesellen die jedoch da sie den
gehegten Erwartungen nicht entsprachen hier heute zum letzten Male arbeiteten
Es waren in der Tat zwei alte Bursche von denen man nur der Blindheit des
alten Zeck und seiner überhäuften Arbeiten wegen begreifen konnte wie er sie in
seine Werkstatt hatte aufnehmen können Ohne Zweifel trieb ihn nur eine rastlose
Gewinnsucht die ihn wiederum nicht für ihn selbst sondern für das künftige
Schicksal seines beschränkten unanstelligen Sohnes zur Tätigkeit spornte Er
machte sich anheischig Ackermann auch Schlosser und Klempnerarbeiten zu
liefern und würde wenn er die Kräfte hätte auftreiben können sich zu allen
Geschäften die nur mit dem Feuer zusammenhingen erboten haben Es war eine
Gier nach Besitz in ihm die den Alten gefährlich erscheinen ließ
Die beiden fahrenden Arbeiter hatten bei ihm vorgesprochen und erhielten für
Ackermanns amerikanische Mühle genug zu hämmern und zu feilen Aber gleich nach
dem ersten Tage merkte Zeck dass ihnen die Arbeit nicht flink von der Hand ging
und dass sie lieber plauderten aßen tranken und recht im Wandern und Fechten
steifgewordene Vagabunden waren Er hatte mit Dem was sie fertigten bei
Ackermann wenig Ehre eingelegt und von diesem sich müssen sagen lassen
Alter ich lobe Euren Eifer zum Arbeiten und Geldverdienen allein ich kann
Euch die unangenehme Erklärung nicht ersparen dass mit dem Monat März wenn nur
erst die Lüfte ein wenig milder werden allerhand neue Schmiede neue Schlosser
und Spengler hier eintreffen werden die ich mir natürlich auf einige Wochen
nur verschrieben habe Der erste Grundsatz eines Geschäftsmannes muss sein sich
nicht aus Rücksicht auf Diesen oder Jenen den man zu kränken sich fürchtet
mangelhafter Arbeit auszusetzen
Ach Herr hatte Zeck darauf kurz und gefasst erwidert ich bin ja blind
Aber wenn Sie Pferde kaufen
So versprech ich Euch Zeck dass Niemand anders an ihren Huf kommt als Ihr
oder Euer Sohn
Mit diesem Troste aufrecht erhalten aber doch innigst ergrimmt hatte Zeck
den beiden Arbeitern erklärt dass er zwei so alte faule Schlingel nicht länger
beschäftigen könne
Der Schlosser raspelte an einigen alten Krammen die kleiner werden sollten
Der Klempner nietete einige Blechstücke zu einem kleinen Dache zusammen Der
junge Zeck schmiedete Hufeisen und kehrte den beiden Andern die er ohnehin
nicht hören konnte oft den Rücken
Der Schlosser sagte zum Spengler dem er heimlich aus einer Flasche zu
trinken gab
Gott sei Dank heut Abend haben die Narrenspossen ein Ende
Mich bringt Keiner mehr zu so einer Kommission erwiderte der Andre und
trank
Ich habe immer gedacht fuhr der Schlosser fort Handwerk hat einen goldnen
Boden Aber meiner ist eingeschlagen Ich könnte keinen Schlüssel mehr zu Stande
bringen
Das ist gut für Ihre Ehrlichkeit
Der junge Zeck merkte dass beide Arbeiter die Lippen bewegten und roch wohl
auch den Duft des Getränks
Faullenzer unterbrach er sie Denkt Ihr dass Ihr heute nichts mehr zu
schaffen braucht weils Gott sei Dank der letzte Tag ist Nicht einen Groschen
zahlt Euch der Alte aus ihr Taugenichtse
Schöne Komplimente bemerkte der Klempner
Manchmal sagte der Schlosser und raspelte hab ich doch schon gedacht Du
nimmst einen Hammer und klopfst Dem oder dem Alten ein bisschen auf den Schädel
Verloren wäre doch nichts an ihnen
Man muss es tragen weils Dienstsache ist
Ja wären die Diäten nicht
In diesem Augenblick kam der alte Zeck die Stiege herunter Er blieb ohne
fehlzutreten eine Weile an der untersten Stufe stehen als wollt er sich erst
in der Werkstatt zurechtfinden und hören ob Jeder an seiner Arbeit wäre Dann
ging er an den Blasebalg und schürte das Feuer das ihm matt vorzukommen schien
Die Müllerin ist gestorben sagte er vor sich hin Gott hab sie selig
Seinem Sohne diese Nachricht mitzuteilen war im Lärm des Klopfens Feilens
und beim Brausen des Blasebalgs nicht möglich
Um zehn Uhr aufs Schloss sagte er wieder nach einer Weile vor sich hin
Was brummt der Alte flüsterte der Spengler
Er sagte etwas vom Schloss meinte der Andre
Anneliese schrie der Alte plötzlich wie mit einer Stierstimme dass die
beiden Arbeiter die etwas schwachnervig waren zusammenschraken Besonders
bekam der Spengler das Zittern
Anneliese wiederholte der Blinde
Nach einer Weile kam die alte Magd halb auf die Stiege herab und kreischte
Meister
Um zehn Uhr fragte der Blinde
Um zehn bestätigte Anneliese und wiederholte die Erzählung der Einladung
und Bestellung noch einmal
Die beiden Arbeiter horchten auf Der Blinde merkte Das am Ruhen ihrer
Instrumente
Nun schrie er sie an schlafen Euch die Arme ein
Scheert Euch zum Teufel antwortete der Schlosser Ihr seid ein Grobian Und
wenn Ihr uns in Gold auszahltet bei Euch bliebe kein ehrlicher Arbeiter
Die Worte Ehrlicher Arbeiter und in Gold auszahlen machten einen eignen
Eindruck auf den Blinden Sonst schon hatte er bei solchen Zänkereien gesucht
den beiden Arbeitern nahezukommen und sie mit dem Schürhaken den er mechanisch
rasch zu ergreifen wusste niederzuschlagen Es war ein ängstlicher Anblick
gewesen wenn der wilde Blinde wutschäumend herumtastete und die Andern vor ihm
flohen Heute aber machte ihn das Wort vom In Goldauszahlen stutzig Er
wetterte nur mit Schimpfreden die von der zänkischen Anneliese unterstützt
wurden bis ihr der Blinde andeutete sie sollte nun auch an die Arbeit gehen
Eine Zeitlang ging es in der Schmiede zwar geräuschvoll genug aber still in
der Unterhaltung so fort
Um acht Uhr sprach ein Jäger mit Pfeife und Büchse auf dem Rücken vor Es
war Heunisch der den alten Zeck um einen Karren bat um Fränzchens Sachen nach
dem Ullagrund zu fahren Er verlangte auch dass der junge Zeck den Karren ziehen
sollte
Das hatte beim Alten durchaus keinen Anstand doch musste ihm Heunisch erst
erzählen wie diese Änderung so rasch gekommen war
Während Der das umständlich und in seiner Weise vortrug machten sich die
Arbeiter einige Male bedeutende Gebehrden sodass Heunisch der sie misverstand
nachdrücklich seine Erzählung damit schloss
Natürlich geh ich mit dem Jungen mit und stopfe nicht bloß meine Pfeife
dabei sondern auch meine Büchse Es soll jetzt Gaunervolk hier herum lungern
Der Schlosser lachte vor sich hin
Warum lacht Er fragte Heunisch Ich rate Ihm nicht zu lachen wenn ich Ihm
morgen noch im Walde begegnen sollte
Der Blinde nahm den aufgeregten Jäger und ging mit ihm vor die Tür der
Schmiede
Wie gesagt meinte jetzt der Schlosser wieder wenn die Diäten nicht wären
Ich muss sagen fiel der Andre ein und wischte sich den Schweiß von der
Stirn eine solche Kommission übernehm ich nicht wieder eine Kugel in den
Leib macht allen Diäten ein Ende
Der grimmige Kerl könnte uns den Spaß versalzen Vom Forstause können wir
nicht ein Wort berichten Vorgestern Abend den Versuch werd ich mein Lebtag
nicht vergessen Ich wünschte nur ich hätte die bleierne Pille die der Kerl
mir zu kosten geben wollte aus dem Eichbaum in den sie fuhr mitnehmen können
Die sollten sie mir zu Hause schon versilbern
Wenn der Jäger heut Nachmittag fort ist bemerkte der Spengler und wir um
Mittag aus unserm Dienst treten und doch noch einen Versuch machten ins
Forstaus zu kommen
Wir müssen Pfannenstiel fragen sagte der Schlosser und winkte zum
Schweigen denn der alte Zeck kam zurück und zwar allein
Bis gegen neun Uhr wurde so fortgearbeitet
Der Spengler hatte da den Mut den Blinden zu fragen
Wisst Ihr denn Meister was es auf dem Schloss zu arbeiten gibt
Das geht Euch nichts an
Vielleicht ists Schlosserarbeit meinte der Andre der vorhin verraten
hatte dass er mit dem Gerichtsdiener Pfannenstiel vertraut war
Der Blinde wusste schon dass das Anfertigen einer Stimmschraube für ein
Fortepiano von ihm verlangt wurde und sprach darüber lauernd und listig um sich
Rats zu holen
Als der Schlosser sich auf einen solchen Drücker wie ers nannte besonnen
hatte fragte der Spengler
Spielt der Alte mit der schwarzen Binde auf dem Klavier oder der Franzose
Mit der schwarzen Binde wiederholte Zeck Welcher Alte Wer Schwarze
Binde Wer ist da blind
Der mit dem Franzosen hier angekommen und oben logirt Er heißt wie heißt
er doch
Der Schlosser sagte
Es ist ein Engländer Namens Murray blind ist er nicht aber fühlt ihm auf
den Zahn Meister Der hat den Teufel im Leibe und seine Augen scheinen mir
gesünder als die Eurigen
Woher kennt Ihr denn die Leute die da oben wohnen
Man kommt in der Welt herum sagte der Spengler
Der Blinde forschte nicht weiter Er riss nur die Augen groß auf als wollte
er um jeden Preis sehen Es kam ihm vor als hätte in diesen Äußerungen seiner
Gesellen ein Ton gelegen der ihm befremdlich vorkommen sollte Nach einer Weile
wiederholte er
Ihr seid in der Welt herumgekommen Warum trägt der denn oben eine schwarze
Binde
Was wissen wirs Fragt ihn meinte der Spengler Aber der könnte Euch ja
wiederfragen Warum seid Ihr denn blind Meister
Lumpenvolk schrie Zeck jetzt zornig und hob die Schürstange dass jene bei
Seite sprangen Warum ich blind bin Weil Ihrs nicht seid Ihr Faullenzer Habt
Ihr je einmal im Leben einen Zoll tiefer ins Feuer gesehen als Ihr solltet
Euch haben die Funken wenig um die Nase getanzt Ihr Landstreicher Ihr Weil ich
fleißig war bin ich blind
Der junge Zeck lachte über die furchtsame Art wie die Gesellen retirirten
und fast rücklings über altes Eisen fielen
Indem rief aber eine Stimme an der Tür
Hoho Meister Seid Ihr auf der Jagd Wollt Ihr wohl Ruhe geben
Es war Pfannenstiel der vom alten Zeck immer mit einer Art Beklommenheit
empfangen und begrüßt wurde
Guten Morgen Herr Amtsvoigt sagte der Blinde der die Stimme sogleich
erkannte Die Hallunken gehen heute sonst erlebt ich vor Ärger nicht die
nächste Lichtmess und Lichtmess ist mein Geburtstag
Kommt Ihr einmal heraus rief Pfannenstiel den Arbeitern ich hab Euch
etwas zu berichten
Damit ließ die Arbeiter Alles liegen und gingen vor die Schmiede zu dem
Amtsvoigt
Zeck sah das Alles im Geiste vor sich und war nicht wenig erstaunt darüber
Jetzt hätt er seinem Sohne mögen ins Ohr schreien Was ist Das Was geschieht
da Was kann ich Alles nicht sehen Und er sah wiederum doch deutlich vor sich
wie dieser dumm zuglotzte und immer auf sein Hufeisen zuschlug Eine
unbeschreibliche Ungeduld fasste den Blinden Er folgte Pfannenstiel und hörte
dass dieser immer weiter abseits mit den Arbeitern trat sodass er voller Zorn und
Ärger ihnen nachrief
Gott verdamm mich Ich zahle keinen Groschen Lohn wenn bis heute Mittag
nicht die Krammen fertig sind und das Dach Schlag das Wetter drein Herr
Amtsvoigt haltet mir das Volk nicht noch vom Arbeiten ab
Die beiden Arbeiter kehrten zurück Pfannenstiel entfernte sich ohne ein
Wort zu sagen
Diese Stille dies Schweigen hatte für den Blinden etwas furchtbar
Peinliches Er rannte umher wie ein taumelnder Stier Er verlor selbst die
Kenntnis des Ortes in dem er sich befand Der Sohn bei alledem halb lachend
weil sich der Alte stieß musste ihn zurechtführen und ihn dadurch zur Besinnung
bringen dass er ihm den Strick des Blasebalgs in die Hand drückte Erst diesen
anziehend fand sich der Blinde zurecht und dachte den fremden und rätselhaften
Eindrücken nach die ihn umgaben Seit Jahren war er gewöhnt alles Fremde von
sich fern zu halten Nichts durfte in seiner Nähe festen Fuß fassen Keiner mit
den Dingen die ihn betrafen vertraut werden Anfangs hatte er alle Monate eine
neue Magd erst später behielt er die Anneliese auf Empfehlung ja dringendes
Verlangen seiner Schwester Ursula die die Veranlassung gewesen war dass er in
Plessen wohnte Sie hatte ihn mit in das Forstaus gebracht und dann als seine
Unruhe sein Arbeitseifer sich nicht dort zurechtfanden nach Marzahns Tode von
der Fürstin Amanda die Mittel und Erlaubnis erhalten für die Schmiede die Zeck
anlegte Seit Jahren hatte er emsig nach Kräften seinen Pflichten obgelegen und
den einen Gedanken als sein Lebensziel verfolgt seinem Jungen Geld Geld
baares Geld zu hinterlassen und seit dem Tage dass ihm von Ackermann im Auftrag
eines Verwandten Namens Morton nun viel Geld gebracht wurde hatte er keine
Ruhe mehr Er schlief schlechter Er war von Träumen gequält er sprach vom
Sterben und ging doch nicht mehr wie sonst unter der Fürstin Amanda in die
Kirche An seiner Schwester Ursula hatte er vollends keinen Halt mehr Seit
einiger Zeit war diese sonst so verschmitzte und scharfdenkende Schwester
schwachsinnig geworden Sein Mistrauen kannte keine Grenzen Es ging so weit
dass er oft Tage lang glaubte nicht allein zu sein sondern belauscht
beobachtet zu werden So fern ihm der Gedanke lag in Murray seinen
wiedergekehrten ohnehin todtgeglaubten Bruder zu vermuten so beunruhigten ihn
doch schon die wenigen Worte die seine verdächtigen Gesellen von jenem Fremden
auf dem Schloss gesprochen hatten Am liebsten hatte er wenn Alles um ihn her
lustig lärmend war Sonntags ging er auf die Kegelbahn in die Schenke hörte
Tanzmusik und freute sich des Wirrwarrs Lärmens und Jubelns Er machte nichts
davon mit seit Jahren nicht litt auch nicht dass sein Sohn von seiner Seite
wich Er wusste dass Der zu alle Dem was Andern gut stand unanstellig war Aber
das Lärmen und Toben das laute Lachen und Singen übertäubte ergötzte ihn Er
wusste dann dass er unter Menschen war die nicht lauerten und von seiner
Blindheit keine Vorteile zogen
Gepeinigt von dem Schweigen seiner Gesellen wie vorhin von ihrem Reden
hörte er endlich dass die zehnte Stunde nahe war Anneliese deutete es ihm durch
ein Frühstück an zu dem er wenig Appetit verspürte Dennoch stärkte er sich
wider Willen Schon die Hast etwas zu greifen etwas Äusserliches sein zu
nennen tat ihm wohl Das gierige Schlingen seines Sohnes war ihm tröstlich Er
sollte ihn begleiten Sie nahmen leichte Handwerkszeuge und machten sich auf den
Weg
Das Wetter war rau und kalt In der vergangenen Nacht hatte es schon
gefroren Der Weg zum Schloss hinauf war jetzt so hart wie noch vor Kurzem
schlüpfrig und glatt Oben schon kam Brigitte und sprach von der Abreise des
lieben Herrn der die Nacht da geschlafen hätte und von der großen Freundschaft
der beiden jungen Männer für einander was ihr völlig unwahrscheinlich mache
dass Herr Louis nichts als ein simpler Tischlergesell wäre Auch Herr Oleander
wäre schon oben gewesen und hätte dem feinen Herrn Abschied gesagt und ihn
tausendmal gebeten bald wieder zu kommen
Zeck nahm das Alles mit dem Lachen auf das sich in den Mienen wenn sie
neugierig sind festsetzt ohne dass das innere Herz an Lachen denkt Der Junge
führte ihn Doch war es nicht nötig der Blinde fand sich im Schloss so sicher
zurecht wie in seiner Schmiede Hatte er doch allen Abendconventikeln der
Fürstin beigewohnt Kannte er doch das große Zimmer wo das Pianoforte stand wo
man Gesangbuchverse sang ein Gebet hörte und zuletzt Warmbier oft sogar noch
wollene Winterstrümpfe bekam
Auf dem Korridor trat ihnen aber Louis Armand entgegen Der Blinde kannte
die Stimme des jungen Mannes von der amerikanischen Mühle her
Nun sagte Louis jetzt sollt Ihr einmal etwas Feineres zu schmieden
bekommen Falls es Euch möglich ist auch an solche Arbeiten zu gehen Aber Ihr
seid geschickt Man weiß es Kommt
Vater und Sohn wollten vorschreiten Da hielt Louis mit rascher Wendung
den Jüngsten zurück mit den Worten
Aber mein Bester schämt Ihr Euch nicht Putzt man sich die Stiefeln so
schlecht wenn es friert Das geht nicht Bleibt draußen Wir wollen uns dem
Vater schon verständlich machen
Der Alte zankte über die Unsauberkeit des Sohnes und gab ihm einen tüchtigen
Tritt in die Seite auf die Stiefeln zeigend an denen der gestrige Kot
festgetrocknet war
Der Junge glotzte verdutzt auf seine Füße und verstand erst durch die
handgreifliche Sprache des Vaters was an ihm getadelt wurde Der Ullagrunder
Lehm lag fingerdick auf diesen Stiefeln und gab ihnen eine Kruste die die
Wärmehaltigkeit des Leders noch unterstützte
Der Junge blieb im Korridor Louis führte den Alten erst durch sein
Schlafzimmer und dann in das Eckzimmer wo Murray in ziemlicher Entfernung von
dem Instrumente an einem Fenster saß
Louis pochte das Herz Er konnte sich die Empfindung seines Gefährten
denken wie er den blinden Bruder den er nach seinem Sohne fragen wollte
eintreten sah Sie hatten sich verabredet zu tun als wenn Murray nicht
zugegen war Ein Blick auf Murray überzeugte ihn wie tief auch er es empfand
den Bruder wiederzusehen der durch ihn das Augenlicht verlor
Seht sagte Louis doch was red ich ich sage Seht Ihr bewegt Euch so
sicher Meister dass man versucht wird Euch für keinen Blinden zu halten
Zeck erwiderte darauf nichts
Da er sich denken konnte dass er am Klavier stand fasste er es an
Hier sagte Louis dächt ich um die Saiten anziehen zu können Ihr kennt
doch so einen Kasten der Musik macht
Zeck nickte
Diese eisernen Stäbe fühlt Ihr sie
Zeck nickte wieder
Diese kleinen eisernen Stäbe halten die Saiten die man schärfer anziehen
muss wenn sie nachlassen Um aber die Stäbe rundumzubekommen muss man einen
Schraubstock haben mit einem Griff und einer Höhlung die hinlänglich lang ist
um die Stäbe fassen zu können versteht Ihr
Ganz wohl
Könnt Ihr so ein Eisen schmieden
Gebt mir nur die Weite Herr Die Weite der Stäbe
Das ist sie Grade wie dieser Faden Eine solche Öffnung Und so lang wie
etwa ein halbes Fingerglied muss die Weite sein
Gut gut
Wann haben wir das Eisen
Bis heute Abend Ich will gleich dran gehen
Damit wollte sich Zeck zur Tür wenden
Wie Bescheid Ihr wisst Wart Ihr schon öfters in diesem Zimmer begann
jetzt Louis ihn aufhaltend
Herr Da ist der Ofen Nicht wahr lachte Zeck
Ganz recht
Da steht ein Kanapè
Ganz recht
Da saß die Fürstin
Der Lehnsessel steht noch da
Da ist ein Fenster in den Hof dort zwei in den Garten
Als wenn Ihr durch sie sehen könntet so trefft Ihrs
Da saß Herr Stromer hier standen und saßen wir
Wer
Die geladen waren zum Beten hier wurde gesungen und gebetet Herr
Und Ihr kamt gerne dazu
Da am Fenster war immer mein Stand dort ich kann noch den Stuhl
zeigen
Damit schritt der Blinde geradezu gegen das Fenster wo auf dem Stuhle den
er der Frage nach dem Beten ausweichend zeigen wollte Murray saß
Oho rief Zeck Da steht ein Tisch der stand sonst nicht hier
Er war auf den Tisch gestoßen an dem Murray arbeitete Aber Murray der
sich geschützt glaubte erschrak nicht wenig als sein Bruder dabei auf die
Kupferplatte stieß an der er geätzt hatte Der Blinde fuhr über das Metall
hinweg und sagte erschreckend
In der Mühle Herr erzähltet Ihr von einem Kupferstecher Ist das der Tisch
des Kupferstechers Ich fühlte eine Platte
Louis besann sich auf Das was er von seinem Begleiter in der amerikanischen
Mühle gesagt hatte
Eine Liebhaberei meines Freundes erklärte er der dort am Fenster sitzt und
das Schicksal Eures Sohnes teilt etwas schwer zu hören
Zeck starrte nach dem Fenster Der Gedanke nicht allein mit Louis zu sein
war ihm peinlich Er suchte wieder die Tür
Setzt Euch doch ein wenig Meister sagte Louis Ich bin ein Abgesandter Sr
Durchlaucht Ich soll hier nach dem Wohl und Wehe aller Menschen fragen Geht es
Euch gut
Zeck sah nur nach der Kupferplatte
Versteht Ihr Etwas von der Kunst in Kupfer zu stechen
Zeck richtete die Augen auf Louis und setzte sich mechanisch in den Sessel
den ihm Louis hinrückte
Mein Freund da hat sich die Augen verdorben beim Ätzen einer Platte Es ist
ihm gegangen wie wohl Euch als Ihr blind wurdet Wovon kam Das
Vom Feuer Herr Ein Eisen dem Auge zu nahe gebracht
In der Schmiede habt Ihr Euch verglüht
In der Schmiede
Diese Unterredung machte Zeck allmälig sichrer Über die ersten Wendungen
war er nicht wenig erschrocken gewesen
Wie lange lebt Ihr schon in Plessen Meister fragte Louis im
vertraulichsten Tone
Sechzehn Jahre Herr
Immer glücklich immer zufrieden
Bis auf die Augen Herr
Es gaben diese Worte einen tiefen Schmerz in Murrays Innere Er musste zum
Fenster blicken um seiner Bewegung Herr zu werden
Und den tauben Sohn sagte Louis Habt Ihr nur den einen Sohn
Nur einen Herr
Er muss dreißig Jahre sein es ist ein alter Knabe
Zwei und dreißig
Habt Ihr immer in Plessen gelebt
Vordem ein fünf Jahre im Jägerhause
Bei Eurer Schwester
Kennt Ihr Die Herr
Ursula Marzahn Ich kenne eine Nichte des Försters Heunisch
Zeck nickte und wiederholte
Ursula Marzahn ist meine Schwester
Wie kann mans aber fünf Jahre in dem Walde aushalten wenn man ein Schmied
ist
Ich war blind
Wart Ihr denn schon blind als Ihr in das Jägerhaus kamt
An beiden Augen
Da hattet Ihr schon früher eine Schmiede und wart Gesell und früh
verheiratet schon vor drei und dreißig Jahren ich rechne Das an Eurem Sohne
Ich bin vierzig Jahre Meister
Und seid einige Sechzig alt
Mein Kopf muss weiß sein
Schneeweiss wies eben dort im Gebirge wird Es schneit sieh sieh es
schneit
Zeck wollte nun gehen Er hatte in den ferneren Nachfragen kein Arg gefunden
Bleibt doch Ich wollte Euch noch etwas fragen Meister
Zeck horchte auf
Ihr hattet einen jüngeren Bruder
Zeck blieb bei dieser Frage zwar ohne sichtliche Verlegenheit hielt sich
aber doch starr und regungslos
Er war Kupferstecher wie der Mann da der nicht gut hören kann
Zeck antwortete wieder nicht
Er wanderte nach Amerika aus weil er musste Musste Nicht wahr Zeck
Zeck blieb starr und sprach jetzt noch weniger eine Sylbe
Er ist tot Herr Ackermann brachte Euch von ihm als einem Verwandten
eine Erbschaft Wie ists denn mit dem Sohne den Euch der Bruder zurückließ
als er nach Amerika musste
Zeck kniff die Stirnfalten zusammen und meinte forschend und stotternd
Kommt Das von Herrn Ackermann
Von wem es kommt ist gleichgültig alter Freund Wie ist es mit dem Sohne
Eures Bruders
Im ersten Augenblick hatte sich auf dem Antlitz des blinden Schmieds
Schrecken widergespiegelt Bald aber hellte es sich auf Ein habsüchtiger
Gedanke schoss durch die Seele des Geängsteten Er stellte sich vor dass sein
Bruder Schätze hinterlassen die er seinem Sohn bestimmt hätte Schätze die ihm
und seiner erbenlosen Schwester anheimfallen würden wenn Murrays Sohn nicht
mehr nachzuweisen wäre Ehe dieser Gedanke ganz in ihm zurechtgelegt war hatte
ihn Louis wohl schon dreimal nach dem Sohne seines Bruders gefragt
Ungeduldig wiederholte Louis noch einmal
Wo ist der Sohn Eures Bruders
Tot sagte jetzt der Schmied mit großer Bestimmtheit
Für Murray der gespannt am Fenster horchte kam dies Wort nicht unerwartet
Es erschütterte ihn auch nicht zu heftig aber unwillkürlich musste er doch ein
Geräusch mit dem Stuhle machen auf dem er saß und Zecks Aufmerksamkeit auf
sich ziehen
Der Knabe ist tot fuhr Louis fort Da er Eurer Pflege anvertraut war
werdet Ihr Beweise für seinen Tod beizubringen haben
Nicht meiner Pflege Herr ich nicht ich nicht
Eure Schwester Ihr wurde das Kind anvertraut Euch Beiden gemeinschaftlich
Woher wissen Sie Das
Ihr wohntet damals an einem Orte den die Menschen fliehen nicht wahr
Zeck
In der größten Unruhe suchte sich der Blinde aufstehend von dieser Prüfung
loszuwinden aber der zur Gewissheit bei ihm gewordene Gedanke dass die für
seinen Brudersohn bestimmten Schätze ihm seinem eigenen Sohne anheimfallen
sollten reizte ihn doch zu bleiben Er half sich durch eine wiederholte
Berufung auf seine Blindheit
Ihr wart blind Zeck ich weiß es Ihr wart beim Doktor Lehmann dass er
Euch heilen sollte
Das war ich Ja Herr
Und Eure Schwester verbarg Euch
Was sagten Sie
Vor dem Licht des Tages das Euch wehe tat verbarg sie Euch Geblendete
Augen verlangen eine dunkle Umgebung
Das ists
Aber das Kind das Ihr von einer Dame die ich nicht kenne als das Eurige
anvertraut erhieltet mit dreitausend Talern
Der Blinde wurde immer unruhiger
Nicht wahr Mit dreitausend Talern
Zeck antwortete nicht sondern sah nur starr auf Louis und die Gegend an dem
Fenster wo ein ihm unbekannter Kupferstecher zuhörte
Ist er wirklich tot der Sohn Eures Bruders der sich einige Jahre hindurch
Baron Grimm nannte
Bei Erwähnung dieses Namens schwanden dem Blinden alle Kräfte Er suchte
seinen Sessel
Louis schob ihm seinen Sessel hin Er musste ihm Zeit lassen sich zu sammeln
Endlich besann sich der Schmied auf eine Auskunft die er in diesen Worten
zusammenfasste
Herr ich sollt Euch eine Schraube machen um die Saiten da anzuziehen
Ihr seid aber selbst wie so ein Ding und schraubt Einen dass die Finger knacken
Wenn Euch Herr Ackermann oder wer sonst aufgetragen hat das Erbteil von meinem
verstorbenen Bruder an seinen Jungen auszuzahlen so sag ich Euch Der ist tot
wie sein Vater und das Erbteil muss nun von Rechtswegen
Und die Beweise die Papiere über jenen Tod
Zeck besann sich auf den Ausweg den er schon einmal einschlagen wollte
Fragt die Ursula Sie hat alle Papiere
Gut sagte Louis ich sehe dass Ihr nicht wisst wie und wo das Euch
anvertraute Kind gestorben ist Ihr seid und wart ein Blinder schon damals
als das Kind geboren wurde Ihr habt es nie gesehen Wohlan lasst Eure Schwester
reden Heute Nachmittag ist sie im Forstause allein Ich werde Euch zu ihr
führen
Mein Sohn Herr führt mich
Euer Sohn führt Euch Wohlan dann können wir zu gleichen Paaren sein Da
mein Freund der nicht hört wie Euer Sohn er soll mich begleiten Wir steigen
in die Kammer der Ursula oder rufen sie herunter und ich denke Ihr Zeck
werdet es verstehen ihr Gedächtnis ein wenig zu kitzeln Ich höre dass sie
gegen andre Hände unempfindlich ist Seid Ihrs zufrieden
Zeck sagte dass sein Sohn den Förster mit dem Karren zu begleiten hätte der
Franziskas Sachen in den Ullagrund bringen sollte
Nun so hol ich Euch an der Schmiede allein ab Ihr werdet Euch doch von
mir führen lassen
Um zwei Dann kann ich die Schraube nicht fertig liefern zum Abend
Die eilt nicht Zeck Mich aber eilts mit dieser Sache Heut Nachmittag
Jetzt kommt ich führe Euch hinaus zu Eurem Sohne Er muss mit dem Förster in den
Ullagrund damit wir die Ursula allein treffen
Zeck bot zögernd die Hand die rau wie Leder war und schwarz gefärbt An
der Tür hielt er noch einmal inne und fragte mit verschmitzter Neugier
Herr darf man fragen ist es was Ordentliches was unser Friedrich
hinterlassen
Ihr meint weil Ihr Euch für Euren Sohn darauf freut
Ach
Sagts nur heraus
Ein blinder Vater ein tauber Sohn die haben mehr Not ehrlich
durchzukommen als Leute die sehen und hören können
Das ist wahr sagte Louis beruhigt Euch Zeck das Erbrecht wird seinen
vollkommenen Fortgang haben
Indem horchte Zeck auf als er eben aus der Tür treten wollte
Was horcht Ihr so
Reiten da nicht welche unten über die Landstraße
Könnt Ihr so gut hören
Ich höre dass Eisen dabei klappert
Losgegangne Hufeisen Ihr werdet zu tun bekommen
Das ist Säbelklappern
Louis sah zum Fenster hinüber und bemerkte unten auf der Landstraße um den
Berg herum schwenkten zwei scharfzutrabende militairische Reiter
Es sind zwei Landdragoner sagte er In der Hauptstadt war es unruhig
Ich hört es gleich
Scharfes Ohr Ihr könnt dem Himmel danken dass er gleich wiedergibt wenn er
genommen hat Um zwei Uhr
Zeck nickte und ergriff die Hand seines Sohnes bis zu dem sie auf dem
Korridor angekommen waren Der starrte den Landdragonern nach die in das
Amtshaus ritten nahm dann seinen Vater und führte ihn die große breite Stiege
hinunter
Louis zurückkehrend fand Murray sehr erschüttert
Über die erste Rührung den durch ihn geblendeten Bruder zu sehen sollte er
doch wohl bald hinwegkommen da er die eingewurzelte Bosheit erkannte Doch sagte
er alle Reue hilfe dem Frevelnden nichts seine böse Tat behielte ihre Folgen
und nur der Tugendhafte wäre sicher höchstens mittelbar Schlimmes zu
veranlassen Denn schlimm sind wir Alle Wer weiß fuhr er fort was ich Alles
in Folge meines damaligen Fehltrittes noch anrichte als willenlose Ursache
Nehmt den Tod meines Kindes Bin ich nicht sein Mörder Diese Gedankenreihe
erschütterte ihn mehr als das wirkliche Nichtmehrvorhandensein des Kindes Denn
ein Wesen das er nie gesehen dessen Ursprung sich auf Sünde und Reue
zurückzog ein Wesen dessen Schicksale ihm nur wenn es erwachsen und misraten
war Gewissensbisse verursachten konnte sich seinem Herzen doch nicht so tief
als eine Notwendigkeit eingepflanzt haben Im Gegenteil durfte er freier
atmen und Gott danken dass er ihm eine Veranlassung zu neuer großer Schuld früh
hinweggenommen hatte Was aber Murray ebenso erschütterte war der unverkennbar
böse Sinn des Bruders die ungebesserte Lüge die Verstockteit die Geldgier
Und auch für diese musste sich Murray nach seinem Sinn verantwortlich machen
Ach sagte er zu Louis konnte ich bitterer gestraft werden als durch den
Anblick eines Menschen der durch mich das Licht der Augen verlor Wäre dieser
Elende denn ich kann ihn in nichts beschönigen wär er sehend geblieben so
hätte ihn die Kraft seiner Sinne wohl seinen eigenen Weg geführt Er hätte nicht
nötig gehabt Andre für sich denken Andre ihn führen zu lassen Was konnte da
noch aus ihm Gutes werden wo er nun genötigt war meiner Schwester zu folgen
und ihr eine Last wurde Sie stieß ihn aus dem Försterhause gab ihm vielleicht
von ihrem Pflegegeld so viel um sich die Schmiede anzulegen mit seinem damals
schon erwachsenen Sohn Wer nicht sieht ist mistrauisch Der Verlust keines
Sinnes macht so bitter wie der Verlust des Auges Man findet wohl Blinde die
heiter und getröstet sind über die ewige Nacht die sie umgibt aber dann sind
sie leichtsinnig und rühren uns nicht mehr sondern erschrecken uns
Louis hielt sich nicht an diese Reflexionen wie sie Murray auszuspinnen
liebte sondern an die Tatsache
Lebt das Kind lebt es nicht mehr
Ich mache Fortschritte in der Menschenkenntnis sagte er Ich glaube gewiss
zu sein dass dieser geizige habsüchtige Mann der leider Ihr Bruder ist
Murray nicht im entferntesten von dem Tode Ihres Sohnes überzeugt ist Er will
nur die schmuzige Hand ausstrecken nach der vermeintlichen Erbschaft Er sollte
nichts wissen von diesem Kinde Er sollte es ganz der Sorge seiner Schwester
überlassen haben Eines wäre eine glückliche Auskunft aus diesem Dunkel Wenn
sie einträfe Murray
Welche mein Freund
Dass die Mutter dieses Knaben Ihre einstige Freundin in alten Tagen den
Fehltritt ihrer Jugend bereut und sich des Schicksals Ihres Sohnes wieder
angenommen hätte
O Das wäre eine Erzählung aus »Tausend und Einer Nacht« sagte Murray
lächelnd An solche Märchen muss man nicht glauben in Der Welt in die es einst
der Baron Grimm gewagt hat sich einzudrängen
Den Rest des Vormittages brachte Louis nun noch damit zu Geschäftsbriefe
nach der Residenz zu schreiben in denen er seine bevorstehende Rückkehr von
Hohenberg ankündigte Kurz vor dem einfachen Mahle das ihnen Brigitte
zubereitet hatte durchflog er die Zeitungen in denen Egons schwierige
Stellung nicht verschwiegen war Der Fürst hatte sich auf eine bedenkliche Art
von allen Parteien isolirt sich dabei zwar sehr hoch gestellt aber auf eine
Höhe hin wo ein schneidender Zugwind wehte Der Hof schien dem jungen
Staatsmann volle Gewalt gegeben zu haben Er stellte ihm alle Mittel zu Gebote
die das constitutionelle Wesen im Vorrat hat um von einer Verständigung mit
dem Publikum an die andre zu appelliren Man konnte sich noch der Hoffnung
hingeben dass die Wahlen die tatkräftige neue Administration unterstützen
würden Viele aber bezweifelten diese Hoffnung und fanden es für ratsamer dass
das Ministerium sogleich aus eigener Machtvollkommenheit einen neuen Wahlmodus
oktroyirte Dennoch blieb dieser Erlass den man schon in den neuesten Nummern
erwartete aus ein Beweis dass Fürst Egon seine Hilfsmittel nicht zu rasch
verbrauchen wollte Auch ließ die mit vielem Geiste geschriebenen Artikel des
»Jahrhunderts« ahnen dass das Ministerium erst die öffentliche Meinung für seine
Auffassung der Staatsaufgabe teoretisch und praktisch gewinnen wollte bis es
mit Gesetzen hervortrat die auf diese Theorie und Praxis begründet waren Der
Adel die Beamten das Militär ja sogar ein großer Teil der Wissenschaft und
Kunst schwärmten schon für die neue Regierung Sie verhieß Kraft Sie verhieß
Erlösung von einer Anarchie die nicht mehr ausrottbar schien Die Politik wurde
von den Straßen verbannt auch aus den Klubs fing Egon schon an sie
auszutreiben Louis las mit beklommenem Gefühle dass die Arbeitervereine ihre
Statuten einreichen mussten und mehre geschlossene Gesellschaften nach jenem
tumultuarischen Abend bereits verboten waren Egon hatte sich in einer Zuschrift
an seinen Wahlbezirk der Worte bedient »Wo zwei Gewalten regieren wollen kann
der Staat nicht bestehen Die Gewalt soll eine geteilte sein Diese Lehre ist
alt und ich finde sie schon dadurch bewährt dass jede Verantwortung gemildert
wird wenn mehre Schultern sie zu tragen haben Aber die Teile der Teilung
müssen gleichartig sein Unterordnen müssen sie sich können der großen
unteilbaren Idee des Volkswohles des Tatbestandes Wo zwei gleichberechtigte
Gewalten gegeneinander auftreten steht die Maschine still Ich erkenne im
Staate nichts an was höher ist als das Volkswohl Auch der Monarch ist in
meinem Systeme der Diener des Volkswohles Er vertritt die natürliche Ordnung
des Lebens das Maß die Grenze aller ehrgeizigen Bestrebungen Er ist ein Teil
der großen Einheit des Volkswohles Reicht ihm die Hände ihr wackeren Bürger
Seid die Zweiten im Bunde Die ausführende Gewalt die das Ministerium vertritt
ist die dritte Gewalt Aber eine Gewalt der Volksversammlungen der Klubs der
Kasernenverschwörungen der Pressanarchie werd ich nimmermehr anerkennen Ich
erinnere Sie an das Wort eines großen Dichters des Briten Shakespeare der den
Jammer des römischen Staates nach den Erfahrungen des britischen in dem
Schmerzrufe schilderte
Mein Herz es weint
Zu sehn wie wenn zwei Mächte sich erheben
Und keine herrscht Verderben ungesäumt
Dringt in die Lücke zwischen Beid und stürzt
Die Eine durch die Andre«
Nach dem bescheidenen in schweigsamer Spannung hingebrachten Mittagsmahle
schickte sich Louis an zur Schmiede hinabzugehen Er hatte mit Murray
verabredet dass dieser auf einem kürzern Wege zum Walde hinunter steigen und sie
beim Eingange in das dunkle Tannengehölz das den Anfang bildete erwarten
sollte Murray war es einverstanden und besorgte nur dass sein Bruder nicht Wort
halten und doch wohl mit seinem Sohne kommen würde der für Das was sie im
Forstause vorhätten ein lästiger Zeuge sein würde Louis aber versprach sich
den glücklichsten Ausgang
Zehntes Kapitel
Der geheime Schrank
Louis Armand fand den blinden Schmied schon in Bereitschaft und erfuhr dass
Heunisch mit dem jungen Zeck unterwegs wäre nach dem Ullagrunde
Der Gedanke Geld wohl viel Geld erben zu dürfen hatte dem Alten alle
Sorgen aus dem Sinne geschlagen Er sagte sogar lachend
Die Ursula wird Augen machen wenn sie heute Kaffeebesuch bekommt
Vielleicht denkt sie sie sollte Euch wahrsagen
Tut sie Das
Nachmittags wenn sie Kaffee trinkt hat schon Mancher bei ihr
vorgesprochen Karten legt sie gern in der Dämmerung nie Vormittags Vormittags
bespricht sie bloß die Rose und die Drüsen
Es ist eine Zauberin Ich erfuhr es schon sagte Louis
Eine Hexe nennen sie sie meinte der Blinde Sie weiß viel Das ist wahr
Alles aber auch nicht Nicht wahr Anneliese
Die kleine garstige Person bei der Louis gestern die Bestellung gemacht
begleitete sie vor die Tür
Lasst Ihr die Schmiede so allein Wo sind Eure Gesellen fragte Louis
Die Taugenichtse sind abgelohnt Sie verstanden nichts aßen Faullenzerbrot
Damit lehnte Zeck die Tür der Schmiede an schärfte Anneliesen
Aufmerksamkeit ein und verbot dass die beiden entlassenen Gesellen noch einmal
in die Werkstatt kämen
So schritt er vorwärts
Louis musste staunen wie sicher Zeck ging Die Erbschaft hatte ihn völlig in
Schwung gebracht Alle Sorge hatte ihn verlassen Er lachte vor sich hin und
schlug sich auf das Schurzfell das er so hinderlich es war vorbehalten hatte
Auch in eine Ritze des Oberteils vor der Brust griff er und versicherte sich
eines starken Hammers den er zu sich gesteckt hatte Er tat wie ein Mann der
sich vor keiner Gefahr scheut wenn er seine Waffen bei sich hat
Es ging ein scharfer Wind der vom Walde her das abgefallne Laub ihnen
entgegentrieb Links die kleine Buchenschonung ließ sie liegen sie gingen
gerade auf das Tannengehölz zu wo Louis Murray schon wartend fand
Murray stand in einem alten grauen Mantel gebückt fast gespenstisch
Er winkte Louis so zu tun als wenn er nicht zugegen wäre
Still gingen sie an Murray vorüber still folgte dieser
Den Kupferstecher sagte Zeck habt Ihr daheimgelassen Herr Nicht wahr
Er ist nicht nötig sagte Louis und winkte Murray der die Worte hörte er
ist nicht nötig hab ich mir überlegt Doch kommt er vielleicht später nach
oder ging schon voraus
Zeck musste jetzt von der Taubheit seines Sohnes Manches erzählen und suchte
überhaupt seiner innern Freude durch Gesprächigkeit einen Ausdruck zu geben Er
blieb dabei dass der junge Baron Grimm wie er Murrays Sohn lachend nannte
tot wäre schien es auch nicht anders zu wissen und verließ sich gänzlich auf
die Aussagen seiner Schwester von denen er freilich seinem Begleiter gleich
sagen zu müssen glaubte dass er eben nicht auf viel Vernunft bei ihr rechnen
dürfe Sie hätte die Jahre um schwach zu sein Und was bei ihrer Narrheit nicht
von den Jahren käme das hätte der einsame Wald getan
Und wohl der Doktor Lehmann setzte Louis hinzu
Ja musste Zeck bestätigen da hat sie Bücher gelesen die Manchem schon den
Rest gaben Wunder Kräuterund Heilbücher
Und die rechten Heilinstrumente die Richtmesser die Schwerter die Räder
St Zeck winkte mit der Hand und meinte Louis möchte davon nicht reden
Murray folgte in einiger Entfernung und hörte Alles was Zeck der aus
Gewöhnung seines Sohnes wegen immer sehr grell sprach durcheinanderschwatzte
Der Gedanke wie gierig die Habsucht sich in diesem tierischen Menschen
zeichne erfüllte ihn mit Schmerz Er musste dabei vorsichtig folgen und immer
berechnen wann Zeck still stand Hätte er dann nicht auch im Gehen eingehalten
so würde ihn das raschelnde Laub verraten haben Jedesmal wenn er das
Stillstehen nicht gut berechnet hatte und einen Schritt weiter ging fuhr Zeck
auf und sah sich um Da Murray aber gleich still stand war dem Verdachte er
möchte mit Louis nicht allein sein keine Nahrung gegeben An Louis bewunderte
Murray die treue Hingebung dies eifrige herzliche Bemühen ihn für die
Vernachlässigung dieser Tage von der nicht er sondern Louis sprach schadlos
zu halten Wenn er ihm nahe genug war drückte er ihm die Hand zum innigsten
Danke dafür
Die sehr naheliegende Erörterung wer die Mutter des gestorbenen Knaben
gewesen kam nicht zur Sprache Louis schonte das Geheimnis Murrays und Zeck
selbst schien den Namen der Mutter nicht zu kennen Die Schwester wuchs Louis an
Bedeutung durch die Hartnäckigkeit mit der sie den Schmied von der Kenntnis ihn
nur mittelbar berührender Dinge ausgeschlossen hatte Auch sagte Zeck Das ist
wahr wers der Urschel einmal im Guten angetan hat für den geht sie durchs
Feuer Der Satans Marzahn war hoch hinaus und hätte sie bald um den Jungen
meines Bruders sitzen lassen
Wieso sitzen lassen fragte Louis blieb stehen und winkte Murray näher zu
kommen
Zeck stand still und wandte sich erstaunt da er im Laube noch Fußtritte
rascheln hörte
Der Wind geht sagte Louis als er das Staunen des Schmieds bemerkte Warum
sitzen lassen Wie alt wurde das Kind
Es wurde wenn ichs sagen soll bemerkte Zeck sich umsehend und erst
allmälig beruhigend es wurde
In dem Augenblicke musste Murray der sich durch den Aufenthalt am geheizten
Ofen der frischen Luft entwöhnt hatte unglücklicherweise husten
Wer ist da rief Zeck mit einer heftig erschrockenen Gebehrde und griff
sogleich nach dem Hammer in seinem oberen Schurzfell
Ah Sieh da Mein Freund ist nachgekommen rief Louis sich sogleich fassend
So so sagte der Blinde riss die Augen auf und drehte sich wie Einer der
seinen Rücken nicht sicher glaubt
Stosst Euch nicht an den Bäumen Kommt vorwärts Meister bedeutete Louis
Also wie alt wurde das Kind Eures Bruders von dem ihr mir sagen müsst warum er
sich Baron Grimm nannte
Herr Ackermann wirds wissen meinte Zeck und ging nur zögernd vorwärts
Herr Ackermann sagte Louis Ich habe von ganz andrer Seite her den Auftrag
mich nach dem Sohne Eures Bruders zu erkundigen der sich eine Zeitlang Baron
Grimm nannte aber ich weiß nicht wie er diesen Namen führen konnte
Ihr wisst nicht sagte der Blinde zweifelnd
Ich weiß nur dass er tot ist und seinem Sohn eine Erbschaft hinterließ
wie alt wurde das Kind
Zeck war durch den Dritten eingeschüchtert Er antwortete nur vor sich
herbrummend und meinte zuletzt
Wir müssen am Forstause sein Lassts Euch von der Ursula selbst sagen
aber die Erbschaft kommt doch wohl ist sie groß
Sie standen an der Wiese die durch den Nachtfrost ihre Frische verloren
hatte und in das welke fahle Wintergrau überging
Wir kommen zum Kaffee sagte Louis scherzend um Zeck wieder mehr Mut zu
machen der Schornstein raucht Wenn sie nur den Satz nicht verschüttet dass wir
noch unser Schicksal hören können
Der Blinde antwortete nicht Er war so mistrauisch geworden dass er sich
immer nach Murray umwandte und wohl gar zu glauben schien er befände sich auf
einem falschen Wege man hätte ihn irre geführt
Warum wollte Marzahn Eure Schwester nicht heiraten fragte Louis dringend
Murrayn brannte es auf der Zunge zu sagen
Hielt der Soldat vielleicht das Kind für das Kind Ursulas
Er musste sich gewaltsam zurückhalten diese Vermutung auszusprechen Louis
verstand seine Aufregung und wiederholte seine Frage Allein Zeck antwortete
nicht mehr sondern verwies auf seine Schwester indem er Louis nochmals darauf
aufmerksam machte dass er auf eine gesetzte vernünftige Unterhaltung bei ihr
nicht rechnen dürfe sondern sehen müsse wie er Alles was er zu wissen
wünsche von ihr herausbekäme
Vielleicht hat sie ihre gute Laune sagte er und wenn sie Kaffee kocht ist
sie nicht schlimm nur manchmal grob
Mit diesem Troste näherte man sich dem Hause dessen Inneres durch das
Gebell der Hunde lebendig wurde An die Möglichkeit dass Ursula Murray erkennen
könnte dachte man für den Fall nicht dass sich dieser bescheiden zurückhielt
Murray zog die Binde fast über das ganze Gesicht und hielt sich gebückter und
älter als je
Als Louis öffnen wollte ging die Tür nur am Schloss auf nicht ganz in
der Angel Sie war durch eine Kette gehemmt Aber sie klingelte
Alles Dies war Louis neu Für Fränzchen hatte die Alte die Kette und die
Klingel abgenommen Entweder gönnte sie dem Mädchen geringere Sicherheit oder
sie wollte in ihrer Zurückgezogenheit oben nicht an den Verkehr des Hauses
erinnert werden
Wer da rief eine heisere Stimme von oben herab
Zeck rüttelte am Drücker der Pforte und schlug dann mit dem Hammer dreimal
an die hölzerne Füllung
Nun nun hieß es oben wo der Schmied erkannt wurde Was solls denn
Willst du sehen Jakob ob wir noch nicht im Kehrichtfass liegen
Sie ist vernünftig flüsterte der Blinde
Gott sei Dank sagte Louis und wartete mit Spannung auf das Erscheinen der
Frau von der ihm Franziska so viel Schlimmes erzählt hatte und von der er durch
Murray und Zeck zu viel wusste um nicht dem Verdachte Raum zu geben dass sie im
Stande gewesen wäre Franziska aus diesem Hause auch durch irgend eine
Freveltat zu entfernen
Die Alte stand auf der Hausflur öffnete aber die Tür nicht Louis sah eine
große hagere Gestalt zwischen der Türspalte erscheinen mit rotumwundenen Kopfe
und scharfen spitzen Gesichtszügen dunklen habichtsartigen Augen Der Mund
hatte nur noch vorn einige Zähne die nicht aufeinander schlossen Der Blick war
unheimlich menschenfeindlich schielend ohne eigentlich falsch zu sein Ein
rotgelbes ostindisches Tuch war über die Brust geschlagen der kattunene Rock
schien sauber und war heute zur Feier der Wiedereinsetzung in die alten Rechte
wohl neugewaschen aus dem Schranke genommen
Mach auf Urschel sagte der Blinde Kriegst Besuch Hast noch Kaffee
übrig
Die Alte antwortete nicht sondern spähte mit stechenden Augen durch die
Tür
Louis der fast hätte annehmen sollen dass sie ihn doch wohl schon von oben
beobachtet hätte grüßte freundlich Murray trat auf die Seite sodass er noch
nicht gesehen werden konnte
Mach auf mach auf sagte der ungeduldige Blinde Kriegst einen schönen
Gruß aus Amerika Urschel
Wieder so einen wie im Sommer Kling Kling Mach auf
Die Alte stierte hinaus und schien ihres Bruders tauben Sohn zu suchen Ihr
Blick war der einer Irren Louis fühlte wie grauenhaft es Franziska hatte sein
müssen mit einem solchen Weibe unter einem Dache allein zu sein Er verstand
den Entsetzensschrei den Franziska vorgestern ausstoßen musste
Mach auf Alte Hexe rief der Blinde der jetzt vor Ungeduld und
Gewinnsucht zornig wurde Hast wohl den Teufel zum Besuch bei dir Oder was
lässst du mich und die Herren da stehen Sollst Spaß erleben Mach auf
Die Alte sah noch einen Augenblick und schüttelte den Kopf Dann hätte sie
vielleicht die Tür uneröffnet zugeschlagen wenn nicht Zeck diesen Fall
voraussehend sich gleich anfangs mit dem Fuße dagegengestemmt hätte
Hol dich der Satan schrie er willst du aufmachen
Es ist möglich flüsterte Louis dass sie mich des Fränzchens wegen nicht
sehen mag Oder fehlt ihr Euer Sohn
Kennst du den Herrn rief der Blinde Willst du aufmachen
Ursula kam wieder und stellte sich wieder spähend an die Türspalte im
Vertrauen auf die Kette die jeden Besuch den sie nicht mochte absperrte
Sollst uns Karten legen schmeichelte jetzt der Blinde Bube und Dame
Hörst du Urschel mach auf
Louis fasste sich ein Herz und beschloss eine List zu wagen Er setzte voraus
dass sie ihn noch nicht gesehen
Wir kommen vom Fürsten Egon von Hohenberg sagte er dem dieser Wald das
Haus gehört Dies ist ein alter Stallmeister Wir haben zwei Pferde die an der
Huffäule leiden Wir wissen dass Ihr alle Krankheiten der Tiere versteht Sagt
uns ein Mittel das gut ist gegen die Huffäule Der Fürst wirds bezahlen
Damit zog er die Börse und klimperte
Die Alte lachte hämisch kniff die Augen zusammen und sprach den Oberleib
vorstreckend als wollte sie Louis bis ins innerste Herz sehen
Schiesst sie tot
Dann wollte sie die Haustür zuschlagen
Darauf war aber der Blinde in andrer Art jetzt schon vorbereitet Mit dem
linken Fuße seines herkulischen Körpers die Tür zurückstemmend hieb er mit dem
rasch hervorgezogenen Hammer so heftig auf die strammgezogene Kette dass diese
klirrend auseinandersprang und die Tür krachend an die innere Wand flog
Die Alte schrie wie ein getroffener Vogel und flüchtete sich Eben sicher
keck und höhnisch wurde sie plötzlich über die Massen furchtsam wimmerte und
drückte sich an den Ofen des Zimmers in das sie hineinflüchtete wie ein
gutgezogener Hund der sich vor seinem Herrn mit bösem Gewissen fürchtet
Louis und Murray folgten entsetzt dem sie zornig verfolgenden Blinden der
nach der Gegend hin wo er die Schwester vermutete drohend den Hammer schwang
und ihr alle möglichen Verwünschungen und Plagen androhte für den tückischen
Tag den sie heut einmal wieder zu haben schiene
Wenn ich komme lärmte er Bin ich ein Strauchdieb Komm ich mit
Buschkleppern Satan du Rühr dich oder ich treff dich
Von Murrays Brust löste sich ein gepresster Seufzer Dicht an der Tür glitt
er auf einen Sessel Er war gewiss dass ihn diese irrsinnige Alte nicht wieder
erkennen würde Es war seine Schwester Dieselbe Ursula die Abschied von ihm
genommen als er in seinen Todeskerker geführt wurde Dieselbe Ursula der er
die Pflege eines Kindes übertrug das ihn an seine schuldvolle Vergangenheit
wie den Verbrecher der Ring an den Pranger fesselte
Hier komm her herrschte der Blinde hier mach Mores Hopp Dahin Wo bist
du Gib die Hand Urschel
Er langte nach ihr Sie jammerte aber der Schmied wolle ihr etwas zu Leide
tun
Louis warf einen traurigen Blick auf Murray der so viel sagen sollte als
Hier ist schwer auf begründete Tatsachen kommen Hier gilt es Geduld haben
Mach den Herren dein Kompliment sagte der Blinde Das ist der Herr
Stallmeister das ein Kavalier vom Fürsten Wirst doch wissen wie Doktor
Lehmann die Huffäule kurirte Du hast ja Doktor Lehmanns Bücher Hol sie Da
im Schrank liegen sie
Die Alte fasste jetzt etwas Mut und wagte sich vor
Wo ist der Schlüssel
Sie schüttelte den Kopf
Wo ist der Schlüssel
Louis merkte dass ihm Ursula winkte Er trat näher Sie flüsterte ihm ins
Ohr
Ich geb ihm meinen Schlüssel nicht wenn er allein kommt Wie das Geld aus
Amerika kam kam er auch allein Da mach ich nicht auf Sein Junge muss Zeuge
sein
Was sagt sie da fragte Zeck
Bleibt da sagte Louis entschlossen und führte Zeck an das Fenster der schon
dunkelnden kleinen Stube zurück Bleibt ruhig Eure Schwester wird uns Alles
sagen
Herr fuhr Ursula fort Er hat nichts Gutes vor wenn er allein kommt Er
ist schon öfters allein durch den Wald geschlichen
Kommt er denn jetzt allein gute Frau sagte Louis Wir sind ja unsrer zwei
mit ihm und Eure Freunde
Aber Ihr hörts ja er will den Schlüssel haben
Murray merkte aus diesen Worten bald dass Ursula noch so viel klare Gedanken
hatte um vor Jakob Zecks Habgier sich sicher zu stellen Er gedachte seines
Geldes das ohne Zweifel Veranlassung dieses Mistrauens war
Louis folgte mit großer Geistesgegenwart der gleichen Betrachtung und sagte
Das ist recht Frau Marzahn dass Ihr Euer Geld verschließt Ihr müsst reich
sein Aber gabt Ihr denn die dreitausend Taler die Ihr einst für das Kind
Eures Bruders der in Amerika gestorben ist empfangen habt nicht auf Zinsen
Ursula stierte ihn auf diese Worte mit großen Augen an
Ach Herr sagte der Blinde die dreitausend Taler legte sie bei Marzahns
Leber an Das Geld zehrte all der Durst weg
Die Alte verstand diese Bemerkung lachte und erhob sich jetzt ihren Gästen
etwas vorzusetzen
Ihr Herren sagte sie wollt Ihr trinken
Da sagte Zeck nun hat sies So gings früher Juchhei Flotte
Wirtschaft Die und dreitausend Taler An Die hat sies hinausgeworfen die
ihr sagten dass sie hübsch war Zehn haben sie heiraten wollen und Jeder zog
sie nur aus bis sie nichts hatte und ihren armen blinden Bruder hätte sie
verhungern sehen können
Wollt Ihr trinken Jungen fragte Ursula wieder mit schelmischer
Lüsternheit
Louis schüttelte den Kopf Er empfand ein Grauen vor dem Gedanken von einer
solchen Frau sich etwas zum Genuße vorsetzen zu lassen
Danke sagte er kräftig und setzte mit Entschlossenheit den Hebel an die
Erinnerung der Alten indem er fortfuhr
Marzahn war so durstig und doch wollt er nicht ein Ende machen und
heiraten Warum Frau Ursula wollt er denn nicht heiraten
Aber die Antwort auf diese Frage blieb aus Die Ideenverwirrung der Alten
war so eigentümlich dass sie kichernd zu Louis sagte
Bist schmuck Hast doch auch schon ein Mädchen
Der Blinde lachte laut auf und machte den plumpen Scherz
Hei So wars recht Ja Es ist ein Freier für Dich Ursula Der Dreizehnte
wenn Du willst Herr sie wäre im Stande noch mit Euch Hochzeit zu machen Fasst
ihr einmal ans Kinn Ich wette sie hat mehr Haare am Kinn als Ihr unter der
Nase
Ich kann mir denken fuhr Louis den Scherz nicht beachtend fort ich kann
mir denken dass Eure Freier Frau Ursula gefragt haben Wem gehört denn der
kleine hübsche Junge da Ist das Euer eigener lieber kleiner Taugenichts
Das ists sagte Zeck
Sie hörten dann fuhr Louis fort das ist meines Bruders Kind Was wollt
Ihr sagtet Ihr Es gehört dem Bruder
Sie glaubtens aber nicht fiel Zeck ein
Ursula hörte nur zu wie wenn etwas ihr Wildfremdes besprochen wurde
Und zu sagen von wem das Kind käme wer die Mutter wäre Das war durch
einen Schwur verboten
Und durch das Geld das sie durchgebracht hat setzte Zeck grimmig hinzu
Da wars dann Euer Sohn
Doktor Lehmanns Sohn lachte Zeck
Murray schauderte weil ihm von Wort zu Wort das Verhältnis ganz klar wurde
Und Marzahn war der schlimmste Eurer Freier fuhr Louis mit einer für Murray
bewunderungswürdigen Kunst der Inquisition fort Der wollte nichts wissen von
Doktor Lehmanns Sohn
O Das wäre der Teufel sagte Zeck Der verspielte ihr Geld und nannte sie
dann wie man Weiber nicht nennen soll wenn sies auch sind
Wegen dieses Kindes
Nein Herr da wars ja schon tot als Marzahn an die Reihe kam Es war
ein andrer der Vierte der Fünfte
Wie alt wurde er denn der kleine Wurm
Ich denke ein anderthalb Jahre nicht wahr Urschel Du nahmst es ja in
die Stadt als ich krank lag Mir war schlecht damals Herr Als ich wieder
Besinnung fasste war Paul gestorben Urschel Du hast ja den Todtenschein von
Paul Gib ihn mal her Die Herren brauchen ihn Paul soll erben Wieviel denn
Herr
Wol an zehntausend Taler sagte Louis frischweg um aus den halben
Tatsachen herauszukommen
Zeck starrte Seine Augen rissen sich groß auf
Hört sie wohl ein Wort von Allem was wir sprechen rief er zornig Gib den
Todtenschein vom Paul Paul Zeck Hörst Du nicht
Ursula band sich ihr Tuch vorm Spiegel fester und nahm dabei eine Nadel in
den Mund
Den Todtenschein vom kleinen Baron wiederholte Zeck ihr ins Ohr
schreiend
Ursula steckte ruhig die Nadel in das Kopftuch
Warum lacht Ihr Frau Marzahn Ist der kleine Baron wirklich tot fragte
Louis
Murray sah gespannt
Die Schwester zeigte auf die dunkle Wiese unter dem kahlen Ebereschenbaum
Murray musste aufstehen weil er in der Nähe des Fensters saß und sich gern
zurückgezogen hielt
Wo ist der kleine Baron wiederholte Louis
Ursula tat als suchte sie den kleinen Baron auf der Wiese und lachte
dabei
Sie ist verrückt sagte Zeck Im Sommer sagte sie einmal zu mir Jakob
sagte sie ich habe den Baron gesehen sie meinte unsern Bruder und zeigte auf
einen Baum der da auf der Wiese stehen muss Da hätte sie ihn im Mondschein
gesehen
Louis und Murray fühlten dass hier schwer ja unmöglich eine vernünftige
Auskunft zu finden war Sie konnten daher nichts dagegen haben dass der Blinde
den Hammer nahm und an einen kleinen Schrank der neben einer alten Uhr an der
Wand hing mit furchtbarer Gewalt einen Schlag verführte
Ursula sprang jetzt hinzu und schrie
Geld hat sie nicht sagte Zeck wütend und auf den Schrank schlagend das
gibt sie alles an die Männer Dem Heunisch dem Faullenzer stopft sies ein
seit Jahren dass sie wie toll in seinen roten Bart verliebt ist Aber Papiere
sind da Den Todtenschein vom Paul muss sie haben
Ursula schrie und rang mit dem Bruder doch schon war der kleine Schrank
aufgesprungen und Papiere Bücher Flaschen Büchsen fielen wirr durch einander
herunter
Es war ein trauriger Anblick zu sehen wie Ursula mit dem Blinden rang um
ihn von der Zerstörung und der Durchsuchung dieser Gegenstände abzuhalten
Murray erfasste ein Grauen Er erkannte einige dieser Büchsen und Gläser Sie
stammten aus seiner früheren Kupferstecherwerkstatt her und enthielten ätzende
Gifte
Rührt nichts an schrie Zeck Es ist Gift Die Hexe will den Schein nicht
geben Sie will sagen der Paul lebt noch
dabei wühlte die schmutzige Hand in dem Schrank und trat Alles was ihr
vorkam mit Füßen
Zurück donnerte Louis jetzt und schleuderte den zum Tier entfesselten
habsüchtigen Blinden mit jugendlicher Kraft bei Seite Zurück Nicht einen
Fetzen hier angerührt nichts hier zerstört
Ich fasste aber ein Buch sagte Zeck fast zur Erde taumelnd In dem Buche
liegt der Schein Es ist ein Doktorbuch Ich habe den Schein ja nie selbst
gesehen aber vor zwei und zwanzig Jahren hat sie ihn mir vorgelesen
Was ist das für ein Buch sagte Louis sich mit Ruhe und Fassung zu Ursula
wendend und Eins nach dem Andern vornehmend
Als die Alte das Buch sah es war ein Gesangbuch mit goldnem Schnitt
fing sie plötzlich an zu zittern
Was habt Ihr fragte Louis
Ursula stöhnte ja schluchzte fast
Alle starrten vor Befremden Die Alte nahm das Halstuch ab und trocknete
sich damit die Augen Das Gesangbuch hüllte sie dann in das Tuch
Murray hielt sich immer still und stützte den Kopf auf
Warum weint Ihr Ursula fragte Louis entsetzt
Statt der Antwort machte die Alte Töne als ahmte sie Kirchenglocken nach
Zeck schwieg erschrocken und wandte sich ab
Das ist ein Gesangbuch mit dem man Sonntags in der Frühe in die Kirche
geht sagte Louis
Die Alte nickte und fuhr rasch fort
Es ist gleich neun der Pfarrer wartet schon ha ha da den Strauss hatte
sie in der Hand
Louis griff nach einem verwitterten ganz vermoderten alten Blumenstrauß
den Ursula in der Hand hielt
Ha schrie Ursula auf Da Da Da liegt sie Unten Ha ha ha
Wer fragte Louis wiederholt
Statt zu antworten trat Ursula scheu an Louis heran und flüsterte indem
sie hinterwärts etwa nach der Richtung der Sägemühle hinzeigte
Da Da
Wovon sprecht Ihr denn Frau Besinnt Euch
Sie sang wieder Glockentöne und setzte sich dabei weil ihr schwach wurde
Zeck schwieg erstarrt
Louis behielt das Gesangbuch und den Blumenstrauß zurück sah aber dass ihm
Murray einen Wink gab den Bruder zu beobachten Dieser hatte seit dem
Gesangbuch dem Glockenton der Erinnerung an einen Sturz vom Felsen alle
Besinnung verloren Er stand wie ein taumelnder bewusstloser Stier den die Axt
des Fleischers vor die Stirn getroffen hat und der noch nicht völlig ohne Leben
ist Nur krampfhaft streckte er die Hand hinaus als wollte er diese hier
unvermutet getroffenen Gegenstände die Louis betrachtet hatte fassen So
blieb die Hand ihm wie hängen
Murray wagte den Gedanken dass hier eine Schuld eine Mitschuld an irgend
einer Untat vorläge nicht auszusprechen Wusste er doch nicht worauf sich
diese Andeutungen diese Reliquien bezogen Aber Erstaunen musste es ihm
verursachen dass der Schmied ruhig geschehen ließ wie Louis im Schranke weiter
suchte und forschte
Ich finde nichts sagte Louis Da ein Kamm von Schildpatt mit weißem
Elfenbein verziert
Bruder und Schwester erwiderten nichts
Ein schöner Kamm sagte Louis Trugt Ihr den früher liebe Frau
Ursula schüttelte sich und meinte jetzt
Er brennt ja
Der Kamm brennt Wie kann der Kamm brennen fragte Louis
Murray horchte hoch auf
Fragt Den da sagte Ursula und zeigte auf den Blinden der in der Tat den
Kamm so von sich weghielt als stünde er in Flammen Sein Atem keuchte Er kam
jetzt in Bewegung und suchte das Fenster
Ursula kam dem zum Tod erschrocknen über diesen Inhalt des Schrankes
entsetzten Blinden zuvor riss das Fenster auf und rief
Ihr erstickt Leute Macht fort Fort Der Kamm brennt Die Stube brennt
Die Gardine Linchen brennt Jakob Jakob
Weiter konnte Ursula nicht Jakob Zeck der wütende Blinde warf sich auf
sie wie man auf einen brennenden Gegenstand das erste Beste wirft um die
Flamme zu ersticken Er warf die Alte zu Boden trat sie Murray hielt sich
nicht länger Er sprang auf fasste den Blinden rückwärts und schleuderte ihn mit
einer Kraft zurück über die Louis erstaunen musste
Louis steckte den Kamm zu sich dann schloss er das Fenster ohne darauf zu
achten dass es ihm war als hörte er in der Ferne Pferdegetrappel Er erstaunte
über Murray der im Begriff schien sein Incognito aufzugeben und mit dem
Terzerol in der Hand dastand Der Anblick dieser Papiere die vielleicht über
seinen Sohn Auskunft geben konnten ergriff Murray so gewaltig dass er den auf
dem Boden wühlenden Bruder fast mit Füßen stieß und sich der Papiere die er
zusammenraffen konnte schnell bemächtigte Zeck der im Ringen mit ihm
bemerkte dass es nicht Louis war der ihn niedergeworfen erhob sich und hielt
seinen Hammer empor
In der Linken das Gesangbuch in der Rechten seinen Hammer rief er die
Besinnung verlierend
Mörder Diebe Ursula lass die Hunde los
Die Papiere heraus donnerte Murray Ihr seid Mörder Ursula sprich Wer
verbrannte Wer stürzte vom Felsen
In dem Augenblicke nahte sich aber der wütende Zeck mit seinem Hammer
holte aus und würde in seinem Irrtum Louis der ihm zunächst stand unfehlbar
tötlich getroffen haben wenn nicht Murray ihn mit der Linken in der Rechten
hatte er das Terzerol ergriffen hätte
Halt ihn Halt ihn schrie Ursula Er weiß es Nantchens Gesangbuch Wo
ist das Gesangbuch Linchens Kamm Ha ha Jakob nun ists doch all eins Nun
holen sie uns doch Sags Jakob Oder soll ichs sagen
Murray ließ die Hand sinken Aber nur einen Augenblick Der Blinde hatte die
Stelle gemerkt wo die Schwester stand Er hörte dass sie Angaben machte die
auf geheime Verbrechen schließen ließ Er hob den Hammer um durch einen
tückischen Seitenschlag der Schwester im Nu den Mund für ewig zu schließen
Murray blitzschnell folgte der Bewegung und schoss ohne zu überlegen sein
Terzerol ab
Der Schmied sank getroffen Ursula schrie auf Louis der in den Papieren
des Schrankes suchte wandte sich und sah das Entsetzliche das eben geschehen
war
Erkennst Du mich rief Murray nun dem zurücktaumelnden und zur Erde
sinkenden Blinden zu erkennst Du mich Die Stimme Deines Bruders spricht zu
Dir Ursula hat die Macht des Wahnsinns Deine Sinne ganz geblendet Der sieht
nicht und erkennt mich Du siehst und weißt nicht wer mit Dir spricht
Der Schmied ächzte Ursula riss gespenstisch die Augen auf
Erkennst Du mich Jakob So dröhnten die Mauern in unsrer Werkstatt wie
jetzt als Du die Erde zum letzten Male sahst Hörst Du mich den
Auferstandenen Euren Bruder Friedrich
Der Blinde antwortete nicht er ächzte
Ursula hielt sich am Ofen fest und erkannte den Bruder noch nicht wieder
Groß starrten ihre Augen auf ihn herab Sie sah den Niedergesunkenen ohne das
Geschehene fassen zu können
Rettet Euch Murray Ihr seid verloren rief Louis jetzt der gleich nach
dem Schusse ans Fenster getreten war und die beiden Dragoner hatte
heransprengen sehen In der Ferne hörte er Stimmen Die Hunde bellten und rissen
wie wütend an ihren Ketten
Murray was habt Ihr getan rief Louis
Euch und der Schwester der Unglücklichen das Leben gerettet Dieser
Elende Falschmünzer Mörder sagte Murray und sank entkräftet keiner Gefahr
achtend in seinen Sessel
Was bedeuten diese Bewaffneten Ist es auf Euch abgesehen Ich beschwöre
Euch Flieht Das Dunkel wird Euch schützen rief Louis
Statt aller Antwort erhob sich Murray noch einmal und trat dicht vor Ursula
mit den Worten die er ihr donnernd zurief
Ursula habt Ihr Paul ermordet
Die Alte schüttelte den Kopf
Ist das Kind tot Verbrannt Vom Felsen gestürzt
Ein Augenblick Zeit war noch übrig schon standen die Dragoner an der Tür
draußen und lärmten Menschen liefen quer über die Wiese herüber
Ist Paul Zeck tot wiederholte Murray
Die Alte schüttelte den Kopf
Ah sagte Murray So hab ich noch Pflichten und sollte noch leben Nein
Freund dieser Überfall gilt mir Man ahnt wer ich bin Sehen Sie ich erkenne
die beiden Häscher die mich schon einmal verhafteten Wohlan Wohlan Nach dem
Tode dieses Elenden dort zu dessen Richter mich Gott bestellte bedarf ich
einen Ort der letzten Sammlung Leben Sie wohl Louis und wenn Sie aus diesen
Papieren erfahren könnten
Murray musste Louis mit überströmendem Gefühle rufen und sich
schmerzzerrissen an des unglücklichen Mannes Brust werfen
Murray küsste ihm die Stirn Eine Träne quoll aus seinem Auge
Nur kurz war dieser Augenblick denn schon war Murray ergriffen und die
Szene verwandelte sich in eine brutale Verhaftnahme wie sie ohne alle Rücksicht
auf die obwaltenden Umstände nur stattfinden konnte Da ein Verwundeter dort
ein Schrank erbrochen der gesuchte zweideutige Engländer mit einem Mordgewehr
in solcher Situation gefunden Louis hatte alle Kraft zusammenzunehmen der
Gewalt dieser ihn selbst im sonderbarsten Lichte darstellenden Szene nicht zu
erliegen
Schont diesen Mann rief er und drängte die beiden Gesellen die bei Zeck
gearbeitet hatten zurück Wer seid Ihr dass Ihr wagen dürft hier einzudringen
Bei Mördern und Dieben ist Jeder zur Hilfe berufen sagte der Eine Übrigens
sind wir Diener der Gerechtigkeit
Es waren Mullrich und Kümmerlein die Polizeidiener Pfannenstiel
bestätigte dass Beide mit dem Auftrage hierherkamen diesem Manne mit der
schwarzen Binde der sich Murray nenne und für einen Engländer ausgäbe in
seinen Unternehmungen um das Schloss Hohenberg herum aufzupassen Schlimmeres
könne man wohl nicht antreffen als hier den Vorfall im Forstause Herr Louis
Armand würde von seiner Zeugenaussage viel Umstände haben
Sie wird sehr einfach sein sagte Louis Dieser edle Mann hat mir und jener
Frau das Leben gerettet
Den Hammer sah ich in des Blinden Hand bemerkte Pfannenstiel Das ist
richtig Die Umstände kann man nicht genau genug aufnehmen
Indem wurde Murray zwischen die beiden Dragonerpferde genommen und gefangen
fortgeführt
Louis umarmte ihn noch einmal mit Tränen
Die Umstehenden machten eine eigne zwischen Spott und Erstaunen gehaltene
Miene als Murray noch die Worte sprach
Mein Freund trauern Sie nicht Sie kennen meine Lehre meinen Glauben Ich
dulde gern denn ich weiß wofür ich dulde Geh es Ihnen wohl Sie haben in ein
Leben in Verhältnisse geblickt über die man nur zu rasch ein Kreuz schlägt und
sagt Da ist nichts zu ändern Holen Sie sich das Bewusstsein aus ihnen ein
reiner mit Ihrem Innersten einiger Mensch zu sein Gottes Geist erleuchte Sie
Wirken Sie Gutes Und wollen Sie meiner gedenken so gedenken Sie dass der Zweck
unsrer Reise erreicht ist Wir wissen dass Paul lebt Die letzten Antworten
Ursulas waren erleuchtet Dafür dank ich Gott und Ihnen
So schied Murray und schritt zwischen den Pferden und den Sporen der Reiter
voll Demut hin
Mullrich und Kümmerlein die ihre Prämie verdient hatten folgten mit
spöttischem Blicke auf Louis Armand den nur die Beziehung zum Fürsten und
Premierminister schützte
Pfannenstiel half diesem den bewusstlosen Blinden in eine Nebenkammer auf
ein Bett bringen Ursula saß am Ofen und schien von Allem was sie umgab nichts
mehr zu bemerken
Dann folgte Pfannenstiel den Übrigen und versprach einen reitenden Boten
nach Randhartingen zu schicken um den Doktor Reinick zu holen
Wie Louis mit dem ächzenden Blinden und Ursula allein war befiel ihn erst
eine Furcht die er vorher nicht kannte
Ursula ließ es ruhig geschehen dass er die zerstreuten Papiere das
Gesangbuch den Kamm den Blumenstrauß zusammenraffte und zu sich steckte Vor
den Gläsern entsetzte er sich und mochte sie nicht untersuchen
Ursula saß in der Kammer neben dem Bruder dem nur ein kundiger Arzt helfen
konnte Sie ließ das Haupt hängen und schien selbst hochbetagt wie sie war
ihrem Ende nahe Sie versprach Louis Weisungen zu folgen holte auch Wasser
sprach auch von Umschlägen die sie machen wollte tat eigentlich vernünftiger
als vorher und doch war es nur mechanische fast gedankenlose Bewegung
Da Louis Heunischs Rückkehr nicht abwarten konnte ging er zuletzt still
ohne dass es Ursula merkte aus dem verhängnisvollen Hause Mit welchen Gefühlen
Die Wahnwitzige blieb mit dem Bewusstlosen Sterbenden allein zurück
Es war Schnee gefallen Ein Leichentuch deckte die Erde Wohin Louis
blickte die weißen Schimmer des Winters
Plessen fand er in großer Bewegung Die Arrestation die Verwundung des
Schmieds die Entpuppung der beiden Gesellen in der Schmiede hatte Alles in
Aufregung gebracht
Auf dem Schloss fand Louis die Sachen des schon weiter geführten Murray mit
Beschlag belegt
Der Justizdirektor empfing Louis in dem Eckzimmer an dem noch offen
stehenden Klavier und bedauerte diese Vorfälle die zu erleben zu beobachten
zu untersuchen zu erörtern ganz gegen seine Natur ging
Herr von Zeisel musste mit dem Aktuar Weiße ein Protokoll aufnehmen Louis
unterschrieb es und erzählte Alles was er glaubte über Murray mitteilen zu
müssen Er verschwieg dass Murray Zecks und der Ursula Bruder war Er
schilderte seine Bekanntschaft mit Murray als die harmloseste gestand zu dass
jener Alte aus Mistrauen und Lebensüberdruss ein Pistol bei sich führte und
berief sich als Ursache des Streites zwischen ihm und dem blinden Schmied auf
eine Familienangelegenheit die er erst später den Gerichten glaubte mitteilen
zu dürfen
Herr von Zeisel blieb gütig und wohlwollend fand es auch in der Ordnung
dass Louis vorzog schon morgen in die Residenz zurückzukehren Er selbst wusste
über Murray nichts als dass höheren Orts zwei Polizeiagenten wären aus der
Residenz geschickt worden um einen gewissen Murray der an diesen und jenen
Dingen zu erkennen wäre zu beobachten und im Falle zweideutigen Benehmens
besonders aber im Falle einer Beziehung zu dem Schmiede Zeck und dem
Försterhause sogleich festzunehmen und in die Residenz zu senden
Louis musste über diesen Zusatz sehr erstaunen und ahnte dass sich die alten
gewaltigen Mächte gegen den aus Amerika zurückgekehrten verhassten Vater des
verschollenen Paul Zeck deutlich genug regten
Er hatte eine schlaflose Nacht
Am frühesten Morgen weckte er die alte Brigitte und Winkler gab ihnen
Trinkgelder die nicht seiner eignen Lage wohl aber dem Orte den er bewohnt
hatte angemessen waren und entfernte sich ohne Abschied von Oleander zu
nehmen mit einer schon am Abend bestellten Gelegenheit in der Stille von
Hohenberg Nur an Franziska ließ er zur Besorgung einige geschriebene liebevolle
Worte zurück
Mit banger Wehmut über unsre Erdenschicksale über fremdes in der Irre
gehendes Hoffen und sein eigenes so Viel verfehlendes Streben zog es ihn jetzt
dahin wohin man den unglücklichen Murray geführt hatte
Elftes Kapitel
Unterm Schnee
Die weiße Decke des Winters blieb und wuchs Der Winter erstarrte Alles was in
der Natur noch zu leben irgend noch zu wachen versuchte Die wenigen
zurückgebliebenen Vögel flüchteten den Wohnungen der Menschen näher doch auch
diese hatten sich strenger verschlossen und schienen ärmer an Liebe sparsamer
mindestens mit ihren freundlichen Gaben selbstbekümmerter in sich
zurückgezogen Der Schnee lag so hoch dass man die Dörfer aus ihren Decken kaum
heraus erkennen konnte Nur wo irgend ein warmer Hauch aus der Küche aus den
Schornsteinen ja da wir auf dem Lande sind aus dem dampfenden Dünger
entstieg öffneten sich einzelne Falten des großen weißen Gewandes und
verrieten dass unter ihm etwas Lebendiges ruhte Bald gesellte sich zum Schnee
der Frost der ihn ballte und so kittete dass er unter dem Fußtritt und dem
Wagendrucke knisterte Die Geleise die in der vom Wind verwehten Schneedecke
auf der Landstraße und im Walde nicht bleiben wollten froren nun fest So kalt
es war so kam man nun doch eher zum Vorschein weil man feste Wege fand Da
standen denn die Bäume mit großen weißen Harnischen gepanzert die ihnen im
Schneegestöber angeweht und dann gefroren waren Die kleinsten Zweige hätten
unter der Lupe betrachtet millionenfach wunderbare Krystallisationen geboten
Wie glänzten diese zarten Kandirungen an der blutrot aufsteigenden Sonne deren
Strahlen nur Morgens Mittags und Abends die Kraft hatten durch den Nebel
hindurchzudringen Da wo sonst tiefe Abgründe und Klüfte waren hatte sie das
Schneegestöber ausgefüllt und trügerische Bahnen geschaffen die nur unter dem
pfeilschnellen Fluge des Wildes nicht nachliessen Man sah die Spuren des
flüchtigen Wildes Viele Jagdliebhaber die für Wochen und Monate eine Licenz
zum Schießen lösten verfolgten sie auf Umwegen Auch die Klingeln der Schlitten
belebten die erstorbene Gegend wie der Knall der Büchsen Wer sich jetzt
gegenseitig besuchte durfte voraussetzen freundlicher als sonst aufgenommen zu
werden
Noch ehe die Erde zu harten Schollen gefroren war hatte sie zu ewiger Ruhe
zwei Entseelte aufgenommen Die Müllerin und acht Tage später den blinden Jakob
Zeck Der Schuss war dem Schmied unter dem Schlüsselbein eingedrungen Die
Sorgfalt Reinicks vermochte nichts gegen den Brand
Zwei so rasch unter solchen Umständen sich folgende Begräbnisse regten die
Umwohner genugsam auf und laut genug wurden jene Todtengerichte gehalten die
jedem Sterbenden folgen wenn auch nicht so feierlich wie einst in Ägypten und
bei den Meisten auch nur in Gedanken Der Vikar Oleander aber hielt sie in
Worten an den offenen Gruben und achtete des Schnees und der Kälte nicht Hatten
doch auch die Menschen noch gewusst Blumen aufzutreiben warum sollte er mit
Worten geizen Sein schönes Talent den Augenblick und die Situation selbst
reden zu lassen bewährte sich auch hier und Viele sagten dass er am Grabe des
blinden Zeck fast noch rührender gesprochen als an dem der Müllerin Hier
klapperte ja die Mühle fort es fehlte dem Gatten Niemand Da aber stand ein
Sohn der sich für so beschränkt er sonst galt im Verlust seines ihn
führenden Vaters wie ein Verzweifelnder gebehrdete und sich mit wildem Schmerze
auf den Sarg warf um ihn nicht schließen zu lassen Da stand Heunisch dem der
plötzlich weißer gewordene Schnurrbart rings vom Atem und der Kälte vollends
gereift war Er hatte Louis nicht mehr gesprochen und von Ursula die zum Tode
geknickt schien nur verworrene Aufklärungen erhalten Da stand Franziska
Heunisch die mit Selma eben ein trauliches Stillleben beginnen wollte als sie
dieser Fall beinahe wieder auseinanderriss Doch hoffte Heunisch die Marzahn
würde es noch bis zum März bringen Auch zwang ihn die Jagd viel Menschen zum
Treiben und Transport des Wildes ohnehin immer um sich zu haben und oft kam er
nun drei vier Tage lang nicht mehr nach Hause Da stand Herr von Zeisel der
nur bedauerte wie unklar sich dieser ganze Vorfall anlasse und wieviel es
Korrespondenzen kosten würde die Gerichte der Residenz mit den Ergebnissen der
hiesigen Untersuchung in Einklang zu bringen Da stand auch noch Siegbert
Wildungen den Louis plötzliches Verschwinden schmerzlich genug weil mit
solchen Umständen verbunden überraschte Alle hörten sie Oleanders
Betrachtungen mit Rührung zu Er verschwieg nicht dass dieser Tote wenig
Freunde gehabt und Allen eher kalt als warm erschienen sei Er hätte die Liebe
die er nicht gesucht auch nur bei Wenigen gefunden So kam der junge Redner auf
die Verstockung des Herzens die hier eine Folge des leiblichen Gebrechens
mochte gewesen sein und sprach mit großer Offenheit darüber dass Die die auch
geistig taub sind die geistig nicht sehen wollen auch an ihrem noch besseren
Teile einbüßen Auch an Louis Mitteilung dass dieser Blinde seinen Tod sich
selbst zuzuschreiben hätte wegen eines bösen Anfalls von Jähzorn und schlimmer
Tücke fest und unerschütterlich sich haltend verschwieg Oleander zur Warnung
kein Fehl des Dahingegangenen und goss erst zuletzt das milde Licht der
himmlischen Gnade deren wir Alle bedürften über seinen weihevollen Vortrag
Dem Sohne sagte er dann zu ihm sich wendend die Umstehenden berührten den
Tauben um ihm zu sagen der Pfarrer spräche mit ihm kann ich nichts sagen da
ihm das Ohr für menschliche Rede verschlossen ist Blicke hin und höre die
Sprache die du siehst Diese Erde er zeigte auf die Grube und jener Himmel
er zeigte empor sind Eines so wir reinen Herzens sind er legte dabei die
Hand an die Brust
Der Taube verstand ihn und weinte Er war in den Dreissigen und jetzt
hülfloser wie ein Kind
Als man vom Kirchhof heimging hörte Siegbert noch ausführlicher was sich
Alles im Walde zugetragen hatte Heunisch und Zeisel erzählten auch
Pfannenstiel trat näher Allen fiel auf dass aus dem kleinen Schranke der ganze
Inhalt fehlte den Heunisch freilich selbst nie gesehen hatte Das gewaltsame
Aufschlagen mit dem Hammer schien Allen erwiesen und Niemand bezweifelte dass
der Blinde sein Schicksal verdient hatte Einen genaueren Zusammenhang ahnte nur
Ackermann wegen der von ihm aus Amerika gebrachten Summen Was man aber von dem
Engländer Murray von Louis Urteil und von der Schwester denken sollte war
auch ihm rätselhaft
Wie dem auch sei sagte Herr von Zeisel zu Ackermann es ehrt Herrn
Oleander dass er die gleiche Teilnahme der reichen Müllerin und dem wenn nicht
armen doch wenig geachteten Schmied bewies Ich denke an Stromer setzte er
mit einem Seitenblick auf die einsam wandelnde Pfarrerin die nicht zuhörte
leise hinzu ich denke an Stromer dem alle diese Vorkommnisse gering und
seiner nicht würdig erschienen und bei allem Geiste den ihm Niemand absprechen
wird keine fesselnden Worte abgewannen
Es fehlte ihm wohl das Herz sagte Ackermann
Ich möchte auch Das nicht sagen bemerkte Herr von Zeisel Er schreibt doch
in den Blättern mit großer Empfindung Die Briefe an die Seinigen sind oft kurz
und zerfahren oft aber auch voll Rührung
Vielleicht über sich selbst bemerkte Ackermann Nenne man Das doch nicht
Herz wenn ein Mensch leicht in Tränen zerfließen kann Ich habe Frauen
gekannt die viel weinten und die doch nur ihre Nervenschwäche hätten für ihr
Gemüt ausgeben sollen Stromer ist voll Rührung über sich selbst Er weint
darüber dass er weinen kann Er bewundert sich wenn er voll Wehmut einen
Kirchhof oder den erwachenden Frühling betrachtet O diese eitle
Selbstbespiegelung Ich erkenne das Herz nur bei den Menschen an die im Stande
sind aus andern Menschen herauszuempfinden und in ihnen wie in sich selbst zu
leben
Oleander der einesteils zu zartfühlend war um sich auf Kosten seines
Vorgängers rühmen zu hören andrerseits die Gewohnheit hatte nach dem Ernste
gern in einem scherzenden Tone sich wieder mit der naiven ihm eigentümlichen
Auffassung zu vermitteln bemerkte
Ich will gleich sehen wer unter uns Herz hat Da seh ich Damen in Pelzwerk
und Mänteln kommen
Meine Frau sagte Herr von Zeisel Frau von Sänger und Fräulein Selma
Ackermann
Ich sehe schlecht fuhr Oleander fort wo geht Fräulein Selma
Rechts sagte Herr von Zeisel
Links fuhr Ackermann fort geht Siegbert Wildungen
Ihr irrt Rechts Frau von Sänger bemerkte Oleander
Nein nein links geht Frau von Sänger bestätigten Alle
Da meinte denn Oleander
Seht Ihr Alle habt kein Herz Wie könnt Ihr sagen es gehe einer rechts für
Euch da er doch links für sich geht Nach Herrn Ackermanns richtiger Theorie
vom Herzen muss man Den der uns begegnet auch von der Seite aus kommend
darstellen die ihm selbst die linke ihm selbst die rechte ist
Der Widerspruch und der Scherz den diese Bemerkung hervorrief wurde von
den Damen abgeschnitten die über die Kälte über das lange Ausbleiben der
Herren klagten Frau von Zeisel warf auf Siegbert so schmollende Blicke dass er
sich wiederholt für seinen erst heute acht Tage nach dem Diner wiederholten
Besuch entschuldigte Er erklärte dass er sich noch nicht von dieser
überraschenden Veränderung hätte erholen können so widerspräche Alles was er
zu finden hoffte Dem was er wirklich fände
Frau von Sänger führte das Wort und schilderte den Fleiß und die in Anspruch
genommene Musse des jungen Malers mit einer Lebendigkeit die Niemanden
verdrießlicher war als der Justizdirektorin Sah sie sich doch auch von
Oleander der mit Selma und Franziska allein ging verlassen
Oben im Amtshause widmete man Allen die das Begräbnis des unter so
eigentümlichen Umständen dahingegangenen blinden Zeck herbeigezogen hatte noch
einen solennen Nachmittagskaffee dann trennte sich Heunisch der als
Leidtragender vom Justizdirektor mit freundlicher Herablassung eingeladen war
von Franziska und tröstete sich mit den Zerstreuungen die jetzt die Jagd der
Verkauf die Ablieferung des geringen Wildprets mit sich führen würde Selma
hatte Franziska schon so liebgewonnen und an sich herangezogen dass sie sich
gern mit ihr isolirte und sonderbarerweise von allen Anwesenden Niemanden lieber
den Rücken kehrte als Siegbert Dieser fühlte diese Zurücksetzung und bemerkte
auch dass Ackermann gegen ihn befangen war Auf einem Schlitten fuhren die
Ullagrunder früher von dannen doch wiederholte Ackermann die Einladung an
Siegbert Wenn er noch in der Gegend bliebe würde er ihnen doch einen Besuch
schenken Der innige Händedruck mit dem er schied stand in Widerspruch zu
seinem Benehmen Selma aber die in ihrem Pelzkragen ihrem Muff und dem blauen
Schleier auf dem Sammtute recht »vollkommen« wie Frau von Zeisel sagte oder
»unternehmend« wie es Frau von Sänger nannte aussah verharrte in ihrem
Gleichmute und verwundete fast den von den Frauen etwas verwöhnten jungen Mann
Als der Schlitten fortgefahren beklagte sich Siegbert bei Oleander
Dieser stand an einem entlegenen Fenster und erwiderte
Ich möchte behaupten dass Selma selbst nicht weiß warum sie Ihnen so sein
muss wie sie ist
Bemerkten Sie denn auch die fast absichtliche Kälte
Absichtliches bemerkte ich nichts aber dass sie vor Ihnen Scheu hat eine
unbewusste ihr selbst nicht klare erkenn ich wohl
Wie ist Das möglich Was weiß sie Schlimmes von mir Dass sich diese beiden
verheirateten Frauen mir teilnehmend zuwenden und dabei wenig Vorsicht zeigen
ist Das meine Schuld
Ich glaube kaum dass Selma so urteilt so nur beobachtet Sie beobachtet
gar nicht und urteilt noch weniger
Sie sprechen ihr da die Bildung ab die Sie doch selbst an ihr vollenden
wollen
Die Bildung Ist Beobachtung und Urteil allein Bildung Bildung ist nur
gesteigerte Empfänglichkeit Selma verbindet Bildung mit Dem was die Bildung
nur zu oft verdrängt mit dem Instinkt der Natur Es ist ein Wesen das ich
naturwüchsig nennen möchte Sie verstellt sich nie wenigstens nicht mit
Bewusstsein Was sie ist ist sie Sie erschrickt wo sich Andre bekämpfen Sie
liebt und hasst nicht einmal Sie fühlt sich nur angezogen oder fühlt sich nur
abgestoßen
Wenn ich auf eine so reine Natur abstoßend wirke muss ich mich bekümmern
O Das ist nicht gesagt Wildungen Der Vater den Sie immer mehr schätzen
würden wenn Sie ihn recht erkennen wollten hält auf magnetische Beziehungen im
Menschen Es ist möglich dass grade das Gleichartige abstoßend wirkt Wer weiß
welche Verwandtschaft grade Schuld ist dass Sie auf Selmas Nerven einen Druck
ausüben Bin ich nicht in der gleichen Lage
Siegbert stockte Er gedachte des Bruders und der herzlichen Teilnahme mit
der Dankmar ihm einst von Selma Ackermann gesprochen Wie gern hätte er sich
Selma durch die Erinnerung an seinen Bruder empfohlen Aber dafür dass ihr Vater
ihn einst auf seinen Knieen wollte geschaukelt haben dafür behauptete er wäre
man zu spröde gegen ihn zöge sich zu sehr zurück und so hatte er keinen Mut
seine persönlichen Beziehungen zu erwähnen und durch die Erinnerung an den
Bruder diesen Menschen näher zu treten die ihm ohnehin viel zu streng zu
urteilen schienen als dass er gewagt hätte auf Dankmars in Hohenberg
gespielte Rolle zurückzukommen
Oleanders Liebe für Selma war ersichtlich Siegbert sagte fast scherzend
Und Sie Oleander Nach Allem was ich zu beobachten glaube liebt Selma
ihren Lehrer
Oleander fast erschreckend konnte nicht antworten denn Frau von Sänger
trat zwischen sie und forderte Siegbert auf seine gelehrten Gespräche für ein
ander Mal auszusetzen
Mein guter Mann sagte sie treibt zur Rückfahrt Er hat es nicht über sich
gewinnen können Ihre Rede zu hören Herr Vikar Er liebt die Kirchhöfe nicht
auf die er bisher nur immer seine Frauen schickte Ich bin die dritte Er wird
auch mir Erlaubnis geben noch vor ihm dort hinzugehen
Welche Melancholie gnädige Frau bemerkte der Vikar
Ach dieser Winter Diese kalte Luft Diese öde Einsamkeit Diese treulosen
Freunde die wie Herr Wildungen so einmal in dies elende Landleben
hereinschneien und dann gleich täglich vom Abreisen sprechen
Ja lieber Oleander sagte Siegbert Mein Bild in Randhartingen ist fast
vollendet Am dreizehnten will ich in Schönau sein wo die Kirche eingeweiht
wird Ich denke dann zurückzureisen
In Schönau sehen wir uns noch bemerkte Oleander Ich wohne dem Feste bei
Ist es nicht fürchterlich mit so viel kaltem Blute vom Abreisen zu
sprechen bemerkte die junge frische liebenswürdige Frau die in der Tat eine
große Neigung für Siegbert gefasst zu haben schien und sie unter Scherzen zu
verbergen suchte Warum nur sich dem Vergnügen der Residenz leben Wir
verderben Ihnen freilich die künstlerischen Anschauungen Ihre Phantasie leidet
hier Ihr Schönheitssinn verdirbt beim Anblick
Der schönsten Blondine die ich kenne bemerkte Siegbert nur um frei zu
kommen Nein gnädige Frau ich leide weil ein geliebter Bruder nicht schreibt
weil mich Verhältnisse verwickeltester Art allgemeine und persönliche
Interessen mit Gewalt in die mir verhasste Residenz zurücktreiben wie gerne
würd ich
Herr von Sänger hatte sich erhoben und stützte sich auf seinen alten
Krückstock War es einmal so weit mit ihm gekommen so durfte nicht zu lange
gezaudert und geplaudert werden
Vorwärts kommandirte er mit militairischem Brummbasstone hinter dem aber
die gutmütigste Bequemlichkeit versteckt war Vorwärts Madame Monsieur Das
gibt einen Winter 1812 Ich fühl es Mein Rheumatismus bekommt historische
Erinnerungen
Und als man ihm seinen großen Pelz umwarf sagte er
In einer solchen Schur jagte Napoleon an uns vorbei als es rückwärts ging
Adieu Frau von Zeisel Schöne Hebe was muss Ihnen so wohl sein in Ihrem
heißen Blute
Mit ähnlichen derben Spässen ging er voran Siegbert und Frau von Sänger
folgten Der Bediente trug Mäntel und Pelze
Siegbert war nicht in dem Grade abstract dass er für die kleinen
Koketterieen einer hübschen Frau unempfindlich geblieben wäre Aber sein
Innerstes wurde nicht davon berührt Es gibt sogar eine Art von Kourtoisie im
Umgang mit gefallsüchtigen Frauen wo man in die Lage kommen kann um nicht zu
verletzen rücksichtsvoll zu sein Dankmar wenigstens hatte einmal zu Siegbert
gesagt »Der Henker hole unsre Gutmütigkeit Hätt ich nur all die
Zärtlichkeiten wieder heraus die sich Einer Anstands halber mit Gewalt
auferlegt um dem holdesten Geschlechte nicht wehe zu tun Schon die verdammte
Gewissenhaftigkeit bei übereilt bewilligten Stelldicheins Diese zarte Schonung
Besuche zu wiederholen wo uns schon der erste Mühe machte der erste
Überwindung kostete Wir sind zu gut zu vornehm Bruder Wir zahlen immer
gleich mit blanker Silbermünze wo ein paar Kupferheller vollkommen genug
wären«
Wenn man Briefe mit ungeduldiger Sehnsucht erwartet genießt man Das was
inzwischen das Leben noch so Angenehmes bietet nur halb Beziehungen zu dem
Arzte Reinick die reiche Bequemlichkeit bei Herrn Anverwandter der Humor des
alten Hauptmanns und Rentmeisters die nur zu sehr entgegenkommende
Liebenswürdigkeit seiner nicht völlig oberflächlichen jungen Gattin alles Das
unterhielt wohl Siegbert während er malte aber dass ihm Briefe fehlten machte
nichts gut Endlich schrieb ihm der nach Schönau zurückgekehrte Ortsvorstand
Marx dass er sich beeilen möchte zu dem Kirchenfeste zu kommen auch wäre
Manches für ihn inzwischen angelangt
Da nahm er denn eiligst Abschied und vorläufig für den ganzen Winter Er
ließ aus Gutmütigkeit Frühlingsverheissungen für Frau von Sänger zurück Sie
glaubte ihnen nicht Er erlebte wirklich am Abend vor seiner Abreise Oleandern
hoffte er in Schönau zu finden dass die hübsche Frau erst scherzend von ihm
Abschied nehmen wollte dann aber im Lachen weinte und zuletzt in wirklichen
Tränen so zerfloss dass er sie ängstlich an seine Brust ziehen und durch jene
Zärtlichkeiten trösten musste über die Siegbert nicht so leichtsinnig dachte wie
Dankmar der sie Anstandszärtlichkeiten nannte Er machte sich die
Herzlichkeiten die wirklich nur allein im Stande waren den Schmerz der schönen
Frau zu mildern noch lange zum bittersten Vorwurfe und fand es fast
gerechtfertigt dass ein reines unentweihtes Wesen wie Selma Ackermann vor ihm
einen tiefgewurzelten Widerwillen verriet Dieser Widerwille quälte ihn Nicht
dass er seine Eitelkeit verletzte Seit Oleanders tiefer Bemerkung spornte ihn
diese Tatsache in sein Inneres zu blicken und er zitterte fast bei dem
Gedanken in Schönau ohne Zweifel Briefe von der Fürstin Wäsämskoi zu treffen
Er fand deren genug und die bittersten Klagen dass er nicht schriebe Es
verstand sich von selbst dass diese Briefe die wahre Empfindung Adelens nur
zwischen den Zeilen erraten ließ und nur plauderten nur mitteilten Von
Olga sprach sie mit Entrüstung und gab sie und ihr Schicksal für immer auf
Erfreulicher lautete dass Rudhard mit den Kindern zurückgekehrt war und wieder
in ihrem Hause die Penaten hütete wie Otto von Dystra es genannt haben sollte
Von diesem Letzteren erzählte Adele meist Barockes und erschreckte Siegbert
durch die Bemerkung dass sie vermute er würde Olga nachreisen und Helenen für
den unverantwortlichen Eingriff in mütterliche Autorität ernstlich zur Rede
stellen Sie wohne noch vorm Tore erzählte sie gegenüber der jetzt
allgefeierten Pauline von Harder die sich darin gefalle den Staat den Prinzen
Egon und wer weiß wen Alles zu regieren Genauere Angaben über die für Siegbert
so hochwichtigen politischen Fragen fehlten doch fand er im Grunde in allen
Zeitungen mehr als er zu wissen wünschen konnte Ja in unmittelbarster Nähe sah
er die Agitation der neuen Wahlen die wiederum so auszufallen schienen wie die
früheren denn noch war der Premierminister mit seinem neuen Wahlgesetz nicht
hervorgetreten
In einem Briefe den er dann auch glücklicherweise von seinem Bruder
vorfand war darüber ausführlicher geschrieben So sehr ihn dieser Fund
erfreute so lag doch in dem Tone dieser kurzen Zeilen Dankmars etwas was er
nicht verstand Dankmar war von Angerode wieder in der Residenz sprach von den
günstigeren Aussichten des Prozesses gab Mitteilungen über die fortschreitende
Entwickelung seiner Bundesideen hatte aber auch Wendungen wie diese gebraucht
»Mit betrübtem Herzen kam ich gestern hier an und suchte für das schmerzlich
Erlebte mich dadurch zu trösten dass ich mich mit erneuter Hoffnung in den
Strudel der Tatsachen warf« Und an einer andern Stelle »Beeile deine
Rückreise nicht Sähen wir uns mit den noch blutenden Wunden wieder unser
Schmerz würde endlos sein Ach Siegbert ich kann mir denken was du
empfandest als du auch diesen Besitz aus unserm Lebensbuche streichen musstest«
Endlich hieß es »Die Trauerbotschaft schrieb ich dir deshalb durch Einschluss an
Leidenfrost weil ich dachte Entweder du bist schon zurück dann gibt er dir
den Brief selbst oder du bist noch in Randhartingen dann legt er ihn an Herrn
Ackermann bei mit dem er in geschäftlicher Verbindung steht«
Welche Trauerbotschaft rief Siegbert außer sich und durchflog den Brief
noch einmal Ein Brief ist verloren gegangen oder liegt bei Ackermann
Sein erstes Gefühl war an die Mutter
Sie ist tot sagte er Ich Unglücklicher Was kann dieser Brief so
Jammervolles enthalten Starb sie während du tändeltest Was sollst du tun
Er durchlas wohl zehnmal den kurzen flüchtigen Brief des Bruders dessen Ton
vollkommen auf die Möglichkeit passte dass er ihm in dem verlorenen das
Erschütterndste das Herbste mitgeteilt hatte
Zu seinem Trost kam wenigstens Oleander mit der Botschaft nach Schönau dass
Ackermann einen Brief für ihn wirklich empfangen hatte den Jener in der
Voraussetzung Siegbert kehre nach Randhartingen wieder zurück deshalb nicht
mitschickte weil Siegbert wie man wohlwollend und gütig gesagt hatte ihn
selbst im Ullagrunde abholen sollte
Sie sehen wie warm Ackermann für Sie empfindet schloss Oleander Freilich
hätt er ahnen können was diese Zeilen vielleicht enthalten
Siegbert war in einer Stimmung die ihm unmöglich machte irgend eine der
vielen freundlichen Einladungen anzunehmen Am liebsten wär er gleich nach der
Residenz zurückgereist und doch war diese Entfernung dreimal weiter als die nach
dem Ullagrunde Er wusste nicht was er vorziehen sollte Der Gedanke dass seine
Mutter gestorben stand ihm so fest dass seine Augen nicht mehr trocken wurden
Er aß nicht er lag zusammengekrümmt und weinte
In der neuausgebauten Kirche die am folgenden Morgen trotz der Kälte dicht
mit Menschen überfüllt war hingen die von ihm wiederhergestellten Bilder Der
Geistliche des Ortes predigte Nach der Predigt sollte ein großes Festmahl sein
Von diesem schloss sich Siegbert und ihm zu Liebe auch Oleander aus In die
Kirche aber ging er mit zerknirschtem Herzen Glücklicherweise war die Predigt
trocken und löste ihn nicht so auf in Wehmut wie der Ton der Orgel und der
Gesang der Gemeine Seit des Vaters Tode hatte er keine Kirche mehr besucht und
nun er zum ersten male wieder unter Andächtigen mit einem rätselhaften dunklen
Schicksal saß fühlte er nur ihr Tod sonst konnte nichts eingetroffen nichts
Anderes geschehen sein
Da sein Zustand Niemanden entgehen konnte so billigte man mit dem größten
Bedauern dass er gleich nach der Feierlichkeit und einem kleinen ihm von der
Ortsbehörde gewidmeten Frühstück sich in den Schlitten setzte mit dem Oleander
gestern gekommen war Auch die schnelle Entfernung des jungen Vikars der ihn
durchaus begleiten wollte tat Allen leid Gegen Mittag während es wieder zu
schneien anfing fuhren sie ab
Während der durch den frischgefallenen Schnee beschwerlichen Fahrt erzählte
Oleander um Siegbert zu zerstreuen von seiner Jugend seinen bisherigen
Lebensschicksalen Wie er der Sohn armer Eltern im Würtembergischen wäre die
Beide nicht mehr lebten wie er sich mühsam hätte emporarbeiten müssen und das
Meiste schwerer und steiler gefunden hätte als er anfangs dachte Er wäre durch
eine Hauslehrerstelle nach dem Norden gekommen Auf der Universität hätte ihn
anfangs auch jene Theologie am meisten angezogen die die modische von der
Regierung beschützte war Doch hätt er sich ihr abwenden müssen da ihm sein
poetischer Sinn dabei verkümmerte Diesen hätten schon früh Lehrer und Freunde
gepflegt und befördert aber er wäre dabei so glücklich gewesen niemals
Überschätzer und ebensowenig Unterschätzer zu finden Am nachhaltigsten hätte
auf ihn ein Freund gewirkt der musikkundig war und seinen Versen Klänge
unterlegte Da hätt er bald erkannt was die Seele ergreife und befriedige
Ach schloss er wir sind in Todeserinnerungen Auch Der ist hin Sein ganzes
Leben war Harmonie Er verklang so in das große All das doch wohl das irdische
Nichts ist Oft hör ich ihn in den Lüften um mich her säuseln Je einsamer
desto näher Wenn ich allein bin hör ich den Ton seiner Geige oder er summt am
Klavier eine Melodie Und was ich dichte das muss gleich so sein als säng es
mir mein Wilhelm So verkling ich in ihm und er klingt in mir
Siegbert konnte sich zu dem Leide das er erwartete nicht feierlicher
vorbereiten Seine Augen weinten aber den Trost der sie trocknen konnte
fühlte er schon sich nahen bei des Gefährten sanften Worten
Der Vikar erzählte dann wie er in der Residenz und auf dem Lande lange als
Hauslehrer hätte wirken müssen wie er zur Heimat hätte zurück wollen dann sich
aber einer Begünstigung seines verlassenen Schicksals zu erfreuen gehabt hätte
als er mit Propst Gelbsattel bekannt wurde Er gab ihm das Zeugnis eines
geistreichen umsichtigen anregungsfähigen nur zu ehrgeizigen Mannes musste
aber zu seinem Kummer gestehen dass den Ausschlag für ihn nicht die Anerkennung
seines etwaigen Verdienstes sondern der Glaube gegeben hätte er interessire
sich für eine der Töchter des Propstes Bekannt mit dem Sohne desselben sagte
er kam ich in sein Haus und war auf seine Schwestern prüfend aufmerksam Ich
habe in mir den stillen Vorwurf dass man vielleicht glaubt wenn dies Vikariat
für Guido Stromer vorüber ist würd ich zurückkehren und mich um die älteste
Tochter des Propstes bewerben Und wie weit bin ich davon entfernt
Siegbert kannte diese jungen Damen von der Weinlese bei Adele Wäsämskoi und
verglich sie mit Selma Der Schmerz macht aufrichtig und lehrt uns jede
formelle Rücksicht leichter fahren zu lassen Er konnte nicht umhin mit kurzen
Worten geringschätzig von den Gelbsattels zu sprechen und sie gegen Selma
gehalten mit den Krähen zu vergleichen die man eben auf den Feldern krächzen
hörte
Oleander winkte Siegbert auf den Knecht Rücksicht zu nehmen der sie fuhr
Dieser hatte sich aber seinen Mantel so dicht über die Ohren gezogen dass
Siegbert voraussetzen konnte von ihm nicht verstanden zu werden wenn er mit
leiserer Stimme fortfuhr
Wie würde Ihr Gemüt leiden wenn Sie in die Lage kämen mit solchen in
Glanz und Ansprüchen auferzogenen Mädchen in Verbindung zu kommen oder wohl gar
ihnen verdanken zu müssen dass Sie Beförderung erhielten Ich kenne diese
Mädchen Sie sind wie jetzt die meisten Entfernt von jeder Idealität und nur
der raffinirtesten Geselligkeit hingegeben Theater Putz Bälle sind die
Gegenstände ihres Gesprächs Welch ein Engel dagegen Selma Wie lieblich die
jungfräuliche Erscheinung Wie klug dies Auge und wie träumerisch zuweilen jene
Blicke die sie nicht beobachtet glaubt Wer so zu scherzen weiß wie Selma kann
auch tief ernst sein Sie hat eine Abneigung gegen mich und ich weiß nicht
gerade darin find ich einen Reiz einen Wert mehr Ich fühle dass ich den
Glauben eines reinen unschuldigen Mädchens nicht mehr verdiene und ich bin
gewiss jemehr ich vielleicht ihr zu gefallen suchte desto mehr misfiel ich ihr
Und doch
Oleander schüttelte traurig den Kopf denn Siegbert verriet wohl dass Selma
Oleandern nicht liebte
Ich vermute fast sagte Oleander mit Traurigkeit dass sie irgend ein ihr
teuer gewordenes Bild im Herzen trägt Irgend ein Mann muss ihr einst begegnet
sein dem sie mit träumerischer Innigkeit nachhängt
Siegbert horchte auf Die Andeutungen seines Bruders hatte er nie für
Ernst gehalten
Was zweifle ich noch daran Hat mirs denn der Vater nicht selbst bestätigt
Wer könnte Das sein fragte Siegbert gespannt
Oleander fuhr fort
Kürzlich nach dem Mahle im Plessener Amtshaus sprach der Vater in einer
abendlichen Dämmerungsstunde mit mir darüber dass ihm Selma Sorgen mache Dem
jungen von Louis Armand in sein Haus empfohlenen Mädchen hätte sie sich mit
einer Leidenschaft angeschlossen die ihm verrate dass ihr das Bedürfnis der
Hingebung mit mächtiger Gewalt innewohne Er geriet in eine so weiche
wehmütige Stimmung dass ich den Mut hatte von meiner Liebe zu sprechen Er
reichte mir die Hand und dankte für meine Aufrichtigkeit Geben Sie die Stunden
bis zum Frühjahr sagte er dann kehren Sie doch wohl in einen andern
Lebensberuf von Ihrem Vikariat zurück Bekämpfen Sie sich bis dahin Ich glaube
nicht dass Sie Hoffnung haben
Siegbert schwieg
Selma fuhr Oleander mit leiser Stimme da ihm der Knecht aufmerksam zu
werden schien und wehmütig fort Selma hat sich wenn ich die Andeutungen des
Vaters recht verstehe in eine Neigung verloren die eine unglückliche ist Sie
liebt sagte mir Ackermann wo sie nicht lieben darf Entsetzlich setzte er mit
fast heftiger Betonung hinzu und erhob sich in einer Aufregung die mich
verhindert hat seither wieder auf diesen Gegenstand anders zurückzukommen als
in meinen einsamen Stunden wo ich Selma Verse widme die ich ihr nicht geben
darf
Siegbert empfand die tiefste Teilnahme und musste Oleanders Hand drücken
Er fühlte dass diese Hand sehr groß sehr mager sehr knöchern war Er kam jetzt
erst darauf ihn nach dem Eindrucke zu betrachten den er äußerlich wohl auf ein
junges Mädchen machen durfte Er hatte ihn ganz nur nach dem Geiste beurteilt
Nun sah er wohl dass dieser edle Mann in einer unscheinbaren Hülle wohnte Wie
lang und hager war Oleander Wie starkknochig das Gesicht Wie erinnerlich wurde
ihm seine nachlässige Haftung seine Kleidung sogar wie unordentlich war sie
stets Das lange Haar hing ihm schlicht unter der Mütze herab die er tief über
die klaren durchsichtig glänzenden fast zu offen am Tage liegenden Augen
gezogen hatte Den Hut hatte er vor sich auf den hohen spitzen Knieen Der
Mantel war so abgetragen als hätt er ihn schon auf der Schule benutzt Alle
diese Betrachtungen an die sich Erinnerungen an Leidenfrost knüpften erfüllten
ihn mit Rührung und dennoch wünschte er irgend einen Einfluss auf Selma zu
besitzen um ihr zu sagen Sieh Mädchen Das ist deine Aufgabe diesen
Edelstein zu schleifen seinen Wert von der günstigsten Seite an die Sonne zu
bringen Lass ihn an dir auch für die äußeren Formen der Gesellschaft sich
bilden Führe ihn sanft und liebevoll wenn es muss mit erlaubtem stachellosem
Scherze auf die Erkenntnis Dessen was ihm mangelt Bilde einen Menschen aus
ihm wie die Menschen eben sein sollen und lass dirs von ihm danken dass du
seine Gottheit sein zweiter Schöpfer wurdest
Er dachte nicht daran dass Dankmar mit Selma einst sich wirklich begegnen
sollte und ernstlich von ihrem Bilde befangen war
Das Schneegestöber hatte so zugenommen dass der Schlitten erst gegen Abend
sieben Uhr in Plessen eintraf Es war eine große Aufopferung Oleanders den
neugewonnenen Freund der inzwischen wieder in den stummen Schmerz der Erwartung
eines bevorstehenden Unglücks verfallen war noch bei solchem Wetter in den
Ullagrund zu begleiten Vor neun Uhr konnte man kaum dort vor elf nicht zurück
sein Oleander gab indessen im Pfarrhause wo man erstaunt war über seine frühe
Rückkehr eine Anweisung in seinem Zimmer noch ein Bett aufzuschlagen
Ich muss Sie bei mir haben Wildungen sagte er Sie mögen nun erfahren was
der Himmel Ihnen auch bescheert
Siegbert gestand wenn er den Tod seiner Mutter erführe könnte er nicht bei
Ackermanns bleiben Die Fröhlichen würden unter seinem Jammer leiden während
Oleander sich schon früh gewöhnt hätte auch den Schmerz der Trostlosen zu
dulden
Ich glaube nicht Wildungen sagte Oleander dass Sie auf etwas so Schlimmes
gefasst zu sein brauchen allein wenn ich rate dann lieber mit mir zurück zu
fahren so ist es deshalb weil der Tod einer Mutter bei Selma Ackermann einen
Kummer zurückruft den der Vater noch oft bei ihr zu beschwichtigen hat
Die Pfarrerin war erstaunt über den Entschluss so spät noch in den Ullagrund
zu fahren Sie lud die Männer ein hereinzukommen sich wenigstens zu erwärmen
zu stärken durch irgend einen Nachtimbis Doch zogen Beide auf Zureden des
Knechtes vor jetzt im Zuge zu bleiben und bald ging das ermüdete dampfende Ross
im Schnee mit seinem Glöcklein weiter
Bald nach acht Uhr entdeckten sie Licht in dem gefährlichen Dunkel des
bahnlosen verschneiten Weges Es kam von Ackermanns Hause wo der Vater Selma
und Fränzchen still beisammen saßen im Scheine einer kleinen Cylinderlampe
Selma häkelte eine Weihnachtsgabe für Oleander Fränzchen strickte der Vater
las in den Zeitungen und klagte über deren Inhalt den er mit Bitterkeit auf
Egon als den Verschulder all dieser Verirrungen schob
Es ist der doktrinäre Dünkel sagte er eben halb für sich der ihn ergriffen
hat Es sind die Schulreminiscenzen aus Genf mit denen schon Guizot die
Franzosen so unglücklich machte Wer sagte nur diesem jungen unreifen Manne der
einen Staat zu regieren sich erdreistet dass er es machen müsse wie alle diese
Staatstoren eine Lehre ein System eine Theorie aufzustellen Dies
unglückliche Europa Wenn man es von der reinen blauen klaren Höhe Amerikas aus
betrachtet kommt es uns vor wie ein Nebelball dessen erstickenden Dunstkreis
einige Lichter spärlich erhellen Welch ein Gewühl von Unsinn und Verbrechen
Ehe nicht Europa sein Staatsleben vereinfacht und den Begriff des Staates
sozusagen ganz aufhebt Alles was ein persönliches Interesse am Staatskram hat
abschaft kommt kein Friede über diesen im Verscheiden begriffenen Erdteil
Indem klingelte das Glöckchen des Schlittens Das Gefährt gehörte wieder
Ackermann Man kannte schon das Glöckchen Man kannte die Art des Knechtes mit
der Peitsche zu knallen Die Hunde schon verrieten dass es Martin war der
zurückkam
Ist Oleander in Schönau geblieben Ist er nach Randhartingen zu Wildungen
So vermutete man durcheinander bis die Botschaft kam Martin wäre es
wirklich
Oleander und Siegbert stiegen vor dem Hause aus warfen ihre Hüllen ab und
traten in das warme trauliche Zimmer
Das sonst so behagliche Gefühl eine Familie des Abends spät im Winter zu
überraschen wo schöne Töchter im Hauskleide bei weiblichen Arbeiten sich
einfach und gemütlich dem Blicke darbieten konnte diesmal in Siegbert nicht
aufkommen
Oleander erzählte sogleich da Siegbert schwieg was sie herbrächte was sie
bekümmerte
Großer Gott sagte Ackermann hätt ich Das ahnen können
Damit öffnete er ein Schreibepult und gab Siegberten den Brief den er durch
Einlage von Leidenfrost empfangen hatte
Ihre Mutter Wildungen wäre tot Karoline Ich weiß dass sie Karoline
heißt
Siegbert bemerkte nichts um sich her Er riss den Brief auf begann einige
Zeilen zu lesen und ließ ihn sogleich fallen weil ein Tränenstrom aus seinen
Augen stürzte Er sank auf einen Sessel und legte den Kopf auf die Arme die er
über den Tisch kreuzte
Ackermann trat ans Fenster schlug die Gardinen zurück und sah in die
Schneenacht die keine Sterne glänzen ließ
Selma weinte Fränzchen zog sie an sich um sie zu trösten doch war sie zu
ergriffen Sie schluchzte wie Siegbert sie verließ das Zimmer
Oleander stand ruhig und faltete die Hände
Ackermann wandte sich dann und sagte mit bewegter Stimme zu seinem Neffen
dem er sich noch nicht enthüllen mochte
Muss Sie Das zu mir führen Sammeln Sie sich junger Freund Sehen Sie diese
Winternatur Die Erde ist ein einziger Grabeshügel Entbehren Scheiden
Verlieren ist unser Loos Nehmen Sies wie etwas Erwartetes Gewusstes Es musste
so sein
Siegbert gab ihm die Hand ohne dass er zu ihm aufblicken konnte Die
einzigen Worte die er sprach waren
Mein armer Bruder
Ackermann fand diesen Gedanken an den Bruder wahr und natürlich
Lieben Sie den Bruder so sagte er dass Sie seiner gedenken wie er hat
leiden müssen dieses Todes Zeuge zu sein Und dennoch ist es ein Trost dass
Ihre Mutter einen ihrer Söhne um sich hatte als sie dem Gatten folgte
Ackermann konnte nicht weiter sprechen Er musste sich wieder zum Fenster
wenden
Oleander erbot sich um sogleich den ganzen Kelch zu schlürfen Dankmars
Brief zu lesen
Siegbert gab dazu die stumme Erlaubnis
»Mein guter Siegbert« schrieb Dankmar »wenn ich so lange schwieg tat ich
es aus brüderlicher Liebe Ich sagte dir dass die Mutter krank ist Ich
schilderte ihre Leiden geringer und mache mir jetzt Vorwürfe darüber Fasse dein
Herz zusammen Siegbert Unsre Mutter ist nicht mehr Diese Nacht entschlief sie
sanft nach heftigen Leiden die mir das Herz zerrissen Wie ich nach Angerode
kam fand ich sie schon auf ihrem letzten Lager Sie hatte uns nicht betrüben
nicht in unserm Lebensgange stören wollen Du kennst ihr starkes Herz das wir
oft anklagten weil es nicht so weich zu schlagen schien wie das des Vaters Ihr
starker Sinn war nur die Kraft des hochherzigsten Charakters Wie ich kam und
sie auf dem Lager sah wollt ich dich rufen Sie erhob sich und wollt es
nicht Mein Siegbert sagte sie steht vor mir so lehnte sie sich zurück und
ich wagte nicht ihrem befehlenden Worte zu widersprechen O Bruder nun brachen
zehn jammervolle Tage an Jeden begrüßt ich mit der Hoffnung ein Lichtstrahl
würde in diese Nacht des Elends und der Leiden fallen Vergebens kein Wort des
Arztes lautete tröstend Ich wachte an ihrem Lager Sie verbot es wenn sie mich
erkannte und Tag von Nacht noch unterscheiden konnte An den Ort wollte sie
getragen sein wo der Vater starb Da lag sie ein Bild des Jammers Keine
Nahrung keinen Schlaf mehr der sie erquickte Die Brust hob sich von ihren
schweren Atemzügen oft erhob sie sich wie eine Hülferufende da ihr der Atem
stockte In meinen Armen erholte sie sich und sprach mit der langsamen
feierlichen Rede einer Fieberkranken Ich sehe meines Siegberts Augen Du
standest vor ihr als wenn sie dich mit Händen fassen konnte Das Fieber
verwirrte ihre Begriffe die innere Glut von der sie unaufhörlich sprach
teilte sich ihrem Hirne mit Ein Licht Ein Licht rief sie in einer Nacht und
sah als man ihr eine Kerze entgegenhielt Nachbarinnen Freundinnen Ärzte
unterstützten mich so unverwandt sah sie in die Flamme dass ich den Gedanken
fasste wenn sie genesen sollte ich hoffte noch immer müsste sie erblinden
Aber mit der Heftigkeit deren sie in jüngeren Jahren fähig war rief sie Nein
und immer blickte sie in das Licht ganz dicht mit den Augen fast in die Flamme
hinein als kühlten sich die heißen Wimpern sogar an der Flamme als wäre Licht
für ihr Auge Tau Oft auch rief sie Heinrich worunter sie ihren Bruder den
Oheim Rodewald den Verschollenen verstand Dann sank sie zurück und zog die
Decken so über sich dass die Füße entblößt waren Wollte man sie bedecken so
gerieten die abwehrenden Hände in ein grauenhaftes Nervenzucken ach
Bruder ich habe an der Schwelle der Mysterien unsres Daseins gestanden In
deinen Armen starb der Vater in meinen die Mutter So hingehen So in
Schmerzen aus der zusammenbrechenden Hülle des Körpers scheiden Und der
innere Vorwurf der mich nagte dass ich der Mutter den Witwensitz in dem
Tempelhause mit Gewalt erhalten wollte Sind wir denn nicht alle wie Mörder
aneinander Einer dem Andern die Schuld seiner Leiden ja seines Todes O diese
nagenden Gedanken als ich an dem Krankenlager saß und sie mir die treue
aufopferungsfreudige Mutter zuweilen sagte als wollte sie sich entschuldigen
Dankmar es währt so lange Mein Körper ist so fest Er bricht so schwer
zusammen Ach Siegbert nun musst ich niederknieen und die Hand der Guten
küssen Wie bat ich um Verzeihung für so vielen Kummer ja für unsre
Unkindlichkeit die am weichen Vater mehr hing als an der starken
gesinnungsvollen Mutter Auch von dem Archiv sprach sie von dem Kreuze und
unsern Hoffnungen Mit dem Auge einer Seherin sagte sie von diesen Ihr werdet
den Segen ernten aber hütet ihn Dann sprach sie oft stundenlang nicht und
versank in ein dumpfes Brüten Ihr Geist schien dabei nicht zu schlummern Sie
blickte ins Jenseits voraus So kam es mir vor wenn sie regungslos nur stöhnte
und nachher als sie ausgerungen hatte als sie mit dem letzten Reste ihrer
Kraft sich zum Sterben fast zurechtlegte da dacht ich doch sie schlummre nur
Sie schlummerte halb von dem Opium des Arztes halb starb sie Immer drei
Atemzüge des Schlafes und dann ein fehlender des Todes ein stockender der
ausblieb Ich glaubte nicht dass Das der Hingang von dieser Erde war Ich hatte
keinen Abschied genommen ich hatte nichts mehr gehört von ihrem letzten Willen
und nun sagte der Arzt sie entschlummre Sollt ich sie wecken Sollt ich sie
aus diesem sanften Entschweben wachrufen Ich konnte nicht Ich faltete nur die
Hände und sah auf das verklärte Antlitz mit dem Glauben an eine geheimnisvolle
Verbindung zwischen Hier und Dort In der Nacht brach das Auge noch einmal auf
Es war nur die galvanische Zuckung des Stosses zum Herzen Es war kein Blick des
Lebens und Bewusstseins mehr Sie war hinüber Und nun Bruder wenn du diese
Zeilen empfängst ruht sie in der winterlichen Erde Lass dich von nichts
aufschrecken was dich jetzt gebunden hält Dieser Tod war unvermeidlich Diese
Liebe konnte uns nicht bleiben Lass uns gefasst auf unserm Pfade weiter schreiten
und denken Ein unsichtbarer Genius mehr der uns beschützt Schreibe mir komme
nicht selbst Sei gefasst Ich reise nach drei Tagen zurück und will denken Das
Leben ist Pflicht Inniger und treuer verbunden denn je dein Dankmar«
Oleander hatte diesen Brief mit deutlicher und starker Stimme vorgetragen
und hatte sich nicht von dem Weinen Siegberts nicht von Ackermanns
abgewandtem Schmerze von Selma nicht unterbrechen lassen die während des
Vorlesens zurückkam und den männlichen und gefühlvollen Worten des
Briefschreibers noch lauschen konnte
Man staunte als Siegbert erklärte er bäte ein andres Pferd anspannen zu
lassen Er wollte noch mit Oleander nach Plessen zurück Man erwartete dass
Beide blieben Oleander entschuldigte sich dass er morgen ganz in der Frühe eine
Schulrevision hätte Siegberts Wunsch mit ihm allein zu sein schien natürlich
Ackermann bestellte einen Andern seiner Leute ein andres Pferd und entließ
den innerlich aufgelösten wie zerschmetterten Siegbert mit wiederholtem
freundlichen Zuspruch und einer Umarmung die Siegberten aufrichtete
Selma gab ihm zitternd eine Hand deren Kälte verriet wie gewaltsam ihr
Blut zum Herzen strömte Auch Fränzchen gab Siegbert die Hand und leuchtete
Beiden zum Schlitten
Als Siegbert mit Oleander allein war ließ er seinen Gefühlen freien Lauf
Im Ackermannschen Hause bei aller Liebe und Teilnahme würde er sich gehemmt
gefühlt haben
Es war elf Uhr als sie in Plessen ankamen und Siegbert in das einstweilen
zugerichtete Bett stieg Oleander las ihm noch einige Gedichte vor die er über
den Verlust seines Freundes des Komponisten den er Wilhelm genannt vor
einigen Jahren gedichtet hatte
Ackermann aber entließ seine bewegten Mädchen mit dem Geständnis dass ihn
dieser Vorfall auf das Heftigste erschüttert hätte Als er allein war
entschlüpften ihm diese Worte
So viel edle gute Menschen so viel so viel und Egon Egon
Seine Stirn verfinsterte sich Er nahm sein Portefeuille schlug es auf sah
ein Papier an in welchem eine braune Locke eingeschlagen war
Es war die Locke die er einst von Dankmars Stirne schnitt
In dem Glauben es wäre eine Locke von Egon betrachtete er sie schüttelte
sein Haupt verbarg sie wieder und löschte das Licht um sich mit den
schmerzlich wiederholten Worten Egon Egon trauernd und tiefgebeugt zur Ruhe
zu begeben
Zwölftes Kapitel
Sankt Nikolaus
Eines der Gedichte das Oleander Siegbert zu tröstender Erhebung vorgelesen
hatte gelautet
Die Sommernacht
Lebe Lebe spricht die Sonne
Aber wenn sich nächtge Schatten
Senken auf die Wiesenmatten
Fühl ich Auch im Tod ist Wonne
Wenn die Sterne niederfunkeln
Sieh die müden Augen schließen
Nebel durch die Täler fließen
Und die Erde schläft im Dunkeln
Wenn der Tau den Plan befeuchtet
Murmelnd alle Quellen gehen
Und die Blätter leiser wehen
Das Johanniswürmchen leuchtet
Wenn aus tiefem Talesgrunde
Eine Uhr mit fernen Schlägen
Unserm wachen Ohr entgegen
Ruft die mitternächtge Stunde
O dann kommt uns doch ein Träumen
Weht ein Lauschen spricht ein Rauschen
Und wir fühlen Geister tauschen
Nun mit uns in diesen Räumen
Fühlen wie die Teuren Süssen
Die uns ruhn im Schoss der Erden
Wieder scheinen wach zu werden
Wie sie kommen wie sie grüßen
Wie sie lächeln Sie erscheinen
Leicht von Silberflor getragen
Und ihr Grüssen will uns sagen
Armer Freund du sollst nicht weinen
Trau der Nacht denn nur ein falbes
Nur ein Zwielicht gibt die Sonne
Höher ist der Schöpfung Wonne
Und dies Leben nur ein halbes
Siegbert schrieb dem Bruder
Nachdem er seine schmerzlichsten Empfindungen ausgesprochen hatte verblieb er
Dankmars Zureden folgend noch einige Zeit in dem Plessener Pfarrhause auf dem
Zimmer des ihm geistig und gemütlich verwandten Oleander Dankmar schien
vielbeschäftigt Er schrieb ihm herzlich aber kurz Die Anfrage wegen Selmas
und Ackermanns die Aufforderung sich ihnen recht zu widmen war
unterstrichen aber karg an sich Doch kam Siegbert nicht so oft nach dem
Ullagrunde weil er wiederum auch nach der jüngst ihm bewiesenen Teilnahme für
sein persönliches Leid bemerken musste dass Ackermann gegen ihn zurückhaltend
war Selma empfing ihn freudiger und inniger der Vater mit Befangenheit
An der Ausführung seines ersten Gedankens unverweilt zum Bruder zu reisen
hinderten ihn Oleander Zeisels und manche durch die Jagd dem entlegenen
Plessen näher geführte Umwohner von denen wir nur den Grafen Bensheim und den
Freiherrn von Sengebusch nennen wollen Diese veranlassten kleine künstlerische
Aufträge für die bevorstehende Weihnachtszeit sodass sich Goethes Wort
bestätigte wie bald ein bedeutender seinem Lebenszweck mit Ernst
entsprechender Mensch einem Kreise nützlich ja notwendig werden und mit ihm
verwachsen kann Siegbert fand auch hier sowohl auf dem Schloss Bensheim wie bei
Herrn von Sengebusch der hinter Randhartingen wohnte Frauen strebsame
ansprechende und der Beobachtung vollkommen würdige Doch stieß ihn leider fast
immer die politische Atmosphäre dieser Beziehungen ab Er hörte nur engherzige
furchtsame zornige Äußerungen über öffentliche Dinge und nicht etwa
zwischendurch gestreut sondern als das tägliche geistige Brot dieser Menschen
Wenn die Herren von Zeisel von Sänger Graf Bensheim Herr von Sengebusch
zusammen waren äußerte sich ein Fanatismus dem Siegbert nicht zu widersprechen
wagte da alle ruhige Erörterung unmöglich war Da wurden die Zeiten und die
Menschen verurteilt die jüngsten Staatsmänner Räuber genannt Landverderber
die Demokraten verlangte man für vogelfrei zu erklären und oft sagte Graf
Bensheim Todtschiessen müsste man sie alle wie die tollen Hunde Das Peinlichste
war für Siegbert dass auch die Frauen diesen Grimm teilten ja schürten Ihnen
war der Verlust des Adels mit dem man in dem ersten Stadium der Revolution
gedroht hatte ebenso verletzend wie die Besteuerungsfrage des Grundeigentums
in ihren täglichen Haushalt eingreifend und sie in einen nicht zu beruhigenden
Zorn versetzend Die Offiziere der »fliegenden Kolonnen« und der kleinen hie und
dahin versetzten Garnisonen waren ihnen die willkommensten Gäste Siegbert
konnte bei seinem jeweiligen Zusammentreffen aller dieser reaktionären Elemente
die Gefahr ermessen der bei uns die bessere Begründung der Zukunft noch zu
lange ausgesetzt ist
Betrübend war für ihn dass Oleander keines politischen Urteils fähig war
und wenn er einmal eine Stimmung über die Zeitereignisse zu erkennen gab
vollkommen mit diesen ultraconservativen Gesinnungen übereinzustimmen schien
Als ihm Siegbert darüber sein Erstaunen ausdrückte war seinerseits Oleander
noch viel mehr verwundert wie Siegbert ein Künstler dem kunstfeindlichen
pietätlosen Geiste der Zeit zu huldigen vermochte
Siegbert verschwieg nicht dass er der mächtigen Einwirkung und überzeugenden
Beredtsamkeit seines Bruders Dankmar vorzugsweise die Berichtigung seiner
Urteile verdankte dass er durch Louis Armand und Max Leidenfrost mit den
Arbeitern ja durch Egon selbst mit einer edleren Theorie über die Gesellschaft
als diese Adligen lehrten bekannt geworden wäre und misbilligte den Eigendünkel
derjenigen schaffenden Talente die nicht ertragen konnten dass sich der Lauf
der Dinge nach den nächsten Interessen ihres Berufes nicht richtete Überhaupt
sagte er wäre ihm das Herleiten einer Meinung aus seinem persönlichen Vorteil
gradezu ein Gräuel und diese Frauen die die Freiheit hassten weil ihre Männer
in die Lage kommen könnten pensionirt oder in ihren Pensionen besteuert oder in
ihren Abgaben an den Staat gesteigert zu werden diese wären ihm gradezu dem
Geiste nach Megären und böse Unholde möchten sie auch äußerlich noch so reizend
und im Übrigen sanft und gefällig sein
Sie übersehen sagte Oleander der über die Glut die in Siegberts Wangen
fuhr erstaunte sich aber doch freute dass es ein Thema gab worüber der Freund
seinen Kummer auf Augenblicke vergaß Sie übersehen dass dem zarten Sinne der
Frauen doch auch wohl das rohe und unheimliche Auftreten der Demokratie
besonders in der communistischen Gestalt als eine tiefe Verletzung der Sitte
erscheinen muss Wenn Sie sagen der beschränkte nur physische Lebenstrieb der
Frauen verrate sich in der conservativen Gesinnung vorzugsweise als Egoismus
so möcht ich grade an diesem Instinkte doch auch den feinen Takt anerkannt
wünschen dass er die Frauen sehr bald erkennen woher den tobsüchtigen Neuerern
ihr Bedürfnis des Tobens kommt Wenn man immer Demokraten sähe wie Sie Woher
kommt es aber dass diese Lehre grade so viel Gesindel entfesselt hat grade Die
welche weder für die Kirche noch den Staat noch die Schule noch die
Gesellschaft ein Interesse haben In allen diesen hier auf sechs oder acht
Meilen in der Runde liegenden kleinen Ortschaften sollen wie man mich durch
Beispiele versichert grade die den Ton der Auflehnung angegeben haben die in
zerrütteten Verhältnissen lebten und von einem Umschwunge der Eigentumsfrage zu
gewinnen hoffen durften Denken Sie sich diese tiefe Verletzung des Frauensinnes
durch die Eigentumsfrage Es ist nicht die Furcht vor dem materiellen Verluste
allein der die der zeitlichen Güter sich vorzugsweise annehmenden Hausfrauen so
bedenklich bedrohte es ist noch weit mehr des Weibes stille Ahnung dass mit der
Verwirrung der Eigentumsfrage seine eigne sittliche Existenz in Frage gestellt
ist Die Gemeinschaft der Güter würde alle Bande des sittlichen Herkommens auch
in gesellschaftlicher Hinsicht sprengen Sie wissen dass Goethe sagte den
Frauen müsse vor Allen an einem honetten Hergang aller Fragen in der
Gesellschaft gelegen sein
Siegbert hatte an diesen Äußerungen wenigstens die Freude dass der Vikar
nicht blindlings dem konservativen Dünkel der Vornehmen nachsprach denen er
seither hier begegnet war Er fand doch dass er nach einem tieferen Prinzipe für
die Meinung trachtete die bei Jenen so nackt und baar zu Tage lag Dennoch
widersprach er auf das Lebhafteste
Ich kann sagte er nicht zugeben dass diese Bewegung immer und überall auf
den Kommunismus hinaus läuft Warum nennen Sie das Äußerste Müssen auch Sie
nicht darunter leiden dass man Ihre Auffassung der Religion sogleich Pietismus
ja bei Manchem Jesuitismus nennt und doch sind Sie und die Ihnen
Gleichgesinnten von diesem Extrem hoffentlich weit entfernt Die kommunistische
Regung wird überall bald unterdrückt sein wo sich kräftige Hände finden die
die Zügel der Bewegung in die Hand nehmen und nicht dulden dass diese Zügel wie
bei einem durchgehenden Pferde auf der Straße nachschleppen Oft scheint es
mir als wollte man recht mit Gewalt der Bewegung die fatale Physiognomie
aufprägen als ginge sie nur von den Lumpen aus Man schuf Bürgergarden und um
sie lächerlich zu machen uniformirte man sie nicht Niemand dachte daran sie
zu schmücken Aber unsre Soldaten wenn sie im Bauernkittel als Rekruten vom
Lande kommen sehen sie vertrauenerweckender aus als die Freischärler Wer soll
das Wort ergreifen wenn die Würdigen hinterm Berge halten und sich zu vornehm
dünken mit dem Pöbel zu verkehren Da kommen denn meist Die hervor die ohnehin
schon in einer steten Unruhe leben einer geistigen Unruhe einer
gesellschaftlichen Verlegenheit Die Bankeruttirer sind nicht alle verschuldete
Schuldner Mancher von ihnen verlor nur deshalb weil sein Geist reger ist als
der des Philisters der nichts wagt und deshalb immer gewinnt Kurz die Bewegung
geht nur dadurch in den Sumpf weil man ihr Irrlichter voran tanzen lässt nicht
helle Kerzen nicht die Lampen der klugen Jungfrauen aus dem Evangelium
In Dem was Oleander hierauf erwiderte zeigte sich dass er tief in den
alten romantischen Anschauungen steckte die bei ihm eine religiöse Färbung
gewonnen hatten Gegen Ackermanns amerikanische Theorie verhielt er sich wie
gegen etwas ihm völlig Antipatisches Gegen Siegberts Lehre von einer
kräftigen Teilnahme am Staate wandte er Alles ein was man nur von der
Aristokratie des Geistes darüber zu hören bekommen hat Siegbert der schon so
weit für die Ideen seines Bruders gewonnen war dass er die gegenwärtige Art
Politik zu treiben allerdings als unfruchtbar und gefahrbringend erkannt hatte
Siegbert hoffte Oleander würde ihm auf halbem Wege in der Bundesteorie
Dankmars entgegenkommen aber er irrte sich Oleander wich dem großen Heereszug
der Massen und dem Getümmel der großen Landstraßen gänzlich aus und blieb
wenigstens für Deutschland dabei dass wir ein Familienvolk wären und bei einer
gewaltsamen übereilten Störung unsrer überlieferten Ordnung nur Gefahr liefen
unser Bestes unsre geistigen alten Errungenschaften zu verlieren
Nun flammte Siegbert auf dann frag ich nur Oleander ob Sie diese
Gesinnung die ich an Ihnen ehren und anerkennen will in dem conservativen
Glaubensbekenntnisse dieser Gräfin Bensheim und ihrer Nichten in dem Zorne des
Herrn von Sengebusch in dem Ingrimm der Lieutenants wiederfinden die hier die
fliegenden Kolonnen befehligen Leihen Sie da nicht vielmehr Ihre schöne
Idealität einem ganz stumpfsinnigen rohen egoistischen Dünkel und dem
materiellsten Hochmute Ist Das Politik was Herr von Sänger spricht Ist Das
nicht die reinste Gedankenlosigkeit
Oleander räumte dies ein nannte aber den Royalismus eine politische
Religion Wie in der Religion der Eine sich mehr an das Symbol der Andre mehr
an die innere geoffenbarte Wahrheit halte so wär es auch in der Politik Der
Glaube hier und da wäre die Grenze des uns Möglichen und geistig Erreichbaren
O mein Freund sagte er ruhig prüfen Sie doch Was ist das Unglück aller
unsrer Staaten Kein andres als dass sie keine politische Religion mehr haben
Verstehen Sie mich recht Ich meine hier nichts was etwa mit Staatsreligion
oder Religion überhaupt zusammenhängt Ich preise nur die Zeiten glücklich wo
die mangelhaften Verfassungen und die unvermeidlichen Ausbrüche verwirrender
Leidenschaften gemildert erträglich gemacht wurden durch jene politische
Religiosität die in unbedingtem Royalismus bestand Soweit ich den Fürsten Egon
zu verstehen glaube so will er für den bei Seite geworfenen alten Royalismus
eine neue politische Religion dh eine moralische Bindekraft des Staates ein
heiliges Joch der Selbstbeherrschung künstlich schaffen
Aber wie alle Vernunft wenn sie noch so geistreich und weise ist die
Symbolreligionen nicht ersetzen kann so gibt es auch für die geoffenbarte
politische Religion des Royalismus die ihre weiseren und ihre einfältigeren
Bekenner hat keinen künstlichen Ersatz denn die Pflichtenlehre die der Fürst
aufstellt ist eine Chimäre an der er scheitern wird Die Pflichtenlehre ohne
Symbolik kann wohl eine philosophische Sekte zusammenbringen Auserwählte
Gleichgesinnte aber nicht die dem Zufall preisgegebenen großen Massen die der
Natur der pflichtwiderstrebenden Natur folgen Statt des Royalismus kann
höchstens die Nationalität eine bindende politische Volksreligion werden wie in
Amerika vielleicht sogar wenn es besser regiert würde in Frankreich
Und Deutschland unterbrach Siegbert
Nun wohl sagte Oleander Geben Sie uns nur ein Deutschland Entfernen Sie
mit einem Schlage alle Fürsten Schaffen Sie aus Deutschland eine Republik
Vielleicht dass dann Tuiskon der Heilige des Volkes würde und vom Tempel des
Wodan unsre Offenbarungen kämen ich habe im Politischen nichts dagegen
allein schaffen Sie uns durch einen Zauberschlag diese friedlich geordnete
glückliche auf Vaterlandsliebe und nur auf Vaterlandsliebe begründete Republik
Mit diesem Freiherrn von Sengebusch und den Lieutenants der fliegenden
Kolonnen sagte Siegbert
Mit der Proletarierpolitik mit den Kommunisten den konstitutionellen
Taschenspielern den Portefeuillejagenden Advokaten parodirte Oleander und
Beide brachen ab weil sie in der Tat noch nicht einmal über das nächste
Prinzip einig waren Wie Siegbert verlangte für die edlere Demokratie sollte
man ihre Auswüchse dulden so verlangte Oleander für die edlere Monarchie
sollte man auch den vulgären Royalismus der Beamten Soldaten und Adligen
dulden
Die Wahlen schürten diesen Streit immer aufs Neue an Die Agitation war
trotz der Jahreszeit die die Verbindungen erschwerte überall sichtbar Die
Demokratie blieb im entschiedensten Übergewicht und versprach eine Kammer noch
radikaler als die aufgelöste Selbst Gemässigte wie Justus hatten Mühe gewählt
zu werden Drossel der Wirt zum Gelben Hirsch lief ihm fast den Vorrang ab in
dem Distrikte wo er selber wohnte doch hatte Justus über drei Wahlkreise zu
gebieten und musste sich begnügen diesmal nur zweimal gewählt zu werden Dem
Ministerium aber trat er seine zweite Wahl nicht wieder ab lieber noch
Drosseln wenn er diesen nicht für die Aufsicht über seine Besitzungen gebraucht
hätte Egon musste Befehl geben ihn den Minister anderswo durchzubringen Er
hatte in seinem »Jahrhundert« die konstitutionellen Neunweisen wie es dort
hieß lächerlich machen lassen und deutlich auf jene eingebildeten Biedermänner
hingewiesen die so glücklich wären die objektive Wahrheit auch immer da zu
finden wo sie mit der Befriedigung ihrer subjektiven Eitelkeit zusammenträfe
Die ministerielle Presse wurde mit Geist geleitet
Siegbert verstand was ihm Dankmar der natürlich Egon nicht mehr sah über
dessen rastlosen Eifer schrieb Er widmet sich ganz seiner törichten Aufgabe
schrieb Dankmar er opfert ihr Tage und Nächte redigirt Noten und Artikel und
will das Recht haben Feinde und Freunde zu brüskiren Von uns als Freunden
sprech ich nicht Ich suchte keine Beziehung mehr zu ihm Louis ist so gut wie
aus seinem Umgange verbannt Aber von jenen Freunden sprech ich denen er doch
dient Bei Hofe wird er noch angebetet Die Prinzen müssen sich aber schon
gefallen lassen dass er ihre Urteile ignorirt Die Lieblinge des Hofes verletzt
er schonungslos Von dem General Voland von der Hahnenfeder dessen Einfluss beim
Könige weltbekannt ist hat er geäußert Er besäße die Beweise in der Hand dass
er es mit der Hierarchie halte Verdächtige Persönlichkeiten zB jener
Franzose Rafflard wurden ausgewiesen Besonders scharf bewacht er die Klubs und
die Gesellschaften auch die aristokratischen und manche heftige Szene ist
schon vorgekommen wenn er zuweilen die sogenannten kleinen Zirkel überrascht
und sich Nachrichten über die auswärtige Politik erbittet er höre die »kleinen
Zirkel« hätten eine Depesche bekommen die bei ihm ausbliebe Allein bei alledem
erkennt man in ihm den Retter der Monarchie und ist gefasst darauf die nächste
Kammer wieder zu entlassen und nach Egons Theorie ein Zweikammersystem zu
oktroyiren eine Kammer der Interessen der Arbeitenden und eine Kammer der
Interessen der Arbeitgebenden Man versichert dass Egon dabei alt wird und sehr
hinfällig aussieht Allgemein heißt es er hätte die Absicht Melanie Schlurck
zur Fürstin von Hohenberg zu erheben Es würde dies die merkwürdigste Folge
sein die nur einem konsequenten Streben geboten werden könnte Melanie hielt
mich einst für den Fürsten Egon und verliebte sich in mein Incognito Als sie
enttäuscht wurde behielt sie das Wappen im Auge und wird es erobern Man sagt
Pauline von Harder die jetzt Alles in Allem ist und um zehn Jahre jünger
geworden sein soll bediene sich der schönen Melanie um mit Egon in desto
festerer Verbindung zu bleiben sie verhindere sagt man das ehrgeizige schöne
Mädchen sich ihm unbedingt zu widmen und lehre sie die Koketterie die sie
früher in ihrem eignen Leben selbst nicht beobachtet hat Egon ermüdet vom
Tageslärm erschöpft von der Arbeit ruht bei Pauline von Harder der Feindin
seiner Mutter der Vernichterin ihrer Memoiren seit ihrer wunderbaren
Aussöhnung jeden Abend wie ihr leiblicher Sohn aus und findet Melanie nur bei
der Harder da dann freilich immer schön immer reizend immer liebenswürdig
Lasally ist abgefunden Schlurck der Vater der wie mir Werdeck nach einem
Geschäftsbesuche bei ihm sagte sehr altern und in seinen Finanzen zurückkommen
soll besonders seitdem sein Faktotum Bartusch fortwährend kränkelt und Geister
sieht Schlurck kann sich mit Egon nicht aussöhnen trotz der Tochter Es liegt
in Egons puritanischer mit Sinnlichkeit verbundener Strenge eine unbesiegbare
Antipathie gegen Schlurcks Genussteorie und unverbesserlichen Indifferentismus
Grade was ihm an Melanie so bequem ist ist ihm am Vater verhasst Auch ist die
Frage seiner Finanzen zu wichtig als dass er nicht in Ackermann das
unbedingteste Vertrauen setzen sollte zumal da Louis Armand über ihn
Wunderdinge berichtet hat
Sodann schrieb noch Dankmar der Bruder möchte Erkundigungen einziehen über
den wahren Zusammenhang einer sonderbaren Begebenheit die sich mit Louis dem
blinden Schmied Zeck der tollen Ursula Marzahn und einem alten Gauner Namens
Murray im Walde bei Plessen zugetragen hätte Louis hätte davon nur dunkel
gesprochen und doch hätte er von diesem Vorfall Sonderbares vernommen Endlich
schloss der Brief mit den kurzen lakonischen Worten »Hast du nichts aus Rom
gehört Und warum so einsylbig über Selma«
Von Rom hörte Siegbert genug durch die Fürstin Wäsämskoi die eine
unermüdliche Korrespondenz führte Selma sah er zu flüchtig und besorgte fast
dass der Bruder voraussetze Selma wäre ihm selbst nicht gleichgültig Es wäre
dies derselbe Irrtum gewesen in den auch Frau von Sänger verfiel die
natürlich über Siegberts längeres Verweilen in der Gegend sehr glücklich war
Anfangs musste Siegbert gestehen dass sie eher betroffen schien über sein Bleiben
als erfreut Er äußerte dies gegen Oleander der ihn längst mit dieser Frau
neckte und ihn mit Scherzen die eigentlich nicht in seiner Natur lagen
aufzuheitern suchte
Oleander erwiderte darauf dass er fast glauben möchte jeder ganz
ausgekostete Schmerz hinterlasse eine so volle süße Sättigung des Gemütes dass
man nicht gern vernehme der Schmerz wäre umsonst gewesen
Diese junge schöne Frau sagte er die nicht ganz so oberflächlich ist wie
sie mir alle neben Selma erscheinen auch das kleine Fränzchen hat etwas
Sinniges und ein innerlich beschauliches Leben diese einschmeichelnde Frau von
Sänger hat sicher heftig darunter gelitten als Sie von ihr schieden
Und nun komm ich wieder ergänzte Siegbert mit einiger Bitterkeit entdecke
sie drüben bei Zeisels sie fällt aus den Wolken Sie noch hier In Trauer Was
fehlt Ihnen Ihre Mutter starb Sie Unglücklicher Sie Armer Aber Sie bleiben
bei uns Sieh Sieh Wie lange O Das ist schön Und warum ihr Schreck Das
liebesieche Herz hat schon einen der jungen Krieger gewählt die bei Freiherrn
von Sengebusch im Quartier liegen
O o sagte Oleander erschreckend Sie verleumden
Geben Sie Acht wenn wir morgen beim Grafen Bensheim zu Tisch sein werden
Ich bin ein Träumer wie Sie aber meine Kunst zwingt mich doch die
Physiognomieen zu studieren
In der Tat musste Oleander Siegbert Recht darin geben dass Frau von Sänger
schon wieder mit einem der Offiziere intriguirt war die die Zirkel der Umgegend
seit der ungesetzlichen Selbsthilfe der Landbewohner belebten Er fand sie
verlegen errötend über Siegberts Eintreten errötend wenn dieser mit ihr
sprach er fand den Offizier gegen Siegbert in dem er ohnehin den Demokraten
voraussetzte ganz besonders gereizt und von der täglichen Gewohnheit mit
Waffen umzugehen einen sehr unedlen Gebrauch machend Oleander konnte nicht
widersprechen als Siegbert in Bezug auf einige nahe an Herausforderung
streifende Äußerungen zu ihm sagte
Erkennen Sie daraus eines der Motive das freie Gemüter treiben kann den
ganzen Ton dieser privilegirten Klassen widerlich zu finden Was kann aus
solchen brutalen Gesinnungen entstehen Die höher gestellten Offiziere verbergen
freilich dass sie diese Art und Weise billigen allein im Stillen haben sie fast
alle ihre Freude daran Die Zahl derjenigen Offiziere die ich mir denke wie Max
von Schenkendorf wie Theodor Körner wie Scharnhorst ist sehr gering Können
Sie den Demokraten verdenken dass man diesem Korpsgeiste grade eine Niederlage
wie einer andern Armee einst bei Jena gönnt Und ich weiß nicht ob ich mich
täusche Ich glaube in der Tat, dass diese Gesinnung vor den Feind geführt vor
einen nationalen von Hochgefühl durchdrungenen Feind sich nicht lange über die
ersten Vorpostengefechte hinaus bewährt und dass im Kriege nur die Armee
unüberwindlich ist die auch im Frieden von ernster und bescheidner Männlichkeit
durchdrungen wird
Siegbert war so erfüllt von der Trauer um seine Mutter so sanft auch im
Geiste hinübergezogen in die Ferne wo unter schönerem Himmelsstriche Olga
lebte dass ihm jede weitere Beachtung durch Frau von Sänger lästig gewesen wäre
Und dennoch erlebte er dass die leichtsinnige junge Frau ihm einen Zettel in die
Hand drückte worin sie bat »Morgen Nachmittag um drei Uhr ich beschwöre Sie
Henriette« Siegbert sagte Oleandern nichts von dieser Aufforderung nichts von
diesem Rückfall in die alte Gesinnung Er hatte im ersten Augenblicke einen
förmlichen Widerwillen gegen die unbesonnene Frau Dann stand es wenigstens fest
bei ihm dass er nicht nach Randhartingen fuhr nicht der Aufforderung Folge
leistete Am andern Tage kam aber die Dankmarsche Wahrheit von den »verdammten
Anstandszärtlichkeiten« Er fuhr doch nach Randhartingen und fand Henriete von
Sänger in Tränen Sie war allein Ihr Mann in Geschäften über Land Sie
erzählte ihr ganzes Leben wie sie wegen Armut diese unglückliche Heirat hätte
schließen müssen und nun ihr Dasein ihre Jugend ihr Glück rein an Nichts
hinauswürfe Sie gestand ein dass sich jener junge Krieger um ihre Gunst
bewürbe sie zu einer Scheidung veranlassen entführen wolle und ähnliche
excentrische Dinge die Siegbert um so mehr erkälteten als er hören konnte sie
würde ihren Himmel nur in ihm in seinen reinen blauen Augen finden Die
Tränen die dabei flossen waren schwerlich ganz unecht Sie kamen aus dem
wirklichsten Bedürfnis dieser Frau die sich durch das Geständnis ihrer Schwäche
erleichtert fühlte und vollends gestärkt durch Siegberts Zuspruch da er das
Meiste von Dem was sie äußerte ernst nahm und ihr viel Gutes und Mildes sagte
Unstreitig hatte sie das Bedürfnis der Szenen Sie wollte von Siegbert
wenigstens das Zugeständnis ihrer verfehlten Bestimmung eines höheren
bedeutenderen Berufes und war zuletzt vollkommen befriedigt als Siegbert doch
rücksichtsvoll und weich geworden tröstend von ihr schied Es war weder von
einer Flucht mit ihm oder dem Offizier oder einer Scheidung oder sonst einer
gewaltsamen Unternehmung noch die Rede Sie blieb ruhig die Frau Hauptmann und
Rentmeister von Sänger lebte aber in diesen kleinen ungeduldigen Wirbeln und
Strudeln der Leidenschaft und Selbstaufregung so lange fort bis die junge
Generation auch sie überholen wird und auch sie im Arzte oder Geistlichen ihre
letzten Tröster findet
Mit dem Beginn des Dezembers wollte denn Siegbert endlich aufbrechen und in
die Residenz zurückkehren Einige Arbeiten die er begonnen waren vollendet
auch an äusserem Erträgniss war dieser Landaufentalt nicht unergiebig gewesen
Das Wetter hatte sich gemildert Dem Frost war Regen gefolgt Die Wege waren
zwar vollends jetzt nicht einladend aber die mildere Luft tat wohl Am achten
Dezember wollte er nun ganz bestimmt reisen
Es war am sechsten am Nikolaustage als Abends Siegbert und Oleander in der
Wohnstube der Pfarrerin saßen und sich mit den Kindern unterhielten Hedwig und
Waldemar zeichneten Figuren mit Siegbert das Kleinste spielte das Vierte war
im Ullagrunde
Oleander saß verstimmt und in sich versunken da Ein Buch war vor ihm
aufgeschlagen Er las zuweilen lehnte sich dann wieder zurück schlug die Arme
übereinander oder stützte das Haupt auf
Siegbert verstand seinen Kummer Oleander lebte nur seiner Dichtung seinem
Amte und dem Schmerz dass ihm nicht gelingen konnte von Selma Ackermann irgend
ein Zeichen der Gunst zu gewinnen Siegbert war nicht wieder im Ullagrunde
gewesen Er hatte inzwischen versucht dem Vikar eine größere Aufmerksamkeit auf
sein Äußeres beizubringen Er selbst gewohnt den Leib für einen Tempel der
Seele zu halten trug sich ohne auf Eleganz Anspruch zu machen geschmackvoll
Oleander gewann nun schon etwas von dieser gewissenhaften Sorgfalt der
körperlichen Pflege Auch wurden seine desfallsigen Bemühungen wie er selbst
erzählte scherzend im Ullagrunde anerkannt Eine günstigere Wendung seiner
Hoffnungen gestaltete sich aber darum noch immer nicht Die Gleichgültigkeit
Selmas war so auffallend dass wenn sie wirklich ein andres Bild im Herzen
trug Siegbert wohl Recht hatte sich nach einer letzten flüchtigen Begegnung in
Plessen wo wieder des Bruders nicht gedacht wurde zu sagen
Wie lieblich ist die Treue eines unschuldigen Herzens Wie scheint an Selma
Alles spröde so gewidmet und aufbewahrt nur für den Einen dem ihr ganzes Leben
gehört Wie fern wie abwesend dieser Blick des Auges Wie erschrickt sie wenn
man sie anredet und sie nicht sogleich die an sie gerichteten Worte versteht
weil sie zerstreut war Das ist die fromme Andacht der Liebe die ihrem
Heiligsten jeden Gedanken jeden unbewachten Augenblick des Selbstgespräches der
Seele widmet Ob wohl Olga so lieben könnte ob sie wohl so liebt oder aufgewühlt
in ihrer kindlichen Frühreife erschreckt beunruhigt wildgehetzt von fremden
Leidenschaften schon außer sich lebt statt sinnig in sich zurückgezogen
Oleander las in einer Schrift der neuen philosophischen Schule der
kritischen oder chemischen wie er sie nannte Chemisch deshalb sagte er zu
Siegbert weil diese Philosophen des absoluten Nichts die Liebigs der
unsichtbaren Welt sind Wie die chemische Retorte Urstoff auf Urstoff entdeckt
und diesen immer wieder aufs Neue zerlegt so hat der philosophische
gemütlose Verstand der neuesten Schule Alles durch die Kritik bis zum
vollkommensten Nichts aufgelöst und ich staune hier eben über den Dünkel mit
welchem in diesem Buche alle Beweise für die Unsterblichkeit der Seele widerlegt
werden und der Verfasser nun auch glaubt die Unsterblichkeit der Seele selbst
widerlegt zu haben
Siegbert schwieg Er kannte diese Schriften Leidenfrost liebte sie und
empfahl sie mit Eifer und doch widerstanden sie auch ihm obgleich er Oleandern
in seiner Entrüstung nicht Recht geben mochte
Warum müssen wir nur fuhr Oleander während Siegbert den Kindern die
schwiegen vorzeichnete aber ernst zuhörte warum müssen wir nur an so viel
Renommisterei im Geistigen leiden an so viel gemütloser affektirter
Prahlerei Wie diese Philosophie sich berufen dünkt Wie sie aufräumt Wie sie
durch den Erfolg ihrer kritischen Operationen immer übermütiger wird und sich
doch dieser Freude über das absolute Nichts schämen sollte Diese Menschen
lachen über den Unsterblichkeitsglauben sie bemitleiden den vulgären Wahn
unsrer romantischen Physiologie Wenn sie noch die Achseln zuckten und sagten
Die Materie bedingt den Geist und mit dem Zusammenfallen der Materie hört dies
Denken und Bewusstsein leider auf Nein sie fühlen sich so froh so stolz so
gehoben durch die Tatsache des künftigen Nichts dass ich vor einer Zukunft
schaudere wo diese Lehre in den jungen Gemütern aller Orten Raum gefunden hat
Denn die Jugend läuft Dem nach der den Säbel auf der Straße klappern lässt und
die Mütze recht verachtungsvoll über einem Ohre trägt
Siegbert äußerte ein Wort das er auf eine ähnliche Erwiderung von ihm
selbst einst von Leidenfrost gehört hatte
Nun wohl sagte er Ist denn aber dieser Stolz so verächtlich Man hat die
Unsterblichkeit der Seele deshalb gelehrt weil sie zur Tugend nötig wäre Ist
es denn aber kein Fortschritt wenn die Tugend um ihrer selbstwillen geübt und
an künftige Belohnung nicht mehr gedacht wird
O rief Oleander wenn sie nur tugendhaft wären Wenn sie nur wirklich die
Bescheidenheit verklärte Wenn sie nur aus der Erkenntnis ihrer eignen leersten
Zwecklosigkeit und der mit dem letzten Atemzuge eintretenden Vernichtung die
Aufforderung zur Demut schöpften Nein ich kenne von Tübingen von Halle
Berlin Wien her eine Menge dieser neuen Philosophen der Kritik und des
Chemismus Diese jungen Ärzte der neuen Schule wie verächtlich und frivol
sprechen sie von dem Körper Er ist ihnen eine Uhr Wo wir früher göttliche
Immanenz sahen wo wir ein Geheimnis in den Nerven ahnten sehen sie nur den
Mechanismus des Blutumlaufes und seiner Störungen Das Mikroskop hat sie
übermütig gemacht wie Laplace übermütig durch das Teleskop wurde Dieser
Franzos behauptete alle Sterne gesehen zu haben aber nirgends auf ihnen Gott
Dieser Bemitleidenswerte erhob sein Teleskop zum Gott und die neue
Naturphilosophie macht aus dem Mikroskop den Schöpfer Es ist der Dünkel der
Gelehrsamkeit der Herzlosigkeit des eingebildeten Studiums Und darin erkenn
ich Gottes Finger Unsre Welt wird immer elender und erbärmlicher unsre
Schaffenskraft in geistigen Dingen immer geringer und gemeiner werden Ein
solcher Atomismus der nicht an die jenseitige Bestimmung des
Menschengeschlechts glaubt kann auch für das diesseitige Leben nichts schaffen
Warum erleben wir dass diese Hände wo sie Staat Kirche Gesellschaft berühren
nichts hervorzubringen vermögen Warum sind sie von der Poesie verlassen und
müssen auch deren ewige Berechtigung leugnen Warum haben sie noch nichts
gefertigt als kritische Analysen und da wo sie schaffen wollten hohle
Phraseologie
Siegbert fühlte sein Herz vielen dieser Ausrufungen vertraut und doch
erschreckte ihn dass Oleander solche Tatsachen nur benutzte um sich dahin
zurückzuziehen wo der unbedingte Glaube waltete Er sagte
Lieber ich folge Ihnen gern wenn Sie sagen dass die neue Schule etwas
Brüskes Herzloses und Unschöpferisches hat Ich habe sogar einen Freund Namens
Leidenfrost der in der absoluten Verneinung jeder Zukunftshoffnung seine
Menschenwürde findet und grade durch sie für die Tugend für die Todesverachtung
ein erhebendes Prinzip zu haben behauptet Aber ich kann mit dieser Meinung
nicht gehen Ich denke wie es hundert verschiedene Sittengesetze gegeben hat
die alle die Probe der Kritik nicht bestanden und der innere kategorische
Imperativ des Herzens Übe die Tugend doch unläugbar ist, so ist auch trotz der
Unwissenschaftlichkeit aller Beweise für das Dasein Gottes oder die
Unsterblichkeit der Seele der kategorische Demonstrativ wie ich ihn nennen
möchte dieser Tatsachen in unsrer Brust nicht auszurotten Ich glaube nicht
daran dass diese Erde mit ihren Menschenbewohnern nur eine Stufenfolge der
Schöpfung ist die in sich selbst abstirbt und dass wir nur der Dünger immer
neuer Schöpfungen sind Welches die Form unsrer Verklärung sein wird das weiß
ich nicht Ich denke Gott wird schon eine Wesenkette neuen Lebens wissen in
der wir wenn auch in Substanzen die wir nicht ahnen können uns als
Fortsetzung unsres hiesigen Lebens erkennen Wer kennt die Geisterringe die das
All umschließen Aber mein Freund mit diesem Zugeständnis ist Gefahr
verbunden Ich kann mit Denen nicht gehen die sich nun gleich rechts wenden und
dann sagen So bleibt uns nur der Glaube Ich gehe mit Denen nicht die links
das absolute Nichts wollen Wo gibt es also einen Mittelweg
Es gibt keinen Mittelweg sagte Oleander und fügte scherzend hinzu
Gott oder Satan
Sie lächeln selbst Oleander fiel Siegbert ein Und doch sind Sie auf
dieser äußersten Alternative Ich glaube an den Mittelweg Ich glaube an die
Möglichkeit dass wir das Alte kritisch überwinden und für den Geist der uns
diese Überwindung lehrte doch auch eine Symbolik erfinden auch eine Religion
stiften Ich will Gebundenheit des Gefühls und auch ein Maß des Gedankens Ich
will dass man sich im Staate und in der Religion gebunden fühlt gebunden durch
die ewige Schranke die wir nicht überspringen können Aber diese Gebundenheit
muss keine traditionellen Formen mehr haben in der Religion nicht die
christliche Theologie mehr in der Politik nicht mehr das feudale Staatsrecht O
mein Freund ich weiß wohl dass die Weltwirkung Christi kein Genius mehr
heraufzubeschwören vermag kein Wettkampf eines Märtyrers vermag noch mit
Christus in die Schranken zu treten es fehlt uns Symbol Religion Form Kirche
und Staat für Das was unsre Meinung ist aber hoffen wir doch verzagen wir
nicht auch die neue Religion die neue Politik wird ihre Formen finden Nicht
umsonst ist uns von Christus die künftige Herrschaft des Geistes verheißen
worden
Oleander schwieg und wollte in seinem Buche weiterlesen als man einen Wagen
rollen hörte Er fuhr rasch von der Gegend des Amtshauses herunter und die Frau
Pfarrerin die mit weiblichen Arbeiten beschäftigt am Tische saß behauptete es
müsste Herr Ackermann sein Der Wagen hielt vor dem Pfarrhause Die Kinder
sprangen hinaus Es war Ackermann Selma Fränzchen und die kleine Klara
Stromer die mit einem Korbe ins Haus traten
Guten Abend ihr Kinder Guten Abend Herr Oleander Guten Abend Herr
Wildungen So still hier Kein Jubel Keine blechernen Trompeten Keine
Trommeln
Und schon hatte Selma den Korb den Fränzchen trug aufgedeckt und trommelte
auf einem kleinen Tambourin und Klara die in das Geheimnis eingeweiht war zog
Hedwig und Waldemar heran um ihnen die übrigen Herrlichkeiten zu zeigen
Es ist StNiklastag sagte Oleander glücklich durch den unerwarteten
Besuch
Siegbert besann sich auf diesen Tag an dem er in seiner Kindheit immer
schon eine Vorfreude der Weihnacht genossen und erinnerte sich seines guten
Vaters der in einem nach außen gekehrten rauen Pelzschlafrocke und verhüllten
Kopfe den Niklas spielte Zu Denen die solche alte Sitten und Unsitten aus
zärtlicher Schonung der »lieben Kleinen« verwarfen gehörte er nicht Siegbert
gedachte wehmütig der Angst die die Mutter hatte wenn sie beteten und sich
nicht recht klar werden konnten ob sie sich wirklich zu fürchten oder nur so zu
stellen hätten denn der Vater war ja wohl sogleich erkannt
Selma erzählte den staunenden und über die kleinen Geschenke jubelnden
Kindern sie hätte alle diese Sachen vom heiligen Nikolaus bekommen und fragte
dann
War er denn noch nicht da Er sagte doch er wollte heute alle Kinder
besuchen und sehen ob sie geschickt wären und beten könnten Auch den großen
Kindern da Herrn Siegbert und Oleander drohte er mit der Rute Gott sei Dank
er kommt wohl nicht
Indem pochte es aber draußen an der Haustür donnernd
Die Kinder horchten erschrocken auf
Als Ackermann der mit väterlicher Freundlichkeit auf den Scherz einging
bemerkte ob Das wohl der Niklas wäre und das Pochen sich wiederholte wollten
sie sich verstecken
Wer geht hinaus und öffnet
Die Frau Pfarrerin hatte keinen Mut der rätselhafte Ankömmling klopfte so
stark dass sie zitterte
Oleander der gespannt war was da kommen sollte ging und öffnete
Sogleich hörte man auf dem Vorplatz eine gewaltige Klingel schellen und eine
hohle raue Stimme rufen
Sind hier Kinder
Wie die Kinder dies bezügliche Wort hörten wollten sie sich hinter der
Mutter verstecken
Oleander erschrak selbst über den mit Ackermanns einverstandenen ihm aber
nicht erkennbaren Besuch
Die Tür ging auf und eine tief in Pelzwerk gehüllte und wohl mit einem
gebrannten Korke schwarzbemalte Figur trat herein Der Kopf war von Damenshawls
wie mit einem Turban überwunden In der Hand trug der Wilde eine große Rute aus
Besenreisern und in der andern einen Sack Die lange Stange hatte er draußen
stehen lassen
Ernst blickte sich der unheimliche Gast im Zimmer um Selma um seinen
Scherz zu unterstützen schrie und lief sich zu verstecken
Du schon wieder da sagte der Niklas und rannte ihr mit der Rute nach um
ihr auf die Finger zu klopfen
Die Kinder wagten kaum hinter der Mutter hervorzukriechen Nur Waldemar war
etwas kecker und wollte den Niklas am Pelze zupfen
Da hatt er einen Schlag auf die Finger weg
Zugleich warf aber der schlimme Heilige doch aus seinem Sacke Nüsse Äpfel
Lebkuchen in Fülle Das lockte die Kinder aber so wie sie etwas erhaschen
wollten setzten sie sich der großen drohenden Rute aus
Der Kleinste Oskar weinte Hedwig nahm sich seiner an und suchte den Zorn
des Niklas durch ein Gebet zu beschwichtigen das sie rasch herstammelte
Da sagte der Niklas mit einer rauen Siegbert und Oleander und der Frau
Pfarrerin völlig unbekannten Stimme
Seid ruhig ihr Kleinen Ich weiß dass ihr beten könnt und geschickt seid
Auf die großen Kinder ist es abgesehen Hier Da versteckt sich ein rechtes
altes Kind das sich in der Welt herumtummelt die Schule und das Elternhaus
schwänzt Wart Gesell Sag deine Lection her
Damit hatte der Niklas Siegberten so eingeschlossen dass dieser in der Tat
vor der Rute sich nicht bergen konnte
Siegberten war es als sollt er trotz der Verstellung die Stimme kennen In
der Eile riet er hin und her Aber der Niklas ließ ihm nicht Zeit zu fragen
sondern verlangte einen Spruch
Siegbert warf den ersten besten Schulvers hin
Der Niklas sagte
Siehst du trivialer Schulschwänzer Besseres kannst du nicht Treibst dich
herum jagst Nebelbildern nach und vernachlässigst die Ölfarbe Schäme dich
Portraitklexer
Jetzt gewann Siegbert einen Pass dem seltsamen Niklas zu entwischen der nun
Oleandern vornahm
Oleander unterstützte die Vermutung der Frau Pfarrerin und der Kinder dass
dies wohl gar der Vater wäre Guido Stromer selbst der die Seinigen zur
Weihnachtszeit überraschen wollte Ach wie schlug der verlassenen Frau das Herz
Sollte ers sein Guido Aber seine Stimme ist nicht so rau Dieser Humor nicht
im Mindesten von seiner Art Aber vielleicht hat sich sein Wesen in der Stadt
geändert Er ist fröhlicher geworden Kinder seid artig betet es ist der
Vater
Der Niklas verfolgte Oleandern dessen lange Figur sich beim Entschlüpfen
komisch genug ausnahm und wirklich von Selma nicht ohne Spott belacht wurde
Siegbert selbst musste lachen wie der lange lyrische Vikar sich duckte und zur
Freude der Kinder seine Angst übertrieb während er doch wirklich beklommen war
Du Stellvertreter des Stellvertreters des Herrn sagte der Niklas was
kannst du sagen Liest du auch Alles aus Büchern ab wie deine Kollegen Bist du
auch so ein Hasenfuß der die PrivatSeelsorge der Weiblein Nachmittags mit
ihnen beim Kaffee pflegt und lieber Whist spielt als im heiligen Augustinus
liest
Oleander schwang sich hinter Siegbert her und schützte diesen vor um sich
vor der Rute zu retten Mit einer Anspielung auf Siegberts Trauer sagte er nun
rasch
Nicht allzu große Lust im Glücke
Nicht allzu großen Schmerz im Leide
Dann lacht nach jeglichem Geschicke
Der Hoffnung wieder grün die Weide
Das geht allenfalls sagte der Niklas Etwas sentimental zwar Etwas Freude mit
schwarzem Krepp Aber es sind ländliche Anschauungen Die grüne Weide ist die
Hauptsache Oder du denkst wohl Niklas wäre ein Bauer oder ein Viehzüchter
Wart Wart Aus Schonung für die Waise da er zeigte auf Siegbert will ich
deinen Spruch gelten lassen da hast du einen Lebkuchen einen Reiter zu Pferde
und noch einen ein Wickelkind Lass dirs recht viel Kindtaufen bedeuten
Der Niklas jagte nun noch Ackermann Selma Fränzchen mit denen er jedoch
im Einverständnisse war auch die Frau Pfarrerin die nur immer dabei blieb
Das ist Herr von Zeisel nein Das ist der Doktor Reinick Nein Das ist
Himmel wer ists nur Die sonst so stille Frau war ganz alarmirt Ihre wahren
Gedanken die sie mit den Kindern teilte dass es der Vater wäre wagte sie der
Täuschung wegen nicht auszusprechen
Zu Ackermann sagte der Vermummte
Übers Jahr komm ich wieder und wehe dir Taschenspieler wenn du mir nicht
aus diesem Apfel der sechs Körner enthält sechshundert Äpfel gewonnen hast
Zu Selma
Wart dass ich dich nicht mitnehme auf mein Pferd und dich in Höschen
Pagendienste verrichten lasse bei der Königin Saba von Arabien
Und zu Fränzchen
Louise Eisold lässt dich grüßen und um ein neues Lied nach der Melodie »Des
Volkes Tochter arme Bettlerin« bitten Aber ich werde Euch anstreichen so zu
lügen ihr verdammten schönen Proletarierinnen ihr Singen vom Elend und naschen
am liebsten Lebkuchen
Siegbert konnte nicht erraten wer der Vermummte war denn die Stimme blieb
verstellt und sein Spiel wurde fast künstlerisch behandelt
Als Niklas noch der Pfarrerin und den Kindern einige leichte Rutenstreiche
versetzt dabei immer geklingelt und mit seinem Sack gerasselt hatte fasste er
zuletzt das unterste Ende desselben schüttete die ganze Bescheerung auf den
Fußboden und während Jung und Alt danach haschte sich drängte stieß war er
verschwunden
Jetzt erst war das Gelächter und die Freude groß Siegbert sollte raten und
besann sich nicht Sein Bruder konnte es nicht gewesen sein Er würde die Stimme
erkannt haben Indem brachte ein Hausknecht aus der Krone die Botschaft ein
fremder Herr wäre angekommen der ihn zu sprechen wünschte er zeigte auf einen
Zettel auf dem »Leidenfrost« geschrieben stand
Jetzt hatte Siegbert die Aufklärung
Hat er den Weg als Heiliger gefunden der uns prügelte sagte er lachend so
kann er es jetzt auch als reuiger Sünder um uns abzubitten Der Tolle soll nur
zu uns kommen Ich komme nicht zu ihm und wenn er in hundert Kronen wohnte
Leidenfrost war es wirklich der dann in einem abgetragenen Sammetkittel
kam Er grüßte wie ein völlig Fremder und führte seine Rolle des Nichtwissens
des Erstaunens der vollkommensten Nichtbeteiligung eben so gut durch wie
vorhin seinen Niklas den er durchaus nicht wahrhaben wollte
Ich ein Niklas sagte er befremdet mit einer völlig andern Stimme Ich so
frech Sie hier Alle mit Ruten zu peitschen Wie könnt ich daran denken Ich
habe das Glück Ihre werte Bekanntschaft zu machen Herr Oleander und Frau
Pfarrerin in Folge des angenehmen Auftrags in dieser unangenehmen Jahreszeit
die von Herrn Ackermann bestellten Maschinen durch Dick und Dünn hierher zu
begleiten Gewisse innere Stimmen sagen zwar ich hätte diesen Auftrag mit
besondrer Vorliebe für den Flüchtling Siegbert Wildungen übernommen den wieder
zu sehen mein Herz labt und der trotzdem dass er eine Mutter verloren hat doch
schon wieder wenn nicht lachen doch lächeln kann O lächelte die Sonne so
durch Wolken und trocknete die Wege Vergeben Sie meine Fussbekleidung Ich
versichre Sie dass diese Stiefeln wirklich von Leder sind
Die Pfarrerin bot Tee oder jedes ihr sonst in der Eile mögliche Nachtessen
an aber man schlug die Einladung aus und wollte in den Ullagrund zurück
Leidenfrost begleitete die Rückfahrenden versprach aber morgen nach erster
Auseinandersetzung der bereits in den Wirtschaftshäusern Ackermanns
untergebrachten Maschinen sich in Plessen sehen zu lassen Ackermann kehrte
diese Anordnung um und lud die Pfarrerin die Kinder Oleander und Siegbert
liebevollst und herzlichst für morgen zu Tisch
Nun wohl sagte Leidenfrost dann sorgen Sie nur für ein kleines Kämmerchen
zum Rauchen und zu stillem Zwiegespräch mit dem neugierigen Siegbert Wir haben
Viel und nichts Geringes zu berichten
Wie lange bleiben Sie Leidenfrost fragte Siegbert
Bis übermorgen
Dann reisen wir zusammen zurück
Wenn Sie keinen Anstand nehmen sich dabei von den beiden Maschinenarbeitern
Alberti und Heusrück begleiten zu lassen
So sind wir vier und bilden ein vierblättriges Kleeblatt
Diese Bemerkung betonte Siegbert mit einigem Nachdruck den Leidenfrost
verstand und dazu bedeutsam lächelte Diese Mienen reizten Siegbert so dass er
die Zeit bis zum morgenden Mittag kaum erwarten konnte und bis in die Nacht
Oleandern der in Leidenfrost nun auch den Unsterblichkeitsläugner gleich
persönlich kennen gelernt hatte mit Schilderungen über das Leben und die
Talente dieses Sonderlings für seinen humoristischen Freund erst langsam
gewinnen musste
Dreizehntes Kapitel
Der Häckselschneider
In Ackermanns größtem Zimmer war eine Familientafel hergerichtet Selma und
Fränzchen hatten vollauf zu tun den wirtschaftlichen Verpflichtungen heute
würdig zu entsprechen Eine Hausfrau die Frau Pfarrerin sollte heute ihrer
Hände Werk ihre Anordnungen ihre Wirtschaftlichkeit prüfen
Heute kam für Fränzchen der Onkel von der Jagd recht unerwünscht obgleich
er Wildpret brachte Er musste sichs auch gefallen lassen dass sie ihm sagte
Onkelchen heute haben wir großen Besuch heute gibts viel zu schaffen
Nun sagte Heunisch ich wollte mich ein bisschen ruhen Dann sprech ich
einmal bei dem Alten vor Ich höre ja zu Weihnachten wird der Heinrich
herüberkommen und ein paar Tage auf Urlaub hier zubringen
So sagte Fränzchen gleichgültig und half der brummenden Liese den Grünkohl
verlesen
Ich sprach neulich den Alten auf dem Amt wo die Papierschreiberei kein Ende
nehmen will
Fränzchen hörte gar nicht
Wegen der Teufelsgeschichte in meinen vier Pfählen die Alte soll aufs
Amt und will nicht So hab ich um jedes Und und Aber eine Scheererei
Guten Morgen Herr Heunisch klang eine zarte Stimme
Es war Selma die in der Wirtschaft schaltete und rasch an dem in der
warmen Küche sitzenden Forstmann vorüberging
Guten Morgen Fräulein wie behend geht Ihnen das Alles von der Hand
Da war heute aber kein Stillstand keine Gelegenheit zum »Schnacken«
Heunisch wurde bald da bald dort incommodirt sodass er zuletzt merkte er
incommodire selbst und beschloss den Alten nebenan zu besuchen
Hast ihn denn noch immer nicht gesprochen fragte Heunisch seine Nichte
Heute wirds geschehen müssen sagte Fränzchen seufzend Ich muss ihn um Eier
bitten und wenn ers gut meint auch noch um drei Hühner dazu Wir sind noch zu
wenig eingerichtet Die Liese muss die Hasen spicken Da will ich einmal selbst
mein Glück versuchen
Wetter Nun bin ich begierig sagte Heunisch Nun gehe ich voraus und
recognoscire das Terrain Komm gleich nach O da bin ich kurios Adjes Liese
Der Hase ist nicht zu jung und nicht zu alt grade wies am Feuer sein soll
Die Liese achtete heute nur auf ihre Töpfe und Pfannen und Spicknadeln und
hörte kaum was um sie gesprochen wurde
Heunisch ging und stöberte wirklich den alten Brummbär auf dem Häckselboden
auf wo er meist selbst angriff und für seine acht stattlichen Rosse Häcksel
schnitt
Der Jäger hatte eine Lockpfeife die der Bauer schon kannte Er pfiff an den
Scheunen da er schon den regelmäßigen Schnitt vom Häckselboden hörte
Guten Morgen hieß es oben rundweg als Heunisch in den unteren Heuschober
eingetreten war Solls was
Zum Wetter ist das ein Willkommen
Ich schneide Häcksel
Hör ich
Gibts was Neues
Euer Nachbar hat die Maschinen gekriegt
Wohl bekomms ihm
Auch eine Häckselmaschine
Gleichfalls
Die eisernen Dinger sehen so klug aus wie Puterhähne die sich in die Brust
werfen Wenn ich sie so klappen und stöhnen höre ists mir fast als wären sie
lebendig
Meine alte Häckselbank da schläft auch nicht
Ritsch Ratsch sagte Heunisch und ahmte das Schneiden nach ärgerlich dass
dieser Dialog so ganz par distance vom Boden herab und von unten hinauf
geschrien wurde Ihr seid fleißig Sandrart Werdet Ihr Euch denn die
Maschinen nicht einmal ansehen
Nein
Sie sind possierlich
Glaubs
Der Nachbar macht Euch Alle tot
Wir wollens erleben
Hört doch auf Zum Donnerwetter Seht doch ein bisschen runter Was sagt Ihr
denn zur Franziska
Franziska Was ist Das Auch so eine eiserne Bestie
Ritsch Ratsch Der Bauer schnitt ruhig seinen Häcksel weiter
Seid Ihr toll ich meine meine Nichte Sie ist ja beim Nachbar Ihr seid
kein freundlicher Nachbar
Ich sehe nicht in andrer Leute Töpfe
Indem mehrte sich die Szene Fränzchens inzwischen erfolgte Ankunft hatte
Heunisch am Gebell der Hunde und dem Knarren des Torwegs erraten
Ja sagte eben eine alte Weiberstimme hinter Heunisch der dabei durch die
Bodenluke sah von welcher eine Leiter in die Scheune herabführte Ja aber
andre Leute sehen in unsre He Sandrart
Wie so Jungfer Rosine fragte Heunisch sich umwendend
Die Regentin des Sandrartschen Bauernhofes berichtete dass die Mamsell von
drüben da wäre und um ein Dutzend Eier bäte und wenns möglich wäre auch um
drei Hühner
Oben war Alles still auch die Häckselbank schwieg
Ein Dutzend Eier wollen sie drüben und wenns möglich wäre drei Hühner
wiederholte Jungfer Rosine kreischend weil sie glaubte der Alte oben hätte den
Wunsch nicht verstanden
Ein Dutzend Eier Sandrart und wenns möglich wäre drei Hühner
wiederholte Heunisch
Ich höre schon schrie der Bauer
An seiner Stimme merkte man seinen Zorn und den geschmeichelten Übermut
Rosine die die abschlägige Antwort voraus wusste grinzte verschmitzt und
wollte schon mit den Holzschuhen davonklappen
Indem hüpfte Fränzchen herein im wollenen Kleidchen ein Mäntelchen
übergeworfen zwei Körbe in der Hand erwartungsvoll nicht ohne Hoffnung
Nun rief sie in die Scheune tretend ist der Herr Nachbar so gütig
Die Mamsell betonte Rosine die Leiter hinauf
Sandrart statt aller Antwort fing wieder an Häcksel zu schneiden
Die Mamsell schrie Rosine
Wer Welche Mamsell rief der Bauer Das Fräulein Mamsell
Rosine antwortete höhnisch
Die Kammerjungfer
Meine Nichte wenn Ihrs wissen wollt ergänzte Heunisch mit Nachdruck und
stieg eine Sprosse an der Leiter höher indem er mit der Flinte auf die
Bodendecke klopfte
So rief der Bauer Kompliment an den Nachbar Es geht auf Weihnachten Mein
Sohn kommt Wir brauchen da das Unsrige Vielleicht legen seine Maschinen Eier
Fränzchen begriff so viel Grobheit nicht
Und unsre Hühner fuhr die Magd fort sind unsre Kinder die würgen wir
nicht unnütz
Alte Gluckhenne polterte der Jäger und stieß mit dem einen Fuß rückwärts
wenn die Hühner nicht mehr legen macht Ihr Euch auch nicht Suppe davon He
Sandrart He Euer Nachbar hat Gäste Ihr werdet doch nicht so ungefällig sein
Der Teufel nein Solls denn immer heißen Grob wie Bauernvolk
Sandrart kehrte sich an diese Wendungen nicht blieb ungefällig verweigerte
Hühner und Eier und schnitt wieder Häcksel
Der gereizte Jäger äffte ihm nach
Ritsch Ratsch Schneid Er Häcksel in Teufels Namen Geb Er Antwort
Alter
Sandrart schnitt Häcksel und die Rosine ging lachend aus der Scheune
Fränzchen konnte nicht umhin zu dem Onkel der wieder eine Sprosse
niedriger gestiegen war zu sagen
Sehen Sie da Onkel wie töricht Sie handeln mich zu einem Verhältnisse zu
zwingen wo ich das unglücklichste Wesen von der Welt wäre So achtet man mich
So verlangen Sie dass das Kind Ihres Bruders beschimpft wird
Und fast weinend aus Jammer über das Mittagsessen wollte sie schon mit
ihren Körben gehen und die traurige Nachricht dass sie leer komme heimtragen
Heunisch aber gedenkend wie notwendig heute vorerst die Eier waren wie
ferner sein Hase den er zur Tafel geliefert hatte doch nicht das einzige
Fleisch sein durfte das Herr Ackermann seinen Gästen vorsetzte hielt sie
zurück und rief laut dass der Alte oben der ruhig seinen Häcksel fortschnitt
es hören musste
Wäre der Heinrich hier Franziska der Heinrich der dich liebt der
Heinrich Sandrart Sergeant bei der dritten Kompagnie Leibregiment der zöge die
Plempe und ging in die Speisekammer und schlüge alle hundert Schock Eier die
da liegen in einen gelben Brei zusammen und im Hühnerstall dreht er allen
Hühnern die Hälse um
Dies Kraftwort unterstützt durch das Pochen der Flinte am Heuboden
bewirkte dass der Alte oben zwar nicht antwortete aber doch mit
Häckselschneiden innehielt und sich die Möglichkeit einer solchen von seinem
Sohne vorausgesetzten Eierverwüstung still überlegte
Abscheulich fuhr Fränzchen weinerlich fort Wir brauchen die Hühner zu
einem Ragout Selma hat das Dutzend Hühner das sie sich erst drüben angeschafft
haben zu lieb und will keines schlachten lassen und hier gackerts von Morgen
bis Abend dass man sich die Ohren zuhalten möchte
Ich möchte nun gleich fuhr der Jäger zornig fort ich möchte nun gleich
hier die Leiter nehmen und sie zusammenrütteln dass der Alte mit samt der
Häckselbank durch die Decke fiele
Er tat Das auch selbst auf Gefahr in eigener Person herunterzufallen
Nein nein wir müssen uns aufs Bitten verlegen flüsterte Fränzchen Ich
kann so nicht zurückkommen Wir müssen gute Worte geben Haltet einmal die
Leiter Onkel Hält sie auch fest
Heunisch erfreut von dieser vielleicht folgenreichen Wendung sprang herab
Fränzchen stieg einige Stufen empor und rief zur Öffnung hinauf
Herr Nachbar
Heunisch dachte Nun woll er sehen was kommen würde
Keine Antwort auf den zarten schmeichelnden Gruß
Tu ihm schön flüsterte der Onkel der wohl einsah dass dies der einzige
Weg der Eroberung war
Ihr habt so viel tausend Eier sagte sie wir wissens und hundert Hühner
im mindesten ein Kompliment von Herrn Ackermann guten Tag Herr Sandrart
Der Alte statt aller Antwort ohne sich an die Bitte zu kehren ohne sich
nach dem niedlichen Köpfchen das schon durch die Luke hindurchsah umzuwenden
fing wieder an Häcksel zu schneiden
Fränzchen stieg nieder und schluchzte fast vor Zorn und beleidigtem Stolz
Sie hatte dem alten »Ekel« wie sie ihn mit städtischem putzmacherischen
Ausdruck nannte geschmeichelt sie war ihm fast aus der Ferne wenigstens um
den Bart gegangen und nun stand der oben in seiner kurzen Jacke und seiner
Pelzmütze und schnitt Häcksel und hörte nicht und lachte in sich hinein voll
Übermut
Wart Fränzchen flüsterte der Jäger Ich hab jetzt einen andern Gedanken
Wir wollens anders machen Du kriegst die Eier und die Hühner auch
Damit hielt er Fränzchen die schon gehen wollte zurück und begann nun
laut und vernehmlich dass es der Alte hörte
Fränzchen lass gut sein Der Heinrich kommt zu Weihnachten der Heinrich
der
Ach geht mit dem Heinrich sagte Franziska in natürlichster Regung
Willst du wohl flüsterte Heunisch und nun wieder laut Was Heinrich
Sandrart Nicht wahr Das ist ein schmucker Junge Da soll Kuchen gebacken
werden Darum spart er die Eier Aber was macht sich denn so ein Sergeant aus
Kuchen Der der hat Höflichkeit du weißt ich sagts ja damals gleich nach
der Parade
Ach was Parade Ich will hinüber unterbrach Franziska die auf des Onkels
List nicht eingehen mochte
Pst flüsterte dieser hielt sie fest und fuhr laut fort
Musjöh sagt ich auf der Parade Heinrich was bist du gewachsen Als ich
dich im Walde attrapirte und du mir einmal die Brombeeren maustest die ich
selber gern esse was warst du ein winziger Knirps und nun wo du Andre
fuchtelst bist du ein rechter Sappermenter Ja wie du die Rekruten zurecht
setzest Nicht wahr Fränzchen wir habens gesehen wie der Rekruten zustutzt
Der alte Bauer hörte schon lange zu häckseln auf und horchte
Fränzchen die die Wirkung merkte widersprach nicht mehr sondern ließ den
Onkel seine Späße fortsetzen
Der Major von Werdeck ritt vorbei und sagte Heunisch flüsterte Wenns
auch nicht wahr ist Sandrart sagte er Sandrart Er ist ein ganzer Kerl Sein
König kann sich auf ihn verlassen Er hat die sauberste Uniform die nettsten
Handschuhe und das beste Lederzeug
Das Lob schallte im ganzen Heuboden nach Der Jäger nahm den Mund so voll
dass der Bauer oben wirklich Anteil nahm und auch laut sagte
Ho Ho
Wie so hoho sagte Heunisch und stieg auf die Leiter Wie so hoho Was will
Er da oben mit Hoho Was weiß Er Er Häckselschneider Was weiß Er vom König und
wen der lieb hat Schneid Er Häcksel
Alles erlogen rief der Bauer schon lachend
Warum erlogen polterte Heunisch und stieg noch höher dass sein Kopf bald
durch die Bodenluke kam Was erlogen Der Major liebt den Heinrich und sagt des
Tages zehnmal zu ihm Sandrart Er gefällt mir
Ho Ho Der Major sagt »Sie« zum Heinrich
Ach das weiß ich ja polterte Heunisch was wollt Ihr denn Er oder Sie
Wollt Ihr grober Bauer mir einem Jäger der Soldat war sagen wie ein Major zu
einem Freiwilligen sagt Was wisst Ihr denn da an der Häckselbank Alter Grobian
Heinrich ist ein Freiwilliger Er ist mit mir Arm in Arm gegangen wie er vom
Appell kam und in einen Weinkeller sind wir gegangen und ich habe zu ihm gesagt
Junge was hast du für einen Schnurrbart gekriegt hab ich gesagt und er hat
gelacht und gesagt
Er würd ihm noch ganz anders wachsen wenn er erst Feldwebel würde und
Feldwebel muss er werden und er wirds und der König wills
Ne ne hieß es jetzt oben mit einer Stimme wie wenn man den Bauer
gekitzelt hätte
Warum wills der König nicht schrie der Jäger und war mit dem Kopfe durch
die Bodenluke
Ne Ne sagte Sandrart fast kichernd
Antwort Warum will der König so einen Feldwebel nicht Was
Der Bauer lachte
Diese Stimmung rasch benutzend sagte Heunisch polternd
Hier will der Nachbar ein Dutzend Eier haben Aber ich wette hundert er
wird Feldwebel
Er warf dies so hin als unterbräche diese Störung nur die wichtige
Unterhaltung über das fernere Avancement des Sohnes
Er wird nicht Feldwebel er soll es nicht schmunzelte der Bauer Er kommt
nach Hause
Er solls nicht wenn ich Euch aber nun beweise dass der Major gesagt hat
Donner so lass mir meine Beine in Ruhe Franziska Mit deiner Bettelei
Rose rief der Alte jetzt oben aus dem schmalen Fenster in den Hof Ein
Dutzend Eier für den Nachbar
Ich sage aber fuhr Heunisch fort während Fränzchen glückselig in den Hof
lief und der dort lauernden Rosine wiederholte was sie eben zu ihrem Erstaunen
aus dem Luftloch des Häckselbodens vernommen hatte ich sage aber der Heinrich
muss Soldat bleiben Heinrich sagt ich ihm dein König wills und die
Flötenblaserei ist nichts für einen Soldaten der du bleiben sollst dein
Lebenlang bis zum General
Ach Ach sagte der Alte oben ablehnend und die Finte merkend und wollte
wieder Häcksel schneiden
Nein fuhr Heunisch der die Stufen der Leiter nun ganz hinaufklomm
polternd fort nein Er bläst die Flöte Er bläst sie wie der beste Hautboist
nur die Flöte blasen kann Er hat was gelernt das muss wahr sein und es ist
wahr allein aber einem Feldwebel denk ich denn doch auch einem Feldwebel
steht es wie jedem andern Menschen wenn er sagen kann Mein Vater hat was an
mich gewandt mein Vater ist reich mein Vater kanns tun wir haben hundert
Hühner im Stall und schenken weg was wir nicht brauchen wie die Kastanien und
wir bleiben Soldat
Sandrart der Bauer lachte jetzt übermäßig und rief
Ne Ne
Hier will Euer Nachbar drei Hühner bemerkte Heunisch wie gleichgültig und
das Wort so hinfallen lassend Warum soll Heinrich nicht Soldat bleiben Sein
König wills Ich weiß es der König hat schon manchmal gefragt Wer ist der
schöne junge Mann der bei der Parade immer so gerade marschirt und die beste
Uniform hat Dass dich der Teufel Fränz da unten mit deinen Eiern und den
verfluchten Hühnern
Rose
Sandrart riefs von unten
Die schwarze legt nicht mehr
Die bunte
Die schwarze sag ich und die bunte und die gesprenkelte auch nicht
O o die gesprenkelte
Ich sage sie legt nicht Donnerwetter Die schwarze die bunte und die
gesprenkelte schickt sie herum und lasst guten Appetit wünschen und ein
Kompliment Aber mein Sohn gehört mir und nicht dem König
Fränzchen folgte mit Jubel der zornigen Rosine in den Hühnerstall In einem
Korbe hatte sie die Eier in den andern kamen die drei Hühner
Also warum kam der Bauer jetzt von der Häckselbank an die Dachluke sodass
sich Heunisch etwas zurückzog Mir soll Eins kommen und sagen Der Heinrich soll
immer Soldat bleiben Er hat seinem König gedient und nun gut damit Jetzt soll
er wieder seinem Vater dienen
Wills sein Vater A la banne heure Das ist was Andres Dann sagt ich aber
auch fuhr Heunisch fort und wollte nun gleich auch seinen andern Vorteil
wahrnehmen
Was habt Ihr gesagt
Dann sagt ich aber auch gleich Heinrich nun heiratest du
Das kann er
Das kannst du Junge sagt ich im Weinkeller und er wollte nicht dass ich
bezahlte Ich hatte straf mich Gott ich hatte meinen Lederbeutel schon in der
Hand aber der Junge wollte nicht und ich sagte Das kannst du
Das kann er
Und weil du doch einmal die Franziska Heunisch dem alten Jäger seine
Nichte gern hast
Wen
Und weil sie dich wieder gern hat
Was
Jetzt legte sich Franziska die in dem Korb die verdutzten Hühner festhielt
und dem Onkel ihren Triumph zeigen wollte ins Mittel und wollte mitsprechen
Heunisch hielt sie aber zurück legte rückwärts die Hand auf ihren Mund und
fuhr fort
Und weil dein Vater alt ist und sich zur Ruhe setzt und dein Mädchen in der
Nähe ist sich auf Wirtschaft versteht keine Stadtmamsell ist von Eiern und
Hühnern Was versteht
Nichts nichts da fiel Sandrart ein und ging von der Luke an die
Häckselbank
Da Fränzchen steig auf die Leiter gib dem alten Schwiegerpapa dein
Pätschchen so sammetweiche Händchen hat er sein Lebtag nicht in seiner alten
Lederhaut gehabt komm Kind da Alter hier dankt Eins für die Hühner und
für die Eier
Heunisch zog Fränzchen wider Willen auf die Leiter empor und fasste ihre
Hand um sie dem Alten hinzuhalten
Da kam aber der Bauer mit raschem Schritt so dahergefahren dass Heunisch
selbst erschrak
Nun rief er Ausgesöhnt
Oben hieß es mit zorniger Stimme
Kopf weg
Und krachend fiel die Bodenklappe über der Leiter so zu dass diese zitterte
und bebte und Heunischen fast der Hut wäre eingeschlagen worden Der Bauer
machte kurzen Prozess
Fränzchen hüpfte aber schon fröhlich zu Ackermanns hinüber und achtete
Heunischs nicht der nun wirklich zornig wurde an der Klappe stieß und
rüttelte mit der Flinte drohte und dem Bauer einige Dutzend reeller
Donnerwetter an den gierigen Hals wünschte
Wart Dir kommts doch noch einmal übers Dach Du grober impertinenter
Kerl
Sandrart schnitt wieder Häcksel und Heunisch musste von dannen gehen zornig
auch über Fränzchen und die ganze Wirtschaft bei Ackermann die ihm deutlich
genug zu verstehen gegeben hatte dass er ihr wenn er jetzt wieder käme heute
nur im Wege wäre
Ärgerlich brummend stopfte er sich die Pfeife und ging da es zu regnen
aufgehört hatte in den Wald zurück zu seiner lieben Ursula seiner teuren
Einzigen die es in der Welt doch nur allein »gut mit ihm meinte«
Vierzehntes Kapitel
Berichte aus der Residenz
Die Eierspeisen der Hase die als Ragout bereiteten Hühner schmeckten der
zahlreichen munteren Gesellschaft vortrefflich Leidenfrost der Ackermanns und
Selmas Bekanntschaft mit Vergnügen erneuerte und viel über deren Knabentracht
scherzte brachte seine Begleiter Alberti und Heusrück mit die am Tische wie
die Andern Anteil nehmen sollten und es auch ihres Betragens wegen verdienten
Erinnern Sie sich noch des Hünen Danebrand sagte Leidenfrost zu Ackermann
Wie er der Louise Eisold zu Gefallen auf dem Fortunaball eine kleine Schlacht
lieferte deren Folgen glücklicherweise damals mit dem liebevollen Mantel der
»Anarchie« zugedeckt wurden
Fränzchen errötete und wagte nicht die entfernteste Frage nach Louise
Eisold
Was ist aus dem Hackert geworden fragte Ackermann der sich des Vorfalls
wohl entsann und auch der Begleitung jenes ihm damals nicht willkommenen
Gesellschafters vom Heidekruge her
Polizeiagent vorläufig sagte Leidenfrost Die rechte Hand des
unternehmenden Pax der in Entdeckung von Demagogen und Jesuiten seines Gleichen
sucht Nur hör ich dass die Entdeckung der Erstern vom Hofe gern gesehen die
der Letzteren aber für übereilten Amtseifer erklärt wird
Jener Hackert erschien mir damals weit mehr ein Gegenstand als ein Werkzeug
der Polizei bemerkte Ackermann
Jetzt nachtwandelt er durch die Klubs fiel Leidenfrost ein Pax hat ihn zum
Aufseher aller Vereine gemacht Ich fürchte dass ihn einmal vor den Schlägen
die er da ernten kann weder Louise Eisold noch Danebrand rettet
Man kam von diesen Gesprächen ab und nahm Veranlassung über die politische
Lage des Augenblicks im Allgemeinen zu sprechen
Leidenfrost hatte kein Hehl dass die Revolution ihm jetzt erst in ihre
rechte Entwickelung zu treten schiene
Wenn wir so forttaumeln wie jetzt sagte er kommt ein tolleres
Hagelwetter als wirs schon hatten Wir befinden uns hier leider auf Fürstlich
Hohenbergischem Boden sonst würd ich offen meine Meinung sagen
Ackermann forderte den Gast auf sich keinen Zwang anzulegen Wenn er in
seinen Ansichten zu weit ginge würde er an diesem Tische nicht nur ein Zentrum
sondern sogar er warf einen lächelnden Blick auf Oleander eine äußerste
Rechte finden
Leidenfrost schoss einen prüfenden Blick auf den Vikar der die Antwort nicht
schuldig blieb sondern entgegnete
Ich halte mich für unfähig über Politik zu streiten da ich zu wenig von ihr
verstehe Dennoch glaub ich dass jeder Staatsmann der jetzt ans Ruder kommt
die Verpflichtung hat die Devise Eile mit Weile zu seinem Motto zu wählen
Von Seiner Durchlaucht begann Leidenfrost mit sichtbarer Ironie von Seiner
Durchlaucht einen so praktischen bescheidenen aber doch zu gewöhnlichen
Gemeinplatz vorauszusetzen heißt den hohen Genius verkennen Dieser Staatsmann
den zwar einige Karicaturen mit einer Rute die Fibel in der Hand als
gewöhnlichen Schulmeister darstellen ist vielmehr ein neuer Johannes der uns
auffordert in die Wüste zu ziehen und von Heuschrecken zu leben Ich will nicht
sagen dass er uns selbst das Beispiel der Enthaltsamkeit gibt Seiner
Durchlaucht lieben die Welt und ihre Freuden Aber dem Volke gönnt er nicht mehr
oder weniger als eine Art Fastenkost besonders in geistigen Dingen Es ist der
Priessnitz unsres Staates Er mutet uns eine Wasserkur zu Enthaltsamkeit und
geistige Diät Die neuen Wahlen haben aber gezeigt wie entzündlich noch unsre
Zustände sind Wir werden neue Douchen bekommen kalte Übergüsse oktroyirte
Gesetze Ich sehe unsren Staat schon so frisch und gesund wie einen Hecht im
Wasser zappeln
Können Sie bestreiten fiel Oleander ein dass es ein Glück wäre wenn die
Sucht Politik zu treiben auf ein gewisses Maß zurückgeführt würde und man die
Politik Denen überliesse die die nächste Veranlassung dazu haben
Aha war Alles was Leidenfrost unartig genug darauf erwiderte Er sprach
dies Wort mit großer Bitterkeit und verletzte fast die gemütliche Stimmung der
kleinen Tafel
Einer Aufforderung weiter vom Zustande der Dinge in der Residenz zu
sprechen genügte er nicht sondern verwies auf die Zukunft die Vieles zur
Reife bringen würde
Siegbert erstaunte den alten kaustischen Freund so überreizt zu finden Er
schloss daraus wie es wohl in der Residenz aussehen mochte und hatte nicht den
Mut nach seinem Bruder zu forschen fast aus Besorgnis Leidenfrost möchte mit
ihm zu vertraut geworden sein Überhaupt brachte er bei Ackermann nie die Rede
auf seinen Bruder Er hatte die Rolle die er diesen Sommer auf dem Schloss
spielte nie gebilligt und mochte die Abneigung die Selma gegen seinen
sittlichen Wert verriet nicht vermehren Es wurde ihm nie von Herzen wohl im
Ullagrunde
Ackermann besonnen und gewiegt wie immer löste die Spannung mit den
Worten
Stoßen Sie an auf das schöne Prinzip das Egon ausgesprochen hat und in dem
wir uns wenn auch mit sonst abweichenden Meinungen gewiss Alle vereinigen
werden Auf die heiligen den Menschen wahrhaft freimachenden seinen Geist
wahrhaft läuternden Pflichten und Rechte der Arbeit
Alberti und Heusrück waren es besonders denen Ackermann sein Glas
entgegenhielt Sie standen auf und stießen bescheiden an Auch Leidenfrost
beherrschte sich zumal da er sah dass die liebliche Selma bei des Vaters ihr
selbst überraschend klingenden Worten aufstand ein Wasserglas ergriff sich von
dem neben ihr sitzenden Siegbert Wein ausbat und mit anstieß Sie sagte in
fröhlicher Laune
Das gilt auch uns Auch wir wollen Rechte im Staat erobert durch unsre
Wirksamkeit in der Küche Wenn Ihnen aber diese Omelettes ganz besonders
schmecken und ein noch später im dritten Akte unsres Dramas auftretendes
Hühnerragout Ihren Beifall finden wird so gebührt die Anerkennung für diese
Leistungen in der Kochkunst der List und Verschlagenheit unsres Fränzchens die
heute Eier und Hühner vom Nachbar nicht ohne Mühe gewonnen hat
Selma erzählte hierauf zum Ergötzen der Tafel wie der Onkel Heunisch und
Franziska vom alten Sandrart diese Vorräte eroberten
Bei Erwähnung des Majors von Werdeck warf Leidenfrost einen bedeutungsvollen
Blick zu Siegbert hinüber Dieser erriet sogleich worauf dieser Wink zielte
und fragte Leidenfrost was es denn sonst für Neuigkeiten über die
gemeinschaftlichen Bekannten gäbe
Unter diesen antwortete Leidenfrost etwas zurückhaltend hat sich gar
Vielerlei ereignet Frau von Trompetta unsre Gönnerin hat sich entschlossen
gegen den Hof in eine gewisse aus unerhörter grenzenloser Liebe schmollende
Opposition zu treten und die Lotterie in der das Getsemane ausgespielt werden
soll
Siegbert erklärte Ackermann und Oleandern was sie unter dem Getsemane zu
verstehen hätten
Soweit auszudehnen fuhr Leidenfrost fort dass auch noch andre Gegenstände
dabei zur Verloosung kämen und sich eine Einnahme beschaffen ließe groß genug
um ein Kanonenboot für die deutsche Flotte zu kaufen Sie ist von der
Landesfarbe zu der des gemeinsamen Vaterlandes übergegangen und trägt schwarz
rot gold Dies hat einen Bruch mit Fräulein Wilhelmine von Flottwitz
veranlasst Ihre Farben ihre Gesinnungen harmoniren nicht mehr zur großen
Freude der meisten Gesellschaften die dadurch vor gewissen makkabäischen
Duetten bewahrt bleiben Die Flottwitz die leider täglich blonder wird setzt
ihre Bekehrungsversuche mit Ihrem Bruder Dankmar fort der jedoch bei seinen
Studien über römisches und germanisches Erbrecht zu wenig Zeit hat sich in die
Separatgeschichte der einzelnen Truppenteile unsrer Armeen und die tiefe
Bedeutung der Achselklappen und der Patrontaschen zu verlieren Der Reubund hat
sich in zwei Fraktionen gespalten Die eine mit der Bundeskasse die andre ohne
Bundeskasse Äusserlich heißt es Der Eine will die neue Verfassung beschwören
weil es der König und das Vaterland verlangten der Andre will aber dem König
noch eine größere Reue zeigen und den Schwur auf dieses »Blatt Papier« als
unverbindlich darstellen worüber natürlich in den »kleinen Cirkeln« viel
Tränen der Rührung und Verlegenheit vergossen werden zumal da sich so viele
Gelehrte fromme Offiziere und mystische Beamte bereit erklärt haben zu
beweisen dass Eide für die Fürsten doch immer nur unter Umständen heilig sind
aber wie gesagt die Spaltung beruht auf Kassendefizits und einer wie
wenigstens Freund Werdeck versichert tief eingerissenen Differenz über die
zweckmässigere Einrichtung einer BrautpaarAussteuerkasse verbunden mit einem
stillschweigenden Heiratsbureau Der Bruch wurde unheilbar als die eine Frau
Meisterin vom Stuhl für ein neues gelbseidnes die andre für ein violettes die
Aufmerksamkeit der Loge ausschließlich in Anspruch nahm Seitdem hat man neben
dem alten einfachen Reubund nun noch einen Bund der doppelt Bereuenden Vom
Propst Gelbsattel lieber Wildungen soll ich Sie grüßen Er ist entzückt dass
Sie die Schönauer so entzückt haben Er verfällt immer mehr mit dem Staate der
Gegenwart auch mit dem Staate des Fürsten Egon Die Unabhängigkeit der Kirche
vom Staate und die Abhängigkeit der Schule von der Kirche ist in dem Grade jetzt
sein Steckenpferd dass es eine ganz harmlos hingeworfene und unschuldige Phrase
geworden ist von ihm zu sagen er hielte es mit den Jesuiten Der General
Voland von der Hahnenfeder der im Stillen doch die wahre äußere und innere
Politik unsres Staates leitet und wie Viele behaupten vom Papste die Mission
hätte ihn durch Überanstrengung seiner Kräfte zu ruiniren wofür man ihm da er
ohnehin dunklen Ursprungs ist einen Platz unter den Heiligen des Kalenders
zugesichert hat ist sehr mit Gelbsattel intim doch sollen sie in dem
Verhältnisse zu einander stehen wie Hegel zu seinem besten Schüler Gelbsattel
hat General Voland gesagt Gelbsattel ist der Einzige der mich verstanden hat
aber auch Gelbsattel hat mich misverstanden Otto von Dystra bei dem ich die
Ehre hatte den gelehrten General kennen zu lernen
Otto von Dystra horchte Ackermann auf
Ein amerikanischer Republikaner der über Sibirien zur Freiheit kam
bemerkte Leidenfrost
Ganz recht sagte Ackermann Republikaner Monarchist je nachdem er
geschlafen hat
Eine sonderbare Charakteristik bemerkte Siegbert Olgas gedenkend und mit
Spannung
Otto von Dystra fuhr Leidenfrost zu Siegbert gewandt fort ist sehr
begierig Ihre Bekanntschaft zu machen
Meine Bekanntschaft fragte Siegbert Woher kennen Sie ihn denn
Ich ihn Er mich sagte Leidenfrost sich komisch verwundert stellend
Wissen Sie nicht dass Otto von Dystra Alles aufsucht was berühmt ist Bin ich
nicht der berühmte Leidenfrost Der Techniker Der Matematiker Der Maler Der
Michel Angelo in Taschenformat Oder vergessen Sie Freund dass ich einst seine
Kleider und Schuhe putzte und ihn in phrenologischen Studien unterstützte
Ackermann erinnerte sich der Gespräche in jener Nacht auf der Willingschen
Maschinenfabrik
Er suchte ja auch Sie sogleich auf fuhr Leidenfrost zu Siegbert gewandt
fort und nicht etwa weil die Fürstin Wäsämskoi von Ihnen an den Rand des Grabes
gebracht wird
Leidenfrost drohte Siegbert empfindlich
Selma blickte erstaunt zur Seite und hatte unwillkürlich das Gefühl als
müsste sie von Siegbert abrücken Sie konnte es da die etwas plumpe Bedienung
der Mägde mit den Saucen nicht besonders vorsichtig umging
Nein deswegen nicht fuhr Leidenfrost einlenkend fort sondern aus
Interesse für den Maler des Jakob Molay
Ackermann bemerkte dass er Otto von Dystra als einen Freund jedes Talentes
kenne und erzählte Manches von seinen seltsamen Neigungen um von der Höhe
seines Reichtums und seiner exclusiven Stellung zur wahren Menschlichkeit
herabzusteigen Er führte auch an dass er ihn bei einer Fusswanderung am
Missouri in Begleitung eines talentvollen Kupferstechers Namens Morton hätte
kennen lernen
Wie sehr er Siegbert Wildungen schätzt ergänzte Leidenfrost mit einem
eigentümlichen sarkastischen Ausdrucke beweist dass er Ihnen hier durch mich
schon einige Zeilen übersendet
Leidenfrost zog einen Brief aus der Brusttasche und überreichte ihn
Siegbert der fassungslos vor Erstaunen den Brief betrachtete die französische
Aufschrift las und ihn erbrechen wollte
Bitte sagte Leidenfrost hastig lesen Sie ihn für sich Er ist zu lang Es
liegt eine dicke Schreibübung aus Rom darin Wenigstens sagte mir Otto von
Dystra dass Ihnen Olga Wäsämskoi wahrscheinlich zeigen wolle welche
Fortschritte sie zu Rom in der Kalligraphie mache
Siegbert saß auf glühenden Kohlen Ein Brief aus Rom Ein Brief von Olga
Übersandt durch ihren gezwungenen Verlobten den seltsamgeschilderten Baron von
Dystra Er steckte den Brief uneröffnet ein trug aber durch die gewaltige
Aufregung die sich in seinen Mienen aussprach viel dazu bei die ängstliche
Beklemmung die Selma vor einem so fortwährend mit Frauen in zweideutiger
Verbindung genannten Manne empfand noch zu vermehren Es liegt einmal in reinen
und stolzen Mädchenseelen die Abneigung vor Männern die ihr Geschlecht zu tief
erkannt haben begründet Sie wusste nicht wie unrecht sie dem guten Siegbert
tat der im Grunde wenig dafür konnte dass er wie Dankmar sagte eine Art
Meister Frauenlob war
Leidenfrost blieb im Zuge seiner Mitteilungen
Heinrichson sagte er ist in Rom und malt Grotten und Nymphen Reichmeier
portraitirt und spekulirte auf ein Tableau unsrer Deputirtenkammer kurz ehe sie
aufgelöst wurde Der Zorn darüber hat ihn fast demokratisch gemacht Sein Onkel
der Banquier hofft durch Egon zu einer Staatsanleihe befördert zu werden Frau
von Reichmeier Reichmeiers Schwester in diesen Familien heiratet sich immer
die Verwandtschaft überzwerg hat sich deshalb auch entschlossen mit einer
philantropischen Idee dem Hofe zu Gefallen zu leben und die innere Mission zu
befördern so wenig es ihrem Patschoulicharakter zusagt sich an die Betten der
Aussätzigen zu begeben und in die fünften Etagen zu den Armen steigen zu müssen
Doch hat sie nun einmal damit angefangen und sich vorläufig die Branche der
Kindergärten erwählt die sie protegirt Ich sah Frau von Reichmeier bereits
durch die Türritze eines solchen Kindergartens im Zimmer die kleinen Kinder
spielen lehren Beneiden Sie mich um diesen idyllischen Anblick Wildungen Die
Blasierheit jetzt unter Kinderwindeln Sie wissen gar nicht was Ihnen Alles
seither entgangen ist
Die Frau Pfarrerin wagte sich mit einigen Verteidigungsworten der
Kindergärten hervor wollte aber eigentlich die Rede nur auf ihren Mann bringen
den sie auch für ihre gute Meinung von den Kindergärten als Autorität anführte
Es lebe Jean Paul sagte Leidenfrost einsilbig
Was soll Jean Paul fragte man erstaunt
Ich denke mir meinte Oleander dass Herr Leidenfrost sagen will Jean Paul
wäre die Veranlassung einer zu großen Verhimmelung der Kinderseelen Wäre dies
der Fall dann hätte Jean Paul auch zuviel für die Blumen getan
Für die Redeblumen gewiss bestätigte Leidenfrost und gab die Beziehung auf
Guido Stromer zu erkennen Herrlicher göttlicher Jean Paul Du durftest aus
deinem Füllhorn die Blumen frühlingsweise werfen du wusstest sie zu binden und
zu ordnen und was daneben fiel als überflüssig du hattest es doch selbst
gezogen was du schenktest Aber was soll uns die wuchernde Überfülle des
Geistes die nur der Form nicht dem Inhalte der Wahrheit dient Seht diese
Geistreichen Wie sie sich recken und dehnen um wunderbare Figuren zu Stande zu
bringen und der grade schlanke Wuchs der Überzeugung fehlt Diese Menschen sind
unser Unglück All ihr Geist befruchtet nichts schafft nichts gestaltet
nichts Nicht einmal ein Gedicht kommt zu Stande mit ihren an Alles und Jedes
sich anpinselnden Wahrnehmungen Nein ich lobe mir die Einfältigen eher die
wissen was sie wollen als die Geistreichen die im Grunde nur afterreden und
wenns hoch kommt der Lüge dienend jede Meinung verteidigen wie zuletzt
Burke Gentz und Friedrich Schlegel taten
Die Frau Pfarrerin konnte natürlich nicht ahnen dass dieser Angriff ihrem
Manne galt der wie Leidenfrost flüsterte den Titel als Hofrat zu erhaschen
strebte Ackermann Oleander und Siegbert verstanden ihn sehr wohl und Siegbert
winkte Leidenfrost sich zu mäßigen
Warum sagte dieser Von den Einfältigen zu reden wissen Sie denn
Wildungen was aus Sr Excellenz dem Herrn Geheimrat von Harder geworden ist
Ich las es in den Zeitungen mit Erstaunen bemerkte Siegbert Intendant des
königlichen Theaters
Nicht wahr mein Freund sagte Leidenfrost scharf betonend Auch ein Ritter
vom Geiste Und die Ritter vom Geiste müssen ohne Zweifel ihre Don Quixotes
haben
Ackermann fragte mit forschender Miene
Welcher Herr von Harder ist das
Der weiland Intendant der königlichen Gärten Kurt Henning Detlev von Harder
zu Harderstein Er verlor die königliche Gnade sintemalen er allzu
dienstbeflissen das Mobiliar der Fürstin Amanda von Hohenberg zu Staatszwecken
verwandte um wie man nun allgemein weiß gewisse Denkwürdigkeiten der Fürstin
die sich in ihm vorfanden zu unterdrücken zu vernichten zu ecrasiren zu
annulliren was weiß ich
Weiß man Das fragte Siegbert erstaunt
Welche Denkwürdigkeiten bemerkte Ackermann aufhorchend
Dieselben Denkwürdigkeiten sagte Leidenfrost die die eigentümliche
Wirkung gehabt haben sollen den Fürsten Egon mit der schlimmsten Feindin seiner
Mutter Pauline von Harder zu ewigem Trutz und Schutz auszusöhnen
Ackermann hörte mit einem Interesse zu das nur bei der heitren Stimmung in
die Leidenfrostens weitre Erzählung die Gesellschaft versetzte unbemerkt
bleiben konnte
Dieser übertriebene Diensteifer sagte der humoristische Berichterstatter
verjagte den Geheimenrat aus dem Paradiese der königlichen Gärten und nicht
eher ruhte das Flammenschwert des Erzengels der Etikette und Kourtoisie bis der
Geheimrat sich hinter eine vom Prinzen Ottokar protegirte Tänzerin flüchtete
auf dem Theater ihr ein Armband überreichen wollte dabei in eine Versenkung
fiel und für das Armband als bestallter Mäcen der dramatischen Kunst und
Literatur wieder herausgezogen wurde Frau von Harder die mit Egon und Melanie
Schlurck Politik im großen Style treibt dankt Apoll und den neun Musen dass ihr
Gemahl eine so angemessene Beschäftigung gefunden hat und nun nur noch die
Künste und die Literatur verwüstet Die Schauspieler und Sänger jubeln wohl
denn sie haben einen Chef der nichts von ihrem Berufe versteht und wie unsre
Kunstzustände sind ist den Hofkomödianten dieses Regiment grade das
allerwillkommenste Die Dichter verzweifeln wohl allein die freien Entrées sind
so zweckmäßige an einige kritische Tonangeber verteilt dass auch die Literatur
in den Jubel der Kunst mit einstimmt und vor einigen Wochen die neue Ära der
Bühne unter den Ausspizien des Herrn von Harder begonnen hat Und wissen Sie
denn Wildungen dass ich an diesem Aufschwunge beteiligt bin
Man horchte auf
Se Excellenz haben mich auf Rat der Maler die sonst die Salons seiner
Frau besuchten auf Rat der Frau von Werdeck sogar sie bat mich später unter
Tränen um Verzeihung wegen dieser Erinnerung auf Berichte über das
Wäsämskoische Feuerwerk als malereigewandten Mechaniker und Techniker sogleich
beschieden mit ihm über eine neue Struktur der Versenkungen zu philosophiren
und ich gestehe Ihnen Wildungen dass ich bereits einen solchen Schatz von
Anekdoten über die dramaturgischen Kenntnisse Sr Excellenz des Herrn von Harder
gesammelt habe dass ich im Stande bin jede stille Pause unsrer künftigen
Lebenslaufbahn mit ihnen zu würzen Aber nun schweig ich meine Herrschaften
Ein fortgesetztes Rechtaben verspottet sich selbst Ich fühle dass ich zu sehr
den Schein bekomme mehr Vernunft haben zu wollen als Andre und ich weiß dass
man dann erst recht ein Narr ist wenn man die Weisheit felbst sein will
Leidenfrost wollte nun aufhören Aber Alle drängten um Anekdoten über Herrn
von Harder Leidenfrost verweigerte sie und erklärte jetzt zu schweigen
Ackermann fand ein Interesse daran wenigstens bei Melanie zu verweilen
grade als sollte Selma hören wie wenig Egon ihre Liebe verdiene
Wirklich knüpfte er an hat die Tochter des Justizrats so glänzende
Hoffnungen die Liebe eines Fürsten zu besitzen
Leidenfrost zuckte die Achseln und sagte nur
Ich weiß nichts Man erzählt zwei Äußerungen die jedoch nicht
stenographisch niedergeschrieben und durch körperliche Eide nicht bewiesen sind
Egon soll gesagt haben Fahrt wohl ihr Melusinen Ich habe die Frauen erkannt
die erst Göttinnen schienen und zuletzt nur Fische sind Die zweite
Leidenfrost stockte Er war zartfühlend genug zu beobachten dass der
Einblick in die große Welt und ihre wilde tolle zügellose Philosophie hierher
nicht gehörte
Allein Ackermann schien fast beflissen diesen Gegenstand in dem er selbst
tiefbewandert war nicht fallen zu lassen und bemerkte mit Schärfe
Nur heraus Jene erste Äußerung kam wahrscheinlich damals vom Fürsten als
er hörte dass Helene dAzimont in Rom sich bald durch Vergnügungen und neue
Wildheiten getröstet hat
Wissen Sie
Man hört dergleichen Hab ich nicht Recht
In der Tat äußerte sich der Fürst mit diesen Worten als er die Verleumdung
vernahm Helene dAzimont hätte in dem Maler Heinrichson für ihn Ersatz gefunden
Ja sagte Siegbert Die Welt lügt Das ist Verleumdung
Ganz recht antwortete Leidenfrost ich glaube es selbst nicht denn Andre
behaupten Olga Wäsämskoi liebe Heinrichson
Siegbert wollte aufspringen Das Messer zitterte in seiner Hand Er ließ es
fallen er konnte sich selbst nicht halten So gab er das Zeichen zum Aufbruch
und erlöste Selma deren Herz wallte und wogte wie ein dem Sturme naher See
von der peinlichen Dunkelheit aller dieser persönlichen Anspielungen
Ohne dass irgend Jemand Anderes als der Vater ihre Unruhe bemerkte stellte
sie die Stühle zurück wie in einem Zustande völliger Besinnungslosigkeit
Aber der Vater der ihre Neigung ersticken wollte ließ nicht nach
Die zweite Äußerung drängte er als es zum Kaffee ging und man sich die
Hände reichte
Ist die der schönen Melanie bemerkte Leidenfrost mehr zu Siegbert
hingewandt Sie sagte zu Ihrem Bruder Dankmar als sie ihm in einer Gesellschaft
begegnete Was Sie auch von mir hören werden Dankmar Wildungen beurteilen Sie
mich nicht früher ehe ich nicht wenigstens einen einzigen Augenblick mit Ihnen
hatte wie sonst Stunden
O das sagt ja Alles fiel Ackermann lachend ein Da müssen wir uns tummeln
des Fürsten Vertrauen zu verdienen und die Felder und Gärten zum Frühling und
zur Hochzeit schmücken Warum auch nicht Diese Welt der Adligen wie bunt geht
sie durcheinander Wo ist da viel Sitte viel Gesetz Dann und wann eine
Ausnahme dann und wann ein treues Leben Aber im Übrigen ein Chaos von
gebrochenen Herzen gebrochenen Schwüren wilden Leidenschaften Da werden
Frauen verkauft Gattinnen erkauft Scheidungen kommen und gehen Kinder aus
dreierlei Verhältnissen nennen sich Geschwister jede Grille wird durch den
Besitz ausgeführt Verschwendung Leidenschaft o ich sage Ihnen wer einmal in
diese Sphäre geriet und von ihren Schwingungen selbst hinund hergeschleudert
wurde den erfüllt ein solcher Zorn über dies Gewühl dass er wie Simson die
Säulen dieser Paläste fassen und sich samt den Tänzern und Musikanten unter den
Trümmern begraben möchte
Selma verließ das Zimmer Oleander fragte Leidenfrost nach des Propstes
Familie die er aber zu wenig kannte Ackermann bestellte bei Fränzchen mit
aufgeregten Worten den Kaffee und bot den Maschinenarbeitern mit denen er sich
wohl um sich zu dämpfen in technologische Unterhaltung einließ Zigarren an
Siegbert aber suchte einen einsamen Winkel zu gewinnen eröffnete Otto von
Dystras Brief und las mit Erstaunen
»Geehrter Herr
Ein unbekannter Verehrer erlaubt sich Ihnen den einliegenden aus Rom an
Jemanden gerichteten Brief mitzuteilen mit der Bitte ihn zu prüfen und bei
Ihrer Rückkehr das desfalls Notwendige genauer zu beraten Ich bemerke
vorläufig nur dass ich zu den Menschen gehöre die das Herz für einen leicht
zerbrechlichen Krystall nicht für einen Gummiball halten Mit Hochachtung Otto
von Dystra«
Erstaunt über diese Zuschrift fand Siegbert dann den Brief von Olga der
nicht an ihn sondern an Rudhard gerichtet war Etwas abgekühlt von seinem
heißen Drang steckte er ihn wieder ein wenn auch die Spannung und Neugier
dieselbe blieb
Selma kehrte zurück und musste da sie der Vater heute mit Gewalt
tyrannisirte Musik machen Leidenfrost flüsterte Siegbert zu dass er morgen
hier noch zu tun hätte aber schon den Abend kommen wollte um sich über
Vieles was sie näher beträfe zu unterhalten Übermorgen früh wollten sie dann
die Reise gemeinschaftlich mit den Arbeitern zurück antreten Siegbert war
einverstanden und versprach mit ihnen zu gehen
Die Frau Pfarrerin beeilte die Rückfahrt ihrer Kinder wegen Diesmal blieb
wieder Hedwig zurück Das Jüngste hatte sie nicht mitgenommen Siegbert und
Oleander mussten sich zur Trennung entschließen
Ackermann versprach noch morgen mit Selma Leidenfrost und die Arbeiter bis
Plessen zu begleiten wodurch denn der Abschied von Siegbert verschoben wurde
Als Leidenfrost Diesen an den Wagen begleitete flüsterte er auf den Vikar
deutend
Auf Den werden Sie doch nicht für unser vierblättriges Kleeblatt rechnen
Doch sagte Siegbert ernst und fest Es sähe gefahrvoll aus um die
Ritterschaft des Geistes wenn solche Gesinnungen nicht gewonnen würden
Leidenfrost Sie waren heute ein Kaktus Lassen Sie auch die Sinnpflanze gelten
Und wirkt denn mein Bruder fragte Siegbert dann noch beim Einsteigen
Vieles und Großes antwortete Leidenfrost
Fast erschreckend war diese Antwort Siegbert erkannte eine Gefahr Es war
ihm als schlüge plötzlich ein elektrischer Strahl aus den Wolken Er brannte
vor Verlangen dass der nächste Tag vorüber zwei Nächte vergangen wären und sie
Alle auf den ernsteren Schauplatz ihrer Lebensprüfungen zurückkehrten
Zwei Tage darauf verließen Siegbert und Leidenfrost mit den beiden Arbeitern
die Gegend Man gab ihnen noch das Geleite bis zum Gelben Hirsch und schied dort
voll Herzlichkeit und Hoffnung auf eine sie Alle wieder vereinende Zukunft
Fünfzehntes Kapitel
Des Sohnes Locke
Diese strebsamen jungen Männer Wie geistesfrisch Wie beneidenswert in ihrer
Jugend und Sorglosigkeit sagte Ackermann als er mit Selma allein von Plessen
nach dem Ullagrunde zurückfuhr
Selma schwieg und blickte durch die trüben Fenster des kleinen Wagens in die
öde von Nebeln verschleierte Gegend Noch vor einigen Stunden waren sie zu Fünf
diese Straße rasch dahin gerasselt Nun waren sie allein
Der Eine fuhr Ackermann fort ist fast zu scharf und läuft Gefahr mit
Hinneigung zu den Arbeitenden auch deren Art und Sitte anzunehmen Dem Siegbert
Wildungen wünscht ich die vornehmen Stände rückten etwas aus seiner Nähe und
überließen ihn jener Ursprünglichkeit und Kernnatur die mir in dem viel zu
wenig von ihnen erwähnten und doch sie alle zu beherrschen scheinenden jüngeren
Bruder Dankmar zu liegen scheint Wie dem auch sei es ist wahr Oleander ist
Denen gegenüber nur ein halber Mann
Selma war in der Stimmung Oleander zu verteidigen
Er wirkt doch wohltuend sagte sie Es ist doch Liebe und Herz in ihm
Jener Leidenfrost magst du seine Kenntnisse noch so rühmen stößt ab und
Siegbert ist flatterhaft eitel verwöhnt versteckt ganz und gar nicht
anziehend
Welche Beschuldigung
Wie bald hatte er den Kummer um seine Mutter vergessen
Mein gutes Kind Das was dem Leben des Mannes abgeblüht ist mag es noch am
Aste hängen oder schon abfallen ein kurzer Schmerz und die Wunde ist geheilt
Wir sterben nicht Alle so wie uns deine Mutter starb in dem vollen Bedürfnis
dass sie noch lebe Was ist diesen jungen Männern die in Angerode einsam lebende
Mutter gewesen
Du sprichst wärmer von ihr als dieser Sohn der mir kaum das schöne
Erinnerungsblatt zu verdienen schien das ihm Oleander noch aufgeschrieben
Wie ungerecht Wie streng Nein nein Selma Lies mir jene Worte vor die
du dir entlehnt hast Du hast Oleander glücklich gemacht durch diese Teilnahme
diesen Vorzug den du ihm schenktest
Selma zog ein Papier aus ihrem Kleide entfaltete es und las soweit die
Bewegungen des Gefährtes es erlaubten mit sichrer Stimme
O Mensch Das Wiedersehn Ein hehres Wort
Was lauschest du nicht seinem Wunderklange
Und horchst der heilgen Stille um dich her
Und redest du und klingt dein Mund voll Wohllaut
Warum nur frägst du nicht Was spricht aus dir
Was hauchte dir Musik in deine Kehle
Und lehrt dich reden jauchzen singen Tränen
Und Klänge sind es die ins Jenseits führen
Denn was sind Tränen und was ist Musik
Ach Hemme deinen Fuß und horche nur
Dem stillen Gottesfrieden der Natur
Wie feierlich beredtsam dieser Plan
Der zu den blauen Bergen grün sich zieht
Erst Wiesengrün dann dunkler Tannengrün
Dem Aug ein wie erquickendes Gemisch
Doch führt des Ohres Pforte mehr zur Seele
Das Echo spricht mit ihr des Waldhorns Klang
Der in den tiefen Tannengrund getragen
Zurück uns zwiefach dreifach grüßt vom Wald
Vom Fels von Wem wohl weiß ich noch Natur
Ach du dir selber plaudernde Geschwätzge
Im Zwiegespräch belauschte Einsamkeit
Die Ruh hört Ruhe Nur das Herz darf schlagen
Ein Vögelchen aus fernem Walde rufen
Die kleine Quelle murmelnd dich umplaudern
Dann hörst du sie die stillen Geisterzungen
Die zu dir flüstern Mensch du bist unsterblich
Siehst Die ja wieder die du scheiden sahst
Willst immer zweifeln Immer nur gedenken
Der Schauer da ein liebend Auge brach
Der Schrecken als ein teurer Atem stockte
Fühlst ewig nur des Todes kalte Hand
Von Gräbern bann hinweg den Zweifelblick
Such dir dein künftig Wiedersehen die Hoffnung
Bei Atmenden und Lebenden Und spricht
Die Quelle dir der Vogel nicht vernehmbar
Kannst du den Tag die Sonne nicht verstehn
So lass die Sterne reden schlage dir
Die Blätter des gestirnten Himmels auf
Das große Buch mit goldnen Riesenlettern
Da strahlt ein Licht das selbst die dunkle Nacht
Dem Zweifel und dem Schmerze angefacht
Ein weihevolles Herz sagte Ackermann gerührt eine gewisse Mystik der
Naturanschauung die über das Rätselhafte sich doch nie zum Dunkeln und
Unklaren verliert Ich nehme meinen Tadel zurück
Siegbert verdient nicht sagte Selma dass ihm Oleander seine Poesie widmete
Wohl fuhr Ackermann mit geschärftem Blicke auf Selma fort ich höre dich
gern so reden Warum bezeugst du aber dem sinnigen Dichter nicht größere
Teilnahme Er ist mit ganzer Seele dein Lehrer Seit Siegberts Freundschaft
hat er an Äusserlichkeit gewonnen Das Übrige kann eine treue weibliche Hand noch
vollenden Warum zeigst du ihm so oft Selma dass dich seine Liebe verletzt
Selma erglühte
Es war das erste mal dass der Vater zu ihr ein solches Wort sprach Liebe
Sie zitterte fast erstarrte und legte das Blatt mit eiskalt ersterbender
Hand auf die Brust
Da sie keine Antwort auch nur zu denken geschweige zu sprechen wusste so
sah sie den Vater mit einem bittenden Blicke an der wohl so viel heißen konnte
als
Vater warum tust du mir Das und wirfst mich mit dem Wort in solche
Schrecken
Selma sprach der Vater ich muss diese Saite die Gott auch auf deine Seele
zur Harmonie gezogen hat berühren denn seit einiger Zeit fühl ich dass
zwischen uns ein Geheimnis waltet
Selma blickte nieder und drückte sich in die Wagenecke um ihre innere Glut
zu verbergen
Ich will dich nicht tadeln fuhr der Vater ihre Hand ergreifend fort dass du
bei einer Natur wie der des Vikars unterscheidest was an ihm allgemein
menschlich liebenswert und was es persönlich ist Es ist nun einmal auch Dies
ein Zug des Geistes dass wir in den Stufenfolgen unsrer Verehrung gewissenhaft
unterscheiden Oleander kann dir heilig und teuer wie ein Bruder sein und doch
vermöchtest du ihn nicht so zu lieben wie ein Mädchen liebt Aber Selma wenn
es auch in der Natur des Weibes begründet sein mag Das was am Manne
liebenswert erscheint aus Allem eher als nur und einzig aus seiner sittlichen
Gediegenheit herzuleiten so hüte dich doch einem gefährlichen Irrtume von
dem ich weiß oder schmerzlich ahne dass er dich beschlichen hat zu sehr
nachzugeben
Vater sagte Selma vor Schmerz auffahrend
Was verwundet dich Dass ich von deinem Irrtum spreche
Nein dass du von Etwas nur redest was ich aus deinem Munde eher hören soll
ehe ich mir selbst davon gesprochen
Es ist meine Pflicht Kind deine Gefühle zu regeln Ich verehre und liebe
diese heilige Scheu des Mädchens zum ersten male das geweihte Zauberwort der
Liebe zu vernehmen oder wohl gar es auszusprechen Allein da du ohne Mutter
ohne dir bekannte Verwandte bist und nur deinen Vater als einzigen erprobten
Freund deines Herzens kennst
Ach rief Selma und warf sich an die Brust des bewegten Mannes der sie mit
seinen Armen sanft an sich zog
Mein Kind sagte Ackermann strenger Ich sehe dass sich dir eine Gestalt
ein Jüngling mit unwiderstehlicher Gewalt eingeprägt hat Der den du zuerst
hier im Grase an dem Turme dort liegen sahst der der aus den Blumen aufsprang
uns freundlich zu grüßen der der uns teilnehmend nachblickte als wir zum
Schloss hinaufwanderten der den du am Morgen bei der Schmiede wiedersahst
der der mit dir scherzte dich vor dem bellenden Hunde schützte mit dir über
Amerika plauderte dann uns begleitete in den kühlen Wald wo du nicht ertragen
mochtest dass er sich an dem Eichbaum von uns trennte Du liebst ja Egon
einen Fürsten
Selma zuckte vor Schmerz auf Es war ihr als durchbohrte sie ein Messer und
es täte ihr wohl zu sterben Doch hauchte sie das Wort wie zur
Entschuldigung
Nenn es nicht Liebe
Es ist Liebe Du unglückliches unsrer Verhältnisse unkundiges Kind Er war
unbekannt in guter Absicht auf seinem väterlichen Erbe als wir ihn damals
sahen Du fandest ein kindliches Wohlgefallen an ihm er an dir Später sah ich
wie der Gruß den er vom Pferde herab dir auf dem Gelben Hirsch zuwarf als die
große Gesellschaft eben abfuhr wie sein Gruß und Blick dich durchbohrten Deine
Hast ihn auf dem Heidekrug wiederzusehen Seine Krankheit in der Residenz sein
Wohlwollen als er uns sogleich die Pachtübernahme gestattete alles Das
fesselte dich was lässt sich gegen einen magnetischen Einfluss tun den du
selbst auf die Locke die ich ihm im Scherze raubte übertrugst
Hast du ihn nicht selbst verehrt wie keinen andern fremden Menschen der
Erde sagte Selma
Hätt ich Das
Wer betrachtete die Locke dies Kleinod dies Angedenken an den damals so
Lieben so Teuren so Guten zärtlicher Wir hatten einen Wettkampf unsrer
Liebe und du bist ermattet du bist enttäuscht du bist hoffnungsloser als ich
Selma Ich rede ernstlich mit dem Kinde der Fremde Verteidige ihn nicht
gegen mich und nicht gegen dich Es ist ein Fürst Uns weit weit entfremdet
Und willst du das Leben eines frivolen jungen Weltmannes entschuldigen der mit
liebenswürdigen Formen und großen Fähigkeiten des Geistes eine unläugbare
Verderbteit des Herzens verbindet Schaudert dich nicht vor den Untiefen der
Laster in die du leider schon hast einblicken dürfen
Selma wandte sich ab und weinte
Wenn es wahr ist sagte Ackermann dass Egon eine einfache Bürgerliche wie
Melanie Schlurck heiraten könnte so entstand in dir vielleicht der Gedanke
Er ist nicht stolz ohne Vorurteile er ist edel er könnte auch dich lieben
Aber ich beschwöre dich Kind gib diese Träumereien auf Verteidige ihn nicht
Lass ihn hinfahren in seiner regellosen Kometenbahn Reine Naturen würden sich
nur in seiner Nähe versengen Und wär es ein Engel und die Tugend selbst
Selma höre ein Wort deines Vaters ein ernstes du darfst ihn nicht lieben
Selma richtete das traurige Auge fragend und erstaunt zum Vater
Ich darf ihn nicht lieben
Nie Nie wiederholte dieser Du darfst ihn nicht lieben Und nun genug
Selma war von Ackermann erzogen wie man Kinder erziehen soll Er verlangte
Gehorsam Keine Furcht aber Gehorsam Und doch folgte sie nur da wo sie
überzeugt war Ihr kluges fragendes Aufblicken bei diesem unbedingten Nie
Nie des Vaters durfte diesen nicht befremden doch wider seine Gewohnheit blieb
er ihr die Gründe seines unbedingten Wortes schuldig wiederholte es noch einmal
und warf Selma in einen Zustand der Zerrissenheit der sie um so unglücklicher
machte als sie sah dass auch der Vater litt und in jene melancholische Stimmung
verfiel die sie sonst sogleich bemüht war an ihm zu verscheuchen Heute zum
ersten Male stand ihr kein Scherz zu Gebote Sie lehnte sich in die Ecke und
weinte der Vater sah auf die durchnässten öden traurigen Felder der Wagen
fuhr so hin mit diesem Winter starb Selma Alles denn warum sollte sie nicht
lieben auch ohne Hoffnung jemals zu besitzen
Die Weihnachtszeit kam heran und brachte kleine Weihnachtsfreuden Ein
Tannenbaum flimmerte den Pfarrerskindern aber die Hoffnung der Vater käme
selbst erfüllte sich nicht Neujahr brachte wieder Frost Es war Winter und
blieb Winter auch in den Gemütern Ackermann las und schrieb viel Selma nahm
ihren Unterricht fort Oleander dichtete duldete hoffte Fränzchen erfuhr
selten etwas von Louis Heinrich Sandrart hatte zu Weihnachten nicht kommen
können da der politischen drohenden Stürme wegen keine Beurlaubungen gegeben
wurden Er schrieb öfters an Heunisch der im Frühjahr sicher die Auflösung der
immer kranken Ursula erwartete und von dem weitern Verlauf der sonderbaren
Vorfälle die in seinem Hause stattgefunden hatten nichts mehr erfuhr Der
junge Zeck quälte sich das Geschäft seines Vaters fortzuführen Es gelang ihm
nur mit Mühe
Ins Amtaus nach dem Ullagrunde und Randhartingen brachte Oleander
zuweilen Briefe von Siegbert und Louis mit Briefe die immer inhaltreich immer
anregend waren doch auch viel Trübes und Besorgliches für die allgemeinen
Zustände enthielten Frau von Sänger tröstete sich dass die »fliegenden
Kolonnen« eher nun verstärkt wurden als aufhören sollten Graf Bensheim Herr
von Sengebusch erwarteten bevorstehende große Ereignisse Herr von Zeisel
beobachtete im Stillen Ackermanns großartige Zurüstungen zum erwachenden
Frühjahr Sie sahen sich selten da seine Frau ihre Abneigung gegen Menschen
die ihren Einfluss und den Justizrat Schlurck verdrängt hatten nicht bemeistern
konnte Und in der Tat lebt man im Winter nirgends abgeschlossener als auf dem
Lande Die Bewohner zweier Dörfer die sich ganz in der Nähe liegen berühren
sich monatelang nicht Erst der Frühling führt Alles wieder zusammen und wie
nach einer langen Entfernung begrüßen sich dann die naheliegenden Nachbarn und
wünschen sich gegenseitig Glück zum überstandenen Winter und freuen sich
einander wieder wohlbehalten und leidlich unverändert anzutreffen
Die öffentlichen Verhältnisse hatten sich bis zum Unglaublichen umgeworfen
Die große Flut einer ziellosen Bewegung die alle Dämme alle Ufer gebrochen
hatte war zwar in ihrer verheerenden Wirkung gehemmt aber nicht zurückgelenkt
in ein felsenstarkes Bett oder einen mit Klugheit gebauten Kanal Diese großen
trübe aufgewühlten Gewässer stauten Ein kleiner Abzugsweg und aufs Neue mussten
sie mit verheerender Gewalt fortstürzen Fürst Egon von Hohenberg hatte ein
neuer Perseus die Chimära der Revolution bändigen wollen Anfangs glaubte er es
durch ein vernichtendes Zauberwort zu können durch eine ideelle Lösung des
geheimnisvollen Sphinxrätsels allein bald hatte er wie alle übrigen Gegner
der Zeit zu Feuer und Schwert greifen müssen Aus der Doktrin die seine
Unternehmungen anfangs höchst ehrenwert erscheinen ließ musste er bald
hinausrücken auf das Feld der gewöhnlichen Praxis denn nur die Ideen die eine
Zeit lang im Volke schon herrschten können sich unangegriffen auch von obenher
behaupten Egon brachte etwas Neues und wurde sogleich misverstanden Die
Handlanger die ihn unterstützten wurden für den Meister verantwortlich Ihnen
zu Liebe um nicht isolirt zu stehen musste Egon den Riss seines Gebäudes ändern
nachgiebig sich zeigen nach allen Richtungen hin in der üblichen überlieferten
Sprache reden und von den gemeinsamen Gegnern gezwungen Strebungen zu
befreundeten machen die ihm sonst nicht wären genehm gewesen Die Erschöpfung
der öffentlichen Meinung die allgemeine Sehnsucht nach Ruhe und Verständigung
kam seiner Stellung zu Hilfe Leider war er verblendet genug den ausbleibenden
Widerstand für einen Sieg zu halten Er entließ auch diese vor Weihnachten
gewählte neue Kammer und gab aus der königlichen Machtvollkommenheit im Februar
ein neues Wahlgesetz Im Allgemeinen lagen diesem seine Ideen von der
Anerkennung der positiven Interessen zum Grunde Im Besondern aber hatte die
Gewöhnung der Macht die Bundesgenossenschaft mit dem Royalismus dem Adel der
Bureaukratie ihn gezwungen eine Menge anderweitiger Modalitäten in seine
Wahlberechtigungen aufzunehmen Hätte er die Gewalt nicht schon lieb gewonnen
er hätte vor dieser unter der Hand ihm eskamotirten Veränderung seiner liebsten
Vorsätze erschrecken und diese Region fliehen müssen wo man mit dem Scheine des
Herrschens der größte Sklave ist Allein es ging ihm wie Allen auf einem
solchen oder ähnlichen Platze Er nahm allmälig den Glauben an dass er
unentbehrlich nie zu ersetzen wäre Er fragte oft Wer nach ihm kommen könnte
Er glaubte dem Staate eine Verlegenheit zu ersparen indem er an einer Stelle
blieb deren Rücksichten ihn selbst gänzlich ummodelten Erfüllte ihn zuweilen
der Unmut über das Mislingende auch zu bitter so durft er dem Gedanken an ein
Zurückziehen schon um Derentwillen nicht nachgeben die sich darin gefielen mit
ihm die Macht zu teilen ihm schmeichelten und sich dafür wieder von den Andern
schmeicheln ließ Denn kleine Erhöhungen werden meist immer durch tiefe
Erniedrigungen erkauft
Fürst Egon war wie alle Staatsmänner von einer mit der Zeit immer mehr sich
einwurzelnden überreizten Empfindlichkeit Er sah viel altes Schlimmes von dem
er mit reinstem Bewusstsein sagen konnte Du hast ihm jetzt abgeholfen Die
Erfolge die er täglich im Kleinen erlebte übertrug er auf das Ganze und Große
und war ein Fanatiker in dem Glauben an seine Unfehlbarkeit Die neuen Kammern
waren gegen seine ursprüngliche Absicht nichts als Vertreter der Geld und
Vermögensinteressen geworden Sie gehorchten ihm in allen Hauptfragen während
ihr Widerspruch in kleinen ihnen nur den Schein gab als besässen sie das
freieste Urteil auch für die großen und als wäre ihr Gehorsam Überzeugung
Schon redete Egon nicht mehr in seiner alten Sprache Schon hatte er den
gewöhnlichen Styl des von ihm vertretenen Staates angenommen und setzte als das
erste Anfangsgesetz desselben Es muss Alles geschehen um der Monarchie als
solcher Willen Das Volksinteresse war ein Annex des fürstlichen Was in diese
Anschauung nicht passte wurde entfernt unterdrückt verfolgt bestraft Selbst
diejenigen gemässigten Liberalen die der Monarchie die aufrichtigste
Notwendigkeit einräumten aber ihr nicht mehr überlassen wollten als zur
Stärkung eines Begriffes notwendig war selbst diese wurden von ihm als
»Doktrinäre« abgelehnt von jenem Tiersparti zu geschweigen dem
bürgerlichmateriellen an dessen Spitze Justus stand Diesem gab er die ganze
Schärfe seiner Satyre zu fühlen und nannte sein innerstes Prinzip die Eitelkeit
»Geht in Eure Komtoirstuben und rechnet sagte er einst in einem Artikel des
»Jahrhunderts« der von ihm inspirirt sein sollte geht an Euren Pflug und
ackert nehmt die Elle in die Hand und messet Leinwand was drängt Ihr Euch in
die Hallen der Rathäuser und an die Stufen des Kapitols Wahrlich Ihr müsst den
Staatszweck platt treten bis zum Gemeinen nur damit Ihr auf ihm lustwandeln
gerade Ihr in ihm behaglich wohnen könnt«
Am entschiedensten aber trat Fürst Egon der Demokratie den republikanischen
und sozialen »Irrlehren« entgegen Er hatte sie an der Quelle kennen gelernt und
besaß nun die vollkommenste Fertigkeit sie auf ihre oft komischen Ursprünge
zurück zu verfolgen Er erklärte sie für die Folge zweier Veranlassungen einmal
der Trägheit und sodann des überwuchernden merkantilen Princips Ackermann las
einst mit großem wenn auch geteiltem Interesse die Worte die er in der Kammer
sprach
»Ein Fluch der modernen Gesellschaft ist die gewaltige Verehrung die der
Gott Merkur gefunden hat Merkur beschützt die Handelnden und die Diebe Ich
habe alle Ehrfurcht vor der großen und respektablen Zunft der Kaufleute ich
finde aber dass sie viel zu tolerant ist und viel zu viel Gaunerei neben sich
duldet Die Krämerei ist eine Gaunerei Meine Herren ich fordre Sie auf mit
mir durch die Straßen der Städte zu gehen Sehen Sie Haus für Haus ein Laden
Laden für Laden träge auf Kundschaft wartende Verkäufer die die Sonne
angaffen und träumen Meine Herren der kleine Zwischenhandel steht zur
Konsumtion in keinem Verhältnisse Wo Alles handeln will wird Niemand mehr
arbeiten wollen und ich fordre Sie auf geben Sie Gesetze gegen den
Kleinhandel Er verteuert die Lebensmittel die der Arbeiter braucht er
schlägt das Procent der Trägheit auf das kleine Kapital der Arbeit dem es
entzogen wird er erschafft die Phantasien des Kommunismus der aus Zorn über
den Kleinhandel von einem Grosshandel träumt den die Gesellschaft der Staat
selbst übernehmen müsse er erzeugt endlich eine Menge lungernder träger
Schwätzer die man die Lazzaronis der Boutiken nennen muss«
Solche scharfe Lichter die Egon aus seiner Kenntnis des Volkslebens auf die
Debatte fallen lassen konnte hoben oft wochenlang seine Erscheinung auch in den
Augen Derer die sich nicht verschweigen konnten dass Egon vom Hofe verzogen
wurde und wohl längst ein UltraAristokrat war Egon bestritt dass wir im
Zeitalter der notwendigen Revolution leben und nach einer unbekannten neuen
Alle beglückenden Weltidee steuern müssten Er bestritt die politischen
Märtyrerschaften Er nannte sie Plagiate unerlaubten Nachdruck der großen
ruhmvollen Zeitalter Er sagte »Die Märtyrer in vergangenen Jahrhunderten waren
bewunderungswürdig weil sie die vergangne Geschichte nicht kannten und nur für
ihre eigne Rechnung ihre eigne Erleuchtung starben Die neuen Märtyrer aber
haben alle vom Glanz der alten gehört und bilden sich ein eine Zeit würde
kommen die auch ihnen Anerkennung brächte Sie ahmen die Huss und Galiläi nach
ohne mit ihnen irgend etwas gemein zu haben als die Leiden die Jene fanden und
die Diese nur tollkühn und eitel suchen« Unter solchen Umständen konnte es
nicht befremden dass man von Verschwörungen und neuen drohenden Unruhen sprach
Egon erfreute sich einer guten Polizei und fügsamer Richter Er verfolgte
kerkerte ein verbannte ganz wie jeder andre Politiker auch der den
Widerspruch unbequem findet und für jede Eingebung seines unduldsamen Zornes
sogleich das Motiv des gefährdeten Gemeinwohls zur Hand hat Ackermann nahm
trotzdem dass er Selmas wegen nicht mehr laut über Egon sprach doch im Stillen
an allen diesen Verwickelungen großen Anteil und verriet selbst in der tiefen
Abneigung die er gegen Egon zu fassen schien das fast persönliche Interesse
das er für ihn hegte Mit dem beginnenden Frühjahr setzte er nun vollends alle
inzwischen gesammelten Kräfte für Egons äußere Wohlfahrt in Tätigkeit Seine
Pflugund Säemaschinen erregten den Neid und das Staunen der Umgebung Er hatte
trotz der Maschinen eine große Anzahl auch von Feldarbeitern gedungen und sein
Pachtof war so lebendig geworden dass er schon wie eine kleine Kolonie
auszusehen anfing
Der Winter war streng gewesen und die Wonne des Frühlings von den Menschen
endlich wohlverdient Er kam mit dem März auf den feuchten Schwingen milder
Südwestwinde Der Schnee schmolz die Ränder der kleinen Bäche verloren die
Spuren des Eises das sie noch vor Kurzem ganz gefesselt hielt Die
kaltdurchnässte Erde erwärmte die Sonne und die gewaltigen Furchen die der Pflug
schnitt öffneten die Poren der Eisrinde dass es war als wenn das Centralfeuer
von unten herauf nachhalf und den Sonnenstrahlen die unterirdische Flammenhand
bot Dieser frische Frühlingserdgeruch Diese Kraft des Bodens die den Menschen
selber stärkt und die Fabel vom Antäus verstehen lehrt Im Walde brach das Eis
der kleinen Seen in deren Röhricht bald die Störche nach dem zum Leben
erwachenden kleinen Getier suchen sollten Das ganz braun und schwarz gewordene
Laub vom vorigen Herbst vermengte sich schon mit der Erde und düngte zu neuem
kräftigeren Wuchse Das Gras wucherte Schlüsselblumen Schaafgarbe Distelkraut
erfreuten das Auge des nach jedem Fortschritt der Vegetation sehnsüchtig
lugenden Wanderers Von Tag zu Tag nahm ein gewisses Lüstre der Buchen und
Eichenwaldung zu und wurde grüner und immer grüner Die Weiden die längs der
Ulla standen schlugen mit jugendlicher Triebkraft aus Zwar köpfte man sie der
frischen Gerten wegen die man gewinnen wollte aber auch von diesen kam eine
dankenswerte Belebung in den erwachten Frühling Die Bauernknaben schnitten aus
der Schaale der jungen Weidenruten Pfeifen und ein Ton weckte mehrere die
Pfeife die Stimme und die Menschenstimme die Stimmen des Feldes und Waldes
Schon jodelte ein ungeduldiger Hirtenknabe um die Wette mit der Lerche die aus
ihrem rätselhaften Winterverstecke plötzlich wie ein Wunder da war und sich mit
ihrem Gesang in die reine Bläue des Himmels so stolz und froh emporwirbelte
Lange Züge von Kranichen und Schneegänsen flogen vom Süden weiter hinauf nach
Norden Glückliche Reise ihr flüchtigen Gäste Grüsset das Meer grüsset die
Klippen Islands wenn ihr sie erreicht und die dänischen Jäger auf den Inseln
jenseits der Eider euch passieren lassen Zieht ihr denn Alle vorüber Nein die
Störche bleiben bei uns und suchen sich die alten Giebel suchen sich die alten
Nester auf und klappern den Kindern von neuen Brüderchen und Schwesterchen die
heimlichen Märchen zu
Selma hatte einen gedrückten ernsten Winter durchlebt und nur in
Fränzchens heiterer Laune einen Trost gefunden Dies junge Kind widmete sich ihr
mit zärtlichster Verehrung und fühlte sich durch den veredelnden Umgang selbst
so gehoben dass sie sich von keiner Entbehrung beengt durch keinen langen
einsamen Winterabend in ihrem Lebensgenuss verkürzt fühlte Wie teilte sie aber
auch Selmas Freude als der Frühling kam Selma hatte nur die Erinnerungen wie
das Alles wird und wächst in dem fernen Weltteile Sie erstaunte nun Alles
hier so wiederzufinden wie es auch dort ist und dennoch schien Alles anders
eigentümlicher und ihr wie sie sich im Stillen gestand wertvoller Fränzchen
erklärte ihr was sie die Städterin die arme Stubensitzerin nur irgend von
der Natur wusste Selma fand aber bald dass sie keiner Führerin durch den
deutschen Frühling bedurfte Sie verstand ihn wie einen alten Bekannten und was
sie nicht benennen konnte dafür gab die Worte der Vater der mit dem Erwachen
der Natur selbst wie neubelebt erschien und sich in seiner großartigen Ökonomie
still und ruhig wie ein Gärtner bewegte Selma sah das Entstehen einer großen
Gemüse und Blumenanlage hinter dem Wohnhause Da sprossten Veilchen Krokus
Schneeglöckchen Da wuchs Schnittlauch Kerbel Salat Da gackerten die Hühner
denen recht der Kamm gewachsen war und legten Eier hier und dorthin Es war eine
lustige Jagd für Selma und Franziska immer zu suchen wo die Hennen ein stilles
Plätzchen gefunden hatten Und dabei schmückte sich der Fliederbaum um das
Wohnhaus die Laube bezog sich mit grünen Knospenaugen die Sträucher im Garten
schienen hörbar zu wachsen der Ullagrund so lauschig abwärts geneigt die
Ulla so munter und geschwätzig der Wald die Höhe der Blick nach Plessen das
Schloss von Hohenberg Alles so verzaubert so belebt so neu wo war der
Winter geblieben War Das nicht Alles fast wieder so wie Selma und der Vater es
im Sommer fanden und er ihr gesagt hatte als sie am Kirchhofe die Inschrift auf
dem Grabe der Fürstin Amanda gelesen hatten Kind wir wollen hier bleiben
wollen hier unsre Hütten bauen
Auch der April mit seinen kleinen Launen und winterlichen Rückfällen war
fast vorüber als Ackermann eines Tages durch den Justizdirektor von Zeisel mit
der Nachricht überrascht wurde Fürst Egon wollte um sich von den Anstrengungen
des Winters zu erholen einige Tage auf seinem väterlichen Schloss zubringen
Mit dieser Mitteilung geriet der sonst so ruhige sich selbst beherrschende
Mann in namenlose Aufregung Sie wuchs als er sah wie die Nachricht auf Selma
wirkte Ohne auf das Thema das im Dezember bei der Heimkehr von Plessen zum
ersten und letzten Male berührt worden war zurückzukommen konnte er doch nicht
umhin bei Tisch darüber zu sagen
Ich habe die Ahnung dass diese Begegnung mit dem Fürsten keine gute Wendung
nimmt Das freundliche Bild des Mannes der einst mit uns nach dem Forstause
wanderte ist verwischt Welche Entwickelung einer gewaltsamen eingebildeten
Natur Diese Verfolgungen von denen die Zeitungen das Unglaublichste melden
Dieser Terrorismus Ich kann Adlige gelten lassen die innerhalb ihrer
Vorurteile willkürlich und anmassend regieren Beamte Militairs Hofmänner sind
mir erklärlich aber mit Geist mit Bewusstsein mit Theorie so die gewonnenen
Resultate der Zeit mit Füßen treten und den alten feudalen Staat wieder
anzubahnen doch Ihr versteht das nicht Kinder Deutlicher wird es Euch sein
wenn ich Euch sage Alle Vereine hat der Fürst aufgehoben alle geschlossenen
Gesellschaften hat er aufgelöst die beiden braven Arbeiter die die Maschinen
hierher begleiteten ich las es eben in der Zeitung sind festgesetzt
Leidenfrost ist in eine Untersuchung verwickelt und neue Verhaftungen neue
Ausweisungen stehen bevor
Franziska erschrak da sie sich der Sphäre in der diese Verfolgungen
stattfanden näher fühlte als Selma die für Leidenfrost wenig Teimahme
empfinden konnte und nur die beiden guten bescheidenen Arbeiter bedauerte
Gläubigen weiblichen Naturen sind satyrische Erscheinungen wie Leidenfrost
antipatisch Alle beklagen die beiden jungen Arbeiter
Ich finde fuhr Ackermann fort dass viel von fremden Agenten gesprochen
wird Wenn wir erlebten dass selbst Louis Armand
Selma winkte dem Vater Sie wusste dass Fränzchen den freundlichen und
gefälligen Freund trotz seiner spärlichen Briefe liebte Ackermann ahnte es und
schwieg nun lieber
Zwei Tage darauf aber fand er Fränzchen weinend Als er sie um die Ursache
ihrer Tränen fragte suchte sie auszuweichen und überließ Selma die Antwort
Louis Armand hatte durch Einschluss an Oleander an Franziska deutsch
geschrieben oder so schreiben lassen
»Liebe Freundin Ein düstres Ungewitter zieht über mich und meine Freunde
zusammen Was vorauszusehen war Trennung unsrer Wege von denen des Fürsten
traf schon gleich nach meiner Rückkehr von Hohenberg ein Wir sahen uns selten
zuletzt vermieden wir uns Was aber nicht vorauszusehen war ein offener Bruch
offene Feindschaft zwischen Menschen die sich liebten zu lieben vorgaben auch
Das ist eingetroffen und irgend ein gewaltsamer Zusammenstoß scheint so
unvermeidlich dass ich Ihnen schreibe und Sie bitte Liebe Franziska Sie kennen
die innige herzliche Verehrung die ich für Sie hege und die nur mit meinem
Leben erlöschen wird Was mir auch geschehen möge was Sie auch von mir hören
dürften rechnen Sie auf meine treue Anhänglichkeit Ach ich fühle nun wohl
was mich gehindert hat Ihnen Alles zu sagen was in meinem Herzen für Sie
schlummerte und was erst jetzt wo ich so großen Gefahren ausgesetzt bin ganz
erwacht ist Jetzt an der Grenze meiner Freiheit sag ich Ihnen geliebte
Franziska dass ich in Ihnen so viel Güte und Reinheit der Seele gefunden habe
wie nur in meiner vergessenen von Egon gemordeten Schwester Ist Das nicht
grausam jetzt so zu sprechen Jetzt geliebte Franziska wo ich Denen die mich
lieben nur Kummer bereiten kann Vergeben Sie mir Werden Sie wirklich die
Gattin des guten Ihrer Liebe würdigen reichen Heinrich Sandrart dann
vergessen Sie meiner Ich gedenke Ihrer ewig und werde nie zürnen wenn Ihr Herz
seinen höheren Pflichten folgt Ich schreibe das Alles aus meiner innersten
Seele die Feder führt Siegbert Wildungen der Treueste der mich nicht
verlassen hat wie Egon Egon handelt entsetzlich an uns Er behauptet der
Freundschaft genügt zu haben Er behauptet dass er in Warnungen sich erschöpft
hätte Egon droht uns Egon droht seinen Freunden Der Fürst ist Fürst und ich
bin ein Bettler Aber ich glaube jetzt Rechte gefunden zu haben auf den
deutschen Boden Ich fühle die Verwandtschaft mit Oleander ja sogar mit einer
Heldenseele Jagellona von Werdeck ich bin kein Fremdling mehr in diesen
Landen Doch was unterhalt ich quäl ich Sie mit Dingen teure Franziska
die diesen Winter mich außer Atem und Besinnung brachten Ich kann nur einen
kurzen Gruß vielleicht einen ewigen Abschied senden Die Zeit die Stimmung
die Ruhe fehlen um meiner minder gewandten Feder Raum zu lassen in meiner
unsicheren Muttersprache dasselbe zu sagen Die deutsche Sprache ist jetzt fast
meine Muttersprache Vergessen Sie mich wenn es sein muss In großer Bedrängnis
Ihr Louis Armand«
Ackermann sah mit tiefstem Anteil Franziskas Verzweiflung
Was ist ihm geschehen Was kann ihm drohen rief sie
Selma die selbst weinte suchte zu trösten
Aber Heunisch der Jäger der eben dazu kam störte allen Trost
Er rief Franziska bei Seite und sagte
Ursula Marzahn stirbt diese Nacht Sie geht hin aber hab ich mich vor
ihr im Leben nicht gefürchtet im Tod ist sie mir wie ein Gespenst Sie sagt
Dinge am letzten Sonntag als die Glocken läuteten Franziska habe deinen
alten Onkel lieb Komm mit auf drei Tage bis sie zur Ruhe ist
Ackermann bedauerte das bevorstehende Leid musste aber gestehen dass der
Onkel etwas Billiges verlangte Er redete Franziska zu zu gehen Heunisch nahm
sie sogleich und führte sie indem er ein Bündelchen trug und ihre Tränen für
Anteil an seinem Verluste hielt jenen Fußpfad an der Sägemühle und dem
schwarzen Kreuz vorüber von dem er sagte
Seit die Ursula fast wie vernünftig gesprochen fürcht ich mich vor dem
Kreuz da
Selma musste wenig Stunden nach Franziskas Entfernung sagen
Es ist gut dass sie einige Tage entfernt ist
Sie zeigte dem Vater das neueste Zeitungsblatt
Es enthielt die Nachricht dass ein Apostel der kommunistischen Irrlehren
der diesen Winter über aller Warnungen ungeachtet besonders im Kreise der
Willingschen Maschinenarbeiter für seine staatsgefährlichen Teorieen gewirkt
hätte ein Franzose Namens Louis Armand vermittelst Zwangspass aus den
diesseitigen Staaten entfernt worden wäre
O bittre Welt rief Ackermann O goldne Jugend an die sich der Rost des
Lebens setzt Traum des Glückes warum löst dich der Tod nicht ab warum das
Erwachen zu dem jammervollen Geständnisse Wir Alle sind Menschen
Und dann erläuterte er Selma den Begriff eines Zwangspasses Entfernt sagte
er Louis Armand Der Freund Egons Verbunden mit ihm durch einen Grabeshügel
Trennt so die Welt Wirft sie immer wieder die Hölle zwischen die Seelen Ist
Wahrheit des Geistes da wo Lüge der Herzen Armer kindlicher Fremdling Wie
ehrtest du dein Volk durch ihm sonst fremde Bescheidenheit Treue und deinen
sittlichen Wert Selma Erkennst du jetzt warum ich die Natur so liebe und in
ihrem Leben mich ausruhe von meinem Leben
Selma aber sah hörte nicht Ihr Auge stierte auf eine andre Stelle
derselben Zeitung
Vater lies rief sie mit fieberhafter Erregung
Ackermann nahm und las das Blatt Die Stelle lautete
»Bekanntmachung
Der wegen politischer Umtriebe verfolgte Referendar Dankmar Wildungen hat sich
der ihm bevorstehenden Untersuchung durch die Flucht entzogen Alle
Sicherheitsbehörden des In und Auslandes werden aufgefordert zu seiner
Verhaftnahme behilflich zu sein Es folgt das Signalement«
Es ist Siegberts Bruder sagte Ackermann Die guten Geister sind von Egon
gewichen
Ackermann verfiel in tiefste Traurigkeit Er schien unfähig heute noch in
seinem sonst so freudig ergriffenen Berufe zu wirken
Selma ehrte seinen Schmerz Siegberts Gestalt trat ihr durch den ihr
unbekannten wenig besprochenen Bruder verklärter entgegen Oleander der zum
Unterrichte kam war selbst so erschüttert dass er sich nicht sammeln konnte Er
ging bewegt und ließ die vor Kummer Schweigenden ohne Abschied zurück Er hätte
so gern dem reinsten Genuße des Frühlings gelebt Liebe und Freundschaft waren
seine ewigen Sterne und nun schienen sie düster umschleiert So traurig hatten
ihm die Lerchen nie gesungen
Der Abend kommt Die große rote Feuerglut des Himmels erlischt Dunkelblaue
Wolken ziehen nächtlich herauf Der Tag so linde Am Abend weht ein kühlerer
Luftauch Die Arbeiter feiern ziehen heim hier und dorthin auf Dörfer
Gehöfte Im Hofe wirds still Nur fern beim alten Sandrart hört man noch ein
Rollen von Tausenden von Erdäpfeln die man aus den Wintergruben ausgräbt und
aufschüttet Man hat sich verspätet man schüttet sie auf Breter die sie
abschüssig in den Bauernhof rollen lassen noch spät Abends Es wird ganz
dunkel Auch diese Arbeit ist getan Alles nun still Ackermann ruht auf dem
Sopha Selma spricht zuweilen ein Wort der Teilnahme für Franziska die bei
einer Sterbenden die sie nicht liebte im Hause wachen müsse Eine Uhr pickt
Alles leise Alles still und traurig
Da bellt ein Hund lauter als sonst bald bellen noch mehr zuletzt alle Es
wird lebendig draußen
Wer kommt noch so spät
Herr Ackermann zu Hause sagte eine Stimme draußen
Als die Magd antwortet heißt es
Braucht man auf dem Hofe hier nicht noch Arbeiter Ich höre man hat viel
Arbeiter gesucht Braucht Herr Ackermann noch ein paar gesunde Hände
Welche Stimme rief Selma
Ackermann war schon aufgestanden Schon die ersten Worte klangen ihm so
bekannt und durch den Sinn doch so fremd
Wer ist Das sagte er
Wir haben Arbeiter genug spricht die Magd und schicken täglich fort
Ei so fragt an Bin ich darum so weit gewandert
Selma hatte ein Gefühl als sollte sie aufschreien Sie fasste den Drücker
der Nebentür als müsste sie fliehen
Das ist der Fürst ruft Ackermann außer sich und reißt die Tür auf die zur
Hausflur führte
Im Dunkeln beleuchtet von einer kleinen Küchenlampe der früheren Magd vom
Heidekrug stand in einer Blouse mit grauweissem Hute ein junger Mann Wie er den
Hut zog die braunen Locken ihm über die Stirn fielen er näher trat er grüßte
bebte das Wort auf Ackermanns Lippen
Kommen Sie
Die Magd die den Fremden nicht wieder erkannte sagte
Das ist Herr Ackermann
Wohl Wohl spricht der Ankömmling Ich kenne Herrn Ackermann Darf ich
eintreten
Ackermann sprachlos denn er glaubte den Fürsten zu sehen tritt zurück und
stellt das Licht das er ergriffen hatte zitternd auf den Tisch
Ein unterdrücktes Ach wie von einer Entfliehenden im Nebenzimmer
Wie die Tür des Korridors sich schließt sagt der Eintretende
Sie kennen mich nicht Erinnern Sie sich jenes Wanderers der im Walde bei
Hohenberg letzten Sommer mit Ihnen und Ihrem Sohne Selmar sprach
Wohl Wohl sagt Ackermann bebend
Ich bin in der Lage Sie um eine Freundlichkeit eine Aufopferung zu
ersuchen Ich verehrte Sie immer Seit Louis Armand von Ihnen sprach seit mein
Bruder Siegbert Wildungen Sie den bedeutendsten den edelsten aller Menschen
nennt
Siegbert Ihr Bruder
Mein Bruder Ich bin der Flüchtling Dankmar Wildungen den eine zum
jämmerlichsten Egoismus entpuppte Politik zwingt sich zu verbergen Ich kann
nicht aus dem Lande fliehen weil mich an dies Land Vaterlandsgefühl und eine
große Aufgabe bindet Darf ich bei Ihnen bleiben Wollen Sie mich in Ihrem neuen
großartigen Verkehr im Geheimen als Arbeiter dulden bis bessere Zeiten kommen
Ackermann sprachlos ergriff sein Portefeuille riss es auf holte ein
Papier hervor entknitterte es nahm die Locke und hielt sie gegen Dankmars
Haar
Diese Locke schnitten Sie mir in einer rätselhaften Nacht vom Haupte sagte
Dankmar Ich träumte ich wachte Ich sah Sie geheimnisvoll mir nahen und so
lieb hatt ich Sie so verehrt ich in Ihnen den höheren Genius dass ich still
die Augen geschlossen hielt und mit mir geschehen ließ was geschah
Allmächtger Gott Sie galten damals
Für den Prinzen Egon Ich erwies ihm die Liebe ihm durch Täuschung andrer
leichtsinniger Menschen einen großen Dienst zu leisten O beim Himmel Seine
Täuschung hat er länger durchgeführt als ich
Ackermanns Gefühle waren in diesem Augenblicke zu gewaltsam von Jammer und
von Freude zugleich zu heftig bestürmt Dennoch überwog aus Liebe für Selma
die Freude Eben wollte er jubelnd rufen Selma Selma Wo bist du Da stand
sein Kind schon an der Tür weinend lachend an dem Rahmen der Tür sich
haltend zitternd bewusstlos
Selma rief Dankmar stürzte auf das bebende vom Entzücken über ihren
Irrtum ihre Täuschung bewältigte Mädchen und schloss sie kaum wissend was er
tat ungehindert durch des Vaters Nähe nur folgend dem stürmischen Ausbruch
seiner Gefühle voll Seligkeit in seine liebenden Arme
Ende des siebenten Buches
Achtes Buch
Erstes Kapitel
Paul Zeck
Die Entdeckung die Fritz Hackert in jener abenteuerlichen Nacht über den
Gewölben des Ratskellers gemacht hatte bestand aus einem Dokumente Es war
eine Taufakte aufgenommen in einer nahegelegenen zu den Sprengeln der Stadt
gehörenden Dorfkirche und lautete
»Am 8 Mai 1825 nach unsers Herrn Geburt empfing durch den Unterzeichneten
der in der Nähe bei dem Gehöftbauer Rieding von Ursula Zeck einer fremden
Dienstmagd geborene uneheliche Sohn in der wegen dabei obwaltender Umstände und
der Kränklichkeit des Kindes unerlässlich gewordenen Nottaufe den Namen Paul
Franz Solches wird nach dem im Kirchenbuche eingetragenen Berichte hiermit
abschriftlich bestätigt
Lattorf Pfarrer in Seehausen«
Hackert betrachtete diesen Schein von allen Seiten und ärgerte sich dass er in
dem Glauben Bartusch suche etwas auf seine eigne Geburt sich Beziehendes
irregeführt war Als Belohnung für sein Abenteuer blieb ihm nur der Schreck den
er unfehlbar dem Graurock eingeflößt hatte und nach dessen Wirkung er sich bei
aller Vorsicht mit der er sich gegen Schlurck und seine Angehörigen seit
einiger Zeit benahm am folgenden Morgen zu erkundigen beschloss
Das ihm wertlos scheinende Dokument verschloss er mit den Worten
Armer Paul Franz Zeck zur Not getauft zur Not geboren wohl längst
gestorben Ich wette dass Bartusch dein Vater ist Die angebliche Ursula Zeck
wollte den Vater nicht eingestehen Brave Dienstmagd Das Vielleicht wurde ihr
die Wahl schwer zwischen Bartusch und einigen andern Jünglingen die jetzt auch
graue Röcke tragen und in stiller Ruhe des Gewissens nicht ahnen dass ihnen
dereinst auf dem allgemeinen Offenbarungsgrundschlamm wenn alle Wasser der Lüge
abgelaufen sein werden Paul Franz Zeck entgegenhüpft ihre Knie umklammert und
sie mit dem süßen Vaternamen begrüßt
Im Grunde ärgerlich über seine misratene Entdeckung schlief er ein
Am folgenden Morgen erst besann er sich auf den Zusammenhang des ganzen
Abends Er lachte über Schmelzing lachte aber auch über sich selbst Das
Interesse das er der Verhandlung zwischen den fünf Männern unter ihnen
geschenkt hatte kam ihm jetzt sehr wenig begründet vor Er hatte als seine
Freunde und Gönner Siegbert und Dankmar Wildungen politische Reden hielten
nur dem Instinkte nachgeben müssen einen bösen Horcher zu entfernen Auch dass
ein Offizier in der Lage war über Ansichten belauscht zu werden die mit seiner
Stellung in einem gefährlichen Widerspruche standen ergriff ihn aber nur wie
wenn er einen sich Ertränkenden gesehen hätte bei dem man ob er nun zu leben
verdiene oder nicht doch unwillkürlich an Rettung denkt Er hatte auch mit
Teilnahme und ergriffen von mancher Wahrheit zugehört allein bald wieder
vergessen war die erste Erschütterung und von dem Abenteuer mit Bartusch
vollends jede ernste Erwägung zurückgedrängt
Jetzt indem er sich ankleidete und nach seiner Gewohnheit unordentlich und
wild hier und dorthin die Kleider die Strümpfe die Stiefeln hinwarf musste er
in seiner menschenfeindlichen Weise vor sich hin diese Worte ausstoßen
Welche Träumer waren Das Mich hat Gott verdammt des Nachts auf die Dächer
zu klettern wenn Vollmond im Kalender steht aber Die spazieren am hellen
lichten Tage auf ihnen herum und sehen die Schornsteine für Pyramiden an Den
Geist wollen sie zum bessern Durchbruch bringen Gebt ihm hölzerne Krücken dann
kann er auf der Welt wie sie ist wohl stehen und gehen Geld Güter
Anstellungen Titel Ehren Das sind die Krücken an denen der Geist allein sich
aufrecht hält in dieser verdammten Hetzjagd zwischen Katzen und Hunden in
Menschenform Nehmt Euch in Acht dass Eure goldnen Redensarten sich nicht in
Kohlen zu Scheiterhaufen verwandeln
Hackert war besorgt dass Schmelzing doch wohl Manches erhorcht haben mochte
und beschloss seinen ganzen Einfluss auf ihren Vorgesetzten den Oberkommissair
Pax anzuwenden um seine etwaigen Aussagen in Frage zu stellen
Was er nur bei dem dritten Kreuze sagte er sich mag nachgekritzelt haben
Ich will nicht wünschen dass Menschen in die Lage kämen durch Schreibfehler
eines unsichtbaren Stenographen an den Galgen zu kommen aber lieb wäre mirs
doch wenn Pax von der beschriebenen Eselshaut Schmelzings allen Ministern eine
Gänsehaut läse Es ist so behaglich auch die Mächtigen sich fürchten zu sehen
Hackert wohnte neben der Barbierstube des Herrn Zipfel den wir als
politischunterrichteten Raseur der Brüder Wildungen bereits früher haben kennen
lernen Es ist nur annäherungsweise zu vermuten dass Pax diese Wohnung für
seinen Liebling Hackert gerade deshalb ausgemacht hatte um ihn in die Nähe
eines sehr lebhaften Verkehrs mit den Meinungen und Ansichten des Tages und des
unteren Volks zu bringen Die Barbierstuben haben sich noch aus Römerund
Griechenzeiten her die Bestimmung zu erhalten gewusst das Bureau der
Tagesneuigkeiten zu sein Herr Zipfel war in der Lage seiner auswärtigen Kunden
wegen den Mantel nach dem Winde hängen zu müssen in seiner Barbierstube aber
ging es ungehindert demokratisch zu Hackert wurde jeden Morgen ganz wie es Pax
gewollt hatte durch die verworrenen lauten Gespräche Verwünschungen Drohungen
aufgeweckt die dicht hinter der Breterwand an der sein Bett stand
durcheinanderschwirrten denn die Frequenz bei Herrn Zipfel war groß Ein Kunde
wartete auf den andern
Am Morgen nach den Szenen in und über dem Ratskeller wurden die Gerüchte
von einem neuen »demokratischen« Ministerium dem des Fürsten Egon von
Hohenberg bei Herrn Zipfel so laut besprochen so lebhaft äußerte sich in dem
aufgewühlten Volke Hoffnung und Mistrauen dass Hackert nicht einmal der nähern
Details bedurfte die ihm Frau Zipfel mit dem Frühstücke vorsetzte um ihn
vollständiger über die Lage des Morgens zu unterrichten Er steckte sich eine
Zigarre an und hätte fast den Nottaufschein des Paul Zeck dazu genommen wenn
ihm das Papier daran nicht zu gelb und wurmzerfressen gewesen wäre Neben seinem
dampfenden Kaffee blies er die Tabackswolken vor sich hin und streckte sich auf
den mit rotgewürfeltem ein wenig lange nicht gewaschenem Kattun überzogenen
holzharten Sopha wie ein Pascha
Ha ha dachte er wenn der Dutzbruder des Wildungen Minister wird und der
französische Tischlergesell den ich auf der Liste längst als verdächtig stehen
habe Minister der öffentlichen Arbeiten dann wird Schmelzing mit seiner
entdeckten Verschwörung wenig Finderlohn kriegen Der heimtückische Bursch Wie
er nach Louise Eisold schleckerte
dabei seufzte der Pascha doch und stützte das Haupt auf
Wäre sie nur hübscher sagte er in seiner gewöhnlichen Frivolität und sein
Gefühl wegspottend Wer Melanie sieh sieh Geistesschwester Oder wie sagten
sie unter uns Arbeiten sich tummeln sich aufraffen Etwas werden vorstellen
und dann vor sie hintreten So nimm mich so bin ich deiner wert Und dann
doch Wie hieß es Mit einer Zwetsche als Nase Oder wie daguerreotypirte sich
der Schwätzer dem Jagellona sagte was Melanie mir würde gesagt haben Fritz
deine Haare brennen dein weißer Teint hat zu viel Sommersprossen und was du mir
bringst und wär es ein ganzes Modemagazin voll Liebe ist aus deiner Hand
nichts Neues mehr für mich Liebe was ist Liebe Dummes verschlissenes altes
Zeug Nur Das reizt die Weiber zu sehen wie dieselbe Liebe dieselbe
altergebrachte langweilige Hingebung wohl bei Dem sich ausnehmen möchte oder bei
Dem oder bei Dem Dem möcht ich ansehen Dem abfühlen wie er lieben könnte
Der mit seinen tiefen Augen Der mit seinem schwarzen Bärtchen Der mit seinen
kleinen gefirnissten Glanzstiefelchen Ha ha Oder flattern sie nur deshalb hin
und her weil sie wissen dass ihre Gefühle Eintagsblumen sind Pilze in einer
Sommernacht aufgeschossen das Glück das sie zu gewähren sich das Ansehen geben
eine Sternschnuppe von der man zu bald inne wird dass sie nur optische
Täuschung war Geizhälse sinds mit ihrem Herzen Wucherinnen Melanie wie
seh ich dich flattern und wirbeln wie schwirrst du hin und her und fliehst
wen dich nur selbst deinen innern Tod deinen tiefsten Menschenhass
gegen dich selbst und mich Ein Kreuz drüber ein Leichenstein so groß wie
ihn drei tote Pferdeköpfe brauchen Ja ja Louise Singst du vom
Haideblümchen vom zertretenen Weg und richtest dich nur auf wenn ein
Tautropfen einer hübschen gereimten Redensart auf dich fällt die du aus
Leihbiblioteken dir abschreibst Armer stickender Phantast warum bist du
nicht schöner nicht leichtsinniger nicht untreuer Verrieten deine Formen
dass du auf sie eitel wärest und das Privilegium zu haben glaubtest Dutzendweis
betrügen zu dürfen wie würden sich die Dutzende an dich herandrängen und
sterben wollen von den grausamen Dolchen deiner schönen Augen Den guten Geist
hast du Wer nur den Geist umarmen herzen küssen könnte Aber was hast du
schmale Brust was bist du mager dünnhaarig und wie wasserblau sind deine
verstandesklaren nicht römisch sondern deutschkatolischen Augen
Während Hackert mit mephistophelischem Reiz so noch für sich hinmurmelte und
jene Blasen warf die oft zu teuflischer Lust selbst in Besseren aufsteigen
ohne dass wir sie im Grunde für unsre wahren Gedanken halten können hörte er
hinter der Breterwand laut lachen Es klingelte Einige Kunden des Herrn Zipfel
brachen tumultuarisch herein
Nein rief eine Stimme erst unser buckliger Herkules Da setzt Euch Euer
Bart ist die Nacht vor Kummer um einen Zoll gewachsen
Ha ha ha lachte ein Andrer und Der der eben gesprochen hatte sagte
wieder
Ein guter Vorschmack für künftige Zeiten Herr Zipfel geben Sie uns
Waschwasser Ich komme mir vor als wär ich meiner am ganzen Leibe nicht mehr
sicher
Was haben Sie denn gehabt Wo kommen Sie denn her meine Herren erscholl
Zipfels Stimme und deutlich konnte man das Plätschern des Wassers hören das er
aus einem Kruge in die Schüssel goss
Vom Profossamt Wir haben die Nacht sitzen müssen Alle Drei wie wir hier
stehen lagen wir auf zwei Pritschen die wir zusammenrückten um uns vor dem
menschlichen und tierischen Gesindel zu schützen das in einer solchen
Warteanstalt sich guten Tag sagt
Warteanstalt Wie so Warteanstalt Und Gesindel
Im Profossamt diese Nacht wir alle Drei Alberti ich und da unser stämmig
Hochland
Vierzig bis fünfzig Fledermäuse fanden sich beim Kehraus mit ein aber auch
Nachteulen Zipfel Schuhus die mit einem Halloh empfangen wurden
Meine Herren ich verstehe immer noch nicht
Einer der Kunden des Herrn Zipfel erzählte jetzt sie hätten gestern Abend
einen Böller aus der Willingschen Fabrik bei einem ländlichen Feuerwerke
benutzt und ihn des Abends längs der Stadtmauer mit sich wieder zurücknehmen
wollen Der da sie zeigten wohl auf Danebrand trug ihn frank und frei auf den
Schultern Da hätte sie an einem Tore die Wache angehalten Ihre Aussagen wegen
ihrer Pulvervorräte und ihres Böllers wären verdächtig erschienen Man hätte
sie arretirt aufs Profossamt gebracht und erst heute Morgen wären sie von dem
Assessor Müller mit einem Verweise entlassen worden Der Böller steht noch auf
der Torwache sagte der Erzähler Erst heut Abend soll er in einem
verschlossenen Kasten abgeholt werden
Hackert hatte unwillkürlich während dieser Erzählung nach seinem Verzeichnis
verdächtiger Arbeiter gegriffen und sah neben Alberti Heusrück auch Danebrand
Er gedachte Danebrands Hilfe in jener verhängnisvollen Nacht Die beiden
andern jungen Männer die ihn gleichfalls gegen die Knechte Lasallys geschützt
hatten spotteten über Danebrands Ruhe der bei ihren Verwünschungen der
Regierung ihren jugendlichen Drohreden und der Erklärung im Maschinenbauverein
auf Genugtuung anzutragen still und gelassen blieb und nur hörbar wurde als
man den Unterhaltungsstoffsammelnden Herrn Zipfel bezahlte
Hier ist Ihr Zilbergroschen sagte Danebrand in seiner feinen
Küstenaussprache und ging mit den lachenden Gesellen aus dem Laden des mit
Tatsachen befruchteten Barbiers von dannen
Frau Zipfel die eben den Kaffee ihres Mieters abräumte und ein
instructives Gespräch anknüpfen wollte bekam von Hackert nur kurze schnöde
Antwort Er gehörte zu den Naturen die immer nach der Regung hin die ihr
Inneres empfängt ganz hinüberfallen und indem sie an einer Stelle heilen und
gutmachen wollen nicht wissen dass sie inzwischen schon an einer andern Stelle
verletzen Er wollte die wüsten Reden der Arbeiter nicht denunciren aber der
Frau Zipfel gab er fast einen Fußtritt Wenn Hackerten Unmut überfiel so
machte er ihm physischen Schmerz für den er sich am Nächsten rächte Wenn er
sich selbst züchtigen mochte züchtigte er Andre Religion und Grausamkeit sind
seit Jahrtausenden verwandt
Hier ist Ihr Zilbergroschen wiederholte er spottend Ja gute Louise ich
weiß schon diese Aussprache ist eine Qual für dich Du hast nichts in dir was
nur säuseln und das St weich aussprechen hören will Dir soll es donnern durch
alle Wolken wettern im Sturme willst du lieben und im Blitze küssest du und ein
Gewitter macht dich auch vielleicht schön
Louisen hätt er die Anwesenheit bei der Stiftung des Bundes der Ritter vom
Geiste gewünscht ihr hätte er die Wucht der Worte ihr den Schwung der Ahnungen
gegönnt die ihm lächerlich vorkamen
Ihr Geisteskreuzfahrer sagte er Was wisst Ihr von unserm Lebensfluch Wisst
Ihr in welchen Banden wir liegen Was ist Nachtwandeln Wer treibt uns aus uns
selbst hinaus während unsre Sinne schlafen und lässt uns Handlungen begehen von
denen unser Bewusstsein nichts weiß Es gibt keinen Geist Materie ist Alles
Atome die sich durcheinanderwirbeln kopfübern auffressen die bilden die
Welt Ihre Friktion ihr Flimmern ihr Zittern und Tanzen und Jagen ist das
Leben Die Lust der Bewegung ist das Leben der Stillstand ist Schmerz und Tod
Wir summen und brummen und schnurren so hin wie die Käfer Ein Platzregen und
Alles hat ein Ende
Und trotz dieser Abspannung konnte Hackert laut lachen als Zipfel eben zu
einem Kunden nebenan sagte
Nun wissen Sies schon Es ist richtig Die Willingschen Arbeiter Alles
fertig Gestern Abend eine Kanone heimlich mit sich gefahren um die
Stadtmauer herum Artillerie in solchen Händen es wird gut werden
Und als sich Hackert angekleidet hatte und selbst zu Zipfel hinüberging um
sich seine Bartärchen die nur dünn und spärlich von der Natur gesäet waren
abnehmen zu lassen fragte ihn Zipfel
Ja Herr Hackert Sie habens wohl schon gehört von den Willingschen
Arbeitern
Nichts hab ich gehört sagte Hackert mit der Selbstbeherrschung die ihm
immer zu Gebote stand Was ist
Ihnen darf mans eigentlich nicht stecken bemerkte Zipfel und strich um
Zeit zu gewinnen seine Messer
Was nicht Warum mir nicht
Wer der Polizei so nahe steht wie
Wegen Herrn Pax sagte Hackert ruhig Das ist meiner Mutter Stiefvetter Er
sorgt für mich wie ein Vormund Dessentwegen
Ihrer Mutter Stiefvetter
Verwandtschaft dreizehnten Grades
Zipfel hatte eine Tatsache mehr Er musste sich aussprechen damit das Gefäß
nicht überfloss
Ja sagte er die Willingschen Arbeiter sind ja gestern Nacht mit drei
Kanonen um die Stadtmauer gezogen Und wissen Sie wo sie die hernehmen Da
heißts immer es werden Gasröhren gegossen Schöne Gasröhren Pure
Kanonenläufe Nichts als Kanonenläufe Auf Lafetten gelegt sind die Geschütze
fertig Sagen Sie aber nichts dem Herrn Stiefvetter
Hackert wünschte als die Prozedur des Barbierens vorüber war Einiges über
die Ministerkrisis zu wissen
Heute wirds reif aber fertig ists noch nicht sagte Zipfel diplomatisch
nahm sein Rasirzeug band es zusammen setzte den Hut auf und erklärte
Hackerten begleiten zu wollen Er käme nun erst an die rechten Quellen Wir
überlassen ihn seinen Studien die ihn auch zu den Gebrüdern Wildungen führten
deren Begegnisse am Morgen nach jener Nacht im Ratskeller wir kennen
Hackert schlug seinen Weg zu Schmelzing ein den er schon im Begriff fand
seine Bleistiftnotizen ins Reine zu schreiben
Schmelzing wohnte in seinem neuen Logis besser als Hackert Er besaß nicht
die cynische Verachtung alles Luxus wie dieser der gerade in seiner
Unfähigkeit ohne Bedienung ordentlich und sauber zu erscheinen etwas Vornehmes
hatte Schmelzing glänzte sich selbst seine Stiefeln bürstete sich selbst
seinen Rock nähte ihn auch zuweilen und war für seine Verhältnisse so glatt
geschniegelt wie seine Handschrift Aber heute fand ihn Hackert doch noch in
Unordnung Diese verwirrte Nacht hatte den geriebenen seiner mit subtilstem
Egoismus pflegenden alten Jüngling gelinde außer Fassung gebracht Er empfing
seinen Kollegen heute fast mit unartikulirten Vorwürfen und erklärte nie wieder
mit ihm gemeinschaftlich »operiren« zu können
Was wollen Sie denn fragte Hackert den Jammernden
Ihre Narrenspossen haben mich fast um den Verstand gebracht Die Frauen sind
meine schwache Seite und ich muss Sie in der Tat bitten wenn wir in
Amtsgeschäften sind nie nie wieder auf das andre Geschlecht zurückzukommen
Aber Sie undankbarer Zurückgekommener rief Hakkert und zeigte auf eine lang
ausgebreitete Pergamenttafel voller Notizen Sie haben ja die beste Verschwörung
von der Welt auf dem Leder Was hab ich denn An dem einen Kreuz wo die beiden
Damen die nach Eau de Kologne
Schweigen Sie jetzt Hackert
Die Eine die Schwarze die er Aspasia nannte wissen Sie Schmelzing die
mit
Ich bringe Sie um
Sie bringen sich selbst um wenn Sie Ihre weiße Halsbinde so kokett
schnüren Wollen Sie sich Blut in die Wangen lügen Blasser Teint steht Ihnen
viel interessanter
Was wird Pax sagen Ich hoffte einmal auf seine Empfehlung als
Kammerstenograph
Aber mein würdigster Kanzleirat was bleibt mir denn erst übrig Ich habe
mit einem Gespenst gesprochen Bei Verschwörungen statuirt die Polizei keine
Gespenster Für Gespenster gibt es keine Diäten Schöne Halsbinde Schmelzing
Wo lassen Sie waschen Ihre Wäscherin
Schmelzing aufkichernd brach dies Thema ab und verlangte eine Mitteilung
über die sonderbare Erscheinung des grauen Mannes Hackert gab ihm nach einigen
dämonologischen Neckereien zuletzt eine rationalistische Lösung Er sprach
geradezu von Dieben und von der Notwendigkeit diese der Stadt so wichtigen
Räume unter eine bessere Aufsicht zu stellen Er schloss seine Mitteilung damit
dass er nicht mehr in das Archiv mitginge und blickte nun auf Schmelzings
Errungenschaft seine beschriebene Eselshaut
Sie stenographiren nach der süddeutschen Methode sagte er Ich war noch nie
in Schwaben und finde mich nicht in Ihrem Gewimmel zurecht
Indem klopfte es stark und mit dem Klopfen zugleich trat in Eile der
Oberkommissär Pax ein
Schmelzing hätte fast den Ärmel seines Fracks zerrissen den er eben
anziehen wollte während er auch schon nach einem Stuhle griff Hackert nahm die
Zigarre aus dem Munde die Hände aus den Beinkleidertaschen sonst aber blieb
er unerschrocken und phlegmatisch Es sollte nun Bericht erstattet werden
Zweites Kapitel
Dämmerungen
Aber meine Herren begann Pax was ist Das Ich erwartete Sie längst Eine so
wichtige Mission Wo sind Ihre Aufzeichnungen Was haben Sie für Resultate
Schmelzing zeigte mit großer Verlegenheit auf das von ihm beschriebene
Pergament und sah hülfeflehend Hackerten an der mit aller Ruhe das Wort
ergriff
Denken Sie sich Wir fanden ja statt nur eines zuletzt drei Kreuze erhellt
Herr Oberkommissär Über jeder der drei Zellen wurden Dinge gesprochen die des
Anhörens wert waren
Der Oberkommissär schien sehr erfreut
In der einen saßen zwei griechische Damen sagte Hackert und ein ein
lateinischer Herr
Ich weiß sagte Pax lächelnd Die eine Zelle war von dem phantastischen
Pfarrer Guido Stromer besetzt der hier jetzt in Begleitung zweier Fräuleins
Wandstabler die Wildheit austobt von der kein Mensch begreift wie er Jahre
lang auf seinem Dorfe sie hat bändigen können Es wird nötig sein den Mann zu
warnen
Waren es wirklich die Wandstablers sagte Hackert erstaunt Ja fragen Sie
Schmelzing dieser Herr hat sich soweit es mit Gefahr die Augenlieder zu
verbrennen zu hören möglich war so in wissenschaftliche Untersuchungen über
die Liebe ergangen dass Schmelzing in seinen edelsten Grundsätzen wankend wurde
und sich selbst gern ins Türkische übersetzt hätte wenn
Ich will nicht hoffen unterbrach Pax dass Sie dies Stelldichein eines
unbesonnenen Mannes den der Genuss des Residenzlebens um Vernunft und Vorsicht
zu bringen scheint gestört hat an der Hauptstelle Acht zu geben
Nein fuhr Hackert als Wortführer fort Schmelzing verachtet den sogenannten
Panteismus den Propst Gelbsattel an Schlurcks Tische proklamirte wenn der
Champagner kam Ich beredete ihn weiter entfernt beim dritten Kreuze Platz zu
nehmen
Beim dritten Kreuze rief Pax der Bildung seines Schützlings sich freuend
aber doch betroffen Da wo General Voland von der Hahnenfeder saß den man wohl
erkannt hat trotz seines Mantels in den er sich wie in eine Kapuze hüllte
Es war ein Franzose mit ihm sagte Schmelzing rasch um sich zu
rechtfertigen
Und Propst Gelbsattel dessen helltönende DessertStimme ich kenne
verlangte dem General zu Ehren Lacrymä Christi ergänzte Hackert
Ein Franzose bestätigte Pax Sollte es wirklich Sylvester Rafflard gewesen
sein Übrigens darauf kommt wenig an Ich hoffe dass der Irrtum bald entdeckt
wurde und aha da liegen Schmelzings Scripturen Haben Sie Acht gegeben was
besonders der Major Werdeck äußerte
O vollkommen sagte Hackert die Frage entschlossen auf sich beziehend Ich
postirte mich über der mittleren Zelle wo sich etwa fünf Gäste zu unterhalten
schienen
Sie ganz allein Sind Das Ihre Aufzeichnungen Hakkert Sehr unleserlich
Hackert sehr unleserlich
Hackert hatte seine Brieftasche hervorgezogen in der allerlei verworrenes
Durcheinander verzeichnet stand
Die Herren sprachen sehr rasch entschuldigte sich Schmelzing stotternd und
der Franzose wurde vollends von einem so hektischen Husten öfters unterbrochen
Hektischen Husten Der junge Louis Armand
Ich meine der Professor
Der Professor Welcher Professor
An dem dritten Kreuz
Sie haben doch nicht
Schmelzing hat Alles was die drei Herren unter dem dritten Kreuz über die
Jesuiten und ihren zukünftigen Einfluss auf Deutschland sagten hier
aufgeschrieben
Aber mein Gott Wer will denn etwas von den Jesuiten wissen Was haben Sie
denn gemacht Die fünf Was hat denn zum Teufel der Major Werdeck gesagt
Hackert
Erlauben Sie Herr Oberkommissär sagte Hackert Bei den fünfen war ich und
habe nur wenig nachgeschrieben weil ich bessere Ohren und besseres Gedächtnis
habe als Schmelzing dem ich die drei Jesuiten ließ als die wichtigsten
Pax geriet in den äußersten Zorn Er lief im kleinen Zimmer auf und ab
fluchte und wetterte und erklärte dass ihm mündliche Berichte nichts helfen
könnten Und als Hackert gar anfing zu erklären jene fünf hätten sich Charaden
aufgegeben sich in geistaschenden Betrachtungen über die Blume der Weine die
sie tranken zu überbieten gesucht Frauentugenden analysirt
Universitätsanekdoten so breit erzählt wie sie Melanie Schlurck immer vom Tisch
des Justizrats verjagt hätten fuhr Pax auf
Hackert Sie belügen mich
Herr Oberkommissär ich verbitte mir warf sich Hackert in die Brust
Schmelzing haben Sie nicht gehört dass man von dem Geiste der Weine und immer
über und durch die Blume sprach
Schmelzing hatte von dem Worte Geist eine Erinnerung und behauptete dies
gefährliche Wort sehr oft gehört zu haben
Pax fixierte Hackerten aufs Schärfste
Ich versichre Sie wiederholte Hackert dass wir Beide nur gehört haben wie
man von Geistern so viel sprach dass wir Gespensterfurcht bekamen Was
Schmelzing Nicht wahr Der Geist muss regieren sagten sie und setzten alle
Könige ab Das taten sie Einen Thron bauten sie von Gedanken und behingen ihn
mit Spinneweben und unsichtbaren Staubfädchen Die Armeen schafften sie ab und
wollten nur noch Schilderhäuser die nicht größer wären als hohle Krebs oder
Nussschaalen Polizei dürfe es gar nicht mehr geben weil die Diebe nicht zu
stehlen brauchten da Allen Alles gehörte
Das ist Kommunismus sagte Pax der sich über diese wichtige Zeitfrage zur
Not durch kleine konfiscirte Schriftchen orientirt hatte Und Schmelzing
sperrte staunend den Mund auf froh dass Hackert die Verantwortlichkeit dieses
Dienstversehens nun allein trug
Fahren Sie fort sagte Pax
Sie machten Alles gemeinschaftlich diese fünf zuletzt ich versichre
Sies zuletzt auch die Rechnung Niemand bezahlte für sich sondern die
verschiedenen Geschmäcke wurden in einen zusammengezogen dann mit fünf dividirt
und auf jeden kam einschliesslich mehrerer Beefsteaks ein Taler und fünf und
zwanzig Silbergroschen
Pax stampfte mit dem Fuß auf und schleuderte Hakkerts Brieftasche von sich
Aber ich versichere Sie Herr Oberkommissär die Parole hieß Geist Hier
Hackert griff in seine Brieftasche hier stehts ja Der Eine sagte Geist ist
der Herrscher des Weltalls und der Meister des Teufels und die Dampfkraft in der
Lokomotive Mensch genannt Erst greift der Mensch als Wickel Windel
Fallhutkind um sich und begreift was er fasst begreift seine Beulen und
versteht was ihm ansteht als Essgegenstand Aneignung durch den Mund ist die
erste Kritik der reiferen Vernunft Dann Hackert improvisirte so fort
dann trennt das Kind Eins vom Andern das Naschbare vom Unnaschbaren und teilt
es und urteilt Über das Urteilen machte man Wortwitze wie ich sie bei
Schlurck hörte wenn UniversitätsProfessoren gebeten waren und an einer
Gänseleberpastete durch die Zunge die Urbestandteile herausschmecken wollten
Ein berühmter Professor den Schlurck auf Händen trug weil er immer sagte
Alles was ist ist vernünftig der alte Herr nahm einmal von diesen UrTeilen
so viel auf einmal in sich auf dass er am folgenden Morgen an einer Indigestion
verstorben war worüber Schlurck sagte Das erste Ist das doch unvernünftig
war Dann hieß es unter dem mittleren Kreuz Es gäbe einen wahren Geist und
einen falschen echte Moral und falsche und das innere Gesetz darin fand ich
Gefährliches das innere Gesetz stünde über dem äußern Man bezeichnete grade
nicht die Polizei als die Gegnerin des inneren Gesetzes allein sie sagten sie
wollten einen Liebesbund schließen wo Alle sich mit geistigen Waffen schlagen
sollten und in Harnisch geraten nicht mehr aus persönlichem Interesse nicht
mehr aus persönlicher Leidenschaft sondern nur aus Überzeugung und um des
innern Denkens willen Ich rufe Schmelzing zum Zeugen Diese fünf Menschen waren
mit der ganzen Welt zerfallen und wussten nichts zu loben nichts gar nichts
als höchstens des Ratskellermeisters Weinkarte
Pax durchflog während Hackert in dieser Weise flunkerte das Pergament
Schmelzings und dessen Abschrift Er fand hier in der Tat reellere Dinge
wirkliche Namen Zustände Beziehungen
Kommen Sie zum Präsidenten sagte er endlich Ich sehe doch es sind
wichtige Namen da genannt worden und so gewagt es sein kann hochstehende bei
Hofe verehrte Männer wie den General Voland von der Hahnenfeder und den Propst
Gelbsattel in ihren geheimen Äußerungen zu belauschen so weiß man doch nicht
welches Ende unsre Ministerkrisis nimmt Der General hat es abgelehnt mit dem
Fürsten von Hohenberg ein Ministerium zu bilden Professor Rafflard ist uns
längst schon verdächtig Der Präsident wird zornig sein dass wir über Werdeck
nichts Genaueres fischten nichts über diesen gefährlichen Leidenfrost ich
hoffe aber diese Notizen machen es gut Ich nehme sie mit Kommen Sie um zehn
Uhr zum Präsidenten Schmelzing damit Sie Alles dechiffriren
Schmelzing war glückselig Er hatte unfehlbar einen Sieg über Hackert
errungen Diesem die verfehlte Expedition zugeschoben Brauchbares durch Zufall
entdeckt Doch nahm Pax auch von Hackert seinem jüngstgeworbenen geheimen
Agenten mit Schonung und sichtlichem Wohlwollen Abschied Er bot beiden
Schreibern Geld an das sie nahmen Er forderte sie streng auf jede nähere
Beziehung zur Polizei noch für einige Zeit zu verbergen es würde bald die Zeit
kommen wo sie vorwärts rücken könnten und wenn sie wollten Dienstabzeichen
tragen dürften Noch diktirte er ihnen einige Namen zu den Listen verdächtiger
Personen die sie schon bei sich führten es befand sich der eines Engländers
Namens Murray darunter Schließlich gab er ihnen verschiedene Eintrittskarten an
öffentliche Orte besonders in Ausstellungen in Museen Konzerte auch eine
immerwährende Gastkarte in die großen und kleinen Versammlungen des Reubundes
weniger um verdächtige dort nicht fallende Äußerungen zu überwachen als sich
in derjenigen Gesinnung zu stärken die allein der Stachel und Sporn wäre ihrem
Berufe mit Eifer und Hingebung zu folgen und besonders eine innere Scheu des
Angebens überwinden zu lernen
Fax verließ sie Schmelzing war froh so gut davongekommen zu sein und
konnte nicht begreifen wie Hakkert der doch auch gefehlt hatte losbrach
Die ewige Angeberei Hol die der Teufel Ich hatte geglaubt Pax würde uns
da anstellen wo man erfährt wo heimlich gespielt wo der beste Punsch gebraut
wird und die hübschesten Mädchen ohne Erlaubnis zu lieben wagen Das Departement
der öffentlichen Tugend dacht ich würde Ihnen Schmelzing anvertraut werden
dass auf dem Trottoir uns die elegantesten Damen im Vorübergehen zuflüsterten
Guten Tag Schmelzing Kennen Sie mich um Gotteswillen hier nicht Schmelzing
Himmlischer süßer Schmelzing unter dessen Kontrole ich stehe der bei mir
ausund eingehen darf bei Tag und bei Nacht Süsser himmlischer Schmelzing mit
der weißen Halsbinde
Schmelzing lachte hellauf vor Wonne über diese zuletzt in die ihnen
geläufige Fingersprache übergehenden Tollheiten Er hatte seinen Hut genommen
drängte Hackerten zur Tür hinaus schloss seinen Käfig zu und bat nur
unaufhörlich kichernd ihn mit dem »andern Geschlecht« nicht zu furchtbar
aufzuregen Er müsse zum Präsidenten sich sammeln
Unten auf der Straße trennten sie sich
Hackert war unflätig genug ihm fast die Zunge nachzustrecken Er schob
die Hände in die Beinkleidertaschen rannte die nächste rauchende Person mit
einem Pardon an bat um Feuer und schlenderte wie ein Tagedieb den
lebhafteren Gassen zu Er wollte erst Siegbert besuchen um ihn zu warnen
führte aber diese gute Regung nicht aus da sie ihm jetzt unnötig schien Nun
wollt er zu dem alten grauen Hause das Schlurck bewohnte wollte sich
erkundigen wie es um Bartusch stünde wollte einmal den Versuch machen
Schlurck selbst zu begrüßen dem er seit seiner Untersuchung in Sachen des
Bildes der Fürstin Amanda von Hohenberg imponirte Er war voll Übermut und
Trotz
Als er nun wirklich vor dem alten mit dem Kreuze bezeichneten Hause stand
blickte er schielend zu den Fenstern auf hinter denen Melanie wohnte Wie
rannen da alle seine chaotischen nicht guten nicht völlig bösen Empfindungen
in dem einen starken mächtigen Strom zusammen Vergangenheit Seit jener Nacht
wo ihm Melanie im Wagen versprochen hatte Lasally von einer Untersuchung
abzubringen mit der der ergrimmte Freier ihn bedrohte hatte er seinerseits das
Versprechen geben müssen auch nun für ewig von ihr zu lassen und ihre Bahnen
nicht mehr mit seinen schreckhaften Erinnerungen an Kinderglück zu durchkreuzen
Hackert hatte ihm Melanie damals gesagt du weißt sehr wohl dass ich über meine
Zukunft eine ernste Betrachtung anzustellen habe und mich nicht blindlings an
den ersten besten der Vielen die mir huldigen verschenken kann Und Hackert
schwur damals was Melanie begehrte Berauscht von Liebkosungen die er
ungrossmütig ertrotzte war er nach Hause geschwankt hatte die Brüder
Wildungen Louise Eisold Bartusch im frechsten Übermute verhöhnt war auf den
Fortunaball gerast hatte seiner ganzen verlorenen Natur den Zügel schießen
lassen bis ihn der Fluch seines Daseins wie er sein Traumwandeln nannte im
Augenblicke der Erschöpfung strafte und ihn zum jammervollen Spott der Menschen
aufs Neue mitten im Glückstaumel niederwarf Um zu vergessen war er den
Anerbietungen des Oberkommissärs gefolgt Die feige Verzweiflung die ihn
zuweilen erfassen konnte hatte ihm den Mut gegeben bis dahin Alles zu tun
was man von ihm verlangte Nun kamen wohl schon lichtere Augenblicke über ihn
Mitten in der wüsten Lebensart die er nun wo er doppelt Geld hatte am
wenigsten ließ überkam ihn wohl ein Gefühl verzweifelnder Wehmut Da setzte er
sich in Trinkstuben hin warf einen Papierschein auf den Tisch nahm das Geld
nicht auf das er wieder heraus bekam er hasse das schmuzige Metall sagte er
es mache ihm Krämpfe in den Fingern Er trank kam durch die Aufregung die der
Wein mehrte in einen Zustand verbissener Wut verletzte Jeden der sich ihm
nahen wollte und hatte doch meist die Kraft nicht die Folgen die seine
entfesselte Wildheit nach sich zog auszukämpfen Man warf ihn da wo er wie ein
König eingetreten war wie einen Bettler zur Tür hinaus Und es sprang ihm
Niemand bei Es schloss sich ihm Niemand an Niemand fasste zu seinem Wesen
Vertrauen Er konnte dann stundenlang sitzen das Haupt aufgestemmt und
ergrimmte Glossen hinund herschleudernd Man kannte ihn schon und belustigte
sich an ihm Seine Grundanschauung war die Jeden für irgendwie schlecht zu
halten Wenn er ganz mit sich in Verfall geriet ging er vor die Tore setzte
sich an die Spielplätze der Kinder sah deren Treiben zu und wollte sich auch
schon aus Dem die Eitelkeit die Gewalttat den Eigennutz früh herausmärzen
Wie Timon dann Alle verwünschend Alle hassend rannte er in die Felder in die
Vorstadtgassen und endete gewöhnlich damit dass er sich zuletzt zu den
Verworfensten ihres Geschlechtes flüchtete mit diesen tobte fluchte
philosophirte grade als wenn er aus dem Schlamm erst heraus nach Licht und
Poesie rang In dieser Sphäre hielt man ihn für verrückt
Dem Schlurckschen Hause lag ein Café gegenüber In diesem saß er schon seit
seinem Bruch mit der Familie oft Tage lang und belästigte des Justizrats
Fenster durch freche Blicke Auch heute wollte er schon in aller Frühe in das
Café eintreten und den unerquicklichen Dunst und Staub den eine Herberge am
frühen Morgen darbietet einatmen als er Jeannetten aus dem Schlurckschen
Hause treten sah Sie hatte einen der herbstlichen Jahreszeit entsprechenden
Mantel um und sah fast ergrimmt fast bissig jedenfalls sehr finster aus Trotz
dieser Witterung die er gleich spürte wagte sich Hackert an seine Feindin
grüßte sie und stellte die Zigarre halb aus dem Munde nehmend mit dem Hut auf
einem Ohr sich ihr dicht in den Weg Zwei Menschen Das die Gott nur zu Rädern
für fremden Willen geschaffen zu haben scheint zu ohnmächtigen Werkzeugen
fremder Kraft und grade die wollen erst recht selber im Leben regieren wollen
grade im Dienen herrschen und herrschen wirklich
Nachtvogel war Hackerts Gruß und Tagedieb Jeannettens Antwort
Blas er seinen Qualm nicht ehrlichen Leuten ins Gesicht
Mamsell hat Angst um ihre glatte Haut Herbst wirds Tragen Sie doch einen
Schleier Ihr Teint springt auf trotz GoldCream der Ihnen da von der Nacht
noch an der Nase glänzt
Jeannette besann sich ob sie so fortfahren sollte Eine Stimme sagte ihr
Die Feinde deiner Feinde sollten deine Freunde sein Und so begann sie
Hackert die Zeiten wo Sie im Hause waren sind nicht mehr
Hackert war nicht sentimental Am wenigsten liebte er die gefühlvollen
Kammerzofen Sie weinen ja sagte er Tränen wie Zwetschen so dick Tränen
wie Rossäpfel von Ihrem himmlischen Herrn Lasally Lumpenvolk
Denken Sie doch nicht mehr an den Abend in der Fortuna Hackert lenkte die
Kammerzofe ein Neumann hats bitter empfunden Sie hatten mich durch Ihre
schändliche Plauderei wegen dem falschen Prinzen um meinen Platz gebracht Sie
hätten den Zorn sehen sollen wie Melanie nach Hause kam von Frau von Harder
gleich mir aufgesagt Und wir wissen doch Hackert wir wissen doch
Schnurr du und noch ein Spinnrad äffte Hackert das rasche Plaudern der Zofe
nach Bist ja im Haus geblieben edles Wesen Der süße Bartusch und die
Wassernixe die Frau Justizrätin warfen dich ja nicht zum Tempel hinaus
ließ dich ja bei Neumann seinen Ohrringen und seinem Backenbart Schlurck
kann ja auch nicht den Geruch von jedem Frauenzimmer um ihn her vertragen So
sind Sie geblieben Was stört denn nun jetzt da drinnen die schöne Landschaft
Jeannette zog Hackerten vorwärts in eine minder belebte kleine Seitengasse
Hier begann sie eine Mitteilung über Schlurcks neuerdings erlebte
Unglücksfälle Die Verwaltung der Hohenbergischen Güter wäre ihm genommen die
Administration der städtischen Häuser wäre vom Magistrat neu untersucht worden
und es hieße sie käme auch aus Schlurcks Händen Schlurck lasse die Flügel
schrecklich hängen und gestehe ein denken Sie sich Hackert dass er alt
würde Die Justizrätin wäre wasserscheu das wollte viel sagen Und
Bartusch
Nun
Heut Morgen in aller Frühe klingelts und in einem Fiaker bringen sie den
Alten auch todtkrank und elend Wer weiß welche Gosse über ihn ausgeschüttet
wurde
Hackert forschte
Es musste zu Drommeldei geschickt werden der gleich beim Eintreten sagte
Bartusch Sie schauen ja aus als hätten Sie Geister gesehen Kurz und gut
Ich sage Ihnen Hackert wo ist die schöne Zeit hin als wir in Hohenberg waren
Die Lust Die Seligkeit damals in dem Schloss
So Ich schlief auf der Wiese unter den Fröschen Wer freilich bei Ihnen
Hackert Ich sage Ihnen Melanie ist nicht mehr zum Erkennen
Wie so Sie hat ja nun doch den rechten Prinzen Egon
Sie wissens also auch Alle Leute sagens Ich mag sie nicht fragen sie
ist mir nicht wieder grün geworden Von Hohenberg will sie nichts wissen
immer ernst immer nachdenklich immer Musik jetzt und Lektüre und
melancholisch
Und nun begannen diese Menschen eine Kritik der Verhältnisse Schlurcks des
Prinzen der bekannten Armut des Letzteren bis Hackert mit den Worten einfiel
Ich sehe unsern Alten noch mit der Prise in der Hand in Lasallys Cirkus die
Honneurs machen und mit ein paar alten steifen Mähren das Gnadenbrot um die
Wette essen Wie gehts denn Sr getauften Lordschaft
Jeannette sprach in gemessensten Ausdrücken von Lasally seinem ehrenwerten
vielverkannten Charakter worüber sie fast den Faden ihrer Mitteilung verlor
Dazu das Drängen in der engen Gasse die Aufregung der Menschen das Gewühl
eines naheliegenden Frühmarktes An einer Straßenecke lasen die Leute
angeschlagen dass Fürst Egon von Hohenberg Minister geworden Hackert griff
diese Nachricht auf
Hören Sie doch Prinz Egon Minister
Jeannette verwunderte sich hielt eine solche Beförderung für eine
Degradation einen wirklichen Beweis der Armut des Prinzen
O weh sagte sie Und heute heute muss der Justizrat zehntausend Taler an
Lasally zahlen Das Alles an einem Tage
Hackert erstaunte über die Zahlung an Lasally Er kannte Schlurcks
Geldverhältnisse besser als selbst die Justizrätin Was für zehntausend Taler
fragte er
Jeannette berichtete von einer schrecklichen Szene wo Lasally sich und
Allen den Tod gewünscht hätte Er wäre ruinirt er hätte auf diese Heirat
gehofft er hätte sich lächerlich gemacht durch seine Langmut er hätte den
letzten Beweis seiner Geduld in der Sache gegen Hackert gegeben
Ja Fritz sagte Jeannette er will Sie doch noch an den Galgen bringen
Neumann sagt Sie wärens auch wert man müsste Sie eigentlich auf ein wildes
Pferd binden und dann
Doch wohl das Pferd peitschen und nicht mich wieder fiel Hackert grimmig
ein Ich rat Euch Gutes Ich hab eine Wut auf Pferde und Lasallys rat ich
die Hufeisen verkehrt anzunageln dass ich nicht weiß wohin er mit ihnen
ausreitet Lasallys mein ich
Jeannette schauderte vor dem jungen Mann den sie jetzt bös doch tückisch
nannte Seine Augen zuckten Seine Gesichtsmuskeln bewegten sich krampfhaft
Jeannette sagte ihm rasch dass Schlurck keinen Kutscher mehr halten könne und
ihr selbst geraten hätte zu Lasally zu gehen bei dem für Neumann zu sprechen
Lasally würde sich jetzt sehr großartig einrichten würde Leute brauchen Eben
ginge sie zu ihm um ihm die Dienste ihres Verlobten anzubieten Sie wisse
zwar Damit unterbrach sie sich selbst denn Hackert ging fast taumelnd fast
abwesend neben ihr her Sie sprach schon nichts mehr er schwieg So
durchschritten sie fast die ganze Stadt zum Schrecken der Zofe die sich in der
einsamen Torgegend vor Hackerts plötzlicher Träumerei wahrscheinlich der
Erinnerung an seinen Lasally zugefügten Frevel fürchtete Zuletzt standen Beide
vor dem Eingang in die Reitbahn Lasallys Hackert erschrak als er aufblickte
Jeannette hatte längst gefürchtet dass sich Hackert einer gefährlichen Gegend
nahte Aber er sammelte sich und murmelte zum Abschied so hin sie würde Lasally
in einer türkischen Kleidung finden eine gelbe Meerschaumspitze im Munde einen
türkischen Fez auf dem Kopf rote Hosen an gelbe Stiefeln Schlafrock von
Samt mit Schnüren Wie ein Pascha würde er sie empfangen und sie würde ihm die
gelben Stiefeln küssen dürfen seine Hände seine Ohrzipfel und tot und kalt
würde der Pascha sagen Dein künftiger Mann ist ein Schafskopf doch soll er die
Stelle haben setzen Sie sich Fräulein Parlez vous français
Jeannette lachte huschte davon Scheu entfernte sich Hackert von einem Ort
der ihn an ein Verbrechen erinnerte Er floh fast Als er sich in Sicherheit
glaubte sah er um sich Er war erschöpft Da stand ein Brunnen der hier in der
Vorstadt in ländlicher Weise mit einem Wassertroge für die Ausspannungen die
vorüberziehenden Viehheerden versehen war Die Bäume hier und dort auf dem
großen Vorstadtplatze waren entlaubt die Luft schnitt kalt und fröstelnd genug
Herbstlich sahs auch in Hackerts Innern aus Fehler Irrtümer begangene
Frevel vergibt sich die Jugend sehr bald Aber um so gewaltsamer je weniger sie
davon merkt nagt an ihr die zu frühe Erkenntnis Dass diese Person diese
Jeannette nun zu einem Don Juan ging und für ihren Bräutigam um eine Anstellung
bat durchschaute er zu offen mit allen Folgen Die verbitterte Auffassung der
Menschen überzieht das ganze Leben mit aschgrauen Farben und worin anders
wurzelt die verzweifelte Freudlosigkeit des verdorbenen Grossstädters seine Wut
nach Änderung seiner Lage seine in der Gefahr dann doch wieder elende
Gesinnungslosigkeit als in diesem zeitigen Erkennen aller Endlichkeit unsrer
Natur in dem höhnischen Schlechtnehmen und Schlechtdeuten jeder fremden
menschlichen Regung und Unternehmung Hackert sah Alles vergiftet von
Selbstsucht Die Kinder auf der Straße schienen ihm schlecht die Tiere die
Hühner die Gänse um ihn her die nach dem Futter aus den Kornwägen den Resten
der Pferdemahlzeiten haschten schienen ihm bewusst erbärmlich ja selbst dem
Wasser in dem Trog auf dessen Rande er saß die Beine baumelnd sah er mit
mistrauischer Bitterkeit nach als wär es das ewige Symbol der treulosesten
dahin rinnenden Flüchtigkeit So zog er die Liste der Verdächtigen aus seiner
Brusttasche und sammelte sich erst in dem Bewusstsein in diesem Chaos doch nun
auch etwas wenigstens ein Polizeiagent zu sein
Aus dieser gewiss wenig tröstlichen Betrachtung weckte ihn plötzlich ein
lautes Wagenrasseln Er blickte auf Ein Lärmen Rufen Johlen
Peitschenknallen Er sah einen Reisewagen der langsam von der Gegend des Tores
daherrollte und von vier Postpferden im Schritt gezogen wurde Der Postillon
blies und klatschte wenn er absetzte lustig mit der Peitsche Mancher Hieb
fiel auf die allzunah herandrängenden neugierigen lachenden Menschen die sich
mehrten je näher der Wagen in die belebten Gassen kam Hackert stand auf um
die Ursache dieses Auflaufs kennen zu lernen Das Blasen des Postillons das
langsame Fahren eines großen vierspännigen Reisewagens konnte allein nicht die
Veranlassung dieses Lärms dieses Drängens und Spottens sein Er bemerkte auch
bald die seltsamste Unterbrechung der gewöhnlichen langweiligen
Strassenerscheinungen Der Postillon ritt selbst lachend auf dem Sattelpferde
auf dem Bock saß an einer Kette ein als Kutscher gekleideter Affe der aus einem
Korbe Äpfel und Nüsse unter die Menge warf Hinten auf dem Bocke standen zwei
Mohren in roten goldbetressten Livréen Im Wagenschlage waren zwei Papageien und
einige kleine Makis und Meerkatzen die an Kettchen zum offenen Schlagfenster
hinaus und hinein schlüpften so weit sie Freiheit hatten Ein kleiner Herr in
mittleren Jahren schwarzem Barte hochgerötetem Antlitz in einem
reichbesetzten Schnurrock und einem roten Sammtbarett saß ganz allein in dem
Fond des Wagens Er schien sich teils an den Kapriolen der Tiere die ihn
umgaben zu belustigen teils an der Neugier der Menschen die er dadurch
reizte dass er ganz neue kleine Silberstücke zum Kutschenschlage hinauswarf
Einige zierliche Windhunde bellten gleichfalls aus dem Wagenfenster und wollten
sogar nachspringen Der sonderbare kleine Reisende hielt sie an einer grünen
Leine fest und überließ das Apportiren dem Strassenvolk dem natürlich nicht
einfiel ihm die Silbermünzen zurückzugeben Diese tolle Karavane hielt als sie
dicht bei Hackert in der Nähe vieler Marktwagen und Wirtshausschilder stand
still Der kleine possenhafte Herr lehnte sich aus dem Wagenschlage und fragte
mit heller schriller Stimme hinaus
Welches denn jetzt der beste Gasthof in der Residenz wäre
Diese Vorstädter wussten wohl Antwort zu geben aber sie nannten ein Dutzend
Könige und Länder durcheinander Hackert sah auf dem Kutschenschlage in der
Ferne ein adliges Wappen und die Buchstaben OvD
Der Wirrwarr der Tiere die Mohren und die jubelnde Strassenjugend zogen ihn
an er trat näher und fragte nach des Herrn Begehr
Welches ist jetzt das erste Hotel der Stadt sagte mit sonderbarem fremden
Accent der kleine breitschultrige Kavalier
Die Stadt London antwortete Hackert mit mehr Ehrerbietung als ihm sonst
eigen war
Also wie vor fünfzehn Jahren Und der zweitbeste Doch nicht die goldne
Eule
Jetzt die Stadt Rom sagte Hackert
Cest la même chose Also ist Stadt Rom das beste Hotel denn mein Herr
das eine ist wirklich gut und das andre bemüht sich nur den guten Ruf aufrecht
zu erhalten Alte Wände neue Tapeten Ich ziehe die goldne Eule vor Ich danke
Ihnen Schwager also in die Stadt Rom
Damit fuhr der Wagen des sonderbaren Dialektikers vorüber und jetzt so
schnell so im verhängten Galopp dass die Menschenmenge nicht mehr folgen und
ihm nur ein lautes Halloh nachschreien konnte Man zeigte sich lachend die
Äpfel die Nüsse die kleinen Silbermünzen die man erobert hatte und zerstreute
sich in der Voraus setzung man würde an den Strassenecken bald die Ankündigung
eines angekommenen berühmten Taschenspielers oder einer Menagerie oder einer
Kunstreitergesellschaft lesen
Lieber OvD sagte sich Hackert als er allein zur innern Stadt
zurückschlenderte du bist bei allem Witz ein Narr und deine Tiere die wie
Menschen gekleidet sind haben so viel Verwandtschaft mit dir selbst dass ich
auch ein Narr wäre wenn ich mich noch länger hier an Lasallys Reitbahn um drei
tote Pferde ängstigen wollte
Die Tollheit eines Andern hatte Hackerts Grübelei geheilt Und es war die
höchste Zeit dass er sich auf dem Profossamte sehen ließ Im Vorübergehen an der
Stadt London fragte er ob nicht ein Reisender mit Mohren und Affen eben
angekommen wäre Er fragte grade deshalb dort weil er sich sagte die Menschen
wären ja alle inconsequent und führten in jeder folgenden Minute grade Das aus
was sie sich in der vorhergegangenen widerraten hätten Um so mehr war er
überrascht dass in der Stadt London Niemand etwas von einem solchen Fremden
wusste in der Stadt Rom ihm aber unter Lachen und Verwundern wirklich gesagt
werden konnte der angekommene vornehme Sonderling hieße ganz einfach Baron
Otto von Dystra kurländischer Gutsbesitzer
Doch einmal Einer der Konsequenz hat sagte sich Hackert erstaunt und
verwünschte die dumme neugierige Stadtjugend die an dem Portal der Stadt Rom
sich anhäufte um die Affen die Papageien die Windspiele und die beiden Mohren
zu sehen die schon unter der Kellnerschaft hin und her liefen und von der
Lebendigkeit ihres Herrn selbst Trepp auf Trepp ab eskamotirt schienen
Aber Koketterie konnte Hackert dem neuen Ankömmling doch anhängen Er will
Aufsehen machen der Hanswurst sagte er sich und behielt als unverbesserlicher
Misantrop Recht Mit schlottrigem Gang einen Gassenhauer pfeifend wandte er
sich dann dem Profosshause zu
Drittes Kapitel
Ein Rundblick
Vierzehn Tage etwa lebte Hackert in dieser dämmernden Stimmung so fort ohne ein
besonderes Ereignis Die große Politik die bewegt genug war kümmerte ihn
nicht Die kleinen Aufträge die ihm Pax erteilte führte er mit der ihm eignen
lässigen Gedankenlosigkeit aus oder hatte seine Freude daran andrer Leute Pläne
zu durchkreuzen mit seiner Menschenverachtung andern Unternehmungen in die
Zügel zu fallen Pax schenkte ihm da er unendlich anschlägiger und
scharfsinniger wie Schmelzing war alles Vertrauen und veranlasste ihn auch da
er zufällig nach außen hin einen Auftrag zu besorgen hatte sich öfters auf der
Polizei und in den Gerichtshäusern sehen zu lassen als ihm sonst lieb war
Eines Abends geschah es dass Hackert auch die Ankunft jenes von zwei
Landjägern und zwei Polizeidienern geleiteten Murray auf dem Profossamte
beobachten konnte Er erinnerte sich den Namen auf seiner Liste zu haben Der
Untersuchungsrichter Müller derselbe für den einst Hackert den Prinzen Egon
gehalten hatte als er in der Blouse neben ihm und Dankmar im sommerlichen Walde
schritt empfing den gebückten alten Mann mit der schwarzen Binde im
vertraulichsten Tone den Murray durch Nicken erwiderte Es ist so gebräuchlich
in den Kriminalgefängnissen dass sich eine schadenfrohe Kordialität zwischen
Inquisiten und Richter festsetzt wo weder der Hohn für die Gerechtigkeit
würdig noch die Vertraulichkeit für die Besserung herzlich wirken kann sondern
jener nur erbittert diese im Schlimmen bestärkt
Bald wiedergesehen Angenehme Reise gemacht God dam In No4 Mullrich
Mylord Murray werden sich bald zurechtfinden
Mullrich und Kümmerlein schauten nicht wenig stolz um sich und wussten
Wunderdinge von ihrer heldenmütigen Fahrt zu erzählen Sie bedauerten nur dass
Pax nicht anwesend war und ihnen sogleich die Diäten anwies die sie redlich
verdient hatten
Müller nahm das Protokoll über die Ereignisse in Hohenberg und dem
Forstause auf und bemerkte
So sind wir doch nicht vergebens veranlasst worden ein Auge auf diesen
versteckten zweideutigen Menschen zu haben
Hackert hörte die Erzählung der Gerichtsdiener und dachte sich lebhaft in
die Gegend hinüber die er seit dem Sommer so wohl kannte Er erfuhr den Tod
jenes Schmieds an dessen Werkstätte er zuweilen vorbeigestreift war ohne
seinen Namen zu erfahren er sah das Forstaus wieder dem gegenüber er unter
dem Ebereschenbaume im Grase geschlafen hatte Den Namen Zeck hörte er in dieser
Verbindung zum ersten Male und war erstaunt in ihm den Namen wiederzufinden
der auf dem Bartuschen abgenommenen Geburtsscheine stand Doch mochte er sich
nicht mit Fragen dazwischen drängen sondern hielt sich da Assessor Müller ihm
noch in Paxens Namen einige Aufträge zu geben hatte in bescheidener Ferne von
dem Pulte wo die Landjäger und Gerichtsdiener ihre vorläufigen Aussagen
niederlegten
Hackert sah zum Fenster hinaus in den düstern Hof des unheimlichen Gebäudes
über welchen hin man den ruhig ergebenen Murray in No 4 abgeführt hatte Er sah
in ihm schon einen Verbrecher einen Mörder vielleicht und trommelte leise an
die bekritzelten Scheiben an denen schon Mancher gedankenlos wie er gestanden
haben mochte und sich in Glas zu verewigen gedachte
Die Diener der Gerechtigkeit hatten soeben ihre Aussagen beendet als man
auf dem Vorsaal dieser geräumigen Halle lautes Sprechen vernahm Die Tür wurde
aufgerissen und ein junger Mann stürzte mit dem Rufe herein
Wo ist er Haben Sie ihn schon abgeführt Ich beschwöre Sie
Aha riefen die Gerichtsdiener Da Herr Assessor Das ist der Herr von dem
Sie aufgeschrieben haben
Was wünschen Sie Herr Louis Armand fragte der Assessor Müller den
Eingetretenen ruhig und kalt
Mein Herr durchbrach dieser mit etwas fremdartigem Accent jede weitre
Bedenklichkeit Sie haben soeben den Engländer Murray eingebracht als einen
ehrlosen Verbrecher
Einer Tödtung überwiesen deren Zeuge Sie waren sagte Müller
Sie sehen mich hier mein Herr fuhr Louis Armand in leidenschaftlicher
Erregung fort Sie sehen mich hier die lautre Wahrheit über diesen Vorfall
niederzulegen und nichts vom wahren Sachverhalte zu verschweigen Ich bitte Sie
kann ich Murray nicht sehen
Sie erleichtern uns bemerkte lächelnd der Assessor durch Ihre persönliche
Gegenwart die Untersuchung eines sonderbaren Falles Haben Sie die Güte uns
Ihre Adresse zu nennen Sie sollen zu rechter Zeit vorgefordert werden Murray
jetzt zu sehen ist nicht möglich
Ich beschwöre Sie sagte Louis voll schmerzlicher Teilnahme leiten Sie die
Untersuchung schnell ein Jede Minute die ein Unschuldiger schmachtet muss
einem gerechten Richter zur Pein werden
Sie wohnen vielleicht noch Wallstrasse No13 sagte Müller ruhig und schlau
Sie werden Ihre Citation rechtzeitig empfangen
Als Louis Armand erstaunt über die Kenntnis seiner Wohnung schon gehen
wollte wandte er sich noch einmal und wagte die Frage
Sagen Sie mir nur mein Herr wenn ich es erfahren darf wie ist es möglich
gewesen dass dieser harmlose brave Murray von verkleideten Agenten der
öffentlichen Sicherheit verfolgt in einer allerdings schrecklich geendeten
Privatangelegenheit überrascht werden konnte
Herr Armand sagte der Untersuchungsrichter ich bin eigentlich nicht
befugt Ihnen auf diese Frage eine Antwort zu geben Allein wenn Sie das
Resultat bedenken eine von diesen Agenten gestörte Mordscene so werden Sie
wohl einsehen wie begründet die Spürkraft war die den Oberkommissair Pax
bestimmte gerade dieser Fährte zu folgen und eine verdächtige Persönlichkeit
die Sie mein Herr getäuscht zu haben scheint gründlichst zu beobachten
Louis Armand überlegte diese Antwort mit nachdenklichem Ernst und entfernte
sich langsam tiefaufseufzend über die unläugbare Kraft der empfangenen
Widerlegung
Als er hinaus war sagte der Assessor ziemlich laut
Wenn man ihn nicht des Premierministers wegen schonen müsste
Die Polizeidiener und Gensdarmen entfernten sich Müller schloss sein Bureau
und erteilte Hackerten der fern am Fenster mit abgewandtem und nur etwas
seitwärts lugendem Antlitz die Szene beobachtet hatte noch einige Aufträge
Dann ließ er auch ihn hinaustreten und schloss den Saal
Louis Armand sagte sich Hackert als er allein war ist auch Einer von den
Rittern vom Geiste die vielleicht schon auf dem Wege sind irgend eine große
weltverbessernde Torheit zu begehen Wer weiß ob dieser Alte mit der schwarzen
Binde mit dem geheim gesponnenen Menschenbeglückungsplane nicht auch
zusammenhängt und mein Versuch gutmütig zu sein als ich sie nicht entdeckte
an ihrer eignen Dummheit scheitert
Und so kitzelte ihn jetzt wirklich die Lust doch irgendwo an geeigneter
Stelle seine neuliche Entdeckung über eine geheime Verschwörung auszusprechen
dass es des ganzen Gegengewichtes der Beteiligung der Gebrüder Wildungen
bedurfte um ihn von diesem Vorhaben abzubringen Er war in seiner schlimmsten
Stimmung Er hatte heute Mittag Melanie neben Paulinen von Harder zu Wagen
gesehen vornehm und stolz auf der Promenade an ihm vorüberfahrend Der
jüngstgefallene Schnee war zwar auf dem Steinpflaster geschmolzen aber in den
Bäumen war er fest geblieben Gegen dieses frische Weiß der Bäume hob sich
Melanie wie die Bürgschaft des ewigen Frühlings Dass sie ihn sehen sich
abwenden verächtlich nach einer andern Richtung blicken konnte erregte ihn so
dass es einen Tag bedurfte um ihn wieder in das Gleichgewicht seines gewohnten
ruhigen Phlegmas zu versetzen Statt nun irgendwie dem Vorfall im Profossamte
weiter nachzugrübeln oder an den Geburtsschein zu denken wo der Name Zeck mit
dem im Verhör ausgesprochenen gleichlautend war ging er mismutig wie fast
jeden Abend nach der Anlage vors Tor wo Pauline von Harder auch für den
Winter wohnte Da nur das Portal zu sehen da nur den Lichtschimmer zu
beobachten hinter dem Melanie sich bewegte war ihm wenigstens eine Zerstreuung
und zu Abenteuern reizende Unterhaltung
Heute kamen ihm in jener Gegend die beiden kleinen Eisolds mit ihren
Zeitungen in den Weg
Das Jahrhundert Extrablatt Das Jahrhundert schrien sie
Hackert trat hinzu und kaufte das Extrablatt
Machst gute Geschäfte Line fragte er
Guten Abend Herr Hackert sagten die Kinder und gaben ihm ein von Regen und
Schnee nasses Exemplar
Habt ja da noch einen ganzen Bettel Wieviel Nummern sind das
Dreißig Stück
Das Stück einen Groschen sagte Hackert Da habt Ihr Eure ganze Auflage
bezahlt Nehmt
Er gab den staunenden Kindern einen Papiertaler
Ei sagten sie so kommen wir noch zum Punsch nach Hause
Zum Punsch Wetter wird bei Euch Punsch getrunken
Louise macht Punsch Karl kommt nach Sieben aus der Fabrik Gehen Sie
mit in die Brandgasse Herr Hackert
Wie kommt Ihr denn zu Punsch Hat Danebrand Geld vom Meere bekommen
Nein sagte Linchen die viel rascher antwortete als der ältere Wilhelm der
noch immer den Papiertaler staunend betrachtete Danebrand solls nicht wissen
aber es gibt Kuchen zu Punsch Der fremde Herr brachte Citronen und Zucker
und Rum schon gestern gestern wollte Louise nicht
Der fremde Herr sagte Hackert erstaunt und mit dem bittersten Ausdruck Ein
fremder Herr Citronen und Zucker und Rum Und Danebrand darfs nicht wissen
Ha Ha
Die Kinder erschraken über dies grelle Lachen Line wurde rot weil sie
Etwas was ihr nicht im Mindesten spöttisch schien unrecht berichtet zu haben
glaubte
Was du nur so dumm bist fiel Wilhelm ernsthafter ein Danebrands
Geburtstag ist ja heute und er solls nicht vorher wissen
So so Und der fremde Herr
Er war erst zweimal da Karl weiß wie er heißt
Und Louise hoffentlich auch meinte Hackert
Gewiss sagte Wilhelm Der Herr will uns Alle mitnehmen
Mitnehmen Alle
Linchen lachte
Warum lachst du denn Line
Der Herr will die Louise heiraten sagte Linchen fast verschmitzt und nicht
ohne Eitelkeit
Die Louise Punsch Natürlich und zu Danebrands Geburtstag Da guter
Danebrand trink Stoß an Hat er Geld der Fremde
Eine ganze Börse voll
Ha Ha lachte Hackert Man denkt die Menschen sterben mit Denen die wir
kannten aus und immer neue kommen Kinder betrinkt Euch nicht im Punsch
damit Euch nicht zu bald die Augen zufallen Tuts dem armen Danebrand zu
Liebe Schlaft nicht zu früh Wer wohnt denn jetzt in meiner Stube
Keiner aber die Stube wird doch bezahlt
Doch bezahlt
Und die andre auch
Von wem denn
Von dem alten Mann der verreist ist Er hat ein böses Auge Herr Murray
Murray
Der will nicht die Louise heiraten der Andre er hat einen roten Bart
Einen roten Bart Aber sagtet Ihr nicht Murray
Der Alte mit der schwarzen Binde heißt Murray Kommen Sie auch Herr
Hackert fragte Linchen und fasste Hackerts Hand
Kind Schmieg dich nicht so an die Paletots auch wenns friert Grüße
Louisen und sag ihr der Alte mit der schwarzen Binde nein sag ihr
nichts Wenn er die Miete bezahlt hat Hat er sie bezahlt
Auf ein Vierteljahr im Voraus
So hat die Bescheerung Zeit bis Weihnachten Ihr schwimmt obenauf Macht
dass Ihr nach Hause kommt Die Pfannenkuchen werden kalt und sagt dem Danebrand
nicht etwa dass er ein Esel ist Das würde sich nicht schicken wenns auch wahr
wäre Gute Nacht Kinder Sagt Louisen Nicht zu viel Citrone an den Punsch
Hört Ihr Citrone macht Kopfschmerzen
Die Kinder gaben Hackerten die Hand dankten noch für die rasche Beendigung
ihres Abendgeschäftes und liefen im Regen und Schnee unter den blendenden
Gaslaternen hurtig über die nassen Pflastersteine nach einer festlichen
Aussicht wie ihnen eine solche mit wahrer Paradieseswonne wohl noch nie geboten
war
Punsch
Wie sie laufen ins TeufelsElend rief Hackert hinter ihnen her und
schleuderte zornig das Packet Zeitungen in den ersten besten Strassenwinkel
Louise Eisold die ihm bisher wie das Bild der reinsten Tugend erschienen war
Louise Eisold die ihm immer gewesen war wie einem vorübergehenden Zweifler eine
offene Kirche Louise Eisold wo er immer gedacht hatte die Kirche steht ja da
sie ist ja gleich in der Nähe wenn die Erleuchtung über dich kommt sieh im
Vorübergehen blinzelnd hinein und warte die Zeit ab wo du dich für würdig
hältst ihre Schwelle zu betreten Und nun Punsch und ein Mann mit
rotem Bart Hackert hatte oft wenn ihm zu wehmütig zu einsam und verlassen
zu Mute war auf dem Sprunge gestanden sich zu Louisen zu flüchten Im Neu
und Vollmond fast immer Kam der unheimliche Dämon und siedelte sich in seinen
Nerven an und trieb ihn Nachts aufzustehen ohne Bewusstsein ohne Hüter als
Gottes Huld so riefen tausend innere Stimmen in ihm nach jenem Mädchen das so
viel warme liebevolle Freundschaft ihm gewidmet hatte und das er floh weil sie
ihm zu tugendhaft und zu wenig schön war Und nun Ha Die Gourmandise der
Kleinen schien ihm schon die kitzelnde Satanspfote zu sein die sich auch nach
Brandgasse No 9 dritter Hof zwei Treppen hoch ausgestreckt hatte Das
schleckert das kichert sagte er sich Diesem Rindvieh dem Danebrand drehen
sie eine Nase und der Rotbärtige nimmt gleich das ganze Nest aus und zieht sich
auch die flügge junge Brut für die Zukunft auf Und nun schmetterte eine
Trompete von einem Tanzsalon herüber Geputzte Mädchen lockre Bursche
schlüpften über den Kot Hackert folgte und durchraste die Nacht bis zum
Morgen
Als er hohläugig gliedermatt nach Hause wankte schlug es fünf Uhr Er warf
sich auf sein Lager schlief bis gegen elf Uhr ungestört von der lebhaften
Frequenz in Herrn Zipfels »Atelier« Erst nach elf Uhr pochte Frau Zipfel den
Nachtschwärmer aus dem Schlafe
Herr Hackert Herr Hackert riefs durchs Schlüsselloch
Zum Henker lassen Sie mich schlafen
Es ist zu wichtig Stehen Sie auf
Hackert entschloss sich nach langem Bitten aufzustehen er schlorrte an die
Tür um sie zu öffnen
Wie staunte er als er einen feingallonirten Bedienten mit reichen
Achselschnüren und Wappenknöpfen vor sich sah der ihm ein Billet überreichte
mit den Worten
Von Madame Ludmer
Madame Ludmer Wer ist Madame Ludmer Sie irren sich
Herr Privatschreiber Hackert bemerkte der Bediente in dem wir den
Bedienten Ernst der Frau Geheimrätin von Harder erkennen
Mein Name Das Ob ich Privatschreiber bin muss ich den Wohnungsanzeiger
befragen
Mit diesen Worten nahm Hackert und erbrach das an ihn gerichtete Billet in
dem er folgende Zeilen fand
»Mein sehr geehrter Herr der Herr Oberkommissair Pax haben für die Zeit
seiner längeren Abwesenheit von hier die Frau Geheimrätin von Harder versichert
dass Sie sein ganzes Vertrauen besitzen und sich jedem Ihnen gegebenen Auftrage
so unterziehen würden als wenn sie ihn selbst gegeben Haben Sie die Güte zum
Behuf einer kleinen Kommission sich heute Abend etwa um sieben Uhr im Hause der
Frau Geheimrätin von Harder einzufinden und nach der Unterzeichneten zu fragen
die sich ein Vergnügen daraus machen wird Ihnen das Nähere in dieser
Angelegenheit auseinanderzusetzen Ihre ergebenste Charlotte Ludmer«
Die Alte hatte diesen Brief sicher nicht ohne Hilfe der Verfasserin von
Amaranta und Nadasdi geschrieben
Befremdet nickte Hackert dass er kommen würde
Der Bediente ging und weidete sich an dem Wohlgefallen mit dem Frau Zipfel
seine reiche Livree bewunderte
Hackert den die Aussicht mit Menschen zusammenzukommen die in so naher
Beziehung zu Melanien standen in große Spannung versetzte zog sich fast
bewusstlos wütend jetzt über die verlorene Nacht an Wie hätte er jetzt
frisch lebendig geweckt sein mögen Die Aussicht für den Abend elektrisirte
ihn Er nahm sich vor schwarzen Kaffee so stark zu trinken wie er ihm bei
Schlurck gemacht wurde wenn er des Nachts aufbleiben und bei wichtigen
Revisionen bis in den frühen Morgen arbeiten sollte
Das Billet der Madame Ludmer führt uns in die lange nicht betretene
Salonsphäre zurück Pauline von Harder erlebte bereits seit länger als vier
Wochen das Glück nach dem sie so lange wie nach einer schon zu entschwindenden
drohenden Hoffnung geschmachtet hatte Ihre Zirkel glänzender denn je waren
fast jeden Abend wieder geöffnet und der Mittelpunkt der tonangebenden nun
sogar die Welt bewegenden Gesellschaft Sie war nicht in die »kleinen Zirkel«
gedrungen aber die »kleinen Zirkel« mussten sich vor ihr beugen Ha sie hatte
die Achse der Welt am Drehgriff Sie hatte eine Zeitschrift begründet die man
das deutsche Journal des Débats nannte Sie hatte sich die ganze höhere geistige
Agitation zur Verfügung gestellt und beherrschte die öffentliche Meinung um so
nachdrücklicher als sich der in bewunderungswürdigem Fluge emporgestiegene
junge Adler Fürst Egon von Hohenberg auffallend genug nur bei ihr ausruhte
nur bei ihr die Schwingen senkte nur bei der Feindin seiner Mutter Frieden und
Erholung von seinen kühnen Flügen zu finden schien
Man wollte das Geheimnis dieser sonderbaren »Allianz« oder dieses warmen
Nestchens wie Pauline sagte in mancherlei Dingen finden konnte aber nichts
mit völliger Gewissheit als Beweis seiner Behauptungen anführen Die Einen
sagten Es wäre die alte Erfahrung von der Anziehungskraft der Gegensätze
während Andre ganz einfach das einflussreiche Organ der Geheimrätin »Das
Jahrhundert« als den Wegweiser bezeichneten der den jungen Numa zu dieser
schon bejahrten Egeria führte Man spürte in der Amaranta und dem Nadasdi den
beiden von Frau von Harder herausgegebenen Romanen ob sich in ihnen politische
Blicke fänden und gerade weil sich deren keine entdecken ließ stieg der
Glaube an die politische Sehergabe dieser jedenfalls bedeutenden Frau um so
höher Eine noch menschlichere und jedenfalls physiologischere Auffassung der
»Allianz« zwischen Pauline und Egon lag darin dass man an Paulinen eine große
Uneigennützigkeit in Betreff ihrer weiblichen Umgebungen rühmte Sie war immer
von den schönsten Erscheinungen der Mädchen und Frauenwelt umringt Man fand
darin einen gewissen Zug von Hochherzigkeit denn nichts ist in dieser Sphäre
seltener als die Neigung sich zur Folie fremder Anmut zu machen Allgemein
erklärte man einen Bruch zwischen Frau von Trompetta und der Geheimrätin daher
dass jene nicht so sehr an den geänderten politischen Ansichten ihrer Freundin
Anstoß nahm war sie doch vollends seit dem vom Hofe nicht angekauften
Getsemane in die Opposition gegangen und wirkte mit Trotz für die deutsche
Flotte sondern aus der der kleinen runden gar nicht anspruchslosen Frau
fatalen Zumutung sich mit einer Menge junger hübscher Mädchen und Frauen in
einem und demselben Salon bewegen zu sollen Von Pauline von Harder war bekannt
dass sie nur noch eine elegante phantastische Toilette liebte mit Heinrichson
dem nach Verkauf seiner Leda nach Rom verschollenen Maler gleichsam die
Grenzlinie ihrer Herzenswallfahrt bezeichnete und jetzt nur noch den Gedanken
den Systemen den Begebenheiten lebte Sie gefiel sich das entdeckten sogar die
Spötter schon in der Vorstellung einer geheimen Ratgeberin eines der
merkwürdigsten jungen Genies das plötzlich an dem politischen Horizonte
aufblitzte Nur darüber stritt man Sucht Egon wirklich ihren Verstand oder ihre
Intrigue oder sucht er nur die schönen Frauen die Paulinen umgeben diese
schalkhafte kleine Gräfin von Wachendorf mit den hochgezogenen schwarzen
Augenbrauen die wie zwei musikalische Fermatenzeichen aussahen diese schlanke
Baronin von Spitz die mit einem englischen Profil eine französische
Lebhaftigkeit verband und eine Offenheit des Blickes besaß die jeden noch so
gefassten Weltmann bei ihrer ersten Frage aus dem Gleichgewicht bringen konnte
oder fesselte ihn die einer altdeutschen Madonna ähnliche Frau von Landskrona
die nicht viel Geist besitzen sollte aber mit ihrem etwas rötlichblonden Haare
und ihrer blendendweissen Haut und der fast zu starkgeformten Brust den Reiz
einer Rubensschen Schönheit darstellte Auch Fräulein von Flottwitz war
Paulinen seit so schroffe Oppositionsmänner wie Major von Werdeck nicht mehr
bei ihr angetroffen wurden treu geblieben und konnte für Die welche mehr dem
Aschenblond zugetan sind noch anmutig wirken Alle überstrahlte aber die
reizende Melanie Schlurck zwar eine Bürgerliche aber eine Ausnahme von der
Regel die sich von selbst verstand Hier entschied die künstlerische Hand der
Natur Hier entschieden Witz und Laune Die Lücken die hier der fehlende Adel
ließ konnten nicht bemerkt werden denn Melanie räumte sie selber nicht ein
Sie war stolz wie eine Gräfin Nie kam ihr bei vor den schwarzen
Augenbrauenfermaten der Gräfin von Wachendorf nie vor dem englischen Profil der
Baronin Spitz vor dem altdeutschen Madonnenblick der Frau von Landskrona zu
erschrecken was sollte sie gar erst vor Titeln und Namen zittern Wenn sie
durch die Flügeltür rauschte wehte es einher wie wenn eine Königin kam und
man musste es Paulinen zum Ruhme nachsagen sie stützte sie hob diesen Eindruck
sie ließ Melanie nie ohne Umgebung sie wusste ihren Schützling zu placiren Sie
war gegen Alle nur tolerant gegen Melanie zuvorkommend Ihr Kuss auf die kleine
Stirn des Mädchens ein sanfter Strich auf ihr glänzendes Haar gab ihr die
Weihe doch in diesen Räumen die Erste zu sein Und Das was Pauline etwa
unterlassen hätte ergänzte Egon der Fürst der Premierminister der große
Staatsmann der zwar niemals lange in diesen Gesellschaften blieb wenn sie
allgemein waren bald verschwand man sagte ohne sich indessen aus dem Hause
zu entfernen dieser und jener Schönheit artig war aber nur über Melanie hin
jene träumerisch sinnenden Blicke entsandte in denen so viel verschwiegene
Huldigung so viel verborgene Traulichkeit schlummert Er sprach mit der schönen
Baronin von Spitz oft lebhafter mit der verschämten Frau von Landskrona oft
länger als mit Melanie Aber jedes scharfe Auge erriet dass er nicht nötig
hatte sich an Melanie erst im Salon anzuschmiegen Er sah sie viel öfter in dem
kleineren Kreise der Geheimrätin und ohne Zweifel viel vertraulicher
Wie sich die uns bereits bekannten großen politischen Wagnisse des Prinzen
Egon von Hohenberg in diesem Hause seiner Freundin ausnahmen wie sie hier
widerhallten kann man sich vorstellen Das war ein Lärmen ein Fahren ein
Treppauf Treppab ein Türenschlagen ein Klingeln ein Geschwirr Es ging
jetzt so lebhaft in der Villa her dass man den Entschluss des Geheimrats seine
eigne nicht minder unruhig gewordene Existenz ganz in das in der innern Stadt
gelegene alte Wohnhaus der Marschalks zu verpflanzen billigen musste Herr von
Harder war der Intendant des königlichen Hofteaters geworden Se Excellenz
hatten sich dadurch einem ganz neuen Studium zu widmen bei dem sie möglichst
wünschen mussten ungestört zu sein Er der die Einsamkeit der königlichen Gärten
bisher geliebt hatte und nur begleitet vom Inspektor Mangold zuweilen hier und
dort die Schlosskastellane und Hofgärtner überraschte auch er war jetzt in den
Strom der lebendigsten und rauschendsten Tätigkeit geworfen Dichter Künstler
das Publikum nahmen ihn in Anspruch Und was musst er studieren lesen prüfen
denken Und auch für Paulinen wäre dieser an sich unter andern Verhältnissen ihr
ganz angenehme aber jetzt störende gemeine Verkehr von Nachfragenden
Bittenden Widersetzlichen und was sonst zur Bühnenpraxis gehört unerträglich
gewesen Jetzt ließ sie ihren Gemahl gern in die Stadt ziehen wo er ungestört
wie er sagte »Dichterstücke« lesen und junge Schauspielerinnen und Sängerinnen
»prüfen« konnte
Befreit von der Nähe eines beschränkten und zuweilen eigensinnigen Mannes
erfasst von dem Wirbelwinde der Begebenheiten denen sie sich nicht ohne Grund
einbilden konnte eine Form mit aufdrücken zu helfen hätte Pauline von Harder
jetzt alle Ursache gehabt sich nach ihren Bedürfnissen glücklich zu fühlen
wenn nicht immer noch ihr Herz das sich nicht ganz zur Ruhe geben wollte
peinliche Erfahrungen gemacht hätte Dieser Heinrichson wie undankbar wie
treulos Sie verlangte so wenig von dem bei allen Weltdamen beliebten witzigen
in der Kunstwelt geachteten Manne Er sollte ihr nichts als eine Art von
beflissener Aufmerksamkeit widmen Er konnte neben ihr vielleicht eine Grisette
lieben ein Verhältnis wie mit jener Auguste Ludmer war ihr im höchsten Grade
gleichgültig allein sich einer Dame aus der großen Welt geopfert sehen wie ihr
das mit der »an ihrem Busen genährten« wie sie es nannte treulosen Helene
dAzimont geschah Das erschütterte sie tief Von dem Tage an wo Heinrichson
uneingedenk der vielen Freundlichkeiten die sie ihm gewidmet ihrer Protektion
der Beförderung seiner Gemälde ja der kritischen Abhandlungen die sie ihm für
einige Kunstblätter schrieb sie zu vernachlässigen schien und immer und immer
nur bei Helene dAzimont angetroffen wurde die ihrerseits in ihrer Liebe zu
Egon ihr nicht mehr wahr und überzeugend erschien sondern nur noch die
Stimmungen der verletzten Eitelkeit die Verzweiflung über den Bruch für Liebe
auszugeben schien seitdem hatte sie mit Anstrengung ihrem Herzen Schweigen
gebieten müssen und im Vollgenuss der übrigen Freuden die ihr wie sie sagte
»das Schicksal schenkte« im Vollgenuss der ausströmenden Wirksamkeit des
weltbewegenden Einflusses den sie üben konnte sich entschlossen für den
Freund den der sonderbarste Zufall ihr schenkte für Egon nun auch nur rein
mütterlich zu empfinden Der Kampf war gewaltig genug Als Heinrichson seine
Leda verkauft hatte und ihr eines Tages sagte Pauline ich verlasse Sie und
sie die Frage ob er nach Italien ginge mit Ja beantwortet hatte fuhren noch
tausend spitze Messer wie sie späterhin der Ludmer erzählte in das Herz der
»fünfzigjährigen« aller Zärtlichkeit längst entrückten Frau Gehen Sie hatte
sie gesagt gehen Sie Heinrichson nehmen Sie mit dem Reste vorlieb den Egon
stehen ließ Widersprechen Sie nicht Sie folgen Helene Ich kenne Das Ich
kenne diese Verzweiflung einer Frau die erst Mitleid dann Trost dann Rache
will Helene wird Egon noch oft zeigen dass man sie nicht ungestraft verlässt und
dass man um ihretwillen noch Alles vergessen kann auch Ihnen Heinrichson wird
sie es zeigen Auch Ihr Roman wird mit dieser Liebes und Gefühlsschwelgerin
einst vorüber sein Hüten Sie sich nur Ihr Auge auf das schöne Kind zu werfen
das im verblendeten Wahne mit Helenen ihrer Mutter entflohen ist Sie finden
nicht sobald eine Pauline wieder die nur weint wenn ihr Geliebter treulos
scheidet Sie könnten einmal doch noch bei irgend einer verratenen Frau jenen
Dolch finden den alle Ihre Bonmots nicht pariren Noch mehr aber als diese
flüchtigeren Schmerzen drückte die Geheimrätin die seit einiger Zeit
sonderbarerweise Alles schwarzsehende Laune der Charlotte Ludmer Sie die sonst
immer zur Heiterkeit stachelte keine Gefahr anerkannte jedes Wagnis ebnete
sie sah jetzt Gespenster und erschreckte ihre langjährige Freundin mit Visionen
Gespenster und Visionen waren die Worte der Geheimrätin Die Ludmer sprach von
Wirklichkeiten und schilderte die Aussicht noch manches heraufsteigenden
Verdrusses mit einer Umständlichkeit dass ihr Pauline einmal sagte Ich weiß es
Charlotte du magst nicht leiden dass ich wieder an die Öffentlichkeit
appellirte Du warst die hartnäckigste Gegnerin meiner kurzen
schriftstellerischen Laufbahn Du hast Freude empfunden über jede Bitterkeit
die ich auf ihr erfahren musste Du gönntest mir die Demütigungen der Kritik
als Nadasdi erschien und hast erreicht dass ich mehr deinen Wünschen als diesen
Impertinenzen nachgab und die Feder niederlegte Gegen den Ankauf des
»Jahrhunderts« hast du alle erdenklichen Gründe vorgebracht und kannst noch
jetzt zB diesen Stromer nicht sehen weil du glaubst ein allerdings im Leben
unbeholfener komischer eitler unerzogener Mann den aber wenn er schreibt
Alle bewundern hätte mich zu diesem Ankaufe veranlasst Die Beziehung zu Egon
so überraschend und unerwartet misbilligst du auch meine Teilnahme für
Melanie die mich erheitert und für die ich fühle wie für eine Tochter ja
Charlotte je älter ich werde desto schönre Keime entdeck ich in meinem
Herzen Lass sie mich doch pflegen Mit den Jahren sollen ja aus uns Engel
wachsen sagte Stromer neulich Glaube doch nicht dass meine gesellschaftliche
Stellung darunter leidet dass ich mich an den großen Fragen der Zeit beteilige
Weißt du wohl Charlotte dass du immer aristokratischer warst als ich und mir
hundertmal die Etikette vorhieltest wo meine verschmachtende Seele nur nach
Freiheit rief
Die Ludmer hatte bei dieser Erörterung zur Antwort gegriesgrämelt und
»gebrummkatert« Sie war offenbar tiefverstimmt die gute Frau Sie sah zuviel
neue Menschen im Hause Diese weltbewegenden Abende griffen sie an Die
Entfernung des Geheimrats mit dem sie gern plauderte wie mit Ihresgleichen
tat ihr zu leid Der gute Geheimrat Die besten muntersten Bedienten des
Hauses nahm er mit sich in die Stadt Sie hätte weit lieber gehabt die
Geheimrätin hätte sich an der »Komödie« beteiligt und wäre wie manche
Intendantin die Regentin des Hofteaters geworden Da hätte sie doch für ihre
alten Tage eine Zerstreuung eine Erholung gehabt Sie lachte gern sie sah gern
tanzen liebte lustige rauschende Musik und wer weiß ob sie nicht für die
ökonomischen Ersparnisse der Verwaltung neue Gesichtspunkte über Sammt und
Seidenstoffe Brennholz und Beleuchtung hätte aufstellen können Alle diese
Neigungen teilte nun die große Semiramis Pauline nicht Die wollte die Welt
umformen Die wollte mit dem Hebel ihres Einflusses die Erde aus dem
Gleichgewichte bringen Die Verächter des Nadasdi sollten sagen Welch ein
Weib Die Oberhofmeisterin von Altenwyl diese »Cerberus« der »kleinen Zirkel«
sollte eingestehen dass in Pauline von Harder eine große wenn nicht »immense«
doch endlos »extensive Seele« verborgen läge und der Hof selbst sollte fühlen
dass er nichts wäre wenn nicht ein Verstand wie der ihrige für sein Wohl dächte
und wachte Sie war zu tief gekränkt zu oft zurückgesetzt zu sehr in ihrem
innersten Sein von jener romantischsentimentalen Richtung in der die Königin
lebte verletzt worden dass sie ihr jetzt nicht hätte zeigen mögen was denn
doch noch in einer solchen »verlorenen Seele« wie die ihrige lebe glühe und
wirke Pauline las mit Gier alles Jüngste und Neueste den Kosmos die
Zeitbrochüren die Schriften über Physiologie Phrenologie Alles was nur
aufogie endete die Schriften über Volkswohl Gewerbe sogar über Freihandel
In solchem Bildungsdrange waren ihr die Klagen der Ludmer lästig Sie bat sie
ihre Nerven zu schonen Sie überließ ihr zu tun und zu lassen was sie wolle
Sie berief sich auf das Bild welches die Memoiren der Fürstin Amanda an ihren
Sohn enthalten hatte um zu beweisen dass sie wohl wisse wann es Zeit zum
Handeln wäre für jetzt verfolge Charlotte nur Schatten und gefalle sich in
Träumereien
So war Pauline von Harder gestimmt an jenem Tage für dessen Abend die
Ludmer Fritz Hackert zu sich berufen hatte Sie hatte wieder Entdeckungen
gemacht über die sie um jeden Preis erst mit ihrer Gebieterin Rücksprache
nehmen wollte aber diese horche Dem was sie erzählte nur halb zu denn sie
glaubte Egons Wagen zu hören Er war es auch Es war die Livree des jungen
Fürsten die sie mit ihm gemeinschaftlich verbessert neu gemodelt neu
gezeichnet hatte Aber der Wagen fuhr ja an ihrem Hause vorüber und hielt
drüben bei der noch immer in Büchsenschussweite von ihr entfernt wohnenden
Fürstin Wäsämskoi Sie erschrak darüber nicht Ist Das der Besuch sagte
sie den Egon schon längst bei der grillenhaften Frau macht die sich seit der
Flucht ihrer Tochter und der Ankunft ihres abenteuerlichen Schwiegersohnes vor
Niemanden mehr sehen lässt In der Tat kehrte auch Egons Wagen sogleich zurück
Die Fürstin Wäsämskoi hatte ihn nicht angenommen oder war nicht zu Hause oder
war bei Tische wie sie eigentlich selbst Es waren eigentümliche Diners die
Pauline seit einiger Zeit veranstaltete Sie bestanden aus einer kleinen
gedeckten Tafel mit zwei Kouverts in ihrem gelben ostensiblen Boudoir Ein
Nebentisch diente zum Anrichten Eine große weissbrennende geschliffene
Krystalllampe stand auf der kleinen gedeckten Tafel deren Gläser damastne
Decken Porzellanteller und silberne Bestecks einen traulichen Anblick boten
Die im weißen Porzellanofen prasselnde Flamme die Decken im Zimmer die
gleichmäßig schlagende Stutzuhr alles Das erhöhte die Stimmung und um nichts zu
vergessen was den Beiden die hier zu essen pflegten den Genuss wertmachen
konnte erwähnen wir noch den im Eiskühler schon frierenden Champagner So
fast täglich so auch heute Die Ludmer entfernte sich und erhielt den
Auftrag dass sie die am Abend erwartete Gesellschaft in den großen Sälen
empfangen sollte Schritte hallten Der ohne Anmeldung eintretende Fürst Egon
küsste Paulinen die Hand und warf sich ohne Weiteres sogleich auf die weichen
gelbseidenen Kissen des Sophas Er benahm sich als wär er zu Hause und Pauline
war glücklich den Allgefeierten bei sich zu haben ihn hegen ihn pflegen zu
können wie seine Mutter
Viertes Kapitel
Der neue Lykurg
Sie waren bei der Fürstin Wäsämskoi Egon begann Pauline und lauschte behutsam
auf die Stimmung ihres geliebten jungen Freundes der in schwarzem Frack und
weißer Halsbinde zwar erschöpft fast leidend aber mit der ihm eignen Würde und
Haltung an seiner gewohnten Stelle saß und sich langsam die Handschuhe auszog
Ich hielt es für meine Pflicht einmal wenigstens meine Karte abzugeben
sagte er mit fast tonloser Stimme heiser angegriffen Rudhard ist so
aufmerksam gegen mich besucht mich wenn er nur eine Minute erübrigen kann
Sind Das aber auch immer die Minuten die grade Sie frei haben Belästigt
Sie der Mann nicht
Die Geheimrätin strich mit der Hand des Fürsten Stirn Sie erschrak über
seine Abspannung
Ich höre Rudhard gern Es gibt mir Mut meinen weiland Lehrer den ich so
hochachte mit mir in Übereinstimmung zu wissen
Die Geheimrätin wagte um den Fürsten zu zerstreuen an persönliche
Angelegenheiten zu erinnern ob Olga geschrieben hätte ob Helene wirklich in
Italien wäre ob Heinrichson sich ihnen schon angeschlossen hätte Rudhard
spräche darüber nicht sagte Egon und erwähnte Dystra der Aufsehen mache durch
seine Sonderbarkeiten Es wäre ein sittlicher Polyteist ein IdeenGourmand
wie er sie nicht leiden könne diese Allesschmecker und Nichtsverdauer Bären
Affen und Hunde sind wie ich höre ihm lieber als die Menschen Er sollte die
Bekanntschaft Ihres Schwiegerpapas suchen den die Menschen in seiner
juristischen Praxis so anwiderten dass er zuletzt weniger daran verzweifelte
Hunde und Katzen auszusöhnen als die Leidenschaften unsrer Race
Kommen Sie zu Tisch Egon sagte die Geheimrätin erschreckend über die
tonlose fast krächzende trockne Stimme des Staatsmannes der heute viel
geredet zu haben schien Sie sind ermüdet Stärken Sie sich an meinen kleinen
Mahlzeiten die Sie noch diesen Winter liebgewinnen sollen Wenn Sie erschöpft
sind von der Politik Egon wenn das Ceremoniell des Hofes ja Ihres eignen
Hauses Ihnen selbst die Freuden der Tafel verleidet so kommen Sie zu mir
Pauline servirt ihrem Freunde eine kleine verschwiegene stille trauliche
Existenz Die Ludmer ist eine Künstlerin in der Sphäre Vatels Harders einzge
Region in der man sich auf einige Kenntnisse von ihm verlassen kann ist sein
Keller kommen Sie Egon
Die Bedienten brachten Austern Kaviar geröstete Brotschnitte
Als sie gingen sagte Egon lächelnd und sich am Tische wo er Paulinen
gegenüber Platz genommen mit lassen Händen selbst bedienend
Mais à deux Wer versprach denn
Ich schrieb Melanie und lud sie ein sagte Pauline ohne im Mindesten die
Mienen zu einem Lächeln oder einem Spotte zu verziehen sondern wie im Drange
des aufrichtigsten Bedauerns dass ihr die Lösung einer sehr ernsten Aufgabe
nicht gelungen ich schrieb Melanie und lud sie ein Sie wird erst den Abend
kommen Zu diesem Diner nicht die Gründe soll ich mündlich hören
Ohne spröde zu sein weiß sie doch gut zu rechnen sagte Egon lächelnd Sie
fürchtet die Vertraulichkeit eines solchen kleinen Mahles à la Régence
Die Bedienten hinderten eine weitre Erörterung dieses Temas Sie schenkten
Madeira ein und boten dem sonderbaren sich hier gegenüber sitzenden Paare davon
in zierlichen kleinen geschliffenen Gläsern
Nachdem kam eine fast überkräftige Suppe und überhaupt ein so ausgesuchtes
gewähltes Diner dass wir die einzelnen Gänge ebenso wie die Unterbrechungen
durch die Diener mit Stillschweigen übergehen können Das Gespräch das sich in
den Zwischenpausen frei ergehen konnte kam etwa auf folgende Äußerungen hinaus
Ich habe darüber nachgedacht sagte Egon mit träumerischem Sinnen worin ich
eigentlich den Zauber dieses reizenden Mädchens finden soll Der Glanz ihrer
Schönheit scheint dauerhaft er wird nicht zu bald erblinden Aber selbst eine
ewige Schönheit wäre in dem Falle etwas Vorübergehendes wenn die Schönheit nur
ihrer Schönheit allein bewusst wäre Ich finde Das so liebenswürdig an Melanie
dass sie sich mit einer Leichtigkeit gibt als wäre sie nur lachend nur graziös
nur munter Sie macht kein steifes Wesen von ihrer Schönheit Zuletzt ein
gewisser gutmütiger Zug eine gewisse
Nennen Sies nur grade zu sagte Pauline wie es ist Melanie gefällt Ihnen
deshalb so sehr Egon weil sie bequem ist
Bequem Ja teure Pauline fast glaub ich dass Sie das rechte Wort sagen
Wenn man so wie ich Jahre lang die Liebe behandelt hat wie die erste Aufgabe
unsres Lebens wenn man Frauen gefunden hat die indem sie Liebe gewährten
unsern ganzen Menschen dafür in Anspruch nahmen und verbrauchten so lernt man
ein Wesen schätzen das keine Gefühlswühlerin ist keine Gedankengrüblerin
keine heimliche versteckte sondern eine offene gutmütig ihre Schwächen
eingestehende Kokette Ich weiß wahrlich das Kapital das am Ende ein Weib zu
vergeben hat ist sehr klein und allen Frauen liegt daran dass sich die Sage von
der unendlichen Größe ihrer Schätze erhält Man lobt und preist die Dichter die
Frauenliebe als etwas Unendliches und einem im tiefsten Grunde des Meeres zu
suchenden Schatze nur Vergleichbares darstellen Lieber Himmel Das ist eine
Verabredung unter diesen Phantasten Die Angelegenheit um die es sich zwischen
Männern und Frauen handelt ist eine so außerordentlich einfache und ich gestehe
Ihnen ich bewundere und schätze grade die Natürlichkeit die diese Wahrheit
eingesteht
Pauline lächelte und betrachtete sich jetzt erst genauer ihr TêteàTête
Egon war seit vierzehn Tagen Staatsminister dirigirender Chef des Landes er
hatte die Kammern entlassen und große energische Grundsätze ausgesprochen Er
saß nun da so einfach vor ihr derselbe Mann der alle Gedanken in Anspruch
nahm alle Leidenschaften beschäftigte Er aß an ihrem kleinen Tisch erholte
sich bei ihr von seiner auch äußerlich schon sichtbaren Erschöpfung Wie fühlte
sie Das nach Wie machte sie diese Erholung glücklich Egon war hoch schlank
wie immer seine Gesichtszüge edel und fein seine Haltung fürstlich seine
Kleidung zwar noch durch keinen Stern geziert aber doch wie die eines
Hofmannes Wie blass aber die Mienen des Antlitzes Wie hoch die Stirn der oben
und zu beiden Seiten Morgens die Haare in Büscheln entfielen Wie zuckten die
Lippen so spöttisch Wie krampfhaft gereizt waren seine Bewegungen wenn er nach
einer Schüssel griff Wie bitter der Humor wenn er den kleinen Schnurrbart mit
der Serviette reinigend und ein Glas Eremitage an die Lippen bringend sagte
Ah Pauline Dieser süße Genuss doch wenigstens etwas zu wissen was fest
steht und gewiss bleibt Dieser feurige Burgunder ist die einzige feste
Tatsache die ich seit lange unter den Händen gehabt habe Was hab ich
Schwankendes gesehen und was gleitet mir nicht alle Tage flüssig und unhaltbar
durch die Finger Diese vierzehn Tage wie reich an Hoffnungen wie gesegnet an
Täuschungen Sehen Sie auch Das ist an Melanie schön Man weiß was man an ihr
besitzt Sie ist eitel und gesteht es Sie will gefallen und sagt es Sie
verrät uns dass sie sich mir nur unter großen Bedingungen ergeben könne Auch
diese Offenheit lernt man schätzen wenn man wie ich in der Lage ist nichts
nichts mehr mühelos aufzufinden O Gott Pauline wie oft mocht ich schon in
diesen vierzehn Tagen mit dem Kopf an die Wand rennen Nichts ist mühelos die
einfachste Erörterung nicht Bei Gott es verstehen mich nur drei oder vier
Menschen der König die Königin Sie und Melanie
Waren Sie heute mit dem Hofe zufrieden Mit dem Monarchen immer mit seinen
Umgebungen niemals Diese Menschen fragen nach jedem Begriff was er bedeute
nach jeder Maßregel was sie nützen oder schaden könne Dem Monarchen sagt ich
Ich ehre die Monarchie Der Fürstin Ich ehre die Sitte nun verstehen mich
doch diese Beide in allen Fragen wissen sie dass ich ihr Bestes will Aber die
Andern
Die Sitte bemerkte Pauline lächelnd und befahl den Bedienten jetzt schon
den Champagner zu öffnen Als eingeschenkt war und die Diener sich entfernt
hatten sagte Egon
Warum zweifeln Sie an meiner Sittlichkeit
Pauline schwieg warf ungläubig die Lippen auf Egon aber fuhr fort
Ist Das unsittlich dass ich hier Ihnen gegenüber mein Mittagsmahl nehme und
mich glücklich fühle irgendwo einen Ort zu haben wo ich mich ausruhen darf und
wo man mir die Ruhe gönnt
Pauline reichte ihm fast gerührt die Hand über den Tisch
Geben Sie mir nicht die Hand Pauline sagte Egon sie sanft zurücklehnend
Ich verdiene es vielleicht nicht um Sie denn gestern Abend als in den kleinen
Cirkeln von Ihnen die Rede war
Von mir
Und nicht in den freundlichsten Andeutungen
In der Tat?
Was erwarteten Sie wohl von mir
Dass Sie mich verteidigten
Ich tat es aber mit Waffen die Sie vielleicht misbilligen
Nennen Sie sie
Ich nehme Anstand
Ich muss Alles hören was man in den kleinen Cirkeln von mir gesprochen hat
Also
Nun denn Pauline Ich nannte Sie alt Ich sagte ferner Sie hätten das edle
Bedürfnis sich mit dem Sohne einer Mutter mit der Sie verfeindet waren
auszusöhnen und ich schätzte an Ihnen diese Reue und liebte da ich keine Mutter
mehr besäße Sie als die Stellvertreterin derselben Nicht wahr Das war eine
sehr liebevolle Impertinenz
Paulinen zuckten in der Tat die Nerven Sie war denn doch von einer so
heroischen Aufrichtigkeit zu sehr überrascht Sie stand allerdings schon an dem
Scheidewege sich eine Matrone zu nennen Aber hindrängen musste man sie darauf
so schroff nicht so jäh und abschüssig nicht
Sind Sie mir böse fragte Egon
Die Geheimrätin fasste sich erst allmälig biss sich die Lippen und sagte
dann lächelnd
Warum sollt ich Sie haben Recht ich bin alt Im Übrigen glaub ich dass
Sie ganz gut tun den Jargon dieser kleinen Zirkel zu sprechen wenn Sie doch
einmal an ihnen Teil nehmen müssen und Jemanden dort nützen wollen
Ich muss um Doppelpolitik zu hintertreiben
Dann wünscht ich aber doch fuhr Pauline noch etwas gereizt fort die
Gräfin Altenwyl käme einmal auf Melanie Schlurck zu sprechen und früge den
tugendhaften jungen Premier den Abgott aller pietistischen Hofdamen wie er
verantworte seit dem Tage wo er eine berühmte junge Kokette auf dem Wege nach
Solitüde zu Pferde gesehen sich sogleich in sie zu verlieben und bei der chère
Maman Pauline von Harder täglich nach einem Rendezvous nach einem TêteàTête
mit ihr zu schmachten
Die Bedienten brachten eben ein aus den vollendetsten Herbstfrüchten
bestehendes Dessert Als sie fort waren sagte Egon eine Melone pfeffernd
Bittre Wahrheit Unser Magen verdaut das Süsseste nicht wenn wir es nicht
durch die Vernunft unterstützen Ich gebe Ihnen das heilige Versprechen dass ich
auch in Betreff Melanies auf jenem Tugendpfade bleiben werde den Sie
belächeln Freundin Der Verhältnisse Sie wissen was das Wort bezeichnet bin
ich überdrüssig Ich habe mit einer Grisette wie in der Ehe gelebt und habe
Lust Liebe Leid im reichsten Maße genossen Ich hatte dann eine zweite Ehe
Ich bedarf ich seh es wohl der Frauen
Pauline drohte ihm schalkhaft denn Egon tat als wäre sie seine dritte
Ehe
In der Tat, fuhr er fort wenn ich meinen kleinen Roman mit Melanie
fortsetzen sollte würd ich in die Lage kommen können sie zu heiraten
Prinz welche Torheit rief Pauline und sprang auf Fürst Egon von
Hohenberg wird Melanie Schlurck die Tochter eines in seinen
Vermögensverhältnissen wie es scheint zerrütteten Advokaten die ehemalige
Verlobte eines Stallmeisters nicht zur Fürstin erheben
Fürst von Hohenberg sagte Egon bitter Wiederholen Sie dies Wort seit wir
die Denkwürdigkeiten meiner Mutter lasen noch mit so würdevollem Nachdruck
Welche Sorge entgegnete Pauline mit einem eignen Anflug von triumphirender
Überlegenheit Sie sind trotz der puritanischen Busse die sich Ihre Mutter
glaubte auferlegen zu müssen der Sohn des Fürsten Waldemar von Hohenberg und
werden den Glanz Ihres Namens nicht erlöschen lassen
Doch Doch Pauline erwiderte Egon sehr ernst und trübe Wenn ich Minister
bleibe und mir Melanie sich als Bedürfnis so erhält wie sie es zu meinem
Entsetzen schon geworden ist so werd ich sie heiraten müssen
Unglaublich
Dann gut Ich will Melanie nicht mehr sehen nur Sie Pauline nur mit Ihnen
will ich reden mit Ihnen debattiren diniren aber diese jungen Schönheiten
die Sie um sich versammeln diese reizenden Gestalten entfernen Sie Ich kann
mich nicht mehr an diese vorübergehenden Irrtümer an die eitlen Naivetäten an
die sentimentalen Koketterieen preisgeben oder ich wähle ein Weib und Sie haben
Recht ich habe allerdings Ursache eine aus den höchsten Ständen zu suchen
Man räumte die Tische hinweg Egon nahm auf dem Sopha Platz und stützte das
Haupt auf
Sie sind heute wieder einmal ein Grillenfänger begann Pauline von Harder
und fuhr dem jungen Fürsten durch die Locken von denen sie bemerkte sie würden
ihm immer lichter werden wenn er so seinem Trübsinn nachgäbe und dem Beispiele
einer Mutter folge die ihm ihr selbstquälerisches Temperament vererbt zu haben
schiene
Ach sagte Egon welch ein drückendes Gefühl bleibt es doch so an sich
selbst nicht mehr glauben zu dürfen und sich als ein Andrer zu wissen als der
man von den Menschen genommen wird Seit ich die Denkwürdigkeiten meiner Mutter
las ist mein Innerstes zerstört Diese verblendete von der Leidenschaft der
Wahrheit bis zur Grausamkeit hingerissene Frau Um Busse zu tun um ihre Reue zu
bekennen um ihren Sohn zur Nachfolge Christi zur Demut zu bewegen mutet sie
ihm für sein ganzes Leben eine Lüge zu einen Betrug gegen sich selbst und die
Welt
Man brachte den Kaffee Pauline winkte den Bedienten die an rasches
Serviren gewöhnt waren sich zu entfernen
Lassen Sie diese Erinnerungen sagte die nächst der Ludmer einzige
Mitwisserin des Geheimnisses dass Egon nicht der Sohn des Feldmarschalls von
Hohenberg war Es gibt nur ein Wesen das in die Geschichte der Verirrungen
Ihrer Mutter eingeweiht ist
Verirrungen griff Egon träumerisch das Wort auf Als ich die
Denkwürdigkeiten meiner Mutter las fühlt ich sie kommen so grausam sie für
mich sind doch von einer andern Welt als der wo wir irren Pauline ich hätte
Sie damals töten können weil Sie sich mit so verschlagner List diesen Besitz
aneigneten
Erlaubte Selbsthilfe Prinz
Nein fuhr Egon gesteigerter fort ich segnete Sie schon nachher selbst in
meinem Schmerz Ich war zu Tränen gerührt als Blatt für Blatt diese
Geständnisse aufflogen und ich in den Grund eines das Unmögliche suchenden
verzweifelnd ringenden Herzens blickte Ach als ich heute die Altenwyl in
bequemer Behaglichkeit so albern religiös sich gebehrden sah so sicher in ihrem
Christentum wie eine Predigtörerin im bequemen Kirchenstuhl als man mir
zumutete die Erbschaft der Johanniter getrost der Stadt zu überlassen und den
vom vorigen Ministerium begonnenen Prozess zu Gunsten einer
pietistischjesuitischen Koterie die ich klar durchschaue fallen zu lassen
wie ging mir da beim Anhören dieses Nebelns und Schwebelns kindisch bornirter
Gemütsgründe das Bild meiner Mutter auf Wer ist unter Euch der mich einer
Sünde ziehe so konnte sie sagen solchen absolut Tugendhaften gegenüber Sie
die sich um sich ganz verachtet zu machen sich ganz zu entkleiden ganz zu
stäupen und zu demütigen selbst anklagte sie die keine gleissnerische Falte
in ihrem Leben dulden wollte und in mir dieselbe Demut dieselbe Entsagung und
Gottergebung durch irgend einen großen Entschluss wirken wollte Ich hatte sie
gekränkt von Kindesbeinen an
Aber Egon So entschuldigen Sie diese Mutter rief Pauline Sie konnte
Jedem ihren Fehltritt der mich damals namenlos unglücklich machte beichten
warum Ihnen Sie hat Ihre Ruhe vergiftet sie hat Ihnen den Glauben an sich
selbst genommen
Denken Sie sich in diese Verirrung nicht hinein unterbrach Egon Sie
verstehen diesen Trieb nach Wahrheit und diese Auffoderung zur Demut nicht
Ich finde in der Manie der Wahrheit keine Tugend mehr
Sie wollte mit keiner Lüge aus der Welt gehen Sie wollte ganz zerknirscht
sein ganz gedemütigt vor den Menschen und vor mir dem sie die Grenze des
Selbstgefühls wies Einmal flammte noch die Angst in ihr auf Sie schrieb an
Rudhard er sollte ihre Geständnisse prüfen
Ihren Namen den Namen Ihres Vaters schänden
Nein Nein Pauline Wenn die Tote Das sähe Ich sitze auf den schwellenden
Polstern ihrer Feindin
Was ist Ihnen Prinz
Als ich diese Denkwürdigkeiten die unter Tränen geschrieben wurden las
dankte ich dem Zufall dass sie Rudhard der Ansprüche darauf machte nicht erst
gelesen Sie allein kennen sie Sie allein Pauline wissen dass die junge
Gräfin Hohenberg ihre erste Freiheit von einem brutalen rohen sinnlichen
gewöhnlichen Gatten dem berühmten Krieger zu einer Badereise benutzt und in
dem Jubel einer endlich einmal erlösten Existenz in dieser Freiheit von vier
Wochen so schwach war den Schmeicheleien eines liebenswürdigen jungen Mannes
nachzugeben den auch eine Kette band auch ein Schicksal drückte
Sie sind so grausam wie Ihre Mutter
Vergeben Sie Pauline ich muss es mir oft vorführen um es von einer Mutter
verstehen zu können Ich möchte von Heinrich Rodewald meinem wahren Vater eine
gute Vorstellung haben Die Mutter schildert ihn wie einen Gott Aber die
Erinnerung mag verschönert haben Ist es doch ein Frühlingshauch der über
diesen Blättern weht Welche Seligkeit wie sie ihre Freiheit in der Landecker
Badereise schildert Die erste Freiheit Der erste Strahl des erwachenden
Selbstbewusstseins Sonst Nacht sonst Nebel Qual täglich Pflicht stündlich
nur Sklaverei Und nun dieser erste Lichtstrahl Und wen verklärt er Einen
Rodewald Sagen Sie verdiente er dies Entzücken
Sie sind sein Ebenbild
Besass er seltenen Geist
Mehr den Geist der Entwickelung als den der Syntese
Mehr Denker also als dichterisch Die Frauen lieben die Analyse Ach ich
sehe Das Pauline von Ried ist krank elend sie badet um zu genesen Ihr
Freund und Verehrer begleitet indessen stündlich Paulinens Jugendfreundin
findet Gefallen an der reizenden jungen Frau die in Wonne schwelgt über einen
Kieselstein aus dem Bache über eine Blume einen Käfer Sie denkt das Alles
wäre der Zauber einer Badereise da müsse man einsaugen für das ganze Leben
jeden Grashalm genießen jedes Vögelchen bewundern aus allen Schnüren und
Bändern die trunkene Seele erlösen Und dieser junge Schwärmer sagt ihr dass er
von Pauline von Ried sich trennen müsse um zu leben sie quäle ihn sie morde
ihn
Ha Wie verwandt sind Sie ihm Ja ja Das ist die Sprache eines Don Juan
der kein andres Mittel Amanda von Hohenberg zu betören wusste als Das mich
herabzusetzen
Egon lächelte und sprach fast in sich hinein Heinrich Rodewald ist wie ich
Er konnte also das Glück nicht ertragen Ha ha Euer Glück Das Glück Euch und
Eure Liebe zu besitzen Und Amanda die glaubt die liebt zum ersten Male die
jubelt einen Mann gefunden zu haben der ihr eine edlere Vorstellung von unserm
Geschlechte einflößt als jener rohe mit Orden behangene Landsknecht Sie
beschließen eine Trennung von dem damaligen Grafen von Hohenberg Rodewald ein
Gelehrter schien ihr der reinsten Gegenliebe würdig Sie scheidet von dem
Badeorte voll edelster Vorsätze
Falsch heimtückisch gegen ihre Freundin
Aber wahr gegen meinen Vater und wahr gegen den Grafen ihren Gatten Amanda
kommt nach Hohenberg eben im Begriff dem General ihre ganze Schuld
einzugestehen den Beistand eines Rechtsfreundes zu einer legitimen Trennung
anzurufen das Band das sie an Rodewald knüpfte kirchlich einsegnen zu lassen
fällt dem zerrütteten Finanzwesen des großen Kriegers jene halbe Million der
österreichischen ausgestorbenen Linie unsres Hauses zu Sie stockt nun Nicht
aus Gefallen am Glanze für sich sondern aus Erwägung Rücksicht aus Liebe zu
dem Kinde das sie unterm Herzen trägt Verlorne Stunden bei guten Vorsätzen
sind verlorne Tage verlorne Tage da verlorne Jahre Mistrauen gegen Rodewald
ergreift sie Sie sieht ihn wieder Wieder fasst sie neues Vertrauen Wieder will
sie sich dem General entdecken wieder von ihm die Einwilligung zu einer
Trennung begehren will wieder wahr sein tugendhaft wenigstens bereuend da
erhebt der Monarch seinen Liebling in den Fürstenstand Fürst Waldemar von
Hohenberg Das Kind das sie unterm Herzen trägt nun ein Fürst reich und ein
Fürst Ein Kampf der Rücksichten Gegensatz auf Gegensatz Die Mutterliebe
streitet mit der Liebe zu Rodewald die Furcht die Besorgnis übermannen sie
Die Entschließung verzögert sich Der Augenblick des Geständnisses wird
verschoben verschoben die Möglichkeit einer Ehrenrettung vor der Welt und
endlich ganz versäumt Die Fürstin Amanda damals noch weltlich noch flatternd
wie ein Schmetterling denkt an die Zukunft ihres Kindes träumt dass es eine
glänzende glückliche sein könnte und auch Rodewald nicht wahr er ist an
seine Kette zurückgekehrt
Nein Sie Grausamer unterbrach Pauline den vor sich hinstarrenden und diese
Geständnisse nur kurz so ausstossenden Egon Nein zurückgekehrt an ein
Sterbebett Ich war dem Tode nahe Ich erfuhr von Rodewalds Untreue aber
ich glaubte nicht Ich wollte nicht glauben Noch jetzt Egon wenn nicht
Heinrichs Auge seine Stirn sein Gang sein eigenstes Wesen sich in Ihnen
abspiegelte
In der Tat? bemerkte Egon seufzend und richtete das Haupt zu Paulinen auf
indem er sagte
Wie bin ich doch gefangen Pauline Der stolze ehrgeizige weltstürmende
weltschirmende Egon hat eine Meisterin über sich die ihm wie Sie einmal
sagten die Hölle werden könnte
Sie sind der Sohn Ihres Vaters
Bastard von Hohenberg Wie mich Das schüttelte Wie mich Das eingeengt hat
Wie bin ich sogleich stolzer eitler geworden als in meiner Natur liegen
durfte Ich hatte sogleich einen stillen Mahner in mir den ich nicht anders
betäuben konnte als durch Luxus und adlige Anmassung Die Wahrheit der
Legitimität die in der Form, im Zugeständnisse liegt hab ich erst jetzt
verstanden jetzt erst gewürdigt Ja die Tatsachen entscheiden nicht die
Untersuchungen Von dem Tage an wo ich erfahren musste dass ich nicht des
Fürsten echter Sohn bin hab ich den Fürsten meinen scheinbaren Vater
angefangen beinahe hochzuehren beinahe liebzugewinnen bin den Spuren seiner
rohen Bildung fast mit Interesse gefolgt Ich war Fürst mit Leib und Seele des
Fürsten echter Sohn im Geiste Wie rätselhaft ist doch Alles im menschlichen
Gemüt
Wenn diese Geständnisse Ihrer Mutter sagte Pauline bewirkt haben dass Sie
Ihres Standes und Berufes eingedenk wurden unpassende Freunde und Genossen aus
Ihrem Umgange entfernten Ihre Stellung behaupteten so haben Sie mehr erreicht
als Amanda beabsichtigte
Ich bin reif in ein Kloster zu gehen oder den Propheten zu spielen und die
Welt in Flammen zu setzen um meines Glaubens willen
Geben Sie mir die Hand Egon Seien Sie besonnen Was verdank ich Ihnen
nicht Sie erquicken mein verschmachtendes Gemüt Sie stillen noch einmal den
Durst eines verzweifelnden Gefühles der Nichtbefriedigung Wie leb ich mit
Ihnen Wie folg ich Ihrer großen bewunderungswürdigen Bahn Wie sonn ich mich
in Ihrem Glanze Diese Leidenschaften die mich sonst darüber unglücklich
gemacht haben würden dass ich in Ihnen die Züge Heinrich Rodewalds wiederfand
schlummern nun Wie können Sie von einer Hölle reden
Egon schwieg blickte nieder und sagte zuletzt träumend
Wo mag mein Vater jetzt weilen Lebt er wohl noch Wer ist das junge Mädchen
gewesen das Sie Pauline von Ried ihm selber gaben um zu verhindern dass er
zur verhassten Amanda zurückkehrte
Wie treu Ihr Gedächtnis ist Egon Sie müssen diese Blätter oft lesen
Ja Pauline sagte Egon gerührt ich lese sie oft sie sind ein Gedicht Sie
sind die Bekenntnisse einer wirklich schönen Seele Ein junges unerzogenes
Mädchen dumpf hinlebend verheiratet weil sie schön war ohne Vermögen ohne
viel Bildung ohne viel Lebensansprüche nun gequält und die Qual ihres Looses
für das allgemeine Frauenloos nehmend Da endlich jene Reise nach Landeck
Die Stelle wo die Mutter mir schreibt dass sie von Heinrich Rodewald zum ersten
Male auf den Schlag der Nachtigall wäre aufmerksam gemacht worden les ich
täglich denn ich kann sie auswendig »Philomele scheidet nun sagte Heinrich
und auch wir werden uns trennen Unbekanntes Land das uns die Sängerin des
Haines birgt bis sie wiederkehrt Ach wir kennen unsre Heimat wir kennen das
Land unsres Winters aber wir werden uns nicht wiedersehen« Pauline diese
Denkwürdigkeiten ich lese sie oft sie stärken sie erheben mich Ich
begreife jetzt warum sich meine Mutter zuletzt in die Fluten einer
ungewöhnlichen Andacht warf Sie wollte nicht bloß die Sünde sie wollte auch
das nur einmal blühende Lebensglück vergessen Sie wollte vergessen wie die
Erde so schön ist Und gestehen Sie waren Sie nicht erstaunt dass ich nicht
beschämt sage als Sie auch nicht ein Wort der Anklage nicht eines des
vernichtenden Vorwurfes für Sie in jenen Papieren entdeckten
Pauline schwieg finster denn fremde Güte drückt Über die Lösung des
Knotens fuhr Egon fort fand ich nichts als die Worte »Pauline erkrankte aufs
Neue In dem Glauben sie würde ihrem Übel erliegen in der Voraussetzung mein
Geliebtester würde schonungsvoll und edel meine Schwäche verzeihen und sich zu
mir der Treulosen die dem Reichtum und Glanz ihres Kindes zu Liebe ihren
Schwur brach und Alle Alle betrog in Vergebung zurückkehren gewann sie eine
junge liebenswürdige kindliche Anverwandte und bestimmte sie zu Rodewalds
künftiger Gattin Ich habe nichts mehr von Beiden die sich wirklich
verheirateten und diese Länder verließen gehört nichts mehr hören mögen ich
wandte mich bald da ich an dem Fürsten den gehofften Halt verlor zu dem
einzigen Hort des Lebens dem Tröster aller Leiden unserm Herrn und Heiland
der mir Gnade widerfahren ließ aber auch stündlich zuruft Demut und Kreuz auf
Erden ist allein Erhöhung zum Himmel«
Pauline runzelte die düstren Augenbrauen Dies ernste Gespräch kam ihr zu
unerwartet Es weckte zuviel der schmerzlichsten Erinnerungen aus vergangenen
Tagen Sie wollte der Gegenwart leben den Augenblick genießen Sie hasste alle
Rück und alle Vorblicke sie floh die Reflexion und behauptete Egon hätte eine
verdrießliche Erfahrung gehabt und wäre nicht aufrichtig gegen sie
Sie haben ein Rencontre mit dem Herrn Voland gehabt sagte sie Ich weiß es
dass Sie ihn ungern in den »kleinen Cirkeln« sehen und ihm nicht verzeihen
können dass er das von Ihnen ihm dargebotene Portefeuille ausschlug Die Beamten
intriguiren Die Provinzialpräfekten Nicht
Egon schwieg Er wollte nicht antworten Er weilte in den Erinnerungen
seiner Mutter Man brachte ihm hierher Briefe Zeitungen Er sah sie noch nicht
an Pauline kannte seine ernste Natur und musste ihn schonen um ihn nicht zu
erzürnen Sie las in den Blättern Dann und wann ließ sie eine Bemerkung fallen
eine Notiz laut werden Egon antwortete einsylbig Erst als Pauline leise ging
aus einem Kästchen an ihrem Schreibtisch eine Zigarre mit Grazie hervorzog sie
über dem Cylinder der Lampe behutsam anzündete und mit wirklicher Anmut sie dem
Träumenden entgegenhielt lächelte er stand auf nahm die dargebotene Licenz
sich es hier so bequem wie in seinem Hause zu machen entgegen und wurde mit der
ersten Wolke die er hinausblies in das erwärmte behagliche stille Gemach von
dem Drucke der auf seinem Herzen lastete befreit
Was bringen die Blätter sagte er Was fragten Sie mich vorhin über General
Voland Oder von Rochus vom Westen dem Gesandten Oder dem Präsidenten von
Flottwitz Sprachen Sie nicht
Er war zur Gegenwart zurückgekehrt
Fünftes Kapitel
Die Hintertreppen
Die Geheimrätin fragte zuvörderst wie der berühmte General sich zu ihm stelle
Egon antwortete
Ich weiß jetzt warum General Voland von der Hahnenfeder sich scheute in
mein Ministerium einzutreten Ich habe Entdeckungen gemacht die mich bestimmen
werden den Hof vor diesem unklaren Charakter zu warnen Entsinnen Sie sich
jenes Professors Rafflard der sich an Helenen so geflissentlich anschloss
Die Geheimrätin bemerkte dass sie von Helenen selbst erfahren hätte dieser
Rafflard wäre ein Jesuit
Helene sagte Egon war leichtgläubig ein Spielball jeder Schmeichelei Sie
hatte von Rafflard Beweise seiner Intriguen genugsam in Paris erfahren Sie
wusste dass ich alle Ursache zu haben glaubte mich von ihm gehasst zu wissen
Dennoch nahm sie ihn auf Und warum Weil er ihr sagte sie hätte die zartesten
Hände und das weichste Herz Helene ist das Opfer dieser Unfähigkeit irgend
einem freundlichen Worte zu widerstehen Ich finde Das unter allen Umständen
liebenswürdig aber nicht unter jedem Umstande charakterfest
Rafflard soll in Verzweiflung über Helenens Abreise sein bemerkte Pauline
Der gute dAzimont schrieb mir dass seine Mutter dem Jesuiten den Auftrag
gegeben hätte zu Gunsten seines Vermögens das der Mutter und durch sie
anderweitigen frommen Stiftungen anheimfallen solle eine Scheidung zwischen ihm
und Helenen zu veranlassen
Deshalb dieser Eifer mich mit Helenen zu versöhnen Deshalb diese
Leidenschaft die mich zu einer Ehe zwingen wollte Ich werde Helenen nie
vergessen Wo mir etwas Sanftes Zärtliches Weiches Hingebendes Bedürfnis ist
werd ich an Helene dAzimont denken Aber sie hatte den Fehler aller Frauen
für Liebe einen ganzen Menschen zu verlangen und nur da praktischen Charakter zu
zeigen wo man ihr nicht huldigte
Egon geriet immer in Feuer wenn er gegen Helenen sprechen und weibliche
Schwächen analysiren konnte
Sie sind blasirt Egon sagte die Geheimrätin lächelnd Und seit ich weiß
dass Ihnen Rafflard so früh den Kasanova zu lesen gab
Pauline hatte ein Bedürfnis diese peinliche Unterhaltung heiterer zu modeln
Sie verschmähte dazu selbst ein frivoles Mittel nicht Und Egon sagte
Rafflard legte den Grund meiner ersten Leiden Er pflanzte früh in die Seele
des Knaben verbotene Vorstellungen und lehrte mich Ekel und Überdruss an den
Freuden die Andre beglücken Diesem Schändlichen jetzt sagen zu dürfen Sie
verlassen dies Land binnen dreimalvierundzwanzig Stunden gewährt mir eine große
Genugtuung
In der Tat? Wollen Sie Das
Er kann Helenen folgen nach Turin Rom Paris wohin er will Ich habe die
sprechendsten Beweise unwiderlegliche Anzeigen dass er hier im Interesse der
Hierarchie zu wirken suchte und Sie würden erstaunt sein wenn Sie wüssten wer
ihm Vertrauen geschenkt hat
Rafflard bewegte sich zuletzt in den höchsten Cirkeln
Es fehlte wenig dass er in die »kleinen« kam und eine Vorlesung über
isolirte Gefängnisse hielt
Diese wunderliche Hofromantik kommt noch einst in die Lage Heilige
anzubeten auf deren Reversseite sich Lovelace präsentirt Wie komisch ist doch
dies Jagen nach dem Aparten Exclusiven Glauben Sie aber dass General Voland
Ich glaube nicht dass dieser kluge Mann irgendwie sich an untergeordnete
Emissaire preisgibt aber ich weiß dass das Terrain für den Jesuitismus bei
haltlosen in allen Widersprüchen der Zeit hin und herschwankenden Naturen gar
nicht so ungünstig ist Selbst aus dem Schoss der Freimaurerei die sonst eine
geschworne Feindin Loyolas ist hat sich wieder ein päpstliches Autoritätswesen
entwickelt ganz wie im vorigen Jahrhundert
Jetzt versteh ich den Artikel den Stromer vorgestern im »Jahrhundert«
lieferte
Er verfasste ihn nach meinen Angaben und ich beobachtete die Wirkung
desselben in den »kleinen Cirkeln«
O erzählen Sie
Als ich eintrat fühlte ich an einer gewissen Stille in dem kleinen
traulichen Zimmer dass ich selbst eben der Gegenstand des Gespräches gewesen
war General Voland steckte eben eine Zeitung ein die er ohne Zweifel
vorgelesen und glossirt hatte Prinz Ottokar ein Gegner des Generals stand auf
und sagte mit lautem Nachdruck indem er mir die Hand reichte Prinz Hohenberg
Sie haben Recht dass Sie unklare Schleicher abfertigen lassen Als er gegangen
war sprach ich mich aufs Entschiedenste gegen die geheimen Gesellschaften aus
Zitterte da die Altenwyl nicht für unsern geliebten Reubund
Wohl Man kam wieder mit all dem romantischen Geflimmer dem ich nun und
nimmermehr das Wort reden werde Dies Liebäugeln mit dem Mittelalter hat den
modernen Staat in seiner monarchischkonservativen Form fast zur Unmöglichkeit
discreditirt Ich ließ die Altenwyl die gutgeschulten Kammerherren einige
gottselige Präsidenten die Hofmagier und Zeichendeuter alle reden was sie
wollten über diese Notwendigkeit des Anschlusses gleichgestimmter Gemüter und
was sonst für die Geschichte der Kreuzzüge und des Peter von Amiens Brauchbares
vorgebracht wurde und war zuletzt so frei den General Voland über seine
Meinung wegen der Jesuiten zu fragen Die Königin etwas gereizt warf sogleich
die Äußerung dazwischen dass der General katholisch wäre Der König in seinem
scheuen Zartgefühl in seiner Befangenheit vor allen extremen Meinungen brach
diese Debatte durch ein Album ab dessen Blätter er mir vorlegte Es waren
Doch nicht die Zeichnungen des Getsemane fragte Pauline
O nein sagte Egon lachend Frau von Trompetta ist ja seit ihrer Sammlung
für die deutsche Flotte so in Ungnade gefallen dass Frau von Altenwyl sie
kürzlich schon eine der gefährlichsten Hochverräterinnen nannte die man nur
ihrer frommen Verwandten wegen schonen würde
Pauline musste über diese Anschuldigung der Frau von Trompetta in Lachen
ausbrechen
Nein fuhr Egon fort jenes Album war eine Siegelund Wappensammlung die
General Voland seit Jahren geordnet hat
Man sieht dass wir im Frieden leben und uns nur zum Schein manchmal auf den
Krieg berufen
Ich mag etwas Ähnliches in meinen Mienen geäußert haben denn mein Interesse
an diesen bunten Malereien war sehr gering Die Königin hob viele der in den
Wappen entaltenen Wahlsprüche hervor Besonders gefielen ihr die
provenzalischen die General Arnheim gut übersetzen konnte Ich litt zu sehen
welchen Ideen und Beschäftigungen man bei Hofe in dieser Zeit nachgeht Man
betrachtet Siegel und treibt Wappenkunde Man lässt sich erzählen wie die Alten
Glas brannten und wodurch besonders das glühende Rubin der gemalten
Fensterscheiben gewonnen wird Man sammelt Autographen und liest die Schriften
über »innere Mission« die zu Hamburg in der »Agentur des rauen Hauses«
erscheinen Der König gegängelt von den Frauen hat die Liebhaberei des
Allwissens und schlägt da seine eignen großen Kenntnisse doch immer noch nicht
ausreichen die noch größeren des Generals Voland auf Ruhig gibt dieser seine
Antworten immer positiv immer wie sich von selbst verstehend Wir andern
Menschen machen doch zuweilen einen Fehler wir wissen doch zuweilen auch so gut
wie nichts allein der General ist unerschütterlich Er ist ein Orakel und die
Königin würde wenn er behauptete er zähle wie Graf StGermain bereits hundert
Jahre es unbedingt glauben und diesen Glauben dem Gemahl zu einem
Beichtartikel zu einer unumstösslichen Tatsache machen Da ich Beweise in
Händen habe dass General Voland mit Rafflard und einem andern KryptoJesuiten
vertrauten Verkehr getrieben so zitterte ich vor Ungeduld und hätte diese
Wappen diese Siegel diese Autographen diese Miniaturen vom Tische
hinunterwerfen mögen allein ich musste mich beherrschen Die Rede kam auf die
verschiedenen Formen des heiligen Kreuzes Die Kenntnisse des Generals waren
unerschöpflich Er beschrieb zu großer Rührung der Altenwyl die Form des
Kreuzes wie sie von der heiligen Helena aus Jerusalem zuerst überbracht war Er
verfolgte die Geschichte dieser Formationen mit der Gründlichkeit eines Cuvier
der über die Erdrinde und ihre Revolutionen spricht Er nahm einen Bleistift und
malte das Kreuz nach allen seinen abend und morgenländischen Metamorphosen Die
Kreuzzüge die Ritterorden die Klostergeschichte bei allen brachte er das ecce
signum in andrer Form und erläuterte die Symbolik alle Veränderungen und
Ausschmückungen jener ursprünglichen beiden geschälten Holzstämme an die ich
von Herzen glaube mit wahrer Salbung und einer Rührung für die Gemeinde als
wenn es sich um die Leidensgeschichte der Menschheit handelte Ungeduldig
beschleunigte ich diese Orgelei und sprach plötzlich von dem protestantischen
Johanniterkreuze das sich in unsern Gegenden fände nicht aber in dem alten
Magistratsgebäude nicht in den kleinen Zellen des Ratskellers deren obere
Wölbungen noch mit dem alten Kreuze geschmückt wären dessen Enden in dem
DreiKleeblatt ausliefen
Pauline fragte erstaunt was es mit dieser von Egon so scharf
hervorgehobenen Anspielung für eine Bewandtnis hätte
Sie hätten des Generals fragenden starren Blick sehen sollen fuhr Egon
fort als ich eine Örtlichkeit erwähnte an welcher er jüngst mit Rafflard
Ansichten über den Weltlauf austauschte die ich wörtlich vor mir liegen habe
Sein Auge hob sich Die große breite Stirn verlor alle mystischen Runzeln Der
dünne spärliche Bart auf der Oberlippe schien mir zu zittern Welch ein Glück
für ihn dass die Königin diese Erwähnung des Rathauses zur Veranlassung nahm
auf den Prozess der Gebrüder Wildungen zu kommen und mir Vorwürfe machte dass ich
diesen Prozess vom abgetretenen Ministerium wieder aufgenommen hätte
Pauline schaltete hier die Bemerkung ein
Aufrichtig Egon Man ist allgemein darüber erstaunt Man weiß dass Ihnen
die Wildungen befreundet sind
Egon zuckte die Achseln
Ich habe mir sagte er vom Justizrat Schlurck der die Sache der Stadt
führt die Akten dieses Prozesses kommen lassen und kann mich von den
Ansprüchen die Dankmar Wildungen so leidenschaftlich und im unbesonnensten
Eifer geltendmachen will nicht überzeugen Noch weniger aber kann ich jetzt wo
ich auch den protestantischen Kirchenpapst Propst Gelbsattel durchschaut habe
Pauline erfuhr von Egon unter dem Siegel der Verschwiegenheit dass
Gelbsattel Voland und Rafflard in einem Austausch eigentümlicher Ideen von der
Polizei belauscht worden waren
Noch weniger fuhr Egon fort kann ich jetzt ruhig zusehen dass diese
oppositionellen Elemente ihre Kraft aus dem Eigentum des Staates selber
schöpfen Es tut mir leid Melanies Vater zum zweiten Male kränken und
verkürzen zu müssen aber seine Deduktionen für die Ansprüche der Kommune
genügen mir nicht Die zweite Instanz wird von unserm Staatsanwalte mit Eifer
betrieben und vor der Revision dieses Prozesses beim Obertribunal ist mir dann
wenn auch diese zweite Instanz zu unsern Gunsten spricht nicht mehr bange
Die Bedienten meldeten dass die Ludmer oben in den Salons bereits empfange
und dringend bäte sie abzulösen
Pauline wünschte aber das Ende der Verhandlung in den »kleinen Cirkeln« zu
hören
Egon stand auf und sagte
Das Ende besteht in der gesteigerten Erkenntnis dass ich einen
außerordentlich schweren Stand habe Auf der einen Seite eine tollkühne
Demokratie auf der andern Seite eine gefährliche Romantik die ohne Tatkraft
ist Mit meiner nüchternen Genfer Doktrin zwischen Beiden stehend bin ich fast
wie im Traume in die Lage gekommen einen großen Staat von der Gefahr
atomistischer Auflösung zu retten Ich habe keinen andern Bundsgenossen als die
materielle Existenz der Gesellschaft und die gesunde Vernunft der guten Bürger
Jeder der Demagoge wie der Monarchist ist angesteckt von Träumereien die im
Staate etwas Andres suchen als die Garantie der Ordnung der guten Sitten und
jener leidvollfreudvollen Existenz wie Klärchen in Egmont singt Ja Ich bin
auch ein solcher Egmont zwischen den Albas und den Vansens unsrer Zeit und
mein Klärchen will ich jetzt in Ihrem Salon suchen Kommen Sie verehrte
Freundin vergeben Sie meine Launen Eine halbe Stunde unter Ihren Damen und
dann zur Arbeit bis nach Mitternacht
Pauline mochte noch nicht folgen Bewegung einer Art Rührung des tiefsten
Interesses und noch eine Menge Fragen hielten sie zurück Sie erwähnte noch
einmal die Erbschaft an der Egons Freunde beteiligt waren und fragte nach
diesen nach Louis Armand der von Hohenberg zurückgekehrt wäre nach den
Nachrichten die er über Ackermann eingeholt hätte
Es sind die günstigsten sagte Egon Ich sprach Louis nur einige Minuten Er
ist früher gekommen als ich wünschte Auch Dankmar Wildungen mein
Doppelgänger ist da in tiefer Trauer Er hat seine Mutter verloren So gern
ich ihn schonen wollte musste ich ihm sagen dass ich gegen seine Interessen
auftreten würde Er lächelte mit Bitterkeit Ich finde diesen Freund gereizt
über meine politische Entwickelung von Louis nicht zu reden den ich sogar
warnen muss sich von signalisirten Persönlichkeiten fern zu halten Glauben Sie
mir Pauline ich bedarf meiner ganzen gesammelten Kraft um den Rücksichten
nach allen Seiten hin nicht zu erliegen Diese Freunde die ich liebgewann
weichen in ihren Meinungen von mir ab Sie verstehen eine Position nicht die
ihre bestimmten Pflichten hat Mit einer so nachgiebigen Natur wie Siegbert
Wildungen würd ich mich verständigen Mit Dankmar seinem Bruder nie Ich bot
ihm eine Stellung in meinem Kabinet Er hat sie ausgeschlagen und mir
aufrichtig weil ich ihn um Aufrichtigkeit bat die Misbilligung meines ganzen
Systems ausgesprochen Ich habe ihm nur mit einem Seufzer antworten können und
ihn vielleicht für immer entlassen Louis vollends ist ein Schwärmer Er muss
nach Frankreich zurück Die Erinnerungen die sich an ihn knüpfen hemmen meine
Bahn und Gott ist mein Zeuge ich will etwas Fruchtbringendes Festes Großes
mag ich nun mit meinem Werke stehen oder selber mit seinen Trümmern fallen
Eben hatte Egon diese mit feierlichem Ernst und mit dem ganzen Nachdruck
eines sich selbst vertrauenden starken Willens gesprochenen Worte beendet als
es draußen an der Tür rauschte raschelte klopfte
Herein rief Pauline die schon merkte wer die »Fledermaus« war
Es war Melanie die mutwillig hereinsprang und mit einer Neckerei den
jungen Fürsten begrüßte
Ist es erlaubt sagte sie ihre sich bauschenden Kleider hinterwärts
zurückstreifend die schöne Frau von Spitz so lange warten zu lassen bis
Durchlaucht die Staatsgeschäfte in ihren blauen Augen vergessen
In braunen Augen nur vergess ich meine Pflichten Melanie erwiderte Egon
und wollte die schlanke Hüfte umfassen und das schöne Mädchen an sich ziehen
Himmel sagte Melanie Da fällt ein durchlauchtigstes Haar auf meine
Schulter Helfen Sie mir es suchen Geheimrätin Ich sammle diesen Herbst um
der Gräfin Wachendorf einen geheimen Brochenschmuck daraus flechten zu lassen
Melanie seufzte Egon Spotten Sie nicht über einen Menschen der seit drei
Wochen täglich nur fünf Stunden geschlafen hat
Aber nicht Opium nimmt Hören Sie Prinz Man erzählt Das Um Gotteswillen
nicht
Melanie sprach diese Bitte mit wirklicher Teilnahme und ging auf Egon dem
sie entflohen war freundlich zu
Wie bemitleid ich Sie sagte sie fast traulich zu ihm
Wär ich so jung und schön wie Sie warf Pauline dazwischen und hielt ihre
Hand fest so würd ich Mitleiden mit diesen umflorten müden Augenlidern haben
und sie küssen
Ein solches Wort konnte nur möglich sein bei einer schon weitgediehenen
Vertraulichkeit
Wenn Sie die Augen schließen wollen sagte Melanie berühr ich sie mit
meinen Handschuhen Ich hörte immer das Handschuhleder der Frauen magnetisirt
Egon schloss die Augen Melanie näherte sich leise und hauchte die Lider mit
ihrem Atem an Egon merkte die Nähe des schönen Mundes Er wollte Melanie im
trunknen Taumel haschen aber sie entfloh ihm Er ergriff seinen Hut um sie zu
verfolgen So huschten Beide fort und erst auf der Emporstiege nahmen sie einen
gemessenen vernünftigen Schritt
Pauline aber machte etwas Toilette Sie gestand sich dass sie ein großes
Glück genoss Ein junger liebenswürdiger von aller Welt bewunderter Mann war
ihr seit der Entdeckung dass er nicht den Fürsten Waldemar von Hohenberg
sondern einen Unbekannten Namens Heinrich Rodewald zum wahren Vater hatte
zugetan wie ein Sohn zuweilen wie ein Gefangener Sie schloss ihn wirklich in
ihr Herz das jener entusiastischen Einseitigkeit die man nach Rudhards
Theorie Liebe nennt im höchsten Grade fähig war Sie schloss ihn da mit aller
Vorliebe um so inniger ein als sie wie wir gesehen haben fast spielend wie
im Scherz durch Egon über die wichtigsten Ereignisse des Staates in Kenntnis
gesetzt wurde und sich endlich in jenem Zusammenhange mit ihrer Epoche fühlte
den sie so lange vergebens erstrebt hatte Es war ein hoher triumphirender
Stolz mit dem sie ihre Gemächer verließ um hinaufzusteigen in ihre wie es
schien heute mehr als je gefüllten jetzt gegen früher sehr veränderten Salons
die wir diesmal nur vom Standpunkte eines nur mittelbar zu ihnen Eingeladenen
von der Hintertreppe aus belauschen wollen
Ein Teil der Gesellschaft war schon versammelt als Fritz Hackert der an
ihn ergangenen Aufforderung gemäß sich in dem Hotel der Geheimrätin von Harder
einstellte
Schon hielten einige Wagen vor der Tür Er erkannte die Livree des Fürsten
und einiger andrer vornehmen Besucher die einstweilen von der Ludmer empfangen
wurden
Als er eine Hintertreppe emporgestiegen und in einen mit Decken belegten und
von Glaskugeln mit milchweissem Lichte erleuchteten Korridor getreten war gab
man ihm den Bescheid dass er erwartet würde sich aber einige Zeit gedulden
müsse bis Madame Ludmer zu sprechen wäre Man wies ihn in derselben Etage wo
die Gesellschaft sich versammelte in ein hinteres Zimmer und stellte ihm ein
Wachslicht hin mit dem Ersuchen sich die Zeit nicht lang werden zu lassen
Es kommt überhaupt darauf an sagte er zu dem Bedienten ziemlich vorwitzig
ob ich Zeit habe
Der Bediente beobachtete den Anzug des kühnen Sprechers Hackert hatte eine
gewähltere Toilette gemacht und einmal an sein struppiges Haar dem er keine
Sorgfalt widmen mochte weil er es der Farbe wegen hasste sorgsamlichst die
Bürste gebracht Der schwarze Frack den er trug war etwas eng geworden die
Weste von verschossenem gelben Piqué sie hatte früher dem Justizrat Schlurck
gehört von dem er überhaupt seiner Stellung zu ihm gemäß die abgelegten
Kleider trug Seine Handschuhe waren von weißem frischgewaschenem
Baumwollengespinnst Da es draußen empfindliche Novemberkälte gab so fror ihn
in seinem leichten Staatsanzuge Glücklicherweise fand sich ein Ofen Er setzte
sich an die ausströmende Wärme desselben gerade einem Spiegel gegenüber in dem
sich wiederfindend Hackert vor sich her brummte
Gerade wie ein Junge der eingesegnet wird und das erste Mal das Abendmahl
nimmt Wenn die Dame die mich sprechen will noch hübsch ist so fürcht ich
hält sie mich meines Hemdkragens wegen für einen unschuldigen Jüngling und wird
rot statt meiner Wenn ich den Hemdkragen aufstellte So Jetzt das schwarze
Tuch breiter gelegt Ha Nun hab ich das Ansehen eines jungen Engländers aus
einer Pension Hackert Hackert Du hältst dich für schön und die Sorgfalt
deiner Toilette wird sich rächen
Es währte geraume Zeit ehe die Stille um ihn her durch irgend etwas
Bemerkenswertes unterbrochen wurde Er hörte zuweilen einen Wagen rollen
zuweilen die Haustür gehen und Etwas die große Treppe wie er sagte
heraufknackern Im Übrigen war es still Die zurückgelegte Gardine zeigte den
Hof und einen Blick in den kahlen winterlichen Garten Er sah Remisen einen
Stall und fand es in der Ordnung dass in dieser Einsamkeit auch einige gewaltige
Hunde klafften
Bei Alledem sagte er sich bin ich begierig was man von mir will Ich
wette es ist ein silberner Löffel gestohlen worden und die Herrschaft hier
will dass ich mit Klugheit entdecke welcher von den Bedienten der Täter ist
Der impertinente Schlingel der mir hier nichts als ein Wachslicht vorsetzte
ahnt vielleicht sein Schicksal nicht
In diesem Augenblick hörte er nebenan in einem Zimmer das gleichfalls nach
dem Hofe hinausging und allerdings hintertreppenartig genug aussah einige
Worte die ungefähr so lauteten
Wohin wohin wertester Herr Justizrat
Lassen Sie mich Beste Ich kenne diese kleine Retraite
Bleiben Sie in dem türkischen Zelt Spielen Sie Justizrat
Danke Danke Ich warte hier bis Se Durchlaucht kommen Ein paar Worte mit
ihm dann ist mein Geschäft abgemacht
Wie Sie wollen Justizrat Ich schicke Ihnen den Tee hier herein Aber
Himmel Sie sind ein Einsiedler geworden menschenscheu so zu sagen Was ist Das
nur
Die Stimme die diese Worte sprach gehörte irgend einer alten in ihrem
Organe verwahrlosten Frau
Sie war krächzend und unmelodisch Hackert kannte sie nicht Aber Schlurcks
Stimme war ihm sogleich gegenwärtig Es erregte ihn nicht wenig dem Manne
wieder nahe zu sein den er eine so lange glückliche Jugendzeit hindurch
gewohnt war wie seinen Vater zu betrachten und der ihn erst dann in Überwallung
des Zornes aus dem Hause entfernte als er sich ihm gegenüber rühmte dass eine
Jugendliebe nicht ohne Erwiderung geblieben war
Es wurde Alles still nebenan In den vorderen Zimmern die zur Allee
hinausgingen merkte man die belebte Gesellschaft der der Justizrat offenbar
entfliehen wollte Nebenan nur hustete und räusperte sich zuweilen derselbe
Mann der nicht ahnen mochte dass ihm sein ehemaliger Pflegesohn der Schreiber
Fritz Hackert so nahe war
Hackert konnte dem Reize sich dem Justizrate bemerkbar zu machen auf die
Länge nicht widerstehen Er fing gleichfalls an zu husten und trällerte leise
Er glaubte jetzt damit Eindruck machen zu können dass man ihn in ein so
vornehmes Haus beschieden hatte und stand da der Justizrat ganz allein zu sein
schien mehrmals auf dem Sprunge zu ihm einzutreten Nur der Gedanke dass jeden
Augenblick nun doch wohl die Dame kommen konnte die ihn zu sprechen verlangt
hatte hinderte ihn an der Ausführung Endlich als diese sogenannte Madame
Ludmer in ihrer Rücksichtslosigkeit auch zu weit ging und immer noch nicht kam
und zuletzt gar Kuchen und Wein mit der Bitte schickte nicht ungeduldig zu
werden fasste er sich ein Herz und entschloss sich den Justizrat zu überraschen
und wär es auch nur dass er so täte als hätte er sich in den Zimmern geirrt
und gleich wieder zurückprallte Er öffnete die Tür Ein Lichtstrahl fiel
ihm entgegen aus einem bunten Gemache das ohne Zweifel jenes obengenannte
türkische Zelt war Zwischen seinem Zimmer und jenem geöffneten Zelte lag noch
ein einfenstriger Verbindungsraum unerhellt Ein Sopha stand hier gegen die
Wand so gestellt dass Hackert den darauf Sitzenden zwar bemerken aber auch tun
konnte als säh er ihn nicht während er selbst halb unbemerkt blieb
Schlurck blieb ruhig sitzen Er glaubte ein Bedienter sähe nach dem
türkischen Zelte und ließ Hackerten ruhig gewähren der auf den Zehen nach vorne
schlich und dem lauten Gespräch der vorderen Säle folgen zu wollen schien Ein
Seitenblick zeigte ihm Schlurcks Perrücke seine goldne Brille seinen blauen
Frack mit den gelben Knöpfen Hackert ging so weit vorwärts dass er schon im
türkischen Zelte stand und sich grell genug in der Beleuchtung desselben von
dem kleinen Zimmer aus gesehen abschnitt Nun richtete Schlurck doch den Kopf
empor erkannte Hackert und von dem Gedanken ergriffen der böse Dämon wage sich
in diese Zimmer um Melanie zu beunruhigen sprang er auf war mit zwei
Schritten in dem türkischen Zelte fasste Hackerten am Arm und riss ihn gewaltsam
zurück
Gemach Herr Justizrat rief Hackert Was unterstehen Sie sich
Was soll Das hier Hackert Welche Dreistigkeit
Nun nun ereifern Sie sich nicht Herr Justizrat stör ich Sie in
Ihren Betrachtungen
Was soll Das Wie kommen Sie hieher Hackert Entfernen Sie sich
Augenblicklich
Hackert lachte höhnisch und sagte dem Justizrat dass ihn hieher eine
Einladung beschieden hätte und er nachgrade gestehen müsse dass ihm die Zeit
lang würde
Da er sich bei dieser Erläuterung zurückzog und Miene machte wieder in sein
Zimmer zurückzutreten polterte der Justizrat der gegen keinen Menschen in der
Welt persönlichen Mut hatte nur gegen Hackert jetzt aber schon etwas
besänftigt war
Eine Einladung Von wem
Von Madame Ludmer
So so Hackert hier vorn ist Gesellschaft Warten Sie da wo man Ihnen
Platz angewiesen hat
Danke für die Auskunft Herr Justizrat Guten Abend Herr Justizrat
Damit wollte der Schreiber höhnisch und die weißen Zähne weisend langsam
sich zurückziehen Still und voll genoss er die Wonne sich hier gezeigt zu
haben Er zog die Tür nach sich ohne sie zu schließen
Da sie aufblieb und sich der Justizrat wieder rückwärts an die Wand auf
sein Sopha gesetzt hatte wie Jemand dem Gesellschaft zum Ekel ist und der nur
auf eine Veranlassung wartet nach irgend einem vollzogenen Geschäfte sich zu
entfernen trat eine unheimliche Pause ein Hackert regte sich nicht Schlurck
stützte den Kopf auf und durchbohrte mit den Augen seine Brillengläser
Das kleine Zimmer war nicht sehr erwärmt Schlurck musste niesen
Helf Gott rief Hackert nebenan von dem Ofen aus wo er sich wärmte
Schlurck blieb das Danke schuldig stand aber nach einer Weile auf und kam
in Hackerts Wartezimmer
Wie geht es Ihnen denn Hackert begann er jetzt mit einer Güte die ihm
eigentlich angeboren war die er aber meist hinter äussrer Kälte und negativen
philosophischen Maximen versteckte
Danke Herr Justizrat Sie sehen ich stehe auf Wartegeld
Sie sind ja bei der Polizei eingetreten fuhr Schlurck in künstlich barschem
Tone fort
Steht Das im Amtsblatt fragte Hackert
Ich hab es von Pax Der Oberkommissär ist unser bester Polizist Es macht
ihm Ehre dass er sich fähige Menschen aussucht und jungen anschlägigen Köpfen
den Vorzug gibt
Danke sagte Hackert mit einer kalten trocknen Malice
Sie hören nicht gern Hackert dass Sie bei der Polizei sind Es geht Jedem
so Anfangs hat man Gewissensskrupel Später treten die Erfolge ein die sich
belohnen und der Wetteifer mit den Kollegen tut das Übrige Man gewinnt in
solchen Fällen selbst sein Elend lieb
Gelecktes Blut macht wilder
Pax benutzt Sie zu geheimen Aufträgen Auf solchem Wege kann man jetzt
Karriere machen aber stellen Sie Ihre Bedingungen ja immer vor den Koups die
Sie ausführen nie nachher Hören Sie Auch muss man Grundsätze haben
Den Grundsatz keine zu haben
Das ist Dasselbe Hackert Ich prophezeie Ihnen eine glänzende Laufbahn
wenn Sie sich an Pax anschmiegen nie mehr anerkannt wissen wollen als was Sie
zu seiner Zufriedenheit ausführen und überhaupt sich mit Verstand unterordnen
Bei diesen Menschen die selbst wieder einem Höheren dienen muss man nur nicht
verraten dass man sie in Händen hat oder dass sie mit Dingen prahlen die
eigentlich den Subalternen gelungen sind Sie haben sich lange von Bartusch kein
Geld geholt Bekommen Sie einen bestimmten Gehalt Hackert
Hackert nickte
Kann man fragen wieviel
Zweihundert Taler fix und fürs Übrige Gratificationen
Prisengelder so zu sagen fiel Schlurck lachend ein und fuhr dann mit der
Behaglichkeit die er immer fühlte wenn er sah dass es jedem Menschen in der
Welt leidlich gut und flott ging fort
Hackert da gratulir ich Ihre Anschlägigkeit wird Ihnen den Weg bahnen
Sie haben bei mir etwas gelernt und wenn Sie auch nichts mit auf die Welt
bekamen als ein paar Windeln in dem Korb mit dem Sie vors Waisenhaus gestellt
wurden Witz und Raffinement hat Ihnen die gütigere Mutter Natur geschenkt
Wenigstens hab ich ihr auch schon manches Lehrgeld dafür zahlen müssen
antwortete Hackert bitter
Sind Sie immer wohl Gesund Hackert
Hackert schlug bei dieser Ablenkung die Augen nieder
Kein Rückfall mehr in das alte Übel
Hackert schwieg Jedem Andern würde er mit einer Insolenz geantwortet haben
Schlurcks im Grunde weichliches Gemüt aber kannte er und fühlte die Teilnahme
aus der barschen und äußerlich feindseligen strengen Art mit der der Justizrat
ihn examinirte hinlänglich heraus So antwortete er ihm denn auch nach einigem
Besinnen
Manchmal find ich meinen Stubenschlüssel anderwärts als wo ich ihn des
Abends hingelegt habe Das ist Alles was ich von dem Zustand jetzt grade weiß
Sie wohnen bei einem Barbier Namens Zipfel
Sollt ich einmal Unglück haben so ist Verband in der Nähe
Schlurck fing von seinen Unterstützungen von Hakkerts Stolz von Bartusch
an
Gestern besuchte er die Frau Gerichtsdienerin Spieß im Rathause Er geht
recht klapperbeinig Was ist ihm nur
Schlurck meinte geheimnisvoll lächelnd das käme davon dass er Geister
gesehen hätte
Hat Bartusch Geister gesehen fragte Hackert
Ich erlebe dass er noch fromm wird fuhr Schlurck kopfschüttelnd und frivol
fort Zur Spieß geht er vielleicht um zu beten
Hackert lachte und stellte die Vermutung auf dass Bartusch sich manchmal
der Gefahr aussetze von Treppen zu fallen mit Wassergeschirren begossen zu
werden und ähnliches Unglück zu erleben Auch Schlurck lachte nun herzlicher
Beide aneinandergewöhnte Menschen fanden sich durch Frivolität wieder
Sinnenmenschen gehts nicht anders Sie finden sich nicht wenn sie die
Feierkleider der Seele anziehen immer aber wenn sie sich im Negligée
belauschen
Hackert sagte Schlurck und kam ihm zutraulicher entgegen ich habe Sie
manchmal recht nötig
Warum dutzen Sie mich denn nicht mehr Herr Justizrat Sie wissen doch
Ich weiß dass ich dich immer gern gehabt habe Junge und ein solches Ende
unsrer Freundschaft nicht voraussah Seit du aus dem Hause bist
Herr Justizrat Sie sehen recht traurig aus
In der Tat zitterte Schlurcks Stimme und seine Brillengläser liefen vom
umflorten Auge an Er musste die Gläser abnehmen Hackertchen ich bin der Alte
nicht mehr sagte er die Gläser mit seinem ostindischen Taschentuche putzend
ich habe zuviel auf Einmal erfahren müssen Es ist doch wohl dass ich mich in
diese Zeit nicht recht schicken kann
Alle Geschäfte gehen schlecht
Das wollte weniger sagen Kind obgleich auch der Trieb Neues zu
beginnen gehört nur der Jugend Unser Fleiß im Alter ist an die einmal
gezogenen Gleise gebunden Ach und die Welt ist so verkehrt die Menschen
rennen so toll an Einem vorüber es ist kein Frieden keine Gemütlichkeit mehr
in den Auffassungen Drommeldei ist der einzige Philosoph der noch übrig
geblieben ist von der alten Zeit und auch Der fängt an von Systemen und einem
fertigen Glauben zu reden
Sie wollten ja immer nach Kissingen Herr Justizrat
Unterleib meinst du Hypochondrie Kissingenja ja Bist doch ein guter
Junge
Die Verdauung
Nicht die Verdauung Ich bin nicht krank ich verdaue Nur andre Freude
hab ich nicht mehr viel Die Menschen sind so verteufelt ernst geworden so
albernklug so dummgescheut so vielseitigeinseitig und die Frauen wo ist noch
eine Frau die lachen scherzen kann die Humor hat die über dumme Dinge
wegsieht und alle klugen versteht
Melanie
Meinst du Ich glaube fast meine Melanie ist die letzte die das Leben zu
verschönern weiß Ach Hackert wenn wir früher zusammensassen die
Rittergutsbesitzer kamen brachten Kapitalien die Bauern hatten Prozesse da
gabs Mündel mit großen vormundschaftlichen Depositen es war eine andre Zeit
Man arbeitete mit Lust man spritzte die Feder aus und ging dann zu einem
Freunde um zu diniren Anekdoten zu hören etwas Musik etwas Frauenanmut zu
genießen Man lachte man sprach von einem alten boshaften Schriftsteller Man
küsste den Damen die Hände flüsterte ihnen eine Huldigung ins Ohr hörte dafür
wieder die Beichte der schönen Sünderinnen freilich Hackert man war jünger
Ich denke aber Herr Justizrat Sie wollten nie alt werden
Wollt ich Das Das war Prahlerei den Ärzten gegenüber Drommeldei vergriff
sich manchmal in seiner Apotheke Er kam eben von einer hysterischen Dame und
hatte mit der über den Nervenäter gesprochen und zerstreut wie er ist kam er
dann bei mir auch mit dem Nervenäter Da hab ich so manchmal eine kräftge
Renommage dazwischen geworfen und von noch feineren Dingen als den Nerven
geprahlt vom freien menschlichen Willen stolz sich hebend in der Atmosphäre
von Sauerkraut und Pökelfleisch
Es werden wieder bessere Zeiten kommen die Sie aufheitern Herr Justizrat
Meinst du Junge Leichte fröhliche Menschen gesunde Zeiten Glaubs
nicht Kind du denkst Pax und seine Genossen könnten die Unruhe ausfegen wie
alten Sauerteig Unserm Jahrhundert ist gar nicht mehr beizukommen und wenn Ihr
noch so viel Demokraten einsteckt Die Freude die Lust ist gewichen die Poesie
des Lebens ist hin Eine schöne Phrase Himmel was hab ich früher an einer
schönen Phrase geschlürft Wie Melonensaft floss mir Das um den Mund wenn ich so
ein Kapitel von Rochefoucauld oder Chesterfield las Du kennst die kleinen
Bücher die ich zuweilen zwischen der Mehlspeise und dem Fisch von dir aus
meiner Bibliothek holen ließ um meinen Gästen einen Satz aus der
Philosophie der Bagatelle wie Sies nannten
Philosophie der Bagatelle Nannt ichs so Sieh ich bin selbst Schuld
daran dass du uns Allen über den Kopf gewachsen bist Wenn ich ernst sein wollte
und fragte mich
Wer hat die Verantwortung für Alles was den Frieden unsres Hauses unsre
Freundschaft störte
Lassen Sie Das doch Herr Justizrat
Wie liebt ich dich Fritz Wie schmiegsam gewandt warst du Welche
Handschrift Welche Auffassung wenn ich dir einen Brief zu schreiben überließ
Ich nahm alle Menschen für schlecht Da hatt ichs kurz
Ja ich ich lehrte dich auch diesen Cynismus Bist ein Cyniker Junge Eine
respektable Philosophie des Altertums Suchst nichts im Äußeren Du hattest
was Du begehrtest Wie fröhlich ging es bei uns her Wir haben noch Champagner
Fritz Er schmeckt uns aber nicht mehr Bartusch grämelt meine Frau grämelt
Melanie grämelt Alle möchten gern des Teufels und fromm werden und könnens
doch nicht der Durchbruch fehlt Du mein Himmel wenn der Unsinn des
Jahrhunderts und die langweilige Ernsthaftigkeit unsrer Epoche sich auch in
meine alte Komturei einschliche
Oder Sie gar die Komturei verlassen müssten
Meinst du Auch dieser Prozess ist mit an meiner Verstimmung Schuld Mit dem
Schrein in Hohenberg fing das Trauerspiel an Nicht dass ich fürchtete den
Prozess zu verlieren Nein auch die zweite Instanz spricht für die Kommune und
das Recht des Besitzes Aber es sind dabei Dinge vorgekommen die mich
aufgeregt erschüttert haben Dinge wo ich mit mir selbst in Widerspruch
geriet und zuweilen nasse Augen hatte Es ist nicht gut weich zu werden
Sie weinen doch sonst manchmal recht gern Herr Justizrat
Das ists eben sagte Schlurck lächelnd fast wehmütig Es kommt jetzt zu
oft Du weißt wie ich mich gegen Rührungen sträube Diese Rührungen sind die
eigentlichen heimlichen Kalendermacher Rührungen mein Sohn sind die
Leichentücher an denen man so ganz sanft und ruhig allmälig unsern Sarg in die
Grube lässt Rührungen weichen den ganzen Menschen auf als wär er von Lehm
gebacken und der Frühling käme so über Einen und versetzte uns sanft und lind in
einen auseinandergehenden dünnen Brei den man das himmlische Leben nennt Sonst
wurde bei uns gelacht gescherzt jetzt
Wo Sie Schwiegervater einer Durchlaucht werden können
Schwiegervater einer
Besser konnten Sie sich doch dafür nicht revanchiren dass Ihnen die
Administration genommen wurde
Der Justizrat besann sich Er fühlte sogleich wie dreist und vorlaut diese
Worte waren Es fiel ihm plötzlich ein dass im Grunde doch Hackert an Allem
Schuld war was ihn jetzt drückte Er hatte Lasally den Verlobten seiner
Tochter mit einem Darlehn von zehntausend Talern entschädigen müssen das
gewissermaßen à fond perdu geradezu gesagt als Abfindungssumme gegeben war Er
hatte diese Summe nur mit großer Mühe in der jetzigen schwierigen Geldklemme
aufgetrieben Er sah ein Verhältnis zwischen Melanie und dem Fürsten Egon
entstehen das ihm weit weniger willkommen war als wenn etwa Melanie und
Dankmar Wildungen sich vereinigt hätten wie ihm damals vorschwebte als sein
Verstand sein juristischer Scharfsinn seine ungemeine Rechtsgewandteit noch
nicht dem bekannten Prozesse die Wendung gegeben hatte die der Kommune günstig
war Er hatte Möglichkeiten gesehen Dankmar Wildungen gewinnen zu lassen Er
hatte Melanies Liebe zu Dankmar wohl erraten wohl erwogen welche Zukunft er
sich und ihnen zaubern könnte Dankmar hatte aber Melanie verschmäht sich für
immer ihr entfremdet sie nur als eine vorübergehende Episode seines Lebens
betrachtet Vermögen war dem Justizrat lieber als jeder Titel Was lag ihm an
dem armen Prinzen Egon den er gleich bei seinem ersten politischen Auftreten
für einen Narren und Phantasten erklärte Konnte er mehr erwarten als dass
Melanie zuletzt wie dies in solchen Fällen zu geschehen pflegt schwach genug
sein würde auch nur mit einer »Liaison« zwischen ihr und dem Fürsten sich
zufrieden zu geben Sein Scharfblick ahnte diesen Ausgang der ihn bekümmerte
sogar der Moral wegen Seine Melanie eine Fürstenmaitresse Er schauderte Und
nun dieser abenteuerliche verschuldete arme Egon Er wusste dass seine Güter
nur noch geringen Wert hatten dass sie einem Projektenmacher für den er
Ackermann hielt überlassen waren er wusste dass Egon in plötzlicher
aristokratischer Anwandlung neue Schulden ganz wie sein Vater gemacht hatte
Er wusste wie tiefer sich mit dem Bankier von Reichmeier eingelassen Was blühte
da seiner ehrgeizigen Tochter Von der strengen puritanischen Natur Egons der
im Stande war Melanie wirklich zu heiraten hatte er keinen Begriff Ein
junger offenbar im Banne der Phantasie und der Sinne stehender Fürst schien ihm
unmöglich die Anwandlungen einer stoischen Selbstkasteiung haben zu können von
denen wir wissen dass sie Egon wirklich besaß Egon und Schlurck waren zwei
diametral entgegengesetzte Charaktere beide voll Phantasie beide den Frauen
ergeben und beide doch so völlig anders wie Süd und Nord wie Flamme und
Eisblume
Der Justizrat fuhr sich über die Stirn die sich ihm plötzlich runzelte
Hackerts Dreistigkeit ihn an diese Möglichkeiten und Familienverhältnisse zu
erinnern war ihm peinlich Er wollte sich anfangs rasch entfernen und brach
auch das Gespräch ab indem er vorschützte zur Gesellschaft zu müssen Dennoch
blieb er in der Tür stehen und wandte sich noch einmal mit den Worten zurück
Wirst doch nicht glauben Hackert dass Charlotte Ludmer die dich
herbestellt hat eine hübsche junge Kammerzofe ist Du Teufelskerl Warum läuft
nur bei dir Alles auf die Weiber hinaus
Ich denke mir es ist der alte Drache der mit Ihnen vorhin sprach
So hast du von der Kehle doch auf die Visage geschlossen Ich denke mir
immer dass die alten Hexen die Fausten in Griechenland begegnet sind wohin ihn
mein göttlicher Goethe reisen lässt so aussahen wie diese Ludmer und im
Vertrauen gesagt ihre Gebieterin die Geheimrätin geht auch schon stark in
das Geschlecht der einäugigen Phorkystöchter über Ich bin nicht neugierig Was
will die Alte von dir
Soll ich erst hören
Willst du wissen was es sein wird
Ein gestohlner Löffel den ich bei den Pfandleihern aufsuchen soll
Glaub ich nicht Hier im Hause weiß man die geheime Polizei besser zu
schätzen Ich denke die Alte wird die Frage an dich richten ob es im alten
Ratsarchive hier wirklich Gespenster gibt
Gespenster fragte Hackert erstaunt und fühlte sich so sonderbar getroffen
dass er Schlurck groß ansah
Ja ja sagte Schlurck ohne Hackerts Befremden besonders zu bemerken
Diese Menschen sind prosaisch Sie erfahren von Geistern und rufen nicht den
Pfarrer sondern gleich die Polizei
Aber ich verstehe nicht
Die Alte hatte mir einen Auftrag gegeben in den von unserm Stadtarchive
aufbewahrten Kirchenregistern einer kleinen zu unserm Weichbilde gehörenden
Ortschaft irgend ein Dokument zu irgend einem namenlosen Zwecke zu suchen Ich
übertrug diese Aufgabe mit der einige delikate Rücksichten verbunden waren dem
im Suchen und Spioniren kundigen alten Maulwurfe
Bartusch ergänzte Hackert gespannt
Bartusch besucht den genannten Ort findet den rechten Schrank das rechte
Papier und behauptet eine Geisterhand hätte es ihm fortgerissen
Das rechte Papier fragte Hackert
Ja so zu sagen ein alter verfallener Pfandzettel Genug es spukt im
Archiv und ich wette die Alte ist ein Rationalist wie alle Sünder ehe sie auf
dem Todbett liegen Sie wird wissen wollen ob die Polizei an Archivgespenster
glaubt
Dass im Ratskeller Geister sind lernt ich schon früh an den Weinfässern
des alten Kellermeisters kennen
Wie so
Wissen Sie nicht mehr als ich so klein war
Junge rühr mich nicht Ich weiß du willst mich daran erinnern dass ich
dich oft mit in den Ratskeller nahm wenn die Sitzungen des hochedlen
Magistrates zu trocken wurden Hackert ich wünschte ich hätte dir als kleinem
Anfänger von acht Jahren mehr Prügel und weniger Niernsteiner zu kosten gegeben
Ich habe den Pestalozzi immer so affektirt und die Natur wirklich immer im
Natürlichen gefunden Aber tu mir den Gefallen gib der Alten nicht nach und
sag ihr etwa im Archiv hausten zuweilen Ratten und Diebe Sag ihr es gäbe
Geister Hörst du Diese Menschen sollen und müssen an Geister glauben Ich
selbst glaube dran
Das ist ja etwas ganz Neues Herr Justizrat sagte Hackert dem die
Bartuschen entrissene Urkunde über den Taufakt des Paul Zeck plötzlich an
Bedeutung gewann Seit wann glauben Sie denn an Geister
Seitdem meine Frau nicht mehr in unserm guten Leitwasser sondern im Jordan
baden will Hackert Etwas muss der Mensch haben an das er sich hält und das
außer ihm liegt Mögen sie in die Kirchen rennen die alten Sünder und falsche
Gesangbuchverse singen Nr 814 wenn der Küster und die Orgel Nr 514 meint
Mögen sie zu Jesu halten den ich herzlich lieb habe weil er so tolerant war
Ich will auch etwas über mir anerkennen Ratten Mäuse Geister was man will
Und mit den Geistern hat es etwas auf sich Voltaire hätte nur noch ein Jahr
länger leben sollen und ich wette er hätte nicht nur an die Ratten von Fernei
sondern auch an Gespenster geglaubt Alle großen Männer nehmen Geister an Also
Hackert wusste nicht ob der Justizrat im Ernst oder Scherz sprach So
durcheinander pflegte er bei Tisch zu plaudern
Nicht wahr mein Ende ist nahe Fritz sagte der Epikuräer Ich werde
gläubig aber es muss pikant neu schauerlich sein was ich glaube Ich schließe
jetzt öfters mein Schränkchen auf das du immer so neugierig warst auf binde
mein Schurzfell öfters um als sonst und bin ein fleißiger Maurer Wir haben
zwei Sekten in der Maurerei eine vernunftaufgeklärte und eine mystische Ich
habe mich an die mystische an die dunkle angeschlossen Ja ja lach du
nur Ich hab in meinen jungen Tagen auch gelacht wenn ich las dass Epikuräer
in ihren alten die Beichtväter riefen und die Zauberer Die Beichtväter mögen zu
Madame Schlurck gehen Ich möchte Zauberer rufen Schatzgräber
Todtenbeschwörer Wenn ich nicht noch gar Jesuit werde Wärst du klug Hackert
sagt ich dir ein paar Jesuiten die gut zahlen
Ich kenne zwei Propst Gelbsattel und General Voland von der Hahnenfeder
Junge bist du toll Das wisst Ihr schon auf der geheimen Polizei Ihr seid
doch mit dem Teufel im Bunde Aber verurteile die Leute nicht nach dem gemeinen
Standpunkte eines Oberkommissärs Hackert Jesuiten mein Sohn sind die
einzigen praktischen Menschen der Jetztzeit Du hast Verstand Umsicht du
kannst Karriere machen Affiliire dich Sie brauchen Kräfte Intelligenz und
Niemand ist ihnen willkommner als wer zugleich im Dienste dieses dummen
Zwangsstaates steht dem sie seit drei Jahrhunderten Feindschaft geschworen
haben Denke nicht dass ich ein Jesuit geworden bin Aber werde bei Zeiten
katholisch mein Sohn Nur das Aparte kann einen Mann von Verstand befriedigen
und wär es auch die Glorie des Unverstandes Mit den Beinen oben Kopf unten
Warum nicht Nur nicht wie die Schuster und Schneider Nur nicht wie die dummen
Gelehrten die Staatsmänner die ehrlichen Leute die tugendhaften Weiber Nur
nicht die Sonne Sonne nennen Ich bitte dich Hackert wenn die Alte von der
Polizei spricht sprich ihr von Geistern Lasst uns die Furcht und die Gespenster
leben Das ist noch die letzte Poesie die uns übrig bleibt und der Tod ist
fürchterlich Guten Abend Hackertchen Halt dich brav Guten Abend
Hackerten war es doch wirblich geworden bei diesem tollen Humor des
Justizrates der plötzlich wieder seine ganze alte mephistophelische Färbung
bekommen hatte So kannte er ihn So saß der Justizrat sonst beim Champagner
bis in die Nacht und warf die lustigsten Raketen bunt durch alle Weise und
Philosophen und Spötter die mit ihm zechten Wenn ein geistreicher Mann sich
ausspannt aus der gewöhnlichen Maschine des Denkens dem gewöhnlichen Karren der
gesunden Vernunft so kommen wunderliche Sprünge zum Vorschein Schlurck
polterte Alles durcheinander war an demselben Abend katholisch dann ein
Botokude dann wieder Grieche und ebenso rasch streitsüchtiger
verstandesscharfer Kalvinist In der Politik ohnehin fand er jede Partei gut
oder dumm je nach Laune oder innerer Regung Hackert hatte sich eigentlich nach
dieser Alles ironisirenden Art seines Pflegevaters gebildet hörte ihm mit Lust
zu und sah ihn nun ungern zur Gesellschaft zurückkehren
Noch einmal wandte sich der Justizrat nach ihm um und sagte zu einem
Menschen der ihm schon viel Kummer bereitet hatte und der ihm dennoch lieb war
Fritz Ich habe immer gedacht ich käme doch noch dahinter welchem
leichtsinnigen vornehmen Patron du dein Leben verdankst und wer die Rabenmutter
ist die dich in einem Waschkorbe vor das Waisenhaus stellte
Sie wissen gewiss längst antwortete Hackert dass es ein Schneider vom Hofe
war der grade rote Livreen nähte in denen sich meine Mutter versah und sie
mir an die Haare hexen ließ
Nein nein
Sie wollen mir nur aus Schonung verschweigen dass meine Sucht bei
nachtschlafender Zeit herumzutappen wie ein Wachender von einer armen
bettelnden Frau kommt die des Nachts für die Reinlichkeit
Nichts da Nichts da Junge Du stammst von einem hohen Hause
Wo drei Balken einsam stehen auf dem Rad die Raben krähen
Was Wo
Von da her wo kein Gras im Grünen wächst und die drei Pferde die ich
umbrachte in klappernden Knochengerüsten wiehern Hackerts Vater handelte mit
roten Hähnen
Ah bah Dummes Zeug Hackert wenn du einmal sicher bist dass grade meine
Leute in der Kirche sind Sonntags wenn Gelbsattel predigt oder du sonst
glaubst dass du mich allein triffst komm zu mir Ich muss dir noch das Bettzeug
geben in dem du im bewussten Korbe lagst und ein Stück von einem zerbrochnen
goldnen Ring auf dem ein Buchstabe eingegraben war
Z nicht wahr Hinterm Z steckt nichts Herr Justizrat
Z sagte Schlurck erstaunt Nicht Z mein Junge Wenn es wirklich Z wäre
Warum nicht Z fragte Hackert
Ein R ist es und ich wette vor dem R stand ein v als wärst du
Von Adel sogar Justizrat gute Nacht Sie wollen mich um drei Taler
bringen die ich heute aus Kavaliervergnügen noch springen lasse oder Sie
erleben dass ich Ihnen jetzt vor Hochmut vorn in die Gesellschaft folge
Schlurck nahm den Scherz für möglichen Ernst und erschrak
Bei Leibe nicht Gute Nacht Junge Brauchst du Geld sag mirs Und
endlich Einen Sonntag Morgen wenn sie in der Johanniskirche am Bret Gesangbuch
Nr 514 singen sollen und die alten Weiber die trübe Brillen haben Nr 814
singen und es doch geht doch zusammenklingt zu Gottes Herrlichkeit dann komm
zu mir Junge und lass dir den halben Ring zeigen Z nicht Ich glaube vR Ein
V gewiss Verlass dich drauf
Damit musste sich Schlurck entfernen Denn eben schlug man auf dem Vorplatz
eine Tür zu und deutlich hörte man dass Jemand nebenan ins Wartezimmer kam
Zugleich hörte man vom türkischen Zelt den Frauenruf Justizrat Hier sind Se
Durchlaucht Justizrat wo stecken Sie denn Es war die Geheimrätin Im Nu war
die Tür die zum Zelte führte geschlossen und zu gleicher Zeit trat die Ludmer
ein auf die in der Tat die vom Justizrat citirten Worte seines
Lieblingsdichters Wolfgang Goethe passten
Welche von Phorkys Töchtern bist du
Denn ich vergleiche dich diesem Geschlechte
Bist du vielleicht der graugebornen
Eines Auges und eines Zahnes
Wechselsweis teilhaftigen
Grajen Eine gekommen
Die Alte geschmackvoll gekleidet ließ sich erschöpft auf einen Sessel nieder
und bat um Entschuldigung wegen ihres langen Ausbleibens Sie begann dem
geheimen Polizeiagenten Hackert dem Schutzbefohlnen des so anerkannt gewandten
Polizeioberkommissärs Pax ihres zufällig abwesenden »Neffen« jetzt ein
geheimes dringendes Anliegen vorzutragen
Sechstes Kapitel
Geisterfurcht
Herr Pax fing Charlotte Ludmer mit schmunzelnder Freundlichkeit an Herr Pax
ist verreist
Ihr Herr Neveu In Amtsgeschäften antwortete Hackert die Alte musternd
Und wird bald zurückkehren
Unbestimmt Madame
Vortrefflicher Staatsdiener Pax Ja mein Neveu
Hat glücklichen Griff
Die Alte lachte über den humoristischen Agenten So liebte sie die Menschen
Nur lustig lustig Sie liebte den Spaß fast ebenso sehr wie den Schnupftaback
Ihre Dose fuhr aus dem Rockschlitz hin und her Sie nahm eben eine Prise
Pax fuhr sie fort hat für die Zeit seiner Abwesenheit mir geraten
etwaige Aufträge Ihnen zu erteilen Herr Hackert
Schmeichelhaftes Vertrauen
Ich vermute daher dass Sie über die Angelegenheit unterrichtet sind die
mich mit meinem Neveu
Hackert dachte an die vom Justizrat gegebenen Andeutungen über den
entwendeten und im Auftrage der Ludmer gesuchten Taufschein des Paul Zeck er
glaubte daher mit einiger Bestimmtheit um die alte Dame sicherer zu machen mit
Ja antworten zu dürfen
Ich meine in der bewussten Angelegenheit wiederholte die Ludmer
Vollkommen sagte Hackert mit der ihm eigenen Dreistigkeit
Man hat diesen zweideutigen Mann eingebracht einer der dazu verwandten
Gerichtsdiener Herr Kümmerlein war bereits Aber haben Sie denn nicht
getrunken Bischof nach einem Recept von mir selbst Bischof Trinken Sie doch
Bitte Ihr Auftrag Madame
Es ist wahr ich nahm Ihre Geduld schon zu lange in Anspruch Also mein
Bester von diesem Kümmerlein erfuhr ich denn vorläufig Alles was sich bei
seiner Verhaftnahme am Hohenberg zutrug
Hackert sich schnell orientirend verstand jetzt dass nicht von Paul Zeck
sondern von jenem Manne mit der schwarzen Augenbinde die Rede war
Er ist eingebracht der falsche Engländer sagte er forschend
Auf unsre Veranstaltung Ich weiß dass dieser zweideutige Mann erst mit
einem jungen vom Fürsten Egon protegirten Handwerker sich auf dem Schloss
verborgen hielt dann mit einem blinden Schmied Namens Zeck
Hackert staunte dass nun doch Zeck genannt wurde Doch milderte er sein
Befremden
Zeck oder ähnlich Genug ich weiß dass jener Murray mit Louis Armand von
der Schmiede mit dem blinden Zeck an das Forstaus ging dort mit der alten
Haushälterin des Jägers Heunisch Ursula Marzahn der Schwester des Blinden in
Wortwechsel geriet und den blinden Bruder tötlich verwundete
Mit einem Messer ergänzte Hackert als wüsste er Alles
Mit einem Pistol
Die kleinen Details sind unerheblich verbesserte sich Hackert Es wird eine
sehr scharfe Untersuchung geben die Macht der Gesetze ist zurückgekehrt
Hm Hm sagte die Alte und nahm eine Prise Untersuchung Hm hm
Dies Wort war Das woran sie Anstoß nahm Der Reubundsausdruck die
rückkehrende Macht der Gesetze sonst ihr so geläufig schien der Alten nicht
angenehm
Wohl sagte sie gewisser Zeitungsartikel sich entsinnend Es ist ein Trost
endlich wieder die Richter in ihren »Funktionen« zu wissen allein betrübend
bleibt es doch immer wenn bei solchen Vorfällen Familienangelegenheiten zur
Sprache kommen sollten von denen man wünschen möchte dass sie geschont bleiben
Der Oberkommissär ist in dieser Hinsicht von einer allgemein anerkannten
Diskretion Die Zecks können
Bitte
Hackert tastete etwas zu kühn in seinen luftigen Voraussetzungen herum
Ich bin erst seit Kurzem im Vertrauen des Oberkommissärs sagte er sich
verbessernd
Kennen Sie die Fortunabälle die man hier in der Nähe der Willingschen
Maschinenfabrik gibt begann die Alte forschend
Hackert nickte
Dort wurde jener Murray zuerst festgenommen Er war einer der letzten
Schwärmer auf jenen unsittlichen Bällen und führte eine Person am Arm der er
kurz vorher mehrere Tage lang Geschenke über Geschenke gemacht haben sollte
Hackert hörte fast nur halb hin Die Erinnerung an Die die auf den
Fortunabällen die Letzten sind überfiel ihn düster
Jenes Mädchen ist eine Verwandte zu mir fuhr die Alte fort eine Auguste
Ludmer
Sie war schön liebte die Musik den Tanz und Alles was Freude macht
Sie wissen
Sie ist tot Auguste Ludmer wurde toll und stürzte sich aus dem Fenster
eines Narrenhauses
Wissen Sie diese Geschichte
Die Drehorgeln spielen sie
Die Alte nahm eine Prise Hackerts rasche Antworten echauffirten ihren so
behende nicht denkenden Geist Hackert kam ihr durch eine Artigkeit zu Hilfe
Ich hörte immer sagte er dass bejahrtere Leute wie dieser Murray im
letzten Aufflackern ihrer Liebe ehe sie ganz erlischt gefährlich sind und die
oberflächliche und treulose Jugend übertreffen Pax ist auch der Meinung
Er trug diese Worte bezüglich vor Die Alte schmunzelte und musste
unwillkürlich sagen
Herr Hackert Mein Bischof Warum trinken Sie nicht
Er macht mir zu viel Feuer sagte Hackert so kokett so durchtrieben listig
dass die Ludmer ihre Dose versteckte sich gerade aufrichtete und ein Benehmen
annahm als wollte sie an die Zeiten erinnern wo man sie zu den gefährlichen
Schönen rechnete und sie junge Soldaten in die Karrière bringen konnte Um
sich zu sammeln nahm sie etwas Kuchen vom Teller und steckte kleine Brocken in
den zahnlosen Mund Während sie durch die Bewegung der beiden Kinnladen fast
Ähnlichkeit mit einem Exemplar aus der wiederkäuenden Race empfing fuhr sie
fort über ihre Verdachtgründe gegen Murray wegen gewisser Äußerungen über die
Verwandten der Auguste Ludmer ausführlich sich zu ergehen
Endlich sagte sie reist er in eine Gegend wo Menschen wohnen zu denen
ihn irgend eine auffallende Absicht ziehen muss
Pax schickte ihm zwei Aufpasser nach
Sie wissen Das
Der Vorfall im Forstause das ich sehr gut kenne bestätigt wie gegründet
Ihre Warnung war
Sie kennen das Forstaus
Einen Wald kenn ich der es umgibt eine Wiese an deren Rande es liegt
einen Ebereschenbaum in seiner Nähe
Ursula Zeck kennen Sie nicht
Hackerten brannte es nun auf den Lippen zu sagen
Schon wieder Zeck Die Mutter Paul Zecks der im Jahre 1825 in der Kirche
zu Seehausen vom Pfarrer Lattorf die Nottaufe erhielt Doch beherrschte er sich
und suchte durch seine harmlosen Äußerungen aus der alten Dame noch mehr
Geständnisse zu locken Diese rückte den Stuhl auf dem Hackert saß mit ihrem
kleinen beweglichen Kanapee etwas näher blickte an die Tür und überzeugte
sich dass die große Gesellschaft in den vorderen Sälen ganz sich selber lebte Es
wurde laut gesprochen gelacht musicirt Sie waren unbelauscht
Ist es nicht möglich Herr Hackert begann sie dass Sie den Gefangenen
sprechen
Schwierig
Der Oberkommissär würde es können
Kaum anders als in Gegenwart des Untersuchungsrichters
Gott wie ist das Alles so weitläuftig
Inzwischen beginnen die Verhöre
Wirklich Schon die Verhöre
Sie fürchten dass hinter Murrays angenommenem englischen Namen ein
Deutscher steckt der Ihnen nicht gleichgültig ist
Das ist es
Sein Interesse für Auguste Ludmer schien Ihnen verdächtig
er geht nach Hohenberg hat ein Anliegen im Forstause vielleicht eine
Anfrage an Ursula Zeck vielleicht ist es der Vater eines Kindes das Ursula
Zeck einst geboren ohne ihn zu nennen
Die Ludmer sprang fast auf bei diesen tollkühnen Worten riss die weißen
unheimlichen Augenwimpern bis hoch an die Stirn und fragte
Wie kommen Sie zu diesem Verdacht
Ich stelle nur Vermutungen auf sagte Hackert ruhig und scharf die alte
Dame beobachtend Ich übe mich in der Kunst des Inquirirens in der ich kein
Neuling bin Wer weiß was Murray im Forstause wollte Vielleicht ist es ein
Bruder der alten Ursula
Das war für die Ludmer fast zu viel Sie hielt die Dose krampfhaft in der
Hand wollte aufstehen setzte sich wieder und geriet in eine Unruhe die
Hackerten bewies dass hier irgend ein interessantes Geheimnis auf dem Spiele
stände vielleicht eines wonach diese Alte die Mutter jenes Paul Zeck war und
es nicht sein wollte
Um ihr aber kein Mistrauen einzuflößen sagte er mit ruhiger Miene
Warum fragen Sie nicht bei dem Franzosen an Bei Louis Armand der so viel
Teilnahme für Murray zu haben scheint vielleicht in seine Pläne eingeweiht
ist vielleicht nicht ganz zufällig die Veranlassung war dass Murray ihn
begleitete mit ihm das Forstaus besuchte Wer weiß Das
Die Ludmer lehnte sich ganz entschieden dagegen auf irgendwie noch den
Kreis ihrer Vertrauten zu erweitern Auch war ihr Alles was sie von Louis
Armand wusste zuwider
Aber die Aufgabe drängte Hackert als sie zögerte
Würden Sie sich wohl der Aufgabe unterziehen flüsterte die Ludmer endlich
mit gedämpfter heiserer Stimme indem ihr zahnloser Mund süsssäuerlich und
verführerisch schmunzelte würden Sie wohl auf irgend eine Art vor der
gerichtlichen wie Sie wissen langsamen Prozedur zu erfahren suchen können
welches Geheimnis hinter diesem Murray steckt ob es ein wirklicher Engländer
ist welche Absicht ihn hierherführte welches sein Interesse an Auguste
Ludmer meiner Nichte war warum er nach Hohenberg reiste was ihn in das
Forstaus führte in Begleitung des Blinden welches seine Beziehung zu Louis
Armand vielleicht gar zu den Brüdern Wildungen und all den Männern ist die
nicht werden ertragen können dass Prinz Egon sich Paulinen von Harder meiner
Gebieterin und ich kann wohl sagen meiner Pflegetochter anschliesst warum
ist Murray mit einem Pistol bewaffnet Warum das Attentat auf einen
unglücklichen Blinden Warum hat man Murray hier im Hotel garni bei Helene
dAzimont gesehen bei der schönen Gräfin von der Sie gehört haben werden dass
sie mit dem Prinzen Egon liirt war Warum schloss sich Murray mit dem Jesuiten
Rafflard ein der sich zu allen nur erdenklichen Intriguen hergeben soll und
sich auch wohl nicht wird gescheut haben gegen die Geheimrätin aus Rache für
den Bruch mit Helene dAzimont und dem Prinzen irgend eine Schlechtigkeit zu
unternehmen kurz Herr Hackert die Welt ist so böse so böse und es ist
notwendig dass man weiß wer unsre Freunde und Feinde sind
Die Last war abgeschüttelt Die lauernde grübelnde Umsicht der Alten stand
nach diesen Worten in schwefelgelber Glorie da So hatte diese Frau im Stillen
über ihre geliebte Pauline gewacht So hatte sie beobachtet zusammengereimt und
schweigend die Schärfe ihrer durchbohrenden Augen geübt Pauline tändelte und
phantasirte so hin Die Ludmer wachte und lieh ihr den Verstand der der klugen
Geheimrätin wenn sie das Eine ganz beschäftigte für das Andere ganz fehlte
Sie hatte immer die Katastrophe erwartet die jetzt hereinzubrechen schien
Bartuschs Anzeige dass ihm der Taufschein Paul Zecks den sie haben wollte um
ihn zu vernichten von einer wunderbaren unsichtbaren Gewalt geraubt worden war
hatte sie schon stutzig gemacht Von Paul Zeck wusste sie nur so viel dass er
tot war Die Ursula hatte diese Versicherung gegeben hatte sich dann
verheiratet und war ihr verschollen Nun geschah so viel Rätselhaftes die
Szene die im Forstause von Kümmerlein und Mullrich überrascht wurde war so
verworren dass die Ludmer ein andres Licht begehrte als das die Gerichte
aufstecken konnten und wenn es das rechte Licht war das sie fürchtete wollte
sie es früher wissen Pauline schien ihr allmächtig Pauline konnte nach ihrer
Vorstellung unterstützt von dem Ministerpräsidenten und dem des Obertribunals
ihrem Schwiegervater Alles zu Stande bringen was bei Andern an dem Vorbau der
neuen »Justizunabhängigkeit« scheiterte Deshalb wollte sie ehe sie Paulinens
Ruhe aufschreckte rasch und sicher wissen wer hinter jenem rätselhaften
Fremden verborgen war
Hackert besaß eine Art von Vertraulichkeit die jeden Gebildeten und feiner
Erzogenen beleidigt haben würde Bei der Ludmer war sie ganz am Platze Sie
kicherte als er ihre Hand fasste und dies alte knöcherne Geripp streichelte
Aber so wohl ihr der Kitzel tat sie ließ sich mit der Frage wer jener Murray
denn nun sein sollte nicht fangen sondern sagte
Sie schlimmer junger Mann Sie sind ein Rechter Wo hab ich Sie nur
schon einmal gesehen Sie ähneln recht
Warum vertrauen Sie nicht Madame bemerkte Hackert wieder mit einer
schmachtenden Miene
Ich begreife warum Pax so große Stücke auf Sie hält Ihre Handschrift soll
wie in Kupfer gestochen
Sie unterbrach sich bei diesen Worten der Schmeichelei selbst und stockte
über das Bild das sie vom Kupferstechen brauchte
Worauf soll ich forschen erinnerte sie Hackert und rief sie aus ihren
Träumen wach Und nun flüsterte sie
Sehen Sie ob dieser Mann am Auge das er verbirgt wirklich einen Fehler
hat oder ob er nur die Binde trägt um seine Züge zu verstellen
Hackert nickte
Beobachten Sie das Haar ob es schwarz wie die Perrücke oder ob es mehr
rötlichblond wie das Ihrige
Blondrötlich warf Hackert bitter ein
Nein nein so foncirt war es nicht
Legen Sie sich keinen Zwang an Ich kenne mich Madame Aber ich fürchte
das wahre Haar jenes Mannes wird weiß sein
Ich weiß nicht ob Sie dem scheinbaren Alter trauen dürfen Ich höre von
gebückter Haltung Wer weiß ob dieser Rücken sich nicht erheben kann und dann
etwa eine Statur herauskommt
Wie die meinige sagte Hackert da die Ludmer nach einem ungefähren Masse
suchte
Wie die Ihrige ganz recht Herr Hackert
Kein besonderes Merkmal
Ohrlöcher an denen vor Jahren vielleicht als Kind Ringe getragen wurden
Keine Narbe Kein Maal
Vielleicht statt der Augenbrauen ein kahler Fleck möglich dass die Binde
Doch kein Feuerarbeiter gewesen Kein Soldat Offizier Madame ich wette
Sie vermuten einen Deserteur der Ihrer Fahne durchging
Ha ha Nein Spielen Sie auf Ihre eigne schöne Handschrift an Forschen
Sie ob er Uhrmacher Kupferstecher oder dergleichen
Ah so Civil Und der Charakter die Art und Weise sich zu geben
Keck frech übermütig
Seines Siegs gewiss
Brutal Arrogant Dünkelhaft Eitel
Wenn er erhört wurde
Aufgeblasen Spieler Lügner Ein Mensch der die Verstellungskunst auf den
höchsten Gipfel getrieben hat
Hackert war überzeugt dass die Ludmer einen ehemaligen Verehrer fürchtete
Lassen Sie etwas Geld fallen klimpern Sie mit Gold und Silber er kann dem
Klange nicht widerstehen Da Herr Hackert nehmen Sie
Bitte sagte Hackert und lehnte das Geld das die Ludmer aus dem Brusttuche
nahm ab Bitte Bitte
So ein paar Dukaten wie diese sagte die Alte aufdrängend werden machen
dass er die Ohren spitzt Beobachten Sie die Wirkung wenn Sie von Geld sprechen
von Münzen vom überhandnehmenden Papiergelde
Sie haben einen ehemaligen Falschmünzer im Auge
Die Ludmer erschrak Sie war zu weit gegangen
Nein nein um Gotteswillen nicht rief sie Das nicht Aber Sie werden ihn
schon aus seiner Verstellung herauslocken Sie haben Verstand Herr Hackert Sie
verdienen das Vertrauen des Oberkommissärs Nehmen Sie Nehmen Sie
Hackert sah die eingewickelten Dukaten Er steckte sie zu sich und
versicherte dass er Alles aufbieten würde dieser Person sich zu nähern
Sowie Sie Etwas erfahren haben sagte die Ludmer im Aufstehen so freundlich
und graziös dass die drei ihr noch erhaltenen Zähne sich in völliger
anmutigster Isolirung darboten
Hab ich die Ehre aufzuwarten
Schon hatte Hackert den Hut in der Hand schon hatte er eine Verbeugung
versucht die ihm nicht recht stehen wollte schon wollte er einen Handkuss
versuchen als die entgegengesetzte Tür die zu dem türkischen Zelte führte
rasch geöffnet wurde und eine hohe stolze Dame im Turban mit herabhängenden
Perlenschnüren stürmend eintrat um den in diesem Zimmer befindlichen Klingelzug
zu ergreifen und den Bedienten zu schellen die es vielleicht in der rauschenden
Gesellschaft irgendwo fehlen ließ Es war die Geheimrätin selbst Wie sie aus
dem hellen Lichtmeere ihrer Salons in dieses stille nur dämmernd erhellte
Kabinet trat wie sie hier Menschen sah die sie nicht erwartete und mit dem
ersten Blick auf Hackert fiel schrak sie bebend zurück
Und Hackert ging in diesem Augenblick
Um Gotteswillen was ist denn hier Was war denn Das für ein Mensch sagte
die Geheimrätin als sie sogleich zu ihrem Troste die Ludmer entdeckt hatte
Allmächtiger Gott Ja du bists Du bist hier Ich wollte nach dem Eise
schellen Ich fühle den Schreck in allen Gliedern
Mein Himmel wie kann man aber so erschrecken
Aber dieser grinzende abscheuliche Kopf Dacht ich doch zu meinem
Entsetzen Wer vor mir stünde
Das rötliche Haar
Die Figur die Gesichtszüge eine grässliche Ähnlichkeit Wie wird mir
Es ist als hört ich die Explosion
Die Ludmer hielt die Freundin beruhigte sie und rief dann zur Tür hinaus
nach den Bedienten
Mit was für Menschen du dich ziehest stöhnte Pauline fast keuchend Wer war
denn Das
Ein Agent der geheimen Polizei sagte die Ludmer nicht ohne Stolz
Aber was ist denn wieder im Werke Was hast du denn vor
Komm Täubchen Komm sagte die Alte mit künstlichem Scherz und zog ihre
Gebieterin ihre Freundin ihr Kind durch das Zwischenkabinet in das türkische
Zelt Komm in deine Sphäre Lass mir die meine Du weißt ich krame gern
Erst unter den lachenden rauschenden streitenden neckenden Eindrücken
ihrer heut überfüllten Salons sammelte sich Pauline von Harder die einen von
den Toten Erstandenen eine der grauenhaftesten Erinnerungen ihres Lebens
gesehen zu haben glaubte Die Ludmer sorgte für die Bedienung Hackert
ging von den Bedienten wegen seiner langen Entrevue mit der allmächtigen Frau
Ludmer auch »Hausdrache« genannt mit vieler Rücksicht behandelt Es war
kalt Er hatte einen Paletot unten hängen den ihm Franz selber anziehen half
Vorm Hause suchte er unter den Wägen den des Justizrats Schlurck in den
er einst vor diesem eisernen Portal so listig eingeschlüpft war Er fand ihn
nicht und besann sich dass Schlurck seine Equipage abgeschafft hatte
So wird sie der Prinz Egon nach Hause fahren dachte er
Er wandte noch einen Blick auf die hellen Fenster zurück dann ging er der
Stadt zu heute für seine träge und gleichgültig gestimmte Natur fast überfüllt
mit Anregungen und den merkwürdigsten Tatsachen Die Geheimrätin aber hatte
für den Abend alle Fassung verloren und benahm sich so verwirrt so beängstigt
dass Schlurck hätte sagen können auch sie hätte wohl Gespenster gesehen Er sagte
es aber nicht Er war schon längst nach seiner geheimnisvollen Unterredung mit
dem Premierminister aus dem türkischen Zelte blass und ernst hervorgetreten
hatte einen wehmütigen von Melanien mitten unter Scherzen wohlaufgefassten
wohlverstandenen Blick auf sie geworfen und war in einem gemieteten Fiaker in
aller Stille nach Hause gefahren Melanie folgte ihm eine Stunde später
nicht im Wagen des Prinzen Egon sondern in dem der Geheimrätin den diese
ihrer jungen Freundin für diese Abende regelmäßig zu Gebote stellte
Siebentes Kapitel
Zerbrochene Ringe
Louis Armand der mit Murray und dessen polizeilicher Eskorte fast zu gleicher
Zeit in der Residenz angekommen war ging vom Profosshaus voll Betrübnis zwar
doch nicht ganz ohne Hoffnung für Murrays ferneres Schicksal in seine
bescheidenen Zimmer zurück die sich inzwischen nach seinem Wunsche durch das
von Rafflard innegehabte noch vermehrten In der Werkstatt fand er alle seine
Anordnungen befolgt Diejenigen Gesellen welchen er unterbrochen zwar von den
vielen in sein Leben eingreifenden Begebenheiten doch mit gründlichster
Anleitung seine Art zu arbeiten mitgeteilt hatte waren in der Befriedigung
seiner strengen Ansprüche vorgeschritten Er fand dass man die Modelle zu
Holzarbeiten die er aus Ton geformt zurückgelassen wohlgelungen in Holz
nachgeahmt hatte und freute sich dass sein auf Märtens Namen gehendes Geschäft
inzwischen einen unerwarteten Aufschwung genommen hatte Waren auch die Zeiten
für Kunsttischlerei und Modellirarbeit einen Luxuszweig der Gewerbe nicht eben
günstig stockten ohnehin bei dem politischen Drucke der auf den Gemütern
lastete alle Industrieen so waren doch die Leistungen die Louis Armand in
seinem Fache aus Paris mitbrachte zu auffallend gewesen als dass sie ihm nicht
eine reichliche Nachfrage dennoch hätten zuwenden sollen
Frau Märtens war »kurios« wie sie sagte wie Fränzchen lebe ob sie nicht
grüßen lasse ob der alte Sandrart nichts dem jungen sagen lasse ob Heunisch
»allegro« wäre Louis war so rasch so übereilt von Hohenberg abgereist dass er
alle diese Fragen nur unvollständig beantworten konnte Höchlichst verwundert
war Frau Märtens dass Fränzchen nicht beim Onkel sondern mit dessen
»Permission« im Hause eines dem alten Sandrart so nahewohnenden Ökonomen des
Generalpächters der Fürstlich Hohenbergischen Besitzungen lebte Sie malte sich
das Verhältnis in grossartigsten Umrissen aus und freute sich dem jungen
Sergeanten der ein treufleissiger Besucher der alten Leute geblieben war eine
so neue Mitteilung stecken zu können Ei sagte sie in der Küche ist sie nicht
perfekt aber einen Böfflamot einen Bissteck und einen Amulet kann sie
machen Von einem Verhältnisse zwischen Louis selbst und diesem des Boeuf à la
mode des Beafsteaks und der Omeletten kundigen Fränzchen war nicht die Rede
Der sonderbare kleine platonische Roman der sich zwischen Louis und Franziska
angesponnen hatte war von Frau Märtens und ihrer Brille völlig unbeachtet
geblieben Die halbwüchsige Gelehrte bemerkte in Liebessachen nur das
Auffallende das Hochromantische durchschlagend Tragische und in Holzschnitten
Darstellbare ja selbst dem jungen Sandrart »schwante« nur etwas und einige Tage
später als Louis in der Werkstatt stand nahte er sich Diesem ganz zutraulich
mit der Frage nach Heunisch seinem Vater nach Fränzchen dem ganzen Ullagrund
und wünschte zu wissen wie er Alle verlassen hätte
Louis war tief verdüstert Er war bei Egon gewesen und hatte ihn nur
zwischen Tür und Angel sprechen können Was hatte er gehört Da bist du schon
Louis du bist zurück Was hat dich heimgejagt Dein Geschäft Deine
Bestellungen Sieh Sieh Du fandest Alles vortrefflich du schriebst mir dass
Ackermann ein Tausendkünstler ist Gott gebe seinen Segen nun willkommen
Louis ah Louis wo nehm ich Tage her die mehr Stunden zählen als
vierundzwanzig Wann werd ich dich ordentlich sprechen können Siehst du Das
hab ich von Eurer politischen Laufbahn nun bin ich mitten im Gewühl vergib
die Eile Louis Und mit diesen Worten hatte sich Egon an Sollizitanten wenden
müssen deren in aller Morgenfrühe schon ein Dutzend im Zimmer standen Louis
war gegangen einen Pfeil im Herzen Das ist aus dachte er darüber mach
denn ein Kreuz
Erschüttert noch und tiefverletzt stand Louis in der Werkstatt und grübelte
über ein Gedicht das zur Not seine Stimmung ausdrücken sollte Er gedachte
Oleanders Siegberts Murrays und Ackermanns Alle diese edlen Männer
hatten den Gedanken an Egon verdrängt und doch hing er an dem Jugendfreund wie
an seinem Bruder Er versuchte zum ersten Male in der Sprache seiner Vorfahren
in der deutschen zu dichten und wagte angeweht von Oleanders milderen
Anschauungen und doch noch nicht ganz befreit von der bitteren Schärfe seiner
französischen Reminiscenzen ein Gedicht in dieser fast an die lateinische
katholische Poesie des Mittelalters erinnernden Fassung
Welt wie bist du weit und groß
Alle Riegel sind gesprengt
Alle Pforten ausgehängt
Wie sichs wälzt und wie sichs drängt
Und was birgt wohl noch dein Schoos
Wolken weilt Wie folg ich euch
Stehe Zeit wie halt ich dich
Raum du gähnst so fürchterlich
Wo im Chaos rett ich mich
Bin ich nur der Feder gleich
Wie dereinst beim Weltgericht
Hör ich der Verdammten Chor
Jeder drängt zum Richterohr
Trägt nur sich sein Rühmen vor
Seine Furcht sein Hoffen spricht
Herzen ohne Harmonie
Durcheinander Jedes Brust
Hallt das Echo eigener Lust
Seiner Sprache nur bewusst
Seiner eignen Melodie
Tausend Uhren Mitternacht
Weisend und die Pendel doch
Ungleich schwankend tief und hoch
Keinen hat der Kaiser noch
In den gleichen Takt gebracht
Gern hätt ich zum Wald hinaus
Mich in Einsamkeit gebannt
Hätte an der Quelle Rand
Einen stillen grünen Stand
Mir gesucht ein friedlich Haus
Gerne hätt ich mich gestellt
An den Busch der Nachtigall
An ein Lerchennest im Tal
Fliehend jeden Widerhall
Dieser Zeit und dieser Welt
Doch ich muss ein treuer Turm
Wachen an dem Meeresrand
Bleiben fest im alten Stand
Wenn umspühlt vom Wogenbrand
Wenn umdonnert auch vom Sturm
Die Entscheidung soll ich sehen
Wenn zerkracht der Wolkenball
In der dumpfen Donner Schall
In dem allgemeinen Fall
Muss ich sinken oder stehen
Ein solches Gedicht vom Augenblick geschaffen blieb in Louis fest wenn er es
auch später erst niederschrieb
Er hatte die wilde Stimmung seiner früheren Auffassungen noch nicht ganz
dämpfen können in der Form aber schon jene Natürlichkeit und Einfachheit die
er dem Beispiele Oleanders verdankte sich anzueignen versucht
Wie er noch so stand dichtete arbeitete trat der junge Sandrart in die
Werkstatt und begab sich sogleich an den Winkel wo vor dem Fenster nicht fern
vom großen eisernen Ofen dessen Röhren durch die ganze Werkstatt sich zogen
Louis gewöhnlicher Platz war Er hatte von Madame Märtens rasch »avertirt«
bekommen dass Herr Louis Armand wieder »ritour« wäre und näherte sich ihm mit
der Scheu die Jedermann fühlen musste der Louis tieferes Streben mit der Zeit
aus seiner einfachen fast schüchternen Art sich zu geben erkannt hatte Alles
was er schon von der Alten gehört musste ihm Louis wiederholen und vernahm es so
aufmerksam so überrascht als hätt es ihm Louis zum ersten Male erzählt
Mein Vater erwartet mich zu Weihnachten sagte er aber ich werde keinen
Urlaub bekommen die dritte Kompagnie wird kurz gehalten Aldenhoven ist
Kapitain geworden Wir werden gefuchtelt
Wie geht es dem Major fragte Louis
Der Sergeant erzählte von dem immer offener hervortretenden Bruch in der
Armee selbst Werdeck soweit sich Das aus seiner Sphäre beobachten ließe wäre
düster und mismutig doch hätte er ihm kürzlich erst gesagt Sandrart Ihr
kennt einen jungen Mann Namens Louis Armand Haltet Euch an ihn und seine
Freunde Sandrart wiederholte diese Worte mit Schüchternheit
Wenn Sie wollen Sergeant sagte Louis und reichte ihm die Hand ohne irgend
eine Misstimmung wegen Franziskas zu verraten
Der junge Krieger klagte über die Verwahrlosung des innern Menschen unter
den Waffen Man exercire stehe Wache putze seine Montur und Armatur und im
Übrigen hieß es Bete oder faullenze
Es ist bei uns in Frankreich nicht anders sagte Armand Der Soldat soll
immer eine Maschine sein soll immer nur der Disziplin leben Wer dann seine
Zeit ausgedient hat kommt nach Hause hat sein Handwerk verlernt oder die
Arbeit am Pfluge ist ihm zu gering geworden
Es ist ein Glück dass es ehrliche Mädchen gibt
Wieso Mädchen und ehrliche
Wer heiraten will muss doch wieder an die Hobelbank oder aufs Feld zurück
um die Mädchen holt man ein was man für sich beinah verlernt hat
Das Gespräch war von den Gesellen belauscht worden Man lachte und Louis
ließ sich eine so heitre Störung schon gefallen Er setzte das Gespräch fort
von dem er nicht ahnte dass es ihm später als »Soldatenverführung« ausgelegt
werden sollte Sandrart erzählte von den Schmeicheleien mit denen man das
Selbstbewusstsein des Heeres das nur durch Schlachten gehoben werden könnte
heben wolle und nur einschläfere Er erzählte von den Märchen mit denen man die
Krieger erschrecke von einer neuen Revolution wo nicht das Kind im Mutterleibe
geschont werden sollte Die Roten wollten den König die Prinzen und
Prinzessinnen morden und kein Soldat sollte ungespiesst bleiben
Die Gesellen lachten
Aber es kommt immer nicht fuhr der aufgeregte Sergeant fort Wir stehen des
Morgens auf und gehen des Abends zu Bett mit dem Gedanken Nun wirds
losbrechen Und kommt dann ein kleiner Allarm oder eine Schlägerei im
Wirtshause oder eine Strassenrottirung so können Sie sich daraus erklären
warum unsre Mannschaften gleich so fuchswild und erbittert zuschlagen Die Leute
sind gereizt und denken Nun gehts ans Leben
Trauriger Zustand wenn in einem und demselben Staate zwei Kräfte so
gegeneinander wüten bemerkte Louis ruhig es ist aber überall so Der Adel und
die Bureaukratie haben sich die Armeen apartgenommen und dressiren sie nach
ihrem Gefallen Leider hat man da ein so gutes Feld für seine Intrigue Die
Fahne der ihr geschworne Eid der erlaubte Stolz des Kriegers die Erinnerungen
seines Truppenkörpers die Achtung vor dem Souverän das Alles sind Begriffe an
die sich für ein schwärmerisches Gemüt so vortrefflich anknüpfen lässt Man
fanatisirt diese Menschen durch ein Verbrechen das man die Sünde gegen den
heiligen Geist nennt
Man wünschte Erklärung dieser Sünde
Es ist die Sünde sprach Louis so laut dass Alle hörten die Sünde die
irgend eine richtige Tatsache eine Wahrheit die in der Menschenbrust wie mit
ehernen Buchstaben eingegraben steht zu einem falschen Zwecke benutzt Wer
vollends von seiner irrtümlichen Anwendung einer Wahrheit selbst überzeugt ist
kann kaum Vergebung erwarten
Die Gesellen horchten und blinkten sich zu Manche hielten Louis für etwas
viel Höheres als wofür er sich ausgab
Ich verstehe wohl sagte Sandrart der sich auf einige Bretter gesetzt
hatte ich verstehe dass Sie den Spektakel mit dem Fahneneid meinen
Ich halte jeden Eid für heilig bemerkte Louis
Und nun sprudelte der Sergeant den ein Ärger mit seinem Kapitän gereizt zu
haben schien Alles hervor was für und wider den Fahneneid den Soldaten offen
und heimlich jetzt zugesteckt zu werden pflegte Tag ein Tag aus fuhr Sandrart
fort kommen Leute in die Kasernen oder auf den Exercierplatz und predigen uns
den heiligen Eid Der Eine lässt Kaffee aus einem Keller in der Nähe holen der
Andre verschenkt wollene Strümpfe die Leute trinken den Kaffee nehmen die
wollenen Strümpfe und immer heißts dabei Was wir geschworen haben halten
wir Aber
Ein Eid ist heilig erwiderte Louis Ich tadle die Soldaten nicht die ihn
leisten sondern die die ihn abnehmen Es muss dahin kommen dass der Soldat
nicht in die Lage versetzt wird einen einseitigen und in die Gesellschaft den
Brand des Aufruhrs schleudernden Eid zu schwören
Er soll schwören die öffentliche Ordnung des Vaterlandes im Innern und
seine Größe und Ehre nach Außen zu verteidigen Die gesetzlichen Organe dieser
Ordnung und Ehre haben sich geändert Es sind nicht mehr die Fürsten sondern
die Vertreter der Völker
Wir brauchen keine Fürsten mehr rief es aus einer Ecke
Wir brauchen keine Soldaten mehr aus einer andern
Louis wandte sich eben um ein lautes St auszusprechen als der alte
Märtens in seiner blauen Schürze und wollenen gestrickten Überjacke hereintrat
und dieser lärmend und stürmisch gewordenen Unterhaltung ohnehin ein Ende
machte Er litt niemals dass in seiner Werkstatt über Politik gesprochen wurde
Auch der Sergeant der alle diese Gesellen kannte wusste das Verbot und nahm
den verwildert gewordenen Gegenstand nicht wieder auf Er sprach von Franziska
und klagte dass er zu Weihnachten keinen Urlaub bekommen würde Der Feldwebel
sähe lieber dass er sich seine Bescheerung schicken ließe um sie mit ihm
teilen zu können
Und der Major
Der Major wer weiß wie lange der noch Majort Das ist Einer der
nächstens sagen wird Der Eid drückt mich
Marsch in die Kaserne rief der alte Märtens dazwischen Dien Er seinem
König und lob er Gott den Herrn Amen
Die Gesellen lachten nun erst recht Sandrart ließ sich nicht stören Er war
zu bewegt Er hatte seit der einfachen Begegnung mit den Offizieren auf dem
Fortunaball und in dem Worte Gehorsam außer Dienst jenen nagenden Quälgeist in
sich der bei den unteren Ständen mehr Unruhe und Schaden im Gemüte stiftet als
bei der Bildung Das prickelte das hetzte ihn Immer derselbe Refrain immer
dieselbe wunde Stelle die nicht heilen wollte und die täglich berührt wurde
Endlich ging er Als er Louis die Hand gab und fragte ob er bald in den
Ullagrund schriebe rief eine Stimme ihm nach Sergeant Gartenstrasse Nr 14
alle Abend um acht Uhr ist Verein kommen Sie und bringen Sie Kameraden mit
die das Herz auf dem rechten Fleck haben
Wer sagt Das Wer verführt hier die Soldaten rief der alte Meister und
rannte zu dem Sprecher hinüber einem kleinen dicken wohlgenährten Arbeiter
dem Advokaten der Werkstatt
Sandrart hielt den zornigen Alten auf und beruhigte ihn Aber der Meister
tobte jetzt seine patriotische alte deutsche Gesinnung aus nach dem Thema
Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist und Gotte was Gottes ist Er machte sein
Recht als Meister und Werkstattbesitzer mit ein Dutzend Hammerschlägen auf den
Werktischplatten geltend Sandrart ging Die Rebellen schwiegen Auch Louis
schwieg Da aber manche Anzüglichkeit des alten Mannes ihm selbst gelten sollte
und er sich schwer beherrschte so zog er vor eine Weile auf sein Zimmer zu
gehen und dem Alten Zeit zu lassen sich inzwischen gründlichst auszutoben was
auch geschah diesmal sogar mit Fremdwörtern aus dem Lexikon seiner gebildeten
Ehehälfte
Eine Woche ging so hin Louis lebte zurückgezogen Er suchte nur Dankmar auf
und fand ihn nicht Zum Major Werdeck wagte er sich nicht Über Murrays
Schicksal wurde ihm keinerlei Beruhigung Der Drang ihm zu helfen die im
Forstause vorgekommenen Dinge in einem Lichte darzustellen wo alle Schuld nur
auf ihn falle war so mächtig in ihm dass er anfangs an Egons Beistand dachte
Allein war Das noch sein Egon Er wars im Tone in der Behandlung noch gewesen
er hatte ihn nicht lieblos empfangen ihm täglich sein Haus angeboten Aber eine
Kluft hatte sich zwischen Beiden aufgetan weiter als der natürliche Abstand
der Geburt Die Romantik war vorüber das praktische Leben hatte begonnen Louis
entschuldigte Egon klagte sich an zieh sich selbst der Eitelkeit dass er von
dem Freunde Egon der einst in Lyon seine Schwester liebte und mit ihr wie mit
seinem Weibe lebte jemals die später entdeckte Fürstenwürde nicht trennte Er
fand es natürlich dass Alles so kam wie es jetzt gekommen aber ihm lästig
fallen eine Audienz erbitten ihm schreiben eine Bitte vorlegen dazu war
er zu stolz zu verletzt zu eingeschüchtert Dann fiel ihm bei ob nicht
Dankmar Wildungen als Jurist helfen könnte und eben so schmeichelte sich ihm die
Vorstellung ein ob er nicht wagen sollte den mehrfach genannten Otto von
Dystra aufzusuchen und ihm die Lage eines Mannes vorzustellen der aus einem
fernen Weltteile ihm nicht unbekannt sein sollte
Es war wieder Mittag Die Arbeiter zerstreuten sich Als sich Louis nach
einem bescheidenen Mahle in einer nahgelegenen Wirtschaft in der Voraussetzung
vielleicht nun heute endlich Dankmar Wildungen und den von Murray erwähnten
Gönner Otto von Dystra aufzusuchen besser anzog und in seinen Gerätschaften
ordnete fielen ihm die Gegenstände auf die er im Forstause damals an sich
genommen hatte Es war ein Gesangbuch ein Blumenstrauß und ein zierlicher
Mädchenkamm Er hatte diese Dinge an sich genommen weil die von Ursula daran
geknüpften Reden ihm so auffallend klangen dass er glaubte vielleicht
enthielten sie Tatsachen die sich auf Murrays Sohn bezogen
Der Kamm war von Schildpatt und zeigte mit Elfenbein ausgelegt die
Buchstaben HD Das Gesangbuch führte auf bestimmte Namen Es war in schwarzes
Leder gebunden und enthielt auf dem Deckel die Notiz über die Geburt und die
Verlobung eines jungen Mädchens von dem Louis wusste dass es eines Sonntags an
der Sägemühle verunglückte Heunisch sagte er sich hat sicher diese
Gegenstände auch den Blumenstrauß den sie grade trug aufbewahrt und die Alte
sie eingeschlossen um durch ihren steten Anblick ihn nicht zu traurig zu
stimmen Das Gesangbuch der Kamm der welke Blumenstrauß wurden Louis fast
unter der Hand zu Tönen und Klängen und Reimen eines Gedichtes
Wie er den welken Strauss der krampfhaft zusammengeballt schien
auseinanderfaltete hörte er ein Klingen wie von einem fallenden metallnen
Gegenstande Am Boden sah er einen zerbrochenen Goldreif blinken Er hob ihn
auf Sicher hatte dieser Ring in dem Gewirr des welken heuartig gewordenen
Blumenstrausses schon lange versteckt gelegen Der Verlobungsring des
unglücklichen Mädchens dachte er Wo ist nur die zweite Hälfte Er suchte und
fand sie nicht Wer weiß dachte er durch welchen Zufall dieser Ring zerbrach
Die Treue hat ihr Heunisch wirklich gehalten Louis wollte den Ring mit den
übrigen Gegenständen bei Seite legen als ihm doch noch einfiel nach einer
möglichen Gravirung innen zu sehen Er erstaunte nicht die Buchstaben zu
finden die auf Heunischs Geschichte passten Er las in dem Ringe P und die
ersten Züge eines kleinen v die ohne Zweifel auf einen adligen Namen schließen
ließ Auch sah er jetzt dass er keinen Trau oder Verlobungsring sondern
einen einfachen goldnen Reifen dessen Kopf durch einen Stein verziert gewesen
sein musste vor sich hatte Die adlige Bezeichnung des Ringes ließ ihm als
wahrscheinlich erkennen dass er einen Teil jenes Ringes vor sich hatte von dem
ihm Murray einst erzählt hatte Und so steckte er dies Fragment behutsam zu sich
und gedachte ihn dem unglücklichen Gefangenen bei erster Gelegenheit wo er
hoffte ihn sprechen zu dürfen zu übergeben Die übrigen Gegenstände verschloss
er wieder
Mit einem alten Mantel den er über seinen gewählten Anzug warf ging Louis
aus um aufs Neue zu versuchen Dankmar Wildungen zu treffen Wie groß war
seine Freude als er grade beim Eintritt in das von den Freunden bewohnte Haus
den Gesuchten die Stiege herabkommen sah Wär es Siegbert gewesen so hätt er
ihn umarmt Dankmarn schüttelte er die Hand und freute sich der herzlichen
Erwiderung
Seit wann sind Sie zurück
Über eine Woche
Wir verfehlten uns Auch ich fragte nach Ihnen Wie geht es meinem Bruder
Er sehreibt so selten
Ich verließ ihn wohlauf heiter und fröhlich
Heiter Empfing er
Es erfolgte jetzt die Verständigung wegen der Trauer Dankmar sprach über
das erlebte Leid Es waren Worte die in Kürze die schmerzliche Tatsache
zusammenfassten Er wünschte dass Siegbert wenn er auf dem Lande Zerstreuung
hätte nicht in die Residenz käme die ihm wenig Trost bieten würde
Einen Tag bin ich hier und dieses Chaos von Anmassung und Lüge
Ich halte Sie auf
Kommen Sie zu mir Armand Gegessen ist auch bei mir schon Aber einen
Kaffee können wir noch brauen Frau Schievelbein Mokka Java Cheribon Was
sich findet Aber schwarzen Denn Louis wir trauern
Damit schloss Dankmar die Tür der bescheidenen noch warmen Wohnung auf
rückte Bücher Skripturen vom Tisch und rief noch einmal der Wirtin die aus
ihrem Mittagsschlafe schwer zu wecken war Während er selbst die Vorbereitungen
zu einem Kaffee in seiner blechernen Maschine machte Spiritus anzündete und
endlich von der gähnenden Wirtin unterstützt wurde einmal häuslich und
gemütlich einen Nachmittag nicht im Kaffeehause sondern daheim zuzubringen
sprach er vom Tode seiner Mutter vom Leben überhaupt vom Geheimnis der
Weltschöpfung vom Gegensatz zwischen Materie und Geist Himmel Hölle Erde
Lampendocht Spiritus Filtrirmaschinen und schloss seine aus Schmerz und Scherz
gemischte Plauderei mit der Bemerkung
Ja lieber Armand seit wir unter dem Kreuze in dem Ratskeller saßen ist
Manches geschehen aber was ich auch erlebte und das Schlimmste ist allerdings
der LeichensteinStrich über ein teures Dasein das ich noch für viel Glück
aufgespart glaubte Alles hat mich gelehrt Wenn man die Grenze des Daseins
fühlt wenn man sieht wie Alles endet und enden muss ohne Ausnahme dann mein
Freund nimmt man das Schwerste im Leben leichter und setzt mit grössrer Lust
sein Leben auch an das Traurigste Ich bin nicht etwa entmutigt wie Sie mich
hier sehen Aber ergrimmter bin ich entschlossner gleichgültiger um diese
schönen Fratzen die uns locken und schmeicheln wollen mit Worten Ach wie süß
ist dies Leben Schick dich in diese Lügen Dulde diese Irrtümer Lass diese
Narren regieren Lass diese Welt gehen wie sie geht Der Tod meiner Mutter war
so voll Überredung für mich an ein Jenseits zu glauben Ihre Gesichtszüge waren
verklärter nachdenklicher strenger als je im Leben Man konnte glauben der im
Schauen begriffene Geist ließe noch Spuren auf dem teuren Antlitz zurück Wie
ich sie in die Grube senken sah wie Alles um mich her Tod und doch
Unsterblichkeit auf dem Friedhofe flüsterte da empfand ich Liebe für die
Geschiedenen Hass für die Lebenden Vermessene Toren rief es in mir die Ihr
Euch einbildet das Leben beherrschen zu können Wer seid Ihr denn Ihr zufällig
Reichen Ihr angemasst Mächtigen Ihr eingebildet Weisen Hier ist Alles gleich
hier unter diesen welken Trauerpappeln ist die ganze Komödie aus und da drüben
jagt hetzt Ihr Euch mit Euren Leidenschaften und sinnlichen Interessen
durcheinander Glauben Sie mir Louis man muss das Leben verachten um dem Leben
eine große Tat zu hinterlassen Ich würde mich nicht mehr bedenken mein Haupt
zu opfern wenn ich glaubte das Rechte getroffen zu haben um einer göttlichen
Wahrheit in unserm Leben ihre Geltung zu verschaffen
Louis war von der Aufregung in der er seinen Freund und Gönner wiederfand
erschüttert Wie geht es mit Ihren Hoffnungen auf Er stockte das Wort
die Erbschaft auszusprechen Ich bin im Begriff sie auch in zweiter Instanz
zu verlieren sagte Dankmar und habe dann nur noch das Urteil vom Obertribunal
revidiren zu lassen Meine Hoffnung der Welt zeigen zu können wie wir mit
ererbten Rechten verfahren sollen wird sich nicht erfüllen Indessen setz ich
Alles daran wie ein Flügelross bis an die Stelle zu steigen wo es immerhin tot
niedersinken möge Sie können sich denken welche Entbehrungen ich leide Die
Kosten des Prozesses wachsen ins Unglaubliche Das kleine Vermögen das sich
nun noch von der Mutter aus uns ergeben wird ging teils im Begräbnis teils
in der Ordnung ihres Nachlasses schon hin Den Rest werfen wir in jenen Abgrund
der uns keine Ergebnisse bringen wird ich mag auch noch so viel in diesen
Büchern studieren Jetzt vollends wo meine Hoffnung dass mindestens der eine
Koncurrent der Staat die Ungehörigkeit seiner Ansprüche einsehen würde sich
betrogen sieht und durch Egon ein neues Leben in diese Angelegenheit kommt
Durch Egon Wissen Sie Das
Von ihm selbst
Sie sprachen ihn
Kürzlich auf der Staatskanzlei wo ich mir eine Audienz vom Premierminister
erbat Zum Menschen Egon geh ich nicht
Sie geben ihn auf
In meinem Sinne ja
Wie war er gegen Sie Kalt zurückhaltend
Im Gegenteil er war offen und suchte die inzwischen durch seine Massnahmen
so weit gerissene Kluft zwischen uns durch entgegenkommende Freundlichkeit zu
verbergen
Sie machten dieselbe Erfahrung wie ich
Mein Freund sagte Dankmar geben Sie diese Anknüpfung auf Ich denke mit
Wehmut zurück wie ich Egon fand wie er mir die Freundschaft auf offenen Händen
entgegentrug wie er mir den Brudernamen aufdrängte Dennoch muss ich gegen ihn
gerecht sein Ich entsinne mich dass wir mehr in ihn hineingelegt haben als
wozu wir berechtigt waren Wir hörten ihm zu und fühlten da schon die innere
Trennung Da wir ihn aber lieb hatten wollten wir nicht sehen Nun ist die
chemische Probe gekommen Wer verdenkt ihm dass er uns entgegnet Ihr habt mich
wie Eure Puppe behandelt mit Euren Ideen mich ausgeputzt Die Zeit des Scherzes
ist vorüber
Louis wollte dies Misverständniss nicht gelten lassen und behauptete ein
fremdartiger Einfluss hätte sich des so hoch gestiegenen Freundes plötzlich
bemächtigt und ihn von ihren Anschauungen hinweggerissen
Nein nein sagte Dankmar Das ist in der Ordnung und nicht weiter zu
beklagen Der Dämon der die Welt regiert Gott ist es nicht der steht noch
über diesem Dämon gibt für seine Schlachten dem Menschen die ihm gebührende
Stellung Der Eine hier der Andre dort Wir haben nichts zu tun als nach
unsrer Fahne zu blicken und in den Kampf zu gehen wenn unser Signal uns ruft
Es ist ganz in der Ordnung dass auch Egon den ihm von dem vorigen kaufmännischen
Ministerium hinterlassenen Prozess fortführt ganz in der Ordnung dass ich ihn
verliere Sie glauben nicht was uns der Mensch als eine willenlose Maschine
als ein anorganisches Produkt erscheint wenn man es abblühen und sterben sieht
Wir sind nicht frei Wir glauben es zu sein und freuen uns nur des Quecksilbers
freier Wille genannt das doch allein mechanisch in uns hin und herrollt und
uns alle unsre Bewegungen gibt
Bei allen diesen Bemerkungen die Dankmar unmutig und ungeregelt außstieß
unterzog er sich einer gründlichen von Frau Schievelbein unterstützten
Vorbereitung zu einem gemütlichen Kaffee Es gibt gar nichts Traulicheres als
wenn im kalten Novembersturm auf engem gut erwärmtem Zimmer junge Männer die
kleinen Konsequenzen ihrer Garçonwirtschaft ziehen den Frauen in ihre
Vorrechte greifen Haushälter spielen Kaffee filtriren und ihn mit
Cigarrendampf und guten Einfällen in eine Sophaecke gedrückt behaglich
niederschlürfen
Nun sagte Dankmar lächelnd als die Wirtin Tassen zurechtgestellt und
erklärt hatte sie würde bald das heiße Wasser bringen nun wie ist es Louis
haben Sie für das vierblättrige Kleeblatt geworben Ist das Korn von jener Nacht
aufgegangen Fanden Sie Menschen die würdig sind in die kämpfende Brüderschaft
vom Geiste zu treten
Louis war auf Mitteilungen über Dankmars großes Unternehmen gefasst nicht
aber darauf Bericht zu erstatten was er selbst dafür getan Er erschrak fast
und geriet in Verlegenheit ob er gleich an Murray Oleander Ackermann dachte
Freund fuhr Dankmar als er sein Zögern bemerkte fort wir müssen
vorläufig mit den Blicken werben Das ist das Prüfzeichen der Wahrheit unsrer
Ideen dass wir vorläufig Menschen finden die uns würdig scheinen sich dem
großen innern Kreuzzuge anzuschließen Sonst lernten wir Menschen kennen die
an uns vorübergingen und von uns vergessen wurden auch wenn wir ihnen
schmerzlich nachsahen Jetzt haben wir etwas was uns solche Begegnungen werter
macht Einen edlen Menschen finden ist jetzt für uns eine Eroberung Wir sollen
es mit ihm machen wie Entdeckungsreisende wenn sie Inseln im Meere finden die
Niemand kannte Sie pflanzen das Zeichen ihrer Nation auf nehmen feierlich im
Geiste von ihnen Besitz und reisen weiter Oder wie man Zugvögeln eine Kette
umhängt und sie fliegen lässt wohin sie wollen in der Hoffnung sie würden
irgendwo über tausend Meilen durch jenes Symbol doch einen Menschen erfreuen
der da sagt Seht diesem Reiher hing ein Araber ein Hindu eine kleine Kette
einen Ring um mit seinem Zeichen und dies Zeichen lautet Ich grüße dich
Bruder Mensch Freund in dem großen Geist ob er nun Gott oder Allah oder Lama
oder Jehova heißt So sollen wir jeder uns verwandten edlen Intelligenz
unsichtbar das Zeichen der Ritterschaft vom Geiste aufheften und dann ihn
wandeln lassen seiner Wege Sie führen schon zusammen zu einem Ziele
Dankmar sprach diese Bemerkung mehr im halben Scherz doch blickte der Ernst
und die sichre Absicht durch diese Werbungen wahr zu machen
Louis nahm keinen Anstand ihm zu erklären dass es auch ihm so ginge Er
wisse nun immer was er mit den Menschen die er im Leben sähe beginnen sollte
So müssten einst die Apostel gewandelt sein und sich sogleich die Seelen
herausgefunden haben denen sie die Botschaft vom Menschensohne bringen wollten
Früher hätte er geprüft ohne Zweck er hätte die wertvollen Menschen vergessen
oder sich ihrer nur mit jener freudigen Wehmut erinnert die wohl den Schiffer
ergreifen müsse wenn auf dem Weltmeer ein Segel an ihm vorüberfahre Ein
Salutschuss und dann ewige Trennung Jetzt aber halte er im Geiste Jeden fest und
möchte ihn dauernd zu dem großen Werke der Befreiung verbinden Und wohl müsse
er eingestehen dass ihm auf dieser kleinen Reise schon Würdigste begegnet wären
Nennen Sie sie nicht sagte Dankmar Es soll unserm Bunde zur Förderung
dienen dass wir nicht wissen wer zu ihm gehört Jeder soll werben Jeder soll
an gewissen großen Bundestagen Beweise dafür bringen dass er Ritter vom Geiste
gerüstet und gewappnet gefunden hat aber die Erkennung sei eine zufällige
Keine Register Keine Namen
Louis hatte aber grade recht auf dem Herzen von Oleander Ackermann und
besonders von Murray zu reden und Dankmar sah ihm seinen Drang dazu an
Nicht wahr sagte er Ackermann scheint Ihnen würdig
Im vollsten Masse
Ein Grossmeister unsres Ordens Treu fest wohlwollend unabhängig Ja
Louis unabhängig Das hab ich gefunden das ist der einzige Standpunkt auf
dem man denkt klar denkt und für die Menschheit etwas in die Schanze schlägt
Doch hab ich auch Viele gefunden die edel sind und gern möchten wenn sie
könnten Da sollt ich helfen können Da sollte mein Erbe ausgehend von den
geistlichen Rittern den geistigen Rittern wieder zufliessen Darum möcht ich
Schätze gewinnen um die Schwachen zu ermuntern Witwen Waisen die ihren
Beschützer verloren zu trösten Unmöglichscheinendes möglich zu machen Darum
will ich Geld zu unserm Ringe Darum mein Mühen und Sorgen um den Kitt unsres
Gebäudes
Louis entgegnete dass die Männer die er gefunden auch ohne die Ermunterung
und Schadloshaltung durch irdische Mittel sich der Ritterschaft des Geistes
widmen Helm und Harnisch antun würden für den Kreuzzug der Idee
Um so besser sagte Dankmar Aber nennen Sie Niemanden Sammeln Sie werben
Sie im Stillen Ich bin so glücklich gewesen dass ich wohl schon von zwanzig
edlen Männern sagen kann Sie sind die Unsrigen
Louis staunte
Von Leidenfrost und Werdeck hab ich brieflich gleiche Ergebnisse Noch
haben wir uns nicht konstituirt noch fehlt uns die Symbolik über die ich in
nächtlichen Stunden grüble wie einst Muhammed mag gegrübelt haben was er von
Zoroaster Christus Sokrates brauchen könne noch sind mir nicht die Engel der
rechten Erleuchtung erschienen und schon finden wir segensreiche Wirkungen
Lesen Sie nicht schon von vielen Orten her dass die gefangenen Volksfreunde
Mittel finden zu entfliehen Mancher der das Schicksal einer Untersuchung
nicht ahnt wird bei Zeiten gewarnt Jene Beamte die kürzlich ihre Ämter
niederlegten weil sie mit ihrer Abhängigkeit in Widerspruch gerieten wurden
schon von uns unterstützt Es finden sich Liebesgaben die wie Wasser aus einem
Felsen springen Moses Zauberstab wirkt Wunder Es sind Herzen versöhnt worden
unbekannte Freunde zusammengeführt Warnungen Ratschläge empfängt man von
unbekannter Hand und schon setzen die Vertrauten an die Spitze ihrer Briefe vier
Punkte die das vierblättrige Kleeblatt der seltenen Freundschaft bezeichnen
Alles regt sich schon ein neuer Frühling des Geistes ein Hoffnungslenz der
Gesinnung beginnt nur Siegbert schlummert noch Nicht wahr den fanden Sie wohl
tief unter Träumen wandelnd Glauben Sie dass uns auch Siegbert Mannschaften
zuführen wird
Louis staunend über diese Schilderung konnte nichts versichern bezweifelte
es aber fast da er sah wie Dankmar gewirkt hatte und wie Der glühte vor
innerer Befriedigung
Siegbert wird uns Frauen nennen die er gewinnen möchte sagte Dankmar
lächelnd Er hatte dabei auf dem Herzen nach Selma zu fragen
Schon lange lag ihm ein Wort über Selma auf den Lippen Er wagte es nicht
auszusprechen Er war von der beklemmenden Vorstellung gedrückt Wie wenn sich
Das was Du mit Melanie erlebtest bei Selma wiederholte Siegbert ist
liebenswürdig Er wird von Ackermann mit Zuvorkommenheit aufgenommen werden
Selma wird ihn sehen ihn lieben Und Siegbert Kann sein Herz in Wahrheit bei
Olga weilen jenseits der Alpen Kann er einer solchen Phantasie nachjagen Auch
die Fürstin Wäsämskoi obgleich sie in unsrer Abwesenheit fast täglich hier
anfragen ließ wann wir zurückkämen kann Die ihn fürs Leben fesseln Nein
nein das Schicksal spielt unserm Herzen zum zweiten Male eine Prüfung zu
Siegbert und Selma finden sich und dieses Band darf ich nicht lösen wie ich die
Irrung zwischen Siegbert und Melanie löste
Und so fest stand diese Vorstellung bei Dankmar dass er in der Tat nicht
den Mut hatte nach Selma zu fragen und auch aus Furcht von ihr zu hören
Louis Mitteilungen über des Bruders Lebensweise rasch unterbrach und ihn nach
seinen eignen Angelegenheiten fragte Da hatte denn Louis die Erzählung über
Murray und die Bitte um Dankmars Rat und Beistand schon eingeleitet als man
die Treppe herauf Männerschritte hörte
Frau Schievelbein die eben das heiße Wasser in einem summenden Teekessel
bringen wollte öffnete und ein Herr im grauen Militärmantel trat auf den
Vorplatz gefolgt von einem andern der sich Schnee und Regen aus einem dicken
langzottigen Tüffelrocke abschüttelte
Die Kommenden waren Major Werdeck und sein Freund Max Leidenfrost
Achtes Kapitel
Das Wachsen des Bundes
Wann kommen wir All uns wieder entgegen
Im Blitz und Donner oder im Regen
rief Leidenfrost als er Louis erblickte und sich der Major über das glückliche
Zusammentreffen der vier im Geiste Verbundenen innigst zu freuen schien
Wenn der Wirrwarr höher steigt
Und wer Sieger ist sich zeigt
antwortete Dankmar auch die Macbethexen parodirend rückte Stühle heran nahm
dem Major den Mantel ab und schüttelte den Freunden die er noch nicht gesehen
die Hände
Graulieschen sagte Leidenfrost zur Frau Schievelbein Graulieschen was
braust du da für ein namenloses Werk
Erlauben Sie sagte die Alte um so empfindlicher über diese Anrede eines
Mannes dessen »Komplimente« sie kannte als sie wegen eines hohen Offiziers
ihrer Toilette eingedenk wurde erlauben Sie ich heiße Eulalia und Das wird
Kaffee wenn Sie nichts dagegen haben Herr Leidenfrost
Eulalia Menschenhass und Reue fuhr Leidenfrost im patetischen Tone fort
Kommt Einer da wohl heraus aus seinen theatralischen Reminiscenzen Ich studire
gerade Goethes Faust ein und komme aus dem Arrangement der Hexenküche
Frau Eulalia Schievelbein brummte aufs Neue über sotane Anspielungen
beeiferte sich aber die comfortabelste Erweiterung ihrer Arrangements möglich
zu machen und suchte darin wirklich zu hexen
Wir erfuhren dass Sie wieder da sind Wildungen begann Werdeck Und in
Trauer Wir kommen um Sie teilnehmend zu begrüßen Ihr Verlust
Nur keinen Grabsermon fiel Leidenfrost ein Ich hab ihm Alles geschrieben
was ich über die notwendige Fütterung der Würmer denke und über die
Seelenwanderung Die Citronen die die Leidtragenden in der Hand halten werden
am besten in aller Stille mit nach Hause genommen wo sie zum Punsch verwendbar
sind Dankmar wenn Siegbert da wäre würde ich anständig condoliren Da Sie es
sind denk ich nur wieder
Sie hätte auch gelegner scheiden können es hätte
Sich bessre Zeit für solches Weh gefunden
Das wohl sagte Dankmar und setzte nach einer Weile hinzu Aber Sie sind ja
schon im besten Zuge Ihrer theatralischen Karriere mengen Macbet und Faust
zusammen wie Kaffee und Sahne bedienen Sie sich meine Herren
Das Beispiel meines Chefs der ästetisch solchen Milchkaffee liebt sagte
Leidenfrost die Cigarrenbüchse hervorziehend steckt mich an Herr von Harder
mein gegenwärtiger Schiffspatron steuert immer NordNordost wenn die Boussole
der Literatur Kunst und gesunden Vernunft SüdSüdwest zeigt Schiller und
Goethe ist ihm ein und derselbe verschwommene allgemein klassische
kassenverderbliche Begriff nur dass er wenigstens aus den ästhetischen Anfragen
der Hofdamen herausfühlt dass in der grauen Nebelgegend Schiller genannt etwas
mehr Sittlichkeit herrscht als in der grauen Nebelgegend Goethe und umgekehrt
dort mehr Zeitgeist als hier Es ist prächtig Auch Faust und Macbet die er
beide einmal gesehen haben muss in Wien München oder Vaduz rinnen ihm in
demselben Hexenkessel zusammen Heute auf der Probe des Faust erschien die
Excellenz in selbstpersönlichster Person und wollte sich um das Arrangement der
Hexenküche Verdienste erwerben Wo kommen denn die Könige her die dem Faust
erscheinen fragte er mich mit dramaturgischem Vorstudium und die Künstler
lauschten sich auf die Lippen beissend in demütiger Entfernung Welche Könige
Excellenz fragt ich dienstuntergebenst Nun ich denke ich habe Das schon
einmal gesehen sieben oder acht Könige die wie heißt der
TeufelMephistopheles Excellenz Mephistopheles ganz recht durch einen
Spiegel vor dem Doktor Faust erscheinen lässt ich habs in Wien gesehen
macht sich sehr gut es ist gleichsam sozusagen der ganze genealogische der
ganze genealogische Sie meinen Excellenz der ganze künftige genealogische
Kalender von England Schottland Irland Ganz recht von Irland Excellenz
irren sich sagte der tollkühne oppositionswütige Regisseur der vortrat Sie
verwechseln Faust mit Macbet dies kühne Wort der feindseligen gegen die
Intendanz verschwornen Regie entrüstete den Geheimrat und veranlasste ihn einen
vielsagenden Blick zu mir hinüberzuwerfen ob ich ihn nicht aus Irland durch
allerhand kleine Seitenwege doch dahin führen könnte dass er diesem
impertinenten Allesbesserwisser den er nächstens ohnehin absetzen wollte
gegenüber Recht behielt der Spiegel sagt ich ist hier zur Rechten
Excellenz Ich glaube dass Sie auf Veranlassung des Spiegels Ein kleines
Kind kommt vor fiel Herr von Harder determinirt ein ich weiß es aus Wien ein
kleines Kind kommt vor mit einem Spiegel der Spiegel da ist zu groß und
überhaupt seien wir vorsichtig mit diesem kleinen Kinde es ist gekrönt ich
weiß es sehr gut es ist gekrönt und bedeutet die fruchtbare Dynastie von
England Sehr wahr Aber bemerkte der über meinen Beistand erschrockene
Regisseur Die Dynastieen von England sagt ich sind sehr fruchtbar Herr
Döbereiner aber was wäre daran Gefahr Ja sagte Excellenz ich muss Ihnen
bemerken dass die jungen königlichen Herrschaften nicht gern an ihre liebsten
Hoffnungen an die Täuschung ihrer liebsten Träume Excellenz wünschten die
Descendenzanspielung das gekrönte Kind fortzulassen Er Herr Döbereiner
streichen Sie das Kind weg es ist für die Herrschaften störend Der Regisseur
Aber Kindermord Ich Excellenz können ja auch die ganze Genealogie wegstreichen
und bloß den großen Spiegel nehmen lassen worin Faust bloß das Bild Gretchens
sieht nachdem er den Hexentrank zu sich genommen Er Ganz Recht ganz Recht
Hexentrank Aber es müssen drei Hexen sein ich weiß es waren in Wien drei
Hexen Ja wohl Excellenz es sind drei Hexen allein man nimmt doch gewöhnlich
nur eine sie kommt aus dem Schornstein durch eine Flugmaschine die ich
anbringen werde und für die beiden andern Hexen nehmen wir vier oder fünf
Meerkatzen die den Brei kochen die bekannten breiten Bettelsuppen hm hm
räusperte sich der Intendant und warf dann einen Blick auf den Regisseur mit den
Worten Herr Döbereiner geht Das Es ist sogar vorgeschrieben Excellenz sagte
dieser mit Entsetzen nach der Uhr sehende und seine Suppe und Hausfrau
bedenkende Mann seufzend vor Ungeduld Meerkatzen bemerkte der Intendant
plötzlich und verfiel in ein nachdenkliches Grübeln wie machen Sie denn
Meerkatzen Excellenz sagte der geplagte Mann dort die fünf kleinen Jungen vom
Ballet werden in zusammengenähte Felle gesteckt und machen ihre Sache Abends
ganz charmant Excellenz Ja aber bester Freund Meerkatzen Meerkatzen
Das ist leicht gesagt Ich weiß sehr wohl das sind Affen Ich bin dafür dass
Alles vollkommen ist und die Kunst soll fortschreiten Da ist hier der Maler
Heinrichson gewesen
Er ist jetzt in Italien Der hat die Lady gemalt wissen Sie die Lady die
mit Apollo oder so einem Gott unter einer Decke spielte wissen Sie es war
eine Muse Wir verstehen Excellenz vollkommen Also diese Lady hatte ein
Verhältnis wo Apollo immer in Gestalt eines Schwanes zu ihr kam dummes Zeug
das aber gemalt macht sichs und diesen Schwan den ließ ich aus Dänemark
kommen Und so mein ich fast auch die Meerkatzen müssten doch eigentlich
Nun erinnerte ich ihn da ich seine tiefen Absichten verstand an seinen Vater
und dessen kleine Menagerie in Tempelheide nein sagte er mein Papa hält
keine Meerkatzen Meerkatzen sind Affen nicht wahr Affen Affen
Excellenz Nein Papa liebt die Affen nicht der gute alte Herr hat die
Manie Tiere zu bilden aber die Affen mag er nicht weil ich habe den alten
Papa Das sehr oft sagen hören weil weil Excellenz stockten ich
ergänzte Weil die Affen an sich die Karrikaturen der Menschen wären und nur den
tollgewordenen Verstand der Tiere bezeichneten Richtig brav Leidenfrost
aber ich habe eine andere Auskunft Da ist der Baron von Dystra angekommen ein
kurioser Heiliger der einige Mohren und unter Andern auch Meerkatzen aus ich
weiß nicht welchem Weltteile von Australien mitgebracht hat Zu dem will ich
doch wegen dieser Szene gehen Ich denke mir doch interessant wenn wir Um
Gotteswillen Excellenz rief Döbereiner doch keine natürlichen Meerkatzen auf
die Bühne bringen Der Intendant stand still und sah forschend auf mich Er
hatte sich in der Tat im Stillen gedacht dass eine Hexenküche mit natürlichen
Meerkatzen viel Aufsehen erregen und da er sehr ehrgeizig ist vielleicht in
der Kunstgeschichte ihm einen Namen erwerben würde Ich konnte aber doch um die
unglücklichen Schauspieler zu erlösen nicht anders als sagen O auf dem
Tanzsaale oben Excellenz lassen Sie diese Jungen nur die Kapriolen der
Meerkatzen des Herrn von Dystra beobachten und jedenfalls die in der Garderobe
für diesen Zweck vorhandenen Kostümes nach diesen gewiss höchst echten
australischen Meerkatzen korrigiren respektive ganz neu anfertigen
Vortrefflich sagte der Intendant schob die Vorstellung des Faust obgleich
schon alle Billets vergriffen sind wieder auf zwei Tage hinaus und begab sich
ohne Zweifel direkt zum Herrn Baron von Dystra mit dem erhebenden und gewiss in
der Königs und den Prinzenlogen zur vollsten Anerkennung kommenden Bewusstsein
dass er aus Goethes Faust das in ihm gar nicht vorkommende gekrönte Kind
meuchlings weggemolcht hatte dagegen aber die Hexenküche mit treuen fast
lebendigen jedenfalls der Natur abgelauschten Meerkatzen neu bereicherte
Diese mit dramatischem Talente vorgetragene Erzählung des humoristischen
Malers versetzte die kleine Gesellschaft in heitre Stimmung Man rauchte man
schlürfte den braunen Trank und tauschte seine Erlebnisse aus Auch Louis musste
erzählen und wurde von Werdeck besonders dazu aufgefordert da der von ihm im
Forstause erlebte Vorfall in den Zeitungen die zu jener Zeit um ihre
plötzlich vergrösserten Spalten zu füllen Alles und Jedes aufrafften schon
berichtet und verkehrt genug entstellt war
Louis fand dadurch Gelegenheit über Murray zu sprechen und sein Interesse
an dessen unglücklichem Schicksale durch eine Schilderung seines Charakters zu
begründen Er vermied dabei natürlich jede Andeutung über dieses Mannes wahre
Geschichte Für Dankmar war seine Erzählung besonders auch deshalb unterhaltend
weil er die Lokalität dieses Vorfalles kannte durch den blinden Schmied und
seine Beihilfe zur Unterschlagung des Schreins selbst in die größte Verlegenheit
gekommen war und vor jener Ursula Marzahn nach Heunischs Mitteilungen selbst
Grauen genug empfunden hatte Freilich fügte er hinzu dass hier zu helfen
schwierig sein würde und dass kaum etwas Andres möglich wäre als den Gang der
Untersuchung abzuwarten Bedenklich bliebe unter allen Umständen der Besitz
eines Terzerols die jähe vielleicht übereilte Anwendung dieser Waffe die zu
einer vollgültigen Zeugenaussage unzurechnungsfähige Verstandesschwäche jener
Frau die ihm so hexenartig erscheine dass setzte Dankmar hinzu Herr von
Harder sie eigentlich noch für den neueinstudirten Faust auch benutzen müsste
wenn dann nur nicht wiederum eine neue Störung des Repertoirs würde einzutreten
haben
Da Louis zuletzt jenes Otto von Dystra Erwähnung getan und bemerkt hatte
ob ein Mann der Murray so nahe stünde und einflussreich scheine nicht auch in
das Interesse einer Verwendung für den Gefangenen gezogen werden sollte schloss
Dankmar seine klare und rechtskundige Darstellung dieses Falles mit den Worten
Ich billige vollkommen dass man diesem die Not seines Freundes anzeigt Wer
die Freundschaft eines so vortrefflichen Menschen wie Sie Murray schildern
besitzt muss für edlere Dinge als die Kapriolen von Meerkatzen Sinn haben Ich
will Sie da Sie es wünschen noch heute Abend zu diesem Manne begleiten
Louis dankte erfreut Ein Stein fiel ihm vom Herzen Auch die Andern lobten
ihn für seinen warmen Anteil und fanden es freundlich von Dankmar dass er sich
diesem Ersuchen nicht entzog
Da Louis diese Last etwas erleichtert fand hörte er jetzt mit um so
größerer Aufmerksamkeit den Erörterungen zu die sich über die gemeinsame
Angelegenheit ihrer Ordensstiftung erhoben Der Gegenstand war zu wichtig zu
bedeutungsvoll als dass er ihm nicht mit Freuden diesen Nachmittag hätte opfern
sollen
Wir haben uns begann Dankmar nach jenem Abend plötzlich getrennt sind da
und dorthin auseinandergestoben aber der Funke begleitete uns und zündete Auch
am Sterbebett meiner teuersten Angehörigen beschäftigte mich unser großes Ziel
und von Ihnen Allen Siegbert ausgenommen hör ich dass Sie gewirkt haben
Meine Hoffnung dem Bunde unser Erbe zuzuführen wird immer schwankender ich
gebe sie auf Dennoch ob wir gleich noch nicht eine Form gefunden haben die
uns zusammenhält obgleich noch kein Eid uns bindet keine Symbolik in Bücher
oder mündliche Tradition niedergelegt ist wirkt doch schon der Geist im Stillen
und die Liebe sehnt sich mächtig die Ihrigen zu umfangen Ich weiß Leidenfrost
und Sie bester Major haben Würdige gefunden Die Namen nennen wir nicht Wir
wissen nicht wir glauben nur Und dass Ihr Vertrauen sich nicht täuschte
beweist zB dieser Brief den ich gestern empfing Er ist ohne Namen Lesen Sie
diese Worte
Damit zog Dankmar einen Brief aus dem Portefeuille das er auf der Brust
trug entfaltete ihn und zeigte ihn am Tisch rundum Er lautete eingeführt mit
den vier Kleeblattpunkten
»Sie verlieren die zweite Instanz Ihres Prozesses Dieser Tage erhalten
Sie das Erkenntnis Wagen Sie den Versuch der letzten Entscheidung beim
Obertribunal Der alte Nestor unsres Justizwesens der greise Herr von Harder
interessiert sich für diesen Gegenstand Die Stadt rüstet sich bereits die
Möglichkeit zu erwägen wenn sie den Prozess verlöre Der Rat hat in geheimer
Sitzung diskutirt ob für diesen Fall nicht die Verausgabung von zwei Millionen
Stadtkammerscheinen erlaubt werden dürfte«
Man freute sich über diese Mitteilung Sie kam jedenfalls von einer
wohlwollenden Persönlichkeit die Dankmar vielleicht nicht einmal kannte Man
prüfte die Handschrift und Niemand wusste wo er sie hinbringen sollte
So wächst denn unsre Saat fuhr Dankmar fort und die Ernte wird immer
größer werden Ich gewinne Meinungsgenossen diese schon Andre und so dehnen
sich die Glieder einer Kette aus die wir nicht mehr ganz übersehen können Wer
weiß ob diese Worte nicht von einem Manne kommen der uns durch Sie Major
oder durch Leidenfrost gewonnen wurde
Leidenfrost bemerkte dass er werbe aber schwerlich so glückliche Erfolge
haben würde wie die Andern Dennoch hätte auch er schon Zeichen empfangen dass
man ihn als einen Bundsgenossen kenne auch er müsse einen Brief vorlegen den
er mit demselben Symbole der vier Kleeblätter erhalten hätte und offenbar wäre
er von einer andern Hand als der die an Dankmar geschrieben
Der Brief den er hervorzog und mitteilte lautete
»Werben Sie für unsre große Sache aber suchen Sie nur Männer zu
gewinnen die in der Gesellschaft Ihnen gleich oder über Ihnen stehen Sie sind
in der Rangordnung Ihres Verdienstes vielleicht ein König nichtsdestoweniger
werden Sie einräumen dass in Ihrer gesellschaftlichen Situation Sie noch hoch
emporzublicken haben Vertrauen Sie die Sache des Bundes die Kennzeichen den
Namen der Beteiligten Keinem der unter Ihnen steht keinem Handwerker keinem
Mitgliede der Arbeitervereine am wenigsten jenen Künstlern mit denen Sie seit
einiger Zeit verkehren Schauspieler haben noch immer von ihrer alten
gesellschaftlichen Lebensstellung soviel an sich haften sind noch so beengt und
eingeschüchtert von dem alten Vorurteile das ihren Stand verfolgte dass Sie in
dieser Sphäre bei jedem Worte des Vertrauens das Sie schenken voraussetzen
müssen man brüste sich mit ihm Nur die Schauspieler die eine unbestrittne
Meisterschaft besitzen und wie wenige sind Deren rühmen sich ihrer
Protektionen nicht auch sind zuviel unter ihnen Freimaurer vor denen wir uns
aus Gründen zu hüten haben Wenn Sie den Grundsatz festgehalten hätten dass der
Gesell nur einen Meister gewinnen soll nie der Meister Gesellen so würd ich
nicht nötig haben Sie aufs Ernstlichste zu warnen Sie stehen auf der Liste
der von den Behörden Beaufsichtigten Ihre Reden in den Arbeitervereinen müssen
Sie einstellen In dieser Weise wirken Sie nichts und entziehen der guten Sache
Ihre frische Kraft deren Misbrauch auf der Breterwelt hoffentlich nur ein
vorübergehender sein wird«
Leidenfrost trug diesen Brief so komisch vor dass er trotz seines ernsten
Inhaltes Lächeln erregte Alle Drei seiner Bundesgenossen gestanden zu dass er
eine wenn auch einseitige doch gute Lektion bekommen hätte Man riet von wem
dieser Brief kommen könnte Wer weiß ob nicht von Jagellona Kaminska sagte
Dankmar und verriet damit dass der Major seiner Frau wohl geplaudert hätte
Leidenfrost errötete fast und Werdeck lehnte jeden Verdacht der Indiskretion
ab Louis Armand aber erschrak so heftig über diesen Namen den Dankmar nannte
dass er sich nicht länger halten konnte sondern seine Vermutung aussprach wohl
gar mit dieser Polin verwandt zu sein Die Genealogie des jungen Franzosen wurde
erörtert die Familientradition bis auf ihre ersten Ursprünge verfolgt und zu
allgemeinster Überraschung stellte sich über allen Zweifel heraus dass die
Majorin von Werdeck die Tochter jenes Stanislaus Kaminski war der 1794 nach der
Schlacht von Maciejowice von den Russen gefangen nach Sibirien geschleppt wurde
und auf einem Fluchtversuche im Jahre 1812 ums Leben kam Ein Enkel des
glücklicheren Taddäus Kaminski war Louis Armand Voll Liebenswürdigkeit umarmte
der Major seinen Anverwandten und drang in Louis ihn seiner Gattin vorstellen
zu dürfen Nur aus Schonung für Leidenfrost brach man diese Erkennungen ab die
den Blick wie auf einen wunderbaren Baum eröffneten dessen Äste und Zweige
wenn auch vom Blitze gespalten doch sich zu nahen wussten und in inniger neuer
Verschlingung auf dem uralten Stamm die heiligen Schauer weckten die wir vor
dem geheimnisvollen Walten in Zeit und Raum empfinden
Wer nun auch dieser strenge Warner sein möge lenkte Dankmar ein die
Schutzgeister der Toten oder der Lebendigen die schon aus allen Zeiten und
Zonen über uns zu wachen scheinen sie haben einen Satz ausgesprochen den ich
denke in unser Ordensbuch aufzunehmen Kein Meister soll Gesellen sondern
Gesellen sollen immer nur Meister werben Darin find ich übertragen auf alle
Gesellschaftsstufen eine große Bürgschaft richtiger und zuverlässiger Wahl Wie
gern kommt der Untergeordnete Dem entgegen von dem er Beweise der Gunst und
Herablassung erwarten kann Im Gebiete der Materie der physischen Kraft mag
das stärkere Prinzip die schwächeren Atome an sich ziehen Da wo der Geist
walten soll müssen wir es wie dereinst in Galiläa Fischer dahin bringen dass
den Fischern Schriftgelehrte folgen Ich denke wir erheben diesen Satz zu einer
Ordensregel Jeder der in diesen Bund eintritt muss von Einem vorgeschlagen
sein der nach dem gesellschaftlichen Maassstabe unter ihm steht
Dieser Satz war neu und sehr ernst Leidenfrost machte auch gleich seine
gewohnten Schwierigkeiten und sprach vom Staatskalender von der
vierzehnstufigen russischen Dienstordnung allein Werdeck der in der
Einschachtelung der höheren und geringeren Grade aufgewachsen war und vom
Zusammenhang seiner Gattin mit Louis Armand von den Schicksalen die dieser
über die Kaminskische Familie erzählt hatte noch überrascht war bestätigte
allmälig auch Dankmars Äußerung über die große und immer täuschende Konvenienz
der Geringern gegen Höhere im weitesten Umfange
Was hilfe es uns sagte er unser Kapitel mit Teilnehmern und Ordensrittern
zu überladen Die neuen Templer würden keinen Raum finden der sie Alle
aufnähme Wir müssen das Gewinnen von Novizen schwerer machen als das Anwerben
von Rekruten Wir brauchen ein ganzes Leben einen ganzen Menschen dem wir das
Handgeld zahlen nicht bloß einen herablassenden Handschlag und einige
gewinnende Vertraulichkeiten Unter mir kenn ich genug die mir folgen würden
aber diese sollen mich gewinnen sich selbst mir nähern Ich möchte mich an den
Obersten von Neidhard wagen einen Mann ohne Vorurteile an den General von
Rauten einen tiefsinnigen Denker dem ich nur das Einzige vorwerfe dass er dem
General Voland von der Hahnenfeder zu nahe steht
Dem KryptoJesuiten sagten fast Alle einstimmig
Merkwürdig fuhr Werdeck fort wenn über einen Charakter ein so allgemeines
Urteil feststeht so muss Etwas wahr an dem Gerücht sein das ihn verfolgt Und
doch ist Poesie und Schwung in diesem General der dem Könige so nahe steht und
seine jugendliche Einbildungskraft gefangen hält Er strebt in Allem nach dem
Aussergewöhnlichen und gleicht doch einer kalten metallenen Mauer von der man
immer abgleitet General Rauten vertraut ihm wie einem Evangelium Was Voland
sagt ist ihm der Ausspruch eines Sehers Er vergleicht ihn oft mit den Augurn
die Roms Schicksal aus dem Fluge der Vögel oder dem Appetit gewisser Hühner
weissagten
Vertrauen Sie sich diesem General nicht Major sagte Dankmar er würde
Voland zu gewinnen suchen und wir würden plötzlich ohne es zu wissen von den
Jesuiten regiert wie es so oft die Freimaurer wurden die nicht ahnten welcher
Wolf in ihren Schaafstall eingebrochen war und friedlich mit ihnen aus einer
Krippe frass
Werdeck fand sich aus der Idee General Voland zu gewinnen nicht leicht
heraus Man sah dass ihn gerade das im militairischen Stande noch bewahrte
allgemeine menschliche und höhere Ideelle an Voland fesselte Inzwischen
erklärte Louis dass er der auf einer so tiefen Gesellschaftsstufe stünde
offenbar das glücklichste Feld der Wirksamkeit hätte dennoch würde er große
Vorsicht anwenden Voll Sehnsucht dachte er an Oleander Ihm wollte er suchen
brieflich immer näher zu rücken
Und was denken Sie zu tun Leidenfrost fragte Dankmar
Sie wissen lieber Wildungen sagte Leidenfrost ich gehöre zu Denen die
eigentlich an eine Klärung unsrer Zeit erst dann glauben wollen wenn sie einmal
recht tüchtig umgerüttelt worden Indessen will ich an Ihren Geistesbarrikaden
bauen helfen und meine schönen strategischen Kenntnisse die ich mir Abends mit
Schwefelhölzchen die meine Truppen vorstellen erworben habe in die Schanze
schlagen Ist man mir auf den Fersen so wird es von Nutzen sein dass ich mit
drei meiner tüchtigsten Arbeiter nach Plessen zu reisen habe um dem
Generalpächter Ackermann die von ihm bestellten Maschinen zu überbringen die
den großen Richelieu und Sully Prinz Egon genannt aus seinen Schulden retten
sollen Vergeben Sie Armand dass ich einen Mann dem ich nicht mehr über den
Weg traue Ihnen zu Gefallen mit den größten Staatsmännern der Franzosen
vergleiche
Louis musste einräumen dass der Plan Egon zum Vertrauten einer so
schwärmerischen Einwirkung auf die Zeit zu machen wohl unter den jetzigen
Verhältnissen aufzugeben sei
Um von Egon abzubrechen fragte Dankmar den Major ob denn auch er noch
nicht die Einwirkungen der weitern Ausbreitung der Idee von der kämpfenden
Geistesbrüderschaft erfahren hätte
Allerdings sagte dieser lächelnd und zog zum Erstaunen der Andern
gleichfalls einen Brief hervor
Es ist sagte er hier schon wie mit jener Kugel von der Wallenstein
spricht Einmal aus dem Laufe wie heißt die Stelle Leidenfrost
Sie mag heißen wie sie will Major sagte dieser sie passt nicht mehr wenn
man in der Armee meine neue unverbesserliche Zündnadelteorie einführte Bringen
Sie mich nicht auf Teatercitate Sonst erleben Sie meine Unterhaltungen mit dem
Geheimrat über die Armatur des Dreissigjährigen Krieges und das Kommisbrot für
Wallensteins Lager
O ein andermal Wir halten Sie beim Worte Leidenfrost Gelegenheit durch
Lachen sich aufzuheitern werden wir noch oft genug finden
Der Brief Major drängte Dankmar
Der Major gab Dankmarn einen Brief der so lautete
»Bereiten Sie sich auf eine Katastrophe vor Ihre Gesinnung ist der
Armee ein Gräuel Ein Offizier von Adel in unmittelbarer Nähe des Hofes bei
einer bevorzugten Truppengattung aufgewachsen in dem esprit de corps
unbedingter Hingabe an die Interessen des alten Feudalstaates neigen Sie sich
zu den Anschauungen der Neuzeit verlangen militairische Reformen verspotten
ehrwürdige Institutionen bezweifeln die nachhaltige Schlagfertigkeit der
jetzigen Heereseinrichtung und äußern sich öffentlich über die Stellung des
Kriegers die Sie in der Mitte zwischen Disciplinar und Staatsbürgerpflichten
unglücklich nennen Da man weiß dass Sie für offene Rügen Ihrer Gesinnung die
übliche Genugtuung fordern würden und es die kleinen in den Kafés und auf der
Wachtparade schimpfenden und bramarbasirenden Junker vorziehen ihr Blut nur auf
dem Felde der Ehre zu verspritzen so ist fast anzunehmen dass die Briefe die
auswärtige Flüchtlinge an hiesige Demokraten in denen Ihrer als eines
Bundesgenossen und schlagfertigen Verschwörers Erwähnung getan wird
geschrieben haben unechte untergeschobene sind Ordnen Sie Ihre Papiere
Entfernen Sie Alles was Sie irgendwie belasten dürfte Es ist nicht
unwahrscheinlich dass Sie wegen gewisser vorgefundener Briefe binnen Kurzem vor
ein Militairgericht gestellt werden«
Die Bestürzung die dieser Brief bei den Freunden hervorrief war nicht
gering Man begriff nicht wie der Major dabei so ruhig bleiben und sagen
konnte
Anfangs hielt ich diese anonyme mit unserm Zeichen versehene Mitteilung
für einen Scherz Seit ich aber finde dass Alles was man in dieser Form auch
Ihnen mitteilte auf vernünftigen Grundlagen beruht und von einem wirklichen
Wohlwollen eingegeben ist seh ich diese Warnung schon ernster an Indessen bin
ich durch nichts beunruhigt Die einzige Konspiration in die ich mich
eingelassen habe ist die unsrige Sie beruht auf Ideen und entbehrt jeder Form
Ich erkenne schon lange die geheimen Spuren eines mir immer näherrückenden
tiefangelegten Planes der von jenen unglückselig verblendeten Reubündlern
ausgeht deren Gesinnung überall dahin verzweigt ist wo aus einer öffentlichen
Kasse ein Gehalt gezahlt wird oder durch die neue Umwälzung irgend ein altes
Recht verloren ging Weil ich erklärt habe dass man vor dem Geist der Zeit nicht
erschrecken ihn zum Durchbruch kommen lassen und dann erst aus diesem Geist
selbst regeln dann erst mit wahrer Liebe zur Freiheit die Freiheit lenken
müsse bin ich verhasst verfolgt und es soll mich nicht wundern wenn man irgend
etwas ersänne um mir wenn nicht meine Ehre doch diesen Rock den ich im
Dienste des Vaterlandes zu tragen glaube und auf den ich stolzer bin als diese
kindischen Alten und diese jungen Greise auf ihre Schnüre und Achselbänder vom
Leibe zu ziehen Wehe aber Denen die sich in ihren Intriguen nicht vorgesehen
haben Ich bin durch die Disziplin nicht entmannt Ich fühle etwas von jenem
selbstständigen Soldatengeiste in mir der mit dem Degen in der Faust sein Recht
verteidigt und im Grunde nur so lange dient als er dienen will und muss Die
Krieger im Mittelalter waren Männer selbstständig frei sie dienten um Lohn
und konnten scheiden von ihren Verpflichtungen wenn sie kein Geld mehr nahmen
Diese neuen Armeen die das Kabinetsinteresse geschaffen hat sind die wahren
Plagen der Menschheit Unglückliche bedrängte Zeiten schufen sie Sie mussten da
sein um einige neuere Staaten zu erretten einige Völker von ihren fremden
Unterjochern zu befreien Damals waren es bewaffnete Völker bewaffnete Bürger
Mussten diese Armeen nun bleiben Musste der Begriff der allgemeinen Volkswehr für
ewige Zeiten festgehalten und nur zum Besten der Kabinete ausgebeutet werden
Diese Armeen sind die gefährlichsten Störungen unsrer Ordnung und ehe sich nicht
alle Völker Europas darüber verständigen was Krieger sein sollen wozu man
Armeen unterhält ehe nicht da friedliche Verständigung hierüber kaum möglich
ist dies ganze furchtbar gespannte Verhältnis einmal von selbst zusammenbricht
eher kommt nicht Friede Freiheit Glück auf diese Erde Ich bin ein Atom in
dieser Betrachtung Aber den Mut der Dummheit der Masse gegenüber mit Hussens
o sancta simplicitas auf einem Scheiterhaufen immerhin in furchtbarster
Minorität zu stehen den hab ich und sehe den Intriguen dieser Menschen die ihr
Lebtag nur den Weibern dem Spiel der Trivialität nachjagten getrost entgegen
Werdeck war von dieser Erklärung so aufgeregt dass er obgleich von seiner
Ruhe sprechend doch mit glühendem Antlitz in dem kleinen Zimmer auf und nieder
ging
Ich fühle fuhr er als die Freunde besorgt schwiegen ich fühle was an
diesem meinem Aufenthalt unter Ihnen meine Herren für meine Position
bedenklich ist Man hält mir jenen Korpsgeist entgegen der mir es unbedingt
verbieten solle Andre aufzusuchen als Meinesgleichen
Wie die Jesuiten in Freiburg erzogen werden chinesisch abgeschlossen so
sollen wir Offiziere leben Warum denn Warum denn mit gebrochenem Herzen unter
der Fahne stehen Ich bin vom Adel meine Vorfahren bedeckten die Schlachtfelder
vieler Kampagnen soll ich die Erbschaft der alten Vorurteile übernehmen und
diese tolle Einbildung meiner Standesgenossen dadurch unterstützen dass ich
meinen Verstand a priori gefangen gebe und die Anmassungen verteidige die immer
auf Rechnung der Ordnung und wieder der Ordnung und des göttlichen Rechtes
gehen Nein ich weiß es leider ich bin ein weißer Rabe in der Armee und nie
auch werd ich dazu kommen ein revolutionärer Offizier wie Cromwell oder
Napoleon zu sein aber dies fühl ich wenn ich von der Glorie des
Kriegerstandes träume denk ich eher an Cromwell und Napoleon als an unsre
Wachtparadengenerale die loyale Adressen unterschreiben jeden Civilisten
spiessen wollen und sich mit Frau und Kind bei allen konservativen
Demonstrationen nur wie für ihren Schlafrock und ihre Pantoffeln beteiligt
haben
Dieser Erguss eines gereizten Wahrheitsdranges wurde auf eigentümliche Art
unterbrochen Der Briefträger kam und brachte Dankmar Wildungen eine couvertirte
Einladung zum nächsten ReubundBalle
Wie kommt der Glanz in unsre Hütte sagte Leidenfrost
»Eingeführt durch den Vorstand« bemerkte Louis die Karte von allen Seiten
betrachtend
Dankmar aber sagte halb staunend halb lachend
Sonderbar das ist bereits die zweite Einladung Vor vierzehn Tagen erhielt
ich die erste die ich nicht benutzen konnte Und auch diese wird liegen
bleiben
Man rechnet auf Ihre Erbschaft sagte Werdeck Wenn diese in die Bundeskasse
flösse Freund Sie dürften Ordensstatuten schreiben welche Sie wollen nur
eine Aussteuerkasse nur eine Rentenanstalt damit verbunden o das Geld das
Geld
So viel ist klar bemerkte Dankmar und schloss die gegenseitigen
Mitteilungen wir sind schon von einem rätselhaften Gespinnst bedenklich
umwoben Unser Schicksal haben wir nicht mehr frei in unsern Händen Beobachtet
wurden wir längst aber jetzt merken wir sogar die tätigen Eingriffe in unsre
Entschließungen Aufforderung genug zur Vorsicht Unsre Bundesidee wollen wir
sich von selber fortpflanzen lassen noch ohne Form und Verabredung bis die
Zeit da ist einmal einen Tag irgendwo im Auslande oder an einem sonst
verschwiegenen Orte auszuschreiben und da zu sehen wer sich findet wer sich
schon auf uns bekennt Könnt ich an einem solchen Bundestage sagen Hier habt
Ihr die elastischen Springfedern die leider auch der Gedanke bedarf um sich
oben zu erhalten Hier habt Ihr Mittel um dulden zu können verfolgt zu werden
und Die zu trösten die um unsertwillen leiden Hier leg ich die Erbschaft der
alten Templer den neuen zu Füßen die erworbenen Güter des alten Kreuzes den
Bekennern des neuen
Bitte rief Leidenfrost nicht so viel Wind Das Papiergeld fliegt davon Es
ging mir jüngst so mit zwei Talerscheinen als ich auf der neuen Brücke stand
und in meinem Portemonnaie einen Dreier für einen Armen suchte Ehe der Bügel
zuklappte schwammen die Vögel schon den Strom der Vergessenheit hinunter
Dankmar der sich nicht stören ließ fuhr aber fort
Wenn ich mir dächte Man gründete Schulen für freie Religionsbekenntnisse
stiftete Stipendien auf Universitäten für bestimmte Aufgaben unabhängiger
Wissenschaftlichkeit arbeitete den Jesuiten entgegen die sich überall Kirchen
kaufen können um zu predigen während die ganze deutschkatholische Bewegung
gescheitert ist an der Armut ihrer Bekenner Keine Kirche tat sich auf Kein
großer gefeierter Teolog konnte sichergestellt werden Keine neubegründete
Schule konnte Freiunterricht gewähren während alle alten Institutionen die
sich überlebt haben gleichsam ihre dürren Arme ausstrecken und nur um des
Mammons willen den sie in vollen Truhen besitzen die Massen an sich ziehen
Werdeck schüttelte Dankmarn die Hand
Verzagen wir nicht Es kommt ein Geistesfrühling
Ergriffen schlugen Alle ein
Gedenken wir des Fünften im Bunde Siegberts sagte Leidenfrost Wir Alle
sind zu stürmisch Louis Armand und Siegbert sind unsre sanften Johannesjünger
Ihre Wege sind die der Liebe Sie wirken vielleicht mehr als wir
Damit gingen die Freunde Werdeck zu seiner Gattin um ihr den neuen
Verwandten anzukündigen und sie auf seinen Besuch vorzubereiten Leidenfrost in
die Willingsche Anstalt um dort den Tag seiner Abreise zu vernehmen Dankmar
und Louis wollten forschen wo Otto von Dystra wohne Leidenfrost konnte es
ihnen schon sagen In der Stadt Rom
Louis und Dankmar gingen in die Stadt Rom
Neuntes Kapitel
Die Stadt Rom
Auf einem seidenen Kanapé den Kopf in ein Rückenkissen gelehnt ein großes
Kupferwerk durchblätternd lag ein nicht mehr junger Mann wie ein Taschenmesser
zusammengeklappt Der fast haarlose Kopf war von einer eigentümlichen spitz
zulaufenden Bildung Die hohe Stirn die freien Schläfe leuchteten fast
chinesenhaft dagegen war die Pflege des Bartes türkisch Die Augen zwinkerten
aus mehr ovallänglichen als runden Höhlen und lagen tief versenkt Um den Mund
der zuweilen aus einer Bernsteinspitze eine Zigarre wieder neu anblies erkannte
man trotz des reichen gefärbten Bartwuchses die zuckenden Schlänglein der Ironie
und Satyre die sich zuweilen in große Falten verwandelten wenn der Sonderling
das Buch fortlegen die Zigarre aus dem Munde nehmen und über irgend etwas was
ihm plötzlich einzufallen schien laut lachen musste Ein dunkelblausammetner
Schlafrock mit gelben Schnüren besetzt hüllte die kleine Figur des kahlköpfigen
SchwarzBärtlings behaglich ein und vermehrte den orientalischen Typus der noch
durch die Vorhänge des Zimmers und den mit gewirkten Teppichen bedeckten
Fußboden erhöht wurde
Das große von dem die behaglichste Siesta geniessenden Manne durchblätterte
Kupferwerk waren die Abbildungen der in Niniveh ausgegrabenen Denkmäler So sehr
ihn diese abenteuerlichen Steinmassen diese kolossalen Tier und
GötzenSteinbilder zu interessieren schienen so frisch und rege musste doch auch
noch ein andrer in ihm nachwirkender Gegenstand ihn ergreifen Dieser war
komischer Art zum Lachen reizend zum lautesten Lachen
Vor ihm der zusammengekauerten mit einem türkischen Fez auf dem Haupt
bedeckten Gestalt stand auf einem runden Tische eine wie es schien längst
ausgetrunkene Chokoladentasse und eine Karaffe frischen Wassers die ebenfalls
fast ganz geleert war Der weiße Porzellanofen verbreitete eine angenehme Wärme
und die Größe der Fenster bewirkte dass trotz der Vorhänge und der
unfreundlichen düstren NovemberWitterung das Zimmer noch leidlich hell war
obgleich es schon weit über Mittag schien
Der kleine Bewohner dieser behaglichen durch Treibhausblumen geschmückten
Räumlichkeit klingelte nun Ein Schellenzug hing grade über seinem etwas zu
vollkommenen Rücken
Ein Neger in phantastischem doch warmem Anzuge trat ein Er hatte eng
anliegende rote Unterkleider die bis zu den Füßen gingen Die Füße waren mit
gelben Stiefeln bedeckt Doch über den warmen Unterkleidern hing eine
griechische kurze Jacke und noch ein eben solches sehr weites aber kurzes
Beinkleid Die Jacke und das zweite Beinkleid reich mit Goldtressen geschmückt
Um den Hals hing dem Schwarzen ein stark vergoldeter Reifen der doch wohl
inwendig weich gefüttert war und eine Cravatte von Metall vorstellen konnte
Nun Spartakus wurde der Neger von seinem im Lachen sich endlich
beruhigenden Herrn angeredet ist Alles bereit wenn meine Gäste kommen und mit
mir speisen werden
Spartakus nickte
Noch immer traurig sagte der Andre Siehst du nicht dass ich lachen muss
Damit lachte sein Herr und rief den Diener näher
Zerstreue dich Spartakus sagte er und zeigte ihm einige von den Bildern in
dem großen Kupferwerke Siehe so bauten die Menschen ihre Kirchen als noch der
gute Prophet Jesus nicht auf Erden war
Spartakus verneigte sich bei dem heiligen Namen
Damals Spartakus als man so baute war vom Taufen noch nicht die Rede Die
Menschen waren blinde Heiden wie es du und deine Alten in Angora waren Aber
Priester hatten sie doch und in einer solchen Zelle wie du da siehst zählten
sie vielleicht was der Klingelbeutel eingebracht hatte der sicher auch bei
jenen Götzendienern wie hier herumging
Spartakus nickte stumm zu diesen in englischer Sprache geäusserten kirchlich
archäologischen Bemerkungen
Ist Cicero noch nicht zurück fragte der Freund der babylonischen Baukunst
Spartakus schüttelte den Kopf
Du bist sprachlos armer Spartakus Du hast unsre treuen Reisegefährten
verloren Die Papageien sind fort die Affen und die Meerkatzen nun auch Wer
weiß ob ich nicht auch
Spartakus warf sich Otto von Dystra denn dies war der humoristische
kleine Cigarrenraucher der Türke im Schlafrock auf dies gezogene »Ob ich
nicht auch« mit leidenschaftlicher Gebehrde zu Füßen
Wetter was soll Das rief Dystra und brachte mit gespjetztem Munde einen
Laut etwa wie Huit hervor den man mit dem Klange einer kräftig geschwungenen
Peitsche vergleichen konnte
Die Wirkung war elektrisch Spartakus sprang nach diesem Huit auf als wäre
er wirklich von einer Peitsche getroffen worden
Da aqua fresca Huit
Spartakus hatte die leere Karaffe von seinem Herrn bezeichnet erhalten
ergriff sie und sprang hinaus wie ein Hund der zum Apportiren dressirt ist
Wie er die Tür zum Vorzimmer öffnete stand draußen ein Mann in einem mit
Pelz verbrämten grünen Schnurrock eine Mütze in der Hand
Spartakus wollte ihn nicht einlassen
Ein kräftig gepfiffenes wiederholtes Huit aber unterbrach wieder seine
dienstfertige Zurückweisung und der Fremde der es für Dystra nicht war trat
ein
Willkommen Willkommen sagte Dystra mit freudiger Begrüßung und reichte dem
Eintretenden einem schlankgewachsenen nicht mehr jungen Manne mit kräftigem
rotem Bartwuchse die zarte fast weiblich weiche Hand Willkommen Inspektor
Meine Vorzimmerteufel haben doch sonst kein so schlechtes Gedächtnis
Es muss wohl der Andre sein sagte der Eintretende den ich in Buchau gesehen
habe wie soll man diese beiden geputzten Schornsteinfeger nur unterscheiden
Der Eine sagte Dystra und nötigte den Besucher sogleich zum Sitzen der
Eine ist so alt wie der Andre gleicher Wuchs gleiches Haar gleiche Nüstern
und Zähne haben sie auch Aber der Andre den Sie von Buchau kennen hat ein
Mahl wie eine Erbse groß am Kinn eine sogenannte Kichererbse und der zu Liebe
nannt ich ihn Cicero
Cicero Ganz Recht Ich glaubte Sie hätten ihm diesen Namen seiner stummen
Beredtsamkeit wegen gegeben
Englisch macht Cicero seinem Namen Ehre aber das Deutsche will sich ihm
nicht recht abgurgeln In Deutschland mag er seinem Namen durch die Kichererbse
Ehre machen von der Markus Tullius den Beinamen empfing Der Schlingel da heißt
Spartakus Ich gab ihm diesen Freiheitsnamen als ich ihn von einem Pflanzer in
Charlestown loskaufte Spartakus und Cicero sind Brüder Kinder eines
Kammerdieners bei Sr Majestät dem Kaiser irgend eines Negerstammes in Angora
Wenn diese Majestät gern einen neuen Rock anziehen will verkauft sie regelmäßig
die Kinder ihrer Lakaien wie junge Katzen So kamen Beide nach Charlestown
wurden da getauft gingen zehn Jahre bei der Peitsche in die Schule und wurden
von mir angekauft weil ich ein sehr tyrannischer Herr bin Ich dachte mir
Lakaienkinder die die Launen einer afrikanischen Majestät kennen werden sich
mit Geduld in die meinen finden Statt der Peitsche brauch ich aber nur den
Laut davon zu geben und habe dieselbe Wirkung Wie geht es Ihnen Inspektor Ich
freue mich dass Sie so bald Wort hielten Bringen Sie mir die Möglichkeit dass
ich die alte Ruine an dem malerischen Strome ankaufen kann
Herr Baron wirklich das alte Steingeröll Was wollen Sie mit einem so
unwirtbaren Boden
Ich bin kein Ökonom Mangold Ich komme zum ersten Male wieder nach längerer
Trennung auf diese deutschen Fluren und bin vom Anblick der liebenswürdigen
feudalen Erinnerungen so hingerissen dass ich mir eine solche Ritterburg rein
als mittelalterlicher Dilettant ausbauen möchte Ich denke mir es reizend in
einem mittelalterlichen Gebäude mit allem Komfort und den Gedanken der neuen
Zeit zu wohnen Ein Kapitel von Voltaire gelesen auf einem Burgsöller Kaviar
und Austern verzehrt in einem Ahnensaal Die Zeiten entwickeln sich
spiralförmig Gehen Kommen Altes Neues Ich finde die Lage jener alten
zerstörten Burg reizend Der Blick über den Strom zu den fernen blauen Bergen
hin weckt allein schon jenen Frieden den man nicht so leicht unter andern
geographischen Bedingungen erwerben kann Nein nein es ist mein fester Ernst
ich kaufe diesen Felsen diese Zerstörung diese Steinmassen und bitte Sie den
Inspektor der königlichen Gärten den Aufseher des königlichen Schlosses Buchau
Ihren ganzen Einfluss anzuwenden dass ich jenen Punkt in Deutschlands äusserstem
Westen erobere
Ich verspreche Ihnen mein Möglichstes zu tun Herr Baron
Wie kommen Sie so rasch wieder in die Residenz zurück Mangold
Sie erinnern sich dass ich als Sie Buchau besahen und den nahegelegenen
Tempelstein erstehen wollten um ihn auszubauen Sie erinnern sich dass ich
sagte Ich folge Ihnen bald ich bin gezwungen die Residenz die ich kaum vor
vierzehn Tagen verlassen schon wieder zu sehen
Dystra verfiel jetzt wieder in jenes Lachen das schon vorhin seine
archäologischen Studien über die alten Bauten von Niniveh unterbrochen hatte
Mangold es war jener Inspektor des Gartenschlosses Solitude der Auguste
Ludmer von der Residenz entfernen sollte nach Buchau versetzt und wirklich
dorthin abgegangen war Mangold fragte lächelnd nach der Ursache seines Humors
Sie wissen Inspektor sagte Dystra dass ich Ihnen schon in Buchau als Sie
von Ihrem frühern Chef dem Geheimrat von Harder erzählten bemerkte ich
glaubte gewiss zu sein dass dieser Harder ein ehemaliger Bekannter von mir ist
als ich noch hier studierte und leider zu sehr nur mit dem talentlosen Teile der
exclusiven Gesellschaft zusammenkam Richtig es ist derselbe Heute früh vor
wenigen Stunden hatt ich die Überraschung seines Besuches Er umarmte mich mit
Förmlichkeit und rückte mit der Bitte heraus ich möchte ihm meine Affen und
Meerkatzen die ich von Amerika mitgebracht leihen um Goethes Faust
zweckmässiger in Szene zu setzen
Er ist Intendant des königlichen Theaters geworden und hat mich in dieser
Eigenschaft per Expressen zum dritten Male auffordern lassen hieherzukommen
Ich musste willfahren
In dieser Eigenschaft Sollten Sie vielleicht die Gartenscene in Faust
arrangieren
Bitte ich unterbrach Sie Herr Baron
Sie müssen wissen ich habe dieses Getier aus Amerika mitgebracht nur um
es zu verschenken Es ist mir persönlich zur Last Ich dachte du hast eine
Menge Freunde und Bekannte die sich inzwischen verheirateten und vielleicht
keine Kinder haben Da verschenkst du Papageien Einige Mädchen blieben
unvermählt wurden alt und sehnen sich nach Gegenständen ihrer Zärtlichkeit Für
diese bracht ich einige Exemplare einer vorzüglichen Sorte WindspielPinscher
mit die in Boston durch eine ÜberKreuzbegattung sehr gut gezogen werden Die
Affen und Meerkatzen hofft ich bei einigen alten Junggesellen die sich selber
rasiren und bei diesem edlen Geschäfte stundenlang zubringend ohne Unterhaltung
sind loszuwerden Die Papageien bin ich los Die Bostonschen
WindspielPinscher gleichfalls Aber meine Affen und Meerkatzen blieben mir auf
dem Halse Wo ich hinhorchte um sie an Kindesstatt auszusetzen hört ich
Bester Freund das Ablösungsgesetz Personalsteuer Unsre Grundgefalle Die
Laudemien Einschränkungen Verringerung des Hausstandes Drei Stallknechte
entlassen Genug die verdammten Meerkatzen blieben mir da half Ihr ehemaliger
Chef aus der Not Er wollte diese verteufelten Tiere nur haben damit sie das
Ballet als Modell studiert Ich habe ihm aber klar und deutlich bewiesen dass die
dramatische Kunst in einer solchen Entwickelung überall in Europa Asien und
Afrika begriffen wäre dass sie ohne ein Hülfs und Ergänzungspersonal von
lebendem Geflügel und vierbeinigem Getier nicht bestehen könne Er würde sich
ein Verdienst erwerben wenn er die Zauberflöte die hoffentlich in Deutschland
noch nicht vergessen ist mit einer wirklichen Menagerie neu in Szene setzte
Diese Idee schien ihm im höchsten Grade einleuchtend Ich schilderte ihm
welches Aufsehen er machen würde wenn er die unsterbliche Zauberflöte Mozarts
neu ausstattete mit Dekorationen neuen Kostumes Wasserfällen da ich den
Niagara kenne würd ich ihn unterstützen mit Feuergluten besonders aber mit
wirklichen lebenden Tieren höchstens die Schlange ausgenommen die dies
herrliche ägyptische Freimaurermärchen eröffnet
Excellenz sind Freimaurer
O ich sage Ihnen Mangold es erschien ihm im höchsten Grade plausibel Die
Bewegungen einer sterbenden Schlange sagt ich ihm würden sowohl meine beiden
Bedienten wie ich selbst der ich solchen Szenen genugsam beiwohnte ihm höchst
anschaulich vormachen Dann bewies ich ihm wie die Tiere die das Glockenspiel
bändigt wie die Bestien die den Papageno erschrecken wie die Gestalten die
dem Tamino zurufen Zurück durch ihre Natürlichkeit den Reiz des Abends nur
vermehren würden Genug es ist beschlossen dass ich meine Affen und Meerkatzen
für immer los bin Die Kosten für deren dauerndes Engagement beim königlichen
Hofteater ich nannte ihm alle alten Stücke wo sie könnten angebracht werden
hofft er aus Ersparungen bei Dichterhonoraren zu bestreiten Ich hoffe die
deutsche Literatur leidet nicht darunter sonst nähm ich die Tiere die Cicero
eben in den Dekorationsspeicher des königlichen Theaters gefahren hat gern
wieder zurück so unausstehlich mir auch nachgrade ihre Kapriolen und ihre
menschenähnlichen Vertraulichkeiten wurden
Ein lautes Schluchzen im Vorzimmer unterbrach diese von dem kleinen im
Vorzimmer gravitätisch auf und abschreitenden Mann launig vorgetragene
Erzählung
Mein Himmel was ist denn Das wieder rief der Tourist der sich gern einen
Weltspaziergänger nannte
heulen diese schwarzen Kaiserlakaiensöhne um meinen verringerten Hofstaat
Damit öffnete er pfiff sein Huit und fragte auf Englisch Was gibt es da
Cicero was plagt dich wieder Kommt dir wieder was vom bösen Geiste vor den
ihr schwarzen Engel in Angora als weiß angebetet habt
Obgleich Cicero der Beredtsame hätte sein sollen so war es doch Spartakus
der das Wort ergriff und mit untermischtem Schluchzen die Worte vorbrachte
Popo fort Wauwau fort Zickzick fort Prinzess Pompadour fort Alles
fort
Um diese Kameraden macht Ihr den Lärm Ihr Narren Hol Euch der weiße Geist
und noch ein aschgrauer Die ganze Stadt Rom hier wird über Euer Heidentum
zusammenlaufen Schämt Euch
Nicht die Tiere kneipen uns sagte der beredte Spartakus mit der goldnen
Ringcravatte Cicero trug eine silberne nein Massa Du sagst auch Spartakus
fort Cicero fort
Ah Das ist Euer Kummer Ihr denkt ich nahm Euch nur mit um Euch an meine
alten Freunde zu verschenken wie meine Papageien und Bostonschen
WindspielPinscher
Spartakus und Cicero schluchzten bejahend und verrieten dass Das ihr ganzer
Kummer wäre
Hat Euch vielleicht der Geheimrat von Harder scharf ins Auge genommen
Ja Massa sagte Cicero
O Das ist einzig wandte sich Dystra zu Mangold Die Zauberflöte scheint
Ihrem Chef zu Kopf zu steigen Es ist ihm etwas von einem Mohren Namens
Monostatos eingefallen Geben Sie Acht er hat es in seinem wütenden
Gründlichkeitseifer auf meinen Cicero abgesehen um die Vorstellung vollkommen
zu machen Nein nein Ihr schwarzen Krausköpfe ich hatte zwar so etwas im
Sinne dich Cicero an die Fürstin Wäsämskoi dich Spartakus an Komtesse Olga zu
verschenken allein da Ihr doch so dumme Teufel seid und die Menschen liebt die
Euch nur ein moralisches Huit mit der Zungenpeitsche geben so will ich Mitleid
haben und Euch so lange bei mir behalten als wir Alle zusammen das Klima von
Buchau hinterm Rheine vertragen können
Wie die beiden Neger diese Trostesworte hörten stießen sie ein heulendes
Freudengeschrei aus küssten Dystras Hände und wollten sich vor ihm
niederwerfen was er aber mit den Worten verhinderte
Gut Gut Es ist schon abgemacht Sorgt für unser Diner und betrinkt Euch
erst nachdem Ihr servirt habt hört Ihr
Mit diesen Worten schloss Dystra die Tür und konnte nicht anders als
Mangolden Recht geben der über diese Szene seine Freude äußerte
Welche Dankbarkeit sagte Mangold Welche Hingebung und Liebe Sie würden
lange bei uns suchen dürfen bis Sie so viel Anhänglichkeit fänden
Diese Treue steht hoch und niedrig wie man es nimmt antwortete Dystra Es
ist die magnetische Gewöhnung dieser Menschen an meine Persönlichkeit und nicht
nur die moralische Persönlichkeit sondern gradezu die physische Wir ignoriren
in der Tat den Körper zu sehr wir achten ihn zu gering und sind darum auch im
Geiste zurückgeblieben Wenn man die Menschheit immer nur dem Geiste nachjagen
sieht so kommt sie aus der Bahn ihrer Natur und verirrt sich aus lauter
intellectuellem Drange oft ins Grausame und Unnatürliche Mir ist dieser ganze
Wirrwarr in Europa ein unnatürlicher dem innersten Menschentum entrückter Wir
haben uns zu sehr auf die Potenzirung unsrer Empfindungen verlassen sind in den
feinen Sonnenstäubchen der idealischen Welt zu sehr verloren Niemand will
irren Jeder will wahr sein und Alles lügt Ich suche Menschen die das
Geheimnis des Daseins in sich selber suchen in der Entwickelung der Natur die
ihnen die Geburt einmal mitgab ich finde sie nicht Ein Gespinnst von
Ideologie das hier Alle in Kirche Staat Gesellschaft beherrscht umwickelt
die Handlungen dieser ganzen Generation die in himmlischen Leibern schon auf
Erden wandeln will und in Zorn und Wut gerät wenn sie an die Bedingungen
ihres Daseins die Luther doch den alten Madensack nannte erinnert wird Aber
was wollte denn mein alter Freund der Intendant Ich staune wie gehänselt und
genarrt ich diesen ehemaligen unanstelligen Mann verließ und was für ein großes
Tier ich in ihm wiederfinde Diesem Manne überträgt die unverbesserliche
Etikette des Hofes die Fürsorge für ein geistiges Institut Das erinnert mich an
die russischen Generale die man in Moskau zu Direktoren der schönen Künste und
Wissenschaften macht
Ich habe berichtete Mangold zehn Jahre mit diesem Manne gemeinschaftlich
die Gartenkultur der königlichen Lustschlösser gepflegt und ihn als einen zwar
beschränkten und in der Erziehung vernachlässigten aber dennoch ehrgeizigen und
in seiner Art wirklich tätigen Menschen kennen gelernt Da er das Große nicht
fassen und übersehen kann hält er sich an das Kleine und zieht alle Gegenstände
seiner Amtssorge in diese geringe Sphäre herab in der er vermittelst seiner
adligen und Hofwürde doch groß erscheint Als gehorsamst Untergebener ließ ich
ihn walten und schalten und tat doch Das was getan werden musste Meine Ideen
wurden wenn er sie mir gegenüber auch bestritt andern Menschen gegenüber die
seinigen und regelmäßig geschah es dass er sie dann auch mir gegenüber als seine
Befehle erteilte indem er entweder seine früher abweichende Ansicht vergessen
hatte oder sich seines klugen Handgriffes schon bewusst war Denn ohne Schlauheit
ist er nicht und von der Vorstellung dass alle Menschen im Grunde schlecht sind
und gegen ihn konspiriren könnten entlehnte er noch die ganze Tatkraft deren
er fähig ist Ich spreche scharf über ihn weil man mir in seiner Umgebung übel
mitspielte Ich dankte meinem Schicksal von ihm frei zu sein Da lässt er mich
durch einen Expressen von Buchau holen bezahlt die Eisenbahn alle Kosten der
Reise und bietet mir an Was denken Sie wohl
Dass Sie ihm seine eignen Gewächshäuser vor dem Winterfrost schützen sollen
Nein Herr Baron Ich möchte meinen Posten dem ich vorstehe aufgeben und
mich von ihm in seiner neuen Verwaltung anstellen lassen
Hören Sie sagte Dystra Das erinnert an die Anhänglichkeit meiner Mohren
Darin find ich Naturwärme Liebe Geistesinstinkt
Wenn es Das wäre Nein Er gestand mir offen dass er sich nicht ganz sicher
in seiner Sphäre fühle Er hätte einen Sachkundigen sich empfehlen lassen Der
aber wäre ein Spötter lache oft sonderbar und blinzle den Andern zu die mit
ihm in einem Komplotte zu stehen schienen Das Kunstwesen lerne sich Weg mit
diesen Intriguanten Ich brauche nur ehrliche Menschen um mich Menschen die
nicht hinter meinem Rücken Verschwörungen machen Ich bin die Hauptsache an
dieser Kunstanstalt Sie kenn ich Mangold Sie sind treu und brav Bleiben Sie
bei mir Ich brauche unter diesem geriebenen Volke Einen der es mit dem Chef
wahrhaft gut meint und Das sehen Sie doch selbst der Chef muss der Chef sein
der Chef ist immer das Ganze der Chef ist die Anstalt selbst
Und was taten Sie auf diese Bitte die charakteristisch ist
Ich schlug sie ab
Sie sind harterzig Mangold
Ich kehre nach Buchau zurück Diese adlige Familie der ich Treue und
Anhänglichkeit genug bewies wie ein Hund hat mich auch mishandelt wie einen
Hund
Sie sind erregt Mangold
Mit Füßen hat sie mich getreten im Herzen fühlbar o Herr Baron ich
sagte schon ich bin ein Mensch ohne Raffinement und passe nur nach Buchau
Kaufen Sie sich den Tempelstein Auf dem königlichen Gartenamt hört ich dass
kein Geld da ist jetzt Ruinen auszubauen Sie bekommen den Felsen bekommen die
Steine die Wiesen am Berg auch die Ruinen der alten Tempelabtei die noch
Jeden feierlich stimmten wir leben da ruhig als Nachbarn und Sie erzählen von
Ihren Reisen den tausend Denkwürdigkeiten die Sie gesehen
Darf ich nicht wissen Mangold warum Sie die Menschen fliehen ich habe
die große Schwäche an Andern praktische Psychologie zu treiben Im gewöhnlichen
Leben nennt man Das neugierig sein
Ich fliehe nur die schlimmen vielleicht finden sich gute die wir
mitnehmen
Mangold sagte diese Worte mit einem vertraulich blinzelnden Auge sodass
Dystra lachte und sagte
Mangold Sie sind mindestens vierzig Jahre aber ich sage Ihnen Schwab Sie
sind verliebt So kann nur ein Verliebter blinzeln
Mangold strich seinen roten Bart und die wasserblauen klaren Augen
leuchteten vor innerer Bewegung
Sie sind ein gereister und kluger Herr raten Sie mir Herr Baron sagte
er und erzählte ihm nun zuvörderst die Anknüpfung seines Verhältnisses mit
Auguste Ludmer und das Ende desselben Otto von Dystra hörte teilnehmend zu und
fand die Intrigue ihn zur Entfernung einer lästigen Anverwandten zu benutzen
abscheulich seine Leichtgläubigkeit aber wie er ihm offen gestand komisch
Über das Gewissen das sich Mangold wegen Augustens Selbstmord machte tröstete
er ihn mit den Worten
So ist nun einmal unser Leben dass Einer des Andern unbewusster Mörder wird
Die größte Liebe kann sich zur Veranlassung wechselseitigen Verderbens werden
Darüber dass man zum Werkzeuge der Vorsehung gewählt wurde hat der Mensch sich
kein Gewissen zu machen
Da ich nun doch einmal hier war fuhr Mangold fort so führte michs wieder
den Spuren des unglücklichen Mädchens nach So hört ich auf einem einsamen
Kirchhofe dass sie hier eingescharrt wurde und ein alter Mann den Sarg begleitet
hätte Mit einer schwarzen Binde fragt ich Ganz recht hieß es So war es
Derselbe den ich an jenem Abende bei ihr traf und mit dem sie früher gegangen
war Dass er ihrem Sarge hatte folgen können überraschte mich doch Ich
beschloss den Mann aufzusuchen Auf nähere Erkundigungen hört ich dass er
Murray hieß und ein Engländer sein sollte
Wie nannten Sie ihn fragte Dystra aufmerksam
Murray wiederholte Mangold und fuhr da Otto von Dystra nichts weiter zu
erinnern fand fort
Ich glaubte ein so leichtsinniger alter Mann der an ein unglückliches
Wesen dieser Art Ringe und Armspangen verschwendete würde im Glanz und
Wohlleben wenigstens anständig wohnen Wie erstaunt ich als ich ihn aufsuchte
und mich in die dunkelsten und entlegensten Gassen verlor Endlich Brandgasse
Nr 9 fand ich in einem Hinterhofe über drei schwindelerregenden Treppen mitten
in Armut und Elend seine Wohnung aber ihn selber nicht Er war verreist
Diese Auskunft gab mir seine Vermieterin bei der er zwei elende Kämmerchen auf
einer offenen Gallerie hinter Eisenstäben bewohnte Das Mädchen wusste wenig mehr
von Master Murray als dass er ein Geizhals sein müsste der in Anfällen von
Großmut schöne Geschenke mache Sie zeigte mir einen kostbaren Ring den sie
von ihm für ein Glas Wasser bekommen hätte
Das ist Diogenes in der Tonne sagte Dystra Er zieht ein Glas Wasser allen
Kapweinen vor Man kommt zuletzt dahin
Freilich auch fuhr Mangold mit einer Art schamhafter Verlegenheit fort
freilich auch dargebracht von so weißen zarten Händen mit so freundlicher
Miene unter so rührenden Umgebungen Dies Mädchen Louise Eisold ist ihr Name
Teufel sagte Dystra Sie sind sehr verliebter Natur Inspektor Und die
neue Bekanntschaft schlug ein sie geht mit nach Buchau und wir sind vom
Frühjahr an zu Drei Nachbarn
Das ist noch weit im Felde
Neue Schwierigkeiten
Das Mädchen lachte mich aus als ich ihr gleich nach dem dritten Worte
sagte Ich möchte sie heiraten
Sie hielt Sie mit Recht für einen Don Juan
Mangold seufzte und verriet dass er noch nicht am Ziele seiner Wünsche war
Leider sagte er ist schon Einer da der die Hand auf sie gelegt hat
Lassen Sie sich nur nicht wieder wie bei der Auguste
Nein Das hatt ich gleich weg ich gefiel ihr besser als der
Mangold nahm Anstand Danebrands Wuchs zu erwähnen Der Baron war eine
Miniaturausgabe von dem Schleswiger Kanonenträger Er unterbrach sich
Eins sagte sie gefällt mir an Ihnen
O die Kokette
Ihr Amt sagte sie Ihr Wohnort fern von hier weit weg in der schönen
Gottesnatur weg von diesen elenden Menschen von diesen Dachkammern diesen
Katzen und Nachteulen die aber doch noch besser als die Menschen sind
Sprach sie so Haben Sie in Buchau auch eine Leihbibliotek Mangold Viel
Bücher werden Sie für die Dame nötig haben
Wirklich Manchmal wie ein Buch Sogar in Redensarten die sich reimen
Mangold Mangold vorsichtig Die Emancipation der Frauen fing bei den
Grisetten an und scheint jetzt bei ihnen wieder aufzuhören
Vorsichtig Herr Baron Diesmal bin ichs Sie sollten sie sehen unter ihren
kleinen Geschwistern fünf sechs Geschwister wie wir vorgestern Abend Alle
Punsch tranken da
Was Schon Punsch Und doch noch Tugend
Herr Baron wenn ich wo sage hier gefällts mir dann muss es lustig
hergehen Ich legte gleich Hut und Stock ab die Geldbörse heraus Kaffee
Kuchen Alles herbei was konnte sie machen Die Kinder sprangen ja
deckenhoch Sie hungern ja halb Ich nahm Besitz von der Familie als wärs
schon meine eigne Sie weinte fast erst vor Zorn dann vor Scham und zuletzt
vor Kummer und Liebe zu den Kindern Die leckten und schleckten Ich pfiff ihnen
Liedchen Das jüngste nahm ich auf den Schoss und küsst es mit meinem garstigen
roten Bart und küsst es ganz wund Aber es strampelte und zauste mich und ich
gefiel dem Würmchen Die Louise weinte und bat mich zuletzt flehentlich ich
sollte gehen es käme Einer den sie selbst nicht möchte der sie aber liebe und
den sie würde nehmen müssen Da ging ich und am Morgen war ich doch wieder da
und saß wieder bei ihr am Nähtisch sie mocht es leiden oder nicht und die
Taschen hatt ich wieder voll Äpfel voll Nüsse voll Birnen Da wurde denn
ausgeteilt gesprungen gesungen Danebrand so heißt mein Nebenbuhler kam gar
nicht Ich will ihn in der Willingschen Maschinenfabrik besuchen und ihm
aufrichtig meine Vorstellung machen Er wird in sich gehen er ist er hat
Kurz Baron ich brings schon dahin dass ich ein gesundes gutes frisches
saubres gescheutes Mädchen heimführe und gleich das ganze Nest mit Kindern auch
ausnehme und in Buchau Alles lebendig damit mache Halten Sie sich nur dran Das
Gartenamt schlägt Ihnen den Tempelstein zu Man braucht Geld um die Erinnerung
an Herrn von Harders Verwaltung zuzudecken Dann bauen Sie aus und was die Frau
Liebste anlangt mein ich fast es wäre nun auch für Sie Zeit Herr Baron
Dystra schwieg Der Jubel des Mannes rührte ihn
Nichts für ungut Herr Baron
Es wäre Zeit sagte Dystra Er nahm den Fez ab Sehen Sie nur meinen
chinesischen Kopf den die Jahre geschoren haben vielleicht auch ein wenig der
Sonnenstich von Nubien und Abyssinien
Cicero trat bei diesem Akte der Selbsterkenntnis den Otto von Dystra vor
dem Spiegel ausführte bestürzt ein und meldete mit Staunen und Befangenheit
dass es erst vier Uhr und einer der Gäste schon da wäre
Es war der Pfarrer Rudhard der dem Schwarzen folgte
Erschrecken Sie nicht Baron sagte Rudhard der in schwarzem Frack und
noch weisserem gebleichten Haar als wir früher an ihm sahen eintrat
erschrecken Sie nicht Baron Ich weiß Sie diniren um fünf
Bester Pfarrer ich habe noch keine Toilette gemacht
Tun Sie Das in meiner Gegenwart Legen Sie sich keinen Zwang an Ich komme
früher weil ich Sie
Er sah auf den Inspektor der schon im Begriff gewesen war sich zu
empfehlen
Adieu Herr Baron sagte Mangold
Stör ich war Rudhards höfliche Entschuldigung
Wir waren schon nahe daran grade den Pfarrer zu brauchen bemerkte Dystra
mit Beziehung auf den heiratswütigen Mangold
Nein nein sagte Mangold so weit sind wir noch nicht Aber Sie sollens
bald erfahren Noch einige Tage bleib ich Wegen dem Tempelstein können Sie
getrost oben anfragen Und nun Adieu Herr Baron
Damit empfahl sich der gute Mangold bis auf Weiteres und ließ den ihm so
wohlwollend gesinnten Baron mit Rudhard und Cicero allein
Schon gut schon gut Cicero bemerkte Dystra beruhige dich nur Noch eine
Stunde ist Zeit Liegen da meine Kleider Gut Jetzt geh
Cicero ging erleichtert Die beiden Männer die uns an die fern in Italien
unter Goldorangen schwärmende Olga Wäsämskoi erinnern und die ganze Verwickelung
einer zu tragischen Konflikten reifen Familie zurückrufen standen sich allein
gegenüber Otto von Dystra schlug die großen Kupferwerke zu räumte den Tisch in
Ordnung trug Rudhard selbst einen Sessel zu und verriet dass er doch nicht
moderner Philosoph genug war um über Das was zwischen diesem ehrwürdigen
ruhigen gefassten Besucher und ihm jetzt zu verhandeln sein musste ganz ohne
Erregung zu bleiben
Zehntes Kapitel
Helenens Schule
Was bringen Sie Rudhard begann Otto von Dystra Nachrichten von meiner kleinen
entflohenen Braut Einen Gruß von der Fürstin Sie sehen so trübe und bedenklich
aus Oder sind Sie unzufrieden dass ich Sie mit meinen alten Jugendfreunden dem
General Voland von der Hahnenfeder und dem Ritter Rochus vom Westen heute
zugleich zu Tische einlud
Im Gegenteil sagte Rudhard in seiner gemessenen immer ernsten Weise Man
hört so viel von diesen beiden Männern dass ich mich freue sie einmal von
Angesicht zu sehen Die Fürstin empfiehlt sich Ihnen aber von Olga erhielt
ich heute diesen Brief
Lesen Sie ihn vor sagte Dystra indem er Anstalten machte sich anzukleiden
und durch die Lektüre Rudharden Veranlassung geben wollte sich zu stellen als
bemerkte er seine Toilette nicht Lesen Sie selbst Pfarrer
Rudhard las indem er sich dicht ans Fenster stellte
»Guter Papa Rudhard Tante Helene hat mir gesagt dass die Wahrheit über
Alles ginge ich sollte dir ganz so schreiben wie mirs ums Herz wäre und
keine weitläuftigen Umschweife machen Sie meinte Die Lüge wäre der Leute
Verderben und da du mir Das auch gesagt hast und es in der Bibel steht so will
ich auch nicht lügen und Euch nun sagen dass ich unglücklich bin weil ich
Keinen von Euch wahrhaft vermisse Keinen mit Sehnsucht entbehre Paulowna und
Rurik ausgenommen«
Brava unterbrach die schwarzen Pantalons anziehend Dystra den bekümmerten
Vorleser der nach einer Weile so fortfuhr
»Die Tante ist mein Schutzengel geworden mein Erlöser meine Priesterin
Wir haben Beide viel geweint und da unsre Tränen sich ineinander mischten so
fühlten wir wie Georges Sand sagt die Annäherung eines Engels der «
Wer sagt Das unterbrach Dystra die Tragbänder überschlagend wer Georges
Sand
Eine Lektüre die ich ihr niemals gestattet habe
O Rudhard Sie hätten sie ihr gönnen sollen wenigstens der Mutter Da die
Tochter die Mutter hasst die Mutter auf die Tochter eifersüchtig ist so würde
Olga auch die Lektüre der Mutter verachtet und Paul und Virginie viel schöner
gefunden haben als Lelia und Konsuelo Aber ich schwelge in diesem bizarren
neunzehnten Jahrhundert Fahren Sie fort Weiter Weiter
Rudhard fuhr fort
»So fühlten wir die Annäherung jenes Engels der in einer krystallenen
Schaale die Tränen der Menschen sammelt und damit das Paradies bewässert wo
sie sich in silbernen Tau und in goldne Freuden verwandeln«
Sehr schön gesagt unterbrach der kleine Elegant der sich sehr rasch und
gewandt adonisirte Ich liebe alle Phrasen die uns irgendwie einen Trost
gewähren Krystall Gold Silber ist ein Service das immer wohltut Da Olga
eine Russin ist fehlt nur noch Platina
»Die Tante reiste mit einem gebrochenen Herzen« las Rudhard
Auf der Reise ist ein gebrochenes Herz viel weniger gefährlich als eine
gebrochene Achse ergänzte Dystra
»Sie fand zuletzt einen Trost den einzigen der sie am Leben ließ Es war
der Hass La haine dans lamour cest un mystère«
Schreibt sie Das wirklich Pfarrer
Wörtlich
Ohne ortographische Fehler Georges Sand hat ein Drama über den Hass in der
Liebe geschrieben Vortreffliche Lektüre Ah meine Braut wird Mühe brauchen
bis sie an Layards Altertümern von Niniveh und Humboldts Kosmos Gefallen
findet
Rudhard musste innehalten Der Schmerz überwältigte ihn Tieferschüttert war
er von diesen romantischen Verirrungen eines jungen seiner Pflege
anbefohlengewesenen Mädchens So war ihm einst schon Helene geistig entschlüpft
als sie den Grafen dAzimont heiratete So hatte ihn Olga verlassen So drohte
jetzt sogar die kaltblütigere phlegmatische Adele sich ihre eigne Welt
aufzubauen Und er er war verantwortlich für diese Seelen
Dystra der die Kennerschaft des Menschen für sein Lieblingsstudium
erklärte hatte etwas auf der Zunge von der Einseitigkeit des Verstandes und den
Gefahren der Poesielosigkeit aber er verschwieg es dem alten Manne zu Liebe
der sich eingebildet hatte mit Vernunftteorieen ließe sich das menschliche
Herz leiten mit Geschichte Logik Realien eine weibliche Seele fesseln das
Romantische ließe sich durch einen Witz entfernen das Dämmernde Unbestimmte im
Menschenherzen durch mechanische Beschäftigungen ersticken
Fahren Sie nur fort Rudhard sagte er ironisch Es ist sehr unterhaltend
Rudhard der wohl fühlte dass er eine Selbstkritik vortrug las
»Dieselbe Empfindung in der Brust die man Liebe nennt kann sich in Hass
verwandeln Die Tante sagte es und ich glaube es denn nur Auge in Auge tötet
man den Basilisk«
Sieh Wie war Das rief Dystra laut auflachend Auge in Auge Basilisk Ist
Das eine naturgeschichtliche Reminiscenz aus Odessa
Sie meint wohl sagte Rudhard mit wehmütiger Trauer dass man einem Schmerze
scharf ins Auge blicken müsse um ihn langsam zu töten Ich habe wenigstens
diese Theorie immer gepredigt
Da hätte sie das Gleichniss von der Homöopatie nehmen sollen bemerkte
Dystra und setzte lachend hinzu
Aber Basilisken töten Tödten durch Menschenblicke Und gleich Basilisken
Welche Aussicht für meine künftige Ehe Meine Braut spricht so wild wie Eine
jener Indianerinnen die sich in Amerika mit der gefährlichen Liebkosung von
Schlangen auf öffentlichen Märkten sehen lassen
»Helene« fuhr Rudhard fort hasst jetzt den Prinzen Egon Das allein kann
sie für seine Treulosigkeit trösten Sie hasst ihn wie der Märtyrer die Sünde
hasst die er überwunden hat Sie verachtet diesen Egon wie die Schlange die Haut
liegen lässt deren sie sich jährlich entkleidet«
Dystra hielt im Zuknöpfen seiner weißen Weste vor Lachen inne Bravissima
rief er doch etwas Naturgeschichte dabei Bester Pfarrer Ihr Zögling wendet
seine Kenntnisse doch mit Vorteil an O und sie hat Recht Sie lehrt die Moral
aller Weltdamen Ich fand Das in Petersburg in Moskau in Wien Madrid ganz so
ja sogar die reiche weibliche Handelsaristokratie von Newyork hasst wo sie
aufgehört hat zu lieben und geliebt zu werden Das ist ganz in der Ordnung Ich
bin begierig ob noch mehr aus der Naturgeschichte kommt Basilisken Schlangen
haben wir schon Jetzt fehlen nur noch die Hyänen
»Ich bin früh angeleitet und gelehrt worden« fuhr Rudhard fort dass man
Wesen wie Tante Helene hassen soll allein nun liebe ich sie und Die die ich
geliebt habe könnt ich hassen Die die ich verehrt habe wie Gott und seine
Heiligen «
Dieu et ses saints sagte Dystra Das ist eine katholische Reminiscenz Die
Tante wird noch ihr Heil in der katholischen Kirche suchen obgleich dies jetzt
schon fast zu früh ist Diese Art Damen wird erst dann katholisch wenn
naturgemäß die Huldigungen der Männer aufhören und man durch den Übertritt zur
andern Kirche sich einen Verkehr mit Beichtvätern oktroyirt der nicht
ausbleiben kann und um so angenehmer ist als diese katholischen Geistlichen das
Bequeme haben dass sie unverheiratet sind und vor allen Familienzerrüttungen
sicherstellen Also die Menschen die sie liebte wie Gott und seine Heiligen
die hasst sie jetzt Nicht wahr
»Die hass ich jetzt Ja Euch Euch Alle Meinen lieben Rurik ausgenommen
und die gute Paulowna die ich herzlich lieb behalte und oft im Geiste küsse
weil ich glaube ich belauschte sie an ihrem Schlummerbettchen Nur wenn wir
schlummern sind wir gut«
Doch noch etwas Paul und Virginie neben der Lelia
»Du aber Papa Rudhard hast nie geliebt Dein Herz ist kalt wie
Marmorstein Du liebst nur Bücher und nicht die Menschen Du hast niemals ein
menschliches Herz brechen nie Augen von Tränen erblinden sehen Du meinst der
Mensch könnte Alles über sich gewinnen und hast auch einst Tante Helenen gesagt
sie sollte immerhin nur Desiré zu lieben versuchen «
Wer ist Desiré
Graf dAzimont
Ah so Sie glaubt also nicht an die Macht der Gewöhnung Schlimm für Otto
von Dystra
»Du hast gelehrt der Mensch der gut wäre könnte Alles was er nur wolle
Die unglückliche Helene Sie liebt den Mann nicht der ihr Gatte wurde und nun
verlangst du dass auch ich einem Manne mich vermähle den ich nicht lieben
kann«
Aber meine gnädigste Komtesse lernen Sie mich doch erst kennen warf
Dystra dazwischen und trat seinen Frack anziehend sich musternd vor den
Spiegel Bin ich nicht der fashionabelste Elegant Können Fracks besser sitzen
als an einem solchen Oberkörper wie der meinige Meine liebe Olga Sie
verletzen mich und meine kleinen Füße die so klein sind dass die Fimissstiefeln
nicht einmal meinen AntinousKopf widerspiegeln
»Nie werd ich diesen Baron von Dystra lieben den ich nicht kenne und von
dem mein Vater bestimmt hat dass ich ihn heiraten soll Alle die Romane welche
ich unterwegs gelesen habe fangen damit an dass ein Mädchen ist gezwungen
worden Den zu heiraten welchen sie nicht liebt und dann ist Das der Anfang
ihres Unglücks gewesen Kann ich den Baron von Dystra lieben der schon zu alt
und «
Nicht gestockt
»zu «
Vorwärts
»zu hässlich ist Wie er angekommen hab ich einen Schrei ausgestoßen «
En deed Das ist beleidigend rief Dystra mit unerschütterlichem Humor
Wissen Sie wohl Mademoiselle dass ich stark vermute Sie haben sich nur vor
dem Mohren gefürchtet der mich anmeldete
Ganz Recht sagte Rudhard dem diese kindliche Protestation doch zuletzt ein
Lächeln abnötigte sie gesteht dies selbst ein »Ein Mann will mich lieben der
sich mit Mohren Affen und Hunden umgibt weil er glaubt dass ich eine Närrin
bin so dumm wie Feodorowna Lapuschin in Odessa die den Titularrat Kryloff
heiratete weil er ihr von Petersburg die ganze Krongarde alle Offiziere und
den Kaiser selbst in bleiernen Figuren schenkte Ich werde mich niemals so
unglücklich machen lassen wie die Tante die weil sie lieben muss jetzt das
Schicksal hat von einem Manne nach dem andern betrogen zu werden «
Dystra bat hier Rudhard innezuhalten er fürchtete vor Lachen zu ersticken
Diese Feodorowna Lapuschin die den Titularrat Kryloff heiratete weil er ihr
das Petersburger Offiziercorps in Bleifiguren schenkte diese Helene dAzimont
die sich deshalb von allen Männern betrogen sieht weil sie lieben »müsse«
nein sagte Dystra das ist naive Tollheit oder tolle Naivetät Ich liebe Olga
Ich muss diese Unterhaltung für den ganzen Rest meines Lebens besitzen Ich werde
keinen Arzt mehr nötig haben Die Komik meiner Frau wird mir das Leben
versüßen Wer will mir ein Mädchen streitig machen das ich in Gold fasse und
der ich alle Launen bewillige alle selbst wenn sie mich ruiniren
Rudhard fuhr bekümmert fort
»Ich will den Mann den ich liebe nicht anders als ewig lieben Denn Liebe
ist das süßeste und herrlichste Gefühl auf Erden Sie ist für unser Herz Das
was die Sonne für die Erde Nur wo die Sonne ihre Strahlen entsendet «
Lance ses rayons übersetzte Dystra um die Reminiscenz anzudeuten
»Nur da spriessen Blumen auf und unsre Gefühle sind Blumen«
Doch hübsch Rudhard Ich finde die Stelle besser auch wenn es Plagiate
sind
»Ich bitte dich Papa Rudhard sage Das auch meiner Mutter die mich nie
geliebt hat und ein Herz besitzt so kalt wie das Eis in Sibirien«
Sie hats immer mit den Bildern Dies ist weniger gut gewählt Es ist in
Grönland kälter
»Ich bin ein unglückliches Kind weil ich meine Mutter nicht kann so lieben
wie es die Pflicht eines Kindes ist Sie hat schon gegen die Tante gehabt ein
kaltes Herz Niemals hat sie die Tante verteidigt und doch war Helene
unglücklich als sie Desiré mit sich fort von Odessa nahm Sie muss noch jetzt
die Tränen auf ihren Wangen brennen fühlen so zärtlich war der Abschied der
Tante von der Mutter aber die Mutter kann nicht lieben Sie hat wenig geweint
als der Vater starb«
O Das ist entsetzlich Das ist abscheulich rief Dystra jetzt ernst
»Der Vater war ein Engel Wir Kinder haben den Vater mehr geliebt als
Menschen dürfen die da wissen dass es einen Gott gibt«
Phrase Abscheuliche Phrase rief Dystra vor liebevoller Erinnerung an
seinen Freund den Fürsten Alexei fast zornig
»Ich liebe meinen Vater auch wenn dieser Vater mein Unglück wollte dass ich
die Gattin eines Menschen werden soll den ich nicht kenne Er meinte es gut für
mich Er glaubte dass wir darben würden Dieser Otto von Dystra ist sehr reich
Und ha wie eitel Seine Mohren sollten uns gleich sagen dass er aus dem Lande
käme wo das Gold wächst«
Die Stelle ist dumm Abscheuliche Schwätzerin du Oder richtiger gesagt sie
beweist dass sie mich doch noch lieben lernen wird Die Liebe der Frauen fängt
immer damit an es für Eitelkeit auszulegen wenn die Männer verlangen dass sie
von ihnen erhört werden Nur wo man künftig doch lieben wird macht man die
Frais eines solchen höhnischen Ha Sie denkt doch schon an die künftige Livree
ihrer Dienerschaft
»Er gedachte uns reich zu machen weil wir arm sind und er nicht wusste wie
gut Tante Helene sein kann die mir gesagt hat dass Alles was sie besitzt
einst mein Eigentum sein würde wenn sie in ein Kloster ginge «
Da läutets schon Das Kloster ist da Waldkapelle stiller Murmelbach
Büssende Magdalena Totenkopf und vielleicht doch noch selbst im Kloster
eine Strickleiter Verdammte kleine Hexe Kapulet
»Den guten Vater lieb ich weil er dachte So mach ich die Meinigen die
ich so jung verließ glücklich Er liebte seinen Jugendfreund und beurteilte
ihn nach seinem Herzen«
Darüber sagt sie also kein Wort dass ich ein Tor bin und aus reiner
Gutmütigkeit dem kränkelnden Freunde verspreche mein fahrendes
abenteuerliches Leben aufzugeben mein Vermögen in Ruhe zu genießen und es
meinen Verwandten ein Schnippchen schlagend mit Einer seiner Töchter zu
teilen Diese Olga müsste es doch nun sein die mir diese Dummheit möglich
machte Sie ist sechszehn Jahre Von siebzehn könnte sie mein Weib werden Auf
Paulowna kann ich doch nicht mehr warten Wahrlich es ist verletzend Parbleu
so beurteilt zu werden So beim besten Willen en coquin behandelt Diese kleine
Amazone Wenn man Das so liest so vorgelesen bekommt denkt man sie sich bei
alle Dem allerliebst Es ist die neuromantische Emancipationsteorie aber ein
gutes Herz liegt doch zum Grunde Diese Liebe zum Vater rührt mich Wäsämskoi
war ein Pedant aber ein edler Mensch Wenn Adele seine Gattin so kalt und
indifferent fühlte wie Olga beschreibt tut er mir leid der brave gute
Alexei Ich könnte die Frau hassen und gestehe Ihnen ich bin ganz portirt für
meinen kleinen italienischen Deserteur
Trotz dieses abscheulichen Briefes sagte Rudhard gerührt von Dystras
gutmütigem Humor für den ihm eigentlich das Verständnis fehlte
Trotz dieses Briefes an dem mich nur Wunder nimmt dass sie meinen
glücklicheren Nebenbuhler den Maler Siegbert Wildungen nicht erwähnt
Es kommt noch ergänzte Rudhard diesen Einwand der den Beweis gab dass man
im Hause der Fürstin so aufrichtig gewesen war die Existenz Siegberts nicht zu
verschweigen Aber wohl nur Rudhard war es gewesen der Siegbert in Beziehung auf
Olga erwähnt hatte Die Fürstin wäre dieser Selbstüberwindung nicht fähig
gewesen
Ich will den Kelch zu Ende schlürfen sagte Dystra ernster und setzte sich
»Der gute Vater umschwebt mich oft wie im Traume« las Rudhard »und sagt zu
mir Olga vergib ich glaubte du wärst herzlos wie deine Mutter Du würdest
Den zum Gatten wählen den du nicht kennst nicht liebst«
Gegen die Mutter ist Das ein wirklicher Hass bemerkte Dystra kopfschüttelnd
»Und ich sage ihm im Traume Lass mich Den wählen Vater den meine Seele
liebt Und sein Bild verdüstert sich vor Gram dass sein hinterlassenes Weib die
Witwe Alexei Wäsämskois den Jüngling lieben kann den sein Kind liebt O
Rudhard sage Das meiner Mutter Sage ihr dass es einen Gott im Himmel gibt der
sie strafen wird Der Herr richtet die Schuldigen Was ist mehr eine Todsünde
die Niemand vergeben kann als wenn «
Les sept péchés capitaux unterbrach Dystra Nun springt sie in Eugène Sue
über
»Als wenn eine Mutter ihrem eignen Kinde ihr Kleinod raubt Ich weiß es
mein Treuer flieht sie wie ich sie geflohen bin Sein Segen folgt mir seine
Liebe begleitet mich Ich will mich bilden ich will an den heiligen Quellen
Italiens schöpfen dass ich mich erfülle mit der hohen Wissenschaft der Kunst
die er liebt um seiner würdig zu sein Ich lese Bücher der Poesie aber auch
Schriften der Prosa und verweile bei Allem was zu wissen merkwürdig ist Ich
zeichne mir die schönen Gebäude ab und erkundige mich nach Allem was in einer
Stadt lehrreich zu sehen ist Auch frag ich alle Menschen an jedem Ort ob sie
gut und glücklich leben können und welche Früchte bei ihnen wachsen «
Was rief Dystra Das noch einmal Sie fragt Jeden welche Früchte bei ihm
zu Lande wachsen Das Mädchen gibt entweder eine Närrin oder ein Ideal
»Von Italien aus Papa schreib ich dir wieder Wir reisen nun über die
Alpen Wir sind immer allein Nur die Bedienten und die beiden Mädchen Tante
will gar keine andre Gesellschaft Nur über die Alpen wird es uns recht einsam
vorkommen Aber wir haben Mut und wenn er uns manchmal entsinkt umarmen wir
uns und sind wieder neugestärkt Leb wohl Papa Denke zuweilen über mein Glück
nach Grüß unser liebes Gärtchen das jetzt schon recht welk und kahl aussehen
wird Grüße den garstigen Sensenmann auf deinem Zimmer der uns ewig zugerufen
hat Du musst sterben deine Stunden sind gezählt Aber noch leben wir Erst
Neapel sehen und dann sterben Deine Olga Wäsämskoi«
Kein Postcript bemerkte Dystra kopfschüttelnd und satyrisch
Wohl sagte Rudhard und las während Dystra einschaltete Doch ein
Frauenzimmer
»Wenn ich sage dass ich dich hasse Papa so brauchst du Das nicht so ernst
zu nehmen Es ist keine Gefahr dabei Aber dem Baron und der Mutter verschweige
nichts So lange sie mein Herz bedrohen kehr ich nie zurück und sollt ich
betteln gehen und vor den Häusern singen Das sage ihnen«
Oder Kunstreiterin werden oder auf dem Seile tanzen oder an dem ersten
besten Pariser Lion in einer Mondnacht in Fraskati zu Grunde gehen
Dystras schmerzlicher Ton und seine ernste Miene bestätigte was Rudhard
fühlte dass hier in der Erziehung ein Versehen begangen war
Rudhard überreichte Dystra den Brief und legte ihn da dieser ihn nicht
nehmen wollte auf den Tisch
Was ist da zu tun
Ich habe begann Rudhard das Buch der Wahrheit vor Ihnen aufgeschlagen
gleich als Sie kamen Ich sagte Ihnen von Siegbert Wildungen von der Mutter
von Olgas schnellentzündetem Kinderherzen Helene hat alle Dem was in dieser
leidenschaftlichen Natur schlummert den modischen tagesüblichen Ausdruck
gegeben das Kind statt zurückzuführen zu uns wie eine Puppe an der sie ihre
Gefühlständeleien auslassen kann mit sich hinweggenommen meine dringende
Aufforderung zur Rückkehr mir so beantwortet Den übersandten Wechsel schickte
Olga gleichfalls zurück Sie sehen den offenen Tatbestand Was lässt sich tun
Fassen Sie die Entschlüsse die Ihnen die rechten scheinen
Mein natürliches Gefühl sagte Dystra der sich inzwischen angekleidet
hatte fordert mich auf entweder unmittelbar diesen Flüchtlingen nachzureisen
oder Alles auf sich beruhen zu lassen und die weitere Entwickelung abzuwarten
Ich gestehe dass ich erst jenen Siegbert Wildungen kennen lernen muss der hier
so viel heillose Verwirrung angerichtet hat
Es ist ein liebenswürdiger nur zu weicher Schwärmer sagte Rudhard
Ein edler Mensch wenn er sich freiwillig zurückzog Ich achte Das und ehre
es Mesalliancen existieren übrigens für mich nicht
Baron
Ich sage nicht Rudhard dass ich aus diesen Konflikten heraustrete
Der Wunsch des Fürsten
Meines guten Alexei aber selbst wenn ich den andern Ausweg ergriffe und
seine Witwe heiratete wie eine Stimme mir zuruft ich käme ja in dieselbe
Position Der blonde Maler verrennt mir ja nach allen Seiten den Weg
Ich kann nicht den Gedanken den Sie eben ausgesprochen Baron befördern
helfen aber was die Stimmung Adelens anlangt so hoff ich auf Besinnung Ich
meine es war nur eine falsche Form in der bei ihr ein mütterliches Gefühl der
Fürsorge zum Vorschein kam
Zu künstlich erklärt Pfarrer
Wirklich Doch scheint mir über die Mutter ein eigenes Wesen gekommen Sie
ist zurückgezogen liest schreibt beschäftigt sich nur mit sich allein
Das heißt sie liebt bester Freund Das ist der Frühling der oft noch nach
dem Spätsommer kommt
Es ist eine stille sinnige Verklärung in der Fürstin Ich finde Adelen
innerlicher wärmer Sie schließt sich von oberflächlichen Menschen ab und sucht
nur tüchtige Naturen wie Anna von Harder und ähnliche rein weibliche edle
Erscheinungen
Das ist die Trauer der Verlassenen das Schlummern der Wintersaat die im
Frühling gleich am mächtigsten aufschiesst
Sie ist mütterlicher denn je gegen Rurik und Paulowna
Achtungswert aber bedenklich Unverdorbene Frauen wollen das Glück der
Liebe durch Güte des Herzens verdienen
Rat ich Ihnen denn eine Änderung zu treffen sagte Rudhard fast
empfindlich
Geben Sie mir die Hand bester Pfarrer fiel Dystra ein Zürnen Sie mir
nicht Ich trete da in psychologische Konflikte die ich nicht erwartet habe
Weil ich auf Alles dilettire liebe ich überall das Bedeutende und
Eigentümliche Aber ich gestehe ich liebe es mehr als Beobachter Ergriffen
mitten inne stehen selbst da eine handelnde und leidende Figur in
leidenschaftlichen Szenen abgeben ich gestehe Ihnen Das ist etwas was ein
Tourist ein flüchtiger civilisirter Beduine ein Mann der den Vorwurf
unschön zu sein von seinen breiten Schultern nicht abschüttelt nicht brauchen
kann Es handelt sich um den Wunsch eines sterbenden Freundes um ein Gelöbnis
das ich selbst verrichtete vor allen Dingen um mein Geld um die bessere
Existenz der Fürstin um die Erziehung und künftige Versorgung der Kinder Das
sind philantropische Ideen die ganz in mein Fach schlagen und für die wir nur
suchen müssen eine möglichst anständige aber auch höchst bequeme Form zu
erfinden Stoff zu einem Roman will ich unter keiner Bedingung abgeben Hören
Sie Dagegen sträubt sich meine ganze innere und äussre Natur und ich gestehe
Ihnen sogar ein Rest von Eitelkeit den ich mir von manchen frühern glücklichen
Aventüren erhalten habe wo man mich liebte quand même
Bekümmert reichte Rudhard dem Baron der diese Worte mit liebenswürdiger
schalkhafter aber doch ernster Freimütigkeit gesprochen hatte die Hand und
schwieg
Die Verständigung wird schon kommen sagte der kleine Kosmopolit Blicken
Sie heiter Wir wollen gut diniren es schlägt fünf zwei alte Freunde von mir
hochangesehene wichtige Springfedern der Maschine
Spartakus trat ein und überreichte Visitenkarten von zwei Herren die den
Baron von Dystra bei etwa gelegner Zeit zu sprechen wünschten
Die eine war gestochen die andre geschrieben
»Dankmar Wildungen« »Louis Armand« las Dystra für sich und bedauerte die
Herren jetzt nicht empfangen zu können Er wollte da ihm der Name Wildungen
auffiel selbst ins Vorzimmer Aber die Fremden schienen sich schon eine
Antwort gegeben zu haben denn als sie einen Offizier in Generalsuniform und
bald darauf einen Herrn in Civil mit vielen Orden von den Schwarzen empfangen
sahen waren sie nach Abgabe ihrer Karten verschwunden
Rudhard wurde den beiden vornehmen Größen als ein Geistlicher aus Odessa
vorgestellt Die Nebentür öffnete sich Ein erleuchtetes Zimmer bot ein
geschmackvoll servirtes Diner das nicht ganz so heiter von Statten ging wie es
der Wirt wünschte Seine beiden Jugendfreunde General Voland von der
Hahnenfeder und Ritter Rochus vom Westen waren obgleich Beide in ihrer Art
auch wahre Ritter vom Geiste doch unter sich nicht auf gleichen Ton gestimmt
und Rudhard litt unter dem Druck seiner häuslichen Angelegenheiten Der General
führte zwar fast allein die Konversation allein sie knüpfte nur an Amerika an
die bedienenden Schwarzen an die Pyramiden an die Bauten von Niniveh an Erst
am Schluss der Tafel horchte Rudhard auf als Dystra zufällig wieder die
Visitenkarten in die Hand nahm und die Gesellschaft fragte ob ihnen diese Namen
bekannt wären
Wie sagte der General diese beiden merkwürdigen alle Welt interessirenden
Charaktere
Und ehe noch Dystra Rudhard an den Namen Wildungen erinnerte der ihn nun
erst selbst überraschte hatte Spartakus angezeigt dass jene Herren wieder
draußen wären um zu erfahren wann sie Massa aufwarten dürften
General Voland hatte schon die Karten als Sammler zu sich gesteckt
Ja sagte Ritter Rochus ein feiner geschliffener Weltmann die Gebrüder
Wildungen sind die Löwen des Tages Und Louis Armand O Das ist ja der
intimste Freund des Premierministers
Darauf hin war Otto von Dystra schon aufgesprungen um selbst hinauszugehen
Soll ich sie zum Dessert zum Kaffee eintreten lassen fragte er der
Zustimmung fast gewiss
Rudhard wollte Einwendungen machen und von Louis Armands Stande sprechen
aber schon hatte der Baron das bedeutsame Schweigen seiner diplomatischen Gäste
für Zustimmung genommen schon war er hinaus und sprach durch die geöffnete Tür
in das Vorzimmer wo Rudhard Dankmars Stimme nicht hören konnte ohne nicht
aufzustehen und ihn an der Schwelle zu begrüßen In einem Hotel sind die
Räumlichkeiten beschränkt Dankmar und Louis waren schon veranlasst einzutreten
während noch der General und der Ritter überrascht verlegen von den Stühlen
aufstanden Man wird Dankmars Erstaunen Louis Armands Schrecken ermessen als
in leichter weltmännischer Weise der kleine Baron die Namen General Voland und
Ritter Rochus nannte Diese selbst waren nicht wenig begierig auf die
eigentümliche Situation die sich hier für sie ergab Seltsames mussten sie
ohnehin schon bei Dystra erwarten Rudhards freundliche Bewillkommnung löste
einstweilen die wirklich ängstliche Spannung
Elftes Kapitel
Voland von der Hahnenfeder
Drängt der Gegenstand meine Herren der Sie zu mir führt und mir das Vergnügen
Ihrer Bekanntschaft gewährt begann Otto von Dystra mit wohlwollendster
Bonhommie und mit einem Blicke andeutend dass die Zahl der Tassen vermehrt
würde
Er nötigte die Gesellschaft in sein Wohnzimmer zurück als Dankmar mit
raschem Blick sich orientirend Louis Armand zugeblinkt und gesagt hatte es
dränge nicht und auch ein ander Mal fände sich Gelegenheit zu ihrer Erörterung
Die in Livreen gesteckte Bedienung des Hotels leuchtete zum Nebenzimmer voran
Man nahm Platz Dystra teilte Zigarren aus Hier wurde ein Nachmittag unter
andern Verhältnissen gefeiert als in der Neustrasse drei Treppen hoch bei
Eulalia Schievelbein
General Voland hat erklärt dass Sie Beide meine Herren berühmt und
interessant sind sagte Dystra Ich kann das Letztere erst als Physiognomiker
unterscheiden Warum Sie berühmt sind gesteh ich armer hier in Europa über
Nacht aufgeschossener Pilz nicht zu wissen aber General Voland hat Ihre
Visitenkarten eskamotirt und von gewöhnlichen Menschen tut man Das nicht
Es klang wie eine dämonische Satyre als der General erklärte
Herr Dankmar Wildungen ist auf dem Wege der hiesigen Stadtkommune ein bis
zwei Millionen durch einen höchst romantischen Prozess abzugewinnen und Herr
Louis Armand ist jener junge Franzose der mit unserm jetzigen Chefminister dem
Fürsten Egon durch die engsten Bande der Freundschaft verbunden ist
Ritter Rochus hätte sich die Lippen abbeissen mögen wenn er seine meist
falschen Zähne nicht zu scheuen gehabt hätte und behutsam in ihnen stocherte
Rudhard der die Verhältnisse kannte musste über die Erklärung des Generals
lächeln die Louis in Verlegenheit setzte zur großen Befriedigung des Ritters
der schon die Feder spitzte um seinem Hofe diese merkwürdige Begegnung in
seinem gewählten nur etwas schwülstigen Style zu schreiben
Dankmar erzählte zum lebendigsten Anteil Rudhards auf dessen Nachfragen in
aller Kürze den Verlust seiner Mutter sein Erstaunen über Siegberts langes
Schweigen die Ergebnisse seines Aufenthalts in Schönau und Randhartingen so
weit sie ihm bekannt waren und Dystra dachte Siegbert Das ist dein
Nebenbuhler Und diese Angelegenheit führt die jungen Männer zu mir
Inzwischen wurde Louis schon vom General Voland und dem Ritter Rochus in ein
Gespräch verwickelt bei dem es ohne Ironie über den verlegenen bescheidenen
Arbeiter nicht ablief Dystra laut vor sich hinbrummend Romantisch
Romantisch Prozesse sind nie romantisch sorgte für die Bedienung Dankmar fand
Gelegenheit den besternten Herrn und den General zwei Lichter der Welt zu
mustern
Ritter Rochus vom Westen war in jungen Jahren ein Gelehrter gewesen dann in
die diplomatische Laufbahn gekommen jedoch immer nur als Attaché benutzt
worden Er schrieb Berichte sowohl für die Zeitungen die seine Regierung
subventionirte wie für den Premierminister selbst besonders aber die Gemahlin
desselben deren Neigung zu scharfen Persönlichkeiten und zur Médisance er
kannte Er überwachte seine Chefs in Paris in London in Konstantinopel und
Athen Bei diesen verschiedenen Stellungen hatte er Otto von Dystra kennen
gelernt der vor seiner Bildung seinen antiquarischen und philosophischen
Studien die größte Hochachtung empfand Damals war es leicht sich einen
Anstrich von Freimut zu geben Der Chevalier vom Westen galt für geistreich
fein und witzig Er imponirte selbst in Florenz den Altertumsforschern in
Stambul den reisenden Orientalisten in Paris trieb er Sanskrit und ließ
griechische Handschriften wieder neu aufkratzen trotz Letronne und Villoison
Schrieb er ein politisches Memoire so wurde es in allen Salons seiner
Hauptstadt bewundert und von dem Gemahl der geistreichen Frau die ihn
protegirte an alle Legationen gleichfalls zur Bewunderung übersandt Das währte
bis zur Revolution Die alten adligen Repräsentanten in der Diplomatie wurden
damals gestürzt Ritter Rochus vom Westen wurde erst ins Ministerium berufen
dann als er den verschiedenen Phasen der Revolution bald zum Opfer fiel zu
einer großen Legation beordert Hier machte er sich mit Meisterschaft geltend
Er hasste den Staat zu dem er als Wächter gestellt wurde ohne grade den Staat
den er selbst vertrat besonders zu lieben Er hätte Philosoph genug sein
müssen die Erbärmlichkeit der Zumutungen die ihm der Gang der Ereignisse
stellte zu verachten allein es flossen ihm außerordentliche Summen zu die ihm
eine glänzende Stellung gaben und sein natürlicher Hang zur Intrigue fand eine
Nahrung die ihn immer in Atem erhielt Seine Studien waren zum größten Teil
abspringend und oberflächlich gewesen Zu ihnen zurückzukehren war ihm um so
weniger Bedürfnis als ein angeborner gutgeschulter Geist ihn auch der
Notwendigkeit zu überheben schien nur tote Materialien zu sammeln Dieser
scharfe Kopf übersah die Zeit vollkommen Er war vollkommen überzeugt dass die
Welt ein großes Chaos erwarte und dass der ganze Wirrwarr des Tages eigentlich
leer und erbärmlich zu nennen sei Après nous le déluge war seine stehende
Redensart Er erklärte hundert Mal des Tages dass ihn ein Grauen überfiele wenn
er dächte dass die Schläuche des Äolus sich einst entladen und über die Welt hin
die Stürme der demokratischen Bewegung blasen würden und so weit ging er schon
vor Dystra ja vor Voland sogar dass er die Berechtigung dieser Bewegung
anerkannte und weltistorisch auf demselben Standpunkte sich befand den er in
Folge seiner Stellung bekämpfte Diese Intelligenz schrieb dennoch Depeschen und
Cirkularnoten in dem Style wie ihn Metternich und Gentz eingeführt hatten Sie
nannte die Revolution eine Hydra die Revolutionäre die Sendboten der Hölle und
im Stillen konnte es dem Ritter dennoch kommen als wenn Niemand
bemitleidenswerter wäre als grade die Fürsten die angestammte Liebe und Treue
verlangten naiv durch die Städte reisten vom guten Geist der Untertanen
redeten Verweise erteilten Beamte Magistrate brüskirten und nach seiner
innersten Idee doch in einem wahrhaft babylonischen Irrtume und blinden Wahne
lebten Völlig abweichend von General Voland war er Neolog las lieber Volnei
und Payne als Burke und Haller und hatte dabei in seinem ganzen Wesen das
Kleinliche Verzärtelte Pedantische Leichtverletzbare der alten Garçons in
völligem Gegensatze zu dem Garçon Otto von Dystra den die Natur verwahrlost
hatte der seiner selbst spottete und die Bequemlichkeit nur liebte um sich für
Entbehrungen schadlos zu halten die er eben so gut auch ertragen konnte
Die tiefe Lüge in diesem Chevalier Rochus vom Westen wich von der Lüge in
dem General Voland außerordentlich ab General Voland von der Hahnenfeder
glaubte an positive Möglichkeiten Seine Phantasie war so schöpferisch dass er
sogar die Wiederbelebung des Toten für möglich hielt Er lebte in einem ewigen
Flammenschein und hatte immer Dunkel um sich wie ein nächtlicher Adept der
über den Stein der Weisen brütet Er suchte eine Tinktur des Lebens auf für die
Geschichte für die Menschheit selbst Er glaubte an Formeln die wie ein Ecce
homo ein Bild des Gekreuzigten auf Verdammte wirkten Er war ein romantischer
Spätling der Wöllnerschen Periode und würde Geister citirt haben wie
Bischofswerder wenn nicht der Fluch der Lächerlichkeit auf einer solchen
Nachahmung gelegen hätte die er origineller gestaltet hätte denn er hätte
sicher gesagt wir wissen dass Das Lüge ist was wir sehen aber unser Schauer
unsre Erwartung unser Zittern über das Mögliche ist keine Lüge und die
Dämmerung ist die eigentliche Poesie des Geistes Auch ihm ging die Zeit in ganz
andrem Lichte auf als man auf der Rednerbühne und Ministerbank der Kammern
sagen durfte Auch ihm war der Glaube der absoluten Monarchie an ihre
Unfehlbarkeit eben so rococo wie das konstitutionelle Wesen der Neuzeit platt
und unromantisch er wühlte in den Offenbarungen seines Jahrhunderts und lag
immer mit dem Ohre auf der Erde um den Maulwurf des Weltgeistes zu hören immer
auszuspüren wo er die Wünschelrute des Schatzgräbers hinlegen sollte Eine
kurze Zeit hatte man ihn einmal in die Lage gebracht handeln zu sollen
Entschlüsse für den nächsten schwierigen Augenblick zu fassen Da war erst eine
entsetzliche Angst ein Zittern und Zagen über ihn gekommen Das Regieren in
alter Form bureaukratisch war ihm sonst eine Geschmacklosigkeit gewesen Aber
was sollte er an die Stelle setzen Es ergriff ihn da er nicht Rat wusste und
sich tief des alten Materials der Regierungskunst schämte plötzlich die Idee
von einem allgemeinen Weltbrand Tod Vernichtung Völkerkampf und aus ihm erst
ein Neues wie ein Dämon der sich aus dem Brande erhebt jenem Typhon gleich in
Kalderons wundertätigem Magus Grossartigkeit der verworrenen Anschauungen ließ
sich dem General nicht absprechen Auch bezweifelte man eine gewisse Güte des
Herzens nicht und fand das Teuflische das ihm Viele imputirten nur in seinem
Namen dh seinem Rufe Er wirkte auf die Vögel der Unbedeutendheit wie der
Blick der Schlange Sie zitterten vor ihm und stürzten tot auf seine
ausgestreckte Zunge
Merkwürdig wie solche so Ungeheures in sich schliessende Naturen so ruhig
dasitzen so plaudern so erst Austern essen dann Kaffee trinken können
Dankmar betrachtete darauf den General und den Ritter scharf genug Der Erste
war über funfzig Jahre alt und eher von hoher als mittler Statur ohne jedoch
durch seine Größe aufzufallen Sein Wuchs war breitschulterig der Kopf von
bedeutendem Umfang Ein struppiges fast negerartiges Haar bedeckte seinen
Schädel der sich durch eine sehr breite Verstand und Kombination verratende
Stirn auszeichnete Die Nase die Backenknochen kräftig Über der Oberlippe
stand ein kleiner Bart der mit dem hie und da etwas grauen Hauptaare durch
seine penetrante Schwärze im Widerspruche stand und ohne Zweifel mit dem besten
militärischen Hilfsmittel gefärbt war Die Hautfarbe des Gesichts war eher grau
als weiß Ein gelblicher Schimmer fuhr über die fast erstarrten und toten Züge
die sich immer gleich blieben immer eine scheinbare innere Regungslosigkeit
bezeichneten in Wahrheit aber nur von der grossartigsten Selbstbeherrschung und
einer wühlenden lauernden Beobachtung herrührten Die Augen die aus kleinen
Höhlen funkelnde Blitze schossen widersprachen der kirchhofähnlichen Ruhe
dieses Antlitzes Der Mund bewegte sich wenn der General sprach nur mäßig Es
schien ihm unbequem dass die Lippen die Reserve dieser Gesichtszüge stören
sollten Selbst wenn der General etwas Heitres äußerte bewegten sich die
Flächen um die Mundwinkel nicht im Mindesten in jene mephistophelischen Falten
hinüber die oft die gutmütigsten Menschen satyrischer erscheinen lassen als
ihr Herz denkt Man kann nicht sagen dass der General nur etwas Unheimliches
hatte Im Gegenteil flößte sein beobachtendes Wesen Vertrauen ein er war
zuvorkommend ohne zudringlich zu erscheinen er wollte gewinnen und gewann oft
Nur in den Augen lag eine unheimliche Glut und das hochaufgebäumte wirre Haar
gab ihm etwas Ängstliches Er bewegte sich in der Uniform die neu und sehr
geschmackvoll war mit etwas beklommener Haltung Man sah ihm an dass er nur
durch Zufall nicht aus besondrer Leidenschaft Militär war und dass er sich im
Frack den er auf seinen vielen offenen und geheimen Missionen trug freier
bewegte In bürgerlicher Kleidung musste General Voland noch einen bedeutenderen
Eindruck machen
Dankmar Louis und Rudhard wussten dass der General der zufälligerweise
Katholik war in dem Rufe stand der Hierarchie Vorschub zu leisten und eine
große Vorliebe für das Mittelalter zu hegen Er war der Erzieher des jungen
Königs gewesen und hatte wohl verstanden ihm jene träumerische Richtung und
jene Neigung zu aparten Liebhabereien einzuflößen durch welche man Zeitlebens
einen einmal auf so hohe Herrschaften errungenen Einfluss auch dauernd behaupten
kann Der König sammelte schon als Kind Käfer und Schmetterlinge als Jüngling
Siegel und Wappen als Fürst Münzen Waffen Urkunden Manuscripte
Glasmalereien Gab es keine politischen Meinungen auszutauschen so tauschte man
alte Siegel und Gemälde aus Jedes Ministerium das mit Verzweiflung seine
Massnahmen von dem Spiritus familiaris der »kleinen Zirkel« durchkreuzt sah war
in seinen Vorwürfen und Anklagen dadurch widerlegt dass der General Voland mit
dem Könige ja nur über wissenschaftliche und künstlerische Zwecke korrespondire
Schon oft war es geschehen dass eine Berechnung des Generals nicht zutraf seine
politischen Ratschläge Mistrauen erregten eine streng luterische Partei die
immer daran Anstoß nahm dass man einen Katholiken so nahe an die Person des
Monarchen herantreten ließ unterließ niemals jede Blöße die sich der allweise
und allberechnende Ratgeber doch oft genug gab schonungslos aufzudecken und
in früheren Jahren tat dies Niemand rücksichtsloser als Propst Gelbsattel
allein der General war nicht zu entfernen denn wer durfte dem Fürsten zumuten
seine kleinen Neigungen und harmlosen Studien aufzugeben Voland reiste auch
wohl wenn ihm irgend eine Berechnung misglückt war auf irgend einen
außerordentlichen Botschafterposten oder mit einem militärischen Auftrag den
man ihm nach Außen hin gab allein wer konnte hindern dass er ein altes
Breviarium fand mit schönen Miniaturen das er der Königin schickte oder an den
König selbst ein paar altertümliche eiserne Sporen deren der König nicht genug
sammeln konnte So erhielt sich immer der vertraulichste Verkehr General Voland
war niemals abgenutzt und bei allen seinen gescheiterten Plänen und Ratschlägen
immer neu immer interessant immer dem Hofe nach tiefster Neigung willkommen
Ritter Rochus vom Westen eine glatte Salonfigur mit reizbar beweglichen
Mienen stechenden Augen verschwand neben dem General der seit einiger Zeit
über den allgemeinen Weltbrand grübelte Man konnte beide berühmte Männer so
unterscheiden Jeder glaubte an den Untergang aller Dinge aber Voland durch
Feuer und Ritter Rochus durch Wasser Der mystische Krieger war in dieser Art
Vulkanist der skeptische Diplomat Neptunist Après moi lenfer sagte der Eine
Après moi le déluge der Andre
Die genauere Angabe in wiefern Dankmar hoffen könne von der Stadt eine so
gewaltige Summe wie Voland eben gesagt zu gewinnen führte den General gleich
mitten auf ein Terrain wo er heimisch war und wo ihm Niemand gleichkommen
konnte Er hatte die genaueste Kenntnis über den Dystra so überraschenden
Wildungenschen Prozess und schien sogar die Akten zu kennen ohne dies jedoch
einzugestehen Er besaß die Gabe einer fließenden Darstellung und war mit einem
milden wohltönenden Organe ausgestattet Man hörte ihn gern reden Er sprach
ohne Leidenschaft immer anregend und aus der Fülle der Tatsachen heraus die
ihm wie Keinem zu Gebote standen Er sprach sogleich über die Templerei und die
Johanniter wie ein Eingeweihter und veranlasste seinen Jugendfreund Otto von
Dystra mit dem er zusammen in der Schweiz nicht bei den Jesuiten sondern in
Hofwyl bei Fellenberg erzogen war zu der Frage
So wäre wohl auch bei dem königlichen Schloss Buchau im Westen die alte
Ruine der Tempelstein genannt im Zusammenhang mit
Der Tempelstein ist eine alte Kommende des im Jahre 1310 in Deutschland de
jure aber nicht de facto aufgehobenen Tempelherrenordens begann der General
sogleich im sichersten Vollgefühl der Tatsachen Jener Tempelstein diente mehr
der ritterlichen Bestimmung des Ordens während die an seinem Rücken gelegenen
Trümmer einer Abtei angehörten an die sich die kirchliche Bestimmung desselben
schloss Der Tempelstein lieferte die zahlreichsten Kontingente nach dem gelobten
Lande und entsprach in dem im Ganzen schon damals geistig trägen westlichen
Teile Deutschlands noch am Meisten der Bestimmung der Tempelhöfe nämlich nur
Werbeplätze zu sein für die Kreuzzüge Da sollte die Trommel mit der Predigt
das Exercitium auf dem Waffenplatz mit der Messe abwechseln
Der Ritter Rochus lachte über die beginnende Salbung des Vortrags und die
Fährte der Ideen in die hier der General geriet
Ganz so wie manche fromme Generäle es jetzt bei Euch hier halten wollen
bemerkte Otto von Dystra zu nicht geringem Erstaunen des fein lächelnden
Dankmar der entweder bei ihrem sonst so freundlichen Wirte eine offenbare
satyrische Absicht auf den General voraussetzte oder annehmen musste dass Otto
von Dystra die gegenwärtige ideelle Stellung seines Jugendfreundes nicht kannte
Vom Beten bemerkte Rudhard mag damals doch wohl nicht viel geworden sein
soviel Breviere die Ritter auch in ihrem Sattelzeuge versteckt haben mochten
Die Templer sind als übermütige Kumpane im ganzen Mittelalter verschrieen
gewesen und das Sprichwort ging überall Er trinkt wie ein Templer
Diese rationellkritische Bemerkung streifte natürlich den Duft sehr von den
Erinnerungen ab auf die General Voland mit besondrer Vorliebe einging
Ausnahmen sagte er den dunkelschwarzen Kaffee schlürfend Späterer
Verfall Unter den Johannitern schlummerte leider der große weltistorische
Zweck dieses Ordens immer mehr ein und zur Zeit der Reformation waren seine
Besitzungen nur eine Beute der Habgier und Gewissenlosigkeit von Seiten der
untreuen Ritter selbst Ihr Ahn Hugo von Wildungen nur blieb mannhaft und stät
Wir sind hier in der Stadt Rom bemerkte Dystra der die Genealogie der
Wildungenschen Ansprüche nun kannte Stocken Sie nicht Voland Man darf hier
Das scheinen was man ist
Die Weine des Hotels schienen auf ein gewisses Negligé der Verhältnisse und
Äußerungen gewirkt zu haben
Doch nicht Jesuit sagte Rudhard gereizt Ich gönne unsern Freunden Dankmar
und Siegbert alle Schätze dieser alten Verlassenschaft aus dumpfen und
geistesunfreien Zeiten aber im Grunde stammen Ihre Ansprüche von der
jesuitischen Pfiffigkeit her dass Rom sagte Hugo von Wildungen hat mannhaft und
stät gehandelt wie der Herr General sagen allein die Klugheit gebeut in
partibus infidelium unter den Ketzern festen Fuß zu behalten Wir dispensiren
ihn von dem Ordensgelübde persönlichen Nichtsbesitzes und gestatten ihm sein
Teil zu nehmen wie die andern Räuber auch
Ritter Rochus der im Cigarrendampf sich etwas unbehaglich fühlte horchte
auf Dieser Erguss sprach seine Ansicht aus er kam ihm nur etwas zu scharf
stylisirt vor Er war solcher Derbheiten im Urteilen entwöhnt und hatte sie
früher nur als Gelehrter oder in Korrespondenzen an Zeitschriften gekannt
Ich bezweifle sagte General Voland mit der ihm eignen Ruhe dass diese
Licenz des päpstlichen Stuhles eine jesuitische Einflüsterung war
Ich bezweifle es nicht sagte Rudhard mit Nachdruck
aber der General erwiderte
Mein Grund ist der dass jene Licenz des Komturs Hugo von Wildungen aus dem
Jahre 1539 stammt die Bulle aber die den Orden der Jesuiten bestätigte vom
Jahre 1540 herrührt dem 27 September 1540
Dankmar staunte teils über die Bekanntschaft mit seinen Angelegenheiten
teils über des Generals vielseitigste Kenntnisse und Dystra musste über diese
treffende Widerlegung lachen Er bat den Pfarrer sich mit dem General der sehr
wenig gegessen hatte an dem Brete mit Dessertweinen zu versöhnen das eben
Spartakus voll kleiner geschliffener Gläser servirte und damit den ganzen
Beifall des Ritters Rochus fand der über Weine und Süßigkeiten so scharfsinnig
sprechen konnte wie ein Philolog über verschiedene Lesarten
Rudhard war aber in seinem Fahrwasser In solchen Ideengängen gab er sich
nicht zufrieden und stieß mit Niemand gleich versöhnt an Er behauptete es
hätte Jesuiten gegeben lange vor der förmlichen Anerkennung des Ordens Der
Jesuitengeist sagte er sogar mit Paradoxie ist älter als Loyola Hildebrand
und Innocenz waren schon Jesuiten
Wenn Sie es so meinen Herr Pfarrer bemerkte der Chevalier vom Westen so
haben Sie Recht Geben Sie nach Herr General Bei einem Glase so vortrefflichen
Curaçao kann man die Jesuiten nur deshalb leben lassen weil sie sich um die
Bodenkultur Amerikas verdient machten
Der General war aber in seinem Vorteil Siegreich wie ein Wörterbuch
majestätisch wie ein KonversationsLexikon äußerte er Folgendes
Loyola nahm die Idee der geistlichen Ritterorden wieder auf aber in andrer
Gestalt Er wollte mit den Waffen des Geistes kämpfen Der Geist jener Zeiten
war der Glaube Loyola selbst Soldat von unbestrittner Tapferkeit ist ich
teile seinen Fanatismus sonst nicht ob ich gleich Katholik bin Loyola ist
deshalb ein so merkwürdiger Mensch weil er im Stande war als Krieger die Macht
der geistigen Waffen anzuerkennen Es verrät viel Einsicht dass er fühlte wie
sehr das Rittertum der Waffen im Abnehmen war Er ahnte schon das Schicksal des
Don Quixote den Cervantes zum letzten Ritter des Mittelalters machte und zog
für sich ganz allein nach dem gelobten Lande um die Türken nicht mit dem
Schwerte sondern durch den Glauben zu bekehren Er war ein Kreuzfahrer auf
eigne Hand Als er sich natürlich überzeugt hatte dass es ihm unmöglich war
einen Türken zu bekehren aus Rücksicht auf unsre Bedienung sagen Sie wohl
nicht Einen Mohren weiß zu waschen schaltete der Chevalier unruhig ein und
setzte seinen Curaçao auf den Tisch zurück kehrte Ignaz nach Europa zurück und
beschloss das Kreuz unter den Christen selbst zu predigen
Die inzwischen eingetretene Reformation bot ihm für diese eigentümliche
Auffassung der Kreuzzüge später haben die Freimaurer sehr geistlos dieses nach
innen gewandte Tempelbauen und Tempelpflegen nachgeäfft bot ihm sagich
Rudhard biss sich auf die Lippen und räusperte sich
Ich sage fuhr der General fort später bot ihm die Reformation ein
günstiges Schlachtfeld und wiederum ehrte es den Krieger dass er geistige Waffen
vorzog
Gift und Dolch schaltete Rudhard heftig ein
Voland ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen
Nennen Sie Das Gift und Dolch sagte er dass Ignaz ein drei und dreißig
Jahre alter Soldat in Barcelona sich in eine kleine Knabenschule setzte unter
Kindern ein Fibelschütz wurde und lateinisch lernen wollte Ignaz zog nach
Alcala und Salamanca als alter bemooster Bursch in der einen Hand den heiligen
Augustinus in der andern seinen alten Hieber der ihm noch manche schlimme
Händel zuzog und manchen Rückfall in die alte Landsknechtssitte zu verantworten
gab Überall zog der alte lateinische Knabe ein consilium abeundi und wanderte
mit ein paar Kommilitonen nach Paris wo er endlich mit den Wissenschaften Ernst
machen musste und in seinen harten des Denkens ungewohnten Kopf wenigstens so
viel Logik und Scholastik hineinbrachte dass man ihm bei den Jakobinern die
Magisterwürde erteilte
Bei den Jakobinern bemerkte der Ritter Rochus künstlich erschreckend Er
war aus seinen Depeschen und Zeitungsnachrichten her gewohnt mit diesem Namen
jede Debatte abzuschließen Bei den Jakobinern General Schlimme Vorbedeutung
Ignaz fuhr aber Voland unbekümmert fort Ignaz behielt seinen Zweck einen
neuen geistlichen Ritterorden einen Orden des damaligen Geistes zu stiften im
Auge fand jedoch üble Aufnahme bei den bequemen Professoren der Sorbonne die
lieber in Ruhe ihre Pfründen verzehrten und die Ketzer mit Traktaten widerlegen
wollten Man drohte ihm oft mit Rutenstreichen Dennoch fand er Anhänger Nicht
viel Ihrer fünf bis sechs
Fünf bis sechs fuhr fast unwillkürlich Dankmar auf der gespannt zuhörte
und den bekannten Tatsachen die er von dieser Seite aus sonst nie beurteilt
hatte ein neues Licht abgewann
Nicht mehr HerrWildungen erzählte der General Mit diesen wenigen Männern
verabredete sich der alte lateinische Haudegen zu einem Bunde der später so
allmächtig wuchs Sie gingen aus Paris in ein entlegenes Kloster stiegen dort
in unterirdische Kapellen nahmen das Abendmahl und schwuren entweder nach
Jerusalem zu wallfahrten oder nach Rom um sich dem heiligen Vater zu Füßen zu
werfen und ihre Dienste ihm anzubieten
Sie zogen die kürzere Reise nach Rom vor bemerkte Rudhard nicht ohne
Bitterkeit
Nicht ohne anderswo erst jene Anerkennung zu verdienen sagte Voland die
sie später in Rom allerdings fanden Sie gingen nach Venedig und andern Städten
Oberitaliens wo sie predigten eine Art innerer Mission trieben und von
Visionen sprachen die ihnen geworden wären Man hat diese Visionen für Lügen
erklärt Ich glaube wohl dass sich die jungen spanischen und französischen
Schwärmer selbst belogen Aber ich weiß nicht ob es nicht aufrichtiger
jedenfalls poetischer ist zu sagen
Ich sah die Mutter Gottes und hörte ihre Worte die mir Ermunterung
zusprachen mich im Dulden stärkten mich mit der künftigen Märtyrerkrone
trösteten oder wie dies bei den Freimaurern der Fall ist, mit geheimnissvollem
Grauen und eleusinischen Enthüllungen zu locken und das Nichtssagende oft
Triviale in ein Gewand allegorischer Bedeutsamkeit zu hüllen Das Auge sieht den
Himmel offen So spricht der Mensch vermöge seiner höheren Inspiration und seiner
Ahnung eines großen Jenseits Aber das Auge sieht einen Vorhang offen eine
Gardine einen Lappen offen welche Torheit
Diese Äußerung verriet eine innere glühende Schwärmerei die sich hinter
Kälte und weltmännischer Glätte verbarg
Wie kommen Sie zu dieser Polemik gegen die Freimaurer fragte der Ritter
Rochus Die Freimaurer haben sich in jüngster wilder Zeit außerordentlich
bewährt
Und ich fürchte fast sagte der Wirt der seine kurzen Beine
übereinanderschlug und in einer Sophaecke fast verschwand Rudhard ist selbst
ein Freimaurer
Ich muss in diesem Falle um Entschuldigung bitten bemerkte angeregt der
General Ich bewege mich auf diesem ganzen Gebiete religiöser Wirren und
Streitfragen nur als Dilettant und Geschichtsfreund Allein das Kapitel von den
geheimen Gesellschaften führt unwillkürlich auf Vergleiche und ich weiß den
Orden der Jesuiten mit keiner andern historischen Erscheinung in Analogie zu
bringen als dass ich ihn an die alten geistlichen Ritterorden anknüpfte und
endlich andeutete wie der letzte Versuch die Templerei wieder in Schwung zu
bringen eben die Freimaurerei ist Lassen Sie uns alle Ausartungen des
Jesuitenordens bei Seite stellen vergleichen Sie was dieser Orden der als
ihn der Papst bestätigte zehn sage zehn Mitglieder zählte und was die
Freimaurerei bewirkte
Ich bin nahm Rudhard jetzt das Wort kein leidenschaftlicher Maurer In
Russland sind alle geheimen Gesellschaften verboten und mit Recht Die Menschheit
soll in offener Form leben und ihr Licht da leuchten lassen wo es die Finsternis
bedarf Sie hören daraus nochmals dass ich kein leidenschaftlicher Maurer bin
Aber Sie sind ungerecht Herr General Die Jesuiten hatten in ihrer Art
trefflich gewirkt Der Kreuzzug gegen die Ketzer war mit Blut Scheiterhaufen
Folterqualen bezeichnet Ganze Länder fielen in die Nacht des Irrtums in die
Fallstricke Roms zurück Die Rückbekehrung hat zB Böhmen zu einem düstern
tückischen Czechenlande gemacht während es ein freiblickendes edles
Hussitenvolk sein konnte Der jesuitische Geist pflanzte sich in die
Kirchenverbesserung über Pfaffentum überall Nirgend ein freier Lichtstrahl
mehr und keine Tugend außer im christlichen Gewande der Demut Da trat die
Freimaurerei auf Sie kam von England dem Lande der klaren Begriffe Ich will
nicht leugnen dass sie eine Frucht jenes Freigeistes war der damals von England
sich auf den Kontinent verpflanzte Man wollte die Lehren von Bolingbroke und
Locke zu einer neuen Religion erheben man fand eine Symbolik die man von
äußern Zufälligkeiten hernahm von einer Art von Ressource oder Kasino und
übertrug in ein heitres geselliges Zusammenleben allegorische Wahrheiten Wir
sind in der Tat an Bruderliebe nicht so gesegnet in unserm Dasein dass wir
nicht eine systematische Beförderung derselben gern begrüßen sollten Ich
verwerfe jeden alten Ursprung der Maurerei Es ist Torheit sie an die
Tempelherren anzuknüpfen Es ist sehr fraglich ob die Baugilden des
Mittelalters irgend etwas mit ihr gemein haben Allein wenn sie auch nur aus dem
veredelten Prinzipe der Geselligkeit entspringt und sich mit affektirtem Ernste
spielende Formen gab die sie selbst bei ihrer ersten Stiftung belächelte und
die nur später wie Geheimnisse erfasst und fortgepflanzt wurden so hat sie
Segensreiches gewirkt Ich will von den gespendeten Wohltaten und beförderten
Humanitätszwecken nicht reden Ich will nur darauf hindeuten was sie in der
Geschichte der Kultur und der freien Geistesentwickelung gewesen ist
Ja rief Ritter Rochus vom Westen plötzlich wie elektrisirt und von
Eifersucht gegen den General angeregt Ja ich bin sicher kein Maurer Aber
bester General die Logik die gesunde Vernunft hat die Maçonnerie befördert
Sie hat den Menschen als Menschen erfasst und ihn vom Gängelbande der Konfession
und der Vorurteile der Stände befreien helfen Sie arbeitete allerdings der
französischen Revolution aber der guten und lobenswerten Phase ihrer
Entwickelung vor Sie hat das Gemeingefühl der Geister gestärkt die die
Aufklärung fördern wollten und ohne die Unterstützung der Logen allein gestanden
hätten und bald verzweifelt wären Die Logen waren eine Ergänzung der
historischen Gesellschaft wie sie einmal geworden ist und ohne blutigen
Umsturz den wir verabscheuen nicht geändert werden kann Sind die größten
Geister der Literatur ohne den Zusammenhang mit den Logen zu denken Lessing
Herder Wieland Goethe waren Logenbrüder Der hohe Geist der in ihnen wirkt
pflanzte sich durch die geheime Verbrüderung gleichgestimmter Seelen rascher
fort als auf der freien Arena des Marktgewühles wo die Kritik und der Neid der
Schulen ihr Wirken begeiferte
Der General blickte lächelnd auf den Ritter in dem sich der alte
vorurteilslose Gelehrte regte Alle staunten Niemand mehr als Dankmar der
ein einfacher Referendar so in die Lage kam einen berühmten Diplomaten einmal
frisch von der Leber weg reden zu hören Man sah die Wirkung der Tafel der
Natürlichkeit des Wirtes Die Reserve war aufgehoben Es regte sich in dem
Gesandten »wie der Wein im Fasse wenn die Reben blühen«
Er vergaß welche Tatsachen er in der Welt zu verteidigen hatte und welche
Grundsätze ihm bezahlt wurden
Dystra hielt es seiner Wirtspflicht für angemessen den Ernst dieser
Unterhaltung die für Louis und Dankmar grade in den Gegensätzen so spannend
war etwas zu mildern und sagte
Ich versichre Sie meine Herren wenn ich den Tempelstein accaparire ich
hoffe Freund Voland Sie verwenden Ihren Einfluss dass mir dies Vorhaben gelingt
so werd ich dort weder einen Jesuitensitz noch eine Freimaurerloge etabliren
sondern auf die alten Zeiten zurückkehren und mich an das Sprichwort halten das
Rudhard vorhin erwähnte Er trinkt wie ein Templer
Man lächelte
Diese alten Templer waren viel vernünftigere Personen als Eure Loyoliten und
Eure Salomonischen Meister vom Stuhle fuhr Dystra fort Sie liebten die Freude
den Wein den Gesang die Weiber Sie bauten sich Werbeplätze für den
Sarazenenkrieg exercirten die Mannschaften und blieben zuletzt zu Hause Sie
wählten sich die besten Aussichten zu ihren Burgen und Abteien Sie hatten
Geschmack für natürliche Veduten Die Sünden die sie als Ritter begingen
konnten sie sich als Priester gleich selbst wieder vergeben Ich finde dass die
Wiederherstellung dieses Ordens im uralten Sinne mir eine liebe Aufgabe auf dem
Tempelstein sein könnte Ich baue die Ruine aus trotz Rheinstein und
Stolzenfels Die Erker Türmchen gezackten Mauern behalt ich bei Der
Burggarten mit Springbrunnen die Altanen Söller das Alles waren sehr amüsante
Ideen des Mittelalters Nur in dem Burgverliesse würde ich vorziehen meinen
Champagner kühl und petillant zu erhalten Die steinernen Fussböden würd ich mit
wärmern Parquets vertauschen Die Öfen würd ich mir in neuester Konstruktion
ausbitten und vielleicht um mich ganz mit dem Mittelalter zu befreunden eine
Petersburger Lufteizung versuchen Hinten auf der Abtei mach ich eine bequeme
Neusiedelei mit englischem Komfort Eine Bibliothek soll da sein für Sie Alle
Alle Kirchenväter alle Streitschriften der Jesuiten aber auch alle Werke
Voltaires Humes Lockes und wiederum alle Predigten Bossuets Ich wette
Freund Voland liest da nicht einmal die Kirchenväter Ebensowenig wie ich Ihnen
gestehe lieber Rochus dass ich die Maurerreden in den deutschen Klassikern
immer übersprungen habe
Mit einem ganz natürlichen Instinkt lieber Dystra nahm der General den
Gegenstand wieder auf Sie haben wahrscheinlich immer gefühlt dass diese
Maurerreden in der Tat Dasjenige was wir an Herder und Goethe bewundern nicht
ausdrücken Wahrlich durch diese Reden ist Das nicht hindurchgegangen was an
unsern deutschen Klassikern so groß so befruchtend war Ich will nicht von der
romantischen Schule sprechen und den Nachdruck darauf legen dass man sich Tieck
Schlegel Brentano Novalis Schenkendorf nicht als Maurer denken kann Aber
auch Jean Paul Herder Goethe Jean Paul der Herrliche Geistesreiche trug in
Alles seine bedeutsame kindliche Auslegung hinein Herder ist nur befruchtend
und anregend gewesen in den Bestrebungen die ihn uns als den Erwecker der
verstummten Völkerstimmen zeigen Goethe vollends als Maurer hat sich im
Grosskophta selbst persiflirt wie er sich im zweiten Teil des Faust als
Minister persiflirte Der große allgewaltige Olympier den wir in ihm bewundern
hat mit der Loge nichts gemein Man zeigte mir einmal in Weimar Goethes
Schurzfell es hat mich nicht erbaut
Ebensowenig bemerkte Rudhard wie mich der Franziskanerstrick erbauen
würde den Zacharias Werner in Wien trug
Diese Entgegnungen waren wieder herausfordernd Der General warf einen
scharfen Blick auf den Ritter der sich inzwischen besonnen zu haben schien und
seiner öffentlichen Funktionen eingedenk wurde Rochus von Westen der mit
Voltaireschem Esprit Zacharias Wernersche Zeitauffassung vertreten musste
schwieg
Sehen Sie wandte sich Dystra jetzt zu Louis Armand Das sind die
Gegensätze die uns dies sonderbare Deutschland so verworren erscheinen lassen
Ich bin durch die halbe Welt gereist habe die Pyramiden Ägyptens und die heißen
Fontainen in Island gesehen überall streitet man sich aber nirgends so viel
wie in Deutschland und nirgends spukt noch das tolle Ritterund Mönchswesen wie
bei uns während unsre ganze Tournierfähigkeit jetzt kaum noch darin besteht
dass wir im Lesekasino wissen Sie Rochus worin wir uns im Kasino als die
letzten Ritter erscheinen müssen
Man horchte gespannt
Unser letztes Rittertum besteht in dem Rest der Kunst des Ringelstechens
vermöge dessen wir die Journale die wir gelesen haben wieder an die Haken
hängen von wo wir sie herabgenommen Meine Ahnen können nicht künstlicher in
den Karroussels nach dem Ring gestochen haben wie ich jedesmal angeln muss um
die Times wieder an ihren Riegel Nr l zu hängen
Während man diesem Einfall applaudirte fragte Dystra Louis
Sie sind aus Lyon gebürtig
Aus Lyon mein Herr
Sie sprechen vortrefflich deutsch
Es ist die Sprache meiner nächsten Verwandten
Louis litt unter der Vorstellung dass Otto von Dystra vielleicht nicht
wusste dass er die Ehre seiner Einladung einem in der Gesellschaft so
tiefstehenden Arbeiter hatte zu Teil werden lassen Rudhard Dankmar selbst
Voland fürchteten dieselbe Aufklärung Sie wussten wohl dass Dystra keine
Vorurteile hegte dennoch würde er seiner Gäste wegen sich vielleicht betroffen
gezeigt haben Deshalb ergriff Dankmar sogleich das Wort und lenkte das Gespräch
auf Egon den Beschützer Armands hinüber
Als dieser Name ausgesprochen wurde wandte General Voland seine
durchdringenden Augen zu Dankmar und hörte mit Spannung was über den jetzt die
Geschicke des Landes lenkenden jungen Fürsten würde gesprochen werden Rudhard
erteilte aber dem neuen Premierminister sogleich die entschiedensten
Lobsprüche Er besitze ganz jene zähe Ausdauer sagte er ohne welche man jetzt
nicht Politik treiben könne Er hätte der Hydra der Revolution auf den Nacken
getreten er werde es bändigen das Ungetüm das in seinen Verheißungen die
Sprache der Engel rede in Wahrheit aber eine blutige Wolfsnatur wäre
O wie stimmten die beiden vornehmen Gäste bei Wie überschüttete man Rudhard
mit Dank mit Bewunderung Aber gerade in dem Übermaass lag der Mangel an
Aufrichtigkeit Man stockte sogleich Man ließ Rudhard reden preisen Man
schwieg bis General Voland zu Louis sagte
In Lyon machten Sie des Fürsten Bekanntschaft Wie schön dies Lyon Wie
eigentümliche historische Luft weht in jenen südlichen Abdachungen die von da
mit den großen Strömen sich zum Meere hinuntersenken Lyon ist eine der ältesten
Städte Frankreichs Der Zusammenfluss der Saone und der Rhone bietet dem Auge ein
gefälliges Schauspiel Noch sind hier die Überbleibsel der alten römischen
Niederlassungen sichtbar Mancher römische Kaiser hat in Lyon gewohnt manches
christliche Märtyrerblut ist dort geflossen wofür denn freilich diese Stadt die
Ehre genießt von sich rühmen zu dürfen dass sie die erste christliche Kirche
Galliens aufzuweisen hat Ich kenne nur zwei Empfindungen die mich bei
Wanderungen und Reisen ganz erfüllen können Die eine ist Die historische Luft
zu atmen Wo genösse man diese Wonne in größeren Zügen als im Süden Europas
Wie ich in Lyon war sah ich Königreiche vor mir wieder neu erstehen die nun
mit dem Schutt der Vergessenheit bedeckt sind Ich sah das Arelatische Reich
das hier blühte ich sah Burgund dessen Kraft an den Morgensternen der
Schweizer bei Murten zersplitterte 1476 Wie weht da ein Geist der Kraft der
Auferstehung der Verjüngung Wie sieht das Auge reisige Geschwader
herniederkommen von den Bergen und Alles drängt sich dem Mittelpunkte der großen
Weltbegebenheiten zu dem Mittelländischen Meere um das herum doch eigentlich
allein nur wahre Geschichte gemacht wird Das zweite nicht minder erhabene
Gefühl hab ich beim Anblick jener Uranfänge des Christentums die uns aus
alten Mauern und Kapellen noch entgegentreten Die großen Münster die aus der
Blütezeit der Kirche herrühren machen mir lange nicht den Eindruck als wenn
ich jene kleinen oft ganz versteckt liegenden niedrigen Kapellen und Kirchen
mit Kreuzgängen sehe die noch fast das Ansehen alter Kastelle haben und
sozusagen die cyklopische Zeit der Kirchenbaukunst bedeuten So empfand ich in
Mailand bei jener entlegenen Kirche die einst der heilige Ambrosius vor dem
Kaiser Teodosius schloss und ihm nicht gestattete früher den heiligen Boden zu
betreten ehe er sich nicht von dem in Tessalonich vergossenen Märtyrerblute
gesühnt hatte Wie jung war damals die Christuslehre Wie neu und frisch der
Eindruck einer Begebenheit die in die alte erstorbene Welt der Heiden wie ein
junges Reis hinein sich rankte und bald lebenskräftig die ganze gebildete Welt
der Erde mit grünem Laube umzog Auch in Pavia Genua vor allen Städten aber in
Rom folgt man mit Wonneschauern diesen allerersten Fusstapfen der Kirche und kann
sich mit etwas Phantasie aus schwarzen niedrigen byzantinisch gerundeten
Bauten die ganze Vergangenheit zusammensetzen die wir kaum kennen würden wenn
nicht irgendwo doch ein sinniger Mönch in einem Kloster die Erzählungen
durchreisender Pilger als Schreib und Stylübung verzeichnet hätte
Wahrlich fiel Otto von Dystra des Ritters ironisches Niederblicken
bemerkend lachend ein ich muss sagen Voland Ihre poetische Spürkraft hat sich
merkwürdig ausgebildet Für einen Offizier ist so viel Studium heterogener Dinge
aller Ehren wert Aber es ist wahr Sie schmachteten schon in Hofwyl unter dem
Druck der rationellen Erziehung Fellenbergs und sehnten sich zu jenen jungen
Fürsten und Grafen hin die in Freiburg erzogen wurden
Das nicht Dystra sagte der General der auch im Pädagogischen sattelfest
war Aber ich fand früh heraus dass Fellenberg uns Alle täuschte Fellenberg gab
sich die Miene zwischen Pestalozzi und den bestehenden Kastenansprüchen der
Gesellschaft hindurchsegeln zu können und wollte gleichsam Jeden für seinen von
dem Zufall ihm vorgezeichneten Stand erziehen Ich will nicht sagen dass ich
schon damals die Einsicht besaß diesen Widerspruch zu durchschauen aber ich
fand dass die Jesuiten in Freiburg mit mehr Wahrheit mit mehr Gleichheit in
besserem Sinne erziehen Sie stellten die Stände gleich und gaben dem
Fürstensohne wie dem künftigen Priester dieselbe Erziehung
Das ist ja grade das Gewagte Herr General erlaubte sich Dankmar dem in
allen Standpunkten seiner Zeitgenossen dilettirend Herumtastenden zu bemerken
Wir erhalten aus jener Gegend her Priester die wie Fürsten regieren wollen und
Fürsten die wie Pfaffen denken
Sehr wahr sehr wahr bemerkte Dystra Schelten Sie mir nur unsern alten
Fellenberg nicht Voland Sie machen unsrer Schweizererziehung auch durch Ihren
Appetit keine Ehre Sie scheinen von Nichts zu leben Sie lassen mir jede gute
Schüssel jedes Glas aus Küche und Keller der »Stadt Rom« vorübergehen Die
alten Mönche tranken Wein wenn sie auch noch so fromm waren
Otto von Dystra war völlig unbekannt damit dass der General der Mann der
Fabel hieß Er verstand des Ritters halb verlegenes halb schadenfrohes Lächeln
nicht verstand nichts von der eigentümlichen Ruhe mit der Dankmar seine
Zigarre rauchte und gewissermaßen Louis Armand ermunterte nur auszuharren und
sich nicht einschüchtern zu lassen Er ahnte nicht dass Ritter Rochus vom
Westen médisant anekdotenhaschend negativ wie er war sich auf die Lippen
biss um die Bemerkung zu unterdrücken Wissen Sie denn nicht dass General Voland
in dem Rufe steht wie der Graf StGermain durchaus nichts zu genießen und nur
von einem himmlischen Manna zu leben das er zuweilen aus einer in seiner
Uniform verborgenen Dose nimmt
Der Ritter trennte sich gewaltsam von dem Gelüst diesen Gedanken
auszusprechen und fragte den Baron wie lange er in Europa bleiben würde und ob
er nicht Kalifornien gesehen hätte Kalifornien war dem General so gleichgültig
wie zB Rudharden die Kirche San Ambrogio in Mailand Aber dem Ritter Rochus
war Kalifornien die eigentliche wahre Errungenschaft des Zeitgeistes
Otto von Dystra sprach von dem Versuche in Deutschland zu leben wenn er
hoffen dürfte sein Vermögen aus Russland herauszuziehen und gewisse
Familienfragen auf deutschem Boden zu lösen
Dankmar wollte etwas von den Schwierigkeiten solcher russischen Prozeduren
bemerken und fand bei den hochgestellten Herren die sich zum Gehen rüsteten
eine Beistimmung die ihn überraschte Rudhard aber nahm Veranlassung wiederum
die strenge gegliederte Ordnung des russischen Militairstaates und den
unromantischen aber beglückenden Absolutismus zu preisen Die Diplomaten
nickten suchten nun aber doch davonzukommen Eben im Begriff die Hüte zu
ergreifen und sich zu empfehlen hörte man draußen auf der Straße plötzlichen
Lärm Man stutzte Die Bedienten hatten schon lange nach den Fenstern gesehen
und durch ihre Bewegungen die Aufmerksamkeit der Herrschaften auf die Vorgänge
lenken wollen die sie in den Straßen beobachteten Erst ein Murmeln dann ein
Sausen immer hörbarer anwachsend und an den Häusern des Platzes an welchem die
Stadt Rom gelegen war widerhallend Ein Rauschen und Brausen Das Getümmel
wuchs Man hörte rufen man hörte schreien die Gesellschaft statt sich
aufzulösen eilte an die Fenster Der Platz wimmelte von Menschen
Was ist Das
Man drängt sich an jenes Haus
Ein Auflauf
Wer wohnt dort
Bediente aus dem Hotel waren von den Vorgängen unterrichtet Sie sagten
dort an dem umstandenen Hause pflegten Maschinenarbeiter ihre Versammlungen zu
halten Ihr Verein wäre heute aufgehoben weil man wieder drohende Reden
gehalten Die Polizei überwache die Sitzungen und schlösse sie jedesmal wenn
etwas Anstössiges gesprochen würde Heute hätte man nicht auseinandergehen wollen
Indem kam schon eine Kolonne Militär und trieb erst die neugierigen Massen
auseinander dann rückte sie auf das Haus selbst zu Die Agenten der Polizei
waren in voller Tätigkeit und soweit die nur matte Erleuchtung des Platzes die
Übersicht gestattete sah man dass unter Geschrei Pfeifen Lärmen zahlreiche
Verhaftungen vorgenommen wurden
Das ist so schon das dritte Mal berichtete der Bediente und Voland sagte
mit einem eignen sardonischen Lächeln
Man gewöhnt sich an dies Chaos Es stört Niemanden mehr in seiner Abendruhe
Der Ritter Rochus vom Westen aber zitterte Er hatte in einem solchen Sturm
vor wenigen Monaten sein Portefeuille verloren Er wusste an Beispielen dass man
dabei auch sein Leben verlieren konnte trotz der Privatverehrung von Voltaire
und Bolingbroke
Abscheulich sagte Dystra einen Staat in solchem ewigen Kriege gegen sich
selber zu wissen Hören Sie nur das Pfeifen dies Höhnen das Zertrümmern der
Fensterscheiben Die Trommel wirbelt Es kann nicht lange währen so hört man
eine Salve und wir sehen Tote und Verwundete
Ritter Rochus geriet außer sich Meinen Sie rief er und trippelte hin und
her
Das ist modernes Staatsleben sagte Voland fast triumphierend
Im Mittelalter war es nicht besser rief Rochus ärgerlich
Ehe man Macchiavelli kannte warf Rudhard dazwischen
Allerdings sagte Voland den Militairmantel überwerfend allerdings in
kleinen Staaten Man hat gezählt dass in Pisa allein vom Jahre 132O bis 152O
über dreihundert Aufstände vorgekommen sind
Ha schrie Ritter Rochus Es trommelt
Eine Salve krachte Verzweiflungsruf eine allgemeine rasende Flucht Der
Platz leer Ein paar Verwundete ein Todter den man der Polizei übergab Die
Ruhe schien auf dem Platze hergestellt Exaltirte Köpfe rannten durch die
Straßen und riefen Waffen
Die Toren sagte Dankmar Waffen Sie wissen nicht was Das für ein
Anachronismus ist Die Zeit der panischen Begeisterung und die der panischen
Furcht ist auf lange vorüber Die Regierungen gewinnen da nur an Kraft wo sich
die Demokratie einbildet mit dem alten Apparate Waffen und Barrikaden noch
kämpfen zu können
Und ist es nicht ein Glück dass sie an Kraft gewinnen sagte Rudhard streng
Mein Bester Die Ruhe der Welt dankt Ihnen für Ihren Zögling rief der
Ritter Rochus und schüttelte Rudhards Hand Das Ministerium Hohenberg
bezeichnet eine Epoche der Geschichte Nur Ruhe
Wie würden Sie diese Verwirrung lösen General sagte Dystra indem er einen
schwachen Versuch machte seine Gäste wieder zum Sitzen zu bringen Sie stehen
über dem Momente Sie haben die Jahrhunderte vor Augen was erwarten Sie von
dieser Zeit
Eine Droschke rief der Ritter wenn mein Wagen nicht da ist
Die Bedienten sagten er wäre ins Tor des Hotels gefahren weil man
draußen Barrikaden fürchtete Jetzt wäre alle Gefahr vorüber
O sehr gut Sehr gut Guten Abend Baron
Dankmar und Louis obgleich im höchsten Grade aufgeregt von dem Vorfall vor
dem Wirtshause wo sich der Maschinenarbeiterverein versammelte ängstlich
ohnedies um die Verwundeten und den Toten horchten gespannt was der General
antworten würde allein dieser lehnte freundlichst ein längeres Bleiben ab Er
berief sich auf seine gemessene Zeit seine Berufspflichten seine besetzten
Abende Sein Abschied sein Dank für die Bewirtung war einfach und wohlwollend
Er sagte Dankmarn und Louis gleich Verbindliches bewahrte aber bei aller
Freundlichkeit einen so eigentümlichen Ernst dass man unwillkürlich staunend
hinter ihm hersagen musste Er sagt fast Alles was er weiß und von Dem was er
nicht weiß muss man doch noch glauben dass er es nur verschweige Der General
schloss sich dem Ritter an
Rudhard der das Anliegen Louis und Dankmars bei Dystra nicht stören
wollte ging mit den Worten
Baron Sie sind ein Neuling in Europa Sie werden Ihre Jugendfreunde kaum
wieder erkannt haben
Dystra lachte und sagte
Der General hätte Priester werden sollen Ich sagte es ihm schon bei
Fellenberg
Wer weiß ob er es nicht ist meinte Rudhard Russland hat ganz Recht dass es
die Freimaurer und die Jesuiten verbannt Ich möchte dem General Voland nicht
das Schicksal dieses Staates anvertraut wissen und finde es ganz in der Ordnung
dass Egon vor einem Manne der sich des Wirrwarrs zu freuen scheint auf der Hut
ist
Es ist kein Jesuit eher ist es Ritter Rochus der die Jesuiten bestreitet
sagte Dystra Glauben Sie mir Ich fange an Europa zu begreifen Mein alter
Kamerad von Hofwyl lebt nur zum Schein vom Geiste er isst nicht er trinkt
nicht Dieser Mann scheint eine Abstraction geworden zu sein Aber ich wette
dass er eben einige Beafsteaks gegessen hatte ehe er zu mir kam Jetzt geht er
schlafen und um zehn Uhr ist er bei Hofe um bis ein Uhr nach Mitternacht mit
dem Könige Gold zu kochen Mein alter Freund aus Athen und Stambul der Ritter
Rochus fährt jetzt nach Hause und chiffrirt unsre ganze Unterhaltung nach
seiner Hauptstadt wo sie nicht die Minister wohl aber deren Frauen allenfalls
interessieren könnte
Rudhard ging mit einigen Fragen nach Siegbert kopfschüttelnd Dystra
aufhorchend wegen Olgas doch sich zurückhaltend begleitete ihn
Als der Baron zurückkehrte zog er Louis und Dankmar zu sich auf das Sopha
nieder und hörte nun von ihnen mit Erstaunen dass jener Murray von dem ihm
schon Mangold so Sonderbares erzählt hatte der ihm wohlbekannte Morton aus
NewYork war Er hielt Morton für verschollen für tot Er erklärte sich mit
Freuden bereit seine Bemühungen mit denen der Freunde zu verbinden um Murray
dessen deutscher Ursprung ihm kein Geheimnis war aus einer so gefährlichen Lage
und jedenfalls einem wie es ihm vorkam vorgefassten Misverständnisse über seine
Person zu erlösen Er erklärte sich bereit jede nur irgend verlangte Kaution zu
hinterlegen damit Murray auf freien Fuß gestellt würde Die Verabredung morgen
in der Frühe gemeinschaftlich auf das Profossamt zu gehen und sich für den
Gefangenen zu verbürgen war ihm ganz genehm Er trennte sich von seinen neuen
Bekannten mit der Bitte ihm ferner ihr Vertrauen zu schenken und ihm zu
gestatten ihre Zeit zuweilen in Anspruch zu nehmen
Dankmar fand an dem offenen gentlemännlichen Benehmen des von der Natur
vernachlässigten und doch durchaus nicht ungefälligen Barons große Freude und
schlug in die dargebotene Rechte herzlich ein Louis aber zog seine Hand zurück
und sagte um endlich ein ihn peinigendes Gefühl los zu werden in französischer
Sprache sicher und fest
Herr Baron wir sind Ihrer Einladung gefolgt sind geblieben wir wussten
nicht wie Ich für mein Teil mit großem Widerstreben Verzeihen Sie mir meine
Dreistigkeit Sie hat mich während des ganzen Abends genug gefoltert Ihre Güte
haben Sie einem Manne gewidmet der darauf nach den Regeln der Gesellschaft
keine Ansprüche hat Sie haben diesen beiden großen Staatsmännern durch meine
Schuld eine Unannehmlichkeit zugefügt Ich bin ein einfacher Handwerker
Ein Handwerker
Dystra blickte wirklich erschrocken auf
Glauben Sie Das nicht fiel Dankmar ein mein Freund Louis Armand ist ein
Philosoph ein Dichter Aus Laune der Natur und des Zufalls lernte er das
Handwerk eines Tischlers das er indessen zu einer Kunst erhoben hat und alle
Welt weiß dass ihn Bande der innigsten Freundschaft an Fürst Egon festhalten
Mein Herr antwortete Dystra der sich rasch gesammelt hatte wenn Sie nur
der Freund des Herrn Wildungen sind so brauchten Sie nicht einmal eine
Merkwürdigkeit zu sein die den General Voland interessierte ich würde Sie schon
mit offenen Armen aufgenommen haben Der Ritter Rochus seien Sie versichert
schreibt in diesem Augenblicke an die Fürstin »Das neue Ministerium
lässt zwar auf der Straße die Emeute bekämpfen aber in den Salons ist die Emeute
siegreich Ich habe bei einem Diner Veranlassung gehabt zum Nachtisch mit einem
Handwerker Kaffee zu trinken Es ist dies der bekannte »Ouvrier« der in keinem
modernen Ministerium fehlen darf und dem auch hier das Portefeuille der
öffentlichen Bauten oder der Gewerbe würde übertragen werden wenn er nicht
zufällig ein Ausländer wäre« Bei Alledem morgen auf Wiedersehen
Auf Wiedersehen widerholte Dankmar lachend
Die Freunde schieden
Dystra aber innerlichst bewegt aufgeregt sogar durch diesen Abend
»revoltirt« durch das Gespräch durch die Szene auf dem Platze durch den
Gedanken an die Familie Wäsämskoi und den ihm durch den Bruder nun schon so
naherückenden Nebenbuhler Siegbert Wildungen an das Schicksal Murrays sprach
den Arm aufstützend vor sich hin
Du bist doch ein Neuling in dieser modernen Welt Dystra Du hast viel
versäumt viel nachzuholen oder viel zu vermeiden Bau dir den Tempelstein aus
und vergrabe dich dort als Einsiedler Kosmopoliten sucht jetzt Niemand Mit
dieser Welt werden bald Baschkiren und Mongolen reden müssen Noch trinkt Asien
Opium oder Stutenmilch aber bald werden wir das furchtbare Pferdegetrappel von
den Steppen des Ostens hören Bis nach Chalons kommen sie wieder diese
Hunnenzüge bis nach Chalons wo der Champagner wächst Da muss es sich
entscheiden ob das neue Weltalter von der Natur der ewig wiederkehrenden oder
dem Geiste dem endlich durchgerungenen siegend wird bestimmt werden
Die beiden Schwarzen wünschten ein Urteil über das Diner zu hören und eine
Ansicht über die Szene auf dem Markte Dystra merkte Das an den Fragezeichen
die auf ihren glänzenden Gesichtsfratzen standen als sie so leise
heranschlichen
Alles gut gewesen bis auf den Toten draußen Lasst anspannen Hut und
Stock Ich will noch für einige Akte in die große Oper fahren Begleitet mich
Spartakus und Cicero eilten die Befehle ihres Herrn zu vollziehen Er hatte
ja dem Intendanten versprochen sich von ihm sagen zu lassen wie seine ihn
umgebende artistische Verschwörung die Idee von der Mitwirkung lebendiger
Meerkatzen im Faust und der neuen Scenirung der Zauberflöte durch eine
entsprechende Menagerie aufgenommen hätte
Dystra bedurfte heute dieser Anknüpfung an Herrn von Harder um wieder zu
seinem gewohnten Humor zurückzukommen und glücklicherweise hatte der Vorfall auf
dem Platze am Hotel de Rome die Vorstellung in der großen Oper nicht gestört
Die Zeit war eisern geworden Die Nerven gewöhnten sich schon
Zwölftes Kapitel
Zwei Tote
Seit vierzehn Tagen hatte Hackert vergebens versucht den gefangenen Murray zu
sprechen und sich der von Madame Ludmer ihm gegebenen Aufträge zu entledigen
Assessor Müller war streng Er anerkannte Hackerten nicht offiziell da er ihm
nur eine Privatbeziehung zum Oberkommissär Pax einräumen konnte Pax kehrte noch
immer nicht zurück Ohne dessen Vermittlung litt das Untersuchungsamt keine
Konfrontation mit einem Manne der allerdings durch seine ruhige und ergebene
Haltung seine gebildeten Antworten seine Auslegung des Vorfalles im Plessener
Walde die Justiz fast schon entwaffnete Die über den Schmied Zeck eingezogenen
Nachrichten lauteten alle ungünstig Herr von Zeisel stellte Murray schon um
Louis Armands und des Prinzen Willen im günstigsten Lichte dar Die Ludmer
erfuhr diese Wendung Ungeduldiger immer dringender wurde ihr Ersuchen an
Hackert Da aber Pax nicht zurückkehrte konnte von dieser Seite ihrer
geängsteten Wissbegier nicht geholfen werden
Wie sich heute an einem Sonntage Hackert dem Profosshause näherte bemerkte
er Menschen die zahlreicher als sonst durch die Tür des altertümlichen
Gebäudes aus und eingingen
Eine öffentliche Gerichtssitzung dachte er oder was gibts da
Indem läuteten die Glocken er besann sich dass Sonntag war Und dennoch
diese Bewegung
Wie er das Profosshaus betrat und in eine große steinerne Halle zur Linken
eintrat bemerkte er dass sich die Menschen um einen dort aufgestellten
Gegenstand versammelten
Es ist gestern Abend geschossen worden sagte er sich Wahrscheinlich einer
von Denen die dabei blaue Bohnen gegessen haben
In der Tat war es der Leichnam eines jungen Handwerkers der gestern wie
er hörte bei der Sprengung des Maschinenbauervereins entweder zufällig oder als
ein Opfer seiner Widersetzlichkeit gefallen war
Viele Andre hörte er wären verhaftet noch Einige verwundet worden
Wie er noch so in der Ferne mit einer Miene voll Gleichmut und
achselzuckend zu der Gruppe hinblickte die ab und zugehend ihre Teilnahme
nicht auszusprechen wagte da Schildwachen und Polizeidiener genug in der Nähe
standen sieht er mit ängstlichem vorsichtig behendem Schritt Louise Eisold über
den Marktplatz schreiten an dem das Profosshaus liegt Sie hat vier ihrer
Geschwister an der Hand Wilhelm und Karoline die Zeitungsträger und die noch
kleineren Friederike und Heinrich
Wie Louise in das gewölbte Portal des Profosshauses tritt wendet sie sich
fragend nach der Halle und sieht die Gruppe der Neugierigen
Ein so junges Blut heißt es
Sie hört Das Sie tritt näher
Die Geschwister wollen sie der Menschen wegen zurückhalten Sie reißt sich
von ihnen los drängt sich heran beugt den Kopf über die Tragbahre hält sich
wie schwindelnd an einem der ihr nahestehenden Menschen blickt noch einmal auf
die Leiche und stößt einen Schrei des Entsetzens aus
Karl rufen die Kinder und brechen in ein herzzerreissendes Weinen aus
Karl ruft Louise und fasst die Leiche um sie emporzurichten die Halle war
niedrig spärlich durch kleine runde Fenster erleuchtet vom trüben Wetter fast
düster Sie hält den Kopf des Toten wie gegen das Licht streift an den
Kleidern entlang sieht die Züge des kalten Angesichts noch einmal prüfend durch
und hat von dem an der Brust geronnenen Blute die Merkmale seiner tötlichen
Wunde in der Hand Der Tote war Karl Eisold ihr Bruder Sie musste es so
hinnehmen Es war so Gott hatte Das gegeben Gott oder Wer Es war so Ihr
Bruder Karl war tot
Die Teilnahme der Umstehenden zeigte sich freilich als die innigste aber
was half Das Louise lag über die Leiche hingestreckt und betrachtete sie stier
Dann redete sie wie im Wahnsinn mit dem Toten als wenn er lebte als wenn er
selbst Auskunft geben könnte
Karl hörst du nicht Karl
Sie schluchzte nun wenigstens und sprach doch wieder Erst schien sie selber
leblos
Der Tote kalt und stumm Das Blut quoll noch ein wenig aus der Wunde Es
war in größeren Massen die Nacht über auf eine Strohmatte gerieselt die man
unter die Bahre gelegt hatte Das blasse Antlitz des sechzehnjährigen Jünglings
war milde und wie verklärt Er schien zu schlafen Das blonde Haar hing
schlicht blutdurchronnen über die Stirn Die Mütze die er zu tragen pflegte
mit einer kleinen schwarzrotgoldnen Kokarde lag neben ihm Der graue
Tuchrock mit weißen Metallknöpfen war von Blut und Schmuz besudelt Es war da
nichts mehr zu ändern Karl Eisold war das Opfer jener ersten energischen Tat
des neuen Ministeriums gewesen
Hackert hinter einem von den kurzen Gewölbepfeilern der Halle verborgen
beobachtete mit sich verdüsternden Blicken die herzzerreissende Szene Er hatte
den jungen Arbeiter so gut gekannt Wie rüstig war er wie ernst und streng in
seinem Berufe Wie streng gegen ihn den trägen Tagedieb Er sah ihn wie er
zeitiger aufstand als alle Andern die in jenem Hause beisammen wohnten Er
hörte ihn nebenan in der Küche sich schon waschen während er im Bett sich noch
wälzte und zum Frühschlummer sich auf die andre Seite warf Er sah ihn an seinem
Gitterfenster auf der Galerie vorbeigehen in die Willingsche Maschinenfabrik
Er sah ihn nach Hause kommen Abends ermüdet nur nach seinem Nachtessen
fragend das mit Ernst und schweigsam verzehrend und dann bald zur Ruhe gehen
Dies gegen zwanzig Millionen Seelen im Staate ganz unbedeutende
überflüssige Leben war nun beendet Und doch war der Jüngling die Hoffnung die
Stütze einer Familie gewesen Auf ihn bauten diese armen verlassenen
elternlosen Kinder ihre Hoffnung Eine kleine Rauchwolke wars Nun verzogen
Hackert musste sich unwürdig fühlen die wahre Trauer um diesen Jüngling
auszusprechen doch grollte er mit dem Schicksal und erschrak fast vor der
Majestät des Todes
An Louise war es herzzerreissend zu sehen wie die Phantasie des Mädchens
sich in den schrecklichen Moment nicht finden konnte Mullrich ihr Vizewirt
der Polizeidiener stand daneben und erzählte den Leuten dass sie gestern Abend
im Hause herumgesucht und gefragt hätte dass sie eine jammervolle Nacht
ausgestanden und am frühen Morgen schon wieder gesucht schon in die
Willingsche Fabrik geschickt hätte wo aber am Sonntag Niemand arbeitete Er
hätt ihr geraten hier ins Profossamt zu gehen Bei dem Kommentar ihres Leids
aus diesem Munde schwieg Louise und sah den Bruder starr an als wenn sie sagen
wollte Das ist unser Loos Nicht Eures nicht das Loos der Reichen und
Vornehmen es ist das Loos der Armen und Verfolgten
Kümmerlein der neben Mullrich stand erzählte den Vorfall von gestern Abend
und berichtete dass noch einige Verwundete und Viele gefangen wären
Auch der große Breitschultrige sagte er mit Beziehung wisst Ihr Mullrich
damals vom Fortunaball der den Hackert heraushieb Er war erst vor vierzehn
Tagen entlassen
Danebrand sagte sich Hackert in seinem Versteck Er kämpfte mit sich ob er
näher treten sollte Zum ersten Male fühlte er dass er unwürdig war sich dem
heiligen Unglück zu nähern
Louise die auf der Leiche lag sah nicht dass die schluchzenden Kinder von
den Umstehenden Gaben der Liebe empfingen hörte nicht dass Danebrand saß
Der Verein sollte geschlossen werden erzählte Kümmerlein da gings wieder
her wie gewöhnlich Lärmen Toben Schreien Einem von uns griffen sie an den
Säbel Da pfiffen wir Es kam Hilfe Da sie den Aufrührern gegenüber zu schwach
war wuchs ihnen der Kamm Sie warfen die Gensdarmen zum Hause hinaus Nun aber
fliegende Kolonne Vorm Hause ein Geschrei Reden Winkelzüge Fluchen
Hohngelächter Drei Mal Auseinander Nichts Auseinander Ratsch Zwölfe brannten
los Der Arme da war nicht der Schlimmste Er ließ die Andern räsonniren und
stemmte nur die Hände in die Hosentaschen und sah an der Tür zu Die
Rädelsführer rissen gleich beim ersten Trommelschlag aus Der hat nun ins Gras
gebissen
Louise richtete den Kopf auf und sah sich im Kreise um Alle redeten ihr zu
sich zu fassen nach Hause zu gehen und sich in das Unabänderliche zu finden
Und wie sie so die sanften und gutgemeinten Worte hörte fragte sie mit leiser
Stimme den Mann der eben so laut gesprochen
Wo ist Danebrand
Wo Danebrand wäre wiederholten die Umstehenden fast einstimmig Die
geringen Leute sind dem Schmerz so aufmerksam dem Leid so hilfreich
Danebrand meinte Kümmerlein Den haben sie bei den Ohren festgehalten
meine Beste Er sah den armen Jungen da fallen rannte grade auf ihn zu hob ihn
auf die Schulter und wollte fort damit Da tritt die Kolonne gegen ihn an und
streckt ihm die Bayonnete entgegen Er legt die Leiche Der war gleich tot
legt sie auf die Erde brüllt wie ein Stier und packt zwei drei Gewehre und
will sich Luft machen Sie traten ihn aber doch nieder und haben ihm dann mit
Schnupftüchern die Arme gebunden und fortgeführt Wie er gebunden war gab er
nach
Hackert wusste dass Danebrand für Karl Eisold arbeiten half und sich dem
Wohle dieser unglücklichen Familie ganz gewidmet hatte Gern wär er nun doch
fortgeschlichen
Aber jetzt grade schien Louise von der starren Betäubung des ersten
Schreckens freigelassen Sie brach in ein lautes Lachen und Weinen aus und rief
Haben sie dich gemordet Karl Dich nun auch wie so Viele die in den zwei
Jahren hingingen Bist auch gefallen wie schon die Tausend
Mamsell sagte Mullrich gehen Sie nach Hause
Lügt Ihr Menschen fuhr sie fort versteckt Ihr Euch hinter Eurer Furcht
Ihr Alle zittert und bebt vor dem Fluch der über uns gekommen ist Was haben
wir Armen
Geht geht Mamsell drängte Kümmerlein
Die Halle füllte sich von Menschen
Die Kinder und die Alten fuhr Louise mit bitterster aus ihrem Innersten
hervorbrechender Wehklage fort die Kinder und die Alten holt die Krankheit die
uns Arme dahinrafft die Jungen unsre Brüder und Söhne trifft die Kugel
Lassts jetzt gut sein sagte Mullrich Geht Kinder geht nach Hause
Die Halle füllte sich immer mehr Hinaus da riefen schon einige
Polizeidiener Zurück da hier gibts nichts
Aber die Leute drängten Louise schluchzte mit den Kindern laut und
wollte sich von der Leiche des Bruders nicht trennen
Klag ich Euch denn allein an sagte sie und lachte fast wie im Irrsinn
Ich ich hab ihn ja gemordet Ihr nicht Ich bin Schuld an deinem Tod Karl
Karl Ich bin Schuld
Sie sank dabei so schwer nieder dass die Leute sie aufgriffen und forttragen
wollten
Ich habe den Großvater umgebracht stöhnte sie und murmelte nun Worte fort
die Niemand verstand
Hackert hörte Alles hinter seinem entlegenen Pfeiler Er verstand sie in der
Halle von den hundert versammelten Menschen ganz allein Auch fiel ihm der Mann
mit rotem Barte und das Wort vom Punsch ein Er konnte sich denken dass Karl
der sittenstreng war und Danebrand liebte diese Bekanntschaft nicht billigte
Vielleicht war er gestern deswegen nicht nach Hause gegangen vielleicht
deswegen nur in den Verein gegangen den er seiner Jugend wegen und als Lehrling
sonst nicht besucht hatte Hackert hinter dem Pfeiler schielend sah das
Anschwellen der Menge
Louise gab dem Drängen der Polizeidiener sich zu entfernen nicht nach
Erst als der Assessor Müller erschien die Wache herausrief und mit dem Bayonnet
die Halle räumen zu lassen drohte zogen sich die Neugierigen und offenen Tadler
der Gewaltscene zurück Kümmerlein musste einen Fiaker für die Geschwister holen
die um alles Aufsehen und alle Aufwiegelei wie der Assessor sagte zu
vermeiden sich im Wagen entfernen sollten
Die Leiche wird heut Abend in das Todtenhaus auf den neuen Kirchhof
gefahren hieß es Und nun fort Fort hier Keinen Auflauf
Somit gingen auch allmälig die Menschen
Die Geschwister die sich plötzlich in der Halle fast allein sahen zogen
die Schwester von der Leiche fort
Müller sprach von Leichenbeschau Begräbnis Bekleidung neuem Kirchhof
ungestörtem Besuche daselbst Armenrecht Armenbehörde Louise erwiderte mit
den ihr so liebgewordenen Versen Louis Armands
Des Volkes Tochter arme Bettlerin
Du bist nicht arm was auch dein Elend spricht
Gehen Sie jetzt Da fährt der Wagen vor Geben Sie keinen Anlass zum
Zusammenlauf Fort Kinder in den Wagen
Auf die Straße will ich rief Louise auf dem Markt will ich ausschreien
Rache Rache Ihr habt meinen Bruder gemordet Was tat er Euch
Man wollte das Mädchen mit Gewalt hinausführen Ein Fiaker wartete Das aus
der Halle getriebene Volk mehrte sich nun draußen zu dichten Haufen am Eingang
Lasst mich schrie Louise und warf sich wieder auf den Bruder Karl Nicht
einmal eine arme Hütte haben wir in die wir dich tragen dürfen wo du drei Tage
bei uns bleibst bis sie dich unter die Erde holen Aber an deinem Grabe sollen
sie zittern da sollen sies hören die Feigen die dich gemordet haben An die
Mauer sollen sie dich nicht werfen wie einen toten Hund An deine Grube sollen
die Freunde treten die freie Gemeinde soll singen der Prediger reden und die
Frauen werden Blumen bringen Lasst mich Schändliche Wer gibt mir meinen Bruder
wieder Karl ich lasse dich nicht
Schon drängten vom Volke Mutigere herein um das jammernde Mädchen das da
Allen das unverstandene Weh der Nichtbefriedigung im Volke austobte vor der
Polizei zu schützen die sie mit Gewalt entfernen wollte Die Wache im hinteren
Hofe trat ins Gewehr und entsandte eine Verstärkung zur Torbesatzung Louise
aber schleuderte ihren Zorn heraus
Und wenn Ihr Euch rüstet mit Kanonen und Mordfackeln gegen Weiber und arme
Kinder rief sie Euer Tag wird hereinbrechen Eure Haare sind gezählt nicht
bloß von Gott auch von uns Hetzt uns nur jagt uns nur wie das Wild Stört uns
nur in unserm reinen Glauben Euer Glanz wird düster werden wie Sturmgewitter
Eure kostbaren Gewänder werden Euch wie Spinnweben zerrissen werden und Euer
Purpur wird Euch von den Schultern fallen Auch unser Gott ist langmütig aber
sein Gericht wird schrecklich sein Ihr Tyrannen Meineidigen Gottesleugner
Eben warf man krachend die Torflügel zu um die zuströmende Menge
zurückzuhalten Louise wurde von den Händen der Polizei ergriffen Aber
Riesenkraft fühlend wand sie sich los nahm die Geschwister mit Gewalt unter
ihren Schutz und flüchtete sich zu der Säule hin hinter der eben Hackert
hervortrat
Hackert rief sie schaudernd
Das Gefühl einem Mädchen das ihn so hoch verehrte beizuspringen hatte
den fast kalten Beobachter hervorgetrieben Die Aufwallung eines edlen Zorns
kannte Hackert nicht aber eine Vernunftreflexion Mahnung zur Besonnenheit
stand ihm vollkommen zu Gebote
Was ist denn sagte er ruhig die Hände aus den Taschen ziehend und wandte
sich da er Louisens vorwurfsvollen Blick nicht ertragen konnte zu den
Polizeidienern und Soldaten Lasst doch die Arme sich ausjammern Injurien von
Unzurechnungsfähigen steckt man nach Landrecht Teil 3 Titel so und so
geduldig ein Ja liebe Louise das ist Malheur Der arme Karl Fassen Sie sich
Ich wünschte ich könnte ihn mit einer Rede aufwecken aber Sie wissen wohl ich
kann schlecht trösten Guten Tag Riekchen Guten Tag Wilhelm Ja Das ist
schlimm Es ist nun aber Fasst Euch Kommt Hier Geht hier heraus Hier ist
eine Seitentür Kommen Sie Louise Wenn Eins helfen könnte Aber es ist so
Man verwindets wieder Was ist Leben Nichts als dass man weiß dass man lebt
Wenn der Karl wüsste dass er nicht lebt und nichts Besseres hätte Das wäre
schrecklich aber in Dem ist Nacht da ists dunkel Sie glauben ja Louise
ans Paradies es läutet jetzt eben von allen Kirchen ganz feierlich Hier auf
Erden ist der Himmel und die Hölle beisammen dacht ich mir Aber die Glocken
draußen singen dem guten Karl ein besser Grablied Kommt Kinder der Gang da
So Die Droschke fährt uns schon nach Ich führe mit Ihnen liebe Louise wenn
ich ein Tröster wäre
Und so sprach Hackert blasirt durcheinander fort und Louise schwieg und die
Kinder fassten ihn bei der Hand und sie waren von dem Schauplatz des Jammers
entfernt sie wussten nicht wie Und für Louise für sie lag in Hackerts Art
doch ein Trost Er wiederholte ihren Schmerz nicht er unterstützte ihre
Verzweiflung nicht durch gleiches Entflammen Und grade dadurch bot er eine
wirkliche Anlehnung Louise mochte nicht nach seiner Lage fragen Sie konnte es
auch nicht da ihr dazu die Sammlung fehlte Der Wagen war an eine
entgegengesetzte Tür des weitläufigen Gebäudes gefahren wo sie jetzt das
Gebäude verlassen mussten die Menschen hatten sich verlaufen
Seht Ihr Kinder sagte Hackert ruhig mit gewagter Wirkung als Louise
einstieg Euch tröstet schon die Gelegenheit einmal fahren zu können Das muss
Euch erst geschehen wenn Euer Karl tot ist Brandgasse Nr9
Hackert bezahlte den Kutscher die fünf waren untergebracht der Wagen fuhr
fort Louise sah nicht mehr zu dem Polizeiagenten auf Die Kinder schluchzten
noch aber schon nur noch deshalb weil die Schwester weinte Das Fahren war
ihnen in der Tat ein Trost
Hackert der die schwache Menschennatur so traurig gut kannte kehrte in die
Halle zurück die inzwischen leer geworden war Der Torweg blieb geschlossen
Es sah düster fast fürchterregend in der Halle aus Er trat an die Tragbahre
auf die blutige Strohmatte Unwillkürlich wars ihm als sollte er zu dem
blassen wachsgelben Antlitz sagen Karl stehen Sie auf Es schlägt fünf Uhr
Großvater hustet schon wie er immer tut wenn der Hahn kräht und die Uhren
aufgezogen werden sollen Er kannte den grauen Rock mit weißen Knöpfen die
schwarze losgeknöpfte Halsbinde die Mütze mit der kleinen Kokarde Die Kugel
war durch die Gegend der oberen Rippen gefahren
Stumm und nachdenklich sah Hackert auf das arme Opfer politischer
Aufregungen die seinem Sinne fremd waren Es war eine andre Welt in der Karl
Eisold gelebt hatte eine andre in der sich Hackert tummelte Wie die
Sonntagsglocken draußen so dumpf läuteten wars ihm als flüsterte ihm eine
Stimme zu
Fehlt dir Elenden nicht die Liebe Du bist nicht einmal wert so wie Der zu
sterben Es gibt ein Jenseits wo die Rollen sich umtauschen und dieser Jüngling
im weißen Gewande mit der Märtyrerpalme in die Hallen der Seligen tritt Was ist
diese Welt Was sind diese Anmassungen Was sind diese Häuser diese Bayonnete
dort diese Eisenstäbe vor den Fenstern Höre die Glocken Sie mahnen dich an
eine andre Welt
Es überkam Hackerten wirklich ein geistiger Zustand wie der seiner
physischen Krankheit Er wandelte wie im Traum Er fühlte dass er wachte aber
er war seiner nicht mächtig Er verließ die blutige Strohdecke die einsame
Halle das Profosshaus Er dachte nicht mehr an den Assessor nicht an sein
Anliegen endlich Murray zu sprechen Er irrte so über die Straßen hin Erst im
Gewühle der lebhaftesten Stadtteile kam er zu sich und musste sichs von den
Augen wegwischen so stands ihm wie ein Bild vor ihnen Der graue
Novemberhimmel tröpfelte Es fror ihn Er sah sich um wo er war Er stand grade
vor des Justizrats Wohnung Die Glocken läuteten in nahen und fernen
Stadtteilen Die hinter dem alten Tempelhause gelegene Johanniskirche war schon
lebendig vom brausenden Orgelstrom
Da gedachte er der neulichen Aufforderung seines Pflegevaters ihn zu
besuchen wenn Sonntags in der Kirche gepredigt würde
Er schellte also an dem Hause seiner Jugend Es öffnete sich Er trat ein
Niemand da Er klopfte an die Geschäftstüren Sie waren verschlossen Er ging
an die hintere Tür wo Schlurck arbeitete Auch sie verschlossen
O sagte er sich wenn du nur nicht irgend Einem begegnetest der dich aus
deinem Traume risse Nur Bartusch nur Jeannette nicht Nur nicht Menschen Nur
nicht Erinnerungen von sonst Wärs Melanie Ganz wohl tat ihm dass Alles
so öde und einsam in dem Hause war Die Treppen zu ersteigen wagte er nicht Er
sah die alten bekannten Bilder die auf den Wänden der Treppen hingen Er hörte
Niemanden Dass die Haustür aufgegangen war auf sein Schellen war wie von
Geisterhand geschehen
Aber zuletzt war es doch Jeannette die die Treppe herunterrief
Wer ist da
Hackert stand zur Hälfte oben und fragte nach dem Justizrat
Staunen Verwundern Zögern
Er hat mich bestellt Wie gehts Was sagte der Stallmeister
Neumann ist bei Lasally ich zieh auch zu ihm Fritz Hier wirds still
öde die Justizrätin ist in der Kirche Melanie liest den ganzen Tag Bücher
und spielt Harfe wieder und Klavier Hören Sie da da spielt sie
Melanie die im Klavierspielen sonst so Träge spielte ein träumerisches
Adagio Auch sie schien die Predigt in der Kirche durch die Wahl des Musikstücks
zu ehren
Er hat Sie bestellt sagte Jeannette staunend Hackert ists auch wahr
Haben Sie doch nichts Schlimmes im Sinn
Hackert lauschte den Tönen und blinzelte nur mit den grauen Augen
Bartusch ist auch in der Kirche und die Justizrätin Hackert soll ich Sie
wirklich melden
Hackert nickte
Man hörte einen Schlafrock rauschen Er kam von oben her Es war der
Justizrat der rasch scheinbar in großer Aufregung mit Papieren in der Hand
von einer Korridortür oben in die von Jeannetten geöffnete eintreten wollte
Herr Justizrat
Was ist rief Schlurck auffahrend fast wild
Hackert ist da
Wer Was rief Schlurck und blickte um sich wie irrsinnig und sah den auf
der Treppe stehenden Pflegesohn
Was wollen Sie fuhr er mit plötzlich leichenblasser Miene den ihn auf seine
eigne Aufforderung Besuchenden an und doch erstarb ihm das Wort auf der Zunge
Er war von Hackerts Begegnung an dieser Stelle um diese Stunde so betroffen
wie damals als er ihn auf dem Heidekrug um Mitternacht hatte schlafwandeln
sehen
Hackert befremdet über diese Aufnahme mit dem ihm immer gegenwärtigen
Zorne auflodernd ließ die tonlosen Worte fallen
Es ist ja Sonntag Vormittag Herr Justizrat Die Glocken läuten ja Aus der
Johanniskirche hört man die Orgel
Schlurck besann sich auf seine eigne Aufforderung und suchte sich zu fassen
Er schien zu bereuen dass er sich auf einem so heftigen Erschrecken über
Hackerts Anwesenheit hatte ertappen lassen
Ich störe Sie Ein ander Mal sagte Hackert und wollte gehen
Nun aber schien über den Justizrat eine neue Gedankenreihe zu kommen Er
rückte die goldne Brille in die Höhe strich sich die spärlichen grauen Haare
und sagte
Nein nein ich besinne mich ja Ja wohl ja wohl Jeannette geh Sie Was
lauert Sie Fort Aber dass Sie Melanie nichts sagt Hört Sie
Jeannette hielt diese Aufregung des Justizrates für völlig in der Ordnung
Sie wusste wie gewagt es von Hackert war in diesem Hause zu erscheinen Sie
wandte sich nach den Zimmern die zum Hofe hinaus lagen
Dass du auch grade heute begann Schlurck und schien wiederum zu überlegen
ob er Hackert in die Zimmer lassen sollte oder nicht Melanie spielte am
Klavier Das beruhigte ihn wenigstens es klang so wehmütig so schmelzend
so sanft aus den vorderen Zimmern her
Ich wollte nur wegen des Rings von dem Sie neulich sprachen sagte Hackert
als der Justizrat ihm zuwinkte leise aufzutreten und ihn auf die Türschwelle
nötigte
Welcher Ring Ah so Ja ja Das kann ja geschehen Komm mein Sohn Leise
Leise Sie spielt
Alle diese Worte sprach Schlurck durcheinander wie Jemand der seiner selbst
nicht bewusst war
Was ist ihm nur dachte Hackert und trat in die ihn so traulich begrüssenden
Räume hier auf gebohnte Fussböden dort auf bunte Teppiche Er sah die
überwinternden Blumenstöcke die Porzellananhäufungen hinter Glasschränken die
Gemälde die Vasen in den kleinen niedrigen aber kostbar austapezierten
Zimmern Ein Papagei in einem großen Messingbauer kreischte auf als wenn er
Hackerten erkannte
Schlurck ging voran Sein Auftreten war schwankend Er hielt sich zuweilen
und blieb wieder stehen sah Hackerten an und rückte die Brille hin und her
Sind Sie krank Herr Justizrat
Schlurck hörte nicht sondern brummte nur vor sich hin
Der Ring Warum auch grade heute was sagst du Hackert Nein nein rede
nicht Sei still Sie könnte hören
Damit waren sie an jenes Zimmer gekommen von wo aus eine Wendeltreppe in
die untere Arbeitsstube des Justizrats führte Beide Gemächer gehörten ihm
selbst an Er schien in der Meinung zu sein den Ring in dem oberen Zimmer zu
finden
Er schloss einen Schrank auf und suchte überall indem seine Hände zitterten
Hackert kannte seinen Pflegevater hinlänglich um sich zu sagen dass eine
solche Aufregung nur mit einem seltsamen ganz unerhörten Vorgange in Verbindung
stehen konnte Noch vor wenig Tagen war ihm Schlurck so nicht entstellt so
totenbleich so abgefallen nicht erschienen Er erklärte auch sich entfernen
zu wollen und ein ander Mal wieder zu kommen
Nein nein Hackertchen sagte der Justizrat es liegt so viel auf mir
Deine Stelle ist noch immer nicht würdig besetzt Der Ring Ich entsinne mich
doch ein rotes Etui wars worin ich ihn aufbewahrte ich gratulire
wenn du deinen Stammbaum entdeckst Ich habe mir Mühe genug gegeben dir einen
bessern Vater zu verschaffen als ich bin Fritz
Und während der Justizrat noch so plaudernd und seine Erregung bergend
suchte und suchte hielt er plötzlich inne sah Hackerten mit einer Miene fast
des Mitleids an schlug sich an die Stirn und ließ die Worte fallen
Nein aber dass grade Du
Ich Was ist
Eben so rasch wollte Schlurck den Eindruck seiner Worte verwischen
Warum ich
Nichts Nichts
Sie finden den Ring nicht Er liegt unten
Unten Nein
In dem Depositenschrank
Was weißt du fuhr Schlurck auf
Ein rotes Etui Im Fach Nr 13 links liegt ein rotes Etui
Du irrst du irrst lenkte ungeduldig fast zitternd der Justizrat ein
wühlte noch einige Augenblicke in dem Sekretär erklärte das Etui nicht finden
zu können und wollte eben zuschliessen und Hackerten wieder zurücklassen nach
vorn als er hörte dass Melanie mit dem Klavierspiele aufgehört hatte Türen
gingen Schlurcks Unruhe verriet dass er annahm seine Tochter suchte ihn
vielleicht und könnte den ihr so tötlich verhassten Hackert hier finden
Er winkte fast mechanisch dem Besuch näher an die Wendeltreppe zu treten
hielt ihn dort aber zurück und bedeutete ihn zu schweigen Er flüsterte er
wollte selbst hinuntergehen um unten nach dem Etui zu suchen
Sonntags pflegte dies untere Kabinet durch die vorgelegten und geschlossenen
Fensterläden dunkel zu sein Heut war es hell Um so auffallender musst es
Hackerten erscheinen dass der Justizrat ein weiteres Nachfolgen auf der
Wendeltreppe entschieden verbot
Bleibst da Bleibst da sagte er fast schnarrend und heftig
Ich kann ja unten gehen wenn ich doch
Bleibst da Bleibst da
Hackert begriff nicht was hier vorging Unten hörte er den Justizrat
rumoren Er selbst blieb erst oben dann auf der viertel zuletzt auf der halben
Treppe Schon entdeckte er eine sonderbare Unordnung in dem Kabinet eine
Verwirrung die sonst nie in ihm herrschte Papiere mit Siegeln lagen auf der
Erde Die Schubläden sonst verschlossener eichner Schränke waren aufgezogen ein
Sessel umgestürzt die Fensterläden nur leise angelehnt Geld klimperte wie
wenn es auf der Erde läge und der nach dem roten Etui Suchende darüber
stolperte Endlich schien Schlurck das Kästchen gefunden zu haben sah sich um
und bemerkte dass Hackert gefolgt war Er erstarrte darüber
Bleibst oben rief er tonlos Verdammter
Und wie Schlurck eben so fluchend hinaufstieg hörte man ganz in der Nähe
Türen gehen und Kleider rauschen Jemand schien den Justizrat zu suchen
Vielleicht Melanie Unwillkürlich trat Hackert trotz des Verbotes niedriger und
war mit seinem Kopf schon in ebner Linie mit der ersten Stufe der Treppe so
hurtig so behend dass ihn die etwa eintretende Melanie nicht sehen konnte Und
im selben Augenblick erscholl ihre Stimme
Papa
Schlurck konnte nicht hindern dass Hackert nun mit zwei Sprüngen unten war
Papa rief es wieder von oben
Ich kann ja hier unten gehen sagte Hackert und wollte durch jene Tür sich
entfernen durch welche damals der Justizrat dem draußen lärmenden Bello des
Fuhrmanns Peters Ruhe gebot Er wusste dass der Schlüssel von innen stak
Doch fehlte dieser Schlüssel und Schlurck stand da ratlos wie vom Donner
gerührt wohl lächelnd aber wie in wahnsinniger Verlegenheit
Zum Glück hörte man Melanie nicht wieder aber die Unordnung die hier unten
herrschte war doch nicht mehr zu verbergen Durch die nichtgeschlossenen
Fensterläden brach ein Lichtschimmer hell genug um den ohnehin an das Dunkel
inzwischen schon gewöhnten Augen Dinge zu zeigen die befremdlich genug waren
Aber zum Teufel Justizrat brach Hackert aus Hier möchte man ja meinen
hier ist Einer eingebrochen
Wie Was stotterte Schlurck und versuchte aufatmend dass wenigstens
Melanie fernblieb einige Scherze in seiner alten Art
Hier ist der Ring sagte er zu dem dämonisch aufblickenden Hackert und stieß
zu gleicher Zeit während er diesem ein Etui reichte einige Schlüssel und eine
eiserne Stange hinterrücks von sich Siehst du Dieses zerbrochene Stück
Komm jetzt hinauf
Lassen Sie doch noch Ihr Fensterladen ist ja offen
Hackert trat ans Fenster und hatte durch eine zerbrochne Scheibe nur
nötig den Laden zurückzustossen Da sah man denn den Zustand des Zimmers Nur
eines einzigen Überblicks bedurfte es für den gewandten jungen Spürkopf die
Situation zu übersehen Der furchtbarste Verdacht wurde ihm zur augenblicklichen
Gewissheit Schlurck wollte die Miene annehmen als wär er an diesem stillen
Sonntagsmorgen durch Einbruch beraubt worden Das stand ihm im Nu fest Und eben
so rasch schoss ihm wie mit einem Tigersprunge der Gedanke durch den Kopf Wärst
du nicht hier unten dem Justizrat gegenüber nun selbst gewesen so hättest du
in die Lage kommen können für den Dieb zu gelten Und darum hergelockt an einem
Sonntag Vormittag Darum die Versuchung mit dem Ring Darum
Er riss das Etui an sich mit krampfhafter Wut sprang auf Schlurck zu dass
dieser zurücktaumelte und rief
Schlurck
Was ist
Ein durchbohrender tief in alle Falten der Seele wie mit tausend Pfeilen
zugleich zielender Blick aus Hackerts starren Augen auf den Justizrat
Aber zu sagen wagte er doch nicht was er dachte
Schlurck aber verstand ihn sogleich bebte und meinte nur
Welche Unordnung Hilf mir aufräumen Fritz So so Wie müde bin ich Schon
frühmorgens Hilf doch Aber denke nur nicht ich wäre gewissenlos Ich habe
viele Klienten verloren Da lagen sonst Tausende jetzt sinds Papierschnitzel
Hast den Ring Sieh nach vRvR Weiter nichts aber viel gesagt Prinzessin
von Rudolstadt von Russland ho ho Junge Siehst du hier hast du oft genug
gesessen und die Feder gekaut Die Welt mein Sohn ist ein Dudelsack bei dem
der Wind die Hauptsache ist Nur Luft nur Wind dann pfeift sichs und tanzt
sichs Hast den Ring Adieu mein Sohn Adieu Musst oben gehen Leise Leise
Hier fehlt der Schlüssel Leise Leise
Und dies »Leise« wars was Hackert nicht ertragen konnte Er hätte sich in
Alles gefunden jeden Verdacht niedergeschlagen er hätte mit Schlurck Mitleid
haben können sich selbst überwunden aber jetzt leise Immer leise Ewig
leise
Und doch sagte er noch nichts sondern hielt an sich und lugte nur zu den
Schränken und sprach
Justizrat ich weiß noch Alles Da lagen die Mündelgelder der minorennen
Grafen Werdenbach da lag eine Erbschaft die so viel Prozesse kostete ist sie
nun entschieden Da weiß ich in Nr 9 die angesammelten Zinsen und Kapitalien
der polnischen Äbtissin Sybille im Kloster zum Herzen Jesu die für die
Nachkommen eines gewissen Kaminski ausgesetzt waren der nach Frankreich floh
Recht Recht mein Junge Warst ein Genie Kennst Alles Jetzt aber leise
Leise
Leise Zum Teufel wandte sich Hackert Vor wem hab ich mich denn zu
fürchten
Fritz misbrauche meine Gutmütigkeit nicht
Gutmütigkeit dass ich hierhergelockt wurde während hier Alles vorbereitet
wird zum Schein als wär ichs der hier gestohlen
Hackert stieß Schlurck halb ohnmächtig heraus Seine Lippen bebten sein
Auge blickte starr Er musste das Geländer der Wendeltreppe fassen um sich zu
halten Er begriff jetzt doch erst ganz was in Hackerts Seele vorging Von dem
Gedanken der Unglückliche glaubt ich wollte ihn zum Verdächtigen eines
Verbrechens machen das vielleicht in seiner eignen Brust noch schlummerte und
vielleicht eben erst halb ausgeführt war war er bis zur Ohnmacht überrascht und
überwältigt
In dem Augenblick ging oben eine Tür Gewänder rauschten Melanie rief
Väterchen Sie war an der Treppe Sie kam Hackert springt in eine Ecke des
Zimmers wo jener Schirm stand hinter welchem einst Dankmars Schrein mit dem
Kreuze gestanden
Melanie beugte den Kopf über das Geländer der Treppe ein paar Sprünge
sie war unten
Schlurck wie tot taumelte in einen Sessel
Dreizehntes Kapitel
Auferstehung
Wie dumpf und stickig das hier ist sagte Melanie als sie beim Vater unten war
und sich staunend umblickte Und eine Scheibe zerbrochen Ei welche
Nachlässigkeit Du arbeitest Vater
Schlurck hatte sich in der Vernichtung die ihn auf den Sessel geworfen
wenigstens das Ansehen gegeben als läse er in den durcheinander geworfenen
Akten
Hackert blieb in seinem Versteck unbeweglich
Die Kirche dauert lang sagte Melanie etwas aufräumend und ich glaube fast
die Mutter wird noch Besuche machen
Schlurck nickte Er hatte sich noch immer nicht sammeln können
Väterchen es ist recht lange her dass wir uns nicht im Stillen gesprochen
haben
Schlurck seufzte und schauderte grade über die Todtenstille im Zimmer
Warum sind wir nur seit geraumer Zeit so unglücklich Mit diesem letzten
Sommer sind alle unsre Freuden abgeblüht
Schlurck sammelte sich griff mechanisch nach der goldnen Dose und
stotterte sich zu künstlichem Humor zwingend den Vers
Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder
Hackert hätte dazwischen springen und rufen mögen dass dies Wort auf Melanie
nicht passe Ihr schien ein ewiger Mai zu blühen Wol ruhte auf der edlen Stirn
eine Wolke von Melancholie wohl schienen die Formen des Antlitzes etwas
herabgezogen etwas in jenes Oval gesenkt das den Kummer der Seele verrät
aber ein geminderter Schönheitsglanz war darum doch nicht sichtbar Es war die
alte sylphidische Gestalt es waren die gewölbten Schultern der stolze Nacken
das reiche kunstvoll verschlungene dunkle Haar die vollen Arme die unter
einem leichten Hauspelzüberwurfe in schöner Rundung hervorschimmerten und sich
über den Sessel des Vaters lehnten Hackert hielt den Atem an
Darf ich dir eine Neugier verraten Väterchen begann Melanie Was hast du
kürzlich mit dem Fürsten bei der Geheimrätin in dem türkischen Zelt verhandelt
Schlurcks erster Gedanke war nun zu erwidern sie wollten hinaufgehen
Doch hinderte ihn die Angst vor Hackert Er kannte ihn genug um sich zu sagen
dass seine tückische Natur zu schonen war Aber nicht nur Furcht vor dem
versteckten Lauscher sondern auch Mitleid bestimmte ihn nicht vom Hinaufgehen
zu reden Er malte sich Alles aus was in Hackerts Innern vorgehen musste und
gleichviel welches der Grund seiner vorherigen Aufregung gewesen war
gleichviel welches Verbrechen der zerstörten jetzt leidlich wiederhergestellten
Ordnung des Zimmers zum Grunde lag die Vorstellung war ihm fremd gewesen
Hackert zu sich zu locken und ihn in der Art wie der Mistrauische es andeutete
verdächtig zu machen Er litt ernstlich ebenso unter dieser Vorstellung wie er
ohnehin halb verzweifelnd sich schon vor Schaam fühlen musste Und so sagte er
nur
Ah Bah Lass diese Sachen Erzähl mir heitre Geschichten Was hat dich denn
plötzlich so musikalisch gemacht Ich habe dich abonnirt auf die
Symphoniesoireen Siehst du Wo sind nur die Billete Hier hier
Er suchte
Das ist sehr schön von dir sagte Melanie Aber jetzt weiche mir nicht aus
Väterchen sondern sprich Was hattest du so lange mit dem Fürsten
Frag ihn Das selbst sagte Schlurck und fasste das Kinn seiner Tochter es
noch zitternd emporhebend
Nein Vater antwortete Melanie ernst und unter dem Pelz die Arme
zusammenschlagend nein ich frage den Fürsten nie nach solchen Dingen die er
mir nicht selbst erzählt Ich habe gefunden dass dies ein Mann ist der seine
eigne und höchst wunderliche Behandlung erfordert
Unter andern Umständen hätte Schlurck zu dem Lächeln seiner Tochter selbst
mitgelächelt Diesmal standen ihm seine Mienen die er zu einer feinen
Anerkennung der Philosophie seines Kindes verzog mehr schmerzlich als
erfreulich
Melanie wiederholte ihre Bitte und Schlurck fast die Gelegenheit
ergreifend vor der anwesenden so gefährlichen so tief ihn durchschauenden
dritten Person eine Rechtfertigung zu versuchen antwortete
Mein gutes Kind Ich war kürzlich unten in meinem Keller dem einzigen Orte
wo wir Männer uns sorglos der Gefahr aussetzen den Schnupfen zu bekommen Wie
ich auf den Gestellen die umgelegten Sorgenbrecher sah schlanke lange kleine
kurze die geschmacklosen Boxbeutel aus Würzburg und was sonst dort zur
Ansprache an Herz und Gemüt ausgelegt ist überfiel mich recht der Kummer dass
der alte Rapport zwischen mir und meinen Zöglingen da unten hin ist Wie
behaglich wählt ich sonst aus was die Tafel schmücken die Gäste erfreuen
sollte Wie schwelgte ich in den langen spanischen und portugiesischen
Etiketten die unsre Leute beim Serviren meiner Kostbarkeiten den Gästen
gravitätisch zuflüstern mussten Jetzt sagen alle diese Herrlichkeiten Don
Ranudo de Kolibrados Zu meiner Zeit war Das ein beliebtes Teaterstück Kind
in dem ein pauvrer Edelmann vorkam der auf seine Würde hielt aber sich die
Löcher seiner Kleider mit Tinte verschmierte Liebes Kind auf meine Würde fühl
ich leider werd ich in unsrer jetzigen Lage nicht viel halten können Die
Emporkömmlinge haben nichts von der Grandezza des geborenen Adels Ich nun
vollends meine gute Melanie bin zum Komödianten in einem Grade untauglich dass
ich im Stande wäre aus der einfachsten und leichtesten Rolle zu fallen Deine
Mutter hätte wohl allerdings das Talent alle Welt glauben zu machen dass wir nur
in Folge unsrer veredelten Grundsätze in Folge unsrer geistlichen Umkehr und
Einkehr uns einzuschränken anfingen Sie könnte die Rolle einer aus himmlischen
Rücksichten sich beschränkenden irdischen Glückseligkeit vortrefflich
durchführen Ich kann Das nicht Ich war früher in meinen guten Zeiten wahr
prahlte nie sondern gab und freute mich des blauen Sonnenscheins jetzt wo mir
soviel verloren gegangen ist wo die Papiere im Werte sanken meine
Administrationen neu geordnet werden und wohl ganz eingehen dürften
Vergiss dein letztes Opfer nicht warf Melanie trübe den Kopf aufstützend
dazwischen Lasally
Es kam Eins ums Andre Kind Genug Nein grade diese Summe in jetziger
Zeit so baar auf den Tisch gelegt ohne deshalb Anleihen machen zu dürfen die
du deines Credits wegen vermeiden musstest
Zehntausend Taler sollten eine Bagatelle für mich sein
Und sind es nicht wenn sie plötzlich da sein mussten
Da sein mussten Ah Ja ja Ich fand es in der Ordnung dass sich dies
Verhältnis so löste Es ist ja erbärmlich einen Bewerber seiner Tochter dulden
der von der Voraussetzung großen Vermögens ausgeht und ihm hernach sagen Da
hast du nun mein Kind Das ist ein Kapital Im Übrigen findest du reinen Tisch
Ich verurteile Lasally nicht dass er die Summe forderte Er ist Philosoph wie
ich Er gehört einer andern Sekte an als ich aber System war immer in seinen
Demonstrationen Sie waren ruhig kalt bis zum Prügelnswerten aber in seiner
Voraussetzung dass ich reich wäre hatte er Recht sich nur mit jener Anleihe
wie er es nennt und ein Paar von deinen getragenen langen Handschuhen abfinden
zu lassen
Hackert empfand eben ein Gelüst als hätte er in der Ottokarstrasse mögen
Feuer anlegen
Genug lenkte Schlurck der sich vor seinem Pflegekind in diesen Dingen um
so weniger Zwang auferlegte als er sich rechtfertigen musste wieder seufzend
ein genug ich besitze das Talent nicht mit dem Gefühl der Beengung Komödie zu
spielen Nur aus der Fülle heraus kann ich fröhlich sein Wohl gibt es einen
Ausweg den große Geister in solchen Fällen oft mit Geschick eingeschlagen
haben Es gibt bewunderungswürdige Genies des Schuldenmachens Auch zu diesen
gehör ich nicht Die Elasticität die zum Lügen gehört kann ich mir nicht
geben Ich kann nicht bei Juden und Wucherern herumfahren große Manieren
augenblickliche Verlegenheiten affectiren ich kann Das nicht Ich habe
zeitlebens auf meine guten Eigenschaften gehalten und meine schlechten nie
verdeckt Ging es nach mir Herzlieb ich spielte jetzt die Rolle des
Parasiten dem seine Gönner gekündigt haben ich ginge in Lumpen über die Gasse
Vater unterbrach Melanie den schmerzlichen von Tränen untermischten Humor
des leichtsinnigen so schlaff und doch wehmütig haltlosen Justizrates
Gut gut gut sagte er beschwichtigend Ich tu es nicht ich weiß dass
die Rücksicht auf Euch mir den Übergang von der Schule Epikurs zur cynischen
verbietet Da ich also konsequent sein soll was tat ich neulich bei der
Geheimrätin Geh weg der Fürst wird dir davon nicht gesprochen haben
Nein nein Vater
Aber Kind du willst geheimnisvoll gegen deinen Vater sein
In Schlurcks Blicken die Brille lag vor ihm oder wurde in gewaltiger
Aufregung mechanisch mit seinem ostindischen Taschentuche geputzt spielten die
kleinen Schlangen der Frivolität mit den Merkmalen der Trauer durcheinander Er
zupfte Melanie flüchtig am Ohr und da sie schwieg sagte er trotz Hackert der
atemlos lauschte
Wirst doch mit deinem Vater nicht schäkern
Schlurck wusste wie Hackert zu Melanie stand Tief durchschaut von einem
jungen leichtsinnigen Manne den er im Grunde liebte wie seinen Sohn wollt er
ihn wieder wie sonst in die ganze Lage seines Hauses einblicken lassen Er
wusste wie Menschen nie so verwildert und gewissenlos sind dass sie nicht dem
Gefühle der Großmut noch zugänglich blieben Er ahnte dass Hackert von ihm in
Güte scheiden sich mit ihm aussöhnen ihn komme was da wolle nimmer verderben
würde wenn er ihn Zeuge dieser Geständnisse bleiben ließ Jetzt hinaufgehen
Das hätte den Lauscher gefährlich gemacht
Melanie begann mit schmerzlichem Ausdruck
Papa dies Verhältnis ist ein närrisches Buch in dem Vielerlei zu lesen ist
und doch weiß man nicht was der Verfasser eigentlich will
Schlurck ergriff die Dose und horchte auf Seine Blicke waren auf den
dunklen Winkel gerichtet wo Hackert mit einer Zurückhaltung die den Justizrat
ermutigte lauschte
Ich sah diesen Egon zum ersten Male auf einem Ritt nach Solitüde Neben ihm
saßen die beiden Wildungen Dankmar Wildungen
Der Vater seufzte Melanie schlug die Augen nieder
Es hätte Dankmarn herabdrücken sollen ein Geringerer neben einem Vornehmen
zu sitzen Und ich hatte den Abend doch nur Augen für ihn
Für den Abscheulichen sagte Schlurck der in diesem Raume dort auf deinem
Sessel einst saß und
Er brach ab um Melanie nicht zu verwunden und nicht zu viel zu verraten
Die Liebe für Dankmar war bei Melanie das heilige Kleinod die wunderbare
Reliquie die im Schreine ihres Herzens wenn auch mit hundert Gehäusen
umschlossen unentweiht ruhen geblieben Die Sommertage von Hohenberg und
Plessen konnte ihr kein Glanz überblenden Keine Fürstenhuldigung keine
Anbetung des wirklichen Egon konnte jenem magischen Zauber gleichkommen der
diesen Erinnerungen geblieben war Mit Dankmar hätte Melanie ihres eigensten
Wesens sich entkleiden können wie es der so heiß Geliebte nur von ihr fordern
mochte Der Vater kannte diesen Schmerz kannte diese Anbetung diese feste
unausrottbare Wurzel eines einmal empfangenen Eindrucks Er sagte einmal Mit
diesem Dankmar bricht die Poesie meiner Tochter zusammen Er wusste nicht recht
was er damit bezeichnete Die Schönheit die Anmut die Wirkung auch der
Leichtsinn auch die Tändelei jede flüchtigste Neigung blieb ihr aber das
Eine das letzte allein mächtige Wort des Lebens lag doch nur in jener ihr erst
den innern Halt gebenden Liebe die wie auf verborgenem Meeresgrunde gebettet
war und für diese Erde nun nicht mehr sein sollte Damals nach den poetischen
Tagen von Hohenberg hatte Schlurck Nächte daran gesetzt Dankmarn für seinen
spröden Übermut in jener Frühstunde zu züchtigen Er hatte mit einem
Fleissaufwande der ihn alle seine andern Angelegenheiten vernachlässigen ließ
daran gearbeitet dass Dankmar den Prozess mit der Stadt in beiden Instanzen fast
so gut wie schon verloren hatte Und dennoch ihm gegenüber Sieger zu bleiben
schmerzte ihn fast um Melanie die Dankmarn ihre stille geheimnisvolle Liebe
bewahrte und um einen Augenblick wie jenen als sie in der Mondnacht an der
Marmorvase im Hohenbergischen Garten von Dankmars Arm ergriffen eine Weile an
seinem Herzen ruhte mit Freuden all die Huldigungen hingegeben hätte die ihr
jetzt von einem wirklichen Fürsten so überraschend zu Teil wurden
Sie erzählte
Bei der Geheimrätin sah ich den Fürsten einige Tage nach dieser Begegnung
auf dem Solitüder Wege Ich erkannte ihn kaum wieder Er war sehr artig sehr
zuvorkommend Als ich ihm dann aufs Neue begegnete schien er sich über mich
orientirt zu haben Er beklagte die Misverhältnisse die ihn von dir getrennt
hätten Er erwähnte Dankmar Wildungen Hohenberg und lachte über meine
Täuschungen mehr als mein Stolz ertragen mochte Sein Selbstvertrauen mich um
meiner Eitelkeit willen schneller erobern zu können reizte mich Ich war
ablehnend spröde sogar bis zur ungnädigen Rüge der Geheimrätin die mich fast
zu benutzen scheint als ein Mittel ihre Häuslichkeit dem plötzlich so ergebenen
Prinzen behaglicher zu machen
Die Verbindung des Fürsten mit Pauline von Harder war genugsam schon im
Schlurckschen Hause ihrer Seltsamkeit wegen besprochen worden Schlurck
ermunterte durch sein Schweigen zum weitern Bericht Er prüfte dabei still
für sich wie das Alles auf den nicht zu entfernenden Lauscher wirken musste
Als ich Egon sah seinen Bruch mit jener Gräfin Helene aus Paris erfuhr
sein Bedürfnis wie die Geheimrätin es nannte mich jeden Abend bei ihr zu
finden beobachtete entstanden bei mir Reflexionen deren Ernst mich mögen
recht langweilig gemacht haben Väterchen Sie legte den Arm über den Nacken des
Justizrats
Lasally wurde entfernt und ich begann mit Egon von Hohenberg zu
philosophiren Ich wollte ihn nie anders sehen als in Gegenwart der
Geheimrätin Ich duldete von ihm nie eine Wildheit Mag es nun sein dass die
meisten Frauen in der Ablehnung von Zärtlichkeiten es versehen oder
Melanie stockte fast errötend Der Vater ergriff ihre Hand und half nach
O sagte er kein Oder Das nur allein ists Die gewöhnliche Sprödigkeit
der Frauen ist ja gleich abkühlend wie Eis Ich glaube dass mein Kind tugendhaft
ohne Pedanterie war
Das Lachen in das Melanie ausbrach dauerte nur kurz und war recht listig
Hackert spitzte die Ohren Drei frivole Menschen die sich hier so bald
verstanden Melanie fuhr ernster fort
Dieser Egon ist ein wunderlicher Heiliger und nach meinem Gefühl durch und
durch unliebenswürdig Die wahnsinnige Liebe einer Grisette und die noch tollere
einer Gräfin haben ihn so verhätschelt so verzärtelt dass in ihm jede Fähigkeit
eines leidenschaftlichen Aufflammens fast erstorben ist Das ist ein Pedant
Vater ein langweiliger phrasenhafter durch und durch von sich eingenommener
Mensch dem ich versucht bin jeden Abend eine Douche zu geben aus allen
Fontainen des Witzes wenn ich ihn besäße oder sogar aus allen
WasserKaraffinen der Geheimrätin die man ihm in einer Stunde dreimal füllen
muss Aber ich halte an mich ich schone Se Durchlaucht und langweile mich an
den quälenden Gesprächen über Politik und Parteiwesen die dort bis in die Nacht
geführt werden
Schlurck lächelte ein wenig
Wenn Ritter Rochus vom Westen sagte er auf die Dose klopfend uns eine
Summe zahlte dass du Egons langweilige Gespräche ihm mitteiltest ich glaube
wir würden sie durch Dich nicht einmal verdienen können
Nein Ich behielte nichts Ironie Schalkheit Scherz sind dem Fürsten
gänzlich fremd Er fasst Alles im Ernste auf geht an Jedes mit einer
umständlichen systematischen Vorbereitung und ist dabei von einer Grausamkeit
auch gegen sich selbst dass er sich um alle Freuden des Lebens bringt und
billigerweise in einem Kloster und zwar in einem von der strengsten Regel
endigen müsste
Schlurck warf nur dazwischen
Die Ehe wird doch nicht ein solches Kloster sein Da würden seine
Geisselhiebe immer gleich zwei Menschen treffen
Melanie seufzte und lachte doch auch Sie lachte so schalkhaft so aus
ihrer innersten schadenfrohen Schlauheit heraus so sich auf den Vater mit
übermütigem Triumphe lehnend dass sie in diesem Augenblicke eine hinreissende
Liebenswürdigkeit entfaltete
Was hast du nur fragte der Justizrat der sich in diesem Augenblicke
sagte Hackert hat hundert solcher Szenen beigewohnt Er war mein Sohn
Melanies Bruder sah hörte Alles er kann diese Geständnisse nicht
misbrauchen
Warum lachst Du wiederholte Schlurck
Papa sagte Melanie Ich habe dir oft meine künftigen Männer geschildert
Lasally war eigentlich das Modell Männer ohne Vorurteile die mich lieben um
meiner selbst willen Fürst Egon von Hohenberg ist keiner von Denen die auf
dies Modell passen
Er wird dich Schlurck unterbrach sich selbst Er wollte sagen Er wird
dich zu seiner Geliebten machen wollen Er besaß bei aller Leichtigkeit
seiner Denkungsart die Kraft nicht diese vernichtenden Worte auszusprechen
Melanie verstand aber schon vollkommen was er sagen wollte Sie schwieg
Nach einer Weile schüttelte sie das Haupt und flüsterte
So nicht
Wie nicht
Träumerisch wiederholte Melanie
So nicht
Und als Schlurck ungläubig über die Idee der Fürst könnte Melanie zur
legitimen Gemahlin erheben aufschaute die Brille die er sich wieder
aufgesetzt hatte auf die Stirn zog und sein Kind mit den wasserglänzenden Augen
fixierte brach Melanie in eine Wehmut aus die ihn zum Tod erschreckte
Was hast du rief er und hielt das plötzlich umgewandelte Mädchen das sich
auf die Kante des Schreibtisches beugte und ihr Antlitz unter den gekreuzten
Armen verbarg Noch verstand er nicht recht was sie bewegte
Unmöglich sagte er hastig Wie kann dieser Kalte Feindselige eine solche
Aussicht im Ernste bieten Ich war an jenem Abend mit ihm allein Ich bat ihn um
einige vertrauliche Worte Er war die Sprödigkeit die Feindseligkeit selbst
Voll Mistrauen begrüßte er mich Wie so gern hätt ich das Gespräch sogleich auf
dich gelenkt seine Gesinnungen über dich erforscht Vergebens er wich mir aus
und blieb bei dem Schlurck der seinem Vater diente den er im Heidekrug hatte
in einer Nacht Champagner trinken Trüffeln essen sehen Ich sagte ihm
Durchlaucht Sie irren sich wenn Sie glauben dass ich in der Verwaltung Ihrer
Güter leichtsinnig verfuhr Schreiben Sie die heillose Verschleuderung nur Ihrem
Vater zu Mein Vater war brav fuhr er auf Durchlaucht ich denke nicht daran
ihn herabzusetzen Mein Vater war der edelste der Menschen er wurde betrogen
getäuscht hintergangen von aller Welt und von Keinem mehr als Denen die ihm am
nächsten standen Einen solchen Zornausbruch zu bestreiten war unmöglich Ich
musste mildere Saiten aufziehen Ich musste ihm sagen Durchlaucht die
Administration Ihrer Güter war die Hauptaufgabe meiner geschäftlichen
Tätigkeit Ich habe um ihretwillen meine Praxis vernachlässigt Die Gläubiger
schenkten mir ihr ganzes Vertrauen Ich war fast der Minister dieser kleinen
Besitzungen deren schwierige finanzielle Verwickelung ich in einer Reihe von
Jahren zu lösen hoffte Nun ist Das hin Abgeschnitten mit einem
Scheerenschnitt Ein Fremdling erntet die Vorbereitungen meines Fleißes Geben
Sie mir diese Administration zurück Der Fürst überlegt sich den Antrag eine
Weile eine düstere Wolke lagert sich auf seiner Stirn er schüttelt das strenge
kalte blasse Haupt Nein sagt er Nun dann sagt ich Durchlaucht dann ein
Andres Sie sind Minister Lassen Sie den Prozess des Staates wegen der
Johannitererbschaft fallen Ich komme an den Rand des Abgrundes gestand ich
ihm wenn mir auch diese Hülfsquellen versiegen Melanie dasselbe Wort braucht
ich Einem Menschen zum ersten Male dieses Wort Dieses Geständnis der
elendesten Situation in der sich meine Angelegenheiten befinden ihm
Und warf Melanie gespannt ein um den in stiere Abwesenheit und
träumerisches Brüten versinkenden Vater aufzurichten Schlurck erschrak fast
über dieses Und
Er schlug mir auch diese Bitte ab Kalt wünschte er mir einen guten Abend
Kalt entließ er mich O Melanie wie es da in mir gährte Ach verdammt Nicht
zu einer großen und edlen Handlung gährte es Wo hätt ich die Kraft dazu Aber
an das Äußerste an den Tod dacht ich
Vater Vater
Melanie war hier aufgesprungen Sie warf sich erschüttert von der Andeutung
vielleicht eines Selbstmordes über den Unglücklichen der nicht arm sein
konnte Sie streichelte seine Wange liebkoste sie lachte unter Tränen
Nein nein so nicht sprach sie zärtlich So nicht Vater Ich ergründe
diesen Egon nicht Die Grausamkeit gegen dich und seine Liebe zu mir Nach jener
Seene im türkischen Zelt kam er blass und kalt in den Saal zurück und würdigte
mich keines Blickes Am folgenden Tage ließ er die Worte fallen Ihr habt so
recht Eure Fäden um mich gesponnen und wisst Euch Alle im Preise zu halten
Daraus entnahm ich dass ihn Euer Gespräch verstimmt hatte Und nun bitt ich
Vater um Eines Es ist hier ein Ziel zu erreichen das uns wenigstens vor der
Welt nicht gering erscheinen darf Aber es gehört Weisheit und
Selbstbeherrschung dazu Jede Andeutung eines persönlichen Vorteils den wir
etwa suchten jede Gier der Eroberung jedes marktende und schachernde
Selbstgefühl wäre hier ein heißer Stein auf dem alle Möglichkeiten in Dampf
auseinander zischten
Welche Möglichkeiten
Dass ich den Mann der mich einst tyrannisiren quälen morden würde
wirklich fände aber ich müsste ihn doch wohl nehmen weil er ein Fürst ist
Schlurck erhob sich Er begriff nicht ganz den Zusammenhang dieser
verworrenen Kombination
Wie ist Das fragte er sich an seinen Sessel lehnend Dich morden
Egon von Hohenberg liebt mich Vater sagte Melanie ruhig Ich verrate ihm
dass ich meinen Wert zu hoch halte um ihn ohne Bedingung zu erhören Er sinnt
über die Möglichkeit einer Ehe Zu werben um ebenbürtige Geschlechter ist er zu
träge zu lebensdüster geworden Er hasst die Frauen sogar vollends da sich ihm
jetzt Alle Alle aufdrängen Auch Pauline von Harder hat Angst vor der
Anknüpfung neuer Verbindungen die ihr den angebeteten Mann entführen Als er
dir so rundweg alle deine Bitten abschlug war es erst der Zorn über eine
Konspiration der ihn so reden ließ dann aber auch ich ahn es ein edleres
Gefühl Er denkt an mir gutzumachen was er gegen dich seinem sonderbaren
Pflichtgefühl seiner staatsmännischen Würde schuldig zu sein glaubte
Eine solche Idee würde Schlurck unter andern Verhältnissen nach seiner
etwas Großes und Stoisches nicht begreifenden Philosophie für Narrheit erklärt
haben Jetzt war er zu zerknirscht glücklich dafür Er atmete auf wie wenn
tausend Lasten von seiner gequälten Brust fielen Und nur das Eine noch presste
ihm die unendliche Wonne zurück
Aber warum sollte dich Egon denn tyrannisiren dich so mit Füßen von sich
stoßen dass dir nichts bliebe als der in solchem Falle erbärmliche Titel einer
Fürstin
Es war todtenstill im düstern Gemach Hackert wusste was Melanie sagen
wollte Als Melanie eine Weile schwieg und dann in heiße Tränen ausbrach
ahnte es Schlurck
Vaterzorn gegen Hackert brach so furchtbar jetzt in Schlurck hervor wie
damals als er den aufgenommenen wie einen Sohn behandelten und so früh
verwilderten Findling fast mit Füßen trat und aus dem Hause warf Es wallte in
ihm auf wie siedende Glut Er fühlte die Kraft in den Winkel zu springen und
den Lauscher der so früh die Ehre seines geliebten Kindes zerstört hatte zu
erwürgen aber ein Blick auf die zerbrochene Scheibe auf die unter den Schrank
gestossene Brechstange die Besinnung über die Tat die er an diesem
Sonntagvormittage wollte zu einem scheinbaren Ausbruch kommen lassen
Simulation eines Einbruchs in sein Komptoir lähmte seine Kraft Er konnte
nichts als sich über Melanie beugen ihr Haupt erheben ihre Stirn küssen mit
ihr weinen
Da schellte es am Hause Melanie erhob sich Rasch gefasst sagte sie zum
Vater
Papa nur noch einige Wochen Mut und Selbstbeherrschung
So war sie geschwind wie eine Gazelle auf die Wendeltreppe gesprungen und
hinauf zum oberen Zimmer verschwand sie
Noch vergeblich nach Fassung ringend wandte sich Schlurck als er Hackerten
schon vor sich stehen sah Er erwartete von dem Elenden der den Wert seines
Kindes so tief herabgesetzt ein Verbrechen an ihr begangen hatte ein
höhnisches boshaftes teuflisches Grinsen Er fand dies aber nicht Ruhig
schlug Hackert die Arme unter und eher furchtsam nicht drohend war sein Blick
Dieser Blick ermutigte doch den von den innersten Qualen zerrissenen Mann und
stachelte ihn zu der Anrede
Bube Hast du nun Alles gehört was ich dir danke
Hackert fuhr nicht auf Er sah sich nur ruhig im Zimmer um
Einen Fürsten als Schwiegersohn sagte er dann mit der ihm eignen heiseren
kalten Tonlosigkeit Ist Das so wenig Aber es ist wahr Sie hätten mich lieber
im Waisenhause lassen sollen Justizrat Ich will gehen Durch diese Tür kann
ichs nicht Das Schloss ist ja prächtig verdorben Na Ich will mich oben
durchschleichen Ich denke Sie schicken heute noch nicht auf die Polizei um
den Einbruch anzuzeigen Sonst Schlurck legen Sie sich keinen Zwang an Ich
glaube dass Sie nur sich nicht mich ins Unglück bringen wollten Vom nächsten
Sonntag an will ich jeden Morgen daran denken dass ich für mein Alibi Zeugen
habe Sonst können Sie tun was Sie wollen Es ist wahr ich habe nichts in
Ihrer Schule getaugt Justizrat In Ihrer Ihrer Aber Eins kennt auch Melanie
an mir ich bin diskret Ja Schlurck Ihre verdammte Dose da aus der Sie bei
jedem Besuche eine Prise nahmen und Witze niesten Ich naschte aus derselben
Dose und war zu jung mit meiner Nase ich musste nur Dummheiten niesen Ihr gabt
mir Wein statt Milch Juchhei am Morgen Juchhei am Abend Des Nachts lief ich
sogar im Schlafe um und konnte aus dem Jubel nicht mehr herauskommen Melanie
kam einst mit mir von einem Kinderball Sie war grade vierzehn Jahre Ich hatte
getanzt dass ich trotz meiner Haare der Abgott der Kinder war Das
vierzehnjährige Kind Genug Justizrat weinen Sie nur nicht Sonst taten
Sies ja nur wenn Ihr Geburtstag war und Melanie Ihnen ein Paar Hauspantoffeln
gestickt hatte Oder bei Ihren Jugenderinnerungen weinten Sie Jetzt
sammeln Sie sich Versuchen Sies noch zu guter Letzt ein Herz von Stahl zu
haben Adieu Justizrat Alibi oder nicht Lassen Sie unterwegs was Gefahr
bringt Ich möchte nicht dass Sie auf Ihre alten Tage Justizrat lieber
keine Seide mehr spinnen als Wolle Wir sehen uns wieder wos der Teufel
bescheert nur nicht in Bielau
Schlurck blickte nieder wollte Hackerts dargereichte Hand nicht nehmen und
sagte nur
Hast den Ring
Ich hab ihn antwortete Hackert fast hohnlächelnd und triumphierend Dann
schlich er wie eine Katze über die Wendeltreppe und durch die Zimmer die er wie
seine Tasche kannte zum Hause hinaus
Schlurck folgte vernichtet Er sann darüber nach wie er bis zu einer
Entscheidung über Melanies seltsame Andeutung den Zustand seiner
Angelegenheiten verdecken sollte Zum zweiten Male verdankte er seinem geliebten
Kinde einen großen moralischen Sieg über sich selbst Vor Hackert hatte er
niemals Furcht gehabt
Hackert schwankte seiner kaum selbst bewusst durch die Straßen Er war nicht
im Stande zum Profosshause zurückzukehren Es war ihm als sprächen Stimmen mit
ihm aus der Luft Was ihn sonst von ähnlichen bewegten Regungen auf frivole
Stimmungen gebracht hatte verfehlte heute seine Wirkung Wie malte er sich aus
was er erlebt hatte Erst den blutigen Tod die Trauer dann ein Verbrechen
erstickt wohl nur im ersten Keime dann Melanie und ihre Geständnisse Wie
einsam wie jammervoll sah es in allen diesen Herzen aus Zum ersten Male kam es
ihm dass er sich selbst fast ohne Schuld ohne Reue erschien Ein junger
Lebensmut konnte sich über Das was Melanie beklagte keine Vorwürfe machen Es
rührte ihn aber es peinigte ihn nicht
So bracht er den Tag bis zum Abend hin wo in den Straßen die Zeitungen
ausgeboten wurden die die Geschichte vom gestern gesprengten
Maschinenarbeiterverein erzählten Am Schloss des Königs standen die kleinen
»fliegenden Buchhändler« unter ihnen trotz der Trauer trotz ihres häuslichen
Leids Wilhelm und Karoline die eignen Geschwister des Getödteten Sie riefen
ihres eignen Bruders Tod aus
Und Hackert kaufte ihnen ihre Blätter ab und hörte dass sie eigentlich
deshalb weinten weil sie heute zum letzten Mal die Zeitungen auf der Straße
verkaufen durften
Und Euer guter armer Bruder Karl Darauf sagten sie nichts als weinend die
Worte
In der heutigen Zeitung steht Alles Es ist aber die letzte
Und indem verkauften sie ihr Leid Dass die Regierung den Strassenverkauf der
Zeitungen heute zum letzten Male gestattete war ihnen fast größerer Kummer
Hackert wollte bitter werden Er fand im Menschen Etwas was vom Uranfange
an zum Schlimmen zieht Er sagte sich dass die Lage in der wir uns der Materie
gegenüber befinden unsre Tugenden und unsre Laster bedinge Der Mann mit dem
roten Barte spottete er O O Louise
So leicht bizarre Äußerungen bei Hackert den Übergang zu seinem
genusssüchtigen gedankenlosen Leichtsinn bezeichneten heute verlockten sie ihn
nicht recht Er ergab sich nur der Verachtung aller Lebensverhältnisse und
beschloss am Montag zu Assessor Müller zu gehen und ihn zum letzten Male da
Madame Ludmer ihm wiederholt geschrieben hatte um Einlass bei Murray zu bitten
Wie er am Montage in der Frühe an das Profosshaus kam ging eben eine Gruppe
von Menschen aus dem Hause tretend an ihm vorüber Die Menschen schienen ihm
bekannt Der welcher ihm am meisten auffiel war Murray selbst er erkannte ihn
an der schwarzen Binde Die Übrigen waren Dankmar Wildungen der von Melanie so
Heissgeliebte jener wunderliche verwachsene Fremde den er in die Stadt hatte
einfahren sehen und ein ihm Unbekannter wir kennen ihn Louis Armand Louis
hatte den gebückten lächelnden Gefangenen unterm Arme gefasst und führte ihn
wie im Triumph Auch Otto von Dystra schien den Befreiten wie einen längst
Bekannten zu begrüßen und Dankmar betrachtete ihn so forschend dass er Hackerten
übersah obgleich dieser dicht an ihm stehen blieb und verwundert den Vieren
nachsah Am Portal des Profosshauses erführ er dass man auf eine persönliche
Bürgschaft jenes Herrn im Schnurrock und die Niederlegung einer großen Summe
eingewilligt hätte Murray während seiner Untersuchung die sich ohnehin schon
zu seinen Gunsten gewandt hätte auf freien Fuß zu stellen
Zu spät gekommen sagte er und gedachte des üblen Eindrucks den er mit
diesem so gescheiterten Auftrage bei der Verwandten seines Vorgesetzten Pax
machen würde Diese Entdeckung war ihm nicht gleichgültig ja als er lauernd
jenen Vieren folgte und Murrays Ruhe die Freundschaft und Zuvorkommenheit
jener Ehrenmänner für den Verdächtigen beobachtete witterte er schnuppernd die
Fährte neuer Lügen und Laster Doch zu nahe wagte er sich den ruhig
Dahinschreitenden nicht Es war ihm als könnte sich Dankmar wenden und ihm ein
Wort zurufen wie einst auf dem Hohenberg Wenn er dich einen elenden Spion
hieße was könntest du erwidern
Die Möglichkeit mehrte doch seine Pein Louisens Jammer an der Leiche ihres
Bruders die sittliche Gefahr des Justizrats Melanies Tränen hatten sein
Inneres nicht erweicht aber ein wenig erhellt Er wurde Andern ein Licht wie
sollte es in ihm selber dunkel bleiben Er sah sich wenigstens wie im Spiegel
und war aus der brütenden Ruhe seiner Unmittelbarkeit aufgeschreckt Da überfiel
ihn eine solche Angst dass er jener Frau die ihm so viel Vertrauen geschenkt
hatte und beunruhigt einmal über das andre in seine Wohnung schickte ob Herr
Hackert nicht sogleich zur Geheimrätin von Harder kommen wollte keine Anzeige
von Murrays Freiheit zu machen wagte ihm aber nachschlich und außerhalb des
Gefängnisses in das ihn die Richter nicht hatten einlassen wollen sich ihm
irgendwie zu nähern suchte
Am Mittwoch früh fand das Begräbnis des Karl Eisold statt unter Umständen
die die ganze Bevölkerung in Bewegung setzten und Veranlassung wurden dass
Hackert den Privatauftrag erhielt die am Grabe gehaltenen Reden zu überwachen
Die Sicherheitsbehörde hatte keinen feierlichen Leichenzug dulden wollen und
deshalb sogleich den Toten auf den neuen Kirchhof schaffen lassen wo er bis
zum Begräbnis im Leichenhause beigesetzt blieb Die Arbeiter der Willingschen
Fabrik aber hatten den Toten bei Nacht aus jenem Hause mit Gewalt entfernt und
ordneten ein Begräbnis an das durch die ganze Stadt gehen sollte Es war eine
eigenmächtige Handlung die später einer strengen Untersuchung verfiel Ein
Ministerrat verbot das öffentliche Begräbnis bis bei Hofe jene religiöse Scheu
vor Allem was Leben und Sterben berührte entschied und man von dorther
wünschte es sollte dem Drange jener Menschen diesen Todesfall in ihrer Weise
aufzufassen kein Hindernis gesetzt werden So fand denn jenes Begräbnis unter
Vortragung von Insignien aller Art und mit Begleitung einer Trauermusik unter
dem Zustrom von Tausenden Statt Alle Maschinenarbeiter folgten Sogar einige
elegante Trauerkutschen schlossen sich an Am Grabe wurden Reden gehalten
Choräle gesungen Man bemerkte überall die Zeichen einer an diesem
Trauergepränge sich aussprechenden Demonstration der erzürnten Gemüter
O rief ein junger Redner der auf die feuchte gelbe Erde der Grube trat
das Haupt entblößte und die zuckenden Mienen seines blassen Antlitzes kaum vor
innerer krampfhafter Erregung bemeistern konnte O so kommen sie denn immer
näher die Boten des Sturmes der bald uns Alle wie Staub aufwirbeln und
durcheinander treiben wird Noch eine kurze Ruhe und die Zornschaalen der
Prophezeiung werden ausgegossen werden Bis dahin Brüder wankt und verzagt
nicht Der Tod hält seine Ernte Wie ein Schnitter fährt er dahin und mäht mit
seiner Sichel schonungslos und grausam An das Leben muss sich nun schon Niemand
mehr klammern Die Zeiten sind vorüber wo ein Jeder sich hütete unter den
Dächern der Häuser zu gehen um nicht von einem fallenden Ziegel erschlagen zu
werden Die Zeiten sind vorüber wo man seines Leibes und Lebens schonte und
pflegte und sich vornahm gebessert reich an Tugenden und gesammelt vor den
Thron des ewigen Richters zu treten Jetzt geht es im Fluge Das Leben ist
nichts Die Kugeln werden Niemanden schonen Eine Leiche Hunderte werden wir
begraben sehen Tausende Die Wut der Menschen die es ahnen dass ihre Stunde
schlug ist grenzenlos Nicht mehr Könige und Könige bekämpfen sich nein alle
Monarchen alle Reichen alle Großen werden Frieden unter einander schließen und
die Armeen sind nur noch da um Schlachten den Brüdern zu liefern Unsre Plätze
und Straßen unsre Stuben und Kammern werden die Schlachtfelder werden wo
künftig die großen Feldherren ihre Lorbeern sammeln Tod ist nichts mehr
Brüder Wo wir hinblicken krachen die Flinten der Executionen Die Diplomaten
schreiben die Bluturteile auf ihren seidenen Polstern ihre Chokolade
schlürfend Die Maschinen dieser Menschen vollführen es und jeder Soldat sieht
auf seine Büchse sein Pulverhorn drückt los was geht ihn die Kugel und ihr
Ziel an O Brüder verzagt nicht Zittert nicht dass Ihr Euch erscheint wie
zusammengetriebenes Wild in einem Walde Alle Wege sind umstellt Unser Denken
unser Fühlen unser Reden ist ein Verbrechen Wir stören den Staat wenn wir uns
versammeln Wir sollen nur arbeiten Hört Ihr nur arbeiten Arbeite und iss dein
Brod im Schweiße deines Angesichtes Das ist der Fluch mit dem du in die Welt
getreten bist Aber die Stunde wird schlagen mit ehernem Glockenschlag
furchtbar dröhnen wird sie durch alle Lande die Sonntagsfrühe der Erlösung
Weiter konnte der Redner nicht sprechen Denn eine Anzahl der Polizeidiener
die in der Nähe stand trat auf den Hügel und zog mit lärmender Unterbrechung
den jungen Mann von ihm herunter
Dies wurde das Signal eines allgemeinen Tumultes der mit der Ruhe des
Friedhofes und mit dem Schmerz der auf dem Sande knieenden Louise und ihrer
Geschwister in schreiendem Widerspruche stand Man entriss den Häschern ihre
Waffen man tobte schrie stieß Verwünschungen aus Die Häscher ließ ihre
Notpfeifen ertönen um von der Wache eines nahegelegenen Tores Hilfe zu
bekommen Die Wächter der öffentlichen Ordnung waren so bedrängt dass ihnen fast
nichts übrig blieb als sich an den durch diese Szenen entweihten Sarg zu
flüchten der auf den Brettern über der Grube stand und eben hinabgelassen
werden sollte
In diesem Tumult riefeine donnernde Stimme
Ruhe Friede am Grabe Achtung vor den Toten
Es war Leidenfrost dessen Autorität unter diesen Menschen Wunder wirkte
Seine gewöhnlich nur polternde Art hatte ihn ganz verlassen Der Augenblick
begeisterte ihn Er war nur bei der Sache und ganz von ihr durchglüht
Wenn mein Wort unter Euch etwas gilt rief er so steht von Aufruhr und
Empörung ab Ehret den Schmerz der Leidtragenden die dort auf dem kalten Boden
verhindert sind ihre Andacht zu verrichten Schreckt den Schlummer des
gebrochenen Auges nicht auf Wir kommen so nicht fort wie Ihr meint wir nützen
uns nichts und Denen nicht die nach uns kommen werden Glaubt doch nicht dass
Ihr allein dasteht mit Eurem Kummer um diese Zeit Gebt dies weichliche Jammern
um Eure Lage auf und erschliesst Euren Geist einer höheren Betrachtung Es
arbeiten mehr als Ihr denkt wenn auch nicht mit Schwielen in der Hand Aber es
denken auch mehr und hoffen auch mehr Ihr seid nicht die Einzigen und seid
nicht verlassen Ihr fahrt nicht wie dieser Jüngling in die Grube und düngt nur
die Erde Haltet Schritt mit dem Allgemeinen Folgt nicht dem nächsten Gelüst
Eures Zornes sondern glaubt an den im Stillen arbeitenden Weltgeist der uns
mit Schöpfungen überraschen wird von denen Ihr keine Ahnung habt Eine Ordnung
in diesem Leben muss sein Sie beruht nicht auf der Verteilung der Güter die
nur Mord und Brand erzeugen würde sie beruht auf dem geänderten Begriffe vom
Staat Dahin arbeitet Nicht zur Auflösung sondern zur neuen Bildung hin
Gehorchen wollen wir dienen uns beherrschen Das ist das Ziel das wir nur im
Siege des Geistes nicht dem Siege der Materie finden können Die rechte
Freiheit und die rechte Begrenzung Darin liegt Glück darin die Bürgschaft
neuen Friedens Die Römer wussten was sie wollten die ersten Christen wussten
was sie wollten wir wissen noch nicht was wir wollen Deshalb entwaffnet die
materielle Kraft die Euren Forderungen gegenüber steht entwaffnet sie nicht
durch die schwache sogleich besiegte Faust sondern durch den milden
Sonnenschein des Geistes und der Verständigung Der Sonnenschein blies dem
Wanderer den Mantel ab den der Sturm nicht abblasen konnte Gebt Ruhe Friede
den Toten Scheidet von diesem Grabe mit der Hoffnung auf einen neuen Frühling
und werfe Jeder eine Handvoll Erde dem edlen Jünglinge nach als Zeichen dass
wir Erde werden wie er und uns versöhnen wollen mit unserm Loose das uns diese
Welt gab als einen Schauplatz der Entsagung und eine dunkle Kammer rätselvoller
Hoffnung
Diese wie ein Strom hervorquellenden Worte verfehlten ihre Wirkung nicht
Einer nach dem Andern trat an die Grube und warf eine Handvoll Erde über den
Sarg Louise und die Kinder schütteten Blumen Die Frauen vieler Arbeiter
umringten die Weinenden und führten sie an das Tor des Friedhofes zurück wo
einer der schönsten Wagen dem ein zweiter in welchem Mangold saß folgte sie
aufnahm Die verstärkte Torwache machte Spalier Die Arbeiter gingen ruhig
auseinander Leidenfrost erhielt den Handschlag Dankmars und jenes kleinen mit
dem Offizier der Wache sich unterhaltenden Fremden in dem Hackert wieder den
vornehmen Reisenden erkannte den er in die Stadt Rom gewiesen hatte
Als der Kirchhof von dem Menschengewühl sich entleerte und nur noch die
Totengräber tätig waren und das Grab zuschütteten bemerkte Hackert in einiger
Entfernung einen einsamen zurückgebliebenen Wanderer Es war Murray der Alte
mit der schwarzen Binde Er sah dass er die Hände über den Rücken zusammenschlug
und von Grab zu Grab trat trotz der Kälte trotz der schon schneidenden trocknen
Winterluft Er hatte ihn schon vorher im Auge gehabt und nur im Tumult nach der
ersten Grabrede verloren Jetzt schlich er sich ihm nach Jetzt spornte ihn
Neugier und die Eitelkeit sich das Haus einer Geheimrätin verbindlich zu
machen Doch immer stand der Alte wenn er dicht an ihn heran kam an einer
Grabschrift und las sie was ihm schwer zu werden schien da er sich nur eines
Auges bedienen konnte
Hackert fühlte dass er über den Tod über diese Grabschriften mit ihm reden
musste wenn er ihn ansprechen wollte Dazu konnte er sich trotz der auch in ihm
durch die Grabesscene hervorgerufenen Erschütterung nicht entschließen
Religiöse Empfindungen waren ihm fremd
Murray las unter dem feuchten modernden Blätterabfall hinschreitend
zuweilen die Grabschriften halblaut
Derselbe Mann den er als zweideutigen Gauner im Gefängnisse besuchen
sollte der ihm als hochfahrend anmassend frech bezeichnet war sprach indem
er bei einer entblätterten Trauerweide stand und er ihm von ferne zuhörte
»Sanfter Schlaf halte dich umfangen bis zum Tage des Wiedersehens«
Es war eine Grabschrift auf ein junges Mädchen
Hackert blickte zu Murray hinüber der weiterging und sprach vor sich hin
Es ist kein Engländer Das hör ich doch wohl schon
Murray stand vor einem Kreuze und las wieder halblaut
»Seit ich entbehre glaub ich«
Murray stand nachdenklich überlegte offenbar diese Worte und ging wieder
weiter
Hackert vergegenwärtigte sich die Kennzeichen die ihm die Ludmer genannt
hatte
Das Haar ist nicht echt sagte er sich und las nun selbst die Inschrift die
Murray vor ihm gelesen hatte
Murray war inzwischen weiter gegangen und flüsterte vor einem andern
Denkstein die Inschrift lesend
Hackert bemerkte dass sich das Haar verschob und unter ihm ein helleres
sichtbar wurde Er ists sagte er sich
Indem murmelte Murray vor einem Kreuze von Gusseisen
Anbetung Ihm der die große Sonne
Mit Sonnen und Erden und Monden umgab
Der Geister erschuf
Ihre Seligkeit ordnete
Die Ähren hebt der dem Tode ruft
Zum Ziele durch Einöden führt und den Wandrer labt
Anbetung Ihm
Finden Sie nicht sagte nun Murray sich selbst zu dem nahegetretenen jungen
Manne wendend der wie er an den Gräbern Interesse zu nehmen schien finden Sie
nicht dass alle diese Denksteine sich recht an den Tod anklammern wie an den
einzigen Entüller des großen Lebensrätsels Es ist doch schlimm damit Man
glaubt erst wenn man an die Schwelle unsres Daseins tritt und in der Stille
die um einen Sterbenden waltet es doch so gar sonderbar rascheln und flüstern
hört grade wie Sie immer so hinter mir her raschelten ohne dass ich Sie sah
Hackert konnte nicht recht antworten Er bemerkte während Murray sprach
die Ohrlöcher von denen ihm die Ludmer gesagt hatte Sie waren verwachsen aber
unverkennbar
Murray ging ohne die Antwort abzuwarten weiter und sprach halb lesend an
einem kleinen sehr geschmackvollen Denkmal von Marmor
Ein Kind von drei Jahren Der kurze Traum eines Schmetterlings Sehen Sie
die Idee des Künstlers Ein Kind mit einem Schmetterling Wie es fürchtet dass
eben der Schmetterling von der erhobenen linken Hand fliegen will Es will ihn
haschen Knabe die Seele entfliegt dir nicht Tröste dich Aber nach musst du
ihm
Hackert bemerkte dass Murray fast keine Augenbrauen hatte Und damit er doch
nicht zu lange schwieg äußerte er kalt
Ganz hübsch
Haben Sie die Reden an dem Grabe gehört fragte Murray den ihm sonderbar nun
sich anschliessenden jungen Mann mit den mageren Gliedern dem durchglasten Auge
dem blassen Gesicht dem roten Haar in einfacher Tracht mit schäbigem Paletot
In zu großer Entfernung sagte Hackert
Die Szene war ein Bild unsrer Zeit fuhr Murray fort Noch Kampf am offenen
Grabe Der besänftigende Redner fand gute Wendungen aber die Wechsel die er
ausstellte haben zu lange Sicht Da werden die Zinsen so groß wie das Kapital
Hackert in der sichern Überzeugung dass die Vermutung jener Frau über
diesen Mann vollkommen zuträfe konnte natürlich solche Art sich zu äußern
solche stille Ergebung und philosophirende Ruhe nicht begreifen Von einer
Verstellung ihm gegenüber konnte doch wohl kaum die Rede sein Er musste sich
gestehen dass er hier ja ein ganz kindlichgestimmtes frommes ergebenes Gemüt
vor sich hatte von dem Schlimmes zu denken er sich schämen musste
Murray wanderte immer so fort Hackert folgte ihm und hörte forschend zu
wenn er sprach oder Grabschriften las Manche schrieb sich Murray auf
Er zog sein Portefeuille und merkte sich manchen Gedanken manches tröstende
Bild
Hackert wurde davon fast ergriffen Er hörte keinen Frömmler sprechen
keinen phrasenhaft Gläubigen sondern einen Mann der das Leben und die Welt als
ein Geheimnis nahm und deshalb weil er mit zu diesem Geheimnis der Welt
gehörte ein höheres Walten eine Harmonie des uns nur unharmonisch klingenden
Lebensspieles voraussetzte
Und doch verließ Hackerten noch immer nicht die schlimme Vorstellung die
ihm die Ludmer eingeflößt hatte Er sah dass Murray schön schrieb und bemerkte
dies ihm über die Schulter schielend
Ich bin ein Kupferstecher antwortete Murray in aller Ruhe und steckte den
Bleistift durch die Löcher die sein Portefeuille zusammenhielten
Auch diese freiwillig eingestandene Beschäftigung passte
Murray schien von dem heftig brausenden Novemberwind der die Blätter
aufwirbelte nichts zu fühlen Hier und da hatte sich noch ein Blumenstock von
den vielen die hier auf den Rasenhügeln welkten frischer erhalten Er
verweilte dann bei ihm und lobte seinen Widerstand gegen den Sturm
Halt aus Halt aus sagte er Aber noch zwei Tage so musst du dich auch
ergeben
Dann wandte er sich an Hackert mit den freundlichen Worten
Glauben Sie denn an ein Wiedersehen nach dem Tode junger Mann
Hackert war betroffen fasste sich rasch und schüttelte entschieden den Kopf
Ich kann Sie nicht widerlegen mein Lieber nahm Murray sein Bekenntnis
entgegen allein denken Sie sich doch einmal als wäre die Menschheit vielleicht
ein Baum oder ein großes Wachstum will ich sagen das immer steigt immer neu
ansetzt immer drängt und drängt und irgend etwas werden will was weiß ich
nicht Aber es ist ein Geheimnis damit Ich glaube unser physisches Leben ist
der Durchgang eines großen rätselhaften Naturtriebes eines Dranges zur
Unsterblichkeit Sehen Sie es ist mir fast als wenn diese Erde deren beste
Produkte wir doch sind etwas aufhat ein Thema nämlich das uns so vollkommen
hinzustellen als nur möglich möglicher Weise unsterblich Die Erde kann Das nun
nicht vollbringen Da sinkt Einer hin da und dort Meinen Sie nun wirklich dass
der unglückliche Knabe der so mit sechszehn Jahren sterben musste nun rein
ausgeblasen ist Hier ist ers Das was in ihm irdisch war ist hin Aber wenn
Einer so stirbt an einem ererbten Übel an der Schwindsucht an unverschuldeten
Fehlern der Organisation bei einem Eisenbahnunglück kommt da der schwachen
Erde die uns so gibt wie sie eben kann nicht vielleicht doch ein höherer
Geist zu Hilfe und nimmt Die in seine rettenden Arme die die Erde nicht fertig
bringen konnte und führt uns in andern Verhältnissen andern Bedingungen fort
und hinüber in andere Substanzen
Hackert hörte ruhig zu
Ich philosophire stümperhaft sagte Murray Was kann man auch anders als
sich hier der Natur gefangen geben und sagen Da hast du mich mit gefesselter
Vernunft Liefre mich dem Tode aus auf Gnade oder Ungnade Wenn man aber doch
ein Bild für diese Hoffnungen haben möchte so mein ich immer man nimmt
getrost die christlichen Bilder und überantwortet sich einem liebenden Vater
einer allwaltenden Fürsorge und sagt Durch Christus durch seine Lehre ist
dafür gesorgt dass wir nicht zu Staub verwehen Es sammelt uns schon Jemand
irgendwie in dem Schoss Gottes
Alsdann sprach Murray ein altes Lied von dem er sagte dass man es zu seiner
Zeit gesungen hätte Es war Salis schönes Lied »Das Grab ist tief und stille«
Murray sprach alle Verse ohne Patos ohne Übertreibung melodisch und weich
Als er mit dem Verse geschlossen hatte
Das arme Herz hienieden
Von manchem Sturm bewegt
Erlangt den wahren Frieden
Nur wenn es nicht mehr schlägt
war es Hackerten doch als wühlte eine Geisterhand sonderbar sein Inneres um
Tränen die wie er oft gesagt hatte nicht in sein Herz wären gesäet worden
meldeten sich freilich nicht leise quillend und unwillkürlich aber er musste
doch zu Murray sagen
Sie sind ein Priester von der Art wie wir keine haben So wärs mir schon
recht Jeder müsste eigentlich seinen eignen
Hackert stockte aber Murray verstand und fuhr rasch fort
Seinen eignen Erlöser finden
So etwas sagte Hackert wenigstens Einen der ihn hinausführte in die Natur
und ihn durch Milde bekehrte
Junger Mann sagte Murray Suchen Sie nur die Einsamkeit dann ist der
Priester immer bei Ihnen
Hackert dachte an den schönen Julitag wo er zu Tempelheide im Korne unter
den blauen Blumen lag und sich an Siegbert anschließen wollte aber nicht
konnte da es noch viel zu wild in ihm damals tobte
Indem fesselte Murray eine neue Inschrift Er zog sein Portefeuille um sie
aufzuschreiben Indem er es aufschlug klang etwas auf dem Grabstein vor dem er
stand Etwas Metallenes war ihm entfallen
Hackert hob es auf
Es war ein halber goldner Ring
Wie Murray diesen halben goldnen Ring den ihm Louis Armand nach dem
Wiedersehen und dem Erörtern des im Schranke der Jägerwohnung Gefundenen gegeben
hatte von Hackert empfing und wieder in das Portefeuille legen wollte sah er
in dem jungen Manne eine seltsame Bewegung
Was ist Ihnen fragte Murray
Unwillkürlich griff Hackert in seine eigne Rocktasche und zeigte mehr wie zu
spielendem Zufall die andre von Schlurck empfangene Hälfte eines Ringes
Murray erst scherzend hielt seine Hälfte an diese sagte aber nun plötzlich
erschreckend während seine Hand zitterte
Gott Sie passen ja
Hackert wirklich nicht minder bewegt blickte in den innern Rand Wie er
die Buchstaben PvR deutlich zusammengefügt erblickte musste er sich an einem
Kreuze halten so erschütterte seine schwachen Nerven dies Zusammentreffen
Und Murray rief mit schon ersterbender Stimme
Was ist Das Woher haben Sie die Hälfte dieses Ringes
dabei streifte er mit der Hand die Binde zurück sein Hut entfiel die Binde
entfiel die Gestalt hob sich
Ich bin ein Findelkind sagte Hackert Wie man mich an der Tür des
Waisenhauses dieser Stadt aussetzte fand sich in dem Korbe in dem ich schlief
die Hälfte dieses Ringes
Und Murray sank schon halb auf einen Leichenstein halb hielt er Hackerts
Arm bohrte seine Augen in die des jungen Mannes hob die Lippen als wollte er
sprechen wischte die Augen als wollten sie weinen lachte griff nach seiner
Stirn betrachtete den Ring
Paul rief er endlich
Nicht Paul sagte Hackert
Gütiger Heiland nicht Paul Zeck stammelte Murray erblassend
Paul Zeck Paul Zeck rief Hackert sich besinnend
Und schon wühlte er in den Papieren seines Portefeuille
Der Schein den Hackert in jener Nacht Bartuschen abgenommen zitterte in
Murrays Händen
Dann sammelte sich Der aber und sprach indem er krampfhaft Hackerts Hand
ergriff
Diesen Ring gab ich einst meiner Schwester Ursula Zeck Paul Zeck ist nicht
ihr Kind es ist mein Sohn und der Sohn dieser Frau deren Name PvR lautete
Es sind jetzt drei Fälle Entweder Paul Zeck ist durch Naturgesetze tot oder
Ursula Zeck hat ihn ermordet oder sie setzte Paul Zeck am Waisenhause dieser
Stadt aus und machte den Ursprung des Kindes kenntlich durch die Hälfte dieses
Ringes die andre wurde bei ihr gefunden
Hackert blickte bald auf die Ringteile bald auf Murray und sagte dann
leise
Ihr Sohn Sie Und ich Ja ich bin ja dieser ausgesetzte erst im
Waisenhause erzogene Findling
Es war das erste reine Gefühl der gebrochenen Eiseskälte des Herzens das
erste Herzensbeben dieses jungen Mannes indem er diese Worte sprechen musste
Murray betrachtete den Sprecher die Gestalt die Züge des Antlitzes
Auch das Haar ging ihm plötzlich wie in Flammen auf Ha sagte er Daher
Daher Von jener Nacht Lichterlohes Haar Du bists Bist mein Sohn
Die Totengräber überraschten eine Gruppe Sie wollten das Tor
schließen das auf zwei Schritte in der Nähe war Unwissentlich hatten der Vater
und der Sohn diesen Weg genommen Sie halfen Hackerten der sich bald
sammelte den ohnmächtigen Mann der seinen Sohn gefunden und seine Freude nicht
auszujubeln wagte an das Tor führen wo noch Mietwägen hielten
Die beiden verspäteten Teilnehmer des Leichenzuges fuhren wie Hackert dem
Fiaker zugerufen nach der Brandgasse Nr 9 wo Murray ja noch wohnte
Die Totengräber fanden die Szene die Ausrufungen die Umarmungen seltsam
An der Stelle wo alles Das vorfiel fand sich nichts zur Aufklärung kein
Leichenstein kein Denkmal nur ein Blättchen Papier auf dem mit Bleistift eine
der Grabschriften ihres Friedhofes in der Nähe aufgeschrieben stand Sie
lautete
»Den Lebenden ist Nacht Den Toten bricht
Den Schlummernden ein neuer Morgen an«
Vierzehntes Kapitel
Wolken
Der umsichtige tätige Oberkommissär Pax saß eines Morgens bald nach dem
Begräbnis des Karl Eisold noch im Schlafrock und blätterte in gemischten
Papieren Sieht es bei alten von Frauen verwöhnten Junggesellen ohnehin schon in
ihrer Behausung behaglich und mit pedantischer Ordnungsliebe gepflegt aus so
hat ein hochgestellter Diener der öffentlichen Sicherheit vollends Gelegenheit
sich eine comfortable Existenz zu begründen Herr Pax schlüpfte über Teppiche
lehnte die Arme auf Stickereien den Rücken an schwellende Kissen die ihm von
seinen Verehrern den reichen Bürgern der Stadt Sollicitanten und selbst dann
und wann Kontravenienten zum Geschenke gemacht wurden Da waren die Glasschränke
voll Porzellan voll Gold und Silber Kostbare Blumentöpfe beschatteten die
Fenster die mit Ampeln und hängenden Rankengewächsen geziert waren Selbst ein
Papagei vor Allen aber Schoosshunde und Katzen fehlten nicht wie bei einer
alten Jungfrau die ihren reichen Schatz an Liebe zuletzt doch mit irgend Jemand
in der Welt teilen muss Charlotte Ludmer hatte den ehemaligen derbauftretenden
Wachtmeister doch zum verweichlichten Junggesellen erzogen und die halbe Stadt
wusste wann Herr Pax seinen Geburtstag feierte Die guten Bürger erdrückten ihn
dann mit Überraschungen von denen ihn die Naturalgeschenke trotz seines guten
Appetits oft in Verlegenheit setzten da sie zur Verköstigung für Monate
ausreichen konnten Eben trug ihm eine junge Haushälterin in silbernem Service
den Kaffee herein als ihn Hackert freundlich begrüßte und ihm Glück wünschte zu
den wahrscheinlich sehr reichen Fängen die er auf seiner Rundreise gemacht
hätte
Pax lächelte mit dem Bewusstsein eines Mannes der das Wohl des Staates an
seinen Fingern hat und wenn er nicht Acht gäbe das ganze Gewebe der
öffentlichen Ordnung fallen lassen könnte
Er rückte einen kostbaren Fauteuil seinem Protégé zu und fragte ihn ob er
schon gefrühstückt hätte Die Sahne war schäumend Das Weissbrot war das
zarteste Der Mocca vom schönsten Rotschwarz Die Haushälterin allerliebst
Doch lehnte Hackert ab
Schmelzing hat mir schon gestern Abend mancherlei erzählt sagte der
Oberkommissär Was haben denn inzwischen Sie erlebt
Hackert zog seine Liste verdächtiger Personen und die Notizen noch
verdächtigerer Zustände hervor und bat den Oberkommissär ihm nur auf den Zahn
zu fühlen Er würde ihm dann eine reiche Ernte mitteilen können
Das ist ja charmant Die Zeiten sind schlimm Die Umtriebe wachsen immer
gefährlicher Setzen Sie sich Hackert Wirklich Haben Sie schon gefrühstückt
Damit wollte der freundliche Herr der wie Mancher erst im Schlafrock Gemüt
hatte an einem kostbar gestickten Schellenzuge klingeln und hatte schon den
krystallnen Ring in der Hand
Hackert lehnte ab
Wie Sie wollen sagte der freundliche Wirt und lenkte zu den Geschäften
ein Schmelzing erzählt mir ja Wunderdinge von dem Karl Eisoldschen Begräbnis
Er hat alle Namen aufgeschrieben die er erkannte
Ich sah Schmelzing nicht
Er war zugegen Es ist erstaunlich was sich für Menschen kompromittirt
haben Der Staatsanwalt wird zu tun bekommen
Es ist viel gesprochen worden sagte Hackert ruhig aber Aufregendes
Hackert entgegnete Pax herablassend aber doch drohend Sie haben keine
Neigung für politische Fragen Sie sind Schmelzing überlegen in der Auffassung
aber Schmelzing beobachtet schärfer
Ohne hören und sehen zu können
Pax lächelte und schlürfte seinen Mocca den er stark trank da es ihm an
Bewegung nicht fehlte
Sie wissen doch sagte er dass es in der Gaunersprache der Revolutionärs ein
Auf und Abwiegeln gibt Nichts ist gefährlicher als das Abwiegeln Da werden
die Leidenschaften zurückgedrängt und brechen nur um so gefährlicher in
unbewachten Augenblicken hervor
Aha sagte Hackert ruhig
Leidenfrost soll in dieser Art am Grabe abgewiegelt haben
Er ist berichtete Hackert mit einer Sendung von Maschinen auf die Güter
unsres Premierministers um sie dem dortigen Generalpächter Ackermann
zuzuführen Zwei Arbeiter Heusrück und Alberti begleiten ihn
Der dritte im Bunde Danebrand soll sitzen
Man beschuldigt ihn den Karl Eisold durch eine Heldentat haben rächen zu
wollen die an die bekannte Geschichte von Arnold von Winkelried erinnert
Kennen Sie diese Geschichte Herr Oberkommissär
Der ehemalige Wachtmeister schien die Geschichte der Schweiz nicht studiert
zu haben ob er gleich mit ihr in naher Verbindung stand und einen lebhaften
Briefwechsel über das »Treiben« der Flüchtlinge daselbst unterhielt
Die Geliebte Danebrands hat einen andern Verehrer gefunden fuhr Hackert
fort einen Inspektor auf dem königlichen Schloss Buchau Es ist derselbe Mann
der jene Auguste Ludmer heiraten wollte
Apropos Hackert unterbrach Pax die unangenehme Erinnerung an seine
PseudoSchwester ich habe ein Briefchen von der Familie des Geheimrats von
Harder vorgefunden Man dankt mir sehr für Ihre Empfehlung aber Sie haben sich
einem Auftrage nicht unterzogen den man Ihnen daselbst erteilte
In Betreff jenes zweideutigen falschen Engländers
Ganz Recht Das Briefchen ist schon einige Tage alt Dieser Mensch
Den man auf Kaution freigelassen hat
Etwas voreilig Assessor Müller ließ sich von hohen Personen imponiren
Die Identität des Individuums das jene charmante Dame Madame Ludmer zu
erkennen wünscht passte nicht auf diesen Murray es sind völlig verschiedene
Personen auch wollte mich Müller in keiner Beziehung zur Justiz anerkennen
Hm Ich meine denn doch der Fall war wichtig Ich habe in Hohenberg diesen
Mann mit großem Aufwand beobachten lassen und seine Gefangennehmung ist mit
einem Verbrechen verbunden gewesen
Gegen alles Das hat ein ehemaliger Diplomat Baron von Dystra durch sein
Zeugnis und eine enorme Kaution den Beweis besseren Sachverhalts geführt
Hab ich gehört und beauftrage Sie auch diesen Dystra ins Auge zu fassen
Alles nachgrade Alles wird verdächtig
Einstweilen weiß ich dass dieser Sonderling sich beim königlichen Schloss
Buchau ankaufen will und eine gewünschte Parzelle dazu erhalten hat Er
interessiert sich für das Unglück der Eisoldschen Familie und hat Louisen
vorgeschlagen sie möchte in seinem Auftrage mit ihren Geschwistern nach Buchau
gehen und ihm dort Vorbereitungen treffen dem Bau den er auf der Ruine
Tempelstein für den Sommer vorbereitet mit Bequemlichkeit anwohnen zu können
Sie sind gut unterrichtet sagte Pax Doch find ich darin nichts
Staatsgefährliches wenn nicht diese Nähe von Demokraten bei einem königlichen
Schloss
Ich meine sagte Hackert mit bitterer Ironie es ist sehr nützlich dass eine
neue Tochter Jephtas eine Jeanne dArc der Arbeiter von hier entfernt wird
Pax schwieg bedeutungsvoll Er stellte sich als verstünde er die
geschichtlichen Anspielungen seines Volontairs der eigentlich mit ihm wie die
Katze mit der Maus spielte
Das Mädchen wird schon dieser Tage gehen erzählte Hackert Mangold ist
voraus und Baron von Dystra hat den Tempelstein gekauft Er wird ihn im Frühjahr
ausbauen lassen Einstweilen sammelt er Handschriften was bedenklich ist
Wie so
Er sammelt Handschriften wiederholte Hackert trocken Ich fürchte er wird
einmal einen gewissen Brief des Majors Werdeck finden und dann einen Brief von
Schmelzings Hand mit ihm zusammenlegen und einen Kenner fragen ob beide Hände
Ähnlichkeit miteinander haben oder nicht
Hackert hatte diese Worte ruhig hingeworfen
Pax aber blickte groß auf und schien überrascht
Was ist Das Schmelzing Werdeck
Ich wollte nur bemerken sagte Hackert ruhig und sehr einfach dass
Schmelzing zwar ein durchtriebener Spitzbube ist und die Kunst falsche
Handschriften nachzuahmen aus dem Grunde versteht aber er soll sein Geschäft
vorsichtiger betreiben und nicht Aldenhoven Lieutenant Flottwitz Major Türk
und ähnliche Mitglieder des Reubundes zu oft besuchen
Hackert Hackert sagte Pax erstaunt Sie haben Katzenaugen Ist gegen den
Major von Werdeck Was ist denn
Hackert schwieg
Werdeck ist ein eid und pflichtvergessner Offizier fuhr Pax heraus Er hat
einen Umgang den ein Mann in seiner Stellung nie haben darf Dankmar
Wildungen Louis Armand Leidenfrost Diese Menschen Was ist Das für ein
Brief
Es circulirt erzählte Hackert seit einigen Tagen unter den Offizieren ein
aufgefangener Brief den man zuerst bei einer Parade als die Parole ausgeteilt
wurde mit Erstaunen herumreichte Diesen Brief soll der Major Werdeck an einen
im Auslande lebenden Flüchtling geschrieben haben Er bietet ihm darin die
Ergebenheit einer großen Partei in der Armee an und wünscht die genauere Angabe
der Zeit wann man hoffen könne loszuschlagen Eine Untersuchung wird später
folgen Vorläufig ist dem Major von Werdeck der Degen abgefordert worden
Ist es möglich Aber Schmelzing
Einige Reubündler leiden an dem Wahn sich periodisch für Dichter zu halten
Schmelzing schrieb ihnen holprige Verse ab aber gestern fand ich bei Schmelzing
ein Billet des Majors das unverfänglich und echt und irgend Jemandem der es
von dem Major empfangen hat entwendet war Schmelzing entriss mir den Fetzen
dem ich ansah dass er ihn durch Fliesspapier durchgezeichnet hatte um sich in
des Majors Handschrift einzuüben
Hackert Sie sind ein Hauptfänger rief Pax und stand aus seinem
schwellenden Kissen auf Aber auf diesem Gebiete lassen Sie weitres Forschen
Die Armee wird schon Grund haben Werdeck zu überwachen Les ich doch in diesen
Papieren dass der Kommunist Louis Armand den der Fürst Hohenberg jetzt gänzlich
von sich entfernt hält sogar mit Werdecks Familie verkehrt Zutritt in seinem
Hause hat
Er ist verwandt mit der Frau des Majors
Und mit einem Pfarrvikar in Plessen bei Hohenberg Namens Oleander Das
schwarze Kabinet in der Post überwacht die Korrespondenz die an Louis Armand
eintrifft Diese Verfügung soll von hoher Stelle ausgehen Man traut selbst
Egon dem gegenwärtigen Premierminister nicht und kann der Besorgnis noch immer
nicht entledigt werden dass Fürst Hohenberg auf ein doppeltes Spiel setzt Da
ist an Louis Armand ein Brief aus Plessen gekommen worin jener Pfarrvikar ihm
sozusagen politische Aufsätze schreibt Selbst von einem Bunde ist darin die
Rede
Hackert gedachte des Bundes der Ritter vom Geiste brach rasch ab und
bemerkte auf Veranlassung des Pfarrvikars
Guido Stromer steht auch auf meiner Liste Streichen wir ihn nicht Er soll
den Titel eines Hofrats von einem kleinen Fürsten an der Donau erhalten haben
Der Minister dieses Fürsten ist von Frau von Harder darum angegangen worden Auf
der Straße sieht man den Hofrat Stromer in seinem neuen kostbaren Biberpelze
nun wie einen Narren Jedes Mädchen macht ihn stutzig Die Augen verdreht er wie
ein Kalb und über die einfachsten Dinge soll er einen Schwall von Worten gießen
wie ein Überspannter
In der Provinz wird Guido Stromer bewundert sagte Pax Seine Aufsätze im
»Jahrhundert« liest alle Welt Jedermann will wissen ob man ihm nichts von
Guido Stromer erzählen könne besonders die Damen
O erzählen Sie ihnen doch sagte Hackert der in der Tat über Alles
unterrichtet schien dass dieser Hochfliegende die Seinen daheim in einem
armseligen Dorfe sitzen hat sein Amt von Oleander verwalten lässt und hier eine
prächtige Wohnung bezog die für ihn zwei Damen Wandstablers gemietet haben
Sie kennen sie
Die Wandstablers vom Fürsten
Die Dore ist im Palais geblieben die Lore aber und Flore haben ein
Stockwerk für sich allein gemietet Köstlich meublirt vermieten sie es nun
scheinbar an Hofrat Stromer dem seine Ideen mit Gold aufgewogen werden Er hat
drei mit Sammttapeten geschmückte Zimmer der beiden Damen gemietet und wohnt
bei ihnen man sagt mit unverschlossener Verbindungstüre Sie müssen ihm jeden
Morgen den Kaffee in idealischer Tracht bringen bald griechisch bald
orientalisch Das Gefäß ist von Silber und es ist schon vorgekommen dass er sich
des Morgens an der Wellenlinie einer neuen Milchkanne gestoßen und aus
beleidigtem Schönheitsgefühl lieber kein Frühstück genossen hat Die beiden
Wandstablers müssen dann vor ihm knieen und mit einem eignen Tonfall bitten
Trink Guido Dann hält er seinen roten Pantoffel über den Nacken der Flora
legt sie in eine Attitüde wünscht sich Bildhauer herbei und möchte die Gruppe
ausgehauen haben
O rief Pax der sich vor Lachen kaum halten konnte und etwas
Sardanapalisches in sich selber aufgeregt fühlte Das ist ja auch prügelnswert
woher wissen Sie denn diese Tollheiten
Die Leute sind sehr unvorsichtig sagte Hackert Sie wechseln alle acht Tage
mit ihren Dienstboten Der schwärmerische ExGeistliche will nur Ideale zur
Umgebung haben und doch sind die Wandstablers eifersüchtig So gibt es ewig
Zank unaufhörlich Abschied folglich Geschichten Wenn dieser große Mann sich
nicht bei Zeiten besinnt kann es noch dahin kommen dass ihn die beiden
Demoiselles jeden Abend gemeinschaftlich durchwalken während Hunderttausende
bewundernd seine Artikel lesen
Pax hatte an diesen Schilderungen die Hackert mit aller Anschaulichkeit
fortsetzte seinen Spaß Er musste nun aber in seinen Dienst und sich ankleiden
Er lobte Hackerten für seine eben so reichhaltigen wie amüsanten Mitteilungen
Er hatte Stoff nun wieder seinen Vorgesetzten zu unterhalten Dieser unterhielt
dann wieder seinen Vorgesetzten Dieser wieder den seinen und so fehlt es in
einem geordneten Staatswesen nicht an harmonischem Zusammenhang und prächtig
schliessenden Kettengliedern Geld lehnte Hackert heute wieder ab Er sagte er
hätte dessen noch hinlänglich
Hackerts heitre Laune die acht Tage lang von dem wundärztlich
Zipfelschen Ehepaar bewundert wurde schien nur einigermaßen getrübt als er
nach Hause zurückkehrte und die Frau Wirtin etwas schmollend von durchnässten
Fussböden anfing Durchnässt waren die Fussböden in Hackerts Zimmer durch nasse
Tücher die er sich Abends wieder um sein Bett legen musste Sein Vater hatte
ihn nach den Eisenstäben der früher von ihm bewohnten Zimmer gefragt und mit
Schaudern und Wehmut von seiner Mondsucht gehört O hatte er ihm seufzend
gesagt mein Sohn auch darüber sollst du Aufschluss haben wenn es Zeit ist dir
Die zu nennen die dir das Leben gab Ich bin Schuld auch an diesem grauenvollen
Übel Und als der Sohn darüber erstaunte hatte Zeck erklärt Dunkel und tief
ist das Reich der Natur Wie ich dich so wiederfinde mein Sohn bist du wie
unmittelbar erst aus der Hand der Schöpfung hervorgegangen Du bist noch wie ein
Kind vor Angst und Gelüst Ein Zauberer würde dich erziehen mit Hilfe eines
reinen Lichtwesens das unter Musik aus den Wolken steigen und dich sänftigen
müsste Ach deine Eltern sind dein Schicksal Wo anders her kann es kommen dass
dich ein schlimmer Geist der Unruhe mitten im Schlafe befällt und dich dir
selber unbewusst von deiner Schlummerstätte treibt woher anders als dass deine
Mutter in jener Nacht als sie dich unter dem Herzen trug von einem Entsetzen
ergriffen war einem Entsetzen doch genug Hackert hatte auch nicht
forschen mögen Er ehrte den Wunsch seines Vaters ihm mit allen seinen
Enthüllungen Zeit zu lassen Und einstweilen hatte der wunderliche Alte mit dem
Sohne fast einen ähnlichen Pakt eingegangen wie mit Auguste Ludmer die er nach
seinem festen Glauben zu einem Engel umgewandelt hätte wenn ihm nicht Mangold
und die Intrigue seiner Feinde den Rettungsplan zerstört hätten Auch so sagte
er sich oft zum Troste auch in diesem Irrsinn der sie dahin raffte war sie
reiner denn vordem Was ist Irrsinn Wer deutet dies Dunkel Auguste kam ihm
immer nur wie im weißen reinen Gewande vor die Seele nicht als die verworfene
Sünderin Grade dass ihr der Himmel den irdischen Verstand nahm machte ihm in
der Erinnerung den Eindruck als hätte sie eben die Sprache des Urgeistes schon
reiner verstanden als die vernunftklaren Menschen
An Paul seinem Sohne entdeckte Zeck freilich bald alle moralischen Fehle
und schauderte vor seinem geistigen Tod Er hatte gefürchtet in seinem Kinde
wenn es noch lebte vielleicht einen gemeinen Verbrecher zu finden Das war
Hackert nicht Er hatte aber wie Zeck sagte an seiner Seele tiefen Schaden
gelitten und bewies ihm dies als Hackert ihm gestand in welchem Incognito vor
aller Welt verborgen er lebte Ein Spion hatte er ihm gesagt allmächtiger
Gott Ein Spion ist nach meinem Begriffe eines der elendesten Geschöpfe der
Welt Du bist in diese Bahn geraten aus sittlichem tiefstem Verfall Du
liebtest nur sinnlich Dieser Schlurck hat durch seinen Leichtsinn und seine
Schwäche die er Herzensgüte nannte und die es wohl auch ist denn ewiger
Gott schaltete Zeck ein die Geheimnisse der Seele sind unergründlich durch
diese Mischung von Gut und Böse hat er dich um dein wahres geistiges Wachstum
gebracht Deine Seele mein Sohn kommt mir vor wie jenes Tuch das einst dem
Apostel Petrus in der Stadt Joppe vor den Augen vom Himmel nieder gelassen
wurde Darin sah er allerlei Getier der Erde schlimmes Gewürm aber auch Vögel
des Himmels Und er hörte eine Stimme die sprach zu ihm Stehe auf Petre
schlachte und iss Petrus aber sprach O nein Herr denn es ist nie Gemeines
noch Unreines in meinen Mund gegangen Aber die Stimme antwortete Petro zum
andern Male vom Himmel Was Gott gereinigt hat Das soll dir nicht gemein sein
Das geschah aber dreimal und als Petrus vom Geiste getrieben war eben der
Stimme zu folgen da ward Alles in dem Tuche wieder hinauf gen Himmel gezogen
Hackert hatte diese und ähnliche Reden seines Vaters die er von einem
Andern nicht ohne Lachen würde haben vernehmen können ruhig und befremdet
hingenommen Er fühlte dass grade sein Herz ein solches Tuch voll unheimlicher
wimmelnder Unruhe und ängstlichsten unreinen Lebens war Murray aber nahm ihn
noch wie er war und ohne dass er einzuräumen brauchte er sollte sich verachten
oder hassen Der Vater beschloss ihn gewähren zu lassen so lange er wollte und
wie er wollte Fahre in deinem Leben so fort sagte er Verlange Geld von mir
Ich bin nicht reich und würde die große Bürgschaft des edlen Otto von Dystra
nicht sogleich haben leisten können aber ich habe so viel um leidlich
auszukommen Und versprich mir jeden Morgen aufrichtig zu erzählen was du am
Tage vorher getan wofür du Geld ausgegeben was du mit Pax verhandelt hast
Ich werde dich über Nichts tadeln ich versichre dich mein Sohn über Nichts
Ich werde auch Nichts verraten Aber die Notwendigkeit dich auszusprechen
wird dir lehrreich sein Du wirst dadurch dass du nicht Alles in dir ersterben
ersticken lässest dein Herz zum Gegenstande deiner längeren Betrachtung wählen
und dir selbst ins Auge sehen Wo ein Geist der Spiegel des andern ist findet
sich der Eingang zur Wahrheit Und für seinen ängstlichen Zustand des
träumenden Wandelns und Aufstehens gab ihm der Vater den einfachen und
praktischen Rat sein Lager mit jenen Tüchern zu umlegen die Frau Zipfel so
ärgerten Lächelnd und milde sagte der Vater Sieh Fritz ich nenne dich so
lieber als Paul sieh Fritz da erschrickt sogleich der nackte Fuß und es
bedarf der eisernen Riegel und Stangen nicht die ja an ein Gefängnis erinnern
Unmutig über die Neugier seiner Wirtsleute ging Hackert eben in die
Brandgasse zu seinem Vater Er hatte ihm gegenüber ein Beichtbedürfniss
bekommen das seine ganze Seele erweiterte und leichter atmend machte Er
reflectirte zuweilen schon ohne Spott Er urteilte objectiv nach üblichen
Voraussetzungen Murray konnte erwarten dass er sich bald von selbst von seiner
gegenwärtigen Bahn abwenden und ganz an seinem warmen Vaterherzen vielleicht
auftauen würde
In der Tat war Louise Eisold im Begriff in den dem Schloss Buchau nahe
gelegenen Ort gleiches Namens zu reisen und ihre Geschwister mitzunehmen Es
drängte sie fort von hier und selbst der raue Winter schreckte sie nicht Sie
hatte Hackert wiedergesehen ihn weicher sanfter gefunden von seinem
Verhältnis zu Murray erfuhr sie nicht die volle Wahrheit ihre Neigung für den
dämonischen Jüngling war trotz seiner Beziehung zu Pax gestiegen Da sie aber
sah dass nur Mitleid nicht Liebe für sie in diesem Herzen schlug nahm sie den
Vorschlag Otto von Dystras an der sie besuchte die Kinder kleiden reichlich
ausstatten ließ ihr Mittel soviel sie nur wünschte zu Gebote stellte Auch
Dankmar Wildungen gehörte zu Denen die ihr zusprachen nach Buchau zu reisen
An eine Erfüllung der Wünsche des innigst betrübten Mangold dachte sie nicht
Auch saß ja noch der gute Danebrand
Dankmar und Hackert trafen nicht zusammen Jenen machte die zweite verlorne
Instanz seines Prozesses menschenfeindlich und düster Er bedurfte recht der
endlichen Ankunft seines Bruders Siegbert um von seiner eisigen Verstimmung
aufzutauen War auch die erste Stunde ihres endlichen Wiedersehens durch das
Andenken an die verstorbene Mutter getrübt so heiterte sich doch Dankmars
Stirn auf als Siegbert von Plessen von Randhartingen und vor Allem vom
Ullagrunde erzählte Seine Angst der Bruder möchte von Selma liebend befangen
sein hatte sich gemildert seit ihm Dystra den Brief zeigte den Siegbert ihm
über Olga und die Fürstin schrieb Es leuchtete aus ihm unverkennbar das
Interesse für Olga den naiven leider in eine gefährliche Schule geratenen
schönen Flüchtling hervor Dankmar fragte nach Selma und hörte das
Erfreulichste der Zusatz dass Selma ihm dem Erzähler abgeneigt wäre machte
ihn lachen und er gestand dem Bruder dass in all seine innere Finsternis der
Gedanke an diese Begegnung mit Ackermann und dem Knaben Selmar ihm doch wie ein
mildes Sternenlicht flösse Erstaunen erregte ihm freilich anfangs die
Mitteilung dass Ackermann und Selma nie lange von ihm gesprochen hätten ihn
vielleicht gar nicht gründlicher kannten Dann aber besann er sich und sagte
lachend Himmel das ist ja natürlich Sie halten mich für den Fürsten Egon
Es versteht sich von selbst dass Dankmar kein Recht zu haben glaubte
irgendwie Selma die ihm als Ackermanns Tochter völlig Fremde an sich zu
erinnern Auch Siegbert schrieb wohl nach Hohenberg aber nur an Oleander mit
dem sich ein inniger und gedankenreicher wie wir sahen leider schon bewachter
Briefwechsel entspann Louis Armand der fast nur in seiner Werkstatt zu treffen
war tauschte mit Oleander nicht nur Gedichte und ästhetische Ansichten sondern
auch die Freude ihn in den Kreis der Ideen eintreten zu sehen der die Freunde
verband Je länger Oleander die Geistesleere und eitle Gesinnung der Vornehmen
beobachtete mit denen ihn die Winterzeit zusammenführte je mehr er sich an
Ackermanns klarer und ruhiger Objectivität stärkte und erhob desto bekehrter
fühlte er sich zu jenen Ansichten die er früher mehr mit Gründen des Gemüts
ja wie er sich gestand auch mit dem Vorurteile eines gewissen Gelehrtenstolzes
bekämpft hatte
Während Dankmar ungeteilt strebsam arbeitete wollte Siegbert auch wieder
bei Professor Berg seinen alten Platz im Atelier einnehmen wurde aber freilich
durch die Beziehung zu Otto von Dystra zu Rudhard und vor Allem zur Fürstin
Wäsämskoi in seinem Schaffen oft gestört
Die Fürstin Adele Wäsämskoi hatte in der Tat mehr durch den Gegendruck
ihres Kindes das ihr plötzlich unter der Hand so jungfräulich sich entwickelte
als durch eigne bewusste Gefühlswärme für Siegbert Wildungen eine
leidenschaftliche Neigung gefasst Im ersten Augenblick der Abreise Siegberts
geriet sie in Verzweiflung Sie glaubte diese Abreise stünde im Zusammenhange
mit Olgas Flucht Als sie aber gewiss war dass Olga bei ihrer Schwester
Siegbert auf dem Lande war kämpfte sie mit dem Plan ihn zu überraschen Ihre
Briefe in denen freilich ihr Stolz und ihr Schicklichkeitsgefühl sich nichts
vergab waren voll Neckereien sie werde ihm folgen sein Treiben untersuchen
seine neuen Bekanntschaften prüfen Dann aber zerstreute sie Otto von Dystras
Ankunft und das Studium dieses sonderbaren Charakters Das innerste Wesen dieses
Mannes war schien es die Universalität Ein echter Sohn des neunzehnten
Jahrhunderts begrüßte er jede nur irgendwie über das Gewöhnliche hervorragende
Lebensäusserung wie ein Phänomen das sein ganzes Interesse in Anspruch nahm Mit
Leidenfrost den er einst aus Polen als Bedienten entführt hatte und den er als
so vielseitig gebildeten Geist wiederfand konnte er die bizarrsten Ideensprünge
versuchen mit Rudhard philosophiren mit Dankmar über Rechtsfragen mit Louis
Armand über die Gewerbe reden er war die verkörperte geistige Gourmandise
dieser Zeit Er schlürfte Alles ein was die Zeit an seltsamen Gestaltungen bot
Er sammelte Kupferstiche mit Gelbsattel Autographen mit Voland Münzen
phrenologische Abgüsse Altertümer mit einer Menge von alten und neuen
Bekanntschaften die ihm alle selbst wieder von psychologischem Werte waren
Sein Ideal waren Kongresse große Industrieausstellungen gemeinschaftliche
Reisen Vereinswirksamkeiten aller Art wobei ihm selbst der Sozialismus
Bedeutung gewann und überhaupt die Ideen der Neuerung nichts Schreckhaftes
boten Sein Tisch war von Prospekten Aktien Cirkulären zu Unterschriften nie
leer Jede angekündigte Schaustellung musste er sehen jede berühmte
Persönlichkeit sprechen und sollte er sie mit seinem verwachsenen aber behenden
Körper erst unter einem Dache aufsuchen Dystra war ein liebenswürdiger Mensch
voll Gemüt und Verstand duldsam teilnehmend an jedem Schmerz hilfreich wo
er konnte Für jeden Angriff hatte er eine Verteidigung für jeden Irrtum eine
Entschuldigung Die Frauen stritten um ihn weil er witzig voll treffender und
doch Niemanden verwundender Einfälle war Man machte ihm Geschenke neidete sich
um seine kleinen Billets die immer einen witzigen Einfall brachten und dennoch
versank er nicht in Egoismus sondern gehörte dem Allgemeinen Auch gegen die
Fürstin war der Freund ihres verstorbenen Gatten voller Aufmerksamkeit und ließ
sie nicht im Mindesten fühlen dass Rudhard im Drange der Aufrichtigkeit ihn
als einen edlen Menschen den man nicht täuschen durfte über den Stand der
ganzen Familie au fait gesetzt hatte Auch Anna von Harder die den Winter in
der Stadt wohnte lernte Dystra kennen obgleich die Musik das Einzige war
dessen Organ ihm zu fehlen schien Dennoch trug er viel dazu bei dass die
Fürstin sich Anna immer inniger anschloss Anna weckte wieder die musikalischen
Talente der jungen Frau die eingeschlummert waren Sie gab ihr Anknüpfungen für
das Bedürfnis aus einer gewissen geistigen Ohnmacht herauszukommen und sich in
klaren Empfindungen zu stärken Anna von Harder hatte nichts was im
Mindesten an das Bestreben erinnerte für ihre allerdings mehr religiöse als
poetische Weltauffassung Proselyten zu machen aber diese Proselyten kamen von
selbst Ihre Ruhe ihre erprobte Kraft im Dulden ihre heitre Gottergebenheit
und das emsige Walten um den weltscheuen nur seinem Berufe und seinen
Liebhabereien lebenden uralten Greis ihren Schwiegervater den wir bald näher
kennen lernen werden gaben ihr das Wesen eines so festen Mittelpunktes dass sie
unwillkürlich magnetisch anzog und sich eine Menge kleinerer schwächerer
Naturen an sie ansetzten Die Fürstin Wäsämskoi gefiel sich alle Mal darin von
ihr wie ein Kind behandelt und wie neu erzogen zu werden und Rudhard so sehr er
der Geistesrichtung Anna von Harders abgeneigt war ließ Das gehen Er störte
sie nicht Sah er doch wie beruhigend dieser Umgang wirkte wie der aufgeregte
Vulkan ihrer Gefühle nachließ zu kochen und zu drohen Er sah wenn er an die
Verirrung von diesem Herbste dachte schon nur noch die Asche davon
Nun kam freilich Siegbert zurück Er war durch den Trauerfall durch den
Aufenthalt unter bedeutenden Menschen und die Abwechselungen der Reise
männlicher gereifter geworden Er hatte immer etwas von jenen sanften
bestrickenden Männernaturen die man mit den Christusköpfen vergleicht und sah
dem Heilande wo er mit blondem Haar dargestellt wird in der Tat so ähnlich
dass ihn jede am Manne Gemüt und Nachgiebigkeit nicht Witz und Tatkraft allein
schätzende Frau hochverehren und lieben musste Aber nun war er männlicher denn
je Otto von Dystra erkannte seine siegende Wirkung auch sogleich und machte
sich ihrer in Siegberts Gegenwart kein Hehl
O mein Himmel sagte er ihm mit der größten Aufrichtigkeit als er neben ihm
im Hotel de Rome um einen Kopf niedriger auf dem Sopha saß Dankmarn der ihn
einführte gegenüber o mein Himmel was ist Das für ein ungleicher Wettkampf
Es gab Zeiten wo ich den ansprechenderen Erscheinungen meines Jahrhunderts
beigezählt wurde Sie sind noch nicht gar zu lange vorüber aber ich habe in dem
Sande Arabiens und in Nubiens Wüsten zu schlechte Haar und Hautpflege gehabt
Ich bin eine etwas lederne Mumie geworden und kokettire eigentlich schon mit
meiner Glatze à la père Enfantin Ich verdenk es Olga nicht dass sie Geschmack
hat und jedenfalls ist die jetzige Chance dass sie sich in Sie Wildungen
verliebt hat doch noch viel vorteilhafter für die Familie als wenn wir in
Odessa erlebt hätten sie hätte sich liebend für irgend einen jungen
tscherkessischen Häuptling erklärt und ihrem Kaiser die Schmach angetan mit
irgend einem Schamyl in den Kaukasus durchzugehen
Siegbert sprach sich auf diese Selbstpersiflage offen dahin aus dass er kaum
annehmen dürfte Olga würde in den Zerstreuungen Italiens und bei den
eigentümlichen Auffassungsweisen ihrer Tante lange ihm die Gesinnung erhalten
deren sie ihn hier gewürdigt hätte Und Dankmar meinte gradezu es ginge das
Gerücht der Maler Heinrichson wäre der Freund und Begleiter der Frau Gräfin
dAzimont und noch stünde es dahin ob nicht sein gewählter Geschmack dabei
eigentlich Olga im Auge hätte Doch wurde diese vorschnelle Äußerung
Veranlassung dass Dystra sagte
Nein nein Man irrt in allen diesen Voraussetzungen Lesen Sie was Olga
hierüber an Rudhard geschrieben hat Es ist ihr zweiter Brief originell wie der
erste und in der festgerannten eigentümlichen romantischen Auffassung wiederum
komisch genug Ich gestehe dabei freilich dass das Burleske in dem Gegensatz zu
dem prosaischen nüchternen und aller Schwärmerei baaren und abholden Erzieher
liegen mag
Lieber Papa Rudhard schreibt sie lesen Sie
»Lieber Papa Rudhard dein Brief wurde uns nach Rom gesandt in diese große
und allmächtige Stadt die Gott der Herr mit allen seinen himmlischen
Heerschaaren selbst erbaut zu haben scheint Hier ist nichts Gemeines Hier ist
Alles groß und unsterblich Ach Papa ich las deine Warnungen und guten Lehren
mit der Geduld die man fühlt wenn man Menschen reden hört die Italien nicht
gesehen haben Es ist grade als wenn du mir vom Nutzen eines transportablen
Ofens sprächest und mir Vorwürfe machtest dass ich nach Rom trotzdem dass wir
eine Espece von Winter auch hier haben keine nordische Feuerung mitgenommen
hätte Ich bin seit ich Italien sehe und alle diese herrlichen Kirchen diese
Villen diese Paläste und den Baldachin des blauen Himmels und die dunkle
Azurfläche des großen Meeres mit Euch Allen eigentlich versöhnt und fühle nur
noch Mitleid keinen Hass mit Euch Mein Tagebuch wird Euch vielleicht einst die
Empfindungen sagen die ich an jeder berühmten Statue an jedem bewunderten
Bilde das ich sehe in meinem Herzen belauschte Ich ergreife alle
Gelegenheiten etwas zu lernen und antworte den dummen Stutzern die uns
besuchen und den Hof machen es drängen sich in allen Städten besonders die
Engländer und Russen an uns immer mit antiquarischen Gegenständen wodurch sie
sich sogleich entfernen wie Ungeziefer vor scharfen Gerüchen Ich finde dass
ich dadurch vielen Vorteil vor andern Mädchen voraus habe die sich nur darin
gefallen von hundert Männern immer dieselben faden Schmeicheleien zu hören
Diese Frauen sprechen immer nur von Musik von schönen Gegenden von guten
Gastöfen ich aber lese Homer und Virgil und spreche dann auch darüber was die
Elegants nicht gut vertragen können Natürlich wollen sie dann nicht ganz dumm
erscheinen aber sie wissen nur über England und seine Staatsverfassung über
Russland den Kaiser und das Militär zu sprechen was ich ruhig aber kalt
anhöre Baron Krutusoff führt mich jetzt durch die Museen und muss mir Alles
sagen was er über die Museen von Paris und Wien gelernt hat Ich erstaune oft
wie unterrichtete Menschen und ein solcher ist Krutusoff doch schon dennoch so
fade sein können und einer jungen Frau gegenüber immer sogleich ihren Verstand
verlieren Die Tante hört weil sie schon sehr viel weiß diese Schmeicheleien
ruhig mit an«
Weil sie schon sehr viel weiß unterbrach Dystra lachend die Naivetät auch
dieses Briefes Dankmar und der Baron mussten Siegbert um Verzeihung bitten der
lächelnd erwiderte
Wie könnt ich über diesen Spott empfindlich sein Ich habe Olga nie anders
betrachtet als wie ein gutgeartetes Kind dem man nur Zeit lassen muss seinen
Weg zu gehen
Darauf hin sagte Dystra Beifall nickend ist Ihr Bruder so gütig und fährt
fort
Dankmar las
»Die Tante wird weil sie schön und gut ist von den eitlen Männern sehr
belästigt aber sie lebt nur ihren Erinnerungen und ihrem Schmerze Oft
beobacht ich sie im Traume und höre dass sie still für sich hinseufzt und ruft
Mein Egon Mein Egon Dann weint sie und ich weine mit ihr weil ich sie ganz
verstehe und ihr Schicksal in dem Leben selbst in der Natur und in der Kunst
wiederfinde Denn alles Schöne ist traurig ihr Menschen Immer wenn ich sehe
dass Andre bewundern möcht ich weinen Die schönsten Madonnen und die edelsten
Physiognomieen unsres Heilandes sagen alle Unser Erbteil ist der Schmerz und
auf den weiten Ebenen wo Kirchen Kapellen Ströme Felder und Wälder sichtbar
sind liegt eine Melancholie ausgebreitet die mich an meine früheste Kindheit
erinnert wo mir innerlich etwas wehe tat ich wusste nicht was wo ich weinen
musste ich wusste nicht wie und wo ich nur Eines klar verstand Deinen Tadel
Papa Rudhard deine schneidenden Proteste gegen meinen stillen Hang zur
Einsamkeit«
Dankmar musste inne halten und voll Überraschung Dystra und den Bruder
anblicken
Charmant charmant sagte Dystra beistimmend und fast von aufwallender Liebe
bewegt Drei Männer so die Entwickelung eines Mädchens kritisirend boten
Siegbert fast den Stoff eines Gemäldes Er selbst blickte tief innenwärts und
gedachte des Augenblicks wo dies träumerische Kind einst an seine Brust sank
und mit den großen braunen Augen ihn wie in eine unergründliche Tiefe blicken
ließ Dann horchte er dem Folgenden
»Viel Belehrendes über das Schöne erfuhr ich auch von Heinrichson der ein
berühmter Maler ist und uns in Mailand begegnete weil er auch nach Rom reist
Dieser Mann ist sehr schön und ich höre ihn gern reden weil er Kenntnisse und
Witz besitzt Auch lieb ich an ihm dass er «
Lesen Sies nur rief Dystra dem stockenden Dankmar zu der Siegbert sich
entfärben sah
»Ich liebe an ihm dass er der Freund meines Freundes ist«
Das geht doch noch sagte Dystra und nickte Siegbert zu
Siegbert fand um auszuweichen es vollkommen im Charakter Heinrichsons
sich bei Olga unter dem Schutze einer Lüge einzuführen Mein Freund sagte er
staunend
»Die Tante fuhr Dankmar zu lesen fort ist gegen Herrn Heinrichson kühl und
gleichgültig Er muss uns jetzt in Rom wo wir ihn wiedergefunden haben oft den
Shawl und die Operngläser tragen Ich glaube dass er dies so lächerlich es ist
gern tut weil er die Tante liebt Aber die gute Helene wird nie mehr lieben
Ihr Andenken ist dem unvergesslichen Egon geweiht den ich doppelt und dreifach
hasse weil er so viel Zärtlichkeit mit Geringschätzung erwidern konnte Oft
weint meine gute Helene nimmt mich dann auf den Schoss und erzählt mir worin
Alles Egon so liebenswürdig gewesen ist Seine Seele war kindlich und rein
spricht sie dann er tändelte durchs Leben und Alles was er wie im Spiele
ergriff hatte hohe Bedeutung Ich weiß es auch wenn ihn jetzt der Beifall
eines ganzen Volks begrüßt und sein König ihm gestattet alle Orden der Welt zu
tragen und ihm den besten den er selbst besitzt umhängen mag sein Herz wird
nicht Ruhe haben Ich weiß es selbst im Besitz der schönen Melanie wird ihm oft
weh um sein Inneres werden und in stillem Schmerze wird er ausrufen Helene
Helene Und dann tröst ich sie so gut ich es kann indem ich ihr von den
Schicksalen Valentinens Indianens Faustinens erzähle Auf alle diese edlen
Frauen deren Leiden Georg Sand und die deutsche Gräfin beschrieben haben
senkte sich das himmlische Manna der Ergebung und Erlösung herab Ach Papa
Rudhard Warum zürnst du so den Mönchen und Nonnen Klöster hab ich gesehen
Klöster mit Gärten mit kleinen Cellen mit heiligen Kirchen in denen die
Lichter brennen und Weihrauchdüfte die Seele emporziehen Ach so einen stillen
Platz wie in Florenz und Genua oft die frommen Schwestern haben Weinranken um
das kleine Fenster jeder Schwester ein Blumenbeet gehörend und das Alles jetzt
wo bei Euch der Winter schon tobt noch so frühlingsfrisch so maiblühend
ich bin gewiss die Tante bliebe in einem solchen Kloster wenn sie nicht in
Paris noch gebunden wäre«
Aha sagte Dystra Das ist das bekannte Ende Das arme Kind wird metodisch
ruinirt
Aber Bitte sagte Siegbert Das noch einmal Gebunden in Paris
Dankmar und Dystra mussten gestehen dass der Ausdruck »Wenn sie nicht in
Paris noch gebunden wäre« für eine eheliche Verpflichtung ein Triumph der
modernen gesellschaftlichen Freigeisterei war Siegbert aber im Stillen war über
die Klosterschwärmerei seiner Olga doch tief ergriffen denn er fühlte dass
diesem Triebe alles Das zum Grunde lag was ihn selber beseligte mochte er auch
mit Klöstern nur in ästetischer und kunstidealer Verbindung stehen
Wir sind sogleich zu Ende sagte Dankmar und schloss die Vorlesung
»Ich wünsche Rurik und Paulowna die besten Weihnachtsgeschenke und bitte
dich Papa Rudhard aus meiner Sparbüchse etwas für sie zu kaufen Herr von
Dystra hat sie wie ich höre sehr reich beschenkt Es ist die Art der Menschen
die«
Lesen Sie nur sagte Dystra als Dankmar stockte
»Es ist die Art der Menschen die nicht durch sich selber Interesse
einflößen können«
Abscheulich Dystra trat vor den Spiegel seine Toilette musternd und
auf den Fußspitzen sich erhebend
»Sich auf die Wirkung ihrer Geschenke zu verlassen Wenn dieser Herr glaubt
dadurch auf mich vorteilhaft zu wirken so bedaur ich die Verblendung Nach
Allem was ich von dem Baron höre glaubte er in mir ein Kind zu finden das ihm
für seine Liebe die Hand küssen würde So habt ihr mich ihm dargestellt
nein ich will diese Zeilen mit keinem Miston schließen Sie kommen aus dem
Lande der Harmonieen Grüsst Die die mich verstehen Und wo meine Seele weilt
weißt du Vater Rudhard Ein Gott und eine Liebe Das ist der Wahlspruch Eurer
Olga Wäsämskoi«
Als Dankmar geendigt hatte bemerkte Dystra zu Siegbert gewandt der
nachdenklich das Haupt stützte
Sie werden gestehen dass mich diese kleine Emanzipirte sehr falsch
beurteilt wenn sie glaubt dass ich nur gemeiner Empfindungen fähig bin Gibt
es etwas Heroischeres als den Reiz den mir dieser allerliebste Flüchtling
verursacht unterdrücken und dem Manne dem sie ihr Herz so offen und frei
anträgt den ganzen Einblick in ihr Inneres zu gönnen ja dasselbe ihm
darzubieten Ich bitte mir aus dass Sie einen Dichter für diesen Gegenstand
interessieren
Herr Baron sagte Siegbert und drückte dem wirklich trotz der Ironie
bewegten Dystra die Hand ich selbst werde volle Kraft besitzen diese Neigung
in mir zu ersticken Wenn Olga unter allen Schmeicheleien denen sie sich durch
ihren gewagten Schritt ausgesetzt hat die Ägide einer ihr heiligen Neigung
durch mich sich schmiedete so ist Das auf dem gefährlichen Boden Heinrichson
gegenüber und in der Umgebung der excentrischen Helene vorläufig vorteilhaft
Ich bin der Stab an dem das Pflänzchen aufwachsen mag Ist es erstarkt so wird
es Ihnen ohne mich blühen Warum sollten Sie nicht der Gatte Olgas werden Es
wird so kommen nicht anders und seien Sie versichert Ihre Güte Ihr Vertrauen
ist an keinen Unwürdigen verschwendet
Dystra schien nicht ohne Trauer Offenbar waren seine Scherze über dies
Verhältnis nur Deckmäntel seiner wahren Gesinnung die in der Tat in alle Dem
was der dem Sonderbaren geneigte Mann von Olga erfuhr einen lebhaften Stachel
seines Interesses fühlte Er hörte aber darum nicht auf den Brüdern Wildungen
mit voller Seele anzugehören und wurde nicht nur ihr »Freund« wie der
oberflächliche Ausdruck der großen Welt wohl lautet sondern ihr geheimster
Vertrauter und ihnen auch der Gesinnung nach wenigstens gleichgestimmt wenn
auch sein Skepticismus keine politische Schwärmerei aufkommen ließ
Schwieriger war Siegberts Begegnung mit der Fürstin Die musste doch endlich
auch stattfinden Die musste doch irgendwie eingeleitet werden Rudhard fühlte
dies selbst obgleich er inständigst bat das Wiedersehen nicht zu übereilen und
Siegberts Rückkehr so lange geheim zu halten als nur möglich Der
rationalistische Kopf der in seinem Priesteramte nur im Grunde einen Beruf sah
die Menschen aus unklaren religiösen Stimmungen aufzustören und Das für Religion
gelten zu lassen was Begriff logische Tatsache war ihm geschah die
wunderliche Notwendigkeit Siegberten zu raten am zweiten Adventssonntage in
die Stadtkirche zu gehen und dort nicht weit von dem Stuhle der Anna von Harder
gehörte die Fürstin zuerst flüchtig und vorläufig zu begrüßen So vertraute er
schon dem mildernden Gegendruck der religiösen Stimmung Siegbert war nicht
abgeneigt die Fürstin auf diese Art zuerst zu sehen Propst Gelbsattel predigte
und diesem hatte er ohnehin der Schönauschen Empfehlung wegen zu danken Anna
von Harder und die Fürstin in Pelze gehüllt waren unter dem immer gefüllten
Auditorium das der gefeierte Kanzelredner trotz seiner Opposition gegen die
Zeit und ihre Strebungen versammelte Siegbert grüßte sie als die wie immer
geistreiche aber innerlichst unwahre Predigt vorüber war Die Fürstin erblasste
und wartete den Segen nicht ab ohne den Anna von Harder nicht gehen wollte
Auch Anna erkannte Siegbert und grüßte mit der ganzen Huld die ihr immer in
jeder Lage eigen war Nun sah Rudhard freilich mit Schrecken dass die
Fürstin kaum nach Hause gefahren die Livrée Grün mit Gold trug noch immer
Peters in einen heftigen Weinkrampf ausbrach nicht zu Tisch kam die Kinder
von sich wies sich einschloss und mit allen Leidenschaften ihrer aufgeregten
Brust kämpfte allein es war doch als Siegbert dann einige Tage später wirklich
kam und nun vor ihr saß der erste Sturm glücklich vorüber und gefasster und
würdiger konnte ihm Adele Wäsämskoi die Hand reichen und mit ihm über ihr Leben
ihren mannichfach veränderten Umgang über seine inzwischen erfahrenen
Schicksale sprechen Dann kam Weihnachten heran Die Kinder schmiegten
sich wieder dem alten Freunde an Rudhard zwar zuckte die Achseln und die
Fürstin nahm Siegberten wie früher als ein Element das zu ihrem Leben gehörte
wenn auch ohne Leidenschaft ohne irgend eine Zumutung ihrer schlummernden
Gefühle Doch von Olga durfte nicht gesprochen werden auch von Dystra nicht
viel der ihr wie sie sich auch schon ausdrückte nicht »sympathisch« war
Rudhard blinkte Siegberten bei diesem Worte zu und sagte ihm später im
Vertrauen dass dies eines jener Wörter wäre die Adele hier nun auch schon
aufgriffe und gegen die er vergebens den Don Quixote den Gil Blas Tausend und
eine Nacht und ähnliche wenn auch altbackne doch bewährte Lektüre empföhle
deren Wirkung sich bei Peters noch immer sichtbar zeige denn Der ließe seine
Frau ruhig schalten und walten in dem Etablissement der Herren Hitzreuter und
Niemand ertappe ihn mehr auf melancholischen Scheidungsgedanken im Gegenteil
spekulire er wenn seine Katerine einige Tausend Taler zusammengebracht hätte
sich irgendwo auf eine solide Ökonomie zurückzuziehen
Von Dankmar berichten wir noch dass er gegen Weihnachten mit Siegbert eine
jener Ausstellungen die um diese Zeit die vornehme Welt zur Unterstützung
wohltätiger Zwecke veranstaltete besuchte und dort auch Fräulein Friederike
Wilhelmine von Flottwitz wiedersah In einem großen Saale wo Gräfinnen und
Baronessen vor zierlichen kleinen Boutiken die eingelieferten Gegenstände
verkauften behauptete sie einen Stand der dicht an einer großen
Blumendecoration errichtet war die dem Gipsbrustbilde des Königs galt Dankmar
der sich dieser Begegnung nicht versah grüßte lächelnd Das Fräulein erwiderte
hocherrötend Der Saal war nicht übermäßig gefüllt doch auch nicht leer Die
Mode dieser Verkäufe war schon etwas im Absterben sie erschien als ein zu
weltlicher Vorläufer der »innern Mission« Es fand sich Gelegenheit dass Dankmar
an den Verkaufstisch des Fräuleins treten konnte wie dieser grade leer war
seinen Bruder Siegbert fesselte Frau von Trompetta an einem andern Stande zum
Schrecken für seine Börse die nicht ausreichte für die Fülle von jolis riens
die Frau von Trompetta schmetternd anzupreisen wusste Die Trompetta wollte um
jeden Preis das reichste Ergebniss der Ausstellung erzielen Ihre Kasse musste die
einträglichst gewesene sein und dadurch verfiel die gute Frau förmlich in ein
Locken Zwitschern und Verführen jedes Vorübergehenden sodass man in ihr
wirklich ein Talent für den Handelsstand entdeckte und es von den andern
verletzten vornehmen Damen vielfach rühmen hörte wie gut sie »schachern« könne
Den armen Siegbert ließ die Trompetta unter fünf Talern wenigstens nicht von
dannen Das war ein Preisen ein Schäkern ein Kichern und dabei ein Predigen
über Liebe und Wohltätigkeit Das war ein Forschen ein Fragen nach den
Schicksalen des so lange nicht Gesehenen Und als sie ihm nun gar noch mit
Gewalt einen bunten Lappen zum Tinteausspritzen um einen Taler empfehlen
wollte kam ihm glücklicherweise die Fürstin Wäsämskoi mit der er sich hier ein
Rendezvous gegeben hatte zu Hilfe und kaufte so stark so guten Humors dass die
Trompetta alle Chronique scandaleuse über ihre guten Geschäfte vergaß und im
Jubel über die gefüllte Kasse alle sittlichen Irrtümer der Welt mit dem
Schleier der Vergessenheit bedeckte Dankmarn aber ging es nicht so gut
Fräulein Wilhelmine hocherrötend über diese ihr trotz der
entgegengesetzten Meinung so teure Begegnung hätte von den Offizieren die bei
ihr hatten kaufen wollen vielleicht nicht einmal viel eingenommen Sie hielt
sie aber auch nicht fest selbst wenn sie gefülltere Börsen hätte voraussetzen
dürfen Dankmarn aber ließ sie nicht was ihm Geld kostete In ihrem fesselnden
Gespräche musste er doch wohl Falzbeine Briefbeschwerer Börsen Federputzer
eins nach dem andern erstehen Das politische Thema war dabei sogleich im Gange
sogleich musste sie den kleinen Scherzen Dankmars über die Gypsbüste des Königs
in ihrer Nähe Rede stehen und ihm die Lehre geben
Sie Unverbesserlicher Spotten Sie schon wieder In diesem Bilde liegt der
allmächtig ausströmende Zauber einer Persönlichkeit die der Träger unsrer
teuersten Begriffe ist Für mich knüpft sich an diesen edlen Jünglingskopf der
so traurig auf seine ernste Lebensaufgabe herniederzublicken scheint doch die
ganze Geschichte unsres Vaterlandes die Vergangenheit und die Zukunft und der
regelmäßige Gang unsres früheren Staatslebens und der Schmerz um die gestörte
Ordnung dieses Ganges und die Verzweiflung über die neuen Bahnen die er jetzt
wandeln soll und die wir ahnen es zu seinem Verderben führen werden Ja Ja
Sie Böser In den wogenden Schwankungen des öffentlichen Lebens was bleibt
sicherer als die geheiligte Person des Monarchen der da sagen kann Ich der
Fürst und der Herr Wo ist denn auch ein Wesen das öffentlich wirkt und von uns
mit ganzer Liebe erfasst werden kann Sie sprechen vielleicht von Ihrem Freunde
Egon von Hohenberg wenn er noch Ihr Freund ist Er ist lobenswert seit er
seinem Könige und Herrn dient aber wer kann sich an ihm wie an einem Anker
halten An diesem Bilde halten wir uns Wo der Herr und König steht da stehen
unsre teuersten Güter da steht das Vaterland die Ehre der Monarchie der Ruhm
des Kriegsheeres Güter die Sie gering achten mögen die aber in den Zeiten der
Gefahr die einzige sittlichberechtigte Entscheidung geben
Dankmar zog die Börse und zahlte schon den dritten Taler für einen kleinen
Wandhaken um eine Uhr daran zu hängen Seine Finanzen waren seit geraumer Zeit
so schwierig dass ihm diese Uhr selbst in Gefahr scheinen durfte nun trotz des
Wandhakens
Sie sind eine Schwärmerin mein Fräulein musste er sagen als sie ihm den
Haken in eine reaktionäre Zeitschrift wickelte Sie huldigen Ihren Göttern wie
eine geweihte Priesterin Ich ehre Ihre Weihe fliehe aber Ihre Altäre Diese
Altäre verlangen Menschenund Begriffsopfer Dieser Kultus gibt verbrecherisch
Alles hin was seit Jahrhunderten von der Menschheit für die Menschheit erstrebt
wurde Ihre Freunde sind mir grauenvoll ich hasse sie Verraten Sie mich da
dem Rate dort jenem Obersten dem Kammerherrn ich mache Platz ich
hindere Sie am Verkaufen
Nein bleiben Sie Also keine Abhängigkeit keinen Gehorsam keine Liebe
mehr
Abhängigkeit Gehorsam Liebe Auch diese Empfindungen sollen ins
öffentliche Leben zurückkehren ja sogar seine Stütze werden Aber da diese
Reubündler sie wollen ja nur vom Fürsten und seinem Glanze abhängig sein um in
der Sonne der Majestät mit zu glänzen Diese abscheuliche royalistische
Eitelkeit Zu tief in das feudale Europa hat sie sich eingenistet Sie sind auf
dem Wege dass der Glanz der Dynastieen zu einer allgemeinen Landes und
Volkssache erhoben werden soll und in grässlicher Überspannung ein Staatsleben
geschaffen wird das eine Sünde gegen Gott ist
So gereizt war Dankmar seit einiger Zeit dass er selbst bei solcher
Gelegenheit nicht mehr spielen und tändeln konnte Die Gruppe der Blumen und des
Monarchen war von vornehmen Damen und Herren umstanden und mit Entzücken
betrachtete man den Einfall auch das Landeswappen aus einigen Kränzen
darzustellen
Sie sehen sagte Fräulein von Flottwitz Sie kommen mit Ihrer destruktiven
Kälte hier nicht durch Ein Ewiges das in die Herzen der Menschen gepflanzt
wird widerlegt Sie
O ich kenne dies Ewige und ehr es antwortete Dankmar der sich gereizt
entschloss noch einen halben Taler an einen bunten Kalender fürs neue Jahr zu
wagen Ich will die Bescheidenheit das Abhängigkeitsgefühl die Hingebung nicht
ausrotten aber es soll hinübergelenkt werden in Gebiete die unsrer würdig
sind Da Dies ist ein reicher Leinenhändler der dem Hofe das Tischzeug
liefert Er kauft eine Kokarde bei Gräfin Mäuseburg Er zahlt einen Louisdor
Guter Hoflieferant Du widerlegst den Rousseau nicht mit deinem Louisdor Das da
ist der Meister von Tisch und Stuhl im Reubund er ist Seifenlieferant der
Prinzen und muss sich gut stehen mit dem Tischzeughändler Einer verrät des
Andern schlechte Ware nicht Sie geben sich den brüderlichen Handschlag Kennen
Sie jenen Regierungsrat Er ist von Adel hat aber kein Vermögen Dem ist Alles
gleichgültig Geschichte Philosophie Politik Alles ist ihm dummes Zeug nur
am ersten jedes Quartals sein Gehalt vom Kanzleidiener gebracht das Übrige
kümmert ihn nichts Denken Sie wenn diese Menschen fürchten sollten fürchten
zu müssen Sie kämpfen für den Heerd das Leben ihrer Familien Sehen Sie jetzt
die Sicherheit jener Frauen Wenn solche Ober und Vice und wirkliche Geheime
je etwas entbehren sollten wenn einst der Mann sagen sollte Kind von Neujahr
an müssen wir uns einschränken Die Demokratie setzt die Gehalte herab
besteuert sie wie jedes Einkommen besteuert wird Ich sehe da Furien nicht
Weiber mehr O mein Fräulein nicht Alle schwärmen wie Sie Blicken Sie auf
jenen Professor Er trägt einen berühmten Namen ist aber auf die Orden die
seine Brust schmücken eitler als auf die Werke mit denen er die Wissenschaft
bereicherte Jener Geistliche O diesen veracht ich vollends Die Polizei
schickt ihn in die Volksversammlungen und Klubs um sich der Debatte zu
bemächtigen Hören Sie dies Organ diese Lunge diese Stentorstimme und diese
Grobheit bei aller scheinbaren Artigkeit mit der er eben eine Streusandbüchse
von Frau von Trompetta erhandelt Lesen Sie doch ein wenig in den Mienen jener
geschmeichelten Pfahlbürger und Rentiers die jetzt eintreten um hier so nahe
bei Excellenzen und Beamten weilen zu dürfen Dort jene Gruppe Hohe Offiziere
dicht nebeneinander Ich wünsche ihnen den Ruhm der besten Schlachtfelder aber
ich bestreite dass diese alten Herren berechtigt sind Meinungen über den Staat
auszusprechen Sie haben Söhne sie haben Enkel zu versorgen Der Staat wie er
jetzt einmal ist gibt ihnen die Bürgschaft leidlicher Erfüllung ihrer
Hoffnungen warum sollten sie das dumme ideale Zeug denn nicht hassen das jetzt
in den Menschen sich einzunisten droht Kennen Sie jenen Mann mit dem
Schnurrbart Er vertritt mir jene jungen Beamten die Karrière machen wollen und
den auf den Universitäten eingesogenen Korpsgeist auf das gemeine Leben
übertragen und grob und malitiös fortpflanzen Ach mein Fräulein Soll jener
Spekulant da die Zeit nicht hassen die ihn zwang seinen Wagen und seine Pferde
abzuschaffen Und jene Offiziere die dort Wühlhubers und Robert Blums
Bildnisse aus Dragée kaufen Ich gönne ihnen allen Humor und alle Genüsse der
Jugend aber welcher Übermut spricht aus ihren schlechten Witzen Wie rasseln
sie mit ihren Friedenssäbeln Wie ersetzen sie das bescheidene Nachdenken das
ihnen schön stehen würde mit der Prahlerei einer ultrakonservativen Gesinnung
Es sind Offiziere von der Garde alle sind sie adlig ihre Väter und Onkel sind
Offiziere Beamte Landräte Mein Fräulein wenn ich mir sagen muss dass die
Zeit noch mit diesen Elementen fertig werden soll so gerat ich in
Verzweiflung Ich sehe hier nur einen Kampf auf Leben und Tod Ich begreife wie
es in Frankreich bis zur Guillotine kommen konnte Sagen Sie mir welche
Aussöhnung soll es noch geben wenn die Monarchie diese Idolatrie duldet die
Ministerien sie gestatten hervorrufen sich auf ihre Demonstrationen stützen
Oder wo wird der Begriff herkommen der sich einst vom hohen Himmelstron
herabsenken müsste um hier eine friedliche Ausgleichung zweier Extreme in einem
höheren Dritten möglich zu machen Es wird keiner kommen oder es ist der Begriff
der Barbarei die Invasion der orientalischen Horden oder die entfesselte Wut
der sozialen Gleichmacher Wir stehen hier unter Blumen Glaskronen umrauscht
von einer versteckten sanften Musik aber ich sage Ihnen in zwanzig Jahren
wehen hier Trauerfahnen und wir Alle sind weggemäht vom Schnitter dessen Sichel
ich schon in furchtbarster Arbeit sehe ohne zu wissen wo sie Alles einst
hinfahren wird und von wannen sie einst kommt
Dankmar ergriff um seine Aufregung zu verdecken einige der ausgestellten
Gegenstände
Wilhelmine schwieg Sie war so erschüttert dass sie das Auffallende dieses
langen Verweilens eines jungen Käufers an ihrem Stande nicht merkte und die über
den ganzen Saal hinübergeschossenen Blicke der im Verkaufe glücklichen Trompetta
nicht verstand
Alle seine heftigen Äußerungen verband Dankmar dann wieder mit scheinbar
gleichgültigen Fragen und Erwiderungen die er über den Tisch hinweg wegen
entfernter oder näherer Spielereien tat Niemand im Saale außer Friederike
Wilhelmine konnte ahnen wie bewegt er war
Sie können sich so mäßigen Herr Wildungen sagte sie Sie können so den Ton
treffen der immer der gute ist Wie oft hab ich Sie beobachtet Alle Welt
kennt Ihre Gesinnung und sonderbar Niemanden verletzt sie Und ich nenne Das an
Ihnen aristokratisch O Sie wissen gar nicht wie aristokratisch Sie sind
Dankmar musste lachen
Lachen Sie nicht Ich wünschte wohl Jeder wüsste sich zu beherrschen Sie
haben Takt Takt ist eine der schönsten Tugenden des Menschen Ich wiederhole
ein Wort der edlen Anna von Harder Takt ist der Verstand des Herzens Den
Verstand des Verstandes kennen wir den haben Tausende Den Verstand des Herzens
haben Wenige Wenige dies sichre Gefühl was Andern wohltun was sie verletzen
könnte Der echte wahre Takt ist keine kalte Welttugend keine bloße
Formenglätte des Benehmens Der Taktvolle kann im Grunde nur ein guter Mensch
sein und ein bescheidner Wie hab ich bei der Fürstin Wäsämskoi Ihren Takt
bewundert Sehen Sie Sie kommt daher
Dankmar zahlte eben den vollen vierten Taler für einen Scherz den er
Armand verehren wollte und wollte nun gehen da er die Fürstin zu vermeiden
wünschte Doch fesselte noch eine andere »Boutike« die Fürstin
Noch Eins sagte Fräulein von Flottwitz Beruhigen Sie mich dass Sie sich
nicht in Gefahren begeben Vermeiden Sie diesen Louis Armand diesen
Leidenfrost den verräterischen Major von Werdeck ich beschwöre Sie es
ziehen sich Ungewitter über Ihnen Allen zusammen
Wildungen Lassen Sie von dieser entsetzlichen Verblendung Ihrer
Gesinnungen Werdeck hat sich nicht verteidigen können Er behält den
Hausarrest seine Papiere sind in Beschlag genommen
Dankmar wollte erwidern Sie wurden von Offizieren gestört die ihre
Freischärler und Wühlhubers von Chokolade und Dragée durch den Saal wie
Siegstrophäen trugen und die Bärte dieser wilden Kerle analysirten Sie
blieben bei Fräulein von Flottwitz stehen
Dankmar ging Mit flüchtigem Gruß huschte er an der Trompetta die ihn doch
auch noch ausbeuten wenigstens nach seinem Prozess fragen wollte vorüber
Wehmut ergriff ihn über die Welt die Zeit auch über dies vielbewunderte und
vielverspottete Mädchen Ob seine Einwände auf Friederike Wilhelmine von
Flottwitz Eindruck gemacht und ihre Ansichten berichtigt hätten musste er
bezweifeln Solchem Fanatismus gegenüber war keine Verständigung möglich selbst
durch die Liebe nicht und wahrhaft schmerzlich ergriff es ihn dass ein Wesen so
reiner lichtreiner Natur so liebenswürdig so aufopferungsfähig so heroisch
und charaktervoll ein Wesen vielleicht ganz geschaffen auch ihn zu verstehen
ihn selbst glücklich zu machen doch durch den Zwiespalt der Zeit ewig von ihm
getrennt und für ein Andersdenken völlig unempfänglich war Ein Weib in
seinen Armen zu halten das eine von seinem innersten Menschen getrennte
Selbständigkeit beanspruchte wäre ihm fürchterlich gewesen Dies Mädchen so
reizend so poetisch so weihevoll gestimmt es liebte ihn er sah es
und ihn selbst durchzuckte es als er einen Augenblick beim Berichtigen seiner
Einkäufe leise ihre Finger berührte Er konnte sich denken wie treu wie
hingegeben wie seelenvoll Wilhelmine an ihm hängen konnte er fühlte die Kraft
ihres Willens ihrer hohen Weiblichkeit in ihn überströmen durch diese einzige
Berührung durch den wehmütigen Abschiedsblick und doch getrennt doch
furchtbar getrennt Es überrieselte ihn kalt als er solcher Geheimnisse der
Zeit gedachte und es bedurfte mehrer Tage bis er sich von dem schmerzlichen
Eindruck dieser Begegnung erholen konnte Ein weibliches Bild das ihm da dann
immer lächelnd und tröstend entgegentrat blieb Selma Wie sehnte er sich nach
dieser Gestalt nach diesem Wiedersehen Doch nahm ihn der Ernst des Augenblicks
zu sehr in Anspruch Über Werdecks Brief las man in allen Zeitungen das
Empörendste Und Dankmar wurde sogar von dem halbgefangenen Major ersucht sich
ihm eine Weile fern zu halten In wenig Tagen hofften die Freunde die
Berichtigung dieser gefahrdrohenden Irrungen
Fünfzehntes Kapitel
Stürme
Fürst Egon von Hohenberg ging auf der Bahn die er sich einmal vorgezeichnet
hatte unerschrocken weiter Das sichre und feste Auftreten das jeden seiner
Schritte bezeichnete verlieh ihnen eben so vielen Erfolg wie die allgemeine
Abspannung einer Zeit die nach manchem Sturm und Wirbelwinde sich auf dem noch
so haltlosen Platze wo sie sich grade befand doch erst zurechtfinden und mit
dem nächsten Bedürfnisse wieder vermitteln wollte Major von Werdeck bezeichnete
Das in seiner Weise einst unter den Freunden die voll Kummer die über ihn
verbreiteten falschen und lügnerischen Berichte vernahmen mit den Worten
Es muss doch nun Jeder erst wieder sehen was inzwischen aus seinem Kraut
und Rübenacker geworden ist Die gekündigten Kapitalien müssen doch erst wieder
neu angelegt werden die Staatspapiere ein wenig höher auf der Skala des
Vertrauens steigen So rasch geht Das nicht Alles Wenn man marschirt macht man
immer nur so lange Tour bis die Arrièregarde das Bagage und Trainwesen in
Ordnung ist So lange ruht man Dann gehts weiter
Und setzte er in seinem noch ungestörten Humor damals hinzu Die vielen
Mädchen die inzwischen mannbar geworden sind Für die muss doch auch erst wieder
ihre Zeit kommen Es müssen doch erst wieder Hochzeiten gemacht werden Der
große Lebenszweck darf doch nicht aussterben Das geht nicht dass sich Alles
ewig und immer in prekärer Unklarheit so fortwälzt und nicht mehr Bälle und
Verlobungen stattfänden Nein da sorgen schon die Mütter für Die stemmen sich
mit Riesenkraft gegen den rollenden Wagen der Zeit und legen seinen Rädern ihre
Hauspantoffeln als Hemmschuhe unter Die eigentliche Aufgabe des
Menschengeschlechts die Familie und ihre Versorgung darf nicht zu kurz kommen
und die Kaufleute und Krämer und Handwerker wollen doch auch einmal erst ihre
Handlungsbücher wieder revidiren und ihre Kundschaft begrüßen hernach mags
weiter gehen
Werdeck behielt seinen Gleichmut trotz drohender Vorboten einer
Katastrophe die ihn gegen das Frühjahr vernichtend traf Man hielt ihm mehre
Briefe entgegen in denen seiner als eines Vertrauten und Eingeweihten fremder
Emissäre Erwähnung geschah Ja von einem Briefe war die Rede den er selbst an
Flüchtlinge geschrieben hätte Zwar bekam der Angeschuldigte namenlose
Zuschriften die ihm anzeigten dass es sich hier um ein boshaftes Komplott und
eine großartige weitverzweigte Fälschung handelte aber ein Eklat war doch
grell genug gegeben und Werdeck musste sich einstweilen zur Disposition stellen
lassen Er schied mit Schmerz von seinen Kriegern aber auch voll Bitterkeit
Die Untersuchung wurde parteiisch geführt aber es fanden sich doch Zeichen dass
Werdecks Verbindung mit irgend einem Geheimwesen nicht aus der Luft gegriffen
war ein Bund war da Werdeck war das erste Opfer des Kleeblattsymboles er
musste seinen Degen geben und als er ihn später wieder empfangen sollte sich
einen Hausarrest gefallen lassen Im Zorn zerbrach Werdeck diesen Degen und
verschlimmerte dadurch seine Sache Man nahm seine Papiere in Beschlag man fand
Aufsätze über Veränderung der Heerverfassung Tagebücher über
Dienstverhältnisse die alle nur dazu beitragen konnten den Triumph seiner
Gegner zu erhöhen Die ganze Schmach die über einen aus dem Bann seiner
Dienstetikette herausgerissenen Krieger von den üblichen feudalen und
kriegsrechtlichen Vorurteilen verhängt werden konnte lag schwer auf dem
unglücklichen Manne der nach der Befürchtung seiner Freunde leicht damit enden
konnte sich eine Kugel vor den Kopf zu brennen Werdeck konnte sich nicht ganz
verteidigen Er war in der Tat Mitglied eines Bundes über den er jede
Auskunft verweigerte
Auch den Freunden drohte Gefahr Ihre Verbindung mit Egon war für immer
abgebrochen Einmal noch hatte Egon der Allmächtige an Louis Armand im alten
Tone geschrieben und ihn gebeten zu einer bestimmten Stunde sich bei ihm
einzufinden sich mit ihm zu verständigen Er hatte ihn gewarnt vor
Verbindungen die er nicht näher angeben wollte Er hatte ihn nicht ohne
Herzlichkeit bei der alten Freundschaft beschworen zu ihm zurückzukehren und
sich durch den Weg den er als Staatsmann genommen nicht beirren zu lassen
Louis Armand hatte ihm herzlich aber ablehnend geantwortet
Du hast mein Egon schrieb er ihm den Traum deiner Jugend ausgelebt Er
war schön und heilig bleib uns die Erinnerung Deine Fusstapfen werd ich
einst in Frankreich wiederfinden und Tränen sollen sie benetzen Ich denke mir
es ist nur der irdische Stoff der unsre Seelen auseinander trieb Unser Ideal
ist vielleicht noch immer dasselbe nur dass ich mit einer Handvoll Arbeiter und
einigen unabhängigen Denkern philosophire du aber mit einem mächtigen Thron
einer stattlichen Kirche einem gerüsteten Heere ich glaube wohl dass die
positive Welt ihre eignen Bedingungen hat Du besitzest einen hohen
Bildnergeist Du willst schaffen und achtest des Materials nicht viel wenn es
nur die Spuren deiner Hand annimmt Die find ich reichlich in deiner Regierung
und die Art wie du willst macht dir alle Ehre wenn auch Das was du willst
mich anweht wie das kalte grässliche Wort Wir haben uns furchtbar aneinander
getäuscht Ein Fürst der die Laune hatte Arkadien zu spielen konnte in
arkadischen Zeiten ewig der Freund des armen Ziegenhirten bleiben den er in den
Bergen liebgewann Jetzt aber wo die Ziegenhirten barfuß und in Lumpen selber
aus den Bergen hervorkriechen und die Anmassung besitzen über die Welt nicht
bloß über eine Panflöte eine Meinung zu haben jetzt hält sich ein solches
Arkadien nicht lange seine Ölbäume hängen trauernd ihre Zweige und seine Gipfel
sind in Schnee gehüllt
Egon hatte auf diese teilweise in Versen geschriebene Epistel immer noch
warm und bittend geantwortet Louis verstummte Später schrieb ihm der Fürst
noch einmal er müsse ihn wegen seines Umgangs mit Leidenfrost Dankmar
Werdeck besonders aber wegen seiner Besuche in der Willingschen Fabrik und
seiner Einwirkungen auf die Arbeiter warnen er schickte sogar Agenten und
Vertraute zu ihm Louis erklärte er wäre sich keines Misbrauchs der ihm hier
bewilligten Gastfreundschaft bewusst ja er hätte Beziehungen seines Ursprungs
entdeckt die ihm Heimatsrechte gäben Tags darauf bekam er die Ausweisung aus
der Stadt und der ganzen Monarchie Es war dies dieselbe Zeit wo Werdeck schon
vor dem Kriegsgericht stand Louis war zu stolz Einspruch zu tun Er nahm
Abschied von Dankmar Siegbert Dystra der sich den Freunden teilnehmend
erhielt wollte auch zu Leidenfrost erfuhr aber dass dieser der schon seit
seiner Rückkehr vom Ullagrunde seiner Grabesrede wegen unaufhörlich verfolgt und
natürlich auch sogleich von der Excellenz von Harder aus seiner offiziellen
Sphäre verbannt war bereits gefangen säße So blieb ihm nur Zeit noch die uns
bekannten Zeilen an Franziska Heunisch zu schreiben Jagellona Werdeck zu
trösten die heldenmütig jeden Trost ablehnte von Murray Abschied zu nehmen
der absichtlich die Wohnung der Louise Eisold behielt sich unter seinem
englischen Namen als Kupferstecher behauptete und über das Vorhandensein eines
Paul Zeck unter dem Siegel der Verschwiegenheit an Louis überraschende
Mitteilungen machte seine geschäftlichen Angelegenheiten zu ordnen und eine
Stadt zu verlassen die er unter so völlig entgegengesetzten Gemüt und Geist
so völlig anders ergreifenden Verhältnissen begrüßt hatte Er begab sich
vorläufig nach Belgien mit einer Empfindung an die sich unsre Zeitgenossen
gewöhnen müssen Es ist dies das plötzliche Entrücktwerden aus einer im vollen
Gange begriffenen Lebenstätigkeit mitten aus dem angefangenen Worte mitten
aus dem kaum sich selbst klar gewordenen Gedanken heraus mitten aus der
liebenden Einwurzelung und Verrankung in teuerste Herzen in häusliches Glück
Dankmar und Siegbert waren gefasst aufs Äußerste Weichen wollten sie nicht
Sie lebten in ruhiger Pflichterfüllung eine Weile hin wirkend zwar für den
großen Bundeszweck der Brüder und Ritter vom Geiste wirkend und werbend für
dessen immer größere und in der Tat wunderbar wachsende Verbreitung aber
besonnen emsig beschäftigt mit Kunst Wissenschaft und der Aufgabe nun noch
den letzten Versuch zu machen ob nicht vor dem Obertribunal vor jenem
geheimnisvollen Oberpriester des Rechts dem uralten Greise von Tempelheide
jener Anspruch geltend gemacht werden konnte an den sich Dankmar jetzt schon
krampfhaft klammerte nicht als Anker für sich sondern als Steuerruder für das
Fahrzeug seines Ordens vom vierblättrigen Kleeblatt Wie wars damit Wie man
auf die Wiese geht und sieht in den Millionen Kleeblättern gleichsam die eine
große ganze Menschheit so harmlos oberflächlich einig gleichbedeutend war
den Uneingeweihten der Anblick des Lebens Dankmar aber und sein Bund sah in den
Millionen Dreiblättern die heimlichen Vierblätter der Verständigung diese
verkörperten Heurekas der Liebe diese idealen Gefundenen denen hier und dort
ohne dass sie von ihm geworben waren zu begegnen ihn oft mit
Bewunderungsschauern vor der Macht einer Idee erfüllte Der Tempelstein im
Westen trat in Verbindung mit dieser Erfahrung Dankmar hatte den Plan den
ersten großen Bundes und Erkennungstag dorthin auszuschreiben Siegbert der am
unangefochtensten schien bezweckte zum Frühjahr eine Reise nach Buchau und
diesem Tempelstein um mit Dystra gemeinschaftlich die großen dort projektirten
Bauten zu beginnen Die Wolken mehrten sich freilich Immer düstrer drohte der
Horizont Unter dem Symbol des vierblättrigen Kleeblattes erhielt Dankmar eine
ernste Warnung nach der andern Er sollte sein Heil in der Flucht suchen
Siegberts Rat Egon dem doch einst so edel erfundenen Egon sich noch einmal
anzuvertrauen verwarf Dankmar als eine unwürdige Reminiscenz Der folge seiner
Bahn Wir gehen die unsrige Aber ich müsste doch an irgend einem sichern
Rückhalt wie ein Luther auf der Wartburg die Entwirrung dieses Knotens
abwarten
Siegbert sprach von Angerode Dystra der der ängstlichen Beratung
beiwohnte riet zu Mangold Louise Eisold zum Tempelstein zu fliehen Dankmar
aber wie von einem Offenbarungsgedanken ergriffen rief
Ich gehe grade in die Höhle unsrer Gegner selbst mitten in die Gefahr Ich
gehe nach dem Ullagrund Dort wohnt ein Ehrenmann und zu Selma zieht es
mich wie zu meinem Schutzgeiste Ackermann war in Amerika Er lauscht dem Leben
der Natur Er wird sich dem Gesetz der Freiheit nicht entziehen Dort kenn ich
Weg und Steg Selige Erinnerung Der Frühling ist da Ich fliehe in den
Ullagrund
Und als die Freunde Bedenklichkeiten äußerten sagte Dankmar
Man soll mich für einen jener Arbeiter halten die Ackermann um sich
versammelt eine Jacke her eine Blouse ein Wanderstab Ich will nach
Hohenberg wandern wie Egon einst wanderte aber reineren Herzens treuer der
Sache des Volkes hingegeben kein sich zum Volk herablassender Aristokrat nicht
haschend nach dem Scheine nicht weglügend die eigne innere Leere dort unter
den Arbeitern die diesem Undankbaren den Acker bestellen will ich selbst für
ihn arbeiten und Selma ihr Vater werden mir Bürge sein dass ich unter dieser
Wahl eines schweren Berufes nicht zusammenbreche
So entwich Dankmar nach dem Ullagrunde kurz vor jenem wirklich in den
Zeitungen hervortretenden Steckbrief
Und Murray den so viel Gefahren umgeben hatten grade Der blieb unter all
den Bedrängnissen die seine Freunde und Gönner trafen fast allein unversehrt
Er hatte als Louise Eisold mit ihren Geschwistern nach Buchau gezogen war
deren ganze Wohnung mit all ihrem armseligen Hausrat für sich behalten und
lebte nur der abwartenden Beobachtung über die Entwickelung seines Sohns Dem
Drängen desselben nach den näheren Umständen seiner Geburt gab er zur Zeit nicht
nach Er bat ihn selbst um ein grossmütiges Aufgeben jeder weiteren Forschung
der nächste Zweck seiner Rückkehr von Amerika war erreicht Er hatte sein Kind
lebend und wie er erwartete in der Irre gefunden er hatte genug zu tun
Körper und Geist bei ihm auf die Bahn zu lenken die ihm die allein gesunde
schien Die einzige Störung seiner Ruhe die den Apostel einer eigentümlichen
heitern und menschlich milden Religiosität noch zuweilen traf war die
fortgesetzte Untersuchung über die noch immer dunkel bleibenden Vorfälle im
Forstause die indessen da Murray sich so ganz in der großen Stadt verlor
ohne Mistrauen und mit Bequemlichkeit geführt wurde Dystra der dem
wunderlichen Heiligen seine an allen Curiositäten Geschmack findende Teilnahme
erhielt forderte ihn vielfach auf zu seiner in Amerika mit Meisterschaft
geübten Kunst zurückzukehren und gab ihm mehr zu tun als Murray aus Furcht vor
Entdeckung seines wahren Ursprungs und des noch immer nicht beruhigten noch
immer ihn umschleichenden Mistrauens der Ludmer übernehmen mochte Murray
arbeitete wie der erste Künstler seines Faches unterhielt sich im Verkehre bald
mit Louis Armand bald mit Dystra und nur die Erholung erlaubte er sich dass er
manchmal weite Spaziergänge machte am liebsten nach der zwei Meilen entfernten
kleinen Festung Bielau wo er mit Wehmut den Fluss das Zuchthaus die von ihm
durchbrochene Mauerwand in der Ferne betrachtete In die Festung sah er dann
lustig und fröhlich zuweilen Soldaten ziehen die Garnison wurde von den in der
Hauptstadt liegenden Truppen in bestimmten Zwischenräumen ergänzt sah auch wohl
einmal einen verschlossenen von Gensdarmen geleiteten Wagen über die Fallbrücke
fahren verglich fremdes Loos und eigenes verglich den Strom des Flusses und den
der Welt und kehrte dann spät Abends heim nicht ohne bei der Wohnung seines
Sohnes zu horchen und zu spähen ob er wohl schon zur Ruhe wäre oder schwärme
er hatte beschlossen ihn noch mindestens ein Jahr ganz allein sich entwickeln
und ihn an seiner ihm täglich bewiesenen Liebe allmälig auftauen zu lassen
Mitten in diese Auflösung einer Menge von bisher so traulich beisammen
bestandenen Beziehungen kam eine Botschaft von Olga Wäsämskoi die neue Sorgen
wecken musste Als Dystra eines Abends zur Fürstin kam hörte er dass Rudhard
trotz seiner Jahre und zunehmenden Schwäche sich eben aufgemacht hatte um ohne
Abschied in höchster Eile nach Wien zu reisen Die Fürstin vermied Auskunft zu
geben da Siegbert zugegen war Sie schützte eine Veranlassung vor die Siegbert
nicht kennen konnte Sie war aber so unruhig so bewegt sie wandelte in dem
Garten den sie nach langem Winterschlafe wieder zum ersten Male begrüßte so
unsicher an seiner Seite dass er irgend eine neuerstandene Schwierigkeit
fürchtete Einige Tage darauf las er bei Dystra einen Brief den ihm der treue
Gönner und im innersten Herzen vielbedrängte Freund nicht vorenthalten zu dürfen
glaubte Olga schrieb an Rudhard
»O Vater Rudhard ich ergreife mit Zittern heute die Feder und möchte sie
statt in Tinte in Blut und Tränen tauchen Wie bin ich betrogen worden
Welchen Schmerz hat mir die Tante bereitet Ich kann nicht mehr in ihrer Nähe
bleiben ich hasse nun die treulose Verräterin Ach Himmel und Erde Helene
ist ja nicht was sie scheint Gott Gott Dass Engelzüge lügen können Du weißt
wie wir litten Papa Du weißt wie wir den Mond und die Sterne beschworen haben
und unserm Schmerze einen ewigen Kultus widmen wollten Ach Helene hat ihren
Schwur gebrochen Es war eine Lüge dass sie sich nach den Zellen der Klöster
umsah Lüge wenn wir Kirchen besahen dass sie sich in die Beichtstühle setzte
bis ein Kirchendiener kam und ihr sagte die Patres hörten grade keine Beichte
oder ob sie sie rufen sollten Dann sprang sie unmutig auf und ich glaubte sie
würde die Religion unsrer Väter wechseln Es ist Täuschung gewesen Papa Helene
liebt wieder Sie liebt Wie an einem erstarrten Baume sagte sie mir als ich
ihr zornig gegenüber trat geschieht an mir das Wunder dass er einen neuen Keim
trieb Nein sagt ich Tante dein Herz ist ein Polyp Er lebt im Sterben und
wächst durch den Tod er bedarf der grausamen Zerstückelung um zu wachsen Aber
was hilfts Du entsinnst dich jenes Heinrichson Ich sprach nicht mehr von ihm
weil seine Huldigungen mir nicht gefielen und ich den Schein vermeiden wollte
als rühmte ich mich meiner Erfolge Diesen Heinrichson liebt die Tante Ich
entdeckte eines Abends dass ich betrogen bin Vor diesem Anblick schauderte
michs Ich nahm meinen Hut einen Mantel und floh von dem Landhause das wir so
schön so reizend an einem kleinen Wasserfalle unter Oliven und Kastanienbäumen
gemietet hatten Ich wusste nicht wohin ich fliehen sollte Aber Das wusste ich
zurück zu Helenen die den Schmerz um Egon in den Armen eines Heinrichson zu
ersticken sucht kehrt ich nicht wieder Mein Instinkt trieb mich auf unsre
Gesandtschaft Ich warf mich der Baronin von S zu Füßen
Der Gesandtin in Rom erklärte Dystra
»Und flehte sie an mich zu beschützen Sie nahm diese Bitte gnädig auf
unter der Bedingung dass ich mit einer befreundeten Familie nach Wien reise und
dort von dir Papa mich abholen lasse Ich musste diese Bedingung eingehen so
entsetzlich mir der Gedanke ist ein Land wiederzusehen wo dieser Teufel Otto
von Dystra wohnt Ich werde kommen aber ich schwöre Euch beim ewigen Gott eher
durchbohrt mich eine Dolchnadel die ich auf meinem Herzen trage eh ich in
eines Eurer grausamen Verlangen willige Die Tante ist außer sich Sie will mich
nicht lassen Sie fährt vor Ein gewisser Herr Rafflard den ich schon bei Euch
gesehen ihr zur Seite Sie wollen die Baronin sprechen mich ich höre Alles
der Kurier geht ab Ich fliehe Ich fliehe Ich muss schließen Olga«
Das sind ja entsetzliche Zustände sprach Siegbert als er den so abgerissen
endenden Brief staunend noch einmal überflog
»Ein Land wiedersehen wo dieser Teufel Dystra wohnt« wiederholte der so
schlimm Angefeindete Wo denken Sie dass dieser kleine Grobian jetzt schon ist
Rafflard in Rom Sie ist doch in Rom geblieben sie ist Zeuge dieser
O nein Die Konsequenzen der Freiheit bringen dies tolle Mädchen zur
skrupulösesten Tugend sagte Dystra Kann eine Dame die in einer
Pensionsanstalt mit lauter Gefühl Bibelsprüchen Musik Goldschnittlyrik
Sonntagsmoral und sogenannter edler Weiblichkeit aufgezogen ist prüder denken
als diese kleine Emanzipirte die durch die Konsequenz ihrer unmoralischen Ideen
über Liebe und Weltschmerz strengmoralisch wird Wenn da nicht eine Eifersucht
wegen Heinrichsons im Spiele istNein rief Siegbert mit innigster Wärme und
zitternd vor Sehnsucht Olga wiederzusehen darin widersprech ich Ihnen auf das
Feierlichste Ich glaube in der Tat, dass Olga leidet bei dem Gedanken diese
Helene dAzimont in der sie die ewige Resignation unglücklicher Liebe zu
erblicken glaubte könnte wieder lieben könnte einen Heinrichson für einen Egon
wählen und alle ihre Tränen Lügen strafen es ist wirklich die sittlichste
Entrüstung die Olga von Rom treibt
Wenn Das wäre Freund schiess ich mich mit Ihnen Ich liebe Olga
Dystra sagte diese Worte scherzhaft aber mit heimlichen Spuren des Ernstes
Siegbert entdeckte diese Spuren wohl und ging trotz aller Zureden des Barons
mit wehmütigem Nachdenken von ihm Ihm war Olga ein Ideal geworden der
Sammelpunkt aller seiner zerrissenen Gefühle Wie es den Bruder zu Selma trieb
sich ein Asyl zu suchen da am Herzen eines edlen Mädchens auszuruhen von seinem
unermüdeten Streben da ins Auge seiner Geliebten blickend die Wunden zu
heilen die das Misgeschick ihm schlug eben so drängte es Siegberten nach der
Gegend hin wo Olga weilte Wie gern wär er in Rom gewesen Um wieviel lieber
hätt er am Strande des Meeres mit ihr Muscheln gesucht und die Brandungen der
Wogen gezählt als hier in das Fass der Danaiden Hoffnungen und Wünsche zu füllen
und sich am tiefsten Weh des Lebens zu verzehren Dystra rief ihm zwar noch
nach
Siegbert Siegbert Bleiben Sie doch Sie soll zwischen uns wählen
Allein grade das Beispiel Helenens zeigte ihm welcher Metamorphosen
welcher Gewöhnungen die Herzen fähig sind Er mied Dystra voll Trauer voll
sichrer Erwartung Dessen was ihm schien nun kommen zu müssen Der unermesslich
Reiche der durch seinen Geist seine äußere Unförmlichkeit bei längerer
Bekanntschaft ganz vergessen ließ suchte ihn zwar auf Er beschwor ihn kein
Mistrauen zu hegen Er bot ihm scherzend sogar an ihm zu Liebe um recht
abschreckend zu erscheinen eine lockige blonde Perrücke zu tragen und in dieser
Olga zu begrüßen wenn sie ankäme und nicht der Jesuit Rafflard die verletzte
Eitelkeit Helenens und hundert dunkle Rätsel sie zurückhielten Siegbert
nahm diese komischen Anerbietungen für Erleichterungen und Übergänge zu Dem was
nicht zu ändern wäre und versicherte Dystra dass er seine Träume schon würde
beherrschen lernen
In diesen edlen Wettstreit kam ein Brief von Dankmar aus dem Ullagrunde
Sie fanden ihn als Siegbert Dystra eines Tages in seine Wohnung
zurückbegleitete Er war der Vorsicht wegen an Otto von Dystra adressirt und
lautete
»Diese vier Punkte sollen Blumen sein Keine Kugeln Bruder Nicht
Kugeln ins Herz nicht Kugeln an den Fuß wie sie die Züchtlinge tragen Nicht
Tod nicht Gefängnis nein Freiheit und Liebe Siegbert der Baron und wer sonst
noch diesen Brief liest und wär es ein Agent am geheimen DechiffrirBureau wo
man im Angesichte Europas und der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts
falsche Briefe schmiedet die Ehrenmänner in die Gefängnisse führen lest und
hört es Alle ich halte mich für geborgen und glücklich Du weißt es Bruder wo
ich bin du weißt was mich glücklich macht Ich nenne keinen Namen bezeichne
die Gegend nicht nimm die Landkarte und schreibe »Arkadien« über den Platz wo
ich ackre und die Kühe hüte Das goldne Zeitalter kehrt wieder Bruder Ich bin
ein Hirt und sitz im Haberrohr und weide Schafe Ich schrieb dir einst von
hier Lies den Ariost um dich auf meine Abenteuer vorzubereiten Jetzt schreib
ich Lies den Virgil den Teokrit Bruder Nicht Gessner Nein Bruder in
rotseidenen Bändern tanz ich nicht und meine Phyllis ist durchaus nicht des
Reifrocks würdig und schreitet nicht in bemalten Stelzenschuhen wir sind ein
echtes wirkliches bukolisches Paar und alle Hecken an dem kleinen Bach der
sich durch unsern Grund zieht wissen von uns zu plaudern wissen von uns zu
flüstern Ich liebe Bruder und ich darf lieben Man nahm mich für etwas Andres
als ich bin Man nahm mich für Den der uns ein großer Feind geworden ist und
sich selbst ein noch größerer man liebte und hasste mich eine Locke meines
Haares blieb der mystische Schlüssel der Versöhnung des Glaubens der Hoffnung
auf mich und mein nicht zu tief verlornes Herz Da kam ich und bin Der der ich
nicht bin ein Andrer und doch ich selbst Was schwatz ich was plaudr ich
dir in Rätseln Löse sie dir nur ganz einfach mit der Gewissheit dein Bruder
hat Ursache an der Welt noch nicht zu verzweifeln Eines Mädchens treueste
Liebe umfängt ihn Er ward zum Kinde an ihrem Herzen Verstand Zweifel kalte
Berechnung Alles ist aus der Deichsel gegangen und grast nun unter Blumen
Kraut Rüben Raps Sommer und Wintersaat und neckt sich nur noch mit den
Bienen Wenn ich sonst ausspannte Bruder dh die Waffen mit denen man die
böse Welt bekämpft und ihren Angriffen Widerstand leistet so kam ich mir
wunderlich vor Ich sagte dann Dankmar das Kindische steht dir nicht Jetzt
steht es mir prächtig wenigstens nach meinem eignen Geschmack ich lache nicht
mehr über mich ich habe keine spöttischen Falten mehr um den Mund ich glaube
ich liebe in Liebe liebend Und nicht nur für Augenblicke hab ich zu danken
nein für ein ganzes Leben das mir neu geschenkt wird Die Liebe die ich sonst
empfand Alter war so ein blitzendes Streiflicht das einen Wonnemoment
übergoldete Jetzt ist aber mein ganzes Dasein in Verklärung getaucht ich kann
diese Liebe unterbringen bei meiner Vergangenheit und Zukunft Ich kann sie mir
denken wie sie mir in Glück und Freude wie sie in Not und Elend mir folgt
Ich kann mir denken dies Mädchen ist jung und lieblich aber sie wird dir auch
wert sein wenn es ein altes Mütterchen geworden ist und du selbst graue Haare
trägst Das springt um mich Das atmet Lust und Leben Das ist gut und
gefällig heiter und dienstbeflissen Das schmollt ein Viertelstündchen zankt
ein Weilchen fährt auf und will Recht haben und küsst dann doch wieder alle
Launen weg und gesteht dir offen es könne nur sein und fühlen durch Unsereins
auch wenn wir Unrecht hätten Da widerstehe nur und wirf nicht deine ganze
Lebensphilosophie wie alten Plunder über den Heckenzaun Und denke nur nicht
Bruder dass ich darum im Idyllischen wie marklose Poeten zu Grunde gehe Ich
behalte mein Auge klar und den Verstand offen Das ist eben das Wesen einer
gesunden und reinen Liebe dass sie uns nichts von unserm Besten nimmt sondern
dass sie Alles zum Schüren ihres eignen Brandes brauchen kann Mein Mädchen fühlt
das Alles mit klopfendem Herzen mit was mich bewegt und so wachsen wir Beide
zum Hören und Sehen und lehnen und trösten uns recht aneinander Unsern Bund
den des Herzens und den andern den des Geistes hab ich dem Vater natürlich
verraten Der Hohe Edle nahm beide ernst und sinnend auf Dem ersten gab er
selbst den Segen für diesen zweiten erfleht er ihn Ich glaube mich nicht zu
irren wenn ich annehme dass wir nun schon weit über einige hundert Bekenner
haben die ein gemeinsames unsichtbares Band verbindet ein Gedanke eine
Führung die Niemand kennt die auch nirgends da ist als in dem Bewusstsein dem
Glauben einer Führung Der Geist ist es der fortwirkt und eine Stunde wird
kommen wo seine Werke die jetzt noch in der Stille sich vorbereiten an das
Tageslicht treten Noch in diesem Jahre jedenfalls im nächsten hoff ich auf
den ersten großen Bundestag wo wir uns durch Abgeordnete begrüßen und eine Form
für das bewusste Fortschreiten unsrer Entwickelung aufzustellen hoffen Könnt
ich dann dieser Schöpfung gegenüber treten und mit dir sagen Hier schütt ich
aus dem Füllhorn Fortunens auch jene irdischen Güter die uns den Kitt für den
geistigen Bau geben sollen Könnt ich dann sagen Hier ist eine kräftige Hand
die über die Länder und Völker hin das Flammenschwert des Erzengels Michael
zücken und den ewigen Sündenfall aus dem Paradiese jagen will Ich verzweifle
nicht so wie ich mich rühren kann beginnt die letzte Entscheidung Der Vater
meines Mädchens behauptet zum Präsidenten des Obertribunals zu unserm greisen
Rhadamantus von Tempelheide in einem eigentümlichen Verhältnisse zu stehen
das uns nützen soll Mit seinen Raben und Adlern kommt mir dieser letzte Richter
vor wie der greise Johannes auf Patmos neben dem der Adler horstet wenn er
über Meere hinweg die Gesichte der Offenbarung schaut Viel Persönliches was
ich sonst auf dem Herzen habe muss ich lassen bis ich weiß ob der Weg den ich
wähle um mich dir verständlich zu machen sicher ist Tausend Grüße von und an
Von Denen die du dir denken kannst auch Oleandern der zum Dichter auch ein
Denker geworden ist und an Die die unsre Grüße verdienen«
Während Siegbert mit bebender Freude diese Zeilen für sich gelesen hatte und
sich einen Augenblick besann ob er wohl wagen könnte sie Dystra zu zeigen und
ihn in das Geheimnis eines Bundes der Ritter vom Geiste zu ziehen warf dieser
eine neueste Zeitung die er eben gelesen auf den Tisch und rief
Gott Gott Der unglückliche Mann
Ich beschwöre Sie sagte Siegbert erschreckend jetzt keine Hiobspost Was
ist
Dystra ging im Zimmer auf und ab Siegbert ergriff die Zeitung
Eine Meuterei in Bielau Eine Militärrevolte
In Bielau
Siegbert durchflog die Zeitungen
Die Darstellung mag noch hinter der Wahrheit zurückbleiben ergänzte Dystra
Der Geist dieser Mannschaften soll wild ganz unzuverlässig sein wie mich
Voland noch kürzlich versicherte Man lässt diese kleine Festung der Reihe nach
von der hiesigen Garnison besetzen und die dritte Kompagnie des Leibregimentes
Es ist dieselbe die zu Werdecks Bataillon gehört
Kaum dort angekommen und der Major
Siegbert hatte sich von dem Vorgefallenen unterrichtet Er war so
erschüttert dass er sich auf einen Sessel niederlassen und zu Worten erst
sammeln musste
Das Vorgefallene bestand in einem Vorgang der dem seit einigen Tagen
wirklich kassirten und wegen Anteilnahme an einer »Verschwörung« für mehre
Jahre auf die Festung Bielau geschickten Major von Werdeck eine Flucht hatte
erleichtern sollen Die Nähe dieser Festung begünstigte das Einvernehmen der
Soldaten die in Werdecks Verhaftung nur einen ihren eignen Interessen
geführten Schlag sahen Bei dem ersten Spaziergange den Werdeck um sich zu
erholen auf dem Walle der Festung machte war eine Wache aus zwölf Soldaten
bestehend zufällig von seinen eignen früheren Leuten besetzt gewesen Bielaus
übrige stehende Besatzung war nur ein Invalidenkorps Die Ergänzungen desselben
kamen der Reihe herum an die in der Residenz befindlichen Truppenkörper Viele
hatten des demnächst abzuführenden Gefangenen von Werdeck wegen widerraten
sein eigenes Bataillon nach Bielau zu schicken doch da die Reihe einmal an
diesen Truppenteil kam wollte man am wenigsten einen öffentlichen Beweis von
Unzuverlässigkeit der so hochgepriesenen Armee geben Ein Komplott zur Befreiung
des wegen Mitgliedschaft eines Geheimbundes Korrespondenz mit auswärtigen
Revolutionären und Zerbrechens seines Degens kassirten und zu sieben Jahren
Festung verurteilten Majors machte sich wie von selbst Das Loos traf eine
Wache die dem Spaziergänger das Tor freilassen alle Ausgänge öffnen konnte
Ein Sergeant war mit der Ausführung beauftragt Werdeck kommt tumultuarisches
Geschrei begrüßt ihn man gibt ihm die Gelegenheit zur Flucht Aber Werdeck
weigert sich Der Major ermahnt seine alten Krieger selbst ihrer Pflicht treu
zu bleiben Aber schon hatte der Kapitän von Aldenhoven von dem Vorfall an dem
sogenannten Sternwall Kunde Die SternwallWache wird vom Invalidenkorps
abgelöst einige der verzweifelnden Soldaten versuchten Gegenwehr andre die
Flucht Der Sergeant wird verhaftet Werdeck in einen engeren Gewahrsam
geführt So viel ließ sich den Zeitungen entnehmen
Es entspann sich zwischen Siegbert und Dystra ein Gespräch über die
möglichen Folgen dieses Vorfalles über die Ursachen des Unglücks das den Major
betroffen über den Geist der Pflicht und die Gefahren der freien
Selbstbestimmung Der schnell gewonnene Freund und Gönner zeigte sich so voll
Anteil blickte so frei über die Widersprüche des Lebens hinweg hatte so von
jeder Meinung und Überzeugung die in ihm lebte die schroffen Kanten und Ecken
des Vorurteils und des Egoismus abgeschliffen dass ihn Siegbert den Brief
seines Bruders lesen ließ und in das Geheimnis des Bundes vom vierblättrigen
Kleeblatt einweihte
Dystra erstaunte Er gedachte seines eignen Tempelsteins und wie er an
dessen Ruinen das dreiblättrige Kleeblatt am Kreuze oft genug beobachtet hätte
Er war erfüllt von der Bedeutsamkeit dieser Mitteilung und äußerte ehe er
zustimmte fast erschrocken
Ein Vierblatt ist selten mein Freund
Selten ist alles Neue und Große antwortete Siegbert von dem Wirken seines
Bruders ergriffen erschüttert von Werdecks Schicksal das ihm Tränen abgewann
Ernst und in Gedanken verloren prüfte Otto von Dystra die empfangene
Mitteilung Schon zitterte Siegbert dass er hier eine Übereilung zu bereuen
hätte schon wollte er Dystra beschwören ihm wenn nicht Übereinstimmung doch
Verschwiegenheit zu geloben als der Baron das Wort ergriff
Ich bin sagte er durch Sie und Ihre Freunde etwas stark aus meinem
bisherigen geistigen Schlummer geweckt worden Ich interessierte mich bisher für
Alles und deshalb im Grunde für Nichts Ich schlug heute das wirkliche Buch der
Natur morgen Kupferwerke auf die mir Das ergänzten was ich noch nicht kannte
Ich glaube ich bin in der Lage mit vielen vielen Tausenden die sich von der
Zeit und der Wirklichkeit so gut es geht fernzuhalten suchen und sich mit
ihren Abbildern begnügen lassen Uns interessiert erst dann Alles wenn es
historisch geworden ist Wir sind gerecht sogar gegen Das was uns widerstrebend
ist und dennoch wären wir selbst für Das was uns zusagt nicht im Stande
einzustehen so lange es im Entstehen im Werden begriffen Ein Haus soll uns
wenn wir mit ihm in Berührung kommen gleich fertig sein Staub Schutt Mörtel
der Lärm des Schaffens des Niederreissens und Aufbauens ist uns widerwärtig und
wir genießen Jedes nur in Ruhe nur in Behaglichkeit auf einem Sopha unter
Teppichen unter Polstern Das ist die Stellung der sogenannten Bildung zu den
Fragen der Gegenwart Aber wohlan Es soll nicht so sein Es kommt die Reihe nun
auch an uns Wir sollen mit angreifen auch wir sollen Partei halten und uns
schämen immer nur zu reflectiren und unsern einsiedlerischen geistigen Genüssen
zu fröhnen Wenn ich erst erschrak über Das was Ihr Bruder da angelegt hat und
was ich nun schon so im Keimen und Wachsen sehe so fühl ich wohl die Bedeutung
seines Gedankens Ich finde Europa zerrüttet Ich sehe einen Weltteil der
nicht leben nicht sterben kann Irgendwie muss ihm geholfen werden dem
Verlebten zur Bahre dem Neuen zur bequemeren Wiege Ich will es mir noch einen
Tag überlegen Wildungen was ich von Ihrem Bunde des Geistes denken soll
Weigr ich meinen Beitritt so stirbt das Geheimnis mit mir Tret ich aber bei
so gehör ich ihm mit ganzer Seele und sollt es auch sein wie Byron einst
seine letzten Flammen aus einem zwecklosen Leben zusammenraffte und sich
läuternd im Brande Griechenlands zu Grunde ging
Siegbert dankte für diese offene unter Dystras Verhältnissen bedeutsame
Erklärung
Beide erhoben sich Der Baron um sich nach dem Schicksal des gefangenen
armen Leidenfrost zu erkundigen in dem er so frühe schon eine künstlerische
Entwickelung geahnt hatte und den er mit innigstem Bedauern in einem allgemeinen
Scheitern seiner Fähigkeiten und Lebensentwürfe antreffen musste Das Leben
dieses so vielseitigen Genies lag vor ihm aufgeschlagen wie das Werk eines
Dichters der vom Himmel die prometeische Flamme nur entwandt hat um sich in
ihr selbst zu verzehren Er kannte den wirren vielverschlungenen Lebenslauf des
Max Brüning mit dem er die Verwandtschaft einer großen Seele und einer
gewöhnlichen ja abstossenden Hülle derselben gemein hatte Er kannte das Band
der Wehmut das dies Soldatenkind an Werdeck knüpfte
Siegbert aber eilte zu Jagellona von Werdeck einer Frau die über zwei
Männer die sie zu gleicher Zeit wenn auch mit tiefstverschiedenen Organen der
Seele liebte das dunkelste Loos geworfen sah
Sechszehntes Kapitel
Ein Nachtgemälde
Es warf auf offener Gasse eine Löwin
Und Gruft erlösten gähnend ihre Toten
Wildglühnde Krieger fochten auf den Wolken
In Reihn Geschwadern und nach Kriegsgebrauch
Wovon es Blut gesprüht aufs Kapitol
Das Schlachtgetöse klirrte in der Luft
Es wiehern Rosse Männer röcheln sterbend
Und Geister wimmerten die Straßen durch
Julius Cäsar
Dass wir den Vorhang könnten fallen lassen über ein dunkles Grauenbild
Aber die Zeit ist eisern Unheildeutende Raubvögel sieht der Augur zur
Linken fliegen Er sieht die unglücklichen Zeichen Er sieht in nächtlicher
Stille rote Flammen am Himmel Darf er verschweigen was er sah
Ein stiller Junimorgen Tiefe Ruhe morgenrote Dämmerung auf den Fluren In
der kleinen Veste Bielau ein schauerliches Schweigen Die Sonne naht Es künden
die purpurnen Wolkenboten erst ihr Kommen an Es singt ihr auf dem Lindenbaum am
Wall entgegen die wachende Nachtigall
Die Sängerin ists der Liebe und der Sehnsucht Es ist der blühende der
duftende Lindenbaum
Aber auf dem Glacis graben zwei Männer stumm und traurig eine Grube Sie
tragen die bunten Röcke des Kriegers
Die Erde blinkt und funkelt unter dem Spaten von Glaskörnchen von
Metallstückchen von Schnecken von Kieselsteinen was ist da zu weilen Einen
Hügel nur von Erde soll es geben und neben ihm eine Grube so tief wie die
beiden Krieger in ihr stehen Sie ist fertig Die Spaten liegen auf der
frischen Erde Die Krieger gehen traurig
Die Sonne nähert sich Es ist als rauschte sie empor mit Donnerton Und
doch ist Alles still nur die Nachtigall singt der Lindenbaum säuselt und nur
die Welle des Flusses an dem die kleine Veste sich erhebt kann man plätschern
hören
Da Männertritt In gleicher Ordnung aus einem verdeckten Gange der
zu den Kasematten führt zwanzig dreißig Mann wozu sie zählen
Sie umstehen die Grube Nur dem aufgeworfenen Hügel bleibt der Rücken frei
Ein metallner Klang ein Klingeln fast die Ladstöcke fahren in die
Musketen Acht Krieger haben geladen
Die Nachtigall singt Liebe und Sehnsucht
O sänge sie Mut dem Armen in leinenem Kittel der aus dem verdeckten Gange
tritt Ein Jüngling gebräunten Antlitzes spärlich der Bart blond das Haar
das Auge voll Wehmut aufgeschlagen gen Himmel zum ersten Lichtstrahl der
Sonne der ihm grade über den Scheitel fährt wie ein Glorienschein Umschlungen
hält ihn eine lange Gestalt im Priesterkleide ein ernstes liebevolles Haupt
niedergebeugt zu dem schwankenden Wandrer der sich in den Reihen der Krieger
umsieht und sie voll Trauer und Ergebung begrüßt
Der Jüngling schreitet den Todesgang
Ein Bauer in greisem langem Haar liegt in den Armen eines rüstigen Jägers
mit rotem Barte der ihn führt Wie kann er sich halten wie noch leben es
ist ja sein Sohn sein Stolz seine Ehre die ihm geraubt wird seine Knie
wanken Er stammelt Gebete die er selbst nicht hört
Mein Sohn Mein Sohn
Der junge ernste Priester tröstet Er redet laut Seine Stimme klingt wie
Orgelklang wie Cherubströstung Der Jüngling der zum Tode geht er klammert
sich fest an seine willensstarke Hand
Vater und Sohn umarmen sich zum letzten Male Die Sonne verklärt den
Abschied Alles weint und auch die Nachtigall schweigt nun Sie lässt die
Menschen still ihre Fragen an das Jenseits richten Muss Das sein Soll Das sein
Was lohnt uns dafür Was finden wir dort
Der Sohn spricht die letzten Worte zum Vater Der Alte hört sie nicht mehr
Er sank schon zusammen und liegt in den Armen des guten treuen Jägers dem die
Tränen den roten Bart befeuchten und der keine Hand frei hat sich ihn zu
trocknen Er muss sie rinnen lassen
Der junge Geistliche vernimmt des Sohnes letzte Wünsche hört seine letzten
Grüße ein Vermächtnis seines ganzen Erbes an ein Mädchen das er liebt ein
Vermächtnis aller seiner fahrenden Habe an eine arme Tischlerfamilie in der
Stadt das Andenken eines einfachen Instruments einer Flöte an einen in der
Ferne jetzt weilenden Fremdling Namens Louis Armand
Der junge Geistliche kennt die so leidvoll Bedachten Alle und segnet den
milden Geber zu dem ein Kamerad tritt ihm die Augen zu verbinden
Noch ein Blick Der letzte Dort an jenem Fenster hoch über den Kasematten
steht ein Mann mit wehmütigem Auge Hinter Eisenstäben winkt er mit seinem
Tuche Ach es ist kein Tuch der Gnade Er selbst ist ja gefangen Der
Jüngling weiß es wohl Die Liebe zu ihm gibt ihm ja den Tod
Er kniet nieder Acht Schüsse strecken ihn zu Boden Er hat ausgelebt Den
ohnmächtigen Vater führt der Waidmann hinweg der kaum sich selber hält Solch
Wild sah er nie Der Geistliche bleibt bleibt auch bei der Leiche sorgt für
ihre Ehre ihre Bestattung
Und der Gefangene der oben mit dem Tuche Abschied winkte muss er nicht
ausrufen
Gott im Himmel Erfindet Das eine grausame Phantasie nur um mich zu
martern oder ist Das Wirklichkeit Ists ein Traum oder ists Leben und heißt
jetzt so die Ordnung dieser rasenden Welt Wer ist der Dämon der uns diese
Grauenbilder schuf Welchem erbarmungslosen Moloch bringen wir diese furchtbaren
Opfer eines kalten rücksichtslosen Ideengesetzes Nur wegen der Worte Meuterei
im Heere Bestand der eisernen Ordnung Ein Beispiel Ein Beispiel Wie ein
Denkmal hingestellt die grause Warnung Was ist Euch die Ihr so sprachet so zu
Gericht sasset so die Kugeln zur Abstimmung zähltet die Feder ergriffet zur
Unterschrift was ist Euch eine Person Eine Null Ein Nichts gekleidet bei
diesem Fall in eine bunte Jacke die Hunderttausend tragen Sind wir nicht mehr
Menschen nicht eingebürgert auf der Erde zur Erfüllung irgend eines hohen
Zweckes den wir doch ahnen Und welche Sitten welche Institutionen welche
Einrichtungen treiben uns hinweg von der friedlichen Vorbereitung auf diese
unsre stillgeahnte Bestimmung In mein Ohr tönt es wie eine Disharmonie von
tausend durcheinander fahrenden Instrumenten Musste Das sein du gutes treues
bescheidnes Herz das da unten für mich zum Jammer für Menschen deren Existenz
auf dem großen Markt kalt ignorirt wird verblutete Was löst diese Dissonanzen
in einen reinen Akkord Was gießt wieder Wohllaut in diese friedlichen Herzen
Öl über diese stürmischen Fluten Worin begegnen wir uns zu unsrer wahren
sittlichen Menschenaufgabe Da liegen Bücher vor mir Ich denke nicht mehr an
die Lüge eines falschen Briefes die mich hierher gebracht hat an die Richter
die sie nicht glaubten die mich aber doch verurteilten weil ich verurteilt
sein sollte Ich schlage diese Bücher auf die die Geschichte erzählen Wo ich
hinblicke Dissonanz Menschen die man liebt niedergeschmettert von jenem
Blitzstrahl des Himmels den frevelnde Menschenhände wie einst Prometeus meist
nur gestohlen haben um das Schicksal nachzuäffen Nero Alba Philipp Das ist
bekannt Das ist von Allen verflucht nein aber auch die glücklichsten Zeiten
wimmeln von Schmerzen und grausamen Irrtümern Soll Das ewig bleiben Ewig
Nichts uns gewiss als der ungewisse Blick empor und das dunkle rätselvolle
ewig stille Grab
So klagt der Gefangene Sein Auge kann das grässliche Bild nicht mehr
bannen So lieblich die Sonne scheint so blau der Himmel so trostreich ihm
anfangs der Blick über Wall Fluss und Städtchen war er konnte nicht mehr ans
Fenster treten So blieb er den Tag über Gegen Abend erinnert ihn der
täglich wechselnde Gefängnisswärter heute ein steinalter Invalide an seinen
vergessenen Spaziergang Der Major lehnt ihn ab Der Wärter soll gehen Es
ist Abend geworden Der Alte im weißen Barte die Brust mit Ehrenbändern
geschmückt bleibt stehen
Es wünscht Sie Jemand zu sprechen Herr Major
Und schon war ein Offizier eingetreten in Mantel in Uniform mit Federhut
Der Major wendet sich Der Greis zieht sich zurück Der Besucher schlägt den
Mantel auf Ein kurzer prüfender Blick des Auges eine Umarmung
hervorstürzende Tränen
Jagellona
Werdeck
Der Invalide hatte sich entfernt Die Tür war ins Schloss gefahren
Der abgelegte Hut der weggeworfene Mantel enthüllt eine zierliche Gestalt
der unter der schützenden Verkleidung die Brust vor wildmächtigster Erregung
klopft Die Mienen des entschlossenen Antlitzes totenbleich Die Augen zitternd
vor glühendem Eifer Jede Muskel des Halses jede Sehne der Hand heldisch
gespannt und doch zittert der ganze Körper vor Fieberangst Das kurzgeschnittne
schwarze Haar steht dem edlen Haupte jugendlich schön Diese Frau nicht mehr in
erster Jugend hat sich die Jugend des Charakters erhalten und wenn sie auch
zittert so hat sie recht zu sagen
Werdeck es sind die Nerven die zittern mein Herz zittert nicht Du musst
fliehen Weißt du dass der Sergeant der dich retten wollte zum Beispiel für
den gefährdeten Geist der ganzen Armee erschossen werden soll
Werdeck zeigte zum Fenster Die Blutspuren im Sande auf dem Glacis wären
noch sichtbar gewesen Aber es war inzwischen Nacht geworden Wieder sang
schon die Sängerin im Lindenbaum
Der Major besaß die Ruhe und Ergebung die sich in Gefängnissen so von
selbst findet Die Angehörigen ahnen kaum diese schmerzlichste Umwandlung des
Gemüts Aber jetzt die Flucht ablehnen dem heldenmütigen geliebten Weibe
ihr ihr diesen kühnen Eingriff in sein Schicksal abschlagen
Es ist ein Bund des Geistes sagte er den man mir als Verschwörung
auslegte Ich werde jene Ehre die unter meinen Standesgenossen gilt nicht
wieder gewinnen wohl aber einst die Freiheit die mich rechtfertigen wird
Lass mich bleiben dulden Und auch wie könnten wir fliehen
Die mutige Frau spricht nicht von der Möglichkeit sondern von der
Notwendigkeit Sie weint sie klagt Ihn auch schon erschlafft ergeben
demütig zu finden ihn den sie in den vollen Flammen des Zorns und der
Begeisterung der Unschuld in der lodernden Glut der Rache zu finden gehofft
hatte Ist Das denn wahr was man von den Gefängnissen erzählt
Da ermannt sich Werdeck Er verlässt die Zelle den Korridor den Wall
die Veste stolz emporgerichteten Ganges den Mantel seines Weibes
umgeschlagen sie als Offizier gekleidet neben ihm Er unkenntlich im Mantel
Sie sind beschützt Es folgt ihnen Jemand Es ist der Invalide
Er folgt nicht bis zum Tor er folgt weiter weiter als die Parole
gefragt wird die Parole die alle drei kennen
Der Strom rauscht Es ist derselbe auf dem einst Murray entflohen Ein
Kahn steht am Ufer Rasch gleitet er die Strömung hinunter Der Alte
rudert
Wer ist dieser Retter Jagellona Wer fährt uns da
Die Heldin schmiegt sich an die Brust des Gatten und sagt nur
Dieser Alte hat mich schon einmal vom Tode gerettet
Werdeck sann hin und her Vom Tode schon Einmal Wer ist der Alte
Eine halbe Stunde vorüber Die Flüchtlinge steigen an einer einsamen
Fischerhütte aus betreten die menschenleere aber erleuchtete Hütte und
finden Kleider die für sie bestimmt sind
Wer ist der Greis fragt Werdeck wiederholt als er sein mutvolles Weib nun
in Frauentracht in die Arme schließt
Wir brauchen einen Zeugen für unsre Erzählung sagte sie Komm nur
Damit folgen sie dem Alten der eine Blouse übergeworfen hat folgen über
ein sandiges Ufer dann einen Wiesenrain zuletzt stehen sie auf der Landstraße
Ein Wagen mit zwei Pferden dessen Zügel Jemand unkenntlich in der Nacht
wartend in der Hand hält
Der Major tritt näher forscht Es ist Leidenfrost
Aber rasch Rasch
Der Invalide sprichts ergreift die Peitsche springt mit noch jugendlicher
Kraft auf den oberen Sitz und während Leidenfrost Werdeck und Jagellona die
drei im Geist Verbundenen rasch in den Wagen steigen spricht die mutige Frau
endlich mit erleichtertem Herzen weinend in ihrer Freude erlöst von den
bangendsten Gefühlen
Wir sind in Sicherheit Die Schläge des Geschickes das so gespenstisch mit
uns redete machen endlich eine Pause Die zerrissenen Bruchstücke dieser Tage
wo der Eine hier der Andre dort die grausame Hand eines uns wahrlich zuweilen
wahnwitzig erscheinenden Verhängnisses fühlte bilden doch ein Ganzes ein
Großes die Einheit eines Zieles an das wir nun wohl werden Alles geben müssen
Freiheit höre Die Liebe will dir erzählen
Ende des achten Buches
Neuntes Buch
Erstes Kapitel
Tempelheide
Des Herbstmorgens erste Frische war vorüber Die Nebel die der Sonne Aufsteigen
umschleierten sanken auf die große Ebene nieder in deren breiter Ausdehnung
die Hauptstadt hingegossen lag mit ihren Kirchtürmen ihren
Riesenschornsteinen dem Dampf der Essen dem aufgewirbelten Staub der Straßen
und Plätze einer Hülle die den schärfsten Pfeilen des Sonnengottes Widerstand
leistete und mit ewigem Grau zu jeder Jahreszeit selbst gegen die reinste
Bläue des Himmels Einspruch tat Rings aber um die große Ebene und ihr Gewühl
zog sich ein grüner Rand unentweihter je entlegener von der Berührung mit den
Menschen des Trottoirs Am westlichen Ende Solitüde mit seinem Park seinen
Niederungen seinen Eichenhainen am östlichen eine Aufdachung von Sand und
Kalksteinbergen dicht bewaldet von Straßen von Eisenbahnenkerfen
durchschnitten Tempelheide dieses Aufganges Beginn Wie eine Hüterin lag die
alte Kirche mit ihren Linden oberhalb der Landstraße die an Lebendigkeit
gewonnen hatte seit der allmächtige Fürst Egon von Hohenberg sich von den Mühen
eines nun fast einjährigen Regimentes für einige Wochen auf seinem väterlichen
Schloss ausruhte Wie ruhig liegt die Stadt da unten die Egon gebändigt hatte
Nach Solitüde wo jetzt die königlichen Herrschaften wohnten sprengten nicht so
viel Kuriere Gendarmen reitende Boten wie hier an der alten Kirche mit dem
Dreiblattkreuze dem Gartenpavillon und dem Tannenparke des alten
Obertribunalspräsidenten von Harder vorüber nach Hohenberg
Doch da es hier bergauf ging und Alles langsamer fahren und mäßiger reiten
musste so wurde der Friede der ländlichen Besitzung nicht zu sehr gestört Anna
von Harder war ohnehin keine krankhafte Einsiedlerin Sie liebte den
Zusammenhang mit der Welt wenn sie auch nicht an die Welt verloren gehen
mochte Sie saß gern unter dem kleinen Schirmdache von dem herab sie einst
Siegbert Wildungen in der heißen Julihitze einen Becher Weins gespendet hatte
Sie erwiderte gern jeden Gruß den man ihrer würdevollen hohen Gestalt mit den
einfachen Trauerfarben ihrer schlichten Kleidung bot Zuweilen stand ein
stolzes Rad schlagend der von glänzenden Farben übersäete Pfau aus dem
Hühnerhofe hinter ihr wie neben der Juno aber die edle Frau hatte nur die
Haltung nicht den Stolz der Beherrscherin des Olymps Sie dachte auch von dem
majestätischen indischen Vogel anders als die Kinderlehre Sie gab dem gekrönten
Tiere mit dem klugen schüchternen Auge freudig Körner aus ihrer Hand im
Schlitz des Kleides war eine nie leere Vorratskammer für die Tierwelt ihres
greisen Pfleglings
und fand den stolzen wiegenden Gang des schönen Tieres während das
emporgehaltene mit blaugrünen Augen eingefasste Rad in der Sonne funkelte und wie
ein Fächer schwankte sich hob und sich senkte eben so würdig wie lehrreich
und oft genug hatte sie die kleine Paulowna Wäsämskoi auf den Pfauengang
aufmerksam gemacht als eigentlich den Gang der sich in Gesellschaften
Vorstellungen bei Hofe und mit gesenktem Haupte auch in der Kirche zieme Die
gewöhnliche Tiermoral existirte nicht in Tempelheide Hier vertrug sich Reh und
Hund Hund und Katze ja hier war schon vorgekommen dass eine Katze die Jungen
eines Mäuschens aufgezogen hatte
Für den Tannenhain der die einfache Besitzung mit ihren grünen Rabatten
dem kleinen Gemüse und Blumengarten dem einem Jagdschlosse ähnlichen
gedrückten Hause und die großen Räumlichkeiten des Hofes rings umgab und sie von
dem unmittelbar daran stossenden großen Walde trennte hätte man freilich lieber
ein Gehölz von Buchen von Linden und Eichen wünschen mögen Anna selbst hätte
diese rauschenden vollen Blätterwipfel sicher lieber über sich schwanken gehabt
als diese ewig gleichen ewig düstern Tannen unter denen man oft wenn die
Nadeln reichlich gefallen waren wie auf dem ihr so wenig mehr geläufigen
glatten Parkett der Salons wandelte Tannenzapfen hölzerne trockne kleine
Schuppenpyramiden waren ihre einzige Belohnung für die Liebe mit der sie
dennoch auch die Hut dieses Haines führte Und der alten Excellenz war grade
diese durchsichtige Baumwelt die genehmste Wie durch einen Mastenwald im
Seehafen sah er durch diese lichten oben rötlich unten grau schimmernden
Stämme Wie mit staubigen Kamaschen wie aus der schmuzigsten Straße in die
Stadt gekommen seht ihr aus ihr schlanken hölzernen Grenadiere sagte Anna
wohl wenn sie mit dem Alten durch den Park schritt und er sich an ihrem Arme
führte Aber er lobte für seine Zwecke grade diese Durchsichtigkeit Sein zahmes
Reh konnte nicht die jungen Eichenblätter fressen seine Hühner konnten sich
hier nirgend verstecken seine Katzen nicht auf lauernden Raub gehen seine
Hunde witterten und schnoberten hier nicht wie auf den Anschlag und fremdes
Gevögel fremde Maulwürfe Iltisse Marder waren leicht beobachtet und aus dem
offenen Bereich entfernt An Singvögeln fehlte es auch in den Tannenwipfeln
nicht Die alte Excellenz liebte grade die Kreuzschnäbel und die Holzheher die
unter Tannen am liebsten weilen Für das süße Rauschen und Flüstern der grünen
unzähligen Blätterwelt hatt er ja seiner guten bei ihm so liebevoll
ausharrenden Schwiegertochter am Ende des Parks auf einer künstlichen Erhöhung
von Felssteinen alten Baumrinden durchbrochenem Mauerwerk gleichsam wie in
einem alten gotischen Turmgemäuer denn das Ganze war auch vom treuen
Zeitenbegleitenden Epheu umrankt harmonisch gestimmte Windharfen aufhängen
lassen die sie für das ewige Gekrächz Gebelfer Geschmetter Gegurr und
Gegacker im Vorderhause schadlos halten mussten
An dieser melancholischen künstlichen Ruine die den Blick zunächst auf
einen grünen Wiesenplatz und dann in den dichten Tannen hier und da von weißen
schimmernden Erlen unterbrochnen Wald streifen ließ suchte eben Anna von Harder
ein junges Mädchen auf das auf einer Bank von ungeschälten Baumästen an einer
Lehne von starken geflochtenen Weiden saß ein Buch in der Hand und bald in die
düstere Waldung bald zum blauen Himmel bald zu jenem Raben aufsehend den wir
schon als den treuen Begleiter des hier waltenden wunderlichen alten Philosophen
kennen Die Luft war so still dass die in ihr aufgehängten Leiern nur zuweilen
einen ganz leisen aber auch dann unendlich wehmütigen Ton erklingen ließ
Wie blau ist der Himmel rief Anna schon von unten herauf die Hand auf die
epheubewachsene Treppenlehne stützend Hier weilst du und liest Die Bücher über
Italien die aus den Bibliotheken nicht endigen wollen Komm und zerstreue dich
an dem Pavillon Das ist ein Reiten ein Fahren nach dem Schloss Hohenberg Die
schöne Fürstin wird ihre Flitterwochen nicht in Ruhe genießen können
Statt aller Antwort drückte das junge Mädchen Anna neben sich nieder legte
den Arm um ihre Schulter und presste sie an ihr Herz
Ein sanfter Akkord der Luftmusik begleitete den stummen Gruß
Sieh Draußen steht unser Mentor und wartet dass er folgen darf sagte Anna
lächelnd und zeigte die Ruine hinab an die erste Stufe der steinernen Treppe auf
einen mageren grauen stelzbeinigen Vogel mit gewundenem Hals und spitzem
Schnabel der hin und her sprang bald auf das eine bald auf das andre Bein
sein Gewicht legte und sich wie ein Tanzender geberdete
Als das junge Mädchen schwieg und nur Annan inniger die Hand drückte sagte
diese
So froh solltest du sein wie unsre Tiere Das springt heute und freut sich
des sommerlichen Tages Biche und Alkmene jagen sich und spielen wie wilde
Buben Hektor hat Lust seiner alten Dressur sich zu erinnern die ihm doch
Großpapa um jeden Preis austreiben will Er zaust die Hühner fast über die
Gebühr Unser Jupiter kann nicht Räder genug schlagen und sich dem
Vorüberfahrenden in seinem besten Staate zeigen Und das Wetter wird sich
halten Die Laubfrösche sitzen auf der obersten Sprosse ihrer kleinen Leitern im
Glase Isis und Osiris putzen sich den Bart und selbst der gespenstische alte
große Bafomet vor dem du sonderbarerweise nicht die geringste Furcht hattest
als du zu uns kamst selbst Der besinnt sich in seiner majestätischen Würde dass
er den Schöpfer loben muss und spinnt spinnt was er seit Jahren nicht getan
hat und was uns Glück bedeuten muss Komm Unser stelzfüssiger Lakai wartet
draußen Wollen wir Solitüde besuchen Wollen wir anspannen lassen und einmal an
die Terrasse fahren die du so liebst An den Teich wo man Schwäne füttert die
wir leider nicht halten können wär es auch nur um zu sehen was wohl an dem
Schwanengesang vorm Sterben Wahres ist Ach ich Abscheuliche Ich wünsche doch
immer auch noch Tieren den Tod um Experimente zu machen Wenn Das Großpapa
hörte Er hielte mir gleich eine Vorlesung über das Naturrecht Komm Komm Wenn
du gesprächig wirst wie ich die ich heute wie unsre Elstern plaudere so
erzähl ich dir auch was mir den heutigen Tag so ganz besonders lieb und wert
macht
Das junge Mädchen stand schweigend auf Sie drückte der guten Anna die so
viel Worte seit Jahren nicht in einer einzigen Rede verbunden hatte mit einer
gewissen Feierlichkeit wieder die Hand und ging dann an ihren Arm sich hängend
die steinernen Stufen hinab begleitet von dem Nachruf eines Akkords aus den
Lüften
Anna von Harder wandte sich und sah zu den Schallöffnungen die den Wind zum
Musiker machen noch einmal stehenbleibend empor
Ja Ja Ich kenne den Zauber dieser stillen Warte sagte sie zu dem jungen
Mädchen Wie gern hab ich auch sonst stundenlang hier geweilt und beim Erwachen
der Abendwinde die meist mit dem Untergang der Sonne eine Weile lebendiger
wehen bis gleichsam die Sterne Kraft gewinnen und wieder Ruhe auf der Erde
gebieten wie oft hab ich da den Tönen gelauscht in denen die Luft hier zu uns
spricht Ich wusste freilich es ist das Alles nur künstlich hervorgerufen es
kommt nicht von selbst eine menschliche Vorrichtung eroberte sich diesen Gruß
der Winde Und doch ist der Ton als solcher so selbständig als Gewordenes doch
so ein Ureignes so ein von Menschenhänden gar nicht zu schaffendes
Geschaffenes Wir können das Licht absperren ab und zulassen anzünden
auslöschen aber wir können das Licht selbst nicht machen Kein Seifensieder
kein Kerzenzieher erschafft das Licht Auch den Ton macht kein
Instrumentenmacher Man erobert ihn nur man fängt ihn ein man lässt ihn hinaus
man gewinnt ihn sich und Andern
Das blasse junge Mädchen hörte und schwieg Der Vogel ein Kranich wars
sprang voraus mit seinen wunderlich tanzenden Sprüngen
Ach sagte Anna des Mädchens träumerische Empfindungen unterbrechend wie
gut es unser armer Lakai meint Der gute Vogel Sein Tanzen ist keine angeborene
Freude Großpapa kaufte ihn von einem Vogelabrichter der das arme Tier zum
Tänzer für Jahrmärkte gezogen hatte Auf einen Fußboden von heißen Blechplatten
hatte er das Tierchen als es jung war eingesperrt Entsetzt von der Hitze
die sein an Sümpfe und Moor gewöhnter Fuß nicht verträgt fing es an zu hüpfen
und hüpfte und hüpfte so lange bis es nicht mehr gehen konnte Armer Schelm
wie bin ich froh wenn ich dich vor wirklicher Freude tanzen sehe und nicht an
die glühenden Kohlen denken muss die deinen Schmerz zu einer nur scheinbaren
Freude machten
In die ernsten fast unbeweglich starren Züge des jungen Mädchens schlich
sich bei diesen Worten jetzt ein außerordentlich feines fast bittres Lächeln
Es war als wollte sie sagen Das ist die Lustigkeit der Weltbildung des
Zwanges der Konvenienz Das sind die Bewegungen des scheinbaren Tanzes die nur
von den brennenden Kohlen unter uns kommen
Anna verstand dies Lächeln und seine Bedeutung sehr wohl Sie wollte aber
dass Heiterkeit waltete
Nein sagte sie man soll nicht lügen Man kann in der Freude und auch im
Schmerze zu unwahr sein Ich mache mir Vorwürfe dass ich viel zu oft unter
meinen Windharfen saß und mich zur Sklavin ihrer traurigen Töne machte Dann und
wann Wenn die Seele nicht übervoll sondern wenn sie leer ist Wenn die
Alltäglichkeit uns übermannt das tiefste Leid die heiligste Pflicht vergessen
ist dann ein solcher Akkord und gleich haben wir uns wieder gefunden Ich würde
nicht immer in den Büchern über Italien lesen um mich in Italien heimisch zu
fühlen Ich würde vorziehen der Gegenwart der nächsten Umgebung anzugehören
und dann und wann plötzlich einen Lichtstreifen einen solchen goldnen dass er
gleich ganz Rom und alle Seen des Südens uns vorzaubert über mich fallen
lassen An einen einzigen Lichtstrahl knüpft sich eine ganze Welt Ich brauche
nur einen gewissen Akkord zu hören und gleich weckt er mir eine ganz bestimmte
Empfindung Ich schlage auf dem Klavier einige Töne in AMoll an und ich sehe
gleich aus den Fluten und Nebeln ein wunderbares Eiland steigen das Land
meiner Jugend meines Glückes meiner seligsten Hoffnungen Fast glaub ich dass
das Übermaß der in diesen Ton gesetzten Rhytmen das Bild verscheucht den
Zauber der Erinnerung abstumpft Ich bin viel zufriedener mit mir seit ich
Pflichten der Gegenwart habe und meinem stillen Kultus der Trauer um die
Vergangenheit nur manchmal lebe
Das junge blasse Mädchen hörte ruhig dem bezüglichen Wort zu und erwiderte
den Handdruck den sie von Anna empfing die ihren rechten Arm in ihrem linken
trug Sie lächelte ein wenig als Anna beim Hinausschreiten aus dem Parke sich
umsehend sagte
Der grillenfängerische Rabe ist uns nicht gefolgt Der Schelm trauert dass
man ihm seine Sucht zu stehlen abgewöhnte Ihm ziemt es unter den Tannen zu
philosophiren Unser Kranich aber hüpft zum Pavillon Er weiß dass wir dort mehr
Zerstreuung finden Sieh sieh er ist doch vergnügt der Schelm Er wirft kleine
Steine in die Luft und fängt sie auf Der Herr Balletmeister amüsiren sich
obgleich Sie pensionirt sind Ich habe dem Großpapa erst glauben mögen dass die
Tiere der Erziehung fähig sind als ich sah dass sie spielen Gibt es einen
redenderen Beweis für eine gewisse Freiheit auch innerhalb der sonst gebundenen
Tierseele Hunde und Kätzchen spielen Hasen treiben die tollsten Possen
Goldfische mögen sich langweilen wie alle Vornehmen aber Forellen wahrlich
nicht Forellen tummeln sich Und was spielen nicht die Vögel Auch Pferde
spielen und reiben sich mit den Köpfen selbst wenn sie vor den Häusern der
Reichen bis tief in die Nacht frieren müssen und eigentlich ungeduldig und
zornig über uns sein sollten Nein sieh sieh Olga Sieh den Kranich Jetzt
wirft er ein Hölzchen empor und duckt sich unter ihm weg dass es ihn im Fallen
nicht trifft Du närrischer Patron du
Olga Wäsämskoi war es die eben mit der so freundlich ihr zuredenden und wie
wir wohl bemerken werden mit Absicht sie erheiternden Anna von Harder auf den
kleinen Rasenhügel stieg wo jenes Schirmdach stand unter welchem man im heißen
Sommer einigen Schutz vor den Sonnenstrahlen fand Olga hatte sich zur
vollkommenen Jungfrau entwickelt Zwar nur klein waren alle ihre Formen
geblieben doch zeugten sie von vollendeter Reife der Bau ihrer Schultern war
kraftvoll der Nacken sicher das Antlitz von einer Bestimmtheit die leider um
noch kindlich erscheinen zu können zu sehr vom auffallendsten Ernste beherrscht
war Die Haut zart von jenem braungelben Schimmer wie das Inkarnat des Südens
Die Augen noch schwärzer beschattet als im vorigen Jahre Die Hüften wölbten
sich im schwarzen sehr langen Atlaskleide in der Sonne glänzend von der nicht
sehr engen Taille ab Sie bot das Bild einer südlichen Schönheit die von unsrer
nordischen wespenartigen Grazie kein Merkmal hat In dichten Flechten war das
schwarze Haar im Nacken festgebunden ohne Gefallsucht Ihr ganzes Wesen schien
innerlich und nur zu sehr vergeistigt nur zu sehr der Wirklichkeit entrückt
von der man nicht wusste verachtete oder bemerkte sie sie nur nicht
Das Wesen Olgas seit ihrer Rückkehr von Wien bis wohin ihr Rudhard im
Frühjahr entgegengereist war hatte sich als das seltsamste von der Welt
angekündigt Ihren Briefen zufolge hätte man die lebhafteste Empfänglichkeit für
alle ihre Umgebungen ein gewisses Auftauen aus ihrer früheren oft eisigen
Letargie eine große Lust der Mitteilung erwarten sollen Von dem Allen fand
sich nichts Olga war nicht nur ganz in ihre frühere träumerische Art
zurückgesunken sie war viel weiter zurückgegangen sie zeigte einen apatischen
Zustand der an Starrheit grenzte Sie war krank nervenkrank Sie litt an sich
selbst, ohne sich in ihrem Schmerze äußern zu können Sie bot einen
erschreckenden Anblick Schön fesselnd träumerisch in jeder Beziehung ein
weibliches Ideal entsetzte an ihr eine tödtliche Kälte die fast wie ein
Krampf wie eine Starrsucht zu nehmen war Rudhard brachte sie so von Wien
zurück Sie hatte die abenteuerlichste Fahrt von Rom aus gehabt und Rudhard
deutete an dass ihr Zustand mit Erlebnissen zusammenhing die er verschwieg Er
hätte von Siegbert die einzige günstige Einwirkung auf die in solchem Zustand
Wiedergewonnene hoffen müssen Aber Siegbert Wildungen war bald nach der Flucht
seines Bruders durch geheime Warnungen denen er Glauben schenken durfte
veranlasst worden sich von der Hauptstadt und ganz aus dem Lande zu entfernen
Er war erst mit Otto von Dystra nach dem Schloss Buchau an die im äußersten
Westen Deutschlands liegende Tempelsteiner Ruine gereist die in voller
Wiederherstellung begriffen war Dann hatte sich Siegbert zu Louis Armand nach
Belgien begeben Beide lebten in Antwerpen wo sich Siegbert mit erneutem Eifer
auf seine Kunst warf und zu gleicher Zeit für die Zwecke des Bundes so wirkte
wie ihm sein Bruder Dankmar die briefliche Anleitung gab Als Dystra
zurückkehrte fand er zwar Olga aber nicht mehr Rudhard Dieser hatte sich da
die Fürstin Wäsämskoi nicht im Stande war sich irgendwie mit ihrer Tochter zu
verständigen entschließen müssen sie und die jüngeren Kinder gleichfalls nach
Westen zu begleiten zum großen Ärgerniss der Welt die wir wissen noch nicht
mit welchem Rechte behauptete Siegbert Wildungen wäre die Veranlassung dieser
Reise Aber Anna von Harder hatte den Einfluss den ihr die Fürstin auf sich
zugestand selbst dahin benutzt ihr diese Reise anzuraten ihr sogar Paris als
künftigen Aufenthaltsort umsomehr vorzuschlagen als die Gräfin dAzimont wieder
aus Italien zurück war in Paris lebte und es sich ihrem versöhnlichen Herzen
als eine Möglichkeit einschmeichelte diese Schwestern würden sich eher
versöhnen als es ihr mit der ihrigen Paulinen möglich war Und Olga hatte sie
für sich behalten Jetzt vollends wo Olga Liebe Schonung Pflege verlangte
Olga war von einer Reizbarkeit der Nerven die die Mutter nimmermehr würde
geschont haben Adele war ergebener geworden beruhigter durch Anna sie hatte
sich den jüngeren Kindern angeschlossen aber vom Herzen kam ihr der pflegende
Muttertrieb nicht Wie hätte sie Geduld gehabt mit Olga die jetzt Geduld
bedurfte Im Laufe des Sommers kehrte Dystra der in seiner Gewissenspflicht
Olga zur Gattin zu wählen von dem sich beherrschenden Siegbert nicht gehindert
wurde vom Tempelstein der im grossartigsten Style hergestellt wurde nach der
Residenz zurück und sah nun Olga zuweilen Er hatte von ihrem so plötzlich
verwandelten Wesen gehört Als er sie in Tempelheide zuerst begrüßte und von ihr
mit der Geringschätzung die er voraussetzen konnte behandelt wurde erschrak
er sie in einem Grade abstoßend zu finden der ihn gleich zu der Bemerkung
veranlasste Das hat sich gut getroffen Ein Wesen dieser Art musste in eine
Anstalt kommen wo man wilde Tiere bändigt Er begriff nicht wie von
diesem Mädchen jene Briefe hatten herrühren können die ihn so fesselten Er
hatte noch auf der Reise nach dem Tempelstein zu Siegbert gesagt Wildungen wir
führen zusammen einen psychologischen Konflikt auf an dem mir nur störend ist
dass er zu sehr an die Gefühlswelt des achtzehnten Jahrhunderts erinnert Sie
wissen ich halt es mit dem neunzehnten und erlebe auch noch die zeitgemässe
Ummodelung dass Sie von Olga vergessen werden oder dass Sie sie selbst vergessen
Nun aber Olga wirklich sehend fand er es auch unmöglich dass sie noch
Siegberten fesseln würde Er schrieb ihm nach Antwerpen er wisse nicht was er
von diesem erstarrten Zustande denken sollte Er hätte ein Leben voll
Beweglichkeit Geist Phantasie auch manche Torheit erwartet und fände nun ein
todtes kaltes Marmorbild Dystra konnte die Geduld die Anna von Harder hier
entfaltete nicht genug rühmen Und doch zeigte er dieselbe Geduld ohne sein
Verdienst zu wissen Er fuhr alle drei vier Tage nach Tempelheide brachte
immer etwas Anregendes etwas Überraschendes mit und begnügte sich nach Olga zu
fragen Sie selbst sah ihn nicht Wie sie nur des kleinen aber elegant sich
haltenden mit Grazie sich bewegenden Mannes ansichtig wurde entfernte sie
sich was Dystra immer auf Rechnung seiner Mohren schrieb War es Liebe war es
Pietät für seinen verstorbenen Freund den Fürsten Wäsämskoi war es der Reiz
ein Rätsel zu lösen er konnte sich der Hoffnung in Olga wieder einen
Lebensfunken geweckt zu sehen nicht erwehren so sehr er auch zugestehen musste
dass eine Heirat mit einer so eigentümlichen Organisation ein Opfer war für das
man nicht Dank sondern Spott ernten musste Drommeldei der vielgesuchte Alles
begutachtende Arzt der Mode hatte gesagt Bei dieser Krankheit heißt es Ce
nest que le premier pas qui coute Dies Mädchen muss heiraten dann wird sich
das Übrige finden
Starr wie jene Brunhild der Sage die Jedem der sie freien wollte einen
Ringkampf anbot und die Männer an dem Gürtel aufhenkte den sie ihr lösen
wollten saß Olga neben der zutraulichen durch sie ganz aus ihrer bisherigen
Gewohnheit gekommenen Anna die von dem Mädchen trotz des Scheines ihres
liebevollsten Anteils für sie nicht einmal die Frage abgewinnen konnte Was
wolltest du mir von der Wichtigkeit des heutigen Tages für dich sagen Sich
aufdrängen mit einem innersten Herzensinteresse war Annas Art nicht Sie nahm
das Körbchen mit Handarbeiten das sie hier oben zurückgelassen und begann
Spitzenbesätze zu nähen während Olga ihren Worten ruhig zuhörte und nur die
Zwirnrolle zuweilen ergriff und mit ihr ein gedankenloses Spiel trieb
Dass hier die Stelle war wo Siegbert Wildungen einst Anna von Harder zuerst
gesehen wusste Olga Sie kannte aus dem Skizzenbuche ihres Freundes diese
Kirche den Friedhof mit der unregelmässigen zerfallenen Mauer und den schon
längst wieder abgeblühten weißen Fliederhecken Sie kannte die Stelle wo in der
Skizze Hackert im Korn liegend angedeutet war Es waren ihr das Alles heilige
Plätze schon lange lange geweiht denn Siegbert besaß eine Gemütlichkeit
guter Herzen die von ihren angenehmen Erinnerungen erzählen und Jeden den sie
lieb haben gern in den ganzen Zusammenhang ihres Lebens versetzen Er hatte
längst schon im vorigen Jahre Olga auf diesen Punkt aufmerksam gemacht wo man
die gewaltige Ausdehnung der Stadt am reichsten übersehen und ihr inneres Leben
gleichsam wie einen fernen unsichtbaren Wasserfall rauschen hören konnte Ob sie
jenen Erinnerungen nachhing Sie verriet nicht eine Spur von Dem was in ihrem
Herzen lebte
Anna hatte grade heute wieder eine ihrer musikalischen Akademieen Dann
wurde ausnahmsweise um zwei Uhr gegessen um drei Uhr kamen die Mitglieder des
Gesangvereins der bis fünf sechs Uhr dauerte weil es mit der Regelmäßigkeit
des Kommens sehr schlimm aussah Jene gelüfteten Fenster des Parterre gehörten
zu dem Musikzimmer das Anna schon geordnet hatte Da waren die Tische und
Stühle schon aufgestellt schon mit den Noten belegt die heute gesungen werden
sollten Sie sprach davon wie sie immer in bangsüsser Erwartung einer solchen
Übung in Freude und Furcht zugleich entgegenharre und beklagte dass Olga weder
Freude an diesen Musiken empfand noch selbst an ihnen Teil zu nehmen
versuchte
Du erinnerst mich darin sagte sie noch heute wieder an die schöne Melanie
die jetzige Fürstin von Hohenberg Diese von vielen Frauen verabscheute aber
nicht so schlimme gefeierte Schönheit war ohne Stimme ohne musikalisches
Gefühl aber sie nahm Anteil an unsern Übungen und nützte durch ihr
vortreffliches Pausiren Sie die ein Recht hatte die Zerstreuteste von Allen
zu sein zählte am besten
Olga hätte nun Gelegenheit gehabt lebendig zu werden Jene Melanie wurde
erwähnt die sie selbst in ihren Briefen als letzte Zuflucht jenes von ihr in so
grellen Farben geschilderten Egon bezeichnet hatte Sie hätte doch ausrufen
müssen Also wirklich ist Melanie die Fürstin von Hohenberg Wie kam Das Wie
war Das möglich Um Melanie diese Bewegung hier auf der Landstraße Um sie diese
trappelnden Pferde diese rollenden Reisewägen dies Detachement Dragoner das
sich auf der Straße bis Hohenberg vereinzelt zu postiren scheint
Um Melanie dieser Staub der glücklicherweise uns hier unter dem Pavillon
nicht erreicht Nichts von alle Dem Sie hörte nur wickelte an der Zwirnrolle
las eine Weile im Buche hörte den Verhandlungen Annas mit der zuweilen Rats
erholenden Dienerschaft zu folgte alle Dem was sie da vernehmen konnte aber
selbst schwieg sie Sie schwieg zur lauten Erörterung manches Billets das von
der Stadt kam Frau von Dahlen entschuldigte ihr Ausbleiben bei der Akademie
Frau Gräfin Mäuseburg im Gegenteil versprach nächstens eine junge Diakonissin
die eben erst vom Rheine gekommen war mitzubringen und sie für die Akademie
vorzuschlagen Aktien Loose Unterschriften wurden angeboten oder von Anna
gewünscht wie Das im Leben eines mildtätigen Wesens den ganzen Tag nicht
abreisst Schriftchen wurden geschickt von Geistlichen von Vereinen sogar
zwanzig dreissigfach kleine Traktätchen die Anna befördern verbreiten sollte
Eine Gesindebelohnungsanstalt schickte Rechnungsabschlüsse Und dann das
Klingeln am großen Hoftor wenn der Aktenwagen vom Obertribunal kam und für die
greise in der Stadt befindliche Excellenz die Akten repositorienhoch hereinfuhr
und diese Ballen abgeladen wurden in der großen Aktensammlung rechter Hand beim
Eintritt in das zweistöckige Wohnhaus Und wieviel kleine Mietswägen fuhren
nicht vor und brachten nichts als von jungen angehenden Rechtspraktikanten
neubeförderten Unter und Hülfsarbeitern jungen beim Obertribunal zugelassenen
Advokaten Visitenkarten um sich dem Chef der Landesjustiz zu empfehlen Dazu
dann der ewig bewegte Verkehr mit dem lebendigen Hofe seinen Ställen und
kleinen Käfigen Auch heute musste Anna lachen wie sie schon von der Straße her
einen Mann mit einem Tragkorbe auf dem Rücken erkannte einen Türingischen
Vogelhändler der regelmäßig des Jahres einmal bei ihnen vorsprach und dem alten
Herrn seine neuesten Gesangskünstler aus dem Harze vorführte Der Mann schwang
schon in der Ferne die Mütze und grüßte mit seinem Vogelgesichte Er hatte
selbst die Physiognomie seiner Vögel angenommen war zum Tiere herabgestiegen
während bei ihm die Tiere emporstiegen Dem altbekannten Papageno aus Thüringen
ging Anna selbst entgegen empfing ihn im Vorhofe hob die Decke von seinem
Vogelkasten in dem es hinund her zwitscherte und lustig auf und niederhüpfte
ließ ihm von dem ältesten Bedienten der in jungen Jahren selbst ein gelernter
Jäger war und über diesen Gruß aus dem Walde seine innigste Freude hatte war
er doch die rechte Hand des Präsidenten bei seinen Lieblingsexperimenten ein
vollständiges Frühstück vorsetzen und vertröstete ihn seinen vieljährigen
Gönner der ihm immer abkaufte und noch lieber sich mit ihm unterhielt und von
seinen Beobachtungen in der Vogelwelt sich erzählen ließ nach zwei Uhr sprechen
zu dürfen
Der Vogelhändler stellte seinen Kasten in die Hausflur dicht neben ein
großes Drahtgitter hinter dem es unten von Kaninchen im zweiten Stockwerke von
Dohlen und Raben im dritten von kleinen Singvögeln lustig genug wimmelte Biche
und Alkmene zwei hohe wie die schönsten englischen Misses schlanke Windspiele
umhüpften den Wohlbekannten freudig Die drei Hauskatzen Isis Osiris und der
große augenfunkelnde Bafomet ein Kater wie ihn die Egyptier mochten verehrt
haben schlugen mit ihren langen Schweifen hoch auf voll Gelüst und Erregung
über die appetitliche gefiederte Zufuhr des Käfigs Aber sie bezähmten sich da
der alte Diener Sorge trug ihnen grade im erwachenden Gelüst ihre Mittagsration
vorzusetzen Der Vogelhändler bekam auf einem Tisch in der steingepflasterten
Hausflur seinen Imbiss
Es schlug eben ein Uhr eben wollte Anna die Begleitung der Musikstücke die
heute in diesem wilden Bereich fast wie Amphion tat vor den Tieren die er
durch die Leier zähmte aufgeführt werden sollten noch einmal durchspielen
eben trieb der alte Diener eine kleine Schildkröte die seit Jahr und Tag im
Hause frei herumlief und von Musik wie die Spinnen nahe gelockt wurde zum Saale
hinaus die Akademie hatte die Bedingung jeder Sicherheit vor etwaigen
tierischen Überfällen in der Luft oder wohl gar vor kriechendem Auditorium auf
der Erde als zwei rasch daher fahrende Wägen Annas Aufmerksamkeit fesselten
sie sich erheben und dem Sanitätsrat Drommeldei und Otto von Dystra die eben
zusammen durch das von den beiden herabgesprungenen Mohren schon geöffnete
Hoftor eintraten entgegen gehen musste
Zweites Kapitel
Die Natur und das Wunder
Anna von Harder empfing ihren Besuch im Musiksaale einem geräumigen Eckzimmer
das trotz seiner vier Fenster etwas Düstres hatte denn das Glas der Scheiben
war nicht das weisseste die Fensterrahmen wie am ganzen Landhause waren grün
angestrichen
Dystra und Drommeldei hatten sich erst auf der Chaussée getroffen Seit
Drommeldei die Vermutung des Barons man könnte mit Olga vielleicht eine
magnetische Kur beginnen entschieden abgelehnt hatte war zwischen ihnen die
Erörterung ihres offenbar krankhaften Zustandes nicht mehr zur Sprache gekommen
Dystra der Anna einen großen Strauss der ausgezeichnetsten Blumen
überreichte die Gärtnerei wurde in Tempelheide vernachlässigt erklärte
sogleich er wisse dass Drommeldei irgend etwas Geheimnisvolles mit der Frau
Landrätin von Harder zu verhandeln hätte Er wäre heute gekommen um auf
längere Zeit sich zu einem Ausfluge nach dem Tempelstein zu einem Besuche der
Fürstin in Brüssel zu empfehlen Wo Olga wäre Er müsse sie doch wenigstens zum
Abschied sehen
Und Drommeldei bestätigte zum Schrecken Annas die etwas Unglückliches
erwartete und auch von Abschieden immer sehr bewegt war wie vielmehr an diesem
Tage den sie so hoch erhob eine geheime Absicht Sie wusste kaum was sie
erwiderte als sie sagte Herr von Dystra würde Olga unterm Pavillon finden
Der Baron im schwarzem Schnurrock weißem Kastor die citronengelb
gantirten Hände in die mächtige Brust steckend wandte sich dem Pavillon zu um
einen Versuch zu machen mehr als jenes halbdutzend Worte von Olga
herauszubekommen das er bis jetzt erst aus ihrem Munde gehört hatte Während
wir ihn seinem guten Glück überlassen sah sich Drommeldei als er allein mit
Anna von Harder war lächelnd in dem Zimmer um betrachtete mit satyrischem
Wohlgefallen die aufgeschlagenen Notenblätter und sagte mit einer fast
verschmitzten Vertraulichkeit
Gnädige Frau nicht wahr Sie haben heute Akademie
Pergolese Bach und ein Hallelujah von Händel
Sehr gut Rüsten Sie sich auf Besuch
Besuch Wir schließen jeden Besuch aus Sanitätsrat Es sind unsre Statuten
Es gibt Personen die über Ihre Statuten erhaben sind
Sanitätsrat
Liebe Landrätin ich kann Ihnen nicht verschweigen um drei Uhr beginnt
Ihre Akademie gegen halb vier Uhr werden gewisse Herrschaften vorüberfahren
man wird die Klänge von Pergolese Bach und Händel hören diese Herrschaften
werden aussteigen rüsten Sie sich von Ihren Statuten eine Ausnahme zu machen
Anna von Harder war fast auf einen Sessel zurückgesunken Ihren gereizten
Nerven bot diese Nachricht zuviel Was jede Andre mit Jubel mit
freudestrahlendem Enthusiasmus aufgenommen hätte warf sie nieder sie konnte
nur vorwurfsvoll fast bittend zu dem Arzte dem SeelenDiplomaten des Hofes
emporblicken als wollte sie sagen Drommeldei wie konnten Sie mir Das tun
Sie sind selbst Schuld an diesem Überfall sagte das kleine magere Männchen
rückte an seiner weißen Halsbinde und wischte sich von dem Jabot einige Reste
der letzten Prise die er unterwegs Jemandem vielleicht Schlurck abgenommen
Drommeldei trug selbst keine Dose weil er Fälle hatte dass ihm nervenschwache
Damen bei seiner ihn nun genug folternden Liebe zum Schnupfen die Praxis
gekündigt hatten Sie sind selbst Schuld daran liebe Frau Landrätin Sie
wissen wie Sie der Hof verehrt Sie wissen wie oft man es Ihnen nahe gelegt
hat Sie sollten der Königin die Freude einer näheren Beziehung gönnen Sie
glauben nicht wie sehr man in dieser Sphäre nach Gründen sucht warum sich der
Mensch täglich zwei drei Stunden der Notwendigkeit über Toilette sprechen
Kleider an und auszuziehen Proben mit neuen Mustern machen zu müssen
auszusetzen hat Alle Tage drei Mal umkleiden das erfordert ein bedeutendes
geistiges Gegengewicht Seit Frau von Altenwyl am Hofe im vorigen Jahre von der
Mauerschwalbe von Shakespeare von Ihrem Tempelheide der Tierseele
Pergolese Bach und Händel erzählte wuchs die Sehnsucht Sie kennen zu lernen
bis zur Ungeduld Der schlimme Winter die politische Gährung dieses Frühjahrs
die mancherlei herbe bittere Erfahrung auf und an dem Throne trotz seiner
erhöhten Sicherheit kam störend dazwischen Nun aber ist der Wunsch dieser
respektablen Menschen aufs Neue rege geworden Entziehen Sie sich ihm nicht
Was kann ich was soll diese schwache Musik und der alte Herr
unsre stillen Gewohnheiten diese Unordnung
Lassen Sie das Alles gut sein meine Beste sagte Drommeldei Ich kann
Ihnen ohne Sie erröten zu machen den Reiz nicht analysiren den Sie auf die
Herrschaften ausüben Es liegt Das sehr tief und geht bis in die magnetischen
Strömungen Wenn ich bei meinem alten Freunde dem Justizrat Schlurck wäre und
er nicht seit dem glänzenden Avancement seiner schönen Tochter einen Hang zur
Schwermut bekommen hätte so würden wir über diese magnetischen Strömungen
ihren Zusammenhang mit dem Zeitgeiste über Hofromantik und die christliche
Staatsteorie sehr viel humoristische Knallbonbons wie beim Dessert eines guten
Diners gegenseitig aufziehen Allein Ihnen selbst gegenüber die Sie diesen
Zauber ausüben Ihnen kann ich nur als Arzt sagen dass Sie mir einen Gefallen
tun wenn Sie geduldig abwarten was dieser Nachmittag über Sie verhängen
wirdDas war das rechte Wort sagte Anna von Harder und seufzte tief auf und
sprach die Worte aus der Bibel die Johannes der Täufer zu den Neugierigen
sagte Was seid ihr in die Wüste gekommen um einen Mann zu sehen der von
Heuschrecken lebt Ich bin nicht wert Denen die wirkliche Anerkennung
verdienen die Schuhriemen aufzulösen
Drommeldei der die Bibel kannte wie Voltaire und Kaunitz aber nur um sie
zu komischen Bildern zu benutzen Drommeldei lächelte und warf eine Bemerkung
dazwischen die Anna nicht einmal verstand
Brav Bleiben Sie bei Johannes dem Täufer Wäre nur der Papa Metusalem zu
bewegen auch Stand zu halten Der König hat die Absicht ihn nach dem Prozess
über die Johannitererbschaft zu fragen die jetzt auf seiner Entscheidung
beruht General Voland ist voll von den neuen Gesichtspunkten die der alte Herr
für diese Angelegenheit gefunden haben soll und studiert alle alten
Turnierbücher um sich zu überzeugen was propinqui equites sind und hat wie
gewöhnlich fünf bis sechs Standpunkte darüber die er bei Hofe sonderbarerweise
alle zugleich vertritt
Auch Das noch sagte Anna tonlos und fügte hinzu dass den Präsidenten
Erörterungen über Gerechtigkeitsfragen selbst dem Landesherrn gegenüber
verstimmen würden
Nur Mut Nur Mut rief Drommeldei und reichte Anna die Hand Nur
unbefangen Die Mitglieder der Akademie dürfen kein Wort von der Überraschung
wissen Verstehen Sie Befangenheit würde den ganzen Eindruck stören
Aber warum unterrichten Sie mich zuerst selbst lieber Mann
Das will ich Ihnen sagen Frau von Harder Ihr Tempelheide kommt den
Menschen wie ein verzaubertes Schloss vor Der Hof möchte es gern auch nur als
verzaubertes Schloss auffassen und gefällt sich darin drei Tage lang von Nichts
als von einem verzauberten Schloss zu sprechen
Sie sind schlimmer als die Demokraten Sanitätsrat
Beste Ich gehöre nur einer andern Philosophie an als der des Hofes Ich bin
kein Pytagoräer wie Ihr alter Schwiegerpapa ich bin kein absoluter Epikuräer
wie Schlurck kein relativer wie Otto von Dystra kein Neuplatoniker wie Voland
von der Hahnenfeder kein dialektischer Eleat wie Rochus oder Stromer ich bin
meiner Stellung gemäß Eklektiker Dieser Besuch bei Ihnen tut den mannichfach
verstimmten an wahrer Befruchtung armen Gemütern dieser hohen Personen wohl
Doch fürcht ich denkt man sich Ihre Existenz romantischer und fabelhafter
als sie ist Als Katarina von Russland nach der Krim reiste ließ ihr Potemkin
gemalte Städte in die Ferne als Vexierprospekte russischer Volkswohlfahrt
stellen Belügen wollen wir die Herrschaften weder mit der Musik noch mit den
gezähmten Tieren aber notwendig wird es sein dass Ihr hiesiges Gewimmel und
Gekrabbel das Gebelfer und Gezwitscher nicht gefährlich erscheint Den
Tanzmeister mein ich die drolligen Puterhähne die Windspiele Biche und
Alkmene Sie wissen nicht wie unbeliebt ohnehin alle Erinnerungen an Friedrich
den Großen sind auch die gebesserten Raben müssen in Obhut bleiben und
besonders hoff ich dass die Schildkröte obgleich sie dem Apollo heilig ist und
die erste Veranlassung der Musik wurde ja sogar von Phidias für seine berühmte
Statue der Aphrodite als Piedestal benutzt wurde worin mein Freund Schlurck
einen gewissen Zusammenhang zwischen Venus und den Mokturtelsuppen entdecken
würde ich sage dass Sie diese schreckliche Bestie gleichfalls nicht als
Wirklichkeit in den schönen Traum der hier geträumt werden soll hineinkriechen
lassen
Anna von Harder war nicht so reflektiv und politisch gestimmt dass sie etwa
hier eingeschaltet hätte Also so würden die Großen bedient so würden ihnen die
romantischen Täuschungen erleichtert so würde in den Waisenhäusern die Suppe
erst kräftiger gekocht wenn sie eine Prinzessin kosten sollte Sie erinnerte
nur an die Statuten die schon die Sicherheit aller Sänger und Sängerinnen vor
den Liebhabereien des Grosspapas bedingten genug Drommeldei konnte schließen
Also sammeln Sie sich Es bleibt dabei Gegen vier Uhr kommen die
Herrschaften und verraten Sie uns Niemanden
Damit erhob sich Drommeldei fragte noch flüchtig nach Olga wollte keine
Begleitung dulden und eilte aus dem Musikzimmer verfolgt von dem bittenden
vorwurfsvollen Blick der in Erschöpfung niedergesunkenen von solcher Aussicht
auf ihr so nahe bevorstehendes »Glück« fast vernichteten Anna
Draußen aber hielt Dystra den schnell dahineilenden Eklektiker mit einer
Entschiedenheit auf die ihn verhinderte nur an eine kleine Plauderei zu denken
Was Eine Konsultation sagte der Arzt
Dystra zog Drommeldei vom Hofe über die Rasenbeete zu dem Pavillon hinauf
Spartakus und Cicero seine Mohren unterhielten sich inzwischen mit dem
zahmen Reh lachten über den Kranich und erkundigten sich in der Küche nach
etwaigen Rum und Arracvorräten
Wie mich meine Verlobte an dieser Stelle sah berichtete Dystra ergriff sie
die Flucht Zwar würdevoll majestätisch aber so entschieden negativ dass ich
die Lächerlichkeit scheute sie zu verfolgen Sie huschte unter die Tannen wie
die Pfauen da die ein hässliches Geschrei verführen
Sie werden magerer Baron Diese Liebe ruinirt Sie
Ich kenne jetzt antwortete Dystra Drommeldei auf einen Gartenstuhl
drückend ich kenne jetzt die Geschichte der Rückreise Olgas von Rom und muss
sie Ihnen andeuten damit Sie eine Ansicht aussprechen
Wohlan sagte nach der Uhr sehend der ärztliche Ratgeber der in der
Kenntnis der geheimen Verwickelungen des Lebens von keinem Beichtvater der Welt
übertroffen wurde Aber schade dass Sie nicht schnupfen Baron
Und in der Tat sprach Drommeldei der mit allen Geruchsnerven seiner
gehobenen Nase Schnupfer war den alten Bedienten des Hauses der um die
Erlaubnis bat Wein oder Wasser auftragen zu dürfen nur um seine Dose an und
regalirte sich im Vorrat mit einer solchen Befriedigung an diesem pikanten
Blätterdünger wie sie seine ganze Natur auch seine geistige zu bedürfen
schien
Dystra erzählte nun dass er von Rudhard aus Brüssel einen Brief erhalten
hätte der ihm den Schlüssel dieses sonderbaren Benehmens der aus Italien
heimkehrenden Olga gegeben Die Familie der man Olga in Rom anvertraut hätte
aus mannichfachen Elementen bestanden Statt Schutzes hätte sie von Seiten
einiger jüngerer Mitglieder jene quälende Huldigung erfahren die zuletzt ein
Mädchen das auf die begehrte Hinneigung nicht einginge wahrhaft erschöpfen und
in einem Grade abspannen könne dass sie einen Ekel und Überdruss an sich selbst
empfände In Venedig hätte Olga die unausgesetzten Galanterien zweier jungen
Söhne der Herrschaft mit der sie reiste nicht mehr ertragen mögen und das
Leiden eines selbständig in der Welt auftretenden weiblichen Wesens da ihr die
Waffen des Humors fehlten so lästig gefunden dass sie mit Freuden auf den
Vorschlag eines älteren Mannes eingegangen wäre sie bis Wien in seinen Schutz
zu nehmen Ohne Abschied von der Familie zu nehmen rücksichtslos frank und
frei ganz in Olgas Art die das Tragische hätte dass sie aus dem
empfindlichsten Zartgefühl für Tugend leichtsinnig erschiene wäre sie von jenen
Menschen geschieden und hätte den Vorschlag eines älteren Mannes sie nach Wien
zu führen angenommen Sie kannte diesen Mann als zuverlässig von Rom aus es
war ein Jesuit der Professor Sylvester Rafflard
Himmel unterbrach Drommeldei erschreckend
Kennen Sie ihn
Erzählen Sie Das Mädchen ist die neue Klarisse Harlowe
Dystra fuhr fort nach Rudhards Mitteilungen zu berichten dass Olga diesen
Mann nur von Rom und dem Hause der Gräfin dAzimont gekannt hätte Sie hätte mit
Freuden von ihm vernommen wie er immer gegen den Fürsten Egon gesprochen wie
er der damals noch von ihr verehrten Helene die Charakterlosigkeit dieses
Treulosen unbarmherzig vorgehalten bis Helene selbst »charakterlos« geworden
Damals schon hätte sie zu jenem gefälligen Hausfreund ihre Zuflucht nehmen
seinen Rat begehren wollen Nun fand sie ihn in Venedig auf dem Balkon eines
Hotels wo sie schwermütig in den großen Kanal blickte und ihn für einen Retter
vor den Unarten zweier jungen modern erzogenen Söhne der schwachen Dame mit der
sie reiste ansah
Sie kam aus dem Regen in die Traufe unterbrach Drommeldei mit prosaischer
Wahrheit einen Zustand der in der auf den gefährlichsten Bahnen wandelnden Olga
tragisch genug zum Bewusstsein gekommen schien Dieser gefährliche Mensch Ich
lernte ihn bei Helene dAzimont kennen und wurde so mit der Beschleunigung des
Wiedersehens zwischen ihr und dem damals fieberkranken Prinzen Hohenberg
gedrängt dass ich um diese Krisis minder gefährlich zu machen zur List und
Verschlagenheit greifen musste Noch ist mir ein Rätsel welche Rolle jener Faun
in diesem Verhältnisse spielen wollte
Und diesen Mann sagte Dystra hab ich von bedeutenden Notabilitäten der
Residenz rühmen hören habe Rochus vom Westen entrüstet gesehen als es hieß
Ein Jesuit ist ausgewiesen Auf dem Wege nach Wien wohin ihn wohl geheime
Aufträge führten muss er seiner ganzen Natur die Zügel haben schießen lassen
Das arglose Mädchen wollte sich von den Nadelstichen kindischer Huldigungen
befreien und verfiel in eine Gefahr die Sie ermessen können wenn Sie Rudhards
Geständnis hören das ungefähr in der Tatsache besteht Er kam nach Wien fand
Olga nicht in dem Gasthofe wo die aus Rom rückkehrende Familie hatte absteigen
wollen Diese Familie traf endlich ein Olga blieb aus Wie bebte sein Herz als
er den Namen Rafflard nennen hörte Der alte Pädagog ewig geneckt von den
Extremen der Zeit Sein Zögling in solcher Gefahr Die Taube in den Krallen des
Geiers Was sollte er tun Bleiben reisen Er suchte den Beistand der
Regierung Er bot Alles auf zu einer genauen Kenntnis der Route zu kommen die
Sylvester Rafflard mit Olga genommen hatte Oft wärs ihm dem besonnenen
kalten Manne gewesen als hätt er mit der Stirn gegen die Wand rennen müssen
Endlich hätte er erfahren dass ein älterer Herr mit einem jungen Mädchen von
Triest über Udine nach Steiermark gereist wäre Aus späteren fragmentarischen
Berichten ergab sich dass Rafflard die katholische Schwärmerei Olgas zu irgend
einem Lebensplane nutzte ihr eine Rundreise durch Klöster und Abteien als eine
romantische Verschönerung ihres nächsten Reisezweckes vorhielt und gradezu auf
eine Eroberung nicht nur für die Kirche sondern vielleicht gar für die
Heiligengeschichte zusteuerte
Drommeldei blickte fragend auf
In der Tat, Doktor sagte Dystra Es ist schaudervoll wie weit die
mittelalterlichen Rückfälle gehen Man wird mit ihnen grade wieder bei Tümmels
Reisen ankommen Rafflard hatte in Rom die Leidenschaft Olgas für die
katholische Kirche bemerkt Der Kriticismus ihres Erziehers hatte ihr keine
Waffen in die Hand gegeben gegen den verführerischen Reiz der Musik und des
entzündeten Weihrauchs Da findet er in Venedig dies Kind wieder das sich ihm
mit seinem ganzen schwärmerischen Unbedacht in die Hände liefert Weit entfernt
sich ihr durch seine schlimme Natur verdächtig zu machen legt es Rafflard
darauf an Olgas Überspannung bis zum Visionären zu steigern und sich in der
hierarchischen Sphäre wie man das jetzt sehr gut durch Extreme kann einen
Namen zu machen Er spricht bei Geistlichen mit ihr vor die die Sehnsucht des
Mädchens nach diesem Extremen steigern Hier und da eine aus den höheren Ständen
in den geistlichen getretene Nonne muss Olga in dem Vertrauen auf innere
Offenbarungen stärken Sie wissen dass jetzt überall Wunder der katholischen
Kirche wieder auftauchen Bilder schwitzen Blut an visionären Mädchen auf dem
Lande zeigen sich die Leidensmale Christi es ist als schwankten wieder alle
festen Normen und Naturgesetze als ergriffe die Menschen in gewissen Gegenden
der StVeitstanz der Ideen die Alles im Wirbel mit ihnen umdrehen Dieser
Rafflard soll alle Stadien eines pädagogischen Abenteurers durchgemacht haben
und als wahrer Seelenverwüster nun damit enden wollen Heilige zu schaffen Er
fand in jenen mit Geistlichkeit jedes Ordens gesegneten zur Donau auslaufenden
Bergtälern Hilfe genug Olga zu fesseln bei ihrem aus Liebesgründen nicht
gesteigerten Verlangen nach der Rückkehr zu den Ihrigen sie planlos
umherzuführen bis sie in einen Zustand kommen musste den ich mit jener Zähmung
der Schlangen in den Kästen der indianischen Zauberer vergleichen möchte mit
jener Erstarrung durch umhüllende Decken die eine Letargie eine
Geistesohnmacht eine Willenlosigkeit zurücklassen an welcher man erlebt hat
dass Frauen für heilig galten sie wussten nicht wie und dass sie sich inspirirt
glaubten sie wussten nicht von Wem wohl aber an sich selber glaubten an ihre
eigne Geistesverwirrung wie an ein Evangelium das Unsichtbare ihnen zuriefen
ja dass sie stigmatisirt waren ohne es zu wissen
Drommeldei sprang auf Er hatte erst gelächelt erst wirklich an Tümmels
Reisen die er und Schlurck ausnehmend liebten gedacht Nun aber überwältigte
ihn der Zorn Er erging sich in Verwünschungen eines wahnsinnigen Zeitalters
und hatte doch eben selbst diesem wahnsinnigen Zeitalter sich zum Opfer
dargebracht seine Logik seinen klaren Verstand seinen Voltaire dem
Mittelalter und einer am Throne doppelt gefährlichen Romantik preisgegeben
In Linz fuhr Dystra fort entdeckte endlich Rudhard die Flüchtlinge Die
Jesuiten die oben auf der schönsten Aussicht über die Donau und die
Steiermärker Berge wohnen mögen Rafflard angezogen haben In der Wohnung einer
besonders bigotten vornehmen SternkreuzordensDame war Olga wie eingebürgert und
wurde von dieser und einem Dutzend hoher Geistlicher gleich einer Heiligen
behandelt Ich zweifle gar nicht dass es darauf abgesehen war das Kind in einen
magnetischen Zustand zu versetzen Rudhard fand sie wie sie schlummernd auf
einem Ruhebett lag die Brust mit einem Kreuze bedeckt
Das Kreuz war ein Magnet
Das vermutet Rudhard selbst und beklagt sich desselben sich nicht
bemächtigt zu haben Er wäre im Hotel abgestiegen schreibt er mir hätte sich
bald von Olgas Anwesenheit unterrichtet wäre ohne lange zu forschen ohne sich
um die hohen Titel jener bigotten Frau zu kümmern in die Zimmer eingetreten
hätte in stürmischer Hast nach Olga verlangt sie im Nebenzimmer entdeckt aus
einem Schlafe wachgerufen der sie selbst als sie die Augen aufschlug noch
nicht zu verlassen schien Sie wäre ihm gefolgt hätte seine Ansprüche auf sie
ruhig anerkannt hätte mit sich geschehen lassen was geschah Rafflard wagte
sich als er Rudhards Namen hörte oben von den Jesuiten nicht wieder in die
Stadt hinunter Auch hätte Olga nicht nach ihm verlangt Mit einer an Starrsucht
grenzenden Ergebung wäre sie Rudhard gefolgt und mit ihm über Prag und Dresden
hierher zurückgekehrt wo er neue Verwirrungen neue Pflichten genug gefunden
hätte und dem Ewigen danken wolle wenn es Anna von Harder gelänge in die
phantastische Nacht die um Olga zu schlummern scheine einen Lichtstrahl der
Erleuchtung und wiederkehrenden freien heitren Selbstbestimmung innerhalb der
sittlichen Schranken zu wecken Ihnen Sanitätsrat schloss Dystra konnte ich
da ärztliche Anknüpfungspunkte hier nun endlich gegeben sind diese Geschichte
nicht verschweigen bitte Sie aber Drommeldei bewahren Sie den Vorfall wie ein
Geheimnis das die Ehre einer ganzen Familie betrifft
Drommeldei düster blickend ernst gestimmt dankte für das ihm geschenkte
Vertrauen und versprach über den empörenden Vorfall nachzudenken Er zweifle gar
nicht daran dass man wie man hier in Tempelheide die Tierwelt dem Menschen
näher brächte so es in Klöstern und bigotten Konventikeln jetzt mehr wieder
denn je verstände den Menschen aus dem Bewusstsein seines klaren Ichs seines
unsterblichen Kogito ergo sum hinunter zu drücken zu einer rein animalischen
Vegetation wo nur die Schauer des Erdenlebens durch die Seele spukten und statt
Offenbarung eines höheren Lebens die man von der gestörten Ordnung der Sinne
erwarte nur die Verdunkelung unsrer Sehnsucht und Hallucinationen abgestumpfter
Sinne empfinge Ja fuhr er begeistert sich erhebend fort ja mein guter
Baron wenn hier etwas helfen kann so ist es wohl zunächst ein Umgang wie der
Annas von Harder nicht weil diese Frau selbst gesund ist sondern weil auch
sie geistig kränkelt Es ist hier ein Fall wo sozusagen die Homöopatie hilft
Lächeln Sie nicht Baron Nur die Tollheit unsrer Menschen zwingt den Arzt zur
Charlatanerie Wenn Sie wüssten was sich Alles Hilfe begehrend dem Arzte
zuwendet Sie würden erstaunen dass wir nicht noch weit öfter auf unsre Recepte
schreiben Aqua fontana O tolle tolle Zeit Hat die gleichartige Schwärmerei
Annas wie ein Impfstoff auf Olga gewirkt so muss dann freilich noch ein Element
hinzutreten ich meine eines das alle Organe des Menschen hebt alle Sinne
veredelt alle Gedanken zum Lichte emporzieht die Liebe Bester Baron Sie
blicken ernst Vergeben Sie mir Wenn Olga gezwungen wird die Baronin von
Dystra zu werden so erleben Sie eine Zukunft die von der Hölle nicht viel
Unterschied haben wird oder Sie müssten eine Philosophie besitzen wie jener
gute Graf Desiré dAzimont in Paris Die Liebe ist dies allmächtige Gefühl das
im Menschen die wahren und einzigen Wunder wirkt Die Liebe erhebt zum
sittlichen Stolze und drückt auch wieder herab zur gern gehorchenden Demut Die
Liebe ist jenes dritte Höhere das zwischen den beiden Gegensätzen Gift und
Gegengift Krankheit und Remedium in der Mitte liegt scheinbar wieder Krankheit
weckt und doch zu einer göttlichen Gesundheit erhebt Der Goldregen Jupiters
wirft alle metallischen Reste jenes Kreuzes das auf dem Nervengeflechte Olgas
lag hinaus aus dem mishandelten Körper dieses armen närrischen kleinen
liebenswürdigen Kindes Jupiter bester Baron Nicht Plutos Goldregen Geben
Sie dem Mädchen Jemanden den sie liebt lieber jetzt als erst dann wenn sie
Ihre Frau ist Nichts aus der Apotheke kann hier helfen Baron sondern
Weisheit die sich Jeder selbst verschreiben muss
Damit reichte Drommeldei wahrhaft erschüttert dem Baron die Hand und
entfernte sich zu seinem Wagen der den in äußersten Fällen alle Diplomatie über
Bord werfenden Mann rasch die Anhöhe hinab entführte
Dystra aber war bewegt Er musste Siegberts gedenken der sich aus Rücksicht
auf ihn und die Fürstin der Hoffnung jemals Veranlassung einer so auffallenden
Mesalliance zu werden entschlagen hatte so lebendig in ihm das Bild Olgas
auch fortlebte Olga war unglücklich ebensowohl über den geringen Mut des
Freundes dem sie ihr ganzes Leben gewidmet hatte wie über sein nahes Verweilen
bei der Mutter Sie vergab ihm nicht dass er nichts auch gar nichts getan
eingedenk sich zu zeigen jenes Abends unter den Hängeweiden wo sie ihm ein Herz
fürs ganze Leben geschenkt hatte Ihre Begriffe von Schwärmerei und waghälsiger
Liebe verstanden nicht wie Siegbert ihr nie schreiben nie ihr ein Anerbieten
von Hilfe in ihren bedrängten Herzensgefahren machen konnte Dass er sich
bekämpfte der unpassenden Verbindung auswich keinen Anstoß in der Gesellschaft
erregen wollte verstand sie nicht Als sie in Venedig erfahren dass Siegbert
und die Mutter nach Belgien gegangen waren gab sie die Hoffnung auf irgend noch
ein Glück des Lebens auf und folgte Rafflard der sie zur Nonne machen wollte
aus Verzweiflung Nach der gefährlichen Schule in der sie zum Leben erwacht
war nach der Schule Helenens musste Siegbert alle Rücksichten aufgeben ihr
auf Wolkenflügeln entgegeneilen seinen starken Arm um sie schlingen und diese
gemeine Erde wie mit den Füßen von sich stoßen Siegbert der der Politik der
Kunst seinem Prozesse leben konnte erschien dem Mädchen schon wie Egon das
Prototyp alles männlichen herzlosen blutsaugenden Vampyrismus der in allen
Romanen die sie gelesen hatte schrecklich genug geschildert war Und ehe Olga
sagte sich der durch väterlichen Willen ihr bestimmte Verlobte neue Torheiten
begeht wieder ausfliegt wieder in die Hände eines Höllensohns gerät sollte
da nicht die Tochter eines Fürsten lieber einmal einen Maler heiraten Oder
gar wenn die Brüder jenen Prozess gewännen der sie fast so reich macht als ich
es bin Wenn es wahr wäre was man sich erzählt dass der alte
Obertribunalspräsident an diesem Prozesse einen so auffallenden Anteil nähme
Längst schon hatte Dystra auf den Lippen Anna von Harder um diese
Angelegenheit zu befragen Aber das eine Mal dass er von der Familie Wildungen
anfing befremdete ihn wie schnell die sonst jeder Frage gern ihr Ohr leihende
und sich immer um eine ausführliche und gründliche Antwort fast bekümmernde
Frau dem Gegenstande auswich Er erfuhr inzwischen dass ein Oheim der Wildungen
die Tochter der Landrätin Anna von Harder wider ihren Willen geheiratet hatte
Da gab er es auf mit ihr über einen Gegenstand zu sprechen der in ihr
schmerzliche Erinnerungen weckte Aber ihrem alten Schwiegervater hoffte er sich
zu nähern und wie sehr auch Anna hervorhob dass er völlig ungesellig wäre
keinen Umgang liebte er kam immer wieder auf den Wunsch zurück ihm vorgestellt
zu werden und heute war es der letzte Moment
Indem kam Olga mit ihrem Buche über Italien aus dem Tannenparke zurück der
Kranich begleitete sie ohne dass sie auch nur über seine Sprünge die Miene
verzog Sie hatte nur die eine Absicht Dystra zu fliehen ihn nicht zu sehen
kein Wort der Anrede von ihm zu vernehmen
Dieser entsetzliche Ernst sagte er sich Diese Leidenschaft Alles so zu
nehmen wie es ist Kein Humor kein Lachen keine Abweichung von der Regel Sie
kommt mir da vor wie ein Zugvogel der plötzlich ehe wirs uns versehen sich
in die Lüfte hebt und indem sie eben noch vielleicht mit den Täubchen spielt
die sie füttert ein Locken ein Schwärmen in der Luft hört von Vögeln die wir
kaum kennen und auf und davon ist sie man weiß nicht wie und wohin
Olga hatte aufs Geflissentlichste den Baron vermieden und war an den
demütig sich verneigenden Mohren vorüber in den Hof gegangen um sich auf ihr
oben gelegenes Zimmer zu flüchten Der Weiser der Kirche zeigte bald auf zwei
Uhr Anna in ihrer Beklemmung schien den Besuch Dystras fast vergessen zu
haben Wie sie eben Befehle gab die Hausflur in noch größere Ordnung zu
bringen als sie ohnehin für die Tage der Akademie stattaben musste sah sie den
Baron erst wieder Und nun gar zu hören dass Der auch bleiben wolle sich
scherzhaft selbst zu Tische lud mit jeder Kost sich befriedigen zu wollen
erklärte nur müsse er den Präsidenten heute kennen lernen mit Olga die Füße
unter einen Tisch stellen diesem Zustand der Entfremdung ein Ende machen und
als er sagte Ich erzähle dem Greise über Löwen und Panter Ich war auf einer
Tigerjagd in Bengalen Ich kann über die Wandertauben am Missouri wie ein
Stratege sprechen denn die Züge dieser Tiere sind marschirende Armeen ich
fessle den Greis so dass er mich dableiben heißt Da blieb ihr nichts übrig
als ihm zu sagen er möchte in Gottes Namen tun was er wolle sein Heil
versuchen und einstweilen in die oberen Zimmer gehen und auf den Präsidenten
warten den sie eben schon von unten her anfahren hörte Das Lärmen und Bellen
der Hunde das Flattern des Federviehs im Hofe das Springen und Hüpfen der
Vögel das freudige Radschlagen der Pfauen bezeichnete den wirklichen Moment der
Ankunft des alten Herrn An dem türingischen Papageno mit dem freudestrahlenden
Zeisiggesichte vorüber betrat Dystra die mit einem grauen Teppich belegte Treppe
und stieg zu dem ersten Stockwerk eines Hauses empor das ihm wie ein altes
verwunschenes Jagdschloss vorkam
Zunächst suchte er oben Olga Er hörte eine Tür zuschlagen
Mais Mademoiselle Mais Olga Mais
Die Bitten des Barons ihm Gehör zu geben wurden von einer oben in ein
Zimmer Gehuschten durch einen Riegel abgeschnitten dessen rasches Vorschieben
laut hörbar wurde
Vous me traitez en loupcervier
Keine Antwort
On croirait que je mange les petits enfans
Tiefe Stille
Dystra trat in das erste beste offene Zimmer Es war dunkel wie das ganze
Haus Die Fenster auch von innen grün angestrichen waren nur in kleine
Scheiben geteilt Rings an den Wänden hingen alte Familienportraits in denen
er hie und da eine gewisse Ähnlichkeit auch mit dem Intendanten der königlichen
Schauspiele und seiner stolzen adelsbewussten Haltung zu erkennen glaubte Es
waren hier die Harders zu Harderstein so recht unter sich Eine alte bronzene
Uhr braungebeizte Schränke boten die einzige Abwechselung an den Wänden Die
Schränke waren mit ausgestopften Tieren Vögeln kleinen Vierfüssern Käfern und
Reptilien angefüllt Im dunkelsten Eck stand ein Bücherrepositorium das ein
grünseidner Vorhang verhüllte Es waren alte Ganzfranzbände die hier standen
Schriften des vorigen Jahrhunderts meist in französischer und englischer
Sprache Les Oeuvres de Frédéric le Grand fehlten nicht
Dystra setzte sich auf einen der sauber gepflegten ursprünglich
weisslakirten und vergoldeten Sessel Durch und durch ein moderner Mensch hatte
ihm diese ganze Wirtschaft hier auf Tempelheide etwas Komisches und doch war er
befangen wie er sich nun mit diesem alten Herrn der hier im Style seiner
verschollenen Zeit wie es schien mit majestätischem Selbstgefühle lebte
vermitteln sollte Er zupfte an seinen gelben Handschuhen er roch an seinem
parfümirten Taschentuche er spiegelte sich in seinen gefirnissten Stiefeln und
gefiel sich offenbar in der Beobachtung seines zierlichen kleinen Fußes Den
sauber gefärbten Kinnbart konnte er seiner Handschuhe wegen nicht streicheln Er
hätte gern die Türen rechts und links aufgeklinkt um nach Olga zu sehen Sie
musste doch in der Nähe sein Es war ihm als huschte bald da bald dort etwas an
den Wänden Zuletzt entdeckte sich die gespenstische Gesellschaft Zwei Katzen
die das Mittagessen zu wittern schienen standen plötzlich vor ihm mit
langniederhängenden Schweifen Er hatte sie auf ihren sammetweichen Pfoten nicht
hereinschleichen hören Er sah dass sie durch die eine Tür die nicht ganz fest
zugeklinkt gewesen gekommen sein mussten Die Tiere sahen ihn mit Befremden an
Sie waren schön gestreift der Rücken tigerartig der Bauch weiß Ihre
Schnurrbärte standen ihnen husarenartig keck während sie im Übrigen etwas
weiblich Gelassenes Sanftes Unaufgeschrecktes hatten Dennoch wagte sich
Dystra nicht recht an die Tür um in das Arbeitszimmer des Präsidenten zu
blicken denn offenbar aus diesem waren die beiden Katzen die wir unter dem
Namen Isis und Osiris kennen hereingekommen Dystra fühlte etwas von der
Apprehension die wir diesen schleichenden Haus und Küchenhüterinnen gegenüber
empfinden Es rieselte ihm über den Rücken Sein Mut von bengalischen Tigern
und Löwen zu prahlen entfiel ihm vollends als sich zu den beiden Katzen noch
ein ungeheurer schwarzer grüngelbblickender Kater gesellte Dieser dritte
Gesellschafter war fast so groß wie die beiden andern zusammengenommen Aber
auch dieser war ruhig und ernst und duldsam über den Besuch und schien sogar an
dessen blanken Stiefeln so viel Wohlgefallen zu finden dass er sich Dystra
bedenklich näherte Jetzt hier so allein zu stehen mit den drei unheimlichen
Katzen erfüllte den Baron mit leisem Schauder Wetter dachte er du hast doch
Schakals heulen hören und in gemessenen Distanzen auf dem Nilsande Krokodille
sich sonnen sehen aber diese drei zahmen Katzen in unmittelbarster Nähe machen
dir mehr Angst als die Schrecken der Wildnis Die Tür die offen blieb ließ
das Arbeitszimmer da noch rätselhafter erscheinen als noch auf dem Fußboden
ein Vogel hereinsprang schwarz mit gelben Pünktchen gezeichnet mit klugen
Augen beweglich munterm Schwanze eine Amsel Ohne dass die Katzen nach ihr
haschten setzte sich die Amsel traulich auf den Rücken des großen Katers der
sich nach ihr umwandte mit einer gelassenen Ruhe die eines Philosophen würdig
war Dystra scheute sich einen Blick in das offene Zimmer zu werfen Er dachte
schon an die Möglichkeit darin plötzlich noch irgend etwas ganz Ungeheures zu
sehen als auch in der Tat wieder ein Hund hereintrat ein Hühnerhund von
derselben ruhigen und nicht einmal neugierigen sanften schleichenden
Ergebenheit wie die übrigen Tiere Dystra kam sich jetzt in der Tat wie Äsop
unter seinem moralisirenden Vieh vor und dachte sich irgendwo die spottende
Olga die ihn belausche oder ihm wohl gar diese Bestien alle auf den Hals
schickte Es war für seine in der Tat ergriffenen Nerven die höchste Zeit dass
Anna von Harder eintrat und ihn ersuchte ihr zu folgen An eine ceremonielle
Vorstellung war jetzt nicht zu denken Sie würden sagte sie den Großvater
unten in der Hausflur bei dem türingischen Vogelabrichter finden vorbereitet
hätte sie ihn schon auf einen berühmten Reisenden der für Olgas
Beaufsichtigung Rechte in Anspruch nehmen dürfe sein ferneres Glück müsse er
nun selbst versuchen
Drittes Kapitel
Die Akademie
Dagobert von Harder der Obertribunalspräsident war von kleiner gedrungener
Figur ganz im Gegensatz seines zweiten Sohnes des langaufgeschossenen Kurt
Henning Detlev Der große Kopf saß tief in dem gewaltigen Brustumfange Hände
und Füße waren zierlicher letztere besonders weiß und zart gepflegt fast
sammetweich Den Schädel bedeckte kein Härchen mehr Ein sammtnes Käppchen
schützte das glänzende mit Äderchen unterlaufene Haupt Das Antlitz zeigte die
Spuren des hohen Alters Es war wie ein durchfurchtes Feld wie eine
Netzzeichnung so in tausend kleine Quadrate geteilt die alle länglich von den
Schläfen herab sich senkten Die Augen quollen wie von Hautsäcken umgeben
etwas hervor und hatten einen Anflug von Blödsichtigkeit Die Lippen waren fast
mit den Zähnen verschwunden und ganz in die Höhlung zwischen Backenknochen und
Unterkiefer verloren gegangen Der Kopf senkte sich ein wenig über Ein Diener
musste immer in der Nähe sein dem über Achtzigjährigen den Arm zu bieten und ihn
zu führen
Bei dem Vogelhändler stand der Präsident Die Erörterung schien ihm
Elastizität zu geben Der Abrichter hob wohl an dreißig kleine hölzerne Käfige
auf einem Tische auseinander und pries unter steter Wiederholung der Anrede
Excellenz die Leistungen seiner Kanarienhähne Dompfaffen Zeisige
Rotkehlchen und Stieglitze Dass sich Excellenz aus den kleinen Spässen mit dem
Aufziehen eines Futterkarrens und dergleichen nicht viel machten wusste der
Thüringer schon aber mit den Vögeln die ihm Melodieen nachpfiffen legte er
mehr Ehre ein und erwarb sich mit Fug den Taler den ihm die alte Excellenz
jährlich schenkten wenn er vom Harze kam und seine neuen Virtuosen vorführte
Gekauft wurde nichts mehr in Tempelheide der Präsident erklärte sich für zu
alt um noch in seine schon vorhandene Gesellschaft neue Elemente einzulassen
denn sein Zähmungsprinzip war grade die allmälige Gewöhnung und für diese blieb
ihm der stündlich die Augen zuschliessen konnte keine Musse und Aussicht mehr
Mit einer weichen sehr leisen von vielem Räuspern unterbrochenen Stimme lobte
er den Thüringer warnte ihn vor Anwendung grausamer Mittel und entließ ihn mit
dem üblichen Taler zu dem er noch die für Dystra und sein Anliegen spannenden
Worte fügte
Kommt Er auch durch Angerode
Angerode Excellenz Ja wohl Excellenz Angerode Grade von da bin ich
Keine weitere Frage Papageno mit dem Zeisiggesichte war entlassen
Nun erst wandte sich der alte Herr an der Hand des zweiten Bedienten der
mit ihm aus der Stadt gekommen war zu Dystra und wiederholte die
weissschimmernden Augen aufziehend das leichte Kopfnicken mit dem er den von
oben herabkommenden Dystra begrüßt hatte
Baron essen mit uns wandte sich der Alte fragend zu Anna die über diese
unerwartete Wendung noch in Schrecken war da sie Dystras Gourmandise kannte
und nicht wusste wie sich bei einer solchen Änderung der sonst so einfachen
Tafelordnung Olga benehmen würde
Der Alte wurde langsam die Treppe hinaufgeführt Anna bot ihm selbst den
Arm Dystra flüsterte folgend dem Bedienten zu man möchte etwas für seine
Mohren sorgen damit deren menschliche Ungeduld von der Zahmheit der hiesigen
Tiere nicht beschämt würde
Von einer weitern Unterhaltung längeren Vorstellung war keine Rede Der
Greis wurde sogleich ins Esszimmer geführt Er nahm Dystra für einen Besuch bei
Olga den man Anstandshalber der Entfernung von der Stadt wegen dabehalten
müsse und begann seine Suppe aus einem mächtigen halben Vorlegelöffel mehr zu
schlürfen als zu essen
Anna winkte Dystra sich des Olgaschen Kouverts zu bedienen Denn der
zweite Diener hatte schon angezeigt die junge Komtesse ließe sich
entschuldigen Punktum sagte Dystra leise und biss sich auf die Lippen
Nach einer Weile erst bemerkte der Greis die Abwesenheit einer ihm
liebgewordenen immer stillen Gesellschafterin und fragte
Komtesse Olga
Nicht wohl sagte Anna deren Geduld heute auf die grossartigsten Proben
gestellt wurde
Die Bedienten nahmen die Suppenteller fort Dystra hatte das kräftige
Konsommé nicht verschmäht Man schenkte Wein ein dem Greise in einem großen
silbernen Becher den er mit beiden Händen erfasste
Onkel von Komtesse fragte er Dystra nach einer Weile als man kleine
Pasteten aufsetzte
Dystra der nur horchte beobachtete sich umsah staunte erwiderte mit
einer Dreistigkeit die Anna erröten machte
Vergebung Excellenz Cousin
Diese Unwahrheit konnte Anna kaum dulden und nicht ohne Schärfe bemerkte
sie als sie die kleinen weichen gar mürben Pasteten austeilte
Grossväterchen liebt alle Namen in denen der ALaut liegt er behauptet dass
alle Menschen gewissermaßen aus einem Vokale komponirt sind und im A läge die
Wahrheit
Dystra sagte keck der Getroffene und betonte die Endsylbe
Der Name tuts allein nicht sagte der Greis mit einem leisen Aufflammen
des Auges der Charakter der ganze Ton des Wesens und Redens muss es machen Die
gute kleine Olga ist noch zu sehr in O und U gesetzt
Dystra verstand noch nicht recht was Das für kuriose musikalische Schlüssel
sein sollten und bat um genauere Erläuterung
Anna gab sie dahin dass nach dem Präsidenten alle Menschen sich aus einem
bestimmten Laute zu geben pflegten je nach ihrem Charakter bei den
Sanguinischen hörte man nichts als ILaute bei den Cholerischen Mäkelnden
Nergelnden ein ewiges widerliches E bei den Melancholischen und Hypochondern
die klagenden für sie wahrhaft herzzerreissenden Unkentöne in U
Und den ALaut
Liebt Großpapa als den klaren Ton der Wahrheit des echten Masses und der
richtigen Mitte
Anna von Harder geborene von Marschalk sprach der Greis langsam die A
hervorhebend mit einem Anflug von alter ritterlicher Galanterie
Es schien als wenn der Präsident bei einem gedankenmässigen Gespräche recht
auftauen konnte
Dystra aber wagte kaum zu sprechen aus Furcht zu den I und EMenschen zu
gehören Alle seine Bekannten besann er sich wirklich besonders die Russen
waren meistens in I und E gesetzt wie die ewig zwitschernden und zankenden
Vögel Voland von der Hahnenfeder war tief in U Dumme Menschen meist in O zB
der eigne Sohn des Greises der Intendant von Harder Klare besonnene rüstige
konsequente wohlwollende wie Rudhard Siegbert Dankmar Leidenfrost wenn
nicht im Namen doch im Wesen alle aus dem A Es ärgerte ihn fast dass ihm sein
ganzes Wesen wie eine Resonanz von I und E klang
Der Greis erschöpfte sich jetzt in freundlichen Betrachtungen über Olga und
beschämte Dystra mit der Voraussetzung dass er ihm verpflichtet sei von Annas
Pflegebefohlener zu erzählen Der Greis hatte die Natur derselben sehr wahr
erkannt In kurzen abgerissenen Sätzen ließ er soviel treffende Andeutungen über
Erziehung und Mädchencharakter fallen dass Dystra im Hinblick auf den
Intendanten erstaunte wie die Praxis hier hinter der Theorie zurückgeblieben
war Das bescheidene Gemüse das er jetzt verzehren konnte wenn er Appetit
gehabt hätte ließ ihm Zeit über ein Mittel nachzudenken wie er wohl ohne
absichtlich zu erscheinen auf den Prozess der Gebrüder Wildungen kommen konnte
Überrascht musste Dystra sein als der Greis von den Tieren anfing die Herr
von Dystra seinem Sohne für die königliche Bühne verehrt hätte Als er die
Überraschung über diese seine plötzliche Bekanntschaft bei dem Greise aussprach
erwiderte Anna
Wir lesen mit Aufmerksamkeit die Zeitungen Wenn die große Welt sich in den
Teatern und Salons bewegt holen wir nach was die Menschen alles unsrer
Lektüre zu Gefallen Schönes oder Hässliches anstellen So hat uns auch Ihre
Unterstützung der darstellenden Künste sehr unterhalten Alle Blätter erwähnten
den Vorfall mit den Meerkatzen
Das Feld war für die Tierliebhaberei des Greises nun offen Angeregt durch
den Besuch und eine kurze Mitteilung der Reisen die Dystra gemacht hatte
sprach Dagobert von Harder sich dahin aus dass ihn seine Väter und Ahnen die
alle im Forstfache dienten früh auf die Naturbetrachtung hätten führen müssen
Dann sagte er kam mir als Juristen das Naturrecht in der alten römischen
Definition entgegen Sie wissen mon cher Baron dass das Natur oder Völkerrecht
bei den Alten das Recht alles Lebendigen war Was da atmet was zu dem großen
schönen Bau der Erde zu dem herrlichen Kosmos des Daseins gehört hat ein Recht
der Pflege der Schonung soweit seine Freiheit die Freiheit der Andern nicht
beschränkt Das Recht ist sozusagen der unsichtbare Genius der seine
schützenden Fittiche über Alles was ist ausbreitet Von der Natur fängt es an
und wo es in der Natur nicht ist wirds im Geiste nicht sein So hab ich schon
früh als Jurist gedacht und wenn wir weise werden wollen wo können wir denn
auch anders anfangen als mit dem Leben der Natur Die Brücken die ein Kind
hab ich noch jüngst zu Ihrer Kousine gesagt Herr Baron die Brücken die du
dir bauen willst in das unendlich Leere sind wie Regenbogen an deren Ende ich
als Knabe immer glaubte Gold zu finden Die Leute sagtens Ich lief und lief
um die Stelle zu erreichen wo der Bogen der bunte schöne Reif sich endlich
zur Erde senkt ach und ein Sonnenblick und die ganze täuschende Phantasmagorie
war mit dem Golde verschwunden Nicht ins Leere baue sondern in das Gegebene
Wenn ich nun Ordnung und Gesetz Harmonie und Verständnis in den Wesenstufen der
vorhandenen unsern Sinnen zugänglichen Schöpfung entdecke soll mich Das nicht
mit Ehrfurcht vor dem Rätsel des großen Weltenplanes erfüllen Und jemehr ich
Seele Seelentrieb Bewusstsein entdecke desto geringfügiger kann mir doch die
innere sie belebende Flamme der Materie nicht erscheinen Nein im Gegenteil
Je mehr Millionen dieser kleinen Flämmchen selbst im Wurme in Insekten und
Fischen leben desto höher wächst mir das große Centralfeuer der sich selbst
erkennenden Gottheit Was ich in Allem finde muss ein Großes ein Lichtgebornes
Ewiges sein Und wenn ich dem Astronomen Geologen Botaniker überlassen will
in seinem Bereiche die Harmonie der Gesetze das Streben nach Individualisirung
und nach kosmischer Schönheit in den oft so bewundernswürdigen Gattungsregeln zu
entdecken so hab ich mit Liebe mich der Tierwelt angeschlossen und ein
Mysterium darin gefunden dass in ihr gebunden dieselbe Seele schlummert die uns
für Halbgötter hält während die ganzen Gotteiten wohl wieder über uns
Tiermenschen lächeln
Anna von Harder zerschnitt eben in kleinste Stückchen die Portion Braten
die der ins Redefeuer geratene Greis mit dem Löffel aß da das Aufstecken auf
die Gabel der zitternden Hand nicht geschwind genug gelang Sie verriet eine
innerste Genugtuung über diese Worte des Alten die so bedeutungsvoll waren
dass sie Dystra mit seiner Moquerie beschämten
Ich dachte Excellenz sagte Dystra trotzdem witzhaschend ich dachte
Excellenz wären ein Pytagoräer und enthielten sich des Fleisches wie noch
jetzt die Hindus
Ah bah Ah bah antwortete der Greis Dass ich ein Narr wäre Zur
Sentimentalität soll uns die Liebe zum Geschaffnen nicht verführen Das
Vollgefühl der Race das Bewusstsein und der Erhaltungstrieb der menschlichen
Gattung erfordert die Tiernahrung Grade weil wir Raubtiere sind haben wir
Geist Die Wiederkäuer die Schaafe die Rinder sind von geringem Geiste
Verloren gehen soll der Mensch an das Tier nicht wenn wir auch mehr als
dünkelhaft sind in dem blinden Ignoriren alles Dessen was um uns fliegt
kriecht schwimmt hüpft und bellt Es liegt hierin eine Offenbarung die in
tausend Zungen so vernehmlich spricht dass wir selbst verwildern wenn wir zu
unsern Füßen nur Verwilderung sehen Die dumme Lehre vom Instinkt hat uns der
ganzen unermesslichen Pflicht des Niederblickens mit einer Phrase überheben
sollen Wo ist mehr von diesem mechanischen Instinkt als beim Menschen Der
Instinkt lehrt uns auf zwei Beinen gehen und den Kopf hochtragen Der Instinkt
lehrt uns des Nachts schlafen und nicht am Tage Der Instinkt lehrt uns die
Furcht und die Bewaffnung gegen Alles dem unsre Kräfte nicht gewachsen sind
Unsre Paarung unsre Kindesliebe unsre Todtenbeseitigung ist Instinkt wie auch
das Grundprincip unsrer Staaten unsrer Rechtspflege unsrer meisten Sitten und
Gebräuche Was uns die Vernunft erfunden zu haben scheint ist der Trieb der
Gattungserhaltung Wüchse nur die Liebe zu allem wahrhaft Lebendigen wir würden
nicht so viel geistig Todtes haben nicht so viel verblendete méchante
Hypotesen aufstellen und uns nicht so sehnen aus diesem Chaos von Lüge und
Irrtum Misbrauch der Vernunft Umgehung der Natur bei Zeiten herauszukommen
Anna noch bewegt von dem Stolze wie der edle Greis Dystras geringe
Meinung von der ihm gebührenden Rücksicht beschämte erschreckt von der dem
Präsidenten eignen Todessehnsucht die er oft äußerte ergriff die zarte kleine
Hand sie bittend und liebevoll streichelnd
Grossväterchen sagte sie will mich einmal wieder mein Vielliebchen nicht
gewinnen lassen und wir haben doch gewettet dass die hundert Jahre voll werden
Da sei Gott für antwortete der Greis und sah sich weil man das Dessert
brachte Früchte und Bisquit nach seinen gewöhnlichen Dessertgästen um Die
Türen wurden geöffnet und Noahs ganze Arche schien sich zu entleeren Selbst
die Schildkröte wurde auf Annas besonderen Befehl von dem Bedienten in den oberen
Stock getragen
Der Greis fütterte seine Gäste Man hatte ihm Schüsseln mit Körnern
hingestellt Er gab reichlich strafte aber jeden Näscher und gab jedem
Gehorsamen mit Schmeichelreden
Es ist die Liebe sagte er zu dem erstaunt blickenden Dystra den seine
Beklommenheit verließ es ist die Liebe die die ganze Tierwelt nur zu sehr an
uns vermisst Wenn wir uns vor Dem was außer uns lebt fürchten so geht Das
noch es ist eine Idiosynkrasie der Gattung aber wir hassen die Tiere wir
toben unsre Leidenschaften an ihnen wie nur zu oft auch an unsern Kindern aus
Kein Wunder dass Alles um uns her dann tückisch zornig rachsüchtig wird und
nun auch wieder seine Leidenschaft gegen das noch Schwächere austobt Wodurch
verbind ich Hund und Katze Dadurch dass ich sie nicht aufeinanderhetze nicht
Gefallen an ihren Unarten finde Ich verweise Sie auf den Blick des Tieres
Finden Sie da in meinem großen schwarzen Bafomet der Greis nahm den riesigen
Kater und stellte ihn dicht vor sich auf den Tisch nicht einen Ausdruck der
stillen Ergebung des geduldigen Tragens dieser Erdenhülle
Dass man fast an die Seelenwanderung glauben möchte sagte Dystra forschend
ob nicht dies alte ägyptische Dogma in dem etwas ketzerisch sich äussernden Alten
zum Vorschein käme
Da erhob sich aber eben Anna Sie hatte es drei Uhr vom Kirchturme schlagen
hören und schon erblickte sie einen Wagen der von der Landstraße ablenkend zum
Hause herauffuhr Vielleicht der der Frau von Trompetta die immer die Erste
war
Sie wissen Baron sagte sie mit hocherrötenden Wangen dass wir heute unsre
musikalischen Übungen haben aber ich bedaure dass die Anwesenheit ungeladner
Zeugen
Das sind strenge Gesetze warf der Greis sich erhebend scherzend ein aber
ich zeige Herrn von Dystra einen Winkel wo wir unbelauscht zuhören können oder
Unsern Mittagsschlaf halten ergänzte Dystra mit Beziehung auf den Greis
O nein O nein lehnte dieser ab Mein Ohr hört nie schärfer als wenn die
Augen zufallen Ich schließe die Augen Baron in dem kleinen Winkel den ich
Ihnen zeigen werde aber wenn man Bach und Händel singt schlaf ich nicht
Dystra war weder für Bach noch für Händel besonders eingenommen aber er
sah dass die Excellenz gesprächig werden konnte In der Hoffnung dass eine
Erörterung die schon bei der Seelenwanderung angekommen war sich auch noch auf
das Mittelalter das heilige Grab und die Tempelherren würde ausdehnen lassen
erklärte er die Winke der Frau Landrätin nicht zu verstehen und sich ganz im
Verborgenen halten zu wollen Sein Spartakus und Cicero säßen hoffentlich
bedacht in der Küche
Die Nachricht von den Mohren machte dem Alten große Freude Er wünschte sie
später zu sehen
Hätte Dystra ahnen können was Alles die arme Kapellmeisterin bestürmte er
würde sie mehr geschont haben Sie sollte ihm jetzt sagen was Olga triebe
warum sie nicht gekommen wäre ob sie bei Tisch immer schwiege ob sie vor den
Tieren nicht Apprehensionen empfände ob er wagen dürfte sie in ihrem Zimmer
zu überraschen wo hinaus es läge ob sie jetzt ässe Alle diese Fragen
erwiderte sie mit dem einfachen Bescheide Olga male sie würde zu ihr gehen und
ihr leider wohl wiederholt die Versicherung geben müssen dass man sie betrachten
wolle wie eine Einsiedlerin
Also nach Norden liegt ihr Zimmer sagte Dystra und wollte trotzdem folgen
wenn nicht der Greis sich erboten hätte ihm jetzt den Versteck zu zeigen aus
dem er gewohnt wäre den Akademieen zuzuhören Dystra musste ihm schon den Arm
bieten Sie gingen über den Korridor eine kleine versteckte Treppe hinunter
Inzwischen hatte sich die Zahl der Wägen die vorfuhren ansehnlich vermehrt
Anna hatte Olga ersucht an der Akademie Teil zu nehmen Sie schlug die
Aufforderung aus es bebte ihr durchs Herz als das träumerische Mädchen
ihr fast stereotypes Schweigen brechend gesagt hatte
Dein Haus ist wohl ein Gefängnis für mich aber die gefiederten Sänger der
Luft wohnen gern in ihm Ich gehöre zu den Stillen die man nur muss gehen
lassen wenn sie Jeden erfreuen sollen Ich weiß jener Dystra ist bei Euch dem
sie mich vermählen wollen weil er Schätze besitzt Ich fliehe vor ihm wie vor
der Klapperschlange die Tiere fliehen über die ich dem Großpapa zuweilen
vorlese Deine Welt in der du lebst liebe Anna ist wunderbar Weißt du dass
ich manchmal Mut bekomme weit weit über die Tiere und Menschen hinaus die
sich vor Schlangen fürchten Ich bin gar nicht erschrocken vor den Mädchen die
wie Großpapa erzählt mit Schlangen sich umringeln kleine Vipern als
Halsschmuck große als Shawls tragen Ich möchte so mitten inne in der Wildnis
sitzen ich wüsste ihre Bewohner schonten mich Ach sind denn die Menschen
nicht viel schrecklicher Von diesem Dystra mit seiner geckenhaften Eleganz
seinen parfümirten Redensarten seiner Eitelkeit auf seine kleinen Füße red ich
nicht Er ist nur lächerlich und ich wurde mich schämen wenn ich ein Wort mit
ihm redete Aber es gibt größere Ungeheuer Lass mir die Einsamkeit gute Anna
Ich habe so viel erlebt so viel in meinem innersten Herzen zurecht zu legen
dass ich dieses verzauberten Schlosses recht bedarf um mich zu sammeln Es ist
mir bei Euch wie ich von der Höhle des Trophonius gelesen habe in der man die
Stimme des Erdgeistes hörte
dabei zeigte Olga rund herum auf ihr gemütlich eingerichtetes Zimmer das
immer für fremden Besuch auf Tempelheide eingerichtet war und in Nebenkämmerchen
noch Raum für zahlreichere Gäste bot Die Meubles waren hier moderner als im
übrigen Hause die Bilder zeigten auch einmal andre als naturhistorische
Gegenstände und an den nach Norden gelegenen Fenstern gediehen in kühlem
Schatten einige Blumenstöcke von ausgesuchterem Werte Auf einem dicht ans
offene Fenster gerückten Tische malte Olga in Aquarellfarben deren Anwendung sie
von Siegbert Wildungen gelernt hatte eine italienische Fernsicht Das
dunkelblaue Meer und einen einzigen darüber hinweg schwebenden Vogel erklärte
sie für das Abbild ihres eigenen Lebens Und als Anna sie nicht bewegen konnte
der Versammlung unten deren bevorstehende Überraschung sie freilich
verschweigen musste beizuwohnen und gehen wollte rief ihr Olga plötzlich wie
auftauend noch nach
Und dein heutiges Freudenfest
Anna drückte das Mädchen bewegt an ihr Herz und erwiderte
Viele Jahre hindurch ich kann sagen wieviel siebzehn Jahre hindurch war
der heutige Tag ein Freudentag Dann hab ich länger als zwölf Jahre an diesem
Tage bitter geweint vor aller Welt mich abgeschlossen Niemanden sehen mögen
als die Bilder die vor meinem innern Auge lebten Zuletzt je näher ich dem
Ziele unsrer allgemeinen Pilgerschaft komme hab ich von diesem Tage nur noch
die alte Freude behalten und feiere ihn still innerlich wohl aber mit Ergebung
wie wenn Alles so wäre wie es nicht ist
Olga wusste nun dass Anna von dem Geburtstage ihrer Tochter sprach über
deren Leben und Tod Anna seit Jahren nichts mehr vernommen hatte
Schon war die würdige Frau gegangen Auf der Stiege sich sammelnd den
Dienern jede nötige Aufmerksamkeit einschärfend das Vorzimmer des Musiksaales
im Vorübergehen noch etwas aufräumend trat sie zu mehren schon unten anwesenden
Damen und Herren ein
Der Chor schien heute besonders stark zu werden Das unverändert schöne
Wetter lockte jedes Mitglied die Veranlassung einer so angenehmen Spazierfahrt
nicht zu versäumen Nur ein Billet das sich vorfand war ein absagendes grade
von der Trompetta Diese schrieb ihr stünde der überraschende Besuch ihres
Vetters wie sie sagte »des Chefpräsidenten von Trompetta Excellenz« bevor
einer bekannten in der Provinz im Sinne der äußersten Reaktion wirkenden
Persönlichkeit die man schon oft als eine Ministerchance genannt hatte ebenso
wie einen Verwandten des Fräuleins von Flottwitz den Oberpräsidenten von
Flottwitz der gleichfalls in der Provinz zu den letzten Trümpfen gehörte die
die Äußersten gern ausgespielt hätten wenn nicht Egon von Hohenberg zur Zeit
noch unerschütterlich erschien Die arme Trompetta Die Bedauernswerte Wenn
sie ahnen konnte was sie heute versäumte Wagen an Wagen fuhr vor Bediente
sprangen von den vorderen Böcken und öffneten die Schläge In der Hausflur saßen
schon fast ein Dutzend gallonirter weißer Sklaven die bald die Nähe der
schwarzen in der Küche gewittert hatten und ihr Übergewicht zu Hänseleien
benutzten grade wie sie der alte Oberpräsident im Umgang der Menschen mit der
Tierwelt als die Quelle der Verwilderung derselben bezeichnet hatte Die
Kammerdienerssöhne der Majestät von Angora nahmen die Späße die man sich mit
ihnen erlaubte nicht zu übel auf sondern genossen ihr Vorrecht sich mit den
Speiseschränken auf Tempelheide vertrauter gestellt zu sehen als die Europäer
in einem Grade der den Neid der letzteren deren Herrschaften alle erst um
sechs dinirten sehr rege machte und sie um so mehr verstummen ließ als die
beiden alten Diener des Hauses die ihre beste blaugelbe Livree angezogen
hatten auf Ruhe und Ordnung hielten in dem Augenblick wo vom Musiksaale her
die ersten Töne des Pianos erklangen
Vor dem Schloss eines Fürsten wenn seine höchsten Räte bei ihm versammelt
sind kann es nicht belebter aussehen als jetzt vor dem kleinen Landhause von
Tempelheide Die gewählteste Gesellschaft wurde an den Wappen von mehr als
zwanzig Wägen erkennbar Auch die Männer gehörten nicht alle dem bescheidenen
Stande der jungen Offiziere und Referendare an sondern mancher Rat mancher
jüngere Präsident übte noch die Fertigkeit seiner Stimme und hielt treu bei
diesen fashionablen Tonübungen aus Die Dorfbewohner ja städtische
Lustwandelnde horchten zu vom Hügel der Kirche vom Friedhofe und den beiden
Linden herüber Die Jugend staunte der Wägen der stolzen Rosse und Bedienten
Dies wunderreiche kleine Schloss sonst so still wie belebt war es heute Die
Tiere wurden eingehalten oder ihr Gackern und Lärmen erstickte in den
entfernten Ställen oder der hässliche Schrei des Pfauen in den hohen Wipfeln des
Tannenparks Es schlug halb vier Uhr Die Akademie begann Fräulein von
Flottwitz kam noch in einem unscheinbaren Wagen etwas verspätet Wahrscheinlich
hatte ihr die Trompetta den Streich gespielt ihr die Mitbenutzung ihres Wagens
unmöglich zu machen Dadurch hatte sie einen Mietwagen nehmen sich ängstigen
müssen Aber welche frohe Botschaft brachte sie auch mit Sie hatte ja den
Hof über die Felder hinausfahren sehen die um Tempelheide lagen die
königlichen Wagen sechsspännig mit Vorreitern und mit zwei Wägen voll
Kammerherren und Hofdamen Und nun wie gehoben konnte sich die junge
Aristokratin fühlen schon durch den Anblick der andern Wägen die vor
Tempelheide standen Welch Gefühl der Exclusivität so in einen Saal zu treten
wo es nur Mitglieder der höheren Gesellschaft gab ja sogar unter sechs bis acht
Gräfinnen eine Fürstin vielleicht eine Fürstin von SeinHabenWerden Sie kam
grade zurecht in ein Miserere mit einzustimmen dem es gut tat bei der Stelle
dele iniquitatem meam durch ihre helle hochliegende Stimme in der rechten
LerchenWirbelSchwebe gehalten zu werden
Anna dirigirte mit Feuer und Begeisterung Was auch kommen und drohen
mochte in der Musik hoben sich ihr alle Schwingen Da hörte der kleine Flug
über die Erde auf da wurde nicht mehr mit den Fittichen über die Rücksichten
leise hinweggeflattert da schlug sie Akkorde die die Seele entfesselten und
emportrugen in die Welt der Ahnungen und des lebendigsten Gottvertrauens Sonst
ihre Stimme im Reden so weich und fast tonlos jetzt markvoll und schmetternd
Befehle erteilend Cis Cis Cis so durchgedonnert durch die falschgreifenden
Baronessen und Gräfinnen ein Zu früh den Räten Präsidenten Kapitäns
Assessoren Sekondelieutenants und Kadetten wieder einem Flottwitz hatte sich
endlich die Stimme gesetzt zu einem recht brauchbaren FalsettTenor so ein Zu
früh das war wie der TubaTon eines Jahrhunderts der diesen Herrschaften sonst
gewöhnlich nur zuzurufen pflegt Zu spät Freilich auch Zu späts kamen genug
vor besonders bei den etwas nachmittagsschläfrigen Bässen die ihr exultabunt
ossa mea ganz im Gegensatz zur Bedeutung dieser Worte etwas gar zu sehr wie
wiederkäuendes bequemes Hornvieh hervorbrummelten Am meisten Not hatte die
gute Anna mit der Fürstin SeinHabenWerden die die Musik leidenschaftlich
liebte und die heilige vollends mit Auszeichnung aber an einer für Menschen
fast instinktwidrigen musikalischen Gehörlosigkeit litt und im Vergreifen des
Einsetzens im Laufe der Übung es in der Tat für den Zusammenhang der Töne
zuweilen zu einem wirklichen kompletten Miserere brachte
Dystra inzwischen litt nicht nur an seinem höchst geringen Interesse für
geistliche Antiphonieen und Responsorien sondern in noch erhöhterem Grade in
seinem ganzen von dem Lokale wo er sich befand in Belagerungszustand
gesetzten Nervensystem Der ihm so wohlwollend zugewandte Greis hatte sich von
ihm die kleine Haustreppe hinunter in ein Gemach führen lassen das zwar eine
sehr angenehme Kühle verbreitete aber bald für ihn ein Gegenstand des
Schreckens werden sollte Der Alte hatte es die Spinnstube genannt Dystra
folgte in Bewunderung vor der ländlichen Patriarchalität dieser Wohnung wo noch
gesponnen wurde wie im Zeitalter der Königin Berta
Wie erschrak er aber als er sich auf einen Stuhl neben einem Sessel in den
sich der Alte niederließ warf und entdeckte dass dies nicht die Spinn sondern
die Spinnenstube war Wirkliche Spinnen waren es die hier spannen und welche
Ungeheuer welche achtbeinigen Arachniden welche Netze Quer über das ganze
Zimmer hingen die Fäden und junge und alte Kreuzspinnen schaukelten sich auf
ihnen Es ist wahr der Greis sprach sehr schön über den Ton und dessen
Einwirkung auf die Tierwelt Er verglich den Ton mit dem Lichte und erklärte
dass Ton und Licht dem Tiere zusammenflösse dem Fische dem Käfer der Spinne
Es ist wahr man konnte bei den ersten Takten die in dem Musiksaale nebenan
angeschlagen wurden die Bewegung sehen wie die Spinnen stutzten und der Tür
sich zuwandten Aber der unheimliche Eindruck blieb doch und wurde gesteigert
als der Präsident auf ein kleines Loch am Fußboden zeigte und sagte
Geben Sie jetzt Acht Er gab Acht und erriet fast dass aus diesem Loche
noch ein Freund der Musik erwartet wurde aber am liebsten hätt er sich einen
Kehrbesen und eine mutige Magd gewünscht die hier die Wände rein gefegt hätte
Es half nichts er musste die Spannung des Alten teilen der aus diesem Loche
den Besuch einer kleinen Maus erwartete die nie ausblieb wenn die Akademie im
Gange war Es dauerte heute lange Der Alte bekam schon Bedenken fürchtete für
die Rückfälle seiner Katzen schalt über die Hunde die Mägde die Ratten die
Diener Alles in einem Tone Er hörte nichts von den majestätischen Hymnen die
nebenan mit allen Unterbrechungen eines möglichsten Strebens nach Korrektheit
gesungen wurden bis endlich wirklich zu seiner innigsten Freude ein kleines
graues Mäuslein sich hervorwagte klug die Äuglein um sich warf den Boden
prüfte den Schweif ringelte und sich den an der Tür wie verzaubert lauschenden
Spinnen als alter bekannter Musikfreund hinzuzugesellen suchte Schon längst
hatte man nebenan einen Versuch in mehr unserm Jahrhundert sich annähernder
Musik gemacht schon längst hatte Dystra soviel gewonnen dass er mindestens eine
durchgebildetere Verschlingung der von den einzelnen Stimmen getragenen
Tonfiguren zu bemerken glaubte als dem Greise sein Experiment gelungen schien
und er sein Mäuschen wie einen alten Bekannten begrüßte Nur dauerte die Freude
nicht lange Denn plötzlich stockte der Gesang die Spinnen bewegten sich
erschrocken auf den hohen Stelzbeinen das Mäuschen stutzte eine kräftige Hand
pochte an die Tür ein Bedienter öffnete eine Überraschung der Hof
Was Der König Wie Die Königin Himmel Anna näherte sich
schon dem Papa es ist ja nicht glaublich Doch Doch Der Hof eben
vorübergefahren schon bei dem Magnifikat still gehalten jetzt wo es an
Händel ginge ließe man fragen ob ein Besuch der Herrschaften erlaubt und
Zuhörer gestattet wären Staunen Bewegung Unentschlossenheit endliche
Fassung zwei Minuten darauf hatte sich die Szene merkwürdig geändert dem
Schloss von Tempelheide war großes Heil widerfahren
Viertes Kapitel
Die beiden Jahrhunderte
Im Vorzimmer des Musiksaales zu Tempelheide bei geöffneten Türen sitzt das
Monarchenpaar andächtig lauschend einem mit unendlich gesteigertem Eifer wieder
begonnenen Händelschen Psalm einem Musikstücke auf das sich die im Innersten
bebende Anna verlassen konnte Die Altenwyl freudestrahlend über den
gelungenen Überfall denn grade in dem Plötzlichen dem Unvorbereiteten lag der
Reiz lag der Zauber der allein die Herrschaften in dem Glauben erhielt sie
beglückten sehr die Menschheit und verstünden sie in ihrem tiefsten und
geheimsten Walten Eine Ankündigung dieses Besuchs wen hätte sie nicht Alles
verletzt wieviel Neid hätte sie erweckt und wie leicht hätte sie das
Zustandekommen vereiteln können da Anna so schwer zugänglich war Nun aber
war der kühne Wurf gelungen Der Monarch blickt gläubig seine Gattin erbaut
sich an der Sache selbst und an der Andacht des Gemahls Zwei Kammerherren in
bescheidner Entfernung zwei Hofdamen sitzend hinter der Herrscherin und alle
mit denselben Mienen wie diese dieselben Achs Dieselben Os
wie jene ja als sich die Augen der Königin bei einem Adagio mit Tränen
füllten weinten auch die weiblichen Umgebungen Die Kammerherren waren etwas
selbständiger sie fühlten dem Monarchen nach dass seine Empfindung eine
geteilte war Halb war sie der altklassischen Musik halb dem greisen
Obertribunalspräsidenten zugewandt der von seinem Gaste dem russischen
Staatsrate Otto von Dystra geführt neben den Majestäten saß und mit sicherm
ruhigen Bewusstsein ja mit einer gewissen vornehmen Fassung die Ehre
entgegennahm die seinem Hause so überraschend widerfuhr Dystra war längst
dem Hofe vorgestellt und seiner halbverwachsenen Figur wegen sogleich als der
Sonderling erkannt von dem man glücklicherweise seine Bekanntschaft mit
gewissen zweideutigen Elementen der Gesellschaft noch nicht in Erfahrung
gebracht hatte Die Königin irrte sich gar nicht wenn sie bei ihrem Gemahl
voraussetzte dass ihm diese unmittelbare Annäherung an den Chef der
Gerechtigkeit in seinen Staaten außerordentlich wohl tat und er sich in dem
Bewusstsein betraf Du lehnst dich da an das Gute und das Edle an das von Gott
Eingesetzte und ewig Gewollte an den Widerschein der himmlischen Ordnung und du
bist in der Weise wie du nun einmal regierst oder regieren lässest nicht nur
in deinem göttlichen Rechte sondern auch in der wahren Bahn deiner urweltlich
prädestinirten Pflichten Und nun dazu diese Musik diese alte bewährte
Tonschöpfung eines großen Meisters Welche Sicherheit gewährte ihm diese
Anlehnung an eine Jakobsleiter die gleichsam in den Himmel selber führte Ach
es sah so düster auf dem Gebiete der täglichen Erfahrung aus Die Ruhe war
hergestellt aber teilweise mit gewaltsamen Mitteln Man hatte in Egon von
Hohenberg eine seltene Kraft des Willens der Durchführung des Vertrauens sogar
gewonnen aber selber wollte man nicht vertrauen Man fühlte sich einsam leer
beängstigt wie immer Man hatte einen Staat aber kein Volk mehr Man sah
Gehorsam aber so wenig Begeisterung bei Denen die gehorchten weil sie mussten
Man hatte Beispiele von Strenge geben müssen Bis in das Heer das man den Kern
und die Blüte des Volkes zu nennen pflegte der Kern und die Blüte des Volkes
ist die Schule hatte dagegen Egon selbst einmal eines Abends in den kleinen
Cirkeln mit Reizbarkeit gesagt bis in das Heer war das »Gift der Neuerung«
gedrungen Es waren Beweise von Verrat gegeben worden die man zum
abschreckenden Beispiele hatte mit buchstabenscharfer Rücksichtslosigkeit
strafen »müssen« Noch beunruhigend genug war die Sage von einem großen geheimen
Bunde der bis in die weiteste Verzweigung aller Stände griff und den Boden auf
dem man täglich wandelte unsicher machte Egon selbst der nicht bloß das Land
sondern auch zuweilen den Hof wenigstens dessen liebste Angehörige
tyrannisirte der Premierminister dies allbewunderte strahlend aufgegangne
Gestirn das weithin am europäischen Himmel leuchtete Egon von Hohenberg selbst
hatte eines Abends als von gewissen strafenden Worten die Rede war die ein
Prinz des Hauses in der Provinz zu einem Gemeinderate gesprochen gesagt
Hüteten sich doch die Fürsten mit ihren persönlichen Ansprüchen auf die
Empfindungen der Menschen jetzt noch zuweit sich hervorzuwagen Es kann eine
Zeit kommen wo das Fürstenwesen von Allen vom Bürger Bauer Adel und der
Bureaukratie umgangen worden ist und es plötzlich in einer Vereinsamung dasteht
die es vor der Treulosigkeit seiner besten Freunde wird erschaudern lassen
Solche Egonschen Worte waren längst die Veranlassung einer geheimen
Hofverschwörung gegen den Staatsretter geworden wie man ihn öffentlich nannte
Die Königin stand selbst an der Spitze dieser Opposition die zunächst eine
sittliche war und von der Gräfin Altenwyl von dem Augenblick offen bekannt
wurde als sich der Fürst mit dem schönsten Mädchen der Residenz vermählt hatte
dem man die bürgerliche Abkunft nachgesehen hätte wenn nicht Melanies Ruf der
Ruf jener Pauline unter deren Auspicien diese Ehe zu Stande kam Anstoß hätte
erregen müssen Es war eine Demonstration gegen Pauline und gegen Egon selbst
dass man Anna von Harder heute besuchte sittliche Elemente schützte die
seelenreinigende Musik verehrte und in dem uralten Chef der Justiz gleichsam
jenen alten Staatsorganismus durch den das Land groß geworden an Macht und
wahrem Glücke gewonnen hatte selbst der konservativen Neuerung gegenüber in
Ehren hielt Und das Alles schwamm so in den Tönen Händels mit Das Alles floss
so sanft in den Strom der Harmonieen über die auch unter der Direktion eines
Pianos an ihrer rauschenden Würde und Feierlichkeit nichts verloren »Jauchzet
dem Herrn alle Lande und singet dem König der Ehre« Es fehlten hier nur noch
einige bunte Kirchenfenster einige Kartons etwa zum Heilande in der Vorhölle
die Sammlungen und diskursiven Erörterungen Volands von der Hahnenfeder und der
ganze Apparat war beisammen mit dem aus dieser Gegend her gegen die Stürme der
Zeit ein Zion voll Kraft und Herrlichkeit erbaut werden sollte
Und die Sprache der suchenden Empfindung blieb auch nicht zu lange aus Nach
Beendigung des sehr gelungenen präcisen Vortrags erhob sich der Hof betrat nun
den Musiksaal selbst rühmte die Kraft die Ausdauer den Geschmack der Führung
und ließ sich von der in der Musik nun recht erstarkten und gehobenen Anna die
Damen und Herren vorstellen meist bekannte hoffähige Namen deren Jedem ein
anerkennendes Wort eine Frage eine jener kleinen Nippsachen der Konversation
die eine Kour für die Großen zu einer Aufgabe macht zu Teil wurde Dann aber
wurde doch der Greis der Hauptmittelpunkt Ihn selbst verjüngte die Spannung und
erhielt ihn frei ohne Unterstützung des beobachtenden und vielbeobachteten
Dystra Fräulein von Flottwitz sagte auch den hohen Herrschaften als an sie
die Reihe des Lobes und der Anerkennung kam und ihre »Gesinnung« und die ihrer
Anverwandten und ihrer Onkel ihrer Brüder ihrer Vettern namentlich des auch
in der Presse wirksamen Oberpräsidenten gepriesen wurde Welche ausströmende
Kraft in der Nähe eines geliebten Herrscherpaares liegt beweist das
Lazaruswunder an dem Greise da Wie erstanden ist er vom Tode Alle Krücken sind
gleichsam weggeworfen Sein König sagt Stehe auf und wandle Man belächelte
diese etwas patetischen Worte der Flottwitz aber sie sagten Das was man so
gern hörte in diesem Kreise Ja wie manche Bittschrift wurde nicht erhört die
man statt an den Landesfürsten an seine Gemahlin richtete Man fand damit ein
Prinzip der persönlichen Huldigung ausgedrückt das leider zu sehr abhanden kam
Ein junger Sänger der ein Gedicht schrieb »Die Farben meiner Königin« erhielt
für diese Huldigung im alten troubadourischen Style eine ganz moderne
Wechselanweisung zu einer Reise nach Italien Kurz man steuerte jener Egonschen
Prophezeiung von der poetischromantischen Isolirung des Monarchentums mit
vollen rauschenden Segeln zu und hätte wenn die heute so unendlich verkürzte
Trompetta dagewesen wäre zwar nicht von ihrem Album nicht von ihrem
zweideutigen Kanonenboot wohl aber schon von dem Chefpräsidenten gesprochen der
zu der Richtung der Persönlichkeit im Staate sich hielt und kürzlich sogar gegen
Egon eine Opposition in Steuerfreiheitssachen des Grundbesitzes mit angeführt
hatte
Konnte es da fehlen dass nun durch die Altenwyl auch die Tierseele auch
die Mauerschwalbe auch die Äolsharfe im Tannenparke zur Sprache gebracht wurde
Ach dieser vorschnelle neologische Dystra Der platzte mit seinen
Beobachtungen über die Spinnen und die kleine Maus hervor Er wurde belächelt
aber dies Lächeln war nur gnädig nicht ganz zustimmend Die Tierseele Die
Tierseele Man sollte darüber viel zarter viel milder viel duftender
sprechen Der alte Herr begann schon selbst davon Anna unterstützte ihn man
horchte man lauschte man gestand zu es wäre wohl das Rührendste was die
Tierwelt darböte wenn eine Katze die Jungen einer von ihr gebissenen Ratte
aufsäugte Aber da erröteten doch immer noch Einige der Damen Man wollte die
Wissenschaft die Wahrheit aber nur nicht zu wissenschaftlich nicht zu wahr
Man suchte etwas mehr Dämmerndes Umflortes und da hatte die Gräfin Mäuseburg
die an der Spitze einer großen Anzahl von Vereinen stand den Mut auf die
Hunde des StBernhard zu kommen jene edlen Neufundländer die die in den
Lawinen verschütteten Unglücklichen im Schnee aufsuchten aus dem Körbchen das
sie um den Hals trügen sogleich mit Speise und Trank erquickten bis die Mönche
kämen und das Werk der Liebe und Rettung vollendeten Das war denn ein Wort Das
öffnete gleich das ganze Gebiet auf dem man der Menschheit hier Wunder glaubte
zu nützen das große herrliche Gebiet der innern Mission Die StBernhards
Hunde auch in ihrer Art innere Missionäre Nun strömten alle losgelassenen
Schleusen der Übereinstimmung über das Seelische und so rauschend quollen sie
dass die Gräfin Altenwyl fast Mühe hatte mit dem Anliegen durchzudringen den
edlen Greis möchte man doch über die Mauerschwalbe fragen die Shakespeare so
schön beschrieben in Versen die General Voland damals sogleich wie Alles
auswendig gewusst hätte Aber o Jammer Der alte rationalistische Herr aus
Friedrichs des Großen Zeit zerstörte den schönen Traum von der an Mauern
schmiegsamen Mauerschwalbe und nannte sie frischweg nur die Maurerschwalbe weil
sie maure wie mit Kelle und Mörtel nicht Mauerschwalbe weil sie sich liebend
an Mauern schmiege Und was er auch nun Rührendes erzählte von der Schwalbe und
ihrer Anhänglichkeit an ihre Jungen von jenem Schiff an dessen Masten sich
einst im Hafen eine Schwalbe genistet hätte die ihre Jungen durch vom Lande
geholten Proviant ernährte von jenem Schiff das dann in See gegangen wäre und
von der Schwalbe die bald zum Lande bald zum Schiffe flog um Nahrung zu
holen bis sie tot niedersank im Meere weil die Entfernungen zu weit wurden
ja was er auch von der kunstvollsten Methode des Nestbauens durch Schwalben
erzählte die Maurerschwalbe war Das nicht was man wollte Die Maurerschwalbe
ach die stand ja gleichsam im Schurzfell mit Kalk bespritzt und der Kelle in
der Hand vor diesen Damen deren Phantasie nur das absolut Schöne und das
englische Lovely wollte die Natur gleichsam in Goldschnitt gebunden wie eine
Gedichtsammlung über die Sonntagsfeier oder über die Märchenwelt oder was sich
der Wald erzählt Nur der Monarch gehörte nicht zu den »Desillusionirten«
Er wusste dass die greise Excellenz Chef aller Landeslogen war und in der
Maçonnerie hoch verehrt Ihn brachte grade doch die Maurerschwalbe auf ein
stilles Nachsinnen die Maçonnerie und schon schwebte ihm schon im
Voraus gestachelt vom wundersüchtigen Voland die Bemerkung auf den Lippen dass
die Welt auf die Entscheidung des großen Johanniterprozesses sehr gespannt wäre
als die junge Gemahlin den Wunsch wieder nach Musik jetzt nach
Pergolese äußerte man sich wieder setzte und Pergolese sang Man sang
Pergolese
Die weichen Töne des Stabat mater nach des alten Hiller Instrumentirung zum
Klavier wurden in sanftester Modulation schwellend und absteigend in den
Tuttis und den Solis vollkommen sicher vorgetragen Es war eine der fertigen
Kompositionen die Anna von ihrer Akademie zu jeder Zeit und auch Jedem
darbieten konnte Diese Töne waren gewiss schmelzend Gewiss Baron Dystra hätte
ihm eine Stimme sagen sollen wen der Schmerz Mariens die am Kreuz des Sohnes
stand in diesen Tönen nicht rührte verdient den Anteil nicht am gesitteten
Menschenbund Der Baron glossirte auch wirklich nicht die Tränen der Frauen
Ergriff ihn doch selbst das Verhallen des auch dichterisch so wohlgefügten
Liedes dies sanfte stille Ausatmen der Komposition nach dem man nur
abbrechen gehen knieen predigen beten nichts Gemeines mehr beginnen kann
Die Damen wären auch zerknirscht so am liebsten nun gegangen so mit feuchten
Augen am liebsten von der bewegten und ruhig gewordenen Anna geschieden aber
den Monarchen fesselte es an den greisen Obertribunalspräsidenten Es tat ihm
so wohl sich durch ihn im Zusammenhange mit der Geschichte seines Hauses zu
wissen Er begann um nur noch zu bleiben jetzt von den Windharfen und
bedauerte den für den Greis zu entlegenen Weg Doch dieser machte dem Worte der
Flottwitz Ehre Er stand und ging wie der Rüstigsten Einer und als der Fürst
sogar selbst seinen Arm ergriff ihn selber führte gab er seine bereitwilligste
Absicht zu erkennen seinem Herrn und Könige auch mit Freuden jene Zähmung der
Luftgeister zu zeigen Nun war Alles wieder erfrischt wieder erquickt nach dem
schmerzlichen Drucke Pergoleses Der König will noch bleiben Alles atmete
beseligt Draußen vollpulsirende Bewegung Hunderte von Menschen die an den
Spalieren standen und leidlich ehrerbietig gafften Die ganze Akademie folgte
weil es gewünscht wurde Die Diener machten Spalier Es ging in den Tannenpark
Auch Dystra folgte mit den Kammerherren die er obenhin kannte Anna blickte zu
Olga hinauf die hinter ihren Blumen stand sich getrost das Alles entgehen ließ
und sich vor einem Schauspiel das ihr wenig Interesse einflößte still verbarg
Als im Gehen der Großpapa eine Erzählung begann die sie ohne Erschütterung nie
hören konnte die Geschichte der beiden Schwestern Philomele und Prokne
erschrak sie recht
Der Greis kam sehr einfach auf diese Geschichte Der König hatte ihn nach
den allgemeinen religiösen Resultaten seiner Lieblingsneigung gefragt Dagobert
von Harder antwortete darauf
Manchmal Majestät wünscht ich die Christuslehre hätte die Menschen nicht
zu sehr auf das Reich der unsichtbaren Geistigkeit verwiesen Es ist nicht gut
wenn wir uns zu sehr aus den Banden der gegebenen Sinnengrenze entfernen In den
heidnischen Vorstellungen über Religion hat mir immer gefallen dass ihnen eine
allbelebende Phantasie in der Natur bestimmte Ruhepunkte anwies die unmittelbar
anzubeten freilich eine blinde Abgötterei war während leider auch wir in unserm
Glauben vom Hylozoismus nicht ganz frei sind Die Alten haben sich selbst
gehoben als sie die Tierwelt zu Mittelstufen der Götterlehre machten Jedem
Gotte war irgend ein gefiederter Bewohner der Lüfte oder das schnaubende edle
Ross oder die wilden von des Gottes Bedeutung gebändigten Einsiedler der Wüste
beigegeben Der Lehre von den Verwandlungen liegt ein Prinzip zum Grunde das im
Tiere eine Offenbarung anerkannte Und wie artig sind die Sagen der
persönlichen Auffassung des Weltund Erdenlebens Schiller singt Wo jetzt nur
wie unsre Weisen sagen seelenlos ein Feuerball sich dreht lenkte damals seinen
goldnen Wagen Helios in stiller Majestät Gibt es eine schönere Sage als die von
Philomele und Prokne
Der Monarch der mit dem General Voland die Belesenheit gemein hatte kannte
sie doch nicht vollständig genug um sie den Damen mitzuteilen
Philomele und Prokne erzählte der Greis waren Schwestern Beide Töchter
eines Königs von Athen Prokne an einen benachbarten kleinen Fürsten vermählt
Namens Tereus Tereus wurde seiner Gattin überdrüssig Es verlangte ihn auch
nach Philomelen Er beredete bei einem Besuch in Athen den Schwiegervater ihm
die Schwägerin auf die Reise mitzugeben da Prokne seine Gattin sich zu sehr
nach ihrer Schwester sehne Man gab ihm Philomelen mit und setzte sie seinen
bösen Gelüsten aus Da Philomele tugendhaft widerstand ließ der rachsüchtige
Mann ihr die Zunge ausschneiden und warf sie in einen einsamen Turm Durch eine
Stickerei verriet sich aber Philomele ihrer Schwester Prokne die sie zu retten
wusste Prokne voll Wut über ihren Gemahl tödtete ihm den eignen Sohn ließ ihm
diesen als Speise für seine Tafel zurück und entfloh mit ihrer Schwester Beide
wären von der Rache des Tereus unfehlbar ereilt worden wäre Philomele von den
Göttern nicht in eine Nachtigall verwandelt worden Prokne aber wurde die
Schwalbe Ihr ängstliches Flattern rundum im Kreise deutet auf die Reue über
ihren begangnen Frevel sie sucht das Kind wieder das sie so grausam gemordet
hatte
War bei dieser mit Interesse vernommenen Erzählung das Auge Aller die die
Verhältnisse kannten auf Anna von Harder gerichtet deren Beziehung zu einer
Schwester und zu einem verlorenen Kinde zur Chronik der Welt gehörte so machte
es nach dieser trüben Anwendung fast einen komischen Eindruck als in dieser
Fabel gewissermaßen auch eine Anspielung auf den Intendanten der Bühne den
entarteten Sohn des Redners selbst zum Vorschein kam denn der König selbst war
es der da sagte
Und jener Tereus Schwager der Prokne wurde ja wohl in einen Wiedehopf
verwandelt
Man forschte ob man lächeln durfte Diese Menschen hatten Alles in
Bereitschaft Lächeln Weinen Ernst je nachdem es auf dem Zifferblatt der Uhr
nach der sich hier Jeder richtete aussah Aber Kurt Henning Detlev von
Harder als Wiedehopf Alle lächelten diesmal von selbst
Otto von Dystra erlaubte sich nun die Bemerkung dass doch ein letzter Rest
der Ehrfurcht vor den Tieren die Heraldik wäre und hatte mit dieser Anmerkung
seinem Freunde dem General Voland eben so viel Ehre gemacht wie dem Fürsten
Vergnügen der dies Thema als Kenner verfolgte Alle Ritter und Wappenbücher
wurden gleichsam in dem Gange über die Kiefernadeln nun auch aufgeschlagen
während Pfauengeschrei den Damen nach Pergolese wehe tat Man schritt des
Greises wegen so langsam dass bis zur künstlichen Ruine und zu den Windharfen
dieser noch mit einer gewissen Feierlichkeit sagen konnte
Vergebung Majestät In die Wappen hat man die Tiere in ihrer ganzen
Wildheit aufgenommen
Aber ist es nicht schön wagte eine Damenstimme es war wieder die der
Flottwitz die allgemein heute bewundert wurde ist es nicht schön die Tiere
so zu nehmen wie sie die Natur geschaffen hat das Pferd so stolz wie in
Arabien den Adler so königlich wie er auf den Felsen horstet
Die ganze Gesellschaft murmelte Beifall Alles war entzückt Die
Wappentiere aller Anwesenden rührten sich Jeder verriet dass er seinen
Habichten seinen Falken seinen Auerhähnen auf den Wagenschlägen draußen Ehre
zu machen hätte
Der Präsident blieb stehen und sah sich im Kreise um Die Königin erschrak
vor dem Blicke der aus den zusammengefallenen Runzeln schoss sie fürchtete eine
Polemik die ihr in neuester Zeit reizbarer gewordene Gemahl liebte ja
herausforderte Sie hatte eigentlich schon an dem Ausdruck des Präsidenten
»Christuslehre« genug gehabt und fürchtete Konflikte
Nun Excellenz reden Sie sagte der König Sie lasen die Sibyllinischen
Bücher Wir sollten öfter auf die Sprache der Erfahrung hören
Majestät erwiderte der Greis sich ehrerbietig verneigend ich wünschte nur
das Eine nicht dass unser Jahrhundert in seinem frischen und kräftigen
Selbstgefühl zu wild zu zornig sich zuweilen gebehrdete Ich kümmere mich wenig
um die Händel des Tages aber was davon in meine Klause dringt flösst mir
zuweilen den Schrecken ein dass wir wohl glauben möchten auch alle unsre Zähne
wären für die Verzehrung der Tiere bestimmt Etwas mehr Pflanzenkost etwas
mehr indische Brahminenlehre würde dieser Zeit nicht schaden
Man lachte
Aber der Greis den da der König bewegt schien Otto von Dystra führte
ließ sich nicht irre machen Halbscherzend und des Fußes auf diesem neuen
Zeitboden nicht ganz gewiss sagte er
Ja Ja Lachen Sie nur Ich gehöre noch zu den alten Heiden Majestät zu
den Heiden die bei Ew Majestät Vorfahren das Recht hatten sich für Weise zu
halten Jetzt freilich wird uns bewiesen dass wir damals ganz dumme
oberflächliche Narren waren Nimporte Es ist möglich Aber ungläubig waren wir
eigentlich doch nicht Wir glaubten mehr als jetzt die Leute glauben nur
Anderes Ich hatte eine Jugend wo ich nur an die Götter glaubte die im
Bardenhaine Tuiskons verehrt wurden Klopstock war mein edler großer Sänger
Dann schlug ich besonnen geworden um Ich fand dass mein Odin und die holde
Freia meine Beförderung auf dem Kammergerichte nicht recht in Gang bringen
wollten Da ging ich zu den Griechen über und habe mit meinem Homer in der Hand
zum Vater Zeus gebetet wenn blauer ionischer Himmel auf der Erde lag und zu
Poseidon wenn es regnete und zu Ceres und Bachus wenn die Arbeit getan war
und der grüne Römer winkte Dann wurde die Welt wieder was Anderes nämlich
indisch Ein wenig macht ich diese Religion auch noch mit aber die Indier in
Asien und München führten mich zu tief in die Katakomben des Mysticismus Da
blieb ich draußen und kam glücklicherweise weder in Herrenhut noch in der
Siebenhügelstadt wieder ans Tageslicht
Man lachte wieder zum Schrecken der Gräfin Altenwyl Die Akademie schien
nicht zu wissen dass nur der erste Teil dieser humoristischen Rede bei Hofe
komisch sein durfte die Schlussbemerkung aber bedenklich Es fehlte wirklich
jetzt eine Trompetta um hier die Grenze zu ziehen bis wieweit das bekannte
vielbesprochene nun sich deutlich herausstellende Heidentum des alten
Obertribunalspräsidenten unterhaltend gefunden werden durfte Die Gräfin
wechselte nicht unbedeutende Blicke mit Anna von Harder und flüsterte ihr zu
Ich wette doch Er glaubt an die Seelenwanderung
Die hohen Herrschaften waren in einer eignen Lage An einem Manne den sie
seines Alters und seiner Stellung zur Monarchie wegen hochverehrten entdeckten
sie eine Geistesrichtung die ihnen nicht nur völlig rococo sondern sogar
gefährlich erschien Dies war wirklich noch der alte Neolog der »Zopfzeit« der
unverbesserliche Rationalist der an dem Revolutionszeitalter wahrlich auch sein
Schuldteil trug Wo war nun die Tierseele die Mauerschwalbe der Nachschauer
des Stabat mater hin
Glücklicherweise hatte man die Ruine erreicht Gott sei Dank diese war im
Geschmack des ritterlichen Mittelalters Da gab es doch Mauerzacken und
Rundformen eine Altane und das Prächtigste war ein leiser Wind bestrich die
im schönsten Lichte sich noch immer sonnenden Tannenwipfel und wie zum Gruße des
hohen Besuches kamen die Luftgeister geflogen und breiteten ihre klingenden
Schwingen aus Wie hallte Das in dem stillen Walde wider Wie sanftes Moll bebte
und schrillte in der Luft Man söhnte sich mit Tempelheide aus man hatte die
Anknüpfung wieder an die letzten gesungenen Worte gefunden Quando corpus
morietur fac ut animae donetur paradisi gloria
Befriedigt wollte die Königin nach einigen noch mit Dystra aus Veranlassung
des gotischen Geschmacks über seine Tempelsteinbauten gewechselten Worten sich
empfehlen Sie hatte viel SachgemässArchitektonisches über Buchaus Umgebung und
die Tempelsteinruine gesprochen Aber ihr hoher Gemahl besaß zwei treffliche
Eigenschaften denen nur nicht immer die Gelegenheit zur vollkommenen oder
richtigen Anwendung gegeben wurde Er liebte erstens die Gerechtigkeit und besaß
zweitens einen unergründlichen Schatz von Pietät Die zwischen ihm und dem
alten von seinen Vorfahren so gefeierten und noch so geistesfrischen Herrn
obwaltende Meinungsverschiedenheit reizte ihn Er brachte auf dem Rückwege von
den Windharfen das Gespräch wieder auf jene Idealität des Greises die
gewissermaßen am Eingange der Katakomben stehen geblieben war und grübelte
darüber wie er da ihm Scherzformen nicht gegeben waren es anzustellen hätte
auf General Volands Äußerung einzulenken derzufolge der Johanniterprozess mit
den Lieblingsneigungen des Greises der Freimaurerei und der Tierseelenkunde
zusammenhinge Gradezu wusste der König wohl konnte er weder von der
Freimaurerei noch von jenem Prozess und der Meinung des obersten Gerichtshofes
ohnehin vor so vielen Zeugen beginnen doch wagte er den kleinen Scherz
Die aufgeklärte Zeit war gezwungen weil sie Gott den Herrn nicht erkannte
sich andre Götter zu schaffen Voltaire soll vor seiner Katze mehr Respekt
gehabt haben als vor den Heiligen Ja wenn ich Voland glauben darf so beteten
die Tempelherren die Katzen wirklich an und hatten ein Idol das sie den Bafomet
nannten eine Art von Götzen toller als die Kalmücken dieselben Tempelherren
die die Keime der Freimaurerei nach England verpflanzten
O Majestät erhob sich jetzt der Greis in seiner ganzen gebückten Gestalt
und warf seine hellblauen Augen in die Höhe des Lichts dass sie wie verklärt
schimmerten o Majestät wer sagte Ihnen Das Wenn der Herr General Voland die
Akten der Ketzerrichter die den edlen Jakob von Molay durch Feuer hinrichteten
für vollgültige Beweise nehmen will so hat er Recht Märchen für Wahrheit
auszugeben Aber die Geschichte hat jenen elenden Papst verurteilt der aus der
schmählichsten Erniedrigung des apostolischen Stuhles zu Avignon auf Geheiß
jenes tyrannischen Philipp von Frankreich einen Orden zerstörte der nur einer
Reform bedurfte um der Geschichte eine andre Bahn vorzuzeichnen als sie die
der Staaten und der Religion später gegangen ist Man fand in den Tempelhöfen
Tiersymbole man spricht von einem im Pariser Tempel gefundenen metallenen
Kopf den man Bafomet nannte Aus Scherz hab auch ich einen alten treuen Kater
Bafomet genannt Die Templer zogen in den Orient als fanatische Christen sie
kamen tolerant zurück Sie hatten in den Moslem Brüder Menschen Helden kennen
gelernt Sie hatten so viele Beispiele von Großmut der Emirn erfahren dass sie
mit Achtung vor jeder Religion die den Menschen veredelt von der Küste Asiens
schieden O Mahomet liebte die Tiere Er war der Apostel einer nicht
übergeistigten Religion der Prophet einer Lehre die den Menschen an die
Sinnenschranke bindet damit er im geistigen Fluge nicht taste luftige Wolken
für feste Eilande halte nach Sternen hasche und sich die Blüten der Erde in
der Hand verwelken lasse O Majestät Mahomet war ein sehr weiser Gesetzgeber
ein sehr großer Staatsmann und er liebte die Tiere Was ist der Araber ohne
sein Pferd Warum hielt Mahomet die Katze hoch Weil er den Hund nicht kannte
und weil er in der Gewöhnung der Katze ein mildes Prinzip des Hauses sah Die
Tempelherrenbauten dort drüben jene Kirche vom uralten Tempelheide haben
überall Spuren von Anwendung der Tiere zu Ausschmückungen der Architektur Die
Übergeistigung hielt sich an die Blumen die Menschenreligion an die Tiere Und
wohl uns wenn wir Duldung lernen und die gezogene Grenze unsrer Sinne Ach das
Gebiet der Nacht ist so groß so unheimlich so gefahrvoll Die Tempelherren
mussten dem Islam weichen sie mussten das Grab des Erlösers im eignen Herzen
finden und der Menschheit die Lehre von den in ihr selbst ruhenden Heiligtümern
predigen Richard Löwenherz kam mit einem gezähmten Löwen heim Der Blick
erweitert sich wenn man die Natur belauscht und die stumme Sprache selbst des
Tieres zu verstehen sich müht Kein großer Naturforscher hat einem Tyrannen
schmeicheln können Das Recht das ewige Recht leitet seine Quelle von Dem her
was allem Lebenden gemeinsam ist von der Luft dem Feuer dem Wasser und der
Erde O wehe wehe einem Zeitalter das sich von der Duldung entfernt wehe
Denen die um der falschverstandenen oder innerlich nie gefühlten Liebe willen
Hass predigen Wehe Denen die eine Wahrheit die nicht Alle erkennen auf irgend
einen Thron der Welt setzen Dass wir Menschen sind schwache endliche Werkzeuge
eines großen uns nur ahnungsweise fassbaren Weltenplanes das ist die einzige
Wahrheit und diese macht uns demütig tolerant nachgiebig gegen
Andersdenkende zugänglich dem Bessern und den Keimen neuer geschichtlicher
Regungen Ich weiß es nicht ob die Maurerei durch flüchtige Tempelherren nach
England verpflanzt wurde aber ich wünschte es wäre so Ob Jude ob Christ ob
Muselmann es ist ein Gott der uns Alle erschaffen hat erhält zerstört zu
neuem Leben verwendet verklärt erlöst wie man es nennen will O o dieser
General mit seinen Katzen Mein Bafomet sagt mir keine Mysterien nichts über
den Stein der Weisen nichts über die Quadratur des Cirkels er sagt mir Liebet
Euch untereinander duldet Euch und bessert Euch durch die Erkenntnis Eurer
irdischen Schwächen und einer selbst in Tieren durch Menschenliebe möglichen
Vollkommenheit
Die Wirkung dieser mit Begeisterung gesprochenen Worte des Greises die ihn
trotz seiner kleinen Figur zum Seher erhoben war verschieden Die Frauen
empfanden etwas das halb aus Spott halb aus Mitleid zusammengesetzt war nur
als sie die Liebe erwähnt hörten blickten sie auf die Herrscherin um gleichsam
die Verhaltungsregel ihrem Antlitz abzumerken Die junge hohe schlanke Frau
blieb aber streng Sie war von der neuen Zeit und ihren Wirren von den Gefahren
des Königtums zu sehr gereizt sie erkannte nur gefährliche Irrtümer in dieser
kühnen Rede eines Achtzigjährigen Ihr Gemahl jedoch war erschüttert Seine
Bildung sagte ihm dass er die Theorie Lessings Mendelssohns jenes Reimarus
der in der Tat über Vernunftreligion und Tierseele zugleich geschrieben hat
vor sich hatte er sah Nathan Saladin den Tempelherrn aus Lessings schönem
Gedichte er gedachte der Tränen die ihm die Erzählung von den drei Ringen als
Knaben gekostet hatte wenn er sie von einem großen Künstler gesprochen hörte
und dargestellt sah Trotzdem dass seine Gemahlin ein andres Gespräch ein
leichteres und wieder über den Tempelstein und die Nachbarschaft des Herrn von
Dystra bei Buchau anknüpfte umarmte er beim Abschiede den Greis voll Rührung
Zerknirschung denn es waren zwei Seelen in ihm Die eine wollte sich
manchmal zum Entsetzen der Ultrapartei von der andern trennen Dann
überschlichen ihn Entsagungsgedanken Wie sollte er auch jetzt die Achtung vor
der philosophischen Größe des achtzehnten Jahrhunderts vermitteln mit der
leidenschaftlichen sich allein weise dünkenden Staatsteorie der Absolutisten
die in der Kammer der Presse auf dem Richterstuhle Egons von Hohenberg
Schleppe trugen oder gar noch weiter als dieser gingen War nicht schon soviel
Blut geflossen für diese Gegensätze alter und neuer Zeit Was konnte nicht noch
kommen Der Monarch brach ab Kein von der Altenwyl in Anregung gebrachtes
Sanctus kein Dies irae mehr konnte ihn halten er war erschüttert er
umarmte den Präsidenten sagte Anna von Harder das Verbindlichste grüßte
dankend die Übrigen entschuldigte den Überfall und fuhr ernst und ergriffen
rasch von dannen
An eine Wiederaufnahme der Akademie war heute nun nicht mehr zu denken Das
war ein Ereignis gewesen das gleich in alle Welt musste Man küsste man herzte
Anna Man schüttelte unbekümmert über Das worauf sie gedeutet hatte die Hand
der greisen Excellenz Man hatte eine unendliche Ehre genossen Ja die
Flottwitz die die Gegenwart die Praxis im Auge hatte rief sogar ob aus Liebe
zu Dankmar oder einen Augenblick die Demokratie vergessend aus
Excellenz gewinnen denn die Wildungen den Prozess
Ist es denn wahr dass es sich nur noch um einige wenige Buchstaben in einer
alten Urkunde handelt
Der Greis lächelte nur mild schwieg und entfernte sich an Dystras Hand
Dystra hatte ihn verstanden Der sonst so spöttische Dilettant der Alles
von der Seite der bloßen Kuriosität nur als Sammler für das Herbarium seines
Gedächtnisses auffasste war ergriffen von der Lebenswahrheit die ihm hier auch
aus einer Liebhaberei entgegensprang Das waren auch Allotrien auch
Nebenstunden auch Sammlungen und wie hoben sie die geistige Tatkraft die
sittliche Überzeugung Er kannte hinlänglich diese neuere vornehme
Geistesrichtung der Politiker die bei Hofe so massgebend waren Er kannte
Volands tatlose Reminiscenzendoktrin und sein objektives Meinungskaleidoskop
kannte Rochus vom Westen in seiner gesinnungslosen Skepsis kannte die
Loyalitätsdoktrin junger Publizisten die Karriere machen wollten und den Staat
auf die Säbelspitze oder das Bayonnet steckten er kannte den Geist des
neunzehnten Jahrhunderts als einen tieferen bedeutenderen als den dieses
Greises und doch wie wenig Liebe und Gerechtigkeit in diesem Geist Auch
Dystras Fragen über jenen Prozess wich der hochgestellte Richter als einem
Amtsgeheimniss aus aber Dystra schied doch mit dem gesteigerten Gefühle der
Anhänglichkeit an die Brüder Wildungen und den mit so vielen Gefahren bedrohten
Bund der Ritter vom Geiste Noch heute wollte er in den Ullagrund an Dankmar und
nach Antwerpen an Siegbert schreiben Als er von Anna Abschied nahm fand er
sie allein Er sagte zwar nur Excellenz waren charmant waren süperbe aber er
meinte etwas unendlich Größeres damit Er plauderte Späße mit Spartakus und
Cicero er nickte zu den Fenstern Olgas hinauf er moquirte sich über die
Hofdamen über die Spinnen über Pergoleses langweiligen Styl über die Blicke
die die Fürstin von SeinHabenWerden auf ihn geschossen hätte als von
Verwandlung des Tereus in einen Wiedehopf die Rede gewesen wäre als wenn sie
nicht viel eher Ursache hätte den Vortrag einer Geschichte der Verwandlungen in
eine Schnepfe oder eine Gans zu fürchten kurz er versteckte sein Gefühl in ein
Hanswurstkleid das ihm wie er dachte besser stand als der Ernst Anna seufzte
über die »Gesellschaft« Olgas wegen Erschüttert in allen Nerven ging sie
erst zur alten Excellenz die schon in ihren Arbeiten vertieft war und sich mit
Behagen die merkwürdigen Szenen noch einmal vergegenwärtigte dann aber rief sie
Olga um ihr zu erzählen was sie versäumt hatte und zu staunen als sie
vernehmen musste dass ihr die Fortschritte die sie inzwischen an ihrem Bilde
gemacht hätte lieber wären als alle Schauspiele der Verstellungskunst bei Hofe
Du hast Recht sagte Anna betrachtete das Bild ergriff Olgas Arm nahm
einen großen runden italienischen Hut den sie ihr sanft auf das schwarze Haar
legte und zog sie mit sich die Stiege hinunter in die freie Luft Sie hätte
es in den schwülen niedrigen Zimmern nun nicht aushalten können Ihr Blut
wallte So heiß war es ihr seit Jahren nicht durch die Adern gerollt Jetzt
hätte sie einer liebevollen Kindesseele bedurft die sie zärtlich umfangen ihr
die Stirn geküsst das Haar die Wangen die Hände gestreichelt hätte Sie sagte
es auch der nicht so wie sie angeregten und sie nicht verstehenden Olga Sie
sagte ihr
Ach hätt ich meine Selma jetzt
Auf dem kleinen Hügel sammelte sich Anna Die Sonne war im Sinken begriffen
Die fernen Türme der Stadt wie erleuchtet von ihren letzten roten Strahlen
Erst Alles ringsumher so geräuschvoll nun wieder die alte ihr so wohltuende
Stille Es ging dem Winter zu Wie doppelt genießt man den freundlichen
Abschied des Herbstes Man möchte ihn festhalten mit ihm ringen dass er bleibe
aber in dem Kampfe fallen vom Haupte des gebräunten Knaben aus seinem Erntekorbe
erst die Früchte die Birnen die Äpfel die rotbraunen und grünen Trauben
zuletzt aber auch die Blätter selbst Olga aß von einem Teller Trauben Sie
hatte Tage wo sie nichts genoss als Früchte Sie hielt Annas Hand fühlte ihre
Pulse klopfen aber sich ihr hinzugeben sie wie das Kind zu umarmen das Annan
heute vor mehr als dreißig Jahren geboren war das vermochte sie nicht in der
Voraussetzung der sie umgebenden prosaischen Dinge Doch einmal sagte sie
Warum soll denn Selma tot sein
Ein Akkord wehte grade herüber vom Tannenpark
Sie ist tot sagte Anna Ich musste sie hingeben schon damals als ich dem
Manne ihrer Liebe sie versagen wollte Es war ein mächtiger Geist um den sie
flatterte wie der Schmetterling um die Lichtflamme Ich sagte ihr dass er sie
verzehren würde Sie glaubte es nicht Ich schilderte ihr sein regelloses
kometenartiges Leben Sie liebte ihn doch Ich tadelte sie in ihrer blinden
Wahl ich enthüllte ihr Alles was ihr diesen Geliebten verdächtigen konnte Sie
hasste mich dafür denn so lieben Liebende Sie folgte seiner Werbung in weite
Fernen Wohin Wer weiß es Nie schrieb sie mir Ich war tot für sie sie tot
für mich Und ich weiß es in Worten geschriebenen Worten ließ sich nicht
sagen was mein verlornes Kind mir zu sagen hatte Ihr Gatte war ihr ein Gott
Ihn betete sie an Konnte sie so treulos sein nachdem ich ihn als den
Verabscheuungswürdigsten ihr hingestellt hatte vor seinen Augen sich mit den
Frevlern an ihrem Heiligtum auszusöhnen Erst war ich trotzig dann wurd ich
zaghaft zuletzt weint ich und als ich nicht mehr weinte weiß ich war sie
gestorben Eine Stimme sagt mirs Das hört sich Das sieht sich auch In
stillen Nächten kommen die Bilder Ich weiß Selma ist nicht mehr
Olga brach sich Blumen und wand einen Kranz dieser Ton hatte ihr gefallen
Ihren geistigen poetischen Stolz überwand sie etwas sie gedachte der alten
Dame die so überfliegend und äterisch sprechen konnte mit einem Kranz zu
huldigen
Es schlug schon sieben vom Turme im Hofe war Alles ruhig auf der
Straße unten dann und wann ein Wagen noch ein Reiter der Greis zündete
Licht an An seinem Fenster wurd es hell Er studierte
Der Abend war nicht kühl Es war eine verspätete Sommernacht aber das
Dunkel kam früh Olgas Kranz war fertig Von den Tannen würziger und
melodischer Hauch
Eben will Anna Olgas Arm ergreifen und sich dem Hause zuwenden um Abends
wie sie gewohnt dem Greise beim Tee noch etwas vorzulesen als ein kleiner
Wagen ein Einspänner von der Chaussee aus dem Walde herkommend zum Landhause
einlenkt
Welcher späte Besuch frägt Anna und wendet sich der Eingangspforte zu
Der Wagen fährt näher Er ist halb offen Ein älterer Herr eine
verschleierte Dame sitzen im Hintergrunde Sie beugen sich vor Die Dame ist
jung sehr jung sie schlägt den Schleier zurück es ist noch ein
Mädchen Anna kann nicht genauer forschen der Wagen wendet rasch und hält vorm
Tore Der Herr steigt aus Groß und stattlich seine Gestalt das Antlitz
bleich Seine Hände zittern als er den Schlag hält und dem jungen Mädchen den
Arm zum Aussteigen bietet Diese hüpft von dem Fußtritt zur Erde nieder
ein bewegtes Auge schaut unter dem Strohhute empor Der Besuch nähert sich
dem Tore An der Pforte zu klingeln ist nicht nötig Anna öffnet schon
selbst Die hohe Dame von vornehmer Haltung in schwarzem Seidenkleide die
reiche Spitzenhaube auf dem Haupte blickt fragend Der Herr hatte den Hut
schon in der Hand als er ausstieg das junge Mädchen zieht den ihrigen da die
Schleife losgegangen mit einer einzigen Handbewegung herab die prächtigsten
braunen Ringellocken fallen von einem Engelskopf herab der freudestrahlend und
mit feuchtem Auge die edle Dame zu erkennen aus ihr ein unendlich Liebes
herauszufinden scheint Anna zum Tode erschrocken hält sich an dem Gitter
der geöffneten Tür Die alten Diener nähern sich ein leises Ach das
Annas Brust entfährt ein fragender Blick auf einen der Diener der ihre
Tochter kannte eine Ahnung ein Zucken des Auges nach jenem Manne hin der
stumm und ruhig auf dies Mädchen wie auf ein ihr opfernd Dargebrachtes zeigt
Anna versteht besinnt sich auf zwanzig entschwundene Jahre die ihr
entfallen schienen bei dem ersten Gedanken Das ist ja dein Kind deine Selma
Selmas Tochter ruft sie Rodewald
Ackermann beugt bejahend das Haupt und spricht
Selmas Erbschaft an ihre Mutter
Tränen füllten sein Auge
Olga hebt den Hut des Mädchens von der Erde und muss nach Anna greifen der
Großmutter die vor Schmerz und Freude im Anblick ihrer Enkelin weinend
zusammenbricht
Fünftes Kapitel
Don Juan und Faust
Der Erntesegen war ja eingetrieben Jubelnde Menschen von hochaufgetürmten
Kornwägen herab mit geschwungenen bebänderten Hüten grüßend hatten ja in die
Scheuern des Ullagrundes von Randhartingen Schönau Plessen die ersten Erfolge
eingefahren die Ackermann für seine Betriebsamkeit lohnten Die
Fruchtbarkeit des Jahres hatte sich mit dem Eifer der Kultur in Wettlauf
gesetzt um ein überraschendes Resultat zu erzielen Ein neuer Geist wehte über
diese Landstrecken hin die so viel pflegende Hände so viel wartende und
hütende Augen nie gekannt hatten Von der ersten Ernte der ölbringenden Rapssaat
bis zur Kartoffelfrucht die den Schluss der Einsammlung machte hatte sich Ceres
in ihrer ganzen reichsten Gunst gezeigt Sie schien Ackermann ihre eigne Sichel
in die Hand gedrückt zu haben
Zwar noch nicht am Ziele seiner Wünsche war Heinrich Rodewald angelangt
doch steuerte er ihnen mit glücklichem Winde nach Zuviel Sternennächte wo er
im Abendwinde hätte träumerisch seines wunderbaren Lebens gedenken können fand
er nicht er arbeitete selbst und erlag dann auch den Geboten der Natur die
ihre Tribute verlangte Es war ihm ja bei jedem Gang durchs Feld bei jedem
Liedchen das er pfiff bei jedem Gruße Selmas bei jedem Handschlag eines
jungen ihm zugesellten Arbeiters im leichten Kittel gelbem Sommerhut bartlosem
Kinn eines halben Feld halben Stubenarbeiters in dem wir Dankmar Wildungen
wiederfinden gegenwärtig was ihn daher geführt hatte die Hunderte von Meilen
zurück durch die er wie jener Knabe im Märchen um den Weg wieder zu finden
wenn er zurück wollte doch eigentlich nichts Andres gestreut hatte als was die
Vögel wegnaschen konnten Dachte er an Wiederkehr Ein jugendlicher Heros
rüstig an geistiger und körperlicher Kraft war seine Entwickelung in jene Zeit
gefallen wo die Wissenschaft dem Leben dienen sollte die Begeisterung für die
Musen die geheime Waffenübung halten für den einst hervorbrechenden Angriff auf
die französische Usurpation des Vaterlandes Er hatte sein Elternhaus die
Wohnung eines kleinen Stadtrichters am Fuße des Harzes einst als Schüler
verlassen später einer schönen Schwester die mit den Eltern in Leipzig und
Halle wo er studierte ihn besuchte unter einer großen Zahl von Freiern den
Faden der Ariadne in die Hand gegeben sie von solchen seiner Genossen wie
Gelbsattel entfernt aber auch vor dem kränklichen träumerischen Wildungen sie
gewarnt den sie dann doch wählte um mit ihm ein in damaliger
Überschwänglichkeit nicht geahntes Leben voller Mühen zu teilen Von Halle
folgte Heinrich dem Aufruf zu den Fahnen als die Rückkehr Napoleons von Elba
einen neuen Kampf der Völker in Aussicht stellte Die Schlacht bei Belle
Alliance war die einzige an der er Teil nehmen konnte Bis in das Jahr 1816
blieb er in Frankreich und kehrte mit einem Ehrenzeichen und dem
Entlassungspatente als Offizier zurück an den Heerd der Musen Aber diesen Heerd
fand er nicht so still wie ihn die Eule Minervens liebt Das aufgeregte
Kampfblut wallte stürmisch in den Adern der damaligen Jugend Auch ein neues
Volksleben eine Wiedergeburt des Vaterlandes wollte man erkämpft haben
Rodewald Offizier mit einem Ehrenzeichen geschmückt fügte sich nicht den
engen Schranken die die bureaukratische Inquisition der Kabinette den
Akademieen stecken wollte Er studierte Philosophie und die Rechte Er trieb sein
Studium in der damaligen weltstürmenden Titanenhaftigkeit zugleich aber doch
als Forscher er zielte auf einen Lehrstuhl Der Gegenwart entzog sich dabei
sein freier unerschrockner Sinn um so weniger als ihn wie alle Edlen damals
der Drang beseelte die gewonnenen Ergebnisse des Wissens in die offenen Furchen
des mit Blut gedüngten und neugeackerten Vaterlandes zu werfen Wenn eine Zeit
günstig war den Völkern Freiheit und Einheit zu geben war es nicht diese
Heinrich Rodewald beendete seine Studien mit einer sehr ehrenvollen durch
bizarre damals beliebte Paradoxen auffallenden Promotion Er war der Liebling
ja der Beherrscher Halles er war der mit Jubel empfangene Gast in Jena
geworden ja in Würzburg Giessen Marburg holten ihn Komitate der
Studentenschaft ein wenn er die Kreise des neu erwachten höheren Jugendlebens
besuchte wo man in die jungen politischen Doktrinen die Sätze Hegels
Steffens Schellings Baaders mischte Bald aber verwandelten sich diese
Olympischen Kränze in prosaische Dornen Die bekannten Verfolgungen begannen
Schon stand Rodewald als Gelehrter den kleinen Quälereien der Jugend entrückt
doch bezeichnete auch ihn die gemeine Servilität der damaligen meist
neueingesetzten Behörden mit ihrem gefährlichen Hic niger est Rodewald lebte
jetzt in der Hauptstadt Seine erste Schrift über einen Gegenstand des römischen
Rechtes im Mittelalter erregte Aufsehen Man bemühte sich ihn für jene bald um
sich greifende absolutistisch mystische Theorie zu gewinnen die von obenher so
begünstigt so reich mit Auszeichnungen belohnt wurde diese Philosophie vom
objektiven Gedanken diese beflissene Wiedererweckung der alten Kunst und
Literatur diesen neuen Kultus vor den großen Genien der vergangenen
Literaturepoche besonders dem weltbezwingenden aber höfischen Goethe in
dessen westöstlichem Divan auch Rodewald ebenso schwelgte wie ihn Faust und
Tasso umstrickten Der junge schöne hochgewachsene Gelehrte mit dem feurigen
Auge dem braungelockten Haare den feinen weltmännischen Manieren der
gewaltigen einschmeichelnden Rede wurde fast gegen seinen Willen vom politischen
Makel befreit in die genialkünstlerischen Zirkel gezogen den Räten der Krone
vorgestellt Rodewald gewann eine Professur wie man dem wilden Rosse der
ungarischen Ebene eine Schlinge über den Kopf wirft Andre sah er zurückgesetzt
ihn den nicht mehr Verdächtigen hob man Andre wurden verfolgt ihn den vom
burschenschaftlichen Standpunkt auf den philosophischästhetischen
Übergesprungenen zog man hervor Rodewald geriet in Widersprüche mit seinen
Freunden mit seinem eignen Schwager Wildungen in dessen Hause er nie mehr
genannt werden durfte er geriet in Widersprüche mit sich selbst Die
Verhaftungen die Absetzungen erschreckten ihn endlich Er sann ernster über
die Zeit nach und hoffte einen Ausweg in dem System der konstitutionellen
Politik zu finden deren Lehre damals neu war Aber nun kam er wieder in
Konflikte mit den Ministern und Räten die ihm seiner wissenschaftlichen
Richtung wegen so wohlwollten Um ein gefährliches Element zu entfernen gab man
ihm auf drei Jahre die Mittel in Italien zu reisen Handschriften zu
vergleichen Klöster und Abteien zu durchstöbern den Wandelungen des alten
Rechts in den italienischen Municipalinstitutionen nachzuforschen Rodewald
einen Bruch ahnend nahm diesen Vorschlag an Die Frauenwelt die Lust das
Leben ergriffen ihn Auf der Reise an den Ufern des Oberrheins im Kanton
Graubündten im Abteigarten von Ragaz an dem Sturz der von Pfäffers
herabschäumenden wilden Tamina lernte er Pauline von Ried eine leidende aber
interessante und sehr reiche junge Wittwe eine geborene von Marschalk kennen
Die Rosen und Epheukränze mit denen sich Faust schmücken wollte als ihm das
Studirzimmer zu eng wurde wand ihm die Hand einer poetisch gestimmten bizarren
Frau Drei Jahre blieb Rodewald mit der reichen leidenschaftlichen in Allem
excentrischen Pauline in Italien bald in Rom bald in Florenz bald in Neapel
wohnend Charlotte Ludmer sorgte für die grossartigste Bequemlichkeit die das
liebende Paar mit Poesie und Schwärmerei genoss Rodewald konnte sich sagen dass
er damals ein Wesen unendlich glücklich machte Pauline hätte erwidern müssen
dass sie es nicht immer verdiente Ihre Launen und Kapricen waren die einer Frau
die in einem Augenblick zu sterben fürchtet und im andern eine Lebenslust zeigt
die sie zum Trotz zur Eitelkeit zu hundert kleinen Konflikten mit der
Gesellschaft hinriss Es ist ein unverwüstlicher Trieb vieler Frauen die
bedeutendere Natur der Männer sich gleich zu machen die allzuhohen Türme und
Dächer in der Manneskraft abzutragen und die Stockwerke des gegenseitigen Baues
zu nivelliren wenn nicht gar den Mann ganz auf das Erdgeschoss zu verweisen Sie
ruhen nicht bis derselbe Mann den sie zu lieben vorgeben klein endlich
geringfügig vor ihnen steht Sie ruhen nicht bis es nicht den Anschein hat dass
ein Mann mit all seinen irdischen oder geistigen Vorzügen mit allen seinen
Erfahrungen und seinem gereifteren Wissen doch ihrer als tiefbedürftig und vor
ihnen pygmäenhaft klein erscheint Dasselbe Gefühl das hochherzige Frauen
treibt den Mann ihrer Liebe zu schmücken ihn zu erheben sein Wesen zu
verschönern ihn bedeutend selbst im Kleinen liebenswürdig selbst in Schwächen
zu finden wird bei Andern durch das Streben ersetzt die Gegenstände ihrer
Liebe hilflos arm pedantisch komisch kleinlich darzustellen bis dann
endlich die Vergleichung eintritt bis der Schleier der Selbstlüge fällt und
erkannt wird was man verlor vergleicht was man besitzt und besaß bejammert
dass man sich den schönen Traum des Glückes das Ideal der möglichen
Vollkommenheit mutwillig zerstörte Pauline kehrte nach drei Jahren mit
Rodewald in den Norden zurück Der Erfolg dieses Wiedersehens des
vaterländischen Bodens und seiner Verhältnisse war kein glücklicher Heinrich
Rodewald fand in den officiellen Meinungen und herrschenden Tatsachen nichts
was ihm wohltun konnte doch versuchte er eine Anknüpfung an seinen alten
Lebensberuf der ihm unter dem italienischen Himmel fast abhanden gekommen war
Darauf blickte Pauline von Ried mit Mistrauen sah seinen Fleiß sogar mit Neid
an Während sie an Brustkrämpfen auf ihrem Sopha im innersten Atem
zusammengeschnürt lag und stöhnte litt sie noch qualvoller an der Vorstellung
Dein Angebeteter weilt jetzt in dieser Gesellschaft wird bewundert verehrt
hervorgezogen in jener Sie konnte nicht hören dass man seinen Geist seine
Schönheit rühmte Alle Frauen erschienen ihr Feindinnen die ihr den Tod
geschworen hatten Sie fesselte Niemanden sie war nie schön Nur ihre Gestalt
hob sie und ihr Reichtum und da sie kränkelte konnte sie weder jene noch
diese geltend machen So endete die Krisis damit dass die Ärzte ihr einen
dauernden Aufenthalt im Süden vorschrieben Von Heinrich Rodewald wurde
stillschweigend vorausgesetzt dass er sie begleite Als er zögerte welche
Szenen Welche Tränen welche Kämpfe Er widerstand diesem Jammer nicht
Ohnehin in keiner der Voraussetzungen des damaligen politischen und religiösen
Lebens sich zurechtfindend folgte er Paulinen willenlos Welche qualvollen vier
Jahre Eben der Anblick irgend eines reizenden oder majestätischen Schauspiels
der Natur dann Eifersucht physische Leiden lange Reisepausen in kleinen
elenden Städten um nur Paulinen Ruhe zu gönnen bis sich ihre unverwüstliche
Natur erholt hatte Er war in Paris in Spanien sogar in der Schweiz in
Italien und Griechenland mit dieser Frau die ihn nicht heiratete
eingestandenermassen um ihrem Adel nicht zu entsagen Es folgten ihnen immer
zwei Fourgons mit Gerätschaften zwei Bediente zwei Kammerzofen außer der
Ludmer und einem Kurier Es war die Zeit der großen Reisen Die Friedensepoche
der Sturz und Tod Napoleons hatten wie nach einem Gewitterregen das ganze
Erdreich lebendig gemacht Es wimmelte von Anmassungen Verschwendungen
Tollheiten und dazwischen stand Absolution erteilend eine Religion die den
unbedingten Glauben lehrte und eine Philosophie die Austern und
Gänseleberpasteten verzehrend vor Geheimratspolitik sich beugend behauptete
»Alles was ist ist vernünftig«
Zu Paulinens Eigentümlichkeiten gehörte ein ausgedehnter Briefwechsel Sie
hatte große Befriedigung davon mit aller Welt in Verbindung zu stehen Da sie
wusste dass das beste Mittel Briefe zu ernten Das ist Briefe zu säen so war
Rodewald froh sie sich doch am Schreibtisch sammeln da sich bilden und
beruhigen zu sehen Ihre Nerven bedurften der Schonung Ihr Leben war nicht ohne
Gefahr Sie befand sich in jenen Krisen eines Körpers der lange mit drohenden
Übeln kämpft bis die Natur sich gleichsam gefunden hat und nach solchen
Störungen oft ein wunderbar gutes Befinden zurücklässt Aus diesen Briefen ergab
sich eine sehr zärtliche Beziehung zwischen Paulinen und Amanda von Bury einer
jungen schönen Adligen die das Glück hatte man nannte es Glück den Liebling
der damaligen Monarchenwelt den tapfern Haudegen Grafen von Hohenberg zu
fesseln und seine Gemahlin zu werden Wir kennen jenes Glück Die junge Gräfin
hatte einige Jahre der Qual durchgelitten als sie es bei den für sie immer
beschränkten Mitteln ihres Gatten durchsetzen konnte eine Schweizerreise mit
einem Aufenthalt in Landeck zu verbinden und ihre geliebte Freundin Pauline von
Ried dort wieder zu sehen Wir kennen die Geschichte dieses Wiedersehens
Der menschliche Geist hat seine geographischen Bedingungen Was ihm unter einer
deutschen Eiche zu fassen zu empfinden unmöglich ist weht ihm die Luft unter
einem italienischen Orangenbaume zu Heinrich Rodewald lernte eine vornehme
aber gedemütigte mishandelte ihre Hand hülfeflehend nach Schutz und Rettung
ausstreckende junge Frau kennen ein gutes sanftes schwärmerisches Herz aber
einen wenig gebildeten Geist Ihm tat diese Mischung wohl er liebte Amanda von
Hohenberg Pauline wurde getäuscht Sie hatte das Recht in ihrer Sprache von
Dolchen zu sprechen sie dachte an Gift Mord und Verrat und doch glaubte sie
nicht Sie war zu stolz dafür anzunehmen dass in vier Wochen während ihr das
Wiedersehen der Freundin durch ein Krankenlager verdorben wurde sich ein so
folgenreicher Roman anspinnen konnte wie der zwischen Rodewald und der Gräfin
Hohenberg die in dem stolzen Manne einen Unglücklichen einen nach Erlösung von
sich selbst Schmachtenden antraf Es stand zwischen ihnen fest dass sie das
damals nicht seltene Schauspiel einer Ehescheidung und einer Mesalliance
aufführen wollten Und bald sollte Das geschehen in kürzester Frist mit offenem
Geständnis aller dabei notwendigen Rücksichten Amanda reiste ab Der erste
Brief schon kommt verspätet der Graf ist ein Millionär geworden Der zweite
kommt noch verspäteter der Graf ist Fürst geworden Pauline ahnte
triumphirte Rodewald bekämpfte seinen Schmerz und brütete über einen
Entschluss Schon jetzt hätt er ihn ausgeführt schon jetzt sich losgewunden
aber Pauline war krank wurde bedenklicher musste nach Haus zurück glaubte zu
sterben Die Entdeckung die sie über Landeck machte stieß ihr das Herz ab Das
Verlangen nach Rache zerwühlte die Eingeweide Sie sah dass die Fürstin Amanda
sich mit Rodewald verständigen nach ihrem möglichen Tode oder selbst wenn sie
noch siechte mit dem Vater ihres Kindes sich aussöhnen und sich die Anlehnung
an eine bedeutende ihr so nahestehende Persönlichkeit nicht würde entgehen
lassen Da fiel sie auf den Gedanken ein junges Mädchen das zu ihrer Pflege
nach Ems gekommen war das von ihrem Leben ihrem Vermögen abhing die Nichte
ihrer armen Schwester einer Wittwe des jung verstorbenen Landrats von Harder
zu Rodewalds Frau zu machen Dieser in solchen äußersten Lagen oft vorgekommene
Plan gelang ihr Dem jungen sechszehnjährigen Kinde wurde Rodewald als das Ideal
eines Mannes geschildert als eine in menschlicher Gestalt auf Erden wandelnde
Gottheit Rodewald erschöpft und lebensüberdrüssig zwischen Faust und Don
Juan schwankend ließ sich die Liebe dieses reinen Kindes gefallen Egon von
Hohenberg wurde inzwischen geboren Pauline sah Rodewalds Bewegung zitterte
vor seiner Unruhe die Ludmer entdeckte Briefe der Fürstin er schien ihnen
verloren für sie und ihre masslosen Bedürfnisse er grübelte so verdächtig er
brütete so wehmütig er schloss sich so oft ein er sah so ernst auf Karten die
vor ihm ausgebreitet lagen Wenn er sich mit Amanda wiederfände Nein Selma
von Harder musste ihn umschweben wie ein neckender Luftgeist der ihn in heitre
Regionen zog Er sah des Kindes Verehrung des Mädchens reine Liebe Selma
erkannte dass dieser Mann von acht und zwanzig Jahren wie ein hohes Standbild
unter dem gemeinen Gestrüpp der Alltäglichkeit emporragte Sie liebte den Mann
den auch ihre Tante so hoch verehrte Der Einspruch ihrer Mutter die in der
Ferne von diesen Wirren erfuhr war der entschiedenste Selma wurde
zurückgefodert aber von Paulinen nicht gegeben Anna kam selbst Sie verriet
ihren tiefsten Abscheu vor Rodewald einen Abscheu den er unter Umständen bis
zur Vernichtung begründet erkannte Aber Selma blieb von ihm bezaubert
Festgebannt von seinem Auge von seinem Ernst von seinem ganzen Wesen gebunden
blieb sie in der Residenz nur bei Paulinen Anna hatte alle Mutterrechte
verloren Damals jünger eifriger noch nicht gebrochen wie jetzt noch nicht
geknickt in ihren Aufflügen zu einem freien eignen Willen benutzte Anna alle
Mittel ihrer natürlichen Autorität Sie verfehlten aber ihren Zweck Die
Verbindung zwischen Rodewald und Selma hatte Pauline einmal als Mittel erfasst
sich diesen Mann auf immer zu sichern ihn wenigstens nicht Denen preiszugeben
die sie betrogen hatten Die Fürstin von Hohenberg noch nicht wiedergeboren
noch nicht versöhnt mit ihrem Erlöser lechzte nach Aussöhnung mit dem Vater
Egons Sie schrieb sie bat endlich war der Augenblick einer Wahl über die
Zukunft seines Herzens so dringend vor seinen nächsten Willen gestellt dass er
tief über sich selbst erschaudernd den Entschluss fasste diesem Elend ein Ende zu
machen sich zu einem neuen Leben zu sammeln mit Selma von Harder über die
Meere in einen neuen Weltteil zu ziehen
Das reine hingegebene Herz hatte keinen andern Willen als den des
geliebten angebeteten Mannes Sie entfloh mit ihm Anna ihre Mutter glaubte
die Spur in Frankreich suchen zu müssen sie verlor sie und konnte sich nur
trösten in der Ergebung an das Unabänderliche
In Amerika begann der Vater Egons von Hohenberg jene Läuterung zu der
empor sich nur Derjenige schwingen kann der einst nicht aus Armut sondern aus
Überfülle des Herzens fehlte Ein karges Gemüt eine leere Phantasie kann nie
anders als nur einmal leben Ein reicher glühender Geist setzt wie der Baum Ring
an Ring und baut auf Trümmer neue Welten Rodewald war ein Sieger wo er
auftrat In seinem alten Sinne wollte er nicht mehr siegen er wollte kämpfen
und sah im Siege nur den Lohn der Mühe Menschenfeindlich war allerdings sein
Herz geworden Das musst er sich zum Vorwurf machen und an diesem Übel krankte
er lange Er suchte die Einsamkeit er floh die Menschen er hasste sie Amerika
bot ihm die Fülle neuen Lebens aber den Egoismus sah er grade hier in seiner
vollsten Blüte und so erfüllt von Poesie und Romantik war noch sein Herz dass
er sich in die neuen Formen des Staates der Gesellschaft der Sitten hier nicht
finden konnte Die Schauer der Natur suchte er die hoben ihn Dem Urgeist sich
nahend der in den Wäldern an den wallenden Strömen rauschte beugte er sein
Knie und sein Hass milderte sich da er Manchen sah den es wie ihn getrieben
hatte sich in diese Uranfänge des Lebens zu flüchten Manches Jahr blieb seine
Ehe kinderlos Dann wurde ihm Selma geboren er nannte sie wie die Mutter Er
sagte sich Du bist zuweilen noch zornig zuweilen noch aufbrausend du willst
dein Kind nennen wie die Mutter so wirst du erschrecken wenn du mit dem Kinde
sanfter sprichst wie mit deinem Weibe oder sanfter mit deinem Weibe wie mit
deinem Kinde also ein Ton für Beide Rodewald kaufte nach manchem
gescheiterten Experiment nach mancher harten Erfahrung eine Niederlassung am
Missouri Diese erweiterte sich Hier begünstigte ihn das Glück Er fand gute
Nachbarn die ihm Geschäftsgenossen wurden Es bildete sich eine Kolonie von
Freunden die das Glück in guter Laune erhielt Auch die Herzen trüben sich
so wenn der Himmel trübe wird Diesen Genossen blieb er heiter Sie verkauften
Bauholz Getreide Tierhäute sie erwarben Alle Es war ein Landstrich von
einigen Meilen zwischen jeder Niederlassung ein Stück Wald und Feld aber
meilenweit machte der ganze Bund sich verständlich Sie hatten Zeichen die
immer den Zusammenhang sicherten Viele Bürger der Union viele Reisende
besuchten MissouriGarden wie die Kolonie sich nannte und Meister Harry war
der Gärtner dieses Gartens oder in ihm die majestätische Baumkrone Hier war es
wo Otto von Dystra zuweilen vorsprach zuweilen jener Morton aus Newyork in dem
sich ein Deutscher vermuten ließ ohne dass der doch gleichfalls deutsche Farmer
Harry forschte Harry erwarb wurde wohlhabend für den Kontinent vermögend
Aber Selma starb und mit ihrem Tode bedrängte den Vater der Gedanke an die
Zukunft seines Kindes Er hatte dem Chaos der eignen Brust genug getan Mit dem
Tode der Frau die er sich durch eine Umwälzung der Seele gewonnen war ein
alter Ring seines Lebensbaumes abgesetzt ein neuer drängte Er wollte zurück um
seines Kindes willen Er hatte der Mutter versprochen sich mit Anna von Harder
auszusöhnen und ihr Selma zu bringen falls sie sie besitzen die Enkelin
anerkennen wollte Er rechnete auf eine harte Prüfung Er wollte sie tragen
Amandas Tod hatte Rodewald erfahren auch Paulinens neue Heirat mit
Annas Schwager Diese Verbindung schien bedenklich Er beschloss erst unter dem
Namen Ackermann den Kontinent wiederzusehen Der Pächter Harry verpachtete seine
Niederlassung in MissouriGarden nahm nicht für immer von dort Abschied
erhielt mancherlei Aufträge für Europa auch jenen von dem unglücklichen Morton
und kehrte auf den Boden der Heimat zurück mit seinem Kinde das ihn als Knabe
begleitete Er sah die Residenz später als Schloss Hohenberg Er war in Plessen
betrachtete das Denkmal der heimgegangenen Fürstin wir sahen seine Rührung Er
erfuhr die Wendung aller der Verhältnisse die einst hier geherrscht hatten er
entdeckte Irrtümer Wahn Verblendung Elend sogar und Armut da wo sein Herz
so beteiligt schlug Er lernt Dankmar Wildungen kennen Der junge Mann fesselt
ihn er fesselt sein Kind Sie liebt ihn schon als er mit bebendem Entsetzen
erfährt damals am gelben Hirsch erfährt dies wäre Prinz Egon Fast
besinnungslos folgt er dem Zuge der vom Schloss in die Residenz fuhr nach dem
Heidekrug Er will seinem Sohne wenn er es wäre sich zu nähern suchen Er
kommt zu spät in der Herberge an Es ist schon Nacht es ist Mondschein
Alles schläft Dass Egon unter diesen zusammengewürfelten Menschen der
Alltäglichkeit diesen Gläubigern des Fürsten Waldemar im Incognito lebte
schien ihm so natürlich Wie lockte ihn der Familienzug der in Dankmar
Wildungen seinem Neffen lag schon mit natürlicher blutsverwandter Gewalt Er
kommt in die Lage Abends als er Geräusch auf dem Korridor hört im Mondschein
sich Dankmars Schlafzimmer zu nähern er empfängt von dem schönen vor dem
unheimlichen Störenfried Hackert erschreckenden Mädchen ein Bild das er
bedeutet wird in jenes Zimmer zu tragen Sie entschlüpft Er betrachtet das
Bild Es ist die Fürstin Amanda Zitternd nähert er sich dem nun gewiss
gefundenen schlummernden Sohne legt das mit seinen Küssen bedeckte Bild unter
Dankmars Haupt und nimmt eine Locke von seinem Haupte Diese Locke wie hielt
er sie hoch Wie verehrte er sie als das Einzige was er von Egon besitzen
durfte von Egon auf den er Dankmars Männlichkeit und Adel übertrug Dass er
sich entschloss seine Kenntnisse von der Pflege des Bodens der Rettung seines
Kindes zu widmen war ein Gedanke der ihn mit blitzschneller Begeisterung
ergriff Da ist mein Geld da meine Hand nimm mein Sohn dein Vater wird für
dich sorgen So hätte er sprechen mögen zu dem kranken Prinzen im Schloss als
er diesen Schlurck fast vor Zorn niederwarf Aber konnte er so sprechen Konnte
er sich verraten als Louis Armand die Nachricht brachte Dein Wunsch ist
erhört Wie glücklich war er in der Werkstatt der Maschinenbauer in jener Nacht
als er bei Willing und Leidenfrost die Hilfsmittel seines ihm liebgewordenen
Berufes bestellte Wie freudig griff er seine schwere dem früheren idealischen
Leben so fremde Aufgabe an wie ergeben räumte er die sich ihm bald
darstellenden Schwierigkeiten aus dem Wege Es gilt deinem Sohne dachte er
deinem Sohne der dir gehört vor Gott und Amandas unsichtbarem Genius Kein
Mensch auf Erden kann wissen welcher innern Mahnung du hier folgst und welches
der wahre überschwengliche Lohn deiner Mühen die gottgefällige Himmelsblüte
deiner Arbeit ist
Freilich bekümmerte ihn nun Alles was er von Egon erfuhr Er erlebte das
Verletzendste Nichts konnte so gefährlich sein als die Entdeckung die er über
Selma und des Mädchens liebende Neigung machte Schaudervoll ergriff es ihn als
er dies keimende Regen und Wachsen in des Mädchens Brust beobachtete Die
Tragödie der alten Welt der Fluch des Schicksals schien mit dunkeln Fittichen
über ihn niederzuschweben Welcher Beherrschung bedurfte er damals als Louis
Armand zum Besuche kam die Anklagen gegen Egon wuchsen und Selma sein Kind
immer parteiischer immer gereizter für das Ideal aufloderte das einmal von
ihrem Auge nicht weichen wollte Ein qualvoller Winter für ihn der ihn unfähig
machte irgend etwas zu beginnen was nicht in nächster Verbindung mit seiner
Pachtung stand Er hätte doch nun seinen wahren Namen sagen Verbindungen mit
Anna von Harder anknüpfen Erkundigungen einziehen müssen er war nicht im
Stande sich zu sammeln nicht fähig den geringsten auf die Lösung dieser
Herzensaufgabe bezüglichen Entschluss zu fassen Dann aber die Wonne die
Erleichterung der beschwerten Brust Dies selige jauchzende Aufatmen des
gepressten Herzens als Selma in den Armen eines jungen Mannes lag der sie zu
umarmen den Mut besaß weil er sie nur für den Knaben nehmen wollte und sie
sie nahm ihn für ein Wunder denn Egon der Verfolger seiner Freunde konnte ja
nicht der Verfolgte selber sein es war ein Wildungen Dankmar der Sohn der
eignen Schwester des Vaters Dankmar des Vaters Neffe
Der Flüchtling wurde auf die leichteste Art verborgen gehalten Der
entfernte Bart die gestutzten Haare eine sommerliche ländliche Tracht ein
großer breitrandiger Strohhut gaben ihm bald ein Ansehen das Niemanden an den
im vorigen Sommer hier so rätselhaft aufgetauchten Doppelgänger des Fürsten
erinnern konnte Die Zahl der Menschen die vom Generalpächter zu seinen
Unternehmungen verwandt wurden war über Hundert gewachsen Unter ihnen verlor
sich Dankmar um so mehr als er nicht etwa im Ullagrunde bei Ackermann wohnte
sondern in dem entlegeneren Randhartingen wo er für einen jungen Ökonomen galt
der sich besonders im Schreiberfach dem Generalpächter nützlich erwies
Glücklicherweise hatte Dankmar eine Wohnung gefunden die ihm gestattete fast
in allen seinen Bedürfnissen für sich selbst zu sorgen Mehr als er wünschen
konnte fühlte er sich allerdings im Verkehr mit Selma gehemmt Allein ohnehin
lag es schon in der notwendigen Rücksicht auf den Vater begründet dass zwischen
ihnen gleichfalls still und verborgen mehr die verwandtschaftlichen Bande als
die der Liebe geltend gemacht wurden Rodewald hatte die Freude als er sich
Dankmarn in seiner Eigenschaft als jener schlimmberufene Oheim zu erkennen
gegeben hatte in diesem Verwandtschaftssinne die zwischen den jungen Liebenden
herrschende Vertraulichkeit mehr deuten zu dürfen als in dem leidenschaftlichen
Charakter eines die Andern ausschliessenden zärtlichen Besitzes Es ist ein so
wehmütiges Gefühl für einen Vater der seines Gemütes einzige Befriedigung in
der Liebe seines Kindes fand diese plötzlich mit einem Eroberer teilen ja wohl
ganz an ihn verlieren zu sollen Ein Vater der einzige Schutz und Hort seines
Kindes sieht ist dies Kind ein Sohn diesen plötzlich nur für das Wohl und
Wehe einer fremden Familie deren schönstes Kleinod er liebt erglühen oder es
geschieht dass seine einzige Tochter das Pfand der Liebe eines
dahingeschiedenen Weibes und die letzte Erinnerung an seine eigne Jugend ihm an
einen Mann verloren geht der unter seinen eignen Augen die reinen Lippen die
nur ihm sonst in kindlicher Liebe schmeichelten mit seiner Leidenschaft
bestürmt Manche Väter manche Mütter wissen oft nicht dass das Gefühl das sie
gegen einen Bewerber um die Gunst ihres Kindes hart erscheinen lässt eine in
ihnen tief wurzelnde Eifersucht ist Dankmar mit dem in allen Dingen ihm
innewohnenden Takt erkannte dies Gefühl Wo ihn nicht Ort und Stunde
begünstigten verlangte er für seine heiße Liebe nie die Linderung durch
sichtbare Zärtlichkeit Und weil Rodewald diese Schonung fühlte wurde ihm der
wackre Sinn des neugewonnenen Sohnes nur um so ehrenwerter und mit wahrer
Freundschaft schloss er ihn in sein Herz
Es gibt auch wenig so gefällige Verhältnisse im Leben als in dem mystischen
Bunde dem vielverspotteten und zur Prosa des Lebens herabgewürdigten Schwieger
und Schwäherbunde Gleichartigkeit der Gesinnung und Stimmung Rodewald hatte
die Freude in Dankmar einen Sohn zu gewinnen der neben ihm stand wie das
jüngere Abbild seiner selbst So fast nahm er selbst einst das Leben ehe seine
Bahn von Andern durchkreuzt wurde So fast ging stand hielt er sich wie
Dankmar Welche ruhige Erörterung mit ihm über die nächste und entferntere
Zukunft Welches Maß in der richtigen Abschätzung des Möglichen Welche
besonnenen Zumutungen an das Leben welche richtigen Voraussetzungen über die
Charaktere ihren Egoismus ihre Schwächen wenn es sich um Personen handelte
Dankmar war durch Natur durch Studium und frühe Lebenserfahrung der Philosoph
der sein Oheim erst durch die bittersten Prüfungen und jene läuternde edle Reue
wurde die Dankmar nicht in sich mit Beklommenheit zu hegen brauchte da er was
er begann immer besonnen überdacht und auf ein ehrliches Gelingen angelegt
hatte Es ist ein Himmelssegen für einen Mann in den Jahren Rodewalds sein
Kind unter der Leitung eines Charakters zu wissen wie Dankmar Wildungen war
Wol gab es auch zwischen ihnen manche Differenz Die noch jugendliche
Auffassung mancher Dinge besonders der Gefahr der lebendigere Farbensinn für
das Kolorit und die Poesie des Lebens die Pläne über den Abschluss einer
Verbindung mit Selma gaben noch Gelegenheit zu manchem Widerspruch Doch hoben
diese streitigen Ausnahmen nur die herrschende Regel des Friedens Einer
verstand den andern beide lebten sich wie in eine Seele ein Selbst der Prozess
selbst die Sache des Bundes gab keinen Anlass zu einem Scheidewege Dankmar
sprach über beide Angelegenheiten mit der dem Juristen eignen kritischen Prüfung
aller Möglichkeiten Die Entgegnungen Rodewalds widerlegte er nicht durch einen
blinden den Tatbestand übersehenden Enthusiasmus sondern ließ Das was
unwiderleglich war gelten und gestand es zu wenn sein Suchen nach Abhülfe
vergeblich gewesen war Rodewald kannte die Familientradition und lobte Alles
was Dankmar zu ihrer Geltendmachung versucht hatte Der Prozess schwebte nun in
dritter Instanz beim Obertribunal Ein rätselhaftes Dunkel umspann eine
Angelegenheit die um so verwickelter wurde seit Dankmar und sein Bruder
Flüchtige Verfolgte waren Doch wussten Beide dass darum eine civilrechtliche
Frage nicht stocken konnte War sie doch aus dem trüben Sumpf der ersten
Gerechtigkeitsstadien wo die polizeiliche Gewalt an der Waagschale der Temis
nur zu oft die Gewichte zu verfälschen sucht glücklicherweise herausgetreten zu
einer Region wo man ein Europäisches Aufsehen wohl fühlen musste und eine
Entscheidung zu geben hatte ähnlich der wie über die bekannte Mühle bei
Sanssouci Bedenklicher konnte die Anwendung scheinen die Dankmar einem
möglichen Gewinne bestimmt hatte Es war die Überzeugung in den Brüdern fest
dass mit Ehren diese Güter nur zum Besten einer Idee verwandt werden konnten und
diese Idee wie war sie gewachsen wieviel Blüten und Früchte trieb sie nicht
schon wie konnte sie sich entfalten wenn das Erbteil des Komturs Hugo von
Wildungen in den Bund zurückfloss der sich an die Ritter vom Grabe zu Jerusalem
anschließen sollte Aber Rodewald folgte auch diesem Labyrinthe von Träumen und
gefährlichen Hoffnungen nicht mit der platten Logik der Alltagsüberlegung die
hier unbedingt gesagt haben würde Ihr seid Toren Er dachte sich in den
Zusammenhang der Ideen Dankmars hinein staunte dass er selbst die Veranlassung
gegeben diese Gedankenreihe einst anzuspinnen bewunderte wie weit schon ein
nur so flüchtig in einige Gemüter geworfener Funke gezündet hatte War ihnen
Beiden doch geschehen dass sie bei einem kleinen Ausfluge in nahegelegene
Ortschaften Spuren entdeckten dass der Bund der Ritter vom Geiste da lebte und
wirkte wo sie den Weg der Verbreitung kaum ahnen konnten Es ist damit sagte
Rodewald wie mit dem Entstehen von Wäldern an Orten wo sie Niemand säete Die
Vögel tragen den Saamen durch die Luft Eine eigentümliche auf das
vierblättrige Kleeblatt deutende Handbewegung hatte Beide Rodewald und Dankmar
schon mit Begegnungen in Verbindung gebracht die sonst die flüchtigsten gewesen
wären Sonst stumm und kaum grüßend an ihnen vorübergegangene Menschen waren
ihnen durch ein einziges Wort vertraut geworden Man sprach allgemein von einem
weitverzweigten Bunde dessen Obere Niemand kannte dessen Statuten noch
ungeschrieben waren der aber mächtiger hervortreten würde wenn eine gewisse
Hoffnung über die verschiedene Versionen liefen sich erfüllen würde Nicht
einmal dass diese Hoffnung der Prozess der Gebrüder Wildungen war ja nicht
einmal dass Dankmar Wildungen für den Stifter des neuen Templerordens gelten
musste war Jedem außer der forschenden Regierung bekannt Dennoch blieben die
Pflichten des Bundes kein Geheimnis Die Teilnehmer wussten Alle dass er auf den
Grundsatz geschlossen war Du sollst Gott mehr dienen als den Menschen Du
sollst die grade Straße deiner Überzeugung gehen nicht Not nicht Überfall und
Gewalttat auf ihr fürchten sondern in jedem Loose auf die Hilfe warten die
dir zur rechten Stunde von Denen wird die über dir wachen
Rodewald seit lange schon so wenig Idealist wie es ein auf Erde Regen und
Sonnenschein angewiesener Arbeiter nur sein kann Rodewald ging in seiner
Übereinstimmung mit Dankmar so weit dass er gradezu von unsrer Zeit zugab sie
wäre reif zu einer neuen Messiasoffenbarung Was würden denn die Mächtigen der
Erde beginnen mit einer Persönlichkeit die alle Bedingungen eines großen
Propheten trüge Sei er nur rein in seinen Anfängen achtbar in seiner Bildung
begabt mit der Macht der Rede sei er nur tief in seinen Studien um vor dem
Dünkel der Gelehrsamkeit nicht erschrecken zu dürfen sei er nur sittenrein in
seinem Wandel entaltsam bescheiden fessle er den Menschen durch eine
gewinnende Persönlichkeit und sei er ein großer Dichter des Lebens der würdig
ist sein eigener Gegenstand zu sein wer wollte ihn dann in Banden halten
fesseln vernichten mürbe machen durch die kleine Quälerei unsrer Zivilisation
Er würde nur zu lehren brauchen Ich komme als ein andrer Christus der Das der
Welt sein muss was dieser den Juden war Ich komme als ein Richter und
Strafredner über den Pharisäismus dieser Tage der mit den Unterdrückern des
geistigen Lebens buhlt statt die Menschen von der Geschichte zu befreien das
Individuum von der Gesellschaft die Gesellschaft vom Staate den Staat von den
Personen und den Vorrechten der Geburt Was würde man ihm denn Höheres tun
können als sein Leben nehmen Würde dieser Tod freudig ertragen nicht grade zu
den Merkmalen gehören die ein neuer Erlöser der Menschen tragen müsste Es ist
eine Stille in den Seelen der Menschen eingetreten die das Ohr schärft das
Wehen und Nahen der Gottheit zu vernehmen
Und wenn Dankmar fortfuhr dass jetzt nicht mehr ein Individuum allein Das
vermöchte was ein Märtyrer vor zweitausend Jahren sondern dass sich wohl der
rein und klar herausgestellte Begriff der Menschheit an sich selber zum Befreier
würde so widersprach Rodewald nicht sondern dachte nur darüber nach wie man
den Bund der streitenden Brüder vom Geiste zum möglichen Abbild der reinen
Menschheit zum Sammelplatze aller wahren Lebenskeime der Geschichte erheben und
man nach Abzug der endlichen Bedingungen die allerdings jede irdische
Unternehmung verkürzen mit der Zeit diejenigen Wohltaten segnend über die
Jahrhunderte ausgiessen könnte die nicht mehr in der Macht eines einzelnen
Messias liegen würden Die stillen Abendstunden und der Sonntag wurden dem
Austausch von Gedanken und Vorschlägen für diesen Zweck gewidmet Die
Erfahrungen der Politik der Theologie der Seelenlehre des Rechtslebens wurden
zwischen ihnen ausgetauscht Dankmar der für den Schreiber des Generalpächters
galt las und schrieb genug aber es waren Studien über die Gesellschaft Was er
von Büchern brauchte verschafte Rodewald aus Bibliotheken selbst entfernten
Er entlieh für sich was für Dankmar bestimmt war Auch der Briefwechsel den
Dankmar zu führen hatte nahm seine Zeit in Anspruch Auf Umwegen mit
schützenden Adressen kamen ihm Nachrichten von den Freunden vom Bruder zu Die
Rettung Leidenfrosts und des Majors von Werdeck herbeigeführt durch Jagellona
die auf der Veste Bielau einen greisen Invaliden entdeckt hatte Max Brüning
den Vater Leidenfrosts jenen Bayer der nach französischer Gefangenschaft und
langem Krankenlager in der Fremde die Spur der im Kloster zum Herzen Jesu
niedergelegten Kinder jenes auf den Eisfeldern Russlands dem sterbenden
Stanislaus Kaminski abgenommenen Mädchens und seines eignen ihm von seinem in
Gnesen gestorbenen Weibe hinterlassenen Sohnes nach Polen hin verloren hatte
und für eine Befreiung des Majors leicht zu gewinnen war nachdem sie selbst mit
Hilfe des von Schlurck endlich erhobenen Geldes Leidenfrosts Fesseln zu
sprengen gewusst hatte diese fernweilenden Menschen vergrösserten den Kreis
Derer mit denen Dankmar in Beziehung bleiben konnte Man drängte in ihn jetzt
ihnen nachzufolgen man fand sein längeres Verweilen auf einem Boden den der
reaktionäre Terrorismus Egons von Hohenberg so gefährlich gemacht hatte für
Vermessenheit Er schrieb den Freunden er fände schwerlich im Auslande die
Musse so im Zusammenhänge der Aufgabe zu bleiben die er sich zunächst hätte
stellen müssen die Vorarbeiten zu zeitigen zum ersten großen Bundestag den er
auf den September des nächsten Jahres ansetzte
Rodewald freilich hatte einen andern Grund Dankmarn oft an die
Notwendigkeit nun doch ins Ausland zu gehen zu erinnern Die Zeit rückte
heran wo er über Selma einen Entschluss fassen musste Er fühlte dass an seiner
einmal festgehaltenen Absicht sein Kind zu Anna von Harder zu führen nichts
geändert werden durfte Auch entging seiner Erinnerung an die Sitten und die
Bildung der großen Welt keineswegs wie sehr Selma noch die nachhelfende Hand
einer höheren weiblichen Erziehung bedurfte Zwar sagte Dankmar auf solche bang
ihn erschreckenden Worte Du wirst mir den Blütenstaub von meinem Mädchen
streifen Du wirst ihr nehmen was grade ihr schönster Schmuck ist Aber bei
aller Freude an der Selma eignen heitern kindlichen Naivetät schüttelte der
Vater das Haupt und blieb dabei sie hätte erst noch eine Prüfungszeit zu
überstehen unter den Augen ihrer Großmutter wenn sie sie annehmen will Es ist
das Haus wo ich um ein lateinisches Wort propinqui equites den Prozess
verliere sagte Dankmar Und Rodewald erwiderte Wenn sie Selma wie ihr Kind
begrüßt und mir vergibt so lass es uns ein gutes Zeichen sein dass wir
beweisen Hugo von Wildungen trat die Erbschaft seiner ganzen Familie und nicht
den im Orden befindlichen Verwandten ab die du in den Verzeichnissen von
Angerode nicht hast entdecken können falls in der Tat die Equites geistliche
Ritter sein sollen und nicht vielmehr Adlige und Ritterbürtige überhaupt denen
allein die Erbfolge in großen Lehnen gestattet sein konnte So mischte sich
auch der alte Sachsen und Schwabenspiegel in die Idylle des Herzens
Selma sah mit Bangen den Tag heranrücken wo sie vom Vater und Geliebten
zugleich scheiden sollte Jenen konnte sie doch wiedersehen Dieser aber auf
die Verborgenheit angewiesen verbannt in die Ferne verschwand ihr wie die
rettende Hand einem Ertrinkenden verschwinden mag sie glaubte ohne ihn vergehen
zu müssen Dankmar Dankmar So bebend so jammernd konnte sie diesen Namen
rufen als wenn sie sich auf ewig nun von ihm hätte trennen sollen und sie jener
Königstochter gliche die von den Göttern als Opfer für die glückliche Fahrt
der Griechen gefordert von den herzlosen Eltern auch auf den Altar der Diana
hingegeben wurde Ihre Seele war in dem letzten trüben Winter zu schwer belastet
gewesen Es waren Klänge durch ihr Herz gezogen wunderbar traurige Klänge die
das Glück der Täuschung des wunderbaren Entdeckens eines ihr verwandten sie
liebenden Mannes wohl mit leichten Melodieen verdeckte nun aber brachen sie
melancholisch klagend genug wieder hervor und oft sagte sie zum Vater Lass uns
ewig Ackermann heißen lass uns bleiben was wir sind die Mutter segnet das
Glück ihrer Tochter Nur du nur Dankmar haben Ansprüche auf mich Es war
ein ernstes Sinnen das nach diesem im Spätsommer fast täglich wiederholten
Drängen seines Kindes den Vater überfiel aber immer entschied für die alte
Verabredung das Gelöbnis an die sterbende Mutter der Hinblick auf Selmas nicht
ausreichende Bildung und ein Ahnen das der Vater in den Worten aussprach Ich
weiß nicht was mich in die verschwiegene Behausung zieht die Anna von Harder
vor den Toren der Residenz bewohnt Wir fuhren zwei Mal an ihr vorüber Weißt
du einmal mit jenem unheimlichen Begleiter dem Nachtwandler der uns den Namen
Tempelheide und die Bewohner nannte und dann als wir von der Maschinenfabrik
kamen von der rauschenden Musik des wilden Balles Jedes Mal klang ein
melodischer Luftauch von dem dunklen Gehöfte her Du schliefst Aber mir wars
als mahnten mich die Töne die ich hörte als riefen sie Du gehst hier vorüber
richtest nicht die Grüße deines sterbenden Weibes aus Hörst sie nicht wie sie
dich mahnt Es muss sein Selma Die Liebe wird sich bewähren Es hindert mich
nichts nichts Rodewald zu heißen Dankmar wird in zwei Jahren dich heimführen
in eine Welt die bis dahin in tausend Dingen kann eine andere und unendlich
bessere Gestalt gewonnen haben
So blieb es bei der Trennung Sie konnte nichts auflockern was zwischen den
Liebenden feststand Selma war Dankmarn gleich anfangs als das Abbild jener
Weiblichkeit erschienen die dem starken und gesunden Mannesgeist allein genügen
kann Fern von jeder grellen berechnenden Gefallsucht hatte sie ihr gut Teil
Evanatur wie alle aus der Rippe Adams Gebornen Sie sah weit lieber dass sie
gefiel als dass sie abstiess oder gleichgültig ließ Aber sie eroberte ihren
Beifall nicht durch unerlaubte Mittel Sie gab sich kein Air von Empfindungen
die ihr fremd waren Sie schlug die Augen nicht auf um schwärmerisch zu
erscheinen sie lächelte nicht süß um ihre blendenden Zähne zu zeigen sie
kämpfte ihre Wallungen ihre Meinungen ihre kleinen Reizungen sogar nicht
nieder sondern gab sich wie sie dachte und wie sie oft nur zu natürlich
empfand Da fehlte es an Torheiten gar nicht besonnener Zuspruch fand bei ihr
immer zu tun Nur kam es auf den Redner an auf seinen Ton seine Lehre seine
Absicht Selma sprang mitten in eine Predigt ihres Vaters und erstickte sie mit
Küssen und Tränen Wie flogen da die braunen Locken wie glänzten die
dunkelblauen Augen wie lieblich klangen die Schmeichelworte und wie konnte sie
dann bitten sie nur ja nicht an Dankmar zu verraten Grade verraten Grade
weil du den Freund täuschen willst sagte dann Rodewald Nein Vater weil er
schon soviel selbst an mir zu dulden hat und weil ich ihm keinen Abscheu vor mir
einflößen will sprach sie Aber Dankmar duldete und trug gar nicht wie sie
fürchtete Wenn er in seinem kurzen Sommerrock und unter seinem breitrandigen
Strohhut so spät Abends mit ihr die Ulla hinauf schritt dem stilleren
Waldrücken zu und die Zigarre weggeworfen hatte um am Duft seiner Lippen nicht
unwürdig zu erscheinen einer flüchtig erhaschten Zärtlichkeit lächelte er nur
Er hatte eine Ruhe Selma gegenüber die sie oft Phlegma nannte und wegen der sie
ihn durch tausend kleine Neckereien in Harnisch zu bringen suchte Es gelang ihr
aber nicht Dankmar setzte allen ihren Seitensprüngen von der geraden Straße der
Langeweile und Monotonie an der die sogenannten gediegenen Frauennaturen oft
bis zum Nichts zu Grunde gehen nur ein ruhiges ergebenes Lächeln entgegen
nicht etwa das träge Lachen des Phlegma sondern ein Lächeln von dem Selma
einmal in wirklichem Zorn sagte Und meinem glühendsten Behagen streckst du die
kalte Teufelsfaust entgegen Sie hatte eben Götes Faust zum ersten Male
kennen gelernt aber der Vater nannte dies Lächeln der Überlegenheit den
höchsten Sieg den die Majestät der Leidenschaft die Löwenhoheit einer
bedeutenden Natur über sich selbst gewinnen könnte Da zerfloss sie denn in
Liebe und schmiegsame Anmut Dankmar besaß in Selma eine Natur Von der Lüge
der Salons von der Prüderie der üblichen Erziehung war ihr nichts angeweht Sie
stand im unmittelbarsten Verkehr mit den Dingen wie sie sind Und viele hüteten
sich vor ihr die Schlechten die Trägen die Lügner gewiss Gewisse Mittlere
schwankten noch Aber die Guten trugen sie auf den Händen nannten sie einen
Engel und priesen Den glücklich der sie einst gewinnen würde Dass dies schon
des Generalpächters hübscher Schreiber war sah man nicht
Das Glück dieser stillen verschwiegenen Liebe und eines süßen heimlichen
Trostes für manche grobe äußere Mühe der sich Dankmar des Scheines wegen
unterziehen musste wurde nur gestört durch den Hinblick auf die Zeit und Egons
Art sie zu lenken Verschiedenartig wirkte diese schmerzliche Erfahrung In
Dankmar war es der beleidigte getäuschte Freund der die Möglichkeit eines
solchen Irrtums solcher trügerischen Voraussetzungen wie sie bei dem Fürsten
Egon stattgefunden in einem Menschen kaum begreifen konnte In Rodewald dagegen
war es noch ein herberer Schmerz Er konnte wohl zu Dankmar sagen Sieh da die
Macht der Umstände den furchtbaren Zwang der Stellungen Aber was er selbst
innerlich fühlte war noch ein Anderes Egon von Hohenberg stand ihm durch die
dunkelsten Verirrungen seines Lebens so nahe Er bereute jene Tage nicht in
denen diesem jetzt gereiften jungen Manne das Leben gegeben wurde sie waren ihm
nur von Wehmutsschleiern überwoben Könnten diese Schleier je sich heben hatte
er gedacht könnte je das helle Licht der Sonne und der Wahrheit bescheinen und
an den Tag bringen wer du diesem jungen so rau über die Erde fahrenden
Staatenlenker sein könntest Er dachte sich wenn du nun einst einmal vor ihn
hinträtest Wenn er dich empfangen wird hier im Schloss oder in der Residenz
falls er deine Gegenwart wünscht und nun steht er gnädiglächelnd leidlich
wohlwollend vielleicht aber auch gereizt vielleicht streng vor dir Wenn er
wüsste dass du Dankmar Wildungen bei dir aufnahmst Wenn er wüsste warum du dich
jetzt Rodewald nennst und wie du auf diese Wandelungen deines Wesens gekommen
bist Pauline von Harder die einzige deren Leben Rodewald fürchtete diese
dir jetzt so Verbundene sie wird nie nie sagen dass du mein Sohn bist aus Hass
gegen die Mutter nicht Und sonst kennt keine Seele die Tage von Landeck vor
dreißig Jahren
Ich und du Du und ich Wir Beide durch ein Geheimnis verbunden Wenn ich es
ausspräche wenn ich im Zorn über deinen Stolz deinen Hochmut deinen Dünkel
deine Unsittlichkeit deine Herzlosigkeit deine männliche Schwäche die eine
Melanie Schlurck zur Fürstin von Hohenberg erheben konnte und diese Tat kommt
nicht aus meinem Blute nicht aus dem Blute des Plebejers der mehr Stolz hat
als du wenn ich mich hinreißen ließe und Vaterrechte geltend machen wollte
wenn auch nur unter vier Augen Und dann dann Wenn dieser junge Tyrann
dich von seinen Dienern zur Türe hinauswerfen ließe ha und du griffest in
deine Brusttasche und zögest die Papiere hervor die deine Behauptung beweisen
die Briefe der Fürstin Und dann dann Wenn er die Säcke Geldes nähme
die du für ihn erwarbst in hingebender nur vom Himmel erkannter Liebe und
Aufopferung für ihn sammeltest um der innersten Pflicht zu gehorchen und er
dies Geld vor dir hinschüttete und riefe Da behalte Elender aber schweige
Schweige oder meine Rache ist gränzenlos Diese Gedankenreihe furchtbar
peinigend für seinen Stolz und für sein Herz verließ Rodewald nicht mehr
steigerte sich sogar als der Herbst nahte alle seine Pläne reiften gesegnete
Früchte sanken und Egon ihm schrieb er würde bald selbst auf seinem Schloss
erscheinen sich eine Weile von seinen Mühen ausruhen und ihm für »die guten
Geschäfte« die er mache danken Rodewald kannte bei allen diesen
Voraussetzungen die Natur Egons die ohne Zweifel tiefe und bedeutsame
Entwickelung auch dieses Charakters noch nicht
Aber des Fürsten eisernes Walten war nicht hinwegzuläugnen In nächster Nähe
ja sah Rodewald die traurigsten Spuren davon Sein Nachbar der Bauer Sandrart
der Reiche Überzufriedene Stolze der auf seinen Sohn so stolze Vater wie
schlich der Ärmste zum Tod gebeugt an einem Stabe von Haus zum Bach vom Bach
zum Hause und blickte kaum auf wenn man ihn grüßte Vater Sandrart wie
gehts Was macht die Ernte Tut Euch der Sonnenschein gut Ihm tat nur gut
wenn er sich die Augen wischen und Niemanden sehen konnte als zwei Menschen
die ihm nun die liebsten auf dieser Erde geworden waren den Jäger Heunisch und
Franziska des Jägers Nichte Der Dritte von Denen die er liebte auf die er
alle seine Sehnsucht nach dem einzigen unglücklichen unwiederbringlich
geopferten Sohn übertragen hatte der Vikar Oleander war nicht mehr in Plessen
Es hieß er hätte die Stelle eines Gefängnisspredigers in der Residenz
übernommen Der hatte sich recht das Schwerste unter den Ämtern der Diener am
Worte auserlesen Und nicht weil es der Sohn so geheißen in seiner letzten
Stunde sondern der innere Drang schon machte dass der unglückliche um seine
liebsten Hoffnungen betrogene Vater Heunisch den Guten und Sorglosen und
Fränzchen die Bewährte auch beim Nachbar Treuerfundene wie die Seinigen
annahm und erbenlos den Besitz des Sohnes ihnen vermachte Franziska war
zwischen dem Generalpächter und dem Bauer der sie liebte wie ein Kind seines
Kindes fast so geteilt wie einst zwischen Louis Armand und Heinrich Sandrart
Jener schrieb zuweilen von der Fremde Der immer wiederkehrende Schmerzenston
seiner Briefe lautete Ein Meer ist zwischen uns Ich darf nicht in das Land wo
Sie weilen Franziska und Sie bindet die Pflicht ja selbst das Glück an ein
Unglück das Sie trösten sollen und Sie mit Schätzen belohnt die Ihre Flügel
schwer macht Gold ist schwer Die reiche Erbin denkt wohl des fernen
Freundes nur mit Schonung O Franziska diese raue Welt Diese elenden Götzen
der Pflicht denen zu Liebe man so kalt morden konnte Das Bild steht
unverwischt vor meinen Augen Der Gute der sterben musste weil ihn für Andere
das Loos traf und ein Beispiel gegeben werden sollte ein Beispiel der
Abschreckung für Menschen Menschen Alle Bitten an Egon alle Briefe der
Besten blieben unerhört Das Kriegsrecht hatte seinen Lauf wie die Kugel Ich
denke des Tages wo ich in der Werkstatt bei Märtens mit ihm über den Eid
sprach Und was muss uns trösten Dass das Unglück nicht allein steht dass es eine
täglich wachsende Reihe von Gräbern gibt eines neben dem andern Vergeben Sie
Franziska wenn ich Ihnen der Reichen solche Worte schreibe Vergessen Sie das
Loos der Armen nicht Louis schrieb diesen Brief aus Antwerpen wo er bei
Siegbert verweilte und für die Einrichtung des Schlosses Tempelstein tätig
arbeitete
Franziska hielt auf diese Empfindungen deren zweifelnden Teil sie mit
ihrer Feder widerlegte wie auf ein Evangelium aber Der der es lehrte war
jetzt ihr verloren Im Ullagrunde fesselte sie die ernsteste Pflicht Das große
Hauswesen des Generalpächters hatte aus der kleinen Nähterin ein
Verwaltungstalent hervorgelockt das zwar manche Personen die um Ackermann
festen Fuß zu gewinnen gehofft hatten sehr verletzte diesen selbst aber aufs
angenehmste überraschte Fränzchens Herzensgüte im Verkehr mit dem gebrochenen
an sie voll Wehmut sich anklammernden Sandrart rührte alle Herzen Und Onkel
Heunisch der taumelte gar wie in der Irre Die »gute« Urschel war ihm nun hin
aber seine Hunde waren ihm doch geblieben und es hieß sogar wenn der Winter
käme und er mit einem Burschen den er sich nahm im Amt nicht fertig werden
könne sollte ihm Drossel die beste seiner Töchter das flinke Linchen geben
zur Führung seiner Wirtschaft Aber nur Franziska gab ihm rechten Ersatz für
eine Lebensgewohnheit deren Schattenseiten seinem gläubigen Sinne nie eingehen
wollten ihm scharrte sich nichts aus der Erde heraus unter der Jakob und
Ursula Zeck schliefen ihm kam der Glaube an den Doppelmord den Jakob Zeck und
Ursula Marzahn an seinen beiden Verlobten begingen indem sie auf dem Gelben
Hirsch Feuer anlegten und an dem Waldbache die zur Kirche gehende Tochter des
Sägemüllers vom Felsen stürzten nie zu klarem Gemüt Die Beweise fehlten Die
Untersuchung wegen Tödtung des Schmieds im Forstause wurde von der Residenz
aus wo man mehr als man wissen wollte zu entdecken fürchtete plötzlich
abgebrochen und Herr von Zeisel der bequeme seinen Garten seinen Schlafrock
seine Whistpartieen liebende Justizdirektor an dem auch glücklicherweise die
Gefahr einer nicht verbessernden Versetzung vorüberging Herr von Zeisel war
nicht der Mann der solchen Dingen à tout prix auf den Grund zu kommen
trachtete Nur Pfannenstiel Drossel der Sägemüller grübelten Die lärmten die
drohten aber nicht im Einverständnis Die Polizei ging mit der Demokratie nicht
Hand in Hand Onkel Heunisch mit der Meerschaumpfeife und dem roten nun recht
winternden Fuchsbarte genoss in vollen überfliessenden Zügen das Glück seiner
Nichte so schmerzlich es erkauft war Er hatte die Hinrichtung mit angesehen
war voll Jammer über sie aber doch wurde er fast eifersüchtig auf den alten
Bauer und grämelte mit ihm Er sah nur Das was auf sein nächstes Behagen ging
Seine Hunde sein Wild seinen Wald kannte er Aber mit Menschen konnte er
reden die er kennen sollte und er hätte geschworen dass er sie nie gesehen So
mit Dankmar der oft an derselben Stelle mit ihm stand wo er ein Jahr vorher
mit ihm geplaudert hatte Aber den Veränderten und Umgestalteten für den
Doppelgänger Sr Durchlaucht zu nehmen wäre ihm nicht im Traume eingefallen Er
war für ihn ein völlig Anderer als der er jetzt ein ahnungsreicher Jurist die
Data über die in Liebe zu einem so guten Waidmanne entbrannte Ursula und ihren
heimtückischen Bruder wohl am klarsten in Händen hatte ohne dass er jedoch in
der Lage und Laune sein konnte sie öffentlich zu verknüpfen und von Andern
seinen Scharfsinn prüfen zu lassen
In diese Zustände der Ruhe des Schmerzes der Freude des Harrens und
Hoffens kam dann die Ankunft des Fürsten auf dem Schloss Rodewald hatte die
Sammlung nicht sie abzuwarten Auf einem Wege wo er ihm zu begegnen vermied
entschloss er sich Selma ihrer nächsten Bestimmung entgegen zu führen Der
Abschied von Dankmar war der schmerzlichste Denn auch ihn musste es drängen von
einem Orte sich zu entfernen wo ihm die Luft nun den Atem abpressen musste
Melanie als Fürstin Hohenberg Egon selbst Selma von ihm hinweggenommen er
wartete nur des Vaters Rückkunft ab um sich nach dem Westen nun auch zu
entfernen Hatte er doch hier und da schon Verdacht erregt und glaubte er doch
von einer Person die noch dazu nicht die beste von Sinnesart war halberkannt
zu sein von jener Liese die früher im Heidekrug bei dem jetzt schmollenden
konstitutionellen Patrioten Justus diente und zu Fränzchen Heunischs Erhebung
immer nur scheel genug gesehen hatte So war denn Rodewald von seinem Hause
endlich frei geworden und hatte die in Schmerz zerflossene Selma mit der Zukunft
getröstet mit jenem Zauberbalsam der sich kühl und linde auf alle Wunden legt
Anna von Harder nahm die ihr so wunderbar Geschenkten nicht wie eine
Genugtuung des Schicksals sondern wie eine Mahnung sich zu demütigen auf
Die Freude und der Schmerz die Wonne in Selma ein Abbild zu besitzen von der
deren Tod sie zu bitterster Gewissheit nun bestätigt sah alle diese Empfindungen
machten sich in denselben Tränen geltend und jede Betrachtung jeder erörternde
Rückblick blieb ausgeschlossen von den ersten Schrecken und Wonnen dieser
Begegnung Rodewald wollte sogleich scheiden Anna ließ ihn nicht Sein Pferd
wurde von den Dienern versorgt doch wollte er zur Stadt Selma sollte da
bleiben wenn Anna sie zu behalten gedächte Anna war keiner Anordnung fähig
nur Das wusste sie dass sie das jetzt Gewonnene nur mit dem Leben wiedergeben
wollte Die edle Frau umhalste Selma und hielt sie gegen das Sternenlicht gegen
den Lampenschimmer im Hause um sich an den Ähnlichkeiten deren sie Hunderte
mit ihrem Kinde schon entdeckte zu erheben aber dass dies Kind wirklich tot
war dass es auf fremder Erde zerstoben und verwesend schon ruhte Das umwehte
sie mit Geisterhauchen als müsste sie nun bald selbst hingehen in die Wohnungen
des Friedens und könnte sich nicht mehr zurechtfinden in dieser schmerzlichen
Sinnenwelt
Olga nahm ihr etwas von den nächsten Pflichten die sie fühlen musste
auffallender Weise schon ab Olga begrüßte den Ankömmling mit einem Ton der
ihrer geistigen Vornehmheit sonst nicht eigen war Sie bewirkte sogar dass man
die Gerätschaften abpackte erinnerte an Vergessenes reichte dar was ihr
Selma entgegenzunehmen zu wünschen schien Dinge die sie kaum nennen konnte
Sie schlang zuletzt sogar ihren Arm um Selma und führte sie mit einem allerdings
sonderbaren stummen Willkommen an der Hand ihren Zimmern zu wo sie hoffte die
Enkelin Annas als Nachbarin zu gewinnen Anna ließ Alles geschehen und Selma
hatte nur Augen für den Vater der ihr so tief zu leiden schien und der von
Abschied sprach Ich sehe Dich morgen früh wieder beruhigte er aber ihre erste
Freude zeigte sich bald als die Erregung des Momentes die aufgespannten Nerven
ließ nach und die Lust verwandelte sich in Wehmut Wie war dies Haus so
düster so einsam wie dunkel diese Wände wie fremdartige Töne vernahm sie da
und dort die alten Bedienten das leise Sprechen um den Greis nicht zu
stören den man morgen erst langsam vorzubereiten gedachte alles Das erfüllte
sie mit einer Beklommenheit die fast den Wunsch auszusprechen schien Lasst mich
beim Vater bleiben hier wohnt der Tod und ich will dem Leben angehören
Anna sammelte sich mit Olgas Hilfe Olga schien ein wenig aufgeweckt aus
ihrer Traumwelt Sie sah etwas was sie verstand mit der höheren Poesie ihrer
Empfindungen vergleichen konnte wenn auch Kaktus Pinien Palmen und das Meer
dabei fehlten Aber die Enkelin Annas kommt aus Amerika und bringt sich selbst
für die tote Mutter Sie fühlte eine solche Erfahrung fremden Lebens wie ihre
eigne nach und war so voll Eifers das Rechte und Notwendige zu treffen dass
Selma schon die sie umschlingende und nur ruhig neben ihr hingehende Großmutter
fragen mochte Welches seltsame Wesen hast du nur da bei dir Und wem hab ich
da gleich an Wert für dich und Vollkommenheit nachzueifern Dystra hätte er
die Szene beobachtet würde gesagt haben Komtesse Olga ist wie die
Memnonssäule à lordinaire kalt und starr wohllautend aber doch wenn nur die
rechten Sonnenstrahlen auf sie fallen
Während sich Selma in der für sie vorläufig bestimmten Lokalität zurecht
fand wollte Rodewald gehen aber Anna zog ihn in den stillen klaren Abend zog
ihn unter den Pavillon und drückte ihm voll Vergebung die Hand Er wollte
sprechen erzählen Anna duldete es nicht weil er sich selbst anklagte Ich bin
Schuld sagte sie ich dass ich an der unverwüstlichen sittlichen Kraft eines
edlen Mannes zweifelte Welcher Hochmut war es der mich trieb Sie zu
verurteilen Rodewald Alle Steine die die Welt auf Sie warf hätten sich mir
selbst in Blumen verwandeln sollen da mein Kind Sie liebte Pauline konnte
nichts erfinden als sie vor Selma von Ihnen wie von einem Ideale sprach Ich
zerstörte es aber mit ohnmächtigen Werkzeugen Jeder Fehler den ich Ihnen
nachsagte verwandelte sich vor dem einmal bezauberten Kinde in eine Tugend Ich
war so durchdrungen von Paulinens Verräterei ich glaubte nichts Anderes als
sie bindet wie Das täglich geschieht den Mann ihrer Liebe an ein unbedeutendes
Mädchen um ihn stets in ihren Fesseln zu behalten nie mehr zu verlieren denn
selbst die Rechte der Verwandtschaft mussten Sie zuletzt in ihre Nähe bannen Ich
sah Das vor mir sah Arrangement sah Verabredung frivoler Gemüter Ich habe
nie so in Flammen gestanden wie damals als ich in meinem Zorn mich selbst
verzehrte und all mein Lebensglück Ich danke Ihnen Rodewald dass Sie mir
verziehen und mir auf die letzten Tage meines Lebens diese überschwängliche
Gnade schenken Ihr Kind bringen Selmas Kind und dass Sies Selma nannten
Tränen erstickten die Stimme der Vielgeprüften die seit dem frühen Tode
eines jungen gutmütigen Gatten ihr Leben zu einer Schule der Entsagung gemacht
hatte Rodewald gestand ihrer Abneigung gegen ihn jede Berechtigung zu Das
Tragische unserer Lebenserfahrungen sagte er bestünde eben in dem Zusammenstoß
von Interessen wo jedes auf seinem Standpunkt rein und wohlbegründet wäre und
das seinige wäre es nicht einmal im Anfange gewesen sondern erst geworden durch
die Hingebung die unaussprechliche Güte und das kindliche Vertrauen jenes
Mädchens das er zur Gattin wählte und dem er kein besseres Angebinde hätte
verehren können als einen neuen Menschen Fort von diesem Boden der Lüge fort
aus diesen Fallstricken ewig wiederkehrender Gefahr denn beste Mutter sagte
Rodewald Das werden Sie auch als notwendig im Leben anerkannt haben die
Versuchung darf nicht zu nahe stehen wenn zweifelnde Augenblicke über uns
kommen Oft hatt ich selbst noch in Amerika nachdem wir Frankreich England
bereist hatten irgend eine kleine Irrung mit Selma irgend einen nicht
stimmenden Akkord aber wir mussten ihn unter uns auflösen wir konnten nicht mit
unserm Kummer falsche Tröster finden die die Wunde statt zu heilen nur weiter
aufrissen wir mussten uns selber wieder erkennen und es ging Diese Ehe hat mir
nach vielfach zerfahrner oft poetischer Irrung ich will nicht wie ein
Büssender sprechen die Sammlung meiner selbst gegeben Ich wurde zufrieden und
lernte die Grenze würdigen die dem Leben gezogen ist
Anna hielt Rodewalds beide Hände und saß so ruhig neben ihm unter den
Sternen Noch sprach er von der nächsten Zukunft Anna billigte Alles wenn sie
nur Selma behielt Ihr will ich mich widmen ihr die letzte Kraft meines Lebens
geben sagte sie und erst nach längerm Träumen kam ihr die Frage Und Sie
Rodewald Der Vater der höhere Rechte hat als ich Vergeben Sie wenn ein
Jahrelang so ungestilltes Sehnen unersättlich ist
Wie staunte Anna als Rodewald von seiner Pachtung der Hohenbergischen Güter
sprach Sie wusste nichts von Rodewalds Beziehung zur Fürstin Amanda die ihr
eine teure Freundin in erster Jugend gewesen aber seit der Heirat des
Generalfeldmarschalls entrückt war Sie konnte mit stiller Freude vernehmen dass
Selmas Vater in ehrenvollen Verhältnissen ihr so nahe bleiben würde und als sie
von seinem vorläufig angenommenen Namen Ackermann hörte als sie sich beklagte
dass ihr über ein Jahr lang Selma entzogen war wo Ackermann schon in Deutschland
weilte hatte sie jetzt nur die eine Sorge noch auszusprechen die sich in dem
Namen Schwester Pauline kundgab
Wie lebt Pauline fragte Rodewald
Sie lebt wie sie als Kind lebte sagte Anna Nach jedem zerbrochenen
Spielzeug ein neues Es verschenken verlieren oder selbst zerstören
gleichviel nur rasch ein Ersatz Ihr Leben liegt wie ein aufgeschlagenes Buch
vor der Welt Ich mag Ihnen nicht darin blättern Rodewald Lesen Sie es bei
Andern Manches hat sie selbst verraten im günstigeren Lichte darstellen
wollen sie hat die Feder ergriffen und geschrieben Ich konnte mich erst nach
Jahren wo alle Welt ihre Bücher vergessen hatte entschließen sie zu lesen Da
fand ich mehr in ihnen als Bosheit und der Neid in ihnen hatte wollen gelten
lassen Ich fand ein wirklich unglückliches nur durch die Eitelkeit und
früheste Verwöhnung verdorbenes und unverbesserliches Herz Mich rührte das
Meiste von Dem was Andere belachten Ich hasste sie weder noch verachtete ich
sie aber ich musste sie meiden Ihre Nähe wirkte auf mich wie die Nähe der
Mörder auf die Erschlagenen wirken soll Die Wunden fangen wieder an zu bluten
Ich mied sie nur Sie war zu stolz zu schwindelnd hoch in ihrer wilden
Lebensphilosophie als dass ich jemals auf das Anerbieten einer Versöhnung hätte
rechnen können Jetzt wo sie aufs Neue eine große Rolle spielt
Rodewald wusste dass Egon ihr ganz gehörte
Jetzt sucht man selbst von Seiten des Hofes mich für eine Annäherung zu
gewinnen ich weiche aus So lange Dämonen wie jene Charlotte Ludmer in ihrer
Nähe weilen
Lebt die Ludmer noch sagte Rodewald gelassen staunend
O die ist zäh wie Schlangen die auch zerstückt noch nicht sterben können
sagte Anna Ich tröste mich immer wenn ich von dem Vielen was die Welt
Bedenkliches über Paulinen sich erzählt die Schuld auf jenes Wesen werfen kann
das wohl zu tief mit Paulinens Vergangenheit verwachsen ist als dass sie jemals
wagen könnte sich von ihm zu befreien
Rodewald kannte Paulinens Lage und Verhältnisse Von der Irrung die der
seinigen folgte von der Geschichte des Baron Grimm den er so oft am Missouri
in der Person jenes Morton erblickt hatte während Morton in ihm den englisch
gewordenen Master Harry jetzt nur den Generalpächter Ackermann kannte wusste er
nichts Anna fühlte sich nicht veranlasst über das Leben ihrer Schwester dem
Manne Enthüllungen zu geben den sie in diesem Augenblick froh und glücklich
sehen wollte Sie gestand zu Es wird Aufsehen machen großes Aufsehen wenn es
heißt jener einst von der schönen Welt ebenso wie von den Staatsmännern und
Gelehrten bewunderte Heinrich Rodewald ist zurückgekehrt ist ein einfacher
Ökonom geworden hat die Güter des Fürsten von Hohenberg gepachtet hat der
alten Landrätin von Harder auf Tempelheide ein Abbild ihrer hingeschiedenen
Tochter eine Enkelin überbracht ja Rodewald sagte sie als dieser
lächelte ja man hat das Gedächtnis für die alten Tage nicht ganz verloren und
spricht Das dessen man sich fernher erinnert mit großer Schonungslosigkeit aus
Nein nein unterbrach Rodewald die neue Freiheit Deutschlands macht nur
dass solche Verhältnisse geringfügig erscheinen
Anna aber ließ sich nicht nehmen dass noch Tausende lebten die da staunen
die Köpfe zusammenstecken würden Und schon die einzige Pauline die Ludmer
sagte sie Erschrecken Sie nicht ihnen wieder zu begegnen
Meine Wege sind nicht die ihren
Aber Selma Ich gestehe dass ich mich rüsten muss Die überfallen mich gewiss
und geben sich das Ansehen dies Kind mit ihrer Liebe erdrücken zu müssen Wenn
Das wäre ha ich werde bitter Kommen Sie Rodewald
Anna wollte aufstehen aber eben kam Selma und Olga Arm in Arm aus dem Hause
ihnen entgegen Rasch benutzte Anna die noch übrige Zeit dem Schwiegersohne zu
sagen
Dies blasse Mädchen ist die Tochter einer Fürstin Wäsämskoi die mir dies
Kind weil es aufmerksamer Führung bedarf zur Pflege hinterließ Ich bin
erstaunt welchen Eindruck Selma schon auf diese eigne Natur gemacht hat Ich
wäre glücklich wenn sich diese Mädchen verständen und jede zu ihrem Guten noch
das Gute der Andern sich hinzutäte
Indem noch Rodewald lächelnd sagte an Schlacken die dann ausgestoßen
werden müssten würd es auch bei Selma nicht fehlen kamen die Mädchen und gaben
die Absicht zu erkennen durch das offen dargestellte Bild ihrer schnell
gewonnenen Vertraulichkeit die Eltern zu erfreuen Selma sagte dass sie schon
wisse wo sie nun der erste Morgenstrahl wecken würde aber sie wäre unruhig und
würde ihre Nachbarin viel plagen von der sie hörte dass sie bis neun Uhr
schliefe Mit der Möglichkeit zu scherzen war hier schon viel gewonnen Rodewald
lehnte jede weitere Gastfreundschaft ab trat an seinen Wagen mit dem er in der
Residenz einzukehren gedachte und verließ Tempelheide mit dem Versprechen
morgen in den ersten Stunden wieder bei den Frauen zu sein
Drei Tage hatte Rodewald für diese Reise bestimmt Er fühlte die
Notwendigkeit sich bei Zeiten am Fuße des Hohenbergs einzufinden und dem
Fürsten seine Aufwartung zu machen Dennoch hinderte ihn daran eine
unüberwindliche Befangenheit In Tempelheide hob ihn Alles auf dem Hohenberg
hätte ihn Alles erniedrigen müssen Dort konnte er sein Haupt erheben und im
Licht der Wahrheit verklärt wandeln hier hätte er die Augen niederschlagen
sich vor sich selbst entwürdigen müssen So wurden aus drei Tagen fünf aus fünf
acht Es fesselte ihn außer Oleandern wenig in der großen Weltstadt Er sah sich
wohl die neuen Denkmäler und Bauten die Sammlungen der Kunst an aber die
Eindrücke konnte er erst bei Anna und den Kindern zurecht legen Auch dem
Obertribunalspräsidenten wurde er vorgestellt und wie sich von dem
Humanitätsfreunde erwarten ließ mit Nachsicht beurteilt Die Urenkelin stand
dem Greise bald näher als Olga nicht durch die Verwandtschaft allein sondern
auch durch die leichtere Art aus sich herauszugehen Wie aufmerksam lauschte
Rodewald dem weisen Freunde der Natur und des Lebens Wie schnell fand er sich
in die wunderliche Neigung zu den Tieren Er verglich diese Richtung einer auf
die allgemeine Seelenlehre sich gründenden Weltauffassung mit den herrschenden
Doktrinen des Tages dieser größeren Fülle an Material strikteren Form der
Beweisführung aber geringeren Rückwirkung auf die Bildung des Herzens Da
Rodewald zufällig in der amerikanischen Union Freimaurer geworden war konnte er
sich bald überzeugen dass in der alten Excellenz der Naturalismus seiner
Anschauungen nicht ohnmächtig als todtes Pfund in der Erde lag sondern oft
genug nach außen hin auch über die Grenze seines nächsten durch die Gesetze
gebundenen Berufes gewirkt hatte Der Greis klagte über die Richtung der Loge
Er hatte sie ganz an Gelbsattel Rodewalds Schulpforter Genossen überlassen
müssen Sie hat sagte er einen Trieb zur Nüchternheit zur leersten
Verschönerung des Lebens bekommen der mich abschreckte länger für sie zu
wirken Ich weiß wohl die tiefere und geheimnisvolle Richtung der Loge ist zu
unwürdigen Zwecken misbraucht worden die sich in Lug und Trug verloren Aber so
ganz diesen Bund auf Nichts zu stellen wie es jetzt eingerissen ist so ganz
ihn alles Zusammenhanges mit großen geschichtlichen Ideen entkleiden und ihn nur
in eine Art feinerer Liedertafel umzuwandeln wer möchte da noch mitgehen Man
hat Diejenigen steinigen wollen die wie einst Bruder Krause und Mossdorf unsere
Geheimnisse verrieten aber man ist hinter diesen die nur zur Reform unsres
Bundes Öffentlichkeit wollten weit zurückgeblieben Wohl weiß ich dass das
graue Alter unsrer Kunsturkunden nicht zu ermitteln ist aber der Geist der
sich in der Loge sammelte war jener immer landflüchtig gewordene Geist der
Johanneslehre die vor Christus schon bei Plato Sokrates Virgil christlich
dachte dh jener Lehre der überall vorhandenen Christlichkeit wo reines
Menschentum waltet Das ist der Angelpunkt der Welt und der Geschichte Die
Humanität beginnt mit Duldung gegen Alles was außer uns lebt mit dem Tiere
der Pflanze Was ist der Mensch Ein Ursachentier sagt Lichtenberg Die andern
Tiere sind Wirkungstiere Wir sehen was da wird blüht und vergeht Wir
fragen warum ist die Schöpfung Aber dass wir keine Auskunft wissen stellt uns
allem endlich Lebenden gleich Dieser allgemeine Glaube ist der der immer
parallel ging mit den rohen und brutalen Erscheinungen der Geschichte der
Theologie der Politik der Sittenlehre Neben dem Heiden und Christentum
neben den Staaten der Griechen Römer Franken zog sich doch dieser einige
Faden der reinen Menschheitslehre von Pythagoras und Tales herab bis auf
diejenige Philosophie unserer Tage die des Namens würdig ist Für diese Lehre
ist der Menschheitsbund die größte Geschichtstat Zu ihr gehörte Jeder der
Humanität übte Die Loge wollte die Lehre vom wahren Tempel wieder aufnehmen
Wie oberflächlich hat sie es getan Sie konnte Größeres wirken Das
Christentum war erst auch ein Geheimbund Es war erst auch eine Religion bei
verschlossenen Türen Das Christentum war auf Logen begründet die man Agapen
nannte Man speiste zusammen und feierte seine Erinnerungen Die Loge hat viel
gut zu machen wenn sie nicht zerfallen will Als sie vor vierzig Jahren in
Deutschlands wüstester Zeit sich weigerte ihre Mission zur Heranbildung eines
Menschenbundes anzuerkennen und sich nur der Lehre von einer laxen
Brüderlichkeit und gegenseitigen Förderung innerhalb der gegebenen
Lebensverhältnisse ergab hatte sie ihre Bedeutung für die Geschichte verloren
und wird in Apathie Überschuldung und bei vielen Einzelnen in Mangel an Appetit
zu Grunde gehen
Der Greis hatte seine Rüge scherzhaft geendet zum Bedauern Rodewalds der
von einer Annäherung an Dankmars Ideen überrascht war und fast verstummte über
die wunderbare Fügung dass der Präsident er wusste es selbst nicht die
Gelegenheit in der Hand hatte seinen Traum von einer grossartigeren Entwickelung
der Freimaurerei wahr zu machen Gern hätte er Dankmarn Kunde von etwaigen
Aussichten seines Prozesses gebracht aber Otto von Dystra den er in seiner
Wohnung in der Stadt Rom begrüßte bemerkte ihm sogleich dass ihr
gemeinschaftliches Interesse für die Gebrüder Wildungen von diesem in Amtssachen
drakonisch strengen und gewissenhaften Greise nichts hervorlocken würde
Dystras Beziehung zur Komtesse Olga schien Rodewald der an die anorganischen
Verbindungsgesetze der großen Welt gewöhnt war nicht so komisch wie dem
Touristen selbst Von Siegberts Beziehung zu Olga wusste Rodewald nichts
Dankmar hatte sich wohl gehütet seinem im Ullagrunde nicht sehr empfohlenen
Bruder noch die Bürde einer solchen in der Luft schwebenden Liebe aufzuhängen
Dystra war in der Hauptsache der Alte an Allem interessiert und für nichts auch
nur einen Tropfen Bluts dafür mit Freuden einen Beutel Geld lassend ganz wie
es in der Oberflächlichkeit einer Zeit liegt die auf Kommunikation und
Beschleunigung der Mitteilungen auf den leeren Formalismus der Gedankenwelt
auf Stenographie Autographie Lichtbildnerei usw ihr größtes Gewicht legt
doch überraschte ihn Dystra eines Abends durch das Zeichen der Ritter vom
Geiste Sind Sie Mitglied des Bundes fragte Rodewald erstaunt Ich baue
vorläufig dem Bunde eine Kapelle sagte Dystra ich baue ihm ein Archiv für
seine Statuten im Notfalle Kasematten für seine Märtyrer Sie werden staunen
wenn wir den ersten Bundestag halten Am Ufer eines majestätischen Stromes
erhebt sich in der Nähe des Königlichen Schlosses Buchau ein bewaldeter
Bergesrücken auf dessen Mitte der Tempelstein eine Warte des schon staunenden
Reisenden ist Schon erheben sich Mauern und Türme Arkaden verbinden die Höfe
die vom Schutte gereinigt sind und neu wieder sprudelnden Quellen Raum lassen
mussten Die Sommerhalle und die Winterhalle harren schon des wohnlichen
Schmuckes den ich in Belgien Holland am Mittelrhein und in Franken für sie
fertigen lasse Parkanlagen schafft ein königlicher Gärtner er weiß es nicht
welche Orakel unter diesen Bäumen gesprochen werden sollen Rodewald es war
schön unter Ihren rotbraunen Urwaldsbäumen Aber es ist schöner sich einen
Garten zu zaubern wo uns nicht Wilde höchstens die Häscher der weltlichen
Hermandad überfallen können Komme was kommen mag Ich eröffne im nächsten
Jahre zum September Nachts um zwölf Uhr meinen Tempelstein Unten an meiner
interimistischen Wohnung melde sich wer kommen will Ritter oder Knecht Mönch
oder Laie vermummtes Visir oder offenes eine Reiterstandarte in der Hand oder
eine Oriflamme oder eine Orlogsflagge Von meiner unteren Villa schreitet man
über eine Brücke die ich zwischen zwei Abgründen aufführen lasse mit
hochgeschwungenen Bögen dem Untenwandelnden scheinen sie ein Tor Dann hinauf
zur Burg Die Zacken die Mauern die Verzahnungen sollten Sie sehen die unter
hundert hämmernden und klopfenden Händen schon aufwachsen Die Säulen dann
umwunden mit Kränzen von Altane zu Altane Guirlanden wie zu einem Sängerkriege
die Fahne mit dem vierblättrigen Kleeblatt hoch vom Söller wehend Sie
lachen Genug Meister Harry Vorläufig fühl ich mich nur verpflichtet für den
Komfort dieser neuen Institution zu sorgen und es den Geistern der alten Ritter
die bei uns zur Nacht speisen werden auch nach Rumohrs Geist der Kochkunst
bequem zu machen Sorgen Sie nur dafür dass Dankmar endlich sein Arkadien bei
Ihnen aufgibt und sich an die Sicherheit der Grenze begibt die mein Tempelstein
fast selber ist Auf waldiger Höhe zugänglich nur den Schmugglern und
Grenzwächtern liegt eine einsame Grenzhütte bewohnt nur von einem Greise in
weißem Bart Halte man ihn für einen Verwandten Rübezahls oder einen Gnomen
andrer Seitenlinien der Alte vom Berge empfängt Besucher deren Namen nur in
Steckbriefen zu lesen Dankmar wird von dem Greise längst erwartet längst hat
er das Wort das ihm oben an der Tannenhütte Einlass verschafft beim Alten am
Kaffeetopf den er immer sieden hat man sagt um den fernen Gästen durch den
Rauch die fast unzugängliche Lage der Hütte zu verraten Es ist Zeit den Alten
mit dem Wort aufzujagen und Dankmarn alle kleinen Bequemlichkeiten zu
verschaffen die die Gäste der Hütte vom Tempelstein geliefert erhalten Sie
sollten unsre kleine romantische Existenz dort unter den Eulen und Füchsen
kennen Ich nehme Abschied weil meine Anwesenheit dort nötig wird ich reise
um die Zimmer zum Empfang der Baronin Dystra herzurichten
Rodewald würde schon gedrängt von diesem neuen Beweis der wachsenden Idee
des Bundes beruhigt über Selmas nächste Zukunft und Annas sorgfältig mit ihm
besprochenen weitern Bildungsplan der Tochter zurückgereist sein hätte ihn
nach einem Besuche bei dem in Trauer um Selmas ihm abgewandtes Herz vom
Ullagrund geschiedenen und in Liedern und dem schwersten Lebensberuf sich
tröstenden Oleander nicht Murray gefesselt den er zu seinem wunderbarsten
Erstaunen von Dystra als jenen todtgeglaubten Morton bezeichnen hörte Sie
leben alter Freund rief er Murray zu Sie leben als Geizhals in dieser
Mördergrube Sie stellen sich tot um von Ihren Verwandten bei Ihrer Rückreise
nicht geplündert zu werden Was treiben Sie hier Wer ist um Sie Wer sorgt für
Sie Erfuhren Sie dass ich Ihr Geld richtig abgegeben an Menschen die sie für
Ihren Bruder erklärten Sind Sie der Bruder jenes Schmieds der von der Hand
eines Fremden tötlich getroffen wurde Und Sie waren wirklich selbst dieser
Fremde Sie selbst das Werkzeug dieser Strafe die einen Menschen traf der wie
Louis Armand beschworen hat eben die eigne Schwester töten wollte Sie heißen
Friedrich Zeck nicht Morton nicht Murray wie ich nicht Harry nicht
Ackermann sondern Rodewald
Die Folge dieser Begegnung die Wirkung dieser Fragen war für Murray der an
einer Kupferplatte saß und wie aus Träumen auffuhr so furchtbar dass sich
zwischen ihm und Rodewald dieselben Stunden wiederholten die im vorigen Herbst
zwischen ihm und Louis Armand auf dem Schloss von Hohenberg nur der Sturmwind
der an den Fenstern rasselte die knisternde Flamme des Ofens das singende
Heimchen im siedenden Teetopf belauscht hatten
Sie jener Rodewald auf den Baron Grimm folgte sagte Friedrich Zeck fast
sprachlos
Rodewald wusste nichts vom Baron Grimm aber was er von ihm über und
durch ihn jetzt erfuhr ließ ihn schaudern Diese Pauline rief es in ihm wie im
wildesten Aufruhr aller Seelenkräfte Und Ihr Sohn
Ist gefunden Lebt
Die Tür ging auf Hackert trat ein
Das ist er sagte der Vater der ihn vor Rodewald nicht verleugnen wollte
Rodewald stand wie erstarrt Er erkannte diesen blassen jungen
verdrießlichen Mann Er erkannte dies rötliche Haar dies hellblaue Auge
dieses fragende bittere Lächeln Es war der Gefährte von der Landstraße der
Nachtwandler vom Heidekrug
Hackert erkannte auch den Fremden und grüßte ihn mit dem Scheine als wollte
er sagen Was ändert denn nun Das Ihr hättet mir die Teilnahme die ich jetzt
finde auch früher schenken können denn ich denke doch ich bin derselbe
Mensch
Aber Rodewald erkannte mehr in ihm er erkannte Paulinen er sah sich
Egon dem Fürsten von Hohenberg gegenüber Paulinen diesem Hackert er
unterdrückte was er empfand
Er musste sprachlos scheiden von dieser ihm jetzt aus Friedrich Zecks
Mitteilungen über den mit dem Sohn befolgten Erziehungsplane erklärlichen
armseligen Raume er musste scheiden voll innigsten Jammers herzzerreissenden
Schreckens er bedurfte der ganzen friedlichen Sammlung die in Tempelheide über
ihn kam um sich endlich gehoben nur durch das Gefühl dass das Gute in der Welt
mit dem Bösen zwar mit ungleichen Waffen aber doch nicht ganz ohne siegreiche
Erfolge kämpfe auf den Weg zu machen die verhängnisvolle Rückreise nach dem
Schloss Hohenberg zu dem Ullagrunde anzutreten zur Meldung bei dem Fürsten
Egon
Sechstes Kapitel
Die Meldung
Gravitätisch wie ein Uhu im Walde rings von Elstern Dohlen Krähen andrem
vorwitzigen Gevögel umflattert gefürchtet zugleich und verspottet vom Jäger
ausgestellt zur Lockung wenn er zahm ist oder in der Wildnis sich selbst
preisgebend wenn ihm die blöden Augen Tageshelle blendet sitzt auf dem
Korridor des Schlosses Hohenberg bei Plessen unter mutwilligem hin und
hergejagtem sich und Andre neckendem Dienstpersonale unter betressten Jägern
bunten Heiducken weiß verhangenen Köchen Küchenjungen die wie junge Kakadus
den alten nachspringen unter Kammerzofen und alten borstigen Scheuerfrauen der
von der Residenz mit Sr Durchlaucht gleichfalls angekommene Haushofmeister und
ExHusarenwachtmeister Wandstabler
Strohmatten trennen seine schon in aller Frühe eines Sessels bedürftige
Person von dem steinernen Estrich der Korridore die trotz der den ganzen Sommer
hier betriebenen Reparaturen und Vorbereitungen zum würdigen Empfang ihres Herrn
nicht jenen luftdichten Tür und Fensterschluss haben wie das hochfürstliche
Palais in der Residenz Da lagen zwar viel neue Teppiche auf den Treppen die
Wände waren frisch getüncht die Plafondsstukkaturen in ihren Defekten ergänzt
Blumen und Vasen zierten nach den Angaben der jungen Fürstin jede unschöne
Nische jeden harten Winkel jedes kahle Fenster aber die gebrannten Geister
zwickten und zwackten schon in aller Frühe an der menschlichen Aufschwemmung
die da im schwarzen Frack in Schuh und Strümpfen im Sessel sitzt mit gewichstem
Schnautzbart wie in dieses Fürstentums militärischen Zeiten und sich bei
jedem Klingeln in und außer dem Schloss erhebt um der Würde die ihr der junge
Fürst aus Gnaden gelassen hatte doch einigermaßen noch zu entsprechen Aber es
zwickte hier es zwickte dort in den alten Gliedern Alle Kriegstaten alle
Kriegsstrapazen regten sich und wenn auch Doktor Reinick erklärte in diesen
Schultern den Armen und den Füßen rumorte weit mehr die behagliche und
frohgenossene Metternichsche Friedensepoche die verschiedene Erklärung der
Ursachen hob die Wirkung nicht auf Die beste Behandlung hatte Drommeldei in
diesem Falle in der homöopatischen gefunden Hier ließ er die Wirkung durch die
ihm wahrscheinlichere Ursache bekämpfen Er riet den Schrank nicht zu
vergessen in dem Wandstabler die Schlüssel des Residenzpalais bewahrte und
Dore Wandstabler die Älteste verstand den Wink die gebrannten Geister folgten
nach Hohenberg und hielten die rheumatischen Störungen noch in der Tat am
besten ab eine Methode die Herr von Sänger Wandstablers früherer Ritt
jetzt Rentmeister als er bei Sr Durchlaucht zu Tische und fast jeden Abend zum
Tee aber mit vielem Rum geladen war dem treuen Wachtmeister als die beste
für den Fall zugestand dass man nicht in der Lage wäre auf die zarten Nerven
und die empfindliche Laune eines drittgeheirateten Weibes Rücksicht zu nehmen
Dore die Allwaltende in der Residenz war es auch seit den rasch
vorübergeschwundenen acht Tagen hier auf Hohenberg Schon vierzehn Tage war sie
von der jungen liebenswürdigen Fürstin die bei Egon Alles nahm wie sies fand
vorausgeschickt worden um einen Komfort herzurichten wie ihn auf dem Schloss
ein Herbstaufentalt Egons erster offener Besuch seiner Herrschaften bedingte
Die Fürstin hatte nur Komfort verlangt Pauline von Harder aber die leider
selbst zu kommen sich nicht entschließen konnte Pauline hatte Pracht bestellt
Der Fürst hielt eine Mittelstrasse Er wünschte viel Menschen um sich her viel
Leben und Bewegung Zerstreuung Übertäubung vielleicht wenn man seine Gedanken
ganz erriet An Einsamkeit fehlte es dem jungen Staatsmann schon nicht Sein
ganzes Herz war schon einsam genug Es fror schon recht auf den höchsten Gipfeln
seiner Wirksamkeit Er fand dort oben an den Gletscherrändern die Alpenrose
Melanie die durch Selbstbeherrschung klügste Berechnung aller Umstände und die
Förderung der mit Egon wie mit einem Sohne verbundenen Geheimrätin von Harder
es dahin gebracht hatte unter legitimen Bedingungen dem Verfechter alles
Legitimen für das Leben anzugehören aber die Gletscher starrten doch und todtes
Schweigen ruhte doch auf ihnen tiefe urweltliche Stille In Hohenberg wollte
Egon Leben Bewegung Zerstreuung und so war bei seinen geringen Mitteln doch
nichts gespart worden um den Sommer über dies verfallne Schloss den verwüsteten
Garten leidlich wieder herzustellen und den Mittelpunkt der Besitzungen auch zum
würdigsten Haupte jener Umwälzungen und neuen Bildungen zu machen die sich von
des Generalpächters gesegneter Hand hervorgerufen hier überall ersichtlich
darstellten
Dorette Wandstabler war ein Genie des Dienens Den Vater so lächerlich und
so gefährlich sein Beispiel dem ganzen Hausgesinde das ihn verspottete blieb
duldete man teils aus Pietät teils aus Dank für das Talent der Tochter das
selbst die junge Fürstin anerkannte Es will viel sagen von einer neuen
Herrschaft bewährt erfunden werden geduldet bleiben nicht aus vorläufiger
Politik sondern aus nachhaltiger Überzeugung Dorette diente und liebte das
Wohlergehen Derer denen sie diente Florette und Laura vulgo Flore und Lore
die beiden jüngeren Schwestern genossen die Früchte der Mühen ihrer älteren
Schwester und konnten mit ihr in Nichts verglichen werden Die Zeiten der Dore
Flore Lore waren im Palais des Fürsten von Hohenberg vorüber Die letzteren
wohnten nicht mehr in diesem Palais War nicht ohnehin der geistreiche Hofrat
Stromer im Begriff vielleicht gar eine von Beiden zu seiner neuen Gemahlin zu
erheben War nicht die schwierigste Aufgabe eines Familienrates der
Wandstablers gewesen zu entscheiden wer wenn Hofrat Stromer den glänzenden
Anträgen des Ritters Rochus vom Westen nach der südlichen Hauptstadt folgte die
ostensible Gemahlin des gefeierten weder dem Islam noch dem Katholizismus
abgeneigten Entusiasten in der dortigen Gesellschaft und für die Eröffnung
seiner projektirten »Zirkel« vorstellen sollte Man erzählte sich dass Hofrat
Stromer oft von den Diskussionen über die Wahl der eigentlichen künftigen
Hofrätin handgegriffne Spuren davontrug Man setzte seinen phantasievollen
Vermittelungen der Gegensätze seinen Blumenkränzen der Rhetorik die er um die
Schwierigkeiten zwischen Aspasia oder Diotima zu wählen versöhnend hing meist
nur Rückfälle in die alte unvermittelte Menschennatur entgegen und stellte ihn
den zwischen silbernen Äpfeln in goldnen Schaalen oder zwischen goldnen Äpfeln
in silbernen Schaalen verlegen Wählenden eher wie Buridans Esel hin der
zwischen zwei Bündeln Heu in zwei Krippen in der Mitte verhungerte Aber
glücklicherweise rettete ihn und sein ergrauendes flatterndes Haar der Ritter
Rochus vom Westen der ihm als erste Bedingung zum Eintritt in die höchste
wieder weltbewegende Sphäre seines Staates die Ehelosigkeit vorschrieb Und von
einer Erörterung dieser eigentümlichen von der ältesten Wandstabler vollkommen
standesgemäss erfassten Wendung der Schicksale des vielgesuchten HalbSchwagers
kam eben die Lore als ihr Vater wie eine Vogelscheuche unter dem Geschwirr des
Schlosses stand und eigentlich nur so lange mitfühlender Mensch war als sein
Ohr die verschiedenen Klingeln unterscheiden konnte die des Fürsten
Durchlaucht die des vortragenden Rates erster Klasse des vortragenden Rates
zweiter Klasse des ersten und zweiten Sekretärs des Expedienten A des
Expedienten B die drei Supernumerare nicht zu vergessen und die Kanzleiboten
die hier nicht zu laufen sondern nur zu siegeln hatten kurz der ganzen
komplizirten Maschinerie die dem Staatsminister auch hierher hatte folgen und
von ihm würdig untergebracht werden müssen
Dorette kam vom Amtshause war nur eine Stunde fortgeblieben und was fand
sie nicht gleich wieder zu ordnen zu befehlen zu verhindern Zwei Kuriere
angekommen einer sogleich abzufertigen der Staat betraf Doretten nicht aber
es gebührte sich doch ein Frühstück bis die Depeschen herunter kamen von der
Kanzlei und diese Besuche diese Anfragen Ein Diner von dreißig Kouverts
für die mitgebrachte Bureaukratie und den Adel der ganzen Umgegend täglich Frau
von Zeisel und von Sänger Das ginge noch die sind zufrieden mit ihren
Tischnachbarn und der Ehre aber Graf Bensheim die Sengebuschs die von
Busches täglich täglich ein Gesandter der hierher kommt seine Aufwartung zu
machen täglich ein Attaché ein Präsident und dann wohl gar wieder einmal Einer
wie Ritter Rochus selbst der wie die Sage ging selbst kochen konnte selbst
wie jene Abbés der alten Schule in den Gesellschaften die Schürze vorband und
einen Salat eine italienische Olla Potrida anrührte alle diese
Möglichkeiten und Wirklichkeiten durcheinander und doch keinen rechten Schutz
keine Anlehnung an den Vater ja noch hindernde Überflüssigkeiten wie diese
alte Beschliesserin Brigitte der halbtaube Gärtner Winkler Dorette hatte Mühe
die versäumte Amtshausstunde einzuholen
Und nun nicht einmal eine Seele der man sich über das dort oben Vernommene
ausschütten konnte Köchen Bedienten Kanzleiboten sagen was sie erlebt hatte
Das ging nicht Herr Pax der Oberkommissär der politische Spürer der in der
Nähe des Premierministers nicht fehlen durfte Herr Pax war der Einzige der
würdig schien wenigstens die Mitteilung zu empfangen
Dreihundert Taler Herr Oberkommissär finden Sie Das zu wenig
War man nicht zufrieden lautete im Vorüberschiessen die Antwort
Die Frau wohl sie weinte nur aber Herr von Zeisel blieb bei vierhundert
und rechnete an den Fingern die Kinder vor
Der Hofrat kanns geben Aber die Scheidung
Die Frau will nicht will nicht klagen
Ihre Aussagen werden sie dazu zwingen Wenn Sie die Briefe zeigen die
Ihre Schwestern vom Hofrat besitzen wenn ich selber bezeuge dass diese Ehe
längst gebrochen ist
Länger dauerte diese Unterredung nicht Pax wurde von Gendarmen Dorette von
den Wäscherinnen abgerufen nur die Worte bekam sie zu ihrem Erstaunen von
Pax noch in das Kellergeschoss nachgerufen
Machen Sie dass die Sache fertig wird Ich glaube fast Durchlaucht bleiben
nicht lange Die Geschäfte in der Residenz sind zu dringend
Pax sah die über seine Meldung erstaunte Miene nicht mehr sondern wandte
sich dem Amtause zu Mit der Aufgabe sich immer in der Nähe eines Staatsmannes
zu halten der mit Dem was ihm an der Gesellschaft schädlich erschien kurzen
Prozess machte verband Pax Zwecke auf die ihn eigener Instinkt führte Er war
allein hier ohne Hackert ohne Schmelzing ohne Mullrich und Kümmerlein Aber
er forschte mit doppelten Fühlhörnern nach zwei Richtungen hin Einmal hatte er
von dem Assessor Müller und Frau Charlotte Ludmer seiner Gönnerin den Auftrag
zu erforschen ob man sich dabei beruhigen könnte dass jener Engländer Namens
Murray für den so große Summen und so ehrenvolle Zeugnisse deponirt waren in
der Tat den Schmied Zeck nur niedergeschossen weil dieser in der Absicht
betroffen wurde dessen Schwester Ursula Marzahn bei Beraubung ihres geheimen
Schrankes zu töten Zweitens ob der Inhalt jenes Schrankes in nichts als alten
medizinischen Rezepten bestanden hätte was der Blinde der Geld vermutete
nicht wissen konnte Drittens ob jener Murray dessen mögliches Inkognito in
der Residenz keine Macht der schlauesten Inquisition lüften konnte niemals von
einem Friedrich Zeck gesprochen hätte dem Bruder des Schmieds der in der
Fremde wahrscheinlich in England wenn nicht in Amerika lebte oder einer von
den Zecks erhobenen Erbschaft zufolge gestorben wäre Viertens wie sich der
Förster Heunisch der taube junge Zeck und die alte Magd des Schmieds Anneliese
über diese Vorfälle ausliessen und ob Louis Armand in der Tat nur zufällig bei
dem Forstause mit seinem Freunde dem Engländer erschienen wäre weil er ein
flüchtiges Interesse an der Nichte des Jägers gehabt hätte und bei solcher
Gelegenheit den Schmied überraschte Mit dieser KriminalAufgabe verband Pax
dann noch eine politische Nachforschung Es war den Behörden nicht entgangen
dass über das Postamt zu Plessen und zu Schönau hin sich gewisse Briefe kreuzten
die oft in rätselhaftesten Formen des Styls jenem großen Geheimbunde anzugehören
schienen auf dessen Sprengung die Behörden alles Gewicht legten Ja es war
vorgekommen dass eine Zeit lang diese Korrespondenz mit adligen Wappen längere
Zeit sogar mit dem eignen Siegel der Polizeibehörde geschlossen war Und grade
die gefährlichsten Mitteilungen von einer nun bald bevorstehenden großen
Zusammenkunft dieser Geheimbundsglieder waren über Plessen und Schönau mit dem
Siegel derjenigen Polizeiabteilung geführt worden der Pax selber angehörte
sodass Pax schon auf den Schreiber Schmelzing dessen Käuflichkeit aus dem
Briefverfälschungsbubenstück gegen den Major von Werdeck sattsam bekannt war
Verdacht fasste wenn nicht gar auf Hackert der doch sonst sein ganzes Vertrauen
besaß
Über die Sache der Ludmer hatte Pax nur geringfügige Ergebnisse gewonnen
Ursula Marzahn war tot Der taube Sohn des Zeck war im Augenblick der
Forstausvorfälle grade im Ullagrunde gewesen nur die einzige Magd des Schmieds
hatte ausgesagt dass Louis Armand den Schmied um mit ihm in den Wald zu gehen
abgeholt hätte sonst wäre zwischen ihm und dem Fremden nichts weiter verabredet
worden als ein Ding zu schmieden das auf jene Stimmschraube hinauskam
Ergiebiger war Paxens Forschung auf dem politischen Gebiete Hier ergab sich
Drossels des Gelben Hirschenwirts trotzigste Gesinnung die sich vermehrt
haben sollte als er die Vorteile der Mitverwaltung des Heidekrugs so allzukurz
nur genießen konnte und Justus dafür eine Art Kompromiss in politischen Dingen
mit ihm geschlossen hatte Ein Geldvorschuss von Heunisch dem Drossel gradezu
die Veranlassung des Todes seiner Schwester Schuld gab rettete ihn wie auf
einige Zeit den eben so »wühlerisch« gesinnten Sägemüller der gleichfalls
unheimliche Sagen benutzte den leicht eingeschüchterten seit dem Tode Heinrich
Sandrarts und dem Glücke Franziskas von jeder Willenskraft verlassenen alten
Junggesellen Leberecht Heunisch zu schrauben und gleichsam über den Löffel zu
barbieren Ja Pax ging soweit in den Generalpächter so sehr er von dem ganzen
Fürstentum angebetet und vom Minister mit wahrem Bedauern vermisst ja auf das
Ungeduldigste erwartet wurde Mistrauen zu hegen und es wenigstens vorläufig
höchst sonderbar zu finden dass dieser ohnehin für einen Republikaner geltende
Einwanderer sich grade in dem Augenblick von seinem Sitz im Ullagrunde
entfernte wo der Chef der Regierung sein Herr sein Patron sein Richter der
Fürst erwartet wurde Und nun der murmelnden Misstimmung zu schweigen die Pax
überall wegen des jungen Sandrart antraf dessen Schicksal man im ersten
Augenblick streng aber unvermeidlich und nach den Gesetzen gerecht im Verlaufe
der Zeit aber viel zu grausam und von dem Geiste der jetzt im Lande herrschen
sollte viel zu rachsüchtig diktirt gefunden hatte
Wie musste sich der tätige jeder Ehre die der Staat nur zu verleihen
hatte würdigste Sicherheitsagent auf das Angenehmste überrascht fühlen als er
auf dem Amtshause Zeuge einer Szene wurde die seine kühnsten Erwartungen
übertraf Beim Justizdirektor in sein Verhörzimmer eintretend vernahm er den
wüsten Lärm eines Bauernmädchens das gewählter gekleidet als üblich keckerer
Zunge als ihrem Stande geziemte vor den Schranken einem jungen schönen in
Schwarz gekleideten weiblichen Wesen eine Menge von jähzornigen Reden anzuhören
gab die der Herr Aktuar Weiße schon mit dem runden Befehl abschnitt
Ruhe hier Fräulein wird Sie gehen lassen wohin Sie will Unverschämte
Person Hat Sie die Redensarten bei dem Heidekrüger gelernt
Man sah der sonst so untergebene Aktuar war derselbe Despot von Oben wie
er selber Knecht von Unten war Diese Stufenfolge ist ganz hergebracht Und als
der Justizdirektor vom Seitenzimmer wo er eben Butterschnittchen gefrühstückt
hatte eintrat bekam er vom Aktuar in drastischen Umrissen den Bericht Die
Magd da Liese Dammler oder Rammler was wisse er diene beim Generalpächter
hätte sich dem Fräulein Franziska Heunisch da ungehorsam erwiesen und wolle mit
Gewalt fort Sie behauptete sogar vom Schreiber des Generalpächters geschlagen
zu sein Wie Dem sei Fräulein Franziska bestehe darauf dass sie bliebe Sie
wisse wohl dass es das aufsätzige böse Mädchen zöge wieder beim klüger
gewordenen Heidekrüger Justus ihren alten Dienst anzutreten aber vor der
Rückkehr des Herrn Ackermann ließe sie Niemanden vom Hofe und sie müsse ihrem
Dienst vorstehen bis nach ausgemachter Sache mit dem Herrn
Herr von Zeisel fand diesen Bescheid ganz in der Ordnung lobte Fränzchens
tapfern Zusammenhalt ihres großen ihr jetzt schon seit länger als acht Tagen
ganz allein überlassenen Wirtschaftswesens erkundigte sich voll Anteil nach
der Rückkehr des Generalpächters den Se Durchlaucht mit einer unglaublichen
Ungeduld erwarteten und entließ Fränzchen mit dem Bescheide dass die Magd ihr
zu gehorsamen hätte bis zum Ablauf ihrer Dienstzeit und dass ihr wieder nämlich
der Liese Dammler oder Rammler unbenommen bliebe sich wegen etwaiger Ohrfeigen
oder sonstiger Denkzettel von der Hand des Schreibers beim Generalpächter im
äußersten Falle einer satisfactio denegata hier beim Amte Genugtuung zu holen
Fränzchen ging nun Sie empfahl sich voll Artigkeit Sie hatte die Pfarrerin
am Fenster weinen sehen sie wollte zu dieser Armen
Die Magd aber polterte sich nun erst recht aus und wäre leicht nach
Requisition Pfannenstiels mit Gewalt entfernt worden wenn Pax nicht der den
stummen Zuhörer und Beobachter eines ländlichen mündlichen Verfahrens abgab auf
gewisse höhnische Bezeichnungen des Schreibers aufmerksam geworden wäre und nach
mehren leichtingeworfenen Fragen herausbekommen hätte dass jener Schreiber wohl
längst seine Aufmerksamkeit verdient hätte Die Liese nannte ihn gradezu einen
Vagabunden der sich schon im Heidekrug einmal für den Prinzen ausgegeben Man
horchte man forschte Herr von Zeisel kam auf die Zeit des Inkognitos Sr
Durchlaucht der grade eintretende Pfannenstiel auf den Doppelgänger den Besuch
im Turme es fehlte nur noch der Name Dankmar Wildungen um hier eine Identität
herzustellen die der überraschendste und glücklichste Fund war der dem
Oberkommissär nur gelingen konnte Gensdarmen wurden sogleich gerufen wurden
instruirt zum Ullagrund vorausgesandt Pax folgte begleitet von der jetzt
plötzlich vom Sonnenschein der Huld begnadigten Liese Dammler oder Rammler
Pfannenstiel staunte und rieb sich mehrere War mirs doch immer mit dem
Schreiber hinter den Ohren heraus Herr von Zeisel lief zu seiner Frau und
teilte ihr eine wunderbar überraschende Möglichkeit mit die tausend andre
Möglichkeiten in sich schloss Der Schreiber beim Generalpächter Dankmar
Wildungen Der Freund des Prinzen auf den Gütern des Prinzen verborgen Aber
mein Gott wie ist Das nur Herr von Zeisel fühlte dass hier besonders zwei
Möglichkeiten waren entweder der Miskredit des Generalpächters als eines
Flüchtlinghehlers oder wiederum eine furchtbare Bêtise seinerseits indem er
einen Flüchtling aufstöberte der weil er einst der Freund des Fürsten war von
diesem selbst in alter Anhänglichkeit grade bei den Seinen am sichersten
verborgen bleiben sollte Frau von Zeisel fühlte dieselbe entsetzliche
Alternative sah das Grauengespenst einer neuen aufsteigenden
Dienstgewitterwolke und erholte sich nur erst durch die Einladung die eben vom
Schloss kam Heut Abend um acht Uhr Tee Die Liste des gallonirten Lakaien
die sie sich zeigen ließ war so lang dass sie vor Erwägung ihrer Toilette nun
keine andern Gedanken mehr hatte als die Wie vertret ich mich und die
NutzholzDünkerkes Geh mir weg Zeisel mit deinen Bedenklichkeiten Ich habe
für mich und meine Geburt zu sorgen
Fränzchen aber in ihren um das Leid des AdoptivVaters den sie seit dem
Frühjahr gefunden noch nicht abgelegten Trauerkleidern genug auch trauernd im
Herzen über Anlass und innere Folge dieses äußeren Glückes wandte sich während
dieser Enthüllungen und ihrer gefährlichen Folgen zum Pfarrhause wo sie am
Fenster unter den schon herbstlich welken Linden Tränen gesehen hatte Sie
wusste was diese Tränen bedeuteten Es tat ihr wohl als sie eintretend und
von dem Leide dieser Frau beginnend von ihr aufgefordert wurde um der Kinder
Willen mit ihr hinauszugehen in den Garten Dieser Garten lag am Friedhofe
Sonst hatte Guido Stromer hier Rosen geschnitten für Melanie Schlurck die ihn
auf dem Gewissen hatte den unglücklichen aus Rand und Band gekommenen Genius
Noch blühten Astern da und dort dunkle Georginen trauernde Blumen des
Scheidens und des Lebewohls noch einmal zusammenfassend alle bunten Farben des
Frühlings kaleidoskopisch durcheinander würfelnd von jeder Blume Etwas aber
duftlos keine ganzen Veilchen keine Maiblumen keine Rosen mehr Alle
hatten dies Ende des Stromerschen Hauses kommen sehen nach Dem was man vom
wildgewordenen Guido erfuhr Nun war es da und es kam so grausam wie doch
unerwartet Was hätte die Frau nicht vergeben vergeben um diese Kinder ohnehin
vergeben auch um sich Sie wusste wie wenig sie Guido bot sie hatte immer
gelitten unter dem Schmerz dass ein Ehrgeiziger sich in ihrer Wahl vergriff und
dass die Quellen seiner höheren Erquickung ihr nicht entströmten Warum aber so
enden so gewaltsam so grausam Stromer hätte selbst am liebsten die
geräuschloseste Trennung gewünscht Er hatte wirklich einen Schwall von
glänzenden Worten dem Weibe geschrieben von der unwiderstehlichen Macht des
Berufes dem innern Orakel dem Dreifuss der Sibylle die über dem hohlen Herzen
trone er hatte sich mit dem heiligen Patriarchen verglichen der auf Gottes
Geheiß Hagar in die Wüste sandte hatte seine Kinder eine IsmaelBürde der
Mutter genannt hatte von der Feigheit des Entschlusses gesprochen an der sein
ganzes Dasein gekränkelt von dem Geier des Prometeus der einzig und allein
einen Titanen strafen könne und dieser Geier wäre die auch ihm gewiss noch einst
kommende Reue die Reue hacke wahrhaft dem Großen die Leber aus dass es nicht
leben nicht sterben könne noch aber fühle er sie nicht noch müsse er langen
nach dem Sitz der Götter wo diese ihr heiliges Feuer hüteten all dies
Durcheinander wurde von den Beteiligten von Manchen bei denen die Frau Rats
erholte ganz so feierlich genommen wie es da stand bei Jenen aus Verehrung
bei Diesen aus Schonung aber die Quintessenz die etwa wenn zB Doktor
Reinick wäre gefragt worden gelautet hätte und die auch bei Ackermann im
Stillen lautete Dieser Mann ist ein echt deutscher LumpenTitan in dessen
Gefolge sich eine große Erbärmlichkeit unsrer Nation zieht regte sich nun
allmälig doch auf dem Grunde des Für und Wider selbst auch bei seiner
Geopferten Herr von Zeisel hatte jährlich vierhundert Taler für sie und die
Kinder verlangt Sie selbst wollte da Hofrat Stromer in eine auswärtige
deutsche Staatskanzlei zog in die Residenz wo ihr Oleander der
Gefängnissprediger versprochen hatte väterlichst die Erziehung der Kinder zu
überwachen Und Franziska Heunisch hatte so an Umsicht Lebensblick
Erfahrung gewonnen dass sie die jetzt weinende Frau durch manches treffende Wort
erheben konnte Sie pries sie sogar glücklich von solchem Misverhältniss
freizukommen und beklagte nur die Umständlichkeit des Scheidens wo immer etwas
Schamloses erst gerichtlich zur Sprache gebracht werden müsste bis die Trennung
erfolge die doch wie mürber Zunder sich von selber ergäbe Das war grade der
Pfarrerin ein Kummer Sie hatte klagen sollen Sie hatte die Beweise führen
sollen Man gab ihr den Beweis der Ehescheidungsgründe in die Hände und zwang
sie fast sich um das Leben des Vaters ihrer Kinder zu bekümmern wie sie gar
nicht mochte Sie war eine wirkliche Gläubige Sie wollte nichts Böses von Guido
wissen Wozu denn sagte sie Was quält man mich Warum ist die Gesellschaft und
das Gesetz liebloser als der Mensch selbst
Fränzchen entfernte sich und tröstete die bedrängte Frau mit der Nachricht
dass Herr Ackermann sicher noch heute Abend zurückkäme und von Oleandern Grüße
wie seine eignen Ratschläge ihr bringen würde Streng hatte auch Franziska
gesprochen aber so streng doch nicht wie eben ein Mann zur Pfarrerin sprach
der sie vom Kirchhofe her über die niedrige zerbröckelte Gartenmauer anrief und
den sie nicht kannte obgleich sie die Dame kannte die an seinem Arme hing
Dieser Mann war hoch schlank gebaut aber gebückt im Gang hinfällig in der
Haltung Er schien jung und dennoch hing sein Haar nur spärlich von den Schläfen
und wo es im Nacken saß war es ergraut Er trug einen Oberrock und fröstelte
fast Sein Schritt war sicher aber das Auftreten schien den ganzen Körper zu
erschüttern Die Reizbarkeit seiner Nerven sprach sich in einem lauten fast
schreienden Tone aus Die ihn fast überragende weibliche Begleiterin in
graugerippter hochzugehender seidner Herbstrobe mit seidenen Schnüren und eben
solchen Knöpfen auf der Brust mit dem weißen kleinen Hütchen dem feinen
Battisttaschentuche und dem schwebenden sylphidenartigen Gange kannte die
Pfarrerin wohl und so war es denn der Fürst der eben aus dem Mausoleum
seiner Mutter tretend den Kopf emporhob sein blasses Antlitz über die niedrige
Mauer richtete und etwas sehr barsch etwas sehr rau die Frage an sie stellte
Sind wohl die Frau Pfarrerin
Und noch ehe die Eingeschüchterte den Fürsten Egon jetzt voraussetzend
sich sammelte hatte mit freundlichem Tone mildem Gruße die silbergraue
Glaçehandschuhhand über die Mauer reichend schon die junge schöne Fürstin
gesprochen
Guten Tag liebe Frau Pfarrerin Wie geht es Ihnen Es ist ein Jahr her dass
wir uns sahen Fast hätt ich so ohne Begrüßung von dannen müssen Der Fürst
spricht von einer notwendigen Beschleunigung der Rückreise
Vergessen Sie uns nicht Wie geht es Ihren Kindern Grüssen Sie sie bestens
Sie hätten uns doch oben besuchen sollen Adieu Frau Pfarrerin
Und so wäre die Fürstin Melanie am liebsten rasch über eine Erinnerung die
ihr peinlich war hinweggekommen hätte gern den von dem Kirchhof und dem
Mausoleum der Mutter verstimmten Gemahl von diesen Gräbern hinweggezogen eben
standen sie an Gräbern wo die einfachsten Menschen begraben waren der Schmied
Zeck Lene Drossel vor Jahren Nantchen von Sägemüllers Ursula Marzahn die
Müllerin Alle still sanft und auf Gott wartend beisammen aber der Fürst
blieb stehen und sagte zu der den Handdruck der Fürstin zaghaft erwidernden
Frau
Tut mir leid dass Sie die Wohnung verlassen sollen Dem Hofrat hätt ich
vor einem Jahre sagen müssen Ihr Genius ist da wo Ihre Kinder sind Der Mann
hat viel Geist hat aber auch schon viel Verwirrung damit angerichtet und wird
deren noch mehr anrichten
Die Pfarrerin schlug die Augen nieder Die Fürstin trat verlegen etwas
zur Seite Egon zu hindern dass er etwas tat was er tun wollte war ihre
Sache nicht
Der Hofrat ist in der Lage sprach der Fürst in seinem kurzen polternden
Tone weiter für Sie sorgen zu können liebe Frau Fassen Sie diese Sache von
ihrer besseren nützlicheren Seite Sie werden hör ich in die Stadt ziehen
die Kinder werden einen geregelten Unterricht erhalten Wieviel Kinder haben
Sie
Die Pfarrerin nannte die Zahl Die Fürstin trat noch mehr bei Seite
Der Hofrat ist ein reichbegabter Kopf der eine umgekehrte Entwickelung
macht wie Andre die von der Wildheit anfangen und im Zahmen aufhören Das wird
nicht hindern ihn noch in vielerlei Wirrniss und zuletzt in die katholische
Kirche eintreten zu sehen
Wäre Das möglich konnte erschreckend die Verlassene doch nun nicht umhin zu
erwidern und ihren Schmerz noch deutlicher in den Mienen auszudrücken
Sie werden bald davon hören gute Frau sagte Egon Ohne Extrem geht es bei
diesen Naturen nicht ab Das ist die übliche deutsche Entwickelung die
Genialität der Universitätsdünkel des aparten Geistes dem die gegebene Welt
nicht genügt und der sich luftige Bahnen baut auf die leider wie unsre ganze
deutsche Geschichte zeigt Kirche Staat Wissenschaft Schule und Leben mit in
die Lüfte nachgeschleppt werden In Kunst und Poesie derselbe Dünkel dieselbe
Kritik die nur Das für genial hält was entweder im Irrenhause endet oder sich
eine Kugel vor den Kopf schießt Zittern Sie nicht liebe Frau Dieser Phantast
endet so nicht der endet behaglicher Die ewig unbefriedigte Sehnsucht wird bei
ihm zuletzt durch Würden durch äußern Glanz durch eine Art von Ruhestand in
den sich auch das Denken versetzt befriedigt werden Danken Sie Gott liebe
Frau dass Sie von diesen Fesseln erlöst sind In allen halben Dingen ist reine
Rechnung das Sicherste Sich hinschleppen zwischen der Erkenntnis und der Furcht
vor ihr hinschleppen zwischen Dem was man sieht und nicht sehen will sich das
Leben verbittern durch ewige Befangenheit die den Mut nicht hat das für
besser Erkannte wirklich zu wagen das heißt den schönsten Teil des Lebens
gradezu verlieren Ergreifen Sie diese Notwendigkeit des Bruches mit Heroismus
Geben Sie Ihre gerichtlichen Depositionen mit der ganzen Würde einer
tiefverletzten Frau Ich versichre Sie Sie gewinnen sich ganz und verlieren nur
Halbes
Mit diesen Worten trat der Fürst von der Mauer zurück und glaubte die
überraschte Pfarrerin mit einer innem Erhebung mit gewonnenem Mute
zurückgelassen zu haben Und in der Tat! Hätte er nur liebevoller gesprochen
die Wahrheit seiner Worte fühlte sie schon sie erwartete Ackermann um sie ihm
wiederzuerzählen und vielleicht nach ihnen zu handeln
Als Egon seinen Arm der Fürstin wieder gereicht hatte und mit ihr den
Friedhof verließ um sich dem Schlossgarten zuzuwenden brach er dann und wann
hüstelnd und wie es schien in einer andauernden Reizbarkeit in die Worte aus
Dieser Elende Wenn mir irgend etwas den Geist der Konfusion der in der
ganzen Welt die Köpfe verwirrt vergegenwärtigt so ist es dieser wildgewordene
von Dünkel und lächerlicher Selbstüberschätzung aufgeblasene Halbpoet Unfähig
nur eine einzige dauernde Schöpfung hervorzubringen und wär es ein Gedicht von
einigen Versen zerschlägt er die ganze Welt in Trümmer und macht diese jeder
Halbheit jedem Verbrechen zu einer beschönigenden Anlehnung Jede Partei die
seiner Eitelkeit schmeichelte hatte ihn Eine Zeit lang wünschte man dass er
die Kritik der schönen Künste übernahm In jeder Schöpfung sah der Schwätzer nur
den Verstand nur die Kombination immer schrie er Offenbarung Genie Genie
Jeder sich seiner Kraft bewusste und mit ihr harmlos spielende Geist war ihm ein
Rechnenkünstler Alles was Logik und Zusammenhang hatte wies er mit dem Wort
zurück Poesie fehlt Ah dies GuidoStromerisiren ist die deutsche Erbsünde
Der Kerl war dabei voll Eitelkeit wie ein Komödiant Jede Schauspielerin die
ihn besuchte jede Tänzerin die ihm gestattete ihre Hände zu küssen wurde im
»Jahrhundert« dafür gepriesen Man musste ihm weil er vor Eitelkeit halb
wahnwitzig wurde diese Branche förmlich mit Gewalt nehmen Er wollte nun zur
Politik zu mir zu Paulinen zurückkehren Aber keine einzige positive
Tatsache war ihm anzuvertrauen Er hatte nichts was ihm treu blieb nichts als
seinen Styl Eine Mischung von Naivetät und Erhabenheit von Bildern und von
Abstraktionen war ihm immer das einzig Gegenwärtige wie einem Arzt sein Latein
auch wenn er noch gar nicht weiß welche Krankheit er vor sich hat Mit diesem
Styl den zuletzt auch Pauline wegen seiner Indiskretionen verwarf lief er in
allen Zirkeln die sich ihm durch uns eröffnet hatten wie ein herrenloser Hund
umher der ein Halsband sucht und klagte uns der Undankbarkeit an drohte
sogar Seinen Styl bot er dem Meistzahlenden an und in der Tat hat der Ritter
Rochus vom Westen gut daran getan ihn für die Sophistik seines Kabinets zu
gewinnen Er wird dort viel Geld verdienen es durchbringen mit den Frauen
deren Schönheitslinien er seit Jahren zu studieren vorgibt mit Bildern die er
vielleicht kauft mit Gourmandise und wird im Übrigen jede Sache mit scheinbarer
Glut verteidigen sie mag noch so schlecht sein und innerlichst ihn noch so
kalt lassen Ah pfui Die Lüge dieser Menschen ist fürchterlich und vielleicht
fängt bei diesem Stromer für die Welt und ihr Urteil die Wahrheit damit an dass
er uns die wir ihn emporzogen nun hasst nun verfolgt nun in verzerrten
Schattenrissen an die Wand malen wird Meine Feinde die Äußersten haben ihm
auch schon Offerten gemacht Sie würden ihn gewonnen haben wenn dieser
Präsident von Flottwitz diese Excellenz von Trompetta in der Provinz nicht so
arm wie die Kirchenmäuse wären und der Hof sich zur Zeit noch schämte Geld
herzugeben um mich bekämpfen zu lassen Rochus hat mit seinen Dukaten mehr
Glück gemacht und nur Schade dass man dem Hofrat unsrerseits nun nicht noch
offen mit dem Staubbesen ein Buon viaggio nachrufen kann
Melanie erwiderte auf diesen Zornausbruch nichts Sie gedachte zum Schloss
aufblickend jenes Abends wo sie durch eine ihrem Haar entnommene Rose die sie
von den kleinen Ohren des Intendanten zuletzt als Preis gewinnen ließ in Guido
Stromer die Geister des irren Schönheitsdranges und einer noch einmal vor dem
Ende sich sammelnden Idealität weckte und sie selbst es war die ihn ohne es zu
wollen in die Residenz lockte Mit den Gedichten hatte ihr Gemahl Unrecht
Melanie besaß einen Stoß gereimter Verherrlichungen ihrer Schönheit von diesem
Musenpriester selbst nach ihrer Verheiratung noch empfing sie anonym doch mit
leicht erkannter Handschrift Apoteosen ihrer Vollkommenheit zB diese
humoristische als sie sich lange nicht hatte im Theater blicken lassen mit der
doppelsinnigen Aufschrift
An eine Schönheit ersten Ranges
Von einem jetzt
gehassten kritischen Opponenten
Wie Venus stieg aus weißem Wellenschaume
Vom Rosenlicht Aurorens überhaucht
Halb noch den Fuß in Meeresflut getaucht
Halb siegend schon auf festem Muschelraume
So schienst du mir als ich am roten Saume
Der Loge leider ist der Sammt verbraucht
Die Muschel viel zu Lampenrussbehaucht
Dich endlich wiedersah fast wie im Traume
O strahlte mir gleich Licht aus goldnen Toren
Entgegen doch aus Deiner Formen Hülle
Wie einst der holdsten Zaubereien Fülle
O könnt ich wieder Deinen Lippen lauschen
Wie wollt ich Schaumgeborne Dich umrauschen
Als Welle fliessend ewig so verloren
Die Fürstin hütete sich wohl Guido Stromers Dichterehre zu retten Sie hätte
sonst fürchten müssen Egon so zu reizen dass er wie Plato alle Poesie aus
seinem Staate verbannte Litt sie nicht genug an seiner scharfen Kritik des
Lebens an seiner zersetzenden wenn auch oft sehr wahren Auflösung aller
Charaktere Sie hatte seit dem Jahre dass sie Egon kannte seit den drei
Monaten dass sie seine Gattin war die Maxime angenommen ihm nur dann zu
widersprechen wenn er zum Seherze aufgelegt war Diese Stimmung kam selten bei
ihm Sie ließ den reizbaren von Nachtwachen von Krankheit Gemütszerrüttung
geschwächten Fürsten in seinen heftigen Invectiven sich nach Lust ergehen und
gab nur zuweilen eine scherzende Ergänzung zu Dem was ihn mit bitterem Ernst
erfüllte So jetzt indem sie aufsteigend zum Schloss an dem Pavillon an den
Marmorvasen an der Springkaskade vorüber wo sie bebend Dankmars gedenken
musste plauderte
Ja Ja Der Hofrat wäre wenn du ihn nicht so tragisch ansähest die
spasshafteste Episode eines Lustspiels Ich will von seinen Umgebungen nicht
sprechen die er eben so wunderlich zu bilden sucht als wenn wir den Versuch
machen wollten Doretten die Schönheiten von Goethes Fischer beizubringen oder
den westöstlichen Divan zu erklären den sie jetzt noch für ein Tapeziererhänden
entstandenes Möbel halten würde Er lässt sich seine Mühe nicht verdrießen Aber
drollig ist gewiss dass Stromer im Winter heimlich tanzen lernte Er wollte auf
den Bällen nicht zurückstehen und den lateinischen Zuschauer machen Whist zu
spielen unter den Herren und gesetzten Damen schien ihm mit Recht langweiliger
als sich unter den tanzenden Paaren zu tummeln und schon Wochen lang vor einem
Ball bei jungen Damen durch Huldigungen aller Art sich eine Française eine
Polka zu erbitten Mit größerem Triumph hat Guido nie auf seine neuesten Artikel
geblickt wie auf die Tourenkarte die er beim Eintreten in die Säle alle jungen
Männer fast umreissend triumphierend vorzeigte denn jede Tour war ihm besetzt
Man denke sich Hofrat Stromer auf seinen heimlichen Tanzübungen Der
Balletmeister des Hofteaters den er dafür überrühmend anerkannte mit der
Violine die dieser glücklicher Weise selber spielte sonst hätte sich der
strenge Recensent auch bei der Kapelle kompromittirt der Balletmeister Befehle
gebend Glissez Marchez En avant und unser Guido mit den langen blondgelben
Haaren und der ganzen Wucht seines gelehrten Wissens hopsend walzend
chassirend springend bis zum Entrechat
Die Fürstin lachte selbst Egon schüttelte nur den Kopf
Inzwischen aber waren schon Diener Sekretäre ihnen entgegengekommen Wo
man des Allgewaltigen nur ersichtlich wurde gab es sogleich zu fragen Befehle
zu holen Mitteilungen zu machen Eben so ging es der Fürstin die schon einige
Damen der Umgegend vorfand die ihre Aufwartung zu machen wünschten Ohne zu
wissen wie war das hohe Paar auseinander und Jedes in die Zimmer getreten die
in gewähltem Geschmack für sie neu hergestellt waren Die Fürstin bewohnte die
so verhängnisvoll gewordenen Zimmer der Mutter Egons und fand sich in der
gebliebenen gotischen kirchlichen ihren Neigungen sonst nicht entsprechenden
Ausschmückung bald zurecht da sie schon nach ihrem Sinne befriedigt war wenn
sie nur Eignes Ungewöhnliches Gepflegtes sah Da gab es denn Visiten und
kleine Plaudereien Glückwünsche und Verheißungen versicherte Hingebung und
lauschende Prüfung genug Von dem forschenden Blicke wie diese Standeserhöhung
hätte kommen können warum sie kam ob sie sich zum Guten anliess ob nicht war
Niemand frei und die Fürstin hielt ihm mit ruhiger Selbstbeherrschung Stand Sie
war die unruhige von sich selbst hin und hergejagte Melanie nicht mehr Ihr
Gemahl aber dem es schon zur andern Natur geworden nach solchen Dingen die
ihn quälten immer mehr zu suchen als nach solchen die ihm wohltaten hatte
sich von ihr bis zur Tischzeit mit dem täglich wiederholten Bedauern entfernt
dass ihn nichts so verstimme wie die Abwesenheit des Generalpächters eines
Mannes dessen Rückkehr er mit Ungeduld erwartete und dessen so unendlich
wertvolle Bekanntschaft da er Alles was Ackermann hier unternahm bewunderte
ihm wohl gar verloren gehen könnte wenn ihn was er nicht hoffe dringende
Depeschen zeitiger vom Schloss Hohenberg abriefen als zu bleiben seine Absicht
gewesen war
Die Fürstin fand nach den mannichfachen Konversationen über Nichts in denen
sie bei solchen Standesbesuchen Meisterin war und nur zu lange zu bezaubernd
die Menschen fesselte kaum noch Zeit ihre Mittagstoilette mit Musse und Umsicht
herzustellen Sie hatte neue Umgebungen Von jener Jeannette die einst hier
gewaltet hatte und bei dem jetzt arrangirten Lasally Faktotum geworden schien
war hier keine Rede mehr Neue Verhältnisse neue Menschen Und neue Kleider
Die Putzsucht war Melanien geblieben Der Fürst bestärkte sie darin da ihm ihre
Metamorphosen gefielen Sie verriet auch durch ihr Wesen nie wenn sie ein
neues Kleid trug Sie kam mit Stoffen die eben noch fast schon am Körper von
den Näterinnen fertig geworden waren und wo noch möglicherweise irgendwo zum
Entsetzen der Kammerjungfern ein Seidenfädchen konnte unausgezogen geblieben
sein aber sie kam so in den Salon als wenn diese neue Tracht schon längst mit
ihr verwachsen war ja als wäre sie mit ihr auf die Welt gekommen Dieser
letztere Ausdruck gehörte ihrer guten Mutter Johanna Schlurck geboren
Arnemann Diese brave Frau war in der Erziehung ihrer Tochter immer nach dem
Prinzip verfahren Einem Mädchen muss man es ansehen können ob es mit
Glaçeehandschuhen auf die Welt gekommen
Diese guten Justizrats Sie existirten für Hohenberg nicht Fürst Egon
schloss sie von allen Beziehungen zu sich zu seinem Palais zu seiner Existenz
radikal aus Die Mutter litt darunter und zwar furchtbar entsetzlich
Nicht deshalb weil ihre Tochter eine Fürstin war an alles Außerordentliche
gewöhnt sich der Mensch sehr rasch sondern weil die Fürstin nicht mehr wie
sonst ihre Tochter sein durfte Aber Franz Schlurck fand diese Trennung ganz in
der Ordnung In dem Briefe den seine Tochter nach abgehaltener Tafel zB heute
von Hause vorfand sagte er ihr »Mein gutes Kind Dein Leben wird von tausend
vereinzelten Kleinigkeiten so in Anspruch genommen sein dass du solche
Gedankenstriche und Ausrufungszeichen wie sie in deinem letzten Briefe
vorkamen ganz aus deinem Systeme der Interpunktion entfernen solltest Du hast
nie gegrübelt warum willst du es jetzt tun Du bist die Fürstin von Hohenberg
Durchlaucht Basta Den Groll der Mutter die nach ihrem sonst vernünftigen
Naturell sich mit der Zeit in ihre Zurücksetzung finden wird ertrage als eine
vorübergehende Frauenlaune und sei versichert dass ich dich in dem großen und
wahrhaft philosophischen Lehrgange den du mit deinem hohen Herzens und
Pflegebefohlnen befolgst immer unterstützen werde Den tieferen Sinn deines
Wahlspruches Entweder ein Bettler oder ein Fürst hab ich nie ergründen mögen
die Alternative war so schroff gestellt dass ich jedenfalls lieber der
zurückgesetzte Schwiegervater eines Fürsten als der geliebkoste eines Bettlers
bin Also Weiter im Text Die Gedankenstriche die bei der Stelle über meine
Lage stehen hab ich eher verstanden Doch waren deren drei nicht nötig Ich
hielt schon den einen für überflüssig In meiner juristischen Praxis wenn ich
alte Briefschaften und Familiennachlässe zu durchstöbern hatte waren mir als
die gemeinsten Briefe immer die erschienen wo Väter und Mütter an ihre
gutverheirateten Kinder um Unterstützung schreiben Du wirst sie auch in keinem
gedruckten Briefsteller verzeichnet und in etwaigen Schematen dazu vorgemerkt
finden Und doch werden sie unglaublich oft geschrieben was wiederum nicht für
die Armut mancher Eltern wohl aber für die Herzlosigkeit vieler Kinder ein
schlimmer Beweis wäre Bei uns ist Das anders Ich weiß meine Melanie ließe
mich wie es irgendwo heißt mit Kapaunen und Nichtstun auffüttern selbst wenn
beide weil sie zu fett machen überhaupt meine Sache wären Herzenskind lass
das Alles gehen wies geht Ordne dein überraschendes Verhältnis wappne dich
gegen die neidische Welt schmiege dich unter deinen erzwunderlichen Gatten
ohne seine Sklavin zu werden und lausch ihm die kleinen Lichtschimmer seiner
mir eigentlich wie der Saturn so dunklen aber ohne Zweifel doch großen Natur
ab für das Übrige müssen unsre unfreiwilligen guten Grundsätze sorgen Die
Mutter war von jeher für das Wasser und ein gewisser Pindar schon ein alter
Odensänger der die irdische Belohnung der Dichter bereits zu kennen schien
trotz Guido Stromers neulicher Anstellung im Süden mit 5000 Silbergulden
Pindar schon sagte Wasser bleibt immer das Beste Er hatte Recht Der Mensch
ist Erde und nichts ist der Erde notwendiger als Wasser wenn sie nicht Staub
werden soll Sieh die verdammten Gedankenstriche Da mach ich eben selber
einen und einen recht kläglichen Noch aber ist Das nichts als dumme Koketterie
von mir Ich denke nicht ans Sterben ich lebe wenn auch nicht vom Wasser wie
die Mutter doch von der Luft Die Luft ist klar und blau und hell ich gehe
viel spazieren Schulden machen will ich nicht Meine Prozesse haben abgenommen
Entweder ist die Welt friedlicher geworden oder die jungen Advokaten verstehen
noch mehr Einreden als in den Pandekten und im Schmidt stehen Mit meiner
mündlichen Verteidigung hab ich Fiasko gemacht Meine Jungfernrede vor den
Assisen war Kinderlallen Ich weinte als ich nach Hause kam obgleich mein
Klient freigesprochen wurde Die Qual die ich letzten November ausstand als
die angeschwollenen polnischen ZinsaufZinsSummen der Äbtissin Sibylle vom
Kloster zum Herzen Jesu da sein sollten dieselben Summen die Jahre lang
entweder Max Leidenfrost oder Jagellona Kaminska heben konnten aber nicht heben
wollten weil Einer sie ganz dem Andern gönnte Werdeck arm ist und der tolle
Maler der dich einmal verspottet hat nicht reicher lebendiges Beispiel dass
Großmut und schrankenlose Tugend nur Unheil in der Welt stiften ich sage die
Qual die ich ausstand weil diese Summe nicht da war und doch nur
möglicherweise furchtbare Hypothese möglicher Weise gestohlen sein konnte
Melanie als Alles verkauft werden musste was man sich entziehen kann ohne dass
es die Menschen sehen und darüber mit hässlichen schwarzbeflorten Redensarten
kondoliren wie man mir bei Abschaffung unsrer Equipage kondolirte und ich mit
Anspielung auf Lasally sagte ich habe das Kapitel des Pferdestalles satt und
will nicht mehr an den Hufbeschlag erinnert werden da sieh meine Perioden
verwickeln sich immer wenn vom Gelde die Rede ist verlässt mich die Kraft des
Styles ganz im Gegensatz zu Hofrat Stromer dem der Styl grade recht erst
kommt wenn das Geld im Kasten klingt damals damals Melanie als alles Das
da war und nicht da war damals hab ich mir eine Empfindsamkeit zugezogen wie
einen nicht endenden Katarrh Ich bin wehmütig gestimmt selbst wenn ich
Prozesse gewinne Den Johanniterprozess hab ich halb und halb verloren noch
nicht für die Stadt denn propinqui equites bleiben ein Rätsel »Ritter und
Reisige als Verwandte« aber verloren für mich Die Administration wird neu
beschaffen und wer weiß was in Tempelheide jetzt aus dem großen Straussenei
schlüpft das dort von einem Kater Namens Bafomet ausgebrütet werden soll
Wenn die Wildungen wirklich gewönnen Denkst du noch an den Morgen damals in
meinem Zimmer Neueres aus dieser Residenzwelt weiß ich nicht als dass man
sagt Unterschlagen in diesem Prozesse wurden von Schlurck vielleicht einige
Kommata aber kein einziges Dokument fehlte ich küsse deine süßen Hände Kind
verschmitzt benutzt hat er sie und manchen absichtlichen Sprachschnitzer sich
zu Schulden kommen lassen der alte Lateiner sagt die öffentliche Meinung
Was öffentliche Meinung Frage den Fürsten was öffentliche Meinung Von
Politik nichts du sitzest ja in ihrem Zentrum Rate dem Fürsten sich mit dem
Heidekrüger Justus und seiner Sorte auszusöhnen Die Politik der Landwirte die
nicht mehr und nicht weniger als circa 100 Morgen haben entscheidet die Welt
dh die Mittelsorte Oder darfst du nicht über das Rad sprechen mit dem dein
Ixion sich quält es den Berg hinan zu wälzen Neues Unsre Katze hat wieder
Junge und die Mutter sträubt sich jetzt gegen das Ersäufen Ach Kind wo sind
die Zeiten hin Wenn Mietz sonst Junge hatte Das Laufen und Rennen im Hause
Diese Freude und dieser Kummer Es war als sollt es Kindtaufe geben und als
zankte man sich über die Namen und die Paten Jetzt aber Mutters alte Art
diese Streitigkeiten durch einen Kübel Wasser und ein gründliches erstes und
letztes Bad der jungen Brut zu enden hat uns verlassen Frau von Trompetta will
die Mutter für einen Tierquälerverein gewinnen in den die Mitbegründerin der
deutschen Flotte sich zu stürzen beabsichtigt seitdem sie eine Anwesenheit des
Hofes in Tempelheide verpasste und ihr Vetter immer noch nicht Minister ist Der
Hof besuchte die Akademie in Tempelheide an einem Tage wo grade Frau von
Trompetta abwesend war Das sagt Alles was ein Leben in Verzweiflung stürzen
und zum Tierquälerverein reifmachen kann Sie hat sich erkundigt was Alles die
Königin in Tempelheide äußerte Man hatte von der Tierseele gesprochen Das war
ihr genug sich mit Propst Gelbsattel zu vermitteln der kürzlich ersucht worden
ist die Initiative eines Vereines zum Schutze der Tiere zu übernehmen Da man
ihn über Nichts mehr um Rat frägt den guten Propst da er selbst beim
Kunstverein das Präsidium verloren hat so wurde er um so eher Präsident jener
Verbindung als die bevorstehende Entscheidung des Johanniterprozesses ihn um
die von der Stadt ihm gehaltene Equipage und selbstredend dadurch allein schon
um die Gelegenheit Pferde zu quälen bringen wird Bartusch hat eine Anstellung
im Rathause Der Alte ist bei der Statistik der Getauften Gebornen und
Verstorbenen angestellt Sein Sprichwort »Allerlei Gemenschel« kommt in
glorreiche Anwendung Seit ihm nicht gelang den Taufschein eines gewissen Paul
Zeck aufzufinden der in der Biographie deiner hohen Gönnerin deines
Glücksschmieds Pauline eine Rolle spielt ich kitzelte sie schon oft mit dem
Namen Zeck da ich weiß dass Das ein Blitz über ihre dunkelste Lebensphase war
seitdem hat auch unsre Verbindung mit den Geheimnissen der hohen Aristokratie
aufgehört Sie wendet sich an jüngere Rechtsbeistände die nichts erlebt haben
nichts von den Antecedentien wissen und blindlings glauben wenn Matronen die
Hände falten und von dem Rufe sprechen wie von einem Spiegel den ein Hauch
trüben könne O der Ruf Dieser unsichtbare Galgen an dem die zartesten Hände
nach Herzenslust die Menschen stranguliren und lustig von unten nach oben
rädern Von wem willst du sonst hören Von der Mutter Sie projektirt dir ein
Opfer zu bringen Sie will dass wir aufs Land ziehen und dort Kinderzeug nähen
Wäre dein Gatte so grausam unsre Verbannung zu wünschen Es täte mir leid wie
ein alter Pensionär in die Provinz zu ziehen Aber sprich es aus wenn es sein
muss Es ist auch vielleicht besser ich läse nicht mehr an den Läden die nun
erst gar mit den Eisenbahnen frisch angekommenen Austern und sähe nicht auf den
Straßen sogar denke auf unsern Straßen Seefische die man auch sonst nur in
unsrer Komturei zuzubereiten verstand Von Hackert erfuhr ich lange nichts Ich
hätt ihn gern nach einem gewissen Ringe gefragt Er lebt meist in der
Brandgasse jagt Mäuse und Ratten Pax wird ihn so lange an sein Herz drücken
bis er sich seinen Henker und Nachfolger in ihm grossgezogen hat Der Lauf der
Welt ist so Auf dem Markt seh ich immer in die Körbe der Krebsfischer Wies
darin wimmelt so ist die ganze Erde Aber was Krebse Der September hat ein R
Es gibt jetzt keine Krebse Adieu mein Kind Amor schütze dich«
Wehmutsvoll das Haupt gebeugt zerrissen von dem in diesen Zeilen durch
tiefen Schmerz aufschreienden Humor angekettet an ein freudenarmes Loos das
der Welt so beneidenswert erschien saß Melanie und hing den trübsten
Empfindungen nach Es war ihr schon lange manchmal wie einem Wandrer auf
einsamer felsiger Höhe den nie von ihm gesehene dunkle Vögel umkreisen und ihm
zuzurufen scheinen Wende um du findest in diesem Trümmermeere keinen Ausweg
und die Nacht wird dich überfallen Was zur Fürstin sie erhoben sah Melanie
wohl im Zusammenhange vor sich aber rätselhaft blieb ihr die Folge dieser
Umstände die Kette dieser Zufälle doch Sie konnte sich sagen dass sie die
Männer fesselte blendete aber nie hatte sie Vertrauen fassen dürfen auf die
Dauer der Neigungen die sie einflößte Sie hatte mit zu bitterer Erfahrung
erlebt dass man sich in der Liebe zu ihr beherrschen bekämpfen sich ganz
überwinden konnte selbst dann wenn man ahnen musste dass sie selbst liebte
Immer nur der Augenblick hatte ihr wie ein flüchtiger Genius ein lachender
Engel mit Schmetterlingsflügeln schwankend auf einer Blume oder gar einer großen
bunten Seifenblase unsichtbar zur Seite gestanden Weil ihr der innere Glaube
an sich selbst fehlte weil sie sich eines Nixenlooses eines gebundenen
Sirenenschicksals fast mit Wehmut bewusst war hatte sie sich von dem
Bedeutenden das sie fürchtete wie das ihren Zauber lösende zerstörende
Beschwörungswort fast ängstend entfernt gehalten Nun war ihr ein Schicksal
gekommen das sie äußerlich ihre kühnsten Hoffnungen überflügelnd emportrug
und innerlich schien ihr doch der Tod ihr Verhängnis zu sein der Untergang ihr
Schicksal Sie hatte diesen Fürsten Egon diesen ihren Beschwörer bei der
Geheimrätin kennen gelernt Nie würde er sie gefesselt haben Es fehlte ihm die
herausfordernde neckende Elasticität die die Frauen selbst wenn sie wissen
dass solche Männerscherze und Männerspiele nicht immer und zu Hause am wenigsten
getrieben werden dem Charakter der Solidität und den Tugenden der
aufrichtigsten Ehrbarkeit vorziehen Sie wollen nun einmal umflattert sein sie
wollen den Schein der Freude sie wollen sogar die Verstellung wenn sie nur
nichts Anderes lügt als Ergebenheit und Huldigung Dieser Egon von Hohenberg
aber tändelte und scherzte so selten er war so ernst dabei doch so
siegesgewiss so kalt und dann doch zuweilen so seltsam heiß Der Heiterkeit Maß
fehlte ihm dann Sie hatte kein Vergnügen an seiner Bewerbung Lange freilich
währte es bis sie diesen Eindruck selbst erriet Sie gab sich Egon wie sie
sich Dankmar Wildungen als sie ihn für Egon hielt gegeben hatte Der
Unterschied war nur der dass Egon gefesselt blieb während Dankmar mistraute
Egon war der Fürst von Hohenberg warum sollte er an Enttäuschung glauben Er
war in der Tat nur glücklich bei Paulinen von Harder der Feindin seiner
Mutter nur glücklich wenn es hieß Ist Melanie noch nicht da wann kommt sie
wie bleibt sie so lange jetzt rollt ein Wagen das ist sie nicht das ist sie
Und dann ließ er diese beiden Frauen um sich leben und weben walten und
schalten genoss mit Behagen dass sie für ihn lebten und webten für ihn walteten
und schalteten Er ruhte sich bei ihnen von seinen gewaltigen
GeistesAnstrengungen aus Die gescheuteste und die schönste der Frauen in der
Residenz gehörten ihm Und für immer wollte er Beide an sich fesseln nie wollte
er Melanie in eines Andern Armen wissen Aber seltsam Sein Ideal schwang sich
grade weil sie nicht liebte zum Charakter auf Sie verweigerte jede Gunst die
über die Grenze einer leichten Koketterie hinausging Sie war allein gegen
Egon nur so wie sie es im Beisein Paulinens sein durfte Lange besann sich der
Fürst was da zu tun Er wählte den Ausweg einer Standeserhöhung Die
vielgefeierte allerdings für verlobt verlobt mit einem zweideutigen Charakter
geltende Melanie Tochter eines seither hochangesehenen stadt und landbekannten
Mannes konnte dieses Vorzugs nur gewürdigt werden wenn damit zugleich ein
glänzendes Zeugnis für Melanies Sittlichkeit ausgesprochen wurde Man würde
eine illegitime Verbindung ewig verurteilt haben während man sich an die
legitime in Kürze gewöhnte und sich ganz einfach sagte Fürst Hohenberg ist arm
er will eine Häuslichkeit ohne ein Haus zu machen Er hat eine Frau genommen
die er Niemanden zu zeigen nötig hat und macht dabei die besten Geschäfte er
spart und hält die Hausfreunde ab So die Welt Egon aber Ob wohl in ihm der
Gedanke lebte Nach Louison und Helene nach der Poesie deines Lebens jetzt nur
keine Etikette mehr jetzt nur keine Ehe mit anspruchsvollen dich in moralische
Kosten setzenden Frauen nur keine wirkliche dich beunruhigende Fürstin Sein
»Egoismus« ertrug eine ebenbürtige Ehe nicht Vielleicht auch eine ihn in
stillen Stunden durchschauernde Pietät des Herzens für die Vergangenheit
Das äußere Glück war also für Melanie selten und groß aber das innere
fehlte Die Fürstin Hohenberg hatte sich nicht umsonst so besonnen gehalten als
sie sich an die Bewerbung eines Fürsten nicht sogleich wegwerfen wollte In
flüchtige und leichtsinnige Herzen zieht die Tugend oder diejenige Reflexion
die wenigstens wie Tugend aussieht nicht ohne große Kraft ein Die äußere Würde
genügte ihr nicht sie wäre so gern wahrhaft glücklich gewesen Ihr Gatte war
nicht leichtsinnig genug sich in Schulden zu stürzen Ihr Vater entbehrte nicht
nur sondern geriet auch was sie wohl durchschaute in die bedenklichsten
Schwankungen seines Kredits wenn nicht gar in Schwankungen seiner Ehrlichkeit
Es war ihr wohlbekannt wie furchtbar der Justizrat darunter litt dass alle
Welt die bei ihm aus diesen oder jenen geschäftlichen Vertrauensgründen
niedergelegten Summen jetzt plötzlich sehen jetzt plötzlich kontroliren
wiederhaben wollte Dies Flüssigmachen von Kapitalien die er nicht unter sieben
Siegeln gehalten hatte sagte Schlurck einmal schwemmt mich noch eines schönen
Morgens selbst in die er nannte den Fluss an dem die Residenz liegt und Weib
und Kind schrien auf sie wussten längst was manchmal in ihm vorging Egons
Abneigung gegen die Eltern war eine große Qual für Melanie Er hätte die Familie
hundert Meilen weit entfernt sehen mögen Ihm darin widersprechen hätte ihr
unwürdig und unklug geschienen Die Macht der Ehe nach dem Altar ungrossmütig
anwenden widersprach ihrem Charakter widersprach ihrem freien Weltblick den
sie in der Tat der Philosophie ihres Vaters verdankte Es war dies nichts
Geringes in ihr Der Fürst ahnte es sogleich erkannte sie schenkte ihr den
unbedingtesten Glauben liebte sie Sie selbst wusste es sie hatte Beweise
seiner ihr allein gewidmeten Herzlichkeit er kannte ihr Leben ihre
Vergangenheit sogar ihre Jugendverirrungen und entschuldigte sie Was sie auch
erzählte Egon hatte Alles geahnt er entsetzte sich nicht dachte sich in ihre
Erziehung hinein hatte ihren Tränen unbedingtes Vertrauen geschenkt und da sie
tief tief ihm zu danken hatte so war sie glücklich unglücklich Die selige
Übereinstimmung mit Egons Natur fehlte und sie musste ihn doch nehmen wie er
einmal war
Mehrere Stunden hatte die Fürstin in trüber Schwermut so für sich
hingebracht und bei Allem was sie vielbefragt anzuordnen vielbeschäftigt
vorzunehmen schien die Frauen können Das immer doch einem und demselben
Gefühle nachgehangen Sie war für den Abend in einer andern Toilette als die
sie am Mittag getragen hatte Es boten sich oft Tagelang keine Gelegenheiten
mit ihrem Gemahl ein einziges trauliches Wort zu sprechen Hier in Hohenberg
hatte sie darauf gehofft hier hatte sie sich sogar möglich gedacht Egons
tieferer Natur etwas näher zu kommen Er war von Paulinen befreit er befand
sich in jener Gegend an die sich seine Jugend knüpfte und wo ihm selbst in
jüngster Zeit noch Abenteuer ja Vorfälle komischer Art begegnet waren sie
hoffte auf Heiterkeit Vergebens Egon blieb überhäuft mit Geschäften
verstimmt absorbirt und die wenige Musse die er sich gestattete verwandte er
in dem ihm angeborenen und anerzogenen Instruktionseifer auf seine gutsherrliche
Lage auf die Besichtigung seiner Güter und die Prüfung der ihn wahrhaft
überraschenden ja fast beschämenden Tätigkeit jenes Generalpächters Ackermann
den er auf Empfehlung des ihm geistig verloren gegangenen Dankmar Wildungen zum
Wiederhersteller wenn nicht seines Glücks doch seiner Ehre gewählt hatte Die
Abwesenheit dieses Mannes den er bewunderte peinigte ihn Er kam zu Melanie
als sie eben mit ihrer Abendtoilette fertig war und sagte
Es ist leider sehr wahrscheinlich dass ich aus der Stadt Briefe über
Hofintriguen empfange die wenigstens meine Anwesenheit hier abkürzen Es wäre
mir das widerlichste Begegniss wenn ich Ackermann nicht mehr sehen sollte Er
würde mich da die Ernte überstanden ist jetzt in der Stadt besuchen können
aber ich hätte ihn hier sprechen mögen hätte so gern von ihm hier mich führen
mir Alles was er unternimmt zeigen und erklären lassen Glücklicherweise war
ich vorhin im Walde dem Förster begegnet der von Briefen spricht die für heute
Abend seine Rückkehr ankündigen
Egon erklärte nun mit der ihm eigenen Vollständigkeit Alles was er von
Ackermanns Einrichtungen schon zu übersehen glaubte Er wiegte sich in der
Vorstellung dass diesem Manne der so uneigennützige fast fabelhafte
Bedingungen gestellt hätte gelingen könnte das Erbe seiner Väter wieder
herzustellen und Melanien das Loos seine Frau zu heißen auch wahrhaft zu
einem fürstlichen zu machen Melanie hielt diesen auch heute von ihm beliebten
Übergang fest und malte alle die Pläne aus die sie mit dem gesteigerten Ertrage
dieser Besitzungen verbinden wollten Diese luftigen natürlich nur scherzweise
vorgetragenen Träume waren ihr willkommener als die Rundblicke Egons auf die
ihm so wissenswert vorkommende Systematik Ackermanns und seine Fragen die er
an Melanie die Ackermann doch gesehen hatte glaubte richten zu dürfen Wie ist
sein Wuchs Ist er alt Warum trug sich wohl sein Kind in Knabentracht Wie
lange mochte er von Deutschland entfernt gewesen sein Gesprochen hast du nie
mit ihm Er ist doch ein geborner Deutscher Was trieb ihn wohl von dem
heimatlichen Boden Wie kam er nur auf den Gedanken sich grade an meine
verlorenen Besitzungen zu wagen
In diese für den Fürsten sich immer mehr steigernde Aufregung fiel bald
diese bald jene Meldung Die wichtigste war die dass man einen politischen
Verfolgten dessen Spur seit einem halben Jahre verloren gegangen wäre und die
man selbst im Auslande nicht wieder gefunden unter den Dienstleuten des
Generalpächters entdeckt hätte und ihn eben zur Haft brächte War die Meldung
vorläufig auch nur eine gerüchtsweise so war sie doch schon störend genug und
die Räte des Fürsten die sich schon zur Teestunde versammelten hatten alle
Ursache befremdet zu sein wie der Generalpächter zu dieser Wahl seines
Hülfspersonals käme Noch kannte man den Namen des Gefangenen nicht Die
Erwähnung des Turmes in Plessen die Notwendigkeit Verbrecher so nahe am
Schloss wenn auch nur so lange beherbergen zu müssen bis der Befehl zur
Abführung nach einem nahegelegenen Landgerichte oder der Residenz gegeben war
war Allen drückend und Niemanden mehr als der Fürstin die die unangenehme
Wirkung der Erwähnung des Turmes in ihrem Gemahle dessen Beziehung zu ihm sie
sehr wohl kannte deutlich genug bemerkte Die vorfahrenden Abendgäste brachten
schon Kunde von der durch diese Verhaftnahme verursachten Aufregung in Plessen
Und nun kam einer der Sekretaire mit dem soeben vom draußen harrenden
Oberkommissär gemeldeten Namen Dankmar Wildungen Dieser selbst Der
Vielbesprochene der Allen Bekannte der nach so entgegengesetzten Seiten hin
die Welt in Anspruch Nehmende Dieser jetzt hier und verhaftet Egon erblassend
tritt hinaus und will Pax selber sprechen Herr von Zeisel begegnet ihm noch
erschöpft von seinem schwierigen Vorverhör und schon gedrängt von seiner
Gemahlin Auch die Fürstin erfährt den Namen Ihr Erblassen wird von der
Gerichtsdirektorin wohl erkannt wohl verstanden Der Generalpächter als Hehler
politischer verbotener Feuerstoffe war bald durch die ganze Gesellschaft wie ein
seltsames Fragezeichen tausend Auslegungen preisgegeben Melanie hörte nur
zitterte nur schwankte Egon kam zurück ja es war in der Tat Dankmar
Wildungen derselbe von dem Alle wussten dass eine Kette von Zufälligkeiten und
Abenteuern ihn mit dem früheren Leben des Ministers in den seltsamsten
Zusammenhang gebracht hatte Dieser Abend wurde eine Folter Gespenstische
schattenähnliche Begegnungen von allerlei Menschen unter einander deren Ja und
Nein deren Excellenz Durchlaucht Ja wohl Ganz gewiss Haben Sie von dem
Wasserfall im Gebirge schon gehört O Sie sollten einmal die Wanderung nach dem
Felsengrund versuchen Kennen Sie Randhartingen bei Abendbeleuchtung Alles nur
wie um der Worte willen geführte Gespräche gemischt mit Teetassengeklapper
Kleiderrauschen Kommen und Grüssen o eine Phantasmagorie des Nichtigsten und
Leersten und Das nun aushalten zu müssen Das schüren zu müssen wenn der
Funke zu verglimmen scheint Das ersticken zu müssen wenn die Flammen eines
Streites vielleicht zu heftig auflodern Die Fürstin saß hinter ihrem
Teetopf in Verzweiflung Der Fürst konnte doch ab und zu Es wurden doch Türen
geschlagen Pferde trappelten Säbel klapperten sie wusste doch dass Egon der
so oft ihr schon gesagt hatte er hielte es für die glücklichste Gunst des
Zufalls dass er nicht in die Lage gekommen wäre diesem ihm einst und noch jetzt
als Charakter und Mensch gleich wertvollen Dankmar Wildungen in unmittelbarer
persönlicher Feindseligkeit gegenübertreten zu müssen seine schmerzlichste
Aufregung durch Fragen Erklärenlassen Befehlegeben verbergen wenn nicht
mildern durfte sie aber die in Dankmar mehr als den Freund ihres Mannes
ehrte sie die in diesem Schloss an seinem Arme gezittert hatte ihn liebte
noch liebte wie fast jeder Mensch ein stilles wenn auch entsagendes Sehnen in
sich trägt sie sollte schweigen sollte von gewöhnlichen Dingen reden Jeden
bezaubern Jeden gewinnen den Adligen sich versöhnen Sie hielt es nicht
länger aus Gegen halb zehn Uhr sprach sie von unerträglichstem Kopfweh Die
Damen bemerkten dass sie das Haupt aufstützte Die Fürstin ist angegriffen
Durch den Saal flog die Trauerkunde von der Migräne der Fürstin Aber o Himmel
man ist auf dem Lande Man ist hier so natürlich so teilnehmend oder so
interessiert zudringlich dass man von allerhand Mitteln spricht gegen Kopfweh
von einem flachen Messerrücken an die Stirn gedrückt von Citronensaft von
einem zu öffnenden Fenster erst die Räte aus der Stadt gaben den rechten
Rat Aufhebung der Soiree
Nach einigen Minuten war die Fürstin allein Egon bestätigte die Verhaftung
erklärte die Identität verwies vorläufig auf den Turm Retten helfen konnte
er nicht Es war zu spät Melanie fühlte dies Zuspät nicht sich wohl aber der
Pflichtenlehre und dem Charakter ihres Mannes nach Er erklärte die Anwesenheit
Dankmars grade bei Ackermann für eine Folge der Liebe Dankmars zur Tochter des
Generalpächters Melanie bestätigte diese Vermutung als die wahrscheinlichste
Auslegung eines Aufenthaltes der der erste trübe Flecken auf dem von Egon so
hochgehaltenen Bilde des Generalpächters war Sie sahen beide Alles wie es wohl
war und wie es sein konnte und schieden voll Schmerz Egon der noch zu arbeiten
und sein Schlafzimmer im andern Flügel des Schlosses hatte die Fürstin die mit
Schrecken von ihm hörte
Es wird diese Unbesonnenheit ihm leicht einige Jahre Gefängnis kosten
können die nicht abzuwenden sind falls die Genossen seiner Verschwörung nicht
dazwischen treten Wenn die Wildungen den Prozess gegen die Stadt gewinnen
sollten erleben wir Verwickelungen die eine Stellung wie die meinige leicht zu
einem Kampf gegen Geister und Zaubereien machen dürften Ich weiß nicht ob man
nicht von Glück sagen darf dass bis dahin vielleicht die Partei
TrompettaFlottwitz am Ruder ist Der Hof war in Tempelheide hat sich von
Windharfen und Naturmystik unterhalten lassen General Voland liest jeden Abend
die Kapitel seines neuen Werkes über die alchymistischen Vorstellungen die das
Mittelalter mit der Natur der Steine verband die frommen Präsidenten drängen
aus der Provinz herein Wohlan Man kann bald Gelegenheit finden die Politik zu
behandeln wie jene Helden die im Zauberwalde Armidens ihre Schwertstreiche auf
Feinde richteten die vor ihnen wie die Luft zerrannen
Die Fürstin die ein Großes und Gewaltiges im Leben nur ertragen und
durchführen konnte wenn eine erwiderte Liebe ihren Mut beflügelte ihren Arm
stärkte Melanie begab sich zur Ruhe Zum Turme gehen eine Befreiung zu wagen
List Verschlagenheit anzuwenden wie damals im Heidekrug Diese Zeiten waren
vorüber Sie ging zur Ruhe
Egon aber als Alles im Schloss still geworden und er allein war öffnete
das Fenster und blickte zu den Sternen auf Nie haben wir ihn mit sich selbst
beobachtet Nur seine Worte im Gespräch mit Andern nur seine Taten ließ wir
für ihn reden Es gebührte diese Zurückhaltung dem Bilde einer Persönlichkeit
die Alle als den lebendig gewordenen Egoismus nehmen Dieser Charakter fast von
Allen verurteilt die mit ihm in nähere oder entferntere Berührung traten
konnte nur durch die Andern geschildert werden Aber dennoch dürfen wir an die
zerrissenen Empfindungen glauben mit denen Egon an das geöffnete Fenster seines
Schlafzimmers trat die schon kühlere Nachtluft an seine heiße Stirn wehen ließ
und voll Wehmut auf den Garten des Schlosses hinunterblickte auf die Bäume und
Boskette hinter denen der Gerichtsturm des Dorfes Plessen versteckt lag Wenig
über ein Jahr war vorüber und was hatte sich Alles seitdem begeben Nur die
Jedem wieviel mehr einem Hochbegabten sich aufdrängende Überzeugung dass wir in
einer Zeit der gewaltigsten Umwälzungen inner und außerhalb der Menschenbrust
leben konnte die Wandlungen glaublich erscheinen lassen die seit dem Tage wo
Dankmar in die Gefängnisszelle des Fürsten trat die er nun selbst bewohnte
diesem geschehen waren Egon war sich selbst kein Rätsel aber er fühlte es mit
Schmerz dass er ein furchtbares Andern sein musste Jener Stunden die ihn im
Turme um die Freundschaft eines jungen unternehmenden Kopfes werben ließ
gedachte er jetzt mit solcher Lebhaftigkeit dass er auf einen Sessel niedersank
an der Brüstung des Fensters sein Haupt aufstützte und sich in Empfindungen wie
diesen kaum zu sammeln wusste
Du Ärmster sagte er sich Würde Alles so gekommen sein wenn das Geheimnis
des Bildes das Geständnis der Denkwürdigkeiten deiner Mutter dich nicht in
deiner Bahn plötzlich an einen entsetzlichen Abgrund geführt hätte wo du die
Besinnung verlorst und dich an die einzige dir nahestehende Hand klammertest
Diese Mutter die sich einbildete mich Demut zu lehren und mich die Lüge
lehrte Hoffte sie dass ich von meiner weltlichen Stellung herabsteigen mein
Leben der innern Beschaulichkeit der entsagenden Demut widmen würde Sie hat
sich vielleicht nicht getäuscht Sie hat vielleicht den Punkt getroffen der
meine Zukunft wenn ich noch eine haben werde mehr bedingt als die Liebe die
Bewunderung oder der Hass den ich in meinem gegenwärtigen Mühen ernte Aber im
ersten Augenblick des Schreckens verlor ich die Besinnung Die Lüge war hier
eine notwendige eine erlaubte Selbsthilfe Der Makel der Geburt brannte so auf
meinen Stolz der Zorn des Sohnes über eine durch die Religion verblendete
Mutter wallte so siedend in mir auf dass ich gerade mit Leidenschaft Das sein
wollte was ich nicht bin Die Sitte ist auch hier das Gesetz Die Sitte heiligt
auch hier die Unsitte Es ist wie im Staat seine Mängel geben nicht das Recht
ihn selbst zu zerstören Ich bin der Fürst von Hohenberg Aber dass ich es sein
wollte dass ich mit einem Schrei der Verzweiflung gegen die Entdeckungen die
mit dieser Pauline hätten entschlummern können mich sträubte mich gegen mein
Schicksal bäumte Das wurde der Anfang aller Leiden meiner Seele und es ist mir
wie ein Bild der Zeit denn diese Extreme die mich stürzen werden verraten
noch mehr als ich dass in ihr etwas morsch und faul ist und man die Prozedur
einer sittlichen und strengen Revision mit diesen Zuständen nicht mehr wagen
darf
Es schlug schon elf Uhr vom Dorfturme herüber Nächtliche Vögel
schossen rasch im Kreise mit hängenden Flügeln sich wendend an den Fenstern
des Schlosses vorüber Egon träumte fort
Auch Dankmar Wildungen wird diese Schläge der Uhr hören er wird sie zählen
wie ich er wird auf mich vielleicht rechnen Oder nein Er war mir an Einsicht
schon damals überlegen als ich ihm so zerflossen so abenteuerlich und in der
Gefahr feige erschien Wie war ich hastig unsicher von meiner Lage fast bis zu
tragischer Besinnungslosigkeit überrascht Wie schäm ich mich als dieser Posa
seinem Karlos erwiderte »Gibt es denn noch Freundschaften« Du hast Recht Es
gibt keine Dankmar Wildungen Und doch ist es eine Wahrheit dass grade wir
Menschen die die Welt als Götzendiener des Ichs verurteilt die unendlichste
Sehnsucht nach Liebe haben Grade wir Egoisten wir Kaltgescholtenen schmachten
nach dem Tau des Verständnisses grade wir leiden unter der Einsamkeit die
sich um uns her wie eine wüste Steppe ausbreitet leiden wie etwa die großen
Männer leiden müssen die man nur in ehrfurchtsvoller Ferne bewundert und denen
aus Scheu Niemand sich zu nähern wagt wie den höchsten trauernden Schneespitzen
der Alpen Ich hoffte einen neuen deutschen Armand in dir zu finden und dachte
mir darunter einen Bewunderer meines Wertes einen Diener meiner Launen ein
Werkzeug meiner schon damals gehegten wenn auch nicht ausgesprochenen Plane Der
feine Kopf verstand die Absicht die ich selbst nicht fühlte Er sah an Louis
Armand was ich mir unter ihm wohl dürfte gedacht haben und mistraute der
aufdringlichen Zärtlichkeit eines Hochgestellten der in der Tat die Probe
nicht bestand Ich verlor ihn mit ihm Louis Armand mit ihm Helenen ich verlor
die selbständige Liebe und gewann vielleicht nur die sklavische es ist nicht
gut die Liebe Derer nicht ertragen zu können die sich doch auch ein wenig
selber achten
Der Fürst Egon von Hohenberg war wie seine Mutter Er wühlte in den eignen
Eingeweiden und bestätigte auch darin eine Erfahrung die man oft an großen
Männern gemacht haben will dass ihr Denken nicht ihr Handeln ist Ihr Denken ist
ein Auflockern der ganzen Innerlichkeit ihr Handeln nur Eines ein
entschlossener Aufschwung eine energische Tat Die weiche Empfindsamkeit der
Größe würde kein Geheimnis der Seelenlehre sein wenn die großen Menschen ihre
Gedanken belauschen ließ und die Fülle von Erwägungen blossgäben die sie im
Zustande der Ruhe anstellen und die sie nur in dem Augenblick bannen wo irgend
eine Gefahr ruft irgend ein Entschluss mit Blitzschnelle gefasst sein muss Egon
sprach klein ohnmächtig zagend von sich und in diesem Augenblick hätte das
Postorn eines Kuriers ertönen eine Depesche hätte ihm überbracht werden
dürfen die einen raschen Entschluss erforderte er würde sich nicht fünf Minuten
besonnen haben den Befehl zu erteilen der ihm der notwendige und den
Verhältnissen angemessene erschien
Doch blieb es still Nur ein schärferer Nachtauch fuhr durch die
herbstlichen Blätter der Fürst schloss das Fenster
Noch floh ihn der Schlaf Noch drückten zu viel der Lasten die Brust eines
Mannes der bei der eisigen Atmosphäre der Politik doch noch nicht ganz in
seinem innersten Herzen erstarrt war
Was trennt mich denn von Euch sagte er noch hinausstarrend durch die
geschlossenen Fenster in die Nacht und die Hände zusammengefaltet im Schoss
ruhen lassend was hat denn unsere Bahnen so unterbrochen dass sie nicht mehr
zusammengehen konnten Standesvorurteile Die Verschiedenartigkeit der
Interessen Ihr denkt so ich weiß es und eine Weile als ich mit Eurer Hilfe an
jenem stürmischen Abende in Paulinens Villa das Testament der Mutter erobert
hatte dachte ich selbst nicht anders Aber schon hatte ich den Träumen
widersprochen mit denen Ihr die Welt zu bessern gedachtet schon mein System
der Pflichten aufgestellt Eurem System der Rechte gegenüber Was ist zu tun
wenn zwei streitende Gedanken plötzlich auseinandergerissen werden von dem
Leben das dem Einen sagt Lasse Das und dem Andern Tue Das Die Aufforderung
zum Handeln kommt so lange die Erde stehen wird wohl an jeden Gedanken zu
früh Immer wird ihm noch etwas an seiner Reife fehlen immer wird ein Moment
ihm noch zu gewinnen sein die allgemeine Übereinstimmung und schon soll er
handeln schon das Leben umgestalten schon sich in der Welt wie sie gegeben
fest bewähren Da hatt ich keine Möglichkeit mehr mit Euch zu wandeln Die
große Aufgabe des Staatsmannes traf mich überraschend aber nicht unvorbereitet
Ich hatte Das was Genf was Bonn und Göttingen mich lehrten nicht vergessen
in Paris hab ich nicht aufgehört mein teoretisches Rüstzeug zu mehren es zu
schärfen rein zu erhalten vom Roste der Alltäglichkeit Das Denken das Lernen
das Aufspeichern war mir als ich mit dem Volke lebte eine klösterliche
Vorbereitung auf einen Beruf den mir der Zufall schenkte denn suchen konnt
ich ihn nicht in dieser süssträgen Letargie nicht die wir unter Büchern und
Frauen empfinden Es gibt keine gefährlichere Wonne als die Liebe einer schönen
Frau verbunden mit dem Luxus der Ideenbereicherung durch bloßes geistiges
Aufnehmen aus Büchern Reisen allen erdenklichen Wissensquellen nur nicht dem
Born des eignen Arbeitensollens des eignen Schaffens Ionischer Himmel die
Liebe Kleopatrens und die Bibliothek von Alexandria an dieser höchsten aber
gefährlichen Seligkeit des Lebens zugleichgenossen sind die größten Genies zu
Grunde gegangen ich wollt es nicht ohne darum ein Genie zu beanspruchen
Die unwillkürliche Erinnerung an Helenen trieb Egon vom Sessel empor Es
schauderte ihn hinüberzublicken auf die Fenster wo eben Melanies Licht erlosch
Helene blieb ein Akkord in seiner Seele der selbst wenn sie einem Maler
Namens Heinrichson gehören und jetzt mit diesem in Paris weilen konnte ihm
einen Schmerz verursachte wie wenn er sich plötzlich in einem Gefängnis
erblickte Er trat auf mit schallendem Fußtritt er fühlte sich elektrisirt er
wusste nicht ob vor Wonneschmerz oder vor Wut er hätte an Eisenstäbe greifen
an ihnen rütteln mögen er konnte sich nicht beruhigen ehe er nicht die
kühlen feuchtansetzenden Scheiben des Fensters an seiner Stirn fühlte An diese
lehnte er sich und dachte mit Klagen
Was wär es nun wenn ich den Mantel nähme diese Zimmer verliesse den Berg
hinunterschritte an den Turm träte und der Wachen nicht achtend die ihn
hüten werden zu dem Fenster emporriefe Schläfst du Wildungen Fürchte nichts
Mich schwindelt auf der Bahn die ich wandele Dein Märtyrertum ist größer als
meine Freiheit Und wenn du Freiheit willst ich will sie dir geben will mit
dir fliehen hinaus in die Welt in ein Felseneiland will dies künstliche
Gewebe das mich umsponnen hat zerreißen dies Gehäuse zertrümmern ich will
ein Genosse deines Bundes sein dieser furchtbar anwachsenden wie das Erzgeäder
in einem Bergschacht verbreiteten und dich vor uns verurteilenden Ritterschaft
vom Geiste
Es war ein Augenblick der ihn so überflog so aus der künstlichen
Selbstbeherrschung und der Aufgabe die er für die Welt durchführte
hinausschleudern konnte Melanie Pauline Amanda das waren Namen die ihn
immer nur starr machten kalt entschlossen Bei Helenens Namen aber
überwehte es ihn wie einer jener weichen Südwestwinde die wie auf feuchten
Schwingen mild und lockend uns plötzlich anhauchen nach langer trockner
Witterung Die Verführung dauerte aber nicht lange Sie hörte mit dem Anruf
der Wachen auf die er vom Turme hörte Es waren Gendarmen die die Posten
wechselten morgen in der Frühe sollte der Gefangene in einem verschlossenen
Wagen in die Residenz geführt werden
Ah der Fürst strich sich gleichsam das Haar von der Stirn zurück Er
vergaß dass sich der Scheitel nach seiner Krankheit völlig gelichtet hatte
während der Rest der ihm geblieben schon graue Spitzen zeigte Er runzelte die
Augenbrauen und stellte die Lichter so dass er nicht in Versuchung geriet sich
im Spiegel zu erblicken Er war zerfallen wie schon ein welkender Mann während
er etwa dreißig zählte Aus jeder Kammersitzung kam er erschöpfter Wenn er bei
sich anfuhr schlich er die Treppe hinauf warf sich in ein Kanape und verlangte
eine halbe Stunde Ruhe um sich her da er nicht sprechen konnte und vom
leisesten Geräusch gereizt wurde Oft zuckten ihm Muskeln des Gesichts ohne dass
er es selber merkte Wie tot streckte er sich dann ließ die Arme hängen und
staunte tief in sich selber dass diese ohnmächtige Hülle ein ihm selbst noch
fühlbares Bewusstsein enthielt Durch narkotische Mittel hatte er oft schon auf
Schlaf gehofft Die Natur wurde aber dadurch nur noch mehr gebrochen Die
Gesichtsfarbe wurde gelb ein Beweis dass die Leber litt bei einem Ärger den
ihm nicht etwa der Widerstand der oppositionellen Elemente verursachte sondern
die Treulosigkeit seiner eignen Bundesgenossen und die Undankbarkeit Derer für
die er wirkte Egon stritt gern über Prinzipien Eine Rede gegen die Demokratie
hob ihn erheiterte ihn Eine Rede gegen die Partei der reinen
Konstitutionellen gegen die Fractionen Justus und Ähnliche verursachte ihm
Appetit für den Mittag denn er gab Diners bei denen er kaum mehr als einige
Löffel Suppe aß Aber Das was an seiner Leber nagte war die Überzeugung von
der tiefen innern Verdorbenheit des Staates den er verteidigte und seiner
Organe selbst Der Ehrgeiz der Beamten die heimlich den Boden unter ihm
durchwühlten konnte ihm Anfälle von Raserei machen Er sah da Menschen die in
stillen Zeiten emporgekommen waren nie ein Prinzip hatten als das der
Beförderung auch nie um ein anderes gefragt wurden da die alte Zeit alle
Berufung an die Gewissen der Menschen ausschloss Menschen die nun auf
bedeutenden Posten stehend sich bei dem großen Kampfe den er auszufechten
hatte wie müßige Zuschauer gebehrdeten Man beneidete ihm hier seine Stellung
die rein eine Folge des parlamentarischen Lebens war Ohne für das Beamtentum
gebildet gewesen zu sein war er Staatsmann geworden Seine Jugend sein Mangel
an Bekanntschaft mit dem gewöhnlichen Geschäftsgange der Ressorts die er durch
Ministerialvorstände verwalten ließ während er sich die Prinzipien vorbehielt
nach denen die einzelnen Fälle entschieden wurden sein Terrorismus der in der
Tat von Monat zu Monat zugenommen hatte und in eine brüske Reizbarkeit
ausartete alles Das hatte angefangen ihm seine Stellung sehr schwierig zu
machen Er nannte die neutrale Gleichgültigkeit hochgestellter Beamten Buhlerei
mit der Revolution Er sprach von der mephistophelischen Bosheit der gewesenen
Minister die Gott und dem Genius des Vaterlandes hätten danken sollen dass er
das ihnen mislungene Werk vollführte die Hydra der Revolution bändigte und die
statt dessen in den Kammern und der Gesellschaft eine gravitätische Ruhe
affektirten jeden seiner Anträge erst prüften in den Kommissionen die
gründlichsten Ausweise verlangten und ihn so hinstellten als wenn er zwar die
Ausübung der Macht sie aber die Macht selber wären In der Tat hatte sich bei
Hofe und in der Adelskoterie auch schon die Meinung festgestellt dass diese
ganze Politik des Fürsten Egon von Hohenberg nur von der Gnade der großen durch
die Umstände zum Feiern gezwungenen Köpfe lebe die sich wie Pairs des Reiches
im alten catalonischen Sinne gebehrdeten Die Art Ständevertretung die Egon
selbst früher bezweckt hatte war eine Idee gewesen die man als er sie den
nächsten Ratgebern des Königs vorschlug erst bewunderte Als aber die Emeuten
besiegt waren als man einige Beispiele von Kraft auf der Straße und in den
Vestungen gegeben hatte als sich tonangebende selbst hochgestellte Demokraten
nicht mehr aufrecht erhalten konnten sondern im Auslande lebten oder sich durch
einen Bund nur stärken konnten der in diesem Augenblicke die einzige
Beunruhigung der Gesellschaft war da drang auch Egon mit seiner Theorie der
Arbeit nicht mehr durch und war schwach genug verwöhnt genug schon durch die
Macht gereizt genug schon durch den Zorn seine übrigen Werke den Nachfolgern
überlassen zu sollen dass er sich anbequemte und Gedanken annahm die eben auch
in der konservativen Sphäre die üblichen Allerweltsgedanken waren Die Freunde
Dankmar an der Spitze der nun in seine Hand Gegebene hatten ihm diese Wendung
vorausgesagt Er konnte sie nicht vermeiden hasste darum aber auch nicht wenig
die Urheber dieses Zerwürfnisses mit sich selbst und diese Urheber saßen dicht
in der Nähe des Monarchen buhlten um seine Gunst waren die tägliche
Genossenschaft der auch ihm unzerstörbaren kleinen Zirkel Der Hof genoss die
Ruhe die Egon dem Lande schaffte in brusterlösenden atembefreienden Zügen
Das war eine Seligkeit so die Gefahren allmälig verschwinden zu sehen wie
verrollende Donner Die großen Mächte hatten sich wieder gefunden die Höfe sich
ausgesöhnt die nationalen Reibungen wurden für falsche Deckmäntel der
Revolution ausgegeben Die Monarchen wollten sich unter sich selbst verstehen
sie schlossen sogar die Minister aus und erklärten wohl zu verstehen worauf es
in Europa ankäme nämlich lediglich auf ihre Selbsterhaltung Sie wollten nur
Armeen nur Soldaten nur Kanonen nur Orden nur Geld Das Übrige selbst an
den ihnen ergeben scheinenden und doch nicht ganz spezifisch geläuterten
Staatsmännern war überflüssig und nicht selten verdächtig Ganz besonders war
es die junge Königin die genug mit tonangebenden Fürstinnen dieser Zeit
korrespondirte um diese Idee energisch zu vertreten Es kostete Mühe
wenigstens dem Könige noch den General Voland und seinen weltträumerischen
sentimental haltlosen Standpunkt zu retten Die Königin verdächtigte Alle
ausgenommen einige Kammerherren einige Offiziere einige Präsidenten und Räte
einige Professoren einige Zeitungsschreiber Sie erklärte dass im Augenblick
der Gefahr sich im Grunde Niemand bewährt hätte und als der König erwiderte
Aber General Voland würde es wenn er nicht gerade auf Reisen gewesen wäre
widersprach sie zwar nicht bemerkte aber der Staat käme ihr vor wie ein
schwankendes Schiff Alles renne auf ihm hin und her Jeder wolle helfen und
grade von dem Rennen grade von dem Helfenwollen verlöre das Fahrzeug das
Gleichgewicht und schlüge über es solle daher nur Jeder ruhig auf seinem Platze
sitzen bleiben dann würden Alle gerettet werden So konnte sie auch an Fürst
Egon zwei Dinge durchaus nicht ertragen Einmal seine mangelnde »Sittlichkeit«
und zweitens die geringe patriotische Schwärmerei Grade das Tiefsittliche in
Egon grade das gegen den Hang der Natur in ihm fortwährend Rebellirende
verstand sie nicht Sie wollte die Demonstration der allgemein herrschenden
SittlichkeitsGrundsätze Sie wollte Kirchenbesuch Adelsgefühl die Teilnahme
an dem Esprit de corps jenes moralischprüden Wesens wie man es einmal
eingeführt und festgehalten wünschte Egon passte in diese Kategorieen nicht Er
besuchte die Kirche nicht er tat nichts für die innere Mission er heiratete
ein schönes den verschiedenartigsten Urteilen ausgesetztes Mädchen Er führte
diese Frau zwar nirgends ein mutete Niemanden zu ihr zu huldigen ließ sie
nur da gelten wo man sich ihr zu nähern sich selbst gedrungen fühlte aber auch
in diesem Stolz lag etwas Verletzendes für die hochgestellten Menschen die
unbedingt einmal nicht wollen dass sie in irgend einem Vorfall der Welt
umgangen in irgend Etwas unberücksichtigt vermieden bleiben Dieser Stolz des
Fürsten wurde vollends beleidigend für die Sphäre des Hofes wenn Egon von
Hohenberg gar so tat als wäre der Staat ein Erstes und die Monarchie doch erst
ein Zweites und nun gar dies Königshaus wohl selbst erst ein Drittes Die
reaktionäre Wildheit und Blindheit hatte grade umgekehrt nicht nur die
Monarchie sondern grade diese Monarchie dies Herrscherhaus grade mit seinen
Erinnerungen seinem historischen Gepränge seinen Wappen und seinen
Bannerfarben für das Erste im Staate und den Staat selbst erst als das Zweite
erklärt und in einer solchen Ideenwelt stand Egon trotz seiner
Demokratenverfolgung trotz seiner rücksichtslosen Bekämpfung der ihm anarchisch
scheinenden Gesellschaftselemente gradezu wie ein Fremdling da Und sonderbar
Pauline von Harder hatte Recht als sie ihm einmal da er bei irgend einem Anlass
von seinem wahren Vater Heinrich Rodewald gesprochen hatte erwiderte Im
Gegenteil Egon Sie besitzen ja einen Adelstolz wie ich ihn bei keinem
Marschalk keinem Harder angetroffen habe Sie sind ja das ganze Bild jenes
unabhängigen Adelsgeistes den die Fürsten im Grunde so sehr fürchten wenn er
nicht zu Hofe hält und von der Sonne ihrer Huld sich bescheinen lässt Wissen Sie
denn dass Amanda von Bury stolz war und ihren Adel höher hielt als den der
Hohenbergs bis in der Tat die Fürstenkrone sie ganz verwirrte Ihr tiefes
Körperleiden ihre geringen gesellschaftlichen Erfolge untergruben sie Voll
Schmerz und Zorn floh sie auf die ländliche Zurückgezogenheit ihrer Güter und
ich kann mirs denken dass trotz aller Selbstkasteiung trotz alles
Beichtbedürfnisses sie eine eigentümliche Befriedigung darin gefunden hat
Ihnen zu sagen dass Sie ihr Sohn nicht der des gefürsteten Grafen Waldemar von
Hohenberg sind Egon lehnte diese Vermutung lehnte seinen Adelsstolz ab
und nannte sich nur einen Staatsphilosophen der an seiner eignen Geschichte
erkenne was eigentlich den modernen Staat wurme und an ihm zehre es wäre dies
das tiefe Gefühl seines eignen innerlichsten Irrtums Am Hofe musste er bei
solchen offenen und verschwiegenen Auffassungen längst für einen Grillenfänger
gelten den man nur noch zu schonen hatte Man schonte ihn weil man noch keinen
Nachfolger hatte und erst allmälig die Menschen die besonders die Königin ihm
aus den Reihen der frömmelnden und servilen Beamten oder der bramarbasirenden
Junker gern substituirt hätte von ihren niedrigen Stellungen in der
BeamtenHierarchie emporsteigen lassen musste Egon erkannte diese Politik sehr
wohl und unterschrieb die Beförderungspatente von Legationssekretären
SubalternOffizieren bisherigen Landräten reaktionären Zeitungsredakteuren
einst mit einem Worte das man am Hofe sehr abscheulich fand Jeder Mensch
ernährt mit seinem besten Lebensblut die Würmer die ihn töten die aber dafür
auch zuletzt den hohen Genuss haben an seinem Leichnam sich selber tot speisen
zu dürfen
Mit düstrer Verbitterung sich in alles Das ergebend was sich in seinen
Verhältnissen zu den früheren Freunden nun einmal so und nicht anders gestaltet
hatte ging der Fürst gegen zwölf Uhr endlich zur Ruhe Hatte ihn gleichsam die
eigne Schuld Dankmars an dessen Loose beruhigt hatten ihn wieder die Papiere
versöhnt die er über Ackermanns Verwaltung neben seinem Bette liegend fand er
schlief besser als jemals und hörte am Morgen spät erwachend mit ruhiger
Gelassenheit dass der Gefangene schon in aller Frühe in einem Wagen zur Residenz
abgeführt war
Er fährt einer Überraschung entgegen sagte einer seiner in der Frühe mit
ihm arbeitenden Räte er wird den Prozess gegen uns und die Stadt vielleicht
gewinnen Der Generalpächter soll gestern Abend die Nachricht mitgebracht haben
dass zwei kleine Pünktchen in den alten lateinischen Urkunden die Entscheidung
herbeigeführt hätten
Ist Ackermann also da fragte Egon trotzdem dass sich Dankmar bei diesem
verborgen gehalten von der Nachricht seiner Ankunft angenehm berührt Er
hoffte sich gegen ihn aussprechen zu dürfen Er hoffte ihm sagen zu können
dass er seine Nachsicht aus Liebe zu Selma seinem Kinde verzeihlich finde Er
hoffte Versicherung geben zu können dass gegen Dankmar nur der Verdacht
vorläge Stifter eines geheimen den Staat bedrohenden Bundes keiner
eigentlichen Verschwörung zu sein er hoffte auf eine seine Brust
erleichternde Unterredung mit diesem Landwirt der ihm unter so vielen
Querköpfen mit denen er zusammenstiess seit lange die gediegenste und
tüchtigste Natur erschien
Er hatte die Absicht im Laufe des Tages das Schloss zu verlassen und in die
Residenz zurückzukehren wo seine Gegenwart bei der wühlerischen Unruhe der
Königin und ihrer Partei notwendig schien
Eine Anfrage an die Fürstin ob sie geneigt wäre für heute schon die
gemeinschaftliche Rückreise zu gestatten brachte die Antwort Mit Freuden
Egon fühlte dass Melanie unter Dankmars Schicksal litt Er wusste nicht dass
sie ihn geliebt hatte er wusste nicht wie sie ihm jenes Bild der Mutter erobern
half aber er wusste dass er ihr wert war und zu seiner Philosophie gehörte es
einem Weibe das man liebt nicht die Vergangenheit vorzuhalten Er hatte Das
auch bei Helenen nie getan und bei Melanie dafür neue Beweise gegeben
Um neun Uhr wollte er die Fürstin sprechen es hieß sie hilfe räumen
einpacken
Um zehn fragte er ungeduldig wann denn endlich Ackermann käme
Um halb elf kam Herr von Zeisel und berichtete über Dankmar Wildungen und
seine ruhige Ergebung in das ihm widerfahrene Geschick Überraschend war die
Mitteilung dass der Generalpächter schon gestern Abend als er Herrn von Zeisel
mit dringender Teilnahme wegen des Gefangenen im Amtause befragte die
sonderbare Enthüllung über seine Person gegeben hätte dass er bisher von
Verhältnissen gedrungen gewesen wäre einen andern Namen zu führen als der ihm
eigentlich gebühre Er bäte davon Act zu nehmen In der Residenz hätt er sich
aus Ursachen seinen Verwandten erst jetzt entdecken können und bäte ihn nun
zu nennen aber wie
Egon fand es sehr in Herrn von Zeisels Art dass er den zu seinem neuen
Befremden erst jetzt angegebenen wahren Namen des Generalpächters nicht behalten
hatte
In demselben Augenblicke aber wurde von dem Bedienten der Generalpächter
Rodewald genannt als derjenige den Se Durchlaucht jetzt in der Tat sprechen
könnten er stünde im Vorzimmer
Wer fragte der Fürst und glaubte nicht recht gehört zu haben
Richtig Rodewald sagte Herr von Zeisel und gab nun mehrmals den Namen an
der ihm entfallen war Rodewald Der Generalpächter erzählte mir in der
Teilnahme für das Geschick seines vermeintlichen Schreibers den er duldete
weil er seine Tochter liebte dass er vor dreißig Jahren auswanderte der Sitten
und Beziehungen der Heimat unkundig nicht ahnend dass er die
Verantwortlichkeit einer Schuld auf sich lade die auch vielleicht geringer
wäre als sie die Gesetze darstellten
Welcher Name sagte der Fürst fast schon tonlos
Rodewald wiederholte der Justizdirektor Ich werde die Verdienste und das
Genie dieses Mannes nie in Abrede stellen Er hat sich eine Aufgabe gestellt
die über meine Kräfte gegangen wäre Es ist ein Kameralist in der besten
Bedeutung des Wortes. Nach seinen Mitteilungen glaub ich zu schließen dass
diese Übernahme der Güter Ew Durchlaucht ihm rein eine Sache der Liebhaberei
und dabei ein heiliger ja edler Ernst ist und ich möchte bitten meinem guten
Nachbar das Versehen
Aber Herr von Zeisel musste eine eigentümliche Wirkung seiner freundlichen
Rede bemerken Er sah dass der junge Fürst schwankte sich zum Herzen griff
nach seinem Stuhle langte
Ums Himmelswillen was ist Ihnen Durchlaucht rief der gutmütige Mann und
wollte klingeln
Der Bediente entfernte sich rasch wollte Wasser holen rief ohne Zweifel
dem wahrscheinlich noch mehrere Zimmer entfernten Rodewald zu er möchte später
kommen
Der Sekretair des Fürsten begegnete aber dem Bedienten schon und hatte eine
Karte in der Hand die er dem Fürsten von dem Harrenden noch übergeben sollte
Egon erholte sich etwas und vernahm was ihm unter Fragen nach seinem
Befinden gemeldet wurde
Der Generalpächter hätte diese Karte abgegeben die den vollständigen Namen
enthalte den er seit acht Tagen führe er bäte Se Durchlaucht um Verzeihung
über sein langes Ausbleiben Familienverhältnisse hätten seine Rückkehr
verzögert
Indem las Herr von Zeisel die Worte
Heinrich Rodewald Generalpächter der Besitzungen Sr Durchlaucht des
Fürsten von Hohenberg
Egon griff nach der Karte überflog sie man brachte Wasser Er schien
sich aber erholt zu haben Die Hilfe war nicht mehr nötig Der Justizdirektor
glaubte sagen zu dürfen
Es nimmt allerdings gegen eine Persönlichkeit ein wenn sie gleich Anfangs
nicht offen und wahr uns entgegen tritt und dennoch glaub ich dieses kleine
aus Familienrücksichten beobachtete Stratagem des Herrn Heinrich Rodewald doch
der Nachsicht Ew Durchlaucht anempfehlen zu müssen
Diese Vermittlung des wohlwollenden Diplomaten war aber nicht nötig Egon
hatte schon entschieden Ein furchtbarer Verdacht nicht mehr Herr seiner
selbst außer Paulinen von Harder nicht einziger Besitzer seines Geheimnisses
zu sein hatte ihn wie ein Blitz ergriffen Das erste Gefühl bei dem Namen
Rodewald war das des Entsetzens der Furcht der Liebe der Rührung Als er aber
wieder hörte Heinrich Rodewald als er Dankmar Wildungen mit Dem der ohne
Zweifel Der war der ihm das Leben gegeben hatte in Verbindung sich dachte
ergriff ihn die entsetzliche ihn nicht zu Boden schmetternde sondern zum Zorn
ja zur Wut aufstachelnde Vorstellung von einem geheimen ihn umspinnenden Netze
einer bösen verräterischen Absicht und nun gar das Wort Generalpächter der
Besitzungen Seiner
O sagen Sie dem Generalpächter
Der Name erstickte auf der Zunge Dennoch raffte er sich auf und fuhr zu dem
Sekretair fort
Sagen Sie Herrn Heinrich Rodewald dass ich ihn jetzt nicht mehr sprechen
kann In einer Stunde reis ich ab Nach der Residenz würd ich ihm den Tag
melden lassen wo ich ihn zu sehen wünsche falls ihn der Ruf der Gerichte nicht
früher dorthin vor die Schranken fordern sollte
Der Sekretair ging mit dieser den Umständen angemessenen Antwort Herr von
Zeisel wurde leidlich freundlich entlassen
Keiner Besinnung mehr fähig gab Egon die Befehle zur Abreise Er war wie
ein zur Flucht Gehetzter Melanie erstaunte begriff den Zusammenhang
nicht Nur fort fort herrschte der Fürst in dem ihm eignen kalten und
unerbittlichen Tone wenn ein Gedanke ihn einmal mit dem Drang der
Notwendigkeit ergriffen hatte Er aß nichts Er stand Niemanden Rede Jedermann
glaubte nur ein Staatsgeheimniss könnte ihn so erschüttern so aufregen Man
gehorchte seinen Befehlen Aus einer Stunde wurden aber doch zwei drei vier
fünf trotz Dorette Wandstabler die Wunder wirken konnte wenn man ihr etwas
aufgab wie eine solche plötzliche Abreise Um ein Uhr fuhr man in der Tat erst
vom Schloss ab Zuerst wenigstens Fürst Egon und seine Gemahlin die in die
Residenz zurückkehrten nach einem Aufenthalte der statt drei beabsichtigter
Wochen wenig über zehn Tage gedauert hatte Alle hatten sich dies Wiedersehen
anders gedacht selbst der alte Winkler und Mutter Brigitte die von den Zeiten
des Feldmarschalls her sich viel schöne Erinnerungen an Trinkgelder und
allerhand Lustbarkeiten erhalten hatten Selbst ihre Frömmigkeit hätten Beide
dem neuen Regimente zum Opfer gebracht wenn es doch nur auch einigermaßen nach
alter fürstlicher Art und Hoheit hergegangen wäre Es war aber nicht gewesen und
Allen blieb ein Erstaunen ein tiefstes Befremden ein Kopfschütteln ein Raten
und Klagen über gute alte nie rückkehrende Zeit zurück Die größte Bestürzung
setzte man aber im Ullagrunde voraus bei dem neuen Herrn Rodewald Fränzchen
Heunisch sah auch bei ihm nur Tränen und deutete sie auf den guten immer so
heitern freundlichen gerechten Dankmar Wildungen und sein Schicksal Sie war
es die darüber an Selma schrieb Sie war die einzige Vertraute dieses stillen
Allen jetzt erst sich aufklärenden Verhältnisses zwischen ihr und dem
unglücklichen Dankmar gewesen Als sie den Brief geendet hatte fragte sie den
tief in Gedanken versunkenen Generalpächter ob er nicht selbst noch ein Wort
beifügen wollte
Er hörte nicht Sein Kopfschütteln nahm sie für eine Verneinung Sie
schloss selbst den Brief an Selma Rodewald auf Tempelheide und trug ihn nach
Plessen von wo die Briefe auf das Postamt zu Schönau befördert wurden
Siebentes Kapitel
Der Spruch des Obertribunals
Zu einer für die Sitten der höheren Stände außerordentlich frühen Stunde fuhr am
Palais des Fürsten von Hohenberg in der Stadt ein Wagen vor dem eine hohe
schlankgewachsene schon ältere weibliche Erscheinung entstieg Sie fand die
Dienerschaft in voller Bewegung So schnell hatte man die Rückkunft der
Herrschaften nicht erwartet Um Mitternacht waren sie angekommen nach einer
Fahrt ohne Aufenthalt fast wie vom Sturmwinde dahergeführt
Es war ein regnerischer Tag Die Aussteigende achtete kaum des Schirmes den
der Bediente über sie hielt Mit raschen Schritten war sie unter dem
Säulenportal die Stiegen hinauf an die Zimmer der Fürstin gekommen wo sie
trotz der frühen Stunde Einlass fand Die Kommende war eine Frau der das ganze
Palais wie ihre eigne Wohnung offen stand Pauline von Harder
Die Fürstin eben erst nach der ermüdenden so plötzlich anberaumten
Rückfahrt von Hohenberg von ihrem Lager erstanden ordnete in einer Anzahl von
Paketen und Zusendungen aller Art die sie auf dem Hohenberg nicht hatte
empfangen wollen Sie war in ihren Räumlichkeiten etwas beschränkt Das große
Palais trug überall die Spuren des langen Alleinbesitzes durch den
Generalfeldmarschall Das hier den Frauen gebührende untere Stockwerk war
vernachlässigt und bedurfte eines Umbaues zu dem dem Fürsten jetzt die Mittel
und die Musse fehlten So war sie auch auf kaum drei Zimmer und eine Anzahl
Kabinette beschränkt deren Ausstattung nach den Anforderungen des neuesten
Komforts viel zu wünschen übrig ließ Die übergrossen hohen oben gerundeten
Fenster hatten etwas PeinlichFeierliches in das sich Pauline von Harder am
wenigsten finden konnte Jedes Mal wenn sie zur Fürstin kam war ihr erstes
Wort eine Anklage ihrer Zimmer Nein diese Reitsäle nein diese
Kirchenfenster nein diese LaternenExistenz Ihr müsst bauen lassen dieser
alte PalastStyl ist zu rococo geworden zu unbequem Alle Zimmer wie Esssäle in
den Kasernen wie die Räume eines anatomischen Museums Hier könnt ich nicht
leben Wie Das hier zieht Nein treten Sie hierher Melanie wie hier die
Fenster wackeln Halten Sie die Hand dahin Und diese Parketts diese Türen
diese Plafonds Hier brecht Ihr einmal förmlich durch oder die Decke fällt Euch
eines schönen Morgens gradezu auf den Kopf
Heute machte die Geheimrätin eine Ausnahme von dieser fast stereotypen
Regel Sie überraschte die Fürstin auf ihrem gewöhnlichen Etablissement einem
an ein großes Fenster gerückten Durcheinander von Stühlen Halbsophas
Chaiseslongues »Balzacs« die rings um einen Tisch gerückt waren und so
standen dass man auf ihnen sitzend oder liegend ein volles Licht genoss Die
Fürstin war nach ihrem häuslichen Winkelwerk in der alten Komturei sehnsüchtig
nach dem Lichte geworden und lebte hier wie eine Blume dem hellen Tage
zugewandt Und die Geheimrätin tadelte beim Eintreten gewöhnlich auch diese
Niederlassung Immer trat sie mit dem zweiten Teile ihrer Predigten ein Aber
Beste Sie sitzen schon wieder auf der Straße Ich sehe Sie schon wieder zum
Fenster hinausfallen Sie haben nun das Einzige was diese alte Kommode von
Palais noch brauchbar macht die dunkeln Winkel und dennoch rücken Sie doch
die Etagere da fort und stellen Sie das Kanape dahin Himmel wie könnt ich
so aushalten Ich würde die Chaise longue umwenden so fällt das Licht besser
hier die Tabourets da der Spiegel Die Konsolen müssen drüben hin an den
Blumentisch mit dem würd ich die Chaise longue maskiren und den Balzac den
würd ich dorthin schieben wo der Fürst das Licht auf sich fallen hat Welche
Frau lässt denn immer das Licht auf sich fallen und die Männer im Dunkeln sitzen
Grade umgekehrt
Aber auch diese zweiten stereotypen Eintrittsworte der Geheimrätin fielen
heute fort Sie hatte nie ein Besserwissen bei ihnen im Sinne sondern nur ein
Besserwollen wirkliche Absicht sich nützlich zu erweisen Der Fürst war ja fast
ihr Sohn geworden und die Fürstin noch mehr ihr Bijou Sie hatte diese zwei
Menschen von der ganzen übrigen Welt wie losgelöst und gleichsam für sich
adoptirt Gesellschaftlich existirten sie nur für sie und Diejenigen denen sie
gestattete sich ihnen zu nähern Und regelmäßig auch wenn Pauline die Bauart
des Palais und die Anordnung des Komforts getadelt hatte bewunderte sie die
Toilette der Fürstin und ihre Schönheit Das stand so fest Erst der Ausfall auf
diese Treppen diese Fenster dann sogleich eine Polemik gegen die Chaises
longues und die Balzacs aber zur Aussöhnung dann auch Sie haben freilich das
Helldunkel der petits coins nicht nötig Sie sind ein Edelstein der immer à
plein jour gesehen werden muss Und diese allerliebste gelbe Kapotte wie lange
tragen Sie die O wie lieb hab ich die natürliche Seide Sie erinnert mich
immer an die zarten Kocons von Italien charmant diese Morgenrobe Wie
allerliebst das Gewebe dieser Brandenbourgs O wie bewundr ich Ihren Geschmack
Sie sind schon die Tonangeberin der Gesellschaft geworden und Alles richtet sich
nach Ihnen
Heute wurde aber auch diese Anerkennung der Schönheit des Geschmackes und
der Morgentoilette nicht ausgesprochen obgleich grade diese neu war und für den
Herbst hier schon die Fürstin erwartete
Es war nur das Einzige Warum sind Sie schon da Was treibt Sie zurück Wo
ist der Fürst Ich muss ihn sprechen Verriet er Nichts Sagt er Nichts Hat
man Nichts entdeckt Was wissen Sie Was weiß Egon Reden Sie doch Ich
beschwöre Sie
Die Fürstin schwieg jetzt vollends erst sie war betroffen genug über die
plötzliche Abreise von Hohenberg So wie sie einst eine ganze Gesellschaft von
jenem Schloss mit dem Machtworte Wir reisen entführt hatte so war sie jetzt
selbst entführt worden und unmöglich konnte es wie damals Dankmar Wildungen
sein der wenn auch unter traurig veränderten Umständen die Veranlassung dieser
Eile war Einfach berichtete sie
Wir sind Kurier gefahren Von ein Uhr gestern Mittags bis diese Mitternacht
ohne Aufenthalt Egon schien bewegt gereizt ja voll Zorn Sie wissen dass ich
in solchen Fällen meine alten Arien trällere und durch meine schlechte Stimme
sein zum Tadeln geneigtes Gemüt auf einen Gegenstand ablenke den ich von
Herzen gern dem Spott und einem Ausrufe Verschone meine Ohren preisgebe
Pauline von Harder kannte diesen eigentümlichen Pflichtenkultus der den
Frauen gestellt ist sich in ein fremdes Männerwesen das zufällig mit uns
verheiratet wird ohne Sympatie des Herzens hinüberleben zu müssen Sie nannte
diese Aufgabe eine von den mehreren Märtyrerschaften der Frauen Sie wusste dass
Melanie den Fürsten nicht mit der Innigkeit des seligsten Einverständnisses
liebte sondern dass sie in Furcht und Zagen dabei diese Furcht verbergend und
hinter guter Laune versteckend so hintastend in dem fremden seltsamen Manne
sich festzuwurzeln suchen musste Es ist Das unser Aller Loos sagte sie sonst
wohl schon wir müssen Alle diesen Schauder überwinden ein durch Zufall an uns
gekommenes Wesen unser zu nennen und nun zu forschen wie sich wohl dieser
dunkeln Persönlichkeit menschlich beikommen lässt bis dann gewöhnlich uns die
eingefleischten Teufel angrinsen lügnerische gemeine Naturen erkenntlich
werden Betrüger oft falsche Spieler ja Räuber kurz Pauline von Harder
wenn ihr die Ludmer damals nicht zugeblinkt und gleichsam gerufen hätte Aber
Pauline würde zur Bestätigung dieser einen von den mehreren Märtyrerschaften
der Frauen vielleicht gar die Geschichte des Barons Grimm erzählt haben Sie
bewunderte immer an Melanie diese große Kunst mit der sie sich in ein ihr
fremdes und innerlichst antipatisches Leben eindachte und Egon selbst einmal zu
der etwas dunkeln Bemerkung veranlasste Ich fühle Das so liebe Pauline dass ich
glaube Melanie mit mehr belohnen zu müssen als nur mit meinem Fürstentitel
Heute aber verließ die Geheimrätin sogleich das Feld der Reflexionen und
wollte Tatsachen Sie sprach von der schon in aller Frühe durch Pax und die
Ludmer ihr bekannt gewordenen Verhaftung jenes Dankmar Wildungen dessen frühere
Beziehung zu Egon besonders aber zu Melanie und die dem Fürsten unbekannt
gebliebene Teilnahme desselben an der dunkelsten Geschichte der Eroberung des
Bildes seiner Mutter ihr geläufig genug war Es gab ein Geheimnis über Egon das
die Geheimrätin Melanie verschwieg den Inhalt jenes Testamentes der Mutter
und es gab wieder ein Geheimnis von Melanie das die Geheimrätin Egon
verschwieg die Art wie Dankmar Wildungen zu dem Bilde das jene
Denkwürdigkeiten enthielt gekommen war Die Diskretion über so gewaltige
Lebensfragen gehörte bei dieser in vielen Dingen einzigen Frau zu ihrer Natur
Sie machte nicht einmal Anspruch dass ihr diese Diskretion als eine Tugend
angerechnet wurde
Pauline wollte sogleich von Dankmar reden aber wichtiger war ihr doch ein
furchtbares Wort von der Zunge zu lösen
Sprach der Fürst seinen Generalpächter
Nein erwiderte Melanie Geschäfte hielten diesen fern und als er zurückkam
hatte der Fürst schon den Plan zur schnellen Rückreise gefasst
Sagte er nichts von ihm Nannte er ihn nie
Wen
Sie sind so ruhig Melanie Nannte er nie
Was ist nur
Der Fürst sprach ihn nicht Sah ihn nicht
Dankmar Wildungen
O Sie Gute Woran denken Sie Ich glaube wohl dass Sie nur an ihn denken
Sie sprechen von jenem Ackermann doch nein er heißt
Sie wissen Egon weiß
Mein Gott was sind Sie aufgeregt
Sagen Sie mir Beste was red ich denn O ich kann nicht da sitzen ich
kann nicht da stehen ich habe den Fürsten zu sprechen
Die Fürstin begriff die Aufregung der Geheimrätin nicht die im Zimmer auf
und ab schritt und zuletzt abbrach um sich zu den Zimmern des Fürsten zu
wenden die ihr offen standen zu jeder Zeit
Schon hatte sie den Drücker in der Hand als ein Bedienter mit Papieren
eintrat Rechnungen Büchern
Durchlaucht zu sprechen Melden Sie mich ihm sagte Pauline
Excellenz Bankier Reichmeier sind drüben
Reichmeier So wie er geht sagen Sie ich bäte um einen Augenblick
Der Diener ging Pauline sank auf einen Sessel Melanie fragte nach der
Ursache ihrer Aufregung
Nichts Beste Nichts Aber Sie sagten der Fürst weiß dass der unter dem
Namen Ackermann bei ihm in Dienste getretene Ökonom seines wahren Namens
Rodewald heißt
Rodewald antwortete Melanie die den Namen nicht hatte behalten können Der
Fürst schien ungehalten über ihn sprach oft vor sich hin jenen Namen zog eine
Visitenkarte die den Namen richtig Heinrich Rodewald enthielt
Heinrich Rodewald
Aber was haben Sie nur mit diesem Namen
Er sprach ihn nicht
Der Fürst den Verwalter Nein
Er vermied ihn
Er schien erzürnt auf ihn Das Auftreten mit einem falschen Namen schien ihm
zu misfallen Seine lange Abwesenheit während wir in Hohenberg waren ohnehin
Und wenn ich recht verstanden habe
Was
So empörte es ihn dass Wildungen ein Verfolgter ein Kompromittirter sich
auf seinen eignen Gütern hatte aufhalten bei seinen eignen Beamten hatte Schutz
finden können
Wildungen ist ja der Neffe jenes Rodewald
In der Tat? Das entschuldigt den Generalpächter Der Neffe Man sollte
nicht zu streng sein in der Art wie man jetzt die Verläugnung der natürlichsten
Gefühle verlangt Und Sie wissen doch dass Wildungen die Tochter dieses Rodewald
liebt also seine Kousine
Meine Nichte
Ihre Nichte
Selma
Selma Ihre Nichte
Ha Was sag ich Ich vergesse dass ich in der Sphäre der Grossmütter lebe
Die galante Sprache hat für die Grosstanten keinen Namen der mit dem Begriff
Enkel korrespondirt Selma Rodewald ist die Tochter meiner Nichte die Enkelin
Annens Sie ist draußen in Tempelheide
Weiter kam Pauline nicht in Aufklärungen die die Fürstin überraschen
mussten Der Diener war zurückgekehrt
Bankier Reichmeier konnte nicht hindern dass Pauline sogleich zum Fürsten
eintrat Hatte doch wie man zugleich erfuhr eben angespannt werden sollen
damit der Fürst grade zur Geheimrätin fuhr Sie verschwand Die Fürstin war
allein und blickte bewegt der Eilenden nach Sie kannte keinen Zusammenhang
suchte ihn auch nicht forschte auch nicht Sie begnügte sich einen schönen
vollen Blumenstrauß den ihr eben Dorette Wandstabler hereintrug in zwei
Hälften zu teilen und die größere sauber mit einem Bändchen zu umwickeln sie
in einen feinen Briefbogen zu hüllen und in die Komturei als Morgengruß an ihre
Eltern zu schicken Den Rest betrachtete sie voll Nachdenken Sie musste sich
Selmas Rodewald erinnern die sie ein einziges Mal flüchtig als Knaben gesehen
hatte Sie musste der Freude gedenken die dies Mädchen empfand als sie bisher
im Ullagrund Dankmar vor Gefahren schützen konnte des Schreckens jetzt wenn
sie in Tempelheide das Schicksal des Geliebten erfuhr Sie musste sich sagen Ich
bin eifersüchtig auf ihr Glück und ihr Unglück
Egon aber kam Paulinen schon auf halbem Wege entgegen Sie brauchten sich
nichts zu sagen Beim ersten Blick wussten sie was sie in dieser Stunde
zusammenführte Sie zogen sich Reichmeier war gegangen in das entlegenste
Kabinet zurück Dort erzählte Pauline wie sie erst vor wenig Tagen von den
Vorfällen auf Tempelheide wäre unterrichtet worden wie sie erst von Gerüchten
die Ankunft einer Enkelin ihrer Schwester dann durch die Nachforschungen der
Ludmer den genauesten Zusammenhang in Erfahrung gebracht hätte Jener Ackermann
der des Prinzen Güter mit unbestreitbarem Glücke zu bewirtschaften begonnen
hätte wäre Rodewald Ihr wär es gewesen als öffneten sich die Gräber Aber
fuhr sie fort Rodewald ein Ökonom ein Schaafzüchter ein Wollhändler ich
mocht es nicht glauben Dennoch ist es so Ich bin gefasst Egon Aber Sie
Ein Blick auf Egon zeigte ihr dessen tiefste Erschütterung Er hatte die
Hand auf die Sophalehne gestemmt und stützte das bekümmerte Haupt
Pauline fuhr fort hastig zu erzählen von Selma von dem Glück der
Schwester von dem Anteil den alle Zirkel an dem Vorfall nähmen
Egon erwiderte immer noch nichts Er kannte alle Persönlichkeiten die
Pauline erwähnte setzte sich aus ihren Verwickelungen ihre Verhältnisse und
gegenwärtigen Situationen zusammen und ließ Pauline reden die sich neben ihn
auf das Kanape setzte und gespannt lauschte welche Entschließungen sich auf
seinem Antlitz kenntlich machen würden
Man erzählt sich fuhr sie fort wie die Mädchen Selma und Olga sich und
ihre nahverwandte Neigung zu den beiden Wildungen erkannten Im Tannenpark auf
Tempelheide hängen Äolsharfen Eine überraschte die Andre öfters unter den
melodischen Klanggrüssen aus unbekannten Luftreichen So wussten sie bald dass in
ihren jungen Herzen gleiche Flammen schlugen gleiche Sehnsucht sie ins Weite
und Unendliche zog Nun tauschten sie ihre Ideale aus und nannten sie nicht Im
Scherze aber beschrieben sie sie und da Olga eine Malerin ist und Selma von
allen Talenten ihres Vaters auch das einer raschen Handhabung des Crayons sich
aneignete auf Reisen welche unschätzbare Annehmlichkeit so sagte Eine zur
Andern Zeichne mir Den den du liebst Und Beide begannen Den zu zeichnen den
sie lieben Welch ein Schrecken nun als sie ihre Blätter sich zeigten und eine
das Bild des Freundes der Andern getroffen hatte Die erste Angst und
Überraschung löste sich in Jubel auf die Neuverbundenen liefen zu Anna machten
sie zur Vertrauten ihrer Neigung zu zwei sich ähnlichen Brüdern und die böse
Welt zischelte schon gestern dass es nun kein Wunder wäre wenn die juristische
Logik des alten Präsidenten eine Entscheidung des Prozesses befördert hätte die
einer Komtesse wie Olga statt des Narren Dystra die Hand eines plötzlich wie
in Tausend und einer Nacht bereicherten Künstlers böte Kurz alle diese
Menschen schloss sie kennen sich alle treten sie in Wechselwirkungen und
ziehen um uns Beide geheimnisvolle Kreise zu Zwecken die wenigstens bei
Rodewald noch ganz im Dunkeln liegen
Diese mit der Andeutung einer bedenklichen Gefahr betonten Worte schnellten
den Fürsten der nur halb zugehört hatte empor
Nein rief er ich sollte dies elende Leben führen und vor der Enthüllung
eines illegitimen Ursprungs zittern
Tollkühne verbrecherischleichtsinnige Menschen die mir das Leben gaben
sollten mich im Wirbel kreiseln willkürlich wie Spreu im Winde jagen und hetzen
können Dies Ich dies festgewurzelte Ich sollte unterwühlt werden dürfen von
Menschen die mich wie einen ihrer Gnade Überlieferten über dem Wasser hielten
und drohend ausriefen Ich kann dich jetzt wenn ich will fallen und ertrinken
lassen
Egon unterbrach Pauline
Ich spreche nicht von Ihnen Ich spreche von diesem Revenant Rodewald der
mich mit dem Blicke eines Dämons betrachten wird als gehörte ich ihm Wüsste er
wie ich im Grunde ihn hasste Und kann ich ihm sagen was ich so über ihn fühle
Lamour dans la haine sagte Pauline forschend Aber Egon erwiderte
Liebe Ich will die Sitte das Gesetz das ewig Bindende der Tradition im
großen Ganzen verteidigen und soll in mir selbst den Makel der nagenden Lüge
fühlen Ich soll die Karikatur eines Jahrhunderts spielen das sich auf den
ewigen Zusammenhang der Zeiten den wellenförmig gleichen Strom der
Überlieferung beruft und in sich selbst nur Lüge bärge Mitten auf der Tribüne
wenn ich von der Bedeutung des Adels wenn er recht verstanden wird spreche
wird mich ein innerer Fieberfrost schütteln und eben wenn ich von Quadersteinen
und der grandiosen Architektur der Sitte und des Gesetzes reden will umtanzen
mich tausend Larven äffen mich und rufen mir den Abend zurück wo ich schon
einmal in der Kammer nach drei schlaflosen Nächten plötzlich ein Riesenbild im
Dämmerlicht auftauchen zu sehen glaubte einen Teufel in roter Tracht der auf
ein Wappen zeigte wo Fuchs und Löwe sich begatten und dabei sprach Wir zeugen
die Legitimität
Um Gotteswillen rief Pauline Egon was haben Sie Sie sprechen irre Geben
Sie mir Ihre Hand Ich klingle
Egon wehrte Paulinen ab Ohne sich zu beruhigen fuhr er fort
Ich spreche meine Qualen aus Lassen Sie mich reden Wüssten es Alle es
würde mich erleichtern
Hohenberg
Pauline hatte soviel Aufregung an dem Fürsten selbst an jenem schrecklichen
Abende nicht gesehen wo er ihr das Testament seiner Mutter abgezwungen
Wie ist das Leben so toll zusammengesetzt fuhr er fort wie ist man
Seiltänzer zwischen Wahnsinn und Verbrechen Lüge und Fratze und Jeder gibt
seine Narrheit für Wahrheit aus O Pauline überzeugt sein von dem Richtigen und
verhindert werden es auszuführen Ich kann mir die Taten des Tiberius des
Philipp von Spanien und der Albas erklären Ja ich verstehe was es heißt
Alles zerstampfen lassen zertreten diese Widersprüche die uns an jedes Dummen
Meinung binden der sich Mensch nennt und deshalb geschont sein will Was bleibt
zuletzt denn übrig Ich kann die Schädelkränze begreifen die die Paläste der
orientalischen Dynasten schmücken Man muss ja grausam sein wenn man nützen will
Pauline war sprachlos Sie hatte oft bemerkt dass Egon von Hohenberg in
allmäliger Folge seiner Berufung zum Minister eines großen tonangebenden Staates
schon Anfälle von Geisteserschütterungen von förmlicher Seelenstörung gehabt
hatte Sie hatte sich in Egons Interesse von Drommeldei warnen lassen Die
Patologie des Genius sagte dieser oft zu ihr bietet die schaudervollsten
Erscheinungen Ich bitte Sie Geheimrätin suchen Sie diesen Vulkan zu mildern
Er will durch sein Feuer die Welt zerstören er wird sich zerstören Denken Sie
an Kastlereagh der sich das Leben nahm an Kanning der an den Folgen seiner
aufgeregten politischen Leidenschaft so früh starb Pauline tat auch seitdem
Alles was Egon nur beschwichtigen konnte Aber dies Auftauchen eines
Todtgeglaubten Dies dreiste rasche Eingreifen Rodewalds in das nächste
Schicksal seines Sohnes Sie entgegnete um die wahre Ursache der Aufregung des
Fürsten zu mildern
Rodewald kann nicht geglaubt haben dass die Fürstin von der Erde nicht hat
scheiden wollen ohne das Maß der tiefsten Erniedrigung mit sich zu nehmen Er
hat Hohenberg gesehen den Leichenhügel Amandas er hat in der Nähe dieser
Erinnerungen bleiben wollen aus Liebe für Sie Egon
Der Teufel schrie Egon Liebe für mich Ich erwidre diese Liebe nicht Ich
würde wenn ich ihm begegnete nicht den mindesten Schauer von Ehrfurcht
empfinden Ich finde seine Handlungsweise wie schön sie die Mutter auch zu
entschuldigen wusste von seiner Seite verbrecherisch unter allen Umständen und
vollends Sie sagen er würde das Geheimnis ehren Finden Sie darin Diskretion
dass er sich so dicht so unmittelbar ohne Weiteres schon an meiner Existenz
niederlässt
Pauline ergriff die Hand des Tobenden und zog ihn zu sich nieder Sie suchte
den Sturm seiner Empfindungen zu mildern
Egon sagte sie am Abend wenn die Sonne sinkt werfen die Menschen und die
körperlich irdischen Dinge Schatten über die Erde riesengross erschreckend
anzuschauen In der Mittagshöhe sind die Schatten klein geringer als sie
sollten lügnerisch schmeichelnd unsern Fehlern Alles verkürzend und
vermindernd Ach mein junger Freund ich wünsche oft ich hätte die
Abendschatten schon in meiner Jugend gesehen dem Alter würden die
Riesenschatten jetzt wie die der Zwerge erscheinen Aber dennoch wenn wir nur
Eines nur irgend ein uns ganz beglückendes Streben noch am Abend des Lebens
erreichten legt sich allmälig die Furcht vor Menschlichem Nennen Sie meinen
Zustand wie Sie wollen ich bin ruhiger geworden ich könnte Rodewald begegnen
und ihm die Hand bieten zur Versöhnung ich könnte mein ganzes vergangnes Leben
wie ein in Falten gelegtes Tuch grade ziehen ich könnte segnen wo ich einst
fluchte wenn nach dem Fluche unsrer Taten nicht jede Reue zu spät käme Ja
ich bereue meine Verblendung meine Hast meine immerwährende fieberhafte Sucht
nach Bewährung meiner selbst und Erlebnis durch Andere nein ich entschuldige
nicht Alles was auf meinem Herzen lastet ach Egon seit ich glücklich bin
im Bunde mit Ihnen möcht ich viel Gutes tun alte Wunden heilen alte
Versäumnisse nachholen Es ist aber gut dass ich es nicht tue mein eigenes
zerflossenes Gemüt nicht in den Dingen selbst denen es sich nähern möchte
auch voraussetze es gäbe nur neue bittere Erfahrungen denn nichts rächt sich
mehr als wenn wir da gut sein wollen Egon wo einmal vorausgesetzt worden ist
dass wir schlimm sind Was red ich Ihnen Was will ich Ich möchte Sie
bestimmen gleichgültig zu sein Ich möchte aus den langen Schatten des Abends
und den kleinen Schatten des Mittags die Lehre ziehen dass beide unwahr sind
nichts uns übermäßig sorglos nichts uns übermäßig schreckhaft stimmen soll
Gott Gott könnt ich mir die Vergangenheit zurückrufen und meine vergangenen
Torheiten durch diese im Alter gewonnene Philosophie ungeschaffen machen Was
wollen Sie so verzweifeln so tief auf den Grund aller Dinge sehen so sich von
Ungeduld verzehren dass nicht Alles eine aufgehende Rechnung gibt Sie sind
bewundert von der Welt Sie haben sich einen Namen im Buche der Geschichte
geschrieben Sie haben Freunde die Ihnen Gerechtigkeit werden widerfahren
lassen und sollte es auch erst dann sein wenn Andre nach Ihnen kommen werden
was wills Gott lange dauern soll Sie haben philosophische Bedürfnisse nach
denen Sie sich Ihr Leben einrichten können
Der Fürst wollte widersprechen
Nein Egon mach ich Ihnen Vorwürfe Soll ich denn dies Prinzip der
Selbsterhaltung das bei Ihnen in der größten und weihevollsten Form zur Geltung
kommt
Ich bin kein Egoist schaltete der Fürst mit Nachdruck ein Ich bin nur in
der Lage wie alle Menschen die nach einer gewissen Vollkommenheit strebten
Was Ihr Euch Egoismus nennt ist uns die Gerechtigkeit und Strenge gegen uns
selbst Wir würden Euch nicht Egoisten sein wenn wir Alles täten was Euch
gefällig wäre und gegen unsre eigne tiefste Würde stritte Wären wir schwach
würdet Ihr uns die Liebe selbst nennen
Nun gut Egon räumte Pauline ein die ihr Glück mit dem wichtigsten und
ersten Manne des Tages so zu stehen wie sie mit ihm stand in langen und
seligen Zügen genoss und die aus diesem innigsten Behagen fliessende Sorglosigkeit
wieder eine »Läuterung« nannte wie Sie wollen Egon aber gewöhnen Sie sich nur
an das Unabänderliche Lassen Sie Allegorieen die Sie mit sich selber
anstellen diese hypochondrischen Parallelen die Sie zwischen Ihrer Aufgabe
Ihrer Zeitauffassung und Ihrer persönlichen Lage ziehen Warten Sie ab was
kommt Mit dem Stolze den Sie auf Ihren Namen haben dürfen sind Sie gewappnet
gegen jede Anmassung jede zweideutige Einmischung in Ihre Existenz Ist Ihnen
der Gedanke lästig ist die Nähe dieses Mannes Ihnen störend an sich so könnten
Sie ihn ja entfernen Oder glauben Sie dass seine Verwaltung
Ich gebe sie ungern auf fiel Egon ein allein ich opfre lieber mein ganzes
Besitztum als in diesem geheimnisvollen mich drückenden meine Unbefangenheit
störenden Verhältnisse ausharren Bankier Reichmeier war auf meinen Wunsch schon
in aller Frühe bei mir Ich will alle meine Besitzungen verkaufen wenn es
irgendwie geht
Der Entschluss ist rasch Egon
Oft erwogen Mein Stamm wird aussterben Für Melanies Zukunft wird sich
sorgen lassen Ich gebe diesen Besitz auf
Überlegen Sie
Grade meinen Gegnern gegenüber die auf den Boden basiren und
Steuerbefreiungen haben wollen geb ich mein Besitztum auf Ich wäre nicht
mehr Minister wenn wir Allodial und Majoratsvertretungen in unserm
Staatsorganismus einführten ich verliesse Deutschland Ich will kein Pair des
Hofes sein wenn erst die mittelalterliche Reaktion bis zum Pairsmachen wieder
angelangt sein wird
Eine Unterbrechung störte diese Auseinandersetzung Pauline wusste dass Egon
von Hohenberg keine Absicht hatte sich durch Rodewalds Rückkehr aus Amerika
von seiner Bahn des Ruhmes stören zu lassen Sie fand ihn so erfüllt vom
Standes und Kastengeist wie es ihr in der Ordnung schien Für die
Sentimentalität der Mutter war hier kein Raum gegeben Trotz ihrer schönen
Redewendungen über lange Abend und kurze Mittagsschatten trotz ihrer
melancholischen Schleier die sie auf ihre jüngere richtiger mittlere
Lebensepoche warf hätte sie nichts dagegen gehabt wenn der Fürst irgend eine
gewaltsame Entfernung seines eignen natürlichen Vaters beantragt hätte Sie
hörte voll Zufriedenheit dass sich der Fürst begnügen würde das Pachtverhältniss
des Ankömmlings rückgängig zu machen lobte Egons Entschluss dies Vorhaben
schon innerhalb der nächsten vierzehn Tage in Ausführung zu bringen bat den
Sohn ihrer Liebe wie sie ihn gern nannte zur Erörterung so vieler Dinge die
seit der Abwesenheit des Ministers vorgefallen heute bei ihr wie sonst ohne
seine Gemahlin ein trauliches Diner einzunehmen erhielt die Zustimmung und
verließ den Fürsten an den inzwischen bereits auch schon wieder die mächtige
Woge und durch die kurze Abstauung nur stürmischer gewordene Brandung der
Geschäfte anschlug mit vollster Zufriedenheit Er fuhr zum König sie ging zu
Melanie
Diese war mit ihrer Toilette beschäftigt und unterhielt sich mit ihr nur zum
Abschied durch eine spanische Wand Sie hörte die Bestimmung dass Egon bei
Paulinen ässe und öffnete nur um das schöne unfrisirte Haupt hinauszustrecken
mit der leise geflüsterten Frage
Wurde von ihm gesprochen
Von wem
Dem Gefangenen
Beste Das muss seinen Lauf gehen Diesem Glücklichen winken so viel
Lebensfreuden blühen so viel große Hoffnungen dass ihm für seine geheime
Verbindung eine Haft von einem oder zwei Jahren ich kenne das Strafmaass für
Verschwörungen nicht keine so grauen Haare machen wird wie er und das Treiben
seiner Genossen schon dem Fürsten gemacht haben
Damit fast strafend ging die große schlanke stolze Frau von Dannen
Die Fürstin aber drückte die Tapetentür zu vollendete ihre Toilette und
benutzte die nun bis spät gegen Abend dauernde Abwesenheit des Fürsten zu ihrer
liebsten Erholung Durch Dorette Wandstabler die sich ihr mit klugem Takte
unbedingt ergeben hatte ließ sie in einem der kleinen Kabinette des
Gartensalons heizen eine ausgezeichnete Tafel zu drei Kouverten herrichten und
die Eltern die so teuren so geliebten Eltern für heute zu sich einladen Nach
einer halben Stunde schon wusste sie dass die Mutter schmollend wie seit der
ganzen Heirat da Melanie keine »Ehepakten« dulden wollte nicht kommen würde
aber der Justizrat hieß es würde kommen Schlurck kam Es war dasselbe
Palais in dem er früher als Herrscher gewaltet hatte dasselbe das er mit der
Bezeichnung eines Schurken einst hatte verlassen müssen jetzt würde er es als
Vater der Fürstin mit dem alten sichern Selbstgefühl wieder haben betreten
dürfen aber les jours de fête sont passés sagte er oft selbst Er war
zusammengefallen älter geworden nachlässiger in seiner Kleidung sogar Zwar
trug er noch keine schwarzen Fräcke er war bei seinen blauen mit Metallknöpfen
geblieben aber es saß ihm Alles weit und schlottrig Es fehlte die alte
Elastizität Sein Wesen hatte einer ironischen Gelassenheit Platz gemacht
Seine Plaudereien über den Pavillon die kleinen Gemächer die servirte Tafel
waren ganz im alten Geschmack er begrüßte die Fürstin mit Innigkeit
entschuldigte den mit den Jahren und seit den Prüfungen des Geschicks über die
Mutter gekommenen Trotz mit allem Humor meinte dann aber doch diese ihm so von
seiner Tochter in aller Stille gespendete Liebe hätte etwas dermaßen Rührendes
für ihn dass er fürchte die Speisen würden nicht von seinem Appetit die
Anerkennung finden die der Koch des Palais verdiente Doch ermunterte ihn
Melanie setzte sich ihm gegenüber und genoss die Freude den Vater eine Weile
glücklich zu sehen Die Weine machten ihn beredter Er fragte nach dem
Hohenberg nach Frau von Zeisel seiner letzten Herzensverirrung über die er zu
seiner Tochter wie zu seinem intimsten Freunde scherzte er wollte von
Henriettens von Sänger gegenwärtiger Neigung hören ob Civil ob Militär ob
Geistlich ob Weltlich er wollte von Ackermann hören über dessen Metamorphose
er nicht unterrichtet war Melanie erzählte ihm Alles Er kannte Rodewald nur
aus dunkelster Erinnerung er besann sich einmal den Namen in jüngeren Jahren
gehört zu haben Von Dankmars Verhaftung wusste er nichts Er las keine
Zeitungen Er begegnete zu sehr in ihnen einem Leben das ihm zu beweisen
schien dass die Welt in der Tat aus Nichts geschaffen wurde Noch ehe die
Fürstin aus Rücksicht auf die Bedienung von jenem sie und den Fürsten so nahe
berührenden Vorfall sprechen konnte hatte er geäußert
Diese neue plötzliche Erhebung hat jede Narrheit mündig gemacht Die Blätter
sind weißes Papier die nach Füllung lechzen und womit füllt man sie Das
geringste Faktum wird mit einem Schwall von Worten breitgetreten und dehnt sich
immer gleich so aus als wenn es bestimmt wäre die ganze Geschichte des
Altertums der Hohenstaufen Schiller und Goethe zu ersetzen Ich musste früher
über diese Politik lachen jetzt ärgr ich mich über sie Glaubt man irgend
eine Frage in dem großen Durcheinander der Menschen und Meinungen mitbestimmen
zu können meldet man sich gleichsam ums Wort so hat es schon ein Dutzend
Andrer und mit Jedem von diesem Dutzend scheint der Gegenstand allein auf die
Welt gekommen zu sein Es ist ja ein Egoismus im Schwunge jetzt Kind der alle
Schönheitsregeln über Bord geworfen hat Früher waren wir auch egoistisch wir
taten im Durchschnitt immer mehr für uns als für Andre aber so malhonett wie
jetzt ging es dabei doch nicht her Jetzt stößt man sich auf die plumpste Art
vom Brunnen weg um Wasser zu holen früher wartete man doch unterhielt sich
doch plauderte schwatzte durch gute Witze die Mägde vom Schwengel weg und ging
mit seinem gefüllten Eimer lachend davon wenn jene noch auf die Pointe warteten
und das Maul aufsperrten Ach mein bestes Kind diese schrankenlose
Emanzipation nicht etwa der Presse sei die frei nicht etwa der Juden mögen
die ohne sich taufen zu lassen jetzt Kirchenvorstände werden nicht der Frauen
eine Emanzipirte hasst die andre so dass sie sich unter einander selbst aufheben
aber die furchtbare Emanzipation der Dummheit siehst du die ist schrecklich
Auf dem Kasino und in der Loge hielten sonst vier Fünftel der Mitglieder immer
das Maul Denn warum Die Zeitfragen waren damals gleichsam eine Art Lateinisch
oder Hebräisch Jetzt solltest du dies Gesumme hören Jeder kommt ums Wort ein
und Jeder weiß auch etwas zu sagen denn eben das Redenswerte ist jetzt nur
noch der alltägliche Zeitungsschnack Nun kommt man mir oft und will von den
Massnahmen des Ministeriums hören Ich kann mit Fug und Recht fragen Wer ist
jetzt Minister Denn wer zB unsre Finanzen verwaltet das weiß ich in der Tat
nicht Ich erstaune über Aufstände die längst unterdrückt sind und weiß
wirklich nicht sind die SchleswigHolsteiner in Kopenhagen oder sind die Dänen
wieder in Altona Oft bereu ich dass ich damals nicht mit dem Übergang in die
Politik Ernst machte Ich glaubte nicht an die Möglichkeit dass ich jemals meine
Administrationen verlieren würde Was ich jetzt wäre weiß ich nicht Vielleicht
bankrott wie jetzt eben fast auch aber eine Nationalsubskription hätte mir
vielleicht ein Landhaus gekauft hätte meinen Wagen meine Pferde gerettet und
ich könnte auf hundert Komités Wechsel ziehen Wer weiß ob ich nicht einige
Minister zu Tode geärgert hätte Wer weiß wenn es geheißen hätte Nun fehlt nur
noch eine Stimme die des Justizrats und Obertribunalprokurators Franz
Schlurck und nun hätt ich mich in Preis gesetzt ich hätte für mein Ja den
Zuschlag mindestens einer Eisenbahn oder die Anwartschaft auf ein zum halben
Preise zu verkaufendes Staatsetablissement oder eine feste Anstellung verlangt
etwa im Steuerfache wo einem die SportelDelikatessen verfaulen weil man die
Menge nicht unterzubringen weiß und doch damit keinen Handel eröffnen kann
Warum nicht Meiner Familie zu Liebe hätt ich vielleicht alle Bürgerkronen der
Welt ausgeschlagen falls man mir eine fixe Anstellung von 5000 Talern als
Äquivalent geboten hätte Dann ah bah dann dann hätt ich immer noch
manchmal ein bisschen rebellisch werden können und auf Zulage Gratifikationen
hin meine Pandekten anders interpretiren als die Minister Denn Das weißt du
doch noch liebes Kind dass der beste Kommentar über die Pandekten aus dreißig
Bänden besteht und der Verfasser desselben Glück heißt Das Glück ist unser
wahrer Professor der Rechte Das Glück legt die Pandekten immer am Bequemsten
aus nur das Unglück weiß gleich den Sinn zu finden der hinreicht Einem den
Hals umzudrehen So hör ich zB dass jetzt in unserm Johanniterprozesse
Leider wurde der Justizrat an dieser für seine Tochter fesselnden Stelle
durch die Bedienung unterbrochen Die Speisen die Melanie ihrem Vater bei
diesen kleinen geheimen Diners zu serviren pflegte waren so kunstvoll
zubereitet so auf seinen feinsten Kennergeschmack berechnet dass er sich bei
der Würdigung derselben wenn sie eben aufgetragen wurden von jeder Erörterung
abstrakter Fragen entfernte und den Faden derselben in der Analyse von
Zubereitungen verlor wo er jedem Pfefferkörnchen jeder Kaper jeder
zerriebenen Sardelle nachspürte und die Komposition und ihre Bestandteile in
die Zeit des Kochens des Röstenlassens des Durchseihens usw fachkennerisch
auflöste Der Champagner floss dabei und die Tochter ließ den Vater ruhig
durcheinander reden Sie gönnte ihm diese stillen Augenblicke seines verkürzten
Lebensglückes Endlich gegen Ende der Tafel die zuletzt doch wieder alle
Lebensgeister Schlurcks geweckt hatte fand sie Gelegenheit ihm das neueste
Erlebnis auf dem politischen Gebiete das er nicht kannte die Verhaftung
Dankmar Wildungens mitzuteilen Diese würde Schlurck wenig interessiert haben
sie würde ihm sogar eine Genugtuung für all das Unglück gewesen sein das seit
dem Schrein mit dem vierblättrigen KleeblattKreuze über sein Leben gekommen
war aber er wusste wie Melanie für den kühnen entschlossenen kalten jungen
Mann fühlte dem er damals vergebens die Hand des schönsten Mädchens der Welt
anbot er sah bestürzt in ihr Auge er wusste dass sie litt dass sie Egon diesen
ihm aus tiefster Antipathie verhassten Schwiegersohn nur aus Pflichtgefühl in
Ehren hielt und voll Wehmut ihr die Hand reichend sagte er nach einem
Rückblick auf die erste Bekanntschaft mit Dankmar
Mit diesem abenteuerlichen jungen Manne würden wir uns in Strudel gestürzt
haben bei denen selbst das größte Glück der Erde uns keinen Genuss bereitet
hätte Schon im Heidekrug damals verriet sich die Idee einer solchen
Verschwörung wie sie jetzt zum Schrecken aller Gewaltigen geschlossen sein
soll Diese neuen Propheten des Geistes tun schon Wunder die Toten stehen
schon auf die Blinden sehen und die Tauben hören Sie gehören gewiss auch zu
diesem merkwürdigen neuen Bunde sagte mir kürzlich der Propst Gelbsattel und
wollte die geheimen Zeichen der Verschwornen wissen Ich sagte ihm ich wisse
nicht mehr davon als die Kühe von denen mir unbekannt wäre ob sie im Klee
Dreiblätter von Vierblättern unterschieden Aber nun biss er erst recht an Sagen
Sie mir nur rief er in seiner Geheimnisssucht wie und wo bringen die Ritter vom
Geiste ihr Symbol das vierblättrige Kleeblatt an Machen Sie das Zeichen auch
mit den Fingern am Halse wie wir Freimaurer oder drücken Sie sich auch die
Hände auf unsre Art Haben Sie einen verborgenen Kultus höhere und niedere
Grade Ist es wahr dass Sie sich in Höhlen versammeln und von den alten Templern
Ceremonieen entlehnten die an unsre Kunst anknüpfen Auf alle diese
wundergläubige Geheimnisssucht konnt ich nur erwidern dass sich die geheime
Vehme noch bei mir nicht hätte blicken lassen man erzähle sich aber sie klopfe
bei Jedem an der irgend eine kühne Tat unternähme irgend eine Lanze mit den
Fürsten breche irgend ein Dogma der Kirche umzustossen wage besonders wenn er
dabei ein Amt zu verlieren nicht achtete solchen freiwilligen Märtyrern
geschähe es augenblicklich dass Nachts etwas an ihr Fenster poche und wenn sie
hinaussähen ständen gewöhnlich drei Vermummte auf der Straße riefen mit
Beziehung auf den in der Schlafmütze zum Fenster hinausblickenden abgesetzten
Regierungsrat oder disziplinirten Appellationspräsidenten oder nicht mehr zu
Hofe geladenen Kirchenprälaten Ein Vierblatt Und augenblicklich sagt man
hebt sich ein Stock in der Form eines Pilgerstabes in die Höhe an dessen
krummem Endschnabel sich ein Sack mit vollwichtigen neuesten
Doppelfriedrichsdoren befände Gelbsattel lachte ungläubig Aber ich sagte er
möchte es nur einmal versuchen er möchte nur einmal der Regierung den
Fehdehandschuh hinwerfen für den Beweis dass unsre Verfassung mit der Macht der
Oberkonsistorien in keinem Einklang stünde und überhaupt die Wiederherstellung
einer Menge von organischen Institutionen nur dazu versucht würde um allmälig
die Verfassung aufzulockern und in die inzwischen erstarkten andern
Institutionen als da sind Kreistage Kirchentage Provinziallandtage usw
aufzulösen er möchte nur einmal ausrufen Christus würde auch die
Deutschkatoliken für Menschen erklärt haben Da stutzte der Mann erschrak
zitterte grübelt aber doch ich wette Tag und Nacht welchen kleinen Handschuh
er dem Ministerium Hohenberg ins Gesicht werfen könnte ohne dabei 1 die Gunst
des Hofes 2 seine Propstei zu verlieren und 3 wo möglich doch den nächtlichen
Besuch der Ritter vom Geiste und ein Exemplar der Statuten zu gewinnen die auf
einem merkwürdigen Papiere geschrieben sein sollen nämlich auf einem Papiere
das man das Papier der Liebe nennen sollte
Melanie horchte voll Spannung diesen Expektorationen der ihr bekannten
Champagner und Dessertlaune des Vaters
Papier der Liebe gutes Kind antwortete er auf die Frage seiner Tochter
nach diesem eigentümlichen Handelsartikel Papier der Liebe ist eine Art
Asbest sagte die Fürstin Unverbrennlich selbst im Feuer
Im Gegenteil sagte Schlurck Papier der Liebe kann unmöglich etwas Andres
sein als eine Art von Daguerreotypie ein so zartes Gewebe ja nur ein Hauch
ein Material das zerstiebt verweht in dem Moment wo das Auge seinen Inhalt
gelesen hat Freilich würden wir Advokaten wenig Ehescheidungsklagen durchführen
können wenn dies Papier der Liebe patentirt würde denn wo sollten die
Beweisdokumente die schönen Resultate erbrochener Kaunitze die glorreichen
Trophäen die man den Briefträgern abjagt herkommen Allein die Statuten der
Ritter vom Geiste sagt man sind in der Tat auf einem Papiere gedruckt das in
dem Augenblicke wo von Jemanden die Paragraphen der Verbrüderung gelesen sind
in Sonnenstäubchen zerstiebt und nur den Duft von MärtyrerRosen zurücklässt
Hab ich Recht wenn ich solches Papier das rechte Material der Liebe nenne
Melanie ließ lächelnd den Vater so fort plaudern
Auch Drommeldei sagte er wollte mich neulich damit necken dass er auf
meine Zurückgezogenheit anspielend sagte Sie sind wohl auch schon ein Ritter vom
Geiste geworden Als ich ihn auf seinen Wagen deutend und auf meine bestäubten
Füße einen herzlosen Spötter nannte fing er in allem Ernste von dem Bunde an
und verriet dass man innerhalb seiner aristokratischen Praxis von dieser
Chimäre dächte wie von einer den furchtbarsten Ausbruch drohenden sizilianischen
Vesper Nur am Hofe fügte er hinzu nur die näheren Umgebungen des Generals
Voland von der Hahnenfeder witterten etwas von einer Tatsache die allerdings
zunächst getrost die Polizei zu verfolgen hätte die aber denn doch auch die
Sammler die Kuriositätenjäger die Freunde des Mittelalters die Schwärmer für
Symbolik und byzantinische Geschichte ja auch die Sammler unsrer Zeitrichtungen
um so mehr interessieren dürfte als selbst der Kommunismus bei Hofe manchmal als
etwas ursprünglich doch Christliches nicht unangesehen wäre wenn man nur wüsste
wie man ihn mit der innern Mission und dem jährlichen Millionenbedarf für die
verschiedenen Ministerien in Verbindung bringen könnte Einstweilen fuhr mein
kluger Sanitätsrat fort behaupte man wäre selbst die alte Excellenz von
Harder auf Tempelheide für den Bund schon gewonnen denn nach ihren neulichen
dem Monarchen gegebenen freimaurerischen Lehren wäre es keinem Zweifel
unterworfen dass dieser alte Herr in dem Bunde der Ritter vom Geiste die wahre
Blüte der Templerei und der Loge entfaltet sähe und ihr zu Liebe würden auch
der Paulus und Johannes dieses neuen Evangeliums die Gebrüder Dankmar und
Siegbert Wildungen den Prozess gewinnen und dem Bunde wirklich möglich machen
jene Fabel von den in nächtlicher Stille an die Fenster der Märtyrer
hinaufgelassenen Säcken mit Doppelfriedrichsdoren zu bewahrheiten Und in der
Tat, wir wollen sehen Man bringt mir ja da ein Billet
Ein Diener brachte ein Billet an den Herrn Justizrat vom Obertribunal Ein
Kollege schrieb ihm dass der oberste Gerichtssenat soeben der Meinung seines
Präsidenten beigetreten wäre und den Prozess zu Gunsten des Klägers entschieden
hätte
Zu Gunsten warf die Fürstin dazwischen Der Vater hatte laut gelesen
Schlurck staunte eine Weile lächelte dann zog die goldne Brille von der
Stirn und sagte
Die besten Feldherren waren meist die die geschlagen wurden
Die Tochter wünschte Aufklärung um welche Summen es sich handelte ob diese
Entscheidung auf Dankmars Gefangenschaft einwirken würde und wie die
Beweisführung für die Brüder endlich wirklich hätte so günstig ausfallen können
Die Beweisführung sagte Schlurck Ich sagte dir ja schon der Kommentator
der Pandekten heißt Glück In jenen Dokumenten die du damals dem Glücklichsten
aller Gefangenen gegen mein Wissen kopf und herzüber nachwarfst liegt der Nerv
des ganzen Handels Ich hätte Bartusch und der Mutter folgend vielleicht jene
Papiere verbrannt und mich dem Schicksal ausgesetzt dass mein Leben nicht etwa
mit Mollakkorden wie jetzt sondern mit schreienden Dissonanzen geendet hätte
in zwei Instanzen hab ich eigentlich nur auf den Grund von zwei Pünktchen oder
Kommaten jedes Mal den Prozess gewonnen von zweien Kommaten die ich ehrlicher
Esel nicht ausradirte trotzdem dass Herr Dankmar Wildungen sie in seiner
Abschrift übersah Erst die halbblinden Augen jenes Greises haben die beiden
Kommata wieder entdeckt seine Liebe zu diesem Prozess kam hinzu er kannte die
Geschichte des Ordens der Templer die der StJohannesritter er wusste zu
beweisen dass es im Ordenshause zu Angerode niemals Verwandte des Ritters Hugo
von Wildungen gab er hatte seit Jahren über diesen Gegenstand Sammlungen
angestellt und bewies bei der Stelle des Komturs Hugo wo er in der
Cessionsurkunde sagt Cedo propinquis meis equitibus
Vater was versteh ich von diesen Dingen Ist es möglich Also Wildungen
Erbe dieser unermesslichen Güter
Die Stadt wird vom Staate die Erlaubnis zu einer Anleihe begehren müssen und
auf die Ameliorationen der Güter rechnen die die Summe verkleinern dürfte Lässt
sich leugnen dass zB die Komturei die wir bewohnen viele Spuren unsrer
glücklichen Tage zeigt und dass ich allen Grund habe sie binnen Kurzem mit
Leidwesen zu verlassen
Das Haus gekündigt rief die Fürstin voll Schmerz
Aber Schlurck hatte schon angefangen sich in sein Loos zu finden Er
sagte nur
Ich verlass es arm ich könnte sagen mit dem Bewusstsein ehrlich gewesen zu
sein wenn die Grabschrift Üb immer Treu und Redlichkeit nicht gar zu trivial
wäre Oft mach ich mir Vorwürfe dass ich den Einsatz nicht wagte keine
entschlossene Tat beging auf dem Wege nicht fortfuhr wie damals als ich den
Schrein an der Schmiede in Plessen fand und ihn aufraffte Das Wagnis gab mir
Riesenkräfte ich hatte nur nötig dem Schmied Schweigen zuzurufen ich wusste
dass er an einer alten Falschmünzerei beteiligt war die auch Frau Pauline von
Harder berührt tragen konnt ich schwacher Mann den Schrein selbst so
riesenkräftig macht die Entschlossenheit wie Goethe sagt Mut ruft die Arme
der Götter herbei und wenn ich bedenke
Nichts nichts Vater beschwichtigte Melanie den immer mehr sich nun vor
Mismut aufregenden Vater der sich jetzt von seiner Tochter entfernte nachdem
er noch einen Akt kindlicher Liebe mit diesen Worten von ihr entgegengenommen
Vater nach dieser Nachricht über Dankmar treibt es mich hinaus nach
Tempelheide zur guten Anna von Harder Da sind zwei Kinder die ich trösten
umarmen muss Beide lieben sie die Brüder Wildungen Vater Du hast neue
Prüfungen zu überstehen Du sollst das Haus meiner Jugend verlassen Ich bin
nicht reich du weißt wohl wie ärmlich dieser Glanz ist der einen großen Namen
trägt Aber ich beschränke mich ich kann sparen ich will nicht mehr in Allem
glänzen ich lernte entbehren Da Nimm Papa Es sind meine ersten Ersparnisse
Schlage sie nicht aus Du machst mich glücklich wenn du sie nimmst Verschweig
es der Mutter oder sag es ihr wie du willst Du darfst dich nicht unglücklich
fühlen Weiche nicht den Leiden die dich bestürmen Du gingst unversehrt aus
den Gefahren der Versuchung Vater ich kenne die Versuchung Nimm Nimm Ich
höre Geräusch wenn es Egon wäre Leb wohl Auf Wiedersehen Sei nachsichtig
mit dem Anfang Es soll besser kommen
Damit verschwand die Fürstin Schlurck hatte ein Päckchen in der Hand das
sie aus ihrer Brust gezogen hatte Es war eine Anzahl von Banknoten nicht viel
aber man sah die Liebe Ein tiefes Gefühl der Schaam überflog den
zurückgekommenen mitten im Genuss plötzlich auf Entbehrungen verwiesenen
Epikuräer Fröstelnd wie immer nach einem Diner aber nie so mit
Unbehaglichkeit wie jetzt schlich er sich aus dem Pavillon sah nieder wie ein
Verbrecher hatte all die guten Einfälle seiner heitern Laune vergessen und
ging aus dem Hause wie ein zum Tode Geknickter Diese dreihundert Taler von
seiner Tochter die sie ihm als eine Art Taschengeld für seine Vergnügungen
geschenkt hatte diese Summe bei der sie voraussetzte er brauchte davon der
Mutter nichts zu sagen sondern könnte mit ihr heimlich die alten stillen Wege
seiner Laune wandeln entwürdigten ihn nicht etwa sie rührten ihn nur sie
untergruben seine Philosophie sie waren bei ihm der Anfang einer ernstlicheren
Betrachtung über Das was die Erde bietet und versagt und was der Tod auf alle
Fälle sicher gibt
Aber damals an jenem ersten Tage wo die Fürstin so eine dauernde
Aufopferung für die Ihrigen begann war diese hinausgefahren nach Tempelheide
Sie fand Selma über Dankmars Schicksal in Tränen Olga bestürzt Die Romantik
solcher Gefahren gehörte nicht in die Welt der phantastischen Träume aus der
Olga durch Selmas Natürlichkeit immer mehr zu erwachen anfing Anna von Harder
überrascht von Melanies der so hoch Gestiegenen Güte vermittelte zwischen
ihrem ungeahnten Besuche und den beiden charakterstarken auf Egon von Hohenberg
wie auf das böse Prinzip erzürnten jungfräulichen Mädchenherzen wenigstens den
Waffenstillstand dass sie den Worten der schönen jungen Frau Gehör gaben
Nehmen Sie dies Schicksal nicht so ernst Sie lieben jungen Engel können nur
gewinnen wenn Sie Denen die Sie lieben gleich Ersatz für ein ernstes Leben
sind Sie holde kleine Selma die Sie mir noch gar nicht die Miene machen die
ich mir im Lauf der Zeit von Ihnen zu erobern gedenke Sie weiß ich recht gut
entbehren in Dankmar mehr als nur den Vetter Und Komtesse Olga hat ja das
Gedicht ihres Herzens vor aller Welt aufgeführt Zu deuten wag ichs nicht
nicht will ich Namen nennen die wie weiße Wölkchen in blauen Lüften schweben
aber Herrn von Dystra möcht ich doch sagen dass er diese holde träumerische
Wasserlilie des Schwarzen Meeres nicht nach dem Tempelstein entführen wird Die
Wildungen haben den Prozess gewonnen durch zwei kleine Pünktchen die Sie wohl
selber sind meine Damen Wäre die Excellenz schon aus der Stadt zurück ich
nähme lateinische Stunde bei ihr Die beiden kleinen Kommata müssen Sie sein
Bedenken Sie diesen Triumph eines Eingekerkerten und eines Flüchtlings So
lebten die alten Märtyrer in Kerkern und trugen ihren Heiligenschein um die
Schläfe dass er durch die Eisenstäbe leuchtete Sie konnten mit ihrem eignen
Abglanz alle Ketten schmelzen und wandelten frei Denn Das wissen Sie doch dass
die Ritter vom Geiste Niemanden untergehen lassen und alle Kerker öffnen ob nun
Feen oder junge liebende Mädchen Engel oder Kobolde dabei helfen
Die Fürstin war so angeregt dass die Mädchen Vertrauen fassten und wenigstens
nicht mehr scheu zur Seite standen wenn Anna die Melanie immer gern gehabt
hatte mit ihr sprach Es war fast Abend als die Fürstin von Tempelheide schied
und drei Menschen zurückließ die auch jetzt erst nach diesem Besuche wagten
in der ihnen selbst seit Mittag bekannten Entscheidung des Prozesses einen
Lichtschimmer am Rande der Nacht zu erblicken die sie Alle umhüllte Sie hatten
Dankmars Gefangennehmung nicht nur erfahren sondern sie selbst gesehen selbst
erlebt dass vor Tempelheide ein Wagen vorüberfuhr aus dem ein blasses
Männerantlitz sie grüßte und eine Hand hinterwärts zeigte gleichsam nach
Hohenberg zu oder wie Olga sagte nach dem Leben dem Glück der verlorenen
Freiheit hin Sogleich hatten sie anspannen lassen waren nach der Stadt dem
Profossamte gefahren hatten gehört was ihnen als sie ohne Dankmar sehen zu
können verzweifelnd nach Tempelheide zurückkehrten ein inzwischen angekommener
Brief von Franziska Heunisch und einige Zeilen von Rodewald ausführlicher
berichteten aber doch auch die wunderbare Nachricht über den Prozess brachten
sie zu einstweiligem Trost aus der Stadt mit
Der alte Obertribunalspräsident kam erst am Abend spät nach Tempelheide
zurück Er war seit Jahren zum ersten Male wieder in der Loge gewesen deren
oberste Würde er für das ganze Land bekleidete Auf die ihm dort gemachte
Mitteilung vom Schicksal der Männer die durch sein eigenes teilnehmendes und
begeistertes Erforschen dieser Angelegenheit eine so große Summe gewonnen
hatten auf das Forschen und Lauern über seinen persönlichen Anteil an den
Brüdern Wildungen erwiderte er
Mein Studium galt nicht den Personen sondern der Sache
Und jede weitere Erörterung schnitt er durch das bekannte feierliche Wort
ab
Die Loge ist gedeckt
Achtes Kapitel
Eine Maurerarbeit und ihre Folgen
Die Kunde von der endlichen Lösung eines seit so langen Jahren schwebenden
Rechtsverhältnisses hatte sich mit Blitzschnelle verbreitet Alle Stände
nahmen Anteil Jeder war von der unerwarteten Wendung überrascht ja sogar
befriedigt Man war durch das strenge Regiment des Fürsten von Hohenberg
geneigt diesem drakonischen Systeme denn auch nicht jeden Erfolg zu wünschen
Die Kommune war unbeliebt ihrer immer schmeichlerischen gesinnungslosen im
Glücke übermütigen in der Gefahr feigen Haltung wegen Diese städtische
Verwaltung hatte nichts gemein mit jenem festen sichern Bürgertrotz jener
unwandelbaren Selbstgenüge an der im Mittelalter die Willkür der Fürsten sich
öfters tüchtig den Schädel einrannte Die Schöffen und Bürgermeister zerflossen
in Versicherungen einer Ergebenheit die doch in keiner wahren Prüfung Stand
hielt sondern in Augenblicken der Gefahr die persönliche Selbsterhaltung zum
einzigen Ziele steckte Warum sollte man das Ergebniss jener zweihundertjährigen
Streitfrage nicht zweien jungen Männern wünschen die allerdings die öffentliche
Meinung in bedenklichster Art in Anspruch genommen hatten Waren ihre
Unternehmungen für den Bestand der Ruhe und Ordnung wie man im Kreise der
Begüterten sagte gefährlich so hatten sie sich doch mitten in ihren
verbrecherischen Handlungen vom Arme der Gerechtigkeit schon müssen aufhalten
lassen Man verriet auch darin die sich immer gleichbleibende Tatsache des
menschlichen Gemütes dass man Dem der auf irgend eine Art das öffentliche
Urteil befriedigt hat die ganze Herbigkeit der Sühne gern erlässt sich mit
seiner allgemeinen Demütigung begnügt und noch mehr von ihm einzufordern
zuletzt sogar eine beklommene Scheu hat Dies plötzliche nun in die Verbannung
und in einen Kerker gerufene Glück hatte sogar etwas Romantisches für die Welt
die im Grunde das Regelwidrige dem Regelmässigen vorzieht nur darf sie es in
ihren nächsten Interessen nicht berühren und ihr nicht irgend welche Opfer
auferlegen
Noch eine größere Genugtuung der öffentlichen Meinung von der Freude der
Parteigenossen der Brüder nicht zu sprechen lag in der Verkürzung der den
Erben des Komturs Hugo von Wildungen zahlbaren Summe Das Obertribunal hatte im
ermutigenden Gefühle seiner Beweisauffindung doch die Grenze der Mäßigung nicht
überschritten Es hatte durch eine Verringerung der beanspruchten Summen jenem
Verlangen nach dem Mittelweg entsprochen das sich niemals abweisen lässt wenn
man erhitzte Gegner lange und hartnäckig auf ihre vermeintlichen Rechte bestehen
sieht Die Gründe die das Obertribunal für seine Ermässigung der streitigen
Werte auf eine Million allerdings jenes schweren im Norden üblichen Geldes
anführte konnten von keiner billigen Einsicht getadelt werden Man schlug vor
allen Dingen nicht nur den Genuss eines dreihundertjährigen Besitzes sondern
ebenso auch die Mühewaltung an die diesen Besitz doch immer zusammengehalten
hatte Man konnte zwar nicht in Abrede stellen dass die Liegenschaften der
StJohanniter von Angerode wenn man die Güter und Gebäude nach ihrem jetzigen
Werte veranschlagte denn eine Entäusserung der Besitzungen selbst war kaum
möglich eher im Preise zu vergrößern als zu vermindern waren dennoch brachte
man rechtliche Bedenken genug vor die erwiesen dass eine fast in Verjährung
gekommene Erbschaft aufhöre ihre ursprüngliche Integrität zu behalten wenn
ihre Erträgnisse öffentlichen Zwecken zugeflossen waren bei denen wie zB die
Armenpflege es unmöglich war sich an Die zu halten die eben entweder tot
waren oder wenn sie lebten nur das Beneficium inventarii Schulden Kummer und
Elend anbieten konnten Diese beweiskräftige Verringerung der Summe auf eine
Million war in der Tat eine Versöhnung mit allen Parteien und trug nicht wenig
dazu bei die fast abgöttische Verehrung vor den Entscheidungen des höchsten
Gerichtshofes zu erhalten und den erschreckten in dieser Zeit der Willkür und
der Rechtsverfälschung über des Lebens allgemeine unsichere Schwankung
zitternden Gemütern das Hochgefühl zu erhalten dass es in allen diesen Wirren
doch noch einen festen Anker der Hoffnung ein unentweihtes den Himmelswolken
näher als dem Erdendunst tronendes Asyl des Rechtes gäbe Niemand war
befriedigter als der Hof und in der Tat konnte man Egon von Hohenberg und etwa
den Probst Gelbsattel nur die einzigen Widersacher nennen
Egons matematische Natur sträubte sich gleich anfangs gegen das Vorhaben
der Brüder Wildungen noch als sie ihm befreundet waren Seinen Studien zufolge
weniger Jurist als Kameralist äußerte er oft dass nichts so sehr die Auflösung
der Gesellschaft und den Teorieenschwindel befördere als die Vorstellung dass
es ein ewiges der Zeit und ihren Bedingungen völlig entrücktes Recht gäbe Er
hatte in seinem »Jahrhundert« dem er die schärfsten Dialektiker gewann und aus
Staatsfonds teuer bezahlte oft genug schon gegen die Juristen polemisiren
lassen als diese kalten aalglatten Zwischenwesen die nicht Fisch nicht
Schlange wären und doch auf dem Lande und im Wasser zugleich leben könnten Fiat
justitia pereat mundus war ihm die Devise einer Welt die für jedes Verbrechen
einen Entschuldigungsgrund und wenn auch nur aus der Sentimentalität herzuleiten
wisse und von den Juristen stand ihm die Gesinnungslosigkeit vollends so fest
dass er bei jedem Morde bei jeder Kause célèbre die zur öffentlichen Debatte
kam wettete die Advokaten würden doch wieder Alles tun um dem einfachsten
nächsten sittlichen Gefühle mit Hundert Truggründen sein Sühnopfer zu entreißen
Er war deshalb sonderbarerweise ein Freund der Geschwornengerichte selbst wenn
sie politische Verbrecher freisprachen Er sagte sich wohl dass es schlimm in
den Gemütern aussehen müsse wenn man Feinde der öffentlichen Ruhe straflos
haben wolle aber er hob doch die Wohltat hervor wenn sich die Gesellschaft
das Recht erhielte selbst zu bestimmen was ihr Recht schiene Er bewies dass
die Abschaffung der Todesstrafe immer nur von Grüblern nie von diesem
Volksgefühle der Selbsterhaltung und des Rechtes als Notwehr gegen Verbrecher
wäre beantragt worden Diese Entscheidung des Obertribunals grade in ihrer
Unabhängigkeit von den Persönlichkeiten der Gewinner so bewundert schien ihm im
Gegenteil das verderblichste Zeichen einer Zeit die selbst nicht wisse was
sie wolle und in der Vergötterung von Abstraktionen an den faktischen Beständen
zu Grunde gehen müsse Bitter genug war auch die Art wie er den Vorfall an die
von ihm und der Hofpolitik ins Leben gerufene Volksvertretung brachte und die
Ermächtigung verlangte der Residenz die Anfertigung von einer Million
Stadtkämmereischeinen zu gestatten
Die Freude die alle Welt teilte dass zwei halbblinde Augen zwei kleine
Punkte in einer alten Urkunde entdeckt haben konnten kannte der Fürst nicht Er
war eines Abends empfindlich genug sein Erstaunen auszudrücken als er Propst
Gelbsattel in den kleinen Cirkeln des Hofes eingeladen fand und er von diesem
die Auseinandersetzung hören konnte um derentwillen er grade auf Veranlassung
des Generals Voland citirt worden war Man hatte in Erfahrung gebracht dass die
alte Excellenz grade an dem Tage des Urteilsspruches seit Jahren zum ersten
Male wieder die Loge besucht hatte Die junge Excellenz die gleichfalls
anwesend war man gab im Hofteater ein klassisches Stück wusste den Tag
anzugeben wo Papa vor zehn Jahren zum letzten Male in die Loge fuhr Das
Ereignis schien so mystisch dass man den Vorschlag des Generals annahm und den
seit Jahren fallengelassenen Propst zum Tee befahl Man denke sich Gelbsattels
Entzücken Hätte man ihn gradezu um eine Enthüllung angegangen er würde das
ganze Handwerkszeug seiner Tempelbauten an den Stufen des Trones oder auf die
Präsentirteller des etwas spärlich dargereichten mürben Gebäckes niedergelegt
haben So aber sprach er da man grade wie immer nur ein leises Lüften des
Isisschleiers wünschte etwa nur andeutend Folgendes
Dieser Rechtsfall hat den würdigen Mann wie um zwanzig Jahre verjüngt Ich
will nicht die Gewissenhaftigkeit des Obertribunals antasten aber ein so
genaues Studium des vorliegenden Falles war nur möglich wo die Lieblingsideen
des Präsidenten mit ihm in Berührung kamen Er hat die Geschichte der Maurerei
bis in die kleinsten Details erforscht und leitet sie von den ältesten Tagen
her Es ist ihm die Geschichte der Geheimbünde derselbe Strom der bald offen
bald versteckt unter Felsen bald gar durch Felsen selber hindurch Allen
unsichtbar dahinflösse Wie Seen auf Meilenweite mit den Wasserfällen eines
großen Gebirgskammes zusammenhingen so wäre auch die Maurerei derselbe Gedanke
der schon den Geheimbünden Indiens Egyptens Grossgriechenlands zum Grunde
gelegen hätte Die Menschen hätten sich immer aus den herrschenden Tatsachen
und deren Zwangsverbande in einen freien unsichtbaren Verband höherer Wahrheiten
geflüchtet Wie die Naturreligion ihn auf die Tierwelt führte ist bekannt Er
sieht in den Tieren die am Basler Freiburger Strasburger Münster in der
Architektur angebracht sind Symbole der Maurer und Architekten die über ihrer
Zeit gestanden hätten wie gleichsam alle Künstler ja besonders die Dichter und
Schauspieler gewissermaßen ein Arbeiten vor und eines ja auch hinter den
Kulissen hätten
Man blickte lächelnd auf den geschmeichelten Sohn des Vaters der für
Tempelheide nicht existirte und sich weil es der alte Herr wünschte nur
jährlich einmal nämlich an dessen Geburtstage dort sehen ließ
Gelbsattel fuhr nach diesem theatralischen Seitenblicke fort
Man hat in Böhmen Tempelherrnburgen und Tempelherrnkirchen gefunden bei
denen eine fast egyptische Tiersymbolik als Verzierung angebracht war Im
Prozess gegen Jakob Molay wurden als Beweismittel seiner Ketzerei Spuren von
Tierverehrung der Templer gebraucht und unwiderleglich ist die Geschichte von
dem Idol einem Kopfe den man im Tempel zu Paris fand einem Amulet ohne
Zweifel das man Bafomet nannte Mahomets Name in syrischer Aussprache Die
Templer brachten orientalische Verwilderung mit und wurden sogar beschuldigt
der Lehre von der Seelenwanderung zu huldigen Der Präsident läugnet diesen
Götzendienst und verteidigt die Templer nur als Anhänger der Lehre von der
Duldung die durch diese Orientalismen bewiesen wäre Nach ihm flüchteten sich
die Templer nach England und erwachten im Jahrhundert der Toleranz zum
öffentlichen Leben als Freimaurer Die Templer wurden in Deutschland Johanniter
Den Tempelstein bei Buchau den Herr von Dystra wunderbar schön ausbauen lassen
soll
Man bestätigte dies Urteil und hatte seine Freude an der Nachbarschaft
einer neuerstehenden Burgruine
Den Tempelstein warfen vielleicht die Bannbullen des Papstes nieder doch
ins Innere Deutschlands zogen die Erben der Templer Über Angerode machte der
Präsident seit Jahren Forschungen Als die Gebrüder Wildungen in erster Instanz
verloren hatten und die dunkle Kunde des wieder aufgenommenen Prozesses an den
Präsidenten kam soll er gesagt haben Der Staat hat nicht Recht die Kommune
hat nicht Recht schafft die Cessionsurkunden des Komturs Hugo von Wildungen
und seiner Erben diese können den Ausschlag geben Und grade beide hatten sich
gefunden Dennoch trug die eine Cessionsurkunde in keiner Instanz den Sieg
davon da die Interpretation des scharfsinnigen Herrn Justizrats Schlurck
Fürst Egon von Hohenberg ertrug ruhig aber finsterblickend die flüsternde
Wirkung dieser Namensnennung
Es zu beweisen schien dass Hugo von Wildungen entweder für sich die ihm
gemachte Quote der Teilung antreten wollte oder für seine »nächsten Ritter«
propinqui equites entsagte worunter man auch seine Verwandten hätte verstehen
können wenn sich Verwandte des Komturs unter den Rittern gefunden hätten
Dankmar Wildungen ein Abenteurer wie er ist reiste in Folge dieser
Interpretation nach Angerode hoffte dort die Verzeichnisse der Ordensmitglieder
vom Jahre 1550 zu finden kehrte aber unverrichteter Sache zurück Er wagte nun
die letzte Instanz Wie groß war das allgemeine Erstaunen als der Präsident
sich dieses Prozesses mit Liebe annahm Den Gedanken an die Beziehungen seiner
Familie besonders der herrlichen Anna von Harder zu den Wildungen muss man ganz
fallen lassen ihn trieb zum Studium dieser Sache nur seine Schwärmerei für die
Geschichte der geheimen Toleranzbünde
Und ist es wahr sagte die Königin die von der Toleranz nichts wissen
wollte ist es wahr dass zwei Interpunktionszeichen den Ausschlag gegeben haben
Allerdings Majestät erklärte Propst Gelbsattel und fiel dem General Voland
ins Wort dem der Propst in seiner offenbar etwas ausgeplauderten späteren
Maurerrede des Präsidenten fast schon zu lange sprach Allerdings Die Stelle in
der Originalurkunde datirt aus Venedig lautet Ich bekenne dass ich die mir
bestimmte Teilung in Besitz nehmen werde adhuc vivus so lange ich lebe oder
wenn ich früher sterben sollte bewillige ich sie cedo propinquis equitibus
wie man bisher übersetzte den nächsten Rittern dh den mir an Range Nächsten
also dem Orden wieder selbst das heißt den Erben von Angerode Staat oder
Stadt So Justizrat Schlurck Dankmar Wildungen aber sagte die Stelle hieße
meinen anverwandten Rittern Er forschte in allen möglichen Annalen ob die
Wildungen verwandte Ritter im Kapitel gehabt hätten würde aber auch selbst
wenn er deren gefunden hätte nicht durchgedrungen sein da doch immer wieder
dann die Ordenseigenschaft über die Berechtigung zur Beerbung entschieden hätte
Auf eine andere Erklärung konnte Dankmar Wildungen nicht kommen da er die
Abschrift die er von der Urkunde nahm zu flüchtig gefertigt hatte und sie für
gleichlautend mit der Urschrift hielt Der Präsident erst entdeckte in dem
ächten Original zwei Punkte vor und nach equitibus und erläutert Ich cedire
meinen Verwandten Rittern dh Adligen die das Recht der Ritterguts und
Dominialerbschaft haben und demnach vollkommen berechtigt waren in meine Rechte
einzutreten diese Teilungsquote Er wies aus gleichzeitigen Quellen nach dass
der Ausdruck equites für nobiles öfter vorkäme wenn unter ihm adlige Patrizier
der Städte und Grundbesitzer des flachen Landes zusammengefasst wurden und an
Beweisen dass die Agnaten der Wildungen grade in den Städten Türingens als
Patrizier wohnten fehlte es nicht Eben durch ihre Wohnsitze in Bürgerkommunen
verlor sich mit der Zeit ihr Adel Die Entscheidung ist nun völlig klar hängt
mit dem Sinne der ganzen Urkunde zusammen und es fehlt jetzt nur noch das baare
Geld wofür die Stadt und ihr Kredit Se Durchlaucht Fürst Hohenberg und ein
guter Kupferstecher zu sorgen haben
Man fühlte sich außerordentlich angeregt und befriedigt von diesem Vortrage
der offenbar aus der Loge kam General Voland hatte eine Menge von ähnlichen
Entscheidungen zur Hand zeichnete Wappen und ließ die Herrschaften raten was
die Rebus derselben zu bedeuten hätten Es währte lange bis der Premierminister
mit der Bemerkung hervortreten konnte
Ich will wünschen dass die Ritter vom Geiste eine so harmlose Fortsetzung
der Freimaurerei sind wie der würdige Chef unserer Justiz diese aus dem Kopfe
des Muhamed und der Toleranz gegen die Tiere herleitet Ein Zusammenhang mit
den Jesuiten wäre schon bedenklicher Man muss die Untersuchung abwarten die
leider umständlicher ausfallen wird als mir im Interesse dieser Gebrüder
Wildungen lieb sein kann die zwei reichbegabte an sich sehr edle und sonst des
vollsten Genusses ihres Glückes würdige junge Männer sind
Es lag eine solche düstere Wahrheit in diesen kräftig betonten Worten deren
Beziehung man wohl verstand dass das Thema verlassen wurde und Propst Gelbsattel
Zeit fand sich zu seinen Antworten über die innere Mission zu sammeln über die
er angelegentlichst befragt wurde Früher entschiedenster Gegner derselben hatte
er sich vielleicht erst unterwegs in der Kutsche die ihn zu Hofe fuhr eine
Brücke gebaut um nun als ihr Verehrer aufzutreten und mit General Voland und
andern Elementen der kleinen Zirkel jene Dialoge aufzuführen in welchen man die
Wahrheiten und Irrtümer der Zeit von allen Seiten beleuchtete ohne die Kraft
zu besitzen davon irgend etwas Anderes im Leben auszuführen als was eben der
rastlose Drang des Adels Beamten und Militairegoismus als einzige politische
Richtschnur vorschrieb
Fürst Egon aber konnte nicht anders erwarten als dass die Stände ihre
Zustimmung zur Emission von einer Million Stadtkämmereischeinen geben würden
Die Bedingung wurde nur gestellt dass die Stadt nun das ihr verbleibende
altertümliche Erbe auch einer neuen Verwertung unterwürfe und die öffentliche
Kontrole gestattete Die Häuser in der Brandgasse sollten niedergerissen
neugebaut neuorganisirt werden Man wollte dass nun auch alle alten Herbergen
provisorischer Zustände gelüftet die Spelunken lichtscheuer Bettlerexistenzen
gereinigt würden dabei traf sich der eigne Fall dass gerade ein Mann der statt
Bartuschs des Blutsaugers des bösen Drängers und Quälers der Brandgasse ein
Wohltäter Rettungsengel und milder Richter dieser Höhlen geworden war nun in
die Lage kam an der materiellen Befriedigung der beiden Männer die sich als
die eigentlichen Herren der Brandgasse jetzt ergeben hatten an dem Abkaufe
dieser Erbschaft beteiligt zu werden
Es war zuerst im November des vorigen Jahres gewesen als sich die
verdächtigen Wolken die die Erscheinung Murrays begleitet hatten allmälig
verzogen Ein reicher angesehener Fremder dem die heimischen Bekanntschaften
den Glanz seines Namens mehrten erbot sich in demselben Augenblicke zu einer
ansehnlichen Kaution für ihn als er durch die Zeugnisse Louis Armands fast
gezwungen war einzugestehen dass er im Forstause bei Plessen nur von einem in
Amerika verstorbenen Bruder des Schmieds Jakob Zeck und seiner Schwester Ursula
Aufträge zu überbringen hatte und bei dieser Gelegenheit in die Lage kam einen
tückischen mörderischen Schlag den der Blinde auf seine Schwester ausführen
wollte durch jedes nächste ihm zu Gebote stehende Mittel zu hintertreiben
Diese Aussagen blieben unwiderlegt da Louis Armand damals noch in dem Ansehen
stand ein Jugendfreund des Ministers zu sein Die Aufträge die Pax später von
Charlotte Ludmer für seine Hohenberger Reise bekommen hatte waren nicht auf
eine Gewalttat gerichtet Vermutete sie Friedrich Zeck in jenem Engländer der
sich ihrer Nichte so eifrig angenommen hatte so konnte ihr nur an dessen
Beobachtung geräuschloser vielleicht durch Geld oder durch stille Gewalt
vermittelter Entfernung nicht aber an einer Verhaftung liegen die zuletzt
Geständnisse zu Tage gefördert hätte verletzendster Art für lebende in sorglose
Sicherheit eingewiegte Personen Deshalb hatte sie von Fritz Hackert nur unter
der Hand erfahren wollen ob nicht dieser Murray ein Gauner und an diesen und
jenen Merkmalen erkennbar wäre Besorgnis genug erweckte ihr Hackerts
Schweigen noch größere die Freigebung des Gefangenen auf ein bedeutendes
Lösegeld Endlich aber erhielt sie die Nachricht von Hackert dass jener Fremde
ein wirklich harmloser Emissär amerikanischer religiöser Vereine wäre der am
liebsten auf Kirchhöfen weile und sich mit dem Schicksale der Armen beschäftige
Gern hätte sie ihn selbst gesprochen gern von ihm gehört wann wo unter
welchen Umständen jener Friedrich Zeck gestorben wäre auf dessen Veranlassung
er die schlimme Begegnung im Plessener Forst hatte allein der gern und öfters
bei ihr gesehene Hackert brachte ihr darauf hin eine wunderlich zustimmende
Antwort des Sonderlings der sie entnehmen konnte dass hier in der Tat einer
jener Bussprediger vorhanden war der diese Gelegenheit benutzen wollte nun auch
ihr recht ins Gewissen zu reden Auf die Gefahr hin dass ihr dieser Mann von
einer jenseitigen Welt sprechen konnte schlummerte ihre Absicht Murray kennen
zu lernen und ihre Furcht ein Sie mochte solche »Quäker« nicht sehen
Friedrich Zeck hatte nie die Absicht gehabt sich etwa an Pauline von Harder
und Charlotte Ludmer zu rächen Es war eine wirkliche Frömmigkeit die ihn
erleuchtete Es lag ihm im Leben nur noch an dem Loose des Knaben den
aufzusuchen ihn dasselbe Pflichtgefühl trieb das die frömmelnde Fürstin Amanda
einst ihr Testament hatte niederschreiben lassen Wie er Hackerten finden musste
erfüllte ihn freilich mit Schmerz genug Er fand doch zuletzt einen
verwilderten trotzigen aller Innerlichkeit baaren Sinnenmenschen mit dem er
sich um sein besseres Gefühl zu wecken wohl hütete zu verfahren wie mit
Auguste Ludmer Die gewaltsame Unterwerfung unter seinen eignen edlen Geist
hätte er wohl ausgeführt er hätte nur seine Geschichte die Namennennung der
Mutter Hackerts anwenden dürfen um den Hochmütigen ganz in der Gewalt zu
haben aber er lehnte diese Gewalt ab er fürchtete etwas Künstliches in seine
Entwickelung hineinzutragen Er wollte seinen Sohn gewähren lassen und ihm
selbst nur als eine Anlehnung seines eignen Wachstums dienen Die Erfolge
dieser Erziehung waren im Beginn wenig ermutigend Er entsetzte sich genug wie
verworren ja grundverdorben diese Seele war Vor dem tiefeingewurzelten
Pessimismus derselben schauderte ihn Alles wäre schlecht Jeder sähe nur auf
seinen Vorteil Alles löge und die Tugend wäre Maske die nur die Dummen
blendete So lauteten seine stehenden Sätze die er selbst mit der Nachwirkung
der Gefühle verband die ihm die Freude geweckt hatte seinen rätselhaft
verborgenen und sich ihm noch nicht ganz entüllenden Vater damals auf dem
Kirchhofe zu finden Seine Menschenverachtung ging soweit dass er selbst am
Vater zu bohren an dem zu wühlen zu untergraben anfing und ihm gleichsam
Fallen stellte um die Schadenfreude zu genießen auch ihn straucheln zu sehen
auch ihn auf Prahlerei und Eitelkeit zu ertappen Er konnte nicht begreifen
warum Murray in der Brandgasse wohnen blieb und die drei Zimmer der Louise
Eisold behielt Er vermittelte manche Bestellung die vom Vater für
Kupferstecherarbeiten wieder übernommen wurde aber wenn er sie nur langsam
ausführte wenn er hören musste dass den Vater dieser oder jener Vorfall in den
Familienhäusern bald auf Nr 30 bald auf Nr 50 in Anspruch genommen hatte so
konnte er das schadenfroheste Gelächter aufschlagen und alle Bemühungen dieser
Bande wie er sie nannte nützlich zu sein als rein verlorene Mühe verspotten
Diesem Vieh sagte er ist sein Schmuz so behaglich wie dem Reichen seine
Eiderdaunen Kein Champagner gibt dem Schlemmer die Wollust wie Diesen hier der
erwärmende scharf alle Nerven ergreifende und die Sinne in eine exaltirte
Spannung versetzende Branntewein Seht nur dies wonnige Überbeissen der Lippen
wenn diese Männer und Weiber aus ihrer Flasche getrunken haben Seht dies
Schmunzeln des Mundes und Runzeln der Augenbrauen als wenn der Genuss brenne und
Übelbehagen erwecke aber es ist nur die Maske der süßesten Empfindung die sie
hebt und alle Phrasen von Entsagung und wahrem Menschenglück verlachen macht
Hört nur die zärtlichen Namen mit denen die Flasche benannt wird wie erwärmt
sie von Tasche zu Tasche im Kreise umherwandert wie treu sie mit auf die
Arbeit mit auf den Spaziergang genommen wird und wie sie immer die
Lebensgeister wach erhält wie sie zu hoffen zu hassen zu lieben lehrt Ha So
ein Fluch aus ganzer Seele losgelassen über die Welt und Alles was in ihr lebt
und krabbelt kann aus keinem Dichtermunde bei aller Begeisterung kräftiger
kommen wie aus dem mit Spiritus stimulirten Zustand dieser Menschen die
zuletzt wenn die Spannkraft der Nerven nicht mehr aushält erst Morgens in ein
Zittern verfallen dann Mittags über Magendrücken wimmern und zuletzt Abends
überall Mäuse Ratten sehen Wanzen Flöhe Ungeziefer und dabei heulen und
schreien Es will mich was fressen Hilfe Hilfe Ha Papa das ist dann der
Säuferwahnsinn und die Geschichte ist aus Die Kerle kommen ins Tollhaus aber
lustig die Jungen machens doch den Alten immer wieder nach Man müsste die
Nester alle ausnehmen wenn die Brut noch halb in den Eiern sitzt müsste ihnen
allen den Kopf eindrücken oder sie in eine Anstalt zusammentun wo sie dann
freilich wieder andere Laster lernen die auch zu keinem seligen Ende führen
Vater es gibt für diese Kanaille der Wonnen die dabei auch nichts kosten gar
zu viel
Das war dann freilich eine Schilderung grauenhaft genug und leider nur zu
wahr Aber der Vater hatte den wenig ausreichenden Trost dass solche und
ähnliche Äußerungen seines Sohnes noch mehr aus dessen immer mehr zunehmender
Hinfälligkeit herrührten Die Mondsucht hatte ihn nicht verlassen Jede Anfrage
bei erprobten Ärzten führte auf das Ergebniss man müsse die Jahre abwarten und
sich mit äußern Schadenverhütungen begnügen Hackert blieb da der Vater sein
Inkognito nicht aufgab in seiner Wohnung bei Zipfels Friedrich Zeck wünschte
nicht dass sie zusammenzogen Er fürchtete dass dann Einer vom Andern beherrscht
würde und die Alltäglichkeit bald den Reiz verdränge den es doch für den Sohn
hatte einen Ort zu wissen wo er sich in reineren Lebensfluten manchmal baden
konnte führte ihn auch der Weg an Schmuz und Schlamm vorüber Der Ekel mit dem
Hackert regelmäßig bei Zeck eintrat tat diesem wohl und immer hoffte er es
würde sich endlich in ihm der Entschluss zu einer Tat regen zu irgend einem
Aufschwunge zu irgend einem ihn erhebenden Berufe Sein Verhältnis zu Pax hatte
Hackert keineswegs aufgegeben Er gefiel sich zu sehr in den Zerstreuungen die
der Wandel eines solchen geheimen Agenten mit sich brachte Da durfte er in
aller Leute Karten sehen über Stutzer lachen die auf den Promenaden stolzirten
und das ihnen gleichsam von der Polizei umgehängte Halsband unter der seidenen
Cravatte verbargen er durfte alle Spelunken des Elends der Gaunerei des
zügellosen Vergnügens besuchen Er war seit Jahren an diese Orte wie gebannt
Früher zog ihn da der Trieb der Teilnahme an den Ausschweifungen hinein jetzt
brauchte er sie nur in höherm Auftrage zu besuchen aber magnetisch zogen sie
ihn Wenn er eine dumpfe Trommel in der Ferne hörte das Schmettern einer
Trompete wenn die Geigen so weinerlich lockend strichen behauptete er nicht
widerstehen zu können Wenn die eigne Kraft zur Sünde aufhört regt sich der
Trieb Andere zu verführen Alte Buhlerinnen kuppeln ehemalige Verbrecher geben
an Von allen diesen Erfahrungen wiederholte sich etwas an Hackert nur dass er
durch einen gewissen man möchte ihn philosophischen Standpunkt nennen bewahrt
blieb dabei in das völlig Gewöhnliche und Gemeine zu verfallen Wenn er acht
Tage in der Brandgasse beim Vater nicht gewesen war fing diesen an zu bangen
er wusste dass Fritz dann auf schlimme Rückfälle gekommen war irgend einer
Verlockung folgte kein gutes Gewissen hatte aber das bessere Gewissen
überhaupt bei Hackert anzunehmen war schon ein Gewinn und immer hatte Zeck die
Genugtuung dass er endlich doch kam matt und müde zwar angeekelt von sich
selbst mismutig verstimmt und meist Geschichten mitbringend die Murray zur
Anknüpfung seiner Lieblingsbeschäftigung benutzte den Werken der innern
Mission wie sie von ihm in ganz anderm Sinne als von den Modevereinen
verstanden wurde aber er kam doch ruhte sich beim Vater doch aus seufzte doch
und wünschte sich nicht selten den Tod
Otto von Dystra hatte vor seinen Reisen nach dem Tempelstein Sorge getragen
seinen alten Schützling mit Persönlichkeiten und Institutionen bekannt zu
machen die ihm nach zwei Seiten hin nützlich sein konnten sowohl seine alte
Kunstübung wieder aufzunehmen wie die ihm eigne Bekehrungsmetode unter den
sittlich Verwahrlosten ungestört zu betreiben Im Besitz eines ausreichenden
Vermögens arbeitete Murray nach Neigung Da er nur die schwierigeren Aufträge
annahm und sie mit großer künstlerischer Vollendung ausführte ließ er sich in
seinen Leistungen Zeit Die Mussestunden die er sich reichlich gönnte verwandte
er darauf von den Vereinen deren Mitglied er geworden war Aufträge
anzunehmen Anfangs fügte er sich der Methode die hier allgemein in diesem
Fache der Seelsorge schon galt Er brachte Notizen empfahl die
Hilfsbedürftigen zeigte bald den Behörden bald den Vereinen auffallende
Misstände an aber bald sah er dass das Alles nur wie ein Tropfen auf einen
heißen Stein war Man gab und die Wirkung zischte auf und ließ nichts als ein
wenig Rauch von Dank zurück In den statistischen Tabellen der Vereine ihren
Programmen und Berichterstattungen nahmen sich diese Tatsachen freilich Wunder
wie großartig aus Da hieß es Achtzig armen Wöchnerinnen Leinenzeug gegeben
dreihundert Kranke gepflegt dreißig begraben und so und so und so vielen Waisen
oder Witwen diese oder jene vorübergehende Wohltat erwiesen Murray sah bald
ein dass diese Methode auch zu dem scheußlichen Lügennetze der Zeit gehörte Nur
zu wahr traf in den meisten Fällen die Spottrede seines Sohnes ein der diesen
Teil der Menschheit in solcher auf die Symptome kurirenden Art für
unverbesserlich erklärte Gern hätte er die Macht des Christentums zu Hilfe
gerufen aber zu seinem tiefsten Leidwesen erkannte er dass in Europa das
Christentum eine viel unreinere gesellschaftliche Gestalt angenommen hat als
jenseit des Meeres wo sich nicht soviel kirchliche und politische Verwirrung
und irdische nichtswürdige Entstellung in die reine Christuslehre gemischt hat
Wenn er den Armen und ergrimmten Notleidenden mit Christus als dem Waizenkorn
und dem wahren Brote des Lebens kam so fand er selten einen guten Boden für
diese Aussaat und musste in hundert Fällen neunzigmal erleben dass man ihm das
Christentum als eine durch die Weltlichkeit der Kirche den Luxus der
Geistlichen die geheuchelte Frömmigkeit der Großen der Armut über und über
verdächtig gewordene Institution darstellte und ihm mit einem Unglauben
antwortete der an die absolute Nichtslehre seines Sohnes für ihn schaudernd
genug erinnerte
Eines Tages kam ihm ein Lichtstrahl bessrer Hoffnung Er hatte es war im
Frühjahr schon bei einer Versammlung einen jungen Geistlichen reden hören der
als Prediger des Gefangnenhauses erst vor Kurzem eingetreten war Er entsann
sich des Namens Oleander sehr wohl Er erinnerte ihn an Louis Armand diesen
liebenswürdigen jungen Freund der vor einigen Monaten hatte aus einem Lande
entfliehen müssen das er mit so viel Hoffnungen betreten durfte Friedrich Zeck
war mit Louis Armand in Verbindung geblieben hatte manchen Brief von ihm an
Dystra von Dystra wieder Einlagen an ihn bekommen Zeck hatte Kunde von dem
Bunde der Ritter vom Geiste und durfte vermuten dass auch Oleander zu ihm
gehörte
Man rühmte die Standhaftigkeit mit der Oleander auf der Festung Bielau
einen jungen wegen Meuterei erschossenen Soldaten zum Tode begleitete Seine
Predigten fanden den allgemeinsten Beifall und segensreich sollte sich auch sein
Wirken in den Zellen des Gefangnenhauses erweisen Briefe die Friedrich Zeck
von Armand für Oleander erhielt brachten ihn diesem jungen Geistlichen näher
Er sah ihn öfter verstand sich mit seinen Meinungen über die Zeit und über die
Menschen und zweifelte nicht dass auch er zu dem vielbesprochenen Geheimbunde
gehörte denn er rühmte von sich dass er durch Siegbert Wildungen und Louis
Armand eine große Umwälzung seines Innern erfahren Doch rückte das eigentliche
Geheimnis des Bundes Zeck selber nicht näher er wünschte es auch nicht Zeck
sah zu sehr seine Unwürdigkeit und trug diese Erkenntnis voll Demut Er war in
demselben Falle wie Dystra Beide wurden von dem Bunde benutzt ohne dass sie in
ihm lebten
Wie erstaunte Friedrich Zeck im Laufe des Sommers als nach längerm
Zusammenwirken auf dem Gebiete der innern Mission Oleander eines Tages ihm doch
ein sonderbares Zeichen machte das er nicht verstand Oleander hatte den
Kupferstecher anfangs für einen respektablen Mann angesehen von dem er nicht
voraussetzen konnte dass er mit dem Geheimnis in das ihn Siegbert brieflich
eingeweiht hatte bekannt war Später als er sich bedeutender und
charakterfester entwickelte hatte er prüfend auf ihn geblickt endlich im Laufe
des Sommers gewagt ihn mit dem Bundeszeichen zu begrüßen Als Murray den Gruß
nicht erwiderte sagte Oleander
Sie dienen den Rittern vom Geiste und gehören nicht zu ihnen
Murray bestätigte diese Vermutung und lehnte genauere Eröffnung ab
Oleander aber sagte
Diese Ablehnung hilft Ihnen nichts liebster Murray Sie werden gewonnen
ohne dass Sie wollen Noch muss ich nun selbst Anstand nehmen mich zu offenbaren
Lassen Sie mir nur noch einige Wochen Zeit und ich will Ihnen dann sagen warum
Aus den Wochen wurden Monate Der Herbst war da Ackermann hatte sich in der
Residenz als Rodewald enthüllt Abschied nehmend von Oleander hatte Rodewald des
Begeisterten soviel von Murray gesprochen so sehr gerühmt dass in ihm eine
große sittliche Tat verkörpert wäre so sehr die Mäßigung gepriesen mit der er
noch jetzt eine ernste Aufgabe beherrsche und verwalte dass Oleander sich seines
Versprechens entsann und eines Abends als er mit Friedrich Zeck durch die
Laster und Elendshöhlen der Brandgasse sich müde gepilgert hatte und da wo man
früher die Sendboten der Liebe die Treppe hinunterwarf wenigstens die
persönliche Sicherheit des guten Nachbars im dritten Hofe antraf der schon in
die Lage gekommen war beraubt zu werden und Die die ihn hatten nächtlich
überfallen in seiner Wohnung knebeln wollen nicht angezeigt sondern sie zu
Freunden gewonnen hatte zu Murray sagte
Aber Sie Mann des Friedens wenn es wahr ist dass Sie diese eisernen Stäbe
es war in Murrays Wohnung hier vor Verbrechern schützen müssen die Sie zu
Ihren Freunden zu erheben vorziehen statt in die Gefängnisse zu schicken so
muss ich auf mein Versprechen zurückkommen Sie mit dem Bunde der Ritter vom
Geiste bekannt zu machen
Warum tun Sie Das erst jetzt fragte Friedrich Zeck
Weil ich an der unverbesserlichen Eitelkeit der Studirten leide sagte
Oleander Es ist ein Gesetz unsres Bundes nur Die zu gewinnen die über uns
stehen Es hieß anfangs die gesellschaftlich über uns stehen doch hat Dankmar
Wildungen die Vorschrift verbessert und jede andre Superiorität auch die der
Sitte und der Bildung des Geistes und des Herzens zugestanden Ich darf also
nur Menschen gewinnen für den Bund von denen ich mir sagen muss dass sie
irgendwie über mir stehen Und ich Eitler ich war fast so eitel wie sonst
Propst Gelbsattel Ich sage sonst Denn seitdem dieser große Mann erfahren hat
Ritter vom Geiste könnte man nur durch einen Menschen werden der unter uns
stünde bemüht er sich die Demut selbst zu sein Er duckt sich gegen
Jedermann sieht überall auf die Erde wie nach einem verlorenen Groschen möchte
Jeden ermuntern sich ihm zu nähern Aber er macht sagte neulich der Doktor
Drommeldei in Tempelheide er macht die sonderbare Entdeckung dass er nicht
nötig hätte zu den unter ihm Stehenden herabzusteigen Niemand denkt daran
ihn für einen Grösseren zu halten als sich
Friedrich Zeck war in der Prüfung des Satzes man müsse immer von den unter
uns sich Fühlenden geworben werden noch so verloren dass er kaum daran dachte
die ihm von Oleander angetane Ehre abzulehnen Oleander aber teilte ihm
Geschichte und Bestand des Bundes mit gab ihm die Erkennungszeichen deutete
ihm die Symbolik und wollte ihm schon das Gelöbnis abnehmen den näher
bezeichneten geheimen Pflichten des Bundes sich zu unterwerfen
Staunend hatte Friedrich Zeck zugehört Erst jetzt fiel ihm ein er ein
Falschmünzer ein entsprungener Verbrecher sollte sich in diesen Bund der
edelsten Menschen stehlen Unruhig sprang er auf und lehnte seine Beteiligung
ab indem er im Übrigen die heiligste Verschwiegenheit über das bereits
Vernommene gelobte
Billigen Sie die Idee nicht fragte Oleander
Ich bin ihrer nicht würdig meine Kraft ist zu schwach Lassen Sie sagte
Zeck
Ihre Kraft zu schwach erwiderte der junge Geistliche Fühlen Sie denn
nicht dass im Grunde erst durch diese Schöpfung Das was man innere Mission
nennt ein Ziel und einen Zusammenhang erhält Wenn irgend etwas zur Glorie des
Christentums getan werden kann so bin ich gewiss keiner der Letzten der
freudig Hand ans Werk legt Aber aus dem Geiste des Christentums allein sind
diese Taten der Liebe nicht mehr zu fördern Sie müssen wie die Kreuzzüge
einst damit enden dass wir das Grab und die Wiege des Heils in der ganzen Welt
finden nicht bloß in dem ungläubig gewordenen Palästina Die alten Templer
waren zu der Erkenntnis gekommen dass sich die Mission einer rein äußerlichen
Fortpflanzung des Christentums die Mission der Heidenbekehrung überlebt hat
Man sprach nun von innerer Heidenbekehrung von Ketzerverfolgung von
Urchristentum man stiftete Sekten Brüdergemeinden Es waren falsche Wege zum
rechten Ziel Die Wahrheit ist die dass eine vereinzelte Pflege des Unheils in
der Welt nur wenig hilft Das ganze Leben muss ergriffen werden von dem Geiste
der Erneuerung und Wiedergeburt Wir können die Schäden der Gesellschaft nur
heilen wenn wir neue Luftströmungen durch die verdumpfte Existenz der
Zeitgenossen ziehen lassen Licht der Sonne Blau des Himmels Frische der Luft
was gibt es bessere Hilfsmittel bei Heilung leiblicher Schäden Und mit den
geistigen beginnen die leiblichen Ich habe sonst über die Zeit geträumt Ich
bin ihr Walten geflohen Ich habe verurteilt was mich aus meinem behaglichen
Dämmerleben aufschreckte Aber durch die Lehre von einer Religion des freien
Geistes ist mir ein Stern aufgegangen Ich sehe schon Tausende sich die Hände
reichen auf wenige große Wahrheiten des Einverständnisses und der felsenfesten
Überzeugung Man handelt nach diesen Wahrheiten Jeder nach seiner Fähigkeit
seinem Berufe seinem Triebe Nehmen wir mein Freund das Gebiet der Armut und
des geistigen Elendes Arbeiten wir nicht für das Reich Gottes im Allgemeinen
nicht auf den unnützlich geführten Namen des Heilands sondern für das Reich des
heiligen Geistes der nach den Tagen der Apostel uns als letzte Enthüllung der
Offenbarung verheißen ist Schaffen wir Menschen freie bewusste die Erde zu
lieben sich gedrängt fühlende Menschen und machen wir die Erde dieser Liebe
wert O ich möchte mit Engelzungen reden um der Menschheit zu sagen was die
wahren Unholde sind die uns an hellem Tage auf Erden Nacht machen und diese
Gebrechen der Gesellschaft diese Armut und dies Elend anwachsen lassen so
ungebührlich dass es keine Fabel mehr scheint wenn man sagt, der Herrscher der
Erde trägt eine dunkelglühende Krone und sein Reich ist das des Feuers und des
ewigen Todes
Aus dieser Stunde ergab sich für Friedrich Zeck eine erneute Ermutigung
aber auch manche ernste Pflicht mancher Schmerz Sein Sohn der die
Beteiligung des Vaters an dem verfolgten Bunde wohl merkte hatte dagegen das
Bitterste zu sagen Er war es gewesen der der Zeuge der ersten Einsetzung
desselben gewesen er hätte dieses rasch erblühte Wachstum ja im Keime
ersticken können Der Vater ohne das Geheimnisvolle an dem Bunde zu verraten
erstaunte Schmerzlich berührte ihn wie Hackert auch auf diese Erfahrung seines
Lebens hin nur mephistophelische Lichter fallen ließ Dennoch erbot er sich zu
der scharfen und ihn ganz erfüllenden Ironie die wichtigste Korrespondenz des
Bundes mit dem eignen Wappen der Polizei zu befördern Hackert drückte auf die
Briefe der Bundesglieder bald das Siegel Paxens bald das des Assessors Müller
bei dem er sich in gutem Kredit erhielt bald das des Gerichtes selber
Glücklicher Weise waren die Briefcouverte die man bei Dankmar hätte finden
können von diesem regelmäßig vernichtet worden
Friedrich Zeck sollte nicht aufhören in Verbindung mit den Schicksalen der
Gebrüder Wildungen zu bleiben Ihm dem von den Vornehmsten der Gesellschaft
seines für »fromm« erklärten Wirkens wegen beschützten Künstler vertraute man
den Stich der Kupferplatte von welcher die Stadtkämmereischeine abgezogen
werden sollten An derselben vom Tageslichte hellbeschienenen Dächern
gegenüber gelegenen Fensterbrüstung wo einst Louise Eisold unter ihren
Geschwistern genäht und gestickt hatte ätzte der Engländer Murray in
städtischem Auftrag die Kupferplatte die Fritz Hackert oft mit dem ihm eignen
Humor der Schadenfreude betrachtete und sagte
Vater nun erkenn ich erst meine Vorliebe für Papiergeld Die Pfaffen
sagen Gott hat die Welt aus Nichts erschaffen Es war Das jener Jehovah dem
Das alle seine Juden noch jetzt nachtun Bei Schlurck aßen die Philosophen die
aus Sein Werden Nichts und DessertTortenkrumen und Käserinden die Welt
schnitten Hätt er nur jetzt recht viel von Denen zu Freunden die aus Nichts
Papier und aus Papier Geld machen Der Kredit kann zum Teufel noch mehr als das
Denken Eine Million Das gibt Talerscheine Fünftalerscheine Funfzig
Hunderttalerscheine Dann nimmt man die alte gelbe Blechbüchse aus der
Spittelkirche und steckt die ganze Bescheerung da hinein Die
Nachmittagskollekte von Kupferpfennigen ist schwerer als die Bundeskasse der
Ritter vom Geiste Haha Vater wie können Sie sich nur von dem Hokuspokus
foppen lassen Es kann Ihnen noch scharf zu Leibe gehen wenn der Tempelherr
Dankmar Wildungen zu beichten anfängt Dem stolzen eingebildeten Zwickelbart
gönn ichs Sie setzen ihm scharf zu Assessor Müller bietet ihm eine Zigarre
nach der andern an im Verhör aber die alten Universitätsfreunde rauchen
zusammen und wenn das Protokoll gemacht werden soll steht nichts auf dem Bogen
Der Assessor sagt Alter Junge es hilft nichts so wirst du lange im zweiten
Hof Nr 23 sitzen was unser Staatsgefängniss aber auch das festeste ist Ein
Mal warf ich dem Ritter hundert Taler ins Gesicht weil er mir kein Pferd
anvertrauen wollte Er würgte lange an dem großen Gedanken dass ich sie
gestohlen hätte Dann als er merkte dass ich bloß ein elender Kerl bin
höchstens vor Desperation fähig zu Allem ging er in sich und wollte meinen
innern Menschen rühren um meine Bettelpfennige oder Dukaten aus der
GewissensSparbüchse herauszuluchsen Ich war erst breiweich denn weiß der
Henker ich habe vor nichts so viel Furcht als vor dem Brummenmüssen im Loch
Ich könnte das Hängen besser vertragen als das Sitzenmüssen Er wollte mir
damals einen Gefallen tun und ich tat ihm wieder einen als er im Ratskeller
mit allen Geistern der Weinkarte seinen Bund machte und Schmelzing schon Tendenz
gerochen hatte Nun sind wir quitt Wenn Einer sich merkte Papa wo du die
geheimen Kniffe bei der Platte anbringst die Haken und Striche die für
Falschmünzerei Fussangeln sind Verdient so ein Schnauzbart dass um ihn sich
Einer zwanzig Jahren Zuchthaus aussetzt und so eine Platte ansehen muss wie eine
Tigerkatze in der Menagerie die ihr Fleisch vor sich liegen hat und nicht
fressen darf weil der Wärter die Gabel drauf hält Vater wir sollten Geld
machen Aber Das hilfe uns nichts Wenn wirs hätten bliebst du hier doch auf
86 und verheiratetst dich mit der Brandgasse und brächtest mit deinem
wohltätigen Siebschöpfen mein Erbe durch Nur gut dass die Landkarte hier bald
gesprengt wird Pulver müssen sie dazu nehmen wenn die Brandgasse in die Luft
springen soll tausend Centner Minenpulver Das wird eine Bescheerung geben
wenn einmal die Dächer hier herunterfliegen und nichts übrig bleibt als ein paar
alte Hausschlüssel von Frau Mullrich und die Nachttöpfe von Madame Klapperfuss
Die unausgelösten Pfandzettel die hier herumliegen geben allein schon ein
Feuerwerk für nächsten Königsgeburtstag Wie lange dauert denn die Million bis
sie fertig ist
Zeck war an seinem Sohne diese Ausbrüche von Schadenfreude gewöhnt Sie mit
Gewalt in ihm zu zerstören wagte er nicht denn bei jedem Gedanken das Recht
des Vaters anzuwenden und seinen Sohn die Übermacht eines reinen Herzens
empfinden zu lassen kam ihm die Erinnerung an die Folgen des Tages mit Auguste
Ludmer Er begnügte sich auch jetzt lächelnd zu erwidern
Wir werden gegen Ostern fertig sein
Auch mit dem Druck fragte Hackert
Grade mit dem Druck Ich steche sechs Wochen an dieser Platte dann zwölf an
den größeren der Druck ist langsam da er kontrolirt wird und für jedes Blatt
eine neue Nummer gesetzt werden muss
Mit Ausnahme der Zwanziger und Funfziger
Die wieder ihre eigne Reihenfolge haben ich will wünschen dass der
Empfänger dann auf freien Fuß gestellt ist
Das könnte leicht fehlgehen Aber Siegbert ist der älteste er hat die
Vorhand
Als Flüchtling Ich glaube nicht dass man Jemanden der in Untersuchung ist
eine Erbschaft auszahlt
Das müsste Schlurck wissen
Hackert kam auf sein Steckenpferd das Rühmen und Preisen der Kenntnisse
seines Pflegevaters Murray ließ ihn reden Er wusste dass dem Menschen nichts
förderlicher ist als sich gegenständlich zu machen Er hatte den ganzen
Entwickelungsgang seines Sohnes vor sich liegen kannte auch seine Beziehung zur
jetzigen Fürstin Hohenberg und hoffte auf Krisen wo sich im menschlichen
Gemüte Gut und Böse in Kampf setzt und Eins ausgeschieden werden muss Dafür
dass das schlimme Element in Hackert nicht die ausschliessliche Oberherrschaft
gewann glaubte er gesichert zu sein und wär es nur die dazwischen tretende
Anhänglichkeit des Sohnes an den Vater und die Spannung in der er ihn über
seine Mutter erhielt die einen Wall gegen das Böse abgaben Um diesen Wall in
Verteidigungszustand zu erhalten musste Zeck nur Sorge tragen dass ihn der Sohn
nicht zu sich herabzog Denn darauf legte es Hackert an Durch Späße
Schilderungen Vertraulichkeiten hoffte er die sittliche Grenzwand zwischen
sich und dem Vater nicht selten niederzureissen Aber Zeck war in einem solchen
Augenblicke wie taub oder er nahm die Bibel und las so lange laut in ihr bis
Hackert erst vor unaufhörlichem Lachen darüber zum Ärger kam dann mit dem Fuße
stampfend vom Ärger zur boshaften Parodie zuletzt zum Schweigen und wenn der
Vater doch nicht aufhörte in aller Stille sich von seinem Zimmer entfernte
Diesen Geistern absoluter Verneinung imponirt bekanntlich Nichts so sehr als die
Konsequenz
In der Tat zog sich das Verfahren gegen Dankmar in die Länge Entweder
hatte man die Vorstellung eines großen Gewinnes wenn man sich seines
unternehmenden jetzt ohnehin gereizten Wagemutes versicherte oder man besorgte
vollends dass die Brüder wenn sie die von ihnen erworbenen Mittel zu freier
Verwaltung erhielten dem Gemeinwesen unberechenbare Gefahren bringen würden
Die Weigerung Dankmars sich über die von ihm gestiftete »Verschwörung«
auszulassen seine absichtliche aber aufrichtige Erklärung dass er die
Mitglieder derselben nicht kenne zogen die Verhöre in die Länge Man fand im
täglichen Volksleben immer neue Tatsachen denen man eine Verbindung mit der
großen Verschwörung zurechnete Der Fürst von Hohenberg an sich war allen diesen
Prozeduren fern Er konnte weder gegen den Lauf der Gerechtigkeit etwas
unternehmen noch die geheimen Kanäle aller der Parteien durchkreuzen die neben
ihm im Lande mitregierten Am Hofe beim Adel in der Bureaukratie gab es ein
Drängen zu gewissen Zielen hin dem er sich vergebens würde entgegengestemmt
haben Er behielt sich das Maß von Macht vor das für ihn in der Initiative der
großen Politik lag aber im Kleinen fand er täglich dass auch er den Geistern
denen zu Nutzen wenn auch nicht zu Liebe er geredet und gehandelt hatte sich
unterordnen musste Er bedauerte erzählte man Dankmars Schicksal tadelte
seine Hartnäckigkeit und fand es einstweilen ganz in der Ordnung dass man die
endlich auch vollendete und möglich gewordene Emission der Stadtkämmereischeine
nicht in des Gefangenen oder seines flüchtigen Bruders Hand gab sondern sie in
der scharfbewachten Kasse des Justizamtes das Dankmar zu verhören hatte im
Profosshause selbst noch bis auf Weiteres aufbewahrte
Murray und Oleander sahen in den Briefen die sie selbst empfingen oder zu
befördern hatten welchen Anteil der Bund an dem Schicksale seines Stifters
nahm Was sie von dem Generalpächter Rodewald von Dystra an Klagen und
Beileidsbezeugungen empfingen waren Beweise persönlichsten Anteils Murray
erfuhr von Rodewald im Laufe des Winters dass ihm Fürst Egon zum Dank für die so
umfassend angeordnete Wiederherstellung seines Kredits durch die unverhohlene
Absicht lohne sich aller seiner Güter zu entäussern Seine Bemühungen die zehn
Jahre lang allerdings an sich nicht gestört werden durften sollten durch einen
Verkauf zum Nutzen irgend eines Andern wahrscheinlich des Bankiers von
Reichmeier ein für alle Mal abgeschnitten werden Oleandern schrieben
Siegbert Louis Armand Leidenfrost unausgesetzt Dankmars versuchte Befreiung
war eigentlich eine Bewähr der gegenseitigen Hilfe die in den Satzungen der
Ritter vom Geiste gefordert war Gelbsattel Voland die Wundergläubigen oder
Wunderbedürftigen die Sternenseher am Tage die Eulen im Sonnenglanz warteten
auf diese Befreiung des neuen Propheten wie einst die Juden auf die Wunder des
Heilandes Sie wollten Zeichen sehen ehe sie glaubten Aber man kam dem Wunder
darum doch nicht entgegen man mehrte die Zahl der Riegel und Schlösser man
wollte wohl wie einst Egon am Hofe über Volands Koketterie des Stillstandes mit
der Bewegung bitterlächelnd sagte man wollte wohl »der Zauberkünste stärkste
Proben« Endlich als Murray die Vollendung seiner Platten durch den
gelungensten Druck gekrönt sah als man in den Schränken der Gerichtskasse auf
dem Profossamte sie niederlegte und er von seinem Sohne des Spottes genug über
den Magierstab eines Bosco den er nun dem Gefangenen wünsche hören musste war
ihm als merkte er hier und da die Annäherung eines endlichen Versuches Dankmar
Wildungen die ihm so hartnäckig vorentaltene Freiheit wiederzugeben Friedrich
Zeck war erstaunt eines Tages in seiner Wohnung einen unerwarteten Besuch zu
finden Es war im Monat Mai Er glaubte zu träumen als er auf derselben
Galerie auf die er sich wie sonst an dem glatten Stricke »hinaufleierte« von
einem freundlichen Gruße bewillkommt wurde und Louise Eisold seine frühere
junge Wirtin es war die ihm ein herzliches Guten Tag Guten Tag entgegenrief
Der Diamant den er ihr einst für ein reines Glas Wasser geschenkt hatte
funkelte an ihrer Hand aber blitzender noch leuchtete ihr Auge als sie ihm
wiederholt Vater Murray Vater Murray Kennen Sie mich noch zurief und er als
er endlich oben war und seine gleichgefasste Vermutung bestätigt fand obenein
sich noch stürmisch umarmt fühlte und von dem liebevollsten Kuss begrüßt
Neuntes Kapitel
Knappen und Laienbrüder
Louise Eisold kam von Buchau wo ihre Geschwister vom Inspektor Mangold wie
seine Kinder erzogen wurden während sie selbst versucht hatte dem
nahegelegenen Tempelstein und seinem Wiederaufbau besonders aber der
Bequemlichkeit des einstweilen in der Nähe angesiedelten Dystra von Nutzen zu
sein Dem Bande der Ehe das sie mit Mangold umschlingen sollte hatte sie sich
entwunden aber sie war dem treuen Manne ein tägliches Wallfahrtsbild zu dem er
pilgern musste wenn sein Tag der rechten Weihe nicht entbehren sollte Das
reizend gelegene Schloss Buchau war auf eine Stunde Weges von einem Flecken
entfernt wo Dystra ein Gasthaus schnell in eine anmutige Villa hatte umwandeln
lassen und sich an dem zauberhaft schnellen Aufsteigen seines großen
Tempelsteinbaues erfreute ja er sagte oft wenn er rastlos mit den Architekten
und Werkmeistern gearbeitet hatte Ich verstehe jetzt das Sprüchwort dass man
seinen Tod verrate wenn man zu bauen anfange Es wird mir ganz ägyptisch
rätselhaft zu Mute und wenn ich meine Pyramiden aufsteigen und dann in einen
Spiegel sehe möcht ich schwören dass ich schon zur kompletten Mumie und
Museumsmerkwürdigkeit zusammenschrumpfe ehe ich noch Olga in diesen Tempel
einführe
Louise Eisold gab Zeck keine klare Auskunft über den Grund ihrer Anwesenheit
in der Residenz Seit anderthalb Jahren war sie entfernt gewesen Sie sprach von
dem Grabe ihres Bruders das sie besucht und wie von unsichtbaren Engelshänden
mit den frischesten Blumen geschmückt gefunden hätte Sie sprach von einer
Unsumme von Aufträgen die sie für Mangold und Dystra auszuführen hätte von
Einkäufen und Bestellungen aller Art Sie erwähnte Tempelheide wo sie schon bei
den jungen Damen auch der trauernden und weinenden Selma Rodewald gewesen
wäre So kam sie auf Dankmar Wildungen auf Hackert endlich und fragte Murray
Sehen Sie Hackert noch Besucht er Sie oft Ist er wohl Dient er noch dem
abscheulichen Pax
Friedrich Zeck kannte seines Sohnes Achtung vor diesem einzigen Mädchen Er
hätte ihr gern gesagt dass sie einen wiedergebornen neuen Menschen in ihm
finden würde Doch musst er die Wahrheit ehren und erwidern
Sein Bestes ist ein Schimmer von Dankbarkeit Er spricht mit Wärme von
Ihnen
Louise verfiel über dies Wort in Nachdenken Eine sichtliche Unruhe sogar
suchte sie hinter Rückblicken auf die Vergangenheit zu verbergen Sie
betrachtete die Wände dieser Wohnung in der ihr so viel Leidvolles einst
begegnet war Wie sie sich selbst diesem alten ihr so liebgewesenen armen
Hausrate gegenüber verändert hatte sah sie an dem kleinen Spiegel der auch
noch von ihrer früheren Zeit geblieben Wie warf er ihr jetzt ein so braunes
sonnenverbranntes Antlitz entgegen gegen das frühere kreideweisse stubenbleiche
Murray rühmte ihr Aussehen und glaubte ihr den überraschendsten Eindruck
versprechen zu dürfen den sie auf Hackert machen würde der ihn oft besuche und
die Anhänglichkeit an diese alten Wände behalten hätte
Murray erzählte was Louisen von seinem Leben wertvoll sein konnte Über
Fränzchen Heunisch war sie unterrichteter als er Ja er erkannte sehr bald dass
irgend etwas auf ihrer Brust lag Sie sprach wohl von dem Ausbau des
Tempelsteines von den Tausenden die Dystra an dies Wunderwerk verschwende von
den Ruinen der Tempelabtei den Schauern des Waldes um sie her dem hohen
tannenbewachsenen Bergrücken über den hinweg auf sich schlängelnden nur dem
Schleichhandel bekannten Wegen man in das Land des fränkischen Nachbars gelange
sie sprach von ihrem religiösen Glauben von ihrem Verharren bei den
vielverfolgten freien Gemeinden bekämpfte hartnäckig was der christlichere
Murray darauf entgegnen wollte aber unter Allem was sie sagte lag etwas
verborgen was wie der Drang eines sich gern lösenden Geheimnisses war
Endlich brach sie auf Sie wohne in der Vorstadt sagte sie in einer
schlechten Ausspannung dem Pelikan auf dem Wege nach Tempelheide ein
ehemaliger Kutscher Namens Peters hielte den jetzt auf eigne Rechnung und würde
ihn vielleicht ganz kaufen sie müsse doch Diesen und Jenen noch besuchen
Und Hackert fragte Murray
Geht er noch mit Pax antwortete sie rasch so sagen Sie ihm dass ich ihn
nur beklagen kann ich mag ihm dann nicht wieder begegnen
Dem Mädchen kostete dies entschiedene Wort so viel Kampf dass Murray vor
Bewegung seinen von aller Welt gehassten und verachteten Sohn doch irgendwo
freundlicher gehegt zu sehen aufwallte ihre Hand ergriff und sie bat doch
morgen wieder zu kommen
Würden Sie Bedenken tragen auch mit Hackert zu sein fragte er in der
Meinung dass diesem Mädchen vielleicht gelänge aus seinem Herzen die Töne zu
locken die ihm seit dem Tage wo Karl Eisold begraben wurde in seinem Sohne zu
selten wiederkehrten
Louise besann sich Plötzlich wie von einem Gedanken ergriffen sagte
sie
Ich will ihn allein sehen Morgen Wollen Sie Aber allein
Murray erschreckend und doch überrascht von diesem Vertrauen auf seinen Sohn
versprach die nötige Veranstaltung zu treffen Sie trennten sich nach
genommener Abrede und am Nachmittag des folgenden Tages saßen Hackert und Louise
Eisold an der Stelle wo früher jeden Abend eines ihrer Schwesterchen dem
Urgroßvater den gelbweissen Zopf aufgelöst hatte es war in diesem Zimmer
stiller als in dem nach der Galerie zu gelegenen Kein Wandnachbar horchte
kein Gegenüber störte Hackert überrascht von Louisens Frische und
weltkundiger Gewandtheit hatte ihre Hand in der seinen Nicht etwa dass er sich
beherrschte Sie hatte genug zu wehren seinem Ungestüm auszuweichen und nur die
Worte konnten ihn zähmen
Sie wissen ich bin Danebrands Verlobte
Danebrand rief Hackert Ich sah ihn ja gestern
Wie sagte Louise befangen und entfärbte sich Sie irren sich wohl fügte sie
hinzu und stand auf um sich in der Küche etwas zu schaffen zu machen denn um
ganz die Erinnerung an die alte Zeit wachzurufen hatte sie von Murray die
Erlaubnis erbeten einen so starken Kaffee zu sieden wie ihn Hackert liebte
Ich sah Danebrand bestätigte Hackert diese Zurüstung mit Behagen
wahrnehmend und wenn ich Schmelzing wäre würd ich ihn anzeigen
Sie irren sich rief Louise aus der Küche von der Stelle her wo einst ihr
Bruder Karl geschlafen hatte
Doch Doch Die hohe Schulter wird ihn verraten wenn er außerhalb der
Vorstadt sich sehen lässt Die Willingsche Fabrik wimmelt von Spionen Er ist
für immer ausgewiesen Sie hüten ihn wohl im Pelikan Was Der Fuhrmann Peters
hat ihn wohl dort auf der Kegelbahn im Garten untergebracht grade da wo Dankmar
Wildungen an den Johannisbeerhecken einst den Verlust seines Schreines erfuhr
Warum nicht besser entgegnete Louise mit Schärfe am Heck der Fortuna wo
Danebrand einst mit der Schürstange lauerte Peters Frau die die Fortuna des
Herrn Hitzreuter regiert würde ihn vielleicht nicht sobald erkennen wie Ihr
Spione
Hackert schwieg Die Erinnerung schmerzte ihn schmerzte ihn noch tiefer
als Louise ihren Vorteil wahrnehmend fortfuhr
Ich glaube in den Ställen Lasallys wär er auch sicherer Die Jockeis die
seinen Arm fühlten würden ihn nicht verraten selbst Neumann und Jeannette
nicht die ja hoch auf bei den Bereitern leben sollen Schämen Sie sich
Danebrand zu erkennen
Wer verrät ihn denn brauste Hackert auf Was will er hier Ein Mensch
der seinen eignen Steckbrief auf den Schultern Jedem zu lesen gibt Sie lieben
die pittoresken Schweizergegenden Louise Dystra hat auch so etwas Hochland im
Rücken Was will denn Danebrand hier Man versteht keinen Spaß mit den Leuten
die hier nicht sein sollen und wiederkommen wenn auch bloß aus Neugier Sie
haben etwas vor
Wer
Sie und Danebrand
Die Polizeikünste verstehen Sie perfekt Hackert schämen Sie sich
Ihr Kaffee bleibt der beste Louise den ich seit Schlurcks getrunken habe
Sie wissen doch von Schlurcks
Ja Hackert sagte Louise jetzt sanfter einlenkend Melanie ist die Fürstin
Hohenberg
Das ist sie erwiderte Hackert bitter und spöttisch
Der Hof kommt diesen Sommer nach Buchau Leicht möglich dass wir dann auch
den Besuch der schönen Durchlaucht haben Tut sie Ihnen nicht leid
Eine Fürstin mir leid Mir Ich grinse sie jedes Mal an wenn ich sie sehe
Ha ha Muss sie nicht einen hinfälligen Mann unterm Arm halten wie wenn sie
seine Krücke wäre Ich sah sie neulich in eine Kirche gehen Ich hätte fromm
werden können um so viel jämmerliche Demut bei Melanie
Ich wünschte ihr Gott nähme ihr bald die Last ab die sie trägt sagte
Louise Oder nein besser ists dass Alle sehen wie elend dieser scheusslichste
aller Verräter hinsiecht dies tückische herzlose Scheusal dieser Egon von
Hohenberg
Oho
Gibt es einen Elenderen als diesen Menschen der aus der Lüge seiner Jugend
sich zum Volke flüchtete das Volk in seiner Liebe Treue und Hochherzigkeit
achten lernte und es dann verriet dieser Judas der noch einst eine
Armensünderreue empfinden und an einem Strick enden wird
Oho Oho
Warum so viel Unglück des Landes Diese Verfolgungen Diese Einkerkerungen
Betrogen wurde das Volk als es glaubte sein Freund sein Wohltäter ergriffe
das Ruder und kämpfte am Throne für die Arbeiter ich kenne keine Strafe die
groß genug wäre für Den ja dass er diese Melanie zur Frau bekam das ist
Strafe genug
Oho Louise
Der Fürst nahm auf was Fritz Hackert wegwarf
Der Teufel
Hackert sprang auf lief im Zimmer umher nicht zornig sondern gekitzelt
schadenfroh lachend die Hände in die Beinkleider steckend er verbarg
nicht welche Lust ihn erfüllte
Louise fuhr fort
Welche jämmerliche kleine Rolle spielen Sie Hackert Sie der Sie Alle am
Bändel haben quälen vernichten könnten Schleichen sich gebückt durchs Leben
krumm und feig lachen grinsen und begehen nur im Geheimen einmal einen
schlechten Streich wenn Sie vorher Einer mit Ruten peitschte
Hackert lachte fort und drohte nur
Louise
An Tieren rächten Sie sich nie an Menschen
Das lassen Sie nur lenkte er jetzt ernster ein
Ich begreife Sie nicht Hackert Wie ich von hier ging und in der Ferne von
Ihnen hörte dass man Sie verurteilte elend und schlecht nannte verteidigte
ich Sie immer und sagte Lasst diesen Hackert gehen beurteilt ihn nicht vor der
Zeit Die Äpfel wollen bis lange zur Reife die Trauben hängen noch in den
ersten Schnee hinein aber wie verloren Sie sich wie bin ich Lügen gestraft
wenn ich daran denke was ich von Ihnen noch Alles verhieß und nun höre
Einen Mord Einen Diebstahl
Das nicht Das danken Sie Vater Murray der einen Heiligen aus Ihnen machen
will Sie werden ein Heuchler werden Besuchen Sie noch immer das Theater nicht
Sie sprachen ja von der Kirche
Nein vom Theater Nie haben Sie sich früher ein gutes Stück ansehen können
über Scherz nicht lachen über Ernst nicht weinen können Wer nicht gern ins
Theater geht ist kein guter Mensch
Ah
Denn warum Weil Eure Art sich fürchtet ihren Spiegel vorgehalten zu
bekommen Kein Tyrann kein Mörder kein Lügner geht ins Theater Immer
schrickt er zusammen sein Bild zu sehen Ich wünschte Sie fingen Ihre Religion
lieber mit dem Theater an als mit den kleinen Gebetbüchelchen die ich hier bei
Murray liegen sehe
Hackert lachte wieder laut auf Es bedurfte wenig Worte dies eigne Mädchen
zu überzeugen dass ihn die Religion mit Murray nicht verbände Übrigens setzte
er schon etwas verdrießlicher hinzu jeder Mensch hätte seine eigne Religion
Es gibt keine andre Religion wallte Louise auf als die die wahren Feinde
Gottes zu hassen Die Feinde Gottes sind die Tyrannen die Blutsauger die
Rechtsbrecher An welcher Leine lassen Sie sich gängeln Hackert Der alte Mann
ist gut ich weiß nicht was er für Sie getan hat und warum Sie ihn nicht
fliehen wie Sie alle Menschen geflohen sind außer Melanie Aber dass er Ihnen
nicht einmal die Schaam über Ihr elendes Handwerk das Pax Ihrer tollen
Eitelkeit aufdrängte nehmen kann ist Das nicht das Ohnmächtigste von der Welt
Wozu denn Ihre Vollkommenheit für den Himmel Taug etwas für die Erde und du
hast den Himmel gewiss
Hackert schwieg eine Weile Dann sie scharf fixirend sagte er
Louise ich habe für Ihre Lehre mehr getan als Sie wissen Ich habe den
Rittern vom Geiste gedient wie die Mehlsäcke in der Teufelsmühle die ich doch
noch vom Puppenspiel her kenne
Louise errötete über die Erwähnung des Bundes
Ich weiß sagte sie dass Sie nicht warm und nicht kalt sind Aus
Schadenfreude haben Sie Ihre eignen Herren betrogen Katze und Hund
zusammengehetzt und sie wieder auseinandergetrieben wenn sie sich ohnehin aus
Müdigkeit schon versöhnen wollten O Hackert dass ein Funke von Gesinnung in
Ihnen wäre Dass Sie in diesem elenden Hause des Schlurck je ein Wort des wahren
Lebens mitten im Überfluss des Lebens in sich aufgenommen hätten Denken Sie an
Karl wie er sein junges Leben dahin geben musste für den grausamen Teufel und
Götzen dieser gottverdammten Ordnung die jetzt die tausend Menschenopfer
jährlich fordert denken Sie an Danebrand der Ihnen selber half ob er Sie
schon hassen sollte was sag ich unterbrach sie sich hassen
Louise Sie schmeicheln mir lenkte Hackert frivol ein Geben Sie mir die
Hand Noch mehr
Fort Fort von mir rief Louise Es ist kein reiner Tropfen Bluts in Ihren
Adern Sie sind nicht krank Sie sind vergiftet in Ihrem innersten Leben Ja
Sie tun das Unglaublichste wenn Ihr Auge geschlossen ist Sie sind ein von
Gott erwählter Mensch wenn Sie schlummern und Sie ausführen was allen Lebenden
versagt bleiben soll Aber Siegbert Wildungen hat Recht wenn er das Wort seines
großen herrlichen Bruders wiederholt Sie sind grade die schlechte bewusstlose
in Sinnentaumel hindämmernde Masse das Mittelvolk in der Erbärmlichkeit die zu
allen Jahrhunderten den Aufschwung wahrer Größe hinderte das Edelste
verkümmert es beschnitten hat und das Beste nur sogleich in seiner wahren
Bedeutung verringert ins Leben treten ließ o wie elend Hackert als Sie
die Hand der liebsten und treuesten Menschen der Erde von sich stießen und sich
aus dem Sumpfe Ihrer Sinne nicht zu den Regionen des Lichts erheben konnten An
Jedem zu mäkeln an Jedem Etwas zu finden Nichts anerkennen kein größeres
Verdienst keinen edleren Willen kein froher Geschick schadenfroh lachend
wenn ein kühner Fußtritt ausgleitet oder eine edle Begeisterung ihr Ziel
verfehlt Sie Hackert Wissen Sie was Sie tragen sollten Den vornehmsten
anständigsten Rock vom feinsten Tuch Glaceehandschuhe auf den Fingern ein
tänzelndes Stöckchen in der Hand Dann wären Sie so der rechte Mittelschlag
dieser erbärmlichen Welt der uns Alle regiert dem jeder schlimme Ausgang zu
Gute kommt der immer Recht behält wenn ein Genie unterliegt Ich dachte anders
von Ihnen Jener Abend hier nebenan Hackert Es war Ihre Sterbestunde Ihr
Untergang vor dem Richterstuhl Gottes Ihr ewiges Todesurteil Sie können nie
mehr zum Lichte kommen
Hackert schwieg und schien nun ernst Louise Eisold hatte aus dem Geiste
jener Religion gesprochen für die Dankmar Wildungen ein noch höheres Symbol und
Band suchte als sich bei den freien Gemeinden und ähnlichen Versuchen einer
modernen Religionsläuterung bisher hatte zeigen wollen Sie sank erschöpft von
einem Aufwande von Beredsamkeit zu dem sie den ganzen Sprachschatz ihrer
rastlos fortgesetzten Lektüre verwandt hatte auf einen Sessel und stützte das
glühende Haupt auf den Tisch wo sonst des »alten Mannes« Uhren schlugen
Es war auch fast als schlug eine Uhr die Erinnerung weckte Beiden die
Vorstellung als wär es hier noch so wie einst
Und was soll ich denn nun sagte Hackert ruhiger und mit gedämpfter Stimme
Geben Sie mir einmal eine Aufgabe Ich will sehen ob ich sie ausführen kann
Louise schwieg
Es führt Sie doch irgend eine Absicht her ich weiß es ja das Alles
sollte nur eine Vorrede sein Kapitel Eins nicht wahr
Louise antwortete nicht Sie war zu erschöpft von ihrer Aufregung und hätte
eigentlich sagen mögen Schon wieder legst du mir eine Absicht unter Und grade
weil dus tust möcht ich schweigen Aber dennoch drückte sie eine Absicht
Danebrand ist nicht umsonst hier fuhr Hackert fort
Sie sind ein Spion war Louisens kurze und abweisende Antwort
Sagen Sie das dumme Wort doch nicht fuhr Hackert auf Ich kenne mein Leben
ich weiß was ich zu verantworten habe
Sie Verantworten lachte Louise bitter und blickte voll Hoheit zu dem
gereizten jungen Manne hinüber
Ich bin Spion aus demselben Grunde warum der Fürst Hohenberg Ihnen ein
Tyrann ist Wir ich und Der sind die beiden einzigen vernünftigen Menschen der
Erde Alle andern sind Narren die eigentlichen Verbrecher eigentlichen
Verrückten Sie ausgenommen Louise die Sie immer im Sommer Not haben zu
vergessen was Sie im Winter für Unsinn aus der Leihbibliotek gelesen haben
Egon tritt die Volksbestie nieder die sich Engel dünkt weil sie nicht auf vier
Füßen kriecht Ich lache dazu Wir kennen uns Beide nicht aber wir stehen in
geheimer Verwandtschaft Ha ha Melanie wird ihm wohl gesagt haben warum ich
sein Schwager bin
Bei diesen boshaften Worten sprang Louise auf riss ihren Hut an sich
drückte ein Tuch das sie in ihrer Aufregung fortwährend auf dem Tische
zerknittert hatte an die Stirn lief zur Tür öffnete stürmte durch die Küche
und war schon auf der Galerie um die Gemeinschaft mit einem so grundverdorbenen
Manne für immer zu verlassen Da aber fühlte sie sich plötzlich von Hackert
ergriffen fühlte sich mit furchtbarer Muskelkraft von ihm zurückgehalten
zurückgeführt in die Küche in das Zimmer und vernahm entsetzt die Worte von
ihm
Sie sind hier um mit Danebrand Dankmar Wildungen zu befreien
Starr mit weißem Auge blickte Louise den Spion wie einen Allwissenden an
Sie kommen im Auftrage nicht des Geheimbundes denn er wird sich nicht an
Frauen wenden und was Jagellona von Werdeck tat kam von ihr aber Sie kommen
im Einverständnis mit den Mädchen auf Tempelheide Franziska Heunisch machte
die Vermittlerin zwischen Ihnen und Selma Rodewald
Louise blieb in ihrem festen sichern Blick aber doch zitternd
Dankmar wird Sie auslachen krächzte Hackert Hören Sie er wird von Weibern
keine Tür geöffnet haben wollen Was kann hier eine zerfeilte Eisenstange
nützen Was ein erbrochner Riegel wenn er zu erbrechen wäre Das Palladium ist
nicht der Apostel sondern seine Wunderbüchse Sprengt die Kasse wo die Truhe
mit den Papieren steht Stehlt die Million Das ist der Mantel in den sich ein
Freund Fortunatus hüllen muss Sein Seckel Sein Seckel Mit dem davon Der Kerl
allein verlohnt sich der Mühe nicht
Das Mädchen verstand nicht wie sie diese an sich wahren und durch ihr
mächtiges Gewicht erdrückenden Worte deuten sollte aber was sollte sie
sagen als Hackert ruhig eine Zigarre zog ein Streichfeuerzeug aus der Tasche
nahm die Zigarre sich anzündete und sagte
Die Million Allenfalls auch Dankmar Wir brauchen keine Feilen Ich weiß
bei Wem die Schlüssel hängen und wünsche nur dass in der Nacht wo wirs machen
wollen nicht die Katzen zu verliebt schreien
Hackert rief Louise außer sich vor Erstaunen
Nun ja sagte Hackert so wirds doch endlich recht sein Soll mir der große
bucklige Kerl immer zuvor trotten Danebrand stiehlt Dankmarn ich stehle die
Million und Louise gibt mir den ersten ordentlichen Kuss bei dem ich die Uhr
ziehe und zählen darf Fünf Minuten Was
Louise hatte sich schon aus freiem Triebe an Hackerts Brust werfen wollen
aber das Wort Ich stehle die Million erinnerte wie mit einem Schlage an die
Erscheinung wie wenn an einer Stelle im Gebirge wo von den Felsen nur gering
das Wasser tröpfelt eine plötzlich gehobene unsichtbare Schleuse einen
Wasserstrom in majestätischem Sturze niederdonnern lässt nur umgekehrt Hier
staute plötzlich der volle Strom und wie im Nu waren die brausenden Gewässer zum
unheimlichen Schweigen gebracht Oder wie im Dunkeln an der Wand Nachts ein
suchender und unverhofft anprallender Schädel so stand Louise getroffen Sie
wusste nicht was sie gehört hatte Sie kannte die Wichtigkeit jener Erbschaft
Sie wusste dass sie den Brüdern vorenthalten wurde Sie begriff dass Hackert in
der Lage war die einzige hier mögliche Hilfe zu bieten und dass Dankmars Flucht
ohne jenes Geld jetzt von geringer Bedeutung scheinen durfte Aber das Wort Die
Million stehl ich verglichen mit Dem der es sprach mit der Art wie es
Hackert sprach war wie der Einschlag eines Blitzes Der Gedanke dass seine
Teilnahme eine Maske seine wahre Absicht ein Verbrechen war das seiner
Absicht nach dann auf sie auf Danebrand fallen sollte lähmte ihr die Zunge
Ein Blick wie die funkelnde Spitze eines Speers fiel aus ihrem Auge auf
Hackert Sie durchbohrte ihn
Der Spion erschrak stutzte besann sich und verstand erst allmälig diesen
Blick Jetzt schlug er die Augen nieder Er dachte an jene Sonntagsfrühe bei
Schlurck Er sah dass man sein Wort misverstanden sein Anerbieten verdächtig
gefunden und so überwältigend wirkte auf ihn die Vorstellung dieses ewigen
Mistrauens in seine Ehrlichkeit dass er mit dem Ausrufe Nun soll mich Gott
verdammen die glühende Zigarre von sich warf das Feuerzeug hinschleuderte den
schon ergriffenen Hut mit Füßen trat und mit einer Blässe die ihn von der Weiße
der Wand kaum unterscheiden ließ in dem nächsten Sessel niedersank
Louise sah diesen Schmerz diesen Krampf verstand ihn und rief
Hackert nein Ich glaube ja
Er hörte nicht Sie trat zu ihm heran ergriff zitternd seine kalte Hand
sprach ihm die mildesten sanftesten Worte der Tröstung und gab ihm damit einen
so wehmütigen Schauer seiner Empfindungen wie ihn seit dem Tage nicht
überrieselt hatte als man den Bruder dieses edlen Mädchens in den winterlichen
Schoss der Erde senkte Die Tür ging auf Friedrich Zeck sein Vater
trat ein betrachtete die Szene staunte forschte und fragte
Ihr scheint über Etwas einig zu sein
Wir sind es Papa Murray sagte Louise nahm ihren Hut nannte noch einmal
den Pelikan als ihre Adresse und ließ Vater und Sohn in einer rätselhaften
Spannung zurück die um so heilsamer auf Letzteren wirkte je weniger er
angegangen wurde sich auszusprechen und durch Worte zu erklären was als eine
fast bewusstlose Stimmung als ein Unausgesprochenes und wie durch Offenbarung
Gekommenes nun in ihm bebte Es gibt eine gehobene Stimmung im Menschen schon
die ihm sein kann wie der Tod
Willst du sie heiraten Junge sagte der Vater scherzend so denk ich
werd ich dich anständig aussteuern können
Hackert blickte über diese Vermutung zur Erde und sagte nur sie wären noch
nicht aufgeboten was freilich auch bei den Spähern in diesem Hause nicht
nötig wäre Er wollte gleich einmal hören was Frau Mullrich unten aus dieser
Kaffeevisite für Geschichten prophezeie
Damit ging er und ließ den Vater in Zweifeln Befürchtungen und Hoffnungen
zurück die er sich aus dem Benehmen seines Sohnes und Louisens schneller
Entfernung nicht enträtseln konnte
Zehntes Kapitel
Bewähr
Dreißig Wochen und mehr schon saß Dankmar unmutsvoll und in sich selbst
versunken im Kerker Was des Zufalls Gunst ihm überraschend genug wie einen
goldnen Regen und wundergleich wie aus der kahlen Decke der Mauer die sich über
ihm wölbte herniederströmen ließ den Gewinn des altergrauen Rechtshandels
er nahm ihn einige Tage hin wie das Seltsamste und Trostreichste was ihm in
dieser Lage grade hätte kommen können aber wie bald gewöhnt man sich nicht
grade auch an das Glück und verbirgt seine Freude grade da auch sogleich hinter
den Sorgen die das Glück in seinem Gefolge hat Man will Den der ein Glück
gewonnen mit allen Bezeugungen unsrer Freude überschütten und er erwidert schon
grämlich schon verdrießlich er hat entweder das Glück nicht ganz erobert er
hat es teilen wüssen oder kann es nicht unterbringen und wie diese Grillen
sonst sprechen mit denen wir schlimmen Menschen gleichsam vor der Welt zeigen
wollen dass uns das Glück mehr plage als erfreue
Ein solcher Winzer der da nun laut geklagt hätte dass er für seinen
Herbstessegen gar nicht einmal Fässer genug hätte war freilich Dankmar
Wildungen nicht Ihn musste ohnehin die Sorge reizen dass man das Errungene ihm
jetzt vorentielt Aber auch ohne diese neue Gefahr würde sich gegenüber seinem
persönlichen Loose und der Betrachtung der Zeit seine Freude gemildert haben
Dass er sie im ersten Augenblicke groß und mächtig genoss bewiesen die Worte die
er zu Oleander dem ihn vielbesuchenden Prediger der Gefangenen sprach
So hätt ich es denn erreicht mein neuer Freund Das dunkle Ziel nach dem
Generationen in meiner Familie steuerten wie nach einem Fabellande für das es
keinen aus irdischen Stoffen gezimmerten Nachen gäbe verwandelt sich nun in ein
wirkliches Eiland schroff und schwer im Anfang zu erklimmen aber an dem
brandenden Ufer merk ich durch Felsenritzen die grüne Vegetation und glaube
selbst Vögelstimmen und Spuren von Leben auf dem eroberten Lande schon zu
unterscheiden Denk ich zurück was musste Alles geschehen bis es dahin kam
Nicht kann ich reden wollen von Dem was vor meiner Zeit liegt nein seit ich
selbst in Angerode die Entdeckung jenes Schreins machte welche Wanderungen
durch das Leben durch die Herzen der Menschen welche Fülle von erhebenden und
beschämenden Erfahrungen in mir selbst und in Anderen Und woran hing das
Schicksal dieser Eroberung die ich hoffe für eine große Sache gemacht zu haben
Zwei kleine Striche übersehen fast ausgelöscht entscheiden Sinn und Wert
Auffassung und Anwendung Stubenfreude des Gelehrten wird Saatkeim für die Welt
Ich überschätze diesen Handel nicht aber mir selber darf er bedeutungsvoll
sein Ich habe an ihm meine Kraft erprobt ein Ziel zu erringen gelernt das
Maß der Tage verlängern den Luxus der Nächte verkürzen ich bin bewahrt
geblieben vor der unbestimmten Leere in der jetzt die Empfindungen der Jugend
hin und her tasten Viele rufen durch dies Chaos mit mächtigerer Stimme als die
meine und man glaubt Homerische Helden schritten zur Schlacht und nur das Echo
war es der Widerhall der Leere der ihrem Worte die scheinbare Größe gab die
Taten blieben aus und nach den vorweggegebenen Prahlereien sinken die Recken
nieder und ihr Leben siedelt sich am nächsten besten Heerde an wo sie dem Weibe
die Holzscheite zum Feuer tragen das ihnen beiden die armselige Suppe kocht
Oleander war wohl berechtigt Dankmarn zu erinnern dass er trotz der von
ihm gepriesenen Studien der Gelehrtenkammer doch nicht vergessen hätte grade
auch dem Idealismus der Zeit zu opfern
Nun wohl Lasst uns dazu auch diese luftige Welt sagte Dankmar Mein Bund
Dies große Verbrechen das mich an diesen Ort geführt Diese Wolkenbilder die
ich den Menschen in die Hand gegeben Diese Sternenschrift die sie auch schon
entziffert haben wollen Sie wird mindestens nichts so Geringes enthalten wie
die Inschriften der viel ehrwürdiger gehaltenen alten Hieroglyphen Ich gab
kürzlich zu Protokoll Betrachtet uns wenigstens als Das was Ihr ja selber
seid als Freimaurer Wieviel habt Ihr die nicht geschmäht die Euren Ritus
Eure Symbole Eure Urkunden an die profane Menge verrieten Habt Ihr auf den
Universitäten in Euren Schulstuben auf einsamen Spaziergängen mit befreundeten
Genossen nicht hundertmal darüber geklagt dass in unsern Tagen kein Messias mehr
erstehen könnte er würde an der polizeilichen Organisation unsrer Epoche zu
Grunde gehen und sich nicht lange in den Wolken bergen können in denen sich
alles Große und Bedeutende an ihm zur Myte verwandelte Nun so lasst doch
wenigstens einem armseligen Vorläufer künftiger Gottessöhne einem Täufer mit
gewöhnlichem Wasser einem Heuschreckenfresser der Wüste das Vergnügen von
Euch behandelt zu werden wie ein Wunderdoktor dem Ihr das Handwerk nicht grade
legen aber erschweren wollt nach den und den Paragraphen der Medizinalordnung
Sucht meine Straffälligkeit aus dem LandrechtsKapitel über Traumdeuter
Zauberer herzuleiten seht ob noch ein alter Paragraph über die Hexen auf micht
passt Zigeuner verbotene Kollektanten fahrende Gaukler was weiß ich Aber
eine Verschwörung Fragen über Kommunismus Maschinenarbeitervereine
Handwerkervereine Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit Militärverschwörungen
Schilderhebungen FlüchtlingsUmtriebe Menschen sag ich das ist ja Alles
mein Kreuz und Leiden so gut wie Eures Ich finde dass in diesen Erscheinungen
die edelsten Kräfte sich zersplittern Leidenschaften der zweideutigsten
Ichsucht genährt werden Ich war in Handwerkervereinen und sprach ja ich ließ
durch Louis Armand eine neue Regelung der Klubs versuchen indem ich die großen
Versammlungen auflöste und nur kleine Sektionen von drei fünf sieben Menschen
schuf die sich in wöchentlicher Vereinigung mehr nützen als wenn ihrer
dreihundert zusammensitzen und berauscht jeder bombastischen Phrase Beifall
brüllen
Aber Dankmar war selbst Schuld an der Verzögerung seines Prozesses Er
gefiel sich eben darin Antworten zu geben die die Richter irre führten Seine
Absicht war den Freunden in der Nähe und Ferne kein Geheimnis Er wollte sich so
nicht verteidigen wie er sich einzig verteidigen konnte Er wollte den Bund
der Ritter vom Geiste nicht herabsetzen zu einem bloßen Phantome erhitzter
polizeilicher Einbildung Er wollte nicht geringfügig sprechen von einer
Tatsache die so tiefe Wurzeln in den Gemütern geschlagen hatte Er sah auch
durch die Riegel seines Gefängnisses hindurch die segensreiche Ausbreitung
seines Wirkens Er erhielt Andeutungen dass diese Stiftung weit über die Grenzen
Dessen hinausging was man in neuester Zeit an Piusvereinen innern Missions
Märzvereinen Friedensvereinen erlebt hat Sollte er von einem Advokaten der
ihm gegen seinen Willen vielleicht bei den Assisen beigegeben wurde hören
müssen dass dieser das Schreckphantom in eine Gaukelei auflöste und den Spott
und die Ironie zu Hilfe rief um die Sache seines Klienten als gefahrlos
darzustellen Dankmar hielt es für seine Pflicht groß und stolz von Dem zu
denken was man in ihm fürchtete Er erbitterte das Gericht durch seine
Hartnäckigkeit er führte es irre durch seine Aussagen die mehr zugestanden
als man fragte Er wollte der Träger aller der Schreckengebilde sein mit denen
sich die Feinde der Freiheit ängstigten er wollte so lange nicht an persönliche
Freiheit denken als sein Gefängnis dazu diente den Saamen den die Freunde
ausstreuten zum Aufgang zu bringen Denn die Macht die Leidende auf höhere
Fragen der Sittlichkeit ausüben ist größer als die Macht der Glücklichen
Freilich litt der junge Kämpfer selbst am schwersten unter diesem Opfer das
er brachte Eine geläuterte reine Flamme der Liebe loderte in seinem Herzen für
Selma nun seine eigne Verwandte Längst hatte sich ihm Ackermann in seiner
wahren Herkunft als Rodewald enthüllt wenn er mit ihm Abends beim Leuchten der
Johanneswürmchen an den Weidenufern der Ulla entlang schritt und Dankmar seine
nächtliche Lagerstatt in einem einsamen Gehöft aufsuchte Als er später
Rodewalds Kummer erfuhr über des Fürsten Egon Absicht sich seiner Güter zu
entäussern und ihn aus seinem Pachtverhältnisse zu entfernen konnte er freilich
nicht begreifen was den Oheim so tief dabei verletzte Dieser schrieb selten
desto eifriger Selma Oleander war es der den Vermittler dieser zärtlich
schmerzlichen Grüße machte Er selbst hätte da Dankmar die Briefe nicht
verbrennen mochte die der Sicherheit wegen zurückgegebenen lesen können er
selbst der Selma liebte und seinen Schmerz in der Dichtkunst und dem ernsten
Berufe eines Seelsorgers der Gefangenen und Trösters der Leidenden zu vergessen
suchte
Jungen Liebenden kann ja nichts Glücklicheres geboten werden als nach dem
ersten aufflammenden und die Herzen entzündenden Erkennen ihrer Neigung die
Trennung und in ihrem Gefolge die Notwendigkeit eines längeren Austausches
ihrer Empfindungen auf dem Papiere Die Lüge wird hier reine Herzen nie
beschleichen Die Sehnsucht wird um den Ausdruck ihres Verlangens nie verlegen
sein Aber dazu dass ein Verkehr der Gedanken wie er bei dem süßen Gekose der
unmittelbaren Nähe selten stattfindet den Verkehr der Gefühle nun ablöse
bietet sich so die reichste Gelegenheit Nun wird Das was unbewusst und wie im
Traum gekommen schien nach seiner irdischen Möglichkeit noch einmal
durchgedacht die magnetische Kraft die ohne Erklärung um so wirksamer fesselt
stärkt sich nun durch die sittliche Begründung Dessen was da so eng
zusammenhielt und stählt die Herzen für eine Zeit wo auch das Urteil und die
weisere Erwägung sich sagen sollen Du hast das gute Teil erwählt Das Leben
selbst in seinen tausend Erscheinungen in seinen oft grade dieser Liebe sich
feindselig genug zuwendenden Stacheln wird in seinen drohenden Gefahren dann
früh erkannt und die ganze Höhe schon übersehen bis zu der die zärtliche
Verschlingung der liebenden Arme ausdauern sich stützen sich fortgeleiten
soll Sieht man nach solchem Briefwechsel sich dann wieder so kommt es wohl
dass man sich völlig neu und anders erscheint Man hat ein altes Bild verloren
aber ein neues gewonnen Es währt eine Weile bis man sich rein menschlich
wiederfindet aber es währt nicht lange das Befremden ist nur das des größeren
Glückes und man hat sich größer gewonnen größer gefunden gestärkter für des
Lebens ganze Dauer und die ernsten Klippen aller seiner kommenden Prüfungen
Selma erwartete mit krankhafter Ungeduld des Freundesschicksals endliche
Entscheidung Sie erzählte in ihren Briefen an Dankmar von Anna von Harder von
Oleanders treuen Besuchen seinem fortgesetzten Unterricht von Olga Wäsämskoi
Von dieser Letzteren bestätigte sie was alle Kreise über die Freundschaft
der Mädchen erfahren und selbst beobachtet hatten Selma nannte Olga einen
stillen See den träumerisch der Mond beschiene und von dem man Märchen erzähle
die uns erschrecken sollten wenn sie auf Wirklichkeit begründet wären Da wären
gleichsam Götzenbilder einst wie von den ersten Christen in diesen See geworfen
worden und nächtlich am ersten Tage des Mai rühre und reg es sich in dem See
und die Heidengötter blickten aus dem aufgewühlten Gewässer mit düstern Augen
empor und sähen sich die Welt an wie sie nach ihrem Reiche inzwischen geworden
Aber nie wären es bei Olga doch solche Jungfrauen die dann auftauchten mit
falscher Liebe und jene Knaben in die Tiefe lockten denen sie mit Wasserlilien
gewinkt hätten oder gar böse und spukhafte Fratzen Nein Olga wäre wohl eine
schlummernde Tragödie voll Leidenschaft ja Zorn ja Wildheit zuweilen wenn sie
ein schriller Ton wecke aber ebenso auch könnte sie dem Idyll gleichen wenn
ihr ein Süßes die Nachtigall ein Schönes die Kunst riefe Helene dAzimont
hätte dem armen reichen Mädchen den Glauben an die Menschen genommen und doch
liebe sie Helenen und weine auch um deren Irrtümer Sie hätte von Rafflard
einst in Venedig das Schlimmste über Siegbert gehört da hätte sie wollen
wahnsinnig werden sterben hätte ein Kloster gesucht aber an der Hand des
Teufels Selma erzählte dass Olga sich selbst gemalt hätte auf wilder Alpenhöhe
als Pilgerin herabblickend zu einem Kloster im Tale und der Teufel hätte ihr
die Stufen gezeigt die sie hätte betreten sollen um hinüber zu kommen zu dem
lockenden Glöcklein im Tale Da hätte sie denn Rudhard ergriffen gerettet vom
Wahnsinn Einer Toten gleich wäre sie nach Tempelheide zurückgekommen und Selma
erst hätte sie zum Leben wie es ist geweckt sie an Siegbert Wildungen wieder
glauben gelehrt den sie liebe aber wie einen Verlornen Olga Wäsämskoi
obgleich eine Fürstentochter würde sich zur Königin erhoben fühlen durch die
Liebe eines Künstlers und nie nie würde man von Olga etwas Anderes vernehmen
als dass sie die Liebe selbst wäre und das Abbild der Treue Und Siegbert
schweige und täte nichts und ließe Alles schlummern
Oleander Siegberts Freund billigte Siegberts Handeln Oleander hatte
sich recht in diesen Bund verloren Er sprach nie von Siegbert wenn er in
Tempelheide war und Olga seine Lehren mit denen Rudhards verglich Siegbert
konnte ja nicht wollte ja nicht dass diese Leidenschaft durch ihn genährt
wurde Er war zu selbstbeherrschend Rudharden zu sehr verpflichtet Er hatte
sich von Brüssel wo die Fürstin weilte wohl ferne gehalten aber auch nichts
getan was den Plan aus Olga zuletzt doch die Baronin Dystra zu machen stören
konnte Olga sah darin Schwäche geringen Lebensmut das einzige Unpoetische an
Siegbert Sie ließ sich einmal ihre Welt nicht nehmen und Oleander legte ob er
gleich wie Siegbert dachte doch ihren Empfindungen gern Gedichte unter die er
Dankmarn vorlas wie dieses
O lasst mich ziehn ich kenne meine Straße
Was frag ich viel Ihr wisst nur was Ihr wisst
Von Eurer Liebe nicht von Eurem Hasse
Lern ich den Weg der mir der rechte ist
Die Pappeln und die Weiden lass ich Andern
Mir duften Blumen nicht im Staub ergraut
Und muss ich über Strom und Felsen wandern
Will ich die Brücken nicht die Ihr gebaut
Am Rand der Alpen wo die Gletscher ragen
Ward meinem Herzen groß und weltenweit
Da will ich Adler will die Gemsen fragen
Wo geht der Weg zur ewgen Einsamkeit
Dankmar freilich in seinem unverwüstlichen Humor sagte er sähe doch dass
Siegbert sich noch einmal Mut fasse und zu den Adlern und Gemsen nachklettere
Ich wünsch es dir rief er aus Siegbert Olga würde deine Phantasie werden
Olga Das ist die Königin der Kunst im Strahlenglanz der dir gefehlt hat guter
Bruder Dies Mädchen würde dich umschweben wie ein ewiges Madonnenbild selbst
wenn sie eine Langschläferin wäre und Morgens Federn in den Haaren hätte Denn
bester Oleander darauf kommt es an dass eine Frau eine Göttin bleibt auch wenn
sie unsre Strümpfe stopft Siegbert diese Olga wird als dein Weib vielleicht in
niedergetretenen Hausschuhen etwas salopp in ihrem Negligé mit ungeordnetem
Haar in der römischen Villa walten die das Ziel deiner Wünsche ist aber sie
würde immer eine Hebe eine Psyche sein immer die Poesie selbst und deine wahre
Erhebung Bruder auch wenn Ihr Schulden hättet und Eure Kinder halb nackt mit
den Gänsen im Hofe um die Wette schrien Ja ja so käm es Wenn man Euch
besuchte würde kein Stuhl zu haben sein Da liegen deine Kleider dort die
Nähtereien der Frau hier die Spielsachen der Kinder Alles ist voll Farbe voll
Zeichnungen voll poetischen Schmuzes aber deine Bilder werden genial sein
dein Weib wird dich den Mut lehren an die Götter der Schönheit und der Liebe
zu glauben Sie wird uns lachen machen wenn es heißt sie ginge selbst in die
Küche und sorgte für Salat mit Eiern und holte den Wein aus dem Keller aber
wenn sie käme im blauen oder roten Gewande wie eine junge Römerin wenn sie
den Krug erhöbe mit schöngerundetem Arm und den Wein uns in die Gläser gösse
die wir uns inzwischen selber ausgewaschen haben dann Bruder würd es doch
ein Bild zum Malen werden und wir selber würden mitten in dem Rahmen von Epheu
Myrten und am Fenster zum Trocknen hängenden Kinderwindeln uns schön erscheinen
durch Olga dein poetisches Weib
Aber Siegberts Briefe sprachen nicht von Olga Es kamen viel Briefe an
Dankmar von Siegbert aus Antwerpen von Leidenfrost vom Tempelstein von Werdeck
aus Paris von Louis Armand bald da bald dorther Dankmar lebte im lebendigsten
Verkehr Auch Dystra schrieb und sprach von seinen Bauten und dem entscheidenden
Ja oder Nein das zwischen ihm und Siegbert wählen sollte wenn die Ritter vom
Geiste zum ersten Male in seiner Tempelabtei im Walde tagen oder turneien würden
Oleander lächelte über die Teilnahme eines Dilettanten der sich durch sein
Vermögen und seine Bizarrerie über die üble Nachrede der vornehmen Welt
hinwegsetzte und seit dem glücklichen Verkaufe seiner Güter in Russland vor der
Macht des Czaren geborgen war aber Dankmar rief aus
O wär ich frei frei
Oleander riet zu einem Worte mit Egon von Hohenberg Er wollte selbst zu
ihm gehen er wisse dass er einer Erörterung zugänglich wäre die Fürstin
brächte wöchentlich Trost und Hoffnung nach Tempelheide ja er hatte selbst
sogar durch ein Gedicht eine sonderbare Beziehung zum Fürsten gewonnen ein
Gedicht das Olga mit grausamer Bitterkeit »Cypressen am Grabe Helenens
gepflanzt von Egon« nannte Oleander der sich in die Stimmung aller dieser
Seelen versetzte hatte es eines Abends fast scherzhaft in Tempelheide
improvisirt Olga schrieb es sich sogleich verstohlen ab und schickte es anonym
nach Paris Helene wahrscheinlich aufs Tiefste verletzt schickte es zurück an
Egon als wenn es doch wohl nur von Diesem gekommen wäre Egon staunend zeigte
das Gedicht Melanie und Melanie erkannte der zu solchen romantischen Umtrieben
über und über geneigten Olga Hand wodurch Egon dann die Autorschaft Oleanders
erfuhr und diesen veranlassen musste die ausführliche Erläuterung eines
schlimmen Misbrauchs zu geben den man mit seinem poetischen Interesse an
fremdem Seelenleid getrieben hatte Dies eigentümliche Gedicht das in Egon in
der Tat wach rief was er zuweilen über den Maler Heinrich Heinrichson empfand
hatte gelautet
Wehe Welche Lippen lässt du schlürfen
Wieder deiner Liebe Taumelwein
Ist es denn dein innerstes Bedürfen
Andern Alles Nichts dir selbst zu sein
Nichts der Frauen größtem Liebesruhme
Nichts Helene dem Entsagungsschmerz
O du stamm und blattlosarme Blume
Wirbelnd um dich selbst gejagtes Herz
Eine luftgetragne Orchidee
Schwankst und rankst du ohne sichern Wuchs
Fühlst ob hold die Welt dich leben sähe
Doch den Tod des tiefsten Selbstbetrugs
Rosen träumst du Ach nur aufgerissen
Bluten deine Wunden wie sich kalt
Auf des Nordpols eisgen Finsternissen
Scheidend dunkelrot die Sonne malt
Opfre Doch im Leidenschaftgeloder
Opfert selber sich ein Genius
Armes Lamm das eine Schlachtbank oder
Einen neuen Hirten finden muss
Dies wenn Helene es selber las entsetzlich grausame Gedicht hatte Oleander als
einen einfachen »Schmerzensruf der schwachen Seele an die schwache«
niedergeschrieben Für Olga war es aber ein wahrer Triumphgesang geworden Sie
konnte diese Verse mit einer Gebehrde vortragen als hätten sie ihre Tante
erdolchen sollen Oleander berichtete der Fürst hätte ihm gütig sogar heiter
auf seine ängstliche Entschuldigung erwidert aber Dankmar erklärte er könnte
die fast komische Veranlassung dieser Bekanntschaft zu seinem tragischen Falle
nicht benutzen Karlos und Posa würden ebenso geendet haben wenn nicht Philipp
zu früh zwischen sie getreten wäre Er ist nicht klein dieser Egon sagte
Dankmar Hätte ihn Philipp leben lassen seinen Karlos dessen erstes Wort wäre
auch Aussöhnung mit Alba gewesen Karlos wäre selbst nach den Niederlanden
gezogen hätte Egmont selbst hinrichten lassen hätte selbst sich von ihm sagen
lassen was Egmont dem milchbärtigen Ferdinand sagte Du wirst sie nicht
verachten weil sie mein war Ja Ja Oleander Sie frommer übel
mitgespielter Frühlingssänger was ist Das für eine Welt Welche Menschen
wetteifern mit dem Wesen das sie geschaffen hat Welche Titanen möchten den
Himmel stürzen und von ihm Rechenschaft fordern für seine dunkle
Geheimnisskrämerei ich habe Mitleid mit Egon Er wird herabfallen von seiner
Höhe wie in seinem Gartenpavillon der gemalte Phaeton Alle Bernsteinspitzen
des Pfeifenkabinets seines Vaters werden nicht hinreichen ihm noch einmal eine
einzige Zigarre zu versüßen Er wird ein elendes Leben führen wenn er gestürzt
ist und nur noch sich und Melanie quälen kann Sie werden erleben dass Melanie
von Hohenberg nicht etwa in die Kirche geht aber für sich in ihrem Kabinet
fromm wird und eine gewisse Ausgabe des Thomas a Kempis mit wirklichen
Schmerzenstränen benetzt Das nenn ich doch Herzen durcheinandergerüttelt »O
schnöde Welt« Sagt das nicht Shakespeare In solchen und ähnlichen
Betrachtungen und Unterhaltungen verbunden mit der Nutzung von Büchern Federn
und Papier lebte Dankmar bis in den Monat Mai Das Erbe hatte man ihm in
feierlicher Sitzung überwiesen und ihm die Gründe angegeben warum es noch unter
dem Verschluss der Richter bleiben müsste Seine ganze Antwort war gewesen dass er
sich ein Protokoll dieser Prozedur ausbat und die Angabe eines eisernen
Schreines machte in dem die leichte Papiersumme verwahrt werden sollte es
sollten auf dem Deckel vier kreuzförmig verschlungene vierblättrige Kleeblätter
von Silber ausgeprägt werden Bis zur Anfertigung dieses Schrankes blieben die
Stadtkämmereischeine von denen man ihm vorläufig nur den mässigsten Gebrauch
gestattete und eingeschlossen in jener hölzernen Truhe in der einst Dankmar zu
Angerode die Dokumente gefunden hatte im Gewahrsam der strengbewachten Kasse
des Gerichts die mit ihren eisernen Türen und Schränken nur einen Hof entfernt
von Dankmars Gefängnis lag Oleander als er einmal Eintausend dieser Scheine
in der Hand hatte die er nach Dankmars Wunsch an Arme geben sollte sprach die
etwas umgemodelten Verse aus dem alten bekannten Gedichte
Nun möget ihr von dem Horte Wunder hören sagen
Soviel zwölf ganze Wagen allenfalls mochten tragen
In vier Tagen und Nächten vom Berge zu Tal
Und ihrer jeglicher musste fahren an jedem Tag dreimal
So war der Hort nichts Andres als Gestein und pur Gold
Und ob die Welt man hätte damit genommen in Sold
Es wäre nicht einmal vermindert um eine Mark Wert
Es hatten wahrlich die Könige seiner ohne Ursach nicht begehrt
Wie von den Nibelungen sich da in Burgunden
Die drei Könige des Hortes unterwunden
Da dachten sie Land und Burgen und Recken die viel kühnen
Durch Furcht und Gewalten ihnen sollten damit dienen
Aber den Wildungen allein gehörte der Hort noch im Land
Da kamen viel fremde Recken ihnen gab ihre Hand
Dass man so große Milde nimmermehr gesehn
Sie pflogen vieler großen Tugend das musste man den Brüdern gestehn
Den Armen und den Reichen begannen sie da zu geben
Dass man anfing zu sorgen ob man sie sollte lassen leben
Da sie durch ihre Güte so manchen Mannen
Der den Königen schadete für ihren Dienst gewannen
EgonHagen sprach zu dem König Es sollte ein weiser Mann
So große Schätze nimmer Einem Einzigen lân
Der bringt es mit seinem Gelde sicher noch zu dem Tag
Dass es wohl gereuen die stolzen Burgunden mag
Und nun schützten keine Eide des Erbes sichre Hut
Sie nahmen Dankmarn das viel kräftge Gut
Egon sich der Schlüssel aller unterwand
Sodass der König sogar zürnte als er das geschehen fand
Der König sogar sagte viel lieber Eh Wir immer Müh und Pein
Haben mit dem Golde sollten Wirs lieber in den Rhein
Alles heißen senken dass sein Niemand hat Gewinn
Da geschah es auch also dass sie gingen zum Rheine hin
Und wie nun der grimme Egon den Hort im Rheine barg
Hatten die Könige sich gelobet mit Eiden also stark
Dass er wohl verhohlen bliebe so lang ihrer Einer möcht leben
So konnten sie sich selber und keinem Andern ihn geben
Gegen Ende Mai war es dem nun erst recht in Aufregung gekommenen Gefangenen in
einer Nacht als hörte er ein sonst ungewöhnliches Geräusch Es kam von der
Verbindungstür eines Vorplatzes seines Gefängnisses mit einem großen von
Militairposten bewachten Korridor her Dankmar glaubte als er deutlich die
Zeichen zu unterscheiden anfing die sonst den Besuchen des Kerkermeisters des
Richters oder Oleanders vorherzugehen pflegten an einen Irrtum in der Zeit
Es war ihm oft genug schon geschehen dass ihm Tag und Nacht zusammenrannen und
er in der im Winter dunklen Zelle Eins mit dem Andern verwechselte Aber ein
Blick an die Öffnung die hoch oben am Ende einer in die Mauer gehenden Rundung
einen Lichtschimmer zeigte bewies ihm die Nacht denn dieser Schimmer kam von
den grellen Gaslampen des Korridors auf den diese Fenster engvergittert
hinausgingen Plötzlich erlosch draußen das Gaslicht Sein Zimmer war dunkel Er
stand auf machte sich Licht Und zugleich war es ihm als suchte im Korridor
Jemand den Schlüssel der zu den Einlässen führte und erprobte bald diesen
bald jenen Brachte Dankmar die Dunkelheit die auf dem Korridor eingetreten
sein musste mit dieser unsicheren Kenntnis der Örtlichkeit in Verbindung so
musste die Ahnung gerechtfertigt erscheinen die ihn plötzlich überfiel ob nicht
irgend eine böse Absicht sich ihm nähere irgend ein ungesetzlicher Befehl oder
wohl gar sein Blick fiel in diesem Moment auf ein Portefeuille in dem er eine
ihm neuerdings zugestandene Summe von mindestens mehreren hundert Talern
aufbewahrt hielt Wenn es unter dem Schutze der Gesetze unter dem Deckmantel
der Gerechtigkeit auf diesen Besitz wäre abgesehen gewesen Sein Verdacht
verließ ihn als er in der Tat die Vorplatztür geöffnet hörte und in der
tiefen nächtlichen Stille das Knirschen des Sandes unter dem Fußtritte eines
sich Nähernden unterscheiden konnte Jetzt glaubte er aufs Neue an einen
Irrtum in der Zeit und sah auf seine Uhr Aber sie zeigte Eins Er hielt die
Uhr gegen das Ohr sie ging Es war Eins in der Nacht Man holt dich um dich in
irgend ein anderes Gefängnis abzuführen diese Zelle bietet nicht Sicherheit
genug oder man hat sie einem Andern bestimmt da man glaubt dass ich nun erst
recht nicht entweiche ohne das Erbe Aber diese mit Beklommenheit
angestellten und von der Vorstellung es wäre wohl ein Traum was er erlebe
unterbrochenen Vermutungen steigerten sich zur fieberhaftesten Unruhe als
wiederum jetzt an der zweiten Tür mit Vorsicht ein Schlüssel nach dem andern
erprobt wurde wie aus einem großen Vorrate von Schlüsseln Das war der
Gefangenwärter nicht Dieser konnte selbst in nächtlicher Verschlafenheit nicht
unsicher sein in der Wahl des rechten Schlüssels Und da diese Versuche nicht
endeten eine stille fast geisterhafte Hand an dem Schlüsselloche immer mit
neuen Schlüsselbärten kratzte und wenn sie eingingen vergebens an den Federn
drückte so konnte er entweder nur an Befreiung oder an einen bösen Überfall
denken Was sollte er tun War es ein Befreier wie konnte Dankmar da in der
Besorgnis eines Überfalls rufen das Werk fremden Mutes vielleicht einen
Auftrag des Bundes zerstören Und doch sammelte die Brust von dem stockenden
Atem so viel Spannung dass ein Schrei nach der Öffnung des Fensters zu ein
donnerndes Wer da schon auf seinen Lippen schwebte Dankmar wagte ihn nicht
aus Befangenheit Er konnte nicht an ein Verbrechen glauben Der Gedanke der
Befreiung erfüllte ihn plötzlich mit einem so aufwallenden Lebensmute dass er
sich wohl für den Fall des Irrtums vorzusehen beschloss sich aber auch auf den
Empfang jedes bessern Besuches von Herzen rüstete Das Licht stellte er
entfernt um es vor dem Auslöschen zu schützen Er ergriff den hölzernen
Schemel auf dem er saß steckte das Portefeuille in seine Brust und wandte sich
eben zur Verteidigung gerüstet gegen das unheimliche Walten der Tür als diese
aufsprang und im fahlen Dämmerlichte ein Mensch vor Dankmar stand den in diesem
Augenblicke wiederzusehen ihm das Haar emporsträuben musste Es war Friedrich
Zecks Sohn
Hackert rief Dankmar und hob den Schemel um diesen unerwarteten Gast beim
ersten Schritte vorwärts niederzuschlagen
Hackert hob die Hand abwehrend und zum Stillschweigen bedeutend mit der
Linken streckte er einen gewaltigen Schlüsselbund dem möglichen Angriff
entgegen
Es war in der Tat Hackert mit offenen Augenlidern nicht träumend wie
Dankmar in Erinnerung an den Heidekrug im ersten Augenblick glauben konnte
Sein zweiter Gedanke war eine Bestätigung seiner Befürchtung die er in den
halblaut ausgestossenen Worten aussprach
Was wollen Sie
Aber schon hatte Hackert die Finger an die Lippen gelegt und so entschieden
die Gebehrde des Schweigens gemacht dass Dankmar keinen Zusammenhang begreifen
konnte seine Waffe senkte und nur im Rücken das Licht zu schützen suchte
Hackert winkte
Dankmar sah nur den Überfall nur die böse Absicht nur den Angriff auf sein
Geld er ahnte einen Hinterhalt und blieb stehen
Hackert winkte dringender und zog sich fast in das dunkle Vorzimmer zurück
Dankmar wollte ihm nicht folgen
Spitzbube flüsterte er soll ich schreien Dich an den Galgen bringen
Hackert verzog seine blassen Gesichtszüge zu einem bitteren Lachen Er hätte
mit jener Sprache reden mögen in der er sich Schmelzingen zu verstehen gab als
er schon einmal diesem Ungläubigen einen Liebesdienst erwies Er konnte nur
winken nur die Zeichen der dringendsten Eile machen
Dankmar sah die geöffneten Türen aber das Dunkel schreckte ihn Hackert
wird sich wie eine Katze auf dich werfen Was sollst du tun Die Posten
scheinen verändert Auf dem Korridor ist Alles still Dennoch wie von der
magnetischen Kraft der Situation überwältigt hätt er sich jetzt entschlossen
vorzugehen wenn ihm nicht da sein Auge sich inzwischen an die Dunkelheit schon
gewöhnt hatte plötzlich auf fünf Schritte von Hackert im Korridor entfernt eine
hohe stämmige Riesengestalt verwachsen und doch wie ein Hüne anzuschauen
aufgefallen wäre Nun stand in ihm fest dass Hackert im Bunde mit Helfershelfern
ihn überfiel und nichts hielt ihn ab ihm jetzt zuzurufen
Denkst du Bösewicht dass ich so leicht wie Pferde zu morden bin
Aber weiter konnte er nicht reden Hackert sprang auf ihn zu zeigte um
Dankmars Aufmerksamkeit abzuwenden auf die Fensterrundung in der oberen Mauer
und sprach mit heisrer nachdrucksvoller Stimme
Soll ich wieder hundert Talerscheine aufs Pflaster werfen Kommen Sie in
Teufels Namen
Dankmar blickte ihn starr an Der große Ungeschlachte in der Dunkelheit war
verschwunden
Wir haben noch drei Türen zu öffnen fuhr Hackert heiser und leise fort
Die Schlüssel die zu Ihrem Gelde führen kenn ich Die sinds
Und auf drei gewaltige Schlüssel die er aus der Rocktasche zog deutend
ging er voran
Dankmar folgte Wie konnte er jetzt zurückbleiben War es auf einen
Diebstahl seines Vermögens abgesehen warum sollte er den Anlass nicht benutzen
da nun gewiss zugegen zu sein Er fühlte Hackerts knöcherne feuchte Hand Sie
hatte ihn mit krampfhafter Aufregung ergriffen er folgte willenlos
Halten Sie sich an mich sprach Hackert Die Pantoffeln aus Auf den Zehen
Einen Schnupfen ist die Abreise schon wert St Reden Sie nichts
Dankmar ließ mit sich geschehen was geschah Die Erinnerung an Hackerts
Rechtfertigung damals mit dem Pferde Lasallys hatte ihn entwaffnet Er folgte
und bewunderte die Gewandtheit wie Hackert mit der einen Hand ihn mit der
andern den Unbekannten führte der sich im dunkeln Korridor ihnen wieder
zugesellte
Dieser tappte und trat so ungeschlacht auf dass ihn Hackert einen Bären und
Elephanten über dem andern schalt
Wer ist Das fragte Dankmar
Vorgesehen war Hackerts Antwort
Die Wanderung dauerte mehre Minuten Endlich stand man still Hackert
flüsterte
Das ist die Verbindungstür Still Die Wache wird im Hofe abgelöst
Es schlug grade ein Uhr von den nahegelegenen Rathaus und
Johanniskirchentürmen An die Wand gedrückt wartete man das Verhallen der
militärischen Tritte ab die über den steinernen Fussböden der Höfe hörbar waren
Durch ein Fenster glaubte Dankmar der diese Räumlichkeiten kannte wohl
unterscheiden zu können dass die Schildwache auch eben an dem Eingang der
Gerichtskasse erneuert war Doch auch die Tür die Hackert eben aufschloss
führte in das scharfbewachte Nebengebäude Jetzt versagten ihm die Schlüssel
nicht Der Große dessen Konturen Dankmarn allmälig an irgend eine ihm schon
vorgekommene Persönlichkeit erinnerten trappte schweigend nicht einmal auf
Socken sondern mit bloßen Füßen dem Führer nach der endlich eine Stiege herab
dann wieder eine hinaufschritt Alles war hier dunkel still und schauerlich
einsam Aber Hackert kannte jeden Gegenstand Einige Stufen empor blieb er
stehen und begann die noch zwei übrigen Schlüssel erst an einer
eisenbeschlagenen Tür zu prüfen Der eine passte Nach kurzer Weile trat man in
den Kassenraum Ein großer Schrank wurde vom zweiten Schlüssel geöffnet Jetzt
hörte Dankmar nur die an den Andern gerichteten Worte
Tasten Sie nach dem hölzernen Kleeblatt Richtig Da Die Silberarbeiter
sind mit dem Luxus noch nicht fertig Aufgehoben
Und der Dritte bückte sich und Hackert half einen Gegenstand den mächtigen
Schultern aufladen Dankmar wusste nicht wo ihm die Besinnung blieb Er fühlte
den hölzernen Schrein in dem einst seine Dokumente von Angerode gelegen hatten
Er fühlte das Kreuz auf dem Deckel Er wusste ja dass man zu den Dokumenten die
Stadtkämmereischeine gelegt hatte Die Truhe war trotz des papiernen Inhaltes
ihrer plumpen Gestalt wegen nicht leicht
Nun zurück flüsterte Hackert lehnte die Schranktüre nur eben an ließ den
Schlüssel stecken und tappte vorwärts Aber krachend stieß der Träger mit seinem
Schrein an die Wandecken
Donner Wenn wir nicht Licht haben rennt Der noch eine Säule um
Und Licht verrät dich flüsterte Dankmar Und Licht zeigt mir den
Kameraden Wer ists Hackert ich folge wie ein Taumelnder aber Gott sei
deiner Gurgel gnädig wenn Ihr die Frechheit habt mich mit dem Schein einer
Spitzbüberei die nur Ihr nur Ihr begangen habt entfliehen zu lassen
Nur keine Reden gehalten Herr Es schallt hier war Hackerts ganze
Antwort
Man ging denselben Weg zurück den man gekommen war
Jetzt galt es die Korridore zu vermeiden in denen die vielen andern
Gasflammen noch brannten und die Schritte der Wachen hörbar waren Sie befanden
sich wieder im Profosshause Dankmar begriff nicht wie man die Ausgänge
desselben gewinnen wie man mit einem so auffallenden Gegenstande dem Schrein
sich aus ihm entfernen konnte
Hackert lenkte aber in einen Seitengang An dem äußersten Ende war ein
kleines Fenster das auf die Straße führte Es war nur ein Luftloch ein
schmaler Streifen in der Wand Hackert schien Dankmarn toll als er die Miene
machte durch diese kaum handhohe aber breite Öffnung müsste man nun auf die
Straße gelangen
Der Schrein und wir Hierdurch
Der Dritte setzte den Schrein ab Hackert deutete nur auf Stillschweigen
Unwillkürlich schauderte Dankmar wieder vor einem Gedanken zurück der ihn
plötzlich berührte Er kam ihm mit Stricken die er fühlte Wo diese Stricke
herkamen sah er nicht Er fühlte sie nur hörte nur das Auseinanderwinden
er dachte sich die Folgen gefährlicher Prozeduren die Hackert wagte zu seinem
Vorteil wagte und ihn dann allein kompromittirt zurückliessen
Hier soll bald Licht werden flüsterte Hackert Wir haben vorgearbeitet An
dieser Säule machen wir die Stricke fest Sie ist stark genug und die Stricke
reichen zehnmal bis hinunter Hinter der Johanniskirche fast an der Ecke die zu
Schlurcks führt Sie kennen die Gasse steht ein Wagen Dass wir ja
zusammenbleiben Hören Sie
Und während Dem schon öffnete sich die Lücke Ein Stein wich unter Hackerts
Hand vom andern immer größer immer weiter immer heller wurde der Raum Bald
war er so groß dass ein Körper hindurch konnte bald so groß dass der Schrein
sich konnte einfugen lassen bald so dass Dankmar schon die Johanniskirche sah
und das Scharren von Pferden auf dem nächtlich stillen einsamen Strassenpflaster
hörte
Jetzt hieß es Dankmar sollte zuerst durch diese im Stillen längst
gebrochene Öffnung und an dem Seile das um den Pfeiler geschlungen war
hinuntergleiten
Ich zuerst sagte Dankmar zögernd und aufs Neue voll Mistrauen
Keine Komplimente Rasch Rasch Die Wachen seh ich sind gar nicht
schläfrig
Hackert sprach Dankmar mit letzter zusammengenommener Kraft Wenn das Alles
ein Bubenstück wäre
Aber Hackert drängte ihn an die Mauerlücke mit der Antwort
Zum Teufel Sie sehen ja es ist bloße Höflichkeit
Ich bleibe zuletzt sagte Dankmar entschlossen ich steige nicht ich bleibe
bei meinem Schrein
Eine Flut der scheusslichsten Verwünschungen kam nun aus dem Munde des von
Schweiß triefenden Paul Zeck der am liebsten dem ewigen Zweifler an die Gurgel
gesprungen wäre und ihm die Halsbinde zugeschnürt hätte Der Dritte der mit
seinem Schrein auf dem Kopfe ruhig wie eine Karyatide des Altertums stand
diesen freischwebend und doch so festgeklammert hielt wie Etwas das er nur mit
seinem Leben lassen würde flüsterte in einer eigentümlichen weichen
Lispelsprache
Steigen Sie Steigen Sie Die Runde kommt
Ich gehe nicht erwiderte Dankmar
Wir kommen aber doch vom Tempelstein sprach der Fremde jetzt mit
kräftigerer Betonung und gleichsam ihren Beistand beglaubigend
Dankmar erstaunte über dies Wort Der Tempelstein war das Erkennungswort des
Bundes für die Zeit bis zu den nächsten Solstitien
Vom Tempelstein fragte er betroffen und nun glaubte er den Träger seines
Schreines zu erkennen Sie sind
Danebrand flüsterte Hackert Hören Sie denn drüben nicht die Pferde aus dem
Pelikan Sie wittern Ihre Nähe Peters kann sie nicht beruhigen es geht
direkt nach Angerode zu Hoffentlich ist Bello im Stall geblieben
Und nun war Dankmar schon in der Lücke schon presste er sich auf die von
Hackert nächtlich zum Zweck der Flucht mühevoll gelockerten Steine schon glitt
er das glattgestrichene Seil hinab
Aber die Ahnung Danebrands dass die Runde käme war keine Täuschung
Dankmar unten auf dem Strassenpflaster angelangt hörte Geräusch Hackerts Kopf
sah er schon durch die Bresche Er folgte in der Tat. Er war nicht von ihm
betrogen aber die Eile mit der Hackert katzengleich herunterschoss erschreckte
ihn Hackert war unten
Die Runde flüsterte er drängend Fliehen Sie Fort Fort
Dankmar blieb aber Er sah eben den Schrein durch die Lücke gedrängt sah
eine Hand um die Pranken des Holzes geklammert sah das Seil schwanken hin und
her von der gewaltigen Last Da donnerte oben ein vielstimmiges Wer da
Hackert stößt Dankmarn fast gewaltsam fort und zeigt auf die Johanniskirche
und ihre majestätischen Schatten
Der Schrein ist heraus aus der Lücke Danebrands Kopf wird sichtbar die
linke Hand hält den Schrein schwebend in der Luft während die rechte halb sich
stemmend in der Mauerlücke halb das Seil ergreift
Da kracht ein Schuss Der Schrein stürzt hinunter Hackert ruft Fort und
man müsste die panische Gewalt des Schreckens und den Einfluss der Situationen auf
die Seele selbst des Mutigsten verkennen wenn man nicht natürlich finden
wollte dass Dankmar im Augenblick des Schusses hinübereilte zu dem Wagen Auf
halbem Wege hielt er jedoch schon inne Er sah dass Hackert den Schrein den man
hätte in tausend Stücke zerkracht glauben sollen wie mit übermenschlicher
Gewalt auf seine sonst so schwachen Schultern lud Nun floh er an den Wagen
fand diesen fand ihn schon geöffnet es war Peters der ihn bebend grüßte und
während er kaum den Schlag mit der Hand gefasst hatte schon die Pferde
anpeitschte Hackert taumelte herüber ihm nach Aber Danebrand
Danebrand hätte Dankmar rufen mögen Da erschallt ein Trommelwirbel in
dem Profosshause Fenster werden erleuchtet Stimmen hörbar die Pferde ziehen an
Hackert Hackert ruft Dankmar von dem nur halb betretenen Tritt herab Er
sieht ihn plötzlich nicht mehr er hört ihn plötzlich nicht mehr Hackert
Hackert Der Trommelwirbel wird stärker Die Türen des Profosshauses öffnen
sich schon Halt Halt hört man rufen Da lässt Peters die Zügel schießen und
hohl und dumpf widerhallend in der nächtlichen Stille braust der Wagen davon
geschützt von den riesigen Schatten der gewaltigen Gebäude die in diesem
altergrauen Viertel fast gespenstisch nebeneinander stehen
Elftes Kapitel
Die Richtung TrompettaFlottwitz
Ermutigt vom Glück wagt man die größere Gefahr
Fröhlich heiterbewegt schritt ein Gast von der Tempelheider Anhöhe nieder
sah noch oft rückwärts grüßte noch oft die Frauen die ihm mit Tüchern
nachwinkten Die Zeit der Sorgen war noch nicht vorüber Sie sollten erst noch
recht in ihrer bedrängenden Schwere kommen aber eine war doch abgeschüttelt
Dankmar Wildungen war in fremden Landen geborgen vor der Qual dieses
Kerkerlebens das selbst dem Mutigsten vor der Zeit den Glanz des Haares
bleibt vorzeitige Furchen in die kühnsten Stirnen gräbt
Rodewald hatte seit dem Tage wo ihn Fürst Egon in Hohenberg abwies ein
nach Außen vielbewegtes in sich stilles Leben geführt Das was er von Murray
beim Abschiede von der Residenz erfahren über Pauline von Harder über den
Baron Grimm über einen Paul Zeck der leben sollte war Stoff genug um
zusammenschmelzend mit Dankmars Schicksal ihm in jede freudige Erinnerung an
Anna von Harder in jede Nachricht von Tempelheide bitteren Wermut zu mischen
Die Nachricht von dem Gewinn des Prozesses hob auf einige Zeit seine gedrückte
Stimmung aber lähmend vollends wirkte die Nachricht die er von Herrn von
Zeisel erfuhr dass der Fürst beabsichtige alle seine Güter zu verkaufen Mitten
in den Zurüstungen die er auf eine zehnjährige Pachtung hin glaubte wagen zu
dürfen diese Nachricht Mit welcher Liebe hatte er sich der Hoffnung einer
Wiederherstellung der Glücksumstände Egons gewidmet Wie verklärt schien die
Abendsonne des Lebens auf dies sein emsiges Mühen und Walten dem er eine
irdische Anerkennung niemals wünschen nie von Denen erwarten konnte denen zu
Liebe er sich mühte und arbeitete Rodewald war über die Beziehung seines Lebens
zu weltlichen Erfolgen hinaus Er war längst in jene geweihteren Hallen der
Betrachtung getreten wo der auch nicht feierlich emporgerichtete Blick des
Auges doch immer das Ende und schon den Ausweg aus diesem Labyrinth aller
Erdenrätsel zu suchen scheint und an jede Tat sich der Maßstab nur noch des
eignen Genügens legt Er billigte ganz dass der gute sich selbst in den Andern
lebende Oleander ihm einst mit der Aufschrift »An meinen Abendstern« ein
Blättchen gegeben auf dem es hieß
Bei einem Ziele bin ich angekommen
Ob auch am rechten weiß ich nicht zu sagen
Zwar mit dem Strome bin ich nie geschwommen
Doch wars die Welle die mich so getragen
Gescheitert hab ich manches Riff erklommen
Und manchen Preis erwarb sich kühnstes Wagen
Doch muss von den erträumten schönren Lagen
Mir diese wohl als jetzt die beste frommen
Das Höchste suchend bald im Tatendrange
Bald im Genuss wo ich die Perlen wollte
Fand ich nur Schaalen Ach der Dämon grollte
Er grollt noch jetzt und will mir Wunder lügen
Die noch erreichbar Solchem Überschwange
Lass ich genügen jetzt mein still Begnügen
Darin dass Egon von Hohenberg für die Legitimität stritt und sein Sohn war sah
er ein Rätsel Ein teuflischer Gedanke hätte ihm raten können hohnzulachen
dieser tollen Welt des Irrtums und der Lüge Ihm war dieser teuflische Gedanke
nie gekommen ihm schilderte sein Verhältnis zu Egon das Verhältnis der ganzen
Zeit zu ihren Verfechtern oder Anklägern Er sagte sich Das ist Euer Adel Eure
Erbberechtigung Eure Monarchie Eure Kirche Eure Sitte Euer Glaube Eure
Konvention O die Konvention dies Angenommene dies einmal gelten Sollende Und
so bitter dieser Ausruf ihn reizte er nicht dem Teufel zu dienen der diese
Lüge schuf Er dachte grade in diesem Misverhältniss von Zweck und Mittel von
Absicht und Einsicht bewege sich die ganze Zeit und das Jahrhundert und still
trug er die Rolle die ihm gleichsam eine andre Ordnung des Weltenplanes
auferlegt hatte still arbeitete er auf eine innere geistige Ausgleichung des
Ungleichartigscheinenden und doch sich Angehörenden hin Feierlich bewegt war er
an die Aufgabe gegangen jener höheren unsichtbaren moralischen Weltordnung zu
dienen indem er für Egon väterlich handelte Ja er dachte sich So wirkt ja
die Gottheit ganz still und unsichtbar für sich nach ihrem Plan und verkehrt die
Pläne der Menschen und was sollte kommen wenn die wahre gesellschaftliche
Religion nicht eben die wäre dass das Reich des Guten und Schönen dem Walten der
Materie und der Leidenschaft immer entgegen arbeitete und sich schon auf Erden
eine Harmonie erzeugte die dem einst brechenden Auge wie ein Regenbogen des
Friedens erscheinen dem nicht mehr Irdisches hörenden Ohre wie Sphärenklang
ertönen wird Ach und da nun von der Materie gestört zu werden da nun hören zu
müssen Du wirst aus diesem stillen Zusammenhang deiner höheren Pflichten
gerissen wirst die Werke der Liebe aufgeben müssen Es tat ihm so weh füllte
sein Herz so mit Trauer so dass Franziska Heunisch jetzt die Pflegerin seines
Hauses Sorge um den Edlen tragen musste und der Tochter gern sie ausgesprochen
hätte wenn diese nicht selbst des Kummers genug hätte zu tragen gehabt
Nun kam nach einem neuen herben Winter die dreifache Botschaft Egon
verkauft die Herrschaft Dankmar hat das Erbe Dankmar ist entflohen Da hielt
es Rodewald nicht länger Er musste in die Stadt wenn auch nur auf einige Tage
Er wollte Selmas Freude sehen wollte den Versuch wagen den Fürsten zu
sprechen ihn über sein wahres Interesse aufzuklären Frohbewegt war Alles in
Tempelheide nur den Greis hätte er gewünscht muntrer anzutreffen er kränkelte
seit der letzten Loge und schien bedenklich der Auflösung nahe auch über
Dankmars Verlust den nicht aufgefundenen Schrein war man in erklärlichster
Sorge trotzdem dass Dankmar selbst geschrieben hatte Ihn hätte ein edles
Mädchen Louise Eisold versichert dass er in Hackert Vertrauen setzen dürfte
doch wollte er zu Egon gehen wollte den beklemmendsten Schritt seines
Lebens wagen wollte dem Manne ins Auge blicken den er fast hasste ob er
gleich so mahnend berufen war ihn zu lieben
Rodewald hatte sich in der bekannten ehrerbietigen Aufwartungstracht
gekleidet war an der Pforte des Palais gewesen der Fürst hieß es ist
nicht anwesend ist ausgefahren er hatte sich nicht nennen mögen aber
nach Tisch hieß es um fünf Uhr dann wäre eine gelegene Stunde
Er benutzte die Zwischenzeit in dem wilden Volksgewühl der Brandgasse
Friedrich Zeck aufzusuchen Er fand ihn leicht wieder heraus aus diesen Winkeln
und Gassen denn Jeder kannte den Alten mit der schwarzen Binde Jeder zog vor
ihm den Hut Jeder fand Gehör wenn er sich dem stillwirkenden Freund der Armen
nahte
Rodewald fand »Murray« in Trauer um das Schicksal seines Sohnes Hackert der
Sohn Paulinens war verschwunden Sein Anteil an der Befreiung Dankmars zeigte
sich dunkel aber unwiderleglich Der Einzige der den sichersten Ausweis hätte
geben können Danebrand lebte nicht mehr Ein Schuss der Patrouille hatte ein
Leben voll Aufopferung geendet Man zog als Licht kam den Getroffenen aus der
Bresche und fand von der besten edelsten gutmütigsten und treusten Seele der
Welt nur einen Leichnam
Rodewald entsann sich von der Willingschen Fabrik des großen
ungetümgeformten Arbeiters der damals in Verdacht kam sein Portefeuille
genommen zu haben und sogleich gerechtfertigt wurde Er stand für eines solchen
Menschen beste Absicht und verbürgte nun fast auch Hackerts redlichen Anteil
Dann ist mir aber meines Sohnes Verschwinden rätselhaft erwiderte Zeck
Niemand weiß für sicher dass er mit jener Flucht zusammenhing ich ahnte es nur
und von Ihnen erst hör ich dass jenes Mädchen das ihn zu diesem Abenteuer
veranlasst zu haben scheint den Namen Hackerts in Verbindung mit Dankmars
Befreiung nennt Verdacht ist genug ausgesprochen worden Pax war hier Alle
Welt ist befremdet über Hackerts Verschwinden Man will auch einige Kennzeichen
seines Anteils an jener Flucht wohl gefunden haben Man behauptet nur ihm hätte
gelingen können sich mit den Schlüsseln zu versehen ihm nur wäre die List und
Verschlagenheit zuzutrauen sich durch tausend Vorspiegelungen und tollste
Künste in Besitz der einzigen Befreiungsmittel zu setzen Aber der Schrein fuhr
Zeck fort Soll ich wirklich glauben dürfen dass ihn eine vollkommen gute
Absicht bestimmte an seiner Entwendung behilflich zu sein In diesem Falle wo
weilt Paul warum erfährt Wildungen nichts was soll man von dem Allen denken
Rodewald verhieß eine tröstliche Lösung Wäre auch das Zeugnis jenes
Mädchens zweifelhaft von dem er sich damals auf dem Fortunaball überzeugt
hätte mit welcher Leidenschaft sie an Hackert hinge der Keim des Besseren
schiene doch durch den Vater in Ihm aufgegangen und nun erzählte dieser von
der Vergangenheit und half Rodewald über die Stimmungen hinweg die allzu
stürmisch auch in ihm wogten und wallten
Zuletzt dem Schicksal Dankmars sich wieder zuwendend sagte Rodewald
Es nimmt mich Wunder schon Kämmereischeine der von Ihnen gefertigten Art im
Verkehr zu sehen
Sie waren von Dankmar ausgegeben für persönliche Zwecke sagte Zeck Tausend
Taler für die Armen andre Tausend sind persönlich bewilligt worden Ohnehin
durfte er nur von drei zu drei Jahren Einhunderttausend in Verkehr bringen
Wenn ein Verbrechen hier stattfände ein Unglücksfall so müsste die
Amortisationsklage zulässig sein
Ich zweifle
Wie Das wäre ja ein entsetzliches Unglück
Man sieht mehr Scheine bereits in Umlauf als Dankmar ausgegeben hat
Falsche
Ächte
So wäre der Schrein in die Hand eines Betrügers gekommen
Murray stand voll Bewegung auf Das furchtbarste Mistrauen in seinen Sohn
überfiel ihn wieder aufs Neue und vor Schmerz rief er
Was ist diese Welt Was ist all unser Mühn und Suchen Oft fühl ich dass
ich mich dem Wahnsinn nähern könnte
Nein nein sprach Rodewald beruhigend Es kann nur jenes Geld in Umlauf
sein das Dankmar selbst verausgabte
Viel viel mehr ist in Umlauf
Und Dankmar besitzt den Schrein nicht Hackert ist verschwunden Danebrand
tot Dankmar weit entflohen Wer löst diesen Zusammenhang Wenn die bösen
Mächte der Regierungsgewalt selbst
Glauben Sie daran nicht Der Schrein ist in die Hände eines Mannes gekommen
der ihn eröffnete und gewissenlos seinen Inhalt verschleudert
Dann muss die Amortisation zulässig sein sagte Rodewald aufspringend die
Papiere müssen augenblicklich entwertet werden Ich wende mich an den Rat der
Stadt
Diese Anzeige wird Ihnen nichts helfen Man wird Sie immer darauf hinweisen
dass mit Verbrechern mit Landesflüchtigen mit Räubern in solchen Dingen keine
Verhandlung möglich wäre die echten Scheine sie mögen kommen woher sie
wollten würden an den Kassen der Stadt in Zahlung angenommen vorausgesehen
dass die unbekannten gegenwärtigen Besitzer die Termine der Emission einhalten
Voll Sorgen über diese neue quälende Erfahrung verließ Rodewald den bangen
Freund ließ sich von Wechslern und Kaufleuten dieselben Worte die eben Murray
gesprochen wiederholen besuchte Oleander der gleichfalls von Dankmar
beruhigende Nachrichten hatte und im Pelikan sich nach dem Fuhrmann Peters hatte
erkundigen sollen dort aber erfuhr dass dieser in Angerode noch weile um ein
dortiges kleines Besitztum zu veräussern In Erörterungen über die Hoffnungen
der Zukunft ging der Vormittag mit Oleandern hin Zu Mittag speiste Rodewald
dann in Tempelheide wo er außer großer Beunruhigung über das zunehmende üble
Befinden des alten Präsidenten mancherlei andre Nachrichten fand Dass er den
Fürsten noch nicht gesprochen befremdete nicht denn Frau von Reichmeier wäre
in Tempelheide gewesen und hätte erklärt der Fürst beeile sich seine
Verhältnisse abzuwickeln es stünde eine große Krisis in der Politik bevor die
ihn vielleicht bestimme ganz abzudanken Von Dankmar waren Briefe gekommen
in denen sich unter Anderem die Stelle befand Über unser Erbe sollten wir
einstweilen noch leidlich beruhigt sein Wir empfingen einige Tausend von
unbekannter Hand aus dem durch den Fall wahrscheinlich gesprungenen Schrein Der
Briefsteller ist ohne Zweifel Hackert Er versichert das ihm anvertraute Gut zu
hüten soweit es seine Wunden zuliessen denn dass der Schrein nicht ganz in
Trümmer gegangen wäre hätte man seiner Schulter zu verdanken die nur noch
wenige Stunden lang Kraft genug behalten hätte das Äußerste zu wagen Man
möchte Geduld haben er hätte die Loosung bekommen Zum Tempelstein und vor
Louise Eisold würde er den Fund niederlegen vielleicht zu ihrem Hochzeittage
mit Mangold da Danebrand ja hätte »dran glauben« müssen
Beruhigt durch diese wie Dankmar erzählte selbst von einem Verwundeten
noch schön geschriebene aus einem kleinen Provinzstädtchen gekommene Botschaft
wo man unter der Hand fruchtlose Nachforschungen angestellt hätte machte sich
Rodewald aufs Neue auf den Weg um nun den Fürsten zu sprechen Seine Mittel
reichten nicht aus mit Herrn von Reichmeier in einen Wettkampf zu treten Nur
die Hoffnung trieb ihn den Fürsten ermuntern zu können dass er an der Zukunft
seines Erbes nicht verzweifelte und ihn in einer Lage einem Berufe walten
ließe den er nun einmal fern vom Treiben der Städte als den letzten ihm
zukommenden hätte erkennen wollen Rodewald versprach sogleich
zurückzukehren und in dem leichtmöglichen Falle dass der greise Präsident in
Annas pflegenden Armen ausatme mit den in Eile gerufenen Ärzten männlichen
Beistand zu leisten
Es war fünf Uhr Ein heißer Junitag Im Park hinter dem Palais des Fürsten
Egon säuselte ein kühlender Luftzug in den Ulmen und Linden die grade ihre
duftigen Blüten entfalteten Der spät sich belaubende Ahorn die vor der Blüte
dünn beblätterten Akazien bildeten den Übergang aus den dichtern Baumpartien in
die jetzt gepflegtere Ordnung des Gartens wo Rosen und Nelken mit üppigster
Farbenpracht grade im Beginn des schönen Blütentraumes waren der den edelsten
Pflanzen nur zu kurz gestattet ist
Egon und die Fürstin wandelten im Garten Nach Tisch pflegten die guten
Geister ihm näher zu sein als seine schlimmen Nicht dass er mit Menenius bei
Shakspeare zu reden bei »vollem Magen mehr Milde und Erbarmen hatte als bei
leerem« aber die Fürstin kredenzte ihm von den südlichen Weinen die er liebte
er wurde gesprächiger angeregter bedürftiger der Zärtlichkeit die uns
nachgiebig macht auch in anderen Dingen als nur den tändelnden
Egon stocherte sich die Zähne setzte sich auf jene Bank auf der er einst
ausgeruht hatte als er von seiner Krankheit genas und er die Briefe von Helene
dAzimont nicht mehr lesen mochte Das Kissen das ihm damals Louis Armand
ausbreitete legten auf die steinerne Bank jetzt zwei Bediente die sich in
gemessener Entfernung hielten
Die Fürstin war in guter Laune denn Egon schien es zu sein Er lobte die
Blumen die Luft die Speisen die Käfer die Weine die Kissen Alles
durcheinander er der sonst so wenig lobte Alles tadelte Alles gebessert
wünschte
Ob seine Freude eine wahre oder nur eine erkünstelte war kümmerte die
Fürstin nicht Sie erzählte in ihrer alten Art Komisches und Spöttisches
durcheinander Eins drolliger als das Andre und schien dabei sorglos so blau
und wolkenleer wie der Himmel über ihnen Hatte sie doch kürzlich erst ein
großes Leid glücklich überstanden eines Morgens war bei ihr angefragt
worden ob sie nichts vom Vater wisse Der Justizrat hieß es zu ihrem
tödtlichsten Schrecken müsse in der Nacht die Komturei allein verlassen haben
wäre nirgends zu finden hätte vielleicht ein Unglück erlebt Der Schrei
ihrer Angst erstickte in der schaudernden Gewissheit dass sich der Vater
vielleicht ein Leids angetan hätte die Mutter zu der sie flog war starr und
stumm der Vater hieß es hat eine Zahlung zu machen er wird sich den
Tod gegeben haben Doch bald klingelte es am Hause und der Vater kam heiterer
denn je wohlgemut aufgelegt sprach von dem Sonnenaufgang den er hätte im
Walde an der Jägerei an dem bekannten Eierhäuschen beobachten wollen leistete
die Zahlung aus Mitteln über die in der Freude der Erlösung von einer
schrecklichen Vorstellung Niemand grübelte es war dies sonderbarer Weise
derselbe Tag an welchem man Dankmars Flucht und den Raub des Schreins erfuhr
Genug Melanie forschte nicht sie lebte dem Augenblick und suchte Egon zu
erheitern wo sie nur konnte Abgegebene Visitenkarten veranlassten sie zu
folgendem komischen Bericht
Seit Frau von Trompetta den Hof in Tempelheide versäumt hat verliert die
Gute um so mehr ihr Gleichgewicht als ihre Formen sich immer mehr denen eines
weiblichen Falstaff nähern Aus allen Kämpfen die uns seither bewegten ist
auch sie nicht ohne ihren Kummer hervorgegangen aber das öffentliche und das
eigne Leid bekamen ihr so wohl dass ihr gegen die Blutfülle nichts als Kissingen
übrig bleibt In der Ideenwelt scheint sie sich erschöpft zu haben Das
Kanonenboot ist gescheitert wie die deutsche Flotte und von den Künstlern und
Dichtern die für ihre eigne Existenz zu sorgen haben ist gratis jetzt nichts
mehr herauszubekommen Die Zeit der freiwilligen Albums ist vorüber Auch ihre
Stimme hat bei dem Embonpoint gelitten Dennoch wagt sie jetzt den letzten
Versuch die Liebe des Hofes zu attakiren Sie hat gehört dass die Gräfin
Altenwyl äußerte Die Königin fände es auffallend dass soviel hochgestellte
Damen sich um die Neuerung der sogenannten Kindergärten kümmerten ob sie denn
nicht wüssten dass diese Kindergärten zu der innern Mission der Demokratie
gehörten Wenn die edlen Damen Etwas für die Kinder tun wollten so sollten sie
sich an den Krippen oder sogenannten Crêches beteiligen Niemand war von dieser
Äußerung betroffener als Frau von Reichmeier der sie hinterbracht wurde in
einem Augenblick wo sie eben für die Kindergärten eine Sammlung zur Anschaffung
von dem darin üblichen GedankenSpielzeug eröffnen wollte Die ärmste
Millionärin hatte sich in der Wahl des Mittels um die Gunst des Hofes zu
gewinnen so entsetzlich vergriffen Nun entwand sie sich sogleich feurigst den
Armen der Demokratie fuhr zu Frau von Trompetta und hinterbrachte ihr das Wort
der Altenwyl Jetzt haben es Beide höchst entusiastisch mit den Milchfläschchen
für Säuglinge und mit den Krippen Gelbsattel ist dabei auch gewonnen worden
alle frommen Geistlichen die Mäuseburg die Fürstin von SeinHabenWerden
Alle Alle wollen sie jetzt die kleinen Milchfläschchen füllen und Krippen
bauen Der Anblick der Trompetta und der Reichmeier unter den Windeln der
Creches soll höchst tragikomisch sein Die Königin hat sämtliche Creches unter
ihre Protektion genommen und der katholische Heiligenschein um die Köpfe der
vornehmen Damen nimmt in der Tat so zu dass ich mir manchmal wie eine Heidin
vorkomme und nicht mehr weiß an was man nun eigentlich jetzt noch recht glauben
soll
Egon lächelte zu dem Humor der Fürstin die nie verlegen war ihn zu
erheitern aufzurichten in seiner öden Vereinsamung zu trösten
Ich sehe sagte er dass meines Sylvester Rafflard Wirken für den deutschen
Norden nun doch von bestem Erfolg gewesen ist Die Intrigue gegen Helene war
nicht seine einzige Aufgabe Er hat überall schlau die Leerheit und Abspannung
der Gemüter hier benutzt um ihnen die Panacee des römischen Glaubens
anzubieten Wir bauen schon Kirchen für Rom wir werden binnen wenigen Jahren
hier einen römischen Bischof haben und das Frohnleichnamsfest öffentlich feiern
sehen unter dem Schutze von Militär und Gendarmen Die Krankenpflege erzeugt
Institutionen von denen man nicht mehr recht weiß wurzeln sie noch in Luther
oder schon wieder in Rom Man sieht Schwestern mit wunderlichen Kopftrachten
durch die Straßen gehen als wäre man im tiefsten Süden Man zeigt dem Volke die
Uneigennützigkeit der katholischen Kirche in der Heil Schul und Seelsorge
Die Kunst entschieden die Literatur allmälig seh ich schon hinneigen wieder zu
einer gewissen unreellen Auffassung des Lebens wie in der alten romantischen
Epoche Die Damen lesen nur Süssliches Dämmerliches Träumerisches Von dem
offenen Übertritt vieler Gebildeten nicht zu reden
Die Fürstin verstand warum sich Egon unterbrach Er dachte hier an Helene
dAzimont die den neuesten Nachrichten zufolge nach Paris zurückgekehrt war
dort ihren Gatten sterbend gefunden ihn begraben hatte und nun auch zur
katholischen Kirche übergetreten war Man hatte erfahren dass sie sogar mit der
alten Mutter Desirés sich ausgesöhnt hatte auf dem Quai dOrsay
gemeinschaftlich mit ihr betete und in NotreDame während Rafflard vor den
Türen stände und mit den Shawls auf Beide an der Equipage wartete in der
MagdalenenKapelle mit zerknirschten Reuetränen oft hörbar schluchze
Heinrichson war Helenen nicht treu geblieben Eine millionenreiche Engländerin
die für eine Malerin gelten wollte hatte ihn geheiratet Helene war um den
Glauben an sich und die Welt gekommen Das grausame Gedicht des sonst so
weichen Oleander hatte auch sein gut Teil Schuld daran dass Helene für alle
ihre Schmerzen auf eine letzte Abhülfe dachte und sich vor Egon vor Olga ihrer
Schwester Adele vor Rudhard gleichsam einen Panzer und Harnisch des neuen
Lebens umschnallte der ihr zugleich erlaubte über alles Vergangene wenigstens
scheinbar eine souveräne Verachtung auszusprechen
O diese bemitleidenswerte Haltlosigkeit der weiblichen Seele rief jetzt
Egon kopfschüttelnd aus Wenn die Klänge der Orgel brausend strömen die Klingel
des Hochamts ertönt der Priester im gestickten Kleide die Ränder des Altars
küsst fühlen diese Frauen wohl eine Linderung ihrer Qual ihres heißen Durstes
nach Wahrheit oder Schönheit Ich glaube nicht Ich glaube dass Helene im
katholischen Glauben nur dieselbe Anregung findet die Pauline von Harder bei
uns in meiner Politik fand Dieser katholische Glaube besteht nicht aus der
Messe der Beichte und dem Rosenkranz allein Es ist eine so merkwürdig
unterhaltende Institution wenn man in ihr inneres Getriebe treten darf und die
reichste ja leidenschaftlichste Erregung für jeden übrigen LebensAugenblick
gewinnt auch außer der Gottesandacht Kann etwas lebensvoller organisirt sein
als das Ziel und Streben der katholischen Kirche Ist sie nicht mit rüstigem
Mute wieder in den Wettkampf mit der Zeit getreten hat sich an allen Vorgängen
der Staaten der Kultur der Kunst ja selbst der Wissenschaft um so mehr
beteiligt als wir für uns überall auf diesem Gebiete nur Niederlagen sehen
Das Palais eines Erzbischofs ist jetzt wie das eines Ministers Boten gehen und
kommen Über Alles wird berichtet für Alles ein Votum abgegeben und die
Fürsten die schon ihren nahen Untergang vor Augen erblicken klammern sich an
diesen Einfluss mit tiefster Unterwerfung fördern ihn folgen ihm selbst wenn
sie nicht zur katholischen Kirche gehören In diesem Kirchenleben herrscht ein
ewiges Kommen und Gehen eine stete Anregung auch durch Männer die den großen
Vorteil bieten dass ihnen häusliche und Familienbeziehungen nicht auf den
Fersen folgen Nie klappen diese Menschen gleichsam in ihren Hauspantoffeln nie
hört man von ihnen eine Berufung auf ihre Lebensstellung auf das Loos von Weib
und Kind Meine arme Helene vielleicht sucht Gott vielleicht sogar Christus
aber sie wird auch in Ermangelung des rechten Heilandes vorläufig soviel
Apostel finden dass ihr ein neues unterhaltendes Leben aufgehen muss und ihre
liebeglühende in den Extremen lebende Seele nicht Zeit erhält noch an das
Vergangene zu denken Sie ist reich sie wird sich das Leben nach allen
Dichtgattungen tragisch idyllisch gestalten wie sie es bedarf Die
Elastizität ihres Willens die Dehnbarkeit ihres Bedürfnisses wird nie ein Ende
finden Über Gründe Motivirungen wird sie die im Ewignotwendigen lebt nie in
Verlegenheit sein Geb ihr der Himmel die reichsten Züge aus dem Quell des
Vergessens und netze ihre heiße Stirn mit irgend einem Tau und wär es das
Weihwasser des Aberglaubens an den weihrauchduftenden Kirchtüren
Die Fürstin lenkte da Egons Stimme vor wehmütiger Erregung zitterte auf
Pauline ein und berichtete über die Besuche die heute die Geheimrätin schon in
der Frühe gemacht hatte aus Furcht Egon wolle dem Hofe offen nicht versteckt
weichen wolle eine Kabinetskrisis eintreten lassen
Egon aber fuhr ausweichend fort
Dieser tollkühne so liebenswürdige und so gefährliche Dankmar Wildungen
hatte Recht als er mir eines Tages da von dem Übertritt einer berühmten Frau
die Rede war sagte Diese Frau handelte sehr inkonsequent oder sie weiß nicht
dass die Nachtigall ein Männchen ist Überlegte sie dass Gott es so geordnet hat
dass die Männchen im Walde die Herren die Männchen nur schön sind und nur die
Männchen singen wüsste sie dass nur eine ihr sonst so seltene Galanterie der
deutschen Sprache aus dem Sprosser der allein schlägt eine Nachtigall machte
aus der Sonne die in allen Sprachen männlich ist bei uns allein eine Dame und
den überall weiblichen überall abhängigen Mond bei uns zum Herrn zum
Maskulinum so hätte sie in dem konsequenten Streben nach Freiheit und
Frauengrösse eigentlich dem Weltenschöpfer den Handschuh zum Kampfe hinwerfen und
in die Schule der neuen Ateisten gehen müssen Aber von den Regierungen
verfolgt werden mit der Gesellschaft zerfallen von der Aristokratie verdammt
und verketzert werden Das entspricht freilich nicht den Allüren dieser Ästetik
und so wählte sie statt der genialen Malice auf die Weltordnung die eine
charakteristische Konsequenz gewesen wäre eine ihr gar nicht natürliche
demütige Unterordnung statt Byrons den ihr im Stillen höchst langweiligen
Thomas a Kempis statt des unscheinbaren Doktors Feuerbach bei Nürnberg den
freilich pompöseren Papst in Rom
Das Paar stand nun auf Die Fürstin wusste dass sie diese Art von
Erinnerungen wenn Egon fest dabei blieb nicht durch Scherz stören durfte Sie
wusste wie Egon litt unter dem Druck seiner Überzeugungen und Pflichten Er
terrorisirte sich ja selbst und weil sie die Einzige war die seine
Wahrheitsliebe mit schaudernder Verehrung anerkannte so tat es ihm wohl sich
wenn sie ganz stumm war an sie zu schmiegen und sich mit ihr allein im
beruhigten Einverständnis zu fühlen
Pauline sagte er im Gehen Pauline ist grade wie Helene Diese ertrug
nicht dass ich handelte Jene wird nie ertragen dass ich liebe und nur dem Leben
lebe Erst war ich ganz der Sklave des Herzens nun bin ich ganz der Sklave des
Geistes Ich soll mich beugen unter diese kleinen Zirkel Ich soll eine Lüge in
die wenigstens mir erwiesene Wahrheit meines Herzens aufnehmen Ich soll die
Religion die Schule die Wissenschaft einer Richtung überantworten die nicht
die meine ist Und warum Um Minister zu bleiben Um Paulinen nicht von ihrer
Höhe herabzustürzen Ich habe diesen Staat gerettet Ich begab mich in
Gefahren opferte meine Freunde diente der Gesellschaft indem ich die Ruhe
Ordnung den Fleiß die Mäßigung die Ergebung das Vertrauen anbahnte Und
immer die Vorwürfe dass ich die historischen Bedingungen vergässe Grade diese
Monarchie wäre ein Andres als der allgemeine Staat der Vernunft Grade hier
gälte es Alles in den Personen nichts in den Dingen zu suchen Ich ertrug
diesen tollen Widerspruch so lange ich ihn für ungefährlich erklären konnte
Aber jetzt soll ich da diese Fanatiker des Rückganges sich unentbehrlich
gemacht haben und ich auch von den Mittelparteien umgangen bin mir Elemente
aufdrängen lassen die sich mir nur heuchlerisch unterwarfen weil ich Mut
hatte und nur warteten bis ich von ihrem schlingpflanzenartigen Wachstum
umrankt bin und in ihren Umarmungen ersticken muss Ich kenne jetzt den leitenden
Gedanken des Hofes Ich war gut für das Zeitalter der Polizei Zwei Jahre galt
es unterdrücken hemmen ablehnen Jetzt träte die Zeit der Organisationen ein
Es ist die Kontrerevolution der Adligen und der Pietisten denen selbst Voland
zu allgemein und zu phrasenhaft geworden ist Wenn die jetzt erledigten
Ministerien des Kultus und des Auswärtigen in die Hände jener Männer kommen
sollen aus deren Liste ich nicht Einen wählen würde während der Hof nicht
Einen aus der meinen mochte so hab ich meinen Weg vollendet und danke dem
Himmel dass Reichmeiers Vorschlag einer Parzellirung meiner Güter und deren
successiver Verkauf mir möglich macht diese Bahn zu verlassen und Rudhards
Vorschlag meiner Gesundheit wegen mich im südlichen Russland gradezu in der
Krimm oder sonst wo niederzulassen auszuführen
Diese unmutsvoll ausgesprochenen Phantasien wurden von drei Briefen
unterbrochen von denen einer in rötlicher Enveloppe der wichtigste war Briefe
von dieser Farbe kamen vom Hofe
Der Fürst erbrach ihn zuerst Aus dem Kabinet des Königs wurde gemeldet das
Interesse der Dynastie verlange unbedingt die Übergabe der erledigten
Portefeuilles an die Männer der vom Hofe aufgestellten Liste Man sähe um so
weniger Schwierigkeiten als sich ja alle der Präsidentschaft des Fürsten fügen
wollten
Der zweite Brief war von Herrn von Reichmeier der die endliche Möglichkeit
einer großen Verkaufsoperation für die nächsten Tage bestimmt zusicherte
Der dritte endlich war von Paulinen und lautete
»Zweimal war ich bei Ihnen Egon zweimal wollt ich Sie beschwören Opfern
Sie diese entsetzliche Hartnäckigkeit Ich habe Gäste zu Tisch sonst wär ich
selber da um Sie fussfällig zu bitten Richten Sie nicht Alles zu Grunde Sie
zwingen den Hof nicht Die Partei der Königin ist zu sehr erstarkt Sie lehnt
sich an die große östliche europäische Politik und hat das Einverständnis mit
allen Kabinetten im Rücken Sie selbst Egon haben die Verfassung für ein
Konglomerat von Unsinn und Verbrechen erklärt darin ist man mit Ihnen
einverstanden Aber Sie haben hinzugefügt dies Konglomerat drücke für den
Augenblick die Bürgschaft der Ruhe und Ordnung aus man dürfe sie den
Mittelparteien die den Ausschlag gäben nicht entziehen dürfe nicht an ihr
rütteln müsse sie als Popanz regieren lassen um die größeren Güter des
Vertrauens die Rückkehr zu den Gewerben die Verschmelzung der Gehorchenden und
Regierenden dafür zu gewinnen bis die Zeit käme wo die Zungen der Engel oder
die Posaunen des Weltgerichtes wieder einmal mit der Menschheit reden würden
Dies zweideutige Wort ist das stündliche Thema der kleinen Zirkel Man geht so
weit Sie des Einverständnisses mit der Revolution zu bezichtigen Ich beschwöre
Sie Egon lassen Sie diese Hartnäckigkeit Wenn Flottwitz aus P und Trompetta
aus S ins Ministerium kommen so haben wir in der Presse und der Kammer die
Mittel diese uns aufgedrungenen UltraElemente bald genug auszustossen Geben
Sie diese Expropriation Ihres Eigentums auf Sie wollen das Land verlassen Sie
haben idyllische Ideen wie einst Helene dAzimont Sie sind mutlos geworden
Fürst Sie beneiden Ihre alten Freunde um das Glück ihrer Märtyrerschaft Sie
finden die Schicksale dieser Wildungen wunderbar Sie ermatten im Kampfe für
Ihre unendlich wahreren Ideale Soll ich ein Weib Ihnen Kraft und Ausdauer
predigen Egon was ist Ihnen Rodewald Seit dessen Rückkehr sind Sie ein
Schatten sind nicht der Widerschein mehr Ihrer früheren Größe Finden Sie
Rodewald ab Ich biete Ihnen zur Lösung seines Pachtvertrages mein Vermögen
Verweisen Sie ihn auf Grund seiner verlorenen Heimatsrechte auf Grund des
Schutzes den er dem Staatsverbrecher lieh auf Grund des Vorschubes der von
Plessen und Tempelheide aus doch unwiderleglich der Flucht Wildungens geleistet
wurde des Landes Egon haben Sie Mut Vertrauen Nochmals ich biete Ihnen
die Benutzung meiner eignen Mittel Befreien Sie mich von dem Verdachte dass Sie
nicht ertragen können von mir abhängig zu sein «
An dieser Stelle zerriss Egon das Billet warf es zur Erde und würde die mit
dem Fuße getretenen Fetzen aus Zorn unbedacht haben liegen lassen wenn die
Fürstin sie nicht gesammelt und ihm zurückgestellt hätte ohne einen Blick
hineinzuwerfen
Ohne ein weiteres Wort durchschritt Egon den Garten verließ ihn ging über
die kleine Hoftreppe in seine Zimmer Der Diener folgte Die Fürstin hielt
sich zurück treu ihrem Systeme der Nichteinmischung in Dinge für die ihr Lust
und Beruf fehlten
Zwei Worte genügten dem Fürsten um dem Hofe anzuzeigen dass er sich heute
gegen Abend definitiv aussprechen würde
Es stand bei ihm fest Das was er war ganz oder es nicht zu sein
Pauline von Harder hatte Recht seit Rodewalds Rückkehr war Egon ein Tyrann der
Konsequenz das Wort »abhängig sein« von dieser Frau gesprochen wühlte ihm
wie ein Dolch in der Brust
Der Bediente wollte gehen das Billet zu Hofe tragen Noch zögerte er und
meldete
Der Generalpächter Herr Rodewald wünsche Se Durchlaucht zu sprechen
Egon hörte nicht Er war in zu fieberhafter Bewegung
Herr Rodewald
Wer Der Schrecken des vorigen Jahres im Schloss Hohenberg wiederholte
sich erst
Der Bediente sprach die Meldung noch einmal der Wunsch Rodewalds jetzt
vorgelassen zu werden war der dringendste
Die Wirkung dieses Namens auf den Fürsten kennen wir Dasselbe Erblassen
dasselbe Beben wie auf dem Schloss Hohenberg aber die Sammlung war nach
fast einem Jahre der Gewöhnung und Überlegung vorbereiteter Der Fürst fasste
sich winkte und ließ den Generalpächter eintreten
Heinrich Rodewald trat ein
Zwölftes Kapitel
Vater und Sohn
Rodewald hatte in denselben Zimmern gewartet wo er einst von Louis Armand die
frohe Botschaft von dem vermeintlichen Eigner jener Locke empfing die auf
seinem Herzen ruhte er hatte voll Trauer die alabasternen Bildsäulen
betrachtet von deren Anblick er damals gern den Knaben Selmar zurückgehalten
hätte er war bangend über die Teppiche auf und nieder geschritten die
damals jenen dem Justizrate zugeschleuderten »Schurken« in seinem Widerhall
milderten dieselbe Welt und wie verändert durch die Zeit
Wie Rodewald eintreten sollte zu Egon von Hohenberg dem Sohne Amandens
schlug dem Vater das Herz er hätte es hören können wenn nicht sein Ohr betäubt
gewesen wäre Nur unwillkürlich griff er mit der Linken nach der klopfenden
Brust in der Rechten hielt er mit der Ehrerbietung die seiner Stellung
zukam den Hut Er war schwarz gekleidet gab sich von Natur würdevoll und
überragte weit seine Stellung
Egon stand vor ihm mit dem Stern auf der Brust Er hatte in der Frühe
schon einer Repräsentation beigewohnt Er trug diesen Stern jetzt fast
wie eine Waffe
Stumme lautlose Begrüßung
Herr Rodewald begann der Fürst mit einem unwillkürlichen Schauer Er hatte
diese Gestalt diese imponirende Würde diese edle Bildung des Hauptes nicht
erwartet er wollte seinem Tone Barschheit geben er konnte nicht der
leise am Vater schimmernde Silberglanz des Scheitels milderte seinen strengen
Vorsatz
Durchlaucht zu Befehl war Rodewalds fast zitternd vorgetragene
Antwort
Habe Ursache Ihnen sehr dankbar zu sein Ihre Verwaltung verspricht
oder vielmehr Sie leisten schon was Sie versprochen haben
Rodewald gewann an Sicherheit der Unsicherheit des Fürsten gegenüber Dieser
Empfang musste ihn wenn er schon von Egons Herzen eine geringe Meinung hatte
vollends erkälten Wozu diese kurzen abgestossenen Sätze dachte er Soll Das
als Vornehmheit gelten Soll Das Strafe für meine Beziehung zu Dankmar sein
Warum mir diese Unfreundlichkeit An eine Bekanntschaft mit seinen Beziehungen
zur Mutter dachte er nicht Er wusste dass die einzige Verräterin nur Pauline
sein konnte und worin grade ihr Stolz ihre Eifersucht sich gegen Amanda
gesträubt hatte wusste er nicht minder
Die zehn Jahre begann er die mir Ew Durchlaucht anfangs gestattet haben
sind grade nur das Maß der Zeit das ich brauchen würde um Soll und Haben
einigermaßen in Einklang zu bringen Auf Gewinn würde erst nach dieser Frist zu
rechnen sein
So sagte Egon kalt wandte sich zum Fenster und blickte mistrauisch nur mit
halbem Blicke zu dem Sprecher der fortfuhr
Durchlaucht haben aber wie ich von Herrn von Zeisel höre über Ihre
Besitzungen einen andern Entschluss gefasst
Egon hörte kaum Er dachte nur an das Wort Paulinens in dem zerrissenen
Brief Man verweist Rodewald des Landes Er prüfte und forschte Er wollte in
die Stimmung zurück die ihn einst veranlasst hatte auszurufen Du bist von
Fallstricken umgeben man wühlt in deinen gefährlichsten Geheimnissen Was will
dieser Mensch Warum kommt er zurück Was drängt er sich in deine Nähe
Und nun stand der Gefürchtete vor ihm So ruhig so ernst so würdevoll
Ja sein scharfes Auge entdeckte den Wehmutsschleier über Rodewalds Augen und
nur darin noch fühlte er seine Kraft sich sammeln dass er dachte Sollte er
wagen dir vertraulich zu tun Wäre Dies so hätte ihm ein Gedanke kommen
können der nicht viel anders gelautet hätte als Du könntest ihn erwürgen
Rodewald fuhr fort
Durchlaucht werden als Staatsmann wissen dass in keinem Dinge eine
plötzliche Reform möglich ist Die Güter sind vernachlässigt überschuldet aber
ihr Ertrag ist noch nicht zu ermessen Die Bodenkraft scheint größer als man
voraussetzte Ich fand keine gute Haushaltung und ich bringe noch mehr als
ehrlichen Willen ich bringe Kenntnisse und Erfahrungen die sich bewähren
dürften
Sie haben Auslagen gehabt sagte der Fürst ich weiß Sie haben Maschinen
bauen lassen und die Gebäude die Sie errichteten ich sah sie selbst mit
Vergnügen sie werden den gegenwärtigen Kaufpreis nur erhöhen Sie werden
schadlos gehalten werden
Ein Verkauf dem man eine gerichtliche Notwendigkeit zu Grunde legt hebt
mein Pachtverhältniss auf
Sie arrangieren sich vielleicht mit Herrn von Reichmeier
Ich glaube nicht Die Landwirtschaft ist so sehr meine Leidenschaft nicht
Es müssen sich die Verhältnisse schon ganz besonders nach meinem Wunsche
gestalten wenn ich mir als Ökonom gefallen soll
Egon der fast nur zum Fenster hinaussah biss sich auf die Lippen Es lag in
diesen Worten Das was er fürchtete der Schein von Vertraulichkeit des ihm
unheimlichen Mannes und doch war die Betonung nicht auf ihn gerichtet sie war
streng ohne Weichlichkeit ohne Zutunlichkeit sie ging ins Allgemeine
Der Überschuss fuhr Rodewald fort der Überschuss der Aktiva wenn die
Passiva getilgt sein werden kann nicht so groß sein dass der Wert einer
dauernden Zukunftshoffnung aufgehoben würde Übereilen Sie diesen Entschluss
nicht Durchlaucht
Egon brachte jetzt polternd eine Menge von Gründen vor die in diesen Tagen
gegen den Besitz von Ländereien sprächen Es waren darunter sogar welche aus der
Zeit und dem Regierungssysteme hergenommen sodass Rodewald lächelnd einfiel
Durchlaucht werden bei einer solchen Motivirung dem Besitzadel das Signal
eines allgemeinen Sauve qui peut geben Was bliebe von dem Grundbau des
Staatsgebäudes übrig wenn diese Abneigung sich mehrte
Es würden neue Arbeitsquellen geschaffen sprach der Fürst jetzt rascher es
kämen die Käufer in die Notwendigkeit den Boden zu mehr als nur zur
Unterstützung einer geselligen Repräsentation zu benutzen Die großen
Güterkomplexe sind eine mittelalterliche Idee die ich bekämpfe Je mehr wahre
Arbeit durch die Parzellirung erzielt wird desto mehr beschäftigte Hände und
zufriedene Köpfe Ich hatte früher auch die Professorengrillen vom Adel dem
ungeteilten Güterbesitz den englischen Spleen von Majoraten Ich habe mich auf
der Tribüne und im Büreau überzeugt wohin wir mit dieser Reform vom Adel
kommen Es ist besser der Adel vermittelt seine Kräfte mit denen der modernen
Arbeit und Grund und Boden wird etwas Beweglicheres als bisher
Gern hätte Rodewald vielleicht erwidert Und ist die Liebe zu dem
väterlichen Boden nicht auch ein Bindemittel der Ordnung Ist die pflegende und
hütende Pietät nicht in deinem Staate unterzubringen Aber in der
Notwendigkeit zurückhalten zu müssen vermied er Erörterungen wie diese die
wohl seinen alten romantischen Doktrinen entsprochen hätten So kam er nur auf
das Wort zurück das er schon gesagt hatte Er würde sich mit einem Käufer des
Ganzen oder Einzelnen nicht einigen
Der Fürst wandte sich und wagte die halb lächelnden halb verweisend ernst
vorgetragenen Worte
Das klingt ja fast als sollte ich allein nur die Ehre haben der
Auserwählte Ihres Fleißes zu sein
Rodewald verwand diese böse Rede mit Schmerz Er hätte erwidern können
Allerdings Ich kannte Ihre Mutter schätzte sie er tat es nicht er
versuchte auf dem geschäftlichen Standpunkte stehen zu bleiben
Eine Zerstückelung sagte er hebt meine Hoffnungen auf Wenn ich durch den
Gewinn des Waldes nicht decke was ich an der Sterilität des Feldes verliere
wenn nicht eine Lokalität der andern in die Hände arbeitet ergibt sich kein
großes Resultat Für ein kleines hab ich bereits zu bedeutende Anstrengungen
gemacht Durchlaucht erklären dass ich entschädigt werde Ihr Entschluss steht
fest So hab ich nichts weiter zu sagen
Und schon wollte Rodewald tief erkältet durchfröstelt bis ins innerste
Herz sich zum Gehen wenden
Da sagte Egon überrascht von dieser Entschiedenheit und durch die
Abwesenheit aller weitern Wünsche des ihm so nahestehenden Mannes fast beschämt
Bleiben Sie doch noch Gefällt es Ihnen denn in Europa wieder Sie waren
viele Jahre in Amerika
Fast dreißig Jahre
Sie haben eine liebenswürdige Tochter zurückgebracht eine Enkelin der Frau
von Harder
Rodewald schwieg Aber was er dachte war der Wunsch Wüsstest du was ich
gelitten als ich glaubte du wärest diesem Kinde deiner Schwester nicht
fremd diesem geliebten Kinde das ich mein nennen darf vor der Welt und an
dessen Leben sich keine Reue knüpft
Sie haben die Aussicht einen sehr reichen Schwiegersohn zu gewinnen
Dankmar Wildungen fuhr Egon fort hatte sein Aufenthalt bei Ihnen keine
gerichtlichen Folgen für Sie
Wir haben strenge Gesetze für die Hehler von Dieben und Mördern sagte
Rodewald Die waren hier nicht anwendbar Im Übrigen stand Dankmar Wildungen im
Begriff sein Verhältnis zu meiner Verwaltung aufzugeben zuletzt bin ich
sein Oheim
Ich habe einige Monate lang mit diesem Brüderpaar einen vertrauten
geselligen und sehr wohltuenden Verkehr unterhalten begann Egon jetzt etwas
sich erwärmend Den Jüngsten lernt ich in einer Zeit kennen wo ich der
Freundschaft bedurfte um nicht unterzugehen Ich habe die Idealität seines
Strebens immer getadelt aber im Übrigen seinen Charakter seine Diskretion
seine vortreffliche Haltung in jedem Lebensverhältnisse anerkannt Mein Leben
war abenteuerlich Manches lernt ich aus Büchern das Meiste aus dem Leben
Ich bin streng gewesen gegen die früheren Freunde weil ich an derselben Grenze
unsrer Beobachtungen mit ihnen stand und sie mir doch immer einräumten dass wir
etwas ins Volk hineintragen was nicht in ihm lebt Ich liebe das Volk ich bin
kein Staatsmann der Studierstube der Antichambres ich schmeichle Niemanden
Ich schmeichle aber auch dem Volke nicht Ich kenne die gefährlichsten Feinde
der Gesellschaft es sind die Lüge und die Trägheit Früher sprach ich Das in
Scherzen aus Oft genug mit den Wildungen und mit einem gewissen Louis Armand
Lieber Himmel wir führten das wolkenloseste Leben wir waren glücklich wenn
unsre Scherze nicht weiter reichten als der Dampf der Zigarre die wir rauchten
Was kommt auf den Zwiespalt der Teorieen an wenn man in der schönen Natur
lebt wenn man von Pferden von schönen Frauen von Geist und Poesie im
Allgemeinen spricht Ich würze gern an der Tafel meinen Appetit mit guter
Unterhaltung und immer die gleichen Meinungen das gibt keine gute Unterhaltung
Also ich liebte diese Wildungen Und Louis Armand O mein Gott was hab ich die
Freunde gewarnt und gebeten was ihn und die Brüder an die mir schmerzlichen
neuen Pflichten erinnert aber wenn es einmal zu einer Entscheidung kommen
soll wenn man durch den Zufall in eine Position gestellt wird wo es ganz
unermesslich heilige Zwecke zu verwalten gibt dann bleibt nichts Andres übrig
als es zu machen wie die Helden im Homer Man prallt mit Schild und Speer an
dieselben Heroen denen man vor der Schlacht über ihre Noblesse ihre Armatur
ihre gute Haltung ihre Genealogie die anständigsten Komplimente gemacht hat
Es lag in diesen rasch herausgepolterten Worten so viel Natürlichkeit dass
Rodewald unwillkürlich lächeln und an ihnen eine Art Gefallen finden musste
Ich habe die Halbheit nie leiden können fuhr Egon fort Ich lebte in Genf
als junger Mensch cribblé de dettes von Schulden fast aufgefressen Ich hatte
es satt unter solchen Verhältnissen mich zu kompromittiren Ich trieb nicht
Romantik sondern es war mein bitterer Ernst als ich in die Verborgenheit
flüchtete und lieber verschollen sein wollte als unter elenden Bedingungen
einen großen Namen tragen Ich habe in der Politik immer dieselbe Loosung
gehabt Koalitionen und Fusionen wie diese Quacksalberei der neueren
Staatsweisheit heißt sind mir zuwider Ich wollte einen Staat der Pflichten
aufbauen Einen Staat der Arbeit nach jeder Richtung hin Ich habe Das Ihrem
Neffen hundertmal gesagt Dankmar hat meine Theorie bestritten und mir nur
negative Dinge angeraten Man kann nicht regieren mit Negationen Luftige
Utopismen sind in den meisten Fällen Gelegenheiten zur Ausbeute für die
Charlatane Ihre Neffen haben das horrible Phantasma eines Bundes aufgestellt
der von den Gerichten wie eine Verschwörung aufgefasst worden ist Ich weiß sehr
wohl was er will und was er den Gerichten verschwieg Ich sah die ersten Keime
dieser Gedanken in ihm aufblühen Hier hier an diesen Tisch da an jenen
Thomas a Kempis knüpften wir unsre ersten Gedankengänge an von denen ich nicht
ahnte dass sie ihn so in die Region der Lüfte führen würden Es ist wahr es ist
Alles geschehen um ihn in seinem Idealismus zu ermutigen Er hat durch zähe
Beharrlichkeit einen Prozess gewonnen der ihm eine wunderbar glänzende Zukunft
verspricht
Sie wissen unterbrach Rodewald diese aufwallende Mitteilungslust Sie
wissen dass dies unglaubliche Glück so gut wie verronnen ist
Man sagt der Bund hätte die Flucht befördert die ein Teilnehmer mit dem
Leben büsste Aber die Scheine werden doch ausgegeben werden doch von den
westlichen Provinzen her verbreitet ich versichre Sie die Mitglieder des
Bundes sind ohne Sorge um diese Errungenschaft die ja wie bekannt ist nicht
einmal den Brüdern allein sondern der großen Chimäre von der neuen Templerei
allein zu Gute kommen soll Können Sie denn eine solche Verwendung billigen
Was sagt Fräulein Selma dazu Und Olga Wäsämskoi die Ihnen diese schlimme
kleine Intriguantin die Ehre verschaffen wird eine Fürstin zur Nichte zu
haben
Egon konnte so nicht weiter bei jeder neuen Tatsache trat er wie auf
Fussangeln und dabei diese ruhige Aufmerksamkeit des würdigen Mannes der nur
hörend vor ihm stand dies leuchtende Feuer das in Rodewalds Augen zuckte
dies sichtliche Behagen in der Annäherung an Egons menschlichere Regungen
er musste sich selbst unterbrechen und ließ Rodewald ruhig gewähren als dieser
sagte
Ich freue mich des warmen Anteils den Durchlaucht noch an den persönlichen
Schicksalen geringerer Menschen nehmen In dem Bunde der Ritter vom Geiste und
was mit ihm zusammenhängt liegt nicht die größte Gefahr unsrer Zeit
Verkleinern will ich die Bedeutung dieses Bundes nicht Ich glaube dass es
schwierig ist die Tatsachen der Gegenwart so zu verwalten wie sie sind und
dabei den Geist gegen sich zu haben Dieser Geist Durchlaucht ist keine
doktrinäre Wahrheit etwa irgend eine neue Philosophie sondern nur das Gefühl
der furchtbarsten Entmutigung die plötzlich Jeden doch in seinem Wirken
überfallen muss wenn ihm Etwas sagt Du irrst dich die Geschichte hat zu allen
Zeiten etwas Andres gegeben als was selbst Die die dem Neuen am nächsten
standen ahnten Und Jeden schreckt so diese Vorstellung den Geist gegen sich
zu haben zusammen Selbst den Nüchternsten den Erbärmlichsten der
Sinnenmenschen den Reaktionär aus Existenzinteresse überkommt die Vorstellung
dass der Geist gegen ihn wäre wenn auch nur unter der Vorstellung Wenn ich tot
bin mag kommen was da will aber so lange ich lebe soll Das und Das usw
und überall in alle Karten die gemischt werden sollen in alle lauten in alle
geflüsterten Gespräche mischt sich dieser rätselhafte Dritte dieser große
Unbekannte der hineinsieht in Jedes und immer das Gegenteil von Dem lehrt was
grade begonnen und betrieben werden soll Daher diese Schwankungen Die Pole sah
noch Niemand aber die Magnetnadel die zittert die fühlt die Pole Auch Sie
Durchlaucht werden Verbindungen eingehen die Ihrer Natur nicht gleichartig
sind auch Sie werden um Alle für sich zu haben den Kreis Ihrer Teorieen
erweitern müssen und wenn das Gerücht wahr spricht
Nimmermehr Nein nein unterbrach Egon und übertönte durch die Heftigkeit
dieser Ablehnung ein Geräusch wie von einer nebenan geöffneten Tür die
Rodewald hörte aber nicht Egon Nimmermehr Ich weiß was Sie sagen wollen
Dies Herrschen um jeden Preis hass ich Sie kommen aus Amerika Ich sage Ihnen
dies Herrschenwollen um jeden Preis wird bei uns vielleicht noch einst die
Monarchie stürzen Wir werden natürlich von der Republik immer wieder zur
Monarchie zurückkehren bis sie durch dies Herrschenwollen um jeden Preis nach
Jahrhunderten doch unmöglich sein wird und sich eine Staatsform gebildet hat
die jetzt noch Niemand begreift
Denken Sie Das Fürst sagte Rodewald erstaunend so gehören Sie zu den
Rittern vom Geiste und jener geheimnisvolle Dritte ist auch bei Ihnen und Ihren
Gedanken gegenwärtig Es ist uns Allen als trügen wir ein großes Geheimnis in
uns das wir nur noch auszusprechen nicht wagen und das mit unsrer Generation
noch vorläufig in die Erde geht
Egon blickte auf denn er erschrak Diese Worte schienen absichtlich aber
sie waren es so wenig dass Rodewald vielmehr aufhorchend sagte
Durchlaucht werden gestört Ich gehe
Nein nein sagte Egon wir sind allein
Es entwaffnete ihn dass Rodewald sein eigener Vater vor Gott vor der Welt
von einem Geheimnisse sprach das man zu Grabe trage und ruhig von dannen gehen
wollte indem er sich ernst und bescheiden vor ihm dem Höhergestellten noch
seinem Herrn verbeugte Es überflog ihn eine Ahnung von Dem was diesen Mann
bewogen haben konnte sich seines irdischen Looses anzunehmen und nochmals
wiederholte er
Bleiben Sie doch Was Sie von meiner Geneigteit zu Koalitionen gehört
haben ist falsch Wenn ich mich meiner Güter entledigen wollte so war es nur
um mich frei zu machen und dann für immer dieses Land zu verlassen
Aber sagte Rodewald angezogen von diesen wärmeren Worten wenn Sie sich
selbst bewahren wollen Fürst wenn Sie das Ideal von Politik das Sie im Herzen
tragen es ist nicht das meine nicht entweihen wollen durch Vermischung mit
Fremdartigem das Sie hassen warum können Sie auch so nicht frei von dannen
gehen Lassen Sie Ihr Erbe einem Mann zurück der es Ihnen erhalten wird Sind
Sie von meinem uneigennützigen Willen denn nicht überzeugt
Es lag in diesen Worten eine so schmelzende Überredung dass Egon einen
längeren Blick auf den Sprecher richtete einen fragenden fast flehenden als
sollte sein ganzes Dasein ihm sagen Was willst du mir denn du wunderbarer
Mann
Das Schweigen das einen Augenblick eintrat erschütterte Niemanden mehr als
die Person die in der Tat im Nebenzimmer stand und von Rodewald gehört worden
war Es war Pauline von Harder Zu heftig gefoltert von ihrer Unruhe über Egons
Entschluss benutzte sie ihr Vorrecht im Palais Hohenberg jede Tür für eine
offene zu halten überall einzutretten den Fürsten in seinen entlegensten
Arbeitskabinetten ohne Anmeldung zu überraschen Die Diener hatten ihr gesagt
wer beim Fürsten war Sie schrak zusammen als sie den ihr einst so teuren
jetzt im Gewühl der Welt die sie umtobte ihr gleichgültig gewordenen Namen
erfuhr Dennoch hätte sie aus Neugier Rodewald erblicken mögen hätte sehen
mögen wie er wohl geworden durch die Zeit wie der Fürst den Verräter an ihrem
Herzen wohl aufnahm wie Vater und Sohn sich wohl begegneten Sie öffnete das
Vorzimmer Sie hörte Egons laute gellende an Wohlklang täglich einbüssende
Stimme Sie kannte diese reizbare Sprache sie wusste sogleich dass er in
Erörterungen begriffen war die sich auf seinen Entschluss bezogen das
Ministerium niederzulegen Ihr wäre mit diesem Schritte die schmerzlichste
Erfahrung ja eine Niederlage bereitet worden von der sie sich in diesem Leben
nicht wieder erholen konnte In die elende kleine Teaterwelt ihres Gatten
einzutreten da zu intriguiren da Fäden zu lenken Welch ein Abfall von der
Rolle die sie jetzt unter den Parteien in der Presse im Ministerium in der
Welt spielte Nein Nachgeben akkommodiren Das ist unerlässlich sprach sie vor
sich hin und lauschte auf Rodewalds Worte auf Egons Erwiderungen
Die Wendung des Gespräches hatte eine mildere Tonlage angeschlagen Es
traten Pausen ein Man sprach leiser Egon hatte etwas in der Stimme wie
Kleinmut Rodewald etwas wie zutraulich Ratendes Tröstendes Man schien sich
zu nähern sich besser zu prüfen Sie begriff nicht welchen Vorteil sie von
einem offenen Austausch der beiderseitigen Geheimnisse ziehen sollte aber so
viel hörte sie dass Egon wie ein gebeugtes Rohr dastehen musste das im Winde
wehte Rodewald sprach von der Sorge die er den Gütern widmen wollte ihr war
diese Fessel schon recht aber Egon sprach von Entsagung Entsagung Dies immer
ihr so fürchterlich gewesene Wort Sie hörte dass Egon an den Tisch getreten
sein musste auf welchem noch das verblasste Pastellbild seiner Mutter stand Was
wird geschehen dachte sie und überlegte einen Entschluss
Sie kannten also meine Mutter hieß es drinnen mit schwacher Stimme
Rodewalds Antwort blieb aus Sie hörte es nur nicht das leise
hingehauchte ernste Ja
Finden Sie die Züge ähnlich
Rodewald erkannte das Bild aus der Mondnacht im Heidekruge sprach auch
etwas Sie aber hörte wieder keine Antwort
Egon sprach von Landeck wo Rodewald die Mutter zum erstenmale sah
Landeck Wie endet Das flüsterte sie fast zu laut erbebend vor sich hin
Man verließ jedoch drinnen diese gefährlichen Erinnerungen man kehrte auf
die Abdankung des Fürsten zurück auf eine von ihm bezweckte Reise im südlichen
Europa man sprach von Melanie der Fürstin Egon rühmte die edle
Selbstlosigkeit seiner Frau er sprach von Freiheit und Erlösung von drückenden
Fesseln Pauline durfte jeden Augenblick erwarten dass sein zitternder Ton der
die bewegte Rührung des Herzens verriet sich gänzlich der Wahrheit gefangen
gab und wohl gar eine Umarmung hier die Stelle der Worte vertreten konnte Doch
trat dieser Moment nicht ein wohl aber war es ihr als rafften sich Beide so
gegeneinanderstehend aus ihren Träumen auf und deutlich hörte sie nun den
Fürsten sagen
Leben Sie für heute wohl Rodewald Ich fahre zum König um meine Abdankung
eben einzureichen Man wird ich weiß sie jetzt mit Freuden annehmen Es liegt
im Wesen der Monarchie dass sie allen Denen die ihr Maß im Dienen voll haben
die sich des Hasses und der Verfolgung für den Bestand der hohen Herrschaften
nachgerade zu viel zugezogen haben gern erlaubt sich mit ihrem Übermaass von
Makel und kompromittirendem Rufe vom Throne zu entfernen um Neue heran zu
lassen die wenn wieder deren Maß voll ist wiederum das Weite suchen mögen
und so fort Sagen Sie Herrn von Reichmeier dass ich also die Güter behalte dass
ich sie Ihnen dauernd überlasse Sagen Sie Allen dass ich reise diesen
Schauplatz meines Wirkens verlasse müde bin einer StellungWeiter ließ aber
Pauline von Harder diese Sinnesänderung nicht anwachsen Die Eifersucht auf
Rodewald überfiel sie wie in der alten Zeit die Eifersucht auf Amanda Die
Fürstin Amanda war ihr in diesem Augenblicke fast wie ein Schatten
entgegengetreten der ihr den Sohn entriss und zurück in die Arme des Vaters
führte Wie Entsagung diesem wunderbaren Wollen und Wirken Nein
Sie trat ein Die Männer staunten Rodewald erkannte Paulinen sogleich
ob sie gleich furchtbar gealtert war Doch ihre Hoheit verriet sie sogleich Er
erkannte das düsterblitzende Auge er sah die Momente der Eifersucht aus alten
Zeiten wieder Das ist Pauline sagte er sich
Fürst die Ungeduld treibt mich Haben Sie einen Entschluss gefasst
Herr Rodewald sagte der Fürst den Dritten gleichsam vorstellend
Ich weiß sagte sich abwendend Pauline Rodewald Ich bin Pauline Sie
kennen mich Rodewald Was wollen Sie Rodewald Warum sind Sie hier Hier in
diesem Hause Was mischen Sie sich in Verhältnisse Rodewald die keinen Bezug
auf Ihr Leben haben können wenn Sie ein Mann von Ehre sein wollen
Egon übersah dass Pauline die so losbrechend Rodewald für eine Wahnsinnige
hätte halten können gelauscht hatte Die Möglichkeit unzeitiger Ausbrüche
von Drohungen und Enthüllungen dieser Frau war ihm peinlich genug Aber es war
Egons Art nicht wenn er fürchtete gleich feige zu sein Er stampfte fast mit
dem Fuße und fragte
Was ist Hängen meine Entschließungen nicht von mir selbst ab
Durchlaucht rief Pauline in bitterem und drohendem Tone Dann sich zu
Rodewald wendend sprach sie herrschend
Was wollen Sie mit den Gütern Gehen Sie Sie haben noch keine Aufträge vom
Fürsten empfangen Herr von Reichmeier wünscht keine Unterhändler Gehen Sie
gehen Sie Herr Generalpächter Man vermisst Sie vielleicht in Tempelheide
ich glaube Ihre Angelegenheit mit Sr Durchlaucht ist im Reinen
Die Wirkung dieser schneidenden Worte war auf die beiden Männer die
verletzendste Sie hatten sich ja Beide nichts zu gestehen hatten sich ja
nichts zu sagen was ihre Stellungen geändert hätte Aber wie sich denn doch ein
Drittes da so gewaltsam zwischen ihre zart in Eins gesponnenen Lebensfäden warf
zuckte es in ihren Nerven wie mit einem einzigen Schlage sie waren verbunden
und handelten übereinstimmend sie wussten nicht wie
Doch mäßigte sich Rodewald Er sagte nur sich zum Gehen wendend
Frau von Harder ich bin hier um die Befehle meines Herrn zu vernehmen
Ich bin der Pächter Rodewald ich trage die Spuren der Mittagssonne auf meiner
Stirn und meine Hände fassen sich härter an als einst obgleich sie doch noch
keine Schwielen haben und mich nicht zum Bauern und Knechte entwürdigen
Vergessen Sie nicht rief Egon dem Scheidenden nach Was ich von Herrn von
Reichmeier sagte es bleibt dabei Und Sie gnädige Frau die Zeit drängt
Ich will zum Könige
Damit deutete Egon an dass er allein in seine Zimmer zurück und auch
Paulinen entlassen wollte
Diese fasste aber seine Hand
Er lehnte sie ab und rief mehrmals
Ich habe Eile ich muss zum König
Pauline ertrug aber diese Abweisung nicht Eine solche Form ihres
Verhältnisses zu Egon Rodewald zur Schau gestellt ließ den Zorn in ihr
überschäumen Sie war die Allmächtige gewesen sie hatte sich gewöhnt Egon zu
beherrschen sie wusste einzig außer der Ludmer und Rodewald welches Geheimnis
auf dem Ursprunge des Fürsten lastete und in diesem Augenblicke verließ sie die
Großmut Sie rief dem Fürsten der schon an der Tür stand nach
Was ist hier beschlossen worden Bleiben Sie Rodewald Ich bewundere Sie
Fürst dass Sie mich zwingen den Abschied zu stören den Rodewald von den Zügen
jenes Bildes zu nehmen scheint
Rodewald hatte sich in der Tat dem Bilde der Fürstin zugewandt hatte in
der Tat ihm gleichsam allein den Anblick seines Schmerzes in der Stille
anvertraut
Frau von Harder rief Egon zusammenzuckend
Die Erinnerungen erwachen hüten Sie sich Egon antwortete diese leise
und dann steigernd Zweimal hat dieser Mann der in Amerika seine Vergangenheit
hätte begraben sollen das Vertrauen der treuesten Menschen betrogen ich
kenne in diesem Hause des Fürsten Waldemar von Hohenberg keine Tür die mich
zurückführt Fürst Egon seien Sie besonnen ich meine dem König gegenüber
Diese zuletzt grelllauten Worte kamen wie aus der Hölle Egon verstand sie
sogleich Rodewald erriet sie Der Fürst erblasste Er sah die wutgeborene
schäumende Rache die ihm drohen konnte Vergiss nicht wer du bist und wer da
weiß wer du bist Rodewald aber vor der Betonung des Fürsten Waldemar des
Fürsten Egon schaudernd bebend selbst vor dem Blicke des Hohnes und der
Superiorität die in den Worten der in der Leidenschaft ihrer selbst nicht
mächtigen Frau lag überschaute sogleich das ganze Verhältnis mit einem Schlage
und mit blitzschnell in ihm auffahrender Gewissheit Allmächtiger Gott Egon
kennt sein Verhältnis zu dir und dies Weib ist die Einzige die es ihm verraten
hat trat er entschlossener vor ergriff den rechten Arm der wilden Frau hob
diesen empor und rief feierlich
Pauline von Harder
Rodewald erwiderte die Unbesonnene wie im Echo höhnend trotzend sich
losreissend und den Fürsten so kalt so herzlos von Unten nach Oben messend dass
Egon zitterte Rodewald aber sich nicht länger hielt sondern wie ein Seher in
flammendem Zorn dicht auf sie zutretend hervorbrach
Pauline von Harder Ich betrachtete in diesem Augenblicke die Engelzüge
Amandas von Hohenberg Sie flüsterten mir zu Es gibt ein Weib das der
namenlose Drang des Ehrgeizes verführt hat von Extrem zu Extrem besinnungslos
zu taumeln Ein Weib das ein Erdendämon sogar den Irrweg zum Herzen meines
Sohnes führte Rodewald sagen Sie dieser Frau flüstert mir die Fürstin zu
sagen Sie ihr dass Sie in Amerika wirklich Ihre Vergangenheit ließ wirklich
vergaßen an Das zu denken worauf Pauline noch meinem Sohne gegenüber mit
giftigem Stachel deuten kann sagen Sie ihr aber auch dass in Amerika noch eine
zweite Vergangenheit begraben liegt die Vergangenheit Paulinens von Harder
Ein Friedrich Zeck hat gelebt und an dem Ufer des Hudson in dem er sich das
Leben nahm ein Geheimnis hinterlassen das einzig auf der Welt nur Sie und mein
Sohn wissen sollen Nicht genug dass der Falschmünzer Baron Grimm auf zwanzig
Jahre durch Pauline von Harder und ihre Helfershelferin Charlotte Ludmer in
einen Kerker geworfen wurde in dem der Unglückliche schon nach dem ersten Jahre
hätte sterben müssen wenn nicht Zeck genannt Baron Grimm die Mittel zur
Flucht vor seinem gewissen Tode gefunden hätte auch das Kind das Pauline von
Ried geborene von Marschalk jenem falschen Spieler und Abenteurer dem
Kupferstecher Zeck geboren Paul Zeck getauft in der Stille zu Seehausen vom
Pfarrer Lattorf wurde von ihr den ruchlosen Verwandten des Betrügers übergeben
verkauft von diesen Mördern und Gaunern ausgesetzt und wuchs herauf zur
abschreckendsten Ähnlichkeit mit seiner Mutter Noch lebt Paul Zeck lebt unter
uns in dieser Gesellschaft ein Jüngling von dreiundzwanzig Jahren voll Lug
und Trug verschmitzt verworfen zu jeder Gewalttat fähig und nichts nichts
als den Namen seiner Mutter suchend Jetzt geh ich zu dem Mäkler Reichmeier
der Fürst aber geht zum König und Sie Pauline sollten gehen und Paul Zeck
suchen einen Fund dessen Verdienst in seiner Unermesslichkeit ich Ihnen nicht
schildern kann Denn Paul Zeck muss leben darf nicht aufs Neue Mördern
anvertraut werden darf nicht aufs Neue um ein Judasgeld von dreitausend
Talern von der Erde weggeweht werden Paul Zeck darf seine Mutter nur unter dem
Schutze der Gerichte finden damit er nicht verschwindet gemordet von Charlotte
Ludmer Pax und den Helfershelfern Paulinens von Harder
Wenn Rodewald nach diesen Worten das Zimmer hätte verlassen wollen würde er
durch die Art wie die Geheimrätin diese Enthüllung aufnahm daran verhindert
gewesen sein Denn jedes seiner entsetzlichen Worte hatte ihm gleichsam Pauline
abgeschnitten jeder neuen Tatsache hatte sie sich gleichsam körperlich
entgegengeworfen Sie suchte sich dem furchtbaren Sprecher bei jedem Atemzuge
zu nähern wollte seinen Arm ergreifen versuchte vor Verzweiflung fast mit ihm
zu ringen
Als er aber dennoch geredet dennoch geendet und schon längst die geöffnete
Tür in der Hand hatte stürzte Pauline die vor ihm auf der Schwelle stand ihn
zurückhalten wollte von dannen und rannte wie eine von den Furien Gepeitschte
auf die Ausgänge der Zimmer und der Etage des Hauses zu sank wie Eine die in
der Luft dieses Palastes zu ersticken fürchtete fast die Stiegen hinab Die
draußen harrenden Bedienten mussten sie für wahnsinnig halten als sie die Treppe
niedertaumelte und besinnungslos vor dem Portal in ihrem Wagen verschwand
Wie sie schon davonrollte lag Egon noch dankerfüllt zum Himmel aufblickend
in Rodewalds Armen Er war auf den Vater wie befreit von Harpyenkrallen
zugestürzt hatte in stürmischer Überwallung seiner erlösten Gefühle ihn an sein
Herz gezogen ihm Stirn und Wangen schon mit Küssen bedeckt schon das Wort
auf den Lippen das entscheidende das entsetzlich geheimnisvolle aber
Rodewald ließ Nichts davon geschehen er nahm kein Recht in Anspruch
verriet keines zu besitzen gebot der Stimme der Natur blieb demütig zog
sich zurück wollte fliehen schwieg indem er seine Tränen für sich reden
ließ Hinaus hinaus hauchte er leise
Nein einen Augenblick Vater rief Egon mit bebender Stimme riss sich los
stürmte in sein Nebenzimmer und kehrte nach wenigen Sekunden mit einem
versiegelten Pack Papiere zurück
Lies sagte er Es ist das Testament der Mutter
Rodewald nahm schweigend und staunend die Papiere wollte sie mit
abgewandtem Antlitz ablehnen hielt sie mit der linken Hand fest und bedeckte
sich zugleich mit ihr die Augen mit der Rechten streichelte er des Fürsten
Wange abgewandt fast blind tastend nur wie in den heiligen Büchern jener
Erzvater tat als er die raue oder glatte Haut seines Sohnes fühlen wollte um
den rechten Liebling zu erkennen
Da mehrte sich die Szene Die Fürstin trat hinzu staunend über die
Szene betroffen von Paulinens schneller Entfernung
Herr Rodewald sprach sie den Mann prüfend und die Bewegung dieser beiden
Männer nicht verstehend
Egon begrüßte sein Weib
Rodewald sich sammelnd sagte mit fester Stimme
Durchlaucht sind zu gnädig Ich werde diese Bedingungen lesen Ich gehe zu
dem Bankier um ihm die Befehle des Fürsten von Hohenberg selbst zu überbringen
Damit ging Rodewald in der Tat, der Fürstin sich achtungsvoll verbeugend
Die Fürstin sich nicht zurechtfindend fragte als sie allein waren
Aber hattet Ihr Szenen Was war Das
Nur eine Verständigung sagte Egon Ich gebe mein politisches Amt auf Die
Güter behält Rodewald Wir Beide reisen Jetzt zum König und das glänzende Elend
auf immer geendet
Egon rang sich von seinem zitternden Weibe liebevoll los Über Melanie
blitzte ein Schimmer von Glück ein Strahl von Hoffnung von dem sie sich sagte
Endlich die Wärme des Gemüts Was ist ihm Was bricht da das Eis dieses ewig
kalten Verstandes Ist er denn auch der Liebe fähig und wärst du dann noch
würdig ihn zu besitzen
Ein Glück für sie dass sie den Namen nicht wusste der gleichsam von Rodewald
hier als ein triumphirendes Paroli gegen Egon geboten war den Namen Fritz
Hackerts Paulinens Sohn So blieb die Freude ungetrübt
Dreizehntes Kapitel
Der Tempelstein
An dem äußersten Ende eines der vielen kräftigen Nebenarme unsres großen
meergrünwallenden Stromes bilden die Uferwände einen Ausgangspass auf fremde
Länder neue Sprachgebiete Düster blicken wie Grenzwarten die tannengeschirmten
Gipfel des Gebirgskammes der Deutschlands natürliche Grenze ist und der im
Süden uns noch Lotringen zuweist und das Elsass Auf diesen Höhen horsten noch
Adler Die Not des Winters treibt noch Wölfe von ihren waldigen Schluchten
herab Niederwärts sich senkend erheitert sich aber die Flur und dem Strome zu
wächst die Rebe und der Nussbaum und volkreiche Städte Weiler Kirchen Kapellen
und Schlösser verraten wie traulich es sich am mäandrischen Versteckspiel
seines Pfades wohnen lässt unbekümmert um den Wolf und den Adler die dem
Grenzjäger oder Schmuggler begegnen mögen und Denen die in der Höhe über
Geklüft und Dickicht die verstecktesten Wege kennen Sonst waltete hier die
milde Herrschaft des Krummstabes Noch sind die Alleen von Buchau lebendige
Zeugen der Welterrschaft des Geschmackes von Versailles noch hat des treuen
Mangold englische Naturkunst die Kunstnatur der erzbischöflichen Gärten nicht
ganz austreiben können Und zu den geschweiften Formen des Schlosses zu diesen
chinesischen Pavillons zu diesen Friesen und Kannelirungen gehört ja auch die
alte Gartenscheere gehört ja auch der Zopf Lenotres der Puderstaub auf
Blätterwuchs und Baumgeheg
Schloss Tempelstein das sich auf eine Stunde Weges vom ebengelegenen Buchau
und der Krümmung des Stromes wegen doch ihm fast gegenüber erhebt ragt schon
mit Türmen und Altanen aus Baumgruppen Felsvorsprüngen Waldumkränzungen frei
und zwanglos empor Noch ist der Bau nicht vollendet den Dystra mit seltenen
Hülfsmitteln sich in dieser abgeschiedenen Gegend zu einem englischen Kastell
mit Jagdgeheg und Boulingreen zu einem Alhambra mit Springquellen aus
Löwenmund Bogengängen und Blumenterrassen zaubert Es wird lange währen bis zu
seiner ganzen Vollendung Aber in diesem Sommer ist die alte Ruine schon nicht
mehr aus ihrer neuen Umkleidung zu erkennen Der Weg empor ist schon gebahnt
Ein untres Wohnhaus für den Winter selbst dem verwöhntesten Lebemann
bewohnbar Bis zur Brücke die zwei Felsen verbindet und an ihren Rändern
gestattet auf ihnen die Spitzen von tief aus der Schlucht aufragenden Buchen
und roten Blutfichten mit der Hand berühren zu können ist Alles eben links
und rechts mit großen Gewächsvasen aus gebranntem Ton geziert Dann kommen
Stufen die schon sicher und bequem zu betreten wenn auch noch nicht geschmückt
und eingefasst sind Oben schon sprudelt die Fontaine die das große Plateau
zieren wird Auf diesem Plateau will Dystra die Dorfjugend tanzen lassen wenn
er in seinem Geschmack immermehr wie er sagt den »Rosen des Herrn von
Malesherbes« näher käme Wie glatt musste dieser Marmor also geschliffen sein
Die Platten lagen schon im Vorrat und wurden schon bearbeitet Das Burgtor
öffnet sich Das Wappen Dystras hatte sich hier als eine verzeihliche
Konsequenz seines Ahnenstolzes eingefunden da er meinte man sollte ihm diesen
Stolz auf die Vorfahren lassen da es doch schiene als wenn ihm schwerlich noch
etwas nachfahren würde Die Zugbrücke war von Ketten und Eisendrähten Alle
Mauern hatten Nischen zu Statuen Blumen Springquellen oder sagte Dystra zu
ewigen Lampen wenn entweder Olga oder Paulowna oder ihre Mutter denn Einer
droht das Glück Baronin Dystra zu werden in Verzweiflung darüber auch
katholisch würde Nur einen Nepomuk auf die Zugbrücke sagte er zu Rudhard der
ihn von Brüssel oft besuchte nur den würd ich mir verbitten dieser Heilige
macht mir bei jeder Brücke erst recht den Schwindel den er vertreiben soll Der
dritte Teil des Schlosses war schon bewohnbar Die ausgesuchteste Einrichtung
zierte vom Dollond eines Belvedère herab bis zur praktikabelsten Kochmaschine
des Kellergeschosses den linken Flügel dessen nächste Umgebung bereits jetzt
von Kalk Mörtel und dem Lärm der Maurer und Steinmetzen verschont war Wild und
wüst freilich sah es in der Mitte und am rechten Flügel noch aus der teilweise
in einen Felsen hineingebaut wurde und einen schroffen jähen Abhang darbieten
sollte für etwa verzweifelt Liebende wie Dystra sagte oder für Blaubärte die
sich hier ihrer neugierigen Frauen entledigen wollen falls der unterirdische
Gang der hinten in den Wald und die Tempelabtei führt nicht von strengen
Ehemännern zu den Marterkammern und lebendigen Einmauerungen lieber benutzt
wird Diese Abtei war als Ruine ganz im alten Style gelassen und nur vom Schutt
und Gerölle befreit und an zu schadhaften Stellen durch Ergänzungen unterstützt
Ein schöner Rest mittelalterlicher Kirchenbaukunst lag die Abtei fast schon im
Walde und bot einen heiligen das innerste Herz bewegenden Anblick
Dystra lebte nun fast ein Jahr schon am Fuße des Schlosses Tempelstein das
selbst er nur zuerst von seiner Schicksalsverhängten aus der Familie Wäsämskoi
bewohnt haben wollte in der eleganten Villa am Aufgange dicht am Fluße nicht
tausend Schritte weit entfernt von dem Dorfe Buchau das den Tempelstein vom
Schloss Buchau trennt Der Verkehr mit gegen Hundert Arbeitern bot ihm die
angenehmste Zerstreuung Im Übrigen hing er aufs Lebendigste mit allen den
Beziehungen zusammen die durch die Namen der Brüder Wildungen vertreten sind
Dankmar flüchtete sich zu ihm und wohnte drüben jenseits des Gebirgskammes
Siegbert kam zuweilen von Antwerpen Rudhard kam mit den Kindern Rurik und der
heranwachsenden Paulowna Leidenfrost war immer zugegen denn er war es der den
Tempelstein ausbaute Niemand kannte ihn Er galt für einen
fremdherverschriebenen Architekten Auch Werdeck der in Paris lebte ließ sich
zuweilen mit Vorsicht sehen Louis Armand lieferte die Ausstattung der Zimmer
die Boiserie die Vergoldungen das Glas Er machte seine Einkäufe in Belgien
und den Niederlanden Man kannte die Hundert von Menschen nicht die hier abund
zugingen Dystra machte nur die Bedingung der Vorsicht und sie wurde ihm
gewährt noch gewissenhafter befolgt Siegberts Zeichnungen für die
Glasfenster die Leidenfrost in einer nahegelegenen Glashütte selber brennen
lassen wollte erregten die Bewunderung der Laien und Kenner Es hieß sie kämen
von belgischen Malern aus Antwerpen Wer forschte da weiter Die Fürstin Adele
wäre gern von Brüssel gekommen um die Fenster zu sehen wie sie dann wirklich
fertig waren und in den kostbaren Gemächern hingen aber Dystra sagte Die erste
Frau die außer Louise Eisold sein Schloss beträte wäre ihm verfallen wäre sie
verheiratet so müsste der Mann mit ihm hier die erste Lanze brechen wäre sie
Jungfrau oder Wittib so dürfte nur ein Lindwurm sie ihm streitig machen und
auch an den würde er sich wagen Kurz er scherzte über eine Bedingung die die
Fürstin so ernst nahm dass sie sich überwand nicht zu kommen und wie einmal
bedungen war Olga die Vorhand ließ
Durch Dankmar Wildungen erfuhr Dystra die neuesten Vorfälle des Jahres
seine Flucht den Verlust des Schreins An Louise Eisold sah er die Wirkung
sowohl des Erfolgs wie des Mislingens auf ein leidendes und in Leiden erstarktes
Gemüt Sie hatte die Flucht geordnet Franziska Heunisch hatte ihr Anerbieten
dazu mit Selma Rodewald vermittelt Sie war in Tempelheide gewesen hatte Peters
im Pelikan gewonnen hatte von Danebrand der sonst am Baue arbeitete sich
begleiten lassen hatte das Unglaubliche erreicht durch Hackerts einzig zum
Ziele führenden überraschenden Beistand Danebrand war ein Opfer dieser kühnen
Tat geworden die gute treue uneigennützige Seele Louise schauderte bei
dem Gedanken dass von den Beiden die im Wege standen Mangolds Wünsche zu
erhören der Eine vom Tod hinweggerafft war und der Andre Was ist nur mit
ihm Wo weilt Hackert Hatte er Alle auch sie betrogen Sie allein sah an
Hackert die schlimmsten Seiten nicht sie hatte sich aus seinem Leben wie jenes
Huhn im Hofe aus dem Dünger einen Edelstein gescharrt sie glaubte fest und
heilig daran dass hier nichts als nur der Sonnenschein der Liebe gefehlt hätte
Als Hackert ihr die Tat gelobte und Beistand versprach in seiner Weise ohne
Emphase ohne Begeisterung aber sicher schlau pfiffig Alles berechnend was
allein zum Ziele führte als er ihr andeutete dass er genugsam vertraut wäre mit
allen Persönlichkeiten des Gerichtshauses um sich durch verliebte Frauen
näschige Kinder schwachsinnige Greise trunkene Männer die Schlüssel der
Gefängnisse und Kassen anzueignen da hatte sie zwar nicht gesagt nicht sagen
können Hackert ich belohne dich für alles Das mit meinem Herzen Aber die
stürmischen und kecken Liebkosungen mit denen sie der nie rein Denkende
sogleich überschüttete hatte sie doch fast mit den Worten abgelehnt Lassen
Sie Lassen Sie Hackert Vielleicht wenn es gelungen ist dann
Und nun hatte die Flucht diese Wendung genommen Danebrand das Opfer so
gestorben wie einst ihr Bruder Der Schrein und Hackert verschollen ein
unermessliches Glück der Brüder Wildungen verloren trotz des Briefes der von
Hackerts Hand einst mit dem Postzeichen eines kleinen Städtchens wo alle
Nachfrage nichts fruchtete an sie gekommen Noch glaubte noch hoffte sie Sie
sagte zu Dankmar als er eines Augusttages über den waldigen Bergwipfel kam
scheinbar als Schmuggler kam da er so mit den Grenzwächtern am besten stand
und Siegbert gerade mit Louis Armand und dem Bruder zugleich anwesend war um
die Wirkung der Fenster zu sehen Glauben Sie mir Sie können vertrauen Hackert
ist zu eitel irgend einem Menschen der ihn für schlecht hält Recht zu geben
Er wird ehrlich sein nicht aus Liebe zur Tugend sondern um Sie und uns Alle zu
täuschen zu verhöhnen nicht einmal um mich zu erfreuen Er liegt irgendwo
krank hat sich verletzt am Tage der Flucht Mit genauer Not nur wird er sich
irgend wohin geflüchtet haben vielleicht zu Schlurck der in der Nähe des
Profosshauses wohnt Er wird langsam uns folgen denn ich sehe ja in den
Zeitungen wie man Sie und den Schrein mit Steckbriefen verfolgt Zu kenntlich
ist Hakkert und die große Lade wäre gleich verraten wenn er auf gewöhnlichem
Wege käme Vertrauen Sie
Die Freunde hörten gern ihre Ermutigungen hielten es indes für hoch an der
Zeit dass etwas geschah um über diesen unermesslichen Verlust Gewissheit zu
haben Ihre Zuschrift an die Behörden war schnöde und ablehnend beantwortet
worden Um so mehr hieß es könnte die Amortisation nicht gestattet werden als
auch der Stecher der Platte zu den Stadtkämmereischeinen seit einiger Zeit
verschwunden und es entdeckt wäre dass dieser mit Hackert dem wahrscheinlichen
Beförderer der Flucht auf das Vertrauteste bekannt war Man verwies die Brüder
auf die feierliche Übergabe den eignen Frevel der Flucht und der
Wiederaneignung man erklärte sich nur vor einem Nichteinhalten der
Emissionstermine wahren zu wollen und verwies die Bittsteller auf die Folgen
ihrer Unternehmungen die sie sich selber zuzuschreiben hätten
Am Tage des Nikodemus den 15 September sollte der erste Bundestag auf dem
Tempelstein gefeiert werden Der Königliche Hof war zufällig zu gleicher Zeit in
Buchau zugegen Leidenfrost richtete es im Interesse der Sicherheit der
Versammlung so ein dass schon den 8 September alle Arbeiter des Baues auf zwölf
Tage entlassen wurden Die Löhnung wurde gezahlt als wenn sie arbeiteten aber
die Pause sollte hieß es benutzt werden zu künstlerischen Arbeiten zu denen
fremde Steinmetzen fremde Maler fremde Bildhauer kämen die man einige Tage
allein auf dem Bau wollte walten lassen Den 20 wieder sollten alle Arbeiter
die bisher in Tätigkeit gewesen waren zurückkehren und bis in den Winter an
einem Werke schaffen das Jahre brauchte um so vollendet zu werden wie Dystra
und Leidenfrost es im Geiste vor sich sahen und Dankmar Wildungen es für die
Schleier die er lange auf die hier zu haltenden Versammlungen des Bundes werfen
wollte für nötig halten musste
Sein Herz bebte bei jedem Tage den er näher zum Ziele kam Alles fügte sich
nach Wunsch jede selbst unerwartete günstige Wendung traf überraschend ein nur
der Schrein blieb aus Hackert war entweder tot oder verschollen oder
entflohen Dankmars Verzweiflung gränzte an völlige Trostlosigkeit Er hatte
gerade diesen Besitz für unerlässlich zu der nächtlichen Versammlung auf der
Tempelabtei im Walde gehalten er hatte nichts zurückgenommen von den
hochherzigen Verheißungen die er und sein Bruder der Zukunft des Bundes
gegeben Hatte der Erfolg des Prozesses auch hinter den Erwartungen zurück
bleiben müssen es war genug gewonnen worden um seine Absicht zu unterstützen
dies Erbe des Johanniter und Templerordens den neuen Rittern vom Geiste als ein
Eigentum zuzuführen von dem er für sich und den Bruder nur so viel
beanspruchte um als Verwalter desselben gegen Sorge und Not sichergestellt zu
sein Er wollte auf halbem Wege nicht mehr still stehen Was er einst verheißen
musste erfüllt werden und jedes Bundesglied es mochte so uneigennützig fühlen
wie die Brüder selbst musste doch zugestehen dass ohne äußere Mittel ein
Wettkampf mit den in Gold und Eisen gebetteten Irrtümern und Tatsachen dieser
Zeit nicht möglich war
Am 10 September als Dankmar Wildungen schon einen Aufruf um das
unwiederbringlich verlorene Vermögen für alle Zeitungen geschrieben kam Louis
Armand mit der frohen Botschaft Noch drei Tage und Murray Hackert und der
Schrein sind da Er zeigte einen Brief den er durch Dystra empfangen Murray
schrieb Louis Armand von einem einsamen Fährhause am Rhein einen ausführlichen
Bericht von dem nicht Alles auf die Freunde berechnet war Er las nur Das vor
was ihnen Beruhigung geben musste Der Hort ist da rief Dankmar und halb
spottend setzte Leidenfrost hinzu Der Nibelungen Not hat ein Ende
Der Brief der in seiner ganzen Ausdehnung nur für Louis Armand berechnet
war lautete so
»Mein teurer junger Freund Seit einem Jahr erfuhren Sie nichts von mir
Ich benutze die Adresse des Herrn von Dystra mit dem Sie wie mit Ihren Freunden
verbunden geblieben sind um Sie mit Vorfällen bekannt zu machen die ich Sie
bitte sogleich irgendwohin und irgendwie den Brüdern Wildungen melden zu
wollen Ich weiß von Louise Eisold dass Sie Alle um den Tempelstein verkehren
und ich schreibe lieber Ihnen weil ich mehr sagen muss als was den Andern
verständlich ist Kurz vor Ihrer Ausweisung aus der Residenz hatt ich den Sohn
gefunden dessen Geschichte ich Ihnen unter Sturm und Regen in dem Eckzimmer des
Schlosses Hohenberg in mir unvergesslichen Stunden erzählte Ja Teurer Ihnen
dank ich diesen Fund Jener zerbrochene Ring den Sie mir als Sie aus dem
Gefängnis mich erlösten übergaben dies Andenken an die düstere Vergangenheit
grauenhaft noch durch die letzte Erinnerung an das Forstaus im Walde und den
Tod den ich dem eignen Bruder geben musste dieser Ring führte mir den Sohn zu
den ich so antraf dass ich ihn zu bergen hatte nicht jubelnd meinen Freunden
darstellen konnte selbst wenn ich vor Ihnen hätte wagen wollen was ich selbst
bei einem Engel an Güte und Liebe der mein Sohn wahrlich nicht war vor der
Welt nicht wagen durfte Ich zog mich in meinen Schmerz zurück Ich sah in
Hohenberg wie ich verfolgt wurde Ihr Zeugnis das mich des Läugnens überhob
rettete mich wenn ich Rettung diese Freiheit nennen darf die mir die
bittersten Erfahrungen zuzog Meinen Sohn fand ich nur in dem Augenblicke
bewegt wo er einen Vater auf dem Friedhofe gefunden hatte Nur zu bald sank er
in jene sittliche Nacht zurück die ich damals schon in Hohenberg ahnte
Gewaltsam wollt ich diese Nacht nicht erhellen Ich erfuhr an Auguste Ludmer
wie das Auge des Geistes nur allmälig an den Glanz der Tugend sich gewöhnt Ich
zitterte vor dem Gedanken noch einmal ein Gefäß der göttlichen Gnade durch
gewaltsamen Eifer zu zersprengen So ließ ich den Sohn gewähren und war nur
froh dass es ihm in meiner Nähe wenigstens wie dem Hund am Ofen war Ich
kehrte zu meiner Kunst zurück fand in Oleander jenem Vikar aus Plessen ein
treues Herz wirkte mit ihm für die Armen und Elenden und machte damit sogar ein
törichtes Aufsehen ob ich es gleich vermied von meinem Wirken zu sprechen und
mich der Erfolge zu rühmen die nur zu oft auf diesem Felde täuschende sind Ich
erhielt den Auftrag die Scheine zu stechen die die Verwirklichung der
Erbschaft Ihrer Freunde wurden Denken Sie mein Gefühl Denken Sie an den Baron
Grimm an seine geheime Kammer an seine falsche Kunst und jetzt derselben
Gesellschaft der ich noch meine Strafe schuldig bin meine nun in Wahrheit
dienende Hand Sie kennen die Flucht Dankmars den Raub des Schreins in dem so
große Schätze aufbewahrt wurden Der Räuber und Förderer der Flucht war mein
Sohn Man nannte ihn Fritz Hackert nur mir galt er bisher allein für Paul Zeck
der Mutter hatte ich die Gelegenheit zu neuem Frevel nicht geben wollen auch
ihm selber nicht ich verschwieg ihm seine Abkunft und bei seinem Sinn reicht
es hin dass er sagte Ich wußt es ja immer gestohlen hab ich mich in die
Welt ein Bastard bin ich ungerufen nur gekommen Den Aufschwung meines Sohnes
zu dieser Tat hab ich erst verstanden seit ich weiß dass er damit viele
seiner Leidenschaften hat befriedigen wollen Ich weiß der Stolz die
Eifersucht ja sinnliche Liebe haben diese Tat geweckt Stolz dass ihn die
Freunde bewundern sollen die Eifersucht dass ein Andrer Namens Danebrand mehr
tun sollte als er die Liebe für ein edles seltenes wenn auch zu weltliches
und zu überreizt im Hasse lebendes und den Hass für Religion nehmendes Mädchen
Zwei Frauen waren zu allen Zeiten die die den Sohn regieren konnten beide
mutvoll beide dem Seltsamen und Ungewöhnlichen zugetan jene schön diese
kaum ihr Schatten aber schön durch Heroismus und eine amazonenhafte Tugend Sie
werden meinen Sohn sehen Sie kennen Louise Eisold Prüfen Sie ob da nun Feuer
und Wasser oder Stahl und Stein zusammenkommen würden Mein Sohn erfand diese
Flucht und wurde als Danebrand vom Blei der Wächter getroffen in dem Durchbruch
der Mauer ausatmete von dem stürzenden Schrein fast erschlagen Das
Schlüsselbein der rechten Schulter fand sich später gebrochen Dennoch rafft er
sich auf Er hört den Lärm der Wachen winkt dass Dankmar sein Heil in der
Flucht suche ladet in der Erregung des Augenblicks die an einer Seite
geborstene Truhe auf die linke Schulter flüchtet in das Dunkel der
Johanniskirche irrt auf dem Platze um sie her sieht Schlurcks Wohnung will
dort Hilfe suchend an der Klingel ziehen und hofft sich in der Komturei bergen
zu können Da entdeckt er einen Mann der eben bei Schlurcks das Haus verlässt
Er wankt näher er blickt hin Er erkennt schon den Schreitenden In der Nacht
um ein Uhr verlässt Jemand und Dieser das Haus Was ist Das Statt an der
Komturei sich zu verweilen folgt Paul dem in nächtlicher Stille
dahinschreitenden Mann Was bezweckt der Mann in so tiefer Nacht Die Spannung
der Neugier gibt ihm den Mut seine Bürde weiter zu tragen Ohnehin ohne Schuhe
auftretend folgte er dem taumelnden wie bewusstlos schwankenden Wanderer Das
Rasseln des Wagens mit dem Dankmar entflohen ist längst verhallt die
Verfolger die er wohl anfangs auf seinen Fersen merkte verloren die Fährte er
folgt dem Mann der einem Tore zuschreitet Das Tor ist wie immer nächtlich
nur angelehnt man öffnet sich es selbst Hinaus schreitet der Taumelnde in
einen Wald der am Rande des Flusses liegt sonst war er dicht und voll von
Bäumen dieser Wald jetzt ist er durchsichtig und seines besten Schmuckes
beraubt Der Mann selbst da vor meinem Sohn als Administrator der alten
StadtWaldungen hatte ihn so lichten lassen Nichts merkt er von Hackert der
zum Tode erschöpft mit dem Schrein ihm folgt still steht wenn Jener steht
weiter schleicht wenn Jener vor ihm hintaumelt Endlich stehen sie am Ufer des
Flusses Eine verschwiegene düstere Stelle In einiger Entfernung das Jagdhaus
in dessen Nähe mein Sohn einst einen bösen Frevel an Pferden verübte Ihn
schauderte je näher er der Stelle kam die ihm die unheimlichsten Erinnerungen
weckte Der Schrein schien ihm jetzt schon gezogen wie am Lenkseil des
Schicksals oder seines Gewissens Er war durch die Brandgasse an Lasallys
Reitbahn vorüber zu diesem Jagdhaus dem Manne ächzend nachgeschlichen Des
Mannes Vorhaben war ihm sogleich bei dem ersten Erkennen kein Rätsel An eine
Eiche beim Wasser lehnt sich der nächtliche den Lauscher nicht ahnende
Wanderer Er blickt nach der Gegend des Sonnenaufgangs noch liegen dunkle
Schatten auf dem Wasser das ruhig dahinwogt und durch hohes Schilf sich
hindurchwindet geheimnisvoll still Mein Sohn ahnt was geschehen wird Die
letzte Kraft deren sein Arm noch fähig ist wendet er an dem Schrein mit den
Händen eine Vertiefung in der Erde zu graben Er kratzt mit den Nägeln gräbt
mit den Füßen er presst den Schrein in eine Öffnung die er mit Gras verstopft
mit Laub bedeckt und mit Zweigen still von den Bäumen gebrochen überbreitet
Jetzt wagt er sich dem am Ufer Brütenden am Eichbaum Niedergesunkenen näher
Der sitzt sieht in den roten Osten und grübelt Endlich erhebt er sich Eine
Stunde ernsten Nachdenkens schien vorüber Immer mehr rötet sich der Horizont
Schon manches Vögelchen regt sich im Ast über ihm Der Grübler erhebt sich
bindet sein Halstuch los wirft seinen Rock von sich tritt dem Ufer näher
späht um sich und ist eben im Begriff in der stillflutenden
morgenrotüberschienenen Welle seinem Leben ein Ende zu machen als ihm aus dem
Gebüsche sein Name zugerufen wird Er stutzt Paul reißt das Strauchwerk das
ihn schützt mit letzter Anstrengung auseinander und schwankt dem Ufer näher
halb in den Sand sinkend halb am Eichbaum sich haltend wo das Tuch der Rock
der Hut liegen Hackert ruft der Selbstmörder und verliert den Mut zu einer
entsetzlichen Tat deren Schein ich mir einst wie Sie wissen selbst am Hudson
gab Er schwankt zurück aus dem Wasser das schon seinen Fuß benetzt hatte
erkennt einen ihm wohlbekannten jungen Mann findet ihn hilflos erschöpft
stöhnend hört die Vorwürfe die ihm für sein Beginnen von einem Menschen
gemacht werden der eben selbst zu sterben scheint Eine Erörterung zu der mein
Sohn keine Kraft mehr hatte ersetzte ihm ein Gegenstand den er halbbewusstlos
stumm dem Selbstmörder darreichte Es war ein Paket von den aus der Lücke des
geborstenen Schreins entglittenen StadtKämmereischeinen Was dann mit Paul
geschah weiß er selbst nicht Er kam erst zur Besinnung in jenem Jägerhause
hörte dass ihn dorthin ein Mann in früher Morgenstunde zur Verpflegung
übergeben sich entfernt hatte wiedergekommen wäre und dass er schon seit acht
Tagen hier in diesem Hause verpflegt würde und meist im Fieber läge Ihn aber
quälte nur der Schrein unter den Zweigen auf den er sich bald besonnen Er
forschte Man sprach unverfänglich Dennoch ließ ihm die Gefahr seines Kleinods
keine Ruhe Ohne Zweifel trieb ihn die alte Sinnenstörung die Mondsucht von
seinem Lager wo man ihm aus Rücksicht auf den vornehmen wohlbekannten Mann
alle Sorgfalt widmete trieb ihn hinaus in den Wald ins Gebüsch wo der
Schrein von ihm verborgen unter Moos und Zweigen ruhte Dort schnupperten ihn an
einem Morgen Jagdhunde auf denn auf dem Schrein war er eingeschlafen In der
zweiten Nacht dieselbe unwillkürliche Angst im Traum wieder findet man ihn an
jener Stelle Er ahnt dass man Verdacht schöpft Da treibt ihn wie rasend empor
die Vorstellung der Entdeckung Der den er vom Selbstmorde rettete war aufs
Neue da gewesen hatte mit ihm freundlich geredet er besann sich wohl im Fieber
der Worte Hackert du hast den Schrein gestohlen Gib ihn heraus Die Scheine
die du mir gabst betrugen mehr als fünftausend Taler Was beginnen wir damit
Junge Wo ist der Schrein Du hast ihn Und als Paul Zeck sich im Bett wälzte
drohte ihm er wusste nicht ob wirklich oder nur in Phantasien der Gerettete
sprach von Gerichten wollte den Wald von Oben zu Unterst kehren lassen da
war erwachend zur Besinnung sein Entschluss gefasst Unbekannt mit dem Bruch des
Schlüsselbeines einem Schaden den man lange tragen lange nicht merken kann
schleppt er sich endlich davon holt den Schrein und wagt sich mit ihm in
Richtungen weiter die nach Westen gehen Er findet da und dort einen Träger
einen Bauer einen Burschen Leute die ihm helfen Vorläufig nach dem Harze
nach Angerode zu war seine Loosung wenn er einen Bauernwagen traf und um
Aufnahme bat Aus Wald und Nacht wagte er sich nicht mehr hinaus Hinter der
Elbe trifft er auf einem Kreuzweg einen Mann der traurig und nachdenklich auf
einem Karren sitzt auf dem er große Kästen voll kleiner belebter Vogelbauer
fuhr Warum seid Ihr traurig Mann fragte mein Sohn sich mit seiner Bürde
mühsam hinschleppend Mein bester Freund und Gönner ist gestorben sagte der
Vogelhändler Er nannte den Präsidenten des Obertribunals den greisen fast
neunzigjährigen Dagobert von Harder Er liebte die Tiere mehr als die Menschen
sagte der Mann Wenn ich zu ihm kam mit meinen Vögeln nahm er mich auf wie
einen Freund es wird die letzte Fahrt von Angerode sein Paul mein Sohn
wusste dass diesem Greise die Entscheidung des Johanniterprozesses gebührte Ist
der Rabenvater tot fragte mein Sohn Er fasste aber den Vater der Raben nicht
wie der Vogelfänger auf sondern im Bezug auf den Rabenstein Höre sagte Paul
lass den Schrein da auf deine Karre zu den Vögeln tun sie kommen alle aus
demselben Reich der Luft und die alte Exzellenz wird um uns sein und unsre Habe
beschützen Der Vogelhändler betrachtete befremdet das seltsame Stück Plaudernd
erreichte der Kranke seinen Zweck Der Schrein wird aufgeladen Um den
Buchfinken und Zeisigen den Wald auch auf der staubigen und sonnigen Landstraße
zu zaubern belegte ihn Paul behutsam mit abgebrochenen Zweigen die den Schrein
verdeckten Man sah nur die hüpfenden Vögel nicht den Schrein der Vogelhändler
schob den Karren Paul schleppte sich hinter her Fiebernd elend hinkend mit
aufgeschwollener Entzündung der Brust aber ungefährdet kam er in Angerode an
wo der Fuhrmann Peters seine Loosung war Er fand ihn auch den neuen Wirt vom
Pelikan der Dankmar bis Angerode gefahren hatte und dann in der Stadt verblieb
bis er da ein kleines Besitztum verkaufen konnte Die schmerzende Schulter
hielt Peters erst nur für verrenkt Er nahm Paul hob reckte ihn wie Fuhrleute
pflegen wenn sie einen Fall erlebten Paul schrie so laut dass er in dem Stall
wo ihn Peters barg kaum sicher war Mitleidig sagt er mir schauten sich
sogar die Pferde um Im Fieber wars ihm als wären sie alle tote Gerippe und
sausten durch die Luft mit klappernden Gebeinen bohrten die Köpfe an
Eichenstämme und in die Erde und sprangen wieder empor dass sie auf den
Hinterfüssen überschlugen Den Schrein kannte Peters wohl Er hatte den wohl hüten
gelernt er und sein Hündchen Bello den vorbeisausend bei der Flucht am Pelikan
ihnen die dort harrende Louise Eisold noch nachwarf Er wäre vor vierzehn Tagen
vom Profosshaus lieber mit Dankmar und dem Schrein zugleich zurückgefahren Paul
galt nun bei ihm für einen verunglückten Pferdeknecht Ärzte kamen erkannten
den Bruch pressten die Knochen in Verbände und kühlten den Brand den sie
fürchteten Paul lag bei den Pferden über der Futterkammer und ächzte Vor dem
Niederlegen im Verband raffte er die letzte Kraft zusammen und schrieb mit der
linken Hand an Louise Eisold Peters konnte nicht schreiben nur ein Packet Geld
legte er aus dem jetzt von dem treuen Fuhrmanne fester verschlossenen Schrein
für Dankmar Wildungen bei Peters blieb noch in Angerode Es war sein altes
Häuschen sein alter Stall den er verkaufen wollte Der Brief wurde irgendwo
auf dem Lande zur Post gegeben Peters hütete den langsam Genesenden der nie
würde haben ruhen können wenn seine ausgestreckte Hand neben sich unterm Stroh
nicht das Holz das Kreuz das Kleeblatt des Deckels gefühlt hätte So bekam ich
endlich Nachricht von meinem Sohn durch dritte vierte Hand Es war die höchste
Zeit dass ich mich entfernte Rodewald mein alter Freund kam eines Tages voll
Erregung und gestand mir dass er nicht anders gekonnt hätte als der Mutter
meines Sohnes das Leben wenn nicht des Vaters doch ihres Kindes wie eine
Drohung von jenseits des Grabes zuzurufen Seine Gründe waren gerecht Mein
Entschluss musste aber gefasst sein Schon lange hatte die Untersuchung der Flucht
auch meine Person gefährdet nun konnt ich neue Schrecken ahnen Ich wusste wo
Hilfe nötig war So ging ich heimlich nach Angerode lebte dort verborgen bis
Paul zur Reise nach dem Tempelstein sich stark fühlte Dorthin rief ja die
Loosung Louise Eisold soll den Schrein von ihm selbst empfangen den
unversehrten und nur in Dem was ihm an jenen Mann der sich das Leben nehmen
wollte verloren ging an Wert verringerten In drei Tagen Freund sind wir am
Tempelstein Ich hüte den Schrein am Tage Paul des Nachts Sein Übel ist in
alter Gewalt entstanden aber des Vaters Auge wird ihn schützen Diese Hingebung
jetzt an ein Einziges diese Mühe und Sorge um ein verpfändetes Wort wird seine
Gedanken reinigen Ich werde nicht erröten Ihnen den Sohn zu zeigen den ich
Ihnen verdanke Ihrer treuen Aufopferung Ihrer Liebe Empfangen Sie uns mit dem
alten Herzen darum brauch ich kaum zu bitten aber empfangen Sie uns auch
mit Freude das muss vom Himmel kommen«
Sorglos überglücklich sahen nun die Freunde dem Tage der Entscheidung
entgegen der endlich bedeutungsvoll genug herankam
Feuerraketen stiegen von den Bergen auf um den Einzug der Mächtigen auf das
Schloss von Buchau zu verkündigen Die Umwohner des Tempelsteins hörten die
Böller lösen hörten das Rollen der vielen langspännigen Staatswägen hörten die
Ruderschläge auf goldgeschmückten Festesgondeln von den blauen Wogen her Es war
die alte Welt die sieggebläht zur Herbstesfreude vom Osten einzog
Es kam der Abend des fünfzehnten Septembers der Tag des Nikodemus Schon
um sieben Uhr Abends vergoldete des Mondes Licht den Wald die Flur den Strom
Berg Schloss die Ruine das Vergangene das Bestehende und das Werdende
Ich will ein Kind sein sagte sich Dystra ich will diese Nacht für ein
Märchen nehmen Ich weiß dass dort drüben heut in Buchau Leuchtkugeln steigen
Die Raketen und die Schwärmer werden prasseln Aber ich will das Zaubervolle
näher suchen Die Fäden die das Wunder am Drahte natürlich lenken kenn ich
wohl weiß auch dass unter dem Menschenstrom der heut nach Buchau zum Feuerwerk
der Könige wallt die Maurer und Zimmerleute nicht auffallen werden die sich
zum Schloss Tempelstein wenden an der Brücke vor dem Meister Leidenfrost die
Kundschaft sagen emporsteigen und hinten in die Ruinen treten wo Dankmar
Wildungen sehen will wer sich nun meldet wer sich enthüllt wer zu seinem Bund
gehört den ich selber nur belausche Ich nehme das Seltsame wie es ist Ich
nehm es als eine Phantasie dieser wunderlichen deutschen Nation und will von
einem alten Leichenstein des Kreuzganges aus dem Herbstnachtstraume zusehen wie
ich in den Sagen lese dass einst Hirtenknaben sich verirrten in den Untersberg
oder den Hörselberg oder den Kyffhäuser und die Felsen geöffnet sahen und das
Treiben der Zwerge und Kobolde belauschten Ich will für Märchen nehmen was ich
sehe und froh sein dass ich nicht mehr nötig habe mir über die Feuerwerke der
Höfe den Hals auszurecken was freilich für meinen Wuchs nützlicher wäre wär
es nicht zu spät Dieser Nacken bleibt leider in den Schultern sitzen und gehört
zu meinem Bild Der Narr des neunzehnten Jahrhunderts
Das Märchen wurde in der Nacht geträumt vielleicht erlebt Es war wie
die Sage erzählt Ein Knabe verirrt sich in die Berge die Nacht beschleicht
ihn sein Auge späht durch eine Felsenritze er sieht was sich begibt Und
was begab sich
Hoch ragt das gewölbte Rund der alten Tempelkirche malerisch vom Mondlicht
umwoben Zitternd blitzen die Sterne hernieder Die Tannenwipfel rauschen leise
vom Winde bewegt Jeder Stein den uraltes Moos wie eine Inschrift überzieht
spricht von vergangenen Jahrhunderten und singt in sich erklingend noch das
Sanctus nach das einst in diesen Hallen tönte Wer pflanzte den
Hollunderstrauch in jene Nische wo einst die Heiligen aus bunten Farben in den
Fenstern prangten Wer säete Heidekraut auf diese Stufen wo einst der aus
Felsen gehauene Altar stand Noch ist die Schaale da in der geweihtes Wasser
floss sie und der Taufstein sind gefüllt vom letzten Regen der an der Luft
verdünstete Sichtbare Höhlungen noch auf den Schwellen wo einst der Priester
die Messe las Die Vögel nisten in den Blättern von Stein die die oberen
Fensterrundungen schmücken in den Rosen von Granit die an den Pforten noch in
einigen Resten erkennbar sind Es ist als blühten sie neu wieder auf Es rauscht
von den Wänden als spränge aus den Steinen die Orgel hervor es lebt und ruft
den frommen Wallern Sie kommen Nicht um zu beten nur Sie sind in
Werkeltagstracht Arbeiter im Schurzfell gedungen der Kelle angestellt bei dem
Richtmaass und dem Zirkel sie sind Architekten Steinmetzen Maurer wie
klatschen die ledernen Schurzfelle an den Füßen wie trägt das Antlitz Spuren
des Fleißes von Kalk und Mörtel und groß muss ihr Ziel sein denn ihrer wohl an
Hundert sind es die sich durch den Kreuzgang der Kirche zudrängen
Hier werden Loosungen zugerufen man versteht man erkennt sich Wer die
Männer und Von wo des Landes Namen gefeierte und dunkle Mienen freudige und
hoffnungsvolle Um die Stelle wo einst der Priester Messe las schaaren sich
die Männer des geistigen Rütli Etliche besteigen die Stufen Wovon reden sie
Sie enthüllen Pläne Zeichnungen Pergamente mit Siegeln Sie zeigen sich unter
einander die Rollen die im Kreise wandern und Einer ergreift das Wort und ihm
antwortet der Nachbar und Alle hören und Jeder spricht und rät und Allen
gefällt was auch nicht Jeder selbst ersann und zuerst geraten Einige Blätter
sind in Jedes Hand Sie enthalten des Bundes geheime Symbolik
Hundert Zeugen Die Kubikwurzel einer Million Wir sind Boten vom
vierblättrigen Kleeblatt dem Symbol des seltenen Fundes Vier zu vier gesellt
und viermal vier zu viermal vier und so hinauf in Gruppen Sippen Abstufungen
wo das Band des äußeren Zusammenhanges aufhört und die Ordnung der Natur
anfängt die dem Krystall überall sein eigenes Achteck lehrte Hat sich das so
fortgesponnen Von selbst Wodurch Wer bist du Und du Wer sandte dich Dort
kennt man uns Auch uns Dich gewiss An der Donau An der Oder Am Neckar
Hinaus in die Alpenwelt und schon auf fremdem Boden an der Rhone und an dem
Temsestrand Willkommen willkommen Streiter für ein unsichtbares Palladium
das über unsern Häuptern schwebt Willkommen Ihr Ritter und Reisige vom Geist
Hört Ihr die Feste der Großen hört Ihr von untenher den Donner der Geschütze
seht ihr die leuchtenden Funken die da unten von Buchau aus den Mond erreichen
wollen Ihr habt Eure Wehr und Waffen in der Brust die da fühlt im Haupt das
denkt Es ist die Ordnung dieser Welt zur Ernte reif Nicht stürze sie die
schwache Menschenhand Gestorben ist die Ähre längst wenn sie der Schnitter
mäht Seht Ihr die gelben Felder Seht bald die Stoppeln
Dem festverschlungnen Bund der neuen Templer gehört die Wiege und das Grab
der Menschheit
Und einer der Maurer von den Jüngsten Einer trat auf und entrollte die
Schrift die er das Buch des Geistes nannte Es war die Symbolik des Bundes
Man hörte sie beschwor sie mit gehobenen Händen dann trat derselbe
Sprecher zum zweiten Mal auf die Stufe und sprach von einem Hort den er das
Gold Fafners nannte Elfen hätten ihn gewoben in den tiefsten Schachten der
Zeiten Er sollte ihnen dienen als Schild im Kampfe als Lanze zum Angriff als
Schwert des Wettkampfes Es traten Sprecher auf die gegen diesen Hort redeten
Andere für ihn Alle bewunderten die Eigner und eine Selbstlosigkeit die aber
zuletzt nicht mehr allein stand denn an Opferspenden wurde Großes versprochen
nach solchem Beispiel noch Größeres schon von Einigen geleistet
So scholl es fort in dem toten Schiff der Kirche lebendig wieder
lebenweckend Es schienen nur einfache Maurer und Steinmetzen die da sprachen
aber ihre Münster die sie zu vollenden gedachten ragten über die Ruine hinaus
und von ihrem Wirken in Nord Süd Ost West blitzte es jetzt schon hin und
herüber als sähe man plötzlich eine Hülle von der ganzen Welt genommen und
erblickte Säulen eines Zaubertempels der dem Lauscher die Augen blendete
War es ein frommer Hirtenknabe war es der Schalk Dystra der lauschte war
es ein Engel des Glaubens oder der ewige Dämon der Ironie und Verneinung um
zehn war es auch ihm todtenstill unter den moosbewachsenen Steinen wo waren
sie hin die gekommen und mit dem Rufe Morgen Morgen gingen Sie waren
verweht wie die Schwärmer und Raketen die inzwischen in dem Schloss von Buchau
platzend und schnurrend sich abgemüht viel tausend Gaffer viel tausend
Staunende gefunden hatten aber nicht ein Auge von Denen die durch den
Kreuzgang in die Tempelkirche schritten nicht ein Auge das sich auch nur nach
ihrem ohnmächtigen Freudenfeuerwerk zurückgewandt hätte
MorgenMorgen
Aber ach Ein einziger Funke Ein einziger Funke vielleicht war von dem
Feuerwerk doch ein Tatenkeim gewesen ein einziger Funke der in das Dorf das
menschenleere in den kleinen Zwischenort Buchau von dem Feuerwerk der Großen
und Mächtigen niedergefallen war und still sich vielleicht in dem Schindeldach
einer armen Herberge verlor Alles war zur Ruhe Alles träumte oder schlief mit
ermüdeten Tieren um die Wette Da lebte der versprengte Funke vielleicht in dem
Schindeldache auf verbreitete sich Um elf Uhr sank vielleicht ein glimmender
Spahn vom Dache in den Boden Um zwölf Uhr rauchte es vom wenigen Heu dessen
Flamme einen Ausweg suchte Um eins wenigstens rief man auf eine halbe Stunde
vom Dorfe entfernt Feuer Feuer Schrecklich pflanzte sich der Ruf von Hütte
zu Hütte fort Um zwei Uhr stand das Wirtshaus zum StGeorg im Dorfe Buchau in
lichten Flammen Von dem Funken aus dem Feuerwerk der Könige Wer weiß es
Wer kennt die Macht eines einzigen Funken
Menschen riefen die Glocken heulten Pferde sprengten hinaus heran
Feuer hallte es zum Ufer hinüber vom Ufer herüber Fürst Bauer Pächter
Soldat Jäger Weiber Kinder Greise durcheinander Feuer Feuer
Rettet Es brennt In Buchau Die Herberge zum StGeorg Die Hütten nebenan
sind von Stroh von Lehm sie brennen von dem kleinen Funken Die Flammen
züngeln zum Kirchturm von dem kleinen Funken Wild rennt das Vieh aus den
Ställen stürzt sich zum Feuer die Vögel umkreisen die Flammen Nur der Ruf
Niederreissen Nicht löschen Nur retten retten was sich erhalten lässt und
von dem kleinen Funken Ha Zünden so vielleicht auch eure Funken ihr nächtlich
Tagenden in der Tempelabtei Schwarze Wolken wallen wie Helmbüsche der Reiter im
Sturm die Flammen züngeln wie zur Umarmung sich entgegen sie suchen sich
gierig zuckend liebe oder hassesvoll es gelingt eine einzige
Riesensäule hat sich gebildet heiß jubelnd springt sie hoch empor umschlungen
in sich selbst wirft sie sich wie gepeitscht von ihrer eigenen Leichtigkeit wie
tanzend wie im Kreisel hin und her und küsst dieses Dach berührt jenes und aus
jeder Berührung aus jedem Kusse wächst eine neue Flammengeburt und die
Saatkörner auf den Scheunen fangen neue Funken auf und knistern schon selbst und
umhüpfen die große Flamme wie ein niederperlender Feuertau wie ein Lichtregen
viel schöner als vor drei Stunden im Schloss der künstliche und Alles von
dem kleinen Funken Wir wissen es nicht ob von ihm Aber es fehlen schon
Menschen Man sucht sie man hört Stimmen der Frauen der jammernden
Kinder Vater Mutter Um Gott Es fehlen schon Menschen
Rettet Rettet ruft eine verzweifelnde Stimme Man blickt empor zu den
brennenden Hintergebäuden des Gastofs zum StGeorg Da
Durch die flatternden im Rauch sich geisterhaft abschneidenden weißen
Tauben durch die schwarzen strömend hinwallenden Wolken hindurch sieht man
zwischen zwei brennenden Scheunenfenstern auf einem noch nicht vom Feuer
ergriffenen aber schon russgeschwärzten Verbindungsstege der aus jenen Fenstern
Türen macht die sich auf diesem Stege erreichen lassen einen jungen Mann halb
nackt im Hemde niedergekauert an der einen Tür einen großen altertümlichen
Schrein neben sich auf dem Stege und eingeschlafen oder wacht er Oder
träumt er dass er des Gewühles nicht achtend der Flammen und des Rauches nicht
gewahrend auf jenem Balken da kauert der ihm nur den Ausweg zu verkürzen
schien und ihn zu einer geschlossenen Türe führte Man drängt sich ihm zu
helfen aber so sicher ruht er auf dem Schrein und hält ein Licht in der Hand
Ein Licht in diesem Flammenmeer Ein Licht ein Gluttropfe in solchen
Glutströmen Von diesem Lichte wenn von ihm die Glutströme gekommen wären
Nicht von der Freude der Könige Wenn ein Frevler nein nein das ist die
Haltung eines Frevlers nicht Er sitzt ja mit dem Licht in der Hand auf dem
Schrein den Rücken an die Tür gelehnt die er offen erwartete geschlossen
fand er ist erstickt er suchte Rettung oder grässliche Ahnung die schon
einige Menschen durchzuckt wenn er lebte von allen diesen Schrecken
schlummernd nichts ahnte diesen schwindelnden Steg schon vor dem Brande
gesucht den Brand veranlasst hätte wenn er ein Nachtwandler wäre
Das war ein Wort das Alle auf einmal ergriff
Ein Mann in schon zerrissener Tracht ruft durch den schwärzenden Qualm Er
bricht sich durch die Flammen Bahn er erklimmt die innern Stiegen des
verschlossenen Hauses reißt die Fenster auf langt mit der Hand fast hinüber zu
dem Steg auf dem der junge halb Geopferte auf seiner Bürde schlafend noch
nicht erstickt ruht den Rücken gelehnt an die geschlossene Tür Er ruft Paul
Paul
Die Flammen schlagen von unten heran auch ihm ins Antlitz Noch einmal
blickt er empor Paul Paul Er sieht nichts mehr Nur Rauch Asche Staub
Flamme Ein Schrei der hilflos Zusehenden weckt ihm die schaudervollste
Ahnung er schwankt zurück kräftige Hände tragen ihn retten den
Rettenwollenden vor dem sichern Tode Ein Mädchen frägt er ächzend das ihm
nachgeflogen war ihn mit Amazonenkraft getragen hatte er frägt Burschen die
sie an Mut heldisch überflügelte nach dem Schlummernden nach dem Schrein in
diesem Schrecken ist keine Besinnung möglich keine Auskunft es ist wie eine
große entsetzengepeitschte Flucht wo Jeder sein Heil für sich selber sucht
betet dass Gott den Andern wahren möge für sich aber nur nach Fassung ringt für
Das was Ruhe Sicherheit und ist es Nacht der hereinbrechende Morgen dem Auge
Grauenvolles wird enthüllen
Vierzehntes Kapitel
Die Elemente
Unabsehbar war in der Residenz das Trauergefolge gewesen das die sterblichen
Reste des greisen Obertribunalspräsidenten zur Ruhe bestattet hatte Kein Stand
kein Alter hatte sich ausgeschlossen die letzte Huldigung einem Manne zu
bringen der durch fast zwei Menschenalter die Waage der Gerechtigkeit nach
seinem menschlichen Ermessen gerecht und weise gehalten und noch in seinem
letzten Lebensjahre durch unparteiische und scharfsinnige Entscheidung eines
großen Rechtsfalles die Abendschimmer einer fast schon irdischen Verklärung um
sich verbreitet hatte Tausende von Fussgängern fast hundert Wägen voran das
Sechsgespann des nicht grade anwesenden Königs folgten von Tempelheide dem an
dem nächsten Stadttor gelegenen Friedhof wo glücklicherweise wenn auch zum
Schmerze Annas vermieden war den Zelotismus der Geistlichkeit wachzurufen
die ohne Zweifel an den von dem Verstorbenen ausdrücklich bedungenen
Freimaureremblemen auf dem Sarge Anstoß genommen und wie anderswo schon
geschehen ist den unchristlichen Sinn des Hingeschiedenen gerügt hätte
Gelbsattel trat vor und sprach als Maurer nicht als Geistlicher Er konnte
nicht umhin dem Gefühl der Ehrfurcht das Alle empfanden den Ausdruck der
Weihe zu geben Der Moment riss ihn fort er trat aus dem künstlich gegrabenen
Bett seiner Rhetorik diesmal heraus Er sprach nicht so gut als er wollte und
darum eben diesmal besser Er schien zu fühlen dass dieser Hingegangene Das
sicher besaß was tastend er selber suchte Rührung die ihm nur in jungen
Jahren über seine eignen Worte gekommen war befiel den Redner mit einer
Wahrheit die den anwesenden Gegnern seines schwankenden und ehrgeizigen Sinnes
schonende Achtung abgewann Man sang am Grabe Die ersten Künstler der Bühne
hatte ein Wort der »jungen« Exzellenz vermocht dem Vater diese Huldigung zu
bringen Der Intendant war selbst zugegen war selbst bewegt dass es fast
schien als wenn er die vielen Gelegenheiten wo er dem Grab dem Sterben ja
selbst dem Kranksein der Menschen aus dem Wege ging in diesem einen Male nun
nachholen musste
Der Präsident war in seinem JahrhundertGlauben dem der Duldung und der
einfach ergebenen Ehrfurcht vor dem großen Baumeister der Welten gestorben Die
Priesterrede hatte er ausdrücklich verbeten Kein Kreuz sollte sein Grab
kenntlich machen nur ein einfacher Obelisk von Granit dessen Inschriftseite
nach Osten lag um immer von der Morgensonne begrüßt zu werden
Anna Selma Olga standen am Grabe Rodewald bot seiner Schwiegermutter den
Arm Den jungen Mädchen standen die alten Diener von Tempelheide zur Seite Die
junge Exzellenz dankte bewegt den ihm verwandten Leidtragenden Der Name
Rodewald war ihm wie eine wildentlegene Gegend er orientirte sich mit Mühe in
dieser ohnehin nicht adeligen Beziehung Für die viele Liebe die seine
Schwägerin dem hingeschiedenen Vater gewidmet hatte er leicht danken Den Zoll
der Ehrfurcht hatte Anna aus eigenem Trieb für Alle entrichtet die ihn dem
Greise schuldeten Herr von Harder sprach von seiner Gemahlin Annas Schwester
Es war in der Tat keine Phrase dass er ihren Anteil rühmte Seit der
beschlossenen Abdankung Egons von Hohenberg war die Geheimrätin wie ein irres
Insekt das auf einer Fläche hin und herrennt und nicht weiß wo aus wo ein
Sie hatte zuletzt von Reisen gesprochen und vom ewigen Begrabensein in irgend
einem Winkel natürlich einem schönen Winkel der Erde Manche Frauen schon
hatten von dem Beispiele Helenens in Paris gesprochen und von Paulinen gesagt
Auch ihr kommt nun die letzte Läuterung sie wird katholisch
Rodewald stand in der Nähe als Herr von Harder rückkehrend vom Grabe an
die Wägen vorm Kirchhofe nicht diese aber ähnliche Winke über das Befinden
seiner Gemahlin gab über Zustände die er »körperlich« nannte Se Exzellenz
bedauerten noch dass Anna nun von den Weitläufigkeiten der Erbschaftsprozeduren
sehr würde belästigt werden bat sie Tempelheide ganz als ihr Eigentum zu
betrachten lobte die Sänger die sich in ihrem De profundis und »Wie sie so
sanft ruhen« höchst wacker gehalten flüsterte einem nun wirklich neu
angestellten Regisseur noch zu ob auch für heute Abend im Ballet keine Störung
stattfinden würde er selbst dürfte doch wohl nicht kommen und müsste sich
ohnehin rüsten dem Hofe der noch auf Reisen war in Buchau die Aufwartung zu
machen und gab dann als der Wichtigste und Erste aller Leidtragenden sich
sammelnd das Zeichen einer Auflösung des Zuges die rascher erfolgte als er
sich in Tempelheide gebildet hatte
Die Frauen mit Rodewald kehrten dorthin zurück Die Tiere des Verstorbenen
begrüßten sie mit fast betrübteren Mienen als sie zuletzt am Ausgang des
Kirchhofes sein Sohn gezeigt hatte Wie ließ die Vögel ihre Fittiche die
Vierfüssler ihre Ohren und Schweife hängen Ein Glück dass die alten Diener sich
an die Liebhaberei des Herrn gewöhnt hatten und in Tempelheide das Gnadenbrot
behielten So war für diese große Familie auch aus dem Tierreich gesorgt bis
sie Alle zusammen Tiere und Menschen ausstarben
Für Anna von Harder war mit Rodewalds Rückkehr mit der Erziehung Selmas
der Freundschaft Olgas für ihre holde Enkelin mit den Sorgen um die Gebrüder
Wildungen und ihre vielbewegten Schicksale noch einmal ein neues Leben
aufgegangen Sie hätte nie geglaubt dass ihr so die Bande die an dies Dasein
fesseln noch einmal angezogen werden so noch das Gefühl einer letzten Kraft in
ihr wecken konnten Nun erschrak sie wohl über die kurze Spanne die ihr noch zu
durchwandern übrig blieb aber sie beschloss sie zu nutzen sich aus dämmernden
unklaren Stimmungen aufzureissen selbst die Musik fing sie an in froheren
Rhytmen und bewegterem Takte zu begehren Das politische Misgeschick ihres
künftigen Schwiegerenkels Dankmar der drohende Verlust seines wunderbar
gewonnenen Vermögens bekümmerte sie wie eine jugendlich Fühlende Sie hatte mehr
Sorge und Eifer für die Wiederherstellung seiner Existenz und der unerwartet
gekommenen seltenen Mittel als selbst die Mädchen um sie her von denen Olga
vollends immer nur wie ein Wesen sich gab das auch vom Tau des Himmels vom
Staube der Blumen leben konnte Ihr grade hätte die Armut gefallen Ihr
schienen die Briefe die vom Tempelstein über die Pracht der dortigen
Einrichtung kamen nur geeignet die Phantasie ihrer Mutter anzuregen Sie
selbst bedurfte nur des Mannes ihrer Liebe eine Hütte und ein Herz aber
Siegbert blieb stumm schrieb nicht gab kein Zeichen dass er wagte in ihre
Lebenskreise zu treten Oleander der Olgas Stolz und Schwermut erkannte und
sich nach ihrer Indiskretion mit dem Schmerzensruf Egons an Helenen erst
allmälig mit ihr wieder ausgesöhnt hatte Oleander schrieb Siegberten über diese
Stimmungen wohl
Ich trug ihn allen Lüften auf
Den Gruß des treusten Lieben
Ich hab ihn in der Sterne Lauf
In Wolken und Wellen geschrieben
Ich habe den Blumen den Blütentraum
Des Herzens zugeflüstert
Am Meer dem einsamen Palmenbaum
Und seinem Leid mich verschwistert
Nichts brauste so wild nichts hauchte so mild
Ich nannt ihm die teuersten Namen
Ich schloss um das geliebteste Bild
Die Welt als goldenen Rahmen
Und wen ich unter den Weiden einst fand
Sie lauschten und hörten es Alle
Nur Einem Einem zogs unbekannt
Vorüber mit leerem Schalle
Ihn jagt des Windes Melodie
Kein Traum von der Schlummerstätte
Ihm ist als wenn der Frühling nie
Die Erde umfangen hätte
Als wenn der Seele ihr Gedicht
Die Wahrheit des Lebens nicht wäre
Als krönte die Liebe allein uns nicht
Mit allerhöchster Ehre
Aber Siegbert erwiderte mit Schmerz dass er Rudhard versprochen hätte den
Schatz dieser Poesie nur für ein Allgemeines zu halten nicht für ein dem eignen
Bedarf des Herzens Dargebotenes
Die Lösung dieser Verwickelungen war Annas nächste Sorge Ein ernster
Briefwechsel zwischen ihr Adele Wäsämskoi Rudhard und Dystra hatte sich
entsponnen Von einer Beziehung Siegberts zur Fürstin war schon lange keine
Rede mehr wenn auch die Verbindung zwischen Mutter und Tochter sich nicht hatte
wiederherstellen lassen Dennoch musste endlich eine Aussöhnung stattfinden
mindestens eine Annäherung Sie sollte auf dem Tempelstein stattfinden Dystra
lud die Frauen von der Residenz und von Brüssel bei sich mit Förmlichkeit ein
und Rodewald begleitete die von Osten Kommenden mit noch einem Ankömmling
Franziska Heunisch die nach dem im Gram um den Sohn erfolgten Tode des alten
Sandrart seine Erbin geworden war und einstweilen den guten überglücklichen
Onkel Heunisch im Ullagrunde zurückließ Für Rodewalds großes Landwesen mussten
inzwischen wo der Besitz des Pachtes ihm gesichert blieb neugewonnene rüstige
Hände sorgen
Als Anna mit Olga und Selma mit Rodewald und Fränzchen Heunisch dem Westen
zureisten in zwei großen reichbepackten Wägen ließ sie Tempelheide in der
Obhut der Gerichte und der Diener zurück Sie ließ die Stadt wie den Staat
gleichsam als Schlummernde hinter sich die man mit dem Abschied in der Frühe
nicht gerne stört und während man schon im lustigen Zuge dahin sprengt auf der
Landstraße noch in den Federn fortträumen lässt Es sah still und traurig aus
im öffentlichen Leben Der Fürst Egon der zwei Jahre hindurch das Ruder mit
Entschlossenheit geführt den Geist des Widerspruchs gebändigt eine warme
glühende Begeisterung für seine Aufgabe mit Hintansetzung seines eignen
Lebensglückes wie Kohlen noch zum Feuer getragen hatte schien von diesem Feuer
wie selbst verzehrt Er schien zu verschwinden wie er gekommen Er hatte dem
Staate nach seiner Auffassung die letzten Reste seiner Jugend gewidmet Die
gewaltige Sphinx hatte ihn verschlungen wie Alle die ihr Rätsel mit der
wahren Lösung der Mensch nicht begreifen Dem historischen Staate dem
Gemeinwesen alter Stände den militärischen Erinnerungen dem Junkertum und
seinem Dünkel und Egoismus der Beamtenmacht war er zum Opfer gefallen
wenigstens erwartete man von seiner Reise nach Buchau die noch immer verzögerte
Übergabe seines Portefeuilles Nur seine Gattin begleitete ihn Diese hinterließ
das Andenken einer der seltsamsten Metamorphosen die ein weibliches Herz je
durchmachen kann Aus der tändelnden leichtbeschwingten Sylphide war sie eine
ernste pflichterfüllte Frau geworden die ihr Loos einen hinfälligen siechen
lebensmüden zergrämelten Mann zu pflegen mit ruhiger Ergebung trug Pauline
von Harder bot lange nicht das gleiche Schauspiel der Resignation Sie schien
die ihr doch sonst immer gegenwärtige Besinnung verloren zu haben Sie konnte
den Gedanken geopfert zu sein auf Nichts zurückgeführt verlassen von ihrem
Einfluss nicht ertragen Die Menschen die ihr früher huldigten gingen zu den
neuen Machtabern über Das Journal Das Jahrhundert verlor seine besten Kräfte
an die Blätter des neuen Systems sie musste es verkaufen und gab alles hin nur
um vor einem Dämon zu fliehen den Alle in ihrer Brust suchten in ihrer
Unfähigkeit auf sich selbst bezogen zu bleiben Rodewald Egon aber allein
wussten dass dieser Dämon weit mehr in der Furcht vor Friedrich Zeck und ihrem
Sohne lag Die Ludmer hatte somit die glänzendste Genugtuung für ihren schon
lange gehegten Verdacht erhalten Sie musste nach ihrer Gesinnung raten nun
alle Minen springen zu lassen Pax wurde mit ganzem Vertrauen bedacht sogar
Schlurck selbst Bartusch wurden wieder um Rat angegangen Die Entdeckung dass
der Sohn Paulinens wohl gar selbst dieser Hackert Murray jedenfalls der
ehemalige Baron Grimm war lag jetzt vollkommen nahe Pax verfolgte die Spur des
Einen der schon seit dem Mai des Andern der jetzt eben erst abhanden gekommen
war Wie diese Jagd die die Ludmer anstellen zu müssen glaubte auch endete
Pauline von Harder wollte sie nicht abwarten Sie wollte reisen sie knüpfte in
der Tat mit Helene dAzimont an die ihr wie eine Wiedergeborne und Erleuchtete
schrieb und sie aufforderte nach Enghien bei Paris zu kommen wo sie zusammen
lateinisch lernen und die Kirchenväter studieren wollten Es bildete sich in der
Tat fast ein Bund von römischgesinnten Frauen die sich jetzt wie sie sich
früher in ihren starken Gefühlen nachahmten eine der andern in der katholischen
Bekehrung nachahmten Einstweilen wollte Pauline nur aus dieser Stadt nur aus
diesem Lande heraus Aber sie beschloss es mit Aufrechtaltung aller Formen zu
tun Sie begleitete ihren Gemahl nach Buchau wo sie einige Tage zu bleiben und
sich dem Hof feierlich zu empfehlen beschloss Die Ludmer folgte ungern Sie
dachte an den dortigen Inspektor Mangold Doch die Hilfe ihres Erben und
»Neffen« des Herrn Pax stand ihr ja zur Seite Zur Sicherung der Herrschaften
war auch dieser nach jenem äußersten Grenzpunkte abgereist So drängte es Alle
nach Westen wir wissen nicht ob auch Oleandern der am Nikodemustage auf dem
Tempelstein vielleicht nicht fehlte Oleandern der wie ein Harfner wenn auch
vielleicht unsichtbar um alle die Gestalten die wir in dem Schutt ihres Lebens
wie vergraben finden den Epheu seiner Poesie ranken ließ einer Poesie die in
den meisten Menschen unbewusst als Stoff nur für den Seher lebt Oleander führte
Buch über die Seelen die da an sich so wild vorüberjagten sich niederwarfen
oder vielleicht nur Einmal und dann nicht wieder berührten Oleander war im
Stande die Empfindungen des Fräuleins von Flottwitz wenn sie Dankmars
gedachte ebenso nachzudichten wie er auch nachdem er schon die Veranlassung
eines neuen Misverständnisses zwischen Egon und Helenen durch Olga geworden war
sich selbst in diesen unheilbaren ewigen Bruch hinein fühlte mit einer
Melancholie die in gewissen Momenten sicher auch in Egon zuweilen in Helenen
auftauchte bei aller Trennung durch die Welt und das Leben Oleander dachte
wenigstens nur an Helenen und Egon als er einst schrieb
Wer glaubt an Riesen die den Himmel stürmen
An Göttersöhne frevelnde Titanen
Die Berg auf Berg zum Wolkensitz der Ahnen
Ja ihre Leiber sich erwürgend türmen
Und doch rast dies der Erde Urgewimmel
Zu jeder Stunde noch im Menschenherzen
Das über Schädelstätten fremder Schmerzen
Erklimmt des Wahns und seiner Träume Himmel
Die Gräber werden Spielplatz heiße Tränen
Wie aus dem Tonrohr steigen bunt wie Blasen
Gehascht gejagt auf dem zertretnen Rasen
Des heiligsten Erinnerns Und warum Ein Wähnen
Hängt Haut an Haut wie Schlangen tun an Bäume
Jetzt bist du frei jetzt steigst du auf mit Flügeln
Nun kann dein Arm die Sonnenrosse zügeln
Nun trittst du schon auf rosge Wolkensäume
Ihr Toren Ob Titanenfäuste einen
Dem Ossa Pelion ob dieser Welt nie Frieden
Der Menschengenius bietet die Kroniden
Verhüllen sich und lächeln nur und weinen
Die Harmonie im Menschenchaos ist nur dem Ohre Geweihter vernehmbar Was Poesie
dem Allblickenden ist ist Dem der sie erlebte oft davon das baarste
Widerspiel Ihn macht dieselbe Tat ergrimmt die einen Andern hebt und tröstet
Der Dichter nur ahnt in welchem Endergebniss Aller Dasein den Sternen erscheint
In Oleanders Gemüt sammelte sich von Allem was wir erlebten erfuhren mit
einsahn ein solcher Sternenwiderschein den das Leben nicht ausspricht und die
Darstellung des Lebens auch nur andeuten kann Den Oleandergemütern unsrer
Leser überließen wir die Ergänzungen der harten und schroffen Unmittelbarkeiten
und Wirklichkeiten die wir schildern mussten Der treue Sänger selbertsagend
fühlte was Siegbert Olga auf seine Klage antworten mochte fühlte was der
Flottwitz stumme Liebe dachte als Dankmar in Banden saß er sammelte sich Das
was Niemand gesagt bekommt und was doch für die Sterne ewig gesprochen und
empfunden ist Auch in dem Märchen auf der Tempelabtei fehlte er gewiss nicht Er
war dem lauschenden Dystra gewiss ein Sänger mit der Harfe der hoch über den
Trümmern stand und Andrer Loos verknüpfte seines eignen so wenig gedenkend Er
hatte Selma an die männliche Gestalt Dankmars abgetreten fand lange nicht das
einfache und ihn beglückende Herz das er suchte und hatte wohl Recht in sein
altes lateinisches Kollektaneenbuch zur einstigen Mitteilung an Louis Armand
und zum Gegensatz gegen dessen weltumfassendes Sehnen zu schreiben
Ein Häuschen auf grünen Matten
Ins Silber des Mondes getaucht
Von frischen Waldesschatten
Freundnachbarlich milde umhaucht
Ein Stübchen eng nur gezimmert
Bescheiden das Hausgerät
Nur Lampenlichtdurchschimmert
Nur Blumenduftdurchweht
Ein Schrank ein Tisch zwei Sessel
Ein Weib dazu an ihrer Hand
Der Ehe goldene Fessel
Die erst ein Jährchen sie band
Der Mann im Liederbuch blättert
Sie strickt beim Lampenschein
Vom Lindenbaum draußen schmettert
Die Nachtigall herein
Horch ruft das Weib nach der Kammer
Was Nachtigall Liederbuch
Sie öffnet dem süßesten Jammer
Im Gehen ihr Busentuch
Hold Kindlein wacht ruft wieder
Gib allen Dichtern den Lauf
Ein Trunk aus MutterMieder
Wiegt Hippokrenen auf
Dem Mann nicht lesend weiter
Legt gleicher glücklichster Trieb
Eine ganze Jakobsleiter
Als Zeichen ins Buch wo er blieb
Ob im Walde die Wipfel rauschen
Ob die Nachtigall lockt und schlägt
Sie sitzen nur Beide und lauschen
Dem Kind obs im Schlummer sich regt
O Bild der seligsten Feier
Ein Schattenspiel an der Wand
An meiner DichterLeier
Bin ich Saite nicht ach nur die Hand
Oleander sang nicht sich sondern Andere wenn er das Glück schilderte
Jahrelang wird er den Anblick des Poeten der Dachkammer bieten dessen lange
ungepflegte Gestalt schlendernd träumend durch die Gassen schreitet an Fremde
denkend und die Nächsten zu grüßen vergessend voller Liebe dem Einen zugewandt
und kaum bemerkend den Andern wenn dieser auch hülfefordernd die Hände nach ihm
streckt Er wird immer die Aufforderung zur Tat erst dann vernehmen wenn die
Gelegenheit sich zu bewähren schon vorüber Vielbewundern wird man ihn und
viel verspotten und schon mit bleichenden Haaren wird man ihn noch ein Kind
nennen Bei der allgemeinen Teilung des Glücks dieser Erde wird er mit leeren
Händen ausgehen und sich mit dem Troste begnügen müssen dass Zeuss zu ihm sprach
Willst du in meinem Himmel mit mir leben
So oft du kommst er soll dir offen sein
Grade am Morgen nach dem Brande im Dorfe Buchau fuhren die beiden Reisewägen
Annas von Harder zum Tempelstein hinauf während rechts und links um sie her
Rosse und Reiter sprengten noch die rauchende Stätte des Brandes zu sehen Der
Hof im Schloss war voll gnadenreichster Teilnahme gewesen Er hatte Wäsche
Betten Geld geschickt um die nächste Not zu mildern Alle seine Umgebungen
wetteiferten im Anteil an dem unglücklichen Vorfall bei dem in der Tat
Menschenleben verunglückte und im Gasthofe zum StGeorg manche wertvolle ja
außerordentlich hochgeschätzte Gabe einiger unbekannter Reisenden zu Grunde ging
Anna war mit ihrer Begleitung am Orte des Schreckens angelangt als
Fränzchen Heunisch ein junges Mädchen zu erkennen glaubte das auf der
Trümmerstätte an der steinernen Schwelle einer ausgebrannten Tür die Hand in
den Schoos gestemmt auf der Erde sitzt vor sich einen von vielen Menschen
umgebenen mit einem Tuch bedeckten von Allen scheu vermiedenen Gegenstand und
in ihrer Nähe einen Alten der gleichfalls auf dem Boden an dem Tuche kauert und
in seinen Mienen eine Ähnlichkeit mit jenem Manne mit der schwarzen Binde
darbietet der sie einst von der Stadt nach Hohenberg begleitet hatte Jenes
Mädchen war Louise Eisold der Alte ohne Zweifel Murray Fränzchen machte
sogleich Rodewald aufmerksam Dieser trat hinzu und erfuhr von den vor ihm
ausweichenden Menschen dass unter dem Tuche der Rest eines in der Nacht
Verbrannten läge eines dem Mädchen und jenem Manne sehr werten Verwandten und
dass schon in der Nacht vom Tempelstein Leute gekommen wären und das seltsamste
Schauspiel der Bestürzung geboten hätten Von einem großen Schatze den jener
Unglückliche entweder hätte vor dem Feuer bergen oder schon vorher vielleicht
allzusehr schützen wollen wäre nichts übrig geblieben als die halbverbrannten
Splitter mit denen der Alte da wie irrsinnig spiele in dem Schrein sollten
hundert Tausende von Papiergeld gelegen haben aber wer wisse es und wer
könnte es glauben
Schaudernd ahnte Rodewald die Möglichkeit dass Dankmars Schrein
verunglückte Er trat näher Fränzchen folgte Murray rief Rodewald
Fränzchen legte schon die Hand auf Louisens Schulter Jener blickte auf
und erkannte Rodewald lächelte bitter zeigte auf das Tuch auf die verbrannten
Splitter Louise Eisold starrte Fränzchen an wusste erst kaum wo sie das
blühende gewachsene holdentwickelte Mädchen hinbringen sollte dann erriet
sie stand auf und sagte Franziska Die Freundin aber erwiderte entsetzt
Wer verbrannte
Louise schien gefasst Sie hatte in der Schule der Leiden gelernt das
Schwerste zu tragen Dennoch sagte sie mit noch zuckendem Schmerz
Weißt du Fränzchen Des Volkes Tochter arme Bettlerin Das ist da Hackert
unter dem Tuch
Fränzchen zuckte zusammen Aber Friedrich Zeck bestätigte den
Nähergetretenen
Ja diese Splitter sind der Rest vom Erbe der Wildungen Sie wissen es schon
oben auf dem Tempelstein sie grübeln wie man Papier wieder lebendig macht
aber Menschen amortisirte Menschen lebendigmachen das wird fehlschlagen
Freunde Ah Seht nur
Rodewald hatte das Tuch gelüftet und es sogleich fallen lassen Der Anblick
war zu grauenhaft
Der Nachtwandler sagte er und eben hielt er inne um das Wort Sein Sohn
zu unterdrücken als unter den Herrschaften die vom Schloss Buchau kamen um
die Brandstätte auch zu sehen und Gaben der Liebe auszuteilen ein Wagen
auffiel Der Schlag wurde geöffnet Eine Dame trat heraus schwarz trauernd
hoch schlank nach ihr eine gebückte Alte Die Polizei beritten sprengte
heran Die Szene wurde lebhaft Menschen drängten sich an Menschen und
Friedrich Zeck folgte wehmütig dem Auge des hier in solchem Augenblick
gefundenen Rodewald Starr kehrte sich aber plötzlich das Weiße in dem seinen
Er ergriff Rodewalds Arm zeigte auf einen der Wägen auf die ihm entstiegene
Dame es war Pauline von Harder schon erkannt von Anna ihrer Schwester die
sich zurückzog und die Begegnung vermeiden wollte
Friedrich Zeck schien bei diesem Anblick die Fassung verloren zu haben
nicht die Besinnung sondern die Selbstbeherrschung Seine Demut hatte ihn
plötzlich verlassen Er sah einen Fingerzeig des Himmels er »richtete« wie
sein Ausdruck war statt Gott richten zu lassen er sprang von dem grauenvollen
Tuche auf warf die verbrannten Splitter des Schreins im Kreise umher stürzte
sich vor und stand fast unmittelbar vor Paulinen die vor Annas Nähe allein
schon zum Tode erschrak
Rodewald war es der diesmal Großmut übte Rodewald rettete Paulinen vor
einem Augenblick der ihr vielleicht wirklich den Tod gegeben hätte
Murray rief er mit der männlichsten Überredung hielt den wie von Raserei
über Paulinens Anblick Ergriffenen mit dem linken Arm zurück und wandte sich
mit der Rechten der erblassenden taumelnden Pauline zu die drängenden
halblauten Worte sprechend
Steigen Sie ein Fliehen Sie Es ist Ihr Sohn der da verbrannte Fliehen
Sie Fort Fort
Aber Friedrich Zeck hörte nicht mehr auf des Freundes Zuruf In dem
Augenblick fielen ihm alle Hüllen alle Masken und Verstellungen von seiner
Person die ihm nichts mehr wert war seit der Zweck seiner Rückkehr von
Amerika mit dieser fürchterlichen Nacht ein Ende hatte Er sah nur Flammen um
sich nur Zerstörung hörte nur das Hülfeschreien der Menschen sah Hackerten
nur unter den züngelnden Feuersäulen eingeschlummert auf dem Schrein den er
krampfhaft hütete als könnte in stiller Nacht ein Käfer ihn stehlen er
hörte nur dass Alles um ihn her zusammenkrachte Sohn und das fremde Eigentum
in einer Zerstörung unterging die Hackert vielleicht als Traumwandler selbst
durch das Licht in seiner Hand veranlasst hatte vielleicht auch nicht was
sollte er zögern sich und Alle in die Flammen zu stürzen und unterzugehen wie
Simson
Nicht Murray rief er auf Paulinen zuschreitend aus nein Der den deine
Helfershelfer suchen vom Morgen bis Abend Der der Euren Mörderhänden entfloh
nicht in den Wellen des Hudson schläft nein Der den Ihr ahntet seit dem
Fortunaball festieltet seit dem Forstause im Walde und nicht zu erkennen den
Mut hattet Friedrich Zeck der Vater dieses unglücklichen Sohnes
Doch schon war Pauline mit Rodewalds Hilfe entfernt losgerissen von dem
Wütenden gesichert eingestiegen Zeck sprang den Pferden in die Zügel
hielt sie die schon ansprengen wollten zurück und rief
Hackert Hackert war der Name meines Sohnes Ich bin Zeck Der Bruder einer
Mörderin der Bruder eines Mörders Kennt mich Niemand Kennst du den
Falschmünzer nicht den Vater dieses Nachtwandlers der diesen Brand entzündete
Wir sind Schuld an diesen Lichtfunken Ha ha Pauline
Aber so maasslos sollte der Strom der Selbstanklage nicht enden denn schon
hatte Pax vom Pferde springend den wilden Sprecher erkannt ihn von hinten
ergriffen und seinen Begleitern die mit angriffen als einen glücklichen Fund
zugeschleudert
Die Ludmer wie ein verwundeter Vogel hin und hertaumelnd konnte aus
Furcht und Besinnungslosigkeit den Wagen nicht gewinnen Sie flatterte fast hin
und her und suchte sich zu bergen vor solchem Ruf aus den Gräbern Ihr half
aber die Großmut Rodewalds nicht Paulinens Rosse waren sich bäumend schon
davon gesprengt ohne die Ludmer Kein Wagen stand bereit auch sie zu
entführen sie musste die Schaalen des Zorns eines Mannes den sie nun schaudernd
selbst erkannte bis zur Neige leeren musste sehen dass Mangold jener Gärtner
in der Nähe stand und nicht half nicht hinderte Aber auch die Mishandlungen
der Bewaffneten hinderten Zeck nicht auszurufen
Charlotte Ludmer Kennst du mich den Baron Grimm dessen Trinkgelder du so
elend vergolten hast Komm Unhold leuchte mir die Treppe hinunter Sagt ich
Das nicht in Ems drüben und sonst hundert Mal und gab dir meine erspielten noch
nicht falschen Dukaten Und doch stecktest du über uns Allen die Welt an lässst
uns Alle verbrennen nur weil Paul Zeck die roten Haare verstecken sollte die
an den Abend erinnern wo schon einmal Jemand im Feuer der Sünde aufging und
Einer sich nur die Augen verbrannte Mörderin du die aus Rache Menschenleben
wie unreines Wasser ausgoss Elende das Eine deiner Opfer stürzte sich vom
Narrenturm Das da deckt ein Leichentuch und ich will der Dritte sein will
wieder Ketten tragen will nicht von Euch losgelassen nicht mit Gold und Gut
nach Amerika befördert werden will bleiben und reden nur damit du einst
sterben sollst ohne ein ehrliches Begräbnis zu gewinnen
Pax schützte jetzt die ohnmächtige Freundin ließ sie fort tragen die
Menschen wichen ihr wie einem Unhold aus Die Bedienten Hofleute Bauern Alle
sahen Alle hörten schaudernd und lauschten noch als Friedrich Zeck sich
sammelnd und den Schweiß von der Stirne trocknend zuletzt zu dem mitleidbewegten
Rodewald sprach
Es ist geschehen Alle Selbstbeherrschung war vergebens Den wilden Teufel
in der Brust bindet ganz auf Erden kein Engel Zürnen Sie mir nicht dass ich wie
ein Insekt um die Flamme irrte und nun doch hineinstürzte Es ist ein Instinkt
der von mir verlangte einmal noch so zu reden dann zu enden Man wird in der
Residenz in mir drei Menschen Zeck Grimm und Murray erkennen Vielleicht dass
Einer für den Andern sprechen wird und sich die Gelehrten mühen zu beweisen
dass Einer unmöglich der Andre sein konnte Zu dem Instinkt gehört auch dass ich
möglich mache das Unglück des für immer verbrannten Schreines zu hintertreiben
Würd ich der seinen Inhalt schuf nicht unter dem Auge des Richters leben so
würden Sie nicht die Bürgschaft finden dass von jenem Schrein auch wirklich nur
noch jene verbrannten Spähne übrig sind mit denen ich mein eigenes Leben
vergleichen möchte Ich werde offen aussagen wie Alles gekommen Grüssen Sie die
Bewohner des Tempelsteins nicht von mir Ich sagte immer dass zwischen jener
reinen Sphäre und mir die ewige Verdammnis wenigstens der Erde liegt
Zeck wurde so abgeführt Anna von Harder hatte längst schon in den Wagen
flüchten müssen die Mädchen folgten Rodewald nach schmerzlichem Abschied von
dem nun wohl für immer Gefangenen Man fuhr zum Tempelstein empor Die Menschen
verliefen sich nur Fränzchen Heunisch die mit Louise Eisold zum Schloss zu
Fuß gehen wollte blieb Mangold der die Demütigung der Ludmer ohne Mitleid
nachempfand half den Mädchen und einigen Burschen das Tuch zusammenraffen und
es in ein Haus tragen wo der Rest von Hackert bis zu seinem Begräbnis blieb
Es ergab sich bald dass Hackert an dem Versuch einer einzigen guten Tat
die er in seinem kurzen und dämonischen Leben gewagt hatte zu Grunde gegangen
Die Ursache des Brandes der den Schrein zerstörte war in der Tat nicht der
Funke vom Feuerwerk der Könige sondern die schlafwandelnde Sorge gewesen die
den Schrein im überfüllten Gasthof zum StGeorg von einer Scheune zur andern
trug und gerade mit dem Lichte dem Stroh unterm Schindeldach das Hackert im
Traum hatte verlassen wollen zu nahe kam Er fand die Tür auf dem
Verbindungsstege verschlossen entschlief auf dem Schrein den er niedergesetzt
hatte und erwachte zum Leben nicht wieder Ein Dichter wie auch wieder
Oleander sah später in diesem Zusammenhange einen ernsteren Sinn und tiefere
Bedeutung War der Schrein und sein Inhalt die irdische Hoffnung edleren
Strebens für das Wohl der Menschheit war Hackert wie einst Dankmar an jenem
Abend vor dem Fortunaball gesagt hatte das Volk in seiner dämonischen nicht
guten nicht bösen rätselhaften und unheimlichen Sinnennatur war der
Aufschwung zu einer endlich reinen Tat in diesem Wesen Krankheit eher als die
edle Blüte der Gesundheit so lagen die Gedanken nahe die sich halb schon bei
Oleander in Klängen austönten dass der Geist ein Phönix wäre der nur aus den
Flammen eines irdischen Nestes zur reinen Sonnenhöhe aufsteigen könne und dass
da sterben müsse der Schlacke was zum Lichte wolle Wie in der Natur Das was
seinen Dienst verrichtete sogleich verginge wie der Wurm in der Seide stürbe
die er aus seinem Leibe und Leben spönne wie die höchste Lust die Organe des
Lebens spränge ja ein Bettler nicht lange zu bleiben vermöchte in einem
allzugeschmückten Hause so säh es auch immer schlimm aus wenn man den großen
Kaliban das Volk einmal aus seiner tierischen Vegetation aufweckte aus einem
Dämmerleben dem das Gute und Bessere sich nur im nächtlichen Wandeln nahe Auch
erwachend würd es dann handeln wie im Traum würde statt eines einfachen
Lichtes Fackeln statt Fackeln Feuerbrände geben würde wie einst Masaniello
über das Maß seiner Kraft hinauswachsen und entweder im Irrsinn oder
Selbstmorde enden
Diese Auslegung gab Oleander Friedrich Zeck als er ihn als Gefangenen
wiedersehen musste Man hatte versucht den Engländer Murray den Freund der
Armen den Wohltäter der Brandgasse für den Baron Grimm sprechen zu lassen man
hatte die Bibeln reden lassen wollen die Morton sonst in seiner Armut zu
verkaufen pflegte aber Friedrich Zeck kam dem Verlangen sich offen vor aller
Welt in pharisäischer Christlichkeit zu gebehrden nicht entgegen flehte nicht
bat nicht bereute nicht er ertrug die Wirklichkeit der er einst entflohen war
und trug sein Kreuz unter den Gefangenen bei denen er vielleicht für seine
Auffassung des Lebens jetzt mehr Gutes tat als wär er frei gewesen Nicht
lange nachher starb Friedrich Zeck der Urheber der Schuld so vieler andren
Menschen auf der Veste Bielau an demselben Fluße dessen Ufer er einst in
einem Rettungsnachen erreichte wie später einmal auch Werdeck
Die Welle des Flusses war ihnen Allen freundlicher gewesen als einem letzten
endenden Leben unsres Kreises das wir nicht verschweigen dürfen dem Leben
jenes nächtlichen Wanderers dem Hackert einst von der Komturei vor die Tore
der Stadt gefolgt war Als Der denn doch zuletzt wie angezogen von seinem
Geschick das wie die Magnetnadel keine Ablenkungen und Irrungen wie noch
zuletzt wieder durch Hackert dulden wollte nach Bielau wanderte dieser still
Verzweifelnde der den Tod mit Ekel und Überdruss an sich selbst und der Welt
nicht auf natürlichem Wege erwarten mochte rief ihm Niemand mehr in nächtlicher
Stille seinen Namen zu Niemand schützte ihm mit einer ansehnlichen Summe Geldes
noch einmal gleichsam die nach ihm verlangende Woge ab Zuletzt zog sie ihn
nieder wie das Meerweib den vom Sang Verlockten Diese Stimmung konnte nicht
enden wie Alle So entbehren so zuletzt krank auf dem Lager liegen ächzen so
den letzten Ballast der BagatellPhilosophie auswerfen Epikur Epiktet
Rochefoucauld Hippel und Lichtenberg opfern so immer leichter luftiger
ohnmächtiger ja kläglicher zu werden für Charons Nachen Das ertrug Franz
Schlurck nicht Man fand ihn eines Morgens im Uferschilfe unterhalb Bielaus
nachdem man ihn Tagelang gesucht und sich wohl gesagt hatte dass man Schlurcks
letztes Wort an Drommeldei Bester Freund Montaigne hat Recht das Leben ist
von allen Handwerken die wir zu lernen haben das schwerste nicht anders als
auf den selbstgesuchten Tod deuten konnte
Letztes Kapitel
Die Morgenröte
Auf dem Tempelstein lösten sich Schmerz und Freude bangende Unsicherheit und
endliche Entscheidung Dankmars starres Brüten über den Verlust konnte es
andauern als er Selma sah Und Olga wäre sie erstarrt gewesen wie Niobe
da ihr die Söhne starben konnte sie auch noch nicht beim Anblick der Mutter
die sich streng und ernst von ihr abwandte zum Leben erwachen konnte sie da
als Siegbert vom bekümmerten Bruder sich losreissend in den Saal der Villa des
Barons trat da als der Geliebteste vor Olgas entfalteter Schönheit staunend
bebte eine Jungfrau statt des Kindes fand ihre Hand zitternd ergriff und sie
zur Versöhnung in die Hand der Mutter legte konnte sie da die seit Jahren
nicht geweint hatte die Tränen wieder fortschleudern und ihnen sagen Ich
kenne Euch nicht Und konnte als Rudhard ein gebückter alter Mann
gefurcht gebleicht von Kummer eintrat und er und Anna von Harder der Mutter sie
zuführten konnte Dystra als Olga nun doch davon stürzen wollte Siegbert aber
sie zurückhielt und sie in seinen Armen fast ohnmächtig ans Herz drückte etwas
Andres tun als sagen
Chère enfant Ihrem Vater dem Fürsten Alexis Wäsämskoi hab ich einst
versprochen Ruriks Schwager zu werden Ja ja Rurik Papa Rudhard lehrte dich
vielleicht aus den Alten dass die delphischen Orakel vieldeutig waren Ich tat
Alles um dies Schicksalswort zu umgehen ich wollte liebenswürdig schön sein
ich hoffte irgend eine große Dame würde mich entführen Ich wollte sterben und
fing deshalb zu bauen an Aber Alles vergebens Was ist zu tun Komtesse Olga
hat eben wie das dem Charakter unsrer Zeit entspricht selbst gewählt Paulowna
zieht jedem Eheglück noch die Kunde vor welche Torte es heute Mittag geben
wird und wo soll ich diese Gäste all herbergen wo anders meine Diners und
Soupers nun veranstalten als in dem fertigen linken Schlossflügel wohin ich
wiederum gelobt habe nur die Dame zuerst zu führen die einst die Meine sein
wird
Alles blickte auf Olga auf die Fürstin Anna von Harder nahte sich aber
Beiden die sich abwandten liebevoll Es war ein mächtiger Eindruck für
Adelen gewesen als sie nach so langer Trennung ihr wildes Kind wiedersah Sie
war ihr erschienen wie eine ihr fast Fremde wie eine Jungfrau die sie nie
gesehen nie gekannt hatte und doch war diese Gestalt die ihrer eignen Olga das
hoheitsvolle schwärmerische Auge war das Auge ihres Kindes dessen Erblühen zur
Selbständigkeit sie nicht hatte ertragen können Gedemütigt durch Siegbert der
seiner Empfindungen jetzt kein Hehl mehr machte sich würdevoll sammelnd vor
Annas sittlicher Hoheit sprach sie zum Baron
Mon cher Baron outre mes enfans il sen trouve ici dautres encore parmi
lesquels vous êtes le plus deraisonnable Pour vous empêcher de vous ruiner par
vos mille folies il vous faudrait une gouvernante qui reglât un peu vos
penchants dangereux
Und Dystra erwiderte
Madame je suis ravi de vos bonnes intentions pour moi Depuis bien
longtemps il fallait un mariage de raison comme celui que jaurai lhonneur de
contracter avec vous pour en compléter ma collection de mille et une folies
les curiosités du siècle
Damit gab Dystra mit der ihm eignen Grazie den Arm der Fürstin die sich von
ihm zum Schloss hinaufführen ließ während die Andern frohbewegt folgten
Spartakus und Cicero schritten aus Rücksichten heute in Tscherkessentracht voran
Das die Freude Und auch Louis Armand hatte Fränzchen liebevoll begrüßt
Auch er war erlöst von seinem früheren ohnmächtigen Träumen auch er hatte durch
den Umgang mit bedeutenden Männern die ihn zu sich emporzogen und zu einem
großen Wirken verwandten das einseitig nagende Isolirungsgefühl des begabten
höherberufenen Handwerkers verloren und an seinem Beispiele gezeigt wie alle
Gefahren des Kommunismus verschwinden würden wenn der Staatsbau auch die regste
Teilnahme des heraufdrängenden vierten Standes an ihm zuliesse ordnete und
regelte auch er hätte froh sein dürfen Aber die Männer kamen vom
Herzensglück bald auf das Leid des Allgemeinen zurück auf den Tod Hackerts
den Untergang des Vermögens Dankmar gab jede Hoffnung auf Er sagte dass aus
Rücksicht der vielen zweideutigen Umstände die den Verlust begleiteten keine
Hoffnung auf den Erfolg eines Amortisationsprozesses und der Erneuerung der
schon teilweise in Umlauf begriffenen Zahlung da wäre Rodewalds rechtskundige
Meinung sollte befragt werden Man suchte ihn rief ihn Er fehlte war eben
verschwunden hatte aber die Bitte seinetwegen nicht bekümmert zu sein selbst
wenn er bis morgen ausbliebe beruhigend zurückgelassen Man riet dass er sich
wohl um das Schicksal Murrays kümmerte In Murray den Vater des unglücklichen
Hackert wiederzufinden die Mutter blieb denn in der Tat Jedem unbekannt war
den Freunden eben so überraschend wie schmerzlich gewesen Ihre Blicke gingen in
die Zukunft Jeder gedachte des Looses das er gezogen Dystra blieb
vielleicht mit der Fürstin und den Kindern auf dem Tempelstein dessen
Einfriedigung den Baron halb zum deutschen halb zum fränkischen Bürger machte
denn noch tief in das jenseitige Land ging sein Besitztum Rudhard blieb sicher
noch treu in ihrem von Frohsinn Glücksgütern und Bildung gehobenen Kreise
Leidenfrost vollendete ohne Zweifel den Bau Vor Entdeckung seines Namens
schützte die Rückkehr zu seinem wahren Max Brüning Sein Vater der greise
Invalid bewohnte eine Grenzhütte auf dem jenseitigen Abhang des Gebirges
Werdeck fehlte in diesen Tagen nicht in der Tempelabtei Aber er kehrte nach
Paris zu seinem Weibe zurück Unterricht in der Mathematik von seiner die
Kunst Blumen zu machen von ihrer Seite fristeten das Loos zweier Menschen die
dem Kreise der Anschauungen in denen sie erzogen waren sich mit einem
Heroismus entwunden hatten der Bewunderung verdiente Wir haben von diesem
Ehebund der kinderlos blieb den Vorhang nur dann und wann gelüftet gesehen
Bedurfte das feste treue Ausharren an einer einmal erfassten Idee der gleichen
Schilderung wie die in Krümmungen irrende allmälige Entwickelung sich langsam
läuternder Herzen Was bedarf es auch jetzt mehr von diesen Edlen zu sagen als
dass Werdeck die Theorie der Curven und Gleichungen in Paris lehren wird
Jagellona Blumen macht wie sie in dem Kloster gefertigt wurden das sie und Max
Brüning erzog Diese Flüchtlinge lebten zu Paris im fünften Stock entbehrten
hatten Sorgen genug aber unter dem frühgebleichten Haar glühten die alten
Hoffnungen die unversöhnten Nemesisgedanken der Geschichte Jagellona ertrug
den Widerspruch ihres Herzens mit dieser kalten Erde nicht lange Ein Grab auf
dem Père la Chaise in der Nähe des Denkmals von Abälard und Heloise nicht zu
fern von Ludwig Börne von Foy Lafayette Armand Karrel schmückten
Immortellenkränze einen Hügel auf dem sich Werdeck und Leidenfrost zuweilen des
Jahres die Hände reichten und nur beklagten dass Jagellonas Heldenseele in
diesem matten Frieden nicht im Donnerrollen großer Taten aushauchte Und
Louis Armand Was konnte ihm die Zukunft Schlimmes bringen Er nahm nur für
einige Zeit in Frankreich mit seinem begüterten Weibe den Aufenthalt er hoffte
die Rückkehr auf einen Boden der ihm zur zweiten Heimat geworden war Und
Dankmar und Siegbert Sie die in der Grenzhütte des alten Invaliden auf fremdem
Boden zu übernachten pflegten verbanden sie sich nicht bald durch die Ehe mit
den Mädchen ihrer Liebe Jener rüstete sich gewiss auf die ersten großen
Wirkungen des Bundes an dessen Ausbildung er fortarbeitete dieser beschloss
begleitet vom Bruder bis zur Schweiz weiter zu ziehen mit Olga in das Land
der Ideale und zu einer Kunstübung zu der ihm Oleander einst als Regel schrieb
Wie lieb ich wenn ein Mädchen auf sich hält
Nicht jeden Tänzer nimmt nicht jeder Fiedel tanzt
So auch der Künstler der nicht schmeichelt aller Welt
Und gegen Vorteil sich zumeist verschanzt
Deshalb ist Gunst und Kunst verwandt und Gönnen Können
Weil Können soll die Gunst dem Rechten gönnen
Anna ließ sich doch wohl Selma nicht nehmen Sie blieb doch wohl bei Dankmar dem
die Schweiz ein Asyl werden sollte bis zum Tage wo die ersten Schranken der
künstlichen Ordnung die uns jetzt regiert einst fallen würden Ihm und
Rodewald der sicher nach Hohenberg zurückkehrte schien dieser Tag nicht zu
fern Selbst Louise Eisold blieb hinter Denen nicht zurück die auch von ihr
eine Zukunft prophezeien wollten Die Einigung mit Mangold wurde ein Liebesopfer
für ihre Geschwister wenn sie auch dann und wann wehmütigst an Danebrand
dachte und an Hackert der ihr kein Begriff wie Oleandern sondern ein Mensch
war ein Mensch mit einem verhängnisvoll beklagenswerten Leben Ein Mensch
der wenn all unser Dasein ein Versuch zum Lichte aufwärts sich zu schwingen zu
nennen in diesem Fluge so früh scheitern musste Ein Mensch wunderlich wie jene
Pflanze die auch halb ein Tier ist wie jener Stein der auch Pflanzenform
angenommen aber fühlend auch und hätte er Liebe gefunden nicht doppellebig
Ein Mensch der weil er zu früh die schönsten Blüten des Lebens zu flüchtig
abgestreift den Rest des Daseins schaal und nichtig finden musste
Damals aber beim Dämmerlichte des verschleierten hinter den Tannenwipfeln
aufsteigenden Mondes versammelten sich Abends nach dem Brande aus den
ringsumliegenden Weilern Gehöften Dörfern und Schlössern die geheimnisvollen
Maurer des Tempelsteins noch einmal und eines Jünglings Stimme sprach
Der Bund er ist geschlossen Der Segen aber den irdische Mächte darüber
sprechen sollten ist bedroht und für jetzt verloren Der Hort versunken Ob
Kunst der Rede ob Auslegung der Gesetze ihn wieder heraufbeschwören werden aus
den Fluten ich weiß es nicht Der Bund des Geistes ich ahn es soll ganz vom
Geiste sein Nicht können wir kämpfen mit goldenen Waffen nicht mit dem Klang
des Silbers locken und mit metallener Musik aufspielen wenn wir Märtyrer
ermuntern und belohnen wollen Sie müssen leiden um ihrer selbst willen Die
Wahrheit selbst muss sie lohnen die Dornenkrone ihr Geschmeide sein Hunger
Entbehrung Verachtung wer nennt die grauen Trabanten des Genius die ihm
das Geleite geben durch diese Erde diese Vorschule irgend eines Himmels Klingt
mir nicht nach ein Wort aus der Jugend ein Wort das einst auch in diesen
Räumen widerhallte wenn die Templer hier belehrt wurden dass das Kreuz auf
ihrem Mantel das größte Lebensgut wäre klingt mirs nicht nach dass einst ein
großer Heiland sprach »Das Reich Gottes ist eine köstliche Perle und besser
denn Silber und Gold sind seine Schätze Das Reich Gottes ist in uns der
verborgne Mensch des Herzens unverrückt im sanften stillen Geist der ist
kostbar vor dem Herrn« Sanft und still kann der Geist dieser Zeit nicht sein
Ihr Brüder Ach dass die Zeit der Langmut nichts gefruchtet hat zwei
Jahrtausende lang und dass nicht mehr des Geistes Symbol die Taube sein darf Wie
die Möve flattert vor dem Sturme so irrt das Denken der Gerechten hin und her
und sucht und klagt und stößt Schmerzenslaute aus Wer kann schlafen Will es
die endliche Natur auch des Geistes so seis mit der Hand an dem Griff des
Schwertes Wirket Werbt Sucht auf den Gemeinplätzen der Alltäglichkeit die
Vierblätter der Gesinnung Krieger Gelehrte Dichter Künstler Staatsmänner
Handelnde Gewerbfleissige dass wir Opfer bringen wollen dass wir irdischem Lohn
entsagen dass wir nur mit dem Gedanken wirken können kann es Euch schrecken
Bleibt Ihr heute Die die Ihr gestern wart
Feierlich widerhallte die Ruine von der einstimmigen Beteuerung Es war wie
der Schlag einer einzigen großen Welle die kommt und so wie sie kam auch
wieder vom Ufer weicht
Zwölf schlug es von den Türmen aus dem Tal Man hatte sich spät versammeln
müssen weil der Brand von Buchau manche Herberge entlegener gerückt hatte Die
Ritter vom Geiste trennten sich mit der Loosung der neuen Versammlung im
nächsten zweiten Jahre und dem Vorsatze auf die Zeit zu wirken mit der Lehre
Wächst nur das schnellere Einverständnis der Edlen und Guten zielen wir nur auf
einen solchen majestätischen Akkord der Übereinstimmung wie wenn gleichsam ein
Naturphänomen am Himmel von Millionen um dieselbe Minute beobachtet wird mit
denselben Empfindungen demselben elektrischen Schauer über die halbe Welt hin
so fallen die Fesseln des Geistes von selbst und sind wie Spinnenweben
Man staunte in allen Fremdenbüchern der Umgegend grade in diesem Herbst so
viel hochgefeierte Namen zu lesen man pries deshalb die bisher fast
unbekannte Gegend das grüne sonnenwarme Tal zwischen rauen hohen Bergebenen
die Geschichte dieses Tales die in erwiesensten Tatsachen zurückgeht auf die
Römerzeit pries den Fluss der sich ringelnd wie eine gezähmte Schlange von
den Uferwänden nicht loskommen sich nicht trennen könne von dem frohen Leben
dieser Städte und Weiler und von einer Bewegung vorwärts immer wieder eine
rückwärts versuche man rühmte den klaren perlenden hier gezogenen Wein und wie
er mit Emsigkeit gewonnen würde auf den künstlich gepflegten und durchbauten
Abhängen man sang Lieder auf den Fluss seine milde Rebe rühmte Buchau
Dystras Bauten Das Auge der Uneingeweihten wusste nichts von den beiden
Mondnächten in der Abtei der alten Templer
Nach Mitternacht stiegen Siegbert Dankmar Louis Armand Werdeck und
Leidenfrost zu der Höhe empor wo sie auf fremdem Gebiet in der Hütte des
greisen Invaliden übernachteten
Die Sonnenrosse waren fast schon sichtbar an dem roten Glanz den ihre
Nüstern aussprühten und ihre Hufen auf das östliche Tor des Himmels schlugen
als die Freunde von dem Alten der sie bewirtete wie bei ihm Eingemietete für
heute Abschied nahmen Werdeck wollte nach Paris
Wäre der Verlust des Schreins das entsetzliche Ende Hackerts die
Ungewissheit über die Folgen eines Verlangens um Wiederherstellung der
Stadtkämmereischeine nicht gewesen sie hätten fröhlich blicken glücklich sich
trennen können Aber auch so sagte Dankmar
Freunde mit meinem Erbe war mirs immer wie mit einem Traume Die
Wirklichkeit der Entscheidung zieh ich allen halben und schwebenden Lagen vor
Man bindet die jungen Bäume an einen Stab den später ihr Wachstum und Gedeihen
von selbst entfernt So ist der Prozess der all unser Streben und Wollen
emporhielt ein solcher jetzt überflüssig gewordener Stab gewesen Nur wenn die
Kinder Geschichte noch nicht fassen naht man sich ihnen mit Märchen
Die Freunde aber trennten sich auf die Wiederherstellung hoffend
Leidenfrost kehrte zum Bau zurück um dessen wirkliche heute rückkehrenden
Arbeiter als Meister zu begrüßen Werdeck schlug einen Seitenweg ein um im Tal
zur nächsten Post zu kommen Die Brüder wollten eine Strecke Louis Armand
begleiten der nach einer andern Richtung im Interesse des Baus Geschäfte hatte
Jeder von ihnen Dreien hatte nun sein Lieb gewonnen sah die Welt zu neuen
Bahnen geöffnet Die drei Stände der Gesellschaft waren in ihren Mädchen
vereinigt die Adlige die Bürgerliche das Mädchen aus dem Volke
Sie hatten hinunterzuschreiten in den Tannenwald Noch sprachen sie von
Rodewalds plötzlicher Entfernung seiner Meinung als Juristen Murrays
Zeugnis als sie auf einer grünen Stelle zwei Männer wie auf sie wartend
erblickten Ein Fahrweg schimmerte durch die Tannen Abseits getreten in die
Waldung schien ihnen der Eine Rodewald zu sein den Andern der in der
herbstlichen Morgenkühle einen Mantel trug erkannten sie nicht da er das
Antlitz abwandte
Indem kam ihnen Rodewald schon grüßend entgegen fragte ob sie sich drüben
gesammelt gefunden ausgesprochen hätten Als er leidlich wohlgemute Mienen
fand er auch Siegberten zu Olgas ihn nicht überraschendem Besitze Glück
gewünscht hatte antwortete er auf die Frage nach seiner Entfernung seinem
nächtlichen Aufenthalt und dem abgewandten dort im Grünen stehenden Gaste
Auf Eurem Tempelbau hattet Ihr diese Nacht einen Zeugen den Ihr vor einem
Jahre kaum frei aus Eurer Mitte hättet scheiden lassen
Statt Templer sagte Dankmar wären wir Assassinen geworden
Seht ihn Euch an sagte Rodewald und zeigte auf den Fremden der näher
tretend den Mantel auseinanderschlug
Das Unerwartetste geschah den Freunden Es war Egon
Nur an seinem Auge nur an seinem Gruß erkannten sie den Fürsten Sonst
erinnerte in Haltung Frische und Lebendigkeit nichts mehr an den alten Egon
den sie zum letzten Male den Ihrigen genannt hatten als er mit ihnen im
Pavillon seines Vaters speiste und von Helenen sich losreissend zum Könige fuhr
Euer Kleeblatt sagte Rodewald zu den Erstaunenden soll vier Blätter tragen
Begrüsst Euch ohne Groll und denkt sich so wiederzufinden ist ein
Weiheaugenblick
Rodewald selber trat als er diese Worte gesprochen zurück wandte sich dem
Gebüsche zu wollte die alten von ihrem Glauben auseinandergerissenen Freunde
nicht stören Die Gewissheit Dieser einsame Wandrer da im Dickicht der
Landesgrenze ist der vielgenannte vielbewunderte und vielverwünschte
allmächtige Egon hatte etwas Überwältigendes Wie kam Rodewald zu dieser nahen
Verbindung Man wusste nur dass sie sich in jüngster Zeit erkannter gefunden
hätten Die ganze Nähe ahnte Niemand
Egon ergriff zuerst das Wort Er reichte Jedem die Hand und sprach
Louis Armand Siegbert Dankmar Wildungen Auf dem Schloss Buchau hab ich
gestern die Gewalt die ich zwei Jahre bekleidete in die Hände des Fürsten
zurückgegeben und stehe nun wieder Euch eben so frei gegenüber wie damals als
wir so eng verbunden nach dem Schloss Solitüde fuhren Mistraut Dem nicht was
ich Euch zu sagen habe Euch sagen muss um mit erleichtertem Herzen die
Wiederherstellung meiner zerrütteten Gesundheit in südlichen Ländern zu suchen
Wisst zuvörderst ich war Zeuge Eurer beiden Nächte auf dem Tempelstein
Die Freunde erstaunten schraken fast zurück
Beim Brande erkannte ich Euch und bewunderte die Grossherzigkeit mit der Ihr
das Geschick Eures Erbes ertruget Und nicht die Furcht der Entdeckung allein
vor den ringslauschenden Späheraugen war es was Eurem Schmerz die laute Sprache
raubte es war die gefasste Ergebung In der Reihe von Wägen Reitern die
beleuchtet vom Flammenschein in der Ferne standen und das Schauspiel wo Rettung
vergebens betrachteten wurde Euer Mut bewundert wie Ihr Drei noch überall
wart überall noch angriffet den Nachtwandler suchtet der schon Asche war
ihn suchtet nicht das Eurige ein Unglück das Niemand ahnte Nach Abgabe
meines Portefeuilles sprach ich Rodewald erfuhr Alles was geschehen sprach in
dieser Nacht auf Dankmars Frage das majestätische Ja das feierlich in den
Ruinen widerhallte
Ists möglich konnte Louis Armand nicht umhin den alten Freund den
Geliebten seiner Schwester Louison zu unterbrechen
Ja Louis sagte Egon sich zu ihm wendend Da bin ich nun von meinem
Feldzuge zurück Seht in mir den müden Kämpfer der aus tausend Wunden blutend
sein Haupt auf jenen Stein legt den man Undank nennt Sagt nicht dass ich der
Erste war der auf Euch die Ihr mich emportrugt diesen Stein warf
Dankmar runzelte die Stirn
Dankmar unterbrach Egon die Erregung des strenger Urteilenden Dankmar
wär es meiner würdig gewesen ein Anderer zu sein als ich sein konnte Mit
Euch in den Hainen der Akademie wandeln und über Gott Freiheit
Unsterblichkeit Staat und Gesellschaft unter den von Epheu und Asphodelos
umschlungenen Arkaden der Philosophie unter dem blauen Himmel der Idealität
Sokratische Ansichten tauschen und diese feudale Welt regieren das sind zwei
Gegensätze wie Süd und Nord Konnt ich Euch von der Tribüne des modernen
Staates in Eure luftgen Träume folgen
Dankmar begann die Erwiderung dass der oben im Tempelstein geschlossene Bund
ein von der sonstigen möglichen Einwirkung auf die Zeit völlig unabhängiger
Traum wäre Aber Siegbert der milder Gestimmte und von Egons Anblick Gerührte
schnitt die strafende Rede des Bruders sogleich ab und winkte nur Egon zu
sprechen
Haltet mir nicht entgegen die Zerrbilder wie Ihr mich auffasst sagte der
Fürst Adelsstolz zuvörderst Ich kenne die Geschichte des Adels Was Euch
die plötzlich in mir erwachte aristokratische Regung schien war nur mein
Erstarren über die Notwendigkeit die Geschichte der Grundsäulen auf denen die
einmal gegebene Gesellschaft ruht nicht lange erst untersuchen zu dürfen den
Blick abwenden zu müssen von dem Werden und nur das Gewordene festzuhalten das
Wie zu opfern um das Was zu schützen Freunde Ihr sprachet dann von
Rechten ich von Pflichten wir waren ehrlich gegen einander und ich bin es noch
jetzt dass ich nicht die mir gewordene Offenbarung verschliessend und mein Haupt
verhüllend davonziehe sondern Euch sage Dieser Zeit muss wohl etwas kommen wie
Euer Bund oder wenigstens der Geist Eures Bundes sonst bricht diese
Gesellschaft in Trümmer
Rodewald war näher getreten und hörte ruhig der Erörterung zu die sich im
langsamen Gehen über die Rückblicke auf die Vergangenheit ergab Egon erklärte
dass eine Zeit wo die Könige auf den Egoismus mehr hörten als auf die Stimme
einer sich selbstbeherrschenden auf Geschichte begründeten Weisheit in ihrer
gegenwärtigen Ordnung verloren sei Egon war mehr Republikaner als selbst Louis
Armand der den um ihn geschlungenen Arm des alten Freundes an sein Herz drückte
und die Tränen seiner Rührung nicht verbergen konnte Dankmar aber erfreute
Alle indem er zugestand
Egon uns also wiedergewonnen Nie schätzte ich dich mit dem Maße geringer
Naturen Du hast versucht ein Staatsmann zu sein der die Gesellschaft vor dem
Schicksale einer regellosen wilden Auflösung bewahren wollte Du suchtest das
Prinzip der Ergebung in das Bestehende der Ordnung der allmäligen Besserung
der Legitimität selbst bis in die Werkstatt auf wo du patriarchalische alte
Gliederung verlangtest Du hast gesehen dass dies System der absoluten Ordnung
an dem wühlenden Zorn des sich Gott gleichmachenden Königtums und seines
schlimmen Gefolges von Egoismus und falscher Lehre selbst scheitert Die
Machtaber wollen keine Begriffe sein sondern nur Personen Ich gebe dir die
beiden Mondnächte auf dem Tempelstein Preis Du bist noch zu erfüllt von den
Mitteln mit denen du regieren musstest die ganze Maschine der üblichen
Gesellschaftspraxis tönt dir noch in ihrem ewigen groben Gehämmer zu dröhnend
ins Ohr du siehst deine Gendarmen deine Richter deine Soldaten deine
Kanonen noch zu metallen
Nein nein unterbrach Egon diese Waffen sind nichts ohne ein strahlendes
Banner das über Aller Häuptern weht Deine Reisige vom Geiste brauchen nicht
einmal zu kämpfen Sie haben nichts nötig als den Blick empor zu richten in
ein Buch das sie studieren zu sehen in eine Harfe zu greifen wo sie ihre
Empfindungen austönen in ihr Herz das sie reinigen und läutern wollen Sie
haben nichts zu tun als nur dieser Gesellschaft der ewigen Lüge sich
abzuwenden ihr nicht zu dienen ihr zu fehlen stumm zu bleiben wenn sie reden
sollen das Haus zu schließen wenn man sie um Hilfe ruft Dann wird sich die
furchtbare Isolirung dieser herrschenden Gesellschaft bald zu Tage geben die
schaudererregende Minorität in der sich plötzlich der Stolz und die Anmassung
betreffen müssen Ich habe so tief in die Abgründe der Zukunft geblickt dass ich
schweige um Euch nicht zu ermutigen mehr zu wagen als jetzt schon geschehen
ist
So wechselte man die Meinungen legte die Hände ineinander fand sich in den
überraschenden Augenblick ergriff ihn mit Liebe mit Vorsätzen für die Zukunft
auch mit dem Austausch der gegenwärtigen Lebensschicksale Egon sprach von der
ihm zulässig scheinenden Wiederherstellung des Vermögens von den geschlossenen
Liebesbünden von seiner Reise und machte die Freunde auf einen Wagen
aufmerksam der langsam mit ihnen zugleich bergab gefahren war auf der durch den
Wald nicht ganz verdeckten tiefer liegenden Straße Jetzt wurde das große Koupé
sichtbar Egon stand still und umarmte Jeden der Anwesenden zum Abschied mit
Herzlichkeit Und zu Louis Armand sagte er
Auch du willst dir eine Hütte bauen mit einem deutschen Mädchen Nach
einigen Jahren hoff ich dich wieder und dein Weib zu begrüßen Nenne deinen
ersten Knaben Egon Nicht um Meinetwillen Nein Es ist gut dass man an sein
Ich so oft erinnert wird dass man schon darum die Welt sich ewig zurufen hört
Vergiss auch mich nicht Louison Helene Ihr Alle nanntet mich das Prototyp des
Egoisten und Jedes der Beklagenden hatte Ursache sich verletzt zu fühlen
Dennoch wollt ich zu allen Zeiten nur wahr gegen mich selber sein Denkt über
die Grenze dieses Wahrheitstriebes nach Mir zeichnet sie leider nur meine
kranke Ruhe und die Ergebung
Man blickte auf den Wagen und vermutete in ihm die Fürstin Die Umarmung
Rodewalds durch Egon der zitternd stille Abschied zwischen diesen Beiden blieb
im Forschen nach der Fürstin fast unbemerkt Mit tausend Glückwünschen für das
Leben Abschiedsworten für die nächste Trennung und den Hoffnungen des
Wiedersehens schieden endlich die so wunderbar sich Wiederfindenden
Als der Wagen dahinrollte grüßte aus ihm ein Frauenantlitz Es war die
Fürstin die nicht ahnte was ihr nach Nizza wohin die Reise zunächst ging für
eine Schmerzenskunde über den Vater würde geschrieben werden
Es ist Melanie sprachen die Brüder bewegt genug durch Das was ihnen
Beiden einst ehe sie die festen Sterne Selma und Olga fanden dieser
leuchtende irrende Komet gewesen war Dankmar gedachte der Empfindungen die
Melanie bei der Nachricht über Fritz Hackerts Ende überrieselt haben mussten
Er konnte nicht umhin zu sagen
Seit ich nun weiß dass Egon in Nizza für eine entschwundene Jugendkraft und
ein wilddurchkostetes Leben letzte Sammlung und Ruhe sucht versteh ich diesen
Bund und begreife dass es eine Stimmung im Manne gibt wo er von den Frauen
nichts nichts als nur noch ein schönes heitres ihm dankbar ergebenes Umwehen
und holdes stilles Umwalten besitzen will
Von Rodewald nahm nur Louis Armand Abschied den die Versicherung beglückte
dass er in Franziska Heunisch ein bewährtes treues sinniges deutsches Weib
sich gewonnen Die Brüder sahen Rodewald heut Abend wieder und trugen ihm
einstweilen an Selma und Olga an Anna von Harder Dystra Rudhard und die so
plötzlich in die Bahn der Besinnung und des sittlichen Taktes eingelenkte
Fürstin Adele die liebevollsten Grüße auf
Hinuntersteigend zu dem fränkischen Städtchen wo sie von Louis Armand
schieden und wo sie im Gasthofe an Freunde Bundesgenossen auch an den
Wohlweisen und Wohledlen Rat der königlichen Residenz Briefe und Eingaben
schreiben und zur Post befördern wollten blickten sie noch einmal aufwärts und
sahen Rodewald mit dem Tuche winken
Sie wussten nicht galt dieser Gruß ihnen oder galt er Egon dessen Wagen in
den Krümmungen des absteigenden Weges noch eine Weile sichtbar blieb bis er
sich in dem Staub und den Sonnennebeln der großen nach Süden führenden
lotringischen Landstraße verlor
Rodewalds Grüssen hatte aber dem Sohne gegolten Wie er so einsam den
Gebirgskamm überstieg überschlich ihn der wehmütige Gedanke Du hast ihn zum
letzten mal gesehen In ihm hat ein vulkanisches Feuer gebrannt und die Hülle
seines Geistes ist wohl für immer zerstört
Erst in den Umarmungen Selmas in den frohen Grüssen der Jungen und Alten
auf dem Tempelstein deren regierendes und beratendes Haupt er bald geworden
war und nun bleiben sollte sammelte sich Rodewald zu seinem offen dargelegten
und der Welt bekannten Leben wieder von dem wir da die Gränze der Gegenwart
wohl von uns schon längst überschritten ist auch nur noch ahnen können dass es
reich an ernsten Pflichten und von mancher Sorge getrübt verlaufen sollte aber
doch vieler eignen Freude und des erhebenderen Blickes auf die Freude Anderer
sicher nicht entbehrte
Und Oleandern einst begrüssend in dessen kleinem Erkerstübchen alles Nahe
und Ferne Lebende und noch Webende Abgeschnittene und doch wie die
Wiederherstellung des verbrannten Schatzes hoffnungsvoll neu sich Anknüpfende
überfliegend klagend über die durcheinanderlaufenden Fäden des
Menschengeschicks und die unbefriedigend plötzlich oft durchschnittene Lösung
des Momentes vernahm er von diesem die beruhigenden fast lächelnd gesprochenen
Worte
Ein Faden ewig ausgesponnen
Ist jedes Stäubchen Sonnenlicht
Die Ewigkeit hat nie begonnen
Was nie begonnen endet nicht
Ende des Romans